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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Politische Ökologie</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Veranstaltung: Energie, Krise und Klassenk&#228;mpfe</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2009/04/21/veranstaltung-energie-krise-und-klassenkaempfe/</link>
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		<pubDate>Tue, 21 Apr 2009 09:51:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Termine]]></category>
		<category><![CDATA[Energiepolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Klassenkampf]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökologie]]></category>

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		<description><![CDATA[

Mit Kolya Abramsky und Philipp Probst
Termin: 28. April 2009
Uhrzeit: 19 Uhr
Ort: WUK (W&#228;hringerstra&#223;e 59, 1090 Wien)
Wie sich das weltweite Energiesystem in den n&#228;chsten Jahren entwickelt ist stark damit verbunden, welche Wege aus der globalen Finanz-, Wirtschafts- und zunehmend auch politischen Krise gefunden werden. Viele Regierungen setzen auf riesige Investitionen in erneuerbare Energien und gr&#252;ne Technologien, begleitet von hochtrabenden Reden, man [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h5><a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2009/04/energie2_a6.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-368" title="energie2_a6" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2009/04/energie2_a6-219x300.jpg" alt="energie2_a6" width="219" height="300" /></a><a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2008/12/change_flyer-fornt_a6-2.jpg"><br />
</a></h5>
<p>Mit <strong>Kolya Abramsky</strong> und <strong>Philipp Probst</strong><br />
Termin: <strong>28. April 2009</strong><br />
Uhrzeit: <strong>19 Uhr</strong><br />
Ort: <strong>WUK (W&#228;hringerstra&#223;e 59, 1090 Wien)</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Wie sich das weltweite Energiesystem in den n&#228;chsten Jahren entwickelt ist stark damit verbunden, welche Wege aus der globalen Finanz-, Wirtschafts- und zunehmend auch politischen Krise gefunden werden. Viele Regierungen setzen auf riesige Investitionen in erneuerbare Energien und gr&#252;ne Technologien, begleitet von hochtrabenden Reden, man w&#252;rde gleichzeitig den Planeten vor dem Klimawandel und die Wirtschaft retten.</p>
<p>Energie ist sowohl eines der zentralen Produktionsmittel, als auch ein zentrales Subsistenzmittel. Das bedeutet, dass der &#220;bergang hin zu einem neuen Energiesystem ein wichtiger Bestandteil der kommenden globalen Klassenk&#228;mpfe um die Kontrolle &#252;ber diese Produktions- und Subsistenzmittel sein wird. Allerdings sind die Verl&#228;ufe und Ergebnisse solcher K&#228;mpfe nie vorhersehbar, und eben deshalb ist auch der &#220;bergangsprozess einer Energiewende noch offen.</p>
<p>Irgendein &#220;bergang zu nicht-fossilen Energieressourcen ist nahezu unausweichlich, doch der Ausgang dieses Prozesses ist nicht technisch vorgegeben. Weil das weltweite Energiesystem vor weit reichenden Ver&#228;nderungen steht, er&#246;ffnen sich auch neue M&#246;glichkeiten. Ein komplexer weltweiter Kampf darum, wer den Energiesektorkontrolliert und f&#252;r welche Zwecke er genutzt wird ist bereits im Gange und verst&#228;rkt sich rapide.</p>
<p style="text-align: justify;">Zum einlesen:</p>
<p style="text-align: justify;"><a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/energie-arbeit-und-gesellschaftliche-reproduktion/">Kolya Abramsky: Energie, Arbeit und gesellschaftliche Reproduktion</a></p>
<p style="text-align: justify;"><a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/grenzen-des-wachstums-ja-natuerlich/">Philipp Probst: Grenzen des Wachstums? Ja, nat&#252;rlich!</a></p>
<p style="text-align: justify;">beide erschienen in <a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/category/ausgaben/perspektiven-nr-7/">Perspektiven Nr. 7</a></p>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Perspektiven Nr. 7 (Fr&#252;hling 2009) erschienen!</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2009/02/12/perspektiven-nr-7-fruehling-2009-erschienen/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2009/02/12/perspektiven-nr-7-fruehling-2009-erschienen/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 12 Feb 2009 15:08:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 7]]></category>
		<category><![CDATA[Energiepolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Klimawandel]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökologie]]></category>

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		<description><![CDATA[
Schwerpunkt: Naturverh&#228;ltnisse und &#246;kologische Krise


Aus dem Inhalt:
Philipp Probst: Grenzen des Wachstums – Kolya Abramsky: Energie und Arbeitsk&#228;mpfe – Franziskus Forster und Michael Botka: Linke Klimadebatten – Carlo Morelli: Nahrungsmittelkrise – Interview mit Camila Moreno: Geopolitik der Agrartreibstoffe – Owen Hatherley: Fr&#252;hes Sowjetkino – Interview mit Roger Heacock: Krieg gegen Gaza – Rezensionen
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/category/ausgaben/perspektiven-nr-7/"><br />
<h3>Schwerpunkt: Naturverh&#228;ltnisse und &#246;kologische Krise</h3>
<p></a><br />
<a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/category/ausgaben/perspektiven-nr-7/"><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2009/02/perspektiven-7cover_web-300x237.jpg" alt="perspektiven-7cover_web" title="perspektiven-7cover_web" width="300" height="237" class="alignnone size-medium wp-image-349" /></a></p>
<p><strong>Aus dem Inhalt:</strong><br />
<a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/grenzen-des-wachstums-ja-natuerlich/">Philipp Probst: Grenzen des Wachstums</a> – <a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/energie-arbeit-und-gesellschaftliche-reproduktion/">Kolya Abramsky: Energie und Arbeitsk&#228;mpfe</a> –<a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/fuer-ein-ganz-anderes-klima/"> Franziskus Forster und Michael Botka: Linke Klimadebatten</a> – <a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/hintergruende-der-welternaehrungskrise/">Carlo Morelli: Nahrungsmittelkrise</a> – <a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/zuckerrohr-und-peitsche/">Interview mit Camila Moreno: Geopolitik der Agrartreibstoffe</a> – <a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/die-revolution-traeumen-sowjetisches-kino-1924-1934/">Owen Hatherley: Fr&#252;hes Sowjetkino</a> – <a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/das-sind-die-verdammten-dieser-erde/">Interview mit Roger Heacock: Krieg gegen Gaza</a> – <a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/category/rezensionen/">Rezensionen</a></p>
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		</item>
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		<title>Editorial</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2009/02/07/editorial-7/</link>
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		<pubDate>Sat, 07 Feb 2009 11:15:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 7]]></category>
		<category><![CDATA[Editorial]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökologie]]></category>

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		<description><![CDATA[Wer h&#228;tte gedacht, dass dieselbe Person innerhalb eines Jahres sowohl Friedensnobelpreistr&#228;ger als auch Oscar®-Gewinner werden kann? Sp&#228;testens als Al Gore dank herzerweichendem Eisb&#228;renpathos und Energiesparlampen-Propaganda diese unwahrscheinliche Titelakkumulation gelang, und Angela Merkel sich am G8-Gipfel von Heiligendamm zur Retterin des Weltklimas aufschwang, nahm die Berichterstattung
&#252;ber die &#246;kologische Krise und den kurz bevor stehenden Weltuntergang Z&#252;ge einer Dauerwerbesendung an.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wer h&#228;tte gedacht, dass dieselbe Person innerhalb eines Jahres sowohl Friedensnobelpreistr&#228;ger als auch Oscar®-Gewinner werden kann? Sp&#228;testens als Al Gore dank herzerweichendem Eisb&#228;renpathos und Energiesparlampen-Propaganda diese unwahrscheinliche Titelakkumulation gelang, und Angela Merkel sich am G8-Gipfel von Heiligendamm zur Retterin des Weltklimas aufschwang, nahm die Berichterstattung<br />
&#252;ber die &#246;kologische Krise und den kurz bevor stehenden Weltuntergang Z&#252;ge einer Dauerwerbesendung an.<span id="more-264"></span> Doch heute, wenige Monate, aber hunderte verschwundene Euro-Milliarden sp&#228;ter, scheinen die vollmundigen Versprechen der &#246;kologisch bekehrten Eliten sich in hei&#223;e Luft aufgel&#246;st zu haben. Das zeigt zweierlei: Erstens, dass gesellschaftliche „Probleme“ sich nicht einfach selbst auf die politische Tagesordnung setzen, sondern herrschaftlich konstituiert werden. Und zweitens, dass Probleme nicht einfach verschwinden, wenn im Fernsehen niemand mehr dar&#252;ber spricht.</p>
<p>Die &#246;kologische Krise ist Realit&#228;t, und sie ist kein „Umweltproblem“, dem mit gezielten, technokratischen Ma&#223;nahmen beizukommen w&#228;re, sondern artikuliert sich als Krise gesellschaftlicher Naturverh&#228;ltnisse. Mit unserem Schwerpunkt wollen wir zwei Argumente st&#228;rken. Erstens weisen wir auf die sozialen K&#228;mpfe hin, die sich an &#246;kologischen Krisen und deren Bearbeitung entz&#252;nden; und zweitens halten wir dem dominanten &#214;ko-Diskurs entgegen, dass konsequent &#246;kologische Politik die kapitalistische Produktionsweise grunds&#228;tzlich in Frage stellen muss.</p>
<p><em>Philipp Probst</em> verdeutlicht, dass die theoretische Debatte um &#246;kologische Grenzen des Wachstums nicht um den Marxschen Begriff des gesellschaftlichen Stoffwechsels mit der Natur herum kommt. Warum die Verknappung fossiler Energietr&#228;ger die Bedingungen globaler  Klassenk&#228;mpfe nachhaltig ver&#228;ndert, ist Gegenstand von <em>Kolya Abramskys</em> Artikel. Die prominenteste Debatte des letzten Jahres greifen <em>Franziskus Forster</em> und<em> Michael Botka</em> auf. Sie identifizieren die Defizite der dominanten Klimadiskussion und entwickeln Vorschl&#228;ge f&#252;r eine klimapolitische Offensive von links unten. Der Beitrag von <em>Carlo Morelli</em> argumentiert, dass die globale Ern&#228;hrungskrise wesentlich auf Marktmechanismen, Spekulation auf Warenb&#246;rsen und die gro&#223;industrielle Organisation der Landwirtschaft zur&#252;ck zu f&#252;hren ist. Zum Abschluss des Schwerpunkts berichtet die brasilianische Aktivistin <em>Camila Moreno</em> im Interview von den  Folgen einer entstehenden „Geopolitik der Agrartreibstoffe“ f&#252;r die brasilianische Landbev&#246;lkerung und deren Widerstand.</p>
<p>Illustriert wird der Schwerpunkt der Ausgabe von den „Kunstformen der Natur“: Diese wurden um die Wende zum 20. Jahrhundert von dem reaktion&#228;ren Sozialdarwinisten Ernst Haeckel ver&#246;ffentlicht und von uns in subversiver Absicht enteignet. Die symmetrische &#196;sthetik der organischen Formen repr&#228;sentiert in diesem Kontext nicht mehr die Durchsetzung einer gereinigten Natur, sondern die Aufl&#246;sung derselben in die Gesellschaftlichkeit ihrer kulturellen Repr&#228;sentation. Wir sind uns auch nicht sicher, was dieser Satz genau bedeuten soll, finden die Bilder aber sehr sch&#246;n.</p>
<p><em>Perspektiven </em>bietet also diesmal dasselbe in gr&#252;n (keine Angst, die Farbe am Cover &#228;ndert sich mit der n&#228;chsten Ausgabe – zum Schwerpunkt „Rechtsextremismus“ – wieder). Au&#223;erdem pr&#228;sentieren wir euch in dieser Nummer, als Teil vier unserer Serie „Zum politischen Erbe der Oktoberrevolution“, einen Beitrag von <em>Owen Hatherley</em>. Er entf&#252;hrt uns in die cineastische Traumwelt des Avantgarde- und Slapstick-Kinos der fr&#252;hen Sowjetunion.</p>
<p>Ein Albtraum war die j&#252;ngste Milit&#228;roffensive der israelischen Regierung f&#252;r die Bev&#246;lkerung von Gaza. Wir sprachen dar&#252;ber mit dem Historiker und Experten f&#252;r die Geschichte der pal&#228;stinensischen Nationalbewegung <em>Roger Heacock</em>.</p>
<p>In der Rezensionsabteilung haben wir Debatten zu Antisemitismus und Islamophobie, sophistische Philosophie, K&#228;mpfe der Migration, Theorien der Geopolitik und Globalisierungskritik f&#252;r EinsteigerInnen im Angebot. Und zu guter Letzt bereiten wir zum ersten – aber nicht letzten – Mal Gustost&#252;ckerl f&#252;r euch zu: Interesssantes und Lesenswertes aus den Gro&#223;k&#252;chen der kritischen Textproduktion.</p>
<p>Prost, Mahlzeit,<br />
eure <em>Perspektiven</em>-Redaktion</p>
<p>P.S.: Besucht unsere Homepage <em>www.perspektiven-online.at</em> und abonniert dieses Magazin, damit zumindest wir die Finanzkrise &#252;berleben!</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Grenzen des Wachstums? Ja, nat&#252;rlich!</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2009/02/07/grenzen-des-wachstums-ja-natuerlich/</link>
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		<pubDate>Sat, 07 Feb 2009 11:14:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 7]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Naturverhältnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökologie]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Frage, ob Wirtschaftswachstum im Kapitalismus an nat&#252;rliche Grenzen st&#246;&#223;t, wird seit Jahrzehnten in der &#214;kologiebewegung diskutiert. <em>Philipp Probst</em> zeigt, wie das Marx’sche Konzept des gesellschaftlichen Stoffwechsels mit der Natur zu einer theoretischen Kl&#228;rung und antikapitalistischen Zuspitzung der Debatte beitragen kann.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Frage, ob Wirtschaftswachstum im Kapitalismus an nat&#252;rliche Grenzen st&#246;&#223;t, wird seit Jahrzehnten in der &#214;kologiebewegung diskutiert. <em>Philipp Probst</em> zeigt, wie das Marx’sche Konzept des gesellschaftlichen Stoffwechsels mit der Natur zu einer theoretischen Kl&#228;rung und antikapitalistischen Zuspitzung der Debatte beitragen kann.<br />
<span id="more-268"></span><br />
Derzeit folgt eine Krise der n&#228;chsten. W&#228;hrend letztes Jahr Hungerrevolten die Unf&#228;higkeit des kapitalistischen Systems zeigten, trotz Massenproduktion und industrieller Agrikultur Ern&#228;hrungssicherheit f&#252;r die gesamte Weltbev&#246;lkerung sicherzustellen<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a>, &#252;berschlagen sich derzeit die Meldungen &#252;ber fallende Aktienkurse, Banken in Kreditklemmen und in Konkurs gehende Unternehmen.</p>
<p>Als w&#228;re das nicht genug, steht auch noch eine &#246;kologische Krise vor der T&#252;r. <em>Die </em>&#246;kologische Krise „besteht aus einer Vielzahl miteinander verbundener Krisen und Problemen“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>, die uns gleichzeitig auf den unterschiedlichen Ebenen, lokal bis global, konfrontieren. Auf globaler Ebene bedroht der Klimawandel &#214;kosysteme, menschliche Siedlungsr&#228;ume und Lebensstandards; „die Klima&#228;nderungen lassen die Eiskappen der Pole schmelzen, die Gletscherwelt der Hochgebirge verschwinden; Meeresk&#252;sten werden &#252;berschwemmt und waldreiche Gebiete verwandeln sich in trockene Savannen und manchmal sogar in W&#252;sten“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a>; Arten sterben aus und der Verlust an &#246;kosystemischer wie genetischer Diversit&#228;t nimmt zu; saurer Regen zerst&#246;rt B&#246;den und Gesundheit; B&#246;den degenerieren und machen Landwirtschaft zu einem immer energieintensiveren Prozess<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>; der Einsatz von Herbiziden und Pestiziden nimmt zu; Seen und Grundwasserreservoirs sind verseucht oder werden knapp; lokale Konzentrationen von toxischem Abfall und radioaktivem Material f&#252;hren zu Krankheiten; urbanes Bev&#246;lkerungswachstum l&#228;sst St&#228;dte &#252;ber ein &#246;kologisch vertretbares Ma&#223; wachsen; es droht die Ersch&#246;pfung nicht erneuerbarer Ressourcen, die als fossile bzw. nukleare<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Energiequellen oder als mineralische Ressourcen eine wichtige Rolle im derzeitigen Produktionsprozess spielen<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a>.</p>
<p>Sowohl die Auswirkungen der Finanzkrise als auch „der“ &#246;kologischen Krise tragen meist nicht jene, die ma&#223;geblich Schuld haben. Milliarden werden derzeit in Unternehmen und Banken gesteckt, w&#228;hrend den arbeitenden Menschen Arbeitslosigkeit und Lohnk&#252;rzungen drohen. &#196;hnlich treffen &#246;kologische Katastrophen die &#196;rmsten zuerst: Wohngebiete, die in der N&#228;he von M&#252;lldeponien liegen, Arbeitspl&#228;tze mit hohem Gesundheitsrisiko, Schutzlosigkeit gegen&#252;ber &#220;berschwemmungen und Unwettern, Ausl&#246;schung realer Lebensgrundlagen durch Zerst&#246;rung von B&#246;den und W&#228;ldern, etc.</p>
<p>Viele dieser Probleme sind direkt oder indirekt mit der Gr&#246;&#223;e und dem Ausma&#223; der wirtschaftlichen Aktivit&#228;t, der „scale of production“ verbunden. W&#228;hrend also einerseits von wirtschaftlichem Wachstum die &#220;berwindung der gegenw&#228;rtigen Finanzkrise erwartet wird, droht andererseits das physische Wachstum der Weltwirtschaft unsere Lebensgrundlage zu zerst&#246;ren. W&#228;hrend in den letzten Jahrzehnten – auch von MarxistInnen – die Frage nach den &#246;kologischen Grenzen oft beiseite gewischt wurde und auf Wirtschaftswachstum bzw. „die Entwicklung der Produktivkr&#228;fte“ das Hauptaugenmerk gelegt wurde, „ist die Naturfrage“ [heute] keine Frage mehr, sondern eine Katastrophensirene, die uns aus der Bequemlichkeit der Ignoranz gegen&#252;ber der Natur aufschreckt.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a></p>
<h3>Grenzen des Wachstums</h3>
<p>Die regionalen und vermehrt global auftretenden Probleme f&#252;hrten in den 1960er Jahren zur Entstehung &#246;kologischer Bewegungen, die Kritik an wirtschaftlichem Wachstum und &#246;kologischen Zerst&#246;rungen formulierte. So mahnte Rachel Carson 1963 in ihrem Buch „Der stumme Fr&#252;hling“, „dass die moderne Welt die G&#246;tter der Geschwindigkeit und Masse verehrt, und die G&#246;tter des schnellen und einfachen Profits; aus dieser Verg&#246;tterung sind riesige &#220;bel entstanden.“ Doch blieben solche Ansichten eher vereinzelte Mahnrufe gegen die &#246;kologischen Zerst&#246;rungen.</p>
<p>Die &#214;lkrise in den 1970ern f&#252;hrte erstmals die Endlichkeit nat&#252;rlicher Ressourcen und die Abh&#228;ngigkeit der industriellen Produktion von selbigen vor Augen. In diese Zeit f&#228;llt das Erscheinen des Buchs „Die Grenzen des Wachstums“. Das vom <em>Club of Rome</em> 1973 herausgegebene Buch r&#252;ckte &#246;konomisches und physisches Wachstum ins Zentrum der Kritik. Die Grundaussagen waren relativ simpel: Wenn die damaligen Trends unver&#228;ndert fortgesetzt w&#252;rden, dann k&#228;me das &#246;konomische Wachstum notwendigerweise im n&#228;chsten Jahrhundert zu einem Ende. Auch wenn „die damaligen Prognosen &#252;bertrieben waren, und daher der Club of Rome von vielen Autoren l&#228;cherlich gemacht wurde“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a>, war das nicht der eigentliche Punkt, auf den die Autoren, MitarbeiterInnen des MIT<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a>, hinauswollten. Es sollten keine genauen Prognosen erstellt werden, sondern Szenarien, die m&#246;gliche Entwicklungswege aufzeigen k&#246;nnten. Ein Ergebnis war, dass bei fortgef&#252;hrtem exponentiellen Wachstum – sowohl auf der „Input-Seite“ der Produktion, durch die Endlichkeit der Inputs f&#252;r eine fossil angetriebene kapitalistische Produktionsweise, als auch auf der „Output-Seite“, durch die begrenzte Aufnahmekapazit&#228;t &#246;kologischer Systeme als Senken f&#252;r Emissionen und Abfall aus Produktion und Konsumption (klimasch&#228;dliche Gase, Abw&#228;sser, M&#252;ll, etc.) – zuk&#252;nftig Umweltprobleme eine Dimension erreichen w&#252;rden, die wirtschaftliches Wachstum an Grenzen sto&#223;en lie&#223;e.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Obwohl nie von einem unausweichlichen Ende gesprochen wurde und die AutorInnen nicht daran zweifelten, dass ein ordentlicher Lebensstandard f&#252;r die gesamte Weltbev&#246;lkerung m&#246;glich w&#228;re<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a>, stie&#223; der Bericht auf heftige Ablehnung und Kritik. Henry C. Wallich, &#214;konom aus Yale, bezeichnete das Buch als „ein St&#252;ck unverantwortlichen Nonsens“ und der &#214;konom Julian Simon sagte &#252;ber Zukunftsszenarien: „Das ist meine Langzeitvoraussage in K&#252;rze: Die materiellen Lebensbedingungen werden weiterhin f&#252;r die meisten Menschen besser werden, in den meisten L&#228;ndern, die meiste Zeit, ohne Ende. In den n&#228;chsten ein oder zwei Jahrhunderten werden alle Nationen und der Gro&#223;teil der Menschheit auf oder &#252;ber dem westlichen Lebensstandard sein.“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Die M&#246;glichkeit, dass &#246;kologische Prozesse der wirtschaftlichen Wachstumsdynamik Grenzen auferlegen, wurde klein geredet oder schlicht ignoriert. So meinte der Wachstumstheoretiker und sp&#228;tere Nobelpreistr&#228;ger Robert Solow: „Wenn nat&#252;rliche Ressourcen leicht durch andere Faktoren substituierbar sind, dann gibt es eigentliche kein ‚Problem‘. Die Welt kann, faktisch, ohne nat&#252;rliche Ressourcen auskommen. Ersch&#246;pfung ist nur eine Gleichung, keine Katastrophe.”<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Auch zwanzig Jahre sp&#228;ter wurde das Buch noch kritisiert: „Vor zwanzig Jahren sprachen einige von Grenzen des Wachstums. Aber heute wissen wir, dass Wachstum der Motor von Ver&#228;nderung ist. Wachstum ist der Freund der Umwelt. (George H.W. Bush, 1992).<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a></p>
<p>Was die Debatte so kontrovers machte war, dass die AutorInnen des MIT f&#252;r ihre Szenarien dieselben Modelle, die auf exponentielle Wachstumstrends hindeuten, benutzten, wie orthodoxe &#214;konomen wie Solow und Simon. Diesmal wurde der Fokus aber nicht auf die magische &#246;konomische Expansion gelegt, die Wohlstand f&#252;r alle bringen w&#252;rde, sondern auf die immer gr&#246;&#223;eren Anspr&#252;che, die an die endliche Natur gestellt werden. W&#228;hrend einige der Annahmen der MIT-AutorInnen durchaus kritisierbar waren und sind, wurde damit „eine Binsenweisheit hervorgehoben, die gern vom Kapitalismus und seinen &#214;konomen ignoriert wird: eine unendliche Expansion ist in einer endlichen Umwelt ein Widerspruch in sich“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a>.</p>
<p>Der Wachstumsbegriff ist mittlerweise so sehr Bestandteil der &#246;konomischen Lehre, dass er nicht kritisiert oder als Ziel hinterfragt werden darf.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> „Wachstum ist zu einem Element der Alltagswelt, des Alltagsverst&#228;ndnisses und zu einer Selbstverst&#228;ndlichkeit“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> geworden. Es verwundert nicht, wenn daraus die Schlussfolgerung gezogen wird, dass die Zukunft „in die uns die Epoche des modernen &#246;konomischen Wachstums f&#252;hrt, eine des niemals  endenden Wachstums f&#252;r alle ist, eine Welt, in der st&#228;ndig wachsender &#220;berfluss zusammengeht mit st&#228;ndig wachsenden Anspr&#252;chen …“ <a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Schlie&#223;lich wurden Begriffe wie Entwicklung, Fortschritt, Verbesserung, Gewinn, Wohlstand, Erfolg, Lebensqualit&#228;t zu Synonymen f&#252;r das Wort „Wachstum“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> und &#246;konomisches Wachstum zum Teil „westlicher Werte“. Deshalb verwundert es nicht, dass das von Simon Kuznets als Wachstumsma&#223; entwickelte Bruttosozialprodukt zum Wohlstandsindikator schlechthin wurde und bis heute trotz Kritik<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> als solcher verwendet wird. Denn ohne „Wachstum [kann], wie ihre Repr&#228;sentanten meinen, keines der dr&#228;ngenden Probleme gel&#246;st werden, angefangen bei der Arbeitslosigkeit von Millionen Individuen und nicht endend bei der Reduzierung des Budgetdefizits des Staates.“ Somit „wird Wachstum zum Prinzip, da ohne Wachstum die im globalen Akkumulationsprozess zugespitzten Widerspr&#252;che nicht gemildert werden k&#246;nnen.“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a></p>
<h3>L&#246;sungsversuche</h3>
<p>Die &#246;kologischen Probleme, die mit dem Wachstum der physischen Wirtschaft zusammenh&#228;ngen, verschwanden nicht einfach dadurch, dass sie ignoriert wurden. Sowohl &#246;kologische Bewegungen als auch wissenschaftliche Forschung brachten immer wieder die Notwendigkeit auf die Tagesordnung, sich mit der &#246;kologischen Krise zu besch&#228;ftigen. Da das Wachstumsparadigma aber nicht hinterfragt werden durfte, mussten andere L&#246;sungskonzepte gesucht werden.</p>
<p>Eine Argumentationslinie, wenig &#252;berraschend aus der neoklassischen Theorie kommend, postuliert, dass Wachstum nicht das Problem, sondern die L&#246;sung aller Umweltprobleme sei. Eine neue „industrielle Revolution“ bringe uns mittels Effizienzsteigerung<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a>, neuen Technologien (z.B. IT-Technologien) und einem st&#228;rkeren Fokus auf Dienstleistungen ins Zeitalter einer dematerialisierten<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a>, „post-industriellen Informationsgesellschaft“. Die „Tugenden“ des Kapitalismus – Innovation und technologischer Fortschritt, angetrieben durch den Motor „Wirtschaftswachstum“ – f&#252;hre mit Hilfe kleinerer Regulierungen und markttechnischen Anreizen deshalb fast automatisch zu einem <em>natural capitalism</em>.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a></p>
<p>Aus der &#246;kologischen Perspektive kommen andere L&#246;sungsans&#228;tze. Die Problematik des physischen Wachstums und die verheerenden &#246;kologischen Folgen werden hier deutlich gesehen. Moderne Technologien, Massenkonsum oder die Gefahr einer „Bev&#246;lkerungsexplosion“<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> sind die Hauptangriffsziele &#246;kologischer Kritik. Das Ausma&#223; der von dieser Seite hervorgebrachten Katastrophenszenarien widerspricht dabei oft den vorgeschlagenen Ma&#223;nahmen, die zwischen milden reformistischen Warnungen und tiefem Pessimismus schwanken. Die meisten wissenschaftlichen Statements zur &#246;kologischen Krise enden deshalb mit einem Aufruf zu sorgf&#228;ltigerem Management. Die problematischen Aspekte „werden auf die Frage nach individuellem und kollektivem Willen heruntergebrochen – oder eben auf die Rationalit&#228;t des Marktes.“<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a></p>
<p>All diesen Ans&#228;tzen ist eines gemein: der Verbindung zwischen sozialen und &#246;kologischen Dynamiken wird (zu) wenig Beachtung geschenkt. Sowohl gesellschaftliche als auch &#246;kologische Zw&#228;nge und Problematiken werden als ahistorisch und unver&#228;nderbar gesehen. So wird moderne Technologie<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> an sich zum Problem, das Streben nach Wirtschaftswachstum eine Naturbedingung, die Gier zum Bestandteil <em>der </em>menschlichen Natur und die Grenze f&#252;r die Gr&#246;&#223;e der menschlichen Bev&#246;lkerung eine absolute.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a></p>
<p>Die Frage, wie die Interaktion eines spezifischen Gesellschafssystems mit seiner nat&#252;rlichen Umwelt geregelt wird, wie Austauschprozesse gleichzeitig durch innere gesellschaftliche und &#228;u&#223;ere &#246;kologische Dynamiken geformt werden, f&#228;llt damit aus dem Blick. Demgegen&#252;ber entwarf Marx einen Ansatz, diese Interaktion aus systemischer Perspektive zu begreifen. Er wendete daf&#252;r das Konzept des <em>gesellschaftlichen Stoffwechsels</em> an.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Dieses erlaubt es Marx, das Verh&#228;ltnis zwischen Gesellschaft und Natur als eines zu begreifen, das sowohl die von den &#246;kologischen Prozessen vorgegebenen Bedingungen umfasst, als auch die Kapazit&#228;t menschlicher Wesen, Prozesse zu beeinflussen.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a></p>
<h3>Der gesellschaftliche Stoffwechsel</h3>
<p>Der Begriff Stoffwechsel oder Metabolismus kommt aus der Biologie. Er beschreibt dort den Prozess des materiellen und energetischen Austausches zwischen einem Organismus und seiner Umwelt. Stoffe werden aus der Umwelt aufgenommen, verstoffwechselt, d.h. durch Stoffwechselprozesse in Strukturbausteine des Organismus umgewandelt und schlie&#223;lich wieder an die Umwelt abgegeben. Im Begriff Stoffwechsel werden sowohl materielle und energetische Inputs f&#252;r Wachstumsprozesse und die Aufrechterhaltung innerer Strukturen und Regelmechanismen, als auch die R&#252;ckf&#252;hrung materieller und energetischer Outputs durch Ausscheidungs- und Verfallsprozesse ber&#252;cksichtigt. Spezifische regulierende Prozesse kontrollieren den komplexen Austausch zwischen Organismus und Umwelt. In der biologischen Systemtheorie wird der Begriff als Schl&#252;sselkategorie<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> verwendet, um die Interaktion zwischen Organismus und Umwelt zu fassen, bzw. zwischen Systemen auf allen biologischen Ebenen, Zellen bis &#214;kosystemen, und ihrer Umwelt.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a></p>
<p>Marx wendete diesen Begriff als Erster auf die Interaktion zwischen Gesellschaft und Natur an. Um seine innere Strukturen aufrechtzuerhalten, braucht das gesellschaftliche System Inputs in Form materieller und energetischer Ressourcen; dabei produziert es Abfall und andere „Stoffwechselprodukte“, die fr&#252;her oder sp&#228;ter an die Umwelt abgegeben werden m&#252;ssen. Durch diese Betrachtung kann die physische Seite von Gesellschaften, also der Material- und Wachstum und &#246;kologische Krise Energieverbrauch, quantitativ (wie hoch ist der Durchsatz) und qualitativ (welche Materialien/Energietr&#228;ger) ber&#252;cksichtigt werden. „Input-seitige“ Fragestellungen – etwa, ob sich eine Gesellschaft haupts&#228;chlich auf fossile Energietr&#228;ger oder auf Sonnenenergie st&#252;tzt, die aufgrund unterschiedlicher &#246;kologischer Prozesse in unterschiedlichem Ausma&#223; und in unterschiedlichen Zeitskalen zur Verf&#252;gung stehen – und „Output-seitige“ Fragestellungen k&#246;nnen so untersucht werden.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Gerade letztere sind in der aktuellen Klimawandeldiskussion<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> entscheidend, da die Emissionen der aktuelle Produktion die Absorptionsf&#228;higkeit des globalen &#214;kosystems &#252;bersteigen und so Klimaprozesse aus ihrem „dynamischen Gleichgewicht“ gebracht werden.</p>
<p>Dieser Stoffwechsel wird von Seite der Natur durch nat&#252;rliche Gesetze, die die unterschiedlichen physischen Prozesse beherrschen, reguliert; gleichzeitig bestimmt ihn die Gesellschaft durch institutionalisierte Normen, Arbeitsteilung, Einkommensverteilung etc..<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a></p>
<p>Die entscheidende Frage ist, welche gesellschaftlichen Prozesse Austauschprozesse regulieren und Energie- und Materialfl&#252;sse in einem spezifischen Gesellschaftssystem bestimmen. F&#252;r Marx lag die Antwort in der „menschlichen Arbeit und seine[r] Entwicklung in historisch spezifischen sozialen Formationen“<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a>.</p>
<h3>Arbeit als regulierender Prozess</h3>
<p>In den &#214;konomischen Manuskripten von 1861-63 schrieb Marx, dass „Arbeit die Aneignung der Natur zur Befriedigung der menschlichen Bed&#252;rfnisse ist, die Aktivit&#228;t durch die der Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur vermittelt wird.“ Marx baute sein Verst&#228;ndnis des allgemeinen Arbeitsprozesses – im Gegensatz zu seinen historisch spezifischen Formen – auf dem Metabolismuskonzept auf.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> „Die Arbeit ist zun&#228;chst ein Proze&#223; zwischen Mensch und Natur, ein Proze&#223;, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegen&#252;ber. Die seiner Leiblichkeit angeh&#246;rigen Naturkr&#228;fte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer f&#252;r sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur au&#223;er ihm wirkt und sie ver&#228;ndert, ver&#228;ndert er zugleich seine eigne Natur…Er [der Arbeitsprozess] ist allgemeine Bedingung des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur, ewige Naturbedingung des menschlichen Lebens.<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a></p>
