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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Sozialdemokratie</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Wiens Salzamt: Neoliberalismus und der Fonds Soziales Wien</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:11:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialdemokratie]]></category>
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Die Stichw&#246;rter „Soziale Gerechtigkeit“, „Inklusion statt Exklusion“ und „Mindestsicherung“ sind im „Europ&#228;ischen Jahr zur Bek&#228;mpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung“ in aller Munde. Auch die Stadt Wien, namentlich die Wiener SP&#214;, r&#252;hmt besonders die fl&#228;chendeckende soziale Sicherheit in der Stadt. Dass Wien so lebenswert sei, ist laut Sonja Wehsely, Sozial- und Gesundheitsstadtr&#228;tin, „kein Zufall, sondern das Ergebnis langj&#228;hriger erfolgreicher sozialdemokratischer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-1581"></span><br />
Die Stichw&#246;rter „Soziale Gerechtigkeit“, „Inklusion statt Exklusion“ und „Mindestsicherung“ sind im „Europ&#228;ischen Jahr zur Bek&#228;mpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung“ in aller Munde. Auch die Stadt Wien, namentlich die Wiener SP&#214;, r&#252;hmt besonders die fl&#228;chendeckende soziale Sicherheit in der Stadt. Dass Wien so lebenswert sei, ist laut Sonja Wehsely, Sozial- und Gesundheitsstadtr&#228;tin, „kein Zufall, sondern das Ergebnis langj&#228;hriger erfolgreicher sozialdemokratischer Politik.“<a name="anm_1"></a> Ob der Ausbau sozialer Sicherungsleistungen seit den 1950er Jahren kontinuierlich fortgeschritten ist oder ob nicht auch – speziell in Wien – relevante Sicherungsl&#252;cken und strukturelle Ungerechtigkeiten bestehen, wird im Folgenden thematisiert. Besonderes Augenmerk wird dabei auf neoliberale Entwicklungen in der Sozialpolitik gelegt. Dabei sollen Erl&#228;uterungen zum 2004 eingef&#252;hrten <em>Fonds Soziales Wien</em> (FSW) exemplarisch darstellen, was Sozialpolitik im Neoliberalismus konkret bedeutet und welche Probleme diese Art von Politik mit sich bringt. Es zeigt sich, dass das „rote“ Wien<a name="anm_2"></a> nicht mehr ann&#228;hernd so sozial ist, wie es vorgibt zu sein.</p>
<p><strong>Eine kurze Geschichte des Keynesianischen Wohlfahrtsstaates</strong><br />
Mit dem Erstarken der ArbeiterInnenbewegung im 19. Jhdt. wurden erste Schritte zur Etablierung von national unterschiedlich ausgestalteten Wohlfahrtsregimen erk&#228;mpft. Einen beachtenswerten Ausbau erfuhren die Wohlfahrtsstaaten (WFS)  in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Wesentliche Voraussetzungen waren die damaligen gesellschaftlichen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse, die St&#228;rke der internationalen ArbeiterInnenbewegung, aber auch die Systemkonkurrenz zwischen Ost und West, die den Druck auf die herrschenden Klassen vergr&#246;&#223;erte Zugest&#228;ndnisse zu machen.<br />
Ab Mitte des 20.Jahrhunderts f&#252;hrte die Durchkapitalisierung der Gesellschaft zu weitreichenden Ver&#228;nderungen der sozialen Beziehungen und Lebensverh&#228;ltnisse. Der „Keynesianischen Wohlfahrtstaat“<a name="anm_3"></a> etablierte sich. Eine seiner wichtigsten Funktionen bestand darin, den Massenkonsum als wichtigen Bestandteil des fordistischen Akkumulationsmodells zu stabilisieren. Die sozialen Lagen wurden dadurch gleichf&#246;rmiger und „die Eingliederung in das Lohnverh&#228;ltnis, die direkte Abh&#228;ngigkeit vom Kapitalverwertungsprozess (wurde) zum Massenschicksal (…)“<a name="anm_4"></a>. Diese Ver&#228;nderungen f&#252;hrten zum Auftreten neuer sozialer Risiken, was zur Folge hatte, dass die Sicherung des Einkommens im Falle von Krankheit, Arbeitslosigkeit und Alter durch kollektive Schutzma&#223;nahmen zunehmend thematisiert wurde. Es wurde ein umfangreiches System der staatlichen Unterst&#252;tzung f&#252;r sogenannte Notlagen sowie eine staatliche Sozialversicherung entwickelt, welche verhindern sollten, dass Individuen in gro&#223;er Zahl aus dem fordistischen Produktions- und Reproduktionskreislauf herausfallen. Zugleich sollte durch ein Selektions- und Kontrollsystem die notwendige Arbeitsmotivation gew&#228;hrleistet werden. Diese  staatliche Unterst&#252;tzungs- und Schutzma&#223;nahmen k&#246;nnen allerdings nicht nur funktional interpretiert werden, sind es doch Errungenschaften, die hart erk&#228;mpft wurden.</p>
<p><strong>Hin zum Schumpeter’schen Leistungsstaat</strong><br />
Ver&#228;nderungen in der globalen &#214;konomie – wie neue Schl&#252;sseltechnologien und die wachsende Internationalisierung der &#214;konomie – f&#252;hrten ab Mitte der 1970er Jahre zu &#246;konomischen Umstrukturierungen in den Nationalstaaten und damit auch zu Umstrukturierungen in den nationalen Sozialstaaten.<a name="anm_5"></a> Der Staatstheoretiker Bob Jessop spricht in diesem Zusammenhang vom &#220;bergang des Keynesianischen Wohlfahrtsstaates zum Schumpeter’schen Leistungsstaat.<a name="anm_6"></a> Letzterer zeichne sich sozialpolitisch durch eine Reorientierung der Sozialpolitik auf die Erfordernisse des Arbeitsmarktes aus. Konkreter ausgedr&#252;ckt ist der Schumpeter’sche Leistungsstaat ein aktivierender Sozialstaat, dessen Kernziele es sind, die Sozialausgaben zu reduzieren und die dekommodifizierenden Elemente des Keynesianischen Wohlfahrtstaates – d.h. diejenigen Sozialleistungen, die den Zwang zur Lohnarbeit in spezifischen F&#228;llen wie z.B. Krankheit vermindern – wieder abzubauen.<a name="anm_7"></a> Sozialpolitik wird im Schumpeter’schen Leistungsstaat nur mehr dann als legitim erachtet, wenn sie produktivkraftsteigernd ist. Ins Zentrum der Aufmerksamkeit r&#252;ckt die bedrohte Wettbewerbsf&#228;higkeit des jeweiligen Nationalstaates. In der Folge &#228;ndern sich Zweck und Mittel wohlfahrtsstaatlicher Interventionen grundlegend: „Nicht der problemad&#228;quate Schutz vor sozialen Risiken und die Korrektur der marktvermittelten Einkommenspolarisierung, sondern der Beitrag der Sozialpolitik zur Konsolidierung der Staatshaushalte, zur Reduzierung der Personalzusatzkosten und zur Deregulierung des Arbeitsrechts- und Tarifsystems avancierten zum Erfolgskriterium einer ´modernen` Sozialpolitik“.<a name="anm_8"></a></p>
<p><strong>Von <em>welfare</em> zu <em>workfare</em></strong><br />
Seinen konkreten politischen Ausdruck findet der neoliberale Sozialstaat in der Politik des <em>workfare</em>, deren zentrales Element die Bindung des Bezugs von sozialen Leistungen an Gegenleistungen darstellt.<a name="anm_9"></a> Aktivierung als oberstes Ziel der Sozialpolitik bedeutet in erster Linie die Sicherung von Besch&#228;ftigungsf&#228;higkeit und die F&#246;rderung der Arbeitsmarktflexibilit&#228;t. Oft geht damit auch  die Aus&#252;bung von Zwang auf Leistungsempf&#228;ngerInnen und die Androhung von Sanktionen bei Nicht-Einhaltung von Vereinbarungen einher. Menschen mit schweren Behinderungen oder Langzeit-Obdachlose, die strukturell vom <em>Ersten Arbeitsmarkt</em> ferngehalten werden, trifft diese Politik besonders, da von ihnen erwartet wird, dass sie Gegenleistungen (wie beispielsweise permanente Ausweisungspflicht oder die unbedingte Teilnahme an  Arbeitstrainings) erbringen um die soziale Unterst&#252;tzung, die sie dringend ben&#246;tigen, zu erhalten. Loïc Wacquant spricht in diesem Zusammenhang vom &#220;bergang vom „f&#252;rsorgenden“ zum „strafenden“ Staat.<a name="anm_10"></a> „Keine Rechte ohne Pflichten“ oder „von nichts kommt nichts mehr“ – so k&#246;nnte die neue sozialpolitische Devise kurz und knapp zusammengefasst werden.</p>
<p><strong>Du bist arm? Selbst schuld!</strong><br />
Mit diesem Wandel von <em>welfare </em>zu <em>workfare </em>ging auch die gesellschaftliche Etablierung eines vollkommen neuen Menschenbildes einher. W&#228;hrend in Zeiten des Ausbaus wohlfahrtsstaatlicher Programme Armut oder Arbeitslosigkeit in den Kontext gesellschaftlichen Versagens gestellt wurden<a name="anm_11"></a>, so wird in Zeiten des neoliberalen Sozialstaates die Eigenverantwortung der Individuen besonders betont. Der/Die Einzelne wird von gesamtgesellschaftlichen Instanzen gel&#246;st betrachtet und seine/ihre individuelle Rolle als „sein eigenes Kapital, sein eigener Produzent und seine eigene Einkommensquelle“<a name="anm_12"></a> betont. Dieses neue Menschenbild hat katastrophale Auswirkungen auf die gesellschaftliche Positionierung gegen&#252;ber Personen, die soziale Hilfeleistungen ben&#246;tigen: Sie gelten entweder – gem&#228;&#223; der Ideologie einer <em>culture of povert</em>y – als unf&#228;hig ihr eigenes Leben zu meistern, oder als zu wenig qualifiziert, um den Anspr&#252;chen des Marktes gerecht zu werden. Prinzipiell werden Armut, Arbeitslosigkeit und soziale Bed&#252;rftigkeit als individuelle Defizite bezeichnet, die vom Staat kaum und wenn dann nur durch Aus- und Weiterbildungsma&#223;nahmen ver&#228;ndert werden k&#246;nnen.<a name="anm_13"></a> Eine Konsequenz dieses Menschenbildes ist, dass bestimmte Bev&#246;lkerungsteile – die sogenannte Neue Unterschicht oder stadtr&#228;umlich ausgegrenzte Jugendliche – als desintegriert und als „Gefahr f&#252;r die Demokratie“ erachtet werden. Die Tatsache, dass Armut und soziale Bed&#252;rftigkeit keineswegs selbst verschuldet sind, sondern im kapitalistischen System gesellschaftlich verursacht und teilweise sogar gewollt sind, wird durch diesen Diskurs vollkommen verschleiert.</p>
<p><strong>Folgen einer „Politik des Forderns und F&#246;rderns“</strong><br />
ProduzentInnen wie Empf&#228;ngerInnen sozialer Dienstleistungen sind gleicherma&#223;en von dieser „Politik des Forderns und F&#246;rderns“  betroffen: <em>Erstens </em>wird der Leistungsbezug kontinuierlich an mehr Voraussetzungen gebunden und das Leistungsgef&#252;ge zunehmend restriktiver ausgestaltet. Die Folge ist, dass immer weniger Menschen immer weniger Sozialleistungen zugesprochen werden. <em>Zweitens </em>werden soziale DienstleisterInnen permanent in Weiterbildungsprogramme gedr&#228;ngt, was einerseits zu Professionalisierung und damit verbesserter Qualit&#228;t sozialer Arbeit f&#252;hrt, oft aber auch Leistungsdruck und psychische Belastungen f&#252;r die Betroffenen mit sich bringt. <em>Drittens </em>werden die Sozialverwaltungen zunehmend nach betriebswirtschaftlichen Effizienzkriterien umgebaut, was einerseits zu einer erh&#246;hten B&#252;rokratisierung f&#252;hrt und andererseits dem Bereich der sozialen Dienstleistungen vielfach nicht angemessen ist.<br />
Seit den 1990er Jahren f&#252;hren zudem Verwaltungsreformen unter dem Schlagwort <em>New Public Management</em> dazu, „dass &#246;ffentliche Einrichtungen zwar noch &#246;ffentlich sind, sich aber zunehmend wie private verhalten: Nicht mehr gemeinn&#252;tzige Ziele stehen im Vordergrund, sondern betriebswirtschaftliche Effizienz.“<a name="anm_13"></a> Dem Ziel der Ausgabenreduktion folgend, sollen Ressourcen effizienter gestaltet und Qualit&#228;tsverbesserung &#252;ber den „freien Markt“ erm&#246;glicht werden. &#214;ffentliche Verwaltungen und Dienstleistungen werden ausgegliedert, kommunaler Besitz verkauft, Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse dereguliert und Managementtechniken im Bereich &#246;ffentlicher Dienstleistungen eingef&#252;hrt.<br />
Im Bereich der sozialen Dienstleistungen f&#252;hrt dieser neoliberale Umbau der Verwaltungen zu weitreichenden Ver&#228;nderungen:<br />
1. KlientInnen werden zu KundInnen umdefiniert, die auf einem freien Markt das beste Angebot w&#228;hlen sollen, auch wenn sie dazu oft nicht in der Lage sind.<br />
2. Es kommt zu Einsparungen auf Kosten der Qualit&#228;t: Billigst- statt BestbieterInnen setzen sich durch.<br />
3. Damit verbunden ist die Deregulierung der Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse und der Anstieg des Anteils atypisch Besch&#228;ftigter.<br />
4. Zwischen &#246;ffentlichen Financiers und gemeinn&#252;tzigen Tr&#228;gerInnen werden Leistungsvertr&#228;ge eingef&#252;hrt, die zumeist zeitlich befristet sind und es sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen zunehmend erschweren, ihre Arbeit zu planen.<br />
5. Die Vorstellung setzt sich durch, dass soziale Dienstleistungen operationalisier- und messbar w&#228;ren<a name="anm_15"></a>. Abgesehen von der Frage, ob und wie man Fortschritt im Bereich des Sozialen eigentlich messen soll, f&#252;hrt diese Vorstellung zu einem wachsenden Zeitaufwand f&#252;r rein quantitative Leistungsdokumentation und weniger Zeit f&#252;r die eigentliche Arbeit. Dar&#252;ber hinaus werden hierdurch implizit die Kontrollmechanismen eines „strafenden Staates“ eingef&#252;hrt.</p>
<p><strong>Soziale Sicherung in &#214;sterreich</strong><br />
Die Etablierung eines relativ weitreichenden Systems der sozialen Sicherung hat sich in &#214;sterreich weniger durch aktive K&#228;mpfe der ArbeiterInnenklasse als durch sozialpartnerschaftliche Aushandlungsprozesse<a name="anm_16"></a> vollzogen. Als zentrale Sozialpolitikbereiche k&#246;nnen die Systeme der sozialen Sicherung (Sozialversicherung und Sozialhilfe), die Regelung der Arbeitsbedingungen und -beziehungen, die (Mit-)Steuerung des Arbeitsmarktes und diverse familienbezogene Leistungen ausgemacht werden.<a name="anm_17"></a><br />
In einer der g&#228;ngigsten Typologisierungen der international vergleichenden WFS-Forschung entspricht der &#246;sterreichische WFS dem konservativen Typ.<a name="anm_18"></a> Dieser ist stark lohnarbeitszentriert und baut bei der Erbringung von Versorgungsleistungen auf die (heterosexuelle) Kleinfamilie. Das hei&#223;t im Konkreten, dass in &#214;sterreich die Integration in den Erwerbsarbeitsmarkt die zentrale Voraussetzung f&#252;r den Bezug von Sozialversicherungsleistungen (im Falle von Alter, Krankheit, Unfall und Arbeitslosigkeit) ist. Aus geschlechterkritischer Perspektive bedeutet dies zweierlei: Im Gegensatz zu skandinavischen L&#228;ndern, in denen soziale Dienstleistungen vom Staat zur Verf&#252;gung gestellt werden, h&#228;ngt die Pflege und Versorgungsleistung (beispielsweise von &#196;lteren und Kinder) in &#214;sterreich an den Familien und f&#228;llt damit traditionell in den Verantwortungsbereich der Frauen. Andererseits f&#252;hrt die Tatsache, dass sich Frauen tendenziell nicht in Normalarbeitsverh&#228;ltnissen, d.h. in unbefristeter Vollbesch&#228;ftigung befinden, dazu, dass sie meist nur indirekt bei ihrem Partner mitversichert sind und dadurch strukturelle Abh&#228;ngigkeiten verst&#228;rkt werden. Klassen- und geschlechterspezifische Einkommensungleichheiten werden dar&#252;ber hinaus durch die &#196;quivalenzrelation zwischen der H&#246;he und Dauer der geleisteten Versicherungsbeitr&#228;ge und durch die H&#246;he der finanziellen Sozialleistungen (Geldleistungen in der Krankenversicherung, Arbeitslosengeld/Notstandhilfe und Alterspension) reproduziert. Generell l&#228;sst sich allerdings beobachten, dass das Normalarbeitsverh&#228;ltnis zunehmend erodiert, so dass ein immer gr&#246;&#223;er werdender Teil der Bev&#246;lkerung von eigenst&#228;ndiger sozialstaatlicher Absicherung ausgeschlossen wird.</p>
<p><strong>Sozialhilfe</strong><br />
Erg&#228;nzend zur Sozialversicherung gibt es das zweite Netz der sozialen Sicherung, welches soziale Notlagen und Gef&#228;hrdungen, wie Wohnungslosigkeit oder Einkommen unter der Armutsgrenze, mildern soll: die auf Ebene der L&#228;nder und Gemeinden organisierte Sozialhilfe<a name="anm_19"></a>. Sozialhilfe ist eine steuerfinanzierte, bedarfsgepr&#252;fte Leistung und kann nur in Anspruch genommen werden, wenn es keine anderen M&#246;glichkeiten der Sicherung des Lebensunterhalts gibt (Erwerbsarbeit, famili&#228;re materielle Ressourcen oder andere gesetzliche Leistungen). Bestehende Verm&#246;gen m&#252;ssen vor dem Bezug von Sozialhilfe verbraucht werden. Dar&#252;ber hinaus wird Sozialhilfe nie automatisch vergeben, sondern muss immer beantragt werden.<br />
Die Sozialhilfe hat sich von ihrer urspr&#252;nglichen Aufgabe weit entfernt und muss bei immer mehr Risiken einspringen. Dar&#252;ber hinaus d&#252;rfen einige strukturelle Probleme der Sozialhilfe nicht unerw&#228;hnt bleiben: Prinzipiell sind zwar Rechtsanspr&#252;che vorgesehen, aber die Realisierung ist oft schwierig – wenn Antr&#228;ge z.B. bei der Wohnsitzgemeinde gestellt werden m&#252;ssen und dort alle Details &#252;ber Einkommens- und Lebensverh&#228;ltnisse offenzulegen sind. Die Folgen dieser Stigmatisierung sind hohe <em>Non-Take-Up-Rates</em>: Viele Anspruchsberechtigte stellen keine Antr&#228;ge auf Sozialhilfe.</p>
<p><strong>Ping-Pong-Spiel zwischen Bund und L&#228;ndern</strong><br />
Die legislative Kompetenz der Sozialpolitik ist zwischen Bund (Sozialversicherung, Arbeitsrecht, Arbeitsmarktpolitik und Familienleistungen) und L&#228;ndern (Sozialhilfe, teilw. Pflegevorsorge bzw. teilweise familienrelevante Leistungen) aufgeteilt. Zurzeit existieren (zu) viele Institutionen und somit Schnittstellen, was, infolge unklarer Zust&#228;ndigkeiten, zu Einschr&#228;nkungen bei der Leistungsinanspruchnahme f&#252;hrt. Da es in vielen Bereichen hinsichtlich der Zust&#228;ndigkeit keine klare Regelung zwischen Bund und L&#228;ndern gibt (z.B. bei der Unterst&#252;tzung von Integrationsvereinen), kommt es oft zu einem „Ping-Pong-Spiel“ der Verantwortlichkeiten.<br />
Ein wichtiger Aufgabenbereich der Bundesl&#228;nder (und somit auch von Wien) ist die Bereitstellung sozialer Dienstleistungen, wie zum Beispiel Altenpflege, Betreuung von Menschen mit Behinderung und Wohnungslosenhilfe. Diese k&#246;nnen entweder durch staatliche Institutionen selbst erbracht werden oder die &#246;ffentliche Hand &#252;bernimmt eine (Teil-)Finanzierung von sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen, die dann die Leistung erbringen. Es ist jedoch eine klare Dominanz von Geldleistungen gegen&#252;ber Sach- und Dienstleistungen festzustellen. Im Jahr 2005 wurden 71% aller Sozialleistungen als Geldleistungen ausbezahlt.<a name="anm_20"></a> Dadurch kommt es zu einem ungen&#252;genden Angebot an sozialen Dienstleistungen, z. b. dem Fehlen von Kinderbetreuungseinrichtungen, Einrichtungen zur Betreuung pflegebed&#252;rftiger &#228;lterer Menschen und Personen mit psychischen Erkrankungen sowie von Asylberatung und -betreuung oder Sozialberatung. Die Folgen sind bekannt: Einerseits m&#252;ssen die notwendigen Leistungen zu einem &#252;berwiegenden Teil vom informellen Haushaltssektor bereitgestellt werden, in dem haupts&#228;chlich Frauen unbezahlte Arbeit verrichten. Andererseits bleiben gesellschaftliche Randgruppen ihrem Schicksal &#252;berlassen oder sind auf private Vereine angewiesen (z.B. dem Verein <em>Ute Bock</em> im Fall nichtbetreuter AsylwerberInnen).</p>
<p><strong><em>Workfare</em> und Sozialdemokratie </strong><br />
In &#214;sterreich hat sich die Ausrichtung der Sozialpolitik seit den 1990er Jahren infolge ver&#228;nderter gesellschaftlicher Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse und &#246;konomischer Konstellationen gewandelt. Wurde bereits seit den 1980er Jahren von der Ausweitung sozialpolitischer Ma&#223;nahmen abgesehen, so ist seit dem EU-Beitritt 1995 ein wirklicher Wandel hin zum <em>workfare-state</em> zu auszumachen. Es gibt zwar Geld f&#252;r die prekarisierende, workfareistische Arbeitsmarktpolitik; die finanziellen Spielr&#228;ume f&#252;r sinnvolle, armutsbek&#228;mpfende und Lebensperspektiven erm&#246;glichende sozialpolitische Ma&#223;nahmen sind aber mit Hilfe der Wirtschafts- und W&#228;hrungsunion und der Maastricht-Kriterien weitgehend eingeschr&#228;nkt worden.<br />
Es ist nicht verwunderlich, dass die b&#252;rgerlichen politischen Kr&#228;fte (insbesondere die schwarzblaue Regierung 2000-2008) diese Entwicklungen in &#214;sterreich ma&#223;geblich vorantrieben haben. In diesem Prozess spielte jedoch auch die Sozialdemokratie eine sehr unr&#252;hmliche Rolle. Mit der Neuorientierung am so genannten „Dritten Weg“ ab Mitte der 1990er Jahre initiierte und unterst&#252;tzte die SP&#214; immer &#246;fter neoliberale Projekte<a name="anm_21"></a>. Die von Tony Blair und „New Labour“ vorangetriebene Politik der sozialdemokratischen Erneuerung in Europa f&#252;hrte unter anderem zu einer Neubesetzung von zentralen sozialdemokratischen Begriffen. Auch wenn das Ziel einer &#220;berwindung der Klassengesellschaft schon lange keinen Platz mehr in der SP&#214; hatte, galt lange Zeit zumindest der Vorsatz, durch die Mittel des Sozialstaats und die Umverteilung materieller G&#252;ter die „Ungleichheiten etwas gleicher werden zu lassen“<a name="anm_22"></a>. Von dieser „Verteilungsgerechtigkeit“ grenzte sich die Politik des Dritten Weges vehement ab. Nicht mehr die m&#246;glichst gerechte Verteilung sollte erreicht werden, sondern das neue Ideal der Gleichheit ersch&#246;pft sich bereits in der Beteiligung an der Erwirtschaftung des Wohlstands selbst: „Die neue Politik bestimmt Gleichheit als Inklusion und Ungleichheit als Exklusion.“<a name="anm_23"></a> Dieser Dritte Weg findet sich auch in der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie, konkret im 1998 verabschiedeten SP&#214;-Parteiprogramm: „‚Gleichheit‘ wird auch hier zu ‚Chancengleichheit‘, Gerechtigkeit zur ‚gleichberechtigten Teilhabe aller an der Gesellschaft‘, und ganz im Stile von Blair wird ein vorgeblicher ‚Mittelweg‘ gesucht, der in der Formulierung der ‚solidarischen Leistungsgesellschaft‘ seinen Ausdruck findet.“<a name="anm_24"></a><br />
Getragen wurde diese neoliberale Umorientierung der SP&#214; nicht nur von der Bundes-SP&#214; unter dem damaligen Bundeskanzler Viktor Klima, sondern auch von der Wiener SP&#214;, die schon damals unter F&#252;hrung des noch immer amtierenden B&#252;rgermeisters, Michael H&#228;upl, stand.</p>
<p><strong>Der Fonds Soziales Wien</strong><br />
Vor dem Hintergrund der seit 1945 bestehenden strukturellen Versorgungsl&#252;cken und den neoliberalen Verschlechterungen der letzten Jahrzehnte k&#246;nnte der Eindruck entstehen, es g&#228;be ein gro&#223;es Verbesserungspotential, um das sich ein absolut sozialdemokratisch regiertes Bundesland k&#252;mmern k&#246;nnte. Denn trotz der problematischen Kompetenzverteilung zwischen Bund und L&#228;ndern obliegt dem Land Wien der wichtige Bereich der sozialen Dienstleistungen. Doch eine dringend n&#246;tige Reform des „Sozialen Wiens“ wurde in den letzten Jahrzehnten kaum diskutiert. Die Tatsachen einer steigenden Zahl von Betroffenen, komplexerer Betreuungslagen oder der zunehmenden Belastungen von MitarbeiterInnen aufgrund von Ressourcenverknappung wurden ignoriert.<br />
Stattdessen wurde im Laufe des Jahres 2004 im Gemeinderat an einer Verwaltungsreform im Sozial- und Gesundheitsbereich gebastelt und der <em>Fonds Soziales Wien</em> (FSW) wurde als neuer zentraler Akteur eingef&#252;hrt. Dieser sollte dazu dienen, gro&#223;e Teile des kommunalen Sozialbereichs (namentlich die Altenpflege, das Behindertenwesen und die Wohnungslosenhilfe<a name="anm_25"></a>) in eine privatrechtliche Organisationsform zu &#252;berf&#252;hren. Implizites Ziel dieser Ausgliederung war es, &#246;ffentliche Auftragsvergabekriterien zu umgehen und den „freien Markt“ walten zu lassen. Bislang waren f&#252;r die drei Organisationselemente sozialer Dienstleistungen – Planung, Steuerung und Umsetzung – die MA 12 (das „Sozialamt“) und die MA 47 (das Amt f&#252;r Betreuung und Pflege) zust&#228;ndig. Nun sind diese drei Organisationselemente strikt getrennt. W&#228;hrend den Magistraten nur mehr die (Deutungs-)Hoheit &#252;ber die zuk&#252;nftigen Entwicklungen im Bereich der sozialen Dienstleistungen bleibt, ist der FSW nun f&#252;r die Steuerung, d.h. f&#252;r die Leistungsvorgaben, deren Kontrolle sowie f&#252;r die Finanzierung der Leistungen zust&#228;ndig. Privatrechtliche Tr&#228;gerInnenorganisationen f&#252;hren die Dienstleistungen aus. (Abb.1)<br />
Konkret sieht der Weg hin zu der Inanspruchnahme einer sozialen Dienstleistung in Wien nun in etwa so aus: Nach der Pflegegeldeinstufung beim Bundessozialamt, muss von der/dem potentiellen KlientIn beim FSW ein Antrag auf (beispielsweise) Pflege- oder Behindertenhilfe gestellt werden. Wenn dieser Antrag vom FSW – nach einer Bearbeitungsdauer von bis zu sechs (!) Monaten – bewilligt wird, kann sich die/der Empf&#228;ngerIn sozialer Dienstleistungen an eine – vom FSW unterst&#252;tzte – soziale Tr&#228;gerInnenorganisation wenden und die Dienstleistung in Anspruch nehmen. Der FSW steht demnach quasi &#252;ber den sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen und &#252;bt eine ungemeine Macht auf sie aus, indem er als Vermittler des „Kontingents von potentiellen KlientInnen“ wirkt.<a name="anm_26"></a><br />
Prinzipiell entspricht diese Ausgliederung und Teilprivatisierung gro&#223;er Teile der &#246;ffentlichen Sozialverwaltung ganz den Techniken des <em>New Public Managements</em>. Durch die Aufteilung in klar voneinander segmentierte Verantwortungsbereiche soll, so das Argument der Stadt Wien, Transparenz geschaffen werden. Weiters wird argumentiert, dass hierdurch klarer wird, welche Person welche Dienstleistungen und welche Organisation wie viel Geld f&#252;r die Durchf&#252;hrung dieser Dienstleistung erhalte.  Dar&#252;ber hinaus sollen durch die Dreigliederung der Verwaltung Effizienzgewinne erzielt werden. Jede Organisationseinheit h&#228;tte nun klar umgrenzte Aufgaben; Doppelg¬¬leisigkeiten k&#246;nnten dadurch verhindert werden. Schlussendlich w&#252;rde eine Markt- und Wettbewerbsorientierung im Bereich der sozialen DienstleisterInnen die Gleichbehandlung aller AnbieterInnen erm&#246;glichen (keine Organisation k&#246;nne mehr bevorzugt werden) und zur Anhebung von Qualit&#228;tsstandards beitragen. Durch wachsende Transparenz und permanentes Controlling m&#252;ssten zwangsl&#228;ufig bestimmte Mindeststandards eingef&#252;hrt werden, so der Tenor.</p>
<p><strong>Die bef&#252;rchteten Folgen der Ausgliederung</strong><br />
Demgegen&#252;ber war jedoch bereits der Prozess der Ausgliederung f&#252;r viele betroffene Tr&#228;gerInnenorganisationen vollkommen unklar und diffus – vielfach wurde der FSW als „intransparente Black Box“<a name="anm_27"></a> beschrieben –, da sie in den Prozess der Ausgliederung nicht bzw. nur ungen&#252;gend eingebunden wurden. Zudem bef&#252;rchteten viele in diesem Bereich T&#228;tige, dass die neoliberal inspirierte Reformstrategie gravierende negative Folgen haben w&#252;rde. So argumentierten VertreterInnen der Initiative „Soziale Arbeit – gestern, heute, morgen“<a name="anm_28"></a>, dass die Implementierung des Fonds Soziales Wiens folgende Verschlechterungen mit sich bringen w&#252;rde<a name="anm_29"></a>:<br />
1. Leistungsk&#252;rzungen;<br />
2. Einschr&#228;nkungen demokratischer Mitbestimmung und Kontrolle durch den FSW;<br />
3. Konzentration von AnbieterInnen durch „Marktbereinigungsmechanismen“: Durchsetzung von Billigst- statt BestbieterInnen;<br />
4. Sinkende Kooperationsbereitschaft; zunehmende Spezialisierung der einzelnen sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen, Fokussierung auf bestimmte KlientInnengruppen (sogenanntes „creaming“, benannt nach Créme: Man sucht sich die besten Teile heraus);<br />
5. Erste Schritte in Richtung Privatisierung des Sozialbereiches mit den &#252;blichen Auswirkungen auf die Besch&#228;ftigten (Rationalisierungen, Flexibilisierung der Arbeitszeiten, Deregulierung der Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse, Intensivierung der Arbeit, K&#252;rzung der Geh&#228;lter etc.);<br />
6. Zunehmende „KundInnenorientierung“, die dazu f&#252;hrt, dass KundInnen eigenst&#228;ndig das „beste Angebot ausw&#228;hlen“ sollen, was im Bereich der sozialen Dienstleistungen hei&#223;t, dass die Betroffenen sich die Bearbeitung der eigenen Probleme selbst organisieren m&#252;ssen;</p>
<p><strong>Befunde aus der Praxis</strong><br />
Seit der Implementierung des FSW sind sechs Jahre vergangen. Ob die bef&#252;rchteten Folgen der Ausgliederung wirklich so eingetreten sind, ist aufgrund d&#252;nner Quellenlage schwierig zu beantworten. Dieses Problem ist symptomatisch f&#252;r den Prozess der Implementierung des Fonds Soziales Wien. Es gibt so gut wie keine wissenschaftlichen Arbeiten, die sich mit den Folgen von Ausgliederungen besch&#228;ftigen – als positive Ausnahme kann das bereits oben erw&#228;hnte Projekt „Fachliche Standards in der Sozialarbeit“<a name="anm_30"></a> genannt werden. Aber auch die sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen, die sich immer wieder zu sozialpolitischen Themen in der (medialen) &#214;ffentlichkeit zu Wort melden, verhalten sich aufgrund der enormen Abh&#228;ngigkeit vom FSW derzeit vollkommen ruhig.<br />
Einige Punkte zu den Folgen der Ausgliederung lassen sich jedoch skizzieren:<br />
Durch die Gr&#252;ndung des FSW als <em>Controlling</em>-Organ konnten die Qualit&#228;tsstandards im Bereich der sozialen Dienstleistungen tats&#228;chlich angehoben und durchgesetzt werden. Folge dieser Durchsetzung von Qualit&#228;tsstandards ist, dass soziale DienstleisterInnen nur mehr in dem Bereich arbeiten k&#246;nnen, indem sie eine Ausbildung haben. Dies f&#252;hrt jedoch vor dem Hintergrund der angespannten Arbeitsmarktsituation zu Qualifizierungsdruck bei den Betroffenen. Die Angst, den eigenen Arbeitsplatz aufgrund ungen&#252;gender Qualifikation zu verlieren oder  pers&#246;nliche Probleme, Job und Ausbildung unter einen Hut zu bekommen, sind ebenfalls Folgen der Unterfinanzierung des Sozialbereichs.<br />
Die Einf&#252;hrung des Fonds Soziales Wien zog eine Monopolisierung der Leistungsvergabe mit sich. Im Grunde entscheidet nun der FSW allein dar&#252;ber, welcher/m KlientIn welche Leistungen zuerkannt werden. Das f&#252;hrt dazu, dass basale T&#228;tigkeiten, wie Haare oder N&#228;gel schneiden, h&#228;ufig nicht im Leistungskatalog enthalten sind und von dem/der KlientIn selbst bezahlt werden m&#252;ssen. Dar&#252;ber hinaus erschwert die f&#252;r &#214;sterreich so spezifische Aufteilung in Bund- und L&#228;nderkompetenzen den Zugang zu Leistungen.<br />
Der b&#252;rokratische Verwaltungsaufwand ist durch die Einf&#252;hrung des FSW konstant angestiegen. Die Leistungsvertr&#228;ge machen eine penible Dokumentation der erbrachten Leistungen notwendig. Diese macht die Arbeit sozialer Tr&#228;gerInnenorganisation einerseits zunehmend transparent und hebt damit auch deren Qualit&#228;t. Andererseits f&#252;hrt diese Praxis – wie bereits bef&#252;rchtet – aber auch dazu, dass die Sozialen DienstleisterInnen weniger Zeit f&#252;r ihre KlientInnen haben. Dar&#252;ber hinaus wird die Sinnhaftigkeit dieser Form der Dokumentation immer mehr hinterfragt. Ist eine l&#252;ckenlose Information &#252;ber soziale Dienstleistungen f&#252;r einige Forschungsbereiche durchaus sinnvoll, so zeigt sich in der Praxis, dass die standardisierten Frageb&#246;gen f&#252;r die nachvollziehbare Darstellung konkreter F&#228;lle h&#228;ufig v&#246;llig inad&#228;quat sind.<br />
Auch die implizite Annahme, die hinter diesem Dokumentations- und Quantifizierungszwang steht – die M&#246;glichkeit einer exakten Messbarkeit sozialer Dienstleistungen – wird von einigen sozialen DienstleisterInnen kritisch hinterfragt: „Sozialarbeit ist ein wechselseitiger Prozess, der Vertrauensbildung voraussetzt und in dem ein vereinbarter Ma&#223;nahmenplan immer wieder ver&#228;ndert werden muss. In der Sozialarbeit muss eine vielschichtige Problemsituation analysiert, mit der KlientIn eine Probleml&#246;sung erarbeitet und sie/er bei der Umsetzung unterst&#252;tzt werden.“<a name="anm_31"></a><br />
Durch die Aufgliederung im FSW in drei Bereiche gibt es mittlerweile Zielgruppen, die nicht klar zuordenbar sind und daher in keinen der Bereiche hineinfallen. Als Beispiel k&#246;nnen hier wohnungslose Menschen mit Suchtproblemen oder Entlassene der forensischen Psychiatrie genannt werden. Diese Personen werden vom FSW dorthin verwiesen, wo sich jemand bereiterkl&#228;rt, sie aufzunehmen, egal ob das nun die Wohnungslosen- oder Behindertenhilfe ist. Mit dieser willk&#252;rlichen Aufteilung k&#246;nnen die Probleme der KlientInnen nicht ad&#228;quat gel&#246;st werden.<br />
Auch f&#252;r &#228;ltere Leistungsempf&#228;ngerInnen hat sich durch die in der Ausgliederung enthaltene „KundInnenorientierung“ nicht viel verbessert. So ist die „unb&#252;rokratische, leicht zug&#228;ngliche Anlaufstelle f&#252;r &#228;ltere Menschen und deren Angeh&#246;rige, die bisher durch SozialarbeiterInnen und SeniorenberaterInnen nicht nur Beratung, sondern auch Unterst&#252;tzung geboten hat, zerst&#246;rt.“<a name="anm_32"></a> Die KlientInnen m&#252;ssen sich nun selbst (am besten im Internet) alle Wege zusammensuchen und scheitern regelm&#228;&#223;ig an diesen neuen H&#252;rden.<br />
Es gibt bislang wenig Hinweise auf allgemeine Leistungsk&#252;rzungen seit der Einf&#252;hrung des FSW. Dass Spezialprogramme allerdings zunehmend gek&#252;rzt werden, scheint offensichtlich. Beispielsweise strich der FSW 2008 erstmals seine F&#246;rderung von 40.000 Euro f&#252;r Psychotherapie von Folter&#252;berlebenden. Budgets f&#252;r Spezialprogramme werden nur mehr von Jahr zu Jahr vergeben. Dies f&#252;hrt immer h&#228;ufiger dazu, dass es weder f&#252;r KlientInnen noch f&#252;r soziale DienstleisterInnen Sicherheiten auf angemessene Basisfinanzierung gibt.<a name="anm_33"></a></p>
<p><strong>Wider die Neoliberalisierung der Sozialpolitik!</strong><br />
Mit den Ver&#228;nderungen der modernen Wohlfahrtsstaaten seit den 1970er Jahren und deren &#220;bergang von einer Politik des <em>welfare </em>zu einer Politik des <em>workfare </em>ging auch ein neues Menschenbild einher. Soziale Bed&#252;rftigkeit wurde und wird zunehmend als individuelles Defizit gesehen, das von den „KundInnen sozialer Dienstleistungen“ selbst behoben werden muss. Neben dieser ideologischen Wende f&#252;hrte der neoliberale Umbau der Sozialpolitik auch materiell zu ziemlichen Einschnitten. Sozialleistungen wurden – auch im „roten“ Wien – gek&#252;rzt, w&#228;hrend Armutsraten und die Zahl der Personen, die von der Gesellschaft zunehmend ausgegrenzt sind, kontinuierlich ansteigen. Die Partei, die sich die L&#246;sung der „sozialen Frage“ quasi ins Parteiprogramm geschrieben hat – die SP&#214; – hat all diese Verschlechterungen im Sozialbereich teilweise mitgetragen, teilweise selbst forciert. Nur ein aktiver Widerstand der Betroffenen, der die Probleme thematisiert und die  im Wahljahr unter Druck stehende Wiener SP&#214; damit konfrontiert, kann dazu f&#252;hren, dass eine Abkehr von diesen Politiken vollzogen wird.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a name="anm1"></a> Wehsely, Sonja, unter: http://www.wien.spoe.at/mag-sonja-wehsely<br />
<a name="anm2"></a> Im Gegensatz zum historischen Roten Wien beszeichnet „rot“ hier das sozialdemokratisch regierte Wien der Gegenwart.<br />
<a name="anm3"></a> Jessop, Bob: Kapitalismus. Regulation. Staat, Hamburg 2007, S.224<br />
<a name="anm4"></a> Hirsch, Joachim: Materialistische Staatstheorie. Transformationsprozesse des kapitalistischen Staatensystems, Hamburg 2005, S.117<br />
<a name="anm5"></a> Ebd., S.219ff.<br />
<a name="anm6"></a> Ebd.<br />
<a name="anm7"></a> Atzm&#252;ller, Roland: Die Entwicklungen der Arbeitsmarktpolitik in &#214;sterreich. Dimensionen von Workfare in der &#246;sterreichischen Sozialpolitik, in: Kurswechsel, 4 (2009), S.24<br />
<a name="anm8"></a> Urban, Hans-J&#252;rgen: Deregulierter Standort-Kapitalismus? &#8211; Krise und Erneuerung des Sozialstaates, in: Schmitthenner, Horst (Hg.): Der „schlanke“ Staat. Zukunft des Sozialstaates – Sozialstaat der Zukunft, Hamburg 1995, S.17<br />
<a name="anm9"></a> Auch wenn der Begriff workfare h&#228;ufig f&#252;r Debatten um Ver&#228;nderungen in der Arbeitswelt (Stichwort: Flexibilisierung der Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse) verwendet wird, kann er auch f&#252;r Ver&#228;nderungen sozialpolitischer Programme herangezogen werden. Vgl. Atzm&#252;ller, Roland: Die P&#228;dagogisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen und Staat, in: Perspektiven. Magazin f&#252;r linke Theorie und Praxis, Nr. 10 (2010), S. 22–28<br />
<a name="anm10"></a> Wacquant, Loic: Bestrafen der Armen. Zur neuen Regierung der sozialen Unsicherheit, Opladen 2009, S.10ff.<br />
<a name="anm11"></a> Korpi, Walter: Welfare-State Regress in Western Europe: Politics, Institutions, Globalization and Europeanization, in: Annual Review of Sociology, No.29 (2003), S.589<br />
<a name="anm12"></a> Foucault, Michel: Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalit&#228;t II, Frankfurt/Main 2006, S. 314<br />
<a name="anm13"></a> vgl. Atzm&#252;ller, Roland: Die P&#228;dagogisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen und Staat, a.a.O.<br />
