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Editorial
von Gruppe Perspektiven

Ihr haltet in Händen, man glaubt es kaum, Perspektiven Nr. 10, in Worten: Zehn. Als wir im Frühling 2006 die „Nullnummer“ veröffentlichten, hatte das Magazin 48 Seiten, einen Schwerpunkt („Europäische Union“), den wir vergaßen, auf das Cover zu schreiben, und ein ambitioniertes Editorial, das erklärte, dass wir einen Beitrag leisten wollen, um „eine lebendige Opposition und echte politische Alternativen zu entwickeln.“ Knapp vier Jahre später zählt Perspektiven Nr. 10 72 Seiten, trägt seinen hochaktuellen Themenschwerpunkt stolz auf der golden glitzernden Titelseite – und hat an Ambition nichts verloren. Für letzteres ist vor allem die Tatsache verantwortlich, dass wir seit Herbst 2009 Teil einer Bewegung sind, die wir zwar lange erhofft, aber alles andere als erwartet hatten. Die bildungspolitischen Proteste, die rund um die Besetzung des Wiener Audimax unter dem Schlachtruf „Uni brennt“ entfacht wurden, waren in den letzten Monaten unser zentrales Betätigungsfeld, und werden es wohl auch auf absehbare Zeit bleiben. Mit ihnen hat sich ein neuer politischer Resonanzraum für die Linke in Österreich geöffnet, in dem solidarische Auseinandersetzungen um eine bessere und gerechtere Bildungspolitik geführt werden. Sie ermöglichen aber auch, ausgehend von den Kämpfen um Bildung, weiterführende politische Debatten anzustoßen: über Möglichkeiten autonomer, demokratischer Lehr- und Lernprozesse, über den Zusammenhang von prekarisierten Arbeitsverhältnissen und dem marktkonformen Umbau der Hochschulen, oder über Grenzen von und Alternativen zu bürgerlicher Demokratie. Diese Fragen werden entscheidend sein für jene langfristige Perspektive, die wir – wie zur Zeit unserer Gründung vor vier Jahren – als weiterhin zentral erachten: den Aufbau einer neuen, breit aufgestellten und gesellschaftlich relevanten Linken.

Dies waren die Überlegungen, die uns bei der Zusammenstellung des vorliegenden Heftschwerpunkts geleitet haben. Er wurde gestaltet und geschrieben von AktivistInnen der Bewegung, um die Kämpfe um Bildung in ihrer Breite und Dynamik darzustellen sowie sie in grundlegende politische Debatten einzubetten.

Der erste Artikel von Maria Asenbaum, Katharina Hajek, Michael Botka und Ako Pire basiert auf einer Vielzahl von Interviews, die sie während der Audimax-Besetzung mit verschiedenen AktivistInnen geführt haben. In der Zusammenführung der unterschiedlichen Selbstverständnisse, strategischen Einschätzungen und vor allem der vielfältigen Erfahrungen, machen sie die inspirierende Dynamik der Besetzung nachvollziehbar, ohne die Widersprüche und Konflikte in der Bewegung zu unterschlagen. Stipe ÄurkoviÄ aus Zagreb berichtet über die im deutschsprachigen Raum wenig beachtete Bewegung für freie Bildung, die im Jahr 2009 Kroatien erfasste. Er stellt dabei den Begriff der Demokratie ins Zentrum seiner Darstellung: jene bürgerliche Demokratie, die sich in eingeübten Ritualen und Sonntagsreden erschöpft, aber auch die Formen direkter und partizipativer Demokratie, die in den besetzen Universitäten entstanden sind. Die von Protestierenden allerortens aufgestellte Forderung nach „freier und selbstbestimmter Bildung“ nehmen Stefan Probst, Franziska Müller-Uri, Julia Hofmann und Isabella Schlehaider zum Anlass, darüber nachzudenken, wie demokratisches Lernen und Lehren aussehen könnte. Sie entwickeln eine Vorstellung von Bildung als „Prozess gegenseitiger Befähigung“, die als „regulative Utopie“ funktionieren könnte. Die Kritik an der „Ökonomisierung“ der Bildung wird von Roland Atzmüller analytisch unterfüttert, indem er zeigt, wie im postfordistischen Staat insbesondere Hochschulen entsprechend den Anforderungen der neoliberalen Arbeitsverhältnisse restrukturiert werden. Den Soziologen Michael Hartmann befragten wir nach seinen Forschungsergebnissen zur Rolle von Bildungsinstitutionen für die (Re-)Produktion der europäischen Eliten. Und schließlich verknüpfen Elisabeth Steinklammer, Kristina Botka, Barbara Tinhofer und Gloria Fleischmann vom Kollektiv Kindergartenaufstand einen Bericht über ihre Organisierungs- und Kampferfahrungen als Kindergartenpädagoginnen mit einer kritischen Analyse der Bildungsinstitution Kindergarten als Ort der Hegemonieproduktion.

Auch außerhalb des Schwerpunkts geht es kämpferisch zu, in Andreas Finks Analyse der erfolgreichen Besetzung der Mailänder INNSE-Fabrik durch deren Belegschaft. Und Daniel Fuchs und Benjamin Opratko unterhielten sich mit Schorsch Kamerun und Ted Gaier von den grandiosen Goldenen Zitronen und landeten dabei unerwartet bei der bayrischen Räterepublik.

Die Rezensionsabteilung wird diesmal von Philipp Probst eröffnet, der “Zombie Capitalism”, das letzte Buch von Chris Harman, bespricht. Der marxistische Historiker, Berufsrevolutionär im besten Sinne des Wortes, ist im November völlig unerwartet an einem Herzinfarkt verstorbenen.

Wir wünschen euch jedenfalls anregende Lektüre; im besten Falle soll sie motivieren, euch in die Vorbereitung zu den Protesten gegen die Feierlichkeiten zum zehnjährigen Jubiläum des Bologna-Prozess einzuklinken. Nähere Infos dazu gibt es auf Seite 21 und unter www.bolognaburns.org.

In diesem Sinne: lasst tausend Unis brennen!

Eure Perspektiven-Redaktion





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