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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Migration</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Die Angst vor dem biblischen Exodus &#8211; FRONTEX und die EU-Abschottungspolitik</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Aug 2011 16:31:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Union]]></category>
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		<description><![CDATA[Im Zuge der Konflikte in Nordafrika steigt der Fl&#252;chtlingsandrang nach Europa. Auf der italienischen Insel Lampedusa sind erst Anfang Juli wieder mehr als 1000 Bootsfl&#252;chtlinge angekommen. Da die Zunahme von (irregul&#228;rer) Migration der EU ein Dorn im Auge ist, hat sie eigens daf&#252;r eine Agentur namens FRONTEX eingerichtet. Diese soll dabei helfen die Migration nach Europa zu stoppen und MigrantInnen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Zuge der Konflikte in Nordafrika steigt der Fl&#252;chtlingsandrang nach Europa. Auf der italienischen Insel Lampedusa sind erst Anfang Juli wieder mehr als 1000 Bootsfl&#252;chtlinge angekommen. Da die Zunahme von (irregul&#228;rer) Migration der EU ein Dorn im Auge ist, hat sie eigens daf&#252;r eine Agentur namens FRONTEX eingerichtet.<span id="more-2027"></span> Diese soll dabei helfen die Migration nach Europa zu stoppen und MigrantInnen wieder zur&#252;ckzuschicken. Welche Befugnisse FRONTEX genau hat, welche konkreten Operationen die Agentur derzeit durchf&#252;hrt und was gegen die Versch&#228;rfungen im Asyl- und Migrationsbereich getan werden kann, besprach <em>Julia Hofmann </em>mit <em>Stephanie Deimel</em>. </p>
<p><em>Seit den erschreckenden Bildern aus den Aufnahmelagern in Griechenland und der Ankunft von tausenden Bootsfl&#252;chtlingen aus Nordafrika ist FRONTEX ja wieder in aller Munde. Welche Operationen f&#252;hrt die Agentur aktuell durch?</em> </p>
<p>Die aktuellste auf der Homepage<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> von FRONTEX zu findende gemeinsame Grenzschutzoperation (JO) ist Poseidon, also die Nachfolgeoperation des RABIT-Einsatzes am Ebros. Poseidon wird als Operation gegen Schmuggler verkauft. IIkka Laitinen, der FRONTEX Executive Director, argumentiert, dass Poseidon dem Schutz der MigrantInnen dient und dass es die zentrale Aufgabe der Operation ist den Schutz der Menschenrechte zu gew&#228;hrleisten – ein f&#252;r FRONTEX typisches Argumentationsmuster. MigrantInnen sind innerhalb dieser Logik also gleichzeitig T&#228;terInnen und Opfer krimineller Prozesse. Opfer der Machenschaften von Schmugglerbanden und T&#228;terInnen, weil sie ja illegal ins Land kommen und dementsprechend auch zur&#252;ckgeschickt werden m&#252;ssen. </p>
<p><em>Welche anderen zentralen Eins&#228;tze gab es in den letzten Jahren noch?</em> </p>
<p>Sehr, sehr viele, aber zwei sind besonders hervorzuheben. Einerseits Hera, eine Erfolgsoperation sowie andererseits Nautilus, eine gescheiterte JO. Hera l&#228;uft seit f&#252;nf Jahren auf den Kanaren und ist mittlerweile permanent. Das hei&#223;t, es gibt t&#228;glich Eins&#228;tze in diesem Gebiet. Gehostet wird die Operation von Spanien. Das Land hat zahlreiche bilaterale Abkommen mit den Kapverden, Senegal und Mauretanien abgeschlossen, die die gemeinsamen Patrouillen mit dem Grenzschutzpersonal der beteiligten Staaten in deren Hoheitsgew&#228;ssern m&#246;glich machen. Dabei handelt es sich vor allem um R&#252;ck&#252;bernahmeabkommen und Patrouilleabkommen. Hera ist deswegen so eine Erfolgsoperation, weil die Zahl der auf den Kanaren ankommenden MigrantInnen durch die starke &#220;berwachung, Kontrolle und das Umleiten von Fl&#252;chtlingsbooten (ohne Einzelfallpr&#252;fung) massiv zur&#252;ckgegangen ist.<br />
Nautilus ist demgegen&#252;ber das klassische Beispiel einer gescheiterten FRONTEX-JO. An der Operation waren n&#228;mlich Italien und Libyen beteiligt. Gescheitert ist sie daran, dass Italien nicht die passenden Abkommen mit Libyen abschlie&#223;en konnte. Es gab zwar R&#252;ck&#252;bernahmeabkommen, aber die wurden von libyscher Seite nicht ernst genommen. Ein Abkommen allein hei&#223;t nicht, dass es funktionsf&#228;hig ist. Patrouilleabkommen gab es gar nicht. W&#228;hrend Nautilus, die von 2006 bis 2009 im zentralen Mittelmeer stattfand, kam es daher zu einer massiven Zunahme der Migration in die EU, da es keine R&#252;ckeskortierungen gab und dies MigrantInnen zus&#228;tzlich zur &#220;berfahrt motivierte. Das hei&#223;t, Italien musste MigrantInnen ankommen lassen, weil Libyen nicht tolerierte, dass europ&#228;ische Boote in libyschen Hoheitsgew&#228;ssern operieren. </p>
<p><em>Welche Rolle spielen L&#228;nder wie Libyen genau? Wie ist deren Verh&#228;ltnis zu ihrer Migration bzw. zu den europ&#228;ischen Staaten? Hat sich hier etwas seit den Revolten in Nordafrika ver&#228;ndert?</em> </p>
<p>Gaddafi hat sich von der EU kaufen lassen. Von Italien wurden 1,5 Milliarden Euro gefordert und zus&#228;tzlich von der Europ&#228;ischen Union 50 Millionen Euro. Beim letzten EU-Afrika Gipfel im vergangenen Herbst hat Gaddafi weitere 1,5 Milliarden von der EU gefordert. Das war immer seine Strategie. F&#252;r viele Drittstaaten ist Grenzschutz ein wichtiges politisches Druckmittel geworden. Gerade L&#228;nder in relevanten geographischen Lagen, sprich in EU-N&#228;he, erlangen so eine bessere Verhandlungsposition. Sie setzen auf die Migrationskarte um Geld, Visumserleichterungen oder Entwicklungsgelder im Gegenzug zu ihrer Kooperation bei der Migrationssteuerung fordern zu k&#246;nnen.<br />
Gerade im Zuge der Umbr&#252;che in Nordafrika ist das nat&#252;rlich extrem problematisch. Aus Libyen finden derzeit sogar Zwangsdeportationen nach Italien statt. Die libysche Polizei geht in der Nacht in Wohnviertel von MigrantInnen und GastarbeiterInnen, setzt diese in Schiffe und schafft sie nach Lampedusa. Gaddafi hat immer gesagt, er &#252;berschwemmt Europa mit subsaharischen MigrantInnen. Je aussichtsloser seine Lage wird, desto mehr setzt er auf dieses Druckmittel. Wenn man sich jedoch die realen Zahlen anschaut, ist die Angst der Europ&#228;ischen Union vor einer „&#220;berschwemmung“ durch Fl&#252;chtlinge einfach nur absurd, schlie&#223;lich passiert alles andere als ein biblischer Exodus. Es handelt sich bisher nur um einige tausend Menschen, die vor dem Hintergrund der Umbr&#252;che in Nordafrika vorrangig aus Tunesien in die EU gekommen sind. Aus Libyen beispielsweise kommt nicht einmal ein Prozent der gesamten Fl&#252;chtlinge in die EU, sondern die Mehrheit reist in die Nachbarl&#228;nder &#196;gypten und Tunesien, die es mit einigen hunderttausend Fl&#252;chtlingen zu tun haben – also eine ganz andere Kategorie. Da diese L&#228;nder mit den aktuellen Fl&#252;chtlingsbewegungen ma&#223;los &#252;berfordert sind, ist die Situation in den grenznahen Fl&#252;chtlingslagern, wie z.B. im tunesischen Coucha, sehr schrecklich.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Dort gab es bereits viele Tote durch Br&#228;nde, Polizeigewalt und Gewalt durch Anrainer, sodass vielen Fl&#252;chtlingen keine andere Wahl blieb als nach Libyen zur&#252;ckzukehren, wo ihr Leben ebenfalls auf dem Spiel steht. Was man hier beobachten kann, ist der Mangel an Solidarit&#228;t der Europ&#228;ischen Gemeinschaft, nicht nur in Lampedusa, wo Italien gro&#223;teils allein gelassen wird, sondern auch gegen&#252;ber &#196;gypten und Tunesien. </p>
<p><em>Lassen sich zentrale Strategien der Migrationssteuerung seitens der Europ&#228;ischen Union identifizieren, die &#252;ber FRONTEX-Operationen hinausgehen bzw. dahinter liegen?</em> </p>
<p>In der EU dreht sich seit neuestem viel um Migration und Entwicklung. Den Migration Development Nexus findet man seit 2005 in allen policy papers. Die EU will Migration unterbinden, in dem sie die „Entwicklung“ in Herkunfts- und Konfliktstaaten durch gezielte Kooperation und „Partnerschaftsabkommen“ f&#246;rdert. Migration wird hier nicht positiv in Bezug auf Entwicklung gesehen, sondern es gilt: Hilfe bei Migrationssteuerung und -kontrolle gegen Entwicklungskooperationssummen und –projekte. Bl&#246;d ist nur, dass dabei meist korrupten Diktaturen zugespielt wird und die entwickeln denkbar wenig. Nachdem sich die Lage in Tunesien stabilisiert hat, war das Erste, was die EU gemacht hat, neue Abkommen auszuverhandeln, weil sie Angst hatte, die alten w&#252;rden nicht mehr gelten. </p>
<p><em>Wie sieht eine FRONTEX-Grenzschutzoperation konkret aus?</em> </p>
<p>Es gibt verschiedene JO-Typen, besonders bekannt sind die Operationen an den Seeau&#223;engrenzen. FRONTEX erstellt im Normalfall eine Risikoanalyse &#252;ber die Lage an einem bestimmten Grenzabschnitt und muss dann darauf warten, dass ein Mitgliedstaat eine gemeinsame Operation anfordert. Im K&#252;stenmeer von Drittstaaten &#8211; dort gibt es besondere Rechtsunsicherheit – werden zum Beispiel gemeinsame Patrouillen auf hoher See durchgef&#252;hrt. Boote, die im K&#252;stenmeer von Drittstaaten oder auf Hoher See erwischt werden, werden sofort r&#252;ckeskortiert. Das ist besonders praktisch f&#252;r die EU, weil sie dann die MigrantInnen nicht rein lassen und Asylantr&#228;ge bearbeiten muss. Das kann dann noch mit der Menschenrechtsrhetorik gerechtfertigt werden, weil die MigrantInnen auf den Booten ja quasi gerettet wurden, da sie ja wirklich in Gefahr gewesen w&#228;ren durch die &#220;berfahrt. Solche Patrouillen gehen jeden Tag raus. </p>
<p><em>Bei solchen Patrouillen werden ja h&#228;ufig auch Menschenrechtsverletzungen dokumentiert…</em> </p>
<p>Das stimmt – Menschenrechtsorganisation dokumentieren beispielsweise bei den Bootsfl&#252;chtlingen aus Nordafrika, dass so einiges versucht wurde, um eben diese Boote nicht auf dem italienischen Festland ankommen zu lassen, z.B. dass Schlauchboote zerstochen wurden, dass Trinkwasser konfisziert wurde, etc. Das ist aber nicht der Regelfall! Dennoch sind in den letzten Monaten rund tausend Menschen im Mittelmeer ertrunken und das bei einer zahlenm&#228;&#223;ig ausgesprochen hohen Pr&#228;senz von Booten im Mittelmeer durch den Libyen-Einsatz. In vielen F&#228;llen wurden Hilferufe von Fl&#252;chtlingsbooten in Seenot einfach ignoriert und das ist schon eher g&#228;ngige Praxis. Nat&#252;rlich passiert viel und es geht rough zu, aber einfach versenken kann man die Leute ja doch nicht &#8211; das w&#228;re ein zu gro&#223;er Skandal f&#252;r die EU. Es handelt sich schlie&#223;lich um zig tausende Leute, wobei man dazu sagen muss, dass der Gro&#223;teil aller irregul&#228;ren Migrationen in die EU nicht &#252;ber den Seeweg stattfindet. </p>
<p><em>Trotzdem werden ja immer wieder menschenrechtliche Grauzonen ausgen&#252;tzt. Ich denke da beispielsweise an die Boote aus Nordafrika, die im Mittelmeerraum hin- und hergeschickt wurden (zwischen Italien, Griechenland und Malta), weil kein Land sie aufnehmen wollte.</em> </p>
<p>Ja genau. Menschenrechtlichen Grauzonen gibt es vor allem bei den Seeoperationen, w&#228;hrend die anderen Bereiche z.B. Sammelabschiebungen leider rechtlich gro&#223;teils abgedeckt sind. Das Zur&#252;ckeskortieren von Booten zum Herkunftshafen ohne Einzelfallpr&#252;fung verst&#246;&#223;t aber gegen die internationale Menschenrechtskonvention.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Dar&#252;ber hinaus untergr&#228;bt es das Asylrecht, weil der/die MigrantIn keine M&#246;glichkeit mehr hat einen Asylantrag zu stellen. Antr&#228;ge d&#252;rfen ja bekanntlich nicht im Herkunftsland gestellt werden, sondern nur im (Erst-)Asylland. Menschen- Asyl- und Seerecht gelten nat&#252;rlich auch auf offener See, was von Seiten der Politik (z.B. vom deutschen Innenministerium) immer wieder bestritten wurde, aber von zahlreichen JuristInnen in Rechtsgutachten best&#228;tigt ist. </p>
<p> <a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/07/Frontex-Bild.png"><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/07/Frontex-Bild.png" alt="" title="Frontex-Bild" width="558" height="384" class="aligncenter size-full wp-image-2032" /></a></p>
<p><em>Welche Rolle spielt eigentlich &#214;sterreich bei FRONTEX-Eins&#228;tzen? Das Land hat ja zumindest keine EU-Au&#223;engrenze mehr.</em> </p>
<p>Stimmt, viele glauben daher auch, dass &#214;sterreich deshalb keine relevante Rolle spielt. Insbesondere in punkto Abschiebung bzw. Sammelabschiebung agiert Wien allerdings als zentrale Drehscheibe. In den letzten Jahren geht der Trend europaweit dahin vermehrt Sammelabschiebungen durchzuf&#252;hren, das kommt f&#252;r alle beteiligten L&#228;nder am billigsten und passiert unter Ausschluss der &#214;ffentlichkeit, da zu diesem Zweck eigene Flugzeuge gechartert werden. Diese landen oft nicht einmal auf regul&#228;ren Flugh&#228;fen, sondern auf Cargo-Airports. &#214;sterreich tut sich hier besonders hervor, nicht ohne Eigennutz: Da der Staat, der die Operation hostet das halbe Flugzeug „gratis bekommt“, sind Sammelabschiebungen auch f&#252;r das &#246;sterreichische Innenministerium (BMI) von Vorteil, da es billig viele Fl&#252;chtlinge zur&#252;ckschicken kann. Im Zuge dieser Sammelabschiebungen kommt es oft zu „Blitzidentifizierungen von MigrantInnen“, d.h. zu willk&#252;rlichen nationalen oder ethnischen Kategorisierungen. Da werden Menschen schon mal in fremde L&#228;nder abgeschoben. Auch in diesem Bereich ist FRONTEX aktiv. Seit neuestem befinden sich sogenannte „MenschenrechtsbeobachterInnen“ auf den Abschiebefl&#252;gen. F&#252;r &#214;sterreich macht das bekanntlich der Verein Menschenrechte &#214;sterreich, der vom BMI und der EU gef&#246;rdert wird. Da sieht man, was f&#252;r eine Farce das eigentlich ist.<br />
 <br />
<em>Wohin gehen diese Sammelabschiebungen aus &#214;sterreich?<br />
</em> </p>
<p>Kosovo und Nigeria sind klassische Abschiebel&#228;nder von &#214;sterreich aus. Ins franz&#246;sische Afrika geht es meistens &#252;ber Frankreich, also &#252;ber den Flughafen Paris Charles de Gaulles. Immer &#246;fter sind dort das Flughafenpersonal und die Polizei mit zivilgesellschaftlichen Protesten konfrontiert, wenn Passagiere bemerken, dass auf ihren Flug eine Abschiebung gebucht wurde. Meines Wissens nach gibt es jede Woche solche Proteste und sie sind h&#228;ufig erfolgreich. Das Prozedere ist simpel: Einfach aufstehen und so den Abflug der Maschine verz&#246;gern. Das letzte Wort liegt dann beim Piloten, aber oftmals entscheidet sich dieser gegen den unfreiwilligen Transport des/der MigrantIn. Auch aus diesem Grund sind Charter-Fl&#252;ge f&#252;r die EU-Staaten angenehmer.<br />
 <br />
<em>Wie w&#252;rde die EU-Grenzpolitik ohne FRONTEX aussehen?<br />
</em> </p>
<p>Es wird ja oft behauptet, dass FRONTEX quasi der Ursprung allen B&#246;sen ist, aber selbst wenn man FRONTEX abschaffen w&#252;rde, w&#252;rde die EU genauso oder sehr &#228;hnlich weitermachen. FRONTEX erleichtert die Arbeit zwar, aber die Herzst&#252;cke der Agentur hatten schon vor ihrer Gr&#252;ndung Bestand. Es gab schon ein Risk Analysis Center (RAC) in Helsinki und Ilkka Laitinen war damals schon dessen Vorsitzender! Zus&#228;tzlich gab es noch ein anderes relevantes Komitee, das SCIFA<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>, ein ExpertInnengremium in der EU, das wichtige Vorarbeit geleistet hat und das Risikoanalysemodell, mit dem FRONTEX heute arbeitet (CIRAM) bereits entwickelt und getestet hat. Vor FRONTEX gab es sogar schon eine erste gemeinsame Grenzschutzoperation an der Seeau&#223;engrenze im Bereich der Kanaren, die von Spanien gehostet wurde…<br />
FRONTEX hat diese Prozesse lediglich vereinfacht, zentralisiert und weiterentwickelt, aber die Vorarbeit war bereits geleistet. Dennoch muss gesagt sein, dass der teils sehr intransparente und flexible Rechtsrahmen, in dem FRONTEX als Regulierungsagentur agiert bewusst gew&#228;hlt wurde und bestens dazu geeignet ist Neues im Bereich der Grenzkontrolle zu entwickeln, zu testen und das unter weitgehendem Ausschluss der &#214;ffentlichkeit. Da die Agentur &#252;ber geheimdienstliche Informationen und den Zugang zu polizeiliche Datenbanken verf&#252;gt, kann sie sich auch darauf berufen und nicht die Vollversion von Berichten oder Analysen ver&#246;ffentlichen. Auch EUROPOL ist ja seit Januar 2010 eine Agentur und das mit der Begr&#252;ndung so schneller handlungsf&#228;hig zu sein. F&#252;r Agenturen gibt es also weniger Korrektive und Instanzen, die konsultiert werden m&#252;ssen um Entscheidungen zu f&#228;llen.<br />
 <br />
<em>Welche Entwicklungen wird der europ&#228;ische Grenzschutz deiner Meinung nach in den n&#228;chsten Jahren nehmen?<br />
</em> </p>
<p>Grenzschutz wird zunehmend exterritorialisiert. Der Bereich der Migrationskontrolle befindet sich innerhalb von Schengen, an den Grenzen und au&#223;erhalb von Schengen. &#220;berall dort finden Kontrollen statt, &#252;berall dort manifestiert sich die Grenze in verschiedenen Formen. Diese Tendenz besteht, weil es viel einfacher und angenehmer ist die Migrationskontrolle auszulagern. Dann ist auch der menschenrechtliche Widerspruch leichter aufzul&#246;sen. Die EU finanziert zahlreiche Auffanglager, auch in Libyen, einem Land, in dem Menschenrechte mit den F&#252;&#223;en getreten werden und das die Genfer Fl&#252;chtlingskonvention nie unterzeichnet hat. In die libyschen Lager darf nicht mal der UNHCR<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a>, da wird gefoltert,…finanziert von der EU! Was passiert, wenn diese Lager &#252;berf&#252;llt sind? Man nimmt LKWs und f&#252;hrt die MigrantInnen irgendwoanders hin. In letzter Zeit haben diese W&#252;stenr&#252;ckschiebungen, vor allem bez&#252;glich der Hera-Operation vor den Kanaren, mehr Aufmerksamkeit bekommen. W&#246;chentlich landen hunderte MigrantInnen und v.a. Jugendliche in der W&#252;ste, ohne Lebensmittel und sind so dem Tod ausgeliefert, wenn das Rote Kreuz sie nicht rettet oder sie die unglaubliche Kraft haben die n&#228;chste Stadt zu erreichen. So versuchen afrikanische Staaten wie Mauretanien oder Algerien, die im Rahmen von FRONTEX-JOs abgefangene Fl&#252;chtlinge zur&#252;cknehmen m&#252;ssen, das „Problem“ weiter in ihre Nachbarstaaten auszulagern – also das Ph&#228;nomen der Kettenr&#252;ckschiebung. Und dass daf&#252;r Gelder aus der EU verwendet werden, die z.B. den Entwicklungsstempel tragen, ist nicht auszuschlie&#223;en. Die EU ist es auch, die beispielsweise in Westafrika Systeme zur Grenz&#252;berwachung implementiert, Grenz&#252;berg&#228;nge errichtet und sogar Grenzschutzpersonal ausbildet. Auch von der EU gestaltete Anti-Emigrations-Spots und Plakate werden in Transit- oder Herkunftsstaaten platziert. An der malisch-mauretanischen Grenze beispielsweise habe ich ein von der EU aufgestelltes Schild mit der Aufschrift: „Stoppt irregul&#228;re Migration – sie ist eine Gefahr f&#252;r die malische Gesellschaft“ gesehen. So weit ist die Exterritorialisierung bereits fortgeschritten.<br />
Das sind die wahren Konsequenzen der europ&#228;ischen Abschottungspolitik: Zuerst in das Lager, wo du keine Rechte hast, keinen Lebensstandard, nicht mal eine Toilette, bis zur R&#252;ckschiebung an inner-afrikanische Grenzen, wo niemand zimperlich ist. Die Geschichte ist nach der Abschiebung nicht zu Ende. Die Menschen kommen traumatisiert zur&#252;ck, wenn sie es &#252;berhaupt zur&#252;ck schaffen. Nachdem die EU die Fl&#252;chtlingsbek&#228;mpfung auslagert hat, sind eben auch viel h&#228;rtere Regimes und Diktaturen mit im Spiel, die mit Genfer Fl&#252;chtlingskonvention und Menschenrechten nichts am Hut haben. Das hei&#223;t in Folge auch, dass der Fl&#252;chtlingsschutz, der eigentlich oberste Priorit&#228;t haben sollte, in Drittstaaten ausgelagert wird, wo er nicht gesichert ist.<br />
 <br />
<em>In den Medien gibt es ja alle paar Monate wieder einen humanit&#228;ren Aufschrei, wenn z.B. wieder ein Boot voller halb-verhungerter Fl&#252;chtlinge auf Lampedusa gestrandet ist. Warum passiert da eigentlich nicht mehr, z.B. von Seiten der lokalen Bev&#246;lkerung?<br />
</em> </p>
