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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Stadt</title>
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		<title>Wenn es brennt</title>
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		<pubDate>Thu, 11 Aug 2011 10:16:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
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		<description><![CDATA[London’s Burning, und nicht nur das. Seit letztem Wochenende haben sich die Revolten &#252;ber die Hauptstadt hinaus in zahlreiche St&#228;dte ausgebreitet, darunter Birmingham, Liverpool und Manchester. Ein paar Diskussionsanregungen aus der Perspektiven-Redaktion.

Politiker aller Couleur &#252;berschlagen sich vor Emp&#246;rung &#252;ber die „eindeutig kranken“, hirnlosen Kriminellen, w&#228;hrend sie der Polizei im Schnellverfahren den Einsatz von Wasserwerfern und Gummigescho&#223;en genehmigen (was der britische [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>London’s Burning, und nicht nur das. Seit letztem Wochenende haben sich die Revolten &#252;ber die Hauptstadt hinaus in zahlreiche St&#228;dte ausgebreitet, darunter Birmingham, Liverpool und Manchester. Ein paar Diskussionsanregungen aus der Perspektiven-Redaktion.<br />
<span id="more-2103"></span></p>
<p>Politiker aller Couleur &#252;berschlagen sich vor Emp&#246;rung &#252;ber die <a href="http://derstandard.at/1311803143221/Ausschreitungen-in-Grossbritannien-Premier-David-Cameron-will-gegen-Unruhestifter-hart-durchgreifen">„eindeutig kranken“</a>, <a href="http://www.thesun.co.uk/sol/homepage/news/3738875/David-Lammy-MP-Tottenham-rioters-have-ripped-out-our-hearts.html">hirnlosen Kriminellen</a>, w&#228;hrend sie der Polizei im Schnellverfahren den Einsatz von Wasserwerfern und <a href="http://derstandard.at/1311803120419/Erstmals-Polizei-wird-die-Verwendung-von-Gummigeschossen-erlaubt">Gummigescho&#223;en</a> genehmigen (was der britische Staat traditionell nur in seinen Kolonien tat) oder gleich &#252;ber einen <a href="http://blogs.telegraph.co.uk/news/tobyyoung/100100109/is-it-time-to-send-in-the-army-or-will-water-cannon-be-enough/">Armeeeinsatz</a> in englischen Wohnvierteln <a href="http://leninology.blogspot.com/2011/08/shoot-on-sight.html">r&#228;sonieren</a>. Fragen dazu, warum die Unruhen ausgebrochen sind, weshalb sie sich so rasch und weit ausgebreitet haben und wof&#252;r die Menschen auf den Stra&#223;en von Tottenham und anderswo eigentlich k&#228;mpfen, werden so kurzerhand und unausgesprochen f&#252;r illegitim erkl&#228;rt. Dabei sind es gerade diese Fragen, die es zu kl&#228;ren gilt. Hier gibt es vier Diskussionsanregungen dazu:</p>
<p>1. Es geht um Rassismus. Ausgangspunkt und Anlassfall f&#252;r die Riots im Londoner Stadtteil Tottenham war der Mord an Mark Duggan – das ist kein Zufall. Polizeibrutalit&#228;t, zahllose unaufgekl&#228;rte <a href="http://www.guardian.co.uk/uk/2010/dec/03/deaths-police-custody-officers-convicted">Todesf&#228;lle in Polizeigewahrsam</a>  („Deaths in Custody“) und die permanente Erniedrigung durch <a href="http://www.socialistworker.co.uk/art.php?id=11840">rassistische</a> <a href="http://www.stop-watch.org/uploads/articles_research_docs/modern%20law%20review.pdf">Stop and Search</a>-Methoden in armen, &#252;berwiegend von Nicht-Wei&#223;en bewohnten Vierteln hat den Hass auf die Polizei seit vielen Jahren angefeuert. Als mehrere hundert Schwarze BewohnerInnen von Tottenham vor einer Polizeiwache Antworten auf ihre Fragen zum Tod von Mark Duggan einforderten (zu Recht, wie sich <a href="http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,779335,00.html">nun herausstellte</a>), reagierte die Staatsmacht wie gewohnt: Sie ignorierte die meisten und attackierte einige. Das nahmen die Leute nicht mehr hin. </p>
<p>2. Es geht um Klassenverh&#228;ltnisse. Was in der Berichterstattung oft als „sozialer Hintergrund“ erw&#228;hnt wird, ist von &#252;berragender Bedeutung. Die Stadtteile, in denen die Unruhen ausbrechen, sind Sackgassen einer kapitalistischen gebauten Umwelt. Ein gro&#223;er Teil ihrer BewohnerInnen ist arbeitslos oder jobbt als sp&#228;tkapitalistisches &#196;quivalent eines Dickens’schen Tagel&#246;hners. Zugleich liegen sie in einer der teuersten St&#228;dte der Welt und in einem Land, in dem seit 30 Jahren konservative und New Labour-Regierungen abwechselnd die sozialen Sicherungssysteme roden. Gro&#223;britannien wird f&#252;r diesen Zeitraum eine anhaltend <a href="http://www2.lse.ac.uk/newsAndMedia/news/archives/2007/SocialMobilityDec07.aspx">geringe soziale Mobilit&#228;t bescheinigt</a>, wobei die Schere zwischen Armen und Reichen stetig <a href="http://www.guardian.co.uk/society/2010/jan/27/unequal-britain-report">weiter auseinander klafft</a>. Die enormen Einkommensunterschiede, Arbeitslosigkeit und Armut produzieren Generationen von Menschen ohne soziale Perspektive. Das gigantische Sparprogramm der Tory-Regierung wird diese Dynamik weiter versch&#228;rfen, und hat es teilweise <a href="http://www.guardian.co.uk/society/video/2011/jul/31/haringey-youth-club-closures-video?CMP=twt_gu">bereits getan</a>. &#196;hnlich wie bei den Aufst&#228;nden in den franz&#246;sischen Banlieues oder den Revolten in Griechenland Ende 2008 bricht sich hier Wut &#252;ber eine Klassenposition bahn, die ihren InhaberInnen nichts zu bieten hat als Angst, Orientierungslosigkeit und Langeweile.</p>
<p>3. Es geht um Selbsterm&#228;chtigung. Was viele KommentatorInnen und MedienkonsumentInnen verst&#246;rt, ist die Tatsache, dass w&#228;hrend der Unruhen nicht blo&#223; Lebensmittelsl&#228;den gepl&#252;ndert werden, sondern Jugendliche sich gleich mit neuen Handys, Jeans und Fernsehern versorgen – und dabei auch noch Spa&#223; zu haben scheinen. In der BBC Newsnight <a href="http://www.youtube.com/watch?v=vcuo-VLrfYE">beschwerte</a> sich k&#252;rzlich die ehemalige Tory-Abgeordnete Edwina Curry, dass die Jugendlichen jeden Sinn f&#252;r Richtig und Falsch verloren h&#228;tten; sie m&#252;ssten endlich verstehen lernen: „What’s mine is mine, and what’s yours is yours!“ Und vielleicht steckt in ihrer Tirade ein wahrer Kern. Vielleicht verstehen viele Menschen in den Sackgassen des Kapitalismus nicht mehr, warum das was ihnen geh&#246;rt so wenig und sch&#228;big ist, w&#228;hrend andere so viel besitzen. Nicht weil sie kulturlose Barbaren oder Kriminelle w&#228;ren, sondern weil ihnen die materiellen Verhei&#223;ungen der Marktwirtschaft st&#228;ndig wie die Karotte vor die Nase gehalten wird, ohne dass sie ihnen jemals – auf legalem Wege – n&#228;her kommen k&#246;nnten.  In den Shopping Malls, auf Plakatw&#228;nden oder in den H&#228;nden der reichen Wei&#223;en ein paar U-Bahn-Stationen weiter ist buchst&#228;blich Alles zahlreich vorhanden, und zugleich scheint es einer ganzen Gesellschaft als nat&#252;rliche Ordnung der Dinge, dass die Armen und Nicht-Wei&#223;en daf&#252;r nicht vorgesehen sind. Die feministische Journalistin und Bloggerin Laurie Penny hat das <a href="http://pennyred.blogspot.com/2011/08/panic-on-streets-of-london.html?spref=fb">auf den Punkt gebracht</a>: „People riot because it makes them feel powerful, even if only for a night. People riot because they have spent their whole lives being told that they are good for nothing, and they realise that together they can do anything – literally, anything at all. People to whom respect has never been shown riot because they feel they have little reason to show respect themselves, and it spreads like fire on a warm summer night“</p>
<p>4. Was gilt es zu verurteilen? Die Boulevard-Medien &#252;bernehmen – wenig &#252;berraschend – das Wording der Regierenden in Gro&#223;britannien: Die Unruhen w&#252;rden von „organisierten Kriminellen“ durchgef&#252;hrt, ein „gieriger Mob“ ziehe durch die Stra&#223;en usw. usf. In &#214;sterreich f&#228;llt es dem Fellner-Schundblatt gleichen Namens zu, die absto&#223;endste Formulierung zu finden: „wie gefr&#228;&#223;ige Ameisen“ w&#252;rden die Jugendlichen in die Superm&#228;rkte str&#246;men um sie zu pl&#252;ndern. Mit welchem Insektengift man dieser Plage am liebsten Herr werden m&#246;chte, wird nicht verraten. Zugleich mischt sich in anderen Kommentaren die Emp&#246;rung &#252;ber die „unvorstellbare Gewalt“, die es zu verurteilen g&#228;lte, mit linksliberalem Einf&#252;hlungsverm&#246;gen: die Jugendlichen w&#252;rden doch blo&#223; ihren eigenen Communities schaden und &#252;berhaupt: was sollen Riots denn zum Besseren ver&#228;ndern? Diesem scheinheiligen Paternalismus gilt es entgegen zu halten: Wenn es etwas zu verurteilen gibt, dann die Drecksverh&#228;ltnisse, in denen Menschen leben m&#252;ssen, w&#228;hrend gleichzeitig in der Londoner City M&#228;nner mit vierstelligen Monatsgeh&#228;ltern gerade wieder die Weltwirtschaft gegen die Wand fahren. Die „unvorstellbare Gewalt“ richtet sich vor allem gegen die gebaute Umwelt, die ihnen ein Gef&#228;ngnis ist, nicht gegen Menschen. Sie betrifft nicht nur die Stadtteile in denen sie selbst leben, sondern auch die poshen Spots der Londoner Upperclass, die pl&#246;tzlich mit der Existenz eines sonst unsichtbaren urbanen Proletariats konfrontiert wird und daraufhin in der Financial Times <a href="http://www.ft.com/cms/s/0/fac0b38e-c1d1-11e0-bc71-00144feabdc0.html#axzz1UZKq74AI">schockiert feststellen muss</a>: „Der Mob griff das beste Restaurant in Notting Hill an!“ Und auf die Frage was es bringt fand ein Jugendlicher in einem Live-Interview eine entwaffnende Antwort: „You wouldn&#8217;t be talking to me now if we didn&#8217;t riot, would you?“ Oder wie es die Berliner Rapper K.I.Z. schon vor zwei Jahren ausdr&#252;ckten: <a href="http://www.youtube.com/watch?v=BtjfvK0Iqbo">„Vielleicht f&#228;llt das Licht auf dein Viertel wenn es brennt?“</a></p>
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		<title>Thesen zur Wien-Wahl 2010</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:54:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>felix</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Wien-Wahl ist ein entscheidender Gradmesser f&#252;r die politische Situation in &#214;sterreich. Wie und mit welchen inhaltlichen Schwerpunkten der Wahlkampf gef&#252;hrt wird und welche Politik die Stadt in den n&#228;chsten Jahren pr&#228;gt, ist nicht nur f&#252;r alle in Wien lebenden Menschen von gro&#223;er Bedeutung, sondern hat weit &#252;ber den lokalen Kontext hinaus Signalwirkung. In zugespitzter Form schlagen sich bei dieser Wahl die parteipolitischen Tendenzen der letzten Jahre und Jahrzehnte nieder: Aufgrund ihrer anhaltenden Krise ist die Sozialdemokratie mehr denn je vom Erhalt ihrer starken Machtposition und des Mythos Rotes Wien abh&#228;ngig.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die Wien-Wahl ist keine Wahl wie jede andere.</strong></p>
<p>Die Wien-Wahl ist ein entscheidender Gradmesser f&#252;r die politische Situation in &#214;sterreich. Wie und mit welchen inhaltlichen Schwerpunkten der Wahlkampf gef&#252;hrt wird und welche Politik die Stadt in den n&#228;chsten Jahren pr&#228;gt, ist nicht nur f&#252;r alle in Wien lebenden Menschen von gro&#223;er Bedeutung, sondern hat weit &#252;ber den lokalen Kontext hinaus Signalwirkung. In zugespitzter Form schlagen sich bei dieser Wahl die parteipolitischen Tendenzen der letzten Jahre und Jahrzehnte nieder: Aufgrund ihrer anhaltenden Krise ist die Sozialdemokratie mehr denn je vom Erhalt ihrer starken Machtposition und des Mythos Rotes Wien abh&#228;ngig. Gleichzeitig verfolgt die FP&#214; – als <em>der</em> Kristallisationspunkt der extremen Rechten in &#214;sterreich – explizit die Strategie, &#252;ber einen (Achtungs-)Erfolg in Wien die politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse in ganz &#214;sterreich weiter nach rechts zu verschieben. F&#252;r Bundes- und Landesparteiobmann Heinz-Christian Strache ist es sogar erkl&#228;rtes Ziel, das Amt des Wiener B&#252;rgermeisters zum Ausgangspunkt f&#252;r eine erfolgreiche Bundeskanzler-Kandidatur zu machen. Infolgedessen wird der von Strache ausgerufene „Kampf um Wien“ zum wichtigen Pr&#252;fstein f&#252;r die Schlagkraft linker, antifaschistischer und antirassistischer Politik.</p>
<p><strong>Die Sozialdemokratie befindet sich in einer strukturellen Krise.<span style="font-weight: normal;"> </span></strong></p>
<p>Die europaweite Neoliberalisierung sozialdemokratischer Parteien in Gestalt des so genannten Dritten Weges hat auch vor der SP&#214; nicht halt gemacht. Folglich ist sie mit dem gleichen strukturellen Widerspruch konfrontiert, der sozialdemokratische Politik in ganz Europa seit Jahren pr&#228;gt: Hier die Interessen der ArbeiterInnen und Gewerkschaftsmitglieder als soziale Basis der Sozialdemokratie; und dort neoliberale Politiken, welche die soziale Situation fortw&#228;hrend verschlechtern. Das Ergebnis ist eine tiefgreifende Legitimit&#228;ts- und Repr&#228;sentationskrise sowie ideologische Orientierungslosigkeit der Sozialdemokratie. Ihren Ausdruck findet diese Krise in ausbleibenden Wahlerfolgen, Austrittswellen und dem Fehlen personeller Alternativen. Diese Problematik offenbart sich, wenngleich in abgeschw&#228;chter Form, auch mit Blick auf die Wiener SP&#214;: In Bereichen wie Wohnen, Versorgung, Soziales, Bildung oder Stadtentwicklung verfolgt die Partei auch hier eine neoliberale Politik, die sich negativ auf die soziale Situation vieler BewohnerInnen der Stadt auswirkt. Gleichzeitig versucht sie mit Slogans wie „Wien ist anders“ oder dem st&#228;ndigen Verweis auf die Tradition des Roten Wien sich ihrer sozialen und politischen Basis zu versichern – jedoch mit m&#228;&#223;igem Erfolg.</p>
<p><strong>Die FP&#214; profitiert ma&#223;geblich von der Politisierung der sozialen Frage.</strong></p>
<p>Zwei Jahrzehnte neoliberaler Klassenkampf von oben haben die gesellschaftlichen Ungleichheiten in &#214;sterreich massiv versch&#228;rft. Da die Folgen der aktuellen Wirtschaftskrise – einer der schwersten der letzten 100 Jahre – zunehmend auf die lohnabh&#228;ngig Besch&#228;ftigen abgew&#228;lzt werden, kommt es zu einer tiefgreifenden sozialen Verunsicherung. Unter dieser Voraussetzung kann der parteif&#246;rmige Rechtsextremismus v. a. deshalb &#252;ber seinen deutschnationalen Kern hinaus Anh&#228;ngerInnen gewinnen, weil er in jene Repr&#228;sentationsl&#252;cke st&#246;&#223;t, welche die Krise der Sozialdemokratie hinterl&#228;sst. Indem die FP&#214; die soziale als nationale Frage politisiert, kann sie an den realen Erfahrungen breiter Bev&#246;lkerungsschichten anschlie&#223;en und so die massenhafte Zustimmung zu rechtsextremen Inhalten organisieren. Forderungen wie „Sozialleistungen nur f&#252;r Staatsb&#252;rger! – &#214;sterreicher zuerst“ oder „Arbeitspl&#228;tze f&#252;r unsere Wiener!“ – statt f&#252;r „Gastarbeitslose“ sind beispielhaft f&#252;r diese Strategie. Indem sie Themen wie steigende Lebenshaltungskosten (Strom, Gas, Miete etc.), Kinderbetreuungspl&#228;tze, urbane Gro&#223;projekte, sozialen Wohnbau oder den Alltag im Gr&#228;tzel offensiv thematisiert, versucht die FP&#214; sich auch stadtpolitisch als soziale Alternative zur SP&#214; zu positionieren. Dass dieser Selbstdarstellung als „soziale Partei“ de facto eine wirtschaftsliberale, wohlfahrtsstaatsfeindliche Politik gegen&#252;bersteht, zeigt unter anderem die freiheitliche, wirtschaftspolitische Ausrichtung an den Interessen von Gro&#223;unternehmen und mittelst&#228;ndischen Betrieben.</p>
<p><strong>Wo es an Abgrenzung sowie einem antirassistischen und antifaschistischen Grundkonsens mangelt, wird die extreme Rechte gest&#228;rkt.</strong></p>
