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Kapitalismus nach Plan
von Veronika Duma, Stefan Probst

Was war die Sowjetunion? Veronika Duma und Stefan Probst argumentieren im fünften Teil unserer Serie zum politischen Erbe der russischen Revolution, dass der „real existierende Sozialismus“ am treffendsten als bürokratischer Staatskapitalismus analysiert werden kann.

Wieso heute noch einen Artikel über den Charakter der Sowjetunion schreiben? Die Antwort auf diese Frage besteht in erster Linie aus zwei politischen Argumenten. Erstens wird Russland nach wie vor häufig als Beweis dafür herangezogen, dass Sozialismus keine Alternative zu einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung darstellt. Aussagen wie: „Sozialismus? – Schau doch nach Russland, das hat nicht funktioniert“ sind immer wieder und in den verschiedensten Diskussionszusammenhängen anzutreffen. Die UdSSR und die Ostblockstaaten werden als Verkörperung „linker Ideen“ jeglicher Art dargestellt und diese damit für alle Ewigkeit als diskreditiert erklärt. Zweitens: wenn die Sowjetunion sowie die osteuropäischen „Volksdemokratien“ tatsächlich als sozialistische Gesellschaften verstanden werden, wird automatisch impliziert, dass Sozialismus ohne einer Revolution – also ohne einer grundlegenden Umwälzung von Macht- und Herrschaftsverhältnissen – und ohne einer Form der Selbstemanzipation und aktiven Beteiligung eines Großteils der Bevölkerung, einfach von oben herab implementiert werden könnte. Wird behauptet, die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten waren sozialistisch, dann hätte Stalin die proletarische Revolution verwirklicht, und das auch noch in enormem Tempo.
Auch zahlreiche MarxistInnen interpretierten den Kalten Krieg als eine globale Version des Klassenkampfs zwischen Kapital und Arbeit, als einen „Kampf zwischen zwei entgegengesetzten gesellschaftlichen Systemen“. Nach 1989 gelangten sie deshalb zu einer Einschätzung, die jener von Fukuyamas1 „Ende der Geschichte“ bemerkenswert ähnlich war: wie dieser gingen sie davon aus, dass der Kapitalismus als Sieger aus dem globalen Konkurrenzkampf hervorgegangen war, nur dass sie – anders als Fukuyama – dieses Ergebnis bedauerten.2 Im Gegensatz dazu wollen wir – zwanzig Jahre nach der Wende von 1989 – argumentieren, dass es in Russland nicht zur Entfaltung einer sozialistischen Gesellschaft, sondern zur Herausbildung jener Formation kam, die am treffendsten mit dem Konzept des bürokratischen Staatskapitalismus gefasst werden kann.
Der Begriff Staatskapitalismus selbst blickt dabei auf eine längere Vorgeschichte zurück.3 Sämtliche theoretische Ansätze in diese Richtung stoßen jedoch auf – zum Teil sehr ähnliche – begriffliche Probleme und werfen darüber hinaus große Fragen auf: Was kennzeichnet eine kapitalistische Produktionsweise? Wie können an Hand abstrakter theoretischer Kategorien Charakteristika einer historisch konkreten Gesellschaftsformation untersucht und diskutiert werden? Was ist unter einem bürokratischen Staatskapitalismus zu verstehen?

Kapitalismus abstrakt und konkret

Die kapitalistische Produktionsweise kann allgemein durch zwei zentrale Widerspruchs- und Konfliktachsen charakterisiert werden. Zum einen haben wir es mit einem System verallgemeinerter Warenproduktion zu tun, in dem die Wirtschaft in konkurrierende Produktionseinheiten gespalten ist. Arbeitsprodukte werden im Tausch aufeinander bezogen und nehmen so Warenform an. Im Tausch vollzieht sich die Reduktion konkreter Privatarbeiten auf abstrakte Arbeit (Wertform): als gesellschaftlich gilt nicht die individuell verausgabte
Arbeit, sondern nur die gemäß der durchschnittlichen gesellschaftlichen Produktivität notwendige Arbeit. Aus den Tauschverhältnissen konkurrierender WarenproduzentInnen ergibt sich schließlich die Dynamik zur Akkumulation und die Tendenz zur ständigen Angleichung der durchschnittlichen Produktionsbedingungen.
Zum zweiten ist der Kapitalismus eine Klassengesellschaft, in der die unmittelbaren ProduzentInnen den Produktionsprozess nicht kontrollieren und ihre eigene Subsistenz nicht sichern können. Sie sind somit gezwungen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Als Wert der Arbeitskraft gilt die zu ihrer Reproduktion gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit.
Aus diesen Widerspruchsachsen folgt die grundlegende Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise. Dennoch können kapitalistische Gesellschaftsformationen auf dieser Ebene der Abstraktion nicht vollständig beschrieben werden. Oftmals krankte die marxistische Debatte einer adäquaten Theoretisierung der Sowjetunion genau daran, die Diskussion in den Bahnen einer sehr allgemeinen Bestimmung des Kapitalismus engzuführen.
Dem liegt zunächst ein Missverständnis hinsichtlich der Marxschen Methode zugrunde. Marx hat im Kapital Schritt für Schritt die zentralen Bestimmungen, konstitutiven Strukturen und inhärenten Tendenzen der kapitalistischen Produktionsweise in ihrem idealen Durchschnitt entwickelt – ein theoretisches Objekt, das im strengen Sinn nicht existiert, wie es der französische Marxist Louis Althusser formulierte. Diesen Prozess hat Marx als „Aufstieg vom Abstrakten zum Konkreten“ beschrieben. Von den Begriff en Ware, Wert, Geld nähert sich die Darstellung „schrittweis der Form, worin sie auf der Oberfläche der Gesellschaft … auftreten.“4 Die Methode ist dabei keine deduktive: die jeweiligen Schritte der Darstellung sind nicht bereits in den abstrakten Begriff en enthalten und „entwickeln“ sich nicht zu einem abgeschlossenen System, das im Sinne einer „expressiven Totalität“ die kapitalistische Produktionsweise vollständig beschreibt. Das Kapital ist als „mehrstufige theoretische Struktur konzipiert, in der die aufeinanderfolgenden Stufen steigende Komplexitätsgrade darstellen.“ Die „im Verlauf des Kapitals entwickelten Komplexitäten [sind] nicht irgendwie bereits in den zu Beginn des Buches dargelegten Konzepten von Ware, Gebrauchswert, abstrakter und konkreter Arbeit usw. ‚enthalten‘. Vielmehr werden neue und komplexere Bestimmungen nach und nach eingeführt, um entstehende Probleme in früheren Phasen der Analyse zu überwinden. Diese Bestimmungen werden durch ihren Platz in der allgemeinen Argumentation begründet, jede besitzt aber ihre spezifischen Eigenschaften, die auf die zuvor vorausgesetzten Bestimmungen nicht reduzierbar sind.“