<p>In den letzten Jahren wird vermehrt auf eine enorme Angstmache gesetzt. FischerInnen werden zum Beispiel kriminalisiert, wenn sie Fl&#252;chtlinge gerettet haben. Eigentlich sind sie nach internationalem Seerecht verpflichtet, Menschen, die in Seenot geraten sind, zu helfen. Die FischerInnen, die sich daran gehalten haben, haben dann Verfahren am Hals gehabt. Ihre Boote wurden konfisziert, sie konnten ihren Beruf nicht mehr aus&#252;ben und mussten jahrelange Verfahren wegen Schlepperei aushalten. Das &#246;ffentlichkeitswirksamste Verfahren war das der Cap Anamur, ein deutsches Hilfsschiff mit Elias Bierdel<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> an Bord. Er und die Mannschaft hatten einen drei bis f&#252;nf j&#228;hrigen Prozess wegen Schlepperei und wurden freigesprochen. Die Cap Anamur hatte vierzig Menschen aufgenommen. Trotz des Freispruchs sind die FischerInnen sehr eingesch&#252;chtert, auch die Zivilgesellschaft greift deswegen selten ein.<br />
 <br />
<em>Wie kann man gegen FRONTEX vorgehen? Auf Ebene der Realpolitik und der Verhandlungen ist schwer etwas zu machen, wenn FRONTEX auch rechtlich so unangreifbar ist. Kann es &#252;berhaupt von dieser Warte aus gehen?<br />
</em> </p>
<p>Innerhalb von FRONTEX oder des EU-Grenzschutzes wird es schwer sein etwas zu ver&#228;ndern. Au&#223;erdem hat FRONTEX in der EU ein gutes Standing. Das Budget der Agentur wird immer wieder erh&#246;ht, das hei&#223;t man ist mit der Arbeit im Gro&#223;en und Ganzen zufrieden. Die Europ&#228;ischen Gr&#252;nen haben vor kurzem eine Studie herausgegeben, die die Vereinbarkeit von FRONTEX mit den Menschenrechten in Frage stellt. Diese Vorst&#246;&#223;e sind sehr wichtig, aber haben sie momentan keine Mehrheit im Parlament.<br />
Dar&#252;ber hinaus gibt es innerhalb von FRONTEX und des europ&#228;ischen Grenzschutzes auch gar kein Interesse daran die Entwicklungen in eine progressive Richtung zu ver&#228;ndern. FRONTEX ist eng verzahnt mit der europ&#228;ischen Polizei und den Geheimdiensten. Das Problem ist also das System. Wenn man dieser Logik folgt, in der unsere Staaten und unsere Wirtschaft funktionieren und unser Markt, unsere Politik sich bewegen, die auf Profit, Konkurrenz, eigenem Vorteil und auf Ausbeutung basiert, wird sich nichts &#228;ndern. Wenn wir eine/n MenschrechtsbeobachterIn mehr in ein Abschiebeflugzeug schicken, ist das nur ein Tropfen auf den hei&#223;en Stein. Vielleicht bewirkt es Peanuts, aber das ist viel zu wenig. Die Strukturen sind viel zu festgefahren.<br />
Es muss jetzt viel mehr darum gehen grunds&#228;tzliche Fragen zu stellen: Warum fl&#252;chten Menschen und finden keine Lebensgrundlage in ihren Herkunftsl&#228;ndern mehr? Da ist die Europ&#228;ische Union mit ihren hohen Agrarsubventionen, dem Leerfischen von Meeren und dem Aufrechterhalten von Abh&#228;ngigkeitsverh&#228;ltnissen ja alles andere als unbeteiligt. Und wenn das klar ist, funktioniert auch ein Aufsplitten in „eure“ und „unsere“ Probleme nicht mehr. Eine solche Argumentation ist dann nicht mehr haltbar. Ein erster Schritt w&#228;re meiner Meinung nach auch eine &#220;berarbeitung der Genfer Fl&#252;chtlingskonvention aus dem Jahr 1951, die ich f&#252;r veraltet halte und die Wirtschaftsflucht immer noch nicht als legalen Fluchtgrund anerkennt, auch wenn wirtschaftliche Not, Armut und Hunger in Realit&#228;t lebensbedrohlich sind.<br />
Aus jetziger Perspektive ist es meiner Meinung nach unverzichtbar ein breites Bewusstsein f&#252;r die reale Situation von MigrantInnen an den EU-Au&#223;engrenzen und dar&#252;ber hinaus zu erzeugen und die Mythen &#252;ber Ausl&#228;nderInnen, die Einheimischen, die Jobs wegnehmen und kriminell sind – die ganze rechtspopulistische Propaganda eben – zu dekonstruieren. Es gibt ja auch Studien dazu. Das Wissen ist da. Je mehr Menschen, die Mythen als solche erkennen und einsehen, dass hier Unrecht passiert, desto besser. Da k&#246;nnen auch kleine Aktionen, Flashmobs, M&#228;rsche, Diskussionen und jegliche Art der Bewusstseinsbildung helfen. MigrationsgegnerInnen argumentieren h&#228;ufig damit, dass Zuwanderung eine Kostenfrage und unleistbar sei. Real zahlen MigrantInnen mehr ins &#246;sterreichische Sozialsystem ein, als sie herausbekommen und verrichten vorrangig T&#228;tigkeiten unter ihrer Qualifikation.<br />
Die Verh&#228;ltnisse werden sich nur durch &#246;ffentlichen Druck ver&#228;ndern lassen und ich denke, dass wir momentan eine sehr spannende Zeit der Umbr&#252;che erleben. &#220;ber Nordafrika hinaus sind die Menschen in Spanien und Griechenland emp&#246;rt &#252;ber die herrschenden Zust&#228;nde und artikulieren ganz klar ihre Unzufriedenheit mit dem System, mit einer „repr&#228;sentativen Demokratie“, durch die sie sich nicht repr&#228;sentiert f&#252;hlen und mit der Kluft zwischen Arm und Reich, die immer gr&#246;&#223;er wird, da an den falschen Ecken eingespart wird oder Geld einfach versickert. In Bezug auf die Migrationspolitik ist es an der Zeit die gesamtgesellschaftliche Haltung zu Einwanderung und zum Fl&#252;chtlingsschutz zu ver&#228;ndern, ein fremdenfreundliches Klima und eine offene Atmosph&#228;re zu schaffen, in der mensch sich wohlf&#252;hlen kann und anerkannt wird. Also: Mythen dekonstruieren und Solidarit&#228;t zeigen! </p>
<p><em>Stephanie Deimel</em> ist Politikwissenschaftlerin und hat ihre Diplomarbeit zu FRONTEX und den Auswirkungen des EU-Au&#223;engrenzmanagements auf Migrationsbewegungen geschrieben. Im Fr&#252;hjahr 2011 nahm sie gemeinsam mit AktivistInnen des Netzwerkes <em>Afrique-Europe-Interact</em> an einer Karawane zum Weltsozialforum teil, die sich f&#252;r Bewegungsfreiheit und gerechte Entwicklung einsetzt. </p>
<p><strong>Interessante Links:</strong><br />
Borderline Europa: <a href="http://www.borderline-europe.de/">http://www.borderline-europe.de/</a><br />
Frontex-Watch: <a href="http://frontex.antira.info/">http://frontex.antira.info/</a>Frontexplode: <a href="http://frontexplode.eu/">http://frontexplode.eu/</a>Welcome to Europe: <a href="http://w2eu.net/">http://w2eu.net/</a>Afrique-Europe-Interact: <a href="http://www.afrique-europe-interact.net/">http://www.afrique-europe-interact.net/</a>Migreurop: <a href="http://www.migreurop.org/?lang=fr">http://www.migreurop.org/?lang=fr</a></p>
<p><strong>Traurige Links:</strong><br />
Frontex-Homepage: <a href="http://www.frontex.europa.eu/ ">http://www.frontex.europa.eu/ </a></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> http://www.FRONTEX.europa.eu/newsroom/news_releases/art109.html<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> http://afrique-europe-interact.net/index.php?article_id=462&#038;clang=0<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Artikel 13 (2): „Jeder Mensch hat das Recht jedes Land, einschlie&#223;lich seines eigenen, zu verlassen.&#8221;<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> „Strategische Komitee f&#252;r Einwanderungs-, Grenz- und Asylfragen“, wurde im Rahmen der SCIFA die Common Unit („Gemeinsame Instanz von Praktikern f&#252;r die Au&#223;engrenzen“) eingerichtet. Diese organisierten den Aufbau der Ad-hoc-Zentren f&#252;r die Luft-, See- und Landgrenzen sowie die Risikoanalyse (RAC) und die gemeinsame Ausbildung von Grenzbeamten (ACT), die als Vorg&#228;nger von FRONTEX zu bezeichnen sind.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> UN Refugee Agency<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Elias Bierdel hat Borderline gegr&#252;ndet.</p>
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		<title>Freiheit statt Frontex</title>
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		<pubDate>Wed, 16 Mar 2011 13:02:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Union]]></category>
		<category><![CDATA[Festung Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Netzwerke afrique-europe-interact, Welcome to Europe und das Netzwerk Kritische Migrations- und Grenzregimeforschung haben eine Stellungnahme zu den Revolten in Nordafrika und der m&#246;rderischen Grenzpolitik Europas verfasst.

FREIHEIT STATT FRONTEX
Keine Demokratie ohne globale Bewegungsfreiheit

Die Dynamik des arabischen Fr&#252;hlings strahlt aus in die ganze Welt. Die Aufstandsbewegungen im Maghreb machen Mut und Hoffnung, nicht nur weil despotische Regime verjagt werden, die vor [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Netzwerke <a href="http://www.afrique-europe-interact.net">afrique-europe-interact</a>, <a href="http://w2eu.net/">Welcome to Europe</a> und das <a href="http://kritnet.org/">Netzwerk Kritische Migrations- und Grenzregimeforschung</a> haben eine Stellungnahme zu den Revolten in Nordafrika und der m&#246;rderischen Grenzpolitik Europas verfasst.<br />
<span id="more-1848"></span></p>
<p><strong>FREIHEIT STATT FRONTEX<br />
Keine Demokratie ohne globale Bewegungsfreiheit</strong><br />
<a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/03/528382.jpg"><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/03/528382-300x187.jpg" alt="" title="52838" width="300" height="187" class="alignnone size-medium wp-image-1853" /></a></p>
<p>Die Dynamik des arabischen Fr&#252;hlings strahlt aus in die ganze Welt. Die Aufstandsbewegungen im Maghreb machen Mut und Hoffnung, nicht nur weil despotische Regime verjagt werden, die vor kurzem noch un&#252;berwindbar erschienen. So offen die weiteren Entwicklungen bleiben, im Dominoeffekt der tunesischen Jasminrevolution meldet sich in atemberaubender Schnelligkeit die alte Erkenntnis zur&#252;ck, dass Geschichte von unten gemacht wird. Die K&#228;mpfe richten sich gegen die t&#228;gliche Armut wie auch gegen die allgemeine Unterdr&#252;ckung, es geht gleicherma&#223;en um bessere Lebensbedingungen wie um W&#252;rde, kurz: um „Brot und Rosen“.</p>
<p>Die unglaublichen Tage auf dem Tahrirplatz in Kairo stehen f&#252;r die Suche nach neuen Formen der Selbstorganisierung und Basisdemokratie. Der Wunsch nach gleichen Rechten, nach Autonomie und Teilhabe am wirtschaftlichen Reichtum, spiegelt sich aber auch in den Booten Richtung Europa wieder: jetzt aus Tunesien, seit Jahren aus Nord- und Westafrika. „Exit“ – sich die Bewegungsfreiheit zu nehmen und zu migrieren, um ein anderes, besseres Leben zu finden, und „Voice“ – die Stimme zu erheben und den Kampf vor Ort zu f&#252;hren, sind keine Gegens&#228;tze, sie stehen vielmehr in einem lebendigen Wechselverh&#228;ltnis.</p>
<p>Das hatten – noch offenkundiger – bereits die Umbr&#252;che 1989 gezeigt. Die Abstimmung mit den F&#252;&#223;en katalysierte damals die Protestbewegungen gegen das realsozialistische Unterdr&#252;ckungsregime. Die Mauer ist auch deshalb gefallen, weil die Menschen ihre Bewegungsfreiheit durchgesetzt haben. Um so verlogener erscheint heute die Freiheitsrhetorik westlicher PolitikerInnen, die angesichts der Migrationsbewegungen aus und &#252;ber Nordafrika einmal mehr das Bedrohungsszenario der &#220;berflutung bem&#252;hen, gegen die nun die europ&#228;ische Grenzschutzagentur Frontex in Stellung gebracht wird.</p>
<p>Die EU-Regierungen haben die nordafrikanischen Machthaber hofiert und gest&#252;tzt und sich in den letzten Wochen z&#246;gerlich bis bremsend gegen&#252;ber den Aufstandsbewegungen verhalten. Dahinter stecken starke &#246;konomische Interessen, aber auch die gewachsene Kollaboration in der Migrationskontrolle. Despoten wurden umso wichtigere „Partner“, je effektiver sie als Wachhunde f&#252;r ein vorverlagertes EU-Grenzregime fungierten. Migrationsbewegungen aus Afrika sollten um jeden Preis einged&#228;mmt werden.</p>
<p>Tausendfacher Tod und Leid nicht mehr nur auf See, sondern auch in den W&#252;sten und Internierungslagern waren und sind die Folgen dieser sch&#228;ndlichen Komplizenschaft. Die subsaharischen MigrantInnen, die aktuell in Libyen Opfer pogromartiger Hetzjagden werden, sahen sich unter dem Gaddafi-Regime seit Jahren einer systematischen Entrechtung, Willk&#252;r und Misshandlungen ausgeliefert. Die EU hat dem libyschen Diktator Millionen gezahlt und &#220;berwachungstechnik geliefert, eine &#228;hnliche Kooperation gibt es mit dem marokkanischen Machthaber, und bis vor kurzem auch mit dem tunesischen Regime. Die arabischen Revolutionen markieren jetzt das m&#246;gliche Scheitern dieses brutalen Ausgrenzungsprojekts der EU im Mittelmeerraum.</p>
<p>Mit den gezielt medial gestreuten Bef&#252;rchtungen &#252;ber einen Kollaps der Migrationskontrolle wird nun die weitere Versch&#228;rfung und Militarisierung des EU-Grenzregimes legitimiert, verk&#246;rpert durch Frontex. Die europ&#228;ische Grenzschutzagentur erg&#228;nzt und erweitert die nationalen Kontrollsysteme, die seit Jahrzehnten auf Abschreckung und Kriminalisierung der Migrationsbewegungen zielen. Frontex soll – wie bereits vor der westafrikanischen K&#252;ste oder an der griechisch-t&#252;rkischen Grenze – nun auch verst&#228;rkt vor Nordafrika zum Einsatz gebracht werden.</p>
<p>Italien erh&#228;lt die Federf&#252;hrung f&#252;r diese „Operation Hermes“. Das ist konsequent und schockierend ehrlich: In Folge des Schulterschlusses zwischen Berlusconi und Gaddafi kam es in den letzten Jahren zu unz&#228;hligen unrechtm&#228;&#223;igen R&#252;ckschiebungen im Mittelmeer, der italienische Staat hat sich geradezu als Meister im Bruch aller Fl&#252;chtlingsskonventionen inszeniert. Und nicht zuf&#228;llig wird kriminalisiert, wer das Leben der Boatpeople rettet. Das zeigen die F&#228;lle der Cap Anamur oder der tunesischen Fischer, deren Prozesse in Italien noch immer andauern.</p>
<p>MigrantInnen suchen Schutz oder ein besseres Leben in Europa. Sie wandern gegen ein Reichtumsgef&#228;lle, das ganz wesentlich in den neokolonialen Dominanz- und Ausbeutungsverh&#228;ltnissen zwischen Europa und Afrika begr&#252;ndet liegt. In Europa muss sich der universelle Anspruch auf Freiheit und Demokratie deshalb am Umgang mit denjenigen messen lassen, die auf dem Weg der Migration gleiche Rechte einfordern. Frontex steht f&#252;r den Ausbau eines t&#246;dlichen Grenzregimes, f&#252;r das in einer freien Welt kein Platz ist. Der Tod an den Au&#223;engrenzen k&#246;nnte schon morgen Geschichte sein. Aber das ist politisch nicht gewollt. Stattdessen f&#252;hren die EU-Verantwortlichen einen regelrechten Krieg an den Au&#223;engrenzen.</p>
<p>Innerhalb der EU geh&#246;ren Entrechtung und Abschiebung zum rassistischen Alltag, in dem „Integration“ als Druckmittel der Anpassung und Ausbeutung in den Niedriglohnsektoren benutzt wird. Doch dieser selektive Umgang mit Migration ist mit Widerst&#228;ndigkeiten und Beharrlichkeiten konfrontiert, die das System der Ungleichheiten und Unfreiheiten immer wieder herausfordern. Nicht zuf&#228;llig findet in dieser bewegten Zeit ein dramatischer Hungerstreik von 300 maghrebinischen MigrantInnen f&#252;r ihre Legalisierung in Griechenland statt. Und verst&#228;rkt flackern Bleiberechtsk&#228;mpfe und migrantische Streiks quer durch Europa auf, seit Sans Papiers – insbesondere aus Afrika – vor 15 Jahren in Paris mit der Forderung „Papiere f&#252;r Alle“ in die &#214;ffentlichkeit traten.</p>
<p>Der Aufbruch in Nordafrika zeigt, was alles m&#246;glich ist. Es geht um nicht weniger als um ein neues Europa, ein neues Afrika, eine neue arabische Welt. Es geht um neue R&#228;ume der Freiheit und Gleichheit, die es in transnationalen K&#228;mpfen zu entwickeln gilt: in Tunis, Kairo oder Bengazi genauso wie in Europa und den Bewegungen der Migration, die die beiden Kontinente durchziehen.</p>
<p>8. M&#228;rz 2011<br />
Afrique-Europe-Interact<br />
Welcome to Europe<br />
Netzwerk Kritische Migrations- und Grenzregimeforschung</p>
<p>Zum Unterzeichnen der Deklaration bitte eine entsprechende kurze Mitteilung an fsf@antira.info schicken.</p>
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		<title>Transnationaler Migrant_innenstreik! 1.M&#228;rz 2011</title>
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		<pubDate>Sat, 26 Feb 2011 08:30:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Termine]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
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		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>

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		<description><![CDATA[Am 1.M&#228;rz 2011 organisieren sich weltweit Migrant_innen gegen soziale Ausschl&#252;sse, Diskriminierung und Rassismus. Angefangen haben diese transnationalen Proteste im Jahr 2006 mit einem Streik von Migrant_innen in den USA und seither weiten sie sich aus. Auch 2011 werden in einigen der reichsten L&#228;nder der Welt viele Arbeitnehmer_innen  zusammenkommen, protestieren und streiken. An diesem Tag wollen wir in &#214;sterreich den [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am 1.M&#228;rz 2011 organisieren sich weltweit Migrant_innen gegen soziale Ausschl&#252;sse, Diskriminierung und Rassismus. Angefangen haben diese transnationalen Proteste im Jahr 2006 mit einem Streik von Migrant_innen in den USA und seither weiten sie sich aus.<span id="more-1746"></span> Auch 2011 werden in einigen der reichsten L&#228;nder der Welt viele Arbeitnehmer_innen  zusammenkommen, protestieren und streiken. An diesem Tag wollen wir in &#214;sterreich den Grundstein f&#252;r einen breiten Zusammenschluss legen, um eine Wende der Politik gegen&#252;ber Migrant_innen einzuleiten.</p>
<p>Wir kommen als Arbeiter_innen und als Familienangeh&#246;rige, Studierende und Menschen ohne Papiere, Lehrende und Sexarbeiter_innen, Fl&#252;chtlinge und &#196;rzt_innen, Pflegekr&#228;fte und Familienangeh&#246;rige, Au-Pairs und Fachkr&#228;fte. Wir leben hier seit Jahren, Jahrzehnten, manchmal seit Generationen. Wir sind in Kinderg&#228;rten, Schulen und in den Universit&#228;ten, am Bau und an den Maschinen, in Krankenh&#228;usern und Pflegeanstalten, Privathaushalten und Bordellen, Superm&#228;rkten und B&#252;ros. Wir haben alle Geschlechter und sexuellen Orientierungen, alle Religionen und Weltanschauungen, sind aus allen Altersgruppen und aus allen Schichten. Wir kommen von &#252;berall, haben alle Hintergr&#252;nde, mal definieren wir uns &#252;ber sie, mal k&#246;nnen wir damit nichts anfangen. Wir suchen weder ein altes noch einen neues Vaterland. Wir leben da und dort. Grenzen sind uns zu eng, sie passen nicht zu uns.</p>
<p>Wir wehren uns gegen die t&#228;glichen Angefeindungen, die schlechtere Bezahlung, die Diskriminierungen im Bildungs- und Sozialsystem und gegen die Vernichtung der Aufstiegschancen f&#252;r uns und unsere Kinder. Wir wehren uns dagegen, immer mehr entrechtet zu werden, um weiterhin als billige Arbeitskr&#228;fte zur Verf&#252;gung zu stehen. Wir wehren uns gegen die unf&#228;higen politischen Parteien und die brutale Exekutive.  </p>
<p>Rassistische Antworten auf unsere Forderungen haben wir satt. Wir haben genug K&#228;mpfe ausgetragen, um genau zu wissen, was Ausschl&#252;sse bedeuten. Anstatt zu warten, nehmen wir jetzt unser Schicksal selbst in die Hand, leben in Solidarit&#228;t und wollen Ver&#228;nderung. Wir sind hier und wir bleiben hier. Und hier, wo wir gerade leben und arbeiten, wollen wir die gleichen Rechte und gute, gerechte Lebensbedingungen f&#252;r Alle! </p>
<p>Am 1.M&#228;rz werden wir mobilisieren und irritieren, die Arbeit niederlegen und unsere Stimmen erheben. Nehmen wir diesen Tag zum Anlass, in Unterschiedlichkeit eine gemeinsame, neue Sprache zu finden. Wir laden alle ein, sich &#252;ber Identit&#228;ten und Zugeh&#246;rigkeiten hinaus an diesem Protest zu beteiligen und gegen Rassismus zu streiken.  Machen wir Schluss mit der Trennung zwischen Wir und Ihr. Die Zukunft sind wir Alle!</p>
<p><strong>Mit uns &#8211; gegen Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung.<br />
Mit uns &#8211; f&#252;r gleiche Rechte und f&#252;r gleiche Privilegien f&#252;r alle.</strong></p>
<p>zur <a href="http://www.1maerz-streik.net/index.php">Homepage</a></p>
<p>zur <a href="http://www.perspektiven-online.at/2011/02/15/geschichte-des-transnationalen-migrant_innenstreik/">Geschichte des Streiks</a></p>
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		<title>Geschichte des transnationalen Migrant_innenstreik</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2011/02/15/geschichte-des-transnationalen-migrant_innenstreik/</link>
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		<pubDate>Tue, 15 Feb 2011 16:46:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[International]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
