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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Soziale Bewegungen</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>SlutWalk Bewegung</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Sep 2011 09:33:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>nico</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterverhältnisse]]></category>
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		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;We live in a society that teaches DON’T GET RAPED instead of DON’T RAPE&#8221; &#8211; &#220;ber victim blaming, sexualisierte Gewalt und die viel diskutierte Begriffsaneignung im Zuge der SlutWalk Bewegung schreibt Fanny M&#252;ller-Uri.

Ein Blick auf die Vergewaltigungs-Gerichtsprozesse à la Strauss-Kahn der letzten Monate verdeutlicht, wie aktuell diese Feststellung ist. Das gesellschaftliche Problem der Verharmlosung, Normalisierung und Akzeptanz von Gewalttaten an [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>&#8220;<a href="http://www.peopleofcolororganize.com/analysis/slutwalk-march-march/"><em>We live in a society that teaches DON’T GET RAPED instead of DON’T RAPE</em></a>&#8221; &#8211; &#220;ber <em>victim blaming</em>, sexualisierte Gewalt und die viel diskutierte Begriffsaneignung im Zuge der SlutWalk Bewegung schreibt <em>Fanny M&#252;ller-Uri</em>.<br />
<span id="more-2305"></span><br />
Ein Blick auf die Vergewaltigungs-Gerichtsprozesse à la Strauss-Kahn der letzten Monate verdeutlicht, wie aktuell diese Feststellung ist. Das gesellschaftliche Problem der Verharmlosung, Normalisierung und Akzeptanz von Gewalttaten an Frauen ist nun Zielscheibe einer neuen, lautstarken feministischen Bewegung: der weltweiten SlutWalks. In &#252;ber <a href="http://www.slutwalktoronto.com/satellite/satellites-list-dates">f&#252;nfzig</a> St&#228;dten haben sie bereits stattgefunden, in mindestens genauso vielen, darunter auch Wien, sind sie momentan in Planung. Die Debatten in und um die SlutWalk Bewegung sind vielf&#228;ltig, einige werden auch hier zur Diskussion gestellt.</p>
<p><strong><em>Victim blaming</em>: Ein Mythos mit realen Auswirkungen</strong><br />
Minimalkonsens der Bewegung ist der Widerstand gegen einen alten Mythos, der im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Verharmlosung von Gewalt an Frauen, die juristisch legitimierte T&#228;ter-Opfer-Umkehr (engl. <em>victim blaming</em>), steht. Jener soll uns weismachen, dass M&#228;nner Opfer ihres Sexualtriebs w&#228;ren und Gewalt legitimierbar sei, wenn sie einer Frau mit Minirock begegneten.<br />
Dies war auch Z&#252;ndstoff des ersten SlutWalks in Toronto am 3. April diesen Jahres. Ausl&#246;ser war die Aussage eines Polizisten, Michael Sanguinetti, der eigentlich an einer Universit&#228;t einen Pr&#228;ventionskurs zum Thema Sicherheit am Campus machen sollte. Mit dem Satz: &#8220;<em><a href="http://slutwalk.net/?p=1">Women should avoid dressing like sluts in order not to be victimized</a></em>&#8221; bediente er anhand von <em>victim blaming</em> einen Ausschnitt dessen, was in feministischen Traditionen als <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Rape_culture"><em>rape culture</em></a> oder <em>culture of violence</em> bezeichnet wird.<br />
Die Annahme, es handle sich bei Vergewaltigungen um sexuelle Handlungen ist noch immer mehrheitsf&#228;hig. Vergewaltigungen und sexualisierte &#220;bergriffe m&#252;ssen aber als <a href="http://www.sueddeutsche.de/muenchen/schlampenmarsch-in-muenchen-ende-der-vorurteile-1.1128142-2">&#8220;eine Form der Machtaus&#252;bung mit dem Mittel der Sexualit&#228;t [verstanden werden]. (…) Es geht dabei darum, Macht &#252;ber jemanden auszu&#252;ben, jemanden zu erniedrigen &#8211; und das ist eine gesellschaftliche Sache…“</a> und Ausdruck von Gewalt und Unterdr&#252;ckung – Gewalt hat System.</p>
<p>Sanquinettis Aussage spiegelt diese gesellschaftlichen Diskurse wider und spricht damit aus, was in den K&#246;pfen vieler Menschen allzu oft auf Zustimmung trifft. Dies mag zwar immer noch breiter Konsens in der Gesellschaft sein, aber diesmal erzeugte es auch breiten Widerstand. Zu Recht und v&#246;llig emp&#246;rt gingen daraufhin tausende Menschen auf die Stra&#223;e und formierten sich zu einer dynamischen, undogmatischen und kreativen Demonstration. Denn niemand hat das Recht, Gewalt an Frauen auszu&#252;ben, egal wie sie sich verhalten (etwa Trunkenheit, Herumgeflirte oder Alleine-am-Nachhauseweg-Sein) oder sich kleiden (ob bauchfrei, Minirock oder Kartoffelsack). Obwohl es keinen Dresscode gibt, spielen viele SlutWalk-TeilnehmerInnen mit der Kleidung und rufen unmissverst&#228;ndlich: „<em>My clothes are not louder than my voice! Enough is enough!</em>“</p>
<p><strong>„<em><a href="http://www.plyrics.com/lyrics/xrayspex/ohbondageupyours.html">Oh Bondage, </a></em><a href="http://www.youtube.com/watch?v=ogypBUCb7DA">Up Yours!</a>&#8221; und der Mythos der dunklen Gassen</strong><br />
Die SlutWalk-Bewegung konzentriert sich haupts&#228;chlich auf sexualisierte Gewalt im &#246;ffentlichen Raum. Dies ist auch &#252;berf&#228;llig und stellt sich dem Sicherheitswahn, der gerne in Form repressiver Mittel wie Videokameras, privater Securities und selbsternannter B&#252;rgerwehren auftritt, entgegen. Denn der ausgelebte, machoide „Besch&#252;tzerinstinkt“ ersetzt keine Freir&#228;ume, in denen sich Frauen unbeschwert bewegen k&#246;nnen. Die SlutWalks fahren damit einen vielleicht neuen Diskurs: selbstbewusst ergreifen sie die Definitionshoheit und  beziehen damit klare Position. Gleichzeitig wird ein Faktum bisher wenig beachtet. Tats&#228;chlich finden die meisten sexualisierten &#220;bergriffe und Vergewaltigungen nicht in den dunklen Gassen, am Campus oder in Parks statt, sondern in den eigenen vier W&#228;nden bzw. im Bekannten- und Verwandtenkreis. <a href="http://www.profil.at/articles/1101/560/285909/intimsphaerenrisse-sexuelle-uebergriffe-bereich">90% der Betroffenen kennen ihre T&#228;ter</a>. H&#228;usliche Gewalt wird bisher von den wenigsten SlutWalks thematisiert, Gewalt gegen Frauen auf den „&#246;ffentlichen Raum“ reduziert.  Dies ist bis dato eine Schw&#228;che der SlutWalk Bewegung und erkl&#228;rt sich bis zu einem gewissen Grad aus der vermeintlichen Losl&#246;sung von einer breiteren anti-sexistischen Praxis und historischen Frauenbewegungen.</p>
<p><strong>It‘s a new <em>feminist</em> movement, yay</strong><br />
Inzwischen kann nicht mehr von einem punktuellen anti-sexistischen Protest gesprochen werden. Weltweit finden seitdem SlutWalks statt, dadurch dringen anti-sexistische und feministische Themen in die breite &#214;ffentlichkeit – in den Malestream. Auff&#228;llig scheint hierbei die Abwehr vieler TeilnehmerInnen, sich als feministisch zu bezeichnen. Dies mag an der negativen Konnotation des Begriffs liegen, welche in der &#214;ffentlichkeit zelebriert wird. Zweifelsohne gibt es nicht blo&#223; <em>eine</em> feministische Str&#246;mung, um es aber kurz und b&#252;ndig mit den Worten der gro&#223;en <a href="http://books.google.com/books?id=uvIQbop4cdsC&amp;lpg=PR3&amp;hl=de&amp;pg=PR11#v=onepage&amp;q&amp;f=false">bell hooks</a> auszudr&#252;cken: „<em>Feminist struggle takes place anytime anywhere any female or male resists sexism, sexist exploitation, and oppression. Feminist movement happens when groups of people come together with an organized strategy to take action to eliminate patriarchy.&#8221; </em> Fakt ist, dass die Zusammensetzung der TeilnehmerInnen eine <a href="http://www.slutwalktoronto.com/satellite/satellites-list-dates">vielf&#228;ltige</a> ist:  ob jung oder alt, ob politisch schon l&#228;nger aktiv oder nicht , aber vor allem <em>all gender</em> machen sich f&#252;r SlutWalks stark und diese k&#246;nnen nicht abseits der Tradition feministischer K&#228;mpfe betrachtet werden. Egal ob sich die TeilnehmerInnen als feministisch definieren oder nicht – feststeht: „<em>Yes means Yes! No means No! &#8211; Keine Gewalt an Frauen!</em>“.</em></p>
<p><em><strong>Slut </em>– Strategie der Begriffsaneignung</strong><br />
Klarerweise entstehen in politischen Bewegungen unterschiedliche Strategien, wie man definierte Ziele benennt oder erreichen kann. &#220;ber die Begriffsaneignung Slut beispielsweise wird seit Monaten debattiert. Der Begriff Slut wurde zun&#228;chst <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/politik/353239/353240.php">ironisch</a> von den OrganisatorInnen herangezogen, um auf den spezifischen Kontext des <em>victim blamings</em> zu reagieren. Auch wenn die (R&#252;ck-)Eroberung von herrschaftlicher Sprache seit jeher feministische Tradition hat, so stellt sich erneut beim Begriff Slut die Frage, inwieweit sie exkludierend wirkt bzw. welche Funktion dem Gebrauch zukommt. Ohne weiteres kann es als Eroberung des Begriffs f&#252;r eine anti-sexistische Kampagne verstanden werden. Dennoch, Slut wirkt polarisierend, ist zutiefst vergeschlechtlicht und von Machtverh&#228;ltnissen durchzogen.<br />
Der Begriff exkludiert, denn viele Menschen wollen nicht unter einem Label aktiv werden, das Frauen als Ware, Objekt und Opfer tituliert. Denn der SlutWalk transportiert auch „<a href="http://www.perspektiven-online.at/2007/11/01/sexy-sexismus/">Sex and the City“-Sexyness</a>, die auf patriarchalen Frauenbildern basiert. Auch der gro&#223;e Zuspruch in den Malestream-Medien ist wohl nicht in einem breiten anti-sexistischen Konsens begr&#252;ndet, vielmehr gilt auch hier die mediale Logik des <em>Sex sells</em>. Die Bewegung profitiert vom medialen Interesse und erh&#246;ht dieses durch das bewusste Spiel mit dieser sexualisierten Begrifflichkeit. So lange die SlutWalks jedoch nicht auf „<a href="http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-69126.html">das Recht auf sexy Kleidung</a>“ reduziert werden und die feministische Botschaft in den Mainstream durchsickert, bleibt wohl nur zu sagen: In your face! Aber mal ehrlich – wo ist denn auch schon die Insel der Gl&#252;ckseligen?</p>
<p>Dass der Begriff Slut Kontroversen mit sich bringt, liegt auf der Hand. Fest steht, auch wenn eine Frau als Slut bezeichnet wird, nackt durch die Stra&#223;en zieht oder betrunken in der Ecke liegt – Gewalt an Frauen ist omnipr&#228;sent und niemals gerechtfertigt! „<em>Frauen, h&#246;rt ihr Frauen schreien, lasst die anderen nicht allein!</em>“ – Wir sehen uns bei dem n&#228;chsten SlutWalk-Treffen.</p>
<p></em></p>
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		<title>Griechenland: &#8220;Diese Schulden haben Klassencharakter!&#8221;</title>
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		<pubDate>Mon, 05 Sep 2011 09:08:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Union]]></category>
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		<description><![CDATA[Ramin Taghian sprach in Athen mit Haris Triandafilidou, Mitglied der Jugendorganisation von Synaspismos und dem Aktivisten Giorgos Saliaris, &#252;ber die Krise in Griechenland, die Besetzung des Syntagma-Platzes und den Widerstand gegen die neoliberale Sparpolitik der griechischen Regierung.

Was sind eurer Meinung nach die Ursachen der Krise in Griechenland?
Haris: Die M&#228;r, dass Griechenland &#252;ber seine Verh&#228;ltnisse gelebt h&#228;tte, die L&#246;hne zu hoch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Ramin Taghian</em> sprach in Athen mit <em>Haris Triandafilidou</em>, Mitglied der Jugendorganisation von <em><a href="http://www.syn.gr/en/in_deutsch.htm">Synaspismos </a></em>und dem Aktivisten <em>Giorgos Saliaris</em>, &#252;ber die Krise in Griechenland, die Besetzung des Syntagma-Platzes und den Widerstand gegen die neoliberale Sparpolitik der griechischen Regierung.<br />
<span id="more-2138"></span><br />
<em>Was sind eurer Meinung nach die Ursachen der Krise in Griechenland?</em></p>
<p>Haris: Die M&#228;r, dass Griechenland &#252;ber seine Verh&#228;ltnisse gelebt h&#228;tte, die L&#246;hne zu hoch waren und das der Grund f&#252;r die hohe Verschuldung sei, ist nicht wahr. Oft wird ja argumentiert, dass deswegen der griechische Kapitalismus nicht konkurrenzf&#228;hig sei. Aus meiner Sicht sind mehrere Punkte wichtig. Einerseits die weltweite Krise, die 2008 in den USA ausgebrochen ist. Ein weiterer Grund ist die Euro-Architektur an sich, also dass so viele unterschiedliche L&#228;nder unter einer W&#228;hrung existieren, es aber keine einheitliche Wirtschaftspolitik gibt. Das f&#252;hrt dazu, dass L&#228;nder wie Deutschland ohne Ende exportieren k&#246;nnen. Das sind immerhin 60 bis 70 Prozent der Exporte innerhalb der EU.<br />
Noch ein Problem ist, dass Griechenland zu extrem hohen Zinsen Kredite aufgenommen hat, um &#228;ltere Schulden abzubezahlen. Die europ&#228;ische Zentralbank (EZB) verleiht an Banken Geld zu einem Zinssatz von 1 Prozent. Diese wiederum verleihen das Geld an die jeweiligen Staaten mit sechs, sieben Prozent Zinsen weiter. Zu wenig thematisiert wurde ein weiterer Grund, weshalb die Staatskassen leer sind. Das Bankenrettungspaket entsprach etwa der H&#246;he der 110 Milliarden Euro, die jetzt das EU-Rettungsschirms vom letzten Jahr ausmachen. Im Prinzip ging also die Rettung der Banken auf Kosten der Gesellschaft, weil ja nicht nur der Staat, sondern die Gesellschaft daf&#252;r bezahlt.<br />
Die Ursachen liegen also einmal im internationalen kapitalistischen System, das in der neoliberalen Logik fu&#223;t, mit einem gro&#223;em Gewicht der Finanzm&#228;rkte, und der Europ&#228;ische Union mit ihrer Ausrichtung. Aber auch die konkreten Ma&#223;nahmen in Griechenland spielen eine Rolle. Als Griechenland dem Euro-Raum beigetreten ist, hatten wir zwischen 1997 und 2007 ein Wachstum von knapp 44 Prozent des BIP. Nat&#252;rlich wurde in diesen Zeiten nichts mit dem Geld angefangen, um z.B. &#252;ber Steuern irgendetwas in die Staatskassen zu bekommen. Stattdessen wurden Steuern auf gro&#223;e Unternehmen, Banken und andere Kapitalien gesenkt. Die Verschuldung blieb deshalb weiterhin auf 100 Prozent. Zus&#228;tzlich steht Griechenland an dritter oder vierter Stelle weltweit bei den R&#252;stungsausgaben im Verh&#228;ltnis zur Bev&#246;lkerung. Diese Schulden haben Klassencharakter!</p>
<p><em>Jetzt sind Sparpakete geplant. Wie hat sich die Krise konkret auf die Bev&#246;lkerung, auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen ausgewirkt?</em></p>
<p>Haris: Im letzten Jahr kam es zur Streichung des 13. und 14. Monatsgehalts. Gerade in den deutschen Medien galt das ja immer wieder als Beleg daf&#252;r, dass es den Griechen doch so gut gehe. In Griechenland werden aber extrem niedrige L&#246;hne gezahlt. Die Zusch&#252;sse zwei Mal pro Jahr gab es, damit das Ganze noch irgendwie aufgerechnet werden konnte. Wenn man sich &#252;berlegt, was eine normale Familie, die keine gro&#223;en Luxusausgaben hat, an Lebenshaltungskosten aufbringen muss, ist das schon krass. So sind die Lebensmittelpreise viel h&#246;her als etwa in Deutschland oder anderen europ&#228;ischen L&#228;ndern. Vor der Krise gab es bereits einen Anteil von 20 Prozent der Bev&#246;lkerung, die unterhalb der Armutsgrenze lebte. Unsere Generation war die „Generation der 700 Euro“. Wenn du einen Universit&#228;tsabschluss hast,  kannst du nicht damit rechnen mehr als 700 Euro zu verdienen. Dank der sozialistischen Regierung verdienst du als BerufseinsteigerIn jetzt nur mehr 560 Euro. Eine Genossin aus meiner Organisation hat Elektrotechnik studiert und letztes Jahr angefangen zu arbeiten. Sie hat viele &#220;berstunden gemacht und dann gesagt: „Ich will die irgendwie bezahlt kriegen oder in Urlaub gehen oder ich arbeite halt nur mehr die 8 Stunden.“ Sie wurde rausgeworfen und verdient jetzt 400 Euro im Monat als Kellnerin.</p>
<p>Giorgos: Ich habe zweieinhalb Jahre in einer Werbeagentur gearbeitet, die hatte zumindest ein paar Dinge wie eine private Krankenversicherung. Ich habe mit 700 Euro im Monat angefangen, im Vertrag stand ganz normal acht Stunden pro Tag, aber ich habe bis auf die Sommermonate noch nie blo&#223; acht Stunden dort gearbeitet. Ich musste jeden Tag 10-12 Stunden arbeiten und wurde noch nie f&#252;r die &#220;berstunden bezahlt. Irgendwann gab es zwar eine Gehaltserh&#246;hung auf 900 Euro im Monat, trotzdem ging es einfach nicht mehr, weil ich weiterhin immer mehr Stunden gearbeitet habe und allein die Fahrt dahin teuer war. Weil es keine Arbeitsrechte gibt, kannst du nichts dagegen machen. Irgendwann hatte ich die Schnauze voll und meinte, ich will nur die acht Stunden arbeiten. Deswegen wurde ich gefeuert, obwohl im Vertrag acht Stunden stehen. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat zu Beginn der Krise gesagt, wir Griechen w&#228;ren faul und w&#252;rden nicht arbeiten. Dabei arbeiten wir alle mehr als acht Stunden am Tag. Es hat sich herausgestellt, – das kam auch in Deutschland in ein paar Artikeln heraus &#8211; dass wir GriechenInnen mehr als alle Europ&#228;erInnen arbeiten. Das wird selten erw&#228;hnt.</p>
<p>Haris: Weiters baut das ganze Sozialversicherungssystem auf Sozialversicherungs-Marken auf. Eigentlich m&#252;ssten ArbeitgeberInnen diese kaufen und in die Sozialversicherungs-Hefte ihrer ArbeitnehmerInnen kleben. Wenn das aber nicht passiert und du trotzdem nicht auf deine Rente und Krankenversicherung verzichten willst, dann musst du dir diese Marken selbst kaufen, indem du Geld daf&#252;r sparst oder ausleihst. Wie viel das kostet kommt darauf an, bei welchem Versicherungsfond du das machst, wobei es sich um eine ganze Summe Geld handelt, gerade f&#252;r MigrantInnen, wenn man bedenkt, dass diese meist undokumentiert arbeiten und folglich nicht versichert sind. Du musst diese aber auch ansammeln, um das Recht zu haben, Arbeitslosengeld zu bekommen. Das wirkt sich wiederum auf arbeitsrechtliche Angelegenheiten aus. LehrerInnen zum Beispiel bekommen deswegen nie feste Vertr&#228;ge, sondern werden immer nur bis zum Sommer und an verschiedenen Schulen angestellt, damit sie nirgendwo eine feste Anstellung bekommen. Im Sommer werden sie entlassen und haben deswegen kein Recht auf Arbeitslosengeld. Dazu kommt, dass Korruption in Griechenland sehr weit verbreitet ist. Nun wurde ein Gro&#223;teil der Leute, die f&#252;r Steuereintreibung und Korruptionsbek&#228;mpfung zust&#228;ndig waren, weggek&#252;rzt. F&#252;r 900.000 Betriebe waren davor schon nur 1.000 Kontrolleure zust&#228;ndig. Dass die UnternehmerInnen dann Steuer hinterziehen, ist da wohl klar.</p>
<p><em>Wie ist die Situation im Gesundheitssektor?</em></p>
<p>Haris: Die Krankenversicherung zahlt der Staat, damit der Arbeitgeber nicht belastet wird. Sie k&#246;nnen diesen Hungerlohn zahlen, weil wir ja dem Kapital nicht an die Tasche d&#252;rfen. Letztes Jahr im Sommer ging durch die Medien: „Passt besonders gut auf, dass euch nichts passiert, damit ihr nicht ins Krankenhaus m&#252;sst. Denn es gibt keine Skalpelle, keine Operationsbesteck, es werden nur Notoperationen durchgef&#252;hrt.“ Das kam so: Nat&#252;rlich sind die Chefs der Krankenh&#228;user mit der <em>PASOK </em>(<em>Panellinio Sosialistiko Kinima</em>, die sozialdemokratische Partei Griechenlands, Anm) gut verbunden. Die haben lange Zeit alles, was an Mitteln f&#252;r die Krankenh&#228;user ben&#246;tigt wurde, bei verbandelten Unternehmen zu Preisen bestellt, die bis zu 200 Prozent &#252;ber dem Durchschnitt liegen. Die unterfinanzierten Krankenh&#228;user konnten das irgendwann nicht mehr bezahlen, und die Unternehmen haben aufgeh&#246;rt, Sachen zu liefern. Das war ein wunderbares Beispiel daf&#252;r, wie dieses <em>PASOK</em>-System funktioniert, welchen Klientelismus und Nepotismus die <em>PASOK </em>aufgebaut hat.<br />
Auch das &#246;ffentliche Schulsystem ist extrem unterfinanziert. Um die Hochschulzugangsberechtigung zu bekommen, also die Pr&#252;fung zu bestehen, bist du gezwungen Privatunterricht zu nehmen. Den m&#252;ssen die Eltern aus eigener Tasche zahlen. Vor zwei Jahren bedeutete das f&#252;r jede Familie 7.500 Euro. Wer hat denn so viel Geld?</p>
<p>Giorgos: Deswegen sind die Leute auch gezwungen, Kredite aufzunehmen. Sie k&#246;nnen oft gar nicht anders.</p>
<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-medium wp-image-2141" title="directdemocracy" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/09/directdemocracy-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></p>
<p><em>Privatverschuldung und Kredite haben in anderen L&#228;ndern eine zentrale Rolle in der Krisendynamik gespielt. Wie ist das in Griechenland?</em></p>
<p>Haris: Die Verschuldung der Privathaushalt macht einen gro&#223;en Teil der Schulden aus. Bei der Einf&#252;hrung des Euro sind die Zinsen f&#252;r Kredite extrem gesunken. Im Gegensatz zum fr&#252;here fordistischen Wohlfahrtsstaat besteht der soziale Kompromiss nun darin, Kredite aufnehmen zu k&#246;nnen. Viele Leute hatten und haben Kreditkartenrechnungen, die sie nicht bezahlen k&#246;nnen. Man konnte sich einen Kredit nehmen, um in den Urlaub zu fahren, die wurden Urlaubskredite genannt. Du konntest Konsumkredite aufnehmen – die hei&#223;en auch alle so! Die Privatverschuldung ist unglaublich. Du kannst im Supermarkt auf Kredit kaufen, weil du deine Grundbed&#252;rfnisse mit deinem normalen Gehalt nicht decken kannst. Das war vor der Krise schon so. Man muss sich vorstellen, dass dann im letzten Jahr die L&#246;hne um durchschnittlich 20 bis 40 Prozent gek&#252;rzt wurden, die Mehrwertsteuer erh&#246;ht wurde, das Benzin extrem teuer geworden ist usw. Es geht hier mittlerweile um Leben und Tod. Das ist auch der Grund warum sich so viele Leute vor dem Parlament versammelt haben.</p>
<p><em>Inwiefern ist in so einer Situation der Glaube an eine b&#252;rgerlich-parlamentarische L&#246;sung in der Bev&#246;lkerung eigentlich noch erhalten? Die Leute sind w&#252;tend, Haris, du sagst es geht um Leben und Tod. Werden die Aufforderungen, in harten Zeiten durchzuhalten und die vermeintliche Notwendigkeit der Sparpakete, geschluckt?</em></p>
<p>Haris: Im Winter gab es einen <a href="http://no-racism.net/article/3647/">Hungerstreik </a>von 300 MigrantInnen, um Papiere zu bekommen. Wie in den Medien &#252;ber diese MigrantInnen hergezogen wurde, zeigte eine deutlich rechte Stimmung. Damals hatte ich den Eindruck, dass viele nicht nur die parlamentarische Demokratie, sondern Demokratie als solche in Zweifel ziehen. Was mir aber sehr viel Hoffnung gibt, sind die Ereignisse seit dem <a href="http://www.scharf-links.de/44.0.html?&amp;tx_ttnews%5Btt_news%5D=16873&amp;cHash=b09a86b1ce">25. Mai am Syntagma-Platz</a>. Hier l&#228;uft alles unter der Bem&#252;hung, dass die Leute begreifen, was Demokratie wirklich ist. Ich war bei einer wunderbaren Diskussion mit vier verschieden Vortragenden. Es ging darum, was Demokratie bedeutet, was es bedeutet, Minderheit in einer Demokratie zu sein, was direkte und was  repr&#228;sentative Demokratie ist, und was jetzt gerade hier passiert. Die Leute versammeln sich unter der Forderung nach echter Demokratie. Das ist positiv! Sie sagen, wir zweifeln Demokratie nicht grunds&#228;tzlich an. Letztes Jahr noch war die Stimmung weit verbreitet, wir br&#228;uchten jemanden wie Berlusconi, jemanden der es in der Marktwirtschaft zu etwas gebracht hat. Solche Leute m&#252;ssten jetzt an die Regierung und alles verwalten um uns aus dieser Misere heraus zu f&#252;hren. Diese Stimmung ist total gekippt. Die Demokratie als Idee wird nicht angezweifelt, sondern die parlamentarische Demokratie unter neoliberalen Vorzeichen steht in der Kritik.</p>
<p><em>Also eine Krise der repr&#228;sentativen Demokratie?</em></p>
<p>Haris: Die Parteien sind hier sehr klientelistisch organisiert, was auch von den Medien bef&#246;rdert wurde. Vor allem <em>PASOK </em>hat das so aufgebaut: Du w&#228;hlst mich und daf&#252;r bringe ich dein Kind oder dich irgendwo im &#246;ffentlichen Sektor unter. &#196;hnliches passiert auf den Universit&#228;ten. Jede Partei hat ihre StudentInnenorganisation. Die treffen sich aber nicht, um zu diskutieren, sondern sagen, wir sind <em>PASOK</em>, wir fahren gemeinsam auf Urlaub, bieten Reisen an oder gehen in Nachtclubs. Wenn du uns kennst, bekommst du einen Tisch f&#252;r den du sonst 100 Euro zahlst um 20 Euro.</p>
<p>Giorgos: Bei den Griechen ist die Partei wie eine Fu&#223;ballmannschaft von der man total gro&#223;er Fan ist. Schon als Kind wird dir anerzogen, du wirst jetzt <em>PASOK </em>oder du wirst <em>Nea Dimokratia</em> (konservative Partei Griechenlands, Anm.). Wenn du &#252;berhaupt nichts mit Parteien zu tun haben willst, ist es sehr schwer durchzukommen.</p>
<p>Haris: Das bricht aber jetzt auf. PASOK hat bei den letzten Wahlen &#252;ber 40% bekommen. Jetzt bei den Umfragen schaffen sie es nicht &#252;ber 25%. In manchen Regionen schl&#228;gt die Basis der Partei die Parteib&#252;ros in St&#252;cke. Die SozialdemokratInnen haben unter <em>Kostas Simitis</em> (Ministerpr&#228;sident von 1996 bis 2004, Anm.) einen extrem neoliberalen Kurs eingeschlagen. Alles unter der Fahne des Beitritts zum Euro-Raum, damit es uns endlich besser gehe. Nach der letzten Wahl ist <em>Papandreou </em>(<em>Giorgos Andre</em>a, aktueller Ministerpr&#228;sident, Anm.) eigentlich mit einem komplett keynesianistisch-sozialstaatlichen Programm an die Macht gekommen. Sein Bruder ist jetzt in der Kommission, die f&#252;r Privatisierungen zust&#228;ndig ist. Die schieben sich die Gesch&#228;fte zu. Daran wird nichts ge&#228;ndert, aber die kleinen Leute m&#252;ssen zahlen.</p>
<p><em>K&#246;nnt ihr n&#228;her auf das Verh&#228;ltnis zwischen der Basis der sozialistischen Partei und ihrer F&#252;hrung eingehen? Ihr habt ja schon angesprochen, dass es zu Auseinandersetzungen gekommen ist. Wie verhalten sich dabei die Gewerkschaften?</em></p>
<p>Haris: Gerade gab es eine Kampagne, die versucht hat <em>SYRIZA</em>, die Koalition der radikalen Linken im Parlament, daf&#252;r verantwortlich zu machen, dass Regierungsmitglieder mit Joghurt beworfen oder ausgebuht werden. Das Ganze hat dann aber doch irgendwann zu l&#228;cherlich gewirkt. Die Partei hatte bei den letzten Wahlen 4,6%. Wie viele sind wir, ohne es zu wissen? (lacht) Sie zeigten dann ein Video auf dem angeblich Mitglieder von <em>SYRIZA </em>zu sehen sind, die Joghurt werfen. Es stellte sich aber heraus, dass das unter anderem der Vorsitzende der Jugendorganisation von <em>PASOK </em>war. Ihre eigenen Leute haben sie ausgebuht! Das war zu erwarten. Schlie&#223;lich machen sie das komplette Gegenteil von dem Programm, f&#252;r das sie gew&#228;hlt wurden.</p>
<p>Giorgos: Viele Politiker beschweren sich, dass sie sehr aggressiv angegriffen und beworfen werden und wir doch auf Dialog setzen sollen. Aber wer gibt der Polizei die Befehle anzugreifen? Wenn sie einen Dialog wollen, sollen sie die Polizei raus lassen. Nat&#252;rlich schmei&#223;en wir Joghurt! Wir merken, dass sie uns anl&#252;gen.</p>
