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Marx an der Uni
von Benjamin Opratko

Rezension: Bescherer, Peter/Schierhorn, Karin: Hello Marx. Zwischen „Arbeiterfrage“
und sozialer Bewegung heute, Hamburg: VSA-Verlag 2009, 190 Seiten, € 16,30

Das Wiederentstehen und -erstarken einer studentischen Linken im deutschen Sprachraum schlägt sich nicht nur in Protesten gegen die Ökonomisierung der Hochschulen (Stichwort: unibrennt) und mehr oder weniger erfolgreichen neuen Organisierungsversuchen an den Unis nieder, sondern auch in einem Lern- und Reflexionsbedürfnis. Diesem wurde in den letzten Jahren durch Marx- und andere Lesekreise, Workshops, Konferenzen und Veranstaltungsreihen zu kritischer Gesellschaftstheorie in verschiedener Schattierung Rechnung getragen. Ein schönes Beispiel dafür liegt nun auch in Buchform vor: Hello Marx versammelt ausgearbeitete Vorträge, die im Wintersemester 2007/08 an der Universität Jena gehalten wurden.
Die HerausgeberInnen, zugleich OrganisatorInnen der Veranstaltungsreihe, legen ihre Motivation in der Einleitung offen: „Deutungsangebote machen, Empörung in Kritik transformieren, über die Aneignung kritischer Theorie eine Verstetigung des Protests erreichen“ (10). Schon dass Marx (und nicht, sagen wir, Derrida, Habermas oder Rudi Dutschke) zu diesen Zwecken als Referenzautor gewählt wurde, kann als ermutigendes Zeichen gelten, wobei die Aufgabe, an diesen anschließende (theorie-) politische Fragen zu erörtern, von den AutorInnen/Vortragenden recht verschieden interpretiert (und gegebenenfalls auch verändert) wurde. Um den – im Idealfall – kollektiven, debattenorientierten Charakter kritischer, an Marx anschließender Theoriearbeit zu verdeutlichen, wurde den einzelnen Beiträgen jeweils ein Kommentar zur Seite gestellt, was dem/der LeserIn erlaubt, eine Zweitmeinung einzuholen. Dieses Konzept geht im Band mal besser, mal schlechter auf: die Kommentare wirken manchmal redundant, wenn sie das eben erst Gelesene in eigenen Worten erneut zusammenfassen, bieten zumeist aber kompetente und hilfreiche Erläuterungen, Ergänzungen und manchmal auch sehr treffende Kritik. Im besten Fall trifft all dies zusammen, wie bei Margareta Steinrückes Kommentar zu den Ausführungen des Cultural Studies-Theoretikers Paul Willis. Drei Beiträge sollen hier hervorgehoben werden. Der Band wird durch eine sehr erhellende historische Darstellung der Entwicklung der Marxschen Ökonomiekritik durch Michael Heinrich eröffnet. Was auf den ersten Blick wie Pedanterie oder philologische Spitzfindigkeit wirken mag – die Rekonstruktion der einzelnen Arbeits- und Argumentationsschritte in der Entwicklung der Kritik der Politischen Ökonomie, der Vergleich der Marxschen Entwürfe und Manuskripte, die zum unvollendeten Hauptwerk „Das Kapital“ führten – wird in Heinrichs Händen zu einem politischen Argument geformt, oder eigentlich zu deren zwei. Erstens: Wer von der „Marxschen Lehre“ spricht, als wäre diese ein einheitliches System von Lehrsätzen, unterschlägt die Reichhaltigkeit und Komplexität des Marxschen Denkens – und arbeitet letztlich jenen zu, die Marx mitsamt dem „realsozialistischen“ Projekt auf dem Misthaufen der Geschichte entsorgen wollen. Zweitens: „Wissenschaft und Weltanschauung passen […] gerade nicht so einfach zusammen, wie die Rede von der ‚wissenschaftlichen Weltanschauung‘ suggeriert.“ (18) Erstere stellt (nach Marx’ eigenem Verständnis) die rücksichtslose Kritik auch ihrer eigenen Ergebnisse ins Zentrum, letztere zielt auf Sinnstiftung, Orientierungsvermittlung und Massenbasis ab. Das Spannungsverhältnis zwischen diesen beiden Polen charakterisiert Marx und den Marxismus wesentlich. Die für Heinrich charakteristische Tendenz, die Spannung zu Gunsten des Pols der Wissenschaft und Kritik aufzulösen, und dadurch die notwendige Rolle des Marxismus in der Ausarbeitung eines neuen Alltagsverstands zu unterschätzen, blitzt zwar an manchen Stellen des Textes auf, das tut der Qualität seiner Ausführungen in diesem empfehlenswerten Beitrag jedoch keinen Abbruch. Alex DemiroviÄ widmet sich in seinem Beitrag, der so etwas wie das konzeptionelle Herzstück des Bandes darstellt, den großen Begriffen marxistischer Gesellschaftstheorie: dem Staat, den Klassen und deren Kämpfen. Vom griechisch-französischen Staatstheoretiker Nicos Poulantzas übernimmt er die These, dass wir den Staat weder als Instrument in Händen einer sich außerhalb des Staates konstituierenden Klasse, noch als bloßes Ergebnis vielfältig aufeinander einwirkender Pluralwillen, und auch nicht als über den egoistischen Einzelinteressen schwebendes und diese versöhnendes „Subjekt“ verstehen