<a name="anm14"></a> vgl. Unabh&#228;ngige GewerkschafterInnen im &#214;GB: Was bleibt vom „roten“ Wien? Fonds Soziales Wien. Die Stunde der Effizienz, unter: http://www.auge.or.at/_TCgi_Images/auge/20040930145813_alternative_extra10a_1.pdf<br />
<a name="anm15"></a> Diese Operationalisierbarkeit, d.h. die Vorstellung, dass Leistungen genau benannt und aufsummierbar werden, ist betriebswirtschaftlich gewollt und aus der Perspektive einer erm&#228;chtigenden sozialen Arbeit v&#246;llig verfehlt.<br />
<a name="anm16"></a> Dabei handelt es sich um ein quasi informelles System, in dem L&#246;hne, Arbeitsbedingungen und staatliche Sicherungssysteme in konsensualem Einvernehmen zwischen den VertreterInnen der Spitzenb&#252;rokratie ausverhandelt statt durch offen ausgetragene Konflikte, wie zum Beispiel Streiks, errungen zu werden.<br />
<a name="anm17"></a> Tálos, Emmerich: Sozialpartnerschaft. Austrokorporatismus am Ende?, in: Dachs, Herbert et al. (Hg.): Politik in &#214;sterreich. Das Handbuch. Wien 2006, S. 627<br />
<a name="anm18"></a> Esping-Andersen, Gøsta (1991) The three worlds of welfare capitalism. Cambridge<br />
<a name="anm19"></a> Diese wird eventuell in n&#228;chster Zeit durch die bedarfsorientierte Mindestsicherung abgel&#246;st.<br />
<a name="anm20"></a> Heitzmann, Karin (2009) Tr&#228;gerInnen der &#246;sterreichischen Armutsbek&#228;mpfung, in: Dimmel, Nikolaus/Heitzmann, Karin/Schenk, Martin (Hg.): Handbuch Armut in &#214;sterreich, Wien 2009, S 388 &#8211; 397<br />
<a name="anm21"></a> F&#252;r eine ausf&#252;hrliche Darstellung des Dritten Weges siehe Opratko, Benjamin: Quo vadis Sozialdemokratie?, in: Perspektiven. Magazin f&#252;r linke Theorie und Praxis, Nr.2 (2007), S.6-11<br />
<a name="anm22"></a> vgl. Mahnkopf, Birgit: Formel 1 der neuen Sozialdemokratie: Gerechtigkeit durch Ungleichheit. Zur Neuinterpretation der sozialen Frage im globalen Kapitalismus, in: Prokla 121 (2000), S. 489–525<br />
<a name="anm23"></a> Giddens, Anthony: Der Dritte Weg. Die Erneuerung der sozialen Demokratie, Frankfurt 1998, S. 120<br />
<a name="anm24"></a> Opratko, a.a.O., S. 9<br />
<a name="anm25"></a> Darunter fallen auch AsylwerberInnen ohne fixen Unterhalt.<br />
<a name="anm26"></a> Konkret ist der Weg hin zur Inanspruchnahme einer sozialen Dienstleistung viel komplexer und je nach Bereich verschieden. F&#252;r n&#228;here Infos siehe: http://behinderung.fsw.at/information/bz_behindertenhilfe/index.html oder http://www.fsw.at/broschueren/broschueren_ex/brosch_pflege_betreuung.html<br />
<a name="anm27"></a> vgl. Unabh&#228;ngige GewerkschafterInnen im &#214;GB, a.a.O.<br />
<a name="anm28"></a> Ziel der Initiative „Soziale Arbeit – gestern, heute, morgen“ war es, „Fachliche Standards in der Sozialarbeit“ zu diskutieren und damit zur Sch&#228;rfung der fachlichen Perspektive von MitarbeiterInnen in sozialen Organisationen beizutragen und Qualit&#228;tsdebatten durch das Mitwirken der SozialarbeiterInnen inhaltlich neu zu beleben, unter: http://www.sozialearbeit.at/<br />
<a name="anm29"></a> Vgl. Dieb&#228;cker, Marc/Ranftler, Judith/Strahner, Tamara/Wolfgruber, Gudrun: Neoliberale Strategien und die Regulierung sozialer Organisationen im lokalen Staat. Politisches zur Depolitisierung und Deprofessionalisierung der Sozialen Arbeit – Teil 1.Unter: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/150/213.pdf<br />
<a name="anm30"></a> vgl. „Fachliche Standards in der Sozialarbeit“, a.a.O.<br />
<a name="anm31"></a> Vgl. Augustin, 256-07/2009<br />
<a name="anm32"></a> Vgl. Augustin, a.a.O.<br />
<a name="anm33"></a> vgl. derStandard.at, 12.12.2008</p>
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		<title>Sanfte Verdr&#228;ngung: Gentrifizierung in Wien</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 10:46:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Gentrifizierung gibt es in Wien nicht, meint die sozialdemokratische Stadtverwaltung. &#220;ber diese Realit&#228;tsverweigerung sprachen Katharina Hajek und Felix Wiegand mit Jakob Weingartner, der sich intensiv mit dieser Frage auseinander gesetzt hat. Er erkl&#228;rt, was das Wiener Brunnenviertel mit der New Yorker Lower East Side zu tun haben k&#246;nnte, inwiefern sich ImmobilieninvestorInnen und die Sanfte Stadterneuerung perfekt erg&#228;nzen und welche Rolle [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gentrifizierung gibt es in Wien nicht, meint die sozialdemokratische Stadtverwaltung. &#220;ber diese Realit&#228;tsverweigerung sprachen <em>Katharina Hajek</em> und <em>Felix Wiegand</em> mit <em>Jakob Weingartner</em>, der sich intensiv mit dieser Frage auseinander gesetzt hat. Er erkl&#228;rt, was das Wiener Brunnenviertel mit der New Yorker Lower East Side zu tun haben k&#246;nnte, inwiefern sich ImmobilieninvestorInnen und die Sanfte Stadterneuerung perfekt erg&#228;nzen und welche Rolle dabei K&#252;nstlerInnen, Dachterrassen und Fu&#223;ballk&#228;fige einnehmen.<br />
<span id="more-1579"></span><br />
<em>Das Thema Gentrifizierung hat es mittlerweile bis in die Mainstream-Medien geschafft. Weitl&#228;ufig wird damit der Prozess der &#246;konomischen und symbolischen Aufwertung eines Gr&#228;tzels, der Zuzug neuer, kaufkr&#228;ftigerer BewohnerInnen und die Verdr&#228;ngung der bestehenden, sozial schw&#228;cheren Bev&#246;lkerung bezeichnet. Kannst Du uns ein bisschen mehr &#252;ber den theoretischen Background des Gentrifzierungs-Begriffs erz&#228;hlen?</em></p>
<p>Den Begriff der Gentrifizierung haben sich kritische UrbanistInnen im Zuge der 1970er und -80er Jahre auf die Fahnen geschrieben, um einen Kontrapunkt zum bis dahin im urbanistischen Diskurs dominierenden neoklassischen Axiom zu setzen. In den 1970er Jahren wurde von vielen UrbanistInnen der Marxismus entdeckt. Die Koryph&#228;e war Henri Lefebvre. Er hat die Erfahrungen der Aufst&#228;nde von 1968 – gerade auch in Paris – genutzt, und darauf aufbauend versucht, die marxistische Analyse in den Raum zu &#252;bersetzen. Das war lange ein blinder Fleck im Marxismus. Es gibt die ber&#252;hmte Analyse von Engels &#252;ber die Armenquartiere in Manchester, wo er von Kapital- und Arbeitskraftkonzentration spricht und einer schlimmen Verslumung, die sich daraus ergibt; aber viel mehr…? Lefebvre hat die marxistischen Axiome und die Unterscheidung von Gebrauchs- und Tauschwert genutzt, um zu fragen: Welche Interessen hat das Kapital am Raum, welche die ArbeiterInnen? F&#252;r ArbeiterInnen hat der Raum v. a. einen Gebrauchswert: da wo ich wohne, da m&#246;chte ich mich wohlf&#252;hlen, da m&#246;chte ich mich ausruhen von der Arbeit usw. Die Kapitalseite sieht im Raum ganz etwas Anderes. Der geht es darum, Mehrwert zu erwirtschaften. Dazu muss man Raum abstrahieren und mit Nummern versehen, damit man ihn dann verkaufen oder vermieten kann. Diesen prim&#228;ren Widerspruch hat Lefebvre sehr sch&#246;n beschrieben.  Darauf haben dann andere marxistisch gepr&#228;gte UrbanistInnen aufgebaut, David Harvey war unter anderem sehr wichtig. In den 1980er Jahren, als an den Universit&#228;ten heftige ideologische Grabenk&#228;mpfe herrschten, wie Raum &#252;berhaupt zu diskutieren sei, hat Neil Smith, ankn&#252;pfend an Harvey, das erste Mal eine wirklich umfassende und schl&#252;ssige Gentrifizierungs-Theorie aufgestellt. </p>
<p><em>Worin besteht der Kern des Zugangs von Smith? Kannst Du Beispiele nennen, die das illustrieren?</em></p>
<p>Zentral ist der Blick auf die zyklische Entwicklung des Kapitalismus. In der Stadt existieren die Rahmenbedingungen f&#252;r die Produktionsbed&#252;rfnisse des Kapitalismus in physisch-materieller, r&#228;umlicher Form. Wegen der permanenten Umw&#228;lzung der Produktion werden die Produktionsst&#228;tten, die Infrastruktur etc. immer wieder unproduktiv, sie verlieren ihre Aktualit&#228;t. Es kommt zu Desinvestition. Die Container-Technologie hat z. B. dazu gef&#252;hrt, dass extrem viele Hafenstrukturen, die vorher im Zusammenhang mit Massenproduktion und Warenhandel wichtig waren, pl&#246;tzlich nicht mehr genutzt wurden, brach lagen und dem Verfall anheim fielen. Die Docklands in London oder in Brooklyn sind gute Beispiele. Wo vorher noch viel Kapital investiert wurde, damit der Hafen gut funktioniert, geriet pl&#246;tzlich der r&#228;umliche Produktionszyklus in die Krise. Das Kapital wurde im gro&#223;en Stil abgezogen, weil es dort Nichts mehr zu holen gab. Heute sind die Docklands aber genau wegen dieser Desinvestition so interessant: Es gibt diese R&#228;umlichkeiten, Lagerhallen usw., die man umbauen kann, aber das Gebiet ist v&#246;llig unterbewertet.  Das ist nat&#252;rlich der feuchte Traum jedes <em>Developers</em>. Weil der Raum extrem niedrig bewertet ist, kann er oder sie &#252;ber ein Kapitalinvestment eine riesige Gewinnspanne herausholen, d. h. der so genannte <em>rent-gap</em> ist extrem breit. Nicht umsonst sind diese Docklands heute ein sehr wichtiger Anziehungspunkt f&#252;r Kapital und Gentrifizierung. Das nennt sich dann <em>Waterfront-Development</em> und ist z. B. in der <em>Hafencity </em>in Hamburg gut zu beobachten. Dabei spielt auch der symbolische Aspekt eine gro&#223;e Rolle: Es gibt heute nichts Hei&#223;eres f&#252;r ein Architekturb&#252;ro, als in einer ehemaligen Lagerhalle mit Klinkersteinen sein B&#252;ro zu haben, mit Blick &#252;bers Wasser. Es ist faszinierend, wie eine Struktur, die in einem bestimmten kapitalistischen Zykus eine spezifische Funktion hatte, heutzutage pl&#246;tzlich eine v&#246;llige andere Benutzung erf&#228;hrt, w&#228;hrend gleichzeitig noch die Identit&#228;ten und die proletarische Authentizit&#228;t – das Schaffen, das Wirken aus der Vergangenheit – in die Gegenwart hineinwabert.<br />
Wenn man sich nicht Hafengebiete, sondern normale Stadtviertel anschaut – Neil Smith hat das f&#252;r die <em>Lower East Side</em> in New York gemacht – dann sind hier ganz &#228;hnliche Prozesse zu beobachten. Die <em>Lower East Side</em> hat ebenso &#252;ber viele Jahrzehnte eine starke Desinvestition erfahren. Es war eine heruntergekommene Gegend mit hoher Kriminalit&#228;t, aber man konnte dort billig wohnen, was vor allem f&#252;r MigrantInnen interessant war. Gleichzeitig war es auch ein Viertel, wo Dinge m&#246;glich waren, die woanders nicht m&#246;glich waren. Der Punkrock ist beispielsweise dort entstanden, es wurde mit neuen Geschlechterkonstruktionen gespielt usw., d. h. es war ein St&#252;ck weit auch ein Labor f&#252;r sp&#228;tere gesellschaftliche Entwicklungen. Gerade aufgrund der Desinvestiton konnte Gentrifizierung in der <em>Lower East Side</em> so einen Triumphzug erleben. Gentrifizierung versteht man nur, wenn man es in einem breiteren historischen Kontext verortet: Dass in St&#228;dten immer wieder Viertel eine Kapitalflucht erleben, ist notwendig, damit das Kapital danach unter m&#246;glichst gro&#223;em Triumph wieder einziehen kann. </p>
<p><em>Was verr&#228;t eine solche Perspektive denn &#252;ber Wien? Es hei&#223;t ja oft, hier w&#252;rden besondere Bedingungen herrschen und es g&#228;be deshalb gar keine Gentrifizierung.</em> </p>
<p>Zun&#228;chst darf man nicht den Fehler machen, in der Gentrifizierungs-Theorie ein Werkzeug zu sehen, das man auf alle m&#246;glichen St&#228;dte einfach anwenden kann. Man muss sich die historischen und sozialr&#228;umlichen Kontexte genau anschauen. Also: Das Besondere an Wien ist der soziale Wohnbau – Wien hat neben den so genannten realsozialistischen Staaten das weltweit h&#246;chste Budget f&#252;r sozialen Wohnbau. Warum der Stadt das so wichtig ist und sie in diesen Sektor so viel Geld hineinpumpt, kann historisch aus dem Roten Wien erkl&#228;rt werden. Bis Mitte der 1970er Jahre hat Wien im Wohnbau wirklich einen beispiellosen Aufwand betrieben. Wie auch an vielen anderen Orten in Europa wurden zu dieser Zeit in Wien v. a. riesige, fordistisch-standardisierte Wohnsilos am Stadtrand gebaut, z. B. die Per-Albin-Hansson-Siedlung. Dadurch war es m&#246;glich, dass die klientilistisch an die SP&#214; gebundene ArbeiterInnenschaft aus dem miesen innerst&#228;dtischen Wohnraum heraus gekommen ist, aus den zum Teil noch zerbombten H&#228;usern, aus den Substandardwohnungen. Das war das sozialdemokratische Entwicklungsmodell der Nachkriegszeit f&#252;r Wien, das nat&#252;rlich auch nur unter der sozialdemokratischen Hegemonie durchsetzbar war. Das Problem, das sich f&#252;r die Stadt Wien gestellt hat, war jedoch: Was passiert mit dem Wohnraum, der brach liegt, wenn Leute wegziehen und ihre alten Wohnungen zur&#252;cklassen? Es gab in Wien bis Mitte der 1970er Jahre tats&#228;chlich einen sehr hohen Leerstand. Das &#246;ffentliche Geld wurde in die Gro&#223;projekte am Stadtrand gesteckt und die Innenst&#228;dte stagnierten. Weil der Trend in Richtung Stadtrandsiedlung ging, kamen auch Privatinvestitionen v&#246;llig zum Erliegen, d. h. privates Kapital floss nicht mehr in die Innenbezirke. Der Stadtverwaltung wurde schnell klar: Da muss man gegensteuern. Deswegen haben sie dann die Werkzeuge der ber&#252;hmten Sanften Stadterneuerung geschaffen.</p>
<p><em>Kannst Du erkl&#228;ren, in welchem Kontext das Konzept der Sanften Stadterneuerung in Wien das erste Mal zu Anwendung kam und was genau dieses Instrument beinhaltet?</em></p>
<p>In den 1970er Jahren sollten die historischen Geb&#228;ude am Spittelberg im 7. Bezirk geschliffen und stattdessen riesige Wohnbauten errichtet werden. Dieser Form der technokratischen Stadtplanung hat sich eine Viertel-Bewegung von unten entgegengesetzt. Die Bewegung war eine Koalition aus durchaus linken Amerlinghaus-BesetzerInnen und b&#252;rgerlichen &#214;VP-W&#228;hlerInnen, welche sich die Planung von oben nicht mehr gefallen lassen und die historischen Strukturen retten wollten. Dieses B&#252;ndnis hat es geschafft, die Bagger zu stoppen: Der Spittelberg wurde nicht abgerissen, stattdessen wurde seine Renovierung von den damals neu geschaffenen Instrumenten der Sanften Stadterneuerung staatlich gef&#246;rdert. Das Faszinierende an diesem ganzen Prozess war, dass es der sozialdemokratischen Stadtverwaltung gelungen ist, den Widerstand dieser post-68er Bewegung aufzugreifen und etwas Neues daraus zu machen. Das ist wie stadtplanerisches Aikido: die Kraft dieser Bewegung wurde aufgenommen und daraus die Sanfte Stadterneuerung gebastelt. Ich habe das Gef&#252;hl, dass das auch eine neue soziale Formation war, die sich da gewehrt hat. Genau diese soziale Formation, die sich aus den 68ern heraus entwickelt hat und ihre Vorstellungen der Stadt-Nutzung in die Stadtplanung rein getragen haben, geh&#246;rt heute zur neuen Elite der Stadt Wien: akademisch gebildete, urspr&#252;nglich aktivistische Leute, die sp&#228;ter dann verb&#252;rgerlicht sind und den Spittelberg heute zu dem gemacht haben, was er ist: ein Freilicht-Museum, dass sich wirklich nur die reichsten Leute leisten k&#246;nnen. Diese „Spittelbergisierung“ kann als Folge der Sanften Stadterneuerung gesehen werden, es geht um eine Art „sanfte“ Gentrifizierung.<br />
Im Endeffekt ist die Idee der Sanften Stadterneuerung, dass die &#246;ffentliche Hand Anreize f&#252;r private InvestorInnen schafft, wieder in den innerst&#228;dtischen Wohnbereich, in Gr&#252;nderzeith&#228;user zu investieren und den Wohnstandard zu erhalten bzw. zu verbessern. Das beinhaltet allerdings die M&#246;glichkeit einer nachfolgenden Erh&#246;hung des Mietzinses. Konkret funktioniert das so: Du hast ein Haus, in dem es sehr viele Substandardwohnungen gibt. Jetzt kann ein privater Investor, beispielsweise eine Renovierungsgesellschaft, einen Antrag auf F&#246;rderung bei der Stadt Wien stellen. Jeder Antrag wird nach einem Punktesystem bewertet. Verschiedene Faktoren wirken sich positiv auf das F&#246;rdervolumen aus: Ma&#223;nahmen, die den Allgemeinzustand des Hauses verbessern, &#246;kologische Kriterien, das Installieren eines Aufzugs etc. Allerdings kann nur saniert werden, wenn in dem Haus Kategorie C oder D Wohnungen &#252;berwiegen. Wenn das alles gegeben ist, schie&#223;t die Stadt Wien w&#228;hrend eines Zeitraums von zehn Jahren 50 Prozent der Renovierungskosten zu. &#220;ber diesen Zeitraum hinweg wird das Ansteigen des Mietniveaus limitiert, aber nicht verhindert. Was danach passiert, ist wieder eine ganz andere Frage. Sobald privates Investitionskapital in ein ArbeiterInnenviertel gelockt wird und es zu Aufwertungen kommt, wirst du es mit einem Verdr&#228;ngungsph&#228;nomen zu tun haben.  Wo soll denn das Geld herkommen f&#252;r die aufgewerteten Wohnungen? Au&#223;erdem ist Sanfte Stadterneuerung immer auch Wohnungsbau: Es werden Zimmer zusammengelegt und gr&#246;&#223;ere Wohneinheiten geschaffen. Der Anteil an Wohnungen unter 35m2 ist zwischen 1971 und 2001 von 18,7 auf 7,8 Prozent gesunken. Das Problem ist aber: Kannst du dir die gr&#246;&#223;ere Wohnung dann auch leisten? Du musst ja pl&#246;tzlich zwei Wohnungen bezahlen, daf&#252;r musst du dann aber viel mehr verdienen.  Damit sto&#223;en wir dann schon wieder an die Grenzen der Sanften Stadterneuerung, oft geht es einfach auch um die Quadratmeter. Insgesamt wird den negativen Konsequenzen der Bestandserhaltung bzw. -verbesserung einfach zu wenig Beachtung geschenkt. </p>
<p><em>Worin bestanden denn die Auswirkungen dieses Instruments der Sanften Stadterneuerung f&#252;r den gesamten Wiener Raum?</em></p>
<p>Mit der Sanften Stadterneuerung hat es die Stadt Wien wirklich geschafft, den Negativtrend, von dem ich gesprochen habe, herumzurei&#223;en: Es begann wieder – auch privates – Investitionskapital in den Altbausektor zu flie&#223;en. Der Anteil von Substandardwohnungen mit WC und Wasser am Gang hat zwischen 1971 und 2001 von 33 auf 7,6 Prozent abgenommen. Gleichzeitig gewannen aber nat&#252;rlich auch die Widerspr&#252;che des kapitalistischen Wohnungsmarktes wieder an Bedeutung, und das ist genau die Krux der Sanften Stadterneuerung: Einerseits wird der Wohnraum mit Hilfe von Privatkapital aufgewertet. Andererseits entstehen dann auch wirklich negative Konsequenzen, denn das Privatkapital m&#246;chte aus der Aufwertung nat&#252;rlich Profit schlagen, durch h&#246;here Mieten. Gewisse Bev&#246;lkerungsschichten k&#246;nnen sich die Wohnungen einfach nicht mehr leisten und m&#252;ssen dann in andere Stadtteile ziehen.<br />
Einer dieser anderen Stadtteile war in den 1980er Jahren Ottakring und insbesondere das Brunnenviertel. Dazu muss man wissen: &#214;sterreich und Wien haben zu der Zeit eine starke Migration erfahren, d. h. es wurden sehr viele Arbeitskr&#228;fte angeworben. Man hat angenommen, dass sie nur f&#252;r einen kurzen Zeitraum in Wien bleiben und dann wieder „nach Hause“ geschickt werden. Nur, diese Leute sind geblieben, ihre Arbeitskraft wurde gebraucht. Und sie mussten irgendwo wohnen. Weil im innerst&#228;dtischen Bereich durch die Sanierungsaktivit&#228;ten der Stadt Wien immer mehr Substandardwohnungen verloren gingen und die Gemeindebauten ihnen verschlossen waren, haben diese Leute dann eben andere R&#228;ume gesucht. Ottakring und hier insbesondere das Brunnenviertel waren so ein Auffangbecken. Da konnte man auch als MigrantIn einen Vertrag f&#252;r eine Wohnung bekommen. Gleichzeitig war es so, dass die mehrheits&#246;sterreichische ArbeiterInnenschaft aus dem Brunnenviertel in die gro&#223;en Siedlungen gezogen ist, weil sie die Schnauze voll hatte von Altbau-Wohnungen mit Klo auf dem Gang, keinem flie&#223;enden Wasser in der Wohnung, etc.. Es hat sich hier im Raum etwas niedergeschlagen, was auf einer breiten gesellschaftlichen Ebene passiert ist: der mehrheits&#246;sterreichischen ArbeiterInnenschaft gelang der Aufstieg mit Hilfe der Sozialdemokratie und der Sozialpartnerschaft. Die R&#228;ume und das Vakuum, das sich unten aufgetan hat, wurden von migrantischen Arbeitskr&#228;ften aufgef&#252;llt. Das kann man im Produktionsprozess sehen, wo die MigrantInnen die miesen Jobs &#252;bernommen haben, aber man sieht das eben auch im urbanen Prozess. Im Endeffekt haben die MigrantInnen im Brunnenviertel aber doch nicht so billig gewohnt, weil es sich schnell rumgesprochen hat, dass eine sozial verletzliche Bev&#246;lkerungsformation in diese Gebiete zieht. HausbesitzerInnen und Miethaie haben die Schw&#228;che der MigrantInen ausgenutzt, um denen f&#252;r schlechten Wohnraum hohe Mieten abzuziehen, ohne daf&#252;r irgendetwas in die H&#228;user zu investieren. Die Gegend war insofern von starker Desinvestition und Kapitalexodus gepr&#228;gt. Es kam zu einer gewissen „Verslumung“ im Brunnenviertel.<br />
Trotzdem haben es t&#252;rkische oder jugoslawische &#214;sterreicherInnen geschafft, aus dem Brunnenviertel das zu machen, was es heute ist. Es ist eben kein Ghetto: Es gibt Gr&#228;tzel, es gibt soziale Koh&#228;sion, es gibt Kommunikation. Es nervt mich wahnsinnig, wenn man das Brunnenviertel als verbrannte Erde darstellt, wo sich eh nur die „Tschuschen“ den „Sch&#228;del einschlagen“. Das ist Quatsch. Es ist ein Viertel, das &#252;ber viele Jahrzehnte in einer Krise war, aber trotz dieser Krise haben es die Leute dort geschafft, ein lebendiges Viertel zu schaffen, von dem Zuz&#252;glerInnen heute profitieren! </p>
<p><em>Wie wurde aus dem Brunnenviertel der 1970er und -80er Jahre das, was man heute sieht, wenn man den Yppenplatz betritt?</em></p>
<p>Das ist eine sehr gute Frage. Ich glaube, man muss das im Kontext der ber&#252;hmten G&#252;rtelsanierung sehen. Es gibt in Wien einen Stadtentwicklungsplan, in dem die Stadt ihre prim&#228;ren Entwicklungsgebiete definiert und festlegt, was mit der Stadt in Zukunft passieren soll. Ende der 1990er Jahre war das G&#252;rtelgebiet eine ganz wichtige Zone dieses Plans, ein sogenannter <em>Fokus-Point</em>. Der G&#252;rtel war und ist ja immer noch ein bisschen ein Rotlichtgebiet. Bis hinein in die 1990er Jahre war das die No-Go-Area von Wien. Eine Gegend, wo man mit dem Auto durchf&#228;hrt, aber nicht spazieren geht; wo die Mutter der Tochter beim Vorbeifahren die Augen zuh&#228;lt; Das war der G&#252;rtel, eine Gegend, wo der „g’schupfte Ferdl“ am Wochenende mit dem Feitl im Sack Tanzen geht.<br />
Die Stadt Wien ist angetreten, das zu &#228;ndern. Es war aber klar, dass gerade bei dieser Fama das private Kapital nie in irgendwelche Projekte am G&#252;rtel investieren w&#252;rde. Wien hat aber die neoliberalen Zeichen der Zeit erkannt: statt die soziale Situation in der Stadt durch viertel&#252;bergreifende, &#246;ffentliche Investitionen zu &#228;ndern, versucht man, <em>Public-Private-Partnerships</em> (PPP) zu schaffen. Dabei geht es darum, das &#246;ffentliche Subventionen einen privaten Kapitalzufluss vereinfachen oder erm&#246;glichen sollen. Letztlich wird versucht, den Standortwettbewerb &#252;ber &#246;ffentliche Mittel f&#252;r sich zu entscheiden. Und genau das ist am G&#252;rtel passiert. Man hat dort versucht, einen kreativen <em>Cluster </em>anzusiedeln, indem man z. B. Clubs die G&#252;rtellokale zur Verf&#252;gung gestellt hat, gratis oder sehr billig.  Dann gab es dieses IP2-Projekt [futuristisches B&#252;rogeb&#228;ude am G&#252;rtel, Anm. d. Red.], wof&#252;r Kapital von der Sparkasse angeworben wurde. Teilweise haben diese Projekte funktioniert, teilweise auch nicht: die Lokale innerhalb des G&#252;rtelbogens sind erfolgreich, das IP2-Geb&#228;ude steht auch da, wobei niemand wei&#223;, was man damit anfangen soll. In jedem Fall wurde als Nebeneffekt dieses Prozesses auch das Brunnenviertel wieder neu entdeckt. Der „MigrantInnenslum“ von Wien hat sich zu einem Fokus f&#252;r PPP und die Sanfte Stadterneuerung entwickelt. Die Gentrifizierung ist zwar noch in einem relativ fr&#252;hen Stadium, aber man kann sehr sch&#246;n beobachten, wie Kunst und Kultur eine Pionierrolle f&#252;r eine Kapitalr&#252;ckkehr &#252;bernehmen. Interessanterweise haben im Brunnenviertel historisch immer auch Mehrheits&#246;sterreicherInnen gewohnt, die sich das Wohnen in anderen Teilen der Stadt nicht leisten konnten oder die gerne dort gewohnt haben. Ein Beispiel ist Ulla Schneider, die Initiatorin des Kunst- und Kulturfestivals <em>Soho in Ottakring</em>. Die wohnt schon ewig in dem Viertel und hatte die Idee, aus den ganzen Leerst&#228;nden, die sich im Viertel ergeben haben, etwas zu machen. Mit Unterst&#252;tzung der Stadt Wien, des Gr&#228;tzel- bzw. Quartiermanagements hat sie dann <em>SoHo in Ottakring</em> aufgebaut. Was nun passierte, war faszinierend zu beobachten: Pl&#246;tzlich str&#246;mten diese Kunst-PionierInnen in das Viertel und was davor noch ein „Problem“ war, was „h&#228;sslich“ war, ein leerer oder verklebter Laden, Wettb&#252;ros usw., war pl&#246;tzlich aufregend und interessant, also kulturelles Kapital. Á la „K&#252;nstlerInnen gehen jetzt ins Ghetto und machen was draus“.<br />
Dabei wurde den <em>SoHo in Ottakring</em>-Leuten schnell klar, dass sie vielleicht auch instrumentalisiert werden, dass sie sich mit den Geistern auseinandersetzen m&#252;ssen, die sie riefen. Sie haben dann versucht, mit einer klar antirassistischen Ausrichtung gegenzusteuern. Das haben viele Leute begr&#252;&#223;t, dass <em>SoHo </em>versucht, sich zu politisieren und sagt: „Wir sind hier keine Vermittlungsagentur f&#252;r leere Ladenr&#228;ume“. Es gab dann viele Projekte und antirassistische Initiativen, die versucht haben, bei der Geschichte des Viertels anzusetzen und sich damit zu besch&#228;ftigen. Das ist auf relativ positiven Respons gesto&#223;en. Dabei ist aber eines der zentralen Dilemmata in Gentrifizierungsprozessen sichtbar geworden: Diese positiven, kleinr&#228;umlichen, antirassistischen, durchaus links oder links-liberal gepr&#228;gten Initiativen laufen nat&#252;rlich Gefahr, dass sie von jenen Makrokr&#228;ften &#252;berrollt werden, die sie eigentlich kritisieren. Ich glaube, um die Verquickung von Kunst und Gentrifizierung zu erkennen, muss man auch mal den Standpunkt eines/r Immobilieninvestors/in einnehmen.<br />
<em>Conwert </em>ist daf&#252;r ein gutes Beispiel, das ist ein wichtiger Player in der Altbaukapitalisierung in Europa. Ich habe mich im Zuge meiner Diplomarbeit mit denen besch&#228;ftigt, sie interviewt. Die haben das <em>OSEI</em>-Geb&#228;ude, wo das traditionelle Kaufhaus der j&#252;dischen Familie Seidenglanz drinnen war, gekauft und &#252;ber zwei Jahre f&#252;r tempor&#228;re Nutzung zur Verf&#252;gung gestellt, damit sich dort K&#252;nstler austoben k&#246;nnen. Danach wurde das Geb&#228;ude abgerissen. Aus der Perspektive von Conwert – und das wurde mir im Interview ganz offen gesagt – ist die Kunst nur ein <em>selling-point</em>, so kommen sie in das Viertel rein. Die Kunst hat einfach einen besseren Ruf als das Kapital und sie wurde genutzt, um das <em>Conwert</em>-Projekt an die Leute zu verkaufen. Das kostet sie nichts, der Raum wird sowieso nicht genutzt. Also setzen sie da Kunst rein, um Plus-Punkte bei der Bev&#246;lkerung zu sammeln. Weil: Irgendwann kommt der Punkt, wo die Abrissbirne da reinkracht. Und dann w&#252;rden einige Leute wahrscheinlich Probleme machen. Das ist ein potentieller Konfliktpunkt, an dem klar werden k&#246;nnte, was die mit ihrem Viertel machen wollen. Dann ist die entscheidende Frage, ob die Investmentfirma geschickt war, ob sie es geschafft hat, &#252;ber einen langen Vorlaufprozess ihr Risikokapital abzusichern. Und ob es ihr gelungen ist, sich &#252;ber die Kunst ein Gesicht zu verleihen. An und f&#252;r sich hat so eine Firma ja kein Gesicht, sie ist eine k&#252;hl kalkulierende Maschine und vor allem ihren InvestorInnen verpflichtet.<br />
Als KulturschaffendeR muss man sich schon fragen, ob man nicht vielleicht etwas ges&#228;t hat, das dann von einem/einer InvestorIn geerntet werden kann.</p>
<p><em>Warum ist es denn f&#252;r ImmobilieninvestorInnen wie Conwert &#252;berhaupt derart &#246;konomisch interessant, gerade in Wien und in Orte wie das Brunnenviertel zu investieren?<br />
</em><br />
<em>Conwert </em>ist eigentlich ber&#252;hmt daf&#252;r, in Osteuropa Zonen aufzuwerten, in denen w&#228;hrend des so genannten Realsozialismus Desinvestment stattfand, und dadurch eine riesige <em>rent-gap</em> zu erwirtschaften. Heute wenden sie ihre Taktik aber nicht mehr nur an der [ehemaligen] osteurop&#228;ischen Peripherie, also in St&#228;dten wie Warschau, Krakau oder Budapest an, sondern eben auch in der Peripherie von Wien, und dort in einem traditionellen, migrantischen ArbeiterInnenbezirk wie dem Brunnenviertel. Sie verf&#252;gen &#252;ber sehr viel Risikokapital und versuchen jetzt neue Zonen zu erschlie&#223;en. Im Brunnenviertel war die Situation besonders interessant. Zun&#228;chst kam es nicht zu einem gro&#223;en Kapitalzufluss, weil klar war, dass man aus den aufgewerteten Substandardwohnungen verh&#228;ltnism&#228;&#223;ig wenig herausholen kann. Die<em> rent-gap </em>wird durch die Sanfte Stadterneuerung ein St&#252;ck weit reduziert. Wo sie aber voll aufklafft und wo sagenhafte Renditen erzielt werden k&#246;nnen, das ist in den Dachb&#246;den der H&#228;user. Die sind nicht wirklich eingesch&#228;tzt, da k&#246;nnen von Eliten-KundInnen hohe Mieten lukriert werden. Deshalb ist der Dachausbau im Brunnenviertel und auch in allen anderen ehemaligen ArbeiterInnenvierteln in Wien f&#252;r InvestorInnen extrem attraktiv. Manche Bautr&#228;gerInnen lassen es sich gefallen, ein paar Wohnungen darunter zu renovieren, nur damit sie an das Dachgeschoss heran kommen, wo sie dann ein gro&#223;es Penthouse errichten.<br />
Oder du machst es gleich so wie es z. B. <em>Conwert </em>beim <em>OSEI </em>gemacht hat, du l&#228;sst die Abrissbirne auffahren, rei&#223;t das ganze Geb&#228;ude nieder und ziehst ohne staatliche Vorgaben vom Rei&#223;brett aus ein neues „Loft-Living-Paradies“ auf. Das sind dann nat&#252;rlich die krassesten Einschnitte, weil es optisch heraussticht und massiv in Tradition und Stadtbild des Viertels eingreift. Und es kommt eben auch zu einem 100%igen Bev&#246;lkerungsaustausch, denn in dem Geb&#228;ude ist unten ein Supermarkt und eine Polizeistation und oben wohnen keine Leute, die schon davor im Viertel gewohnt haben. </p>
<p><em>Sind solche Eingriffe in Wien nicht schwieriger umzusetzen, wegen des starken Einflusses des lokalen Staats? </em></p>
<p>Die Stadtverwaltung proklamiert bei jeder Gelegenheit „Wien ist anders“ und dass sie Wert darauf legt, dass sich Gentrifizierung bei uns nicht entfalten kann. Wir haben ein starkes MieterInnenschutzgesetz, das noch aus der ersten Republik stammt und welches das Kommodifizierungspotential massiv einschr&#228;nkt. Das stimmt auch, es gibt dieses MieterInnenschutzgesetz mit Richtzinsen usw. tats&#228;chlich und es ist auch wirklich immer noch eines der progressivsten der Welt. Das ist eine wichtige Errungenschaft aus der ersten Republik, aus dem Roten Wien, die es zu verteidigen gilt. Aber: Dieses Gesetz senkt das Kommodifizierungspotential von Raum in der Stadt. Die Innenbezirke waren durch das MieterInnenschutzgesetz streng reguliert und das Kapital hatte kein Interesse, da gro&#223; zu investieren. Das ist die Krux f&#252;r eine neoliberalisierte Sozialdemokratie, dass sie noch mit den Gesetzen aus dem Roten Wien zu k&#228;mpfen hat. Die Sanfte Stadterneuerung war auch eine Antwort auf diese Widerspr&#252;chlichkeit. Aus der Perspektive der Stadt Wien sollte sie dem Einfall von internationalem Investitionskapital, wie er f&#252;r Gentrifizierungsprozesse typisch ist, in die traditionellen und krisenhaft destabilisierten ArbeiterInnenviertel von Wien von vorne herein klare Grenzen setzen. Die Hoffnungen ruhten auf den lokalen Gebietsbetreuungen, die in diesen gr&#252;nderzeitlichen Zonen eben daf&#252;r sorgen sollten, dass es zu einem Zuzug einer mittelst&#228;ndischen sozialen Formation kommt, aber nicht zu einer Vertreibung der alten EinwohnerInnenschaft. Den Spagat, den die Stadt und die Gebietsbetreuung dort t&#228;glich versucht, ist einerseits die Rahmenbedingungen f&#252;r Kapitalzufluss zu schaffen, gleichzeitig aber auch daf&#252;r zu sorgen, dass die Leute nicht verdr&#228;ngt werden.</p>
<p><em>Was erhofft sich die sozialdemokratische Stadtregierung denn von dieser Aufwertung, warum ist sie politisch gewollt?</em></p>
<p>Wenn Du mit einem/r Repr&#228;sentanten/in der Stadtverwaltung oder so einem/r Quartiers-„ManagerIn“ im Brunnenviertel sprichst, dann werden die sagen: Dieses Viertel ist in einer Krise, wir m&#252;ssen es retten. Wir wollen, dass die besser verdienende urbane Mittelschicht, eine aufstiegsorientierte soziale Formation, in das Viertel zieht. Die Angeh&#246;rigen dieser Schicht mit ihren postfordistischen Wirtschaftsformen und ihren alternativen Lebensstilen geben auf dem Markt mehr Geld f&#252;r teurere Produkte aus. Sie gehen davon aus, das Viertel k&#246;nne ja nur besser und sch&#246;ner werden, wenn kaufkr&#228;ftiges Publikum reinkommt. Insgesamt w&#252;rde die migrantisch gepr&#228;gte, lokale Bev&#246;lkerung davon profitieren. Man k&#246;nne die „Ghettoisierung“ des Brunnenviertels – und noch mal, ich glaube nicht, dass es ein Ghetto ist, aber dieses moralische Argument wird bewusst eingesetzt – aufbrechen, indem man da eine Mittelschicht reintransplantiert. Dass soll dann &#252;ber einen <em>trickle-down</em>-Effekt auch positive Folgen f&#252;r die dort ans&#228;ssige Bev&#246;lkerung haben. Im Endeffekt sind das <em>reagonomics</em>: Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut. Das sehe ich sehr kritisch.<br />
Auch das Argument, der „Ghettoisierung“ m&#252;sse soziale Durchmischung entgegen gesetzt werden, geht meiner Ansicht nach nicht auf: Nur die Nachbarschaft alleine garantiert noch keine soziale Durchmischung. Das ist ja auch das Faszinierende am Brunnenviertel, dass sich dort eine neue soziale Formation ihren Platz nimmt und ganz andere Repr&#228;sentationsmodi einbringt. Damit kann die bestehende Bev&#246;lkerung oft nicht so viel anfangen. Es kommt zu Parallelph&#228;nomenen wie z.B. am Yppenplatz, wo der westliche Teil, wo die Fu&#223;ballk&#228;fige stehen, stark in t&#252;rkischer Hand ist, w&#228;hrend der andere Teil, der Latte-Machiato- und Bioteil, in der Hand der Zuz&#252;gler ist. Wo passiert da die Durchmischung? Die passiert h&#246;chstens mal im Konsum, wenn sich einE Falter-LeserIn einen Kebab holt, aber sonst? Die Durchmischung, die von der Stadt Wien versprochen wird, die sich aber dann nur selten erf&#252;llt, die m&#252;sste eigentlich von den neuen BewohnerInnen unter politischen Vorzeichen forciert werden. Das ist f&#252;r mich die Herausforderung, in einem Viertel zu wohnen, das die Stadtv&#228;ter f&#252;r die Gentrifizierung auserkoren haben.</p>
<p><em>Sind Argumente wie Trickle-down-Effekt oder soziale Durchmischung in Zeiten, in denen die Mehrheit der Bev&#246;lkerung mit &#246;konomischer und sozialer Prekarisierung konfrontiert ist, nicht ohnehin absurd? M&#252;ssten Aufwertungsprozesse nicht grade jetzt gestoppt und politisch eine De-Kommodifizierung von Wohnraum durchgesetzt werden?</em></p>
<p>Dass die Einkommensschere auseinandergeht, ist unter kritischen SozialwissenschaftlerInnen ein Allgemeinplatz. Wir sind mit dem Ph&#228;nomen konfrontiert, dass der Verdienst der meisten Menschen stagniert, w&#228;hrend die Mieten steigen. Sie m&#252;ssen deshalb relativ gesehen immer mehr Geld f&#252;r ihren Wohnraum aufwenden. Gerade der steigende Anteil derer, die unter prek&#228;ren Arbeitsbedingungen besch&#228;ftigt sind, die nur mehr &#252;ber wenig Lohn verf&#252;gen, ist eigentlich auf ein Angebot von Substandardwohnungen angewiesen. Dagegen argumentiert z. B. Wolfgang F&#246;rster, der Leiter des Referats Wohnbauforschung der Stadt Wien, es sei zynisch zu sagen: Wir m&#252;ssen den miesen Substandard erhalten, damit die Leute eine billige Wohnm&#246;glichkeit haben. Ich verstehe das Argument, aber das Problem ist: F&#246;rster ist Protagonist einer Stadtplanung, die den Substandard aufwertet, ohne die negativen Folgen dieser Aufwertung verhindern zu k&#246;nnen.<br />
Ich bin der Meinung, dass der Wohnraum eine Umverteilungsfunktion &#252;bernehmen muss, dass Wohnraum &#252;berhaupt aus der Kommodifizierung rausgenommen werden sollte, wie es das Rote Wien auch immer propagiert hat. Stattdessen hat gerade der &#246;ffentliche Wohnsektor seit 2000 einen Neoliberalisierungs- und Kommodifizierungsschub erhalten. 2000 gab es eine Revision der staatlichen Gesetzgebung, bei der die M&#246;glichkeit geschaffen wurde, dass Wohnbaugenossenschaften Wohnraum im Gemeindeeigentum auf dem freien Markt verkaufen k&#246;nnen. Es entstanden neue PPP-Konstellationen. Damit kehrte endg&#252;ltig die Logik des freien Marktes in den Sektor des &#246;ffentlichen Wohnbaus zur&#252;ck. Das f&#252;hrte zu einer Reduktion der &#246;ffentlichen Wohnbaut&#228;tigkeit, auch um die Mietpreise hoch zu treiben, weil das nat&#252;rlich im Interesse des Privatkapitals ist. Gleichzeitig investiert die &#246;ffentlichen Hand seit 2000 sehr viel Geld in repr&#228;sentative Gro&#223;projekte, die v. a. auf die urbane Mittelklasse ausgerichtet sind, wie z. B. der Bau von Zaha Hadid neben der Wirtschaftsuniversit&#228;t oder diese Gartenstadt in Ottakring. Die ist ein <em>Partnership </em>zwischen der Stadt Wien und der Ottakringer Brauerei und ber&#252;cksichtigt &#246;kologische und intrasoziale Faktoren. Die Wohnatmosph&#228;re ist dort sicher auch ganz toll, aber es stellt sich die Frage: F&#252;r wen wird gebaut? Sicher nicht mehr f&#252;r die Leute, die von den Gemeindebauten der 1960er, -70er und auch noch -80er Jahren profitiert h&#228;tten. Da wohnen eher kreative Leute aus dem gehobenen Dienstleistungssektor und der Mittelklasse. Dieselbe neue, urbane, gr&#252;n-rote Elite, die stark international verkn&#252;pft und sozial h&#246;chst mobil ist und &#252;ber ein hohes soziales und kulturelles Kapital verf&#252;gt, die sich mit Unterst&#252;tzung der Stadt Wien etwa auch in den sanierten Altbauten im Innerg&#252;rtel-Bereich niedergelassen hat. </p>