<p>Haris: Als Papandreou gew&#228;hlt wurde, hat er gesagt: „Wenn wir die Schere zwischen Arm und Reich nicht radikal verkleinern und wenn wir dieser Gesellschaft nicht das Gef&#252;hl geben, dass endlich mehr Gerechtigkeit herrscht, dann werden sie uns mit Steinen verjagen.“ Genau das passiert jetzt. Letzte Woche hat die europ&#228;ische Linkspartei hier getagt und eine Veranstaltung organisiert. Es wurden Basisgewerkschaften, aber auch die Chefs der gr&#246;&#223;ten Gewerkschaften eingeladen, in deren Bereichen jetzt privatisiert werden soll. Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Privatangestellten ist <em>PASOK</em>-Mitglied. Seine Analyse der Angriffe auf die arbeitsrechtlichen Errungenschaften hat aber gezeigt, dass er ideologisch mit dieser Partei fertig ist. Ein Gewerkschafter der staatlichen &#214;lgesellschaft wurde aus der Partei ausgeschlossen und hat gesagt: „Wir haben Fehler gemacht und gedacht, Gewerkschaftsarbeit hei&#223;t hie und da mal eine Pressemitteilung rauszugeben. Aber ich habe eines verstanden, Gewerkschaftsarbeit muss jetzt auf der Stra&#223;e stattfinden.“ Daran sieht man die Politisierung der Gewerkschaften und der Basis. Ein weiterer Gewerkschafter der staatlichen Wassergesellschaft, die privatisiert werden soll, hat sich ausgerechnet wie viel der Betrieb bei einem Verkauf kosten w&#252;rde. Er meinte, selbst wenn wir glauben, dass unbedingt Geld n&#246;tig sei und die Betriebe verkauft werden m&#252;ssten, k&#228;me das auf 40 Euro gespalten auf drei Wasserrechnungen pro EinwohnerIn. Nach drei Rechnungen w&#228;re die gesamte Bev&#246;lkerung im Besitz des Betriebs! Solche Konzepte und Alternativen sind wichtig. Es ist wichtig zu zeigen, dass die Regierung nicht die absolute Wahrheit besitzt und diese kapitalistische neoliberale Logik keine Naturgewalt ist.</p>
<p><em>Ihr habt schon die Ereignisse am Syntagma-Platz erw&#228;hnt. Er&#246;ffnen sich hier Alternativen? Vielleicht k&#246;nnt auch kurz erkl&#228;ren, welche Rolle die &#8220;Indignados&#8221; spielen.</em></p>
<p>Haris: Im Prinzip war es eine Reaktion auf die Ereignisse in Spanien, die ja &#228;hnliche Probleme haben. Eine extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit trotz guten Ausbildungsniveaus, prek&#228;re Arbeitsbedingungen usw. Seit Februar hatte sich eine enorme Wut aufgestaut, die sich aber nirgends kanalisiert hat, sondern nur im Werfen von Gegenst&#228;nden Ausdruck fand. Seit dem 25. Mai gibt es am Syntagma-Platz eine bunte Bewegung. Auf dem unteren Teil des Platzes finden Vollversammlungen statt und auf dem oberen Teil stehen Leute vor dem Parlament und zeigen ihm quasi den Mittelfinger. Es gibt Leute mit griechischen Fahnen, die Patriotismus im Protest erkennen. Es gibt auch Rechtsextreme. Am Anfang war es so, dass es innerhalb der Linken Schwierigkeiten gab, sich zu positionieren. Fordern wir eine patriotische Regierung oder konzentrieren wir auf soziale Gerechtigkeit und setzten Demokratie, soziale Gleichheit und Geschlechtergleichheit auf die Agenda? Die <em>KKE </em>(Kommunistische Partei Griechenlands, Anm.), die gr&#246;&#223;te organisierte linke Partei, enthielt sich komplett und verurteilte das Ganze als etwas, was keine revolution&#228;re Gesinnung hat, keine Thematik, kein Programm. Andere Teile der Linken, ob parlamentarisch oder au&#223;erparlamentarisch, haben einfach folgendes gemacht. Sie haben respektiert, dass es eine Parteienverdrossenheit gibt. Sie gehen also nicht mit Parteifahne hin, sondern diskutieren mit und h&#246;ren zu. Wir m&#252;ssen dorthin gehen und die Leute &#252;berzeugen.</p>
<p><em>Wie finden solche Diskussionen am Syntagma-Platz statt?</em></p>
<p>Haris: Am Dienstag wird es die vierte Diskussion geben. Es gibt immer ein Gremium, das vorschl&#228;gt, welche Leute sprechen sollen. Dar&#252;ber wird dann in der Vollversammlung abgestimmt. Das ist wirklich basisdemokratisch. Die RednerInnen sitzen vorne und haben jeweils eine viertel Stunde Zeit. F&#252;r die Fragen werden Nummern gezogen und du wirst aufgerufen. Wenn zu viele etwas sagen wollen, wird ausgelost, damit niemand aus irgendwelchen Gr&#252;nden bevorzugt wird. In einer meiner ersten Diskussionen ging es darum, was diese Schulden genau sind, ob es eine richtige L&#246;sung daf&#252;r gibt und ob das, was gerade passiert die einzig m&#246;glich L&#246;sung ist. Die Leute haben mitdiskutiert und viele Fragen gestellt. Genau das hat sich doch die Linke so lang gew&#252;nscht, dass die Leute auch erfahren, dass es andere M&#246;glichkeiten gibt! Die Medien haben dar&#252;ber nie berichtet. Sie sind hier wirklich Instrumente des Machtblocks. Interessant war, und das kann man vielleicht als Hegemoniekrise verstehen, dass w&#228;hrend des <a href="http://www.democracynow.org/2011/6/29/inside_greeces_general_strike_video_report">Generalstreiks am 29. Juni</a> nicht einmal die regierungstreuesten Medien rechtfertigen konnten, was passiert ist. Die vom Fernsehen befragten Parteivertreter wurden regelrecht von den Medien attackiert. Diese Mainstreamideologie bricht auf. Das ist einerseits positiv, weil es in Richtung soziale Gerechtigkeit, Demokratie und Ausdehnung von Rechten geht. Es kann aber nat&#252;rlich auch in die Hose gehen und eine krassen Rechtsruck geben.</p>
<p><em>Wie spiegeln sich diese Widerspr&#252;che in der Bewegung wider?</em></p>
<p>Haris: Die Hegemonie in dieser Bewegung haben schon linke bzw. demokratische Kr&#228;fte inne. Im Moment sieht es gut aus. Das h&#228;ngt aber auch davon ab, wie sich die Medien verhalten werden und wie viel Polizeigewalt wir noch sehen werden. Letztes Jahr fand am 5. Mai, als das Ma&#223;nahmenpaket beschlossen wurde, die gr&#246;&#223;te Demonstration seit dem Ende der Diktatur statt. Damals wurde eine Bank angez&#252;ndet und drei Menschen sind gestorben. Danach war die Bewegung tot. Es hat den Leuten Angst gemacht und f&#252;r einen gewissen Zeitraum vermittelt, dass Demonstrationen das falsche Mittel w&#228;ren. Wenn etwas derart ausartet, ist es nicht mehr gut. Wir haben extrem viel Polizeigewalt auf den Demonstrationen, wobei speziell f&#252;r Demos zust&#228;ndige Spezialeinheiten eingesetzt werden, die auch auf Leute einschlagen. Deshalb fanden die Leute auch den Syntagma-Platz so toll. Hier war etwas anders als bei den typischen Demonstrationen, die von Polizeigewalt und dem Schwarzen Block gepr&#228;gt sind. Die Leute hatten das Gef&#252;hl, am Syntagma-Platz ist man sicher.</p>
<p><em>Wie reagiert die Polizei auf die Versammlungen? Es gab doch auch hier Repression, oder?</em></p>
<p>Haris: Am 15. Juni wurde zum ersten Mal versucht, den Platz unter Einsatz von Tr&#228;nengas zu r&#228;umen. Am Abend waren aber alle wieder da. Ich hatte das Gef&#252;hl, die Leute verteidigen das, weil sie es selbst aufgebaut hatten, es ist ihre Sache. Und es gibt auch <em>agents provocateurs</em>. Auf einem Video sieht man einen Vermummten, der pl&#246;tzlich zum Parlament geht, mit Polizisten redet und dann rein geht. Sie haben versucht zu erkl&#228;ren, das sei ein Gewerkschafter von den &#246;ffentlichen Verkehrsbetrieben, der die Polizei um Hilfe gebeten h&#228;tte, weil er von den Anarchisten bedroht worden w&#228;re und so gerettet wurde&#8230; Man sieht immer wieder Vermummte, die mit der Polizei herumh&#228;ngen. Am 15. Juni ist einem sogar seine Polizeimarke aus der Tasche gefallen. Oft sind es aber auch Mitglieder von rechtsextremen Gruppen. Schlie&#223;lich ist ein Teil der Vermummten nat&#252;rlich wirklich vom Black Block. Die werden niedergeschlagen, aber nie festgenommen. Selbst bei den Ereignissen in der Bank vor einem Jahr, die niedergebrannt wurde, stand die Polizei nur daneben, weil das Teil ihrer Eskalationsstrategie ist. Sie sorgen daf&#252;r, dass Krawalle entstehen!</p>
<p><em>Was spielt sich au&#223;erhalb vom Syntagma-Platz ab, in den Stadtvierteln aber auch au&#223;erhalb von Athen? Wie ist dort die Situation?</em></p>
<p>Haris: Es zentriert sich nat&#252;rlich um den Syntagma-Platz, weil dieser – direkt vor dem Parlament – einen symbolischen Charakter hat. Es gibt auch Nachbarschaftsversammlungen und Solidarit&#228;tsnetzwerke. Diese wurden von Leuten initiiert, die gesehen haben, was am Syntagma-Platz passiert und gesagt haben, wir machen jetzt eine Volksversammlung. Diese finden auf Pl&#228;tzen in unterschiedlichen Gegenden statt. Was in den kleinen Nachbarschaften stattfindet, geht aber vor allem von Linken aus unterschiedlichen Spektren aus, in manchen Teilen heterogener als in anderen. Letztes Jahr gab es Versuche, solche Versammlungen in meiner Gegend zu starten. Da waren sowohl AnarchistInnen, unsere Organisation als auch solche, die einfach wissen wollten was los ist und sich Sorgen machen. So etwas gibt es also in vielen St&#228;dten, aber nat&#252;rlich nicht in der Gr&#246;&#223;e wie auf dem Syntagma-Platz. Auf <a href="http://real-democracy.gr">real-democracy.gr</a> sind &#252;brigens alle verbundenen St&#228;dte und Versammlungen aufgelistet.</p>
<p>Giorgos: Die Kleinst&#228;dte und D&#246;rfer merken nicht so viel von der Krise wie die Gro&#223;st&#228;dte. Dadurch, dass viele Menschen in kleinen St&#228;dten noch eigene Felder besitzen und darauf anbauen k&#246;nnen, trifft sie die Krise nicht so hart. Gerade in Gebieten, die von wenigen Fabriken versorgt wurden, ist die Krise wiederum viel st&#228;rker sp&#252;rbar, weil diese Fabriken jetzt oft geschlossen werden. Die Arbeitslosigkeit steigt dort enorm an.</p>
<p><em>Es wirkt oft nicht so als g&#228;be es eine einheitliche, sondern unterschiedliche Bewegungen in Griechenland. Wie ist das Verh&#228;ltnis der Bewegung am Syntagma-Platz zur Gewerkschaftsbewegung, aber auch zur anarchistischen Bewegung? Spielt die radikale Linke eine Rolle bzw. ver&#228;ndert sich hier auch die Art der Zusammenarbeit?</em></p>
<p>Haris: Ehrlich gesagt, obwohl meine Organisation der ganzen Sache noch am positivsten gegen&#252;berstand, hatte ich am Anfang Angst. Ich dachte, die denken nur ‚Demokratie ist Schei&#223;e, Parteien und Organisieren genauso‘ und sitzen einfach nur rum und meckern. Ich wurde eines Besseren belehrt. Am 15.  Juli fand der erste Generalstreik seit den ersten Versammlungen der indignados am Syntagma-Platz statt. Die Vollversammlung hat explizit dazu aufgerufen, sich am Streik zu beteiligen und an der Kundgebung teilzunehmen. Dort haben auch Mitglieder des Black Block Stunk gemacht. Die AnarchistInnen hingegen, die sich wirklich inhaltlich damit auseinandergesetzt haben, sind t&#228;glich pr&#228;sent. Ebenso unterschiedliche andere linke Organisationen. Einzig die <em>KKE </em>ist nicht dabei.</p>
<p style="text-align: center;"><img class="size-medium wp-image-2168 aligncenter" title="Griechenland_Ausschreitung_1" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/09/Griechenland_Ausschreitung_11-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" /></p>
<p><em>Welche Rolle spielt die </em>KKE?</p>
<p>Haris: Die <em>KKE </em>hat vor einigen Jahren ihre eigene Gewerkschaft gegr&#252;ndet und nimmt nicht an Streiks oder Kundgebungen der offiziellen Gewerkschaften Teil. Sie machen dann Gegenkundgebungen, schlie&#223;lich sind sie &#252;berzeugt, die richtige Ideologie zu haben. Die Revolution findet erst statt bzw. der Kapitalismus geht erst dann zu Ende, wenn alle ihre Ideologie angenommen haben. Der einzige Weg aus der Krise ist daher, dass sich alle ihnen anschlie&#223;en. Wie gut das ankommt hat man am 28. Juni gesehen. Tags&#252;ber wurde mit Tr&#228;nengas geschossen und eine neue Qualit&#228;t der Repression hatte begonnen. Gegen 6 Uhr Abend sollte am Syntagma-Platz ein Konzert stattfinden, und obwohl ein paar Stunden zuvor noch Tr&#228;nengas- und Blendgranaten geflogen sind, war es schon ruhiger. Die <em>KKE </em>versammelte sich gegen Nachmittag und versuchte durch die Stra&#223;e am Parlament vorbei zu marschieren. Genau dort wo vorher Stunden lang Leute von der Polizei mit Tr&#228;nengas angegriffen wurden. Die Leute haben zuerst ironisch zu klatschen begonnen, dann gebuht und gefragt: „Was wollt ihr hier eigentlich? Wir haben die ganze Zeit was auf die Fresse bekommen, sind mit der &#252;belsten Repression konfrontiert gewesen und ihr spaziert hier einfach durch!“</p>
<p><em>&#196;ndert das etwas bei den Mitgliedern der </em>KKE?</p>
<p>Haris: Ich glaube nicht, schlie&#223;lich ist das nicht der erste Fall. Im Dezember 2008, als die ganze Stadt gebrannt hat, nachdem ein Junge von der Polizei erschossen wurde, gab es viel Gewalt auf den Stra&#223;en. Einerseits hat der Black Block viel Zulauf bekommen, aber es beteiligten sich auch Leute, die sonst nichts mit Gewalt zu tun hatten. Sie traten Sachen ein, Sch&#252;lerInnen warfen vor Polizeistationen mit Steinen und Obst. Sie versuchten einfach ihre Verzweiflung und Wut auszudr&#252;cken. Eine Medienkampagne versuchte damals, <em>SYRIZA </em>die Schuld daf&#252;r zu geben. Die damalige KKE-Generalsekret&#228;rin sagte damals: „SYRIZA streichelt die Ohren der Vermummten“, und w&#252;rde die Gewalt nicht kritisieren. W&#228;hrend also die gr&#246;&#223;te Demonstration stattfand und Gewerkschaften, Jugendliche und Leute, die fr&#252;her auf dem Sofa gesessen sind, sich gegen Polizeigewalt und Hoffnungslosigkeit gewehrt haben, hat die KKE eine Demo vor unserem Parteib&#252;ro abgehalten und uns ausgebuht. Sie trennen sich bewusst von den Protesten ab. Sie haben zwar in Umfragen dazugewonnen, aber nicht bei den Leuten die am Syntagma-Platz waren.</p>
<p><em>Wie ist die Zusammenarbeit der restlichen Linken?</em></p>
<p>Haris: Ich hab schon den Hungerstreik der dreihundert MigrantInnen Anfang Februar erw&#228;hnt. Wie gesagt hatten wir damals Angst, die ganze Situation k&#246;nnte nach rechts kippen, weil die Medien und auch der Machtblock alles so darstellten, als w&#252;rde die Linke die MigrantInnen f&#252;r ihre eigenen politischen Zwecke benutzen. Der Hungerstreik wurde dann nach 43 Tagen und zu einem Zeitpunkt erfolgreich beendet, als wir wirklich schon gedacht haben, dass jemand sterben w&#252;rde. Dabei wurde nicht nur f&#252;r MigrantInnen, sondern f&#252;r alle ArbeitnehmerInnen eine Senkung der Sozialversicherungs-Marken erreicht, die wie gesagt f&#252;r den Erwerb einer Gesundheits- und Sozialversicherung notwendig sind. Au&#223;erdem haben alle beteiligten MigrantInnen Papiere bekommen und durften damit reisen. Ein ganz breites Spektrum der griechischen Linken hat diesen Hungerstreik unterst&#252;tzt, so dass du von AnarchistInnen bis zu Leute, die sich einfach selbst als links verorten aber nicht organisiert sind, eine ganz gro&#223;e Solidarit&#228;tsbewegung hattest. All diese Leute sind mit in den Krankenh&#228;usern gewesen, als die Hungerstreikenden eingeliefert wurden, und haben dort &#220;bersetzungen gemacht oder irgendwelche Hilfestellungen geleistet. Sie waren auch in dem Geb&#228;ude, in dem die Hungerstreikenden untergebracht waren, damit keine Faschisten angreifen k&#246;nnen. Diese Solidarit&#228;tsbewegung hat dazu beigetragen, dass das Klima zwischen den verschiedenen Linken am Syntagma jetzt so gut ist. Es wurden in verschiedenen Teilen Griechenlands Plakate mit den jeweiligen &#246;rtlichen Abgeordneten gedruckt, die f&#252;r das letzte Sparpaket gestimmt haben, und da steht „Wanted“ drauf. Das Klima ist extrem schlecht f&#252;r die Regierung. Man kann eigentlich sagen, dass seit Anfang des Jahres die Stimmung gegen die Regierung extrem ist.</p>
<p><em>Und dr&#252;ckt sich das auch in Alltagspraktiken aus?</em></p>
<p>Haris: Zum Einen gab es die Mautverweigerungen an manchen Mautstellen. Man zahlt ja hier ohnehin eine extrem hohe Stra&#223;enben&#252;tzungsgeb&#252;hr an den Staat. Zus&#228;tzlich soll dann noch diese Maut gezahlt werden. Die Stra&#223;en wurden gr&#246;&#223;tenteils von Hochtief, der gr&#246;&#223;ten international agierenden deutschen Baufirma, gebaut. Dieses Geld, das die griechischen SteuerzahlerInnen hier zus&#228;tzlich zur Stra&#223;enben&#252;tzungsgeb&#252;hr bezahlen sollen, geht nicht an den Staat, sondern an Hochtief. Genauso ist das beim Flughafen und bei der Br&#252;cke in Choreo, die von einer franz&#246;sischen Firma gebaut wurde und bei der die Maut zwischen sieben und 20 Euro betr&#228;gt. Die Leute haben sich dann irgendwann geweigert, dieses Geld zu zahlen, weil es zus&#228;tzlich zu den Stra&#223;enben&#252;tzungsgeb&#252;hren und den ohnehin hohen Benzinpreisen unglaublich teuer geworden ist, von einem Ort zum anderen zu kommen. Also wurde der Schranken einfach selbst ge&#246;ffnet. Ein paar haben damit abgefangen, doch bald hat man &#252;berall den Alarm von ge&#246;ffneten Schranken geh&#246;rt. Als dann die Tickets der Verkehrsbetriebe um fast 50 Prozent teurer wurden und alle Erm&#228;&#223;igungen gestrichen wurden, gab es eine Medienkampagne der Regierung, die die Situation mit Verweis auf die Mautverweigerung so darstellte, als wollten alle alles umsonst haben. Irgendwann im April sind dann Politiker in mehreren Nachrichtensendungen ausgebuht worden, nachdem irgendwelche Leute wieder die Stra&#223;en blockierten und meinten, sie w&#252;rden keine Maut mehr zahlen und alle Menschen durchwinken. Am ersten Tag, an dem Kontrolleure der Verkehrsbetriebe unterwegs waren, wurde einem ins Bein geschossen, weil die Tickets einfach nicht zu bezahlen waren. Wenn man hier ohne Ticket erwischt wird, bezahlt man zuerst 84 Euro. Wenn man das nicht bezahlen kann, dann sind es &#252;ber 400 Euro. Wenn man dieses Geld dann nicht bezahlt, dann kommt man ins Gef&#228;ngnis. Und, ich meine, die Leute m&#252;ssen ja irgendwie zur Arbeit kommen. Wenn du jeden Tag 3 Euro zahlst um zur Arbeit zu kommen, dein Lohn aber nur 560 Euro betr&#228;gt, dann hast du ein Problem. Eine weitere Sache, die dazu gef&#252;hrt hat, dass die Leute die Schnauze voll haben, ist die Siemens-Aff&#228;re. Daf&#252;r ist kein Schwein ins Gef&#228;ngnis gegangen, trotz der vielen Schmiergelder. Aber die Leute die keinen Fahrschein zahlen, auf die wird mit dem Finger gezeigt. Tsochatzopoulus, der ehemalige Verteidigungsminister, der Schmiergelder f&#252;r U-Boot Gesch&#228;fte kassiert hat, muss jetzt vor Gericht, aber der ist auch nur ein Bauernopfer.</p>
<p><em>Wie sch&#228;tzt du die Gefahr der radikalen Rechten ein? Du hast ja vorher erw&#228;hnt, dass die auch an Versammlungen teilnehmen. In &#214;sterreich, aber auch in vielen anderen europ&#228;ischen L&#228;ndern kann die <a href="http://www.perspektiven-online.at/ausgaben/perspektiven-nr-12/">extreme Rechte als Krisengewinnerin</a> bezeichnet werden. Sie sch&#252;ren Ressentiments und Nationalismus. Wie gro&#223; ist die Gefahr hier?</em></p>
<p>Haris: Sie haben versucht an Versammlungen teilzunehmen, wurden aber wieder raus gedr&#228;ngt. Griechenland geh&#246;rt zwar zu Europa, hat aber ganz andere Strukturen. Die radikale Rechte konnte in Griechenland nie als eigene Str&#246;mung agieren, weil das Programm der radikalen Rechte von beiden Mainstreamparteien adaptiert wurde, Patriotismus und Christentum. Die Rechte in Griechenland orientiert sich &#228;hnlich der Milit&#228;rdiktatur an der Dreifaltigkeit: Heimatland, Religion, und Familie und auch in der konservativen Partei gibt es Leute, die extreme Positionen vertreten. Lange Zeit war die Rechte in Griechenland extrem vorherrschend, was v.a. an der Geschichte Griechenlands liegt.</p>
<p><em>Wie verh&#228;lt sich die au&#223;erparlamentarische Rechte?</em></p>
<p>Haris: Letzten Herbst 2010 wurde das Einb&#252;rgerungsgesetz ver&#228;ndert. In den Reden der verschiedenen  Parlamentsfraktionen sagten die konservativen Abgeordneten, das Projekt der multikulturellen Gesellschaft sei gescheitert. Elaos, die rechtspopulistische Partei, hingegen hat gesagt, die Ausl&#228;nder br&#228;chten Krankheiten ins Land, die verbreiten also einen radikalen Rassismus. Die au&#223;erparlamentarische extreme Rechte – <a href="http://www.stopptdierechten.at/2011/05/17/griechenland-neonazis-jagen-auslander/">„Chrysi Avgi“</a> – hat zum ersten Mal einen Vertreter im Athener Stadtrat. Bei seinem ersten Auftritt hat er gleich den Hitlergru&#223; gemacht. Die stechen Leute ab, pr&#252;geln, ziehen Leute in Ecken und hauen ihnen den Sch&#228;del ein. Das ist eine extrem schlimme Situation, besonders im Zentrum von Athen. Es gibt viele MigrantInnen, die in verfallenen H&#228;usern oder Baracken wohnen und um zu &#252;berleben Drogen verkaufen. Im letzten Mai gab es dann einen tragischen Vorfall als ein Mann seine schwangere Frau ins Krankenhaus bringen wollte. Er wollte das Auto holen und hatte eine Videokamera in der Hand, um die Geburt zu filmen. Drei Migranten haben ihn erstochen und er wurde von seiner Frau tot aufgefunden. Am n&#228;chsten Tag sind FaschistInnen durch das Zentrum gegangen und haben Jagd auf MigrantInnen gemacht. Im Athener Zentrum geben viele Menschen den Ausl&#228;ndern Schuld an allem. Deswegen ist es so gut, dass sich das Klima durch die Bewegung jetzt positiv ver&#228;ndert hat und Demokratie eingefordert wird. Demokratie hei&#223;t dann auch, dass Minderheiten Rechte haben.</p>
<p><em>Zur&#252;ck zu den Entwicklungen am Syntagma-Platz. Inwiefern lassen sich die Entwicklungen in Griechenland in eine Reihe mit den Aufst&#228;nden und Bewegungen in Europa sowie im Mittleren Osten einreihen? In Spanien bezieht man sich etwa auch auf die revolution&#228;ren Entwicklungen im Mittleren Osten. Wird das in Griechenland reflektiert, spielen diese Entwicklungen eine Rolle?</em></p>
<p>Haris: Die revolution&#228;ren Entwicklungen im arabischen Raum sind auf jeden Fall ein Orientierungspunkt. Aber sie sind es weniger in der politischen Debatte, auch wenn wir uns im Klaren sind, dass die Probleme &#228;hnlich sind: Jugendarbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, gro&#223;e Armut unter der Bev&#246;lkerung. Die Bedingungen sind dennoch anders. Auch wenn die Polizeigewalt es nicht vermuten l&#228;sst, haben wir immer noch ein demokratisches System, also eine f&#246;derative Demokratie, und das schafft andere Interventionsbedingungen. F&#252;r die Bewegung ist wichtig zu sehen, dass wenn es die arabischen L&#228;nder geschafft haben, ihre nicht-demokratischen Regimes zu st&#252;rzen, dann schaffen wir das erst recht. Der Begriff der Revolution bzw. die Bedeutung von Revolution ist aber auf jeden Fall ein Bezugspunkt. Dass du die bestehende Ideologie sprengst, dass du sowohl in deinem Programm als auch in deinem Alltag Alternativen schaffst, indem du ein Netzwerk der Solidarit&#228;t aufbaust und bereits jetzt das allt&#228;gliche Leben verbesserst. Es ist wichtig, damit die Leute sehen, dass du schon jetzt versuchst, diese gew&#252;nschte andere Welt durch Gegenbeispiele und alternative Netzwerke in deinem Alltag zu verankern. Das passiert gerade. Soziale Gerechtigkeit in Verbindung mit Demokratie – Basisdemokratie – spielt eine ganz gro&#223;e Rolle. Aber eben auch das Bewusstsein, dass Neoliberalismus zwangsl&#228;ufig mit Repression Hand in Hand geht und die ideologische Verkn&#252;pfung von freier Marktwirtschaft und Demokratie aufgebrochen werden muss. Es wurde endg&#252;ltig gezeigt, dass die beiden nicht miteinander einhergehen, sondern einander feindlich gegen&#252;ber stehen.</p>
<p><em> Was kann die Linke international bzw. in Europa eurer Meinung nach tun, um die Bewegung in Griechenland zu unterst&#252;tzen?</em></p>
<p>Haris: Was ich in Deutschland sehe ist, dass sich die Diskussionen der Linken um den Versuch drehen die Mainstream-Ideologie zu entkr&#228;ften und die Verantwortung Deutschlands als Exportweltmeister und hegemoniale Macht in der Europ&#228;ischen Union aufzuzeigen. Aber mir w&#228;re wichtig, dass mehr gezeigt wird, dass es nicht um L&#228;nder geht, sondern um Klassen. Es geht nicht darum, dass Deutschland Griechenland sch&#228;digt, sondern darum, dass ein bestimmtes Entwicklungsmodell die &#252;berw&#228;ltigende Mehrheit der Menschen in allen L&#228;nder sch&#228;digt. Dies l&#228;sst sich auch an der arbeitsrechtlichen Situation in „Kerneuropa“ zeigen, bzw. den L&#228;ndern, die allgemein als Zentrum bezeichnet werden, zum Beispiel in Deutschland mit Hartz IV, oder auch in Frankreich. Kurz, es geht um Klassen! Diesbez&#252;glich bin ich immer ein bisschen entt&#228;uscht. Die Rosa Luxemburg-Stiftung hat das ganz gut gemacht hat, indem sie jetzt eine <a href="http://www.rosalux.de/publication/37617">Brosch&#252;re</a> &#252;ber Mythen und Fakten der Griechenlandkrise auf Griechisch, Englisch und Deutsch herausgebracht hat und so die Leute informiert. Auch w&#252;rde ich mir w&#252;nschen, dass &#252;ber die Polizeigewalt mehr berichtet wird, und &#252;ber die tats&#228;chliche Repression im Alltag, die eigentlich nicht von der arbeitsrechtlichen Seite getrennt werden kann: Einerseits wird dir jegliches Recht genommen, dich gewerkschaftlich zu organisieren, gleichzeitig wird dir die Lebensgrundlage entzogen, weil dein Gehalt gek&#252;rzt wird. Du wei&#223;t nicht, was deine Kinder in Zukunft haben werden, da du kein Geld hast um ihnen eine private Schule zu bezahlen, damit sie es irgendwie an die Uni schaffen, die jetzt auch privatisiert werden soll. Andererseits werden diese Menschen durch radikale und extreme Repression von der Stra&#223;e verjagt und vom Protest abgehalten. Das wird meines Erachtens nach zu wenig von der Linken thematisiert.</p>
<p><em><br />
Haris Triandafilidou wurde in Berlin geboren und hat dort Politikwissenschaft studiert. Seit Februar 2009 wohnt sie in Athen und ist bei der Jugendorganisation von Synaspismos organisiert, die Teil des SYRIZA-B&#252;ndnisses ist.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>Giorgos Saliaris lebt seit acht Jahren in Athen und hat Grafikdesign studiert.<br />
</em></p>
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		<title>Klassenk&#228;mpfe im Staatskapitalismus: Der Aufstieg von Solidarnosc</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:12:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Staatskapitalismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Ereignisse rund um die Solidarnosc-Bewegung gelten als Wegbereiter f&#252;r das Jahr 1989. Colin Barker zeichnet in seinem Artikel die Ereignisse in Polen Ende der 1970er Jahre nach und analysiert die St&#228;rken, Schw&#228;chen und Widerspr&#252;che einer heterogenen Bewegung, die von unten begann und nach den Prinzipien der ArbeiterInnenr&#228;te aufgebaut war.1

Die Entstehung „Volkspolens“ geht auf das Ende des Zweiten Weltkriegs zur&#252;ck. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Ereignisse rund um die Solidarnosc-Bewegung gelten als Wegbereiter f&#252;r das Jahr 1989. Colin Barker zeichnet in seinem Artikel die Ereignisse in Polen Ende der 1970er Jahre nach und analysiert die St&#228;rken, Schw&#228;chen und Widerspr&#252;che einer heterogenen Bewegung, die von unten begann und nach den Prinzipien der ArbeiterInnenr&#228;te aufgebaut war.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
<span id="more-1955"></span><br />