<p>Der Aufstieg der FP&#214; zu einer politisch relevanten Kraft ist nicht zuletzt der fehlenden inhaltlichen und personellen Abgrenzung von Seiten anderer Parteien und gesellschaftlicher Kr&#228;fte geschuldet. Wo der Themensetzung der extremen Rechten entsprochen und rassistische Inhalte in die eigene Politik aufgenommen werden oder die FP&#214; als realer oder potentieller politischer Verb&#252;ndeter und Koalitionspartner hofiert wird, kommt es zur Normalisierung und Legitimierung von Rechtsextremismus und Rassismus. Die politischen Koordinaten verschieben sich weiter nach rechts. Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus sind auf diesem Weg ebenso (wieder) salonf&#228;hig geworden wie ein revanchistischer Sicherheitsdiskurs, in dem sich Forderungen nach mehr Polizei und st&#228;rkerer &#220;berwachung des urbanen Raums mit rassistischen Klischees von „osteurop&#228;ischen Bettelbanden“ verbinden. Das Fehlen eines antirassistischen Grundkonsenses macht sich auch dort bemerkbar, wo die allt&#228;gliche rassistische Polizeigewalt samt ihrer t&#246;dlichen Folgen unkommentiert bleibt. Wird demgegen&#252;ber von antirassistischen und antifaschistischen Initiativen und Gruppen versucht, Rassismus zu politisieren und, wie etwa beim WKR-Ball, dem selbstbewussten und offenen Auftreten rechtsextremer und nazistischer Kr&#228;fte entschlossen entgegenzutreten, wird dem mit scharfer Repression begegnet. Die notwendige, auch finanzielle und infrastrukturelle, Unterst&#252;tzung solcher Projekte und Initiativen durch die Stadt bleibt aus.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Die FP&#214; muss demaskiert, isoliert und marginalisiert werden.</strong></p>
<p>Die Aff&#228;re um die Pr&#228;sidentschaftskandidatur von Barbara Rosenkranz zeigt auf, welche M&#246;glichkeiten entstehen, wenn die FP&#214; ideologisch entlarvt und somit in Erkl&#228;rungs- und Rechtfertigungsnot gebracht wird. Die Demaskierung von Rosenkranz trug zu einer Schw&#228;chung ihres politischen Auftretens bei und machte einen offensiven Wahlkampf f&#252;r sie schwieriger. Daher ist es entscheidend, neben dem rassistischen und rechtsextremen Charakter der FP&#214; auch die historisch-ideologischen Wurzeln der Partei zu benennen. Diese zeigen sich etwa in ihrer Entstehungsgeschichte aus dem <em>Verband der Unabh&#228;ngigen</em> (VdU), der als Auffangbecken nationalsozialistischer Kader nach 1945 gilt, ihrer aktiven Verbindung zu au&#223;erparlamentarischen rechtsextremen Gruppierungen und in der engen Verkn&#252;pfung ihrer Funktion&#228;rInnen mit dem Lager der deutsch-nationalen Burschenschaften. Gleichzeitig ist es essenziell, eine breite Gegen&#246;ffentlichkeit zur FP-Ideologie und ihrer Pr&#228;senz in Politik und Gesellschaft zu mobilisieren. Ein gro&#223;es, antifaschistisches B&#252;ndnis gegen die FP&#214; und die mit ihr verbundenen rechtsextremen Kreise treibt ihre politische Isolierung voran. Dar&#252;berhinaus k&#246;nnen Mobilisierungen gegen FP&#214;-Auftritte im Kleinen (auf Bezirksebene, bei Infost&#228;nden usw.) wie im Gro&#223;en (durch Demonstrationen, Konzerte oder Blockaden) zu ihrer Demoralisierung und Marginalisierung beitragen. Der &#246;ffentliche Raum darf nicht der extremen Rechten &#252;berlassen werden!</p>
<p>Letztendlich ist es auch wichtig, den institutionell-politischen Einfluss der FP&#214;, z.B. ihren Zugang zu Parteienf&#246;rderung, zu beschneiden. Deshalb macht es auch Sinn, gegen Rechts w&#228;hlen zu gehen, um die Pr&#228;senz von Rassismus und Rechtsextremismus im Rahmen der repr&#228;sentativen Demokratie zur&#252;ckzudr&#228;ngen. <strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Die soziale Frage von links stellen.</strong></p>
<p>Wenn die FP&#214; ernsthaft und nachhaltig konfrontiert werden soll, muss auch das zentrale Element ihres Erfolges ausgehebelt werden, also ihre F&#228;higkeit, die soziale Frage nationalistisch und rassistisch zu beantworten und damit Hoheit &#252;ber die Tagesthemen zu beanspruchen. Die Notwendigkeit linker Antworten auf soziale Fragen wird im Kontext der aktuellen Wirtschaftskrise und der Krise der SP&#214; noch akuter. Es bedarf eines aktiven Agendasettings von links, bei dem auch die bundesweiten Diskussionen aufgegriffen werden m&#252;ssen. Brennende Themen sind z.B. die Frage der Wirtschafts- und Finanzpolitik, und in diesem Sinne die Forderung einer Umverteilung von oben nach unten (Verm&#246;genssteuern, Refinanzierung der Universit&#228;ten, bedingungsloses Grundeinkommen, usw.). Andererseits bedarf es auch einer progressiven Thematisierung stadt- und bezirkspolitischer Fragen, wie des Anstiegs der Lebenshaltungskosten, der zunehmenden (Neo-) Liberalisierung der st&#228;dtischen Sozialpolitik oder von Gentrifizierungstendenzen.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>(Un-)M&#246;gliche politische Alternativen – Eine Neue Linke ist n&#246;tig.</strong></p>
<p>Es stellt sich die Frage, ob Die Gr&#252;nen angesichts des Versagens der SP&#214; als linke, soziale Kraft und des Aufstiegs der FP&#214; eine Alternative darstellen k&#246;nnen. Auch wenn Die Gr&#252;nen die einzige politisch relevante Partei in &#214;sterreich ist, die so etwas &#196;hnliches wie ein antirassistisches und antifaschistisches Profil besitzt, muss die Frage nach ihrem Potential als linke Alternative verneint werden. Ihre fehlende Verankerung in der ArbeiterInnenklasse und ihre Konzentration auf liberal-b&#252;rgerliche Forderungen sowie ihre Unf&#228;higkeit, antirassistisches Engagement mit einer Diskussion um tats&#228;chliche soziale Alternativen zu verbinden, disqualifiziert sie als ernsthafte linke Kraft, die das existierende politische Vakuum f&#252;llen k&#246;nnte.</p>
<p>Die Wien-Wahl demonstriert dementsprechend erneut die Notwendigkeit des Aufbaus einer Neuen Linken in &#214;sterreich. Diese m&#252;sste antirassistisches Engagement und Konfrontation der extremen Rechten mit der Politisierung der sozialen Frage von unten verbinden und in weiterer Konsequenz auch bei Wahlen eine reale politische Alternative zu rechter Sozialdemagogie und Klassenkampf von oben darstellen k&#246;nnen.</p>
<p><em>Gruppe Perspektiven</em></p>
<p><em> </em></p>
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		<title>Rosinenpicken</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:40:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
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		<description><![CDATA[
Die „K&#228;mpfe um Bildung“, denen sich Perspektiven Nr. 10 gewidmet hat, bilden auch anderswo ein zentrales Thema. So sind im aktuellen Programm der Edition PROLLpositions in der Reihe audimarx drei feine Brosch&#252;ren erschienen, die vor allem die Frage „Wie sich (ver-)wehren?“ hochhalten: (1) Das „Kommuniqué aus einer ausbleibenden Zukunft. &#220;ber die Ausweglosigkeit des studentischen Lebens“ (Research & Destroy; audimarx #1) [...]]]></description>
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Die „K&#228;mpfe um Bildung“, denen sich <em>Perspektiven</em> Nr. 10 gewidmet hat, bilden auch anderswo ein zentrales Thema. So sind im aktuellen Programm der <em>Edition PROLLpositions</em> in der Reihe <em>audimarx </em>drei feine Brosch&#252;ren erschienen, die vor allem die Frage „Wie sich (ver-)wehren?“ hochhalten: (1) Das „Kommuniqué aus einer ausbleibenden Zukunft. &#220;ber die Ausweglosigkeit des studentischen Lebens“ (Research & Destroy; <em>audimarx #1</em>) wurde im Zuge der Besetzung eines Teils der Universit&#228;t von Santa Cruz verfasst und Anfang Oktober 2009 online publiziert. Neben der Thematisierung des Verh&#228;ltnisses von Studium und Arbeit im Kontext der zunehmenden Transformation von Universit&#228;ten in Fabriken der Wissens(re)produktion, dr&#252;ckt sich in der „Mitteilung“ vor allem auch das dr&#228;ngende Bed&#252;rfnis nach den verbindenden Inhalten unterschiedlicher K&#228;mpfe aus, deren gesellschaftliche Ausgangsbedingungen doch sehr verschieden sind. (2) In „Reformpause!“ (<em>audimarx #2</em>) beschreibt <em>Marion von Osten</em>, wie es nach dem zweiten Weltkrieg zu einer bildungspolitischen Wende in Westeuropa kam und reflektiert dabei diejenigen allgemein-gesellschaftlichen und konkret-kollektiven Bedingungen, die Wissensproduktion &#252;berhaupt erst erm&#246;glichen. (3) Ausk&#252;nfte &#252;ber die erfolgreiche Besetzung der Universit&#228;t in Zagreb sowie &#252;ber die Besetzungsstrategien unserer kroatischen KollegInnen gibt das „Besetzungskuchbuch. Bericht von der Besetzung der Zagreber Philosophischen Fakult&#228;t 2008“ (<em>audimarx #3</em>). Eine zu empfehlende Lekt&#252;re f&#252;r alle ProfibesetzerInnen und diejenigen, die es noch werden wollen.   </p>
<p>Nicht nur die Universit&#228;ten haben im letzten Jahr gebrannt. Auch im Iran gab es eine der gr&#246;&#223;ten Protestbewegungen seit Jahrzehnten. W&#228;hrend <em>Behrooz Rahimi</em> in <em>Perspektiven </em>Nr. 9 in erster Linie das widerspr&#252;chliche Erben der Iranischen Revolution von 1979 analysiert hat, begibt sich <em>James Buchan</em> auf eine weiter angelegte historische Spurensuche nach den Gemeinsamkeiten der verschiedenen Revolutionen im Iran. Er vergleicht nicht nur die Ereignisse vom Juli 2009 mit denen der konstitutionellen Revolution 1905, sondern zieht auch Parallelen zwischen der Pr&#228;sidentschaft Mahmud Ahmadinejads und der Herrschaft Louis-Napoleons (Napoleon III). Bezugnehmend auf Marxens „Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“ (1852), in dem Marx nachweist, dass der Staatsstreich des Louis-Napoleon 1851 in Frankreich das notwendige Ergebnis der vorhergegangenen Entwicklungen war und sich Geschichte oftmals zun&#228;chst als Tragik und dann als Farce wiederholen muss, um sie im Sinne der Befreiung weitertreiben zu k&#246;nnen, sch&#246;pft <em>Buchan </em>Hoffnung f&#252;r politische Ver&#228;nderungen im Iran.</p>
<p>Schwerpunkt von <em>Perspektiven </em>Nr. 9 war allerdings nicht der Iran, sondern die „Ge_schlechte_r_verh&#228;ltnisse im Kapitalismus“. &#196;hnlich wie <em>Katharina Hajek</em> und <em>Benjamin Opratko</em> in ihrem Artikel „Welche Wirtschaft, wessen Krise?“ besch&#228;ftigen sich auch <em>Helene Schuberth</em> und <em>Brigitte Young</em> mit dem Zusammenhang zwischen den „Geschlechtern der Krise“ und der „Krise der Geschlechter“. Die Autorinnen,  zwei der profiliertesten Forscherinnen auf dem Feld der feministischen &#214;konomie, haben mit <em>The Global Financial Meltdown and the Impact of Financial Governance on Gender</em> ein kurzes, aber sehr informatives, Fakten-und-Zahlen-lastiges Paper verfasst. Darin wird – zugespitzt formuliert – aus geschlechterkritischer Perspektive nicht nur danach gefragt, wer die Krise verursacht hat, sondern auch danach, wer davon in welcher Weise und in welchem Ausma&#223; betroffen ist, und – durch die Budgetkonsolidierungen weltweit – in Zukunft sein wird: vor allem Frauen. So reklamieren in diesem Zusammenhang auch <em>Drucilla Barker</em> und <em>Susan F. Feiner</em> im aktuellen <em>Rethinking Marxism</em> (No. 22) Geschlecht als Analysekategorie ein. Sie fokussieren dabei auf die „Feminisierung der Arbeit“ und die Rolle „hegemonialer M&#228;nnlichkeiten“. Frei nach dem Motto Lenins, nach dem jede K&#246;chin dazu in der Lage sein muss, die Staatsmacht auszu&#252;ben (was jedoch sowohl eine Ver&#228;nderung des Staates als auch der Lage der K&#246;chin impliziert), seien hier noch zwei weitere Feministinnen genannt, die sich den krisenhaften Entwicklungen der letzten Jahre vor allem unter dem Aspekt der Bedingungen und M&#246;glichkeiten feministischer K&#228;mpfe widmen. <em>Birgit Sauer</em> fragt (<em>Widerspruch </em>Nr. 57) aus einer feministisch-staatstheoretischen Perspektive nach den Bedeutungen staatlicher Transformationsprozesse f&#252;r die feministische Staatskritik, w&#228;hrend <em>Frigga Haug</em> in einem im Oktober 2009 gehaltenen Vortrag gewohnt luzide die Grenzen von „Umverteilungspolitik“ (auch bezogen auf die Reproduktionsarbeit) aufzeigt und daf&#252;r pl&#228;diert, gerade in der Krise „Geschlechterverh&#228;ltnisse als Produktionsverh&#228;ltnisse“ zu begreifen.<br />
Etwas mehr als Jahr ist vergangen, seit Barack Obama Pr&#228;sident der USA wurde – und wir dies in <em>Perspektiven </em>Nr. 6 zum Anlass nahmen, einen Schwerpunkt zum br&#252;chigen US-Imperium zu gestalten. Die darin von <em>Tobias ten Brink</em> ge&#228;u&#223;erte Skepsis, ob eine Obama-Administration auch nur das Ausma&#223; der Gewalt, das von der Geopolitik des US-Imperiums ausgeht, reduzieren w&#252;rde, hat sich seither best&#228;tigt. Dies zeigt ein Artikel von <em>Tariq Ali</em> in der aktuellen 50-Jahre-Jubil&#228;umsausgabe der <em>New Left Review</em> so deutlich wie drastisch. Seine bittere Bestandsaufnahme der US-Au&#223;enpolitik unter Obama, dargestellt anhand der Brennpunkte Israel/Pal&#228;stina, Irak, Iran, Afghanistan und Pakistan, zeichnet ein ern&#252;chterndes Bild. Er sieht keinen grunds&#228;tzlichen Bruch zwischen den Regierungen Bush I, Clinton, Bush II und Obama. Auch wenn die Analysen ob der K&#252;rze des Artikels manchmal zu vereinfachend wirken und etwa die Beurteilung der Situation im Iran von einem sch&#228;rferen Blick auf K&#228;mpfe von „unten“ profitiert h&#228;tte, ist Alis Beitrag hilfreich, um hinter die sch&#246;ne Rhetorik Obamas zu blicken.<br />
Und noch ein zweiter Beitrag im gleichen Heft l&#228;sst sich hervorragend als Zwischenbilanz des „Obama-Projekts“ lesen. <em>Teri Reynolds</em>, die in Kalifornien als Notfallmedizinerin arbeitet, sendet eine „Depesche aus Oakland“. Ihre lebhafte Beschreibung des Alltags in einem County Hospital macht deutlich, wie – im wahrsten Sinne des Wortes – &#252;berlebenswichtig eine echte Reform des Gesundheitswesens in den USA w&#228;re. Auf den Punkt gebracht: in diesem Land sterben permanent Menschen, weil sie keine Krankenversicherung haben. Die nun durchgesetzte <em>Health Care Reform</em> hat, so Reynolds, in den endlos scheinenden Debatten medizinische und soziale Realit&#228;ten ignoriert und wird daran nichts wesentliches &#228;ndern.</p>
<p>Ebenfalls in der aktuellen (Jubil&#228;ums-)Ausgabe der <em>New Left Review</em> spricht Mike Davis mit sich selbst: Sein „Pessimismus des Intellekts“ zwingt ihn, die desastr&#246;sen und scheinbar unaufhaltsamen Auswirkungen der Transformation von Landschaften und klimatischen Systemen durch die urban-industrielle Gesellschaft, die sich in den Megast&#228;dten des 21.Jahrhunderst konzentriert, zu erkennen. Dieser „analytischen Verzweiflung“ (und einem Antiurbanismus) stellt Davis jedoch einen „Optimismus der Imagination“ entgegen. Dabei argumentiert er f&#252;r eine neue radikal-urbane Vorstellungskraft, die andenkt, St&#228;dte nach &#246;kologischen und sozialen Gesichtspunkten zu organisieren. Letztlich sind es f&#252;r ihn gerade die St&#228;dte und deren typisch urbane Eigenschaften, die einen m&#246;glichen Weg aus den drohenden &#246;kologischen und sozialen Krisen bereitzustellen verm&#246;gen. </p>
<p>Sicher keinen Weg aus den multiplen Krisen der Gegenwart weist die extreme Rechte. Weil sie aber gerade in Krisenzeiten versucht, an Boden zu gewinnen, m&#252;ssen Antifaschismus und Antirassismus gegenw&#228;rtig mehr denn je auf der Agenda der (radikalen) Linken stehen. Zum ersten Mal konnte im Februar 2010 der j&#228;hrlich stattfindende Nazi-Aufmarsch in Dresden blockiert werden. Eine spannende Auswertung der antifaschistischen Mobilisierung nach Dresden liefern <em>Christine Buchholz</em> (Bundestagsabgeordnete DIE LINKE), <em>Steffi Graf</em> (aktiv in DIE LINKE.SDS), <em>Lucia Schnell</em> (DIE LINKE) und <em>Luigi Wolf </em>(DIE LINKE.SDS). Die Kombination aus einem breiten B&#252;ndnis von Parteien, Gewerkschaften, Zivilgesellschaft und antifaschistischen Kreisen sowie die Entschlossenheit der Gegen-DemonstrantInnen, die Nazis vermittels Massenblockaden nicht marschieren zu lassen, f&#252;hrte trotz Diffamierungs- und Illegalisierungskampagnen in Medien, Justiz und Politik zu einem erfolgreichen Ergebnis, so die AutorInnen. Die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der Kampagne in Dresden w&#252;rde auch der antifaschistInnen Linken in &#214;sterreich zu Gute kommen; schlie&#223;lich gibt es gerade hier die Notwendigkeit der Erarbeitung und Evaluierung antifaschistischer Strategien gegen die extreme Rechte.</p>
<p>Zum Nachlesen:</p>
<p>audimarx #1-3 erh&#228;ltlich bei Infost&#228;nden und im Anarchia-Versand (http://www.anarchia-versand.net/index.php/cat/c58_Paedagogik-und-Bildung.html), siehe auch: http://prollpositions.at/, Dezember 2009</p>
<p>Buchan, James: A Bazaari Bonaparte?, in: New Left Review Nr. 59, September-October 2009, 73¬-87</p>
<p>Young, Brigitte/Schuberth, Helene: The Global Financial Meltdown and the Impact of Financial Governance on Gender, in: Garnet Policy Brief Nr. 10, unter: http://www.garnet-eu.org/fileadmin/documents/policy_briefs/Garnet_Policy_Brief_No_10.pdf, 2010, 1-12</p>
<p>Barker, Drucilla /Feiner, Susan: As the World Turns: Globalization, Consumption, and the Feminization of Work, in: Rethinking Marxism Nr. 22, 2010, 246-252</p>
<p>Sauer, Birgit: Wirtschaftskrise, Staat und Geschlechtergerechtigkeit. Paradoxien feministischer Staatskritik, in: Widerspruch Nr. 57, 2009, 33-39</p>
