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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Gentrifizierung</title>
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		<title>Sanfte Verdr&#228;ngung: Gentrifizierung in Wien</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 10:46:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Gentrifizierung]]></category>
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		<description><![CDATA[Gentrifizierung gibt es in Wien nicht, meint die sozialdemokratische Stadtverwaltung. &#220;ber diese Realit&#228;tsverweigerung sprachen Katharina Hajek und Felix Wiegand mit Jakob Weingartner, der sich intensiv mit dieser Frage auseinander gesetzt hat. Er erkl&#228;rt, was das Wiener Brunnenviertel mit der New Yorker Lower East Side zu tun haben k&#246;nnte, inwiefern sich ImmobilieninvestorInnen und die Sanfte Stadterneuerung perfekt erg&#228;nzen und welche Rolle [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gentrifizierung gibt es in Wien nicht, meint die sozialdemokratische Stadtverwaltung. &#220;ber diese Realit&#228;tsverweigerung sprachen <em>Katharina Hajek</em> und <em>Felix Wiegand</em> mit <em>Jakob Weingartner</em>, der sich intensiv mit dieser Frage auseinander gesetzt hat. Er erkl&#228;rt, was das Wiener Brunnenviertel mit der New Yorker Lower East Side zu tun haben k&#246;nnte, inwiefern sich ImmobilieninvestorInnen und die Sanfte Stadterneuerung perfekt erg&#228;nzen und welche Rolle dabei K&#252;nstlerInnen, Dachterrassen und Fu&#223;ballk&#228;fige einnehmen.<br />
<span id="more-1579"></span><br />
<em>Das Thema Gentrifizierung hat es mittlerweile bis in die Mainstream-Medien geschafft. Weitl&#228;ufig wird damit der Prozess der &#246;konomischen und symbolischen Aufwertung eines Gr&#228;tzels, der Zuzug neuer, kaufkr&#228;ftigerer BewohnerInnen und die Verdr&#228;ngung der bestehenden, sozial schw&#228;cheren Bev&#246;lkerung bezeichnet. Kannst Du uns ein bisschen mehr &#252;ber den theoretischen Background des Gentrifzierungs-Begriffs erz&#228;hlen?</em></p>
<p>Den Begriff der Gentrifizierung haben sich kritische UrbanistInnen im Zuge der 1970er und -80er Jahre auf die Fahnen geschrieben, um einen Kontrapunkt zum bis dahin im urbanistischen Diskurs dominierenden neoklassischen Axiom zu setzen. In den 1970er Jahren wurde von vielen UrbanistInnen der Marxismus entdeckt. Die Koryph&#228;e war Henri Lefebvre. Er hat die Erfahrungen der Aufst&#228;nde von 1968 – gerade auch in Paris – genutzt, und darauf aufbauend versucht, die marxistische Analyse in den Raum zu &#252;bersetzen. Das war lange ein blinder Fleck im Marxismus. Es gibt die ber&#252;hmte Analyse von Engels &#252;ber die Armenquartiere in Manchester, wo er von Kapital- und Arbeitskraftkonzentration spricht und einer schlimmen Verslumung, die sich daraus ergibt; aber viel mehr…? Lefebvre hat die marxistischen Axiome und die Unterscheidung von Gebrauchs- und Tauschwert genutzt, um zu fragen: Welche Interessen hat das Kapital am Raum, welche die ArbeiterInnen? F&#252;r ArbeiterInnen hat der Raum v. a. einen Gebrauchswert: da wo ich wohne, da m&#246;chte ich mich wohlf&#252;hlen, da m&#246;chte ich mich ausruhen von der Arbeit usw. Die Kapitalseite sieht im Raum ganz etwas Anderes. Der geht es darum, Mehrwert zu erwirtschaften. Dazu muss man Raum abstrahieren und mit Nummern versehen, damit man ihn dann verkaufen oder vermieten kann. Diesen prim&#228;ren Widerspruch hat Lefebvre sehr sch&#246;n beschrieben.  Darauf haben dann andere marxistisch gepr&#228;gte UrbanistInnen aufgebaut, David Harvey war unter anderem sehr wichtig. In den 1980er Jahren, als an den Universit&#228;ten heftige ideologische Grabenk&#228;mpfe herrschten, wie Raum &#252;berhaupt zu diskutieren sei, hat Neil Smith, ankn&#252;pfend an Harvey, das erste Mal eine wirklich umfassende und schl&#252;ssige Gentrifizierungs-Theorie aufgestellt. </p>
<p><em>Worin besteht der Kern des Zugangs von Smith? Kannst Du Beispiele nennen, die das illustrieren?</em></p>
<p>Zentral ist der Blick auf die zyklische Entwicklung des Kapitalismus. In der Stadt existieren die Rahmenbedingungen f&#252;r die Produktionsbed&#252;rfnisse des Kapitalismus in physisch-materieller, r&#228;umlicher Form. Wegen der permanenten Umw&#228;lzung der Produktion werden die Produktionsst&#228;tten, die Infrastruktur etc. immer wieder unproduktiv, sie verlieren ihre Aktualit&#228;t. Es kommt zu Desinvestition. Die Container-Technologie hat z. B. dazu gef&#252;hrt, dass extrem viele Hafenstrukturen, die vorher im Zusammenhang mit Massenproduktion und Warenhandel wichtig waren, pl&#246;tzlich nicht mehr genutzt wurden, brach lagen und dem Verfall anheim fielen. Die Docklands in London oder in Brooklyn sind gute Beispiele. Wo vorher noch viel Kapital investiert wurde, damit der Hafen gut funktioniert, geriet pl&#246;tzlich der r&#228;umliche Produktionszyklus in die Krise. Das Kapital wurde im gro&#223;en Stil abgezogen, weil es dort Nichts mehr zu holen gab. Heute sind die Docklands aber genau wegen dieser Desinvestition so interessant: Es gibt diese R&#228;umlichkeiten, Lagerhallen usw., die man umbauen kann, aber das Gebiet ist v&#246;llig unterbewertet.  