		<category><![CDATA[Prekarisierung]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Idee f&#252;r einen transnationalen Migrant_innenstreik am 1.M&#228;rz geht auf Massenproteste in den USA zur&#252;ck, deren H&#246;hepunkt der „Tag ohne Migrant_innen“ am 1.Mai 2006 bildete, an dem sich &#252;ber eine Millionen Menschen beteiligten. Die Proteste richteten sich &#252;ber Monate hindurch gegen die massiven Versch&#228;rfungen der Asyl- und Einwanderungsgesetze – diese f&#252;hrten einerseits zu Illegalisierung und Kriminalisierung von vielen Migrant_innen, andererseits [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Idee f&#252;r einen transnationalen Migrant_innenstreik am 1.M&#228;rz geht auf Massenproteste in den USA zur&#252;ck, deren H&#246;hepunkt der „Tag ohne Migrant_innen“ am 1.Mai 2006 bildete, an dem sich &#252;ber eine Millionen Menschen beteiligten. Die Proteste richteten sich &#252;ber Monate hindurch gegen die massiven Versch&#228;rfungen der Asyl- und Einwanderungsgesetze – diese f&#252;hrten einerseits zu Illegalisierung und Kriminalisierung von vielen Migrant_innen, andererseits zu drastischen Repressionen gegen Menschen ohne Papiere, die bis heute andauern.</p>
<p>In Europa f&#252;hrten ebenso Versch&#228;rfungen der Gesetze – nicht zuletzt im Rahmen der &#8220;Harmonisierung der Migrations- und Asylgesetze&#8221; in der EU – zu einer lang anhaltenden Protestwelle und zur Organisierung von Aktivist_innen und Migrant_innen. In Frankreich und Italien, aber auch in Spanien und Griechenland, wurde der 1. M&#228;rz 2010 zu einem „Tag ohne uns“ erkl&#228;rt. Durch den Aufruf, an diesem Tag die Arbeit niederzulegen und einen Konsumboykott durchzuf&#252;hren, sollte darauf hingewiesen werden, dass Migrant_innen zwar wesentlich zum Funktionieren der Wirtschaft sowie zum sozialen und kulturellen Leben beitragen, ihnen aber gleichzeitig zentrale Rechte vorenthalten werden. Der 1.M&#228;rz sollte an die einige Jahre zuvor an diesem Tag beschlossene Reform des Einwanderungsgesetzes in Frankreich zu erinnern, wodurch ein auf &#246;konomische N&#252;tzlichkeitskriterien basierendes Migrationsregime etabliert wurde – &#228;hnlich wie mit der Einf&#252;hrung der „Rot-Wei&#223;-Rot-Karte“ in &#214;sterreich.</p>
<p>An diesem „Tag ohne uns“ wurden Dutzende Betriebe bestreikt, Zehntausende gingen auf die Strasse und demonstrierten gegen rassistische Diskriminierungen und f&#252;r gleiche Rechte. 2011 sollen diese Proteste noch ausgeweitet werden. Der 1.M&#228;rz soll sich als antirassistischer Aktionstag etablieren, an dem Migrant_innen als politische Subjekte auftreten und sich gemeinsam gegen die herrschenden Politiken der Ausbeutung und Diskriminierung zur Wehr setzen.</p>
<p><em>Zu den Aktionen in Frankreich und Italien:</em></p>
<p>http://www.migrazine.at/artikel/24h-sans-nous</p>
<p>http://jungle-world.com/artikel/2010/10/40498.html</p>
<p><em>Speziell zu Frankreich:</em></p>
<p>http://www.trend.infopartisan.net/trd0310/t410310.html</p>
<p><em>Speziell zu Italien:</em></p>
<p>http://www.suite101.de/content/einwanderer-streiken-in-italien-a70943</p>
<p><em>Zur Situation in den USA:</em></p>
<p>http://indymedia.us/en/topic/mayday2006/archive.shtml</p>
<p>http://at2.indymedia.org/newswire/display/55505.html</p>
<p>http://www.indybay.org/newsitems/2006/04/20/45172.php</p>
<p>http://deletetheborder.org/node/996</p>
<p>http://no-racism.net/article/1630</p>
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		<item>
		<title>Migration – Fangfragen f&#252;r das &#8220;rote&#8221; Wien</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/05/07/migration-fangfragen-fuer-das-rote-wien/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2010/05/07/migration-fangfragen-fuer-das-rote-wien/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 07 May 2010 12:31:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>julia</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausgaben]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[SPÖ]]></category>
		<category><![CDATA[Wien]]></category>

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		<description><![CDATA[Wien ist eine migrantische Stadt. Die Stadtpolitik reagiert darauf in j&#252;ngerer Vergangenheit mit diversit&#228;tspolitischen Ma&#223;nahmen. Dass diese nichts Grundlegendes an der Ausgrenzung und rassistischen Diskriminierung von MigrantInnen &#228;ndern, zeigen Assimina Gouma, Petra Neuhold, Paul Scheibelhofer und Gerd Valchars von der Forschungsgruppe Kritische Migrationsforschung [KriMi].]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wien ist eine migrantische Stadt. Die Stadtpolitik reagiert darauf in j&#252;ngerer Vergangenheit mit diversit&#228;tspolitischen Ma&#223;nahmen. Dass diese nichts Grundlegendes an der Ausgrenzung und rassistischen Diskriminierung von MigrantInnen &#228;ndern, zeigen <em>Assimina Gouma</em>, <em>Petra Neuhold</em>, <em>Paul Scheibelhofer</em> und <em>Gerd Valchars</em> von der Forschungsgruppe <em>Kritische Migrationsforschung </em>[KriMi].</p>
<p>„Was meint man, wenn man vom ‚Roten Wien‘ spricht?“ ist eine der Fragen des Wiener Einb&#252;rgerungstests, den MigrantInnen seit 2005 bestehen m&#252;ssen, wenn sie die &#246;sterreichische Staatsb&#252;rgerInnenschaft annehmen wollen. Aufs Spiel gesetzt wird der &#246;sterreichische Pass, wenn nicht „Soziale Reformen und Ma&#223;nahmen im sozialistischen Wien der Zwischenkriegszeit“, sondern etwa „Die absolute Mehrheit der SP&#214; im Wiener Gemeinderat“ geantwortet wird. Die Fangfrage spielt dabei mit der M&#246;glichkeit, dass die politischen Machtverh&#228;ltnisse in Wien die Stadt auch heute als „rot“ qualifizieren k&#246;nnten. Diese Antwort ist freilich falsch.</p>
<p>Die Entscheidung der Landesregierung, diese Einb&#252;rgerungsfrage zu stellen, legt den Schluss nahe, dass das Rote Wien der Zwischenkriegszeit f&#252;r das heutige Selbstbild der Stadt weiterhin Relevanz besitzt. Fragen &#252;ber Geschichte und Aktualit&#228;t von Nationalismus und Antisemitismus, &#252;ber <em>Operation Spring</em> und die Kriminalisierung von MigrantInnen, Schwarzen Menschen und Roma werden hingegen nicht gestellt. Die Ausblendung von Wissen &#252;ber Rassismus sowie der Realit&#228;ten von MigrantInnen wird damit zur zynischen Voraussetzung f&#252;r die Erlangung der &#246;sterreichischen Staatsb&#252;rgerInnenschaft.</p>
<p>Der nostalgische Blick der Stadtregierung auf das linke Reformprojekt Rotes Wien <a href="#_edn1" name="edn1"><sup>1</sup></a> verstellt ferner den Blick auf die M&#252;hen der Gegenwart: <em>Diversity Management</em> hei&#223;t das aktuelle Konzept, das nicht nur Ordnung in Migrationsfragen herbeischaffen, sondern auch den kosmopolitischen Willen der Stadt glaubhaft machen soll. Wien will sich dabei im Netzwerk der <em>Global Cities</em><a href="#_edn2">[ii]</a> positionieren. Im Gegensatz zu fr&#252;heren (Integrations-)Konzepten wird „Differenz“ nunmehr nicht abgelehnt, sondern unternehmerisch f&#252;r den Standortvorteil im internationalen Wettbewerb genutzt.</p>
<p>Anhand von vier Themenbereichen, „sozialer Wohnbau“, „Wahlrecht“, „mediale Partizipation und Repr&#228;sentation“ sowie „Sicherheitspolitik“ soll im Folgenden die Wiener Stadtpolitik in Hinblick auf ihre soziopolitische und antirassistische „Integrationsf&#228;higkeit“ gepr&#252;ft werden. Besonderes Augenmerk wird dabei auf Kontinuit&#228;ten, Verschiebungen und Widerspr&#252;che der st&#228;dtischen Regierung von Migration gerichtet. Im Rahmen aktueller diversit&#228;tspolitischer Ma&#223;nahmen wird Migration zwar durchaus als „Wert“ propagiert, doch bleiben kulturalisierende Differenzkonstruktionen – die Unterscheidung zwischen „Wir“ und „Ihnen“, die zwischen „guten“ und „b&#246;sen“ MigrantInnen – genauso erhalten wie die politische Entrechtung der MigrantInnen. Entlang nationalstaatlich formulierter Kalk&#252;le wird bestimmten MigrantInnengruppen dabei „n&#252;tzliche Differenz“ zugeschrieben, die es auszusch&#246;pfen gilt, w&#228;hrend andere Gruppen ins Fadenkreuz kriminalisierender Sicherheitspolitiken geraten.</p>
<p>Wien – Wiege des sozialen Wohnbaus?</p>
<p>Der soziale Wohnbau ist <em>das </em>linke Prestigeprojekt der Stadt Wien. Die Stadt r&#252;hmt sich bis heute f&#252;r die nachhaltige sozialintegrative Wirkung des kommunalen Wohnbaus, durch den Wien, im Gegensatz zu anderen Gro&#223;st&#228;dten, brisanten Stadtentwicklungen wie „Ghettobildung“ entgegengewirkt h&#228;tte.</p>
<p>Wirft man jedoch aus der Perspektive der Migration einen kurzen Blick zur&#252;ck auf die Wohnungsmarktpolitik der Nachkriegszeit, so verliert die hegemoniale Glamourgeschichte des sozialen Wohnbaus schlagartig ihren Glanz. Die Anwerbephase von so genannten Gastarbeitern<a href="#_edn3">[iii]</a> in den 1970er Jahren wurde von der Vorstellung des Rotationsprinzips getragen. So sollten die angeworbenen MigrantInnen nach einigen Monaten oder Jahren – je nach &#246;sterreichischer Arbeitsmarktlage – wieder in ihre „Heimat“ zur&#252;ckkehren. Gesundheitssch&#228;dliche und &#252;berf&#252;llte Barackenhaussiedlungen in der N&#228;he des Arbeitsplatzes erf&#252;llten den Zweck der ArbeitgeberInnen und erschienen f&#252;r die „Gastarbeiter“ angemessen. Der von der Regierung und den Sozialpartnern erdachte Rotationsplan erf&#252;llte sich jedoch nicht. Viele MigrantInnen entschieden sich, in Wien zu bleiben – nicht zuletzt deshalb, weil die L&#246;hne geringer als erwartet ausfielen und f&#252;r den geplanten Aufbau einer neuen Existenz in der alten Heimat nicht ausreichten. Vom Zugang zu Gemeindebauten bis 2006 weitgehend ausgeschlossen<a href="#_edn4">[iv]</a>, waren MigrantInnen dabei auf den privaten Wohnungsmarkt angewiesen.<a href="#_edn5">[v]</a></p>
<p>Das Brunnenviertel – <em>Diversity sells</em>?</p>
<p>Die sich daraus ergebenden Dynamiken lassen sich etwa anhand der Entwicklungen des im traditionellen ArbeiterInnenbezirk Ottakring gelegenen Brunnenviertels nachzeichnen. In den 1970ern zogen besser verdienende ArbeiterInnen zunehmend an den Stadtrand oder in neue Gemeindebauten. ArbeitsmigrantInnen r&#252;ckten in die frei gewordenen, mehrheitlich renovierungsbed&#252;rftigen und bauf&#228;lligen Altbauwohnungen nach, in die – unter anderem aufgrund der Mietpreisbindung – &#252;ber Jahrzehnte nicht investiert wurde. Aus Angst vor „Verslumung“ und „Ghettobildung“ f&#252;hrte die SP&#214; Anfang der 1980er Jahre Halbjahres-Mietvertr&#228;ge ein, die auch die H&#246;he der Miete deregulierten. In der Folge kauften SpekulantInnen Kleinwohnungen auf und vermieteten diese – h&#228;ufig zu dreifachen Mietpreisen und &#252;berteuerten Abl&#246;sen – an MigrantInnen, die von diesem Wohnungssegment abh&#228;ngig waren.<a href="#_edn6">[vi]</a></p>
<p>In den 1990er Jahren sah sich die Stadtregierung aufgrund zunehmender Konflikte mit starkem &#246;ffentlichem Druck konfrontiert. Infolgedessen und einer Entspannungsphase am Wohnungsmarkt setzte sie im Rahmen so genannter sanfter Stadterneuerungen erste „Integrationsma&#223;nahmen“ mit dem Ziel der „gleichm&#228;&#223;igen Verteilung“ und „interkulturellen Vermittlung“. Der Zugang zu Genossenschaftswohnungen wurde erleichtert, alte heruntergekommene Wohnungen saniert und &#252;ber den Wiener Integrationsfonds auch an Nicht-Staatsb&#252;rgerInnen vermittelt.<a href="#_edn7">[vii]</a> Dadurch und durch die Realisierung interkultureller Wohnprojekte sollte eine „Vermischung“ der Stadtbev&#246;lkerung erzielt werden.<a href="#_edn8">[viii]</a> Dar&#252;ber hinaus investierte die Stadt Wien, mitunter in Form EU-gef&#246;rderter Projekte, in die Aufwertung so genannter Problemviertel. So wird beispielsweise „kulturelle Diversit&#228;t“ im Sinne von <em>Diversity sells</em> als „Branding“ und „Imagestrategie“ des Brunnenviertels inszeniert. Unter Einbindung von BewohnerInnen, der St&#228;rkung von Kreativwirtschaft und so genannten ethnischen &#214;konomien wird dem Stadtteil ein gepflegtes und „ungef&#228;hrliches“ Multikulti-Image verliehen und er f&#252;r TouristInnen sowie (inter-)nationale InvestorInnen attraktiv gemacht. Die F&#246;rderung erfolgreicher ethnischer &#214;konomien und die Produktion kommodifizierbarer kultureller Differenz stehen dabei einer Verdr&#228;ngung armer, zumeist migrantischer Bev&#246;lkerungsteile aus dem nunmehr symbolisch und &#246;konomisch aufgewerteten Brunnenviertel gegen&#252;ber.</p>
<p>Wien als offizielle Einwanderungsstadt</p>
<p>Die dargestellten Prozesse geschehen vor dem Hintergrund umfassender Verschiebungen in der Thematisierung von Migration und Integration, die in Wien nunmehr vor allem unter dem Schlagwort des Diversit&#228;tsmanagements stattfinden. Der im Jahr 2002 von der Stadtregierung eingeleitete Paradigmenwechsel hin zu einer integrationsorientierten Diversit&#228;tspolitik f&#252;hrte offiziell zu einer Abkehr der defizitorientierten Integrationspolitik der Vergangenheit zugunsten einer Anerkennung „kultureller Diversit&#228;t“ als „Chance“ und „Potential“. Dadurch soll die internationale Wettbewerbsf&#228;higkeit des Standortes Wien und die daf&#252;r notwendige Aufrechterhaltung des sozialen Stadtfriedens gew&#228;hrleistet werden.</p>
<p>Folgende inhaltliche Eckpunkte gelten daf&#252;r als zentral<a href="#_edn9">[ix]</a>: Ethnische und soziale Konflikte sollen <em>pr&#228;ventiv</em> durch eine bewusste Absage an das in der Vergangenheit in Bezug auf MigrantInnen dominierende Problemdenken bek&#228;mpft werden. Der neue, ganz in der neoliberalen Logik gefangene Denkansatz lautet nun, (individuelle) migrantische Potentiale zu erkennen, zu aktivieren und zu f&#246;rdern, um diese f&#252;r die Stadtentwicklung nutzbar zu machen. Neben Mehrsprachigkeit sollen so etwa auch die transnationalen Netzwerke der MigrantInnen f&#252;r bessere, innovationsorientierte Kontakte der Stadt gen&#252;tzt werden. Durch die Repr&#228;sentation von MigrantInnen in der Verwaltung sowie auf allen st&#228;dtischen Ebenen soll deren Identifikation mit der Stadt verbessert und Desintegrationsprozessen vorgebeugt werden. Die Normalit&#228;t „kultureller Vielfalt“ soll sich so auch im Selbstverst&#228;ndnis Wiens als bekennende Einwanderungsstadt widerspiegeln.</p>
<p><em>Governing through community</em></p>
<p>Dar&#252;ber hinaus gewinnt die Kooperation mit migrantischen Communities insbesondere im Zusammenhang mit der Stadtteilarbeit an Bedeutung. Das aus dem nordamerikanischen Kontext stammende Konzept des <em>governing through community<a href="#_edn10">[x]</a></em> scheint sich demnach auch hierzulande als neue Regierungstechnologie durchzusetzen. So wird von Seiten der Stadtregierung bewusst versucht, Kommunikations- und Kooperationsbeziehungen zu ExpertInnen und VertreterInnen unterschiedlicher MigrantInnenorganisationen aufzubauen, um eine besser kontrollierbare Zusammenarbeit zu erreichen. Dabei werden h&#228;ufig Klassenstrukturen perpetuiert, etwa wenn v. a. erfolgreiche migrantische UnternehmerInnen, deren Erfolgsgeschichten weitere internationale InvestorInnen und UnternehmerInnen anlocken sollen, als f&#246;rderungs- und kooperationsw&#252;rdig betrachtet werden. Indem diese Politik die als legitim erachteten, migrantischen Repr&#228;sentantInnen (die dann auch spezifische „ethnische“ Kriterien erf&#252;llen m&#252;ssen) anruft und einbezieht, st&#228;rkt sie zudem Kulturalisierungs- und (Selbst-) Ethnisierungsprozesse. In MigrantInnen-Communities werden dadurch konservative Kr&#228;fte bef&#246;rdert, w&#228;hrend etwa feministische oder radikal linke Positionen weiter marginalisiert werden.<a href="#_edn11">[xi]</a> Darin zeigt sich, dass Diversit&#228;tspolitik differenzialistische Politik ist. Sie „erschafft“ die Fremdheit, die sie regiert, und differenziert diese in „gute“ und „schlechte“ Alterit&#228;t.</p>
<p>Die neoliberalen Diversit&#228;tsma&#223;nahmen der Stadt zielen vornehmlich darauf ab, die Au&#223;enwirkung der Stadt Wien als offene, vielf&#228;ltige und innovative Weltstadt zu st&#228;rken. Durch den effizienteren Einbezug migrantischer Arbeitskr&#228;fte und die Aussch&#246;pfung des ihnen zugeschriebenen Kreativit&#228;tspotentials sollen au&#223;erst&#228;dtische und internationale Beziehungen gef&#246;rdert werden, um Wien international konkurrenzf&#228;hig zu halten.</p>
<p>Welche rassistischen Bilder von Differenz dieser Politik zugrunde liegen, wie dadurch Rassismen (re-)produziert werden und welche negativen soziokulturellen und politischen Folgen diese Ma&#223;nahmen f&#252;r die Mehrzahl der in Wien lebenden Menschen mit sich bringen, bleibt unber&#252;cksichtigt. Die damit in Verbindung stehende Dethematisierung der Entrechtung von MigrantInnen zeigt sich etwa in der Haltung der Wiener SP&#214; gegen&#252;ber der Forderung des Wahlrechts f&#252;r MigrantInnen.</p>
<p>Antirassistische Feigenbl&#228;tter</p>
<p>Als zentrales Argument gegen eine &#214;ffnung des sozialen Wohnbaus betonte die SP&#214; wiederholt die Bedeutung der Staatsb&#252;rgerInnenschaft, mit deren Verleihung ohnedies s&#228;mtliche Rechte erworben w&#252;rden – die M&#246;glichkeit auf eine Gemeindewohnung ebenso wie jene auf politische Mitsprache, egal auf welcher Ebene. Tats&#228;chlich galt Wien lange Zeit als vergleichsweise liberale Ausnahme im insgesamt restriktiven &#214;sterreich. Die Einb&#252;rgerungsrate lag zumeist deutlich h&#246;her als in den anderen Bundesl&#228;ndern. Auch die daf&#252;r vorgesehenen Geb&#252;hren waren vergleichsweise niedrig.<a href="#_edn12">[xii]</a> Das Argument der M&#246;glichkeit auf eine relativ fr&#252;hzeitige Einb&#252;rgerung diente der SP&#214; dabei als antirassistisches Feigenblatt, um die ihrer repressiven Politik inh&#228;renten Widerspr&#252;che zu verschleiern: Erstens f&#252;hrte ihre Wohnungspolitik nicht nur zu einer &#220;berteuerung der Mietpreise und Wohnungsnot, sondern hatte f&#252;r MigrantInnen zus&#228;tzlich bedrohliche Auswirkungen, weil diese aufenthaltsrechtlich verpflichtet sind, einen Nachweis &#252;ber eine „inl&#228;nderort&#252;bliche Unterkunft“ zu erbringen. Gerade die Stadt Wien war lange Zeit f&#252;r ihre &#228;u&#223;erst restriktive Vollzugspraxis dieser aufenthaltsrechtlichen Bestimmungen bekannt.<a href="#_edn13">[xiii]</a> Zweitens steht der vermeintlichen Offenheit in der Frage der Einb&#252;rgerung die tr&#228;ge und verhindernde Rolle der Wiener SP&#214; in Bezug auf die Durchsetzung des Wahlrechtes auf Bezirksebene gegen&#252;ber.</p>
<p>So ist zwar in den aktuellen diversit&#228;tsorientierten Papieren der Stadtregierung von Teilhabechancen und Gleichberechtigung die Rede. Diese Verlautbarungen bleiben jedoch vage und unkonkret. Verl&#228;sst man &#252;berdies die Ebene der sch&#246;nen Worte und begibt sich auf jene der Rechte und hier insbesondere der politischen, erscheint eine un&#252;bersehbare Leerstelle.</p>
<p>(K)ein Wahlrecht auf Bezirksebene</p>
<p>&#220;ber Jahre hinweg wurde das Thema der politischen Mitbestimmung von MigrantInnen in der Stadt ignoriert, darauf folgte eine Phase der politischen Pattstellung, die nach einem kurzen Moment der &#214;ffnung und des Scheiterns wiederum zur heute herrschenden Ausblendung des Themas f&#252;hrte.</p>
<p>W&#228;hrend beispielsweise in St&#228;dten in Schweden seit 1975, in D&#228;nemark und Norwegen seit Anfang der 1980er Jahre und in den Niederlanden seit 1985 Nicht-Staatsb&#252;rgerInnen aktiv und passiv wahlberechtigt waren und so die kommunale Politik mitbestimmen konnten, war die Frage migrantischer Mitbestimmung in &#214;sterreich bis Ende der 1990er Jahre politisch kein Thema. Selbst der Beitritt zur Europ&#228;ischen Union und die dadurch notwendig gewordene Verfassungs&#228;nderung und &#214;ffnung des Wahlrechts f&#252;r EU-B&#252;rgerInnen auf Gemeinde- und in Wien auf Bezirksebene wurden nicht f&#252;r eine ernsthafte Diskussion &#252;ber die Frage der politischen Mitbestimmung jenseits der Staatsangeh&#246;rigkeit genutzt.</p>
<p>Erst als Graz und Linz 1995 bzw. 1996 – 25 und mehr Jahre nach zahlreichen vergleichbaren europ&#228;ischen St&#228;dten – so genannte Ausl&#228;nderbeir&#228;te einf&#252;hrten, die – von der migrantischen Bev&#246;lkerung direkt gew&#228;hlt –, als beratende Organe f&#252;r die Kommunalpolitik fungieren sollten, erh&#246;hte sich auch der Druck auf die politischen Parteien in Wien. Ende der 1990er Jahre sprachen sich die Wiener SP&#214; und &#214;VP schlie&#223;lich ebenfalls f&#252;r eine solche Beiratsl&#246;sung und damit gegen eine tats&#228;chliche Mitbestimmung in Form eines Wahlrechts f&#252;r Drittstaatsangeh&#246;rige aus. Die Volkspartei kn&#252;pfte ihre Zustimmung jedoch an die &#214;ffnung der Gemeindewohnungen f&#252;r Nicht-Staatsangeh&#246;rige; eine Forderung, die zwar in keinem Zusammenhang mit der Einf&#252;hrung eines Beirates stand, die aber von der SP&#214; zu diesem Zeitpunkt abgelehnt wurde und so zu einer erfolgreichen gegenseitigen Blockade der damaligen Koalitionsparteien genutzt werden konnte.<a href="#_edn14">[xiv]</a></p>
