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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Marxistische Theorie</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Bericht: Marxism 2011</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Aug 2011 16:36:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[SWP]]></category>

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		<description><![CDATA[“The smell of freedom from the Egyptian revolution is something leaders the world over need to take notice of.” Marxism 2011 in London
 Von 30. Juni bis 4. Juli fand heuer das allj&#228;hrliche „Marxism“-Festival der Socialist Workers Party in London statt. Jedes Jahr treffen sich hier tausende Aktivist_innen um gemeinsam &#252;ber Erfahrungen, K&#228;mpfe und Strategien zu diskutieren. Das diesj&#228;hrige Festival [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>“The smell of freedom from the Egyptian revolution is something leaders the world over need to take notice of.” Marxism 2011 in London<br />
<span id="more-2063"></span> Von 30. Juni bis 4. Juli fand heuer das allj&#228;hrliche „Marxism“-Festival der Socialist Workers Party in London statt. Jedes Jahr treffen sich hier tausende Aktivist_innen um gemeinsam &#252;ber Erfahrungen, K&#228;mpfe und Strategien zu diskutieren. Das diesj&#228;hrige Festival stand ganz im Zeichen der Revolutionen im Nahen Osten und Nordafrika, deren Aufbruchstimmung etwa von Kamal Abu Aita, dem Mitbegr&#252;nder der &#228;gyptischen Steuereintreiber_innengewerkschaft ins Zentrum von London gebracht wurden.<br />
Die SWP beteiligte sich auch an der Demonstration am 30 Juni, die im Rahmen des landesweiten Streik der &#246;ffentlich Bediensteten stattfand. 750.000 streikten gegen die Tory-Regierung, um ein starkes Zeichen gegen die Einsparungen im Pensionssystem zu setzen. Auch das Festival war gekennzeichnet von den Erfahrungen dieses Streiks und die Aktivist_innen der SWP machten deutlich, dass ein Generalstreik nun nicht mehr leere Drohung, sondern m&#246;gliches Kampfmittel sei und argumentierten f&#252;r einen Termin im Herbst. Besonders spannend waren die Berichte der AktivistInnen der Umbr&#252;che im Nahen Osten und <a href="http://www.perspektiven-online.at/2011/02/27/the-revolution-was-televised-2/">Nordafrika</a>, die vielen der knapp 200 Meetings revolution&#228;re Stimmung einhauchten. Aber auch von Geschichten der Genoss_innen aus Griechenland und Spanien, die direkt von den Asambleas gekommen waren um von den Protesten zu erz&#228;hlen, brachten Einblick in die dortigen Debatten und Herausforderungen. Auch die Situation der Arbeiter_innenklasse in den USA nach der Besetzung des Rathauses in <a href="http://www.perspektiven-online.at/2011/03/11/rebellion-in-wisconsin/">Wisconsin </a>wurde besprochen. Neben den Referent_innen, die von den weltweiten Protesten berichteten, um Erfahrungen zu verkn&#252;pfen und zu reflektieren, standen auch die Theorie-Meetings im Zeichen der Revolutionen. So besch&#228;ftigten sich einige Veranstaltungen mit den historischen Erfahrungen der deutschen, <a href="http://www.perspektiven-online.at/2008/02/22/geht-selbst-ans-werk-beginnt-von-unten/">russischen</a>, chinesischen, japanischen und franz&#246;sischen Revolutionen und deren Theoretisierungen; auch &#252;ber das Konzept der permanenten Revolution wurde kontrovers diskutiert. Neben zahlreichen einf&#252;hrenden Meetings zur marxistischen Theorie gab es Panels zu Michel Foucault, Frantz Fanon, Alain Badiou und Edward Said. Auffallend war, dass die Inputs der Referent_innen wirklich sehr gut waren, jedoch wenig Konsequenzen aus der Auseinandersetzung mit den Theoretikern [sic!] f&#252;r die eigene theoretische Tradition gezogen wurden. Interessante Debatten wurden in den Meetings zu antirassistischen Strategie gegen die extreme Rechte in Europa gef&#252;hrt, deren Conclusio auch f&#252;r unsere politische Arbeit anregend waren. Jedes Jahr wieder &#252;berraschen die Treffen zu „Marxism and Art“, deren Besuch wirklich empfohlen werden kann. Gleiches trifft auch auf Peter Thomas‘ Input zu Antonio <a href="http://www.perspektiven-online.at/2007/09/01/herrschaft-durch-konsens-macht-und-politik-bei-antonio-gramsci/">Gramsci </a>zu. Erfreulicherweise scheinen die Theoren Gramscis, im Gegensatz zu den vergangenen Jahren, st&#228;rker rezipiert zu werden. Weniger erfreulich jedoch gestaltete sich der Besuch von Panels zur „Frauenfrage“, in welchen wir uns in die 1960er Jahre zur&#252;ck versetzt gef&#252;hlt hatten. Der Feminismus sei als Theorie b&#252;rgerlich und aktuell vor allem durch antimuslimischen Rassismus gepr&#228;gt, so der Tenor. Eine ernsthafte Besch&#228;ftigung mit postkolonialen und marxistischen Feminismen fehlte ebenso wie die Kl&#228;rung des Verh&#228;ltnisses von <a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/01/20/wert-und-wettex/">Sozialismus und Feminismus</a>. Lichtblicke waren aber die wenigen, daf&#252;r ausgezeichneten Wortmeldungen von jungen Genossinnen, die sich kritisch auf die SWP-Position bezogen. Positiv ob der fehlenden Auseinandersetzung mit feministischen Positionen, ist die konsequente Besch&#228;ftigung mit LGBT-Positionen und die Beteiligung an queeren K&#228;mpfen, die auch am Festival Ausdruck fand.<br />
Auch wenn es politische Differenzen mit der Socialist Workers Party gibt, lohnt ein Besuch des Festivals allemal. Neben den tausenden Besucher_innen und Aktivist_innen aus der ganzen Welt, gibt es jedes Jahr ein sehens- und h&#246;renswertes Kulturprogramm, das den Besuch bei Marxism abrundet. Der Timetable von Marxism 2011 ist online abrufbar auf: <a href="http://www.marxismfestival.org.uk.">http://www.marxismfestival.org.uk.</a></p>
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		<title>Klassen im Widerspruch</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2011/07/19/klassen-im-widerspruch/</link>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:13:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Klassentheorie]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Marxistischen Klassentheorien wird h&#228;ufig vorgeworfen, sie w&#252;rden die Realit&#228;t vielf&#228;ltiger sozialer Identit&#228;ten und Konfliktlinien auf die einfache Gegen&#252;berstellung von Bourgeoisie und Proletariat reduzieren. Katherina Kinzel und Hanna Lichtenberger stellen dieser Kritik einen differenzierten Klassenbegriff entgegen, der die Debatten um das „Problem der Mittelklasse“ aufgreift und sich auf die Marxsche Methode st&#252;tzt.

„Hier bricht das Manuskript ab“, so Engels’ lakonischer Kommentar, wenige [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Marxistischen Klassentheorien wird h&#228;ufig vorgeworfen, sie w&#252;rden die Realit&#228;t vielf&#228;ltiger sozialer Identit&#228;ten und Konfliktlinien auf die einfache Gegen&#252;berstellung von Bourgeoisie und Proletariat reduzieren. Katherina Kinzel und Hanna Lichtenberger stellen dieser Kritik einen differenzierten Klassenbegriff entgegen, der die Debatten um das „Problem der Mittelklasse“ aufgreift und sich auf die Marxsche Methode st&#252;tzt.<br />
<span id="more-1952"></span><br />
„Hier bricht das Manuskript ab“, so Engels’ lakonischer Kommentar, wenige Seiten nachdem Marx im dritten Band des <em>Kapital </em>explizit die Frage der Klassentheorie in den Raum stellt: „Die n&#228;chst zu beantwortende Frage ist die: Was bildet eine Klasse?“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Marx beantwortet diese Frage selbst nicht, auch wenn sich seine Arbeiten immer wieder um Klassenanalysen drehen und voll von den entsprechenden Begrifflichkeiten sind. So ist richtig, was der j&#252;ngst verstorbene franz&#246;sische Philosoph Daniel Bensaïd festh&#228;lt: „Klassenkampf steht im Zentrum des Marxschen Denkens“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>; die Bestimmungsversuche von Klassen, die theoretischen Instrumentarien, die dabei zum Einsatz kommen und die Analyseebenen, auf denen Klassen zum Gegenstand der Untersuchung werden, variieren innerhalb des Marxschen Werkes jedoch stark.<br />
In dem fr&#252;hen, zu Marxens Lebzeiten unver&#246;ffentlichten Werk <em>Die deutsche Ideologie</em> etwa, beschreibt Marx den Ursprung der Klassen in der Arbeitsteilung: „[…] durch die Teilung der Arbeit bereits bedingten Klassen, die in jedem derartigen Menschenhaufen sich absondern und von denen eine alle anderen beherrscht.“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Au&#223;erdem h&#228;lt er darin fest, dass „[d]ie Individuen […] nur insofern eine Klasse [bilden], als sie einen gemeinsamen Kampf gegen eine andre Klasse zu formieren haben“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>. Damit unterstreicht er, dass „Klasse“ eine relationale Kategorie ist – sie bezeichnet ein Verh&#228;ltnis, keinen f&#252;r sich existierenden Gegenstand. Weil die Bestimmung von Klassen &#252;ber die Arbeitsteilung auch f&#252;r Marx ungen&#252;gend ist, entwickelt er sp&#228;ter weitere Begrifflichkeiten wie Ausbeutung, die den Blick sch&#228;rfen sollen. Daher ist es zun&#228;chst wichtig, nach der Herangehensweise an eine Klassentheorie in Marx’ systematischer Analyse der kapitalistischen Produktionsweise in seinem Hauptwerk, <em>Das Kapital</em>, zu suchen.<br />
Wenn die Frage nach der Anwesenheit von Klassen im <em>Kapital </em>gestellt wird, so begegnet man jedoch einem Paradoxon: Klassen <em>sind </em>und <em>sind nicht</em> dessen Gegenstand. Einerseits sind sie Gegenstand des <em>Kapitals</em>, insofern die von Marx eingef&#252;hrten &#246;konomischen Begriffe auch stets soziale Begriffe sind. Nicht nur die Ausbeutung – zentrale Kategorie in der Bestimmung der ArbeiterInnenklasse – und der sich daraus ergebende fundamentale Interessenkonflikt zwischen Arbeit und Kapital, sondern auch die Dimensionen von Herrschaft und Kontrolle werden auf Basis einer Analyse der Struktur der kapitalistischen Produktionsweise sichtbar. Andererseits l&#228;sst sich auf dieser Ebene nichts &#252;ber konkrete Klassenstrukturen und Dynamiken aussagen. Analysen konkreter Dynamiken von Klassenk&#228;mpfen finden sich eher in den politisch-strategischen Schriften Marxens, so etwa in <em>Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte</em>. Marx geht hier nicht nur auf den „horizontalen“ Klassenkampf zwischen Arbeit und Kapital ein, sondern widmet sich auch den Widerspr&#252;chen innerhalb der herrschenden Klasse und unterscheidet  wischen zahlreichen Fraktionen der Bourgeoisie (so etwa Gro&#223;grundbesitzer, Geldaristokratie, Kleinb&#252;rgertum, Industriebourgeoisie, Mittelklasse)<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> und ihren unterschiedlichen Interessen. Statt einer eingehenden systematisch-theoretischen Auseinandersetzung mit diesen und anderen Begriffskategorien konzentriert sich Marx hier darauf, die komplexe Skizze einer historisch konkreten Gesellschaftsformation zu zeichnen. K&#228;mpfe zwischen den einzelnen Gruppen, ihr Verh&#228;ltnis zum Staat sowie die Ver&#228;nderungen im Staat durch die unterschiedlichen K&#228;mpfe werden beschrieben.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a><br />
Dieses ausdifferenzierte Bild verschiedener Klassen und Klassenfraktionen steht in deutlichem Kontrast zu der im <em>Manifest der Kommunistischen Partei </em>ausgesprochenen These einer zunehmenden Polarisierung: „Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei gro&#223;e feindliche Lager, in zwei einander direkt gegen&#252;berstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Das Kleinb&#252;rgerInnentum oder die Mittelklasse, die, so Marx, im Bonapartismus<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> „die St&#228;rke dieser b&#252;rgerlichen Ordnung ist“<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a>, sei eine Art „historisches &#220;berbleibsel“ oder eben eine &#220;bergangsklasse. So h&#228;lt Marx dazu im dritten Band des <em>Kapitals </em>fest: „In England ist unstreitig die moderne Gesellschaft in ihrer &#246;konomischen Gliederung am weitesten, klassischsten entwickelt. Dennoch tritt diese Klassengliederung selbst hier nicht rein hervor. Mittel- und &#220;bergangsstufen vertuschen auch hier (obgleich auf dem Lande unvergleichlich weniger als in den St&#228;dten) &#252;berall die Grenzbestimmungen. Indes ist dies f&#252;r unsere Betrachtung gleichg&#252;ltig.“<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Auch wenn Marx an anderer Stelle schreibt, es g&#228;be eine Tendenz zum Wachstum der Mittelklasse<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a>, so bleibt unklar, wo diese gr&#246;&#223;er werdenden Mittelklassen in seiner Darstellung der Struktur der kapitalistischen Produktionsweise unterzubringen sind<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a>: Hier scheint nur die Opposition von Arbeit und Kapital sichtbar zu sein.</p>
<p><strong>Systematische Probleme</strong><br />
Hinter den verschiedenen Bestimmungen und Analysen von Klassen in den Schriften Marxens steht nicht einfach theoretische Inkonsistenz. Vielmehr verweist dies auf ein systematisches Problem, das sich jedem Versuch, einen brauchbaren Klassenbegriff zu entwickeln, stellt. Im Werk Marxens selbst finden wir einerseits eine strukturelle Analyse der polaren Klassenpositionen, die sich aus der Struktur und Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise ergeben, andererseits aber konkrete Beschreibungen von Klassenk&#228;mpfen und den gesellschaftlichen Akteuren, die in diesen K&#228;mpfen auftreten. So stellt sich die Frage, in welchem Verh&#228;ltnis die abstrakt bestimmten Klassenpositionen zu den konkreten Mustern von Klassenformierung und Klassenk&#228;mpfen stehen. Marx selbst entwickelt keine Antwort auf die Frage, wie eine systematische Verbindung zwischen diesen beiden Bereichen aussehen k&#246;nnte.<br />
In den klassentheoretischen Debatten der 1970er Jahre versuchte der marxistische Soziologe Erik Olin Wright, diese L&#252;cke durch eine Reihe von Unterscheidungen in den Griff zu bekommen. Tats&#228;chlich, so das Argument, haben wir es mit zwei unterschiedlichen, aber zusammenh&#228;ngenden Problemen zu tun: Erstens geht es um die Frage, wie sich eine Analyse der aus der Struktur der Produktionsverh&#228;ltnisse bestimmten Klassenpositionen zur Frage der Klassenformierung – sprich der Konstitution von Klassen als organisierte, handlungsf&#228;hige Kollektive – verh&#228;lt.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Die „Leerstellen“, die in die Struktur der Produktionsverh&#228;ltnisse eingeschrieben sind, gehen nicht automatisch mit bestimmten Formen der kollektiven Organisierung von Klasse einher: „Die soziale Klassenstruktur  eterminiert nicht mechanisch politische Repr&#228;sentation und Konflikte.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Gleichzeitig aber bleiben Klassenstrukturen in den konkreten Formierungsprozessen gesellschaftlicher Akteure stets als deren Bedingungen anwesend. „In der Dynamik der Klassenverh&#228;ltnisse kann sich die Subjektivit&#228;t des Bewusstseins nicht arbitr&#228;r von der Struktur emanzipieren, ebenso wenig k&#246;nnen die objektiven Bedingungen passiv vom Bewusstsein abgespalten werden. Diese Problematik steht jeder mechanistischen Konzeption eines notwendigen &#220;bergangs vom ,an-sich‘ zum ,f&#252;r-sich‘ entgegen.“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a><br />
Zweitens stellt sich das Problem der Verbindung zwischen den unterschiedlichen Abstraktionsebenen der Klassenanalyse: Der Antagonismus zwischen Arbeit und Kapital wird schon auf Ebene der <em>kapitalistischen Produktionsweise</em> – der Darstellung der Struktur und inh&#228;renten Dynamik gesellschaftlicher Produktionsverh&#228;ltnisse in ihrem idealen Durchschnitt – sichtbar. Auf Ebene der <em>Gesellschaftsformation </em>treten hingegen auch andere Klassenlagen auf. Der Begriff der Gesellschaftsformation verweist auf Gesellschaft als spezifische Kombination verschiedener Produktionsweisen, die zueinander in hierarchischen Verh&#228;ltnissen stehen. Die Anwesenheit vorkapitalistischer Klassen innerhalb kapitalistischer Gesellschaften, aber auch die verschiedenen Organisationsformen kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse selbst, k&#246;nnen auf dieser Ebene in den Blick genommen werden. <em>Konjunkturelle </em>Analysen schlie&#223;lich m&#252;ssen die Vielfalt an historisch kontingenten Umst&#228;nden, institutionellen Gegebenheiten und ideologischen Faktoren sowie die Verh&#228;ltnisse zwischen Klassen und anderen, nicht-klassenf&#246;rmigen Herrschaftsverh&#228;ltnissen, wie Geschlechterverh&#228;ltnissen und Rassismen, mit einbeziehen.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Es ist dies auch die Ebene, auf der sich das Problem der Klassenformierung erstmals konkret stellt. Auf Ebene der kapitalistischen Produktionsweise und der Gesellschaftsformation haben strukturelle Analysen ihren Ort. Die Frage, wie Klassen sich als Klassen organisieren und zu historisch handlungsf&#228;higen Akteuren werden, kann auf diesen Ebenen jedoch nicht beantwortet werden. Wie zuvor vermerkt, sind formierte Klassen nicht einfach Ausdruck von Strukturpositionen, sondern politische Subjekte, die sich in Konflikten konstituieren und dies in Abh&#228;ngigkeit von staatlich-institutionellen Verortungen, spezifischen politisch-ideologischen Konfigurationen, kurz- und l&#228;ngerfristigen B&#252;ndnisstrategien, etc. Will man zu einer Einsch&#228;tzung der dynamischen Prozesse der Klassenformierung in einer gegebenen gesellschaftlichen und politischen Situation gelangen, muss man also notwendigerweise die Abstraktionsebenen „hinunterwandern“. Aber wie?</p>
<p><strong>Methodische &#220;berlegungeny</strong><br />
Eine m&#246;gliche Antwort l&#228;sst sich aus methodischen &#220;berlegungen zum Kapital gewinnen. Marx verf&#228;hrt im Kapital nicht, indem er Definitionen oder Kriterien etwa daf&#252;r anf&#252;hrt, was „Mitgliedschaft“ in der ArbeiterInnenklasse bedeutet. Stattdessen holt er schrittweise eine Reihe von Bestimmungen der kapitalistischen Produktionsweise in ihrem idealen Durchschnitt ein.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Der oft zitierte Aufstieg „vom Abstrakten zum Konkreten“<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> bezieht sich auf dieses Einholen von neuen Bestimmungen. Von den einfachen Begriffen Ware und Wert ausgehend n&#228;hern sich „die Gestaltungen des Kapitals […] schrittweis der Form, worin sie auf der Oberfl&#228;che der Gesellschaft […] auftreten.“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> In der Einleitung zur Kritik der politischen &#214;konomie von 1857 erkl&#228;rt Marx, dass und warum das Konkrete notwendigerweise komplex ist: „Das Konkrete ist konkret, weil es die Zusammenfassung vieler Bestimmungen ist, also Einheit des Mannigfaltigen. Im Denken erscheint es daher als Proze&#223; der Zusammenfassung, als Resultat, nicht als Ausgangspunkt.“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Louis Althusser hat darauf hingewiesen, dass es sich bei diesem Prozess schrittweiser Konkretion nicht um ein deduktives Ableitungsman&#246;ver handelt: „ganz fern von jeder Selbst-Herstellung der Begriffe“ verf&#228;hrt Marx im Kapital vielmehr „durch die Setzung eines Begriffs und die anschlie&#223;ende Erforschung (Analyse) des durch diese Setzung zugleich erschlossenen und geschlossenen (begrenzten) Raumes, usf.: Bis hin zur Konstitution theoretischer Felder eines &#228;u&#223;ersten Komplexit&#228;tsgrades.“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Das Kapital stellt also einen mehrstufigen Analyseprozess dar, in dem bei jedem Schritt neue und komplexere Bestimmungen eingef&#252;hrt werden. Diese erlauben es, Sackgassen aufzul&#246;sen und theoretische Schwierigkeiten zu beheben, die in fr&#252;heren Phasen der Analyse aufgetreten sind. Die schrittweise Konkretion und Komplizierung der theoretischen Instrumentarien hat dabei auch zur Folge, dass bereits entwickelte Begriffe und Kategorien durch sp&#228;tere Analyseschritte modifiziert und mit neuer Bedeutung angereichert werden. Daniel Bensaïd argumentiert, dass dieser Prozess nicht k&#252;nstlich zu einem Schluss gebracht werden soll: das Kapital ist in gewisser Hinsicht ein „unendliches“ Buch, das &#252;ber die von Marx selbst in drei B&#228;nden behandelten Themen hinausweist. Dass Marx in seinem urspr&#252;nglichen Konzept f&#252;r Das Kapital weitere B&#228;nde, darunter einen zum Staat und einen zum Weltmarkt geplant hatte, weist in diese Richtung.</p>
<p><strong>Das Kapital: ein unendliches Buch</strong><br />
Bensaïd zeichnet nach, wie auch der Klassenbegriff auf der „langen Reise des Kapitals“<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> einen Prozess schrittweiser Konkretion und Modifikation durchmacht. Im ersten Band des Kapitals wird das Ausbeutungsverh&#228;ltnis zwischen freier Lohnarbeit und Kapital analysiert. Die Ausbeutung stellt aber nur die erste und abstrakteste der Bestimmungen des Klassenverh&#228;ltnisses dar. Der Klassenbegriff ist kein statisches Konzept, denn Klassenverh&#228;ltnisse stehen im Zusammenhang mit der Akkumulationsdynamik des Kapitals. Das Verh&#228;ltnis zwischen Arbeit und Kapital gewinnt im zweiten Band des Kapitals die zus&#228;tzliche Dimension des Kaufs und Verkaufs der Ware Arbeitskraft. „Das Kapitalverh&#228;ltnis w&#228;hrend des Produktionsprozesses kommt nur heraus, weil es an sich im Zirkulationsakt existiert, in den unterschiedlichen &#246;konomischen Grundbedingungen, worin K&#228;ufer und Verk&#228;ufer sich gegen&#252;bertreten, in ihrem Klassenverh&#228;ltnis.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Der Klassenbegriff wird in Folge um die Begriffe der produktiven und indirekt produktiven Arbeit erweitert. Produktive Arbeit nimmt die Form des Mehrwerts an und wird in dieser Form vom Kapital angeeignet.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Diejenige Arbeit, die gegen Revenue<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> getauscht wird und keinen Mehrwert erzeugt, ist hingegen unproduktiv. Im dritten Band werden die bisherigen Bestimmungen in eine Analyse der Dynamik der Kapitalkonkurrenz, der Angleichung der Durchschnittsprofitraten und der Distribution der Revenue integriert. Vom Standpunkt gesamtgesellschaftlicher Reproduktion erscheinen Klassen nun nicht mehr alleinig &#252;ber Ausbeutung und produktive/indirekt produktive Arbeit bestimmt: Ausbeutungsverh&#228;ltnis, Lohnverh&#228;ltnis, Produktivit&#228;t und die Distribution von Revenuen im Prozess gesamtgesellschaftlicher Reproduktion treten als Bestimmungen zusammen. Es wird nun auch deutlich, dass das Ausbeutungsverh&#228;ltnis die Dynamik der Kapitalkonkurrenz, die Ausbildung einer Durchschnittsprofitrate und die Bestimmung gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit voraussetzt. Erst von diesem Standpunkt aus wird es m&#246;glich, dass „Klassen als etwas anderes [erscheinen], denn als eine Summe von Individuen, die eine &#228;hnliche gesellschaftliche Funktion erf&#252;llen.“<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Es ist dies der Punkt, an dem sichtbar wird, dass der Klassenantagonismus nicht auf den Konflikt zwischen einzelnen ArbeiterInnen und KapitalistInnen am Arbeitsplatz reduzierbar ist. Aufgrund der Angleichung der Durchschnittsprofitraten ist der Mehrwert, den ein Einzelkapital einf&#228;hrt, stets Anteil des gesamtgesellschaftlich produzierten Mehrwerts. Auf diese Weise konstituiert sich das Kapital in seiner Gesamtheit &#252;ber die Reproduktionsdynamiken gegen die Gesamtheit der ArbeiterInnenklasse. „Aus dem Gesagten ergibt sich, da&#223; jeder einzelne Kapitalist, wie die Gesamtheit aller Kapitalisten jeder besondern Produktionssph&#228;re, in der Exploitation der Gesamtarbeiterklasse durch das Gesamtkapital und in dem Grad dieser Exploitation nicht nur aus allgemeiner Klassensympathie, sondern direkt &#246;konomisch beteiligt ist, weil, alle andern Umst&#228;nde, darunter den Wert des vorgescho&#223;nen konstanten Gesamtkapitals als gegeben vorausgesetzt, die Durchschnittsprofitrate abh&#228;ngt von dem Exploitationsgrad der Gesamtarbeit durch das Gesamtkapital.“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a></p>
<p><strong>Komplexe Bestimmungen</strong><br />
Eine bedeutende Konsequenz dieser Bestimmung ist, dass nun auch Arbeiten, die in vorangegangenen Stadien der Analyse als unproduktiv erschienen, als Teil des gesellschaftlichen „Gesamtarbeiters“ auftreten. Zu den bisher entwickelten Bestimmungen antagonistischer Klassenpositionen tritt das Kriterium der Einkommensquellen hinzu, welche sich im Fall der KapitalistInnen aus Revenuen, im Fall der ArbeiterInnen aus Lohnarbeit speisen. Wie Marx selbst vermerkt, darf aber die letztere Bestimmung von Klassenpositionen aus Einkommensquellen nicht verabsolutiert werden. „Indes w&#252;rden von diesem Standpunkt aus z.B. &#196;rzte und Beamte auch zwei Klassen bilden, denn sie geh&#246;ren zwei unterschiednen gesellschaftlichen Gruppen an, bei denen die Revenuen der Mitglieder von jeder der beiden aus derselben Quelle flie&#223;en.“<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> W&#228;ren Einkommensquellen das vorrangige und einzige Kriterium, so w&#252;rden sich Klassen in Status- und Berufsgruppen aufl&#246;sen. Stattdessen m&#252;ssen, wie Bensaïd vermerkt, die Bestimmungen, die in den drei B&#228;nden des Kapitals aufgezeigt wurden, in ihrer Einheit gefasst werden: „das Ausbeutungsverh&#228;ltnis, das den Mehrwert erkl&#228;rt, das Lohnverh&#228;ltnis, […] direkt und indirekt produktive Arbeit, die gesellschaftliche Arbeitsteilung und die Natur und H&#246;he des Einkommens“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> erzeugen erst in ihrem inneren Zusammenhang die Perspektive, von der ausgehend Klassen als dynamische, antagonistische Kr&#228;fte erfasst werden k&#246;nnen. Bensaïd argumentiert, dass damit die Bestimmung des Klassenbegriffs jedoch noch keineswegs abgeschlossen ist: „Bestimmt auf Ebene des Produktionsprozesses im Gesamten, k&#246;nnen Klassen immer noch neue Bestimmungen erhalten, von Analysen der Familie, Ausbildung, des Staates und des politischen Kampfes selbst.“<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a><br />
Wenn die unterschiedlichen Abstraktionsebenen der Klassenanalyse aus Erik Olin Wrights Perspektive als durch tiefe Gr&#228;ben getrennt erscheinen, was eine gewisse Ratlosigkeit dar&#252;ber erzeugt, wie diese Gr&#228;ben denn systematisch zu &#252;berbr&#252;cken sind, so erscheint der Weg vom Abstrakten zum Konkreten bei Daniel Bensaïd als organischer Prozess des schrittweisen Einholens zus&#228;tzlicher Bestimmungen.<br />
Im Folgenden werden wir uns dem Problem der Bestimmung der Mittelklassen zuwenden und dies als Beispiel nutzen, um zu zeigen, was es bedeutet, die Abstraktionsebenen „hinunterzuwandern“. Die Frage der Mittelklassen ist nicht nur „essentiell, wenn die klassischen Anliegen des Marxismus – ein Verst&#228;ndnis der Entwicklung der Widerspr&#252;chedes Kapitalismus und der Voraussetzungen einer revolution&#228;ren Transformation kapitalistischer Gesellschaften – in rigoroser Weise analysiert werden sollen“, wie Wright festh&#228;lt.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Sie erfordert auch eine zunehmende Konkretion der Klassenanalyse. Unsere Darstellung theoretischer Positionen zur Einsch&#228;tzung der Mittelklassen wird notwendigerweise selektiv verfahren und bescheidener sein als Bensaïds Entwurf zunehmender Konkretion. Es ist aber sinnvoll, im Folgenden die Idee eines &#252;ber den Text des <em>Kapitals </em>hinausgehenden Bestimmungsprozesses im Kopf zu behalten und sich zu vergegenw&#228;rtigen, dass jede der zus&#228;tzlich eingef&#252;hrten Bestimmungen auch eine R&#252;ckfrage nach den zuvor bereits entwickelten Begriffen und Kategorien notwendig macht.</p>
<p><strong>Marx und die Mittelklassen</strong><br />
Marx und Engels gehen, wie bereits beschrieben, im <em>Manifest der Kommunistischen Partei</em> und im dritten Band des <em>Kapital </em>davon aus, dass es eine Tendenz zur Polarisierung der zwei Hauptklassen gibt, und dass der Widerspruch zwischen diesen sich immer deutlicher auspr&#228;gt. Eine systematische Bestimmung von Mittelklassen finden wir bei ihnen darum nicht vor – auch nicht im <em>18. Brumaire</em>, in dem Marx selbst den Begriff der Mittelklasse verwendet. Wenn das traditionelle Kleinb&#252;rgerInnentum, also die einfachen WarenproduzentInnen, eine historisch entstandene &#220;bergangsklasse aus dem Feudalismus ist und es eben eine Tendenz zur Polarisierung gibt, kann der Eindruck entstehen, als w&#252;rde eine Theorie der Mittelklasse im Laufe der Entwicklung des Kapitalismus unn&#246;tig werden. Diese Prognose erwies sich jedoch als historisch inad&#228;quat. Auch ohne der b&#252;rgerlichen „Mittelstands“-Ideologie aufzusitzen, l&#228;sst sich die historische Ausdifferenzierung von Gesellschaftsschichten, Positionen und Interessenlagen vermerken, die weder in die Konzeption des Proletariats, noch in jene der Bourgeoisie passen. Marxistische Klassenanalysen wurden von b&#252;rgerlicher Seite oft dahingehend kritisiert, dass die Vorstellung eines bipolaren Klassenantagonismus aufgrund dieser Entwicklungen historisch &#252;berholt sei. Schon alleine als Defensivstrategie gegen solche Angriffe ist es notwendig, eine marxistische Bestimmung der Mittelklassen zu entwickeln, die mit der Diagnose vereinbar ist, dass der zentrale Interessenkonflikt in kapitalistischen Gesellschaften zwischen Arbeit und Kapital verl&#228;uft.<br />
Andererseits aber kann der Ruf nach einer klassentheoretischen „Einordnung“ der Mittelklassen misstrauisch machen, erinnert er doch stark an „positivistische“ Vorstellungen, welche den Klassenbegriff als Klassifikationsschema zur Zuordnung unterschiedlicher Gesellschaftsgruppen gem&#228;&#223; ihrer „Eigenschaften“ missverstehen. Eine solche Auffassung des Klassenbegriffs ist oft genug – und zu Recht – kritisiert worden. Klassen sind keine Dinge, keine Berufs- oder Einkommensgruppen, sie existieren nicht au&#223;erhalb jener gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse, die sie konstituieren. Klassen gibt es nur in ihren Konfliktverh&#228;ltnissen zu anderen Klassen.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Letztlich ist der Klassenbegriff auch nicht ein blo&#223;es Analyseschema zur Beschreibung der Struktur kapitalistischer Gesellschaften, sondern ein theoretisches Instrument, um soziale Konflikte und die Triebkr&#228;fte gesellschaftlicher Transformation fassen zu k&#246;nnen. Die klassentheoretische Analyse und Einsch&#228;tzung der Mittelklassen ist daher auch politisch relevant: Denn die Frage nach den Mittelklassen ist immer mit der Frage nach den Grenzen der ArbeiterInnenklasse und damit nach den politischen Voraussetzungen einer revolution&#228;ren Transformation kapitalistischer Gesellschaften verbunden. Eine Antwort auf das Problem der Klassenposition von jenen Gesellschaftsgruppen, die weder einfach der Bourgeoisie noch dem Proletariat zuordenbar sind, stellt also zugleich einen Beitrag zur Diskussion um politische B&#252;ndnisse und Strategien dar.</p>
<p><strong>Neue Klasse oder Neue ArbeiterInnenklasse?</strong><br />
In den 1970er und -80er Jahren versuchten verschiedene TheoretikerInnen Antworten auf die Problematik der „Mittelklasse“ bei Marx zu formulieren. Sie reagierten damit auch auf gesellschaftliche Transformationsprozesse im Fordismus, die eine quantitative Ausweitung von nicht eindeutig zuordenbaren Klassenpositionen bedeuteten, wie etwa hierarchische Funktionen (ManagerInnen, leitende Angestellte und andere &#220;berwachungs- und Verwaltungsaufgaben), Staatsangestellte, Scheinselbstst&#228;ndige, etc.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Unter den verschiedenen Konzeptionen zum Verst&#228;ndnis der Mittelklasse k&#246;nnen vier grundlegende Str&#228;nge ausgemacht werden. Erstens, das Konzept der <em>Neuen Klassen</em>. Beispielhaft f&#252;r die Theorie, wonach die Mittelklasse eine v&#246;llig neue Klasse mit eigenen Interessen ist, die weder mit jenen der Bourgeoisie noch denen der ArbeiterInnenklasse &#252;bereinstimmen, sind die &#220;berlegungen von Barbara und John Ehrenreich. Sie bezeichnen diese Neue Klasse als „Professional Managerial Class“<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a>. In den Konzeptionen einer Neuen Klasse ist jedoch v&#246;llig unklar, ob „die recht unterschiedlichen Soziallagen, die unter dieser Flagge zusammengefasst sind, objektive Klasseninteressen teilen.“<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Auch wenn TheoretikerInnen der Neuen Klasse den Aspekt der Kontrolle, etwa von Wissen, einbeziehen, so bleibt dies meist auf die Ebene des Produktionsprozesses beschr&#228;nkt, andere Dimensionen gesellschaftlicher Verh&#228;ltnisse, die Klassen konstituieren, fallen weg. Der griechisch-franz&#246;sische Marxist Nicos Poulantzas hat die Konzeption einer „ManagerInnenklasse“ daher als „f&#252;r die marxistische Theorie undenkbar“<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a> abgetan. Die Vorstellung, vom Zuwachs und steigenden Einfluss bestimmter Managementstrukturen lie&#223;e sich unmittelbar auf das Entstehen einer Neuen Klasse schlie&#223;en, hat dennoch immer wieder theoretische Konjunktur. So kann ein &#228;hnlicher Versuch in neogramscianischen Ans&#228;tzen innerhalb der Internationalen Politischen &#214;konomie ausgemacht werden, die im Anschluss an Robert Cox von einer „transnationalen ManagerInnenklasse“ sprechen.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a><br />
Ein zweiter analytischer Ansatz ist das Konzept der Neuen ArbeiterInnenklasse. Die Erweiterung des Begriffs der ArbeiterInnenklasse und die Konzeptualisierung eines Gro&#223;teils der gesellschaftlichen K&#228;mpfe als jene der ArbeiterInnenklasse wurde etwa vom Sozialphilosophen André Gorz, der alle Lohnabh&#228;ngigen ohne Verf&#252;gung &#252;ber Kapital zur ArbeiterInnenklasse z&#228;hlt<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a>, oder dem Soziologen Serge Mallet<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a><br />
vertreten. Auch diese Idee und die damit verbundene These, man habe es bei den Mittelklassen nicht mit „echten“ Zwischenlagen zu tun, sondern schlicht mit neuen Formen des Proletariats, gewinnt immer wieder neue theoretische Attraktivit&#228;t. Besonders deutlich wird dies in Ans&#228;tzen, welche die ArbeiterInnenklasse ausschlie&#223;lich &#252;ber das Kriterium der freien Lohnarbeit – also die Notwendigkeit, die eigene Arbeitskraft am Markt feilzubieten – bestimmen. So findet sich ein Nachhall der These von der Neuen ArbeiterInnenklasse z.B. im post-operaistischen Konzept der Multitude, wie es prominent von Toni Negri und Michael Hardt entwickelt wurde. Gemein ist vielen dieser Konzeptionen die problematische Konsequenz, die gesamte Masse der Lohnabh&#228;ngigen als revolution&#228;res Subjekt anzurufen und dabei die gro&#223;en Interessensunterschiede innerhalb derselben zu verdecken.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a><br />
Fruchtbarer als die Konzepte der Neuen Klassen und der Neuen ArbeiterInnenklasse erscheinen uns zwei weitere Ans&#228;tze, das Konzept des Neuen Kleinb&#252;rgerInnentums, das von Nicos Poulantzas vorgeschlagen wurde, sowie jenes der widerspr&#252;chlichen Klassenpositionen von Erik Olin Wright. Da uns beide Ans&#228;tze trotz gewisser Kritikpunkte politisch anschlussf&#228;hig erscheinen, m&#246;chten wir im Folgenden n&#228;her auf sie eingehen.</p>
<p><strong>Poulantzas und das Neue Kleinb&#252;rgerInnentum</strong><br />
Poulantzas’ theoretische Ausgangs&#252;berlegung lautet, dass es nicht ausreicht, Klassen allein durch ihre &#246;konomische Verortung zu bestimmen. Es gehe vielmehr auch darum, „soziale Klassen durch ihre Stellung im Ganzen der gesellschaftlichen Praxis-Arten zu definieren“<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a> – also nicht nur durch ihre Stellung in der Arbeitsteilung, sondern auch &#252;ber politische und ideologische Verh&#228;ltnisse. Konkret versucht er, das Problem der Mittelklasse durch Erweiterung und Umdeutung der traditionellen Klasse des Kleinb&#252;rgerInnentums und ihrer inneren Differenziertheit zu l&#246;sen. Die &#246;konomischen Merkmale des traditionellen Kleinb&#252;rgerInnentums beschreibt Poulantzas als Einheit des Besitzes der Produktionsmittel und deren Verarbeitung: „[D]iese Kleinproduktion macht Profit aus dem Verkauf der Waren und durch die Beteiligung an der totalen R&#252;ckverteilung des Mehrwerts, presst aber nicht unmittelbar Mehrwert ab.“<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> Das Neue Kleinb&#252;rgerInnentum hingegen bestehe aus den nichtproduktiven Lohnempf&#228;ngerInnen und MitarbeiterInnen des Staates und dessen Staatsapparate, „ihre Ausbeutung erfolgt durch direkte Absch&#246;pfung von Mehrarbeit und nicht durch die Produktion von Mehrwert.“<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> Das Kleinb&#252;rgerInnentum sei der Ausbeutung nur in Form des Lohnes und der Konkurrenz ausgesetzt, nicht aber innerhalb des Produktionsprozesses. Laut Poulantzas f&#252;hrt dies zu einer Reihe von politischen und ideologischen Merkmalen, die das neue Kleinb&#252;rgerInnentum auszeichnet: „kleinb&#252;rgerlicher Individualismus“, Neigung zum Status Quo und Furcht vor der Revolution, „Mythos des gesellschaftlichen Aufstieges“ und Streben nach b&#252;rgerlichem Status<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> – sowie Vertrauen in einen neutralen, &#252;ber den Klassen stehenden Staat und die Bindung an bonapartistische Regierungsformen. In seiner Analyse anderer Klassen weist Poulantzas wiederholt auf die Inhomogenit&#228;t von Ideologie und Interessen hin. Ob sich auch die Ideologie des Neuen Kleinb&#252;rgerInnentums durch Widerspr&#252;che und Unterschiede auszeichnet, bleibt unklar und in seinen Schriften ambivalent. Wie auch in der ArbeiterInnenklasse und der Bourgeoisie lassen sich laut Poulantzas im Kleinb&#252;rgerInnentum bei genauer Betrachtung der politisch-ideologischen Divergenzen zahlreiche Fraktionen ausmachen. So h&#228;lt Poulantzas z.B. fest, „dass die kleinb&#252;rgerliche Fraktion der nicht-produktiven Lohnempf&#228;nger der Arbeiterklasse n&#228;her ist als die des traditionellen Kleinb&#252;rgerInnentums“<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a>. Weil Poulantzas Begriff des Neuen Kleinb&#252;rgerInnentums so breit gef&#228;chert ist und so viele verschiedene Lebensrealit&#228;ten umfasst, stellt sich hier die Frage, wie homogen die von ihm angenommene kleinb&#252;rgerliche Ideologie &#252;berhaupt sein kann.</p>
