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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Ungarn</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Angriff auf ungarische Gay Pride Parade</title>
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		<pubDate>Thu, 28 Jul 2011 15:08:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Antifaschismus]]></category>
		<category><![CDATA[LGBT]]></category>
		<category><![CDATA[Ungarn]]></category>

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		<description><![CDATA[Auf der diesj&#228;hrigen Gay and Lesbian Pride Parade in Budapest kam es zu Angriffen durch ungarische FaschistInnen auf AktivistInnen – die dann auch noch von Faschos angezeigt wurden. Perspektiven sprach mit Rainer, Aktivist und einer der Angezeigten, &#252;ber die Parade und die Vorf&#228;lle danach.

Perspektiven: Du warst bei der Parade in Budapest und Ziel des Angriffs der FaschistInnen. Kannst du uns [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Auf der diesj&#228;hrigen Gay and Lesbian Pride Parade in Budapest kam es zu Angriffen durch ungarische FaschistInnen auf AktivistInnen – die dann auch noch von Faschos angezeigt wurden. Perspektiven sprach mit Rainer, Aktivist und einer der Angezeigten, &#252;ber die Parade und die Vorf&#228;lle danach.<br />
<span id="more-2013"></span></p>
<p><em>Perspektiven: Du warst bei der Parade in Budapest und Ziel des Angriffs der FaschistInnen. Kannst du uns die Ereignisse schildern?</em></p>
<p><em>Rainer: </em>Aus Wien war ein Bus in Budapest, der von dem B&#252;ndnis radical queer organisiert und von der &#214;H finanziert worden ist. Der Bus war ausgebucht, rund 50 Menschen sind gemeinsam auf die Parade gefahren. Die Parade selbst war wie schon letztes Jahr relativ bunt und vielf&#228;ltig und auch international gut besucht. Im Gegensatz zu letztem Jahr, wo ich auch teilgenommen habe, hat die Paraderoute dieses Jahr bis zum Schluss funktioniert. Letztes Jahr musste sie in der Mitte abgebrochen werden, weil eine Fascho-Demo die Route blockiert hatte und die Polizei gemeint hat, sie k&#246;nne nicht mehr f&#252;r Sicherheit sorgen. Die Faschos haben heuer wieder versucht zu blockieren, aber die Parade ist um die Faschos herum geleitet worden. Deshalb waren die Faschos relativ weit weg und nur in Sicht-, aber nicht in Steinwurfreichweite. Genau wie letztes Jahr waren wir diesmal wieder durch hohe Z&#228;une von den Faschos getrennt. Man konnte die Faschos die ganze Paradenroute lang sehen, mit einschl&#228;gigen Zeichen wie dem deutschen Gru&#223; und Sieg Heil Rufen, aber auch Gesten, die das Durchschneiden der Gurgel andeuteten. Manche hatten Schilder, auf denen der rosa Winkel abgebildet war und eine Schlinge mit dem Spruch „So geh&#246;rt mit Schwulen umgegangen!“, also einer klaren Mordaufforderung.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Sie haben auch lauthals homophobe und antisemitische Spr&#252;che skandiert, aber insgesamt war die Parade lauter, weil die Faschos doch recht weit weg waren. Die Parade hat vor dem Parlament geendet. Allerdings nur in Sichtweite, direkt davor wurde nicht genehmigt. Generell war es so, dass die Parade eigentlich untersagt wurde und erst rechtlich durchgefochten werden musste. Der oberste Gerichtshof hat schlie&#223;lich der Parade rechtgegeben, dass sie stattfinden und in Sichtweite des Parlaments enden darf. Dort fand dann auch die Abschlusskundgebung statt. Wahrscheinlich spielte bei dieser Entscheidung auch eine Rolle, dass Ungarn zu dieser Zeit die EU-Ratspr&#228;sidentschaft inne hatte. Nach der Kundgebung haben wir zun&#228;chst innerhalb der Polizeiabsperrung auf unseren Bus gewartet, um einen Zusammensto&#223; mit Faschogruppen zu vermeiden. Die Leute aus Wien sind dann geschlossen zum Bus gegangen. Ein Teil von uns war schon im Bus als der etwas langsamere Teil ca. 20 Meter dahinter angegriffen wurde. Zwei Frauen haben die AktivistInnen mit Reizgas attackiert, das extrem gestunken hat. Ich habe sp&#228;ter im Bus gesehen, wie Leute, die das auf die Haut bekommen hatten, rote und entz&#252;ndete Stellen bekamen. </p>
<p><em>Waren die zwei Angreiferinnen allein?</em></p>
<p>Die zwei waren zuerst alleine und zun&#228;chst nicht als Faschos erkennbar. Sie hatten keine einschl&#228;gigen T-Shirts an oder &#228;hnliches. Bei den Frauen war aber von Beginn an ein Journalist dabei, von dem wir jetzt wissen, dass es ein Jobbik<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>-naher Journalist ist. Dieser hat die ganze Zeit fotografiert und gemeinsam mit den zwei Frauen die ganze Aktion gestartet, um an coole Fotos zu kommen. Sp&#228;ter haben wir erfahren, dass das eine Taktik von Jobbik ist, die sie &#246;fter fahren. Sie inszenieren bei linken oder eben schwul/lesbischen Paraden solche Angriffe, um sich sp&#228;ter selbst als Opfer darzustellen. Wir haben dann versucht mit Schirmen die Angriffe abzuwehren. Es war auch nicht so tragisch, aber auf einmal ist noch eine Gruppe junger M&#228;nnern im Laufschritt aus einer Seitenstra&#223;e dazu gesto&#223;en. Es waren ca. zehn Leute und doch mehr Schl&#228;gertypen. Ab da ist es sehr chaotisch geworden. Die H&#228;lfte von uns war noch drau&#223;en und die andere im Bus. Es hat einen kleinen Tumult gegeben, wobei die Faschos auch handgreiflich geworden sind. W&#228;hrend dieser Handgreiflichkeiten – die etwa eine Minute gedauert haben –  war dann auch schon die Polizei da, weil die ja eh in der N&#228;he waren, bzw. waren die ganze Zeit schon Polizisten in Zivil um uns herum, wie wir nachher festgestellt haben. Wir sind in den Bus eingestiegen, weil wir einfach wegwollten und auch nicht wussten ob der Gruppe von Faschos weitere folgen w&#252;rden. Die Polizei hat uns dann am Losfahren gehindert und gefragt, ob wir Anzeige erstatten wollen. Niemand wollte das, weil wir einfach wieder nach Wien zur&#252;ck wollten. Schlie&#223;lich zeigte sich, dass wir nur aufgehalten wurden, weil die Faschos eine Anzeige gegen uns erstatten wollten. Mittlerweile sind bei denen weitere Personen dazugesto&#223;en: Die Anw&#228;ltin Andrea Borbély von Jobbik ist sehr schnell dazugekommen und der Jobbik-Parlamentsabgeordnete Gyula Gy&#246;rgy Zagyva, der auch gleich ums Eck war. </p>
<p><em>Waren die auch schon bei der Gegendemonstration?</em></p>
<p>Von der Anw&#228;ltin wissen wir es. Es hat ja schon w&#228;hrend der Parade Angriffe auf einzelne AktivistInnen gegeben. Wir sind sp&#228;ter von einer Aktivistin angeschrieben worden, die uns erz&#228;hlt hat, dass sie auch bei einem &#220;bergriff attackiert wurde, bei dem die Anw&#228;ltin anwesend war. Dort wurde die Aktivistin von Faschos sogar mit einem Messer bedroht. Teilweise waren diese Leute also auch schon bei anderen Angriffen dabei. Jedenfalls hat sich herausgestellt, dass die Faschos Anzeige erstatten wollten. Die Polizei meinte, es w&#252;rde ein „gro&#223;er, junger, blonder Mann mit schwarzer Kleidung“ gesucht werden. Er sollte sich stellen, sonst w&#252;rden von allen Anwesenden die Personalien aufgenommen. Es hat sich nat&#252;rlich kein gro&#223;er, junger, blonder Mann aus dem Bus hinausbewegt und gestellt. Sie wollten dann, dass wir alle aussteigen um die P&#228;sse abzugeben. Die Polizei hat uns dann mit Zwang ger&#228;umt und wir mussten unsere Ausweise abgeben. Die Parade war um sieben Uhr vorbei und kurz danach war auch der Angriff. Das Ganze hat sich bis zehn Uhr hingezogen. Es gab eine Gegen&#252;berstellung. Wir wurden alle einzeln vor den Faschos , die noch da waren, hingestellt und die Faschos konnten sich dann mehr oder weniger die Leute aussuchen, von denen sie behauptet haben, sie h&#228;tten sie angegriffen. Bei der Gegen&#252;berstellung war dann auch nicht mehr von einem gro&#223;en, blonden, jungen Mann die Rede, sondern von zwei Angreifern. Zwei M&#228;nner, trotzdem mussten sich auch alle Frauen aus dem Bus der Reihe nach aufstellen. Die Faschos haben davor alles gefilmt, bei der Gegen&#252;berstellung nur mehr die Polizei. </p>
<p><em>Habt ihr eine Gegenanzeige gemacht?</em></p>
<p>Nein, das wollte vor Ort niemand von uns. Im Nachhinein haben Anw&#228;lte von uns gemeint, das k&#246;nnte man machen, aber niemand von uns wollte das. Ob es besser gewesen w&#228;re, gleich mit einer Anzeige zu drohen, ist schwer zu sagen. Am Anfang haben wir ja geglaubt, dass wir schnell los fahren k&#246;nnen und erst im Laufe des Abends ist klar geworden, dass die uns nicht so schnell weglassen. Der Botschafter von &#214;sterreich ist gekommen und hat uns eine Dolmetscherin zur Verf&#252;gung gestellt. Manche von uns haben aber eh ungarisch gesprochen, bzw. konnten einzelne Polizisten deutsch. Es gab also kein Verst&#228;ndigungsproblem.</p>
<p><em>Wei&#223;t du N&#228;heres &#252;ber die attackierende Gruppe bzw. deren Verbindungen zu Jobbik?</em></p>
<p>Die Faschotypen, die uns angegriffen haben, hatten einschl&#228;gige T-Shirts mit Gro&#223;ungarnabbildungen. Sie waren von einer Faschogruppe die sich 64 Burgkomitate Jugendbewegung nennt. Das ist eine Splittergruppe von Jobbik, bzw. ist auch Teil davon.</p>
<p><em>H&#228;ngen die mit den Ungarischen Garden<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> zusammen?</em></p>
<p>Den genauen Unterschied zu den Garden kenne ich nicht. Der anwesende Parlamentsabgeordnete ist aber Ehrenvorsitzender dieser 64-Burgkomitate-Partie. Die Anw&#228;ltin wiederum verteidigt die ungarischen Garden im neuen Verbotsgesetzverfahren. Die ungarischen Garden wurden ja schon einmal verboten; die haben sich dann als Neue ungarische Garde neu gegr&#252;ndet und meinen jetzt, dass sie nicht mehr verboten sind. Auch auf der Gegendemonstration waren die ungarischen Garden in Uniform, zusammen mit anderen Jobbik-Parlamentsabgeordneten anwesend. Die Gegendemo selbst war von den 64 Burgkomitate organisiert. Die h&#228;ngen also sehr stark zusammen.</p>
<p><a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/07/gegendemo.jpg"><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/07/gegendemo-300x199.jpg" alt="" title="gegendemo" width="300" height="199" class="aligncenter size-medium wp-image-2058" /></a></p>
<p><em>Zwei von Euch wurden dann angezeigt…</em></p>
<p>Genau, zuerst wurden vier aussortiert und dann zwei angezeigt, darunter auch ich. Wir sind ins Gef&#228;ngnis auf die n&#228;chste Polizeiwache &#252;berstellt worden. Auf der Wache wurde uns immer mitgeteilt, wir w&#228;ren nur als Zeugen da und d&#252;rften nicht weggehen. Wir waren auch noch „nur Zeugen“, als wir durch den Innenhof gef&#252;hrt und in einen kleinen Raum mit drei Einzelzellen gebracht wurden. Dann hat es gehei&#223;en, wir m&#252;ssten unsere Schuhb&#228;nder abgeben, unsere Taschen leeren und alles abgeben. Ich habe dann gefragt, ob wir immer noch nur Zeugen sind, weil mir das doch etwas komisch vorgekommen ist. Nach einem Telefonat mit seinem Vorgesetzten hat der Wachbeamte gemeint, nein, jetzt w&#228;ren wir keine Zeugen mehr, ab jetzt w&#228;ren wir Beschuldigte. Dann wurden wir getrennt in die Einzelzellen gef&#252;hrt, damit wir uns nicht absprechen k&#246;nnen.</p>
<p><em>Wie lang wart ihr in den Zellen, wie lang hat das gedauert?</em></p>
<p>Um zw&#246;lf sind wir in die Zellen gekommen und um halb vier, vier sind wir wieder rausgekommen. Wir waren also vier Stunden in den Zellen, dann wurde uns pr&#228;sentiert, was uns eigentlich vorgeworfen wird: &#246;ffentliche Aufhetzung einer gro&#223;en Menschenmenge mit Gewalt. Das ist ungef&#228;hr gleichbedeutend mit Landfriedensbruch, der Vorwurf ist in Ungarn aber noch einmal skurriler. Meine Einvernahme war dann ziemlich kurz, weil ich nur gesagt hab, ich war nix, ich hab nichts gemacht, ich sag jetzt nichts mehr. Wobei mir zu dem Zeitpunkt schon klar war, dass wir rausgelassen werden. </p>
<p><em>Aber die Anzeige steht?</em></p>
<p>Ja, die Anzeige gibt es, die kommt zum Staatsanwalt und der muss entscheiden, ob ein Verfahren eingeleitet wird. </p>
<p><em>Die Ereignisse in Budapest sind ja nicht die ersten &#220;bergriffe von NeofaschistInnen auf GayPride Paraden. Erst kurz davor haben in Split 10.000 Menschen eine Parade angegriffen. Hat das auf der Demonstration selbst eine Rolle gespielt?</em></p>
<p>Die Ereignisse von Split habe ich nur &#252;ber die Medien mitbekommen, und sie waren auch auf der Parade nicht so stark Thema. Ich war aber auch letztes Jahr schon in Budapest und in Bratislava auf der Parade, die auch von Fascho-Gegendemos konfrontiert wurden. Es gibt die Queer- bzw. Regenbogenparade in Ungarn genauso lange wie in Wien, also seit Mitte der Neunziger Jahre. Bis 2007 ist sie ganz normal ohne Komplikationen oder besonderen Polizeischutz abgelaufen. Erst nach den gro&#223;en Krawallen von 2006, als sich die rechtsextreme Szene organisiert hat, wurde die Parade 2007 zum ersten Mal angegriffen und kann nur unter massivem Polizeischutz stattfinden.</p>
<p><em>Aber zumindest seit 2001, als zum ersten Mal 1000 Leute auf die Demonstration mobilisiert werden konnten, hat es schon rechte Gegenmobilisierungen gegeben?</em></p>
<p>Es gab davor schon rechte Gegendemonstrationen. Mit dem Faschoaufschwung 2006 wurden die allerdings wesentlich gr&#246;&#223;er. Es gab Angriffe mit Chemikalien, S&#228;ure, Steinen und Eiern, und besonders 2008 wurde die Pride massiv angegriffen. 2009 wurde auch schon ein gr&#246;&#223;erer Bus aus Wien heftig angegriffen. Die haben es gerade noch in den Bus hinein geschafft, als ein Faschotrupp auf sie zu gerannt ist. </p>
<p><em>Kannst du kurz erkl&#228;ren, wie es zu diesem Aufschwung der Rechten 2006 gekommen ist? Wie h&#228;ngt das mit der allgemeinen Stimmung im Land zusammen?</em></p>
<p>Ausl&#246;ser war damals die Ver&#246;ffentlichung eines Tonbands, auf dem der damalige sozialdemokratische Ministerpr&#228;sident (Ferenc Gyurcsány, Anm.) zugibt, gelogen zu haben. Es folgten monatelange Aufst&#228;nde und Krawalle. Seitdem gibt es eine enorme Rechtswende in Ungarn und einen Aufschwung von Jobbik und deren paramilit&#228;rischer Formation, den „Ungarischen Garden“. Die im Parlament vertretene Jobbik hetzt gegen Minderheiten und eben auch gegen die Parade. Allerdings ist auch die jetzige Regierungspartei Fidesz weit Rechts, was sich in ihrer minderheitenfeindlichen Politik zeigt bzw. in ihrem Umgang mit KritikerInnen. Besonders absurd ist eine bestimmte Auslegung des Paragraphen 174/B, „Gewalt gegen eine Gemeinschaft“, der zun&#228;chst als Minderheitenschutz verabschiedet wurde, nun aber systematisch von rechter Seite genutzt wird. Inszenierte Angriffe wie bei uns werden dann zum Beispiel gegen Roma verwendet, um diese einzusch&#252;chtern.</p>
<p><em>Wie waren vor dem Hintergrund die Reaktionen innerhalb der Bev&#246;lkerung auf die Parade?</em></p>