<p>Der Arbeitsprozess hat in jeder Gesellschaft zwei Aspekte, einen materiellen und einen gesellschaftlichen. Ersterer meint die Organisation und technische Durchf&#252;hrung des Arbeitsprozesses, die verwendeten Produktionsmittel und Ressourcen, technologische M&#246;glichkeiten etc.. Zugleich ist der Arbeitsprozess ein gesellschaftlicher Prozess, in dem Menschen kooperieren, um die notwendigen G&#252;ter zu produzieren und aufzuteilen. Der Arbeitsprozess ist in der traditionellen marxistischen Interpretation ein <em>transformierender</em> Prozess, die Umwandlung nat&#252;rlicher Rohstoffe oder Produkte fr&#252;herer Arbeit in G&#252;ter, z.B. die Umwandlung von Holz in M&#246;bel. Der &#246;kologische Marxist Ted Benton argumentiert daf&#252;r, diesen Arbeitsbegriff auszuweiten. Arbeit ist demnach nicht nur ein transformierender, sondern auch ein <em>regulierender </em>Prozess. Arbeit wird aufgewendet, um die „Bedingungen der Produktion“, in denen &#246;kologische Prozesse ablaufen, zu optimieren. In diesem Sinne wird der Wald, aus dem das Holz f&#252;r M&#246;bel kommt, nicht produziert, sondern nur die Bedingungen f&#252;r gutes Wachstum geschaffen. Arbeit stellt also auch einen <em>&#246;ko-regulierenden</em> Vorgang dar. Diese Arbeit, die die Bedingungen f&#252;r organisches Wachstum und Entwicklung optimiert, ist prim&#228;r eher eine Arbeit des Erhaltens, Regulierens und Reproduzierens nicht-manipulierbarer &#246;kologischer Prozesse, als die Transformation von Stoffen „(z.B. Erhaltung der physischen Struktur des Bodens als wachsenden Medium, erhalten und regulierten des Wasservorrats, N&#228;hrstoffangebots in Konkurrenz zu anderen organischen Spezies etc.)“<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Menschliche Arbeit kann diese nicht-manipulierbaren Prozesse zwar nutzen, aber die Prozesse selbst nicht kontrollieren. &#214;kologische Bedingungen geben menschlichen Gesellschaften gewisse Potenziale und Grenzen vor, in denen diese sich bewegen m&#252;ssen. Die Entwicklung der Landwirtschaft erm&#246;glichte es z. B. Gesellschaften, mehr Energie in Form von Nahrungsmitteln gewinnen zu k&#246;nnen, indem sie die Bedingungen f&#252;r erh&#246;htes Pflanzenwachstum schuf und regulierte, ohne dass die Wachstumsprozesse der Pflanzen selbst, z.B. die Abh&#228;ngigkeit der Pflanzen von N&#228;hrstoffen und Sonnenlicht, kontrolliert werden konnte.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> So schaffte es zwar „die gr&#252;ne Revolution“, die Nahrungsmittelertr&#228;ge durch den Einsatz synthetischer D&#252;ngemittel und Konzentration auf ertragreiche Monokulturen um ein Vielfaches zu erh&#246;hen, l&#246;ste damit aber zugleich eine Kette von Probleme aus: Einerseits gef&#228;hrden Monokulturen die Biodiversit&#228;t und sind anf&#228;lliger f&#252;r Sch&#228;dlinge, andererseits st&#246;rt die Ausbringung der D&#252;ngemittel jene &#246;kologische Abl&#228;ufe, die die Bodenfruchtbarkeit und auf lange Sicht die Nahrungsmittelsicherheit garantieren Die technologischen M&#246;glichkeiten der Ertragssteigerung m&#252;ssen daher &#246;kologische Auswirkungen und Prozesse ber&#252;cksichtigen, die nicht kontrollierbar, f&#252;r die Herstellung von Nahrungsmitteln aber entscheidend sind. Die eigentliche Aktivit&#228;t der Arbeit ist deswegen niemals unabh&#228;ngig vom Potenzial der Natur, Reichtum zu erzeugen, wobei der Arbeitsprozess als zwischen Gesellschaft und Natur vermittelnder Prozess agiert.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a></p>
<p>Die r&#228;umliche und zeitliche Verteilung der Arbeitsaktivit&#228;t ist zu gro&#223;em Teil durch gesellschaftliche Verteilung der Arbeitskraft und -zeit auf produktive Aktivit&#228;ten, kontextuelle Bedingungen des Arbeitsprozess und den Rhythmus der organischen Prozesse geformt, d. h. der Arbeitsprozess wird sowohl durch gesellschaftliche als auch durch &#246;kologische Prozesse geregelt. Das Konzept des Stoffwechsels nimmt daher bei Marx sowohl eine spezifisch &#246;kologische als auch eine weitere soziale Bedeutung an.<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a></p>
<h3>„Kapitalistischer Stoffwechsel“ und der Doppelcharakter der Arbeit</h3>
<p>Die bisherigen Ausf&#252;hrungen waren abstrakt und auf keine bestimmte Gesellschaftsformation bezogen. Jede Produktionsweise schafft jedoch ihre <em>spezifische </em>Art des gesellschaftlichen Stoffwechsels mit einem ihr spezifischen Arbeitsprozess, der die Interaktion zwischen Gesellschaft und Natur reguliert. Diese Interaktion beeinflusst die st&#228;ndige Reproduktion von Gesellschaft und &#214;kosystem. Die apitalistische Produktionsweise ist dabei deshalb eine besondere, weil sie st&#228;ndig w&#228;chst und wachsen muss, um zu funktionieren.</p>
<p>Die Arbeit nimmt in einer kapitalistischen Gesellschaft eine doppelte Form an. Sie ist nicht nur, wie in jeder Gesellschaftsformation zuvor, <em>konkrete </em>Arbeit, also die unterschiedlichen Arbeitsprozesse, die zur Herstellung von bestimmten Gebrauchswerten – von Nahrung, Kleidung oder Dienstleistungen – durchgef&#252;hrt werden, sondern zugleich <em>abstrakte</em>, d.h. wertbildende Arbeit. Dieser Doppelcharakter als konkrete und abstrakte Arbeit ist f&#252;r Marx der „Springpunkt (&#8230;) um den sich das Verst&#228;ndnis der politischen &#214;konomie dreht (&#8230;). Alle Arbeit ist einerseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft (&#8230;) und in dieser Eigenschaft gleicher menschlicher oder abstrakt menschlicher Arbeit bildet sie den Warenwert. Alle Arbeit ist andrerseits Verausgabung menschlicher Arbeitskraft in besondrer zweckbestimmter Form, und in dieser Eigenschaft konkreter n&#252;tzlicher Arbeit produziert sie Gebrauchswerte“<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a></p>
<p>Der kapitalistische Produktionsprozess beinhaltet sowohl den Prozess der Produktion von Gebrauchswerten, als auch den Prozess der Produktion von (Tausch)werten. „Naturkreisl&#228;ufe und &#246;konomische Kreisl&#228;ufe sind beide gleicherweise bedeutsam f&#252;r die gesellschaftlichen Existenzbedingungen, f&#252;r Produktion und Konsumtion.“ Der Vorteil des marxistischen Ansatzes gegen&#252;ber anderen &#246;konomischen Theorien ist es, diese beiden Seiten des kapitalistischen Arbeitsprozesses zu ber&#252;cksichtigen. So schreibt Elmar Altvater: „W&#228;hrend thermodynamisch orientierte &#246;konomische Theorien die stofflichen Prozesse analysieren, sich also auf die Gebrauchswertseite und die konkrete Arbeit im Arbeitsprozess konzentrieren, r&#252;cken sowohl die keynesianische als auch die neoliberale &#246;konomische Theorie die Werttransformationen bzw. die Preisbewegungen ins Zentrum. Sie sehen vor allem die Tauschwertseite, die abstrakte Arbeit im Verwertungsprozess. Der Marx‘sche Ansatz ist daher insofern einzigartig, als er anders als Thermodynamik oder Keynesianismus und Neoklassik beide Seiten und ihre Widerspr&#252;chlichkeit hervorhebt und zu analysieren vermag.“ <a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> Der Doppelcharakter der Arbeit als konkrete und abstrakte Arbeit erweist sich dann als Schl&#252;ssel zum besseren Verst&#228;ndnis des gesellschaftlichen Stoffwechsels.</p>
<p>In der kapitalistischen Produktionsweise ist abstrakte, wertbildende Arbeit der konkreten Arbeit &#252;bergeordnet, der Verwertungsprozess hat Vorrang gegen&#252;ber dem Arbeitsprozess. Der Produktionsprozess ist hier also in erster Linie nicht eine Produktion zur Befriedigung von Bed&#252;rfnissen, sondern eine zur Schaffung von Tauschwerten.</p>
<p>Dies bedeutet, dass das Ziel einzelner Unternehmen die Erwirtschaftung von Profiten &#252;ber die Aneignung des im Arbeitsprozess erzielten Mehrwerts ist. Die Konkurrenz zwingt die einzelnen Unternehmen, ihren Profit immer wieder zu reinvestieren, um nicht vom Markt verdr&#228;ngt zu werden. Kapital wird wieder in den Produktionsprozess investiert, um einen „return to capital“, d. h. Profit, zu erwirtschaften. Die Akkumulation von Kapital ist daher Ziel und Bedingung des Produktionsprozesses. „Profite sind Voraussetzung f&#252;r Akkumulation und Innovation – und umgekehrt: Profite sind nur realisierbar, sofern die Akkumulation nicht stoppt.“ Wenn Investitionen ausbleiben oder Profite nicht wachsen k&#246;nnen, stockt die Zirkulation des Kapitals und dies zieht eine Krise nach sich.</p>
<p>Die Wachstumsdynamik, die so ein System auszeichnet, ist offensichtlich. Wie Joseph Schumpeter anmerkt, ist „Kapitalismus ein Prozess. Ein station&#228;rer Kapitalismus ist daher ein Widerspruch in sich.“<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a> Aus diesem Grund ist das Festhalten am Wachstumsziel nicht nur ideologisch bedingt, sondern beruht auf strukturellen Eigenschaften des Kapitalismus, der „akkumulieren muss oder sterben.“<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a></p>
<p>John Bellamy Foster beschreibt diese Dynamik als „Tretm&#252;hle der Produktion“. Diese beinhaltet die systeminh&#228;rente Akkumulationsdynamik, bei der ein relativ kleiner Anteil der Bev&#246;lkerung auf der Spitze der sozialen Pyramide Reichtum akkumuliert, die langfristige Verschiebung von ArbeiterInnen aus der Selbstst&#228;ndigkeit in Lohnarbeitsverh&#228;ltnisse, die zwingend ist f&#252;r die kontinuierliche Ausweitung der Produktion, die Schaffung neuer Bed&#252;rfnisse, die einen „unstillbaren Hunger nach mehr nach sich ziehen“ und damit die Ausweitung der M&#228;rkte, die notwendig ist, um die im Verlauf von Akkumulation und Wachstum produzierten Waren absetzen zu k&#246;nnen. Nicht zuletzt ist die st&#228;ndige technologische Weiterentwicklung eine Dimension dieser Tretm&#252;hle. Die Konkurrenz zwischen einzelnen Unternehmen zwingt diese dazu, das akkumulierte Kapital in die Entwicklung von „revolution&#228;ren neuen Technologien“ zu investieren, um die Produktion anzukurbeln und auszuweiten. Darunter fallen auch energieeffizientere und „umweltfreundlichere“ Technologien, die letztlich das Ziel haben, die Arbeitsproduktivit&#228;t zu steigern und immer Teil kapitalistischer Entwicklung sind. Letztlich haben all diese Technologien das Ziel, die Akkumulation anzukurbeln und dienen daher als Wachstumsmotor. Obwohl durch sie nat&#252;rlich &#246;kologische Verbesserungen erreicht werden k&#246;nnen, werden die grundlegenden Widerspr&#252;che so nicht gel&#246;st. Dieser Sachverhalt widerspricht der erw&#228;hnten Hoffnung auf eine rein technologische L&#246;sung &#246;kologischer Probleme. Das Besondere an der „Tretm&#252;hle der Produktion“ ist, dass jedeR, wie ein Hamster im Laufrad, Teil dieser Tretm&#252;hle ist und nicht aussteigen kann oder will.<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a></p>
<p>Der gesellschaftliche Stoffwechsel einer kapitalistischen Gesellschaft ist gepr&#228;gt von &#246;konomischen Prozessen, die einem inneren Akkumulationsprozess unterworfen sind. Weil aber &#246;konomische Prozesse sowohl Prozesse der Werterzeugung – im Sinne der abstrakten Arbeit – als auch Prozesse der Transformation von Materialien und Energie – im Sinne konkreter Arbeit – sind, bleiben &#246;konomische Wachstumsprozesse immer auch an physische Wachstumsprozesse gekoppelt. „Soweit die expansive Dynamik der kapitalistischen Akkumulation auch die Produktion von Gebrauchswerten ben&#246;tigt, folgt, dass die immanente Eigenschaft kapitalistischer Produktionsweise… die Tendenz besitzt die &#246;kologischen Bedingungen von Nachhaltigkeit zu &#252;berschreiten.“ Der „kapitalistische Stoffwechsel“ &#252;berschreitet dabei jetzt schon &#246;kologische Grenzen. Wie der bekannte Indikator des „&#246;kologischen Fu&#223;abdrucks“ recht anschaulich zeigt, ben&#246;tigt „die Menschheit“ – ohne auf die gro&#223;en Unterschiede zwischen den einzelnen L&#228;ndern und Klassen einzugehen – 1,3 Planeten, um die gebrauchten Ressourcen und Absorptionssenken zur Verf&#252;gung zu stellen, d.h. unser Planet braucht ein Jahr und vier Monate, um zu regenerieren, was in einem Jahr verbraucht wird.<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a></p>
<p>Das asymmetrische Verh&#228;ltnis zwischen den zwei Aspekten des kapitalistischen Arbeitsprozesses ist die Quelle f&#252;r eine ganze Reihe von Irrationalit&#228;ten der globalen Verteilung von Arbeit und materiellen Ressourcen – im Bezug auf menschliche Bed&#252;rfnisse. Die &#220;berordnung des wertbildenden Aspekts des Arbeitsprozesses „intensiviert die Insensitivit&#228;t gegen&#252;ber materiellen Bedingungen, Ressourcen, und Grenzen durch ihre Indifferenz gegen&#252;ber dem konkreten Charakter des [Arbeits]prozesses.“<a title="anm_49" name="anm_49" href="#anm49"><sup>49</sup></a> &#214;kologische Prozesse werden der Logik der kapitalistischen Produktionsweise untergeordnet und damit der Logik des Profits, die eine eigene zeitliche und r&#228;umliche Dynamik besitzt. Ohne ein umfassendes Bild zeichnen zu k&#246;nnen, m&#246;chte ich im Folgenden auf einige der damit verbundenen Ver&#228;nderungen eingehen.</p>
<h3>Raum und Zeit</h3>
<p>W&#228;hrend &#246;kologische Wachstums-, Kreislauf- und Ver&#228;nderungsprozesse in unterschiedlichen Zeit- und Raumdimensionen, zwischen Sekunden und Jahrtausenden auf Ebene der Gene bis zum globalen &#214;kosystem ablaufen, z&#228;hlt im Kapitalismus schneller Profit und deshalb schnelle Prozesse. Die Akkumulationsdynamik f&#252;hrt deshalb nicht nur zu einem Wachstumstrend, sondern zu einer generellen Beschleunigung von Prozessen. Die Auswirkungen auf die Umwelt fasst D&#252;rr zusammen: „Eine h&#246;here Beschleunigung beg&#252;nstigt im Wettlauf der insgesamt m&#246;glichen Prozesse immer die ungehindert schnell ablaufenden Abbauprozesse gegen&#252;ber den zeitfordernden Aufbauprozessen und bei diesen wieder die Reproduktionsprozesse gegen&#252;ber der Neuproduktion, der Innovation, dem eigentlichen Kreativen.“<a title="anm_50" name="anm_50" href="#anm50"><sup>50</sup></a> Schnell wachsenden Monokulturen, die rasch als Rohstoffe zur Verf&#252;gung stehen, wird deshalb der Vorzug gegeben, ohne die irreparablen Sch&#228;den an B&#246;den und &#214;kosystem, die daraus entstehen, zu ber&#252;cksichtigen. Auch die akute &#220;berfischung der Meere ist eine direkte Folge der Unterordnung der nat&#252;rlichen Reproduktionsbedingungen der Fischbest&#228;nde unter die Logik des schnellen Profits. Die Kurzzeitperspektive kapitalistischer Investitionsentscheidungen wird zum essentiellen Faktor in gesellschaftlichen Entscheidungen. So l&#228;sst sich auch erkl&#228;ren, warum &#214;konomen im Kampf gegen den Klimawandel so bescheidene Ma&#223;nahmen wie das Kyotoprotokoll wegen ihrer „&#220;berhastetheit“ kritisieren.<a title="anm_51" name="anm_51" href="#anm51"><sup>51</sup></a></p>
<p>Der Unterordnung zeitlicher Prozesse folgt die Unterordnung des Raumes. Auf der Suche nach immer neuen Absatzm&#228;rkten und Profitquellen wird immer mehr Raum in Besitz genommen und in Wert gesetzt. Die Grenze sind nicht die kontinentalen Fl&#228;chen. „Die Meeresb&#246;den, die Arktis und Antarktis, die Gletscherwelt der Hochgebirge, die tropischen Regenw&#228;lder, das erdnahe Weltall, die molekulare Nanor&#228;ume der Gene werden erschlossen, in Wert gesetzt und in Handelsware und Geld verwandelt.“<a title="anm_52" name="anm_52" href="#anm52"><sup>52</sup></a></p>
<p>Die Entwicklung immer besserer Transport- und Kommunikationstechnologien bewirkt eine &#220;berwindung von r&#228;umlichen Grenzen und Beschr&#228;nkungen. Die scheinbar zunehmende (&#246;konomische) Irrelevanz von Distanzen gipfelt in der Entwicklung von Gro&#223;st&#228;dten. Zusammen mit der Entdeckung von fossilen Energietr&#228;gern kann ohne die Begrenzung durch Fl&#228;chen und Transportwegen landwirtschaftliche Produktion und industrielle Produktion getrennt werden. Die daraus resultierende St&#246;rung reproduktiver N&#228;hrstoffzyklen – durch den Transport der Agrarprodukte in die St&#228;dte ohne gleichzeitige R&#252;ckf&#252;hrung der darin enthaltenen N&#228;hrstoffe in die Anbauregionen – resultiert in einem „metabolischen Spalt“<a title="anm_53" name="anm_53" href="#anm53"><sup>53</sup></a>. Die zunehmende Unabh&#228;ngigkeit von regionale Kontexte und spezifische Eigenschaften von &#214;kosystemen f&#252;hrt zu einer Verdr&#228;ngung dezentraler, an &#246;kologische Bedingungen besser angepasster Systeme durch eine zunehmen Zentralisierung.</p>
<h3>Grenzen des Verwertungsprozesses</h3>
<p>Die Unterwerfung aller &#246;kologischer Prozesse unter &#246;konomische ist Teil einer generellen Unterwerfung von unterschiedlichen, nicht &#246;konomischen „Werten“ unter den bestimmenden &#246;konomischen Wert. Kosten-Nutzen-Analysen sollen alle Faktoren auf eine monet&#228;re Dimension reduzieren. Das komplexe, organisch verbundene &#214;kosystem wird dabei in von einander getrennte St&#252;cke aufgetrennt und der Bewertung ausgesetzt. Doch &#214;kosysteme, wie z.B. der Regenwald, besitzen nicht nur eine &#246;konomische und &#246;kologische Dimensionen, sondern stellen auch Lebensraum f&#252;r menschliche Bev&#246;lkerungen mit eigenen politischen, kulturellen und &#246;konomische Anspr&#252;chen und Wertvorstellungen dar, die nicht auf die monet&#228;re Bewertung heruntergebrochen werden k&#246;nnen.</p>
<p>Vermeintlich l&#246;st sich der Verwertungsprozess vom konkreten Arbeitsprozess bzw. von den materiellen Grundlagen und &#246;kologischen Bedingungen &#246;konomischer Prozesse. Naturschranken werden immer weiter zur&#252;ckgedr&#228;ngt. Deswegen verwundert es nicht, dass in Diskussionen &#252;ber eine &#246;kologisch nachhaltige Gesellschaft „nat&#252;rliches Kapital“ und „menschengemachtes Kapital“ als austauschbar angesehen werden und die M&#246;glichkeit einer von materiellen Prozessen unabh&#228;ngigen, dematerialisierten Wirtschaft gesehen wird, bei der die nat&#252;rlichen Grenzen immer weiter verschoben werden k&#246;nnten. Doch der Verwertungsprozess l&#228;uft nicht unabh&#228;ngig von den materiellen Bedingungen ab, in denen die Arbeitsprozesse stattfinden; diese bilden vielmehr die zwar untergeordnete, aber notwendige Grundlage des Verwertungsprozesses. Diese materiellen Bedingungen umfassen <em>nat&#252;rliche</em> Bedingungen und <em>produzierte </em>Bedingungen, also Boden, Rohstoffvorkommen, Atmosph&#228;re, Klima sowie Stra&#223;en, Kan&#228;le etc. Wenn nat&#252;rliche Bedingungen wegfallen – sei es, weil Ressourcen ersch&#246;pft sind oder weil durch Bodendegeneration fallende Ertr&#228;ge zu verzeichnen sind –, werden dem Arbeitsprozess und damit dem Verwertungsprozess Grenzen gesetzt. Der &#246;konomische Prozess der Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals ist verbunden mit der Reproduktion nat&#252;rlicher Prozesse, deren Aufrechterhaltung Teil des Arbeitsprozesses ist. Nat&#252;rliche Bedingungen sind somit sowohl <em>Bedingungen </em>der Produktion als auch <em>Subjekt</em> des Arbeitsprozesses.<a title="anm_54" name="anm_54" href="#anm54"><sup>54</sup></a> Eigendynamiken und die Nichtmanipulierbarkeit vieler &#246;kologischer Prozesse machen &#246;konomische Prozesse damit abh&#228;ngig von nat&#252;rlichen Grenzen. Die &#220;berordnung des Verwertungsprozesses &#252;ber konkrete Arbeitsprozesse in einer kapitalistischen Produktionsweise, die Desensibilisierung gegen&#252;ber &#246;kologischen Prozessen f&#252;hrt dazu, dass die entstehenden &#246;kologischen Zerst&#246;rungen im Zuge kapitalistischer Produktion eine Krise in der Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals ausl&#246;st. Besonders in den Branchen Energiegewinnung, Rohstoffindustrie, Land- und Forstwirtschaft, in denen die „urspr&#252;ngliche Aneignung der Natur“ stattfindet, kommt es zu einer Konzentration von Widerspr&#252;chen an den nat&#252;rlichen Bedingungen der kapitalistischen Reproduktion. Diese Produktionssektoren werden so zu den „Brennpunkten“, auf denen der wachsende Materialverbrauch aller anderen sozialen Aktivit&#228;ten aufbauen muss und aufbaut.<a title="anm_55" name="anm_55" href="#anm55"><sup>55</sup></a></p>
<h3>Antikapitalismus und dar&#252;ber hinaus</h3>
<p>So wichtig der Kampf um &#246;kologisch nachhaltigere Produktion und Konsumption im kapitalistischen System ist, bleibt es also doch der durch die Akkumulation angetriebene kapitalistische Stoffwechsel an sich, den &#246;kologische Bewegungen herausfordern m&#252;ssen, wenn sie <em>die </em>Treibkraft hinter physischem Wachstum und &#246;kologischen Zerst&#246;rungen aushebeln wollen. Zeiten der Krise bergen immer auch die M&#246;glichkeit eines Umbruchs und die Chance, das Verh&#228;ltnis zwischen Gesellschaft und Natur, den gesellschaftlichen Stoffwechsel, jenseits des kapitalistischen Stoffwechsels nachhaltig zu gestalten.</p>
<p>Doch wie kann ein solcher post-kapitalistischer Stoffwechsel gedacht werden? Bedeutet nicht die Aufgabe physischen Wachstums die Aufgabe von Fortschritt und menschlicher Entwicklung per se? Eine statische Gesellschaft?</p>
<p>Die Konzentration auf quantitatives Wachstum verstellt den Blick darauf, „dass „Entwicklung“ nicht einen unilinearen Prozess einer quantitativen Expansion der Produktivkr&#228;fte darstellt, sondern eher als Bandbreite qualitativ unterschiedlicher Wege gesehen werden muss, gesellschaftliche M&#246;glichkeiten zu verwirklichen“<a title="anm_56" name="anm_56" href="#anm56"><sup>56</sup></a>. Die &#220;berwindung der kapitalistischen Produktionsweise ist ein wichtiger und notwendiger Schritt in Richtung einer &#246;kologisch nachhaltigen Gesellschaft, aber keine Garantie f&#252;r die Existenz einer solchen. Dies bedeutet, dass der Kapitalismus nicht die Wurzel <em>allen </em>&#246;kologischen &#220;bels ist, sondern auch eine sozialistische Gesellschaft einen gesellschaftlichen Stoffwechsel besitzt – mit einer „spezifischen Kombination aus erm&#246;glichenden und begrenzenden Bedingungen“, deren &#246;kologische Auswirkungen eine komplexe Kombination sozialer Praxen und kontextualer Bedingungen sind.<a title="anm_57" name="anm_57" href="#anm57"><sup>57</sup></a> Negative Auswirkungen auf &#214;kosysteme sind nicht nur Teil einer kapitalistischen Gesellschaft, sondern existierten auch in pr&#228;kapitalistischen und nicht industrialisierten Gesellschaften. Unver&#228;nderliche bzw. unkontrollierbare nat&#252;rliche Prozesse – wie organische Wachstumsprozesse, Klimaprozesse u.v.m – liefern die Bedingungen, unter denen menschliche Gesellschaften funktionieren. In dem Sinn geht es weniger um die <em>&#220;berwindung </em>nat&#252;rlicher Grenzen zur Befriedigung menschlicher Bed&#252;rfnisse, als vielmehr um die bewusste <em>Anpassung</em> an &#246;kologische Gegebenheiten und einen sorgf&#228;ltigen Umgang mit unvorhersehbaren Risiken und irreversiblen Prozessen. Ziel technologischer Entwicklungen und wissenschaftlicher Forschung sollte also die Erh&#246;hung der Anpassungsf&#228;higkeit menschlicher Gesellschaften an &#246;kologische Prozesse und das Erkennen von M&#246;glichkeiten und Grenzen menschlicher Bed&#252;rfnisbefriedigung sein. Wenn nichtmanipulierbare Bedingungen und &#252;ber Arbeitsprozesse vermittelte Elemente der Gesellschaft-Natur-Interaktion ber&#252;cksichtigt werden, kann zwischen solchen Technologien unterschieden werden, „die nat&#252;rliche Grenzen &#252;berschreiten und solche[n], die die Adaptionsf&#228;higkeit angesichts nat&#252;rlicher Bedingungen erh&#246;hen.“ <a title="anm_58" name="anm_58" href="#anm58"><sup>58</sup></a> Die „ungeplante Kontrolle der unsichtbaren Hand des Marktes“ &#252;ber die Anwendung technologischer Entwicklungen w&#252;rde durch die „sichtbare Hand“ der demokratischen Planung ersetzt werden.<a title="anm_59" name="anm_59" href="#anm59"><sup>59</sup></a> Die Demokratisierung von Entscheidungsfindungen w&#252;rde es mit sich f&#252;hren, dass sich eine &#246;kologisch bewusste menschliche Gesellschaft auch tats&#228;chlich f&#252;r &#246;kologisch vertretbare Produktion und Technologie entscheiden k&#246;nnte. In einer wirklich demokratischen und &#246;kologisch bewussten Gesellschaft k&#246;nnte damit das Prinzip der „&#246;kologische Nachhaltigkeit“ als „regulierendes Gesetz“ gesellschaftlicher Entscheidungen dienen, das die ko-evolution&#228;re Entwicklung menschlicher Gesellschaft mit der Natur bestimmt.<a title="anm_60" name="anm_60" href="#anm60"><sup>60</sup></a></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Ein interessanter Text &#252;ber die Hintergr&#252;nde der Nahrungsmittelkrise findet sich auf http://www.sozialismus.net/content/view/215/140/<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Foster, John Bellamy: <a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/oekologie-der-zerstoerung/">&#214;kologie der Zerst&#246;rung</a>; in: <em>Perspektiven </em>2 (2007).<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_1">3</a> Altvater, Elmar: Das Ende des Kapitalismus wie wir ihn kennen (M&#252;nster 2005).<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Zurzeit wird mehr Energie in Form fossiler Energietr&#228;ger in die Landwirtschaft gesteckt, als Energie in Form von Nahrung geerntet werden kann. Energetisch gesehen ist die industrielle Landwirtschaft ein Verlustgesch&#228;ft. Dies zeigt die Abh&#228;ngigkeit der industriellen Landwirtschaft von fossilen Energietr&#228;gern.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Die scheinbar saubere Alternative zu fossilen Energietr&#228;gern – nukleare Kraftwerke – wird immer wieder in die Diskussion gebracht (z.B. auch von dem Biophysiker und Entwickler der Gaia-Hypothese James Lovelock), weil die Zeit f&#252;r einen Umstieg auf Solarenergie nicht oder zu langsam m&#246;glich scheint. Die Gefahr der Atomkraft liegt nicht nur in der M&#246;glichkeit katastrophaler Unf&#228;lle, sondern auch im ungel&#246;sten Problem der Lagerung radioaktiven Materials und Abfalls. Ganz abgesehen davon, dass auch Uran ein endlicher Rohstoff ist.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Zu Peak Oil vgl. Foster, John Bellamy: Peak Oil and Energy Imperialisms, http://www.monthlyreview.org/080707foster.php bzw. Altvater, a.a.O.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Altvater, Elmar: Ein System, das die „Springquellen des Reichtums“ untergr&#228;bt: die Erde und den Arbeiter; in: Marx21 5 (2008), http://marx21.de/content/view/617/1/<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Altvater: Das Ende …, a.a.O.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> MIT=Massachusetts Institute of Technology<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> In diesem Artikel liegt der Fokus auf der Verbindung zwischen Wirtschaftswachstum und &#246;kologischen Bedingungen. Dass es noch andere Prozesse gibt, die die Wachstumsdynamik oder besser Akkumulationsdynamik kapitalistischer Systeme nicht reibungslos ablaufen l&#228;sst, ist klar.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Meadows, Donella H. et al.: Limits to growth. The 30-year update (White River Junction 2004).<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Ebd.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Zit. n. Foster, John Bellamy: Thy Tyranny of the Bottom Line; in: ders. (Hg.): Ecology against capitalism (New York 2002), S. 10.<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Meadows, a.a.O.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Foster, John Bellamy: Ecology against Capitalism; in: ders. (Hg.): Ecology against capitalism, a.a.O.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Wachstum war nicht immer ein Schl&#252;sselbegriff der &#214;konomie. Erst seit den 1920er Jahren r&#252;ckte wirtschaftliches Wachstum ins Zentrum des Interesses und es entstanden erste Wachstumstheorien. „Noch in der klassischen Politischen &#214;konomie von Adam Smith oder David Ricardo spielt Wachstum im Unterschied zu Verteilung keine herausgehobene Rolle. Die Kategorie gab es einfach nicht im Kanon der politischen &#214;konomie.“ Altvater: Das Ende …, a.a.O.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Altvater: Das Ende …, a.a.O.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Easterlin, Richard: Growth Triumph. The Twenty-first century in historical perspective (Ann Arbor 1996), S. 135.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Meadows, a.a.O.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Aus der Kritik am BIP als Wohlstandindikator sind einige neue Indikatoren entstanden. Zum Beispiel wurden beim <em>Index of Sustainable Economic Welfare </em>(ISEW) u.a. Faktoren wie Umweltverschmutzung und Einkommensverteilung ber&#252;cksichtigt. Es zeigte sich, dass ab einem gewissen „Wohlstandslevel“ weiteres Wirtschaftswachstum keine Erh&#246;hung von Lebensqualit&#228;t brachte.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Altvater: Das Ende …, a.a.O.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Die Annahme der <em>Environmental Kuznets Curve </em>(EKC) weist in diese Richtung. Obwohl ein Zusammenhang zwischen BIP-Wachstum und verringerten Emissionen f&#252;r manche Schadstoffe nachgewiesen werden konnte, kann kein genereller Trend erkannt werden. Zur Debatte um die EKC: http://www.ecoeco.org/pdf/stern.pdf<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> „Dematerialisierung“ ist empirisch nicht nachzuweisen. Zwar gibt es eine relative Entkopplung zwischen Wirtschaftswachstum und physischem Wachstum, der Ressourcenverbrauch w&#228;chst aber trotzdem. Auch die Hoffnung einer „leichteren“ Dienstleistungsindustrie ist &#252;berzogen. „Krankenh&#228;user, Schulen, Banken, Gesch&#228;fte z&#228;hlen zum Dienstleistungssektor, doch man muss nur die LKWs beobachten, die Essen, Papier, Treibstoff und Ausr&#252;stung bringen, oder Abfall und Abwasser messen, um zu wissen, dass die Dienstleistungsgesellschaft einen hohen physischen Durchsatz ben&#246;tigt.“ (Meadows, a.a.O.).<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Hawkins, Paul et al.: Natural Capitalism: Creating the new Industrial Revolution (Boston 2000), http://www.natcap.org/<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Ehrlich, Paul R./ Ehrlich, Anne: The Population Bomb (New York 1995).<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Foster: The Tyranny …, a.a.O.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Barry Commoners „The Closing Circle“ ist hier ein gute Ausnahme. W&#228;hrend die Auswirkungen vieler „kapitalistischer Technologien” kritisiert werden, wird Technologie per se nicht abgelehnt. Seine Antwort auf die „Grenzen des Wachstums“-Diskussion war eine, wie er es nannte, „&#246;kosozialistische“.<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Das Argument ist hier nicht, dass Bev&#246;lkerungswachstum keine &#246;kologischen Probleme mit sich bringt oder dass die menschliche Bev&#246;lkerung unendlich wachsen kann. Eher soll auf die komplexen Vorg&#228;nge aufmerksam gemacht werden, die sowohl Bev&#246;lkerungswachstum regeln als auch den unterschiedlichen &#246;kologischen Impakt menschlicher Bev&#246;lkerung in unterschiedlichen Gesellschaften. Auch das „Bev&#246;lkerungsproblem“ darf daher nicht von dem historischen Kontext herausgel&#246;st als eine fixe Grenze dargestellt werden. Wie die Diskussion zur Zeit gef&#252;hrt wird, endet sie zumeist in reaktion&#228;ren Forderungen nach strikten Geburtenkontrollen und Zuwanderungsstopp in industrialisierte L&#228;nder. Zur Diskussion um „Malthusianer“ vgl. Foster, John Bellamy: Malthus‘ Essay on Population at Age 200, http://findarticles.com/p/articles/mi_m1132/is_7_50/ai_53590413.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Foster, John Bellamy: Marx’s ecology (New York 2000).<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Ebd.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Ebd.<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Odum, Eugene et al.: Fundamentals of Ecology (Belmont 2004).<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> In diesem Artikel wird nicht auf empirische Untersuchungen des gesellschaftlichen<br />
Stoffwechsels eingegangen. Empirischer Forschung im Sinne einer Material- und Energiefluss-Analyse von staatlichen und nationalen Stoffwechseln wird u.a. vom Institut f&#252;r Soziale &#214;kologie am IFF in Wien betrieben, das das Konzept des gesellschaftlichen Stoffwechsels anwendet und weitere Forschung bzw. konzeptuelle Erweiterungen daran kn&#252;pft. Dieser Artikel st&#252;tzt sich aber haupts&#228;chlich auf die Interpretation des gesellschaftlichen Stoffwechsels von John Bellamy Foster.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Zur Klimadiskussion siehe den Beitrag von Franzikus Forster und Michael Botka in dieser Ausgabe.<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Foster: Marx’s ecology, a.a.O.<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Ebd.<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Ebd.<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Marx, Karl: Das Kaptial. Band 1 (MEW 23) (Berlin 1962), S. 192-198.<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Ebd., S. 161<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Neue biotechnologische und gentechnische Forschung versucht nat&#252;rlich auch, diese Prozesse kontrollierbar zu machen. Allerdings sprechen mehrere Aspekte dagegen. Einerseits gibt es unvorhersehbare &#246;kologische Risiken mit der Ausbringung genetisch modifizierter Organismen (GMO), andererseits auch gesundheitliche Risiken f&#252;r Menschen. Z.B. k&#246;nnten GMO so ver&#228;ndert werden, dass sie weniger N&#228;hrstoffe br&#228;uchten, was bedeuten w&#252;rde, dass auch weniger N&#228;hrstoffe in der Nahrung enthalten w&#228;ren.<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Benton, Ted: Marxism and Natural Limits; in: ders.: The Greening of Marxism (New York 1996).<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Foster: Marx’s ecology, a.a.O.<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Marx, a.a.O., S. 56-61<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Altvater: Ein System …, a.a.O.<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Foster: Ecology Against Capitalism, a.a.O. Gerade in der Nachhaltigkeitsdebatte wird von AutorInnen wie Herman Daly in Anlehnung an klassische Wirtschaftstheoretiker immer wieder die M&#246;glichkeit eines station&#228;ren Kapitalismus betont.<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> Ebd.<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> Foster, John Bellamy: Global Ecology and the Common Good; in: ders.: Ecology against Capitalism, a.a.O.<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> http://www.footprintnetwork.org/en/index.php/GFN/page/world_footprint/ Nat&#252;rlich ist hier wichtig zu betonen, dass der Verbrauch ungleich verteilt ist und dass es Klassenunterschiede sowie Unterschiede zwischen industrialisierten L&#228;ndern und Entwicklungsl&#228;ndern gibt.<br />
