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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Sozialpolitik</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Verordnete Ordnungen</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:33:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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		<description><![CDATA[Etzem&#252;ller, Thomas (Hg.): Die Ordnung der Moderne. Social Engineering im 20.Jahrhundert, Bielefeld: transcript Verlag 2009, 328 Seiten, € 30,70

Im Florida Film hat Walt Disney 1966 die Konturen von „Waltopia“, seiner Vision einer rational durchkonstruierten und durchorganisierten Gesellschaft der Welt&#246;ffentlichkeit vorgestellt. In den S&#252;mpfen Floridas sollte auf 113 Quadratkilometern die Experimental Prototype Community of Tomorrow als Gegenentwurf zu Hektik, Dreck, Kriminalit&#228;t [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Etzem&#252;ller, Thomas (Hg.): Die Ordnung der Moderne. Social Engineering im 20.Jahrhundert, Bielefeld: transcript Verlag 2009, 328 Seiten, € 30,70<br />
<span id="more-1590"></span><br />
Im <em>Florida Film</em> hat Walt Disney 1966 die Konturen von „Waltopia“, seiner Vision einer rational durchkonstruierten und durchorganisierten Gesellschaft der Welt&#246;ffentlichkeit vorgestellt. In den S&#252;mpfen Floridas sollte auf 113 Quadratkilometern die <em>Experimental Prototype Community of Tomorrow</em> als Gegenentwurf zu Hektik, Dreck, Kriminalit&#228;t und Desorganisation moderner Gro&#223;st&#228;dte entstehen: ein Prototyp einer vern&#252;nftigen sozialen Ordnung. Zwar wurde Disneys Utopie nie verwirklicht, sie verweist aber auf ein Ordnungsdispositiv, das – mit Vorl&#228;ufern im sp&#228;ten 19. Jahrhundert – zwischen den 1920er und 1960er Jahren seine Hochbl&#252;te erlebte.<br />
W&#228;hrend der erste Weltkrieg selbst als Laboratorium f&#252;r Modelle technokratischer Steuerung ganzer Gesellschaften gedient hatte, verdeutlichte sein Ende drastisch die „Gefahren“ sozialer Desintegration. Als Reaktion auf die diagnostizierte Krise erarbeiteten ExpertInnen mit den Mitteln moderner Sozialtechnologie und auf Grundlage der wissenschaftlichen Erfassung der Bev&#246;lkerung umfassende Ordnungspl&#228;ne, die jeweils darauf zielten, „sozial&#246;kologische Umwelten“ zu schaffen und auszugestalten, welche die von sozialen und politischen Verwerfungen durchzogene Gesellschaft in „organische Gemeinschaften“ zu re-integrieren suchten.<br />
Einsatzpunkt dieser Ordnungsprojekte war die Strukturierung von Wohn-, Verkehrs-, Betriebs- und st&#228;dtischem Raum sowie die Rationalisierung und Effektivierung der Alltagspraktiken der Menschen, auf deren Grundlage die kontrollierte Steuerung gesellschaftlicher Stabilit&#228;t und Entwicklung erm&#246;glicht werden sollte.<br />
Diese Kombination von Sozialtechnologien, bestimmter sozialer Ordnungsmodelle und einem dezidierten Gestaltungsimperativ wird im von Thomas Etzem&#252;ller herausgegebenen Sammelband unter dem Schlagwort <em>social engineering</em> diskutiert. Dabei geht es zun&#228;chst um eine Systematisierung und Pr&#228;zisierung des meist sehr unspezifisch verwendeten Begriffs. Anhand von zw&#246;lf empirischen Untersuchungen wird dieser dann in weiterer Folge konkretisiert.<br />
Etzem&#252;ller konturiert in seiner programmatischen Einleitung <em>social engineering</em> als vielschichtiges Ph&#228;nomen. Grundlegend handle es sich um „Verhaltenslehren“, die nicht &#252;ber Verordnungen operierten, sondern &#252;ber eine subtile P&#228;dagogik der Normalisierung und &#252;ber r&#228;umliche Strukturierung Gemeinschaften „neuer Menschen“ schaffen wollten: den taylorisierten Industriebetrieb als Gemeinschaft der ArbeiterInnen, die Familie als Kameradschaft der EheparterInnen und Kinder, Nachbarschaften als st&#228;dtische Gemeinschaften, samt Kontrolle der Bewegungen im Raum, von der K&#252;che bis zur Nation. So sollte z.B. die r&#228;umlich-funktional differenzierte Wohnung unerw&#252;nschte Verhaltensweisen (wie die als moralisch und hygienisch problematisch angesehene Vermischung von Schlafen, Kochen und K&#246;rperhygiene) verhindern, und zugleich den BewohnerInnen rationale, effiziente Praktiken antrainieren, die durch die Struktur des Wohnraums selbst nahegelegt wurden. Die K&#252;che konnte dann etwa als Symbiose von Hausfrau und Technik imaginiert werden.<br />
„Ordnung“ gilt hier zugleich als Zielvorstellung und als permanenter Prozess der Adjustierung, angeleitet von ExpertInnen einer verwissenschaftlichten Politik, die aus der als Krise wahrgenommenen Gegenwart die Pflicht zur Intervention ableiteten. Die Spannbreite des <em>social engineering</em> reicht folglich von sozialstaatlichen Techniken bis zu totalit&#228;ren Experimenten und umfasst Stadt-, Raum- und Verkehrsplanung ebenso wie die Regulation von Wohnraum oder Konsumverhalten sowie die sozialeugenischen Visionen und Praktiken der ersten H&#228;lfte des 20. Jahrhunderts. In zw&#246;lf empirischen Studien, die hier nicht im Detail diskutiert werden k&#246;nnen, wird dieses Spektrum sozialplanerischer Ordnungstechniken auf spannende Art und Weise verdeutlicht. Die Zusammenschau der Beitr&#228;ge zeigt zudem auch, welche neuen Perspektiven eine „Problemgeschichte“ des <em>social engineering</em> als „spezifischer Modus der Problematisierung der Moderne“ auf eine Geschichte des 20. Jahrhunderts – jenseits der Erz&#228;hlung des „Zeitalters der Extreme“ – er&#246;ffnen kann.<br />
Anselm Doering-Manteuffel vertieft diese &#220;berlegungen in einem zweiten programmatischen Einleitungsaufsatz, der anhand unterschiedlicher Semantiken von „Ordnung“ drei sich &#252;berlagernde „Zeitschichten“ seit ca. 1880 differenziert. W&#228;hrend in der ersten Phase, die bis in die 1940er Jahre reicht, die liberale Fortschrittsidee von der Suche nach „nat&#252;rlichen, ewigen Ordnungen“ abgel&#246;st wurde, wird in einer zweiten Phase zwischen 1929 und den 1980er Jahren die Fortschrittsidee als planbarer und planungsbed&#252;rftiger Fortschritt aktualisiert. Diese Phase modernisierungstheoretischer Ordnungsentw&#252;rfe sei im Verlauf der vergangenen vierzig Jahre wiederum durch ein neues Ordnungsparadigma ersetzt worden. Dieses behaupte nicht mehr die Planbarkeit von Gesellschaft, sondern die Immanenz permanenter Gegenw&#228;rtigkeit: Politik reduziert sich darin von technokratischer Sozialplanung auf technisches Mikromanagement.<br />
Auch wenn die Praktiken und Techniken des <em>social engineering</em> seit den 1960er Jahren aufgrund der Erfahrung, dass Pluralisierung nicht notwendig mit sozialer Desintegration einhergeht, massiv an &#220;berzeugungskraft eingeb&#252;&#223;t haben, lebt dessen Erbe auch heute, unter den ver&#228;nderten Bedingungen der von Doering-Manteuffel als „poststrukturalistisch“ bezeichneten sozialen Konfiguration fort. Ordnungsentw&#252;rfe und biopolitische Regulation kreisen heute zwar nicht mehr um die Frage der Reintegration in „organische Gemeinschaften“, zielen aber ebenfalls auf die Regulation der Alltagspraktiken &#252;ber Lernprozesse, die den Menschen vermitteln, sich selbst, ihre Ern&#228;hrung, ihre K&#246;rper, ihr Verhalten „in Form zu bringen“. Nicht zuletzt, weil der Sammelband Kontinuit&#228;ten und Br&#252;che gegenw&#228;rtiger Ordnungsvorstellungen historisch zu verorten hilft, ist <em>Die Ordnung der Moderne</em> uneingeschr&#228;nkt zu empfehlen.</p>
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		<title>Wiens Salzamt: Neoliberalismus und der Fonds Soziales Wien</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:11:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialdemokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialpolitik]]></category>
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		<description><![CDATA[
Die Stichw&#246;rter „Soziale Gerechtigkeit“, „Inklusion statt Exklusion“ und „Mindestsicherung“ sind im „Europ&#228;ischen Jahr zur Bek&#228;mpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung“ in aller Munde. Auch die Stadt Wien, namentlich die Wiener SP&#214;, r&#252;hmt besonders die fl&#228;chendeckende soziale Sicherheit in der Stadt. Dass Wien so lebenswert sei, ist laut Sonja Wehsely, Sozial- und Gesundheitsstadtr&#228;tin, „kein Zufall, sondern das Ergebnis langj&#228;hriger erfolgreicher sozialdemokratischer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-1581"></span><br />
Die Stichw&#246;rter „Soziale Gerechtigkeit“, „Inklusion statt Exklusion“ und „Mindestsicherung“ sind im „Europ&#228;ischen Jahr zur Bek&#228;mpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung“ in aller Munde. Auch die Stadt Wien, namentlich die Wiener SP&#214;, r&#252;hmt besonders die fl&#228;chendeckende soziale Sicherheit in der Stadt. Dass Wien so lebenswert sei, ist laut Sonja Wehsely, Sozial- und Gesundheitsstadtr&#228;tin, „kein Zufall, sondern das Ergebnis langj&#228;hriger erfolgreicher sozialdemokratischer Politik.“<a name="anm_1"></a> Ob der Ausbau sozialer Sicherungsleistungen seit den 1950er Jahren kontinuierlich fortgeschritten ist oder ob nicht auch – speziell in Wien – relevante Sicherungsl&#252;cken und strukturelle Ungerechtigkeiten bestehen, wird im Folgenden thematisiert. Besonderes Augenmerk wird dabei auf neoliberale Entwicklungen in der Sozialpolitik gelegt. Dabei sollen Erl&#228;uterungen zum 2004 eingef&#252;hrten <em>Fonds Soziales Wien</em> (FSW) exemplarisch darstellen, was Sozialpolitik im Neoliberalismus konkret bedeutet und welche Probleme diese Art von Politik mit sich bringt. Es zeigt sich, dass das „rote“ Wien<a name="anm_2"></a> nicht mehr ann&#228;hernd so sozial ist, wie es vorgibt zu sein.</p>