<p>Haugg, Frigga: Geschlechterverh&#228;ltnisse in der Krise, Vortrag gehalten am 10. Okt. 2009 in Aachen, zum Anh&#246;ren unter: http://www.friggahaug.inkrit.de/AachenerVortrag09-10-10.mp3, 2009</p>
<p>Ali, Tariq: President of Cant, in: New Left Review Nr. 61, January-February 2010, S. 99-116</p>
<p>Reynolds, Teri: Dispatches from the Emergency Room, in: New Left Review Nr. 61, January-February 2010, S. 49-57</p>
<p>Davis, Mike: Who will build the ark?, in: New Left Review Nr. 61, January-February 2010, 29-46</p>
<p>Buchholz, Christine/Graf, Steffi/Schnell, Lucia/Wolf, Luigi: Breit und entschlossen Naziaufm&#228;rsche verhindern: Das Erfolgskonzept von Dresden, unter: http://christinebuchholz.de/2010/02/20/breit-und-entschlossen-naziaufmarsche-verhindern-das-erfolgskonzept-von-dresden/, Februar 2010</p>
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		<title>Verordnete Ordnungen</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:33:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
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		<category><![CDATA[Sozialpolitik]]></category>
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		<description><![CDATA[Etzem&#252;ller, Thomas (Hg.): Die Ordnung der Moderne. Social Engineering im 20.Jahrhundert, Bielefeld: transcript Verlag 2009, 328 Seiten, € 30,70

Im Florida Film hat Walt Disney 1966 die Konturen von „Waltopia“, seiner Vision einer rational durchkonstruierten und durchorganisierten Gesellschaft der Welt&#246;ffentlichkeit vorgestellt. In den S&#252;mpfen Floridas sollte auf 113 Quadratkilometern die Experimental Prototype Community of Tomorrow als Gegenentwurf zu Hektik, Dreck, Kriminalit&#228;t [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Etzem&#252;ller, Thomas (Hg.): Die Ordnung der Moderne. Social Engineering im 20.Jahrhundert, Bielefeld: transcript Verlag 2009, 328 Seiten, € 30,70<br />
<span id="more-1590"></span><br />
Im <em>Florida Film</em> hat Walt Disney 1966 die Konturen von „Waltopia“, seiner Vision einer rational durchkonstruierten und durchorganisierten Gesellschaft der Welt&#246;ffentlichkeit vorgestellt. In den S&#252;mpfen Floridas sollte auf 113 Quadratkilometern die <em>Experimental Prototype Community of Tomorrow</em> als Gegenentwurf zu Hektik, Dreck, Kriminalit&#228;t und Desorganisation moderner Gro&#223;st&#228;dte entstehen: ein Prototyp einer vern&#252;nftigen sozialen Ordnung. Zwar wurde Disneys Utopie nie verwirklicht, sie verweist aber auf ein Ordnungsdispositiv, das – mit Vorl&#228;ufern im sp&#228;ten 19. Jahrhundert – zwischen den 1920er und 1960er Jahren seine Hochbl&#252;te erlebte.<br />
W&#228;hrend der erste Weltkrieg selbst als Laboratorium f&#252;r Modelle technokratischer Steuerung ganzer Gesellschaften gedient hatte, verdeutlichte sein Ende drastisch die „Gefahren“ sozialer Desintegration. Als Reaktion auf die diagnostizierte Krise erarbeiteten ExpertInnen mit den Mitteln moderner Sozialtechnologie und auf Grundlage der wissenschaftlichen Erfassung der Bev&#246;lkerung umfassende Ordnungspl&#228;ne, die jeweils darauf zielten, „sozial&#246;kologische Umwelten“ zu schaffen und auszugestalten, welche die von sozialen und politischen Verwerfungen durchzogene Gesellschaft in „organische Gemeinschaften“ zu re-integrieren suchten.<br />
Einsatzpunkt dieser Ordnungsprojekte war die Strukturierung von Wohn-, Verkehrs-, Betriebs- und st&#228;dtischem Raum sowie die Rationalisierung und Effektivierung der Alltagspraktiken der Menschen, auf deren Grundlage die kontrollierte Steuerung gesellschaftlicher Stabilit&#228;t und Entwicklung erm&#246;glicht werden sollte.<br />
Diese Kombination von Sozialtechnologien, bestimmter sozialer Ordnungsmodelle und einem dezidierten Gestaltungsimperativ wird im von Thomas Etzem&#252;ller herausgegebenen Sammelband unter dem Schlagwort <em>social engineering</em> diskutiert. Dabei geht es zun&#228;chst um eine Systematisierung und Pr&#228;zisierung des meist sehr unspezifisch verwendeten Begriffs. Anhand von zw&#246;lf empirischen Untersuchungen wird dieser dann in weiterer Folge konkretisiert.<br />
Etzem&#252;ller konturiert in seiner programmatischen Einleitung <em>social engineering</em> als vielschichtiges Ph&#228;nomen. Grundlegend handle es sich um „Verhaltenslehren“, die nicht &#252;ber Verordnungen operierten, sondern &#252;ber eine subtile P&#228;dagogik der Normalisierung und &#252;ber r&#228;umliche Strukturierung Gemeinschaften „neuer Menschen“ schaffen wollten: den taylorisierten Industriebetrieb als Gemeinschaft der ArbeiterInnen, die Familie als Kameradschaft der EheparterInnen und Kinder, Nachbarschaften als st&#228;dtische Gemeinschaften, samt Kontrolle der Bewegungen im Raum, von der K&#252;che bis zur Nation. So sollte z.B. die r&#228;umlich-funktional differenzierte Wohnung unerw&#252;nschte Verhaltensweisen (wie die als moralisch und hygienisch problematisch angesehene Vermischung von Schlafen, Kochen und K&#246;rperhygiene) verhindern, und zugleich den BewohnerInnen rationale, effiziente Praktiken antrainieren, die durch die Struktur des Wohnraums selbst nahegelegt wurden. Die K&#252;che konnte dann etwa als Symbiose von Hausfrau und Technik imaginiert werden.<br />
„Ordnung“ gilt hier zugleich als Zielvorstellung und als permanenter Prozess der Adjustierung, angeleitet von ExpertInnen einer verwissenschaftlichten Politik, die aus der als Krise wahrgenommenen Gegenwart die Pflicht zur Intervention ableiteten. Die Spannbreite des <em>social engineering</em> reicht folglich von sozialstaatlichen Techniken bis zu totalit&#228;ren Experimenten und umfasst Stadt-, Raum- und Verkehrsplanung ebenso wie die Regulation von Wohnraum oder Konsumverhalten sowie die sozialeugenischen Visionen und Praktiken der ersten H&#228;lfte des 20. Jahrhunderts. In zw&#246;lf empirischen Studien, die hier nicht im Detail diskutiert werden k&#246;nnen, wird dieses Spektrum sozialplanerischer Ordnungstechniken auf spannende Art und Weise verdeutlicht. Die Zusammenschau der Beitr&#228;ge zeigt zudem auch, welche neuen Perspektiven eine „Problemgeschichte“ des <em>social engineering</em> als „spezifischer Modus der Problematisierung der Moderne“ auf eine Geschichte des 20. Jahrhunderts – jenseits der Erz&#228;hlung des „Zeitalters der Extreme“ – er&#246;ffnen kann.<br />
Anselm Doering-Manteuffel vertieft diese &#220;berlegungen in einem zweiten programmatischen Einleitungsaufsatz, der anhand unterschiedlicher Semantiken von „Ordnung“ drei sich &#252;berlagernde „Zeitschichten“ seit ca. 1880 differenziert. W&#228;hrend in der ersten Phase, die bis in die 1940er Jahre reicht, die liberale Fortschrittsidee von der Suche nach „nat&#252;rlichen, ewigen Ordnungen“ abgel&#246;st wurde, wird in einer zweiten Phase zwischen 1929 und den 1980er Jahren die Fortschrittsidee als planbarer und planungsbed&#252;rftiger Fortschritt aktualisiert. Diese Phase modernisierungstheoretischer Ordnungsentw&#252;rfe sei im Verlauf der vergangenen vierzig Jahre wiederum durch ein neues Ordnungsparadigma ersetzt worden. Dieses behaupte nicht mehr die Planbarkeit von Gesellschaft, sondern die Immanenz permanenter Gegenw&#228;rtigkeit: Politik reduziert sich darin von technokratischer Sozialplanung auf technisches Mikromanagement.<br />
Auch wenn die Praktiken und Techniken des <em>social engineering</em> seit den 1960er Jahren aufgrund der Erfahrung, dass Pluralisierung nicht notwendig mit sozialer Desintegration einhergeht, massiv an &#220;berzeugungskraft eingeb&#252;&#223;t haben, lebt dessen Erbe auch heute, unter den ver&#228;nderten Bedingungen der von Doering-Manteuffel als „poststrukturalistisch“ bezeichneten sozialen Konfiguration fort. Ordnungsentw&#252;rfe und biopolitische Regulation kreisen heute zwar nicht mehr um die Frage der Reintegration in „organische Gemeinschaften“, zielen aber ebenfalls auf die Regulation der Alltagspraktiken &#252;ber Lernprozesse, die den Menschen vermitteln, sich selbst, ihre Ern&#228;hrung, ihre K&#246;rper, ihr Verhalten „in Form zu bringen“. Nicht zuletzt, weil der Sammelband Kontinuit&#228;ten und Br&#252;che gegenw&#228;rtiger Ordnungsvorstellungen historisch zu verorten hilft, ist <em>Die Ordnung der Moderne</em> uneingeschr&#228;nkt zu empfehlen.</p>
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		<title>Kampf um die Stadt. Politik, Kunst und Alltag um 1930</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:26:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Austromarxismus]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Sonderausstellung des Wien Museums, 19. Nov. 2009 – 28. M&#228;rz 2010

Das Wien Museum am Karlsplatz widmete sich vom 19. November bis zum 28. M&#228;rz 2010 in einer seiner bisher umfangreichsten Ausstellungen der gesellschaftlichen und politischen Situation in Wien um 1930. Im Zentrum standen dabei das Rote Wien der Sozialdemokratie und das Aufkommen der reaktion&#228;ren und faschistischen Bewegungen im Kontext [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Sonderausstellung des Wien Museums, 19. Nov. 2009 – 28. M&#228;rz 2010<br />
<span id="more-1586"></span><br />
Das <em>Wien Museum</em> am Karlsplatz widmete sich vom 19. November bis zum 28. M&#228;rz 2010 in einer seiner bisher umfangreichsten Ausstellungen der gesellschaftlichen und politischen Situation in Wien um 1930. Im Zentrum standen dabei das Rote Wien der Sozialdemokratie und das Aufkommen der reaktion&#228;ren und faschistischen Bewegungen im Kontext von Wirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit und Armut.  Die Ausstellung faszinierte vor allem durch eine Vielzahl von Originalen aus den 1930er Jahren. Eine unglaubliche F&#252;lle an Plakaten und Photos, aber auch einiger f&#252;r die damalige Zeit typischer oder neuartiger Gegenst&#228;nde wie Zapfs&#228;ulen, Leuchtreklamen oder Radios vermittelte der/m BesucherIn das Gef&#252;hl, in die Wiener 1930er Jahre einzutauchen.<br />
Wie so oft jedoch, wenn politische Inhalte in einem b&#252;rgerlichen Rahmen vermittelt werden, war dies f&#252;r ein politisch „vorbelastetes“ Publikum auch im vorliegenden Fall mit einigen Abstrichen verbunden. Am besten war die Ausstellung zu genie&#223;en, wenn man m&#246;glichst alle politischen Erwartungen und Ansichten hinten anstellte und sich „einfach“ unvermittelt auf das Pr&#228;sentierte einlie&#223; – was bei diesem Thema zugegeben nicht so einfach ist.<br />
Den historischer Rahmen der Ausstellung stellte einerseits das Rote Wien mit den bekannten Bildern von Massenaufm&#228;rschen, wehenden roten Fahnen und Menschen voller Hoffnung auf eine neue Zeit dar. Anderseits wurde die zunehmende Macht der Konservativen, Katholiken, des Adels, der Heimwehren und der Nazis thematisiert, also all jener, die vom „Weg in den Sozialismus“ nichts wissen wollten bzw. alles dagegen unternahmen, dass dieser eingeschlagen w&#252;rde. Deren regelm&#228;&#223;ige Aufm&#228;rsche und Kr&#228;ftedemonstrationen sowie die Provokationen der Heimwehren brachten damals zwar die sozialdemokratische Basis zum Kochen, wurden seitens der sozialdemokratischen F&#252;hrung jedoch nur mit Z&#246;gern und Ignoranz beantwortet. Auseinandersetzungen mit Schwerverletzten und Toten standen auf der Tagesordnung.<br />
F&#252;r politisch Interessierte hielt diese Darstellung der Ereignisse der damaligen Zeit keine Neuigkeiten bereit. Die Ausstellung fokussierte jedoch ohnehin eher auf die Menge sozialer und technischer Ver&#228;nderungen, in welche die K&#228;mpfe zwischen Rot und Schwarz beziehungsweise Braun eingebettet waren. Der gesamte &#246;ffentliche Raum wurde rund um 1930 neu gestaltet und belebt. Der sich stark ver&#228;ndernde und rasant zunehmende Verkehr sorgte f&#252;r eine vollkommene Umgestaltung des Lebens auf der Stra&#223;e. Das Tempo erh&#246;hte sich und in Konsequenz auch die Gefahren; der L&#228;rm und der Geruch nahmen zu. Auch brachte etwa der neuartige Einsatz von Leuchtreklamen und den – gerade erst aufgekommenen – &#246;ffentlichen Lautsprechern gro&#223;e Ver&#228;nderungen des Alltags der damals lebenden Menschen mit sich.<br />
Bei vielen R&#252;ckblicken auf die 1930er Jahre werden diese tiefgreifenden Ver&#228;nderungen h&#228;ufig kaum bedacht. Diese Auslassung leistete sich<em> Kampf um die Stadt</em> nicht – vielmehr stand das Alltagsleben im Wien der 1930er Jahre im Zentrum der Ausstellung. Durch diesen Fokus wurde angenehmerweise auch der in der Geschichtsschreibung verbreitete Fehler vermieden, nur die Geschichte der Herrschenden zu erz&#228;hlen.<br />
Gerade weil aber der behandelte Zeitraum derart von Widerspr&#252;chen und K&#228;mpfen gepr&#228;gt war, h&#228;ngt die Darstellung des Alltags sehr wohl auch davon ab, auf welcher „Seite“ man stand. Da es nicht im Interesse der KuratorInnen sein konnte, die subjektive Lebenssituation der aufkommenden Nazis oder des an Bedeutung schwindenden Adels nachvollziehbar zu machen, w&#228;re es naheliegend gewesen, die Ereignisse aus den Augen eines/r gl&#252;henden Sozialdemokraten/in nachzuzeichnen. Eine Ahnung von der massiven Aufbruchsstimmung bekam man in der Ausstellung aber nur durch den Anblick der sozialdemokratischen (Wahl-)Plakate. Die angebotenen, von einem gelangweilten Ton getragenen F&#252;hrungen durch die Ausstellung arbeiteten demgegen&#252;ber einer emphatischen Betrachtung der Ereignisse eher entgegen. Sie f&#252;gten sich durch entpolitisierte Ausf&#252;hrungen und den Erz&#228;hlstil des „Experten“ nur zu gut in das gesamte Muster der Ausstellung.<br />
Besonders deutlich war dies anhand einer Installation zu sehen, bei der in einem etwas verdunkelten Raum kurze Ausschnitte aus zeitgen&#246;ssischen politischen Reden im Originalton zu h&#246;ren waren. Dabei sollten die verschiedenen Redestile von Politikern anschaulich gemacht und gegen&#252;ber gestellt werden: der alte, die Massen &#252;berschreiende Stil im Gegensatz zum neuen, ruhig ins gerade erst aufkommende Mikrophon Sprechende. Dies ist zwar kein uninteressantes Ph&#228;nomen, jedoch war der „technische“ Fokus allein auf den Redestil gelegt – es wurde nicht thematisiert, ob der Redner „Tod allen Juden!“ oder „Es lebe das Proletariat!“ schreit. Ein weiteres Beispiel f&#252;r die entpolitisierte Herangehensweise der KuratorInnen. Insgesamt vermittelten die Darstellung und Aufbereitung der Themen und Ereignisse den Eindruck, als w&#228;re zwischen den reaktion&#228;r-faschistischen und den linken und antifaschistischen Kr&#228;ften kein Unterschied zu machen.<br />
Auch der Versuch, die gesellschaftlichen Entwicklungen in einzelne, sauber von einander getrennte Themenbereiche und Ausstellungsr&#228;ume zu unterteilen, wirkte aus einer politischen Perspektive nicht gegl&#252;ckt, lassen sich doch gerade in einer so bewegten Zeit gesellschaftliche Themen nicht isoliert voneinander betrachten. Zudem herrschte die bedenkliche Tendenz vor, die Sozialdemokratie und die konservativ-reaktion&#228;ren Kr&#228;fte in diesen R&#228;umen anhand eines Schlagwortes auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen – um sie dann erst innerhalb dieses vage vorgegebenen Rahmens auf ihre Unterschiede hin zu untersuchen. Nat&#252;rlich musste in der Gestaltung der Ausstellung wohl ein Kompromiss zwischen der detaillierten Darstellung der K&#228;mpfe – auch in ihren Widerspr&#252;chen – und einer massentauglichen Aufbereitung der Inhalte gefunden werden.<br />
Trotzdem war es bei der F&#252;hrung manchmal zuviel des Guten: So endete diese im Raum zur „politischen Gewalt“.  Als der Experte, der durch die Ausstellung f&#252;hrte, schlie&#223;lich bei der Schilderung der Ereignisse rund um den Brand des Justizpalastes anmerkte, dass dies wohl die gewaltt&#228;tigste Aktion „bis dato“ war, sank die Lust, den Ausf&#252;hrungen weiter zu lauschen, stark ab: „War da nicht kurz vorher ein Weltkrieg?“ Noch eine kurze Geschichte zu einem Einschussloch in einem Pokal musste man &#252;ber sich ergehen lassen, und es war &#252;berstanden. Im kurzen Schlagabtausch mit einer anderen Besucherin dar&#252;ber, ob und wie entpolitisiert man diese Ereignisse darstellen darf/kann, bzw. wie sehr BesucherInnen mit gewissen Darstellungsweisen „indoktriniert“ oder doch eher nur „konfrontiert“ werden, wurde indes klar, dass die gew&#228;hlte Darstellungsweise der Ausstellung durchaus auch ihr Publikum hat.<br />