<p><strong>Produktive und unproduktive Arbeit</strong><br />
Dar&#252;ber hinaus ergeben sich aus dem von Poulantzas getroffenen, zentralen Unterscheidungsmerkmal f&#252;r das Neue Kleinb&#252;rgerInnentum, die unproduktive Arbeit, einige Probleme f&#252;r seine Klassentheorie. Die Debatte um produktive und unproduktive Arbeit ist eine wichtige Frage in der Marxschen politischen &#214;konomie. Ob Arbeit als produktiv oder unproduktiv bezeichnet wird, „h&#228;ngt nicht vom Charakter des produzierten Gebrauchswerts ab, sondern davon, ob die Ware, die ich produziere, […] zugleich Mehrwert enth&#228;lt“<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> oder nicht. Poulantzas bezieht sich in seinen Analysen vor allem auf Marxens Definition von produktiver Arbeit im ersten Band des Kapitals: „Die kapitalistische Produktion ist nicht nur Produktion von Ware, sie ist wesentlich Produktion von Mehrwert. […] Steht es frei, ein Beispiel au&#223;erhalb der Sph&#228;re der materiellen Produktion zu w&#228;hlen, so ist ein Schulmeister ein produktiver Arbeiter, wenn er nicht nur Kinderk&#246;pfe bearbeitet, sondern sich selbst abarbeitet zur Bereicherung des Unternehmers. Dass letzerer sein Kapital in einer Lehrerfabrik angelegt hat, statt in einer Wurstfabrik &#228;ndert nichts an dem Verh&#228;ltnis. Der Begriff des produktiven Arbeiters schlie&#223;t daher keineswegs blo&#223; ein Verh&#228;ltnis zwischen T&#228;tigkeit und Nutzeffekt, Arbeiter und Arbeitsprodukt ein, sondern auch ein spezifisch gesellschaftlich, geschichtlich entstandenes Produktionsverh&#228;ltnis, welches den Arbeiter zum unmittelbaren Verwertungsmittel des Kapitalisten stempelt.“<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Daraus ergibt sich, dass f&#252;r Poulantzas etwa Lohnabh&#228;ngige an der Kasse eines Supermarktes in jedem Fall „unproduktive Arbeit“ leisten w&#252;rden und auch nach der hier von Marx dargelegten Definition, auf Grund der fehlenden Mehrwertproduktion, nicht zur ArbeiterInnenklasse geh&#246;ren. Im dritten Band des Kapitals analysiert Marx jedoch die Frage von produktiver und unproduktiver Arbeit in Bezug auf die „kommerziellen ArbeiterInnen“, und argumentiert hier gegen eine Bestimmung allein auf Grund der Mehrwertproduktion: „Wie die unbezahlte Arbeit des Arbeiters dem produktiven Kapital direkt Mehrwert schafft, schafft die unbezahlte Arbeit der kommerziellen Lohnarbeiter dem Handelskapital einen Anteil an jenem Mehrwert.“<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a> Deutlich wird hier, dass auch unproduktive Arbeit ausgebeutet wird: „Der kommerzielle Arbeiter produziert nicht direkt Mehrwert. Aber der Preis seiner Arbeit ist durch den Wert seiner Arbeitskraft, also deren Produktionskosten, bestimmt, w&#228;hrend die Aus&#252;bung dieser Arbeitskraft, als eine Anspannung, Kraftver&#228;u&#223;erung und Abnutzung, wie bei jedem anderen Lohnarbeiter, keineswegs durch den Wert seiner Arbeitskraft begrenzt ist. Sein Lohn steht daher in keinem notwendigen Verh&#228;ltnis zu der Masse des Profits, die er dem Kapitalisten realisieren hilft. Was er dem Kapitalisten kostet, und was er ihm einbringt, sind verschiedene Gr&#246;&#223;en. Er bringt ihm ein, nicht indem er direkt Mehrwert <em>schafft</em>, aber indem er die Kosten der Realisierung des Mehrwerts vermindern hilft, soweit er, zum Teil unbezahlte, Arbeit verrichtet.“<a title="anm_49" name="anm_49" href="#anm49"><sup>49</sup></a> Das hei&#223;t, auch „unproduktive“ Arbeit kann ausgebeutet werden, wenn sie zur Realisierung des (im strikten Sinne nicht von ihr produzierten) Mehrwerts betr&#228;gt. Poulantzas Begriff von produktiver Arbeit und die sich f&#252;r ihn daraus ergebende Definition der ArbeiterInnenklasse ist demnach zu eng gefasst.</p>
<p><strong>Neues Kleinb&#252;rgerInnentum und revolution&#228;re Politik</strong><br />
Die Einengung der ArbeiterInnenklasse auf produktive ArbeiterInnen, durch welche zugleich das Neue Kleinb&#252;rgerInnentum zum Auffangbecken f&#252;r all jene Klassenpositionen wird, die nicht mehr in die Kategorie der ArbeiterInnenklasse passen, ist auch politisch hochgradig problematisch. Gerade im Hinblick auf die politischen Schlussfolgerungen einer Klassentheorie wirft Poulantzas aber durchaus interessante Fragen auf. Er legt den Schwerpunkt auf die ideologische und politische Verortung der Mittelklassen, im Bewusstsein, dass eine klassentheoretische Bearbeitung der Mittelklassen enorm wichtig f&#252;r die Frage politischer B&#252;ndnisse und Allianzen in revolution&#228;rer Perspektive ist.<a title="anm_50" name="anm_50" href="#anm50"><sup>50</sup></a> Poulantzas erkennt, dass auch andere Klassen oder Klassenfraktionen als die ArbeiterInnenklasse selbst f&#252;r die Formierung eines transformativen politischen Projektes gewinnbar sind und letztlich in ein revolution&#228;res politisches Projekt eingebunden werden m&#252;ssen, soll dieses erfolgreich sein. Die Aufgabe der ArbeiterInnenklasse in B&#252;ndnissen sei es demnach, die Interessen der von ihm so genannten „Volksmassen“ zu beachten, aber auch die Widerspr&#252;che innerhalb dieser zu erkennen, ohne dabei das revolution&#228;re Ziel aus den Augen zu verlieren. Nur durch tempor&#228;re, von den gesellschaftlichen Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen abh&#228;ngige B&#252;ndnisse komme die ArbeiterInnenklasse ihrem Ziel n&#228;her.<br />
Die Diagnose, dass ein revolution&#228;res Projekt nicht ohne B&#252;ndnispolitik auskommt, ist korrekt. Mit Poulantzas l&#228;sst sich allerdings nur schwer erfassen, wie sich gemeinsame Interessen und Zielvorstellungen zwischen der ArbeiterInnenklasse und bestimmten Fraktionen des Neuen Kleinb&#252;rgerInnentums herausbilden k&#246;nnen. Die Vorstellung einer gemeinsamen Ideologie der Mittelklassen scheint den von Poulantzas selbst geforderten B&#252;ndnissen geradezu entgegengesetzt. Auf Basis welcher geteilten Interessen solche B&#252;ndnisse m&#246;glich sind, bleibt in Poulantzas Konzeption vage.</p>
<p><strong>Theorie der widerspr&#252;chlichen Klassenpositionen</strong><br />
Erik Olin Wrights Klassenanalyse hat sich vor allem in der Auseinandersetzung mit Poulantzas und den Leerstellen innerhalb seines theoretischen Entwurfes herausgebildet. Mit dem Begriff objektiv widerspr&#252;chlicher Klassenpositionen nimmt Erik Olin Wright eine Problemverschiebung vor, die wichtige politische Implikationen hat: Im Unterschied zu Poulantzas Konzeption und anderen Theorien der Mittelklassen, geht er nicht davon aus, dass alle sozialen Positionen einer einzigen Klasse zuordenbar sein m&#252;ssen. Statt nach der <em>Klassenzugeh&#246;rigkeit </em>von Gesellschaftsgruppen zu fragen, die sich schlecht in das bipolare Schema Bourgeoisie versus Proletariat einf&#252;gen lassen, versucht er auf Basis einer Analyse der ausdifferenzierten Struktur der Produktionsverh&#228;ltnisse eine „Landkarte“ m&#246;glicher <em>Klassenpositionen </em>zu gewinnen. Seine Hauptthese ist, dass sich in diesen Strukturen Klassenpositionen ausmachen lassen, die <em>widerspr&#252;chlich </em>sind – insofern, als sie sich teils mit Positionen der Bourgeoisie und teils mit Positionen des Proletariats &#252;berschneiden. Um diese widerspr&#252;chlichen Positionen zu erschlie&#223;en, ist es erforderlich, sich genauer mit den gesellschaftlichen Prozessen und Strukturen, die Klassenverh&#228;ltnisse auf Ebene der Produktionsverh&#228;ltnisse konstituieren, auseinanderzusetzen. Die von Poulantzas eingef&#252;hrte Unterscheidung zwischen &#246;konomischem Eigentum und Besitz wird von Wright weiter ausdifferenziert. Wright argumentiert, dass es in entwickelten kapitalistischen Gesellschaften zu einer Ausdifferenzierung von Kapitalfunktionen und zu einem Auseinandertreten dieser Funktionen gekommen ist, wodurch diese in Folge nicht mehr in den H&#228;nden einzelner Kapitaleigent&#252;merInnen konzentriert sind, sondern &#252;ber komplexe Management-Hierarchien aufgeteilt werden.<a title="anm_51" name="anm_51" href="#anm51"><sup>51</sup></a> Zun&#228;chst unterscheidet Wright zwischen <em>juridischem Eigentum</em>, also dem formalen rechtlichen Titel auf Kapitaleigentum, der auch in Form von Aktienteilhabe bestehen kann, und <em>&#246;konomischem Eigentum</em>. Solange kapitalistische Produktionsverh&#228;ltnisse in rechtliche Formen des Privateigentums eingebettet sind, stellt formales juridisches Eigentum eine notwendige Bedingung f&#252;r &#246;konomisches Eigentum dar. Es ist allerdings keine hinreichende Bedingung f&#252;r &#246;konomisches Eigentum.<a title="anm_52" name="anm_52" href="#anm52"><sup>52</sup></a> Des Weiteren bedingt die Konzentration und Zentralisation von Kapital im Akkumulationsprozess ein Auseinandertreten von Funktionen des &#246;konomischen Eigentums und des <em>Besitzes</em>. W&#228;hrend &#246;konomisches Eigentum die Kontrolle &#252;ber Investitionen und Ressourcenallokation, vereinfacht ausgedr&#252;ckt, die Kontrolle dar&#252;ber <em>was </em>produziert wird, bezeichnet, bezieht sich Besitz auf die Kontrolle &#252;ber den Produktionsprozess selbst, also dar&#252;ber, <em>wie </em>produziert wird. Die Konzentration von Kapital macht zugleich aber auch interne Differenzierungen und komplexe Hierarchien innerhalb der Dimension des Besitzes, also der Kontrolle &#252;ber den Produktionsprozess, erforderlich: Die Funktion der Kontrolle &#252;ber die <em>Produktionsmittel</em>, die von unterschiedlichen Ebenen des Managements &#252;bernommen wird und die Kontrolle &#252;ber die <em>Arbeit</em>, die von VorarbeiterInnen und anderen Aufsichtsorganen exekutiert wird, treten auseinander. F&#252;r die Bestimmung widerspr&#252;chlicher Klassenpositionen sind drei Faktoren ausschlaggebend: Die Kontrolle &#252;ber die Produktionsmittel (Besitz), die Kontrolle &#252;ber Arbeit (Besitz) und die Kontrolle &#252;ber Investitionen und Ressourcenallokation (&#246;konomisches Eigentum).<a title="anm_53" name="anm_53" href="#anm53"><sup>53</sup></a><br />
Erik Olin Wright argumentiert, dass der Antagonismus zwischen Kapital und Arbeit eine Polarisierung dieser drei Aspekte darstellt: Kapital und ArbeiterInnenklasse sind jeweils am entgegengesetzten Ende dieser Kontrollverh&#228;ltnisse angesiedelt. „KapitalistInnen kontrollieren den Akkumulationsprozess, bestimmen wie die materiellen Produktionsmittel verwendet werden sollen, und kontrollieren die Autorit&#228;tsstruktur innerhalb des Arbeitsprozesses. ArbeiterInnen hingegen sind von der Kontrolle &#252;ber Autorit&#228;tsverh&#228;ltnisse, die materiellen Produktionsmittel, und den Investitionsprozess ausgeschlossen. Diese zwei Kombinationsformen der drei Prozesse von Klassenverh&#228;ltnissen konstituieren die zwei grundlegenden antagonistischen Klassenpositionen in der kapitalistischen Produktionsweise.“<a title="anm_54" name="anm_54" href="#anm54"><sup>54</sup></a></p>
<p><strong>Jenseits der Hauptklassen</strong><br />
Auf Ebene der Produktionsweise sind auch nur diese beiden Klassenpositionen sichtbar. Wenn man aber die Stufenleiter der Abstraktion „hinunterwandert“ und sich auf die Ebene von Gesellschaftsformationen begibt, taucht eine Vielzahl anderer Klassenpositionen auf. Wright nennt zwei Gr&#252;nde, warum sich das Spektrum m&#246;glicher Klassenpositionen erweitert:<br />
Erstens umfassen Gesellschaftsformationen mehr als nur eine einzige Produktionsweise. Mindestens eine zus&#228;tzliche Klasse tritt damit aufs Tapet der Analyse: das Kleinb&#252;rgerInnentum, das auf einfacher Warenproduktion als einer untergeordneter Produktionsweise beruht. Bauern/B&#228;uerinnen w&#228;ren weitere m&#246;gliche KandidatInnen f&#252;r „vorkapitalistische“ Klassen in kapitalistischen Gesellschaften.<a title="anm_55" name="anm_55" href="#anm55"><sup>55</sup></a><br />
Zweitens gehen die drei oben beschriebenen Dimensionen der Kontrolle nicht immer Hand in Hand. Kontrolle &#252;ber Arbeit impliziert nicht automatisch auch Kontrolle &#252;ber die Investitionsfl&#252;sse, und umgekehrt. Aus solchen Verwerfungen ergeben sich jene Positionen, die Erik Olin Wright als <em>widerspr&#252;chliche Klassenpositionen</em> bezeichnet: Diese weisen &#220;berschneidungen mit verschiedenen Klassen auf und sind quasi „zwischen ihnen“ angesiedelt. Zwischen den drei „Hauptklassen“ oder reinen Klassenpositionen in entwickelten kapitalistischen Gesellschaften (Bourgeoisie, Proletariat, Kleinb&#252;rgerInnentum) macht Wright eine Reihe solcher widerspr&#252;chlicher Klassenpositionen aus.<br />
1. Zwischen Bourgeoisie und Proletariat ist ein ganzes Spektrum von Positionen angesiedelt, die entweder der Bourgeoisie oder dem Proletariat n&#228;her stehen: Top-ManagerInnen stehen der Bourgeoisie am n&#228;chsten, da sie zwar &#252;ber kein &#246;konomisches Eigentum an Produktionsmitteln verf&#252;gen, aber <em>Kontrolle </em>&#252;ber Arbeit und Produktionsmittel innehaben. Funktionen des mittleren Managements, „TechnokratInnen“ und Aufsichtsorgane haben ein Minimum an Kontrolle &#252;ber die eigene Arbeit und die von „Untergebenen“, &#252;ben aber kein Kommando &#252;ber den Produktionsprozess aus. Am anderen Ende des Spektrums, nahe der Position des Proletariats, sind VorarbeiterInnen angesiedelt, die zwar keine oder nur eine geringe Kontrolle &#252;ber die Produktionsmittel innehaben, allerdings Kontrolle &#252;ber Arbeit aus&#252;ben, wenn auch nur als Transmissionsriemen f&#252;r Anordnungen „von Oben“.<a title="anm_56" name="anm_56" href="#anm56"><sup>56</sup></a><br />
2. Zwischen Kleinb&#252;rgerInnentum und Proletariat macht Wright die widerspr&#252;chliche Klassenposition der semiautonomen Lohnarbeit aus. Dies betrifft alle Gesellschaftsgruppen, die zwar lohnabh&#228;ngig sind, die jedoch in ihrer unmittelbareren Arbeitsumgebung eine zumindest minimale Kontrolle &#252;ber ihre Arbeitsbedingungen innehaben, also ein gewisses Ma&#223; an Entscheidungskapazit&#228;t dar&#252;ber, was und wie sie produzieren. Wright vermerkt, dass ein Gro&#223;teil der Angestellten – „white-collar workers“ – h&#246;chstens eine triviale Form der Kontrolle &#252;ber die eigene Arbeit aus&#252;bt und darum nicht der semi-autonomen Lohnarbeit, sondern dem Proletariat zuzurechnen ist.<a title="anm_57" name="anm_57" href="#anm57"><sup>57</sup></a><br />
3. Zwischen Kleinb&#252;rgerInnentum und Bourgeoisie sind die KleinunternehmerInnen angesiedelt. Diese beuten zwar freie Lohnarbeit aus und verf&#252;gen &#252;ber die Kontrolle &#252;ber Arbeit und Produktionsmittel, leisten jedoch auch durch die eigene Arbeit einen Beitrag zum Mehrprodukt.<br />
Die Liste widerspr&#252;chlicher Klassenpositionen w&#228;re sicherlich erweiterbar. Relevanter als die Frage, welche Gesellschaftsgruppen wie in Wrights Analyseschema eingeordnet werden k&#246;nnen, ist allerdings die, wie sich der von Wright gew&#228;hlte Fokus auf Funktionen der Kontrolle &#252;ber Arbeit, Produktionsmittel und Investitionen mit anderen Bestimmungen von Klasse, vor allem jenen, die &#252;ber das Ausbeutungsverh&#228;ltnis verlaufen, vereinen l&#228;sst. Erik Olin Wrights Ansatz wurde oft dahingehend kritisiert, dass er die Frage der Ausbeutung zu Gunsten einer Analyse von Kontrollfunktionen und Herrschaft aufgebe.<a title="anm_58" name="anm_58" href="#anm58"><sup>58</sup></a> Ausgehend von Bensaïds methodischem Vorschlag, die schrittweise Einf&#252;hrung zus&#228;tzlicher Bestimmungen als Prozess zunehmender Konkretion und Komplexit&#228;t zu denken, l&#228;sst sich allerdings nach einer Perspektive suchen, von der aus die Einheit dieser Bestimmungen deutlich wird.</p>
<p><strong>Das Problem der Ausbeutung</strong><br />
Der britische Marxist Alex Callinicos weist mit seinen Anmerkungen zur „Neuen Mittelklasse“ in diese Richtung: er &#252;bernimmt Wrights Begriff der widerspr&#252;chlichen Klassenpositionen und setzt diesen zum Konzept der Ausbeutung in Beziehung. Callinicos argumentiert mit Wright, dass auch unproduktive Arbeit vom Kapital ausgebeutet werden kann, sofern Mehrarbeit extrahiert wird, die zwar nicht auf Kapitalseite als Mehrwert aufscheint, aber die Kosten f&#252;r die Realisierung des Mehrwerts f&#252;r das Kapital senkt.<a title="anm_59" name="anm_59" href="#anm59"><sup>59</sup></a> Diese Analyse trifft laut Callinicos aber nicht auf jene widerspr&#252;chlichen Klassenpositionen zu, die f&#252;r das Kapital Funktionen der Kontrolle &#252;ber Arbeit und Produktionsmittel &#252;bernehmen. „Das Ausma&#223;, in dem jene, die widerspr&#252;chliche Klassenpositionen einnehmen, ihre Position von der Entscheidungsfreiheit erhalten, die ihnen das Kapital zuspricht, reflektiert sich im gro&#223;en Gef&#228;lle zwischen ihrem Einkommen und dem Einkommen von normalen Angestellten und ArbeiterInnen.“<a title="anm_60" name="anm_60" href="#anm60"><sup>60</sup></a> Das Einkommen von ManagerInnen und Aufsichtsorganen enth&#228;lt ein Element, das weit &#252;ber die Kosten der Reproduktion der Ware Arbeitskraft hinausgeht. Dieses Argument l&#228;sst sich aus Perspektive der gesamtgesellschaftlichen Reproduktion zuspitzen: Das Einkommen, das InhaberInnen von Kontrollfunktionen beziehen, bemisst sich nicht am Wert der Ware Arbeitskraft, sondern an der Ausf&#252;hrung von Funktionen des Gesamtkapitals und speist sich direkt aus Revenuequellen. Das bedeutet, dass bestimmte Segmente der „Mittelklassen“ nicht ausgebeutet werden. Wie im dritten Band des Kapitals ausgef&#252;hrt, verweisen die Funktionen des Gesamtarbeiters und des Gesamtkapitals auch auf zwei verschiedene Einkommensquellen: W&#228;hrend die ArbeiterInnenklasse auf ein Einkommen durch Lohnarbeit angewiesen ist, speist sich das Einkommen der KapitalistInnen aus den Revenuen der Kapitalakkumulation. Die Widerspr&#252;chlichkeit von Klassenpositionen kann also auch in der Dimension von Einkommensquellen gedacht werden, wenn sich etwa das Einkommen bestimmter zwischen Bourgeoisie und Proletariat angesiedelten Klassenlagen sowohl aus Lohnarbeit, als auch aus Revenuequellen speist.<br />
Auch wenn diese Anmerkungen kursorisch bleiben, so geht aus ihnen doch hervor, dass die unterschiedlichen Elemente einer Bestimmung von Klassenverh&#228;ltnissen – Ausbeutungsverh&#228;ltnis, Lohnarbeitsverh&#228;ltnis, produktive/unproduktive Arbeit, Kontrollfunktionen, Einkommensquellen – nicht voneinander abgespalten und einzeln verabsolutiert werden d&#252;rfen, sondern erst in ihrer Einheit zu einer Bestimmung der Klassenstruktur entwickelter kapitalistischer Gesellschaften beitragen k&#246;nnen. Was in Erik Olin Wrights Analyse fehlt – und hier auch nicht geleistet werden kann – ist eine Auseinandersetzung mit der Rolle der Staatsapparate und eine Ausdehnung der Konzeption widerspr&#252;chlicher Klassenpositionen auf Staatsangestellte und Reproduktionsarbeit. Dar&#252;ber hinaus wurde oft kritisiert, dass Wrights Ansatz auf die formale und statische Ausarbeitung einer „Landkarte“ von Strukturpositionen hinausl&#228;uft. Diese w&#228;re weder in der Lage, die historischen Prozesse, durch die bestimmte Klassenverh&#228;ltnisse geschaffen, aufrechterhalten oder transformiert werden, zu analysieren, noch k&#246;nne sie die konkreten Dynamiken der Klassenformierung erfassen.<a title="anm_61" name="anm_61" href="#anm61"><sup>61</sup></a> Dass die Konzeption widerspr&#252;chlicher Klassenpositionen dennoch bedeutende Implikationen f&#252;r den Versuch hat, zu einer Einsch&#228;tzung von Klassenformierungsprozessen und der Herstellung strategischer Klassenb&#252;ndnisse zu gelangen, wollen wir im Folgenden zeigen.</p>
<p><strong>Interessen, Erfahrungen, B&#252;ndnisse</strong><br />
Zun&#228;chst k&#246;nnen wir uns mit dem erweiterten Konzept der widerspr&#252;chlichen Klassenpositionen gegen einige problematische Tendenzen in der (marxistischen) Klassentheorie wenden:<br />
1. Die wohl bedeutendste Schlussfolgerung, die sich aus dem Vorkommen solcher widerspr&#252;chlichen Klassenpositionen ziehen l&#228;sst, ist die, dass der Begriff der Mittelklassen im Grunde verfehlt ist: Die Mittelklasse stellt keine eigene Klasse dar, zumindest nicht in dem Sinne, in dem sich Bourgeoisie und Proletariat als Klassen konstituieren. Widerspr&#252;chliche Klassenpositionen weisen darum auch keine zusammenh&#228;ngenden Interessen auf. „ArbeiterInnen und KapitalistInnen haben jeweils eine ganz bestimmte und koh&#228;rente Menge von Interessen, die aus ihrer Position in den Produktionsverh&#228;ltnissen hervorgehen. Dies ist nicht der Fall f&#252;r die ‚Neuen Mittelklassen‘, gerade deshalb, weil sie widerspr&#252;chliche Klassenpositionen einnehmen, die sie in zwei entgegengesetzte Richtungen ziehen – im Falle von ManagerInnen und Aufsichtsorganen weg von oder hin zu Bourgeoisie oder Proletariat, im Falle von semi-autonomen Angestellten weg von oder hin zum Kleinb&#252;rgerInnentum oder zum Proletariat.“<a title="anm_62" name="anm_62" href="#anm62"><sup>62</sup></a> Damit kann auch gegen Theorien argumentiert werden, die alle Lohnabh&#228;ngigen, ohne jede innere Differenzierung, als Teil der ArbeiterInnenklasse definieren.<br />
2. Umgekehrt haben wir versucht zu zeigen, dass die Theoretisierung der Ausbeutung und das Zusammendenken unterschiedlicher Bestimmungen von Klasse zentral ist, um der Reduktion der ArbeiterInnenklasse auf produktive ArbeiterInnen entgegentreten zu k&#246;nnen.<br />
3. Vom Begriff widerspr&#252;chlicher Klassenpositionen ausgehend l&#228;sst sich auch Poulantzas’ These einer gemeinsamen Ideologie des Neuen Kleinb&#252;rgerInnentums neu bewerten: Einerseits scheint es unwahrscheinlich, dass sich die im Neuen Kleinb&#252;rgerInnentum undifferenziert zusammengeworfenen Positionen – von prekarisierten semi-autonomen LohnarbeiterInnen bis zu ManagerInnen – gemeinsam als Klasse mit einer distinkten Ideologie formieren. Andererseits steht dem nicht entgegen, dass es ideologische Faktoren und Elemente gibt, welche die Selbstwahrnehmung bestimmter Gesellschaftsgruppen (einschlie&#223;lich bestimmter Fraktionen der ArbeiterInnenklasse) und deren Selbsteinordnung in soziale Hierarchien mitbestimmen; so etwa die Trennung von manueller und kognitiver Arbeit, die Perspektive von Aufstiegsbiographien oder ein individualistischer Leistungsglaube. Diese Faktoren und Elemente erschweren eine gemeinsame Organisierung von ArbeiterInnen und InhaberInnen bestimmter, dem Proletariat nahestehender widerspr&#252;chlicher Klassenpositionen.<br />
4. Zuletzt stellt sich die Frage, welchen Nutzen der Begriff widerspr&#252;chlicher Klassenpositionen auf der „konkretesten“ Abstraktionsebene hat, also jener der historischen Konjunktur, auf der die Fragen von Gesellschaftsstruktur und Klassenformierung notwendigerweise ineinander &#252;bergehen. Der Begriff der Erfahrung wird hier zu einem zentralen Element politisch strategischer &#220;berlegungen. Wie zuvor ausgef&#252;hrt, weisen widerspr&#252;chliche Klassenpositionen einerseits Interessen&#252;berschneidungen mit dem Kapital auf, andererseits aber lassen sich politisch Gemeinsamkeiten mit proletarischen Interessen herstellen, wobei die relative N&#228;he zu Positionen dieser beiden Klassen f&#252;r verschiedene widerspr&#252;chliche Positionen unterschiedlich ausf&#228;llt. Es ist freilich nicht ausreichend, bei einer Identifikation partieller Interessenkonvergenzen stehen zu bleiben. Objektive Interessen &#252;bersetzen sich nicht eins zu eins in konkrete politische Projekte. Interessenkonvergenzen lassen sich dort herstellen, wo geteilte Klassenlagen auch &#228;hnliche Erfahrungen bedingen. Dieselben gesellschaftlichen Strukturpositionen erzeugen der Tendenz nach &#228;hnliche Erfahrungen, so etwa jene, keine oder nur minimale Kontrolle &#252;ber den eigenen Arbeitsprozess inne zu haben, die Erfahrung sozialer und &#246;konomischer Unsicherheit, oder die Erfahrung in permanente Konkurrenzverh&#228;ltnisse gesetzt zu sein. Solche Erfahrungen ruhen auf &#228;hnlichen Lebensrealit&#228;ten auf und werden durch die eigene Positioniertheit in gesellschaftlichen Verh&#228;ltnissen geformt. Wie diese Erfahrungen aber erlebt, interpretiert, mit Bedeutung versehen und zu permanenten Haltungen – dem jeweiligen Selbst- und Weltverst&#228;ndnis – verdichtet werden, ist jedoch stets von gesellschaftlich verf&#252;gbaren Deutungsmustern und damit von politisch-ideologischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen abh&#228;ngig. Die Erfahrung sozialer Unsicherheit etwa &#252;bersetzt sich darum nicht automatisch in ein emanzipatorisches politisches Projekt. Sie kann umgekehrt auch von rechts aufgegriffen mit z.B. Forderungen nach „Leistungsgerechtigkeit“ beantwortet werden. Im Kontext von Prozessen der Klassenformierung ist darum stets die ideologische Verarbeitung dieser Erfahrungen und die Entwicklung politischer Antworten auf dieselben ausschlaggebend.</p>
<p><strong>Conclusio</strong><br />
Wir haben in diesem Artikel argumentiert, dass Erik Olin Wrights Konzept der widerspr&#252;chlichen Klassenpositionen eine &#252;berzeugende Grundlage f&#252;r eine differenzierte marxistische Klassentheorie darstellt. Daf&#252;r sprechen ein theoretisches und ein politisches Argument.<br />
Das theoretische Argument, das wir ausgef&#252;hrt haben, geht von der &#220;berzeugung aus, dass das Problem der Mittelklassen nur im schrittweisen Durchlaufen von verschiedenen Abstraktionsebenen bearbeitet werden kann. Die Konzeption widerspr&#252;chlicher Klassenpositionen erlaubt es einerseits an der Diagnose festzuhalten, dass der Antagonismus zwischen Bourgeoisie und Proletariat – der auf der h&#246;chsten Abstraktionsebene, n&#228;mlich jener der Analyse der kapitalistischen Produktionsweise sichtbar wird – den f&#252;r die gesamtgesellschaftliche Dynamik zentralen Interessenkonflikt darstellt. Andererseits aber ist sie dazu in der Lage, die Komplexit&#228;t und konkrete Ausdifferenziertheit von Klassenpositionen in kapitalistischen Gesellschaften zu fassen. und ein politisches Argument.<br />
Das theoretische Argument, das wir ausgef&#252;hrt haben, geht von der &#220;berzeugung aus, dass das Problem der Mittelklassen nur im schrittweisen Durchlaufen von verschiedenen Abstraktionsebenen bearbeitet werden kann. Die Konzeption widerspr&#252;chlicher Klassenpositionen erlaubt es einerseits an der Diagnose festzuhalten, dass der Antagonismus zwischen Bourgeoisie und Proletariat – der auf der h&#246;chsten Abstraktionsebene, n&#228;mlich jener der Analyse der kapitalistischen Produktionsweise sichtbar wird – den f&#252;r die gesamtgesellschaftliche Dynamik zentralen Interessenkonflikt darstellt. Andererseits aber ist sie dazu in der Lage, die Komplexit&#228;t und konkrete Ausdifferenziertheit von Klassenpositionen in kapitalistischen Gesellschaften zu fassen.<br />
Das politische Argument basiert auf der Feststellung, dass widerspr&#252;chliche Klassenpositionen auch widerspr&#252;chliche Erfahrungs- und Interessenlagen bedingen.<br />
Es ist demnach eine zentrale politische Aufgabe, in konkreten Projekten, die Interessenkonvergenzen zwischen Proletariat und anderen Klassenpositionen als Grundlage gemeinsamer B&#252;ndnisse herauszustellen. Ein politisches Projekt, das an die gemeinsamen Interessen progressiver Teile der widerspr&#252;chlichen Klassenlagen ankn&#252;pft, muss dabei trotz der Pluralit&#228;t organisierter Positionen von working class politics ausgehen und die Interessen jener, denen die kapitalistische Klassengesellschaft die Kontrolle &#252;ber ihre eigene, lebendige Arbeit nimmt, ins Zentrum stellen.</p>
<p><strong>Anmerkungen:</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Marx, Karl: Das Kapital, Bd. 3, MEW 25, S. 893<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Bensaïd, Daniel: Marx for Our Times. Adventures and Misadventures of a Critique. London: Verso 2002, S. 97<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Marx, Karl/Engels, Friedrich: Die deutsche Ideologie, MEW 3, S. 30<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Ebd., S. 52<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Marx, Karl: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, MEW 8, S. 111<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Ebd.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Marx, Karl/Engels, Friedrich: Das Manifest der kommunistischen Partei, MEW 4, S. 463.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Als „Bonapartismus“ werden, im Anschluss an Marxens Analyse der Diktatur Louis Bonapartes („Napoleon III.“), autorit&#228;re Herrschaftsformen bezeichnet, die sich auf Basis eines Gleichgewichts der gesellschaftlichen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse durchsetzen. Sie stellen „Ausnahmeformen“ b&#252;rgerlicher Herrschaft dar, in denen „die Staatsgewalt als scheinbare Vermittlerin momentan eine gewisse Selbst&#228;ndigkeit gegen&#252;ber beiden [k&#228;mpfenden Klassen] erh&#228;lt“ (Engels, Friedrich: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, MEW 21, S. 167). Vgl. Lichtenberger, Hanna/Duma, Veronika/Boos, Tobias: Hinter dem Faschismus steht&#8230; ?, in: Perspektiven Nr. 12 (2010), 28-37<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> MEW 8, S. 111<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> MEW 25, S. 892<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Wright, Erik Olin: Was bedeutet neo und was hei&#223;t marxistisch in der neomarxistischen Klassenanalyse?. in: Strasser, Hermann/ Goldthorpe, John H. (Hg.): Die Analyse sozialer Ungleichheit. Opladen: VS Verlag 1985, S. 238-266, hier: 240f.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Bensaïd: Marx for our Times a.a.O., S. 99<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Wright, Erik Olin: Classes. London: Verso 1985, S. 9-10<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Bensaïd: Marx for our Times a.a.O., S. 114<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Ebd., S. 114f.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Wright: Classes a.a.O. S. 10f.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Bensaïd: Marx for Our Times, a.a.O. S.97<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Marx, Karl: Einleitung zur Kritik der politischen &#214;konomie, MEW 13,<br />
S.632<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> MEW 25, S.33<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> MEW 13, S. 632<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Althusser, Louis: Marx‘ Denken im Kapital; in: Prokla 50 (1983), S.130-147<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Bensaïd: Marx for Our Times a.a.O., S.111<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Marx, Karl: Das Kapital Bd. II, MEW 24, S.37<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> MEW 23, S. 532<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Revenuequellen sind die Quellen eines jeden regelm&#228;&#223;igen Einkommens, das f&#252;r den Lebensunterhalt benutzt wird. In diesem allgemeinen Sinn ist auch der Lohn, den ArbeiterInnen beziehen, Revenue. KapitalistInnen entnehmen ihre Revenue dem am Markt realisierten Mehrwert. Der Begriff der Revenue wird bei Karl Marx (wie in der klassischen politischen &#214;konomie) aber auch in einer engeren Definition verwendet und mit dem Einkommen der KapitalistInnen gleichgesetzt. Wir &#252;bernehmen in diesem Artikel die Diktion von Marx: wenn von „Revenue“ ohne zus&#228;tzlicher Qualifikation die Rede ist, so ist damit das Einkommen aus Mehrwert gemeint.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Bensaïd: Marx for Our Times a.a.O., S.108<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> MEW 25, S.207<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Ebd., S.893<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Bensaïd: Marx for Our Times a.a.O., S.111<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Ebd.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Wright: Classes a.a.O. S.13<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Bensaïd: Marx for Our Times a.a.O., S.100<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Hirsch, Joachim: Materialistische Staatstheorie. Transformationsprozesse des kapitalistischen Staatensystems. Hamburg: VSA-Verlag 2005, S. 133-134<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Ehrenreich, Barbara/Ehrenreich, John: The Professional Managerial Class, in: Radical America 11 (1977), S. 7-31<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Wright: Was bedeutet&#8230;, a.a.O., S. 245<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Poulantzas, Nicos: Zum marxistischen Klassenbegriff. Berlin: Merve-Verlag 1973, S. 25<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Cox, Robert W.: Soziale Kr&#228;fte, Staaten und Weltordnungen. Jenseits der Theorie Internationaler Beziehungen, in: Opratko, Benjamin/Prausm&#252;ller, Oliver (Hg.): Gramsci global. Neogramscianische Perspektiven in der Internationalen Politischen &#214;konomie. Hamburg: Argument 2011 (i.E.); Cox, Robert W.: Production, Power and World Order. Social Forces in the Making of History. New York: Columbia University Press 1987, S. 359f.<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Wright: Was bedeutet&#8230;, a.a.O., S. 244<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Mallet, Serge: Die neue Arbeiterklasse. Neuwied/Berlin: Luchterhand 1972, S. 16f.<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Opratko, Benjamin: Sei spontan, tr&#228;um’ den Kommunismus!, in: Perspektiven Nr. 3 (2007), S. 10-17<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Poulantzas: Zum marxistischen Klassenbegriff, a.a.O., S. 7<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Ebd., S. 23<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Ebd., S. 24<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Ebd.<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Ebd., S. 25<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> Heinrich, Michael: Kritik der politischen &#214;konomie. Eine Einf&#252;hrung. Stuttgart: Schmetterling 2004, S. 121<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> MEW 23, S. 532<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> MEW 25, S. 305<br />
<a title="anm49" name="anm49" href="#anm_49">49</a> MEW 25, S. 311<br />
<a title="anm50" name="anm50" href="#anm_50">50</a> Poulantzas, Nicos: Zum marxistischen Klassenbegriff, a.a.O., S. 17<br />
<a title="anm51" name="anm51" href="#anm_51">51</a> Wright, Erik Olin: Class, Crisis and the State. London: Verso 1979, S.68-70<br />
<a title="anm52" name="anm52" href="#anm_52">52</a> Ebd., S.69-79<br />
<a title="anm53" name="anm53" href="#anm_53">53</a> Ebd., S.73<br />
<a title="anm54" name="anm54" href="#anm_54">54</a> Ebd., S.73<br />
<a title="anm55" name="anm55" href="#anm_55">55</a> Ebd., S.74<br />
<a title="anm56" name="anm56" href="#anm_56">56</a> Ebd., S.75-79<br />
<a title="anm57" name="anm57" href="#anm_57">57</a> Ebd., S.81<br />
<a title="anm58" name="anm58" href="#anm_58">58</a> Vgl. z.B. Meiksins, Peter: A Critique of Wrights Theory of Contradictory Class Locations, in: Critical Sociology, 15(1) (1988), S. 73-82. Erik Olin Wright hat auf diese Kritiken selbst mit einem misslungenen Versuch geantwortet, die Ausbeutung als zentrales Verh&#228;ltnis zwischen Kapital und Arbeit wieder in den Blick zu bekommen. Allerdings fasst Wright den Ausbeutungsbegriff hier spieltheoretisch auf; Ausbeutung besteht ihm zu Folge dann, wenn der Reichtum einer Klasse kausal mit der Armut einer anderen Klasse verbunden ist. Indem Wright den Begriff der Ausbeutung auf Ebene der Distribution statt auf Ebene der Produktion ansiedelt, f&#228;llt er jedoch weit hinter die Marxschen Begrifflichkeiten zur&#252;ck (vgl. das Postskript von Wright in „Was bedeutet&#8230;“, a.a.O., 256ff.).<br />
<a title="anm59" name="anm59" href="#anm_59">59</a> Callinicos, Alex: The New Middle Class and Socialist Politics; in: ders./<br />
Harman, Chris: The Changing Working Class. Essays on Class Structure<br />
Today. London: Bookmarks 1987, S. 13-51, hier S.19-20<br />
<a title="anm60" name="anm60" href="#anm_60">60</a> Callinicos: The New Middle Class, a.a.O. S. 33<br />
<a title="anm61" name="anm61" href="#anm_61">61</a> Callinicos: The New Middle Class, a.a.O. S.29<br />
<a title="anm62" name="anm62" href="#anm_62">62</a> Callinicos: The New Middle Class, a.a.O.S.35</p>
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		<title>Uni-Revolten als Klassenk&#228;mpfe?</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:13:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wer k&#228;mpft in den neuen Studierendenbewegungen? Benjamin Opratko fragt ob, und wenn ja wie die weltweiten Revolten an den Universit&#228;ten als „Klassenk&#228;mpfe“ verstanden werden k&#246;nnen und diskutiert den Zusammenhang von Hochschulen und Kapitalismus.

