Pünktlich zum 1. Mai stellt Perspektiven Nr. 11, akkurat und handlich wie immer, die Frage: „Wie rot ist Wien?“ Debatten darüber, welchen politischen Anstrich Wien historisch hatte, entzieht sich die Stadt längst erfolgreich. Das Rote Wien der Zwischenkriegszeit ist nicht nur in Form der gebauten Umwelt, etwa dem Karl-Marx-Hof, allgegenwärtig. Als mythisch überhöhtes Idealbild eines „Sozialismus in einer Stadt“ bildet es bis heute auch einen zentralen identitären Bezugspunkt der österreichischen Sozialdemokratie.
Einer solchen Romantisierung entgegen zu arbeiten, halten wir deshalb politisch für wichtig, weil der Verweis auf das Rote Wien für die SPÖ in doppelter Hinsicht eine entlastende Funktion hat:
Ihr haltet in Händen, man glaubt es kaum, Perspektiven Nr. 10, in Worten: Zehn. Als wir im Frühling 2006 die „Nullnummer“ veröffentlichten, hatte das Magazin 48 Seiten, einen Schwerpunkt („Europäische Union“), den wir vergaßen, auf das Cover zu schreiben, und ein ambitioniertes Editorial, das erklärte, dass wir einen Beitrag leisten wollen, um „eine lebendige Opposition und echte politische Alternativen zu entwickeln.“ Knapp vier Jahre später zählt Perspektiven Nr. 10 72 Seiten, trägt seinen hochaktuellen Themenschwerpunkt stolz auf der golden glitzernden Titelseite – und hat an Ambition nichts verloren.
Strache auf dem Cover? Wird Perspektiven jetzt zum linken News? Reißerische Aufmachung, die sich auf das Charisma eines Photoshop-gestylten „Rechtspopulisten“ einlässt, um die Auflage zu steigern? Keine Sorge, wir können beruhigen. Mit dem Titelfoto zu unserem Schwerpunkt „Rechtsextremismus und soziale Krise“ wollen wir nicht bloß um eure Aufmerksamkeit buhlen, sondern auch darauf hinweisen, dass sich in der Figur H.C. Straches und seiner trotz „ewiggestriger“ Ideologien runderneuerten FPÖ das Problem einer erstarkten extremen Rechten in Österreich wie im Brennglas darstellt.
Wer hätte gedacht, dass dieselbe Person innerhalb eines Jahres sowohl Friedensnobelpreisträger als auch Oscar®-Gewinner werden kann? Spätestens als Al Gore dank herzerweichendem Eisbärenpathos und Energiesparlampen-Propaganda diese unwahrscheinliche Titelakkumulation gelang, und Angela Merkel sich am G8-Gipfel von Heiligendamm zur Retterin des Weltklimas aufschwang, nahm die Berichterstattung
über die ökologische Krise und den kurz bevor stehenden Weltuntergang Züge einer Dauerwerbesendung an.
Als der demokratische US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama im Juli im Rahmen einer kleinen Europa-Tournee Berlin besuchte, bot sich ein bizarres Bild. Versorgt von Wurst-, Bier- und DevotionalienverkäuferInnen jubelten mehr als 200.000 Menschen, als würde eine Mischung aus Rockstar, Jesus und Martin Luther King zu ihnen sprechen – und nicht der vielleicht schon bald mächtigste Mann der Welt.
1968 war ein gutes Jahr.
In diesem Heft geht es nicht um den Islam. Islamophobie ist das Thema, der gegenwärtig aus allen politischen Winkeln, von rechtsextrem bis linksliberal, von christlich-konservativ bis „kommunistisch“ tönende Rassismus gegen „die Moslems“, zuweilen gar im Dienste der „Aufklärung“ und zum Zwecke der Befreiung derer, gegen die gehetzt wird.
Unsicher, gestresst, auf ständigen Ab- und Widerruf gestellt? Arschkarte gezogen! Pech? Nein, Prekarisierung! Um das Leben, Arbeiten, Schlafen, Duschen und vor allem Kämpfen in prekären Verhältnissen geht es in dieser Ausgabe von Perspektiven. Denn dies ist mittlerweile kein Minderheitenprogramm mehr, sondern schwebt zumindest als ständiges Bedrohungsszenario über unser aller Köpfe und Hände. Die vielfältigen Dimensionen der Prekarität, theoretisch wie praktisch, lokal und global, historisch wie aktuell und ihre Verbindungen mit Rassismus, Migration, Gewerkschaftsarbeit und Klassenkämpfen, ziehen sich wie ein roter Faden durch die ganze Ausgabe.
Die neue Ausgabe von Perspektiven erscheint in einer veränderten politischen Landschaft: die Regierung Schüssel ist Geschichte. Der Wahlsieg Alfred Gusenbauers, trotz Bawag-Skandal und Gewerkschaftskrise, war vor allem eine deutliche Absage an die schwarz-blau-orange Politik der vergangenen sechs Jahre. Der Wahlkampf der SPÖ war der vielleicht „linkeste“ seit langem, mit Studiengebühren und Eurofighter wurden zwei symbolträchtige Projekte der Rechtsregierung angegriffen. Die Hoffnungen auf einen tatsächlichen Politikwechsel unter einem „roten“ Kanzler waren groß – und sie wurden bitter enttäuscht. „Links blinken, rechts abbiegen“ war das Motto der SPÖ: Praktisch alle Wahlversprechen wurden gebrochen, der Betrug an der eigenen Basis wurde durch nichts deutlicher als durch die Beibehaltung der Studiengebühren. Deren angebliche „Abfederung“ durch die Möglichkeit, sich durch „soziale“ Hilfsarbeit frei zu hackeln, wurde umgehend als Farce entlarvt. Dass man für Geld lohnarbeiten gehen kann, um sich das Studium zu finanzieren, ist schließlich so neu nicht. Allein, warum man dies für ganze sechs Euro pro Stunde tun sollte, erschließt sich wohl nur den KoalitionsverhandlerInnen.
Nach unserer erfolgreichen „Nullnummer“ gibt es jetzt endlich die offizielle Perspektiven Nr. 1. Diesmal widmen wir unseren Schwerpunkt einem ebenso nahe liegenden wie herausfordernden Thema: Perspektiven gegen die Neoliberalisierung Österreichs.