<p>Unerwartete Dynamik schafften erst die Gemeinderatswahlen im Fr&#252;hling 2001, in deren Vorfeld sich die SP&#214; pl&#246;tzlich f&#252;r eine &#214;ffnung des Wahlrechts aussprach. Der Grund f&#252;r diesen Meinungsumschwung innerhalb der Wiener SP&#214; ist wohl auf Bundesebene zu finden: Die Wiener Wahlen fanden genau ein Jahr nach Bildung der rechtskonservativen Bundesregierung von FP&#214; und &#214;VP statt. W&#228;hrend zu erwarten war, dass die FP&#214; erneut einen rassistischen Wahlkampf f&#252;hren w&#252;rde, war der SP&#214; einerseits daran gelegen, sich selbst als Gegengewicht zur traditionell migrations- und migrantInnenfeindlichen FP&#214; zu inszenieren und andererseits die Stadt Wien unter ihrer F&#252;hrung als liberales Gegenkonzept zur rechtskonservativen Bundesregierung zu positionieren.<a href="#_edn15">[xv]</a> Am anderen Ende des politischen Spektrums bauten die Gr&#252;nen, die das Thema Wahlrecht erst auf die politische Agenda gesetzt hatten, Druck auf; zudem vereinigten sich einige NGOs zu einer Aktionsplattform und thematisierten den wahlrechtlichen Ausschluss &#246;ffentlichkeitswirksam im Stile einer Wahlkampagne.<a href="#_edn16">[xvi]</a></p>
<p>Das Wahlergebnis (die FP&#214; verlor, die SP&#214; konnte die absolute Mandatsmehrheit zur&#252;ckgewinnen) wurde als Absage der W&#228;hlerInnen an den politischen Rassismus gefeiert und lie&#223; der SP&#214; pl&#246;tzlich keine andere M&#246;glichkeit mehr, als die &#214;ffnung des Wahlrechts, die Teil ihres Wahlprogramms geworden war, tats&#228;chlich umzusetzen – zumal ihnen auch das Argument eines unwilligen Koaltitionspartners abhanden gekommen war.</p>
<p>Daraus resultierte jenes Gesetz, das im Dezember 2002 im Wiener Landtag mit den Stimmen von SP&#214; und Gr&#252;nen beschlossen worden war und im Juni 2004 vom Verfassungsgerichtshof nach einem Antrag von &#214;VP und FP&#214; wieder aufgehoben wurde. Neben EU-B&#252;rgerInnen sollten nach einem Aufenthalt von f&#252;nf Jahren auch Drittstaatsangeh&#246;rige in den Bezirken aktiv und passiv wahlberechtigt sein. Das H&#246;chstgericht glaubte jedoch ausgerechnet in der Ausweitung des Wahlrechts einen verfassungswidrigen Versto&#223; gegen das demokratische Grundprinzip zu erkennen und hob das Gesetz wieder auf.<a href="#_edn17">[xvii]</a></p>
<p>Der gescheiterte Versuch scheint im Nachhinein ein ausgeblendeter Moment der Wiener Politik zu sein. Weder wurde an eine Ersatzl&#246;sung durch das zuvor pr&#228;ferierte und ohnedies d&#252;rftige Beiratsmodell gedacht, noch die Einf&#252;hrung des (kommunalen) Wahlrechts f&#252;r Drittstaatsangeh&#246;rige durch eine Verfassungs&#228;nderung auf Bundesebene vorangetrieben, wo die SP&#214; seit 2007 immerhin wieder als stimmenst&#228;rkste Partei in der Regierung vertreten ist. Im Gegenteil: Das Thema verharrt wie schon in den Jahren zuvor erneut in einer Phase der Ignoranz.</p>
<p>Demzufolge bedeutet die nunmehr vorangetriebene integrationsorientierte Diversit&#228;tspolitik in diesem Bereich keinen Bruch mit der Integrationspolitik der Vergangenheit. Vielmehr setzt diese die Beibehaltung der gezielten Entrechtung und der damit verbundenen Hierarchisierung der MigrantInnen unter neoliberalen Vorzeichen fort.</p>
<p>MigrantInnen im ORF</p>
<p>Das bereits erw&#228;hnte Beispiel des Brunnenviertels zeigt aktuell, wie Diversit&#228;tspolitik st&#228;dtischen Raum nach neoliberalen Kriterien transformiert und infolge weniger leistbar f&#252;r &#228;rmere MigrantInnen macht. Sie m&#252;ssen daraufhin in Stadtteile, in denen das <em>Diversity</em>-Konzept noch nicht erfolgreich war, ausweichen. In der Medienlandschaft setzt sich das Konzept eines Multikulturalismus ohne MigrantInnen<a href="#_edn18">[xviii]</a> fort. Medien in &#214;sterreich sind vor allem dann erfolgreich, wenn sie eine nationalistische Ausrichtung haben (siehe z.B. <em>&#214;sterreich</em>, <em>Neue Kronen Zeitung</em> usw.). Das Mediensystem bleibt so gr&#246;&#223;tenteils resistent gegen&#252;ber der Sichtbarkeit von MigrantInnen als Medien-AkteurInnen. Noch l&#228;sst sich das Argument <em>Diversity sells</em> in der Medienwelt auf der Seite der AussagenproduzentInnen schwer umsetzen, weil der mehrheitlich akzeptierte, publikumswirksame Typus MigrantIn (akzentfrei, sichtbar, exotisch aber &#246;sterreichisch) noch nicht klar definiert bzw. noch nicht konstruiert wurde.</p>
<p>W&#228;hrend MigrantInnen in den Mainstream-Medien vor allem als Schlagzeilen teilhaben d&#252;rfen, beschr&#228;nkt die Stadt das Projekt mediale Diversit&#228;t auf die eigene &#214;ffentlichkeitsarbeit und die daf&#252;r produzierten Medien: „Die Medien der Stadt bilden die Zuwanderungsrealit&#228;t ab und zeigen mit ihrer Bildsprache und Themensetzung, wie sehr sich Wien durch Migration und internationale Mobilit&#228;t ge&#228;ndert hat.“<a href="#_edn19">[xix]</a> Dennoch &#228;ndert sich nichts daran, dass die Bem&#252;hungen der MigrantInnen, sicht- und h&#246;rbar zu werden, marginalisiert bleiben: zwar wurde im Sinne der Stadtpolitik etwa f&#252;r die Redaktion des popul&#228;ren ORF-Stadtmagazins <em>Wien heute</em> lange im ORF-Assessment-Center nach diversit&#228;ts-tauglichen MigrantInnen gesucht. Nach einigen Pannen stellte <em>Wien heute</em> schlie&#223;lich die Journalistin Eser Akbaba 2009 als Wettermoderatorin ein:  MigrantInnen werden auf ein Ressort verwiesen, dessen Inhalt politisch irrelevant ist. Dieses Dilemma zwischen <em>Diversity</em>-Zelebrierung und gesellschaftlichem bzw. strukturellem Rassismus spitzt sich beim ORF angesichts des &#246;ffentlich-rechtlichen Auftrages zu. Seine gesetzliche Pflicht, antirassistisch zu handeln, verlagert der ORF lieber in Aktionen abseits des eigenen Programms, z. B. den ausgerufenen „&#214;sterreichischen Integrationspreis“. Der ORF selbst ist daf&#252;r kaum ein aussichtsreicher Kandidat. Das hindert ihn aber nicht daran, die Integrationsleistung der „Anderen“ einzufordern.</p>
<p>Kreative Spielpl&#228;tze</p>
<p>Die gesellschaftliche Verantwortung, gegen rassistische Medienstrukturen vorzugehen, verlagert sich angesichts dessen immer mehr auf alternativ-partizipative Medien. Im Rahmen der lokalen Medienprojekte <em>Radio Orange </em>und <em>Okto </em>ergreift eine Reihe von MigrantInnen-Gruppen und Organisationen die Chance, Radio- und TV-Inhalte in unterschiedlichen Sprachen zu produzieren. Die Bereitschaft der Stadtregierung, <em>Radio Orange </em>und vor allem <em>Okto </em>mit F&#246;rderungen zu unterst&#252;tzen, steht im krassen Gegensatz zur Pr&#228;senz und zum Zugang der MigrantInnen in Redaktionen wie <em>Wien heute</em>. Dieser Kontrast deutet auf die Instrumentalisierung der partizipativen Medien als „kreative Spielpl&#228;tze“ seitens der Stadtregierung hin, um migrantische Anliegen au&#223;erhalb des Mainstreams zu befrieden. Integration als „living in harmony“ wurde medial outgesourced.</p>
<p>Die Bem&#252;hungen und Strategien der Stadt, Medien f&#252;r MigrantInnen attraktiv zu machen, h&#228;ngen auch mit der Notwendigkeit, migrantisches Publikum zu regieren, zusammen. Das <em>Diversity</em>-Konzept wird erst dann hegemonial, wenn die gesellschaftlichen AkteurInnen – MigrantInnen oder nicht – die „richtigen“ Differenzen im Alltag und in der &#214;ffentlichkeit produzieren und verbreiten. Um dieses Wissen zu vermitteln, m&#252;ssen MigrantInnen auch medial an die Ziele der Stadt gebunden werden. Die technologischen Mittel machen aber die mediale Unabh&#228;ngigkeit von MigrantInnen nicht nur denkbar, sondern auch sichtbar: Die Dichte der Satellitensch&#252;ssel im &#246;ffentlichen Bild wurde zum untr&#252;glichen Zeichen migrantischen Raums. Der politische Reflex auf die Zunahme der Satellitensch&#252;sseln im &#246;ffentlichen Raum bestand darin, den „ewigen Ghettodiskurs“<a href="#_edn20">[xx]</a> und damit die Metapher der „Medien-Ghettos“ als Kontrast zum <em>Global-Cities</em>-Bekenntnis auf die politische Agenda zu setzen.</p>
<p>Migrantische Gegen&#246;ffentlichkeiten</p>
<p>Der Druck zur „medialen Integration“ von MigrantInnen wurde in Wien unterschiedlich aufgegriffen. Politische Medienprojekte wie <em>STIMME von und f&#252;r Minderheiten<a href="#_edn21">[xxi]</a> </em>arbeiten abseits des Integrationsimperativs und zielen auf die Bereitstellung von alternativen Gegen&#246;ffentlichkeiten. Die Gr&#252;ndung der MigrantInnenorganisation <em>M-MEDIA<a href="#_edn22">[xxii]</a> </em>ging mit dem Anliegen einher, Mainstream-Medien und die Berichterstattung &#252;ber Migration und MigrantInnen aktiv mitzugestalten. Gegen die „moralische Integrationskeule“ stellt sich auch das Wiener Stadtmagazin <em>biber<a href="#_edn23">[xxiii]</a></em>, das sich in seinem Selbstverst&#228;ndnis der Vermittlung und Reflexion eines neuen st&#228;dtischen Lebensgef&#252;hls verschreibt. In der Berichterstattung &#252;berwiegt aber die bereichernde Funktion der MigrantInnen f&#252;r die Stadt der Zukunft.</p>
<p>Die drei hier exemplarisch angef&#252;hrten migrantischen Medienprojekte verfolgen unterschiedliche Ziele, verwerfen oder &#252;bernehmen Deutungsmuster – wie jene der <em>Diversity</em>-Stadt – der Wiener Migrationspolitik. Sie produzieren Gegen&#246;ffentlichkeiten, die von unterschiedlicher Distanz zu dominanten Konzepten gekennzeichnet sind: &#196;hnlich wie die Mediennutzung sind auch die Medien der MigrantInnen nicht „ethnisch“, sondern von der sozialen Verortung bestimmt.<a href="#_edn24">[xxiv]</a></p>
<p>Migrantische Initiativen k&#246;nnen jedoch nur eingeschr&#228;nkt die Herstellung einer egalit&#228;ren bzw. emanzipatorischen &#214;ffentlichkeit unterst&#252;tzen. Gr&#252;nde hierf&#252;r lassen sich nicht nur in den dominanten politischen Strukturen und den AkteurInnen finden, sondern auch in den Medien des Mainstreams, welche die hegemonialen gesellschaftlichen Positionen verbreiten. Im Fall der &#246;sterreichischen Medienlandschaft spitzt sich dieser Umstand aufgrund der starken Konzentration weiter zu. Der Dominanz der <em>Neuen Kronen Zeitung</em> und ihrer F&#228;higkeit, rassistische Diskurse gegen&#252;ber „Ausl&#228;nderInnen“ zu st&#252;tzen und zu vervielf&#228;ltigen, setzt die Stadt kaum etwas entgegen. Dabei geht es nicht nur um eine strukturelle Schw&#228;che, sondern auch um die politische Festlegung der Stadt auf Diversit&#228;t: Das <em>Diversity</em>-Konzept orientiert sich an den rassistischen Diskursen des Mainstreams, indem es „Differenzen“ l&#246;sungsorientiert aufarbeitet und damit nach neuen Kriterien reproduziert.</p>
<p>Struktureller Rassismus in der multikulturellen Stadt</p>
<p>So sehr es im Rahmen aktueller Diversit&#228;tsdiskurse also zur selektiven Zelebrierung von Migration als <em>Asset</em> f&#252;r die moderne, weltoffene Stadt kommt, so wenig geht damit eine umfassende Durchsetzung antirassistischer Politiken einher. W&#228;hrend „Fremdenfeindlichkeit“ und „Vorurteile“ durchaus nachdr&#252;cklich angeprangert werden (nicht zuletzt, weil dadurch wichtiges „Potential“ f&#252;r die Stadt verloren ginge), bleiben strukturelle Rassismen (im Fremdenrecht, am Arbeitsmarkt, im Schulsystem, etc.) unthematisiert und werden antirassistische Gruppen und Vereine wie etwa AFRA (<em>International Center for Black Women’s Perspectives</em>)<a href="#_edn25">[xxv]</a> oder ZARA (<em>Zivilcourage und Anti-Rassismusarbeit</em>)<a href="#_edn26">[xxvi]</a> durch mangelnde F&#246;rdergelder permanent in ihrer Existenz bedroht.</p>
<p>Die differenzialistische Diversit&#228;tspolitik unterscheidet in „gute“ und „schlechte“ Alterit&#228;t. W&#228;hrend sie Erstere f&#246;rdern will, verspricht sie eine entschlossene Gangart im Umgang mit Zweiterer. Das tut sie einerseits durch aktivierende und p&#228;dagogisierende Ma&#223;nahmen (Deutschkurse f&#252;r M&#252;tter, interkulturelle Jugendarbeit, etc.) f&#252;r jene, denen – trotz ihnen angelasteter problematischer „Eigenarten“ – ein Recht auf Teilhabe sowie die F&#228;higkeit, „sich zu entwickeln“, zugesprochen wird. Vor dem Hintergrund umfassender Kriminalisierung einzelner MigrantInnengruppen bedient man sich andererseits im Umgang mit „schlechter Fremdheit“, ganz im Einklang mit breiteren <em>law and order</em>-Politiken der autorit&#228;ren Stadt, der Mittel von &#220;berwachung und Bestrafung.</p>
<p>Rassistische Polizeistrategien</p>
<p>W&#228;hrend diesbez&#252;gliche Diskurse aktuell besonders auf muslimische MigrantInnen und das Schreckgespenst „Moschee“ als vermeintlichen Gefahrenort abzielen, zeigt sich die kriminalisierende Praxis massiv im Zusammenhang mit in Wien lebenden Menschen afrikanischer Herkunft. Diese stehen seit l&#228;ngerem im Fadenkreuz repressiver Ma&#223;nahmen, die v.a. im Namen der Drogenbek&#228;mpfung durchgef&#252;hrt und legitimiert werden. Polizeiliche Ma&#223;nahmen, wie etwa die im Mai 1999 durchgef&#252;hrte <em>Operation Spring<a href="#_edn27">[xxvii]</a></em> k&#246;nnen dabei nicht losgel&#246;st von den K&#228;mpfen der Schwarzen Communities gesehen werden. Die erstarkende Vernetzung unter den Communities manifestierte sich (kurz vor der medial gro&#223; inszenierten „Operation“) im M&#228;rz 1999 im Rahmen der Demonstration „Stoppt den Rassistischen Polizeiterror“ in Wien, auf der gegen polizeiliche Gewalt an Schwarzen Menschen, die etwa im Fall von Ahmed F. oder Marcus Omofuma t&#246;dlichen Ausgang hatte, protestiert wurde. Polizeiaktionen wie <em>Operation Spring</em> (oder die Wiener <em>SoKo Jambo</em> und die <em>Aktion Herbstblatt</em>), verfolgten immer auch die Funktion, diese politische Mobilisierung Schwarzer Communities zu unterbrechen und zu delegitimieren.<a href="#_edn28">[xxviii]</a></p>
<p>Von Seiten der Wiener Migrations- und Integrationsbeauftragten oder gar des B&#252;rgermeisters pers&#246;nlich gab es trotz mehrfacher polizeilicher &#220;bergriffe noch nie ein klares Votum gegen strukturellen Rassismus im Polizeiapparat. Zu gut funktioniert offensichtlich die Kriminalisierungsstrategie, die im Rahmen des dominanten „moralischen Antirassismus“<a href="#_edn29">[xxix]</a> dazu f&#252;hrt, dass MigrantInnen ihren Status als „legitime Opfer“, denen es zu helfen gilt, verlieren.</p>
<p>Auf Basis dieser Kriminalisierungslogik kann die sich multikulturell gebende Stadtregierung auch ohne Imageverlust weitere Regelungen umsetzen, welche die Verf&#252;gungsgewalt der Polizei &#252;ber MigrantInnen ausweiten. So wurde etwa am 26. M&#228;rz dieses Jahres auf Initiativantrag der Wiener SP&#214; (und mit den Stimmen von &#214;VP und FP&#214;) eine Versch&#228;rfung der Gesetzgebung zum Betteln auf Wiens Stra&#223;en durchgesetzt. Neben schon bestehenden Verboten (z.B. von „aggressivem und aufdringlichem“ oder „organisiertem“ Betteln) ist nunmehr auch das „gewerbsm&#228;&#223;ige Betteln“ unter Geld- bzw. Haftstrafe gestellt. Die Versch&#228;rfung steht damit in einer Reihe von st&#228;dtischen Ma&#223;nahmen (z. B. der Ausrufung so genannter Schutzzonen), die es erleichtern, unterschiedliche marginalisierte Personengruppen zu kriminalisieren und aus dem &#246;ffentlichen Raum zu verdr&#228;ngen.</p>
<p>W&#228;hrend die rassistische Logik solcher Ma&#223;nahmen durch den Sicherheitsdiskurs &#252;berdeckt werden kann, zeigt sich, dass eine v&#246;llige Verschleierung dieser, gegen MigrantInnen gerichteten Effekte gar nicht n&#246;tig (oder gewollt) ist. So wurde etwa im Rahmen der Anti-Bettel-Gesetzesnovelle von SP&#214;-Seite offen auf die Gefahr von „Bettelmafias aus dem Osten“ verwiesen, die man mit dem neuen Gesetz verst&#228;rkt bek&#228;mpfen k&#246;nne. Diese Strategie erm&#246;glicht es der SP&#214;, ein Image der toleranten Weltoffenheit zu bewahren und gleichzeitig den von der FP&#214; angef&#252;hrten rassistischen Sicherheitsdiskurs zu bedienen, um auch rechtes W&#228;hlerInnenpotential anzusprechen.</p>
<p>Migration als Fangfrage f&#252;rs „Rote Wien“</p>
<p>Die Stadt Wien proklamiert, Migration und Differenz heute nicht mehr als Problem, sondern als Potential zu verstehen. Im Sinne neoliberaler Verwertungslogiken erscheint <em>Diversity</em> als Standortfaktor im globalen Konkurrenzkampf der St&#228;dte und soll von aktivierenden Politiken gef&#246;rdert werden. Anhand der vorgestellten Bereiche zeigen sich zwar stadtpolitische Ver&#228;nderungen: Wien bekennt sich zunehmend als Einwanderungsstadt. Den MigrantInnen vormals negativ zugeschriebene „Differenzen“ werden als Motor f&#252;r die Stadt oder f&#252;r einzelne Viertel wie dem Brunnenviertel umgedeutet. Auch in den Medien setzt sich das Pochen auf eine sichtbare Pr&#228;senz der MigrantInnen als kosmopolitischer Zeitgeist und antirassistisches Aush&#228;ngeschild durch. Gleichzeitig werden anhand der Geschichte der bis heute andauernden Exklusion aus dem sozialen Wohnbau, den abgew&#252;rgten Wahlrechtsdebatten und der Kooption medialer Gegen&#246;ffentlichkeiten sowie der insbesondere gegen rassifizierte und arme Subjekte gerichteten, technisch aufger&#252;steten Sicherheitspolitik deutlich, dass Ausgrenzung und Rassismus als zentrale Aspekte von Wiener Stadtgeschichte und -politik erkannt werden m&#252;ssen. W&#228;hrend Rassismus nicht losgel&#246;st von migrantischen K&#228;mpfen gegen Rassismus, Entrechtung und Marginalisierung gesehen werden kann, erm&#246;glicht die dominante <em>Diversity</em>-Diktion eine Verschiebung der Auseinandersetzungen auf Fragen von Kultur und Anerkennung. Der Fokus wird dabei auf Fragen der Einsch&#228;tzung, Bewertung und Behandlung kultureller Differenz gerichtet. &#214;konomische Verh&#228;ltnisse sowie handfeste politische Rechte k&#246;nnen dadurch von der Agenda genommen werden. Entrechtung, &#220;berwachung und Bestrafungspolitiken k&#246;nnen als widerspruchsfrei zu Diversit&#228;tspolitiken gefasst und im Namen der Sicherheit vorangetrieben werden. Durch das Sichtbarmachen von Entrechtung und Marginalisierung der MigrantInnen werden also antirassistische Fangfragen an das heutige Rote Wien gestellt. Diese kann die dominante Diversit&#228;tspolitik nur falsch beantworten.</p>
<p>Die AutorInnen – K&#252;rzen</p>
<p>Assimina Gouma, Studium der Kommunikationswissenschaft und Kultur- und Sozialanthropologie/Neogr&#228;zistik in Wien, war Soziologie-Scholarin am Institut f&#252;r H&#246;here Studien und ist derzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin in Ausbildung im Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universit&#228;t Salzburg.</p>
<p>Petra Neuhold, Studium der Soziologie und Geschichte in Graz und Poitiers, war Assoziierte am Center for Metropolitan Studies/Transnationales Graduiertenkolleg Berlin-New York und Visiting Scholar an der University of Toronto, derzeit Doktorandin am Institut f&#252;r Soziologie an der Universit&#228;t Wien.</p>
<p>Paul Scheibelhofer, Studium der Soziologie in Wien und Amsterdam, Doktorand an der Central European University, Gender Studies Department, lehrt an den Universit&#228;ten Wien, Graz und Innsbruck. Forschungsschwerpunkte: Migrations- und Rassismusforschung, Geschlechterforschung und kritische M&#228;nnlichkeitsforschung.</p>
<p>Gerd Valchars, Studium der Politikwissenschaft in Wien und Toronto sowie Publizistik und Kommunikationswissenschaft in Wien, Doktorand an der Universit&#228;t Wien und Lehrveranstaltungsleiter am Institut f&#252;r Staatswissenschaft der Universit&#228;t Wien. Forschungsschwerpunkte: &#214;sterreichische Regimelehre, Citizenship, Migrationsforschung.</p>
<p>Die AutorInnen sind Mitglieder der Forschungsgruppe [KriMi] Kritische Migrationsforschung.</p>