<a title="anm49" name="anm49" href="#anm_49">49</a> Benton, a.a.O.<br />
<a title="anm50" name="anm50" href="#anm_50">50</a> D&#252;rr, Hans Peter: Struktur, Wertsch&#246;pfung und Nachhaltigkeit (M&#252;nster 1998), zit. n. Altvater: Das Ende…, .a.a.O., S. 74<br />
<a title="anm51" name="anm51" href="#anm_51">51</a> Foster: Ecology Against Capitalism, a.a.O.<br />
<a title="anm52" name="anm52" href="#anm_52">52</a> Narr, Wolf Dieter: Introvertierte Imperialismen und ein angstgeplagter Hegemon; in: Prokla 133 (2003), zit. n. Altvater: Das Ende …, a.a.O.<br />
<a title="anm53" name="anm53" href="#anm_53">53</a> Foster: &#214;kologie der Zerst&#246;rung, a.a.O.<br />
<a title="anm54" name="anm54" href="#anm_54">54</a> Benton, a.a.O.<br />
<a title="anm55" name="anm55" href="#anm_55">55</a> Ebd.<br />
<a title="anm56" name="anm56" href="#anm_56">56</a> Ebd.<br />
<a title="anm57" name="anm57" href="#anm_57">57</a> Ebd.<br />
<a title="anm58" name="anm58" href="#anm_58">58</a> Ebd.<br />
<a title="anm59" name="anm59" href="#anm_59">59</a> L&#246;wy, Michael: Eco-Socialism and Democratic Planning; in: Coming to terms with nature. Socialist Register 2007 (London 2006).<br />
<a title="anm60" name="anm60" href="#anm_60">60</a> Benton, a.a.O.</p>
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		<title>Energie, Arbeit und gesellschaftliche Reproduktion</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2009/02/07/energie-arbeit-und-gesellschaftliche-reproduktion/</link>
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		<pubDate>Sat, 07 Feb 2009 11:13:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 7]]></category>
		<category><![CDATA[Energiepolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Naturverhältnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökologie]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Kolya Abramsky</em> argumentiert, dass Energie nicht blo&#223; Rohstoff f&#252;r den kapitalistischen Produktionsprozess ist, sondern historisch stets auch Mittel zur Befriedung von Klassenk&#228;mpfen war. Was bedeutet diese These im Kontext von Peak Oil und einer m&#246;glichen Energiewende?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Kolya Abramsky</em> argumentiert, dass Energie nicht blo&#223; Rohstoff f&#252;r den kapitalistischen Produktionsprozess ist, sondern historisch stets auch Mittel zur Befriedung von Klassenk&#228;mpfen war. Was bedeutet diese These im Kontext von Peak Oil und einer m&#246;glichen Energiewende?</p>
<p><span id="more-273"></span><em>„Energie ist elementare Bedingung jedweden Lebens. Die Verf&#252;gbarkeit &#252;ber Energie ist ein elementares und unteilbares Menschenrecht. (…) Es wird milliardenfach verletzt.“</em><a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a></p>
<p><em>„Aus kapitalistischer Perspektive erscheint Energie als wesentliches </em>technologisches Mittel zur internationalen Kontrolle der ArbeiterInnenklasse<em>. In erster Linie stellt sie einen </em>Ersatz f&#252;r die Arbeit <em>dar. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist das Kapital zunehmend mit der ArbeiterInnenklasse zu Rande gekommen, indem es Arbeit durch Energie ersetzt hat… Durch ihre unmittelbare Anwendung im Produktionsprozess befreit Energie das Kapital von der Arbeit. Daraus folgt, dass Kontrolle &#252;ber die Verf&#252;gbarkeit und den Preis von Energie sowohl Kontrolle &#252;ber die technologischen Bedingungen des Klassenkampfes auf internationaler Ebene, als auch Kontrolle &#252;ber &#246;konomische Entwicklung bedeutet.“</em><a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a></p>
<p>Um die gegenw&#228;rtige so genannte „Energiekrise“ und einen m&#246;glichen zuk&#252;nftigen „&#220;bergang zu erneuerbaren Energien und/oder zu einer Post-Erd&#246;l-Zukunft“ zu verstehen, muss ber&#252;cksichtigt werden, in welchen Verh&#228;ltnissen die Menschen den Reichtum der globalen &#214;konomie produzieren, und wie die ArbeiterInnenschaft reproduziert und politisch desorganisiert wird. Ebenso wichtig ist es, die spezifische Arbeitsteilung im Energiesektor auf globaler Ebene ins Auge zu fassen. Zwei zentrale Aufgaben m&#252;ssen dabei angegangen werden: (a) die globale Arbeitsteilung im Energiesektor soll dargestellt werden, und (b) die Verh&#228;ltnisse, in der diese Arbeitsteilung erzeugt, aufrechterhalten und geformt wird, in einer breiter angelegten Analyse kapitalistischer Verh&#228;ltnisse aufeinander bezogen nachgezeichet werden.</p>
<p>Dieser Artikel versucht, drei allgemeine Fragen zu umreissen<br />
und zumindest teilweise zu beantworten:</p>
<p>- Wie h&#228;ngt Energie mit Arbeit und der Reproduktion derselben auf einer allgemeinen Ebene zusammen?</p>
<p>- Welche Rolle spielen Arbeit und ArbeiterInnen konkret innerhalb des Energiesektors?</p>
<p>- Wie kann ein Verst&#228;ndnis von Energie und Arbeit dazu beitragen, aktuelle Konzepte, wie „Energiekrise“ und „Energiewende“ zu verstehen?</p>
<p>Zun&#228;chst einige einleitende Bemerkungen zu Energie und Arbeit. Historisch wurden zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten unterschiedliche Energiequellen in unterschiedlichen Kombinationen verwendet. Es existiert eine Vielzahl unterschiedicher Energiesektoren. Dazu z&#228;hl(t)en etwa Walfett, Holz, Torf, Kohle, Erd&#246;l, Kernenergie, Wind, Solarenergie, Biotreibstoffe, Wasserkraft oder Kuhdung. Mit jedem dieser Sektoren ist eine spezifische Form der Arbeitsteilung verbunden. Energie erfordert Technologien, um Kraftstoffe zum Gebrauch aufzubereiten, z.B. als Antriebskraft, Hitze, Licht etc. Beispiele daf&#252;r sind Benzin und der Verbrennungsmotor, oder Kohle und das kalorisches Kraftwerk. Und schlie&#223;lich kann Energie mehr oder weniger zur Ware gemacht werden. Der Begriff „Arbeitskr&#228;fte“ wird hier im weitesten Sinne des Wortes verstanden, und schlie&#223;t jedeN ein, dessen/deren Arbeit (oder Land oder andere nat&#252;rliche Ressourcen) nutzbar gemacht oder kommodifiziert werden muss, um Mehrwert f&#252;r das Kapital zu schaffen. Dieses Konzept stellt weder industrielle Fabriksarbeit oder urbane Arbeit &#252;ber landwirtschaftliche Arbeit, noch bezahlte &#252;ber unbezahle oder „freie“ &#252;ber „erzwungene“ Arbeit. Dar&#252;ber hinaus geht es davon aus, dass reale materielle Hierarchien und Interessenkonflikte zwischen ArbeiterInnen existieren. Damit die Produktion von G&#252;tern und deren Verkauf zu Profitzwecken auf einem kontinuierlich expandierenden Markt stattfinden kann, muss ein Reservoir an kontrollierbaren Arbeitskr&#228;ften kontinuierlich reproduziert, aufgestockt und ausgedehnt werden. Dies wird als „gesellschaftliche Reproduktion“ bezeichnet.</p>
<h3>Energie als Subsistenzmittel</h3>
<p>Energie ist besonders aufgrund seiner Bedeutung f&#252;r die Herstellung von Nahrung, Unterk&#252;nften, Beleuchtung und Heizung, ein wesentliches Subsistenzmittel. Ohne sie k&#246;nnte menschliches Leben nicht existieren und der Prozess der Reproduktion br&#228;che zusammen. Wenn Menschen keinen direkten Zugang zu Energie haben, m&#252;ssen sie, um zu &#252;berleben, zumindest Zugang zu Geld haben, um Energie kaufen zu k&#246;nnen.</p>
<p>Wie bei Land und anderen Subsistenzmitteln ist der Grad der Trennung zwischen EnergieproduzentInnen und -konsumentInnen entscheidend. Je mehr die ProduzentInnen von ihren grundlegenden Subsistenzmitteln getrennt sind, desto st&#228;rker sind sie von Lohnarbeit abh&#228;ngig, um ihre Subsistenzmittel zu erwerben. Historisch gesehen war der Prozess der Trennung von den Subsistenzmitteln notwendig, um eine Gruppe von Menschen zu schaffen, die keine andere M&#246;glichkeit hat als f&#252;r Lohn zu arbeiten, und die so die notwendige Arbeitskraft f&#252;r die kapitalistische Produktion zur Verf&#252;gung stellt. Dieser Prozess, der nach wie vor andauert, wird „urspr&#252;ngliche Akkumulation“ und „Enteignung“ genannt. Entscheidend ist, dass der Grad der Trennung der Menschen von ihren Subsistenzmitteln, in diesem Fall von Energie, weder dauerhaft noch einfach gegeben ist, sondern vielmehr Gegenstand eines st&#228;ndigen Prozesses von K&#228;mpfen, Konflikten und Aushandlungen.</p>
<p>Dies wirft die Frage nach Eigentum, Kontrolle und Zugang zur Energieproduktion und -konsumtion auf. Dar&#252;ber hinaus stellt sich die Frage, welchen Zweck diese erf&#252;llen. Wird Energie produziert und konsumiert, um den Anforderungen der Kapitalakkumulation – f&#252;r die sie ein wesentliches Rohmaterial und Produktionsmittel ist – zu entsprechen, oder dient sie dazu, die Bed&#252;rfnisse menschlichen &#220;berlebens zu befriedigen? Diese Interessen sind einander strukturell diametral entgegengesetzt. Dies f&#252;hrt zu K&#228;mpfen um die Kommodifizierung von Energie, die sich um die Frage drehen, ob Energie eine gemeinsame Ressource au&#223;erhalb von Marktverh&#228;ltnissen ist, oder eine Ware, die auf dem Weltmarkt f&#252;r Profit verkauft wird; und insoweit Energie bereits kommodifiziert ist, gibt es einen Kampf um das <em>Ausma&#223;</em> der Kommodifizierung.</p>
<p>Gegenw&#228;rtig sind kommunale und &#246;ffentliche Energieressourcen auf der ganzen Welt – von W&#228;ldern bis zu &#214;lfeldern – zunehmend von Privatisierung bedroht, besonders durch regionale und multilaterale Freihandelsabkommen wie NAFTA, FTAA, EU oder die WTO. Dies wirkt sich wesentlich auf Energiepreise und die Zugangsm&#246;glichkeiten der Menschen zu Energiequellen aus, unabh&#228;ngig davon, ob es „saubere“ oder „schmutzige“ Energiequellen sind.</p>
<p>Dieser Prozess der Privatisierung und Einhegung kommunaler oder &#246;ffentlicher Ressourcen f&#252;r Profitzwecke erinnert an die Einhegung der W&#228;lder Europas, die sich &#252;ber mehrere  Jahrhunderte vollzog. Dieser Prozess war ein integraler Bestandteil der Entstehung einer europ&#228;isch dominierten kapitalistischen Weltwirtschaft und bedeutete, dass Menschen mehr und mehr in die Abh&#228;ngigkeit vom Geld und damit von Lohnarbeit getrieben wurden, um Zugang zu Energie zu haben. Somit ist die Einhegung ein wichtiger Teil des Prozesses der Expansion des Weltmarktes, basierend auf der Verf&#252;gbarkeit eines globalen Reservoirs an Arbeitskr&#228;ften. Es ist wichtig festzuhalten, dass dies kein Nebeneffekt ist, sondern ein wesentliches Merkmal. Die Expansion des Weltmarktes bedeutet die Einhegung von Gemeing&#252;tern, und Energie ist eines der wichtigsten Gemeing&#252;ter. Zus&#228;tzlich zum Eigentum an Energie spielt – sobald sie kommodifiziert wurde – ihr Preis eine entscheidende Rolle f&#252;r die gesellschaftliche Reproduktion; dies vor allem in Bezug auf die H&#246;he des Preises und die Frage, <em>wer </em>diesen bezahlt. Zahlt das Kapital f&#252;r die Reproduktion der Arbeitskraft, die es benutzt, um Profite abzupressen, oder ist es in der Lage, diese Kosten auf die bezahlten oder unbezahlten ArbeiterInnen abzuw&#228;lzen. Schlie&#223;lich muss etwas &#252;ber Widerstand gesagt werden. Neben den Auseinandersetzungen um Land gibt es vermutlich keinen Bereich, in dem die K&#228;mpfe um Gemeing&#252;ter zentraler sind als in Bezug auf die zwei miteinander verbundenen Prozesse der Enteignung gemeinschaftlicher Energieressourcen und der steigenden Energiepreise. Der Aufstand der Zapatistas in Mexiko, der seit 1994 andauert, war zum Teil eine Antwort auf die Lockerung der &#252;ber 70 Jahre alten Einsch&#228;nkungen der Eigentumsrechte ausl&#228;ndischer Konzerne an Mexikos Erd&#246;l durch die NAFTA. Zuletzt hat Evo Morales in Bolivien die Erdgasfelder des Landes verstaatlicht. In den letzten zehn Jahren gab es gro&#223;e Auseinandersetzungen in Bezug auf die Privatisierung der Stromversorgung, etwa in Frankreich, S&#252;dafrika, S&#252;dkorea und Thailand. In aller Welt wurde Widerstand gegen die Privatisierung von W&#228;ldern geleistet, wobei Frauen in vielen dieser K&#228;mpfe eine f&#252;hrende Rolle einnahmen. Die meisten dieser K&#228;mpfe sind international vernetzt, sodass spezifische lokale K&#228;mpfe einander inspirieren, Informationen austauschen und &#252;ber verschiedene globale Netzwerke unterst&#252;tzen.</p>
<h3>Landeigentum und Energieressourcen</h3>
<p>Die meisten Energieressourcen exitistieren in l&#228;ndlichen Gebieten. Wenn Energie vom Kapital angeeignet wird, bedeutet das die Enteignung von Land oder zumindest der Kontrolle dar&#252;ber. Und wie Energie ist auch Land ein grundlegendes Subsistenzmittel. Die gegenw&#228;rtige Restrukturierung der globalen &#214;konomie bedeutet auch, dass Unternehmen im globalen Ma&#223;stab ausgeweitete Investitionsrechte erhalten, was die territoriale Autonomie l&#228;ndlicher Communities sowie Sozial- und Umweltstandards aush&#246;hlt. Das Eigentum von Bauern und B&#228;uerInnen wird gewaltsam auf das Kapital &#252;bertragen. In diesem Prozess sind also zus&#228;tzlich zur allgemeinen Enteignung von Land jene Gebiete ganz besonders betroffen, die &#252;ber Energieressourcen verf&#252;gen. Die Suche nach und Extraktion von &#214;l, Gas, Kohle und Uran sowie der Bau gro&#223;er Staukraftwerke haben alle erhebliche soziale und &#246;kologische Auswirkungen auf die lokalen Communities. Dies f&#252;hrt zu gro&#223;en sozialen Konflikten &#252;ber Landrechte und Verschmutzungen sowie zu Vertreibungen, z. B. in Nigeria, Kolumbien, Ecuador und einer Reihe anderer L&#228;nder. Besonders betroffen sind b&#228;uerliche Bev&#246;lkerungen, Indigene, <em>Black Communities</em> (in Lateinamerika) und von der Fischerei lebende Gemeinschaften, in denen oft noch intakte gemeinschaftliche Formen des Landbesitzes existieren.</p>
<p>In den letzten Jahren reichten die Widerstandsstrategien gegen die Inbesitznahme oder Zerst&#246;rung von Land zur Energiegewinnung von parlamentarischen K&#228;mpfen<br />
bis zu autonomen Community-Organisierungen, Stra&#223;enprotesten, gewaltfreiem zivilem Ungehorsam und in j&#252;ngster Zeit (etwa in Nigeria) bis zum bewaffnetem Kampf und der Entf&#252;hrung von Angestellten der &#214;lkonzerne. In Kolumbien drohte die U’wa Community angesichts der fortgesetzten T&#228;tigkeiten des Konzerns OXY-Petroleum sogar damit, Massenselbstmord zu begehen. Auch der Bau der weltweit gr&#246;&#223;ten &#214;l-Pipeline, der Ceyhan-Tiflis-Baku-Pipeline hat zu Protesten gef&#252;hrt, sowohl innerhalb der betroffenen L&#228;nder, als auch von internationalen Unterst&#252;tzerInnen. In Venezuela ist die indigene Bev&#246;lkerung aufgrund des Kohlebergbaus, der von einer Reihe staatlicher und ausl&#228;ndischer multinationaler Konzerne betrieben wird, von Vertreibungen betroffen. In den USA bedrohen die Aktivit&#228;ten des Kohle-Giganten <em>Peabody Coal</em> die Navajo-Communities in Arizona. Millionen von Menschen wurden in der ganzen Welt aufgrund des Baus von gro&#223;en Staukraftwerken vertrieben, unter anderem in Indien, China, Brasilien und Indonesien. W&#228;hrend sich die Atomindustrie auf eine neuerliche Expansion vorbereitet, gewinnt auch die Anti-Atomkraft Bewegung wieder an St&#228;rke, sowohl in Gegenden, in denen die neuen Atomkraftwerke entstehen sollen, als auch in jenen, in denen das Uran abgebaut wird – z. B. in den indigenen Gebieten in der W&#252;ste von Nevada/Arizona in den USA oder bei den Uranlagern und -minen auf dem Land der Aborigines in Australien. Wie bei den K&#228;mpfen um das Eigentum an Energieressourcen oder die Nutzung von Land f&#252;r Energiegewinnung haben auch diese K&#228;mpfe erfolgreich internationale Verb&#252;ndete gesucht.</p>
<h3>Energie und Arbeit</h3>
<p>Energie stellt nicht nur ein wesentliches Subsistenzmittel dar und ist mit K&#228;mpfen um Land verbunden, sondern ist auch f&#252;r Arbeit im Allgemeinen wichtig:</p>
<p>• Die <em>Mechanisierung </em>hat eine Erh&#246;hung der Arbeitsproduktivit&#228;t erm&#246;glicht – was im Kontext kapitalistischer Verh&#228;ltnisse die Basis f&#252;r Lohnhierarchien und Strategien zur Erh&#246;hung des relativen Mehrwerts darstellt.</p>
<p>• <em>K&#252;nstliche Beleuchtung</em> hat den Arbeitstag verl&#228;ngert (so wie in j&#252;ngerer Zeit die Ausbreitung von Informationstechnologien), was im Kontext kapitalistischer Verh&#228;ltnisse die Basis f&#252;r Strategien darstellt, den absoluten Mehrwert zu erh&#246;hen.</p>
<p>• <em>Transport </em>hat die geographische Reichweite von M&#228;rkten f&#252;r Rohmaterialien, Arbeit und Waren erweitet und zu einer Reduktion der Zirkulationszeit von G&#252;tern, Geld, Menschen etc. gef&#252;hrt.</p>
<p>• <em>Kommunikationstechnologien </em>f&#252;hren dazu, dass der Arbeitstag immer mehr Bereiche des Lebens durchdringt.</p>
<p>• <em>Billige Nahrung, Unterkunft, Kleidung und Konsumg&#252;ter</em> haben die Kosten f&#252;r die Reproduktion der globalen Arbeitskraft verringert, sodass Lohnsenkungen aufgefangen<br />
und die Differenzen in globalen Lohnhierarchien intensiviert werden konnten. Zum Beispiel wurde die Verf&#252;gbarkeit billiger Nahrung gr&#246;&#223;tenteils dadurch erwirkt, dass das Modell der industriellen Landwirtschaft der b&#228;uerlichen Bev&#246;lkerung weltweit aufgezwungen wurde.<br />
Dies f&#252;hrte f&#252;r jene Teile der Weltbev&#246;lkerung die ihres Landes beraubt wurden, um die f&#252;r die energieintensive Agrarindustrie notwendige Konzentration von Land herzustellen, zu Nahrungsmittelunsicherheit. Die verwendeten D&#252;nger und Pestizide versch&#228;rften die &#246;kologische Krise und setzten immer gr&#246;&#223;ere Teile der Weltbev&#246;lkerung den Schwankungen der Weltmarktpreise f&#252;r Nahrungsmittel aus.</p>
<p>Energie hat also eine wichtige Rolle bei der Ausformung der weltweiten Klassenverh&#228;ltnisse insgesamt gespielt, nicht nur im Energiesektor. Mechanisierung ist ein besonders wichtiger Prozess, durch den sich Energie und menschliche Arbeit wechselseitig beeinflussen. Es ist erhellend, sich diesen Prozess im Detail anzusehen. Energie ist ein Ersatz f&#252;r menschliche (oder tierische) Arbeit. Die Geschichte der Energienutzung ist, mit allen Vor- und Nachteilen, eine Geschichte der Substitution menschlicher Arbeit durch externe Energiequellen: Holz, Kohle, Gas, &#214;l, Kernenergie, Windm&#252;hlen…</p>
<p>Paradoxerweise verrichtet inmitten all dieser „arbeitssparenden“ Technologien niemand wirklich weniger Arbeit als zuvor. Das Lohnverh&#228;ltnis, das die Fabrik pr&#228;gt, wurde ebensowenig abgeschafft wie die ungleichen Geschlechterrollen, die so viele Haushalte bestimmen, oder Formen unbezahlter Arbeit. Statt ungleiche und ausbeuterische Arbeitsformen abzuschaffen, haben energieintensive Apparate, Fahrzeuge und Maschinen lediglich die Arbeitsmuster und -strukturen ver&#228;ndert. Tats&#228;chlich hat die Ersetzung von Menschen durch Maschinen und Roboter oft zur Entstehung gro&#223;er Massen entqualifizierter und unbesch&#228;ftigter ArbeiterInnen gef&#252;hrt und regelm&#228;&#223;ig Widerstand der ArbeiterInnen hervorgerufen.</p>
<p>Es w&#228;re jedoch falsch, die Ersetzung menschlicher Arbeit als blo&#223;en unintendierten Nebeneffekt der Mechanisierung zu sehen. Die Mechanisierung wurde oftmals <span style="text-decoration: underline;"><em>gerade dazu</em></span> eingef&#252;hrt, menschliche Arbeit zu ersetzen – denn organisierte und rebellische menschliche Arbeit droht der Kontrolle jener zu entfliehen, die sie zu kontrollieren suchen, seien es Grundherren, Fabriksbesitzer oder Landwirtschaftsunternehmen. Die Maschinenst&#252;rmer, die die mechanischen Webst&#252;hle, die ihre Lebensgrundlage bedrohten, zerst&#246;rten, sind hierf&#252;r ein ber&#252;hmtes Beispiel.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Ein aktuelleres Beispiel finden wir in den Goldminen S&#252;dafrikas. Konfrontiert mit dem massiven Widerstand der MinenarbeiterInnen nach dem Zweiten Weltkrieg investierten die MinenbesitzerInnen stark in Mechanisierung, um die ArbeiterInnen zu ersetzen. Dies schien der effektivste Weg, um den Widerstand zu brechen. F&#252;r die F&#246;rderung von 10kg Gold waren im Jahr 1950 zehn ArbeiterInnen notwendig und es mussten 99.000 Kilowattstunden Energie aufgewendet werden. 1975 wurden f&#252;r die F&#246;rderung derselben Menge Gold f&#252;nf ArbeiterInnen angestellt und 180.000 KWh Energie gebraucht.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a></p>
<p>All dies zeigt die Wichtigkeit der Energie f&#252;r das Verh&#228;ltnis von Lohnarbeit und Kapital im Allgemeinen, nicht nur beschr&#228;nkt auf den Energiesektor. Daher ist auch ein &#220;bergang zu einem neuen Energiesystem nicht nur f&#252;r die ArbeiterInnen im Energiesektor wichtig, sondern f&#252;r alle ArbeiterInnen auf der ganzen Welt, bezahlte wie unbezahlte.</p>
<h3>Arbeit im Energiesektor</h3>
<p><em>„H&#246;rt her! Wir sollten in einer Holzschl&#228;gerInnen-Gewerkschaft sein! Schlag Holz zum Fr&#252;hst&#252;ck! Schlag Holz, wasch’ seine Kleider! Schlag Holz, erhitze das B&#252;geleisen! Schlag Holz, wisch’ die B&#246;den! Schlag Holz, koch’ sein Abendessen!“</em><a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a></p>
<p><em>„Das Schiff ist ein schwimmendes Transportmittel f&#252;r Arbeit … ungef&#228;hr f&#252;nf Millionen emigrieren, um Arbeit zu finden … es hat 750 Passagiere …man sieht an ihren Gesichtern und H&#228;nden, dass die meisten von ihnen B&#228;uerInnen sind, Leute vom Land … dieselben armen Schweine, die die letzte Nacht auf der Stra&#223;e verbracht haben … dieselben Leute, die herumgesto&#223;en und angeschrieen werden … die in Gruppen zusammengedr&#228;ngt darauf warten, dass irgendein Beamter sich dazu herabl&#228;sst, ihre Existenz zu bemerken … Ihre Gesichter und ihr Gewand haben die Farben der Erde, dunkel und braun.“</em><a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a></p>
<p>Der kommerzielle Energiesektor hat immer die Arbeit vieler verschiedener Menschen an unterschiedlichen Orten umfasst und basiert auf globalen Warenketten, die innerhalb des weiteren Zusammenhangs kapitalistischer Verh&#228;ltnisse operieren. Diese sind selbst geographisch ungleichf&#246;rmig und hierarchisch. Historisch gesehen waren ArbeiterInnen im Energiesektor (zumindest im Bereich bezahlter Arbeit) und ihre Gewerkschaften gut organisiert, sowohl in einzelnen L&#228;ndern als auch international. Im Mai 2006 vertrat die Internationale F&#246;deration der Chemie-, Energie-, Bergbau- und Fabrikarbeitergewerkschaften (ICEM) ann&#228;hernd 20 Millionen ArbeiterInnen, die in 379 Gewerkschaften in 123 L&#228;ndern organisiert waren.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a></p>
<p>Die Tatsache, dass Energie ein strategisches Rohmaterial ist, bedeutet, dass ArbeiterInnen im Energiesektor – ebenso wie ArbeiterInnen, die f&#252;r diesen Sektor wichtige Rohmaterialien abbauen – sich an einer strategisch wichtigen Position befinden. Das hat widerspr&#252;chliche Effekte.</p>
<p>Einerseits ist es notwendig, viel Mehrarbeit von ihnen abzupressen und hohe Output-Levels zu gew&#228;hrleisten. Dies f&#252;hrt dazu, dass in manchen Bereichen des Energiesektors Formen der Zwangsarbeit eine Rolle spielen k&#246;nnen, besonders in Perioden verst&#228;rkter Konkurrenz zwischen Konzernen und Staaten. Beispiele hierf&#252;r sind etwa die Kohleminen in den afrikanischen Kolonien, welche die Rivalit&#228;t zwischen den imperialen M&#228;chten Europas anheizten<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> oder Strafarbeit im S&#252;den der USA, die eingesetzt wurde, um den Industrialisierungsprozess zu unterst&#252;tzen.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Vor dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer neuerlichen Welle von Zwangsma&#223;nahmen im Energiesektor, sowohl im Rahmen der New Deal-Politik in den USA, als auch in Stalins beschleunigter Zwangsindustrialisierung. Nazideutschland, das &#252;ber wenig eigene &#214;lquellen verf&#252;gte, setzte auf eine Art synthetischen Kraftstoff. Zusammen mit dem Industrieunternehmen IG Farben setzte der Staat Armeen von ZwangsarbeiterInnen ein, um diesen Kraftstoff aus Kohle produzieren zu lassen. In der Periode vor der Iranischen Revolution von 1979 wurden streikende ArbeiterInnen in der &#214;lf&#246;rderung mit Waffengewalt aus ihren H&#228;usern gezerrt und gezwungen, die Produktion fortzusetzen.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Gegenw&#228;rtige Beispiele sind etwa migrantische ArbeiterInnen in den &#214;lstaaten des Persischen Golfs. Schockierenderweise erinnert das oben angef&#252;hrte Zitat stark an die klassischen Beschreibungen der Sklavenschiffe w&#228;hrend des atlantischen Sklavenhandels. In Kolumbien, dem Land mit der h&#246;chsten Rate ermordeter GewerkschafterInnen, sind &#214;larbeiterInnen mit lebensbedrohlicher Repression durch Paramilit&#228;rs konfrontiert. Aber auch im Sektor neuer Energien treten Arbeitskonflikte auf. Brasilianische ArbeiterInnen im Zuckerrohranbau sind bei der Produktion des Rohmaterials f&#252;r die US-Ethanol-Versorgung Arbeitsbedingungen ausgesetzt, die an Sklaverei erinnern.</p>
<p>Andererseits bedeutet die strategische Positionierung der ArbeiterInnen im Energiesektor, dass diese eine starke Verhandlungsmacht gegen&#252;ber ihren ArbeitgeberInnen und Regierungen (sowie anderen ArbeiterInnen) besitzen. Arbeitsk&#228;mpfe im Energiesektor haben regelm&#228;&#223;ig zu Verbesserungen der Arbeitsbedingungen und Lohnerh&#246;hungen gef&#252;hrt und wirkten oftmals auch als Ansto&#223; f&#252;r verbesserte Bedingungen f&#252;r ArbeiterInnen in anderen Sektoren. Hierf&#252;r k&#246;nnen etwa die Errungenschaften der KohleminenarbeiterInnen im Britischen Generalstreik von 1926 oder jene der Erd&#246;l-ArbeiterInnen in der Iranischen Revolution 1978-79 als Beispiele angef&#252;hrt werden.</p>
<p>Vielleicht wird die widerspr&#252;chliche Position der EnergiearbeiterInnen am Beispiel der &#214;larbeiterInnen in den OPECL&#228;ndern am besten sichtbar. Deren K&#228;mpfe spielten f&#252;r den Anstieg des &#214;lpreises in den 1970ern eine wichtige Rolle. Die infolge der K&#228;mpfe hohen Ertr&#228;ge des Erd&#246;ls erm&#246;glichten einerseits viele soziale Reformen, etwa im Bildungsund Gesundheitsbereich, waren jedoch zugleich mit harter Repression verbunden.</p>
<h3>Unbezahlte Arbeit im nichtkommerziellen Energiesektor</h3>
<p>Oft wird argumentiert, dass Erd&#246;l das Fundament der Energieversorgung des gegenw&#228;rtigen Kapitalismus sei. Einerseits ist dass v&#246;llig richtig: &#214;l ist sicherlich die Hauptenergiequelle f&#252;r die Produktion und Konsumtion von G&#252;tern auf dem Weltmarkt – solange wir die Produktion der Arbeitskraft, die selbst eine wichtige Ware am Weltmarkt ist, ausklammern. Es ist aber genau diese Exklusion der Produktion von Arbeitskraft, die problematisch ist. In der ganzen Welt, besonders in l&#228;ndlichen Gegenden, decken die Menschen ihren Energiebedarf nicht ausschlie&#223;lich oder auch nur haupts&#228;chlich durch die Nutzung kommerzieller Energie, sondern durch nichtkommerzielle Energie aus Dung, Holz und anderer Biomasse, die W&#228;rme, Licht und Brennstoff bereitstellt. Mehr als ein Drittel der Menschheit, &#252;ber zwei Milliarden Menschen, h&#228;ngen gegenw&#228;rtig zur Deckung ihres t&#228;glichen Energiebedarf von diesen Energietr&#228;gern ab. Das Sammeln solcher Brennstoffe wird meist von Frauen und Kindern als Teil der „Hausarbeit“ verrichtet, ohne Lohnentsch&#228;digung und den (begrenzten) Schutz, den die sogenannte „formelle &#214;konomie“ mit ihren Gewerkschaften oder anderen organisatorischen Formen anbietet.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Diese Energiequellen sind absolut entscheidend f&#252;r die Reproduktion der weltweiten Arbeitskraft zu extrem niedrigen Kosten.</p>
<p>Dass manche Energieformen „modern“ und andere „traditionell“ genannt werden, beruht auf der unausgesprochenen Annahme, dass die gegenw&#228;rtig existierenden Ungleichheiten im globalen Energiesystem gel&#246;st werden k&#246;nnten, indem das existierende System einfach ausgeweitet wird, sodass die Zahl der VerliererInnen – NutzerInnen „traditioneller“ Energie – f&#228;llt und die Zahl der GewinnerInnen – NutzerInnen „moderner“ Energie – steigt. Das basiert auf der Vorstellung, dass jene ohne Zugang zu „modernen“ Energiequellen „aufholen“ und Zugang zu diesen Quellen erreichen k&#246;nnen. Es scheint jedoch, dass „primitive“ Biomasse-Brennstoffe nicht lediglich eine anachronistische Anomalit&#228;t der „modernen Welt“ sind, sondern vielmehr einen wesentlichen Teil von deren ungleichem Charakter ausmachen; genauso wie unbezahlte Arbeit nicht eine „vorkapitalistische“ Anomalit&#228;t darstellt, sondern eher einen St&#252;tzpfeiler, auf dessen Basis bezahlte Arbeit existieren kann. „Moderne“ Energiequellen und Technologien, so wie Erd&#246;l, und „nicht-moderne“ stehen zueinander in Beziehung. Es scheint, dass eines die Kehrseite des anderen ist und Erd&#246;l nicht ohne Biomasse existieren kann. Das Gegenst&#252;ck und der wesentliche St&#252;tzpfeiler kommerzieller Energie am Weltmarkt ist die nichtkommerzielle Energie, kombiniert mit unbezahlter Arbeit.</p>
<h3>USA: billige Energie und teure Arbeit</h3>
<p>Wenden wir uns den USA zu, dem gr&#246;&#223;ten pro-Kopf Energieverbraucher der Welt. Die USA haben den Rest der Welt schlichtweg ihrem eigenen Bedarf nach Energie und besonders nach &#214;l untergeordnet. Daraus entstehen zwei Bilder: Einerseits der totale Egoismus und die Ignoranz gegen&#252;ber dem Energiebedarf des Rests der Welt, andererseits eine extreme Verwundbarkeit und Abh&#228;ngigkeit. Warum wurde die US-&#214;konomie und -Bev&#246;lkerung so abh&#228;ngig vom Erd&#246;l aus der ganzen Welt? Und was sind die Effekte dieser Abh&#228;ngigkeit?</p>
<p>„Billige“ Energie war ein wesentlicher St&#252;tzpfeiler des Wirtschaftswachstums<br />
und der Hegemonie der USA nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Zugang zu ergiebigen Energiequellen war sowohl innerhalb der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion als auch in Bezug auf die Reproduktion des Lebensunterhaltes der Bev&#246;lkerung ausschlaggebend f&#252;r die Absicherung des sozialen Friedens in den USA. Wenn Arbeit teuer und schwer zu kontrollieren ist, geh&#246;rt es zu den bew&#228;hrtesten Strategien von Grundherren, Unternehmen und ArbeitgeberInnen, Menschen durch Maschinen zu ersetzen und die ArbeiterInnen einer kontrollierenden und spaltenden Disziplinierung zu unterwerfen; eine solche Strategie ist gleichbedeutend mit der Abpressung von mehr Arbeit in k&#252;rzerer Zeit, also der Intensivierung der Arbeit. Dies war ein wesentlicher Faktor in der Automatisierung der Automobilfabriken in Detroit in den 1950ern, ein Prozess, der auf eine Serie von Arbeitsk&#228;mpfen und wilden Streiks in diesem Sektor folgte. Die Automatisierung entfachte organisierte Arbeitsk&#228;mpfe wie jene der <em>Dodge Revolutionary Union Movement</em> (DRUM) und die <em>League of Black Revolutionary </em>Workers.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Schwarze ArbeiterInnen trugen die Hauptlast dieser Ver&#228;nderungen und nannten den Prozess abwertend „<em>Niggermation</em>“. Um 1970 nutzte die verarbeitende Industrie 66 Prozent mehr Energie als im Jahre 1958, aber nur 35 Prozent mehr Arbeit.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Billige Energie war auch entscheidend f&#252;r die Reduktion der Lebenshaltungskosten, von Nahrung, Wohnen, Kleidung und Transport. In anderen Worten, sie stellte einen zentralen Faktor f&#252;r die Reduktion der Reproduktionskosten der Arbeitskraft dar und erh&#246;hte so den Mehrwertanteil des Kapitals. Eine McDonalds-„Mahlzeit“ kann man f&#252;r weniger als einen Dollar bekommen. Soziale Unruhe wurde durch die Erleichterung eines Konsumismus einged&#228;mmt, der den Lebensstandard direkt erh&#246;ht.</p>
<p>Folglich erfordern die kollektiven Strategien des Kapitals zur Kontrolle der Arbeit in den USA, die auf dem doppelten Prozess von Mechanisierung und Konsumtion auf hohem Niveau beruhen, ergiebige Quellen billiger Energie. Oder, genauer gesagt, sie ben&#246;tigen zumindest die F&#228;higkeit, Energiefl&#252;sse und Preise zu kontrollieren. Energiepreise sind n&#228;mlich alles andere als ein unvermeidbares Diktat der „unsichtbaren Hand“, einer reinen Angebot-Nachfrage-Logik; sie sind in Wirklichkeit hochgradig politisch.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a></p>
<p>Teure Energie kann manchmal f&#252;r die Kontrolle der Bedingungen, unter denen Menschen arbeiten, n&#252;tzlich sein. In den vielf&#228;ltigen und miteinander verbundenen Krisen – politische und &#246;konomische Krise, Finanzkrise, Energiekrise, Nahrungsmittelkrise – der 1970er Jahre, als die sozialen Auseinandersetzungen heftig waren, w&#228;re ein <em>direkter </em>Angriff auf die ArbeiterInnen (etwa durch Lohnk&#252;rzungen) sehr schwer durchzusetzten gewesen, ohne massiven Widerstand zu provozieren. Insofern die Erh&#246;hung von Energiekosten eine Erh&#246;hung von Lebenshaltungskosten bedeutet, erm&#246;glichte eine geplante Erh&#246;hung von Energie und Nahrungsmittelpreisen eine hocheffektive <em>indirekte </em>Attacke auf die L&#246;hne in den USA und weltweit.</p>
<p>Das gegenw&#228;rtige Energiesystem der USA und besonders die gro&#223;en &#214;lkonzerne sind mit gro&#223;en Problemen, Ungleichheiten, Konflikten und Schwachstellen in einem hochgradig stratifizierten globalen Energiesystem konfrontiert. Diese Probleme und Ungleichheiten werden vermutlich noch st&#228;rker sichtbar werden, wenn die Energiepreise steigen und Erd&#246;l vermehrt durch neue Energiequellen ersetzt wird.</p>
<h3>Energiewende und Klassenkampf</h3>