Die Entstehung „Volkspolens“ geht auf das Ende des Zweiten Weltkriegs zur&#252;ck. Bis zum Ende der 1970er Jahre war aus einem wirtschaftlich r&#252;ckst&#228;ndigen, vorwiegend agrarisch gepr&#228;gten Land die zehntgr&#246;&#223;te Industriemacht der Welt geworden (mit dem weltweit achtgr&#246;&#223;ten Milit&#228;rbudget). Die schnelle, staatlich gelenkte Entwicklung hatte gro&#223;e Fabriken und Industriest&#228;dte entstehen lassen. Die ArbeiterInnenklasse bildete nun die gr&#246;&#223;te Klasse; zudem bestand sie zur Mehrheit nicht mehr aus ehemaligen Bauern, sondern aus einer gebildeten „zweiten Generation“. Diese ArbeiterInnenklasse hatte – in den Jahren 1956, 1970 und 1976 – mehrere einschneidende Erfahrungen im Kampf mit den Herrschenden gemacht und sollte zwischen Juli 1980 und Dezember 1981 die fortschrittlichste ArbeiterInnenbewegung der Nachkriegswelt hervorbringen. Ende der 1970er Jahre wurde „Volkspolen“ von einer Krise geplagt; es erlebte den bisher gr&#246;&#223;ten Zusammenbruch der Produktion aller Industriel&#228;nder der Nachkriegszeit. Als sich die &#246;konomische Krise versch&#228;rfte, versuchte das Regime unter Edward Gierek das Problem der Nahrungsmittelknappheit durch eine Verdoppelung des Rationierungssystems zu l&#246;sen: Neben den Gesch&#228;ften mit staatlich kontrollierten Preisen, bei denen das Rationierungssystem von Warteschlangen dominiert war, entstand eine zweite Gruppe von Gesch&#228;ften, bei denen die Rationierung &#252;ber freie Marktpreise erfolgte. Am 1. Juli 1980 k&#252;ndigte ein Sprecher der Regierung an, dass das qualitativ hochwertige Fleisch in Zukunft nur mehr in der zweiten Gruppe von Gesch&#228;ften erh&#228;ltlich sein w&#252;rde. Diese Ank&#252;ndigung war der Startschuss f&#252;r eine Streikwelle, die w&#228;hrend der folgenden sechs Wochen &#252;ber den Gro&#223;teil der polnischen Industrie hinweg rollte und ihren H&#246;hepunkt Mitte August in den K&#252;stenst&#228;dten Danzig, Gdingen und Stettin erreichte.</p>
<p><strong>Streiks in den 1970er Jahren</strong><br />
Die Entstehung dieser Streikwelle hatte sich abgezeichnet. In den vorangegangenen vier Jahren hatten mindestens eintausend Streiks stattgefunden, vorwiegend in den gr&#246;&#223;eren (und politisch bedeutenderen) „Flaggschiff“-Unternehmen, die den Stolz des industrialisierten Polens ausmachten. Stra&#223;enschlachten, die Inbrandsetzung von Parteigeb&#228;uden und schlie&#223;lich Fabrikbesetzungen hatten eine Senkung der Preise erzwungen. Im Juni 1976 hatte das Regime erneut versucht, die Preise zu erh&#246;hen: Streiks, Stra&#223;endemonstrationen und die Zerst&#246;rung der zentralen Eisenbahnverbindungen durch IndustriearbeiterInnen hatten neuerliche Zugest&#228;ndnisse innerhalb von 24 Stunden erzwungen. 1980 war das Regime daher mit einer ArbeiterInnenklasse konfrontiert, die bereits ein gewisses Vertrauen in ihre F&#228;higkeit erlangt hatte, Konzessionen zu erringen.<br />
Obwohl die Streikbewegung &#252;ber kein koordinierendes Zentrum verf&#252;gte, hatten die ArbeiterInnen ein Informationsnetzwerk aufgebaut, mithilfe dessen sie Neuigkeiten &#252;ber ihre K&#228;mpfe verbreiteten. Daneben spielte auch eine Gruppe von „DissidentInnen“ eine wesentliche Rolle bei der Bekanntmachung der ArbeiterInnenbewegung: Das Komitee zur Verteidigung der ArbeiterInnen (KOR), welches sich urspr&#252;nglich im Jahr 1976 mit dem Ziel gegr&#252;ndet hatte, Hilfe f&#252;r entlassene ArbeiterInnen zu organisieren, zog kleine Zirkel von Militanten aus der ArbeiterInnenklasse an. Gemeinsam produzierten und verteilten sie Bulletins mit Namen wie „ArbeiterIn“, „K&#252;stenarbeiterIn“ usw.. Das KOR und andere Zusammenh&#228;nge waren wichtige Fokuspunkte f&#252;r die Entwicklung von F&#252;hrungsfiguren an der Basis, die in den sich bald entfaltenden Ereignissen eine fundamentale Rolle spielen sollten.</p>
<p><strong>Explosion in Danzig</strong><br />
Im August 1980 wurde in Danzig eine Aktivistin der Gruppe „K&#252;stenarbeiterIn“, die 50-j&#228;hrige Kranf&#252;hrerin Anna Walentynowicz, vom Management der riesigen Lenin-Werft fristlos entlassen. Daraufhin schmuggelte die Gruppe am n&#228;chsten Morgen handgeschriebene Flugbl&#228;tter und Transparente in die Werft und in einige andere Betriebe. Die ArbeiterInnen legten in ihren Abteilungen die Arbeit nieder und marschierten durch die Werft, um den Rest der Belegschaft zum Streik aufzurufen. Am Ende des Vormittags des 14. August wurde in einer Massenversammlung mit dem Werftmanager diskutiert. Lech Walesa, ein Mitglied der Gruppe, der selber von der Werft gefeuert worden war, pr&#228;sentierte sich der Menge und rief den Beginn eines Besetzungsstreiks aus.<br />
Der Streik weitete sich rasch auf andere &#246;rtliche Betriebe aus. Delegierte dieser Betriebe, darunter jene der Pariser-Kommune-Werft im benachbarten Gdingen sowie die Stra&#223;enbahnfahrerInnen der Stadt, versammelten sich in der Lenin-Werft. Ein neues Organ wurde gebildet: das „&#220;berbetriebliche Streikkomitee“ (MKS), welches Delegierte aus allen streikenden Betrieben der Region umfasste. Das MKS formulierte die Liste der sogenannten „21 Forderungen“. Diese Liste beschr&#228;nkte sich nicht l&#228;nger auf unmittelbare, lokale Angelegenheiten, sondern beinhaltete als ersten Punkt die Forderung nach neuen, unabh&#228;ngigen Gewerkschaften. Daneben wurden auch eine Lockerung der Zensur, neue Rechte f&#252;r die Kirche, die Freilassung politischer Gefangener sowie Verbesserungen im Gesundheitswesen gefordert.<br />
Innerhalb weniger Tage waren mehr als 250 Betriebe im Danziger Komitee vertreten. Solidarnosc, ein Nachrichtenblatt, das mit Unterst&#252;tzung von Mitgliedern des KOR in der Druckerpresse der Werft produziert wurde, erreichte eine Auflage von 30.000 St&#252;ck t&#228;glich. Die Beh&#246;rden schnitten Danzig von jedem telefonischen Kontakt mit dem Rest Polens ab. Dennoch verbreiteten sich die Neuigkeiten &#252;ber die neue Danziger Organisation und die neuen Forderungen schnell. Daraufhin wurden weitere MKS gebildet, unter anderem in Stettin, das bereits 1971 Schauplatz einer Massenbesetzung der dortigen Werft gewesen war.<br />
Zu Beginn weigerte sich das Regime, die neuen Arbeiter-Innenkomitees anzuerkennen. Stattdessen verfolgte es die Strategie des Teilens und Herrschens, indem es versuchte, mit einem Betrieb nach dem anderen in jeweils getrennte Verhandlungen zu treten. Doch die &#252;berbetrieblichen Streikkomitees hielten zusammen und das Regime war gezwungen, direkten Gespr&#228;chen mit dem Danziger und Stettiner MKS zuzustimmen. Am 30. bzw. 31. August unterzeichneten Regierungsminister in Stettin und Danzig Dokumente, in denen das Regime den „21 Forderungen“ stattgab.</p>
<p><strong>Sowjets in Polen?</strong><br />
Die Bewegung basierte auf einer enormen Welle an Betriebsbesetzungen. Jeder streikende Betrieb sendete eine/n Delegierte/n an das lokale MKS. Die Delegierten w&#228;hlten ein internes Exekutivkomitee, das unter ihrer unmittelbaren Kontrolle stand. Die ma&#223;geblichen Verhandlungen mit dem Staat wurden mit Hilfe von Lautsprecheranlagen in der gesamten Werft &#252;bertragen, so dass tausende ArbeiterInnen den Verhandlungen folgen und die erzielten Fortschritte beurteilen konnten. Die Delegierten kehrten &#252;berdies mit Tonbandaufnahmen der Verhandlungen des jeweiligen Tages in ihre Betriebe zur&#252;ck, um Bericht zu erstatten und ihre Mandate zu erneuern.<br />
Das MKS war ein Streikkomitee mit Delegierten aus besetzten Betrieben, unabh&#228;ngig vom jeweiligen Gewerbe- oder Industriezweig, das sowohl politische als auch &#246;konomische Forderungen formulierte und f&#252;r diese k&#228;mpfte. Dar&#252;ber hinaus begann es, die Kontrolle &#252;ber Bereiche der Produktion und des Vertriebs zu &#252;bernehmen. Diese improvisierte Form zur Bew&#228;ltigung der konkreten Probleme im Arbeitskampf war nicht zuletzt die organisatorische Lehre der zum Teil bitteren Erfahrungen vorangegangener K&#228;mpfe und ein immenser Fortschritt gegen&#252;ber fr&#252;heren Formen der Selbstorganisation. Obwohl sie es nicht wussten, erschufen die polnischen ArbeiterInnen, aus der Logik ihrer eigenen Erfahrung heraus, damit jene Organisationsform neu, die erstmals im Jahr 1905 von russischen ArbeiterInnen angewandt worden war – den ArbeiterInnenrat.<br />
Derartige Klassenorganisationen haben das <em>Potential</em>, sich zu Organen revolution&#228;rer Macht zu entwickeln und zur Grundlage einer neuen Gesellschaftsordnung zu werden. Dieses Potential wird jedoch nicht automatisch realisiert – um sich in diese Richtung entwickeln zu k&#246;nnen, h&#228;tte es den Mitgliedern des MKS m&#246;glich sein m&#252;ssen, dieses Potential zu erkennen. In Polen existierte 1980 jedoch weder innerhalb noch au&#223;erhalb des MKS eine bedeutende Kraft, die diese Position vertreten h&#228;tte. Stattdessen schr&#228;nkte das MKS seine eigenen Anspr&#252;che von Beginn an bewusst ein. Etliche intellektuelle „BeraterInnen“ wurden in den Kreis rund um die MKS-F&#252;hrung inkorporiert. Ihre Rolle bestand vorwiegend darin, als Bef&#252;rworterInnen eines Kompromisses zu agieren. Auch von der Kirchenoberen wurde M&#228;&#223;igung gepredigt: Am H&#246;hepunkt der Streiks hielt Kardinal Wyszynski eine per Rundfunk &#252;bertragene Predigt, in der er de facto zum Ende der Besetzungen aufrief. Freilich k&#246;nnen nicht alle Tendenzen zur M&#228;&#223;igung auf den Einfluss der Warschauer Intelligenzija oder der Kirche zur&#252;ckgef&#252;hrt werden: Wenngleich die angewandte Organisationsform potentiell revolution&#228;r war, so war es der Inhalt der Forderungen nicht. Was die ArbeiterInnen anstrebten – und auch eindrucksvoll errangen –, war vor allem das Recht, ihre eigene unabh&#228;ngige Gewerkschaft zu gr&#252;nden. Das Recht dazu war in den ersten der „21 Forderungen“ enthalten, denen das Regime zustimmte; das schriftliche Abkommen bedeutete aber zugleich auch, dass die ArbeiterInnen mit der Anerkennung der „f&#252;hrenden Rolle der Partei“ das Fortbestehen und die Rechtm&#228;&#223;igkeit der Herrschenden akzeptierten.<br />
Nichtsdestotrotz lie&#223; der Sieg der ArbeiterInnen explosive Widerspr&#252;che entstehen.</p>
<p><strong>Aufstieg und Orgie</strong><br />
Drei Wochen nach dem Danziger Abkommen trafen sich die Delegierten der verschiedenen &#252;berbetrieblichen Streikkomitees zu ihrer ersten landesweiten Versammlung. Sie nannten ihre neue Gewerkschaft NSZZ „Solidarnosc“ (Unabh&#228;ngige Selbstverwaltete Gewerkschaft „Solidarit&#228;t“). Bis zum Sp&#228;therbst waren etwa zehn Millionen Mitglieder registriert. Das waren etwa 80 Prozent der gesamten polnischen Besch&#228;ftigten. Das Herzst&#252;ck der neuen Gewerkschaft wurde von den gro&#223;en Industriebetrieben gebildet, in denen gew&#246;hnlich gelernte ArbeiterInnen die F&#252;hrungsrollen &#252;bernahmen. Aber die Anziehungskraft ging weit dar&#252;ber hinaus und erfasste unaufhaltsam auch kleine Handwerksbetriebe, Lebensmittelgesch&#228;fte, B&#252;ros, Kaffeeh&#228;user sowie einfache Staatsangestellte.<br />
Solidarnosc ver&#228;nderte auch ihre Mitglieder. Alleine die Teilnahme an einer Gr&#252;ndungsversammlung, in vielen F&#228;llen gegen den Widerstand der lokalen Bosse, beinhaltete einen Bruch mit den alten Gewohnheiten der Ehrerbietung und Unterwerfung. Neue Banden der Solidarit&#228;t wurden gekn&#252;pft und ein neues Gef&#252;hl der St&#228;rke geschaffen. Das Danziger Abkommen beendete die K&#228;mpfe zwischen den ArbeiterInnen und dem Regime keineswegs, es ebnete lediglich den Weg f&#252;r eine Flut an neuen Forderungen aus dem Volk sowie f&#252;r schwere regionale und nationale Konflikte. Die Solidarnosc-Bewegung schwoll in den sieben Monaten nach der Unterzeichnung des Abkommens im August weiter an.<br />
Als Solidarnosc immer gr&#246;&#223;er wurde, erweiterte sich nicht nur der Horizont der Mitglieder, sondern es dehnten sich auch ihre Forderungen aus. Mit der polnischen Sehnsucht nach nationaler Unabh&#228;ngigkeit traf Solidarnosc einen wunden Punkt; sie errang f&#252;r die Kirche das Recht, w&#246;chentlich Messen &#252;ber den Rundfunk auszustrahlen; sie warf die Fragen der politischen und b&#252;rgerlichen Freiheiten, der Demokratisierung der Gesellschaft und des Platzes des polnischen Staates in internationalen Milit&#228;rb&#252;ndnissen auf. So versammelte sie alle Arten von unterdr&#252;ckten und ausgebeuteten Gruppen der polnischen Gesellschaft unter ihrem Banner.<br />
Die Studierenden waren unter den Ersten, die Teil der Bewegung wurden. Im Herbst 1980 fanden Besetzungen durch Studierende statt und es kam zur Bildung – und offiziellen Anerkennung – von neuen, unabh&#228;ngigen und selbstverwalteten Studierendengewerkschaften: der „Studierenden-Solidarnosc“. Unter den Bauern trugen vorangegangene, sporadische Unruhen in Form einer Serie von Forderungen nach einer „Bauern-Solidarnosc“ Fr&#252;chte. In den meisten Gef&#228;ngnissen Polens gr&#252;ndeten Strafgefangene ihre eigenen Komitees. Sie agitierten und demonstrierten f&#252;r bessere Haftbedingungen – meist gemeinsam mit Solidarnosc-Mitgliedern, die sich au&#223;erhalb der Gef&#228;ngnismauern versammelten. Und auch zahlreiche andere Bewegungen und Organisationen wurden im Stillen durch den von Solidarnosc ausgehenden Impuls ver&#228;ndert: MieterInnen, Kleing&#228;rtnerInnen, &#214;kologInnen, BriefmarkensammlerInnen, JournalistInnen, K&#252;nstlerInnen, SchauspielerInnen, AutorInnen. &#220;berall schossen selbstverwaltete, unabh&#228;ngige Gewerkschaften aus dem Boden. Die polnische Gesellschaft feierte eine Orgie der selbstverwalteten Partizipation.</p>
<p><strong>Doppelherrschaft</strong><br />
In Wirklichkeit zeichnete sich in Polen eine Situation der „Doppelherrschaft“ ab. Auf der einen Seite stand das Regime, welches noch immer an den Hebeln der offiziellen &#246;konomischen und politischen Macht sa&#223; und den Repressionsapparat – die Sicherheitspolizei und insbesondere die Armee – fest in der Hand hatte. Doch die herk&#246;mmlichen Kontrollmechanismen &#252;ber die Bev&#246;lkerung brachen rasant zusammen. Dem gegen&#252;ber stand Solidarnosc mit einem permanent wachsenden Selbstbewusstsein und basierend auf dem riesigen, regional verankerten Delegiertenk&#246;rper, aus dem die ArbeiterInnengewerkschaft bestand.<br />
F&#252;r die herrschende Klasse war jede Art eines langfristigen &#220;bereinkommens mit Solidarnosc undenkbar. Die &#246;konomische Krise vertiefte sich st&#228;ndig und ihre L&#246;sung in akzeptablem Rahmen musste die Re-Disziplinierung und erneute Unterwerfung der ArbeiterInnenschaft beinhalten. F&#252;r Solidarnosc galt: Falls das volle Potential und die Tr&#228;ume ihrer Mitglieder realisiert werden sollten, falls das Prinzip der Selbstorganisierung, das diese expansive Bewegung antrieb, zur wirklichen Grundlage des polnischen Alltags werden sollte, so musste der existierende Staat beiseite geschoben werden. Denn zwei fundamental unterschiedliche Formen gesellschaftlicher Ordnung standen im Konflikt zueinander und wurden in zwei sich entgegengesetzten Kr&#228;ften manifestiert. Die Logik dieser Situation besagte, dass eine Seite die andere <em>zerst&#246;ren </em>musste, egal welche Mittel zur Erreichung dieses Ziels geeignet schienen.<br />
Die Situation war jedoch auch davon gepr&#228;gt, dass sich noch keine Seite in der Lage befand, sofort einen Sieg erringen zu k&#246;nnen. Die Maschinerie der Herrschenden war ernsthaft geschw&#228;cht und <em>konnte </em>daher ihre Ziele in der unmittelbaren Zukunft nicht erreichen. Auf der Seite der ArbeiterInnen war die dominante Vorstellung, dass man nicht versuchen <em>sollte</em>, den Gegner zu vernichten. Die F&#252;hrerInnen der Bewegung und ihre BeraterInnen hatten sich einer politischen Perspektive verpflichtet, deren zentrale Aussage war: Geht nicht zu weit! Die Selbstzuschreibung als Gewerkschaft war f&#252;r den wahren Charakter der Bewegung viel zu limitiert, es wurde jedoch auch kein brauchbares alternatives Konzept entwickelt. Die Bewegung befand sich nach einem halben Jahr noch immer in der Offensive und trieb die Herrschenden weiter vor sich her. Doch schon bald sollte sie ihre erste ernsthafte Krise erfahren.</p>
<p><strong>Krise in Bromberg</strong><br />
Im M&#228;rz brach in der Stadt Bromberg eine massive Krise aus. Mitglieder von Solidarnosc, die f&#252;r die Unterst&#252;tzung der Kampagne zur Legalisierung der Bauern-Solidarnosc ein B&#252;ro besetzt hielten, gingen zur Pr&#228;fektur, um mit Partei-Repr&#228;sentantInnen zu verhandeln. Einige hundert PolizistInnen st&#252;rmten den Raum und verpr&#252;gelten systematisch Solidarnosc-Mitglieder, zu denen auch Jan Rulewski, ein nationaler Gewerkschaftsf&#252;hrer, z&#228;hlte. Dies war das erste Mal, dass gegen die Gewerkschaft offene Gewalt eingesetzt wurde. Eine halbe Millionen ArbeiterInnen in der gesamten Region von Bromberg traten daraufhin in den Streik.<br />
Als am 23. M&#228;rz ein 300-k&#246;pfiges nationales Delegiertentreffen stattfand, war der Druck der Basis bereits &#252;berw&#228;ltigend. Einem &#228;u&#223;erst erfolgreichen vierst&#252;ndigen nationalen Streik folgten – f&#252;r den Fall, dass die Forderungen der Gewerkschaft nicht erf&#252;llt w&#252;rden – die Vorbereitungen zu einem unbefristeten Generalstreik am 31. M&#228;rz.<br />
Die Atmosph&#228;re in Polen war aufgeladen, als sich beide<br />
Seiten auf eine entscheidende Konfrontation vorbereiteten.<br />
In allen Regionen wurden in den gr&#246;&#223;ten Fabriken Streikhauptquartiere<br />
eingerichtet und mit Barrikaden befestigt.<br />
Der Premierminister, Jaruzelski, wandte sich um Unterst&#252;tzung an die Kirche. Kardinal Wyszynski und der Papst riefen zur Zur&#252;ckhaltung auf. Bei einem einst&#252;ndigen privaten Treffen mit dem Kardinal und, noch wichtiger, durch die „Berater“ der Kirche in der Gewerkschaftsf&#252;hrung, wurde auf Lech Walesa direkter Druck ausge&#252;bt. Noch im letzten Moment [vor dem Generalstreik, Anm. d. &#220;.] verhandelte Walesa zusammen mit einer Handvoll Mitglieder des Gewerkschaftskoordinationskomitees und einigen „BeraterInnen“ im Geheimen mit dem Regime. Schlie&#223;lich erschien er im Fernsehen, um die Absage des Streiks zu verk&#252;nden.</p>
<p><strong>Solidarnosc in der Krise</strong><br />
Die pl&#246;tzliche Absage des Generalstreiks war ein ernsthafter R&#252;ckschlag. Nach ihrem fulminanten Aufstieg war die ArbeiterInnenbewegung mit dem ersten Hindernis konfrontiert. In der Folgezeit kam es zu einer betr&#228;chtlichen Demobilisierung der Solidarnosc-Basis, so dass in den n&#228;chsten drei Monaten kein Streik in Polen stattfand. Zwar war das Bromberg-Debakel nicht die finale Krise von Solidarnosc, es markierte jedoch das Ende ihrer ersten Entwicklungsphase: Sie musste sich in eine neue Richtung bewegen. Die folgenden Monate waren von wachsender Verwirrung gepr&#228;gt. Unter den verschiedenen Str&#246;mungen und Bewegungen, die innerhalb von Solidarnosc miteinander interagierten, lassen sich grob einige Positionen identifizieren.</p>
<p><strong>M&#228;&#223;igung und B&#252;rokratisierung</strong><br />
Die dominante Orientierung der Solidarnosc-F&#252;hrung kann als „gem&#228;&#223;igt“ bezeichnet werden. Sie wollten die Vereinbarungen vom August 1980 als Grundlage einer permanenten Beziehung mit dem Regime nutzen: Solidarnosc w&#252;rde der Regierung partielle Legitimit&#228;t zusprechen und sie als „Partner“ in einem gemeinsamen Projekt zur Reform der polnischen Gesellschaft anerkennen.<br />
Die m&#228;&#223;igenden Ideen wurden unterst&#252;tzt durch einen Kreis von „BeraterInnen“, die als Transmissionsriemen fungierten. Ein Kreis der Warschauer Intelligenzija – ehemalige Parteimitglieder, katholische Intellektuellenzirkel, Mitglieder des KOR – war direkt im Entscheidungsgremium der Gewerkschaft vertreten.<br />
Der Eintritt der „BeraterInnen“ in Solidarnosc erfolgte bereits zu Beginn in Danzig.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Die Delegation der Warschauer Intelligenzija brachte zur Werft neben „Solidarit&#228;tsgr&#252;&#223;en“ auch „Ratschl&#228;ge“ bez&#252;glich der Vorgehensweise bei Verhandlungen mit. So akzeptierten die MKS-F&#252;hrerInnen den Rat der „ExpertInnen“, die Losung der „f&#252;hrenden Rolle der Partei“ anzuerkennen, so dass diese ohne eine Abstimmung der Delegierten in der endg&#252;ltigen Vereinbarung verankert wurde. Mit der st&#228;rker werdenden Rolle der „BeraterInnen“ in den Danzig-Verhandlungen war somit verbunden, dass die demokratische Arbeitsweise des MKS nachlie&#223;: Treffen zwischen der Exekutive und Basis des MKS wurden unregelm&#228;&#223;iger und grundlegende Fragen wurden den Delegierten nicht mehr zur Abstimmung gereicht.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a><br />
Mittels der „BeraterInnen“ hatte die Intelligenzija einen starken Einfluss auf die interne Politik von Solidarnosc. Sie repr&#228;sentierten, ob innerhalb oder au&#223;erhalb der Partei, eine Mischung aus Katholizismus, Nationalismus und Liberalismus. Was sie jedoch nie repr&#228;sentierten – viele standen dieser sogar mit offener Feindseligkeit entgegen – war jegliche Tradition von <em>sozialistischer </em>Politik und ArbeiterInnen-Internationalismus. Stattdessen s&#228;ten sie Illusionen der „nationalen Einheit“ und „rationalen L&#246;sungen“ und verdeckten damit Klassenantagonismen sowie die Notwendigkeit des Kampfes um die ArbeiterInnenmacht.<br />
Das Streben nach einer moderaten Strategie erforderte, dass die F&#252;hrerInnen die Bewegung zur&#252;ckhielten und Initiativen von unten vereitelten, welche die Entwicklung eines langfristigen Kompromisses gef&#228;hrdet h&#228;tten. Auch wenn alle Intellektuellen allgemein darin &#252;bereinstimmten, dass eine „Selbstbegrenzung“ notwendig war, so bedeutete dies nicht, dass sie eine homogene Gruppe bildeten. Die Mitglieder des KOR waren beispielsweise meist weit radikaler als die BeraterInnen der Kirche und offener f&#252;r radikale Impulse von der Basis. Vor allem waren sie diejenigen, die hinaus gingen, um mit den Mitgliedern zu reden.</p>
<p><strong>„Radikalere“ Str&#246;mungen</strong><br />
Die gem&#228;&#223;igte F&#252;hrung von Solidarnosc war jedoch nicht unangefochten. Vor allem nach den Ereignissen in Bromberg traten zahlreiche „radikalere“ Str&#246;mungen innerhalb der Gewerkschaft auf, die es jedoch nie schafften als organisierte Fraktionen alternative Strategien zu formulieren. Vielmehr reagierten sie h&#228;ufig unkoordiniert und moralisierend. Einige entwickelten sich als lokale Cliquen, die sich mehr auf Basis pers&#246;nlicher Vorlieben und Abneigungen denn ausgearbeiteter politischer Differenzen zusammengefunden hatten.<br />
Auch wenn die radikaleren AktivistInnen diejenigen waren, die am st&#228;rksten gegen die Rolle der „ExpertInnen“ und „BeraterInnen“ auftraten, so wurde diese Haltung h&#228;ufig in ein generelles Misstrauen gegen&#252;ber jeglicher Ideologie und Theorie &#252;bersetzt. Der franz&#246;sische Soziologe Alain Touraine verwies in seiner Studie &#252;ber die Solidarnosc-Mitglieder auf ein starkes Gef&#252;hl des Zorns und Misstrauens gegen&#252;ber der polnischen Gesellschaftsordnung und dem regierenden Regime. Wie er jedoch erg&#228;nzte, verblieb das weit verbreitete Verlangen nach radikalem Wandel in der Form einer „inneren Sprache“ und wurde nie in eine politische Strategie transformiert.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
Die Abwesenheit einer klaren oppositionellen Str&#246;mung beeinflusste einige andere potentiell erfolgversprechende Entwicklungen in Solidarnosc. Eine davon war die „Bewegung f&#252;r Selbstverwaltung“.<br />
Solidarnoscs Aufmerksamkeit richtete sich prim&#228;r auf den Kampf um Anerkennung und die Vielzahl an unmittelbaren Herausforderungen, welche sich in der Auseinandersetzung mit dem Regime stellten. Selbstverwaltung spielte somit f&#252;r die Monate nach August kaum eine Rolle.<br />
Allerdings konnte die Frage nach der „ArbeiterInnenkontrolle“ nicht einfach umgangen werden. Es wurde immer offensichtlicher, dass die Selbstlimitierung auf eine „Gewerkschaft“ nicht haltbar war. Mit jeder Schlacht trieben die Mitglieder die von ihnen mit der Bewegung verbundenen Hoffnungen weiter &#252;ber die bisherigen Grenzen hinaus. Das Ausma&#223; der &#246;konomischen Krise f&#252;hrte dazu, dass die klassischen Gewerkschaftsforderungen – h&#246;herer Lohn, k&#252;rzere Arbeitszeiten, bessere Arbeitsbedingungen – nur der Regime-Propaganda in die H&#228;nde spielten, derzufolge die Gewerkschaft &#246;konomische Reformen verhindere. Solidarnosc-Mitglieder versp&#252;rten das wachsende Bed&#252;rfnis nach Gegenargumenten und einem Forderungskatalog, mit dem man die eigene Position in den Betrieben weiter verbessern konnte.</p>
<p><strong>Wiederaufkeimende Konflikte</strong><br />
Die &#246;konomische Krise vertiefte sich im Fr&#252;hling und Sommer 1981. Die Verknappung von Rohmaterialien und Bauteilen traf die industrielle Produktion schwer, und die Versorgung mit allt&#228;glichen Waren wie Fleisch, Seife und Toilettenpapier verschlechterte sich zunehmend. Diese Situation f&#252;hrte im Sommer zu einem erneuten Ausbruch von Protesten. Diesmal jedoch handelte es sich vorwiegend um „wilde“ Aktionen, so dass die Reaktion der Solidarnosc-F&#252;hrung k&#252;hl und in einigen F&#228;llen sogar feindselig ausfiel. Als das Regime Solidarnosc vorwarf, die Wirtschaft zu sabotieren, rief die F&#252;hrung zu einem zweimonatigen Streik-Moratorium auf.<br />
Ein Charakteristikum der Streiks im Sommer und Herbst war, dass neue Teile der Solidarnosc-Mitglieder zum ersten Mal an autonomen Aktivit&#228;ten beteiligt waren: Flughafenpersonal, DruckerInnen, weibliche Arbeiterinnen, Hausfrauen und andere. Aufgrund der ausweglosen &#246;konomischen Umst&#228;nde und der wachsenden Frustration mit dem Regime versuchten zuvor „r&#252;ckschrittliche“ Teile von Solidarnosc die Bewegung weiter zu treiben. Alle m&#246;glichen Belange waren Inhalt der Streiks: Essensversorgung, der Kampf gegen die Rolle der Partei in den Betrieben, die lokale Macht von ManagerInnen, Exportpolitik, Zensur, usw. Implizit und explizit repr&#228;sentierten die Aktionen einen Aufruf an Solidarnosc, endlich zu handeln. Jedoch wurde die Verzweiflung und massive Wut ganzer Sektionen der Gewerkschaftsmitglieder von der F&#252;hrung nicht aufgegriffen.<br />
All diese Dynamiken von unten blieben fragmentiert und isoliert. Kein Teil der F&#252;hrung versuchte sie zu verbinden und aufzuzeigen, wie ein neuer vereinter Angriff gegen das Regime ausschauen k&#246;nnte. Letztendlich starb die Streikbewegung Mitte November ab: Die Mitglieder waren zunehmend ausgebrannt und wandten sich entt&#228;uscht von der Gewerkschaft ab. </p>
<p><strong>R&#252;ckgriff auf die Armee</strong><br />
Trotzdem war f&#252;r das Regime seit dem Sommer klar, dass Solidarnosc mit rein <em>politischen </em>Mitteln nicht besiegt werden konnte. Die Partei – das zentrale politische Werkzeug des Regimes – hatte bis dahin ihre Unf&#228;higkeit demonstriert. Deshalb wandten sich Polens Herrschende zu ihrer Rettung an die Armee.<br />
Um auszutesten, inwieweit die Gewerkschaft bereit war, sich zu wehren, begann das Regime offene Ma&#223;nahmen gegen Solidarnosc-AktivistInnen durchzuf&#252;hren. Einzelne Festnahmen waren nun nicht mehr Signale f&#252;r Massenstreiks, sondern f&#252;hrten nur vereinzelt zu lokalen Protestma&#223;nahmen. Kleine Armee-Einheiten wurden mit dem Argument, bei der Bew&#228;ltigung der Wirtschaftskrise zu helfen, auf das Land und in kleinere D&#246;rfer geschickt. Die Gewerkschaft reagierte auf die Vorkommnisse nicht. Im November wurden dann bereits &#228;hnliche Einheiten in die Fabriken geschickt um „die zivilen Verteidigungsvorbereitungen zu pr&#252;fen&#8230;“.</p>
<p><strong>Solidarnosc’ Hinwendung zur Politik</strong><br />
Die F&#252;hrung von Solidarnosc war gespalten und unsicher, wie auf die wachsende Gefahr zu reagieren sei. Als die Streiks Mitte November aufgrund der Ersch&#246;pfung und Entt&#228;uschung gr&#246;&#223;tenteils beendet wurden, verfielen viele ArbeiterInnen in w&#252;tende Apathie. Einige beschuldigten sogar – der Regimepropaganda folgend – die Gewerkschaft, f&#252;r das wirtschaftliche Schlamassel verantwortlich zu sein.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a><br />
