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Auf der Suche nach den Subjekten
von Mario Becksteiner

Rezension: Alexander Neumann: Kritische Arbeitssoziologie. Ein Abriss, Stuttgart: Schmetterling Verlag/theorie.org. 2010, 192 Seiten, € 10,30

Mit Kritischer Arbeitssoziologie versucht Alexander Neumann einen Einblick in ein Feld zu geben, das auf Seiten der Linken seit den 1980er Jahren eher negativ konnotiert ist. Da sich viele Studien im Bereich der Industriesoziologie stark an den funktionalistischen Momenten der Organisationssoziologie orientierten und zumeist eher als Grundlage für prozessoptimierende Managementstrategien dienten, werden arbeitssoziologische Ansätze meist eher zurückgewiesen. Neumann versucht mit diesem Buch allerdings aufzuzeigen, dass es innerhalb der soziologischen Arbeitsforschung auch eine andere Tradition gab und gibt.
Anschließend an Michael Schumann stellt er zu Beginn des Buches fest, dass der Begriff der Industriesoziologie für eine kritische Betrachtung von Arbeit und den darin liegenden gesellschaftlichen Widersprüchen zu kurz greift und sich der weiter gefasste, aus der französische Tradition kommende Begriff der „sociologie du travail“ (Arbeitssoziologie) viel eher eignet. Hier stehen nicht die industriellen Beziehungen im Zentrum der Analyse, sondern die arbeitenden Subjekte und ihre widersprüchliche Konstitution im Verwertungsprozess kapitalistischer Akkumulation.
Ausgehend von Karl Marx, Max Weber und Sigmund Freud, die er als theoretische Referenzfolien der unterschiedlichen Stränge kritischer Arbeitssoziologie ansieht, versucht Neumann die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der deutschen und der französischen Debatte herauszuarbeiten. Deren gemeinsame Ausgangsfrage ist diejenige nach der Widerständigkeit der Subjekte im kapitalistischen Arbeitsprozess. Hier wird von deutscher wie von französischer Seite davon ausgegangen, dass die reale Subsumption der Arbeitskräfte unter die kapitalistische Profitlogik niemals vollständig vollzogen werden kann und sich die Subjekte immer wieder als widerständige generieren.
Im Gegensatz zu funktionalistischen TheoretikerInnen (wie beispielsweise Lukács) gehen die kritischen ArbeitssoziologInnen laut Neumann allerdings nicht von einem mystifizierten Klassenbewusstsein aus, sondern versuchen festzustellen, wie im Prozess der Subjektkonstitution Momente entstehen, die über die Logik kapitalistischer Vergesellschaftung hinausweisen. Neumann plädiert hier für eine Interpretation des Marxschen Werkes, die sich nicht in der Analyse der Kapitallogik erschöpft, sondern um die Frage nach der Möglichkeit der Konstitution revolutionärer Subjektivität erweitert werden muss.
Trotz einer gemeinsamen Ausgangsfrage bezogen sich die französische und deutsche Debatte jeweils auf andere theoretische Ansätze zur Beantwortung eben dieser. Für die deutschsprachige Debatte sind laut Neumann die Arbeiten der Kritischen Theorie maßgeblich gewesen. Adorno und Co eigneten sich die Marxschen Kategorien neu an und radikalisierten die Theorie von Weber und Freud. Der Bezug auf Freud stellte sich für sie als besonders fruchtbar dar, da mit Hilfe seiner Theorie die Vermittlung von Normen in die Psyche der Menschen erfassbar wurde. Diese psychischen Vermittlungsprozesse sind für die Frage nach widerständiger Subjektivität besonders zentral. In der Psyche des/der Einzelnen werden nicht nur die gesellschaftlichen Tendenzen positiv oder negativ interpretiert, hier entstehen auch die jeweiligen Strategien der Subjekte. Diese können auf Integration, aber auch auf Dissidenz ausgerichtet sein. Der Umgang mit Überausbeutung, der Monotonie des Arbeitsalltags oder herrschaftlich formierten Normsetzungen ist stets auch durch die Interpretation der Subjekte bedingt. Ausgehend von diesen Ansätzen der Kritischen Theorie hat sich der „Wärmestrom“ der deutschsprachigen Arbeitssoziologie über die Analyse von Negt und Kluge (in ihrem berühmt gewordenen Buch Geschichte und Eigensinn) bis hin zu den Theorien von Alex DemiroviÄ weiterentwickelt. Im Zuge dieser Entwicklung sei allerdings auch das kritische Erbe von Adorno und Co sukzessive marginalisiert worden, bemängelt Neumann.