<p>Das hat mich eher positiv &#252;berrascht. Entlang der Route, gerade dort wo sie durch die Innenstadt umgeleitet wurde, haben viele Leute aus den Fenstern geschaut und das Ganze als Spektakel gesehen. Da haben viel mehr Personen positiv gewirkt und gewunken, als den Finger gezeigt. Allgemein aber sagen die Leute, die dort l&#228;nger gewohnt haben bzw. wohnen, dass es seit 2006 extrem arg geworden ist. Im Rest des Landes soundso, aber eben auch in Budapest. Das betrifft Roma oder auch Schwule/Lesben, die das &#246;ffentlich zeigen und daf&#252;r extrem attackiert werden. Auch viele Juden &#252;berlegen sich, ob sie wegziehen sollen, weil es so schlimm geworden ist.</p>
<p><em>Zur Parade selber, in Wien gibt es oft die Kritik, dass die Regenbogenparade zu wenig politisiert ist. Wie ist die Politisierung innerhalb der Pride in Ungarn? Welches Spektrum an Ansichten und Zielen umfasst das B&#252;ndnis?</em></p>
<p>In Ungarn ist das etwa so wie hier. Es gibt unterschiedliche Fraktionen und Ausrichtungen, die auf so einer Parade mitgehen. In Wien gibt es die linke schwul/lesbische Szene, z.B. um die Rosa Villa, die versuchen zu intervenieren und andere Inhalte reinzubringen; also nicht einfach Homoehe fordern, sondern auch &#252;ber die Gesellschaft reden. In Ungarn hast du das Spektrum genauso, nur unter versch&#228;rften Bedingungen. Das B&#252;ndnis ist sehr gemischt und inhaltlich sehr widerspr&#252;chlich, auch was die politische Ausrichtung betrifft.</p>
<p><em>Inwiefern?</em></p>
<p>Hier ist der Nationalismus in der Gesamtbev&#246;lkerung gr&#246;&#223;er und das spiegelt sich in der Parade wider. Genauso ist die Linke in ganz Ungarn marginalisiert, und auch in der Parade macht sie nicht den gr&#246;&#223;ten Teil aus. Nat&#252;rlich ist das nicht das ganze B&#252;ndnis und es gibt sehr gute Leute drinnen aber eben auch nationalistische. Es gibt Leute im B&#252;ndnis, die nationalistisch, rassistisch drauf sind. Zum Beispiel gab es auf der Parade auch transsexuelle Roma. Auf der After-Party wurden die Roma von den rassistisch eingestellten Teilen rausgeworfen. Dann gibt aber auch Teile, die das definitiv nicht sind und das auch zum Thema machen und dagegen arbeiten wollen. Von daher gibt es auch im B&#252;ndnis in Ungarn selber die Diskussion, inwieweit erw&#252;nscht ist, dass Leute von au&#223;erhalb an der Parade teilnehmen. Man merkt das auch wenn man dort ist und klar ist, dass die Alerta Antifascista-Rufe eher von den Leuten aus Wien und Berlin kommen, als von den UngarInnen. Letztes Jahr hat es einen kleinen Block von ungarischen Anarcho-SyndikalistInnen gegeben, die auch antifaschistische Spr&#252;che drauf gehabt haben. Das sind aber halt die 15, die es in ganz Budapest gibt.</p>
<p><em>Wie ist das Medienecho auf die Parade, und besonders auf die Angriffe der Neofaschisten?</em></p>
<p>Im Vorfeld gab es viele Berichte, weil die Parade zun&#228;chst untersagt wurde und erst sp&#228;ter rechtlich durchgeboxt werden musste. Danach wurde unser Fall relativ intensiv behandelt, zum Beispiel wurde auf dem U-Bahn Infoscreen eingeblendet, dass zwei &#214;sterreicherInnen verhaftet wurden, also eher nicht unter dem Gesichtspunkt der rechten Gewalt. Wir haben versucht, auch mit ungarischen JournalistInnen und b&#252;rgerlichen Medien in Kontakt zu kommen und ihnen Interviews angeboten, aber es gab eher Desinteresse. Die Leute, die in Ungarn gewohnt haben bzw. sich besser auskennen, haben die Einsch&#228;tzung, dass in der Mainstreampresse &#252;ber &#220;bergriffe von Rechten generell kaum berichtet wird. Die wollen das nicht wahrhaben und schweigen das Ganze lieber tot. Wir haben Interviews vor allem mit freien Radios und linken JournalistInnen gef&#252;hrt, soweit das im Zuge des versch&#228;rften Mediengesetzes unter der Regierung Fidesz &#252;berhaupt m&#246;glich ist. Ein Interview haben wir etwa mit Tilos Rádió gef&#252;hrt, das vor einem halben Jahr vom Verbot bedroht war, weil es einen Ice-T Song gespielt hat. Das ist praktisch das einzig freie Radio, in dem unzensuriert oder &#252;berhaupt &#252;ber solche Dinge geredet wird. Alle anderen Radios, sei es halbstaatliche oder private, berichten &#252;ber so etwas nicht, sie trauen sich nicht oder wollen nicht.</p>
<p><em>Gab es Interesse seitens &#246;sterreichischer Medien?</em></p>
<p>Ja, allerdings war es hier in der Medienarbeit oft schwierig, nicht in einen Diskurs &#252;ber unterentwickelte und r&#252;ckst&#228;ndige Osteurop&#228;erInnen rein zu fallen. Beim Schlagwort „Ungarn“ denken sofort alle an Faschismus und meinen, dort g&#228;be es Probleme, die wir „bei uns“ &#252;berhaupt nicht h&#228;tten. Das Interesse in &#214;sterreich spielt sich oft &#252;ber einen komischen Demokratiediskurs ab, bei dem die Ungarn wegen ihrer realsozialistischen Vergangenheit noch immer nicht demokratisch seien, und das mit der Demokratie einfach noch nicht so drau&#223;en h&#228;tten. Gleichzeitig wird wenig dar&#252;ber gesprochen, dass die FP&#214; bei &#252;ber 25% liegt. Das ist auch nicht Nichts. Interessant sind auch die Verbindungen der FP&#214; zu Ungarn und der Jobbik. So hat zum Beispiel der FP&#214;-Nationalratsabgeordnete Johannes H&#252;bner Jobbik auf deren Wahlkampfveranstaltung „viel Gl&#252;ck“ gew&#252;nscht. Gleichzeitig versucht Andreas M&#246;lzer seine rechte Europapartei<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> auch mit Jobbik aufzubauen, wor&#252;ber weniger geredet wird. </p>
<p><em>Wer waren die Leute, die aus &#214;sterreich nach Budapest gefahren sind?</em></p>
<p>Wie gesagt, der Bus wurde von dem Kollektiv radicalqueer organisiert, die in den letzten Jahren auch zum noWKR-Ball mobilisiert haben und auch schon &#246;fter in Budapest auf der Parade waren. Insgesamt waren die TeilnehmerInnen sehr heterogen. Einige JournalistInnen, viele AktivistInnen &#8211; insgesamt ein breites Spektrum. Es waren alle links, aber eben nicht unbedingt aus der gleichen Str&#246;mung. Es sind auch einige Einzelpersonen mitgefahren, die gar niemand gekannt haben. F&#252;r die war die Situation noch schwieriger. W&#228;hrend wir auf der Wache waren, hat der Bus gewartet, weil es immer gehei&#223;en hat, wir kommen vielleicht doch bald frei. Irgendwann sind sie verst&#228;ndlicherweise gefahren, aber davor standen sie vor dem Parlament, wo kurz davor die Gegendemo der FaschistInnen stattgefunden hat, und in der ganzen Stadt waren Faschos unterwegs. Polizei war auch keine mehr unterwegs, bzw. wurde ein Polizeiwagen f&#252;r den Bus abgestellt. Es war also eine ziemlich unangenehme Situation, auf freier Fl&#228;che zu warten und eine relativ gro&#223;e Zielscheibe abzugeben. </p>
<p><em>Wie glaubst du geht das mit der Anklage weiter?</em></p>
<p>Wenn es zum Prozess kommt – das zeigt sich ja erst – dann sehe ich dem eher entspannt entgegen.</p>
<p><em>Wirst du n&#228;chstes Jahr wieder hinfahren?</em></p>
<p>Ja, nat&#252;rlich! Wir lassen uns nicht einsch&#252;chtern und werden n&#228;chstes Jahr doppelt so viele sein. </p>
<p><em>Danke f&#252;r das Interview</em></p>
<p>Weiter Informationen findet Ihr unter<br />
<a href="http://radicalqueer.blogsport.eu">http://radicalqueer.blogsport.eu</a><br />
<a href="http://pusztaranger.wordpress.com">http://pusztaranger.wordpress.com</a></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Siehe http://pusztaranger.wordpress.com/2011/06/20/budapest-pride-2011-jobbik-zeigt-wiener-aktivisten-an/<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Die ungarische Jobbik (Jobbik Magyarországért Mozgalom) ist eine seit 2003 existierende rechtsextreme Partei. Jobbik bedeutet sowohl „die Besseren“ als auch „Die Rechteren“. Vgl. zur Situation in Ungarn: <a href="http://www.perspektiven-online.at/2009/06/13/dreiviertel-faschistisches-klima/">&#8220;Dreiviertel-faschistisches Klima&#8221;</a>, Interview mit Tamás, G.M. in <em>Perspektiven Nr.8</em>.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Die Ungarischen Garden, deren Auftreten stark an die faschistischen Pfeilkreuzler erinnern, bilden den paramilit&#228;rischen Arm der ungarischen NeofaschistInnen.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Andreas M&#246;lzer versucht seit einigen Jahren eine Fraktion rechtsextremer Parteien im Europaparlament aufzubauen. Daran sollen Gruppen wie der holl&#228;ndische Vlaams Belang, der Front National, die Lega Nord u.a. teilnehmen. Erste Versuche eine Fraktion „patriotisch gesinnter“ Abgeordneter aufzubauen, gipfelten 2007 in der Gr&#252;ndung der Fraktion <em>Identit&#228;t, Tradition, Souver&#228;nit&#228;t</em>, die sich aber nach internen Konflikten wieder aufl&#246;ste. </p>
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		<item>
		<title>Im Osten nichts Neues</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/11/02/im-osten-nichts-neues/</link>
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		<pubDate>Tue, 02 Nov 2010 09:12:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Kroatien]]></category>
		<category><![CDATA[Osteuropa]]></category>
		<category><![CDATA[Ungarn]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Krise abseits der Zentren findet medial kaum statt. Maria aus der Ukraine und Stipe aus Kroatien berichten in Form eines Emailinterviews1 &#252;ber die derzeitige Situation in Osteuropa. Es wird deutlich, dass die Schwergewichte innerhalb der EU auch in Zeiten der Krise vor allem darauf bedacht sind, den Kurs einer abh&#228;ngigen Integration fortzusetzen und zu vertiefen.

K&#246;nnt ihr zu Beginn einen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Krise abseits der Zentren findet medial kaum statt. <em>Maria</em> aus der Ukraine und <em>Stipe</em> aus Kroatien berichten in Form eines Emailinterviews<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> &#252;ber die derzeitige Situation in Osteuropa. Es wird deutlich, dass die Schwergewichte innerhalb der EU auch in Zeiten der Krise vor allem darauf bedacht sind, den Kurs einer abh&#228;ngigen Integration fortzusetzen und zu vertiefen.<br />
<span id="more-1658"></span></p>
<p><em>K&#246;nnt ihr zu Beginn einen kurzen &#220;berblick &#252;ber die derzeitige Lage in euren L&#228;ndern geben? Maria, wie stark ist die Ukraine von der Krise betroffen?</em></p>
<p>Maria: Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat gewaltige Auswirkungen auf die wirtschaftliche Situation in der Ukraine. Einige Zahlen verdeutlichen dies eindrucksvoll: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf fiel im Jahr 2009 im Vergleich zum Vorjahr um knapp 16% auf jetzt 2.500 US-Dollar. Die industrielle Produktion verzeichnete von 2007 bis 2008 einen R&#252;ckgang von fast 29%. &#196;hnlich wie in anderen L&#228;ndern ist auch in der Ukraine der Immobilienmarkt von den Folgen der Krise besonders stark betroffen, in Kiew fielen die Preise um rund 50%. F&#252;r einen gewissen Zeitraum vergaben Banken &#252;berhaupt keine Kredite mehr.<br />
Gleichzeitig hat sich die Situation bei den Staatsfinanzen weiter zugespitzt, die Staatsverschuldung ist sehr hoch. Weil sich der Wechselkurs der <em>Hrywnja</em>, der ukrainischen W&#228;hrung, dramatisch verschlechtert hat, sanken die Nominall&#246;hne, w&#228;hrend jedoch die Preise weiter anstiegen. Das hat zu wachsender Armut gef&#252;hrt, z. B. fiel der monatliche Durchschnittslohn von knapp 350 US-Dollar im Jahr 2008 auf jetzt etwa 240 US-Dollar. Au&#223;erdem reagierten die von der Krise betroffenen Unternehmen vor allem mit Entlassungen. Viele Menschen verlie&#223;en daraufhin die gr&#246;&#223;eren St&#228;dte und kehrten in ihre Heimatorte zur&#252;ck. Die Inflation und der schnelle Preisanstieg f&#252;r Konsumg&#252;ter bedeuteten eine Entwertung der L&#246;hne und Ersparnisse der Menschen, was zu einem allgemeinen R&#252;ckgang des Lebensstandards f&#252;hrte. Einen guten Eindruck von der aktuellen Situation der ukrainischen Bev&#246;lkerung vermitteln die Statistiken des Meinungsforschungsinstituts <em>FOM-Ukraine</em>: Laut einer Untersuchung vom April 2010 mussten 45% der Befragten ihre Ausgaben f&#252;r t&#228;gliche Gebrauchsartikel und 18% jene f&#252;r Medikamente k&#252;rzen; 18% waren von versp&#228;teten Lohnzahlungen, 8% von Lohnk&#252;rzungen und 3% von Entlassungen betroffen.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a></p>
<p><em>Ist die Situation in Kroatien &#228;hnlich?</em></p>
<p>Stipe: Grunds&#228;tzlich schon. Gerade die Semiperipherie innerhalb<br />
der EU – also die sogenannten PIIGS-Staaten<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> und die L&#228;nder des ehemaligen „Ostblocks“ – haben ja mit den Auswirkungen der globalen Wirtschaftskrise zu k&#228;mpfen, so auch Kroatien. Der R&#252;ckgang des Bruttoinlandsproduktes um 5,8%<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> im Jahr 2009 ist daf&#252;r das deutlichste Zeichen. Auf einer grundlegenderen Ebene w&#228;re es allerdings falsch, die aktuellen Entwicklungen als qualitativen Bruch gegen&#252;ber den vorangegangen Perioden des „&#220;bergangs“ (zum Kapitalismus) und der „Integration“ (in die kapitalistische Weltwirtschaft) zu sehen. Eher handelt es sich um die Fortsetzung langfristiger &#246;konomischer, sozialer und politischer Prozesse. Diese haben sich zwar seit dem Verfall Jugoslawiens beschleunigt, begannen jedoch bereits in den sp&#228;ten 1980er Jahren unter der Regierung Markovi&#196;<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> mit den vom IWF aufgezwungenen marktorientierten Wirtschaftsreformen. Jeffrey Sachs6 war damals ein wichtiger Berater. Der zus&#228;tzliche Druck durch die aktuelle Weltwirtschaftskrise offenbart und versch&#228;rft lediglich die strukturelle Zerbrechlichkeit und Widerspr&#252;chlichkeit dieser seit einigen Dekaden andauernden Prozesse.</p>
<p><em>Worin bestehen denn deiner Ansicht nach diese Widerspr&#252;che? Wie sah das &#246;konomische Entwicklungsmodell Kroatiens in den letzten 20 Jahre aus?</em></p>
<p>S: Kroatien ist nicht China, nicht einmal die Slowakei (mit ihrer inzwischen selbst problematisch gewordenen, exportorientierten Autoindustrie). Auch wenn von unseren politischen Eliten ausl&#228;ndische Direktinvestitionen st&#228;ndig als <em>deus ex machina</em>-L&#246;sung f&#252;r Kroatiens wirtschaftliche Entwicklung beschworen werden, finden kaum <em>greenfield investments</em> von Seiten des westlichen Kapitals statt. Dort, wo es zu ausl&#228;ndischen Investitionen kommt, bestehen diese typischerweise in der &#220;bernahme von bereits existierenden Produktionskapazit&#228;ten. In solchen F&#228;llen kommt es statt eines Ausbaus der Produktion und der Schaffung neuer Arbeitspl&#228;tze fast immer zu Personalabbau und Formen der „Rationalisierung“. Ein typisches Beispiel hierf&#252;r ist die Privatisierung des nationalen Telekommunikationsmonopolisten HT (Kroatische Telekom). Nachdem zuvor die unprofitable <em>Hrvatska pošta</em> (Kroatische Post) abgespalten wurde, konnte der K&#228;ufer – die <em>Deutsche Telekom</em> – nicht nur die Kosten der &#220;bernahme innerhalb eines Jahres amortisieren. Um seine Profite weiter zu maximieren, begann die Telekom vielmehr recht bald, Personal abzubauen und die verbliebenen Angestellten zus&#228;tzlich zu belasten. Ein weiterer aufschlussreicher Fall ist die Privatisierung des Pharmazieunternehmens <em>Pliva</em>. Kurz nachdem es an ausl&#228;ndische Wettbewerber verkauft wurde, entschieden die neuen BesitzerInnen, die Produktionsst&#228;tten und Labore zu schlie&#223;en und – um die bis dahin treue Kundschaft nicht zu verlieren – nur den Markennamen beizubehalten. Viele andere ehemalige Staatsunternehmen erlitten &#228;hnliche Schicksale oder kollabierten unter dem Druck eines (neo-)liberalen Handelsregimes, das billige Importe gegen&#252;ber inl&#228;ndischen Industrieprodukten bevorzugt.<br />