<p><em>Warum wehrt sich hier eigentlich niemand, wenn kaum mehr neuer Wohnraum f&#252;r untere Einkommensschichten geschaffen und gleichzeitig im Zuge von Gentrifizierungsprozessen der letzte g&#252;nstige Wohnraum zu Tode saniert wird?<br />
</em><br />
Man muss sich tats&#228;chlich wundern, wieso in Wien sowenig passiert. In Berlin brennen in den Gentrifizierungs-Hotspots seit f&#252;nf Jahren die Autos. Ich finde das nicht besonders progressiv, aber es ist doch Ausdruck der Wut &#252;ber Gentrifizierung. Dass es so etwas in Wien nicht gibt, liegt glaube ich auch daran, dass es hier eine spezifische, extrem effektive Form der <em>Governance </em>gibt: Das Gr&#228;tzel-Management. Stadterneuerungsma&#223;nahmen werden hier immer von gouvernementalen Kontrollmechanismen begleitet. Dort, wo Reibereien entstehen k&#246;nnten, steht das Gr&#228;tzel-Management bereit, um den sozialdemokratischen Schiedsrichter zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Kapital und BewohnerInnen zu spielen. Dass z. B. das Conwert-Projekt so friedlich ablief, w&#228;re ohne ein intensives Gr&#228;tzel-Mangagement nie m&#246;glich gewesen.</p>
<p><em>Abschlie&#223;end noch eine Frage, die man sich immer stellt, wenn man selbst in einem Viertel wohnt, das aufgewertet wird, und als StudentIn oder KulturschaffendeR dabei eine potentielle Pionierrolle einnimmt: Tr&#228;gt man individuelle Verantwortung f&#252;r Gentrifizierung-Prozesse?</em></p>
<p>Es ist faszinierend, dass Anti-Gentrifizierungs-Bewegungen immer von Leuten getragen werden, die selbst potentielle Pionierleistungen &#252;bernehmen. Historisch war es immer schon so, dass die K&#252;nstlerInnen oder &#228;rmere StudentInnen in der Nachbarschaft von ArbeiterInnen gewohnt haben. Die Frage ist nur: Schaust Du dich um, wo Du lebst, setzt Du dich damit auseinander, versucht du was dagegen zu tun? Weist du deine Pionier-Rolle vielleicht auch zur&#252;ck und sagst: Nein, ich m&#246;chte eigentlich kein Kartograph f&#252;r den Kapitalzufluss sein, sondern ich m&#246;chte daf&#252;r k&#228;mpfen, dass so etwas in diesem Viertel nicht passiert – und vor allem nicht wegen mir. Vielleicht kann das auch ein St&#252;ck weit eine moralische Verpflichtung sein. Ich glaube nicht, dass allein die Anwesenheit von K&#252;nstlerInnen oder StudentInnen in traditionellen ArbeiterInnenvierteln einen S&#252;ndenfall darstellt. Ich glaube, dass man sich ansehen muss, wo man lebt, und dann muss man seinen Widerstand genauso lokal leisten wie alle anderen auch.</p>
<p>Danke f&#252;r das Interview.</p>
<p>Jakob Weingartner studierte Soziologie in Wien, Paris und New York und lebt heute in Berlin. Er verfasste seine Diplomarbeit zum Ph&#228;nomen der Gentrifizierung am Beispiel des Brunnenviertels in Wien. Anschlie&#223;end absolvierte er einen Postgraduierten-Studiengang an der Universidad del Cine in Buenos Aires. Aktuell arbeitet er an einem Dokumentarfilm &#252;ber jugendliche BoxerInnen aus den Armenvierteln von Buenos Aires.</p>
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		<title>Aufstand in der Vorstadt: Wiens verborgene Klassenk&#228;mpfe um 1900</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 10:35:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Veronika Duma, Tobias Zortea, Katherina Kinzel und Fanny M&#252;ller-Uri erz&#228;hlen die verborgene Geschichte der Klassenk&#228;mpfe in den Randbezirken Wiens um 1900. Dabei zeigt sich, dass die Aufst&#228;nde der im Elend lebenden ArbeiterInnen und des multiethnischen „Lumpenproletariats“ auch die Wiener Sozialdemokratie in Bedr&#228;ngnis brachten.

Wien, im Jahre 1911. Die ersten Monate des Jahres sind gepr&#228;gt von vielf&#228;ltigen sozialfeindlichen Reformen seitens der Regierenden, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Veronika Duma, Tobias Zortea, Katherina Kinzel</em> und <em>Fanny M&#252;ller-Uri</em> erz&#228;hlen die verborgene Geschichte der Klassenk&#228;mpfe in den Randbezirken Wiens um 1900. Dabei zeigt sich, dass die Aufst&#228;nde der im Elend lebenden ArbeiterInnen und des multiethnischen „Lumpenproletariats“ auch die Wiener Sozialdemokratie in Bedr&#228;ngnis brachten.<br />
<span id="more-1577"></span><br />
Wien, im Jahre 1911. Die ersten Monate des Jahres sind gepr&#228;gt von vielf&#228;ltigen sozialfeindlichen Reformen seitens der Regierenden, beginnend bei einer Steigerung der Milch- und Fleischpreise &#252;ber neue Mietgesetzregelungen bis hin zu damit einhergehenden Mieterh&#246;hungen. Ende Juli 1911 konstatiert der Sozialdemokrat Franz Schuhmeier in einer Parlamentsrede: „Es ist besch&#228;mend, da&#223; wegen jeder Tonne Fleisch Stra&#223;endemonstrationen stattfinden m&#252;ssen und da&#223; sich die Bev&#246;lkerung mit der Polizei herumraufen mu&#223;, die ja genau so billiges Fleisch braucht wie die Demonstranten.“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
Die Wohnungsnot zwingt viele Menschen dazu, zusammengepfercht auf engstem Raum zu leben, teilweise auch in Schlafs&#228;len in ArbeiterInnenh&#228;usern: „In einem dieser S&#228;le“, so Victor Adler, „hatte erst vor kurzem eine Frau in der Gegenwart von ‚50 halbnackten, schmutzigen M&#228;nnern‘ entbunden: ‚Sprechen wir nicht von Schamhaftigkeit, sie ist ein Luxus, den sich nur Besitzende leisten k&#246;nnen.‘ (…)“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Auch die sozialdemokratische <em>Arbeiter Zeitung</em> (AZ) thematisiert die Verelendung: „Die Lagerhalter unserer Konsumvereine erz&#228;hlen, wie die Arbeiterfrauen sich immer mehr mit Surrogaten behelfen m&#252;ssen, wie sie Suppenw&#252;rze kaufen statt des Fleisches und Erbswurst statt der Linsen. Die Pferdefleischhauer<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> erz&#228;hlen uns, da&#223; die Frauen von Beamten der neunten und zehnten Rangklasse ihre Kunden geworden sind. (…) Und da&#223; die Arbeiter heute schlechter wohnen als vor zehn Jahren, da&#223; sie mehr und mehr mit Untermietern und Bettgehern den engen Wohnraum teilen m&#252;ssen, wei&#223; jedermann. Das ist Verelendung!“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
Im September desselben Jahres kommt es daher in vielen Wiener Au&#223;enbezirken, beispielsweise in Simmering, Ottakring und Hernals zu Protestversammlungen und vereinzelten, keinesfalls gewaltfrei verlaufenden Demonstrationen „gegen die Hungerpolitik“ der Regierung.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> F&#252;r den 17. September 1911 wird von der Sozialdemokratie zu einer Demonstration auf der Ringstra&#223;e aufgerufen: „Das hungernde Volk wird am Sonntag seine Stimme erheben, der Schrei der Emp&#246;rung wird durch die Stra&#223;en Wiens erschallen.“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Dieser Aufruf bleibt nicht ungeh&#246;rt: Hunderttausend Menschen versammeln sich an jenem Tag zwischen Rathaus und Burgtheater.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Die Sozialdemokratie stellt keine „Ordnungskr&#228;fte“, wie es sonst &#252;blich war.<br />
Dies und die Erfahrungen mit den j&#252;ngsten Ausschreitungen veranlassen den Statthalter und ehemaligen Ministerpr&#228;sident Freiherr von Bienerth dazu, den DemonstantInnen ein unverh&#228;ltnism&#228;&#223;ig gro&#223;es Polizei- und Milit&#228;raufgebot gegen&#252;berzustellen.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Das offizielle Ende der Demonstration wird von den sozialdemokratischen VertreterInnen gegen Mittag ausgerufen &#8211; in sp&#228;teren Berichten sollten sie darauf bestehen, dass das, was in weiterer Folge geschah, kein Zeugnis der organisierten ArbeiterInnenschaft war.</p>
<p><strong>Aufstand der Vorstadt</strong><br />
Als die Menschen in Richtung Innere Stadt marschieren, provoziert die Staatsmacht die sich auflockernde Menschenmenge: Polizisten, Kavallerie und Infanterie ziehen zwischen Hofburg und Burgtheater auf, um die &#252;brig gebliebenen DemonstrantInnen vom Platz zu verweisen. Mit gezogenen S&#228;beln und geschwungenen St&#246;cken reiten Polizisten und Milit&#228;r durch die abziehenden Menschenmassen.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Sie werden &#252;ber den Ring getrieben und brutal niedergesto&#223;en, bis schlie&#223;lich vor dem Sitz des Verwaltungsgerichtshofs am Judenplatz und in der Burggasse erste Sch&#252;sse fallen.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Noch ist unklar, von wem diese abgefeuert wurden, doch die Wut der bereits durch das massige Aufgebot von Milit&#228;r und Polizei provozierten Menschen wird dadurch noch gr&#246;&#223;er. Steine, Ziegel und St&#246;cke werden geworfen, Fensterscheiben zerbrechen; die ersten Menschen werden festgenommen, darunter auch Frauen und Jugendliche.<br />
Die DemonstrantInnen aus der Vorstadt ziehen weiter &#252;ber die Burggasse und die Lerchenfelderstra&#223;e zum G&#252;rtel in Richtung Ottakring. Die Proteste dauern bis in den sp&#228;ten Abend. Kaum eine Auslage, kaum eine Stra&#223;enlaterne bleibt heil; eine Wachstube in der Panikengasse wird g&#228;nzlich demoliert. „Gartengeschirre, Bierkr&#252;gel und Steine“<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a>  werden aus den Fenstern der Zinskasernen auf Polizei und Milit&#228;r geschleudert. Schulen werden gest&#252;rmt und mit brennenden Einrichtungsgegenst&#228;nden verbarrikadiert, Schulhefte und Dokumente zerrissen und verbrannt; Wurfgeschosse werden gesammelt. Immer wieder wird seitens der Ordnungskr&#228;fte Feuerbefehl gegeben und „&#252;ber die K&#246;pfe der Menge geschossen“.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Bald gibt es die ersten Toten. „Erst gegen zehn Uhr abends, als Ottakring in v&#246;lliger Dunkelheit lag, brachten Polizei und Milit&#228;r die Lage unter Kontrolle.“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a><br />
In der AZ vom darauf folgenden Tag distanziert sich die Sozialdemokratie von diesen Vorf&#228;llen, indem sie konstatiert, dass der Gro&#223;teil der ArbeiterInnenschaft bereits vor Beginn der Eskalation abgezogen sei und danach „junge Burschen“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> aus der Vorstadt die Geschehnisse dominiert h&#228;tten. „Ein Polizeibericht kommt zum Schlu&#223;, da&#223; unter diesen jugendlichen Demonstranten Halbw&#252;chsige aus Ottakring in einem &#252;berproportionalen hohen Ausma&#223; vertreten waren und da&#223; dieser Gemeindebezirk offenbar der ‚Hauptsitz der Exzendenten‘ ist.“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a>  „Zur Seite traten der Stra&#223;enjugend die Frauen und M&#252;tter, zu denen, wie die Arbeiter-Zeitung beklagte, ‚die Aufkl&#228;rung so schwer kommen kann‘ und die dort, ‚wo es ihre Pflicht w&#228;re, klar und hart zu denken‘, sich vom Schauspiel der Zerst&#246;rung mitrei&#223;en lie&#223;en und in ihren Sch&#252;rzen den Jungen die Steine zutrugen – jenen Jungen, die, wie aus dem Boden gestampft, nun pl&#246;tzlich alle Gassen und Pl&#228;tze bev&#246;lkerten.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a><br />
Im Folgenden wollen wir einen Blick auf die gesellschaftliche Situation „hinter“ diesen Unruhen werfen und untersuchen, wie die „anarchischen“ Vorst&#228;dte mit ihren ArbeiterInnen und dem sogenannten „Lumpenproletariat“ entstanden, wie sie als Projektionsfl&#228;che b&#252;rgerlicher Zuschreibungen dienten und welche Bedeutung sie f&#252;r die sich formierende Sozialdemokratie hatten. </p>
<p><strong>Migration nach Wien</strong><br />
Wien erlebte im Laufe des 19. Jahrhunderts einen enormen Bev&#246;lkerungsanstieg. Um 1900 lebten schlie&#223;lich mehr als zwei Millionen Menschen in der Stadt.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Die Wachstumsrate war dabei jedoch keineswegs regelm&#228;&#223;ig &#252;ber die Stadt verteilt – einen &#252;berproportional starken Bev&#246;lkerungszuwachs wiesen die Vorortgemeinden auf. Dies ist auf zwei, etwa zeitgleich verlaufende Entwicklungen zur&#252;ckzuf&#252;hren: einerseits auf die massive Immigration nach Wien, der Hauptstadt des Habsburgerreiches, sowie andererseits auf die sukzessive r&#228;umliche Verdr&#228;ngung der unteren sozialen Schichten aus dem Stadtzentrum in die peripheren Gebiete Wiens.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a><br />
Der Grund f&#252;r die zunehmenden Migrationsbewegungen nach Wien liegt in den tiefgreifenden politischen und &#246;konomischen Ver&#228;nderungen des 19. Jahrhunderts. Im Zuge der – in &#214;sterreich versp&#228;tet einsetzenden – Industrialisierung b&#252;&#223;ten l&#228;ndliche Gegenden ihre zentrale Rolle im Produktionsprozess gegen&#252;ber den neuen, st&#228;dtischen Industriezonen ein.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Die Revolution von 1848 brachte die Aufhebung der Grunduntert&#228;nigkeit mit sich – die Bauern waren jetzt Staatsb&#252;rger und (potentielle) Eigent&#252;mer des Bodens – und schuf so die Voraussetzung f&#252;r eine zunehmende Kapitalisierung des Bodens wie f&#252;r eine Mobilisierung der Menschen.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Dar&#252;ber hinaus zog die vom „Wiener B&#246;rsenkrach“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> ausgehende &#246;konomische Depression krisenhafte Tendenzen in der Landwirtschaft nach sich, die von einer Reihe an Missernten und dem immer st&#228;rker werdenden Preisdruck durch billiges Getreide aus Amerika begleitet wurden.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Massive Pauperisierungsprozesse, Dorfarmut und eine faktische Entv&#246;lkerung einzelner l&#228;ndlicher Gebiete waren die Folge und ein Mitgrund f&#252;r die gro&#223;en Migrationsstr&#246;me in die Stadt. Zudem kam diese Binnenwanderung dem steigenden Bedarf an Arbeitskr&#228;ften entgegen, der in Wien als einem expandierenden urbanen und industriellen Zentrum herrschte. Wien wirkte damit – mehr als irgendeine andere Stadt in der Habsburgermonarchie – wie ein Magnet auf die ehemaligen B&#228;uerInnen oder LandarbeiterInnen. Diese kamen zumeist als un- oder wenig qualifizierte Arbeitskr&#228;fte in die Stadt, um in Industrie, Gewerbe oder in privaten Haushalten zum Beispiel als Dienstm&#228;dchen zu arbeiten.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Die zugezogenen Menschen stammten nicht nur aus der l&#228;ndlichen Umgebung Wiens, sondern wanderten aus den verschiedenen Kronl&#228;ndern der Monarchie ein. Die meisten MigrantInnen kamen aus B&#246;hmen, M&#228;hren und Schlesien.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Vor allem die s&#252;dlichen Regionen dieser L&#228;nder waren kaum industrialisiert und fungierten daher als agrarisches Hinterland der Reichshauptstadt. Entsprechend der Arbeitsm&#246;glichkeiten siedelten sich die von den l&#228;ndlichen Gebieten in die Stadt ziehenden Menschen vor allem in den Vororten und industriellen ArbeiterInnenvorst&#228;dten an. </p>
<p><strong>Die Stadt als Zwiebel</strong><br />
Durch diese Entwicklung wurden sozialr&#228;umliche Verteilungsmuster verfestigt, die parallel dazu durch stadtpolitische Entwicklungen auf anderen Gebieten entstanden waren.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Wien erfuhr in der zweiten H&#228;lfte des 19. Jahrhunderts eine entscheidende, bauliche Umgestaltung. Im Zuge der Ringstra&#223;enverbauung und der damit verbundenen Transformation der alten Gewerbevorst&#228;dte zu Mittelschichtsquartieren fand eine r&#228;umliche Verdr&#228;ngung der sozialen „Unterschichten“ in die Gebiete jenseits des ehemaligen Linienwalls – dem heutigen G&#252;rtel – statt.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Die neu gebaute Ringstra&#223;e markierte nicht nur eine r&#228;umliche, sondern auch eine soziale Grenze. W&#252;rde eine grobe Skizze der r&#228;umlichen Aufteilung der sozialen Klassen und Schichten in Wien entworfen, h&#228;tte sie die Form einer Zwiebel: w&#228;hrend es sich der Adel und das (Gro&#223;-)B&#252;rgertum in der Innenstadt gem&#252;tlich machten, waren in den inneren Vorst&#228;dten (au&#223;erhalb des Rings) zum Gro&#223;teil Kleinb&#252;rgerInnen und Beamten angesiedelt. Rund um den Linienwall befand sich das Reich der IndustrieproletarierInnen und der sozialen „Unterschichten“. „Bis zur Jahrhundertwende war ein stabiler Ring von dicht bebauten Arbeitervorst&#228;dten um die Innerg&#252;rtelbezirke und die Innenstadt gezogen“.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Nur der 13., 18. und 19. Bezirk beherbergten mit ihren Villen und Cottagevierteln die Ober- und h&#246;here Mittelschicht. Am h&#246;chsten war die Dichte von ArbeiterInnen und dem so genannten „Lumpenproletariat“ in Bezirken wie Simmering, Favoriten, Brigittenau, Floridsdorf oder Ottakring. Das Bild dieser Vorst&#228;dte war von der zunehmenden Industrialisierung gepr&#228;gt, von rauchenden Fabriken sowie von rasanter Stadterweiterung, meist in Form von Zinskasernenbauten. Die ProletarierInnen siedelten in ArbeiterInnenwohnquartieren in der N&#228;he ihrer Arbeitsst&#228;tten; ob des Fehlens von leistungsf&#228;higen Verkehrsmitteln war es notwendig, dass die Wohnorte nicht zu weit von der Fabrik entfernt lagen. Die Mieten f&#252;r die Unterk&#252;nfte in den Vorst&#228;dten waren exorbitant hoch, die Wohnverh&#228;ltnisse katastrophal. Jeden Abend wurden unz&#228;hlige Obdachlose von der Polizei aus dem Inneren der Stadt in die Vororte au&#223;erhalb des Linienwalls gebracht.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a></p>
<p><strong>terra incognita</strong><br />
Die Wiener Au&#223;enbezirke sowie die dortigen, miserablen Lebensverh&#228;ltnisse um 1900 waren also das Resultat sozialer und st&#228;dtebaulicher Exklusion. Die Vorstadt diente dabei auch als Projektionsfl&#228;che herrschaftlicher Zuschreibungen und Phantasien: In den Berichten von Gro&#223;stadtreportern, Sozialforschern, schreibenden &#196;rzten und Polizisten wurde das Elend der Vorstadt – zum Teil aus sozialreformerischer Intention – ausf&#252;hrlich portraitiert. Die Absicht, die Wohn- und Lebensbedingungen in der Vorstadt und den Industrievierteln zu dokumentieren und ins &#246;ffentliche Bewusstsein zu r&#252;cken, wurde dabei von Bildern der Unordnung, des Elends und der Kriminalit&#228;t &#252;berformt. Der Ruf der Vorstadt als einer finsteren und lasterhaften Gegend, in der EinwanderInnen, DienstbotInnen, ProletarierInnen, Kriminelle, Prostituierte und Arbeitslose „ihr Unwesen treiben“, wurde in diesen Bildern verfestigt.<br />
Die Viertel der Armen verk&#246;rperten aus b&#252;rgerlicher Sicht eine „<em>terra incognita</em> (…), die es zu erkunden und kartieren gilt“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a>. Dementsprechend wurden die Sozialreportagen jener Zeit als „Entdeckungsreisen“ in die Dunkelheit menschlicher Abgr&#252;nde inszeniert. Emil Kl&#228;ger „entdeckte“ auf seiner Expedition in die „Wiener Quartiere des Elends und Verbrechens“ (1908) die „Kanalmenschen“, &#228;hnlich wie die kolonialen Entdeckungsreisenden „Wilde“ und „Pygm&#228;en“ „entdeckt“ hatten. Und auch wenn der sozialdemokratische Publizist Max Winter gr&#246;&#223;ere Sympathien f&#252;r die Objekte seiner Reportagen zeigte – „seine“ Unterwelt war von „anpassungsf&#228;higen“, gewitzten Figuren bev&#246;lkert, die sich trotz widriger Umst&#228;nde durchs Leben schlugen –, partizipierte die von ihm eingesetzte Rhetorik des Entdecker- und Abenteurertums dennoch an der Ambivalenz „zwischen sozialem Appell und Exotismus“<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a>.<br />
Der sozialen und st&#228;dtebaulichen Exklusion der ArbeiterInnenklasse und der „Unterschichten“ entsprach also ein Diskurs, der die Vorstadt als das „Andere“ der b&#252;rgerlichen Gesellschaft konstruierte und sie sowohl mit Ekel, als auch mit Faszination besetzte<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a>. Das soziale Elend wurde pathologisiert, die Vorstadt erschien gleicherma&#223;en als Ort der Krankheit, der Kriminalit&#228;t, der Unmoral, sowie der ethnischen Durchmischung. Sie war „Brutst&#228;tte des Lasters und wie sittlich, so auch sanit&#228;r verseucht“<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a>. Die Ambivalenz zwischen Abwertung und Begehren zeigt sich besonders deutlich an den sexualisierten Bildern des Elends. Die Gestalt der Dirne stand in klarem Gegensatz zur m&#228;nnlich-b&#252;rgerlichen Sexualmoral und fungierte zugleich als deren Projektionsfl&#228;che. Indem sie das Niedere und Rohe sexueller Ausschweifungen symbolisierte, stellte sie gleichzeitig ein „‚groteskes‘ Objekt der Lust“<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> dar, wie sie auch die Angst vor dem Verlust der Distanz zwischen innerer und &#228;u&#223;erer Stadt verk&#246;rperte.<br />
Gleichzeitig trug die Schaffung einer kulturellen Distanz zwischen Zentrum und Peripherie auch zur Selbstkonstitution der b&#252;rgerlichen Klasse bei. Durch die Abwertung der popularen Volkskultur „reinigte“ sich die Bourgeoisie symbolisch von der sozialen Kontingenz ihrer eigenen Herkunft.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> Das durch diese Distanzierung erzeugte „Andere“ der Zivilisation stellte sich nun aber auch als deren Bedrohung dar: „An die Stelle der realen Lebenswelt der Vorstadt, an die Stelle des Fabrikarbeiters, des Handwerkers, des Ladenm&#228;dchens und der Heimarbeiterin treten Stereotype von prototypischen Unruhestiftern, potentiellen Revolution&#228;ren, Vagabunden, Kriminellen und ein ambivalent besetzter Kosmos weiblicher Sexualit&#228;t mit leichtfertigen M&#228;dchen und professionellen Prostituierten.“<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Die Bedrohungen, die von den als amorph, unberechenbar und anarchisch imaginierten Massen der Vorstadt auszugehen schienen, waren gleichzeitig sittlicher und politischer Natur. Die Angst vor der Ersch&#252;tterung b&#252;rgerlicher Moral und die Angst vor politischen Unruhen und Revolten gingen Hand in Hand. </p>
<p><strong>Das „Lumpenproletariat“ und die Sozialdemokratie</strong><br />
Vor diesem Hintergrund versuchte die sich Ende des 19. Jahrhunderts formierende Sozialdemokratie die „anarchischen“ Zust&#228;nde in den Vorst&#228;dten politisch zu regulieren. Ihre Position blieb dabei lange widerspr&#252;chlich, da ihre politische Ausrichtung w&#228;hrend des Gr&#252;ndungsprozesses noch nicht v&#246;llig festgelegt war: In den 1870er und 1880er Jahren rangen die „Radikalen“, die den revolution&#228;ren Bruch mit dem kapitalistischen System propagierten, und die „Gem&#228;&#223;igte“ die f&#252;r eine streng legalistische &#220;berwindung des Kapitalismus mit Hilfe  des Staatsapparates eintraten<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a>, um die Dominanz in der ArbeiterInnenbewegung. Mit den unterschiedlichen Positionen waren auch divergierende Vorstellungen vom zu organisierenden Proletariat als dem revolution&#228;ren Subjekt verbunden. Die „Radikalen“ rechneten auch das „Lumpenproletariat“, die Arbeitslosen und Tagel&#246;hner zur ArbeiterInnenklasse und wollten diese politisch mobilisieren. In den Augen der „Gem&#228;&#223;igten“ galt es demgegen&#252;ber, die IndustriearbeiterInnen zu organisieren sowie zu disziplinieren und infolge das „Volk“ und die „gro&#223;en Massen des Mittelstandes“ f&#252;r den Sozialismus zu gewinnen.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a><br />
Bis zur Gr&#252;ndung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) auf dem Hainfelder Parteitag 1889 hatte sich in der Sozialdemokratie die Position der Gem&#228;&#223;igten durchgesetzt. So schwor sich die SDAP dort auf einen „gesetzlichen Weg“<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> zur &#220;berwindung des Kapitalismus und der r&#252;ckst&#228;ndigen Staatsordnung der k. u. k. Monarchie ein. Die Grundlage daf&#252;r sollte die Mobilisierung und Organisierung der (industriellen) ArbeiterInnenschaft bilden, die „mit dem Bewusstsein ihrer Lage und Aufgaben erf&#252;llt, geistig und physisch kampff&#228;hig gemacht und erhalten“ werden sollte. Dabei schrieb sich die SDAP selbst die zentrale Rolle zu.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Nicht der unmittelbare oder gar gewaltsame Kampf um die politische Macht stand im Vordergrund, sondern die Konstituierung des Proletariats als politisch bewusste Klasse wurde als erste Aufgabe der Sozialdemokratie gesehen.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> In der politischen Praxis orientierte man sich dementsprechend an der Ausweitung rechtlicher Handlungsspielr&#228;ume und an der Modernisierung der Gesellschaft des Habsburgerreiches.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a><br />
Allerdings waren die staatlich-institutionellen Handlungsm&#246;glichkeiten eingeschr&#228;nkt: Die SDAP fand oft keine B&#252;ndnispartner und konnte ihre Politik wenig bis gar nicht durchsetzen. „Stagnation und Defensive lie&#223;en sie auf ihr traditionelles Instrumentarium der Politik der Stra&#223;e zur&#252;ckgreifen“<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a>. So setzte die Sozialdemokratie auch 1911, als sie sich im Parlament nicht durchsetzen konnte, im Kampf gegen die massiven Teuerungen der Lebensmittel auf die Massenmobilisierung der Vorst&#228;dte im Rahmen einer Gro&#223;demonstration.<br />
Das war deshalb m&#246;glich, weil die Organisationsstruktur und Macht der SDAP in Wien auf den Vorst&#228;dten basierte. Diese waren zum einen lange von den „Radikalen“ dominiert und wiesen zum anderen eine hohe Durchmischung und Verschmelzung von IndustriearbeiterInnen und „Lumpenproletariat“ auf. Daher waren sie die Grundlage der sozialdemokratischen Organisation – allein die Ottakringer Parteiorganisation trug doppelt soviel zur Parteikasse bei wie ganz B&#246;hmen.<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> Dass die SDAP in Wien nicht blo&#223; eine Partei der regul&#228;ren IndustriearbeiterInnen war, sondern auch auf der Organisation der Vorstadt als einem „Terrain der Politik“ beruhte, l&#228;sst sich auch an sozialdemokratischen Biographien festmachen; etwa jener des Ottakringer Volkstribuns Franz Schuhmeiers, der als Sohn eines Arbeitslosen vom Hilfsarbeiter zum Parlamentarier aufstieg.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a></p>
<p><strong>Widerspr&#252;chliche Reaktionen</strong><br />
Die aus den Widerspr&#252;chen zwischen Selbstverst&#228;ndnis, politischer Strategie und realer Situation in den Vorst&#228;dten erwachsenden Ambivalenzen zeigten sich in den Reaktionen der Sozialdemokratie auf die Hungerrevolte von 1911. Anders als z. B. die <em>Freie Presse</em> konnte es sich die SDAP nicht leisten, den Aufstand der Vorstadt „feindlichen“ Elementen des „Lumpenproletariats“ zuzuschreiben; es war ein Aufstand der Vorstadt und damit der sozialdemokratischen Massenbasis. So schreib etwa die AZ, das Sprachrohr der SDAP: „Die blutigen Ereignisse vom Sonntag waren ein Produkt der Verzweiflung, und wenn man sie ausschlie&#223;lich auf das S&#252;ndenkonto des ‚Mobs‘ oder des gro&#223;st&#228;dtischen Lumpenproletariat zu schreiben sucht, so hat dies eine nur sehr bedingte Berechtigung.“<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a>  Denn es sei offensichtlich, „dass auch ruhige Arbeiter und Arbeiterinnen, durch Verzweiflung &#252;bermannt, sich zu Handlungen hinrei&#223;en lie&#223;en, die sie bei ruhiger &#220;berlegung unterlassen h&#228;tten“.<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> Doch ebenso wird in der AZ deutlich, dass der Aufstand der Vorstadt nicht der Politik und strategischen Ausrichtung der SDAP entsprach: „Gewerkschaften und Partei hatten die ‚Kontrolle‘ &#252;ber die Arbeiter verloren – ein grundlegendes Dilemma der Parteitaktik wurde offenbar: die Mittel au&#223;erparlamentarischer Konfliktsymbolisation erwiesen sich als unzureichendes Druckmittel zur Belebung der parlamentarischen T&#228;tigkeit, sie drohten vielmehr in direkte Konfrontation mit einer zum Einsatz aller Gewaltmittel entschlossenen Staatsgewalt zu m&#252;nden“.<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Auch die Reaktion der AZ am Tag nach den Unruhen wies darauf hin, dass die offene Konfrontation mit der Staatsgewalt auf der Stra&#223;e eher vermieden werden sollte: „Sozialdemokraten“ und „Arbeiter“ wurden aufgefordert „jede weitere Demonstration zu unterlassen“ und sich auf die Partei zu verlassen; die Vertrauensleute der Partei wurden angehalten, f&#252;r Ruhe zu sorgen, und die „Eltern Ottakrings“ sollten ihre Kinder nicht auf die Stra&#223;e lassen.<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a> </p>
<p><strong>Zwischen „Anarchie“ und Organisation</strong><br />
Die Betrachtung der Wiener Vorst&#228;dte um 1900 relativiert das stereotype Bild der Stadt zur Jahrhundertwende – das b&#252;rgerliche Idealbild der Weltstadt Wien als kulturellem und k&#252;nstlerischem Zentrum, als Stadt von Jugendstil-Architekten, Malern und Kaffeehausliteraten. Wie in anderen industriellen Zentren, etwa London oder Paris, bildete auch in Wien die steigende Zahl der ArbeiterInnen und des „Lumpenproletariats“ einen wesentlichen Teil der Stadtbev&#246;lkerung. Wohnungsnot, Hunger und Ausbeutung kennzeichneten den Alltag. Die Vorst&#228;dte Wiens wuchsen durch die Verdr&#228;ngung der sozialen „Unterschichten“ aus der Inneren Stadt in die Au&#223;enbezirke sowie durch die Zuwanderung aus verschiedenen Gebieten der Habsburgermonarchie massiv an. Im b&#252;rgerlichen Diskurs Faszination und Ekel bzw. potentielle Bedrohung zugleich darstellend, bildeten die Vorst&#228;dte die Basis f&#252;r die Formierung der Sozialdemokratie, die sp&#228;ter mit dem Projekt des Roten Wien f&#252;r eine neue Stadtpolitik stand. Dabei wirkte die neue Partei nicht nur organisierend, sondern tendierte ebenso zu Regulierung und Kontrolle des „Wilden Proletariats“ in den Vorst&#228;dten. Die Sozialdemokratie spielte somit eine ambivalente Rolle, die sich zwischen Organisierung und Aktivierung einerseits, und Regulierung der „anarchischen Zust&#228;nde“ in den Vorst&#228;dten andererseits bewegte. </p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a>Arbeiter Zeitung (AZ), Nr. 205, 28. Juli 1911 (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Maderthaner, Wolfgang/Musner, Lutz: In dieser Gegend scheint nie die himmlische Sonne. Wiener Vorst&#228;dte um 1900, in: Schwarz, Werner Michael (Hg.): Ganz unten. Die Entdeckung des Elends. Wien, Berlin, London, Paris, New York. Wien Museum Karlsplatz, 14. Juni bis 28. Oktober 2007, Wien 2007, S.83-89<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Pferdefleischkonsum war und ist nicht nur besonders umstritten, sondern galt vor allem auch als minderwertig und Armeleuteessen.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> AZ, Nr. 247, 8. September 1911, Morgenblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> vgl. AZ, Nr. 250, 11. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> AZ, Nr. 251, 12. September 1911, Morgenblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> vgl. AZ, Nr. 257, 18. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz: Die Anarchie der Vorstadt. Das andere Wien um 1900, Frankfurt/Main 2000, S.23<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> vgl. AZ, Nr. 257, 18. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> vgl. ebenda<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> ebenda<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.31<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> ebenda, S.33<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> AZ, Nr. 257, 18. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.25<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> ebenda, S.32<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> vgl. Fassmann, Heinz/Hatz, Gerhard/ Patrouch, F. Joseph: Understanding Vienna, Wien 2006, S. 161<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.66<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> vgl. Bruckm&#252;ller, Ernst: Sozialgeschichte &#214;sterreichs, Wien 2001, S. 211<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> vgl. ebenda, S. 266 und Komlosy, Andrea: Empowering and Control. Conflicting Central and Regional Interests in Migration Within the Habsburg Monarchy, in: Fahrmeir, Andreas u.a.: Migration Control in the North Atlantic World, UK 2003, S. 155f.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> 1873 st&#252;rzten die Aktienkurse an der Wiener B&#246;rse aufgrund einer &#220;berhitzung der Konjunktur ins Bodenlose. Der „Wiener B&#246;rsenkrach“ l&#228;utete das Ende der Gr&#252;nderzeit ein, die auf ihn folgende Depressionsphase wird oft als „Gr&#252;nderkrise“ bezeichnet.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.39<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> vgl. Komlosy, Andrea 2003, a.a.O. S. 155ff.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> vgl. ebenda, S.155ff.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.39, S.41f.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> vgl. Banik-Schweitzer, Renate: Zur sozialr&#228;umlichen Gliederung Wiens, Wien 1982, S.15ff.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.54 und S.51f<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> vgl. ebenda, S.54 und S.51f.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Lindner, Rolf: Ganz unten. Ein Kapitel aus der Geschichte der Stadtforschung, in: Schwarz, Werner Michael (Hg.) 2007, a.a.O., S.19<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Mattl, Siegfried: Das wirkliche Leben. Elend als Stimulationskraft der Sicherheitsgesellschaft. &#220;berlegungen zu den Werken Max Winters und Emil Kl&#228;gers, in: Schwarz, Werner Michael (Hg.) 2007, a.a.O., S.113<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> vgl. Probst, Stefan: Faszination Elend, in: Perspektiven. Magazin f&#252;r linke Theorie und Praxis, Nr. 3, 2007, S.40-43<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Eichhorn, Rudolf: Ein Nachtrag zur materiellen Lage des Arbeiterstandes in &#214;sterreich. Floridsdorf und Umgebung, ein sociales Bild, in: &#214;sterreichische Monatsschrift f&#252;r Christliche Socialreform, Bd.6, 1884, S.483<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.96<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> vgl. ebenda, S.89<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> ebenda, S.87<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> vgl. Staudacher, Anna: Sozialrevolution&#228;re und Anarchisten. Die andere Arbeiterbewegung vor Hainfeld, Wien 1988, S. 80ff. und S.117<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> ebenda, S.5 und S.81<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> ebenda, S.80<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ M&#252;ller Wolfgang C.: Die Organisation der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie 1889-1995, Wien 1996, S. 31f.<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> vgl. Ardelt, Rudolf G.: Vom Kampf um B&#252;rgerrechte zum „Burgfrieden“, Wien 1994, S.11<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> vgl. ebenda, S.39<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.96<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ M&#252;ller Wolfgang C.1996, a.a.O., S.65<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.199<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> AZ, Nr. 258, 19. September 1911 (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> ebenda<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> Ardelt, Rudolf G.,1994, a.a.O., S. 45<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> vgl. AZ, Nr. 257, 18. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)</p>
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		<title>Out now: Perspektiven Nr. 11</title>
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		<pubDate>Tue, 04 May 2010 16:54:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Austromarxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Gentrifizierung]]></category>
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		<description><![CDATA[Schwerpunkt: Wie Rot ist Wien?