Die Proteste, die im Herbst 2009 von der besetzten Akademie der Bildenden K&#252;nste in Wien ihren Ausgang genommen hatten und sich innerhalb weniger Wochen zu einer europaweiten Bewegung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wer k&#228;mpft in den neuen Studierendenbewegungen? <em>Benjamin Opratko</em> fragt ob, und wenn ja wie die weltweiten Revolten an den Universit&#228;ten als „Klassenk&#228;mpfe“ verstanden werden k&#246;nnen und diskutiert den Zusammenhang von Hochschulen und Kapitalismus.<br />
<span id="more-1953"></span><br />
Die Proteste, die im Herbst 2009 von der besetzten <em>Akademie der Bildenden K&#252;nste</em> in Wien ihren Ausgang genommen hatten und sich innerhalb weniger Wochen zu einer europaweiten Bewegung vervielfachten, waren – zumindest in &#214;sterreich – sicherlich die sichtbarsten und dynamischsten sozialen K&#228;mpfe der letzten Jahre. Retrospektiv l&#228;sst sich die <em>unibrennt</em>-Bewegung auch als Teil eines breiter verstandenen, neuen Kampfzyklus’ einordnen: Dieser k&#252;ndigte sich Anfang 2006 in den massenhaften Protesten gegen den CPE in Frankreich an<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> und fand seinen j&#252;ngsten und wohl nicht letzten H&#246;hepunkt in militanten Aktionen w&#252;tender Studierender in London, die aus Protest gegen angek&#252;ndigte Erh&#246;hungen der Studiengeb&#252;hren das Hauptgeb&#228;ude der Konservativen Partei entglasten.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Den K&#228;mpfen, die in &#228;hnlicher Form, rund um &#228;hnliche Themen, in ganz Europa und dar&#252;ber hinaus gef&#252;hrt wurden, ist gemein, dass sie sich rund um die Institution Universit&#228;t organisieren und ma&#223;geblich von Studierenden getragen werden.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Der Begriff „Studierendenbewegung“ – in der massenmedialen Verarbeitung meist als „Studentenbewegung“ – wurde dabei dem historisierenden Zugriff jener entzogen, die gerade noch das Jubil&#228;umsjahr 2008 zum Anlass genommen hatten, wahlweise nostalgisch oder als letzte Abrechnung die „68er“ zu beschw&#246;ren, und neu aufgeladen in das politische Vokabular der Gegenwart eingeschrieben. Auch wenn konkrete, politisch-legislative Erfolge bisher weitgehend ausblieben, m&#252;ssen die positiven Effekte dieser R&#252;ckkehr der Uni-Revolten herausgestrichen werden. Das Br&#252;chigwerden des neoliberalen Alltagsverstands, die Artikulation von politischem „Gegenfeuer“ (Bourdieu), die Diskussion um bildungspolitische Forderungen, die implizit &#252;ber den Kapitalismus selbst hinausweisen<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> und nicht zuletzt die praktischen Bewegungserfahrungen von Tausenden sind nur einige davon. Sie waren Grund genug f&#252;r viele AktivistInnen der Gruppe, die sich um dieses Magazin organisieren, und noch mehr seiner LeserInnen, sich an diesen Bewegungen aktiv zu beteiligen. Eine erste Runde der Reflexion f&#252;hrte zu Perspektiven Nr. 10, in der wir unsere Diskussionen und Einsch&#228;tzungen zu den „K&#228;mpfen um Bildung“ vorstellten. Dabei standen, noch ganz unter dem Eindruck der enormen Dynamik der Proteste, strategische und gegenwartsdiagnostische Gesichtspunkte im Mittelpunkt der Auseinandersetzung. &#196;hnliches l&#228;sst sich von anderen, seither aus aktivistischen Zusammenh&#228;ngen entstandenen Publikationen sagen – exemplarisch seien die Beitr&#228;ge im Sammelband <em>Uni brennt </em>erw&#228;hnt.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Zugleich wurden im Zuge der Bewegung Lernprozesse zum Thema Bildung und Universit&#228;t angesto&#223;en, die sich auf sich auf Debatten und Forschungsergebnisse kritischer WissenschafterInnen beziehen, in denen meist die „&#214;konomisierung“ der Bildung, der mehr oder weniger direkte Zugriff des Kapitals auf Forschung und Lehre und die staatliche Zurichtung der Hochschulen auf die „Anforderungen des Arbeitsmarktes“ diskutiert und kritisiert werden.<br />
Dies sind wichtige und fortzuf&#252;hrende Debatten. Die studentischen Proteste der letzten Jahre werfen aber weitere Fragen auf, die dar&#252;ber hinaus reichen, n&#228;mlich: Welcher Art sind diese K&#228;mpfe, und wer sind diejenigen, die sie f&#252;hren? Welche Subjekte wehren sich hier? Diese Themen wurden bereits durch die am Beginn dieses Zyklus stehende Bewegung gegen das franz&#246;sische CPE ganz unmittelbar relevant, ging es hier doch nicht um Studienbedingungen oder Universit&#228;tsreformen, sondern um die Einf&#252;hrung neuer Arbeitsvertr&#228;ge, die den K&#252;ndigungsschutz f&#252;r junge LohnarbeiterInnen de facto aufheben sollten. Die Bewegung wurde zwar ma&#223;geblich von Studierenden getragen und beinhaltete die Besetzung mehrerer Universit&#228;ten, die Studierenden f&#252;hlten sich jedoch „als ArbeiterInnen, nicht als Studierende angegriffen“, wie auf Flugbl&#228;ttern betont wurde.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Im Rahmen der <em>Onda Anomale</em>, der Protestbewegung gegen die Bildungsreformen der Regierung Berlusconi im Herbst 2008, wurde das Thema von italienischen StudentInnen auf andere, und doch &#228;hnliche Weise aufgegriffen, indem sie sich als <em>WissensarbeiterInnen </em>verstanden und organisierten.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Und an der besetzten Universit&#228;t in Berkeley, Kalifornien, entstand 2009 das <em>Kommuniqué aus einer ausbleibenden Zukunft</em>, in dem die Trennung zwischen Schule, Universit&#228;t und Arbeitsplatz analytisch wie politisch abgelehnt wurde.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Es werden also in den Bewegungen Fragen aufgeworfen, die sich aus der undogmatisch marxistischen Perspektive, die dieses Magazin pr&#228;gt, auch theoretisch aufdr&#228;ngen: Wie verhalten sich diese „studentischen“, auf die Universit&#228;t bezogenen Proteste zum Konzept des „Klassenkampfs“? Welche Funktionen kommen Hochschulen in einer kapitalistischen Klassengesellschaft zu, und welche Konsequenzen ergeben sich daraus f&#252;r die Potenziale und Grenzen studentischer K&#228;mpfe? Um einer Antwort n&#228;her zu kommen, werden im Folgenden einige Zug&#228;nge zu dieser Problematik diskutiert, die sich mehr oder weniger direkt auf Marx und die eine oder andere marxistische Tradition berufen, diese aber aus sehr unterschiedlichen Perspektiven betrachten.</p>
<p><strong>Warum Marx f&#252;r Studiengeb&#252;hren war</strong><br />
Marx selbst hatte zu Forderungen nach kostenloser h&#246;herer Bildung eine &#252;beraus deutliche Haltung. In seiner Kritik am „Gothaer Programm“ der SPD, in dem die deutschen SozialdemokratInnen sich f&#252;r „unentgeltliche[n] Unterricht“ aussprachen, erkl&#228;rte er: „Wenn in einigen Staaten [...] auch ‚h&#246;here’ Unterrichtsanstalten ‚unentgeltlich‘ sind, so hei&#223;t das faktisch nur, den h&#246;heren Klassen ihre Erziehungskosten aus dem allgemeinen Steuers&#228;ckel bestreiten.“ (MEW 19: 30) Wenn das Kapital also, so Marxens Argument, f&#252;r das eigene Bestehen auf eine Fraktion gut ausgebildeter Techniker, Juristen, Staatsbeamte usw.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> angewiesen ist, so hat es die Kosten f&#252;r deren Ausbildung gef&#228;lligst selbst zu &#252;bernehmen. Die ArbeiterInnenklasse hat von einem unentgeltlichen Hochschulstudium nichts zu gewinnen. Diese &#220;berlegung mag auf den ersten Blick paternalistisch und elit&#228;r erscheinen – wird hier nicht unterstellt, ProletarierInnen w&#252;rde das Bed&#252;rfnis oder die F&#228;higkeit f&#252;r h&#246;here Bildung abgehen? Tats&#228;chlich begriff Marx die Universit&#228;ten als das, was sie zu jener Zeit tats&#228;chlich waren: Reproduktionsapparate der herrschenden Klasse, die entsprechend, via Geb&#252;hren, aus den Kapital- und Renteneinkommen derselben finanziert werden sollten. Zwar stieg die Zahl der Studierenden in der zweiten H&#228;lfte des 19. Jahrhunderts stark an – 1880 sprachen Kommentatoren in Deutschland gar von einer „Akademikerschwemme“ – dies betraf aber in erster Linie Studien der Medizin und Rechtswissenschaften, in welche die S&#246;hne der an Selbstbewusstsein gewinnenden deutschen Bourgeoisie str&#246;mten.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Aus Marxens Perspektive war eine &#214;ffnung der Universit&#228;ten f&#252;r ArbeiterInnen dar&#252;ber hinaus schon allein deshalb wenig erstrebenswert, weil das kritische, demokratische und sozialistische Wissen dort ohnehin keine Rolle spielte. Nat&#252;rlich war f&#252;r Marx und seine MitstreiterInnen die Teilhabe der ArbeiterInnenklasse an Wissen und Bildung nicht nur w&#252;nschenswert, sondern f&#252;r den Aufbau einer schlagkr&#228;ftigen sozialistischen Bewegung auch unabdingbar. Das daf&#252;r notwendige <em>kritische </em>Wissen wurde jedoch an anderen Orten entwickelt und vermittelt, n&#228;mlich in den Schulen, Bildungseinrichtungen und Publikationen der ArbeiterInnenbewegung selbst, eng gebunden an deren Parteien.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a></p>
<p><strong>Dequalifizierung</strong><br />
Dass die Universit&#228;ten haupts&#228;chlich zur Reproduktion der herrschenden Klasse dienten lag auch daran, dass die Entwicklungsweise des Kapitalismus im 19. und fr&#252;hen 20. Jahrhunderts keinen Bedarf f&#252;r an Hochschulen ausgebildete LohnarbeiterInnen hatte.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Die sich etablierenden Industrien besch&#228;ftigten zum gr&#246;&#223;ten Teil ungelernte ArbeiterInnen bzw., nach der Einf&#252;hrung komplexerer Maschinen, FacharbeiterInnen, die im Betrieb ausgebildet wurden. Hinzu kamen Produktionsst&#228;tten, die zwar dem Kapitalverh&#228;ltnis untergeordnet waren und LohnarbeiterInnen besch&#228;ftigten, in denen der Arbeitsprozess aber weitgehend unver&#228;ndert „handwerklich“ blieb – was Marx als rein „formelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital“ bezeichnete.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Unter den Bedingungen dieser spezifischen Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse, der tendenziellen Trennung von planender Kopf- und ausf&#252;hrender Handarbeit sowie der in Form und Inhalt elit&#228;ren Universit&#228;ten gab es keine gesellschaftliche Impulse f&#252;r eine Ausweitung h&#246;herer Bildung. Mit der Herausbildung der „fordistischen“, auf Flie&#223;bandarbeit und wissenschaftlicher Betriebsf&#252;hrung beruhenden Entwicklungsweise des Kapitalismus ab den 1930er Jahren &#228;nderte sich dies kaum. Die Trennung von Kopf- und Handarbeit wurde vielmehr noch versch&#228;rft. War in der Person des Facharbeiters zumindest noch das Wissen &#252;ber die technischen Abl&#228;ufe des Produktionsprozesses vereint, spaltete das neue Entwicklungsmodell dieses Wissen endg&#252;ltig? von den „MassenarbeiterInnen“ der fordistischen Fabrik ab. Das bedeutete freilich nicht, dass f&#252;r den tayloristisch-fordistischen Produktionsprozess der Faktor „Wissen“ unbedeutend gewesen w&#228;re; im Gegenteil waren f&#252;r diesen gerade die „wissenschaftliche Betriebsf&#252;hrung“, die Einf&#252;hrung neuer, die Produktivit&#228;t der Arbeit enorm steigernder Technologien und die Professionalisierung der Kontrolle &#252;ber die lebendige Arbeit charakteristisch. Dieses neue und umfangreiche Wissen, das in den Produktionsprozess integriert wurde, war aber nicht in den ArbeiterInnen verk&#246;rpert, sondern in den Produktionsmitteln. Marx spekulierte bereits fr&#252;h &#252;ber diesen Prozess, in dem das gesellschaftliche Wissen als „<em>automatisches System der Maschinerie</em>“ im Produktionsprozess existiert. In den skizzenhafte Vorarbeiten zu seinem Hauptwerk <em>Das Kapital</em>, die sp&#228;ter als <em>Grundrisse </em>ver&#246;ffentlicht wurden, schreibt er &#252;ber diese Tendenz des Kapitalismus: „Die T&#228;tigkeit des Arbeiters, auf eine blo&#223;e Abstraktion der T&#228;tigkeit beschr&#228;nkt, ist nach allen Seiten hin bestimmt und geregelt durch die Bewegung der Maschinerie, nicht umgekehrt. Die Wissenschaft, die die unbelebten Glieder der Maschinerie zwingt, durch ihre Konstruktion zweckgem&#228;&#223; als Automat zu wirken, existiert nicht im Bewu&#223;tsein des Arbeiters, sondern wirkt durch die Maschine als fremde Macht auf ihn, als Macht der Maschine selbst.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Die Integration von Wissen in fixes Kapital bei gleichzeitiger Reduktion der Bildungsund Qualifikationsanforderungen der lebendigen Arbeit sind, grob vereinfacht gesagt, f&#252;r die fordistische Entwicklungsweise des Kapitalismus charakteristisch. Das „Modell der Massenproduktion“ war demnach auch verbunden mit der <em>Dequalifizierung </em>der ArbeiterInnen „durch die Zerlegung qualifizierter Arbeit in einfache Verrichtungen und den anschlie&#223;enden Einsatz von spezialisierten, automatischen Maschinen f&#252;r die vereinfachten Arbeitsgange“.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Die Marx’sche Charakterisierung der Hochschulen als Reproduktionsorgane der herrschenden Klasse, und die damit verkn&#252;pfte Einsch&#228;tzung der sozialen Stellung jener, die an ihnen studierten, konnte als weithin g&#252;ltig angenommen werden.</p>
<p><strong>Reform und &#214;ffnung der Hochschulen</strong><br />
Dies &#228;nderte sich grundlegend erst, als das fordistische Modell in den 1960er Jahren begann, br&#252;chig zu werden. An dieser Stelle k&#246;nnen weder Ursachen noch Verlauf der globalen „Krise des Fordismus“ nachgezeichnet werden; f&#252;r unsere Zwecke sollen blo&#223; drei f&#252;r den Zusammenhang von Universit&#228;t und  Klassenverh&#228;ltnissen relevante Gesichtspunkte genannt werden.<br />
Erstens geriet der Nachkriegsboom, der dem Kapital au&#223;ergew&#246;hnliche Profite und den (m&#228;nnlichen Industrie-)Arbeitern – &#252;ber die korporative Einbindung der Gewerkschaften und die indirekte Beteiligung an den Gewinnen aus Produktivit&#228;tsfortschritten – historisch einmalige Wohlstandssteigerungen brachte, allm&#228;hlich an sein konjunkturelles Ende. Das fordistisch-tayloristische Paradigma der Technologisierung und Optimierung der Arbeitsprozesse n&#228;herte sich seiner Ersch&#246;pfung, was bereits Ende der 1950er Jahre in Diskussionen um eine „Innovationskrise“ vorweggenommen wurde. Als Bearbeitung der sich abzeichnenden Krise schlugen die weitsichtigeren unter den organischen Intellektuellen des Kapitals eine Ausweitung und Intensivierung der Investitionen in Forschung und Ausbildung vor, wobei auch und gerade die Hochschulen zum Ziel entsprechender Reformen erkl&#228;rt wurden. Sp&#228;testens ab den 1960er Jahren wurde in ganz Europa und in den USA &#246;ffentlich &#252;ber die Notwendigkeit von Bildungsreformen diskutiert, was in einen „tiefgreifenden Perspektivwechsel in der Bildungspolitik“ in Staat und Zivilgesellschaft m&#252;ndete.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Zentraler Bestandteil der Reformen war, bisher unerschlossene „Bildungsreserven“ anzuzapfen, d.h. bisher von h&#246;herer Bildung <em>de facto</em> ausgeschlossenen Fraktionen der Subalternen/ArbeiterInnenklasse den Besuch von h&#246;heren Schulen und  niversit&#228;ten nicht nur zu erm&#246;glichen, sondern diesen aktiv zu f&#246;rdern. Zweitens traf in den dazu entworfenen staatlichen Programmen, die von der Reform bestehender Hochschulstrukturen &#252;ber die Einf&#252;hrung von Stipendien und Beihilfen bis zu einem „Gr&#252;ndungsboom“ neuer Universit&#228;ten“ reichten, das Interesse der auf Innovation und Bildungsausweitung setzenden Kapitalfraktionen auf ein sozialdemokratisches Modernisierungsprojekt, das den individuellen „Aufstieg durch Bildung“ propagierte.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Die zentrale Rolle, die Erziehung und Bildung in der Politik und Ideologie insbesondere der deutschsprachigen Sozialdemokratie spielte, hat eine lange Geschichte.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Insbesondere in den 1970er Jahren wurden zentrale, die Universit&#228;ten &#246;ffnende Hochschulreformen von sozialdemokratisch gef&#252;hrten Regierungen – in &#214;sterreich unter Bundeskanzler Bruno Kreisky und Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg – durchgesetzt, wobei &#252;ber die Intentionen der Innovationsoffensive des Kapitals teilweise hinausgegangen wurde.<br />
Drittens schlie&#223;lich, und nicht weniger entscheidend, war die &#214;ffnung der Universit&#228;ten auch Effekt immer deutlicher ge&#228;u&#223;erter W&#252;nsche von ArbeiterInnen und anderen von Hochschulbildung ausgeschlossenen Subalternen. Der &#246;konomische Aufschwung des unmittelbaren Nachkriegsbooms verbesserte nicht nur die wirtschaftliche Situation vieler „Arbeiterfamilien“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> dramatisch, sondern w&#228;lzte auch den Alltagsverstand weiter Teile des Proletariats um. Mit dem sozialen Aufstieg und der kulturell repr&#228;sentierten neuen Stellung „des Arbeiters“ als Teil des gemeinsam mit Unternehmern und Staat geschaffenen Wirtschaftswunders wuchsen auch dessen Anspr&#252;che, an Bildung und Kultur teilzuhaben.<br />
Kurz zusammengefasst kann die Transformation der Hochschulen also weder „funktionalistisch“ allein aus den Bed&#252;rfnissen und Initiativen des Kapitals, noch „politizistisch“ aus der Strategie der erstarkten Sozialdemokratie erkl&#228;rt werden. Es war gerade das historische Zusammentreffen von innovationsorientierten Kapitalstrategien, sozialdemokratischem Modernisierungsprojekt und dem Integrationsbegehren von Teilen der ArbeiterInnenklasse, die diese spezifische Konjunktur erm&#246;glichte. Ein weiterer wesentlicher Aspekt, der selten benannt wird, ist, dass diese Reformen mit einem enormen finanziellen Aufwand f&#252;r die staatlichen Haushalte verbunden waren; eine Voraussetzung f&#252;r ihre Durchsetzung war entsprechend, dass der „allgemeine Steuers&#228;ckel“, von dem Marx einst gesprochen hatte, gut gef&#252;llt war. Dies war nach den langen Jahren des Wirtschaftswunders der Fall – insofern kann die &#214;ffnung und Ausweitung der Bildungsanstalten als eine historische Episode gesehen werden, die nur vor dem Hintergrund des langen Nachkriegsaufschwungs stattfinden konnte.</p>
<p><strong>P&#228;dagogisierung der Arbeit</strong><br />
In den 1970er Jahren wurde die f&#252;r die fordistische Entwicklungsweise des Kapitalismus typische „Entwertung“ der Ware Arbeitskraft in Teilen der Linken unter dem Stichwort der „Dequalifizierungsthese“ diskutiert. Die Ersetzung von lebendiger Arbeit durch komplexe Maschinen ist schlie&#223;lich, in Marxscher Terminologie, gleichbedeutend mit einer Absenkung des Werts der Ware Arbeitskraft. Dieser bemisst sich an der im gesellschaftlichen Durchschnitt f&#252;r ihre (Re-)Produktion notwendige Arbeitszeit. Besser gebildete und h&#246;her qualifizierte Arbeitskraft ist in diesem Sinne „mehr wert“ und muss vom Kapital entsprechend h&#246;her entlohnt werden: „Jede zus&#228;tzliche Qualifikation erh&#246;ht den Wert der Ware Arbeitskraft und bildet so eine Verwertungsschranke f&#252;r das Kapital“.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Hinzu kommt, dass die tayloristische Arbeitsorganisation ein effektives Mittel zur Kontrolle der ArbeiterInnen und zur Eind&#228;mmung von Widerstand darstellte, wie der US-amerikanische Betriebsaktivist Harry Braverman in seiner einflussreichen Studie argumentierte.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Aus dieser Perspektive erschien die Dequalifizierung der Arbeit nicht mehr als Spezifikum einer bestimmten Epoche, sondern als der kapitalistischen Produktionsweise inh&#228;rente Tendenz. Die „tayloristisch-fordistische Form der Organisation der kapitalistischen Arbeitsprozesse“ wurde, wie Roland Atzm&#252;ller es formuliert, „r&#228;umlich und zeitlich verallgemeinert und nicht als historisch konkrete Auspr&#228;gung das kapitalistischen Arbeitsprozesses erkannt“.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Dies wurde mit der Durchsetzung neuer, „postfordistischer“ Arbeitsverh&#228;ltnisse ab den 1970er Jahren deutlich. Zwar verschwanden die tayloristisch zergliederten, stupiden und von planender Kopfarbeit abgetrennten Arbeitsformen nicht, es traten jedoch zunehmend neue, durch ein anderes Verh&#228;ltnis von Wissen und Arbeit gepr&#228;gte Formen hinzu und – zumindest in den kapitalistischen Zentren – in den Vordergrund. Teile der Belegschaften wurden mit gr&#246;&#223;eren inhaltlichen Kompetenzen betraut, Prozesse der „Requalifizierung“ und „Reprofessionalisierung“ der Arbeit beobachtet; das Kapital setzte neue Management- und Personalf&#252;hrungsstrategien ein, die Projekt- und Gruppenarbeit an Stelle von direkter &#220;berwachung und individualisierter Arbeitsschritte f&#246;rderte; die formalen Anstellungsverh&#228;ltnisse wurden vervielfacht, sogenannte „atypische“, prek&#228;re Arbeitsverh&#228;ltnisse zur neuen Norm gemacht; und nicht zuletzt wurden an die ArbeiterInnen neue Anforderungen wie Eigenverantwortung und die st&#228;ndige Arbeit am eigenen „Humankapital“ in Form von lebenslangem Lernen und permanenter Weiterbildung herangetragen. Gleichzeitig mit der Ausweitung der Hochschulbildung und der Entstehung der „Massenuniversit&#228;t“ in den 1970er Jahren etabliert sich also, was Roland Atzm&#252;ller die „P&#228;dagogisierung der Arbeitsverh&#228;ltnisse“ nennt: „&#220;ber den Fokus auf die Lernf&#228;higkeit der Besch&#228;ftigten und der Organisation der Arbeit als Lernprozess soll [...] nicht einfach die Bereitschaft der Arbeitskr&#228;fte gesichert werden, f&#252;r andere zu arbeiten und sich den damit verbundenen Kontrollinstrumenten der wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung zu unterwerfen. Vielmehr wollen lernorientierte Managementstrategien die Neugier und Kreativit&#228;t der Besch&#228;ftigten entwickeln, um ihre Bereitschaft und F&#228;higkeit sicherzustellen, sich aktiv an den Innovationsprozessen zu beteiligen und Rationalisierungsprozesse in Eigenregie voranzutreiben.&#8221;<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Dieser neuerliche Schub der Verwissenschaftlichung kapitalistischer Produktionsprozesse unterscheidet sich also vom fordistischen Modell unter anderem dadurch, dass er nicht nur auf Produktivit&#228;tssteigerung durch neue, komplexe Maschinerie setzt, sondern die lebendige Arbeit selbst in eine neue Beziehung zu Wissen und Wissenschaft setzt.</p>
<p><strong>Kognitiver Kapitalismus?</strong><br />
Die hier nur grob skizzierte Entwicklung hin zu einem „postfordistischen“ Verh&#228;ltnis von Wissen und Arbeit wurde in den letzten 40 Jahren aus verschiedensten Perspektiven kritisch analysiert. Eine Interpretation, die besonders um die letzte Jahrtausendwende popul&#228;r wurde, soll hier vorgestellt werden, da sie in den Debatten zu den „neuen Uni-Revolten“, insbesondere in aktivistischen Zusammenh&#228;ngen, wieder deutlich pr&#228;senter ist. Ausgehend von Theorien, die in Italien von sogenannten „post-operaistischen“ AktivistInnen und AutorInnen entwickelt wurden, verstehen sie die postfordistische Entwicklungsweise als „kognitiven Kapitalismus“, der sich vom Fordismus nicht nur durch ver&#228;nderte Organisationsformen des Arbeitsprozesses abhebt, sondern eine grundlegend neue Gesellschaftsformation bildet, die durch die zentrale Bedeutung von Wissen und Wissensarbeit gepr&#228;gt ist. Die prominentesten Vordenker dieser These sind zweifellos Michael Hardt und Toni Negri, deren Mega-Bestseller <em>Empire</em>, der Anfang der 2000er Jahre f&#252;r Aufsehen gesorgt hatte, mit <em>Commonwealth </em>j&#252;ngst seine zweite Fortsetzung erfahren hat.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Sie verwenden den Begriff der „immateriellen Arbeit“, um diesen historischen Bruch anzuzeigen – dass also im Zentrum des neuen Kapitalismus Arbeit steht, „die so genannte immaterielle Produkte schafft, also etwa Wissen, Information, Kommunikation, Beziehungen oder auch Gef&#252;hlsregungen“.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Paolo Virno, ein weiterer „post-operaistischer“ Autor, setzt diese These explizit in Beziehung zu Marx’ Bemerkungen in den <em>Grundrissen</em>, die oben vorgestellt wurden. Dort – in dem Abschnitt, der sp&#228;ter als „Maschinenfragment“ bezeichnet wurde – spekuliert Marx ja, dass die Integration von gesellschaftlichem Wissen in die kapitalistische Maschinerie die ArbeiterInnen tendenziell auf blo&#223;e Anh&#228;ngsel der Produktionsmittel reduzieren w&#252;rde. Er geht aber noch einen Schritt weiter. Wenn dies der Fall w&#228;re, so seine &#220;berlegung, bedeute dies, dass das gesellschaftliche, <em>qua </em>Wissenschaft produzierte Wissen selbst „zur <em>unmittelbaren Produktivkraft</em> geworden“ sei.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Hier hakt Virno ein. Seine These ist, dass der Postfordismus „<em>die empirische Umsetzung des ‚Fragments &#252;ber Maschinen‘ von Marx</em>“ darstelle. „Das abstrakte Wissen“, so Virno, „[...] schickt sich an, nichts weniger als die grundlegende Produktivkraft zu werden“.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Dieses gesellschaftliche Wissen, das Marx <em>General Intellect</em> nennt, sei jedoch, anders als von Marx vorhergesehen, nicht im fixen Kapital, also v.a. in den Maschinen, verk&#246;rpert, sondern wird zum „Attribut der lebendigen Arbeit“.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> Wenn Arbeitsprozesse nicht vom stumpfen Kommando bestimmt sind, sondern Kooperation, Teamarbeit, Kommunikation und gemeinsames Wissen beinhalten, &#228;ndert sich aus dieser Perspektive der Charakter der Arbeit – und der ArbeiterInnen – selbst grundlegend. Die „Gesamtheit der lebendigen postfordistischen Arbeit“ – und nicht blo&#223; die formal wissenschaftlich ausgebildeten Klassenfraktionen – sind f&#252;r Virno „intellektuelle Arbeitskr&#228;fte“, sind Massenintellektualit&#228;t“.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a><br />
Eine j&#252;ngere Generation von AktivistInnen und TheoretikerInnen hat in den letzten Jahren an diese &#220;berlegungen angeschlossen und sie seither f&#252;r die Interpretation der K&#228;mpfe um die Universit&#228;ten – und f&#252;r Interventionen in dieselben – weiter entwickelt. Dies geschieht aktuell besonders im Rahmen des <em>Edu-factory-</em>Kollektivs, das eine wichtige Rolle in den studentischen K&#228;mpfen in Italien spielt und j&#252;ngst eine internationale Konferenz zu den K&#228;mpfen an den Universit&#228;ten in Paris veranstaltet hat, an der auch zahlreiche AktivistInnen aus &#214;sterreich teilgenommen haben. In ihren Analysen gehen sie ebenfalls davon aus, dass das gesellschaftliche Wissen nunmehr, im kognitiven Kapitalismus, „unmittelbar produktiv“ sei. Gigi Roggero, einer der bekannteren Autoren der <em>Edu-factory</em>, formuliert fast wortgleich mit Hardt, Negri und Virno: „Der <em>General Intellect</em> vergegenst&#228;ndlicht sich [...] nicht mehr im toten Wissen [also in den Maschinen, Anm. B.O.], sondern bildet sich vornehmlich in der sozialen Kooperation und in der Produktion des lebendigen Wissens heraus.“<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Die „Kognitivisierung“ der Arbeit f&#252;hre demnach dazu, dass alle Formen der Arbeit entlang einer „kognitiven Arbeitsteilung“ organisiert w&#252;rden, wobei sie einen „gemeinsamen Zug“ aufwiesen: „den Zweck und das Ziel, Wissen zu produzieren, permanente Innovation hervorzubringen und den technischen Fortschritt in &#246;konomischen Wert umzusetzen“.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Die Hochschulreformen der letzten zehn, 15 Jahre, die auf EU-Ebene ma&#223;geblich durch den <em>Bologna-Prozess</em> angeschoben wurden, m&#252;ssten in diesem Zusammenhang begriffen werden: Es handelt sich um den Versuch, die Universit&#228;ten so umzugestalten, dass sie wie ein Konzern auf den globalen Wissens- und Bildunsm&#228;rkten konkurrieren k&#246;nnen.</p>
<p><strong>Edu-factory</strong><br />
Aus dieser Diagnose leiten Roggero und die AktivistInnen um das <em>Edu-factory</em>-Kollektiv eine Reihe von Thesen ab, die man so zusammenfassen k&#246;nnte.<br />
<em>Erstens</em>: Die Hierarchisierung und Segmentierung der ArbeiterInnenklasse wird auf globaler Ebene &#252;ber die Bewertung und Einteilung von „Wissen“ durchgesetzt. „‚Kognitiver Kapitalismus‘ [...] bedeutet auch, dass st&#228;ndig neue, k&#252;nstliche Ma&#223;einheiten geschaffen werden, um das lebendige Wissen auf abstraktes Wissen zu reduzieren (vom Copyright und Patenten bis zur in den Studienpl&#228;nen und Ausbildungsprogrammen festgelegten Bringschuld, den <em>Credits</em>; von der Akkumulation sozialen und humanen Kapitals bis zur ‚reference economy’ f&#252;r ForscherInnen und Studierende).“<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Die ArbeiterInnenklasse wird in ein immer feineres, kleinteiligeres Raster segmentiert, dessen Koordination von dem Versuch aufgespannt werden, das Wissen der Arbeitenden zu messen und zu bewerten. Welche Schule besucht wurde, welche Fortbildungsma&#223;nahmen ergriffen oder wie viele ECTSPunkte gesammelt wurden, diese und &#228;hnliche Formen der „Kognitivisierung“ der Klassenverh&#228;ltnisse stellen aus dieser Perspektive die zentrale Momente, um „den Wert der kognitiven Arbeitskraft durch die Stratifizierung von <em>Skills </em>und intellektuelle Qualifikation k&#252;nstlich zu messen und zu regulieren.“<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a><br />
<em>Zweitens</em>: Die zentralen Orte, an denen diese Prozesse der Hierarchisierung und Segmentierung vollzogen werden, sind die Bildungseinrichtungen, und hier besonders die Universit&#228;ten. Die Universit&#228;t, so Roggero, kann „in diesem Rahmen als der privilegierte Ort betrachtet werden, um die Produktion des lebendigen Wissens zu untersuchen“.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> Die j&#252;ngsten K&#228;mpfe der Studierenden sind wesentlich K&#228;mpfe, die sich gegen die kognitive Segmentierung ihrer Arbeitskraft richten, in der sie „deklassiert“ werden, d.h. dass der Wert ihres Wissens, und damit ihrer Arbeitskraft, dequalifiziert wird. Denn in den Prozessen der Hierarchisierung z&#228;hlt nicht die Qualit&#228;t der Bildung, des Wissens oder der Qualifikation, die jemand erarbeitet hat, sondern formale Kriterien wie <em>Credit-Point</em>s, das Prestige einer Bildungseinrichtung oder die Akkumulation von unbezahlten Praktika. „<em>Déclassement </em>war in den letzten Jahren eines der zentralen Themen der K&#228;mpfe von Studierenden in aller Welt.“<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a><br />
<em>Drittens</em>: In diesem kongnitiven Kapitalismus <em>sind Studierende selbst schon ArbeiterInnen</em>. Das ist die entscheidende Pointe, mit denen das <em>Edu-factory</em>-Kollektiv in die K&#228;mpfe der Studierenden interveniert. Die Positon scheint den AutorInnen so selbstverst&#228;ndlich, dass sie nicht weiter ausgef&#252;hrt wird: Der oder die Studierende ist nicht l&#228;nger eine Arbeitskraft „in Ausbildung“, sondern „bereits ArbeiterIn, einE ProduzentIn von Wissen“.<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a><br />
<em>Viertens</em>: Die diesen Verh&#228;ltnissen entsprechende Strategie f&#252;r erfolgreiche K&#228;mpfe an den Universit&#228;ten muss darauf abzielen, eigene, autonome Formen der Wissensarbeit, der Aneignung, Weiterentwicklung und Vermittlung von Wissen zu schaffen, die sich weit &#252;ber die Grenzen der alten Universit&#228;t hinaus erstrecken. Das Ziel einer solchen Bewegung w&#228;re die Schaffung einer „globalen autonomen Universit&#228;t“ – so auch der Titel des Sammelbands, in dem der bisherige Diskussionsprozess des Kollektivs festgehalten wurde – auf den Ruinen der alten.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a></p>
<p><strong>Studierende als ArbeiterInnen?</strong><br />
Damit sind wir wieder bei unserer Ausgangsfrage angekommen: Wer revoltiert hier eigentlich in den Uni-Protesten der letzten Jahre? Und wie verhalten sich diese Bewegungen zu dem Konzept der Klassenk&#228;mpfe? Die post-operaistische Antwort des <em>Edu-factory</em>-Kollektivs lautet: Es revoltieren Studierende als ArbeiterInnen gegen die Bewertung, Hierarchisierung und Dequalifizierung ihrer Arbeitskraft. Und diese K&#228;mpfe stellen selbst eine, und vielleicht die fortschrittlichste, Form der Klassenk&#228;mpfe unter den Bedingungen des kognitiven Kapitalismus dar. So naheliegend einige dieser Thesen manchen AktivistInnen scheinen m&#246;gen und so sympathisch die enge Verzahnung, ja Verschmelzung von theoretischer und aktivistischer Arbeit ist, die vom <em>Edufactory</em>-Kollektiv praktiziert wird, so bleibt doch grundlegende Skepsis gegen&#252;ber ihren Positionen angebracht. An dieser Stelle kann keine umfassende Kritik formuliert werden; teilweise l&#228;sst sich das Problematische an den Thesen direkt auf die theoretischen Grundlagen bei Hardt, Negri und Virno zur&#252;ckf&#252;hren (die an anderer Stelle ausf&#252;hrlicher kritisiert wurden).<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> Einige zentrale Einw&#228;nde wurden in der aktuellen Debatte auch von sympathisierenden KommentatorInnen formuliert, etwa dass Begriffe wie „immaterielle“ oder „kognitive“ Arbeit so weit gefasst sind, dass „beinahe jede Form der Arbeit zu ‚kognitiver’ Arbeit wird“, was „beliebige Gleichsetzungen“ erzeuge.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Vor allem aber muss die zentrale These, nach der das gesellschaftliche Wissen, wie in Marx’ Maschinenfragment, zur wichtigsten, direkten Produktivkraft geworden ist, grunds&#228;tzlich bezweifelt werden. Niemand kann in Abrede stellen, dass wir es – zumindest im globalen Norden und in den „Zentren der Peripherie“ – aktuell mit einer hochtechnologisierten und verwissenschaftlichten Produktionsweise zu tun haben, in der Wissen, Kommunikation, Information und Kooperation zu zentralen Momenten der Organisationsform des Arbeitsprozesses geworden sind. Das bedeutet aber noch lange nicht, wie die post-operaistischen Thesen behaupten, dass alle Menschen, die Wissen, Information oder blo&#223; ein Gef&#252;hl erzeugen, auch Wert produzieren, also im Marx’schen Sinne „produktive ArbeiterInnen“ sind. Denn darauf baut das ganze Argument auf: „Eine Idee oder ein Bild entsteht […] auch unter der Dusche oder in den Tr&#228;umen“, so Hardt und Negri – und meinen damit, dass Produktion und die Ausbeutung nicht mehr an Arbeitszeiten gekn&#252;pft sind.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> An eben dieser Idee kn&#252;pft das <em>Edu-factory-</em>Kollektiv an, wenn es die Tatsache, dass Studierende Wissen produzieren und somit arbeiten (was zweifellos richtig ist) mit der Behauptung gleichsetzt, dies w&#228;re „unmittelbar produktive“ Arbeit auch aus der Perspektive des Kapitals (was nur unter sehr spezifischen Umst&#228;nden richtig ist, etwa wenn schlecht oder nicht bezahlte Arbeit von Studierenden in kommerzielle Forschungsprojekte o.&#228;. einflie&#223;t, was immer h&#228;ufiger der Fall ist). Dahinter steht die These, dass die zentrale Linie des Klassenkampfs im kognitiven Kapitalismus durch den Widerspruch zwischen dem kollektiv, erarbeiteten Wissen als „Gemeinsames“ oder <em>Common </em>und den Versuchen der Einhegung, Vereinnahmung und Verwertung dieses Wissens durch Staat und Kapital gezogen.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a> An einer Stelle verweisen die <em>Edu-factory-</em>AktivistInnen zur Unterst&#252;tzung der Behauptung, Studierende w&#228;ren selbst schon ArbeiterInnen, auf eine Studie von Marc Bousquet.<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> Dieser zeigt in <em>How the University Works</em> detailliert und empirisch ges&#228;ttigt, dass so viele Studierende in den USA neben ihrem Studium einer Lohnarbeit nachgehen – teilweise direkt an den Universit&#228;ten bzw. am Campus, teilweise als Niedriglohnkr&#228;fte in umliegenden Dienstleistungsbetrieben – dass eine soziologische Unterteilung in „Studierende“ und „ArbeiterInnen“ kaum noch m&#246;glich ist.<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> Dies betrifft in den USA rund zehn Millionen Menschen, die sich zum Gro&#223;teil selbst nicht als ArbeiterInnen einsch&#228;tzen, sondern als „Studierende, die arbeiten“ (und entsprechend wenig bereit sind, sich f&#252;r bessere Bezahlung oder Arbeitsbedingungen an ihrem „tempor&#228;ren“ Arbeitsplatz einzusetzen). Doch was Bousquet hier zeigt, ist gerade das Gegenteil davon, was die <em>Edu-factory</em>-AktivistInnen behaupten. Ja, die allermeisten Studierende sind auch LohnarbeiterInnen (&#252;brigens auch in &#214;sterreich, wo 61 Prozent aller Studierenden erwerbst&#228;tig sind).<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> Sie sind Studierende und ArbeiterInnen, aber sie sind nicht ArbeiterInnen <em>als </em>Studierende. Tats&#228;chlich ist die widerspr&#252;chliche gesellschaftliche Position von studierenden ArbeiterInnen Grundlage f&#252;r zahlreiche, meist auf subjektiver Ebene bearbeiteter Konflikte. Das reicht von einer fragmentierten Identit&#228;t als ArbeiterInnen, die ihrem eigenen Selbstverst&#228;ndnis nach „eigentlich“ StudentInnen sind, bis zur ganz praktischen Arbeits&#252;berlastung zwischen Studium und Abend- bzw. Nachtschicht-Job. Die Verkn&#252;pfung der Klassenposition als ArbeiterIn und jener als StudentIn kann politisch und in K&#228;mpfen hergestellt werden, wie das Ansatzweise in den Protesten gegen den CPE in Frankreich geschehen ist; sie ergibt sich aber nicht automatisch aus der Rolle von Studierenden als WissensarbeiterInnen. Die apodiktischen, das Fehlen theoretischer Stringenz oft hinter einer mit post-operaistischen Codew&#246;rtern durchsetzten Privatsprache versteckenden Formulierungen der <em>Edu-factory</em> sind f&#252;r die theoretische wie praktische Vermittlung von Uni-Revolten und Klassenk&#228;mpfen hier wenig hilfreich.<br />