Die einzige Industrie, die seit der Unabh&#228;ngigkeit Kroatiens geboomt hat, war die Baubranche. Dies ist haupts&#228;chlich das Ergebnis einer schuldenfinanzierten Immobilienblase. Der kroatische Banksektor befindet sich zu 95% in ausl&#228;ndischer – vorwiegend &#246;sterreichischer und italienischer – Hand. Ein gro&#223;er Teil der Privatschulden besteht aus Hypotheken, so dass steigende Zinsen Zahlungsausf&#228;lle und sinkende Immobilienpreise zufolge haben w&#252;rden, was wiederum die Banken hart treffen w&#252;rde. Die Effekte auf das Baugewerbe w&#252;rden unvermeidlich zu einem weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit f&#252;hren. Laut Angaben der kroatischen Zentralbank, der HNB, lag die Arbeitslosenrate der 15 bis 64 j&#228;hrigen 2009 bei 9,7%. Demgegen&#252;ber beziffert das <em>CIA World Factbook</em> die Rate f&#252;r das selbe Jahr auf 16,1%<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a>, was der Einsch&#228;tzung von RegierungskritikerInnen n&#228;her kommt. Grunds&#228;tzlich sind die Arbeitslosenzahlen kroatischer Institutionen mit Vorsicht zu genie&#223;en, weil die Verringerung der Arbeitslosigkeit hierzulande gerne statistischen Zauberk&#252;nsten &#252;berlassen wird. Hier scheint der Einfallsreichtum unserer Eliten unbeschr&#228;nkt.<br />
In jedem Fall hatten der Verlust von Eink&#252;nften aus der Gewinnr&#252;ckf&#252;hrung der ehemaligen Staatsunternehmen sowie der Anstieg der Arbeitslosigkeit infolge der De-Industrialisierung, die wegen des Drucks ausl&#228;ndischer Konkurrenz voranschreitet, ernste Konsequenzen f&#252;r den Haushalt. Dar&#252;ber hinaus leidet Kroatien seit seiner Unabh&#228;ngigkeit an einem stetigen Leistungsbilanzdefizit. Unter diesen Bedingungen wurden sowohl die Sozialausgaben als auch der Privatkonsum zunehmend schuldenfinanziert. Die vorhersehbare Folge war der Anstieg der Auslandsverschuldung um mehr als 400% in nur einem Jahrzehnt: Von 10 Milliarden Euro 1999 auf 43 Milliarden im Jahr 2009. Ausgedr&#252;ckt als Anteil am Bruttoinlandsprodukt erreichten die kroatischen Schulden 2009 ein neues Hoch von 94,9%. Weil diese Anh&#228;ufung von Schulden nicht genutzt wurde, um Produktionskapazit&#228;ten aufzubauen oder Arbeitspl&#228;tze zu schaffen, entfaltet sie kaum nachhaltige Wirkung. &#220;berzeugte Neoliberale greifen unerm&#252;dlich auf diesen Sachverhalt zur&#252;ck, wenn sie nach radikalen Sparma&#223;nahmen bei den Sozialausgaben und eine K&#252;rzung der L&#246;hne fordern. Letzteres sei unabdingbar, damit Kroatiens Exporte auf dem Weltmarkt konkurrenzf&#228;hig sein k&#246;nnten.<br />
Die H&#246;he der angeh&#228;uften Schulden in Fremdw&#228;hrungen macht ein alternatives Vorgehen – wie etwa die Abwertung der nationalen W&#228;hrung (<em>kuna</em>) – praktisch unm&#246;glich. Au&#223;er man w&#252;rde zuvor nach argentinischem Vorbild den Staatsbankrott erkl&#228;ren, was wiederum f&#252;r Privatschuldner schwere Auswirkungen haben k&#246;nnte. Wie auch immer, allein schon die Diskussion &#252;ber eine politische Wende dieser Art ist gegenw&#228;rtig eine &#220;bung in &#246;konomischer Science-Fiction. Selbst rein hypothetisch w&#252;rde keine einzige kroatische Partei eine solche M&#246;glichkeit in Erw&#228;gung ziehen, sei es auch nur als Worst-Case-Szenario (und selbst wenn, w&#228;re die Unabh&#228;ngigkeit der Zentralbank ein weiteres Hindernis). Alle Hoffnungen richten sich noch immer auf eine zuk&#252;nftige EU-Mitgliedschaft. Dann, so die Annahme, w&#252;rden unter der wohlgesinnten Autorit&#228;t von Br&#252;ssel alle Probleme gel&#246;st, die derzeit unl&#246;sbar scheinen.</p>
<p><em>Stichwort Neoliberalismus und EU. Wurde die Krise in Kroatien als Gelegenheit wahrgenommen, neoliberale Politiken zu verankern? Welche Rolle &#252;bt die EU gegenw&#228;rtig aus?</em></p>
<p>S: Die Krise hat einen willkommenen Vorwand geliefert, den Druck hinsichtlich einer Vertiefung neoliberaler Umstrukturierungen und der K&#252;rzung staatlicher Sozialausgaben zu erh&#246;hen. Die lokalen VerfechterInnen einer neoliberalen Sparpolitik k&#246;nnen diesbez&#252;glich auf die Unterst&#252;tzung der EU-Kernstaaten sowie auf die aktuellen programmatischen Erkl&#228;rungen der G20 bauen. In der Vergangenheit haben die neoliberalen PuristInnen immer wieder das „mangelnde Engagement“ der Regierung zur angeblich notwendigen „vollst&#228;ndigen Sanierung“ beklagt. Das Dr&#228;ngen der EU zu pro-zyklischen Sparma&#223;nahmen hat solchen Forderungen neue Kraft gegeben. Die Bef&#252;rchtung, dass Kroatien seine Schulden vielleicht nicht mehr zur&#252;ckzahlen und so die &#252;berstrapazierten EU-Gl&#228;ubiger dem Bankrott-Risiko aussetzen k&#246;nnte, resultierte in Forderungen nach einer Reduzierung der Staatsausgaben und einer strikteren Fiskalpolitik. Dass die finanziellen Interessen von ausl&#228;ndischen KreditgeberInnen schwerer wiegen als die m&#246;glichen sozialen und makro&#246;konomischen Konsequenzen f&#252;r das Land selbst und den Gro&#223;teil seiner Bev&#246;lkerung, ist aber keine kroatische Besonderheit; es macht vielmehr etwas Grundlegendes &#252;ber die Form der Integration in die kapitalistische Weltwirtschaft deutlich: Wie viele andere osteurop&#228;ische L&#228;nder befindet sich auch Kroatien in einer Position neokolonialer Abh&#228;ngigkeit und Unterordnung und stellt f&#252;r westeurop&#228;isches Kapital eine Quelle finanzieller Rente dar.</p>
<p><em>Welchen Einfluss nehmen internationale Akteure in der Ukraine? Hat das Land in der Krise externe „Hilfe“ in Anspruch genommen?</em></p>
<p>M.: In der Hochphase der Krise wandte sich die ukrainische Nationalbank an den Internationalen W&#228;hrungsfonds (IWF) und nahm einen Kredit &#252;ber 16,5 Milliarden US-Dollar auf. Bereits 2008 hatte die Regierung unter der damaligen Ministerpr&#228;sidentin Julia Timoschenko<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> auf solche Kredite zur&#252;ckgegriffen, um das Haushaltsdefizit zu decken. Im Juli 2010 gew&#228;hrte der IWF au&#223;erdem noch eine so genannte Bereitschaftskreditvereinbarung &#252;ber 15,5 Milliarden US-Dollar zur Unterst&#252;tzung des Reform- und Wirtschaftsanpassungsprogramms der Regierung. Zwar behauptet der IWF in seiner Selbstdarstellung immer wieder, er wolle die Armen, Arbeitslosen und sozial Schw&#228;chsten sch&#252;tzen und ein betr&#228;chtlicher Anteil seiner Kredite diene der Sicherstellung einer fristgerechten Auszahlung von L&#246;hnen und Renten. Ich bin aber skeptisch, ob das Geld tats&#228;chlich die Menschen erreichen wird, die von der Krise betroffenen sind.<br />
Grunds&#228;tzlich ist die Situation in der Ukraine stark von ihrer geopolitischen Position zwischen der EU und Russland beeinflusst. Entsprechend ist auch das politische System des Landes stark polarisiert. Vereinfacht kann von einer pro-russischen, einer pro-westlichen sowie einer nationalistisch westlichen Position gesprochen werden. Vor allem w&#228;hrend der Pr&#228;sidentschaft von Wiktor Juschtschenko<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a>, dessen Partei <em>Nasha Ukayina</em> („Unsere Ukraine“) ebenso vom „Westen“ unterst&#252;tzt wurde, wie sp&#228;ter Julia Timoschenko und ihre Partei <em>Bat’ kivshchyna</em> („Vaterland“), wurde im Land eine pro-„westliche“ Haltung vorangetrieben: Mit der Perspektive des EU-Beitritts versuchte das Land, die &#214;konomie auszubauen und das politische System zu restrukturieren. Im Transformationsprozess hatte die EU schon in der Vergangenheit eine Schl&#252;sselrolle gespielt, gegenw&#228;rtig ist sie auch die gr&#246;&#223;te Handelspartnerin der Ukraine. Weil die EU in der Ukraine eine potentielle strategische Partnerin sieht und ein gro&#223;es wirtschaftspolitisches Interesse an der Stabilisierung des Landes hat, gew&#228;hrte die EU-Kommission in der Krise einen Kredit &#252;ber 500 Millionen Euro. Basierend auf bestehenden Kooperationsabkommen zwischen der Ukraine und der EU wird zeitgleich die Schaffung und Ausweitung einer Freihandelszone weiter vorangetrieben. Welche Auswirkungen dies auf die Bev&#246;lkerung haben wird, bleibt jedoch offen. Umgekehrt h&#228;lt auch Russland die Ukraine f&#252;r eine Region, in der es seinen imperialistischen und politischen Einfluss zeigen kann. Weil jedoch zumindest unter Juschtschenko die Weichen aber in Richtung EU gestellt wurden, setzte die russische F&#252;hrung in der j&#252;ngeren Vergangenheit zunehmend auf Methoden des &#246;konomischen und politischen Drucks. So ereignete sich auch die globale Finanz- und Wirtschaftskrise genau w&#228;hrend der so genannten „Gaskriege“. Damit meine ich die Auseinandersetzungen zwischen der ukrainischen &#214;l- und Gasfirma <em>Naftohaz Ukrainy</em> und dem russischen Gasanbieter <em>Gazprom </em>&#252;ber nat&#252;rliche Gasvorkommen sowie die Gaspreise und -schulden aus den Jahren 2005–2009. In j&#252;ngster Zeit hat sich das Verh&#228;ltnis der Ukraine zu Russland aber wieder verbessert, so dass zwar der Druck ab-, die russischen Interventionen in die Innenpolitik jedoch zugenommen haben. Dies liegt nicht zuletzt am Sieg von Viktor Yanukovych<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> und seiner Partiya Regioniv („Partei der Regionen“) bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen Anfang 2010. Er wird den pro-russischen Kr&#228;ften zugerechnet und aufgrund seiner Politik in der Frage der Meinungs- und Versammlungsfreiheit h&#228;ufig als legitimer Nachfolger der autorit&#228;ren Regierung von Leonid Kuchma<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> bezeichnet. Indem er unter der F&#252;hrung seiner <em>Partei der Regionen</em> im Parlament eine neue Koalition gebildet hat, konnte Yanukovych seine Macht schnell konsolidieren. Au&#223;erdem ernannte der Pr&#228;sident neue MinsterInnen, die z&#252;gig begannen, in der Wirtschaftspolitik sowie im Bildungsbereich Reformen voranzutreiben. Viele der Ma&#223;nahmen zielen darauf ab, Ver&#228;nderungen wieder r&#252;ckg&#228;ngig zu machen, die zuvor von der Regierung Juschtschenko vorgenommen wurden. Einige der bedeutendsten Ma&#223;nahmen umfassen neben der Einschr&#228;nkung der Presse- und Versammlungsfreiheit (es gibt Berichte &#252;ber politischen Druck auf einige TV-Sender sowie &#252;ber die Bedrohung und das Verschwinden von JournalistInnen) bildungs- und sozialpolitische Felder: So wurde etwa die Zahl geb&#252;hrenfreier Studienpl&#228;tze reduziert. Auch plant die Regierung, Ende des Jahres das Pensionsalter f&#252;r Frauen per Gesetz von 55 auf 60 Jahre anzuheben und in den n&#228;chsten Monaten das Steuersystem grundlegend zu &#252;berarbeiten. Au&#223;erdem sollen die staatlichen Anteile an <em>Ukrtelekom </em>– dem ukrainischen Telekommunikationsunternehmen – verkauft werden.</p>
<p><em>Damit scheint sich ein Muster aus der Vergangenheit zu wiederholen…</em></p>
<p>M.: Ja, in der Ukraine bestand im Zuge des &#220;bergangs vom sowjetischen Modell zur Marktwirtschaft eine der sichtbarsten und folgenreichsten Ver&#228;nderungen in der Privatisierung wichtiger Teile der nationalen &#214;konomie. Die Interessen der ArbeiterInnenklasse wurden seit 1991 fast v&#246;llig au&#223;er Acht gelassen. Infolge der schwachen staatlichen Kontrolle kam es gleichzeitig zu einer massiven Anh&#228;ufung von Kapital, von der einige wenige Unternehmen auf legale und illegal Weise profitierten. Die neuen Privatunternehmen konnten ihre Profite in diesem Kontext v.a. ab 1993 deutlich steigern. In der Zeit von 1995 bis 1998 wurden ca. 50.000 Objekte privatisiert; der Anteil staatlicher Unternehmen an der industriellen Produktion sank von 85% im Jahr 1992 auf 18,2% im Jahr 2003. Strategisch wichtige Unternehmen wurden zwar zun&#228;chst mit staatlichen Mitteln unterst&#252;tzt. Sobald sie jedoch Profite abwarfen, wurden auch diese Unternehmen, etwa <em>Kryvorizhstal</em><a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a>, privatisiert –inklusive zahlreicher Korruptionsskandale. Das Ergebnis dieser Vorgehensweise waren Lohnsenkungen sowie die massenhafte Entlassung von ehemaligen StaatsarbeiterInnen.<br />
Trotz der weitreichenden Korruption, der Abwesenheit einer politischen F&#252;hrung und dem Fehlen l&#228;ngerfristiger Konzepte f&#252;r die Probleme des Landes wurden im Transformationsprozess aber auch manche Fortschritte erzielt, v.a. im Bereich der Meinungsfreiheit. Dies zeigte sich etwa w&#228;hrend und nach der so genannten <em>Orangenen Revolution</em><a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> von 2005.</p>
<p><em>In welchem Licht erscheint der kroatische Transformationsprozess in der R&#252;ckschau?</em></p>
<p>S: Die aktuelle Situation enth&#228;lt eine Menge Indikatoren f&#252;r die umfassenden und mittlerweile weit fortgeschrittenen, neoliberalen Umstrukturierungsma&#223;nahmen, die bislang von jeder kroatischen Regierung mitgetragen wurden – ungeachtet deren rhetorischen Differenzen und ideologischen Bekenntnissen. Diese Kontinuit&#228;t ist nicht nur ein Hinweis auf den Opportunismus, der sich durch das gesamte politische Establishment zieht, sondern verweist auch auf die objektiven Grenzen staatlicher Souver&#228;nit&#228;t. Die grundlegende politische Ausrichtung stand im Einklang mit den Vorschriften des <em>Washington Consensus:</em> Monetarismus, Privatisierung, Handelsliberalisierung, Deregulierung, Steuersenkungen f&#252;r das Kapital. Die Kontinuit&#228;t war nicht zuletzt das Resultat des Drucks internationaler Institutionen – am deutlichsten sichtbar zun&#228;chst anhand der Rolle des IWF. Die Unterordnung unter die politischen Vorgaben des „Westens“ blieben weitestgehend unhinterfragt. Dies ist auf den &#252;berw&#228;ltigenden Konsens &#252;ber die Attraktivit&#228;t und Unvermeidbarkeit der „Integration in den Westen“, d. h. einer Mitgliedschaft in NATO und EU, zur&#252;ckzuf&#252;hren.</p>
<p><em>Was liegt diesem Konsens zugrunde?</em></p>
<p>S: Die Annahme, dass eine vollst&#228;ndige Integration automatisch zu jenem Lebensstandard f&#252;hre, den man mit dem H&#246;hepunkt der „westlichen“ Wohlfahrtsstaaten verbindet. Da die westlichen Zentren der Macht hierzulande zudem von der Aura einer <em>a-priori-</em>Legitimit&#228;t umgeben sind, bietet dieses imagin&#228;re Ziel immer noch Platz f&#252;r Forderungen nach weiteren Strukturanpassungsma&#223;nahmen, unabh&#228;ngig von deren sozialen und &#246;konomischen Folgen. In absolutem Einklang mit der neoliberalen Orthodoxie lautet die implizite Formel: Heutige Entbehrungen sind die notwendige Voraussetzung f&#252;r zuk&#252;nftigen Wohlstand.<br />
