<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Staatskapitalismus</title>
	<atom:link href="http://www.perspektiven-online.at/tag/staatskapitalismus/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.perspektiven-online.at</link>
	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
	<lastBuildDate>Wed, 01 Feb 2012 08:57:15 +0000</lastBuildDate>
	<generator>http://wordpress.org/?v=2.9.2</generator>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
			<item>
		<title>Klassenk&#228;mpfe im Staatskapitalismus: Der Aufstieg von Solidarnosc</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2011/07/19/klassenkaempfe-im-staatskapitalismus-der-aufstieg-von-solidarnosc/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2011/07/19/klassenkaempfe-im-staatskapitalismus-der-aufstieg-von-solidarnosc/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:12:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Alternativen]]></category>
		<category><![CDATA[Polen]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>
		<category><![CDATA[Staatskapitalismus]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=1955</guid>
		<description><![CDATA[Die Ereignisse rund um die Solidarnosc-Bewegung gelten als Wegbereiter f&#252;r das Jahr 1989. Colin Barker zeichnet in seinem Artikel die Ereignisse in Polen Ende der 1970er Jahre nach und analysiert die St&#228;rken, Schw&#228;chen und Widerspr&#252;che einer heterogenen Bewegung, die von unten begann und nach den Prinzipien der ArbeiterInnenr&#228;te aufgebaut war.1

Die Entstehung „Volkspolens“ geht auf das Ende des Zweiten Weltkriegs zur&#252;ck. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Ereignisse rund um die Solidarnosc-Bewegung gelten als Wegbereiter f&#252;r das Jahr 1989. Colin Barker zeichnet in seinem Artikel die Ereignisse in Polen Ende der 1970er Jahre nach und analysiert die St&#228;rken, Schw&#228;chen und Widerspr&#252;che einer heterogenen Bewegung, die von unten begann und nach den Prinzipien der ArbeiterInnenr&#228;te aufgebaut war.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
<span id="more-1955"></span><br />
Die Entstehung „Volkspolens“ geht auf das Ende des Zweiten Weltkriegs zur&#252;ck. Bis zum Ende der 1970er Jahre war aus einem wirtschaftlich r&#252;ckst&#228;ndigen, vorwiegend agrarisch gepr&#228;gten Land die zehntgr&#246;&#223;te Industriemacht der Welt geworden (mit dem weltweit achtgr&#246;&#223;ten Milit&#228;rbudget). Die schnelle, staatlich gelenkte Entwicklung hatte gro&#223;e Fabriken und Industriest&#228;dte entstehen lassen. Die ArbeiterInnenklasse bildete nun die gr&#246;&#223;te Klasse; zudem bestand sie zur Mehrheit nicht mehr aus ehemaligen Bauern, sondern aus einer gebildeten „zweiten Generation“. Diese ArbeiterInnenklasse hatte – in den Jahren 1956, 1970 und 1976 – mehrere einschneidende Erfahrungen im Kampf mit den Herrschenden gemacht und sollte zwischen Juli 1980 und Dezember 1981 die fortschrittlichste ArbeiterInnenbewegung der Nachkriegswelt hervorbringen. Ende der 1970er Jahre wurde „Volkspolen“ von einer Krise geplagt; es erlebte den bisher gr&#246;&#223;ten Zusammenbruch der Produktion aller Industriel&#228;nder der Nachkriegszeit. Als sich die &#246;konomische Krise versch&#228;rfte, versuchte das Regime unter Edward Gierek das Problem der Nahrungsmittelknappheit durch eine Verdoppelung des Rationierungssystems zu l&#246;sen: Neben den Gesch&#228;ften mit staatlich kontrollierten Preisen, bei denen das Rationierungssystem von Warteschlangen dominiert war, entstand eine zweite Gruppe von Gesch&#228;ften, bei denen die Rationierung &#252;ber freie Marktpreise erfolgte. Am 1. Juli 1980 k&#252;ndigte ein Sprecher der Regierung an, dass das qualitativ hochwertige Fleisch in Zukunft nur mehr in der zweiten Gruppe von Gesch&#228;ften erh&#228;ltlich sein w&#252;rde. Diese Ank&#252;ndigung war der Startschuss f&#252;r eine Streikwelle, die w&#228;hrend der folgenden sechs Wochen &#252;ber den Gro&#223;teil der polnischen Industrie hinweg rollte und ihren H&#246;hepunkt Mitte August in den K&#252;stenst&#228;dten Danzig, Gdingen und Stettin erreichte.</p>