Die brandneue Perspektiven ist da!
Im Schwerpunkt:
Gruppe Perspektiven: Thesen zur Wien-Wahl 2010 – Veronika Duma, Katherina Kinzel, Fanny M&#252;ller-Uri und Tobias Zortea: Aufstand in der Vorstadt: Wiens verborgene Klassenk&#228;mpfe um 1900 – Benjamin Opratko und Stefan Probst: Sozialismus in einer Stadt? Austromarxismus und das Rote Wien – Assimina Gouma, Petra Neuhold, Paul Scheibelhofer und Gerd Valchars [KriMi]: [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Schwerpunkt: Wie Rot ist Wien?</h3>
<p style="text-align: center;"><a href="http://www.perspektiven-online.at/category/ausgaben/perspektiven-nr-11/"><img class="size-medium wp-image-807 aligncenter" title="p11cover" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2010/05/p11cover-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" /></a></p>
<p style="text-align: center;">
<p><a><strong>Die brandneue Perspektiven ist da!</strong></a></p>
<p>Im Schwerpunkt:</p>
<p><a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/05/09/thesen-zur-wien-wahl-2010/">Gruppe Perspektiven: Thesen zur Wien-Wahl 2010</a> – Veronika Duma, Katherina Kinzel, Fanny M&#252;ller-Uri und Tobias Zortea: Aufstand in der Vorstadt: Wiens verborgene Klassenk&#228;mpfe um 1900 – <a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/05/04/sozialismus-in-einer-stadt/">Benjamin Opratko und Stefan Probst: Sozialismus in einer Stadt? Austromarxismus und das Rote Wien</a> – Assimina Gouma, Petra Neuhold, Paul Scheibelhofer und Gerd Valchars [KriMi]: Migration &#8211; Fangfragen f&#252;r das „rote“ Wien – Interview mit Jakob Weingartner: Sanfte Verdr&#228;ngung: Gentrifizierung in Wien – Florian Reiter: Wiens Salzamt: Neoliberalismus und der Fonds Soziales Wien</p>
<p>Au&#223;erhalb des Schwerkpunkts:</p>
<p>Interview mit Ashraf Cassiem, Mncedisi Twalo, Romin Khan, Alexander Kleider und Daniela Michel: Anti-R&#228;umungskampagne: soziale K&#228;mpfe in S&#252;dafrika – <a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/05/04/die-beauty-queen-der-finanzmaerkte/">Fabio De Masi: Die Beauty-Queen der Finanzm&#228;rkte: Zur Krise in Griechenland </a>- Rezensionen und Rosinenpicken</p>
<p><strong>Jetzt <a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/05/04/editorial-9/">Editorial lesen</a>! Perspektiven Nr. 11 <a href="http://www.perspektiven-online.at/kontakt/">bestellen</a>! <a href="http://www.perspektiven-online.at/abo/">Abo holen!</a></strong></p>
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		<title>Sozialismus in einer Stadt?</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/05/04/sozialismus-in-einer-stadt/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2010/05/04/sozialismus-in-einer-stadt/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 04 May 2010 16:40:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[Rotes Wien]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialdemokratie]]></category>

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		<description><![CDATA[Bis heute sind das Rote Wien der Zwischenkriegszeit und die damit verbundenen austromarxistischen Positionen emphatische Bezugspunkte der Sozialdemokratie. Benjamin Opratko und Stefan Probst stellen den „roten Traum“ in Frage, indem sie die historischen Bedingungen der Politik des Roten Wien sowie die theoretischen Pr&#228;missen des Austromarxismus offenlegen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Bis heute sind das Rote Wien der Zwischenkriegszeit und die damit verbundenen austromarxistischen Positionen emphatische Bezugspunkte der Sozialdemokratie. </em>Benjamin Opratko<em> und </em>Stefan Probst <em>stellen den „roten Traum“ in Frage, indem sie die historischen Bedingungen der Politik des Roten Wien sowie die theoretischen Pr&#228;missen des Austromarxismus offenlegen.</em><br />
<span id="more-798"></span></p>
<p>Zwischen 19. und 26. April 1931 war das neu errichtete Wiener Prater-Stadion Schauplatz einer gigantischen Inszenierung sozialdemokratischer Symbolpolitik. Anl&#228;sslich der zweiten Internationalen Arbeiterolympiade waren mehrere zehntausend ArbeitersportlerInnen aus 19 L&#228;ndern der Sozialistischen Arbeitersport-Internationalen nach Wien gepilgert, um die Hauptstadt der Republik in eine Manifestation proletarischer Kollektivit&#228;t und St&#228;rke zu verwandeln. W&#228;hrend der Aufmarsch von 100.000 disziplinierten ArbeiterInnen &#252;ber die Ringstra&#223;e zum Stadion offensichtlich den Charakter einer Milit&#228;rparade annahm, der die Entschlossenheit des Wiener Proletariats bezeugen sollte, bildete ein gigantomanisches historisches Spektakel den H&#246;hepunkt des begleitenden Kulturprogramms. Dabei eigneten sich insgesamt 4.000 sozialdemokratische TurnerInnen, MusikerInnen, S&#228;ngerInnen und AktivistInnen der Roten Falken und der Sozialdemokratischen Arbeiterjugend in Blauhemden das Spielfeld als riesige Theaterb&#252;hne an, um in einer guten Stunde die Geschichte der arbeitenden Massen und ihrer K&#228;mpfe vom Mittelalter bis zum Industriekapitalismus samt Soundeffekten und Requisiten nachzuspielen. Die Choreographie m&#252;ndete schlie&#223;lich in den symbolischen Sturz einer vergoldeten Statue, die den Kapitalismus repr&#228;sentierte, und einen Eid, in dem zehntausende ZuseherInnen ihre Loyalit&#228;t zu den Idealen des Sozialismus einer Lautsprecherstimme nachbeteten.<br />
In den &#220;berlegungen sozialdemokratischer Parteif&#252;hrer verfolgten Massenspektakel dieser Art in erster Linie den Zweck, den Massen ein Gef&#252;hl symbolischer St&#228;rke und Solidarit&#228;t zu injizieren und sie emotional st&#228;rker an Partei und Bewegung zu binden. So sehr sich die sozialdemokratische Presse dementsprechend von der Symbolwirkung der proletarischen Festspiele begeistert zeigte, so sehr t&#228;uschte die Inszenierung jedoch dar&#252;ber hinweg, wie stark sozialdemokratische Politik in den sp&#228;ten 1920ern und fr&#252;hen 1930ern bereits auf ein hohles Schattentheater reduziert worden war.<br />
Zwei Monate zuvor hatten die steirischen Heimwehren unter Walter Pfrimer ihren ersten Putschversuch gestartet, der zwar an internen Uneinigkeiten scheiterte, aber als deutliches Zeichen zunehmender St&#228;rke faschistischer Bewegungen ernst genommen werden musste. Angesichts dessen war die Inszenierung im Wiener Prater kaum mehr als ein gro&#223; angelegtes Theater der Illusionen, in dem, in den Worten des Historikers Helmut Gruber, „die Macht, den kapitalistischen G&#246;tzen zu st&#252;rzen, nichts anderes war als ein magisches Blendwerk innerhalb der gesch&#252;tzten Betonmauern des Wiener Stadions.“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Ohne realpolitische Strategien in konkreten K&#228;mpfen konnten Massenaufm&#228;rsche, Feste und Beschw&#246;rungen proletarischer Einheit wenig mehr sein als ritualisierte Bezeugungen symbolischer St&#228;rke, die abstrakte Heilsversprechen einer besseren Zukunft mobilisierten, politisch aber inhaltsleer blieben und letztlich allein zur &#196;sthetisierung der Politik und Kontrolle der Massen beitrugen. Das Spektakel des Juli 1931, in dem Pr&#228;senz durch Fahnen, Slogans, Blauhemden usw. demonstriert wurde, verdeckt die Paralyse und strategische Sackgasse sozialdemokratischer Politik und markiert somit auch das Scheitern eines der faszinierendsten Experimente eines „kommunalen Sozialismus“ in der neueren europ&#228;ischen Geschichte.</p>
<p>Im Folgenden soll zun&#228;chst gezeigt werden, dass die Kultur- und Bildungspolitik der Wiener Sozialdemokratie der Zwischenkriegszeit als gro&#223;angelegte Erziehungsstrategie und spezifische Version eines b&#252;rgerlichen Modernisierungsprojekts gedeutet werden kann. Zweitens schlagen wir vor, dieses Experiment, das als Rotes Wien zeitgen&#246;ssische BeobachterInnen begeisterte und bis heute in der sozialdemokratischen Linken romantisiert wird, als Produkt einer historischen Niederlage zu verstehen. Die Politik des Roten Wien gr&#252;ndete auf einer besonderen Lesart marxistischer Theorie, die wir in einem weiteren Schritt kritisch darstellen. Zuletzt fragen wir, was vom Austromarxismus als Theorie und dem Roten Wien als politisch-praktischem Projekt &#252;brig bleibt.</p>
<p><strong>&#8220;Antizipatorischer Sozialismus&#8221;</strong><br />
Arbeitersport und Massenfeste bildeten nur einen – und beileibe nicht den wichtigsten – Teil des umfassenden kulturpolitischen Projekts der Wiener Sozialdemokratie der Zwischenkriegszeit, das im Roten Wien den „Sozialismus in einer Stadt“ zu verwirklichen suchte, als Vorwegnahme einer besseren Zukunft und Konkretisierung einer kulturellen Utopie. Dreh- und Angelpunkt dieses Projekts war die Heranbildung „Neuer Menschen“.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> &#220;ber ein weitverzweigtes, engmaschiges Geflecht aus Kultur- und Sportorganisationen sollten die ArbeiterInnen emotional, politisch und kulturell an sozialistische Werthaltungen herangef&#252;hrt und mittels kulturpolitischer Initiativen (Zeitungen, Theater, Konzerte, Bibliotheken) im Geiste des Sozialismus erzogen werden. 1931/32 waren mehr als 400.000 Menschen in diesem Netzwerk sozialdemokratischer Kulturvereine organisiert.<br />
Bisweilen trieben diese Anstrengungen recht seltsame Bl&#252;ten. Der Beitrag der 2.000 im Zentralverband der Arbeiter-Mandolinenorchester organisierten WienerInnen zum zivilisatorischen Projekt der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei d&#252;rfte jedenfalls als ebenso gering zu veranschlagen sein wie jener des Bunds der Arbeiter-Alpinen, Trachtenerhaltungs- und Volkst&#228;nzervereine oder des Arbeiter-Feuerbestattungsvereins „Die Flamme“.<br />
Zentral f&#252;r die sozialdemokratische Erziehungsmission war aber die Verschmelzung wohlfahrtsstaatlicher und p&#228;dagogischer Initiativen zu einem gro&#223;angelegten Projekt des <em>social engineering</em><a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a>.  So dienten etwa die neu errichteten Gemeindebauten nie allein der Linderung der akuten Wohnungsnot, sondern sollten zugleich als architektonische Verwirklichung p&#228;dagogischer und zivilisatorischer Ideale, als „materieller Ausdruck der politischen wie (massen-)kulturellen Intentionen der sozialdemokratischen Gemeindeverwaltung“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> fungieren. Der physische Kontext einer bestimmten Form des Wohnens spielte im kulturpolitischen Projekt eine organisierende Rolle zur Herausbildung „ordentlicher Arbeiterfamilien“: „Die ‚Volkswohnpal&#228;ste‘ sollten von Beginn an mehr sein als bessere Wohnungen. Sie sollten jene Umwelt bereiten, in denen die proletarische Familie als ordentlich sozialisiert und durch die entstehende Parteikultur in Richtung ‚Neuer Menschen‘ erzogen w&#252;rde.“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a><br />
Dementsprechend streng reglementiert gestaltete sich das proletarische Leben im Gemeindebau. Die Hausverwaltung bestimmte, wann und wo Teppiche geklopft und Abfall entsorgt werden durfte, wo und wie Kinder im Hof spielen durften, kontrollierte den Zutritt zu den Waschr&#228;umen, &#252;berwachte die Ordnung in G&#228;ngen, Kellern und Balkonen und inspizierte die Sauberkeit der Wohnungen. &#220;berall und jederzeit waren die MieterInnen der Gemeindewohnungen mit Strukturen, R&#228;umen, Einrichtungen und Regeln konfrontiert, die „f&#252;r sie“ entworfen waren, deren Ausgestaltung aber von den Betroffenen selbst kaum beeinflusst werden konnte.<br />
&#196;hnlich paternalistische &#220;berzeugungen waren dem st&#228;dtischen F&#252;rsorgewesen eingeschrieben, das mit den Mitteln moderner Sozialtechnologie m&#246;glichst optimale Sozialisationsbedingungen organisieren sollte. Ein dichtes Netz f&#252;rsorgerischer Institutionen und Ma&#223;nahmen sicherte den erzieherischen Zugriff auf das Proletariat. &#220;ber Hausbesuche von F&#252;rsorgerInnen wurden die „ordentlichen“ Verh&#228;ltnisse im ArbeiterInnenhaushalt (sanit&#228;re Standards, elterliches Erziehungsverhalten) &#252;berwacht. Dass solche Initiativen &#252;berwiegend familienbezogen waren und auf die Hebung der Geburtenrate zielten, sei hier ebenso nur am Rande erw&#228;hnt wie die damit verbundenen sozialeugenischen Visionen etwa des Stadtrats f&#252;r Wohlfahrtspflege Julius Tandler.</p>
<p><strong>B&#252;rgerliche Sozialreform</strong><br />
Gerade in diesen p&#228;dagogischen und kulturpolitischen Dimensionen, die das Rote Wien von anderen wohlfahrtsstaatlich inspirierten Kommunalpolitiken abhebt, &#228;hnelt das sozialdemokratische Experiment der Zwischenkriegszeit nun aber jenen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts weitverbreiteten Rezepten b&#252;rgerlicher Sozialreform, die in erster Linie um die soziale Stabilisierung einer urbanen und industriellen ArbeiterInnenschaft bem&#252;ht waren. Zentrale Gemeinsamkeit war die „Verbindung von F&#252;rsorge- und Wohlfahrtsintentionen mit Funktionen der Domestizierung und &#220;berwachung“ – eine Strategie, in der die ArbeiterInnen zuallererst als Objekte thematisiert wurden. In diesem Sinn handelt es sich beim Wiener „Kommunalsozialismus“ der 1920er Jahre mit Wolfgang Maderthaner wohl um ein „exemplarisches Unternehmen der Sp&#228;taufkl&#228;rung“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a>, das „auf Zivilisierung, Kulturalisierung und Hygienisierung der Massen, also auf die umfassende Hebung ihrer lebensweltlichen und sozialen, vor allem aber kulturellen Standards abzielte.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a><br />
Tats&#228;chlich konnte sich das p&#228;dagogische Experiment der Wiener Sozialdemokratie vielfach auf bereits um die Jahrhundertwende gegr&#252;ndete Kulturorganisationen st&#252;tzen. Die Sozialdemokratie der Vorkriegsjahre hatte es verstanden, „in Hochburgen wie in den Wiener Vorst&#228;dten kleinnetzige, aus vormodernen Traditionen herr&#252;hrende soziale Beziehungsgeflechte ehemals d&#246;rflicher Formationen in die Zellen- und Sektionsstruktur einer modernen Parteiorganisation &#252;berzuf&#252;hren.“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Entscheidendes Vehikel in diesem Organisationskonzept bildeten Volksbildungseinrichtungen, Sportvereine, Kultur- und Bildungsorganisationen und lebensreformerische Vereinigungen, sowie ein ritualisierter Kanon von Festen und Feiern (bestes Beispiel: 1. Mai), denen gerade unter den schwierigen Bedingungen der Habsburgermonarchie ein besonderer Stellenwert im Parteiaufbau zukam. Das Verbot politischer Organisierung konnte gerade dadurch umgangen werden, dass der kulturelle und p&#228;dagogische Charakter der Bewegung betont wurde. Victor Adler, der Gr&#252;ndungsvater der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie, theoretisierte diesen emotionalisierenden, &#228;sthetisierenden und kulturalisierenden Zugriff auf politische Fragen in der Strategie der „Revolutionierung der Gehirne“ als eigentliche Aufgabe und Ziel der Bewegung.<br />
Die austromarxistischen TheoretikerInnen und PraktikerInnen des Roten Wien griffen diese &#220;berlegungen auf, indem sie den Aufbau eines gegenkulturellen Netzwerks zum zentralen Angelpunkt ihrer Konzeption eines „antizipatorischen Sozialismus“ ausbauten und die Kulturorganisationen als Massenerziehungsmittel funktionalisierten.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Ziel war es erstens, wesentliche Elemente einer sozialistischen Zukunft bereits in der urbanen Gegenwart vorwegzunehmen, und zweitens „den Arbeiter“ in moralischer Hinsicht f&#252;r seine Rolle in dieser Zukunft vorzubereiten.<br />
Den notwendigen Spielraum f&#252;r diese vorbereitende Strategie, so argumentierte der sozialdemokratische Parteif&#252;hrer Otto Bauer, schuf die spezifische Situation im Nachkriegs&#246;sterreich, die von einem „Gleichgewicht der Klassenkr&#228;fte“ gepr&#228;gt gewesen sei, in dem „die au&#223;erparlamentarische Macht des Proletariats … die parlamentarische Mehrheit der Bourgeoisie hinderte, ihre Klassenherrschaft aufzurichten.“<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Weil keine gesellschaftliche Klasse ohne die (stillschweigende) Teilnahme der gegnerischen Klasse herrschen k&#246;nnte, der Kampf um die politische Macht somit auf eine unbestimmte Zukunft vertagt war, entst&#252;nden Freir&#228;ume zum schrittweisen Aufbau einer sozialistischen Infrastruktur, ohne Risiko des B&#252;rgerkriegs. „Aus diesem Grund konnte sich Bauer auf das austromarxistische Engagement der Vorkriegszeit f&#252;r kulturelle Entwicklung und Bildung berufen, um der Rolle der sozialistischen Bewegung bei der Vorwegnahme einer neuen Gesellschaft innerhalb des alten Systems gro&#223;e Bedeutung zuzuschreiben.“<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a></p>
<p><strong>Der „Wille zur Ohnmacht“</strong><br />
Je st&#228;rker sich nun aber die tats&#228;chlichen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse im Laufe der 1920er Jahre zuungunsten der ArbeiterInnenbewegung verschoben, desto mehr kompensatorische Funktionen fielen der Wiener Stadtpolitik zu. Sukzessive &#252;bernahm die kulturpolitische Konzentration auf das Rote Wien den Charakter eines Substituts f&#252;r weitergehende Perspektiven politischer Transformation.<br />
Wie der Historiker Anson Rabinbach richtig betont, resultierte der Wiener Kommunalsozialismus letztlich „aus einer stillschweigenden Anerkennung einer entscheidenden politischen Niederlage“ 1918/19.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Schon w&#228;hrend der Welle wilder Streiks im Juni 1917 war die &#246;sterreichische Sozialdemokratie in erster Linie als Stabilisierungsfaktor und Ordnungsmacht in Erscheinung getreten. In der sozialrevolution&#228;ren Situation ab dem Fr&#252;hjahr 1918, als sich aus Streikversammlungen heraus ArbeiterInnenr&#228;te<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> bildeten, der alte Staat zerfiel und die Macht f&#246;rmlich auf der Stra&#223;e lag, transformierte sie die revolution&#228;ren Energien in eine Strategie zur Eroberung der parlamentarischen Demokratie und der umfassenden sozialen Reform. Damit verschaffte sie nicht zuletzt den desorganisierten konservativen Kr&#228;ften ausreichend Zeit zur Neuformierung.<br />
Sozialdemokratischen Parteigranden wie Friedrich Adler war sehr wohl bewusst, dass es 1918/19 „wohl keinen anderen Staat [gab], wo es … f&#252;r die Arbeiterklasse so leicht m&#246;glich gewesen w&#228;re, die ganze Macht an sich zu rei&#223;en, wie gerade in Deutsch&#246;sterreich.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Die Entscheidung zur „Selbstbeschr&#228;nkung“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> der Revolution kann daher nicht auf vermeintlich „objektive“ Bedingungen abgew&#228;lzt werden. Erst auf Grundlage dieser strategischen Weichenstellung wird die Konzentration auf Kultur- und Bildungspolitik verst&#228;ndlich, die infolge als Rechtfertigung daf&#252;r herhalten musste, jeder „verfr&#252;hten“ politischen Auseinandersetzung auszuweichen, um eben den Zusammenbruch des „Aufbauwerks“, auf das sich die p&#228;dagogische „Vorbereitungsstrategie“ st&#252;tzte, nicht zu riskieren.<br />
Die fatale Zirkularit&#228;t sozialdemokratischer Politik gr&#252;ndet darin, dass dieselben &#220;berzeugungen, welche die Bedingungen politischer Defensive produzierten, auch den R&#252;ckzug in die Wiener Kulturenklave legitimierten. Zun&#228;chst lenkte die Sozialdemokratie die revolution&#228;re Dynamik der Jahre 1918/19 in die Bahnen des b&#252;rgerlichen Republikanismus, um schlie&#223;lich ihre politischen Ambitionen in die Kultur der Hauptstadt zu kanalisieren<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Gewisserma&#223;en wiederholt sich hier die Geschichte des &#246;sterreichischen Liberalismus als Farce. Dieser hatte in den 1890ern seine politische Schw&#228;che durch die Kulturpolitik im Wien des <em>fin de siècle</em> kompensiert. Als selbsternannte Erbin des gescheiterten liberalen Modernisierungsprojekts adaptierte die SDAP nun dessen „Programm der kulturellen Erneuerung unter dem Banner des Konstitutionalismus“.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a></p>
<p>Mit der Entscheidung, 1918/19 nicht auf die revolution&#228;re R&#228;tebewegung zu setzen, wurde eine Dynamik in Gang gesetzt, die eine Situation selbstgew&#228;hlter Ohnmacht produzierte. Solange sich die Konservativen vor der Macht&#252;bernahme der ArbeiterInnen f&#252;rchten mussten, konnte die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) weitreichende soziale Reformen – vom bezahlten Urlaub bis zum Betriebsr&#228;tegesetz – durchsetzen. Sobald die SDAP aber die R&#228;tebewegung in ein Mittel zur Bindung und Disziplinierung des Proletariats verwandelt hatte, erwiesen sich die Illusionen in den b&#252;rgerlichen Staat als verheerende Sackgasse. Die reaktion&#228;re Christlichsoziale Partei und ihre faschistischen Verb&#252;ndeten (Heimwehr, Landbund) gewannen an Initiative und wurden in weiten, vor allem l&#228;ndlichen Teilen &#214;sterreichs hegemonial, w&#228;hrend sich die Sozialdemokratie auf ihre Hochburgen in Wien, Linz und der Obersteiermark konzentrierte.</p>
<p><strong>Orientierungspunkte</strong><br />
Die entscheidenden Stichworte f&#252;r diese Strategie wurden von den TheoretikerInnen des Austromarxismus formuliert. Dennoch l&#228;sst sich die Politik des „Sozialismus in einer Stadt“ nicht als einfache „&#220;bersetzung“ einer austromarxistischen Theorie in die sozialdemokratische Praxis verstehen. Dies w&#252;rde den gewichtigen Aspekt der Pragmatik in der konkreten Politik der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie nach dem Ersten Weltkrieg unterschlagen. In mancher Hinsicht ist die austromarxistische Theoriearbeit besser als nachtr&#228;gliche oder begleitende Rechtfertigung politischer Entscheidungen zu verstehen, die selbst eher auf Basis aktueller M&#246;glichkeiten und Notwendigkeiten – oder was die SozialdemokratInnen daf&#252;r hielten – getroffen wurden. Zugleich spielten theoretische Erw&#228;gungen der f&#252;hrenden Intellektuellen der SDAP nat&#252;rlich eine Rolle f&#252;r die Politik des Roten Wien – nicht zuletzt f&#252;r die Einsch&#228;tzung, welche Strategien eben als (un-)m&#246;glich oder notwendig angesehen wurden. Die sozialdemokratischen Stadt- und KommunalpolitikerInnen, die Obleute der zahlreichen Arbeitervereine sowie die ArchitektInnen der Gemeindebauten und die F&#252;hrer des Schutzbundes setzten nicht einfach in die Tat um, was Otto Bauer im „Kampf“, dem zentralen Theorieorgan der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie, schrieb; sie erhielten durch die austromarxistische Theorie jedoch eine Grundanschauung, eine „Reihe von <a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a>, die das Experiment des Roten Wien pr&#228;gten. Zwar hat eine inhaltlich koh&#228;rente theoretische „Schule“, die so unterschiedliche Pers&#246;nlichkeiten wie Max Adler und Karl Renner, Otto Leichter und Otto Bauer umfasst h&#228;tte, so nie existiert. Darauf verweisen schon die von den oben genannten „Austromarxisten“ in den Publikationen der Sozialdemokratie teils scharf polemisch gef&#252;hrten Debatten. Im Folgenden soll jedoch dargestellt werden, was &#252;ber alle Differenzen innerhalb der F&#252;hrungsriege der SDAP hinweg als gemeinsame &#220;berzeugungen ausgemacht werden kann, die es letztlich doch erlauben, vom „Austromarxismus“ zwar nicht als einheitliche theoretische Schule, jedoch als ein Set von „Leitideen“ zu sprechen. Diese waren f&#252;r den Alltagsverstand sozialdemokratischer Funktion&#228;rInnen und zahlreicher ArbeiterInnen in der Zwischenkriegszeit absolut pr&#228;gend – und tats&#228;chlich hat wohl erst der politische und orientierende Effekt der theoretischen Positionen eine Einheit des Austromarxismus hergestellt, die in der Theorie selbst so gar nicht vorhanden war.</p>
<p><strong>Determinismus</strong><br />
Die wichtigste Grundlage austromarxistischer Theorien ist &#252;beraus simpel. Sie zu benennen, fordert jedoch unweigerlich einen hartn&#228;ckigen Mythos heraus, der die Selbstverortung des Austromarxismus „zwischen Bolschewismus und Revisionismus“ f&#252;r bare M&#252;nze nimmt. In dieser Darstellung h&#228;tte der „Dritte Weg“ zwischen der revolution&#228;ren Strategie Lenins und der offen parlamentarisch-reformistischen Eduard Bernsteins in der SPD die &#246;sterreichische Sozialdemokratie auch vor den Gefahren des „Determinismus“ bewahrt, der f&#252;r die Geschichtsauffassung der sozialdemokratischen Zweiten Internationale so charakteristisch war. Damit ist die Vorstellung gemeint, dass die immanenten Widerspr&#252;che der kapitalistischen Gesellschaft unweigerlich in den Sozialismus f&#252;hren. Die angeblich von Marx entdeckten und von Engels popularisierten ehernen Gesetze der Geschichte w&#252;rden dies beweisen: die &#220;berwindung des Kapitalismus erg&#228;be sich aus der historischen „Dialektik“ von Produktionsverh&#228;ltnissen und Produktivkraftentwicklung; Aufgabe der Sozialdemokratie w&#228;re demnach „der Aufbau ihrer Organisation, die Verst&#228;rkung ihres Stimmenanteils und das Vermeiden von Abenteuern, w&#228;hrend sie geduldig darauf wartete, dass die &#246;konomische Entwicklung ihre Arbeit leistete“.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Dass die &#246;sterreichische Sozialdemokratie, die der Bildungs-, Erziehungs- und Kulturarbeit so viel Wert beima&#223; – also ja gerade auf die „subjektiven“ Aspekte der Geschichte einwirken wollte – einer solchen „objektivistischen“, sprich den „objektiven Gesetzm&#228;&#223;igkeiten“ vertrauenden Auffassung anhing, scheint nur auf den ersten Blick paradox. Dass sie es tat, l&#228;sst sich an allen Ecke und Enden austromarxistischer Publizistik ablesen – nicht nur bei den „rechten“, offen revisionistischen Sozialdemokraten wie Karl Renner, sondern auch bei Otto Bauer selbst, der ohne &#220;bertreibung als F&#252;hrer und wichtigster Theoretiker der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie der Zwischenkriegszeit bezeichnet werden kann.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Er schloss etwa seinen programmatischen Aufsatz „Der Weg zum Sozialismus“ mit den Worten: „Der Sozialismus ist zur geschichtlichen Notwendigkeit geworden; kommen wird er auf jeden Fall. Fraglich ist nur, auf welchem Weg er kommen soll.“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> In der popul&#228;ren sozialdemokratischen Tagespresse wurde dieselbe &#220;berzeugung mit etwas mehr Poesie ausgedr&#252;ckt. Nach dem Sieg der SDAP bei den Wiener Gemeinderatswahlen schrieb die „Arbeiterzeitung“ am 5. Mai 1919: „Rot flammt es am Horizont und k&#252;ndigt den herrlichen, unwiderruflichen Sieg des Sozialismus an.“<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a></p>
<p><strong>Kartell-Sozialismus</strong><br />
Der geschichtsphilosophische Determinismus der AustromarxistInnen wurde polit&#246;konomisch unterf&#252;ttert von der These des „organisierten Kapitalismus“. Diese st&#252;tzte sich ma&#223;geblich auf die Untersuchungen von Rudolf Hilferding, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts Teil der Gruppe um Otto Bauer und Max Adler war (mit letzterem gab er bis 1925 die „Marx-Studien“ heraus). Hilferding hatte in seinem 1910 erschienenen Werk „Das Finanzkapital“ argumentiert, dass der Kapitalismus im „Zeitalter des Imperialismus“ von der „Aufhebung der freien Konkurrenz durch die Bildung von Kartellen und Trusts“ gekennzeichnet w&#228;re. Durch Konzentrations- und Monopolisierungstendenzen sowie durch die zunehmende Integration von Bank- und Industriekapital entst&#252;nde eine Form kapitalistischer Wirtschaft, in der das anarchisch-freie Spiel der Marktkr&#228;fte in eine Art Planwirtschaft des Finanzkapitals umschlage. Diese These hat bedeutsame politische Konsequenzen, wie Hilferding noch 1931 festhielt:<br />
„Indem aber das Finanzkapital die kapitalistische Wirtschaft immer st&#228;rker organisiert, schafft es die M&#246;glichkeit der Kontrolle dieser Organisation. Denn Organisation hei&#223;t nichts anderes als die Zusammenfassung bisher zersplitterter Kr&#228;fte unter einer einzigen Leitung. Erst damit kann sich diesem Bewu&#223;tsein, diesem Willen der Leitung unter Umst&#228;nden ein anderes Bewu&#223;tsein, ein anderer Wille entgegensetzen. Dem rein wirtschaftlichen Willen und seinen wirtschaftlichen Motiven, dem Streben nach Rentabilit&#228;t und Steigerung der Profitrate kann sich ein anderes organisiertes Bewu&#223;tsein, ein anders motivierter Wille, das politische, das staatliche Bewu&#223;tsein entgegensetzen.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Der &#220;bergang zum Sozialismus im Bereich der &#214;konomie wird so als &#220;bernahme der Kommandopositionen in den Trusts und Kartellen konzipiert. In Hilferdings Worten: „Die Diktatur der Kapitalmagnaten (schl&#228;gt) um in die Diktatur des Proletariats“.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> F&#252;r austromarxistische Theorien und Praxis dienten Hilferdings Thesen als Grundlage; sie wurden weiterentwickelt zur Theorie des „organisierten Kapitalismus“, der als „letzte Phase des Kapitalismus“ verstanden wurde. In ihr w&#252;rden sich die Plan- und Leitungselemente in der Wirtschaft zunehmend verst&#228;rken, was als „Ansatz zur Emanzipation von der ‚freien’ kapitalistischen Marktwirtschaft, ein Ansatz zu organisierter Wirtschaft“ verstanden wurde.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Auf dieser &#220;berzeugung basierte auch Otto Bauers Politik der „Sozialisierung“, durch die jene Industriezweige, in denen der Konzentrations- und Integrationsprozess besonders weit fortgeschritten war – etwa in der Montan- und Schwerindustrie – der Privatwirtschaft entzogen werden sollte. Wohlweislich sah dieses Konzept keine Kontrolle der Produktionseinheiten durch die ArbeiterInnen vor – die „sozialisierten“ Betriebe h&#228;tten von Gremien aus GewerkschafterInnen, KonsumentInnenverb&#228;nden und Staatsbeamten geleitet werden sollen.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Diese Perspektive eines „Kartell-Sozialismus“, der mit Formen proletarischer Wirtschaftsdemokratie nur wenig zu tun hatte, wurde auch von den „linken“ TheoretikerInnen des Austromarxismus geteilt. So schreibt Otto Leichter: „Die Entwicklungselemente einer sozialistischen Ordnung sind zumindest der Tendenz nach vorhanden: schon innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft wird der Beweis f&#252;r die M&#246;glichkeit einer gemeinwirtschaftlichen Regelung der Produktion erbracht, aber das Proletariat mu&#223; erst die politische Macht erobern, um die Elemente der sozialistischen Gesellschaft freisetzen zu k&#246;nnen.“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a></p>
<p><strong>Staat als Instrument</strong><br />
Damit sind wir bei einer Frage angekommen, deren Beantwortung f&#252;r die Charakterisierung des austromarxistischen Projekts entscheidend ist. Alle TheoretikerInnen der SDAP, vom „rechten“ Karl Renner bis zum „linken“ Max Adler, waren sich darin einig, dass es darum ging, die „politische Macht zu erobern“. Doch was soll darunter verstanden werden? Die Antwort der AustromarxistInnen lautete unisono: die &#220;bernahme des Staates, der nicht mehr wie im Kommunistischen Manifest als „Ausschu&#223;, der die gemeinschaftlichen Gesch&#228;fte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet“<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> verstanden wurde, sondern als „Instrument“, das den H&#228;nden der KapitalistInnen entrissen werden m&#252;sse, um es zum Aufbau des Sozialismus zu nutzen. Max Adler hat daf&#252;r eine einpr&#228;gsame Metapher gew&#228;hlt: „So wie man auf einer Druckmaschine ebenso reaktion&#228;re wie revolution&#228;re Schriften drucken kann, so kann der Staatsapparat an sich jeder beliebigen Staatsordnung die Rechtsform geben.“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Zwar wandte er gegen Karl Renner ein, dass man nicht davon ausgehen d&#252;rfe, die „Besetzung von staatlichen Machtpositionen durch das Proletariat bedeute schon eine &#196;nderung des b&#252;rgerlichen Staates“; der entscheidende Faktor f&#252;r Adler war jedoch jener des Bewusstseins: „Denn nicht darauf kommt es an, da&#223; die Machtpositionen besetzt werden, sondern <em>welchen Geistes und Willens das Proletariat ist, das dies tut</em>.“<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Wir werden noch darauf zur&#252;ck kommen, dass diese Adler’sche Konzeption sich passgenau in die politische Praxis der SDAP und deren Konzentration auf Bildungsarbeit und „Bewusstseinsreform“ einf&#252;gte. Wichtig ist festzuhalten, dass auch f&#252;r den „linken“ Adler die politische Macht&#252;bernahme nur als Eroberung des b&#252;rgerliche Staatsapparats denkbar war, der dann in den Dienst des Sozialismus gestellt werden sollte. Nicht-staatliche, autonome Formen proletarischer Selbstverwaltung konnten in diesem Konzept bestenfalls eine erg&#228;nzende Rolle spielen. So befand Adler 1919, dass die ArbeiterInnenr&#228;te in Deutschland und &#214;sterreich zwar legitime Kampfmittel seien, sie d&#252;rften aber keinesfalls als „dauernde Gestaltungsprinzipien eine[r] neuen Gesellschaft“ gelten.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Letztlich dienten die R&#228;te in Adlers Konzeption als „Verwaltungsinstrumente des friedlichen Hineinwachsens in den Sozialismus, dazu noch verfassungsm&#228;&#223;ig abgesichert“.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a><br />