<p><a name="_edn1" href="#edn1">1</a> Auch im Roten Wien der Zwischenkriegszeit war der Umgang mit Migration widerspr&#252;chlich. Die SozialdemokratInnen forderten zum Teil den freien Zugang f&#252;r ArbeitsmigrantInnen, aber das nationalistisch-protektionistische Denken setzte sich auch innerhalb der Partei gegen die internationalistische Ausrichtung durch. (vgl. John, Michael: Organisationsformen der Wanderminorit&#228;ten: &#214;sterreich 1867-1925, in: Groppo, Bruno/Schindler, Christine (Hg.): Arbeiterbewegung und Migration. Internationale Tagung der Historikerinnen und Historiker der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung, Tagungsberichte, Wien 1996) 1925 wurde dann das Inl&#228;nderbesch&#228;ftigungsgesetz beschlossen. Damit wurde ein Startpunkt f&#252;r die Illegalisierung der Migration durch den beschr&#228;nkten Zugang zu Arbeit gesetzt, der die Migrationspolitik bis heute pr&#228;gt.</p>
<p><a href="#_ednref">[ii]</a> Vgl. Sassen, Saskia: Cities in a World Economy, Thousand Oaks, London, New Delhi 1994</p>
<p><a href="#_ednref">[iii]</a> Wir verwenden hier bewusst die m&#228;nnliche Form, um auf die Vergeschlechtlichung des Diskurses &#252;ber „Gastarbeiter“ hinzuweisen.</p>
<p><a href="#_ednref">[iv]</a> Bis heute m&#252;ssen Drittstaatsangeh&#246;rige einen durchgehend legalen Aufenthalt von mehr als f&#252;nf Jahren vorweisen, um Anspruch auf eine Gemeindebauwohnung zu erhalten. Eine tats&#228;chliche &#214;ffnung des Gemeindebaus erfolgte daher trotz der Umsetzung der EU-Richtlinie 2006 nicht.</p>
<p><a href="#_ednref">[v]</a> vgl. Reeger, Ursula/Kohlbacher, Josef: Die Wohnsituation von Ausl&#228;nderInnen in &#214;sterreich, in: Fassmann, Heinz/ Stacher Irene (Hg.): &#214;sterreichischer Migrations- und Integrationsbericht. Demographische Entwicklungen – sozio&#246;konomische Strukturen – rechtliche Rahmenbedingungen, Wien 2003, S. 87–109</p>
<p><a href="#_ednref">[vi]</a> Weingartner, Jakob: Wiens Notting Hill, in: Malm&#246; 2007, Nr. 37, unter: http://www.malmoe.org/artikel/alltag/1421</p>
<p><a href="#_ednref">[vii]</a> Vgl. Reeger/Kohlbacher 2003, a.a.O., S. 104ff.</p>
<p><a href="#_ednref">[viii]</a> Ab Herbst 2000 wurde zus&#228;tzlich ein Kontingent an Gemeindebau- und gef&#246;rderten Wohnungen bereit gestellt, um diese in Notf&#228;llen an „aufenthaltsverfestigte“ (sic!) MigrantInnen zu vergeben.</p>
<p><a href="#_ednref">[ix]</a> Vgl. Struppe, Ursula: Grunds&#228;tze der Integrations- und Diversit&#228;tspolitik der Stadt Wien, in: Politics of Diversity, Dossiers, Heinrich B&#246;ll Stiftung 2008, unter: http://www.diversity-boell.de/web/diversity/48_1738.asp</p>
<p><a href="#_ednref">[x]</a> Nikolas Rose bezeichnet damit eine neoliberale Regierungstechnologie der kontrollierten Einbindung von Communities im Kontext der gleichzeitigen Aush&#246;hlung des Sozialstaates.</p>
<p><a href="#_ednref">[xi]</a> Vgl. Neuhold, Petra/Scheibelhofer, Paul: Provincializing Multiculturalism. Postkoloniale Perspektiven auf Diversit&#228;t, Multikulturalismus und Emanzipation, in: Prokla 158 (2010), S. 85-100</p>
<p><a href="#_ednref">[xii]</a> Der Bundesregierung diente ebendiese angeblich zu leichtfertige und vorzeitige Verleihungspraxis als eines der (Schein)-Argumente f&#252;r eine weitere Versch&#228;rfung des Staatsb&#252;rgerInnenschaftsrechts (vgl. Çinar, Dilek: Integration vor Einb&#252;rgerung: die Staatsb&#252;rgerschaftsrechtsnovelle 2005, in: Fassmann, Heinz (Hg.): 2. &#214;sterreichischer Migrations- und Integrationsbericht, Wien 2007, S. 41–46, hier: S. 41f). Mit der Versch&#228;rfung 2005 ist die Zahl der Einb&#252;rgerungen auch in Wien gesunken. Im Jahr 2009 (0,84%; 1981–2006: 3,95%) lag die Einb&#252;rgerungsrate sogar unter dem &#246;sterreichweiten Durchschnitt (0,92%; 1981–2006: 3%) (Statistik Austria, unter: http://www.statistik.at/web_de/statistiken/bevoelkerung/einbuergerungen/index.html; eigene Berechnung).</p>
<p><a href="#_ednref">[xiii]</a> Vgl. Reeger/Kohlbacher 2003, a.a.O., S. 107</p>
<p><a href="#_ednref">[xiv]</a> G&#246;rg koppelt Ja zu Beirat an Gemeindebau-&#214;ffnung, in: Der Standard, 24.02.1998</p>
<p><a href="#_ednref">[xv]</a> Quod omnes tangit ab omnibus approbetur?, Radiointerview mit Ljubomir Brati&#196; (ANAR), in: Radio Stimme – Die Sendung der Initiative Minderheiten, 11.03.2003, Orange 94.0</p>
<p><a href="#_ednref">[xvi]</a> Die Forderungen in einer Kampagne geb&#252;ndelt, Interview, in: <em>STIMME von und f&#252;r Minderheiten</em>, Nr. 38/2001, S. 20f.</p>
<p><a href="#_ednref">[xvii]</a> Valchars, Gerd: Defizit&#228;re Demokratie. Staatsb&#252;rgerschaft und Wahlrecht im Einwanderungsland &#214;sterreich, Wien 2006, S. 92ff.</p>
<p><a href="#_ednref">[xviii]</a> Im Rahmen der 8. <em>International Metropolis Conference </em>in Wien (15. bis 19. September 2003) sprach die Soziologin Ien Ang (University of Western Sydney) davon, dass in Sydney inzwischen ein Multikulturalismus ohne MigrantInnen existiere. Gleichzeitig sei das Wort „Integration“ in der offiziellen Sprache der Stadtverwaltung durch „living in harmony“ ersetzt worden.</p>
<p><a href="#_ednref">[xix]</a> Wiener Zuwanderungskommission: Migration – Mobilit&#228;t – Vielfalt. Bericht Wiener Zuwanderungskommission 29-01-2010, S. 44, unter: http://www.wien.gv.at/integration/zuwanderungskommission.html</p>
<p><a href="#_ednref">[xx]</a> Yildiz, Erol: Stigmatisierende Mediendiskurse in der kosmopolitanen Einwanderungsgesellschaft, in: Butterwege, Christoph/Hentges, Gudrun (Hg.): Massenmedien, Migration und Integration, Wiesbaden 2006, S. 35–52</p>
<p><a href="#_ednref">[xxi]</a> Unter: http://minderheiten.at</p>
<p><a href="#_ednref">[xxii]</a> Unter: http://www.m-media.or.at/</p>
<p><a href="#_ednref">[xxiii]</a> Unter: http://www.dasbiber.at</p>
<p><a href="#_ednref">[xxiv]</a> Aksoy, Asu/Robins, Kevin: The Enlargement of Meaning: Social Demand in a Transnational Context, in: International Communication Gazette, 65 Jg., H. 4–5 (2003), S. 365–388</p>
<p><a href="#_ednref">[xxv]</a> Unter: http://www.blackwomencenter.org</p>
<p><a href="#_ednref">[xxvi]</a> Unter: http://www.zara.or.at/</p>
<p><a href="#_ednref">[xxvii]</a> Im Rahmen der <em>Operation Spring</em> wurde erstmals von der M&#246;glichkeit des „gro&#223;en Lauschangriffs“ Gebrauch gemacht. Am 27. Mai 1999 st&#252;rmten mehr als 850 BeamtInnen Wohnungen, Pensionen und Asylheime in Wien, Graz, Linz und St. P&#246;lten. Mit Verweis auf die angebliche Existenz einer „Nigerianischen Drogenmafia“ wurden dabei 127 Menschen verhaftet und nach h&#246;chst dubiosen Gerichtsverhandlungen teilweise zu jahrelangen Haftstrafen verurteilt. Vgl. http://www.no-racism.net</p>
<p><a href="#_ednref">[xxviii]</a> Vgl. Johnston-Arthur, Araba: Nichts passiert von allein …, Interview mit Araba Johnston-Arthur, in: Fischer, Fabian/Klauser, Franziska, et al. (Hg.): Ohne Aufenthaltstitel, Wien 2009, S. 27–36</p>
<p><a href="#_ednref">[xxix]</a> Andreas G&#246;rg beschreibt „moralischen Antirassismus“ als eine in &#214;sterreich popul&#228;re und sp&#228;testens seit dem Wiener „Lichtermeer“ im Mainstream angekommene Version des Antirassismus, der sich &#252;ber krude Aussagen einer FP&#214; emp&#246;rt und sich f&#252;r den Respekt von Diversit&#228;t einsetzt. Strukturellem Rassismus setzt dieser „moralische Rassismus“ dabei genauso wenig entgegen wie der Kriminalisierung durch Sicherheitspolitiken. Viel eher findet eine &#220;bernahme von dessen Logiken statt; es wird differenziert zwischen „reinen Opfern“, die der Hilfe und des Mitleids bed&#252;rfen, und „kriminellen Ausl&#228;nderInnen“, die aus Sicht des „moralischen Antirassismus“ ihr Recht auf Rechte verspielt haben. Vgl. G&#246;rg, Andreas: Antirassistischer – Konfliktlinien und Allianzenbildung, in: Bratic, Ljubomir (Hg.): Landschaften der Tat. Vermessung, Transformationen und Ambivalenzen des Antirassismus in Europa, St. P&#246;lten 2002, S. 223–236</p>
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		<title>Out now: Perspektiven Nr. 11</title>
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		<pubDate>Tue, 04 May 2010 16:54:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Austromarxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Gentrifizierung]]></category>
		<category><![CDATA[Klassenkampf]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
		<category><![CDATA[Rotes Wien]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialdemokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Stadt]]></category>

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		<description><![CDATA[Schwerpunkt: Wie Rot ist Wien?


Die brandneue Perspektiven ist da!
Im Schwerpunkt:
Gruppe Perspektiven: Thesen zur Wien-Wahl 2010 – Veronika Duma, Katherina Kinzel, Fanny M&#252;ller-Uri und Tobias Zortea: Aufstand in der Vorstadt: Wiens verborgene Klassenk&#228;mpfe um 1900 – Benjamin Opratko und Stefan Probst: Sozialismus in einer Stadt? Austromarxismus und das Rote Wien – Assimina Gouma, Petra Neuhold, Paul Scheibelhofer und Gerd Valchars [KriMi]: [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Schwerpunkt: Wie Rot ist Wien?</h3>
<p style="text-align: center;"><a href="http://www.perspektiven-online.at/category/ausgaben/perspektiven-nr-11/"><img class="size-medium wp-image-807 aligncenter" title="p11cover" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2010/05/p11cover-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" /></a></p>
<p style="text-align: center;">
<p><a><strong>Die brandneue Perspektiven ist da!</strong></a></p>
<p>Im Schwerpunkt:</p>
<p><a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/05/09/thesen-zur-wien-wahl-2010/">Gruppe Perspektiven: Thesen zur Wien-Wahl 2010</a> – Veronika Duma, Katherina Kinzel, Fanny M&#252;ller-Uri und Tobias Zortea: Aufstand in der Vorstadt: Wiens verborgene Klassenk&#228;mpfe um 1900 – <a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/05/04/sozialismus-in-einer-stadt/">Benjamin Opratko und Stefan Probst: Sozialismus in einer Stadt? Austromarxismus und das Rote Wien</a> – Assimina Gouma, Petra Neuhold, Paul Scheibelhofer und Gerd Valchars [KriMi]: Migration &#8211; Fangfragen f&#252;r das „rote“ Wien – Interview mit Jakob Weingartner: Sanfte Verdr&#228;ngung: Gentrifizierung in Wien – Florian Reiter: Wiens Salzamt: Neoliberalismus und der Fonds Soziales Wien</p>
<p>Au&#223;erhalb des Schwerkpunkts:</p>
<p>Interview mit Ashraf Cassiem, Mncedisi Twalo, Romin Khan, Alexander Kleider und Daniela Michel: Anti-R&#228;umungskampagne: soziale K&#228;mpfe in S&#252;dafrika – <a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/05/04/die-beauty-queen-der-finanzmaerkte/">Fabio De Masi: Die Beauty-Queen der Finanzm&#228;rkte: Zur Krise in Griechenland </a>- Rezensionen und Rosinenpicken</p>
<p><strong>Jetzt <a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/05/04/editorial-9/">Editorial lesen</a>! Perspektiven Nr. 11 <a href="http://www.perspektiven-online.at/kontakt/">bestellen</a>! <a href="http://www.perspektiven-online.at/abo/">Abo holen!</a></strong></p>
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		<item>
		<title>Migrantische K&#228;mpfe</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2009/02/07/migrantische-kaempfe/</link>
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		<pubDate>Sat, 07 Feb 2009 11:06:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 7]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Bojadžijev, Manuela: Die windige Internationale. Rassismus und K&#228;mpfe der Migration, M&#252;nster: Westf&#228;lisches Dampfboot 2008, 310 Seiten, € 30,80]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Bojadžijev, Manuela: Die windige Internationale. Rassismus und K&#228;mpfe der Migration, M&#252;nster: Westf&#228;lisches Dampfboot 2008, 310 Seiten, € 30,80<br />
<span id="more-290"></span><br />
Keine Frage, der Titel ist gut gew&#228;hlt: eine <em>Internationale</em>, wenn auch nur <em>windig</em>, das sch&#252;rt Erwartungen, politischer wie theoretischer Natur. Und auch der Untertitel verhei&#223;t Gutes: <em>Rassismus </em>und <em>Migration</em>, n&#228;her kann ein Buch aktuellen politischen Fragestellungen – zumal in &#214;sterreich – eigentlich kaum kommen; dazu noch <em>K&#228;mpfe</em>, linkes Herz was willst Du mehr? Die Vorfreude ist also geweckt, bleibt die Frage: h&#228;lt Manuela Bojadžijevs Buch, was es verspricht?</p>
<p>Die Autorin m&#246;chte, so macht sie in der Einleitung ihres Buches deutlich, den sozial- und geschichtswissenschaftlichen Blick auf Migration und Rassismus um eine bisher weitgehend unterbelichtete Perspektive erweitern: statt, wie so h&#228;ufig auch und gerade in kritischen Beitr&#228;gen, MigrantInnen lediglich als Objekte und naive Opfer staatlicher Migrationspolitik und <em>des </em>Rassismus zu betrachten, macht es sich Bojadžijev zur Aufgabe, die vielf&#228;ltigen K&#228;mpfe und Widerstandspraxen von MigrantInnen aufzusp&#252;ren und nachzuzeichnen, auf welche Art und Weise diese zur best&#228;ndigen Transformation und Reorganisation von Rassismus beigetragen haben. Diesen Versuch, „unserer Zeit die Erinnerung an jene sozialen K&#228;mpfe zur&#252;ckzugeben, deren Wissen nicht tradiert worden ist“ (12), unternimmt sie in der emanzipatorischen Absicht, „die Vergangenheit f&#252;r eine Perspektive der Befreiung vom Rassismus in der Gegenwart und Zukunft [zu &#246;ffnen]“ (13).</p>
<p>Bevor sich Bojadžijev jedoch ihrem konkreten Untersuchungsgegenstand, den sozialen K&#228;mpfen und Auseinandersetzungen von MigrantInnen in der Bundesrepublik Deutschland in den 1960er und 1970er Jahren, zuwendet, erarbeitet sie in drei theoretischen bzw. theoriegeschichtlichen Kapiteln zun&#228;chst das begriffliche Instrumentarium ihrer Analyse. Im ersten Kapitel vermittelt die Autorin dem/der LeserIn in einer Art Crashkurs in beeindruckender Manier die wichtigsten Grundlagen kritischer Rassismustheorien – angefangen bei der Bestimmung der historischen Konjunkturen von Rassismus und an Balibar, Taguieff und Co. orientierten Ausf&#252;hrungen zum gegenw&#228;rtig vorherrschenden „Rassismus ohne Rassen“ bis hin zu staatstheoretischen &#220;berlegungen und der Frage von B&#252;rgerInnenrechten. Dass sie im Zuge dessen besonderen Wert auf die Prozesse der ideologischen Rassenkonstruktion, auf die Zuschreibung von Identit&#228;ten und Formen der Subjektivierung und Identifikation legt, deutet bereits auf jenen „Perspektivwechsel“ hin, den Bojadžijev am Ende dieses ersten Kapitels einfordert und der sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch zieht: nicht die durch den Rassismus erst hervorgebrachten Subjekte – die MigrantInnen – seien demnach in den Mittelpunkt einer kritischen, relationalen Rassismustheorie und der Bestimmung der historischen Konjunkturen verschiedener Rassismen zu stellen, sondern vielmehr deren K&#228;mpfe gegen Rassismus und rassistische Identit&#228;tszw&#228;nge – die <em>K&#228;mpfe der Migration</em>.</p>
<p>Insofern diese K&#228;mpfe &#252;ber antirassistische Praxen und Forderungen im engeren Sinne h&#228;ufig hinausgehen und sich eher in Gestalt von umfassenderen sozialen (Arbeits-)K&#228;mpfen artikulieren, muss auch eine Geschichtsschreibung derselben eine breitere Perspektive einnehmen. Ein Bild davon, wie eine solche auszusehen hat, entwickelt die Autorin im zweiten Kapitel in der R&#252;ckschau auf drei ihrer Ansicht nach gelungene historische Untersuchungen sozialer K&#228;mpfe. In ihrem Fokus auf den je spezifischen Zusammenhang von Migration, Rassismus und Arbeit sowie auf (staatliche) Strategien der Inkorporierung und Befriedung von K&#228;mpfen dienen diese drei, in unterschiedlichen Epochen kapitalistischer Entwicklung angesiedelten Analysen Bojadžijev als Muster und Orientierungsrahmen f&#252;r ihre eigene Untersuchung. Im Unterschied zu diesen positiven Referenzen unterzieht sie im Anschluss die erst seit Mitte der 1990er Jahre als solche existierende Migrationsgeschichtsschreibung in Deutschland einer pointierten Kritik und arbeitet deren gesellschaftsund rassismustheoretische Leerstellen und Verengungen heraus.</p>
<p>Vor diesem theoretischen und begrifflichen Hintergrund folgt dann im eigentlichen Hauptteil des Buches Bojadžijevs Untersuchung migrantischer K&#228;mpfe in der Bundesrepublik Deutschland in den 1960er und 1970er Jahren. Hier fokussiert die Autorin zun&#228;chst auf das Zustandekommen und die Funktion der Anwerbevertr&#228;ge f&#252;r sogenannte „Gastarbeiter“ sowie auf die vielf&#228;ltigen und z. T. &#252;beraus kreativen Praxen und Taktiken der MigrantInnen, nach Deutschland zu gelangen und den Aufenthalt dort zu sichern. F&#252;r Bojadžijev stehen diese beiden Themenfelder in engem Zusammenhang: die Anwerbevertr&#228;ge stellen ihr zufolge nicht einfach nur eine Reaktion auf &#246;konomische Erfordernisse und Interessen dar, sondern bilden zugleich den letztlich hilflosen Versuch staatlicher Institutionen, bereits existierende Migrationsbewegungen einer Kontrolle zu unterwerfen. Dass durch diesen Kontrollanspruch und die damit verbundene Kategorisierung von Ausl&#228;nderInnen „illegale“ Einwanderung &#252;berhaupt erst erzeugt wird, macht die Autorin auf ebenso &#252;berzeugende Weise sichtbar wie die z. T. erfolgreichen K&#228;mpfe von MigrantInnen um Legalisierung und Bleiberecht. F&#252;r gr&#246;&#223;eren Diskussionsbedarf sorgt demgegen&#252;ber der Begriff der <em>Autonomie der Migration</em>, den Bojadžijev im Anschluss an Yann Moulier Boutang benutzt, um die &#252;ber staatliche Migrationspolitiken und Kontrollanspr&#252;che hinausweisende soziale und subjektive Eigensinnigkeit bzw. Autonomie von Migrationsbewegungen theoretisch zu fassen. Doch gerade weil, wie die Autorin selbst schreibt, Migration nicht „frei von bestehenden Formen der Vergesellschaftung [ist]“ (147) und sich also innerhalb gewisser herrschaftlich gepr&#228;gter Strukturen abspielt, erscheint in diesem Zusammenhang eine Begrifflichkeit fragw&#252;rdig, die wie jene der Autonomie genau das Bild einer solchen Freiheit impliziert.</p>
<p>Bevor die problematischen Konsequenzen einer solchen Terminologie am Ende des Buches noch einmal deutlich zutage treten, schl&#228;gt die Autorin den/die LeserIn jedoch zun&#228;chst weiter mit ihrer Analyse der migrantischen K&#228;mpfe im Deutschland der 1960er und 1970er in den Bann. Nach den Themenkomplexen <em>Anwerbevertr&#228;ge und (Il)Legalisierung</em> sind es autonome Kampf- und Organisationsformen im Betrieb sowie allt&#228;gliche und au&#223;erbetriebliche Auseinandersetzungen um Wohnraum und den Zugang zu sozialer Infrastruktur, die Bojadžijev beleuchtet. Indem sie dabei detailreiche und anschauliche Schilderungen einzelner Aktionen, K&#228;mpfe und Projekte – wilde Streiks, multinationale Betriebsarbeit, Wohnheim- und Kindergeldkampagnen, Mietstreiks, selbstorganisierte Zentren usw. – geschickt in theoretische &#220;berlegungen einbettet, schafft sie nicht nur einen gut lesbaren und h&#246;chst informativen &#220;berblick &#252;ber den bis dato im deutschsprachigenRaum kaum bekannten und z.T. entscheidenden Beitrag von MigrantInnen zu den sozialen K&#228;mpfen rund um „1968“. Vielmehr macht sie ihre Darstellung dar&#252;ber hinaus auch anschlussf&#228;hig f&#252;r grundlegende Fragestellungen linker Theorie und Praxis. So besitzen etwa nicht nur die aus rassistischen Spaltungen – beispielsweise des Arbeitsmarktes – f&#252;r die Organisierung und Mobilisierung von ArbeiterInnen erwachsenden Probleme und die Suche nach einer angemessenen Theoretisierung des Zusammenwirkens von Unterdr&#252;ckungsverh&#228;ltnissen – entlang der Kategorien Klasse, Geschlecht und Ethnizit&#228;t – gr&#246;&#223;te Aktualit&#228;t. Auch die vielf&#228;ltigen Versuche linker, zumeist autonomer und operaistisch beeinflusster Gruppierungen, solche Spaltungen zu &#252;berwinden und auf soziale K&#228;mpfe Einfluss zu nehmen, sind von mehr als nur historischem Interesse. Ebenso verh&#228;lt es sich mit den von der Autorin unter dem Begriff der „Rekuperation“ gefassten Prozessen der Vereinnahmung und Inkorporierung, mittels derer in den 1970er Jahren eine weitgehende Befriedung migrantischer K&#228;mpfe gelang: es ist nicht nur interessant, dass der heute allgegenw&#228;rtige Begriff der „Integration“ aus jener Zeit stammt, sondern auch f&#252;r gegenw&#228;rtige politische Auseinandersetzungen wichtig zu wissen, wie mit seiner Hilfe kollektive Forderungen nach einem besseren Leben in den Zwang zur individuellen Anpassung umgekehrt werden konnten. Und schlie&#223;lich kann eine effektive antirassistische Strategie wohl kaum ohne die Einsicht in jene Prozesse einer Kulturalisierung der Integrations- und Einwanderungsdebatte auskommen, die die Autorin am Ende ihrer historischen Untersuchung kurz als die entscheidende Entwicklungslinie seit dem Ende der 1970er Jahre skizziert.</p>