Das ist nat&#252;rlich der feuchte Traum jedes <em>Developers</em>. Weil der Raum extrem niedrig bewertet ist, kann er oder sie &#252;ber ein Kapitalinvestment eine riesige Gewinnspanne herausholen, d. h. der so genannte <em>rent-gap</em> ist extrem breit. Nicht umsonst sind diese Docklands heute ein sehr wichtiger Anziehungspunkt f&#252;r Kapital und Gentrifizierung. Das nennt sich dann <em>Waterfront-Development</em> und ist z. B. in der <em>Hafencity </em>in Hamburg gut zu beobachten. Dabei spielt auch der symbolische Aspekt eine gro&#223;e Rolle: Es gibt heute nichts Hei&#223;eres f&#252;r ein Architekturb&#252;ro, als in einer ehemaligen Lagerhalle mit Klinkersteinen sein B&#252;ro zu haben, mit Blick &#252;bers Wasser. Es ist faszinierend, wie eine Struktur, die in einem bestimmten kapitalistischen Zykus eine spezifische Funktion hatte, heutzutage pl&#246;tzlich eine v&#246;llige andere Benutzung erf&#228;hrt, w&#228;hrend gleichzeitig noch die Identit&#228;ten und die proletarische Authentizit&#228;t – das Schaffen, das Wirken aus der Vergangenheit – in die Gegenwart hineinwabert.<br />
Wenn man sich nicht Hafengebiete, sondern normale Stadtviertel anschaut – Neil Smith hat das f&#252;r die <em>Lower East Side</em> in New York gemacht – dann sind hier ganz &#228;hnliche Prozesse zu beobachten. Die <em>Lower East Side</em> hat ebenso &#252;ber viele Jahrzehnte eine starke Desinvestition erfahren. Es war eine heruntergekommene Gegend mit hoher Kriminalit&#228;t, aber man konnte dort billig wohnen, was vor allem f&#252;r MigrantInnen interessant war. Gleichzeitig war es auch ein Viertel, wo Dinge m&#246;glich waren, die woanders nicht m&#246;glich waren. Der Punkrock ist beispielsweise dort entstanden, es wurde mit neuen Geschlechterkonstruktionen gespielt usw., d. h. es war ein St&#252;ck weit auch ein Labor f&#252;r sp&#228;tere gesellschaftliche Entwicklungen. Gerade aufgrund der Desinvestiton konnte Gentrifizierung in der <em>Lower East Side</em> so einen Triumphzug erleben. Gentrifizierung versteht man nur, wenn man es in einem breiteren historischen Kontext verortet: Dass in St&#228;dten immer wieder Viertel eine Kapitalflucht erleben, ist notwendig, damit das Kapital danach unter m&#246;glichst gro&#223;em Triumph wieder einziehen kann. </p>
<p><em>Was verr&#228;t eine solche Perspektive denn &#252;ber Wien? Es hei&#223;t ja oft, hier w&#252;rden besondere Bedingungen herrschen und es g&#228;be deshalb gar keine Gentrifizierung.</em> </p>
<p>Zun&#228;chst darf man nicht den Fehler machen, in der Gentrifizierungs-Theorie ein Werkzeug zu sehen, das man auf alle m&#246;glichen St&#228;dte einfach anwenden kann. Man muss sich die historischen und sozialr&#228;umlichen Kontexte genau anschauen. Also: Das Besondere an Wien ist der soziale Wohnbau – Wien hat neben den so genannten realsozialistischen Staaten das weltweit h&#246;chste Budget f&#252;r sozialen Wohnbau. Warum der Stadt das so wichtig ist und sie in diesen Sektor so viel Geld hineinpumpt, kann historisch aus dem Roten Wien erkl&#228;rt werden. Bis Mitte der 1970er Jahre hat Wien im Wohnbau wirklich einen beispiellosen Aufwand betrieben. Wie auch an vielen anderen Orten in Europa wurden zu dieser Zeit in Wien v. a. riesige, fordistisch-standardisierte Wohnsilos am Stadtrand gebaut, z. B. die Per-Albin-Hansson-Siedlung. Dadurch war es m&#246;glich, dass die klientilistisch an die SP&#214; gebundene ArbeiterInnenschaft aus dem miesen innerst&#228;dtischen Wohnraum heraus gekommen ist, aus den zum Teil noch zerbombten H&#228;usern, aus den Substandardwohnungen. Das war das sozialdemokratische Entwicklungsmodell der Nachkriegszeit f&#252;r Wien, das nat&#252;rlich auch nur unter der sozialdemokratischen Hegemonie durchsetzbar war. Das Problem, das sich f&#252;r die Stadt Wien gestellt hat, war jedoch: Was passiert mit dem Wohnraum, der brach liegt, wenn Leute wegziehen und ihre alten Wohnungen zur&#252;cklassen? Es gab in Wien bis Mitte der 1970er Jahre tats&#228;chlich einen sehr hohen Leerstand. Das &#246;ffentliche Geld wurde in die Gro&#223;projekte am Stadtrand gesteckt und die Innenst&#228;dte stagnierten. Weil der Trend in Richtung Stadtrandsiedlung ging, kamen auch Privatinvestitionen v&#246;llig zum Erliegen, d. h. privates Kapital floss nicht mehr in die Innenbezirke. Der Stadtverwaltung wurde schnell klar: Da muss man gegensteuern. Deswegen haben sie dann die Werkzeuge der ber&#252;hmten Sanften Stadterneuerung geschaffen.</p>
<p><em>Kannst Du erkl&#228;ren, in welchem Kontext das Konzept der Sanften Stadterneuerung in Wien das erste Mal zu Anwendung kam und was genau dieses Instrument beinhaltet?</em></p>