Das Buch zur Ausstellung hingegen ist jeder/m nur w&#228;rmstens zu empfehlen. Darin enthalten sind nicht nur die Fotos aller(!) Ausstellungsst&#252;cke – was besonders aufgrund der gro&#223;en Anzahl von Plakaten und Fotos imponiert – sondern auch eine Menge an Text in Form von Erkl&#228;rungen, Erz&#228;hlungen, Berichten und Statistiken. Auf knapp 600 Hochglanzseiten findet die/der Interessierte eine Unmenge an Material zum gem&#252;tlichen Schm&#246;kern, Studieren und Wundern vom Sofa aus&#8230; ganz ohne langweilige Expertisen, im Weg stehende Menschen und Rauchverbot. Nicht zuletzt wird hier auch abseits aller politischen Nivellierungen der Ausstellung die bremsende und kalmierende Rolle der sozialdemokratischen F&#252;hrung im Kampf gegen die aufkommenden FaschistInnen aktiv thematisiert. </p>
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		<title>„Die Anti-R&#228;umungskampagne verhandelt nicht – sie protestiert“</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:24:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
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		<description><![CDATA[Im Sommer findet in S&#252;dafrika die Fu&#223;ballweltmeisterschaft statt. Dass die Lebensrealit&#228;t der Mehrheit der S&#252;dafrikanerInnen mit dem Hochglanz-Image globaler Sportevents nichts zu tun hat, zeigt der Dokumentarfilm When the Mountain meets its Shadow (dt.: Im Schatten des Tafelbergs). Franziskus Forster sprach mit den FilmemacherInnen Romin Khan, Alexander Kleider und Daniela Michel sowie mit Ashraf und Mne, zwei der ProtagonistInnen des [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Sommer findet in S&#252;dafrika die Fu&#223;ballweltmeisterschaft statt. Dass die Lebensrealit&#228;t der Mehrheit der S&#252;dafrikanerInnen mit dem Hochglanz-Image globaler Sportevents nichts zu tun hat, zeigt der Dokumentarfilm <em>When the Mountain meets its Shadow</em> (dt.: Im Schatten des Tafelbergs). <em>Franziskus Forster</em> sprach mit den FilmemacherInnen <em>Romin Khan, Alexander Kleider</em> und <em>Daniela Michel</em> sowie mit <em>Ashraf </em>und <em>Mne</em>, zwei der ProtagonistInnen des Films, &#252;ber den t&#228;glichen &#220;berlebenskampf in den Armenvierteln rund um Kapstadt und &#252;ber Formen solidarischen Widerstands.<br />
<span id="more-1584"></span></p>
<p><em>Wie kam es zu diesem Filmprojekt und was ist der Grundgedanke Eures Films?</em> </p>
<p>Alexander: Normalerweise verfolgen wir immer das Ziel, Dokumentarfilme &#252;ber sozialkritische Themen oder  – vor allem in letzter Zeit – &#252;ber die Auswirkungen des Neoliberalismus auf einzelne Menschen zu machen. Romin Khan, der auch bei dem Film beteiligt war, hat ein Jahr in Kapstadt studiert und mir von den dort vorherrschenden sozialen Umst&#228;nden erz&#228;hlt. Das war der Ausl&#246;ser daf&#252;r, dass wir uns dazu entschieden haben, „S&#252;dafrika“ als Projekt in Angriff zu nehmen. </p>
<p><em>Ihr habt euch ja bewusst das Medium „Film“ ausgesucht. Welche Erwartungen habt ihr damit verbunden?<br />
</em><br />
Daniela: Unser Ziel ist es, Erfahrungsr&#228;ume zu schaffen, in denen man sich austauschen kann. F&#252;r uns war und ist vor allen Dingen die Filmtour sehr wichtig, da wir dadurch den Film in vielen verschiedenen Kinos oder Veranstaltungsr&#228;umen zeigen k&#246;nnen und die M&#246;glichkeit haben, mit Leuten zu diskutieren.<br />
Ashraf: Wir versuchen Leuten zu vermitteln, wie es ist, in Armut zu leben. Unsere Filme sollen die Menschen aufr&#252;tteln, damit sie sehen, dass die Ursachen f&#252;r Armut in der weltpolitischen Lage und in der neoliberalen Politik liegen. Ich bin mir zwar sicher, dass die Menschen das im Grunde genommen wissen, aber es ist notwendig, diese Missst&#228;nde immer und immer wieder aufzuzeigen. </p>
<p><em>Plant ihr den Film beispielsweise auch in Brasilien oder Indien zu zeigen? </em></p>
<p>Romin: Wir wollen nat&#252;rlich, dass der Film so oft wie m&#246;glich in der ganzen Welt gezeigt wird. Gerade weil die Probleme ja an verschiedenen Orten relativ &#228;hnlich sind, w&#228;re es, aus unserer Sicht, sehr wichtig, dass die Menschen &#252;ber diesen Film zusammenkommen. <em>Im Schatten des Tafelberges</em> ist in Deutschland und der Schweiz schon ziemlich pr&#228;sent. In Kiew und Vancouver l&#228;uft der Film auch schon auf diversen Dokumentarfilmfestivals. Wir hoffen nat&#252;rlich, dass er sich weiter in die verschiedenen Teile der Welt verbreitet, er also auch in Brasilien oder Indien gezeigt wird.</p>
<p><em>Glaubt ihr, dass die Fu&#223;ballweltmeisterschaft euer Projekt weiter st&#228;rkt?</em></p>
<p>Romin: Ich denke schon, dass die Aufmerksamkeit f&#252;r den Film im Kontext der Fu&#223;ballweltmeisterschaft gestiegen ist und noch weiter steigen wird. In den Medien wird immer der positive Einfluss der Weltmeisterschaft auf S&#252;dafrika betont – viele Menschen haben daher keine Ahnung davon, dass dieser „&#246;konomische Gewinn“ den Armen in S&#252;dafrika nicht zugute kommt. Der Film soll ihnen daher zeigen, wie die soziale Situation in Kapstadt wirklich aussieht und warum die Weltmeisterschaft diese sogar noch verschlechtern kann. </p>
<p><em>Mne, Ashraf, ihr seid ja direkt von den Auswirkungen der Weltmeisterschaft betroffen. Was passiert gerade in Kapstadt? Wen treffen die Umw&#228;lzungen am meisten?</em></p>
<p>Mne: Die Auswirkungen der Weltmeisterschaft betreffen in erster Linie die Armen und diejenigen, die gewerblich in der (Innen-)Stadt zu tun haben. Alte Geb&#228;ude werden abgerissen, um neue, den „westlichen Standards“ entsprechende Geb&#228;ude zu errichten. Dadurch m&#252;ssen viele Menschen ihre L&#228;den oder Wohnungen r&#228;umen und sie werden aus ihren „communities“ vertrieben. Fu&#223;ball ist an sich ein beliebter Sport in S&#252;dafrika – durch die Auswirkungen der Weltmeisterschaft &#228;ndert sich das jetzt allerdings zunehmend.<br />
Ashraf: In nur wenigen Monaten wurden – nicht nur in unmittelbarer N&#228;he zum Stadion – 800 R&#228;umungen vorgenommen. Insgesamt betrifft das 420.000 Menschen. Man sieht ganz deutlich, dass die Regierung die Weltmeisterschaft den Menschen vorzieht. Sie nimmt f&#252;r kurzfristige Profite und globale Anerkennung zunehmende Obdachlosigkeit und Armut in Kauf. Wie Mne bereits angedeutet hat, ist es so, dass die armen Leute zunehmend die M&#246;glichkeit verlieren, Handel zu treiben, weil sie pl&#246;tzlich keine Gesch&#228;ftslokale mehr haben. Das hei&#223;t wiederum, dass sie nicht mehr in der Lage sind, ihre Miete oder ihr Essen zu zahlen. </p>
<p><em>Was hat es mit der Anti-R&#228;umungskampagne auf sich? Wie und in welchem historischen Kontext ist sie entstanden?</em></p>
<p>Ashraf: Durch den politischen Wandel 1994<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> erwarteten alle, dass sich vor allem f&#252;r die Armen die Situation verbessern w&#252;rde. Stattdessen wurde der &#246;ffentliche Sektor, unter anderem der Wohnungsbau und viele Bildungseinrichtungen, privatisiert. Die Lage der Armen in Kapstadt und also auch unsere eigene Situation ist dadurch nat&#252;rlich noch prek&#228;rer geworden. Auch wenn wir keine Kriminellen sind, wurden und werden wir st&#228;ndig kriminalisiert.<br />
Um diese Situation zu &#228;ndern, formierte sich nach 1994 vor allem in strukturschwachen <em>communities </em>die Anti-R&#228;umungskampagne. Wir gr&#252;ndeten eine Plattform, deren Ziel es war, gemeinsam f&#252;r unsere Rechte zu k&#228;mpfen. Die Situation ist heute zwar noch immer nicht viel besser; die Kampagne ist allerdings in den <em>communities </em>ziemlich bekannt. Die Menschen wissen genau, wer wir sind und was wir tun. Sie kommen auch immer &#246;fter mit ihren Problemen zu uns. Die Anti-R&#228;umungskampagne verhandelt nicht – sie protestiert. Die Protestformen haben sich seit dem Ende der Apartheid allerdings stark gewandelt. Da die Politik wei&#223;, wie sie mit traditionellen Protestformen umgehen muss, um sie ins Leere laufen zu lassen, versuchen wir neue, kreative Protestformen zu entwickeln. Die direkte Aktion ist ein Beispiel daf&#252;r. Wenn beispielsweise von staatlichen oder privaten Organen Wasserleitungen durchtrennt werden, weil die Rechnungen nicht bezahlt wurden, fixieren wir sie einfach wieder. Wir gehen auch gemeinsam in Kliniken und versuchen Gratisbehandlungen f&#252;r arme Menschen zu erzwingen. Wir wollen unmittelbare Erfolge sehen und versuchen daher direkte Aktionen durchzuf&#252;hren, anstatt Diskussionen zu f&#252;hren.<br />
Die Anti-R&#228;umungskampagne hat in vielen Stadtgebieten, in denen es soziale Probleme gibt, Anlaufstellen er&#246;ffnet, die gemeinsam mit den <em>communities </em>entscheiden, was unmittelbar getan werden muss und kann. Unsere Ideologie kann daher als <em>communitism </em>bezeichnet werden: Wir versuchen die <em>communities </em>zu st&#228;rken und eigenst&#228;ndig zu machen, anstatt &#8211; wie eine Beh&#246;rde – Sachen f&#252;r sie zu erledigen.</p>
<p><em>Ein gro&#223;es Problem eurer K&#228;mpfe scheint das Verh&#228;ltnis zum </em>African National Congress (ANC)</em> bzw. die Geschichte des ANC zu sein. Es wirkt von au&#223;en so, als ob es eine Art Kampf darum g&#228;be, wer der/die „legitime“ StellvertreterIn der Armen sein darf. Ihr versucht ja &#252;ber eure Kampagne die Legitimation des ANC herauszufordern.<br />
</em><br />
Ashraf: Der ANC ist eine politische Partei und l&#228;ngst keine revolution&#228;re Bewegung mehr. Die Mitglieder der politischen Elite innerhalb des ANC m&#246;gen zwar Ex-Revolution&#228;rInnen sein, aber jetzt sind sie eben Million&#228;rInnen – wir wissen also, dass sie die Interessen der armen Leute nicht (mehr) vertreten.<br />
Unser Ziel ist es nicht, Legitimation zu erk&#228;mpfen. Wir sind gegen jede politische Partei, egal ob das der ANC, die <em>Democratical Alliance</em>, die <em>Inkatha Freedom Party</em>, das <em>United Democratic Movement</em>, die <em>African Christians</em> oder die <em>National Party</em> ist. Einer unserer Grunds&#228;tze aus dem Jahr 2004 besagt: „Kein Land, kein Haus – keine Wahl“. D.h. wir sagen unseren Leuten, sie sollen nicht w&#228;hlen gehen, sondern am Tag der Wahl lautstark protestieren. Am 27. April ist beispielsweise der sogenannte <em>Freedom Day </em><a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>. Wir von der Anti-R&#228;umungskampagne „feiern“ an diesem Tag den <em>Unfreedom Day</em> und weisen damit auf die schlechte Situation und die herrschenden Umst&#228;nde hin.</p>
<p><em>Versucht ihr auch &#252;ber offizielle, rechtliche Wege, beispielsweise durch Berufung auf die Verfassungsgrunds&#228;tze, etwas zu ver&#228;ndern? </em></p>
<p>Ashraf: Ja, 2002 haben wir einen Koordinierungsausschuss gegr&#252;ndet, dessen Ziel es war, die Stadt Kapstadt zu verklagen und das Kappen von Wasserleitungen als verfassungswidrig zu deklarieren. Wir wollten so etwas eigentlich nie tun, aber weil wir gesehen haben, dass die Abgeordneten des ANC nicht uns, sondern den Staat unterst&#252;tzen, haben wir uns dazu entschieden, den offiziellen Weg zu gehen. Mittlerweile hat sich die Arbeit des Koordinierungsausschusses auch ausgeweitet. Wir versuchen beispielsweise die Armen vor einer Verurteilung zu bewahren, wenn sie im Falle von R&#228;umungen gezwungen werden, vor Gericht zu gehen – wenn jemand n&#228;mlich nicht vor Gericht geht und einfach in das Haus zur&#252;ckkehrt, in dem er/sie unter Umst&#228;nden 30 Jahre gelebt hat, wird er/sie wegen Hausfriedensbruch verurteilt. Wir haben desweiteren in Durban<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> gegen ein Gesetz geklagt, das die BewohnerInnen einer unserer <em>communities </em>zu SlumbewohnerInnen erkl&#228;rt h&#228;tte, d.h. die Orte, an denen sie lebten, sollten zu Slums erkl&#228;rt werden. Dies h&#228;tte es der Politik erlaubt, ohne gerichtliches Verfahren jederzeit alles r&#228;umen zu lassen. Das Gesetz ist zwar noch nicht verhindert, aber wenigstens steht es jetzt wieder zur Diskussion.<br />
Eigentlich wollen wir &#252;berhaupt nicht vor Gericht gehen, aber weil die Politik und die Wirtschaft es machen, machen wir es auch. Wir sind andererseits aber auch davon &#252;berzeugt, dass der rechtliche Kampf nur wenig bewirkt und dass Widerstand auf vielen, anderen Ebenen geleistet werden muss. </p>
<p><em>Versucht ihr auch mit anderen sozialen Bewegungen, z.B. der Landlosenbewegung zusammenzuarbeiten?</em></p>
<p>Ashraf: Ja nat&#252;rlich! 2002 sind wir als <em>community </em>im Rahmen der Anti-R&#228;umungskampagne zum Weltkongress f&#252;r Nachhaltige Entwicklung gefahren. Allerdings stehen wir einigen NGOs auch kritisch gegen&#252;ber. Wir haben im Laufe der Jahre leider erfahren m&#252;ssen, dass sich beispielsweise die <em>South African National NGO Coalition</em> (SANGOCO) all unsere Ressourcen aneignen wollte, weshalb wir uns 2002 von den NGOs verabschiedeten und das <em>Netzwerk sozialer Bewegungen in S&#252;dafrika</em> (SMI) gr&#252;ndeten. Das SMI institutionalisierte sich jedoch relativ rasch und wurde zu einer wichtigen NGO S&#252;dafrikas. Als wir 2006 zur – j&#228;hrlich stattfindenden Konferenz – des SMI gingen, mussten wir erfahren, dass diese NGOisierung das SMI komplett ver&#228;ndert hatte. Das Netzwerk sprach &#252;ber die Interessen der Armen – also &#252;ber unsere Interessen – ohne mit uns zu reden, ohne uns einzubinden.<br />
Neben dem SMI haben wir uns auch an der Gr&#252;ndung anderer Bewegungen und Netzwerke beteiligt. Ein Beispiel ist die <em>Shacklessness</em>-Bewegung, also eine Bewegung von und mit Menschen, die in Baracken wohnen. Desweiteren sind wir auch in der <em>Action Alliance</em> aktiv, in der verschiedene soziale Gruppierungen und Personen zusammenarbeiten. Durch diese Action Alliance haben wir Kontakte zu anderen, k&#228;mpfenden communities gekn&#252;pft, insbesondere zu der Landlosenbewegung und zum <em>Rural Network</em>. Mit diesen haben wir die <em>Poor People Alliance of South Africa</em> gegr&#252;ndet.<br />
Also, um deine Frage zu beantworten: Ja, wir versuchen st&#228;ndig uns mit anderen sozialen Bewegungen zusammenzuschlie&#223;en. Unser n&#228;chstes Ziel ist die Vernetzung mit Leuten und Bewegungen aus Europa, um eine <em>Poor People Alliance of the World</em> zu gr&#252;nden. </p>
<p><em> Wie k&#246;nnte eine solche Allianz zwischen europ&#228;ischen und s&#252;dafrikanischen sozialen Bewegungen aussehen?</em> </p>
<p>Ashraf: In S&#252;dafrika besitzen gro&#223;e, multinationale Konzerne – darunter auch viele europ&#228;ische Firmen – fast alles und mischen sich in Angelegenheiten, die uns betreffen, ein. Wir denken daher, dass die Kooperation mit sozialen Bewegungen in Europa besonders wichtig ist, weil sie ihre eigenen Regierungen anprangern k&#246;nnen. Unser gemeinsames Ziel muss es sein, aufzuzeigen, dass es nicht nur „arme AfrikanerInnen“ auf der einen und „reiche Europ&#228;erInnen“ auf der anderen Seite gibt, sondern dass wir alle mit denselben Problemen zu k&#228;mpfen haben. W&#228;hrend die politische Klasse weltweit von diesem System profitiert, leiden in allen Gebieten der Erde Menschen unter dessen Auswirkungen. Ein gemeinsames Ziel k&#246;nnte beispielsweise die Forderung nach einem universellen und bedingungslosen Grundeinkommen f&#252;r alle sein. Zwischen sozialen Bewegungen in Europa und (S&#252;d-) Afrika sollte eine gleichberechtige Beziehung hergestellt werden, ein Geben und Nehmen, und nicht ein „Wir“ und „Ihr“. Wir glauben zudem eher an Solidarit&#228;t durch Aktionen und nicht an Solidarit&#228;t durch &#246;konomische Unterst&#252;tzung. Wir w&#228;ren um einiges schlagkr&#228;ftiger, wenn wir uns &#252;ber gemeinsame Aktionen zusammenschlie&#223;en und definieren w&#252;rden. Sowohl in S&#252;dafrika als auch in Europa gibt es viele Orte, die f&#252;r Aktionen in Anspruch genommen werden k&#246;nnen. </p>
<p><em>Vielen Dank f&#252;r eure interessanten Ausf&#252;hrungen!</em></p>
<p><em>Romin Khan</em> forscht zu S&#252;dafrika und ist Mitherausgeber des Bandes S&#252;dafrika. Die Grenzen der Befreiung (Assoziation A, Berlin/Hamburg)</p>
<p><em>Alexander Kleider</em> ist Autor, Ressigisseur und Kameramann sowie Mitbegr&#252;nder der Filmkooperative DOKWERK.<br />
<em><br />
Daniela Michel</em> ist Autorin, Regisseurin und Produzentin sowie Mitbegr&#252;nderin der Filmkooperative DOKWERK.</p>
<p><em>Ashraf Cassiem</em> und <em>Mncedisi Twalo</em> sind Aktivisten der Anti-R&#228;umungskampagne Kapstadt.</p>