<p>Das zwanzigste Jahrhundert und besonders die Nachkriegszeit war von der Verbindung von „teurer Arbeit“ und „billiger Energie“ gekennzeichnet. Dieser Zusammenhang stellte einen integralen Faktor der Verhinderung und Eind&#228;mmung von Klassenk&#228;mpfen auf der ganzen Welt dar, besonders aber in den USA, f&#252;r deren Hegemonie dies ein essentieller Bestandteil war. Es steht fest, dass aktuell eine globale Ver&#228;nderung des Energiesystems bevorsteht. Die Frage ist nicht mehr, ob diese Ver&#228;nderung passiert, sondern welcher Art die Verschiebung sein wird und auf welchen Technologien sie basieren wird. Wer wird die Bedingungen dieses Prozesses vorgeben und mit welchen Zielen? Und vor allem: wer wird die Gewinne ernten und wer die Kosten tragen? Wie werden die Verh&#228;ltnisse zwischen den ArbeiterInnen in den Branchen der erneuerbaren und der nicht erneuerbaren Energiequellen aussehen? Wer wird in der Lage sein, sich die f&#252;r die Produktion notwendige Arbeit zu Nutze zu machen (ebenso das Wissen, die Rohmaterialien und das Geld)? Wie werden die Ver&#228;nderungen im Energiesektor das Verh&#228;ltnis zwischen Kapital und Lohnarbeit und zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit ver&#228;ndern?</p>
<p>Es ist wahrscheinlich, dass, wenn die existierenden Energiebest&#228;nde teurer werden – im monet&#228;ren, sozialen, politischen und &#246;kologischen Sinn – es auch zu entsprechenden Versuchen von Seiten des Kapitals kommen wird, die Arbeit zu verbilligen, nicht nur indem L&#246;hne gesenkt werden, sondern auch in Bezug auf andere Kosten der Arbeit, insbesondere indem die Kosten der Reproduktion der Arbeitskraft auf unbezahlte, vor allem von Frauen verrichtete Arbeit verschoben werden. Und wir k&#246;nnen davon ausgehen, dass, wenn Energiepreise eher sprunghaft als graduell ansteigen, auch der Angriff auf die Arbeit pl&#246;tzlich erfolgen wird. Wenn wir annehmen, dass billige Energie f&#252;r die Verringerung der Reproduktionskosten der Arbeitskraft ausschlaggebend war, stellt sich die Frage, wer die erh&#246;hten Kosten f&#252;r die Reproduktion tragen wird? Wird das Kapital in der Lage sein, die erh&#246;hten Reproduktionskosten auf die ArbeiterInnen in verschiedenen Teilen der Welt abzuw&#228;lzen – besonders auf unbezahlte Haus- und landwirtschaftliche Arbeit, die in erster Linie von Frauen ausge&#252;bt wird – oder werden die ArbeiterInnen sich weigern dies zu akzeptieren?</p>
<p>Die Konflikte werden vermutlich insbesondere in den USA akut werden, wo steigende Arbeitskosten in der Vergangenheit zumindest teilweise durch billige Energie kompensiert wurden. Die zuvor dargestellte Doppelstrategie hat gro&#223;e – und die dominanten – Fraktionen der US-ArbeiterInnenklasse im weltweiten Vergleich zu extrem gro&#223;en EnergieverbraucherInnen gemacht. Infolgedessen sind US-ArbeiterInnen besonders verwundbar f&#252;r die massiven Ver&#228;nderungen, die sich im Weltenergiesystem gegenw&#228;rtig anbahnen. Es ist wahrscheinlich, dass ArbeiterInnen in den USA unvorbereitet einen massiven und schnellen Angriff erleiden werden, der, obschon unter neuen Bedingungen, in einer Wiederbelebung von Arbeitsformen resultieren k&#246;nnte, die in den energiereichen L&#228;ndern des globalen Nordens, besonders in den USA, bereits ann&#228;hernd abgeschafft waren. Dies ist besonders wahrscheinlich, wenn die USA beginnen sollten, im Fahrwasser der Weltwirtschaftskrise eine „Reindustrialisierung“ einzuleiten, diesmal aber auf dem R&#252;cken einer geschlagenen ArbeiterInnenschaft. Man muss sich nur die Stra&#223;en, Felder und K&#252;chen Indiens ansehen, um die Arbeits- und Lebensbedingungen zu sehen, die in einem Kontext gedeihen, in dem kommerzielle Energie teuer und rar, Arbeit aber reichlich vorhanden und billig ist.</p>
<p>Andererseits stellt sich die Frage nach einer neuen Runde des globalen Klassenkampfs innerhalb der weltweiten Arbeitsteilung. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass billige Energieinputs f&#252;r die Eind&#228;mmung des Klassenkampfs in den USA so wichtig waren, k&#246;nnten steigende Energiekosten das Kapital f&#252;r erneuerte Formen des Klassenkampfs verwundbar machen. Diese k&#246;nnten einerseits an steigenden Lebenshaltungskosten ankn&#252;pfen, die das Kapital auf die ArbeiterInnen abzuw&#228;lzen versucht, und andererseits an den Umstand, dass es f&#252;r das Kapital immer kostenaufw&#228;ndiger wird, eine seiner erprobtesten Strategien zur Eind&#228;mmung von K&#228;mpfen anzuwenden, n&#228;mlich die Mechanisierung.</p>
<p>Schlie&#223;lich ist nicht nur die Frage des Klassenkampfs in den USA ausschlaggebend, sondern auch, ob die neuen globalen Wachstumszentren wie China und Indien in der Lage sein werden, Energie – welcher Art auch immer – in der selben Art und Weise einzusetzen, wie es Gro&#223;britannien und die USA taten, um den Klassenkampf zu entsch&#228;rfen und zu hegemonialen M&#228;chten im Weltsystem zu werden.</p>
<p>&#220;berlegungen &#252;ber den Konflikt zwischen Kapital und Lohnarbeit, die f&#252;r eine Debatte um Energie zentral sind, f&#252;gen den Diskussionen um die Energiekrise und eine m&#246;gliche Energiewende ein Element der Unsicherheit hinzu. Dies l&#228;dt zu vorsichtigen Spekulationen &#252;ber das Ausma&#223; ein, in dem erneuerbare Energien – besonders in der Langzeitperspektive – eine materielle Basis f&#252;r entweder die fortgesetzte Reproduktion kapitalistischer Verh&#228;ltnisse oder aber die Errichtung nicht-kapitalistischer gesellschaftlicher Produktions- und Reproduktionsverh&#228;ltnisse darstellen k&#246;nnen. Es gibt hier keine offensichtlichen oder eindeutigen Antworten: dies sind keine technischen, sondern politische Fragen. Und w&#228;hrend es gro&#223;en Bedarf f&#252;r weiterf&#252;hrende Untersuchungen in diesem Bereich gibt, sind die Fragen auch nicht blo&#223; Forschungsfragen. Die Antworten liegen in der konkreten historischen Entwicklung des Energiesektors, der weltweiten kapitalistischen Verh&#228;ltnisse und den Ergebnissen der miteinander verbundenen K&#228;mpfe, die diese Prozesse formen. Es ist wahrscheinlich, dass wir uns erst am Anfang einer Periode intensiver Auseinandersetzungen um<br />
Energie befinden. Es gilt, die Offenheit der „Energiekrise“ und m&#246;glicher „L&#246;sungen“ anzuerkennen, um in der Lage zu sein, aktiv an den damit verbundenen K&#228;mpfen teilzunehmen.</p>
<p>Das englische Original erscheint im Herbst 2009 in: Abramsky, Kolya (Hg.): <em>Sparking a World-wide Energy Revolution. Social Struggles in the Transition to a Post-Petrol World</em>, Oakland: AK Press, 2009</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Abschlusserkl&#228;rung der Weltversammlung f&#252;r Erneuerbare Energien 2005: Das Menschenrecht auf Erneuerbare Energien, http://www.wrea2005.org/downloads/WREA_2005_abschlusserklaerung_de.pdf<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Midnight Notes: Midnight Oil. Work, Energy, War 1973-1992 (New York 1992), S. 124, Herv. i. O.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Marx, Karl: Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, S. 451f.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Norre, Peter/ Turner, Terisa: Oil and Class Struggle (London 1980)<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Die Frau eines Minenarbeiters im Film „Salt of the Earth“ von Herbert Bibermann (1954)<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Beschreibung eines Schiffs, das migrantische ArbeiterInnen in die &#214;lindustrie am Persischen Golf transportiert. Midnight Notes, a.a.O., S. 67-70.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> http://www.icem.org/<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Padmore, George: The Life and Struggles of Negro Toilers (Hollywood 1931)<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Lichtenstein, Alex: Twice the Work of Free Labor. The Political Economy of Convict Labor in the New South (London/ New York 1996), S. 105-126.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Norre / Turner, a.a.O., S. 299<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Warwick, Hugh/ Doig, Alison: Smoke – the Killer in the Kitchen. Indoor Air Pollution in Developing Countries (London 2004)<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Georgakas, Dan/ Surkin, Marvin: Detroit: I do Mind Dying. A Study in Urban Revolution (Boston 1975); Bird, Stewart/ Lichtman, Rene/ Gessner, Peter, in association with the League of Black Revolutionary Workers: Finally Got the News (Detroit 1970); Denby, Charles: Workers Battle Automation (Detroit 1960); Denby, Charles: Indignant Heart. A Black Worker’s Journal (Boston 1989)<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Midnight Notes, a.a.O., S. 124<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> F&#252;r eine interessante Diskussion zum politischen Charakter von (Energie-)Preisen, allerdings nicht im Kontext der USA, vgl. Ramirez, Bruno: The Working Class Struggle Against the Crisis: Self Reduction of Prices in Italy; in: <em>Zerowork </em>1 (1975)</p>
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		<item>
		<title>F&#252;r ein ganz anderes Klima!</title>
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		<pubDate>Sat, 07 Feb 2009 11:12:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 7]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung(skritik)]]></category>
		<category><![CDATA[Klimawandel]]></category>
		<category><![CDATA[Naturverhältnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökologie]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Franziskus Forster</em> und <em>Michael Botka</em> kritisieren die herrschenden Deutungen und Bearbeitungsformen des Klimawandels, reflektieren &#252;ber M&#246;glichkeiten eines „Green New Deal“ und pl&#228;dieren f&#252;r eine klimapolitische Offensive „von unten“.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Franziskus Forster</em> und <em>Michael Botka</em> kritisieren die herrschenden Deutungen und Bearbeitungsformen des Klimawandels, reflektieren &#252;ber M&#246;glichkeiten eines „Green New Deal“ und pl&#228;dieren f&#252;r eine klimapolitische Offensive „von unten“.<br />
<span id="more-276"></span><br />
Auch wenn &#252;ber die G&#252;ltigkeit und Genauigkeit von Prognosen zu den Auswirkungen seit Jahrzehnten gestritten wird, so ist doch mittlerweile klar, dass durch den Klimawandel fundamentale Ver&#228;nderungen der menschlichen Lebensbedingungen zu erwarten sind. Klimawandel ist zu einem „globalen Problem der Menschheit“ geworden. Neben absehbaren D&#252;rren, &#220;berschwemmungen und dem Ansteigen des Meeresspiegels werden auch die Ressourcenkonflikte um Wasser, Land und Rohstoffe rasant zunehmen. Aus der „Vermehrung von Risiken, die alle Gesellschaften betreffen“, werden daraus „gemeinsame Interessen an Sicherheit, wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung sowie globaler Umweltpolitik“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> abgeleitet. Entsprechend erschlie&#223;en sich die Debatten um den Klimawandel gegenw&#228;rtig in neuen Anrufungen an den Staat und die internationale Staatengemeinschaft und gehen gleichzeitig eine Verbindung mit technologisch-marktf&#246;rmigen L&#246;sungen ein, was klimapolitisch insbesondere im Kyoto-Protokoll als „richtiger“ Antwort auf das Klimaproblem Ausdruck findet. Erg&#228;nzt und umgesetzt soll dieses mit weiteren Instrumenten werden, welche von gesetzlichen Emissionsgrenzwerten &#252;ber &#214;kosteuern und Subventionen f&#252;r erneuerbare Energien bis zur Verankerung von Klimaschutz und Anpassung in der kommunalen Planung reichen.</p>
<p>Klimapolitische Debatten und Aktivit&#228;ten beginnen aber auch in der Linken an Bedeutung zu gewinnen. Hier wird insbesondere kritisiert, dass die dominante Perspektive auf das Problem Klima und die daraus folgenden L&#246;sungen verk&#252;rzt sind und die tieferen Ursachen und Probleme ignoriert werden. Es geht darum, auf die global ungleich verteilten und tief in die kapitalistische Produktions- und Konsumtionsweise eingelassenen Ursachen und die daraus folgenden „gesellschaftlichen Naturverh&#228;ltnisse“ hinzuweisen.</p>
<p>„Klimawandel“ wird dabei heute zum ernstzunehmenden Problem (auch) f&#252;r „den Kapitalismus“ selbst. Der Kapitalismus ist nicht in der Lage, die Klimakrise zu bew&#228;ltigen, vielmehr zeichnet sich eine permanente Vertiefung der Krise ab. Und genau hier k&#246;nnte ein „M&#246;glichkeitsfenster“ der Linken liegen. &#220;ber das Ansetzen an diesen tiefgreifenden Widerspr&#252;chen lie&#223;e sich die „Systemfrage“ in neuer Weise stellen.</p>
<p>In diesem Artikel soll versucht werden, n&#228;her zu bestimmen, was dies f&#252;r die Linke bedeutet oder bedeuten kann. In einem ersten Schritt versuchen wir, im Kontext der gegenw&#228;rtigen Krisen, zu einer kritischen Einsch&#228;tzung des dominanten Klimadiskurses sowie der aktuellen Akteurskonstellationen zu gelangen. Daran ankn&#252;pfend soll, zweitens, gefragt werden, welche herrschenden Formen der Problembearbeitung daraus resultieren. In einem dritten Schritt wollen wir dann nach m&#246;glichen Implikationen f&#252;r die radikale Linke fragen. Ist die Zeit reif f&#252;r eine klimapolitische Offensive „von unten“? Welche linken Positionen zeichnen sich ab? Und wo werden Interventionsm&#246;glichkeiten gesehen?</p>
<h3>Kritik des dominanten Klimadiskurses</h3>
<p>Vielfach wird das Klimaproblem als ein wahrliches „Menschheitsproblem“ konstruiert. „Alle sitzen im gleichen Boot!“, hei&#223;t es da. Dies stimmt in gewissem Ma&#223;e auch, sind doch alle irgendwie vom Klimawandel betroffen. Jedoch wird aus dieser Sicht sowohl die h&#246;chst ungleiche Betroffenheit als auch der ungleiche Anteil an der Verursachung des Klimawandels &#252;bergangen. Ebenso die ungleiche M&#246;glichkeit, auf all dies Einfluss zu nehmen und/oder von Zerst&#246;rungen zu profitieren. So steht die Lastenverteilung von Klimaschutz in einem engen Zusammenhang mit Verteilungs- und Machtasymmetrien: Alleine die G8-Staaten sind mit ihrem Anteil von ca. 13 Prozent der Weltbev&#246;lkerung f&#252;r 50 Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich – Fragen globaler Nord-S&#252;d-Verh&#228;ltnisse werden damit aufgeworfen. Weiters veranschaulicht jeder Wirbelsturm die Klassenspezifik der Vulnerabilit&#228;t von Menschen: Armut zwingt oft dazu, in &#246;kologischen Risikolagen zu siedeln. Anhand der Auswirkungen von Ressourcenverknappung und D&#252;rren auf den Zugang und die Nutzung von nat&#252;rlichen Ressourcen treten Fragen der Geschlechtergerechtigkeit stark hervor. Der gesellschaftliche Umgang mit „Klimafl&#252;chtlingen“ verdeutlicht schlie&#223;lich die rassistischen Dimensionen des Klimawandels.</p>
<p>Hier wird sichtbar, dass es sich beim Klimawandel nicht „nur“ um ein &#246;kologisches Problem handelt, das sich durch „richtige“ Umweltpolitik l&#246;sen lie&#223;e, sondern nur im Zusammenhang der gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse begriffen werden kann. Genauso wie Klimawandel menschengemacht ist<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>, wirkt umgekehrt „der Klimawandel“ auf die Gesellschaft zur&#252;ck. Klimawandel hat soziale Auswirkungen und ist selbst ein soziales Problem. Kurzum: Macht- und Herrschaftsverh&#228;ltnisse m&#252;ssen grundlegend in der Auseinandersetzung sein, soziale und &#246;kologische Herrschaft sind nicht zu trennen, sondern gemeinsam zu diskutieren. Es l&#228;sst sich in dieser Hinsicht feststellen, dass es in Zukunft zu einer weiteren Versch&#228;rfung des Zusammenhangs zwischen Armut und ung&#252;nstigen &#246;kologischen Bedingungen kommen wird – was in verst&#228;rkten sozialen und &#246;kologischen Konflikten ihren Ausdruck finden wird. Das Problem stellt sich jedoch global h&#246;chst unterschiedlich: zugespitzt formuliert, reichen die Dimensionen von der richtigen Einstellung der Klimaanlage im Auto bis zum Verhungern von Menschen durch D&#252;rre oder Agrartreibstoffproduktion.</p>
<p>Trotz dieser Entwicklungstendenzen ist der Klimawandel nicht die „ultimative Katastrophe“, auf die die Menschheit zusteuert. Es handelt sich vielmehr um eine – wenn auch sehr weitreichende – Versch&#228;rfung von bereits l&#228;nger existierenden Problemen. Eine entscheidende Rolle spielt hier die – herrschaftlich verfasste – Problem<em>konstitution</em>, die die Interessensartikulation der verschiedensten betroffenen Akteure einrahmt und bestimmte Politiken legitimiert. Entscheidend ist hierbei, wer auf diesen Prozess Einfluss hat („ExpertInnen“, Eliten, …) und wer nicht (z.B. B&#228;uerInnen in Afrika). Ein weiterer – nicht zu untersch&#228;tzender – Punkt liegt in der alarmistischen Problemkonstitution in Sinne von: „Wir haben keine Zeit mehr!“ Diese Argumentation kann sehr gut mit der Forderung nach m&#246;glichst schnell umsetzbaren („realistischen“) Probleml&#246;sungsma&#223;nahmen verkn&#252;pft werden. &#220;ber die Moralisierung von Politik einerseits und das Erfordernis der Planbarkeit andererseits k&#246;nnen elit&#228;r-technokratische, ebenso wie autorit&#228;re und populistische Politik- und Herrschaftsformen hergestellt, reproduziert und legitimiert werden. Damit soll nicht in Abrede gestellt werden, dass es sich beim Klimawandel sehr wohl um dr&#228;ngende Probleme handelt. Was jedoch angesichts fehlender Zeit an Ma&#223;nahmen folgen sollte, ist h&#246;chst strittig. Die Frage ist, wer die Definitionsmacht besitzt, welche AkteurInnen auf dem umk&#228;mpften Feld der Klimapolitik durch „&#252;berlegene Antworten auf die dr&#228;ngenden Probleme“ Hegemonie erringen k&#246;nnen. Ob Emissionshandel nun als eine dem Klimaproblem angemessene Antwort gilt, oder selbst als Zeitverschwendung gesehen wird, ist Teil des Kampfes. Dabei wird schnell deutlich, dass das Problem Klimawandel selbst Ausdruck von Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen ist. Klimawandel ist also ein „Konfliktterrain, auf dem um die Problemdeutung und den ‚richtigen‘ Fahrplan zur Probleml&#246;sung gerungen wird.“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a></p>
<h3>Herrschende Formen der Problemdeutung und -bearbeitung</h3>
<p>Der L&#246;sungshorizont der Klimakrise ist aktuell klar abgesteckt: der Staat soll‘s richten, darin besteht weitgehender gesellschaftlicher Konsens. Die dominanten Strategien setzen vor allem auf eine „Effizienzrevolution“, auf „&#246;kologische Modernisierung“ und „Global Environmental Governance“. Klimapolitik hat sich so in den letzten Jahren zu einem der &#246;ffentlich pr&#228;sentesten Politikfelder entwickelt. Gegenw&#228;rtig ist festzustellen, dass der Klimadiskurs fast ausschlie&#223;lich von gesellschaftlichen Eliten gepr&#228;gt ist, abgesichtert durch NGOs, die sich vom „Sand im Getriebe“ zunehmend zu „&#214;l im Getriebe“ entwickelt haben.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Zentrale Momente dieses Diskurses sind:</p>
<p><em>Stern-Report &amp; IPCC</em></p>
<p>In den vergangenen Jahren mehrten sich offizielle Studien, die die Bedeutung des Klimawandels hervorhoben. Dabei ist einerseits der IPCC-Report (<em>Intergovernmental Panel on Climate Change</em>) hervorzuheben, in dem sich die wissenschaftlich „unwiderlegbare“ Erkenntnis durchsetzte, dass der Klimawandel menschenverursacht ist. Andererseits ist der „Stern-Report“ von gro&#223;er Bedeutung, der im Oktober 2006 ver&#246;ffentlicht wurde.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Der Bericht befasst sich vor allem mit den finanziellen Kosten und &#246;konomischen Auswirkungen des Klimawandels. Stern berechnet darin, dass der Anstieg des Emissionsaussto&#223;es innerhalb der n&#228;chsten 15 Jahre gestoppt und danach um zwei Prozent pro Jahr gesenkt werden m&#252;sste. Dies w&#252;rde nach seinen Berechnungen ca. ein Prozent des globalen BIP kosten. W&#252;rden derartige Ma&#223;nahmen nicht gesetzt, entst&#252;nden Kosten in der H&#246;he von mindestens f&#252;nf Prozent des globalen BIP, die – f&#252;r die einzelnen L&#228;nder allerdings in unterschiedlichem Ausma&#223; – sogar auf bis zu zwanzig Prozent anwachsen k&#246;nnten. Die Schlussfolgerung legt nahe, dass sich Investitionen zum jetzigen Zeitpunkt um bis zu zwanzig mal st&#228;rker auswirken als zu sp&#228;teren Zeitpunkten. Der Bericht erregte gro&#223;e Aufmerksamkeit und trug wesentlich dazu bei, das Thema Klima in der &#246;ffentlichen Debatte zu verankern.</p>
<p><em>Kyoto-Protokoll</em></p>
<p>Auf internationaler Ebene ist v.a. das Kyoto-Protokoll zu einem Schl&#252;sselinstrument zur Bek&#228;mpfung des Klimawandels avanciert. In diesem Abkommen haben sich die Regierungen vor allem auf Anreizsysteme des Marktes festgelegt. Die wesentlichen Elemente sind dabei der Emissionshandel, der „Clean Development Mechanism“ (CDM) und „Joint Implementation“. Beim Emissionshandel k&#246;nnen Verschmutzungsrechte zugekauft werden, statt selbst Reduktionsma&#223;nahmen durchzuf&#252;hren. Der CDM erm&#246;glicht es Industriel&#228;ndern, in Klimaschutzprojekte in Entwicklungsl&#228;ndern zu investieren und sich den positiven CO2-Effekt selbst anrechnen zu lassen. Joint Implementation bezeichnet einen &#228;hnlichen Mechanismus f&#252;r Transaktionen zwischen Industriel&#228;ndern. Eine wesentliche Kritik daran ist, dass mit der Inwertsetzung der Verschmutzungsrechte erst die direkte Verwertung der Atmosph&#228;re erm&#246;glicht wird. Weiters wird kritisiert, dass &#252;ber diese Mechanismen Nord-S&#252;d-Ungleichheiten festgeschrieben werden. Kyoto und sein Nachfolgeprozess, der im Dezember 2009 in Kopenhagen fixiert werden soll, versuchen nicht, das Klima zu sch&#252;tzen, sondern im wahrsten Sinne des Wortes die Folgen des Klimawandels beherrschbar zu machen. Dabei geht es vor allem um die Schaffung neuer M&#228;rkte; laut Sch&#228;tzungen bel&#228;uft sich der Wert der M&#228;rkte f&#252;r „gr&#252;ne Technologien“ bis 2020 auf 2.200 Mrd. Euro.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a></p>
<p><em>EU-Klimastrategie: Wettbewerbsf&#228;higkeit &amp; Sicherheitspolitik</em></p>
<p>Die „20 und 20 bis 2020“-Strategie der EU, das neue Klima- und Energiepaket, setzt auf eine „klimafreundliche“ Politik, die als wesentlicher Motor f&#252;r Wachstum, Besch&#228;ftigung und wirtschaftliche Transformation angesehen wird.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Die EU reklamiert in dieser Strategie eine ehrgeizige globale Vorreiterrolle, die letztlich – weil ja klimafreundlich – der ganzen Welt zugute kommen w&#252;rde. Gleichzeitig wird diese Strategie in das Ziel einer wachstumsbasierten und konkurrenzf&#228;higen Wirtschaft eingef&#252;gt. Die Vorreiterrolle birgt auch Wettbewerbsvorteile in sich, es gilt, Patente auf Technologien zu sichern. Einerseits geht es also um technologische Innovationen, andererseits um die Ausweitung von marktbasierten Instrumenten zur Emissionsreduzierung. Gleichzeitig wird jedoch – neben der Wettbewerbslogik und der Technologiegl&#228;ubigkeit – der Zugriff auf strategische Ressourcen der Entwicklungsl&#228;nder als wesentliches Ziel formuliert. Sollten dabei unvorhergesehene „Probleme“ auftreten (Migrationsdruck, Lieferausf&#228;lle, Instabilit&#228;ten in „fragilen Staaten“, Verknappungen), so werden in der Strategie auch „sicherheitspolitische“ Ma&#223;nahmen nicht ausgeschlossen. „Klimaschutz“ und die Militarisierung der EU werden so auf perfide Weise verkn&#252;pft. „Die Ziele entschlossener Energie-, Klima- und Sicherheitspolitik und damit verbunden die Entwicklung einer auf Wachstum zielenden und konkurrenzf&#228;higen Wirtschaftszone sind aus Sicht der EU keine Widerspr&#252;che – vielmehr werden die Ziele strategisch unter dem Primat der &#214;konomie integriert. (…) So schafft die EU-Kommission die Grundlagen f&#252;r einen Klima-Kapitalismus, ohne die Vorz&#252;ge eines fossilen kapitalistischen Gesellschaftssystems aufgeben zu m&#252;ssen.“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a></p>
<p><em>Gr&#252;ner Kapitalismus &amp; „Green New Deal“?</em></p>
<p>In der aktuellen Diskussion um den Zusammenhang zwischen Finanz- und &#246;kologischer Krise und die Zukunft des neoliberalen Kapitalismus wird vermehrt ein „Green New Deal“ als m&#246;gliches Projekt angef&#252;hrt – in Analogie zum „New Deal“ in der Entstehungsphase des Fordismus. Damals sah sich der Kapitalismus der Gefahr einer starken ArbeiterInnenbewegung gegen&#252;ber. &#220;ber den fordistischen Wohlfahrtsstaat konnte diese integriert werden, wodurch eine neue stabile Wachstumsphase eingeleitet wurde. Heute ist der Kapitalismus mit der &#246;kologischen Krise sowie der Finanzkrise konfrontiert. Als „Green New Deal“ wird nun die M&#246;glichkeit einer neuen gr&#252;nen, &#246;kologisch orientierten Kapitalinnovationsstrategie diskutiert, &#252;ber die eine neue stabile Wachstumsphase eingeleitet werden k&#246;nnte. Entsprechend wird ein neues internationales Programm f&#252;r massive Investitionen in erneuerbare Energien und Energieeffizienz wie auch in die Bildung gefordert. Das w&#252;rde Millionen neuer Jobs schaffen, den Klimawandel bek&#228;mpfen und die Wirtschaftskrise abmildern.</p>
<p>Von Obama &#252;ber bestimmte Kapitalfraktionen bis zu den Gr&#252;nen und linkskeynesianischen Intellektuellen beziehen sich viele Akteure auf einen „Green New Deal“ und fordern einen „neuen Gesellschaftsvertrag“ entlang dieser Idee.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Auch in der Weltbank l&#228;sst sich in den letzten Jahren eine Umorientierung in diese Richtung erkennen.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Mit einem „Green New Deal“ sollen durch die &#246;kologische Modernisierung von Schl&#252;sselsektoren (Energie, Automobilindustrie, „Life Sciences“ etc.) neue Gewinne erzielt werden: Erneuerbare Energien, Gen- und Biotechnologie („Life Sciences Industry“) und &#246;kologisch modernisierte, „effizienzrevolutionierte“ Produktionsmethoden und Produkte (z.B. das 3-Liter- Auto) w&#228;ren elementarer Bestandteil solcher Strategien. Die Bedeutung geistiger Eigentumsrechte w&#252;rde dabei ebenso zunehmen wie jene der neuen M&#228;rkte f&#252;r Emissionszertifikate. So k&#246;nnte sich das auf den Finanzm&#228;rkten &#252;berakkumulierte Kapital neue Anlagesph&#228;ren erschlie&#223;en und die Krise – zumindest f&#252;r einen bestimmten Zeitraum – &#252;berwunden werden. F&#252;r ein solches Projekt kommt der Kyoto- Nachfolgekonferenz in Kopenhagen im Dezember 2009 ein entscheidender Stellenwert zu. Hier k&#246;nnte ein „Green New Deal“ eingeleitet werden, der – so die These – angesichts des zunehmend diskreditierten neoliberalen Kapitalismus in der Lage w&#228;re, neuen Konsens zu stiften und die aktive und passive Zustimmung zu einem neuen Akkumulationsregime zu organisieren.</p>
<p>Obwohl es gewisse Tendenzen in Richtung eines „Green New Deal“ gibt, h&#228;ngt dessen tats&#228;chliche Durchsetzung einerseits von der weiteren Entwicklung der Finanzkrise sowie andererseits von der Durchsetzungsf&#228;higkeit jener Kapitalfraktionen ab, deren Interessen dadurch gef&#228;hrdet w&#228;ren. Und nicht zuletzt ist auch die Dynamik von sozialen K&#228;mpfen zu betonen.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a></p>
<p>Gleichzeitig gibt es starke Argumente gegen einen „Green New Deal“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a>, da dieser nicht imstande ist, die zugrunde liegenden Probleme der &#246;kologischen Krise zu l&#246;sen. Vielmehr w&#252;rden gerade die Verursacher der Krise profitieren, wodurch sich diese nur versch&#228;rfen w&#252;rde. So stellen mittlerweile die mit den „L&#246;sungen“ einhergehenden Ma&#223;nahmen zunehmend eine gr&#246;&#223;ere Bedrohung f&#252;r die Betroffenen dar als der Klimawandel selbst (Agrartreibstoffe sind ein pr&#228;gnantes Beispiel daf&#252;r, vgl. das Interview mit Camila Moreno in diesem Heft). Versch&#228;rfte soziale Konflikte sind deshalb absehbar. Diese erfordern einen autorit&#228;ren „gr&#252;n-kapitalistischen“ Staat, der wahrscheinlich massive Probleme h&#228;tte, Konsens f&#252;r einen breit getragenen, zustimmungsf&#228;higen „Green New Deal“ zu sichern. Zugleich beweisen auch die bereits implementierten Politiken, z.B. das Kyoto-Protokoll, seit Jahren ihre Wirkungslosigkeit. Und ein weiteres, &#228;u&#223;erst gewichtiges Argument ist hier anzuf&#252;hren: Peak Oil.</p>
<p><em>Peak Oil</em></p>
<p>Erd&#246;l ist der zentrale Rohstoff der modernen Industriegesellschaft – und er geht zur Neige. Die fossilen Stoffe decken heute rund 80 Prozent des weltweiten Energiebedarfs und sind zentrale Grundlage der Wirtschaft insgesamt. Exner und andere argumentieren: „Ein angeblich ‚&#246;kologischer‘ Umbau des Kapitalismus ist nur m&#246;glich, wenn es Profit und Wachstum gibt. Doch wird f&#228;lschlich angenommen, dass das Kapital von selbst auf die ‚Erneuerbaren’ switcht, wenn die Preise der ‚Fossilen’ steigen. Demgegen&#252;ber wird nun sichtbar, dass mit steigenden Energiepreisen alle Preise steigen. Die ‚Erneuerbaren’ werden nicht von selbst attraktiv, und in einer allgemeinen Rezession verschwinden auch die investiven Mittel f&#252;r den ‚&#246;kologischen’ Umbau.“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Sie verweisen dar&#252;ber hinaus auch auf die tief in kapitalistischen Gesellschaften verankerte Abh&#228;ngigkeit vom Erd&#246;l und die gerade dadurch zunehmend schwindende stofflich-energetische M&#246;glichkeit eines Umbaus bei gleichzeitiger Gew&#228;hrleistung von Wachstum und Profit. Die Krise reicht so bis an die Basis des Kapitalismus selbst, es ist alles andere als klar, wie in Zukunft Wachstum und die energetische Versorgung des Kapitalismus gew&#228;hrleistet sein sollen. <em>Peak Oil</em> wird zum Epochenbruch f&#252;hren, so die starke These. Auch Elmar Altvater konstatiert das „Ende des Kapitalismus wie wir ihn kennen“. Dabei ist Klimawandel f&#252;r Altvater eng mit der Entstehung des „fossilistischen Kapitalismus“ verkn&#252;pft. Dieser ist durch die „historisch einmalige ‚Dreifaltigkeit’ von europ&#228;ischer Rationalit&#228;t, die in der modernen Industrie materielle Gestalt annimmt, den fossilen Energietr&#228;gern, die ihr Treibstoff sind, und der kapitalistischen Gesellschaftsformation mit ihrer durch Profit und Konkurrenz stimulierten Dynamik“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> gekennzeichnet. Altvater sieht im &#220;bergang zur „solaren Gesellschaft“ die m&#246;gliche Alternative.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a></p>
<p>Insgesamt ist die Frage, ob nun ein „Green New Deal“ oder ein „grundlegender Epochenbruch“ zu erwarten ist, auch in der Linken h&#246;chst umstritten. Festzuhalten ist aber, dass die Br&#252;chigkeit der gegenw&#228;rtigen Konstellation historisch neue Chancen f&#252;r linke Interventionen er&#246;ffnet.</p>
<h3>Perspektiven linker Klimapolitik</h3>
<p>Die Debatten und Aktivit&#228;ten um „die“ &#246;kologische Krise und insbesondere das Thema Klimawandel haben in den letzten Jahren in der Linken zugenommen. Ausgangspunkt war f&#252;r viele an den G8-Protesten in Heiligendamm beteiligte Bewegungsspektren das Ziel, die „K-Frage“ nach Krise, Krieg, Klimawandel und Kapitalismus offensiv zu stellen. Dies bedeutet, Zusammenh&#228;nge herzustellen, Themen zu verkn&#252;pfen und die verschiedenen K&#228;mpfe, in denen die radikale Linke involviert ist, zu verbinden. Dabei wird immer deutlicher, dass „Klimawandel“ eine geeignete inhaltlich-politische Klammer sein k&#246;nnte, um viele Linke zu vereinen. „Ziel ist es nicht, auf den fahrenden Zug der Eliten aufzuspringen und lediglich die drohende Apokalypse an die Wand zu malen (um dann mit Angst Politik zu machen), sondern im Klimawandel einen weiteren, nicht zu untersch&#228;tzenden Ausdruck der kapitalistischen Systemlogik zu identifizieren und anzuprangern.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> An welchen Punkten treffen also Klimawandel und Kapitalismus aufeinander? Olaf Bernau bringt den Zusammenhang folgenderma&#223;en auf den Punkt: „Klimawandel und Kapitalismus sind auf das Allerengste verzahnt: Erstens &#252;ber das auf fossilen Brennstoffen basierende Energiesystem, zweitens &#252;ber das absolute Warenlevel (Stichwort: &#220;berproduktion und -konsumption), drittens &#252;ber die Zunahme weltweiter Logistik-Dienstleistungen – nicht nur durch wachsende Handelsraten, sondern auchals Folge dezentral organisierter Produktionsketten, viertens &#252;ber die zunehmende, durch brutale Konkurrenz erzwungene Industrialisierung der Landwirtschaft und f&#252;nftens &#252;ber ein im Laufe der b&#252;rgerlichen Gesellschaft herausgebildetes Naturverst&#228;ndnis, wonach Natur wahlweise verdinglicht, monetarisiert oder zum Ressourcen-Steinbruch erkl&#228;rt, nicht jedoch in ihrer systemischen Eigenlogik ernst genommen wurde.“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a></p>
<p>Eine linke Strategie w&#252;rde grunds&#228;tzlich erfordern, in die Konstitution eines neuen, gr&#252;nen Kapitalismus (Stichwort: Kopenhagen 2009) zu intervenieren und R&#228;ume f&#252;r emanzipatorische Alternativen zu &#246;ffnen, indem die Widerspr&#252;che eines derartigen Projekts verdeutlicht und gesellschaftlich zur Sprache gebracht werden. Die Rolle der Linken besteht dabei <em>erstens </em>darin, die &#246;kologische Frage um ihre sozialen Dimensionen zu erweitern und diesen Zusammenhang jeweils konkret zu benennen. <em>Zweitens </em>geht es darum, auf den zentralen Stellenwert der kapitalistischen Produktions- und Konsumtionsweise als wesentliche Krisenursache zu verweisen und hier neuralgische Punkte zu identifizieren. Linke Klimapolitik erschlie&#223;t sich nicht in effektiver technologisch-technokratischer Bearbeitung eines aus dem Lot geratenen &#214;kosystems, sondern stellt kapitalistische Gesellschaft als solche in Frage. Soziale Herrschaftsverh&#228;ltnisse treten dann im Kern hervor, gleichzeitig stehen Fragen gesellschaftlicher Naturverh&#228;ltnisse und Naturbeherrschung mit auf der Agenda.</p>