Dabei spielen in den Uni-Revolten der letzten Jahre Aspekte, die von den Edu-factory-AktivistInnen hervorgehoben werden, eine durchaus nicht zu vernachl&#228;ssigende Rolle. Zweifellos ist es verk&#252;rzt, die neoliberale Transformation der Universit&#228;ten allein als Strategien der Privatisierung oder &#214;konomisierung zu verstehen. Hochschulen werden zwar nach dem Vorbild der Privatunternehmen neu strukturiert, direkt profitabel im Sinne von Gewinn abwerfend k&#246;nnen sie aber kaum gef&#252;hrt werden. Ihre Funktion im Sinne der Strategien des Kapitals besteht eher darin, wie das Edu-factory-Kollektiv betont, neue und feiner abgestufte Hierarchien und Segmentierungen innerhalb der besser ausgebildeten ArbeiterInnenklasse herzustellen. Auf nichts anderes l&#228;uft die Einteilung in Bakkalaureats- und Master-Abschluss, und die Einf&#252;hrung von Credit Points schlie&#223;lich hinaus. Die aktuelle Entwicklungsweise des Kapitalismus ist auf gro&#223;e Zahlen von relativ gut ausgebildeten Arbeitskr&#228;ften angewiesen, und die Universit&#228;ten sind nun mal der Ort, an dem die „Inwertsetzung der Arbeitskraft“ konzentriert stattfindet.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a> Zugleich m&#252;ssen die Massen an den Hochschulen in f&#252;r das Kapital verf&#252;g- und verwertbare Form gebracht, m&#252;ssen m&#246;glich punktgenau an die Stellen im Produktionsprozess eingewiesen werden, an denen sie gebraucht werden. Daf&#252;r sind spezialisierte, in vergleichbaren Modulen organisierte und „praxisnahe“ Studieng&#228;nge n&#246;tig, wie sie an den Universit&#228;ten zur Zeit durchgesetzt werden. Und es m&#252;ssen institutionelle Barrieren eingezogen werden, um die Zahl jener, die &#252;ber eine fachliche Basisausbildung hinaus studieren, auf ein n&#252;tzliches Ma&#223; zu reduzieren, was durch Zugangsbeschr&#228;nkungen f&#252;r Masterstudien sichergestellt werden soll. Dass die Regierungen und Universit&#228;tsleitungen dabei auf Widerstand von Studierenden sto&#223;en, liegt nicht unbedingt daran, dass das Bewusstsein um diese Zusammenh&#228;nge unter Studierenden breit geteilt w&#228;re. Aber ein wesentliches Treibmittel f&#252;r den Unmut, der sich in Studierendenprotesten Bahn bricht, ist die konkrete Erfahrung, dass die hehren – letztlich Humboldt’schen – Bildungsideale, die weiterhin an Schulen, Unis und in Familien vermittelt werden (Bildung als Selbstbildung der Pers&#246;nlichkeit, interessegeleitetes Studieren etc.) sich permanent an verschulten Studienpl&#228;nen, &#252;berf&#252;llten H&#246;rs&#228;len und autorit&#228;ren B&#252;rokratien brechen. Ob und wie diese Erfahrungen politisiert werden, l&#228;sst sich aber nicht aus der gemeinsamen Lage als „WissensarbeiterInnen“ ableiten, sondern h&#228;ngt von den politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen in den Bewegungen ab.</p>
<p><strong>Klassenk&#228;mpfe von oben</strong><br />
Um den Zusammenhang von Studierendenbewegungen und Klassenk&#228;mpfen zu diskutieren, k&#246;nnen aber auch andere, sich ebenfalls auf Marx berufende theoretischer Zug&#228;nge, hilfreiche Hinweise liefern. In der akademischen Debatte der kritischen „Internationalen Politischen &#214;konomie“ wird seit vielen Jahren &#252;ber die Transformation des Bildungssystems unter dem Neoliberalismus diskutiert. Dabei wird die Ausgangsthese (post-)operaistischer Theorien, wonach Klassenk&#228;mpfe immer als Revolten „von unten“ ihren Ausgang nehmen und das Kapital zur Reaktion zwingen, abgelehnt. Vielmehr wird die aktive Rolle der verschiedenen Kapitalfraktionen und der mit ihnen organisch verbundenen „Intellektuellen“ betont, die ihre Verwertungsinteressen l&#228;ngerfristig durch die Formulierung und Durchsetzung von „hegemonialen Projekten“ durchsetzen und absichern. Dabei muss zwar zumindest teilweise auf Interessen und Begehren der beherrschten Klassen kompromisshaft eingegangen werden, letztlich haben wir es aber mit Formen des gesellschaftlichen Klassenkampfs „von oben“ zu tun. Die Durchsetzung des Neoliberalismus als globales politisches Projekt zur Disziplinierung der ArbeiterInnenklasse und zur Erschlie&#223;ung neuer gesellschaftlicher Bereiche f&#252;r die kapitalistische Akkumulation kann unter diesem Gesichtspunkt verstanden werden.<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> Klassenkampf ist aus dieser Perspektive nichts rein „&#246;konomisches“, sondern bezeichnet die vielf&#228;ltigen gesellschaftlichen Strategien von Klassenakteuren zur Durchsetzung ihrer Interessen. Der Politikwissenschaftler Kees van der Pijl etwa unterscheidet zwischen drei Ebenen der Klassenauseinandersetzungen. Neben den K&#228;mpfen in Phasen der „sogenannten urspr&#252;nglichen Akkumulation“, in denen es um die Durchsetzung von Lohnarbeit und kapitalistischer Produktion geht, und K&#228;mpfen innerhalb und um die Produktion um Lohnh&#246;he und Arbeitsbedingungen, besteht eine dritte, laut van der Pijl f&#252;r den neoliberalen Kapitalismus besonders virulente Form des Klassenkampfs in Auseinandersetzungen um die <em>Reproduktion </em>der Arbeitskraft selbst.<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Damit meint er, dass bislang nicht der kapitalistischen Logik unterworfene gesellschaftliche Bereiche, in denen ArbeiterInnen sich sich im weitesten Sinne regenerieren, als potenzielle Akkumulationsfelder identifiziert werden – von der Familie &#252;ber &#246;ffentliche Dienstleistungen bis hin zur Natur selbst. Zu diesen Prozessen geh&#246;ren auch Konflikte um die Form und Organisation von Schulen und Hochschulen. Die Reformen der letzten Jahre zielen letztlich auch darauf ab, Bildung als &#246;konomischen „Sektor“ zu etablieren, der als potenziell profitables Anlagefeld f&#252;r das Kapital funktioniert. Daf&#252;r m&#252;ssen Universit&#228;ten „unternehmerisch“ gef&#252;hrt werden: es werden Konkurrenzmechanismen innerhalb und zwischen den Hochschulen eingef&#252;hrt, der Wettbewerb um „Drittmittel“ zur Finanzierung von Forschung und Lehre hergestellt und autorit&#228;re, den Vorst&#228;nden und Aufsichtsr&#228;ten gro&#223;er Konzerne nachempfundene F&#252;hrungsstrukturen implementiert.<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a> Dies auch dann, wenn – wie es bei den gro&#223;en Massenuniversit&#228;ten der Fall ist – die einzelne Institution gar nicht profitabel gef&#252;hrt werden kann. Es geht um die politische Herstellung eines Bildungs-Marktes, in dem dann einzelne Segmente (z.B. globale Elite-Universit&#228;ten, berufsbegleitende Weiterbildung etc.) als rentable Anlagefelder identifiziert werden k&#246;nnen. Wenn wir diese „Reformen“ als Bestandteile eines Klassenkampfs begreifen, der von oben um die Herstellung neuer M&#246;glichkeiten zur Kapitalakkumulation, d.h. f&#252;r die Unterwerfung weiterer gesellschaftlicher Bereiche unter die Logik von Profit und Konkurrenz, gef&#252;hrt wird, dann erhalten auch die K&#228;mpfe der Studierenden, die sich genau dagegen wehren, eine Dimension des Klassenkampfs – ohne, dass wir die Studierenden deshalb gleich kollektiv zu Bestandteilen der ArbeiterInnenklasse erkl&#228;ren m&#252;ssen. Ob diese „Dimension des Klassenkampfs“ in den Protesten auch artikuliert wird, h&#228;ngt letztlich von den politischen und ideologischen Auseinandersetzungen in den Bewegungen selbst ab: In diesen geht es darum, welche Kampfformen wir annehmen, was und wen wir zum politischen Gegner oder zum potenziellen Verb&#252;ndeten erkl&#228;ren, und, nicht zuletzt, als was wir uns selbst verstehen und definieren. Denn wenn Studierende sich als Subjekte in einem Klassenkampf verstehen, der nicht nur gegen sie gef&#252;hrt wird, l&#228;sst sich auch die Frage nach gemeinsamen Interessen und darauf aufbauenden Allianzen anders aufwerfen und in der Verbindung verschiedener anti-neoliberaler K&#228;mpfe m&#246;glicherweise etwas politisch Gemeinsames herstellen.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Ein &#220;berblick zu den K&#228;mpfen gegen den CPE findet sich hier: http://www.labournet.de/internationales/fr/cpe.html<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Eine erste Sammlung von Berichten und Einsch&#228;tzungen zu den Protesten in<br />
Gro&#223;britannien findet sich in Hancox, Dan: Fight Back! A Reader on the Winter of<br />
Protest, London (2011): OpenDemocracy, online: http://www.opendemocracy.net/ourkingdom/ourkingdom/fight-back-reader-on-winter-of-protest<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Vgl. Caffentzis, George: University Struggles at the End of the Edu-Deal, in: Mute<br />
Magazine, 2 (16), S. 72-77<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Probst, Stefan et al.: Utopia?! Alternative Formen der Wissensproduktion und –aneignung, in: Perspektiven Nr. 10 (2010), S. 16-21<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Heissenberger, Stefan et al. (Hg.): Uni brennt. Grunds&#228;tzliches – Kritisches – Atmosph&#228;risches, Wien (2010): Turia+Kant.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Vgl. http://www.prol-position.net/nl/2006/07/cpe-leaflet<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Benino, Andrea: Die perfekte Welle&#8230;, in: kulturrisse 2/2009, S. 24-27.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Research &#038; Destroy: Kommuniqué aus einer ausbleibenden Zukunft, in: grundrisse Nr. 32 (2009), S. 22-30.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Frauen wurde in Deutschland und &#214;sterreich erst ab Ende des 19. Jahrhunderts die Immatrikulation an Universit&#228;ten erlaubt.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Demirovi&#196;, Alex: Kritische Gesellschaftstheorie und ihre Bildungsbedingungen, in: Kurswechsel 4/2005, 13-27, hier: 18f.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Ebd.: 19<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Die folgenden Ausf&#252;hrungen beziehen sich im Wesentlichen auf die Situation in<br />
Deutschland und &#214;sterreich, bleiben notwendig kursorisch und in mancherlei Hinsicht vereinfachend; die beschriebene Entwicklung kann jedoch, so meine ich, zumindest in der Tendenz auf die Gesellschaften des kapitalistischen Nordwestens ausgeweitet werden.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> MEW 23: 533<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> MEW 42: 593<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Sabel, Charles: Struktureller Wandel der Produktion und neue Gewerkschaftsstrategien,in: Prokla Nr. 62 (M&#228;rz 1986), S. 41-60, hier: S. 41.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> von Osten, Marion: reformpause! Zur Genealogie aktueller Bildungsreformen,<br />
Wien (2009), edition PROLLpositions, S. 11<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> ebd. Obwohl die Konstellation in &#214;sterreich sich von jener Deutschlands etwas<br />
unterschied und eher durch Prozesse der verz&#246;gerten und nachholenden Entwicklung gepr&#228;gt war, lassen sich bereits ab 1963, mit der Einf&#252;hrung eines Studienbeihilfengesetzes, &#228;hnliche Tendenzen erkennen. Vgl. Reithmayer, Thomas: Kritisch studieren an &#214;sterreichs Universit&#228;ten, in: Perspektiven Nr. 8, S. 32-39, hier S. 34.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a>Vgl. f&#252;r &#214;sterreich Opratko, Benjamin/Probst, Stefan: Sozialismus in einer Stadt, in: Perspektiven Nr. 11, S. 12-19.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Das fordistische Entwicklungsmodell beruhte ma&#223;geblich auf einem spezifischen<br />
Geschlechter- und Familienregime, das Frauen auf ihre Rolle als unbezahlte und untergeordnete Haushaltsarbeiterinnen reduzierte. Der Mann war als Alleinverdiener zugleich „Familienoberhaupt“, womit das ehemals b&#252;rgerliche Modell der patriarchalen Kleinfamilie universalisiert wurde – auch und gerade in „Arbeiterfamilien“. Vgl. Hajek, Katharina/Opratko, Benjamin: Wessen Wirtschaft, welche Krise?, in: Perspektiven Nr. 9, S. 22-31.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Kapfinger, Emanuel/Sablowski, Thomas: Bildung und Wissenschaft im Kapitalismus, in: Unbedingte Universit&#228;t (Hg.): Was passiert? Stellungnahmen zur Lage der Universit&#228;t, Z&#252;rich (2010): Diogenes, S. 249-275, hier: 256.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Braverman, Harry: Die Arbeit im modernen Produktionsprozess, Frankfurt/M.<br />
(1977): Campus; an Bravermans Thesen schloss sich eine breite, kontrovers gef&#252;hrte Diskussion unter dem Label der Labor Process Debate an. F&#252;r einen kritischen &#220;berblick vgl. Wood, Stephen: Neue Technologien, Arbeitsorganisation und Qualifikation: die britische Labor-Process-Debatte, in: Prokla Nr. 62 (M&#228;rz 1986), S. 74-104.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Atzm&#252;ller, Roland: Qualifikationsanforderung und Berufsbildung im Postfordismus, in: Prokla Nr. 137 (2004), S. 587-605, hier S. 588.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Atzm&#252;ller, Roland: Die P&#228;dagogisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen und Staat, in: Perspektiven Nr. 10, 22-28, hier: 24f.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Die Thesen von Hardt und Negri habe ich an anderer Stellen ausf&#252;hrlich kritisert: Opratko, Benjamin: Sei spontan, tr&#228;um’ den Kommunismus, in: Perspektiven Nr. 3, S. 10-17.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Hardt, Michael/Negri, Antonio: Multitude. Krieg und Demokratie im Empire, Frankfurt/M. (2004): Campus, S. 126.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> MEW 42: 602, Herv. i. O.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Virno, Paolo: Grammatik der Multitude. Mit einem Anhang: Die Engel und der<br />
General Intellect, Wien (2005): Turia+Kant, S. 140, Herv. i. O.<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Ebd.: 149.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Ebd.: 153.<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Roggero, Gigi: Was das lebendige Wissen vermag, http://eipcp.net/transversal/0809/roggero/de<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Ebd.<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> De Nicola, Alberto/Roggero, Gigi: Vom Leben in einer Ruine, in: Kulturrisse<br />
2/2008, S. 24-27, hier: 24.<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> The Edu-factory Collective: All Power to Self-Education!, in: dies.: Toward a Global Autonomous University. Cognitive Labor, The Production of Knowledge and Exodus from the Education Factory, New York: Autonomedia, S. 0-15, hier: S. 10.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Roggero: Was&#8230;, a.a.O.<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Do, Paolo/Roggero, Gigi: We Won’t Pay for Your Crisis: Italian Struggles Against Education Reform, in: Mute Magazine (2009), http://www.metamute.org/en/content/we_won_t_pay_for_your_crisis_italian_struggles_against_education_reform<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Do/Roggero: We Won’t Pay&#8230;, a.a.O.; vgl. Edu-factory Collective: All Power&#8230;, a.a.O.: 10.<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Ashram, Vidya: The Global Autonomous University, in: The Edu-factory Collective, Towards&#8230;, a.a.O., S. 165-170.<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Vgl. Opratko, Benjamin: Sei spontan&#8230;, a.a.O.<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Caffentzis, George/Federici, Silvia: Arbeit im Schatten der Kognitivit&#228;t, in: kulturrisse 2/2009, S. 10-15, hier: S. 13.<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Hardt/Negri: Multitude, S. 130.<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Gigi Roggero schreibt etwa: „Produktivit&#228;t [entsteht] nicht durch den Umstand, ob man f&#252;r seine T&#228;tigkeit bezahlt wird oder nicht, sondern durch die konfliktuale Beziehung zwischen der Produktion des Gemeinsamen und dessen Vereinnahmung“ (Roggero: Was&#8230;, a.a.O.)<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Edu-factory Collective: All Power&#8230;, a.a.O.: 10 (Fn 9); Bousquet, Marc: How the<br />
University Works. Higher Education and the Low-Wage Nation, New York: New York<br />
University Press<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Bousquet: How&#8230;, a.a.O., S. 146ff.<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Unger, Martin et al: Studierenden-Sozialerhebung 2009, Wien: IHS, S. 133ff.<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Raunig, Gerald: Im Modus der Modulation, in: Unbedingte Universit&#228;ten: Was passiert?, a.a.O., 55-63, hier: 63.<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> Vgl. Harvey, David: Kleine Geschichte des Neoliberalismus, Z&#252;rich (2007): Rotpunkt.<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> Van der Pijl, Kees: Transnational Classes and International Relations, London (1998): Routledge, S. 38ff.<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> Vgl. Demirovi&#196;, Alex: Die Transformation der Staatlichkeit von Hochschulen, in: Das Argument Nr. 272 (2007), S. 531-545; Zeuner, Bodo: Die Freie Universit&#228;t Berlin vor dem B&#246;rsegang? Bemerkungen zur &#214;konomisierung der Wissenschaft, in: Prokla Nr. 148 (2007), S. 325-350.</p>
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		<title>Karl Marx: &#214;konom oder Revolution&#228;r? (Teil 1)</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:12:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Krisentheorie]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Im zweiten Teil unserer Reihe zu marxistischen Krisentheorien pr&#228;sentieren wir euch einen umstrittenen Klassiker erstmals in deutscher Sprache. Harry Cleaver, zentraler Theoretiker des „Autonomen Marxismus“, stellt in diesem Beitrag von 1983 eine alternative Lesart der Marx’schen Krisentheorie vor, die sich gegen jede Trennung von politischen und &#246;konomischen Momenten wendet und den Klassenkampf, nicht die Bewegungsgesetze des Kapitals, als ihren Gegenstand [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im zweiten Teil unserer Reihe zu marxistischen Krisentheorien pr&#228;sentieren wir euch einen umstrittenen Klassiker erstmals in deutscher Sprache. <em>Harry Cleaver</em>, zentraler Theoretiker des „Autonomen Marxismus“, stellt in diesem Beitrag von 1983 eine alternative Lesart der Marx’schen Krisentheorie vor, die sich gegen jede Trennung von politischen und &#246;konomischen Momenten wendet und den Klassenkampf, nicht die Bewegungsgesetze des Kapitals, als ihren Gegenstand versteht. Der zweite Teil des Artikels erscheint in <em>Perspektiven Nr. 14</em>.<br />
<span id="more-1962"></span><br />
W&#228;hrend der letzten zehn Jahre hat der Marxismus an den US-amerikanischen Universit&#228;ten eine beachtliche Stellung erlangt.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Dies gilt insbesondere f&#252;r die Wirtschaftswissenschaften, wo die Diskussionen zu Marx und der marxistischen Tradition bis vor kurzem haupts&#228;chlich auf Seminare zur Geschichte des &#246;konomischen Denkens oder der sowjetischen Wirtschaftsgeschichte beschr&#228;nkt war. <a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Der Aufstieg eines akademischen Marxismus beruht meines Erachtens auf zwei Faktoren. Zum einen haben die K&#228;mpfe der Studierenden im Kontext der sozialen Aufst&#228;nde der sp&#228;ten 1960er und fr&#252;hen 1970er Jahre Zeit und Raum daf&#252;r geschaffen, dass politisch aktive Studierende sich mit dem Marxismus als Teil radikaler Wirtschaftswissenschaften, rebellischer Soziologie usw. auseinandersetzen konnten. <a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Zum anderen waren die Universit&#228;tsverwaltungen und die von ihnen &#252;blicherweise vertretenen Wirtschaftsinteressen gegen&#252;ber der Ausbreitung marxistischer Forschung &#252;berraschend tolerant. <a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Diese Reaktion auf studentische Forderungen ist nicht einfach ein Fall von „repressiver Toleranz“, die Marcuse so eindringlich beschrieben hat. <a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Vielmehr ist diese gegenw&#228;rtige Toleranz auf das Bed&#252;rfnis nach neuen Ideen zur&#252;ckzuf&#252;hren, das die Wirtschaft in der aktuellen &#246;konomischen und sozialen Krisenperiode hat. <a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Die lange Geschichte der kapitalistischen Aneignung marxistischer Ideen unterst&#252;tzt diese Behauptung. <a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Mehr noch: Die zahlreichen Versuche der letzten Jahre, in der Wirtschaftspresse und in wirtschaftswissenschaftlichen Zeitschriften radikalen Ideen Raum zu geben und aktuelle marxistische Forschung zur &#214;konomie zu besprechen, demonstrieren das anhaltende Interesse der Wirtschaft und ihrer IdeologInnen an der M&#246;glichkeit, von Marx etwas Neues zu lernen. Nirgendwo war diese Toleranz offensichtlicher als im Bereich marxistischer Krisentheorie.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a><br />
Diese Bereitschaft der Wirtschaft, sich marxistische Ideen anzueignen und f&#252;r eigene Zwecke zu nutzen, wurde von marxistischen KrisentheoretikerInnen bislang gr&#246;&#223;tenteils ignoriert. Wieder und wieder haben diese ihre Theorien in einer Art und Weise formuliert, die eine solche Aneignung erleichtert.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Dies muss jedoch nicht notwendigerweise der Fall sein. Es gibt eine Lesart von Marx und eine Entwicklung marxistischer Theorie, die sich dieser Art der Aneignung nicht ausliefert.<br />
In diesem Essay geht es mir um zwei Dinge. Erstens zeige ich anhand einer Reihe von Beispielen, wie in der Geschichte marxistischer Krisentheorie viele TheoretikerInnen den revolution&#228;ren Inhalt des Marx’schen Werks vergessen und sich dadurch der Gefahr kapitalistischer Aneignung ausgesetzt haben. Zweitens schlage ich einen alternativen Zugang zur Marx’schen Krisenanalyse vor, der ihren politischen und revolution&#228;ren Inhalt explizit macht und sie daher st&#228;rker gegen eine Aneignung immunisiert.</p>
<p><strong>Einige Probleme marxistischer Krisentheorie</strong><br />
Angesichts des offensichtlichen Interesses von Mainstream- &#214;konomInnen und der Wirtschaftspresse an marxistischer Wirtschaftswissenschaft und im Wissen um die M&#246;glichkeiten einer kapitalistischen Aneignung unserer Ideen sollten wir erkennen, dass einige der &#246;konomietheoretischen Arbeiten innerhalb des Marxismus schwere M&#228;ngel aufweisen. Im Versuch, ein alternatives &#246;konomisches Paradigma zu entwickeln, das innerhalb der akademischen Community salonf&#228;hig ist, haben zu viele marxistische Studierende und &#214;konomInnen die „Wirtschaft“ &#252;berbetont und dabei Marx verloren. Krisentheorie war immer ein zentraler Bestandteil marxistischer Theorie und nicht zuletzt von Marx’ eigenem Werk. Er war sowohl an zyklischen Krisen – oft Konjunkturzyklen genannt – als auch an jenen grundlegenden s&#228;kularen Trends interessiert, welche die langfristige &#220;berlebensf&#228;higkeit des Systems untergraben. Dass dieser Aspekt der Marx’schen Forschung von der Wirtschaftspresse am engsten verfolgt wurde, liegt sicherlich daran, dass wir uns gegenw&#228;rtig inmitten einer tiefen Systemkrise befinden. Nur weil einige MarxistInnen ihre Krisentheorie auf eine Art und Weise formuliert haben, die mit b&#252;rgerlichen Theorien vergleichbar ist, kann die Wirtschaft &#252;berhaupt darauf hoffen, Erkenntnisse und Gebrauchswert aus deren Arbeit zu ziehen.<br />
In Marx’s eigener Forschung gehen Theorie und empirische Studien Hand in Hand. Der wahrscheinlich wichtigste Durchbruch in seinem Denken zu diesem Thema ereignete sich w&#228;hrend der Krise von 1857, als er w&#228;hrend langen, durchgearbeiteten N&#228;chten versuchte, seine empirischen Beobachtungen durch die Entwicklung eines neuen theoretischen Rahmens zusammenzufassen. Die Ergebnisse dieser Periode umfassen sowohl seine Zeitungsartikel als auch die Notizen, die als <em>Grundrisse </em>bekannt wurden. In diesen Artikeln und Notizen findet sich eine bunte Mischung historischer und theoretischer Beobachtungen zu unterschiedlichen Aspekten kapitalistischer Krisen. Einige dieser Beobachtungen integrierte Marx sp&#228;ter in <em>Das Kapital</em> und die <em>Theorien &#252;ber den Mehrwer</em>t. In dieser F&#252;lle von Material k&#246;nnen wir erkennen, wie Marx darum k&#228;mpfte, eine politische Analyse von Krisen auszuarbeiten, aus der er strategische Lehren f&#252;r die ArbeiterInnenbewegung gewinnen konnte.<br />
In der Geschichte des Marxismus seit Marx hat die Entwicklung von Krisentheorien bis heute jedoch entt&#228;uschende Ergebnisse gezeitigt. Dabei k&#246;nnen wir mindestens zwei eklatante M&#228;ngel identifizieren. Der erste ist die Tendenz, den Fokus auf eine enge Auswahl des Marx’schen Werkes zu legen. Diese Tendenz, die, wie Peter Bell zeigt, einseitige, monokausale Theorien hervorbringt, kann die volle Reichweite von Marx‘ Arbeiten zu Krisen nicht ad&#228;quat fassen und hat zu endlosen marxologischen Debatten gef&#252;hrt.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> So ist beispielsweise die Debatte zwischen jenen MarxistInnen, die sich auf Marx’ Kommentare zur Unterkonsumption st&#252;tzen, und jenen, die auf seine Diskussion des tendenziellen Falls der Profitrate bauen, seit mehr als 40 Jahren im vollen Gange und von einer L&#246;sung doch meilenweit entfernt.<br />
Der zweite Mangel marxistischer Krisentheorie – und jener, den ich hier untersuchen m&#246;chte – betrifft die Tendenz, Krisen als Gegenstand der Wirtschaftswissenschaften zu denken und dabei Analysemethoden anzuwenden, die denen der Mainstreamwissenschaften sehr &#228;hnlich sind. Diese Tendenz bringt MarxistInnen nicht nur dazu, den politischen Inhalt ihrer Kategorien und Theorien zu vergessen, sondern macht es kapitalistischen IdeologInnen auch einfach, diese Theorien f&#252;r ihre eigenen Zwecke zu pr&#252;fen und anzueignen. Um diese Tendenz zu veranschaulichen, werde ich einige Beispiele aus der Geschichte marxistischer Krisentheorie betrachten.</p>
<p><strong>Rosa Luxemburgs Die Akkumulation des Kapitals</strong><br />
Rosa Luxemburg war eine der brillantesten MarxistInnen des fr&#252;hen 20. Jahrhunderts. Ihr revolution&#228;res Verst&#228;ndnis von Marx machte sie zur Erzfeindin der SozialdemokratInnen der Zweiten Internationale, und ihre enge Bindung an die ArbeiterInnenklasse veranlasste sie zu heftiger Kritik an Lenins Elitismus. Als sie sich jedoch daran versuchte, eine Akkumulations- und Krisentheorie auszuarbeiten, tat sie, was so viele MarxistInnen oft tun – sie stellte ihren politischen Scharfsinn zur&#252;ck und verlor sich in einer wirtschaftswissenschaftlichen Lesart von <em>Das Kapital</em>.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a><br />
Es ist weithin bekannt, dass Luxemburg ihre Theorie auf Marx’ Analyse der Reproduktion im zweiten Band von <em>Das Kapital</em> basierte. Sie konzentrierte sich auf die Marx’schen Reproduktionsschemata, analysierte deren zeitliche Entwicklung und kam zum Schluss, dass das notwendige Gleichgewicht zwischen den beiden Abteilungen<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> unter realistischen Annahmen unm&#246;glich zu erhalten sei, da die Warenproduktion die Aufnahmef&#228;higkeit der M&#228;rkte &#252;berfordern w&#252;rde. Daraus leitete sie ab, dass Krisen notwendig entstehen, und dass ein „externer Sektor“ (z.B. Kolonien) existieren m&#252;sse, in welchem die &#252;bersch&#252;ssigen Produkte abgesetzt werden k&#246;nnen.<br />
Ihre Analyse stellte einen Moment in einer langen Debatte zu den Krisentendenzen des Kapitalismus unter MarxistInnen dar, in der die Marx’schen Reproduktionsschemata als Ausgangspunkt dienten. Diese Debatte begann mit Tugan-Baranowsky, der Theorien der Unterkonsumption angriff und stattdessen eine „Theorie begrenzter Disproportionalit&#228;t“ zwischen den Abteilungen vorschlug.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Luxemburgs Arbeit war zum Teil ein Angriff auf Tugan-Baranowsky, und teilweise ein Versuch, die Basis sowohl einer Krisentheorie wie auch einer Imperialismustheorie zu entwickeln. Auf Luxemburgs Buch folgten Arbeiten von Nikolai Bucharin, Otto Bauer, Henryk Grossman und anderen.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> All diese AutorInnen hatten bez&#252;glich der Reproduktionsschemata einen &#228;hnlichen Zugang wie Luxemburg: Diese wurden als Grundlage f&#252;r eine Krisenanalyse gesehen, die Bedingungen ihres Gleichgewichts sollten von WirtschaftswissenschafterInnen analysiert werden. In moderner Begrifflichkeit lie&#223;e sich sagen, dass diese AutorInnen die Marx’schen Reproduktionsschemata als ein aus zwei, manchmal drei Sektoren bestehendes Wachstumsmodell betrachteten.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Luxemburg erforschte, wie andere auch, Bedingungen der Stabilit&#228;t. Viele Jahre sp&#228;ter, nachdem Leontiefs Adaption dieser Schemata ihren Niederschlag in makro&#246;konomischen Modellen gefunden hatte, haben kapitalistische PlanerInnen &#228;hnliches unter Zuhilfenahme multisektoraler Wachstumsmodelle getan. Doch w&#228;hrend Luxemburg und die anderen MarxistInnen sich mit der Beobachtung zufrieden gaben, dass das Modell automatisch Widerspr&#252;che und damit Krisen hervorbringt, die daher im Kapitalismus unvermeidbar sind (oder eben nicht), benutzten die PlanerInnen das Modell um herauszufinden, welche Vorkehrungen zu treffen waren, um einer fortgesetzten erfolgreichen Akkumulation den Weg zu ebnen.<br />
Auf den ersten Blick mag diese Verwendung der Marx’schen Schemata zur Analyse von Krisen manchen als Geniestreich erscheinen. Hatten diese MarxistInnen damit nicht das Werk von Marx fortgef&#252;hrt? Marx entwickelte die Reproduktionsschemata w&#228;hrend seiner Arbeit an den <em>Grundrissen</em>. Sie waren Teil seiner &#220;berlegungen zu einigen der Faktoren, die zu einer Unterbrechung der Akkumulation f&#252;hren k&#246;nnten. Dahin gesto&#223;en wurde er durch die Untersuchung der Probleme des Kapitals hinsichtlich der Reproduktion seiner gesellschaftlichen Totalit&#228;t. Wie Mario Tronti in seinem Buch <em>Arbeiter und Kapital</em> zeigt, stellen die Reproduktionsschemata einen Zugang zur Untersuchung des „gesellschaftlichen“ Kapitals dar, wobei gesellschaftliches Kapital nicht nur die Summe einzelner Kapitale meint, sondern auch die Produktion und Reproduktion der ArbeiterInnenklasse sowie die damit verbundenen K&#228;mpfe.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Diese Perspektive behandelte die Schemata nicht allein im Sinne von Str&#246;men zwischen einzelnen Industrien, sondern als Zugang zu einer politischen Totalit&#228;t.<br />
Dies findet sich in einer wirtschaftswissenschaftlichen Lesart des dritten Abschnitts des zweiten Bandes von <em>Das Kapital</em> jedoch nicht wieder. Luxemburg und andere behandelten „Reproduktion“ in der gleichen Weise wie heutige WachstumstheoretikerInnen – aus einer verengten und fetischisierten „&#246;konomischen“ Perspektive, die soziale und politische Verh&#228;ltnisse unber&#252;cksichtigt l&#228;sst und den Marxschen Zugang auf ein Problem abstrakter, quantitativer Proportionalit&#228;ten reduziert. Was folgt daraus? Ich behaupte, dass die ArbeiterInnenklasse aus diesem Teil ihrer Analyse wenig Nutzen ziehen kann, abgesehen von einem formalen Argument &#252;ber die Unabwendbarkeit des Imperialismus.</p>
<p><strong>Paul Sweezys Theorie kapitalistischer Entwicklung und Monopolkapital</strong><br />
Beinahe 30 Jahre lang, zwischen den fr&#252;hen 1940ern und den sp&#228;ten 1960ern, war Paul Sweezy zusammen mit Paul Baran der bekannteste Marxist der Vereinigten Staaten. Seine B&#252;cher und sein Magazin <em>Monthly Review</em> bildeten eine Generation von marxistischen WirtschaftswissenschafterInnen, die in den 1960er Jahren aufwuchsen und heute an den Universit&#228;ten, Schulen und in Betrieben &#252;berall in den USA lehren. Anders als Rosa Luxemburg, die vor allem politische Aktivistin war und sich Marx im Zuge ihrer politischen Praxis angeeignet hatte, war Sweezy zuvorderst ein Wissenschafter und &#214;konom. Ausgebildet in Harvard von Alvin Hansen, einem der wichtigsten Wirtschaftswissenschafter im Gefolge Keynes’, entwickelte Sweezy eine Krisentheorie, die deutlich die Spuren seiner Profession und seiner Biografie tragen. Dass marxistische Krisentheorie heutzutage vor allem eine Theorie &#246;konomischer Krisen zu sein scheint, ist nicht zuletzt seinem Einfluss geschuldet.<br />
Ich will an dieser Stelle nur drei Aspekte von Sweezys Ausf&#252;hrungen zur Krisentheorie diskutieren. Der erste betrifft Luxemburg und anderen MarxistInnen, die sich auf die Marx‘schen Reproduktionsschemata bezogen. Der zweite betrifft seine Ablehnung des tendenziellen Falls der Profitrate. Der dritte betrifft seine Betonung jener Kommentare, in denen Marx die Grenzen des Konsums der ArbeiterInnenklasse als validen Kern der Krisentheorie darstellt. In seiner <em>Theorie der kapitalistischen Entwicklung</em> evaluiert und kritisiert Sweezy die Theorien Luxemburgs und anderer, oben genannter AutorInnen in deren eigenen Begriffen.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Er pr&#228;sentiert mathematische Berechnungen zu den Reproduktionsschemata und nennt in guter &#246;konomischer Tradition pr&#228;zise die Bedingungen f&#252;r ein Gleichgewicht. Otto Bauer wird von Sweezy explizit in die Form eines mathematischen Wachstumsmodells &#252;bersetzt. Sweezy bewertet die Arbeit dieser AutorInnen stets blo&#223; durch eine Befragung ihrer Annahmen oder argumentativer Details, hinterfragt jedoch nie den Rahmen eines ausschlie&#223;lich &#246;konomischen Zugangs. Wie bei den meisten WirtschaftswissenschafterInnen ist Akkumulation auch bei Sweezy eng und quantitativ als Zuwachs an Geld, Produktionsmitteln, Lohnarbeit und Waren definiert. Daher kann er mit der Sprache und den Formen arbeiten, die auch von Leontief oder Harrod-Domar akzeptiert werden.<br />
Das Marx‘sche „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate“ interpretiert Sweezy auf typisch &#246;konomische Art und Weise. Damit meine ich, dass er annimmt, dass sich die Theorie auf Kr&#228;fte bezieht, die sich direkt auf die monet&#228;r messbare Profitrate auswirkt. Zudem behandelt er auch die Wertkategorien, also variables Kapital (v), konstantes Kapital (c), Mehrwert (m), die Mehrwertrate (m/v) und die organische Zusammensetzung des Kapitals (c/v), nach Art der Wirtschaftswissenschaften als mathematische, formal umwandelbare Gr&#246;&#223;en. Daher schreibt er, dass, wenn der Z&#228;hler und der Nenner der Profitrate m/(c+v) durch v dividiert wird, wir als Ergebnis (m/v)/[(c/v)+1] erhalten. Er tut dies, weil die Profitrate auf diese Weise durch jene Kategorien ausgedr&#252;ckt werden kann, mit denen Marx sich besch&#228;ftigt: Die Mehrwertrate und die organische Zusammensetzung des Kapitals. Auf Basis dieses Ausdrucks argumentiert er, dass das „Gesetz“ ung&#252;ltig sei, da zwar c/v schneller wachsen k&#246;nne als m/v, wenn v durch c ersetzt wird, dies aber keinesfalls a priori sicher sei, da die steigende Produktivit&#228;t, die mit Investitionen in c verbunden ist, sowohl den Wert von c wie auch von v fallen l&#228;sst und es nicht m&#246;glich sei vorherzusagen, welcher st&#228;rker fallen w&#252;rde. <em>Voilà!</em> Soviel zu dem „Gesetz“, das Marx als das fundamentalste und wichtigste der kapitalistischen Entwicklung ansah.<br />
Ein Resultat von Sweezys These war eine beinahe endlose Flut von Artikeln, die ihn in dieser Frage angriffen oder verteidigten. Seine prominentesten Gegner waren Paul Mattick, Mario Cogoy und David Yaffe, die alle die Zentralit&#228;t und G&#252;ltigkeit des Gesetzes verteidigten.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Die meisten dieser Kritiken beinhalteten einen Versuch, das Gesetz in anderer mathematischer Form zu formulieren, um es zu retten. Verteidigungen von Sweezys Ablehnung kamen w&#228;hrend der gesamten Nachkriegszeit von ihm selbst, aber auch von anderen, gest&#252;tzt auf theoretische<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> oder empirische<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Grundlagen.<br />
Was sind nun die zentralen Punkte in der Debatte zwischen all diesen MarxistInnen? Handelt es sich um politische Argumente? Wohl kaum, es sind nicht einmal polit&#246;konomische. Sie sind zum gr&#246;&#223;ten Teil mathematisch und formalistisch. In seiner Zusammenfassung der Debatte schreibt Herb Gintis, dass „amerikanische MarxistInnen im Allgemeinen die mathematische Theorie, auf der die Vorhersage der fallenden Profitrate basiert, gr&#252;ndlich untersucht haben und zum Schluss gekommen sind, dass eine derartige Tendenz nicht existiert.“<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a><br />
Was sollen wir zu einem derartigen Marxismus sagen? Jedenfalls ist die &#196;hnlichkeit dieser Debatte mit jener, die im Mainstream &#252;ber dasselbe Thema gef&#252;hrt wird, frappant.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Sollte es sich hierbei um Marx’sche Wirtschaftswissenschaften handeln, liegt die Betonung sicherlich auf Wirtschaftswissenschaften, nicht auf Marx. Wir haben es hier mit einem sterilen Seminarraummarxismus zu tun, der seines politischen Inhaltes und seines Klassenhasses beraubt wurde. Es ist ein Marxismus, den Mainstream&#246;konomInnen verstehen und in ihrer eigenen Begrifflichkeit auswerten k&#246;nnen. Dass nicht mehr solcher sich auf Marx beziehender WirtschaftswissenschafterInnen auf Lehrst&#252;hle berufen werden, kann nur daran liegen, dass entweder der Mainstream deren Arbeit f&#252;r nicht produktiv h&#228;lt, oder dass, wie im Falle Luxemburgs, ihr politisches Handeln in anderen Bereichen militanter ist als ihre Theorie.<br />
Der letzte Aspekt von Sweezys Werk, den ich untersuchen will, hat eine ganze Str&#246;mung gegenw&#228;rtiger marxistischer Krisentheorie hervorgebracht: Seine Interpretation der Marx‘schen Kommentare hinsichtlich der Grenzen der Konsumtion der ArbeiterInnenklasse. Sweezys Lesart der Kommentare passt gut zu den keynesianischen Interpretationen von Hansen zur Problematik der inad&#228;quaten gesamtwirtschaftlichen Nachfrage und der Ansicht sowohl von Hansen und Steindl &#252;ber die Stagnationstendenzen des Kapitalismus.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Dieses unterkonsumtionistische Verst&#228;ndnis von Marx ist abermals sehr stark in der wirtschaftswissenschaftlichen Tradition verankert. Von Malthus, welchen Marx studierte, &#252;ber Hobson im Hintergrund bis zu Keynes im Zentrum des Mainstreams war die Frage nach der ad&#228;quaten Nachfrage zur Herstellung und Erhaltung von &#246;konomischem Output-Wachstum ein zentrales Thema. Doch w&#228;hrend Marx die kapitalistischen Versuche, das Einkommen der ArbeiterInnenklasse und deren steten Kampf um h&#246;here L&#246;hne (und k&#252;rzere Arbeitszeiten) einzud&#228;mmen, als einen wichtigen Klassenwiderspruch analysierte, findet Sweezy darin eine Rechtfertigung f&#252;r eine Art pessimistischen Keynesianismus, in der die Schw&#228;che der ArbeiterInnenklasse zur Krise f&#252;hrt. Sweezy ist derart vertieft in die Untersuchung der &#196;hnlichkeiten zwischen Marx und Keynes, dass er seinem Buch einen Essay von Shigeto Tsuru beif&#252;gte, in dem dieser explizit Marx‘sche und Keynes‘sche Makrokategorien zusammenf&#252;gt.<br />