<p>In den 1970er Jahren sollten die historischen Geb&#228;ude am Spittelberg im 7. Bezirk geschliffen und stattdessen riesige Wohnbauten errichtet werden. Dieser Form der technokratischen Stadtplanung hat sich eine Viertel-Bewegung von unten entgegengesetzt. Die Bewegung war eine Koalition aus durchaus linken Amerlinghaus-BesetzerInnen und b&#252;rgerlichen &#214;VP-W&#228;hlerInnen, welche sich die Planung von oben nicht mehr gefallen lassen und die historischen Strukturen retten wollten. Dieses B&#252;ndnis hat es geschafft, die Bagger zu stoppen: Der Spittelberg wurde nicht abgerissen, stattdessen wurde seine Renovierung von den damals neu geschaffenen Instrumenten der Sanften Stadterneuerung staatlich gef&#246;rdert. Das Faszinierende an diesem ganzen Prozess war, dass es der sozialdemokratischen Stadtverwaltung gelungen ist, den Widerstand dieser post-68er Bewegung aufzugreifen und etwas Neues daraus zu machen. Das ist wie stadtplanerisches Aikido: die Kraft dieser Bewegung wurde aufgenommen und daraus die Sanfte Stadterneuerung gebastelt. Ich habe das Gef&#252;hl, dass das auch eine neue soziale Formation war, die sich da gewehrt hat. Genau diese soziale Formation, die sich aus den 68ern heraus entwickelt hat und ihre Vorstellungen der Stadt-Nutzung in die Stadtplanung rein getragen haben, geh&#246;rt heute zur neuen Elite der Stadt Wien: akademisch gebildete, urspr&#252;nglich aktivistische Leute, die sp&#228;ter dann verb&#252;rgerlicht sind und den Spittelberg heute zu dem gemacht haben, was er ist: ein Freilicht-Museum, dass sich wirklich nur die reichsten Leute leisten k&#246;nnen. Diese „Spittelbergisierung“ kann als Folge der Sanften Stadterneuerung gesehen werden, es geht um eine Art „sanfte“ Gentrifizierung.<br />
Im Endeffekt ist die Idee der Sanften Stadterneuerung, dass die &#246;ffentliche Hand Anreize f&#252;r private InvestorInnen schafft, wieder in den innerst&#228;dtischen Wohnbereich, in Gr&#252;nderzeith&#228;user zu investieren und den Wohnstandard zu erhalten bzw. zu verbessern. Das beinhaltet allerdings die M&#246;glichkeit einer nachfolgenden Erh&#246;hung des Mietzinses. Konkret funktioniert das so: Du hast ein Haus, in dem es sehr viele Substandardwohnungen gibt. Jetzt kann ein privater Investor, beispielsweise eine Renovierungsgesellschaft, einen Antrag auf F&#246;rderung bei der Stadt Wien stellen. Jeder Antrag wird nach einem Punktesystem bewertet. Verschiedene Faktoren wirken sich positiv auf das F&#246;rdervolumen aus: Ma&#223;nahmen, die den Allgemeinzustand des Hauses verbessern, &#246;kologische Kriterien, das Installieren eines Aufzugs etc. Allerdings kann nur saniert werden, wenn in dem Haus Kategorie C oder D Wohnungen &#252;berwiegen. Wenn das alles gegeben ist, schie&#223;t die Stadt Wien w&#228;hrend eines Zeitraums von zehn Jahren 50 Prozent der Renovierungskosten zu. &#220;ber diesen Zeitraum hinweg wird das Ansteigen des Mietniveaus limitiert, aber nicht verhindert. Was danach passiert, ist wieder eine ganz andere Frage. Sobald privates Investitionskapital in ein ArbeiterInnenviertel gelockt wird und es zu Aufwertungen kommt, wirst du es mit einem Verdr&#228;ngungsph&#228;nomen zu tun haben.  Wo soll denn das Geld herkommen f&#252;r die aufgewerteten Wohnungen? Au&#223;erdem ist Sanfte Stadterneuerung immer auch Wohnungsbau: Es werden Zimmer zusammengelegt und gr&#246;&#223;ere Wohneinheiten geschaffen. Der Anteil an Wohnungen unter 35m2 ist zwischen 1971 und 2001 von 18,7 auf 7,8 Prozent gesunken. Das Problem ist aber: Kannst du dir die gr&#246;&#223;ere Wohnung dann auch leisten? Du musst ja pl&#246;tzlich zwei Wohnungen bezahlen, daf&#252;r musst du dann aber viel mehr verdienen.  Damit sto&#223;en wir dann schon wieder an die Grenzen der Sanften Stadterneuerung, oft geht es einfach auch um die Quadratmeter. Insgesamt wird den negativen Konsequenzen der Bestandserhaltung bzw. -verbesserung einfach zu wenig Beachtung geschenkt. </p>
<p><em>Worin bestanden denn die Auswirkungen dieses Instruments der Sanften Stadterneuerung f&#252;r den gesamten Wiener Raum?</em></p>
<p>Mit der Sanften Stadterneuerung hat es die Stadt Wien wirklich geschafft, den Negativtrend, von dem ich gesprochen habe, herumzurei&#223;en: Es begann wieder – auch privates – Investitionskapital in den Altbausektor zu flie&#223;en. Der Anteil von Substandardwohnungen mit WC und Wasser am Gang hat zwischen 1971 und 2001 von 33 auf 7,6 Prozent abgenommen. Gleichzeitig gewannen aber nat&#252;rlich auch die Widerspr&#252;che des kapitalistischen Wohnungsmarktes wieder an Bedeutung, und das ist genau die Krux der Sanften Stadterneuerung: Einerseits wird der Wohnraum mit Hilfe von Privatkapital aufgewertet. Andererseits entstehen dann auch wirklich negative Konsequenzen, denn das Privatkapital m&#246;chte aus der Aufwertung nat&#252;rlich Profit schlagen, durch h&#246;here Mieten. Gewisse Bev&#246;lkerungsschichten k&#246;nnen sich die Wohnungen einfach nicht mehr leisten und m&#252;ssen dann in andere Stadtteile ziehen.<br />