<p><strong>Eine kurze Geschichte des Keynesianischen Wohlfahrtsstaates</strong><br />
Mit dem Erstarken der ArbeiterInnenbewegung im 19. Jhdt. wurden erste Schritte zur Etablierung von national unterschiedlich ausgestalteten Wohlfahrtsregimen erk&#228;mpft. Einen beachtenswerten Ausbau erfuhren die Wohlfahrtsstaaten (WFS)  in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Wesentliche Voraussetzungen waren die damaligen gesellschaftlichen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse, die St&#228;rke der internationalen ArbeiterInnenbewegung, aber auch die Systemkonkurrenz zwischen Ost und West, die den Druck auf die herrschenden Klassen vergr&#246;&#223;erte Zugest&#228;ndnisse zu machen.<br />
Ab Mitte des 20.Jahrhunderts f&#252;hrte die Durchkapitalisierung der Gesellschaft zu weitreichenden Ver&#228;nderungen der sozialen Beziehungen und Lebensverh&#228;ltnisse. Der „Keynesianischen Wohlfahrtstaat“<a name="anm_3"></a> etablierte sich. Eine seiner wichtigsten Funktionen bestand darin, den Massenkonsum als wichtigen Bestandteil des fordistischen Akkumulationsmodells zu stabilisieren. Die sozialen Lagen wurden dadurch gleichf&#246;rmiger und „die Eingliederung in das Lohnverh&#228;ltnis, die direkte Abh&#228;ngigkeit vom Kapitalverwertungsprozess (wurde) zum Massenschicksal (…)“<a name="anm_4"></a>. Diese Ver&#228;nderungen f&#252;hrten zum Auftreten neuer sozialer Risiken, was zur Folge hatte, dass die Sicherung des Einkommens im Falle von Krankheit, Arbeitslosigkeit und Alter durch kollektive Schutzma&#223;nahmen zunehmend thematisiert wurde. Es wurde ein umfangreiches System der staatlichen Unterst&#252;tzung f&#252;r sogenannte Notlagen sowie eine staatliche Sozialversicherung entwickelt, welche verhindern sollten, dass Individuen in gro&#223;er Zahl aus dem fordistischen Produktions- und Reproduktionskreislauf herausfallen. Zugleich sollte durch ein Selektions- und Kontrollsystem die notwendige Arbeitsmotivation gew&#228;hrleistet werden. Diese  staatliche Unterst&#252;tzungs- und Schutzma&#223;nahmen k&#246;nnen allerdings nicht nur funktional interpretiert werden, sind es doch Errungenschaften, die hart erk&#228;mpft wurden.</p>
<p><strong>Hin zum Schumpeter’schen Leistungsstaat</strong><br />
Ver&#228;nderungen in der globalen &#214;konomie – wie neue Schl&#252;sseltechnologien und die wachsende Internationalisierung der &#214;konomie – f&#252;hrten ab Mitte der 1970er Jahre zu &#246;konomischen Umstrukturierungen in den Nationalstaaten und damit auch zu Umstrukturierungen in den nationalen Sozialstaaten.<a name="anm_5"></a> Der Staatstheoretiker Bob Jessop spricht in diesem Zusammenhang vom &#220;bergang des Keynesianischen Wohlfahrtsstaates zum Schumpeter’schen Leistungsstaat.<a name="anm_6"></a> Letzterer zeichne sich sozialpolitisch durch eine Reorientierung der Sozialpolitik auf die Erfordernisse des Arbeitsmarktes aus. Konkreter ausgedr&#252;ckt ist der Schumpeter’sche Leistungsstaat ein aktivierender Sozialstaat, dessen Kernziele es sind, die Sozialausgaben zu reduzieren und die dekommodifizierenden Elemente des Keynesianischen Wohlfahrtstaates – d.h. diejenigen Sozialleistungen, die den Zwang zur Lohnarbeit in spezifischen F&#228;llen wie z.B. Krankheit vermindern – wieder abzubauen.<a name="anm_7"></a> Sozialpolitik wird im Schumpeter’schen Leistungsstaat nur mehr dann als legitim erachtet, wenn sie produktivkraftsteigernd ist. Ins Zentrum der Aufmerksamkeit r&#252;ckt die bedrohte Wettbewerbsf&#228;higkeit des jeweiligen Nationalstaates. In der Folge &#228;ndern sich Zweck und Mittel wohlfahrtsstaatlicher Interventionen grundlegend: „Nicht der problemad&#228;quate Schutz vor sozialen Risiken und die Korrektur der marktvermittelten Einkommenspolarisierung, sondern der Beitrag der Sozialpolitik zur Konsolidierung der Staatshaushalte, zur Reduzierung der Personalzusatzkosten und zur Deregulierung des Arbeitsrechts- und Tarifsystems avancierten zum Erfolgskriterium einer ´modernen` Sozialpolitik“.<a name="anm_8"></a></p>
<p><strong>Von <em>welfare</em> zu <em>workfare</em></strong><br />
Seinen konkreten politischen Ausdruck findet der neoliberale Sozialstaat in der Politik des <em>workfare</em>, deren zentrales Element die Bindung des Bezugs von sozialen Leistungen an Gegenleistungen darstellt.<a name="anm_9"></a> Aktivierung als oberstes Ziel der Sozialpolitik bedeutet in erster Linie die Sicherung von Besch&#228;ftigungsf&#228;higkeit und die F&#246;rderung der Arbeitsmarktflexibilit&#228;t. Oft geht damit auch  die Aus&#252;bung von Zwang auf Leistungsempf&#228;ngerInnen und die Androhung von Sanktionen bei Nicht-Einhaltung von Vereinbarungen einher. Menschen mit schweren Behinderungen oder Langzeit-Obdachlose, die strukturell vom <em>Ersten Arbeitsmarkt</em> ferngehalten werden, trifft diese Politik besonders, da von ihnen erwartet wird, dass sie Gegenleistungen (wie beispielsweise permanente Ausweisungspflicht oder die unbedingte Teilnahme an  Arbeitstrainings) erbringen um die soziale Unterst&#252;tzung, die sie dringend ben&#246;tigen, zu erhalten. Loïc Wacquant spricht in diesem Zusammenhang vom &#220;bergang vom „f&#252;rsorgenden“ zum „strafenden“ Staat.<a name="anm_10"></a> „Keine Rechte ohne Pflichten“ oder „von nichts kommt nichts mehr“ – so k&#246;nnte die neue sozialpolitische Devise kurz und knapp zusammengefasst werden.</p>
<p><strong>Du bist arm? Selbst schuld!</strong><br />
Mit diesem Wandel von <em>welfare </em>zu <em>workfare </em>ging auch die gesellschaftliche Etablierung eines vollkommen neuen Menschenbildes einher. W&#228;hrend in Zeiten des Ausbaus wohlfahrtsstaatlicher Programme Armut oder Arbeitslosigkeit in den Kontext gesellschaftlichen Versagens gestellt wurden<a name="anm_11"></a>, so wird in Zeiten des neoliberalen Sozialstaates die Eigenverantwortung der Individuen besonders betont. Der/Die Einzelne wird von gesamtgesellschaftlichen Instanzen gel&#246;st betrachtet und seine/ihre individuelle Rolle als „sein eigenes Kapital, sein eigener Produzent und seine eigene Einkommensquelle“<a name="anm_12"></a> betont. Dieses neue Menschenbild hat katastrophale Auswirkungen auf die gesellschaftliche Positionierung gegen&#252;ber Personen, die soziale Hilfeleistungen ben&#246;tigen: Sie gelten entweder – gem&#228;&#223; der Ideologie einer <em>culture of povert</em>y – als unf&#228;hig ihr eigenes Leben zu meistern, oder als zu wenig qualifiziert, um den Anspr&#252;chen des Marktes gerecht zu werden. Prinzipiell werden Armut, Arbeitslosigkeit und soziale Bed&#252;rftigkeit als individuelle Defizite bezeichnet, die vom Staat kaum und wenn dann nur durch Aus- und Weiterbildungsma&#223;nahmen ver&#228;ndert werden k&#246;nnen.<a name="anm_13"></a> Eine Konsequenz dieses Menschenbildes ist, dass bestimmte Bev&#246;lkerungsteile – die sogenannte Neue Unterschicht oder stadtr&#228;umlich ausgegrenzte Jugendliche – als desintegriert und als „Gefahr f&#252;r die Demokratie“ erachtet werden. Die Tatsache, dass Armut und soziale Bed&#252;rftigkeit keineswegs selbst verschuldet sind, sondern im kapitalistischen System gesellschaftlich verursacht und teilweise sogar gewollt sind, wird durch diesen Diskurs vollkommen verschleiert.</p>
<p><strong>Folgen einer „Politik des Forderns und F&#246;rderns“</strong><br />
ProduzentInnen wie Empf&#228;ngerInnen sozialer Dienstleistungen sind gleicherma&#223;en von dieser „Politik des Forderns und F&#246;rderns“  betroffen: <em>Erstens </em>wird der Leistungsbezug kontinuierlich an mehr Voraussetzungen gebunden und das Leistungsgef&#252;ge zunehmend restriktiver ausgestaltet. Die Folge ist, dass immer weniger Menschen immer weniger Sozialleistungen zugesprochen werden. <em>Zweitens </em>werden soziale DienstleisterInnen permanent in Weiterbildungsprogramme gedr&#228;ngt, was einerseits zu Professionalisierung und damit verbesserter Qualit&#228;t sozialer Arbeit f&#252;hrt, oft aber auch Leistungsdruck und psychische Belastungen f&#252;r die Betroffenen mit sich bringt. <em>Drittens </em>werden die Sozialverwaltungen zunehmend nach betriebswirtschaftlichen Effizienzkriterien umgebaut, was einerseits zu einer erh&#246;hten B&#252;rokratisierung f&#252;hrt und andererseits dem Bereich der sozialen Dienstleistungen vielfach nicht angemessen ist.<br />
Seit den 1990er Jahren f&#252;hren zudem Verwaltungsreformen unter dem Schlagwort <em>New Public Management</em> dazu, „dass &#246;ffentliche Einrichtungen zwar noch &#246;ffentlich sind, sich aber zunehmend wie private verhalten: Nicht mehr gemeinn&#252;tzige Ziele stehen im Vordergrund, sondern betriebswirtschaftliche Effizienz.“<a name="anm_13"></a> Dem Ziel der Ausgabenreduktion folgend, sollen Ressourcen effizienter gestaltet und Qualit&#228;tsverbesserung &#252;ber den „freien Markt“ erm&#246;glicht werden. &#214;ffentliche Verwaltungen und Dienstleistungen werden ausgegliedert, kommunaler Besitz verkauft, Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse dereguliert und Managementtechniken im Bereich &#246;ffentlicher Dienstleistungen eingef&#252;hrt.<br />
Im Bereich der sozialen Dienstleistungen f&#252;hrt dieser neoliberale Umbau der Verwaltungen zu weitreichenden Ver&#228;nderungen:<br />
1. KlientInnen werden zu KundInnen umdefiniert, die auf einem freien Markt das beste Angebot w&#228;hlen sollen, auch wenn sie dazu oft nicht in der Lage sind.<br />
2. Es kommt zu Einsparungen auf Kosten der Qualit&#228;t: Billigst- statt BestbieterInnen setzen sich durch.<br />
3. Damit verbunden ist die Deregulierung der Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse und der Anstieg des Anteils atypisch Besch&#228;ftigter.<br />