Zwanzig Jahre sp&#228;ter, als Sweezy zusammen mit Paul Baran sein Buch <em>Monopolkapital </em>ver&#246;ffentlichte, vertrat er im Wesentlichen immer noch dieselbe Position. Dieses Mal war sein Marxismus jedoch wenig mehr als die rhetorische Bem&#228;ntelung eines Buchs, das sonst auch als das Werk eines liberalen Mainstream&#246;konomen in der Tradition neoklassischer Synthesen h&#228;tte eingeordnet werden k&#246;nnen. Der analytische Kern von Sweezys und Barans Darstellung war eine Mischung aus neoklassischer Betriebswirtschaftslehre und keynesianischer Makrotheorie. Der Titel verweist auf ihr zentrales Anliegen, die gegenw&#228;rtige Phase des Kapitalismus in Begriffen der Struktur der kapitalistischen M&#228;rkte zu definieren – die als monopolistisch, im Gegensatz zu einem fr&#252;heren Stadium des Wettbewerbskapitalismus, gefasst werden. Ihre Diskussion der „Absorption des Surplus“ stellte eine Wendung der keynesianischen Problematik der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage dar. Die Marx‘schen, auf der Arbeitswerttheorie aufbauenden theoretischen Kategorien waren fast v&#246;llig aus der Analyse verschwunden. Statt Mehrwert finden wir „Surplus“; statt dem Problem der Abpressung von Mehrwert finden wir das seiner Entsorgung. W&#228;hrend es sich bei der <em>Theorie der kapitalistischen Entwicklung </em>wenigstens der Form nach um marxistische Theorie handelte, nahm <em>Monopolkapital </em>sowohl Form als auch Inhalt der Mainstream-Wirtschaftswissenschaft an (obschon mit dem den Autoren eigenen kritischen Zug&#228;ngen). Nur in den abschlie&#223;enden Kapiteln legen sie die Wirtschaftswissenschaft beiseite und behandeln Konzepte der Kritischen Theorie, wie die historische Vernunft und die Irrationalit&#228;t des Kapitalismus, wenngleich diese Aspekte der Marx’schen Tradition eher auf Hegel denn auf Marx zur&#252;ckzuf&#252;hren sind.<br />
Als andere MarxistInnen begannen, Sweezy anzugreifen, waren seine Abkehr von Marx und seine Verwendung einer keynesianischen, auf unzureichender Nachfrage basierenden Krisentheorie eine der ersten Ausgangspunkte.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a><br />
In seinen Repliken darauf ruderte Sweezy zur&#252;ck und formulierte seine Unterkonsumtions-Theorie einmal mehr in Marx‘schen Begriffen.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Es sind aber nicht die Details der Debatte die mich hier interessieren. Es ist eher die Art, wie in Sweezys Thesen und in der ganzen davon beeinflussten Literatur die Marx‘schen Gedanken in die Sprache der Wirtschaftswissenschaften &#252;bersetzt wurden. Es sollte uns also nicht &#252;berraschen, dass in den sp&#228;ten 1960er Jahren viele radikale WirtschaftswissenschafterInnen es als ihr vordringlichstes Problem ansahen, die Mainstream-Wirtschaftswissenschaften so zu adaptieren, dass sie zur Analyse jener Gegenst&#228;nde betragen konnten, die sie interessierten. Viele betrachteten es als das Erbe von Marx (den die meisten noch gar nicht studiert hatten), Probleme identifiziert zu haben, die der Mainstream &#252;bersehen hatte, statt als Ausgangspunkt f&#252;r eine andere theoretische Herangehensweise. Und wenn sie sich doch direkt mit Marx besch&#228;ftigten, nachdem sie von Baran und Sweezy gepr&#228;gt worden waren und die marxistischen Debatten zur Krisentheorie, die in ihrer Form, und in bestimmtem Grad sogar in ihrem Inhalt, den Debatten der Mainstream-Wirtschaftswissenschaften glichen, verfolgt hatten, sollte es uns nicht zu sehr verwundern, dass sie Marx als &#214;konomen lesen. Auch sollte es uns nicht &#252;berraschen, dass ein guter Teil der gegenw&#228;rtigen marxistischen Krisentheorie diesem Pfad folgt.</p>
<p><strong>Die Profit Squeeze-Debatte<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a></strong><br />
Die bekanntesten Beitr&#228;ge zur <em>Profit Squeeze</em>-Debatte stammen von Andrew Glyn, Bob Sutcliffe und ihren Anh&#228;ngerInnen in Gro&#223;britanien<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> sowie von Ray Boddy und James Crotty in den Vereinigten Staaten.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Kurz gesagt handelt es sich um eine Art marxistischer Krisentheorie, die sich explizit oder implizit auf Marx’ Arbeiten zur Rolle des Lohns bei Krisen bezieht, d.h. unter anderem auf Kapitel 25 des ersten <em>Kapital</em>-Bandes sowie die Analysen in <em>Lohn, Preis und Profit</em>. Der Grundgedanke besteht darin, dass ArbeiterInnen durch ihre K&#228;mpfe ihr Einkommen so weit in die H&#246;he treiben k&#246;nnen und dies historisch auch getan haben, dass der kapitalistische Profit bzw. der kapitalistische Anteil am Nationaleinkommen ausgeh&#246;hlt wird. Manchmal wird dieses Argument auf L&#246;hne bezogen, manchmal auf alle Einkommen (L&#246;hne plus Sozialleistungen, plus &#246;ffentliche Dienstleistungen, etc.). In den meisten F&#228;llen wird die Theorie durch empirische Studien abgest&#252;tzt, welche zeigen, dass dies w&#228;hrend der aktuellen Krise tats&#228;chlich eingetreten ist.<br />
Im Unterschied zu den schon genannten Theorien beinhaltet diese ein explizit politisches Moment des Klassenkampfes. Unterkonsumptionistische Theorien sind implizit klassenk&#228;mpferisch – der kapitalistische Versuch, L&#246;hne niedrig zu halten – obwohl dies in seiner &#252;blichen Interpretation ziemlich einseitig gefasst wird. Im <em>Profit Squeeze</em>-Ansatz wurde demgegen&#252;ber der Klassenkampf – fast zum ersten Mal in der Geschichte des akademischen Marxismus – anerkannt und ihm ein Platz zwischen &#246;konomischen Modellen und mathematischen Formalismen zuerkannt. Dies ist fraglos eine erfrischende Abweichung von jenen &#246;konomischen Krisentheorien, die wir bisher diskutiert haben. Dennoch bleiben im Rahmen dieses Ansatzes zwei Probleme bestehen. Das erste besteht in der Tendenz, die Krisenanalyse auf die Zirkulationssph&#228;re zu beschr&#228;nken, ohne zu erkennen, wie die Forderung nach h&#246;heren L&#246;hnen und Einkommen zugleich ein Angriff auf die Strukturierung des Lebens rund um die Arbeit ist. Kurzum, die <em>Profit Squeeze</em>-TheoretikerInnen haben es zumeist vers&#228;umt, die Revolte gegen die Arbeit und die Krise in der Produktion zu analysieren. Wo die Auflehnung gegen die Arbeit erkannt wurde, hat man sie als Rebellion gegen die erniedrigenden Arbeitsbedingungen im Kapitalismus interpretiert; es fehlt jedoch an Verst&#228;ndnis daf&#252;r, wie die zunehmende Weigerung der Menschen, auf blo&#223;e ArbeiterInnen reduziert zu werden, eine grunds&#228;tzliche Unterminierung der kapitalistischen Ordnung darstellt.<br />
Zweitens formulieren die <em>Profit Squeeze</em>-TheoretikerInnen, indem sie die Krisenanalyse auf einen Verteilungskampf um den Output beschr&#228;nken, die Krisenproblematik &#228;hnlich wie die Mainstream-Diskussion um Einkommensverteilung. Dies ist ein sehr altes reformistisches Diskursfeld, auf dem die Verteilung des Outputs diskutiert, eine Debatte um die &#220;berwindung des Lohnsystems selbst jedoch vermieden wird. Im Rahmen dieses Diskurses reagieren konservative, pro-kapitalistische &#214;konomInnen und KommentatorInnen (wie jene, die mit der Reagan-Administration verbunden sind) auf den R&#252;ckgang der Unternehmensgewinne, indem sie eine Umverteilung fordern – durch einen Angriff auf L&#246;hne und Sozialleistungen. Liberale, pro-kapitalistische &#214;konomInnen (etwa Neoliberale wie Thurow) schlagen eine Lohnpolitik vor, welche die Unternehmensgewinne zu Gunsten des Kapitals stabilisieren, ohne den Lebensstandard der ArbeiterInnenklasse v&#246;llig zu zerst&#246;ren. Radikale KritikerInnen sehen die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Surplus f&#252;r Investitionen und Wachstum, wollen aber eine gr&#246;&#223;ere Mitbestimmung der ArbeiterInnen hinsichtlich solcher Investitionen. Sie wollen mehr „Wirtschaftsdemokratie“ – eine Parole und eine Politik, die zum Schlachtruf heutiger SozialdemokratInnen geworden ist.<br />
Dementsprechend f&#228;llt die <em>Profit Squeeze</em>-Variante der Marxschen Krisentheorie ebenfalls in den Bereich der Mainstream-Debatten, wenn auch am sozialistischen Rand. Ist dies das Beste, was der Marxismus anzubieten hat? Sind diese Krisentheorien, formuliert in der Sprache und im Stil der Wirtschaftswissenschaften, alles was man von Marx lernen kann? Ist der Marxismus am Ende nur eine Unterabteilung der Wirtschaftswissenschaften? Gl&#252;cklicherweise lautet die Antwort nein; dies ist nicht alles – nicht einmal im Bereich der Krisentheorie, ganz zu schweigen von den &#252;brigen Aspekten des Marxismus. Es gibt einen anderen Weg, Marx und seine Krisentheorien zu lesen, und dieser f&#252;hrt zu g&#228;nzlich anderen Ergebnissen.</p>
<p><strong>Marx, der Revolution&#228;r</strong><br />
Die Alternative zur &#246;konomischen Interpretation von Marx, die ich f&#252;r die sinnvollste halte, ist die Deutung seiner Konzepte und Theorien als Momente seiner politischen Analyse des Kapitalismus als Klassenkampf. Dies nenne ich eine politische Lekt&#252;re von Marx. Die Grundlagen und die Entwicklung dieser politischen Lesart habe ich in der Einleitung meines Buches <em>Reading Capital Politically</em> skizziert.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Zu den bekanntesten AutorInnen, die diesem Ansatz zugerechnet werden k&#246;nnen, z&#228;hlen C.L.R. James, Raya Dunayevskaya, Martin Glaberman, Cornelius Castoriadis und Claude Lefort (in den 1950ern), Raniero Panzieri, Mario Tronti (in den 1960ern), Mariarosa Dalla Costa, Selma James und Antonio Negri.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Diese Herangehensweise weist all diejenigen „&#246;konomischen“ oder „polit-&#246;konomischen“ Analysen explizit zur&#252;ck, welche Marx’ Arbeiten als auf die &#214;konomie fokussiert verstehen, wenn „&#214;konomie“ im gew&#246;hnlichen Sinne als die Sph&#228;ren der Produktion, Zirkulation und Distribution umfassend verstanden wird. Sie besteht darauf, dass das, was &#252;blicherweise die &#246;konomische Sph&#228;re genannt wird, sich aus Momenten eines politischen Ganzen zusammensetzt: dem Klassenkampf.<br />
Grundannahme dieses Ansatzes ist, dass der Gegenstand der Marx’schen Untersuchungen, und der einzig angemessene Gegenstand f&#252;r jede/n Revolution&#228;rIn, der Klassenkampf ist. Lasst uns deutlich sein, diese Position bestreitet die Autonomie des Politischen– es gibt keine &#246;konomische Sph&#228;re hier und eine politische dort. Wir argumentieren, dass es vom Standpunkt der ArbeiterInnen, die den Kapitalismus st&#252;rzen wollen, nur einen Bezugspunkt geben kann: die Strukturen ihrer Machtbeziehungen zum Kapital. Alles muss in Bezug auf das Verh&#228;ltnis zu diesem zentralen politischen Aspekt interpretiert werden. Es ist nicht so, dass der Klassenkampf zu einem neuen Zentrum innerhalb der Theorie erkl&#228;rt oder, im Fall der „Krisentheorie“, der Klassenkampf als „Ursache“ f&#252;r die Krise angesehen w&#252;rde. Klassenkampf ist weder Ursache noch Effekt. Er ist das Ganze, und Marx’ Analyse wird verstanden als die Erforschung der Kr&#228;fte, die innerhalb dieses Ganzen wirken. Deshalb ist Marx’ Krisenanalyse, wie die Akkumulationstheorie im Allgemeinen, eine Theorie der Dynamik des Klassenkampfes. Wenn Marx im <em>Kapital </em>sagt, dass Akkumulation zuallererst die Akkumulation der Klassen ist, m&#252;ssen wir anerkennen, dass dies notwendigerweise die Akkumulation der Konflikte und K&#228;mpfe der Klassenverh&#228;ltnisse bedeutet. Akkumulation beinhaltet nat&#252;rlich die erweiterte Reproduktion des Geldkapitals, des Warenkapitals, des produktiven Kapitals usw., aber diese d&#252;rfen nicht als Dinge verstanden werden, sondern als Momente des grundlegenden Klassenverh&#228;ltnisses.<br />
Diese politische Lesart von Marx nimmt dessen wiederholte Hinweise ernst, dass das Kapital vor allem ein soziales Verh&#228;ltnis ist. Sie nimmt auch die elfte Feuerbachthese ernst, wonach es darauf ankommt, die Welt zu ver&#228;ndern, weshalb jede Theorie, welche die Bezeichnung „marxistisch“ verdient, nicht nur die Klassenverh&#228;ltnisse zum Ausdruck bringen, sondern auch eine selbstbewusste und explizite Rolle im Kampf f&#252;r Transformation spielen muss.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Was diesen Ansatz von den meisten anderen Versionen des Marxismus unterscheidet, ist die Art, wie er das Kapital betrachtet. F&#252;r die meisten MarxistInnen, ob orthodox oder revisionistisch, ist das „Kapital“ die Gesamtheit der KapitalistInnen und deren Kapital. Die Dynamik des Kapitals wird aus dessen „innerer Logik“, wie sie es gerne nennen, abgeleitet. Die treibende Kraft hinter dieser „Kapitallogik“ ist ihnen zufolge der Konkurrenzkampf zwischen den KapitalistInnen. In diesem Bild erscheinen ArbeiterInnen als &#228;u&#223;erliche Faktoren, die f&#228;hig sind, Widerstand gegen die Logik des Kapitals zu leisten und die es sogar grunds&#228;tzlich st&#252;rzen k&#246;nnen, deren K&#228;mpfe aber reaktiv sind und der aus sich selbst angetriebenen Entwicklung des Kapitals nur Hindernisse in den Weg stellen k&#246;nnen.<br />
Ruft man sich die drei Beispiele zur Krisentheorie nochmals in Erinnerung, wird deutlich, dass diese Charakterisierung allgemeine G&#252;ltigkeit hat. Luxemburg, Sweezy, ihre Unterst&#252;tzerInnen und KritikerInnen, und sogar die<em> Profit Squeeze</em>-TheoretikerInnen sehen die Entwicklung des Kapitalismus durch seine eigenen „inneren Bewegungsgesetze“ bestimmt. Ob wir die Dynamik der Unterkonsumption, das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate oder die Profitklemme betrachten, immer sehen wir den Kampf der ArbeiterInnenklasse als der Logik des Kapitals &#228;u&#223;erlich. Unterkonsumption nimmt im Kern eine Grenze des Verm&#246;gens der ArbeiterInnen an, die L&#246;hne anzuheben. Bezogen auf den tendenziellen Fall der Profitrate wird &#252;blicherweise angenommen, dass die Tendenz zur Erh&#246;hung der organischen Zusammensetzung des Kapitals ihre Ursache im Wettbewerb hat. Und im Falle des<em> Profit Squeeze</em>-Arguments erscheint der Kampf der ArbeiterInnenklasse, der die Akkumulation untergr&#228;bt, als eine exogene Bedrohung f&#252;r die kapitalistische Entwicklung.<br />
Innerhalb des alternativen Rahmens, den ich hier vorstelle, hei&#223;t Krise immer Krise des Klassenverh&#228;ltnisses. Allgemein ist deshalb eine kapitalistische Krise eine Krise der kapitalistischen Kontrolle &#252;ber die ArbeiterInnenklasse. Die so genannten inneren Bewegungsgesetze des Kapitals m&#252;ssen also als die allgemeinen Charakteristika des Klassenkampfes verstanden werden. Gleicherma&#223;en haben die Kategorien der Marx’schen Arbeitswerttheorie den Zweck, die Muster und Logiken dieses Kampfes aufzudecken. In diesem Rahmen wird Marx zuallererst als militanter Theoretiker des Subjekts, oder pr&#228;ziser, zweier politischer und historischer Klassensubjekte gesehen: der KapitalistInnen und der ArbeiterInnenklasse. Die von Marx beschriebenen „Bewegungsgesetze“ sind die Gesetzm&#228;&#223;igkeiten, die das Kapital gegen die K&#228;mpfe des antagonistischen Widerparts durchsetzen kann. Die beiden historischen Subjekte sind dabei in ihrem Charakter fundamental voneinander unterschieden, und dieser Unterschied bildet den Kern ihres Antagonismus. Kapital ist eine bestimmte Weise, das Leben von Menschen zu organisieren. In der kapitalistischen Gesellschaft sind die meisten Menschen Mitglieder der ArbeiterInnenklasse. Sie sind dem endlosen und k&#252;nstlichen Zwang zur Arbeit unterworfen, wobei sie Mehrwert produzieren, den die KapitalistInnen entweder konsumieren oder, was noch wichtiger ist, reinvestieren, um noch mehr Arbeit zu schaffen. Die KapitalistInnen, ob reiche M&#252;&#223;igg&#228;ngerInnen oder moderne Unternehmens-ManagerInnen, sind wesentlich das, was Marx „Funktion&#228;rInnen“ des Kapitals, nannte, im Sinne einer die Gesellschaft organisierenden Kraft. Das hei&#223;t ihre Arbeit besteht darin, den Prozess der Kapitalakkumulation zu organisieren, in der Produktions-, der Zirkulations- oder der Reproduktionssph&#228;re. Wie orthodoxe MarxistInnen oft sagen, reproduziert sich das Kapital selbst, aber nur in dem Sinne, dass es die sozialen Verh&#228;ltnisse wiederherstellt, in denen die meisten Menschen gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen um zu &#252;berleben. Deshalb ist die Arbeitsethik zentral f&#252;r die kapitalistische Ideologie, und zwar weil sie die lebenslange Freiheitsstrafe der harten Arbeit, welche das Kapital uns allen auferlegen m&#246;chte, rechtfertigt.<br />
Aber die ArbeiterInnenklasse, die Klasse derjenigen, die zur Arbeit gezwungen werden, bricht regelm&#228;&#223;ig mit den ideologischen und sozialen Kontrollen des Kapitalismus und k&#228;mpft gegen diese Zumutung. ArbeiterInnen bilden als historisches Subjekt, in Marxens Worten, nur dann eine wirkliche Klasse f&#252;r sich, wenn sie solche K&#228;mpfe ausfechten. Und doch gibt es etwas anderes, noch fundamentaleres, wodurch sich das ArbeiterInnen-Subjekt auszeichnet und das den Antagonismus erkl&#228;rt, der jeden Moment des Kapitals und jede Kategorie bei Marx durchzieht. Es ist die grundlegende F&#228;higkeit zu Kreativit&#228;t und Ver&#228;nderung, die ArbeiterInnen als menschliche Wesen besitzen und f&#252;r deren Befreiung sie k&#228;mpfen. Dies k&#246;nnte man als die positive Seite der K&#228;mpfe der ArbeiterInnenklasse bezeichnen. Sie wenden sich nicht nur gegen die Unterordnung ihres Lebens unter die kapitalistische Arbeit, sondern k&#228;mpfen zus&#228;tzlich f&#252;r ihre autonome Entwicklung oder, mit Toni Negri gesprochen, ihre Selbst-Verwertung.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Und weil diese Entwicklung autonom ist und jeglichen Zwang von au&#223;en ablehnt, tendiert sie dazu, sich den Bem&#252;hungen des Kapitals, sie in seine eigene Formen zu zwingen, zu entziehen. Das Kapital in diesem Sinne, als eine bestimmte Lebensform, ist gefroren oder tot, wie Marx sagt. Es versteht allein seine eigenen Kreisl&#228;ufe. Es wei&#223; nur, wie man die gleichen Formen wiederholt und dieselben Inhalte aufzwingt, immer und immer wieder. Wie ein Vampir kann es seine Energie und sein Leben nur von Anderen beziehen. Es versucht, die spontane Energie und Kreativit&#228;t von Menschen nutzbar zu machen, indem es deren Autonomie begrenzt, sie zu ArbeiterInnen in seinen Fabriken und B&#252;ros und zu Funktion&#228;rInnen seines eigenen Bestehens macht. AutorInnen der Kritischen Theorie haben diese Wahrheit begriffen. Ihr Fehler lag darin, dass sie nicht gesehen haben, dass Marxens Werk Elemente enth&#228;lt, die sie selbst nicht begreifen oder ausarbeiten konnten: Eine Theorie der Autonomie der ArbeiterInnenklasse gegen das Kapital und f&#252;r ihre eigene Selbstentwicklung.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a><br />
Die meisten MarxistInnen, die an einer Krisentheorie arbeiten, sehen weder die Autonomie der ArbeiterInnenklasse, noch das kapitalistische Erfordernis, sich diese zunutze zu machen. Sie lesen Marxens Kategorien wie sie die Variablen der Mainstream-Wirtschaftswissenschaft lesen, und sie spielen die gleichen Spielchen mit ihnen. Aber wir m&#252;ssen das nicht tun. Stattdessen k&#246;nnen wir diese Kategorien<br />
nehmen, langsam, erst eine nach der anderen, dann alle zusammen, und herausfinden, wie sie Kategorien der Klassenverh&#228;ltnisse und Klassenk&#228;mpfe begr&#252;nden. Wir k&#246;nnen sie „politisch lesen“, um ihre Bedeutung f&#252;r die jeweiligen Klassen zu entdecken. Und indem wir das tun, k&#246;nnen wir Marx’ &#220;berlegungen zur Krise wiederbeleben, und vielleicht sogar einige jener Theorien, die von unseren marxistischen &#214;konomInnen erarbeitet wurden.<br />
Dies ist ein Projekt, das bereits im Gange ist. Seine historischen und politischen Urspr&#252;nge habe ich in der Einleitung zu meinem Buch <em>Reading Capital Politically</em> skizziert. Dort habe ich eine Neuinterpretation der grundlegenden Kategorien der Marx’schen Arbeitswerttheorie unternommen, um zu zeigen, wie sie als Kategorien des Klassenkampfes &#252;ber die Organisation der Gesellschaft rund um Arbeit gelesen werden k&#246;nnen. Ein j&#252;ngerer Beitrag beinhaltet eine erste, systematische Interpretation der Marx’schen Schriften zur Krise als Beobachtungen und Theorien dar&#252;ber, wie ArbeiterInnenk&#228;mpfe den Akkumulationsprozess unterbrechen.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Weitere Materialien und Bemerkungen zur Krisentheorie, die in diesem inhaltlichen Rahmen erarbeitet wurden, k&#246;nnen in den Zeitschriften <em>Zerowork </em>und <em>Midnight Notes</em> sowie in <em>Red Notes, Semiotext(e)</em> und bei Antonio Negri gefunden werden.<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a><br />
Im Rahmen dieses Essays werde ich mich auf die Diskussion zweier Gesichtspunkte dieses Zugangs zur marxistischen Krisentheorie beschr&#228;nken. Der erste Aspekt betrifft die F&#228;higkeit dieses Ansatzes, eine alternative Lesart jener Konzepte Marxens anzubieten, die bisher &#246;konomisch interpretiert wurden und die als Grundlage &#246;konomischer Krisentheorien dienten. Der zweite Aspekt bezieht sich darauf, dass eine solche Interpretation weniger anf&#228;llig f&#252;r jene kapitalistische Instrumentalisierung ist, vor der oben gewarnt wurde.</p>
<p><em>Fortsetzung folgt im n&#228;chsten Heft (Perspektiven Nr. 14).</em></p>
<p>&#220;bersetzung: <em>Isabella Amir, Benjamin Opratko, Ako Pire, Nicolas Schlitz, Felix Wiegand</em></p>
<p>Mit freundlicher Genehmigung von <em>Harry Cleaver.</em></p>
<p>Harry Cleaver ist Professor f&#252;r Wirtschaftswissenschaften an der University of Texas at Austin und u.a. Autor von <em>Reading Capital Politically</em> (1. Auflage 1979, Austin: University of Texas Press; 2. Auflage 2000, Oakland: AK Press; online unter <a href="http://libcom.org/library/reading-capital-politically-cleaver">http://libcom.org/library/reading-capital-politically-cleaver</a>).</p>
<p><strong>Anmerkungen:</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Dieser Artikel wurde urspr&#252;nglich verfasst f&#252;r das Centennial Symposium on Marx, Schumpeter and Keynes an der University of Colorado in Denver, 20. bis 22. August 1983. Erstmals erschienen in Helburn, Suzanne W./Bramhall, David F. (Hg.): Marx, Schumpeter and Keynes: A Centenary Celebration of Dissent, Armonk (1986): M.E. Sharpe, S. 121-146. Manche der zeitdiagnostischen Bemerkungen – besonders jene zur Ausbreitung marxistischer Theorien an Universit&#228;ten und wirtschaftswissenschaftlichen Instituten – m&#246;gen 25 Jahre sp&#228;ter fast skurril erscheinen. Dies tut dem theoretischen Argument Cleavers f&#252;r eine „politische“ Lekt&#252;re der Marx’schen Krisentheorie jedoch keinen Abbruch. Wir drucken hier die erste H&#228;lfte des Artikels ab, Teil zwei erscheint in Perspektiven Nr. 14 (Sommer 2011) (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Der Einzug des Marxismus in amerikanische Universit&#228;ten schien derart umfassend, dass Ollman und Vernoff ihn als „Kulturrevolution“bezeichneten und in einem Sammelband dokumentierten. Vgl. Ollman, Bertell/Vernoff, Edward (Hg.): The Left Academy, New York (1982): Mc-Graw-Hill. Im Sinne von Thomas Kuhns Paradigmabegriff hat der Marxismus in den letzten Jahren alle f&#252;r ein Paradigma notwendigen Komponenten anerkannter akademischer Legitimit&#228;t hervorgebracht: Spezialisierte Zeitschriften, professionelle Organisationen, etablierte ProfessorInnen und Pr&#228;senz in Studieng&#228;ngen.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Unter WirtschaftswissenschafterInnen hat die Diskussion um die Marx’sche Arbeitswerttheorie, den theoretischen Kern der meisten seiner „&#246;konomischen“ Werke, schon vor langer Zeit aufgeh&#246;rt. Am Beginn der marxistischen „Kulturrevolution“ in den fr&#252;hen 1960er Jahren gab es nur einen bekannten und etablierten marxistischen Wirtschaftwissenschafter in den Vereinigten Staaten, Paul Baran in Stanford. Da dieser 1964 verstarb, hat sich die derzeitige Generation von MarxistInnen ihr Wissen &#252;berwiegend eigenst&#228;ndig angeeignet.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> In ihrer Einleitung zu The Left Academy schreiben Ollman und Vernoff dass „sich in den Universit&#228;ten ein Raum f&#252;r kritisches Denken ge&#246;ffnet hat“. Ollman/Vernoff: Left Academy, a.a.O., S.2. Dabei m&#252;ssen wir uns gewahr bleiben, dass wir es waren, die diesen Raum erk&#228;mpft haben und dass dieser sich vor dem Hintergrund ausbleibender K&#228;mpfe auch wieder dramatisch verkleinern kann. Was der Geschichte marxistischer Forschung bisher noch abgeht, ist eine ernsthafte Evaluation sowohl der Strategien, die sich als n&#252;tzlich in der Durchsetzung dieses Raumes erwiesen wie auch jener, die es nicht waren.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Der Einfluss von Unternehmensinteressen auf die Struktur und den Inhalt des amerikanischen Erziehungswesens geh&#246;rt zu den am gr&#252;ndlichsten von radikalen marxistischen Studierenden und ProfessorInnen untersuchten Ph&#228;nomen &#252;berhaupt. Vor dem Hintergrund dieser Omnipr&#228;senz der Verwertungsinteressen sollten wir uns die Frage stellen, warum explizit antikapitalistische marxistische Lehre in den Universit&#228;ten eine derartige Toleranz erf&#228;hrt. Vgl. Bowles, Samuel/Gintis, Herbert: Schooling in Capitalist America, New York (1975): Basic Books; Spring, Joel H.: Education and the Rise of the Corporate State, Boston (1972): Beacon; Carnoy, Martin: Education as Cultural Imperialism, New York (1974): David McKay.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Teil von Marcuses Analyse der „repressiven Toleranz“ ist die These, dass etablierte Kr&#228;fte Differenz zum Zweck der Domestizierung und Neutralisierung tolerieren, um sie in den Universit&#228;ten und fern von den Stra&#223;en zu halten.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Die Notwendigkeit neuer Ideen hat ihren Ausgang in der Krise jener Theorie, die Teil der gegenw&#228;rtigen &#246;konomischen Krise des Systems ist. Auf &#246;konomischer Ebene betrifft dies v.a. die Krise des keynesianischen Paradigmas, welches die Inhalte sowohl der Politik wie auch der &#214;konomielehrb&#252;cher<br />
der letzten 30 Jahre dominierte.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Ein bedeutender Versuch, Marx zur Planung kapitalistischer Akkumulation zu gebrauchen, findet sich in den 1920ern, als sowjetische &#214;konomInnen anhand der Marx’schen Reproduktionsschemata der erweiterten Reproduktion Modelle f&#252;r die sowjetische Wirtschaftspolitik entwickelten. Ein derartiger Versuch von Feldman war interessant genug, um das Interesse des bekannten westlichen Wachstumstheoretikers Evsey Domar auf sich zu ziehen. Im Westen gab es eine parallele Geschichte dieser Art der Marxrezeption. Der Beginn liegt dabei in der Entwicklung des input/output Modells durch Vassili Leontief, der sich zum Teil auf Marx’ Werk bezog. Domar, Evsey D.: Essays in the Theory of Economic Growth. New York (1957): Oxford University Press; Leontief, Wassily (1938): The Significance of Marxian Economics for Present Day Economic Theory, in: American Economic Review 28(1) (1938), S. 1-9; Horowitz, David (Hg.): Marx and Modern Economics. New York (1968): Monthly Review Press; Kuhne, Karl: Economics and Marxism. New York (1979): St. Martin’s Press.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Ab 1970 schuf die American Economic Association auf ihren j&#228;hrlichen Kongressen Raum f&#252;r Papers radikaler WirtschaftswissenschafterInnen und f&#252;r Diskussionen &#252;ber die Entwicklung marxistischer &#214;konomik. Der/die geneigte LeserIn braucht nur die j&#228;hrliche Maiausgabe der American Economic Review zu begutachten, welche das Programm des j&#228;hrlichen Kongresses beinhaltet, um diese Pr&#228;senz des Radikalen f&#252;r sich selbst zu best&#228;tigen. Vgl. auch Bronfenbrenner, Martin: Radical Economics in America: A 1970 Survey, in: Journal of Economic Literature 8 (3) (1970), S. 747-766; sowie die Debatte um Gurley, John G.: The State of Political Economics, in: American Economic Review 61 (2) (1971), S. 53-62. Zwei Betrachtungen marxistischer Arbeiten in der Wirtschaftspresse finden sich in der Businessweek vom 23. Juni 1975 und im Wall Street Journal vom 5. Februar 1975.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Die M&#246;glichkeiten der Aneignung einer Theorie durch das Kapital h&#228;ngen von zwei Aspekten ab: Von ihrem Inhalt und von ihrer Form. Fokussiert eine Theorie inhaltlich auf dieselben Probleme wie b&#252;rgerliche Theorien, definiert sie die Forschungsfrage in derselben Weise wie b&#252;rgerliche AutorInnen, werden Vergleich und Evaluation einfach. Wenn Fokus und Fragestellung jedoch verschieden sind, ist die Relevanz f&#252;r letztere weniger offensichtlich. In &#228;hnlicher Weise machen es eine &#228;hnliche Form der Analyse, der Sprache und der Methoden selbst bei unterschiedlichen Konzepten (z.B. hinsichtlich des Wertes) den BeobachterInnen des Mainstreams es einfach, den Argumenten zu folgen und daraus neue Einblicke f&#252;r ihr eigenes Schaffen zu gewinnen.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Bell, Peter: Marxist Theory, Class Struggle and the Crisis of Capitalism, in: Schwartz, Jesse (Hg.): The Subtle Anatomy of Capitalism, Santa Monica, CA (1977): Goodyear Publishing.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Luxemburg, Rosa: Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur &#246;konomischen Erkl&#228;rung des Imperialismus, in: Rosa Luxemburg – Gesammelte Werke, Bd. 5, (1975 [1913]), S. 5-411.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Im zweiten Band von Das Kapital unterscheidet Marx zwischen der Produktion von Produktionsg&#252;tern (Abteilung I) und jener von Konsumg&#252;tern (Abteilung II) (Anm. d. &#220;.).<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Vgl. Sweezys Zusammenfassung von Tugans Positionen in: Sweezy, Paul: Theorie der kapitalistischen Entwicklung. Eine analytische Studie &#252;ber die Prinzipien der Marx’schen Sozial&#246;konomie, Frankfurt/M. (1988 [1942]): Suhrkamp, Frankfurt/M.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Vgl. Sweezys Skizzierung der Debatte in Sweezy: Theorie&#8230;, a.a.O.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Feldmans Modell wurde untersucht und neuformuliert von Evsey Domar. Vgl. Domar: Essays&#8230;, a.a.O., Kap. 9. Dieser Artikel ist paradigmatisch daf&#252;r, wie b&#252;rgerliche WirtschaftswissenschafterInnen von Zeit zu Zeit versuchen von MarxistInnen zu lernen. „Es scheint mir“, so Domar, „dass eine Untersuchung eines Wachstumsmodells auf marxistischer Basis, auch in modifizierter Weise, und eine Darstellung seiner Verbindung zu einem keynesianischen sich als wertvoll erweisen kann. Es k&#246;nnte n&#252;tzlich sein um einige R&#228;tsel der sowjetischen Wirtschaftsgeschichte zu entschl&#252;sseln und ein besseres Verst&#228;ndnis sowjetischer Wirtschaftswissenschaft zu gewinnen. Auch erwachsen daraus einige allgemeine Fragen zur Wirtschaftsentwicklung“, ebd. S. 228.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Tronti, Mario: Arbeiter und Kapital, Frankfurt/M. (1974 [1966]), Verlag Neue Kritik.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Sweezy, Theorie&#8230;, a.a.O.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Mattick, Paul: Marxism and Monopoly Capital, in: Progressive Labor 7/8 (1969), S. 34-49; Ogoy, Mario: The Fall in the Rate of Profit and the Theory of Accumulation, in: Bulletin of the Conference of Socialist Economists II/7 (1973); Yaffe, David: Marxian Theory of Crisis, Capital and the State, in: Bulletin of the Conference of Socialist Economists (1972), S. 5-58.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Roemer, John E.: The Effect of Technical Change on the Real Wage and Marx’s Falling Rate of Profit, in: Australian Economic Papers 17 (30) (1978), S. 152-166; ders.: Continuing Controversy on the Falling Rate of Profit: Fixed Capital and Other Issues, in: Cambridge Journal of Economics 3 (4) (1979), S. 379-398; ders.: Analytical Foundations of Marxian Economic Theory. Cambridge (1981): Cambridge University Press.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Weiskopf, Thomas: Marxian Crisis Theory and the Rate of Profit in the Post-War U.S. Economy, in: Cambridge Journal of Economics, 3 (4) (1979), S. 341-378.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Vgl. Ollman/Vernoff: Left Academy, a.a.O.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Vgl. Okun, Arthur/Perry, George L.: Notes and Numbers on the Profits Squeeze, in: Brookings Papers on Economic Activity 3 (1970), S. 466-473; Nordhaus, William et al.: The Falling Share of Profits, in: Brookings Papers on Economic Activity 1 (1974), 169-217.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Hansen, Alvin: Full Recovery or Stagnation, New York (1938): Norton; ders.: Fiscal Policy and Business Cycles, New York (1941): Norton; Steindl, Josef: Maturity and Stagnation in American Capitalism, Oxford (1952): Blackwell.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Mattick: Marxism&#8230;, a.a.O.; Cogoy: The Fall&#8230;, a.a.O.; Yaffe: Marxian Theories&#8230;, a.a.O.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Sweezy, Paul: Monopoly Capital and the Theory of Value, in: Monthly Review 25 (8) (1974), S. 31-2.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Cleaver verwendet im englischen Original den Begriff „Relative Shares“; seither hat sich die Bezeichnung Profit Squeeze f&#252;r diesen Ansatz der Krisentheorie durchgesetzt, die deshalb auch in dieser &#220;bersetzung verwendet<br />
wird (Anm. d. &#220;.).<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Glyn, Andrew/Sutcliffe, Bob: British Capitalism, Workers and the Profits Squeeze, Harmondsworth (1972): Penguin Books. Deutsch: Die Profitklemme. Arbeitskampf und Kapitalkrise am Beispiel Gro&#223;britanniens. Berlin (1974): Rotbuch.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Boddy, Ray/Crotty, James: Class Conflict and Macro Policy: The Political Business Cycle, in: Review of Radical Political Economics 7 (1) (1975), S. 1-19; Crotty, James/Rapping, Leonard: Class Struggle and Macropolicy, in: American Economic Review (December 1975).<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Cleaver, Harry: Reading Capital Politically, Austin (1979): University of Texas Press.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> F&#252;r weitere Hinweise zu den AutorInnen und Arbeiten, die mit dieser Herangehensweise an Marx assoziiert werden, verweise ich auf die Fu&#223;noten in meiner Einleitung zu Reading Capital Politically, a.a.O.<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu ver&#228;ndern.“, Marx, Karl: Thesen zu Feuerbach, MEW 3, S. 533.<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Negri, Antonio: Marx Beyond Marx, South Hadley, MA (1984): Bergin and Garvey.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Siehe zur Kritik der Kritischen Theorie umfangreicher Cleaver, Harry: Reading&#8230;, a.a.O.<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Cleaver, Harry/Bell, Peter: Marx’s Crisis Theory as a Theory of Class Struggle, in: Research in Political Economy, 5 (1982), S. 189-261.<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Red Notes (1980) und Semiotext(e) (1980) sind beide Sammlungen &#252;bersetzter Artikel des „autonomen“ Fl&#252;gels des italienischen Marxismus. Negri: Marx&#8230;, a.a.O., ist eine &#220;bersetzung seines Buches Marx Oltre Marx, welches aus einer Vorlesungsreihe zu den Grundrissen besteht.</p>
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		<title>Marx an der Uni</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:10:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Bescherer, Peter/Schierhorn, Karin: Hello Marx. Zwischen „Arbeiterfrage“
und sozialer Bewegung heute, Hamburg: VSA-Verlag 2009, 190 Seiten, € 16,30

Das Wiederentstehen und -erstarken einer studentischen Linken im deutschen Sprachraum schl&#228;gt sich nicht nur in Protesten gegen die &#214;konomisierung der Hochschulen (Stichwort: unibrennt) und mehr oder weniger erfolgreichen neuen Organisierungsversuchen an den Unis nieder, sondern auch in einem Lern- und Reflexionsbed&#252;rfnis. Diesem wurde [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Bescherer, Peter/Schierhorn, Karin: Hello Marx. Zwischen „Arbeiterfrage“<br />
und sozialer Bewegung heute, Hamburg: VSA-Verlag 2009, 190 Seiten, € 16,30<br />
<span id="more-1969"></span><br />
Das Wiederentstehen und -erstarken einer studentischen Linken im deutschen Sprachraum schl&#228;gt sich nicht nur in Protesten gegen die &#214;konomisierung der Hochschulen (Stichwort: unibrennt) und mehr oder weniger erfolgreichen neuen Organisierungsversuchen an den Unis nieder, sondern auch in einem Lern- und Reflexionsbed&#252;rfnis. Diesem wurde in den letzten Jahren durch Marx- und andere Lesekreise, Workshops, Konferenzen und Veranstaltungsreihen zu kritischer Gesellschaftstheorie in verschiedener Schattierung Rechnung getragen. Ein sch&#246;nes Beispiel daf&#252;r liegt nun auch in Buchform vor: Hello Marx versammelt ausgearbeitete Vortr&#228;ge, die im Wintersemester 2007/08 an der Universit&#228;t Jena gehalten wurden.<br />