<p>&#220;ber die Thematisierung dieser Zusammenh&#228;nge k&#246;nnte das Thema Klimawandel die M&#246;glichkeit bieten, politisch zu intervenieren, die K&#228;mpfe zu verbreitern und internationalistische Perspektiven zu verst&#228;rken. Alle diese Vorhaben und Anspr&#252;che stehen erst am Anfang. Die radikale Linke befindet sich selbst noch im Suchprozess nach konkreten Ansatzpunkten. Im Folgenden sollen hierzu – in aller Vorl&#228;ufigkeit – einige Thesen formuliert werden. Es wird Aufgabe weiterer, vertiefender Diskussionen sein, diese zu konkretisieren. Zentral w&#228;re <em>erstens</em>, an konkreten lokalen Konfliktkonstellationen (vom Widerstand gegen ein Stra&#223;enbauprojekt bis zu Protesten gegen den Bau eines neuen Kohlekraftwerks) anzukn&#252;pfen und diese mit gr&#246;&#223;eren Zusammenh&#228;ngen und Fragen zu verbinden. Klimawandel findet in vielen lokalen Auseinandersetzungen und in den Alltags- und Lebensverh&#228;ltnissen der Menschen seinen Ausdruck und versch&#228;rft Konflikte in Bereichen wie z.B. Migration, Geschlechterverh&#228;ltnisse, Ern&#228;hrung, Biodiversit&#228;t, Wasser oder Gesundheit. Klimapolitik ist also immer zugleich umfassende Gesellschaftspolitik.</p>
<p><em>Zweitens</em> geht es darum, konkret bei den VerursacherInnen der Krise anzusetzen (z.B. in den Bereichen Energie, Verkehr, industrielle Landwirtschaft) und zu beginnen, diese offensiv zum Thema zu machen. Dadurch k&#246;nnten R&#228;ume f&#252;r eine antikapitalistische Politik – einschlie&#223;lich grundlegender Wachstumskritik – ge&#246;ffnet werden.</p>
<p><em>Drittens </em>m&#252;ssen dem Gerede der selbsternannten KlimaretterInnen unbequeme Fragen entgegengehalten werden. Dies w&#228;re in die jeweils laufende politische Arbeit zu integrieren. Es ginge dabei um die Neudefinition des Begriffs „Klimawandel“, in Richtung einer Erweiterung auf die bestehenden sozialen Verh&#228;ltnisse.</p>
<p><em>Viertens</em> geht es um verst&#228;rkte Allianzen und Kontakte mit sozialen Bewegungen des Globalen S&#252;dens. Erst durch diese wird emanzipatorische Praxis m&#246;glich: „Von ihrer Seite muss formuliert werden, welche Forderungen sich aus den rassistischen Aspekten des Klimawandels ableiten.“<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a></p>
<p><em>F&#252;nftens</em> w&#228;re gleichzeitig der Bezug zu den globalen Klima-Gro&#223;ereignissen (Kopenhagen, G8, etc.) herzustellen, ohne in ein blo&#223;es „Gipfel-Hopping“ ohne lokale kontinuierliche Verankerung zu verfallen.</p>
<p><em>Sechstens </em>w&#228;ren in der Diskussion um Alternativen die Inhalte mit Fragen von Demokratisierung, globaler Bewegungsfreiheit, der Verf&#252;gung &#252;ber Land und Eigentum, Globalen Sozialen Rechten und dem „guten Leben“ zu verkn&#252;pfen.</p>
<p>Das „alarmistisch-moralisierende Gerede“ von oben eignet sich sehr gut f&#252;r Werbung und pers&#246;nliche Profilierung von PolitikerInnen – solange keine Taten folgen m&#252;ssen, die den gesellschaftlichen Eliten und den f&#252;hrenden Konzernen wehtun. In dieser Konstellation w&#252;rden durchaus M&#246;glichkeiten bestehen, die Kluft zwischen Klima-Rhetorik und tats&#228;chlichen Taten herauszustreichen und durch linke Interventionen zu politisieren: „[W]ir halten eine unabh&#228;ngige politische Mobilisierung von unten (…) f&#252;r notwendig, und sogar f&#252;r eine politische Chance, die wir nicht von vornherein vertun sollten. Denn wenn uns eine gewisse Mobilisierung von unten her gelingt, sollte uns die vordergr&#252;ndige Popularit&#228;t des Themas letztlich mehr nutzen als schaden.“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a></p>
<h3>Klimacamp und radikale Klimapolitik</h3>
<p>Abschlie&#223;end soll exemplarisch dargestellt werden, wie eine radikale Klimapolitik in Konturen aussehen k&#246;nnte. Dabei wollen wir uns auf das Klima- und Antirassismuscamp im August 2008 in Hamburg beziehen. Dieses war ein erster gro&#223;er Kulminationspunkt f&#252;r eine neue Klimabewegung und erhob den Anspruch, der herrschenden „Klimaschutzpolitik“ radikale kapitalismuskritische Positionen entgegenzusetzen, Impulse f&#252;r eine neue Klimabewegung zu liefern und von hier aus in konkrete Konflikte zu intervenieren. Dieser Anspruch konnte – zumindest ansatzweise – verwirklicht werden. &#220;ber verschiedenste Aktionen, Besetzungen und Demonstrationen konnten Inhalte auf die Stra&#223;e getragen und gleichzeitig  Spektren&#252;bergreifend verkn&#252;pft werden. Die Aktionsformen reichten dementsprechend von einer Supermarktblockade &#252;ber die Blockade des weltgr&#246;&#223;ten Agrartreibstoff-Werks des Konzerns ADM und eine Flughafenblockade („Fluten 3.0“) bis hin zur Besetzung der Baustelle eines neuen Kohlekraftwerks.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Begleitet wurde dies von Veranstaltungen, Workshops und intensiven Debatten am Camp selbst. Insgesamt war das Camp eine &#228;u&#223;erst vielversprechende und produktive Form linksradikaler Vernetzung und Intervention. Die Supermarktblockade wollen wir dabei exemplarisch hervorheben: „Hier sollte der Supermarkt als materieller Kulminationspunkt einer Reihe von Themen dienen: der Impact von Supermarktpolitiken auf die Zerst&#246;rung klein strukturierter und die Etablierung industrieller Landwirtschaft, Umwelt- und Klimafragen entlang des gesamten Produktionsprozesses, Zusammenh&#228;nge von Industrialisierungsprozessen und Migration, von Rassismus und Arbeitsrecht, von Armut und dem Recht auf gute Nahrung. So wurde nicht nur &#246;ffentlichkeitswirksam und auf kreative Weise eine Plattform f&#252;r Forderungen geschaffen, sondern auch innerhalb der linken Bewegung ein Punkt gesetzt, von dem aus Diskussionsprozesse beginnen.“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Die vielen K&#228;mpfe entlang der Wertsch&#246;pfungskette konnten so konkret und anschaulich verkn&#252;pft werden. Auf dieser Basis k&#246;nnen neue spektren&#252;bergreifende Allianzen und Perspektiven entstehen.</p>
<p>Abschlie&#223;end ist festzuhalten, dass enorm viele offene Fragen und Herausforderungen existieren. Diese Themen werden uns noch lange begleiten – wir stehen erst am Anfang. Durch die Klimafrage er&#246;ffnen sich neue Perspektiven und Chancen, die „K-Frage“ offensiv auf die Agenda zu setzen. 2009 bietet daf&#252;r einige M&#246;glichkeiten: Die NATO-Proteste in Strassburg k&#246;nnten aufgegriffen und (auch) mit klimapolitischen Fragen verkn&#252;pft werden, etwa anhand der gegenw&#228;rtigen und zuk&#252;nftigen Rolle der NATO in der milit&#228;rischen Absicherung des fossilistischen Kapitalismus. Und im Dezember 2009 findet sich in Kopenhagen die internationale klimapolitische Elite zusammen. Bereits jetzt zeichnet sich eine breite, sich radikalisierende Gegenmobilisierung ab. In diesem Sinne: Forget Kyoto! Shut down Kopenhagen!</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Messner, Dirk/ Nuscheler, Franz: Global Governance. Herausforderungen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Policy Paper 2 der Stiftung Entwicklung und Frieden (Bonn 1996)<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> IPCC: Intergovernmental Panel on Climate Change: Climate Change 2007: Synthesis Report<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Brunnengr&#228;ber, Achim: Umwelt- oder Gesellschaftskrise? Zur politischen &#214;konomie des Klimas; in: Brand, Ulrich/ G&#246;rg, Christoph: Mythen globalen Umweltmanagements (M&#252;nster 2002)<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Beispielhaft sei hier die Einbindung von Entwicklungs-NGOs erw&#228;hnt. Diese k&#246;nnen sich neue Finanzierungsquellen &#252;ber die Beteiligung an sog. „nachhaltigen Projekten“ sichern. Ein anderes Beispiel w&#228;re die Unterst&#252;tzung von Umwelt-NGOs f&#252;r „Nachhaltigkeitszertifikate“ in der Werbung.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Stern, Nicholas: The Economics of Climate Change: The Stern Review. Summary of Conclusions (2006)<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Bundesministerium f&#252;r Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit: Umweltwirtschaftsbericht 2009, S. 86, http://www.bmu.de/files/pdfs/allgemein/application/pdf/umweltwirtschaftsbericht_2009.pdf. F&#252;r weiterf&#252;hrende Kritik am Kyoto-Protokoll vgl. Brunnengr&#228;ber, a.a.O. sowie Altvater, Elmar/ Brunnengr&#228;ber, Achim (Hg.): Ablasshandel gegen Klimwandel? (Hamburg 2008)<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> EU-Kommission: Mitteilung der Kommission: 20 und 20 bis 2020. Chancen Europas im Klimawandel. KOM(2008) 30 (Br&#252;ssel 2008)<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Brunnengr&#228;ber, Achim/ Dietz, Kristina/ Wolf, Simon: Klima-Kapitalismus der EU. Klimaschutz als Wettbewerbspolitik; in: <em>Widerspruch </em>54 (2008), S. 50<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Siehe die Zusammenstellung „Green New Deal?“ unter http://www.labournet.de/news/2009/donnerstag1501.html<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Goldman, Michael: Imperial Nature. The World Bank and Struggles for Social Justice in the Age of Globalization (New Haven/London 2005)<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Karl Heinz Roth verweist in diesem Zusammenhang auf die entscheidende Rolle Chinas: Es wird zu einem Zyklus neuer K&#228;mpfe kommen; in: <em>analyse &amp; kritik</em> 534 (2008)<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> M&#252;ller, Tadzio/ Passadakis, Alexis: 20 Thesen gegen gr&#252;nen Kapitalismus (2008), http://www.prager-fruehling-magazin.de/serveDocument.php?id=22&amp;file=0/2/87a.pdf<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Exner, Andreas/ Lauk, Christian/ Kulterer, Konstantin: Ressourcenkrise als Formationsbruch; in:<em> analyse &amp; kritik</em> 530 (2008)<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Altvater, Elmar: Das Ende des Kapitalismus wie wir ihn kennen (M&#252;nster 2007), S. 72<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Zur Kritik an dieser These vgl. Walkenhorst, Oliver: Stichwort „Klimapolitik“; in: Historisch-kritisches W&#246;rterbuch des Marxismus, Band 7/I (Berlin/Hamburg 2008), S. 1045<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> AntiRassismusB&#252;ro Bremen (2007): Warum Al Gore den Nobelpreis nicht verdient hat; in: BUKO (2008): Wie gr&#252;n sollen Linke sein? Reader, http://www.buko.info/fileadmin/user_upload/doc/reader/reader_naturverhaeltnis.pdf<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Bernau, Olaf: In der Diskursfalle; in: <em>analyse &amp; kritik</em> 532 (2008)<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> AntiRassismusB&#252;ro Bremen, a.a.O.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Ebd.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> http://www.klimacamp08.net/ bzw. http://camp08.antira.info/<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Behr, Dieter / Bolyos, Lisa (2008): Schlafende Riesen? Kritik des kritischen Konsums und Thesen zu Br&#252;chigkeiten in der Wertsch&#246;pfungskette; in: <em>Kurswechsel </em>3 (2008), S. 77f.</p>
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		<title>Hintergr&#252;nde der Weltern&#228;hrungskrise</title>
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		<pubDate>Sat, 07 Feb 2009 11:11:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<em>Carlo Morelli </em>beleuchtet die Ursachen des Anstiegs der Lebensmittelpreise, die Auswirkungen des Klimawandels auf die weltweite Nahrungsmittelproduktion und erkl&#228;rt, dass das grunds&#228;tzliche Problem in der nicht-nachhaltigen Organisation der industriellen Landwirtschaft liegt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Carlo Morelli </em>beleuchtet die Ursachen des Anstiegs der Lebensmittelpreise, die Auswirkungen des Klimawandels auf die weltweite Nahrungsmittelproduktion und erkl&#228;rt, dass das grunds&#228;tzliche Problem in der nicht-nachhaltigen Organisation der industriellen Landwirtschaft liegt.<br />
<span id="more-278"></span><br />
„Die Aufhebung der Korngesetze in Gro&#223;britannien 1846 – der Vorg&#228;nger der modernen Lebensmittelpolitik – wurde von einer Zunahme der Unruhen innerhalb der anwachsenden St&#228;dte der industrialisierten Wirtschaft begleitet. 1848 explodierten diese Unruhen in eine Serie von Revolutionen quer durch Westeuropa.“</p>
<p>Nicht oft warnt die <em>Financial Times</em> vor einer bevorstehenden Revolution, falls die Regierungen nicht handeln, um die Folgen des ungehinderten Marktkapitalismus einzud&#228;mmen; aber genau das hat Alan Beattie im April 2008 argumentiert.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a></p>
<p>Die F&#252;hrer der Welthandelsorganisation (WTO), des Internationalen W&#228;hrungsfonds (IWF) und der britische Premierminister Gordon Brown, um nur einige zu nennen, haben &#228;hnliche Stellungnahmen wiederholt. Sie haben allen Grund zu warnen. Allein im April 2008 ereigneten sich Hungerrevolten in Mexiko, Haiti, der Elfenbeink&#252;ste, Guinea, Senegal, Mauretanien, Marokko, &#196;gypten, Jemen, Mosambique, Indien und Indonesien. Kasachstan, Ukraine, Russland, China, Indien, Vietnam, Kambodscha und Argentinien haben Einschr&#228;nkungen f&#252;r Exporte eingef&#252;hrt. Selbst gro&#223;e US-Anbieter haben begonnen Reis zu rationieren. Schnell steigende Lebensmittelpreise destabilisieren gro&#223;e Teile der Welt, was das Leben von Milliarden Menschen beeinflusst. Die Grafik rechts zeigt, wie schnell die Lebensmittelpreise gestiegen sind, und der Preisanstieg wird wahrscheinlich anhalten. Die Ern&#228;hrungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO (FAO) schreibt, dass die weltweiten Lebensmittelimporte im Jahr 2008 erstmals &#252;ber eine Billion Dollar betragen, eine Steigerung um 20 Prozent zum Vorjahr. Die Importkosten der &#228;rmsten L&#228;nder, diejenigen mit einem Lebensmitteldefizit, werden wahrscheinlich auf 169 Milliarden Dollar ansteigen, ein Anstieg um 40 Prozent. Und es ist „unwahrscheinlich, dass die Preise wieder auf den niedrigen Stand der Vorjahre sinken werden“.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a></p>
<p><strong>Lebensmittel-Preis-Index</strong><br />
Quelle: Food and Agriculture Organisation</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-279" title="119morelli1" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2009/02/119morelli1.jpg" alt="119morelli1" width="392" height="257" /></p>
<h3>Gegenw&#228;rtige Ursachen</h3>
<p>Vier Hauptfaktoren verursachten die j&#252;ngsten Preissteigerungen:</p>
<p>• Zu wenig Regenf&#228;lle in Australien und zu viel Regen in Nordeuropa f&#252;hrten zu sinkenden Ernteertr&#228;gen. Dies deutet darauf hin, dass der Klimawandel einen Einfluss auf die geografische Verteilung der Lebensmittelproduktion hat.</p>
<p>• Der Gro&#223;teil der US-Maisernte wurde f&#252;r die Produktion von Biotreibstoffen verwendet, welche von Regierungssubventionen unterst&#252;tzt wird. Das allein ist verantwortlich f&#252;r ein Drittel des Anstiegs der Getreidepreise.</p>
<p>• Steigender Fleischkonsum der Mittelklasse in China und Indien lie&#223; die Nachfrage nach Getreide f&#252;r Tierfutter ansteigen.</p>
<p>• Jeder Anstieg der &#214;l- und Gaspreise erh&#246;ht auch die Landwirtschaftskosten, weil die Kosten des Transports, der Mechanisierung und der Pestizide und Stickstoffbasierten D&#252;ngemittel (welche mit energieintensiven Prozessen hergestellt werden) steigen.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Das Unverm&#246;gen des Systems der weltweiten Lebensmittelproduktion, auf die gegenw&#228;rtigen Probleme zu reagieren, weist auf einen tieferen und l&#228;ngerfristigen Fehler im System hin. W&#228;hrend des 20. Jahrhunderts gab es immer einen &#220;berschuss an Lebensmitteln auf der ganzen Welt; Hungersn&#246;te resultierten aus falscher Verteilung, nicht aus mangelnder Produktion. Aber heute „sind die Getreidevorr&#228;te … auf einem 40-j&#228;hrigen Tiefstand, das entspricht gerade mal 15 bis 20 Prozent der j&#228;hrlichen Nachfrage“.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Das bedeutet, dass klimabedingte Ernteausf&#228;lle in einer Region katastrophal f&#252;r die ganze Welt werden k&#246;nnen. Wir haben nun ein Problem mit der Produktion und nicht nur mit der Verteilung. Das beginnt mit der Organisation des kapitalistischen Marktes.</p>
<h3>Wie der Markt die Lebensmittelversorgung bedroht</h3>
<p>Steigende Lebensmittelpreise waren ein explizites Ziel und kein unwillkommenes Nebenprodukt der Liberalisierungwelle der Agrarm&#228;rkte in den letzten zwei Jahrzehnten. Der IWF sch&#228;tzte 2006, dass die Importkosten f&#252;r Netto-Lebensmittelimporteure um „300 Millionen auf 1,25 Milliarden Dollar wachsen werden, abh&#228;ngig vom Grad der Liberalisierung“. <a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Die Weltbank erwartete, dass die vollst&#228;ndige Liberalisierung die internationalen Warenpreise durchschnittlich um 5,5 Prozent steigen lassen w&#252;rde.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a></p>
<p>Ein Schl&#252;sselelement in den Strukturanpassungsprogrammen – welche durch den IWF seit den 1980ern in Entwicklungsl&#228;ndern durchgesetzt und vor kurzem in Armutsreduzierungsprogramme umbenannt wurden – war die Verlagerung der &#214;konomien der Entwicklungsl&#228;nder auf die Produktion von „cash crops“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> f&#252;r den Weltmarkt. Die Entwicklungsl&#228;nder k&#246;nnten die Einnahmen dann zum Kauf von anderen billigen Lebensmitteln verwenden und so den Lebensstandard ihrer Bev&#246;lkerungen erh&#246;hen.</p>
<p>Bis Ende der 1990er Jahre haben mehr als achtzig Entwicklungsl&#228;nder diese Programme implementiert.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Kaffee war ein solches „cash crop“. Im Jahr 2000 war es in mehr als achtzig L&#228;ndern verbreitet, bedeckte &#252;ber 100.000 Quadratkilometer Land mit einem Ertrag von 5,7 Millionen Tonnen pro Jahr.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Dasselbe passierte etwa mit Tabak in Malawi, Orangen in Brasilien, Baumwolle in Burkina Faso und Schnittblumen und Gem&#252;se in Kenia. In jedem Fall ersetzte ein „cash crop“ in gro&#223;en Teilen des Landes die Lebensmittelgrundlage f&#252;r die &#246;rtliche Bev&#246;lkerung.</p>
<p>Die &#246;konomische Theorie der „komparativen Kostenvorteile“ untermauerte diesen Ansatz. „Wohlstandseffekte des Handels“ („gains from trade“) w&#252;rden entstehen, wenn jede &#214;konomie ihre Produktionsprozesse spezialisierte. Die Theorie ignoriert jedoch, wie der Markt tats&#228;chlich funktioniert. Joseph Stiglitz, fr&#252;herer Chef-&#214;konom der Weltbank, kritisierte den Ansatz des IWF als „auf der veralteten Ansicht basierend, dass der Markt von selbst zu effizienten Ergebnissen f&#252;hrt.“<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a></p>
<p>Dominante Unternehmen sind in der Lage, ihre Marktmacht einzusetzen, um Gewinne auf Kosten schw&#228;cherer Akteure einzufahren. Eine M&#246;glichkeit daf&#252;r ist, die strikte Kontrolle &#252;ber die Lieferketten sicherzustellen. So kontrollierten Ende der 1990er Jahre sechs Firmen &#252;ber 84 Prozent von Kenias Gem&#252;seexport.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Die f&#252;nf gr&#246;&#223;ten Handelsketten in Gro&#223;-britannien geben strenge Liefertermine, gr&#246;&#223;ere Produktuniformit&#228;t und aufw&#228;ndigere Verpackungsformen vor – diese Bedingungen k&#246;nnen nur von gro&#223;en, kapitalintensiven Unternehmen erf&#252;llt werden. Diejenigen am unteren Ende der Lieferkette – die 15.000 KleinproduzentInnen, und unter ihnen die hunderten und tausenden Subsistenz-B&#228;uerInnen und landlosen ArbeiterInnen, die das Gem&#252;se f&#252;r den Export liefern – erhalten f&#252;r ihre Arbeit gerade mal genug Geld zum &#220;berleben. Kapitalistische Akkumulation in der weltweiten Lebensmittelindustrie beinhaltet die Ausweitung und Intensivierung der Ausbeutungsstrategien auf der ganzen Welt.</p>
<p>Die schnelle Ausweitung des Anbaus von „cash crops“ f&#252;hrte &#252;ber viele Jahre zu einem &#220;berangebot von Waren und starken Preisschwankungen, die haupts&#228;chlich die kleinen und mittleren Bauern und B&#228;uerinnen treffen. Die Kaffeeproduktion zum Beispiel wuchs in zwei Jahrzehnten bis 2004 doppelt so schnell wie der Konsum, und der Kaffeepreis fiel um zwei Drittel. &#196;hnliche Entwicklungen f&#252;hrten dazu, dass die Preise f&#252;r alle Landwirtschaftsexporte bis Ende der 1990er auf niedrigem Niveau blieben.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Die M&#228;rkte f&#252;r „cash crops“ waren durch anarchische, unkoordinierte Investitionsmuster gekennzeichnet. Die Nutznie&#223;er sind Firmen, die am oberen Ende in der Lieferkette angesiedelt sind, und die den Angebotsmarkt beherrschen, die Preise diktieren und gro&#223;e Profite einfahren k&#246;nnen. Wal-Mart, Tesco, Nestlé, Monsanto und Starbucks zeigen, wie gut Verarmung f&#252;r das Gesch&#228;ft in den 1990ern war.</p>
<p>Schlie&#223;lich wurde erkannt, dass der Ansatz des IWF nicht zu Entwicklung f&#252;hrte, und die Abh&#228;ngigkeit der Entwicklungsl&#228;nder von Nahrungsmittelhilfen und Weltbankkrediten zugenommen hat, statt abzunehmen. Die Dominanz des <em>Big Business</em> stellte jedoch sicher, dass die Schuld auf die immer noch bestehenden Restriktionen des Agrarmarktes und nicht auf die Liberalisierungsma&#223;nahmen geschoben wurde. Das Resultat war das „&#220;bereinkommen zur Landwirtschaft“, welches aus den Verhandlungen der Uruguay-Runde des <em>General Agreement on Tariffs and Trade</em> (Allgemeines Zoll- und Handelsabkommen, GATT) im Jahr 1992, zusammen mit der Weltbank, entstanden ist. Darin wurde eine weitere Intensivierung des Prozesses der Marktliberalisierung durch die Reduzierung von Regierungssubventionen gefordert. Damit wurde beabsichtigt, dass die „Marktsignale“ noch st&#228;rker an die ProduzentInnen &#252;bertragen werden.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a></p>
<p>Eine Antwort auf die gegenw&#228;rtige Krise der Lebensmittelpreise ist die noch st&#228;rkere Marktliberalisierung. Es ist jedoch nicht die Unf&#228;higkeit der &#214;konomien der Entwicklungsl&#228;nder, auf die Marktsignale zu reagieren, sondern das Problem ist, dass der Markt selbst die Instabilit&#228;t erzeugt.</p>
<h3>Kapitalismus f&#252;hrt zu Armut</h3>
<p>Bisher haben wir gesehen, dass Handelsliberalisierung zu einem Anstieg der Lebensmittelpreise f&#252;hren sollte und nicht dazu, sie zu senken. Ebenso sollten h&#246;here Investitionen der landwirtschaftlichen Gro&#223;betriebe gef&#246;rdert werden, sodass Gro&#223;produzenten den Hauptteil der „Wohlfahrtseffekte“ aus komparativen Vorteilen erhielten. Der Liberalisierungsansatz geht davon aus, dass die Zahl der l&#228;ndlichen Armen nur reduziert werden kann, indem man sie aus der Landwirtschaft in die st&#228;dtische Produktion transferiert. Das tats&#228;chliche Ziel war also die Zerst&#246;rung der l&#228;ndlichen Communities und die Entwicklung von gro&#223;industrieller Landwirtschaft. Im Bericht der Weltbank &#252;ber die „Landwirtschaft f&#252;r Entwicklung“ hei&#223;t es: „Landwirtschaftliches Wachstum war der Vorl&#228;ufer der industriellen Revolution, die sich in den gem&#228;&#223;igten Zonen von England Mitte des 18. Jahrhunderts bis Japan im sp&#228;ten 19. Jahrhundert verbreitete. Ebenso war das schnelle Wachstum der Landwirtschaft in China, Indien und Vietnam in der j&#252;ngeren Vergangenheit der Vorl&#228;ufer f&#252;r den dortigen Aufbau der Industrie.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Demnach setzte die Industrielle Revolution die Vertreibung der Menschen vom Land voraus – durch die Einhegungen in England und Schottland. Genauso werden die landlosen ArbeiterInnen, Klein- und Subsistenzbauern und -b&#228;uerinnen in den Entwicklungsl&#228;ndern als Hindernis f&#252;r die &#246;konomische Entwicklung des globalen S&#252;dens gesehen. Sch&#228;tzungen durch die UN im Jahr 2000 wiesen darauf hin, dass durch die Liberalisierungsma&#223;nahmen zwischen 20 und 30 Millionen Menschen l&#228;ndliche Gebiete verlassen haben.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Entwicklung hei&#223;t offenbar im engen kapitalistischen Rahmen der Ausbeutung von Lohnarbeit die Verarmung des Gro&#223;teils der Bev&#246;lkerung, und dass eine kleine Minderheit von der extremen Polarisierung des Reichtums profitiert. Solch ein System ignoriert die Nachhaltigkeit sowohl in Hinblick auf die globalen Ressourcen als auch die Auswirkungen auf die Armen der Welt.</p>
<p>Sogar innerhalb der Logik des Kapitalismus liegt der prim&#228;re Grund f&#252;r den Misserfolg der Entwicklungsl&#228;nder nicht in der Struktur der landwirtschaftlichen F&#246;rderung und Unterst&#252;tzung, sondern bei der Begrenzung des Exports der Entwicklungsl&#228;nder in die entwickelten L&#228;nder. In der EU und den USA hat diese Art der Subventionierung noch gr&#246;&#223;ere Bedeutung. Hier werden die Gro&#223;produzenten seit mehr als einem halben Jahrhundert gef&#246;rdert; direkte Zahlungen an die Landwirtschaft erreichten im Jahr 2003 235 Milliarden Dollar.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Der landwirtschaftliche Sektor in den entwickelten L&#228;ndern wird seitdem die Entwicklungsl&#228;nder zu mehr Liberalisierung gezwungen wurden nicht weniger, sondern noch st&#228;rker subventioniert.</p>
<p>Auch dort, wo die Entwicklungsl&#228;nder ihren Anteil am Handel beibehalten konnten, wurde die Armut nicht verringert. Von 1990 bis 2005 – ein Zeitraum in dem der Welthandel um ca. 200 Prozent gestiegen ist – konnten L&#228;nder mit niedrigem Einkommen ihren Anteil am Export von landwirtschaftlichen Produkten bei 15 Prozent halten. Selbst Afrika, der Kontinent, dessen &#246;konomische Entwicklung weit hinter den meisten Entwicklungsl&#228;ndern zur&#252;ckgefallen ist, konnte seinen Anteil von 3,4 Prozent am Weltexport halten. W&#228;hrend sich aber die Exporte der Entwicklungsl&#228;nder von Fleischprodukten, Gem&#252;se und &#214;lsaat mehr als verdreifacht haben, ist der heimische Konsum von Grundnahrungsmitteln seit den 1980ern ann&#228;hernd gleich geblieben und der Lebensmittelimport von 7 auf 11 Prozent des Welthandels gestiegen, sodass die Entwicklungsl&#228;nder ein Abladeplatz gest&#252;tzter Exporte der Industriel&#228;nder geworden sind.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a></p>
<p>Ern&#228;hrungssicherheit, die F&#228;higkeit der Regierungen, die heimische Produktion von Grundnahrungsmittel zu sch&#252;tzen, ist kontinuierlich ausgeh&#246;hlt worden, sodass die Armen der Welt den Schwankungen der Lebensmittelpreise immer st&#228;rker ausgesetzt wurden. Das Problem des Lebensmittelmarktes ist nicht, dass die Marktsignale nicht auf die Entwicklungsl&#228;nder durchschlagen, sondern die unkontrollierbaren Ergebnisse dieser Signale. Marktsignale stellen Informationen &#252;ber die gegenw&#228;rtigen Preise bereit, aber sie bieten keinen Mechanismus zur Koordination und Planung f&#252;r die Zukunft. Als die Lebensmittelpreise niedrig waren, gab es so gut wie keine Investitionsm&#246;glichkeiten f&#252;r kleine und mittlere Bauern und B&#228;uerinnen, die die Grundlage der Lebensmittelversorgung in den meisten Entwicklungsl&#228;ndern sichern. Die Ausweitung der Marktmechanismen bedeutet, dass Bauern und B&#228;uerinnen selbst abh&#228;ngig davon werden, bestimmte Lebensmittel zu kaufen. Zus&#228;tzlich m&#252;ssen sie auch mehr f&#252;r landwirtschaftliche Produktionsmittel bezahlen – D&#252;ngemittel, Pestizide und Kraftstoffe: „Als sich der Preis von Reis in den letzten Monaten verdoppelte, hatten die meisten Farmer nur wenig davon – selbst in Vietnam, dem zweitgr&#246;&#223;ten Reisexporteur der Welt. Ihre Einnahmen sind gewachsen, aber ebenso die Kosten – vor allem f&#252;r D&#252;ngemittel, derem Preis eng an die Energiepreise gebunden ist. Kraftstoffe, die ben&#246;tigt werden um Wasser in die Reisfelder zu pumpen und ihre Ernte zu transportieren, sind ein weiterer schnell wachsender Kostenfaktor. In Gespr&#228;chen in ganz Vietnam berichten Bauern und B&#228;uerinnen ausnahmslos, dass sich ihre Kosten seit dem letzten Jahr verdoppelt haben, was eine Einkommenssteigerung trotz der ansteigenden Preise f&#252;r Reis auf den heimischen und den Weltm&#228;rkten unm&#246;glich machte.“<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Unabh&#228;ngig davon, ob Lebensmittelpreise hoch oder niedrig sind, die Millionen Kleinbauern und -b&#228;uerinnen der Welt sind dazu verdammt, unter dem jetzigen System zu leiden.</p>
<h3>Spekulation und Preise</h3>
<p>Das Leiden sowohl der Kleinbauern und -b&#228;uerinnen als auch derjenigen, die von ihren Produkten abh&#228;ngig sind, wird durch einen weiteren Faktor versch&#228;rft: die Spekulation. Warenm&#228;rkte f&#252;r Lebensmittel funktionieren jetzt genauso wie andere M&#228;rkte. Jede Warengruppe hat B&#246;rsen f&#252;r Termingesch&#228;fte (<em>futures, hedging, price guarantees</em>). Zwischenh&#228;ndlerInnen, gro&#223;e Handelskonzerne und Firmen nutzen Prognosen, um Risiken zu minimieren; dadurch glaubt man, einen Mechanismus zur Stabilisierung der Preise gefunden zu haben. Aber Warenb&#246;rsen tun noch einiges mehr: sie bef&#246;rdern Spekulationen st&#228;rker als produktive Investitionen. Spekulation beruht auf der F&#228;higkeit, Markttrends zu erkennen und kurzfristige K&#228;ufe und Verk&#228;ufe zu nutzen um in bestimmten M&#228;rkten zu bestimmten Zeitpunkten hohe Renditen zu erzielen. Diese spekulativen Investitionen k&#246;nnen hochgradig destabilisierende Effekte auf die M&#228;rkte haben. Der Zusammenbruch der „dotcom“-Spekulationsblase, und sp&#228;ter der Immobilien- und Banken-Spekulationsblasen, haben die M&#246;glichkeiten f&#252;r spekulative Investitionen auf kurzfristigen M&#228;rkten drastisch eingeschr&#228;nkt. Man richtete die Aufmerksamkeit auf Warenm&#228;rkte – Lebensmittel eingeschlossen – um zuk&#252;nftige Lieferungen zu kaufen, in der Annahme, dass deren Preise mit Sicherheit steigen w&#252;rden; und genau dadurch werden die Preise weiter nach oben getrieben. Die<em> Financial Times </em>berichtete: „Institutionelle und private Investitionen in Waren sind nach oben geschossen – angelockt durch Recherchen, die zeigen, dass Waren den Wertpapierbestand diversifizieren k&#246;nnen; und durch „performing-chasing“ [Jagd nach der besten Wertentwicklung] flie&#223;t Geld in Sektoren, die Geld machen. Laut dem Unternehmensberater Philip Verleger hat sich die H&#246;he der Investionen auf diesem Wege verf&#252;nffacht – auf ungef&#228;hr 250 Milliarden Dollar in nur drei Jahren.“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a></p>
<p>„Der Umfang der Spekulationen ist steil angestiegen. Seit 2003, so Stanley Morgan, sind Getreide-Termingesch&#228;fte von 500.000 auf knapp 2,5 Millionen Vertr&#228;ge gestiegen … Mehr spekulatives Geld wird hineinflie&#223;en und wird dadurch selbst eine gr&#246;&#223;ere Rolle beim Preisanstieg spielen. Und – nat&#252;rlich – mehr Menschen in den &#228;rmsten L&#228;ndern werden hungern.“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a></p>
<p>Laut IWF sind Spekulationen zwar nicht die Ursache des Preisanstiegs, aber sobald die Preise steigen, flie&#223;en spekulative Investitionen in den Markt.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Wie neuartig diese Spekulation ist, kann an nachstehender Tabelle abgelesen werden:</p>
<p><strong>Tab. 1: ausgew&#228;hlte Warenpreise (2005 = 100%)</strong><br />
Quelle: IWF</p>
<p>W&#228;hrend sich die Preise aller Rohstoffe zwischen 1998 und 2005 verdoppelten, stiegen die Lebensmittelpreise nur unwesentlich von 92 auf 100 Prozent; aber seit 2005 steigen die Preise sehr viel schneller als zuvor. Doch die verheerenden Auswirkungen der Spekulation sind nur in Zusammenhang mit den tiefer greifenden Ver&#228;nderungen des Weltern&#228;hrungssystems zu verstehen.</p>
<h3>Horror-Szenarien</h3>
<p>Wenn die gegenw&#228;rtige Lebensmittelkrise durch die Unkontrollierbarkeit der Marktmechanismen verursacht ist, wie sehen dann die langfristigen Perspektiven aus?</p>
<p>Es gibt zwei weit verbreitete Ansichten. Die eine ist, dass der derzeitige Anstieg der Lebensmittelpreise mit dem letzten gro&#223;en Anstieg von 1972/73 vergleichbar ist. Damals fiel ein pl&#246;tzlicher Anstieg der Nachfrage f&#252;r Getreide aufgrund eines kurzen weltweiten Booms mit dem Eintritt der UdSSR in den Getreideweltmarkt wegen eigener Ernteengp&#228;sse zusammen. Die steigenden Lebensmittelpreise trugen zur weltweiten Inflation bei, ebbten aber in den sp&#228;ten 1970er Jahren ab und fielen dann &#252;ber einen langen Zeitraum im Vergleich zu anderen Preisen. Aus dieser Sicht m&#246;gen die gegenw&#228;rtigen Preissteigerungen zwar verheerende Konsequenzen zeitigen und dazu f&#252;hren, dass bis zu 100 Millionen Menschen hungern, weil die Weltbeh&#246;rden unf&#228;hig sind, Gegenma&#223;nahmen zu ergreifen. Aber die Katastrophe w&#252;rde nur einige Jahre dauern.</p>
<p>Die andere Position zeichnet ein Horror-Szenario.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Sie behauptet, dass die gegenw&#228;rtige Krise auf die Ersch&#246;pfung der neuen Mittel zur Steigerung der Getreideertr&#228;ge verweist, die die Lebensmittelpreiskrise in den 1970ern bew&#228;ltigten. Diese Methoden, oft als „Gr&#252;ne Revolution“ bezeichnet, basierten auf der Nutzung neuer, produktiverer Getreidesorten, kombiniert mit einem enorm gesteigerten Gebrauch von D&#252;ngemitteln und k&#252;nstlicher Wasserversorgung. Heute nutzt China 40 Millionen Tonnen D&#252;ngemittel pro Jahr, die USA 19 Millionen und Indien 16 Millionen Tonnen. Im Ergebnis war die weltweite Getreideproduktion 2004 – ca. 2 Milliarden Tonnen – drei mal h&#246;her als in den 1950ern und gleichzeitig stieg der durchschnittliche Konsum pro Kopf trotz Bev&#246;lkerungswachstum um 24 Prozent. Das verbannte das Gespenst der Hungersnot und des Hungertods (im Gegensatz zu der verbreiteten Untern&#228;hrung) f&#252;r mehr als eine Generation aus China und Indien.</p>