Otto Bauer teilte den instrumentalistischen Staatsbegriff seiner GenossInnen, integrierte ihn jedoch in eine als Theorie ausgegebene Zeitdiagnose vom „Gleichgewicht der Klassenkr&#228;fte“. Demnach w&#228;re die politische Situation in Europa nach dem Ersten Weltkrieg von einer Pattsituation der Klassen gepr&#228;gt, die sich in &#214;sterreich in einem Zustand ausdr&#252;ckte, „in dem zwar das Proletariat noch nicht zu herrschen vermag, in dem aber die Bourgeoisie nicht mehr imstande ist, dem Proletariat zu diktieren und daher mit dem Proletariat paktieren mu&#223;“.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Diese Konstellation wurde von Bauer als „&#220;bergangsphase“ interpretiert: „Wie die Bourgeoisie durch die Periode des Gleichgewichtes zwischen Grundaristokratie und Bourgeoisie hindurchgehen mu&#223;te, ehe sie die Staatsgewalt erobern und die ganze Rechtsordnung dem Kapitalismus anpassen konnte, so wird das Proletariat durch die Periode des Gleichgewichts zwischen Bourgeoisie und Proletariat nur hindurchgehen, um schlie&#223;lich die Staatsgewalt zu erobern und die sozialistische Gesellschaftsordnung zu verwirklichen.“  Diese Analogisierung von b&#252;rgerlicher und proletarischer Revolution wurde bereits von Bauers Parteigenossen Otto Leichter einer treffenden Kritik unterzogen. Schlie&#223;lich hat die ArbeiterInnenklasse „keine &#246;konomische Macht in dem Sinne, wie etwa bereits die Bourgeoisie bereits am Beginn der Revolution &#246;konomisch m&#228;chtig war. [...] Die b&#252;rgerliche Revolution wird von einer &#246;konomisch m&#228;chtige Klasse, die proletarische Revolution von den &#246;konomisch im individuellen Sinne Machtlosen durchgef&#252;hrt.“<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Dieser Einwand ist wichtig, die Folgerung, dass die proletarische Revolution eine zuvorderst politische sein muss, ebenso. Der entscheidende Fehler war jedoch die von keinem der austromarxistischen TheoretikerInnen hinterfragte Grundannahme, dass die politische Revolution die &#220;bernahme der b&#252;rgerlichen Staatsapparate bedeutet. Letztlich zielte die austromarxistische Strategie auf jenes friedliche „Hineinwachsen“ in den Sozialismus, das Otto Bauer 1924 so pr&#228;gnant auf den Punkt brachte: „Wir k&#246;nnen binnen weniger Jahre mit dem Stimmzettel die Mehrheit im Parlament erobern <em>und damit die Macht ergreifen</em>“.<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a></p>
<p><strong>Das glatte Band der Geschichte</strong><br />
Die Kombination aus deterministischer Geschichtsphilosophie, wirtschaftspolitischer Orientierung auf einen „Kartell-Sozialismus“ und konsequenter Staatsfixierung lie&#223; der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie wenig konzeptionellen Spielraum f&#252;r eingreifendes, politisches Handeln. Dennoch waren die austromarxistischen Positionen nicht blo&#223; Rechtfertigung f&#252;r politische Passivit&#228;t. Vielmehr f&#252;hrten sie dazu, die Anstrengungen der Partei in &#252;berw&#228;ltigendem Ma&#223;e auf den Aspekt der Bildungs- und Kulturpolitik zu lenken. In welchem Ma&#223;e es sich beim Austromarxismus um die Theoretisierung einer politischen Praxis handelt, die mehr auf die Entstehungsgeschichte der SDAP und den konkreten M&#246;glichkeitsrahmen einer de facto auf die Stadt Wien reduzierten sozialistischen Partei zur&#252;ck zu f&#252;hren ist, kann hier nicht weiter er&#246;rtert werden. Jedenfalls aber haben die beschriebenen theoretischen Grundlagen die Politik des Roten Wien pr&#228;zise erg&#228;nzt. Denn wenn die &#214;konomie ohnehin ihren ehernen Gesetzen folgt und der Staat mit dem Stimmzettel erobert werden kann, bleibt f&#252;r sozialistische Politik vor allem eine Aufgabe: „Nicht die K&#246;pfe einschlagen, die K&#246;pfe gewinnen!“, wie Otto Bauer es formuliert hatte. Was zwischen dem Jetzt und der zuk&#252;nftigen sozialistischen Gesellschaft steht, ist demnach das falsche Bewusstsein der ProletarierInnen. Den Arbeiter gilt es zum „Neuen Menschen“ zu erziehen; die praktisch-politische Umw&#228;lzung wird als Ergebnis des ver&#228;nderten Bewusstseins erwartet. Dies wird besonders deutlich bei Max Adler, der den Klassenkampf in erster Linie als „Umgestaltung der Ideologie durch die Theorie“, als „<em>Reform des Bewu&#223;tseins</em>“ verstand.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> Das Experiment des Roten Wien als gigantisches Erziehungsprojekt hat hier seine theoretische Entsprechung. Ziel war es nicht nur, Wien als „Werbearbeit f&#252;r den Sozialismus“ (so der Wiener Landtagspr&#228;sident Robert Danneberg) heraus zu stellen, sondern auch und vor allem, die ArbeiterInnen „aus aller b&#252;rgerlich-demokratischen Ideologie herauszurei&#223;en“, wie dies Max Adler gefordert hatte.<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a><br />
Der Lauf der Geschichte erschien den AustromarxistInnen als glattes Band, das unaufh&#246;rlich dem Sozialismus entgegen ratterte; die einzige &#214;se, in die sich Politik einhaken konnte, um den Verlauf der Geschichte offenbar doch zu beeinflussen, war die „Bewusstseinsarbeit“ und hier vor allem die Bildungs- und Kulturpolitik. Politik und &#214;konomie w&#228;ren f&#252;r den Marxismus Gegenst&#228;nde der Erkl&#228;rung, so Max Adler; die sozialistische Erziehung hingegen entspr&#228;che dem Prinzip des Handelns.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Die austromarxistische Bearbeitung des Widerspruchs zwischen objektivem Geschichtsprozess und subjektiver Bewusstseinsbildung war eben jener „antizipatorische Sozialismus“ des Roten Wien. Es galt, die ArbeiterInnen f&#252;r eine Zukunft aufzubereiten, deren Ankunft ohnehin unvermeidlich war. Der von der SDAP-F&#252;hrung erhoffte Sozialismus war schlie&#223;lich auf ein diszipliniertes, geschultes und aufgekl&#228;rtes Proletariat angewiesen, das schon im Heute geschaffen werden sollte.</p>
<p><strong>Mythos Rotes Wien</strong><br />
Mit der Zerschlagung der &#246;sterreichischen ArbeiterInnenbewegung durch den Austrofaschismus im Februar 1934 wurde die historische Niederlage des Austromarxismus, die sich bereits mehrere Jahre davor abgezeichnet hatte, gewaltsam besiegelt. Die Politik der Erziehung zum Sozialismus und die Strategie der symbolischen St&#228;rkung des Proletariats erwiesen sich nicht nur als unzureichend im Kampf f&#252;r den Sozialismus, sondern konnten auch dem Aufstieg des st&#228;ndestaatlichen und sp&#228;ter des nationalsozialistischen Faschismus nichts entgegen halten. Trotzdem blieben das Rote Wien als beeindruckendes Experiment des „kommunalen Sozialismus“ und der Austromarxismus als „Dritter Weg“ zwischen sowjetischer Diktatur und sozialdemokratischem Kapitulantentum f&#252;r die Teile der europ&#228;ischen Linken noch lange mythische Bezugspunkte. Interessant ist hier etwa die kleine „Bauer-Renaissance“ im Zuge der Debatten um „Eurokommunismus“ und Linkssozialismus Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre, als versucht wurde, Bauer als Kronzeugen f&#252;r eine Ann&#228;herung post-stalinistischer und sozialdemokratischer Parteien aufzurufen.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a><br />
Tats&#228;chlich setzt die Betonung von Alltagskultur und Alltagsbewusstsein als wichtiger Einsatzpunkt sozialistischer Politik den Austromarxismus von anderen zeitgen&#246;ssischen linken Positionen ab. Aber hier fangen die Probleme auch schon an. Denn erstens wurde im Projekt des Roten Wien diese Orientierung auf den Alltagsverstand in das Projekt einer paternalistischen Zivilisierungsmission &#252;berf&#252;hrt. Real existierende ArbeiterInnenkulturen wurden als unzivilisiert und undiszipliniert denunziert und die Widerspr&#252;chlichkeit des Alltagsverstands gerade nicht als Ankn&#252;pfungspunkt begriffen. Und zweitens war die Kultur- und Bildungspolitik eingebettet in eine Transformationsstrategie, die jeder Konfrontation auswich und auf Machtergreifung durch die Stimmzettel setze. Dass ausgefochtene K&#228;mpfe und konkrete Erfahrungen der Selbstorganisierung den besten Beitrag zur „Revolutionierung der Gehirne“ leisten k&#246;nnen, kam den AustromarxistInnen nicht in den Sinn.</p>
<p><strong>Anmerkung</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Gruber, Helmut: Red Vienna. Experiment in Working Class Culture 1919-1934, Oxford 1991, S.110<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> vgl. Adler, Max: Neue Menschen. Gedanken &#252;ber sozialistische Erziehung, Berlin 1924<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Social engineering bezeichnet soziale Ordnungstechniken, die das Verhalten der Bev&#246;lkerung  regulieren sollen. Um 1900 wurde social engineering zur Leitidee unterschiedlichster politischer Projekte, links wie rechts. Zum Begriff vgl. Etzem&#252;ller, Thomas (Hg.): Die Ordnung der Moderne. Social Engineering im 20. Jahrhundert, Bielefeld 2009. Siehe auch die Rezension des Buchs in diesem Heft.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Maderthaner, Wolfgang: Von der Zeit um 1860 bis zum Jahr 1945, in: Csendes, Peter/Opll, Ferdinand (Hg.): Wien. Geschichte einer Stadt, Bd. 3: Von 1790 bis zur Gegenwart, Wien 2006, S.383<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Gruber, Helmut 1991, a.a.O., S.63<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Maderthaner, Wolfgang 2006, a.a.O., S.362<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Ebenda, S.390<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_1">8</a> Ebenda, S.338<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> vgl. ebenda, S.366, S.392<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Bauer, Otto: Die &#246;sterreichische Revolution, Wien 1923<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Rabinbach, Anson: Vom Roten Wien zum B&#252;rgerkrieg, Wien 1989, S.460<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Ebenda, S.30<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Zur &#246;sterreichischen R&#228;tebewegung (und zur sozialdemokratischen Transformation derselben in einen politischen Konsolidierungsfaktor) vgl. Hautmann, Hans: Geschichte der R&#228;tebewegung in &#214;sterreich, 1918-1924, Wien, Z&#252;rich 1987<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Adler, Friedrich: Machtfragen und Formfragen in: Der Kampf 5 (1919), S. 242. Zit. nach: Butterwegge, Christoph: Austromarxismus und Staat. Politiktheorie und Praxis der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie zwischen den beiden Weltkriegen, Marburg 1991, S.223<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Bauer, Otto 1923, a.a.O.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Rabinbach, Anson 1989, a.a.O., S.31<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_1">17</a> Ebenda, S.7<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Gruber, Helmut 1991, a.a.O., S. 34<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Molineux, John: Is Marxism deterministic? in: International Socialism Journal 68, Autumn 1995, S. 37-73<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Max Adler stellt hier in gewisser Hinsicht eine Ausnahme dar. Er kritisierte 1931, als die deterministische Theorie Bauers die Partei im Angesicht der faschistischen Bedrohung auf fatale Weise l&#228;hmte, die Darstellung des Sozialismus als „unvermeidlich“ und argumentierte, dass der Kapitalismus „sich immer wieder auf Kosten des Massenelends rekonstruieren“ k&#246;nne und in diesem Sinne „endlos“ sei: „Vielmehr h&#228;ngt es vom revolution&#228;ren Aktivismus des Proletariats ab, was die Arbeiterklasse aus der Krise des Kapitalismus selbst machen kann.“ (Adler, Max: Endlosigkeit oder Beendigung der kapitalistischen Widerspr&#252;che? in: Mozetic, Gerald (Hg.): Austromarxistische Positionen, Wien 1983, S.363) Diese &#220;berzeugung wurde von Adler, der nie eine leitende Funktion in der Partei aus&#252;bte, jedoch letztlich dem Dogma der Parteieinheit untergeordnet und blieb, wie Trotzki in einem Brief bissig bemerkte, „Literaturkritik“ (Rabinbach, Anson, 1989, a.a.O., S. 92-94).<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Bauer, Otto: Der Weg zum Sozialismus. In: ders.: Werkausgabe, Bd. 2, Wien 1976, S.131<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Frei, Alfred Georg: Rotes Wien. Austromarxismus und Arbeiterkultur. Sozialdemokratische Wohnungs- und Kommunalpolitik 1919 – 1934, Berlin 1984, S. 52<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Hilferding, Rudolf: Die Eigengesetzlichkeit der kapitalistischen Entwicklung, in: Mozetic, Gerald 1983, a.a.O., S.417-418<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Hilferding, Rudolf: Das Finanzkapital, Hamburg 1974, S.507<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Leichter, Otto: Der organisierte Kapitalismus und seine Dialektik, in: Mozetic, Gerald 1983, a.a.O., S. 339<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> vgl. M&#228;rz, Eduard/Weber, Fritz: Otto Bauer und die Sozialisierung, in: Albers, Detlev/Hindels, Josef/Lombardo Radice, Lucio (Hg.): Otto Bauer und der „Dritte“ Weg. Die Wiederentdeckung des Austromarxismus durch Linkssozialisten und Eurokommunisten, Frankfurt/M. und New York 1979, S. 74-98<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Ebenda S. 345, S.348<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Marx, Karl/Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4, Berlin 1961, S.464<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Adler, Max: Praktischer und unpraktischer Klassenkampf, in: Mozeti&#196;, Gerald 1983, a.a.O., S.61<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Ebenda, S.62<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Adler, Max: Demokratie und R&#228;tesystem, zitiert nach: L&#246;w, Raimund: Theorie und Praxis des Austromarxismus, in: Ders./Mattl, Siegfried/Pfabigan, Alfred: Der Austromarxismus – eine Autopsie. Drei Studien, Frankfurt/Main 1986, S.70<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Kulemann, Peter: Am Beispiel des Austromarxismus. Sozialdemokratische Arbeiterbewegung in &#214;sterreich von Hainfeld bis zur Dollfu&#223;-Diktatur, Hamburg 1979, S.252<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Bauer, Otto: Das Gleichgewicht der Klassenkr&#228;fte, in: Mozeti&#196;, Gerald 1983, a.a.O., S.223<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Ebenda, S.231<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Leichter, Otto: Zum Problem der sozialen Gleichgewichtszust&#228;nde, 1924, in: Mozetic, Gerald 1983, a.a.O., S.232-233<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Bauer, Otto: Der Kampf um die Macht, zit. nach: Kulemann, Peter 1979, a.a.O., S.334<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Adler, Max: Praktischer und unpraktischer Klassenkampf, a.a.O., S. 54<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Robert Danneberg 1930, zit. nach: Kulemann, Peter 1979, a.a.O., S.344; Adler, Max: Praktischer und unpraktischer Klassenkampf, a.a.O., S. 55<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Ebenda, S.55<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> vgl. Albers, Detlev: Versuch &#252;ber Otto Bauer und Antonio Gramsci. Zur politischen Theorie des Marxismus, Berlin 1983</p>
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		<title>Editorial</title>
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		<pubDate>Tue, 04 May 2010 16:04:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Editorial]]></category>
		<category><![CDATA[Rotes Wien]]></category>
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		<description><![CDATA[P&#252;nktlich zum 1. Mai stellt Perspektiven Nr. 11, akkurat und handlich wie immer, die Frage: „Wie rot ist Wien?“ Debatten dar&#252;ber, welchen politischen Anstrich Wien historisch hatte, entzieht sich die Stadt l&#228;ngst erfolgreich. Das Rote Wien der Zwischenkriegszeit ist nicht nur in Form der gebauten Umwelt, etwa dem Karl-Marx-Hof, allgegenw&#228;rtig. Als mythisch &#252;berh&#246;htes Idealbild eines „Sozialismus in einer Stadt“ bildet es bis heute auch einen zentralen identit&#228;ren Bezugspunkt der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie. 
Einer solchen Romantisierung entgegen zu arbeiten, halten wir deshalb politisch f&#252;r wichtig, weil der Verweis auf das Rote Wien f&#252;r die SP&#214; in doppelter Hinsicht eine entlastende Funktion hat:]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>P&#252;nktlich zum 1. Mai stellt Perspektiven Nr. 11, akkurat und handlich wie immer, die Frage: „Wie rot ist Wien?“ Debatten dar&#252;ber, welchen politischen Anstrich Wien historisch hatte, entzieht sich die Stadt l&#228;ngst erfolgreich. Das Rote Wien der Zwischenkriegszeit ist nicht nur in Form der gebauten Umwelt, etwa dem Karl-Marx-Hof, allgegenw&#228;rtig. Als mythisch &#252;berh&#246;htes Idealbild eines „Sozialismus in einer Stadt“ bildet es bis heute auch einen zentralen identit&#228;ren Bezugspunkt der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie.<br />
Einer solchen Romantisierung entgegen zu arbeiten, halten wir deshalb politisch f&#252;r wichtig, weil der Verweis auf das Rote Wien f&#252;r die SP&#214; in doppelter Hinsicht eine entlastende Funktion hat: Zum einen lassen die sozialpolitischen Errungenschaften des Roten Wiens die politisch-theoretischen Fehleinsch&#228;tzungen der Sozialdemokratie in der Zwischenkriegszeit in den Hintergrund treten. Und zum anderen suggeriert die Konstruktion einer Kontinuit&#228;t vom historischen Roten Wien bis in das SP&#214;-regierte Wien der Gegenwart das Fortbestehen politischer Inhalte aus einer Phase, in der die Sozialdemokratie ihre Politik zumindest noch an den kurzfristigen Interessen ihrer sozialen Basis ausrichtete. </p>
<p>Dass sich die SP&#214; entgegen dieser Selbstdarstellung l&#228;ngst meilenweit von den Interessen der ArbeiterInnenklasse entfernt hat, ist nicht zuletzt eine wichtige Ursache f&#252;r den Aufstieg der extremen Rechten in den letzten 20 Jahren. Gerade vor dem Hintergrund der Wiener Gemeinderatswahl im Oktober dieses Jahres und der angek&#252;ndigten (stadt-)politischen Offensive der rechtsextremen FP&#214; ist die Frage „Wie rot ist Wien?“ daher auch die Frage nach den Perspektiven der (radikalen) Linken. </p>
<p>Daher er&#246;ffnen wir den Schwerpunkt dieser Ausgabe mit unserem Thesenpapier zur Wien-Wahl. Darin stellen wir zur Diskussion, wie sich die politische Situation im Vorfeld der Wahl unseres Erachtens darstellt und worin wir die zentralen Herausforderungen f&#252;r linke Politik in den kommenden Monaten sehen.<br />
Daran anschlie&#223;end zeigen <em>Veronika Duma, Katharina Kinzel, Fanny M&#252;ller-Uri</em> und <em>Tobias Zortea </em>anhand der Aufst&#228;nde in den Wiener Vorst&#228;dten um die Jahrhundertwende, dass Klassenk&#228;mpfe auch im „gem&#252;tlichen“ Wien durchaus eine lange, aber verborgene Tradition haben. Dabei wird unter anderem deutlich, wie sehr die Sozialdemokratie bereits in ihren Anf&#228;ngen mit den widerst&#228;ndigen Praxen ihrer eigenen sozialen Basis zu k&#228;mpfen hatte.<br />
Dass nicht nur ihre Praxis, sondern auch ihre Theorie alles andere als widerspruchsfrei und progressiv ist, wird durch das Label &#8220;Austromarxismus&#8221; allzu oft kaschiert. <em>Benjamin Opratko</em> und <em>Stefan Probst</em> argumentieren, dass der Austromarxismus vor allem als Produkt einer historischen Niederlage und das Rote Wien als eine gro&#223; angelegte Erziehungsstrategie und spezifische Version eines b&#252;rgerlichen Modernisierungsprojektes anzusehen ist.<br />
Obwohl also schon das historische Rote Wien keineswegs nur Anlass zum Jubeln gibt, lebt sein Mythos bis heute unvermindert fort. Um wie viel weniger „rot“ demgegen&#252;ber erst das heutige Wien ist, zeigen wir exemplarisch anhand dreier Beispiele. Zun&#228;chst befragen <em>Assimina Gouma, Petra Neuhold, Paul Scheibelhofer </em>und <em>Gerd Valchars</em> die Stadt Wien aus der Perspektive der Migration auf ihre soziopolitische und antirassistische „Integrationsf&#228;higkeit“. Dann gibt <em>Jakob Weingartner </em>im Interview mit <em>Katharina Hajek</em> und <em>Felix Wiegand</em> am Beispiel des Brunnenviertels dar&#252;ber Auskunft, warum in Wien trotz – oder gerade wegen – des Instruments der „Sanften Stadterneuerung“ Gentrifzierung stattfindet. Und schlie&#223;lich r&#228;umt <em>Florian Reiter</em> anhand des Fonds Soziales Wien mit der Vorstellung auf, die Sozialpolitik der Stadt Wien w&#228;re noch immer in „roter“ Hand. </p>
<p>Au&#223;erhalb des Schwerpunkts verlassen wir Wien: Anl&#228;sslich der Filmpremiere des Dokumentarfilms When the Mountain meets its Shadow (dt.: Im Schatten des Tafelbergs) sprach <em>Franziskus Forster</em> mit den FilmemacherInnen und zwei Protagonisten &#252;ber den t&#228;glichen &#220;berlebenskampf in den Armenvierteln von Kapstadt und &#252;ber Formen solidarischen Widerstands.<br />
Und: Wer ist eigentlich Schuld an der Krise in Griechenland? Antworten auf diese Frage hat <em>Fabio de Masi</em> bei einem Vortrag in Berlin gegeben. Auch wenn seine Ausf&#252;hrungen recht deutschlandspezifisch sind und wir seine politischen Schlussfolgerungen kontrovers diskutiert haben, finden wir es wichtig, seine pr&#228;zise Analyse der polit-&#246;konomischen Ursachen der Krise in dieser Ausgabe zug&#228;nglich zu machen.</p>
<p>Passend zum Heftschwerpunkt startet der Rezensionsteil diesmal mit einem Rundgang durch die Ausstellung <em>Kampf um die Stadt</em> im <em>Wien Museum</em>. Ebenfalls nicht ohne Bezug zum Roten Wien: Thomas Etzem&#252;llers Buch zu <em>social engineering</em>. Au&#223;erdem stellt <em>Maria Asenbaum</em> eine Einf&#252;hrung in die Kritische Psychologie vor und <em>Mario Becksteiner</em> argumentiert gegen die AutorInnen des (fast) gleichnamigen Buches, dass WissensarbeiterINNEN durchaus organisierbar sind. Zum Abschluss gibt’s wie immer Rosinen zum Picken. </p>
<p>Auf dass Wien (und der Rest) irgendwann tats&#228;chlich richtig „rot“ wird!<br />
Eure <em>Perspektiven</em>-Redaktion</p>
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		<item>
		<title>Editorial: Ali G. in tha Ballhaus</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2007/11/01/editorial-ali-g-in-tha-ballhaus/</link>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 18:00:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 2]]></category>
		<category><![CDATA[Editorial]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialdemokratie]]></category>
		<category><![CDATA[SPÖ]]></category>
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		<description><![CDATA[Die neue Ausgabe von Perspektiven erscheint in einer ver&#228;nderten politischen Landschaft: die Regierung Sch&#252;ssel ist Geschichte. Der Wahlsieg Alfred Gusenbauers, trotz Bawag-Skandal und Gewerkschaftskrise, war vor allem eine deutliche Absage an die schwarz-blau-orange Politik der vergangenen sechs Jahre. Der Wahlkampf der SP&#214; war der vielleicht „linkeste“ seit langem, mit Studiengeb&#252;hren und Eurofighter wurden zwei symboltr&#228;chtige Projekte der Rechtsregierung angegriffen. Die Hoffnungen auf einen tats&#228;chlichen Politikwechsel unter einem „roten“ Kanzler waren gro&#223; – und sie wurden bitter entt&#228;uscht. „Links blinken, rechts abbiegen“ war das Motto der SP&#214;: Praktisch alle Wahlversprechen wurden gebrochen, der Betrug an der eigenen Basis wurde durch nichts deutlicher als durch die Beibehaltung der Studiengeb&#252;hren. Deren angebliche „Abfederung“ durch die M&#246;glichkeit, sich durch „soziale“ Hilfsarbeit frei zu hackeln, wurde umgehend als Farce entlarvt. Dass man f&#252;r Geld lohnarbeiten gehen kann, um sich das Studium zu finanzieren, ist schlie&#223;lich so neu nicht. Allein, warum man dies f&#252;r ganze sechs Euro pro Stunde tun sollte, erschlie&#223;t sich wohl nur den KoalitionsverhandlerInnen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die neue Ausgabe von Perspektiven erscheint in einer ver&#228;nderten politischen Landschaft: die Regierung Sch&#252;ssel ist Geschichte. Der Wahlsieg Alfred Gusenbauers, trotz Bawag-Skandal und Gewerkschaftskrise, war vor allem eine deutliche Absage an die schwarz-blau-orange Politik der vergangenen sechs Jahre. Der Wahlkampf der SP&#214; war der vielleicht „linkeste“ seit langem, mit Studiengeb&#252;hren und Eurofighter wurden zwei symboltr&#228;chtige Projekte der Rechtsregierung angegriffen. Die Hoffnungen auf einen tats&#228;chlichen Politikwechsel unter einem „roten“ Kanzler waren gro&#223; – und sie wurden bitter entt&#228;uscht. „Links blinken, rechts abbiegen“ war das Motto der SP&#214;: Praktisch alle Wahlversprechen wurden gebrochen, der Betrug an der eigenen Basis wurde durch nichts deutlicher als durch die Beibehaltung der Studiengeb&#252;hren. Deren angebliche „Abfederung“ durch die M&#246;glichkeit, sich durch „soziale“ Hilfsarbeit frei zu hackeln, wurde umgehend als Farce entlarvt. Dass man f&#252;r Geld lohnarbeiten gehen kann, um sich das Studium zu finanzieren, ist schlie&#223;lich so neu nicht. Allein, warum man dies f&#252;r ganze sechs Euro pro Stunde tun sollte, erschlie&#223;t sich wohl nur den KoalitionsverhandlerInnen.</p>
<p><span id="more-35"></span></p>
<p>Seither bewahrheitet sich Murphy’s Law jeden Tag auf’s Neue: Wenn du glaubst, es geht nicht mehr schlimmer, kommt von irgendwo her eine sozialdemokratische Stimme: Arbeitszeitverl&#228;ngerung, Aufweichung des K&#252;ndigungsschutzes f&#252;r Lehrlinge, Abschaffung der Erbschaftssteuer, Versch&#228;rfung der Zumutbarkeitsbestimmungen f&#252;r Erwerbslose, Beibehaltung rassistischer Asylgesetze, ein Frauenministerium ohne eigenes Budget und eine „Grundsicherung“, die mehr mit „Hartz IV“ als mit Armutsbek&#228;mpfung gemein hat. Die Regierung Gusenbauer hat sich damit im Wesentlichen als Fortf&#252;hrung schwarz-blau-oranger Politik entpuppt.<br />
Die Frage ist nun, wie sich die Linke in &#214;sterreich, die sich seit sieben Jahren mit der Regierung Sch&#252;ssel und einer sozialdemokratischen Opposition auseinander zu setzen hatte, in dieser Situation positionieren soll. Um es mit dem Titel einer j&#252;ngst stattgefundenen Diskussionsveranstaltung auf der Uni Wien zu formulieren: Wie sieht „Widerstand in gro&#223;koalition&#228;ren Zeiten“ aus? Die gro&#223;e Herausforderung wird sein, ein offenes und unsektiererisches Verh&#228;ltnis zur unzufriedenen Basis in Sozialdemokratie und Gewerkschaften zu schaffen, ohne dabei Illusionen in die Politik der SP&#214; aufzusitzen. Das bedeutet, Widerstand gegen neoliberale und rassistische Politik gemeinsam mit jenen zu tragen, denen die Sozialdemokratie (noch) eine – wenn auch unbequeme – politische Heimat ist. Voraussetzung daf&#252;r ist nat&#252;rlich, dass die au&#223;erparlamentarische Linke glaubw&#252;rdige Alternativen zur neoliberalisierten Sozialdemokratie aufzeigt und die St&#228;rke entwickelt, diese auch in politische Praxis umzusetzen. Vor dem Hintergrund fortschreitender Prekarisierung von Lebens- und Arbeitsverh&#228;ltnissen wird dabei dem Kampf f&#252;r soziale Rechte eine wichtige Rolle zukommen m&#252;ssen.</p>
<p>Die Frage nach der Rolle der Sozialdemokratie steht aus diesen Gr&#252;nden im Zentrum dieses Hefts. Dass die unsoziale Politik der gro&#223;en Koalition nicht einfach auf „Umfaller“ der SP&#214; oder dem individuellen Verrat der SP&#214;-F&#252;hrung an der Basis reduziert werden kann, zeigt der Artikel von Benjamin Opratko. Er zeichnet die Geschichte des „Dritten Wegs“ nach, der die europ&#228;ischen Sozialdemokratien unter Tony Blair und Gerhard Schr&#246;der dorthin gef&#252;hrt hat, wo Alfred Gusenbauer heute steht.</p>
<p>Widerstand gegen diesen Dritten Weg innerhalb von Sozialdemokratie und Gewerkschaften orientiert sich auch heute noch allzu oft an den scheinbar goldenen Zeiten des Keynesianismus, die in &#214;sterreich vor allem vom „Mythos Kreisky“ verk&#246;rpert werden. Stefan Probst argumentiert, dass es kein Zur&#252;ck zu „K.u.K.“-Zeiten geben kann und zeigt dabei, wie der lange Nachkriegsaufschwung aus marxistischer Perspektive erkl&#228;rt werden kann.<br />
Doch es gibt nicht nur „r&#252;cksichtslose Kritik alles Bestehenden“. Der Bankrott der neoliberalisierten Sozialdemokratie stellt einmal mehr die Frage nach politischen Alternativen. David Sagner f&#252;hrte deshalb ein Interview mit Klaus Henning, Mitglied der WASG und Organisator des Gr&#252;ndungskongresses des Linken Hochschulnetzwerks in Deutschland. Dort ist man im Projekt „Neue Linke“ schon ein gutes St&#252;ck weiter, die Erfahrungen mit der neuen Linkspartei zeigen sowohl M&#246;glichkeiten als auch Probleme und Herausforderungen im Neuformierungsprozess der antineoliberalen Linken. Die Debatten rund um den Hochschulkongress zeigen dar&#252;ber hinaus, welche Rolle eine universit&#228;re Linke bei der Schaffung einer „Alternative zur Alternativlosigkeit“ spielen kann.</p>
<p>Au&#223;erhalb des Schwerpunkts freuen wir uns, einen Beitrag des US-amerikanischen Umweltsoziologen John Bellamy Foster pr&#228;sentieren zu k&#246;nnen, der mit seiner innovativen Marx-Lesart eine radikale Kritik der politischen &#214;kologie pr&#228;sentiert. In seinem erstmals im US-amerikanischen Magazin „Monthly Review“ erschienenen Artikel „&#214;kologie der Zerst&#246;rung“ zeigt Foster, dass wir uns in der aktuellen Debatte um von Menschen geschaffene Erderw&#228;rmung nicht davor dr&#252;cken d&#252;rfen, auf den fundamentalen Zusammenhang zwischen einer profitgetriebenen &#214;konomie und &#246;kologischen (Klima-)Katastrophen hinzuweisen.</p>
<p>„Sex sells“ ist heute ein Gemeinplatz. Doch wo fr&#252;her die feministische Bewegung Sexismen in (Pop-)Kultur und Werbung als solche entlarvt hat, gilt heute die Zurschaustellung vorgeblich selbstbewusster weiblicher K&#246;rper oft als Beweis f&#252;r befreite Sexualit&#228;t. Wie sexy sich der neue Sexismus in Zeiten von „Sex and the City“ und „Pussycat Dolls“ pr&#228;sentiert und wie wenig er mit jener sexuellen Befreiung zu tun hat, die sich einst die feministische Bewegung auf die Fahnen geheftet hatte, zeigen Kristina Botka und Maria Asenbaum.</p>
<p>Die Serie „Was macht die Linke in&#8230;“ f&#252;hrt uns dieses Mal nach Mexiko, wo Proteste gegen Korruption und Neoliberalismus in ein Projekt der demokratischen Selbstverwaltung m&#252;ndeten: Ramin Taghian analysiert die Entstehung der „Kommune von Oaxaca“.</p>
<p>Zum Abschluss gibt es franz&#246;sische Staatstheorie, rhizomatische Multituden, feministische Trinkspiele und keynesianische Kaufkraft freigegeben in Abteilung 3 (Rezensionen) zur unproduktiven Konsumption. Freude am Lesen und Diskutieren – denn keinen Spa&#223; haben ist auch keine L&#246;sung – w&#252;nscht</p>
<p><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic">Eure Redaktion</span></em></p>
<p>P.S. Besonderer Dank geht an Reinhard Lang, der den Schwerpunkt zu Sozialdemokratie und Neuer Linke fotografisch illustriert hat und auch f&#252;r unser Coverbild verantwortlich zeichnet.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Quo vadis, Sozialdemokratie?</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2007/11/01/virjgtpeuthz/</link>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 17:19:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mimi</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 2]]></category>
		<category><![CDATA[Alternativen]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialdemokratie]]></category>
		<category><![CDATA[SPÖ]]></category>
		<category><![CDATA[Wahlen]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Hoffnungen, mit einem sozialdemokratischen Kanzler ein „Ende der Wende“ herbei zu w&#228;hlen, wurden in den Koalitionsverhandlungen brutal zerschlagen. Jedoch darf die &#220;berraschung ob der unerwarteten Dreistigkeit, mit der Gusenbauer und Konsorten das Programm der Regierung Sch&#252;ssel fortsetzen, nicht dar&#252;ber hinwegt&#228;uschen, dass die SP&#214; wesentlich jenes Modell &#252;bernommen hat, das von der europ&#228;ischen Sozialdemokratie schon seit einem Jahrzehnt vorexerziert wird. „Sozialismus, der f&#228;llt nicht vom Himmel“, sangen einst die Schmetterlinge in der „Proletenpassion“. Eine neoliberale Sozialdemokratie auch nicht, schreibt <em>Benjamin Opratko</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Hoffnungen, mit einem sozialdemokratischen Kanzler ein „Ende der Wende“ herbei zu w&#228;hlen, wurden in den Koalitionsverhandlungen brutal zerschlagen. Jedoch darf die &#220;berraschung ob der unerwarteten Dreistigkeit, mit der Gusenbauer und Konsorten das Programm der Regierung Sch&#252;ssel fortsetzen, nicht dar&#252;ber hinwegt&#228;uschen, dass die SP&#214; wesentlich jenes Modell &#252;bernommen hat, das von der europ&#228;ischen Sozialdemokratie schon seit einem Jahrzehnt vorexerziert wird. „Sozialismus, der f&#228;llt nicht vom Himmel“, sangen einst die Schmetterlinge in der „Proletenpassion“. Eine neoliberale Sozialdemokratie auch nicht, schreibt <em>Benjamin Opratko</em>.</p>
<p><span id="more-23"></span></p>
<p>Die Geschichte der neoliberalen Wendung der Sozialdemokratie ist untrennbar mit dem immer-noch britischen Premierminister Tony Blair verbunden. Als er 1997 die Wahlen gegen die Konservativen gewann, tat er das mit einem runderneuerten, „modernisierten“ Parteiprojekt – es war die Stunde des „Dritten Wegs“. Seither wurde Blairs „New Labour“ zur Blaupause f&#252;r fast alle sozialdemokratischen Parteien Europas, medienwirksam besiegelt mit dem 1999 vorgestellten „Schr&#246;der-Blair-Papier“. Damals legte der soeben gew&#228;hlte deutsche „Genosse der Bosse“ gemeinsam mit Blair ein Manifest vor, dessen Lekt&#252;re einiges davon wieder erkennen l&#228;sst, was aktuell oft nur als Dilletantismus oder pers&#246;nlicher Verrat der SP&#214;-Spitze erscheinen mag. Eine intellektuelle Schl&#252;sselfigur in der Entwicklung der „modernisierten“ Sozialdemokratie ist dabei der britische Soziologe Anthony Giddens. Er war und ist der wichtigste Stichwortgeber f&#252;r Tony Blair, und sein Buch „Der Dritte Weg“ wurde zu einer Bibel f&#252;r New Labour und die Schr&#246;der-Blair-Achse in Europa. In diesem Buch will Giddens die Politik Blairs und der &#252;brigen „neuen“ sozialdemokratischen Parteien „theoretisch unterf&#252;ttern“ 1. Er tritt an, um einen neuen Weg vorzuzeichnen, der die Sozialdemokratie in eine Zukunft jenseits von Neoliberalismus und der „alten Linken“ f&#252;hren sollte. Dieser Anspruch erscheint heute absurd, ist doch die Implementierung neoliberaler Politik durch die Parteien des „Dritten Wegs“ kaum noch zu leugnen. Doch gerade deshalb kann die Besch&#228;ftigung mit der Ideologie des Dritten Wegs helfen, zwei der aktuell wichtigsten politischen Fragen zu beantworten, n&#228;mlich: Wie l&#228;sst sich das Paradoxon einer „neoliberalen ArbeiterInnenpartei“ begreifen? Und: kann die Einbindung der Parteibasis und weiter Teile der ArbeiterInnenklasse in dieses Projekt langfristig stabil bleiben?</p>
