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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Universität</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Ernten der Krise. Zu den K&#228;mpfen um die &#8220;Internationale Entwicklung&#8221;</title>
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		<pubDate>Tue, 04 Oct 2011 19:01:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>nico</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
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		<description><![CDATA[Das &#252;bergriffige Potenzial einer „Anomal-IE“ – das Linke Hochschulnetz &#252;ber die Internationale Entwicklung als Beispiel widerst&#228;ndiger Bewegungen gegen die neoliberale Umstrukturierung der Universit&#228;t.

Am 13. April unterbrach eine Masse von mehreren hundert Studierenden eine unter dem Motto „Bachelor, was nun?“ laufende geschlossene Veranstaltung, zu der die Uni Wien u.a. die Wirtschaftskammer und den OMV-Vorstand auf das Podium geladen hatte. „Master f&#252;r [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das &#252;bergriffige Potenzial einer „Anomal-IE“ – das <em>Linke Hochschulnetz</em> &#252;ber die Internationale Entwicklung als Beispiel widerst&#228;ndiger Bewegungen gegen die neoliberale Umstrukturierung der Universit&#228;t.<br />
<span id="more-2351"></span><br />
<em>Am 13. April unterbrach eine Masse von mehreren hundert Studierenden eine unter dem Motto „Bachelor, was nun?“ laufende geschlossene Veranstaltung, zu der die Uni Wien u.a. die Wirtschaftskammer und den OMV-Vorstand auf das Podium geladen hatte. „Master f&#252;r Alle!“, war die Antwort an eine Unileitung, die (sich) daran gew&#246;hnen will, Entscheidungen &#252;ber die K&#246;pfe der Universit&#228;tsangeh&#246;rigen hinweg zu treffen, und sich nur mit ausgew&#228;hltem Publikum und fragw&#252;rdigen „ExpertInnen“ zu konfrontieren. Die Aktionen am „Bachelor-Day“, an dem auch die Lehre an der Internationale Entwicklung (IE) ausgesetzt wurde, markieren einen vorl&#228;ufigen H&#246;hepunkt dieses inneruniversit&#228;ren Konfliktes. Was war passiert?</em></p>
<p>Zu Beginn des Sommersemesters &#252;berraschte der scheidende Rektor der Universit&#228;t Wien Georg Winckler mit der Neuauflage einer altbekannten Auseinandersetzung: Der f&#252;r das kommende Wintersemester vorgesehene Start des Masterstudiums IE wird im letzten Moment mit dem Argument der Unfinanzierbarkeit zuerst relativiert und wenig sp&#228;ter auf Grund „inhaltlicher M&#228;ngel“ &#252;berhaupt in Frage gestellt. Dies obwohl der Senat bereits im J&#228;nner 2011 seine Zustimmung f&#252;r einen von Lehrenden und Studierenden ausgearbeiteten Studienplan gegeben hat. Seither wird au&#223;erdem auch mehr oder weniger offen &#252;ber die Beendigung des Bachelors IE nachgedacht. Entsprechend aufgebracht sind nicht nur die Studierenden &#252;ber die wiederholt gebrochenen Versprechen. Ernst bleibt auch die Lage von Lehrenden und administrativem Personal: an der IE sind fast alle prek&#228;r angestellt und nun vom Verlust ihres Arbeitsplatzes bedroht.</p>
<p>Die Vorstellung des Rektorats ist ein englischsprachiger und zugangsbeschr&#228;nkter Eliten-Master der „Development Studies“, der die Motiviertesten und F&#228;higsten aus aller Welt rekrutiert und zu den morgigen TechnokratInnen internationaler Organisationen ausbildet. Dies w&#228;re nichts anderes als die Abschaffung der IE durch die Verkehrung ihrer Anspr&#252;che und Ziele.</p>
<p><strong>1. Die IE ist anders — kurze Geschichte einer Anomal-IE</strong><br />
Der Fokus des Studiums „Internationale Entwicklung“ liegt auf einem transdisziplin&#228;ren Zugang, der sich in einer Verbindung politikwissenschaftlicher, soziologischer, kultur-, wirtschafts- und geo-wissenschaftlicher Ans&#228;tze in der Erforschung globaler Zusammenh&#228;nge und des Ph&#228;nomens „Entwicklung” widerspiegelt. Ein solches transdisziplin&#228;res Vorgehen erm&#246;glicht anwendungs- und problemgeleitete Forschung auf Basis einer kritischen Analyse gegenw&#228;rtiger Gesellschaftsformationen. Diese Herangehensweise scheint angesichts der verschiedenen Krisen unserer Zeit (Wirtschaft, &#214;kologie, Ern&#228;hrung&#8230;) und ihrer gegenseitigen Verstrickung notwendiger denn je. Damit ist die IE innerhalb der deutschsprachigen Universit&#228;tslandschaft ein einzigartiges Studium. Nicht zuletzt deshalb, weil sie sich noch im Rahmen der &#246;ffentlichen Massenuniversit&#228;t entwickelte, als der neoliberale Umbau der Universit&#228;ten schon begonnen hatte.</p>
<p>Die Situation des Projekts gestaltete sich aufgrund fehlender Ressourcen h&#246;chst prek&#228;r. W&#228;hrend die Unsicherheit und fehlende Ausstattung mit Ressourcen mitunter darin begr&#252;ndet liegt, dass das Projekt von der Universit&#228;tsleitung stets nur geduldet, aber eigentlich nicht gewollt war, fand der individuelle Diplomstudiengang IE allergr&#246;&#223;ten Zuspruch von Seiten der Studierenden. Die Inskriptionszahlen explodierten und machten den Studiengang innerhalb weniger Semester zu einem Massenstudium. Bei anhaltendem Zustrom interessierter Studierender f&#252;hrte die Politik der Aushungerung seitens der Unileitung zu untragbaren Zust&#228;nden: die Lehrveranstaltungen waren &#252;berf&#252;llt, es fehlten R&#228;umlichkeiten, der Betrieb wurde bald nur noch durch die Aufopferung bzw. Selbstausbeutung von schlecht bezahlten Lehrenden mit kurzfristigen Arbeitsvertr&#228;gen sowie durch das Engagement von Studierenden aufrechterhalten. Andererseits entstand daraus eine besondere Situation selbstbestimmter Lehre. Das Massenstudium IE war ohne die enge und relativ gleichberechtigte Zusammenarbeit von Lehrenden und Studierenden schlichtweg nicht zu administrieren. Durch den starken R&#252;ckgriff auf studentische TutorInnen, die Gestaltung und Betreuung des Lehrveranstaltungs-Anmeldesystems durch die organisierte Studierendenschaft, ihre Beteiligung an der Lehre, der Ausarbeitung der Studienpl&#228;ne und deren inhaltlicher Schwerpunktsetzung, konnten die negativen Auswirkungen des unterfinanzierten Massenstudiums teilweise abgefedert werden.</p>
<p>Dadurch war es m&#246;glich, der disziplinierenden und vereinheitlichenden Zurichtung des Studiums im Zuge der Bologna-Implementierung zumindest graduell und im Sinne der Erhaltung von individuellen Gestaltungsspielr&#228;umen entgegenzuwirken. Absurderweise trug die Vorgehensweise der Universit&#228;tsleitung zu den Voraussetzungen f&#252;r selbstbestimmte kritische Lehre und auf l&#228;ngere Sicht auch zur Formierung einer widerst&#228;ndigen politischen Praxis bei. Das Rektorat sah sich einem rasch anwachsenden, selbstbewussten Kollektiv gegen&#252;ber.</p>
<p><strong>2. Der Umbau der Hochschulen&#8230;</strong><br />
Aber warum sitzen Wirtschaftskammer und OMV am Podium, wenn es darum geht, den neuen Bachelor-Studienplan zu evaluieren? Begriffe wie „&#214;konomisierung der Bildung“ oder „neoliberale Umstrukturierung“ versuchen einen gesellschaftlichen Prozess zu bezeichnen, der sich in den letzten Jahren beschleunigt hat. Allerdings geht es nicht einfach nur um Bildung, die zu einer Ware f&#252;r den Markt werden soll. Im Mittelpunkt stehen die Studierenden, welche direkt in der kapitalistischen Produktion und deren institutionellen Rahmenbedingungen arbeiten sollen. In den Worten der <a href="http://portal.wko.at/wk/dok_detail_file.wk?angid=1&#038;docid=1367496&#038;conid=482444&#038;stid=557158">Wirtschaftskammer</a> hei&#223;t das etwa, dass das Hochschulstudium als Berufsausbildung und nicht als „akademisch“ oder „wissenschaftlich“ verstanden werden muss und an die Erfordernisse des Arbeitsmarkts angepasst werden soll. Bachelorstudien „sollen klare Bez&#252;ge zu beruflichen Aufgaben in der Wirtschaft aufweisen. Die weiterf&#252;hrenden Studien (Master- bzw. Doktoratsstudium) sollen entweder die erworbene Anwendungsorientierung fortf&#252;hren oder als wissenschafts- bzw. forschungszentrierte Programme gef&#252;hrt werden“. F&#252;r den wissenschaftlichen Nachwuchs soll eine hochselektive „Exzellenzstrategie“ forciert werden und die Privatwirtschaft soll sich durch „Hochschul-Sponsoring“ und „Hochschulstiftungen“ leichter direkt einbringen k&#246;nnen (WK&#214; 2010: 35ff).</p>
<p>F&#252;r eine Wirtschaft zu arbeiten, die im Namen des Standorts st&#228;ndig neue Opfer verlangt und ein gutes und sicheres Leben immer in ferner Zukunft verortet, ist wohl f&#252;r die meisten in unserer Gesellschaft eine leidvolle Erfahrung. Das Interesse der Wirtschaftskammer f&#252;r die Strukturen der Universit&#228;t und ihre Abwertung des „Akademischen“ offenbart, was sich hinter dem Gerede von „Berufsausbildung“/„Employability“ und „Anwendungsorientierung“ versteckt: Menschliche Arbeitskraft ist im Kapitalismus die wichtigste Ware, um die sich alles dreht. Sie muss m&#246;glichst billig, abh&#228;ngig, f&#252;gsam, erpressbar, jederzeit verf&#252;gbar und austauschbar sein – kurz: prek&#228;r. Die Geschichte der „Hochschulreformen“ des letzten Jahrzehnts ist f&#252;r uns Studierende ein Prozess der Zurichtung und Enteignung, der uns auf entfremdete Arbeit vorbereiten soll:</p>
<p>Enteignung jeglichen eigenen Anspruchs an das Studium: was, wozu, wie lange studiert wird, wird uns „von oben“ auferlegt – jede T&#228;tigkeit, die uns nicht dazu ausbildet, in vorgegebenen Berufsbildern zu funktionieren, wird delegitimiert. Jede andere gesellschaftliche Rolle der Massenuni soll undenkbar werden. Selbst die freie Wahl des Studiums soll uns aus den H&#228;nden genommen werden.</p>
<p>Enteignung von Wissen (Dequalifizierung): an die Stelle einer m&#246;glichst umfassenden Ausbildung tritt die enge fachliche Spezialisierung, die nicht nur schneller und billiger ist, sondern uns auch gegen&#252;ber dem/der einzelnen ArbeitgeberIn abh&#228;ngiger macht. Je nach dem, was gerade von uns gebraucht wird, sollen wir uns dann um- oder weiterbilden („Lifelong learning“).</p>
<p>Enteignung von Mitbestimmungs- und Gestaltungsm&#246;glichkeiten („Verschulung“): Studieren ist das m&#246;glichst schnelle Aneignen vorgegebener Wissenshappen in straff organisierten und standardisierten Studienpl&#228;nen. Die „Mindeststudienzeit“ ist schon l&#228;ngst Regelstudienzeit. Verlieren wir Zeit mit Herumschweifen, Vertiefen und eigenwilliger Gestaltung, ist bald die „Toleranz“ vorbei und wir verlieren Beihilfen, Beg&#252;nstigungen und zahlen Studiengeb&#252;hren. Die Vorstellungen und Bestrebungen der Auszubildenden sind potentielle Hindernisse f&#252;r die zielgerechte Ausbildung: Lieber unverbindliche KundInnenbefragungen als demokratische Entscheidungsprozesse! Die Ideologie der „Dienstleistungsuniversit&#228;t“, die Universit&#228;t als Unternehmen und Ausbildung als kaufbares Produkt darstellt, mystifiziert diese autorit&#228;re Umgestaltung, indem sie es &#252;berhaupt erst als selbstverst&#228;ndlich erscheinen l&#228;sst, dass wir als KonsumentInnen kein Recht darauf haben, mitzubestimmen, wie das Produkt ausschauen soll oder gar wie der ganze Betrieb zu funktionieren hat.</p>
<p>Enteignung finanzieller Mittel: die Erzeugung materieller Armut in einem der reichsten L&#228;nder der Welt soll unseren Eigensinn einschr&#228;nken und uns zur Fremdbestimmung disziplinieren. Studierende haben keinen Anspruch auf Mindestsicherung. Studiengeb&#252;hren und andere Belastungen h&#228;ngen &#252;ber unseren K&#246;pfen, sobald wir vorgegebene Bahnen verlassen wollen. Der allgegenw&#228;rtige Mangel soll uns zur Entsolidarisierung und zur Konkurrenz erziehen: unsere Mitstudierenden werden zu FeindInnen und die „Masse“ zur Ursache aller Missst&#228;nde, wie fehlende Seminarpl&#228;tze, knapp verf&#252;gbare Lehrb&#252;cher usw.</p>
<p>Angesichts dieser umfassenden kontinuierlichen Enteignung greift die Debatte um den Finanzierungsnotstand der Universit&#228;ten zu kurz. Der Mangel an Mitteln ist nicht Vernachl&#228;ssigung von Studierenden und ihrer Bildung. Dieser erm&#246;glicht im Gegenteil erst — durch Bezugnahme auf so genannte finanzielle Sachzw&#228;nge — die neoliberale Umstrukturierung der Massenuniversit&#228;ten. Damit versteckt sich hinter der angeblichen Zentralit&#228;t des Themas Bildung im Mund von PolitikerInnen, InteressenvertreterInnen, „ExpertInnen“ und liberalen MeinungsmacherInnen de facto der gewaltf&#246;rmige Umbau der &#246;ffentlichen Massenuniversit&#228;t „von oben“.</p>
<p>Paradebeispiel f&#252;r den Zusammenhang zwischen Unterfinanzierung und Umbau ist die Debatte um Zugangsbeschr&#228;nkungen. Die planm&#228;&#223;ige Ausbildung von ausbeutbarer Arbeitskraft erfordert die „Lenkung der Studierendenstr&#246;me“, wie sie etwa die <a href="http://www.industriellenvereinigung.at/b2318m103">Industriellenvereinigung</a> fordert. Dem steht der freie Hochschulzugang im Weg. An dessen Stelle tritt die „Studienplatzbewirtschaftung“ und das „Zugangsmanagement“. Das schlagende Argument daf&#252;r: freier Hochschulzugang sei nicht finanzierbar. Die von den Studierendenprotesten erzeugte Aufmerksamkeit rund um die fehlende Finanzierung der Hochschulen wird von Regierung und RektorInnen zur Durchsetzung der eigenen Vorstellungen genutzt. Die freie Wahl des eigenen Studiums muss aufh&#246;ren, ein Recht zu sein. Das Studium wird zur Konzession, die man sich verdienen muss und dankbar in Empfang nimmt, nachdem man den Kampf um den Studienplatz gegen die eigenen KollegInnen gewonnen hat.</p>
<p>Am Beispiel der Aushebelung des freien Hochschulzugangs wird sichtbar, dass Unterfinanzierung Strategie ist. Ziel ist eine regierbare Hochschule. Der Angriff im Sinne einer Umstrukturierung der &#246;ffentlichen Massenuniversit&#228;t ist ein Zugriff auf diejenigen, die in ihr studieren und arbeiten. Er zielt darauf ab, Bildung zur Produktion von prek&#228;rer, unterworfener, herrschaftskonformer Arbeitskraft zu machen. Die Ausbildung bereitet dabei auf die Arbeit vor, indem sie selbst schon deren Eigenschaften annimmt: fremdbestimmtes, unm&#252;ndiges T&#228;tigsein unter Zeitdruck. Studieren erleben wir zunehmend als Ausbildungsarbeit, um im neoliberalen System funktionieren zu k&#246;nnen.</p>
<p><strong>3. &#8230; ist krisenhaft!</strong><br />
Die Ware sind schon l&#228;ngst wir selbst! Allerdings sind wir nicht einfach tote Gegenst&#228;nde. Wir sind eine au&#223;erordentlich lebendige Ware! Wir sollen funktionieren. Das System lebt von unserem Tun und will es vorbestimmen. Aber wir k&#246;nnen auch anders! Im Eigensinn der lebendigen Arbeit steckt die Grenze des Kapitalismus.</p>
<p>Das Hindernis sind wir selbst. Unsere intellektuelle Neugier, die &#252;ber einzelne Disziplinen und spezifische Berufsausbildungen hinausgeht. Unsere solidarische Haltung gegen&#252;ber unseren Mitmenschen, der Gesellschaft und der Natur, die die normative Vorstellung des egoistischen, Nutzen maximierenden „homo oeconomicus“ und den Imperativ der Konkurrenz untergr&#228;bt; unsere Scheu vor sinnloser, entfremdeter Arbeit; unsere F&#228;higkeit, zu kritisieren.</p>
<p>Die Jahre der „Hochschulreformen“, der Enteignungen und der Einf&#252;hrung neuer Zw&#228;nge, sind auch die Jahre, in denen die StudentInnenrevolten in ganz Europa an die Tagesordnung zur&#252;ckgekehrt sind: Frankreich, Italien, Spanien, D&#228;nemark, Griechenland, Kroatien, Polen, &#214;sterreich, Niederlande, Deutschland, Gro&#223;britannien&#8230; in welchem Land wurden in den letzten Jahren nicht Universit&#228;ten besetzt, bestreikt oder auf der Stra&#223;e demonstriert? Die Massenmobilisierungen auf Unis und Schulen erreichten an manchen Orten noch nie da gewesene Ausma&#223;e und haben immer wieder Angriffe „von oben“ entschleunigt oder gar r&#252;ckg&#228;ngig gemacht. Prominentes Beispiel ist die R&#252;cknahme eines prekarisierenden Besch&#228;ftigungsgesetzes f&#252;r junge Arbeitende in Frankreich 2006, zu dem die Regierung durch den monatelangen Stillstand der Universit&#228;ten und schlie&#223;lich die Mobilisierung der Gewerkschaften gezwungen wurde. Diese Erfahrung sagt auch viel &#252;ber das neue Verh&#228;ltnis zwischen Studium und Arbeit und deren verschwimmende Grenzen aus. Die Universit&#228;t ist l&#228;ngst nicht mehr der abgekapselte Raum, der er einmal war. Die Auseinandersetzung mit unserer eigenen spezifischen Lage zwingt uns zum Einschreiten ins gesellschaftliche und politische Geschehen, wie neuestens in Spanien, wo die „emp&#246;rte“ Jugend sich die &#246;ffentlichen Pl&#228;tze aneignete und versuchte, Politik anders zu praktizieren. Die Dynamik dieser Konflikte ist ein Wechselspiel von pl&#246;tzlichem Ausbruch massenhaften Ungehorsams und dem R&#252;ckzug ins Private, die nach Vorstellungskraft, politischer Zielrichtung und entsprechender Organisierung schreit. Zentrale Herausforderungen f&#252;r die StudentInnenbewegung sind sowohl der Zusammenschluss mit anderen gesellschaftlichen Kr&#228;ften als auch, die Universit&#228;t als Institution, in der Wissen geschaffen wird, in diesen verallgemeinerten Kampf miteinzubeziehen.</p>
<p>Jedenfalls entpuppt sich der herrschaftsf&#246;rmige Umbau der Hochschulen auch abseits gro&#223;er Zuspitzungen und Revolten keineswegs als gschmeidiges Unterfangen. Die &#246;ffentliche Massenuniversit&#228;t bleibt ein t&#228;glich umk&#228;mpftes Feld: Universit&#228;t wird immer wieder anders gemacht, als sie von den Regierenden gedacht wird. Bei der IE handelt es sich um eine solche Abweichung. „Anomalie“ im Hochschulsystem findet sich &#252;berall dort, wo gelebte Demokratie, studentische Selbst- und Mitbestimmung sowie kritische Wissenschaft und die Aushebelung von Selektionsmechanismen m&#246;glich bleiben. Zentral und konstitutiv f&#252;r den Charakter der IE war dabei immer wieder die direkte Einmischung der Studierenden. Was w&#228;re die IE, wenn sie nicht erk&#228;mpft worden w&#228;re? Indem wir den strukturellen Umbau der Massenuniversit&#228;t undurchf&#252;hrbar machen, k&#246;nnen wir die gesellschaftliche Funktion der Universit&#228;ten umkehren und dazu beitragen, die herrschende Ordnung zu destabilisieren. Wir sind ihre Krise!</p>
<p><strong>4. Die Anomalie ist die Wiege der Krise</strong><br />
Warum die Figur der „Anomalie“? Weil sie uns die Widerspr&#252;chlichkeit der IE erfassen l&#228;sst. Weil sie gleichzeitig ein emanzipatorisches Ver&#228;nderungspotential, als auch Beschr&#228;nktheit und prek&#228;re Existenz ausdr&#252;ckt. Die Anomalie zeichnet sich dadurch aus, dass sie eine Nische, eine Abweichung und nicht die Regel ist. Sie ist nicht das „radikal Andere“, sondern etwas Anderes innerhalb bestimmter systemischer Grenzen. Was bedeutet etwa <a href="http://www.perspektiven-online.at/2009/06/13/kritisch-studieren-an-oesterreichs-universitaeten/">&#8220;kritisches Studieren&#8221;</a> in einer Institution wie der Universit&#228;t, die historisch der Reproduktion von Eliten sowie der Legitimation von Herrschaft gedient hat? Bei der Diskussion um dessen emanzipatorische Wirkungsm&#228;chtigkeit sollte mitbedacht werden, dass – verallgemeinernd ausgedr&#252;ckt – das Studium der IE auch in Zeiten des freien Hochschulzugangs von einer kleinen Minderheit der Gesellschaft in Anspruch genommen wird, die sich gro&#223;teils aus „bildungsb&#252;rgerlichen Schichten“ rekrutiert. Emanzipation erfordert auch den Ausbruch aus einem selbstbez&#252;glichen akademischen Milieu.</p>
<p>Weiters unterliegt die Anomalie immer strengen inneruniversit&#228;ren Grenzen. So handelt es sich bei der IE um ein regul&#228;res Studium, an dessen Ende ein Titel vergeben wird, der sozialen Aufstieg und Privilegien bedeutet. Die IE kann immer nur bis zu einem gewissen Grad aus der etablierten Logik universit&#228;rer Lehre ausbrechen und kritische Freir&#228;ume f&#252;r emanzipatorische Bildung schaffen. Dabei handelt es sich oftmals um einen zeitlich begrenzten Bruch mit und innerhalb der herrschenden Ordnung. Die Anomalie zeichnet sich durch ihre prek&#228;re Existenz aus: sie droht vom System aufgefressen zu werden. Entweder durch frontalen Angriff und schlagartige Beseitigung – wie im Falle der Nicht-Einf&#252;hrung des IE-Masters – oder aber durch langsame Normalisierung und Institutionalisierung. Ein Kampf, der sich auf die blo&#223;e Erhaltung einer Anomalie beschr&#228;nkt, kann daher nicht gewonnen werden; immer wieder aufs Neue droht die Anomalie in den Sog gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen gezogen zu werden und sich darin aufzul&#246;sen.</p>
<p>Mit dem ausklingenden Wintersemester 2010 und nach langj&#228;hrigen Studi-Protesten schienen sich die Verh&#228;ltnisse an der IE normalisiert zu haben. Mit der Einf&#252;hrung des Bachelors war ein stetiger Zufluss von Ressourcen, eine schrittweise Institutionalisierung als befristete „Forschungs- und Lehrplattform“ und eine entsprechende Planbarkeit verbunden – es musste nicht mehr jedes Semester aufs Neue um die n&#246;tigen Mittel f&#252;r die Fortsetzung der Lehre gebangt werden. Diese Ver&#228;nderungen blieben nicht ohne Konsequenzen f&#252;r die innere Zusammensetzung des Studiengangs und f&#252;hrten unter anderem zu einer Einschr&#228;nkung der Gestaltungsspielr&#228;ume f&#252;r die Studierendenschaft – der selbstverwaltete Charakter der Lehre litt unter dem Prozess der Institutionalisierung.</p>
<p>Vor allem aber kann sich die IE als einzelnes Studium nicht zur G&#228;nze den Angriffen entziehen, die in Form von Universit&#228;tgesetz-Novellierungen oder europaweit konzertierter Bildungspolitik daherkommen. Das Diplomstudium wurde zwangsweise aufgelassen. Die neue zugangsbeschr&#228;nkende Studieneingangsphase (STEOP) macht seit diesem Herbst auch vor der IE nicht halt. Diese sieht am Anfang des Studiums alles entscheidende Modulpr&#252;fungen vor, die den Leistungsdruck auf Erstsemestrige extrem erh&#246;hen und Doppelstudien praktisch verunm&#246;glichen.</p>
<p>In dieser Situation der normalisierenden Institutionalisierung und der vermeintlichen Sicherheit schlug die Nicht-Finanzierung des IE-Masters ein wie eine Bombe. Die daraus resultierende existenzielle Bedrohung des gesamten Studiengangs verdeutlicht nicht nur den immer prek&#228;ren Charakter der Anomalie. Sie erinnert auch an die Zeit vor der schrittweisen Institutionalisierung und daran, dass schon um die Etablierung des Individuellen Diplomstudiengangs gek&#228;mpft werden musste; dass die Anomalie selbst das Ergebnis von K&#228;mpfen ist und Ausgangspunkt neuer K&#228;mpfe werden kann: Sp&#228;testens ab 2007 formierte sich offener studentischer Protest gegen die Politik der Aushungerung von Seiten der Universit&#228;tsleitung. &#220;ber den eingeengten institutionellen Handlungsspielraum der Basisgruppe IE hinaus radikalisierte sich der Protest im <em>Café IE</em>. Dessen widerst&#228;ndige politische Praxis erlebte durch den Zusammenschluss mit Studierenden verschiedener anderer Studienrichtungen im <em>Widerstandscafé</em> eine erste Verallgemeinerung. Die urspr&#252;nglich partikularen Forderungen der Internationalen Entwicklung bekamen eine gesamtuniversit&#228;re Dimension. Das <em>Widerstandscafé</em> wurde in den folgenden zwei Jahren zu einer treibenden Kraft politischer K&#228;mpfe an der Universit&#228;t Wien, bis es im Herbst 2009 in der Besetzungsbewegung aufging. Der Zusammenhang zwischen „Partikularit&#228;t“ und „Verallgemeinerung“, bzw. zwischen „Anomalie“ und „Bewegung“ wurde damals besonders deutlich: ein wichtiger Teil der Studierenden, die am 22. Oktober 2009 das Audimax besetzten und damit die gr&#246;&#223;te Unibewegung seit Jahren ausl&#246;sten, waren IE-Studierende, die um ihr Studium k&#228;mpften und kurz zuvor eine entsprechende Vollversammlung abgehalten hatten. Die „allgemeine Ersch&#252;tterung“ von <a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/02/10/die-explosion-eines-politischen-unbehagens/"><em>unibrennt</em></a> wirkte damals positiv auf die Verh&#228;ltnisse an der IE zur&#252;ck.</p>
<p>Es geht also um diesen Sprung im Kampfzyklus, der aus dem Kampf der Anomalie um ihre eigene Existenz entstanden ist. Die Verallgemeinerung der K&#228;mpfe bedeutet dabei nichts als die konsequente Antwort auf den Umbau der Massenuniversit&#228;t; sie wird zur Notwendigkeit. Wir brauchen den Zusammenschluss mit allen, die vom Umbau in und au&#223;erhalb der Universit&#228;ten betroffen sind!</p>
<p>Der Kampf um die Anomalie ist nicht nur um ihrer selbst Willen wichtig. Vielmehr bietet sie ein Terrain f&#252;r die Formierung widerst&#228;ndiger Subjekte, die sich wiederum nur in der Anbindung an gr&#246;&#223;ere gesellschaftliche K&#228;mpfe und im Anschluss an politische Kampfzyklen wirklich konstituieren k&#246;nnen. Das ist, was die Anomalie so interessant und wichtig macht. Der Kampf der Anomalie um ihre Existenz kann und soll &#252;ber die Verteidigung des Bestehenden hinausgehen. Die IE zeigt, dass der Umbau der Massenuniversit&#228;t sich keineswegs reibungslos vollzieht, sondern eine politische Durchsetzung ben&#246;tigt. Ansonsten ger&#228;t der Umbau in die Krise. Wir wollen seine Krise! Die Anomalie tr&#228;gt den Keim dieser Krise in sich.</p>
<p><strong>5. Was passiert innerhalb der Uni Wien?</strong><br />
Die Rolle der Unileitung muss im Kontext des strukturellen Umbaus der Massenuniversit&#228;t gesehen werden. Die Verwandlung der Hochschule in eine Produktionsst&#228;tte f&#252;gsamer Arbeitskraft kann n&#228;mlich nicht ohne Ver&#228;nderung inneruniversit&#228;rer Machtverh&#228;ltnisse vonstatten gehen: wer nie etwas mitentscheiden durfte, wird auch im sp&#228;teren Leben keinen Anspruch darauf erheben. Demokratische Mitbestimmung ist im Sinne eines „effizienten Entscheidungsprozesses“ ein Hindernis. Das ideologische Gewand dieser autorit&#228;ren Umstrukturierung ist jenes der „Dienstleistungsuniversit&#228;t“. Die Universit&#228;t soll ausschauen wie ein Unternehmen. Und Demokratie h&#246;rt bekanntlich an der T&#252;rschwelle aller Unternehmen auf. An der Spitze der Universit&#228;t stehen jetzt ein Management (Rektorat) und ein Aufsichtsrat (Unirat) – von den &#252;blichen konservativen Seilschaften besetzt. Die „Universit&#228;tsreformen“ verleihen der alten Unihierarchie mehr Macht &#252;ber die Universit&#228;tsangeh&#246;rigen und machen sie gleichzeitig zu einer gewichtigen Akteurin des Umbaus.</p>
<p>Seit der UG-Novelle 2009 besitzt der Rektor etwa die alleinige Kompetenz &#252;ber Finanzierungsfragen. Am Beispiel der IE wird ersichtlich, dass ihm dies weit mehr erlaubt: das gewaltsame Eingreifen in die inhaltliche Ausgestaltung der Studienpl&#228;ne &#252;ber die K&#246;pfe der Kollegialorgane hinweg, welche nicht ohne seine finanzielle Zusicherungen arbeiten k&#246;nnen. Monokratische Entscheidungsstrukturen zu Gunsten des Rektors werden durch die bewusste Logik der gegenseitigen Ausspielung verschiedener Universit&#228;tsebenen und Fakult&#228;ten nach dem Prinzip des „Teile und Herrsche“ abgesichert. Wird irgendwo Kohle frei, weil das Management beschlossen hat, etwas nicht zu finanzieren, erhoffen sich alle anderen davon Vorteile.</p>
<p>Es besteht insofern auch kein Interessensgegensatz zwischen Regierung und Unileitung. Eher haben wir es mit einer integrierten Doppelherrschaft zu tun, die es den Instanzen erlaubt, jeweils die Verantwortung von sich zu schieben: Das Ministerium verteidigt die eigenen Angriffe als Reformen, die an sich gut, aber von den „autonomen“ Universit&#228;ten schlecht umgesetzt w&#228;ren (wie bei der Debatte rund um die Bologna-Architektur). Die RektorInnen und DekanInnen wollen ihre gezielten Ma&#223;nahmen gegen freies Studieren, selbstverwaltete R&#228;ume und demokratische Mitbestimmung mit dem Argument der Ressourcennot durchsetzen, f&#252;r die doch leider die Regierung verantwortlich sei (und diese jammern sie periodisch in &#246;ffentlichen Briefen und Auftritten an). Die gesellschaftlichen Machtverh&#228;ltnisse st&#252;tzen sich auf inneruniversit&#228;re Machtverh&#228;ltnisse (und umgekehrt). Die Universit&#228;tshierarchie fungiert als Agentin von Entdemokratisierung und kapitalistischem Zugriff auf die Universit&#228;t und ihre Subjekte. Dadurch werden gesellschaftliche Verh&#228;ltnisse (an)greifbar. Dr&#228;ngen wir die Diktatur des Rektorats zur&#252;ck! Erobern wir R&#228;ume und M&#246;glichkeiten zur autonomen Gestaltung der Universit&#228;t und brechen wir die Grenzen zwischen Universit&#228;t und anderen gesellschaftlichen Bereichen auf!</p>
<p><strong>S&#228;en wir die Krise,<br />
seien wir die Krise!</strong><br />
Sonst k&#246;nnen wir alle sehen, wo wir bleiben&#8230;</p>
<p>Es handelt sich bei diesem Artikel um Ausschnitte aus der gleichnamigen <a href="http://linkeshochschulnetz.at/index.php?site=180&#038;subsite=156">Brosch&#252;re</a> des <em>Linken Hochschulnetz</em>.</p>
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		<title>Uni-Revolten als Klassenk&#228;mpfe?</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:13:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Klassentheorie]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[unibrennt]]></category>
		<category><![CDATA[Universität]]></category>

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		<description><![CDATA[Wer k&#228;mpft in den neuen Studierendenbewegungen? Benjamin Opratko fragt ob, und wenn ja wie die weltweiten Revolten an den Universit&#228;ten als „Klassenk&#228;mpfe“ verstanden werden k&#246;nnen und diskutiert den Zusammenhang von Hochschulen und Kapitalismus.