<p>Angesichts dieser F&#252;lle von Ankn&#252;pfungsm&#246;glichkeiten &#252;berrascht es umso mehr, wie Bojadžijev ihr Buch beschlie&#223;t: mit einem zwar intellektuell und theoretisch h&#246;chst anregenden, politisch aber entt&#228;uschenden Kapitel. Ausgehend von einer historisch und theoretisch begr&#252;ndeten Skepsis gegen&#252;ber der Kategorie der kulturellen Identit&#228;t versucht die Autorin hier in Auseinandersetzung mit Frantz Fanon und dem sp&#228;ten Louis Althusser – bzw. dessen Interpretation durch Antonio Negri– Praktiken der „Ent-Subjektivierung“, d. h. die Befreiung von rassistischen Zuschreibungen, als zentrales Element antirassistischer K&#228;mpfe stark zu machen und analytisch ad&#228;quate Auswege aus der spezifischen Zeitlichkeit von Rassismus aufzuzeigen. Wenngleich die Ergebnisse dieser Bem&#252;hungen aus rassismustheoretischer Perspektive wertvoll sind, droht das – auch theoretisch – einseitige Augenmerk auf die Vermeidung jeglicher Form der Identit&#228;tspolitik politisch l&#228;hmend zu wirken und der auf der Linken ohnehin bereits weit verbreiteten Position das Wort zu reden, mit MigrantInnen w&#228;re dann keine gemeinsame Politik zu machen, wenn diese in (reaktion&#228;ren) identit&#228;ren Mustern gefangen seien. Statt also Identit&#228;t von vorneherein pauschal mit dem Zwang zur Identifizierung gleichzusetzen und so selbst einen tendenziell essentialistischen, starren Begriff von Identit&#228;t zu reproduzieren, w&#228;re danach zu fragen, ob und inwieweit Identit&#228;t als Sedimentierung kollektiv geteilter Erfahrungen von Diskriminierung und Unterdr&#252;ckung nicht selbst eine Bedingung der M&#246;glichkeit von Widerstand und emanzipatorischer Politik darstellt. Die Frage, ob spezifische identit&#228;re Muster dann wirklich an progressive Positionen und Bewegungen anschlussf&#228;hig sind, l&#228;sst sich abstrakt nicht beantworten und bedarf der historisch-konkreten Analyse sowie einer Debatte &#252;ber Strategien und Organisationsformen linker Politik. Wo ein Sich-Einlassen auf dieses Feld und die ihm notwendigerweise inh&#228;renten Widerspr&#252;chlichkeiten und Problematiken jedoch durch Erw&#228;gungen theoretisch-abstrakter Natur erschwert wird, bleibt als politische Perspektive tats&#228;chlich nur mehr die diffuse Hoffnung auf die Autonomie der Migration als neuartige soziale Bewegung, die „nicht nur nationalstaatliche Grenzen, sondern auch die Grenzen unserer Vorstellung des Politischen“ (283) herausfordert. Was das konkret hei&#223;en soll, wird indes ebenso wenig ausgef&#252;hrt wie der konkrete Gehalt der von Bojadžijev beschworenen Praktiken der „Ent-Subjektivierung“. Diese inhaltliche Leerstelle ist gerade deshalb zu bedauern, weil nicht nur die umfangreiche und theoretisch reflektierte Untersuchung der migrantischen K&#228;mpfe der 1960er und 1970er Jahre eine F&#252;lle von wichtigen Fragen aufwirft, sondern die Autorin dank ihrer auf den historischen Wandel von Rassismus fokussierten Theorie auch in der Lage ist, die gegenw&#228;rtige, v. a. von Antiislamismus und Anti-ImmigrantInnen-Rassismus gepr&#228;gte Konjunktur rassistischer Denk- und Handlungsweisen zu erfassen. Insofern <em>Die windige Internationale</em> dank seines rassismustheoretischen Perspektivwechsels und der Geschichtsschreibung migrantischer K&#228;mpfe im deutschsprachigen Raum auf &#252;berzeugende Art und Weise Neuland betritt, d&#252;rfen diese politischen Einw&#228;nde gegen einzelne Argumente jedoch nicht als Pl&#228;doyer gegen das Buch insgesamt missverstanden werden. Denn auch wenn der Begriff der Internationalen letztlich ein wenig zu hoch gegriffen scheint, so sollte <em>Die windige Internationale</em> doch jedeR gelesen haben, der/die sich f&#252;r die komplexen Zusammenh&#228;nge von Migration, Rassismus und Arbeit interessiert und sich politisch dem Antirassismus verpflichtet f&#252;hlt</p>
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		<title>Risse in der Festung Europa?</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:15:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Festung Europa]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Schwenken, Helen: Rechtlos, aber nicht ohne Stimme. Politische Mobilisierungen um irregul&#228;re Migration in die Europ&#228;ische Union. Bielefeld: transcript 2006, 29,80 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Schwenken, Helen: Rechtlos, aber nicht ohne Stimme. Politische Mobilisierungen um irregul&#228;re Migration in die Europ&#228;ische Union. Bielefeld: transcript 2006, 29,80 €</p>
<p><span id="more-127"></span> Im Gro&#223;teil der sozialwissenschaftlichen Literatur wird das Ph&#228;nomen der Migration in erster Linie aus dem Blickwinkel der Integration betrachtet. „Integrationsfixierung“ nennt Helen Schwenken das und macht schon zu Beginn ihres mit 370 Seiten recht umfangreichen Buches deutlich, dass sie hierin eine problematische Verengung der Thematik sieht. Das Anliegen der Kasseler Politikwissenschaftlerin, die selbst im Untersuchungsfeld politisch aktiv ist, ist es, die M&#246;glichkeitsbedingungen politischer Mobilisierung von irregul&#228;ren MigrantInnen auszuloten. In ihrer Dissertation stellt sie MigrantInnen als handelnde Subjekte n den Mittelpunkt ihrer Analysen, nennt und untersucht jedoch auch eine Reihe anderer AkteurInnen, die im <em>Konfliktfeld </em>Migration agieren. Besondere Aufmerksamkeit widmet sie den <em>Kontextstrukturen</em>, aus denen sich der Grad der <em>Offenheit </em>f&#252;r politische Anliegen von MigrantInnen ableiten l&#228;sst. Gleichzeitig werden die bewussten oder unbewussten Strategien beleuchtet, die von staatlicher Seite, NGOs und MigrantInnen erfolgt werden.<br />
Ein Ergebnis der Studie ist die Unterscheidung von drei Mobilisierungstypen, die jeweils andere Tr&#228;gerInnen und Ziele haben und &#252;ber unterschiedliche Handlungsspielr&#228;ume verf&#252;gen. Hierbei fasst die Autorin „politische Mobilisierung“ mit dem Verweis auf die Theorie Antonio Gramscis soweit, dass auch staatliches Handeln unter den Begriff f&#228;llt.<br />
Der erste Mobilisierungstyp ist das vorwiegend staatlich betriebene „repressive Migrationsmanagement“, das wohlweislich von „illegaler Migration“ spricht und ihre Bek&#228;mpfung zum Ziel hat. Zweitens gibt es den Ansatz der Re-Regulierung“, der &#252;berwiegend von gro&#223;en <em>pro-migrant-Organisationen</em> und <em>advocacy-Netzwerken</em> vertreten wird. Sie wollen Migration regulieren und gerecht(er) gestalten. Drittens l&#228;sst sich noch eine sehr heterogene Akteursgruppe ausmachen, deren Maxime sich mit der Forderung des „Rechts auf Rechte“ charakterisieren l&#228;sst. Neben MigrantInnen-Selbstorganisationen lassen sich auch einige <em>pro-migrant-Organisationen</em> in diese Kategorie einordnen. Sie betrachten irregul&#228;re Migration als eine soziale Tatsache und versuchen nicht nur die konkreten Lebensbedingungen der irregul&#228;ren MigrantInnen sondern auch ihre rechtliche Situation zu verbessern und die Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse im Konfliktfeld der Migration grunds&#228;tzlich zu verschieben.<br />
Anhand von zwei Fallbeispielen werden die Voraussetzungen erfolgreicher politischer Mobilisierung der „schwachen Interessen“ von irregul&#228;ren MigrantInnen aufgezeigt.<br />
Bei der ersten Fallstudie handelt es sich um das Rote-Kreuz-Zentrum in Sangatte an der Nordk&#252;ste Frankreichs, in dem ich von 1999 bis 2002 insgesamt etwa 80.000 Menschen aufhielten, die irregul&#228;r nach England einreisen wollten. Helen Schwenken vollzieht die Auseinandersetzungen auf den verschiedenen Ebenen nach. Sie schildert detailreich die Entwicklung verschiedener Formen des migrantischen Widerstands, der &#252;ber Demonstrationen, die Ver&#246;ffentlichung von Forderungen bis zu Besetzungsaktionen und Eindringen in den Eurotunnel reichte. Sie argumentiert, dass sich in den Grenzr&#228;umen auf spezifische Weise Macht-, Wissens- und Herrschaftsverh&#228;ltnisse &#252;berschneiden, welche diese zu pr&#228;destinierten „terrains of resistence“ machen.<br />
Auch der Konflikt auf staatlicher Ebene wird beleuchtet, um das Zustandekommen der Konfliktkonstellation zu erl&#228;utern. Der Elitenkonflikt zwischen franz&#246;sischer und englischer Regierung habe es erm&#246;glicht, so ihre These, dass das Zentrum des Roten Kreuzes &#252;berhaupt &#252;ber einen relativ langen Zeitraum als Zwischenstation f&#252;r MigrantInnen Bestand hatte und eine breite gesellschaftliche Debatte anstie&#223;, in der auch die MigrantInnen und ihre Verb&#252;ndeten als AkteurInnen sichtbar wurden.<br />
Bei der zweiten Fallstudie handelt es sich um eine Untersuchung des RESPEKTNetzwerks von und f&#252;r MigrantInnen, die ohne g&#252;ltigen Arbeits- und Aufenthaltsstatus in Privathaushalten Arbeiten verrichten. Im Gegensatz zu den relativ spontanen Protesten in Sangatte, die nur in der speziellen r&#228;umlichen und zeitlichen Konstellation Wirkungsm&#228;chtigkeit entfalteten, werden bei der Untersuchung des RESPEKT-Netzwerks die Kontinuit&#228;t der Interventionen und das geschickte strategische Vorgehen hervorgehoben.<br />
Die Fallstudien, welche auch f&#252;r sich allein stehen k&#246;nnen, werden vielfach mit den Analysen &#252;ber den Einfluss der neu entstehenden Strukturen der Europ&#228;ischen Union und &#220;berlegungen zu m&#246;glichen B&#252;ndnispartnern der irregul&#228;ren MigrantInnen verschr&#228;nkt. Besonders aufschlussreich ist ein Kapitel, in dem Erfahrungen beim Versuch der Kooperation mit Gewerkschaften zusammengetragen werden. Helen Schwenken pl&#228;diert f&#252;r ein st&#228;rkeres Engagement der Gewerkschaften und z&#228;hlt verschiedene Gr&#252;nde f&#252;r deren Zur&#252;ckhaltung auf. Struktur und Gr&#246;&#223;e der Gewerkschaften haben oftmals eine gewisse Tr&#228;gheit zur Folge. Auf neue Entwicklungen im Arbeitssektor wie dem Anstieg informeller, prek&#228;rer Erwerbsarbeit und der Internationalisierung des Arbeitsmarkts wird nur z&#246;gerlich reagiert. Au&#223;erdem m&#252;ssen sich migrantische Initiativen gegen rassistische Ressentiments in den Reihen der Gewerkschaftsmitglieder durchsetzen. Die Autorin nennt aber auch Beispiele f&#252;r erfolgreiche Ans&#228;tze. Hierzu z&#228;hlen der von der IG BAU gegr&#252;ndete „Europ&#228;ische Verband der Wanderarbeiter“ und die amerikanischen <em>worker centers</em>.<br />
Eine besonders kreative Ma&#223;nahme stellt die Entscheidung der britischen <em>Transport and General Workers’ Union</em> dar, Gewerkschaftsmitgliedskarten unabh&#228;ngig vom Aufenthaltsstatus zu vergeben.<br />
Dieses Dokument erm&#246;glicht es auch MigrantInnen „sans papiers“ sich auszuweisen, wenn sie in eine Polizeikontrolle kommen oder ins Krankenhaus m&#252;ssen. Durch diese Schilderungen tr&#228;gt das Buch zur Sichtbarmachung von lokalen und nationalen K&#228;mpfen und ihrer partiellen Erfolge bei.<br />
Zu der gro&#223;en Bandbreite der untersuchten Themenfelder und der auf unterschiedlichen Ebenen ansetzenden Fragestellungen kommt hinzu, dass die Studie Beispiele aus Frankreich, Deutschland und England heranzieht und dabei die sich unterscheidenden Bedingungen f&#252;r den Kampf der MigrantInnen unterstreicht. Auch das lobbypolitische Zentrum in Br&#252;ssel wird untersucht. In diesem Zusammenhang wird jedoch eine kritische Betrachtung der Institutionalisierungsprozesse sozialer Bewegung vernachl&#228;ssigt. Der fast durchgehend positive Bezug auf feministische B&#252;rokratinnen stellt hierf&#252;r ein anschauliches Beispiel dar. Denn f&#252;r linke, im Migrations- und Fl&#252;chtlingsbereich aktive Organisationen ist die Frage nach den unintendierten Wirkungen des eigenen Engagements von zentraler Bedeutung: Wo muss die Hilfe f&#252;r Betroffene und die konkrete Verbesserung ihrer Lebensbedingungen an erster Stelle stehen und wann tr&#228;gt das eigene Engagement lediglich zur Optimierung des repressiven Migrationsmanagements bei? Diesen Fragen wird in der Arbeit zu wenig Platz einger&#228;umt.<br />
In der Arbeit finden sich auch kurze theoretische Abschnitte, in denen wichtige Referenzpunkte wie Pierre Bourdieus Theorie des sozialen Kapitals, Foucaults Vorstellungen von Macht und Widerstand und Bob Jessops Ansatz der strategischen Selektivit&#228;t benannt werden.<br />
Helen Schwenken ist sich der politischen Implikationen der Begriffe, die auf dem umk&#228;mpften Feld der Migration verwendet werden, bewusst, und legt die sowohl politisch als auch methodisch motivierten Entscheidungen f&#252;r ihre Begriffswahl verschiedentlich offen.<br />
Die Autorin verzichtet weitgehend auf isolierte, ausschlie&#223;lich theoretisch angelegte Kapitel. Die Entscheidung, stattdessen &#252;ber die Kapitel hinweg konkrete Beispiele mit pr&#228;ziser Weitergabe von Fakten und theoretischen Er&#246;rterungen zu verkn&#252;pfen, tr&#228;gt ma&#223;geblich zur guten Lesbarkeit der Arbeit bei und erm&#246;glicht auch die gewinnbringende Lekt&#252;re einzelner Abschnitte.<br />
Hinsichtlich der gegenw&#228;rtigen Auseinandersetzungen um eine <em>neue Form von Souver&#228;nit&#228;t</em> kommt Helen Schwenken zu dem Schluss, dass die These vom Verschwinden der Grenzen ebenso wie jene von der Aufl&#246;sung des Nationalstaats nicht haltbar ist. Vielmehr sei eine Verschiebung der Grenzen ins Innere, das Unsichtbarwerden von Grenzverl&#228;ufen und die Vervielfachung von &#220;berwachungs- und Kontrollpunkten festzustellen.<br />
Eine Reihe von theoretischen Debatten, die im Zusammenhang mit dem Konfliktfeld Migration stehen, werden leider lediglich angerissen. So etwa die Frage nach neuen Subjektivit&#228;ten und der Notwendigkeit von kollektiven Identit&#228;ten sowie die Diskussion um unterschiedliche Rechtsauffassungen und ihre politischen Implikationen. Vor dem Hintergrund dieser Debatten scheint der Titel „Rechtlos aber nicht ohne Stimme“ ungl&#252;cklich gew&#228;hlt, da er inhaltlich den Kernthesen der Arbeit nicht gerecht wird. Auch irregul&#228;re MigrantInnen haben unver&#228;u&#223;erliche Rechte. Ob diese faktisch von Bedeutung sind, ist von politischen K&#228;mpfen, gesellschaftlichen Machtverh&#228;ltnissen und Strategien der politischen Mobilisierung um Migration abh&#228;ngig.<br />
Methodisch st&#252;tzt sich die Arbeit auf eine Mischung aus ExpertInneninterviews, Dokumentenanalyse, Ereignisdatenanalyse und teilnehmender Beobachtung. Als besonders fruchtbar erweist sich hierbei der <em>framing</em>-Ansatz: Es werden M&#246;glichkeiten und Prozesse fokussiert, in denen soziale Bewegungen ihre Anliegen artikulieren, pr&#228;sentieren und nach Au&#223;en wie Innen mit Legitimation und Sinn versehen.<br />
Die Autorin beschr&#228;nkt sich nicht auf die Betrachtung der unterschiedlichen Strategien, die hinter der Entscheidung zu Lobbyarbeit auf Europ&#228;ischer Ebene oder der Ausrichtung von autonomen <em>noborder</em>-Grenzcamps stehen. Vielmehr versucht sie, die dahinter stehenden <em>framings </em>auszumachen und deren Anschlussm&#246;glichkeit, Resonanz und politische Implikationen zu ergr&#252;nden.<br />
So benennt Helen Schwenken etwa die Diskussion um <em>Frauenhandel </em>bzw. <em>neue Sklaverei</em> als einen <em>frame</em>, der zwar auf gro&#223;e Resonanz st&#246;&#223;t, jedoch auch an repressive Sicherheitsdiskurse anschlussf&#228;hig ist und die Situation vieler MigrantInnen nicht erfassen kann. Dem entgegen steht der <em>„Autonomie der Migration“-frame</em>, der MigrantInnen zwar nicht in eine Opferrolle dr&#228;ngt sondern zu handelnden Subjekten macht, dessen Forderungen jedoch wesentlich geringere politische Realisierungschancen haben.<br />
Die Arbeit bietet einen guten &#220;berblick &#252;ber die aktuellen europ&#228;ischen Entwicklungen der Migrationspolitik und liefert eine Reihe von Anregungen f&#252;r LeserInnen, die selbst an den politischen Auseinandersetzungen teilnehmen. Zwar sind die Ergebnisse der Studie, wie betont wird, nicht auf andere Politikfelder &#252;bertragbar. Helen Schwenken hat jedoch eine Arbeit vorgelegt, die zeigt, wie die Analyse politischer M&#246;glichkeitsbedingungen emanzipatorischer K&#228;mpfe aussehen muss, um die Erfolgschancen der Organisierung „schwacher Interessen“ zu erh&#246;hen.<br />
Helen Schwenken macht deutlich, dass sie nicht nur <em>&#252;ber</em>, sondern auch <em>f&#252;r </em>die Akteure im Konfliktfeld Migration schreibt. Hierbei positioniert sie sich durch ihre wissenschaftliche Analyse zweifelsfrei auf der Seite der MigrantInnen und der <em>pro-migrant-Organisationen</em> und liefert eine fundierte Kritik an der Ausrichtung des europ&#228;ischen Grenzregimes. Auch ihrem eigenen Anspruch einer feministischen Perspektive auf den Themenkomplex Migration wird sie gerecht. Insbesondere die Auswahl des RESPEKT-Netzwerkes, in dem &#252;berwiegend philippinische Frauen organisiert sind, unterstreicht diesen Fokus. Es gelingt ihr, das Potential einer Verschr&#228;nkung von Frauenrechts- und Migrationsthemen in der gegenw&#228;rtigen europ&#228;ischen Konstellation aufzuzeigen.<br />
Das Buch stellt einen wichtigen Beitrag zum Thema irregul&#228;re Migration dar. Die Lekt&#252;re ist wissenschaftlich Interessierten aber auch AktivistInnen w&#228;rmstens zu empfehlen, da Helen Schwenken <em>windows of opportunity</em> und Erfolge aufzeigt, ohne &#252;ber die schwierigen Bedingungen emanzipatorischer Mobilisierungen im Feld irregul&#228;rer Migration hinwegzut&#228;uschen.</p>