sollten. Stattdessen wird der Staat selbst als Verhältnis, genauer als Kräfteverhältnis zwischen Klassen und Klassenfraktionen aufgefasst; zugleich ist er ein „materiell verdichtetes“ Verhältnis, also eine auf Dauer gestellte, Handlungsroutinen anleitende, mit materiellen Ressourcen und einem bürokratischen Apparat ausgestattete Struktur. Als solcher ist er nicht einfach „der Staat“, sondern ein kapitalistischer Staat, denn er ist „die Selbstorganisation der bürgerlichen Klasse und ihrer Fraktionen“ und „ermöglicht […] so die Austragung der Konflikte unter den Fraktionen der bürgerlichen Klasse um die Strategien der Herrschaftsausübung, ohne die Reproduktion der Herrschaft auf erweiterter Stufenleiter zu gefährden.“ (70) Grundlage einer materialistischen Staatstheorie ist demnach eine tragfähige marxistische Theorie der Klassen. DemiroviÄ gelingt es, auf knappem Raum Umrisse einer solchen dazulegen und dabei nicht nur die grundlegenden Unterschiede zwischen einem an Marx anschließenden Klassenbegriff und einer an Max Weber orientierten, soziologischen Klassenbestimmung zu erörtern, sondern auch die in Teilen der Linken populäre (und auch in diesem Band von Oliver Marchart vertretene) „postmarxistische“ These von der „Auflösung“ der Klassen in eine Vielzahl von Bewegungen und Antagonismen treffend zu kritisieren.
Paul Willis’ Überlegungen zu „kulturellen Waren“, deren kreative und produktive Aneignung durch Jugendliche er als „symbolische Arbeit“ verstanden wissen will, beschließen (gemeinsam mit dem erwähnten Kommentar von Margareta Steinrücke) den Band. Willis’ Thesen sind herausfordernd, werfen den Blick auf den alltagskulturellen way of life subalterner Jugendlicher und heben sich angenehm vom kulturpessimistischen Lamento Adorno-geschulter VerblendungstheoretikerInnen ab. Sie zeigen aber auch deutlich die Grenzen eines Denkens in Begriffen von „Fetisch“ und„Entfremdung“, das der Cultural Studies- Vertreter mit den alten Herren der Kritischen Theorie letztlich teilt. Wo diese die Entfremdung gerade in der Welt der Kulturindustrie beklagen, setzt jener die Hoffnung in ein ent-fetischisiertes „expressives Selbst“ gerade im Konsum massen- und popkultureller Waren. Der Begriff der „Entfremdung“ wirft jedoch immer die Frage auf, wovon der Mensch entfremdet sein soll, und damit jene nach dem (Gattungs-)„Wesen“ des Menschen, das in einer befreiten (oder „versöhnten“) Gesellschaft rein und unverfälscht zur Geltung kommen solle. Wer hier die ultimative Aufforderung des Neoliberalismus, sich endlich „selbst zu verwirklichen“ anklingen hört, liegt nicht ganz falsch. Eine anti-essentialistische Position, die das „Wesen“ des Menschen als nichts als das „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ (wie Marx in der 6. Feuerbachthese) begreift, liegt quer zu dieser Problematik. Willis’ sehr dichter, grundlegend-theoretische mit zeitdiagnostischen Argumenten verknüpfender Text bietet aber allemal anregenden Diskussionsstoff.
Weitere in Hello Marx verhandelte Themen sind die „Praxisgeschichte des Marxismus“ – ein knapper Beitrag von Georg Fülberth, dem der Schock über das Ende des Staatskapitalismus, den er Staatssozialismus nennt, noch in den Gliedern zu stecken scheint –, Manuela Bojadžijevs kritische Aufarbeitung des Themenkomplexes „Rassismus und Migration“ in der deutschen Nachkriegslinken, und Oliver Marcharts, die Thesen Ernesto Laclaus und Chantal Mouffes popularisierende Einführung in den „Postmarxismus“.
Die große Leerstelle des Buches – wie die HerausgeberInnen selbst im Vorwort eingestehen – ist die Frage der Geschlechterverhältnisse und feministischer Zugänge zur marxistischen Theorie und Praxis. Dass der dazu eingeladenen Referentin die Ausarbeitung ihres Vortrags zu einem Buchaufsatz nicht möglich war, ist bedauerlich. Weshalb die HerausgeberInnen keine andere Autorin um einen Beitrag gebeten haben ist jedoch ebenso wenig nachvollziehbar wie die (allerdings nicht den HerausgeberInnen anzulastende) Tatsache, dass bis auf wenige Ausnahmen (Manuela Bojadžijev, teilweise Alex DemiroviÄ) Geschlechterverhältnisse in den vorhandenen Beiträgen auch dort ignoriert werden, wo sie als „Querschnitt-Thema“ Platz hätten finden müssen.
Insgesamt ist Hello Marx dennoch ein gelungener Band, der auch Anlass zur Hoffnung gibt, dass die ProtagonistInnen des aktuellen Kampfzyklus den (theorie-)politischen Fehlern der 1970er und 1980er entgehen (schließlich gibt es noch genug neue zu machen). Machistische Revolutionsromantik ist ihre Sache nicht, intellektuelles Glasperlenspiel ebenso wenig, und das ist gut so.





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