Die Proteste, die im Herbst 2009 von der besetzten Akademie der Bildenden K&#252;nste in Wien ihren Ausgang genommen hatten und sich innerhalb weniger Wochen zu einer europaweiten Bewegung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wer k&#228;mpft in den neuen Studierendenbewegungen? <em>Benjamin Opratko</em> fragt ob, und wenn ja wie die weltweiten Revolten an den Universit&#228;ten als „Klassenk&#228;mpfe“ verstanden werden k&#246;nnen und diskutiert den Zusammenhang von Hochschulen und Kapitalismus.<br />
<span id="more-1953"></span><br />
Die Proteste, die im Herbst 2009 von der besetzten <em>Akademie der Bildenden K&#252;nste</em> in Wien ihren Ausgang genommen hatten und sich innerhalb weniger Wochen zu einer europaweiten Bewegung vervielfachten, waren – zumindest in &#214;sterreich – sicherlich die sichtbarsten und dynamischsten sozialen K&#228;mpfe der letzten Jahre. Retrospektiv l&#228;sst sich die <em>unibrennt</em>-Bewegung auch als Teil eines breiter verstandenen, neuen Kampfzyklus’ einordnen: Dieser k&#252;ndigte sich Anfang 2006 in den massenhaften Protesten gegen den CPE in Frankreich an<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> und fand seinen j&#252;ngsten und wohl nicht letzten H&#246;hepunkt in militanten Aktionen w&#252;tender Studierender in London, die aus Protest gegen angek&#252;ndigte Erh&#246;hungen der Studiengeb&#252;hren das Hauptgeb&#228;ude der Konservativen Partei entglasten.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Den K&#228;mpfen, die in &#228;hnlicher Form, rund um &#228;hnliche Themen, in ganz Europa und dar&#252;ber hinaus gef&#252;hrt wurden, ist gemein, dass sie sich rund um die Institution Universit&#228;t organisieren und ma&#223;geblich von Studierenden getragen werden.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Der Begriff „Studierendenbewegung“ – in der massenmedialen Verarbeitung meist als „Studentenbewegung“ – wurde dabei dem historisierenden Zugriff jener entzogen, die gerade noch das Jubil&#228;umsjahr 2008 zum Anlass genommen hatten, wahlweise nostalgisch oder als letzte Abrechnung die „68er“ zu beschw&#246;ren, und neu aufgeladen in das politische Vokabular der Gegenwart eingeschrieben. Auch wenn konkrete, politisch-legislative Erfolge bisher weitgehend ausblieben, m&#252;ssen die positiven Effekte dieser R&#252;ckkehr der Uni-Revolten herausgestrichen werden. Das Br&#252;chigwerden des neoliberalen Alltagsverstands, die Artikulation von politischem „Gegenfeuer“ (Bourdieu), die Diskussion um bildungspolitische Forderungen, die implizit &#252;ber den Kapitalismus selbst hinausweisen<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> und nicht zuletzt die praktischen Bewegungserfahrungen von Tausenden sind nur einige davon. Sie waren Grund genug f&#252;r viele AktivistInnen der Gruppe, die sich um dieses Magazin organisieren, und noch mehr seiner LeserInnen, sich an diesen Bewegungen aktiv zu beteiligen. Eine erste Runde der Reflexion f&#252;hrte zu Perspektiven Nr. 10, in der wir unsere Diskussionen und Einsch&#228;tzungen zu den „K&#228;mpfen um Bildung“ vorstellten. Dabei standen, noch ganz unter dem Eindruck der enormen Dynamik der Proteste, strategische und gegenwartsdiagnostische Gesichtspunkte im Mittelpunkt der Auseinandersetzung. &#196;hnliches l&#228;sst sich von anderen, seither aus aktivistischen Zusammenh&#228;ngen entstandenen Publikationen sagen – exemplarisch seien die Beitr&#228;ge im Sammelband <em>Uni brennt </em>erw&#228;hnt.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Zugleich wurden im Zuge der Bewegung Lernprozesse zum Thema Bildung und Universit&#228;t angesto&#223;en, die sich auf sich auf Debatten und Forschungsergebnisse kritischer WissenschafterInnen beziehen, in denen meist die „&#214;konomisierung“ der Bildung, der mehr oder weniger direkte Zugriff des Kapitals auf Forschung und Lehre und die staatliche Zurichtung der Hochschulen auf die „Anforderungen des Arbeitsmarktes“ diskutiert und kritisiert werden.<br />
Dies sind wichtige und fortzuf&#252;hrende Debatten. Die studentischen Proteste der letzten Jahre werfen aber weitere Fragen auf, die dar&#252;ber hinaus reichen, n&#228;mlich: Welcher Art sind diese K&#228;mpfe, und wer sind diejenigen, die sie f&#252;hren? Welche Subjekte wehren sich hier? Diese Themen wurden bereits durch die am Beginn dieses Zyklus stehende Bewegung gegen das franz&#246;sische CPE ganz unmittelbar relevant, ging es hier doch nicht um Studienbedingungen oder Universit&#228;tsreformen, sondern um die Einf&#252;hrung neuer Arbeitsvertr&#228;ge, die den K&#252;ndigungsschutz f&#252;r junge LohnarbeiterInnen de facto aufheben sollten. Die Bewegung wurde zwar ma&#223;geblich von Studierenden getragen und beinhaltete die Besetzung mehrerer Universit&#228;ten, die Studierenden f&#252;hlten sich jedoch „als ArbeiterInnen, nicht als Studierende angegriffen“, wie auf Flugbl&#228;ttern betont wurde.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Im Rahmen der <em>Onda Anomale</em>, der Protestbewegung gegen die Bildungsreformen der Regierung Berlusconi im Herbst 2008, wurde das Thema von italienischen StudentInnen auf andere, und doch &#228;hnliche Weise aufgegriffen, indem sie sich als <em>WissensarbeiterInnen </em>verstanden und organisierten.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Und an der besetzten Universit&#228;t in Berkeley, Kalifornien, entstand 2009 das <em>Kommuniqué aus einer ausbleibenden Zukunft</em>, in dem die Trennung zwischen Schule, Universit&#228;t und Arbeitsplatz analytisch wie politisch abgelehnt wurde.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Es werden also in den Bewegungen Fragen aufgeworfen, die sich aus der undogmatisch marxistischen Perspektive, die dieses Magazin pr&#228;gt, auch theoretisch aufdr&#228;ngen: Wie verhalten sich diese „studentischen“, auf die Universit&#228;t bezogenen Proteste zum Konzept des „Klassenkampfs“? Welche Funktionen kommen Hochschulen in einer kapitalistischen Klassengesellschaft zu, und welche Konsequenzen ergeben sich daraus f&#252;r die Potenziale und Grenzen studentischer K&#228;mpfe? Um einer Antwort n&#228;her zu kommen, werden im Folgenden einige Zug&#228;nge zu dieser Problematik diskutiert, die sich mehr oder weniger direkt auf Marx und die eine oder andere marxistische Tradition berufen, diese aber aus sehr unterschiedlichen Perspektiven betrachten.</p>
<p><strong>Warum Marx f&#252;r Studiengeb&#252;hren war</strong><br />
Marx selbst hatte zu Forderungen nach kostenloser h&#246;herer Bildung eine &#252;beraus deutliche Haltung. In seiner Kritik am „Gothaer Programm“ der SPD, in dem die deutschen SozialdemokratInnen sich f&#252;r „unentgeltliche[n] Unterricht“ aussprachen, erkl&#228;rte er: „Wenn in einigen Staaten [...] auch ‚h&#246;here’ Unterrichtsanstalten ‚unentgeltlich‘ sind, so hei&#223;t das faktisch nur, den h&#246;heren Klassen ihre Erziehungskosten aus dem allgemeinen Steuers&#228;ckel bestreiten.“ (MEW 19: 30) Wenn das Kapital also, so Marxens Argument, f&#252;r das eigene Bestehen auf eine Fraktion gut ausgebildeter Techniker, Juristen, Staatsbeamte usw.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> angewiesen ist, so hat es die Kosten f&#252;r deren Ausbildung gef&#228;lligst selbst zu &#252;bernehmen. Die ArbeiterInnenklasse hat von einem unentgeltlichen Hochschulstudium nichts zu gewinnen. Diese &#220;berlegung mag auf den ersten Blick paternalistisch und elit&#228;r erscheinen – wird hier nicht unterstellt, ProletarierInnen w&#252;rde das Bed&#252;rfnis oder die F&#228;higkeit f&#252;r h&#246;here Bildung abgehen? Tats&#228;chlich begriff Marx die Universit&#228;ten als das, was sie zu jener Zeit tats&#228;chlich waren: Reproduktionsapparate der herrschenden Klasse, die entsprechend, via Geb&#252;hren, aus den Kapital- und Renteneinkommen derselben finanziert werden sollten. Zwar stieg die Zahl der Studierenden in der zweiten H&#228;lfte des 19. Jahrhunderts stark an – 1880 sprachen Kommentatoren in Deutschland gar von einer „Akademikerschwemme“ – dies betraf aber in erster Linie Studien der Medizin und Rechtswissenschaften, in welche die S&#246;hne der an Selbstbewusstsein gewinnenden deutschen Bourgeoisie str&#246;mten.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Aus Marxens Perspektive war eine &#214;ffnung der Universit&#228;ten f&#252;r ArbeiterInnen dar&#252;ber hinaus schon allein deshalb wenig erstrebenswert, weil das kritische, demokratische und sozialistische Wissen dort ohnehin keine Rolle spielte. Nat&#252;rlich war f&#252;r Marx und seine MitstreiterInnen die Teilhabe der ArbeiterInnenklasse an Wissen und Bildung nicht nur w&#252;nschenswert, sondern f&#252;r den Aufbau einer schlagkr&#228;ftigen sozialistischen Bewegung auch unabdingbar. Das daf&#252;r notwendige <em>kritische </em>Wissen wurde jedoch an anderen Orten entwickelt und vermittelt, n&#228;mlich in den Schulen, Bildungseinrichtungen und Publikationen der ArbeiterInnenbewegung selbst, eng gebunden an deren Parteien.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a></p>
<p><strong>Dequalifizierung</strong><br />
Dass die Universit&#228;ten haupts&#228;chlich zur Reproduktion der herrschenden Klasse dienten lag auch daran, dass die Entwicklungsweise des Kapitalismus im 19. und fr&#252;hen 20. Jahrhunderts keinen Bedarf f&#252;r an Hochschulen ausgebildete LohnarbeiterInnen hatte.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Die sich etablierenden Industrien besch&#228;ftigten zum gr&#246;&#223;ten Teil ungelernte ArbeiterInnen bzw., nach der Einf&#252;hrung komplexerer Maschinen, FacharbeiterInnen, die im Betrieb ausgebildet wurden. Hinzu kamen Produktionsst&#228;tten, die zwar dem Kapitalverh&#228;ltnis untergeordnet waren und LohnarbeiterInnen besch&#228;ftigten, in denen der Arbeitsprozess aber weitgehend unver&#228;ndert „handwerklich“ blieb – was Marx als rein „formelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital“ bezeichnete.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Unter den Bedingungen dieser spezifischen Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse, der tendenziellen Trennung von planender Kopf- und ausf&#252;hrender Handarbeit sowie der in Form und Inhalt elit&#228;ren Universit&#228;ten gab es keine gesellschaftliche Impulse f&#252;r eine Ausweitung h&#246;herer Bildung. Mit der Herausbildung der „fordistischen“, auf Flie&#223;bandarbeit und wissenschaftlicher Betriebsf&#252;hrung beruhenden Entwicklungsweise des Kapitalismus ab den 1930er Jahren &#228;nderte sich dies kaum. Die Trennung von Kopf- und Handarbeit wurde vielmehr noch versch&#228;rft. War in der Person des Facharbeiters zumindest noch das Wissen &#252;ber die technischen Abl&#228;ufe des Produktionsprozesses vereint, spaltete das neue Entwicklungsmodell dieses Wissen endg&#252;ltig? von den „MassenarbeiterInnen“ der fordistischen Fabrik ab. Das bedeutete freilich nicht, dass f&#252;r den tayloristisch-fordistischen Produktionsprozess der Faktor „Wissen“ unbedeutend gewesen w&#228;re; im Gegenteil waren f&#252;r diesen gerade die „wissenschaftliche Betriebsf&#252;hrung“, die Einf&#252;hrung neuer, die Produktivit&#228;t der Arbeit enorm steigernder Technologien und die Professionalisierung der Kontrolle &#252;ber die lebendige Arbeit charakteristisch. Dieses neue und umfangreiche Wissen, das in den Produktionsprozess integriert wurde, war aber nicht in den ArbeiterInnen verk&#246;rpert, sondern in den Produktionsmitteln. Marx spekulierte bereits fr&#252;h &#252;ber diesen Prozess, in dem das gesellschaftliche Wissen als „<em>automatisches System der Maschinerie</em>“ im Produktionsprozess existiert. In den skizzenhafte Vorarbeiten zu seinem Hauptwerk <em>Das Kapital</em>, die sp&#228;ter als <em>Grundrisse </em>ver&#246;ffentlicht wurden, schreibt er &#252;ber diese Tendenz des Kapitalismus: „Die T&#228;tigkeit des Arbeiters, auf eine blo&#223;e Abstraktion der T&#228;tigkeit beschr&#228;nkt, ist nach allen Seiten hin bestimmt und geregelt durch die Bewegung der Maschinerie, nicht umgekehrt. Die Wissenschaft, die die unbelebten Glieder der Maschinerie zwingt, durch ihre Konstruktion zweckgem&#228;&#223; als Automat zu wirken, existiert nicht im Bewu&#223;tsein des Arbeiters, sondern wirkt durch die Maschine als fremde Macht auf ihn, als Macht der Maschine selbst.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Die Integration von Wissen in fixes Kapital bei gleichzeitiger Reduktion der Bildungsund Qualifikationsanforderungen der lebendigen Arbeit sind, grob vereinfacht gesagt, f&#252;r die fordistische Entwicklungsweise des Kapitalismus charakteristisch. Das „Modell der Massenproduktion“ war demnach auch verbunden mit der <em>Dequalifizierung </em>der ArbeiterInnen „durch die Zerlegung qualifizierter Arbeit in einfache Verrichtungen und den anschlie&#223;enden Einsatz von spezialisierten, automatischen Maschinen f&#252;r die vereinfachten Arbeitsgange“.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Die Marx’sche Charakterisierung der Hochschulen als Reproduktionsorgane der herrschenden Klasse, und die damit verkn&#252;pfte Einsch&#228;tzung der sozialen Stellung jener, die an ihnen studierten, konnte als weithin g&#252;ltig angenommen werden.</p>
<p><strong>Reform und &#214;ffnung der Hochschulen</strong><br />
Dies &#228;nderte sich grundlegend erst, als das fordistische Modell in den 1960er Jahren begann, br&#252;chig zu werden. An dieser Stelle k&#246;nnen weder Ursachen noch Verlauf der globalen „Krise des Fordismus“ nachgezeichnet werden; f&#252;r unsere Zwecke sollen blo&#223; drei f&#252;r den Zusammenhang von Universit&#228;t und  Klassenverh&#228;ltnissen relevante Gesichtspunkte genannt werden.<br />
Erstens geriet der Nachkriegsboom, der dem Kapital au&#223;ergew&#246;hnliche Profite und den (m&#228;nnlichen Industrie-)Arbeitern – &#252;ber die korporative Einbindung der Gewerkschaften und die indirekte Beteiligung an den Gewinnen aus Produktivit&#228;tsfortschritten – historisch einmalige Wohlstandssteigerungen brachte, allm&#228;hlich an sein konjunkturelles Ende. Das fordistisch-tayloristische Paradigma der Technologisierung und Optimierung der Arbeitsprozesse n&#228;herte sich seiner Ersch&#246;pfung, was bereits Ende der 1950er Jahre in Diskussionen um eine „Innovationskrise“ vorweggenommen wurde. Als Bearbeitung der sich abzeichnenden Krise schlugen die weitsichtigeren unter den organischen Intellektuellen des Kapitals eine Ausweitung und Intensivierung der Investitionen in Forschung und Ausbildung vor, wobei auch und gerade die Hochschulen zum Ziel entsprechender Reformen erkl&#228;rt wurden. Sp&#228;testens ab den 1960er Jahren wurde in ganz Europa und in den USA &#246;ffentlich &#252;ber die Notwendigkeit von Bildungsreformen diskutiert, was in einen „tiefgreifenden Perspektivwechsel in der Bildungspolitik“ in Staat und Zivilgesellschaft m&#252;ndete.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Zentraler Bestandteil der Reformen war, bisher unerschlossene „Bildungsreserven“ anzuzapfen, d.h. bisher von h&#246;herer Bildung <em>de facto</em> ausgeschlossenen Fraktionen der Subalternen/ArbeiterInnenklasse den Besuch von h&#246;heren Schulen und  niversit&#228;ten nicht nur zu erm&#246;glichen, sondern diesen aktiv zu f&#246;rdern. Zweitens traf in den dazu entworfenen staatlichen Programmen, die von der Reform bestehender Hochschulstrukturen &#252;ber die Einf&#252;hrung von Stipendien und Beihilfen bis zu einem „Gr&#252;ndungsboom“ neuer Universit&#228;ten“ reichten, das Interesse der auf Innovation und Bildungsausweitung setzenden Kapitalfraktionen auf ein sozialdemokratisches Modernisierungsprojekt, das den individuellen „Aufstieg durch Bildung“ propagierte.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Die zentrale Rolle, die Erziehung und Bildung in der Politik und Ideologie insbesondere der deutschsprachigen Sozialdemokratie spielte, hat eine lange Geschichte.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Insbesondere in den 1970er Jahren wurden zentrale, die Universit&#228;ten &#246;ffnende Hochschulreformen von sozialdemokratisch gef&#252;hrten Regierungen – in &#214;sterreich unter Bundeskanzler Bruno Kreisky und Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg – durchgesetzt, wobei &#252;ber die Intentionen der Innovationsoffensive des Kapitals teilweise hinausgegangen wurde.<br />
Drittens schlie&#223;lich, und nicht weniger entscheidend, war die &#214;ffnung der Universit&#228;ten auch Effekt immer deutlicher ge&#228;u&#223;erter W&#252;nsche von ArbeiterInnen und anderen von Hochschulbildung ausgeschlossenen Subalternen. Der &#246;konomische Aufschwung des unmittelbaren Nachkriegsbooms verbesserte nicht nur die wirtschaftliche Situation vieler „Arbeiterfamilien“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> dramatisch, sondern w&#228;lzte auch den Alltagsverstand weiter Teile des Proletariats um. Mit dem sozialen Aufstieg und der kulturell repr&#228;sentierten neuen Stellung „des Arbeiters“ als Teil des gemeinsam mit Unternehmern und Staat geschaffenen Wirtschaftswunders wuchsen auch dessen Anspr&#252;che, an Bildung und Kultur teilzuhaben.<br />
Kurz zusammengefasst kann die Transformation der Hochschulen also weder „funktionalistisch“ allein aus den Bed&#252;rfnissen und Initiativen des Kapitals, noch „politizistisch“ aus der Strategie der erstarkten Sozialdemokratie erkl&#228;rt werden. Es war gerade das historische Zusammentreffen von innovationsorientierten Kapitalstrategien, sozialdemokratischem Modernisierungsprojekt und dem Integrationsbegehren von Teilen der ArbeiterInnenklasse, die diese spezifische Konjunktur erm&#246;glichte. Ein weiterer wesentlicher Aspekt, der selten benannt wird, ist, dass diese Reformen mit einem enormen finanziellen Aufwand f&#252;r die staatlichen Haushalte verbunden waren; eine Voraussetzung f&#252;r ihre Durchsetzung war entsprechend, dass der „allgemeine Steuers&#228;ckel“, von dem Marx einst gesprochen hatte, gut gef&#252;llt war. Dies war nach den langen Jahren des Wirtschaftswunders der Fall – insofern kann die &#214;ffnung und Ausweitung der Bildungsanstalten als eine historische Episode gesehen werden, die nur vor dem Hintergrund des langen Nachkriegsaufschwungs stattfinden konnte.</p>
<p><strong>P&#228;dagogisierung der Arbeit</strong><br />
In den 1970er Jahren wurde die f&#252;r die fordistische Entwicklungsweise des Kapitalismus typische „Entwertung“ der Ware Arbeitskraft in Teilen der Linken unter dem Stichwort der „Dequalifizierungsthese“ diskutiert. Die Ersetzung von lebendiger Arbeit durch komplexe Maschinen ist schlie&#223;lich, in Marxscher Terminologie, gleichbedeutend mit einer Absenkung des Werts der Ware Arbeitskraft. Dieser bemisst sich an der im gesellschaftlichen Durchschnitt f&#252;r ihre (Re-)Produktion notwendige Arbeitszeit. Besser gebildete und h&#246;her qualifizierte Arbeitskraft ist in diesem Sinne „mehr wert“ und muss vom Kapital entsprechend h&#246;her entlohnt werden: „Jede zus&#228;tzliche Qualifikation erh&#246;ht den Wert der Ware Arbeitskraft und bildet so eine Verwertungsschranke f&#252;r das Kapital“.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Hinzu kommt, dass die tayloristische Arbeitsorganisation ein effektives Mittel zur Kontrolle der ArbeiterInnen und zur Eind&#228;mmung von Widerstand darstellte, wie der US-amerikanische Betriebsaktivist Harry Braverman in seiner einflussreichen Studie argumentierte.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Aus dieser Perspektive erschien die Dequalifizierung der Arbeit nicht mehr als Spezifikum einer bestimmten Epoche, sondern als der kapitalistischen Produktionsweise inh&#228;rente Tendenz. Die „tayloristisch-fordistische Form der Organisation der kapitalistischen Arbeitsprozesse“ wurde, wie Roland Atzm&#252;ller es formuliert, „r&#228;umlich und zeitlich verallgemeinert und nicht als historisch konkrete Auspr&#228;gung das kapitalistischen Arbeitsprozesses erkannt“.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Dies wurde mit der Durchsetzung neuer, „postfordistischer“ Arbeitsverh&#228;ltnisse ab den 1970er Jahren deutlich. Zwar verschwanden die tayloristisch zergliederten, stupiden und von planender Kopfarbeit abgetrennten Arbeitsformen nicht, es traten jedoch zunehmend neue, durch ein anderes Verh&#228;ltnis von Wissen und Arbeit gepr&#228;gte Formen hinzu und – zumindest in den kapitalistischen Zentren – in den Vordergrund. Teile der Belegschaften wurden mit gr&#246;&#223;eren inhaltlichen Kompetenzen betraut, Prozesse der „Requalifizierung“ und „Reprofessionalisierung“ der Arbeit beobachtet; das Kapital setzte neue Management- und Personalf&#252;hrungsstrategien ein, die Projekt- und Gruppenarbeit an Stelle von direkter &#220;berwachung und individualisierter Arbeitsschritte f&#246;rderte; die formalen Anstellungsverh&#228;ltnisse wurden vervielfacht, sogenannte „atypische“, prek&#228;re Arbeitsverh&#228;ltnisse zur neuen Norm gemacht; und nicht zuletzt wurden an die ArbeiterInnen neue Anforderungen wie Eigenverantwortung und die st&#228;ndige Arbeit am eigenen „Humankapital“ in Form von lebenslangem Lernen und permanenter Weiterbildung herangetragen. Gleichzeitig mit der Ausweitung der Hochschulbildung und der Entstehung der „Massenuniversit&#228;t“ in den 1970er Jahren etabliert sich also, was Roland Atzm&#252;ller die „P&#228;dagogisierung der Arbeitsverh&#228;ltnisse“ nennt: „&#220;ber den Fokus auf die Lernf&#228;higkeit der Besch&#228;ftigten und der Organisation der Arbeit als Lernprozess soll [...] nicht einfach die Bereitschaft der Arbeitskr&#228;fte gesichert werden, f&#252;r andere zu arbeiten und sich den damit verbundenen Kontrollinstrumenten der wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung zu unterwerfen. Vielmehr wollen lernorientierte Managementstrategien die Neugier und Kreativit&#228;t der Besch&#228;ftigten entwickeln, um ihre Bereitschaft und F&#228;higkeit sicherzustellen, sich aktiv an den Innovationsprozessen zu beteiligen und Rationalisierungsprozesse in Eigenregie voranzutreiben.&#8221;<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Dieser neuerliche Schub der Verwissenschaftlichung kapitalistischer Produktionsprozesse unterscheidet sich also vom fordistischen Modell unter anderem dadurch, dass er nicht nur auf Produktivit&#228;tssteigerung durch neue, komplexe Maschinerie setzt, sondern die lebendige Arbeit selbst in eine neue Beziehung zu Wissen und Wissenschaft setzt.</p>
<p><strong>Kognitiver Kapitalismus?</strong><br />
Die hier nur grob skizzierte Entwicklung hin zu einem „postfordistischen“ Verh&#228;ltnis von Wissen und Arbeit wurde in den letzten 40 Jahren aus verschiedensten Perspektiven kritisch analysiert. Eine Interpretation, die besonders um die letzte Jahrtausendwende popul&#228;r wurde, soll hier vorgestellt werden, da sie in den Debatten zu den „neuen Uni-Revolten“, insbesondere in aktivistischen Zusammenh&#228;ngen, wieder deutlich pr&#228;senter ist. Ausgehend von Theorien, die in Italien von sogenannten „post-operaistischen“ AktivistInnen und AutorInnen entwickelt wurden, verstehen sie die postfordistische Entwicklungsweise als „kognitiven Kapitalismus“, der sich vom Fordismus nicht nur durch ver&#228;nderte Organisationsformen des Arbeitsprozesses abhebt, sondern eine grundlegend neue Gesellschaftsformation bildet, die durch die zentrale Bedeutung von Wissen und Wissensarbeit gepr&#228;gt ist. Die prominentesten Vordenker dieser These sind zweifellos Michael Hardt und Toni Negri, deren Mega-Bestseller <em>Empire</em>, der Anfang der 2000er Jahre f&#252;r Aufsehen gesorgt hatte, mit <em>Commonwealth </em>j&#252;ngst seine zweite Fortsetzung erfahren hat.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Sie verwenden den Begriff der „immateriellen Arbeit“, um diesen historischen Bruch anzuzeigen – dass also im Zentrum des neuen Kapitalismus Arbeit steht, „die so genannte immaterielle Produkte schafft, also etwa Wissen, Information, Kommunikation, Beziehungen oder auch Gef&#252;hlsregungen“.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Paolo Virno, ein weiterer „post-operaistischer“ Autor, setzt diese These explizit in Beziehung zu Marx’ Bemerkungen in den <em>Grundrissen</em>, die oben vorgestellt wurden. Dort – in dem Abschnitt, der sp&#228;ter als „Maschinenfragment“ bezeichnet wurde – spekuliert Marx ja, dass die Integration von gesellschaftlichem Wissen in die kapitalistische Maschinerie die ArbeiterInnen tendenziell auf blo&#223;e Anh&#228;ngsel der Produktionsmittel reduzieren w&#252;rde. Er geht aber noch einen Schritt weiter. Wenn dies der Fall w&#228;re, so seine &#220;berlegung, bedeute dies, dass das gesellschaftliche, <em>qua </em>Wissenschaft produzierte Wissen selbst „zur <em>unmittelbaren Produktivkraft</em> geworden“ sei.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Hier hakt Virno ein. Seine These ist, dass der Postfordismus „<em>die empirische Umsetzung des ‚Fragments &#252;ber Maschinen‘ von Marx</em>“ darstelle. „Das abstrakte Wissen“, so Virno, „[...] schickt sich an, nichts weniger als die grundlegende Produktivkraft zu werden“.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Dieses gesellschaftliche Wissen, das Marx <em>General Intellect</em> nennt, sei jedoch, anders als von Marx vorhergesehen, nicht im fixen Kapital, also v.a. in den Maschinen, verk&#246;rpert, sondern wird zum „Attribut der lebendigen Arbeit“.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> Wenn Arbeitsprozesse nicht vom stumpfen Kommando bestimmt sind, sondern Kooperation, Teamarbeit, Kommunikation und gemeinsames Wissen beinhalten, &#228;ndert sich aus dieser Perspektive der Charakter der Arbeit – und der ArbeiterInnen – selbst grundlegend. Die „Gesamtheit der lebendigen postfordistischen Arbeit“ – und nicht blo&#223; die formal wissenschaftlich ausgebildeten Klassenfraktionen – sind f&#252;r Virno „intellektuelle Arbeitskr&#228;fte“, sind Massenintellektualit&#228;t“.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a><br />
Eine j&#252;ngere Generation von AktivistInnen und TheoretikerInnen hat in den letzten Jahren an diese &#220;berlegungen angeschlossen und sie seither f&#252;r die Interpretation der K&#228;mpfe um die Universit&#228;ten – und f&#252;r Interventionen in dieselben – weiter entwickelt. Dies geschieht aktuell besonders im Rahmen des <em>Edu-factory-</em>Kollektivs, das eine wichtige Rolle in den studentischen K&#228;mpfen in Italien spielt und j&#252;ngst eine internationale Konferenz zu den K&#228;mpfen an den Universit&#228;ten in Paris veranstaltet hat, an der auch zahlreiche AktivistInnen aus &#214;sterreich teilgenommen haben. In ihren Analysen gehen sie ebenfalls davon aus, dass das gesellschaftliche Wissen nunmehr, im kognitiven Kapitalismus, „unmittelbar produktiv“ sei. Gigi Roggero, einer der bekannteren Autoren der <em>Edu-factory</em>, formuliert fast wortgleich mit Hardt, Negri und Virno: „Der <em>General Intellect</em> vergegenst&#228;ndlicht sich [...] nicht mehr im toten Wissen [also in den Maschinen, Anm. B.O.], sondern bildet sich vornehmlich in der sozialen Kooperation und in der Produktion des lebendigen Wissens heraus.“<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Die „Kognitivisierung“ der Arbeit f&#252;hre demnach dazu, dass alle Formen der Arbeit entlang einer „kognitiven Arbeitsteilung“ organisiert w&#252;rden, wobei sie einen „gemeinsamen Zug“ aufwiesen: „den Zweck und das Ziel, Wissen zu produzieren, permanente Innovation hervorzubringen und den technischen Fortschritt in &#246;konomischen Wert umzusetzen“.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Die Hochschulreformen der letzten zehn, 15 Jahre, die auf EU-Ebene ma&#223;geblich durch den <em>Bologna-Prozess</em> angeschoben wurden, m&#252;ssten in diesem Zusammenhang begriffen werden: Es handelt sich um den Versuch, die Universit&#228;ten so umzugestalten, dass sie wie ein Konzern auf den globalen Wissens- und Bildunsm&#228;rkten konkurrieren k&#246;nnen.</p>