Einer dieser anderen Stadtteile war in den 1980er Jahren Ottakring und insbesondere das Brunnenviertel. Dazu muss man wissen: &#214;sterreich und Wien haben zu der Zeit eine starke Migration erfahren, d. h. es wurden sehr viele Arbeitskr&#228;fte angeworben. Man hat angenommen, dass sie nur f&#252;r einen kurzen Zeitraum in Wien bleiben und dann wieder „nach Hause“ geschickt werden. Nur, diese Leute sind geblieben, ihre Arbeitskraft wurde gebraucht. Und sie mussten irgendwo wohnen. Weil im innerst&#228;dtischen Bereich durch die Sanierungsaktivit&#228;ten der Stadt Wien immer mehr Substandardwohnungen verloren gingen und die Gemeindebauten ihnen verschlossen waren, haben diese Leute dann eben andere R&#228;ume gesucht. Ottakring und hier insbesondere das Brunnenviertel waren so ein Auffangbecken. Da konnte man auch als MigrantIn einen Vertrag f&#252;r eine Wohnung bekommen. Gleichzeitig war es so, dass die mehrheits&#246;sterreichische ArbeiterInnenschaft aus dem Brunnenviertel in die gro&#223;en Siedlungen gezogen ist, weil sie die Schnauze voll hatte von Altbau-Wohnungen mit Klo auf dem Gang, keinem flie&#223;enden Wasser in der Wohnung, etc.. Es hat sich hier im Raum etwas niedergeschlagen, was auf einer breiten gesellschaftlichen Ebene passiert ist: der mehrheits&#246;sterreichischen ArbeiterInnenschaft gelang der Aufstieg mit Hilfe der Sozialdemokratie und der Sozialpartnerschaft. Die R&#228;ume und das Vakuum, das sich unten aufgetan hat, wurden von migrantischen Arbeitskr&#228;ften aufgef&#252;llt. Das kann man im Produktionsprozess sehen, wo die MigrantInnen die miesen Jobs &#252;bernommen haben, aber man sieht das eben auch im urbanen Prozess. Im Endeffekt haben die MigrantInnen im Brunnenviertel aber doch nicht so billig gewohnt, weil es sich schnell rumgesprochen hat, dass eine sozial verletzliche Bev&#246;lkerungsformation in diese Gebiete zieht. HausbesitzerInnen und Miethaie haben die Schw&#228;che der MigrantInen ausgenutzt, um denen f&#252;r schlechten Wohnraum hohe Mieten abzuziehen, ohne daf&#252;r irgendetwas in die H&#228;user zu investieren. Die Gegend war insofern von starker Desinvestition und Kapitalexodus gepr&#228;gt. Es kam zu einer gewissen „Verslumung“ im Brunnenviertel.<br />
Trotzdem haben es t&#252;rkische oder jugoslawische &#214;sterreicherInnen geschafft, aus dem Brunnenviertel das zu machen, was es heute ist. Es ist eben kein Ghetto: Es gibt Gr&#228;tzel, es gibt soziale Koh&#228;sion, es gibt Kommunikation. Es nervt mich wahnsinnig, wenn man das Brunnenviertel als verbrannte Erde darstellt, wo sich eh nur die „Tschuschen“ den „Sch&#228;del einschlagen“. Das ist Quatsch. Es ist ein Viertel, das &#252;ber viele Jahrzehnte in einer Krise war, aber trotz dieser Krise haben es die Leute dort geschafft, ein lebendiges Viertel zu schaffen, von dem Zuz&#252;glerInnen heute profitieren! </p>
<p><em>Wie wurde aus dem Brunnenviertel der 1970er und -80er Jahre das, was man heute sieht, wenn man den Yppenplatz betritt?</em></p>
<p>Das ist eine sehr gute Frage. Ich glaube, man muss das im Kontext der ber&#252;hmten G&#252;rtelsanierung sehen. Es gibt in Wien einen Stadtentwicklungsplan, in dem die Stadt ihre prim&#228;ren Entwicklungsgebiete definiert und festlegt, was mit der Stadt in Zukunft passieren soll. Ende der 1990er Jahre war das G&#252;rtelgebiet eine ganz wichtige Zone dieses Plans, ein sogenannter <em>Fokus-Point</em>. Der G&#252;rtel war und ist ja immer noch ein bisschen ein Rotlichtgebiet. Bis hinein in die 1990er Jahre war das die No-Go-Area von Wien. Eine Gegend, wo man mit dem Auto durchf&#228;hrt, aber nicht spazieren geht; wo die Mutter der Tochter beim Vorbeifahren die Augen zuh&#228;lt; Das war der G&#252;rtel, eine Gegend, wo der „g’schupfte Ferdl“ am Wochenende mit dem Feitl im Sack Tanzen geht.<br />
Die Stadt Wien ist angetreten, das zu &#228;ndern. Es war aber klar, dass gerade bei dieser Fama das private Kapital nie in irgendwelche Projekte am G&#252;rtel investieren w&#252;rde. Wien hat aber die neoliberalen Zeichen der Zeit erkannt: statt die soziale Situation in der Stadt durch viertel&#252;bergreifende, &#246;ffentliche Investitionen zu &#228;ndern, versucht man, <em>Public-Private-Partnerships</em> (PPP) zu schaffen. Dabei geht es darum, das &#246;ffentliche Subventionen einen privaten Kapitalzufluss vereinfachen oder erm&#246;glichen sollen. Letztlich wird versucht, den Standortwettbewerb &#252;ber &#246;ffentliche Mittel f&#252;r sich zu entscheiden. Und genau das ist am G&#252;rtel passiert. Man hat dort versucht, einen kreativen <em>Cluster </em>anzusiedeln, indem man z. B. Clubs die G&#252;rtellokale zur Verf&#252;gung gestellt hat, gratis oder sehr billig.  