4. Zwischen &#246;ffentlichen Financiers und gemeinn&#252;tzigen Tr&#228;gerInnen werden Leistungsvertr&#228;ge eingef&#252;hrt, die zumeist zeitlich befristet sind und es sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen zunehmend erschweren, ihre Arbeit zu planen.<br />
5. Die Vorstellung setzt sich durch, dass soziale Dienstleistungen operationalisier- und messbar w&#228;ren<a name="anm_15"></a>. Abgesehen von der Frage, ob und wie man Fortschritt im Bereich des Sozialen eigentlich messen soll, f&#252;hrt diese Vorstellung zu einem wachsenden Zeitaufwand f&#252;r rein quantitative Leistungsdokumentation und weniger Zeit f&#252;r die eigentliche Arbeit. Dar&#252;ber hinaus werden hierdurch implizit die Kontrollmechanismen eines „strafenden Staates“ eingef&#252;hrt.</p>
<p><strong>Soziale Sicherung in &#214;sterreich</strong><br />
Die Etablierung eines relativ weitreichenden Systems der sozialen Sicherung hat sich in &#214;sterreich weniger durch aktive K&#228;mpfe der ArbeiterInnenklasse als durch sozialpartnerschaftliche Aushandlungsprozesse<a name="anm_16"></a> vollzogen. Als zentrale Sozialpolitikbereiche k&#246;nnen die Systeme der sozialen Sicherung (Sozialversicherung und Sozialhilfe), die Regelung der Arbeitsbedingungen und -beziehungen, die (Mit-)Steuerung des Arbeitsmarktes und diverse familienbezogene Leistungen ausgemacht werden.<a name="anm_17"></a><br />
In einer der g&#228;ngigsten Typologisierungen der international vergleichenden WFS-Forschung entspricht der &#246;sterreichische WFS dem konservativen Typ.<a name="anm_18"></a> Dieser ist stark lohnarbeitszentriert und baut bei der Erbringung von Versorgungsleistungen auf die (heterosexuelle) Kleinfamilie. Das hei&#223;t im Konkreten, dass in &#214;sterreich die Integration in den Erwerbsarbeitsmarkt die zentrale Voraussetzung f&#252;r den Bezug von Sozialversicherungsleistungen (im Falle von Alter, Krankheit, Unfall und Arbeitslosigkeit) ist. Aus geschlechterkritischer Perspektive bedeutet dies zweierlei: Im Gegensatz zu skandinavischen L&#228;ndern, in denen soziale Dienstleistungen vom Staat zur Verf&#252;gung gestellt werden, h&#228;ngt die Pflege und Versorgungsleistung (beispielsweise von &#196;lteren und Kinder) in &#214;sterreich an den Familien und f&#228;llt damit traditionell in den Verantwortungsbereich der Frauen. Andererseits f&#252;hrt die Tatsache, dass sich Frauen tendenziell nicht in Normalarbeitsverh&#228;ltnissen, d.h. in unbefristeter Vollbesch&#228;ftigung befinden, dazu, dass sie meist nur indirekt bei ihrem Partner mitversichert sind und dadurch strukturelle Abh&#228;ngigkeiten verst&#228;rkt werden. Klassen- und geschlechterspezifische Einkommensungleichheiten werden dar&#252;ber hinaus durch die &#196;quivalenzrelation zwischen der H&#246;he und Dauer der geleisteten Versicherungsbeitr&#228;ge und durch die H&#246;he der finanziellen Sozialleistungen (Geldleistungen in der Krankenversicherung, Arbeitslosengeld/Notstandhilfe und Alterspension) reproduziert. Generell l&#228;sst sich allerdings beobachten, dass das Normalarbeitsverh&#228;ltnis zunehmend erodiert, so dass ein immer gr&#246;&#223;er werdender Teil der Bev&#246;lkerung von eigenst&#228;ndiger sozialstaatlicher Absicherung ausgeschlossen wird.</p>
<p><strong>Sozialhilfe</strong><br />
Erg&#228;nzend zur Sozialversicherung gibt es das zweite Netz der sozialen Sicherung, welches soziale Notlagen und Gef&#228;hrdungen, wie Wohnungslosigkeit oder Einkommen unter der Armutsgrenze, mildern soll: die auf Ebene der L&#228;nder und Gemeinden organisierte Sozialhilfe<a name="anm_19"></a>. Sozialhilfe ist eine steuerfinanzierte, bedarfsgepr&#252;fte Leistung und kann nur in Anspruch genommen werden, wenn es keine anderen M&#246;glichkeiten der Sicherung des Lebensunterhalts gibt (Erwerbsarbeit, famili&#228;re materielle Ressourcen oder andere gesetzliche Leistungen). Bestehende Verm&#246;gen m&#252;ssen vor dem Bezug von Sozialhilfe verbraucht werden. Dar&#252;ber hinaus wird Sozialhilfe nie automatisch vergeben, sondern muss immer beantragt werden.<br />
Die Sozialhilfe hat sich von ihrer urspr&#252;nglichen Aufgabe weit entfernt und muss bei immer mehr Risiken einspringen. Dar&#252;ber hinaus d&#252;rfen einige strukturelle Probleme der Sozialhilfe nicht unerw&#228;hnt bleiben: Prinzipiell sind zwar Rechtsanspr&#252;che vorgesehen, aber die Realisierung ist oft schwierig – wenn Antr&#228;ge z.B. bei der Wohnsitzgemeinde gestellt werden m&#252;ssen und dort alle Details &#252;ber Einkommens- und Lebensverh&#228;ltnisse offenzulegen sind. Die Folgen dieser Stigmatisierung sind hohe <em>Non-Take-Up-Rates</em>: Viele Anspruchsberechtigte stellen keine Antr&#228;ge auf Sozialhilfe.</p>
<p><strong>Ping-Pong-Spiel zwischen Bund und L&#228;ndern</strong><br />
Die legislative Kompetenz der Sozialpolitik ist zwischen Bund (Sozialversicherung, Arbeitsrecht, Arbeitsmarktpolitik und Familienleistungen) und L&#228;ndern (Sozialhilfe, teilw. Pflegevorsorge bzw. teilweise familienrelevante Leistungen) aufgeteilt. Zurzeit existieren (zu) viele Institutionen und somit Schnittstellen, was, infolge unklarer Zust&#228;ndigkeiten, zu Einschr&#228;nkungen bei der Leistungsinanspruchnahme f&#252;hrt. Da es in vielen Bereichen hinsichtlich der Zust&#228;ndigkeit keine klare Regelung zwischen Bund und L&#228;ndern gibt (z.B. bei der Unterst&#252;tzung von Integrationsvereinen), kommt es oft zu einem „Ping-Pong-Spiel“ der Verantwortlichkeiten.<br />
Ein wichtiger Aufgabenbereich der Bundesl&#228;nder (und somit auch von Wien) ist die Bereitstellung sozialer Dienstleistungen, wie zum Beispiel Altenpflege, Betreuung von Menschen mit Behinderung und Wohnungslosenhilfe. Diese k&#246;nnen entweder durch staatliche Institutionen selbst erbracht werden oder die &#246;ffentliche Hand &#252;bernimmt eine (Teil-)Finanzierung von sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen, die dann die Leistung erbringen. Es ist jedoch eine klare Dominanz von Geldleistungen gegen&#252;ber Sach- und Dienstleistungen festzustellen. Im Jahr 2005 wurden 71% aller Sozialleistungen als Geldleistungen ausbezahlt.<a name="anm_20"></a> Dadurch kommt es zu einem ungen&#252;genden Angebot an sozialen Dienstleistungen, z. b. dem Fehlen von Kinderbetreuungseinrichtungen, Einrichtungen zur Betreuung pflegebed&#252;rftiger &#228;lterer Menschen und Personen mit psychischen Erkrankungen sowie von Asylberatung und -betreuung oder Sozialberatung. Die Folgen sind bekannt: Einerseits m&#252;ssen die notwendigen Leistungen zu einem &#252;berwiegenden Teil vom informellen Haushaltssektor bereitgestellt werden, in dem haupts&#228;chlich Frauen unbezahlte Arbeit verrichten. Andererseits bleiben gesellschaftliche Randgruppen ihrem Schicksal &#252;berlassen oder sind auf private Vereine angewiesen (z.B. dem Verein <em>Ute Bock</em> im Fall nichtbetreuter AsylwerberInnen).</p>
<p><strong><em>Workfare</em> und Sozialdemokratie </strong><br />
In &#214;sterreich hat sich die Ausrichtung der Sozialpolitik seit den 1990er Jahren infolge ver&#228;nderter gesellschaftlicher Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse und &#246;konomischer Konstellationen gewandelt. Wurde bereits seit den 1980er Jahren von der Ausweitung sozialpolitischer Ma&#223;nahmen abgesehen, so ist seit dem EU-Beitritt 1995 ein wirklicher Wandel hin zum <em>workfare-state</em> zu auszumachen. Es gibt zwar Geld f&#252;r die prekarisierende, workfareistische Arbeitsmarktpolitik; die finanziellen Spielr&#228;ume f&#252;r sinnvolle, armutsbek&#228;mpfende und Lebensperspektiven erm&#246;glichende sozialpolitische Ma&#223;nahmen sind aber mit Hilfe der Wirtschafts- und W&#228;hrungsunion und der Maastricht-Kriterien weitgehend eingeschr&#228;nkt worden.<br />
Es ist nicht verwunderlich, dass die b&#252;rgerlichen politischen Kr&#228;fte (insbesondere die schwarzblaue Regierung 2000-2008) diese Entwicklungen in &#214;sterreich ma&#223;geblich vorantrieben haben. In diesem Prozess spielte jedoch auch die Sozialdemokratie eine sehr unr&#252;hmliche Rolle. Mit der Neuorientierung am so genannten „Dritten Weg“ ab Mitte der 1990er Jahre initiierte und unterst&#252;tzte die SP&#214; immer &#246;fter neoliberale Projekte<a name="anm_21"></a>. Die von Tony Blair und „New Labour“ vorangetriebene Politik der sozialdemokratischen Erneuerung in Europa f&#252;hrte unter anderem zu einer Neubesetzung von zentralen sozialdemokratischen Begriffen. Auch wenn das Ziel einer &#220;berwindung der Klassengesellschaft schon lange keinen Platz mehr in der SP&#214; hatte, galt lange Zeit zumindest der Vorsatz, durch die Mittel des Sozialstaats und die Umverteilung materieller G&#252;ter die „Ungleichheiten etwas gleicher werden zu lassen“<a name="anm_22"></a>. Von dieser „Verteilungsgerechtigkeit“ grenzte sich die Politik des Dritten Weges vehement ab. Nicht mehr die m&#246;glichst gerechte Verteilung sollte erreicht werden, sondern das neue Ideal der Gleichheit ersch&#246;pft sich bereits in der Beteiligung an der Erwirtschaftung des Wohlstands selbst: „Die neue Politik bestimmt Gleichheit als Inklusion und Ungleichheit als Exklusion.“<a name="anm_23"></a> Dieser Dritte Weg findet sich auch in der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie, konkret im 1998 verabschiedeten SP&#214;-Parteiprogramm: „‚Gleichheit‘ wird auch hier zu ‚Chancengleichheit‘, Gerechtigkeit zur ‚gleichberechtigten Teilhabe aller an der Gesellschaft‘, und ganz im Stile von Blair wird ein vorgeblicher ‚Mittelweg‘ gesucht, der in der Formulierung der ‚solidarischen Leistungsgesellschaft‘ seinen Ausdruck findet.“<a name="anm_24"></a><br />