<p><strong>Edu-factory</strong><br />
Aus dieser Diagnose leiten Roggero und die AktivistInnen um das <em>Edu-factory</em>-Kollektiv eine Reihe von Thesen ab, die man so zusammenfassen k&#246;nnte.<br />
<em>Erstens</em>: Die Hierarchisierung und Segmentierung der ArbeiterInnenklasse wird auf globaler Ebene &#252;ber die Bewertung und Einteilung von „Wissen“ durchgesetzt. „‚Kognitiver Kapitalismus‘ [...] bedeutet auch, dass st&#228;ndig neue, k&#252;nstliche Ma&#223;einheiten geschaffen werden, um das lebendige Wissen auf abstraktes Wissen zu reduzieren (vom Copyright und Patenten bis zur in den Studienpl&#228;nen und Ausbildungsprogrammen festgelegten Bringschuld, den <em>Credits</em>; von der Akkumulation sozialen und humanen Kapitals bis zur ‚reference economy’ f&#252;r ForscherInnen und Studierende).“<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Die ArbeiterInnenklasse wird in ein immer feineres, kleinteiligeres Raster segmentiert, dessen Koordination von dem Versuch aufgespannt werden, das Wissen der Arbeitenden zu messen und zu bewerten. Welche Schule besucht wurde, welche Fortbildungsma&#223;nahmen ergriffen oder wie viele ECTSPunkte gesammelt wurden, diese und &#228;hnliche Formen der „Kognitivisierung“ der Klassenverh&#228;ltnisse stellen aus dieser Perspektive die zentrale Momente, um „den Wert der kognitiven Arbeitskraft durch die Stratifizierung von <em>Skills </em>und intellektuelle Qualifikation k&#252;nstlich zu messen und zu regulieren.“<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a><br />
<em>Zweitens</em>: Die zentralen Orte, an denen diese Prozesse der Hierarchisierung und Segmentierung vollzogen werden, sind die Bildungseinrichtungen, und hier besonders die Universit&#228;ten. Die Universit&#228;t, so Roggero, kann „in diesem Rahmen als der privilegierte Ort betrachtet werden, um die Produktion des lebendigen Wissens zu untersuchen“.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> Die j&#252;ngsten K&#228;mpfe der Studierenden sind wesentlich K&#228;mpfe, die sich gegen die kognitive Segmentierung ihrer Arbeitskraft richten, in der sie „deklassiert“ werden, d.h. dass der Wert ihres Wissens, und damit ihrer Arbeitskraft, dequalifiziert wird. Denn in den Prozessen der Hierarchisierung z&#228;hlt nicht die Qualit&#228;t der Bildung, des Wissens oder der Qualifikation, die jemand erarbeitet hat, sondern formale Kriterien wie <em>Credit-Point</em>s, das Prestige einer Bildungseinrichtung oder die Akkumulation von unbezahlten Praktika. „<em>Déclassement </em>war in den letzten Jahren eines der zentralen Themen der K&#228;mpfe von Studierenden in aller Welt.“<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a><br />
<em>Drittens</em>: In diesem kongnitiven Kapitalismus <em>sind Studierende selbst schon ArbeiterInnen</em>. Das ist die entscheidende Pointe, mit denen das <em>Edu-factory</em>-Kollektiv in die K&#228;mpfe der Studierenden interveniert. Die Positon scheint den AutorInnen so selbstverst&#228;ndlich, dass sie nicht weiter ausgef&#252;hrt wird: Der oder die Studierende ist nicht l&#228;nger eine Arbeitskraft „in Ausbildung“, sondern „bereits ArbeiterIn, einE ProduzentIn von Wissen“.<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a><br />
<em>Viertens</em>: Die diesen Verh&#228;ltnissen entsprechende Strategie f&#252;r erfolgreiche K&#228;mpfe an den Universit&#228;ten muss darauf abzielen, eigene, autonome Formen der Wissensarbeit, der Aneignung, Weiterentwicklung und Vermittlung von Wissen zu schaffen, die sich weit &#252;ber die Grenzen der alten Universit&#228;t hinaus erstrecken. Das Ziel einer solchen Bewegung w&#228;re die Schaffung einer „globalen autonomen Universit&#228;t“ – so auch der Titel des Sammelbands, in dem der bisherige Diskussionsprozess des Kollektivs festgehalten wurde – auf den Ruinen der alten.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a></p>
<p><strong>Studierende als ArbeiterInnen?</strong><br />
Damit sind wir wieder bei unserer Ausgangsfrage angekommen: Wer revoltiert hier eigentlich in den Uni-Protesten der letzten Jahre? Und wie verhalten sich diese Bewegungen zu dem Konzept der Klassenk&#228;mpfe? Die post-operaistische Antwort des <em>Edu-factory</em>-Kollektivs lautet: Es revoltieren Studierende als ArbeiterInnen gegen die Bewertung, Hierarchisierung und Dequalifizierung ihrer Arbeitskraft. Und diese K&#228;mpfe stellen selbst eine, und vielleicht die fortschrittlichste, Form der Klassenk&#228;mpfe unter den Bedingungen des kognitiven Kapitalismus dar. So naheliegend einige dieser Thesen manchen AktivistInnen scheinen m&#246;gen und so sympathisch die enge Verzahnung, ja Verschmelzung von theoretischer und aktivistischer Arbeit ist, die vom <em>Edufactory</em>-Kollektiv praktiziert wird, so bleibt doch grundlegende Skepsis gegen&#252;ber ihren Positionen angebracht. An dieser Stelle kann keine umfassende Kritik formuliert werden; teilweise l&#228;sst sich das Problematische an den Thesen direkt auf die theoretischen Grundlagen bei Hardt, Negri und Virno zur&#252;ckf&#252;hren (die an anderer Stelle ausf&#252;hrlicher kritisiert wurden).<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> Einige zentrale Einw&#228;nde wurden in der aktuellen Debatte auch von sympathisierenden KommentatorInnen formuliert, etwa dass Begriffe wie „immaterielle“ oder „kognitive“ Arbeit so weit gefasst sind, dass „beinahe jede Form der Arbeit zu ‚kognitiver’ Arbeit wird“, was „beliebige Gleichsetzungen“ erzeuge.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Vor allem aber muss die zentrale These, nach der das gesellschaftliche Wissen, wie in Marx’ Maschinenfragment, zur wichtigsten, direkten Produktivkraft geworden ist, grunds&#228;tzlich bezweifelt werden. Niemand kann in Abrede stellen, dass wir es – zumindest im globalen Norden und in den „Zentren der Peripherie“ – aktuell mit einer hochtechnologisierten und verwissenschaftlichten Produktionsweise zu tun haben, in der Wissen, Kommunikation, Information und Kooperation zu zentralen Momenten der Organisationsform des Arbeitsprozesses geworden sind. Das bedeutet aber noch lange nicht, wie die post-operaistischen Thesen behaupten, dass alle Menschen, die Wissen, Information oder blo&#223; ein Gef&#252;hl erzeugen, auch Wert produzieren, also im Marx’schen Sinne „produktive ArbeiterInnen“ sind. Denn darauf baut das ganze Argument auf: „Eine Idee oder ein Bild entsteht […] auch unter der Dusche oder in den Tr&#228;umen“, so Hardt und Negri – und meinen damit, dass Produktion und die Ausbeutung nicht mehr an Arbeitszeiten gekn&#252;pft sind.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> An eben dieser Idee kn&#252;pft das <em>Edu-factory-</em>Kollektiv an, wenn es die Tatsache, dass Studierende Wissen produzieren und somit arbeiten (was zweifellos richtig ist) mit der Behauptung gleichsetzt, dies w&#228;re „unmittelbar produktive“ Arbeit auch aus der Perspektive des Kapitals (was nur unter sehr spezifischen Umst&#228;nden richtig ist, etwa wenn schlecht oder nicht bezahlte Arbeit von Studierenden in kommerzielle Forschungsprojekte o.&#228;. einflie&#223;t, was immer h&#228;ufiger der Fall ist). Dahinter steht die These, dass die zentrale Linie des Klassenkampfs im kognitiven Kapitalismus durch den Widerspruch zwischen dem kollektiv, erarbeiteten Wissen als „Gemeinsames“ oder <em>Common </em>und den Versuchen der Einhegung, Vereinnahmung und Verwertung dieses Wissens durch Staat und Kapital gezogen.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a> An einer Stelle verweisen die <em>Edu-factory-</em>AktivistInnen zur Unterst&#252;tzung der Behauptung, Studierende w&#228;ren selbst schon ArbeiterInnen, auf eine Studie von Marc Bousquet.<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> Dieser zeigt in <em>How the University Works</em> detailliert und empirisch ges&#228;ttigt, dass so viele Studierende in den USA neben ihrem Studium einer Lohnarbeit nachgehen – teilweise direkt an den Universit&#228;ten bzw. am Campus, teilweise als Niedriglohnkr&#228;fte in umliegenden Dienstleistungsbetrieben – dass eine soziologische Unterteilung in „Studierende“ und „ArbeiterInnen“ kaum noch m&#246;glich ist.<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> Dies betrifft in den USA rund zehn Millionen Menschen, die sich zum Gro&#223;teil selbst nicht als ArbeiterInnen einsch&#228;tzen, sondern als „Studierende, die arbeiten“ (und entsprechend wenig bereit sind, sich f&#252;r bessere Bezahlung oder Arbeitsbedingungen an ihrem „tempor&#228;ren“ Arbeitsplatz einzusetzen). Doch was Bousquet hier zeigt, ist gerade das Gegenteil davon, was die <em>Edu-factory</em>-AktivistInnen behaupten. Ja, die allermeisten Studierende sind auch LohnarbeiterInnen (&#252;brigens auch in &#214;sterreich, wo 61 Prozent aller Studierenden erwerbst&#228;tig sind).<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> Sie sind Studierende und ArbeiterInnen, aber sie sind nicht ArbeiterInnen <em>als </em>Studierende. Tats&#228;chlich ist die widerspr&#252;chliche gesellschaftliche Position von studierenden ArbeiterInnen Grundlage f&#252;r zahlreiche, meist auf subjektiver Ebene bearbeiteter Konflikte. Das reicht von einer fragmentierten Identit&#228;t als ArbeiterInnen, die ihrem eigenen Selbstverst&#228;ndnis nach „eigentlich“ StudentInnen sind, bis zur ganz praktischen Arbeits&#252;berlastung zwischen Studium und Abend- bzw. Nachtschicht-Job. Die Verkn&#252;pfung der Klassenposition als ArbeiterIn und jener als StudentIn kann politisch und in K&#228;mpfen hergestellt werden, wie das Ansatzweise in den Protesten gegen den CPE in Frankreich geschehen ist; sie ergibt sich aber nicht automatisch aus der Rolle von Studierenden als WissensarbeiterInnen. Die apodiktischen, das Fehlen theoretischer Stringenz oft hinter einer mit post-operaistischen Codew&#246;rtern durchsetzten Privatsprache versteckenden Formulierungen der <em>Edu-factory</em> sind f&#252;r die theoretische wie praktische Vermittlung von Uni-Revolten und Klassenk&#228;mpfen hier wenig hilfreich.<br />
Dabei spielen in den Uni-Revolten der letzten Jahre Aspekte, die von den Edu-factory-AktivistInnen hervorgehoben werden, eine durchaus nicht zu vernachl&#228;ssigende Rolle. Zweifellos ist es verk&#252;rzt, die neoliberale Transformation der Universit&#228;ten allein als Strategien der Privatisierung oder &#214;konomisierung zu verstehen. Hochschulen werden zwar nach dem Vorbild der Privatunternehmen neu strukturiert, direkt profitabel im Sinne von Gewinn abwerfend k&#246;nnen sie aber kaum gef&#252;hrt werden. Ihre Funktion im Sinne der Strategien des Kapitals besteht eher darin, wie das Edu-factory-Kollektiv betont, neue und feiner abgestufte Hierarchien und Segmentierungen innerhalb der besser ausgebildeten ArbeiterInnenklasse herzustellen. Auf nichts anderes l&#228;uft die Einteilung in Bakkalaureats- und Master-Abschluss, und die Einf&#252;hrung von Credit Points schlie&#223;lich hinaus. Die aktuelle Entwicklungsweise des Kapitalismus ist auf gro&#223;e Zahlen von relativ gut ausgebildeten Arbeitskr&#228;ften angewiesen, und die Universit&#228;ten sind nun mal der Ort, an dem die „Inwertsetzung der Arbeitskraft“ konzentriert stattfindet.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a> Zugleich m&#252;ssen die Massen an den Hochschulen in f&#252;r das Kapital verf&#252;g- und verwertbare Form gebracht, m&#252;ssen m&#246;glich punktgenau an die Stellen im Produktionsprozess eingewiesen werden, an denen sie gebraucht werden. Daf&#252;r sind spezialisierte, in vergleichbaren Modulen organisierte und „praxisnahe“ Studieng&#228;nge n&#246;tig, wie sie an den Universit&#228;ten zur Zeit durchgesetzt werden. Und es m&#252;ssen institutionelle Barrieren eingezogen werden, um die Zahl jener, die &#252;ber eine fachliche Basisausbildung hinaus studieren, auf ein n&#252;tzliches Ma&#223; zu reduzieren, was durch Zugangsbeschr&#228;nkungen f&#252;r Masterstudien sichergestellt werden soll. Dass die Regierungen und Universit&#228;tsleitungen dabei auf Widerstand von Studierenden sto&#223;en, liegt nicht unbedingt daran, dass das Bewusstsein um diese Zusammenh&#228;nge unter Studierenden breit geteilt w&#228;re. Aber ein wesentliches Treibmittel f&#252;r den Unmut, der sich in Studierendenprotesten Bahn bricht, ist die konkrete Erfahrung, dass die hehren – letztlich Humboldt’schen – Bildungsideale, die weiterhin an Schulen, Unis und in Familien vermittelt werden (Bildung als Selbstbildung der Pers&#246;nlichkeit, interessegeleitetes Studieren etc.) sich permanent an verschulten Studienpl&#228;nen, &#252;berf&#252;llten H&#246;rs&#228;len und autorit&#228;ren B&#252;rokratien brechen. Ob und wie diese Erfahrungen politisiert werden, l&#228;sst sich aber nicht aus der gemeinsamen Lage als „WissensarbeiterInnen“ ableiten, sondern h&#228;ngt von den politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen in den Bewegungen ab.</p>
<p><strong>Klassenk&#228;mpfe von oben</strong><br />
Um den Zusammenhang von Studierendenbewegungen und Klassenk&#228;mpfen zu diskutieren, k&#246;nnen aber auch andere, sich ebenfalls auf Marx berufende theoretischer Zug&#228;nge, hilfreiche Hinweise liefern. In der akademischen Debatte der kritischen „Internationalen Politischen &#214;konomie“ wird seit vielen Jahren &#252;ber die Transformation des Bildungssystems unter dem Neoliberalismus diskutiert. Dabei wird die Ausgangsthese (post-)operaistischer Theorien, wonach Klassenk&#228;mpfe immer als Revolten „von unten“ ihren Ausgang nehmen und das Kapital zur Reaktion zwingen, abgelehnt. Vielmehr wird die aktive Rolle der verschiedenen Kapitalfraktionen und der mit ihnen organisch verbundenen „Intellektuellen“ betont, die ihre Verwertungsinteressen l&#228;ngerfristig durch die Formulierung und Durchsetzung von „hegemonialen Projekten“ durchsetzen und absichern. Dabei muss zwar zumindest teilweise auf Interessen und Begehren der beherrschten Klassen kompromisshaft eingegangen werden, letztlich haben wir es aber mit Formen des gesellschaftlichen Klassenkampfs „von oben“ zu tun. Die Durchsetzung des Neoliberalismus als globales politisches Projekt zur Disziplinierung der ArbeiterInnenklasse und zur Erschlie&#223;ung neuer gesellschaftlicher Bereiche f&#252;r die kapitalistische Akkumulation kann unter diesem Gesichtspunkt verstanden werden.<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> Klassenkampf ist aus dieser Perspektive nichts rein „&#246;konomisches“, sondern bezeichnet die vielf&#228;ltigen gesellschaftlichen Strategien von Klassenakteuren zur Durchsetzung ihrer Interessen. Der Politikwissenschaftler Kees van der Pijl etwa unterscheidet zwischen drei Ebenen der Klassenauseinandersetzungen. Neben den K&#228;mpfen in Phasen der „sogenannten urspr&#252;nglichen Akkumulation“, in denen es um die Durchsetzung von Lohnarbeit und kapitalistischer Produktion geht, und K&#228;mpfen innerhalb und um die Produktion um Lohnh&#246;he und Arbeitsbedingungen, besteht eine dritte, laut van der Pijl f&#252;r den neoliberalen Kapitalismus besonders virulente Form des Klassenkampfs in Auseinandersetzungen um die <em>Reproduktion </em>der Arbeitskraft selbst.<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Damit meint er, dass bislang nicht der kapitalistischen Logik unterworfene gesellschaftliche Bereiche, in denen ArbeiterInnen sich sich im weitesten Sinne regenerieren, als potenzielle Akkumulationsfelder identifiziert werden – von der Familie &#252;ber &#246;ffentliche Dienstleistungen bis hin zur Natur selbst. Zu diesen Prozessen geh&#246;ren auch Konflikte um die Form und Organisation von Schulen und Hochschulen. Die Reformen der letzten Jahre zielen letztlich auch darauf ab, Bildung als &#246;konomischen „Sektor“ zu etablieren, der als potenziell profitables Anlagefeld f&#252;r das Kapital funktioniert. Daf&#252;r m&#252;ssen Universit&#228;ten „unternehmerisch“ gef&#252;hrt werden: es werden Konkurrenzmechanismen innerhalb und zwischen den Hochschulen eingef&#252;hrt, der Wettbewerb um „Drittmittel“ zur Finanzierung von Forschung und Lehre hergestellt und autorit&#228;re, den Vorst&#228;nden und Aufsichtsr&#228;ten gro&#223;er Konzerne nachempfundene F&#252;hrungsstrukturen implementiert.<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a> Dies auch dann, wenn – wie es bei den gro&#223;en Massenuniversit&#228;ten der Fall ist – die einzelne Institution gar nicht profitabel gef&#252;hrt werden kann. Es geht um die politische Herstellung eines Bildungs-Marktes, in dem dann einzelne Segmente (z.B. globale Elite-Universit&#228;ten, berufsbegleitende Weiterbildung etc.) als rentable Anlagefelder identifiziert werden k&#246;nnen. Wenn wir diese „Reformen“ als Bestandteile eines Klassenkampfs begreifen, der von oben um die Herstellung neuer M&#246;glichkeiten zur Kapitalakkumulation, d.h. f&#252;r die Unterwerfung weiterer gesellschaftlicher Bereiche unter die Logik von Profit und Konkurrenz, gef&#252;hrt wird, dann erhalten auch die K&#228;mpfe der Studierenden, die sich genau dagegen wehren, eine Dimension des Klassenkampfs – ohne, dass wir die Studierenden deshalb gleich kollektiv zu Bestandteilen der ArbeiterInnenklasse erkl&#228;ren m&#252;ssen. Ob diese „Dimension des Klassenkampfs“ in den Protesten auch artikuliert wird, h&#228;ngt letztlich von den politischen und ideologischen Auseinandersetzungen in den Bewegungen selbst ab: In diesen geht es darum, welche Kampfformen wir annehmen, was und wen wir zum politischen Gegner oder zum potenziellen Verb&#252;ndeten erkl&#228;ren, und, nicht zuletzt, als was wir uns selbst verstehen und definieren. Denn wenn Studierende sich als Subjekte in einem Klassenkampf verstehen, der nicht nur gegen sie gef&#252;hrt wird, l&#228;sst sich auch die Frage nach gemeinsamen Interessen und darauf aufbauenden Allianzen anders aufwerfen und in der Verbindung verschiedener anti-neoliberaler K&#228;mpfe m&#246;glicherweise etwas politisch Gemeinsames herstellen.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Ein &#220;berblick zu den K&#228;mpfen gegen den CPE findet sich hier: http://www.labournet.de/internationales/fr/cpe.html<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Eine erste Sammlung von Berichten und Einsch&#228;tzungen zu den Protesten in<br />
Gro&#223;britannien findet sich in Hancox, Dan: Fight Back! A Reader on the Winter of<br />
Protest, London (2011): OpenDemocracy, online: http://www.opendemocracy.net/ourkingdom/ourkingdom/fight-back-reader-on-winter-of-protest<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Vgl. Caffentzis, George: University Struggles at the End of the Edu-Deal, in: Mute<br />
Magazine, 2 (16), S. 72-77<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Probst, Stefan et al.: Utopia?! Alternative Formen der Wissensproduktion und –aneignung, in: Perspektiven Nr. 10 (2010), S. 16-21<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Heissenberger, Stefan et al. (Hg.): Uni brennt. Grunds&#228;tzliches – Kritisches – Atmosph&#228;risches, Wien (2010): Turia+Kant.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Vgl. http://www.prol-position.net/nl/2006/07/cpe-leaflet<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Benino, Andrea: Die perfekte Welle&#8230;, in: kulturrisse 2/2009, S. 24-27.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Research &#038; Destroy: Kommuniqué aus einer ausbleibenden Zukunft, in: grundrisse Nr. 32 (2009), S. 22-30.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Frauen wurde in Deutschland und &#214;sterreich erst ab Ende des 19. Jahrhunderts die Immatrikulation an Universit&#228;ten erlaubt.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Demirovi&#196;‡, Alex: Kritische Gesellschaftstheorie und ihre Bildungsbedingungen, in: Kurswechsel 4/2005, 13-27, hier: 18f.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Ebd.: 19<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Die folgenden Ausf&#252;hrungen beziehen sich im Wesentlichen auf die Situation in<br />
Deutschland und &#214;sterreich, bleiben notwendig kursorisch und in mancherlei Hinsicht vereinfachend; die beschriebene Entwicklung kann jedoch, so meine ich, zumindest in der Tendenz auf die Gesellschaften des kapitalistischen Nordwestens ausgeweitet werden.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> MEW 23: 533<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> MEW 42: 593<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Sabel, Charles: Struktureller Wandel der Produktion und neue Gewerkschaftsstrategien,in: Prokla Nr. 62 (M&#228;rz 1986), S. 41-60, hier: S. 41.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> von Osten, Marion: reformpause! Zur Genealogie aktueller Bildungsreformen,<br />
Wien (2009), edition PROLLpositions, S. 11<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> ebd. Obwohl die Konstellation in &#214;sterreich sich von jener Deutschlands etwas<br />
unterschied und eher durch Prozesse der verz&#246;gerten und nachholenden Entwicklung gepr&#228;gt war, lassen sich bereits ab 1963, mit der Einf&#252;hrung eines Studienbeihilfengesetzes, &#228;hnliche Tendenzen erkennen. Vgl. Reithmayer, Thomas: Kritisch studieren an &#214;sterreichs Universit&#228;ten, in: Perspektiven Nr. 8, S. 32-39, hier S. 34.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a>Vgl. f&#252;r &#214;sterreich Opratko, Benjamin/Probst, Stefan: Sozialismus in einer Stadt, in: Perspektiven Nr. 11, S. 12-19.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Das fordistische Entwicklungsmodell beruhte ma&#223;geblich auf einem spezifischen<br />
Geschlechter- und Familienregime, das Frauen auf ihre Rolle als unbezahlte und untergeordnete Haushaltsarbeiterinnen reduzierte. Der Mann war als Alleinverdiener zugleich „Familienoberhaupt“, womit das ehemals b&#252;rgerliche Modell der patriarchalen Kleinfamilie universalisiert wurde – auch und gerade in „Arbeiterfamilien“. Vgl. Hajek, Katharina/Opratko, Benjamin: Wessen Wirtschaft, welche Krise?, in: Perspektiven Nr. 9, S. 22-31.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Kapfinger, Emanuel/Sablowski, Thomas: Bildung und Wissenschaft im Kapitalismus, in: Unbedingte Universit&#228;t (Hg.): Was passiert? Stellungnahmen zur Lage der Universit&#228;t, Z&#252;rich (2010): Diogenes, S. 249-275, hier: 256.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Braverman, Harry: Die Arbeit im modernen Produktionsprozess, Frankfurt/M.<br />
(1977): Campus; an Bravermans Thesen schloss sich eine breite, kontrovers gef&#252;hrte Diskussion unter dem Label der Labor Process Debate an. F&#252;r einen kritischen &#220;berblick vgl. Wood, Stephen: Neue Technologien, Arbeitsorganisation und Qualifikation: die britische Labor-Process-Debatte, in: Prokla Nr. 62 (M&#228;rz 1986), S. 74-104.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Atzm&#252;ller, Roland: Qualifikationsanforderung und Berufsbildung im Postfordismus, in: Prokla Nr. 137 (2004), S. 587-605, hier S. 588.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Atzm&#252;ller, Roland: Die P&#228;dagogisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen und Staat, in: Perspektiven Nr. 10, 22-28, hier: 24f.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Die Thesen von Hardt und Negri habe ich an anderer Stellen ausf&#252;hrlich kritisert: Opratko, Benjamin: Sei spontan, tr&#228;um’ den Kommunismus, in: Perspektiven Nr. 3, S. 10-17.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Hardt, Michael/Negri, Antonio: Multitude. Krieg und Demokratie im Empire, Frankfurt/M. (2004): Campus, S. 126.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> MEW 42: 602, Herv. i. O.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Virno, Paolo: Grammatik der Multitude. Mit einem Anhang: Die Engel und der<br />
General Intellect, Wien (2005): Turia+Kant, S. 140, Herv. i. O.<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Ebd.: 149.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Ebd.: 153.<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Roggero, Gigi: Was das lebendige Wissen vermag, http://eipcp.net/transversal/0809/roggero/de<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Ebd.<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> De Nicola, Alberto/Roggero, Gigi: Vom Leben in einer Ruine, in: Kulturrisse<br />
2/2008, S. 24-27, hier: 24.<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> The Edu-factory Collective: All Power to Self-Education!, in: dies.: Toward a Global Autonomous University. Cognitive Labor, The Production of Knowledge and Exodus from the Education Factory, New York: Autonomedia, S. 0-15, hier: S. 10.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Roggero: Was&#8230;, a.a.O.<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Do, Paolo/Roggero, Gigi: We Won’t Pay for Your Crisis: Italian Struggles Against Education Reform, in: Mute Magazine (2009), http://www.metamute.org/en/content/we_won_t_pay_for_your_crisis_italian_struggles_against_education_reform<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Do/Roggero: We Won’t Pay&#8230;, a.a.O.; vgl. Edu-factory Collective: All Power&#8230;, a.a.O.: 10.<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Ashram, Vidya: The Global Autonomous University, in: The Edu-factory Collective, Towards&#8230;, a.a.O., S. 165-170.<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Vgl. Opratko, Benjamin: Sei spontan&#8230;, a.a.O.<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Caffentzis, George/Federici, Silvia: Arbeit im Schatten der Kognitivit&#228;t, in: kulturrisse 2/2009, S. 10-15, hier: S. 13.<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Hardt/Negri: Multitude, S. 130.<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Gigi Roggero schreibt etwa: „Produktivit&#228;t [entsteht] nicht durch den Umstand, ob man f&#252;r seine T&#228;tigkeit bezahlt wird oder nicht, sondern durch die konfliktuale Beziehung zwischen der Produktion des Gemeinsamen und dessen Vereinnahmung“ (Roggero: Was&#8230;, a.a.O.)<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Edu-factory Collective: All Power&#8230;, a.a.O.: 10 (Fn 9); Bousquet, Marc: How the<br />
University Works. Higher Education and the Low-Wage Nation, New York: New York<br />
University Press<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Bousquet: How&#8230;, a.a.O., S. 146ff.<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Unger, Martin et al: Studierenden-Sozialerhebung 2009, Wien: IHS, S. 133ff.<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Raunig, Gerald: Im Modus der Modulation, in: Unbedingte Universit&#228;ten: Was passiert?, a.a.O., 55-63, hier: 63.<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> Vgl. Harvey, David: Kleine Geschichte des Neoliberalismus, Z&#252;rich (2007): Rotpunkt.<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> Van der Pijl, Kees: Transnational Classes and International Relations, London (1998): Routledge, S. 38ff.<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> Vgl. Demirovi&#196;‡, Alex: Die Transformation der Staatlichkeit von Hochschulen, in: Das Argument Nr. 272 (2007), S. 531-545; Zeuner, Bodo: Die Freie Universit&#228;t Berlin vor dem B&#246;rsegang? Bemerkungen zur &#214;konomisierung der Wissenschaft, in: Prokla Nr. 148 (2007), S. 325-350.</p>
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		<title>Eliten-Bildung</title>
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		<pubDate>Sat, 28 Aug 2010 16:28:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Trotz gro&#223;er l&#228;nderspezifischer Unterschiede gewinnen Eliten in ganz Europa an Macht und
Einfluss. Florian Reiter sprach mit dem Soziologen Michael Hartmann &#252;ber die soziale Herkunft der Eliten und die Rolle des Bildungssektors in ihrer Reproduktion.