<p><em>Franziskus Forster</em> studiert Internationale Entwicklung und ist aktiv bei attac.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> 1994 wurden in S&#252;dafrika die ersten freien Wahlen nach dem Ende des Apartheid-Regimes abgehalten. Der African National Congress (ANC) gewann die Wahlen und Nelson Mandela wurde Pr&#228;sident. Die Partei ist seit 1994 durchgehend an der Macht.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a>Der 27. April 1994 ist der Tag der ersten freien Wahlen und daher in S&#252;dafrika Nationalfeiertag.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Durban ist eine Gro&#223;stadt an der Ostk&#252;ste S&#252;dafrikas.</p>
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		<title>Sanfte Verdr&#228;ngung: Gentrifizierung in Wien</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 10:46:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Gentrifizierung gibt es in Wien nicht, meint die sozialdemokratische Stadtverwaltung. &#220;ber diese Realit&#228;tsverweigerung sprachen Katharina Hajek und Felix Wiegand mit Jakob Weingartner, der sich intensiv mit dieser Frage auseinander gesetzt hat. Er erkl&#228;rt, was das Wiener Brunnenviertel mit der New Yorker Lower East Side zu tun haben k&#246;nnte, inwiefern sich ImmobilieninvestorInnen und die Sanfte Stadterneuerung perfekt erg&#228;nzen und welche Rolle [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gentrifizierung gibt es in Wien nicht, meint die sozialdemokratische Stadtverwaltung. &#220;ber diese Realit&#228;tsverweigerung sprachen <em>Katharina Hajek</em> und <em>Felix Wiegand</em> mit <em>Jakob Weingartner</em>, der sich intensiv mit dieser Frage auseinander gesetzt hat. Er erkl&#228;rt, was das Wiener Brunnenviertel mit der New Yorker Lower East Side zu tun haben k&#246;nnte, inwiefern sich ImmobilieninvestorInnen und die Sanfte Stadterneuerung perfekt erg&#228;nzen und welche Rolle dabei K&#252;nstlerInnen, Dachterrassen und Fu&#223;ballk&#228;fige einnehmen.<br />
<span id="more-1579"></span><br />
<em>Das Thema Gentrifizierung hat es mittlerweile bis in die Mainstream-Medien geschafft. Weitl&#228;ufig wird damit der Prozess der &#246;konomischen und symbolischen Aufwertung eines Gr&#228;tzels, der Zuzug neuer, kaufkr&#228;ftigerer BewohnerInnen und die Verdr&#228;ngung der bestehenden, sozial schw&#228;cheren Bev&#246;lkerung bezeichnet. Kannst Du uns ein bisschen mehr &#252;ber den theoretischen Background des Gentrifzierungs-Begriffs erz&#228;hlen?</em></p>
<p>Den Begriff der Gentrifizierung haben sich kritische UrbanistInnen im Zuge der 1970er und -80er Jahre auf die Fahnen geschrieben, um einen Kontrapunkt zum bis dahin im urbanistischen Diskurs dominierenden neoklassischen Axiom zu setzen. In den 1970er Jahren wurde von vielen UrbanistInnen der Marxismus entdeckt. Die Koryph&#228;e war Henri Lefebvre. Er hat die Erfahrungen der Aufst&#228;nde von 1968 – gerade auch in Paris – genutzt, und darauf aufbauend versucht, die marxistische Analyse in den Raum zu &#252;bersetzen. Das war lange ein blinder Fleck im Marxismus. Es gibt die ber&#252;hmte Analyse von Engels &#252;ber die Armenquartiere in Manchester, wo er von Kapital- und Arbeitskraftkonzentration spricht und einer schlimmen Verslumung, die sich daraus ergibt; aber viel mehr…? Lefebvre hat die marxistischen Axiome und die Unterscheidung von Gebrauchs- und Tauschwert genutzt, um zu fragen: Welche Interessen hat das Kapital am Raum, welche die ArbeiterInnen? F&#252;r ArbeiterInnen hat der Raum v. a. einen Gebrauchswert: da wo ich wohne, da m&#246;chte ich mich wohlf&#252;hlen, da m&#246;chte ich mich ausruhen von der Arbeit usw. Die Kapitalseite sieht im Raum ganz etwas Anderes. Der geht es darum, Mehrwert zu erwirtschaften. Dazu muss man Raum abstrahieren und mit Nummern versehen, damit man ihn dann verkaufen oder vermieten kann. Diesen prim&#228;ren Widerspruch hat Lefebvre sehr sch&#246;n beschrieben.  Darauf haben dann andere marxistisch gepr&#228;gte UrbanistInnen aufgebaut, David Harvey war unter anderem sehr wichtig. In den 1980er Jahren, als an den Universit&#228;ten heftige ideologische Grabenk&#228;mpfe herrschten, wie Raum &#252;berhaupt zu diskutieren sei, hat Neil Smith, ankn&#252;pfend an Harvey, das erste Mal eine wirklich umfassende und schl&#252;ssige Gentrifizierungs-Theorie aufgestellt. </p>
<p><em>Worin besteht der Kern des Zugangs von Smith? Kannst Du Beispiele nennen, die das illustrieren?</em></p>
<p>Zentral ist der Blick auf die zyklische Entwicklung des Kapitalismus. In der Stadt existieren die Rahmenbedingungen f&#252;r die Produktionsbed&#252;rfnisse des Kapitalismus in physisch-materieller, r&#228;umlicher Form. Wegen der permanenten Umw&#228;lzung der Produktion werden die Produktionsst&#228;tten, die Infrastruktur etc. immer wieder unproduktiv, sie verlieren ihre Aktualit&#228;t. Es kommt zu Desinvestition. Die Container-Technologie hat z. B. dazu gef&#252;hrt, dass extrem viele Hafenstrukturen, die vorher im Zusammenhang mit Massenproduktion und Warenhandel wichtig waren, pl&#246;tzlich nicht mehr genutzt wurden, brach lagen und dem Verfall anheim fielen. Die Docklands in London oder in Brooklyn sind gute Beispiele. Wo vorher noch viel Kapital investiert wurde, damit der Hafen gut funktioniert, geriet pl&#246;tzlich der r&#228;umliche Produktionszyklus in die Krise. Das Kapital wurde im gro&#223;en Stil abgezogen, weil es dort Nichts mehr zu holen gab. Heute sind die Docklands aber genau wegen dieser Desinvestition so interessant: Es gibt diese R&#228;umlichkeiten, Lagerhallen usw., die man umbauen kann, aber das Gebiet ist v&#246;llig unterbewertet.  Das ist nat&#252;rlich der feuchte Traum jedes <em>Developers</em>. Weil der Raum extrem niedrig bewertet ist, kann er oder sie &#252;ber ein Kapitalinvestment eine riesige Gewinnspanne herausholen, d. h. der so genannte <em>rent-gap</em> ist extrem breit. Nicht umsonst sind diese Docklands heute ein sehr wichtiger Anziehungspunkt f&#252;r Kapital und Gentrifizierung. Das nennt sich dann <em>Waterfront-Development</em> und ist z. B. in der <em>Hafencity </em>in Hamburg gut zu beobachten. Dabei spielt auch der symbolische Aspekt eine gro&#223;e Rolle: Es gibt heute nichts Hei&#223;eres f&#252;r ein Architekturb&#252;ro, als in einer ehemaligen Lagerhalle mit Klinkersteinen sein B&#252;ro zu haben, mit Blick &#252;bers Wasser. Es ist faszinierend, wie eine Struktur, die in einem bestimmten kapitalistischen Zykus eine spezifische Funktion hatte, heutzutage pl&#246;tzlich eine v&#246;llige andere Benutzung erf&#228;hrt, w&#228;hrend gleichzeitig noch die Identit&#228;ten und die proletarische Authentizit&#228;t – das Schaffen, das Wirken aus der Vergangenheit – in die Gegenwart hineinwabert.<br />
Wenn man sich nicht Hafengebiete, sondern normale Stadtviertel anschaut – Neil Smith hat das f&#252;r die <em>Lower East Side</em> in New York gemacht – dann sind hier ganz &#228;hnliche Prozesse zu beobachten. Die <em>Lower East Side</em> hat ebenso &#252;ber viele Jahrzehnte eine starke Desinvestition erfahren. Es war eine heruntergekommene Gegend mit hoher Kriminalit&#228;t, aber man konnte dort billig wohnen, was vor allem f&#252;r MigrantInnen interessant war. Gleichzeitig war es auch ein Viertel, wo Dinge m&#246;glich waren, die woanders nicht m&#246;glich waren. Der Punkrock ist beispielsweise dort entstanden, es wurde mit neuen Geschlechterkonstruktionen gespielt usw., d. h. es war ein St&#252;ck weit auch ein Labor f&#252;r sp&#228;tere gesellschaftliche Entwicklungen. Gerade aufgrund der Desinvestiton konnte Gentrifizierung in der <em>Lower East Side</em> so einen Triumphzug erleben. Gentrifizierung versteht man nur, wenn man es in einem breiteren historischen Kontext verortet: Dass in St&#228;dten immer wieder Viertel eine Kapitalflucht erleben, ist notwendig, damit das Kapital danach unter m&#246;glichst gro&#223;em Triumph wieder einziehen kann. </p>
<p><em>Was verr&#228;t eine solche Perspektive denn &#252;ber Wien? Es hei&#223;t ja oft, hier w&#252;rden besondere Bedingungen herrschen und es g&#228;be deshalb gar keine Gentrifizierung.</em> </p>
<p>Zun&#228;chst darf man nicht den Fehler machen, in der Gentrifizierungs-Theorie ein Werkzeug zu sehen, das man auf alle m&#246;glichen St&#228;dte einfach anwenden kann. Man muss sich die historischen und sozialr&#228;umlichen Kontexte genau anschauen. Also: Das Besondere an Wien ist der soziale Wohnbau – Wien hat neben den so genannten realsozialistischen Staaten das weltweit h&#246;chste Budget f&#252;r sozialen Wohnbau. Warum der Stadt das so wichtig ist und sie in diesen Sektor so viel Geld hineinpumpt, kann historisch aus dem Roten Wien erkl&#228;rt werden. Bis Mitte der 1970er Jahre hat Wien im Wohnbau wirklich einen beispiellosen Aufwand betrieben. Wie auch an vielen anderen Orten in Europa wurden zu dieser Zeit in Wien v. a. riesige, fordistisch-standardisierte Wohnsilos am Stadtrand gebaut, z. B. die Per-Albin-Hansson-Siedlung. Dadurch war es m&#246;glich, dass die klientilistisch an die SP&#214; gebundene ArbeiterInnenschaft aus dem miesen innerst&#228;dtischen Wohnraum heraus gekommen ist, aus den zum Teil noch zerbombten H&#228;usern, aus den Substandardwohnungen. Das war das sozialdemokratische Entwicklungsmodell der Nachkriegszeit f&#252;r Wien, das nat&#252;rlich auch nur unter der sozialdemokratischen Hegemonie durchsetzbar war. Das Problem, das sich f&#252;r die Stadt Wien gestellt hat, war jedoch: Was passiert mit dem Wohnraum, der brach liegt, wenn Leute wegziehen und ihre alten Wohnungen zur&#252;cklassen? Es gab in Wien bis Mitte der 1970er Jahre tats&#228;chlich einen sehr hohen Leerstand. Das &#246;ffentliche Geld wurde in die Gro&#223;projekte am Stadtrand gesteckt und die Innenst&#228;dte stagnierten. Weil der Trend in Richtung Stadtrandsiedlung ging, kamen auch Privatinvestitionen v&#246;llig zum Erliegen, d. h. privates Kapital floss nicht mehr in die Innenbezirke. Der Stadtverwaltung wurde schnell klar: Da muss man gegensteuern. Deswegen haben sie dann die Werkzeuge der ber&#252;hmten Sanften Stadterneuerung geschaffen.</p>
<p><em>Kannst Du erkl&#228;ren, in welchem Kontext das Konzept der Sanften Stadterneuerung in Wien das erste Mal zu Anwendung kam und was genau dieses Instrument beinhaltet?</em></p>
<p>In den 1970er Jahren sollten die historischen Geb&#228;ude am Spittelberg im 7. Bezirk geschliffen und stattdessen riesige Wohnbauten errichtet werden. Dieser Form der technokratischen Stadtplanung hat sich eine Viertel-Bewegung von unten entgegengesetzt. Die Bewegung war eine Koalition aus durchaus linken Amerlinghaus-BesetzerInnen und b&#252;rgerlichen &#214;VP-W&#228;hlerInnen, welche sich die Planung von oben nicht mehr gefallen lassen und die historischen Strukturen retten wollten. Dieses B&#252;ndnis hat es geschafft, die Bagger zu stoppen: Der Spittelberg wurde nicht abgerissen, stattdessen wurde seine Renovierung von den damals neu geschaffenen Instrumenten der Sanften Stadterneuerung staatlich gef&#246;rdert. Das Faszinierende an diesem ganzen Prozess war, dass es der sozialdemokratischen Stadtverwaltung gelungen ist, den Widerstand dieser post-68er Bewegung aufzugreifen und etwas Neues daraus zu machen. Das ist wie stadtplanerisches Aikido: die Kraft dieser Bewegung wurde aufgenommen und daraus die Sanfte Stadterneuerung gebastelt. Ich habe das Gef&#252;hl, dass das auch eine neue soziale Formation war, die sich da gewehrt hat. Genau diese soziale Formation, die sich aus den 68ern heraus entwickelt hat und ihre Vorstellungen der Stadt-Nutzung in die Stadtplanung rein getragen haben, geh&#246;rt heute zur neuen Elite der Stadt Wien: akademisch gebildete, urspr&#252;nglich aktivistische Leute, die sp&#228;ter dann verb&#252;rgerlicht sind und den Spittelberg heute zu dem gemacht haben, was er ist: ein Freilicht-Museum, dass sich wirklich nur die reichsten Leute leisten k&#246;nnen. Diese „Spittelbergisierung“ kann als Folge der Sanften Stadterneuerung gesehen werden, es geht um eine Art „sanfte“ Gentrifizierung.<br />
Im Endeffekt ist die Idee der Sanften Stadterneuerung, dass die &#246;ffentliche Hand Anreize f&#252;r private InvestorInnen schafft, wieder in den innerst&#228;dtischen Wohnbereich, in Gr&#252;nderzeith&#228;user zu investieren und den Wohnstandard zu erhalten bzw. zu verbessern. Das beinhaltet allerdings die M&#246;glichkeit einer nachfolgenden Erh&#246;hung des Mietzinses. Konkret funktioniert das so: Du hast ein Haus, in dem es sehr viele Substandardwohnungen gibt. Jetzt kann ein privater Investor, beispielsweise eine Renovierungsgesellschaft, einen Antrag auf F&#246;rderung bei der Stadt Wien stellen. Jeder Antrag wird nach einem Punktesystem bewertet. Verschiedene Faktoren wirken sich positiv auf das F&#246;rdervolumen aus: Ma&#223;nahmen, die den Allgemeinzustand des Hauses verbessern, &#246;kologische Kriterien, das Installieren eines Aufzugs etc. Allerdings kann nur saniert werden, wenn in dem Haus Kategorie C oder D Wohnungen &#252;berwiegen. Wenn das alles gegeben ist, schie&#223;t die Stadt Wien w&#228;hrend eines Zeitraums von zehn Jahren 50 Prozent der Renovierungskosten zu. &#220;ber diesen Zeitraum hinweg wird das Ansteigen des Mietniveaus limitiert, aber nicht verhindert. Was danach passiert, ist wieder eine ganz andere Frage. Sobald privates Investitionskapital in ein ArbeiterInnenviertel gelockt wird und es zu Aufwertungen kommt, wirst du es mit einem Verdr&#228;ngungsph&#228;nomen zu tun haben.  Wo soll denn das Geld herkommen f&#252;r die aufgewerteten Wohnungen? Au&#223;erdem ist Sanfte Stadterneuerung immer auch Wohnungsbau: Es werden Zimmer zusammengelegt und gr&#246;&#223;ere Wohneinheiten geschaffen. Der Anteil an Wohnungen unter 35m2 ist zwischen 1971 und 2001 von 18,7 auf 7,8 Prozent gesunken. Das Problem ist aber: Kannst du dir die gr&#246;&#223;ere Wohnung dann auch leisten? Du musst ja pl&#246;tzlich zwei Wohnungen bezahlen, daf&#252;r musst du dann aber viel mehr verdienen.  Damit sto&#223;en wir dann schon wieder an die Grenzen der Sanften Stadterneuerung, oft geht es einfach auch um die Quadratmeter. Insgesamt wird den negativen Konsequenzen der Bestandserhaltung bzw. -verbesserung einfach zu wenig Beachtung geschenkt. </p>
<p><em>Worin bestanden denn die Auswirkungen dieses Instruments der Sanften Stadterneuerung f&#252;r den gesamten Wiener Raum?</em></p>
<p>Mit der Sanften Stadterneuerung hat es die Stadt Wien wirklich geschafft, den Negativtrend, von dem ich gesprochen habe, herumzurei&#223;en: Es begann wieder – auch privates – Investitionskapital in den Altbausektor zu flie&#223;en. Der Anteil von Substandardwohnungen mit WC und Wasser am Gang hat zwischen 1971 und 2001 von 33 auf 7,6 Prozent abgenommen. Gleichzeitig gewannen aber nat&#252;rlich auch die Widerspr&#252;che des kapitalistischen Wohnungsmarktes wieder an Bedeutung, und das ist genau die Krux der Sanften Stadterneuerung: Einerseits wird der Wohnraum mit Hilfe von Privatkapital aufgewertet. Andererseits entstehen dann auch wirklich negative Konsequenzen, denn das Privatkapital m&#246;chte aus der Aufwertung nat&#252;rlich Profit schlagen, durch h&#246;here Mieten. Gewisse Bev&#246;lkerungsschichten k&#246;nnen sich die Wohnungen einfach nicht mehr leisten und m&#252;ssen dann in andere Stadtteile ziehen.<br />
Einer dieser anderen Stadtteile war in den 1980er Jahren Ottakring und insbesondere das Brunnenviertel. Dazu muss man wissen: &#214;sterreich und Wien haben zu der Zeit eine starke Migration erfahren, d. h. es wurden sehr viele Arbeitskr&#228;fte angeworben. Man hat angenommen, dass sie nur f&#252;r einen kurzen Zeitraum in Wien bleiben und dann wieder „nach Hause“ geschickt werden. Nur, diese Leute sind geblieben, ihre Arbeitskraft wurde gebraucht. Und sie mussten irgendwo wohnen. Weil im innerst&#228;dtischen Bereich durch die Sanierungsaktivit&#228;ten der Stadt Wien immer mehr Substandardwohnungen verloren gingen und die Gemeindebauten ihnen verschlossen waren, haben diese Leute dann eben andere R&#228;ume gesucht. Ottakring und hier insbesondere das Brunnenviertel waren so ein Auffangbecken. Da konnte man auch als MigrantIn einen Vertrag f&#252;r eine Wohnung bekommen. Gleichzeitig war es so, dass die mehrheits&#246;sterreichische ArbeiterInnenschaft aus dem Brunnenviertel in die gro&#223;en Siedlungen gezogen ist, weil sie die Schnauze voll hatte von Altbau-Wohnungen mit Klo auf dem Gang, keinem flie&#223;enden Wasser in der Wohnung, etc.. Es hat sich hier im Raum etwas niedergeschlagen, was auf einer breiten gesellschaftlichen Ebene passiert ist: der mehrheits&#246;sterreichischen ArbeiterInnenschaft gelang der Aufstieg mit Hilfe der Sozialdemokratie und der Sozialpartnerschaft. Die R&#228;ume und das Vakuum, das sich unten aufgetan hat, wurden von migrantischen Arbeitskr&#228;ften aufgef&#252;llt. Das kann man im Produktionsprozess sehen, wo die MigrantInnen die miesen Jobs &#252;bernommen haben, aber man sieht das eben auch im urbanen Prozess. Im Endeffekt haben die MigrantInnen im Brunnenviertel aber doch nicht so billig gewohnt, weil es sich schnell rumgesprochen hat, dass eine sozial verletzliche Bev&#246;lkerungsformation in diese Gebiete zieht. HausbesitzerInnen und Miethaie haben die Schw&#228;che der MigrantInen ausgenutzt, um denen f&#252;r schlechten Wohnraum hohe Mieten abzuziehen, ohne daf&#252;r irgendetwas in die H&#228;user zu investieren. Die Gegend war insofern von starker Desinvestition und Kapitalexodus gepr&#228;gt. Es kam zu einer gewissen „Verslumung“ im Brunnenviertel.<br />