Die Tatsache, dass der Wohlfahrtsstaat innerhalb der EU selbst den neoliberalen Attacken ausgesetzt ist, entkr&#228;ftet die ideologische Wirkungskraft dieses Narrativs in keiner Weise. Weder die sozialen Konsequenzen des Lissabon Vertrags und die weitere Vertiefung dessen, was liberale KommentatorInnen als „Demokratie-Defizit“ der EU bezeichnen, noch die Krise der Eurozone, die Griechenland-Krise und ihr Zusammenhang mit der Unnachgiebigkeit der merkantilistischen Politik Deutschlands – nichts dergleichen wurde in den Medien kritisch beleuchtet oder konnte in irgendeiner Art und Weise das Bekenntnis der politischen Eliten zum Ziel einer EU-Mitgliedschaft abschw&#228;chen.<br />
Dar&#252;ber hinaus sollten auch jene Umfragen, die nahe legen, dass der Enthusiasmus f&#252;r eine EU-Mitgliedschaft in der kroatischen Bev&#246;lkerung sinkt, nicht &#252;berbewertet werden: Zum einen werden derartige Positionen nicht im Parlament repr&#228;sentiert. Und zum anderen haben der lange Aufschub und die stetig neuen Anforderungen, die an Kroatien als Bedingung f&#252;r die Mitgliedschaft gestellt werden, in der Bev&#246;lkerung in gewissem Ma&#223;e zur Verbreitung eines m&#252;den Zynismus gef&#252;hrt. Dieser ist wohl auch mit einer Brise kollektiver, narzistischer Verletzung angereichert, weil mit Rum&#228;nien und Bulgarien zwei Staaten der EU bereits beitreten konnten, die einen solchen Beitritt aufgrund ihrer &#246;konomischen Situation vermeintlich nicht verdient haben. Da im Falle eines Referendums mit intensiven Kampagnen der Medien und aller gr&#246;&#223;eren Parteien zugunsten der Mitgliedschaft zu rechnen w&#228;re, bleibt eine tats&#228;chliche Ablehnung des EU-Beitritts jedoch unwahrscheinlich.</p>
<p><em>Gibt es neben solchen eher tristen Entwicklungen, wie ihr sie jetzt nachgezeichnet habt, auch Positives zu berichten? Gibt es Beispiele f&#252;r soziale K&#228;mpfe oder Widerstand, der sich formiert?</em></p>
<p>M.: Das h&#228;ngt davon ab, was man als positiv bezeichnen m&#246;chte. In den Medien gibt es zwar einige kritische Stimmen zur Auslandsverschuldung der Ukraine, aber davon scheinen die Herrschenden relativ unbeeindruckt. Au&#223;erdem ist noch v&#246;llig unklar, wie die „Reformen“, &#252;ber die der amtierende Pr&#228;sident derzeit spricht, genau aussehen werden. Zudem w&#228;chst im Land die Zustimmung f&#252;r die relativ junge, rechtsgerichtete Partei <em>Svoboda</em>. Aktuellen Umfragen zufolge kommt sie in einigen Regionen im Westen bei Lokalwahlen auf 25%–33%.</p>
<p>S: Gezwungen, auf die Forderungen der EU zu reagieren, ver&#246;ffentlichte die konservative Regierung j&#252;ngst ihren Plan zur Konjunkturbelebung, der neoliberale Orthodoxie mit rhetorischen Zugest&#228;ndnissen verband. In den b&#252;rgerlichen Medien wurde daraufhin lamentiert, dass selbst die Umsetzung der „positiven” und „vern&#252;nftigen” Aspekte des Entwurfs sehr unwahrscheinlich sei. Die Reaktion der oppositionellen SozialdemokratInnen war ebenso ablehnend. Anstatt jedoch den grundlegenden neoliberalen Inhalt des Plans zu kritisieren, behaupteten die SozialdemokratInnen einzig, dass die Konservativen ihre Vorschl&#228;ge geklaut h&#228;tten. Kurz darauf k&#252;ndigte die Regierung an, dem Parlament einen Entwurf f&#252;r ein neues Arbeitsgesetz vorzulegen. Die Arbeitsverh&#228;ltnisse sollten noch flexibler und der Schutz der ArbeiterInnen vor Entlassungen noch prek&#228;rer werden – alles im Dienste eines „guten Gesch&#228;ftsklimas“, versteht sich. Die f&#252;r gew&#246;hnlich zerstrittenen und schwerf&#228;lligen Gewerkschaften reagierten umgehend mit einer Petition f&#252;r ein Referendum zu diesem Arbeitsgesetz und sammelten in nur zwei Wochen eine beispiellose Zahl von 900.000 Unterschriften. Die Regierung sah sich daraufhin gezwungen, die Umsetzung des Entwurfs zumindest tempor&#228;r auf Eis zu legen. Die Verhandlungen zwischen Gewerkschaftsf&#252;hrerInnen und dem Premierminister f&#252;hrten jedoch zu keiner Einigung. Die frustrierte Regierung zweifelte daraufhin die Rechtm&#228;&#223;igkeit von 500.000 Unterschriften an – ein offensichtliches Beispiel f&#252;r opportunistischen Zynismus, der den Spott der Medien nach sich zog und zu einem w&#252;tenden Aufschrei in der Bev&#246;lkerung f&#252;hrte.<br />
J&#252;ngst hat in Zagreb ein Hungerstreik von Textilarbeiterinnen, die seit Monaten keinen Lohn erhalten haben, zu &#246;ffentlichen Protesten und Solidarit&#228;tsbekundungen von Seite der Studierendenbewegung gef&#252;hrt. Letzte wurde umgekehrt von ArbeiterInnen &#246;ffentlich und auch logistisch unterst&#252;tzt. Gerade die Studierendenbewegung sowie Anti-Gentrifizierungs-AktivistInnen haben sich als die militantesten GegnerInnen dessen erwiesen, was David Harvey „Akkumulation durch Enteignung“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> nennt. Auch einige feministische Gruppierungen haben sich den j&#252;ngsten Protesten angeschlossen. Ob diese Aktivit&#228;ten erste Anzeichen f&#252;r das Entstehen einer stabilen und breiten Koalition gegen die neoliberale Politik sind, wird sich erst noch zeigen m&#252;ssen. Die Antwort der Premierministerin Jadranka Kosor – deren Regierung in j&#252;ngster Zeit von Korruptionsaff&#228;ren und personellen Skandalen ersch&#252;ttert wurde – auf die K&#228;mpfe fiel jedenfalls ebenso plump aus wie die der anderen m&#228;chtigen kroatischen PolitikerInnen: Ihren gro&#223;en politischen Weisheiten zufolge sei der Zukunft des Landes besser durch weitere Privatisierungen denn durch Proteste auf den Stra&#223;en und Hungerstreiks gedient. W&#228;hrend ersteres von der EU explizit eingefordert wird, setzt letzteres wohl h&#246;chstens unsere Beitrittschancen in den exklusiven Club der M&#228;chtigen und Reichen aufs Spiel.</p>
<p><em>Maria </em>ist Medienaktivistin in Kiew und Budapest und engagiert sich bei <em>Amnesty International Ungarn</em> sowie dem <em>Morze Infoshop</em> in Budapest (Homepage: <a href="http://balkans.puscii.nl/?q=content/morze-infoshop-website-and-description-update">http://balkans.puscii.nl/?q=content/morze-infoshop-website-and-description-update</a>).</p>
<p><em>Stipe &#196;urkovi&#196;</em> ist Absolvent der Germanistik und Vergleichenden Literaturwissenschaft an der Filozofski fakultet in Zagreb und in der Bewegung f&#252;r geb&#252;hrendfreies Studieren aktiv. Er schreibt unter anderem f&#252;r die Zeitschrift Zarez und &#252;bersetzt zur Zeit David Harveys <em>A Brief History of Neoliberalism</em> ins Kroatische</p>
<p><Strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Interview und &#220;bersetzung: Redaktion <em>Perspektiven</em>.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Die Zahlen sind der Institutshomepage entnommen. Anm. d. &#220;.: Leider ist diese nur auf kyrillisch verf&#252;gbar (unter: http://bd.fom.ru/report/map/ukrain/ukrain_eo/du100430).<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Anm. d. &#220;bers.: Als PIIGS („Schweine“) werden die f&#252;nf EU-Staaten Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien bezeichnet, denen in der „Eurokrise“ unterstellt wurde, ihnen k&#246;nnte aufgrund ihrer hohen Staatsverschuldung der Staatsbankrott drohen.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Die meisten Zahlen sind den offiziellen Statistiken der Kroatischen Zentralbank HNB (Hrvatska narodna banka) entnommen. Diese sind online verf&#252;gbar unter: http://www.hnb.hr/statistika/hstatistika.htm<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Anm. d. &#220;bers.: Ante Markovi&#196; war von 1986 bis 1988 Pr&#228;sident der Sozialistischen Republik Kroatien und von 1989 bis 1991 Premierminister der SFR Jugoslawien.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Anm. d. &#220;bers.: Jeffrey Sachs ist ein US-amerikanischer &#214;konom, der u. a. als Berater f&#252;r den IWF, die WTO und die Weltbank t&#228;tig war und derzeit als Sonderberater f&#252;r die Millennium-Entwicklungsziele (MDGs) der Vereinten Nation fungiert.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> vgl. https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/geos/hr.html<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Anm. d. &#220;bers.: Julia Timoschenko war von Januar bis September 2005 und von Dezember 2007 bis M&#228;rz 2010 Premierministerin der Ukraine.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Anm. d. &#220;bers.: Wiktor Juschtschenko war von Dezember 1999 bis Mai 2001 Ministerpr&#228;sident und von Januar 2005 bis Februar 2010 Pr&#228;sident der Ukraine.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Anm. d. &#220;bers.: Viktor Yanukovych war bereits zuvor – von November 2002 bis Dezember 2004 – Premierminister der Ukraine.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Anm. d. &#220;bers.: Leonid Kuchma war von Juli 1994 bis J&#228;nner 2005 Pr&#228;sident der Ukraine.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Anm. d. &#220;bers.: Das Stahlunternehmen wurde 2005 von der Mittal Steel Company ersteigert und tr&#228;gt seitdem den Namen Mittal Steel Kryviy Rih.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Anm. d. &#220;bers.: Mit dem Begriff der „Orangenen Revolution“ werden die Ereignisse rund um die Pr&#228;sidentschaftwahl 2004 in der Ukraine bezeichnet. Nachdem es bei der Wahl zu Wahlf&#228;lschungen gekommen war, protestierte die Bev&#246;lkerung mehrere Wochen lang, bis schlie&#223;lich die Stichwahl wiederholt wurde. In dieser siegte Wiktor Juschtschenko gegen den zuvor zum Sieger erkl&#228;rten Viktor Yanukovych.<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Anm. d. &#220;bers.: Mit dem Begriff „Akkumulation durch Enteignung“ bezeichnet der marxistische Wirtschaftsgeograph David Harvey den Umstand, dass die von Marx als „urspr&#252;ngliche“ oder „primitive“ „Akkumulation“ bezeichneten Prozesse der Kapitalakkumulation durch (staatliche) Gewalt und Raub ein zentrales Charakteristikum auch des entwickelten Kapitalismus darstellen (vgl. Harvey, David: Der neue Imperialismus, Hamburg 2005, S. 136ff.).</p>
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		<title>21.12. &#8211; Diskussionsveranstaltung: Ungarn 1989</title>
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		<pubDate>Fri, 11 Dec 2009 12:45:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Termine]]></category>
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		<description><![CDATA[1989 &#8211; Konterrevolution gegen Konterrevolution
Vortrag und Diskussion mit G. M. Tamás
21. 12. 2009, 18:30 Uhr
Ost-Klub, Schwarzenbergplatz 10, 1040 Wien
Organisiert von grundrisse, Streifz&#252;ge und Perspektiven



G. M. Tamás war w&#228;hrend der Wende Dissident, von 1990 bis 1994 Abgeordneter im ungarischen Parlament und ist heute ein bekannter linker Intellektueller. An diesem Abend spricht G. M. Tamás &#252;ber den Charakter der Proteste von 1989, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><span lang="DE">1989 &#8211; Konterrevolution gegen Konterrevolution</span></h3>
<p><strong><span lang="DE">Vortrag und Diskussion mit G. M. Tamás</span></strong></p>
<p class="MsoNormal"><strong><span lang="DE">21. 12. 2009</span><span lang="DE">, 18:30 Uhr</span></strong></p>
<p class="MsoNormal"><strong><span lang="DE">Ost-Klub, Schwarzenbergplatz 10, 1040 Wien</span></strong></p>
<p class="MsoNormal"><strong><span lang="DE">Organisiert von <a href="http://www.grundrisse.net" target="_blank">grundrisse</a>, <a href="http://www.streifzuege.org/" target="_blank">Streifz&#252;ge </a>und Perspektiven<br />
</span></strong></p>
<p class="MsoNormal"><strong><span lang="DE"><a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2009/12/ungarn89.jpg"><img class="aligncenter size-medium wp-image-629" title="Dalos_Vorhang2.indd" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2009/12/ungarn89-300x244.jpg" alt="Dalos_Vorhang2.indd" width="300" height="244" /></a><br />
</span></strong></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">G. M. Tamás war w&#228;hrend der Wende Dissident, von 1990 bis 1994 Abgeordneter im ungarischen Parlament und ist heute ein bekannter linker Intellektueller. An diesem Abend spricht G. M. Tamás &#252;ber den Charakter der Proteste von 1989, &#252;ber die auf den Regimewechsel folgende neoliberale „Schocktherapie“ sowie deren wirtschaftliche und politische Folgen in den L&#228;ndern des ehemaligen „real existierenden Sozialismus“. Dabei zeigt er, dass es bis heute vor allem die extreme Rechte ist, die mit nationalistischer und faschistischer Rhetorik die Widerst&#228;nde gegen die neoliberalen Reformregierungen in Osteuropa f&#252;r sich vereinnahmt und so die politische Landschaft entscheidend pr&#228;gt.</span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE">Lekt&#252;re-Tipp: <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=474" target="_self">G. M. Tamás zum Neofaschismus in Ungarn</a>, erschienen in <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=561" target="_self">Perspektiven Nr. 8</a>.<br />
</span></p>
<p class="MsoNormal">
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		<title>„Dreiviertel-faschistisches Klima“</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2009/06/13/dreiviertel-faschistisches-klima/</link>
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		<pubDate>Sat, 13 Jun 2009 12:40:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 8]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsextremismus]]></category>
		<category><![CDATA[Ungarn]]></category>

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		<description><![CDATA[W&#228;hrend die Medien hierzulande meist auf nicht n&#228;her beschriebene Regierungsproteste fokussieren, zeichnet <em>G. M. Tamás</em> ein ganz anderes Bild des derzeitigen gesellschaftspolitischen Klimas in Ungarn. <em>Veronika Duma</em> und <em>Julia Hartung</em> sprachen mit dem in Ungarn lebenden linken Intellektuellen &#252;ber offen faschistisch auftretende Truppen in den Stra&#223;en Budapests, weit verbreiteten Antiziganismus in der Bev&#246;lkerung und wieso es so schwierig ist, sich im politischen Spektrum Ungarns als links und zugleich gegen die NATO zu positionieren.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>W&#228;hrend die Medien hierzulande meist auf nicht n&#228;her beschriebene Regierungsproteste fokussieren, zeichnet <em>G. M. Tamás</em> ein ganz anderes Bild des derzeitigen gesellschaftspolitischen Klimas in Ungarn. <em>Veronika Duma</em> und <em>Julia Hartung</em> sprachen mit dem in Ungarn lebenden linken Intellektuellen &#252;ber offen faschistisch auftretende Truppen in den Stra&#223;en Budapests, weit verbreiteten Antiziganismus in der Bev&#246;lkerung und wieso es so schwierig ist, sich im politischen Spektrum Ungarns als links und zugleich gegen die NATO zu positionieren.<br />
<span id="more-474"></span><br />