Wenn man &#252;ber Eliten spricht, &#252;berkommt eineN meist das unangenehme Gef&#252;hl der Machtlosigkeit. Wie gro&#223; ist der Einfluss von Eliten in der Gesellschaft &#252;berhaupt und welche kollektiven [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Trotz gro&#223;er l&#228;nderspezifischer Unterschiede gewinnen Eliten in ganz Europa an Macht und<br />
Einfluss. Florian Reiter</em> sprach mit dem Soziologen <em>Michael Hartmann</em> &#252;ber die soziale Herkunft der Eliten und die Rolle des Bildungssektors in ihrer Reproduktion.<br />
<span id="more-1599"></span><em><br />
Wenn man &#252;ber Eliten spricht, &#252;berkommt eineN meist das unangenehme Gef&#252;hl der Machtlosigkeit. Wie gro&#223; ist der Einfluss von Eliten in der Gesellschaft &#252;berhaupt und welche kollektiven oder strukturellen M&#246;glichkeiten gibt es, den Einfluss von Eliten zu vermindern?</em></p>
<p>Der Einfluss der Eliten ist sehr gro&#223;, weil sie gesellschaftlich ma&#223;gebliche Entscheidungen in einem relativ kleinen Kreis treffen k&#246;nnen. Wenn beispielsweise das h&#246;chste Gericht entscheidet, dass Studiengeb&#252;hren zul&#228;ssig sind, bedarf es schon sehr massiver Proteste von unten – die viel schwerer zu organisieren sind als die kleinen Kreise oben – um das wieder zu Fall zu bringen. Das ist in der Wirtschaft sehr &#228;hnlich. Wenn bei Daimler entschieden wird, die Mercedes C-Klasse in den USA zu produzieren, dann kommt diese Entscheidung relativ schnell zustande, weil sich da nur ein paar Leute verst&#228;ndigen m&#252;ssen. Um diese Entscheidung wieder zu kippen, m&#252;ssten sich unten etliche tausend Besch&#228;ftigte organisieren. Das ist nicht unm&#246;glich, aber sehr viel schwieriger. Eliten k&#246;nnen sehr viel schneller und unmittelbarer entscheiden, so dass das in der Realit&#228;t dann auch schnell wirksam wird. Widerstand muss immer in der Breite organisiert werden, aber es gibt Beispiele, bei denen das erfolgreich funktioniert hat. Zum Beispiel konnten in Hessen die Studiengeb&#252;hren durch massive Proteste der Studierenden wieder abgeschafft werden. Damit hat niemand gerechnet, weil Studiengeb&#252;hren ein Lieblingskind der Eliten waren. In &#214;sterreich sind die Studiengeb&#252;hren ja auch wieder abgeschafft worden. Das hei&#223;t, es ist m&#246;glich, aber es ist schwer, weil man viele Menschen um ein bestimmtes Anliegen herum organisieren muss und der Widerstand auch eine gewisse Dauer haben muss. Wenn man das nur punktuell macht, dann lassen sich Eliten davon nicht beeindrucken. Es gibt nur eine M&#246;glichkeit, Eliten etwas entgegenzusetzen: breite Teile der Bev&#246;lkerung m&#252;ssen sich organisieren. Wie die Organisierung konkret aussieht, das ist h&#246;chst unterschiedlich. Das k&#246;nnen eher locker organisierte Bewegungen wie die Antikriegs- oder die Antikernkraftbewegung sein, das k&#246;nnen Gewerkschaften sein oder partei&#228;hnliche Strukturen. Oder auch eine Bewegung wie in &#214;sterreich bei den j&#252;ngsten Studierendenprotesten. Aber ohne organisierten Widerstand gibt es keine M&#246;glichkeit, den Einfluss von Eliten zu vermindern.</p>
<p><em>In ihrem Buch „Eliten und Macht in Europa“ definieren sie drei f&#252;r Europa zentrale Elitentypen, politische und &#246;konomische Eliten sowie Eliten der Justiz und der Verwaltung. Diese zeichnen sich Ihrer Meinung nach dadurch aus, „dass sie in der Lage sind, qua Position ma&#223;geblichen Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen zu nehmen.“ Woher kommen diese Eliten? Welche gesellschaftlichen Instanzen tragen zu ihrer Herausbildung oder Reproduktion bei?</em></p>
<p>Das ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. Generell kann man sagen, dass in den meisten L&#228;ndern die Wirtschafts- und die Justizelite in ihrer gro&#223;en Mehrheit aus b&#252;rgerlichen oder gro&#223;b&#252;rgerlichen Familien stammen. Bei der Justizelite gilt das mit Abstrichen sogar f&#252;r Skandinavien. Das ist bei der Verwaltungselite und bei der politischen Elite schon sehr viel unterschiedlicher. Bei der politischen Elite kann man traditionell bspw. in Frankreich feststellen, dass sie fast genau so zusammengesetzt ist wie die wirtschaftliche Elite (d.h. ein Anteil von mindestens drei Viertel an B&#252;rger- und Gro&#223;b&#252;rgerInnenkindern). Auch in Spanien und Portugal ist die Zusammensetzung sehr &#228;hnlich. Trotz weniger starker Auspr&#228;gung trifft das auch auf Gro&#223;britannien zu. Demgegen&#252;ber hatten die meisten anderen europ&#228;ischen L&#228;nder zumindest bis Ende des letzten Jahrtausends politische Eliten, die eher aus kleinb&#252;rgerlichen Kreisen stammten. Das ist in &#214;sterreich noch immer zu beobachten und war typisch f&#252;r die Mehrzahl der europ&#228;ischen L&#228;nder. Bei der Verwaltungselite gab es eine Zweiteilung: Es gab ein paar gro&#223;e L&#228;nder, wie Frankreich oder Gro&#223;britannien, Deutschland und Spanien, in denen die Verwaltungselite auch eher b&#252;rgerlich oder gro&#223;b&#252;rgerlich gepr&#228;gt war. Es gab aber eine Mehrheit an L&#228;ndern wie Italien, &#214;sterreich, die Benelux-Staaten, Skandinavien, in denen die Verwaltungselite kleinb&#252;rgerlich gepr&#228;gt war. Das hat sich bei der politischen Elite in vielen L&#228;ndern in den letzten zehn bis 15 Jahren ge&#228;ndert. Die politische Elite, vor allem in Deutschland, ist sehr viel b&#252;rgerlicher geworden. Inzwischen ist sie fast so zusammengesetzt wie die anderen Eliten auch. Statt zu zwei Dritteln aus der Arbeiterschaft oder den Mittelschichten, wie es in den f&#252;nf Jahrzehnten seit 1949 stets der Fall war, kommen die Mitglieder der aktuellen Bundesregierung zu zwei Dritteln aus dem B&#252;rgeroder Gro&#223;b&#252;rgertum.<br />
Die Instanzen, die zur Elitenbildung beitragen, sind europaweit sehr unterschiedlich. Es gibt drei Grundtypen. Der erste Typ, und das trifft auf Frankreich und Spanien zu, zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es elit&#228;re Bildungsinstitutionen und/oder Eliteinstitutionen in der staatlichen Verwaltung gibt, von denen aus Karrieren in der Wirtschaft und in der Politik gestartet werden. Den zweiten Typ repr&#228;sentiert Gro&#223;britannien. Dort gibt es zwar Elitebildungsinstitutionen, aber keine Querverbindungen zwischen den Elitesektoren. Und der dritte Typ, das w&#228;ren alle anderen L&#228;nder. Diese kennen, bisher jedenfalls, keine Elitebildungseinrichtungen und es kommt nur in wenigen F&#228;llen zu einem Wechsel zwischen den verschiedenen Elitesektoren. Auch wenn in dieser Beziehung eine starke Zunahme festzustellen ist, vor allem in Deutschland, ist das entscheidende Kriterium f&#252;r die Homogenit&#228;t und damit auch die St&#228;rke der Eliten in diesen L&#228;ndern noch immer die soziale Herkunft.</p>
<p><em>Das Bildungssystem spielt ja eine zentrale Rolle bei der Herausbildung bzw. der Reproduktion von Eliten. Welche Aufgabe hat es hier prim&#228;r zu erf&#252;llen? Wie wichtig ist die Qualit&#228;t der Ausbildung? Wie wichtig die Herausbildung sozialer Netzwerke und das Erlernen eines klassenspezifischen Habitus?</em></p>
<p>Die zentrale Aufgabe der Bildungsinstitutionen ist die Selektion. Das hei&#223;t, wenn man den Blick auf die Eliten richtet, geht es vor allem darum, einen m&#246;glichst kleinen Teil einer Generation aus der Masse herauszufiltern. Das passiert auf sehr unterschiedliche Weise. Am effektivsten ist sicherlich Frankreich, wo an den drei f&#252;hrenden <em>grandes écoles</em><a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> nur knapp 1000 Personen aus einem Jahrgang aufgenommen werden, die dann f&#252;r jede h&#246;here Position in Frage kommen. Die Situation ist in Gro&#223;britannien durch die Eliteuniversit&#228;ten und die <em>public schools</em> &#228;hnlich, wenn auch die Gruppe, die in diese Institutionen aufgenommen wird, gr&#246;&#223;er ist als in Frankreich.<br />
In den meisten L&#228;ndern, wie in Deutschland oder in &#214;sterreich, geht es prinzipiell erstmal darum, dass diejenigen, die nicht studieren, praktisch keine Chance haben, in die Elite zu kommen. Das hei&#223;t die Entscheidung „Studium ja oder nein?“ ist eine wesentliche Selektionsentscheidung, aber es bleiben dadurch nat&#252;rlich noch immer mehr als genug Personen &#252;brig – viel mehr, als Elitepositionen zu Verf&#252;gung stehen. Daher gibt es dann weitere Selektionsmechanismen im sp&#228;teren Berufsleben. Es gibt in diesen L&#228;ndern zwar soziale Netzwerke, die unterst&#252;tzend wirken k&#246;nnen, aber die sind nicht besonders stark. In &#214;sterreich sind sie zwar etwas bedeutender als in Deutschland (v.a. weil das Land kleiner ist), aber eigentlich kann man nicht wirklich von effektiven Netzwerken reden. Die Qualit&#228;t von Netzwerken ist in der Regel daran gebunden, dass die entscheidenden Bildungsinstitutionen nicht zu gro&#223; sind. Daher gibt es sehr effektive Netzwerke in Frankreich und Gro&#223;britannien (wie bspw. die Etonians<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>). In den meisten europ&#228;ischen L&#228;ndern existieren solche effektiven Netzwerke nicht, da die Massenuniversit&#228;ten daf&#252;r zu gro&#223; geworden sind.<br />
Auch die Herausbildung eines klassenspezifischen Habitus passiert in den meisten L&#228;ndern nicht an den Bildungsinstitutionen, da sie auch daf&#252;r zu heterogen sind. Selbst an einer Eliteuniversit&#228;t wie der LMU<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> in Deutschland sind &#252;ber 40.000 Studierende. Da l&#228;sst sich kein einheitlicher Habitus herausbilden, er kann nur erg&#228;nzt oder verfeinert werden. Das ist in L&#228;ndern wie Frankreich oder Gro&#223;britannien anders. Dort haben Bildungsinstitutionen sicherlich einen gr&#246;&#223;eren Einfluss auf den Habitus. Das gilt besonders f&#252;r Gro&#223;britannien, weil dort die Kinder in sehr fr&#252;hen Jahren schon in Internate kommen. Das f&#228;ngt an den <em>preparatory schools</em> ja schon mit sieben Jahren an, sp&#228;testens aber an den <em>public schools</em> mit dreizehn. Da pr&#228;gen die Schulen die Personen schon sehr stark.<br />
Die Qualit&#228;t der Ausbildung ist kein entscheidendes Kriterium. Es muss eine durchschnittliche Hochschulausbildung gew&#228;hrleistet werden, aber die Institutionen m&#252;ssen in ihrer Qualit&#228;t nicht herausragend sein, schon gar nicht in ihrer wissenschaftlichen Qualit&#228;t. Sieht man sich Frankreich an, so zeigt sich, dass die f&#252;r die zentralen Eliten wichtigen <em>grandes écoles</em> wissenschaftlich nicht &#252;berragend gut sind, aber darauf kommt es auch nicht an. Ihre Funktion ist es prim&#228;r, Eliten herauszubilden, und da sind andere Merkmale entscheidend als eine besonders gute fachliche Ausbildung. Die lernen an den franz&#246;sischen <em>grandes écoles</em> schlicht und einfach wie man in F&#252;hrungspositionen agiert, wie man schnell Entscheidungen trifft, etc. Das hat mit fachlicher Qualit&#228;t erstmal nichts zu tun.</p>
<p><em>Wie und wann lernen sich Kinder und Jugendliche als Eliten zu begreifen?</em></p>
<p>Das ist auch von Land zu Land unterschiedlich. Wenn man in Gro&#223;britannien in relativ jungen Jahren nach Eton kommt, dann ist klar, dass man sp&#228;ter zur Elite geh&#246;rt. Einem Etonian ist das mit dreizehn Jahren schon bewusst. Das geschieht in Frankreich etwas sp&#228;ter, aber wenn man mit 18 oder 19 in eine <em>classe préparatoire</em> in einem ber&#252;hmten Pariser Gymnasium kommt, dann wei&#223; man auch, dass man es schon fast geschafft hat. Sp&#228;testens wenn sie dann an einer renommierten <em>grande école</em> aufgenommen werden. Also noch w&#228;hrend der Ausbildung. Das ist in den meisten anderen europ&#228;ischen L&#228;ndern nicht so. Da wird die Entscheidung, ob man dazugeh&#246;rt oder nicht, erst nach dem Abschluss der Ausbildung getroffen. Das hei&#223;t, dass das Bildungssystem nur eine grobe Vorentscheidung trifft. Wenn man beispielsweise in Deutschland oder &#214;sterreich das Studium der Wirtschaftswissenschaften absolviert hat, hat man eine Chance mal eine Eliteposition zu bekleiden, aber mehr auch nicht. Daf&#252;r gibt es einfach zu viele AbsolventInnen. Von daher begreifen sich Kinder und Jugendliche in L&#228;ndern mit ausgepr&#228;gten Elitebildungsinstitutionen sicherlich fr&#252;her als Elite. Was man in den letzten Jahren, unabh&#228;ngig vom Ausbildungssystem, beobachten kann, ist eine Homogenisierung von Wohnquartieren und Lebensmilieus, so dass die Kinder und Jugendlichen zunehmend nur mehr mit ihresgleichen zu tun haben, und da kann man schon feststellen, dass sie in relativ fr&#252;hen Jahren ein Gesellschaftsverst&#228;ndnis haben, welches in etwa folgenderma&#223;en aussieht: Es gibt oben die „Leistungstr&#228;ger“ (das sind die Eliten und insgesamt die oberen zehn Prozent der Bev&#246;lkerung), dann die Mitte der Bev&#246;lkerung, und unten die „Nieten, Sozialschmarotzer oder Nicht-Leister“. Das hat es in Deutschland vor zwanzig, drei&#223;ig oder vierzig Jahren nicht gegeben, aber das gibt es jetzt auch schon bei 14-, 15-j&#228;hrigen, die ein Verst&#228;ndnis von einer quasi biologischen Unterteilung der Gesellschaft haben. Sie geh&#246;ren in diesem Bild eben zu denen, die oben sind, und das finden sie auch v&#246;llig normal.</p>
<p><em>K&#246;nnen Kinder aus Mittel- oder Unterschichtshaushalten &#252;berhaupt zur Elite werden? Wie sozial geschlossen sind Eliten als Gesellschaftsschicht?</em></p>
<p>Das ist schon m&#246;glich, vor allem in der politischen Elite. Da haben Angeh&#246;rige der Mittel- und Unterschichten die Mehrheit der Elite gestellt, weil man dort hinein gew&#228;hlt werden muss. Vor allem die gro&#223;en Volksparteien konnten, solange sie noch mitgliederstark waren, durch ihre relativ stabilen Basisstrukturen daf&#252;r sorgen, dass die Parteibasis einen erheblichen Einfluss auf die KandidatInnenaufstellung hatte. Wenn da jemand zu gro&#223;b&#252;rgerlich war, dann ist er einfach nicht aufgestellt worden. Das war bei den anderen Eliten schon schwieriger. Am ehesten gab es noch soziale Durchl&#228;ssigkeit in der Verwaltungselite, weil es da bis zu einem gewissen Grad formalisierte Aufstiegswege gab. Bei der Wirtschaftselite waren und sind das immer Ausnahmen geblieben, wenn man von Skandinavien absieht. In den meisten L&#228;ndern ist die Wirtschaftselite doch relativ geschlossen. Man muss jedoch dazu sagen, dass es da auch Besonderheiten gibt. In &#214;sterreich etwa mit der Raiffeisenbank: Das ist keine klassische Gro&#223;bank, sondern eine genossenschaftliche Struktur, und da gibt es auch andere Aufstiegswege. Genauso beim gesamten &#246;ffentlich-rechtlichen Sektor. Das hei&#223;t bei allen Wirtschaftsunternehmen, die sich mehrheitlich im Besitz von St&#228;dten, Bundesl&#228;ndern oder Staaten befinden, sind die Aufstiegswege anders als in der Privatwirtschaft, weil in diesen F&#228;llen politische Einfl&#252;sse eine zentrale Rolle spielen. Da haben ArbeiterInnenkinder oder Mittelschichtskinder eine gr&#246;&#223;ere Chance aufzusteigen.</p>
<p><em>Sie schreiben, dass &#214;sterreich hinsichtlich seiner politischen Eliten sozial eher durchl&#228;ssig ist und einen &#252;berproportional hohen Anteil an ArbeiterInnen an der politischen Elite hat. Was kann von ihnen tats&#228;chlich bewirkt werden? Entfernen sie sich nicht durch ihren Elitenstatus vom Bewusstsein ihrer sozialen Herkunft?</em></p>
<p>Sie m&#252;ssen sich sicherlich ein erhebliches St&#252;ck von ihrem Herkunftsmilieu entfernen. Aber das ist ein langer Prozess. Man wird ja nicht sofort Minister, sondern man entfernt sich St&#252;ck f&#252;r St&#252;ck von der eigenen Herkunft. Das beste Beispiel ist in Deutschland Gerhard Schr&#246;der. Er ist nach seinem Ausscheiden aus der Politik in ein vollkommen anderes Milieu verschwunden und wird sich wahrscheinlich nur mehr in ein paar Punkten an seine Herkunft erinnern.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Entscheidend ist, wie gro&#223; die Anzahl der Personen ist, die aus einem anderen Milieu stammen. Wenn das einzelne Personen sind, werden sie sich in der Regel sehr stark anpassen. Das ist vor allem in der Wirtschaft zu beobachten. ManagerInnen, die einen sozialen Aufstieg hinter sich haben, sind meistens im Umgang mit Besch&#228;ftigten noch h&#228;rter als die anderen ManagerInnen.<br />
Wenn ein Milieu mehrheitlich durch AufsteigerInnen gepr&#228;gt wird, dann spielen die Erfahrungen, die diese mitbringen, noch eine gro&#223;e Rolle. Man kann z.B. grob sagen: Je h&#246;her der Anteil der Mittelschicht- und ArbeiterInnenkinder in den politischen Eliten oder generell in den Eliten ist, desto ausgeglichener sind die Einkommensverh&#228;ltnisse. Das hei&#223;t umgekehrt, je st&#228;rker B&#252;rgerInnen- und Gro&#223;b&#252;rgerInnenkinder die Eliten komplett dominieren, desto st&#228;rker dominieren auch ihre Interessen die Entscheidungen. Das hei&#223;t wiederum: Auch wenn sich die Personen ver&#228;ndern und von ihrer sozialen Herkunft entfernen, bleibt ein Teil ihres Herkunftsmilieus in den K&#246;pfen, solange ein gr&#246;&#223;erer Teil der Elite sozial aufgestiegen ist.</p>
<p><em>Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Elitenreproduktion?</em></p>
<p>Ja nat&#252;rlich, auch wenn das wieder nach L&#228;ndern unterschiedlich ist. Generell sind die Wirtschaftseliten die geschlossensten, was geschlechtsspezifische Reproduktion betrifft. Da bleiben M&#228;nner am ehesten unter sich. In Deutschland hat sich in den letzten zehn, 15 Jahren f&#252;r die Frauen fast gar nichts positiv ver&#228;ndert, in Skandinavien dagegen sehr viel. Am offensten sind die politischen Eliten auch in dieser Frage, weil sie eben gew&#228;hlt werden m&#252;ssen. Wenn man sich in Deutschland nicht nur die Bundeskanzlerin, sondern das Regierungskabinett ansieht, so kann man sagen, dass der Frauenanteil in der politischen Elite zwar nicht repr&#228;sentativ ist, aber Frauen doch gut ein Drittel dieser Positionen bekleiden. &#196;hnliches gilt auch in den meisten anderen europ&#228;ischen L&#228;ndern. Das ist in S&#252;deuropa noch nicht durchg&#228;ngig, aber im spanischen Kabinett ist zum Beispiel jede zweite Position von einer Frau besetzt. Also zusammenfassend: Die politische Elite ist mittlerweile geschlechtsspezifisch relativ durchl&#228;ssig, die wirtschaftliche Elite ist noch immer relativ geschlossen.</p>
<p><em>Werden denn auch in elit&#228;ren Familien Jungen noch immer mehr gef&#246;rdert als M&#228;dchen?</em></p>
<p>Das ist klassischerweise immer noch so. Die Familienmuster, vor allem in der wirtschaftlichen Elite, sind noch relativ traditionell gepr&#228;gt. Es gibt aber zunehmend mehr Familien, in denen die T&#246;chter dann F&#252;hrungspositionen &#252;bernehmen. So gibt es zum Beispiel mittlerweile in Deutschland immer mehr Frauen, die Unternehmen leiten. Das hat sich ver&#228;ndert gegen&#252;ber fr&#252;her, es funktioniert bisher in der Regel in der Wirtschaft aber nur dort, wo elit&#228;re Postionen &#252;ber famili&#228;re Beziehungen wie Heirat oder Erbe besetzt werden.</p>
<p><em>Inwieweit k&#246;nnen Kinder von Eliten ihre Eltern kritisch in Frage stellen und einen anderen Lebensweg w&#228;hlen? Wie viel Druck wird von Seiten den Eltern und dem sozialen Umfeld auf die Kinder ausge&#252;bt, auch Elite zu werden?</em></p>
<p>Die Wahrscheinlichkeit einer kritischen Abwendung ist gering. Es gab und gibt das zwar immer wieder, wie zum Beispiel bei den alten Klassikern Karl Marx und Friedrich Engels. Oder in der j&#252;ngeren Vergangenheit in &#214;sterreich bei Bruno Kreisky oder in Schweden bei Olaf Palme, also innerhalb der Sozialdemokratie. Es gibt immer wieder die Personen, die ihr Herkunftsmilieu kritisch betrachten, mehr oder minder stark, aber das bleiben Ausnahmen. Der Gro&#223;teil der Kinder, die in diesen Verh&#228;ltnissen aufw&#228;chst, &#252;bernimmt das Denken der Eltern. Diese Unterscheidung in Elite und Masse und die Weltsicht, die dazu geh&#246;rt – dass man f&#228;higer ist als andere Menschen und deswegen auch das Recht hat, die Entscheidung &#252;ber andere Menschen zu treffen – ist der Normalfall. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand aus diesem Muster ausbricht, liegt bei deutlich unter zehn Prozent.</p>
<p><em>Warum haben Sie sich dazu entschieden, Elitenforschung zu machen? Was ist das Ziel ihrer Arbeit? Wie viel „Elitenpotenzial“ hatten Sie selbst?</em></p>
<p>Das ist eine Mischung aus Herkunft, politischen Interessen und Zufall. Herkunft deswegen, weil ich selber aus einem gutb&#252;rgerlichen Milieu komme und diese Kreise kenne. Das hei&#223;t, ich wusste schon sehr fr&#252;h, wie diese Menschen denken. Zweitens hat mich eigentlich nicht das Thema Eliten, sondern das Thema Macht interessiert, da ich seit meinem sechzehnten Lebensjahr politisch aktiv bin. Macht in den verschiedensten Formen – in der Schule, bei der Justiz, in der Wirtschaft – und die Frage, wie Machtstrukturen funktionieren, das hat mich immer interessiert. Dadurch kommt man zur Frage der Eliten. Drittens, und das ist der Zufall, war ich f&#252;nf Jahre lang an der juristischen Fakult&#228;t t&#228;tig und habe ein Forschungsprojekt &#252;ber WirtschaftsjuristInnen durchgef&#252;hrt. Das hat mich dann wissenschaftlich auf dieses Thema gebracht. WirtschaftsjuristInnen sind ja eine klassische Gruppe der deutschen Elite und da hat sich in dem Zeitraum, als ich das untersucht habe – Ende der 1980er Jahre – relativ viel ver&#228;ndert. An dem Thema bin ich dann dran geblieben, weil sich das, was mich politisch interessiert – n&#228;mlich Macht – mit meiner wissenschaftlichen T&#228;tigkeit verbinden lie&#223;. Was ich damit erreichen will, ist eigentlich das, was auch Bourdieu immer als generelle Aufgabe von kritischer Wissenschaft bezeichnet hat: Mechanismen aufdecken, die oberfl&#228;chlich nicht erkennbar sind, und das sind die Mechanismen der Macht. Zu zeigen, wie die heutigen Gesellschaften funktionieren, wie diejenigen, die Macht haben, ihre Macht reproduzieren und diese Macht benutzen, um gesellschaftliche Entwicklungen zu steuern. Es geht darum, diese Mechanismen aufzudecken und dar&#252;ber hinaus auch zu zeigen, wo es m&#246;glich ist, von unten Einfluss auf die Dinge zu nehmen. Das alles ist ja nicht naturgesetzlich. Es sind Menschen, die Geschichte machen, und solange Menschen Geschichte machen, kann man von Seite der Masse der Menschen auch Einfluss darauf nehmen.</p>
<p><em>Wie reagieren denn die Eliten selbst auf Ihre Forschung?</em></p>
<p>Das ist uneinheitlich. Die konservativen Medien und die Mehrzahl der Elitenangeh&#246;rigen stehen dem eher skeptisch bis ablehnend gegen&#252;ber. Bei der <em>FAZ </em>oder bei der <em>Welt </em>bekomme ich z.B. recht selten ein Interview. In der <em>FAZ </em>gab<br />
es sogar ein Portrait &#252;ber mich, das einen massiven pers&#246;nlichen Angriff beinhaltete, was meines Erachtens damit zusammenh&#228;ngt, dass Konservativen nicht gef&#228;llt, dass dieses f&#252;r sie selbst so wichtige Thema von einem Linken dominiert wird. Es gibt aber auch dort Kreise, die sich f&#252;r meine Forschungsergebnisse interessieren, entweder aus reiner Neugier oder aber weil sie sich davon erhoffen, ihre eigenen Kreise analytisch genauer kennenzulernen. Das ist aber eine Minderheit. Bei manchen Veranstaltungen bin ich einfach ein interessanter Gespr&#228;chspartner, den man sich mal anh&#246;rt, ohne dass das nennenswerte Konsequenzen f&#252;r das eigene Denken hat. Wenn es um wirklichen politischen Einfluss geht, z.B. beim Thema der Studiengeb&#252;hren, dann ist klar: da sto&#223;en Positionen aufeinander und dann wird auch versucht, meine Position m&#246;glichst weit am Rand zu halten, damit sie politisch keinen Einfluss gewinnt.</p>
<p><em>Danke f&#252;r das Interview!</em></p>
<p><em>Michael Hartmann</em> ist Professor f&#252;r Soziologie an der Technischen Universit&#228;t Darmstadt und der bekannteste Elitenforscher im deutschsprachigen Raum. 2002 ver&#246;ffentlichte er im Campus-Verlag <em>Der Mythos von den Leistungseliten</em>, 2007 ebendort <em>Eliten und Macht in Europa: Ein internationaler Vergleich.</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Die <em>grandes écoles</em> (dt.: gro&#223;e Schulen) sind auf einzelne F&#228;cher oder F&#228;chergruppen spezialisierte Hochschulen, an denen die Elite der franz&#246;sischen Politik und Wirtschaft ausgeblidet wird (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Etonians nennen sich die Absolventen (M&#228;dchen werden nicht zugelassen) der Eliteschule Eton College in England (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Die Ludwig-Maximilians-Universit&#228;t M&#252;nchen wird im Rahmen der deutschen „Exzellenzinititative“ zur „St&#228;rkung der universit&#228;ren Spitzenforschung“ besonders gef&#246;rdert (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Gerhard Schr&#246;der wuchs in &#228;rmlichen Verh&#228;ltnissen auf. Nach seiner Abwahl als deutscher Bundeskanzler ging er in die Privatwirtschaft und ist heute u.a. als Aufsichtsrat eines russischen Gaspipeline-Konsortiums, als Mitglied des Europa-Beirats der Rothschild-Investmentbank und als Berater f&#252;r das chinesische Au&#223;enministerium t&#228;tig (Anm. d. Red.).</p>
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		<title>Rosinenpicken</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:40:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Antifaschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterverhältnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Iran]]></category>
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Die „K&#228;mpfe um Bildung“, denen sich Perspektiven Nr. 10 gewidmet hat, bilden auch anderswo ein zentrales Thema. So sind im aktuellen Programm der Edition PROLLpositions in der Reihe audimarx drei feine Brosch&#252;ren erschienen, die vor allem die Frage „Wie sich (ver-)wehren?“ hochhalten: (1) Das „Kommuniqué aus einer ausbleibenden Zukunft. &#220;ber die Ausweglosigkeit des studentischen Lebens“ (Research & Destroy; audimarx #1) [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-1594"></span><br />
Die „K&#228;mpfe um Bildung“, denen sich <em>Perspektiven</em> Nr. 10 gewidmet hat, bilden auch anderswo ein zentrales Thema. So sind im aktuellen Programm der <em>Edition PROLLpositions</em> in der Reihe <em>audimarx </em>drei feine Brosch&#252;ren erschienen, die vor allem die Frage „Wie sich (ver-)wehren?“ hochhalten: (1) Das „Kommuniqué aus einer ausbleibenden Zukunft. &#220;ber die Ausweglosigkeit des studentischen Lebens“ (Research & Destroy; <em>audimarx #1</em>) wurde im Zuge der Besetzung eines Teils der Universit&#228;t von Santa Cruz verfasst und Anfang Oktober 2009 online publiziert. Neben der Thematisierung des Verh&#228;ltnisses von Studium und Arbeit im Kontext der zunehmenden Transformation von Universit&#228;ten in Fabriken der Wissens(re)produktion, dr&#252;ckt sich in der „Mitteilung“ vor allem auch das dr&#228;ngende Bed&#252;rfnis nach den verbindenden Inhalten unterschiedlicher K&#228;mpfe aus, deren gesellschaftliche Ausgangsbedingungen doch sehr verschieden sind. (2) In „Reformpause!“ (<em>audimarx #2</em>) beschreibt <em>Marion von Osten</em>, wie es nach dem zweiten Weltkrieg zu einer bildungspolitischen Wende in Westeuropa kam und reflektiert dabei diejenigen allgemein-gesellschaftlichen und konkret-kollektiven Bedingungen, die Wissensproduktion &#252;berhaupt erst erm&#246;glichen. (3) Ausk&#252;nfte &#252;ber die erfolgreiche Besetzung der Universit&#228;t in Zagreb sowie &#252;ber die Besetzungsstrategien unserer kroatischen KollegInnen gibt das „Besetzungskuchbuch. Bericht von der Besetzung der Zagreber Philosophischen Fakult&#228;t 2008“ (<em>audimarx #3</em>). Eine zu empfehlende Lekt&#252;re f&#252;r alle ProfibesetzerInnen und diejenigen, die es noch werden wollen.   </p>
<p>Nicht nur die Universit&#228;ten haben im letzten Jahr gebrannt. Auch im Iran gab es eine der gr&#246;&#223;ten Protestbewegungen seit Jahrzehnten. W&#228;hrend <em>Behrooz Rahimi</em> in <em>Perspektiven </em>Nr. 9 in erster Linie das widerspr&#252;chliche Erben der Iranischen Revolution von 1979 analysiert hat, begibt sich <em>James Buchan</em> auf eine weiter angelegte historische Spurensuche nach den Gemeinsamkeiten der verschiedenen Revolutionen im Iran. Er vergleicht nicht nur die Ereignisse vom Juli 2009 mit denen der konstitutionellen Revolution 1905, sondern zieht auch Parallelen zwischen der Pr&#228;sidentschaft Mahmud Ahmadinejads und der Herrschaft Louis-Napoleons (Napoleon III). Bezugnehmend auf Marxens „Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“ (1852), in dem Marx nachweist, dass der Staatsstreich des Louis-Napoleon 1851 in Frankreich das notwendige Ergebnis der vorhergegangenen Entwicklungen war und sich Geschichte oftmals zun&#228;chst als Tragik und dann als Farce wiederholen muss, um sie im Sinne der Befreiung weitertreiben zu k&#246;nnen, sch&#246;pft <em>Buchan </em>Hoffnung f&#252;r politische Ver&#228;nderungen im Iran.</p>
<p>Schwerpunkt von <em>Perspektiven </em>Nr. 9 war allerdings nicht der Iran, sondern die „Ge_schlechte_r_verh&#228;ltnisse im Kapitalismus“. &#196;hnlich wie <em>Katharina Hajek</em> und <em>Benjamin Opratko</em> in ihrem Artikel „Welche Wirtschaft, wessen Krise?“ besch&#228;ftigen sich auch <em>Helene Schuberth</em> und <em>Brigitte Young</em> mit dem Zusammenhang zwischen den „Geschlechtern der Krise“ und der „Krise der Geschlechter“. Die Autorinnen,  zwei der profiliertesten Forscherinnen auf dem Feld der feministischen &#214;konomie, haben mit <em>The Global Financial Meltdown and the Impact of Financial Governance on Gender</em> ein kurzes, aber sehr informatives, Fakten-und-Zahlen-lastiges Paper verfasst. Darin wird – zugespitzt formuliert – aus geschlechterkritischer Perspektive nicht nur danach gefragt, wer die Krise verursacht hat, sondern auch danach, wer davon in welcher Weise und in welchem Ausma&#223; betroffen ist, und – durch die Budgetkonsolidierungen weltweit – in Zukunft sein wird: vor allem Frauen. So reklamieren in diesem Zusammenhang auch <em>Drucilla Barker</em> und <em>Susan F. Feiner</em> im aktuellen <em>Rethinking Marxism</em> (No. 22) Geschlecht als Analysekategorie ein. Sie fokussieren dabei auf die „Feminisierung der Arbeit“ und die Rolle „hegemonialer M&#228;nnlichkeiten“. Frei nach dem Motto Lenins, nach dem jede K&#246;chin dazu in der Lage sein muss, die Staatsmacht auszu&#252;ben (was jedoch sowohl eine Ver&#228;nderung des Staates als auch der Lage der K&#246;chin impliziert), seien hier noch zwei weitere Feministinnen genannt, die sich den krisenhaften Entwicklungen der letzten Jahre vor allem unter dem Aspekt der Bedingungen und M&#246;glichkeiten feministischer K&#228;mpfe widmen. <em>Birgit Sauer</em> fragt (<em>Widerspruch </em>Nr. 57) aus einer feministisch-staatstheoretischen Perspektive nach den Bedeutungen staatlicher Transformationsprozesse f&#252;r die feministische Staatskritik, w&#228;hrend <em>Frigga Haug</em> in einem im Oktober 2009 gehaltenen Vortrag gewohnt luzide die Grenzen von „Umverteilungspolitik“ (auch bezogen auf die Reproduktionsarbeit) aufzeigt und daf&#252;r pl&#228;diert, gerade in der Krise „Geschlechterverh&#228;ltnisse als Produktionsverh&#228;ltnisse“ zu begreifen.<br />