Trotzdem haben es t&#252;rkische oder jugoslawische &#214;sterreicherInnen geschafft, aus dem Brunnenviertel das zu machen, was es heute ist. Es ist eben kein Ghetto: Es gibt Gr&#228;tzel, es gibt soziale Koh&#228;sion, es gibt Kommunikation. Es nervt mich wahnsinnig, wenn man das Brunnenviertel als verbrannte Erde darstellt, wo sich eh nur die „Tschuschen“ den „Sch&#228;del einschlagen“. Das ist Quatsch. Es ist ein Viertel, das &#252;ber viele Jahrzehnte in einer Krise war, aber trotz dieser Krise haben es die Leute dort geschafft, ein lebendiges Viertel zu schaffen, von dem Zuz&#252;glerInnen heute profitieren! </p>
<p><em>Wie wurde aus dem Brunnenviertel der 1970er und -80er Jahre das, was man heute sieht, wenn man den Yppenplatz betritt?</em></p>
<p>Das ist eine sehr gute Frage. Ich glaube, man muss das im Kontext der ber&#252;hmten G&#252;rtelsanierung sehen. Es gibt in Wien einen Stadtentwicklungsplan, in dem die Stadt ihre prim&#228;ren Entwicklungsgebiete definiert und festlegt, was mit der Stadt in Zukunft passieren soll. Ende der 1990er Jahre war das G&#252;rtelgebiet eine ganz wichtige Zone dieses Plans, ein sogenannter <em>Fokus-Point</em>. Der G&#252;rtel war und ist ja immer noch ein bisschen ein Rotlichtgebiet. Bis hinein in die 1990er Jahre war das die No-Go-Area von Wien. Eine Gegend, wo man mit dem Auto durchf&#228;hrt, aber nicht spazieren geht; wo die Mutter der Tochter beim Vorbeifahren die Augen zuh&#228;lt; Das war der G&#252;rtel, eine Gegend, wo der „g’schupfte Ferdl“ am Wochenende mit dem Feitl im Sack Tanzen geht.<br />
Die Stadt Wien ist angetreten, das zu &#228;ndern. Es war aber klar, dass gerade bei dieser Fama das private Kapital nie in irgendwelche Projekte am G&#252;rtel investieren w&#252;rde. Wien hat aber die neoliberalen Zeichen der Zeit erkannt: statt die soziale Situation in der Stadt durch viertel&#252;bergreifende, &#246;ffentliche Investitionen zu &#228;ndern, versucht man, <em>Public-Private-Partnerships</em> (PPP) zu schaffen. Dabei geht es darum, das &#246;ffentliche Subventionen einen privaten Kapitalzufluss vereinfachen oder erm&#246;glichen sollen. Letztlich wird versucht, den Standortwettbewerb &#252;ber &#246;ffentliche Mittel f&#252;r sich zu entscheiden. Und genau das ist am G&#252;rtel passiert. Man hat dort versucht, einen kreativen <em>Cluster </em>anzusiedeln, indem man z. B. Clubs die G&#252;rtellokale zur Verf&#252;gung gestellt hat, gratis oder sehr billig.  Dann gab es dieses IP2-Projekt [futuristisches B&#252;rogeb&#228;ude am G&#252;rtel, Anm. d. Red.], wof&#252;r Kapital von der Sparkasse angeworben wurde. Teilweise haben diese Projekte funktioniert, teilweise auch nicht: die Lokale innerhalb des G&#252;rtelbogens sind erfolgreich, das IP2-Geb&#228;ude steht auch da, wobei niemand wei&#223;, was man damit anfangen soll. In jedem Fall wurde als Nebeneffekt dieses Prozesses auch das Brunnenviertel wieder neu entdeckt. Der „MigrantInnenslum“ von Wien hat sich zu einem Fokus f&#252;r PPP und die Sanfte Stadterneuerung entwickelt. Die Gentrifizierung ist zwar noch in einem relativ fr&#252;hen Stadium, aber man kann sehr sch&#246;n beobachten, wie Kunst und Kultur eine Pionierrolle f&#252;r eine Kapitalr&#252;ckkehr &#252;bernehmen. Interessanterweise haben im Brunnenviertel historisch immer auch Mehrheits&#246;sterreicherInnen gewohnt, die sich das Wohnen in anderen Teilen der Stadt nicht leisten konnten oder die gerne dort gewohnt haben. Ein Beispiel ist Ulla Schneider, die Initiatorin des Kunst- und Kulturfestivals <em>Soho in Ottakring</em>. Die wohnt schon ewig in dem Viertel und hatte die Idee, aus den ganzen Leerst&#228;nden, die sich im Viertel ergeben haben, etwas zu machen. Mit Unterst&#252;tzung der Stadt Wien, des Gr&#228;tzel- bzw. Quartiermanagements hat sie dann <em>SoHo in Ottakring</em> aufgebaut. Was nun passierte, war faszinierend zu beobachten: Pl&#246;tzlich str&#246;mten diese Kunst-PionierInnen in das Viertel und was davor noch ein „Problem“ war, was „h&#228;sslich“ war, ein leerer oder verklebter Laden, Wettb&#252;ros usw., war pl&#246;tzlich aufregend und interessant, also kulturelles Kapital. Á la „K&#252;nstlerInnen gehen jetzt ins Ghetto und machen was draus“.<br />
Dabei wurde den <em>SoHo in Ottakring</em>-Leuten schnell klar, dass sie vielleicht auch instrumentalisiert werden, dass sie sich mit den Geistern auseinandersetzen m&#252;ssen, die sie riefen. Sie haben dann versucht, mit einer klar antirassistischen Ausrichtung gegenzusteuern. Das haben viele Leute begr&#252;&#223;t, dass <em>SoHo </em>versucht, sich zu politisieren und sagt: „Wir sind hier keine Vermittlungsagentur f&#252;r leere Ladenr&#228;ume“. Es gab dann viele Projekte und antirassistische Initiativen, die versucht haben, bei der Geschichte des Viertels anzusetzen und sich damit zu besch&#228;ftigen. Das ist auf relativ positiven Respons gesto&#223;en. Dabei ist aber eines der zentralen Dilemmata in Gentrifizierungsprozessen sichtbar geworden: Diese positiven, kleinr&#228;umlichen, antirassistischen, durchaus links oder links-liberal gepr&#228;gten Initiativen laufen nat&#252;rlich Gefahr, dass sie von jenen Makrokr&#228;ften &#252;berrollt werden, die sie eigentlich kritisieren. Ich glaube, um die Verquickung von Kunst und Gentrifizierung zu erkennen, muss man auch mal den Standpunkt eines/r Immobilieninvestors/in einnehmen.<br />
<em>Conwert </em>ist daf&#252;r ein gutes Beispiel, das ist ein wichtiger Player in der Altbaukapitalisierung in Europa. Ich habe mich im Zuge meiner Diplomarbeit mit denen besch&#228;ftigt, sie interviewt. Die haben das <em>OSEI</em>-Geb&#228;ude, wo das traditionelle Kaufhaus der j&#252;dischen Familie Seidenglanz drinnen war, gekauft und &#252;ber zwei Jahre f&#252;r tempor&#228;re Nutzung zur Verf&#252;gung gestellt, damit sich dort K&#252;nstler austoben k&#246;nnen. Danach wurde das Geb&#228;ude abgerissen. Aus der Perspektive von Conwert – und das wurde mir im Interview ganz offen gesagt – ist die Kunst nur ein <em>selling-point</em>, so kommen sie in das Viertel rein. Die Kunst hat einfach einen besseren Ruf als das Kapital und sie wurde genutzt, um das <em>Conwert</em>-Projekt an die Leute zu verkaufen. Das kostet sie nichts, der Raum wird sowieso nicht genutzt. Also setzen sie da Kunst rein, um Plus-Punkte bei der Bev&#246;lkerung zu sammeln. Weil: Irgendwann kommt der Punkt, wo die Abrissbirne da reinkracht. Und dann w&#252;rden einige Leute wahrscheinlich Probleme machen. Das ist ein potentieller Konfliktpunkt, an dem klar werden k&#246;nnte, was die mit ihrem Viertel machen wollen. Dann ist die entscheidende Frage, ob die Investmentfirma geschickt war, ob sie es geschafft hat, &#252;ber einen langen Vorlaufprozess ihr Risikokapital abzusichern. Und ob es ihr gelungen ist, sich &#252;ber die Kunst ein Gesicht zu verleihen. An und f&#252;r sich hat so eine Firma ja kein Gesicht, sie ist eine k&#252;hl kalkulierende Maschine und vor allem ihren InvestorInnen verpflichtet.<br />
Als KulturschaffendeR muss man sich schon fragen, ob man nicht vielleicht etwas ges&#228;t hat, das dann von einem/einer InvestorIn geerntet werden kann.</p>
<p><em>Warum ist es denn f&#252;r ImmobilieninvestorInnen wie Conwert &#252;berhaupt derart &#246;konomisch interessant, gerade in Wien und in Orte wie das Brunnenviertel zu investieren?<br />
</em><br />
<em>Conwert </em>ist eigentlich ber&#252;hmt daf&#252;r, in Osteuropa Zonen aufzuwerten, in denen w&#228;hrend des so genannten Realsozialismus Desinvestment stattfand, und dadurch eine riesige <em>rent-gap</em> zu erwirtschaften. Heute wenden sie ihre Taktik aber nicht mehr nur an der [ehemaligen] osteurop&#228;ischen Peripherie, also in St&#228;dten wie Warschau, Krakau oder Budapest an, sondern eben auch in der Peripherie von Wien, und dort in einem traditionellen, migrantischen ArbeiterInnenbezirk wie dem Brunnenviertel. Sie verf&#252;gen &#252;ber sehr viel Risikokapital und versuchen jetzt neue Zonen zu erschlie&#223;en. Im Brunnenviertel war die Situation besonders interessant. Zun&#228;chst kam es nicht zu einem gro&#223;en Kapitalzufluss, weil klar war, dass man aus den aufgewerteten Substandardwohnungen verh&#228;ltnism&#228;&#223;ig wenig herausholen kann. Die<em> rent-gap </em>wird durch die Sanfte Stadterneuerung ein St&#252;ck weit reduziert. Wo sie aber voll aufklafft und wo sagenhafte Renditen erzielt werden k&#246;nnen, das ist in den Dachb&#246;den der H&#228;user. Die sind nicht wirklich eingesch&#228;tzt, da k&#246;nnen von Eliten-KundInnen hohe Mieten lukriert werden. Deshalb ist der Dachausbau im Brunnenviertel und auch in allen anderen ehemaligen ArbeiterInnenvierteln in Wien f&#252;r InvestorInnen extrem attraktiv. Manche Bautr&#228;gerInnen lassen es sich gefallen, ein paar Wohnungen darunter zu renovieren, nur damit sie an das Dachgeschoss heran kommen, wo sie dann ein gro&#223;es Penthouse errichten.<br />
Oder du machst es gleich so wie es z. B. <em>Conwert </em>beim <em>OSEI </em>gemacht hat, du l&#228;sst die Abrissbirne auffahren, rei&#223;t das ganze Geb&#228;ude nieder und ziehst ohne staatliche Vorgaben vom Rei&#223;brett aus ein neues „Loft-Living-Paradies“ auf. Das sind dann nat&#252;rlich die krassesten Einschnitte, weil es optisch heraussticht und massiv in Tradition und Stadtbild des Viertels eingreift. Und es kommt eben auch zu einem 100%igen Bev&#246;lkerungsaustausch, denn in dem Geb&#228;ude ist unten ein Supermarkt und eine Polizeistation und oben wohnen keine Leute, die schon davor im Viertel gewohnt haben. </p>
<p><em>Sind solche Eingriffe in Wien nicht schwieriger umzusetzen, wegen des starken Einflusses des lokalen Staats? </em></p>
<p>Die Stadtverwaltung proklamiert bei jeder Gelegenheit „Wien ist anders“ und dass sie Wert darauf legt, dass sich Gentrifizierung bei uns nicht entfalten kann. Wir haben ein starkes MieterInnenschutzgesetz, das noch aus der ersten Republik stammt und welches das Kommodifizierungspotential massiv einschr&#228;nkt. Das stimmt auch, es gibt dieses MieterInnenschutzgesetz mit Richtzinsen usw. tats&#228;chlich und es ist auch wirklich immer noch eines der progressivsten der Welt. Das ist eine wichtige Errungenschaft aus der ersten Republik, aus dem Roten Wien, die es zu verteidigen gilt. Aber: Dieses Gesetz senkt das Kommodifizierungspotential von Raum in der Stadt. Die Innenbezirke waren durch das MieterInnenschutzgesetz streng reguliert und das Kapital hatte kein Interesse, da gro&#223; zu investieren. Das ist die Krux f&#252;r eine neoliberalisierte Sozialdemokratie, dass sie noch mit den Gesetzen aus dem Roten Wien zu k&#228;mpfen hat. Die Sanfte Stadterneuerung war auch eine Antwort auf diese Widerspr&#252;chlichkeit. Aus der Perspektive der Stadt Wien sollte sie dem Einfall von internationalem Investitionskapital, wie er f&#252;r Gentrifizierungsprozesse typisch ist, in die traditionellen und krisenhaft destabilisierten ArbeiterInnenviertel von Wien von vorne herein klare Grenzen setzen. Die Hoffnungen ruhten auf den lokalen Gebietsbetreuungen, die in diesen gr&#252;nderzeitlichen Zonen eben daf&#252;r sorgen sollten, dass es zu einem Zuzug einer mittelst&#228;ndischen sozialen Formation kommt, aber nicht zu einer Vertreibung der alten EinwohnerInnenschaft. Den Spagat, den die Stadt und die Gebietsbetreuung dort t&#228;glich versucht, ist einerseits die Rahmenbedingungen f&#252;r Kapitalzufluss zu schaffen, gleichzeitig aber auch daf&#252;r zu sorgen, dass die Leute nicht verdr&#228;ngt werden.</p>
<p><em>Was erhofft sich die sozialdemokratische Stadtregierung denn von dieser Aufwertung, warum ist sie politisch gewollt?</em></p>
<p>Wenn Du mit einem/r Repr&#228;sentanten/in der Stadtverwaltung oder so einem/r Quartiers-„ManagerIn“ im Brunnenviertel sprichst, dann werden die sagen: Dieses Viertel ist in einer Krise, wir m&#252;ssen es retten. Wir wollen, dass die besser verdienende urbane Mittelschicht, eine aufstiegsorientierte soziale Formation, in das Viertel zieht. Die Angeh&#246;rigen dieser Schicht mit ihren postfordistischen Wirtschaftsformen und ihren alternativen Lebensstilen geben auf dem Markt mehr Geld f&#252;r teurere Produkte aus. Sie gehen davon aus, das Viertel k&#246;nne ja nur besser und sch&#246;ner werden, wenn kaufkr&#228;ftiges Publikum reinkommt. Insgesamt w&#252;rde die migrantisch gepr&#228;gte, lokale Bev&#246;lkerung davon profitieren. Man k&#246;nne die „Ghettoisierung“ des Brunnenviertels – und noch mal, ich glaube nicht, dass es ein Ghetto ist, aber dieses moralische Argument wird bewusst eingesetzt – aufbrechen, indem man da eine Mittelschicht reintransplantiert. Dass soll dann &#252;ber einen <em>trickle-down</em>-Effekt auch positive Folgen f&#252;r die dort ans&#228;ssige Bev&#246;lkerung haben. Im Endeffekt sind das <em>reagonomics</em>: Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut. Das sehe ich sehr kritisch.<br />
Auch das Argument, der „Ghettoisierung“ m&#252;sse soziale Durchmischung entgegen gesetzt werden, geht meiner Ansicht nach nicht auf: Nur die Nachbarschaft alleine garantiert noch keine soziale Durchmischung. Das ist ja auch das Faszinierende am Brunnenviertel, dass sich dort eine neue soziale Formation ihren Platz nimmt und ganz andere Repr&#228;sentationsmodi einbringt. Damit kann die bestehende Bev&#246;lkerung oft nicht so viel anfangen. Es kommt zu Parallelph&#228;nomenen wie z.B. am Yppenplatz, wo der westliche Teil, wo die Fu&#223;ballk&#228;fige stehen, stark in t&#252;rkischer Hand ist, w&#228;hrend der andere Teil, der Latte-Machiato- und Bioteil, in der Hand der Zuz&#252;gler ist. Wo passiert da die Durchmischung? Die passiert h&#246;chstens mal im Konsum, wenn sich einE Falter-LeserIn einen Kebab holt, aber sonst? Die Durchmischung, die von der Stadt Wien versprochen wird, die sich aber dann nur selten erf&#252;llt, die m&#252;sste eigentlich von den neuen BewohnerInnen unter politischen Vorzeichen forciert werden. Das ist f&#252;r mich die Herausforderung, in einem Viertel zu wohnen, das die Stadtv&#228;ter f&#252;r die Gentrifizierung auserkoren haben.</p>
<p><em>Sind Argumente wie Trickle-down-Effekt oder soziale Durchmischung in Zeiten, in denen die Mehrheit der Bev&#246;lkerung mit &#246;konomischer und sozialer Prekarisierung konfrontiert ist, nicht ohnehin absurd? M&#252;ssten Aufwertungsprozesse nicht grade jetzt gestoppt und politisch eine De-Kommodifizierung von Wohnraum durchgesetzt werden?</em></p>
<p>Dass die Einkommensschere auseinandergeht, ist unter kritischen SozialwissenschaftlerInnen ein Allgemeinplatz. Wir sind mit dem Ph&#228;nomen konfrontiert, dass der Verdienst der meisten Menschen stagniert, w&#228;hrend die Mieten steigen. Sie m&#252;ssen deshalb relativ gesehen immer mehr Geld f&#252;r ihren Wohnraum aufwenden. Gerade der steigende Anteil derer, die unter prek&#228;ren Arbeitsbedingungen besch&#228;ftigt sind, die nur mehr &#252;ber wenig Lohn verf&#252;gen, ist eigentlich auf ein Angebot von Substandardwohnungen angewiesen. Dagegen argumentiert z. B. Wolfgang F&#246;rster, der Leiter des Referats Wohnbauforschung der Stadt Wien, es sei zynisch zu sagen: Wir m&#252;ssen den miesen Substandard erhalten, damit die Leute eine billige Wohnm&#246;glichkeit haben. Ich verstehe das Argument, aber das Problem ist: F&#246;rster ist Protagonist einer Stadtplanung, die den Substandard aufwertet, ohne die negativen Folgen dieser Aufwertung verhindern zu k&#246;nnen.<br />