Getragen wurde diese neoliberale Umorientierung der SP&#214; nicht nur von der Bundes-SP&#214; unter dem damaligen Bundeskanzler Viktor Klima, sondern auch von der Wiener SP&#214;, die schon damals unter F&#252;hrung des noch immer amtierenden B&#252;rgermeisters, Michael H&#228;upl, stand.</p>
<p><strong>Der Fonds Soziales Wien</strong><br />
Vor dem Hintergrund der seit 1945 bestehenden strukturellen Versorgungsl&#252;cken und den neoliberalen Verschlechterungen der letzten Jahrzehnte k&#246;nnte der Eindruck entstehen, es g&#228;be ein gro&#223;es Verbesserungspotential, um das sich ein absolut sozialdemokratisch regiertes Bundesland k&#252;mmern k&#246;nnte. Denn trotz der problematischen Kompetenzverteilung zwischen Bund und L&#228;ndern obliegt dem Land Wien der wichtige Bereich der sozialen Dienstleistungen. Doch eine dringend n&#246;tige Reform des „Sozialen Wiens“ wurde in den letzten Jahrzehnten kaum diskutiert. Die Tatsachen einer steigenden Zahl von Betroffenen, komplexerer Betreuungslagen oder der zunehmenden Belastungen von MitarbeiterInnen aufgrund von Ressourcenverknappung wurden ignoriert.<br />
Stattdessen wurde im Laufe des Jahres 2004 im Gemeinderat an einer Verwaltungsreform im Sozial- und Gesundheitsbereich gebastelt und der <em>Fonds Soziales Wien</em> (FSW) wurde als neuer zentraler Akteur eingef&#252;hrt. Dieser sollte dazu dienen, gro&#223;e Teile des kommunalen Sozialbereichs (namentlich die Altenpflege, das Behindertenwesen und die Wohnungslosenhilfe<a name="anm_25"></a>) in eine privatrechtliche Organisationsform zu &#252;berf&#252;hren. Implizites Ziel dieser Ausgliederung war es, &#246;ffentliche Auftragsvergabekriterien zu umgehen und den „freien Markt“ walten zu lassen. Bislang waren f&#252;r die drei Organisationselemente sozialer Dienstleistungen – Planung, Steuerung und Umsetzung – die MA 12 (das „Sozialamt“) und die MA 47 (das Amt f&#252;r Betreuung und Pflege) zust&#228;ndig. Nun sind diese drei Organisationselemente strikt getrennt. W&#228;hrend den Magistraten nur mehr die (Deutungs-)Hoheit &#252;ber die zuk&#252;nftigen Entwicklungen im Bereich der sozialen Dienstleistungen bleibt, ist der FSW nun f&#252;r die Steuerung, d.h. f&#252;r die Leistungsvorgaben, deren Kontrolle sowie f&#252;r die Finanzierung der Leistungen zust&#228;ndig. Privatrechtliche Tr&#228;gerInnenorganisationen f&#252;hren die Dienstleistungen aus. (Abb.1)<br />
Konkret sieht der Weg hin zu der Inanspruchnahme einer sozialen Dienstleistung in Wien nun in etwa so aus: Nach der Pflegegeldeinstufung beim Bundessozialamt, muss von der/dem potentiellen KlientIn beim FSW ein Antrag auf (beispielsweise) Pflege- oder Behindertenhilfe gestellt werden. Wenn dieser Antrag vom FSW – nach einer Bearbeitungsdauer von bis zu sechs (!) Monaten – bewilligt wird, kann sich die/der Empf&#228;ngerIn sozialer Dienstleistungen an eine – vom FSW unterst&#252;tzte – soziale Tr&#228;gerInnenorganisation wenden und die Dienstleistung in Anspruch nehmen. Der FSW steht demnach quasi &#252;ber den sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen und &#252;bt eine ungemeine Macht auf sie aus, indem er als Vermittler des „Kontingents von potentiellen KlientInnen“ wirkt.<a name="anm_26"></a><br />
Prinzipiell entspricht diese Ausgliederung und Teilprivatisierung gro&#223;er Teile der &#246;ffentlichen Sozialverwaltung ganz den Techniken des <em>New Public Managements</em>. Durch die Aufteilung in klar voneinander segmentierte Verantwortungsbereiche soll, so das Argument der Stadt Wien, Transparenz geschaffen werden. Weiters wird argumentiert, dass hierdurch klarer wird, welche Person welche Dienstleistungen und welche Organisation wie viel Geld f&#252;r die Durchf&#252;hrung dieser Dienstleistung erhalte.  Dar&#252;ber hinaus sollen durch die Dreigliederung der Verwaltung Effizienzgewinne erzielt werden. Jede Organisationseinheit h&#228;tte nun klar umgrenzte Aufgaben; Doppelg¬¬leisigkeiten k&#246;nnten dadurch verhindert werden. Schlussendlich w&#252;rde eine Markt- und Wettbewerbsorientierung im Bereich der sozialen DienstleisterInnen die Gleichbehandlung aller AnbieterInnen erm&#246;glichen (keine Organisation k&#246;nne mehr bevorzugt werden) und zur Anhebung von Qualit&#228;tsstandards beitragen. Durch wachsende Transparenz und permanentes Controlling m&#252;ssten zwangsl&#228;ufig bestimmte Mindeststandards eingef&#252;hrt werden, so der Tenor.</p>
<p><strong>Die bef&#252;rchteten Folgen der Ausgliederung</strong><br />
Demgegen&#252;ber war jedoch bereits der Prozess der Ausgliederung f&#252;r viele betroffene Tr&#228;gerInnenorganisationen vollkommen unklar und diffus – vielfach wurde der FSW als „intransparente Black Box“<a name="anm_27"></a> beschrieben –, da sie in den Prozess der Ausgliederung nicht bzw. nur ungen&#252;gend eingebunden wurden. Zudem bef&#252;rchteten viele in diesem Bereich T&#228;tige, dass die neoliberal inspirierte Reformstrategie gravierende negative Folgen haben w&#252;rde. So argumentierten VertreterInnen der Initiative „Soziale Arbeit – gestern, heute, morgen“<a name="anm_28"></a>, dass die Implementierung des Fonds Soziales Wiens folgende Verschlechterungen mit sich bringen w&#252;rde<a name="anm_29"></a>:<br />
1. Leistungsk&#252;rzungen;<br />
2. Einschr&#228;nkungen demokratischer Mitbestimmung und Kontrolle durch den FSW;<br />
3. Konzentration von AnbieterInnen durch „Marktbereinigungsmechanismen“: Durchsetzung von Billigst- statt BestbieterInnen;<br />
4. Sinkende Kooperationsbereitschaft; zunehmende Spezialisierung der einzelnen sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen, Fokussierung auf bestimmte KlientInnengruppen (sogenanntes „creaming“, benannt nach Créme: Man sucht sich die besten Teile heraus);<br />
5. Erste Schritte in Richtung Privatisierung des Sozialbereiches mit den &#252;blichen Auswirkungen auf die Besch&#228;ftigten (Rationalisierungen, Flexibilisierung der Arbeitszeiten, Deregulierung der Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse, Intensivierung der Arbeit, K&#252;rzung der Geh&#228;lter etc.);<br />
6. Zunehmende „KundInnenorientierung“, die dazu f&#252;hrt, dass KundInnen eigenst&#228;ndig das „beste Angebot ausw&#228;hlen“ sollen, was im Bereich der sozialen Dienstleistungen hei&#223;t, dass die Betroffenen sich die Bearbeitung der eigenen Probleme selbst organisieren m&#252;ssen;</p>
<p><strong>Befunde aus der Praxis</strong><br />
Seit der Implementierung des FSW sind sechs Jahre vergangen. Ob die bef&#252;rchteten Folgen der Ausgliederung wirklich so eingetreten sind, ist aufgrund d&#252;nner Quellenlage schwierig zu beantworten. Dieses Problem ist symptomatisch f&#252;r den Prozess der Implementierung des Fonds Soziales Wien. Es gibt so gut wie keine wissenschaftlichen Arbeiten, die sich mit den Folgen von Ausgliederungen besch&#228;ftigen – als positive Ausnahme kann das bereits oben erw&#228;hnte Projekt „Fachliche Standards in der Sozialarbeit“<a name="anm_30"></a> genannt werden. Aber auch die sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen, die sich immer wieder zu sozialpolitischen Themen in der (medialen) &#214;ffentlichkeit zu Wort melden, verhalten sich aufgrund der enormen Abh&#228;ngigkeit vom FSW derzeit vollkommen ruhig.<br />
Einige Punkte zu den Folgen der Ausgliederung lassen sich jedoch skizzieren:<br />
Durch die Gr&#252;ndung des FSW als <em>Controlling</em>-Organ konnten die Qualit&#228;tsstandards im Bereich der sozialen Dienstleistungen tats&#228;chlich angehoben und durchgesetzt werden. Folge dieser Durchsetzung von Qualit&#228;tsstandards ist, dass soziale DienstleisterInnen nur mehr in dem Bereich arbeiten k&#246;nnen, indem sie eine Ausbildung haben. Dies f&#252;hrt jedoch vor dem Hintergrund der angespannten Arbeitsmarktsituation zu Qualifizierungsdruck bei den Betroffenen. Die Angst, den eigenen Arbeitsplatz aufgrund ungen&#252;gender Qualifikation zu verlieren oder  pers&#246;nliche Probleme, Job und Ausbildung unter einen Hut zu bekommen, sind ebenfalls Folgen der Unterfinanzierung des Sozialbereichs.<br />
Die Einf&#252;hrung des Fonds Soziales Wien zog eine Monopolisierung der Leistungsvergabe mit sich. Im Grunde entscheidet nun der FSW allein dar&#252;ber, welcher/m KlientIn welche Leistungen zuerkannt werden. Das f&#252;hrt dazu, dass basale T&#228;tigkeiten, wie Haare oder N&#228;gel schneiden, h&#228;ufig nicht im Leistungskatalog enthalten sind und von dem/der KlientIn selbst bezahlt werden m&#252;ssen. Dar&#252;ber hinaus erschwert die f&#252;r &#214;sterreich so spezifische Aufteilung in Bund- und L&#228;nderkompetenzen den Zugang zu Leistungen.<br />
Der b&#252;rokratische Verwaltungsaufwand ist durch die Einf&#252;hrung des FSW konstant angestiegen. Die Leistungsvertr&#228;ge machen eine penible Dokumentation der erbrachten Leistungen notwendig. Diese macht die Arbeit sozialer Tr&#228;gerInnenorganisation einerseits zunehmend transparent und hebt damit auch deren Qualit&#228;t. Andererseits f&#252;hrt diese Praxis – wie bereits bef&#252;rchtet – aber auch dazu, dass die Sozialen DienstleisterInnen weniger Zeit f&#252;r ihre KlientInnen haben. Dar&#252;ber hinaus wird die Sinnhaftigkeit dieser Form der Dokumentation immer mehr hinterfragt. Ist eine l&#252;ckenlose Information &#252;ber soziale Dienstleistungen f&#252;r einige Forschungsbereiche durchaus sinnvoll, so zeigt sich in der Praxis, dass die standardisierten Frageb&#246;gen f&#252;r die nachvollziehbare Darstellung konkreter F&#228;lle h&#228;ufig v&#246;llig inad&#228;quat sind.<br />