Die paradoxe Selbstlimitierung der Solidarnosc sich nicht in die „Politik“ einmischen zu wollen, verleugnete die eigene Rolle bereits in der Entstehung. Mit der aufkommenden Krise und dem Gef&#252;hl einer zunehmenden L&#228;hmung begannen einige AktivistInnen, nach offenen politischen L&#246;sungen zu suchen. Ein Teil bewegte sich hin zu einer rein nationalistischen Politik, andere suchten ihr Heil in der Gr&#252;ndung politischer Parteien. Vor allem letzteres stellte einen weiteren Bruch mit der fr&#252;heren Selbstlimitierung dar. Jedoch betrachteten all diese Initiativen „Politik“ als etwas, das sich <em>au&#223;erhalb </em>von Solidarnosc befand und sich auf ein spezielles „politisches“ Handlungsfeld beschr&#228;nke. Nirgends wurde darunter die direkte Mobilisierung der St&#228;rke der polnischen ArbeiterInnen als Teil eines politischen Programms verstanden. Deshalb blieb die Hinwendung zur „Politik“ auch das Handlungsfeld einiger weniger interessierter AktivistInnen; die Basis war daran nicht beteiligt.</p>
<p><strong>Die „Lublin“-Gruppe</strong><br />
In diesem Sinne waren Entwicklungen innerhalb der Bewegung f&#252;r Selbstverwaltung sehr viel erfolgversprechender. Bereits im Sommer hatten militante Gruppen ihre Unzufriedenheit mit dem moderaten „Netzwerk“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> ausgedr&#252;ckt und die rivalisierende „Lublin“-Gruppe gegr&#252;ndet. Diese betonte die Notwendigkeit der ArbeiterInnenkontrolle. Vor allem waren sie in Bezug auf rein legislative Mittel skeptisch und interpretierten Selbstverwaltungsorgane im aktivistischen Sinne als „Organisationen des Kampfes zur Selbstverwaltung und Instanzen zur Kontrolle &#252;ber die Produktion“. Sie begannen f&#252;r „aktive Streiks“ zu argumentieren, in welchen die Produktion unter Kontrolle der ArbeiterInnen und im Interesse popul&#228;rer Bed&#252;rfnisse weitergef&#252;hrt werden sollte.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a><br />
Die „Lublin-Gruppe“ war der Beweis f&#252;r eine zunehmend radikale Str&#246;mung innerhalb der ArbeiterInnenbewegung. Jedoch steckte sie noch im Diskussionsstadium und entwickelte sich viel zu sp&#228;t, so dass sie nie die M&#246;glichkeit hatte, ihre Vorstellungen in die Praxis umzusetzen.</p>
<p><strong>Die letzten Tage</strong><br />
Ende November wurde offensichtlich, dass eine zentrale Auseinandersetzung bevorstand. Das Regime trieb eine Notstandsgesetzgebung voran und verlagerte Armee-Einheiten in die industriellen Zentren.<br />
Anfang Dezember versch&#228;rfte das Regime pl&#246;tzlich die Gangart. Generell hatten die ArbeiterInnenk&#228;mpfe abgenommen, allerdings waren beispielsweise die Studierenden in einer Reihe von Besetzungen involviert. Die Warschauer Feuerwehr-Schule – eine der besetzten Universit&#228;ten – wurde am 2. Dezember von einigen hundert BereitschaftspolizistInnen gest&#252;rmt.<br />
Diese Krise zwang die Solidarnosc-F&#252;hrung endlich, wenn auch versp&#228;tet, zur &#220;bernahme einer radikaleren Perspektive. Am 12. Dezember, inmitten der radikalsten Stimmung seit Bromberg, traf sich die nationale Kommission der Gewerkschaft in Danzig. Die Delegierten stimmten daf&#252;r, sich der Notstandsgesetzgebung mit Streiks sowie einem Generalstreik zu widersetzen. Weiters sollte ein eigenes Vertrauensvotum &#252;ber die Regierung abgehalten werden. Erneut riet die Kirche von einem solchen Schritt ab.<br />
Die linke Kehrtwende der Gewerkschaftsf&#252;hrung kam jedoch zu sp&#228;t. Als die Mitglieder der nationalen Kommission in ihrem Hotel schliefen, schlug das Regime zu. Das Hotel wurde von BereitschaftspolizistInnen gest&#252;rmt, die Delegierten verhaftet und inhaftiert. Im ganzen Land wurden tausende AktivistInnen aus ihren Betten gezerrt und abgef&#252;hrt. Premierminister Jaruzelski verk&#252;ndete um 6 Uhr fr&#252;h seinen Milit&#228;rputsch, die Aufl&#246;sung von Solidarnosc und das Kriegsrecht.<br />
Kardinal Glemp rief &#252;ber den Rundfunk die Bev&#246;lkerung dazu auf, nicht zur&#252;ck zu schlagen. Die Reaktionen der ArbeiterInnen vielen sehr unterschiedlich aus. Es gab vor allem in den gr&#246;&#223;ten Betrieben und den schlesischen Kohleminen einige hundert Streiks und Besetzungen. Doch nach wenigen Tagen war der Widerstand durch brutale Polizei- und Armeeinterventionen gebrochen.</p>
<p><strong>Konsequenzen der Niederlage</strong><br />
Die Niederlage von Solidarnosc hatte weitreichende Konsequenzen. Die Entscheidung des Regimes, sich f&#252;r die Niederschlagung von Solidarnosc der blo&#223;en milit&#228;rischen Macht zu bedienen, erwies sich f&#252;r den „Kommunismus“ als schicksalhaft. Indem Jaruzelski und seine Kollaborateure ganz auf politische Vermittlung und die Partei verzichteten, bereiteten sie den Weg in Richtung 1989. Gleichzeitig, obwohl sie nie endg&#252;ltig zerschlagen wurde, nahm die Verankerung von Solidarnosc in der ArbeiterInnenklasse immer weiter ab. Zunehmend eine Bewegung der Intelligenzija, gab sie ihre Tr&#228;ume von einer &#246;konomischen Selbstverwaltung zugunsten des Neoliberalismus auf. In diesem Sinne half sie, die „rein politische“ Revolution von 1989 in den Ostblock-L&#228;ndern mitzuformen, und bot dem liberalen Triumphalismus eines Fukuyama und anderer Sch&#252;tzenhilfe.</p>
<p><em>Colin Barker</em> ist britischer Marxist, Mitglied der Socialist Workers Party und Lehrender an der Manchester Metropolitan University.</p>
<p>&#220;bersetzung: <em>Ramin Taghian </em>und <em>Daniel Fuchs</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Dies ist eine &#252;bersetzte, gek&#252;rzte und redaktionell bearbeitete Version des Artikels „Poland 1980-81. The self-limiting revolution“, erschienen in Barker, Colin (Hg.): Revolutionary Rehearsals, London/Chicago/Melbourne 1987, S. 169-216. Der letzte Absatz der vorliegenden Version entstammt Colin Barkers Artikel „Crisis and turning points in revolutionary development: emotion, organization and strategy in Solidarnosc, 1980-81“, in Interface: a journal for and about social movements. Volume 2:1 (Mai 2010), S. 79-117<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Ludwik Hass, ein alt gedienter polnischer Trotzkist, beschrieb dies als ein „Eingreifen mit klassenstrategischem Charakter“, vgl. „Die Trag&#246;die von Solidarnosc sind die Berater!“ (Interview mit Ludwik Hass, gef&#252;hrt von Ernst Haenisch), in Klassenkampf 10, M&#228;rz-April 1982. Vielen Dank an Ian Birchall f&#252;r die &#220;bersetzung.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> F&#252;r Details siehe die zwei Denkschriften von Jadwiga Stanizkis „The evolution of forms of working-class protest in Poland: sociological reflections on the Gdansk:Szczenin case“, in Soviet Studies 33/2 (April 1981), S. 204-231 und von Tadeusz Kowalik „Experts and the Working Group“, in Kemp-Welch, Anthony (Hg.): The Birth of Solidarity: The Gdansk Negotiations, 1980, London 1983, S. 153-176<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> vgl. Touraine, Alain: Solidarity. The analysis of a social movement. Poland 1980-81, Cambridge/New York/Paris 1983, S. 72<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Zu erkennen anhand einiger der zahlreichen Meinungsumfragen in diesem gesamten Zeitraum; vgl. Mason, David S. „Solidarity , the Regime and the Public“, in Soviet Studies 35/4 (Oktober 1983), S. 533-545<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Die Gruppierung „Netzwerk“ kam 1981 auf und organisierte eine Reihe von Diskussionstreffen, um einen Forderungskatalog zu formulieren. Sie setzte sich aus einigen Militanten und interessierten Intellektuellen zusammen, das Ganze jedoch ohne eine direkte Verbindung mit der realen Praxis der ArbeiterInnenbewegung.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Die Argumente des Netzwerks wurden ziemlich schnell von der f&#252;hrenden Gruppe um Walesa als ihre eigenen aufgegriffen und entwickelten sich zu einem zentralen Bestandteil des Gewerkschaftsprogramms. Ein Hauptkritikpunkt war hierbei die staatlich-b&#252;rokratische Kontrolle &#252;ber die Wirtschaft. Stattdessen postulierte sie die Idee, dass das gesamte wirtschaftliche Leben als neutraler Raum und frei von politischer Einflussnahme behandelt werden sollte. So wie die Entstehung des Programms war auch die Vorstellung von dessen Implementierung von den Erfahrungen und Praxen der Basis abgetrennt. Als dann ab Juli 1981 eine neue Welle von ArbeiterInnenmilitanz ausbrach, wollten viele Netzwerk-AktivistInnen genauso wie die Walesa-Gruppe diese zu einem raschen Ende bringen. Anstatt die wiederbelebte Mobilisierung der ArbeiterInnenklasse als Chance anzusehen, ihre Ideen in die Praxis umzusetzen, lehnten sie die Streiks als St&#246;rung der „seri&#246;sen“ Arbeit zur Vorbereitung einer Gesetzgebung ab.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> vgl. Kowalewski, Zbigniew: „Solidarnosc on the Eve“, in Labour Focus<br />
on Eastern Europe, 5:1-2 (Fr&#252;hling 1982)</p>
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		<title>MAYDAY! MAYDAY! Uni prek&#228;r</title>
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		<pubDate>Tue, 12 Apr 2011 21:57:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Termine]]></category>
		<category><![CDATA[Prekarisierung]]></category>
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		<category><![CDATA[Wissensarbeit]]></category>

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		<description><![CDATA[Diskussionsverstaltung mit Joe Grim Feinberg (Graduate Students United) aus Chicago sowie AktivistInnen von Perspektiven und Linkes Hochschulnetz
Donnerstag, 14. April 2011, 19 Uhr
Aula, Uni-Campus AAKH, Hof 1, Spitalgasse 2 / Alserstr 4, 1090 Wien

Am 1. Mai findet heuer zum f&#252;nften Mal die MayDay-Parade in Wien statt. Begonnen hat alles 2004 als Teil der EuroMayDay-Kampagne mit dem Ziel einerseits den 1. Mai [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Diskussionsverstaltung mit Joe Grim Feinberg (Graduate Students United) aus Chicago sowie AktivistInnen von Perspektiven und Linkes Hochschulnetz</p>
<p>Donnerstag, 14. April 2011, 19 Uhr<br />
Aula, Uni-Campus AAKH, Hof 1, Spitalgasse 2 / Alserstr 4, 1090 Wien</strong><br />
<span id="more-1884"></span></p>
<p>Am 1. Mai findet heuer zum f&#252;nften Mal die MayDay-Parade in Wien statt. Begonnen hat alles 2004 als Teil der EuroMayDay-Kampagne mit dem Ziel einerseits den 1. Mai als Kampftag zu erneuern und andererseits – auch &#252;ber den 1. Mai hinaus – das Thema “Prekarisierung” an die &#214;ffentlichkeit zu tragen und widerst&#228;ndig zu besetzen.<br />
Begriffe wie Prekarit&#228;t, Prekarisierung und Prekariat sind mittlerweile den wenigsten fremd. Immer mehr Menschen sind mit “flexibleren” Arbeitsverh&#228;ltnisssen bei entsprechend marktgerechteren – sprich: niedrigeren L&#246;hnen konfrontiert, sei es bei der Arbeit mit Laptop oder Putzfetzen; mit oder ohne Krankenversicherung; mit oder ohne Aufenthalts- oder Arbeitsbewilligung.</p>
<p>MAYDAY!MAYDAY! Uni prek&#228;r…</p>
<p>Die Universit&#228;ten sind ein wesentlicher Ort der Prekarisierung. Studierende sind einem immer gr&#246;&#223;eren &#246;komischen Druck ausgesetzt (K&#252;rzung Familienbehilfe, drohende Wiedereinf&#252;hrung Studiengeb&#252;hren), schlagen sich durch das mit “McJobs” finanzierte Studium, jagen in schlecht bis gar nicht bezahlten Praktika Zusatzqualifikationen nach, um nach dem Abschluss sich selbst als “hochqualifierzierte*r Wissenarbeiter*in” vermarkten zu m&#252;ssen. Diese Wissensarbeitsrealit&#228;ten sind ebenso prek&#228;r: kurzfristige Projekte, schlecht bezahlte Lektor*innenjobs, aufwendige Projektantr&#228;ge mit langen Wartezeiten und ungewissem Ausgang, Druck zur Selbstausbeutung. Die Arbeit und somit das Leben werden l&#228;ngerfristig kaum planbar und soziale Sicherheit stellt sich einfach nicht ein.</p>
<p>In den letzten Jahren gab es neben der unibrennt-Bewegung an verschiedenen Instituten immer wieder lokale, teils erfolgreiche K&#228;mpfe und Initiativen zur Verbesserung – bzw. zur Verhinderung der Verschlechterung – der Arbeitssituation von Lehrenden / Forschenden / Studierenden. Diese Initiativen existieren oft parallel, es gibt meist wenig Kommunikation und teilweise erf&#228;hrt man nicht einmal voneinander.</p>
<p>Im Rahmen dieser MAYDAY! Mobilisierungsveranstaltung sollen Erfahrungen ausgetauscht, der Begriff Wissensarbeit diskutiert und m&#246;gliche Strategien der Organisierung ausgelotet werden. Ein besonderes Anliegen ist dabei, die Situation von Studierenden und jenen von Forschenden/Lehrenden zusammenzudenken und auf die Suche nach gemeinsamen Handlungsm&#246;glichkeiten zu gehen!</p>
<p>Eine Initiative von <a href="http://www.ig-elf.at/">IG Externe LektorInnen und freie Wissenschafter*innen</a>, <a href="http://www.linkeshochschulnetz.at/">Linkes Hochschulnetz</a> und <a href="http://www.perspektiven-online.at/">Perspektiven. Magazin f&#252;r linke Theorie und Praxis</a> im Rahmen von <a href="http://mayday-wien.org/">MAYDAY</a>!</p>
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		<title>&#196;gypten &#8211; The Revolution was Televised</title>
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		<pubDate>Sun, 27 Feb 2011 09:35:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Ägypten]]></category>
		<category><![CDATA[Islamismus]]></category>
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		<category><![CDATA[Naher und Mittlerer Osten]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>

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		<description><![CDATA[Mit dem Sturz der Diktatur Hosni Mubaraks hat die Welle von Revolten in Nordafrika und Westasien ihren ersten H&#246;hepunkt erreicht. In diesem Thesenpapier der Gruppe Perspektiven, das Ramin Taghian ausgearbeitet hat, wollen wir zu einer historischen Einordnung und politischen Einsch&#228;tzung der &#228;gyptischen Revolution beitragen.
Die Revolution in &#196;gypten kam &#252;berraschend. Vom erfolgreichen Sturz von Ben Ali in Tunesien Mitte Januar erwarteten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Mit dem Sturz der Diktatur Hosni Mubaraks hat die Welle von Revolten in Nordafrika und Westasien ihren ersten H&#246;hepunkt erreicht. In diesem Thesenpapier der </em>Gruppe Perspektiven, <em>das </em>Ramin Taghian a<em>usgearbeitet hat, wollen wir zu einer historischen Einordnung und politischen Einsch&#228;tzung der &#228;gyptischen Revolution beitragen.</em><span id="more-1775"></span></p>
<p>Die Revolution in &#196;gypten kam &#252;berraschend. Vom erfolgreichen Sturz von Ben Ali in Tunesien Mitte Januar erwarteten sich viele eine Signalwirkung an Bewegungen im Mittleren Osten, nun ihre eigenen langj&#228;hrigen Diktatoren verst&#228;rkt herauszufordern. Dass jedoch innerhalb weniger Wochen bereits der zweite Diktator durch eine revolution&#228;re Massenbewegung gest&#252;rzt werden w&#252;rde – und dies noch dazu im geopolitisch wichtigsten Land der Region, &#196;gypten – damit hatte niemand gerechnet. Gleichzeitig wurde sie von Millionen Menschen weltweit gebannt mitverfolgt. F&#252;r zwei Wochen war der Livestream von Al-Jazeera f&#252;r Tausende das Erste und Letzte am Tag, was ein bzw. ausgeschaltet wurde. Revolutionen sind ansteckend, und eine Revolution, die beinahe live mitverfolgt werden kann, umso mehr!<br />
Die Medien konzentrieren sich bei ihren Versuchen, eine Erkl&#228;rung f&#252;r diese Dynamik zu finden, meist auf die schon lange ausgerufene „Web 2.0-Generation“. Es seien Netzwerke wie <em>facebook</em>, die diese Revolution erm&#246;glichten. Es sei die neue, junge, ausgebildete, global vernetzte, Technologie-affine, nach Moderne und Demokratie strebende Jugend, die diese Revolte „inszenierte“. &#196;hnliche Interpretationen kennen wir aus der Berichterstattung zur „Gr&#252;nen Bewegung“ im Iran 2009 sowie zur „Unibrennt“-Bewegung 2010 in &#214;sterreich.<br />
Dass <em>facebook</em> – und allgemein das Internet – eine wichtige Rolle spiel(t)en und neue M&#246;glichkeiten der Vernetzung und Organisierung f&#252;r AktivistInnen bieten, sei hier in keinster Weise in Frage gestellt. Es soll hier aber auf die politischen Entwicklungen der letzten Jahre fokussiert werden, welche in &#196;gypten f&#252;r die Entstehung dieser Bewegung zentral waren. Revolutionen haben keine fixen Drehb&#252;cher und entstehen auch nicht aus dem Nichts! Es gibt immer AktivistInnen, die &#252;ber Jahre an K&#228;mpfen geschult wurden, &#252;ber Siege und Niederlagen Erfahrungen akkumuliert haben und dabei Zusammenh&#228;nge schufen, welche in der Lage sind, die politischen und sozialen Verh&#228;ltnisse zum Tanzen zu bringen. Dies ist in &#196;gypten nicht anders gewesen, und tats&#228;chlich ist in den letzten Jahren eine Generation von AktivistInnen entstanden, ohne die die aktuelle Situation nicht denkbar w&#228;re. Dar&#252;ber hinaus formierte sich innerhalb dieser K&#228;mpfe nicht zuletzt eine neue und junge Linke, welche im Unterschied zu fr&#252;heren Generationen vor allem durch ihre unsektiererische Haltung gegen&#252;ber anderen politischen Richtungen und insbesondere der Muslimbruderschaft gepr&#228;gt ist.</p>
<p>Im Folgenden soll auf drei Phasen von sozialen K&#228;mpfen in &#196;gypten eingegangen werden, die mit Blick auf die vergangenen zehn Jahre identifiziert werden k&#246;nnen. Denn die Radikalit&#228;t und St&#228;rke der gegenw&#228;rtigen Bewegung kann nur dann erkl&#228;rt werden, wenn diese Phasen analysiert und als zusammenh&#228;ngend und aufeinander aufbauend verstanden werden. Daran anschlie&#223;end werde ich in acht Punkten auf den Charakter der Revolution, die wichtigsten AkteurInnen und die Herausforderungen, mit denen sich die progressiven Kr&#228;fte in &#196;gypten nun konfrontiert sehen, eingehen.</p>
<p><strong>1. 2000-2003:</strong> Eine erste Welle des Protests erfasste &#196;gypten zwischen 2000 und 2003. Dies geschah erst im Rahmen der Solidarit&#228;tsbewegung mit Pal&#228;stina und danach der Antikriegsbewegung gegen die US-Invasion im Irak. Zum ersten Mal seit langer Zeit fanden wieder &#246;ffentliche Stra&#223;enproteste in &#196;gypten statt. Die Bewegung wurde insbesondere von Studierenden an den Universit&#228;ten getragen, wobei vor allem linke Studierende die Bewegung anf&#252;hrten, w&#228;hrend die gr&#246;&#223;te Oppositionskraft, die Muslimbruderschaft, eher durch Abwesenheit gl&#228;nzte.<br />
Wie auf der ganzen Welt, so fanden auch in &#196;gypten vor der Invasion der USA in den Irak Anfang 2003 Massenproteste statt. Erstmals erschienen mehrere tausende Menschen auf dem symboltr&#228;chtigen Tahrir-Platz in Kairo, um ihren Unmut auszudr&#252;cken. Was diese Proteste auszeichnete, war jedoch nicht nur einfach die Tatsache ihres Zustandekommens, sondern vielmehr der Umstand, dass die Kritik am US-Imperialismus sowie der Politik des Staates Israels gegen&#252;ber den Pal&#228;stinenserInnen erstmals mit der Kritik an den eigenen Herrschenden in &#196;gypten, insbesondere dem Pr&#228;sidenten Hosni Mubarak, verbunden wurde. W&#228;hrend die Kritik am Pr&#228;sidenten bisher eher fl&#252;sternd ge&#228;u&#223;ert wurde, hatte man pl&#246;tzlich vereinzelte Rufe gegen Mubarak auf den Demonstrationen. Doch erst in der n&#228;chsten Phase nahm diese Entwicklung eine neue Qualit&#228;t an.</p>
<p><strong>2. 2004-2005</strong>: Seit 2004 formierte sich die „Kefaya“-Bewegung (dt.: „Genug!“) aus der Antikriegsbewegung der vorhergehenden Jahre. Diese repr&#228;sentierte ein breites B&#252;ndnis von NasseristInnen, Liberalen, SozialistInnen sowie auch der Muslimbruderschaft. Obwohl die von ihr organisierten Proteste zahlenm&#228;&#223;ig meist nicht mehr als einige hundert Leute auf die Stra&#223;e brachten (jeglicher Stra&#223;enprotest in &#196;gypten wird grunds&#228;tzlich mit einem Gro&#223;aufgebot der Polizei konfrontiert und von der &#214;ffentlichkeit isoliert), war die Bedeutung von „Kefaya“ eher in ihrer politischen Radikalit&#228;t begr&#252;ndet, mit der sie auch eine gewisse &#214;ffentlichkeit erreichte. So fanden erstmals Proteste statt, in denen dezidiert der R&#252;cktritt Mubaraks und eine &#214;ffnung des rigiden politischen Systems gefordert wurde. Nach 2005 verlor die „Kefaya“-Bewegung aufgrund interner Streitigkeiten sowie einer zunehmenden Repression an Bedeutung. Nichtsdestotrotz hat sie eine neue Kultur des Protestes und der Kritik etablieren k&#246;nnen und gleichzeitig aufgezeigt, dass die Opposition bis zu einem gewissen Grad auch geschlossen gegen das Regime auftreten kann.</p>
<p><strong>3. 2006-2008</strong>: Seit dem Winter 2006 rollte eine Streikwelle durch &#196;gypten, wie sie seit den 1940er Jahren nicht mehr entstanden war. Ihr Zentrum sowie ihren Ausgangspunkt hatte diese Bewegung in der Industriestadt Mahalla al-Kubra, in der sich die gr&#246;&#223;te Textilfabrik des Mittleren Ostens und damit 27.000 ArbeiterInnen befinden. Hunderte Streiks und hunderttausende ArbeiterInnen nahmen in den darauf folgenden zwei Jahren an diversen Streikaktionen im ganzen Land teil und forderten eine Anhebung der mickrigen L&#246;hne, eine Auszahlung der Bonis bis hin zur Absetzung der korrupten, lokalen Gewerkschaftsvorsitzenden. Zum ersten Mal kamen auch Forderungen nach unabh&#228;ngigen Gewerkschaften auf, was zumindest im Falle der SteuerbeamtInnen auch zur Gr&#252;ndung der ersten unabh&#228;ngigen Gewerkschaft seit 1952 f&#252;hrte.<br />
Den H&#246;hepunkt fand die Streikbewegung am 6. April 2008 in der Stadt Mahalla al-Kubra. Ein angesetzter Streik der TextilarbeiterInnen von <em>Ghazl El-Mahalla</em> f&#252;r einen Anstieg der Mindestl&#246;hne und bessere Arbeits- und Lebensbedinungen eskalierte nach der Besetzung des Betriebes durch Polizeieinheiten in zwei Tage andauernden Stra&#223;enschlachten zwischen ArbeiterInnen und AnwohnerInnen auf der einen Seite, und einem massiven Polizeiaufgebot auf der anderen. Obwohl am Ende die Polizei die „Intifada von Mahalla“ niederschlug, war eine neue Qualit&#228;t in der Auseinandersetzung zwischen Staat und ArbeiterInnen erreicht. Bedeutend war der der Aufstand vom 6. April auch deshalb, weil er von der Oppositionsbewegung in ganz &#196;gypten aufgegriffen wurde. Wenn auch der Aufruf zum landesweiten Generalstreik ein Hirngespinst einiger <em>facebook</em>-AktivistInnen blieb und letztendlich nicht umgesetzt werden konnte, hatte der Aufstand eine enorme symbolische Bedeutung f&#252;r eine Generation von &#228;gyptischen AktivistInnen und f&#252;hrte zu einer Ann&#228;herung der Demokratiebewegung an die ArbeiterInnenbewegung. Die „Jugendbewegung des 6. April“, welche einen ma&#223;geblichen Anteil am Zustandekommen der &#228;gyptischen Revolution hatte, gab sich aufgrund dieses Aufstands ihren Namen.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a></p>
<p>Der 6. April 2008 war der letzte gro&#223;e Aufschwung der oppositionellen Bewegungen in &#196;gypten bis zu den Entwicklungen der letzten Wochen. Nichtsdestotrotz wurden diverse Kampagnen organisiert und um diese herum bauten sich weitere Netzwerke von AktivistInnen auf. Diese Kampagnen thematisierten meist die Menschenrechtssituation in &#196;gypten, Polizeirepression und Korruption. Eine dieser Kampagnen war &#8220;We are all Khaled Said&#8221;, ein Blogger welcher letzten Sommer von korrupten Polizisten in Alexandria auf offener Stra&#223;e zu Tode gepr&#252;gelt wurde. Was mit Khaled Said passiert war, wurde zu einem Symbol des politischen Zustands in &#196;gypten.<br />
Bereits vor der Revolution in Tunesien war aus &#196;gypten eine angespanntere Stimmung als die Jahre zuvor zu vernehmen. Die Parlamentswahlen im November 2010 zeigten erneut das jegliche Hoffnung auf eine politische Liberalisierung vergeblich waren. W&#228;hrend die Muslimbruderschaft mit 88 Abgeordneten als gr&#246;&#223;ter Oppositionsblock in den Wahlen von 2005 ins Parlament einziehen konnte, blieben er nun nur noch ein einziger Abgeordneter &#252;brig.<br />
Der Bombenangriff auf eine koptische Kirche in Alexandria und die Reaktionen darauf zeigten ebenfalls in welche Richtung der Wind zu wehen begann. Spontane Demonstrationen der koptischen Gemeinde verurteilten das Regime und die Polizei f&#252;r den fehlenden Schutz. Zahlreiche Proteste an denen auch MuslimInnen teilnahmen wurden organisiert. In dem n&#246;rdlichen Kairoer ArbeiterInnenbezirk Shubra mit einem hohen koptischen Bev&#246;lkerungsanteil fanden Massenproteste mit Beteiligung diverser Oppositionsparteien statt. Zeitweise konnte die Polizei bereits relativ erfolgreich konfrontiert werden.<br />
Die Revolution in Tunesien war in dieser Situation wie ein Z&#252;ndfunke f&#252;r ein schon volles Pulverfass. Der Sturz Ben Ali&#8217;s zeigte, dass durch die Massenproteste auch die brutalste Diktatur gest&#252;rzt werden kann und gab den AktivistInnen in &#196;gypten das Selbstbewusstsein und die &#220;berzeugung es ihren Br&#252;dern und Schwestern in Tunesien gleich zu tun.</p>
<p><strong>1. Eine wahre Revolution</strong></p>
<p>Die Ereignisse in &#196;gypten beschr&#228;nkten sich nicht nur auf eine gro&#223;e Party am Tahrir-Platz, wie es die Medien oft darstellten, sondern sie waren ein tats&#228;chlicher Aufstand im gesamten Land. Von Alexandria bis Kairo, von Suez bis zur weit im Westen liegenden Oase Kharga gingen die Leute auf die Stra&#223;e. Auch in kleinen Ortschaften brannten Polizeistationen oder wurden – insbesondere in der Bev&#246;lkerung als sadistisch bekannte – Polizisten nicht mehr als Autorit&#228;ten anerkannt und vertrieben. Betriebe im gesamten Land wurden bestreikt und Volkskommitees (<em>Popular Commitees</em>) errichtet, um nach dem Abzug der Polizei ab dem 28. J&#228;nner das &#246;ffentliche Leben selbst zu organisieren.<br />
In diesem Prozess ver&#228;nderte sich auf einen Schlag das Bewusstsein von Millionen und eine neue Generation artikulierte sich politisch. Die Angst vor dem Regime transformierte sich in Wut, politische Lethargie in das Gef&#252;hl von Solidarit&#228;t und Verantwortungsbewusstsein f&#252;r das eigene Handeln und die politische Relevanz jedes/r Einzelnen f&#252;r gesellschaftliche Ver&#228;nderung trat hervor. Genau dies machte es zu einer echten Revolution!<a title="anm2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a><br />
Die demokratische Revolution in &#196;gypten und dar&#252;ber hinaus ist auch auf einer weiteren Ebene bedeutend. Seit 9/11 trat vor allem die US-Regierung mit der Position auf, Demokratie m&#252;sse den unterentwickelten islamischen und arabischen L&#228;ndern gebracht werden, wenn n&#246;tig auch mit Bomben. Dieses L&#252;gengeb&#228;ude ist nun eingest&#252;rzt! Die Menschen selbst sind sehr wohl in der Lage f&#252;r ihre eigene Befreiung einzutreten und brauchen keine westlichen Soldaten oder neokonservative Think Tanks um ihnen Demokratie beizubringen!</p>
<p><strong>2. &#8230;doch nicht vollendet – Der national-demokratische Charakter der Revolution</strong></p>