<h3>Giddens’ Welt</h3>
<p>Der Ausgangspunkt f&#252;r Giddens’ programmatisches Buch ist eine scheinbar radikale Zeitdiagnose: Alles ist neu (wie &#252;berhaupt alles am Dritten Weg), nichts ist mehr wie es war. Nat&#252;rlich ist nichts &#228;lter als die Feststellung, dass alles neu ist – doch Giddens pr&#228;sentiert seine programmatischen Vorschl&#228;ge als zwingende Konsequenzen dieser „neuen &#196;ra“. Tats&#228;chlich werden in „Der Dritte Weg“ real vorhandene Tendenzen im &#246;konomischen, politischen und kulturellen Bereich erfasst, jedoch gleichzeitig vereinfacht, &#252;berh&#246;ht, und auf eine einheitliche Bewegung hin zu einer neuen Epoche der globalisierten Welt reduziert. Die Widerspr&#252;chlichkeiten und Br&#252;che der tats&#228;chlichen Entwicklung werden ignoriert oder geleugnet, um die klaren Vorschl&#228;ge der Giddens’schen Politikberatung nicht in Gefahr zu bringen. Das beginnt bei der Diskussion um Globalisierung: Alex Callinicos weist darauf hin, dass f&#252;r jemanden, der in seiner fr&#252;heren Karriere als Sozialwissenschafter den angeblichen Klassenreduktionismus des Marxismus so scharf angegriffen hat, Giddens’ Erkl&#228;rungen der sozialen Welt erstaunlich monokausal sind, indem sie „s&#228;mtliche sozialen Ph&#228;nomene auf die Konsequenzen der Globalisierung reduzieren.“2 Trotz aller Beteuerungen, von Globalisierung d&#252;rfe nicht „wie von einem Naturereignis gesprochen“ werden, stellt Giddens sie als unaufhaltbare Kraft dar, die sich „Wege bahnt“, einen „Sog erzeugt“, die „Institutionen der Gesellschaft, in der wir leben, umformt“ etc. Globalisierung mag dementsprechend „durch eine Mischung aus politischen und &#246;konomischen Faktoren vorangetrieben“ werden – politischen Einfluss darauf zu nehmen steht bei Giddens jedoch nicht zur Debatte.3<br />
&#196;hnliches kann &#252;ber Giddens’ Beschreibung kultureller und politischer Ver&#228;nderungen gesagt werden. Auch hier werden<br />
vorhandene Ver&#228;nderungen der letzten drei&#223;ig bis vierzig Jahre verabsolutiert und in ein Schema gepresst, das notgedrungen auf Giddens’ vorweggenommene politische Conclusio, den Dritten Weg, hinausl&#228;uft. Und auch hier mischt Giddens eine holzschnittartige Analyse mit beschwichtigender Apologie: Es handle sich bei den Umw&#228;lzungen um einen „institutionellen Individualismus“, der „nicht mit Egoismus gleichzusetzen ist“ und deshalb „auch keine so gro&#223;e Gefahr f&#252;r die gesellschaftliche Solidarit&#228;t“ darstellt4. Tats&#228;chlich w&#228;re der entscheidende Unterschied gegen&#252;ber fr&#252;heren Generationen eine „Verschiebung von sogenannten ‚Knappheitswerten’ zu ‚postmaterialistischen Werten’“.<br />
„Postmaterialistisch“ bedeutet hier, dass die „Werte des wirtschaftlichen Erfolgs und Wachstums mit zunehmendem Wohlstand an Bedeutung verlieren. Selbstverwirklichung und der Wunsch nach einer sinnvollen Arbeit treten an die Stelle der Einkommensmaximierung“5. Nat&#252;rlich ver&#228;ndern sich politische Pr&#228;ferenzen &#252;ber Generationen, sind Fragen zu Umweltschutz, Menschenrechten oder sexueller Selbstbestimmung zu wichtigen Themen der Gesellschaft geworden.<br />
Doch daraus abzuleiten, materielle Bed&#252;rfnisse – Lohnh&#246;he, soziale Infrastruktur, Altersvorsorge usw. – w&#228;ren zu Nebenschaupl&#228;tzen sozialer Auseinandersetzung degradiert worden, hei&#223;t eine Giddens’sche Traumwelt zu imaginieren. In dieser h&#246;ren dann auch, weil sich Wahlverhalten nicht (mehr) klassenspezifisch zuordnen l&#228;sst, Klassen &#252;berhaupt auf zu existieren. Dass eine Klassengesellschaft mehr mit Lohnarbeit und Kapitalverwertung zu tun hat als mit Entscheidungen in der Wahlkabine, wird tapfer ignoriert. Die viel beschworene, immer weiter auseinander klaffende Schere zwischen Arm und Reich – auf globaler Ebene wie innerhalb der „Wohlstandsgesellschaften“ des Nordens – l&#228;sst sich jedenfalls schwer mit Giddens’ „postmaterieller Welt“ in Einklang bringen.</p>
<h3>Jenseits von Jedem</h3>
<p>Die Konstruktion einer widerspruchsfreien Entwicklung hin zur „neuen“, globalisierten Gesellschaft ist die Voraussetzung f&#252;r den rhetorischen Taschenspielertrick, den Giddens im „Dritten Weg“ pr&#228;sentiert. Denn auf die Zeitdiagnose folgt der Vorschlag f&#252;r die Erneuerung der Sozialdemokratie wie selbstverst&#228;ndlich, als „objektiv notwendige“ Reaktion der Politik auf „objektiv vorhandene“ Tatsachen in &#214;konomie und Kultur. Der rhetorische Kniff, den Giddens schon im Titel des Buches anwendet und erbarmungslos auf 180 Seiten durchzieht, ist wohl so alt wie die menschliche Sprache: der Weg der goldenen Mitte. In jedem Politikfeld werden die (angeblichen) Vorschl&#228;ge sowohl des Neoliberalismus als<br />
auch der so genannten „alten Sozialdemokratie“ gegeneinander gestellt, um dann den „Dritten Weg“ als widerspruchsfreie Synthese jenseits des Alten zu pr&#228;sentieren, dem Durchbruch der Vernunft im sich selbst erkennenden Weltgeiste gleich. Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass die Gegenpole „alte Sozialdemokratie“ und „Neoliberalismus“ h&#246;chst unterschiedlich bewertet werden. An ersterer wird kaum ein gutes Haar gelassen: der Glaube an die &#220;berwindung oder blo&#223;e Z&#228;hmung des Kapitalismus habe Wachstum und Fortschritt gebremst, Verstaatlichungen in Kernindustrien die Innovativkraft der M&#228;rkte behindert. Vor allem aber war der Sozialstaat und die damit verbundene „Gleichheitsorientierung der alten Linken […] gut gemeint, hat aber […] mitunter genau gegenteilige Ergebnisse gezeitigt – deutlich sichtbar an einer gesellschaftlichen Planung mit ihren &#220;berbleibseln verfallende, kriminalit&#228;tsgeplagter Siedlungen im sozialen Wohnungsbau. Der Wohlfahrtsstaat, der allgemein als das Herzst&#252;ck sozialdemokratischer Politik angesehen wird, schafft heute mit seiner L&#246;sung der Probleme st&#228;ndig neue Probleme.“6<br />
W&#228;hrend die alte Sozialdemokratie als Auslaufmodell gebrandmarkt wird, das den Aufgaben einer globalisierten Welt nicht gewachsen ist, streift Giddens im Umgang mit dem Neoliberalismus die Samthandschuhe &#252;ber. Dem von Margaret Thatcher vertretenen Programm wird in groben Z&#252;gen zugestimmt: Der (Sozial-)Staat wird als Bedrohung f&#252;r Freiheit und Selbstbestimmung dargestellt, der Markt als &#252;berlegener Distributionsmechanismus von Ressourcen und Informationen gefeiert, dessen Befreiung letztlich allen zu Gute kommen w&#252;rde. Giddens’ Kritik beschr&#228;nkt sich auf den sozialen Konservativismus der Thatcher-&#196;ra. Die „Verteidigung traditioneller Institutionen wie Familie und Nation“, teilweise verbunden mit fremdenfeindlichen Untert&#246;nen, sowie das Festhalten an einer neorealistischen Doktrin in den internationalen Beziehungen, die die Weltgesellschaft als „nach wie vor eine Gesellschaft der Nationalstaaten“ betrachtet, w&#228;ren die anachronistischen Fehlleistungen des orthodoxen Neoliberalismus.7 So l&#228;uft es letztlich darauf hinaus, den Neoliberalismus von seinem sozialkonservativen Ballast zu befreien und ihn mit einem Diskurs der Modernit&#228;t auszustatten – jenem des „Dritten Wegs“. Das ist, kurz gesagt, das Programm der „Neuen Sozialdemokratie“, theoretisch erdacht von Giddens, praktisch umgesetzt von Blair und Schr&#246;der: Die Fortf&#252;hrung des Neoliberalismus mit anderen<br />
Mitteln.</p>
<h3>Die Gleichheit, die sie meinen</h3>
<p>Neoliberale Wirtschaftsdoktrin als Politik der sozialen Gerechtigkeit zu tarnen ist das Herzst&#252;ck des Dritten Wegs. Dazu bedurfte es eines enormen Aufwands vor allem am Feld der Begriffe und Bedeutungen: eine „sch&#246;ne neue Begriffswelt“ musste ersonnen werden.8 Bei Giddens, schreibt Frigga Haug, „wird Arbeitslosigkeit umgedeutet in ‚Zeit f&#252;r Qualifikation’, Risiko in ‚Lebenselixier’, Familie in einen Hort demokratischer Erziehung, Rente als Ausschluss f&#228;higer Mitglieder aus der Gesellschaft (&#8230;). &#220;ber alledem steht die Parole, ‚n&#252;tzlich zu sein’.“9 „Rechte“ existieren in diesem Zusammenhang nicht mehr als B&#252;rgerInnen- oder gar Menschenrechte. Ein Leben in W&#252;rde und auf ausreichender materieller Grundlage wird nur noch jenen zugestanden, die sich den Spielregeln des neoliberalen Marktes unterordnen: „Keine Rechte ohne Verpflichtungen“ lautet „das zentrale Motto der neuen Politik“ bei Giddens – und um keine Missverst&#228;ndnisse aufkommen zu lassen, f&#252;gt er gleich ein Beispiel an: „Die Arbeitslosenunterst&#252;tzung sollte beispielsweise an die Verpflichtung zu aktiver Arbeitssuche gekoppelt sein; Aufgabe des Staates ist es, drauf zu achten, dass die Sozialsysteme die Motivation f&#252;r eine solche nicht d&#228;mpfen.“10<br />
Die bedeutendste Begriffsarbeit wurde dabei an der Neubesetzung des Gerechtigkeitsbegriffs geleistet – schlie&#223;lich m&#252;sse, so Giddens, das „Hauptanliegen der Politik des dritten Weges […] nach wie vor die soziale Gerechtigkeit sein“.11 Doch was ist die Gerechtigkeit, die sie meinen? Nat&#252;rlich hat das Streben nach echter sozialer Gleichheit – die &#220;berwindung einer Gesellschaft, die auf der strukturellen Ungleichheit zwischen BesitzerInnen von Produktionsmitteln und Verk&#228;uferInnen von Arbeitskraft beruht – schon lange keinen Platz mehr in der Sozialdemokratie. Doch galt lange Zeit zumindest der Vorsatz, durch die Mittel des Sozialstaats und die Umverteilung materieller G&#252;ter die „Ungleichheiten etwas gleicher werden zu lassen“12. Von dieser „Verteilungsgerechtigkeit“ grenzt sich die Politik des Dritten Wegs nun vehement ab. Nicht mehr die m&#246;glichst gerechte Verteilung des von einer Gesellschaft erwirtschafteten Wohlstands soll erreicht werden, sondern in der Beteiligung an der Erwirtschaftung des Wohlstands selbst ersch&#246;pft sich bereits das neue Ideal der Gleichheit: „Die neue Politik bestimmt Gleichheit als Inklusion und Ungleichheit als Exklusion.“13<br />
Ziel der Gerechtigkeitspolitik des Dritten Wegs soll dementsprechend sein, m&#246;glichst viele Menschen in den Produktionsprozess einzugliedern. Mit dieser Umformung des Gleichheitsbegriffs l&#228;sst sich etwa die K&#252;rzung von Sozialleistungen als Steigerung der „sozialen Gerechtigkeit“ pr&#228;sentieren. Schlie&#223;lich sei Arbeitslosigkeit eine Form der Exklusion und als solche zu bek&#228;mpfen, und „hohe Arbeitslosigkeit h&#228;ngt mit gro&#223;z&#252;gigen und zeitlich unbegrenzten Sozialleistungen und mit einem schlechten Ausbildungsstand am unteren Ende des Arbeitsmarktes […] zusammen.“14 Daher m&#252;sse das leitende Prinzip der neuen Sozialpolitik lauten: „Investition in menschliches Kapital statt direkter Zahlungen. An die Stelle des Sozialstaats sollten wir den Sozialinvestitionsstaat setzen […]“.15 Investiert wird dabei vor allem in Ausbildung – etwa in Form von Weiterbildungskursen, wie sie in &#214;sterreich vom Arbeitsmarktservice verpflichtend „angeboten“ werden. Mit &#228;hnlicher Argumentation kann Giddens auch die Abschaffung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters als „soziale Forderung“ stellen – ist doch der Ruhestand eine Form der Exklusion und damit der „Ungleichheit“ im neuen Sinne. Praktisch alle Argumente des Neoliberalismus werden so in vollem Umfang &#252;bernommen und mit kaum zu &#252;berbietender Chuzpe als sozial gerechte Politik verkauft. „Der Wohlfahrtsstaat ist prinzipiell undemokratisch“, hei&#223;t es dann, „denn er beruht auf einer Umverteilung der Mittel von oben nach unten.“ Wie demokratisch die Auslieferung der arbeitenden Bev&#246;lkerung an (privatisierte) Unternehmen – und damit die Logik des Profits – ist, steht nicht zur Diskussion.</p>
<h3>Blair-Schr&#246;der-Project</h3>
<p>Die „modernisierten“ Sozialdemokratien Europas sind der Forderung Giddens’, eine „Umverteilung der Chancen“ an Stelle der Umverteilung des Wohlstands zu setzen, nachgekommen und haben erfolgreich auch die letzten Reste sozialer Politik aus ihren Programmen getilgt. Paradigmatisch lie&#223; sich dies in der Programmdiskussion der SPD nachvollziehen. Hier wurde ab Ende der 1990er Jahre von ma&#223;geblichen Parteigranden ein „umfassender Gerechtigkeitsbegriff“ eingefordert – entsprechend der Giddens’schen Rede von der „Chancengleichheit“, die die Begriffe Gleichheit und Gerechtigkeit von jeder progressiven Bedeutung befreit. So meldete sich der damalige Landesparteivorsitzende der nordrheinwestf&#228;lischen SPD mit dem Beitrag zu Wort: „Umverteilung ist leistungsfremd, und das kann keine Partei ernsthaft verfolgen“16. Dabei konnte er auf die Unterst&#252;tzung seines damaligen Parteivorsitzenden und Bundeskanzlers Gerhard Schr&#246;der z&#228;hlen. Dessen gemeinsam mit Tony Blair 1999 ver&#246;ffentlichte Papier „Der Weg nach vorne f&#252;r Europas Sozialdemokraten“ gilt als politische Geburtsurkunde der neoliberal gewendeten Sozialdemokratie.17 Hier finden sich alle wesentlichen Motive des Giddens’schen Projekts wieder: der sozialdemokratischen Vergangenheit wird abgeschworen und einer „Modernisierung“ das Wort geredet, um „sich an objektiv ver&#228;nderte Bedingungen anzupassen“. Auch hier ist die Umformulierung des Gerechtigkeitsbegriffs Ankerpunkt derTransformation der Sozialdemokratie: „In der Vergangenheit wurde die F&#246;rderung der sozialen Gerechtigkeit manchmal mit der Forderung nach Gleichheit im Ergebnis verwechselt“ – nunmehr sollten die B&#252;rgerInnen in die Pflicht genommen werden, die sich an den Werten „pers&#246;nliche Leistung und Erfolg, Unternehmergeist, Eigenverantwortung und Gemeinsinn“ zu orientieren h&#228;tten. Um die „notwendigen K&#252;rzungen der staatlichen Ausgaben“ durchzuf&#252;hren, w&#252;rde man „nicht z&#246;gern, Effizienz-, Wettbewerbs- und Leistungsdenken einzuf&#252;hren“. Ebenfalls kein Z&#246;gern gab es bei der &#246;ffentlichen Ank&#252;ndigung, Kapital steuerlich zu entlasten, wie es bisher nur konservative Kr&#228;fte gefordert hatten: K&#246;rperschaftssteuer und Unternehmensbesteuerung sollten reduziert werden, um damit „Investitionsneigung und Investitionskraft der Unternehmen“ zu st&#228;rken.18 So weit, so bekannt. Doch Schr&#246;der und Blair „verdarben das von Giddens empfohlene Konzept ein wenig“19, als sie es in die politische Praxis &#252;bersetzten. Das betrifft in erster Linie die Rolle des Wirtschaftswachstums. Giddens betont immer wieder die Bedeutung &#246;kologischer Fragen f&#252;r die „neue Politik“ und &#228;u&#223;ert sich skeptisch zu Politikvorstellungen, die auf ein unbegrenztes Wachstum der Wirtschaft abzielen. Schr&#246;der und Blair jedoch setzten auf die unbegrenzte „Stimulierung von Produktivit&#228;t und Wachstum“, vor allem indem der europ&#228;ische Wirtschaftsraum „wettbewerbsf&#228;hig“ gemacht wird – das hei&#223;t attraktiv f&#252;r weltweit operierende Konzerne. Diese ideologische Verschiebung hat wesentliche Bedeutung auch f&#252;r den „neuen Gerechtigkeitsbegriff“. Die alte neoliberale These, dass Wachstumssteigerung per se sozial ist und daher Umverteilung ersetzen soll, wird damit zum sozialdemokratischen Programm. Gesellschaftliche Ungleichheit wird dabei als Motor f&#252;r &#246;konomische Produktivit&#228;tssteigerung begriffen: „Begrenzte Ungleichheit“ wird in den Worten von Wolfgang Clement, damaliger Ministerpr&#228;sident von Nordrhein-Westfalen und sp&#228;terer SPD-Wirtschafts- und Arbeitsminister, „ein Katalysator (…) f&#252;r individuelle (und) (…) auch f&#252;r gesellschaftliche Entfaltungsm&#246;glichkeiten“.20 Der „Dritte Weg“ f&#252;hrt damit in letzter Konsequenz zu einer an Absurdit&#228;t nicht mehr zu &#252;berbietenden Logik: Sozial gerecht ist, was Wachstum schafft. Soziale Ungleichheit schafft Wachstum, ergo ist soziale Ungleichheit sozial gerecht.</p>
<h3>Made in Austria</h3>
<p>Am neoliberalen Umbau der europ&#228;ischen Sozialdemokratienwaren die &#246;sterreichischen Parteigranden mittendrin statt nur dabei. Der „Spin-Doctor“ des damaligen Bundeskanzlers und heutigen VW-S&#252;damerika-Chefs Viktor Klima, Andreas Rudas, hatte selbst an den Beratungen, die zum Schr&#246;der-Blair-Papier f&#252;hrten, teilgenommen21. Der einzige Grund, warum Klimas Unterschrift fehlte, war laut Rudas, weil Schr&#246;der und Blair „es als eindeutiges, klares deutschbritisches Projekt haben wollten“.22 Tats&#228;chlich finden sich schon im 1998 – also ein Jahr vor dem Schr&#246;der-Blair-Papier – verabschiedeten SP&#214;-Parteiprogramm die wichtigsten Begrifflichkeiten des Dritten Wegs wieder. „Gleichheit“ wird<br />
auch hier zu „Chancengleichheit“, Gerechtigkeit zur „gleichberechtigten Teilhabe aller an der Gesellschaft“, und ganz im Stile von Giddens wird ein vorgeblicher „Mittelweg“ gesucht, der in der Formulierung der „solidarischen Leistungsgesellschaft“ gipfelt.23 Dabei konnte sich die F&#252;hrung der „modernisierten“ SP&#214; auf praktische Vorarbeit st&#252;tzen: Bereits seit den 1980er Jahren sahen sich die Regierungen Sinowatz und Vranitzky „gezwungen, ‚im Interesse der Wettbewerbsf&#228;higkeit der &#246;sterreichischen Wirtschaft’ eine neoliberale Reform nach der anderen umzusetzen“24 – mit dem Ergebnis, dass die Lohnquote seit 1981 kontinuierlich sinkt.25 Doch erst unter Klima wurde das Neusprech des Dritten Wegs auch zum Vokabular der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie. Nach dessen unr&#252;hmlichem Abgang schien es manchen BeobachterInnen zun&#228;chst, als w&#252;rde mit Alfred Gusenbauer eine Abkehr vom Schr&#246;der-Blair Modell einsetzen – so werden in einer &#214;GB/AK-Brosch&#252;re von 2002 „Anzeichen einer Distanzierung vom Konzept des ‚dritten Weges’“ ausgemacht.26 Diese Hoffnungen – zuletzt gen&#228;hrt von einer tendenziell „altlinkeren“ Rhetorik im j&#252;ngsten SP&#214;-Wahlkampf – wurden jedoch mit dem Koalitionsabkommen mit der &#214;VP vollends zunichte gemacht. Die Offenheit, mit der hier die Fortf&#252;hrung neoliberaler Politik angek&#252;ndigt wird, steht jener der „Gr&#252;nderv&#228;ter“ des Dritten Wegs in Nichts nach. Als Paradebeispiel kann daf&#252;r die so genannte „Grundsicherung“ gelten. In bester Tradition des Dritten Wegs als Ma&#223;nahme der sozialen Gerechtigkeit propagiert, l&#228;uft sie auf jene sinnentleerte „Teilhabe“ hinaus, die schon bei Giddens gefordert wird. Tats&#228;chlich handelt es sich dabei um ein Instrument zur Zwangsintegrierung von Erwerbslosen in unterbezahlte Lohnarbeit. Wie von der Wirtschaftskammer seit Jahren gefordert, werden die Zumutbarkeitsbestimmungen massiv versch&#228;rft (im Neusprech des Dritten Wegs: „gerechter und praxisn&#228;her gestaltet“27), Arbeitslosengeld, Notstandshilfe und Sozialhilfe zusammengelegt und damit daf&#252;r gesorgt, dass wer sich weigert, einen unterbezahlten Job irgendwo im Umkreis von mehreren hundert Kilometern anzunehmen, jedes Anrecht auf Unterst&#252;tzung verliert. Keine Rechte ohne Verpflichtungen hei&#223;t eben auch kein Recht auf Essen ohne Verpflichtung zur Lohnarbeit – zu (fast) jeder Bedingung. Indem der Anspruch auf Grundsicherung anhand des<br />
Haushaltseinkommens berechnet wird, werden damit dar&#252;ber hinaus insbesondere Frauen in die Abh&#228;ngigkeit des „Hauptverdieners“ getrieben – „Hausfrauenarbeit“ bleibt weiterhin unbezahlt.28 Dass der sozialpolitische Kahlschlag mit einer Fortf&#252;hrung der rigiden Politik der „inneren Sicherheit“ einhergeht, ist dabei kein Zufall: „Ein zum ‚workfare’ degenerierter Wohlfahrtsstaat bedarf der Absicherung durch ‚law and order’ – zumal in jenen innerst&#228;dtischen Zonen, in denen die ‚&#252;berfl&#252;ssige Restbev&#246;lkerung’ lebt“.29 Die im Regierungsabkommen angek&#252;ndigte Ausweitung<br />
der elektronischen &#220;berwachung &#246;ffentlicher R&#228;ume (auch durch Private!) geh&#246;rt dazu ebenso wie restriktive Zuwanderungspolitik und disziplinierende Ma&#223;nahmen des AMS zur Herstellung von „Arbeitswilligkeit“.</p>
<h3>Das sozialdemokratische Paradoxon</h3>
<p>Die Konsequenz, mit der die Politik des Dritten Wegs in den letzten zehn Jahren durchgezogen wurde, legt den Schluss nahe, dass die Sozialdemokratien Europas sich bereits v&#246;llig in „normale“ neoliberale Parteien transformiert h&#228;tten. Tats&#228;chlich ist die vergebliche Suche nach der „sozialdemokratischen Handschrift“ etwa im aktuellen &#246;sterreichischen Koalitionsabkommen nicht in erster Linie dem Verhandlungsgeschick Wolfgang Sch&#252;ssels oder dem „Verrat“ Gusenbauers zuzuschreiben, sondern Ausdruck der weitgehenden Deckungsgleichheit von sozialdemokratischen und neoliberalen Positionen. Dennoch ist die SP&#214; keine neoliberale Partei wie jede andere. Das spezifische an der Politik des Dritten Wegs ist, dass sie die neoliberale Transformation als fortschrittliches Projekt formuliert, als Politik f&#252;r ArbeitnehmerInnen und sozial Schwache. Dieser Versuch der Quadratur des Kreises ist nur mit Blick auf die Klassenbasis der Sozialdemokratien erkl&#228;rbar. Der entscheidende Unterschied zwischen SP&#214; und anderen neoliberalen Parteien liegt in der weiterhin tiefen Verwurzelung in der (vor allem traditionellen Industrie-)ArbeiterInnenklasse und den Gewerkschaften. Zwar hat die Abzweigung zum Dritten Weg auch eine Orientierung hin zu einer jungen,<br />
urban gepr&#228;gten, gebildeten, aufstrebenden „neuen Mitte“ bedeutet; um als Massenpartei (mit entsprechendem W&#228;hlerInnenzuspruch) bestehen zu bleiben, reicht diese quantitativ relativ schmale Schicht, die dazu auch von klassisch liberalen und gr&#252;nen Parteien umworben wird, jedoch nicht aus. Die Einbindung der Gewerkschaften – verbunden mit deren Umbau zu reinen Lobbying-Agenturen mit Kalmierungsfunktion f&#252;r aufbegehrende Ausgebeutete – und eines gro&#223;en Teils der ArbeitnehmerInnen ist daher weiterhin notwendig f&#252;r eine „erfolgreiche“ Sozialdemokratie. Genau hier liegt auch die besondere Gefahr der Politik des Dritten Wegs f&#252;r die anti-neoliberale Linke. Die entscheidende Frage ist schlie&#223;lich, ob neoliberale Politik, Denk- und Handlungspraxen in Europa stabil hegemonial werden, also sich als unhinterfragte und unhinterfragbare Logiken im „Alltagsverstand“ der Menschen absetzen k&#246;nnen. Dabei spielt die Sozialdemokratie eine wichtige Rolle als „Relaisstation“ neoliberaler Ideologie, schlie&#223;lich „macht es einen Unterschied, ob die gr&#246;&#223;er gewordenen sozialen Ungleichheiten von jener Partei gerechtfertigt werden, die einmal die der ‘kleinen Leute’ war oder von Vertretern konservativer und liberaler Parteien“.30 Gleichzeitig aber bietet die Sozialdemokratie – teils aus Tradition, teils wegen ihrer quasi-Monopolstellung in vielen Bereichen der ArbeitnehmerInnenvertretung, teils auf Grund von progressiver Rhetorik – auch tats&#228;chlichen GegnerInnen des neoliberalen Programms eine (wenn auch nicht sehr gem&#252;tliche) politische Heimat. Das Paradoxon einer „neoliberalen ArbeiterInnenpartei“ l&#228;uft letztlich auf die Frage hinaus, ob und wie sich der Bruch zwischen sozialdemokratischen Parteien und deren sozialer Basis politisch ausdr&#252;cken wird.</p>
<h3>Gute Aussichten?</h3>
<p>Damit k&#246;nnen wir auch zur zweiten zuvor gestellten Frage zur&#252;ckkehren: Kann das Projekt des Dritten Wegs langfristig erfolgreich sein? Mit „erfolgreich“ ist dabei nicht gemeint, ob der von Giddens und seinen J&#252;ngern formulierte Anspruch einer Politik „jenseits“ des Neoliberalismus eingel&#246;st wird – diese Frage kann eindeutig negativ beantwortet werden – sondern ob die hegemoniale Einbindung von ArbeitnehmerInnen und Gewerkschaften in das neoliberale Projekt stabil funktionieren kann. Einiges spricht daf&#252;r: So kann nicht geleugnet werden, dass viele Motive neoliberaler Ideologie – Eigenverantwortung, Flexibilisierung, etc. – bereits Eingang in den Alltagsverstand auch vieler Menschen gefunden hat, die materiell unter neoliberaler Politik leiden. Damit zusammenh&#228;ngend muss auch die (teilweise resignierende) Akzeptanz vormals bek&#228;mpfter neoliberaler Transformationsprojekte durch weite Teile der sozialdemokratischen Basis erw&#228;hnt werden. Studiengeb&#252;hren k&#246;nnen hier als drastisches Beispiel dienen: Protestierten bei deren Einf&#252;hrung noch mehrere zehntausende Studierende auf den Stra&#223;en, beteiligten sich an den Demonstrationen gegen deren Beibehaltung unter einer SP&#214;-gef&#252;hrten Regierung nur noch einige Tausend. Und schlie&#223;lich gibt es aktuelle und historische Beispiele, die zumindest f&#252;r die M&#246;glichkeit der erfolgreichen langfristigen Bindung einer ArbeiterInnenbasis an eine neoliberale Partei sprechen. So zeigen die Erfahrungen der US-amerikanischen Linken mit der Demokratischen Partei – bei allen wichtigen Unterschieden zur europ&#228;ischen politischen Landschaft – dass, wenn keine glaubw&#252;rdige alternative Kraft existiert, neoliberale Politik &#252;ber sehr lange Zeitr&#228;ume hinweg mit der Unterst&#252;tzung der ArbeitnehmerInnen-Basis und der Gewerkschaftsb&#252;rokratien praktiziert werden kann.31 Andererseits weist vor allem in j&#252;ngster Zeit viel darauf hin, dass das Projekt des Dritten Wegs m&#246;glicherweise doch zum Scheitern verurteilt ist. So verlieren seit einigen Jahren „modernisierte“ sozialdemokratische Parteien an der Macht massiv an Unterst&#252;tzung – was sich in Massenaustritten ebenso manifestiert wie in ausbleibenden Wahlerfolgen.32 Den politisch bedeutsamsten Hinweis auf die Krise der Sozialdemokratie des Dritten Wegs k&#246;nnen wir in &#214;sterreich jedoch (noch?) nicht ausmachen: Die Entstehung neuer politischer Kr&#228;fte, die mit dezidiert linker Programmatik jene ansprechen, die traditionell sozialdemokratisch orientiert sind, sich von der neoliberalen Politik „ihrer“ Partei jedoch angewidert abwenden. Das bekannteste Beispiel ist sicherlich die aus der Fusion von WASG und PDS entstandene Linkspartei in Deutschland (siehe Interview mit Klaus Henning in diesem Heft), aber auch in Gro&#223;britannien („Respect“), Portugal („Linksblock“), D&#228;nemark („Rot-Gr&#252;ne Allianz“) oder Holland („Sozialistische Partei“) gibt es &#228;hnliche Projekte. Gr&#246;&#223;e und Erfolg dieser Parteien und B&#252;ndnisse der „neuen Linken“ unterscheiden sich stark – was sie eint ist die konsequente Ablehnung des Neoliberalismus, auch und besonders in seiner sozialdemokratischen Reinkarnation sowie eine unsektiererische, offene Haltung gegen&#252;ber der traditionellen Basis der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften. Ob die neoliberale Sozialdemokratie politisch scheitert, wird ma&#223;geblich davon abh&#228;ngen, ob glaubw&#252;rdige Alternativen auf der Linken entstehen, die sich den praktischen und ideologischen Herausforderungen des Dritten Wegs stellen. Das bedeutet etwa, der Logik des „Keine Rechte ohne Pflichten“ Konzepte entgegen zu stellen, die das Recht aller Menschen auf ein w&#252;rdevolles Leben unabh&#228;ngig von ihrem „Nutzen“ f&#252;r den kapitalistischen Verwertungsprozess einfordern. Gelingt dies nicht, kann eines mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden: die Lehre aus der Abl&#246;se Sch&#252;ssels durch Gusenbauer wird ihre G&#252;ltigkeit behalten – es kommt nichts Besseres nach.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p>1 Giddens, Anthony: Der Dritte Weg. Die Erneuerung der sozialen Demokratie,<br />
Frankfurt 1998, S. 12.<br />
2 Callinicos, Alex: Against the Third Way. An Anti-Capitalist Critique,<br />
Cambridge 2001, S. 17.<br />
3 Giddens: a.a.O., S. 44-46.<br />
4 Ebd., S. 49.<br />
5 Ebd., S. 32f.<br />
6 Ebd., S. 28.<br />
7 Ebd.: S. 23-25.<br />
8 Bourdieu, Pierre/ Wacquant, Luc: Sch&#246;ne neue Begriffswelt, in: Le Monde diplomatique, Mai 2000, S. 7.<br />
9 Haug, Frigga: Krise der Sozialdemokratie?, in: Das Argument 256 (2004), S. 459.<br />
10 Giddens: a.a.O., S. 81.<br />
11 Ebd.<br />
12 Mahnkopf, Birgit: Formel 1 der neuen Sozialdemokratie: Gerechtigkeit durch Ungleichheit. Zur Neuinterpretation der sozialen Frage im globalen<br />
Kapitalismus, in: Prokla 121 (2000), S. 489–525.<br />
13 Giddens: a.a.O., S. 120.<br />
14 Ebd., S. 142f., Hervorhebungen im Original.<br />
15 Ebd., S. 137, Hervorhebungen im Original.<br />
16 Zit. nach Draheim, Susanne/ Reitz, Tilman: Work Hard and Play by the Rules. Zur Neubesetzung des Gerechtigkeitsbegriffs in der SPD-Programdiskussion, in: Das Argument 256 (2004), S. 470.<br />
17 Ber&#252;chtigt geworden als „Schr&#246;der/Blair-Papier“: Blair, Tony/ Schr&#246;der, Gerhard: Der Weg nach vorne f&#252;r Europas Sozialdemokraten. Ein Vorschlag von Gerhard Schr&#246;der und Tony Blair (1999), http://www.glasnost.de/pol/schroederblair.html<br />
18 Ebd.<br />
19 Haug: a.a.O., S. 459.<br />
20 Zit. nach Mahnkopf: a.a.O.<br />
21 Selbstverst&#228;ndlich haben nicht Blair und Schr&#246;der selbst das Papier verfasst. Ma&#223;gebliche Autoren waren die jeweiligen „grauen Eminenzen“, Peter Mandelson und Bodo Hombach.<br />
22 Zit. nach Der Standard, 30. Juni 1999.<br />
23 SP&#214;: Das Grundsatzprogramm, 1998, S. 5, 6, 10, online: http://www.spoe.at/bilder/d251/spoe_partei_programm.pdf. „Teilhabe“ ist die seit der<br />
SPD-Programmdebatte gel&#228;ufige deutsche &#220;bersetzung von „Inklusion“. „Teilhabegerechtigkeit“ wird dabei als Gegenentwurf zur Verteilungsgerechtigkeit“ ins Spiel gebracht – vgl. Draheim/Reitz: a.a.O., S. 473.<br />
24 So formuliert in einer von &#214;GB und Arbeiterkammer herausgegebenen Brosch&#252;re: Eberhard, Erik: Austromarxismus und Sozialdemokratie. Politische Str&#246;mungen der Arbeiterbewegung II, Politik und Zeitgeschehen 2, 2006, S. 39.<br />
25 Zwischen 1980 und 1990 sank die Lohnquote von 78,7 auf 72,4 Prozent, bis 2000 auf 69,8 Prozent. Guger, Alois/ Marterbauer, Markus: Die<br />
langfristige Entwicklung der Einkommensverteilung in &#214;sterreich. Wien: Institut f&#252;r Wirtschaftsforschung 2004, online: http://www.armutskonferenz.at/einkommen_0304.pdf.<br />
26 Sandner, G&#252;nther: Der ‚Dritte Weg’ der Sozialdemokratie, Politik und Zeitgeschehen 10, 2002, S. 19.<br />
27 Regierungsprogramm f&#252;r die XXIII. Gesetzesgebungsperiode, 2007, S.110, online: www.bmf.gv.at/Service/Regierungsprogramm.pdf<br />
28 FrauenLesben gegen Zwangsarbeit: Wie entsteht ein gesamt&#246;sterreichisches Arbeitshaus?, in: grundrisse 21 (2007), S. 20-22.<br />
29 Mahnkopf: a.a.O.<br />
30 Ebd.<br />
31 Nat&#252;rlich hinkt dieser Vergleich: Zwei-Parteien-System, geringer gewerkschaftlicher Organisierungsgrad und extrem niedrige Wahlbeteiligung<br />
vor allem der unteren Klassen machen das Ziehen von Parallelen schwierig.<br />
32 Der Wahlsieg der SP&#214; ist hier nur auf den ersten Blick eine Ausnahme – schlie&#223;lich war der Wahlkampf gerade keiner des „Dritten Wegs“.</p>
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		<title>Zur&#252;ck zu K.u.K.?</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 16:36:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 2]]></category>
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		<description><![CDATA[Keynes und Kreisky, die S&#228;ulenheiligen der sozialdemokratischen Linken, sind auch heute noch Bezugspunkte auf der Suche nach Alternativen zum Neoliberalismus. <em>Stefan Probst</em> dekonstruiert den Mythos Kreisky und diskutiert die Grenzen keynesianischen Krisenmanagements.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Keynes und Kreisky, die S&#228;ulenheiligen der sozialdemokratischen Linken, sind auch heute noch Bezugspunkte auf der Suche nach Alternativen zum Neoliberalismus. <em>Stefan Probst</em> dekonstruiert den Mythos Kreisky und diskutiert die Grenzen keynesianischen Krisenmanagements.<br />
<span id="more-31"></span></p>
<p>Angesichts der stagnativen Entwicklung der Weltwirtschaft sowie dem fortschreitenden Abbau sozialstaatlicher Sicherungssysteme erlebt die keynesianische Krisenpolitik als Antwort und Alternative zum Neoliberalismus eine Renaissance in der sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Linken. Ein erneuerter, linker Keynesianismus verspricht Sozialreformen, Verteilungsgerechtigkeit, Vollbesch&#228;ftigung und einen Ausweg aus der wirtschaftlichen Stagnation, in erster Linie durch die „St&#228;rkung der Massenkaufkraft“, also an der Produktivit&#228;tsentwicklung orientierten Lohnniveaus. Solche Konzeptionen finden sich sowohl bei Oskar Lafontaine in Deutschland, bei Álvaro García Linera in Bolivien, als auch in der sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Linken hierzulande.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> Als zentraler Referenzpunkt linker Reformpolitik und erfolgreichen Krisenmanagements in &#214;sterreich gilt nat&#252;rlich die Regierung Kreisky in den 1970er Jahren („Austrokeynesianismus“).<br />
Dieser Artikel diskutiert M&#246;glichkeiten und Grenzen einer revitalisierten keynesianischen Krisenpolitik vorm Hintergrund der Performanz dieser Politikkonzepte in den 1970ern, und den aktuellen Problemlagen der Weltwirtschaft.</p>
<h3>Goldene Zeiten</h3>
<p>Die Kreiskysche Reformpolitik der ersten H&#228;lfte der 70er wurde durch eine &#228;u&#223;erst g&#252;nstige weltweite &#246;konomische Situation erm&#246;glicht, die weniger keynesianischer Krisenpolitik als einer in der Geschichte des Kapitalismus au&#223;ergew&#246;hnlichen &#246;konomischen und geopolitischen Konstellation geschuldet war. Der Keynesianismus mag also die bis in die 70er vorherrschende wirtschaftswissenschaftliche Ideologie gewesen sein, hatte jedoch lange Zeit nur wenig mit der wirtschaftspolitischen Praxis zu tun.<br />
Wie eng die wirtschafts- und sozialpolitischen Handlungsspielr&#228;ume mit der &#246;konomischen Konjunktur am Weltmarkt verzahnt waren, wurde dann auch deutlich, als die keynesianische Krisenfeuerwehr ab 1975 die Krisentendenzen immer weniger in den Griff bekommen konnte. F&#252;r eine Beurteilung von Erfolg und Scheitern der Kreiskyschen Politik ist deshalb eine Erkl&#228;rung der Grundlagen des langen Nachkriegsbooms und der Widerspr&#252;che, die Mitte der 1970er zur R&#252;ckkehr der Krise f&#252;hrten, unerl&#228;sslich.</p>
<h3>Permanente R&#252;stungswirtschaft</h3>