<p>Aber die „Gr&#252;ne Revolution“ hat nun laut einem Bericht des<em> International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development</em> (Weltlandwirtschaftsrat, IAASTD) aus dem Jahr 2008 ein „Plateau“ erreicht.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Die weltweiten Anbaufl&#228;chen, die f&#252;r Lebensmittel verwendet werden, vergr&#246;&#223;ern sich nicht und die Getreideproduktion kann mit dem Bev&#246;lkerungswachstum in Asien gerade noch mithalten, w&#228;hrend die Lage in Afrika noch schlimmer ist. Der letzte Weltentwicklungsreport der Weltbank r&#228;umt ein, dass die konventionellen Strategien in dieser Hinsicht versagen: „Viele L&#228;nder, deren &#214;konomien auf Landwirtschaft basieren, weisen noch ein schwaches pro-Kopf Wachstum und wenig strukturelle Ver&#228;nderungen auf… Dasselbe gilt f&#252;r riesige Fl&#228;chen in unterschiedlichen L&#228;ndern. Schnelles Bev&#246;lkerungswachstum, immer kleinere Landwirtschaftsbetriebe, sinkende Fruchtbarkeit des Bodens, und geringe M&#246;glichkeiten zur Einkommensdiversifizierung und Migration schaffen Notlagen, da die Landwirtschaft nur wenig Kraft zur Entwicklung hat. Ma&#223;nahmen, die die Landwirtschaft extrem besteuern und Investitionen erschweren sind Schuld und Ausdruck einer politischen &#214;konomie, in der st&#228;dtische Interessen die Oberhand haben. Verglichen mit erfolgreichen Schwellenl&#228;ndern zu dem Zeitpunkt, als diese noch einen hohen landwirtschaftlichen Anteil am BIP aufwiesen, ist der Anteil der Staatsausgaben f&#252;r Landwirtschaft in heutigen agrarbasierten Entwicklungsl&#228;ndern um einiges geringer (4 Prozent 2004 im Vergleich zu 10 Prozent 1980).“<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a></p>
<p>Die Chancen, dass das Horror-Szenario eintritt, k&#246;nnten durch den Klimawandel wachsen, der voraussichtlich die Lebensmittelproduktion in den am dichtesten bev&#246;lkerten Teilen der Welt am st&#228;rksten treffen wird. Die Klimawandelmodelle sind sehr problematisch, besonders wenn sie auf die Landwirtschaft angewandt werden, m&#252;ssen doch Annahmen in Bezug auf zuk&#252;nftige Landnutzung, Produktionswachstum, Konsummuster und Ver&#228;nderungen in der Bev&#246;lkerung in Betracht gezogen werden. Trotzdem legen Modellvorhersagen nahe, dass der vom <em>Intergovernmental Panel on Climate Change</em> (Weltklimarat, IPCC) gesch&#228;tzte Anstieg der Temperaturen um vier Grad zu einer Verringerung der durchschnittlichen landwirtschaftlichen Ertr&#228;ge und zu dramatischen Ver&#228;nderungen in der Verteilung des landwirtschaftlichen Outputs f&#252;hren k&#246;nnte, wenn das Vordringen der W&#252;ste in den &#228;quatornahen Regionen durchschl&#228;gt. Eine Studie sagt voraus, dass sich ohne den Klimawandel die Getreideproduktion bis 2080 verdoppeln w&#252;rde. Den Klimawandel miteingerechnet m&#252;sste das prognostizierte Produktionsvolumen nur um 0,6 bis 0,9 Prozent weltweit reduziert werden. W&#228;hrend in diesem Szenario aber die Produktion in den meisten der entwickelten L&#228;nder steigt, w&#252;rde die Produktion in Afrika, Ostasien und S&#252;dasien fallen; m&#246;glicherweise um bis zu 20 Prozent in S&#252;dasien.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Nat&#252;rlich kann die Genauigkeit der einzelnen in den Studien angewandten Modelle diskutiert werden, aber mit aller Wahrscheinlichkeit werden die Kosten des Klimawandels disproportional von den &#228;rmsten Teilen der Weltbev&#246;lkerung getragen werden.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Zu diesem Problem kommt noch die Verwendung von Land f&#252;r die Produktion von Biotreibstoffen hinzu. Nichts ist charakteristischer f&#252;r die Anarchie der Marktmechanismen als die Begeisterung f&#252;r Bioreibstoffe. Von Brasilien bis Indonesien werden Regenw&#228;lder zerst&#246;rt, um f&#252;r Plantagen Platz zu schaffen. Regenw&#228;lder werden niedergebrannt und der Boden ausgelaugt f&#252;r die Produktion eines Kraftstoffs, der den Verbrauch an Kohlenstoff verringern soll. Ebenso sichert die Unterst&#252;tzung der US-Regierung f&#252;r Ethanol als Biotreibstoff die meisten Subventionen f&#252;r die industrielle Entwicklung und damit die Verlagerung des Maisanbaus aus der Lebensmittel- in die Ethanol-Produktion.</p>
<p>Biotreibstoffe werden als eine Strategie gegen den Klimawandel angepriesen, doch f&#252;r eine nachhaltige Entwicklung sind diese keine ausreichende L&#246;sung. Der Klimawandel kann nicht einfach durch den Ersatz einer Form der Kohlenstoffnutzung durch eine andere bek&#228;mpft werden, sondern durch Ans&#228;tze, die die gesellschaftliche Kohlenstoffnutzung insgesamt in Frage stellen. Die Motivation der Bush-Administration war nicht, den Klimawandel zu stoppen, sondern die Sicherung der Energieversorgung des US-Kapitalismus. Es wird erwartet, dass die Produktion von Biotreibstoffen gegen&#252;ber der Erd&#246;l-basierten Treibstoff-Produktion profitabel wird, wenn der &#214;lpreis 60 Dollar pro Barrel &#252;bersteigt. In kapitalistischen Kreisen setzt sich zunehmend die Ansicht durch, dass die &#214;lproduktion weltweit eine Spitze erreicht hat (<em>Peak Oil</em>) und dass der &#214;lpreis &#252;ber diesem Level bleiben wird. Das f&#252;hrt dazu, dass im Jahr 2008 ein noch gr&#246;&#223;erer Anteil des US-Maisanbaus f&#252;r Biokraftstoffproduktion aufgewandt wurde als im Jahr zuvor. Insgesamt wird gesch&#228;tzt, dass die Nutzung von Getreide f&#252;r Biokraftstoff f&#252;r ungef&#228;hr 30 Prozent des Anstiegs der Getreidepreise in den letzten f&#252;nf Jahren verantwortlich ist.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a></p>
<p>Die hohen &#214;lpreise sind daher eine doppelte Bedrohung f&#252;r die Lebensmittelproduktion und -preise. Auf der einen Seite steigen die Kosten f&#252;r Kraftstoff und D&#252;ngemittel f&#252;r die Landwirtschaft, wodurch es viel schwieriger wird, die Ertr&#228;ge mit den Methoden der letzten vier Jahrzehnte zu steigern. Auf der anderen Seite werden Anbaufl&#228;chen statt f&#252;r Lebensmittel f&#252;r Biotreibstoffproduktion genutzt. Beide Trends verschlimmern die gef&#228;hrlichen Auswirkungen des Klimawandels auf die zuk&#252;nftige Lebensmittelversorgung. Das ist der furchtbare Preis, den die Menschheit f&#252;r die Abh&#228;ngigkeit des Kapitalismus von Kohlenstoff zu bezahlen riskiert – selbst wenn die D&#252;ngemittelproduktion selbst nur ungef&#228;hr ein Prozent der globalen Energie verbraucht.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a></p>
<p>Der IWF weist darauf hin, dass sich der Bedarf an Lebensmitteln bis 2080 verdreifachen k&#246;nnte, was das Angebot &#252;bersteigen und zu chronischen Engp&#228;ssen f&#252;hren w&#252;rde.</p>
<p>Obwohl sie das nicht sagen, w&#228;re das das katastrophale Ergebnis kapitalistischer Akkumulationsstrategien. Im Gegensatz dazu weisen Tubiello und Fischer darauf hin, dass, wenn der Klimawandel aufgehalten werden kann, selbst im „schlimmsten Fall“ einer Verdopplung der Weltbev&#246;lkerung die Lebensmittelreserven 2080 immer noch 12 Milliarden Menschen ausreichend versorgt werden k&#246;nnen.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a></p>
<p>Klar scheint, dass das gegenw&#228;rtige Vertrauen auf industrielle Landwirtschaft, die Nutzung von Monokulturen und &#246;lbasierten D&#252;ngemitteln und der intensive Einsatz von Wasser zur Ausweitung der Lebensmittelproduktion zusehends unhaltbarer wird. Die Berichte der Weltbank und des IAASTD akzeptieren beides zur H&#228;lfte. Sie betonen den Bedarf f&#252;r mehr landwirtschaftliche Investitionen, die auf die Millionen von kleinen, arbeitsintensiven Betrieben gerichtet sind, achten auf den Wasserverbrauch, den Ersatz von k&#252;nstlichen durch organische D&#252;ngemittel sowie Vorbeugungsma&#223;nahmen gegen weitere Sch&#228;digung des Bodens. Und sie beklagen das Versagen der Regierungen, Finanzmittel daf&#252;r bereitzustellen. Aber ihr Bekenntnis zum Kapitalismus bedeutet, dass sie ihren eigenen Einsichten den R&#252;cken kehren und weiterhin „cash crops“ sowie das Wachstum von industriell-kapitalistischen Landwirtschaftsbetrieben auf Kosten der Armen und deren Versorgung mit Grundnahrungsmitteln fordern.</p>
<p>Unter dem gegenw&#228;rtigen Modell der kapitalistischen Lebensmittelproduktion ist die Befriedigung der Nachfrage der Menschen nach Nahrungsmitteln zunehmend bedroht. Falls dieses Szenario Realit&#228;t wird, wurde es nicht durch &#220;berbev&#246;lkerung verursacht, wie Malthus behauptet hatte, sondern durch das Versagen der kapitalistischen Produktionsweise. Der Kapitalismus hat seine Destruktivit&#228;t in der Lebensmittelproduktion durch zerst&#246;rerische und nicht-nachhaltige Formen &#246;konomischer Entwicklung bewiesen.</p>
<p>Ohne Zweifel beruht der gegenw&#228;rtige Preisanstieg, mit der Gefahr, dass Millionen verhungern, auf einer besonders grausamen Version des kapitalistischen Kreislaufes von Auf- und Abschw&#252;ngen. Und mit gro&#223;er Wahrscheinlichkeit wird die Bedrohung der Weltern&#228;hrungssicherheit andauern, auch wenn die aktuelle Krise letztlich &#252;berwunden werden kann. Eine wirklich nachhaltige Lebensmittelproduktion bedarf der demokratischen Kontrolle durch die Weltbev&#246;lkerung.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Beattie, Alan: Governments Can No Longer Ignore the Cries of the Hungry; in: <em>Financial Times</em>, 5. April 2008<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> FAO: Food Outlook (Mai 2008), www.fao.org/docrep/010/ai466e/ai-466eoo.htm<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> F&#252;r eine detaillierte Aufz&#228;hlung der Verbindungen zwischen Energie und D&#252;ngemittelkosten siehe auch Walker, David: Energy and Fertiliser Costs; in:<em> MI Prospects</em> 8:19 (2006), www.hgca.com/imprima/miprospects/vol08Issue19/minisite/Vol08Issue19.pdf<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Financial System Faces Commodity-led Crisis; in: <em>Financial Times</em>, 5.M&#228;rz 2008<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> IWF: World Economic Outlook (September 2006), www.imf.org/external/pubs/ft/weo/2006/02, Kapitel 5, Kasten 5.2<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Weltbank: World Development Report 2008: Agriculture for Development (2007), http://go.worldbank.org/ZJIAOSUFUo, S. 11<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> „Cash Crops“ bezeichnen Agrarprodukte, die f&#252;r den Export bestimmt sind und meist in Monokulturen angebaut werden. Sie werden vor allem in den ehemaligen Koloniall&#228;ndern S&#252;damerikas und Afrikas angebaut und dienen nicht der Selbstversorgung (<em>Food Crops</em>) des Landes. (A. d. &#220;.)<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Madeley, John: Hungry for Trade (2000), S. 58<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Hellin, John/ Higman, Sophie: Feeding the Market: South American farmers, Trade an Globalisation (2003), S. 36<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Stiglitz, Joseph: Globalisation and its Discontents (2002), S. XII<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Dolan, Catherine/ Humphrey, John: Changing Governance Patterns in the Trade in Fresh Vegetables between Africa and the United Kingdom; in: <em>Environment and Planning</em> <em>A</em> 36:3 (2004)<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Hellin/ Higman, a.a.O., S. 36-37<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Morelli, Carlo: The politics of food; in: <em>International Socialism</em> 101 (2003), www.isj.org.uk/index.php4?id=36<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Weltbank, a.a.O.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Madeley, a.a.O., S. 75<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Nash, John: Agriculture Trade: Reaping a Rich Harvest from Doha; in: <em>Finance and Development</em> 41 (2004), www.imf.org/external/pubs/ft/fandd/2004/12/pdf/picture.pdf, S. 34<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Welbank, a.a.O., Grafik 6<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Vietnam’s Farmers Face Paradox Of The Paddy; in: <em>Globe Mail</em>, 1. Mai 2008; siehe auch Rice Prices To Benefit Asian Farmers; in: <em>Financial Times</em>, 29. April 2008<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Classic Films Shed Light On Commodities Boom; in: <em>Financial Times</em>, 9. Mai 2008<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Speculators Feast On Soaring Commodities; in: <em>Financial Times</em>, 12.Mai 2008<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Es sollte hinzugef&#252;gt werden, dass die Forschung des IWF die historische Bewegung der Preise untersucht hat, nicht die rasanten Preisentwicklungen der letzten Jahre, sodass selbst ihre begrenzte Ablehnung von Spekulation nicht l&#228;nger haltbar sein k&#246;nnte.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> F&#252;r eine extreme Version dieser Ansicht siehe auch Pfeiffer, Dale Allen: Eating fossil fuels; in:<em> From the Wilderness</em> (2004), www.fromthewilderness.com/free/ww3/100303_eating_oil.html, welche durch die StudentInnenkampagne „People and Planet“ und andere in Umlauf gebracht wurde.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Feldman, Shelley/ Nathan, Dev/ Raina, Rafeswari/ Yang, Hong: International Assessment of Agricultural Knowledge, Science an Technology for Development, East and South Asia and Pacific: Summary for Decision Makers, IAASTD (2008), www.agassessment.org/docs/ESAP_SDM_220408_Final.pdf<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Weltbank, a.a.O., S. 7<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Tubiello, Francesco/ Fischer, G&#252;nther: Reducing Climate Change Impacts on Agriculture: Global and Regional Effects of Mitigation, 2000-2080; in:<em> Technological Forecasting and Social Change </em>74 (2007), http://pubs.giss.nasa.gov/docs/2007/2007_Tubiello_Fischer.pdf<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Diese Schlussfolgerung stimmt mit der IWF-Analyse &#252;berein. Siehe Cline, William: Global Warming and Agriculture; in: <em>Finance an Development</em> 45:1 (2008), www.imf.org/external/pubs/ft/fandd/2008/03/cline.htm<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Rosegrant, Mark W.: Biofuels and Grain Prices: Impacts and Policy Responses, International Food Policy Research Institute, Testimony for the US Senate Committee on Homeland Security and Governmental Affairs, 7.Mai 2008, www.ifpri.org/pubs/ testimony/rosegrant20080507.pdf<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Schrock, Richard: Nitrogen Fix; in: <em>MIT Technology Review</em> (Mai 2006), http://www.technologyreview.com/article/16822/<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Cline, a.a.O.; Tubiello/ Fischer, a.a.O.</p>
<p>Zuerst erschienen in: <em>International Socialism</em> 119 (2008)<br />
<em>Carlo Morelli</em> lehrt Wirtschaftsgeschichte an der <em>University of<br />
Dundee</em> in Schottland.</p>
<p>&#220;bersetzung: <em>Karin H&#228;dicke</em></p>
<p><img src="file:///C:/DOKUME~1/Philipp/LOKALE~1/Temp/moz-screenshot-3.jpg" alt="" /><img src="file:///C:/DOKUME~1/Philipp/LOKALE~1/Temp/moz-screenshot-4.jpg" alt="" /></p>
<p><img src="file:///C:/DOKUME~1/Philipp/LOKALE~1/Temp/moz-screenshot-2.jpg" alt="" /></p>
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		<title>Zuckerrohr und Peitsche</title>
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		<pubDate>Sat, 07 Feb 2009 11:10:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Energiepolitik]]></category>
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		<description><![CDATA[Agrartreibstoffe sind keine „Strategie gegen den Klimawandel“, sondern Teil des Problems. <em>Franziskus Forster</em>, <em>Katharina Hajek</em> und <em>Felix Wiegand</em> sprachen im Juni 2008 mit Camila Moreno, brasilianische Aktivistin der Kleinb&#228;uerInnen-, LandarbeiterInnen- und Landlosenbewegung <em>Via Campesina</em>, &#252;ber die &#246;kologischen und sozialen Konsequenzen industrialisierter Landwirtschaft, die „Geopolitik der Agrartreibstoffe“ und nachhaltige Alternativen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Agrartreibstoffe sind keine „Strategie gegen den Klimawandel“, sondern Teil des Problems. <em>Franziskus Forster</em>, <em>Katharina Hajek</em> und <em>Felix Wiegand</em> sprachen im Juni 2008 mit Camila Moreno, brasilianische Aktivistin der Kleinb&#228;uerInnen-, LandarbeiterInnen- und Landlosenbewegung <em>Via Campesina</em>, &#252;ber die &#246;kologischen und sozialen Konsequenzen industrialisierter Landwirtschaft, die „Geopolitik der Agrartreibstoffe“ und nachhaltige Alternativen.<br />
<span id="more-282"></span><br />
<em>Fangen wir mit einer einfachen Frage an: K&#246;nntest Du kurz erkl&#228;ren, was Agrartreibstoffe sind und warum dieses Thema im Moment so hei&#223; diskutiert wird?</em></p>
<p>Der Name Agrartreibstoffe ist bereits ein kritischer Begriff von Sozialen Bewegungen, die den Begriff Biotreibstoffe nicht akzeptieren. Sie nennen es Agrartreibstoffe um klar zu machen, dass wir &#252;ber eine weitere Warenkette des Agrar-Lebensmittels-Sektors sprechen. Der Agrar-Lebensmittel-Sektor und der Energiesektor sind heute die Sektoren, die am st&#228;rksten von Unternehmen kontrolliert werden und die h&#246;chste Machtkonzentration aufweisen. Mit der Entstehung der Agrar-Energie-Industrie erleben wir nun die Fusion dieser beiden Sektoren; nat&#252;rlich in Zusammenarbeit mit der Automobilindustrie und der alten &#214;lindustrie.</p>
<p>Was sind Agrartreibstoffe? Haupts&#228;chlich Ethanol und Biodiesel. Ethanol wird in den USA aus Getreide und in Brasilien aus Zuckerrohr hergestellt. Biodiesel wird aus verschiedenen Quellen gewonnen, aus Raps, Sojabohnen und Palm&#246;l, wobei letzteres die profitabelste Quelle ist.</p>
<p><em>Welcher Zusammenhang besteht zwischen Agrartreibstoffen und der &#214;l- und Automobilindustrie und was hat dies mit den steigenden Benzin, Erd&#246;l- und Erdgaspreisen zu tun?</em></p>
<p>Agrartreibstoffe sind Teil einer gr&#246;&#223;eren Agrar-Energie-Strategie. Wir sprechen hier nicht nur &#252;ber Fl&#252;ssigtreibstoffe, sondern generell &#252;ber Energie, die aus Biomasse gewonnen wird. Wir benutzen die Landwirtschaft also, um Essen, Werkstoffe, Treibstoffe und Futter herzustellen.</p>
<p>Der allgemeine Hintergrund ist die Ersch&#246;pfung der &#214;lvorr&#228;te. Wir haben Peak-Oil erreicht bzw. wir erreichen es in einigen Jahren. Der &#214;lpreis hat sich im Zeitraum von April 2007 bis April 2008 verdoppelt und es zeichnet sich keine Abschw&#228;chung des Preises ab. Es kann eine Spekulationsblase sein, wie manche behaupten, aber der entscheidende Punkt ist, dass es immer teurer wird, die verbleibenden &#214;lvorr&#228;te zu f&#246;rdern. In Zukunft wird man mehr Energie aufwenden m&#252;ssen, das &#214;l zu f&#246;rdern, als man durch dieses gewinnt. Zus&#228;tzlich ist es notwendig, die Suche nach &#214;l in neue und &#246;kologisch empfindliche Gegenden wie die Nordsee oder den Amazonas auszuweiten. Und im Nahen Osten gibt es einen Krieg, von dessen Ausgang die weitere &#214;lf&#246;rderung abh&#228;ngt.</p>
<p>Die propagierte Strategie, mit Agrartreibstoffen den Klimawandel zu bek&#228;mpfen, wurde zu Beginn des Jahres 2008 von zwei gro&#223;en Studien zerpfl&#252;ckt, die ihren Fokus auf die gesamte Energiebilanz der Agrartreibstoffe richteten. Sie konnten zeigen, dass Agrartreibstoffe nicht nur genauso viel Emissionen produzieren wie &#214;l, sondern sogar noch mehr. Es geht hier also nicht um die Bek&#228;mpfung des Klimawandels, sondern um den Versuch, eine Krise hinauszuz&#246;gern, die wir bereits erleben. Es handelt sich um eine Systemkrise, weil die Agrartreibstoffe nicht losgel&#246;st von der v&#246;llig auf Erd&#246;l basierenden industriellen Landwirtschaft existieren.</p>
<p>In Brasilien produzieren wir seit 33 Jahren Ethanol, aber der entscheidende Punkt ist, dass wir es jetzt herstellen, um Treibstoffe f&#252;r den Leichttransport und eine 25-prozentige Beimischung zum Benzin zu gewinnen. Aber man bewegt keinen Traktor oder die acht Achsen eines gro&#223;en Trucks nur mit Ethanol. Sie funktionieren ausschlie&#223;lich mit Diesel, weil Diesel ein st&#228;rker konzentrierter Treibstoff ist. Wir sprechen dar&#252;ber, einen kleinen Teil des &#214;ls zu sparen, um die Transportkosten niedrig zu halten und die KonsumentInnen und speziell die Mittelklasse – die immer noch sehr stark auf die individuelle Mobilit&#228;t und ein Auto-zentriertes Leben Bezug nimmt – den Anstieg der &#214;lkosten nicht sp&#252;ren zu lassen. So ist zum Beispiel der Lebensmittelpreis bereits mit dem Preis f&#252;r Schwer&#246;l verbunden, das man f&#252;r den Transport der Lebensmittel ben&#246;tigt. Das ist der Grund f&#252;r die Explosion der Lebensmittelpreise und die Hungerrevolten. Im Gegensatz dazu explodieren die Preise f&#252;r den Individualverkehr noch nicht. Es gab in Europa Proteste, die jedoch haupts&#228;chlich vom Produktions-Sektor ausgingen, z.B. von Landwirten und Fischern. Alle, die auf Diesel angewiesen sind, protestierten. Aber wir haben keine Bewegung von urbanen KonsumentInnen gesehen, die gegen die steigende Treibstoffpreise protestiert h&#228;tten.</p>
<p><em>Abgesehen von den Preisen f&#252;r Benzin und Lebensmittel, welche sozialen Auswirkungen haben Agrartreibstoffe noch? Inwieweit h&#228;ngen diese mit den sogenannten „Umweltproblemen“ zusammen?</em></p>
<p>Zun&#228;chst m&#252;ssen wir uns die Frage stellen: wenn mehr und mehr Konsens dar&#252;ber besteht, dass Agrartreibstoffe keine „Strategie gegen den Klimawandel“ darstellen, warum unterst&#252;tzen die Regierungen diese dann immer noch? Weil, wie ich schon erw&#228;hnt habe, Agrartreibstoffe einen Spielraum oder ein Zeitfenster schaffen. Die Geschichte des Kapitalismus ist eng verbunden mit fossilen Treibstoffen. Ohne diese h&#228;tte der globale Handel und die globale Pl&#252;nderung der Rohstoffe nie eine derartige Geschwindigkeit und Intensit&#228;t erreichen k&#246;nnen. Die ganze industrielle Revolution basierte auf dem Verbrennen von Kohle, ab den 1850er Jahren wurde dann das Erd&#246;l ein Bestandteil der &#214;konomie. Wenn es nun ausgeht, wie soll das System, der weltweite Handel, die Produktion, der Transport und der Export von Waren aufrecht erhalten werden?</p>
<p>Agrartreibstoffe sind also keine „Strategie gegen den Klimawandel“, sondern blo&#223; der Versuch, ein System am Leben zu erhalten, das von selbst zusammenbrechen w&#252;rde. Dieses System hat von Anfang an &#246;kologische und soziale Katastrophen provoziert: seit der Transformation der traditionellen Landwirtschaften in den verschiedensten L&#228;ndern nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Gr&#252;ne Revolution …</p>
<p><em>K&#246;nntest Du kurz den Begriff „Gr&#252;ne Revolution“ erkl&#228;ren?</em></p>
<p>Der Begriff der „Gr&#252;nen Revolution“ verweist auf die in den USA entwickelte und bewusst geplante Strategie, nach dem Zweiten Weltkrieg sozialistische oder kommunistische Aufst&#228;nde zu verhindern. Der „roten“ Revolution mit einer „gr&#252;nen“ Revolution entgegenzutreten. Die Idee war: wenn wir Nahrung f&#252;r die b&#228;uerliche Bev&#246;lkerung in der dritten Welt sicherstellen, dann werden sich die Massen nicht der „roten Bedrohung“ anschlie&#223;en. Deshalb entwickelten sie das, was hybrides Saatgut genannt wird. Dieses kann nach der Aussaat nicht wiederverwendet werden. Damit wurde eine historische Wende vollzogen: zum ersten Mal in der Geschichte wurde Saatgut entwickelt, das die B&#228;uerInnen sowie die landwirtschaftliche Produktion insgesamt an ein vollst&#228;ndig technologisches Paket band. Das Paket beinhaltete D&#252;nger auf Erd&#246;l-Basis, Agrarchemikalien, Mechanisierung, Abh&#228;ngigkeit von Treibstoffen und Zugang zu Krediten. Das erste hybride Saatgut wurde in Indien und S&#252;dostasien eingesetzt, sp&#228;ter in Mexiko. Das erste Beispiel war der „Goldene Reis“, von dem behauptet wurde, er w&#228;re besser und enthalte mehr Vitamine, so dass er die Menschen von Mangelern&#228;hrung befreien k&#246;nnte. Heute wissen wir, dass diese Dinge haupts&#228;chlich von Rockefeller und der Ford-Foundation vorangetrieben wurden, dem „philantrophischen“ Gesicht des Kapitalismus. Viele Regierungen s&#252;dlicher Staaten wandten diese Pakete an. Darin liegt die Hauptursache vieler Auslandsschulden. Fast die gesamten Schulden Brasiliens basieren auf den Krediten, die aufgenommen wurden, um das Modell der industriellen Landwirtschaft einzuf&#252;hren. In Indien und sp&#228;ter auch Brasilien war das Paket zus&#228;tzlich mit Bev&#246;lkerungskontrolle und einem massiven Sterilisations-Programm verbunden.</p>
<p>Heute l&#228;sst sich noch ein anderer Aspekt der „Gr&#252;nen Revolution“ ausmachen: nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hinterlie&#223; die Kriegsindustrie viele Schiffe, Chemikalien und massenhaft Panzergestelle, aus denen man Traktoren bauen konnte. Es existierte also eine umfangreiche industrielle Infrastruktur, die im Krieg entstanden war und die Wirtschaft w&#228;hrend des Krieges florieren lie&#223;. Nun wurde ein sehr zufriedenstellender Weg gefunden, all diese vorhandenen Anlagen zu Geld zu machen und die Chemikalien loszuwerden. Um ein Beispiel f&#252;r die Chemikalien zu geben: Monsanto<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> produzierte das Entlaubungsmittel „agent orange“, das im Vietnamkrieg eingesetzt wurde. Am Ende des 20. Jahrhunderts tritt Monsanto als „Saatgutunternehmen“ auf, will die Welt von Hunger befreien und gewinnt viele Nachhaltigkeitsauszeichnungen. Ich will Euch nicht die Geschichte von Monsanto erz&#228;hlen, aber alle Unternehmen, die am Ende des 20. Jahrhunderts die Saatgutproduktion beherrschen, haben eine katastrophale Vergangenheit.</p>
<p>Mit dem hybriden Saatgut wurden die B&#228;uerInnen nicht nur dazu gezwungen, f&#252;r jede Aussaat neues Saatgut zu kaufen, sondern sie mussten auch ihr Land der Bank als eine Garantie geben, um die Kredite f&#252;r die Umsetzung des Pakets zu erhalten. Damit wurde ein riesiger Markt f&#252;r die ohnehin bereits produzierten Chemikalien geschaffen. Es half Deutschland, seine Wirtschaft wiederaufzubauen, da alle gro&#223;en Chemiekonzerne zu dieser Zeit aus Deutschland kamen: Bayer, BASF etc. Dies hat auch die Erosion der Biodiversit&#228;t angesto&#223;en, die wir heute erleben. Die <em>Food and Agriculture Organisation</em> (FAO) meint, dass wir im 20. Jahrhundert nicht weniger als 75 Prozent der gesamten agrarischen Biodiversit&#228;t verloren haben. Diese gesamte Entwicklung ging Hand in Hand mit der Schaffung freier Fl&#228;chen durch Abholzung, DDT<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> wurde gro&#223;r&#228;umig eingesetzt, um Gegenden von Moskitos zu befreien. All dies, um die M&#228;rkte mit Nahrung auf Getreidebasis zu &#252;berschwemmen. Diese wurde auch entwickelt, um industrielle Proteine einzuf&#252;hren. Zuvor nahmen die Menschen n&#228;mlich unterschiedliche Proteine zu sich, anh&#228;ngig davon, in welchem &#214;kosystem sie lebten. Aber mit der industriellen Revolution in der Landwirtschaft wurden – neben der Umstellung auf Getreide – auch die Grundlagen der „fast food“-Ern&#228;hrung geschaffen, durch die Rind, Gefl&#252;gel und Schwein zu den universellen und globalen Proteinquellen wurden. Nat&#252;rlich handelt es sich dabei um eine gro&#223;e Industrie, die gro&#223;e &#246;kologische und soziale Auswirkungen hat.</p>
<p>Ich habe so weit ausgeholt, um den Zusammenhang zwischen den &#246;kologischen und sozialen Auswirkungen der Agrartreibstoffe aufzuzeigen. Seit Beginn der „Gr&#252;nen Revolution“ haben ExpertInnen, AktivistInnen und soziale Bewegungen auf die verheerenden Folgen aufmerksam gemacht. Aber dies hat das Projekt nicht aufgehalten, weil die Regierungen wirklich &#252;berzeugt waren, eine Intensivierung der Produktion w&#228;re notwendig. Das Hungerproblem wurde nicht an der Wurzel gepackt, z. B. mit einer Landreform in Lateinamerika. Die Strategie war vielmehr, die Industrialisierung der Lebensmittelproduktion zu f&#246;rdern. Jetzt – mit der durch die gentechnisch ver&#228;nderten Organismen (GMO) losgetretenen „zweiten Gr&#252;nen Revolution“ – erleben wir eine neue Welle der Belastung von Land, von Wasser etc. Das wird &#252;berall kritisiert. Aber die Regierungen sind die einzigen, die in der Lage w&#228;ren, verbindliche Rechtsvorschriften f&#252;r den Konsum und die Produktion von Agrartreibstoffen zu erlassen. F&#252;r diese existiert deshalb ungebrochene Unterst&#252;tzung, weil keine Regierung die politische Aufgabe &#252;bernehmen will, ihren B&#252;rgerInnen offen zu sagen: „Dieser Lebensstil kann nicht weitergehen, wir m&#252;ssen ihn dramatisch &#228;ndern“. Das ist genau der Punkt! Es existiert keine politische Plattform, weder auf Seiten der Linken noch der Rechten, die ehrlich genug w&#228;re, den B&#252;rgerInnen zu sagen: „Diese Welt braucht einen Neustart, wir m&#252;ssen innehalten, das Ganze &#252;berdenken und neu planen“. Und es geht hier nicht um technische L&#246;sungen oder ein besseres Management, das Ganze muss vielmehr strukturell v&#246;llig neu konzipiert werden, ausgehend von der Lebensmittel- und Energieversorgung der heutigen Millionenst&#228;dte.</p>
<p><em>Was verstehst Du unter der sogenannten „Geopolitik der Agrartreibstoffe“?</em></p>
<p>Der Begriff „Geopolitk der Agrartreibstoffe“ ist ein Begriff, der von verschiedenen Gruppen des globalen S&#252;dens gepr&#228;gt wurde, die sich das erste Mal im Juni 2007 in Ecuador getroffen haben. Es gab zu dieser Zeit viele Debatten &#252;ber Agrartreibstoffe, aber wir waren uns einig, dass wir, wenn wir diese thematisieren wollten, so etwas wie einen gemeinsamen Ausgangspunkt brauchten: Ern&#228;hrungssouver&#228;nit&#228;t<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a>. Wir diskutierten &#252;ber dieses Thema in Ecuador, einem kleinen Land, dessen Wirtschaft v&#246;llig vom Erd&#246;l-Export abh&#228;ngig ist. Es ist auch das Land, in dem TEXACO zum ersten Mal &#252;berhaupt f&#252;r verursachte Umweltsch&#228;den verklagt wurde. Und es ist auch ein Land, dessen &#214;lreserven maximal noch f&#252;r zw&#246;lf bis zwanzig Jahre reichen werden und das sich deshalb gegenw&#228;rtig Gedanken &#252;ber Ver&#228;nderungen macht. Sie schreiben im Moment an einer neuen Verfassung, die einen Wandel hin zu einem „Ecuador nach dem &#214;l“ vorsieht. Wir dachten also, dies w&#228;re ein gro&#223;artiger Ort, um &#252;ber dieses Thema zu sprechen. Es waren Mitglieder des <em>Oil-Watch-Networks</em> mit dabei. Dieses Netzwerk &#252;berwacht – wie der Namen schon sagt – seit mehr als 15 Jahren die Produktion und den Verkauf des Erd&#246;ls. Sie teilten mit uns sehr wichtige Erfahrungen dar&#252;ber, wie Gebiete, in denen die Pipelines verliefen, im letzten Jahrhundert die Geopolitik entscheidend beeinflussten. Wenn man sich vergegenw&#228;rtigt, dass der Aufbau der Infrastruktur f&#252;r die F&#246;rderung und den Transport des &#214;ls viel Zeit in Anspruch nimmt und die entsprechenden Gebiete buchst&#228;blich „ges&#228;ubert“ werden m&#252;ssen, beginnt man zu verstehen und die Teile des Puzzles zusammen zu setzen.</p>
<p>Im Zusammenhang mit den Agrartreibstoffen passiert genau dasselbe. Zum Beispiel kann man sagen, dass in Lateinamerika heute alle gro&#223;en Infrastrukturma&#223;nahmen mit der Energieproduktion und -distribution zu tun haben. Es gibt H&#228;fen, Speicher, zwei Ethanol-Pipelines, die Umleitung von  Fl&#252;ssen, Mega-D&#228;mme: all das ist Teil der gro&#223;en Infrastruktur, die errichtet wurde, um Energie zu produzieren, zu exportieren und eine billige Energieversorgung f&#252;r die Produktion sicher zu stellen. Doch diese Entwicklung verlangt die S&#228;uberung bestimmter Gebiete, die Errichtung von „Schutzgebieten“. Gesch&#252;tzt vor wem? Gesch&#252;tzt vor den Menschen, die dort eigentlich leben! Wenn die Gebiete erst einmal ges&#228;ubert sind und die Dinge ins Laufen kommen, dann sind sie nicht mehr zu stoppen, weil die Menschen in den St&#228;dten leben und deshalb nicht mitbekommen, was tats&#228;chlich passiert.</p>
<p>Wenn man ausgehend von diesen Infrastrukturprojekten einen Schritt weiter geht, bekommt man in den Blick, wie die Politik in Lateinamerika durch diese neue Geopolitik umgestaltet wird. Die ersten, die davon profitieren, sind die Brasilianische Regierung und die Ethanol-Allianz zwischen den USA und Brasilien, die den neu entstehenden internationalen Agrar-Energie-Markt beherrscht. Dabei ist ein sehr wichtiger Punkt, dass die Entscheidungen &#252;ber die Bedingungen und die Standards des Ethanol-Sektors in ihrer Hand liegen. Um eine internationale Ware zu werden, muss dieser Sektor n&#228;mlich v&#246;llig standardisiert werden und wer die Standards bestimmt, bestimmt auch, wie dieser funktioniert. Wir dachten: „Oh, das ist ein zu vernachl&#228;ssigender Aspekt!“, aber das ist es nicht! Denn wenn man ein oder zwei Grad in der Reinheit oder der Konzentration des Treibstoffs &#228;ndert, l&#228;uft es nicht mehr durch die Motoren, da diese – im Gegensatz zu fr&#252;heren Generationen – sehr komplex, vollst&#228;ndig elektronisch und &#252;beraus empfindlich sind und nur wenige Unternehmen auf der Welt die entsprechenden Technologien besitzen. Das ganze erscheint zwar wie eine rein technische Frage, aber das ist es definitiv nicht! Die Frage ist, wer die Standards f&#252;r die Produktion setzt und die Automobil-Industrie hat gro&#223;en Einfluss darauf.</p>