Dann gab es dieses IP2-Projekt [futuristisches B&#252;rogeb&#228;ude am G&#252;rtel, Anm. d. Red.], wof&#252;r Kapital von der Sparkasse angeworben wurde. Teilweise haben diese Projekte funktioniert, teilweise auch nicht: die Lokale innerhalb des G&#252;rtelbogens sind erfolgreich, das IP2-Geb&#228;ude steht auch da, wobei niemand wei&#223;, was man damit anfangen soll. In jedem Fall wurde als Nebeneffekt dieses Prozesses auch das Brunnenviertel wieder neu entdeckt. Der „MigrantInnenslum“ von Wien hat sich zu einem Fokus f&#252;r PPP und die Sanfte Stadterneuerung entwickelt. Die Gentrifizierung ist zwar noch in einem relativ fr&#252;hen Stadium, aber man kann sehr sch&#246;n beobachten, wie Kunst und Kultur eine Pionierrolle f&#252;r eine Kapitalr&#252;ckkehr &#252;bernehmen. Interessanterweise haben im Brunnenviertel historisch immer auch Mehrheits&#246;sterreicherInnen gewohnt, die sich das Wohnen in anderen Teilen der Stadt nicht leisten konnten oder die gerne dort gewohnt haben. Ein Beispiel ist Ulla Schneider, die Initiatorin des Kunst- und Kulturfestivals <em>Soho in Ottakring</em>. Die wohnt schon ewig in dem Viertel und hatte die Idee, aus den ganzen Leerst&#228;nden, die sich im Viertel ergeben haben, etwas zu machen. Mit Unterst&#252;tzung der Stadt Wien, des Gr&#228;tzel- bzw. Quartiermanagements hat sie dann <em>SoHo in Ottakring</em> aufgebaut. Was nun passierte, war faszinierend zu beobachten: Pl&#246;tzlich str&#246;mten diese Kunst-PionierInnen in das Viertel und was davor noch ein „Problem“ war, was „h&#228;sslich“ war, ein leerer oder verklebter Laden, Wettb&#252;ros usw., war pl&#246;tzlich aufregend und interessant, also kulturelles Kapital. Á la „K&#252;nstlerInnen gehen jetzt ins Ghetto und machen was draus“.<br />
Dabei wurde den <em>SoHo in Ottakring</em>-Leuten schnell klar, dass sie vielleicht auch instrumentalisiert werden, dass sie sich mit den Geistern auseinandersetzen m&#252;ssen, die sie riefen. Sie haben dann versucht, mit einer klar antirassistischen Ausrichtung gegenzusteuern. Das haben viele Leute begr&#252;&#223;t, dass <em>SoHo </em>versucht, sich zu politisieren und sagt: „Wir sind hier keine Vermittlungsagentur f&#252;r leere Ladenr&#228;ume“. Es gab dann viele Projekte und antirassistische Initiativen, die versucht haben, bei der Geschichte des Viertels anzusetzen und sich damit zu besch&#228;ftigen. Das ist auf relativ positiven Respons gesto&#223;en. Dabei ist aber eines der zentralen Dilemmata in Gentrifizierungsprozessen sichtbar geworden: Diese positiven, kleinr&#228;umlichen, antirassistischen, durchaus links oder links-liberal gepr&#228;gten Initiativen laufen nat&#252;rlich Gefahr, dass sie von jenen Makrokr&#228;ften &#252;berrollt werden, die sie eigentlich kritisieren. Ich glaube, um die Verquickung von Kunst und Gentrifizierung zu erkennen, muss man auch mal den Standpunkt eines/r Immobilieninvestors/in einnehmen.<br />
<em>Conwert </em>ist daf&#252;r ein gutes Beispiel, das ist ein wichtiger Player in der Altbaukapitalisierung in Europa. Ich habe mich im Zuge meiner Diplomarbeit mit denen besch&#228;ftigt, sie interviewt. Die haben das <em>OSEI</em>-Geb&#228;ude, wo das traditionelle Kaufhaus der j&#252;dischen Familie Seidenglanz drinnen war, gekauft und &#252;ber zwei Jahre f&#252;r tempor&#228;re Nutzung zur Verf&#252;gung gestellt, damit sich dort K&#252;nstler austoben k&#246;nnen. Danach wurde das Geb&#228;ude abgerissen. Aus der Perspektive von Conwert – und das wurde mir im Interview ganz offen gesagt – ist die Kunst nur ein <em>selling-point</em>, so kommen sie in das Viertel rein. Die Kunst hat einfach einen besseren Ruf als das Kapital und sie wurde genutzt, um das <em>Conwert</em>-Projekt an die Leute zu verkaufen. Das kostet sie nichts, der Raum wird sowieso nicht genutzt. Also setzen sie da Kunst rein, um Plus-Punkte bei der Bev&#246;lkerung zu sammeln. Weil: Irgendwann kommt der Punkt, wo die Abrissbirne da reinkracht. Und dann w&#252;rden einige Leute wahrscheinlich Probleme machen. Das ist ein potentieller Konfliktpunkt, an dem klar werden k&#246;nnte, was die mit ihrem Viertel machen wollen. Dann ist die entscheidende Frage, ob die Investmentfirma geschickt war, ob sie es geschafft hat, &#252;ber einen langen Vorlaufprozess ihr Risikokapital abzusichern. Und ob es ihr gelungen ist, sich &#252;ber die Kunst ein Gesicht zu verleihen. An und f&#252;r sich hat so eine Firma ja kein Gesicht, sie ist eine k&#252;hl kalkulierende Maschine und vor allem ihren InvestorInnen verpflichtet.<br />
Als KulturschaffendeR muss man sich schon fragen, ob man nicht vielleicht etwas ges&#228;t hat, das dann von einem/einer InvestorIn geerntet werden kann.</p>
<p><em>Warum ist es denn f&#252;r ImmobilieninvestorInnen wie Conwert &#252;berhaupt derart &#246;konomisch interessant, gerade in Wien und in Orte wie das Brunnenviertel zu investieren?<br />
</em><br />