<p>G&#228;ngige Theorien der langen stabilen Boomphase zwischen Ende der 1940er und Anfang der 1970er Jahre lokalisieren die Ursache des Aufschwungs wahlweise in neuen Formen der Arbeitsorganisation, dem Aufbau des Wohlfahrtsstaats, institutionalisierten Konsumnormen, und/oder technologischen Innovationsprozessen. Auch wenn diese Faktoren sicher eine Rolle gespielt haben, so sind diese Ans&#228;tze doch weder empirisch haltbar noch theoretisch zufrieden stellend.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a><br />
Die m. E. &#252;berzeugendste Erkl&#228;rung der Nachkriegsentwicklung liefert die Theorie der Permanenten R&#252;stungswirtschaft, die von der Marxschen These ausgeht, dass mit wachsender Wertzusammensetzung des Kapitals<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> die Profitrate tendenziell f&#228;llt.<a href="#anm0" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Diesem Mechanismus wirkten in den 50er und 60er Jahren die enorm hohen R&#252;stungsausgaben entgegen. Allein 1962 – also noch lange bevor der Vietnamkrieg die amerikanischen (und sowjetischen) R&#252;stungsausgaben in die H&#246;he schnellen lie&#223; – wurden laut einer Untersuchung der UN j&#228;hrlich etwa 120 Mrd. Dollar f&#252;r milit&#228;rische Zwecke ausgegeben. Das entsprach zu dieser Zeit etwa acht bis zehn Prozent des Weltproduktionsvolumens, ungef&#228;hr hundert Prozent des j&#228;hrlichen Werts des Weltwarenexports oder der H&#228;lfte der Bruttokapitalbildung der ganzen Welt.<a href="#anm0" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a><br />
Warum wirkte dieses Level der R&#252;stungsausgaben stabilisierend auf die Weltwirtschaft?<br />
1. R&#252;stungsproduktion ist Verschwendungsproduktion. Investitionen in milit&#228;risches Equipment fallen in den Sektor der Wirtschaft, den Marx Abteilung III (unproduktive Konsumtion) genannt hat, und die er von Investitionen im Produktionsmittelsektor und jenen im Konsumg&#252;tersektor unterschieden hat. Die beiden letzteren bleiben im Akkumulationskreislauf: entweder als Maschinen usw., oder als reproduzierte Arbeitskraft. Im Unterschied dazu wird in der Abteilung III Mehrwert unproduktiv verbraucht, der ansonsten in produktivit&#228;tssteigernde Technologien investiert werden h&#228;tte k&#246;nnen. Das wirkt dem Ansteigen der Zusammensetzung des Kapitals und damit dem tendenziellen Fall der Profitrate in den Abteilungen I und II entgegen.<br />
2. Dagegen k&#246;nnte eingewendet werden, dass eine hohe Wertzusammensetzung des Kapitals im kapitalintensiven R&#252;stungssektor (und folglich niedrige Profitraten) dennoch die allgemeine Durchschnittsprofitrate herabdr&#252;ckt. Das ist jedoch nicht der Fall, wie zuerst T. N. Vance und Mike Kidron zeigen konnten.<a href="#anm0" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> „Abteilung III kann einen Markt f&#252;r die Produkte der beiden anderen Abteilungen bereitstellen, ohne die allgemeine Profitabilit&#228;t des Kapitals zu unterlaufen.“<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a><br />
Der Effekt der Permanenten R&#252;stungswirtschaft war demnach eine Verlangsamung aber langfristige Stabilisierung des Wachstums. Freilich bedeutete der enorme R&#252;stungssektor eine massive Ressourcenverschwendung. Lange Zeit schien das jedoch aufgrund der stark nationalstaatlich integrierten Staatskapitalismen im Nachkriegsaufschwung kein Problem zu sein.<br />
Genau hier liegen aber auch die Widerspr&#252;che, die letztlich zur R&#252;ckkehr der krisenhaften Entwicklung in den 70ern f&#252;hrten. Das enorme Wachstum der Produktion und damit der Kapitalien versch&#228;rfte den Druck auf die Unternehmen, die Grenzen nationalstaatlich integrierter Wirtschaften zu durchbrechen. Die Internationalisierung der Produktion bedeutete, dass sich die Staaten nun auf multinational operierendes Kapital st&#252;tzen, und den transnationalen Konzernen somit auch Verwertungsbedingungen mit ad&#228;quaten Profitraten garantieren mussten. Das alte staatskapitalistische Entwicklungsmodell, in dem Investitionen ohne R&#252;cksicht auf Rentabilit&#228;tserw&#228;gungen maximiert wurden, erwies sich dabei zunehmend als ungangbar.<br />
Versch&#228;rft wurde dieser Prozess durch den Aufstieg „nichtmilit&#228;rischer Staatskapitalismen“ (Harman). W&#228;hrend vor allem die Superm&#228;chte die Last der R&#252;stungsausgaben trugen beteiligten sich L&#228;nder wie Japan und Westdeutschland kaum am R&#252;stungswettlauf und konnten deshalb ihre gesamten Ressourcen f&#252;r den Aufbau effizienter Exportindustrien aufwenden und in die M&#228;rkte ihrer Konkurrenten (v.a. die USA) eindringen. Das f&#252;hrte zwar zu wachsender Wertzusammensetzung des Kapitals in diesen L&#228;ndern, dr&#252;ckte sich allerdings nicht unmittelbar in fallenden Profitraten aus, solange die Exporte erh&#246;ht werden konnten. Die kapitalintensiven Investitionsformen in Westdeutschland und Japan dr&#252;ckten die weltweiten Durchschnittsprofitraten, erh&#246;hten aber gleichzeitig den nationalen Anteil dieser L&#228;nder an den weltweiten Profiten.<br />
Die h&#246;here Konkurrenzf&#228;higkeit westdeutscher und japanischer Industrien am Weltmarkt verst&#228;rkte allerdings den Druck auf jene L&#228;nder mit hohen R&#252;stungsausgaben, Ressourcen weg vom R&#252;stungssektor in produktive Investitionen zu lenken. Infolge „f&#252;hrte in den sp&#228;ten 1960er und fr&#252;hen 1970er Jahren die Intensivierung der internationalen Konkurrenz … zu &#220;berkapazit&#228;t und &#220;berproduktion sowie sinkenden Profitraten in der Industrie.“<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Auf diesem Weg wurden die Stabilisierungsfaktoren der Nachkriegsentwicklung sukzessive ausgeh&#246;hlt.</p>
<h3>Kreiskys Modernisierungspolitik</h3>
<p>Die skizzierte weltwirtschaftliche Entwicklung ist der Kontext, in den die Politik der Regierung Kreisky eingebettet werden muss.<br />
Die &#246;sterreichische Wirtschaftspolitik setzte seit den fr&#252;hen 50ern auf eine Politik der Export- und Investitionsf&#246;rderung und forcierter &#246;ffentlicher Infrastrukturinvestitionen („Kamitz-Kurs“). Die Abwertung des Schillings 1953 um 18% st&#228;rkte zus&#228;tzlich die Exportwirtschaft. Trotzdem plagte die &#246;sterreichische Wirtschaft ihre strukturelle R&#252;ckst&#228;ndigkeit. Die 1970 gew&#228;hlte Regierung Kreisky versuchte deshalb, die &#246;konomische Situation zur strukturellen Modernisierung der &#246;sterreichischen (Export)Industrie zu nutzen – was die &#214;VP-Regierungen Raab und Klaus aufgrund ihrer sozialen Verwurzelung im Klein- und Mittelgewerbe nur schwer durchsetzen konnten.<br />
Die Kreiskysche Modernisierungspolitik kombinierte dabei staatliche Exportgarantien und Finanzierungshilfen f&#252;r das Privatkapital mit einer Hartw&#228;hrungspolitik, die als „Strukturpeitsche“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> die Industrie zu Modernisierungsinvestitionen zwingen sollte.<br />
Erm&#246;glicht wurden diese Ma&#223;nahmen durch die gute internationale Konjunktur, von der besonders die &#246;sterreichische Exportwirtschaft profitierte. Hinzu kam, dass die Rezession in Europa 1971/72 – die bereits die Grenzen des Nachkriegsbooms ank&#252;ndigte – nicht auf &#214;sterreich durchschlug. Das war weniger die Folge keynesianischer Krisenpolitik; vielmehr wirkte die verst&#228;rkte &#214;ffnung der EG-Staaten zur EFTA seit den sp&#228;ten 60ern, das Nicht-Mitziehen der Regierung Klaus bei der 9,3-prozentigen DM-Aufwertung 1969, sowie das immer noch niedrige Lohnniveau in &#214;sterreich positiv auf die nationale Konjunktur.<br />
In diese Modernisierungsphase der ersten H&#228;lfte der 70er fallen nun auch alle sozialpartnerschaftlich ausgehandelten Sozialreformen, die bis heute mit dem Namen Kreisky verbunden sind: etwa die Starthilfe f&#252;r junge Ehepaare, der Ausbau der Familienbeihilfen, die Einigung &#252;ber das Arbeitsverfassungsgesetz, die Einf&#252;hrung der Sch&#252;lerInnenfreifahrt, kostenlose Schulb&#252;cher und die Abschaffung der Studiengeb&#252;hren.</p>
<h3>Erfolg und Scheitern des „Austrokeynesianismus“</h3>
<p>Mit dem Durchschlagen der Weltwirtschaftskrise auf &#214;sterreich 1974/75 &#228;nderten sich die &#246;konomischen Rahmenbedingungen jedoch grundlegend. Die zweite H&#228;lfte der 70er legte nun eine antizyklische Politik keynesianischen Krisenmanagements (deficit spending) nahe, die den eigentlichen wirtschaftspolitischen Kurswechsel der sozialistischen Alleinregierung markierte.<a href="#anm0" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> Der Kreiskysche „Austrokeynesianismus“ kombinierte dabei genuin keynesianische Elemente staatlichen Nachfragemanagements mit einer Reihe angebotsseitiger Ma&#223;nahmen.<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a><br />
Keynes hatte &#246;konomische Krisen als Situationen zu geringer „effektiver Nachfrage“ als Ergebnis unzureichender Profitabilit&#228;t privater Investitionsm&#246;glichkeiten („Grenzleistungsf&#228;higkeit des Kapitals“) erkl&#228;rt. Der Staat sollte deshalb den Ausfall der Investitionen durch schuldenfinanzierte staatliche Investitionsprogramme kompensieren („Sozialisierung der Investitionen“).<br />
Dieser Theorie folgte das Anheben des Anteils der Staatsinvestitionen an den gesamten Investitionen in &#214;sterreich von 1974: 8,7% auf 1975: 12,6%.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Das Budgetdefizit stieg von einem &#220;berschuss 1970 auf 1,9% 1974 und schnellte schlie&#223;lich auf 4,5% 1975.<br />
Tats&#228;chlich konnte die keynesianische Politik des deficit spending der Regierung Kreisky die Krisentendenzen Mitte der 70er Jahre deutlich abschw&#228;chen. So sank das BIP 1975 nur um 0,4% und die Industrieproduktion nur um 6,8%. Zus&#228;tzlich gelang es, die Exporte in die Staaten des Ostblock und in die OPEC-L&#228;nder &#252;ber gezielte Exportf&#246;rderungen stark zu steigern.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> Die Arbeitslosigkeit blieb im europ&#228;ischen Vergleich durch den gezielten Abbau migrantischer Arbeitskr&#228;fte („Gastarbeiter“), die Verk&#252;rzung der Arbeitszeit auf 40 Stunden und durch die Verstaatlichte Industrie, die relativ unrentabel wirtschaften konnte, und auch in Krisenzeiten kaum Arbeitspl&#228;tze abbaute, auf geringem Niveau.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a><br />
Abgesichert wurde die autrokeynesianische Krisenpolitik durch die Hartw&#228;hrungspolitik der Nationalbank, die hohe Inflationsraten verhindern half und billige Rohstoffimporte garantierte, sowie der „einkommenspolitischen Zur&#252;ckhaltung“ der Gewerkschaften.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a><br />
Franz Vranitzky schrieb im R&#252;ckblick: „Das gro&#223;e Verdienst der Gewerkschaft bei der erfolgreichen Umsetzung des Hartw&#228;hrungskurses liegt wohl darin, erkannt zu haben, dass die g&#252;nstigen Auswirkungen der niedrigen Inflationsraten in Kombination mit gem&#228;&#223;igten Lohnabschl&#252;ssen auf die internationale Konkurrenzf&#228;higkeit die Nachteile der wechselkursbedingten Exporterschwernisse mehr als wettmachen. … [D]ie Hartw&#228;hrungspolitik [w&#228;re] ohne die einkommenspolitische Selbstbeschr&#228;nkung der Gewerkschaften undenkbar gewesen“.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a><br />
Jedoch: die Hoffnung, dass ein &#252;ber Neuverschuldung herbeigef&#252;hrter kurzfristiger Anschub der Staatsnachfrage und damit der Konjunktur sich selbst tragen w&#252;rde, erwies sich angesichts der internationalen Wachstumsschw&#228;che als tr&#252;gerisch.<br />
Dar&#252;ber hinaus schr&#228;nkte die explodierende Staatsverschuldung – haupts&#228;chlich als Ergebnis der Exportf&#246;rderungen, die die Exportnachteile der inflationsd&#228;mpfenden Hartw&#228;hrungspolitik ausgleichen mussten – die konjunkturpolitischen Handlungsr&#228;ume zunehmend ein.<br />
Schon in der Weltwirtschaftskrise 1979/80 und dann 1981/82 funktionierte die „Flucht in den Export“ nicht mehr. Die Exportsubventionen konnten die Auswirkungen der Hartw&#228;hrungspolitik nur mehr ungen&#252;gend abfangen, was sich in wachsenden au&#223;enwirtschaftlichen Ungleichgewichten ausdr&#252;ckte. Mitte der 80er versch&#228;rfte sich die Situation zus&#228;tzlich durch die Krise der Verstaatlichten (besonders der Stahlindustrie), die lange Zeit mithilfe staatlicher Subventionen mit massiven &#220;berkapazit&#228;ten operieren konnte.<br />
Die 1980er markierten dann auch das Aufgeben der nachfrageorientierten Aspekte sozialdemokratischer Wirtschaftspolitik. Die wohlfahrtsstaatlichen Ma&#223;nahmen gerieten zusehends in Widerspruch zur Konkurrenzf&#228;higkeit der &#246;sterreichischen Exportwirtschaft. Wirtschaftspolitische Ma&#223;nahmen wurden nun ausschlie&#223;lich angebotsseitig gesetzt: weitere Erh&#246;hung der staatlichen Wirtschaftsf&#246;rderungen an das Privatkapital, geringere Ausgaben im Bereich soziale Wohlfahrt und Gesundheit, Erh&#246;hung der Massensteuern und gleichzeitig Reallohnverluste.<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> Gleichzeitig sollte eine restriktive Budgetpolitik (seit 1977) die inflation&#228;ren Wirkungen der Staatsverschuldung in den Griff bekommen. Hans Seidel, 1981-83 Staatssekret&#228;r im Finanzministerium und Erfinder des Begriffs „Austrokeynesianismus“, schrieb im R&#252;ckblick, dass die keynesianische Politik „erfolgreich gewesen [w&#228;re], wenn die Weltwirtschaft nach einer mehrj&#228;hrigen Anpassungsperiode wieder auf ihren urspr&#252;nglichen Wachstumspfad zur&#252;ckgekehrt w&#228;re.“<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> Damit hat Seidel – wahrscheinlich ungewollt – das Kernproblem keynesianischer Wirtschaftspolitik treffend umschrieben: letztlich ist das Scheitern des Keynesianismus untrennbar mit der inh&#228;renten Krisenlogik des Kapitalismus verkn&#252;pft.</p>
<h3>Neokeynesianismus</h3>
<p>In den letzten Jahren ist deutlich geworden, dass auch der wirtschaftspolitische Schwenk zu neoliberalen Rezepten die Stagnationskrise nicht in den Griff bekommen konnte. Tats&#228;chlich haben die westlichen Regierungen – ohne es zuzugeben – l&#228;ngst keynesianische Nachfrageelemente wieder in ihre Politik aufgenommen. Reagan st&#252;tzte sich in den 80ern auf einen „R&#252;stungskeynesianismus“, den Bush jun. Heute zu wiederholen versucht.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> In den Euro-L&#228;ndern wird der Stabilit&#228;tspakt schrittweise aufgeweicht. Und die japanische Regierung betreibt seit mehr als einem Jahrzehnt eine Politik des deficit spending.<br />
Genau an diesem Scheitern neoliberaler Wirtschaftspolitik setzt heute die Kritik eines neuen, linken Keynesianismus an. Der Ausweg aus der Krise sei eine revitalisierte keynesianische Nachfragepolitik.<br />
Die Idee der NeokeynesianerInnen<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> lautet, dass eine „produktivit&#228;tsorientierte Lohnpolitik“ und die damit verbundene „St&#228;rkung der Massenkaufkraft“<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a> die Wirtschaft aus der Krise ziehen k&#246;nne.<br />
W&#228;hrend sich die Exportwirtschaft pr&#228;chtig entwickle w&#252;rde die Binnennachfrage „wegen der stagnierenden Reall&#246;hne und diverser Sparpakete“ zur&#252;ckbleiben und „damit das wirkliche Problemfeld“ darstellen.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a><br />
„Das Aufgehen der Schere in der Einkommensverteilung … d&#228;mpft die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und die Produktivit&#228;t der Volkswirtschaft“ und bilde daher „einen wesentlichen Grund f&#252;r das schwache Wirtschaftswachstum und die gro&#223;en Probleme auf dem Arbeitsmarkt.“<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> „Das zentrale wirtschaftliche Problem der letzten Jahre“ sei, „dass die hohen Gewinne, die im Export und bei den internationalen Investitionen erzielt werden, nicht auf die heimische Konsumnachfrage &#252;bertragen werden“ und folglich die „hohe Sparneigung der Konsumenten“ zur „wichtigsten Beschr&#228;nkungen f&#252;r die Wirtschaftsentwicklung“ werde.<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a><br />
Die Ursachen der Krise selbst werden so – in spiegelbildlicher Verkehrung der neoliberalen Argumente – am Lohnniveau festgemacht und mithilfe einer „Unterkonsumtionstheorie“ erkl&#228;rt.<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a> Anders als Keynes, der in zu niedrigen Profitraten eine wichtige Rolle f&#252;r das Aufkommen des Nachfragedefizits und der Krise sah, argumentieren die LinkskeynesianerInnen, dass zu hohe Profite zu Krisen f&#252;hren. Die Reall&#246;hne hinken der Steigerung der Arbeitsproduktivit&#228;t hinterher. Die Folge sei, dass die Konsumnachfrage nicht mehr proportional dem Wachstum der Produktionskapazit&#228;t zunehme, und so &#220;berkapazit&#228;ten und Arbeitslosigkeit entstehen.<a href="#anm26" title="anm_26" name="anm_26"><sup>26</sup></a><br />
Die Anhebung der Massenkaufkraft sei deshalb notwendig, damit das Angebot von Waren auf eine entsprechende Nachfrage trifft. H&#246;here L&#246;hne seien somit nicht nur im Interesse der Lohnabh&#228;ngigen, sondern im klassen&#252;bergreifenden „Interesse der Volkswirtschaft“.<br />
Nun hat dieses Unterkonsumtionsargument tats&#228;chlich einen „rationalen Kern“. Schon Engels betonte, „dass die gro&#223;e Industrie, die den ganzen Erdkreis nach neuen Konsumenten abjagt, zu Hause die Konsumtion der Massen auf ein Hungerminimum beschr&#228;nkt und sich damit den eignen innern Markt untergr&#228;bt.“<a href="#anm27" title="anm_27" name="anm_27"><sup>27</sup></a> Lohnk&#252;rzungen k&#246;nnen demnach Krisen verschlimmern. Umgekehrt gilt jedoch nicht, dass h&#246;here L&#246;hne Krisen verhindern k&#246;nnen. Die Nachfrage nach Investitionsg&#252;tern h&#228;ngt z.B. von der Profitrate ab – und h&#246;here Reall&#246;hne schneiden in die Profite.<br />
Der Fehler der linkskeynesianischen Theorie liegt darin, dass Krisen auf ein Distributionsproblem der Zirkulationssph&#228;re reduziert, und nicht in den Widerspr&#252;chen des Akkumulationsprozesses insgesamt verwurzelt werden, womit die prinzipielle M&#246;glichkeit der politischen Regulation kapitalistischer Krisentendenzen impliziert ist.<br />
Wenn die UnterkonsumtionstheoretikerInnen aber glauben, das Kapital „im Interesse der Volkswirtschaft“ zu ihrem Gl&#252;ck zwingen zu k&#246;nnen, so unterschlagen sie die Konkurrenzsituation zwischen den Einzelkapitalien im Kapitalismus: Was volkswirtschaftlich vern&#252;nftig klingt, wird von der betriebswirtschaftlichen Logik der einzelnen UnternehmerInnen ausgehebelt. Marx schreibt: „Das im Kapitalverh&#228;ltnis gesetzte widerspr&#252;chliche Interesse jedes Einzelkapitalisten an gr&#246;&#223;ter Konsumtionskraft aller Arbeiter mit Ausnahme der von ihm angewendeten und an m&#246;glichst niedrigen L&#246;hnen seiner eigenen Arbeiter, kann auch der Staat nicht &#252;berspringen“ – und schon gar nicht im globalisierten Kapitalismus.<br />
Tats&#228;chlich waren weder in den 70ern zu niedrige L&#246;hne die Krisenursache, noch sind sie es heute. Robert Brenner<a href="#anm28" title="anm_28" name="anm_28"><sup>28</sup></a> konnte zeigen, dass das Problem der Weltwirtschaft seit den 1970er Jahren die massive &#220;berakkumulation von Kapital und damit zusammenh&#228;ngend niedrige Profitraten, v.a. in der verarbeitenden Industrie, sind. Auch das enorme Anschwellen der Finanzm&#228;rkte ist letztlich Ausdruck der Tatsache, dass sich f&#252;r Verm&#246;gen im produktiven Sektor immer schwieriger profitable Investitionsm&#246;glichkeiten finden. Zwar wurde insbesondere in den USA in den 90er Jahren die Ausbeutungsrate erheblich erh&#246;ht, das Problem der &#220;berakkumulation ist damit allerdings nicht verschwunden.</p>
<h3>Falsche &#214;konomie</h3>
<p>Die linken NeokeynesianerInnen glauben an die &#220;berwindung der Krisen des Kapitalismus durch richtige Regierungspolitik. Anders als Keynes wollen sie zus&#228;tzliche Nachfrage weniger auf dem Weg defizit&#228;rer Haushaltspolitik des Staates schaffen, als durch die Umverteilung von oben nach unten. Selbstverst&#228;ndlich sind Forderungen nach Erhalt sozialstaatlicher Leistungen, Mindestl&#246;hne, St&#228;rkung der Massenkaufkraft etc. zu unterst&#252;tzen – nicht zuletzt, weil sie zentrale Ideologeme neoliberaler Sachzwanglogik herausfordern. Aber es w&#228;re fatal, die Illusion der NeokeynesianerInnen zu teilen, dass auf diesem Weg die Stagnationskrise &#252;berwunden werden k&#246;nne. Genauso illusorisch ist die Hoffnung, Staat und Kapital k&#246;nnten „im Allgemeininteresse“ f&#252;r eine solche Politik gewonnen werden.<br />
Die Antwort auf den Neoliberalismus ist keine R&#252;ckkehr zu Keynes sondern ein Vorw&#228;rts mit Marx. Wir sollten nicht in der keynesianischen Mottenkiste nach Konzepten kapitalistischen Krisenmanagements suchen. Das Problem liegt eben nicht in falscher Regierungspolitik, sondern in einer „falschen &#214;konomie“.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Allerdings verweist die Tatsache, dass die Positionen der sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Linken in &#214;sterreich weit weniger &#246;ffentlich Geh&#246;r finden als etwa in Deutschland, auch auf die Schw&#228;che der antineoliberalen Kr&#228;fte.<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Das gilt besonders auch f&#252;r die einflussreichen regulationstheoretischen &#220;berlegungen von Aglietta oder Lipietz. Vgl. Brenner, Robert/ Glick, Mark: The Regulation Approach. Theory and History, in: <em>New Left Review</em> 188 (1991), S. 45-119.<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Dass die Entwicklung der Profitraten in erster Linie auf die Kapitalzusammensetzung zur&#252;ckgef&#252;hrt werden muss konnte Anwar Shaikh zeigen. (Explaining the Global Economic Crisis, in: <em>Historical Materialism</em> 5 (1999), S. 103-144)<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Marx versucht im sogenannten „Gesetz“ vom tendenziellen Fall der Profitrate (TFPR) die grundlegenden Widerspr&#252;che der Kapitalakkumulation zu fassen. Marx geht es also – anders als das viele Marx-InterpretInnen behaupten – (zun&#228;chst) nicht um die empirische Voraussage notwendig fallender Profitraten, sondern um die Darstellung abstrakter, konfligierender Tendenzen des kapitalistischen Akkumulationsprozesses, die dessen immanente Krisenanf&#228;lligkeit zeigen sollen. (vgl. Fine, Ben/ Harris, Laurence: Rereading Capital, London 1979 und Fine, Ben/ Saad-Filho, Alfredo: Marx‘s Capital, London 42004) Zun&#228;chst abstrahiert Marx von allen Wertver&#228;nderungen au&#223;er jenen, die unmittelbares Ergebnis der Produktivkraftentwicklung sind. Diese Wertver&#228;nderungen, die Ausdruck ver&#228;nderter technischer Produktionsbedingungen sind, bezeichnet Marx mit dem Begriff der organischen Zusammensetzung des Kapitals. Sie ist bestimmt als das Verh&#228;ltnis von konstantem zu variablem Kapital (c/v), d.h. von Aufwendungen f&#252;r Produktionsmittel und jenen, die f&#252;r L&#246;hne vorgeschossen werden. Die Effekte einer Steigerung der Produktivit&#228;t auf die Werte von c und v werden vorerst noch ignoriert. (vgl. Saad-Filho, Alfredo: The Value of Marx. Political Economy for Contemporary Capitalism, London 2002, Kapitel 6) Da produktivit&#228;tssteigernde Technologien zu ihrer Bearbeitung meist weniger Arbeitskr&#228;fte ben&#246;tigen steigt die organische Zusammensetzung des Kapitals c/v. Die Folge der Produktivit&#228;tsentwicklung ist daher ein Fallen der Profitrate, denn diese ist bestimmt als das Verh&#228;ltnis von Mehrwert zur Summe aus konstantem und variablen Kapital: p’ = m/(c+v) = (m/v)/((c/v)+1). Das bedeutet nichts anderes, als dass die Produktivkraftentwicklung zu fallenden Profitraten f&#252;hrt, weil nur menschliche Arbeit Wert schafft. Das gilt allerdings nur, solange wir von den <em>indirekten </em>Auswirkungen einer wachsenden organischen Zusammensetzung des Kapitals, von Ver&#228;nderungen in der Ausbeutungsrate und den Effekten von Ver&#228;nderungen der Preise und L&#246;hne auf die Wertzusammensetzung des Kapitals abstrahieren. Das ist solange legitim, als wir uns nur auf die Produktionssph&#228;re konzentrieren, denn in der Produktion &#228;ndern sich die Warenwerte nicht. Sobald wir aber den Akkumulationsprozess in seiner Einheit von Produktion und Zirkulation betrachten m&#252;ssen wir diese Effekte ber&#252;cksichtigen. Erstens: Die Werte von c und v werden als Ergebnis der Produktivit&#228;tssteigerung sinken. Das bedeutet, dass auch das Verh&#228;ltnis von c/v nicht mehr dem entspricht, wie es sich bei „alten“ Werten dargestellt hat. Marx verwendet daf&#252;r den Begriff der Wertzusammensetzung des Kapitals, der sich von der organischen Zusammensetzung des Kapitals unterscheidet. Ob ein Anstieg der organischen Zusammensetzung des Kapitals auch einen Anstieg der Wertzusammensetzung des Kapitals nach sich zieht ist nun aber nicht von vornherein ausgemacht. Zweitens: Die Verbilligung der Elemente des variablen Kapitals, d.h. ein Sinken des Werts der Arbeitskraft, bedeutet eine Erh&#246;hung der Mehrwertrate bzw. Ausbeutungsrate m/v, was dem Fall der Profitrate entgegenwirkt. Diese Mechanismen bezeichnet Marx deshalb als „entgegenwirkende Tendenzen“. Zusammengenommen dr&#252;cken TFPR und die entgegenwirkenden Tendenzen die (widerspr&#252;chlichen) Effekte des Akkumulationsprozesses aus. Das „Gesetz“ sollte deshalb eigentlich besser „Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate und seiner entgegenwirkenden Tendenzen“ hei&#223;en. Geert Reuten meint &#252;berhaupt, Marxens Bezeichnung TFPR sei irref&#252;hrend und schl&#228;gt vor, von „theory of the rate of the profit cycle“ zu sprechen. (Reuten, Geert: „<em>Zirkel vicieux</em>“ or Trend Fall? The Course of the Profit Rate in Marx’s <em>Capital III</em>, in: <em>History of Political Economy</em> 36:1 (2004), S. 163-186, hier S. 175)<br />
Festzuhalten bleibt, dass das „Gesetz“ vom TFPR nicht mehr, aber auch nicht weniger behauptet als die immanente M&#246;glichkeit kapitalistischer Krisen, die in der widerspr&#252;chlichen Einheit von „Tendenz“ und „Gegentendenzen“ angelegt sind. Ein Verst&#228;ndnis dieser Widerspr&#252;che ist f&#252;r eine marxistische Krisentheorie unabdingbar; um jedoch auf Grundlage dieses „Gesetzes“ l&#228;ngerfristige Tendenzen des Systems und die Dynamik von Krisen erkl&#228;ren zu k&#246;nnen, muss eine Menge weiterer Faktoren ber&#252;cksichtigt werden, die hier nicht im Detail diskutiert werden k&#246;nnen: etwa Zirkulationszeit, Umschlagszeit oder fixes Kapital. Nehmen wir letzteres als Beispiel. F&#252;r eine/n KapitalistIn wird die Verbilligung der Elemente des konstanten Kapitals nicht unmittelbar wirksam, denn f&#252;r sie/ihn z&#228;hlt, wie viel zum Zeitpunkt der Anschaffung der Produktionsmittel daf&#252;r bezahlt werden musste und nicht, wie viel es jetzt kosten w&#252;rde, sie zu ersetzen. Wenn der technologische Fortschritt dazu f&#252;hrt, dass diese Investitionen weniger wert sind als vorher, dann m&#252;ssen die Kosten der Abschreibung eben aus dem Bruttogewinn bezahlt werden. “Was sie auf der einen Seite gewinnen, verlieren sie somit wieder auf der anderen.“ (Harman, Chris: Where is Capitalism Going? (Part I), in: <em>International Socialism</em> 58 (1993), S. 3-58) Gr&#246;&#223;e, Alter und Effizienz fixen Kapitals spielen somit eine wichtige Rolle f&#252;r die empirische Bewegung der Profitraten. Auf noch konkreterer Ebene m&#252;ssen wir auch die (institutionellen) Spezifika historisch sich entwickelnder kapitalistischer Gesellschaftsformationen ber&#252;cksichtigen. Die Theorie der permanenten R&#252;stungswirtschaft setzt hier an: sie untersucht die besonderen Wirkungen der Nachkriegs-Konstellation auf den TFPR und begreift die R&#252;stungsausgaben als eine zu dieser Zeit wichtige wirksame „entgegenwirkende Tendenz“. (Callinicos, Alex: Capitalism, Competition and Profits: A Critique of Robert Brenner’s Theory of Crisis, in: <em>Historical Materialism</em> 4 (1999), S. 9-31, hier S. 28)<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Kidron, Michael: R&#252;stung und wirtschaftliches Wachstum. Ein Essay &#252;ber den westlichen Kapitalismus nach 1945, Frankfurt 1971, S. 58f.<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Vgl. ebd. und Harman, Chris: Explaining the Crisis. A Marxist Re-Appraisal, London 1999. Hier kann nur eine sehr vereinfachende Skizze dieses Mechanismus gegeben werden.<br />
Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass Kapitalien in Sektoren mit unterschiedlichen technischen Produktionsbedingungen, d.h. unterschiedlicher organischer Zusammensetzung des Kapitals – auch bei gleicher Mehrwertrate – bei unterschiedlichen Profitraten produzieren. Nun w&#252;rde aber in solchen Situationen Kapital aus Branchen mit niedrigerer Profitrate in solche mit h&#246;herer Profitrate abflie&#223;en. Dadurch sinkt das Warenangebot und steigen die Preise in der einen Branche und umgekehrt steigt das Warenangebot und sinken die Preise in der anderen. Als Ergebnis dieses Prozesses gleichen sich die Profitraten der einzelnen Sektoren zu einer allgemeinen Durchschnittsprofitrate an. Die Preise (modifizierten Werte), zu denen eine solche Durchschnittsprofitrate erzielt wird entsprechen nun nicht mehr den monet&#228;ren Ausdr&#252;cken der Warenwerte. Marx bezeichnet sie als Produktionspreise.<br />
Die Differenzen zwischen Werten und Produktionspreisen bedeuten allerdings nicht, dass irgendwo neuer Wert geschaffen worden w&#228;re. Unterm Strich gleichen sich die durch die Produktionspreise repr&#228;sentierten Verzerrungen der Werte aus. Was sich ver&#228;ndert sind die <em>Anteile </em>der Einzelkapitalien in den unterschiedlichen Sektoren am <em>gesamtgesellschaftlich </em>produzierten Mehrwert.<br />
Auf dieser Grundlage k&#246;nnen wir weiter fragen, welche Effekte eine Erh&#246;hung der Kapitalzusammensetzung in den einzelnen Abteilungen hat.<br />
<em>Abteilung I</em>: Ein Anstieg der organischen Zusammensetzung des Kapitals f&#252;hrt (i) tendenziell zu einer geringen Profitrate in dieser Abteilung (unter Abstraktion bestimmter entgegenwirkender Faktoren; vgl. <a href="#anm4">Anmerkung 4</a>); (ii) eine neue Durchschnittsprofitrate bildet sich heraus, die nun unter der vorherigen liegt; (iii) in diesem Prozess sind jedoch die Preise in Abteilung I um genau soviel gestiegen wie sie in den Abteilungen II und III zusammengenommen gefallen sind; (iv) da jedoch die Preissenkungen in Abteilung III in einem neuen Produktionszyklus nicht wirksam werden (unproduktive Konsumtion) wird der Preisanstieg f&#252;r Produktionsmittel (die Produkte der Abteilung I) h&#246;her sein, als der Fall der Preise f&#252;r Konsumtionsg&#252;ter (die Produkte der Abteilung II); (v) das dr&#252;ckt die Profitrate tendenziell noch weiter herab.<br />
<em>Abteilung II</em>: die Auswirkungen hier sind analog zu einem Anstieg der organischen Zusammensetzung des Kapitals in Abteilung I.<br />
<em>Abteilung III</em>: zun&#228;chst bedeutet auch ein Anstieg der organischen Zusammensetzung des Kapitals in Abteilung III eine verminderte Durchschnittsprofitrate. Dabei sind die Preise in Abteilung III um genau soviel gestiegen wie sie in den Abteilungen I und II gefallen sind. Da jedoch die Preissteigerung in Abteilung III keine weiteren Effekte in einem neuen Produktionszyklus hat sind im Ergebnis die Preise <em>sowohl </em>f&#252;r Produktionsmittel <em>als auch</em> f&#252;r Konsumtionsg&#252;ter gefallen. Demzufolge wird die Profitrate tendenziell steigen.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Callinicos, Alex: Die revolution&#228;ren Ideen von Karl Marx, Frankfurt 1998, S. 269.<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Brenner, Robert: Die weltwirtschaftliche Rezession beginnt: Eine Diagnose, in: <em>Sozialismus </em>2/2002, S. 11-19, hier S. 13.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Unger, Brigitte: &#214;sterreichs Wirtschaftspolitik. Vom Austro-Keynesianismus zum Austro-Neoliberalismus?, in: Tálos, Emmerich (Hg.): Zukunft der Sozialpartnerschaft, Wien 1999, S. 170.<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Sandgruber, Roman: &#214;konomie und Politik. &#214;sterreichische Wirtschaftsgeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Wien 1995, S. 488.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Unger: a.a.O., S. 168.<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Ostleitner, Herbert: Die Budgetpolitik des Austro-Keynesianismus, in: Weber, Fritz/ Venus, Theodor (Hg.): Austro-Keynesianismus in Theorie und Praxis, Wien 1993, S. 105-112, hier S. 106.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Butschek, Felix: Die &#246;sterreichische Wirtschaft im 20. Jahrhundert, Stuttgart 1985, S. 147.<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Zus&#228;tzlich wirkte sich die Expansion des Dienstleistungssektors im Sinne einer „nachholenden Entwicklung“ positiv aus.<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Weber, Fritz: Vorwort, in: ders./ Venus, Theodor (Hg.): Austro-Keynesianismus in Theorie und Praxis, Wien 1993, S. 7-11, hier S. 9.<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Vranitzky, Franz: Der &#246;sterreichische Weg, in: Weber, Fritz/ Venus, Theodor (Hg.): Austro-Keynesianismus in Theorie und Praxis, Wien 1993, S. 12-14, hier S. 12.<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Dass das keine gr&#246;beren sozialen Auseinandersetzungen provozierte (wie in anderen L&#228;ndern) lag in erster Linie am sozialparterschaftlichen Konfliktmanagement.<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> Seidel, Hans: Austro-Keynesianismus – revisited, in: Weber, Fritz/ Venus, Theodor (Hg.): Austro-Keynesianismus in Theorie und Praxis, Wien 1993, S. 145-149, hier S. 149.<br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a> Allerdings werden die schwachen Wirtschaften heute kaum in der Lage sein ein &#228;hnlich hohes Niveau an R&#252;stungsausgaben tragen zu k&#246;nnen wie in den 1950er Jahren.<br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a> Wenn im Folgenden von Neo- oder Linkskeynesianismus die Rede ist, dann ist damit keine bestimmte wirtschafts<em>theoretische</em> Weiterentwicklung der Positionen von Keynes gemeint, sondern wirtschafts<em>politische</em> Konzeptionen bezeichnet, die sich aus dem Fundus der keynesianischen Diskussion bedienen.<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a> Meist kombiniert mit aus Gewinnsteuern finanzierten staatlichen Nachfrageimpulsen.<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a> Katzian, Wolfgang/ Kral-Bast, Claudia: Globalisierung: L&#228;hmung des Sozialstaates statt Z&#228;hmung des Kapitalismus?, in: Greif, Wolfgang u.a. (Hg.): Alternativen zum Neoliberalismus. Sozial ins 21. Jahrhundert, Wien 1999, S. 231-238, hier S. 234.<br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a> Marterbauer, Markus: Wem geh&#246;rt der Wohlstand? Perspektiven f&#252;r eine neue &#246;sterreichische Wirtschaftspolitik, Wien 2007, S. 112f.<br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a> Ebd., 12f.<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a> Vgl. zu Unterkonsumtionstheorien Bleaney, Michael F.: Underconsumption Theories. A History and Critical Analysis, New York 1976.<br />