<p>Die Revolution war jedoch bisher vor allem eine national-demokratische Revolution. Da sich die Proteste prim&#228;r gegen die autorit&#228;re Herrschaftsstruktur, gegen eine ungeheuer korrupten Elite und f&#252;r einfache B&#252;rgerrechte richteten, konnten Menschen unterschiedlichster Herkunft Bezug dazu herstellen. Mitglieder fast aller Klassen, Konfessionen und politischer Richtungen nahmen daran teil. Es wurde die &#8220;&#228;gyptische Nation&#8221; als Ganze angerufen.<br />
&#8220;National&#8221; ist die Revolution auch deshalb, weil sie sich gegen den geopolitisch untergeordneten Status &#196;gyptens als Anh&#228;ngsel des „Westens“ richtet. W&#228;hrend &#196;gypten unter dem ehemaligen Pr&#228;sidenten Nasser f&#252;r einen eigenst&#228;ndigen Kurs stand und ein selbstbewusstes Image als widerst&#228;ndiges Land der Dritten Welt besa&#223;, kann das von dem Mubarak-Regime nicht behauptet werden. Das Regime war in engster Weise mit dem „Westen“ und vor allem den USA verbunden. Mit dem Camp-David-Abkommen Ende der 1970er Jahre wurde ein Friedensvertrag mit Israel beschlossen und eine relativ enge Kooperation aufgebaut – eine Entwicklung mit der sich die Mehrheit der &#196;gypterInnen nicht identifizieren konnte.<br />
Hinzu kommt, dass sich &#196;gypterInnen international oft als Menschen zweiter Klasse verstanden. Die das Land besuchenden „westlichen“ TouristInnen hatten einen weit besseren Status als die meisten &#196;gypterInnen. Seit Jahrzehnten wurde behauptet, dass &#196;gypterInnen unf&#228;hig seien, eigenst&#228;ndige Politik zu machen. Diese Revolution hat jedoch so etwas wie einen nationalen Stolz zur&#252;ck gegeben. Putztrupps, die den Tahrir-Platz s&#228;uberten und auch jetzt noch in den Stra&#223;en f&#252;r Sauberkeit sorgen, sind ein Ausdruck dieses Gef&#252;hls.<br />
Der nationale Charakter dr&#252;ckt sich weiters in der Positionierung der Mehrheit gegen&#252;ber dem Milit&#228;r aus. Anders als der Polizeiapparat, welcher in den Augen der &#196;gypterInnen immer schon als nach innen gerichteter Repressionsapparat wahrgenommen wurde und den Hass der Gesellschaft auf sich vereinte, war das Milit&#228;r mit dem Schein nationaler Einheit und politischer Neutralit&#228;t umgeben. Dies ist vor dem Hintergrund der Rolle des Milit&#228;rs in der &#228;gyptischen Geschichte zu verstehen. Es war zentraler St&#252;tzpfeiler der nationalistisch-populistischen &#196;ra Nassers sowie Verteidiger gegen ausl&#228;ndische Aggressoren (Kriege in den Jahren 1956, 1968, 1973).</p>
<p><strong>3. Widerspr&#252;che innerhalb der Bewegung</strong></p>
<p>Bis zum R&#252;cktritt Mubaraks am 11. Februar galt innerhalb der revolution&#228;ren Bewegung Einheit im gemeinsamen Kampf gegen das Regime. Nach deren erstem Erfolg ist zu erwarten, dass sich die Bewegung ausdifferenziert. Ein gro&#223;er Teil der Bewegung argumentierte unmittelbar nach dem Abtritt des Pr&#228;sidenten und der &#220;bernahme der Staatsgesch&#228;fte durch das Milit&#228;r f&#252;r eine Demobilisierung der Bewegung, eine Beendigung der Streiks und eine „R&#252;ckkehr zur Normalit&#228;t“. Dem Milit&#228;r wurde von vielen das Vertrauen ausgesprochen, einen geregelten &#220;bergang zu einer zivilen Regierung zu garantieren. Noch vor dem Fall Mubaraks sprachen sich zum Beispiel Mohammed el-Baradei und seine Unterst&#252;tzerInnen f&#252;r ein Einschreiten des Milit&#228;rs und eine Beendigung des &#8220;Chaos&#8221; aus.  Nun sei es an der Zeit, das „neue &#196;gypten“ aufzubauen und „h&#228;rter zu arbeiten als jemals zuvor“.<br />
F&#252;hrende Figuren der „Jugendbewegung“ wie Wael Ghonim sa&#223;en bereits kurz nach dem Sturz Mubaraks zusammen mit den Milit&#228;rs an einem Tisch, um einen Dialog aufzubauen. Einige liberale Kr&#228;fte der Opposition bildeten die &#8220;Koalition der Jugend der Revolution&#8221; – darunter Repr&#228;sentantInnen der &#8220;6. April Bewegung&#8221;, j&#252;ngere Mitglieder der Muslimbruderschaft sowie der Gruppe um El-Baradei. Es wird sich noch zeigen, welche Rolle diese Zusammenh&#228;nge weiterhin spielen werden. Doch das Vertrauen in das Milit&#228;r als Garant f&#252;r einen geregelten &#220;bergang in eine Post-Mubarak &#196;ra, der Aufruf zur Demobilisierung der Bewegung sowie vor allem zur Beendigung der massenhaften Streiks im Land sind gef&#228;hrliche Schritte, da sie der revolution&#228;ren Bewegung ihr urspr&#252;ngliches Momentum nehmen k&#246;nnten. Solange keine starken und permanenten Gegenstrukturen  zum Staatsapparat gebildet werden, ist die Revolution in Gefahr gewonnenes Terrain zu verlieren.</p>
<p><strong>4. Muslimbruderschaft</strong></p>
<p>Die Muslimbruderschaft ist die gr&#246;&#223;te und am besten organisierte Oppositionskraft &#196;gyptens. Dabei spielte sie immer eine widerspr&#252;chliche Rolle. Ihre F&#252;hrung versuchte, eine eher moderate konformistische Haltung einzunehmen. Nicht der Sturz des Regimes sondern eine Beteiligung am System war ihr prim&#228;res Interesse. Ihr Verh&#228;ltnis zum Regime war ebenso ambivalent. Je nach politischer Konjunktur wurde sie, obwohl immer offiziell illegal, mal geduldet oder verst&#228;rkt verfolgt. Gleichzeitig gibt es in der Muslimbruderschaft seit einigen Jahren eine neue Generation junger aktivistischer Mitglieder, die weiter gehen will als ihre F&#252;hrung. Wenn die Organisation in der Demokratiebewegung aktiver wurde, dann meist durch den Druck dieser Basis. Diese Jugend war auch aktiv an der Bewegung beteiligt.<br />
Seit der Revolution steckt die Organisation in einer Zwickm&#252;hle. Die F&#252;hrung reagierte versp&#228;tet auf die Bewegung, w&#228;hrend viele Mitglieder von Anfang an aktiv beteiligt waren. Politisch hat sie keine f&#252;hrende Rolle gespielt, auch wenn sie nachtr&#228;glich der Bewegung ihre Infrastruktur zur Verf&#252;gung stellte.<br />
Aktuell rief die Muslimbruderschaft dazu auf, dem Milit&#228;r mit dem &#220;bergang zu einer zivilen Regierung zu vertrauen. Noch vor dem Sturz Mubaraks waren sie an Gespr&#228;chen mit dem Regime beteiligt, um einen Kompromiss auszuhandeln. Diese Zusammenarbeit zeigt sich auch in der Ernennung eines Mitglieds der Bruderschaft an einem vom Milit&#228;r eingesetzten Komitee zur &#220;berarbeitung der Verfassung.<br />
Ziel der Muslimbruderschaft ist es, eine legale politische Partei zu werden. An einer grunds&#228;tzlichen Ver&#228;nderung der sozialen Verh&#228;ltnisse &#196;gyptens hat sie kein Interesse. Ein Vergleich mit der AKP der T&#252;rkei ist hierbei angebracht.</p>
<p>W&#228;hrend viele Teile der Opposition von der R&#252;ckkehr zur Normalit&#228;t und einem &#8220;Ende&#8221; der Revolution reden, argumentieren linke Teile der Bewegung daf&#252;r, die nun verst&#228;rkt auftretenden sozialen K&#228;mpfe weiterzuf&#252;hren und den Aufbau unabh&#228;ngiger Gewerkschaften zu forcieren. So sollte die Mobilisierung zum Tahrir-Platz mit der Mobilisierung innerhalb der Betriebe erg&#228;nzt bzw. durch diese ersetzt werden. Gleichzeitig warnen diese Kr&#228;fte davor, dem Milit&#228;r als Garant f&#252;r die Kontinuit&#228;t der Revolution zu vertrauen (zur Frage des Milit&#228;rs, siehe unten).<br />
Die Revolution in &#196;gypten hat au&#223;erordentliches geschafft, etwas womit kaum jemand gerechnet hat. Jedoch sind die alten Strukturen &#196;gyptens noch weitgehend in Kraft. Der tats&#228;chliche Kampf f&#252;r strukturelle Ver&#228;nderungen f&#228;ngt somit erst an. Ein wesentlicher Faktor daf&#252;r wird die F&#228;higkeit progressiver Kr&#228;fte zur Formierung, sowie die Aktivit&#228;ten der ArbeiterInnenklasse im Aufbau einer Gegenmacht sein!</p>
<p><strong>5. Die ArbeiterInnenbewegung &#8211; </strong><em><strong>the next stage of the revolution</strong></em><strong>!</strong></p>
<p>ArbeiterInnen waren zwar seit Beginn der Proteste involviert, beteiligten sich aber zun&#228;chst nicht als ArbeiterInnen, sondern als einfache DemonstrantInnen. In der letzten Woche vor dem Sturz Mubaraks nahm die Zahl von Streiks und ArbeiterInnenk&#228;mpfen jedoch rasant zu, und ArbeiterInnen begannen sich als ArbeiterInnen in den Betrieben zu organisieren. Dies war der letzte Ansto&#223; f&#252;r den Fall Mubaraks.<br />
Die &#228;gyptische ArbeiterInnenklasse denkt nicht daran, sich mit dem Abtritt Mubaraks und der Macht&#252;bernahme durch das Milit&#228;r zu begn&#252;gen. Immer neue Teile der ArbeiterInnenklasse wurden in den letzten Wochen aktiv, um ihre soziale Lage zu thematisieren. In allen Sektoren der Wirtschaft finden Streiks statt. Von den Suezkanal-ArbeiterInnen &#252;ber TextilarbeiterInnen bis hin zu MitarbeiterInnen diverser Ministerien und des &#246;ffentlichen Sektors werden Arbeitsk&#228;mpfe organisiert und Forderungen aufgestellt. Letztere sind dabei weitreichend. Neben Lohnerh&#246;hungen und dem Wunsch nach staatlichen Sozialleistungen sind die Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn sowie der Absetzung korrupter Bosse und lokaler staatlicher Gewerkschaftsf&#252;hrer prominente Themen.<br />
Parallel zu den lokalen K&#228;mpfen gewinnt die Bewegung zur Gr&#252;ndung eines unabh&#228;ngigen Gewerkschaftsbundes an St&#228;rke. Bereits zu Beginn der Bewegung riefen die unabh&#228;ngige Gewerkschaft der SteuerbeamtInnen sowie des Krankenhauspersonals zur Formierung einer solchen auf. Seither haben sich einige weitere Betriebe und Sektoren dieser Initiative angeschlossen. Immer neue Forderungskataloge finden ihren Weg an die &#214;ffentlichkeit.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Diese Entwicklung wird ein wesentlicher Faktor im weiteren Verlauf der Revolution in &#196;gypten sein. Eine unabh&#228;ngige Gewerkschaftsbewegung w&#228;re in der Lage, die lokalen und bisher meist von einander isolierten K&#228;mpfe zu vereinen und die Frage einer sozialen Revolution fl&#228;chendeckend auf die Tagesordnung zu stellen.<br />
Die Streikbewegung ist jedoch mit Hindernissen konfrontiert. So hat das Milit&#228;r mehrmals zur Beendigung der Streiks aufgerufen und mit der Anwendung von Gewalt gedroht. Wie oben erw&#228;hnt haben auch Teile der Bewegung die Beendigung der sozialen K&#228;mpfe gefordert, um nun das „neue &#196;gypten“ aufzubauen. Unumstritten ist, dass mit der revolution&#228;ren Bewegung die B&#252;chse der Pandora ge&#246;ffnet wurde. ArbeiterInnen haben schon in den letzten Jahren verst&#228;rkt f&#252;r ihre sozialen und politischen Rechte gek&#228;mpft. F&#252;r sie ist die Verbindung zwischen dem autorit&#228;ren politischen System und der &#246;konomischen Ausbeutung viel offensichtlicher als f&#252;r andere Bev&#246;lkerungsteile. Die Eliten in der Politik waren die gleichen korrupten Unternehmer, die sie f&#252;r Hungerl&#246;hne schuften haben lassen.  Ein „demokratisches“ &#196;gypten w&#252;rde f&#252;r ArbeiterInnen nichts ver&#228;ndern, wenn sich nicht auch die sozialen Verh&#228;ltnisse mitver&#228;ndern w&#252;rden. Ob dies passiert oder nicht, h&#228;ngt von den sich nun formierenden militanten ArbeiterInnen und SozialistInnen ab. Die Voraussetzungen f&#252;r einen solchen Kampf sind jedoch zweifelsohne vorhanden.</p>
<p><strong>6. Rolle der Armee</strong></p>
<p>Die Milit&#228;relite ist fixer Bestandteil des Regimes, und ihr ist nicht zu trauen! Seit dem 11. Februar hat der oberste Milit&#228;rrat die Regierungsgesch&#228;fte &#252;bernommen. Verteidigungsminister Tantawi, lange Zeit enger Freund und Kollege von Mubarak, steht nun an der Spitze des Staates. Das Milit&#228;r wird von vielen als Garant f&#252;r Stabilit&#228;t und einen „geordneten“ &#220;bergang zu einer zivilen Regierung gesehen. Obwohl es den Anschein einer neutralen Institution hat, war das Milit&#228;r schon immer einer der wichtigsten St&#252;tzpfeiler des Regimes. W&#228;hrend es bis in die 1970er Jahre eine offene politische F&#252;hrungsfunktion hatte, verschwand es danach aus der politischen &#214;ffentlichkeit. Seither existiert ein Deal zwischen der zivilen Regierung und dem Milit&#228;r. Letzteres h&#228;lt sich dabei zwar bewusst im Hintergrund, sein Einfluss in Wirtschaft und Politik ist jedoch enorm:<br />
- Personell sind die Kommandoh&#246;hen des Staates von ehemaligen Offizieren besetzt. Alle  Pr&#228;sidenten seit 1952 rekrutierten sich aus dem Milit&#228;r. Hosni Mubarak selbst war, bevor er unter Sadat Vizepr&#228;sident wurde, Offizier der Luftwaffe.<br />
- Das Milit&#228;r betreibt ein weitreichendes Wirtschaftsnetz. In vielen Branchen wie  der Nahrungsmittel- und Zementproduktion, der Automobilindustrie oder der Gasf&#246;rderung mischt das Milit&#228;r an entscheidender Stelle mit. Zudem kontrolliert es einen gro&#223;en Teil des &#246;ffentlichen Grund und Bodens in &#196;gypten. Auch genie&#223;t das Milit&#228;r im Wirtschaftsbereich weitreichende Privilegien. So ist es von Steuerzahlungen befreit und muss sich mit vielen der b&#252;rokratischen H&#252;rden, denen die Privatwirtschaft unterliegt, nicht herumschlagen. Es genie&#223;t somit eine gewisse Autonomie im Staat und der Wirtschaft.<br />
- Ein stark ausgebauter Sektor von Clubs, Krankenh&#228;usern etc. soll die Loyalit&#228;t der eigenen Offiziere gew&#228;hrleisten und sie bei Stange halten.<br />
- Das Bild vom Milit&#228;r als politisch neutrale Institution und rein nach au&#223;en gerichtete Verteidigungsarmee ist tats&#228;chlich ein Mythos. In Notzeiten war es bisher immer sofort zur Stelle, um die innenpolitische Feuerwehr zu spielen: Bei der Niederschlagung der Brotaufst&#228;nde von 1977 und einer Polizeirevolte 1986 ebenso wie im Krieg gegen militante islamistische Bewegungen in den 1990er Jahren.<br />
- Au&#223;enpolitisch ist es ebenfalls das Milit&#228;r, das am engsten mit Israel und den USA zusammenarbeitet. So erh&#228;lt das &#228;gyptische Milit&#228;r mit ca. 1.3 Mrd. Dollar nach Israel die zweith&#246;chste US-Milit&#228;rhilfe.</p>
<p>Es ist gut vorstellbar, dass das Milit&#228;r den &#220;bergang zu einer zivilen Regierung tats&#228;chlich garantiert und keine weitere, offen-politische Pr&#228;senz anvisiert. Dies w&#252;rde durchaus ihrem eigenen Interesse entsprechen, konnte es doch bereits in den letzten Jahrzehnten erfolgreich im Hintergrund agieren, ohne sich dabei &#246;ffentlicher Kritik stellen zu m&#252;ssen. Voraussetzung daf&#252;r wird jedoch sein, dass die &#246;konomische Rolle und die institutionalisierten Privilegien des Milit&#228;rs unangetastet bleiben. Was passiert, wenn diese zur Diskussion gestellt werden, bleibt demgegen&#252;ber eine offene Frage. Solange dies nicht geschieht, besteht eine grunds&#228;tzliche strukturelle Kontinuit&#228;t zur Mubarak-&#196;ra.<br />
Ungekl&#228;rt bleibt auch, wie die weiteren Entwicklungen innerhalb der Armee aussehen. W&#228;hrend gro&#223;e Teile der Soldaten und mittleren Offiziersr&#228;nge mit der Bewegung sympathisierten (siehe die Bilder sich solidarisierender Soldaten und Offiziere am Tahrir-Platz), sind die oberen Generalsr&#228;nge fixer Bestandteil des &#228;gyptischen Herrschaftsapparats und, wie oben gezeigt, an einem grunds&#228;tzlichen Wandel nicht interessiert. Ein Vertrauen in das bestehende Oberkommando h&#228;tte daher f&#252;r die Perspektiven der Revolution in &#196;gypten fatale Folgen.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a></p>
<p><strong>7. Fraktionsk&#228;mpfe innerhalb der Eliten</strong></p>
<p>Trotz offensichtlicher Kontinuit&#228;ten hat es in den letzten Wochen mehrere strategische Man&#246;ver gegen Teile des alten Regimes gegeben. Einzelnen Ministern wurde die Ausreise verboten und ihre Konten wurden eingefroren. Manche wurden mittlerweile sogar festgenommen, gegen sie wird wegen Korruption ermittelt. Die betroffenen Kreise sind vor allem jene Unternehmer, die erst in den letzten Jahren in der Hierarchie der regierenden NDP (<em>National Demokratische Partei</em>) aufgestiegen sind. Diese Gruppe, welche eng mit Gamal Mubarak, dem Sohn des Pr&#228;sidenten und bis zur Revolution sein potentieller Nachfolger, verbunden war, stand f&#252;r eine neue Fraktion in &#196;gyptens Herrschaftsapparat. Anders als die „alte Garde“ favorisierte diese Fraktion eine Verst&#228;rkung des neoliberalen Kurses, von dem sie auch pers&#246;nlich enorm profitieren konnte. Repr&#228;sentanten dieser nachr&#252;ckenden Gruppe waren zum Beispiel  der Stahl-Tycoon Ahmad Ezz, der f&#252;r die NDP im Parlament sa&#223; und sich durch die Privatisierung von Stahlbetrieben bereichern konnte. Andere sind der ehemalige Innenminister Habib al-Adly, Tourismusminister Zoheir Garranah und der ehemalige Wohnbauminister Ahmed El-Maghraby. Alle vier wurden bereits verhaftet. Obwohl ihre Verfolgung sehr zu begr&#252;&#223;en ist – sie haben an der Neoliberalisierungsoffensive der letzten Jahre zweifellos einen gro&#223;en Anteil – m&#252;ssen diese Entwicklungen mit Vorsicht betrachtet werden. Tats&#228;chlich werden hier n&#228;mlich S&#252;ndenb&#246;cke f&#252;r das alte Regime gesucht. Zudem darf nicht &#252;bersehen werden, dass hier auch innerhalb der Herrschaftselite alte Rechnungen beglichen werden.</p>
<p><strong>8. Regionale und globale Dimension der Revolution(en) – 2011 als Jahr der Revolutionen?!</strong></p>
<p>Nach den Revolutionen in Tunesien und &#196;gypten werden die Karten geopolitisch neu gemischt werden m&#252;ssen. Der „Westen“ wei&#223; noch nicht so recht, wie er auf die Situation reagieren soll und womit er noch zu rechnen hat. Zudem wird der Widerspruch zwischen den eigenen geopolitischen Interessen, die denen der autorit&#228;ren Regime  in engster Weise verbunden waren, und der Rhetorik von Demokratie und Freiheit f&#252;r alle in dieser Situation nur zu offensichtlich.<br />
Bisher hat sich die Berichterstattung auf den arabischen Raum konzentriert. Doch die Inspiration der Revolution in Tunesien und &#196;gypten hat bereits andere Regionen erreicht. Im Iran sch&#246;pfte die Opposition, die 2009/2010 noch brutal niedergeschlagen wurde, neue Energie und Hoffnung. Aber auch in den nicht weniger autorit&#228;r regierten L&#228;ndern Afrikas finden die ersten Revolutionen des 21. Jahrhundert einen starken Widerhall.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Selbst in den USA findet die Revolution in &#196;gypten einen Widerhall. Die j&#252;ngsten gewerkschaftlichen K&#228;mpfe in Wisconsin sahen teilweise direkte Bezugsnahmen auf die Massenproteste im Mittleren Osten. Unabh&#228;ngig vom weiteren Verlauf der Ereignisse kann schon jetzt gesagt werden, dass das Jahr 2011 neben 1848, 1917, 1968 und 1989 als Jahr der Revolutionen in die Geschichte eingehen wird. Die Entwicklung, welche in Tunesien ihren Anfang nahm, hat sich in k&#252;rzester Zeit zu einem regionalen Fl&#228;chenbrand ausgebreitet. Die Erfahrung, dass auch die brutalsten und autorit&#228;rsten Regime durch Massenbewegungen gest&#252;rzt werden k&#246;nnen, hat sich weltweit in das Bewusstsein von Millionen Menschen eingebrannt. Revolutionen sind ansteckend, und es wird noch zu sehen sein, was die langfristigen Folgen der j&#252;ngsten Entwicklungen sein werden.</p>
<p><em>Gruppe Perspektiven<br />
Wien, am 27. Februar 2011</em></p>
<p><strong>weiterf&#252;hrende Links:</strong></p>
<p>Spannende Dokumentation &#252;ber die &#228;gyptische Revolution: <a href="http://www.youtube.com/watch?v=ufrRNnfM7sc&amp;feature=player_embedded">http://www.youtube.com/watch?v=ufrRNnfM7sc&amp;feature=player_embedded</a></p>
<p>Zu feministischen Positionen in der Revolution:<br />
<a href="http://www.bloomberg.com/news/2011-02-16/egypt-women-clash-over-sharia-law-after-tahrir-shows-equality-in-uprising.html">http://www.bloomberg.com/news/2011-02-16/egypt-women-clash-over-sharia-law-after-tahrir-shows-equality-in-uprising.html</a></p>
<p>Interview mit der ber&#252;hmten radikalen Feministin und Autorin Nawal el-Saadawi:<br />
<a href="http://english.aljazeera.net/programmes/rizkhan/2011/02/201121472514918558.html">http://english.aljazeera.net/programmes/rizkhan/2011/02/201121472514918558.html<br />
</a><a href="http://edition.cnn.com/2011/WORLD/meast/02/24/egypt.women.optimism.harassment/index.html"></a></p>
<p><span style="-webkit-text-decorations-in-effect: underline;">Zwei lesenswerte Artikel zur Rolle von Frauen in der Revolution: <a href="http://edition.cnn.com/2011/WORLD/meast/02/24/egypt.women.optimism.harassment/index.html">http://edition.cnn.com/2011/WORLD/meast/02/24/egypt.women.optimism.harassment/index.html</a></span></p>
<p><span style="-webkit-text-decorations-in-effect: underline;"><a href="http://edition.cnn.com/2011/WORLD/meast/02/24/egypt.women.optimism.harassment/index.html"></a></span><a href="http://www.jadaliyya.com/pages/index/694/how-egyptian-women-took-back-the-street-between-two-%E2%80%9Cblack-wednesdays%E2%80%9D_a-first-person-account_">http://www.jadaliyya.com/pages/index/694/how-egyptian-women-took-back-the-street-between-two-%E2%80%9Cblack-wednesdays%E2%80%9D_a-first-person-account_</a></p>
<p>Reiseberichts-Serie von marx21 zur &#228;gyptischen Revolution: <a href="http://marx21.de/content/view/1349/32/">http://marx21.de/content/view/1349/32/</a></p>
<p>Zur Opposition, inklusive der Muslimbruderschaft:<br />
<a href="http://marx21.de/content/view/1326/32/">http://marx21.de/content/view/1326/32/</a></p>
<p>Zum Verh&#228;ltnis zwischen der Linken und der Muslimbruderschaf:<br />
<a href="http://www.merip.org/mer/mer242/hamalawy.html#_edn2">http://www.merip.org/mer/mer242/hamalawy.html#_edn2</a></p>
<p>Ein toller Artikel zu Neoliberalismus, Korruption, Milit&#228;r und die soziale Frage in &#196;gypten: <a href="http://english.aljazeera.net/indepth/opinion/2011/02/201122414315249621.html">http://english.aljazeera.net/indepth/opinion/2011/02/201122414315249621.html</a></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Siehe zum Geburtsort der Revolution in Mahalla: <a href="http://www.foreignpolicy.com/articles/2011/02/16/egypt_s_cauldron_of_revolt?page=full">http://www.foreignpolicy.com/articles/2011/02/16/egypt_s_cauldron_of_revolt?page=full</a></p>
<p><a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Es wurden hunderte Tagebucheintr&#228;ge und Berichte zu den revolution&#228;ren Erfahrungen verfasst. Hier eine kleine Auswahl:<br />
<a href="http://www.occupiedlondon.org/cairo/?page_id=2">http://www.occupiedlondon.org/cairo/?page_id=2</a>, <a href="http://samuliegypt.blogspot.com/">http://samuliegypt.blogspot.com/</a>, <a href="http://caironotes.blogspot.com/">http://caironotes.blogspot.com/</a>, <a href="http://www.sandmonkey.org/">http://www.sandmonkey.org/</a>, <a href="http://www.arabist.net/">http://www.arabist.net/</a>, <a href="http://www.arabawy.org/blog/">http://www.arabawy.org/blog/</a>. Zur Vorbereitung des Aufstands am 25. J&#228;nner siehe: <a href="http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704132204576135882356532702.html">http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704132204576135882356532702.html</a></p>
<p><a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Siehe zur letzten Deklaration der unabh&#228;ngigen Gewerkschaft: <a href="http://www.arabawy.org/2011/02/21/jan25-egyworkers-egyptian-independent-trade-unionists%E2%80%99-declaration/">http://www.arabawy.org/2011/02/21/jan25-egyworkers-egyptian-independent-trade-unionists%E2%80%99-declaration/</a>, <a href="http://www.socialistworker.co.uk/art.php?id=24000">http://www.socialistworker.co.uk/art.php?id=24000</a></p>
<p><a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Siehe zur Rolle des Milit&#228;rs in &#196;gypten: <a href="http://www.time.com/time/world/article/0,8599,2046963,00.html">http://www.time.com/time/world/article/0,8599,2046963,00.html</a></p>
<p><a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Siehe dazu: <a href="http://english.aljazeera.net/indepth/features/2011/02/201122164254698620.html">http://english.aljazeera.net/indepth/features/2011/02/201122164254698620.html</a></p>
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		<title>Transnationaler Migrant_innenstreik! 1.M&#228;rz 2011</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2011/02/26/auschluss-basta-transnationaler-migrant_innenstreik-1-maerz-2011/</link>
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		<pubDate>Sat, 26 Feb 2011 08:30:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Termine]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
		<category><![CDATA[Prekarisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>

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		<description><![CDATA[Am 1.M&#228;rz 2011 organisieren sich weltweit Migrant_innen gegen soziale Ausschl&#252;sse, Diskriminierung und Rassismus. Angefangen haben diese transnationalen Proteste im Jahr 2006 mit einem Streik von Migrant_innen in den USA und seither weiten sie sich aus. Auch 2011 werden in einigen der reichsten L&#228;nder der Welt viele Arbeitnehmer_innen  zusammenkommen, protestieren und streiken. An diesem Tag wollen wir in &#214;sterreich den [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am 1.M&#228;rz 2011 organisieren sich weltweit Migrant_innen gegen soziale Ausschl&#252;sse, Diskriminierung und Rassismus. Angefangen haben diese transnationalen Proteste im Jahr 2006 mit einem Streik von Migrant_innen in den USA und seither weiten sie sich aus.<span id="more-1746"></span> Auch 2011 werden in einigen der reichsten L&#228;nder der Welt viele Arbeitnehmer_innen  zusammenkommen, protestieren und streiken. An diesem Tag wollen wir in &#214;sterreich den Grundstein f&#252;r einen breiten Zusammenschluss legen, um eine Wende der Politik gegen&#252;ber Migrant_innen einzuleiten.</p>
<p>Wir kommen als Arbeiter_innen und als Familienangeh&#246;rige, Studierende und Menschen ohne Papiere, Lehrende und Sexarbeiter_innen, Fl&#252;chtlinge und &#196;rzt_innen, Pflegekr&#228;fte und Familienangeh&#246;rige, Au-Pairs und Fachkr&#228;fte. Wir leben hier seit Jahren, Jahrzehnten, manchmal seit Generationen. Wir sind in Kinderg&#228;rten, Schulen und in den Universit&#228;ten, am Bau und an den Maschinen, in Krankenh&#228;usern und Pflegeanstalten, Privathaushalten und Bordellen, Superm&#228;rkten und B&#252;ros. Wir haben alle Geschlechter und sexuellen Orientierungen, alle Religionen und Weltanschauungen, sind aus allen Altersgruppen und aus allen Schichten. Wir kommen von &#252;berall, haben alle Hintergr&#252;nde, mal definieren wir uns &#252;ber sie, mal k&#246;nnen wir damit nichts anfangen. Wir suchen weder ein altes noch einen neues Vaterland. Wir leben da und dort. Grenzen sind uns zu eng, sie passen nicht zu uns.</p>
<p>Wir wehren uns gegen die t&#228;glichen Angefeindungen, die schlechtere Bezahlung, die Diskriminierungen im Bildungs- und Sozialsystem und gegen die Vernichtung der Aufstiegschancen f&#252;r uns und unsere Kinder. Wir wehren uns dagegen, immer mehr entrechtet zu werden, um weiterhin als billige Arbeitskr&#228;fte zur Verf&#252;gung zu stehen. Wir wehren uns gegen die unf&#228;higen politischen Parteien und die brutale Exekutive.  </p>
<p>Rassistische Antworten auf unsere Forderungen haben wir satt. Wir haben genug K&#228;mpfe ausgetragen, um genau zu wissen, was Ausschl&#252;sse bedeuten. Anstatt zu warten, nehmen wir jetzt unser Schicksal selbst in die Hand, leben in Solidarit&#228;t und wollen Ver&#228;nderung. Wir sind hier und wir bleiben hier. Und hier, wo wir gerade leben und arbeiten, wollen wir die gleichen Rechte und gute, gerechte Lebensbedingungen f&#252;r Alle! </p>