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		<title>nao steht f&#252;r Unruhe</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:47:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 4]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Asien]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Unruhen in China. Beilage der Wildcat #80, Dezember 2007, 4,50 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span>Rezension: Unruhen in China. Beilage der Wildcat #80, Dezember 2007, 4,50 €<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span id="more-64"></span><span><o></o>Der Blick auf China l&#228;sst staunen. Zu vielf&#228;ltig und widerspr&#252;chlich sind die medial vermittelten Bilder, die wir Europ&#228;erInnen &#252;blicherweise geboten bekommen: Billiglohnland f&#252;r Spielzeug und Kleidung, Austragungsort der olympischen Spiele, neue Weltmacht (meist mit Fragezeichen), Lokomotive der Weltkonjunktur, Turbokapitalismus mit sozialistischem Antlitz, Megainvestor in Afrika und Lateinamerika („bald auch bei uns?“, fragt dann die hiesige Wirtschaftspresse nerv&#246;s), B&#246;rsenjongleur und Dollaraufk&#228;ufer, Atmosph&#228;renverschmutzer, verdammt viele sind sie – und was passiert erst, wenn die alle Auto fahren wollen? Es ist den HerausgeberInnen und AutorInnen dieses Hefts hoch anzurechnen, dass sie sich auf den 80 A4-Seiten nicht in diesen und noch viel mehr Fragen verheddert haben, sondern einen beeindruckend informierten und hoch interessanten Einblick in die Auseinandersetzungen liefern, die in China selbst die Entwicklung bestimmen. Nicht zuf&#228;llig prangt das </span><em>nao</em><span> am Cover, das Zeichen f&#252;r Unruhe, L&#228;rm und Tumult, wie wir auf der R&#252;ckseite erfahren. Es geht vor allem um die K&#228;mpfe der drei „gef&#228;hrlichen Klassen“, von deren Ausbeutung und Ruhigstellung das chinesische Regime abh&#228;ngt, deren Unzufriedenheit aber zugleich dessen gr&#246;&#223;te Bedrohung darstellt. Da w&#228;ren zun&#228;chst die Bauern und B&#228;uerinnen, die mit rund 700 Millionen noch immer den gr&#246;&#223;ten Bev&#246;lkerungsanteil stellen (zum Vergleich: die EU hat rund 500 Millionen EinwohnerInnen) und die von massiver Enteignung durch den Staat betroffen sind. Die boomende Wirtschaft braucht Platz und den bekommt sie – f&#252;r Industrieprojekte und rasant wachsende St&#228;dte – h&#228;ufig, indem der Staat schlicht Landraub begeht. Viele tausende Proteste, von friedlichen Petitionen bis zu gewaltsamen Aufst&#228;nden, sind Ausdruck des Widerstands dieser ihrer Subsistenzgrundlage beraubten Bauern und B&#228;uerinnen. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Dann gibt es die „alte“ industrielle ArbeiterInnenklasse, </span><em>gongren</em><span>, die im maoistischen China als St&#252;tze des Staates galt und in kollektiven Arbeitseinheiten, </span><em>danwei</em><span>, besch&#228;ftigt war. Mit lebenslanger sozialer Absicherung – der so genannten „eisernen Reissch&#252;ssel“ – ausgestattet, hatten sie gewisse Privilegien genossen, die sie jedoch mit rigider politischer &#220;berwachung und Kontrolle bezahlen mussten. Doch sp&#228;testens seit den Reformen der 1990er Jahre wurden die </span><em>gongren</em><span> zu einem weiteren Unruheherd. Die meisten </span><em>danwei</em><span> wurden umstrukturiert, viele geschlossen oder privatisiert, w&#228;hrend den ArbeiterInnen die „eiserne Reissch&#252;ssel“ entzogen wurde und (meist befristete) Arbeitsvertr&#228;ge die lebenslange Zugeh&#246;rigkeit zu einer Arbeitseinheit abl&#246;sten. Der darauf folgende soziale Abstieg eines gro&#223;en Teils der gongren lie&#223; auch hier die Unzufriedenheit steigen und das traditionelle Band zwischen der st&#228;dtischen ArbeiterInnenklasse und der herrschenden KP locker werden. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Und schlie&#223;lich sind die WanderarbeiterInnen, als dynamischste gesellschaftliche Kraft Chinas, die vielleicht „gef&#228;hrlichste aller Klassen“. Sie, die </span><em>mingong</em><span> – „Bauern-die-Arbeiter-wurden“ – arbeiten in den Sonderwirtschaftszonen, produzieren die chinesischen Exportschlager der Spielzeug- und Textilindustrie, bauen die Fabriken und Wohnsilos oder bieten einfache Dienstleistungen in den wachsenden Megast&#228;dten an. Sie sind jung, &#252;berwiegend weiblich und wehren sich gegen niedrige L&#246;hne, Lohnbetrug, schlechte Arbeitsbedingungen, fehlende soziale Absicherung oder miserable Wohnverh&#228;ltnisse (vgl. den Artikel von Pun Ngai in Perspektiven Nr. 3) . <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Den AutorInnen gelingt es, diese groben Linien der gegenw&#228;rtigen Klassenlandschaft in China nahe zu bringen, ohne holzschnittartig zu werden. &#220;ber Widerspr&#252;che innerhalb und zwischen den einzelnen Klassen wird nicht hinweggegangen, die spezifischen Situationen etwa von Frauen, sowohl von Wanderarbeiterinnen als auch von „traditionellen“ </span><em>gongren</em><span> und B&#228;uerinnen, werden behandelt. So wird in einem Beitrag gezeigt, dass die „ungl&#252;ckliche Generation“, die die Jahrg&#228;nge von ca. 1945 bis 1960 umfasst, nicht nur insgesamt von Hungersn&#246;ten, den Gewaltexzessen der „Kulturrevolution“ und den neoliberalen Umstrukturierungen der 1980er und 90er Jahre gepr&#228;gt ist, sondern spezifische Unterdr&#252;ckungs- und Ausbeutungsformen Frauen in allen historischen Phasen zu doppelt Benachteiligten machten. Ob in den kollektivierten Landwirtschaftsbetrieben, den „Roten Garden“ der Kulturrevolution oder dem Kontrollregime des </span><em>danwei</em><span>, traditionelle, patriarchale Strukturen schrieben sich stets in den neuen Formen der gesellschaftlichen Organisation fort. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Der Blick aufs Konkrete, die Lebensverh&#228;ltnisse und Auseinandersetzungen der neuen chinesischen ProletarierInnen, macht die Qualit&#228;t des Hefts aus. Vor allem aber zeigt er, was die Probleme und Grenzen der aktuellen K&#228;mpfe sind. Denn diese bleiben in aller Regel sehr begrenzt, richten sich gegen den Boss oder korrupte lokale Verwaltungen. Die Verbindung der K&#228;mpfe bleibt zumeist aus und der Zentralstaat organisiert sich derma&#223;en geschickt, dass er, indem er Kompetenzen an die lokalen Staatseinheiten abgibt, den Zorn von sich ablenken und als neutraler Vermittler oder oberste Instanz f&#252;r Protestierende auftreten kann. Doch dass dies so weiter geht, ist keineswegs ausgemacht, und die Sprengkraft, die die Verkn&#252;pfung der K&#228;mpfe verschiedener ArbeiterInnenklassen erzeugen k&#246;nnte, l&#228;sst sich in den Beitr&#228;gen des Hefts erahnen. Leider verschwindet hinter der lebendigen Beschreibung der vielf&#228;ltigen &#246;konomischen Kampfformen etwas die Frage, welche Form einer politischen, &#252;ber die konkreten Interessen der protestierenden ArbeiterInnen hinaus reichenden Organisierung unter den besonderen Bedingungen der chinesischen Entwicklungsdiktatur &#252;berhaupt denkbar ist. Auch die teilweise etwas unscharfen Begrifflichkeiten m&#246;gen manche(n) LeserIn etwas stutzen lassen – in der theoretischen Einsch&#228;tzung und historischen Einordnung des maoistischen China sind sich die AutorInnen offensichtlich nicht so sicher. So wird an manchen Stellen von der „Kommodifizierung“ der Arbeitskraft durch die Privatisierung ehemals staatlicher Industrien in den 1990ern gesprochen (36), was nahe legt, dass diese davor keine Ware gewesen w&#228;re. Anderswo leisten Frauen jedoch schon w&#228;hrend der 1950er Jahre, zur Zeit des „Gro&#223;en Sprungs nach vorne“, „Lohnarbeit“ etwa in der Textilindustrie (43). Und vollends verwirrend wird es, wenn die </span><em>danwei</em><span> als Orte der „sozialistischen Akkumulation von Kapital“ tituliert werden (35). Dass die notwendige Debatte um ad&#228;quate theoretisch Begriffe (die selbst eine eminent politische ist) hier nicht gef&#252;hrt wird, soll den Beitrag des Hefts jedoch nicht schm&#228;lern. Der Blick auf das breite Spektrum der lebendigen K&#228;mpfe, auf randalierende WanderarbeiterInnen, streikende Proletarier im „Rostg&#252;rtel“ des Nordostens, Bauernaufst&#228;nde, aber auch k&#252;nstlerische Protestformen, die sich etwa in einem Boom „unbequemer Filme“ ausdr&#252;cken, ist umso wertvoller. Die deutschsprachige Linke wird, so sie die Entwicklungen in der dynamischsten Wirtschafsmacht der Welt nicht verschlafen will, an dieser Publikation nicht vorbei kommen.<o></o></span></p>
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		<title>Schlafsaalkapitalismus in Shenzhen</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Dec 2007 09:00:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 3]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Asien]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
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		<description><![CDATA[Das chinesische “Wirtschaftswunder” beruht auch auf neuen, intensiven Formen der Ausbeutung junger, binnenmigrantischer Arbeiterinnen in den Zonen der Exportindustrie. <em>Pun Ngai</em>, Professorin f&#252;r Sozialwissenschaften an der <em>Hong Kong University of Science and Technology</em> und Pr&#228;sidentin des <em>Chinese Working Women Network</em> beschreibt die Arbeitsbedingungen und Organisationsversuche in den Fabriken und Schlafs&#228;len der Textilindustrie S&#252;dchinas.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das chinesische “Wirtschaftswunder” beruht auch auf neuen, intensiven Formen der Ausbeutung junger, binnenmigrantischer Arbeiterinnen in den Zonen der Exportindustrie. <em>Pun Ngai</em>, Professorin f&#252;r Sozialwissenschaften an der <em>Hong Kong University of Science and Technology</em> und Pr&#228;sidentin des <em>Chinese Working Women Network</em> beschreibt die Arbeitsbedingungen und Organisationsversuche in den Fabriken und Schlafs&#228;len der Textilindustrie S&#252;dchinas.</p>
<p><span id="more-14"></span></p>
<p>Die Reformen der sp&#228;ten 1970er Jahre haben eine bisher beispiellose Fluchtbewegung aus den l&#228;ndlichen in die st&#228;dtischen Gebiete Chinas bewirkt. Der anhaltende Migrationsstrom wurde von der Ankunft transnationaler Konzerne (TNK) aus allen L&#228;ndern, vor allem aus Hong Kong, Taiwan, Japan, USA und Westeuropa begleitet. Eine neue Generation von Binnenfl&#252;chtlingen oder WanderarbeiterInnen hat begonnen f&#252;r diese TNKs zu arbeiten, entweder direkt bei Joint-Ventures gro&#223;er amerikanischer oder europ&#228;ischer Unternehmen oder bei chinesischen Unternehmen und deren Unterh&#228;ndlern in den St&#228;dten der Exportproduktionszone des Landes.<br />
Die Zahl dieser WanderarbeiterInnen wurde im Jahr 2000 von der F&#252;nften Volksz&#228;hlung in China auf 120 Millionen gesch&#228;tzt. Diese fl&#252;chteten aus den inneren Provinzen, wie Hunan, Hubei, Guizhou, Sichuan, Jianxi und Anhui in die s&#252;dlichen K&#252;stenprovinzen, wo Special Economic Zones (SEZ) errichtet wurden. Diese BinnenmigrantInnen zogen f&#252;r eine kurze oder l&#228;ngere Zeit von ihrem registrierten Wohnort weg, ohne einen dementsprechenden Wechsel des eingetragenen st&#228;ndigen Wohnsitzes, auch <em>hukou</em> genannt. Das bewirkte, dass sie, anders als registrierte BewohnerInnen der St&#228;dte, von subventionierter Unterst&#252;tzung f&#252;r Wohnung, Bildung, Ausbildung, Gesundheitssystem und Sozialhilfe in den St&#228;dten ausgeschlossen wurden.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> WanderarbeiterInnen, vor allem Frauen, arbeiten haupts&#228;chlich in der arbeitsintensiven verarbeitenden Leichtindustrie, wie der Kleidungs-, Elektronik-, Schuh- und Spielzeugindustrie und im unteren Dienstleistungssektor.<br />
Der Aufstieg Chinas zur „Weltfabrik“ kennzeichnet au&#223;erdem ein neues Jahrhundert, in dem Mehrarbeit aus den l&#228;ndlichen Gebieten Chinas die globale Wirtschaft anheizt.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Nicht nur im chinesischen K&#252;stengebiet, sondern viel mehr im ganzen Land haben st&#228;dtische Industriezentren zu boomen begonnen. Der Beitritt Chinas zur WTO setzte das Einflie&#223;en von Kapitalien aus der Produktionsindustrie, den High-Tech-Sektoren und den Finanzm&#228;rkten fort, begleitet von der Kritik des Westens, dass die chinesischen ArbeiterInnen den ArbeiterInnen im Westen die Arbeitspl&#228;tze mehr und mehr wegnehmen w&#252;rden. In Wahrheit jedoch leiden beide ArbeiterInnenklassen – die westliche wie die &#246;stliche – am globalen Preiskampf, dem Unterbieten von Umweltschutzbedingungen und der Verschlechterung der Arbeits- und Wohnstandards. Trotz vermehrter Reformen des Arbeitsrechts seitens der Zentralregierung und der Einf&#252;hrung von Verhaltenskodizes f&#252;r Unternehmen in den letzten Jahren, hindern die Globalisierung und die Einf&#252;hrung von Just-in-Time-Produktion internationaler Konzerne die Verbesserung der Arbeitsverh&#228;ltnisse in China. Stattdessen setzen Dormitory-Labour-St&#228;tten ihren Siegeszug fort und schaffen hiermit hochgradig ausbeuterische Verh&#228;ltnisse, vor allem f&#252;r chinesische Arbeiterinnen, w&#228;hrend sie gleichzeitig eine neue gesellschaftliche Kraft hervorbringen, die stillschweigend den neuen Kapital-Arbeits-Beziehungen Widerstand leistet. Wir werden zuerst diese neue <em>Dagong</em>-Klasse [<em>dagong</em> bedeutet „f&#252;r den Boss arbeiten“ und steht im Gegensatz zu <em>gangren</em> (ArbeiterIn); Anm. d. &#220;.] der WanderarbeiterInnen und das Aufkommen eines speziellen Dormitory-Labour-Regimes f&#252;r diese neuen, vor allem weiblichen, ArbeiterInnen in S&#252;dchina analysieren.</p>
<h3>Die neue <em>Dagong</em>-Klasse</h3>
<p>Chinas Reformen der letzten zwei Jahrzehnte setzten ein globales Produktionssystem in Kraft, das die sozialistischen Arbeitsbeziehungen ver&#228;ndert und zur Schaffung einer neuen chinesischen ArbeiterInnenklasse beigetragen hat. Gleichzeitig mit der Privatisierung oder dem Bankrott des Staates und der kollektiven Wirtschaft Mitte der 1990er Jahre gruppieren sich private, ausl&#228;ndische und Joint-Venture-Unternehmen nicht nur um die K&#252;stenregion, sondern auch in fast allen Industriest&#228;dten Chinas im Inland zusammen. Eine neue ArbeiterInnenklasse von l&#228;ndlichen WanderarbeiterInnen, die <em>Dagong</em>-Klasse,<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> im Gegensatz zur Maoistischen ArbeiterInnenklasse, ist im heutigen China entstanden. Seit den sp&#228;ten 1970er Jahren hat die Dekollektivierung einen massiven &#220;berfluss an l&#228;ndlichen Arbeitskr&#228;ften produziert. Zur gleichen Zeit, hat die Zentralregierung die Migration vom Land in die Stadt durch die Lockerung des <em>hukou</em>-Systems<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> erleichtert. Die meisten transnationalen Konzerne und ihre chinesischen Unterh&#228;ndler rekrutierten Millionen von BauernmigrantInnen f&#252;r die Export-orientierte Industrie. Bis in die fr&#252;hen 1990er lag die akzeptierte Zahl der WanderarbeiterInnen bei 70 Millionen f&#252;r ganz China. W&#228;hrend den fr&#252;hen Jahren nach dem Jahrtausendwechsel schnellte die offizielle Zahl auf 120 Millionen WanderarbeiterInnen hoch, wobei Sch&#228;tzungen von bis zu 200 Millionen ausgehen.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Frauen sind f&#252;r die Formierung dieser in privaten oder ausl&#228;ndischen Unternehmen ausgebeuteten neuen ArbeiterInnenklasse zentral, speziell in der Exportproduktionszone. Die Entwicklung dieser SEZs &#252;ber ganz China basierte, &#228;hnlich der Entwicklung dementsprechender Einrichtungen in den meisten anderen sich entwickelnden Wirtschaften, auf einer massiven Nutzbarmachung junger ArbeiterInnen, vor allem unverheirateter und j&#252;ngst verheirateter Frauen.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Im Jahr 2000 machten Arbeiterinnen ungef&#228;hr 47,5 Prozent aller chinesischen WanderarbeiterInnen Chinas aus.  In der K&#252;stenregion Chinas sind sogar 65,6 Prozent aller WanderarbeiterInnen Frauen.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a><br />
Diese neugeformte ArbeiterInnenklasse oder <em>Dagong</em>-Klasse wird daran gehindert, sich in den St&#228;dten niederzulassen, also an den Orten, an denen sie Arbeitspl&#228;tze zugeordnet bekamen. Schlimmer noch, das <em>hukou</em>-System, gemeinsam mit Arbeitskontrollen, ist entscheidend f&#252;r die Produktion einer verschwommenen, unklaren Identit&#228;t l&#228;ndlicher WanderarbeiterInnen, indem sie gleichzeitig die Ausbeutung dieses gro&#223;en Teils der Bev&#246;lkerung versch&#228;rft und verbirgt. WanderarbeiterInnen gelten nicht als vollwertige B&#252;rgerInnen vor dem Gesetz; mehr noch, den Familienangeh&#246;rigen der WanderarbeiterInnen ist es nicht erlaubt, in der jeweiligen Industriestadt zu leben, wenn sie dort nicht ebenfalls einen Arbeitsplatz finden und damit den Status eines Zeitarbeiters/einer Zeitarbeiterin erwerben. W&#228;hrend Lokalregierungen und ausl&#228;ndische Unternehmen von der Arbeit der WanderarbeiterInnen profitieren, k&#246;nnen sie gleichzeitig wohlfahrtsstaatliche Ausgaben vermeiden, die ArbeiterInnen rechtlich zustehen w&#252;rden.</p>
<h3>Arbeitskontrolle unter dem „Dormitory-Labour“-Regime</h3>
<p>Weil offizielle und inoffizielle Strukturen verhindern, dass diese neue <em>Dagong</em>-Klasse ihre eigenen Communities in den St&#228;dten aufbauen kann, liegt die Verantwortung kontinuierlich die ben&#246;tigte Arbeitskraft sicherzustellen, und damit die t&#228;gliche Reproduktion der Arbeitskraft, alleine bei der Industrie. Diese Verschiebung der Verantwortung vom Staat hin zum privaten Sektor schafft das, was wir „Dormitory Labour Regimes“ nennen, was zur Entstehung eines besonders ausbeuterischen Systems im Kontext der internationalen Arbeitsteilung beitr&#228;gt. W&#228;hrend Millionen von WanderarbeiterInnen in die Industriest&#228;dte str&#246;men, bleibt die Bereitstellung von Schlafr&#228;umen (engl. Dormitory) eine chinesische Besonderheit globaler Produktionsprozesse. Unabh&#228;ngig von der Industriebranche, vom Ort oder der Herkunft des Kapitals werden chinesische WanderarbeiterInnen – weiblich oder m&#228;nnlich, verheiratet oder nicht –  in Schlafs&#228;len untergebracht, die sich in der N&#228;he oder auf dem Fabrikgel&#228;nde selbst befinden. Wir bezeichnen dieses Ph&#228;nomen als „Dormitory Labour Regime“, um die R&#252;ckkehr einer Verbindung von Schlafs&#228;len und Fabriken als hybridem Auswuchs des globalen Kapitalismus einerseits und des Erbes des Staatssozialismus zu fassen.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Wir hoffen dieses Dormitory Labour Regime nicht nur als Form des Arbeitsmanagement, sondern auch als Ort f&#252;r ArbeiterInnensolidarit&#228;t und Arbeitsk&#228;mpfe betrachten zu k&#246;nnen. W&#228;hrend diese Art der Verwendung von „dormitory labour“ spezifisch f&#252;r das heutige China ist, ist ihre Auswirkung auf die globale Produktion, besonders im Hinblick auf Arbeitskontrolle und Widerstand, weitreichend.<br />
Bemerkenswert ist die systematische Bereitstellung von Schlafs&#228;len durch Unternehmern f&#252;r ihre ArbeiterInnenschaft, die mit der &#214;ffnung Chinas f&#252;r die globalen Produktionsprozesse, beginnend mit der Shenzhen SEZ 1981, einhergeht. Das wurde zur Norm und wurde auf die Mehrheit der ProduktionsarbeiterInnen ausgedehnt. Diese Schlafs&#228;le in China passen weder zum westlichen Vorurteil einer angeblich paternalistischen Form, noch zum „Managerfamiliarismus“ Japans, noch zum Betrieb als „ganzheitlicher Organisation“ der vor-reformierten chinesischen Staatswirtschaft.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Der Grund liegt darin, dass die gegenw&#228;rtigen Schlafs&#228;le nicht als langfristige Einrichtungen, sondern haupts&#228;chlich als kurzfristige Unterkunft f&#252;r WanderarbeiterInnen dienen. Diese Schlafs&#228;le schlie&#223;en ein l&#228;ngeres Verh&#228;ltnis zwischen der einzelnen Firma und dem/der einzelnen ArbeiterIn aus. Dieses Schlafsaal-System wird in den verschiedensten Betrieben angewandt, unabh&#228;ngig von unterschiedlichen Produktionscharakteristika, Saison oder Standort.<br />
Wichtig ist, dass in China nicht die Unternehmen Unterk&#252;nfte f&#252;r ArbeiterInnen bereitstellen, um die Loyalit&#228;t des/der ArbeiterIn oder knappe F&#228;higkeiten [Skills; d.&#220;.] zu sichern, sondern um die kurzfristige Verf&#252;gbarkeit der WanderarbeiterInnen zu gew&#228;hrleisten und den Gebrauch dieser Arbeitskraft w&#228;hrend des Arbeitstages zu maximieren. Die so gesicherte Beute repr&#228;sentiert eine neue Produktionsart, die sowohl dem &#220;berfluss an l&#228;ndlichen ArbeiterInnen als auch der &#246;konomischen Integration Chinas in das globale Flie&#223;band Rechnung tr&#228;gt.<br />
Die offensichtliche R&#252;ckkehr dieser alten Form der Arbeitskraftverwendung ist das hybride Ergebnis des globalen Kapitalismus und des Staatssozialismus, neu belebt von den transnationalen Konzernen und den Lokalwirtschaften im Kontext der Globalisierung. Praktisch alle ausl&#228;ndischen Unternehmen nutzen Schlafs&#228;le, die sie entweder von lokalen Beh&#246;rden mieten oder selber zu Verf&#252;gung stellen. Jeder dieser Konzerne strebt die Sicherung jugendlicher WanderarbeiterInnen, speziell Arbeiterinnen, f&#252;r kurze Arbeitsdauer im Betrieb an. So verfestigt sich eine Infrastruktur, die die unsicheren chinesischen Arbeitsverh&#228;ltnisse aufrechterh&#228;lt.<br />
Die Schlafs&#228;le f&#252;r FabriksarbeiterInnen geh&#246;ren zum oder grenzen an das Fabrikgel&#228;nde. Sie sind kommunale Hochh&#228;user, die einige hundert ArbeiterInnen beherbergen, mit in der Regel acht bis zwanzig ArbeiterInnen pro Raum. Wasch- und Toiletteinrichtungen sind gemeinschaftlich und zwischen den R&#228;umen, Etagen oder ganzen Einheiten gelegen. Dies macht den Lebensraum extrem kollektiv, ohne M&#246;glichkeit auf Privatsph&#228;re, au&#223;er hinter den geschlossenen Vorh&#228;ngen einer Schlafkoje. Diese materiellen Umst&#228;nde erkl&#228;ren jedoch nicht die Rolle der Schlafs&#228;le als Form der Unterbringung – als Leben-bei-der-Arbeitsst&#228;tte. Zentral f&#252;r diese Schlafsaalform ist eine politische &#214;konomie, die das Zusammenkommen typischerweise junger weiblicher Arbeiterinnen regelt. Getrennt von ihren Familien, ihrer Heimat und ihrer normalen Routine, leben diese Menschen konzentriert am Arbeitsplatz und den herrschenden Gesetzen unterworfen, die ihre Pers&#246;nlichkeiten vollst&#228;ndig unterjochen und sie zu Instrumenten der Produktion degradieren. Weil das vertragliche Arbeitsverh&#228;ltnis &#228;u&#223;erst kurz gehalten ist, &#252;bersteigt die Entfremdung der Individuen den Mangel an Besitz von Produktionmitteln oder die Kontrolle &#252;ber den Produktionsprozess. ArbeiterInnen in Schlafs&#228;len leben in einem System, das sie von ihrer Vergangenheit entfremdet und das allt&#228;gliche Umfeld durch die Fabrik, dominiert von ungew&#246;hnlicher Sprache, Essen, Produktionsmethoden und Produkten ersetzt.<br />