<p>Diese Allianz zwischen Brasilien und den USA bedeutet nun f&#252;r letztere erst einmal eine weitere sichere Quelle f&#252;r Treibstoff, die sie unabh&#228;ngiger von Konflikten im Nahen Osten und anderswo macht. Gleichzeitig hilft es Brasilien, zum neuen „Giganten des S&#252;dens“ zu werden, eine Position, die schon lange angestrebt wurde. Es nutzt seinen gesamten Staatsapparat, um zu sagen: „Jetzt sind wir hier, wir m&#246;chten mit den Gro&#223;en mitspielen und einen permanenten Sitz im UN Sicherheitsrat“. Das ist eine Obsession f&#252;r Brasilien.</p>
<p>Zus&#228;tzlich zu dem Ethanol haben wir ca. 240 km vor der K&#252;ste in tiefen Gew&#228;ssern die weltweit drittgr&#246;&#223;ten Erd&#246;l und -gasreserven. Dies er&#246;ffnete einen gro&#223;en Spielraum f&#252;r Spekulationen, da es ein sehr kostspielig zu f&#246;rderndes &#214;l und Gas ist, Brasilien jedoch die f&#252;hrende Technologie f&#252;r die <em>off-shore</em>-F&#246;rderung besitzt.</p>
<p>Brasilien kombiniert also Agrartreibstoffe mit gew&#246;hnlichen fossilen Brennstoffen und ist zus&#228;tzlich dieser „Wassergigant“, der auch Energie aus Wasserkraft/Hydroenergie bereitstellen kann. Und das passt sehr gut in die Interessen der USA, weil es Chavez v&#246;llig marginalisieren w&#252;rde – Chavez und Venezuela als <em>die </em>&#214;lmacht der Region. Es k&#246;nnte z. B. auch der Abh&#228;ngigkeit vom Erdgas Evo Morales’ ein Ende bereiten – Brasilien importiert gegenw&#228;rtig eine Menge dieses Erdgases. Wir k&#246;nnten im Hinblick auf die Energie selbstversorgend sein, aber wir beziehen Energie aus dem Ausland, weil es sich lohnt, billiges &#214;l zu kaufen und unser qualitativ hochwertiges &#214;l teuer zu verkaufen. Wir verkaufen also eine Menge davon ins Ausland und gleichzeitig importieren wir Diesel, nicht weil wir es nicht h&#228;tten, sondern weil es sich auszahlt. Brasilien raubt damit den am st&#228;rksten links orientierten Regierungen in Lateinamerika und deren Ansichten die Aufmerksamkeit, sie werden in den Schatten gestellt vom „neuen Giganten“ Brasilien.</p>
<p>Brasilien ma&#223;t sich auch an, nach Afrika zu expandieren. Weil Brasilien „ein Freund Afrikas“ ist. Unsere Bev&#246;lkerung besteht zu mehr als 60 Prozent aus „Afro-BrasilianerInnen“. Als Land, das von Sklavenh&#228;nden erbaut wurde, sei Brasilien berufen, nach Afrika zu gehen, diese Schuld zu bezahlen, und so weiter und so fort. Brasilien wird in Afrika ein warmer Empfang bereitet, wegen der Nahrungsmittelknappheit und Lulas Charisma. Die USA w&#228;ren dazu nie in der Lage. Brasilien macht sich also den Weg frei und sagt: wir sind nur hier um Zuckerrohrplantagen anzulegen, unsere Entwicklungsbank kann euch Geld leihen, weil wir diese S&#252;d-S&#252;d-Kooperation haben. De Facto ist dies jedoch nur Wasser auf die M&#252;hlen der Gro&#223;industrie. Der Aufstieg Brasiliens hat auch die Art und Weise ver&#228;ndert, in der sich Europa, z. B. Deutschland, gegen&#252;ber dem Land verh&#228;lt. Pl&#246;tzlich bekommt Brasilien Besuch von Angela Merkel und jedeR versucht, es Brasilien recht zu machen, weil jedeR ein riesiges Interesse an Brasilien hat – so nehmen zumindest wir in Brasilien es war. Denn nun haben wir etwas anzubieten, unsere Regierung ist mehr denn je dazu bereit, das Land zu missbrauchen, um die globalen M&#228;rkte zu versorgen. Lula sagte letztes Jahr, dass die BetreiberInnen von Zuckerplantagen f&#252;r mehr als 500 Jahre als <em>Bad Guys</em> angesehen wurden – nun sind sie unsere Helden, da sie den Markt mit dem versorgen k&#246;nnen, was dieser verlangt. Und er hat gesagt, dass wir die Pflicht haben, diese Versorgung f&#252;r sie sicherzustellen. Das ist vollkommen unterw&#252;rfig.</p>
<p>Die europischen Regierungen sind schlie&#223;lich nicht hier, um alle zwei Jahre ein Fass zu kaufen, sondern es geht um riesige Mengen, die jeden Tag im Hafen von Rotterdam einlaufen. Wenn man eine derart gro&#223;e Nachfrage hat, muss man ohne Unterbrechung anbauen, verarbeiten, lagern und liefern, d.h. man ben&#246;tigt eine umfassende Infrastruktur und eine gut getimte Logistik, Lastwagen, Tanks, Schiffe usw. Wenn man nach Sao Paolo reist, sieht man gleich, dass das kein Kindergeburtstag ist. Aber je mehr der Anbau von Agrartreibstoffen zunimmt, desto gr&#246;&#223;er wird das Interesse des Kapitals sein, Infrastruktur zu errichten. Und wie man im Irak sieht, flie&#223;en beim Aufbau von Infrastruktur gewaltige Geldsummen. Das alles h&#228;lt die Wirtschaft am Laufen und das ist genau das, was sie brauchen.</p>
<p><em>Was bedeutet diese Entwicklung, die Errichtung dieser Infrastruktur, die Umstrukturierung der Wirtschaft, diese neue Agro-Industrie, f&#252;r die Menschen in Brasilien und speziell f&#252;r die Bev&#246;lkerung des Amazonas-Gebietes?</em></p>
<p>Zun&#228;chst einmal, dass wir in Brasilien jeden Tag mit dieser neuen Agro-Energie &#252;berschwemmt werden. Wir sind seit mehr als drei&#223;ig Jahren daran gew&#246;hnt. Das ist sehr stark nationalistisch aufgeladen und die Mittelklasse findet Gefallen daran: sie sind es, die die Autos fahren und f&#252;r das Ethanol nur ein Drittel des normalen Benzinpreises zahlen. Es ist also billiger und es wird nicht weiter dar&#252;ber nachgedacht. F&#252;r einen anderen Teil der Bev&#246;lkerung, die sozialen Bewegungen, die bereits zuvor begonnen hatten, gegen die Expansion des Agro-Buisness zu mobilisieren und Widerstand zu leiten, bedeuten die Entwicklungen lediglich die Vergr&#246;&#223;erung eines bereits bestehenden Problems. Nat&#252;rlich haben wir die Expansion des Agro-Business genau beobachtet und Widerstand geleistet, aber mit der F&#246;rderung von Agrartreibstoffen – ein mit internationalem Kapital angesto&#223;ener Prozess – nahm die Geschwindigkeit, mit der das Land durch Monokulturen ver&#228;ndert wurde, dramatisch zu. Die Entwicklung begann also bereits zuvor, nahm nun jedoch eine andere Dimension an.</p>
<p>Zuallererst m&#252;ssen wir verstehen, dass die Ausbreitung industrieller und genetisch modifizierter Monokulturen sowie der massive Einsatz von Chemikalien in der Landwirtschaft die Hauptursache f&#252;r den Teufelskreis ist, den das Agro-Business losgetreten hat: die Abholzung, der Verlust der Biodiversit&#228;t, die Vertreibung der Bev&#246;lkerung von ihrem Land. Sie kommen mit ihren Monokulturen und verschmutzen den Boden und das Wasser, beschleunigen die Erderw&#228;rmung und treiben die Bev&#246;lkerung in die Randgebiete der Gro&#223;st&#228;dte. Dort ben&#246;tigen sie Unterk&#252;nfte, Gesundheitsversorgung, Bildungseinrichtungen und Wasser und weil sie das alles nicht kriegen, nimmt die Gewalt um die St&#228;dte herum zu. Au&#223;erdem hat das alles die Vereinheitlichung der Ern&#228;hrung zur Folge und treibt die „Supermarktisierung“ des allt&#228;glichen Lebens voran. Die st&#228;dtischen Siedlungen – konzipiert als Orte, um dort sein Leben zu fristen, zu konsumieren und zu wohnen – sind allesamt um diese riesigen Supermarkt- und Einkaufszentren herum gebaut, wo du hingehst und deinen ganzen Tag nur damit verbringst, Dinge zu kaufen. Das ist sehr amerikanisch, alles ist genormt, es gibt viele Shops und sie kontrollieren genau, was du isst und was du kaufst. Sogar die Sozialleistungen f&#252;r arme Menschen bestehen darin, Lebensmittelmarken f&#252;r diese Zentren zu verteilen. Die Lebensmittel sind komplett industriell hergestellt, machen dich krank und fett aber nicht satt. Den Armen sieht man ihren Hunger nicht an, sie sind fett. In Brasilien kann man einen ziemlich klaren Unterschied erkennen: die Armen sind fett und ein klares Zeichen des sozialen Aufstiegs besteht darin, schlank zu sein und den g&#228;ngigen Sch&#246;nheitsidealen zu entsprechen.</p>
<p>Aber der entscheidende Punkt ist, dass diese Entwicklung mit einer noch st&#228;rkeren Ausrichtung der &#214;konomie auf den Export landwirtschaftlicher G&#252;ter Hand in Hand geht. Man muss sich das &#252;berlegen, diese Landwirtschaft ist keine Landwirtschaft, sondern Bergbau! Man beutet die gesamt Fruchtbarkeit des Bodens, die gesamten Mineralien aus, schickt die Erzeugnisse nach Europa, nach China, wo sie dann gegessen werden; aber die Exkremente gelangen niemals zur&#252;ck nach Brasilien, der biologische Kreislauf wird niemals wieder hergestellt. Im Ergebnis bedeutet dies, dass nach 30 Jahren Landwirtschaft in der Amazonas-Region der Boden bereits ausgelaugt ist, und dies trotz gro&#223;er Mengen von D&#252;nger und Zusatzstoffen, die aus Sibirien und Israel importiert werden. Man kann die Phosphate usw. nicht produzieren, also m&#252;ssen sie von irgendwoher herangeschafft werden.</p>
<p>F&#252;r viele Menschen liegt es demnach auf der Hand, dass und wie dieses ganze System zusammenbricht. Warum wird dies nicht eingestanden und der Bev&#246;lkerung reiner Wein eingeschenkt? Die Ern&#228;hrungskrise hat grade erst angefangen, sie wird aber bestehen bleiben. Wir br&#228;uchten  eine v&#246;llige Umgestaltung des Ern&#228;hrungssystems, von Nahrungsmittelproduktion und -handel, eine Wiederentdeckung traditionellen Saatguts, das gegen&#252;ber Klimawandel und extremen Naturereignissen viel widerstandsf&#228;higer ist. Wir aber tun genau das Gegenteil: wir f&#246;rdern die Erforschung von GMOs mit h&#246;herer Widerstandskraft gegen&#252;ber Trockenheit, obwohl es die GMOs selbst sind, die die Trockenheit verursachen! Es ist wie bei einem Hund, der versucht, sich in den eigenen Schwanz zu bei&#223;en und deshalb die ganze Zeit im Kreis l&#228;uft. W&#228;hrenddessen schmelzen die Pole.</p>
<p>Die Situation ist also sehr ernst und gleichzeitig ist es sehr schwierig, in die &#246;ffentliche Wahrnehmung zu gelangen, weil das Problem so vielschichtig ist. Manche Menschen lernen es auf die h&#228;rteste Art und Weise: sie stehen auf ihren Feldern und sehen, dass sie keine Landwirtschaft mehr betreiben k&#246;nnen, weil st&#228;ndig extreme klimatische Ereignisse geschehen. Landwirtschaft ist davon abh&#228;ngig, eine Versicherung zu besitzen, weil es z. B. passieren kann, dass ein gro&#223;er Sturm die Ernte zerst&#246;rt. Die brasilianische Regierung vergibt eine Versicherung jedoch nur dann, wenn man den Kaufbeleg seines modifizierten Saatgutes vorweist. Die Sache ist also die, dass man das eigentliche Problem kaufen muss: die GMOs. Es ist interessant zu wissen, dass die meisten dieser Entwicklungen durch staatliche Politik vorangetrieben werden. Nat&#252;rlich haben die Unternehmen einen gewissen Einfluss, aber die Regierungen werden nicht gezwungen, so zu handeln. Sie glauben selbst daran. Die ganze Kritik am Neoliberalismus fokussierte immer auf die Unternehmen, aber nun, da wir uns in einer post-neoliberalen Phase befinden – fall es sie &#252;berhaut gibt –, ist der Staat st&#228;rker denn je. Und er greift auf sein Gewaltmonopol zur&#252;ck.</p>
<p><em>Wie leisten die Menschen, die davon physisch betroffen sind, Widerstand?</em></p>
<p>Es gibt viele K&#228;mpfe und viel Widerstand. Die Bewegung der l&#228;ndlichen Bev&#246;lkerung war federf&#252;hrend darin, das Agrartreibstoff-Projekt anzuprangern. Es gab viele Protestm&#228;rsche, sie besetzten Fabriksgel&#228;nde, blockierten Stra&#223;en etc. Vor kurzem, am 11. Juni, gab es einen nationalen Mobilisierungstag, an dem die Bewegungen, die Teil von Via Campesina Brasilien sind, teilnahmen – darunter die Landlosenbewegungen und andere –, aber auch st&#228;dtische Bewegungen. Sie organisierten sich, besetzten L&#228;ndereien, die gepachtet wurden, um neue Plantagen aufzubauen, und Areale vor wichtigen Ethanol-Fabriken, sie zerst&#246;rten ein Versuchslabor f&#252;r GMO-Zuckerrohr, sie besetzen die Geb&#228;ude und Lagerhallen gro&#223;er Agrarunternehmen und verteilten die Lebensmittel unter der umliegenden Bev&#246;lkerung. Dies wurde von den internationalen Medien stark beachtet und war in allen Zeitungen, weil es zeitgleich in allen elf Provinzen stattfand und eine Welle der Repression seitens des Milit&#228;rs und der Polizei hervorrief. Aber Fakt ist, dass sie sehr erfolgreich waren, indem sie zeigen konnten, „wir sind hier“, „wir werden st&#228;rker“, „wir werden dies nicht mehr hinnehmen“. Es gibt direkte Aktion und direkte Konfrontation, die ganz anders ist als das was ihr in Europa macht, weil man hierbei wirklich sein Leben riskiert.</p>
<p>Aber es gibt auch alternative Ideen, das Konzept der Energiesouver&#228;nit&#228;t. Letztes Jahr hatten wir die erste landesweite Konferenz zu Agrarenergie, die &#252;ber 500 Delegierte von sozialen Bewegungen, Umwelt-NGOs, Gewerkschaften, Kirchen und Universit&#228;ten zusammenbrachte und aus der eine gemeinsame Deklaration zu Agrarenergie hervorging. In dieser hei&#223;t es, dass wir in keiner Weise die Export-orientierte Agrartreibstoff-Politik unserer Regierung unterst&#252;tzen. Konkret fordern wir die Suche nach alternativen Energiequellen. Menschen ben&#246;tigen Energie, sie waren immer abh&#228;ngig von Agrarenergie. Was die Bewegung tut – und wir unterst&#252;tzen das – ist eine kleinr&#228;umliche Produktion von Agrartreibstoffen f&#252;r den lokalen Gebrauch aufzubauen. Das k&#246;nnte auf ein Abkommen zwischen den StadtbewohnerInnen und der l&#228;ndlichen Bev&#246;lkerung hinauslaufen, wonach letztere Lebensmittel und Treibstoff produzieren, die lokal vertrieben werden. Das tr&#228;gt dem Umstand Rechnung, dass gegenw&#228;rtig allein schon f&#252;r den Transport der Agrartreibstoffe selbst Treibstoff verbraucht wird. Durch die Nutzung von Agrartreibstoffen auf lokaler Ebene w&#252;rde sich die Abh&#228;ngigkeit vom &#214;l reduzieren. Das muss mit einer umfassenderen Ver&#228;nderung Gesellschaft einhergehen, die z. B. &#246;ffentlichen Verkehrsmitteln den Vorzug geben w&#252;rde. Zusammen mit anderen Organisationen haben wir eine Brosch&#252;re zu Energiesouver&#228;nit&#228;t herausgegeben, konkret geht es um die Erfahrungen autonomer Energieproduktion in der Region von Brazil. Dort gibt es viele kleine St&#228;dte, die ihre Lebensmittel lokal produzieren. Der erste Punkt w&#228;re, dass man so positiven Einfluss auf die Umwelt nimmt und eine Nachfrage nach Arbeitskr&#228;ften schafft. Wenn dies auf lokaler Ebene stattfindet, kann man sich mit allem, was schief l&#228;uft, lokal befassen. Weil die Menschen es aus erster Hand wissen.</p>
<p>Der Kampf findet also auf zwei Ebenen statt: direkten Widerstand leisten, wachr&#252;tteln und die Menschen konfrontieren und gleichzeitig neue Ideen und alternative Modelle der Energieversorgung und Lebensmittelproduktion entwerfen. Ich glaube, die l&#228;ndliche Bev&#246;lkerung ist eine wirkliche Avantgarde. Es gibt ein internationales Positionspapier von Via Campesina, das hei&#223;t „Kleinbauern stoppen die Erderw&#228;rmung“. So wird zum Ausdruck gebracht, dass die gegenw&#228;rtige landwirtschaftliche Produktionsweise die Hauptursache f&#252;r die Erderw&#228;rmung ist. Dies umfasst nicht nur die Produktion, sondern auch den Verkauf und den ganzen Prozess der Distribution. Und die Bauern schaffen zwar nicht die endg&#252;ltige L&#246;sung, aber das ist doch ein wichtiger Schritt in Richtung einer Alternative. Der dominanten Ansicht nach ist der/die KonsumentIn, der/die ein Hybridauto oder Energiesparlampen kaufen kann, das entscheidende politische Subjekt und der/die Tr&#228;gerIn des Wandels. Demgegen&#252;ber sagen wir, dass es die Bev&#246;lkerungsmehrheit in den l&#228;ndlichen Gebieten des globalen S&#252;dens ist, die genau jetzt etwas &#228;ndern kann, wenn sie ihre Landwirtschaft &#228;ndert, ihre W&#228;lder aufforstet, Gemischtanbau betreibt, auf agrar&#246;kologischer Basis wirtschaftet, die durch die Agrarindustrie zerst&#246;rten Agrarsysteme wieder herstellt und ohne schwere Maschinen und Importprodukte arbeitet. Nat&#252;rlich w&#252;rde dies zun&#228;chst eine umfassende Landreform und die Schaffung vieler Arbeitspl&#228;tze erfordern.</p>
<p>In einem n&#228;chsten Schritt m&#252;ssten wir die Notwendigkeitbetonen, dass die Menschen wieder in die l&#228;ndlichen Gebiete zur&#252;ckkehren. Der Trend der Urbanisierung ist nicht nachhaltig. Die Idee, v&#246;llig zusammengepfercht in urbanem Raum zu leben ist lediglich 200 Jahre alt. Es war eine Fantasie, die mit dem Ende des &#214;ls zusammenbricht. Die Menschen werden gezwungen sein, aufs Land zur&#252;ckzugehen, in kleinere St&#228;dte, zu einer humaneren Gr&#246;&#223;enordnung, weil die Nahrung aus der n&#228;heren Umgebung wird kommenm&#252;ssen, weil dies die einzige M&#246;glichkeit sein wird, wie wir uns das leisten k&#246;nnen, weil die Energieversorgung von lokalen Quellen abh&#228;ngig sein wird. Dies im Gegensatz zu Erd&#246;l, dessen entscheidendes Merkmal es ist, als fl&#252;ssiger Treibstoff &#252;berall hintransportiert und &#252;berall gelagert werden zu k&#246;nnen. Doch z. B. ohne die Fortsetzung des Irak-Krieges oder die ganzen Distributionsketten ist das Auto einfach nur ein Gerippe. Es bewegt sich nicht, es ist kein selbstst&#228;ndiges Ding. Es ist eine Maschine, die lediglich hier liegt, so lange, bis man die n&#246;tige Energie hat. Daher muss man die Auto-fixierte Kultur und ihre Verbindung mit Mobilit&#228;t und Freiheit – „Autokultur als Kultur der Freiheit“ – de-mystifizieren. Das war nur ein Traum, der zum Alptraum geworden ist und bald ein Ende haben wird!</p>
<p><em>Nat&#252;rlich ist unsere Lage hier in Europa nicht mit der in Brasilien zu vergleichen. Welchen Beitrag k&#246;nnen soziale Bewegungen, zivilgesellschaftliche Akteure, AktivistInnen etc. aus dem globalen Norden dennoch zugunsten dieser K&#228;mpfe in Brasilien und im globalen S&#252;den allgemein leisten?</em></p>
<p>Ich denke an zwei Dinge. Erstens: Die EU hat sich das Ziel gesetzt, Agrartreibstoffe zu importieren und insofern dieses Ziel politisch gesetzt wurde, kann es politisch abgeschafft werden. Zu allererst: Akzeptiert es nicht! Weil ich letzte Woche in Irland war: Sagt einfach Nein! Lasst die EU nicht eine Supermacht werden. Dies ist nur ein kleinerer Punkt, der jedoch nahe bei dem ist, was in meinen Augen die viel versprechendste Bewegung in Europa ist. Obwohl es keine europaweite Bewegung gegen die EU gibt, existiert die Frage des Klimawandels als Moment der Mobilisierung. Ich habe geh&#246;rt, dass es Klima-Camps geben soll, und das ist, finde ich, sehr interessant. Wir w&#252;rden nicht von euch erwarten, euch mit der Bewegung der B&#228;uerInnen zu erheben, weil ihr diese Form der Umwelt nicht mehr habt. Ihr habt die W&#228;lder komplett zerst&#246;rt, ihr habt Plantagen und euer Lebensstil bedeutet die Wiederholung dessen im Rest der Welt. Aber wenn man den extremen Klimawandel und die Verantwortlichkeit Europas – als weltweites Modell – zum Ausgangspunkt nimmt, besteht die M&#246;glichkeit, eine starke Allianz zu bilden, um das Thema Klimawandel ernsthaft anzugehen. Nachdem in D&#228;nemark im Dezember 2009 die n&#228;chste <em>Conference of the Parties</em> der UN <em>Convention on Climate Change</em> stattfindet, habt ihr einen Zeitraum von eineinhalb Jahren, um das Thema Klimawandel richtig zu politisieren und den Fokus auf KonsumentInnen wirklich in Frage zu stellen. Denn der/die KonsumentIn kann nicht die L&#246;sung sein. Was wir zu allererst brauchen ist keine individuelle Unterst&#252;tzung, sondern eine soziale Bewegung in Europa. Alles andere f&#252;hrt nirgendwohin. Weil freundliche Menschen, die ihre Autos m&#246;gen, gibt es mehr als genug. Was wir brauchen ist eine kollektive Antwort, organisiert und strukturiert. Wir verlangen keine neue Partei, sondern eine soziale Bewegung, die die Menschen auf die Stra&#223;e bringt und der EU klar macht, dass es so nicht geht.</p>
<p><em>Danke f&#252;r das Interview!</em></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Weltweit agierender Saatgutkonzern<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Krebserregendes Pestizid<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Bezeichnet das Recht, die Landwirtschafts- und Ern&#228;hrungspolitik selbst zu definieren. Der Begriff wurde 1996 anl&#228;sslich der Weltern&#228;hrungskonferenz von der Kleinb&#228;uerInnen- und LandarbeiterInnenbewegung Via Campesina gepr&#228;gt.</p>
<p>Transkription und &#220;bersetzung: <em>Katharina Hajek</em> und <em>Felix Wiegand</em></p>
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		<title>Alle reden &#252;bers Wetter</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Dec 2007 05:30:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 3]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Klimawandel]]></category>
		<category><![CDATA[Naturverhältnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökologie]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Tim Flannery: Wir Wettermacher. Frankfurt/M.: Fischer 2007. 10,30 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Tim Flannery: Wir Wettermacher. Frankfurt/M.: Fischer 2007. 10,30 €</p>
<p><span id="more-20"></span></p>
<p>Noch vor wenigen Jahren sprachen nur „Eingeweihte und Freaks“ &#252;ber Erderw&#228;rmung und Klimawandel. Inzwischen vergeht kein Tag, an dem nicht in beinahe jedem Medium zumindest eine Bemerkung dazu f&#228;llt. Mit dem steigenden Medieninteresse beginnt sich ein immer gr&#246;&#223;er werdender Kreis f&#252;r die Hintergr&#252;nde zu interessieren. Da wirtschaftliche Interessen raschen Gegenma&#223;nahmen klar gegen&#252;ber stehen, gibt es auch eine wachsende GegnerInnenschaft. Konzerngruppen, pseudowissenschaftliche Marketingallianzen und Regierungen, alle mit starker Anbindung an die &#214;l-, Kohle- bzw. Energiewirtschaft, tun ihr Bestes, um zu verheimlichen, leugnen und denunzieren und noch ein bis zwei Jahrzehnte fette Gewinne einstecken zu k&#246;nnen.<br />
Wer diesen „Alles nur Panikmache”-Argumenten etwas entgegenstellen will, sollte „Wir Wettermacher“ von Tim Flannery lesen.<br />
Das Buch f&#228;ngt damit an, ausf&#252;hrlich die wichtigsten Klimavorg&#228;nge zu erkl&#228;ren und zu untersuchen. Flannery st&#252;tzt sich dabei auch auf aktuelle Erkenntnisse von Eiskernbohrungen, erdgeschichtlichen Klimaabl&#228;ufen und &#228;hnlichen Quellen der Klimaforschung.  Wegen der verwendeten Fachbegriffe ist ein gewisses Vorwissen an Biologie, Physik und Chemie beim Lesen hilfreich.<br />
Ausgehend von genaueren Betrachtungen der Mechanismen historischer Abl&#228;ufe und aktueller Ver&#228;nderungen und der Rolle des Menschen in diesen Prozessen, behandelt Flannery die konkreten Auswirkungen von Schadstoffemissionen und die M&#246;glichkeiten deren Vermeidung und R&#252;ckgewinnung. Er berichtet und erkl&#228;rt Unmengen an gro&#223;en Studien und Forschungsergebnissen rund um das Thema. Die Untersuchung der Lebensgewohnheiten von &#252;ber 1700 Tier- und Pflanzenarten durch die beiden Forscherinnen Parmesan und Yohe zum Beispiel zeigten, dass seit den 50er Jahren eine enorme Verschiebung der Lebensrhythmen stattfindet, sei es durch die durchschnittliche Ausdehnung des Fr&#252;hlings um 2,3 Tage pro Jahrzehnt oder die um bis zu vier Tage pro Jahrzehnt verfr&#252;hte R&#252;ckkehr der Zugv&#246;gel. Das Problem ist dabei eigentlich nicht die Ver&#228;nderung an sich, sondern eher deren Geschwindigkeit. Eine Vielzahl von Abl&#228;ufen in der Nahrungskette ist auf wenige Tage, teilweise sogar Stunden genau aufeinander abgestimmt. Daher k&#246;nnen kleine &#196;nderungen an einer Stelle schnell zu unabsch&#228;tzbaren Auswirkungen an v&#246;llig anderen Stellen f&#252;hren. Durch die Geschwindigkeit, in der die Ver&#228;nderungen im Moment stattfinden, k&#246;nnen sich die einzelnen Tier- und Pflanzenarten nicht anpassen.<br />
Diese Komplexit&#228;t von nat&#252;rlichen und meteorologischen Prozessen macht pr&#228;zise Vorhersagen &#252;ber das genaue Ausma&#223; des Klimawandels und dessen Auswirkungen schwierig. Je globaler und langfristiger diese Vorhersagen jedoch sind, desto richtiger werden sie. So gilt als ziemlich sicher, dass bei anhaltender Luft- und Wassererw&#228;rmung der Golfstrom abrei&#223;t, mit weitreichenden Konsequenzen f&#252;r das Klima.<br />
Obwohl ich das Buch nicht als politisches Buch bezeichnen w&#252;rde, finden sich dennoch wichtige politische Argumente.<br />
Einerseits, schreibt Flannery, bilden Solar- und Windenergie nicht nur technisch gesehen sinnvolle Alternativen zu fossilen Brennstoffen oder Atomkraft, sondern geben auch die M&#246;glichkeit einer dezentraleren Verteilung von Energie. &#220;ber viele H&#228;user verteilte Solarzellen w&#252;rden so eine Unabh&#228;ngigkeit und Losl&#246;sung von zentralen Verteilern und Energiekonzernen erm&#246;glichen. Allerdings setzt das enorme staatliche Subventionen f&#252;r alternative Energiequellen voraus, damit gew&#228;hrleistet ist, dass sich auch jede/r diese Solarzellen leisten kann.<br />
Spannend sind seine Ausf&#252;hrungen &#252;ber erfolgreiche Klimaschutzprojekte, wie das FCKW-Verbot und den damit verbundenen Sieg &#252;ber den gr&#246;&#223;ten Produzenten <em>duPont</em>. Aus Sicht des Autors hat diese Kampagne gezeigt, dass es durchaus m&#246;glich ist, im globalen Ma&#223;stab gegen Konzerne, die den Planeten zerst&#246;ren, vorzugehen. Das Ozonloch regeneriert sich seitdem langsam wieder und <em>duPont</em> ist aus der, inzwischen aufgel&#246;sten, <em>Global Climate Coalition</em> ausgestiegen – einer Institution zur Leugnung von anthropogenen Ursachen des Klimawandels.<br />
Die dringendste Aufgabe ist, laut Flannery, die Reduktion von CO2-Emissionen, dem wichtigsten Treibhausgas. Die durch die Industrialisierung ausgel&#246;ste Erh&#246;hung von pr&#228;industriellen 250 ppm um etwa 100 ppm k&#246;nnen riesige „feedback cycles“ starten. So f&#252;hren das Austrocknen der Regenw&#228;lder, das Auftauen riesiger Speicher an Methaneis am Meeresboden (Methan ist noch wirkungsvoller als CO2) und Gletscherschmelze zu einer erh&#246;hten CO2-Konzentration in der Atmosph&#228;re und einer weiteren Beschleunigung der Erderw&#228;rmung. Die Auswirkungen dieser Erw&#228;rmung werden vor allem die Armen in den Slums und St&#228;dten der „Dritten Welt“ treffen. Wie abh&#228;ngig unsere Zivilisation vom Klima ist, zeigt schon die Tatsache, dass Sesshaftwerdung und Ackerbau erst durch den langen „milden Sommer“ seit der letzen Eiszeit erm&#246;glicht wurde. Der Ressourcenmangel und die daraus resultierenden Versorgungsprobleme gro&#223;er Ballungszentren werden die Menschheit vor gro&#223;e Probleme stellen. Wenn man bedenkt, wie unf&#228;hig Kapitalismus ist, Verteilung von Ressourcen gerecht zu gestalten, wird mir Angst und Bang bei der Vorstellung von Wasserknappheit in Millionenst&#228;dten oder der Notwendigkeit, Landwirtschaft weltweit umzuorganisieren.<br />
Das Buch endet mit einer umfassenden Abhandlung dar&#252;ber, was global zu tun ist. Zuallererst gilt es ein emissionsfreies Stromnetz zu schaffen, d.h. alle Kohle-, &#214;l- und Gaskraftwerke abzudrehen und durch vom Staat gef&#246;rderte Solaranlagen auf Wohnh&#228;usern sowie Windkraftanlagen zu ersetzen. Zus&#228;tzlich muss der Transport und Verkehr umgestellt werden, so dass bis 2050 nahezu keine k&#252;nstlichen CO2-Emissionen mehr von Menschen erzeugt werden.<br />
Bisher hat mir bei diesem apokalyptischen Thema besonders Kopfzerbrechen bereitet, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass eine derart gro&#223;e und geplante Ver&#228;nderung im Kapitalismus m&#246;glich ist. Mit dem besseren Verst&#228;ndnis und tieferen Einblick in die Materie, besonders auch Flannerys Beschreibung der M&#246;glichkeiten und Zusammenh&#228;nge, sind zumindest einige Ver&#228;nderungen f&#252;r mich greifbarer und konkreter geworden. Gegen Ende spricht Tim Flannery noch eine Warnung vor <em>top-down</em> Prozessen wie dem Kyoto-Protokoll aus. Weil eine solche Kommission im Laufe der Jahre oder Jahrzehnte immer mehr Bereiche kontrollieren m&#252;sste, beginnend bei CO2-Aussto&#223;, Energie und Transport, &#252;ber Landwirtschaft und Wohnen, besteht die Gefahr, dass sie sich in eine Art Orwellsche „1984“-Organisation verwandelt, die jede/n und alles kontrolliert. Viel besser und wirkungsvoller im Kampf gegen den Klimawandel ist, diese Ver&#228;nderung von unten zu organisieren.</p>
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		<title>&#214;kologie der Zerst&#246;rung</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 14:34:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 2]]></category>
		<category><![CDATA[Klimawandel]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Naturverhältnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökologie]]></category>

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		<description><![CDATA[Mit den Debatten um Klimawandel und Naturkatastrophen sind &#246;kologische Themen wieder ganz oben auf die politische Tagesordnung ger&#252;ckt. Dass die Zerst&#246;rung unseres Planeten nicht durch kosmetische Eingriffe zu verhindern ist, argumentiert <em>John Bellamy Foster</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mit den Debatten um Klimawandel und Naturkatastrophen sind &#246;kologische Themen wieder ganz oben auf die politische Tagesordnung ger&#252;ckt. Dass die Zerst&#246;rung unseres Planeten nicht durch kosmetische Eingriffe zu verhindern ist, argumentiert <em>John Bellamy Foster</em>.</p>
<p><span id="more-34"></span></p>
<p>Ich m&#246;chte meine Analyse dessen, was ich die „&#214;kologie der Zerst&#246;rung“ nenne, mit einem Verweis of Gillo Pontecorvos Film „Burn!“ beginnen<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a>. Pontecorvos epischer Film kann als politische und &#246;kologische Allegorie f&#252;r unsere Zeit gesehen werden. Er spielt im fr&#252;hen neunzehnten Jahrhundert auf einer imagin&#228;ren karibischen Insel, genannt „Burn“. Burn ist eine portugiesische Sklavenkolonie mit einer Zuckerrohr-Monokultur, abh&#228;ngig vom Export des Zuckers als „cash crop“<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> auf dem Weltmarkt. In der Er&#246;ffnungssszene erfahren wir, dass die Insel ihren Namen erhielt, weil der einzige Weg f&#252;r die portugiesischen Kolonialherrscher, die indigene Bev&#246;lkerung zu besiegen, bedeutete, die ganze Insel anzuz&#252;nden und jeden Menschen darauf zu t&#246;ten. Danach wurden Sklaven aus Afrika importiert, um das neu gepflanzte Zuckerrohr zu schneiden.<br />
Sir William Walker (gespielt von Marlon Brando), ein britischer Agent des neunzehnten Jahrhunderts, wird geschickt, um die portugiesischen Herrscher der Insel zu st&#252;rzen. Er stiftet eine Revolte unter den zahlreichen schwarzen Sklaven an und arrangiert zur selben Zeit einen Aufstand der kleinen Klasse wei&#223;er Plantagenbesitzer, die nach Unabh&#228;ngigkeit von der portugiesischen Krone streben. Das Ziel ist es, die Sklavenrevolte zu nutzen, um Portugal zu besiegen, aber die eigentliche Macht den wei&#223;en Plantagenbesitzer zuzuspielen, die dann dem britischen Imperialismus als Kompradorenklasse dienen. Walker bew&#228;ltigt seine Aufgabe hervorragend. Er &#252;berredet die siegreiche Armee fr&#252;herer Sklaven und ihren Anf&#252;hrer, José Dolores, ihre Waffen niederzulegen, nachdem die Portugiesen besiegt wurden. Das Ergebnis ist eine Neokolonie, dominiert von wei&#223;en Plantagenbesitzern – aber eine in denen die de facto Herrscher, in &#220;bereinstimmung mit den Gesetzen des internationalen freien Handels, die britischen Zuckerunternehmen sind. Walker reist dann ab, um andere Spionageaufgaben f&#252;r die Briten durchzuf&#252;hren – diesmal an einem Ort namens Indochina. Zehn Jahre sp&#228;ter, 1848, f&#228;hrt der Film fort. Wieder ist eine Revolution unter der F&#252;hrung von José Dolores auf der Insel Burn ausgebrochen. Sir William Walker wird aus England als milit&#228;rischer Berater zur&#252;ckgeholt, aber diesmal als Angestellter der „Antilles Royal Sugar Company“, autorisiert von der Regierung Ihrer Majest&#228;t. Seine Aufgabe besteht darin, den neuerlichen Aufstand der ehemaligen Sklaven niederzuschlagen. Die herrschende Oligarchie der Insel sagt ihm, dass dies kein Problem darstellen sollte, da nur zehn Jahre vergangen sind und die Situation dieselbe sei. Er antwortet, dass die Situation vielleicht dieselbe sei, das Problem aber ein anderes. Mit Worten die an Karl Marx erinnern verk&#252;ndet er: „Zwischen einer historischen Epoche und der n&#228;chsten k&#246;nnen zehn Jahre sehr oft pl&#246;tzlich genug sein, um die Widerspr&#252;che eines ganzen Jahrhunderts zu enth&#252;llen.“ Britische Truppen werden hinzugezogen, um die Aufst&#228;ndischen zu bek&#228;mpfen, die einen erbitterten Guerillakampf f&#252;hren. Um sie zu besiegen, befiehlt Walker alle Plantagen der Insel niederzubrennen. Als die lokalen Vertreter der britischen Zuckerinteressen Einw&#228;nde erheben, erkl&#228;rt Walker: „Dies ist die Logik des Profits… Einer baut auf, um Geld zu machen, und um weiter Geld zu machen, oder mehr Geld zu machen, ist es manchmal n&#246;tig zu zerst&#246;ren“ Daher, erinnert er seinen Gespr&#228;chspartner, bekam die Insel Burn ihren Namen. Die Natur der Insel muss zerst&#246;rt werden, damit auf ihr Arbeitskr&#228;fte f&#252;r weitere hunderte Jahre ausgebeutet werden k&#246;nnen.</p>