Etwas mehr als Jahr ist vergangen, seit Barack Obama Pr&#228;sident der USA wurde – und wir dies in <em>Perspektiven </em>Nr. 6 zum Anlass nahmen, einen Schwerpunkt zum br&#252;chigen US-Imperium zu gestalten. Die darin von <em>Tobias ten Brink</em> ge&#228;u&#223;erte Skepsis, ob eine Obama-Administration auch nur das Ausma&#223; der Gewalt, das von der Geopolitik des US-Imperiums ausgeht, reduzieren w&#252;rde, hat sich seither best&#228;tigt. Dies zeigt ein Artikel von <em>Tariq Ali</em> in der aktuellen 50-Jahre-Jubil&#228;umsausgabe der <em>New Left Review</em> so deutlich wie drastisch. Seine bittere Bestandsaufnahme der US-Au&#223;enpolitik unter Obama, dargestellt anhand der Brennpunkte Israel/Pal&#228;stina, Irak, Iran, Afghanistan und Pakistan, zeichnet ein ern&#252;chterndes Bild. Er sieht keinen grunds&#228;tzlichen Bruch zwischen den Regierungen Bush I, Clinton, Bush II und Obama. Auch wenn die Analysen ob der K&#252;rze des Artikels manchmal zu vereinfachend wirken und etwa die Beurteilung der Situation im Iran von einem sch&#228;rferen Blick auf K&#228;mpfe von „unten“ profitiert h&#228;tte, ist Alis Beitrag hilfreich, um hinter die sch&#246;ne Rhetorik Obamas zu blicken.<br />
Und noch ein zweiter Beitrag im gleichen Heft l&#228;sst sich hervorragend als Zwischenbilanz des „Obama-Projekts“ lesen. <em>Teri Reynolds</em>, die in Kalifornien als Notfallmedizinerin arbeitet, sendet eine „Depesche aus Oakland“. Ihre lebhafte Beschreibung des Alltags in einem County Hospital macht deutlich, wie – im wahrsten Sinne des Wortes – &#252;berlebenswichtig eine echte Reform des Gesundheitswesens in den USA w&#228;re. Auf den Punkt gebracht: in diesem Land sterben permanent Menschen, weil sie keine Krankenversicherung haben. Die nun durchgesetzte <em>Health Care Reform</em> hat, so Reynolds, in den endlos scheinenden Debatten medizinische und soziale Realit&#228;ten ignoriert und wird daran nichts wesentliches &#228;ndern.</p>
<p>Ebenfalls in der aktuellen (Jubil&#228;ums-)Ausgabe der <em>New Left Review</em> spricht Mike Davis mit sich selbst: Sein „Pessimismus des Intellekts“ zwingt ihn, die desastr&#246;sen und scheinbar unaufhaltsamen Auswirkungen der Transformation von Landschaften und klimatischen Systemen durch die urban-industrielle Gesellschaft, die sich in den Megast&#228;dten des 21.Jahrhunderst konzentriert, zu erkennen. Dieser „analytischen Verzweiflung“ (und einem Antiurbanismus) stellt Davis jedoch einen „Optimismus der Imagination“ entgegen. Dabei argumentiert er f&#252;r eine neue radikal-urbane Vorstellungskraft, die andenkt, St&#228;dte nach &#246;kologischen und sozialen Gesichtspunkten zu organisieren. Letztlich sind es f&#252;r ihn gerade die St&#228;dte und deren typisch urbane Eigenschaften, die einen m&#246;glichen Weg aus den drohenden &#246;kologischen und sozialen Krisen bereitzustellen verm&#246;gen. </p>
<p>Sicher keinen Weg aus den multiplen Krisen der Gegenwart weist die extreme Rechte. Weil sie aber gerade in Krisenzeiten versucht, an Boden zu gewinnen, m&#252;ssen Antifaschismus und Antirassismus gegenw&#228;rtig mehr denn je auf der Agenda der (radikalen) Linken stehen. Zum ersten Mal konnte im Februar 2010 der j&#228;hrlich stattfindende Nazi-Aufmarsch in Dresden blockiert werden. Eine spannende Auswertung der antifaschistischen Mobilisierung nach Dresden liefern <em>Christine Buchholz</em> (Bundestagsabgeordnete DIE LINKE), <em>Steffi Graf</em> (aktiv in DIE LINKE.SDS), <em>Lucia Schnell</em> (DIE LINKE) und <em>Luigi Wolf </em>(DIE LINKE.SDS). Die Kombination aus einem breiten B&#252;ndnis von Parteien, Gewerkschaften, Zivilgesellschaft und antifaschistischen Kreisen sowie die Entschlossenheit der Gegen-DemonstrantInnen, die Nazis vermittels Massenblockaden nicht marschieren zu lassen, f&#252;hrte trotz Diffamierungs- und Illegalisierungskampagnen in Medien, Justiz und Politik zu einem erfolgreichen Ergebnis, so die AutorInnen. Die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der Kampagne in Dresden w&#252;rde auch der antifaschistInnen Linken in &#214;sterreich zu Gute kommen; schlie&#223;lich gibt es gerade hier die Notwendigkeit der Erarbeitung und Evaluierung antifaschistischer Strategien gegen die extreme Rechte.</p>
<p>Zum Nachlesen:</p>
<p>audimarx #1-3 erh&#228;ltlich bei Infost&#228;nden und im Anarchia-Versand (http://www.anarchia-versand.net/index.php/cat/c58_Paedagogik-und-Bildung.html), siehe auch: http://prollpositions.at/, Dezember 2009</p>
<p>Buchan, James: A Bazaari Bonaparte?, in: New Left Review Nr. 59, September-October 2009, 73¬-87</p>
<p>Young, Brigitte/Schuberth, Helene: The Global Financial Meltdown and the Impact of Financial Governance on Gender, in: Garnet Policy Brief Nr. 10, unter: http://www.garnet-eu.org/fileadmin/documents/policy_briefs/Garnet_Policy_Brief_No_10.pdf, 2010, 1-12</p>
<p>Barker, Drucilla /Feiner, Susan: As the World Turns: Globalization, Consumption, and the Feminization of Work, in: Rethinking Marxism Nr. 22, 2010, 246-252</p>
<p>Sauer, Birgit: Wirtschaftskrise, Staat und Geschlechtergerechtigkeit. Paradoxien feministischer Staatskritik, in: Widerspruch Nr. 57, 2009, 33-39</p>
<p>Haugg, Frigga: Geschlechterverh&#228;ltnisse in der Krise, Vortrag gehalten am 10. Okt. 2009 in Aachen, zum Anh&#246;ren unter: http://www.friggahaug.inkrit.de/AachenerVortrag09-10-10.mp3, 2009</p>
<p>Ali, Tariq: President of Cant, in: New Left Review Nr. 61, January-February 2010, S. 99-116</p>
<p>Reynolds, Teri: Dispatches from the Emergency Room, in: New Left Review Nr. 61, January-February 2010, S. 49-57</p>
<p>Davis, Mike: Who will build the ark?, in: New Left Review Nr. 61, January-February 2010, 29-46</p>
<p>Buchholz, Christine/Graf, Steffi/Schnell, Lucia/Wolf, Luigi: Breit und entschlossen Naziaufm&#228;rsche verhindern: Das Erfolgskonzept von Dresden, unter: http://christinebuchholz.de/2010/02/20/breit-und-entschlossen-naziaufmarsche-verhindern-das-erfolgskonzept-von-dresden/, Februar 2010</p>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:34:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Pernicka, Susanne/Lasofsky-Blahut, Anja/Kofranek, Manfred/Reichel, Astrid: Wissensarbeiter organisieren. Perspektiven kollektiver Interessensvertretung, Wien: Edition Sigma 2010, 322 Seiten, € 25,60

Die Grundlage des Buches sind verschiedene Fallstudien, die von den AutorInnen in unterschiedlichen Betrieben und Institutionen aus dem Bereich der Wissensarbeit durchgef&#252;hrt wurden. Im Zentrum der Forschung standen drei Teilbereiche: der staatsnahe Sektor (Forschung an Universit&#228;ten), der privatrechtliche Dienstleistungssektor (Unternehmensberatung, au&#223;eruniversit&#228;re Forschung) und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Pernicka, Susanne/Lasofsky-Blahut, Anja/Kofranek, Manfred/Reichel, Astrid: Wissensarbeiter organisieren. Perspektiven kollektiver Interessensvertretung, Wien: Edition Sigma 2010, 322 Seiten, € 25,60<br />
<span id="more-1592"></span><br />
Die Grundlage des Buches sind verschiedene Fallstudien, die von den AutorInnen in unterschiedlichen Betrieben und Institutionen aus dem Bereich der Wissensarbeit durchgef&#252;hrt wurden. Im Zentrum der Forschung standen drei Teilbereiche: der staatsnahe Sektor (Forschung an Universit&#228;ten), der privatrechtliche Dienstleistungssektor (Unternehmensberatung, au&#223;eruniversit&#228;re Forschung) und der industrielle Sektor (Forschung und Entwicklung in der Elektroindustrie). Es ist interessant zu erw&#228;hnen, dass nicht nur Interviews mit WissensarbeiterInnen, sondern auch mit Betriebsr&#228;tInnen gef&#252;hrt wurden,. Die Aufarbeitung der Untersuchungsfelder kann daher als empirisch ges&#228;ttigt und dicht beschrieben werden.</p>
<p>Die unterschiedliche Strukturiertheit der drei Untersuchungsfelder bringt die AutorInnen gleich zum zentralen Problem in der Besch&#228;ftigung mit Wissensarbeit: der Begriff Wissensarbeit an sich. Laut den AutorInnen versperrt sich das Feld Wissensarbeit einem Zugriff &#252;ber einen fordistisch gepr&#228;gten Arbeitsbegriff. Zentral f&#252;r ihre Definition von Wissensarbeit ist die Abgrenzung gegen&#252;ber routinisierten Arbeiten, die zwar ohne spezifische Kenntnisse nicht zu bewerkstelligen, aber nicht explizit auf die Generierung neuen Wissens ausgelegt sind. Wissensarbeit ist f&#252;r sie daher eine T&#228;tigkeit, die &#252;berwiegend und explizit auf die Generierung neuen Wissens ausgerichtet ist. Mit der Bedeutungszunahme von Wissen als „nicht-endlichem“ Rohstoff in der neuen wissensbasierten &#214;konomie r&#252;ckt laut den AutorInnen eine generalisierbare, explizite Form des Wissens gegen&#252;ber implizitem Wissen in den Vordergrund. Diese Prozesshaftigkeit versuchen sie mit organisationssoziologischen Konzepten zu erfassen. Entgegen anderslautender Argumente halten die AutorInnen fest, dass mit der Transformation zu einer wissensbasierten &#214;konomie keinesfalls der Charakter einer Klassengesellschaft aufgehoben wird. Es verschieben sich lediglich die Konfliktlinien, sie werden bis zu einem gewissen Grad neu gezogen.<br />
Gerade diese Annahme bringt die AutorInnen dazu, auf klassische Konzepte der Arbeits- und Industriesoziologie zur&#252;ckzugreifen, um die Durchsetzungsf&#228;higkeit von (Wissens-)ArbeiterInnen und Gewerkschaften n&#228;her bestimmen zu k&#246;nnen: Zentral ist f&#252;r sie das Machtressourcen-Konzept von Beverly J. Silver und Erik O. Wright, bei dem zwischen struktureller Macht (Produktionsmacht und Marktmacht) und Organisationsmacht unterschieden wird. Aufgegriffen wird auch das Konzept der institutionellen Machtressourcen, das von WissenschafterInnen der Universit&#228;t Jena entwickelt wurde und darauf abzielt, der institutionellen Eingebundenheit von ArbeiterInnenorganisationen in staatlich-korporatistische Strukturen (insbesondere in Deutschland, &#214;sterreich und den skandinavischen Staaten) Rechnung zu tragen.<br />
Mit Hilfe dieses hier nur grob skizzierten analytischen Handwerkszeugs werden von den AutorInnen die unterschiedlichen Untersuchungsfelder systematisch aufgearbeitet. Im weiteren Verlauf m&#246;chte ich mich insbesondere auf den Bereich der Universit&#228;t beziehen, da – trotz der positiven Aspekte des Buches – auch einige Kritikpunkte angebracht sind, die anhand ihrer Untersuchungen und Schlussfolgerungen bez&#252;glich der universit&#228;ren Landschaft besonders deutlich herausgearbeitet werden k&#246;nnen.<br />
Die Analyse des universit&#228;ren Feldes beginnt mit einer ausf&#252;hrlichen Darstellung der Verbetriebswirtschaftlichung der &#246;sterreichischen Universit&#228;ten. Dabei werden sowohl die Aspekte des Universit&#228;tsorganisationsgesetzes (UOG) 1993 als auch die Ver&#228;nderungen durch das Universit&#228;tsgesetz (UG) 2002 miteinbezogen. Besonders betont wird hierbei der inneruniversit&#228;re Abbau von demokratischer Mitbestimmung und die B&#252;rokratisierungstendenzen im Zuge des Bologna-Prozesses sowie der neuen Studienarchitektur. Ein weiterer Teil der Analyse widmet sich der Diversifizierung der Anstellungsverh&#228;ltnisse an der Universit&#228;t und dem Ph&#228;nomen der Prekarisierung gro&#223;er Teile der Universit&#228;tsangestellten, insbesondere der Drittmittelangestellten und der wachsenden Zahl sogenannter „externer“ LektorInnen.<br />
Des Weiteren beleuchten die AutorInnen die verschiedenen, mehr oder weniger institutionalisierten Vertretungsstrukturen an den Universit&#228;ten (Betriebsratsorgane, Interessensvertretungen wie die IG Externe LektorInnen usw.) und deren fraktionelle Untergliederungen. Einen wichtigen Teil der Aufarbeitung der universit&#228;ren Landschaft nimmt das Selbstverst&#228;ndnis der WissensarbeiterInnen ein. Wenig &#252;berraschend kommen die AutorInnen zum Schluss, dass die in unterschiedlichen Arbeitsverh&#228;ltnissen stehenden Besch&#228;ftigten sehr heterogene Interessen vertreten. Diese artikulieren sich meist auch eher auf einer individuellen Ebene, da Universit&#228;ten keinen einheitlichen Produktionszusammenhang darstellen, sondern eher einer Ansammlung vieler kleiner Wissenswerkst&#228;tten gleichen. Dementsprechend schwierig gestaltet sich auch die betriebsr&#228;tliche und gewerkschaftliche Arbeit an Universit&#228;ten. Betriebsr&#228;tInnen werden nur selten als wichtige AnsprechpartnerInnen gesehen; auch Gewerkschaften spielen nur eine marginale Rolle.<br />
Mit dieser Analyse zeichnen die AutorInnen ein sehr d&#252;steres Bild. Aufbauend auf ihren Erkenntnissen – WissensarbeiterInnen verweigern sich an den Universit&#228;ten einer klassischen Repr&#228;sentation durch die institutionalisierten Kan&#228;le – kommen sie zu dem Schluss, dass Gewerkschaften oder andere Organe der Interessensvertretung ihre Serviceleistungen st&#228;rker individualisieren m&#252;ssen.<br />
F&#252;r mich war dies eine etwas &#252;berraschende Schlussfolgerung, hei&#223;t es doch im Titel des Buches Perspektiven einer kollektiven Interessensvertretung. Die Schlussfolgerung der AutorInnen hat meiner Meinung nach mehrere Ursachen: Erstens basiert ihre Analyse sehr stark auf der Individualisierungsthese, die sie durch die Ergebnisse ihrer Interviews zu st&#252;tzen versuchen. In diesen wurde von den InterviewpartnerInnen immer wieder betont, dass Gewerkschaften und Betriebsr&#228;tInnen bei Problemen an der Universit&#228;t nicht als AnsprechpartnerInnen gesehen werden. Die AutorInnen ziehen daher den Schluss, dass die kollektive Interessensartikulation aufgrund der Individualisierung im Bereich der universit&#228;ren Wissensarbeit schlichtweg nicht m&#246;glich w&#228;re. Man sollte sich hierbei allerdings fragen, was die Voraussetzungen f&#252;r eine kollektive Interessensartikulation sind. Diese kommt doch nicht automatisch, quasi nur aufgrund des Vorhandenseins von Problemen, zustande. Vielmehr muss der kollektiven Artikulation ein Organisierungsprozess vorausgehen. Die bisherige Arbeitsweise von Gewerkschaften und Betriebsr&#228;tInnen an der Universit&#228;t war nie auf einen derartigen Organisationsprozess ausgerichtet. Deshalb finde ich es fatal, wenn ein Organisierungsversuch erst gar nicht empfohlen, sondern als Schlussfolgerung vorgeschlagen wird, sich schlichtweg den desorganisierenden Tendenzen einer Individualisierung anzupassen.<br />
Zweitens liegt diese pessimistische Perspektive auch in der theoretischen Herangehensweise begr&#252;ndet. Obwohl die AutorInnen sich auf den Machtressourcen-Ansatz von Beverly J. Silver und Erik O. Wright beziehen, bleiben sie in ihrer Untersuchung sehr stark an einer einzelnen Machtressource orientiert, n&#228;mlich der Marktmacht. Unter Marktmacht versteht man die Bedingung, unter der Lohnabh&#228;ngige ihre Arbeitskraft verkaufen k&#246;nnen. Die AutorInnen konzentrieren sich in ihrer Analyse auf die rechtlichen und &#246;konomischen Rahmenbedingungen, unter denen WissensarbeiterInnen ihre Arbeitskraft verkaufen. Diese &#246;konomistische und legalistische Sichtweise m&#252;ndet meines Erachtens in ein Verst&#228;ndnis von passivierten ArbeiterInnen, die ihr Schicksal hinnehmen oder nur auf individueller Ebene versuchen, „es sich zu richten“. Dabei w&#252;rde der Machtressourcen-Ansatz noch viele andere Perspektiven er&#246;ffnen: Gerade die Frage der Produktionsmacht von ArbeiterInnen, also ihrer F&#228;higkeit, den Produktionsprozess oder die Funktionslogik eines Unternehmens oder einer Institution zum Erliegen zu bringen, vernachl&#228;ssigen die AutorInnen vollkommen. Sie reproduzieren damit einen paternalistischen Zugang zum Thema der Interessensvertretung und verbleiben dabei in den ausgetretenen und immer weniger durchsetzungsf&#228;higen Pfaden einer serviceorientierten Gewerkschaftskultur. Zudem reproduziert diese Herangehensweise in Bezug auf WissensarbeiterInnen auch einen Opferdiskurs. Sie versperrt den Blick auf deren aktives, dissidentes oder offen widerst&#228;ndiges Handeln, insbesondere an der Universit&#228;t.<br />
Drittens erw&#228;hnen die AutorInnen zwar die b&#252;rokratisch-hierarchische Organisationsstruktur der Universit&#228;ten als Hindernis f&#252;r gewerkschaftliche Organisierung, doch belassen sie es bei dieser Feststellung. Meine eigene Besch&#228;ftigung an der Universit&#228;t und die Auseinandersetzung mit dem Thema „Organisierung von WissensarbeiterInnen“ zeigen aber, dass diese b&#252;rokratisch-herrschaftsf&#246;rmige Zurichtung der Universit&#228;t mannigfache Momente der Dissidenz und des Widerstandes hervorbringt. Von Institutsleitungen, die versuchen, die rigiden b&#252;rokratischen Vorgaben zu umgehen, von Lehrenden, die gewisse Reglements umschiffen bis hin zu „externen“ LektorInnen, welche die Betreuung von Diplomarbeiten bestreiken, gibt es ein kleines Multiversum von abweichenden, dissidenten und widerst&#228;ndigen Praxen. Nicht zuletzt die Universit&#228;tsproteste der letzten Monate haben gezeigt, dass auch WissensarbeiterInnen f&#228;hig sind, kollektiv aufzutreten.<br />
Eine Perspektivenverschiebung in Richtung dieser t&#228;tigen Elemente im Machtressourcen-Ansatz h&#228;tte noch vollkommen andere Potentiale von Organisierung offen gelegt. Es gilt, genau diese Dissidenz und Widerst&#228;ndigkeit, die oft im Verborgenen existiert, zu verallgemeinern und einen Organisierungsprozess in Gang zu bringen.<br />
Die St&#228;rke dieses Buches besteht in der detaillierten, strukturellen Analyse der gegenw&#228;rtigen Arbeitsbedingungen von WissensarbeiterInnen. Doch genau diese St&#228;rke der strukturellen Analyse ist auch die Schw&#228;che des Buches. Die &#220;berbetonung der strukturellen Momente l&#228;sst keinen Platz mehr f&#252;r bereits vorhandene Formen des Widerstandes und der Dissidenz. Das verstellt auch den Blick auf alternative Methoden von Interessenvertretung, die eben nicht paternalistische Tendenzen einer Serviceorientierung reproduzieren, sondern die Selbstt&#228;tigkeit der Subjekte in den Vordergrund stellen.</p>
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		<title>Ein neuer Begriff der Demokratie?</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:21:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
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		<category><![CDATA[Kroatien]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>
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		<description><![CDATA[Im Jahr 2009 hat die gr&#246;&#223;te Studierendenbewegung in der Geschichte Kroatiens – und
Jugoslawiens – zahlreiche Universit&#228;ten besetzt, um freie Bildung f&#252;r alle zu erstreiten. Stipe &#196;†urkovi&#196;‡ zeigt, wie dabei Begriff und Praxis der Demokratie auf radikale Weise ins Zentrum der politischen Debatten gestellt wurden.

Am 20. April 2009 besetzten Studierende der Filozofski fakultet in Zagreb – w&#246;rtlich die Philosophische Fakult&#228;t, aber [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Jahr 2009 hat die gr&#246;&#223;te Studierendenbewegung in der Geschichte Kroatiens – und<br />
Jugoslawiens – zahlreiche Universit&#228;ten besetzt, um freie Bildung f&#252;r alle zu erstreiten. <em>Stipe &#196;†urkovi&#196;‡</em> zeigt, wie dabei Begriff und Praxis der Demokratie auf radikale Weise ins Zentrum der politischen Debatten gestellt wurden.<br />
<span id="more-1514"></span><br />
Am 20. April 2009 besetzten Studierende der <em>Filozofski fakultet</em> in Zagreb – w&#246;rtlich die Philosophische Fakult&#228;t, aber meist als Fakult&#228;t der Sozial- und Geisteswissenschaften &#252;bersetzt – das Fakult&#228;tsgeb&#228;ude. Die Besetzung wurde erst f&#252;nf Wochen sp&#228;ter abgebrochen. Wir betonten damals jedoch, dass dieser R&#252;ckzug keine Geste des Kompromisses oder der Kapitulation war, sondern einzig Konsequenz unserer taktischen und strategischen &#220;berlegungen. Dem zentralen Anliegen der BesetzerInnen, alle Studiengeb&#252;hren gesetzlich abzuschaffen, wurde bis heute nicht nachgegeben. Da das Unterrichtsministerium und die gesamte Regierung auf die Forderung in keiner Weise eingegangen sind, wurde die Besetzung am 23. September 2009 wieder aufgenommen. Ein Ende dieses Kampfes ist nicht in Sicht.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
W&#228;hrend des Fr&#252;hjahrs 2009 folgten zwanzig Fakult&#228;ten in Zagreb und anderen kroatischen Universit&#228;tsst&#228;dten dem Beispiel der <em>Filozofski fakultet</em>, was zur gr&#246;&#223;ten Mobilisierung von Studierenden in der Geschichte des Landes und der Region, die einst als Jugoslawien bekannt war, f&#252;hrte. Damit stellte die Bewegung auch die bescheidene jugoslawische Version von 1968 in den Schatten. Die Protestwelle ging &#252;ber die Grenzen Kroatiens hinaus, als die Universit&#228;t Tuzla in Bosnien und Herzegowina sich den Protesten anschloss. Besetzungsversuche an der Universit&#228;t Belgrad in Serbien scheiterten an schlechter Organisation und Repression seitens der Universit&#228;tsleitung. Die meisten erfolgreichen Besetzungen an anderen Fakult&#228;ten mussten noch vor der <em>Filozofski fakultet</em> in Zagreb aufgegeben werden. An der neuen Protestwelle im Herbst haben sich abermals Fakult&#228;ten in ganz Kroatien beteiligt, wenn sie auch nicht das Ausma&#223; der Besetzungen im Fr&#252;hjahr erreicht hat.</p>
<p><strong>Universit&#228;t als &#246;ffentlicher Raum</strong><br />
In vielerlei Hinsicht unterscheidet sich die Besetzung der <em>Filozofski </em>von &#228;hnlichen Aktionen in Europa. Vor allem ist der regul&#228;re Lehrbetrieb zwar eingestellt, die Tore der Fakult&#228;t bleiben w&#228;hrend der Besetzung jedoch f&#252;r jedeN offen – nicht nur f&#252;r Studierende. Es werden alternative Vorlesungen und Filmvorf&#252;hrungen organisiert, in denen soziale und politische Themen von einem offen kritischen und heterodoxen Standpunkt aus diskutiert werden, der im regul&#228;ren Lehrplan &#252;blicherweise keinen Platz hat. Statt die Fakult&#228;t einfach zu schlie&#223;en, wird sie so als &#246;ffentlicher Raum f&#252;r &#246;ffentliche Zwecke wiederangeeignet. Indem betont wurde, dass die autistische Abkoppelung des akademischen Feldes von den politischen und sozialen Realit&#228;ten jenseits seiner Grenzen selbst eine implizite politische Entscheidung darstellt, wurde die herrschende Ideologie des akademischen Raums als Raum jenseits der Politik direkt angegriffen. Daraus folgte, dass auch unser Angriff in offen politischen Begriffen ausgedr&#252;ckt werden musste. Die Besetzung ist damit gleichbedeutend mit einer (selbst)bewussten Schaffung eines seltenen und wichtigen M&#246;glichkeitsfensters: die Kombination der negativen Kritik an der vorherrschenden akademischen Ideologie mit einer positiven Agenda der (bildungs-)politischen Gegen-Praxis, die in den durch die Besetzung ver&#228;nderten r&#228;umlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sofort in die Tat umgesetzt werden konnte.</p>
<p><strong>Kritik und Gegen-Praxis</strong><br />
Die Forderung nach der Abschaffung aller Formen von Studiengeb&#252;hren wird explizit mit Verweis auf das in der kroatischen Verfassung abgesicherte Recht auf gleiche Bildungsm&#246;glichkeiten artikuliert. Dies war eine strategische Entscheidung, die es uns erlaubt hat, eine Konfrontation mit dem breiten neoliberalen Konsens, der nicht nur in der gegenw&#228;rtigen konservativen Regierung, sondern in allen im Parlament vertretenen Parteien vorherrscht, in Begriffen auszutragen, die diese selbst als bindend anerkennen mussten. Als die Regierung sich, wie zu erwarten war, weigerte, diesem Teil der Verfassung nachzukommen, konnten wir &#246;ffentlich auf die demokratischen Defizite der Entscheidungsfindungspraxen der Regierung hinweisen, und zwar auf eine Weise, die sich nicht auf die engen Fragen der technisch sauberen Durchf&#252;hrung von Wahlen beschr&#228;nkte, wie dies so oft im Mainstream geschieht. Dies wiederum &#246;ffnete den Raum, um neoliberale Politik &#252;ber die dr&#228;ngenden Fragen der Unterwerfung der Universit&#228;t unter marktorientierte Reformen und die Kommodifizierung von Wissen hinaus herauszufordern. Gegen alle Versuche, die Frage nach freier Bildung auf eine technische Angelegenheit innerhalb „objektiver“ fiskalischer Parameter zu reduzieren, bestanden wir auf ihren fundamental politischen Charakter: Sie durfte nicht von den Forderungen anderer „Interessengruppen“ getrennt, isoliert und gegen diese ausgespielt werden, sondern musste als einer unter vielen konstitutiven Momenten eines breiteren Kampfes gegen einen koordinierten neoliberalen Angriff begriffen werden, welcher sowohl von lokalen Eliten, als auch von Machtzentren au&#223;erhalb der Landesgrenzen ausgeht, allen voran von der Europ&#228;ischen Union. Der wiederholte Verweis der Regierung auf angeblich „objektive“ Einschr&#228;nkungen, die es ihr unm&#246;glich machten, Forderungen, die von direkt von der Verfassung abgesicherten Rechten abgeleitet werden, nachzukommen, wurde von uns aufgegriffen und als Anschauungsmaterial f&#252;r unsere Kritik an der Entleerung des Begriffs der Demokratie unter Bedingungen der real existierenden kapitalistischen Restauration genutzt. Dieser negativen Kritik der Unterordnung der Demokratie unter politische Programme, die sich offen gegen die Interessen und die verfassungsm&#228;&#223;ig garantierten Rechte der Mehrheit des Volkes stellen, entsprach auf der Ebene der positiven Gegen-Praxen die Einf&#252;hrung des Plenums, oder der Generalversammlung, als zentrales Organ der Entscheidungsfindung w&#228;hrend der Besetzung. &#220;berraschenderweise wurde das Wort „plenum“ bald zum politischen Wort des Jahres in Kroatien erkl&#228;rt.</p>
<p><strong>Exzessive Reaktionen</strong><br />
Diese Umst&#228;nde, ebenso wie die Tatsache, dass Universit&#228;tsbesetzungen – auch wenn sie f&#252;nf Wochen andauern und militant durchgef&#252;hrt werden – dieses enorme &#246;ffentliche Echo in Kroatien ausl&#246;sen konnten, muss f&#252;r die meisten BeobachterInnen von au&#223;en r&#228;tselhaft scheinen. Wie kann etwas, das in L&#228;ndern wie Frankreich ganz normal ist, von so vielen KommentatorInnen zum wichtigsten politischen Ereignis des Landes der letzten zwanzig Jahre erkl&#228;rt werden? Besonders wenn wir den Krieg ber&#252;cksichtigen, der Kroatiens Sezession von Jugoslawien begleitete und alle demographischen, sozialen und &#246;konomischen Konsequenzen, die daraus entstanden? Statt uns zu verwirren, sollten die scheinbar exzessiven und unverh&#228;ltnism&#228;&#223;igen Reaktionen als Symptom und Indikator f&#252;r die politische und ideologische Konfiguration verstanden werden, in die die Besetzungen interveniert haben. All der Jubel und der Beifall, mit dem selbst viele links-liberale KommentatorInnen, Dritter-Weg-SozialdemokratInnen und NGOs die Besetzungen bedacht haben, kann als verkehrtes Spiegelbild eines tiefgreifenden und sie alle umfassenden politischen Def&#228;tismus gelesen werden. Indem die Figur des revoltierenden Studenten gefeiert wurde, konnten allzu oft angemessene politische Reaktionen durch ein Generations-Narrativ ersetzt und die politische Verantwortung auf  die Jugend abgew&#228;lzt werden. An diese wurde nun das Mandat &#252;bergeben, an ihrer statt zu k&#228;mpfen, ohne selbst Risiken oder Konsequenzen f&#252;rchten zu m&#252;ssen. Der Akt des Beifalls selbst konnte so dazu dienen, die politischen Forderungen der BesetzerInnen letztlich zu ignorieren oder sie als substanz- und ma&#223;lose Rhetorik abzulehnen, so dass niemand – schon gar nicht die Regierung – sich zu irgend etwas verpflichtet f&#252;hlen m&#252;sste.<br />
Welche Bedeutung solche bewussten oder unbewussten &#220;berlegungen auch immer in den K&#246;pfen jener gespielt haben mochten, die sich, als die Bedeutung der Besetzungen klar wurde, nicht auf der falschen Seite der Geschichte wiederfinden wollten, erkl&#228;ren sie doch nicht den politischen Bruch selbst, den die Fakult&#228;tsbesetzungen anzeigen. Die Tatsache, dass vor den Besetzungen keine relevante, programmatisch konsistente Kritik der neoliberalen „Strukturanpassungen“ &#246;ffentlich artikuliert worden war, l&#228;sst mehr Fragen offen, als sie beantwortet. Ebenso wie die Tatsache, dass der Begriff „Neoliberalismus“ in den Medien und &#246;ffentlichen Debatten, bevor er von den Besetzungen in Spiel gebracht wurde, kaum pr&#228;sent war, obwohl die Ideologie des Marktes so aggressiv in allen Poren und Bereichen der Gesellschaft verbreitet wurde.</p>
<p><strong>Mythos Europ&#228;ische Union</strong><br />
Es ist die unglaubliche, anhaltende Effektivit&#228;t des ideologischen Narrativs vom Aufstieg zur Mitgliedschaft in der Europ&#228;ischen Union, die bisher jede kritische Diskussion der sozialen Realit&#228;t, die von der kapitalistischen Restauration in Kroatien geschaffen wurde, unterbunden hat. Die soziale Gewalt, konstitutiver Bestandteil dieses Prozesses, ist immer schon durch das Phantasma des zuk&#252;nftigen Wohlstands legitimiert, d.h. so lange es als notwendiger Schritt auf dem Weg zur EU-Mitgliedschaft pr&#228;sentiert werden kann. So lange politische Entscheidungen, so sch&#228;dlich sie f&#252;r die Mehrheit der Bev&#246;lkerung auch sein m&#246;gen, auf Normen oder Diktate aus Br&#252;ssel oder anderen westlichen Machtzentren zur&#252;ckgef&#252;hrt werden k&#246;nnen, werden sie nicht nur von der kritischen Befragung ausgenommen, es wird ihnen auch  &#252;berhaupt der Status einer politischen Entscheidung entzogen. Stattdessen werden sie zu administrativen Notwendigkeiten jenseits demokratischer Einmischung oder Hinterfragung erkl&#228;rt. Ein pr&#228;gnantes Beispiel unter vielen – und eines, das direkte Implikationen f&#252;r die Hochschulen hat – ist die Ratifizierung des GATS-Abkommens<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> der WTO durch das kroatische Parlament im Jahr 2000. Nicht nur dass es keine Diskussion &#252;ber seine m&#246;glichen politischen und &#246;konomischen Implikationen gab, wurde das Abkommen auch m&#246;glichst schnell ratifiziert, noch bevor es ins Kroatische &#252;bersetzt worden war – was einem offenen Bruch der kroatischen Gesetze gleichkam. Doch dies f&#252;hrte zu keiner kritischen Reaktion – meines Wissens nach nicht einmal von den sogenannten „euroskeptischen“ Fraktionen der relativ marginalen populistischen Rechten.</p>
<p><strong>Pathologien des Balkans</strong><br />