Die HerausgeberInnen, zugleich OrganisatorInnen der Veranstaltungsreihe, legen ihre Motivation in der Einleitung offen: „Deutungsangebote machen, Emp&#246;rung in Kritik transformieren, &#252;ber die Aneignung kritischer Theorie eine Verstetigung des Protests erreichen“ (10). Schon dass Marx (und nicht, sagen wir, Derrida, Habermas oder Rudi Dutschke) zu diesen Zwecken als Referenzautor gew&#228;hlt wurde, kann als ermutigendes Zeichen gelten, wobei die Aufgabe, an diesen anschlie&#223;ende (theorie-) politische Fragen zu er&#246;rtern, von den AutorInnen/Vortragenden recht verschieden interpretiert (und gegebenenfalls auch ver&#228;ndert) wurde. Um den – im Idealfall – kollektiven, debattenorientierten Charakter kritischer, an Marx anschlie&#223;ender Theoriearbeit zu verdeutlichen, wurde den einzelnen Beitr&#228;gen jeweils ein Kommentar zur Seite gestellt, was dem/der LeserIn erlaubt, eine Zweitmeinung einzuholen. Dieses Konzept geht im Band mal besser, mal schlechter auf: die Kommentare wirken manchmal redundant, wenn sie das eben erst Gelesene in eigenen Worten erneut zusammenfassen, bieten zumeist aber kompetente und hilfreiche Erl&#228;uterungen, Erg&#228;nzungen und manchmal auch sehr treffende Kritik. Im besten Fall trifft all dies zusammen, wie bei Margareta Steinr&#252;ckes Kommentar zu den Ausf&#252;hrungen des Cultural Studies-Theoretikers Paul Willis. Drei Beitr&#228;ge sollen hier hervorgehoben werden. Der Band wird durch eine sehr erhellende historische Darstellung der Entwicklung der Marxschen &#214;konomiekritik durch Michael Heinrich er&#246;ffnet. Was auf den ersten Blick wie Pedanterie oder philologische Spitzfindigkeit wirken mag – die Rekonstruktion der einzelnen Arbeits- und Argumentationsschritte in der Entwicklung der Kritik der Politischen &#214;konomie, der Vergleich der Marxschen Entw&#252;rfe und Manuskripte, die zum unvollendeten Hauptwerk „Das Kapital“ f&#252;hrten – wird in Heinrichs H&#228;nden zu einem politischen Argument geformt, oder eigentlich zu deren zwei. Erstens: Wer von der „Marxschen Lehre“ spricht, als w&#228;re diese ein einheitliches System von Lehrs&#228;tzen, unterschl&#228;gt die Reichhaltigkeit und Komplexit&#228;t des Marxschen Denkens – und arbeitet letztlich jenen zu, die Marx mitsamt dem „realsozialistischen“ Projekt auf dem Misthaufen der Geschichte entsorgen wollen. Zweitens: „Wissenschaft und Weltanschauung passen […] gerade nicht so einfach zusammen, wie die Rede von der ‚wissenschaftlichen Weltanschauung‘ suggeriert.“ (18) Erstere stellt (nach Marx’ eigenem Verst&#228;ndnis) die r&#252;cksichtslose Kritik auch ihrer eigenen Ergebnisse ins Zentrum, letztere zielt auf Sinnstiftung, Orientierungsvermittlung und Massenbasis ab. Das Spannungsverh&#228;ltnis zwischen diesen beiden Polen charakterisiert Marx und den Marxismus wesentlich. Die f&#252;r Heinrich charakteristische Tendenz, die Spannung zu Gunsten des Pols der Wissenschaft und Kritik aufzul&#246;sen, und dadurch die notwendige Rolle des Marxismus in der Ausarbeitung eines neuen Alltagsverstands zu untersch&#228;tzen, blitzt zwar an manchen Stellen des Textes auf, das tut der Qualit&#228;t seiner Ausf&#252;hrungen in diesem empfehlenswerten Beitrag jedoch keinen Abbruch. Alex Demirovi&#196; widmet sich in seinem Beitrag, der so etwas wie das konzeptionelle Herzst&#252;ck des Bandes darstellt, den gro&#223;en Begriffen marxistischer Gesellschaftstheorie: dem Staat, den Klassen und deren K&#228;mpfen. Vom griechisch-franz&#246;sischen Staatstheoretiker Nicos Poulantzas &#252;bernimmt er die These, dass wir den Staat weder als Instrument in H&#228;nden einer sich au&#223;erhalb des Staates konstituierenden Klasse, noch als blo&#223;es Ergebnis vielf&#228;ltig aufeinander einwirkender Pluralwillen, und auch nicht als &#252;ber den egoistischen Einzelinteressen schwebendes und diese vers&#246;hnendes „Subjekt“ verstehen sollten. Stattdessen wird der Staat selbst als Verh&#228;ltnis, genauer als Kr&#228;fteverh&#228;ltnis zwischen Klassen und Klassenfraktionen aufgefasst; zugleich ist er ein „materiell verdichtetes“ Verh&#228;ltnis, also eine auf Dauer gestellte, Handlungsroutinen anleitende, mit materiellen Ressourcen und einem b&#252;rokratischen Apparat ausgestattete Struktur. Als solcher ist er nicht einfach „der Staat“, sondern ein kapitalistischer Staat, denn er ist „die Selbstorganisation der b&#252;rgerlichen Klasse und ihrer Fraktionen“ und „erm&#246;glicht […] so die Austragung der Konflikte unter den Fraktionen der b&#252;rgerlichen Klasse um die Strategien der Herrschaftsaus&#252;bung, ohne die Reproduktion der Herrschaft auf erweiterter Stufenleiter zu gef&#228;hrden.“ (70) Grundlage einer materialistischen Staatstheorie ist demnach eine tragf&#228;hige marxistische Theorie der Klassen. Demirovi&#196; gelingt es, auf knappem Raum Umrisse einer solchen dazulegen und dabei nicht nur die grundlegenden Unterschiede zwischen einem an Marx anschlie&#223;enden Klassenbegriff und einer an Max Weber orientierten, soziologischen Klassenbestimmung zu er&#246;rtern, sondern auch die in Teilen der Linken popul&#228;re (und auch in diesem Band von Oliver Marchart vertretene) „postmarxistische“ These von der „Aufl&#246;sung“ der Klassen in eine Vielzahl von Bewegungen und Antagonismen treffend zu kritisieren.<br />
Paul Willis’ &#220;berlegungen zu „kulturellen Waren“, deren kreative und produktive Aneignung durch Jugendliche er als „symbolische Arbeit“ verstanden wissen will, beschlie&#223;en (gemeinsam mit dem erw&#228;hnten Kommentar von Margareta Steinr&#252;cke) den Band. Willis’ Thesen sind herausfordernd, werfen den Blick auf den alltagskulturellen way of life subalterner Jugendlicher und heben sich angenehm vom kulturpessimistischen Lamento Adorno-geschulter VerblendungstheoretikerInnen ab. Sie zeigen aber auch deutlich die Grenzen eines Denkens in Begriffen von „Fetisch“ und„Entfremdung“, das der Cultural Studies- Vertreter mit den alten Herren der Kritischen Theorie letztlich teilt. Wo diese die Entfremdung gerade in der Welt der Kulturindustrie beklagen, setzt jener die Hoffnung in ein ent-fetischisiertes „expressives Selbst“ gerade im Konsum massen- und popkultureller Waren. Der Begriff der „Entfremdung“ wirft jedoch immer die Frage auf, wovon der Mensch entfremdet sein soll, und damit jene nach dem (Gattungs-)„Wesen“ des Menschen, das in einer befreiten (oder „vers&#246;hnten“) Gesellschaft rein und unverf&#228;lscht zur Geltung kommen solle. Wer hier die ultimative Aufforderung des Neoliberalismus, sich endlich „selbst zu verwirklichen“ anklingen h&#246;rt, liegt nicht ganz falsch. Eine anti-essentialistische Position, die das „Wesen“ des Menschen als nichts als das „Ensemble der gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse“ (wie Marx in der 6. Feuerbachthese) begreift, liegt quer zu dieser Problematik. Willis’ sehr dichter, grundlegend-theoretische mit zeitdiagnostischen Argumenten verkn&#252;pfender Text bietet aber allemal anregenden Diskussionsstoff.<br />
Weitere in Hello Marx verhandelte Themen sind die „Praxisgeschichte des Marxismus“ – ein knapper Beitrag von Georg F&#252;lberth, dem der Schock &#252;ber das Ende des Staatskapitalismus, den er Staatssozialismus nennt, noch in den Gliedern zu stecken scheint –, Manuela Bojadžijevs kritische Aufarbeitung des Themenkomplexes „Rassismus und Migration“ in der deutschen Nachkriegslinken, und Oliver Marcharts, die Thesen Ernesto Laclaus und Chantal Mouffes popularisierende Einf&#252;hrung in den „Postmarxismus“.<br />
Die gro&#223;e Leerstelle des Buches – wie die HerausgeberInnen selbst im Vorwort eingestehen – ist die Frage der Geschlechterverh&#228;ltnisse und feministischer Zug&#228;nge zur marxistischen Theorie und Praxis. Dass der dazu eingeladenen Referentin die Ausarbeitung ihres Vortrags zu einem Buchaufsatz nicht m&#246;glich war, ist bedauerlich. Weshalb die HerausgeberInnen keine andere Autorin um einen Beitrag gebeten haben ist jedoch ebenso wenig nachvollziehbar wie die (allerdings nicht den HerausgeberInnen anzulastende) Tatsache, dass bis auf wenige Ausnahmen (Manuela Bojadžijev, teilweise Alex Demirovi&#196;) Geschlechterverh&#228;ltnisse in den vorhandenen Beitr&#228;gen auch dort ignoriert werden, wo sie als „Querschnitt-Thema“ Platz h&#228;tten finden m&#252;ssen.<br />
Insgesamt ist Hello Marx dennoch ein gelungener Band, der auch Anlass zur Hoffnung gibt, dass die ProtagonistInnen des aktuellen Kampfzyklus den (theorie-)politischen Fehlern der 1970er und 1980er entgehen (schlie&#223;lich gibt es noch genug neue zu machen). Machistische Revolutionsromantik ist ihre Sache nicht, intellektuelles Glasperlenspiel ebenso wenig, und das ist gut so.</p>
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		<title>Auf der Suche nach den Subjekten</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Dec 2010 07:42:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Alexander Neumann: Kritische Arbeitssoziologie. Ein Abriss, Stuttgart: Schmetterling Verlag/theorie.org. 2010, 192 Seiten, € 10,30

Mit Kritischer Arbeitssoziologie versucht Alexander Neumann einen Einblick in ein Feld zu geben, das auf Seiten der Linken seit den 1980er Jahren eher negativ konnotiert ist. Da sich viele Studien im Bereich der Industriesoziologie stark an den funktionalistischen Momenten der Organisationssoziologie orientierten und zumeist eher als [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Alexander Neumann: Kritische Arbeitssoziologie. Ein Abriss, Stuttgart: Schmetterling Verlag/theorie.org. 2010, 192 Seiten, € 10,30<br />
<span id="more-1702"></span><br />
Mit <em>Kritischer Arbeitssoziologie</em> versucht Alexander Neumann einen Einblick in ein Feld zu geben, das auf Seiten der Linken seit den 1980er Jahren eher negativ konnotiert ist. Da sich viele Studien im Bereich der Industriesoziologie stark an den funktionalistischen Momenten der Organisationssoziologie orientierten und zumeist eher als Grundlage f&#252;r prozessoptimierende Managementstrategien dienten, werden arbeitssoziologische Ans&#228;tze meist eher zur&#252;ckgewiesen. Neumann versucht mit diesem Buch allerdings aufzuzeigen, dass es innerhalb der soziologischen Arbeitsforschung auch eine andere Tradition gab und gibt.<br />
Anschlie&#223;end an Michael Schumann stellt er zu Beginn des Buches fest, dass der Begriff der Industriesoziologie f&#252;r eine kritische Betrachtung von Arbeit und den darin liegenden gesellschaftlichen Widerspr&#252;chen zu kurz greift und sich der weiter gefasste, aus der franz&#246;sische Tradition kommende Begriff der „sociologie du travail“ (Arbeitssoziologie) viel eher eignet. Hier stehen nicht die industriellen Beziehungen im Zentrum der Analyse, sondern die arbeitenden Subjekte und ihre widerspr&#252;chliche Konstitution im Verwertungsprozess kapitalistischer Akkumulation.<br />
Ausgehend von Karl Marx, Max Weber und Sigmund Freud, die er als theoretische Referenzfolien der unterschiedlichen Str&#228;nge kritischer Arbeitssoziologie ansieht, versucht Neumann die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der deutschen und der franz&#246;sischen Debatte herauszuarbeiten. Deren gemeinsame Ausgangsfrage ist diejenige nach der Widerst&#228;ndigkeit der Subjekte im kapitalistischen Arbeitsprozess. Hier wird von deutscher wie von franz&#246;sischer Seite davon ausgegangen, dass die reale Subsumption der Arbeitskr&#228;fte unter die kapitalistische Profitlogik niemals vollst&#228;ndig vollzogen werden kann und sich die Subjekte immer wieder als widerst&#228;ndige generieren.<br />
Im Gegensatz zu funktionalistischen TheoretikerInnen (wie beispielsweise Lukács) gehen die kritischen ArbeitssoziologInnen laut Neumann allerdings nicht von einem mystifizierten Klassenbewusstsein aus, sondern versuchen festzustellen, wie im Prozess der Subjektkonstitution Momente entstehen, die &#252;ber die Logik kapitalistischer Vergesellschaftung hinausweisen. Neumann pl&#228;diert hier f&#252;r eine Interpretation des Marxschen Werkes, die sich nicht in der Analyse der Kapitallogik ersch&#246;pft, sondern um die Frage nach der M&#246;glichkeit der Konstitution revolution&#228;rer Subjektivit&#228;t erweitert werden muss.<br />
Trotz einer gemeinsamen Ausgangsfrage bezogen sich die franz&#246;sische und deutsche Debatte jeweils auf andere theoretische Ans&#228;tze zur Beantwortung eben dieser. F&#252;r die deutschsprachige Debatte sind laut Neumann die Arbeiten der Kritischen Theorie ma&#223;geblich gewesen. Adorno und Co eigneten sich die Marxschen Kategorien neu an und radikalisierten die Theorie von Weber und Freud. Der Bezug auf Freud stellte sich f&#252;r sie als besonders fruchtbar dar, da mit Hilfe seiner Theorie die Vermittlung von Normen in die Psyche der Menschen erfassbar wurde. Diese psychischen Vermittlungsprozesse sind f&#252;r die Frage nach widerst&#228;ndiger Subjektivit&#228;t besonders zentral. In der Psyche des/der Einzelnen werden nicht nur die gesellschaftlichen Tendenzen positiv oder negativ interpretiert, hier entstehen auch die jeweiligen Strategien der Subjekte. Diese k&#246;nnen auf Integration, aber auch auf Dissidenz ausgerichtet sein. Der Umgang mit &#220;berausbeutung, der Monotonie des Arbeitsalltags oder herrschaftlich formierten Normsetzungen ist stets auch durch die Interpretation der Subjekte bedingt. Ausgehend von diesen Ans&#228;tzen der Kritischen Theorie hat sich der „W&#228;rmestrom“ der deutschsprachigen Arbeitssoziologie &#252;ber die Analyse von Negt und Kluge (in ihrem ber&#252;hmt gewordenen Buch <em>Geschichte und Eigensinn</em>) bis hin zu den Theorien von Alex Demirovi&#196; weiterentwickelt. Im Zuge dieser Entwicklung sei allerdings auch das kritische Erbe von Adorno und Co sukzessive marginalisiert worden, bem&#228;ngelt Neumann.<br />
Trotz einer gemeinsamen Ausgangsfrage bezogen sich die franz&#246;sische und deutsche Debatte jeweils auf andere theoretische Ans&#228;tze zur Beantwortung eben dieser. F&#252;r die deutschsprachige Debatte sind laut Neumann die Arbeiten der Kritischen Theorie ma&#223;geblich gewesen. Adorno und Co eigneten sich die Marxschen Kategorien neu an und radikalisierten die Theorie von Weber und Freud. Der Bezug auf Freud stellte sich f&#252;r sie als besonders fruchtbar dar, da mit Hilfe seiner Theorie die Vermittlung von Normen in die Psyche der Menschen erfassbar wurde. Diese psychischen Vermittlungsprozesse sind f&#252;r die Frage nach widerst&#228;ndiger Subjektivit&#228;t besonders zentral. In der Psyche des/der Einzelnen werden nicht nur die gesellschaftlichen Tendenzen positiv oder negativ interpretiert, hier entstehen auch die jeweiligen Strategien der Subjekte. Diese k&#246;nnen auf Integration, aber auch auf Dissidenz ausgerichtet sein. Der Umgang mit &#220;berausbeutung, der Monotonie des Arbeitsalltags oder herrschaftlich formierten Normsetzungen ist stets auch durch die Interpretation der Subjekte bedingt. Ausgehend von diesen Ans&#228;tzen der Kritischen Theorie hat sich der „W&#228;rmestrom“ der deutschsprachigen Arbeitssoziologie &#252;ber die Analyse von Negt und Kluge (in ihrem ber&#252;hmt gewordenen Buch Geschichte und Eigensinn) bis hin zu den Theorien von Alex Demirovi&#196; weiterentwickelt. Im Zuge dieser Entwicklung sei allerdings auch das kritische Erbe von Adorno und Co sukzessive marginalisiert worden, bem&#228;ngelt Neumann.<br />
Die franz&#246;sische Arbeitssoziologie nahm einen &#228;hnlichen Weg, nur mit anderen theoretischen Grundlagen. Aufbauend auf den Analysen von Vincent Castoriadis und anderen wurde Weber von den Franz&#246;sInnen „gegen den Strich“ gelesen und f&#252;r radikale Theoriebildung operationalisiert. Sowohl Pierre Bourdieu, als auch Alain Touraine sowie Luc Boltanski und Éve Chiapello setzen bei ihren jeweiligen Forschungen an diesen Grundlagen an. Dass insbesondere der Bezug auf Weber nur bedingt sinnvoll ist, zeigt sich laut Neumann an der starken Fokussierung der franz&#246;sischen Arbeitssoziologie auf die Aus&#252;bung von Herrschaft. Die autonomen Widerstandspotentiale der Arbeitssubjekte werden demnach zu wenig beachtet. Neumann schlie&#223;t sein Buch mit &#220;berlegungen zu der Frage, welche Rolle kritische Arbeitssoziologie zu Zeiten der globalen Krise des Kapitalismus einnehmen kann und muss.<br />
Generell kann festgehalten werden, dass das Buch im breiten Feld der Arbeitssoziologie einen guten &#220;berblick &#252;ber, sowie eine wichtige Einf&#252;hrung in die zentralen Theorien bietet. &#220;berblickstexte dieser Art m&#252;ssen naturgem&#228;&#223; immer blinde Flecken zur&#252;cklassen. Der Versuch einer theoriebezogenen Kanonisierung ist sicherlich mit Skepsis aufzunehmen. Der Zusammenhang zwischen tats&#228;chlich stattfindenden Klassenk&#228;mpfen und theoretischen Ans&#228;tzen wird meiner Ansicht nach zu wenig hergestellt. F&#252;r viele der im Buch angef&#252;hrten TheoretikerInnen, waren die Erfahrungen in den Fabriken – nicht die Universit&#228;t – Ausgangspunkt ihrer theoretischen &#220;berlegungen. Besonders deutlich wird dieses Manko in Bezug auf Antonio Negri. Dieser wird beinahe ausnahmslos im Kontext der franz&#246;sischen Debatte verortet und damit sowohl praktisch als auch theoretisch von seinen Wurzeln im italienischen Operaismus abgetrennt. Der starke Bezug auf Deutschland und Frankreich klammert dar&#252;ber hinaus die mannigfaltigen Austauschprozesse zwischen anderen L&#228;ndern aus. So bleiben viele Verbindungen  von Castoriadis zu den holl&#228;ndischen R&#228;tekommunistInnen rund um Pannekoek und anderen der R&#228;tebewegung nahe stehenden AktivistInnen im Dunkeln.<br />
Trotzdem gibt das Buch einen guten Einblick in die unterschiedlichen theoretischen Traditionen der Kritischen Arbeitssoziologie. Besonders f&#252;r den &#246;sterreichischen Kontext ist es sehr wertvoll, da sich hiermit eine M&#246;glichkeit zur Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie er&#246;ffnet, die sich erfrischend von der g&#228;ngigen Debatte abhebt, welche in einem falschen Verst&#228;ndnis des Fetischbegriffs verhaftet zu sein scheint.</p>
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		<title>Radikales Palaver</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Dec 2010 07:32:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
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		<category><![CDATA[kritische Wissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Lindner, Urs/Nowak, J&#246;rg/Paust-Lassen, Pia (Hg.): Philosophieren unter anderen. Beitr&#228;ge zum Palaver der Menschheit. Frieder Otto Wolf zum 65.sten, M&#252;nster: Westf&#228;lisches
Dampfboot 2008, 446 Seiten, € 25,90

Der vorliegende Band ist eine Festschrift zu Frieder Otto Wolfs 65. Geburtstag und wie es sich f&#252;r ein solches Jubil&#228;um geh&#246;rt, hat Philosophieren unter anderen betr&#228;chtlichen Umfang. Denn Frieder Otto Wolf hat in seinem Leben [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Lindner, Urs/Nowak, J&#246;rg/Paust-Lassen, Pia (Hg.): Philosophieren unter anderen. Beitr&#228;ge zum Palaver der Menschheit. Frieder Otto Wolf zum 65.sten, M&#252;nster: Westf&#228;lisches<br />
Dampfboot 2008, 446 Seiten, € 25,90<br />
<span id="more-1700"></span><br />
Der vorliegende Band ist eine Festschrift zu Frieder Otto Wolfs 65. Geburtstag und wie es sich f&#252;r ein solches Jubil&#228;um geh&#246;rt, hat <em>Philosophieren unter anderen</em> betr&#228;chtlichen Umfang. Denn Frieder Otto Wolf hat in seinem Leben so einiges – theoretisch wie praktisch – bewirkt. Aus der 68er-Bewegung kommend, wurde er 1973 Professor der Philosophie an der Freien Universit&#228;t Berlin, wo er, mit Unterbrechungen, bis heute lehrt. In seinem langen Schaffen entfaltete Wolf au&#223;erdem diverse politischemanzipatorische Aktivit&#228;ten: Er gab, um nur einzelne dieser T&#228;tigkeiten zu nennen, die Werke Louis Althussers auf Deutsch heraus und verk&#252;ndete bereits Mitte der 1980er-Jahre, dass die Zukunft des Marxismus nur in einem &#246;kologischen Sozialismus liegen k&#246;nne. Demgem&#228;&#223; sa&#223; Wolf in den 1980er und 1990er-Jahren auch f&#252;r die deutschen Gr&#252;nen im Europaparlament.<br />
Diese Breite im Schaffen Wolfs schl&#228;gt sich auch in der inhaltlichen Vielf&#228;ltigkeit der knapp 450 Seiten z&#228;hlenden Festschrift nieder, obgleich sie um Wolfs zentrales Anliegen des letzten Jahrzehnts zentriert ist: die Radikale Philosophie. <em>Radikale Philosophie</em> findet, laut Wolf, immer schon „unter anderen“, also im Diskurs bzw. „Palaver“ der Menschen, statt. Ihr erkl&#228;rtes Ziel ist es, „den Skandal“ offen zu legen, dass „die unterschiedlichsten philosophischen Linien einerseits das Selbstdenken propagierten und es auch innerhalb der Philosophieform propagieren mussten, sie andererseits aber gerade dieses Selbstdenken zum Instrument einer Selbstunterwerfung umfunktioniert haben.“ Wolfs Absicht ist also nichts Anderes, als philosophisches <em>underlabouring </em>in herrschaftskritischer Absicht zu betreiben. Und so hei&#223;t es auch an anderer Stelle des Sammelbandes, den Begriff des <em>underlabouring </em>konkretisierend: Radikale Philosophie „versucht, &#252;ber das Philosophieren als spezifische T&#228;tigkeit hinaus ein Selberdenken aller zu f&#246;rdern, das vor gelingender Praxis liegt, ohne sie garantieren zu k&#246;nnen.“(380) Selberdenken wiederum ist in allen m&#246;glichen Dom&#228;nen des menschlichen Zusammenlebens gefragt, und so kommt es auch, dass der Radikalen Philosophie ein breites Feld der Bet&#228;tigung offen steht.<br />
Der Ausgangspunkt ist dabei die kritische Theorie Marxens. Davon legt der erste Teil des Bandes, der knapp die H&#228;lfte des Gesamtvolumens einnimmt und mit „Philosophieren im Anschluss an Marx“ betitelt ist, beredtes Zeugnis ab. Auch hier f&#228;llt sofort die thematische Breite der Darlegungen auf, deren einziger gemeinsamer Nenner oftmals nur in einer Bezugnahme auf Wolfs Radikale Philosophie liegt und auch diese ist in manchen Texten, wenn &#252;berhaupt, so nur implizit vorhanden – eine Problematik, auf die wir sp&#228;terhin noch genauer zu sprechen kommen werden. Die inhaltliche Spannweite der Texte reicht in diesem Teil jedenfalls von der wissenschaftstheoretischen Bedeutung des Marxschen Werkes &#252;ber Reflexionen zum Verh&#228;ltnis von Ludwig Wittgenstein zu Pierre Bourdieu bis hin zur politischen Philosophie und Psychoanalyse von Cornelius Castoriadis. Dazwischen werden noch die gesellschaftlichen Naturverh&#228;ltnisse samt ihrer „nat&#252;rlichen Tiefendimension“ (Kate Soper), fr&#252;hb&#252;rgerliche Staatstheorien von Hobbes bis Hume und vieles mehr verhandelt.<br />
Insbesondere und exemplarisch hervorheben m&#246;chte ich aus diesem Teil von <em>Philosophieren unter anderen</em> einen einzelnen Text: ebenjenen von <em>Urs Lindner</em> „zur doppelten wissenschaftsgeschichtlichen Bedeutung von Karl Marx“, so der Untertitel seines Beitrags. Dieser zeichnet sich durch breite Kenntnis neuerer wissenschaftstheoretischer Debatten aus und demonstriert pr&#228;zise, was <em>underlabouring </em>in radikalphilosophischer Absicht auf dem Felde der Philosophie bedeuten kann. Lindner argumentiert n&#228;mlich sehr anschaulich, dass Louis Althussers These vom „epistemologischen Einschnitt“ im Marxschen Schaffen grunds&#228;tzlich modifiziert werden muss. Mit Althusser geht Lindner zwar davon aus, dass es diesen Einschnitt tats&#228;chlich gegeben hat, dass Marx sich also mit den <em>Feuerbachthesen</em> und der <em>deutschen Ideologie</em> 1845 auf den Weg machte von der spekulativen Philosophie seiner Jugendjahre zur Wissenschaftlichkeit seines Sp&#228;twerks – sodann emblematisch zu Tage tretend im <em>Kapital</em>. Lindner geht aber sogleich &#252;ber Althusser hinaus, indem er weitere heuristische Untergliederungen des Marxschen Schaffens einf&#252;hrt und meint, dass Marx sich von 1845 bis 1857 – bis zur Anfertigung der <em>Grundrisse </em>– in einem Prozess der Reifung befunden habe, der schlie&#223;lich zu einem wissenschaftlichen Durchbruch, namentlich der Identifikation des Doppelcharakters der gesellschaftlichen Arbeit, gef&#252;hrt hat und Marx folglich in die Lage versetzte, die kapitalistische Gesellschaft im <em>Kapital </em>von ihrer „Zellform“ (Marx) her aufzurollen. Lindner ist sich dabei der Problematik jedweder Schematisierung durchaus bewusst, wie er sich gleichsam, trotz der Rede von der Reifung, allen teleologischen Obert&#246;nen versagt. Das Marxsche Werk ist und bleibt ein Torso und gerade Lindners Rekurs auf neuere wissenschaftstheoretische &#220;berlegungen macht klar, dass Marx sich wohl selbst nicht so ganz bewusst war, welche ontologischen, epistemologischen und methodologischen Vorannahmen und Setzungen er getroffen hatte (hier ist wiederum <em>underlabouring </em>gefragt, um ebenjene impliziten Pr&#228;missen zu Tage zu f&#246;rdern).<br />
Teil 2 der Festschrift tr&#228;gt die &#220;berschrift „Politik, &#214;konomie, Geschlechterverh&#228;ltnisse“ und verweist damit auf den weitl&#228;ufigen Fokus der <em>underlabouring</em>-T&#228;tigkeit der Radikalen Philosophie, verglichen etwa mit diversen (&#246;konomistischen) Traditionsmarxismen.Auch diesem Teil des Bandes l&#228;sst sich eine bunte Vielfalt an Themen attestieren. Von Fragen queerer Theoriebildung &#252;ber Probleme der sog. Staatsableitung in marxistischen Debatten bis hin zu historischen Skizzen &#252;ber die Durchsetzung des Kapitalismus in England und die Widerst&#228;nde dagegen sind die verhandelten Inhalte wiederum mannigfaltig. So setzt sich etwa <em>Michael Heinrich</em> in Teil 2 mit den „Grenzen des idealen Durchschnitts“, will meinen den Grenzen der dialektischen Darstellungsweise des Marxschen Kapitals in Hinblick auf den Staat auseinander und gibt desgleichen eine &#220;bersicht &#252;ber die versprengten theoretischen Aussagen Marxens &#252;ber den Staat. <em>Ingo Elbe</em> besch&#228;ftigt sich daran anschlie&#223;end mit der Rechts- und Staatstheorie von Nicos Poulantzas und versucht in kritischer Auseinandersetzung mit diesem und im Anschluss an Erkenntnisse der deutschen Staatsableitungsdebatte der 1970er Jahre, die kapitalistische Staatsform zu ergr&#252;nden. Neben diesen enger auf das Marxsche Werk zentrierten Texten behandelt dieser Teil des Bandes zudem weitere Probleme marxistischer Theoriebildung, die nicht allzu oft als solche er&#246;rtert werden. <em>Ingo St&#252;tzle</em> besch&#228;ftigt sich beispielsweise mit der Kategorie der Staatsverschuldung und ihrem Stellenwert in der Kritik der politischen &#214;konomie – ein in Krisenzeiten ausnehmend interessanter Beitrag. Dar&#252;ber hinaus sei aus diesem Abschnitt schlie&#223;lich noch der Text von <em>Pia Paust-Lassen</em> zur Lekt&#252;re empfohlen, welcher sich in sehr innovativer und erkenntnisbringender Art und Weise mit der Relevanz von verschiedenen Formen von Zeitlichkeit f&#252;r &#214;konomie und &#214;kologie auseinandersetzt.<br />
Der letzte Teil von <em>Philosophieren unter anderen</em> ist der „Theorie und Praxis radikaler Philosophie“ im engeren Sinne gewidmet, auch wenn selbst in diesem Teil der Bezug auf Wolfs <em>framework </em>h&#228;ufig nur implizit bleibt. <em>Denis Maeder</em> spricht gegen Ende des Bandes etwa &#252;ber die Zentralit&#228;t des Fragens und Nichtwissens im Gegensatz zur reinen Aussagen- und Satzlogik klassischer (analytischer) Philosophie und <em>Boaventura de Sousa Santos</em> macht sich Gedanken &#252;ber die Kommensurabilit&#228;t verschiedener Wissensformen und pl&#228;diert f&#252;r eine bestimmte standpunktlogische „Epistemologie des S&#252;dens“. Auch in diesem letzten Teil der Festschrift gilt, was schon zuvor aufgefallen war: Es handelt sich um durchwegs interessante Texte, wobei deren Bez&#252;ge zur Radikalen Philosophie oder Wolfs Werk ganz generell &#246;fter unklar bleiben.<br />
Dies leitet auch schon zur eigentlichen Problematik der Festschrift &#252;ber. Selbige ist ohne Zweifel ein sehr lesenswertes Sammelsurium gegenw&#228;rtiger linker Theoriebildung und Emanzipation, die, will sie denn greifen, sich gewiss nur als vermittelte Zusammenschau vieler differenter Perspektiven denken l&#228;sst. Frieder Otto Wolf versucht mit seiner Radikalen Philosophie eine Art gemeinsame Klammer, einen Diskursbogen f&#252;r verschiedene emanzipatorische Ans&#228;tze zu schaffen, sodass sie in Dialog treten und sich schlussendlich gegenseitig theoretisch befruchten k&#246;nnen. Trotz dieses hehren und unterst&#252;tzenswerten Anliegens stellt sich bei der Lekt&#252;re der Festschrift aber die Frage nach der Koh&#228;renz der gesamten (meta-)theoretischen Perspektive. Wollen linke Theoriebildung und emanzipatorische Bewegungen nicht in seichten und zahnlosen Pluralismus abgleiten, so gelte es ebenso, die verschiedenen Ans&#228;tze in produktive Frontstellungen zueinander zu bringen und, wo n&#246;tig, eben auch Gegens&#228;tze zu prononcieren. Genau dies unterbleibt aber im vorliegenden Band &#252;berwiegend. <em>Underlabouring </em>h&#228;tte es genauso zur Aufgabe, die Inkonsistenzen und ideologischen Verschleifungen einzelner Theorien herauszupr&#228;parieren. Nur durch diese Gegens&#228;tze hindurch lie&#223;e sich zu einer pointiert-vermittelten Theorie des Ganzen gelangen. Mit dieser Festschrift ist sicherlich ein erster Schritt getan, verschiedene Theorietraditionen und Positionen in ein produktives Palaver miteinander und auch „unter die anderen“ zu bringen, weitere Schritte zur Sch&#228;rfung der zu Tage tretenden Widerspr&#252;che stehen aber – auch unter dem Schirm der Radikalen Philosophie – noch aus. Denn so befreiend und egalit&#228;r <em>Palaver </em>sein kann als gleichberechtigtes und solidarisches Sprechen unter anderen, die doch Gleiche sind, so schnell kann dieser in die polyphone Kakophonie des <em>Palaverns </em>ausarten, wo es nicht mehr so sehr darum geht, durch die Differenzen hindurch in kritischer Auseinandersetzung zur Wahrheit zu gelangen, sondern, im Gegenteil, die eigene (virtuelle) Befindlichkeit lauthals und &#252;ber alle anderen dr&#252;ber kundzutun.</p>
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		<title>Mechanismen der Ideologie</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Dec 2010 07:11:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezension: Rehmann, Jan: Einf&#252;hrung in die Ideologietheorie, Hamburg: Argument-Verlag 2008, 248 Seiten, € 17,40

Trotz der wiederholten Ausrufung des „Endes der Ideologie“ (Daniel Bell, Francis Fukuyama) sowie der Hegemonie von so genannten „post-ideologischen“ Diskurstheorien in den Sozialwissenschaften gibt es viele politisch wie theoretisch plausible Gr&#252;nde, sich mit der Wirkungsweise von Ideologien zu besch&#228;ftigen. Ein wesentliches Ziel von Jan Rehmanns Einf&#252;hrung in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Rehmann, Jan: Einf&#252;hrung in die Ideologietheorie, Hamburg: Argument-Verlag 2008, 248 Seiten, € 17,40<br />
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Trotz der wiederholten Ausrufung des „Endes der Ideologie“ (Daniel Bell, Francis Fukuyama) sowie der Hegemonie von so genannten „post-ideologischen“ Diskurstheorien in den Sozialwissenschaften gibt es viele politisch wie theoretisch plausible Gr&#252;nde, sich mit der Wirkungsweise von Ideologien zu besch&#228;ftigen. Ein wesentliches Ziel von Jan Rehmanns Einf&#252;hrung in die Ideologietheorie ist es, theoretische Mittel zur Verf&#252;gung zu stellen, um die kulturelle Hegemonie des Neokonservativismus bzw. des Neoliberalismus erkl&#228;ren zu k&#246;nnen – insbesondere die Frage, wie es gelingen konnte, Subalterne dazu zu bewegen, mehr oder minder begeistert f&#252;r Parteien zu stimmen, deren Politik ihren Interessen zuwider lief und zu einem Verlust von kollektiver Handlungsf&#228;higkeit und sozialer Absicherung beitrug. Weiters z&#228;hlt der Autor es zu den Aufgaben von Ideologietheorien, eine hegemonief&#228;hige Strategie demokratisch-sozialistischer Transformationen zu entwickeln.<br />
Rehmann unterteilt die verschiedenen Ideologiekonzeptionen in „Ideologiekritik“ und „Ideologietheorien“, betont aber stets, dass die Trennlinien bei weitem nicht so klar gezogen werden k&#246;nnen, wie dies die VertreterInnen der jeweiligen Position gerne h&#228;tten. Zun&#228;chst referiert er die Geschichte der pr&#228;-marxistischen Ideologiekritik, beginnend mit Destutt de Tracy. Darauf folgt eine ausf&#252;hrliche Darstellung der – durchaus heterogenen – Thesen von Marx und Engels zu Fragen der Ideologie (Kapitel 2). Mittels intensiver und kontextbezogener Lekt&#252;re kann Rehmann einigeoberfl&#228;chliche, aber weit verbreitete Kritiken am Ansatz von Marx und Engels entkr&#228;ften. Er zeigt, dass die Kritik der Ideologie als „notwendig falsches Bewusstsein“ sowie das Bild der Camera obscura und auch die problematischen Metaphern des „Reflexes“ und des „Echos“ keineswegs als passive Bewusstseinspr&#228;gung (naiver Empirismus) verstanden wird, sondern stets auf der These beruhen,dass Ideologien aus dem widerspr&#252;chlichen „historischen Lebensprozess“ der Menschen sowie der Verselbst&#228;ndigung und &#220;berordnung der intellektuellen T&#228;tigkeiten gegen&#252;ber der gesellschaftlichen Produktion hervorgehen. Zentral ist ein Terrainwechsel von einer (Natur-)Wissenschaft der Ideen auf das Gebiet einer Analyse der Widerspr&#252;che der Gesellschaft, ihrer „Selbstzerrissenheit“. Rehmann stellt dabei den durchaus umstrittenen Begriff des „Waren-Fetischismus“ in den Mittelpunkt: „Mit dem ,Fetischcharakter der Ware‘ bezeichnet Marx den Tatbestand, dass in der privatarbeitsteiligen Warenproduktion der gesellschaftliche Zusammenhang der Produzenten nicht bewusst geplant werden kann, sondern sich erst beim Verkauf der Ware und damit im Nachhinein als fremde, ,dingliche‘ Macht hinter ihrem R&#252;cken durchsetzt.“(37) In der Rezeptionsgeschichte der Thesen von Marx und Engels h&#228;tten dann v.a. Lenin und der Marxismus-Leninismus den Ideologiebegriff neutralisiert (Kap. 3), w&#228;hrend Lukács die kritische Ideologiekonzeption in einer Theorie „verdinglichten Bewusstseins“ rehabilitierte. Jedoch habe Lukács die „Verdinglichung“ auf eine Weise totalisiert, dass Apparate und Intellektuelle nicht mehr erforderlich sind und die K&#228;mpfe und Widerspr&#252;che in der Ideologie nicht mehr wahrgenommen werden k&#246;nnen. Horkheimer und Adorno kn&#252;pften an Lukács an, kritisierten aber verschiedene Aspekte, wie etwa das philosophisch &#252;berh&#246;hte Vertrauen in ein revolution&#228;res Proletariat. Zentrale Themen ihres ideologiekritischen Ansatzes bilden die Kritik des Identit&#228;tsdenkens sowie die Konzeption der Kulturindustrie (Kap. 4). Alle diese Ans&#228;tze werden &#252;blicherweise unter dem Label „Ideologiekritik“ verhandelt. Insbesondere gegen ideologiekritische Entlarvungen „falschen Bewusstseins“ werden meist folgende Einw&#228;nde erhoben: sie &#252;bersehen die materiellen Existenzformen des Ideologischen, seine Apparate, Intellektuellen und Praxisformen, die bestimmte ideologische Effekte auf Handlungs- und Denkweisen erzeugen; sie verfehlen die Bedeutung der unbewussten Funktionsweisen von ideologischen Formen und Praxen; und sie verdr&#228;ngen die Hauptaufgabe, die Wirkungsweise der Ideologien zu verstehen und ihrer „Macht &#252;ber die Herzen“ nachzusp&#252;ren, um ihr auf dieser Grundlage ihre Attraktionspunkte entwenden zu k&#246;nnen (12).<br />
Die Ausarbeitung einer „Ideologietheorie“, die diese Probleme und Grenzen des Ansatzes der Ideologiekritik zu &#252;berwinden versucht, begann mit den Werken von Antonio Gramsci und Louis Althusser. Gramsci konzentrierte sich auf die inneren Widerspr&#252;che der Ideologien, der zivilgesellschaftlichen Institutionen und des Alltagsverstands. Rehmann betont die praktische Bedeutung dieser theoretischen Perspektive, da jede eingreifende Politik von unten darauf angewiesen sei, die Widerspr&#252;che im ideologischen Gef&#252;ge und speziell im herrschenden Machtblock zu analysieren, um in sie intervenieren zu k&#246;nnen. Letztlich diente Gramsci der Ideologiebegriff als &#220;bergangskategorie zur Ausarbeitung einer Hegemonietheorie, einschlie&#223;lich seines erweiterten Begriffs des „integralen Staats“. Althusser setzte Gramscis &#220;berlegungen fort und erg&#228;nzte sie um die Konzepte des ideologischen Subjekts, der freiwilligen Unterwerfung (assujettissement) und des Imagin&#228;ren. Diese psychoanalytischen Kategorien erm&#246;glichten ihm, das Ideologische als ein „gelebtes“ Verh&#228;ltnis zu den Existenzbedingungen zu verstehen, es konstitutiv mit dem Unbewussten in Beziehung zu setzen und den dynamischen und aktiven Charakter ideologischer Unterwerfung zu veranschaulichen. Weiters betont Althusser die materielle Existenz von Ideologien in Alltagspraxen, Ritualen und (ideologischen Staats-)Apparaten. Die Integration der lacanschen Psychoanalyse setze, so kritisiert Rehmann, die althussersche Ideologietheorie der Spannung zwischen einem historisch spezifischen Konzept der ideologischen Staatsapparate und einer ungeschichtlich konzipierten „Ideologie im Allgemeinen“ aus – ein Problem, das schlie&#223;lich sogar zur Aufl&#246;sung der „Althusser-Schule“ (es wird nie erkl&#228;rt, wer dies sei) beigetragen haben soll. Rehmann missinterpretiert hier Althusser insofern, als er dessen Thesen &#252;ber die „Ideologie im Allgemeinen“ als substanzielle Aussagen &#252;ber konkrete Ideologien deutet. Althusser hingegen versteht diese Thesen als „begriffliches Minimum“ (dessen Bestimmungen selbstverst&#228;ndlich revidierbar sind), das notwenig ist, um &#252;berhaupt von Ideologie sprechen zu k&#246;nnen. Diese Missinterpretation verweist auch auf eine offenbar un&#252;berwindbare Differenz zwischen Psychoanalyse und Kritischer Psychologie (nach Klaus Holzkamp). Rehmann geht z.B. mit Holzkamp davon aus, dass in einer herrschaftsfreien Gesellschaft die menschliche Psyche ohne Unbewusstes auskommen k&#246;nne, w&#228;hrend Althusser genau dies in seiner Ideologietheorie bestreitet. Zu kurz kommt in Rehmanns Darstellung ein grunds&#228;tzliches Anliegen der Althusserschen ideologietheorie: der Versuch der wissenschaftlichen Erkl&#228;rung der Mechanismen von Ideologie (Anrufung, verkennende Wiedererkennung), relativ autonomer Mechanismen, die nicht auf die gesellschaftlichen Herrschaftsverh&#228;ltnisse reduzierbar sind. Selbstverst&#228;ndlich kritisiert Althusser – so wie auch Stuart Hall – alle Ideologien, die Marx, Engels oder die Kritische Theorie ebenfalls kritisierten. Zugleich aber versuchen sie Vorstellungen einer „Reinheit“ bestimmter gesellschaftlicher Bereiche oder gesellschaftlicher Gruppen zu kritisieren – bzw. positiv formuliert: deren konstitutive Verwobenheit in ideologische Verh&#228;ltnisse zu denken, ohne sie darauf zu reduzieren. Dies bedeutet eine Aufforderung zu einem politischen Handeln ohne Garantien und zur st&#228;ndigen Selbstreflexion aller emanzipatorischen Bewegungen.<br />
Rehmann konstruiert weiters eine theoretische Kontinuit&#228;t zwischen der „Althusser-Schule“ und poststrukturalistischen Diskurstheorien bzw. der Postmoderne: Der „Althusserianismus“ habe der postmodernen &#220;bernahme seiner zentralen Kategorien kaum etwas entgegenzusetzen, da er insbesondere durch einen „theoretischen Antihumanismus“ gel&#228;hmt sei – also die theoretische Forderung, dass nicht „der Mensch“ (wie entfremdet, verdinglicht und in Fetischismen verfangen auch immer), sondern die gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse und K&#228;mpfe die Grundkategorien einer materialistischen Geschichtstheorie sein sollten. Der Autor bezieht sich hier insbesondere auf die poststrukturalistischen Ans&#228;tze von Foucault, Laclau und Mouffe, da diese die Ideologie ihres kritischen Stachels beraubt, neutralisiert und durch den Diskursbegriff ersetzt h&#228;tten (134ff). Die Weiterentwicklungen der Althusserschen Thesen durch Michel Pecheuxs materialistische Diskursanalyse zeigen hingegen, dass eine konsistente Verkn&#252;pfung von Diskurs- und Ideologietheorien durchaus m&#246;glich ist. Im &#220;brigen reduzieren weder Althusser noch Pêcheux das Gesellschaftliche auf Diskurse.<br />