<em>Conwert </em>ist eigentlich ber&#252;hmt daf&#252;r, in Osteuropa Zonen aufzuwerten, in denen w&#228;hrend des so genannten Realsozialismus Desinvestment stattfand, und dadurch eine riesige <em>rent-gap</em> zu erwirtschaften. Heute wenden sie ihre Taktik aber nicht mehr nur an der [ehemaligen] osteurop&#228;ischen Peripherie, also in St&#228;dten wie Warschau, Krakau oder Budapest an, sondern eben auch in der Peripherie von Wien, und dort in einem traditionellen, migrantischen ArbeiterInnenbezirk wie dem Brunnenviertel. Sie verf&#252;gen &#252;ber sehr viel Risikokapital und versuchen jetzt neue Zonen zu erschlie&#223;en. Im Brunnenviertel war die Situation besonders interessant. Zun&#228;chst kam es nicht zu einem gro&#223;en Kapitalzufluss, weil klar war, dass man aus den aufgewerteten Substandardwohnungen verh&#228;ltnism&#228;&#223;ig wenig herausholen kann. Die<em> rent-gap </em>wird durch die Sanfte Stadterneuerung ein St&#252;ck weit reduziert. Wo sie aber voll aufklafft und wo sagenhafte Renditen erzielt werden k&#246;nnen, das ist in den Dachb&#246;den der H&#228;user. Die sind nicht wirklich eingesch&#228;tzt, da k&#246;nnen von Eliten-KundInnen hohe Mieten lukriert werden. Deshalb ist der Dachausbau im Brunnenviertel und auch in allen anderen ehemaligen ArbeiterInnenvierteln in Wien f&#252;r InvestorInnen extrem attraktiv. Manche Bautr&#228;gerInnen lassen es sich gefallen, ein paar Wohnungen darunter zu renovieren, nur damit sie an das Dachgeschoss heran kommen, wo sie dann ein gro&#223;es Penthouse errichten.<br />
Oder du machst es gleich so wie es z. B. <em>Conwert </em>beim <em>OSEI </em>gemacht hat, du l&#228;sst die Abrissbirne auffahren, rei&#223;t das ganze Geb&#228;ude nieder und ziehst ohne staatliche Vorgaben vom Rei&#223;brett aus ein neues „Loft-Living-Paradies“ auf. Das sind dann nat&#252;rlich die krassesten Einschnitte, weil es optisch heraussticht und massiv in Tradition und Stadtbild des Viertels eingreift. Und es kommt eben auch zu einem 100%igen Bev&#246;lkerungsaustausch, denn in dem Geb&#228;ude ist unten ein Supermarkt und eine Polizeistation und oben wohnen keine Leute, die schon davor im Viertel gewohnt haben. </p>
<p><em>Sind solche Eingriffe in Wien nicht schwieriger umzusetzen, wegen des starken Einflusses des lokalen Staats? </em></p>
<p>Die Stadtverwaltung proklamiert bei jeder Gelegenheit „Wien ist anders“ und dass sie Wert darauf legt, dass sich Gentrifizierung bei uns nicht entfalten kann. Wir haben ein starkes MieterInnenschutzgesetz, das noch aus der ersten Republik stammt und welches das Kommodifizierungspotential massiv einschr&#228;nkt. Das stimmt auch, es gibt dieses MieterInnenschutzgesetz mit Richtzinsen usw. tats&#228;chlich und es ist auch wirklich immer noch eines der progressivsten der Welt. Das ist eine wichtige Errungenschaft aus der ersten Republik, aus dem Roten Wien, die es zu verteidigen gilt. Aber: Dieses Gesetz senkt das Kommodifizierungspotential von Raum in der Stadt. Die Innenbezirke waren durch das MieterInnenschutzgesetz streng reguliert und das Kapital hatte kein Interesse, da gro&#223; zu investieren. Das ist die Krux f&#252;r eine neoliberalisierte Sozialdemokratie, dass sie noch mit den Gesetzen aus dem Roten Wien zu k&#228;mpfen hat. Die Sanfte Stadterneuerung war auch eine Antwort auf diese Widerspr&#252;chlichkeit. Aus der Perspektive der Stadt Wien sollte sie dem Einfall von internationalem Investitionskapital, wie er f&#252;r Gentrifizierungsprozesse typisch ist, in die traditionellen und krisenhaft destabilisierten ArbeiterInnenviertel von Wien von vorne herein klare Grenzen setzen. Die Hoffnungen ruhten auf den lokalen Gebietsbetreuungen, die in diesen gr&#252;nderzeitlichen Zonen eben daf&#252;r sorgen sollten, dass es zu einem Zuzug einer mittelst&#228;ndischen sozialen Formation kommt, aber nicht zu einer Vertreibung der alten EinwohnerInnenschaft. Den Spagat, den die Stadt und die Gebietsbetreuung dort t&#228;glich versucht, ist einerseits die Rahmenbedingungen f&#252;r Kapitalzufluss zu schaffen, gleichzeitig aber auch daf&#252;r zu sorgen, dass die Leute nicht verdr&#228;ngt werden.</p>
<p><em>Was erhofft sich die sozialdemokratische Stadtregierung denn von dieser Aufwertung, warum ist sie politisch gewollt?</em></p>
<p>Wenn Du mit einem/r Repr&#228;sentanten/in der Stadtverwaltung oder so einem/r Quartiers-„ManagerIn“ im Brunnenviertel sprichst, dann werden die sagen: Dieses Viertel ist in einer Krise, wir m&#252;ssen es retten. Wir wollen, dass die besser verdienende urbane Mittelschicht, eine aufstiegsorientierte soziale Formation, in das Viertel zieht. Die Angeh&#246;rigen dieser Schicht mit ihren postfordistischen Wirtschaftsformen und ihren alternativen Lebensstilen geben auf dem Markt mehr Geld f&#252;r teurere Produkte aus. Sie gehen davon aus, das Viertel k&#246;nne ja nur besser und sch&#246;ner werden, wenn kaufkr&#228;ftiges Publikum reinkommt. Insgesamt w&#252;rde die migrantisch gepr&#228;gte, lokale Bev&#246;lkerung davon profitieren. Man k&#246;nne die „Ghettoisierung“ des Brunnenviertels – und noch mal, ich glaube nicht, dass es ein Ghetto ist, aber dieses moralische Argument wird bewusst eingesetzt – aufbrechen, indem man da eine Mittelschicht reintransplantiert. Dass soll dann &#252;ber einen <em>trickle-down</em>-Effekt auch positive Folgen f&#252;r die dort ans&#228;ssige Bev&#246;lkerung haben. Im Endeffekt sind das <em>reagonomics</em>: Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut. Das sehe ich sehr kritisch.<br />