<p><strong>Streiks in den 1970er Jahren</strong><br />
Die Entstehung dieser Streikwelle hatte sich abgezeichnet. In den vorangegangenen vier Jahren hatten mindestens eintausend Streiks stattgefunden, vorwiegend in den gr&#246;&#223;eren (und politisch bedeutenderen) „Flaggschiff“-Unternehmen, die den Stolz des industrialisierten Polens ausmachten. Stra&#223;enschlachten, die Inbrandsetzung von Parteigeb&#228;uden und schlie&#223;lich Fabrikbesetzungen hatten eine Senkung der Preise erzwungen. Im Juni 1976 hatte das Regime erneut versucht, die Preise zu erh&#246;hen: Streiks, Stra&#223;endemonstrationen und die Zerst&#246;rung der zentralen Eisenbahnverbindungen durch IndustriearbeiterInnen hatten neuerliche Zugest&#228;ndnisse innerhalb von 24 Stunden erzwungen. 1980 war das Regime daher mit einer ArbeiterInnenklasse konfrontiert, die bereits ein gewisses Vertrauen in ihre F&#228;higkeit erlangt hatte, Konzessionen zu erringen.<br />
Obwohl die Streikbewegung &#252;ber kein koordinierendes Zentrum verf&#252;gte, hatten die ArbeiterInnen ein Informationsnetzwerk aufgebaut, mithilfe dessen sie Neuigkeiten &#252;ber ihre K&#228;mpfe verbreiteten. Daneben spielte auch eine Gruppe von „DissidentInnen“ eine wesentliche Rolle bei der Bekanntmachung der ArbeiterInnenbewegung: Das Komitee zur Verteidigung der ArbeiterInnen (KOR), welches sich urspr&#252;nglich im Jahr 1976 mit dem Ziel gegr&#252;ndet hatte, Hilfe f&#252;r entlassene ArbeiterInnen zu organisieren, zog kleine Zirkel von Militanten aus der ArbeiterInnenklasse an. Gemeinsam produzierten und verteilten sie Bulletins mit Namen wie „ArbeiterIn“, „K&#252;stenarbeiterIn“ usw.. Das KOR und andere Zusammenh&#228;nge waren wichtige Fokuspunkte f&#252;r die Entwicklung von F&#252;hrungsfiguren an der Basis, die in den sich bald entfaltenden Ereignissen eine fundamentale Rolle spielen sollten.</p>
<p><strong>Explosion in Danzig</strong><br />
Im August 1980 wurde in Danzig eine Aktivistin der Gruppe „K&#252;stenarbeiterIn“, die 50-j&#228;hrige Kranf&#252;hrerin Anna Walentynowicz, vom Management der riesigen Lenin-Werft fristlos entlassen. Daraufhin schmuggelte die Gruppe am n&#228;chsten Morgen handgeschriebene Flugbl&#228;tter und Transparente in die Werft und in einige andere Betriebe. Die ArbeiterInnen legten in ihren Abteilungen die Arbeit nieder und marschierten durch die Werft, um den Rest der Belegschaft zum Streik aufzurufen. Am Ende des Vormittags des 14. August wurde in einer Massenversammlung mit dem Werftmanager diskutiert. Lech Walesa, ein Mitglied der Gruppe, der selber von der Werft gefeuert worden war, pr&#228;sentierte sich der Menge und rief den Beginn eines Besetzungsstreiks aus.<br />