<em>Die Lage im Nachbarland Ungarn ist in der &#246;sterreichischen &#214;ffentlichkeit wenig pr&#228;sent. Neben Nachrichten &#252;ber die Auswirkungen der Wirtschaftskrise und Auseinandersetzungen in der (noch) von den Sozialdemokraten dominierten Regierung erreichen uns nur vereinzelt erschreckende Meldungen &#252;ber die pogromhafte Stimmung gegen Roma sowie durch die Stra&#223;en marschierende, faschistoide Gruppierungen. Die extreme Rechte l&#228;sst vollmundig verlautbaren, ihr Ziel sei es, die „linksliberale“ Regierung zu st&#252;rzen. Kannst du eine kurze Situationsbeschreibung geben? Was tut sich zurzeit am rechten Rand in Ungarn?</em></p>
<p>Ich denke, es herrscht wirklich eine rechtsextreme Stimmung im Land. Diese wird vor allem vom jungen Mittelstand getragen: von Intellektuellen, BeamtInnen, StudentInnen, LehrerInnen, &#196;rztInnen usw. Diese Stimmung ist aber auch stark in den D&#246;rfern zu sp&#252;ren, wo die Roma-Bev&#246;lkerung lebt.<br />
Das hat unter anderem viel mit dem Scheitern der Politik der letzten Jahre zu tun. Die so genannte linksliberale sozialdemokratische Regierung hat eine konsequent neoliberale Wirtschafts- und neokonservative Sozialpolitik betrieben – dagegen gab und gibt es gro&#223;en Widerstand.<br />
Au&#223;erdem werden in Ungarn alte Feindbilder heraufbeschworen, wenn es darum geht, Verantwortliche f&#252;r die wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes zu finden. So ist etwa von „Judobolschewisten“, also von ehemaligen Kommunisten, die jetzt Milliard&#228;re sein sollen, die Rede; von „den Juden“ – den „Agenten des kosmopolitischen Weltkapitalismus“ – und von den Roma, die in der rechten Presse als „genetische Sch&#228;dlinge“ bezeichnet werden. Und nat&#252;rlich auch vom Ausland, von „dem Westen“. Es kann durchaus von einem dreiviertel-faschistischen Klima gesprochen werden. Gewalttaten sind keine Seltenheit: haupts&#228;chlich wird – noch – psychischer Terror ausge&#252;bt, aber es gab auch schon Attentate, Serienmorde an Roma. Sozialistische und liberale PolitikerInnen werden bespuckt, verpr&#252;gelt usw. Ein neofaschistisches Terrorkommando aus Ungarn wurde j&#252;ngst in Bolivien enttarnt und gefangen genommen. Sie waren im Dienste der wei&#223;-suprematistischen Kr&#228;fte in der Region Santa Cruz, wo sie gegen das linkssozialistische Regime Evo Morales’ gewaltt&#228;tig vorgehen sollten. Die Stimmung in Ungarn ist wirklich sehr angespannt.<br />
Das angeblich so fortschrittliche Regierungslager verliert gerade den letzten Rest an Popularit&#228;t. In dieser Lage entstehen nat&#252;rlich auch neue Str&#246;mungen. Unter diesen sind auch ein paar wenige linkgerichtete Kr&#228;fte zu fi nden, aber vor allem gibt es eine aus rechter Sicht viel versprechende, junge faschistische Partei mit dem Namen <em>Jobbik</em>, was „die Bessere“ oder auch „die Rechte“ hei&#223;t – das ist ein Wortspiel. Diese Partei verf&#252;gt auch &#252;ber paramilit&#228;rische Truppen, die „Ungarischen Garden“, die in den faschistischen Uniformen der Pfeilkreuzler<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> aus den drei&#223;iger Jahren auf und ab marschieren und in Sch&#252;tzenvereinen den Umgang mit Waffeen trainieren.<br />
Das k&#252;ndigen sie &#252;brigens auch ganz offen an. Diese paramilit&#228;rischen Einheiten werden gemeinsam mit den so genannten B&#252;rgerwachen (halbamtlichen „Vigilanten“) in einigen Gebieten Ungarns von gro&#223;en Teilen der Bev&#246;lkerung als Aufrechterhalter der &#246;ff entlichen Ordnung anerkannt und sogar von B&#252;rgermeistern pers&#246;nlich gebeten, durch die Stra&#223;en zu patrouillieren und Pr&#228;senz zu zeigen. Das ist wirklich schlimm.<br />
Es gibt kaum kritische Reflexionen oder Analysen der derzeitigen Situation. Moderate Kr&#228;fte, Linksliberale oder SozialdemokratInnen schreien zwar ab und zu etwas von Weimar und Faschismus, eine fundierte Analyse der gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse bleibt jedoch aus.</p>
<p><em>Welche Verbindungen bestehen zwischen der parlamentarischen Rechten und den offen auftretenden neofaschistischen Bewegungen?</em></p>
<p>Sie sind Rivalen, sie sind Feinde und sie sind Verb&#252;ndete. Nat&#252;rlich m&#246;chte die parlamentarische Rechte nicht ihre Stimmen verlieren.<br />
Allgemein kann gesagt werden, dass das ganze politische Spektrum sich stark nach Rechts verschoben hat. Die militante und rechtsextreme Basis tr&#228;gt auch ihren Teil dazu bei, dass die parlamentarische Rechte immer weiter nach Rechts r&#252;ckt. Die Rechten, Konservativen und Nationalisten im Parlament m&#252;ssen also ein bisschen mit diesen Positionen jonglieren. Einige konservative PolitikerInnen stehen den Rechtsextremen n&#228;her, andere wieder weniger.<br />
Die Rivalit&#228;t ist wie gesagt stark, und rechte PolitikerInnen achten sehr darauf, taktisch vorzugehen. Ein Beispiel: In Ungarn gibt es eine Zeitung, <em>Magyar Hirlap</em>, die einzige nationalsozialistische Tageszeitung in Europa, die ohne Bedenken und Probleme off en rassistische, antisemitische und hetzerische Artikel ver&#246;ff entlichen kann. Fr&#252;her war diese Zeitung liberal, und ich habe selbst darin geschrieben. Heute gibt es einen neuen Eigent&#252;mer, einen Milliard&#228;r und Rechtsextremen. Diese Zeitung unterst&#252;tzt jetzt wahlpolitisch die parlamentarische Rechte. Konservative Politiker geben in dieser Zeitung Interviews und niemand protestiert! Die Grenzen zwischen der parlamentarischen Rechten und den Rechten auf der Stra&#223;e sind also kaum noch vorhanden. Es gibt schon seit langem keine Ber&#252;hrungs&#228;ngste mehr. Antisemitische, rassistische und homophobe PolitikerInnen und bekannte Intellektuelle vertreten ihre Ansichten &#246;ffentlich in Talkshows und in den diversen Medien, und niemand versucht, sie zu delegitimieren.</p>
<p><em>Rechtextreme bzw. neofaschistische Parteien und Gruppierungen gibt es in ganz Europa – und sie scheinen sich im Aufwind zu befi nden. Trotzdem bestehen gro&#223;e nationale Unterschiede in Ausrichtung und Auftreten. Inwiefern lassen sich die St&#228;rke und der besondere Charakter der ungarischen Rechten aus der spezifischen historischen Entwicklung Ungarns erkl&#228;ren?</em></p>
<p>Ich denke, der Aufstieg der Rechten in Ungarn ist gar nicht so spezifi sch, wie es scheint. So existieren z.B. verbl&#252;ffende &#196;hnlichkeiten mit Italien und anderen L&#228;ndern in Europa. Selbst in solchen mit einer langen liberalen Tradition, wie den Niederlanden oder D&#228;nemark, besteht eine gewisse Legitimit&#228;t f&#252;r rassistische Kr&#228;fte, die teilweise ja sogar in Regierungen vertreten sind.<br />
Es gibt nat&#252;rlich schon Unterschiede, aber eben auch viele &#196;hnlichkeiten. Eine davon ist, dass es in all diesen L&#228;ndern eine sehr hohe Zahl an staatsabh&#228;ngigen Bev&#246;lkerungsgruppen gibt: RentnerInnen, BeamtInnen, Intellektuelle usw. Die lange Krise, die Ende der 1970er Jahre einsetzte, hat dazu gef&#252;hrt, dass sich die Ressourcen des Wohlfahrtsstaates stark verringert haben. Folglich herrscht ein immer gr&#246;&#223;erer Wettbewerb um eben diese staatlichen Ressourcen zwischen verschiedenen Bev&#246;lkerungsgruppen. Es scheint lediglich die Wahl zwischen zwei, vermeintlich gegens&#228;tzlichen Alternativen zu bestehen: entweder, die „ehrliche, hart arbeitende“ Mittelschicht wird die Unterst&#252;tzung des Staates erhalten, oder die Unterschicht, d.h. die Armen, die MigrantInnen usw. Die zweite M&#246;glichkeit st&#246;&#223;t momentan nicht gerade auf Zustimmung. Den &#196;rmsten die staatliche Unterst&#252;tzung zu entziehen, bedarf nat&#252;rlich einer Legitimation. Genau das ist in Ungarn gerade zu beobachten. Die untersten Klassen werden kriminalisiert und als zweitrangige „Rasse“ bezeichnet. Es kann von einer Politik der „non-deserving poor“ gesprochen werden. Die Armen, die ArbeiterInnenklasse, die Arbeitslosen usw. werden von vornherein kriminalisiert, verdammt und ideologisch delegitimiert. In Ungarn wie in anderen osteurop&#228;ischen L&#228;ndern auch gibt es z.B. eine Stimmung gegen RentnerInnen. Das ist wirklich scheu&#223;lich. Alte Leute sollen auf den M&#252;ll, die sind nicht mehr aktiv, nicht mehr Wert schaff end usw. Dieser Konflikt zwischen den Mittelschichten und den so genannten Inaktiven, also den RentnerInnen, Arbeitslosen, MigrantInnen, und nat&#252;rlich den Roma usw. spielt zur Zeit eine prominente Rolle im politischen Leben und in der &#214;ffentlichkeit. Das ist wirklich vergleichbar mit einer Strafexpedition gegen die &#196;rmsten, also gegen jene Leute, die am abh&#228;ngigsten von der staatlichen Sozialpolitik sind. Der Staat wird so umgebaut, dass dieser die &#196;rmsten ausschlie&#223;t und in erster Linie zu einem militanten Vertreter der Mittelschicht wird. Das war immer die Taktik des Faschismus. Nat&#252;rlich gibt es einige Ver&#228;nderungen: im Faschismus herrschte ein Wettbewerb um staatliche Ressourcen auch zwischen und innerhalb des Mittelstandes – es gab ja schlie&#223;lich auch einen j&#252;dischen Mittelstand. Und im „klassischen“ Faschismus gab es die Strategie der vorbeugenden Konterrevolution gegen die damals noch revolution&#228;ren (und im Falle von Rotfront, Schutzbund und Reichsbanner teilweise auch bewaffneten) „marxistischen“ Massenparteien, die es jetzt nicht mehr gibt. Was es jedoch noch gibt, ist der Klassenkampf von oben. Rassismus, Angst vor Kriminalit&#228;t oder die Sicherheitshysterie k&#246;nnen demzufolge als Elemente der Strategie eines B&#252;ndnisses zwischen Gro&#223;kapital und den nicht Mehrwert produzierenden, staatsabh&#228;ngigen Mittelschichten verstanden werden. Das ist ein Klassenkampf von oben nach unten, ein einseitiger Klassenkampf, ein Klassenkampf der Bourgeoisie.</p>
<p><em>Da paart sich die kapitalistische Logik der Bewertung der Menschen nach &#246;konomischen Gesichtspunkten mit einem antihumanistischen, menschenverachtenden Diskurs.</em></p>
<p>Ja, das geht sehr sch&#246;n zusammen. Diese radikalisierten Mittelschichten suchen nach Gruppen, die man von staatlicher Sozialpolitik ausschlie&#223;en k&#246;nnte. Sie sind gegen Schwule und Lesben, gegen J&#252;dInnen, gegen Ausl&#228;nderInnen, gegen Roma, gegen Linke, gegen Liberale und sie sind nat&#252;rlich auch frauenfeindlich. Die neuen Sozialreformen bringen zum Beispiel sehr viele Nachteile f&#252;r junge M&#252;tter mit sich. In der Krise sollen als erstes Frauen entlassen werden, denn die geh&#246;ren zur&#252;ck in die Familie usw. Die Rechte besteht vor allem aus wei&#223;en, heterosexuellen, maskulinistischen jungen M&#228;nnern.<br />
Zudem herrscht hier eine Stimmung, die amerikanische Sozialpsychologen als Moralpanik bezeichnet haben. &#220;berall ist die Rede von der angeblich &#252;berhand nehmenden „Zigeunerkriminalit&#228;t“. Tats&#228;chlich ist die Kriminalit&#228;tsrate in Ungarn nat&#252;rlich nicht h&#246;her als fr&#252;her. Die rechte Presse sagt dazu einfach: die Statistik l&#252;gt.<br />
Die Feindschaft gegen&#252;ber Roma und Sinti steigt. Die Rechten konnten diese Situation gut ausnutzen. Auch und besonders in den D&#246;rfern findet die extreme Rechte einen starken R&#252;ckhalt. Warum ist das so? Die D&#246;rfer sind ja bettelarm. Es gibt kaum mehr ungarische Landwirtschaft, denn die wurde in den 1990er Jahren zerst&#246;rt. Die DorfbewohnerInnen k&#246;nnen also nicht mehr von der Landwirtschaft leben. In den armen D&#246;rfern leben au&#223;erdem viele Roma und Sinti. Auch das kann erkl&#228;rt werden. In den letzten zwei Jahrzehnten des Staatskapitalismus sowjetischen Typs bestand in der Industrie – speziell in der Bergbau- und Bauindustrie – ein gro&#223;er Bedarf an ungelernten Arbeitskr&#228;ften. Diesen Bedarf deckten damals vor allem die in diesen Industriezweigen arbeitenden Roma und Sinti. Die Bergbau- und Bauindustrie wurde ma&#223;geblich von Roma und Sinti getragen. Diese waren immer PendelarbeiterInnen. Sie wohnten nicht in den St&#228;dten, in denen sie arbeiteten, sondern in den D&#246;rfern. Als diese Industrien jedoch Pleite gingen, waren die ArbeiterInnen gezwungen, in die D&#246;rfer zur&#252;ckzukehren. Dort gab es keine Arbeit, man konnte und kann auch heute nur von der Sozialhilfe leben. Eine andere M&#246;glichkeit gibt es nicht. Die Lage ist verzweifelt.</p>
<p><em>Du hast bereits angedeutet, dass auch in Ungarn einzig die Rechte die soziale Frage aufgegriff en hat. Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem neoliberalen Kahlschlag nach 1989 und dem Erfolg der Rechten?</em></p>
<p>Es besteht nat&#252;rlich ein direkter Zusammenhang. Nach der Wende konnte der bis dahin gut verteidigte Binnenmarkt der „sozialistischen“ L&#228;nder dem internationalen Wettbewerb nicht standhalten. Mit dem Ende der Sowjetunion gingen binnen k&#252;rzester Zeit etwa zwei Millionen Arbeitspl&#228;tze verloren – und das in einem Land mit insgesamt zehn Millionen EinwohnerInnen. In der Politik, in den politischen und kulturellen Eliten in ganz Osteuropa – nicht nur in Ungarn – wurde dieser Tatsache jedoch kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Dar&#252;ber diskutierte man ganz einfach nicht. Das Th ema wurde behandelt, als w&#252;rde es sich um eine exotische Erscheinung irgendwo in der Ferne handeln. Nur die Rechte hat w&#228;hrend der langen Jahre der so genannten sozial-liberalen Herrschaft gelernt, dass ein Auftreten gegen soziale Abbauma&#223;nahmen oder die K&#252;rzungen der Sozialausgaben in der Bev&#246;lkerung auf gro&#223;e Zustimmung st&#246;&#223;t. Die Rechten haben dieses Terrain sehr moderat besetzt, nat&#252;rlich ohne etwas Konkretes vorzuschlagen. Die sind wirklich sehr schlau. Sie n&#252;tzen sehr selektiv einige Elemente dieser diff usen sozialen Unzufriedenheit.<br />
Die Wende war damals mit gro&#223;en politischen und kulturellen Hoffnungen, mit Ideen der Freiheit und der individuellen Rechte verkn&#252;pft. Ich selbst z&#228;hlte zu den Bef&#252;rwortern der Wende als ein ehemaliger „Andersdenkender“ unter Berufsverbot, ich hielt Reden auf Demonstrationen und wurde sp&#228;ter Parlamentsabgeordneter. Ich war ein Liberaler und in der Opposition. Ich habe meine politischen Ansichten gr&#252;ndlich ver&#228;ndert. Heute bin ich, seit, sagen wir etwa zehn Jahren, Marxist. Das ist ziemlich selten, die Leute gehen diesen Weg sonst immer in die andere Richtung. Als jemand, der eine gewisse Rolle bei der Gr&#252;ndung dieser Republik gespielt hat, habe ich eine bestimmte Autorit&#228;t. Meine Situation ist eine seltsame Ausnahme. Trotzdem: Wenn ich heute in meinen Schriften oder bei &#246;ff entlichen Auftritten das Wort „Arbeiter“ erw&#228;hne, dann lachen die Leute. Auch wenn ich „Gewerkschaften“ sage, lacht das Publikum immer. Das ganze Vokabular der linken Tradition ist einfach verschwunden, die Leute sind nicht mehr daran gew&#246;hnt. Es ist vergessen, nach 40 Jahren angeblich „marxistisch-leninistischer“ Indoktrinierung.<br />