Auch die implizite Annahme, die hinter diesem Dokumentations- und Quantifizierungszwang steht – die M&#246;glichkeit einer exakten Messbarkeit sozialer Dienstleistungen – wird von einigen sozialen DienstleisterInnen kritisch hinterfragt: „Sozialarbeit ist ein wechselseitiger Prozess, der Vertrauensbildung voraussetzt und in dem ein vereinbarter Ma&#223;nahmenplan immer wieder ver&#228;ndert werden muss. In der Sozialarbeit muss eine vielschichtige Problemsituation analysiert, mit der KlientIn eine Probleml&#246;sung erarbeitet und sie/er bei der Umsetzung unterst&#252;tzt werden.“<a name="anm_31"></a><br />
Durch die Aufgliederung im FSW in drei Bereiche gibt es mittlerweile Zielgruppen, die nicht klar zuordenbar sind und daher in keinen der Bereiche hineinfallen. Als Beispiel k&#246;nnen hier wohnungslose Menschen mit Suchtproblemen oder Entlassene der forensischen Psychiatrie genannt werden. Diese Personen werden vom FSW dorthin verwiesen, wo sich jemand bereiterkl&#228;rt, sie aufzunehmen, egal ob das nun die Wohnungslosen- oder Behindertenhilfe ist. Mit dieser willk&#252;rlichen Aufteilung k&#246;nnen die Probleme der KlientInnen nicht ad&#228;quat gel&#246;st werden.<br />
Auch f&#252;r &#228;ltere Leistungsempf&#228;ngerInnen hat sich durch die in der Ausgliederung enthaltene „KundInnenorientierung“ nicht viel verbessert. So ist die „unb&#252;rokratische, leicht zug&#228;ngliche Anlaufstelle f&#252;r &#228;ltere Menschen und deren Angeh&#246;rige, die bisher durch SozialarbeiterInnen und SeniorenberaterInnen nicht nur Beratung, sondern auch Unterst&#252;tzung geboten hat, zerst&#246;rt.“<a name="anm_32"></a> Die KlientInnen m&#252;ssen sich nun selbst (am besten im Internet) alle Wege zusammensuchen und scheitern regelm&#228;&#223;ig an diesen neuen H&#252;rden.<br />
Es gibt bislang wenig Hinweise auf allgemeine Leistungsk&#252;rzungen seit der Einf&#252;hrung des FSW. Dass Spezialprogramme allerdings zunehmend gek&#252;rzt werden, scheint offensichtlich. Beispielsweise strich der FSW 2008 erstmals seine F&#246;rderung von 40.000 Euro f&#252;r Psychotherapie von Folter&#252;berlebenden. Budgets f&#252;r Spezialprogramme werden nur mehr von Jahr zu Jahr vergeben. Dies f&#252;hrt immer h&#228;ufiger dazu, dass es weder f&#252;r KlientInnen noch f&#252;r soziale DienstleisterInnen Sicherheiten auf angemessene Basisfinanzierung gibt.<a name="anm_33"></a></p>
<p><strong>Wider die Neoliberalisierung der Sozialpolitik!</strong><br />
Mit den Ver&#228;nderungen der modernen Wohlfahrtsstaaten seit den 1970er Jahren und deren &#220;bergang von einer Politik des <em>welfare </em>zu einer Politik des <em>workfare </em>ging auch ein neues Menschenbild einher. Soziale Bed&#252;rftigkeit wurde und wird zunehmend als individuelles Defizit gesehen, das von den „KundInnen sozialer Dienstleistungen“ selbst behoben werden muss. Neben dieser ideologischen Wende f&#252;hrte der neoliberale Umbau der Sozialpolitik auch materiell zu ziemlichen Einschnitten. Sozialleistungen wurden – auch im „roten“ Wien – gek&#252;rzt, w&#228;hrend Armutsraten und die Zahl der Personen, die von der Gesellschaft zunehmend ausgegrenzt sind, kontinuierlich ansteigen. Die Partei, die sich die L&#246;sung der „sozialen Frage“ quasi ins Parteiprogramm geschrieben hat – die SP&#214; – hat all diese Verschlechterungen im Sozialbereich teilweise mitgetragen, teilweise selbst forciert. Nur ein aktiver Widerstand der Betroffenen, der die Probleme thematisiert und die  im Wahljahr unter Druck stehende Wiener SP&#214; damit konfrontiert, kann dazu f&#252;hren, dass eine Abkehr von diesen Politiken vollzogen wird.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a name="anm1"></a> Wehsely, Sonja, unter: http://www.wien.spoe.at/mag-sonja-wehsely<br />
<a name="anm2"></a> Im Gegensatz zum historischen Roten Wien beszeichnet „rot“ hier das sozialdemokratisch regierte Wien der Gegenwart.<br />
<a name="anm3"></a> Jessop, Bob: Kapitalismus. Regulation. Staat, Hamburg 2007, S.224<br />
<a name="anm4"></a> Hirsch, Joachim: Materialistische Staatstheorie. Transformationsprozesse des kapitalistischen Staatensystems, Hamburg 2005, S.117<br />
<a name="anm5"></a> Ebd., S.219ff.<br />
<a name="anm6"></a> Ebd.<br />
<a name="anm7"></a> Atzm&#252;ller, Roland: Die Entwicklungen der Arbeitsmarktpolitik in &#214;sterreich. Dimensionen von Workfare in der &#246;sterreichischen Sozialpolitik, in: Kurswechsel, 4 (2009), S.24<br />
<a name="anm8"></a> Urban, Hans-J&#252;rgen: Deregulierter Standort-Kapitalismus? &#8211; Krise und Erneuerung des Sozialstaates, in: Schmitthenner, Horst (Hg.): Der „schlanke“ Staat. Zukunft des Sozialstaates – Sozialstaat der Zukunft, Hamburg 1995, S.17<br />
<a name="anm9"></a> Auch wenn der Begriff workfare h&#228;ufig f&#252;r Debatten um Ver&#228;nderungen in der Arbeitswelt (Stichwort: Flexibilisierung der Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse) verwendet wird, kann er auch f&#252;r Ver&#228;nderungen sozialpolitischer Programme herangezogen werden. Vgl. Atzm&#252;ller, Roland: Die P&#228;dagogisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen und Staat, in: Perspektiven. Magazin f&#252;r linke Theorie und Praxis, Nr. 10 (2010), S. 22–28<br />
<a name="anm10"></a> Wacquant, Loic: Bestrafen der Armen. Zur neuen Regierung der sozialen Unsicherheit, Opladen 2009, S.10ff.<br />
<a name="anm11"></a> Korpi, Walter: Welfare-State Regress in Western Europe: Politics, Institutions, Globalization and Europeanization, in: Annual Review of Sociology, No.29 (2003), S.589<br />
<a name="anm12"></a> Foucault, Michel: Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalit&#228;t II, Frankfurt/Main 2006, S. 314<br />
<a name="anm13"></a> vgl. Atzm&#252;ller, Roland: Die P&#228;dagogisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen und Staat, a.a.O.<br />
<a name="anm14"></a> vgl. Unabh&#228;ngige GewerkschafterInnen im &#214;GB: Was bleibt vom „roten“ Wien? Fonds Soziales Wien. Die Stunde der Effizienz, unter: http://www.auge.or.at/_TCgi_Images/auge/20040930145813_alternative_extra10a_1.pdf<br />
<a name="anm15"></a> Diese Operationalisierbarkeit, d.h. die Vorstellung, dass Leistungen genau benannt und aufsummierbar werden, ist betriebswirtschaftlich gewollt und aus der Perspektive einer erm&#228;chtigenden sozialen Arbeit v&#246;llig verfehlt.<br />
<a name="anm16"></a> Dabei handelt es sich um ein quasi informelles System, in dem L&#246;hne, Arbeitsbedingungen und staatliche Sicherungssysteme in konsensualem Einvernehmen zwischen den VertreterInnen der Spitzenb&#252;rokratie ausverhandelt statt durch offen ausgetragene Konflikte, wie zum Beispiel Streiks, errungen zu werden.<br />
<a name="anm17"></a> Tálos, Emmerich: Sozialpartnerschaft. Austrokorporatismus am Ende?, in: Dachs, Herbert et al. (Hg.): Politik in &#214;sterreich. Das Handbuch. Wien 2006, S. 627<br />
<a name="anm18"></a> Esping-Andersen, Gøsta (1991) The three worlds of welfare capitalism. Cambridge<br />
<a name="anm19"></a> Diese wird eventuell in n&#228;chster Zeit durch die bedarfsorientierte Mindestsicherung abgel&#246;st.<br />
<a name="anm20"></a> Heitzmann, Karin (2009) Tr&#228;gerInnen der &#246;sterreichischen Armutsbek&#228;mpfung, in: Dimmel, Nikolaus/Heitzmann, Karin/Schenk, Martin (Hg.): Handbuch Armut in &#214;sterreich, Wien 2009, S 388 &#8211; 397<br />
<a name="anm21"></a> F&#252;r eine ausf&#252;hrliche Darstellung des Dritten Weges siehe Opratko, Benjamin: Quo vadis Sozialdemokratie?, in: Perspektiven. Magazin f&#252;r linke Theorie und Praxis, Nr.2 (2007), S.6-11<br />
<a name="anm22"></a> vgl. Mahnkopf, Birgit: Formel 1 der neuen Sozialdemokratie: Gerechtigkeit durch Ungleichheit. Zur Neuinterpretation der sozialen Frage im globalen Kapitalismus, in: Prokla 121 (2000), S. 489–525<br />
<a name="anm23"></a> Giddens, Anthony: Der Dritte Weg. Die Erneuerung der sozialen Demokratie, Frankfurt 1998, S. 120<br />
<a name="anm24"></a> Opratko, a.a.O., S. 9<br />
<a name="anm25"></a> Darunter fallen auch AsylwerberInnen ohne fixen Unterhalt.<br />
<a name="anm26"></a> Konkret ist der Weg hin zur Inanspruchnahme einer sozialen Dienstleistung viel komplexer und je nach Bereich verschieden. F&#252;r n&#228;here Infos siehe: http://behinderung.fsw.at/information/bz_behindertenhilfe/index.html oder http://www.fsw.at/broschueren/broschueren_ex/brosch_pflege_betreuung.html<br />
<a name="anm27"></a> vgl. Unabh&#228;ngige GewerkschafterInnen im &#214;GB, a.a.O.<br />
<a name="anm28"></a> Ziel der Initiative „Soziale Arbeit – gestern, heute, morgen“ war es, „Fachliche Standards in der Sozialarbeit“ zu diskutieren und damit zur Sch&#228;rfung der fachlichen Perspektive von MitarbeiterInnen in sozialen Organisationen beizutragen und Qualit&#228;tsdebatten durch das Mitwirken der SozialarbeiterInnen inhaltlich neu zu beleben, unter: http://www.sozialearbeit.at/<br />
<a name="anm29"></a> Vgl. Dieb&#228;cker, Marc/Ranftler, Judith/Strahner, Tamara/Wolfgruber, Gudrun: Neoliberale Strategien und die Regulierung sozialer Organisationen im lokalen Staat. Politisches zur Depolitisierung und Deprofessionalisierung der Sozialen Arbeit – Teil 1.Unter: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/150/213.pdf<br />
<a name="anm30"></a> vgl. „Fachliche Standards in der Sozialarbeit“, a.a.O.<br />
<a name="anm31"></a> Vgl. Augustin, 256-07/2009<br />
<a name="anm32"></a> Vgl. Augustin, a.a.O.<br />
<a name="anm33"></a> vgl. derStandard.at, 12.12.2008</p>
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		<title>Out now: Perspektiven Nr. 11</title>
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		<pubDate>Tue, 04 May 2010 16:54:34 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Schwerpunkt: Wie Rot ist Wien?