Ein zentrales Problem in Althussers Ansatz sieht Rehmann schlie&#223;lich darin, dass die Analyse der Widerspr&#252;che und K&#228;mpfe im Ideologischen zugunsten der Funktion der Herrschaftsstabilisierung vernachl&#228;ssigt wurden und somit weder die Entstehung noch die Wirkungsweisen von Widerstand erkl&#228;rt werden k&#246;nnten. Althussers Modell m&#252;sse daher dialektisiert werden, um Widerspr&#252;che denken zu k&#246;nnen. Das Projekt Ideologietheorie (PIT) um Wolfgang F. Haug kn&#252;pft an den „kritischen Ideologiebegriff bei Marx und Engels“ sowie an Gramsci und Althusser an. Das Ideologische bezeichnet hier die Grundstruktur ideologischer M&#228;chte „&#252;ber“ der Gesellschaft und damit den Wirkungszusammenhang einer „entfremdeten Vergesellschaftung-von-oben“. Es wird prim&#228;r an den Funktionsweisen der Hegemonialapparate, ideologischer M&#228;chte und Praxisformen festgemacht, die das Selbst- und Weltverh&#228;ltnis der Individuen organisieren. Der Ansatz des PIT versteht sich nicht nur als ideologietheoretisch, sondern zugleich als ideologiekritisch, da er die ideologischen M&#228;chte, Apparate und Praxisformen „grunds&#228;tzlich vom Standpunkt einer klassenlosen und herrschaftsfreien Gesellschaft betrachtet.“(153) Er wird sowohl dem entfremdeten Charakter als auch der materiellen Existenzweise der Ideologie gerecht, verbindet beide Str&#228;nge organisch miteinander und behebt damit das „Dilemma“ der bisherigen Forschungsans&#228;tze. Als Gegenbegriff zum Ideologischen entwirft das PIT – und Rehmann folgt ihm hierbei – die Perspektive einer Selbstvergesellschaftung der Menschen im Sinne einer gemeinschaftlich-konsensuellen Kontrolle der gesellschaftlichen Lebensbedingungen. Eine kritische Gesellschaftstheorie m&#252;sse sich auch f&#252;r die vielf&#228;ltigen „horizontalen“ Vergesellschaftungsformen (Erfahrungen der Kooperation und Solidarit&#228;t) interessieren, in denen die Individuen ihr Zusammenleben ohne Dazwischenkunft &#252;bergeordneter ideologischer Instanzen regeln und entsprechende soziale Erfahrungen und Kompetenzen entwickeln. Im Alltagshandeln werden, so das PIT, das Ideologische, das Kulturelle, die horizontale Selbstvergesellschaftung und das Proto-Ideologische widerspr&#252;chlich miteinander verkn&#252;pft. Zur Bestimmung des Proto-Ideologischen verbindet Rehmann die Warenfetischismus-These mit Marxens Bemerkung &#252;ber den „stummen Zwang der &#246;konomischen Verh&#228;ltnisse“, d.h. der Unterstellung, dass das kapitalistische System im Normalfall ohne Anwendung von „au&#223;er&#246;konomischer, unmittelbarer Gewalt“ auskomme, weil die Arbeiterklasse die Anforderungen der kapitalistischen Produktionsweise als „selbstverst&#228;ndliche Naturgesetze“ anerkenne. Damit gelangt er zum (Fehl-?)Schluss, die im &#246;konomischen Feld produzierten „objektiven Gedankenformen“ nicht als Ideologien zu verstehen, sondern als Rohmaterial, das erst dann von den Ideologien – die ausschlie&#223;lich im Staat verortet werden – bearbeitet werde. „Offenbar stellt dieser ,stumme Zwang‘ bereits die Weichen f&#252;r die ideologische Unterstellung unter die b&#252;rgerliche Herrschaft, bevor die Ideologien anfangen, wortreich &#252;ber ihn zu reden oder ihn angestrengt zu verschweigen, ihn zu rechtfertigen oder abzuleugnen.“(43) Auf Althussers Kritik (in seinem Text Marx in his limits) der marxschen Fetischanalysen als „vormarxistisches Relikt der Entfremdungstheorie“ geht Rehmann dabei leider nicht ausf&#252;hrlicher ein. Er kritisiert schlie&#223;lich auch Gramsci und Foucault, weil sie nicht von „Entfremdungen und Fetischisierungen“ schreiben. Doch sind es nicht gerade diese beiden totalisierenden Kategorien (&#252;berh&#246;ht nur mehr durch „Verdinglichung“), welche eine konkrete Analyse historisch-sozialr&#228;umlich realer Situationen und Zusammenh&#228;nge – auf die es Rehmann doch zentral ankommt – be- und verhindern? Zwar sind sie Ausdruck herrschaftskritischer Intentionen, der pr&#228;zisen Analyse scheinen sie aber nicht dienlich zu sein.<br />
In den abschlie&#223;enden drei Kapiteln des Buches werden die erarbeiteten ideologietheoretischen Instrumentarien am weltweit hegemonialen Neoliberalismus erprobt, u.a. an den Thesen von Friedrich A. Hayek sowie an Texten der governmentality studies: Rehmann versucht zu zeigen, dass die neoliberale Aktivierungsrhetorik der Managementliteratur von den governmentality studies „nur einf&#252;hlsam nacherz&#228;hlt und theoretisch verdoppelt“ werde (210). Allerdings w&#252;rde Foucaults Konzept der Gouvernementalit&#228;t durchaus wertvolle Anregungen bieten, wenn es mit konkreten Analysen realer Herrschaftsverh&#228;ltnisse bzw. gesellschaftlicher Spaltungen verbunden werde.<br />
Jan Rehmanns Einf&#252;hrung in die Ideologietheorie besticht durch einen kompakten und kenntnisreichen &#220;berblick &#252;ber zentrale Ans&#228;tze der Ideologiekritik und der Ideologietheorie, in deren Mittelpunkt die umfassende Analyse von Herrschaftsverh&#228;ltnissen sowie die Perspektive einer herrschaftsfreien Gesellschaft stehen. Auch aufgrund des Vorschlags, die innovativen Argumente der durchaus unterschiedlichen Ans&#228;tze zu verkn&#252;pfen, stellt dieses Buch eine ausgezeichnete Basis f&#252;r weiterf&#252;hrende Diskussionen dar.</p>
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		<title>Kritische Soziologie reloaded</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Dec 2010 07:01:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezension: D&#246;rre, Klaus/Lessenich, Stephan/Rosa, Hartmut: Soziologie – Kapitalismus – Kritik. Eine Debatte, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2010, 327 Seiten, € 12,40

Nachdem viele namhafte SoziologInnen Mitte der 1980er Jahre das „Ende der Klassengesellschaft“ postuliert und damit der Soziologie ihr gesellschaftskritisches Potential systematisch entzogen hatten, schenkten linke Kr&#228;fte der (deutschsprachigen) soziologischen Forschung und Theoriebildung in den letzten Jahren kaum mehr Beachtung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: D&#246;rre, Klaus/Lessenich, Stephan/Rosa, Hartmut: Soziologie – Kapitalismus – Kritik. Eine Debatte, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2010, 327 Seiten, € 12,40<br />
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Nachdem viele namhafte SoziologInnen Mitte der 1980er Jahre das „Ende der Klassengesellschaft“ postuliert und damit der Soziologie ihr gesellschaftskritisches Potential systematisch entzogen hatten, schenkten linke Kr&#228;fte der (deutschsprachigen) soziologischen Forschung und Theoriebildung in den letzten Jahren kaum mehr Beachtung und betrachteten sie als empirizistische Handlanger neoliberaler Politik. In den letzten Jahren scheint demgegen&#252;ber die kritische Gesellschaftsforschung wieder zunehmend an Einfluss in der Soziologie zu gewinnen. Einzelne SoziologInnen, aber auch ganze Institute verschreiben sich neuerdings einer „kritischen Theorietradition“.<br />
Als ein Versuch, diesen Trend zur Wiederkehr kritischer Soziologie zu verst&#228;rken, kann die in Buchform gebrachte Debatte der Jenaer Soziologen Klaus D&#246;rre, Stephan Lessenich und Hartmut Rosa verstanden werden. So lautet das hochgesteckte Ziel der drei Autoren, die „R&#252;ckkehr der Kritik in die Soziologie“ (12) zu forcieren. Die Methode, die D&#246;rre, Lessenich und Rosa daf&#252;r w&#228;hlen, ist innovativ: Das „diskursive Prinzip dialogischer Wissensentwicklung“ (13) gibt im ersten Teil des Buches jedem Autor knapp 50 Seiten Spielraum, um die eigenen Positionen darzulegen. Im zweiten Teil kritisieren die Autoren die Konzepte der jeweils anderen und der dritte Teil gibt Gelegenheit, auf die Kritik einzugehen bzw. die eigenen Position noch klarer darzustellen.<br />
Eine kritische Soziologie muss sich in erster Linie mit den Urspr&#252;ngen und Spezifika des Kapitalismus auseinandersetzen, um die Krisenhaftigkeit dieses Systems analysieren zu k&#246;nnen. Hinsichtlich ihres kapitalismustheoretischen Grundverst&#228;ndnisses unterscheiden sich die drei Jenaer Soziologen allerdings massiv: Klaus D&#246;rre betont insbesondere die verschiedenen Formen kapitalistischer Landnahme (21), Stephan Lessenich weist auf die Rolle von Aktivierungsprozessen hin (126) und Hartmut Rosa sieht im modernen Kapitalismus vorwiegend eine Beschleunigungsmaschine (87). Aufgrund dieser h&#246;chst unterschiedlichen Konzepte haben die drei Autoren nat&#252;rlich auch unterschiedliche Einsch&#228;tzungen bez&#252;glich der Folgen kapitalistischer Vergesellschaftungsprozesse.<br />
In Anschluss an Rosa Luxemburg, Hannah Arendt und David Harvey ist f&#252;r Klaus D&#246;rre der Kapitalismus nur durch seine F&#228;higkeit zur Landnahme lebensf&#228;hig, das hei&#223;t durch seine Gabe, sich immer auf ein „Au&#223;en“ beziehen und dieses teilweise selbst mitproduzieren zu k&#246;nnen (42). Jede kapitalistische Phase sei durch eine bestimmte Form der Landnahme gekennzeichnet, so seit den 1970er Jahren auch der Finanzmarktkapitalismus durch seine finanzgetriebene Landnahme. Letztere zeichnet sich D&#246;rre zufolge dadurch aus, dass marktbegrenzende Institutionen (die fr&#252;her das „Au&#223;en“ kapitalistischer Gesellschaften bildeten) zunehmend geschw&#228;cht, ausgeh&#246;hlt und Teil von Landnahmeprozessen werden. Das neue „finanzdominierte Akkumulationsregime“ (57) wirke sich verheerend auf die Gesellschaft aus: die Trennung zwischen Privatem und Arbeit wird im flexiblen Kapitalismus zunehmend aufgeweicht, konkurrenzbasierte Regulationsdispositive setzen sich durch; das Tarifsystem erodiert, prek&#228;re Arbeitsverh&#228;ltnisse h&#246;hlen Kollektivvereinbarungen aus und mithilfe des Shareholder Value k&#246;nnen marktzentrierte Steuerungsans&#228;tze &#252;ber (inner-) betriebliche Angelegenheiten bestimmen. Auch Finanzkrisen w&#252;rden zum „Modus operandi der neuen Landnahme“ (69) geh&#246;ren. Durch intransparente Finanzprodukte und -risiken, weltwirtschaftliche Ungleichgewichte und der (damit einhergehenden) zunehmenden Notwendigkeit eines Staatsinterventionismus habe sich das finanzmarktkapitalistische System selbst instabil gemacht und sto&#223;e an „immanente Grenzen“ (81). Diese selbstgeschaffenen Widerspr&#252;che offenbaren f&#252;r D&#246;rre die Chance auf Wandel – die subalternen Gruppen m&#252;ssten diese Krisen des Finanzmarktkapitalismus nur erkennen, ihre Angst vor sozialem Abstieg abbauen und f&#252;r eine andere Gesellschaftsform k&#228;mpfen. Die Wahrscheinlichkeit einer solchen progressiven Entwicklung sch&#228;tzt der Soziologe allerdings als sehr gering ein. Da es an einem „glaubw&#252;rdigen, &#252;berw&#246;lbenden, emanzipatorischen Projekt“ (82) fehle, werde es wohl nichts mit dem Klassenkampf in n&#228;chster Zeit. Daher m&#252;sse sich die Soziologie, so argumentiert D&#246;rre n&#252;chtern, f&#252;r eine innerkapitalistische Alternative einsetzen: den &#246;kologischen New Deal (83).<br />
Anders als Klaus D&#246;rre, der sich in seinen Analysen am wenigsten von der marxistischen politischen &#214;konomie entfernt, lehnt sich Harmut Rosa in seinen Positionen eher an Max Weber an. Rosa sieht das „gute Leben“ (87) aller Menschen aufgrund des Wachstumsprinzips und der Beschleunigungslogik kapitalistischer Akkumulationsprozesse in Gefahr. Das Tempo sozialen Wandels beschleunige sich konstant – die Folge w&#228;re der Verlust von „in der „klassischen Moderne“ gewonnenen Gestaltungs-, Entwicklungs- und […] Autonomieanspr&#252;chen“ (109). Der flexible Mensch sei politisch ohnm&#228;chtig, m&#252;sse sich permanent anpassen und sich mit einer „situativen Identit&#228;t“ (110) zufrieden geben. Auch die Politik habe kaum mehr Handlungsspielr&#228;ume. Anstelle einer Interessenspolitik werde daher immer mehr auf die „Strategie des ,muddling through‘“ (109) gesetzt. Da die Sozialwissenschaften und die politischen Akteure die Widerspr&#252;che innerhalb des Kapitalismus – also die „Spaltungen, Spannungen und Trennungen zwischen Klassen“ (97/98) – jahrzehntelang &#252;berbetonten, konnte der Kapitalismus, so Rosa, bisher nie an seiner „ethischen Wurzel“ (125) gepackt werden. Aufgabe einer kritischen Soziologie w&#228;re es demnach, aufzuzeigen, dass der Kapitalismus „Profiteure und Gewinner nur ungl&#252;cklich machen kann, weil [er] all ihre […] Energien […] dem Kampf um die Aufrechterhaltung der Wettbewerbsf&#228;higkeit“ (125) unterwerfe. Stephan Lessenich besch&#228;ftigt sich als einziger der drei Soziologen vorwiegend mit der Rolle des Staates im kapitalistischen System. Er stellt die These in den Raum, dass der moderne Kapitalismus weder mit, noch ohne (Wohlfahrts-)Staat lebensf&#228;hig w&#228;re (141). Aufbauend auf Carl Offes „Theorie des Sp&#228;tkapitalismus“ untersucht Lessenich die ver&#228;nderte Rolle des Staates im „postindustriellen“ Kapitalismus. Dieser sei in „einer zwiesp&#228;ltigen, dilemmatischen Kommunikationssituation“ (149), da er den „kapitalistischen Erfordernissen und demokratischen Forderungen gleicherma&#223;en gerecht“ (149) werden m&#252;sse. Folge w&#228;re – und hier argumentiert Lessenich mit Foucault – nicht nur eine &#214;konomisierung, sondern auch eine Subjektivierung des Sozialen, d.h. „die Sorge um das Soziale, seine Sicherung und St&#228;rkung, wird in die Verantwortung der Subjekte gelegt.“(166) Der Staat ziehe sich zunehmend zur&#252;ck. Gesellschaftliche Inklusion w&#252;rde nicht mehr gef&#246;rdert, sondern nur mehr Ma&#223;nahmen gegen drastische Formen der Exklusion gesetzt. Neue soziale Spaltungen zwischen Inkludierten (Mehrheitsgesellschaft) und Exkludierten (Angeh&#246;rige der „Unterschicht“, illegale MigrantInnen) w&#228;ren die Folge. Nur wenn diese &#252;berwunden w&#252;rden und sich „die als Aktivb&#252;rger gedachten Subjekte“ (174) der Aktivgesellschaft und ihrer eigenen Rolle bewusst w&#252;rden, k&#246;nnte diese Form kapitalistischer Vergesellschaftung &#252;berwunden werden. Ziel einer kritischen Soziologie muss es nach Lessenich daher sein, die Subjekte &#252;ber die Urspr&#252;nge und Bedingungen dieser Aktivgesellschaft aufzukl&#228;ren.<br />
Hier ist nicht der Raum, auf die Kritiken einzugehen, welche die Autoren aneinander &#252;ben. Einige relevante Punkte seien jedoch genannt: So sehr Harmut Rosas Analyse von der „Beschleunigungsmaschine Kapitalismus“ stimmen mag, so unbrauchbar ist seine Position f&#252;r eine linke Kritik am kapitalistischen System. Rosas Blindheit gegen&#252;ber jeglichen sozialstrukturellen Differenzierungen &#228;hnelt stark Ulrich Becks These der „Individualisierung sozialer Risiken“. Auch wenn der Kuchen des Kapitalismus, wie Rosa betont, an sich giftig ist (268), so macht es eben doch einen Unterschied, wer davon wie viel isst und wer aus welchen Gr&#252;nden beschlie&#223;t, einen neuen Kuchen zu backen. Stephan Lessenichs Versuch einer Integration polit-&#246;konomischer Ans&#228;tze und foucaultianischer Subjektivierungstheorien ist ebenfalls nicht ganz gl&#252;cklich. Statt Struktur- und Akteursebene zu verbinden, werden &#246;konomische Prozesse und subjektive Handlungsmuster getrennt dargestellt. Die Rolle des Staates (welches eigentlich?) als intermedi&#228;re Instanz bleibt ebenso diffus. Auch Klaus D&#246;rre bleibt in seiner Position hinter den Erwartungen eines kritischen Geistes zur&#252;ck. Zwar ist seine Analyse polit&#246;konomisch durchaus fundiert, doch sind die politischen Konsequenzen, die er zieht, sehr z&#246;gerlich. Ein Green New Deal m&#252;sse her; jegliche andere Form dekommodifizierter Gesellschaft w&#228;re utopisch.<br />
Trotz aller Kritik an den Ans&#228;tzen ist die Initiative D&#246;rres, Lessenichs und Rosas absolut unterst&#252;tzenswert. Wenn „Soziologie &#8211; Kapitalismus &#8211; Kritik“ auch nicht der Weisheit letzter Schluss ist, so l&#228;sst es zumindest das kritische SoziologInnenherz ein wenig h&#246;her schlagen.</p>
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		<title>Vom Aufstieg und Fall der Profitrate</title>
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		<pubDate>Thu, 09 Dec 2010 06:45:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Krisen ersch&#252;ttern nicht nur das Wirtschaftsleben, sondern er&#246;ffnen immer auch die M&#246;glichkeit f&#252;r eine Kritik an den Grundz&#252;gen des anerkannten Wirtschaftsverst&#228;ndnisses und der kapitalistischen Logik. Philipp Probst stellt im ersten Teil unserer neuen Serie zu marxistischen Krisentheorien b&#252;rgerlichen Analysen eine marxistische Sichtweise  entgegen.

Im November 2009 fuhren die Chefs der f&#252;hrenden amerikanischen Automobilkonzerne nach Washington D.C. um vom US-Senat finanzielle [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Krisen ersch&#252;ttern nicht nur das Wirtschaftsleben, sondern er&#246;ffnen immer auch die M&#246;glichkeit f&#252;r eine Kritik an den Grundz&#252;gen des anerkannten Wirtschaftsverst&#228;ndnisses und der kapitalistischen Logik. <em>Philipp Probst</em> stellt im ersten Teil unserer neuen Serie zu marxistischen Krisentheorien b&#252;rgerlichen Analysen eine marxistische Sichtweise  entgegen.<br />
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Im November 2009 fuhren die Chefs der f&#252;hrenden amerikanischen Automobilkonzerne nach Washington D.C. um vom US-Senat finanzielle Mittel und Unterst&#252;tzung zu erbitten. Die „Drei Gro&#223;en“ der US-Autoindustrie (<em>Ford, General Motors</em> und<em> Chrysler</em>) waren angeschlagen und mussten vor dem Bankrott gerettet werden. Nach der Rettung von Immobilienbanken und Versicherungsunternehmen wie <em>Northern Rock, Fannie Mae und Freddy Mac</em>, bedeutete die Unterst&#252;tzung der Autoindustrie den n&#228;chsten riesigen <em>bailout </em>gro&#223;er Konzerne mittels Subventionen in Milliardenh&#246;he. Die Krise, die zun&#228;chst als Finanz- und Bankenkrise begonnen hatte, weitete sich nicht nur global aus. Auch in der „Realwirtschaft“ zeigten sich deutliche Instabilit&#228;ten. W&#228;hrend st&#228;ndig Versuche unternommen wurden, die Auswirkungen der Krise f&#252;r die Kapitalseite abzumildern, zeichneten sich immer gr&#246;&#223;ere Br&#252;che im „selbstregulierenden“ kapitalistischen System ab.<br />
Eine Frage liegt auf der Hand: Warum haben professionelle WirtschaftsforscherInnen – diejenigen, die in Zeiten des Aufschwung nicht m&#252;de wurden, die positiven Seiten der kapitalistischen Marktwirtschaft und die Kreativit&#228;t neuer Finanzinnovationen anzupreisen – diese Krise nicht vorhergesehen oder zumindest gegenwirkende Ma&#223;nahmen parat gehabt? Der ehemalige Chef der <em>Federal Reserve</em> Alan Greenspan gab vor dem US-Senat offen zu, dass er „noch immer nicht ganz wisse, was falsch gelaufen ist, in den, wie wir glaubten, selbstregulierenden M&#228;rkten.“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Als selbst Queen Elizabeth II. diese Frage stellte, sahen sich WirtschaftswissenschaftlerInnen gen&#246;tigt, zu antworten. Nach monatelangen intensiven Diskussionen, Analysen und Beratungen mit ExpertInnen aus den unterschiedlichsten Bereichen gestanden sie in einem offenen Brief an die Queen ein, dass sie ein „systemisches Risiko“ aus dem Blick verloren und verdr&#228;ngt hatten. Worin dieses „systemische Risiko“ bestehe, wurde nicht n&#228;her ausgef&#252;hrt.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a><br />
Dass b&#252;rgerliche Wirtschaftstheorien keine besseren Krisentheorien vorweisen k&#246;nnen, mag verwundern. Schlie&#223;lich ist die Geschichte des Kapitalismus so sehr von kontinuierlich wiederkehrenden Krisen gepr&#228;gt, dass Trotzki zum Schluss kam, dass „Kapitalismus von Krisen und Aufschwung lebt, wie Menschen vom Ein- und Ausatmen.“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Neben den gro&#223;en globalen Depressionen der 1870er, 1930er und der Krise der 1970er wurden seit den 1990ern Japan, der s&#252;dostasiatische Raum, Russland, die Americas und Europa von Krisen ersch&#252;ttert.<br />
Doch kaum scheint eine Krise &#252;berwunden, verwischen auch die Erinnerungen daran; ein neuer Aufschwung beginnt, begleitet von Lobges&#228;ngen auf die Versprechungen des Marktes. Diese Vergesslichkeit ist kein Zufall, sondern verweist auf die Grundlagen der b&#252;rgerlichen Wirtschaftstheorien, die von einem Gleichgewicht und der Stabilit&#228;t in der kapitalistischen Wirtschaftweise ausgehen. Krisen haben darin h&#246;chstens als Ausnahmef&#228;lle einen Platz.<br />
Politisch ist dies deshalb relevant, weil nicht nur neoliberale Ma&#223;nahmen zur Krisenbek&#228;mpfung mit Sparpaketen und Privatisierungen sich auf Varianten einer b&#252;rgerlichen &#214;konomik st&#252;tzen. Von linker Seite werden Strategien gegen die Krise an bestimmte, h&#228;ufig keynesianistische, Wirtschaftsanalysen gekn&#252;pft und die Hoffnung in besser regulierte Banken- und Finanzsysteme, neue (Green) New Deals und die Ankurbelung des Konsums durch Staatsausgaben gesetzt. Der Glaube an einen an sich funktionierenden Markt – reguliert oder unreguliert – bleibt erhalten und verstellt die M&#246;glichkeit einer revolution&#228;ren Perspektive. Eine genaue Untersuchung der Ursachen kapitalistischer Krisentendenzen ist deshalb f&#252;r politische Strategien und Taktiken zentral.<br />
Mit einer Serie zur marxistischen Krisentheorie versuchen wir – gegen b&#252;rgerliche Erkl&#228;rungsans&#228;tze – die inh&#228;rente Instabilit&#228;t der kapitalistischen Produktionsweise zu analysieren, aus der die unterschiedlichen Umbr&#252;che resultieren. Um im weiteren Verlauf der Serie reale Krisenabl&#228;ufe nachvollziehen zu k&#246;nnen, m&#252;ssen wir uns in einem ersten Schritt ein theoretisches Grundger&#252;st erarbeiten. Weil dies nur auf einem sehr hohen Abstraktionsniveau m&#246;glich ist, auf dem z. B. der Staat zun&#228;chst noch ausgeblendet bleiben muss, m&#246;gen die folgenden Ausf&#252;hrungen manchmal m&#252;hsam wirken. Sie sind jedoch die notwendige Voraussetzung f&#252;r ein grundlegendes Verst&#228;ndnis kapitalistischer (Krisen-)Dynamik.</p>
<p><strong>B&#252;rgerliche Krisentheorien…</strong><br />
Grob k&#246;nnen zwei b&#252;rgerliche Wirtschaftstheorien unterschieden werden, die je nach Konjunktur mehr oder weniger viele Anh&#228;ngerInnen finden<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>: die <em>neoklassische </em>und die keynesianistische Theorie. F&#252;r die neoklassische Theorie sind Angebot und Nachfrage die regulierenden Mechanismen zur Schaffung eines Gleichgewichts. &#220;ber diese Marktmechanismen wird eine effiziente und optimale Allokation von Ressourcen (Geld, nat&#252;rliche Ressourcen, Zwischenprodukte und Konsumg&#252;ter) herbeigef&#252;hrt. Zentral f&#252;r diesen Zugang ist das Gesetz von Jean Baptiste Say, einem der ber&#252;hmtesten klassischen &#214;konomen. Dieses besagt, dass jeder Verkauf auch einen Kauf bedeutet, also das „Angebot seine eigene Nachfrage erzeugt.“ Generelle &#220;berproduktionen und Absatzschwierigkeiten kann es demnach nicht geben, weil &#252;ber Preismechanismen Angebot und Nachfrage und damit Produktion und Konsumption geregelt und in ein Gleichgewicht gebracht werden. Die (vollst&#228;ndige) Konkurrenz zwischen Einzelkapitalien sichert, dass die Preismechanismen richtige Signale senden. Die ausgleichende Wirkung von Angebot und Nachfrage mag zwar in der Realit&#228;t immer wieder kurz gest&#246;rt sein, weil Preissignale nicht sofort wirken. Dieser „leichte Wind auf einem ruhigen See“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> , so der &#214;konom Walras, habe aber nichts mit gr&#246;beren Unterbrechungen des Wirtschaftstreibens zu tun. Daraus wird das Argument abgeleitet, dass Krisen nicht inneren Widerspr&#252;chen der kapitalistischen Produktionsweise entspringen, sondern Ergebnis &#228;u&#223;erer Einfl&#252;sse sind. Die Reihe der angef&#252;hrten &#228;u&#223;eren Einfl&#252;sse reicht dabei von abstrusen Thesen, wie dem Einfluss von Sonnenflecken oder dem hormonellen Adrenalin&#252;berschuss von Finanzspekulanten<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> [sic!] bis zu den klassischen Argumenten, dass Regulierungen durch den Staat oder Monopolstellungen den freien Zugang zu M&#228;rkten und deren selbstregulierende Mechanismen behindern.<br />
Die traditionelle <em>keynesianistische </em>Sichtweise unterscheidet sich nicht stark von der Neoklassik und wird mittlerweile als Teil der orthodoxen Lehre anerkannt. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass Keynes nicht von <em>einem </em>m&#246;glichen Gleichgewicht ausgeht, sondern von mehreren Gleichgewichtszust&#228;nden. So wie es ein Niveau mit Vollbesch&#228;ftigung und Wohlstand gibt, kann demnach auch ein Zustand hoher Arbeitslosigkeit und Stagnation bestehen. Die Aufgabe des Staates ist es, durch gezielte Ma&#223;nahmen der Regulierung die aggregierte Nachfrage zu sichern. Krisen sind demnach das Produkt falscher Politiken und eines unregulierten Kapitalismus und nicht dessen innerer Widerspr&#252;che.</p>
<p><strong>…und ihre Grenzen</strong><br />
Sowohl Neoklassik als auch keynesianistische Theorien blenden zwei wesentliche Aspekte aus: Erstens werden statische Zust&#228;nde betrachtet und auf die Bedeutung von <em>Zeitlichkeit </em>vollkommen vergessen. Zweitens wird von <em>technologischen Ver&#228;nderungen</em> abstrahiert. Alfred Marshall, einer der Begr&#252;nder der neoklassischen &#214;konomie, gab diese L&#252;cken offen zu: „[Die Theorie] beachtete nicht, dass sich in der Realit&#228;t Kapital kontinuierlich akkumuliert und sich Produktionstechniken st&#228;ndig weiterentwickeln, wodurch Nachfragemuster nach Produkten, die als Inputs in die Produktion dienen, st&#228;ndig ver&#228;ndert werden.“ „Zeit“, schreibt er, „ist die Quelle vieler der gr&#246;&#223;ten Schwierigkeiten in der &#214;konomik.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Das Problem wurde dadurch „gel&#246;st“, dass die klassischen WirtschaftswissenschaftlerInnen „das Element Zeit zu diesem Zeitpunkt [einfach] beiseite lassen,“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> wie sein Kollege Walras es ausdr&#252;ckte.<br />
Werden <em>Zeit </em>und <em>technologischer Fortschritt</em> ber&#252;cksichtigt, stellt die Etablierung eines Gleichgewichts &#252;ber Preismechanismen jedoch keinen reibungslosen Prozess mehr dar. Joseph Schumpeter, &#214;konom der sogenannten &#214;sterreichischen Schule, betont deshalb, dass „sobald das Gleichgewicht durch irgendeine St&#246;rung zerst&#246;rt wurde, der Prozess der Wiederherstellung desselben nicht so sicher, prompt und &#246;konomisch ist, wie uns dies die alte Theorie darstellt. […] Eben dieser Kampf um Adjustierungen k&#246;nnte sogar zu einem System f&#252;hren, das weiter weg von einem neuen Gleichgewicht liegt.“<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a><br />
Diesen Unzul&#228;nglichkeiten der orthodoxen Wirtschaftstheorie setzen marxistische Ans&#228;tze eine Sichtweise entgegen, welche die kapitalistische Produktionsweise als ein dynamisches System ansieht, dessen inneres Gleichgewicht nie zustande kommt, weil inh&#228;rente Tendenzen und Bewegungsgesetze dieses st&#228;ndig st&#246;ren und zerst&#246;ren.</p>
<p><strong>Marxistische Krisentheorien</strong><br />
In der marxistischen Diskussion finden sich unterschiedliche Erkl&#228;rungsans&#228;tze und Krisentheorien.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Seit Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die 1940er Jahre wurden von sozialdemokratischer und kommunistischer Seite v.a. &#220;berproduktions-, Unterkonsumptions- und Disproportionalit&#228;tstheorien in unterschiedlichen Facetten diskutiert.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Seit den 1960er Jahren nimmt das Marxsche Gesetz des „tendenziellen Falls der Profitrate“ eine zentrale Stellung in der Diskussion ein<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a>, w&#228;hrend in den 1970er Jahren mit dem Aufkommen zahlreicher Arbeitsk&#228;mpfe in Italien und England die sogenannte Profit-Squeeze-Theorie<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> als Krisenmechanismus eingebracht wurde. Im Rahmen dieses Artikels ist nicht gen&#252;gend Raum, um auf die einzelnen Krisentheorien und die Kritik an ihnen genauer einzugehen. Anzumerken ist jedoch, dass oft wichtige Teile und Versatzst&#252;cke der Marxschen Analyse zu allgemeinen Krisentheorien verarbeitet wurden, ohne sie einerseits zueinander in Bezug zu setzen und sie andererseits auf unterschiedlichen (Abstraktions-)Ebenen zu analysieren.<br />
Bei Marx findet sich keine ausformulierte Krisentheorie, sondern eine <em>Theorie der Akkumulation &#252;ber die Zeit</em>, bei der sich unterschiedliche Widerspr&#252;chlichkeiten und Krisentendenzen &#252;ber die Zeit zuspitzen und in Krisen ausdr&#252;cken. Marx’ Ziel war es, zu zeigen, dass die inneren Widerspr&#252;che der kapitalistischen Produktionsweise notwendigerweise periodisch Krisen produzieren, die sich in konkreten historischen Perioden in unterschiedlicher Art und Weise ausdr&#252;cken. „Im Prozess der Akkumulation werden alle Widerspr&#252;che und Spannungen der kapitalistischen Produktion und Zirkulation intensiviert. &#214;konomische Krisen sind das notwendige Ergebnis des Akkumulationsprozesses.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Ausgehend von den Widerspr&#252;chlichkeiten im Akkumulationsprozess k&#246;nnen Krisentendenzen und -mechanismen analysiert werden. Marx geht bei seiner Beschreibung des Akkumulationsprozesses in mehreren Schritten vor. Nachdem im ersten Band des Kapitals die Konzentration auf die Produktionssph&#228;re und das Kapital als Ganzes gelegt und im zweiten die Zirkulationssph&#228;re und das Verh&#228;ltnis von Einzelkapitalien zueinander betrachtet werden, setzt er im weiteren Verlauf Produktion, Tausch und Verteilung von Mehrwert zueinander in Beziehung, um die tats&#228;chlichen Bewegungen innerhalb des kapitalistischen Systems darstellen zu k&#246;nnen.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Erst in der Betrachtung des Akkumulationsprozesses als Einheit von Zirkulation und Produktion zeigen sich die zentralen Widerspr&#252;che.</p>
<p><strong>Mehrwert wird produziert – die Herstellung der Mehrwertrate</strong><br />
Im ersten Band des Kapitals konzentriert sich Marx auf die Produktionssph&#228;re. Hauptaugenmerk wird dabei auf das gesellschaftliche Verh&#228;ltnis zwischen Arbeit und Kapital gelegt. Der kapitalistische Produktionsprozess und damit auch der Akkumulationsprozess beruhen auf der Ausbeutung der ArbeiterInnen. Diese schaffen in einer gewissen Arbeitszeit eine gewisse Menge an neuem Wert (L). Der Teil, der &#252;ber dem als Lohn (v) ausgezahlt Wert liegt, wird in der marxistischen Theorie als Mehrwert (m) bezeichnet (L=v+m). Die Kontrolle &#252;ber den Produktionsprozess erlaubt es den KapitalistInnen, sich den von ArbeiterInnen produzierten Wert anzueignen, von dem (nach Abzug der L&#246;hne) der Mehrwert, die Quelle des Profits, bleibt. Das Verh&#228;ltnis zwischen der geschaffenen Mehrwertmasse (m) und den L&#246;hnen (v) ist die <em>Mehrwertrate </em>oder Ausbeutungsrate.<br />
Es bieten sich zwei M&#246;glichkeiten, die Ausbeutung der ArbeiterInnen zu erh&#246;hen und damit einen h&#246;heren Mehrwert zu erzielen: Die Steigerung des <em>absoluten </em>einerseits und des <em>relativen </em>Mehrwerts andererseits. Eine Steigerung des <em>absoluten </em>Mehrwerts, der insgesamt produzierten Mehrwertmasse, wird durch eine Verl&#228;ngerung der effektiven Arbeitszeit erreicht, sei es durch einen verl&#228;ngerten Arbeitstag oder eine Erh&#246;hung der Arbeitsintensit&#228;t (bspw. durch das K&#252;rzenvon Pausen oder die Beschleunigung der Leistung der ArbeiterInnen). Die Steigerungsm&#246;glichkeiten des absoluten Mehrwerts sind beschr&#228;nkt, da sowohl die Intensit&#228;t als auch die L&#228;nge der Arbeitszeit durch nat&#252;rliche und gesellschaftliche Faktoren begrenzt sind. Eine Erh&#246;hung des absoluten Mehrwerts ist prinzipiell ohne technologische Neuerungen m&#246;glich. In diesem Fall wird haupts&#228;chlich durch die Anstellung neuer ArbeiterInnen Mehrwert akkumuliert. Da die Mehrwertrate aber auch vom Lohn abh&#228;ngig ist, w&#252;rde die Mehrwertrate sinken, wenn in Zeiten der verst&#228;rkten Akkumulation die Nachfrage nach Arbeitskr&#228;ften und damit die L&#246;hne steigen.<br />
Den <em>relativen </em>Mehrwert k&#246;nnen KapitalistInnen erh&#246;hen, indem sie den Wert der Arbeitskraft verringern, also den Wert der Lebensmittel, die f&#252;r die Reproduktion der Arbeitskraft n&#246;tig sind, senken.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Das verlangt eine Produktivkraftsteigerung in jenen Sektoren der Wirtschaft, die entweder selbst Lebensmittel produzieren oder diese Sektoren direkt oder indirekt beliefern. Damit diese Senkungen wirksam werden, muss die Produktivkraft aber in vielen Sektoren der Wirtschaft steigen. Prinzipiell stehen unterschiedliche Optionen f&#252;r eine solche Produktivkraftsteigerung zur Verf&#252;gung: Einerseits k&#246;nnen organisatorische Umgestaltungen im Produktionsprozess, wie eine bessere Kooperation und ausgefeiltere Arbeitsteilungen, eine h&#246;here Arbeitsproduktivit&#228;t bringen. Die Haupttriebkraft f&#252;r eine Produktivkraftsteigerung liegt aber in technologischen Umgestaltungen des Arbeitsprozesses mittels neuer Maschinen.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Das hat neben der Steigerung des relativen Mehrwerts durch die Verringerung des Werts der Ware Arbeitskraft noch zus&#228;tzliche Vorteile f&#252;r die Kapitalseite. Die zunehmende Verdr&#228;ngung von ArbeiterInnen durch Mechanisierungsschritte erh&#246;ht die Kontrolle &#252;ber den Produktionsprozess und wird damit zu einem wirksamen Mittel im Klassenkampf von oben. Gleichzeitig erlaubt die daraus resultierende Schaffung einer Reserve an Arbeitskr&#228;ften, die ausbezahlten Geldl&#246;hne unter dem eigentlichen Wert zu halten.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Im Gegensatz zum absoluten Mehrwert h&#228;ngt der relative Mehrwert nur von der technologischen Entwicklung ab. Dieser sind prinzipiell keine Grenzen gesetzt.<br />
Insgesamt stellt „die Entwicklung der Produktivit&#228;t der gesellschaftlichen Arbeit de[n] m&#228;chtigste[n] Hebel der Akkumulation“ dar.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Bevor wir jedoch die sich daraus ergebenden Widerspr&#252;che analysieren, m&#252;ssen wir aus der Produktionssph&#228;re treten, denn der in der Produktionssph&#228;re geschaffene Wert muss erst als solcher realisiert werden. Dazu muss der aus der Ausbeutung der ArbeiterInnen entsprungene Wert zirkulieren.</p>
<p><strong>Kapital zirkuliert</strong><br />
Allgemein startet ein Produktionsprozess damit, dass mittels Geld (G) Produktionsmittel und Arbeitskr&#228;fte als Waren (W) gekauft werden, mit deren Hilfe ein Produktionsprozess (P) gestartet wird. Die dabei produzierten Waren (W´) m&#252;ssen dann f&#252;r Geld (G´) verkauft werden. Mit Hilfe des eingenommenen Geldes kann der gesamte Produktionsprozess wieder von Neuem gestartet werden. Das Kapital durchl&#228;uft in diesem Prozess unterschiedliche Phasen und wechselt von Geldkapital in Warenkapital in produktives Kapital und wieder zur&#252;ck in Waren- und Geldkapital. Kurz geschrieben: G – W … P … W´- G´. Das am Schluss eingenommene Geld (G´) sollte h&#246;her sein als der urspr&#252;nglich investierte Betrag. Die Differenz stellt den neu produzierten Mehrwert dar (G`-G=m).<br />
Das oben erw&#228;hnte Gesetz von Jean Baptiste Say behauptet, dass die Zirkulation immer gesichert sei, weil jeder Kauf einen Verkauf und jeder Verkauf einen Kauf bedeute. Jedes produzierte Produkt schaffe sich also seinen eigenen Markt.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Allerdings kann dieser Zyklus an den unterschiedlichen Punkten unterbrochen werden. Waren k&#246;nnen unverkauft bleiben (W´-G´ ist unterbrochen), weil entweder zu viele Waren produziert wurden oder die effektive Nachfrage zu gering ist. KapitalistInnen k&#246;nnen ihre Investitionen zur&#252;ckhalten, weil sie bzgl. der Profitabilit&#228;t ihrer Unternehmungen unsicher sind und sich weigern, Produktionsmittel zu kaufen und neue ArbeiterInnen anzustellen, oder weil sie ihr Geld woanders investieren (G´-W´ ist unterbrochen). Ebenso kann der Produktionsprozess durch Streiks und Arbeitsk&#228;mpfe gest&#246;rt werden. Voraussetzung und Kern der Marx‘schen Kritik am Say’schen Gesetz ist die Tatsache, dass Kapital die Form von Geld annimmt und dadurch als Zahlungsmittel fungiert, sowie die M&#246;glichkeit zur Aufbewahrung von Wert liefert. In vorkapitalistischen Gesellschaftsformationenwaren Reichtum und Wert an materielle G&#252;ter gebunden, die entweder verderblich waren oder deren weitere Anh&#228;ufung ab eine bestimmten Punkt keinen Sinn mehr machte. In kapitalistischen Gesellschaftsformationen ist es demgegen&#252;ber m&#246;glich, Geld unbegrenzt zu horten und K&#228;ufe oder Verk&#228;ufe zur&#252;ckzuhalten. Die Funktion von Geld als Zirkulationsmittel kommt in Konflikt mit seiner Funktion als Aufbewahrungsmittel.</p>
<p><strong>Reproduktion des Gesamtkapitals</strong><br />
Im Kapitalismus existiert nicht nur der Zyklus <em>eines </em>Industriekapitals,<br />
sondern es zirkulieren und reproduzieren sich alle Kapitalien, sprich das Gesamtkapital. In seiner Darstellung der Reproduktionsschemata versucht Marx, die Bedingungen f&#252;r die Reproduktion der gesamten &#246;konomischen Aktivit&#228;t offenzulegen. Er fasst dabei unterschiedliche Branchen in zwei Abteilungen zusammen. Abteilung 1 beinhaltet alle Kapitalien, die Produktionsmittel produzierten (also Rohstoffe, Zwischenprodukte, Maschinen etc.), w&#228;hrend Abteilung 2 alle G&#252;ter, die der individuellen Konsumption dienen, produziert. Es kann mathematisch gezeigt werden, welche Bedingungen gelten m&#252;ssen, um sowohl eine einfache Reproduktion – also die Reproduktion auf gleichbleibendem Niveau – als auch eine erweiterte Reproduktion – mit einer wachsenden &#246;konomischen Aktivit&#228;t – sichern zu k&#246;nnen.<br />