Die aktuelle politische Lage stellt sich f&#252;r die meisten Leute als ein Konflikt zwischen Liberalen und Autorit&#228;ren, zwischen ModernisiererInnen und NationalistInnen, zwischen Leuten aus dem imagin&#228;ren Westen und solchen aus dem erfundenen Osten dar. Dass es ein soziales Problem gibt, wird im Allgemeinen nicht beachtet. Das ist in ganz Osteuropa &#228;hnlich. Auch wird das politische Spektrum auf eine ganz spezielle Art und Weise wahrgenommen. Links sein bedeutet hier antirassistisch, feministisch, nicht nationalistisch und antiautorit&#228;r zu sein, aber eben auch pro-amerikanisch, wirtschaftsliberal und okzidentalisch. Quasi ein amerikanischer Liberaler in Osteuropa. Ich wurde einmal gefragt: „Sie sind ein Linker und sind gegen die Nato? Wie geht das zusammen?“ In der vorherrschenden &#246;ff entlichen Meinung geh&#246;ren Menschenrechte, Feminismus, Rechte f&#252;r Homosexuelle, Rechte f&#252;r Einwanderer, f&#252;r Minderheiten und der Neoliberalismus zusammen. Wenn wir in der „Gr&#252;nen Linken“ als eine neue linke Kraft sagen, dass wir feministisch sind, gegen Diskriminierung usw., dann bekommen wir oft zu h&#246;ren: „Ach, ihr seid wie die Liberalen.“ Dieser Umstand muss unbedingt mitbedacht werden, wenn man &#252;ber das politische Spektrum in Osteuropa spricht. Als Linke in Ungarn m&#252;ssen wir an diesem Schema r&#252;tteln. Nat&#252;rlich m&#252;ssen wir einige der Inhalte, die hier als liberal gelten, trotzdem verteidigen. Das verstehen sehr wenige Leute – das ist verwirrend! Die Liberalen sagen: „Der Herr Tamás ist sehr anst&#228;ndig, er ist gegen die Faschisten, aber er hat da diese Vorurteile gegen den Kapitalismus“. Und die Rechten sagen: „Ja ja, er ist gegen die Neoliberalen, das ist gut, aber er ist doch ‚fremdherzig’, kein wirklicher Ungar.“ Das ist verr&#252;ckt! Ich denke, mit der Zeit werden die klassischen Fronten wieder hergestellt werden. Aber f&#252;r den Moment besteht eine Verwirrung.</p>
<p><em>Wir w&#252;rden nun gerne noch einmal genauer auf die offen neofaschistischen Kr&#228;fte zu sprechen kommen. Immer wieder tauchen Bilder, insbesondere von den „Ungarischen Garden“ in den Medien auf, die schockieren. Kannst du deren Auftreten schildern?</em></p>
<p>Die „Ungarische Garde“ ist nur eine von mehreren paramilit&#228;rischen Gruppierungen. Es gibt andere, die noch viel schlimmer sind. Diese Truppen zeugen von der St&#228;rke der Rechten. Sie &#252;ben – zumindest im Moment – psychologischen Terror aus. Physischer Terror ist noch verh&#228;ltnism&#228;&#223;ig selten, trotzdem gibt es schon Tote. Sie haben Rituale der Weihe, marschieren in Reih und Glied durch die Stra&#223;en und sie f&#252;hren dabei die Fahne der Pfeilkreuzler, also offen faschistische Symbole, mit sich. In ihren Reden sprechen sie immer von der Vernichtung und dem Ausschluss der „Fremdherzigen“ oder Fremden. Dabei sind die paramilit&#228;rischen Einheiten sehr darauf bedacht, nicht gegen das Strafgesetzbuch zu versto&#223;en. Manchmal kommt das nat&#252;rlich trotzdem vor. Letzte Woche fand z.B. ein Ritual am Grab eines jungen M&#228;dchens statt, das im 19. Jahrhundert verstarb. Damals wurden Juden in einem antisemitischen Prozess angeklagt, Blutschande und Ritualmord begangen zu haben. Die Rechtsextremen halten an dem antisemitischen Mythos des „j&#252;dischen Ritualmords“ fest und bewahren das Andenken an dieses M&#228;dchen. An dem Grab gab es eine Kundgebung, bei der einer der Leiter einer kleineren rechtsau&#223;en Organisation folgendes gesagt hat: „Unsere Vorahnen haben die Turbane der T&#252;rken, gegen die wir gek&#228;mpft haben, mit N&#228;geln an ihren K&#246;pfen befestigt. Sollen wir das mit der Kippa auch tun?“ Und die Anwesenden gr&#246;lten: „Ja!“. Ein weiteres Beispiel: vor einigen Tagen gab es eine Kundgebung der „Ungarischen Garde“ gegen die „Holocaustl&#252;ge“ im Budapester Burgpalast. Der Genozid an den Juden, so einer der Redner, h&#228;tte nie stattgefunden und es waren Transparente mit Parolen wie „Das Dritte Reich schl&#228;gt zur&#252;ck“ und „White Power“ und &#228;hnliches zu sehen.</p>
<p><em>Gibt es keinen Paragraphen gegen Volksverhetzung?</em></p>
<p>Theoretisch schon. Aber kein Gericht wagt es zur Zeit, solche Verurteilungen vorzunehmen. Das ist wie in Weimar der 1930er. Ich gebe euch ein Beispiel: die „Ungarische Nationalfront“ hat gerade einen Prozess gegen die Polizei gewonnen. Der „Nationalfront“ wurde vorgeworfen, zur Ermordung von PolizistInnen aufzurufen. Das war aber nicht der Fall – sie riefen „nur“ zur Ermordung des Premierministers auf! Die Polizei musste eine halbe Million Forint zahlen und sich &#246;ff entlich, also in der Presse, entschuldigen. Das haben sie dann auch tats&#228;chlich getan. Sie haben sich entschuldigt. In der Presse!<br />
Neben ganz off en antisemitischen, antiziganistischen und rassistischen &#196;u&#223;erungen in der (rechten) Presse gibt es auch genug implizite Zeichen, die von der hohen Akzeptanz rechtsextremen Gedankenguts zeugen. Ein Beispiel ist die Rehabilitierung des einstigen Reichsverweser und k. u. k. Vizeadmirals Nikolaus von Horthy, der ein Verb&#252;ndeter Nazi-Deutschlands war und offen antisemitisch agierte<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>. Er war hauptverantwortlich f&#252;r den Wei&#223;en Terror in der Zeit von 1919-20, f&#252;r die <em>numerus clausus</em>-Gesetze in den 1920er Jahren und f&#252;r die antij&#252;dischen „Rassengesetze“ von 1938. Er war derjenige, der nach der deutschen Besatzung im M&#228;rz 1944 die Kollaborationsregierung ernannt hat und die Verschleppung und Ermordung von sechshunderttausend ungarischen Juden und J&#252;dinnen verordnet und t&#252;chtig vollstreckt hat. Heute gibt es Statuen von ihm, und einige Fresken, auf denen er als Befreier erscheint, wurden restauriert. Einen weiteren Fall stellt der ebenfalls rehabilitierte Graf von Teleki dar, unter dessen Wirken als Premierminister antisemitische Gesetze verabschiedet wurden. Seine Reden werden von einem gro&#223;en Universit&#228;tsverlag ver&#246;ff entlicht – nicht etwa von kleinen faschistischen Organisationen. Bei all dem ist es wichtig zu verstehen, dass die Situation in allen osteurop&#228;ischen L&#228;ndern &#228;hnlich ist. Aber auch in Italien und anderen westeurop&#228;ischen L&#228;ndern gibt es vergleichbare Ph&#228;nomene.</p>
<p><em>Neofaschistische Gewalt&#228;terInnen m&#252;ssen also von Seiten des Staates nicht mit Repression rechnen?</em></p>
<p>Nein.</p>
<p><em>Es gab ja Prozesse zu den &#220;berf&#228;llen auf Sinti und Roma, bei denen es auch zu Todesf&#228;llen gekommen ist. Mussten sich die T&#228;terInnen nicht zumindest vor Gericht verantworten?</em></p>
<p>Die T&#228;terInnen sind nicht gefasst worden. In dem Dorf Tatárszentgy&#246;rgy wurde, wie ihr wahrscheinlich geh&#246;rt habt, das Haus einer Familie angez&#252;ndet und anschlie&#223;end der fliehende Vater zusammen mit seinem f&#252;nfj&#228;hrigen Sohn erschossen. Die T&#228;terInnen wurden bis heute nicht ausfindig gemacht. In demselben Dorf wurde auch die Wohnung der Vorsitzenden des lokalen Rats der Roma und Sinti angez&#252;ndet – ebenfalls keine T&#228;ter. Daf&#252;r hat die Polizei schon w&#228;hrend den laufenden Ermittlungen verk&#252;ndet, dass sie die Roma selbst hinter diesen Attentaten vermutet. Solche Erkl&#228;rungen sind eigentlich streng verboten. Sie haben kein Recht, dar&#252;ber zu sprechen. Seit etwa 15 Jahren gibt es verst&#228;rkt Judenhetze und rassistische &#220;bergriffe – und kein einziges Urteil dagegen.<br />
Ein weiteres Beispiel: f&#252;r den Posten des Premierministers, der von der sozialistischen Partei gestellt werden sollte, war der bekannte Wirtschaftswissenschaftler und ehemalige Pr&#228;sident der Nationalbank Dr. Gy&#246;rgy Surányi im Gespr&#228;ch. Eine rechte Zeitung ist daraufhin mit gelbem Davidstern auf dem Titelblatt erschienen. Es gab eine Demonstration vor dem Haus von Dr. Surányi, bei der dieser sich „Saujud“ und andere Beschimpfungen anh&#246;ren musste. Herr Surányi ist daraufhin zu der rechtskonservativen Partei im Parlament gegangen – diese sollte ihn gegen die antisemitischen Attacken verteidigen. Sie lehnte ab.</p>
<p><em>Die neofaschistische Propaganda bedient sich verschiedener Feindbilder. Sie hetzt gegen Roma, J&#252;dinnen und Juden und sozial Schwache. Welche Versatzst&#252;cke des neofaschisischen Weltbilds sind au&#223;erdem zu beobachten?</em></p>
<p>Antikommunismus spielt nat&#252;rlich eine bedeutende Rolle. Es gibt zwei Spitzen dieser Offensive. Kommunisten sind nach dieser Logik alle, die eine Rolle in der ehemaligen Staatspartei gespielt haben. Die meisten von denen sind heute in Wirklichkeit arme Rentner, altmodische Leute, sagen wir leninistische Konservative. Ich habe damals gegen sie gek&#228;mpft, als sie noch keine Rentner waren. Manche von ihnen sind heute meine politischen Verb&#252;ndeten.<br />
Es herrscht die Meinung vor, dass Leute, die Teil dieser Eliten waren, kein Recht haben, reich zu sein oder Einfluss zu haben. Es gibt hier eine populistische Tendenz der Abgrenzung gegen die alten, aber auch gegen die neuen „Eliten“. Das ist die eine Sache. Und das vermischt sich aktuell auch mit Propaganda gegen aktuelle, fortschrittlichere Tendenzen. Die Neokonservativen sagen, das „Social Engineering“ der Linken f&#252;hre immer zum Gulag, die Nationalkonservativen sagen, wir w&#228;ren Internationalisten und keine Ungarn.<br />
Zugleich wird hochoffiziell f&#252;r eine Art Kastensystem pl&#228;diert. Bekannte Intellektuelle sind &#246;ffentlich gegen das allgemeine Wahlrecht eingetreten. Menschen, die nicht selbst verdienen, sondern Sozialhilfe und staatliche Unterst&#252;tzung erhalten, sollen nicht w&#228;hlen d&#252;rfen. Auch in Rum&#228;nien hat man vorgeschlagen, dass RentnerInnen nicht mehr w&#228;hlen d&#252;rfen sollten. Und kein Skandal! Obwohl diese Forderung von ber&#252;hmten und anerkannten Personen verlautbart wurde.</p>
<p><em>Welche Reaktionen kommen von der Sozialistischen Partei?</em></p>
<p>Sie steuert all dem nicht gerade entgegen. Sie tritt zwar rhetorisch gegen Rassismus an, hat jedoch vor nicht allzu langer Zeit selbst eine rassistische Gesetzgebung verabschiedet. Sozialhilfe soll von der Bereitschaft zu arbeiten abh&#228;ngig gemacht werden: „Arbeit statt Sozialhilfe“, so hei&#223;t das offiziell. Sie haben sich dieses Programm von Blair und Clinton abgeschaut. In Ungarn, in den kleinen D&#246;rfern, in denen die Roma und Sinti leben, wo es keine Arbeitsm&#246;glichkeiten gibt, bedeutet das den Hungertod. Und so etwas hat die sozialistische Regierung verabschiedet! Ich habe darauf geantwortet: das bedeutet Knast statt Sozialhilfe. In Wirklichkeit propagieren dieses Programm nicht nur die Sozialisten. Es kommt ebenso rechtsextremen Forderungen und B&#252;rgerInnenbewegungen in einigen Kleinst&#228;dten entgegen. In hetzerischer Art und Weise wird allzu oft von diversen Kr&#228;ften in der &#214;ffentlichkeit verlautbart, dass man nicht f&#252;r die „Zigeuner“ zahlen wolle, die nichts t&#228;ten au&#223;er zu rauben, zu stehlen, zu morden usw.<br />
Es gab einen ber&#252;hmten Fall, von dem ich euch gerne erz&#228;hlen m&#246;chte. In einem Dorf hat ein Bauer seinen Garten mit elektrischem Draht umz&#228;unt. Dieser sollte Diebe davon abhalten, seine Gurken zu stehlen. Die Folge: ein Roma ist gestorben, und ein anderer f&#252;r den Rest seines Lebens gel&#228;hmt. Der Bauer wurde verhaftet, doch kurz danach wieder entlassen. Der B&#252;rgermeister aus dem Nachbardorf hat ihm daraufhin die Ehrenb&#252;rgerschaft und eine staatliche Wohnung angeboten. Er wurde in der ganzen rechten Presse als anst&#228;ndiger, guter Ungar gefeiert. Ich habe einen Artikel geschrieben und argumentiert, dass f&#252;r die rechte Presse die Gurken einiger wertvoller sind als das Leben anderer. Die zweitgr&#246;&#223;te Zeitung Ungarns, die konservative <em>Magyar Nemzet</em>, hat mir in Form eines Leitartikels geantwortet, in dem sie betonte, die ganze Redaktion teile feierlich und geeint dieselbe Position: „Wir sind gegen Diebe und preisen deshalb diesen anst&#228;ndigen und guten Ungarn. Wir sind nur f&#252;r Gerechtigkeit und Ordnung! Und wir w&#252;rden diesen Standpunkt auch vertreten, wenn der T&#228;ter ein wei&#223;er Ungar w&#228;re.“ Ich habe in einem zweiten Artikel geschrieben, dass Sie also offensichtlich Eigentum dem Leben vorziehen und damit offiziell beweisen, dass der Kapitalismus eine Kultur des Todes sei. Tats&#228;chlich erschien ein weiterer Leitartikel als Antwort. Pl&#246;tzlich waren nicht mehr die Diebe, sondern ich der Hauptangeklagte. Als ich daraufhin meine Stammkneipe besuchte, haben die Leute mich nicht mehr gegr&#252;&#223;t – weil ich gegen Mord war! Es ist ersch&#252;tternd. Dabei ist das nun beileibe keine besonders radikale Position.</p>
<p><em>Gibt es keinen Hoffnungsschimmer? Welche gesellschaftlichen Kr&#228;fte gibt es, die sich diesem Rechtsruck in der Gesellschaft entgegenstellen?</em></p>
<p>Das Problem ist, dass es gegen diesen extremen Rechtsruck kaum bis keine sozialen Proteste gibt. Die sind die sozialen Proteste. Die einzigen sozialen Proteste werden von diesen jungen Rechtsextremen angetrieben. Das ist daf&#252;r eine Massenbewegung.<br />
Aber es gibt auch langsam einige Gruppen von progressiven Leuten, die nicht nur denken, sondern auch k&#228;mpfen wollen. Es gibt neue Zeitschriften, die politisch nicht besonders k&#252;hn sind, aber trotzdem gutes Material zum nachdenken liefern.<br />
Was uns betrifft: wir haben diese kleine Wahlkoalition, die „Gr&#252;ne Linke“, gegr&#252;ndet aus AltkommunistInnen, Neuen Linken, Gr&#252;nen, &#214;komarxistInnen, FeministInnen, AntirassistInnen… lauter Kleingruppen. Die Idee war, dass wir vielleicht meine Ber&#252;hmtheit, genauer: Ber&#252;chtigtheit, ein bisschen ausnutzen k&#246;nnen. Das ist mein einziges Kapital. Wir haben kein Geld, absolut keinen Pfennig. Wir werden nat&#252;rlich keinen Wahlerfolg haben, damit rechne ich nicht angesichts der herrschenden Stimmung. Aber trotzdem: es wird hoffentlich etwas Aufsehen erregen, sodass zumindest in der &#214;ffentlichkeit dar&#252;ber gesprochen wird. Es soll ein bisschen dar&#252;ber nachgedacht werden, was Sozialismus, was eine Linke, was Emanzipation und was Klassenkampf heute wirklich bedeuten kann. Wir hoffen, damit ein bisschen was bewegen zu k&#246;nnen.</p>
<p><em>In so einer Situation ist ein Moment der Irritation bzw. eine marginale Diskursverschiebung ja schon ein gro&#223;er Schritt.</em></p>
<p>Das glaube ich auch. Eines ist dabei besonders wichtig zu verstehen: der so genannte „real existierende Sozialismus“, der sowjetische Staatskapitalismus, stellt ein schwieriges Erbe f&#252;r uns dar. Die offiziellen KommunistInnen haben die ArbeiterInnenbewegung vernichtet. Die „sozialistische“ Vergangenheit erscheint den Leuten heute entweder l&#228;cherlich oder h&#228;sslich – Stichwort: Gulag, Terror, Diktatur.<br />