<p>Am 1.M&#228;rz werden wir mobilisieren und irritieren, die Arbeit niederlegen und unsere Stimmen erheben. Nehmen wir diesen Tag zum Anlass, in Unterschiedlichkeit eine gemeinsame, neue Sprache zu finden. Wir laden alle ein, sich &#252;ber Identit&#228;ten und Zugeh&#246;rigkeiten hinaus an diesem Protest zu beteiligen und gegen Rassismus zu streiken.  Machen wir Schluss mit der Trennung zwischen Wir und Ihr. Die Zukunft sind wir Alle!</p>
<p><strong>Mit uns &#8211; gegen Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung.<br />
Mit uns &#8211; f&#252;r gleiche Rechte und f&#252;r gleiche Privilegien f&#252;r alle.</strong></p>
<p>zur <a href="http://www.1maerz-streik.net/index.php">Homepage</a></p>
<p>zur <a href="http://www.perspektiven-online.at/2011/02/15/geschichte-des-transnationalen-migrant_innenstreik/">Geschichte des Streiks</a></p>
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		<item>
		<title>Wo arbeitet die argentinische Demokratie?</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/12/14/wo-arbeitet-die-argentinische-demokratie/</link>
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		<pubDate>Tue, 14 Dec 2010 07:20:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Argentinien]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension:Blank, Martina: Zwischen Protest und trabajo territorial. Soziale Bewegungen in Argentinien auf der Suche nach anderen R&#228;umen, Berlin: Verlag Walter Frey 2009, 300 Seiten, € 28,00

Der Vergleich zwischen der Krise sowie den Aufst&#228;nde in Griechenland und den Ereignissen 2001 in Argentinien wird derzeit viel bem&#252;ht. Der Fokus liegt hierbei zumeist auf den wirtschaftspolitischen Problemstellungen und der Rolle internationaler Finanzinstitutionen. In [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension:Blank, Martina: Zwischen Protest und <em>trabajo territorial</em>. Soziale Bewegungen in Argentinien auf der Suche nach anderen R&#228;umen, Berlin: Verlag Walter Frey 2009, 300 Seiten, € 28,00<br />
<span id="more-1697"></span><br />
Der Vergleich zwischen der Krise sowie den Aufst&#228;nde in Griechenland und den Ereignissen 2001 in Argentinien wird derzeit viel bem&#252;ht. Der Fokus liegt hierbei zumeist auf den wirtschaftspolitischen Problemstellungen und der Rolle internationaler Finanzinstitutionen. In Bezug auf Argentiniendominierte jedoch nicht immer ein derart makroperspektivischer Blick. Vielmehr galt Argentinien vielen Linken deshalb als interessant, weil es sich von einem Versuchslabor f&#252;r neoliberale Umstrukturierungspl&#228;ne zu einem Experimentierfeld f&#252;r neue Formen kollektiver Organisierung gewandelt hatte. Dass mit der Zeit immer weniger von Projekten wie den Tauschringen oder <em>fabricas recuperadas</em> (besetzte und selbstverwaltete Fabriken) zu vernehmen war, lag u. a. an der erfolgreichen Doppelstrategie der Regierung(en) Kirchner, radikale Bewegungsteile zu kriminalisieren, gem&#228;&#223;igtere hingegen (klientelistisch) in ein neues hegemoniales Projekt einzubinden.<br />
Im Zuge der Aufarbeitung, die auf die erste Ern&#252;chterung folgte, er&#246;ffneten sich neue Fragen: Woher kamen die Massen? Wo und wie organisierten sie sich? Wo waren die unterschiedlichen Bewegungsteile r&#228;umlich verankert? Und vor allem „[w]o wurde wann mit wem oder was wie interagiert und wie entwickelte sich diese Interaktion langfristig?“(90) Diesen Fragen geht Martina Blank in ihrer 2009 erschienenen Dissertation nach. Von besonderem Interesse ist f&#252;r sie hierbei die r&#228;umliche Dimension kollektiver Praktiken. Deshalb f&#252;hrt Blank zun&#228;chst in zentrale Konzepte der sozialwissenschaftlichen Raumdebatte wie <em>place</em>, <em>scale </em>oder David Harveys Klassifizierung der <em>community “in itself”</em> und <em>“for itself”</em> ein. Mit Hilfe dieser Begriffswerkzeuge versucht sie sich dann den 2001 entstandenen sozialen Bewegungen zu n&#228;hern. Dabei macht sie zun&#228;chst drei zentrale Konfliktfelder mit unterschiedlichen Protestformen aus: Die neoliberalen Strukturanpassungen, denen sich die Arbeitslosenbewegung mit der Form des <em>piquete </em>(Stra&#223;ensperren) entgegenstellte; die Straflosigkeit der letzten Milit&#228;rdiktatur, gegen die in Form der <em>escrache </em>(Markierung der Wohnorte der Straft&#228;terInnen) protestiert wurde; sowie die Entt&#228;uschung &#252;ber die in den 1980ern neu geschaffenen demokratischen Institutionen, die zur Selbstorganisierung in <em>asambleas barriales</em> (Stadtteilversammlungen) f&#252;hrte. Alle diese neuen Protest- und Organisierungsformen beziehen sich zentral auf die R&#228;umlichkeit des <em>barrios </em>(Viertel). Raum ist Blank zufolge in diesem Zusammenhang jedoch nicht als geographisches Territorium zu verstehen, sondern vielmehr als „verortete Verdichtung sozialer Interaktion“(89). Ihre zentrale These lautet daher: „<em>Trabajo territorial</em> [die kollektive Arbeit im <em>barrio</em>, Anm. TB] […] ist der Versuch zur Schaffung neuer Handlungsr&#228;ume, die Verortung im Stadtviertel zielt auf die Konstruktion sozialer R&#228;ume, die ein „más alla“ („dar&#252;ber hinaus“) des Protests erm&#246;glichen sollen.“(11)<br />
Zur Untersuchung dieser These betrachtet die Autorin die Arbeit der <em>Asamblea Popular de Florida Este</em> in deren <em>barrio</em>. Die <em>asamblea </em>stellt in ihren Augen die radikalste Form der Schaffung und kollektiven Aneignung von &#246;ffentlichen R&#228;umen dar (142). Zentrale Triebfeder der asamblea sei das Verlangen nach Kommunikation im und mit dem <em>barrio</em>. &#196;hnlich dem &#246;sterreichischen Gr&#228;tzl ist der Raum des <em>barrios </em>weit davon entfernt, in kartographischen Begriffen wie des Viertels oder der Nachbarschaft erfasst zu werden. Blank zufolge handelt es sich vielmehr um einen „<em>place</em>-spezifischen Erfahrungshorizont, einer f&#252;r Buenos Aires typischen Tradition“ (141). Dieser Erfahrungshorizont sei nicht zuletzt der Geschichte einer chaotischen und prek&#228;ren Urbanisierung geschuldet, die neben der Konstruktion eines privaten Raumes einen kollektiven, lokalen und &#246;ffentlichen Raum ausgebildet habe. Eben jenes <em>barrio</em>, das in den unterschiedlichen Etappen in der Geschichte Argentiniens zahlreiche Transformationsprozesse durchlief und stets ein politisch umk&#228;mpfter Raum war. Insofern richtet sich die Arbeit der <em>asamblea </em>f&#252;r die Autorin auch nicht auf ein kartographisch fest zu bestimmendes Gebiet, sondern „[d]as Territorium, auf das sich die eigenen Arbeit richtet, ist selbst Produkt dieser Arbeit.“(226) Daher schlussfolgert Blank: „Trabajo Territorial ist keine <em>place</em>-Konstruktion im Sinne einer Einhegung, einer <em>community ‚for itself ‘</em>. Es ist vor allem anderen auch ein best&#228;ndiger Versuch, Grenzen zu &#252;berschreiten, politische und soziale Grenzen, die in den vermeintlich privaten Alltag eingelassen und in die Territorien der barrios eingeschrieben sind.“(248)<br />
Insgesamt merkt man dem Buch seinen Dissertationscharakter an. Dies hat teilweise Vorteile: So erm&#246;glicht der grobe &#220;berblick &#252;ber die wichtigsten Konzepte und Begriff der sozialwissenschaftlichen Raumdebatte auch Au&#223;enstehenden den Einstieg in das Thema. Selbiges gilt f&#252;r die Vorgeschichte und die Ereignisse rund um das Jahr 2001, die pr&#228;gnant zusammengefasst werden. Allerdings – und hier zeigt sich die Schw&#228;che des Buches – stehen die einzelnen Teile etwas unvermittelt nebeneinander. Die sehr lange Beschreibung der auftauchenden Protestformen ist zwar spannend, h&#228;tte aber angesichts der sp&#228;teren Begrenzung auf das empirische Beispiel der <em>asamblea </em>k&#252;rzer ausfallen k&#246;nnen. Daf&#252;r w&#228;ren in Bezug auf die <em>asamblea </em>selbst weitere Ausf&#252;hrungen interessant gewesen. Immer aufschlussreich wird es n&#228;mlich dann, wenn die Autorin sich ein paar Seiten Raum nimmt, um auf spezifische Teilaspekte einzugehen. So zeigt sie etwa eindrucksvoll, wie sich der „von Klassismus und Rassismus durchzogene Sicherheitsdiskurs“ (242) in das <em>barrio </em>einschreibt. Hier und auch im Bezug auf die von ihr so stark gemachte Figur des <em>vecino </em>(Nachbar), den sie als „Tr&#228;ger eines hundert Jahre alten emanzipatorischen Horizonts von sozialem Aufstieg, Solidarit&#228;t und Partizipation“ (166) beschreibt, w&#228;re eine genauere Aufarbeitung der Klassenzusammensetzung und -transformation und deren r&#228;umliche Dimensionen n&#246;tig gewesen. So bleiben die Eigenheiten des Gro&#223;raums Buenos Aires in dieser Hinsicht f&#252;r LeserInnen, die nicht schon vorab mit diesen vertraut sind, etwas unklar.<br />
Auch die abschlie&#223;ende demokratietheoretische Bewertung des von ihr beschriebenen <em>scale</em>-Wechsel hin zum <em>barrio </em>bleibt offen. Handelt es sich hierbei um einen R&#252;ckzug auf das Lokale, der als Reaktion auf das Abgeschnitten-Sein breiter Bev&#246;lkerungsteile von politischen Institutionen folgt? Liegt ein freiwilliger Selbstausschluss vor, der neue und emanzipatorische Formen der Selbstorganisierung erm&#246;glicht? Oder wird ein Perspektivwechsel vollzogen, in dessen Folge der Nationalstaat nicht l&#228;nger als Adressat f&#252;r Emanzipationsbestrebungen wahrgenommen wird? Unscharf bleibt dar&#252;ber hinaus ihr Versuch, trabajo territorial mit der Transformation des argentinischen Staates in Verbindung zu setzen: F&#252;r ihre Annahme „<em>[t]rabajo territorial</em> ist vor allem anderen eine Verortung in Territorien fragmentierter Staatlichkeit“ (257) mag es gute Argumente geben, allerdings m&#252;ssten diese weiter ausgef&#252;hrt werden. So bleibt dieser Teil zu thesenhaft.<br />
Alles in allem ist <em>Zwischen Protest und trabajo territorial</em> durchaus empfehlenswert und gerade f&#252;r LeserInnen, die sich erstmalig mit den Ereignissen in Argentinien von 2001 auseinandersetzen m&#246;chten, ein gelungener Einstieg. F&#252;r jene, die sich bereits intensiver mit der Thematik auseinandergesetzt haben, werden durch die r&#228;umliche Perspektive zwar neue, interessante Aspekte zutage gef&#246;rdert, allerdings w&#252;rde man sich an manchen Stellen tiefer gehende Ausf&#252;hrungen w&#252;nschen.</p>
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		<item>
		<title>„Die Anti-R&#228;umungskampagne verhandelt nicht – sie protestiert“</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:24:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>
		<category><![CDATA[Stadt]]></category>
		<category><![CDATA[Südafrika]]></category>

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		<description><![CDATA[Im Sommer findet in S&#252;dafrika die Fu&#223;ballweltmeisterschaft statt. Dass die Lebensrealit&#228;t der Mehrheit der S&#252;dafrikanerInnen mit dem Hochglanz-Image globaler Sportevents nichts zu tun hat, zeigt der Dokumentarfilm When the Mountain meets its Shadow (dt.: Im Schatten des Tafelbergs). Franziskus Forster sprach mit den FilmemacherInnen Romin Khan, Alexander Kleider und Daniela Michel sowie mit Ashraf und Mne, zwei der ProtagonistInnen des [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Sommer findet in S&#252;dafrika die Fu&#223;ballweltmeisterschaft statt. Dass die Lebensrealit&#228;t der Mehrheit der S&#252;dafrikanerInnen mit dem Hochglanz-Image globaler Sportevents nichts zu tun hat, zeigt der Dokumentarfilm <em>When the Mountain meets its Shadow</em> (dt.: Im Schatten des Tafelbergs). <em>Franziskus Forster</em> sprach mit den FilmemacherInnen <em>Romin Khan, Alexander Kleider</em> und <em>Daniela Michel</em> sowie mit <em>Ashraf </em>und <em>Mne</em>, zwei der ProtagonistInnen des Films, &#252;ber den t&#228;glichen &#220;berlebenskampf in den Armenvierteln rund um Kapstadt und &#252;ber Formen solidarischen Widerstands.<br />
<span id="more-1584"></span></p>
<p><em>Wie kam es zu diesem Filmprojekt und was ist der Grundgedanke Eures Films?</em> </p>
<p>Alexander: Normalerweise verfolgen wir immer das Ziel, Dokumentarfilme &#252;ber sozialkritische Themen oder  – vor allem in letzter Zeit – &#252;ber die Auswirkungen des Neoliberalismus auf einzelne Menschen zu machen. Romin Khan, der auch bei dem Film beteiligt war, hat ein Jahr in Kapstadt studiert und mir von den dort vorherrschenden sozialen Umst&#228;nden erz&#228;hlt. Das war der Ausl&#246;ser daf&#252;r, dass wir uns dazu entschieden haben, „S&#252;dafrika“ als Projekt in Angriff zu nehmen. </p>
<p><em>Ihr habt euch ja bewusst das Medium „Film“ ausgesucht. Welche Erwartungen habt ihr damit verbunden?<br />
</em><br />
Daniela: Unser Ziel ist es, Erfahrungsr&#228;ume zu schaffen, in denen man sich austauschen kann. F&#252;r uns war und ist vor allen Dingen die Filmtour sehr wichtig, da wir dadurch den Film in vielen verschiedenen Kinos oder Veranstaltungsr&#228;umen zeigen k&#246;nnen und die M&#246;glichkeit haben, mit Leuten zu diskutieren.<br />
Ashraf: Wir versuchen Leuten zu vermitteln, wie es ist, in Armut zu leben. Unsere Filme sollen die Menschen aufr&#252;tteln, damit sie sehen, dass die Ursachen f&#252;r Armut in der weltpolitischen Lage und in der neoliberalen Politik liegen. Ich bin mir zwar sicher, dass die Menschen das im Grunde genommen wissen, aber es ist notwendig, diese Missst&#228;nde immer und immer wieder aufzuzeigen. </p>
<p><em>Plant ihr den Film beispielsweise auch in Brasilien oder Indien zu zeigen? </em></p>
<p>Romin: Wir wollen nat&#252;rlich, dass der Film so oft wie m&#246;glich in der ganzen Welt gezeigt wird. Gerade weil die Probleme ja an verschiedenen Orten relativ &#228;hnlich sind, w&#228;re es, aus unserer Sicht, sehr wichtig, dass die Menschen &#252;ber diesen Film zusammenkommen. <em>Im Schatten des Tafelberges</em> ist in Deutschland und der Schweiz schon ziemlich pr&#228;sent. In Kiew und Vancouver l&#228;uft der Film auch schon auf diversen Dokumentarfilmfestivals. Wir hoffen nat&#252;rlich, dass er sich weiter in die verschiedenen Teile der Welt verbreitet, er also auch in Brasilien oder Indien gezeigt wird.</p>
<p><em>Glaubt ihr, dass die Fu&#223;ballweltmeisterschaft euer Projekt weiter st&#228;rkt?</em></p>
<p>Romin: Ich denke schon, dass die Aufmerksamkeit f&#252;r den Film im Kontext der Fu&#223;ballweltmeisterschaft gestiegen ist und noch weiter steigen wird. In den Medien wird immer der positive Einfluss der Weltmeisterschaft auf S&#252;dafrika betont – viele Menschen haben daher keine Ahnung davon, dass dieser „&#246;konomische Gewinn“ den Armen in S&#252;dafrika nicht zugute kommt. Der Film soll ihnen daher zeigen, wie die soziale Situation in Kapstadt wirklich aussieht und warum die Weltmeisterschaft diese sogar noch verschlechtern kann. </p>
<p><em>Mne, Ashraf, ihr seid ja direkt von den Auswirkungen der Weltmeisterschaft betroffen. Was passiert gerade in Kapstadt? Wen treffen die Umw&#228;lzungen am meisten?</em></p>
<p>Mne: Die Auswirkungen der Weltmeisterschaft betreffen in erster Linie die Armen und diejenigen, die gewerblich in der (Innen-)Stadt zu tun haben. Alte Geb&#228;ude werden abgerissen, um neue, den „westlichen Standards“ entsprechende Geb&#228;ude zu errichten. Dadurch m&#252;ssen viele Menschen ihre L&#228;den oder Wohnungen r&#228;umen und sie werden aus ihren „communities“ vertrieben. Fu&#223;ball ist an sich ein beliebter Sport in S&#252;dafrika – durch die Auswirkungen der Weltmeisterschaft &#228;ndert sich das jetzt allerdings zunehmend.<br />
Ashraf: In nur wenigen Monaten wurden – nicht nur in unmittelbarer N&#228;he zum Stadion – 800 R&#228;umungen vorgenommen. Insgesamt betrifft das 420.000 Menschen. Man sieht ganz deutlich, dass die Regierung die Weltmeisterschaft den Menschen vorzieht. Sie nimmt f&#252;r kurzfristige Profite und globale Anerkennung zunehmende Obdachlosigkeit und Armut in Kauf. Wie Mne bereits angedeutet hat, ist es so, dass die armen Leute zunehmend die M&#246;glichkeit verlieren, Handel zu treiben, weil sie pl&#246;tzlich keine Gesch&#228;ftslokale mehr haben. Das hei&#223;t wiederum, dass sie nicht mehr in der Lage sind, ihre Miete oder ihr Essen zu zahlen. </p>
<p><em>Was hat es mit der Anti-R&#228;umungskampagne auf sich? Wie und in welchem historischen Kontext ist sie entstanden?</em></p>
<p>Ashraf: Durch den politischen Wandel 1994<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> erwarteten alle, dass sich vor allem f&#252;r die Armen die Situation verbessern w&#252;rde. Stattdessen wurde der &#246;ffentliche Sektor, unter anderem der Wohnungsbau und viele Bildungseinrichtungen, privatisiert. Die Lage der Armen in Kapstadt und also auch unsere eigene Situation ist dadurch nat&#252;rlich noch prek&#228;rer geworden. Auch wenn wir keine Kriminellen sind, wurden und werden wir st&#228;ndig kriminalisiert.<br />
Um diese Situation zu &#228;ndern, formierte sich nach 1994 vor allem in strukturschwachen <em>communities </em>die Anti-R&#228;umungskampagne. Wir gr&#252;ndeten eine Plattform, deren Ziel es war, gemeinsam f&#252;r unsere Rechte zu k&#228;mpfen. Die Situation ist heute zwar noch immer nicht viel besser; die Kampagne ist allerdings in den <em>communities </em>ziemlich bekannt. Die Menschen wissen genau, wer wir sind und was wir tun. Sie kommen auch immer &#246;fter mit ihren Problemen zu uns. Die Anti-R&#228;umungskampagne verhandelt nicht – sie protestiert. Die Protestformen haben sich seit dem Ende der Apartheid allerdings stark gewandelt. Da die Politik wei&#223;, wie sie mit traditionellen Protestformen umgehen muss, um sie ins Leere laufen zu lassen, versuchen wir neue, kreative Protestformen zu entwickeln. Die direkte Aktion ist ein Beispiel daf&#252;r. Wenn beispielsweise von staatlichen oder privaten Organen Wasserleitungen durchtrennt werden, weil die Rechnungen nicht bezahlt wurden, fixieren wir sie einfach wieder. Wir gehen auch gemeinsam in Kliniken und versuchen Gratisbehandlungen f&#252;r arme Menschen zu erzwingen. Wir wollen unmittelbare Erfolge sehen und versuchen daher direkte Aktionen durchzuf&#252;hren, anstatt Diskussionen zu f&#252;hren.<br />
Die Anti-R&#228;umungskampagne hat in vielen Stadtgebieten, in denen es soziale Probleme gibt, Anlaufstellen er&#246;ffnet, die gemeinsam mit den <em>communities </em>entscheiden, was unmittelbar getan werden muss und kann. Unsere Ideologie kann daher als <em>communitism </em>bezeichnet werden: Wir versuchen die <em>communities </em>zu st&#228;rken und eigenst&#228;ndig zu machen, anstatt &#8211; wie eine Beh&#246;rde – Sachen f&#252;r sie zu erledigen.</p>
<p><em>Ein gro&#223;es Problem eurer K&#228;mpfe scheint das Verh&#228;ltnis zum </em>African National Congress (ANC)</em> bzw. die Geschichte des ANC zu sein. Es wirkt von au&#223;en so, als ob es eine Art Kampf darum g&#228;be, wer der/die „legitime“ StellvertreterIn der Armen sein darf. Ihr versucht ja &#252;ber eure Kampagne die Legitimation des ANC herauszufordern.<br />
</em><br />
Ashraf: Der ANC ist eine politische Partei und l&#228;ngst keine revolution&#228;re Bewegung mehr. Die Mitglieder der politischen Elite innerhalb des ANC m&#246;gen zwar Ex-Revolution&#228;rInnen sein, aber jetzt sind sie eben Million&#228;rInnen – wir wissen also, dass sie die Interessen der armen Leute nicht (mehr) vertreten.<br />
Unser Ziel ist es nicht, Legitimation zu erk&#228;mpfen. Wir sind gegen jede politische Partei, egal ob das der ANC, die <em>Democratical Alliance</em>, die <em>Inkatha Freedom Party</em>, das <em>United Democratic Movement</em>, die <em>African Christians</em> oder die <em>National Party</em> ist. Einer unserer Grunds&#228;tze aus dem Jahr 2004 besagt: „Kein Land, kein Haus – keine Wahl“. D.h. wir sagen unseren Leuten, sie sollen nicht w&#228;hlen gehen, sondern am Tag der Wahl lautstark protestieren. Am 27. April ist beispielsweise der sogenannte <em>Freedom Day </em><a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>. Wir von der Anti-R&#228;umungskampagne „feiern“ an diesem Tag den <em>Unfreedom Day</em> und weisen damit auf die schlechte Situation und die herrschenden Umst&#228;nde hin.</p>
<p><em>Versucht ihr auch &#252;ber offizielle, rechtliche Wege, beispielsweise durch Berufung auf die Verfassungsgrunds&#228;tze, etwas zu ver&#228;ndern? </em></p>
<p>Ashraf: Ja, 2002 haben wir einen Koordinierungsausschuss gegr&#252;ndet, dessen Ziel es war, die Stadt Kapstadt zu verklagen und das Kappen von Wasserleitungen als verfassungswidrig zu deklarieren. Wir wollten so etwas eigentlich nie tun, aber weil wir gesehen haben, dass die Abgeordneten des ANC nicht uns, sondern den Staat unterst&#252;tzen, haben wir uns dazu entschieden, den offiziellen Weg zu gehen. Mittlerweile hat sich die Arbeit des Koordinierungsausschusses auch ausgeweitet. Wir versuchen beispielsweise die Armen vor einer Verurteilung zu bewahren, wenn sie im Falle von R&#228;umungen gezwungen werden, vor Gericht zu gehen – wenn jemand n&#228;mlich nicht vor Gericht geht und einfach in das Haus zur&#252;ckkehrt, in dem er/sie unter Umst&#228;nden 30 Jahre gelebt hat, wird er/sie wegen Hausfriedensbruch verurteilt. Wir haben desweiteren in Durban<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> gegen ein Gesetz geklagt, das die BewohnerInnen einer unserer <em>communities </em>zu SlumbewohnerInnen erkl&#228;rt h&#228;tte, d.h. die Orte, an denen sie lebten, sollten zu Slums erkl&#228;rt werden. Dies h&#228;tte es der Politik erlaubt, ohne gerichtliches Verfahren jederzeit alles r&#228;umen zu lassen. Das Gesetz ist zwar noch nicht verhindert, aber wenigstens steht es jetzt wieder zur Diskussion.<br />
Eigentlich wollen wir &#252;berhaupt nicht vor Gericht gehen, aber weil die Politik und die Wirtschaft es machen, machen wir es auch. Wir sind andererseits aber auch davon &#252;berzeugt, dass der rechtliche Kampf nur wenig bewirkt und dass Widerstand auf vielen, anderen Ebenen geleistet werden muss. </p>
<p><em>Versucht ihr auch mit anderen sozialen Bewegungen, z.B. der Landlosenbewegung zusammenzuarbeiten?</em></p>
<p>Ashraf: Ja nat&#252;rlich! 2002 sind wir als <em>community </em>im Rahmen der Anti-R&#228;umungskampagne zum Weltkongress f&#252;r Nachhaltige Entwicklung gefahren. Allerdings stehen wir einigen NGOs auch kritisch gegen&#252;ber. Wir haben im Laufe der Jahre leider erfahren m&#252;ssen, dass sich beispielsweise die <em>South African National NGO Coalition</em> (SANGOCO) all unsere Ressourcen aneignen wollte, weshalb wir uns 2002 von den NGOs verabschiedeten und das <em>Netzwerk sozialer Bewegungen in S&#252;dafrika</em> (SMI) gr&#252;ndeten. Das SMI institutionalisierte sich jedoch relativ rasch und wurde zu einer wichtigen NGO S&#252;dafrikas. Als wir 2006 zur – j&#228;hrlich stattfindenden Konferenz – des SMI gingen, mussten wir erfahren, dass diese NGOisierung das SMI komplett ver&#228;ndert hatte. Das Netzwerk sprach &#252;ber die Interessen der Armen – also &#252;ber unsere Interessen – ohne mit uns zu reden, ohne uns einzubinden.<br />
Neben dem SMI haben wir uns auch an der Gr&#252;ndung anderer Bewegungen und Netzwerke beteiligt. Ein Beispiel ist die <em>Shacklessness</em>-Bewegung, also eine Bewegung von und mit Menschen, die in Baracken wohnen. Desweiteren sind wir auch in der <em>Action Alliance</em> aktiv, in der verschiedene soziale Gruppierungen und Personen zusammenarbeiten. Durch diese Action Alliance haben wir Kontakte zu anderen, k&#228;mpfenden communities gekn&#252;pft, insbesondere zu der Landlosenbewegung und zum <em>Rural Network</em>. Mit diesen haben wir die <em>Poor People Alliance of South Africa</em> gegr&#252;ndet.<br />
Also, um deine Frage zu beantworten: Ja, wir versuchen st&#228;ndig uns mit anderen sozialen Bewegungen zusammenzuschlie&#223;en. Unser n&#228;chstes Ziel ist die Vernetzung mit Leuten und Bewegungen aus Europa, um eine <em>Poor People Alliance of the World</em> zu gr&#252;nden. </p>
<p><em> Wie k&#246;nnte eine solche Allianz zwischen europ&#228;ischen und s&#252;dafrikanischen sozialen Bewegungen aussehen?</em> </p>
<p>Ashraf: In S&#252;dafrika besitzen gro&#223;e, multinationale Konzerne – darunter auch viele europ&#228;ische Firmen – fast alles und mischen sich in Angelegenheiten, die uns betreffen, ein. Wir denken daher, dass die Kooperation mit sozialen Bewegungen in Europa besonders wichtig ist, weil sie ihre eigenen Regierungen anprangern k&#246;nnen. Unser gemeinsames Ziel muss es sein, aufzuzeigen, dass es nicht nur „arme AfrikanerInnen“ auf der einen und „reiche Europ&#228;erInnen“ auf der anderen Seite gibt, sondern dass wir alle mit denselben Problemen zu k&#228;mpfen haben. W&#228;hrend die politische Klasse weltweit von diesem System profitiert, leiden in allen Gebieten der Erde Menschen unter dessen Auswirkungen. Ein gemeinsames Ziel k&#246;nnte beispielsweise die Forderung nach einem universellen und bedingungslosen Grundeinkommen f&#252;r alle sein. Zwischen sozialen Bewegungen in Europa und (S&#252;d-) Afrika sollte eine gleichberechtige Beziehung hergestellt werden, ein Geben und Nehmen, und nicht ein „Wir“ und „Ihr“. Wir glauben zudem eher an Solidarit&#228;t durch Aktionen und nicht an Solidarit&#228;t durch &#246;konomische Unterst&#252;tzung. Wir w&#228;ren um einiges schlagkr&#228;ftiger, wenn wir uns &#252;ber gemeinsame Aktionen zusammenschlie&#223;en und definieren w&#252;rden. Sowohl in S&#252;dafrika als auch in Europa gibt es viele Orte, die f&#252;r Aktionen in Anspruch genommen werden k&#246;nnen. </p>
<p><em>Vielen Dank f&#252;r eure interessanten Ausf&#252;hrungen!</em></p>
<p><em>Romin Khan</em> forscht zu S&#252;dafrika und ist Mitherausgeber des Bandes S&#252;dafrika. Die Grenzen der Befreiung (Assoziation A, Berlin/Hamburg)</p>
<p><em>Alexander Kleider</em> ist Autor, Ressigisseur und Kameramann sowie Mitbegr&#252;nder der Filmkooperative DOKWERK.<br />
<em><br />
Daniela Michel</em> ist Autorin, Regisseurin und Produzentin sowie Mitbegr&#252;nderin der Filmkooperative DOKWERK.</p>
<p><em>Ashraf Cassiem</em> und <em>Mncedisi Twalo</em> sind Aktivisten der Anti-R&#228;umungskampagne Kapstadt.</p>
<p><em>Franziskus Forster</em> studiert Internationale Entwicklung und ist aktiv bei attac.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> 1994 wurden in S&#252;dafrika die ersten freien Wahlen nach dem Ende des Apartheid-Regimes abgehalten. Der African National Congress (ANC) gewann die Wahlen und Nelson Mandela wurde Pr&#228;sident. Die Partei ist seit 1994 durchgehend an der Macht.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a>Der 27. April 1994 ist der Tag der ersten freien Wahlen und daher in S&#252;dafrika Nationalfeiertag.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Durban ist eine Gro&#223;stadt an der Ostk&#252;ste S&#252;dafrikas.</p>
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		<title>Aufstand in der Vorstadt: Wiens verborgene Klassenk&#228;mpfe um 1900</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 10:35:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
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		<category><![CDATA[Sozialdemokratie]]></category>
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		<category><![CDATA[Wien]]></category>

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		<description><![CDATA[Veronika Duma, Tobias Zortea, Katherina Kinzel und Fanny M&#252;ller-Uri erz&#228;hlen die verborgene Geschichte der Klassenk&#228;mpfe in den Randbezirken Wiens um 1900. Dabei zeigt sich, dass die Aufst&#228;nde der im Elend lebenden ArbeiterInnen und des multiethnischen „Lumpenproletariats“ auch die Wiener Sozialdemokratie in Bedr&#228;ngnis brachten.