Die doppelte Entfremdung, die von diesen WanderarbeiterInnen erlebt wird, wird durch die Kontrolle &#252;ber die ArbeiterInnenschaft durch Dormitory Labour Regimes illustriert. Das f&#252;hrt zu einer absoluten Verl&#228;ngerung des Arbeitstages und zur R&#252;ckkehr zu einer absoluten Mehrwertproduktion. Auf Grund dieses leichten Zugangs zur Arbeitskraft w&#228;hrend des Arbeitstages ist ein Just-in-Time-Arbeitssystem f&#252;r die Just-in-Time-Produktion m&#246;glich geworden. Die Dormitory Labour Regimes bedeuten ebenso Kontrolle &#252;ber die t&#228;gliche Reproduktion der Arbeitskraft innerhalb der Fabrik. Unterkunft, Essen, Reisen, Soziales und Freizeit – alles geschieht innerhalb einer Produktionseinheit. Wir k&#246;nnen deshalb eine Verdichtung des „Arbeitslebens“ durch &#252;berlange Arbeitszeiten und den produktionsbasierten Gebrauch junger Arbeitskr&#228;fte erwarten.</p>
<h3>Arbeitsschutz und Verhaltenskodizes der Konzerne</h3>
<p>Die Arbeitsbedingungen von ArbeiterInnen in der Textilindustrie sind ein gutes Beispiel. Die Guangdongprovinz in S&#252;dchina ist das gr&#246;&#223;te Produktionsgebiet chinesischer Textilexporte. Wir f&#252;hrten 2003-2004 eine Untersuchung in zehn kleinen bis mittelgro&#223;en Bekleidungsfabriken in Shenzen durch. Die Ergebnisse bez&#252;glich Bezahlung von Arbeiterinnen, Arbeitszeiten und Gesundheit zeigten Arbeitsbedingungen, die disziplinierend und ausbeuterisch sind. Von den 50 bis 200 ArbeiterInnen einer jeden Fabrik sind &#252;ber 70 Prozent Frauen, verantwortlich f&#252;rs N&#228;hen – junge M&#228;dchen und Frauen mittleren Alters. Die kleineren Fabriken geh&#246;ren haupts&#228;chlich kleinen Subunternehmern. Die gr&#246;&#223;eren Betriebe, die internationale Marken beliefern, sind von Investoren aus Hong Kong und Taiwan finanziert.<br />
Das chinesischen Arbeitsrecht, welches seit 1. J&#228;nner 1995 in Kraft ist, legt f&#252;r die Arbeitszeit fest, dass eine F&#252;nf-Tage-Woche nicht mehr als 40 Arbeitsstunden umfasst und dass &#220;berstunden im Monat auf 36 Stunden begrenzt sind. Trotzdem ignorieren nahezu alle Unternehmen diese Gesetze und der durchschnittliche Arbeitstag betr&#228;gt oft 12 oder 13 Stunden – sechs bis sieben Tage die Woche. R&#252;ckt die Deadline f&#252;r eine Produktion n&#228;her, k&#252;rzt das Management oft die Essens- und die Zwischenpausen auf nur 30 Minuten. Um mit der immer h&#228;ufiger werdenden Just-in-Time-Produktion fertig zu werden, fordert das Management oft das Durcharbeiten bis in die fr&#252;hen Morgenstunden. In den extremsten F&#228;llen werden ArbeiterInnen gezwungen, 48 Stunden durchzuarbeiten. Die totale Arbeitszeit pro Woche erh&#246;ht sich so oft auf 90 bis 110 Stunden.<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> Selbstverst&#228;ndlich spielen bei solchen Arbeitsbedingungen betriebsinterne Schlafr&#228;ume eine essentielle Rolle, um eine Verf&#252;gbarkeit von ArbeiterInnen rund um die Uhr zu gew&#228;hrleisten.<br />
Unter solchen Druck gestellt leiden Arbeiterinnen an einer ganze Reihe beruflich bedingter Krankheiten, wie Menstruationsst&#246;rungen, R&#252;cken- und Kopfschmerzen, verschlechterter Sehkraft, M&#252;digkeit und Atembeschwerden. Die Situation wird durch die schlechte Bel&#252;ftung des Arbeitsplatzes noch verschlimmert. Schw&#228;chere Arbeiterinnen fallen am Arbeitsplatz, vor allem w&#228;hrend der hei&#223;en Sommermonate, manchmal in Ohnmacht. Bei den meisten Unternehmen gibt es keinen bezahlten Krankenstand. Bezahlte Karenz, ebenfalls durch ein Gesetz „gesichert“, wird teilweise ignoriert, obwohl dies als Grundrecht gilt.<br />
Das gr&#246;&#223;te Problem aller interviewten ArbeiterInnen der Textilindustrie war die illegale (Unter-)Bezahlung unter dem Subsistenzniveau. Zwischen dem 1. Mai 2004 und 2005 betrug der Mindestlohn in Shenzhen SEZ 610 Yuan (d. s. ca. 58 Euro). Der Stundenlohn betr&#228;gt so 3,51 Yuan (33 Cent). &#220;berstunden sollten mit 5,30 Yuan (50 Cent) wochentags und 7,01 Yuan (66 Cent) am Wochenende bezahlt werden. Durchschnittliche ArbeiterInnen in Shenzhen, die 13 Stunden am Tag arbeiten m&#252;ssen, m&#252;ssten f&#252;r 400 Stunden pro Monat 1.916 Yuan (180 Euro) verdienen. Selten verdienen die ArbeiterInnen aber mehr als 500-800 Yuan (47-75 Euro) pro Monat. Es gibt zwei Hauptgr&#252;nde daf&#252;r: Erstens sind die anstelle eines Monatslohns erhaltenen St&#252;ckl&#246;hne extrem niedrig, zweitens wird der St&#252;cklohn f&#252;r ArbeiterInnen niemals transparent gemacht. Am Lohnzettel scheint nur ein Pauschalbetrag auf, ohne auf einzelne Komponenten einzugehen, w&#228;hrend Geldstrafen und Abz&#252;ge wie f&#252;r Essen und Unterkunft klar aufgelistet werden und 150-200 Yuan (14-18 Euro) pro Monat betragen k&#246;nnen. ArbeiterInnen k&#246;nnen sich kaum das Leben in Gro&#223;st&#228;dten wie Shenzhen leisten.<br />
Die Mehrheit der befragten TextilarbeiterInnen in den kleineren privat gef&#252;hrten Unternehmen, haben noch nicht einmal einen Arbeitsvertrag – ein klarer Versto&#223; gegen das chinesische Arbeitsrecht. Ohne legales Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnis haben die ArbeiterInnen auch keinen Anspruch auf staatlich geregelte Versicherungen. Leiden ArbeiterInnen unter arbeitsbedingten  Krankheiten oder Verletzungen haben sie gro&#223;e Schwierigkeiten, medizinische Hilfe zu erhalten.<br />
Auf die lokalen Regierungen kann offensichtlich nicht gez&#228;hlt werden, wenn es darum geht, Arbeitsrechte durchzusetzen. Um &#246;konomisches Wachstum zu forcieren und um f&#252;r ausl&#228;ndisches Kapital attraktiv zu werden, gehen lokale Regierungen mit Absicht sehr locker mit dem Arbeitsrecht um und bekommen so im Gegenzug gro&#223;e Steuereinnahmen von den Unternehmensgewinnen, und Boni von prosperierenden Konzernen. Oft sind lokale Beamte gleichzeitig selbst Investoren in gr&#246;&#223;ere Unternehmen und nehmen manchmal Bestechungsgelder von kleineren Fabriken an, um Zertifikate f&#252;r Sicherheitsbestimmungen auszustellen.<br />
Andrerseits beklagen FabriksbesitzerInnen und ManagerInnen den Druck von transnationalen Konzernen. Ein Manager einer gro&#223;en Textilfabrik in Dongguan in der Provinz Guangdong beschreibt in der <em>Financial Times</em> diesen Druck: „Wir stehen unter gro&#223;em Stress, Kunden bestellen oft sehr kurzfristig, &#228;ndern ihre Bestellung, w&#228;hrend die Produktion schon l&#228;uft und zahlen ihre Rechnungen sp&#228;t. Zur gleichen Zeit verlangen sie eine bessere Ausbildung unseres Personals, bessere Gesundheits- und Sicherheitsbedingungen. Wir k&#246;nnen nicht alles gleichzeitig erf&#252;llen.“<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a><br />
F&#252;r TNKs, wie beispielsweise Levi Strauss, Nike, Reebok, The Gap und andere sind Konzernkodizes zum Trend geworden. Die Einf&#252;hrung solcher Kodizes wurde Teil deren Unternehmensstrategie, um den Verkauf ihrer Waren und Dienstleistungen am globalen Markt sicher zu stellen. Interne &#220;berpr&#252;fungen von Subunternehmen oder Zulieferern durch Konzernvertreter sind normalerweise der Fall, obwohl manchmal unabh&#228;ngige Pr&#252;ferInnen, wie zum Beispiel AkademikerInnen, AutorInnen und/oder NGOs eingeladen werden, um die Glaubw&#252;rdigkeit zu erh&#246;hen.<br />
Konzerneigene Kodizes m&#252;ssen in den gr&#246;&#223;eren &#246;konomischen Zonen der Deltas des Pearl- und des Yangtze-Flusses im S&#252;den Chinas erst vollst&#228;ndig implementiert werden. Korruption, Falschaussagen und Verschleierungen sind an der Tagesordnung. Der chinesische Manager einer gro&#223;en Zuliefererfabrik f&#252;r die Textilindustrie im Pearl-Fluss-Delta in Guangdong berichtete in der <em>Financial Times</em>, dass die Zeitkarten der ArbeiterInnen und die Verkaufszahlen gef&#228;lscht waren, um die Anforderungen der Kodizes zu erf&#252;llen. Ein Team von sechs Angestellten wurde beauftragt die Dokumente vorzubereiten, so dass sie perfekt in die W&#252;nsche ausl&#228;ndischer Investoren passen w&#252;rden. Das ist nur ein Beispiel unter Tausenden. Wichtiger jedoch ist, dass das die Beschr&#228;nkungen konzerninterner Pr&#252;fung klar zeigt. ArbeiterInnen wurde unter schwerer Strafe verboten, nicht vorgegebene Antworten zu geben und wurden f&#252;r „richtige“ Antworten belohnt. Zum Beispiel, wenn InspektorInnen nach den Arbeitszeiten fragen, m&#252;ssen die ArbeiterInnen antworten, dass sie einen Standard-Arbeitstag von acht Stunden haben, mit h&#246;chstens drei &#220;berstunden pro Tag.</p>
<h3>Versuche der Organisierung</h3>
<p>Die Abwesenheit oder Ineffizienz der staatlichen Rolle, als auch der Unternehmenskodizes, im Schutz der ArbeiterInnen-Rechte, schaffen ein Bed&#252;rfnis nach alternativen zivilen Organisationen. Wir erleben einen Boom an ArbeiterInnen-NGOs im Pearl-Fluss-Delta der sp&#228;ten 1990er und 2000er Jahre, die um ihr Dasein k&#228;mpfen, w&#228;hrend eine Zivilgesellschaft noch nicht entstanden ist. Durch den geringen politischen, legalen und organisatorischen Raum, den solche ArbeiterInnen-NGOs haben, haben sie keine andere Wahl als eine Taktik anzunehmen, die diese als „NGOs of Chinese characteristics“ formen. Einige von ihnen unterhielten eine enge Verbindung mit sozialen Organisationen oder Stiftungen in Hong Kong, wie beispielsweise das „Chinese Working Women Network“ (CWWN) oder „Workers’ Empowerment“. Andere wurden von chinesischen Anw&#228;ltInnen und JournalistInnen gegr&#252;ndet, wie das „Institute of Contemporary Observations“ (ICO). Viele wurden von WanderarbeiterInnen gegr&#252;ndet, wie beispielsweise die „Migrant Workers’ Association“. Ohne Zivilgesellschaft, ohne &#246;ffentliche Teilnahme mussten sich diese Organisationen gro&#223;en Herausforderungen stellen, um langfristig Raum f&#252;r die Organisierung von ArbeiterInnen oder deren St&#228;rkung zu schaffen. W&#228;hrend einige von ihnen einen „bevormundenden“ Partner, wie beispielsweise die lokale ACFTU (All Chinese Federation of Trade Unions), die „Youth League“ oder das Gesundheitsminsterium finden, um einen legalen Status zu erlangen, sind einige auch einfach als Wirtschaftseinheiten gegr&#252;ndet worden, wie bspw. das ICO. Der Rest dieser NGOs operiert einfach ohne Registrierung.<br />
Nehmen wir das CWWN als Beispiel, um die Organisierung und Arbeit von ArbeiterInnen-NGOs im Pearl-Fluss-Delta zu illustrieren. Als NGO aus Hong Kong wurde sie bereits 1996 in der Industriezone S&#252;dchinas ins Leben gerufen und organisiert seither Fabriksarbeiterinnen in Shenzhen, der ersten SEZ Chinas. Sie k&#228;mpft f&#252;r die Anerkennung und die Aufrechterhaltung von Arbeits- und Genderrechten und unterst&#252;tzt Grassroots-Netzwerke und soziale Gerechtigkeit in China. Wegen der gro&#223;en Schwierigkeiten, WanderarbeiterInnen direkt am Arbeitsplatz zu organisieren, ist das CWWN in den WanderarbeiterInnen-Communities verwurzelt und f&#246;rdert verschiedene Projekte, um ArbeiterInnen au&#223;erhalb der traditionellen Gewerkschaften zu st&#228;rken. Um eine Basis in China zu sichern, organisiert das CWWN nicht nur ArbeiterInnen, sondern arbeitet auch mit lokalen Staatsbeamten zusammen, die ebenfalls die missliche Lage von Wanderarbeiterinnen kritisieren und bereit sind gangbare Projekte zu unterst&#252;tzen. So war es dem CWWN seit mehr als zehn Jahren m&#246;glich, verschiedene Grassrootnetwork Projekte im Zentrum der Guangdong-Provinz aufzubauen, die sich mit Arbeitsrechten, Gesundheits- und Sicherheitsthemen, Gendergleichheit und nachhaltiger Entwicklung besch&#228;ftigen. Das CWWN startete auch Initiativen zur Organisierung in den Fabriksschlafst&#228;tten, gr&#252;ndete Kooperativen f&#252;r Arbeiterinnen und veranstaltete Trainingsworkshops zu Arbeits- und Genderrechten, um die Arbeitsbedingungen in den Fabriken zu verbessern und chinesische Arbeiterinnen Empowerment-Programme anzubieten. Es organisiert ebenso kulturelle und bildungstechnische Aktivit&#228;ten, um das soziale Leben von Arbeiterinnen zu bereichern und ermutigt zu Solidarit&#228;t. Zus&#228;tzlich zu diesen Projekten organisiert das CWWN Arbeitsplatz-Trainings, Informations- und Erfahrungsaustausch unter den verschiedenen Gruppen.<br />
Ein einzigartiges Programm des CWWN war das Mobile-Van-Projekt, wo ein „Women Health Express (WHE)“ die verschiedenen Dormitory-Industriezentren anf&#228;hrt, um Wanderarbeiterinnen zu erreichen, die in Teilen Chinas leben, wo das Netzwerk keine feste Basis hat. Ein adaptierter Minibus beinhaltet medizinische Ausr&#252;stung, B&#252;cher, TV und VCDs sowie Lausprecher f&#252;r Bildungsveramstaltungen im Freien. Dieser Van funktioniert als ein mobiles Service-Center f&#252;r die Verbreitung von Information zu Gesundheits- und Sicherheitsthemen, genauso wie zur Information und Schulung grundlegender Arbeitsrechte. Der WHE begann seine Arbeit am 8. M&#228;rz 2000 im Industriegebiet des Pearl-Fluss-Deltas und beendete sie im M&#228;rz 2002. Dieses Projekt erreichte &#252;ber 80.000 Arbeiterinnen. Trotz dieses Erfolges konnte das Projekt aufgrund seiner mobilen Konzeption keine dauerhaft organisierten Gruppen von ArbeiterInnen aufbauen und &#252;ber einen l&#228;ngeren Zeitraum aufrecht erhalten.<br />
Das CWWN hat versucht die Integration von lokalen Arbeiterinnen in ihre Programme zu beschleunigen, damit sie eine gr&#246;&#223;ere Rolle in der Planung und Organisierung von Projekten einnehmen k&#246;nnen. Zus&#228;tzlich zur Arbeit mit Wanderarbeiterinnen S&#252;dchinas unterh&#228;lt das CWWN ein Arbeiterinnen-Zentrum, eine Gruppe f&#252;r verletzte Arbeiterinnen und ein Gemeindezentrum f&#252;r eine professionelle Gesundheitsausbildung. Auf dem WHE basierend bildete das CWWN ein Team von lokalen OrganizerInnen in China aus, um die selbstst&#228;ndige Organisierung verletzter Arbeiterinnen zu unterst&#252;tzen und ein &#246;ffentliches Bewusstsein zu erzeugen, das berufsbedingte Krankheiten nicht ignoriert.<br />
In aller K&#252;rze betreffen die Hauptprobleme der Arbeiterinnen im Pearl-Fluss-Delta vor allem drei Bereiche: Arbeitsrechte, Berufskrankheiten und Sicherheit am Arbeitsplatz, und Frauenrechte bez&#252;glich &#246;konomischer Unabh&#228;ngigkeit. Diese Hauptthemen werden von der Arbeit des CWWN abgedeckt.</p>
<h3>Training am Arbeitsplatz</h3>
<p>Zus&#228;tzlich zu den Trainings in den Communities versuchen die ArbeiterInnen-NGOs ebenfalls, ArbeiterInnen am Arbeitsplatz zu organisieren. 2004 schuf das CWWN, gemeinsam mit zwei Partner-Organisationen, ArbeiterInnen-Komitees in zwei Betrieben, um die Demokratie am Arbeitsplatz durch ein von den ArbeiterInnen ausgehendes Monitoring-Systems zu f&#246;rdern. Die Gr&#246;&#223;e der Komitees variiert mit der Anzahl der ArbeiterInnen in der Fabrik, ist jedoch zwischen 12 und 14 Personen gro&#223;, eine Relation von einem Mitglied des Komitees zu 30 ArbeiterInnen. Der Bennungs- und Wahlprozess ist offen und demokratisch, wo jedeR ArbeiterIn einen geheimen Stimmzettel w&#228;hrend der Arbeitszeit abgibt.<br />
Die ArbeiterInnen wissen &#252;ber ihre Rechte Bescheid und, wie die Umsetzung des Verhaltenskodex am Arbeitsplatz &#252;berwacht werden kann. Die ArbeiterInnen f&#252;hren fabriksweite Wahlen durch und bestimmen so ihre eigenen Repr&#228;sentantInnen im Komitee. Diese Komitees untersuchen, ob die Arbeitsbedingungen dem Gesetz entsprechen oder dem Verhaltenskodex. Sie verstehen sich als Alternative zum top-down organisierten offiziellen Gewerkschaftsbund ACFTU.<br />
Die gr&#246;&#223;te Herausforderung f&#252;r dieses Projekt liegt in der langfristigen Unterst&#252;tzung der Komitees. ArbeiterInnen-NGOs bemerken, dass ArbeiterInnen noch nicht an wichtigen Entscheidungsprozessen, die sie direkt betreffen, wie Arbeitszeit und &#220;berstundenbezahlung, beteiligt sind. Die Verhandlungsposition gegen&#252;ber dem Management in t&#228;glichen Entscheidungen muss gest&#228;rkt werden. Der Versuch, die Demokratie am Arbeitsplatz zu f&#246;rdern, scheint noch immer im Anfangsstadium und es wird definitiv noch ein langer Weg zu bestreiten sein.</p>
<h3>Schlussfolgerung</h3>
<p>China ist eine „Weltwerkstatt“ geworden, die im Zusammenhang mit Dormitory-Labour-Regime organisiert ist. Ein gro&#223;er Pool an billigen WanderarbeiterInnen wurde geschaffen, um den Bed&#252;rfnissen globaler Produktionsprozesse in der internationalen Arbeitsteilung zu gen&#252;gen. Mit dem Aufstieg Chinas zur Weltfabrik ist auch eine neue soziale Kraft – der <em>Dagong</em>-Klasse – entstanden. Die ArbeiterInnen-NGOs streben danach einen gesellschaftlichen Raum von unten f&#252;r Millionen von WanderarbeiterInnen zu schaffen, die das R&#252;ckgrat der boomenden Exportwirtschaft Chinas darstellen, indem sie ArbeiterInnen und lokale OrganizerInnen ausbilden und Solidarit&#228;t aufzubauen. In einem „Brief an die FreundInnen der WanderarbeiterInnen“, ruft die „Migrant Workers’ Association“ ArbeiterInnen  zur Unterst&#252;tzung auf:<br />
„Nur wenn wir organisiert sind und uns gegenseitig solidarisch unterst&#252;tzen, wird diese neue Klasse an WanderarbeiterInnen, diese gro&#223;e benachteiligte Gruppe, sich nicht „wie Sand zerstreuen“ und kein Opfer willk&#252;rlicher Tyranneien werden. Nur wenn wir organisiert sind, k&#246;nnen wir die Aufmerksamkeit der Regierung erreichen und k&#246;nnen wir effektive Wege finden, die unsere Probleme zu reflektieren. Nur wenn wir organisiert sind, k&#246;nnen wir WanderarbeiterInnen eine h&#246;rbare Stimme haben, und kommunikative Mechanismen f&#252;r einen st&#228;ndigen und effektiven Austausch mit Regierung und Gesellschaft aufbauen, um unsere Arbeitsbedingungen zu verbessern. Nur wenn wir organisiert sind, k&#246;nnen arbeitsrechtliche Bestimmungen und unser institutioneller Schutz gesichert werden.“</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a>  Solinger, Dorothy J.: Contesting Citizenship in Urban China. Berkeley 1999<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a>  Chan, Anita: China’s Workers Under Assault. The Exploitation of Labor in a Globalizing Economy, New York 2001; Lee, Ching Kwan: Gender and the South China Miracle. Two Worlds of Factory Women, Berkeley 1998; Pun, Ngai: Made in China. Women Factory Workers in a Global Workplace, Durham/ Hong Kong 2005<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a>  Pun: Made in China, a.a.O.<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a>  Das <em>Hokou</em>-System („eingetragener st&#228;ndiger Wohnsitz“ oder „Anzahl der Haushalte und der Gesamtbev&#246;lkerung“), das den Aufenthaltsort an einen zugewiesenen Ort band. Der Aufenthalt am zugeordneten Wohnort war Voraussetzung f&#252;r jede Art von Besch&#228;ftigung und die Vergabe von Essen und anderen wichtigen Konsumg&#252;tern.<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a>  Lavely, William: First Impressions of the 2000 Census of China, in: Population and Development Review 27(4), 2001, S. 755-69, hier S. 3; Liang, Zai/ Ma Zhongdong: China’s Floating Population. New Evidence from the 2000 Census, in: Population and Development Review 30(3), 2004, S. 467-88; Gaetano, Arianne M./ Jacka, Tamara (Hg.): On the Move: Women in Rural-to-Urban Migration in Contemporary China. New York 2004<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a>  Pun, Ngai: Becoming Dagongmei: The Politics of Identity and Difference in Reform China, in: The China Journal 42, 1999, S. 1-19, Gaetano/Jacka: On the Move, a.a.O.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a>  Liang/ Ma: China’s Floating Population, a.a.O.<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a>  Pun, Ngai/ Smith, Chris: Putting Transnational Labour Process in its Place: Dormitory Labour Regime in Post-Socialist China, in: Work, Employment and Society 21(1), 2007, S. 27-45<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a>  Ebd.<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a>  SACOM: Looking for Mickey Mouse’s Conscience: A survey on working conditions of Disney supplier factories in China, online: <a href="http://www.sacom.org.hk">http://www.sacom.org.hk</a> (10. 11. 2005)<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a>  Code of Conduct Implementation in China: Laying a False Trail, The Financial Times, 21. April 2005</p>
<p>Mit freundlicher Genehmigung von Pun Ngai<br />
&#220;bersetzung: Michael Doblmair und Philipp Probst<br />
„Made in China“ von Pun Ngai ist 2005 bei Duke University Press erschienen</p>
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