Der Streik weitete sich rasch auf andere &#246;rtliche Betriebe aus. Delegierte dieser Betriebe, darunter jene der Pariser-Kommune-Werft im benachbarten Gdingen sowie die Stra&#223;enbahnfahrerInnen der Stadt, versammelten sich in der Lenin-Werft. Ein neues Organ wurde gebildet: das „&#220;berbetriebliche Streikkomitee“ (MKS), welches Delegierte aus allen streikenden Betrieben der Region umfasste. Das MKS formulierte die Liste der sogenannten „21 Forderungen“. Diese Liste beschr&#228;nkte sich nicht l&#228;nger auf unmittelbare, lokale Angelegenheiten, sondern beinhaltete als ersten Punkt die Forderung nach neuen, unabh&#228;ngigen Gewerkschaften. Daneben wurden auch eine Lockerung der Zensur, neue Rechte f&#252;r die Kirche, die Freilassung politischer Gefangener sowie Verbesserungen im Gesundheitswesen gefordert.<br />
Innerhalb weniger Tage waren mehr als 250 Betriebe im Danziger Komitee vertreten. Solidarnosc, ein Nachrichtenblatt, das mit Unterst&#252;tzung von Mitgliedern des KOR in der Druckerpresse der Werft produziert wurde, erreichte eine Auflage von 30.000 St&#252;ck t&#228;glich. Die Beh&#246;rden schnitten Danzig von jedem telefonischen Kontakt mit dem Rest Polens ab. Dennoch verbreiteten sich die Neuigkeiten &#252;ber die neue Danziger Organisation und die neuen Forderungen schnell. Daraufhin wurden weitere MKS gebildet, unter anderem in Stettin, das bereits 1971 Schauplatz einer Massenbesetzung der dortigen Werft gewesen war.<br />
Zu Beginn weigerte sich das Regime, die neuen Arbeiter-Innenkomitees anzuerkennen. Stattdessen verfolgte es die Strategie des Teilens und Herrschens, indem es versuchte, mit einem Betrieb nach dem anderen in jeweils getrennte Verhandlungen zu treten. Doch die &#252;berbetrieblichen Streikkomitees hielten zusammen und das Regime war gezwungen, direkten Gespr&#228;chen mit dem Danziger und Stettiner MKS zuzustimmen. Am 30. bzw. 31. August unterzeichneten Regierungsminister in Stettin und Danzig Dokumente, in denen das Regime den „21 Forderungen“ stattgab.</p>
<p><strong>Sowjets in Polen?</strong><br />
Die Bewegung basierte auf einer enormen Welle an Betriebsbesetzungen. Jeder streikende Betrieb sendete eine/n Delegierte/n an das lokale MKS. Die Delegierten w&#228;hlten ein internes Exekutivkomitee, das unter ihrer unmittelbaren Kontrolle stand. Die ma&#223;geblichen Verhandlungen mit dem Staat wurden mit Hilfe von Lautsprecheranlagen in der gesamten Werft &#252;bertragen, so dass tausende ArbeiterInnen den Verhandlungen folgen und die erzielten Fortschritte beurteilen konnten. Die Delegierten kehrten &#252;berdies mit Tonbandaufnahmen der Verhandlungen des jeweiligen Tages in ihre Betriebe zur&#252;ck, um Bericht zu erstatten und ihre Mandate zu erneuern.<br />
Das MKS war ein Streikkomitee mit Delegierten aus besetzten Betrieben, unabh&#228;ngig vom jeweiligen Gewerbe- oder Industriezweig, das sowohl politische als auch &#246;konomische Forderungen formulierte und f&#252;r diese k&#228;mpfte. Dar&#252;ber hinaus begann es, die Kontrolle &#252;ber Bereiche der Produktion und des Vertriebs zu &#252;bernehmen. Diese improvisierte Form zur Bew&#228;ltigung der konkreten Probleme im Arbeitskampf war nicht zuletzt die organisatorische Lehre der zum Teil bitteren Erfahrungen vorangegangener K&#228;mpfe und ein immenser Fortschritt gegen&#252;ber fr&#252;heren Formen der Selbstorganisation. Obwohl sie es nicht wussten, erschufen die polnischen ArbeiterInnen, aus der Logik ihrer eigenen Erfahrung heraus, damit jene Organisationsform neu, die erstmals im Jahr 1905 von russischen ArbeiterInnen angewandt worden war – den ArbeiterInnenrat.<br />