Diese Schemata wurden oft so missverstanden, als ginge es darum zu zeigen, wie die harmonische Entwicklung eines geregelten, <em>organisierten </em>Kapitalismus funktionieren k&#246;nnte, sobald gewisse Bedingungen erf&#252;llt werden. Im Gegensatz zu einer solchen Interpretation versuchte Marx mit Hilfe der Schemata zu zeigen, wie „im Kapitalismus komplexe individuelle Prozesse im Kreislauf von Produktion und Tausch zusammengebracht werden m&#252;ssen, um sich zu reproduzieren. Darin zeigt sich die Instabilit&#228;t des Systems.“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Zwei unterschiedliche Fl&#252;sse m&#252;ssen dabei in Balance gebracht werden. Einerseits m&#252;ssen die <em>physischen </em>Eigenschaften der einzelnen Produktionsprozesse ber&#252;cksichtigt werden, andererseits m&#252;ssen die Werte ausgedr&#252;ckt in Geld &#252;bereinstimmen. Dabei m&#252;ssen die Produktion und der Tausch einer bestimmten Quantit&#228;t an Waren &#252;ber die gesamte &#214;konomie gesichert sein, und zwar sowohl <em>innerhalb </em>der zwei Abteilungen als auch <em>zwischen </em>den zwei Abteilungen. In der neoklassischen Theorie sollen Preismechanismen die Zuteilung der zwei Fl&#252;sse &#252;ber Angebot und Nachfrage bewerkstelligen. In der Realit&#228;t werden die genauen Proportionen f&#252;r eine gleichm&#228;&#223;ige Reproduktion immer wieder gest&#246;rt und zerr&#252;ttet. Wie wir weiter oben gesehen haben, kann die Zirkulation von Einzelkapitalien an unterschiedlichen Stellen unterbrochen werden. Bricht die Zirkulation mehrerer Einzelkapitalien zusammen, kommt es zu gr&#246;beren St&#246;rungen. Die Verwobenheit einer moderner Wirtschaft mit komplexen Zuliefersystemen und Transporterfordernissen sowie die Rolle von Kredit und Geldfl&#252;ssen zwischen unterschiedlichen Sektoren f&#252;hren dazu, dass Probleme in einzelnen Sektoren zu Krisen in scheinbar unabh&#228;ngigen Sektoren f&#252;hren und sich Krisen in Einzelbranchen zu allgemeinen Krisen entwickeln k&#246;nnen.</p>
<p><strong>Krisenpotentiale</strong><br />
Mehrere Prozesse k&#246;nnen dabei unter anderem wirksam werden: Eine erweiterte Reproduktion, also eine Reproduktion, bei der Einzelkapitalien akkumulieren und wachsen, bedeutet, dass ein h&#246;herer Output dieser Sektoren durch eine erh&#246;hte <em>effektive Nachfrage</em> gedeckt sein muss. Dies bedeutet, dass eine erh&#246;hte wirtschaftliche Aktivit&#228;t in einem Sektor durch eine erh&#246;hte wirtschaftliche Aktivit&#228;t in anderen Sektoren ausgeglichen werden muss. Ist das nicht der Fall, k&#246;nnen Waren nicht mehr abgesetzt, also Werte nicht mehr realisiert werden. Die effektive Nachfrage st&#252;tzt sich nicht nur auf die Kaufkraft der ArbeiterInnen (und die Nachfrage nach Luxusg&#252;tern der KapitalistInnen), sondern vor allem auf die Investitionst&#228;tigkeit von KapitalistInnen, die neue Produktionsmittel anfordern.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Die Investitionst&#228;tigkeit h&#228;ngt stark von den <em>Profiterwartungen </em>ab, mit denen wir uns weiter unten auseinandersetzen. Die Kaufkraft der ArbeiterInnen h&#228;ngt von zwei Faktoren ab. Erstens setzt die H&#246;he des Lohns der Kaufkraft Grenzen. Dabei treten die Erfordernisse des Produktionsprozesses, den Lohn m&#246;glichst niedrig zu halten, und die Erfordernisse der Realisation von Wert in einen Widerspruch. Andererseits muss die Kaufkraft erst mobilisiert werden, wobei die Ausweitung von Werbung eine entscheidende Rolle spielt.<br />
Eine wachsende Wirtschaft geht einher mit sich ver&#228;ndernden Angebots- und Nachfragemustern und Preisschwankungen. (1) Ein Preisfall in einzelnen Sektoren f&#252;hrt zu niedrigeren Profiten. Unternehmen in diesen Branchen werden weniger Rohstoffe f&#252;r ihre Produktion nachfragen und/oder ArbeiterInnen entlassen, wodurch Absatzschwierigkeit entstehen und die effektive Nachfrage nach Produkten anderer Bereichen sinkt. (2) Ebenso treibt eine gesteigerte Nachfrage nach Rohstoffen die Preise in den Rohstoff produzierenden Sektoren in die H&#246;he. Die Profite der davon abh&#228;ngigen Branchen werden sinken. (3) Weiters kann bei Lieferengp&#228;ssen – ausgel&#246;st durch starke Preisschwankungen in einzelnen Sektoren, sowie durch &#246;kologische Grenzen (Ersch&#246;pfung in Rohstoffen, Ernteausf&#228;lle, etc.) – die materielle Seite der Produktion und Reproduktion gest&#246;rt sein.<br />
Schlie&#223;lich ist es m&#246;glich, dass aufgrund von Kreditklemmen die notwendigen Geldmittel f&#252;r den Kauf von Waren – sowohl Produktionsmittel als auch Endprodukte – nicht aufgebracht werden k&#246;nnen. Tats&#228;chlich ist das Kreditsystem in Aufschwungzeiten ein Mittel, um Disproportionalit&#228;ten tempor&#228;r auszugleichen, zumindest wenn die Profite relativ hoch sind. Kredite erlauben schnelle Kapitalfl&#252;sse zwischen den Sektoren und sind das Schmiermittel f&#252;r eine wachsende Wirtschaft. Sobald Kredite ausbleiben, weil die R&#252;ckzahlung nicht mehr gesichert scheint, brechen Krisen umso heftiger aus. „Bank und Kredit werden […] zugleich das kr&#228;ftigste Mittel, die kapitalistische Produktion &#252;ber ihre eignen Schranken hinauszutreiben, und eins der wirksamsten Vehikel der Krisen und des Schwindels.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a><br />
Die Reproduktionsschemata legen die Vielzahl der Punkte offen, an denen die Zirkulation zusammenbrechen kann. Die marxistische Krisentheorie hat allerdings den Anspruch, die <em>Notwendigkeit </em>von Krisen zu erkl&#228;ren. Krisen erscheinen in der Zirkulation des Kapitals, wenn der Kreislauf mehrerer Kapitalien durch Preisschwankungen, &#220;berproduktionen, Absatzschwierigkeiten oder Kreditklemmen gehemmt wird. Erst wenn Zirkulation und Produktion als Einheit beschrieben werden, also der Akkumulationsprozess als Ganzes betrachtet wird, k&#246;nnen die grundlegenden Widerspr&#252;che analysiert werden, die notwendig zu Krisen f&#252;hren m&#252;ssen. Marx versuchte die Widerspr&#252;chlichkeit der Kapitalakkumulation in dem „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate und seiner gegenwirkenden Tendenzen“ zu fassen. Deshalb bezeichnete er es auch als „das wichtigste Gesetz der modernen &#214;konomie“.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Bei dem „Gesetz“ geht es zun&#228;chst nicht um die Darstellung empirischer Trends, sondern darum, wie abstrakte Tendenzen und daraus resultierende <em>Gegentendenzen </em>dynamisch interagieren. Das Gesetz selbst birgt seine gegenwirkenden Tendenzen, die aber auf unterschiedlichen Ebenen existieren. Die Tendenz zeigt die <em>unmittelbaren </em>Ver&#228;nderungen von Produktivkraftsteigerungen in der Produktionssph&#228;re, w&#228;hrend &#252;ber die Gegentendenzen die durch die Zirkulation vermittelten Konsequenzen in den Blick gelangen. Um nicht die &#220;bersicht zu verlieren, betrachten wir zuerst die Tendenz selbst<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a>, bevor wir die gegenwirkenden Mechanismen und die Interaktion beider Momente betrachten.</p>
<p><strong>Der tendenzielle Fall der Profitrate: Die Tendenz</strong><br />
Bis jetzt haben wir die Kapitalien so behandelt, als w&#252;rden sie friedlich nebeneinander koexistieren. In Wirklichkeit ist aber eine der wichtigsten Antriebskr&#228;fte der kapitalistischen Wirtschaft die Akkumulation als Konkurrenz zwischen Einzelkapitalien. Innerhalb eines Sektors wird der Konkurrenzkampf durch die Verbilligung der produzierten Waren gef&#252;hrt, die von der Arbeitsproduktivit&#228;t abh&#228;ngt. JedeR KapitalistIn versucht seine/ihre eigene Konkurrenzf&#228;higkeit dadurch zu steigern, in dem er/sie die Produktivit&#228;t seiner/ihrer ArbeiterInnen erh&#246;ht. Eine solche Erh&#246;hung der Arbeitsproduktivit&#228;t wird durch eine Ver&#228;nderung der technischen und organisatorischen Gestaltung des Produktionsprozesses erreicht. Dabei bedeuten produktivit&#228;tssteigernden Technologien meist den Einsatz von mehr Produktionsmitteln (Maschinen, Rohstoffe, etc.) durch weniger ArbeiterInnen. Solche Ver&#228;nderungen in den „<em>physischen</em>“ Eigenschaften des Produktionsprozesses versuchte Marx in der <em>technischen </em>Zusammensetzung des Kapitals zu fassen: dem Verh&#228;ltnis zwischen Produktionsmitteln und angestellten Arbeitskr&#228;ften. Im Prinzip bedeutet dies nichts anderes als eine Beschreibung des technologischen Set-Ups eines Produktionsprozesses in physischen Einheiten. Weil Waren im Kapitalismus einen Wert besitzen, resultiert daraus jedoch ein gewisses Verh&#228;ltnis zwischen den Werten des konstanten Kapitals (Produktionsmittel) zu den <em>Werten </em>des variablen Kapitals (L&#246;hne). Die technische Zusammensetzung ausgedr&#252;ckt in Werten bezeichnet Marx als Wertzusammensetzung des Kapitals (c/v).<br />
KapitalistInnen interessiert nicht die absolute Profitmasse, die sie nach einer Produktionsperiode erhalten, sondern die Wertsumme, die sie auf ihre urspr&#252;nglichen Investitionen zur&#252;ckerhalten. Das Verh&#228;ltnis zwischen Mehrwert (m) und den Investitionen in Produktionsmittel/konstantes Kapital (c) und L&#246;hne/variables Kapital (v) gibt die Profitrate wieder [p=m/(c+v)]. Durch eine einfache mathematische Umformung (alles durch v dividert) ergibt sich die Profitrate als Verh&#228;ltnis zwischen der Mehrwertrate (m/v) und der Wertzusammensetzung des Kapitals (c/v): p=(m/v)/[(c/v)+1]. Die Profitrate ist also von der Mehrwertrate (Z&#228;hler) und der Wertzusammensetzung des Kapitals (Nenner) abh&#228;ngig. Der tendenzielle Fall der Profitrate resultiert nun daraus, dass Produktivit&#228;tssteigerungen eine h&#246;here Wertzusammensetzung bedeuten und sich der Nenner so vergr&#246;&#223;ert. Die Profitrate f&#228;llt.</p>
<p><strong>Gegenwirkende Tendenzen</strong><br />
Bisher haben wir die direkten Auswirkungen betrachtet, die eine gesteigerte Arbeitsproduktivit&#228;t in der Produktionssph&#228;re auf die Profitrate haben. Dabei haben sich die Warenwerte nicht ge&#228;ndert. Diese indirekten Auswirkungen m&#252;ssen jetzt analysiert werden. Produktivit&#228;tssteigerungen in gewissen Sektoren f&#252;hren dazu, dass die „gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit“<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a>, die f&#252;r die Produktion von Produktionsmitteln und Konsumptionsg&#252;tern n&#246;tigt ist, sinkt, und ihr Wert dadurch f&#228;llt. Dies hat zwei Auswirkungen: (1) die Kosten f&#252;r das konstante Kapital (c) sinken und die Wertzusammensetzung (c/v) f&#228;llt. (2) Ein niedriger Wert von Konsumg&#252;ter bedeutet, dass der Wert der Arbeitskraft und also das variable Kapital (v) abnimmt, w&#228;hrend die Mehrwertmasse (m) steigt; sowohl die Mehrwertrate (m/v) als auch die Wertzusammensetzung (c/v) steigen in unterschiedlichem Ma&#223;e. Sowohl (1) als auch (2) haben den Effekt einer erh&#246;hten Profitrate.<br />
Nimmt man diese Gegentendenzen mit den Auswirkungen der Tendenz zusammen, kann geschlossen werden, dass die Bewegungen der Profitrate nicht determiniert sind, weil zwar die Bewegungsrichtungen der zwei Komponenten Mehrwertrate und Wertzusammensetzung analysiert werden k&#246;nnen, aber nicht deren absolutes Ausma&#223;.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Das „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate und seiner gegenwirkenden Tendenzen“ erscheint aus dieser Perspektive zun&#228;chst analytisch wertlos. Dies gilt allerdings nur, solange von Konkurrenz, ungleichen (technologischen) Entwicklungen und zeitlichen Dynamiken abstrahiert wird.</p>
<p><strong>Konkurrierende Kapitalien</strong><br />
Im Gegensatz zu b&#252;rgerlichen spielt in marxistischen Wirtschaftstheorien Konkurrenz nicht die Rolle eines ausgleichenden Mechanismus, sondern ist verantwortlich f&#252;r ungleichzeitige und bruchhafte Entwicklungen. Marx unterscheidet zwei unterschiedliche Arten von Konkurrenz; die (1) <em>intra</em>sektoraleKonkurrenz umfasst Kapitalien innerhalb einer Branche, die gleiche G&#252;ter produzieren, w&#228;hrend (2) die <em>inter</em>sektorale Konkurrenz zwischen Kapitalien in unterschiedlichen Branchen wirkt.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a><br />
Die intrasektorale Konkurrenz erkl&#228;rt, warum KapitalistInnen &#252;berhaupt produktivit&#228;tssteigernde Technologien einf&#252;hren, obwohl dadurch die durchschnittliche Profitrate gesenkt wird.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Neben der oben erw&#228;hnte Notwendigkeit, durch eine Steigerung des relativen Mehrwerts die Mehrwertrate zu erh&#246;hen und den Lohn zu dr&#252;cken, liegt der entscheidende Grund in der Konkurrenz zwischen Einzelkapitalien innerhalb eines Sektors. Anders als in der Darstellung der repr&#228;sentativen Firma in der neoklassischen Theorie, die stellvertretend f&#252;r das technologische und organisatorische Setting einer Branche steht, finden technologische Weiterentwicklungen in der Realit&#228;t mit ungleichen Geschwindigkeiten und Dynamiken statt. Produktivit&#228;tssteigerungen werden in einer Branche nicht von allen Firmen auf einmal, sondern von einzelnen innovativen Unternehmen zuerst eingef&#252;hrt. Die Innovationen erlauben es Firmen, ihre Produkte in k&#252;rzerer Zeit oder mit weniger Inputs zu produzieren, also die St&#252;ckkosten zu senken und dadurch Extraprofit zu generieren. Ihre individuelle Profitrate wird steigen, weil die in diesem Arbeitsprozess produzierten G&#252;ter denselben oder einen marginal geringeren Wert besitzen als zuvor. Es kommt zu einer Umverteilung des produzierten Mehrwerts von den unproduktiveren zu den produktiveren Kapitalien. Dieser Mechanismus l&#228;uft h&#228;ufig &#252;ber die <em>Preiskonkurrenz </em>ab, indem innovative Firmen die Marktpreise der Produkte unter deren eigentlichen Wert dr&#252;cken. Das Abweichen der Preise unter ihren – durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit festgesetzten – Wert und die M&#246;glichkeit eines Extraprofits erh&#246;hen den Druck auf diejenigen Kapitalien, die noch mit den alten Produktionsmethoden arbeiten. Diesem Konkurrenzdruck ausgesetzt, f&#252;hren nun mehr und mehr KapitalistInnen die neuen Technologien ein. Der Wert der Waren sinkt auf das Ma&#223;, das durch die neue Produktionsart erreicht werden kann und der Vorteil der innovativen KapitalistInnen schwindet. Die „Nachz&#252;glerInnen“ sind bis zuletzt gezwungen, sich den neuen Produktionsbedingungen anzupassen, um nicht vom Markt verdr&#228;ngt zu werden. Im Laufe der Etablierung der neuen Technologien verringert sich auch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit und damit die Warenwerte; eine neue sektorale Durchschnittsprofitrate pendelt sich auf einem neuen niedrigeren Niveau ein, wobei dieses „Einpendeln“ von weiteren technologischen Ver&#228;nderungen immer wieder unterbrochen werden kann. Ungleiche Entwicklungen in der Produktivkraftentwicklung auf Grund intrasektoraler Konkurrenz resultieren also in unterschiedlichen <em>individuellen </em>Profitraten, die Motivation f&#252;r individuelle produktivkraftsteigernde Innovationen sind.<br />
Die Konkurrenz zwischen Kapitalien aus unterschiedlichen Branchen f&#252;hrt hingegen zu einem Angleichen divergierender Profitraten. Ursache daf&#252;r sind Kapitalbewegungen von unprofitableren Sektoren in profitablere Wirtschaftszweige. Wieder kommt es zu einer Umverteilung von Mehrwert, weil durch Kapitalbewegungen in produktive Sektoren der Preis in diesen Sektoren steigt, w&#228;hrend er in unproduktiven Sektoren f&#228;llt. Es kommt zu einem tendenziellen Ausgleich der sektoralen Profitraten und der Etablierung einer allgemeinen Durchschnittsprofitrate innerhalb der gesamten Wirtschaft.<br />
Zusammenfassend f&#252;hrt die Konkurrenz zwischen Kapitalien also zu technologischen Fortentwicklungen und einem tempor&#228;ren Extraprofit f&#252;r individuelle KapitalistInnen. Die Etablierung der neuen Technologien zieht jedoch &#252;ber die Konkurrenz auch die Formierung neuer, niedrigerer Warenwerten nach sich. Diese zwei Prozesse m&#252;ssen jetzt in ihrer zeitlich ungleichen Abfolge analysiert werden.</p>
<p><strong>Akkumulationsprozess in der Zeit</strong><br />
Um die zeitliche Dynamik des Akkumulationsprozesses zu fassen, unterschied Marx zwischen zwei unterschiedlichen Wertzusammensetzungen des Kapitals. Die organische Zusammensetzung<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> des Kapitals beinhaltet die <em>direkten </em>unmittelbaren Auswirkungen einer gesteigerten Produktivit&#228;t im Produktionsprozess, w&#228;hrend die Wertzusammensetzung die <em>indirekten </em>Auswirkungen ber&#252;cksichtigt, also die Ver&#228;nderungen auf Grund der gegenwirkenden Tendenzen.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Ver&#228;nderungen in diesen zwei Zusammensetzungen finden aber zu unterschiedlichen Zeitpunkten statt. Durch Investitionen zu <em>Beginn </em>eines Produktionsprozesses werden Produktionsmittel und L&#246;hne zu <em>alten </em>Werten gekauft. Eine Ver&#228;nderung der technischen Zusammensetzung spiegelt sich sofort in einer h&#246;heren organischen Zusammensetzung wieder. Die gegenwirkenden Tendenzen, sowohl die Entwertung des konstanten als auch des variablen Kapitals, beruhen auf der Entstehung <em>neuer </em>Werte f&#252;r Produktionsinputs. Diese finden zu einem sp&#228;teren Zeitpunkt, <em>nach </em>dem Prozess der Zirkulation, statt. Daf&#252;r m&#252;ssen aber erst die Ver&#228;nderungen in den anderen Produktionsst&#228;tten und Produktionszweigen wirksam werden, die unter den Bedingungen der Akkumulation unter Konkurrenz ablaufen. „Eine Ver&#228;nderung in der technischen Zusammensetzung resultiert in der Entwertung von Waren, aber diese muss die Konkurrenz zwischen den Kapitalien abwarten. Sofort zu neuen Werten zu wechseln, hei&#223;t den Prozess der <em>Wertformierung </em>vorzugreifen, dem Akkumulationsprozess selbst. […] Der Prozess der Akkumulation beinhaltet die Einleitung der Zirkulation des Kapitals auf Basis eines Sets an Werten und die Generation eines neuen Sets von Werten, die die KapitalistInnen an Ende des Kreislaufs konfrontiert.“<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Betrachten wir noch einmal einen Wirtschaftssektor mit unterschiedlichen Produktivit&#228;tsniveaus. Innovative Firmen haben in neue Maschinen investiert, um einen tempor&#228;ren Extraprofit zu erzielen. Sie stehen vor zwei Problemen: Erstens k&#246;nnen durch die sukzessive Entwertung der Waren im Zuge der Etablierung neuer Technologien ihre urspr&#252;nglichen Investitionen weniger rentabel verwertet werden. Der erzielte Extraprofit kann dieses Problem zwar zum Teil aufheben. Allerdings versch&#228;rfen Investitionen in <em>fixes </em>Kapital, sprich Kapital, das lange in der Produktionssph&#228;re verweilt und seinen Wert nur nach und nach an das Produkt weitergibt, dieses Problem. Viele gro&#223;e Unternehmungen lassen sich aber erst durch die Investitionen in einen gewissen Stock an fixem Kapital (z.B. Fabrikhallen und Maschinen) durchf&#252;hren. Dieser Stock wurde durch Investitionen zu alten Warenwerten angeschafft, w&#228;hrend sich dessen Wert &#252;ber mehrere Produktionsperioden mit st&#228;ndig <em>neuen </em>Warenwerten realisieren muss.<br />
Dasselbe Ph&#228;nomen zeigt sich auch bei nicht-innovativen Firmen, die damit konfrontiert sind, dass ihre Produktionsmethoden nicht mehr dem gesellschaftlichen Standard entsprechen. Ihre Produktionskosten bleiben auf dem alten Niveau, w&#228;hrend gleichzeitig der Wert ihrer produzierten Waren sinkt. Ihre individuelle Profitrate wird daher sinken. Investitionen in fixes Kapital k&#246;nnen nicht mehr oder nur schlecht realisiert werden. W&#228;hrend fixes Kapital einen kraftvollen Antrieb f&#252;r Akkumulation darstellt und Investitionsm&#246;glichkeiten f&#252;r bereits akkumuliertes Kapital bietet, wird gleichzeitig Kapital in physischen Produktionsanlagen sprichw&#246;rtlich fixiert. Dadurch wirkt sich die zuvor als gegenwirkende Tendenz beschriebene Entwertung von Kapital zus&#228;tzlich negativ auf die durchschnittliche Profitrate aus.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Hinzu kommt, dass die Flexibilit&#228;t des Kapitalismus, zwischen Sektoren mit unterschiedlicher Profitabilit&#228;t hin- und her zu wechseln, verringert wird.<br />
Die st&#228;ndige Entwertung der produzierten Waren aufgrund von Produktivit&#228;tssteigerungen steht also der notwendigen Realisierung von Waren zu ihren „alten“ Werten im Zirkulationsprozess gegen&#252;ber. Was Marx mit dem „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate und seinen gegenwirkenden Tendenzen“ fassen wollte, ist eben diese Widerspr&#252;chlichkeit zwischen der Entwicklung der Produktivkr&#228;fte und den Produktionsverh&#228;ltnissen.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> Das Eigeninteresse individueller KapitalistInnen, gefangen im Konkurrenzkampf, zwingt zur st&#228;ndigen Revolution der technologischen und organisatorischen Gestaltung des Arbeitsprozesses, was die Realisierung von Wert und die weitere Akkumulation gef&#228;hrdet. Die st&#228;ndigen Ver&#228;nderungen der Warenwerte st&#246;ren zus&#228;tzlich die Zirkulation des Kapitals als Ganzes, weil die f&#252;r eine gleichm&#228;&#223;ige erweiterte Reproduktion n&#246;tigen Verh&#228;ltnisse kontinuierlich ver&#228;ndert und umgeworfen werden.</p>
<p><strong>Krise als tempor&#228;re L&#246;sung</strong><br />
Die im Produktionsprozess angelegten Widerspr&#252;che finden ihren Ausdruck in unterschiedlichen, konkreten Erscheinungsformen der Krise. Sie „bef&#246;rdern &#220;berproduktion, Spekulation, Krisen, &#252;berfl&#252;ssiges Kapital neben &#252;berfl&#252;ssiger Bev&#246;lkerung.“<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Je nach historischer Situation artikulieren sich die beschriebenen Widerspr&#252;che in unterschiedlichen Krisenph&#228;nomenen, die sich als eine Unterbrechung in der Zirkulation des Kapitals darstellen. Aufbauend auf den bisherigen &#220;berlegungen lassen sich diese  Erscheinungsformen von Krisen theoretisch fassen.<br />
F&#228;llt die Profitabilit&#228;t in mehreren unterschiedlichen Sektoren, kommt es durch die Ausbildung einer allgemeinen Durchschnittsprofitrate zu einem Fall der Profitabilit&#228;t in der &#214;konomie allgemein. Investitionsentscheidungen werden aber haupts&#228;chlich durch Profiterwartungen gesteuert. Erwarten KapitalistInnen, dass ihre Investitionen keinen Gewinn erwirtschaften, werden diese zur&#252;ckgehalten. Wir befinden uns in einer Situation, in der eine Masse an akkumuliertem Kapital schwindenden Optionen zur profitablen Kapitalverwertung gegen&#252;berstehen: einer Situation der <em>&#220;berakkumulation </em>von Kapital. Eine &#220;berakkumulationskrise kann sich auf unterschiedliche Arten ausdr&#252;cken<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a>: (1) Die Erh&#246;hung des materiellen Outputs bei gleichzeitigem Fall der Warenwerte f&#252;hrt zu &#220;bers&#228;ttigung von M&#228;rkten und einem &#220;berangebot von Waren. Disproportionalit&#228;ten und &#220;ber- bzw. Unterkonsumptionskrisen sind die Folge. (2) &#220;berkapazit&#228;ten im Produktionsprozess k&#246;nnen entstehen, weil fixes Kapital brach liegt oder nicht vollst&#228;ndig ausgenutzt wird. (3) Wie wir schon weiter oben gesehen haben, muss Geldkapital nicht sofort investiert werden. Wenn die Profitabilit&#228;t eines Produktionsprozesses gering ist, kann das Geld anderweitig investiert werden. Je h&#246;her der erwartete Zinssatz oder die Rendite aus spekulativen Anlagen, desto eher wird Kapital in nicht produktives Kapital investiert. Schlie&#223;lich &#228;u&#223;ern sich eine verminderte Profitabilit&#228;t und geringere Profiterwartungen in den oben erw&#228;hnten Kreditklemmen, welche die Zirkulation des Kapitals und den Ausgleich von intersektoralen Profitraten behindern.<br />
All diese Effekte f&#252;hren dazu, dass die am wenigsten konkurrenzf&#228;higen und unproduktivsten Kapitalien Bankrott gehen, die Reproduktion ins Stocken ger&#228;t und die Arbeitslosigkeit steigt. Die Widerspr&#252;che, die sich in den Phasen des Aufschwungs angeh&#228;uft haben, zeigen sich in pl&#246;tzlich auftretenden Krisen. Die Krise zerr&#252;ttet aber nicht nur das<br />
Leben vieler Menschen, sondern ist gleichzeitig ein reinigendes und stabilisierendes Moment f&#252;r die kapitalistische Wirtschaftsordnung. „Die Krisen sind immer nur momentane gewaltsame L&#246;sungen der vorhandnen Widerspr&#252;che, gewaltsame Eruptionen, die das gest&#246;rte Gleichgewicht f&#252;r den Augenblick wiederherstellen.“<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> Der Bankrott vieler Kapitalien bewirkt, dass Kapital rasch und umfassend entwertet und zerst&#246;rt wird. Das erlaubt anderen Kapitalien, Ausr&#252;stung und Produktionsst&#228;tten billig zu erwerben. Ohne die Last fr&#252;herer Investitionen tragen zu m&#252;ssen, k&#246;nnen wieder profitable Investitionen get&#228;tigt werden; der Krise folgt ein neuer Aufschwung.<br />
Die konkreten Formen, in denen sich die Widerspr&#252;che im Akkumulationsprozess in Krisen artikulieren, sind von den Phasen kapitalistischer Entwicklung und bestimmten (sich ver&#228;ndernden) Faktoren abh&#228;ngig. Beispiele hierf&#252;r w&#228;ren: die Gr&#246;&#223;e der betroffenen Kapitalien, die Rolle der Finanzsph&#228;re, die M&#246;glichkeiten der Erh&#246;hung der Ausbeutungsrate, die Rolle staatlicher Investitionen, usw. Dementsprechend reichen die hier beschriebenen abstrakten Dynamiken nicht aus, um die konkreten Krisenabl&#228;ufe genau erfassen zu k&#246;nnen.</p>
<p><strong>Langfristig Dynamiken und historische Entwicklungen</strong><br />
Der zweite Teil dieser Serie wird deshalb versuchen, die Entwicklungen des Nachkriegskapitalismus in groben Z&#252;gen nachzuzeichnen. Die Nachkriegsjahre waren insbesondere gepr&#228;gt von einem langanhaltenden, wirtschaftlichen Aufschwung. Da dieser der hier beschriebenen Instabilit&#228;t der kapitalistischen Produktionsweise auf den ersten Blick widerspricht, wird es notwendig sein, sich den Bedingungen dieses Aufschwungs genauer zu widmen. Die weiter oben dargelegten Grundlagen marxistischer Wirtschaftstheorie k&#246;nnen ebenso dabei helfen, das Eintreten der Krise in den 1970er Jahren und die darauf folgende Stagflationsphase sowie die wirtschaftlichen Ver&#228;nderungen im Zuge von Globalisierung und Neoliberalismus zu erkl&#228;ren.<br />
Eine Analyse der 2008 ausgebrochenen Weltwirtschaftskrise wird im dritten Teil dieser Serie Anlass sein, sich nicht nur mit dem Verlauf der aktuellen Krise auseinanderzusetzen, sondern auch verst&#228;rkt den Einfluss von Banken und Kreditinstitutionen, sowie, auf einer abstrakteren Ebene, die Rolle von Geld und fiktivem Kapital in den Blick zu bekommen.</p>
<p><em>Philipp Probst</em> studiert Human&#246;kologie in Wien und ist aktiv bei <em>Perspektiven</em>.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> vgl. The Washington Times, 24.10.2008, unter: http://www.washingtontimes.com/news/2008/oct/24/congress-rips-greenspan-for-crisis<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> vgl. Harvey, David: The Enigma of Capital, London 2010, S. vii<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Trotzki, Leo: The world economic crisis and the new tasks of the Communist International. The First Five Years of the Communist International, Volume I (1924), London 1973, unter: http://www.marxists.org/archive/trotsky/1924/ffyci-1/index.htm<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Neben diesen zwei Hauptstr&#246;mungen gibt es diverse andere Richtungen. Die radikalen KeynesianistInnen zum Beispiel kn&#252;pfen an jenen radikaleren Elementen der keynesianistischen Theorie an, die zum Teil Schnittstellen zu marxistischen Krisentheorien haben (vgl. Harcourt, Geoffrey/Kerr, Prue:<br />
Joan Robinson, London 2009). Die &#246;sterreichische Schule, deren bekannteste Vertreter Joseph Schumpeter und Ludwig von Mises sind, sehen in den Krisen eine sch&#246;pferische Zerst&#246;rung, die den Grundstein f&#252;r den dynamischen Fortschritt im Kapitalismus legt (vgl. Schumpeter, Joseph: Capitalism, Socialism and Democracy, London 1950). In den letzten Jahren haben sich vermehrt heterodoxe &#214;konomiken gebildet, die Bezug nehmen auf Erkenntnisse der Komplexit&#228;ts- und Evolutionsforschung. Krisendynamiken werden dabei allerdings oft als naturgegebene und jedem System inh&#228;rente Eigenschaften angesehen.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Walras, Leon: Elements of Pure economics, 1889, S. 381. Zit. nach Harman, Chris: The crisis of bourgeois economics, in: ders.: Selected Writings, London 2010, S. 174<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> vgl. S&#252;ddeutsche Zeitung, 15.04.2008, unter: http://www.sueddeutsche.de/geld/boerse-und-testosteron-wall-street-bitte-dopen-1.180150<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Marshall, Alfred: The Principles of Economics, 1936, S.109. Zit. nach Harman 2010, a.a.O., S. 173<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Walras, Leon, a.a.O., S. 242. Zit. nach Harman 2010, a.a.O., S.173<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Schumpeter 1950, a.a.O., S. 103<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Ein guter &#220;berblick &#252;ber die Geschichte marxistischer (und anderer) Krisentheorien findet sich bei Clarke, Simon: Marx’s Theory of Crisis, Houndmills 1994 sowie Shaikh, Anwar: Eine Einf&#252;hrung in die Geschichte<br />
der Krisentheorien, in: Prokla, 30 (1978), S. 3–42<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Zur Kritik an unterschiedlichen Versionen der Unterkonsumptionstheorien vgl. Shaikh 1978, a.a.O. sowie Bleaney, Michael: Underconsumption Theories: A History and Critical Analysis, New York 1976; zu Disproportionalit&#228;tstheorien vgl. Carchedi, Guglielmo: Frontiers of Political Economy, London 1991, S. 179–186. Die bekanntesten heutigen Vertreter von Unterkonsumptionstheorien st&#252;tzen sich auf die Arbeiten von Paul A. Baran und Paul Sweezy. F&#252;r diese ist die Nachkriegswirtschaft von Stagnationstendenzen gepr&#228;gt. Ihre Begr&#252;ndung ist, dass Monopole durch Manipulation von Preisen &#252;berm&#228;&#223;ige Profite (surplus profits) erzielen k&#246;nnen, die das System nicht mehr absorbieren kann, weil die  Konsumptionskraft der Gesellschaft zu gering ist. Die Folge sind &#220;berkapazit&#228;ten, nachlassende Investitionen und Stagnation. Nur durch das Wachstum von „Waste-areas“,<br />
also Produktion f&#252;r unproduktive Bereiche wie Waffen, Werbung oder auch einer wachsenden Finanzsph&#228;re k&#246;nnen die &#252;bersch&#252;ssigen Profite absorbiert werden (vgl. Baran, Paul A./Sweezy, Paul: Monopoly Capital, New York 1968 sowie Foster, Bellamy John/Magdoff, Fred: The Great Financial Crisis – Causes and Consequences, New York 2009). Kritik an dieser Position findet sich in Carchedi 1991, a.a.O. S. 185–186 sowie Choonara, Joseph: Marxist accounts of the crisis, in: International Socialism Journal,<br />
123 (2009), S. 93–96<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> vgl. v.a. Yaffe, David: The Marxian Theory of Crisis, Capital and the State, in: Bulletin of the Conference of Socialist Economists, 1972 (Winter), S. 5–58. Eine andere Herangehensweise findet sich bei Weeks, John: Capital and Exploitation, New Jersey 1981; Harman, Chris: Zombie Capitalism, London 2009; Fine, Ben/Saad-Filo, Alfredo: Marx’s Capital, London 2010; sowie weiter unten in diesem Artikel.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Die Profit-Squeeze-These geht davon aus, dass in Zeiten des Aufschwungs die Verhandlungsposition von ArbeiterInnen st&#228;rker wird, da sich die Nachfrage nach Arbeitskraft erh&#246;ht. Die L&#246;hne steigen und verringern die Profite bis zu dem Grad, an dem die Akkumulation gest&#246;rt wird. Die Argumentation findet sich bei Glyn, Andrew/Sutcliff, Robert: British capitalism, workers<br />
and the profit squeeze, London 1972. Die Kritik besteht haupts&#228;chlich darin, dass Akkumulation die Lohnrate bestimmt und nicht umgekehrt. Erst im Moment des Eintretens der Krise versch&#228;rfen zu hohe L&#246;hne die Krise zus&#228;tzlich (vgl. auch Carchedi 1991, a.a.O., S. 188 und Shaikh 1978, a.a.O. sowie Harvey, David: Limits to Capital, London 2006, S. 52–54).<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Weeks, John: Capital and Exploitation, New Jersey 1981, S. 189<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Diese Trennung in die einzelnen Teile ist nicht so strikt. So ist in der Marxschen Analyse des Werts eine gemeinsame Betrachtung von Zirkulation und Produktion notwendig. Allerdings k&#246;nnen grob diese Schwerpunkte zwischen den einzelnen B&#228;nden unterschieden werden.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> v entspricht dem Wert, der f&#252;r die Reproduktion der Ware Arbeitskraft n&#246;tig ist. Wird v verringert, erh&#246;ht sich, bei gleichbleibender Gr&#246;&#223;e des geschaffenen Werts L – der Mehrwert m.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Oft sind die Steigerung des absoluten und des relativen Mehrwerts in der Realit&#228;t nicht klar voneinander zu trennen. So erm&#246;glichte z.B. die Einf&#252;hrung des Flie&#223;bands ebenso die Erh&#246;hung des absoluten Mehrwerts durch eine effizientere Arbeitsweise, wie sie durch die gro&#223;fl&#228;chige Senkung der<br />
gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit f&#252;r die Produktion von Lebensmitteln auch den relativen Mehrwert enorm ansteigen lie&#223;.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Der Kampf von ArbeiterInnen gegen die Mechanisierung des Arbeitsprozesses war stets Teil des Klassenkampfs. Die Motivation war dabei nicht die Ablehnung neuer Technologien per se, sondern das Ziel, durch „kollektive Verhandlung durch Aufruhr“ Druck auf KapitalistInnen auszu&#252;ben, um so Forderungen durchzusetzen und drohenden Arbeitslosigkeit abzuwenden. Vgl. Hobsbawm, Eric: The Machine-Breakers, in: ders.: Uncommon People. Resistance, Rebellion and Jazz, London 1999, S. 6–22<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Marx, Karl: Das Kapital. Band 1 (MEW 23), Berlin 1962, S. 650<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Harman 2009, a.a.O., S. 55–56<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Choonara, Joseph: Unravelling Capitalism. A Guide to Marxist Political Economy, London 2009, S. 61<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Die effektive Nachfrage setzt sich also aus der Endnachfrage nach Konsumg&#252;ter aus Abteilung 2 und der Nachfrage nach Produktionsmittel aus Abteilung 1 zusammen.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Marx, Karl: Das Kapital. Band 3 (MEW 25), Berlin 1983, S. 621<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Marx, Karl: Grundrisse der Kritik der politischen &#214;konomie (MEW 42), Berlin 1953, S. 641<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Die folgenden Ausf&#252;hrungen st&#252;tzen sich zum Gro&#223;teil auf Weeks 1981, a.a.O.; Harman 2009, a.a.O. sowie Fine/Saad-Filho 2010, a.a.O..<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist das Ma&#223; f&#252;r den Wert von Waren. Das „gesellschaftlich notwendig“ bezieht sich dabei auf ein bestimmtes Produktivit&#228;tsniveau einer &#214;konomie, mit der Waren produziert werden (vgl. Heinrich, Michael: Kritik der politischen &#214;konomie. Eine Einf&#252;hrung, Stuttgart 2005 sowie Saad-Filho, Alfredo: The Value of Marx, London 2002).<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> vgl. Heinrich 2005, a.a.O., S. 148–153<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> vgl. Fine/Saad-Filho 2010, a.a.O., S. 71<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Oft wird argumentiert, dass KapitalistInnen nur dann technologische Neuerungen einf&#252;hren, wenn das ihre individuelle Profitrate erh&#246;ht. Eine h&#246;here individuelle Profitrate hat aber auch eine h&#246;here allgemeine Profitrate zufolge (vgl. Okishio, N: A Formal Proof of Marx’s Two Theorems, in: Kobe University Economic Review, 18 (1972), S. 1–6). Dabei wird aber von intersektoraler Konkurrenz und ungleicher technologischer Entwicklung abstrahiert (vgl. Harman 2009, a.a.O., S. 68–75 sowie Fine/ Saad-Filho 2010, a.a.O., S. 104–107).<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> „Die Zusammensetzung des Kapitals ist in zweifachem Sinn zu fassen. Nach der Seite des Werts bestimmt sie sich durch das Verh&#228;ltnis, worin es sich teilt in konstantes Kapital oder Wert der Produktionsmittel und variables Kapital oder Wert der Arbeitskraft, Gesamtsumme der Arbeitsl&#246;hne. Nach der Seite des Stoffs, wie er im Produktionsproze&#223; fungiert, teilt sich jedes Kapital in Produktionsmittel und lebendige Arbeitskraft; diese Zusammensetzung bestimmt sich durch das Verh&#228;ltnis zwischen der Masse der angewandten Produktionsmittel einerseits und der zu ihrer Anwendung erforderlichen Arbeitsmenge andrerseits. Ich nenne die erstere die Wertzusammensetzung, die zweite die technische Zusammensetzung des Kapitals. Zwischen beiden besteht enge Wechselbeziehung. Um diese auszudr&#252;cken, nenne ich die Wertzusammensetzung des Kapitals, insofern sie durch seine technische Zusammensetzung bestimmt wird und deren &#196;nderungen widerspiegelt:<br />
die organische Zusammensetzung des Kapitals. Wo von der Zusammensetzung des Kapitals kurzweg die Rede ist, ist stets seine organische Zusammensetzung zu verstehn.“ (MEW 23 1962, a.a.O., S. 640)<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Fine/Saad-Filho 2010, a.a.O., S. 87–92<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Weeks 1981, a.a.O., S. 194<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Dabei kommt auch die erh&#246;hte Umschlagszeit des Kapitals zum Tragen, die sich negativ auf die Profitrate auswirkt.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> „Der Widerspruch, ganz allgemein ausgedr&#252;ckt, besteht darin, da&#223; die kapitalistische Produktionsweise eine Tendenz einschlie&#223;t nach absoluter Entwicklung der Produktivkr&#228;fte, abgesehn vom Wert und dem in ihm eingeschlo&#223;enen Mehrwert, auch abgesehn von den gesellschaftlichen Verh&#228;ltnissen, innerhalb deren die kapitalistische Produktion stattfindet; w&#228;hrend sie andrerseits die Erhaltung des existierenden Kapitalwerts und seine Verwertung im h&#246;chsten Ma&#223; (d.h. stets beschleunigten Anwachs dieses Werts) zum Ziel hat. Ihr spezifischer Charakter ist auf den vorhandnen Kapitalwert<br />
als Mittel zur gr&#246;&#223;tm&#246;glichen Verwertung dieses Werts gerichtet. Die Methoden, wodurch sie dies erreicht, schlie&#223;en ein: Abnahme der Profitrate, Entwertung des vorhandnen Kapitals und Entwicklung der Produktivkr&#228;fte der Arbeit auf Kosten der schon produzierten Produktivkr&#228;fte.“ (MEW 25 1983, a.a.O., S. 259)<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> MEW 25 1983, a.a.O., S. 252<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Harvey 2006, a.a.O., S. 195<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> MEW 25 1983, a.a.O., S. 259</p>
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