Artikel drucken Twitter Email Facebook

Rosinenpicken
von Gruppe Perspektiven

Kein Rosinenpicken ohne Krisenartikel! Diesmal empfehlen wir eine Analyse der Krisenentstehung und -dynamik in Island. Bisher allgemein bekannt als Land der Vulkane, Geysire und Gletscher (und vielleicht noch für Björk und Sigur Rós), lenkte erst die besondere Krisenbetroffenheit des Landes die Aufmerksamkeit bürgerlicher Medien auf den „Schuldenstaat“. Robert Wade und Silla Sigurgeirsdottir analysieren in New Left Review Nr. 65 Ursachen und Auswirkungen der Krise, skizzieren die politischen und ökonomischen Entwicklungen Islands seit seiner Unabhängigkeit von Dänemark, um danach die Krisenanfälligkeit des Landes durch den neoliberalen Turn in den 1990er Jahren zu erklären. Die Durchsetzung neoliberaler Programme durch eine beinahe noch feudalistisch organisierte Elite, im Verbund mit internationalen „FinanzexpertInnen“, verhalf Island zwar zu kurzfristiger wirtschaftlicher Prosperität, machten es allerdings besonders anfällig für die Krisen des „Casino-Kapitalismus“. Ein spannendes Lehrstück, das den Zusammenhang von Korruption, Neoliberalismus und Krise verdeutlicht und weit über das Fallbeispiel Islands hinaus Relevanz besitzt.

In Perspektiven Nr. 11 berichteten FilmemacherInnen und AktivistInnen aus Südafrika im Interview über die Selbstorganisation von Slum-BewohnerInnen in der so genannten Anti-Räumungskampagne. Dass die städtischen Armen in Johannesburg, Durban oder Kapstadt keineswegs dem häufig präsentierten Bild der passiven Opfer entsprechen, sondern entschlossen und selbstbewusst um bessere Lebensbedingungen kämpfen, lässt sich nun auch in der aktuellen, dem Schwerpunkt „Die Stadt in der Revolte“ gewidmeten Ausgabe von Das Argument nachlesen. In seiner „Wortmeldung aus Südafrika“ stellt Richard Pithouse nicht nur die Bewegung Abahlali baseMjondolo („Menschen, die in Slums wohnen“) vor, sondern setzt sich anhand der Pogrome gegen MigrantInnen vom Frühjahr 2008 auch mit der Krise der politischen Repräsentation im Post-Apartheid-Regime und den Gefahren reaktionärer Mobilisierung „von unten“ auseinander. Obwohl nicht jedes seiner politischen Argumente vollständig überzeugt, handelt es sich um einen lesenswerten Text, vermittelt er doch einen guten Überblick über die Bedingungen, Erfolge und Schwierigkeiten städtischer Kämpfe in Südafrika. Weil dieses Fazit auch für die anderen Beiträge des Schwerpunkts zutrifft (u.a. zu den urbanen Aufständen in Thailand, Griechenland und Frankreich), lässt sich diese Argument-Ausgabe nur empfehlen.

Ähnliches gilt für die vorletzte Ausgabe von Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung, in der nach dem Zusammenhang von „Stadt und Krise“ gefragt wird. Die naheliegende Verbindung zum Thema urbane Aufstände und Revolten muss man leider erst selbst herstellen, von sozialen Bewegungen, Kämpfen oder strategischen Überlegungen ist in den sehr Deutschland- und staatsfixierten Beiträgen leider kaum die Rede. Dass die Lektüre des Schwerpunkts dennoch lohnenswert ist, liegt zum einen daran, dass die entlang der Themen „Die neoliberale Stadt“ sowie „Krise der Kommunalfinanzen“ geordneten Texte überaus detailreich, faktengesättigt und fundiert sind. Zum anderen ist positiv hervorzuheben, dass viele AutorInnen versuchen, über eine bloße Kritik vermeintlich falscher Politik hinauszugehen und grundsätzliche Widersprüche neoliberaler bzw. kapitalistischer Urbanisierung offen zu legen. Beispielhaft ist hierfür neben Bernd Belinas anspruchsvoller Kurz-Einführung in David Harveys politökonomisch-krisentheoretische Konzeption „gebauter Umwelt“ insbesondere Hans-Dieter von Frielings Auseinandersetzung mit den Zeitdiagnosen des Mainstreams kritischer Stadtforschung. Gegen die reformistischen und reaktionären Beiklänge von beliebten soziologischen Konzepten wie „Exklusion“ und gegen die Tendenz, über die Kritik am Neoliberalismus jene am Kapitalismus zu vergessen, betont von Frieling den systemischen, d.h. kapitalistischen Charakter von sozialer Polarisierung und Ungleichheit sowie staatlicher Repression in den Städten. Damit stellt sein Text ein wichtiges Korrektiv in den aktuellen Debatten innerhalb der kritischen Stadtforschung dar.