Derartige Klassenorganisationen haben das <em>Potential</em>, sich zu Organen revolution&#228;rer Macht zu entwickeln und zur Grundlage einer neuen Gesellschaftsordnung zu werden. Dieses Potential wird jedoch nicht automatisch realisiert – um sich in diese Richtung entwickeln zu k&#246;nnen, h&#228;tte es den Mitgliedern des MKS m&#246;glich sein m&#252;ssen, dieses Potential zu erkennen. In Polen existierte 1980 jedoch weder innerhalb noch au&#223;erhalb des MKS eine bedeutende Kraft, die diese Position vertreten h&#228;tte. Stattdessen schr&#228;nkte das MKS seine eigenen Anspr&#252;che von Beginn an bewusst ein. Etliche intellektuelle „BeraterInnen“ wurden in den Kreis rund um die MKS-F&#252;hrung inkorporiert. Ihre Rolle bestand vorwiegend darin, als Bef&#252;rworterInnen eines Kompromisses zu agieren. Auch von der Kirchenoberen wurde M&#228;&#223;igung gepredigt: Am H&#246;hepunkt der Streiks hielt Kardinal Wyszynski eine per Rundfunk &#252;bertragene Predigt, in der er de facto zum Ende der Besetzungen aufrief. Freilich k&#246;nnen nicht alle Tendenzen zur M&#228;&#223;igung auf den Einfluss der Warschauer Intelligenzija oder der Kirche zur&#252;ckgef&#252;hrt werden: Wenngleich die angewandte Organisationsform potentiell revolution&#228;r war, so war es der Inhalt der Forderungen nicht. Was die ArbeiterInnen anstrebten – und auch eindrucksvoll errangen –, war vor allem das Recht, ihre eigene unabh&#228;ngige Gewerkschaft zu gr&#252;nden. Das Recht dazu war in den ersten der „21 Forderungen“ enthalten, denen das Regime zustimmte; das schriftliche Abkommen bedeutete aber zugleich auch, dass die ArbeiterInnen mit der Anerkennung der „f&#252;hrenden Rolle der Partei“ das Fortbestehen und die Rechtm&#228;&#223;igkeit der Herrschenden akzeptierten.<br />
Nichtsdestotrotz lie&#223; der Sieg der ArbeiterInnen explosive Widerspr&#252;che entstehen.</p>
<p><strong>Aufstieg und Orgie</strong><br />
Drei Wochen nach dem Danziger Abkommen trafen sich die Delegierten der verschiedenen &#252;berbetrieblichen Streikkomitees zu ihrer ersten landesweiten Versammlung. Sie nannten ihre neue Gewerkschaft NSZZ „Solidarnosc“ (Unabh&#228;ngige Selbstverwaltete Gewerkschaft „Solidarit&#228;t“). Bis zum Sp&#228;therbst waren etwa zehn Millionen Mitglieder registriert. Das waren etwa 80 Prozent der gesamten polnischen Besch&#228;ftigten. Das Herzst&#252;ck der neuen Gewerkschaft wurde von den gro&#223;en Industriebetrieben gebildet, in denen gew&#246;hnlich gelernte ArbeiterInnen die F&#252;hrungsrollen &#252;bernahmen. Aber die Anziehungskraft ging weit dar&#252;ber hinaus und erfasste unaufhaltsam auch kleine Handwerksbetriebe, Lebensmittelgesch&#228;fte, B&#252;ros, Kaffeeh&#228;user sowie einfache Staatsangestellte.<br />
Solidarnosc ver&#228;nderte auch ihre Mitglieder. Alleine die Teilnahme an einer Gr&#252;ndungsversammlung, in vielen F&#228;llen gegen den Widerstand der lokalen Bosse, beinhaltete einen Bruch mit den alten Gewohnheiten der Ehrerbietung und Unterwerfung. Neue Banden der Solidarit&#228;t wurden gekn&#252;pft und ein neues Gef&#252;hl der St&#228;rke geschaffen. Das Danziger Abkommen beendete die K&#228;mpfe zwischen den ArbeiterInnen und dem Regime keineswegs, es ebnete lediglich den Weg f&#252;r eine Flut an neuen Forderungen aus dem Volk sowie f&#252;r schwere regionale und nationale Konflikte. Die Solidarnosc-Bewegung schwoll in den sieben Monaten nach der Unterzeichnung des Abkommens im August weiter an.<br />
Als Solidarnosc immer gr&#246;&#223;er wurde, erweiterte sich nicht nur der Horizont der Mitglieder, sondern es dehnten sich auch ihre Forderungen aus. Mit der polnischen Sehnsucht nach nationaler Unabh&#228;ngigkeit traf Solidarnosc einen wunden Punkt; sie errang f&#252;r die Kirche das Recht, w&#246;chentlich Messen &#252;ber den Rundfunk auszustrahlen; sie warf die Fragen der politischen und b&#252;rgerlichen Freiheiten, der Demokratisierung der Gesellschaft und des Platzes des polnischen Staates in internationalen Milit&#228;rb&#252;ndnissen auf. So versammelte sie alle Arten von unterdr&#252;ckten und ausgebeuteten Gruppen der polnischen Gesellschaft unter ihrem Banner.<br />