Die Geschichte der ArbeiterInnenbewegung ist in Ungarn unbekannt. Auch unter jenen, die sich als Linke verstehen. F&#252;r viele ist die Vergangenheit der ArbeiterInnenbewegung gleich Stalin. Das ist alles, was sie kennen. Die Gewerkschaften waren in den „realsozialistischen“ Gesellschaften auf blo&#223;e Erholungsorganisationen reduziert. Sie haben die Urlaube der ArbeiterInnen sehr gut organisiert, Bibliotheken f&#252;r Betriebe betreut usw., aber sie spielten nicht mehr die Rolle einer Interessenvertretung. Streiks waren verboten, es gab keinen Geist des Widerstandes. Die Gewerkschaften waren Staatsbeh&#246;rden. Die GewerkschaftsleiterInnen sind teilweise dieselben Leute wie damals. Sie haben versucht, sich zu ver&#228;ndern, aber das ist sehr schwierig.<br />
Auch der Widerstand gegen den Stalinismus wird von der breiten &#214;ffentlichkeit immer nur als liberal-konservativer gedacht. Dass es eine nicht-stalinistische Linke, und viele weitere inner-linke Debatten gab und gibt, kommt im &#246;ffentlichen Bewusstsein kaum vor. In der Theorie wissen vielleicht einige davon, aber das spielt in der tats&#228;chlichen Situation keine Rolle.</p>
<p><em>Wie kann eine Zusammenarbeit zwischen ungarischen und &#246;sterreichischen AntifaschistInnen angesichts dieser Situation aussehen?</em></p>
<p>Ich glaube, dass wir sehr bescheiden sein m&#252;ssen. Nat&#252;rlich w&#228;re es erst einmal wichtig, &#246;fter nach Ungarn und in andere osteurop&#228;ische L&#228;nder zu fahren. Und nat&#252;rlich gibt es auch einige Parallelen zwischen &#214;sterreich und Ungarn.<br />
Was AntifaschistInnen und Linke in Ungarn brauchen, sind B&#252;cher. Man muss sich vergewissern, dass es eine linke Tradition gab und gibt, dass marxistisches Denken nicht aufgeh&#246;rt hat, die Geister zu bewegen. Der vorherrschenden &#246;ffentlichen Vorstellung zufolge findet ein Todeskampf zwischen Liberalen und FaschistInnen statt. Linke Positionen kommen in dieser Art und Weise, das politische Spektrum wahrzunehmen, einfach nicht vor. Besonders deutlich wird dies z.B. auch, wie in der ungarischen Presse das politische Geschehen in anderen L&#228;ndern analysiert wird. Parteien, die nicht in das Bild dieser vermeintlich zentralen Auseinandersetzung zwischen liberal und rechts eingeordnet werden k&#246;nnen, werden einfach ignoriert. Man glaubt einfach nicht, dass Leute wie Olivier Besancenot und seine NPA<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> eine Rolle spielen k&#246;nnten, und darum kann man solche Entwicklungen einfach nicht erw&#228;hnen. Lateinamerikanische Linkspopulisten werden als stalinistische Tyrannen in spe betrachtet. Die neuen sozialen Bewegungen, die globalisierungskritischen Kr&#228;fte sind f&#252;r ungarischen ZeitungsleserInnen nichts als von gewissenslosen Aufwieglern ausgenutzte junge Leute, die naiv und unwissend eine R&#252;ckkehr zur Sowjetunion bef&#252;rworten und die Demokratie hassen. Es geht darum, die Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass es auch andere politische Entw&#252;rfe gibt.</p>
<p><em>Danke f&#252;r das Interview.</em></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Pfeilkreuzler bezeichnete die nationalsozialistische Partei Ungarns. 1937 gegr&#252;ndet, f&#252;hrte sie 1944-45 das Kollaborationsregime Nazi-Deutschlands an und war ma&#223;geblich an der Planung und Durchf&#252;hrung des ungarischen Holocaust beteiligt (Anm. d. Red.).</p>
<p><a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Mit „Wei&#223;er Terror“ wird der kontrarevolution&#228;re Terror gegen die kurzlebige ungarische R&#228;terepublik bezeichnet. Das numerus clausus-Gesetz von 1920 sah eine Beschr&#228;nkung der Zahl j&#252;discher Studierender an Hochschulen auf 6% vor (Anm. d. Red.).</p>
<p><a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> NPA (Nouveau Parti Anticapitaliste, zu dt. Neue Antikapitalistische Partei) bezeichnet die 2009 gegr&#252;ndete linksradikale Partei in Frankreich. Olivier Besancenot fungiert als ihr Vorsitzender (Anm. d. Red.).</p>
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		<title>Revolution im &#8220;falschen Kommunismus&#8221;</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 03:57:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 1]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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		<description><![CDATA[Das Jahr 1956 war ein besonderes Krisenjahr f&#252;r die herrschenden Eliten der stalinistischen Diktaturen. In zwei L&#228;ndern manifestierten sich die Konflikte zwischen dem Staatsapparat und der Bev&#246;lkerung in besonderem Ausma&#223;, zuerst bei ArbeiterInnen-Aufst&#228;nden in Polen und schlie&#223;lich in Ungarn mit einer echten Revolution. <em>Maria Asenbaum</em> stellt die Ereignisse 1956 in die Tradition des Sozialismus von unten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Jahr 1956 war ein besonderes Krisenjahr f&#252;r die herrschenden Eliten der stalinistischen Diktaturen. In zwei L&#228;ndern manifestierten sich die Konflikte zwischen dem Staatsapparat und der Bev&#246;lkerung in besonderem Ausma&#223;, zuerst bei ArbeiterInnen-Aufst&#228;nden in Polen und schlie&#223;lich in Ungarn mit einer echten Revolution. <em>Maria Asenbaum</em> stellt die Ereignisse 1956 in die Tradition des Sozialismus von unten.<br />
<span id="more-91"></span><br />
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der imperialistischen Neuaufteilung Europas fiel Osteuropa unter russische Kontrolle. Der so genannte Kommunismus der sich in L&#228;ndern wie Polen, Tschechien, Rum&#228;nien, Bulgarien und Ungarn etablierte, war weder durch soziale noch politische Revolutionen von unten erk&#228;mpft, sondern von externen Kr&#228;ften eingef&#252;hrt worden. Die kommunistischen Parteien in diesen L&#228;ndern hatten bis dahin nicht zwangsl&#228;ufig eine wichtige Rolle gespielt.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> Sie verbreiteten ihre Macht in den Nachkriegsjahren nicht durch politischen Zuspruch aus der Bev&#246;lkerung, sondern &#252;ber den Aufbau eines b&#252;rokratischen Verwaltungs-Apparates, gest&#252;tzt durch sowjetische Milit&#228;r-Pr&#228;senz. Es entstand eine neue Klassenstruktur in Osteuropa. Die wirtschaftliche Umverteilung, die nat&#252;rlich in erster Linie russischen Interessen diente, erm&#246;glichte innerhalb der L&#228;nder eine gewisse soziale Mobilit&#228;t. ArbeiterInnen und B&#228;uerInnen konnten durch eine Mitgliedschaft in den wachsenden kommunistischen Parteien in privilegierte Stellungen aufsteigen. Die stalinistische Ideologie wurde &#252;berall verbreitet und wurde Teil des Alltagslebens der Menschen. Doch all das konnte die Tatsache nicht verschleiern, dass das wirtschaftliche und politische Schicksal dieser L&#228;nder von nun an von Moskau aus diktiert wurde, ein Umstand gegen den sich die betroffen Menschen mehr als ein Mal zur Wehr setzten.</p>
<h3>Polen – Widerstand und Repression</h3>
<p>Die polnische Bev&#246;lkerung litt in den 50er Jahren schwer unter der sowjetischen Ausbeutungspolitik. Der Lebensstandard der polnischen ArbeiterInnen fiel zwischen 1949 und 1955 um zehn Prozent. Vierzig Prozent der nationalen Produktion wurde f&#252;r die Gro&#223;industrie verwendet, anstatt den Bed&#252;rfnissen der Bev&#246;lkerung zu dienen. Auch der strategische Kurswechsel der sowjetischen Eliten im Jahr 1953 bedeutete f&#252;r die Menschen keine tats&#228;chliche Verbesserung ihrer Lebenssituation.<br />
Das Jahr 1953 war ein Wendepunkt f&#252;r die Kommunistische Partei Russlands. Unter dem Druck der Revolten in Ostdeutschland und erm&#246;glicht durch den Tod Stalins wurde in vielen der so genannten „Volksdemokratien“ eine liberalere Politik eingef&#252;hrt. In Polen waren die wirtschaftlichen Zugest&#228;ndnisse eher halbherzig und oft erst erreicht, wenn die ArbeiterInnen selbst daf&#252;r eintraten. So gab es gegen die sinkenden L&#246;hne und die steigende Arbeitszeit immer wieder kleinere Streiks, wie in Danzig und Warschau. Politisch wurden allerdings durch die Lockerung der Zensur neue Spielr&#228;ume f&#252;r kritische Auseinandersetzung mit der Regierungspolitik er&#246;ffnet. Mitte der 50er traten Studierende, JournalistInnen und sozialistische AutorInnen<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> eine Welle der Kritik am Regime los. Im Zentrum der kritischen Debatten stand eine Gruppe, die sich als „Oktober Linke“ bezeichnete. Die studentische marxistische Wochenzeitschrift <em>Po Prostu</em>, die bis zu 90.000 LeserInnen erreichte, wurde in Polen zum wichtigsten Medium der Kritik gegen das Regime. Viele Artikel behandelten den chaotischen Zustand der Industrie und die Probleme, die offiziell nicht existierten (z.B. 300.000 Arbeitslose), aber sie portraitierten auch die unglaublichen Privilegien der herrschenden B&#252;rokraten-Klasse und kontrastierten diese mit der Lebenssituation der ArbeiterInnen.<br />
Auch in den Betrieben wurden die Unmuts&#228;u&#223;erungen immer lauter. Die Arbeitsbedingungen hatten sich zunehmend verschlechtert. Am 28. Juni 1956 entlud sich die angestaute Wut der ArbeiterInnen in Posen. 16.000 FabriksarbeiterInnen mit selbst angefertigten Bannern zogen durch die Stra&#223;en und skandierten “Wir wollen Brot!”, “Wir wollen niedrigere Preise und h&#246;here L&#246;hne!”. Leute aus den umliegenden Fabriksgeb&#228;uden und Gesch&#228;ften schlossen sich der Demonstration an. Bald hatte sich ein Drittel der gesamten Stadtbev&#246;lkerung vor dem Rathaus versammelt und forderte: “Wir wollen Freiheit!”, “Nieder mit dem falschen Kommunismus!”, “Nieder mit den Russen!”.<br />
Die spontane Massendemonstration entwickelte immer mehr Dynamik. Ein Teil der Demonstration marschierte weiter zum Stadtgef&#228;ngnis, um dort politische Gefangene zu befreien, die Waffen der W&#228;rter wurden konfisziert. Ein anderer Teil der Menge &#252;bernahm die Radiostation. Die gesamte Machtstruktur wurde pl&#246;tzlich herausgefordert.<br />
Die Regierung in Warschau antwortete mit Spezialeinheiten der Armee. Bis zum Abend &#252;bernahmen diese mit ihrer &#252;berlegenen Bewaffnung wieder die Kontrolle &#252;ber die Stadt. Der Aufstand, auch wenn teilweise am n&#228;chsten Tag noch weiter gek&#228;mpft wurde, war in den sp&#228;ten Stunden niedergerungen. Am n&#228;chsten Tag erst konnte der Rest der polnischen Bev&#246;lkerung direkt aus der offiziellen Parteizeitung erfahren was geschehen war:<br />
“Feindliche Agenten haben erfolgreich Unruhen provoziert. Die Geschehnisse gingen so weit, dass &#246;ffentliche Geb&#228;ude attackiert wurden, Todesopfer waren die Folge … Die Organisatoren dieser Aktion, eine breit und sorgf&#228;ltig vorbereitete Provokation, werden die volle H&#228;rte der Gesetze zu sp&#252;ren bekommen. … Die Provokation in Posen war von Feinden unseres Vaterlandes organisiert.”<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a></p>
<p>Doch ein wachsender Teil der herrschenden Klasse sah in Posen eine Warnung. Weitere Aufst&#228;nde w&#228;ren sicher nicht wieder so einfach niederzuschlagen. Der reformistische Fl&#252;gel innerhalb der Regierung wurde durch den Aufstand in Posen gest&#228;rkt. Der Widerspruch jedoch zwischen Reformern und jenen, die Reformen verabscheuten, spitzte sich immer weiter zu – bis im Oktober 1956 sogar ein B&#252;rgerkrieg drohte. Doch am 18. Oktober rollten russische Panzer in Polen ein um genau diesen zu verhindern und die Macht der Anti-Reformer zu st&#228;rken.</p>
<h3>Ungarn – die Revolution bricht aus</h3>
<p>W&#228;hrend die Unzufriedenheit in Polen 1956 dahinbrodelte, kochte sie in Ungarn &#252;ber. Um die Situation in Ungarn 1956 zu erkl&#228;ren, m&#252;ssen erst die zuvor liegenden, von Moskau gelenkten, Regierungsman&#246;ver betrachtet werden, die letztendlich zu einer Fraktionierung der politisch herrschenden Klasse Ungarns f&#252;hrten. Bis 1953 wurde der 5-Jahresplan Stalins in Ungarn unbarmherzig umgesetzt. Die Schwerindustrie wuchs um 210%, w&#228;hrend der Lebensstandard der Bev&#246;lkerung kontinuierlich sank. Exekutiert wurde diese harte Wirtschaftspolitik bis zum Jahr 1953 durch die Regierung um Mátyás Rákosi<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a>. Dann leitete Chruschtschow auch in Ungarn einen Kurswechsel ein. Die neue politische Leitfigur war Imre Nágy mit seiner Idee des „nationalen und menschlichen Sozialismus“. Er sollte Unruhen vorbeugen und so kam es zu einigen Reformen, im Sinne der arbeitenden Bev&#246;lkerung: ArbeiterInnen sollten h&#246;here Bez&#252;ge erhalten und die Wirtschaftspl&#228;ne weniger &#252;berspannt werden, den Bauern wurden die Strafen f&#252;r nicht-vollbrachte Zwangsablieferungen gestrichen und Partei und Staatsapparat sollten st&#228;rker getrennt werden. Ungarn erlebte 1953 den Beginn einer neuen Epoche – eine Epoche des „Neuen Kurs“. Die Gruppe um Imre Nágy setzte diese Reformen jedoch nicht ohne Widerstand aus der eigenen Partei um. Rákosi lehnte diese strikt ab. Auch das Zentralkomitee der KPdSU in Moskau war alles andere als ein homogener Block. Nicht einmal zwei Jahre nach der Einf&#252;hrung dieser Reformen schwang das ZK der KPdSU nach einem Besuch Rákosis in Moskau um und Rákosi wurde der R&#252;cken gest&#228;rkt.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a><br />
Mitte 1956 konzentrierte sich die Diskussion in ganz Ungarn auf die Politik der Diktatur der KP. Das Zentrum der Kritik stellte der so genannte Pet&#246;fi-Kreis<sup>6</sup> dar. Das war vorerst ein studentischer Diskussionszirkel, der sich mit Fragen marxistischer Philosophie und Realpolitik besch&#228;ftigte. Bald wurden aber immer gr&#246;&#223;ere Veranstaltungen organisiert und die Themen wurden immer brisanter: der wirtschaftspolitische Kurs Ungarns, Demokratie, Pressefreiheit, uvm. Die TeilnehmerInnen waren RegierungskritikerInnen, vor allem aus privilegierten Milieus, wie Universit&#228;t, Verwaltungsapparat oder Armee. Mit diesem Zirkel formierte sich ein zweites politisches Zentrum in Ungarn, welches die Politik des Zentralkomitees der MDP (kommunistische Partei Ungarns) herausforderte.<br />
Im Juli 1956 musste Rákosi aufgrund der immer st&#228;rkeren Opposition, nicht zuletzt bedroht durch die Entwicklungen in Polen, zur&#252;cktreten. Der ehemalige Chef der Staatsschutzbeh&#246;rde (AVH) und Mitstreiter Rákosis Ern&#246; Ger&#246; nahm seinen Posten ein. Doch die kritischen Stimmen wurden immer lauter, auch in den Betrieben begannen die ArbeiterInnen nach und nach Fragen zu stellen. Die Stimmung unter den Intellektuellen und unter den ArbeiterInnen heizte sich auf.</p>
<h3>Massenaufstand in Budapest</h3>
<p>Am 22. Oktober riefen einige StudentInnengruppen zu einer Demonstration in der Hauptstadt auf, um ihre Solidarit&#228;t mit “unseren polnischen Br&#252;dern” auszudr&#252;cken. Vielleicht w&#228;re es auch bei einem friedlichen Zeichen der Solidarit&#228;t geblieben, w&#228;ren die Menschen nicht gleich mit der Willk&#252;r ihrer eigenen herrschenden Klasse konfrontiert worden, die die Demonstration zun&#228;chst erlaubte und diese Erlaubnis kurz danach wieder entzog. Trotzdem, oder gerade deswegen, versammelten sich 100.000 Menschen am Platz vor der Statue von Josef Bem<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a>. In flammenden Reden wurden Reformen gefordert. Reformen, wie eine eigene, von Russland unabh&#228;ngige Politik, auf Basis sozialistischer Prinzipien. Betriebe sollten von ArbeiterInnen selbst gef&#252;hrt werden. Gewerkschaften sollten zur echten Repr&#228;sentantin der Interessen der ungarischen ArbeiterInnenklasse werden. Und nat&#252;rlich die Forderung nach freien Wahlen.<br />