Doch die Abwesenheit kritischer Reaktionen reicht noch weiter. Kritik an offen kriminellen Aspekten des Privatisierungsprozesses, die nicht unter Verweis auf die Notwendigkeiten der „Integration in den Westen“ legitimiert werden konnten – und die zum Gro&#223;teil den Krieg als praktische, wenn auch nicht nachhaltige Ablenkung nutzten – f&#252;hrten nicht zu einer systematischen Infragestellung des Kapitalismus selbst, sondern dienten im Gegenteil dazu, die M&#246;glichkeiten einer solchen Kritik  einzuengen. Die Anprangerung der mit dem Privatisierungsprozess verbundenen Verbrechen wurden meist in einem Begriffsregister der moralistischen Selbstanklage vorgetragen. Demnach ist nicht der Kapitalismus als solcher das Problem, sondern unsere spezifische lokale Balkan-Version davon. Der Fokus auf den Skandal der urspr&#252;nglichen Akkumulation<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> hat so zur Normalisierung des Skandals der Akkumulation an sich beigetragen. Das unmittelbare Resultat war die Kultivierung  weitverbreiteter Akzeptanz, sich den neokolonialen Arrangements mit dem Westen unterzuordnen, in der tr&#252;gerischen Hoffnung dadurch den Pathologien, die f&#252;r den Balkan als Region oder den post-sozialistischen Osten generell als konstitutiv angenommen werden, entfliehen zu k&#246;nnen und die fantasierte Normalit&#228;t und den Wohlstand des westlichen Wohlfahrtstaats zu erreichen. Nachdem die Pr&#228;senz der Gr&#228;uel des Krieges und die Obsz&#246;nit&#228;ten der <em>urspr&#252;nglichen Akkumulation</em> den ersten Teil der Gleichung – die Pathologisierung der Region – scheinbar empirisch untermauerten, blieb der zweite Teil v&#246;llig unhinterfragt. Dies trotz der Tatsache, dass das leuchtende Beispiel des westeurop&#228;ischen Wohlfahrtsstaates sich als Schein eines vergl&#252;henden Stern herausstellte. Der fatalistische Mythos der Anomalie des Balkans tr&#228;gt so zur politischen Effektivit&#228;t des Mythos Europas bei. Zusammen blockieren sie die Perspektive f&#252;r jeden Versuch, die f&#252;r die kapitalistische Restauration konstitutive soziale Zerst&#246;rung kritisch zu befragen oder sie gar herauszufordern.</p>
<p><strong>Im Namen der Demokratie</strong><br />
Das Ausma&#223;, in dem  sich die Linke in Kroatien auf die Parameter dieser komplement&#228;ren ideologischen Narrative einl&#228;sst, kann als Ma&#223;stab ihrer Schw&#228;che gedeutet werden – wenn nicht gar als Anzeichen ihrer Nicht-Existenz. Eine der verheerendsten Aspekte der Selbstausschaltung systematischer linker Kritik ist, dass in Diskussionen &#252;ber den Begriff der Demokratie selbst falsche  Alternativen gegen&#252;bergestellt werden: Entweder wir f&#252;gen uns in die ewige Verdammnis der R&#252;ckst&#228;ndigkeit, der Korruption und des Autoritarismus des Balkans (wobei die M&#246;glichkeit einer weiteren Runde des ethnischen Blutvergie&#223;ens nie weit entfernt ist), oder wir kapitulieren bedingungslos vor den Diktaten der westlichen Machtzentren. Das Resultat ist, dass „Demokratisierung“ in seiner hegemonialen Bedeutung heute den automatisierten Gehorsam gegen&#252;ber den Forderungen der b&#252;rokratischen Institutionen des Westens, besonders der Europ&#228;ischen Union, meint, mit dem Argument, dass jene schlie&#223;lich bereits „funktionierende Demokratien“ repr&#228;sentieren. Die Entscheidungen eines exklusiven Klubs von EU- oder IWF-B&#252;rokratInnen werden so in den Status von Forderungen erhoben, die von der Demokratie selbst formuliert werden. Die zunehmende Limitierung der Bandbreite von Themen, auf die von unten Einfluss genommen werden kann, wird als ein Fortschritt in Richtung Demokratie pr&#228;sentiert, nicht als ihr Zur&#252;ckdr&#228;ngen. Und dies geschieht im Namen der Demokratie selbst.<br />
Es ist dieser Prozess, den wir herausfordern. Das Plenum als Form der Entscheidungsfindung ist ausdr&#252;cklich inklusiv. Sobald entschieden war, dass die Frage der Abschaffung aller Studiengeb&#252;hren Bildung als Recht und Gemeingut definiert, d.h. genau nicht als exklusives Anliegen der Studierenden als „Interessengruppe“, die sich von anderen, konkurrierenden sozialen Akteuren abgrenzt, folgte daraus notwendigerweise, dass Jede und Jeder das Recht hat, an der Arbeit und den Entscheidungen des Plenums teilzuhaben. Wenn wir diese grundlegende politische Herausforderung in einer Formel zusammenfassen m&#252;ssten, w&#252;rde sie lauten: das Prinzip der direkten Demokratie &#252;bernimmt die Rolle einer R&#252;ckkehr zu den und einer Erinnerung an die gebrochenen Versprechen der repr&#228;sentativen Demokratie im Kapitalismus. Es ist dies sowohl ein anschauliches Beispiel f&#252;r das Versagen der liberalen parlamentarischen Demokratie, als auch eine Form, sie beim Wort zu nehmen – und dadurch &#252;ber sie hinaus zu gelangen.</p>
<p><em>Stipe &#196;†urkovi&#196;‡</em> ist Absolvent der Germanistik und Vergleichenden Literaturwissenschaft an der <em>Filozofski fakultet</em> in Zagreb und in der <em>Bewegung f&#252;r geb&#252;hrendfreies Studieren</em> aktiv. Er schreibt unter anderem f&#252;r die Zeitschrift <em>Zarez </em>und &#252;bersetzt zur Zeit David Harveys <em>A Brief History of Neoliberalism</em> ins Kroatische. Dieser Artikel basiert auf einem Paper, das er im Rahmen der <em>Historical Materialism</em>-Konferenz im November 2009 in London vorgestellt hat.</p>
<p>&#220;bersetzung: <em>Benjamin Opratko</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Diese zweite Besetzung der <em>Filozofski fakultet</em> wurde am 5. Dezember 2009 beendet. Auch hier waren die Gr&#252;nde taktischer Natur. Die Regierung hat angek&#252;ndigt, bis zum Fr&#252;hjahr 2010 ein neues Hochschulgesetz in das Parlament einzubringen. Obwohl den studentischen Forderungen einige rhetorische Zugest&#228;ndnisse gemacht werden, kann davon ausgegangen werden, dass das neue Gesetz die Kommerzialisierung und die neoliberale Restrukturierung der kroatischen Universit&#228;ten vertiefen und weiteren Widerstand hervorrufen wird.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> <em>General Agreement on the Trade</em> in Services ist ein Abkommen auf Ebene der Welthandelsorganisation WTO, das den Freihandel von Dienstleistungen auf globaler Ebene organisieren soll (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> „Die sogenannte urspr&#252;ngliche Akkumulation“ nennt Marx im ersten Band des „Kapital“ den „historische(n) Scheidungsproze&#223; von Produzent und Produktionsmittel“ (MEW 23: 742). Damit der kapitalistische Produktions- und damit Ausbeutungsprozess in Gang gesetzt werden konnte, mussten Grund und Boden gewaltsam enteignet und die Landbev&#246;lkerung dadurch zu „doppelt freien“ LohnarbeiterInnen gemacht werden – frei, ihre Arbeitskraft zu Markte zu tragen, aber auch frei von jeglichen Produktionsmitteln, die nun Teil des Kapitals geworden waren. David Harvey argumentiert, dass dieser gewaltt&#228;tige Prozess der „urspr&#252;nglichen Akkumulation“ kein abgeschlossenes historisches Ph&#228;nomen ist, das nur bei der Entstehung des Kapitals relevant war, sondern weiterhin st&#228;ndiger Bestandteil des Kapitalismus ist (vgl. Harvey, David: Der neue Imperialismus, Hamburg 2005). Privatisierungsprozesse, durch die neue gesellschaftliche Bereiche in den Akkumulationsprozess und die Profitlogik integriert werden, sind ein Beispiel f&#252;r diese Form der „Akkumulation durch Enteignung“ (Anm. d. Red.).</p>
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		<title>Utopia!?</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Mar 2010 10:06:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>
		<category><![CDATA[Universität]]></category>

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		<description><![CDATA[Stefan Probst, Franziska M&#252;ller-Uri, Julia Hofmann und Isabella Schlehaider skizzieren die Grundz&#252;ge emanzipatorischer Bildungsutopien. Sie zeigen, was es bedeutet, Bildung abseits von Sachzw&#228;ngen zu denken und arbeiten die Bedingungen, M&#246;glichkeiten und Inhalte progressiver Wissensproduktion, -aneignung und -distribution heraus.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Stefan Probst</em>, <em>Franziska M&#252;ller-Uri</em>, <em>Julia Hofmann</em> und <em>Isabella Schlehaider</em> skizzieren die Grundz&#252;ge emanzipatorischer Bildungsutopien. Sie zeigen, was es bedeutet, Bildung abseits von Sachzw&#228;ngen zu denken und arbeiten die Bedingungen, M&#246;glichkeiten und Inhalte progressiver Wissensproduktion, -aneignung und -distribution heraus.<br />
<span id="more-783"></span><br />
Ob in der Diskussion um die zunehmende Arbeitsmarktorientierung von Studieng&#228;ngen, um die Funktionsweise des „Elfenbeinturms“ der Wissenschaft oder um die Entdemokratisierung der Hochschulen, in der gegenw&#228;rtigen bildungspolitischen Debatte wird der Fokus vor allem auf die Kritik des bestehenden Systems gelegt. Platz f&#252;r neue Ideen oder die Frage, was Bildung &#252;berhaupt sein kann und wie alternative Inhalte, Formen und Methoden von Wissensproduktion, -vermittlung und -aneignung aussehen sollen bzw. wie diese durchgesetzt werden k&#246;nnen, gibt es dabei kaum. Wir haben es uns daher zum Ziel gesetzt, diese Leerstelle zu korrigieren und die M&#246;glichkeiten und Bedingungen alternativer Bildungsformen auszuloten.</p>
<p><strong>Bildung – ein reaktion&#228;rer Begriff?</strong><br />
Der Begriff Bildung wird auf unterschiedlichste Weise diskutiert: In der gegenw&#228;rtigen Debatte wird er meistens mit humanistischen und individualistischen Idealen verbunden (Stichwort: Humboldt’sche Uni) und daher h&#228;ufig auch als „b&#252;rgerlich-elit&#228;rer Kampfbegriff“ zur&#252;ckgewiesen. Dass dieser Bildungsbegriff explizit auf b&#252;rgerliche Subjekte Bezug nimmt und deren freie Entfaltung ins Zentrum stellt, steht au&#223;er Frage. Zudem wird hier die Herrschaftsfunktion von Bildung sichtbar, wenn es darum geht, bildungsferne Schichten &#252;ber Disziplinierungsma&#223;nahmen in die Schranken arbeitsmarkttauglicher Ausbildungsst&#228;tten zu verweisen. Gleichzeitig weist der Bildungsbegriff in seiner Grundintention weit &#252;ber das Bestehende hinaus und beinhaltet durchaus progressives Potenzial. Schlie&#223;lich sind im Bildungsbegriff nicht allein jene sch&#246;ngeistigen Konnotationen aufgehoben, die historisch mit dem R&#252;ckzug der Aufkl&#228;rungsphilosophie in den deutschsprachigen L&#228;ndern auf Innerlichkeit und Selbstentfaltung von Bildungsb&#252;rgern in Ohrensesseln assoziiert werden. Die Vorstellung des Sich-Bildens um der eigenen Vervollkommnung willen, die das b&#252;rgerliche Bildungsideal heraufbeschw&#246;rt, ist zu recht als elit&#228;r und weltabgewandt kritisiert worden. Als Ausdruck der Ablehnung der aktuellen Durch&#246;konomisierung des Bildungssystems (Stichwort: Bildung statt Ausbildung) kann der Begriff zwar mit fortschrittlichem Anspruch in Stellung gebracht werden, f&#252;hrt aber allzu leicht wieder zur&#252;ck in den Elfenbeinturm<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> herrschaftsf&#246;rmiger Wissenschaft. Gerade durch die Betonung der Zweckfreiheit werden gesellschaftliche Praxisbez&#252;ge der Wissensproduktion gekappt, bzw. bestimmte gesellschaftliche Gruppen aus diesem Prozessen per se ausgeschlossen. Gleichzeitig weist der Bildungsbegriff in seiner Grundintention aber &#252;ber das Bestehende hinaus und beinhaltet durchaus progressives Potential. Es verbinden sich mit dem Bildungsbegriff n&#228;mlich nicht nur jene sch&#246;ngeistigen Konnotationen, die historisch mit dem R&#252;ckzug der deutschsprachigen Aufkl&#228;rungsphilosophie zur Innerlichkeit und Selbstentfaltung von Bildungsb&#252;rgern in Ohrensesseln assoziiert werden. Dass im Bildungsbegriff auch emanzipatiorische Potenziale angelegt sind, wird deutlich, sobald wir das darin angelegte Ziel individueller Selbstentfaltung und Selbsterm&#228;chtigung materialistisch r&#252;ckbinden und in politische Praxis einbetten. Diese Befreiungsperspektive von Bildungsprozessen konzentriert sich in der Absicht der Erm&#246;glichung eines selbstbestimmten Lebens. Wenn humanistische Bildungsideale M&#252;ndigkeit und Autonomie der Subjekte ins Zentrum r&#252;cken, so gilt es zun&#228;chst, diese Vorstellungen aus ihren idealistischen Flugh&#246;hen herauszul&#246;sen und zu fragen, welche gesellschaftlichen Bedingungen Bildungsprozesse in diesem Sinn erst erm&#246;glichen. Infolge muss auch das Ziel der Herausbildung individueller Selbstbestimmung an kollektive Praxen der Reflexion und Ausgestaltung dieser Bedingungen r&#252;ckgebunden werden.</p>
<p><strong>Utopie – unverwirklichbare Tr&#228;umerei?</strong><br />
Neben dem Begriff der Bildung bedarf aber auch der Begriff der Utopie an Kl&#228;rung. Warum Utopie? Impliziert der Begriff nicht unverwirklichbare Tr&#228;umerei? M&#252;sste eine historisch-materialistische Herangehensweise sich nicht vom Utopiebegriff distanzieren? Engels argumentierte schlie&#223;lich, dass gesellschaftlicher Fortschritt „nicht durch die gewonnene Einsicht, dass das Dasein der Klassen der Gerechtigkeit, der Gleichheit etc. widerspricht, nicht durch den blo&#223;en Willen, diese Klassen abzuschaffen, sondern durch gewisse neue &#246;konomische Bedingungen“ ausf&#252;hrbar wird.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Wir finden den Begriff der Utopie dennoch sinnvoll. Wenn Debatten &#252;ber gesellschaftliche Alternativen meist mit dem Totschlagargument erstickt werden, dass es eben keine Alternativen gebe, erlaubt die Utopie, R&#228;ume f&#252;r emanzipatorisches Denken zu &#246;ffnen, in denen grunds&#228;tzlich einmal nichts unm&#246;glich ist. Erst wenn der „absolute Freiraum alles M&#246;glichen“ jenseits g&#228;ngiger Sachzwangargumente erschlossen wird, k&#246;nnen wir „den Mut gewinnen, die eigenen Interessen radikal zu artikulieren und ungebrochen zu ihnen zu stehen“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a>. Utopien gr&#252;nden zwar – wie Herbert Marcuse das einmal ausgedr&#252;ckt hat – in der „Negation des jeweils schlechten Bestehenden“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>, sie weisen dennoch &#252;ber die blo&#223;e Kritik der bestehenden Verh&#228;ltnisse hinaus: „Utopien sind subjektiv gestaltete Zukunftsentw&#252;rfe, die im Gro&#223;en oder im Detail eine w&#252;nschenswerte zuk&#252;nftige Gesellschaft skizzieren.“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Utopien besitzen also eine zeitliche Dimension<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a>; sie sind zukunftsweisend und beziehen sich damit nicht auf den Bereich des Unm&#246;glichen, sondern sind durchaus realisierbar: Folgen wir Ernst Bloch, so sind konkrete Utopien vor allem durch ihr „Noch-Nicht-Sein“ definiert; sie sind das „offen M&#246;gliche“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a>, w&#228;hrend die „fr&#252;hen“ Utopien (wie Francis Bacons Neu-Atlantis oder Thomas Morus’ Utopia) noch eine (r&#228;umlich wie zeitlich) sehr weit entfernte Gesellschaft entwerfen. Deshalb schlagen wir den Begriff der regulativen Utopie vor, der sich auf eine Ver&#228;nderung der gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse bezieht. So verwendet, kann der Begriff der regulativen Utopie daher auch zur Orientierung in der gegenw&#228;rtigen gesellschaftspolitischen Praxis dienen – als „Medium der Reflexion des Bestehenden“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> und Antizipation einer besseren Zukunft. In diesem Sinne verstanden, erscheint es uns besonders sinnvoll, den Begriff der Bildungsutopie zu verwenden, ihn mit alternativen Konzepten zu f&#252;llen, um M&#246;glichkeiten f&#252;r eine Verwirklichung dieser Ideen skizzieren zu k&#246;nnen.</p>
<p><strong>Bildung als Bedingung von Autonomie</strong><br />
Ganz grundlegend zielt Bildung auf ein reflektives und eingreifendes Selbst- und Weltverh&#228;ltnis, die Herausbildung autonomer Subjektivit&#228;t. Autonomie ist also „nicht einfach ein Ziel von Bildung, sondern (&#8230;) das Ziel von Bildung schlechthin“<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a>. Dahinter steht die &#220;berzeugung, dass Wissen &#252;ber sich selbst und die Welt die Bedingung der Emanzipation von Fremdbestimmung und der &#220;berwindung von Herrschaft, sowie der Herstellung einer Gesellschaft selbstbewusster und selbstbestimmter Individuen ist. Bildung ist somit zuallererst ein Begriff der Erm&#246;glichung und Bef&#228;higung und bezeichnet Prozesse der Wissensproduktion, -aneignung und -distribution, die die Individuen in die Lage versetzen sollen, sich und die Welt als ver&#228;nderbar zu begreifen. Bildungsprozesse zielen darauf ab, das Bewusstsein in ein aktiv-ver&#228;nderndes Verh&#228;ltnis zur Welt zu setzen und sind daher untrennbar mit ver&#228;ndernder politischer Praxis, der Bef&#246;rderung von Selbsterm&#228;chtigung und Handlungsf&#228;higkeit verbunden. In dieser Perspektive geht es darum, Verh&#228;ltnisse zu schaffen, die es – in Gramscis Worten – m&#246;glich machen, „die eigene Weltauffassung bewusst und kritisch auszuarbeiten und folglich … an der Hervorbringung der Weltgeschichte aktiv teilzunehmen, F&#252;hrer seiner selbst zu sein und sich nicht einfach passiv und hinterr&#252;cks der eigenen Pers&#246;nlichkeit von au&#223;en den Stempel aufdr&#252;cken zu lassen.“<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a><br />
Die dadurch eingeschlossenen Formen des Wissens umfassen sowohl theoretisches, wissenschaftliches als auch alltagspraktisches Erfahrungswissen, sobald jenes aus der Unmittelbarkeit des Alltagsverstands herausgehoben wird. Ausgangspunkt eines emanzipatorischen Bildungsbegriffs k&#246;nnte daher Gramscis anthropologische Betonung der grundlegenden Intellektualit&#228;t aller Menschen sein: „Alle Menschen sind PhilosophInnen“, der Mensch „erkennt, will, bewundert, schafft insofern er bereits erkennt, will, bewundert, schafft usw.“<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> „Diese anthropologische Grundannahme begr&#252;ndet insofern die Bildungsm&#246;glichkeit, als die generelle Intellektualit&#228;t des Menschen die prinzipiell Weiterentwicklung des Bewusstseins aller Menschen impliziert.“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a><br />
Bildung zielt dann auf die uneingeschr&#228;nkte und umfassende Entwicklung dieser intellektuellen Potenziale der Menschen im Sinne eines (permanenten) Prozesses der „Selbstpotenzierung“. Gegen individualistische, a-gesellschaftliche Konzeptionen kritisiert Gramsci jedoch jene Vorstellungen von Bildung, die diese Selbstentfaltungsprozesse von den gesellschaftlichen Bedingungen und praktischen Erfahrungen der Menschen abl&#246;sen. Selbstverwirklichung bleibt solange abstrakt und verdinglichend, als von den konkreten materiellen wie immateriellen Kontexten abstrahiert wird, unter denen pers&#246;nliche Entwicklung effektiv realisiert werden kann. In Gramscis p&#228;dagogischen &#220;berlegungen gehen dem gegen&#252;ber Selbst- und Weltver&#228;nderung notwendig zusammen. Sich auf Gramsci beziehend schreibt Andreas Merkens: „Der Mensch tritt erst mit der t&#228;tigen Aneignung und Gestaltung des gesellschaftlichen Ensembles in einen Prozess der kulturellen und intellektuellen Selbstpotenzierung ein: ‚Die Au&#223;enwelt, die allgemeinen Verh&#228;ltnisse zu ver&#228;ndern, hei&#223;t sich selbst zu potenzieren, sich selbst zu entwickeln‘.“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Bildung bezeichnet damit nicht mehr individuelle Selbstverwirklichungsprozesse, „vielmehr verwirklicht sich der Mensch erst &#252;ber die selbstpotenzierende Aneignung von Gesellschaft.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Dazu Gramsci: „Sich eine Pers&#246;nlichkeit bilden hei&#223;t (…), wenn die eigene Pers&#246;nlichkeit das Ensemble der Verh&#228;ltnisse ist, ein Bewusstsein dieser Verh&#228;ltnisse gewinnen, die eigene Pers&#246;nlichkeit ver&#228;ndern hei&#223;t, das Ensemble dieser Verh&#228;ltnisse ver&#228;ndern.“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> „Daher kann man sagen, da&#223; jeder in dem Ma&#223;e selbst anders wird, sich ver&#228;ndert, in dem er die Gesamtheit der Verh&#228;ltnisse, deren Verkn&#252;pfungszentrum er ist, anders werden l&#228;&#223;t und ver&#228;ndert.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a><br />
Selbstpotenzierung im Prozess der Weltver&#228;nderung kann aber nur als kollektive Praxis gedacht werden; gemeinsame Gestaltungs- und Handlungsmacht gilt es gerade als Voraussetzung individueller Selbstbestimmung zu begreifen. Bildung als Erm&#246;glichung von Autonomie zielt auf die gemeinsame Gestaltung der Gesellschaft, in der die volle Entfaltung des/der Einzelnen Bedingung der Entfaltung aller ist, und umgekehrt. Ein „utopisches“ Projekt emanzipativer Bildung transportiert immer zugleich auch Konturen gesamtgesellschaftlicher Utopie. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus f&#252;r Inhalte, Formen und Orte der gesellschaftlichen Wissensproduktion, -aneignung und -distribution? Unter welchen Bedingungen &#252;bersetzt sich Wissen in Handlungsmacht? Zuallererst ist festzuhalten, dass Bildung als Selbstpotenzierung Zeit braucht. Es gilt, jenseits der fremdbestimmten Geschwindigkeit und des Effektivit&#228;tsdrucks der Akkumulationsrhythmen M&#246;glichkeitsr&#228;ume zu &#246;ffnen, in denen die Menschen Reflexionsf&#228;higkeit und Kritikverm&#246;gen entwickeln und praktisch austesten k&#246;nnen. Wenn b&#252;rgerliche Bildungsideale als Grundbedingung der M&#246;glichkeit von Bildung Zeit f&#252;r Mu&#223;e einforderten, die allerdings den gesellschaftlichen Eliten vorbehalten blieb, so gilt es diesen Gedanken aufzunehmen und demokratisch zu verallgemeinern. Dies kann nur gelingen, wenn die gesellschaftliche Arbeitsteilung, die Trennung von Kopf- und Handarbeit, die Hierarchien von ExpertInnen und Nicht-ExpertInnen, und damit auch die Ausdifferenzierung zwischen Lernen und Arbeiten grundlegend hinterfragt wird. Erst wenn alle an der Gestaltung der Bedingungen gesellschaftlichen Zusammenlebens gleichberechtigt teilhaben, ist es m&#246;glich, pers&#246;nliche Potenziale zu erschlie&#223;en. Voraussetzung der umfassenden Selbstaktivierung und Selbstentwicklung der Menschen ist die kollektive demokratische Verf&#252;gungsmacht &#252;ber die gesellschaftliche Ressourcen, die Zeit f&#252;r Debatten, Lernprozesse und kreatives Experimentieren erm&#246;glichen. Lernprozesse und Wissensproduktion sind dann – ebenso wenig wie ein abgetrennter Lebensabschnitt – keine Zusatzbesch&#228;ftigung, zu denen diejenigen privilegierten Zugang haben, die sich eben Zeit nehmen k&#246;nnen. Lernen und Forschen w&#228;re eingebettet in die kooperativen Netzwerke gesellschaftlicher Produktion, eine partizipative Bildungskultur, in der alle an den Prozessen der Wissensproduktion beteiligt sind. Alle gesellschaftlichen Bereiche, welche die Bedingungen kollektiver und individueller Selbstverwirklichung beeinflussen, m&#252;ssten demokratischen Reflexions-, Diskussions-, Lern- und Entscheidungsprozessen &#252;berantwortet werden. Damit fallen aber auch die Hierarchien zwischen Lernenden und Lehrenden sowie die Deutungsmonopole spezifischer Institutionen und Gruppen. Lernen wird zum Prozess gegenseitiger Bef&#228;higung, in dem es zwar immer noch Wissenshierarchien gibt, mit diesen aber keine gesellschaftliche Macht mehr verbunden ist. Somit k&#246;nnen sich alle Beteiligten selbst als Subjekte der Wissensproduktion begreifen und der M&#246;glichkeit der gemeinsamen „Entwicklung einer kritischen, unzufriedenen und unfolgsamen Neugierde“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> nachgehen. Erst wenn die Monopolisierung der Definitionsgewalt von Rationalit&#228;tsstandards und Wissenschaftlichkeit demokratisch aufgebrochen wird, ist auch ein sinnvoller Umgang mit dem wissenschaftstheoretischen Problem der gesellschaftlichen Situiertheit wissenschaftlichen Wissens m&#246;glich. Das bedeutet, dass mit der Frage, welche und wessen Interessen sich in den Inhalten des produzierten Wissens niederschlagen, reflektiert umgegangen werden kann. Nicht nur die Formen von Wissensproduktion und -vermittlung, sondern auch die Frage, was als relevantes und angemessenes Wissen gilt, wird damit zum Gegenstand kollektiver Auseinandersetzungen.</p>
<p><strong>„Utopie now!“</strong><br />
Die wesentlichen Z&#252;ge einer solchen Bildungsutopie werden in den Praktiken und Organisationsformen der gegenw&#228;rtigen K&#228;mpfe bereits antizipiert und als „offen M&#246;gliches“ erfahrbar. Werfen wir einen Blick auf die Uni-brennt-Bewegung: hier wurde deutlich, wie wir uns Platz f&#252;r alternative Bildungskonzepte schaffen und jene in politische Praxis &#252;bersetzen k&#246;nnen. Durch die Re-Politisierung bildungspolitischer Inhalte &#252;ber die Grenzen der Universit&#228;ten hinaus waren es nicht zuletzt solidarische und selbstbestimmte Lehr- und Lernprozesse – ganz im Sinne der Ver&#228;nderung der bestehenden Verh&#228;ltnisse – die reaktion&#228;re und elit&#228;re Vorstellungen von Bildung, wie sie &#252;blicherweise an den Hochschulen praktiziert wird, in Frage gestellt haben. Die verst&#228;rkte Aufmerksamkeit f&#252;r das gesamte Bildungssystem – in Hinblick auf Integration in gesellschaftspolitische Prozesse und gleiche Teilhabe f&#252;r alle – wird nicht im Sinne akademischer Le(e)hrs&#228;tze verhandelt, sondern innerhalb der Bewegung allt&#228;glich gelebt. Trotz der Widerspr&#252;chlichkeiten, die aus der Breite der Bewegung erwachsen, ist den unz&#228;hligen Forderungen das zentrale Ziel einer Demokratisierung gemein. Neben der Reform von rechtlichen Bestimmungen und der praktischen R&#252;ckkoppelung an gesamtgesellschaftliche Kontexte steht also die Erm&#228;chtigung zur aktiven politischen Teilhabe an Entscheidungsprozessen im Vordergrund. Wesentlich dabei sind die von den BesetzterInnen aufgebauten selbstverwalteten Zusammenh&#228;nge – angefangen bei infrastruktureller Ausstattung bis hin zu Aktions-, Planungs- und Diskussionsgruppen. Zudem wurde eine weit reichende politisch-soziale Programmatik entwickelt und konventionelle Politikformen in Frage gestellt. In den neu angeeigneten (Frei-)r&#228;umen und Foren k&#246;nnen politische Erfahrungen au&#223;erhalb starrer Uni-Seminare und Vorlesungen formuliert und mit anderen politischen Praxen verbunden werden – wie die Kooperationsversuche mit den MetallerInnen oder mit der Initiative des „Kindergartenaufstands“ deutlich machen. Hier wird konkret-utopisches Potenzial plastisch: Es steht au&#223;er Frage, dass sich Menschen ver&#228;ndern und selbst erm&#228;chtigen, indem sie sich an kollektiven Entscheidungsprozessen beteiligen. Auf einer ganz konkreten Ebene erleben wir, dass wir die bestehenden Verh&#228;ltnisse transformieren und unsere Lebensr&#228;ume selbst gestalten k&#246;nnen – in solidarischer Praxis haben wir diesbez&#252;glich Handlungsm&#246;glichkeiten und -strategien erarbeitet. Auch wenn nicht alle Fragen nach Perspektive und Strategie beantwortet sind, ist angesichts der bildungspolitischen Krise klar geworden, dass Bildung nicht fernab kapitalistischer Vergesellschaftung zu verorten ist. Die Erfahrung, dass die eigene Situation, das Erlebnis von Prekarisierung und das Gef&#252;hl von Fremdbestimmtheit nicht singul&#228;r und individuell sind, politisiert langfristig. Neben den Grundforderungen der Ent-&#214;konomisierung und Re-Demokratisierung der Universit&#228;ten war und ist es den BesetzerInnen und AktvistInnen ein grundlegendes Anliegen, den Zugang zu Bildung f&#252;r alle zu &#246;ffnen, d.h. im Speziellen die Bildungschancen von Frauen, MigrantInnen und benachteiligte Gruppen zu erh&#246;hen. Somit weisen die Forderungen, die sich zun&#228;chst nur auf Bildung zu beziehen schienen, &#252;ber sich selbst hinaus und sprechen gesamtgesellschaftliche Problemfelder und Widerspr&#252;che an; so werden die bestimmenden Lern- und Arbeitsverh&#228;ltnisse, das vorherrschende Verst&#228;ndnis von Demokratie sowie die Monopolisierung von Wissen fundamental in Frage gestellt. Hierbei ist entscheidend, inwiefern die neu installierten Zusammenh&#228;nge aufrechtzuerhalten sind. Daf&#252;r braucht es vor allem organisierte linke Strukturen in permanenten (Frei-) R&#228;umen, die utopische Impulse, welche auf eine selbstbestimmte Bildung in einer selbstbestimmten Gesellschaft hin orientieren, ernst nehmen.</p>
<p><strong> Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a>  Dass dieser so nie existiert hat, sondern eher als ideologische Maskierung spezifisch institutionalisierter Reproduktionsanforderungen schon des wilhelminischen Kapitalismus fungierte, sei hier nur nebenbei erw&#228;hnt.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a>  Engels, Friedrich: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, MEW 19, S. 448.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a>  Heinrichs, Thomas: Freiheit und Gerechtigkeit. Philosophieren f&#252;r eine neue linke Politik, M&#252;nster 2002, S. 8.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a>  Schwendter, Rolf: Utopie. &#220;berlegungen zu einem zeitlosen Begriff, Berlin/Amsterdam 1994, S.7.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Ebd., S.19.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Ebd., S.19.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a>  Bloch, Ernst: Geist der Utopie, M&#252;nchen 1970, S.248.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a>  Schaper-Rinkel, Petra: Andere Zuk&#252;nfte: Politik der Utopien; in: Prokla 141, S. 551-568, hier: S. 564.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a>  Andresen, Sabine/Otto, Hans-Uwe/Ziegler, Holger: Bildung as Human Development. An educational view on the Capabilities.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a>  Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd. 1, Hamburg 1991, S. 97.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a>  Ebd., Bd. 6, Hamburg/Berlin 1994, S. 1349.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a>  Bernhard, Armin: P&#228;dagogische Grundverh&#228;ltnisse. Die Relevanz Antonio Gramscis f&#252;r eine emanzipative P&#228;dagogik. in: Merkens, Andreas/Rego Diaz, Victor (Hg.): Mit Gramsci arbeiten. Texte zur politisch-praktischen Aneignung Antonio Gramscis, Hamburg 2007, S. 141-157, hier: S. 16.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a>  Merkens, Andreas: Hegemonie und Gegen-Hegemonie als p&#228;dagogisches Verh&#228;ltnis. Antonio Gramscis politische P&#228;dagogik, in: Rosa-Luxemburg-Bildungswerk Hamburg (Hg.): Hamburger Skripten 15, Hamburg 2006, S. 17.<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a>  Ebd., S. 17.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Gramsci 1994, a.a.O., S. 1348.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a>  Gramsci 1994, a.a.O., S. 1348.<br />
<a title="anm1" name="anm17" href="#anm_17">17</a>  Freire, Paulo: P&#228;dagogik der Autonomie, M&#252;nster 2008, S. 32.</p>
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		<title>Perspektiven Nr. 10 (Winter 2010) erschienen!</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/02/10/perspektiven-nr-10-fruehling-2010-erschienen/</link>
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		<pubDate>Wed, 10 Feb 2010 15:09:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Bildungsproteste]]></category>
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		<description><![CDATA[Schwerpunkt: K&#228;mpfe um Bildung

Die neue Ausgabe von Perspektiven ist da!