Die Studierenden waren unter den Ersten, die Teil der Bewegung wurden. Im Herbst 1980 fanden Besetzungen durch Studierende statt und es kam zur Bildung – und offiziellen Anerkennung – von neuen, unabh&#228;ngigen und selbstverwalteten Studierendengewerkschaften: der „Studierenden-Solidarnosc“. Unter den Bauern trugen vorangegangene, sporadische Unruhen in Form einer Serie von Forderungen nach einer „Bauern-Solidarnosc“ Fr&#252;chte. In den meisten Gef&#228;ngnissen Polens gr&#252;ndeten Strafgefangene ihre eigenen Komitees. Sie agitierten und demonstrierten f&#252;r bessere Haftbedingungen – meist gemeinsam mit Solidarnosc-Mitgliedern, die sich au&#223;erhalb der Gef&#228;ngnismauern versammelten. Und auch zahlreiche andere Bewegungen und Organisationen wurden im Stillen durch den von Solidarnosc ausgehenden Impuls ver&#228;ndert: MieterInnen, Kleing&#228;rtnerInnen, &#214;kologInnen, BriefmarkensammlerInnen, JournalistInnen, K&#252;nstlerInnen, SchauspielerInnen, AutorInnen. &#220;berall schossen selbstverwaltete, unabh&#228;ngige Gewerkschaften aus dem Boden. Die polnische Gesellschaft feierte eine Orgie der selbstverwalteten Partizipation.</p>
<p><strong>Doppelherrschaft</strong><br />
In Wirklichkeit zeichnete sich in Polen eine Situation der „Doppelherrschaft“ ab. Auf der einen Seite stand das Regime, welches noch immer an den Hebeln der offiziellen &#246;konomischen und politischen Macht sa&#223; und den Repressionsapparat – die Sicherheitspolizei und insbesondere die Armee – fest in der Hand hatte. Doch die herk&#246;mmlichen Kontrollmechanismen &#252;ber die Bev&#246;lkerung brachen rasant zusammen. Dem gegen&#252;ber stand Solidarnosc mit einem permanent wachsenden Selbstbewusstsein und basierend auf dem riesigen, regional verankerten Delegiertenk&#246;rper, aus dem die ArbeiterInnengewerkschaft bestand.<br />
F&#252;r die herrschende Klasse war jede Art eines langfristigen &#220;bereinkommens mit Solidarnosc undenkbar. Die &#246;konomische Krise vertiefte sich st&#228;ndig und ihre L&#246;sung in akzeptablem Rahmen musste die Re-Disziplinierung und erneute Unterwerfung der ArbeiterInnenschaft beinhalten. F&#252;r Solidarnosc galt: Falls das volle Potential und die Tr&#228;ume ihrer Mitglieder realisiert werden sollten, falls das Prinzip der Selbstorganisierung, das diese expansive Bewegung antrieb, zur wirklichen Grundlage des polnischen Alltags werden sollte, so musste der existierende Staat beiseite geschoben werden. Denn zwei fundamental unterschiedliche Formen gesellschaftlicher Ordnung standen im Konflikt zueinander und wurden in zwei sich entgegengesetzten Kr&#228;ften manifestiert. Die Logik dieser Situation besagte, dass eine Seite die andere <em>zerst&#246;ren </em>musste, egal welche Mittel zur Erreichung dieses Ziels geeignet schienen.<br />
Die Situation war jedoch auch davon gepr&#228;gt, dass sich noch keine Seite in der Lage befand, sofort einen Sieg erringen zu k&#246;nnen. Die Maschinerie der Herrschenden war ernsthaft geschw&#228;cht und <em>konnte </em>daher ihre Ziele in der unmittelbaren Zukunft nicht erreichen. Auf der Seite der ArbeiterInnen war die dominante Vorstellung, dass man nicht versuchen <em>sollte</em>, den Gegner zu vernichten. Die F&#252;hrerInnen der Bewegung und ihre BeraterInnen hatten sich einer politischen Perspektive verpflichtet, deren zentrale Aussage war: Geht nicht zu weit! Die Selbstzuschreibung als Gewerkschaft war f&#252;r den wahren Charakter der Bewegung viel zu limitiert, es wurde jedoch auch kein brauchbares alternatives Konzept entwickelt. Die Bewegung befand sich nach einem halben Jahr noch immer in der Offensive und trieb die Herrschenden weiter vor sich her. Doch schon bald sollte sie ihre erste ernsthafte Krise erfahren.</p>