Die brandneue Perspektiven ist da!
Im Schwerpunkt:
Gruppe Perspektiven: Thesen zur Wien-Wahl 2010 – Veronika Duma, Katherina Kinzel, Fanny M&#252;ller-Uri und Tobias Zortea: Aufstand in der Vorstadt: Wiens verborgene Klassenk&#228;mpfe um 1900 – Benjamin Opratko und Stefan Probst: Sozialismus in einer Stadt? Austromarxismus und das Rote Wien – Assimina Gouma, Petra Neuhold, Paul Scheibelhofer und Gerd Valchars [KriMi]: [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Schwerpunkt: Wie Rot ist Wien?</h3>
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<p style="text-align: center;">
<p><a><strong>Die brandneue Perspektiven ist da!</strong></a></p>
<p>Im Schwerpunkt:</p>
<p><a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/05/09/thesen-zur-wien-wahl-2010/">Gruppe Perspektiven: Thesen zur Wien-Wahl 2010</a> – Veronika Duma, Katherina Kinzel, Fanny M&#252;ller-Uri und Tobias Zortea: Aufstand in der Vorstadt: Wiens verborgene Klassenk&#228;mpfe um 1900 – <a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/05/04/sozialismus-in-einer-stadt/">Benjamin Opratko und Stefan Probst: Sozialismus in einer Stadt? Austromarxismus und das Rote Wien</a> – Assimina Gouma, Petra Neuhold, Paul Scheibelhofer und Gerd Valchars [KriMi]: Migration &#8211; Fangfragen f&#252;r das „rote“ Wien – Interview mit Jakob Weingartner: Sanfte Verdr&#228;ngung: Gentrifizierung in Wien – Florian Reiter: Wiens Salzamt: Neoliberalismus und der Fonds Soziales Wien</p>
<p>Au&#223;erhalb des Schwerkpunkts:</p>
<p>Interview mit Ashraf Cassiem, Mncedisi Twalo, Romin Khan, Alexander Kleider und Daniela Michel: Anti-R&#228;umungskampagne: soziale K&#228;mpfe in S&#252;dafrika – <a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/05/04/die-beauty-queen-der-finanzmaerkte/">Fabio De Masi: Die Beauty-Queen der Finanzm&#228;rkte: Zur Krise in Griechenland </a>- Rezensionen und Rosinenpicken</p>
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		<title>Die Neoliberalisierung &#214;sterreichs</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 10:20:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[In den letzten sechs Jahren haben die von Sch&#252;ssel gef&#252;hrten schwarzblauorangen Koalitionsregierungen die neoliberale Restrukturierung der &#246;sterreichischen Gesellschaft in qualitativ neuer Form vorangetrieben. <em>Mario Becksteiner </em>analysiert, wie sich in &#214;sterreich in den 1990er Jahren ein neoliberaler Grundkonsens herausbilden konnte, und wie unter den Sch&#252;ssel-Regierungen der Umbau des &#246;sterreichischen Wohlfahrts- hin zum Wettbewerbsstaat durchgesetzt wurde.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In den letzten sechs Jahren haben die von Sch&#252;ssel gef&#252;hrten schwarzblauorangen Koalitionsregierungen die neoliberale Restrukturierung der &#246;sterreichischen Gesellschaft in qualitativ neuer Form vorangetrieben. <em>Mario Becksteiner </em>analysiert, wie sich in &#214;sterreich in den 1990er Jahren ein neoliberaler Grundkonsens herausbilden konnte, und wie unter den Sch&#252;ssel-Regierungen der Umbau des &#246;sterreichischen Wohlfahrts- hin zum Wettbewerbsstaat durchgesetzt wurde.<br />
<span id="more-84"></span><br />
Der marktkonforme Umbau von Wirtschaft und Staat ist nat&#252;rlich kein auf &#214;sterreich beschr&#228;nktes Ph&#228;nomen, sondern kann nur im Zusammenhang der wirtschaftlichen Umw&#228;lzungen im Europa der letzten 30 Jahre verstanden werden. Die neoliberale Wende hat ihren Ausgangspunkt in der Stagnationskrise des kapitalistischen Systems seit Anfang der 70er Jahre. W&#228;hrend in den USA und in Gro&#223;britannien schon sehr fr&#252;h mit der wirtschaftlichen Umstrukturierung begonnen wurde, setzte sich in Kontinentaleuropa die Ideologie des Neoliberalismus langsamer durch. Institutionell abgesicherte Sozialpartnerschaftsmodelle erwiesen sich als „tr&#228;ge“ gegen&#252;ber den Versuchen, neoliberale Reformen durchzuboxen. Die VerfechterInnen einer neoliberalen Politik mussten nach anderen Wegen suchen, wie sie diese umsetzen konnten. Der europ&#228;ische Einigungsprozess setzte daf&#252;r den geeigneten Rahmen. <o></o></p>
<h3>Die EU als Rammbock</h3>
<p>Auf der einen Seite war das Projekt EG und sp&#228;ter EU immer nach den Bed&#252;rfnissen der Wirtschaft ausgerichtet. Die Kapitalfraktionen, die am vehementesten f&#252;r eine europ&#228;ische Einigung pl&#228;dierten, versprachen sich von einem neoliberal umgestalteten Wirtschaftsblock einen Ausweg aus der Stagnationskrise und eine St&#228;rkung ihrer Position im internationalen Wettbewerb. Des Weiteren war die europ&#228;ische Ebene der Politik von jeher von einem starken Demokratiedefizit gepr&#228;gt. Die Europ&#228;ische Kommission unterliegt beinahe keiner demokratischen Kontrolle durch das Volk. Sie wurde so zur idealen Adressatin, um neoliberale Umstrukturierungsprojekte, vorbei an z&#228;hen gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen, einzuleiten. <o></o><br />
Au&#223;erdem war das einhellige Bekenntnis aller gro&#223;en politischen Parteien zu Europa der Angelpunkt f&#252;r eine ideologisch Offensive. Der Glanz, den die Idee eines vereinigten Europas ausstrahlte, verdeckte f&#252;r eine lange Zeit, was hinter den Kulissen geschah. Die Europ&#228;ische Union entwickelte sich immer mehr zu einem Rammbock, mit dessen Hilfe neoliberale Konzepte durchgesetzt wurden. Dies erfolgte allerdings nicht nur von Au&#223;en. Auch innerhalb der einzelnen Nationalstaaten formierten sich gesellschaftliche Bl&#246;cke, die sich dem Neoliberalismus verschrieben. Die politischen Konstellationen, die sich hier ergaben, waren in den L&#228;ndern h&#246;chst unterschiedlich, doch fast alle gro&#223;en Parteien waren bald auf Pro-EU-Kurs und trugen die neoliberalen Implikationen der EU Politik mit oder f&#246;rderten diese aktiv.</p>
<p>&#214;sterreich war daf&#252;r ein leuchtendes Beispiel. SP&#214; und &#214;VP f&#252;hrten im Verbund mit den Sozialpartnern eine Allianz an, die eine regelrechte Propagandawelle lostrat. Durch eine Mischung aus Katastrophenszenarien bei einem Nichtbeitritt und dem Versprechen gro&#223;er materieller Gewinne f&#252;r die Bev&#246;lkerung bei einem Beitritt, erhielt diese Allianz bei der Volksabstimmung 1994 breite Unterst&#252;tzung. <o></o></p>
<h3>Die rechtskonservative Wende</h3>
<p>Die durch den EU-Beitritt ver&#228;nderten Rahmenbedingungen erh&#246;hten den Druck die bereits in den 80ern begonnen Umstrukturierungen harsch durchzusetzen. Das Wort Reform wurde zu einer Floskel f&#252;r weiteren Sozialabbau, f&#252;r Sparpakete und Privatisierung. Als Regierungspartei trug die SP&#214; diesen Reformkurs mit, unter dem in erster Linie ArbeitnehmerInnen zu leiden hatten. An der Basis verloren sie damit zusehends an Vertrauen. Bei der Nationalratswahl 1999 zeigte sich, dass viele der ArbeiterInnen dieser Partei nicht mehr zutrauten, der Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen etwas entgegenzusetzen. Entt&#228;uscht wandten sie sich ab und wechselten ins Lager der FP&#214;. <o></o><br />
Die &#214;VP ergriff die Chance und ging als drittst&#228;rkste Kraft daran, eine rechte Koalition zu schmieden. Die SP&#214;, die unter dem Druck der Forderungen ihrer Stammw&#228;hlerInnenschaft stand, war f&#252;r die Partei des Gro&#223;kapitals immer mehr zu einem Klotz am Bein geworden. Die neue Regierung, gekennzeichnet durch die explosive Kombination von konservativer Gesellschaftspolitik, einer an neoliberalen Leitbildern ausgerichteten Wirtschaftspolitik und extrem rechter Migrationspolitik, stellte einen qualitativen Bruch in der politischen Landschaft &#214;sterreichs dar. <o></o><br />
Die Neoliberalisierung &#214;sterreichs ist seither gekennzeichnet durch die Ersetzung des sozialpartnerschaftlich gepr&#228;gten Wohlfahrtsstaates durch eine am internationalen Wettbewerb orientierten staatlichen, &#246;konomischen wie ideologischen Strukturierung. Diese wird &#252;ber drei zentrale Mechanismen umgesetzt: Die Privatisierung von &#246;ffentlichen Eigentum, die Privatisierung sozialer Risiken &#252;ber Sozialabbau und Deregulierung des Arbeitsmarkts und eine Umverteilungspolitik von unten nach oben.<o></o></p>
<h3>Privat statt Staat</h3>