Ich bin der Meinung, dass der Wohnraum eine Umverteilungsfunktion &#252;bernehmen muss, dass Wohnraum &#252;berhaupt aus der Kommodifizierung rausgenommen werden sollte, wie es das Rote Wien auch immer propagiert hat. Stattdessen hat gerade der &#246;ffentliche Wohnsektor seit 2000 einen Neoliberalisierungs- und Kommodifizierungsschub erhalten. 2000 gab es eine Revision der staatlichen Gesetzgebung, bei der die M&#246;glichkeit geschaffen wurde, dass Wohnbaugenossenschaften Wohnraum im Gemeindeeigentum auf dem freien Markt verkaufen k&#246;nnen. Es entstanden neue PPP-Konstellationen. Damit kehrte endg&#252;ltig die Logik des freien Marktes in den Sektor des &#246;ffentlichen Wohnbaus zur&#252;ck. Das f&#252;hrte zu einer Reduktion der &#246;ffentlichen Wohnbaut&#228;tigkeit, auch um die Mietpreise hoch zu treiben, weil das nat&#252;rlich im Interesse des Privatkapitals ist. Gleichzeitig investiert die &#246;ffentlichen Hand seit 2000 sehr viel Geld in repr&#228;sentative Gro&#223;projekte, die v. a. auf die urbane Mittelklasse ausgerichtet sind, wie z. B. der Bau von Zaha Hadid neben der Wirtschaftsuniversit&#228;t oder diese Gartenstadt in Ottakring. Die ist ein <em>Partnership </em>zwischen der Stadt Wien und der Ottakringer Brauerei und ber&#252;cksichtigt &#246;kologische und intrasoziale Faktoren. Die Wohnatmosph&#228;re ist dort sicher auch ganz toll, aber es stellt sich die Frage: F&#252;r wen wird gebaut? Sicher nicht mehr f&#252;r die Leute, die von den Gemeindebauten der 1960er, -70er und auch noch -80er Jahren profitiert h&#228;tten. Da wohnen eher kreative Leute aus dem gehobenen Dienstleistungssektor und der Mittelklasse. Dieselbe neue, urbane, gr&#252;n-rote Elite, die stark international verkn&#252;pft und sozial h&#246;chst mobil ist und &#252;ber ein hohes soziales und kulturelles Kapital verf&#252;gt, die sich mit Unterst&#252;tzung der Stadt Wien etwa auch in den sanierten Altbauten im Innerg&#252;rtel-Bereich niedergelassen hat. </p>
<p><em>Warum wehrt sich hier eigentlich niemand, wenn kaum mehr neuer Wohnraum f&#252;r untere Einkommensschichten geschaffen und gleichzeitig im Zuge von Gentrifizierungsprozessen der letzte g&#252;nstige Wohnraum zu Tode saniert wird?<br />
</em><br />
Man muss sich tats&#228;chlich wundern, wieso in Wien sowenig passiert. In Berlin brennen in den Gentrifizierungs-Hotspots seit f&#252;nf Jahren die Autos. Ich finde das nicht besonders progressiv, aber es ist doch Ausdruck der Wut &#252;ber Gentrifizierung. Dass es so etwas in Wien nicht gibt, liegt glaube ich auch daran, dass es hier eine spezifische, extrem effektive Form der <em>Governance </em>gibt: Das Gr&#228;tzel-Management. Stadterneuerungsma&#223;nahmen werden hier immer von gouvernementalen Kontrollmechanismen begleitet. Dort, wo Reibereien entstehen k&#246;nnten, steht das Gr&#228;tzel-Management bereit, um den sozialdemokratischen Schiedsrichter zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Kapital und BewohnerInnen zu spielen. Dass z. B. das Conwert-Projekt so friedlich ablief, w&#228;re ohne ein intensives Gr&#228;tzel-Mangagement nie m&#246;glich gewesen.</p>
<p><em>Abschlie&#223;end noch eine Frage, die man sich immer stellt, wenn man selbst in einem Viertel wohnt, das aufgewertet wird, und als StudentIn oder KulturschaffendeR dabei eine potentielle Pionierrolle einnimmt: Tr&#228;gt man individuelle Verantwortung f&#252;r Gentrifizierung-Prozesse?</em></p>
<p>Es ist faszinierend, dass Anti-Gentrifizierungs-Bewegungen immer von Leuten getragen werden, die selbst potentielle Pionierleistungen &#252;bernehmen. Historisch war es immer schon so, dass die K&#252;nstlerInnen oder &#228;rmere StudentInnen in der Nachbarschaft von ArbeiterInnen gewohnt haben. Die Frage ist nur: Schaust Du dich um, wo Du lebst, setzt Du dich damit auseinander, versucht du was dagegen zu tun? Weist du deine Pionier-Rolle vielleicht auch zur&#252;ck und sagst: Nein, ich m&#246;chte eigentlich kein Kartograph f&#252;r den Kapitalzufluss sein, sondern ich m&#246;chte daf&#252;r k&#228;mpfen, dass so etwas in diesem Viertel nicht passiert – und vor allem nicht wegen mir. Vielleicht kann das auch ein St&#252;ck weit eine moralische Verpflichtung sein. Ich glaube nicht, dass allein die Anwesenheit von K&#252;nstlerInnen oder StudentInnen in traditionellen ArbeiterInnenvierteln einen S&#252;ndenfall darstellt. Ich glaube, dass man sich ansehen muss, wo man lebt, und dann muss man seinen Widerstand genauso lokal leisten wie alle anderen auch.</p>
<p>Danke f&#252;r das Interview.</p>
<p>Jakob Weingartner studierte Soziologie in Wien, Paris und New York und lebt heute in Berlin. Er verfasste seine Diplomarbeit zum Ph&#228;nomen der Gentrifizierung am Beispiel des Brunnenviertels in Wien. Anschlie&#223;end absolvierte er einen Postgraduierten-Studiengang an der Universidad del Cine in Buenos Aires. Aktuell arbeitet er an einem Dokumentarfilm &#252;ber jugendliche BoxerInnen aus den Armenvierteln von Buenos Aires.</p>
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		<title>Welcome Back – Unless You’re Black</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:11:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezension: Jakob, Christian/ Schorb, Friedrich: Soziale S&#228;uberung. Wie New Orleans nach der Flut seine Unterschicht vertrieb. M&#252;nster: Unrast Verlag 2008, 227 Seiten, 13.80 Euro

Ende 2005 traf der Hurrikan Katrina auf die K&#252;ste von Louisiana (USA) und richtete die schwersten Sch&#228;den an, die je ein Unwetter in den USA verursacht hat. &#220;ber 1800 Menschen starben, der Sachschaden soll um die 125 [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Jakob, Christian/ Schorb, Friedrich: <em>Soziale S&#228;uberung. Wie New Orleans nach der Flut seine Unterschicht vertrieb.</em> M&#252;nster: Unrast Verlag 2008, 227 Seiten, 13.80 Euro<br />
<span id="more-1531"></span><br />
Ende 2005 traf der Hurrikan Katrina auf die K&#252;ste von Louisiana (USA) und richtete die schwersten Sch&#228;den an, die je ein Unwetter in den USA verursacht hat. &#220;ber 1800 Menschen starben, der Sachschaden soll um die 125 Mrd. Euro betragen haben. Besonders die Stadt New Orleans wurde schwer getroffen: Drei von vier BewohnerInnen mussten evakuiert werden, &#252;ber 180.000 wollten oder konnten nach dem Sturm nicht mehr in die Stadt zur&#252;ckkehren.<br />
Das Buch von Christian Jakobs und Friedrich Schorbs widmet sich insbesondere den Fragen, wer von den Sch&#228;den, die Katrina verursacht hat, am h&#228;rtesten betroffen war/ist und wie die Naturkatastrophe von politischen und &#246;konomischen AkteurInnen ausgenutzt wurde, um lange geplante, st&#228;dtebauliche Ver&#228;nderungen in Gang zu setzen. Die beiden Soziologen lassen in ihrem Buch die Betroffenen – gr&#246;&#223;tenteils vertriebene, afroamerikanische SozialmieterInnen –, B&#252;rgerrechtlerInnen sowie die politisch und &#246;konomisch Verantwortlichen (wie ManagerInnen von Immobilenfirmen oder Stadtr&#228;tInnen) sprechen und zeigen hierdurch auf, wie im Namen des „Wiederaufbaus“ eine Politik der Vertreibung und eine Unterwerfung der Wohnpolitik unter die Prinzipien des (Wohnungs-)Marktes durchgesetzt wurde.<br />
Im ersten Teil des Buches wird anhand empirischer Daten gezeigt, dass die Viertel von New Orleans, die von Armen und Minderheiten bewohnt wurden, &#252;berproportional stark von der Flut betroffen waren. Auch „die meisten der 1800 Todesopfer von Katrina waren Menschen, die kein eigenes Auto besa&#223;en und sich daher nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten“ (40). Viele Arme – und das sind in New Orleans vor allem AfroamerikanerInnen – wurden, so die beiden Autoren, auch effektiv daran gehindert die Stadt zu verlassen bzw. in sichere Gebiete von New Orleans zu fl&#252;chten: Teile der Polizei und wei&#223;e B&#252;rgerwehren „blockierten die Br&#252;cken und verhinderten mit Gewehren, dass sich die Flutopfer in Sicherheit bringen konnten“ (22). Mit dieser Feststellung richten sich Jakob und Schorb insbesondere gegen die in der Wissenschaft so popul&#228;r gewordene These einer Weltrisikogesellschaft nach Ulrich Beck. Diese besagt, dass die postmoderne, globalisierte Gesellschaft in eine Phase eingetreten ist, in der alle gleicherma&#223;en von Risiken betroffen sind, egal in welcher sozio&#246;konomischen Lage sie sich befinden oder in welcher Region sie leben. F&#252;r die beiden Autoren sind Naturkatastrophen stattdessen „unter kapitalistischen Verh&#228;ltnissen in erster Linie soziale Katastrophen“ (213), die zu einer dauerhaften Versch&#228;rfung der sozialen Ungleichheit beitragen.<br />
Doch nicht nur Katastrophen an sich sind sozial und politisch gepr&#228;gt, auch der Umgang mit ihnen offenbart die Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse einer Gesellschaft: Nach Katrina wurden die vier gr&#246;&#223;ten<em> Public Housing Projects </em>(PHPs) der Stadt – staatlich gef&#246;rderte Gro&#223;wohnanlagen f&#252;r Familen in der <em>Extremely Low Income</em>-Kategorie – von der st&#228;dtischen Wohnungsbeh&#246;rde <em>HANO </em>unter dem Vorwand der Schimmelbelastung und des Schutzes vor Pl&#252;nderungen abgeriegelt. Ohne dass die ehemaligen BewohnerInnen jemals wieder ihre Wohnungen betreten konnten, entschied die Stadtpolitik sie abzurei&#223;en und auf dem neu gewonnenen Land moderne <em>Mixed-Income</em>-Wohnbauten zu errichten. F&#252;r Jakob und Schorb sowie f&#252;r die von ihnen befragten ehemaligen BewohnerInnen der PHPs ist diese Ma&#223;nahme als gezieltes politisches Kalk&#252;l zu verstehen: „Was sie wollen, ist wertvolles Land in der Innenstadt zu nehmen, das im Moment von Armen und Schwarzen bewohnt wird. Diese wollen sie loswerden, das Land bebauen, aufwerten und darauf Wohnraum f&#252;r die Mittelklasse schaffen“ (34). New Orleans l&#228;sst sich diese Sanierung 700 Millionen Dollar kosten. Das ist weit mehr als die Renovierung der PHPs gekostet h&#228;tte. Profitieren werden von dieser Stadterneuerung insbesondere private Immobilienfirmen, doch die Stadtpolitik argumentiert, dass eben diese <em>Mixed-Income</em>-Siedlungen „f&#252;r beide Seiten befruchtend“ sein k&#246;nnen: Die Stadt k&#246;nne ihr Image aufbessern und der Kriminalit&#228;t entgegenwirken und den Armen w&#252;rden sich „neue Perspektiven“ er&#246;ffnen. Dass diese <em>Mixed-Income</em>-Siedlungen nicht genug Platz bieten f&#252;r alle ehemaligen BewohnerInnen der PHPs und viele von ihnen nun nicht mehr nach New Orleans zur&#252;ckkehren k&#246;nnen, dass sie die Verbundenheit der &#252;ber Jahrzehnte gewachsenen PHP-Gemeinschaften zerst&#246;ren und dass die „SozialmieterInnen nicht in einem Schloss, sondern in einem goldenen K&#228;fig“ (210) leben w&#252;rden, wird von den lokalen PolitikerInnen mit keinem Wort erw&#228;hnt bzw. konsequent ignoriert.<br />
Im zweiten Teil des Buches zeigen Jakob und Schorb, dass die Vertreibung der afroamerikanischen Bev&#246;lkerung nicht als eine einmalige Aktion zu sehen ist, sondern historische Tradition hat und bis an die Anfangszeit der Unterwerfung des amerikanischen Kontinentes durch die europ&#228;ischen Kolonialm&#228;chte zur&#252;ckzuverfolgen ist. Die Geschichte des Bundesstaates Louisiana (und damit die Geschichte New Orleans) ist die Geschichte einer konsequenten Diskriminierung der afroamerikanischen Bev&#246;lkerung. Die Ausbeutung der afrikanischen SklavInnen hat massiv dazu beigetragen, dass New Orleans Anfang des 19. Jahrhunderts zu einer der reichsten St&#228;dte des Kontinents aufsteigen konnte (109ff.). Einige der damaligen  Ausbeutungsmethoden, wie das sogenannten <em>convict lease system</em>, werden bis heute angewandt: „Tausende Gefangene, &#252;berwiegend AfroamerikanerInnen, &#252;bernehmen Arbeiten in der Landwirtschaft oder reinigen in sogenannten „Chain Gangs“, an den F&#252;&#223;en aneinander gekettet, die Stra&#223;en von Unrat“ (123). Von diesem „ultramobilen und v&#246;llig rechtslosen Arbeitskr&#228;ftereservoir“ (124) profitiert neben den lokalen Sheriffs besonders die lokale &#214;konomie. Katrina hat der Durchsetzung dieser rassistischen Politik „nur“ neue M&#246;glichkeiten er&#246;ffnet.<br />
Um zu zeigen, dass die Eliminierung der<em> Public Housing Projects</em> in New Orleans jedoch nicht nur eine historische Kontinuit&#228;t darstellt, sondern auch als Teil eines Paradigmenwechsels in der amerikanischen Sozialpolitik (und damit auch in der Wohnungspolitik) zu verstehen ist, widmen sich Jakob und Schorb im letzten Teil ihres Buches der Entwicklung des amerikanischen Sozialstaates seit Mitte des 20. Jahrhunderts. W&#228;hrend in den 1960er Jahren unter dem Deckmantel der „Grand Society“ der amerikanische Sozialstaat (auf paternalistische Art und Weise) massiv ausgebaut wurde, kam es im Zuge der 1970er Jahre zum &#220;bergang vom „f&#252;rsorgenden zum strafenden Staat“ (135). Die damit einhergehende ideologische Verschiebung in der Einsch&#228;tzung der Ursachen von Armut und sozialer Unsicherheit zeigte sich besonders deutlich in der Idee einer „culture of poverty“. Diese wurde durch die Arbeiten des amerikanischen Sozialanthropologen Oscar Lewis angeregt. Er beobachtete in den 1940er Jahren die „urban poor“ in Mexiko und Puerto Rico und kam zu dem Schluss, dass Armut in erster Linie selbstverschuldet und charakterbedingt sei, sowie dass die Armen eine „Parallelkultur“ aufbauen w&#252;rden, die nur marginale Verbindungen zur Mainstream-Gesellschaft aufweise. Die Gr&#252;nde f&#252;r Armut werden nicht l&#228;nger in der sich versch&#228;rfenden strukturellen und materiellen Ungleichheit, sondern in tats&#228;chlichen und zugeschriebenen Verhaltensweisen der Armutsbev&#246;lkerung gesucht“ (134). Dies &#228;nderte auch das generelle Bild auf Sozialbauten: „Die Identifikation der Sozialbauten mit Arbeitsscheu, Kriminalit&#228;t und Promiskuit&#228;t ist in den USA ‚Common Sense’“ (142). Auf Basis dieses Paradigmenwechsels wurden zahlreiche wohnpolitische Ma&#223;nahmen (wie HOPE IV) ergriffen, die dazu f&#252;hrten, dass viele Sozialbauten abgerissen wurden und durch Wohnungsanlagen mit geringeren Bebauungsdichte ersetzt wurden (und somit viele ehemalige BewohnerInnen nicht mehr in ihre Quartiere zur&#252;ckkehren konnten): „HOPE VI sei letztlich dazu benutzt worden, um die Unterschichts-Dominanz in bestimmten Innenstadtgebieten zur&#252;ck zu dr&#228;ngen. Die hierf&#252;r n&#246;tige Vertreibung sei mit dem Vorwand der Kriminalit&#228;tsbek&#228;mpfung gerechtfertigt worden“ (150).<br />
Jakob und Schorb schlie&#223;en ihr Buch mit der Analyse, dass Katrina zwar „Katalysator f&#252;r die Umwandlung der Sozialbauquartiere gewesen sei, aber nicht der Ausl&#246;ser“ (185). Was sich von Katrina jedoch lernen lasse, sei folgendes: „Naturkatastrophen fordern nicht nur die meisten Todesopfer und den gr&#246;&#223;ten Verlust an Eigentum bei den &#196;rmsten, sondern sie ver&#228;ndern auch das soziale Gef&#252;ge und sorgen f&#252;r eine dauerhafte Versch&#228;rfung sozialer Ungleichheit. In New Orleans f&#252;hrte Katrina dazu, dass die Stadt f&#252;r Arme teurer wurde und dass sich nun viele ihrer &#228;rmsten BewohnerInnen eine R&#252;ckkehr nicht leisten k&#246;nnen. Katrina hatte zur Folge, dass die Zahl der Obdachlosen in die H&#246;he geschnellt ist, die &#246;ffentliche Infrastruktur wie kommunale Schulen und Krankenh&#228;user geschlossen bleiben oder privatisiert werden“ (213).<br />
<em>Soziale S&#228;uberung</em> ist ein Buch, das beim Lesen in erster Linie w&#252;tend macht. In den Interviews mit den politisch und &#246;konomisch Verantwortlichen fallen S&#228;tze wie dieser: „We finally cleaned up public housing in New Orleans. We couldn’t do it, but God did” (50).  Oder: „Das, was in den Public Housing Projects in New Orleans stattfindet ist Teil dieses Krieges gegen die Armen. Wir k&#246;nnen die Armut nicht loswerden – also werden wir eben die Armen los“ (159). Die zahlreichen Interviews mit den Betroffenen, aber auch mit den Verantwortlichen zeigen auf, wie mit Hilfe von Klimakatastrophen konsequente (Vertreibungs-)Politik gemacht wird. Auf Basis der Analysen von Naomi Klein, Mike Davis und Loic Wacquant gelingt es Jakob und Schorb die Ereignisse in New Orleans nicht f&#252;r sich stehen zu lassen, sondern in einen gr&#246;&#223;eren Kontext einzubetten und als Teil der Geschichte der Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung der afroamerikanischen Bev&#246;lkerung in den USA sowie als Ausdruck eines Paradigmenwechsels in der amerikanischen Sozialpolitik zu fassen. Die beiden Soziologen bleiben in ihren Schlussfolgerungen allerdings weit hinter ihren Analysen zur&#252;ck, wenn sie argumentieren, dass „man &#252;ber den Abriss der Housing Projects von New Orleans keine eindeutigen Urteile f&#228;llen (kann). Die Behauptung, reiche wei&#223;e M&#228;nner w&#252;rden arme afroamerikanische Familien aus ihren Wohnungen jagen, wird den Verh&#228;ltnissen jedenfalls nicht gerecht. Die Verantwortlichen f&#252;r den Abri&#223; der Quartiere (&#8230;) sind […] Afroamerikaner.“ (210) Auch wenn einzelne Akteure nicht dem Bild des „wei&#223;en, m&#228;nnlichen, amerikanischen Kapitalisten“ entsprechen, so muss man doch die von ihnen durchgesetzte Politik als Teil eines „Projektes der sozialen S&#228;uberung“ verstehen. Trotz dieser politisch eher problematischen Schlussfolgerungen, ist <em>Soziale S&#228;uberung</em> auf alle F&#228;lle ein lesenswertes Buch, das, folgt man den Analysen in Naomi Kleins „Schockstrategie“, in den n&#228;chsten Jahren traurige Aktualit&#228;t behalten wird. </p>