Trotz einer gemeinsamen Ausgangsfrage bezogen sich die französische und deutsche Debatte jeweils auf andere theoretische Ansätze zur Beantwortung eben dieser. Für die deutschsprachige Debatte sind laut Neumann die Arbeiten der Kritischen Theorie maßgeblich gewesen. Adorno und Co eigneten sich die Marxschen Kategorien neu an und radikalisierten die Theorie von Weber und Freud. Der Bezug auf Freud stellte sich für sie als besonders fruchtbar dar, da mit Hilfe seiner Theorie die Vermittlung von Normen in die Psyche der Menschen erfassbar wurde. Diese psychischen Vermittlungsprozesse sind für die Frage nach widerständiger Subjektivität besonders zentral. In der Psyche des/der Einzelnen werden nicht nur die gesellschaftlichen Tendenzen positiv oder negativ interpretiert, hier entstehen auch die jeweiligen Strategien der Subjekte. Diese können auf Integration, aber auch auf Dissidenz ausgerichtet sein. Der Umgang mit Überausbeutung, der Monotonie des Arbeitsalltags oder herrschaftlich formierten Normsetzungen ist stets auch durch die Interpretation der Subjekte bedingt. Ausgehend von diesen Ansätzen der Kritischen Theorie hat sich der „Wärmestrom“ der deutschsprachigen Arbeitssoziologie über die Analyse von Negt und Kluge (in ihrem berühmt gewordenen Buch Geschichte und Eigensinn) bis hin zu den Theorien von Alex DemiroviÄ weiterentwickelt. Im Zuge dieser Entwicklung sei allerdings auch das kritische Erbe von Adorno und Co sukzessive marginalisiert worden, bemängelt Neumann.
Die französische Arbeitssoziologie nahm einen ähnlichen Weg, nur mit anderen theoretischen Grundlagen. Aufbauend auf den Analysen von Vincent Castoriadis und anderen wurde Weber von den FranzösInnen „gegen den Strich“ gelesen und für radikale Theoriebildung operationalisiert. Sowohl Pierre Bourdieu, als auch Alain Touraine sowie Luc Boltanski und Éve Chiapello setzen bei ihren jeweiligen Forschungen an diesen Grundlagen an. Dass insbesondere der Bezug auf Weber nur bedingt sinnvoll ist, zeigt sich laut Neumann an der starken Fokussierung der französischen Arbeitssoziologie auf die Ausübung von Herrschaft. Die autonomen Widerstandspotentiale der Arbeitssubjekte werden demnach zu wenig beachtet. Neumann schließt sein Buch mit Überlegungen zu der Frage, welche Rolle kritische Arbeitssoziologie zu Zeiten der globalen Krise des Kapitalismus einnehmen kann und muss.
Generell kann festgehalten werden, dass das Buch im breiten Feld der Arbeitssoziologie einen guten Überblick über, sowie eine wichtige Einführung in die zentralen Theorien bietet. Überblickstexte dieser Art müssen naturgemäß immer blinde Flecken zurücklassen. Der Versuch einer theoriebezogenen Kanonisierung ist sicherlich mit Skepsis aufzunehmen. Der Zusammenhang zwischen tatsächlich stattfindenden Klassenkämpfen und theoretischen Ansätzen wird meiner Ansicht nach zu wenig hergestellt. Für viele der im Buch angeführten TheoretikerInnen, waren die Erfahrungen in den Fabriken – nicht die Universität – Ausgangspunkt ihrer theoretischen Überlegungen. Besonders deutlich wird dieses Manko in Bezug auf Antonio Negri. Dieser wird beinahe ausnahmslos im Kontext der französischen Debatte verortet und damit sowohl praktisch als auch theoretisch von seinen Wurzeln im italienischen Operaismus abgetrennt. Der starke Bezug auf Deutschland und Frankreich klammert darüber hinaus die mannigfaltigen Austauschprozesse zwischen anderen Ländern aus. So bleiben viele Verbindungen von Castoriadis zu den holländischen RätekommunistInnen rund um Pannekoek und anderen der Rätebewegung nahe stehenden AktivistInnen im Dunkeln.
Trotzdem gibt das Buch einen guten Einblick in die unterschiedlichen theoretischen Traditionen der Kritischen Arbeitssoziologie. Besonders für den österreichischen Kontext ist es sehr wertvoll, da sich hiermit eine Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie eröffnet, die sich erfrischend von der gängigen Debatte abhebt, welche in einem falschen Verständnis des Fetischbegriffs verhaftet zu sein scheint.





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