<p>Schon unter den Gro&#223;en Koalitionen der 90er wurden etliche Betriebe aus &#246;ffentlichem Besitz teil- oder vollprivatisiert. Die Liste beginnt bei Semperit 1985, f&#252;hrt &#252;ber Teilprivatisierungen im Energiebereich (OMV) bis hin zu Privatisierungen renommierter &#246;sterreichischer Unternehmen wie AMAG oder Mobilkom. Kennzeichnend f&#252;r die Privatisierungen in den 90iger Jahren war eine starke Beteiligung der Gewerkschaften im Ver&#228;u&#223;erungsprozess. Zum einen wurden diese dadurch eingebunden und zum anderen konnten so teilweise die schlimmsten Folgen f&#252;r die ArbeitnehmerInnen etwas gemildert werden. Dass dies bei weitem nicht immer der Fall war, zeigt zum Beispiel der Verkauf von Semperit an den deutschen Continental Konzern, der die komplette Schlie&#223;ung des &#246;sterreichischen Produktionsstandortes mit sich brachte. Diese Einbindung der Gewerkschaften bei den Privatisierungen war zum gro&#223;en Teil der politischen Konstellation geschuldet. Die SP&#214; war stark an die m&#228;chtige sozialdemokratische Gewerkschaftsfraktion gebunden. Mit dem Regierungswechsel 2000 verloren die Gewerkschaften jeglichen Einfluss auf die Gestaltung der Regierungspolitik. Nun wurden auch gewerkschaftliche Hochburgen ins Visier genommen. Gegen den Willen des &#214;GB konnten so Betriebe wie Telekom Austria, VA Tech, VOEST oder B&#246;hler Uddeholm privatisiert werden.</p>
<p>Die Privatisierungspolitik der letzten sechs Jahre macht aber nicht beim Verkauf &#246;ffentlichen Eigentums halt. Dar&#252;ber hinaus zielte die Sch&#252;ssel-Regierung auf die Privatisierung &#246;ffentlicher Dienstleistungen und sozialer Risiken ab. Damit soll die Eigenverantwortung der Einzelnen gegen&#252;ber der gesellschaftlichen Absicherung aufgewertet werden. Am augenscheinlichsten geschah dies im Bereich der Altersvorsorge.<o></o></p>
<h3>Pensionsreform</h3>
<p>2003 holte die Regierung zu einem gro&#223;en Schlag gegen ein Kernkonzept des Wohlfahrtsstaates aus. Die heilige Kuh der Pensionsleistung der gesetzlichen Sozialversicherung sollte geschlachtet werden. Als Ersatz f&#252;r die umfassende staatliche Pensionsleistung wurde ein Drei-S&#228;ulen-Modell vorgestellt. W&#228;hrend eine der drei S&#228;ulen weiterhin durch die gesetzliche Sozialversicherung finanziert wird, r&#252;cken zwei weitere tragende S&#228;ulen ins Zentrum: Die individuelle und die betriebliche Vorsorge. Leistungen die &#252;ber eine minimale Grundsicherung hinausgehen m&#252;ssen in Zukunft &#252;ber den Markt zugekauft werden. Diese Strategie erf&#252;llt langj&#228;hrigen Forderungen des European Round Table of Industrialists zur Schaffung eines Risikokapitalmarktes nach US-amerikanischem Vorbild, der ma&#223;geblich von den privaten Pensionsfonds gespeist wird. Diese Privatvorsorge wird in &#214;sterreich auch noch gef&#246;rdert, n&#228;mlich in Form einer staatlichen Pr&#228;mie von 9%. Dies l&#228;uft auf eine Entsolidarisierung und eine staatlich gef&#246;rderte Privatisierung hinaus. Damit werden im Sinne der Neoliberalen gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Das Zur&#252;ckdr&#228;ngen der sozialen Verantwortung des Staates und die Erschlie&#223;ung einer beinahe unersch&#246;pflichen Quelle an Risikokapital, dies alles staatlich gef&#246;rdert. Die „individuelle Zukunftsplanung“ entpuppt sich als Unterwerfung breiter Bev&#246;lkerungsschichten unter das Diktat des Marktes. Die Menschen unterliegen verst&#228;rkt der Disziplinierung durch die direkte Koppelung ihres zuk&#252;nftigen Einkommens oder der Pension an die Entwicklung der Finanzm&#228;rkte (Fonds) oder der Firma (Betriebsvorsorge).</p>
<h3>Umbau des Bildungssektors</h3>
<p>Auch die Bildungspolitik &#214;sterreichs wurde von der Sch&#252;sselregierung den privatwirtschaftlichen Verwertungspr&#228;missen unterworfen. Besonders deutlich wurde das im Hochschulbereich, mit dem Universit&#228;tsgesetz 2002. Dessen Kernst&#252;ck war dabei die Entlassung der Universit&#228;ten in die Schein-Autonomie, die es den Unis direkt erm&#246;glicht ihre Binnenstrukturen den Bed&#252;rfnissen des Marktes anzupassen. Verbunden damit ist das Prinzip des „Globalbudgets“, ein Finanzierungsprinzip, das sich nach einem reinen Input-Output-Modell richtet. Au&#223;erdem wurden Entscheidungsfindungsgremien in undemokratische Managementstrukturen umgewandelt, (siehe Organisationsplan der Uni Wien). Die Universit&#228;ten wurden finanziell augehungert und von privatwirtschaftlicher Finanzierung abh&#228;ngig gemacht. Mit Studiengeb&#252;hren, Zugangsbeschr&#228;nkungen und der bevorstehenden Anpassung an die Bologna-Studienarchitektur wird Hochschulbildung insgesamt elitisiert. Ein Gro&#223;teil der Studienwilligen soll hierbei m&#246;glichst bald am Arbeitsmarkt als Humankapital zur Verf&#252;gung stehen, nur eine kleine Elite den wissenschaftlichen Fortschritt im Sinne der Marktverwertbarkeit vorantreiben und auch die herrschende Ideologie des Neoliberalismus weitergeben.</p>
<h3>Deregulierung des Arbeitsmarkts</h3>
<p>Das Konzept der Privatisierung geht mit der Aush&#246;hlung von regulierten Arbeitsm&#228;rkten einher: Die Anerkennung von Gewerkschaften als ma&#223;geblichen Verhandlungspartnerinnen f&#252;r Kollektivvertr&#228;ge, der Staat als Organisator von Umverteilung und die arbeitsrechtlichen Bestimmungen werden radikal in Frage gestellt.<br />
Schon seit Mitte der 90er Jahre k&#246;nnen wir in &#214;sterreich einen Trend beobachten, der als Ausfransen der Normalarbeitsverh&#228;ltnisse und des geregelten Arbeitsmarktes bezeichnet werden kann. Schritt f&#252;r Schritt wurden in immer mehr Bereichen der Arbeitswelt so genannte atypische Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse eingef&#252;hrt. Dazu z&#228;hlen geringf&#252;gige Besch&#228;ftigung, Teilzeitarbeit, Scheinselbstst&#228;ndigkeit und Leiharbeit. Das f&#252;hrt zu einer Segmentierung des Arbeitsmarktes, die ArbeiterInnen in zwei Klassen unterteilt. Besch&#228;ftigte die in Schl&#252;sselsektoren der &#246;sterreichischen Wirtschaft arbeiten (Metallindustrie, Hochtechnologiesektoren und mittlere Verwaltungsebenen im Bereich der Finanzdienstleistungen), behalten einen relativ sicheren Status, d.h. geregelte Arbeitsverh&#228;ltnisse, gewerkschaftliche Vertretung, Kollektivvertr&#228;ge usf. Der Rest wird in prek&#228;re Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse abgedr&#228;ngt. Von UnternehmerInnenseite wird immer st&#228;rkerer Flexibilisierungsdruck ausge&#252;bt. Auch der Einstieg in die Arbeitswelt wird an privaten Aufopferungswillen, mit Aussicht auf ein fixes Dienstverh&#228;ltnis in unbestimmter Zukunft, gekoppelt. Damit versch&#228;rft sich der Trend, gesellschaftliche Problemstellungen wie Arbeitslosigkeit oder Einkommensfragen in den Bereich des Privaten abzuschieben.</p>
<p>Die Auswirkungen einer derartigen Flexibilisierung oder Privatisierung liegen auf der Hand.<br />
• Spaltung der Lohnabh&#228;ngigen in zwei Lager. Jene, die noch in besseren Arbeitsverh&#228;ltnissen stehen, sind st&#228;ndig bedroht durch Verlust ihres Arbeitsplatzes in prek&#228;re Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse abzusteigen. Dieser disziplinierende Effekt wirkt sich auch negativ auf die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften aus und erm&#246;glicht es den UnternehmerInnen verst&#228;rkt Druck auf L&#246;hne und Sozialleistungen auszu&#252;ben.<br />
• Gleichzeitig muss sich der Rest der ArbeiterInnenklasse prek&#228;ren Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse unterwerfen. In den Augen Vieler erscheint die so geschaffene Masse an billigen Arbeitskr&#228;ften als Bedrohung.<br />
• Auch die M&#246;glichkeiten einer gesamtgesellschaftlichen Opposition zur neoliberalen Politik werden so eingeschr&#228;nkt. So wird die Gestaltung des Arbeitsmarktes zu einer wichtigen Bastion der Herrschaftssicherung neoliberaler Eliten in &#214;sterreich.<o></o></p>
<h3>Internationalisierungsstrategien</h3>
<p>In den Wirtschaftsberichten des Finanzministeriums und des Ministeriums f&#252;r Wirtschaft und Arbeit wird die Internationalisierung des &#246;sterreichischen Standorts gelobt. Die Segmentierung am heimischen Arbeitsmarkt und der Strategie der Expansion &#246;sterreichischen Kapitals sind eng verzahnt.<br />
Vier S&#228;ulen sind hier ausschlaggebend:<br />