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		<title>Stimme der Ungeh&#246;rten &#8211; Die Makellosigkeit der Grande Nation?</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:06:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezension: Kollektiv Rage (Hg.): Banlieues. Die Zeit der Forderungen ist vorbei, Berlin: Assoziation A 2009, 280 Seiten, € 16,50

Die Aufst&#228;nde in den franz&#246;sischen Banlieues gehen bis weit in die 70er Jahre zur&#252;ck. Schon damals stellten Medien brennende Autos und die Verw&#252;stung &#246;ffentlicher Geb&#228;ude in den Vorst&#228;dten von Paris als Zeichen blinder Gewaltausbr&#252;che dar, statt das Aufbegehren gegen die prek&#228;ren Lebensumst&#228;nde [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Kollektiv Rage (Hg.): Banlieues. Die Zeit der Forderungen ist vorbei, Berlin: Assoziation A 2009, 280 Seiten, € 16,50<br />
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Die Aufst&#228;nde in den franz&#246;sischen Banlieues gehen bis weit in die 70er Jahre zur&#252;ck. Schon damals stellten Medien brennende Autos und die Verw&#252;stung &#246;ffentlicher Geb&#228;ude in den Vorst&#228;dten von Paris als Zeichen blinder Gewaltausbr&#252;che dar, statt das Aufbegehren gegen die prek&#228;ren Lebensumst&#228;nde in den Banlieues zu kritisieren. Dabei sind die soziologischen Hintergr&#252;nde der fortdauernden und immer wiederkehrenden Ausschreitungen immer mit zu ber&#252;cksichtigen. Diese sind zum einen in der gesellschaftlichen Marginalisierung der ImmigrantInnen und zum anderen in deren Ghettoisierung begr&#252;ndet. Als billige Arbeitskr&#228;fte nach Frankreich geworben, kamen die meisten der heutigen BanlieuebewohnerInnen aus den ehemaligen franz&#246;sischen Kolonien,<br />
zumeist mit franz&#246;sischer Staatsb&#252;rgerschaft. So entstanden um Paris und andere Gro&#223;st&#228;dte Trabantenst&#228;dte, deren BewohnerInnen fast ausschlie&#223;lich MigrantInnen waren. Sowohl die Banlieues, als auch ihre BewohnerInnen wurden fortan nicht nur geographisch an den Rand der franz&#246;sischen Gesellschaft gedr&#228;ngt. Diese Manifestation einer Zweiklassengesellschaft – mit der Bourgeoisie innerhalb der Stadtmauern und dem davon abgegrenzten Prekariat weit weg von den Augen des arrivierten B&#252;rgertums – wird paradoxerweise gerade in einem Land vollzogen, welches sich als <em>Grande Nation</em> so sehr selbst beweihr&#228;uchert: jeder Mensch sei gleich, mit gleichen Rechten und Pflichten, mit Anspruch auf Chancengleichheit unabh&#228;ngig von Herkunft. In der Beobachtung der historisch-&#246;konomischen Entwicklung scheint es jedoch, als sei die <em>Grande Nation</em> im Zustand wirtschaftlichen Abschwungs noch weniger in der Lage, ihre so hoch gehaltenen Grundwerte in die Tat umzusetzen. Vielmehr fordert die Wirtschaftskrise hier verst&#228;rkt ihren gesellschaftlichen Tribut. Die gro&#223;en Aufst&#228;nde 2005 oder auch die letzten Unruhen 2009 k&#246;nnen somit nicht als vereinzelte K&#228;mpfe Jugendlicher aus den Banlieues isoliert werden, sondern sind im Kontext jahrzehntelanger Vernachl&#228;ssigungspolitik als deren fatale Folgen zu sehen. Die Ausl&#246;ser der &#252;berregionalen Revolten waren jedesmal Todesf&#228;lle jugendlicher ImmigrantInnen. Diesen, in Auseinandersetzungen mit der Polizei zu Tode gekommenen, kam als „Opfern des Systems“ Symbolcharakter zu: Im November 2005 verungl&#252;ckten zwei Jugendliche in Clichy-sous-Bois w&#228;hrend einer Verfolgungsjagd mit der Polizei. 2007 war es Hakim Arama, der im M&#228;rz durch einen Polizeischuss t&#246;dlich verletzt wurde.<br />
Rund um die Diskussion der sozialen Verh&#228;ltnisse in den Banlieues schlossen sich deutsche und franz&#246;sische AktivistInnen zu der Gruppierung „Kollektiv Rage“ zusammen. Sie haben 2009 das Buch „Banlieus. Die Zeit der Forderungen ist vorbei“ herausgegeben, das die Aufst&#228;nde aus soziologischer Sicht und aus der Perspektive der BanlieuebewohnerInnen beleuchtet. Den AutorInnen geht es in dieser Ver&#246;ffentlichung nicht darum, die Ausschreitungen zu verherrlichen, sondern, auf Basis verschiedener Erfahrungen, soziale Auseinandersetzungen zu analysieren und diese in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext einzubetten.<br />
Der erste Teil des Buches besteht aus Analysen der aktuellen Situation und ihrer geschichtlichen Verankerung. So sind unter anderem der <em>Contrat Première Embauche</em> (Ersteinstellungsvertrag), der den K&#252;ndigungsschutz f&#252;r Jugendliche und Heranwachsende abschaffte, ethnische und rassistische Diskriminierungen am Beispiel Schule und Arbeitsmarkt sowie die Neoliberalisierung der Sozialistischen Partei und deren Auswirkung auf die Banlieues Gegenstand der Diskussion. Ingrid Artus befasst sich in „Die Novemberrevolte in den franz&#246;sischen Banlieues: Blinde Wut oder soziale Bewegung“ mit den Dynamiken und Hintergr&#252;nden der Revolte im November 2005. Besonderen Fokus findet die politische Sprachlosigkeit der Aufst&#228;nde. Sprachlosigkeit bedeutet in diesem Sinnzusammenhang, dass es bei den Aufst&#228;nden weder eine politische F&#252;hrung gab, die die Aufst&#228;nde initiierte, noch dass konkrete Forderungen an die politischen Institutionen gestellt wurden. Eben solche Forderungen, Verhandlungen und uneingel&#246;ste Versprechen gab es in den letzten Jahrzehnten zu gen&#252;ge. „Wir wollen keinen Dialog mehr mit der Regierung. Unsere V&#228;ter, unsere Familien sind mehr als genug mit Gerede vertr&#246;stet worden. Der Dialog ist endg&#252;ltig abgebrochen, versucht nicht mehr uns zu beruhigen.“ (Aufst&#228;ndische K&#228;mpfer, S.156). Diese Verweigerung der verbalen Kommunikation wurde von den Medien als Ausbruch reiner Gewalt diffamiert und interpretiert, jedoch wurde dabei oftmals au&#223;er Acht gelassen, dass die Anschl&#228;ge, die sich gegen die institutionellen Kr&#228;fte Staat, Polizei und Schule richteten, einer klaren Richtung folgten, n&#228;mlich der Auflehnung gegen die herrschenden Verh&#228;ltnisse, der Auflehnung gegen soziale Ausgrenzung und Erniedrigung. Eine Auflehnung also gegen Einrichtungen, die als Symbole staatlicher Kontrolle wahrgenommen werden.<br />
In einem Interview mit Laurent Mucchielli, Spezialist f&#252;r Fragen der Sicherheitspolitik und Jugendkriminalit&#228;t, wird auf die Sicht der Jugendlichen eingegangen. Laut seiner Aussage, sei die Chancenungleichheit, die schon in der Schule beginne und sich im Arbeitsleben fortsetze, mitverantwortlich f&#252;r die Revolten. Grundlegende M&#246;glichkeiten, sich in die Gesellschaft einzugliedern, wie ein Wohnung zu mieten, bei den Eltern auszuziehen und eine eigene Familie zu gr&#252;nden, w&#252;rden durch Arbeitslosigkeit von vornherein abgeschnitten.<br />
In „Die Banlieues als politisches Experimentierfeld“ geht Emmanuelle Piriot auf die Entstehung und Ver&#228;nderungen der Gro&#223;siedlungen, auf die Organisation der Arbeitsmigration und die neuen polizeilichen Kontrolltechniken gegen Illegalisierte ein.<br />
Max Henninger setzt sich in „Der Unterschied, auf den es ankommt“ ebenso wie Ingrid Artus mit den Hintergr&#252;nden der Novemberrevolte 2005 auseinander. Er legt den Schwerpunkt auf die politischen Entwicklungen in den Banlieues &#252;ber die letzten Jahrzehnte und auf die Arbeitsmarktsituation der Jugendlichen heute. Dabei skizziert er die in den 1980er Jahren erprobte Reformpolitik der Sozialistischen Partei und zeigt gleichzeitig auf, dass diese Reformen die herrschenden Verh&#228;ltnisse nie in Frage gestellt haben, was impliziert, dass sie nie im Sinne der BanlieuebewohnerInnen konzipiert worden waren.<br />
Im zweiten Teil des Buches stehen konkrete Einzelschicksale von BanlieuebewohnerInnen in ihrem t&#228;glichen Kampf in der Arbeitswelt im Vordergrund. So finden sich hier Interviews mit gewerkschaftlich organisierten ArbeitnehmnerInnen, Ausschnitte aus dem Leben revoltierender BanlieuebewohnerInnen und deren Widersacher B.A.C (<em>Brigade anticriminalité</em>).<br />
Anne Br&#252;gmann &#038; Emanuelle Piriot setzen sich in ihrem Beitrag mit der Bewegung <em>Ni putes ni soumises</em> („weder Huren noch Unterworfene“) auseinander, die auf die Lage der Frauen in den Banlieus aufmerksam machen will. Diese – sich durch Sarkozy-N&#228;he auszeichnende und dadurch nicht unumstrittene Bewegung – k&#246;nne sich ihnen zufolge oftmals auch des Vorwurfs des Pseudo-Feminismus nicht erwehren. Zum einen st&#252;nden der professionell erscheinenden &#214;ffentlichkeitsarbeit von NPNS relativ wenige realisierte Projekte gegen&#252;ber: So verf&#252;gte NPNS im Jahre 2008 lediglich &#252;ber zwei Zufluchtsst&#228;tten f&#252;r misshandelte Frauen im Gro&#223;raum Paris. Zum anderen vernachl&#228;ssige der alleinige Fokus auf die Gewalt gegen Frauen auch deren Beteiligung an den sozialen und politischen Auseinandersetzungen und f&#252;hre zu einer weiteren Verfestigung bestehender Klischees und Rassismen. Beispielhaft hierf&#252;r sei etwa die Tatsache, dass sich die NPNS klar gegen das Kopftuch ausspreche. Bei einer Gro&#223;demonstration im M&#228;rz 2003 wurden Kopftuch tragende Frauen von vornherein von der Demonstration ausgeschlossen. Fadela Amara, die Gr&#252;nderin und erste Pr&#228;sidentin von NPNS, ist mittlerweile Staatssekret&#228;rin im Stadtministerium der Regierung Sarkozy. Die NPNS ist ein Paradebeispiel daf&#252;r, dass nicht jede Organisation, die von sich behauptet, die Interessen der BanlieuebewohnerInnen zu vertreten und gegen Rassismus anzuk&#228;mpfen, dies auch wirklich tut, sondern eher in eigenem Interesse handelt, um politische Salonf&#228;higkeit zu erlangen.<br />
Ferner versucht in dem Band das Ruhrgebiets Internationalismus Archiv Dortmund (RIAD) in ihrem Beitrag, die Verbindung zwischen den Aufst&#228;nden und Rap nachzuvollziehen. Rechtskonservative geben dem Hip-Hop im Allgemeinen einen Gro&#223;teil der Schuld an den Aufst&#228;nden. Um dieses Bild in der &#214;ffentlichkeit zu sch&#228;rfen, wurden Kampagnen gestartet, in denen Textpassagen aus aggressiven und teils rassistischen Liedern zur Abschreckung ver&#246;ffentlicht wurden. Diese Vorgehensweise f&#252;hrte in Gro&#223;teilen der Bev&#246;lkerung zur D&#228;monisierung der gesamten franz&#246;sischen Rapszene. In „Die Zeit der Forderungen ist vorbei“ wird diese induktive Verallgemeinerung entkleidet. Ins Blickfeld r&#252;ckt dabei vorwiegend die Rolle der Raperinnen, die, im Gegensatz zu ihren m&#228;nnlichen Kollegen, gegen Vergewaltigung, eheliche Gewalt, Sexismus in Vororten und die Rolle der Frau in der Gesellschaft ansingen. Raperinnen, wie Princess Aniès, Diam’s oder Keny Arkana nehmen hier zweifelsfrei eine wegweisende VorreiterInnenrolle ein.<br />
Um die Problematik der Vorst&#228;dte im internationalen Kontext zu erl&#228;utern, wird ein Vergleich mit der Lage in Berlin herangezogen. Hierbei liegt der Fokus vorwiegend auf privaten Dienstleistern und ehrenamtlichen Engagements, die staatlich finanzierte Stellen und soziale Einrichtungen ersetzt haben. Hinter Programmen wie dem „Quartiersmanagement“ – QM – stehe nicht zuletzt die &#220;bertragung der Verantwortung f&#252;r soziale Exklusion auf die Betroffenen, die in diesem Sinne v&#246;llige Eigenverantwortung f&#252;r ihre Situation tragen sollen. Diese werden in solchen Programmen als billige Arbeitskr&#228;fte eingesetzt und „bed&#252;rften“ von nun an nicht mehr der staatlichen Unterst&#252;tzung. Diese Form der &#246;konomischen Selbstkontrolle, die nicht zuletzt zu einer weiteren Prekarisierung der BewohnerInnen f&#252;hrt, wird fast ausschlie&#223;lich in Stadtteilen eingesetzt, die als „soziale Brennpunkte“ gelten.<br />
Gerade diese Gegen&#252;berstellung der beiden Metropolen erm&#246;glicht es, soziale Prozesse in anderen L&#228;ndern zu erschlie&#223;en und macht die Lekt&#252;re f&#252;r den/die LeserIn nicht nur facettenreich, sondern physisch sp&#252;rbar. Schlie&#223;lich wird dem/der LeserIn mit einem geschichtlichen &#220;berblick der Aufst&#228;nde in Frankreich von 1971 bis heute vertiefend und abrundend anschauliche Orientierung zur Faktenlage geboten.<br />
Das Buch ist somit eine kenntnisreiche Informationsquelle f&#252;r interessierte LeserInnen, die sich mit den sozialen Missst&#228;nden im urbanen Lebensraum auseinandersetzen m&#246;chten, gibt aber gleichzeitig auch Menschen, die sich schon eingehender mit den Banlieues besch&#228;ftigt haben, neue Denkanst&#246;&#223;e: „Dis leur que je ne me plierai pas aux exigences du marché ou autre, Et que je crierai ce que je pense sur nos chers bâtards de dirigeants, Dis leur que c’est de la vérité que je compte mettre sur le tapis, En gros dis leur que mon rap est une menace pour les règles établies.“ („Sag Ihnen, dass ich mich niemals dem Markt oder etwas anderem anpassen werde, und dass ich schreien werde, was ich &#252;ber unsere liebe Bastardelite denke, Sag Ihnen, dass ich die Wahrheit zur Sprache bringen werde, sag Ihnen, dass mein Rap die etablierten Regeln bedroht.“ Keny Arkana: le missile est lancé.)</p>
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		<title>Out now: Perspektiven Nr. 11</title>
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		<pubDate>Tue, 04 May 2010 16:54:34 +0000</pubDate>
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Die brandneue Perspektiven ist da!
Im Schwerpunkt:
Gruppe Perspektiven: Thesen zur Wien-Wahl 2010 – Veronika Duma, Katherina Kinzel, Fanny M&#252;ller-Uri und Tobias Zortea: Aufstand in der Vorstadt: Wiens verborgene Klassenk&#228;mpfe um 1900 – Benjamin Opratko und Stefan Probst: Sozialismus in einer Stadt? Austromarxismus und das Rote Wien – Assimina Gouma, Petra Neuhold, Paul Scheibelhofer und Gerd Valchars [KriMi]: [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Schwerpunkt: Wie Rot ist Wien?</h3>
<p style="text-align: center;"><a href="http://www.perspektiven-online.at/category/ausgaben/perspektiven-nr-11/"><img class="size-medium wp-image-807 aligncenter" title="p11cover" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2010/05/p11cover-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" /></a></p>
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<p><a><strong>Die brandneue Perspektiven ist da!</strong></a></p>
<p>Im Schwerpunkt:</p>
<p><a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/05/09/thesen-zur-wien-wahl-2010/">Gruppe Perspektiven: Thesen zur Wien-Wahl 2010</a> – Veronika Duma, Katherina Kinzel, Fanny M&#252;ller-Uri und Tobias Zortea: Aufstand in der Vorstadt: Wiens verborgene Klassenk&#228;mpfe um 1900 – <a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/05/04/sozialismus-in-einer-stadt/">Benjamin Opratko und Stefan Probst: Sozialismus in einer Stadt? Austromarxismus und das Rote Wien</a> – Assimina Gouma, Petra Neuhold, Paul Scheibelhofer und Gerd Valchars [KriMi]: Migration &#8211; Fangfragen f&#252;r das „rote“ Wien – Interview mit Jakob Weingartner: Sanfte Verdr&#228;ngung: Gentrifizierung in Wien – Florian Reiter: Wiens Salzamt: Neoliberalismus und der Fonds Soziales Wien</p>
<p>Au&#223;erhalb des Schwerkpunkts:</p>
<p>Interview mit Ashraf Cassiem, Mncedisi Twalo, Romin Khan, Alexander Kleider und Daniela Michel: Anti-R&#228;umungskampagne: soziale K&#228;mpfe in S&#252;dafrika – <a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/05/04/die-beauty-queen-der-finanzmaerkte/">Fabio De Masi: Die Beauty-Queen der Finanzm&#228;rkte: Zur Krise in Griechenland </a>- Rezensionen und Rosinenpicken</p>
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