Im Schwerpunkt:
 Maria Asenbaum, Katharina Hajek, Michael Botka und Ako Pire sammeln Erfahrungen und Reflexionen der unibrennt-AktivistInnen &#8211; Stipe Curkovic &#252;ber neue Formen der Demokratie in den besetzten Universit&#228;ten Kroatiens &#8211; Stefan Probst, Franziska M&#252;ller-Uri, Julia Hofmann und Isabella Schlehaider zum Begriff der freien Bildung als „regulative Utopie“ &#8211; Roland Atzm&#252;ller [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Schwerpunkt: K&#228;mpfe um Bildung</h3>
<p style="text-align: center;"><a></a></p>
<p><a><strong>Die neue Ausgabe von Perspektiven ist da!</strong></a></p>
<p><strong><a href="http://www.perspektiven-online.at/?cat=53"><img class="alignleft size-medium wp-image-756" title="coverp10" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2010/02/coverp10-222x300.jpg" alt="coverp10" width="222" height="300" /></a></strong></p>
<p>Im Schwerpunkt:</p>
<p><a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=750" target="_self"> Maria Asenbaum, Katharina Hajek, Michael Botka und Ako Pire sammeln Erfahrungen und Reflexionen der unibrennt-AktivistInnen</a> &#8211; Stipe Curkovic &#252;ber neue Formen der Demokratie in den besetzten Universit&#228;ten Kroatiens &#8211; <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=783">Stefan Probst, Franziska M&#252;ller-Uri, Julia Hofmann und Isabella Schlehaider zum Begriff der freien Bildung als „regulative Utopie“</a> &#8211; Roland Atzm&#252;ller &#252;ber die P&#228;dagogisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen und die Neoliberalisierung der Bildung &#8211; Michael Hartmann im Interview zu Bildung und Elitenreproduktion in Europa &#8211; Elisabeth Steinklammer, Kristina Botka, Barbara Tinhofer und Gloria Fleischmann &#252;ber das Kollektiv Kindergartenaufstand</p>
<p>Au&#223;erhalb des Schwerkpunkts:</p>
<p>Andreas Fink zur erfolgreichen Besetzung der INNSE-Fabrik in Mailand &#8211; Die Goldenen Zitronen im Interview &#252;ber politische Popmusik und die bayrische R&#228;terepublik &#8211; Philipp Probst &#252;ber Chris Harmans letztes Buch &#8211; Rezensionen und Rosinenpicken</p>
<p>Hier gibt es das <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=747" target="_self">Editorial </a>zu lesen.  Bestellt Perspektiven Nr. 10 <a href="mailto:kontakt@perspektiven-online.at">hier</a>, kauft sie <a href="http://www.perspektiven-online.at/?page_id=7">da</a> oder g&#246;nnt euch gleich ein <a href="http://www.perspektiven-online.at/?page_id=8" target="_self">Abo</a>!</p>
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		<title>Editorial</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/02/10/editorial-8/</link>
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		<pubDate>Wed, 10 Feb 2010 14:44:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ihr haltet in H&#228;nden, man glaubt es kaum, Perspektiven Nr. 10, in Worten: Zehn. Als wir im Fr&#252;hling 2006 die „Nullnummer“ ver&#246;ffentlichten, hatte das Magazin 48 Seiten, einen Schwerpunkt („Europ&#228;ische Union“), den wir verga&#223;en, auf das Cover zu schreiben, und ein ambitioniertes Editorial, das erkl&#228;rte, dass wir einen Beitrag leisten wollen, um „eine lebendige Opposition und echte politische Alternativen zu entwickeln.“ Knapp vier Jahre sp&#228;ter z&#228;hlt Perspektiven Nr. 10 72 Seiten, tr&#228;gt seinen hochaktuellen Themenschwerpunkt stolz auf der golden glitzernden Titelseite – und hat an Ambition nichts verloren.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="MsoNormal">Ihr haltet in H&#228;nden, man glaubt es kaum, <em>Perspektiven </em>Nr. 10, in Worten: Zehn. Als wir im Fr&#252;hling 2006 die „Nullnummer“ ver&#246;ffentlichten, hatte das Magazin 48 Seiten, einen Schwerpunkt („Europ&#228;ische Union“), den wir verga&#223;en, auf das Cover zu schreiben, und ein ambitioniertes Editorial, das erkl&#228;rte, dass wir einen Beitrag leisten wollen, um „eine lebendige Opposition und echte politische Alternativen zu entwickeln.“ Knapp vier Jahre sp&#228;ter z&#228;hlt <em>Perspektiven </em>Nr. 10 72 Seiten, tr&#228;gt seinen hochaktuellen Themenschwerpunkt stolz auf der golden glitzernden Titelseite – und hat an Ambition nichts verloren. <span id="more-747"></span> F&#252;r letzteres ist vor allem die Tatsache verantwortlich, dass wir seit Herbst 2009 Teil einer Bewegung sind, die wir zwar lange erhofft, aber alles andere als erwartet hatten. Die bildungspolitischen Proteste, die rund um die Besetzung des Wiener Audimax unter dem Schlachtruf „Uni brennt“ entfacht wurden, waren in den letzten Monaten unser zentrales Bet&#228;tigungsfeld, und werden es wohl auch auf absehbare Zeit bleiben. Mit ihnen hat sich ein neuer politischer Resonanzraum f&#252;r die Linke in &#214;sterreich ge&#246;ffnet, in dem solidarische Auseinandersetzungen um eine bessere und gerechtere Bildungspolitik gef&#252;hrt werden. Sie erm&#246;glichen aber auch, ausgehend von den K&#228;mpfen um Bildung, weiterf&#252;hrende politische Debatten anzusto&#223;en: &#252;ber M&#246;glichkeiten autonomer, demokratischer Lehr- und Lernprozesse, &#252;ber den Zusammenhang von prekarisierten Arbeitsverh&#228;ltnissen und dem marktkonformen Umbau der Hochschulen, oder &#252;ber Grenzen von und Alternativen zu b&#252;rgerlicher Demokratie. Diese Fragen werden entscheidend sein f&#252;r jene langfristige Perspektive, die wir – wie zur Zeit unserer Gr&#252;ndung vor vier Jahren – als weiterhin zentral erachten: den Aufbau einer neuen, breit aufgestellten und gesellschaftlich relevanten Linken.</p>
<p class="MsoNormal">Dies waren die &#220;berlegungen, die uns bei der Zusammenstellung des vorliegenden Heftschwerpunkts geleitet haben. Er wurde gestaltet und geschrieben von AktivistInnen der Bewegung, um die K&#228;mpfe um Bildung in ihrer Breite und Dynamik darzustellen sowie sie in grundlegende politische Debatten einzubetten.</p>
<p class="MsoNormal">Der erste Artikel von <em>Maria Asenbaum</em>, <em>Katharina Hajek</em>, <em>Michael Botka</em> und <em>Ako Pire</em> basiert auf einer Vielzahl von Interviews, die sie w&#228;hrend der Audimax-Besetzung mit verschiedenen AktivistInnen gef&#252;hrt haben. In der Zusammenf&#252;hrung der unterschiedlichen Selbstverst&#228;ndnisse, strategischen Einsch&#228;tzungen und vor allem der vielf&#228;ltigen Erfahrungen, machen sie die inspirierende Dynamik der Besetzung nachvollziehbar, ohne die Widerspr&#252;che und Konflikte in der Bewegung zu unterschlagen. <em>Stipe &#196;†urkovi&#196;‡</em> aus Zagreb berichtet &#252;ber die im deutschsprachigen Raum wenig beachtete Bewegung f&#252;r freie Bildung, die im Jahr 2009 Kroatien erfasste. Er stellt dabei den Begriff der Demokratie ins Zentrum seiner Darstellung: jene b&#252;rgerliche Demokratie, die sich in einge&#252;bten Ritualen und Sonntagsreden ersch&#246;pft, aber auch die Formen direkter und partizipativer Demokratie, die in den besetzen Universit&#228;ten entstanden sind. Die von Protestierenden allerortens aufgestellte Forderung nach „freier und selbstbestimmter Bildung“ nehmen <em>Stefan Probst</em>, <em>Franziska M&#252;ller-Uri</em>, <em>Julia Hofmann</em> und <em>Isabella Schlehaider</em> zum Anlass, dar&#252;ber nachzudenken, wie demokratisches Lernen und Lehren aussehen k&#246;nnte. Sie entwickeln eine Vorstellung von Bildung als „Prozess gegenseitiger Bef&#228;higung“, die als „regulative Utopie“ funktionieren k&#246;nnte. Die Kritik an der „&#214;konomisierung“ der Bildung wird von <em>Roland Atzm&#252;ller</em> analytisch unterf&#252;ttert, indem er zeigt, wie im postfordistischen Staat insbesondere Hochschulen entsprechend den Anforderungen der neoliberalen Arbeitsverh&#228;ltnisse restrukturiert werden. Den Soziologen <em>Michael Hartmann</em> befragten wir nach seinen Forschungsergebnissen zur Rolle von Bildungsinstitutionen f&#252;r die (Re-)Produktion der europ&#228;ischen Eliten. Und schlie&#223;lich verkn&#252;pfen<em> Elisabeth Steinklammer</em>, <em>Kristina Botka</em>, <em>Barbara Tinhofer</em> und <em>Gloria Fleischmann</em> vom <em>Kollektiv Kindergartenaufstand</em> einen Bericht &#252;ber ihre Organisierungs- und Kampferfahrungen als Kindergartenp&#228;dagoginnen mit einer kritischen Analyse der Bildungsinstitution Kindergarten als Ort der Hegemonieproduktion.</p>
<p class="MsoNormal">Auch au&#223;erhalb des Schwerpunkts geht es k&#228;mpferisch zu, in <em>Andreas Finks</em> Analyse der erfolgreichen Besetzung der Mail&#228;nder INNSE-Fabrik durch deren Belegschaft. Und <em>Daniel Fuchs</em> und <em>Benjamin Opratko</em> unterhielten sich mit <em>Schorsch Kamerun</em> und <em>Ted Gaier</em> von den grandiosen <em>Goldenen Zitronen</em> und landeten dabei unerwartet bei der bayrischen R&#228;terepublik.</p>
<p class="MsoNormal">Die Rezensionsabteilung wird diesmal von <em>Philipp Probst</em> er&#246;ffnet, der &#8220;Zombie Capitalism&#8221;, das letzte Buch von <em>Chris Harman</em>, bespricht. Der marxistische Historiker, Berufsrevolution&#228;r im besten Sinne des Wortes, ist im November v&#246;llig unerwartet an einem Herzinfarkt verstorbenen.</p>
<p class="MsoNormal">Wir w&#252;nschen euch jedenfalls anregende Lekt&#252;re; im besten Falle soll sie motivieren, euch in die Vorbereitung zu den Protesten gegen die Feierlichkeiten zum zehnj&#228;hrigen Jubil&#228;um des Bologna-Prozess einzuklinken. N&#228;here Infos dazu gibt es auf Seite 21 und unter <a href="http://www.bolognaburns.org" target="_blank">www.bolognaburns.org</a>.</p>
<p class="MsoNormal">In diesem Sinne: lasst tausend Unis brennen!</p>
<p class="MsoNormal">Eure Perspektiven-Redaktion</p>
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		<title>„Die Explosion eines politischen Unbehagens“</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/02/10/die-explosion-eines-politischen-unbehagens/</link>
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		<pubDate>Wed, 10 Feb 2010 14:32:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Bildungsproteste]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Uni brennt! Maria Asenbaum, Katharina Hajek, Michael Botka und Ako Pire haben mit AktivistInnen im und um das Audimax gesprochen. Entstanden ist eine Momentaufnahme, in der die unterschiedlichen Blickwinkel, aber auch der gemeinsame Enthusiasmus zum Ausdruck kommt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Uni brennt! <em>Maria Asenbaum</em>, <em>Katharina Hajek</em>, <em>Michael Botka</em> und <em>Ako Pire</em> haben mit AktivistInnen im und um das Audimax gesprochen. Entstanden ist eine Momentaufnahme, in der die unterschiedlichen Blickwinkel, aber auch der gemeinsame Enthusiasmus zum Ausdruck kommt.<br />
<span id="more-750"></span></p>
<p class="MsoNormal">Mitte Oktober fanden, ausgehend von der Akademie der bildenden K&#252;nste, die gr&#246;&#223;ten Studierendenprosteste seit 1997 in Wien und ganz &#214;sterreich statt. Tausende Studierende haben &#252;ber Monate hinweg verschiede Universit&#228;ten besetzt gehalten, sich selbst organisiert, Arbeitsgruppen gegr&#252;ndet, eine eigene Infrastruktur aufgebaut, gemeinsam gekocht und geputzt und die gr&#246;&#223;te Demonstration seit der Anti- Schwarz-Blau-Bewegung 2000 auf die Beine gestellt – die b&#252;rgerlichen Medien sprachen sogar von einem „Hauch von 68, der durch die Universit&#228;ten &#214;sterreichs zieht“. Da sich die Bewegung vor allem auch durch ihre Heterogenit&#228;t ausgezeichnet hat, war es uns ein Anliegen, keine Analyse von au&#223;en zu verfassen, sondern als am Protest beteiligte Personen andere AktivistInnen selbst sprechen zu lassen. Wir haben zehn – aus verschiedenen Studienrichtungen kommende, mehr oder weniger lang politisch aktive – TeilnehmerInnen der Proteste interviewt und sie nach ihren Beweggr&#252;nden, Zielen, Eindr&#252;cken und Meinungen gefragt.</p>
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal"><strong>„Wir besetzen das jetzt!“</strong></p>
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal">„Hammer! &#220;berraschend, komplett &#252;berraschend. Ich glaub’, keineR von uns h&#228;tte damit gerechnet, dass es abends so voll ist. Wir dachten, wir machen eine symbolische Besetzung … KeineR h&#228;tte sich gedacht, dass wir da l&#228;nger drin bleiben als eine Nacht, beziehungsweise haben wir damit gerechnet, dass wir am selben Tag wieder rausgehen. Und das, was dann passiert ist, war eindeutig die Explosion eines politischen und eines pers&#246;nlichen Unbehagens, das eigentlich schon lange geschwelt hat, aber der Tropfen, der das Fass zum &#220;berlaufen gebracht hat, war einfach da.“ Wie wohl die meisten Leute, hat auch der Gro&#223;teil der von uns interviewten Personen via SMS von der Audimax-Besetzung erfahren. Anna<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a>: „Ich hab’ am Donnerstag Nachmittag der Besetzung, so um vier, ein SMS bekommen und bin dann hin. Meine Mitbewohnerin war auch schon bei der Demo und ist mit rein gegangen.“ Viele waren zwar etwas verwirrt, aber doch &#252;berw&#228;ltigt: von den vielen Menschen, dem hohen Aktivit&#228;tslevel, der Ausdauer und der Tatsache der Besetzung an sich. Anna: „Ich war total geflashed. Es war total riesig! Es waren sooo viele Leute, ich war total beeindruckt! Ich h&#228;tte es mir nicht vorstellen k&#246;nnen, wenn mir das vorher wer erz&#228;hlt h&#228;tte. Ich h&#228;tte die f&#252;r verr&#252;ckt erkl&#228;rt.“ Spontane „Moblisierungsgruppen“ zogen durch die Uni. So hat Sarah gerade auf der Bibliothek gelernt, als sie Rufe h&#246;rte: „Mitmarschieren, solidarisieren!“ und ist neugierig hinausgegangen. „Das waren vielleicht so 200 Leute oder so und ich hab keine Ahnung gehabt, was das jetzt ist … und alle sind ins Audimax und da ist dann beschlossen worden, okay, wir besetzen das jetzt, wir k&#228;mpfen jetzt f&#252;r eine bessere Bildung … Das ganze Audimax ist so euphorisch, ja, euphorisch, dass da jetzt was passiert und dass wir jetzt, einfach wir, die ‚mickrigen Studenten‘ bestimmen, wir besetzen das jetzt und wir tun jetzt was.“ Oguz, der damals erst seit „ein, zwei Wochen in Wien“ war, hat &#252;ber den Mail-Verteiler der Akademie der Bildenden K&#252;nste von der dortigen Besetzung erfahren, ist hingegangen und hat „am Mittwoch noch geholfen, Flyer zu verteilen und am Donnerstag war ja dann die Demo. Also ziemlich zuf&#228;llig alles … es hat mit relativ wenig Leuten, so 200, 300 an der Votiv-Kirche angefangen und als wir im Audimax drinnen waren, wars komplett voll! &#8230; Ich hab’ dann gedacht, ‚ah ja, so ist es immer in Wien und in &#214;sterreich &#8230; nicht schlecht, hier geht was‘!“ Andreas beeindruckte die Stimmung im Audimax-Gang, welchen er von seiner „Studienanfangszeit“ „als den ganz gem&#252;tlichen heruntergekommenen Audimax-Gang“ kannte, der sich ver&#228;nderte und „im Laufe der Jahre wurde das dann dieser ‚sch&#246;ne‘ Schaukasten-Wirtschaftskarriere-Poster- h&#228;ngende“ Ort. „Und man geht wieder hinein und es ist alles verraucht (*lacht*). Es war ein sch&#246;nes Gef&#252;hl: so viele Leute und alle waren interessiert, was da passiert und alle m&#246;glichen sind ans Mikropult und haben ihre Meinung sagen k&#246;nnen … Es hat mich wachger&#252;ttelt. Es waren viele Leute, es war irrsinnig laut … Man hat ja gar nicht gewusst, wo man hin will. Und das ist aus den Aussagen auch rausgekommen, dass jeder so ein bissl wo anders hin will. Ja… aufgew&#252;hlt und selbst nicht so gewusst wo ich bin… hab’ dort so als Stimmung erfahren, dass total viel m&#246;glich ist &#8230; Es war aber gleichzeitig auch ein bisschen be&#228;ngstigend, weil irgendwie alles in Frage gestanden ist… also der normale Studienalltag.“ Gio, der von einer Freundin via SMS zur Besetzung mobilisiert wurde, hat sofort Getr&#228;nke und Essen gekauft und ist hingefahren. „Dann hat’s Probleme gegeben, dass ich &#252;berhaupt rein komm’, weil an dem Tag waren Polizisten dort und haben alles abgesperrt“. Es „hat eine Zeit gedauert bis ich rausgefunden hab’, um was es geht und was die Forderungen sind. Wie gesagt, ich bin das erste Semester in Wien. Da k&#246;nnte man sich denken ‚Erstsemestrige wissen noch gar nicht, um was es geht‘. Aber als Theater- und Film-Student hab ich eben viel mitgekriegt, wo die Probleme liegen und meiner Meinung nach muss man gar nicht Student sein, um sich zu solidarisieren und dahinter zu stehen.“</p>
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal"><strong>„In welcher Form bringst du dich hier ein?“</strong></p>
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal">…war die zweite Frage, die wir gestellt haben. Dabei sind wir mit enorm vielen verschiedenen Motivationen und Begr&#252;ndungen, warum wer gerade wo mitarbeitet, konfrontiert worden. Ein guter Teil der Aktionen kam zuf&#228;llig und spontan zustande, weil jemand gerade zu einer bestimmten Zeit am richtigen Ort eine Idee hatte und diese dann auch umsetzen wollte. Andere waren von momentaner Lust und Laune motiviert und wieder andere haben sich genau &#252;berlegt, wie und wo sie ihre Ressourcen am optimalsten einsetzen k&#246;nnen. Eine Erfahrung, die alle Beteiligten gemacht haben ist, dass die Bet&#228;tigungsfelder sich immer ver&#228;ndert haben und jedeR in st&#228;ndiger Bewegung war. Tausende, Lehrende und andere solidarische Personen haben sich in weit &#252;ber hundert Arbeitsgruppen (AGs) eingebracht, Workshops und Veranstaltungen organisiert, haben Versorgung, Infrastruktur, Pressearbeit, bis hin zu psychischer Betreuung bereit gestellt und ein un&#252;berschaubares Konglomerat aus AktivistInnen und Aktivit&#228;ten gebildet. F&#252;r die Unzahl an unterschiedlichen Arten, wie sich Menschen in die Bewegung eingebracht haben, wollen wir einige Beispiele f&#252;r sich sprechen lassen. Gio: „Ich hab’ die ersten N&#228;chte nur als DJ gearbeitet, und da war Soli-Party bis tief in die Nacht und unglaublich viele Betrunkene und Randale und Beschmierereien. Dann hab ich mich in die AG [Abendgestaltung] eingebracht. Ich hab’ versucht, die Leute zu &#252;berzeugen, dass wir das Partygeschehen ein bisschen runter schrauben, dass das Audimax nicht zu <em>der</em> Party-Location in Wien wird.“ Oguz war vor allem in der „AG MigrantInnen und ArbeiterInnen“ aktiv: „Unsere Haltung ist in erster Linie anti-kapitalistisch, deswegen hei&#223;en wir ja auch „AG MigrantInnen und ArbeiterInnen”, weil die meisten, die aus Nicht-EUL&#228;ndern hier her migrieren, vor allem auch Studierende, dazu gezwungen sind, unter prek&#228;ren Bedingungen zu arbeiten. Und die kriegen auch keine Arbeitserlaubnis und deswegen haben wir uns so genannt.“ Diese AG brachte vor allem „Forderung migrantischer Gleichberechtigung“ ein, gegen „diese vielen Diskriminierungen gegen Nicht-EU-B&#252;rger… dass Studierende aus Nicht-EU-L&#228;ndern immer noch Studiengeb&#252;hren zahlen, fr&#252;her das Doppelte. Keine Arbeitserlaubnis; um das Visum zu verl&#228;ngern, musst du jedes Jahr 7200 Euro auf dem Konto haben und das wird jetzt auch diskutiert, dass man das Geld auch nicht sofort wieder abziehen darf, sondern dass das ein paar Monate drauf bleiben muss.“ Felix hat sich vor allem im Rahmen der „Squatting Teachers“ eingebracht: „Eine AG, die einerseits auf einer sehr konkreten Ebene organisiert, dass Lehrende, die sich einbringen m&#246;chten, auch wirklich mit Audimax, C1 und TU in Kontakt treten k&#246;nnen und dass das wirklich passiert. Andererseits wollten wir uns allgemeiner mit der Frage ‚wie k&#246;nnte kritische, emanzipatorische Wissensproduktion und Wissensvermittlung aussehen?‘ besch&#228;ftigen.” Anna ging es, wie so vielen anderen auch, so, dass sie hin und her gerissen war. „Gleich am Anfang hab’ ich eigentlich ein bisschen Info-Tisch gemacht, und dann war ich bei der AG R&#228;ume … am ehesten bin ich bei der AG Programm, obwohl ich das schon l&#228;nger nicht mehr mach’. Aber wenn ich da bin, dann werd’ ich noch immer mit dieser AG identifiziert und mach’ deren Arbeit. &#8230; Ich studier’ Jus und hab’ am Juridicum in der AG mitgearbeitet. Sonst mach’ ich halt, was so anf&#228;llt, f&#252;r Aktionen, Gespr&#228;chsvorbereitungen, da was checken&#8230; und so weiter. Auch in der neuen Presse-AG mach’ ich wahrscheinlich mit.“ Sie schildert eine f&#252;r viele AktivistInnen all zu bekannte Situation: „Gestern war der erste Tag, an dem ich gar nicht da war. Die ersten Wochen habe ich alle drei Tage mal zu Hause geschlafen, aber sonst war ich nicht zu Hause.” Was die Hyperaktivit&#228;t mit sich gebracht hat, zeigt auch der „Fall der AG Programm. Da war grad ein bisschen Flaute und die zwei, die das gemacht haben, waren ausgebrannt und die waren dann weg. Da gab’s dann eine neue AG und da bin ich hin. Info-Tisch war auch &#228;hnlich. Da ist das M&#228;dl gestanden und hat gemeint ‚oh Gott, oh Gott, wir brauchen Leute! Hilfe! Dableiben!‘“ und das hat Anna auch gemacht. Sie findet es selbstverst&#228;ndlich, sich &#252;berall einzubringen, wo gerade jemand gebraucht wird: „Wenn man so lang da ist, merkt man, wo Leute fehlen. Irgendwann gibt es halt niemanden, der das Plenum macht und dann machst halt mal das Plenum, oder was grad anf&#228;llt.“</p>
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal"><strong>„&#220;berrollt von den Ereignissen“</strong></p>
<p class="MsoNormal">
<p class="MsoNormal">Als n&#228;chstes hat uns interessiert, wie der Einfluss der T&#228;tigkeiten der jeweiligen AGs auf die Bewegung eingesch&#228;tzt wird. Gio der sich in die Gestaltung des Abendprogramms eingebracht hat, meint diesbez&#252;glich: „Ich w&#252;rd’ schon sagen, dass durch das Abendprogramm Leute angelockt wurden, die sich sonst nicht beteiligen w&#252;rden … Am Anfang war’s nicht so stark. Aber zum Beispiel mit <em>Ja, Panik!</em> und <em>Luise Pop</em>, also gr&#246;&#223;eren Acts, ist der Einfluss schon vergr&#246;&#223;ert worden, weil’s dann doch ein wichtiger Punkt wurde, der in der Presse behandelt wurde.“ Au&#223;er den erw&#228;hnten AktivistInnen und Unterst&#252;tzerInnen kann sich generell die gro&#223;e Anzahl an solidarischen ‚BesucherInnen‘ sehen lassen, die sich beteiligt haben: in Form von Vortr&#228;gen, Konzerten, Performances, oder einfach nur, um ihre Solidarit&#228;t pers&#246;nlich kund zu tun: Anti-Flag, Female Pressure, Hans S&#246;llner, Josef Hader, Christian Felber, Klaus Werner Lobo, Corinna Milborn, Jean Ziegler, Alex Calinicos, Chanie Rosenberg, die Kindergartenp&#228;dagogInnen des Kollektiv Kindergartenaufstand, Robert Menasse, Beat Weber, Hubsi Kramar, Florian Scheuba…<span> </span>Sarah erkl&#228;rt, dass sich der Einfluss ihrer Psychologie-Instituts- AG ver&#228;ndert hat, weil sich die Bewegung „dezentralisiert“ hat: „Das Audimax war der Ausgangspunkt und das hat sich einfach ge&#228;ndert, dass es jetzt einfach mehrere Basisstellen gibt auf den Instituten … Deswegen finde ich es wichtig, dass da jetzt etwas passiert. Ich habe in sechs Jahren Studium noch nie so politische Leute kennen gelernt, auf der Psychologie, und das ist dann auch toll, die zu treffen.“ Lisa hat „das Gef&#252;hl, Einfluss zu haben, bis zu einem gewissen Grad.“ Letzteres erkl&#228;rt sie folgenderma&#223;en: „Aber nur, weil ich auch das Gef&#252;hl hab’, dass man diese Bewegung einfach nicht einsch&#228;tzen kann. Diese Bewegung &#252;berholt dich immer wieder, du wirst &#252;berrollt von den Ereignissen und ich glaub’ auch, dass das eine Bewegung ausmacht, dass das einfach nicht so vorhersehbar ist, dass sie sich nicht vorne hertreiben l&#228;sst, sondern dich vorne hertreibt. Und ich glaub’, das ist das, was einfach so faszinierend ist: dass du einfach einen Abend nicht da bist und du kommst am n&#228;chsten Tag und es ist alles anders. Ob das jetzt gut ist oder schlecht ist, ist eine andere Frage. Aber ich glaube, dass die Bewegung so eine Dynamik hat, dass nie einzelne Personen oder Gruppen, AGs wirklich diese Bewegung vereinnahmen k&#246;nnten, da sich die Menschen dagegen wehren w&#252;rden… Als wir eben 2000 oder 3000 Leute, beziehungsweise &#252;ber den Tag verteilt 10.000 Leute im Audimax hatten, da war das nochmal eine ganz andere Situation. Ich denk’, die Leute, die &#252;brig geblieben sind, von den Personen, die am Anfang da waren, sind die Menschen, die sich vorher auch viel auseinandergesetzt haben. So denk’ ich, dass jetzt momentan Menschen, die sich mit den Perspektiven [der Proteste] auseinandersetzen, grade weil die Bewegung Perspektiven braucht, schon einen gr&#246;&#223;eren Einfluss haben, als am Anfang.“ Auch Sebastian war es bald unm&#246;glich, sich so intensiv wie am Anfang einzubringen: „Es war mir mit der Zeit, vom Arbeiten her, zu stressig. Ich hab das nicht mehr unter einen Hut bringen k&#246;nnen. Es ist eine Zeit lang gut gegangen, nach einer gewissen Zeit hab’ ich mich dann wieder zur&#252;ckziehen m&#252;ssen, ich muss halt auch f&#252;r die Berufsschule lernen.“ Reza hat unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Bez&#252;glich der Arbeit der AG Iran, in der er sich engagiert hat, waren „die R&#252;ckmeldungen sehr positiv, auch von wildfremden Leuten, die … gemeint haben, das, was du zum Iran gesagt hast, war gut und spannend und spitze, und sie wollen bei der AG mitmachen, oder w&#252;rden sich f&#252;r ein Referat interessieren“. Angesprochen auf die T&#228;tigkeiten der Organisation, in der er Mitglied ist – die Revolution&#228;r Sozialistische Organisation (RSO) – und die auch im Audimax pr&#228;sent war, meint er, dass es dazu „fast schon Anfeindungen“ gab und „dass teilweise sehr laute Stimmen gegen Organisiertheit aufgetreten sind. W&#252;rde aber auf keinen Fall sagen, dass die repr&#228;sentativ f&#252;r die Bewegung sind.“ Bez&#252;glich der Arbeit in den AGs – nicht zuletzt Uni-&#252;bergreifend – konnten ebenfalls Ver&#228;nderungen festgestellt werden. So h&#228;lt Michael f&#252;r die Situation an der TU fest: „Es gibt definitiv AGs, die Einfluss aus&#252;ben, weil sie &#246;ffentlich sichtbar sind. Zum Beispiel die AG Protestwelle: wenn die eine Demonstration organisiert, oder Flyer macht, dann ist das ein sichtbares Ding. Was man im Moment wahrscheinlich nicht sieht, ist die Hintergrundarbeit von der AG Forderungen beziehungsweise von der AG Gesellschaftsbild/ Bildungsgesellschaft, welche wir auf der TU haben, und die eine extrem spannende AG ist. Das sind eher langfristige Zielsetzungen, die dabei verfolgt werden, und da muss man schauen, was in den n&#228;chsten Monaten an Output kommt… Das Ganze ist von einem Mobilisierungs-Charakter in einen Arbeits-Charakter gewandelt worden, wenn man das so sehen will.“</p>
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<p class="MsoNormal"><strong>„Alle Macht den Arbeitsgruppen!’“</strong></p>