Der Protestmarsch schien schon vor&#252;ber zu sein. Die Kundgebungen gehalten. Doch die Menschen wollten sicher gehen, dass ihre Forderungen tats&#228;chlich erf&#252;llt werden. Langsam bewegte sich die Menge weg vom Platz der Bem-Statue hin Richtung Parlament. Die Demonstration radikalisierte sich. “Raus mit den Russen!”, “Nieder mit Rákosi!”, “Freie und geheime Wahlen!”, “Nágy an die Macht!”. Die Demonstration schwoll immer mehr an. &#220;ber Radio sprach Ger&#246; zu den Menschen. Seine Rede machte klar, dass die Gruppe um ihn keinen Politikwechsel vorhatte.<br />
Zum Gef&#252;hl der Solidarit&#228;t und St&#228;rke kam nun auch das Gef&#252;hl der Bitterkeit, der Wut. Ein gro&#223;er Teil der Demonstration marschierte im Anschluss weiter zur Radiostation, um Ger&#246; zu antworten. Ein anderer Teil marschierte zum Stadtpark und riss die Stalin-Statue nieder. Ein weiteres verhasstes Symbol der Diktatur stellte sich den Menschen bei der Radiostation entgegen. 500 Soldaten der Staatsschutzbeh&#246;rde AVH bewachten sie. Es kam zu erbitterten Stra&#223;enschlachten zwischen der Polizei und den sich spontan bewaffnenden DemonstrantInnen. In diesem Moment begann in Ungarn die Revolution. Entgegen den Beteuerungen der Propaganda waren nicht einzelne Individuen am Werk, sondern ein gro&#223;er Teil der Budapester Bev&#246;lkerung.<br />
Ein Reporter aus Jugoslawien beschreibt die Situation folgenderma&#223;en:<br />
„Tausende Menschen eigneten sich Waffen an, indem sie Soldaten entwaffneten. Einige dieser Soldaten solidarisierten sich mit den erbittert k&#228;mpfenden Massen. Es wird berichtet, dass sie in Baracken eingebrochen und die Waffenfabrik Budapests eingenommen haben. Auf den Stra&#223;en tauchten Maschinengewehre und sogar leichte Infanterie auf. Gem&#228;&#223; den Augenzeugenberichten sind die Beh&#246;rden handlungsunf&#228;hig, es ist ihnen nicht m&#246;glich die blutigen Auseinandersetzungen zu beenden.“<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a></p>
<p>Der ungarische Staatsapparat drohte v&#246;llig zusammenzubrechen. Am 23. und 24. Oktober geriet die Budapester F&#252;hrung derma&#223;en in Panik, dass einige in die Untergrundbunker flohen, die f&#252;r die ArbeiterInnen nicht zug&#228;nglich waren. Die regul&#228;re Polizei war machtlos und in Budapest liefen 1.200 Offiziere angef&#252;hrt vom Polizeichef Sandor Kopasci zu den DemonstrantInnen &#252;ber.</p>
<h3>Doppelherrschaft</h3>
<p>Die Herrschenden mussten reagieren. Am n&#228;chsten Morgen verk&#252;ndete Ger&#246; die Bildung einer neuen Regierung mit Imre Nágy als Ministerpr&#228;sident, was einer Forderung der Aufst&#228;ndischen entsprach. Die Auseinandersetzungen gingen jedoch auch unter der neuen Regierung weiter.<br />
Am dritten Tag der K&#228;mpfe, am 26. Oktober, begannen die Menschen Strukturen zu schaffen, um ihrer neuen Macht Ausdruck zu verleihen und effizienter zu agieren. Sie formierten “Revolution&#228;re R&#228;te” in den St&#228;dten und Stadtvierteln, in den D&#246;rfern, in Zeitungsb&#252;ros und in Schulen, auf Bauernh&#246;fen und in den Fabriken. Die R&#228;te organisierten die Revolution und das Alltagsleben. Sie waren die Koordinationspunkte um Kampfstrategien weiterzuentwickeln, aber sie organisierten auch die Arbeit in den Fabriken und die Verteilung von Lebensmitteln und anderen G&#252;tern. Sie waren der Ausdruck von Demokratie und Selbstverwaltung in dieser revolution&#228;ren Phase, sie zeigten das Potenzial der ArbeiterInnenklasse, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.<br />
Die R&#228;te machten klar, dass es den Menschen in der ungarischen Revolution um eine tats&#228;chliche Umstrukturierung der gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse ging, mit dem zentralen Punkt der Kontrolle der ArbeiterInnen &#252;ber die Produktion. So wurde bei einer Versammlung von 24 R&#228;ten aus Budapest eine Resolution verabschiedet, die unter anderem folgende Punkte enthielt:<br />
- Die Fabriken sind Eigentum der ArbeiterInnen.<o></o><br />
- Die Kontrolle &#252;ber ein Unternehmen wird von dem demokratisch gew&#228;hlten ArbeiterInnenrat ausge&#252;bt.<br />
- Die Rechte der ArbeiterInnenr&#228;te werden folgenderma&#223;en definiert:<br />
o Die Zustimmung und Ratifizierung aller Projekte, die das Unternehmen betreffen<br />
o Die Festlegung des Lohnniveaus<o></o><br />
o Die Entscheidungsbefugnis &#252;ber alle Vertr&#228;ge im Export-Bereich<o></o><br />
o Finanzierungsentscheidungen<o></o><br />
o Einstellungs- und Entlassungspolitik<o></o><br />
o Die Ernennung eines Leiters des Unternehmens, der dem Rat gegen&#252;ber                                 verantwortlich ist.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a></p>
<p>Das Netz der R&#228;testrukturen wurde immer gr&#246;&#223;er und ihre Forderungen radikaler. In solch einer Situation konnte die Regierung auf zwei Arten reagieren: Entweder sie versuchte, den Aufstand und die daraus entstandenen Strukturen blutig niederzuschlagen, oder durch gro&#223;e Zugest&#228;ndnisse auf die Forderungen der Masse einzugehen und damit die revolution&#228;re Krise zu entsch&#228;rfen. Die Regierung entschied sich f&#252;r zweiteres. Am 30. Oktober verk&#252;ndete Nágy: “Das Kabinett wird das Ein-Parteiensystem abschaffen und die Regierung auf die Basis demokratischer Kooperation der Parteien von 1945 stellen.”<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> Die ArbeiterInnenr&#228;te, so wurde versprochen, sollten offiziell eingebunden werden. Bis Anfang November wurden immer mehr der popul&#228;ren Figuren der Revolution in die Regierung integriert. In den R&#228;ten selbst stellte sich nun die Frage, ob man dieser neuen Regierung vertrauen, oder eine eigene, in Form eines zentralen ArbeiterInnenrats, gr&#252;nden sollte. W&#228;hrend in den Revolution&#228;ren R&#228;ten noch diskutiert wurde, wurde von Moskau aus bereits die Konter-Revolution vorbereitet.</p>
<h3>Verrat und Konterrevolution</h3>
<p>Am 4. November r&#252;ckten russische Panzer in Budapest ein. Die ungarische Regierung wollte sich den Invasoren nicht kampflos ergeben. Imre Nágy verk&#252;ndete:<br />
“Heute im Morgengrauen haben sowjetische Kr&#228;fte begonnen unsere Hauptstadt anzugreifen, um offensichtlich die legale, demokratische ungarische Regierung zu st&#252;rzen. Unsere Truppen k&#228;mpfen. Die Regierung ist im Amt.“<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a></p>
<p>Aber wenige Stunden sp&#228;ter hatte die russische Armee alle strategisch wichtigen Punkte in der Stadt eingenommen. Nágy und die anderen Minister mussten fliehen. Doch in ganz Ungarn griffen die ArbeiterInnen zu den Waffen und stellten sich der einr&#252;ckenden russischen Offensive entgegen. In Csepel, Újpest, in Pécs, in Miskolc und in Dunapentele – &#252;berall str&#246;mten Menschen auf die Stra&#223;en um die Revolution zu verteidigen.<br />
Die russische Armee setzte ihren Angriff ohne Gnade fort. In ihrer Verzweiflung baten die Aufst&#228;ndischen den Westen um Hilfe. Doch sie hatten keine Unterst&#252;tzung zu erwarten. Der westlichen herrschenden Klasse war klar, dass diese Revolution, auch wenn gegen ihren Feind den Stalinismus gerichtet, nicht in ihrem Interesse war. Au&#223;erdem h&#228;tten sie damit eine Eskalation des Konflikts zwischen den gro&#223;en imperialistischen Bl&#246;cken riskiert.<br />
Als Russland die Kontrolle nach schweren K&#228;mpfen und mehr als 20.000 Toten wieder erlangte, &#252;bergaben sie sie an die neue ungarische Regierung unter Ministerpr&#228;sident János Kádár. Trotzdem war der Widerstand noch nicht gebrochen. Die Industrieproduktion war gestoppt, es gab keine Elektrizit&#228;t, die Nahrungsvorr&#228;te neigten sich dem Ende zu und das Telefonnetz und die Post funktionierten nur dann, wenn die ArbeiterInnen es wollten. Auch wenn sie milit&#228;risch geschlagen waren, ihre m&#228;chtigste Waffe gaben die ArbeiterInnen Ungarns nicht so schnell aus der Hand. Sie organisierten einen Generalstreik. Die Organisation des Streiks war weitaus schwieriger in dieser Situation. Viele der ArbeiterInnen hatten die Hoffnung auf einen Sieg l&#228;ngst aufgegeben. Nun war es wichtig die Kr&#228;fte zu b&#252;ndeln, wenn doch noch etwas erreicht werden sollte. Am 8. November fand ein Koordinationstreffen der Budapester ArbeiterInnenr&#228;te statt und ein Zentraler ArbeiterInnenrat wurde gegr&#252;ndet. Man einigte sich auf die folgenden Forderungen: Die Betriebe sollten Eigentum der ArbeiterInnen unter der Kontrolle der R&#228;te werden, die Macht der R&#228;te sich auch auf die wirtschaftlich, soziale und kulturelle Sph&#228;re ausweiten, eine eigene Miliz sollte geschaffen werden und ein Mehr-Parteien System auf sozialistischer Basis etabliert werden.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Allerdings war zu diesem Zeitpunkt bereits klar, dass diese Forderungen nicht zur G&#228;nze umgesetzt werden k&#246;nnten. Das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis hatte sich aufgrund ihrer milit&#228;rische &#220;berlegenheit schon weit zugunsten der herrschenden Klasse verschoben. So begannen nun die Verhandlungen zwischen der Kádár-Regierung und VertreterInnen des Zentralen ArbeiterInnenrates. R&#252;ckblickend erscheint das Verhalten der ehemaligen Revolutionsf&#252;hrerInnen etwas naiv. Denn w&#228;hrend noch &#252;ber die formale Annerkennung der R&#228;te verhandelt wurde, wurden mehr und mehr ihrer Mitglieder verhaftet, verschleppt und wie sich sp&#228;ter herausstellte, exekutiert. Die Regierung wollte und konnte die Macht der R&#228;te niemals akzeptieren. So wurde am 11. Dezember 1956 – 30 Tage seit seinem Bestehen – der Zentrale ArbeiterInnenrat von Gro&#223;budapest zur G&#228;nze verhaftet. Am 15. Dezember wurde die Todesstrafe f&#252;r wilde Streiks eingef&#252;hrt. Die ehemaligen Anf&#252;hrer der R&#228;te, wie Janoz Soltezs oder Josef Dudas wurden verhaftet und ermordet. Gleichzeitig wurden Lohnerh&#246;hungen f&#252;r die Mehrheit der ArbeiterInnen eingef&#252;hrt. Es wurde alles daran gesetzt den Arbeitsalltag wieder herzustellen. Am 6. J&#228;nner l&#246;ste sich der letzte ArbeiterInnenrat selbst auf.</p>
<h3>Sozialismus von unten</h3>
<p>Es stellt sich die Frage, warum ein System, das sich „Kommunismus“ oder „ArbeiterInnenstaat“ nennt, von ArbeiterInnen derart herausgefordert werden kann. In dieser Geschichte wird deutlich, dass der “real existierende Sozialismus” seit dem Stalinismus nichts mit Sozialismus zu tun hatte. Es wurden weder Produktion noch Verteilung unter der demokratischen Kontrolle von ArbeiterInnen organisiert. Die Kontrolle wurde durch einen repressiven b&#252;rokratischen Staatsapparat ausge&#252;bt.<br />
Worin liegt dann in diesem Zusammenhang die Bedeutung der ArbeiterInnenr&#228;te: Die Tatsache, dass sie gegen einen so genannten sozialistischen ArbeiterInnenstaat aufgebaut und von demselben wieder zerst&#246;rt wurden, zeigt, dass Ungarn weder vor noch nach 1956 in irgendeiner Weise sozialistisch war. Dass die R&#228;te die Kontrolle &#252;ber die Produktionsmittel &#252;bernahmen, zeigt auch, dass das Problem nicht die politische Degeneration an der Spitze war, sondern ein System, das ArbeiterInnen politisch und &#246;konomisch unterdr&#252;ckt. „Die Kommunisten verstaatlichten alle Fabriken und &#228;hnliche Unternehmen mit dem Slogan: Das sind eure Fabriken – ihr arbeitet f&#252;r euch selbst. Aber das genaue Gegenteil war der Fall“, betonte ein Arbeiter aus Csepel.</p>
<p>Aus diesem Grund wird der “real existierende Sozialismus” von uns als „b&#252;rokratischer Staatskapitalismus“ analysiert. Was die ArbeiterInnenr&#228;te dagegen geschaffen haben, n&#228;mlich der Ansatz einer demokratischen selbstverwalteten Gesellschaft, steht f&#252;r uns in der Tradition des “Sozialismus von unten”.<br />
„Der Kern der Vorstellung von einem Sozialismus von unten ist, dass der Sozialismus nur durch die Selbstbefreiung der in Bewegung geratenen Massen verwirklicht werden kann, die die Freiheit mit eigenen H&#228;nden ergreifen, die sich “von unten” in einen Kampf werfen, um die Kontrolle &#252;ber ihr Schicksal zu &#252;bernehmen, als Handelnde (nicht nur Unterworfene) auf der B&#252;hne der Geschichte.“<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> In Ungarn, Polen und Rum&#228;nien waren die kommunistischen Parteien vor und w&#228;hrend dem Krieg verschwindend klein nur in Tschechien hatten sie etwas mehr Bedeutung mit 240.00 Mitgliedern.<o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Z. B. Adam Wazyk, der bereits vor dem Krieg Anh&#228;nger der Kommunistischen Partei war und dann bekannter Vertreter „sozialistischen Realismus“ wurde<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> zit. nach Harman, Chris: Class Struggles in Eastern Europe 1945-1983. London: Bookmarks 1988. p98.<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Mátyás Rákosi war bereits vor dem 2. Weltkrieg, den er gro&#223;teils im russischen Exil verbrachte, Mitglied der Kommunistischen Partei. Ihm wird die „Sowjetisierung“ Ungarns zugeschrieben, er baute die AVH auf und bezeichnete sich selbst als „Stalins bester Sch&#252;ler“.<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Vgl. Varga, Gy&#246;rgy T.: Zur Vorgeschichte der ungarischen Revolution 1956. p73.<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Die Pet&#246;fi-Zirkeln entstanden aus einer Untergruppe der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei Ungarns.<br />
Benannt wurden sie nach dem Dichter und Held des ungarischen Freiheitskampfs 1848 Sándor Pet&#246;fi.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Josef Bem, urspr&#252;nglich aus Polen stammenden Helden im ungarischen Aufstand von 1848.<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Zit. n. Harman: Class Struggles in Eastern Europe. p131.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Nagy, Balász: Budapest 1956: The Central Workers Council. http://www.marxists.de/statecap/nagy/budapest.htm<o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Zit. n. Harman: Class Struggles in Eastern Europe. p138.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Zit. n. ebd.: p159.<o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Nagy, Balász: Budapest 1956: The Central Workers Council.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Draper, Hal: Die zwei Seelen des Sozialismus. http://www.anu.edu.au/polsci/marx/intros/2seelen.htm<o></o></p>
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