Auch das Argument, der „Ghettoisierung“ m&#252;sse soziale Durchmischung entgegen gesetzt werden, geht meiner Ansicht nach nicht auf: Nur die Nachbarschaft alleine garantiert noch keine soziale Durchmischung. Das ist ja auch das Faszinierende am Brunnenviertel, dass sich dort eine neue soziale Formation ihren Platz nimmt und ganz andere Repr&#228;sentationsmodi einbringt. Damit kann die bestehende Bev&#246;lkerung oft nicht so viel anfangen. Es kommt zu Parallelph&#228;nomenen wie z.B. am Yppenplatz, wo der westliche Teil, wo die Fu&#223;ballk&#228;fige stehen, stark in t&#252;rkischer Hand ist, w&#228;hrend der andere Teil, der Latte-Machiato- und Bioteil, in der Hand der Zuz&#252;gler ist. Wo passiert da die Durchmischung? Die passiert h&#246;chstens mal im Konsum, wenn sich einE Falter-LeserIn einen Kebab holt, aber sonst? Die Durchmischung, die von der Stadt Wien versprochen wird, die sich aber dann nur selten erf&#252;llt, die m&#252;sste eigentlich von den neuen BewohnerInnen unter politischen Vorzeichen forciert werden. Das ist f&#252;r mich die Herausforderung, in einem Viertel zu wohnen, das die Stadtv&#228;ter f&#252;r die Gentrifizierung auserkoren haben.</p>
<p><em>Sind Argumente wie Trickle-down-Effekt oder soziale Durchmischung in Zeiten, in denen die Mehrheit der Bev&#246;lkerung mit &#246;konomischer und sozialer Prekarisierung konfrontiert ist, nicht ohnehin absurd? M&#252;ssten Aufwertungsprozesse nicht grade jetzt gestoppt und politisch eine De-Kommodifizierung von Wohnraum durchgesetzt werden?</em></p>
<p>Dass die Einkommensschere auseinandergeht, ist unter kritischen SozialwissenschaftlerInnen ein Allgemeinplatz. Wir sind mit dem Ph&#228;nomen konfrontiert, dass der Verdienst der meisten Menschen stagniert, w&#228;hrend die Mieten steigen. Sie m&#252;ssen deshalb relativ gesehen immer mehr Geld f&#252;r ihren Wohnraum aufwenden. Gerade der steigende Anteil derer, die unter prek&#228;ren Arbeitsbedingungen besch&#228;ftigt sind, die nur mehr &#252;ber wenig Lohn verf&#252;gen, ist eigentlich auf ein Angebot von Substandardwohnungen angewiesen. Dagegen argumentiert z. B. Wolfgang F&#246;rster, der Leiter des Referats Wohnbauforschung der Stadt Wien, es sei zynisch zu sagen: Wir m&#252;ssen den miesen Substandard erhalten, damit die Leute eine billige Wohnm&#246;glichkeit haben. Ich verstehe das Argument, aber das Problem ist: F&#246;rster ist Protagonist einer Stadtplanung, die den Substandard aufwertet, ohne die negativen Folgen dieser Aufwertung verhindern zu k&#246;nnen.<br />
Ich bin der Meinung, dass der Wohnraum eine Umverteilungsfunktion &#252;bernehmen muss, dass Wohnraum &#252;berhaupt aus der Kommodifizierung rausgenommen werden sollte, wie es das Rote Wien auch immer propagiert hat. Stattdessen hat gerade der &#246;ffentliche Wohnsektor seit 2000 einen Neoliberalisierungs- und Kommodifizierungsschub erhalten. 2000 gab es eine Revision der staatlichen Gesetzgebung, bei der die M&#246;glichkeit geschaffen wurde, dass Wohnbaugenossenschaften Wohnraum im Gemeindeeigentum auf dem freien Markt verkaufen k&#246;nnen. Es entstanden neue PPP-Konstellationen. Damit kehrte endg&#252;ltig die Logik des freien Marktes in den Sektor des &#246;ffentlichen Wohnbaus zur&#252;ck. Das f&#252;hrte zu einer Reduktion der &#246;ffentlichen Wohnbaut&#228;tigkeit, auch um die Mietpreise hoch zu treiben, weil das nat&#252;rlich im Interesse des Privatkapitals ist. Gleichzeitig investiert die &#246;ffentlichen Hand seit 2000 sehr viel Geld in repr&#228;sentative Gro&#223;projekte, die v. a. auf die urbane Mittelklasse ausgerichtet sind, wie z. B. der Bau von Zaha Hadid neben der Wirtschaftsuniversit&#228;t oder diese Gartenstadt in Ottakring. Die ist ein <em>Partnership </em>zwischen der Stadt Wien und der Ottakringer Brauerei und ber&#252;cksichtigt &#246;kologische und intrasoziale Faktoren. Die Wohnatmosph&#228;re ist dort sicher auch ganz toll, aber es stellt sich die Frage: F&#252;r wen wird gebaut? Sicher nicht mehr f&#252;r die Leute, die von den Gemeindebauten der 1960er, -70er und auch noch -80er Jahren profitiert h&#228;tten. Da wohnen eher kreative Leute aus dem gehobenen Dienstleistungssektor und der Mittelklasse. Dieselbe neue, urbane, gr&#252;n-rote Elite, die stark international verkn&#252;pft und sozial h&#246;chst mobil ist und &#252;ber ein hohes soziales und kulturelles Kapital verf&#252;gt, die sich mit Unterst&#252;tzung der Stadt Wien etwa auch in den sanierten Altbauten im Innerg&#252;rtel-Bereich niedergelassen hat. </p>
<p><em>Warum wehrt sich hier eigentlich niemand, wenn kaum mehr neuer Wohnraum f&#252;r untere Einkommensschichten geschaffen und gleichzeitig im Zuge von Gentrifizierungsprozessen der letzte g&#252;nstige Wohnraum zu Tode saniert wird?<br />
</em><br />