Die Diskussion um Degrowth, also negatives, rückläufiges Wachstum der Wirtschaftsleistung als Lösung für die globalen Umweltprobleme wird diejenigen interessieren, die schon den Artikel „Grenzen des Wachstums? Ja, natürlich!“ von Philipp Probst in Perspektiven Nr. 7 spannend fanden. John Bellamy Foster diskutiert in Monthly Review die reformistischen Zugänge der Degrowth-AnhängerInnen und setzt der Vision eines gezähmten Öko-Kapitalismus eine revolutionäre Perspektive entgegen. Wer tiefer in die diesen Debatten zugrunde liegenden Konzepte, wie gesellschaftlicher Stoffwechsel und ökologische Ökonomik, eintauchen will, wird seine Freude an einem Zweiteiler in den Ausgaben 159 und 160 der Zeitschrift Prokla haben. Abermals ist es John Bellamy Foster, der hier gemeinsam mit Paul Burkett die oft wiederholte Behauptung widerlegt, wonach Marx und Engels thermodynamische Gesetze und ökologische Fragestellungen ignoriert hätten. Sie zeigen überzeugend, wie fruchtbar Marx‘ ökonomische Überlegungen für theoretische Untersuchungen und Lösungsansätze ökologischer und energetischer Probleme sein können.

Ergänzend zur Analyse der politischen Linken in Kolumbien in diesem Heft kann die Januar-Ausgabe der Zeitschrift Latin American Perspectives gelesen werden. Sie widmet sich ganz den sozialen Bewegungen Lateinamerikas in Zeiten des Neoliberalismus und behandelt Kämpfe in Venezuela, Ecuador, Argentinien, Mexiko und Brasilien. Besonders empfehlenswert: José Daniel Benclowicz über das Vermächtnis der argentinischen Piquetero-Bewegungen.

Last, aber sicherlich nicht least: die Perspektiven-Autoren Benjamin Opratko und Stefan Probst haben für die jüngste Ausgabe der Zeitschrift grundrisse, die dem Thema „Organisieren“ gewidmet ist, einen Artikel beigesteuert. Darin werden nicht nur theoretische Thesen zu Form und Funktion linker Organisierung vorgestellt, sondern auch aktuelle, strategische Vorschläge für eine „Neue Linke“ in Österreich. Lest und diskutiert das!

Zum Nachlesen:
Wade, Robert/Sigurgeirsdottir, Silla: Lessons from Iceland, in: New Left Review 65, S. 5-29

Pithouse, Richard: Das Aufbegehren der Slums: Eine Wortmeldung aus Südafrika, in: Das Argument Nr. 289, 6/2010, S. 816-825

Belina, Bernd: Krise und gebaute Umwelt. Zum Begriff des „sekundären Kapitalkreislaufs“ und zur Zirkulation des fixen Kapitals, in: Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung Nr. 83, September 2010, S. 8-19

von Frieling, Hans-Dieter: Überflüssig, gentrifiziert, ausgegrenzt, kontrolliert – soziale Lagen in der neoliberalen Stadt, in: Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung Nr. 83, September 2010, S. 20-34

Bellamy Foster, John: Capitalism and Degrowth. An Impossibility Theorem, in: Monthly Review 62 (8), January 2011, http://monthlyreview.org/110101foster.php.

Burkett, Paul/Bellamy Foster, John: Stoffwechsel, Energie und Entropie in Marx‘ Kritik der Politischen Ökonomie, Teil 1 in: Prokla 159, Juni 2010, S. 217-240; Teil 2 in Prokla 160, September 2010, 417-436.

Benclowicz, José Daniel: Continuities, Scope, and Limitations of the Argentine Piquetero Movement: The Cases of Tartagal and Mosconi, in: Latin American Perspectives 38 (1), January 2011, S. 74-87.

Opratko, Benjamin/Probst, Stefan: Äquivalenzketten und Überraschungseier. Zu Form und Funktion linker Organisierung, in: grundrisse Nr. 36, Winter 2010, S. 34-42; online: http://www.grundrisse.net/grundrisse36/aequivalenzketten_und_ueberrasch.htm





Artikel drucken Twitter Email Facebook