1. Etablierung von Schl&#252;sselindustrien. Durch die gezielte F&#246;rderung von technologieintensiven Wirtschaftsbereichen soll die Positionierung der &#246;sterreichischen &#214;konomie gest&#228;rkt werden. Zentral hierbei ist die F&#246;rderung der Forschungs- und Entwicklungst&#228;tigkeit von Seiten der Unternehmen durch die Bundesregierung. Von insgesamt 6,24 Milliarden Euro f&#252;r Forschung und Entwicklung wurden 2006 45,8% von der privaten Wirtschaft in &#214;sterreich bereitgestellt. Dieser Trend steigt seit 2000 kontinuierlich an. Flankiert werden diese Ma&#223;nahmen durch den Umbau des &#246;sterreichischen Hochschulwesens hin zu einer verst&#228;rkten Orientierung an wirtschaftlicher Verwertbarkeit der Forschung.<br />
2. Ausbau der Humanressourcen. Der Mensch muss mit der technologischen Entwicklung mithalten. Nicht mehr die gesellschaftliche Lenkung der &#214;konomie garantiert einen Arbeitsplatz, sondern nur noch die individuelle Anpassungsf&#228;higkeit an die ver&#228;nderten Produktionsbedingungen. Der Staat kann in dieser Sichtweise nur noch ein F&#246;rderer der Humanressourcen sein, die Verantwortlichkeit f&#252;r den Arbeitsplatz liegt aber rein beim Individuum. Lebenslanges Lernen und Aneignung von Schl&#252;sselkompetenzen sind die Imperative neoliberaler Arbeitsmarktpolitik.<br />
3. Strategische F&#246;rderung von Auslandsinvestitionen. Arbeitsintensive Bereiche der &#246;sterreichischen Wirtschaft werden von der Bundesregierung in ihrem Ansinnen, ihre Produktion ins Ausland zu verlagern, unterst&#252;tzt. Im Gegenzug sollen Auslandsdirektinvestitionen get&#228;tigt werden, die strategische Beteiligungen &#246;sterreichischen Kapitals in Hoffnungsm&#228;rkten unterst&#252;tzen.<br />
4. Head-Quater-Strategie. Durch finanzielle und infrastrukturelle Anreize wird versucht Hauptquartiere international agierender Konzerne nach &#214;sterreich zu locken. Diese sollen als Br&#252;ckenk&#246;pfe in mittel- und osteurop&#228;ische M&#228;rkte genutzt werden.</p>
<h3>Steuerpolitik</h3>
<p>Die Ausrichtung der Politik am Standortwettbewerb zeigt sich besonders deutlich in der Ausgestaltung der Steuerpolitik. Die Sch&#252;sselregierung setzte dabei auf zwei miteinander verbundene Strategien. Auf der einen Seite wurde die Steuerlast sukzessive auf Massensteuern umgew&#228;lzt. Gleichzeitig wurden Unternehmen massiv entlastet. Die Gewinne von Konzernen in &#214;sterreich stiegen zwischen 2000 und 2005 enorm. Schrieben die 33 an der Wiener B&#246;rse notierten Kapitalgesellschaften 2001 noch einen Gewinn von 1,9 Milliarden Euro, stieg dieser Wert bis 2005 auf 8,5 Milliarden Euro vor Steuern. Die Dividenden der Aktion&#228;rInnen verdoppelten sich von einer halben auf 1,1 Milliarden Euro. Dieser massive Anstieg bei den Gewinnen der Unternehmen spiegelt sich allerdings nicht in einem ad&#228;quaten Anstieg des Steueraufkommens von Unternehmensseite wider. Die Senkung der K&#246;rperschaftssteuer auf 25% (der zweitniedrigste K&#246;St-Steuersatz der 15 alten EU-Mitgliedsstaaten) kann als besonders deutliches Beispiel herangezogen werden. Die Einnahmen sanken von 3,9 im Jahr 2000 auf 3,6 Milliarden Euro im Jahr 2005. Die Lohnsteuer dagegen erh&#246;hte sich im selben Zeitraum von 14,8 auf 17 Milliarden Euro.<br />
Die unternehmerInnenfreundliche Steuerpolitik der schwarzblauorangen Regierung zeigt auch die im Rahmen der Steuerreform 2005 eingef&#252;hrte Gruppenbesteuerung – ein Liebkind der &#246;sterreichischen Industriellenvereinigung. Zweck der Gruppenbesteuerung ist es, das &#246;sterreichische Kapital f&#252;r die Internationalisierung fit zu machen. Verluste, die im Ausland gemacht wurden, k&#246;nnen nun in &#214;sterreich steuerlich abgeschrieben werden. Das bedeutet, dass Investitionsrisiken von UnternehmerInnen im Ausland auf alle SteuerzahlerInnen in &#214;sterreich abgew&#228;lzt werden k&#246;nnen.</p>
<h3>Umbau der Sozialversicherungstr&#228;ger</h3>
<p>Ein weiterer massiver Einschnitt wurde von Seiten der rechtskonservativen Regierung bei den Sozialversicherungstr&#228;gern vorgenommen. Formell standen sie immer unter der Kontrolle der BeitragszahlerInnen. Schon bald nach dem Entstehen der Sozialversicherungstr&#228;ger in der 2. Republik wurde die demokratische Kontrolle allerdings beschnitten. Mandatare wurden nicht mehr direkt gew&#228;hlt, sondern von Wirtschaftskammer und Arbeiterkammer in die Gremien bestellt. Diese erste Aush&#246;hlung einer demokratischen Grundstruktur war schon schlimm genug. Trotzdem behielten die Sozialversicherungstr&#228;ger in &#214;sterreich ihre Autonomie gegen&#252;ber der jeweiligen Bundesregierung.</p>
<p>Vorm Hintergrund der Aush&#246;hlung des Systems der solidarischen Beitragszahlungen setzte Sch&#252;ssel auch hier zu einem gro&#223;en Schlag an. Die f&#246;deralistisch oder berufsst&#228;ndisch organisierten Sozialversicherungen sind zusammengeschlossen in einem Dachverband, der relativ gro&#223;e sozialpolitische und organisatorische Handlungsspielr&#228;ume hatte. Die vormals weitgehende Autonomie wurde nun deutlich eingeschr&#228;nkt. Sch&#252;ssel &amp; Co mischten sich massiv in die Besetzung des Vorstandes dieses Dachverbandes ein. Hans Sallmutter, als Vertreter der ArbeitnehmerInnenseite, war das erste Opfer dieses schwarzblauen Postenschachers. Die Tragweite dieses Angriffs auf die Autonomie der Sozialversicherungstr&#228;ger wird besonders deutlich angesichts der Tatsache, dass diese rund die H&#228;lfte des<br />
&#246;sterreichischen Budgets verwalten.</p>
<h3>Koalition mit der extremen Rechten</h3>
<p>Die Politik der Sch&#252;ssel-Regierung ist integraler Bestandteil einer Strategie zur Erh&#246;hung der „Wettbewerbsf&#228;higkeit“ im europ&#228;ischen Rahmen. Eine Besonderheit der neoliberalen Offensive in &#214;sterreich war jedoch die Beteiligung rechtsextremer Parteien. Noch in den 90iger Jahren war es politischer Konsens, keine Zusammenarbeit mit einer Partei zu betreiben, die Ausl&#228;nderfeindlichkeit sch&#252;rt und ein mehr als gest&#246;rtes Verh&#228;ltnis zur NS-Zeit hat. Diese Isolationspolitik gegen&#252;ber der Rechten wurde von Sch&#252;ssel aufgebrochen.<br />
Viele &#246;sterreichische KommentatorInnen lobten Sch&#252;ssel f&#252;r sein mutiges Vorgehen. F&#252;r sie war es der erste Schritt zur Z&#228;hmung der extremen Rechten. Doch diese Z&#228;hmung blieb aus. Die FP&#214; und sp&#228;ter das BZ&#214; reihten sich zwar in die neoliberale Umstrukturierungspolitik ein, doch versetzten sie diese mit rechtspopulistischen Parolen. Das Ergebnis war letztlich, dass die reaktion&#228;ren Konzeptionen von FP&#214; und BZ&#214; salonf&#228;hig gemacht wurden. In der Migrationspolitik, in der Definition von Frauenpolitik als Familienpolitik und im Bereich der „inneren Sicherheit“ unterst&#252;tzte die &#214;VP nicht nur die sexistischen und rassistischen Positionen von Blau und Orange, sondern versuchte sogar, diese noch rechts zu &#252;berholen. Insgesamt verschob sich unter Sch&#252;ssel das politische Klima nach rechts. Der traurige H&#246;hepunkt war sicherlich die Zustimmung der SP&#214; im Nationalrat zu einem „Fremdenpaket“, das zu den restriktivsten in Europa z&#228;hlt. Keine der Parteien im Nationalrat konnte eine konsequente Antwort auf die rassistische Hetze formulieren.<br />
Die katastrophale Niederlage der Sch&#252;ssel-&#214;VP bei den Nationalratswahlen am 1. Oktober hat gezeigt, dass die Menschen in diesem Land einen politischen Kurswechsel wollen. Dennoch konnte die Sozialdemokratie von dieser Stimmung nicht wirklich profitieren. Vielmehr gewann die extreme Rechte weiter an Boden.<br />
Die Notwendigkeit einer glaubw&#252;rdigen antineoliberalen politischen Alternative ist heute offensichtlicher denn je.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p>1 Vgl. dazu Joachim Hirsch: Vom Sicherheitsstaat zum nationalen Wettbewerbsstaat. Berlin 1998.<o></o><br />
2 ERT: Lobby- und Elitenzirkel, der die Politik der EU-Kommission stark beeinflusst.<o></o><br />
3 Helmut Friessner: Demokratie im Fadenkreuz. Wien 2006. p288.<o></o><br />
4 Vgl. Maria Asenbaum, Barbara Brehmer: Reclaim the Brain!; in: <em>Perspektiven</em><span style="font-size: 8pt"> Nr. 0.<o></o></span><br />
5 Vgl. die „Lissabon-Strategie“, die Europa bis 2010 zum wettbewerbsf&#228;higsten auf Wissens&#246;konomie basierenden Wirtschaftsraum der Welt machen soll.<o></o></p>
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