<p>Meine Intention ist hier nat&#252;rlich nicht, Pontecorvos au&#223;ergew&#246;hnlichen Film nachzuerz&#228;hlen, sondern einige wichtige Grunds&#228;tze dieser Allegorie herauszustreichen, die uns helfen, die Beziehung des Kapitalismus zur Natur zu verstehen. Joseph Schumpeter lobte einmal den Kapitalismus f&#252;r seine „kreative Zerst&#246;rung“<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a>. Doch dies k&#246;nnte besser als die zerst&#246;rerische Kreativit&#228;t des Systems bezeichnet werden. Das st&#228;ndige Streben des Kapitals nach neuen Absatzgebieten f&#252;r klassenbasierte Akkumulation ben&#246;tigt f&#252;r deren kontinuierliche Fortf&#252;hrung die Zerst&#246;rung, sowohl von vorher existierenden Naturbedingungen als auch von fr&#252;heren sozialen Beziehungen. Klassenausbeutung, Imperialismus, Krieg und &#246;kologische Zerst&#246;rung sind keine von einander unabh&#228;ngige Unf&#228;lle der Geschichte, sondern miteinander verbundene, immanente Eigenschaften der kapitalistischen Entwicklung. Dar&#252;ber hinaus bestand immer die Gefahr, dass die zerst&#246;rerische Kreativit&#228;t dazu wird, was István Mészáros die „zerst&#246;rerische Unkontrollierbarkeit“ genannt hat, die das ultimative Schicksal des Kapitalismus ist. Die in die Profitlogik eingebaute Zerst&#246;rung w&#252;rde dann &#220;berhand nehmen und vorherrschen, und nicht nur die Bedingungen der Produktion, sondern die Bedingungen des Lebens selbst untergraben. Heute ist klar, dass solch eine zerst&#246;rerische Unkontrollierbarkeit die gesamte kapitalistische Weltwirtschaft charakterisiert, und den Planeten als Ganzen umgreift.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a></p>
<h3>Die Zerst&#246;rung des Planeten</h3>
<p>Heute, in einer Zeit, in der die Vereinigten Staaten f&#252;r imperialistische Kontrolle in der &#246;lreichsten Region der Welt k&#228;mpfen, erf&#228;hrt die &#214;kologie einen rapiden Verfall, am deutlichsten erkennbar an der globalen Erderw&#228;rmung. Indes untergr&#228;bt die neoliberale wirtschaftliche Umstrukturierung, ausgehend vom Monopol-Finanzkapital, nicht nur den &#246;konomischen Wohlstand eines Gro&#223;teils der Menschheit, sondern beseitigt in manchen Regionen die grundlegenden &#246;kologischen Bedingungen menschlicher Existenz, wie Zugang zu sauberer Luft, Trinkwasser und ausreichender Nahrung. &#214;kologInnen, die einmal vor der M&#246;glichkeit einer zuk&#252;nftigen Apokalypse warnten, bestehen jetzt darauf, dass das Desaster schon vor unserer T&#252;r steht.<br />
Bill McKibben, Autor von <em>The End of Nature</em>, erkl&#228;rte in seinem Artikel „The Debate is over“ in der <em>Rolling Stone</em>-Ausgabe vom 17. November 2005, dass wir jetzt in die „Oh, Shit“-&#196;ra der globalen Erw&#228;rmung eintreten. Zuerst, schreibt er, gab es die „Ich frag mich was passieren wird“-&#196;ra. Dann kam die „Kann das wirklich wahr sein?“-&#196;ra. Jetzt sind wir in der „Oh Shit“-&#196;ra. Wir wissen jetzt, dass es zu sp&#228;t ist die globale Erw&#228;rmung g&#228;nzlich abzuwenden. Alles was wir tun k&#246;nnen, ist das Ausma&#223; und die Intensit&#228;t einzuschr&#228;nken. Viele der Unsicherheiten haben damit zu tun, dass „die Welt…einige Fallt&#252;ren besitzt – Mechanismen, die nicht in einfacher Art funktionieren, sondern stattdessen schlimme Kettenreaktionen ausl&#246;sen.“<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a></p>
<p>In seinem Buch, <em>The Revenge of Gaia</em>, ver&#246;ffentlichete der einflussreiche Wissenschaftler James Lovelock, bekannt als Begr&#252;nder der Gaia-Hypothese, eine trostlose Einsch&#228;tzung der Aussichten angesichts solcher Kettenreaktionen.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Lovelock &#228;u&#223;ert die Sorgen vieler Wissenschaftler, indem er Positive-Feedback-Mechanismen hervorhebt, die die Tendenz zur globalen Erw&#228;rmung beschleunigen k&#246;nnten – und seiner Meinung nach ziemlich sicher werden. Der zerst&#246;rerische Effekt der zunehmenden globalen Erw&#228;rmung auf Meeresalgen und tropische W&#228;lder (zus&#228;tzlich zur direkten Abholzung) wird, so wird bef&#252;rchtet, die Kapazit&#228;t der Meere und W&#228;lder zur CO<sub>2</sub>-Absorbtion vermindern und damit die globale Temperatur weiter erh&#246;hen. Das Freiwerden von Methangasen (einem Treibhausgas, 24-mal so wirksam wie CO<sub>2</sub>) durch das Auftauen des Dauerfrostbodens in der arktischen Tundra, ausgel&#246;st durch die globale Erw&#228;rmung, stellt eine weitere solche teuflische Spirale dar. Ebenso unheilvoll ist die verringerte Reflektivit&#228;t der Erde, wenn wei&#223;e Polkappen blauem Meereswasser weichen und die weltweiten Temperaturen weiter anheizen.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a><br />
Lovelocks unheilvoller Ansicht nach hat die Erde wahrscheinlich schon den „point of no return“ &#252;berschritten, und die Temperaturen werden schlussendlich in gem&#228;&#223;igten Zonen um bis zu 8˚C steigen. Die menschliche Spezies wird auf die eine oder andere Weise &#252;berleben, versichert er uns. Nichtsdestotrotz weist er auf „einen drohender Klimawandel hin, der zu einem Klima f&#252;hren kann, das leicht als H&#246;lle bezeichnet werden kann: so hei&#223;, so t&#246;dlich, dass nur eine Handvoll der Milliarden heute Lebender &#252;berleben werden.“<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Er bietet als einzigen Teilausweg einen massiven technologischen Einsatz an: ein globales Programm zur weltweiten Ausbreitung von Atomkraftwerken als vor&#252;bergehenden Ersatz f&#252;r die auf CO2-aussto&#223;enden fossilen Brennstoffen basierende Wirtschaft. Der Gedanke, dass solch ein Faustscher Handel sich seinen eigenen Weg in die H&#246;lle bahnen k&#246;nnte, scheint ihm kaum in den Sinn gekommen zu sein.<br />
Lovelocks &#196;ngste sind nicht leicht abzutun. James Hansen, der so viel getan hat, um das Problem der Erderw&#228;rmung in die &#246;ffentliche Aufmerksamkeit zu bringen, hat k&#252;rzlich seine eigenen Warnungen ver&#246;ffentlicht. In seinem Artikel „The Threat to the Planet“ (New York Review of Books, 13.Juli, 2006) betont Hanson die weltweite tierische und pflanzliche Artenmigration in Reaktion auf die globale Erw&#228;rmung – obwohl nicht schnell genug im Vergleich zum Wandel ihrer Umwelt – und dass alpine Arten vom „Planeten verdr&#228;ngt“ werden. Wir, so stellt er fest, stehen vor der M&#246;glichkeit eines Massenaussterbens auf Grund der steigenden globalen Temperaturen, vergleichbar mit fr&#252;heren Perioden der Erdgeschichte in denen 50 bis 90% der damals lebenden Arten ausgestorben sind.<br />
Die gr&#246;&#223;te unmittelbare Bedrohung f&#252;r die Menschheit durch den Klimawandel, argumentiert Hanson, ist verbunden mit der Destabilisierung der Eisdecke in Gr&#246;nland und der Antarktis. Ein wenig mehr als 1˚C unterscheidet das heutige Klima von den w&#228;rmsten zwischeneiszeitlichen Perioden in den letzten 500.000 Jahren, als der Meeresspiegel um 4,8 Meter h&#246;her war. Weiters k&#246;nnten Temperaturanstiege in diesem Jahrhundert um die 2,8˚C bei „business as usual“ zu einem nachhaltigen Anstieg des Meeresspiegels von bis zu 24 Meter f&#252;hren, gemessen daran was das letzte Mal geschah, als die Erdtemperatur solche Werte erreichte – vor 3 Millionen Jahren. „Wir haben“, sagt Hansen „h&#246;chstens zehn Jahre – nicht zehn Jahre, um zu entscheiden ob wir handeln, sondern zehn Jahre um die Entwicklungsrichtung von Treibhausgasemissionen zu &#228;ndern – wenn wir diese verheerenden Auswirkungen verhindern wollen bevor sie unausweichlich werden. In anderen Worten, eine entscheidende Dekade trennt uns von unwiderruflichen Ver&#228;nderungen, die eine sehr ver&#228;nderte Welt erschaffen w&#252;rden. Die Widerspr&#252;che des gesamten Holoz&#228;ns – die geologische Epoche in denen sich die menschliche Zivilisation entwickelt hat – treten pl&#246;tzlich zum Vorschein.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a><br />
In der „Oh Shit“-&#196;ra ist die Debatte vorbei, sagt McKibben. Es steht nicht mehr l&#228;nger in Zweifel, dass globale Erw&#228;rmung eine Krise von globalem Ausma&#223; darstellt. Doch es ist absolut essentiell zu verstehen, dass dies nur ein Teil von dem ist was wir <em>die</em> &#246;kologische Krise nennen. Die globale &#246;kologische Gefahr als Ganzes besteht aus einer Vielzahl von miteinander verbundenen Krisen und Problemen, die uns gleichzeitig konfrontieren. In meinem 1994 erschienenen Buch, „The Vulnerable Planet“, beginne ich mit einer kurzen Aufz&#228;hlung derselben, zu denen noch einige weitere hinzugef&#252;gt werden k&#246;nnten: &#220;berpopulation, Zerst&#246;rung der Ozonschicht, globale Erw&#228;rmung, Aussterben von Arten, Verlust an genetischer Diversit&#228;t, saurer Regen, radioaktive Verseuchung, tropische Abforstung, die Zerst&#246;rung von Bergw&#228;ldern und Moorl&#228;ndern, Bodenabtragung, W&#252;stenbildung, Fluten, D&#252;rren, Hungersnot, Austrocknung von Seen, Str&#246;men und Fl&#252;ssen, das Absinken und die Kontamination von Grundwasser, die Verschmutzung von K&#252;stengew&#228;ssern und Flussm&#252;ndungen, die Zerst&#246;rung von Korallenriffen, &#214;lkatastrophen, &#220;berfischung, gr&#246;&#223;er werdende Deponien, toxischer Abfall, die giftigen Effekte von Insektiziden und Herbiziden, Gefahrenaussetzung am Arbeitsplatz, urbane &#220;berbev&#246;lkerung, und die Ersch&#246;pfung nicht-erneuerbarer Ressourcen.<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a><br />
Der Punkt ist, dass nicht nur die globale Erw&#228;rmung, sondern auch all die anderen Probleme zur globalen &#246;kologischen Krise beitragen. Heute befindet sich jedes gr&#246;&#223;ere &#214;kosystem der Erde im Verfall. Die Themen der Umweltgerechtigkeit werden immer wichtiger und dringender, wohin wir auch blicken. Dem liegt die Tatsache zugrunde, dass der Krieg der Klassen und Imperien, der den Kapitalismus als Weltsystem definiert und sein Akkumulationssystem bestimmt, ein Moloch ist, der keine Grenzen kennt. In diesem t&#246;dlichen Konflikt wird die nat&#252;rliche Welt als blo&#223;es Instrument f&#252;r die soziale Weltherrschaft gesehen. Damit erzwingt das Kapital durch seine eigene Logik eine Politik der verbrannten Erde. Die weltweite &#246;kologische Krise ist zunehmend allumfassend, ein Produkt der zerst&#246;rerischen Unkontrollierbarkeit der sich rasch globalisierenden kapitalistischen Wirtschaft, die keine Gesetze kennt als ihren Drang nach exponentialer Expansion.</p>
<h3>Jenseits von „business as usual“</h3>
<p>Die meisten Klimawissenschaftler, darunter Lovelock und Hansen, folgen dem IPCC (Inter-Governmental Panel on Climate Change) und basieren ihre Grundvorhersagen zur Erderw&#228;rmung auf ein sozio&#246;konomisches Szenario, das als „business as usual“ bezeichnet wird. Die beschriebenen Trends st&#252;tzen sich darauf, dass unsere fundamentalen &#246;konomischen und technologischen Entwicklungen und unser Grundverh&#228;ltnis zur Natur dieselben bleiben. Die Frage, die wir uns stellen m&#252;ssen, ist, was das „business as usual“ eigentlich ist? Was kann ver&#228;ndert werden und wie schnell? Da die Zeit davon l&#228;uft ist die Schlussfolgerung, dass es notwendig ist das „business as usual“ radikal zu ver&#228;ndern, um die Katastrophe abzuwenden oder zu mindern.<br />
Jedoch, die vorherrschende L&#246;sung – mit der herrschenden Ideologie, also der Ideologie der herrschenden Klasse verbunden – betont minimale Ver&#228;nderungen des „business as usual“, die uns irgendwie aus der Gefahrenzone bringen sollen. Nachdem wir auf die zunehmenden planetaren Bedrohungen durch Erderw&#228;rmung und das Artensterben aufmerksam gemacht werden, wird uns gesagt, dass die Antwort in geringerem Benzinverbrauch und besseren Emissionsstandards, der Einf&#252;hrung von wasserstoffbetriebenen Autos, dem Auffangen und Abscheiden von CO <sup>2</sup>, verbesserter Energiekonservierung und im freiwilligen Verzicht auf Konsum liege. Umweltbewusste PolitikwissenschafterInnen spezialisieren sich auf neue &#246;kologische Politiken, die staatliche und marktwirtschaftliche Regulierungen beinhalten. Umwelt&#246;konomInnen sprechen von handelbaren Verschmutzungszertifikaten und der Eingliederung aller Umweltfaktoren in den Markt, um deren effizienten Gebrauch zu sichern. Einige UmweltsoziologInnen (mein eigenes Feld) sprechen von &#246;kologischer Modernisierung: einem ganzen Spektrum an gr&#252;nen Steuern, gr&#252;nen Regulierungen und gr&#252;nen Technologien, sogar vom Begr&#252;nen des Kapitalismus selbst. ZukunftsforscherInnen beschreiben eine neue technologische Welt, in der das Gewicht der Nationen auf die Erde auf magische Weise leichter wird, als Ergebnis einer digitalen „Dematerialisierung“ der &#214;konomie. In all diesen Ansichten gibt es jedoch eine Konstante: der fundamentale Charakter des „business as usual“ wird nicht herausgefordert.<br />
Die Tatsache, der all diese Analysen absichtlich ausweichen, ist, dass „business as usual“ im grundlegenden Sinn kapitalistische &#214;konomie bedeutet – eine &#214;konomie, getrieben durch die Logik von Profit und Akkumulation. Dar&#252;ber hinaus wird selten erkannt oder auch nur wahrgenommen, dass der Hobbes’sche Krieg Jedes gegen Jeden, der den Kaptialismus charakterisiert, f&#252;r seine Erf&#252;llung einen universalen Krieg gegen die Natur ben&#246;tigt. In diesem Sinn k&#246;nnen neue Technologien das Problem nicht l&#246;sen, weil sie unausweichlich daf&#252;r verwendet werden, den Klassenkampf fortzusetzen und das Wachstum der Wirtschaft und dadurch die Ausbeutung der Umwelt, zu steigern. Immer dann, wenn die Produktion abflaut oder sozialer Widerstand die Expansion des Kapitals behindert, hei&#223;t die Antwort immer neue Wege zu finden, um die Natur noch intensiver auszubeuten. Um aus Pontecorvos „Burn“ zu zitieren: „das ist die Logik des Profits… Einer baut auf, um Geld zu machen, und um weiter Geld zu machen, oder mehr Geld zu machen, ist es manchmal n&#246;tig zu zerst&#246;ren.“<br />
Ironischerweise wurde das zerst&#246;rerische Verh&#228;ltnis des Kapitalismus zur Umwelt im 19.Jahrhundert wahrscheinlich besser verstanden – zu einer Zeit, als sich die AnalytikerInnen der Gesellschaft bewusst waren, dass revolution&#228;re Ver&#228;nderungen in der Produktionsweise stattfanden und wie diese das Verh&#228;ltnis des Menschen zur Natur transformierten. Darum beziehen sich UmweltsoziologInnen vom radikaleren Schlag in den Vereinigten Staaten, wo die Widerspr&#252;che zwischen &#214;konomie und &#214;kologie heute besonders akut sind, stark auf drei miteinander verbundene Ideen, die auf Marx und die Kritik der politischen &#214;konomie aus dem 19.Jahrhundert zur&#252;ckgehen: (1.) die Tretm&#252;hle der Produktion, (2.) den zweiten Widerspruch des Kapitalismus und (3.) den metabolischen Spalt.<br />
Die <em>Tretm&#252;hle der Produktion</em> beschreibt den Kapitalismus als unaufhaltsame, sich beschleunigende Tretm&#252;hle, die st&#228;ndig das Ausma&#223; an verbrauchter Energie und Rohmaterialen in ihrem Drang nach Profit und Akkumulation erh&#246;ht, und dabei an die Grenzen der Absorptionsf&#228;higkeit der Erde st&#246;&#223;t. „Akkumuliert, akkumuliert!“ schrieb Marx, „Das ist Moses und die Propheten!“ f&#252;r das Kapital.<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a><br />
Der zweite Begriff, der <em>zweite Widerspruch des Kapitalismus</em>, ist die Idee, dass der Kapitalismus, zus&#228;tzlich zu seinem prim&#228;ren &#246;konomischen Widerspruch, der aus der Klassenungleichheit in der Produktion und Distribution herr&#252;hrt, auch die menschlichen und nat&#252;rlichen Bedingungen (d.h. Umweltbedingungen) der Produktion, auf denen der &#246;konomische Fortschritt letztendlich beruht, untergr&#228;bt. Zum Beispiel legen wir durch systematisches Abholzen von W&#228;ldern den Grundstock f&#252;r erh&#246;hte Knappheit in dieser Region – umso mehr als die Globalisierung diesen Widerspruch universal macht. Dies vergr&#246;&#223;ert die allgemeinen Kosten der &#246;konomischen Entwicklung und schafft eine &#246;konomische Krise, die auf der Einschr&#228;nkung der Produktion auf der Angebotsseite beruht.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a></p>
<p>Der dritte Begriff, der <em>metabolische Spalt</em> (<em>metabolic rift</em>), weist darauf hin, dass die Logik der Kapitalakkumulation einen Spalt in den Stoffwechsel zwischen Gesellschaft und Natur schl&#228;gt, und damit grundlegende Prozesse der nat&#252;rlichen Reproduktion durchtrennt. Das wirft das Problem der nachhaltigen Entwicklung auf – nicht blo&#223; in Verbindung mit dem Ausma&#223; der &#214;konomie, sondern, noch wichtiger, auch in Form und Intensit&#228;t der Interaktionen zwischen Natur und Gesellschaft im Kapitalismus.<br />
Ich werde mich auf den dritten Begriff konzentrieren, den metabolischen Spalt, weil dieser der komplexeste der drei sozio-&#246;konomischen Konzepte ist und Fokus meiner eigenen Forschung in diesem Gebiet, besonders in meinem Buch <em>Marx’s Ecology</em>. Marx war stark durch die Arbeit des f&#252;hrenden agrarischen Chemikers seiner Zeit, Justus von Liebig, beeinflusst. Liebig hatte eine Analyse der &#246;kologischen Widerspr&#252;che der industriellen kapitalistischen Agrarwirtschaft entwickelt. Er argumentierte, dass solch eine industrialisierte Landwirtschaft, am weitesten fortgeschritten im England des 19. Jahrhunderts, ein r&#228;uberisches System war, das den Boden ersch&#246;pfte. Nahrung und Textilfasern wurden hunderte – in manchen F&#228;llen sogar tausende – Meilen weit vom Land in die Stadt transportiert. Das bedeutete, dass essentielle Bodenn&#228;hrstoffe, wie Stickstoff, Phosphor und Kalium ebenso wegtransportiert wurden. Anstatt wieder auf das Feld zur&#252;ckgef&#252;hrt zu werden, verschmutzten diese essentiellen N&#228;hrstoffe die Stadt und f&#252;hrten etwa zur Verschmutzung der Themse in London<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a>. Die nat&#252;rlichen Bedingungen f&#252;r die Reproduktion des Bodens wurden daher zerst&#246;rt.<br />
Um den daraus folgenden Verlust an Fruchtbarkeit des Bodens zu kompensieren, pl&#252;nderten die Briten die Schlachtfelder der napoleonischen Kriege und die europ&#228;ischen Katakomben, um Knochen zum D&#252;ngen der englischen B&#246;den zu erhalten. Sie begannen, in gro&#223;en Mengen Guano<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> von den Inseln vor der K&#252;ste Perus zu importieren, gefolgt von Stickstoffimporten aus Chile (nach dem Pazifikkrieg in denen Chile Teile von Bolivien und Peru einnahm, die reich an Nitrat und Guano waren). Die Vereinigten Staaten sandten Schiffe aus, um weltweit nach Guano zu suchen, und nahmen schlie&#223;lich, zwischen 1856, als der Guano Island Act erlassen wurde, und 1903, 94 Inseln, Felsen und Archipele ein. 66 dieser Inseln wurden offiziell an die USA angeschlossen, von denen sich neun noch heute in Besitz der Vereinigten Staaten befinden.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> Das spiegelte eine gro&#223;e Krise der kapitalistischen Agrarwirtschaft des 19. Jahrhunderts wider, die nur zum Teil durch die Erfindung synthetischer D&#252;ngemittel Anfang des 20. Jahrhunderts gel&#246;st wurde – und die schlie&#223;lich zur &#220;berd&#252;ngung mit stickstoffhaltigen D&#252;ngemitteln f&#252;hrte, was selbst zu einem gro&#223;en Umweltproblem wurde.<br />
Marx reflektierte &#252;ber diese Krise der kapitalistischen Agrarwirtschaft und &#252;bernahm das Konzept des Stoffwechsels (oder Metabolismus, A. d. &#220;.), das im 19.Jahrhunderts von Biologen und Chemikern, einschlie&#223;lich Liebig, eingef&#252;hrt wurde und wandte es auf sozio&#246;kologische Beziehungen an. Jedes Leben basiert auf metabolischen Prozessen zwischen Organismen und deren Umwelt. Organismen f&#252;hren einen Austausch von Energie und Materie mit ihrer Umgebung durch, der integriert ist mit ihren eigenen internen Lebensprozessen. Es ist nicht weit hergeholt zu sagen, dass ein Vogelnest Teil des metabolischen Prozesses eines Vogels ist. Marx definierte ausdr&#252;cklich den Arbeitsprozess als „Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur“<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a>. In Bezug auf das &#246;kologische Problem sprach er von einem irreparablen Spalt in den Prozessen des gesellschaftlichen Stoffwechsels, wobei die Bedingungen f&#252;r die notwenige Reproduktion des Bodens andauernd aufgel&#246;st werden, und damit der metabolische Kreislauf gebrochen wird. „Die kapitalistische Produktion“, schreibt er, „entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergr&#228;bt: die Erde und den Arbeiter.“<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a><br />
Marx sah diesen Spalt nicht nur auf nationaler Ebene, sondern auch in Bezug auf den Imperialismus. Er schrieb: „[Man] vergesse […] nicht, da&#223; England seit 1 1/2 Jahrhunderten den Boden von Irland indirekt exportiert hat, ohne seinen Bebauern auch nur die Mittel zum Ersatz der Bodenbestandteile zu g&#246;nnen.“<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a><br />
Dieses Prinzip des metabolischen Spalts hat nat&#252;rlich sehr vielf&#228;ltige Anwendungen und wurde von UmweltsoziologInnen in den letzten Jahren auf Probleme wie die globale Erw&#228;rmung und den &#246;kologischen Verfall der Weltmeere angewandt.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> Was selten erkannt wird ist jedoch, dass Marx unmittelbar von einer Konzeption des metabolischen Spalts zur Notwendigkeit einer <em>metabolischen Wiederherstellung</em> &#252;berging: „Aber [die kapitalistische Produktionsweise] zwingt zugleich durch die Zerst&#246;rung der blo&#223; naturw&#252;chsig entstandnen Umst&#228;nde jenes Stoffwechsels, ihn systematisch als regelndes Gesetz der gesellschaftlichen Produktion und in einer der vollen menschlichen Entwicklung ad&#228;quaten Form herzustellen.“<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> Die Realit&#228;t des metabolischen Spalts zeigt auf die Notwendigkeit der Restauration der Natur durch nachhaltige Produktion.<br />
Es ist dieses dialektische Verst&#228;ndnis des sozio&#246;kologischen Problems, das Marx zu der vielleicht radikalsten Konzeption von sozio&#246;kologischer Nachhaltigkeit f&#252;hrte. So schrieb er im „Kapital“: „Vom Standpunkt einer h&#246;hern &#246;konomischen Gesellschaftsformation wird das Privateigentum einzelner Individuen am Erdball ganz so abgeschmackt erscheinen wie das Privateigentum eines Menschen an einem andern Menschen. Selbst eine ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen, sind nicht Eigent&#252;mer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznie&#223;er, und haben sie als boni patres familias [gute Familienv&#228;ter] den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen.“<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a><br />
In anderen Worten konnte f&#252;r Marx das aktuelle Verh&#228;ltnis der Menschen zur Erde unter privater Akkumulation mit Sklaverei verglichen werden. So wie „das Privateigentum eines Menschen an einem andern Menschen“ nicht l&#228;nger als akzeptabel erachtet wird, so muss Privateigentum von Menschen (oder ganzen L&#228;ndern) an der Erde/Natur &#252;berwunden werden. Das Verh&#228;ltnis des Menschen zur Natur muss reguliert werden, um es „den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen.“ Sein Bezug zum Begriff des „guten Familienvaters (Haushaltsvorstand)“ geht auf den alten griechischen Begriff f&#252;r Haushalt, <em>oikos</em>, zur&#252;ck, aus dem sowohl „&#214;konomie“ (oikonomia, oder Haushaltsmanagment) und „&#214;kologie“ (von oikologia oder Haushaltsstudie) hervorgehen. Marx wies auf die Notwendigkeit einer radikaleren, nachhaltigeren Beziehung zwischen Menschen und der Produktion hin, in &#220;bereinstimmung mit Auffassungen, die wir heute eher als &#246;kologisch denn als &#246;konomisch betrachten w&#252;rden. „Freiheit in diesem Gebiet“, dem Bereich der nat&#252;rlichen Notwendigkeiten, „kann nur darin bestehen, da&#223; der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen […] ihn mit dem geringsten Kraftaufwand […] vollziehen“.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a><br />
Die zerst&#246;rerische Unkontrollierbarkeit des Kapitalismus, die von dem dualen Charakter des Systems als Klassenausbeutung/imperialistischer Ausbeutung und als Versklaver/Zerst&#246;rer der Erde selbst ausgeht, wurde von Marx gut verstanden. In Bezug auf den Film <em>Burn!</em> sahen wir wie die Ausbeutung menschlicher Wesen in enger Verbindung mit der Zerst&#246;rung der Erde stand. Beziehungen der Dominanz hatten sich ge&#228;ndert, doch die Antwort blieb dieselbe: die Insel niederzubrennen, um den Klassenkampf/imperialen Krieg zu gewinnen. Heute geh&#246;rt ein paar hundert Personen zusammengenommen mehr Reichtum als das Einkommen von Milliarden von Menschen. Um dieses System der globalen Ungerechtigkeit aufrechtzuerhalten, wurde ein System der Repression entwickelt und dauerhaft in Bewegung gesetzt. Und mit ihm haben sich eine Reihe neuer Systeme der zerst&#246;rerischen Ausbeutung der Umwelt entwickelt, wie das moderne Agrarbusiness.</p>
<h3>Soziale Revolution und Metabolische Wiederherstellung</h3>
<p>Pontecorvos Film <em>Burn!</em> &#252;ber die Revolution in der Karibik erreicht ihren H&#246;hepunkt im Jahr 1848, einem revolution&#228;ren Jahr in der realen Weltgeschichte. 1848 bemerkte Marx in seiner ber&#252;hmten Rede &#252;ber den freien Handel: „Sie glauben vielleicht, meine Herren, da&#223; die Produktion von Kaffee und Zucker die nat&#252;rliche Bestimmung von Westindien sei. Vor zwei Jahrhunderten hatte die Natur, die sich nicht um den Handel k&#252;mmert, dort weder Kaffeeb&#228;ume noch Zuckerrohr gepflanzt.“<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> Vieles, was wir als nat&#252;rlich hinnehmen ist ein Produkt des Kapitalismus. Tats&#228;chlich werden wir im Glauben erzogen, kapitalistische Marktbeziehungen w&#228;ren nat&#252;rlicher, unanfechtbarer als irgendetwas in der Natur. Es ist diese Art zu denken mit der wir brechen m&#252;ssen, wenn wir unsere Beziehung zur Erde wiederherstellen wollen: wenn wir den metabolischen Spalt umkehren m&#246;chten. Die einzige Antwort auf die &#214;kologie der Zerst&#246;rung im Kapitalismus ist, die Produktionsverh&#228;ltnisse so zu revolutionieren, dass eine metabolische Wiederherstellung m&#246;glich wird. Das erfordert einen Bruch mit dem kapitalistischen System der „soziometabolischen Reproduktion“, d.h. der Profitlogik.<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a><br />
Solch ein revolution&#228;rer Bruch mit dem heutigen „business as usual“ ist nat&#252;rlich keine Garantie, sondern nur die M&#246;glichkeit f&#252;r eine soziale und &#246;kologische Transformation durch das Entstehen einer nachhaltigen, egalit&#228;ren (und sozialistischen) Gesellschaft. Lovelocks „Rache der Gaia“ – was Friedrich Engels im 19. Jahrhundert die „Rache“ der Natur nannte, jetzt in globalem Ausma&#223; – wird nicht automatisch allein durch einen Bruch mit der Logik des existierenden Systems abgewendet werden.<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a> Doch dieser Bruch ist der erste notwendige Schritt jedes rationalen Versuchs, die menschliche Zivilisation zu retten und voranzubringen. „Burn“ ist nicht l&#228;nger eine Insel; sie steht f&#252;r die gesamte Welt, die sich vor unseren Augen aufheizt.<br />
Am Ende des Films von Pontecorvo wird José Dolores get&#246;tet, aber sein revolution&#228;rer Geist lebt weiter. Die Strategie der Zerst&#246;rung von Natur, um die Menschen zu versklaven, wird nicht f&#252;r immer funktionieren. Heute erwacht in Lateinamerika der revolution&#228;re Geist von Bolívar und Ché – ein Geist der nie verschwand. Aber wir wissen jetzt – was wir selten zuvor verstanden haben – dass eine revolution&#228;re Transformation der Gesellschaft auch eine revolution&#228;re Widerherstellung unseres metabolischen Verh&#228;ltnisses zur Natur sein muss: Gleichheit und Nachhaltigkeit m&#252;ssen sich zusammen entwickeln, wenn eines der beiden erfolgreich sein will. Und wenn wir &#252;berleben wollen.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a>Der verstorbene italienische Filmemacher Gillo Pontecorvo (1919–2006) war Marxist und Antiimperialist; er wurde ber&#252;hmt als Regisseur des klassischen Films des revolution&#228;ren Aufstands, „Die Schlacht von Algier“ (1966). „Burn!“ wurde als Antwort auf Vietnam und als Allegorie auf den Krieg gedreht – doch eine, die zu einer Kritik des Kapitalismus selbst ausgebaut wurde.<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a>„Cash Crop“ bezeichnet Agrarprodukte, die f&#252;r den Export bestimmt sind und meist in Monokulturen angebaut werden. Sie werden vor allem in den ehemaligen Koloniall&#228;ndern S&#252;damerikas und Afrikas angebaut und dienen nicht der Selbstversorgung (<em>Food Crops</em>) des Landes. (A. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a>Schumpeter, Joseph A.: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, Stuttgart 2005 (1942).<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a>Mészáros, István: Socialism or Barbarism, New York 2001.<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a>McKibben, Bill: The Debate is Over, in: <em>Rolling Stone</em>, 17. November 2005, S. 79-82.<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a>Die quasi-religi&#246;se Gaia-Hypothese, die behauptete, dass das Leben auf der Erde die Oberfl&#228;chenbedingungen des Planeten immer g&#252;nstig f&#252;r das Ensemble der Organismen h&#228;lt, widerspricht der Darwinschen Evolution und wurde in ihrer urspr&#252;nglichen Form inzwischen auch von Lovelock selbst verworfen. Sie inspirierte jedoch die Entwicklung einer mehr holistisch angelegten Wissenschaft vom Erdsystem durch eine Reihe von WissenschafterInnen, die versucht, die Erde als ein einzelnes selbstregulierendes System zu verstehen, in dem Biosph&#228;re und Geosph&#228;re eine dialektische Einheit bilden. Lovelock vertritt nun die von ihm so genannte „Gaia-Theorie“, die mit den wesentlichen Grunds&#228;tzen der Wissenschaft vom Erdsystem &#252;bereinstimmt, aber trotzdem teleologisch an der Idee festh&#228;lt, dass das „Ziel“ der kontinuierlichen Reproduktion von g&#252;nstigen Bedingungen des Lebens irgendwie eine „emergente“ Eigenschaft des lebenden Erdsystems ist. Die „Rache der Gaia“ ist eine Rache an der Zivilisation, die bedroht ist, wenn Gaia pl&#246;tzlich in ein neues Gleichgewicht kippt, in Reaktion auf von Menschen erzeugte Erderw&#228;rmung. Vgl. Lovelock, James: The Revenge of Gaia, New York 2006, S. 23-25, 147, 162.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a>Lovelock: a.a.O., S. 34-35; Atcheson, John: Ticking Time Bomb, in: <em>Baltimore Sun</em>, 15. Dezember 2004.<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a>Lovelock: a.a.O., S. 55-59, 147; McKibben, Bill: How Close to Catastrophe?, in: <em>New York Review of Books</em>, 16. November 2006, S. 23-25.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a>Hansen, Jim: The Threat to the Planet, in: <em>New York Review of Books</em>, 13. Juli 2006, S. 12-16; Goddard Institute for Space Studies: NASA Study Finds World Warmth Edging Ancient Levels, 25. September 2006, www.giss.nasa.gov<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a>Foster, John Bellamy: The Vulnerable Planet, New York 1994, S. 11.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a>MEW 23 (Das Kapital Bd. I), S. 621. Die Theorie der „Tretm&#252;hle der Produktion“ wurde im Werk von Allan Schnaiberg entwickelt. Vgl. Schnaiberg, Allan: The Environment. From Surplus to Scarcity, Oxford 1980; Foster, John Bellamy: The Treadmill of Accumulation, in: <em>Organization &amp; Environment</em> 18:1 (M&#228;rz 2005), S. 7-18.<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a>Die Theorie des zweiten Widerspruchs geht auf den marxistischen Polit&#246;konomen James O’Connor zur&#252;ck. Vgl. O’Connor, James: Natural Causes, New York 1998. F&#252;r einige Grenzen dieses Begriffs vgl. Foster, John Bellamy: Marx’s Ecology: Materialism and Nature, New York 2000; vgl. auch Burkett, Paul: Marxism and Ecological Economics, Boston 2006, S. 204-207, 292-293.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a>Vgl. MEW 25 (Das Kapital Bd. III), S. 110.<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a>D&#252;ngemittel, meist aus Exkrementen von Seev&#246;geln hergestellt (A. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a>Skaggs, Jimmy M.: The Great Guano Rush, New York 1994.<br />
<a href="#anm_16" title="anm1" name="anm1">16</a>„Die Arbeit ist zun&#228;chst ein Proze&#223; zwischen Mensch und Natur, ein Proze&#223;, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert.“ (MEW 23, S. 192) (A. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a>MEW 23, S. 529f. (A. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a>MEW 23, S. 730. (A. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a>Clark, Brett/ York, Richard: Carbon Metabolism: Global Capitalism, Climate Change and the Biospheric Rift, in: <em>Theory and Society</em> 34:4 (2005), S. 392-428; Clausen, Rebecca/ Clark, Brett: The Metabolic Rift and Marine Ecology: An Analysis of the Oceanic Crisis within Capitalist Production, in: <em>Organization &amp; Environment</em> 18:4 (2005), S. 422-444.<br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a>MEW 23, S. 528. (A. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a>MEW 23, S. 784. (A. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a>MEW 25, S. 828.<br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a>Marx, Karl: Rede &#252;ber die Frage des Freihandels, MEW 4, S. 456.<br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a>Die Analyse des Kapitals als System „sozio-metabolischer Reproduktion“ wurde entwickelt in Mészáros, István: Beyond Capital, New York 1955, S. 39-71.<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a> „Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen &#252;ber die Natur. F&#252;r jeden solchen Sieg r&#228;cht sie sich an uns.“ Engels, Friedrich: Dialektik der Natur, MEW 20, S. 452.</p>
<p><em>Erstmals erschienen in Monthly Review Vol 58:8 (Februar 2007)</em><br />
<em>&#220;bersetzung: Philipp Probst<br />
</em><em>Mit freundlicher Genehmigung von Monthly Review</em></p>
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