Wien, im Jahre 1911. Die ersten Monate des Jahres sind gepr&#228;gt von vielf&#228;ltigen sozialfeindlichen Reformen seitens der Regierenden, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Veronika Duma, Tobias Zortea, Katherina Kinzel</em> und <em>Fanny M&#252;ller-Uri</em> erz&#228;hlen die verborgene Geschichte der Klassenk&#228;mpfe in den Randbezirken Wiens um 1900. Dabei zeigt sich, dass die Aufst&#228;nde der im Elend lebenden ArbeiterInnen und des multiethnischen „Lumpenproletariats“ auch die Wiener Sozialdemokratie in Bedr&#228;ngnis brachten.<br />
<span id="more-1577"></span><br />
Wien, im Jahre 1911. Die ersten Monate des Jahres sind gepr&#228;gt von vielf&#228;ltigen sozialfeindlichen Reformen seitens der Regierenden, beginnend bei einer Steigerung der Milch- und Fleischpreise &#252;ber neue Mietgesetzregelungen bis hin zu damit einhergehenden Mieterh&#246;hungen. Ende Juli 1911 konstatiert der Sozialdemokrat Franz Schuhmeier in einer Parlamentsrede: „Es ist besch&#228;mend, da&#223; wegen jeder Tonne Fleisch Stra&#223;endemonstrationen stattfinden m&#252;ssen und da&#223; sich die Bev&#246;lkerung mit der Polizei herumraufen mu&#223;, die ja genau so billiges Fleisch braucht wie die Demonstranten.“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
Die Wohnungsnot zwingt viele Menschen dazu, zusammengepfercht auf engstem Raum zu leben, teilweise auch in Schlafs&#228;len in ArbeiterInnenh&#228;usern: „In einem dieser S&#228;le“, so Victor Adler, „hatte erst vor kurzem eine Frau in der Gegenwart von ‚50 halbnackten, schmutzigen M&#228;nnern‘ entbunden: ‚Sprechen wir nicht von Schamhaftigkeit, sie ist ein Luxus, den sich nur Besitzende leisten k&#246;nnen.‘ (…)“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Auch die sozialdemokratische <em>Arbeiter Zeitung</em> (AZ) thematisiert die Verelendung: „Die Lagerhalter unserer Konsumvereine erz&#228;hlen, wie die Arbeiterfrauen sich immer mehr mit Surrogaten behelfen m&#252;ssen, wie sie Suppenw&#252;rze kaufen statt des Fleisches und Erbswurst statt der Linsen. Die Pferdefleischhauer<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> erz&#228;hlen uns, da&#223; die Frauen von Beamten der neunten und zehnten Rangklasse ihre Kunden geworden sind. (…) Und da&#223; die Arbeiter heute schlechter wohnen als vor zehn Jahren, da&#223; sie mehr und mehr mit Untermietern und Bettgehern den engen Wohnraum teilen m&#252;ssen, wei&#223; jedermann. Das ist Verelendung!“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
Im September desselben Jahres kommt es daher in vielen Wiener Au&#223;enbezirken, beispielsweise in Simmering, Ottakring und Hernals zu Protestversammlungen und vereinzelten, keinesfalls gewaltfrei verlaufenden Demonstrationen „gegen die Hungerpolitik“ der Regierung.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> F&#252;r den 17. September 1911 wird von der Sozialdemokratie zu einer Demonstration auf der Ringstra&#223;e aufgerufen: „Das hungernde Volk wird am Sonntag seine Stimme erheben, der Schrei der Emp&#246;rung wird durch die Stra&#223;en Wiens erschallen.“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Dieser Aufruf bleibt nicht ungeh&#246;rt: Hunderttausend Menschen versammeln sich an jenem Tag zwischen Rathaus und Burgtheater.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Die Sozialdemokratie stellt keine „Ordnungskr&#228;fte“, wie es sonst &#252;blich war.<br />
Dies und die Erfahrungen mit den j&#252;ngsten Ausschreitungen veranlassen den Statthalter und ehemaligen Ministerpr&#228;sident Freiherr von Bienerth dazu, den DemonstantInnen ein unverh&#228;ltnism&#228;&#223;ig gro&#223;es Polizei- und Milit&#228;raufgebot gegen&#252;berzustellen.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Das offizielle Ende der Demonstration wird von den sozialdemokratischen VertreterInnen gegen Mittag ausgerufen &#8211; in sp&#228;teren Berichten sollten sie darauf bestehen, dass das, was in weiterer Folge geschah, kein Zeugnis der organisierten ArbeiterInnenschaft war.</p>
<p><strong>Aufstand der Vorstadt</strong><br />
Als die Menschen in Richtung Innere Stadt marschieren, provoziert die Staatsmacht die sich auflockernde Menschenmenge: Polizisten, Kavallerie und Infanterie ziehen zwischen Hofburg und Burgtheater auf, um die &#252;brig gebliebenen DemonstrantInnen vom Platz zu verweisen. Mit gezogenen S&#228;beln und geschwungenen St&#246;cken reiten Polizisten und Milit&#228;r durch die abziehenden Menschenmassen.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Sie werden &#252;ber den Ring getrieben und brutal niedergesto&#223;en, bis schlie&#223;lich vor dem Sitz des Verwaltungsgerichtshofs am Judenplatz und in der Burggasse erste Sch&#252;sse fallen.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Noch ist unklar, von wem diese abgefeuert wurden, doch die Wut der bereits durch das massige Aufgebot von Milit&#228;r und Polizei provozierten Menschen wird dadurch noch gr&#246;&#223;er. Steine, Ziegel und St&#246;cke werden geworfen, Fensterscheiben zerbrechen; die ersten Menschen werden festgenommen, darunter auch Frauen und Jugendliche.<br />
Die DemonstrantInnen aus der Vorstadt ziehen weiter &#252;ber die Burggasse und die Lerchenfelderstra&#223;e zum G&#252;rtel in Richtung Ottakring. Die Proteste dauern bis in den sp&#228;ten Abend. Kaum eine Auslage, kaum eine Stra&#223;enlaterne bleibt heil; eine Wachstube in der Panikengasse wird g&#228;nzlich demoliert. „Gartengeschirre, Bierkr&#252;gel und Steine“<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a>  werden aus den Fenstern der Zinskasernen auf Polizei und Milit&#228;r geschleudert. Schulen werden gest&#252;rmt und mit brennenden Einrichtungsgegenst&#228;nden verbarrikadiert, Schulhefte und Dokumente zerrissen und verbrannt; Wurfgeschosse werden gesammelt. Immer wieder wird seitens der Ordnungskr&#228;fte Feuerbefehl gegeben und „&#252;ber die K&#246;pfe der Menge geschossen“.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Bald gibt es die ersten Toten. „Erst gegen zehn Uhr abends, als Ottakring in v&#246;lliger Dunkelheit lag, brachten Polizei und Milit&#228;r die Lage unter Kontrolle.“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a><br />
In der AZ vom darauf folgenden Tag distanziert sich die Sozialdemokratie von diesen Vorf&#228;llen, indem sie konstatiert, dass der Gro&#223;teil der ArbeiterInnenschaft bereits vor Beginn der Eskalation abgezogen sei und danach „junge Burschen“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> aus der Vorstadt die Geschehnisse dominiert h&#228;tten. „Ein Polizeibericht kommt zum Schlu&#223;, da&#223; unter diesen jugendlichen Demonstranten Halbw&#252;chsige aus Ottakring in einem &#252;berproportionalen hohen Ausma&#223; vertreten waren und da&#223; dieser Gemeindebezirk offenbar der ‚Hauptsitz der Exzendenten‘ ist.“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a>  „Zur Seite traten der Stra&#223;enjugend die Frauen und M&#252;tter, zu denen, wie die Arbeiter-Zeitung beklagte, ‚die Aufkl&#228;rung so schwer kommen kann‘ und die dort, ‚wo es ihre Pflicht w&#228;re, klar und hart zu denken‘, sich vom Schauspiel der Zerst&#246;rung mitrei&#223;en lie&#223;en und in ihren Sch&#252;rzen den Jungen die Steine zutrugen – jenen Jungen, die, wie aus dem Boden gestampft, nun pl&#246;tzlich alle Gassen und Pl&#228;tze bev&#246;lkerten.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a><br />
Im Folgenden wollen wir einen Blick auf die gesellschaftliche Situation „hinter“ diesen Unruhen werfen und untersuchen, wie die „anarchischen“ Vorst&#228;dte mit ihren ArbeiterInnen und dem sogenannten „Lumpenproletariat“ entstanden, wie sie als Projektionsfl&#228;che b&#252;rgerlicher Zuschreibungen dienten und welche Bedeutung sie f&#252;r die sich formierende Sozialdemokratie hatten. </p>
<p><strong>Migration nach Wien</strong><br />
Wien erlebte im Laufe des 19. Jahrhunderts einen enormen Bev&#246;lkerungsanstieg. Um 1900 lebten schlie&#223;lich mehr als zwei Millionen Menschen in der Stadt.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Die Wachstumsrate war dabei jedoch keineswegs regelm&#228;&#223;ig &#252;ber die Stadt verteilt – einen &#252;berproportional starken Bev&#246;lkerungszuwachs wiesen die Vorortgemeinden auf. Dies ist auf zwei, etwa zeitgleich verlaufende Entwicklungen zur&#252;ckzuf&#252;hren: einerseits auf die massive Immigration nach Wien, der Hauptstadt des Habsburgerreiches, sowie andererseits auf die sukzessive r&#228;umliche Verdr&#228;ngung der unteren sozialen Schichten aus dem Stadtzentrum in die peripheren Gebiete Wiens.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a><br />
Der Grund f&#252;r die zunehmenden Migrationsbewegungen nach Wien liegt in den tiefgreifenden politischen und &#246;konomischen Ver&#228;nderungen des 19. Jahrhunderts. Im Zuge der – in &#214;sterreich versp&#228;tet einsetzenden – Industrialisierung b&#252;&#223;ten l&#228;ndliche Gegenden ihre zentrale Rolle im Produktionsprozess gegen&#252;ber den neuen, st&#228;dtischen Industriezonen ein.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Die Revolution von 1848 brachte die Aufhebung der Grunduntert&#228;nigkeit mit sich – die Bauern waren jetzt Staatsb&#252;rger und (potentielle) Eigent&#252;mer des Bodens – und schuf so die Voraussetzung f&#252;r eine zunehmende Kapitalisierung des Bodens wie f&#252;r eine Mobilisierung der Menschen.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Dar&#252;ber hinaus zog die vom „Wiener B&#246;rsenkrach“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> ausgehende &#246;konomische Depression krisenhafte Tendenzen in der Landwirtschaft nach sich, die von einer Reihe an Missernten und dem immer st&#228;rker werdenden Preisdruck durch billiges Getreide aus Amerika begleitet wurden.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Massive Pauperisierungsprozesse, Dorfarmut und eine faktische Entv&#246;lkerung einzelner l&#228;ndlicher Gebiete waren die Folge und ein Mitgrund f&#252;r die gro&#223;en Migrationsstr&#246;me in die Stadt. Zudem kam diese Binnenwanderung dem steigenden Bedarf an Arbeitskr&#228;ften entgegen, der in Wien als einem expandierenden urbanen und industriellen Zentrum herrschte. Wien wirkte damit – mehr als irgendeine andere Stadt in der Habsburgermonarchie – wie ein Magnet auf die ehemaligen B&#228;uerInnen oder LandarbeiterInnen. Diese kamen zumeist als un- oder wenig qualifizierte Arbeitskr&#228;fte in die Stadt, um in Industrie, Gewerbe oder in privaten Haushalten zum Beispiel als Dienstm&#228;dchen zu arbeiten.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Die zugezogenen Menschen stammten nicht nur aus der l&#228;ndlichen Umgebung Wiens, sondern wanderten aus den verschiedenen Kronl&#228;ndern der Monarchie ein. Die meisten MigrantInnen kamen aus B&#246;hmen, M&#228;hren und Schlesien.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Vor allem die s&#252;dlichen Regionen dieser L&#228;nder waren kaum industrialisiert und fungierten daher als agrarisches Hinterland der Reichshauptstadt. Entsprechend der Arbeitsm&#246;glichkeiten siedelten sich die von den l&#228;ndlichen Gebieten in die Stadt ziehenden Menschen vor allem in den Vororten und industriellen ArbeiterInnenvorst&#228;dten an. </p>
<p><strong>Die Stadt als Zwiebel</strong><br />
Durch diese Entwicklung wurden sozialr&#228;umliche Verteilungsmuster verfestigt, die parallel dazu durch stadtpolitische Entwicklungen auf anderen Gebieten entstanden waren.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Wien erfuhr in der zweiten H&#228;lfte des 19. Jahrhunderts eine entscheidende, bauliche Umgestaltung. Im Zuge der Ringstra&#223;enverbauung und der damit verbundenen Transformation der alten Gewerbevorst&#228;dte zu Mittelschichtsquartieren fand eine r&#228;umliche Verdr&#228;ngung der sozialen „Unterschichten“ in die Gebiete jenseits des ehemaligen Linienwalls – dem heutigen G&#252;rtel – statt.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Die neu gebaute Ringstra&#223;e markierte nicht nur eine r&#228;umliche, sondern auch eine soziale Grenze. W&#252;rde eine grobe Skizze der r&#228;umlichen Aufteilung der sozialen Klassen und Schichten in Wien entworfen, h&#228;tte sie die Form einer Zwiebel: w&#228;hrend es sich der Adel und das (Gro&#223;-)B&#252;rgertum in der Innenstadt gem&#252;tlich machten, waren in den inneren Vorst&#228;dten (au&#223;erhalb des Rings) zum Gro&#223;teil Kleinb&#252;rgerInnen und Beamten angesiedelt. Rund um den Linienwall befand sich das Reich der IndustrieproletarierInnen und der sozialen „Unterschichten“. „Bis zur Jahrhundertwende war ein stabiler Ring von dicht bebauten Arbeitervorst&#228;dten um die Innerg&#252;rtelbezirke und die Innenstadt gezogen“.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Nur der 13., 18. und 19. Bezirk beherbergten mit ihren Villen und Cottagevierteln die Ober- und h&#246;here Mittelschicht. Am h&#246;chsten war die Dichte von ArbeiterInnen und dem so genannten „Lumpenproletariat“ in Bezirken wie Simmering, Favoriten, Brigittenau, Floridsdorf oder Ottakring. Das Bild dieser Vorst&#228;dte war von der zunehmenden Industrialisierung gepr&#228;gt, von rauchenden Fabriken sowie von rasanter Stadterweiterung, meist in Form von Zinskasernenbauten. Die ProletarierInnen siedelten in ArbeiterInnenwohnquartieren in der N&#228;he ihrer Arbeitsst&#228;tten; ob des Fehlens von leistungsf&#228;higen Verkehrsmitteln war es notwendig, dass die Wohnorte nicht zu weit von der Fabrik entfernt lagen. Die Mieten f&#252;r die Unterk&#252;nfte in den Vorst&#228;dten waren exorbitant hoch, die Wohnverh&#228;ltnisse katastrophal. Jeden Abend wurden unz&#228;hlige Obdachlose von der Polizei aus dem Inneren der Stadt in die Vororte au&#223;erhalb des Linienwalls gebracht.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a></p>
<p><strong>terra incognita</strong><br />
Die Wiener Au&#223;enbezirke sowie die dortigen, miserablen Lebensverh&#228;ltnisse um 1900 waren also das Resultat sozialer und st&#228;dtebaulicher Exklusion. Die Vorstadt diente dabei auch als Projektionsfl&#228;che herrschaftlicher Zuschreibungen und Phantasien: In den Berichten von Gro&#223;stadtreportern, Sozialforschern, schreibenden &#196;rzten und Polizisten wurde das Elend der Vorstadt – zum Teil aus sozialreformerischer Intention – ausf&#252;hrlich portraitiert. Die Absicht, die Wohn- und Lebensbedingungen in der Vorstadt und den Industrievierteln zu dokumentieren und ins &#246;ffentliche Bewusstsein zu r&#252;cken, wurde dabei von Bildern der Unordnung, des Elends und der Kriminalit&#228;t &#252;berformt. Der Ruf der Vorstadt als einer finsteren und lasterhaften Gegend, in der EinwanderInnen, DienstbotInnen, ProletarierInnen, Kriminelle, Prostituierte und Arbeitslose „ihr Unwesen treiben“, wurde in diesen Bildern verfestigt.<br />
Die Viertel der Armen verk&#246;rperten aus b&#252;rgerlicher Sicht eine „<em>terra incognita</em> (…), die es zu erkunden und kartieren gilt“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a>. Dementsprechend wurden die Sozialreportagen jener Zeit als „Entdeckungsreisen“ in die Dunkelheit menschlicher Abgr&#252;nde inszeniert. Emil Kl&#228;ger „entdeckte“ auf seiner Expedition in die „Wiener Quartiere des Elends und Verbrechens“ (1908) die „Kanalmenschen“, &#228;hnlich wie die kolonialen Entdeckungsreisenden „Wilde“ und „Pygm&#228;en“ „entdeckt“ hatten. Und auch wenn der sozialdemokratische Publizist Max Winter gr&#246;&#223;ere Sympathien f&#252;r die Objekte seiner Reportagen zeigte – „seine“ Unterwelt war von „anpassungsf&#228;higen“, gewitzten Figuren bev&#246;lkert, die sich trotz widriger Umst&#228;nde durchs Leben schlugen –, partizipierte die von ihm eingesetzte Rhetorik des Entdecker- und Abenteurertums dennoch an der Ambivalenz „zwischen sozialem Appell und Exotismus“<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a>.<br />
Der sozialen und st&#228;dtebaulichen Exklusion der ArbeiterInnenklasse und der „Unterschichten“ entsprach also ein Diskurs, der die Vorstadt als das „Andere“ der b&#252;rgerlichen Gesellschaft konstruierte und sie sowohl mit Ekel, als auch mit Faszination besetzte<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a>. Das soziale Elend wurde pathologisiert, die Vorstadt erschien gleicherma&#223;en als Ort der Krankheit, der Kriminalit&#228;t, der Unmoral, sowie der ethnischen Durchmischung. Sie war „Brutst&#228;tte des Lasters und wie sittlich, so auch sanit&#228;r verseucht“<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a>. Die Ambivalenz zwischen Abwertung und Begehren zeigt sich besonders deutlich an den sexualisierten Bildern des Elends. Die Gestalt der Dirne stand in klarem Gegensatz zur m&#228;nnlich-b&#252;rgerlichen Sexualmoral und fungierte zugleich als deren Projektionsfl&#228;che. Indem sie das Niedere und Rohe sexueller Ausschweifungen symbolisierte, stellte sie gleichzeitig ein „‚groteskes‘ Objekt der Lust“<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> dar, wie sie auch die Angst vor dem Verlust der Distanz zwischen innerer und &#228;u&#223;erer Stadt verk&#246;rperte.<br />
Gleichzeitig trug die Schaffung einer kulturellen Distanz zwischen Zentrum und Peripherie auch zur Selbstkonstitution der b&#252;rgerlichen Klasse bei. Durch die Abwertung der popularen Volkskultur „reinigte“ sich die Bourgeoisie symbolisch von der sozialen Kontingenz ihrer eigenen Herkunft.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> Das durch diese Distanzierung erzeugte „Andere“ der Zivilisation stellte sich nun aber auch als deren Bedrohung dar: „An die Stelle der realen Lebenswelt der Vorstadt, an die Stelle des Fabrikarbeiters, des Handwerkers, des Ladenm&#228;dchens und der Heimarbeiterin treten Stereotype von prototypischen Unruhestiftern, potentiellen Revolution&#228;ren, Vagabunden, Kriminellen und ein ambivalent besetzter Kosmos weiblicher Sexualit&#228;t mit leichtfertigen M&#228;dchen und professionellen Prostituierten.“<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Die Bedrohungen, die von den als amorph, unberechenbar und anarchisch imaginierten Massen der Vorstadt auszugehen schienen, waren gleichzeitig sittlicher und politischer Natur. Die Angst vor der Ersch&#252;tterung b&#252;rgerlicher Moral und die Angst vor politischen Unruhen und Revolten gingen Hand in Hand. </p>
<p><strong>Das „Lumpenproletariat“ und die Sozialdemokratie</strong><br />
Vor diesem Hintergrund versuchte die sich Ende des 19. Jahrhunderts formierende Sozialdemokratie die „anarchischen“ Zust&#228;nde in den Vorst&#228;dten politisch zu regulieren. Ihre Position blieb dabei lange widerspr&#252;chlich, da ihre politische Ausrichtung w&#228;hrend des Gr&#252;ndungsprozesses noch nicht v&#246;llig festgelegt war: In den 1870er und 1880er Jahren rangen die „Radikalen“, die den revolution&#228;ren Bruch mit dem kapitalistischen System propagierten, und die „Gem&#228;&#223;igte“ die f&#252;r eine streng legalistische &#220;berwindung des Kapitalismus mit Hilfe  des Staatsapparates eintraten<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a>, um die Dominanz in der ArbeiterInnenbewegung. Mit den unterschiedlichen Positionen waren auch divergierende Vorstellungen vom zu organisierenden Proletariat als dem revolution&#228;ren Subjekt verbunden. Die „Radikalen“ rechneten auch das „Lumpenproletariat“, die Arbeitslosen und Tagel&#246;hner zur ArbeiterInnenklasse und wollten diese politisch mobilisieren. In den Augen der „Gem&#228;&#223;igten“ galt es demgegen&#252;ber, die IndustriearbeiterInnen zu organisieren sowie zu disziplinieren und infolge das „Volk“ und die „gro&#223;en Massen des Mittelstandes“ f&#252;r den Sozialismus zu gewinnen.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a><br />
Bis zur Gr&#252;ndung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) auf dem Hainfelder Parteitag 1889 hatte sich in der Sozialdemokratie die Position der Gem&#228;&#223;igten durchgesetzt. So schwor sich die SDAP dort auf einen „gesetzlichen Weg“<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> zur &#220;berwindung des Kapitalismus und der r&#252;ckst&#228;ndigen Staatsordnung der k. u. k. Monarchie ein. Die Grundlage daf&#252;r sollte die Mobilisierung und Organisierung der (industriellen) ArbeiterInnenschaft bilden, die „mit dem Bewusstsein ihrer Lage und Aufgaben erf&#252;llt, geistig und physisch kampff&#228;hig gemacht und erhalten“ werden sollte. Dabei schrieb sich die SDAP selbst die zentrale Rolle zu.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Nicht der unmittelbare oder gar gewaltsame Kampf um die politische Macht stand im Vordergrund, sondern die Konstituierung des Proletariats als politisch bewusste Klasse wurde als erste Aufgabe der Sozialdemokratie gesehen.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> In der politischen Praxis orientierte man sich dementsprechend an der Ausweitung rechtlicher Handlungsspielr&#228;ume und an der Modernisierung der Gesellschaft des Habsburgerreiches.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a><br />
Allerdings waren die staatlich-institutionellen Handlungsm&#246;glichkeiten eingeschr&#228;nkt: Die SDAP fand oft keine B&#252;ndnispartner und konnte ihre Politik wenig bis gar nicht durchsetzen. „Stagnation und Defensive lie&#223;en sie auf ihr traditionelles Instrumentarium der Politik der Stra&#223;e zur&#252;ckgreifen“<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a>. So setzte die Sozialdemokratie auch 1911, als sie sich im Parlament nicht durchsetzen konnte, im Kampf gegen die massiven Teuerungen der Lebensmittel auf die Massenmobilisierung der Vorst&#228;dte im Rahmen einer Gro&#223;demonstration.<br />
Das war deshalb m&#246;glich, weil die Organisationsstruktur und Macht der SDAP in Wien auf den Vorst&#228;dten basierte. Diese waren zum einen lange von den „Radikalen“ dominiert und wiesen zum anderen eine hohe Durchmischung und Verschmelzung von IndustriearbeiterInnen und „Lumpenproletariat“ auf. Daher waren sie die Grundlage der sozialdemokratischen Organisation – allein die Ottakringer Parteiorganisation trug doppelt soviel zur Parteikasse bei wie ganz B&#246;hmen.<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> Dass die SDAP in Wien nicht blo&#223; eine Partei der regul&#228;ren IndustriearbeiterInnen war, sondern auch auf der Organisation der Vorstadt als einem „Terrain der Politik“ beruhte, l&#228;sst sich auch an sozialdemokratischen Biographien festmachen; etwa jener des Ottakringer Volkstribuns Franz Schuhmeiers, der als Sohn eines Arbeitslosen vom Hilfsarbeiter zum Parlamentarier aufstieg.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a></p>
<p><strong>Widerspr&#252;chliche Reaktionen</strong><br />
Die aus den Widerspr&#252;chen zwischen Selbstverst&#228;ndnis, politischer Strategie und realer Situation in den Vorst&#228;dten erwachsenden Ambivalenzen zeigten sich in den Reaktionen der Sozialdemokratie auf die Hungerrevolte von 1911. Anders als z. B. die <em>Freie Presse</em> konnte es sich die SDAP nicht leisten, den Aufstand der Vorstadt „feindlichen“ Elementen des „Lumpenproletariats“ zuzuschreiben; es war ein Aufstand der Vorstadt und damit der sozialdemokratischen Massenbasis. So schreib etwa die AZ, das Sprachrohr der SDAP: „Die blutigen Ereignisse vom Sonntag waren ein Produkt der Verzweiflung, und wenn man sie ausschlie&#223;lich auf das S&#252;ndenkonto des ‚Mobs‘ oder des gro&#223;st&#228;dtischen Lumpenproletariat zu schreiben sucht, so hat dies eine nur sehr bedingte Berechtigung.“<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a>  Denn es sei offensichtlich, „dass auch ruhige Arbeiter und Arbeiterinnen, durch Verzweiflung &#252;bermannt, sich zu Handlungen hinrei&#223;en lie&#223;en, die sie bei ruhiger &#220;berlegung unterlassen h&#228;tten“.<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> Doch ebenso wird in der AZ deutlich, dass der Aufstand der Vorstadt nicht der Politik und strategischen Ausrichtung der SDAP entsprach: „Gewerkschaften und Partei hatten die ‚Kontrolle‘ &#252;ber die Arbeiter verloren – ein grundlegendes Dilemma der Parteitaktik wurde offenbar: die Mittel au&#223;erparlamentarischer Konfliktsymbolisation erwiesen sich als unzureichendes Druckmittel zur Belebung der parlamentarischen T&#228;tigkeit, sie drohten vielmehr in direkte Konfrontation mit einer zum Einsatz aller Gewaltmittel entschlossenen Staatsgewalt zu m&#252;nden“.<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Auch die Reaktion der AZ am Tag nach den Unruhen wies darauf hin, dass die offene Konfrontation mit der Staatsgewalt auf der Stra&#223;e eher vermieden werden sollte: „Sozialdemokraten“ und „Arbeiter“ wurden aufgefordert „jede weitere Demonstration zu unterlassen“ und sich auf die Partei zu verlassen; die Vertrauensleute der Partei wurden angehalten, f&#252;r Ruhe zu sorgen, und die „Eltern Ottakrings“ sollten ihre Kinder nicht auf die Stra&#223;e lassen.<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a> </p>
<p><strong>Zwischen „Anarchie“ und Organisation</strong><br />