<a href="#anm_26" title="anm26" name="anm26">26</a> Vgl. Deutschmann, Christoph: Der linke Keynesianismus, Frankfurt 1973, online: http://www.mxks.de/files/other/Deutschmann.LinkerKeynes.html<br />
<a href="#anm_27" title="anm27" name="anm27">27</a> MEW 20, S. 256.<br />
<a href="#anm_28" title="anm28" name="anm28">28</a> Brenner, Robert: The Economics of Global Turbulence. The Advanced Capitalist Economies from Long Boom to Long Downturn, 1945-2005, London 2006, ders.: Boom &amp; Bubble. Die USA in der Weltwirtschaft, Hamburg 2003 und ders.: New Boom or New Bubble?, in: <em>New Left Review</em> 25 (2004), S. 57-100. Vgl. aber zur Kritik an den theoretischen Grundlagen der Arbeiten Brenners das Symposium in <em>Historical Materialism</em> 4 (1999) und 5 (1999), sowie Fine, Ben/ Lapavitsas, Costas/ Milonakis, Dimitris: Adressing the World Economy: Two Steps Back, in: <em>Capital &amp; Class</em> 67 (1999), S. 47-90.</p>
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		<title>&#214;GB: Gefangen in der Sozialpartnerschaft?</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 10:00:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 1]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsbewegung]]></category>
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		<description><![CDATA[Die fehlende Kampfbereitschaft und die undemokratischen Strukturen des &#214;GB haben ihre historischen Wurzeln im Gr&#252;ndungsprozess des Gewerkschaftsbundes in der unmittelbaren Nachkriegszeit, schreibt <em>Karin H&#228;dicke</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die fehlende Kampfbereitschaft und die undemokratischen Strukturen des &#214;GB haben ihre historischen Wurzeln im Gr&#252;ndungsprozess des Gewerkschaftsbundes in der unmittelbaren Nachkriegszeit, schreibt <em>Karin H&#228;dicke</em>.<br />
<span id="more-85"></span><br />
Der BAWAG-Skandal hat schonungslos die Widerspr&#252;che der Gewerkschaftsf&#252;hrung offen gelegt – auf der einen Seite der offizielle Anspruch, Interessensvertreterin der ArbeiterInnen zu sein, und auf der anderen Seite die Integration in das marktwirtschaftliche System und schlie&#223;lich der Versuch, selbst an den Spekulationen auf den Finanzm&#228;rkten mitzuprofitieren. Die Ereignisse rund um die BAWAG sind Anlass zu Fragen und Diskussionen &#252;ber die Ursachen der offensichtlich gewordenen Krise des &#214;GB, als auch &#252;ber notwendige Reformen. Forderungen nach mehr Demokratie und Transparenz in den Gewerkschaftsstrukturen wurden aufgestellt und verschiedene Initiativen versuchen, Einfluss auf die Diskussionen zu nehmen.</p>
<p>Die deutlichsten Antworten auf die Krise des &#214;GB findet jedoch immer noch die Gewerkschaftsf&#252;hrung. Die<br />
Ursache f&#252;r die Krise wird am verantwortungslosen Handeln von einzelnen Managern und Spitzenfunktion&#228;ren in Bank und Gewerkschaft festgemacht. Der Ausweg aus der Krise weist deshalb seitens der Gewerkschaftsf&#252;hrung nicht in eine grunds&#228;tzlich neue Richtung: Die Sozialpartnerschaft soll aufrechterhalten werden, was nichts anderes bedeutet als die Fortf&#252;hrung der Strategie „verhandeln statt k&#228;mpfen“. Genauso wenig wird die undemokratische Konzentration der Entscheidungskompetenz bei der Gewerkschaftsb&#252;rokratie grunds&#228;tzlich in Frage gestellt.</p>
<p>Doch kam das Desaster wirklich so &#252;berraschend? Einen Teil der Antwort liefert uns die Geschichte der Gewerkschaften, insbesondere die Zeit nach 1945, als der &#214;GB neu gegr&#252;ndet wurde. Gleichzeitig k&#246;nnen uns die Erfahrungen aus der Geschichte der &#246;sterreichischen Gewerkschafts-<br />
bewegung Anhaltspunkte geben, wie aus dem &#214;GB eine wirkliche k&#228;mpferische Interessensvertretung der ArbeiterInnen werden kann.</p>
<h3>ArbeiterInnenbewegung nach 1945</h3>
<p>Die Situation nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist f&#252;r uns heute schwer vorstellbar. Inmitten von Hunger, Elend, Zerst&#246;rung musste das blo&#223;e &#220;berleben gesichert werden. Neue Strukturen, die das Zusammenleben und &#220;berleben regeln konnten, gab es nicht oder waren nicht gefestigt. Viele Entscheidungen wurden zun&#228;chst aus der Not heraus und spontan getroffen. Menschen machten die Erfahrung, dass sie sich ihre Strukturen selbst schaffen k&#246;nnen. Dr. Kurt Steyrer erinnert sich an die Anf&#228;nge im Rudolfspital in Wien: „Es herrschte Teamgeist im besten Sinne des Wortes, und jeder packte in gleicher Weise zu, ob nun Klinikvorstand, Gastarzt, Krankenpflegerin oder Reinigungspersonal … R&#252;ckblickend wird mir bewusst, dass wir damals – ohne daran zu denken und ohne dass dar&#252;ber viel geredet worden w&#228;re – eine wahrhaft demokratisch-menschliche Gesellschaft gebildet haben: ohne schriftliche Satzung oder Festlegung. Das war damals gar nicht notwendig, sondern selbstverst&#228;ndlich.“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a></p>
<p>Weiters waren die vom deutschen Kapital errichteten Betriebe und Unternehmen 1945 sozusagen herrenlos. Die Produktion wurde von den ArbeiterInnen selbst in Gang gebracht und den Umst&#228;nden entsprechend koordiniert. Allein im Mai 1945 wurden in 6.000 Betrieben &#246;ffentliche Verwalter eingesetzt, da Manager und Betriebsdirektoren geflohen waren.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Diese Verwalter stie&#223;en dabei auf von ArbeiterInnen selbst geschaffene Strukturen (Betriebsr&#228;te u.&#228;.) und mussten zun&#228;chst „notgedrungen“ mit ihnen zusammenarbeiten. Gerade in diesen Betrieben lebten<br />
Ans&#228;tze lebendiger ArbeiterInnenbewegung auf – einschlie&#223;lich Protesten und Streikaktionen.</p>
<p>Dieser Teil der Geschichte der ArbeiterInnenbewegung &#214;sterreichs wird oft ausgeklammert, denn die politisch und wirtschaftlich M&#228;chtigen hatten in der unmittelbaren Nachkriegszeit kein Interesse an der Neuformierung einer k&#228;mpferischen ArbeiterInnenbewegung. Im Gegenteil: der &#214;GB sollte die Lohnabh&#228;ngigen f&#252;r den Aufbau eines<br />
marktwirtschaftlichen Systems in &#214;sterreich gewinnen.</p>
<h3>Neugr&#252;ndung des &#214;GB</h3>
<p>Die Neugr&#252;ndung des &#214;GB als &#252;berparteilicher Gewerkschaftsbund fand bereits am 15. April 1945 – also noch vor der Republiksgr&#252;ndung – statt und wurde am Rei&#223;brett, in Abstimmung mit den Parteizentralen von SP&#214;, &#214;VP und KP&#214;, nach den Vorstellungen der k&#252;nftigen F&#252;hrung entworfen. Es sollte eine &#252;berparteiliche Einheitsgewerkschaft aufgebaut werden, „die alle ArbeiterInnen und Angestellte, unbeschadet ihrer Weltanschauung, soweit sie demokratisch ist, und die sich zu &#214;sterreich bekennen, umfasst“.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a></p>
<p>Im Vordergrund stand unmittelbar nach Kriegsende der kapitalistische Wiederaufbau der &#246;sterreichischen Wirtschaft. &#214;GB-Vorsitzender Johann B&#246;hm formulierte 1949 als vorrangiges Ziel der Gewerkschaft die „Steigerung der Produktion und Produktivit&#228;t“, und dies bed&#252;rfe einer gemeinsamen Anstrengung der Interessensorganisationen der ArbeiterInnen und UnternehmerInnen, die „ganz gut ein St&#252;ck Weges gemeinsam gehen“ k&#246;nnten.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Die &#214;GB-Spitze war von der „Verantwortung gegen&#252;ber der Wirtschaft als Ganzem“ &#252;berzeugt.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Im Gr&#252;ndungsaufruf des &#214;GB hei&#223;t es: „Wir wollen uns geloben, unsere ganze Kraft dem heiligen Ziele, dem Wiederaufbau unseres geliebten Vaterlandes zu widmen und unabl&#228;ssig daf&#252;r zu arbeiten, dass es in k&#252;rzester Zeit erreicht werde.“<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Der &#214;GB sollte demnach ein Instrument f&#252;r klassen&#252;bergreifende Zusammenarbeit im nationalen Interesse werden – was in letzter Konsequenz Aufgabe des Klassenkampfes bedeutete.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a><o></o></p>
<p>Es ist klar, dass sich dieses neue Selbstverst&#228;ndnis nicht ohne weiteres durchsetzen konnte und so wurden Strukturen geschaffen, die die Organisation fest im Griff haben und Initiativen von ArbeiterInnen unterdr&#252;cken k&#246;nnen, die noch nicht eingesehen haben, dass Klassenkampf jetzt nicht mehr im Ma&#223;nahmenkatalog des &#214;GB steht.</p>
<p>Die Strukturen wurden zentralisiert und als alleinige Entscheidungstr&#228;ger ausgebaut, „statt sich an den W&#252;nschen der ArbeitnehmerInnen in den Betrieben zu orientieren, breite Diskussionen innerhalb der Mitgliederschaft zu provozieren und zu f&#246;rdern“.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> &#214;GB-Vorsitzender B&#246;hm betonte 1947: „&#220;ber Gesetze kann man nicht in Massenversammlungen beraten. Die Mitglieder des &#214;GB werden durch die Ver&#246;ffentlichungen in den Fachbl&#228;ttern &#252;ber den Verlauf der Verhandlungen informiert.“ Unliebsame KritikerInnen wurden schnell in die N&#228;he der KP&#214; ger&#252;ckt. Das Auftreten der russischen Besatzungsmacht – Abbau von Produktionsanlagen, r&#252;cksichtsloses Verhalten gegen&#252;ber der Zivilbev&#246;lkerung – verst&#228;rkte noch die Vorurteile gegen&#252;ber dem so genannten „Kommunismus“, so dass die antikommunistische Propaganda leichtes Spiel hatte. Der &#214;GB war also von Anfang an nicht als eine demokratische Institution aufgebaut.</p>
<p>Wie die undemokratischen Strukturen des &#214;GB K&#228;mpfe beeinflussen und abw&#252;rgen konnten, zeigt die Reaktion auf die Proteste der ersten Nachkriegsjahre, insbesondere gegen die f&#252;nf Lohn-Preis-Abkommen (LPA) ab 1947.</p>
<p>Diese waren als erstes Ergebnis der harmonischen Klassenkooperation zwischen der F&#252;hrung der Gewerkschaftsbewegung und dem &#246;sterreichischen Kapital ausverhandelt worden und sollten die drohende Inflation eind&#228;mmen: Wenn sich die Wirtschaft zu Preissenkungen bereit erkl&#228;rte, w&#252;rde die Gewerkschaft im Gegenzug auf Lohnforderungen verzichten. Tats&#228;chlich jedoch bedeutete jedes LPA massive Reallohnverluste f&#252;r die ArbeiterInnenschaft, die ohnehin bereits am Rand des Existenzminimums lebte. Ende 1947, nach Abschluss des ersten LPA, res&#252;mierte ein Vertreter der Unternehmer triumphierend: „Es ist uns gegl&#252;ckt, ohne Streiks, ohne irgendwelche Unruhen, ohne Ausschreitungen das Preis- und Lohnabkommen, das wir im Sommer<br />
beschlossen haben, zu verl&#228;ngern. … obwohl die Lebenskosten um etwas mehr als 15 Prozent gestiegen waren … haben die Arbeiter auf Lohnerh&#246;hungen verzichtet.“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a><o></o></p>
<p>W&#228;hrend die Gewerkschaftsspitzen die Angriffe auf die<br />
ArbeiterInnenklasse mittrugen und als eiserne Notwendigkeiten verkauften, wurden in den Betrieben die K&#252;rzungen jedoch nicht kampflos akzeptiert. Gegen die ungerechte Verteilung von Lebensmitteln gab es so genannte „Kalorienstreiks“ im Herbst 1946. Im Mai 1947 demonstrierten 20.000 Menschen in Wien vor dem Bundeskanzleramt gefolgt von Streiks in Wien und Umgebung. Im Juli 1948 forderten 2.000 B&#246;hler-ArbeiterInnen in Kapfenberg eine Lohnerh&#246;hung, im August 1948 gab es Warnstreiks bei VOEST in Linz. In Donawitz streikten 3.000 ArbeiterInnen f&#252;r eine 25%ige Lohnerh&#246;hung. Am 24. August 1948 streikten wieder 4.000 ArbeiterInnen in Kapfenberg. Im gleichen Jahr streikten 4.750 SchuharbeiterInnen &#252;ber 5 Wochen, weil die UnternehmerInnen sich weigerten, die 44-Stunden-Woche anzuerkennen. Im Mai 1949 demonstrierten 200.000 in Wien gegen das dritte LPA.</p>
<p>Die Gewerkschaftsf&#252;hrung distanzierte sich von diesen Aktionen und suchte sie zu verhindern. Durch die Zentralisierung ihrer Strukturen besa&#223;en sie die Kontrolle &#252;ber die Streikgelder. Der &#214;GB gab eine Erkl&#228;rung heraus, wonach „Streiks und Demonstrationen nur auf ausdr&#252;ck-<br />
liche Anordnung des Gewerkschaftsbundes oder der zust&#228;ndigen Gewerkschaft zu erfolgen haben. … die Betriebsr&#228;te haben nur Weisungen der zust&#228;ndigen Gewerkschaft<br />
entgegenzunehmen. Leute, die unter Missbrauch des Namens des Gewerkschaftsbundes zu Aktionen aufrufen, sind zur Verantwortung zu ziehen.“<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> &#220;ber Aktionen und Proteste wurde wenn, dann nur zusammenhanglos berichtet, wodurch eine breite und koordinierte Bewegung verhindert wurde. Gewerkschaftsf&#252;hrung und SP&#214; warnten vor Ausweitung dieser Streiks und Proteste mit dem Argument, dass dann die russischen Besatzungstruppen l&#228;nger im Land verbleiben und der „Kommunismus“ unausweichlich w&#252;rde.<o></o></p>
<p>Die Ank&#252;ndigung des 4. LPA im September 1950, das weitere Reallohnverluste zwischen 10 und 15 Prozent bedeutet h&#228;tte, brachte das Fass schlie&#223;lich zum &#220;berlaufen. Ende September und Anfang Oktober streikten mehr als 200.000 ArbeiterInnen in ganz &#214;sterreich. Es war der erste landesweite Massenstreik der Zweiten Republik. Am 25. September legten zuerst die Besch&#228;ftigten der VOEST in Linz die Arbeit nieder. Betriebe in Steyr, Donawitz und Wien folgten, bis sich am H&#246;hepunkt der Auseinandersetzung 40 Prozent der IndustriearbeiterInnenschaft an Streikaktionen beteiligten.</p>
<p>Der &#214;GB verweigerte jegliche Unterst&#252;tzung und begann im Gegenteil unverz&#252;glich, die Niederschlagung des Streiks zu organisieren. W&#228;hrend Polizei und Gendarmerie Betriebe besetzten und Betriebsr&#228;te verhafteten, mobilisierte die Bau-Holz-Gewerkschaft mit finanzieller Unterst&#252;tzung der Industriellenvereinigung 2.000 Schl&#228;ger, die gewaltsam gegen die Streikenden vorgingen.</p>
<p>Dem endg&#252;ltigen Ende des Streiks am 6. Oktober folgten S&#228;uberungswellen in Betrieben und Gewerkschaft: hunderte Betriebsr&#228;te wurden entlassen und unliebsame Elemente aus dem &#214;GB entfernt. Der Gewerkschaftsbund festigte sich als undemokratischer Apparat, der seine Aufgabe in der Sicherung des „sozialen Friedens“ und der Regulation des Klassenkampfes sah.</p>
<h3><span>Gab es eine Alternative?</span></h3>
<p>Im Nachhinein ist es schwer nachvollziehbar, warum sich nicht alle an Aktionen beteiligten ArbeiterInnen zusammengetan haben, um eine andere Art von Gewerkschaft zu gr&#252;nden, die ihren Mitgliedern nicht in den R&#252;cken f&#228;llt. Fehlende Erfahrungen mit Klassenauseinandersetzungen sowie die Fragmentierung der K&#228;mpfe waren sicherlich ein Grund daf&#252;r. Mindestens genauso wichtig war jedoch die unangefochtene Hegemonie der Sozialdemokratie innerhalb der ArbeiterInnenbewegung. Das bedeutete, dass die Stimmen, die nicht Klassenkooperation und den „gemeinsamen Kraftakt Wiederaufbau im nationalen<br />
Interesse“ betonten, wenig geh&#246;rt wurden. F&#252;r viele ArbeiterInnen klang es somit zumindest auf den ersten Blick plausibel – gerade nach den Erfahrungen des Austrofaschismus und Nationalsozialismus – nun noch st&#228;rker als zuvor auf „Stabilit&#228;t“ und die Wahrung des „sozialen<br />
Friedens“ zu setzen.</p>
<p>Genau diese politische Strategie hatte jedoch schon vor 1934 fatale Konsequenzen und f&#252;hrte letztlich in die Katastrophe. Erinnert sei nur an die Politik des „Burgfriedens“ w&#228;hrend dem Ersten Weltkrieg. Sie bedeutete, dass „im Interesse des Vaterlandes“ seitens der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften der Klassenkampf aufgehoben wurde; d.h. Einstellung aller Lohnverhandlungen, Aufhebung der sozialpolitischen Gesetze, Verl&#228;ngerung der Arbeitszeit, milit&#228;rische Disziplinargewalt f&#252;r kriegswichtige Betriebe.<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a><o></o></p>
<p>In der Ersten Republik wurde dieser Kurs fortgesetzt und von den austromarxistischen TheoretikerInnen der Sozialdemokratie legitimiert. Folge der inkonsequenten Politik war fortw&#228;hrendes Stillhalten und Zur&#252;ckweichen, das den Aufstieg des Faschismus in &#214;sterreich nicht aufhalten konnte. Dass es im Februar 1934 trotzdem tagelangen bewaffneten Widerstand gegen den Austrofaschismus gegeben hat, zeigt sowohl das Potential und die St&#228;rke der ArbeiterInnenbewegung in &#214;sterreich, als auch ihre tragische Schw&#228;che, das Fehlen einer konsequenten klassenk&#228;mpferischen Kraft, die der katastrophalen Politik der sozialdemokratischen F&#252;hrung eine Alternative h&#228;tte entgegensetzen k&#246;nnen.</p>
<p>Aus der Niederlage 1934 wurden unterschiedliche Schlussfolgerungen gezogen. Ein Teil der GenossInnen versuchte einen radikalen Bruch mit der bisherigen Politik und gr&#252;ndete die Revolution&#228;ren Sozialisten. Einig waren sich die Beteiligten in ihrer Abgrenzung zu den „reformistischen Illusionen“ der Sozialdemokraten. Allerdings trugen die schwierigen Verh&#228;ltnisse – die Arbeit in der Illegalit&#228;t – dazu bei, dass die Auseinandersetzung mit der Politik der sozialdemokratischen F&#252;hrung nicht mit der n&#246;tigen Konsequenz gef&#252;hrt und gemeinsame Schlussfolgerungen gezogen werden konnten. Sie erlagen zum Teil der Illusion, dass 1945 die sozialdemokratische Partei unter radikaleren Vorzeichen als sozialistische Einheitspartei wieder aufgebaut werden k&#246;nnte und untersch&#228;tzten v&#246;llig die St&#228;rke der alten Funktion&#228;re, die ihre 1934 unterbrochene Politik des Klassen-kompromisses nach dem Krieg fortsetzen wollten. Zum Teil resignierten sie und lie&#223;en sich wieder in den Parteiapparat integrieren oder sie wurden unter dem Vorwurf, Verb&#252;ndete der Kommunisten zu sein, aus der Partei gedr&#228;ngt.</p>
<p>Der rechte Fl&#252;gel der Sozialdemokratie dagegen zog v&#246;llig kontr&#228;re Lehren. Das Problem in der Niederlage 1934 bestand ihrer Meinung nach nicht in der Inkonsequenz der Auseinandersetzung, sondern in der Auseinandersetzung selbst – also darin, dass nicht konsequent genug<br />
„kooperiert“ wurde. Die ehemals verfeindeten Lager m&#252;ssten sich nun am „runden Tisch“ zusammensetzen und gemeinsam den Aufbau b&#252;rgerlich-kapitalistischer Verh&#228;ltnisse in Angriff nehmen. Zu diesem Fl&#252;gel, der sich nach 1945 durchsetzte, geh&#246;rte auch Karl Renner, der Staatskanzler der Ersten Republik. Statt den Kampf gegen den Austrofaschismus zu organisieren, suchte er 1934 bis zum Schluss unter allen Umst&#228;nden einen Kompromiss mit den konservativen Kr&#228;ften auszuhandeln. Die Zeit des Faschismus verbrachte er in seiner Villa in Gloggnitz, w&#228;hrend seine GenossInnen emigrierten, in Konzentrationslager gebracht wurden oder in der Illegalit&#228;t weiter arbeiteten. Rechtzeitig zu Kriegsende biederte er sich Stalin an und wurde prompt Staatskanzler der ersten provisorischen Regierung – eine gute Ausgangsposition, um die politischen Verh&#228;ltnisse nach seinen Vorstellungen zu beeinflussen.</p>
<h3>Der Weg zur Sozialpartnerschaft</h3>
<p>Die Folgen der von Sozialdemokratie und Gewerkschaftsf&#252;hrung nach 1945 verfolgten Strategie des sozialpartnerschaftlich institutionalisierten Klassenkompromisses wurden mit den Lohn-Preis-Abkommen bereits angedeutet.</p>
<p>Neben den Lohn-Preis-Abkommen war auch die Verstaatlichung ein wichtiges Projekt. Seitens der SP&#214; wurden dabei radikale Argumente vorgebracht, die an die Tradition der Austromarxisten erinnern – Otto Bauer war f&#252;r die schrittweise Vergesellschaftung der Produktionsmittel – und an die aktuellen Forderungen der ArbeiterInnen ankn&#252;pften, die gerade die Industrieproduktion wiederaufbauten und die sich nat&#252;rlich fragten, auf welchem Weg die Produktion am besten im Interesse der ArbeiterInnen angeeignet werden k&#246;nnte. Der damalige Erste Sekret&#228;r der Arbeiterkammer Pittermann: „Den Weg zur &#220;berwindung des kapitalistischen Systems weist uns der marxistische Sozialismus… Wir Sozialisten machen daher die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und die planm&#228;&#223;ige Lenkung der Erzeugung zu einer Frage der Gegenwartspolitik.“<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a><br />
Diesen Aussagen konnten Betriebsr&#228;te und ArbeiterInnen nur zustimmen, allerdings wurde hier bewusst Vergesellschaftung mit Verstaatlichung verwechselt, denn wie Friedrich Engels schreibt: „Das ist ja gerade der wunde Punkt, dass, solange die besitzenden Klassen am Ruder bleiben, jede Verstaatlichung nicht eine Abschaffung, sondern nur eine Formver&#228;nderung der Ausbeutung ist.“ Der F&#252;hrung des &#214;GB war dies durchaus klar und die &#214;VP hatte im Grunde nichts gegen die Verstaatlichung von Grundstoffindustrie oder Transport- und Nachrichtenwesen, die erst aufgebaut werden mussten. Die Bourgeoisie profitierte schlie&#223;lich davon, dass die Mittel zum Wiederaufbau vom Staat aufgebracht wurden und die Produkte billig f&#252;r andere Industriezweige zur Verf&#252;gung gestellt wurden.</p>
<p>Genauso wurde der Marshallplan<sup>13</sup> vom &#214;GB begr&#252;&#223;t. Obwohl er nicht den ArbeiterInnen zugute kam – die Unterst&#252;tzung erfolgte in Sachg&#252;tern, die verkauft und deren<br />
Einnahmen f&#252;r die F&#246;rderung der Privatwirtschaft verwendet wurden – wurde er als Erfolg der Klassenzusammenarbeit gewertet.</p>
<p>Eine weitere gro&#223;e Entt&#228;uschung war das Betriebsr&#228;tegesetz, das die Mitbestimmung der ArbeiterInnen in den Betrieben regeln sollte. Die starke Position von Betriebsr&#228;ten, die sich bald nach Kriegsende gr&#252;ndeten, wurde mit dem Gesetz ausgehebelt. Z.B. wurde das Mitspracherecht bei Einstellung und Entlassung auf eine „Informationspflicht“ seitens des Unternehmers reduziert. Ebenso wurden Klauseln eingef&#252;gt, die es erm&#246;glichten, gew&#228;hlte Betriebsr&#228;te zu entlassen. Das Betriebsr&#228;tegesetz war somit ein einziges Zugest&#228;ndnis an die Unternehmer.</p>
<p>Die Gewerkschaftsf&#252;hrung hingegen verkaufte all das als Etappensiege und verteidigte die Strategie sozialpartnerschaftlichen Konfliktmanagements. Am Gewerkschaftskongress 1948 wurde betont: „Alle bisher erflossenen Gesetze wurden ausschlie&#223;lich mit den Mitteln der<br />
Verhandlungsmethode erreicht, kein einziger Streiktag musste daf&#252;r angewendet werden. Allerdings gibt es Kollegen unter uns, die gerne sehen w&#252;rden, wenn man auf den<br />
Verhandlungsweg verzichten und bei jedem Anlass zum letzten Mittel, zum Streik, greifen w&#252;rde. Dieser Forderung ist der Gewerkschaftsbund nicht nachgekommen… Er hat es verstanden, ohne die Mitglieder jede Woche in einen anderen Streik zu f&#252;hren, soziale Gesetze zu erwirken, die mindestens so gut sind wie in jenen L&#228;ndern, in denen die Streikparolen immer wieder verwirklicht wurden.“</p>
<p>Die Politik der SP&#214; wurde in den Gewerkschaften rigoros umgesetzt und daf&#252;r institutionelle Vorraussetzungen geschaffen. Der Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter geh&#246;rt jedes Gewerkschaftsmitglied an, das auch gleichzeitig SP&#214;-Mitglied ist. Diese Fraktion hatte gro&#223;es Gewicht bei den Entscheidungen und durch die Fraktionsdisziplin wurden radikale Beschl&#252;sse, die nicht im Sinne der Sozialpartnerschaft waren, verhindert.</p>
<p>Der Widerstand gegen die Sozialpartnerschaft fand mit dem Oktoberstreik 1950 ein vorl&#228;ufiges Ende. Es war das letzte gro&#223;e Aufb&#228;umen gegen die sozialpartnerschaftliche Regulierung des Klassenkampfs. Die tats&#228;chliche Institutionalisierung der „Wirtschafts- und Sozialpartnerschaft“<br />
erfolgte – nach der vor&#252;bergehenden Aufl&#246;sung der Akkordierung im Bereich der Lohn- und Preispolitik nach Abschluss der Wiederaufbauphase – zwar erst in den sp&#228;ten 50er und fr&#252;hen 60er Jahren, als die partnerschaftliche Zusammenarbeit f&#252;r die Unternehmer wegen der Verdichtung der wirtschaftlichen Probleme (Inflationstendenzen, anstehende wirtschaftliche Integration in Europa, Anzeichen einer Wachstumsschw&#228;che, Arbeitskr&#228;fteknappheit und<br />
gestiegener Lohndruck) wieder interessant wurde – die Weichen daf&#252;r wurden aber bereits in den ersten Jahren der Zweiten Republik gelegt. In den folgenden Jahr-zehnten wurden Konflikte erfolgreich „von der Stra&#223;e, den Versammlungss&#228;len, den Betrieben in die Verhandlungs-<br />
zimmer und Konferenzs&#228;le verlegt.“<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a></p>
<p>Klassenzusammenarbeit oder Sozialpartnerschaft – es ist wichtig zu erkennen, dass eine solche Partnerschaft nicht bedeutet, dass es faire „Zusammenarbeit“ gibt, wo jede Seite zufrieden ist mit den jeweiligen Zugest&#228;ndnissen. In einer solchen Partnerschaft sind die ArbeiterInnen immer die Benachteiligten.</p>
<h3><span>Wege aus der Sozialpartnerschaft</span></h3>
<p>Der &#214;GB heute hat seinen Ursprung in den Jahren nach 1945. Das Selbstverst&#228;ndnis, &#252;ber die Institutionalisierung der Sozialpartnerschaft ein geeignetes Mittel gefunden zu haben, das Vorteile f&#252;r beide Seiten – Unternehmer und ArbeiterInnen – bringt, ist bis jetzt erhalten geblieben. Das Wirtschaftswachstum mit seinen Spielr&#228;umen f&#252;r soziale Reformen in den 50er und 60er Jahren verst&#228;rkte diese Position. Bundeskanzler Kreisky meinte noch auf dem SP&#214;-Parteitag 1976, „dass vor allem durch das Wirken sozialdemokratischer Sozialminister der &#246;sterreichische Wohlfahrtsstaat in den siebziger Jahren weitgehend seiner Vollendung entgegen gef&#252;hrt worden sei“.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a></p>
<p>Mit den 80ern jedoch wuchs der &#246;konomische Druck fallender Profitraten auch in &#214;sterreich – die darauf folgenden Umstrukturierungen, st&#252;ckweise Abbau des Sozialstaates, steigende Arbeitslosigkeit und Erh&#246;hung der Armut spielten sich gr&#246;&#223;tenteils unter einer Rot-Schwarzen Koalition ab. Der &#214;GB setzte dieser Entwicklung nichts entgegen – der b&#252;rokratische Apparat war &#252;berall verankert, tr&#228;ge geworden und konnte sich immer noch auf den gut organisierten Teil der ArbeiterInnenklasse in den zum Teil immer noch verstaatlichten Gro&#223;betrieben st&#252;tzen. Die ver&#228;nderte Situation weltweit, die Durchsetzung des Neoliberalismus und damit einhergehende Ver&#228;nderungen in der Arbeitswelt (flexible Arbeitszeitmodelle, Teilzeitbesch&#228;ftigung) und der Abbau des Wohlfahrtstaates, konnte eine zeitlang systematisch ignoriert werden. Die Quittung gab es 1999 bei Nationalratswahlen, als etliche von der Rot-Schwarzen Politik Entt&#228;uschte die FP&#214; w&#228;hlten und die darauf folgenden Koalitions-<br />
verhandlungen der SP&#214; klarmachten, dass sie nicht mehr in der Regierung gebraucht wird. Die Klasseninteressen der &#246;sterreichischen Bourgeoisie waren nun mit einer rechts-<br />
konservativen Regierung wesentlich besser durchzusetzen. Heute dienen die &#220;berreste sozialpartnerschaftlichen Konfliktmanagements eigentlich nur mehr dazu, den Lebensstandard der ArbeiterInnen „geordnet“ zu senken.</p>
<p>Trotz allem, was in den letzten Jahren an offensiven K&#252;rzungen im Pensions- und Bildungsbereich durchgef&#252;hrt wurde und trotz der offensichtlichen Krise der Gewerkschaft nach dem BAWAG-Finanzskandal wird von Teilen der Gewerkschaftsf&#252;hrung immer noch die Sozialpartnerschaft herbeigeredet. Selbst die GPA, die sich noch am ehesten f&#252;r die Interessensvertretung von prek&#228;r Angestellten interessiert und versucht, neue Wege zu gehen, argumentiert f&#252;r die Sozialpartnerschaft. In der Juni-Ausgabe 2006 ihrer Zeitschrift “Kompetenz” darf sogar die Pr&#228;sidentin der Wirtschaftskammer &#214;sterreichs, Brigitte Jank, die Sozialpartnerschaft feiern.</p>
<p>Es w&#228;re aber falsch, sich resignierend abzuwenden. In den letzten Jahren gab es auch Ans&#228;tze und Versuche, innerhalb der Gewerkschaften etwas zu ver&#228;ndern. 2002 mobilisierten Gewerkschaften gemeinsam mit der globalisierungskritischen Bewegung zum ersten Europ&#228;ischen Sozialforum nach Florenz. 500 AktivistInnen aus den unterschiedlichsten Zusammenh&#228;ngen und Hintergr&#252;nden fuhren gemeinsam im Sonderzug der EisenbahngewerkschafterInnen nach<br />
Florenz – ein inspirierendes Zusammenkommen. 2003 sch&#252;rten der Streik gegen die Pensionsreform und der Streik der EisenbahnerInnen neue Hoffnung, dass es m&#246;glich ist, sich gegen die Dem&#252;tigungen und Erniedrigungen der rechtskonservativen Regierung erfolgreich zu wehren. Die Hoffnungen wurden entt&#228;uscht, denn jahrzehntelang ge&#252;bte Praxis der Sozialpartnerschaft lassen sich nicht so einfach &#252;ber Bord werfen.</p>
<p class="Fliesstext"><span>Ver&#228;nderungen in der Gewerkschaftsarbeit sind deshalb notwendig. Der einzige Ausweg aus dem Dilemma ist, sich endlich von der Illusion einer „freundschaftlichen Packelei“ zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten zu l&#246;sen – k&#228;mpfen statt verhandeln ist angesagt! Eng damit verkn&#252;pft ist die Frage der Demokratisierung der Gewerkschaften. Wohin es f&#252;hrt, wenn Entscheidungen nur in den F&#252;hrungsgremien gef&#228;llt werden &#8211; ohne Kontrollm&#246;glichkeiten &#8211; zeigt der Fall Verzetnitsch.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> Es m&#252;ssen Strukturen geschaffen werden, in denen die Gewerkschaftsmitglieder selbst Beschl&#252;sse fassen k&#246;nnen, an die die Gewerkschaftsf&#252;hrung gebunden ist und an denen ihre Arbeit gemessen werden kann.</span></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Franz Danimann, Hugo Pepper (Hg.): &#214;sterreich im April ’45. Die ersten Schritte der Zweiten Republik. Wien: Europaverlag 1985.<o></o></p>
<p><a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> T&#228;tigkeitsbericht des &#214;GB 1945-47; zit. in: Hans Prader: Die Angst der Gewerkschaften vor’m Klassenkampf. Der &#214;GB und die Weichenstellung 1945-1950. Wien 1975.<o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Klaus-Dieter Mulley: Der &#214;sterreichische Gewerkschaftsbund 1945-1959; in: Wolfgang Maderthaner (Hg.): Auf dem Weg zur Macht. Integration in den Staat, Sozialpartnerschaft und Regierungspartei. Wien: L&#246;cker Verlag 1992. pp73-105, hier: p76.<o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Emmerich Tálos: Sozialpolitik und Arbeiterschaft 1945 bis 1950; in: Michael Ludwig/ Klaus Dieter Mulley/ Robert Streibel: Der Oktoberstreik 1950. Ein Wendepunkt der Zweiten Republik. Wien: Picus <sup>2</sup>1995. pp25-40, hier: p36.<o></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Arbeit und Wirtschaft (&#214;GB/AK-Zeitschrift)<o></o><br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Zit. in: Klaus-Dieter Mulley: a.a.O. p81.<o></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> &#214;GB-Vorsitzender B&#246;hm pr&#228;gte daf&#252;r das Bild der „Astgemeinschaft“: „Der wirtschaftliche Zusammenbruch, den der Krieg mit sich gebracht hat, die so weitgehende Entg&#252;terung unseres Landes hat uns wohl beiden [Interessensvertretungen der UnternehmerInnen und der ArbeiterInnen] gezeigt, dass wir, m&#246;gen wir noch so viele Differenzen miteinander haben, zum Teil vielleicht auch eingebildete, doch auf einem Ast sitzen, von dem wir beide – wenn einer von uns ihn durchs&#228;gt – herunterfallen m&#252;ssen.“<o></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Hans Prader: Probleme kooperativer Gewerkschaftspolitik; zit. in: Klaus-Dieter Mulley: a.a.O. p74.<o></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Klaus-Dieter Mulley: Der &#214;GB und der „Oktoberstreik“ 1950. Aspekte gewerkschaftlicher Politik im Nachkriegs-&#214;sterreich; in: Michael Ludwig<span>  </span>et al.: a.a.O. pp41-52, hier: p44.<o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Solidarit&#228;t, Mai 1947, Nr. 32; zit. in: Hans Prader: Die Angst der Gewerkschaften vor’m Klassenkampf. Wien 1975.<o></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Hans Prader: Die Angst der Gewerkschaften vor’m Klassenkampf. p10.<o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Zit. in: Geschichte der &#246;sterreichischen ArbeiterInnenbewegung. p93 (Brosch&#252;re)<o></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Der Marshallplan, offiziell European Recovery Program (ERP) war das wichtigste wirtschaftliche Wiederaufbauprogramm der USA, das nach dem Zweiten Weltkrieg dem zerst&#246;rten Westeuropa zugute kam. Mit dem Marshallplan sollte der Einfluss der Sowjetunion einged&#228;mmt und Absatzm&#228;rkte f&#252;r die amerikanische &#220;berproduktion aufgebaut werden. <o></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Fritz Klenner, &#214;GB-Zentralsekret&#228;r und &#214;GB-Haus-und-Hof-Historiker.<o></o><br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Emmerich Tálos (Hg.): Der geforderte Wohlfahrtsstaat. Traditionen – Herausforderungen – Perspektiven. Wien: L&#246;cker Verlag 1992.<o></o><br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Fritz Verzetnitsch, ehemaliger Vorsitzender des &#214;GB. Musste 2006 zur&#252;cktreten, weil er den Streikfond des &#214;GB f&#252;r dubiose Finanzgesch&#228;fte verpf&#228;ndete.<o></o></p>
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