Man muss sich tats&#228;chlich wundern, wieso in Wien sowenig passiert. In Berlin brennen in den Gentrifizierungs-Hotspots seit f&#252;nf Jahren die Autos. Ich finde das nicht besonders progressiv, aber es ist doch Ausdruck der Wut &#252;ber Gentrifizierung. Dass es so etwas in Wien nicht gibt, liegt glaube ich auch daran, dass es hier eine spezifische, extrem effektive Form der <em>Governance </em>gibt: Das Gr&#228;tzel-Management. Stadterneuerungsma&#223;nahmen werden hier immer von gouvernementalen Kontrollmechanismen begleitet. Dort, wo Reibereien entstehen k&#246;nnten, steht das Gr&#228;tzel-Management bereit, um den sozialdemokratischen Schiedsrichter zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Kapital und BewohnerInnen zu spielen. Dass z. B. das Conwert-Projekt so friedlich ablief, w&#228;re ohne ein intensives Gr&#228;tzel-Mangagement nie m&#246;glich gewesen.</p>
<p><em>Abschlie&#223;end noch eine Frage, die man sich immer stellt, wenn man selbst in einem Viertel wohnt, das aufgewertet wird, und als StudentIn oder KulturschaffendeR dabei eine potentielle Pionierrolle einnimmt: Tr&#228;gt man individuelle Verantwortung f&#252;r Gentrifizierung-Prozesse?</em></p>
<p>Es ist faszinierend, dass Anti-Gentrifizierungs-Bewegungen immer von Leuten getragen werden, die selbst potentielle Pionierleistungen &#252;bernehmen. Historisch war es immer schon so, dass die K&#252;nstlerInnen oder &#228;rmere StudentInnen in der Nachbarschaft von ArbeiterInnen gewohnt haben. Die Frage ist nur: Schaust Du dich um, wo Du lebst, setzt Du dich damit auseinander, versucht du was dagegen zu tun? Weist du deine Pionier-Rolle vielleicht auch zur&#252;ck und sagst: Nein, ich m&#246;chte eigentlich kein Kartograph f&#252;r den Kapitalzufluss sein, sondern ich m&#246;chte daf&#252;r k&#228;mpfen, dass so etwas in diesem Viertel nicht passiert – und vor allem nicht wegen mir. Vielleicht kann das auch ein St&#252;ck weit eine moralische Verpflichtung sein. Ich glaube nicht, dass allein die Anwesenheit von K&#252;nstlerInnen oder StudentInnen in traditionellen ArbeiterInnenvierteln einen S&#252;ndenfall darstellt. Ich glaube, dass man sich ansehen muss, wo man lebt, und dann muss man seinen Widerstand genauso lokal leisten wie alle anderen auch.</p>
<p>Danke f&#252;r das Interview.</p>
<p>Jakob Weingartner studierte Soziologie in Wien, Paris und New York und lebt heute in Berlin. Er verfasste seine Diplomarbeit zum Ph&#228;nomen der Gentrifizierung am Beispiel des Brunnenviertels in Wien. Anschlie&#223;end absolvierte er einen Postgraduierten-Studiengang an der Universidad del Cine in Buenos Aires. Aktuell arbeitet er an einem Dokumentarfilm &#252;ber jugendliche BoxerInnen aus den Armenvierteln von Buenos Aires.</p>
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		<title>Out now: Perspektiven Nr. 11</title>
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		<pubDate>Tue, 04 May 2010 16:54:34 +0000</pubDate>
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Die brandneue Perspektiven ist da!
Im Schwerpunkt:
Gruppe Perspektiven: Thesen zur Wien-Wahl 2010 – Veronika Duma, Katherina Kinzel, Fanny M&#252;ller-Uri und Tobias Zortea: Aufstand in der Vorstadt: Wiens verborgene Klassenk&#228;mpfe um 1900 – Benjamin Opratko und Stefan Probst: Sozialismus in einer Stadt? Austromarxismus und das Rote Wien – Assimina Gouma, Petra Neuhold, Paul Scheibelhofer und Gerd Valchars [KriMi]: [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Schwerpunkt: Wie Rot ist Wien?</h3>
<p style="text-align: center;"><a href="http://www.perspektiven-online.at/category/ausgaben/perspektiven-nr-11/"><img class="size-medium wp-image-807 aligncenter" title="p11cover" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2010/05/p11cover-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" /></a></p>
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<p><a><strong>Die brandneue Perspektiven ist da!</strong></a></p>
<p>Im Schwerpunkt:</p>
<p><a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/05/09/thesen-zur-wien-wahl-2010/">Gruppe Perspektiven: Thesen zur Wien-Wahl 2010</a> – Veronika Duma, Katherina Kinzel, Fanny M&#252;ller-Uri und Tobias Zortea: Aufstand in der Vorstadt: Wiens verborgene Klassenk&#228;mpfe um 1900 – <a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/05/04/sozialismus-in-einer-stadt/">Benjamin Opratko und Stefan Probst: Sozialismus in einer Stadt? Austromarxismus und das Rote Wien</a> – Assimina Gouma, Petra Neuhold, Paul Scheibelhofer und Gerd Valchars [KriMi]: Migration &#8211; Fangfragen f&#252;r das „rote“ Wien – Interview mit Jakob Weingartner: Sanfte Verdr&#228;ngung: Gentrifizierung in Wien – Florian Reiter: Wiens Salzamt: Neoliberalismus und der Fonds Soziales Wien</p>
<p>Au&#223;erhalb des Schwerkpunkts:</p>
<p>Interview mit Ashraf Cassiem, Mncedisi Twalo, Romin Khan, Alexander Kleider und Daniela Michel: Anti-R&#228;umungskampagne: soziale K&#228;mpfe in S&#252;dafrika – <a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/05/04/die-beauty-queen-der-finanzmaerkte/">Fabio De Masi: Die Beauty-Queen der Finanzm&#228;rkte: Zur Krise in Griechenland </a>- Rezensionen und Rosinenpicken</p>
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