Die Betrachtung der Wiener Vorst&#228;dte um 1900 relativiert das stereotype Bild der Stadt zur Jahrhundertwende – das b&#252;rgerliche Idealbild der Weltstadt Wien als kulturellem und k&#252;nstlerischem Zentrum, als Stadt von Jugendstil-Architekten, Malern und Kaffeehausliteraten. Wie in anderen industriellen Zentren, etwa London oder Paris, bildete auch in Wien die steigende Zahl der ArbeiterInnen und des „Lumpenproletariats“ einen wesentlichen Teil der Stadtbev&#246;lkerung. Wohnungsnot, Hunger und Ausbeutung kennzeichneten den Alltag. Die Vorst&#228;dte Wiens wuchsen durch die Verdr&#228;ngung der sozialen „Unterschichten“ aus der Inneren Stadt in die Au&#223;enbezirke sowie durch die Zuwanderung aus verschiedenen Gebieten der Habsburgermonarchie massiv an. Im b&#252;rgerlichen Diskurs Faszination und Ekel bzw. potentielle Bedrohung zugleich darstellend, bildeten die Vorst&#228;dte die Basis f&#252;r die Formierung der Sozialdemokratie, die sp&#228;ter mit dem Projekt des Roten Wien f&#252;r eine neue Stadtpolitik stand. Dabei wirkte die neue Partei nicht nur organisierend, sondern tendierte ebenso zu Regulierung und Kontrolle des „Wilden Proletariats“ in den Vorst&#228;dten. Die Sozialdemokratie spielte somit eine ambivalente Rolle, die sich zwischen Organisierung und Aktivierung einerseits, und Regulierung der „anarchischen Zust&#228;nde“ in den Vorst&#228;dten andererseits bewegte. </p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a>Arbeiter Zeitung (AZ), Nr. 205, 28. Juli 1911 (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Maderthaner, Wolfgang/Musner, Lutz: In dieser Gegend scheint nie die himmlische Sonne. Wiener Vorst&#228;dte um 1900, in: Schwarz, Werner Michael (Hg.): Ganz unten. Die Entdeckung des Elends. Wien, Berlin, London, Paris, New York. Wien Museum Karlsplatz, 14. Juni bis 28. Oktober 2007, Wien 2007, S.83-89<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Pferdefleischkonsum war und ist nicht nur besonders umstritten, sondern galt vor allem auch als minderwertig und Armeleuteessen.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> AZ, Nr. 247, 8. September 1911, Morgenblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> vgl. AZ, Nr. 250, 11. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> AZ, Nr. 251, 12. September 1911, Morgenblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> vgl. AZ, Nr. 257, 18. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz: Die Anarchie der Vorstadt. Das andere Wien um 1900, Frankfurt/Main 2000, S.23<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> vgl. AZ, Nr. 257, 18. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> vgl. ebenda<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> ebenda<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.31<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> ebenda, S.33<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> AZ, Nr. 257, 18. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.25<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> ebenda, S.32<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> vgl. Fassmann, Heinz/Hatz, Gerhard/ Patrouch, F. Joseph: Understanding Vienna, Wien 2006, S. 161<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.66<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> vgl. Bruckm&#252;ller, Ernst: Sozialgeschichte &#214;sterreichs, Wien 2001, S. 211<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> vgl. ebenda, S. 266 und Komlosy, Andrea: Empowering and Control. Conflicting Central and Regional Interests in Migration Within the Habsburg Monarchy, in: Fahrmeir, Andreas u.a.: Migration Control in the North Atlantic World, UK 2003, S. 155f.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> 1873 st&#252;rzten die Aktienkurse an der Wiener B&#246;rse aufgrund einer &#220;berhitzung der Konjunktur ins Bodenlose. Der „Wiener B&#246;rsenkrach“ l&#228;utete das Ende der Gr&#252;nderzeit ein, die auf ihn folgende Depressionsphase wird oft als „Gr&#252;nderkrise“ bezeichnet.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.39<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> vgl. Komlosy, Andrea 2003, a.a.O. S. 155ff.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> vgl. ebenda, S.155ff.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.39, S.41f.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> vgl. Banik-Schweitzer, Renate: Zur sozialr&#228;umlichen Gliederung Wiens, Wien 1982, S.15ff.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.54 und S.51f<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> vgl. ebenda, S.54 und S.51f.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Lindner, Rolf: Ganz unten. Ein Kapitel aus der Geschichte der Stadtforschung, in: Schwarz, Werner Michael (Hg.) 2007, a.a.O., S.19<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Mattl, Siegfried: Das wirkliche Leben. Elend als Stimulationskraft der Sicherheitsgesellschaft. &#220;berlegungen zu den Werken Max Winters und Emil Kl&#228;gers, in: Schwarz, Werner Michael (Hg.) 2007, a.a.O., S.113<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> vgl. Probst, Stefan: Faszination Elend, in: Perspektiven. Magazin f&#252;r linke Theorie und Praxis, Nr. 3, 2007, S.40-43<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Eichhorn, Rudolf: Ein Nachtrag zur materiellen Lage des Arbeiterstandes in &#214;sterreich. Floridsdorf und Umgebung, ein sociales Bild, in: &#214;sterreichische Monatsschrift f&#252;r Christliche Socialreform, Bd.6, 1884, S.483<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.96<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> vgl. ebenda, S.89<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> ebenda, S.87<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> vgl. Staudacher, Anna: Sozialrevolution&#228;re und Anarchisten. Die andere Arbeiterbewegung vor Hainfeld, Wien 1988, S. 80ff. und S.117<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> ebenda, S.5 und S.81<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> ebenda, S.80<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ M&#252;ller Wolfgang C.: Die Organisation der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie 1889-1995, Wien 1996, S. 31f.<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> vgl. Ardelt, Rudolf G.: Vom Kampf um B&#252;rgerrechte zum „Burgfrieden“, Wien 1994, S.11<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> vgl. ebenda, S.39<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.96<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ M&#252;ller Wolfgang C.1996, a.a.O., S.65<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.199<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> AZ, Nr. 258, 19. September 1911 (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> ebenda<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> Ardelt, Rudolf G.,1994, a.a.O., S. 45<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> vgl. AZ, Nr. 257, 18. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)</p>
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		<title>Ein neuer Begriff der Demokratie?</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:21:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
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		<description><![CDATA[Im Jahr 2009 hat die gr&#246;&#223;te Studierendenbewegung in der Geschichte Kroatiens – und
Jugoslawiens – zahlreiche Universit&#228;ten besetzt, um freie Bildung f&#252;r alle zu erstreiten. Stipe &#196;urkovi&#196; zeigt, wie dabei Begriff und Praxis der Demokratie auf radikale Weise ins Zentrum der politischen Debatten gestellt wurden.

Am 20. April 2009 besetzten Studierende der Filozofski fakultet in Zagreb – w&#246;rtlich die Philosophische Fakult&#228;t, aber [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Jahr 2009 hat die gr&#246;&#223;te Studierendenbewegung in der Geschichte Kroatiens – und<br />
Jugoslawiens – zahlreiche Universit&#228;ten besetzt, um freie Bildung f&#252;r alle zu erstreiten. <em>Stipe &#196;urkovi&#196;</em> zeigt, wie dabei Begriff und Praxis der Demokratie auf radikale Weise ins Zentrum der politischen Debatten gestellt wurden.<br />
<span id="more-1514"></span><br />
Am 20. April 2009 besetzten Studierende der <em>Filozofski fakultet</em> in Zagreb – w&#246;rtlich die Philosophische Fakult&#228;t, aber meist als Fakult&#228;t der Sozial- und Geisteswissenschaften &#252;bersetzt – das Fakult&#228;tsgeb&#228;ude. Die Besetzung wurde erst f&#252;nf Wochen sp&#228;ter abgebrochen. Wir betonten damals jedoch, dass dieser R&#252;ckzug keine Geste des Kompromisses oder der Kapitulation war, sondern einzig Konsequenz unserer taktischen und strategischen &#220;berlegungen. Dem zentralen Anliegen der BesetzerInnen, alle Studiengeb&#252;hren gesetzlich abzuschaffen, wurde bis heute nicht nachgegeben. Da das Unterrichtsministerium und die gesamte Regierung auf die Forderung in keiner Weise eingegangen sind, wurde die Besetzung am 23. September 2009 wieder aufgenommen. Ein Ende dieses Kampfes ist nicht in Sicht.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
W&#228;hrend des Fr&#252;hjahrs 2009 folgten zwanzig Fakult&#228;ten in Zagreb und anderen kroatischen Universit&#228;tsst&#228;dten dem Beispiel der <em>Filozofski fakultet</em>, was zur gr&#246;&#223;ten Mobilisierung von Studierenden in der Geschichte des Landes und der Region, die einst als Jugoslawien bekannt war, f&#252;hrte. Damit stellte die Bewegung auch die bescheidene jugoslawische Version von 1968 in den Schatten. Die Protestwelle ging &#252;ber die Grenzen Kroatiens hinaus, als die Universit&#228;t Tuzla in Bosnien und Herzegowina sich den Protesten anschloss. Besetzungsversuche an der Universit&#228;t Belgrad in Serbien scheiterten an schlechter Organisation und Repression seitens der Universit&#228;tsleitung. Die meisten erfolgreichen Besetzungen an anderen Fakult&#228;ten mussten noch vor der <em>Filozofski fakultet</em> in Zagreb aufgegeben werden. An der neuen Protestwelle im Herbst haben sich abermals Fakult&#228;ten in ganz Kroatien beteiligt, wenn sie auch nicht das Ausma&#223; der Besetzungen im Fr&#252;hjahr erreicht hat.</p>
<p><strong>Universit&#228;t als &#246;ffentlicher Raum</strong><br />
In vielerlei Hinsicht unterscheidet sich die Besetzung der <em>Filozofski </em>von &#228;hnlichen Aktionen in Europa. Vor allem ist der regul&#228;re Lehrbetrieb zwar eingestellt, die Tore der Fakult&#228;t bleiben w&#228;hrend der Besetzung jedoch f&#252;r jedeN offen – nicht nur f&#252;r Studierende. Es werden alternative Vorlesungen und Filmvorf&#252;hrungen organisiert, in denen soziale und politische Themen von einem offen kritischen und heterodoxen Standpunkt aus diskutiert werden, der im regul&#228;ren Lehrplan &#252;blicherweise keinen Platz hat. Statt die Fakult&#228;t einfach zu schlie&#223;en, wird sie so als &#246;ffentlicher Raum f&#252;r &#246;ffentliche Zwecke wiederangeeignet. Indem betont wurde, dass die autistische Abkoppelung des akademischen Feldes von den politischen und sozialen Realit&#228;ten jenseits seiner Grenzen selbst eine implizite politische Entscheidung darstellt, wurde die herrschende Ideologie des akademischen Raums als Raum jenseits der Politik direkt angegriffen. Daraus folgte, dass auch unser Angriff in offen politischen Begriffen ausgedr&#252;ckt werden musste. Die Besetzung ist damit gleichbedeutend mit einer (selbst)bewussten Schaffung eines seltenen und wichtigen M&#246;glichkeitsfensters: die Kombination der negativen Kritik an der vorherrschenden akademischen Ideologie mit einer positiven Agenda der (bildungs-)politischen Gegen-Praxis, die in den durch die Besetzung ver&#228;nderten r&#228;umlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sofort in die Tat umgesetzt werden konnte.</p>
<p><strong>Kritik und Gegen-Praxis</strong><br />
Die Forderung nach der Abschaffung aller Formen von Studiengeb&#252;hren wird explizit mit Verweis auf das in der kroatischen Verfassung abgesicherte Recht auf gleiche Bildungsm&#246;glichkeiten artikuliert. Dies war eine strategische Entscheidung, die es uns erlaubt hat, eine Konfrontation mit dem breiten neoliberalen Konsens, der nicht nur in der gegenw&#228;rtigen konservativen Regierung, sondern in allen im Parlament vertretenen Parteien vorherrscht, in Begriffen auszutragen, die diese selbst als bindend anerkennen mussten. Als die Regierung sich, wie zu erwarten war, weigerte, diesem Teil der Verfassung nachzukommen, konnten wir &#246;ffentlich auf die demokratischen Defizite der Entscheidungsfindungspraxen der Regierung hinweisen, und zwar auf eine Weise, die sich nicht auf die engen Fragen der technisch sauberen Durchf&#252;hrung von Wahlen beschr&#228;nkte, wie dies so oft im Mainstream geschieht. Dies wiederum &#246;ffnete den Raum, um neoliberale Politik &#252;ber die dr&#228;ngenden Fragen der Unterwerfung der Universit&#228;t unter marktorientierte Reformen und die Kommodifizierung von Wissen hinaus herauszufordern. Gegen alle Versuche, die Frage nach freier Bildung auf eine technische Angelegenheit innerhalb „objektiver“ fiskalischer Parameter zu reduzieren, bestanden wir auf ihren fundamental politischen Charakter: Sie durfte nicht von den Forderungen anderer „Interessengruppen“ getrennt, isoliert und gegen diese ausgespielt werden, sondern musste als einer unter vielen konstitutiven Momenten eines breiteren Kampfes gegen einen koordinierten neoliberalen Angriff begriffen werden, welcher sowohl von lokalen Eliten, als auch von Machtzentren au&#223;erhalb der Landesgrenzen ausgeht, allen voran von der Europ&#228;ischen Union. Der wiederholte Verweis der Regierung auf angeblich „objektive“ Einschr&#228;nkungen, die es ihr unm&#246;glich machten, Forderungen, die von direkt von der Verfassung abgesicherten Rechten abgeleitet werden, nachzukommen, wurde von uns aufgegriffen und als Anschauungsmaterial f&#252;r unsere Kritik an der Entleerung des Begriffs der Demokratie unter Bedingungen der real existierenden kapitalistischen Restauration genutzt. Dieser negativen Kritik der Unterordnung der Demokratie unter politische Programme, die sich offen gegen die Interessen und die verfassungsm&#228;&#223;ig garantierten Rechte der Mehrheit des Volkes stellen, entsprach auf der Ebene der positiven Gegen-Praxen die Einf&#252;hrung des Plenums, oder der Generalversammlung, als zentrales Organ der Entscheidungsfindung w&#228;hrend der Besetzung. &#220;berraschenderweise wurde das Wort „plenum“ bald zum politischen Wort des Jahres in Kroatien erkl&#228;rt.</p>
<p><strong>Exzessive Reaktionen</strong><br />
Diese Umst&#228;nde, ebenso wie die Tatsache, dass Universit&#228;tsbesetzungen – auch wenn sie f&#252;nf Wochen andauern und militant durchgef&#252;hrt werden – dieses enorme &#246;ffentliche Echo in Kroatien ausl&#246;sen konnten, muss f&#252;r die meisten BeobachterInnen von au&#223;en r&#228;tselhaft scheinen. Wie kann etwas, das in L&#228;ndern wie Frankreich ganz normal ist, von so vielen KommentatorInnen zum wichtigsten politischen Ereignis des Landes der letzten zwanzig Jahre erkl&#228;rt werden? Besonders wenn wir den Krieg ber&#252;cksichtigen, der Kroatiens Sezession von Jugoslawien begleitete und alle demographischen, sozialen und &#246;konomischen Konsequenzen, die daraus entstanden? Statt uns zu verwirren, sollten die scheinbar exzessiven und unverh&#228;ltnism&#228;&#223;igen Reaktionen als Symptom und Indikator f&#252;r die politische und ideologische Konfiguration verstanden werden, in die die Besetzungen interveniert haben. All der Jubel und der Beifall, mit dem selbst viele links-liberale KommentatorInnen, Dritter-Weg-SozialdemokratInnen und NGOs die Besetzungen bedacht haben, kann als verkehrtes Spiegelbild eines tiefgreifenden und sie alle umfassenden politischen Def&#228;tismus gelesen werden. Indem die Figur des revoltierenden Studenten gefeiert wurde, konnten allzu oft angemessene politische Reaktionen durch ein Generations-Narrativ ersetzt und die politische Verantwortung auf  die Jugend abgew&#228;lzt werden. An diese wurde nun das Mandat &#252;bergeben, an ihrer statt zu k&#228;mpfen, ohne selbst Risiken oder Konsequenzen f&#252;rchten zu m&#252;ssen. Der Akt des Beifalls selbst konnte so dazu dienen, die politischen Forderungen der BesetzerInnen letztlich zu ignorieren oder sie als substanz- und ma&#223;lose Rhetorik abzulehnen, so dass niemand – schon gar nicht die Regierung – sich zu irgend etwas verpflichtet f&#252;hlen m&#252;sste.<br />
Welche Bedeutung solche bewussten oder unbewussten &#220;berlegungen auch immer in den K&#246;pfen jener gespielt haben mochten, die sich, als die Bedeutung der Besetzungen klar wurde, nicht auf der falschen Seite der Geschichte wiederfinden wollten, erkl&#228;ren sie doch nicht den politischen Bruch selbst, den die Fakult&#228;tsbesetzungen anzeigen. Die Tatsache, dass vor den Besetzungen keine relevante, programmatisch konsistente Kritik der neoliberalen „Strukturanpassungen“ &#246;ffentlich artikuliert worden war, l&#228;sst mehr Fragen offen, als sie beantwortet. Ebenso wie die Tatsache, dass der Begriff „Neoliberalismus“ in den Medien und &#246;ffentlichen Debatten, bevor er von den Besetzungen in Spiel gebracht wurde, kaum pr&#228;sent war, obwohl die Ideologie des Marktes so aggressiv in allen Poren und Bereichen der Gesellschaft verbreitet wurde.</p>
<p><strong>Mythos Europ&#228;ische Union</strong><br />
Es ist die unglaubliche, anhaltende Effektivit&#228;t des ideologischen Narrativs vom Aufstieg zur Mitgliedschaft in der Europ&#228;ischen Union, die bisher jede kritische Diskussion der sozialen Realit&#228;t, die von der kapitalistischen Restauration in Kroatien geschaffen wurde, unterbunden hat. Die soziale Gewalt, konstitutiver Bestandteil dieses Prozesses, ist immer schon durch das Phantasma des zuk&#252;nftigen Wohlstands legitimiert, d.h. so lange es als notwendiger Schritt auf dem Weg zur EU-Mitgliedschaft pr&#228;sentiert werden kann. So lange politische Entscheidungen, so sch&#228;dlich sie f&#252;r die Mehrheit der Bev&#246;lkerung auch sein m&#246;gen, auf Normen oder Diktate aus Br&#252;ssel oder anderen westlichen Machtzentren zur&#252;ckgef&#252;hrt werden k&#246;nnen, werden sie nicht nur von der kritischen Befragung ausgenommen, es wird ihnen auch  &#252;berhaupt der Status einer politischen Entscheidung entzogen. Stattdessen werden sie zu administrativen Notwendigkeiten jenseits demokratischer Einmischung oder Hinterfragung erkl&#228;rt. Ein pr&#228;gnantes Beispiel unter vielen – und eines, das direkte Implikationen f&#252;r die Hochschulen hat – ist die Ratifizierung des GATS-Abkommens<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> der WTO durch das kroatische Parlament im Jahr 2000. Nicht nur dass es keine Diskussion &#252;ber seine m&#246;glichen politischen und &#246;konomischen Implikationen gab, wurde das Abkommen auch m&#246;glichst schnell ratifiziert, noch bevor es ins Kroatische &#252;bersetzt worden war – was einem offenen Bruch der kroatischen Gesetze gleichkam. Doch dies f&#252;hrte zu keiner kritischen Reaktion – meines Wissens nach nicht einmal von den sogenannten „euroskeptischen“ Fraktionen der relativ marginalen populistischen Rechten.</p>
<p><strong>Pathologien des Balkans</strong><br />
Doch die Abwesenheit kritischer Reaktionen reicht noch weiter. Kritik an offen kriminellen Aspekten des Privatisierungsprozesses, die nicht unter Verweis auf die Notwendigkeiten der „Integration in den Westen“ legitimiert werden konnten – und die zum Gro&#223;teil den Krieg als praktische, wenn auch nicht nachhaltige Ablenkung nutzten – f&#252;hrten nicht zu einer systematischen Infragestellung des Kapitalismus selbst, sondern dienten im Gegenteil dazu, die M&#246;glichkeiten einer solchen Kritik  einzuengen. Die Anprangerung der mit dem Privatisierungsprozess verbundenen Verbrechen wurden meist in einem Begriffsregister der moralistischen Selbstanklage vorgetragen. Demnach ist nicht der Kapitalismus als solcher das Problem, sondern unsere spezifische lokale Balkan-Version davon. Der Fokus auf den Skandal der urspr&#252;nglichen Akkumulation<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> hat so zur Normalisierung des Skandals der Akkumulation an sich beigetragen. Das unmittelbare Resultat war die Kultivierung  weitverbreiteter Akzeptanz, sich den neokolonialen Arrangements mit dem Westen unterzuordnen, in der tr&#252;gerischen Hoffnung dadurch den Pathologien, die f&#252;r den Balkan als Region oder den post-sozialistischen Osten generell als konstitutiv angenommen werden, entfliehen zu k&#246;nnen und die fantasierte Normalit&#228;t und den Wohlstand des westlichen Wohlfahrtstaats zu erreichen. Nachdem die Pr&#228;senz der Gr&#228;uel des Krieges und die Obsz&#246;nit&#228;ten der <em>urspr&#252;nglichen Akkumulation</em> den ersten Teil der Gleichung – die Pathologisierung der Region – scheinbar empirisch untermauerten, blieb der zweite Teil v&#246;llig unhinterfragt. Dies trotz der Tatsache, dass das leuchtende Beispiel des westeurop&#228;ischen Wohlfahrtsstaates sich als Schein eines vergl&#252;henden Stern herausstellte. Der fatalistische Mythos der Anomalie des Balkans tr&#228;gt so zur politischen Effektivit&#228;t des Mythos Europas bei. Zusammen blockieren sie die Perspektive f&#252;r jeden Versuch, die f&#252;r die kapitalistische Restauration konstitutive soziale Zerst&#246;rung kritisch zu befragen oder sie gar herauszufordern.</p>
<p><strong>Im Namen der Demokratie</strong><br />
Das Ausma&#223;, in dem  sich die Linke in Kroatien auf die Parameter dieser komplement&#228;ren ideologischen Narrative einl&#228;sst, kann als Ma&#223;stab ihrer Schw&#228;che gedeutet werden – wenn nicht gar als Anzeichen ihrer Nicht-Existenz. Eine der verheerendsten Aspekte der Selbstausschaltung systematischer linker Kritik ist, dass in Diskussionen &#252;ber den Begriff der Demokratie selbst falsche  Alternativen gegen&#252;bergestellt werden: Entweder wir f&#252;gen uns in die ewige Verdammnis der R&#252;ckst&#228;ndigkeit, der Korruption und des Autoritarismus des Balkans (wobei die M&#246;glichkeit einer weiteren Runde des ethnischen Blutvergie&#223;ens nie weit entfernt ist), oder wir kapitulieren bedingungslos vor den Diktaten der westlichen Machtzentren. Das Resultat ist, dass „Demokratisierung“ in seiner hegemonialen Bedeutung heute den automatisierten Gehorsam gegen&#252;ber den Forderungen der b&#252;rokratischen Institutionen des Westens, besonders der Europ&#228;ischen Union, meint, mit dem Argument, dass jene schlie&#223;lich bereits „funktionierende Demokratien“ repr&#228;sentieren. Die Entscheidungen eines exklusiven Klubs von EU- oder IWF-B&#252;rokratInnen werden so in den Status von Forderungen erhoben, die von der Demokratie selbst formuliert werden. Die zunehmende Limitierung der Bandbreite von Themen, auf die von unten Einfluss genommen werden kann, wird als ein Fortschritt in Richtung Demokratie pr&#228;sentiert, nicht als ihr Zur&#252;ckdr&#228;ngen. Und dies geschieht im Namen der Demokratie selbst.<br />
Es ist dieser Prozess, den wir herausfordern. Das Plenum als Form der Entscheidungsfindung ist ausdr&#252;cklich inklusiv. Sobald entschieden war, dass die Frage der Abschaffung aller Studiengeb&#252;hren Bildung als Recht und Gemeingut definiert, d.h. genau nicht als exklusives Anliegen der Studierenden als „Interessengruppe“, die sich von anderen, konkurrierenden sozialen Akteuren abgrenzt, folgte daraus notwendigerweise, dass Jede und Jeder das Recht hat, an der Arbeit und den Entscheidungen des Plenums teilzuhaben. Wenn wir diese grundlegende politische Herausforderung in einer Formel zusammenfassen m&#252;ssten, w&#252;rde sie lauten: das Prinzip der direkten Demokratie &#252;bernimmt die Rolle einer R&#252;ckkehr zu den und einer Erinnerung an die gebrochenen Versprechen der repr&#228;sentativen Demokratie im Kapitalismus. Es ist dies sowohl ein anschauliches Beispiel f&#252;r das Versagen der liberalen parlamentarischen Demokratie, als auch eine Form, sie beim Wort zu nehmen – und dadurch &#252;ber sie hinaus zu gelangen.</p>
<p><em>Stipe &#196;urkovi&#196;</em> ist Absolvent der Germanistik und Vergleichenden Literaturwissenschaft an der <em>Filozofski fakultet</em> in Zagreb und in der <em>Bewegung f&#252;r geb&#252;hrendfreies Studieren</em> aktiv. Er schreibt unter anderem f&#252;r die Zeitschrift <em>Zarez </em>und &#252;bersetzt zur Zeit David Harveys <em>A Brief History of Neoliberalism</em> ins Kroatische. Dieser Artikel basiert auf einem Paper, das er im Rahmen der <em>Historical Materialism</em>-Konferenz im November 2009 in London vorgestellt hat.</p>
<p>&#220;bersetzung: <em>Benjamin Opratko</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Diese zweite Besetzung der <em>Filozofski fakultet</em> wurde am 5. Dezember 2009 beendet. Auch hier waren die Gr&#252;nde taktischer Natur. Die Regierung hat angek&#252;ndigt, bis zum Fr&#252;hjahr 2010 ein neues Hochschulgesetz in das Parlament einzubringen. Obwohl den studentischen Forderungen einige rhetorische Zugest&#228;ndnisse gemacht werden, kann davon ausgegangen werden, dass das neue Gesetz die Kommerzialisierung und die neoliberale Restrukturierung der kroatischen Universit&#228;ten vertiefen und weiteren Widerstand hervorrufen wird.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> <em>General Agreement on the Trade</em> in Services ist ein Abkommen auf Ebene der Welthandelsorganisation WTO, das den Freihandel von Dienstleistungen auf globaler Ebene organisieren soll (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> „Die sogenannte urspr&#252;ngliche Akkumulation“ nennt Marx im ersten Band des „Kapital“ den „historische(n) Scheidungsproze&#223; von Produzent und Produktionsmittel“ (MEW 23: 742). Damit der kapitalistische Produktions- und damit Ausbeutungsprozess in Gang gesetzt werden konnte, mussten Grund und Boden gewaltsam enteignet und die Landbev&#246;lkerung dadurch zu „doppelt freien“ LohnarbeiterInnen gemacht werden – frei, ihre Arbeitskraft zu Markte zu tragen, aber auch frei von jeglichen Produktionsmitteln, die nun Teil des Kapitals geworden waren. David Harvey argumentiert, dass dieser gewaltt&#228;tige Prozess der „urspr&#252;nglichen Akkumulation“ kein abgeschlossenes historisches Ph&#228;nomen ist, das nur bei der Entstehung des Kapitals relevant war, sondern weiterhin st&#228;ndiger Bestandteil des Kapitalismus ist (vgl. Harvey, David: Der neue Imperialismus, Hamburg 2005). Privatisierungsprozesse, durch die neue gesellschaftliche Bereiche in den Akkumulationsprozess und die Profitlogik integriert werden, sind ein Beispiel f&#252;r diese Form der „Akkumulation durch Enteignung“ (Anm. d. Red.).</p>
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