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<p class="MsoNormal">So unterschiedlich die Zug&#228;nge zu dieser Bewegung waren, so deutlich kristallisierte sich, zumindest dem Namen nach, ein Konzept von Demokratie heraus, das hier – gem&#228;&#223; der Meinung aller Interviewten – vorherrschte und den Charakter der Bewegung pr&#228;gte: Basisdemokratie. Das Wort wurde von allen, bis hin zur b&#252;rgerlichen Presse und der Bundesregierung &#252;bernommen, und als ein wichtiges Charakteristikum der Bewegung herausgestrichen. Aber was ist unter Basisdemokratie genau zu verstehen? So viele Personen wir gefragt haben, so viele unterschiedliche Definitionen haben wir bekommen: von „wenn keine bestimmte Person &#252;ber anderen Personen steht“ &#252;ber „die M&#246;glichkeit eines konstanten Diskurses“ und „dass man seine Meinung &#228;u&#223;ern kann“ bis hin zu „Individualterrorismus, … dass jeder, dem’s halt nicht passt ein Veto einlegen kann“. Besonders wichtig dabei sei, dass „jeder Einzelne bei allen Entscheidungen ein Mitentscheidungsrecht hat“, meinte zum Beispiel Sarah von der Psychologie, beziehungsweise, dass „die Menschen, die an einer Entscheidung beteiligt sind, am Ende auch das Gef&#252;hl haben, dass es ihre Entscheidung ist und nicht die Entscheidung, die &#252;ber ihre K&#246;pfe hinweg getroffen worden ist“, erkl&#228;rt die Aktivistin Lisa. Eine Situation im Audimax, die die unterschiedlichen Auffassungen von Basisdemokratie in der Praxis gut illustriert, schildert Reza: „Zum Beispiel hab ich vorhin schon die Abstimmung nach dieser Soli-Resolution f&#252;r die iranischen Studentinnen angesprochen. Da war’s wirklich so, dass ich von der B&#252;hne gekommen bin und so ein wirklicher Basisdemokratie-Freak zu mir gekommen ist und gemeint hat: ‚wie jetzt? mit einer Gegenstimme angenommen worden?’. Und ich hab’ gesagt ‚ja eine Gegenstimme gab’s halt’. Und hab’ die Frage gar nicht verstanden. Dann hat er gemeint: ‚Warum ist das nicht ausdiskutiert worden?’ und dann hab ich gemeint ‚ja, ich hab’ eh gesagt, gibt’s dazu noch Wortmeldungen’ und wollt’ dem Raum einr&#228;umen, um das zu diskutieren. Dann gab’s keine Wortmeldungen und er hat gemeint, ‚den h&#228;tt’ man doch auffordern m&#252;ssen, dass er mit seiner Kritik herangeht.’ Und ich hab’ gemeint ‚den kann man ja nicht zwingen’ und ich meine: 799 zu eins (wenn man von 800 Personen im vollen Audimax ausgeht Anm. d. Red) ist f&#252;r mich ein relativ klares Verh&#228;ltnis.“ Nachdem es offenbar sehr viele Missverst&#228;ndnisse und Konflikte um das Thema (Basis-)Demokratie gab, die nicht zuletzt der politischen Heterogenit&#228;t dieser Bewegung geschuldet waren, ist es erstaunlich, dass sich ein bestimmtes, recht diffuses Konzept so durchsetzen konnte, dass damit so produktiv &#252;ber einen l&#228;ngeren Zeitraum gearbeitet werden konnte. Lisa: „Besonders faszinierend finde ich halt, dass Menschen, die sich noch nie mit basisdemokratischer Entscheidungsfindung auseinandergesetzt haben, hier pl&#246;tzlich basisdemokratisch handeln und zum Teil hab’ ich auch das Gef&#252;hl, dass das auch von einem Impuls ausgeht und nicht unbedingt von einem theoretischen Hintergrund. Und das ist das, was, glaub’ ich, niemand so erwartet h&#228;tte, dass das so weit aufgenommen wird. Demokratie in dem Sinne, wie dieses System laufen sollte und zum Teil auch immer noch l&#228;uft mit diesem ‚alle Macht den Arbeitsgruppen!’“ An dieser Form der Entscheidungsfindung wurde allerdings bem&#228;ngelt, dass, wie Sebastian sagt „bei manchen Plena gewisse wichtige Themen nur zur H&#228;lfte behandelt wurden, aber gewisse Themen, die eigentlich unn&#246;tig sind, sich gleichzeitig endlos gezogen haben. Also so Sachen, dass Leute abstimmen mussten, ob man jetzt zehn Packungen Schei&#223;hauspapier einkauft“. Auch Reza kritisiert, „dass Leute, die berufst&#228;tig sind, oder bei denen ein Stipendium auf dem Spiel steht, die Kinder haben oder andere Pflichten, dass diese Leute dann eben von so Entscheidungsfindungen komplett ausgeklammert werden“. Trotz dieser Einw&#228;nde wurde &#252;ber Monate hinweg nach diesem Prinzip gearbeitet. Dies scheint einen tiefen Eindruck bei den Beteiligten hinterlassen zu haben. So ist diese Organisationsform f&#252;r Sarah ein wichtiger Faktor f&#252;r die St&#228;rke der Bewegung: „Also, es dauert halt alles immer ein bisschen l&#228;nger, &#252;ber irgendwas zu diskutieren oder Entscheidungen zu treffen. Aber es funktioniert gut. Und dieses Basisdemokratische ist auch genau der Grund, warum das schon so lange geht und warum so viele Menschen mittun … weil dann auch jeder einzelne irgendwie selbst Verantwortung zeigen muss oder auch zeigen kann, ja, und auch irgendwie das Gef&#252;hl kriegt, auch was Wichtiges beizutragen.“</p>
<p class="MsoNormal">Felix von den Squatting Teachers stellt das auch in einen l&#228;ngerfristigen Zusammenhang politischen Arbeitens: „Einerseits versteh’ ich FreundInnen, die nach stundenlangen AGs entnervt wegen der basisdemokratischen Entscheidungsfindung die Gruppe verlassen haben, aber es hat sich gezeigt, dass tats&#228;chliche politische Praxis viel mehr ist als nur clevere politische Positionen zu entwickeln… Die Frage, wie geht man mit Leuten weiter, mit denen man was tun will, die aber andere Positionen haben. Das sind Skills, die total wichtig sind, mit denen man sich auseinandersetzen muss. So gesehen sind die m&#252;hseligen Plena eine wichtige Erfahrung, obwohl es viel Energie geraubt hat. Das nehm’ ich auf jeden Fall als Frage mit.“</p>
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<p class="MsoNormal"><strong>„Und jetzt fangen wir an, Bedingungen zu stellen!“</strong></p>
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<p class="MsoNormal">Das Thema Demokratie war aber nicht die einzig umstrittene Frage innerhalb der Bewegung. Wir haben nach wich tigen Debatten und umk&#228;mpften Fragen im und rund um das Audimax gefragt und versucht, hier die wichtigsten Konfliktlinien herauszuarbeiten. Da w&#228;re zun&#228;chst einmal die Frage der Strategie. F&#252;r Anna ist das die Frage: „… wie unterschiedlich die Haltung zu Verhandlungen ist. Wie konstruktiv man ist. Wobei das vielleicht auch keine direkten Unterschiede sind, sondern eine Frage des Ma&#223;es, weil viele sagen: Okay, die Angebote, die wir bis jetzt bekommen haben, sind so l&#228;cherlich, dass wir &#252;berhaupt nicht auf sie eingehen. Das kann auch konstruktiv sein, wenn es hei&#223;t, wir warten auf was Besseres. Viele sagen aber wieder, das ist unkonstruktiv und wir m&#252;ssen gleich verhandeln.“ Oder f&#252;r Sarah, die sich Gedanken dar&#252;ber macht, ob die Form der Besetzung eine gute Protestform darstellt: „Also, mit der Besetzung sind ja viele nicht einverstanden. Oder viele, wei&#223; ich gar nicht, aber zumindest gibt es eine <em>Facebook</em>-Gruppe namens „Studieren statt blockieren“ wo mittlerweile 25.000 Fans dabei sind und das sind halt die, die sagen, sie finden das nicht okay, wie das abl&#228;uft, weil eben H&#246;rs&#228;le besetzt werden und dass das halt nicht okay ist … Ich denke mir, es w&#228;re anders nicht gegangen, also gerade die Besetzung hat eben so eine mediale Aufmerksamkeit auf sich gezogen und dadurch ist das ja alles ins Rollen gekommen, anders w&#228;re das gar nicht gegangen, ist meine Meinung.“ Oguz von der AG MigrantInnen und ArbeiterInnen ist dagegen der Meinung, dass sich jegliche z&#246;gerliche Haltung vollkommen er&#252;brigt „N&#246;! Wir sind hier die Streikenden und streiken eben genau dagegen, dass uns der b&#252;rgerliche Staat die Bedingungen stellt. Und jetzt fangen wir an, Bedingungen zu stellen!“ Das sind Debatten zum Thema: Wie erreichen wir unsere Ziele? Die h&#228;ngen aber nicht zuletzt mit den inhaltlichen Fragen, wie weit unsere Ziele denn gefasst sind, zusammen. Dazu meint Felix von den Squatting Teachers: „Ja, die PragmatikerInnen haben gemeint, die gesamtgesellschaftliche Haltung schadet der Bewegung, weil sie ablenkt von konkreten Forderungen, also ‚nicht &#252;ber Kapitalismus reden, sondern &#252;ber Studienbedingungen’. Die Radikaleren, die ich auch als die Vern&#252;nftigeren sehen w&#252;rde, meinen dann eher: ‚Ohne gesellschaftliche Einbettung wird man nicht sehr weit kommen’, weil dann besteht die Gefahr von kleinen Zugest&#228;ndnissen, die im Endeffekt nicht viel ver&#228;ndern. Zum Beispiel die Reihe von Solidarisierungen: Dass sich bis zum Rektorenchef Badelt alle solidarisch erkl&#228;ren k&#246;nnen, h&#228;ngt an der Forderung, dass die Unis mehr Geld brauchen, ohne im gleichen Atemzug die Demokratisierung zu erw&#228;hnen! Also man muss das einbetten, damit es eben nicht zu so einer Vereinnahmung durch diese Leute kommt!“ Andere hingegen standen der Frage der inhaltlichen Ausweitung mit gr&#246;&#223;erer Skepsis gegen&#252;ber. Andreas, der ein Theaterst&#252;ck &#252;ber Leistungsdruck an der Uni geschrieben hat, &#252;berlegt sich dazu Folgendes: „Ja und dann hab’ ich den Eindruck, ist die Bildungsdiskussion zur gesellschaftspolitischen Diskussion geworden. Was seine Berechtigung hat, was aber dann schnell ausufern kann. Solidarisierungen mit verschiedenen Gruppierungen haben ihre Berechtigung, wenn’s um den Kampf um Freiheiten geht. Aber das kann man dann ganz schwer konkret festmachen. Wenn jetzt die Metaller streiken, dann geht’s da um Lohnerh&#246;hungen, inwiefern das jetzt mit dem Unisystem in &#214;sterreich zu verbinden ist, ist nicht ganz so leicht zu denken. Dieses gesellschaftspolitische Ding ist ganz schnell ausgeufert, auch mit ganz klaren ideologischen Aussagen. Nat&#252;rlich, das Bildungssystem steht in einem kapitalistischen Zusammenhang, wir sind in einer Welt, die &#246;konomisch funktioniert, … ja, um die Bildung reformieren, braucht’s aber nicht notwendigerweise einen Sturz vom Wirtschaftssystem. Also ich find’ das sehr heterogen, die ganze Debatte. Aber sie ist ein Zeichen, und grad weil auch Kinderg&#228;rtnerInnen, Metaller und andere Gruppierungen sich im Zuge dessen auch wieder zu Wort gemeldet haben, glaub’ ich, dass sehr viel Wut vorhanden ist in den Menschen. Dass sehr viel nicht stimmt.“ Die Debatte um die Einbeziehung gesellschaftspolitischer Themen ist nicht nur eine um AkteurInnen, sondern eine, die sich &#252;ber die Zeit ver&#228;ndert hat, meint Lisa: „Ich glaub’, dass diese zentralen Debatten und Diskussionen sich ganz stark ver&#228;ndert haben w&#228;hrend den letzten Wochen. W&#228;hrend am Anfang schon ganz stark die Sachen im Vordergrund standen, die sich wirklich mit dem Bildungsthema in allererster Linie besch&#228;ftigt haben, kommen jetzt – glaub’ ich – auch gesamtgesellschaftliche Fragen in die Debatten.“ Auch Sebastian, Lehrling und bei der <em>Sozialistischen Jugend</em> aktiv, stellt die Frage, „ob die Bewegung denn jetzt links ist?“ – und genau das wird in den skizzierten Debatten verhandelt</p>
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<p class="MsoNormal"><strong>„Antisexismus muss ein Prinzip sein!“</strong></p>
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<p class="MsoNormal">Der Umgang mit Geschlechterverh&#228;ltnissen stellte ein wichtiges Thema innerhalb der Bewegung dar. Nicht zuletzt spiegelten diese sowohl die gegebenen Machtverh&#228;ltnisse im universit&#228;ren Feld, als auch die Pr&#228;senz feministischer Positionen auf den jeweiligen Universit&#228;ten wider. So beschreibt Michael den Protest an der TU als „stark m&#228;nnlich dominiert“, w&#228;hrend Sarah die Beteiligung von Studentinnen und Studenten an der Bewegung an der Hauptuni als „ausgeglichen“ empfindet. Dass dies jedoch nicht nur ein Abbild der bestehenden Verh&#228;ltnisse darstellt, zeigen die harten Debatten um das Thema Anti-Sexismus und Feminismus im und um das Audimax. So meint etwa Oguz: „Dass es Sexismus in der Bewegung gibt, braucht ja auch keine gro&#223;e logische Ableitung. Es ist offensichtlich, wenn die Gruppe [AG Frauen*Lesben*] vorne steht und meint, wir wollen eine Frauen-Quote von 50% und dann gibts zwei Wochen Diskussion&#8230; auf Facebook gab’s dann so Sachen zu lesen wie ‚Lesben-Nazis‘ und sowas &#8230; das ist totaler Schwachsinn! Das ist der objektive Beweis, dass es Sexismus gibt.“ Auch Reza ist „schockiert, weil vermeintlich aufgekl&#228;rte, gebildete, kritische Menschen im Plenum sitzen und trotzdem Wortmeldungen von feministischen Frauen mit Buh-Rufen und sexistischen Meldungen quittiert worden sind. Es hat auch &#220;bergriffe gegeben, gegen die nicht mit der notwendigen Vehemenz vorgegangen wurde.“ In den ersten Wochen wurden Sexismen und &#220;bergriffe vor allem von der AG Frauen*Lesben* aufgegriffen, politisiert und im Laufe der Bewegung daf&#252;r auch immer wieder vehement Raum eingefordert. Die Art und Weise, wie dies geschehen ist, war – auch unter FeministInnen – umstritten. So meint etwa Anna, dass „das am Anfang echt brutal gebracht worden ist&#8230; Ich glaube, das hat auch einen echten Diskurs dar&#252;ber verhindert“. Felix dagegen ist der Ansicht, dass „das total wichtig war, dass es diese Gruppen gab und dass die auch nach au&#223;en feministische Forderungen eingefordert haben, zu sagen: diese Bewegung ist entweder feministisch oder nicht links. … Da muss man sehen, dass es Leute gibt, die feministische Positionen auf diese Art und Weise einbringen und die sind auch Teil der Bewegung. Ich kann dieser Radikalit&#228;t auch was abgewinnen, diesem Nichtdiskutieren- Wollen&#8230; aber ich versteh’ diese Kritik.“ F&#252;r Lisa sind feministische Positionierungen auch Grundvoraussetzung f&#252;r das Funktionieren einer emanzipatorischen (Basis-)Demokratie: „Da ist halt die Unterscheidung zwischen Prinzip und Forderung, die ganz wichtig ist. Es ist etwas, was ich immer wieder wiederhol’: Antisexismus, Antirassismus <em>muss ein Prinzip sein</em>, es kann keine Forderung sein.“</p>
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<p class="MsoNormal"><strong>„Alle Forderungen sind umk&#228;mpft“</strong></p>
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<p class="MsoNormal">Apropos Forderungen: Gefragt nach den f&#252;r sie pers&#246;nlich wichtigsten Forderungen wurden von den Interviewten h&#246;chst unterschiedliche Priorit&#228;ten gesetzt. Einige hatten sehr konkrete Vorstellungen. So forderte Michael „mehr als zwei Prozent des BIP f&#252;r Bildung“ und Andreas „dass es statt Erweiterungscurricula<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> freie Wahlf&#228;cher, und statt STEPs<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> freie Module“ geben m&#252;sse. Viele pers&#246;nliche Forderungen bezogen sich auf „ein gesellschaftliches Umdenken in Bezug auf Bildung“. Sebastian: „Bildung ist ein Menschenrecht und ein Menschenrecht darf nix kosten“. Gio betont „die soziale Gerechtigkeit im Bildungssystem, dass keiner bevorzugt wird, egal welcher ethnischen Herkunft“. Anna ist vor allem gegen „diese Kommerzialisierung, diese &#220;berschreibung durch wirtschaftliche Interessen“, denn „das ist ein allgemeiner Trend und gerade bei Unis ist der sehr gef&#228;hrlich. Ich denke, dass es seit es Universit&#228;ten gibt, keine derartige zweckgebundene Bildung gab“. Dar&#252;ber hinaus fordert Felix eine „gesamtgesellschaftliche Debatte“ ein und Lisa setzt darauf, „dass sich hier eine emanzipatorische Bewegung entwickelt … die sich als internationale emanzipatorische Bewegung versteht.“ Die Forderungen waren st&#228;ndig in Entwicklung begriffen. Auf die Nachfrage, welche denn die umstrittensten waren, rekapitulierte beispielsweise Michael von der TU Wien: „Die umk&#228;mpftesten Forderungen waren… es waren alle Forderungen umk&#228;mpft und sie sind umk&#228;mpft – das ist eine unglaubliche St&#228;rke.“ Selbst &#252;ber Studiengeb&#252;hren, deren Abschaffung lange Zeit als einziges hochschulpolitisches Ziel pr&#228;sent war, und &#252;ber die f&#252;r Lisa „ein gemeinsamer Konsens“ besteht, wurde wieder diskutiert. Beispielsweise meint Michael von der TU: „Also es hat mich pers&#246;nlich erstaunt, dass teilweise gleich in der ersten Diskussionsrunde &#252;ber die Forderungen die Frage der Studiengeb&#252;hren wieder aufgeworfen wurde und ein gewisser Anteil von Personen, die sich an dieser Diskussionsrunde beteiligt haben, gemeint haben, wir brauchen Studiengeb&#252;hren in der H&#246;he von 30.000 Euro, die dann irgendwie wieder &#252;ber Sozialstaffelungen den sozial Bed&#252;rftigen r&#252;ckerstattet werden.“ In diesem Kontext war die gemeinsame Forderung nach freier Bildung erneut mit Inhalt zu f&#252;llen. Sarah: „F&#252;r mich ist freie Bildung am wichtigsten. Also, freie Bildung hei&#223;t f&#252;r mich, dass sich jeder bilden kann, in dem Bereich, der ihn interessiert und das hei&#223;t auch, dass eben Themenvielfalt herrscht. Also, das hei&#223;t auch, dass ich mir aussuchen kann bis zu einem gewissen Grad, was, welche F&#228;cher mag ich jetzt machen, welche mag ich nicht machen, also das finde ich wichtig. Ja, freie Bildung und auch Forschung nat&#252;rlich.“ Eine weitere Debatte betraf die Einsch&#228;tzung des Bologna- Prozesses. Dazu meint Gio aus der AG Abendgestaltung, dass „sich die meisten ja doch nicht so gut auskennen damit, ob man den ganz abschaffen soll oder ob man den bearbeiten soll.“</p>
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<p class="MsoNormal">Eine Frage, die sehr fr&#252;h auftauchte, war die der Solidarisierung oder Vernetzung mit anderen politischen K&#228;mpfen, die M&#246;glichkeiten und Chancen der Ausweitung der Proteste auf andere Teile der Gesellschaft, wobei neben den Sch&#252;lerInnen drei Gruppen ins Auge fielen: Zum einen die Gewerkschaften Metall-Textil-Nahrung sowie Druck-Journalismus- Papier, die sich im Herbst in teils ungewohnt harten Kollektivvertragsverhandlungen befanden. Zum anderen die Kindergartenp&#228;dagogInnen, „die eigenst&#228;ndig Demonstrationen auf die Beine gestellt haben, die auch recht gro&#223; waren, die recht k&#228;mpferisch waren und es gab’ auch eine gemeinsame Aktion“. Mit der Zeit wurde die „Bildungsbewegung“ auch von einer anderen Thematik eingeholt: Eine immer gr&#246;&#223;ere Zahl von Obdachlosen suchte und fand Unterschlupf im Audimax. In Folge enstanden einige Aktionen mit den Obdachlosen und gemeinsame Demonstrationen fanden statt. Anna findet es „cool, dass sich das so mit der Obdachlosen-Frage verbunden hat: die sind jetzt da, die kennen wir, die sehen wir jeden Tag. Das ist jetzt auf jeden Fall ein Teil der Bewegung, weil da sieht man, was mit freien R&#228;umen passiert… Dass, wenn man – wie hier – mal einen Raum ge&#246;ffnet hat, auch Leute kommen, die hier schlafen wollen, verweist auf ein gro&#223;es gesellschaftliches Problem. Das ist auch zu unserem Thema geworden.“ Ihre allgemeine Einsch&#228;tzung bez&#252;glich einer Ausweitung der Bewegung formuliert sie folgenderma&#223;en: „Ich glaube, wir kommen nicht direkt zu den ArbeiterInnen, aber &#252;ber diese ganzen Verbindungen – Schule, Kindergarten, Prekarit&#228;t des Mittelbaus… – das h&#228;ngt alles schon sehr zusammen… und so kann das Ganze schon sehr gro&#223; werden, wenn man es wirklich in den Kontexten sieht.“</p>
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<p class="MsoNormal"><strong>„Schei&#223;e, das geht echt!“</strong></p>
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<p class="MsoNormal">Die wohl gr&#246;&#223;ten – und wohl nicht zuf&#228;lligen – inhaltlichen &#220;bereinstimmungen in den Antworten gab es auf die Frage, was denn als Erfolg der Proteste bezeichnet werden k&#246;nnte. So wurde zum einen noch einmal explizit auf die Erf&#252;llung der konkreten Forderungen verwiesen, denn – wie es Anna formuliert – „die bleiben ja auch… Mir fallen jetzt nach und nach weitere Forderungen ein, weil ich mir vorher ja nie so wirklich gedacht hab: was st&#246;rt mich denn eigentlich wirklich?“ So meint auch Felix von den <em>Squatting Teachers</em> mit dem Hinweis, dass dieses Thema in den letzten Wochen nicht zuletzt viele „Bier-Runden“ besch&#228;ftigt hat: „Auch wenn ich das nicht darauf reduzieren m&#246;chte, f&#228;nde ich’s gut, wenn diese unseligen STEPs abgeschafft werden und von offizieller Seite eingestanden wird: Das war ein Fehler! Die Studis haben das abgeschafft! Dann g&#228;b’s noch mehr: Demokratisierung, mehr Ressourcen, weg von dieser Prekarisierung, der Uni als prek&#228;rem Arbeitsort. Da sollten wir hin.“ Zum anderen wurden die Proteste selbst als Erfolg hervorgehoben – ihre konkrete Ausgestaltung und Organisation, sowie ihre breitere Resonanz und ihre Bedeutung als Bezugspunkt und Identifikationsmoment f&#252;r zuk&#252;nftige emanzipatorische Projekte wurden betont. In diesem Sinne meint auch Felix, dass „schon viel geschafft wurde: Die Debatten sind schon ein Sieg. Was wird &#246;ffentlich diskutiert&#8230; im Vergleich zu ein paar Wochen vorher! Bis in die Wohnzimmer ist das ein Thema! Auch Studierende k&#246;nnen mit ihren Eltern anders reden, weil sie ein back-up haben, daf&#252;r dass sie Orchideen-F&#228;cher studieren. Also dass diesem schleichendem &#220;bernehmen von so neoliberalen Ideen schon was entgegengesetzt wird. Das ist gut als Kontext f&#252;r Dinge, die jetzt noch passieren werden und passieren… Man wei&#223; einfach nicht, wohin sich das ver&#228;stelt und was da noch passieren kann&#8230; Ich glaub’, diese Proteste haben eine Generation von Studierenden geschaffen, die dadurch ein bisschen problematischer sind f&#252;r die Welt, als sie es w&#228;ren, wenn es das nicht gegeben h&#228;tte. So ist zum Beispiel das wahre Problem mit dem bedingungslosen Grundeinkommen nicht, dass die Leute aufh&#246;ren werden zu arbeiten. Sondern das, wovor die da oben wirklich Angst haben m&#252;ssen, ist: Was werden die Leute in ihrer Freizeit tun, was f&#252;r emanzipative Prozesse werden sich da entwickeln. Ich glaub’, das hat diese Bewegung diesen Leuten schon klar gemacht, dass sie irrsinnig viel auf die Beine stellen k&#246;nnen. Ich glaub’, dass das viele Leute &#252;berrascht hat, was sie selber eigentlich k&#246;nnen, wenn sie mal nicht nur Tests bestehen und Deadlines einhalten m&#252;ssen, sondern wenn es ihnen &#252;berlassen wird. Insofern bin ich auch der Meinung, dass da wirklich ganz viel passiert ist! … Man hat eine neue Situation und von dort wird dann weiter gearbeitet. Alles andere w&#228;re eine falsche Sicht auf politische Praxis.“ Auch Anna formuliert dies mit dem Hinweis auf die konkrete Arbeitsweise im Zuge der Proteste: „Ich sehe es schon als Erfolg, dass hier irrsinnig stark vernetzt wurde zwischen Leuten, die was machen. … Ich denke, die Leute, die jetzt so viel da waren, da kann ich mir nicht vorstellen, dass sich das jetzt einfach so aufl&#246;st. Das ist so eine Schicksalsgemeinschaft geworden, wir haben alle Krisen gemeinsam erlebt… also da bleibt sicher eine Art Netzwerk. Auch eine starke Politisierung … Dass sich die Leute auch mit dem Uni-Gesetz auseinandergesetzt haben. Ich erwarte mir auch eine andere Einstellung zur Raum-Nutzung. Also so das ‚wir bleiben jetzt einfach mal da und machen‘. Und zu merken: Wir k&#246;nnen wirklich! Wir haben irrsinnig viel aufgebaut und gelernt: konkrete Presse-Arbeit oder die Betreuung der Homepage. … Das sind Sachen, wo du dir denkst, ‚schei&#223;e, das geht echt. Wir k&#246;nnen was auf die Beine stellen‘, dieses Empowerment.“ Schlie&#223;ich verweist Oguz von der AG MigrantInnen und ArbeiterInnen auch darauf, dass es ein Erfolg w&#228;re, „wenn man f&#252;r den Bologna-Gipfel im M&#228;rz nochmal was &#228;hnliches machen k&#246;nnte.“ Eben diese Aspekte der erfolgreichen politischen Mobilisierung sowie der Selbstorganisation werden wiederum zum Thema, als wir nach den beeindruckendsten Erfahrungen fragen. So nennt hier Michael von der TU nicht als einziger die gro&#223;en Demonstrationen. „Weil einfach … man sitzt irgendwo in einem K&#228;mmerchen, arbeitet die ganze Zeit darauf hin, man telefoniert raus, mit irgendwelchen Personen und versucht zu mobilisieren und dann geht man raus auf die Stra&#223;e und pl&#246;tzlich hat man da tausendeMenschen. Also mich hat das … ich hab jedes Mal einen Schauder bekommen, wie ich die ganzen Menschen gesehen hab, beziehungsweise wie ich gesehen hab, wer aller mitgeht bei dem Demozug. Und das finde ich &#8230; Also es sind immer so … so kleine Punkte die mich riesig freuen.“ Schlie&#223;lich f&#252;gt er noch das „ordentlich Feiern“ dazu „… weil man sich einfach auch belohnen muss“ und nennt damit wohl einen Punkt, dem die meisten Beteiligten ebenfalls keinen geringen Stellenwert zukommen lassen w&#252;rden. Reza bezieht sich wiederum auf die Stimmung und die konkrete Selbstorganisation (nicht nur) im Audimax: „Am beindruckendsten war sicher die erste Zeit, der erste Tag im Audimax, im besetzten, wo’s &#252;berall herumgewurlt hat und wo im verschlafen &#214;sterreich endlich wieder die Lust an politischer Aktivit&#228;t an den Leuten zu sp&#252;ren war &#8230; Auch der Punkt, dass ganz viele Leute eben ganz viel Energie und ganz viel Arbeit auch in die Sache gesteckt haben: Das Klo geputzt haben, die VoK&#252; am Leben erhalten haben. Was eben auch zeigt, dass Arbeit an sich eben nicht oasch sein muss und dass das abh&#228;ngig ist, eben von ganz konkreten Umst&#228;nden und man das Gef&#252;hl hat, dass man das in einem Kontext macht, wo’s sinnvoll ist. Kloputzen f&#252;r politische MitstreiterInnen macht halt viel mehr Spa&#223; als Kloputzen f&#252;r irgendwelche Oaschl&#246;cher, die die Arbeit &#252;berhaupt nicht sch&#228;tzen, also Lohnarbeit.“</p>
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<p class="MsoNormal"><strong>„Die Welt, wie sie aussehen k&#246;nnte“</strong></p>
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<p class="MsoNormal">Schlie&#223;lich haben wir danach gefragt, was von diesen Protesten mitgenommen wird und ob bzw. was sich im Bezug auf das politische (Selbst-)Verst&#228;ndnis ge&#228;ndert hat. Ein wichtiger Begriff dabei war zum ersten schlichtweg „Mut“, wie es Sarah vom Psychologie-Institut mit den Worten auf den Punkt bringt: „Ja, irgendwie … mehr Mut habe ich wahrscheinlich, ja, ich habe auch mehr Mut gelernt.“ Auch Andreas von der Theater-AG betont dies im Kontext der gemeinsamen Arbeit: „Ja, wenn man was machen will, dann kann man auch was machen. Man muss sich nur auf die F&#252;&#223;e stellen. Man kann Leute finden, die einem helfen… Es hat Mut gemacht, diese drei Wochen, dass man sich selbst fragt, wo steht man und wenn man sich positioniert hat, dann kann man das auch &#228;u&#223;ern.“ Einen Aspekt, den Gio schlichtweg mit „Selbstorganisierung, halt“ kommentiert. Des Weiteren wird hier der Umstand genannt, dass wohl die Wenigsten mit den Protesten in dieser Form und diesem Ausma&#223; gerechnet hatten. So formuliert es etwa Michael, wenn er erkl&#228;rt, dass er sich davor zwar auch als politischen Menschen gesehen und immer wieder die Diskussion gesucht hat, „aber ich hab’ nie geglaubt, dass ich etwas ver&#228;ndern kann. Durch die Proteste hab’ ich gelernt, dass es m&#246;glich ist als einzelne Person im Rahmen von etwas gr&#246;&#223;erem etwas zu schaffen.“ Auch Lisa res&#252;miert vor dem Hintergrund ihrer Erfahrung als politische Aktivistin: „Erwarte das Unerwartete! Glaub’ nie, dass du irgendwie sicher sein kannst, selbst wenn du deine tausend Theorien im Kopf hast, tausend Plena die Woche, selbst wenn du dir denkst ‚hmm, hmm, passiert nix‘… gib nicht auf!“ Dass diese Erfahrung nicht zuletzt auch einen wichtigen Impuls f&#252;r zuk&#252;nftige Projekte und Bewegungen darstellt, betont Sebastian: „Ich glaube, die Linke an sich wird in &#214;sterreich nachher nicht mehr dieselbe sein, die sie davor war.“ Schlie&#223;lich fasst Felix die breit geteilte Euphorie in Worte: „Das zu sehen, dass da so ein ‚Staat im Staat‘ errichtet wurde von den Studierenden. Dass es Tage gab, wo es am Abend sieben Arbeitsgruppen mehr gab als in der Fr&#252;h und da wirklich viel passiert ist. Auch die Basisdemokratie, dass es Gruppen gab, die das wirklich zu einem emanzipatorischen Projekt gemacht haben. Es war toll, diese Vielf&#228;ltigkeit von politischer Praxis mitzuerleben: also vom theoretischen &#220;berlegen, was hat Bologna mit Rassismus zu tun; danach in einem zugigen, kalten H&#246;rsaal sich einen Vortrag &#252;ber Popkultur anh&#246;ren und dann sich zu &#252;berlegen, wie bastelt man eigentlich ein Transparent, ohne dass es durchh&#228;ngt. Da gab’s Tage, wo ich mir dachte: okay, so k&#246;nnte die Welt also aussehen!“</p>
<p class="MsoNormal"><strong>Anmerkungen</strong></p>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Alle Namen von der Redaktion ge&#228;ndert.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Modular aufgebaute Wahlfachk&#246;rbe, die im Gegensatz zu dem alten Konzept der (freien) Wahlf&#228;cher viel weniger Gestaltungsfreiraum lassen<br />
(Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Steps sind strukturierte Eingangsphasen, &#252;ber die (versteckte) Zugangsbeschr&#228;nkungen exekutiert werden (Anm. d. Red.).</p>
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