<p><strong>Krise in Bromberg</strong><br />
Im M&#228;rz brach in der Stadt Bromberg eine massive Krise aus. Mitglieder von Solidarnosc, die f&#252;r die Unterst&#252;tzung der Kampagne zur Legalisierung der Bauern-Solidarnosc ein B&#252;ro besetzt hielten, gingen zur Pr&#228;fektur, um mit Partei-Repr&#228;sentantInnen zu verhandeln. Einige hundert PolizistInnen st&#252;rmten den Raum und verpr&#252;gelten systematisch Solidarnosc-Mitglieder, zu denen auch Jan Rulewski, ein nationaler Gewerkschaftsf&#252;hrer, z&#228;hlte. Dies war das erste Mal, dass gegen die Gewerkschaft offene Gewalt eingesetzt wurde. Eine halbe Millionen ArbeiterInnen in der gesamten Region von Bromberg traten daraufhin in den Streik.<br />
Als am 23. M&#228;rz ein 300-k&#246;pfiges nationales Delegiertentreffen stattfand, war der Druck der Basis bereits &#252;berw&#228;ltigend. Einem &#228;u&#223;erst erfolgreichen vierst&#252;ndigen nationalen Streik folgten – f&#252;r den Fall, dass die Forderungen der Gewerkschaft nicht erf&#252;llt w&#252;rden – die Vorbereitungen zu einem unbefristeten Generalstreik am 31. M&#228;rz.<br />
Die Atmosph&#228;re in Polen war aufgeladen, als sich beide<br />
Seiten auf eine entscheidende Konfrontation vorbereiteten.<br />
In allen Regionen wurden in den gr&#246;&#223;ten Fabriken Streikhauptquartiere<br />
eingerichtet und mit Barrikaden befestigt.<br />
Der Premierminister, Jaruzelski, wandte sich um Unterst&#252;tzung an die Kirche. Kardinal Wyszynski und der Papst riefen zur Zur&#252;ckhaltung auf. Bei einem einst&#252;ndigen privaten Treffen mit dem Kardinal und, noch wichtiger, durch die „Berater“ der Kirche in der Gewerkschaftsf&#252;hrung, wurde auf Lech Walesa direkter Druck ausge&#252;bt. Noch im letzten Moment [vor dem Generalstreik, Anm. d. &#220;.] verhandelte Walesa zusammen mit einer Handvoll Mitglieder des Gewerkschaftskoordinationskomitees und einigen „BeraterInnen“ im Geheimen mit dem Regime. Schlie&#223;lich erschien er im Fernsehen, um die Absage des Streiks zu verk&#252;nden.</p>
<p><strong>Solidarnosc in der Krise</strong><br />
Die pl&#246;tzliche Absage des Generalstreiks war ein ernsthafter R&#252;ckschlag. Nach ihrem fulminanten Aufstieg war die ArbeiterInnenbewegung mit dem ersten Hindernis konfrontiert. In der Folgezeit kam es zu einer betr&#228;chtlichen Demobilisierung der Solidarnosc-Basis, so dass in den n&#228;chsten drei Monaten kein Streik in Polen stattfand. Zwar war das Bromberg-Debakel nicht die finale Krise von Solidarnosc, es markierte jedoch das Ende ihrer ersten Entwicklungsphase: Sie musste sich in eine neue Richtung bewegen. Die folgenden Monate waren von wachsender Verwirrung gepr&#228;gt. Unter den verschiedenen Str&#246;mungen und Bewegungen, die innerhalb von Solidarnosc miteinander interagierten, lassen sich grob einige Positionen identifizieren.</p>
<p><strong>M&#228;&#223;igung und B&#252;rokratisierung</strong><br />
Die dominante Orientierung der Solidarnosc-F&#252;hrung kann als „gem&#228;&#223;igt“ bezeichnet werden. Sie wollten die Vereinbarungen vom August 1980 als Grundlage einer permanenten Beziehung mit dem Regime nutzen: Solidarnosc w&#252;rde der Regierung partielle Legitimit&#228;t zusprechen und sie als „Partner“ in einem gemeinsamen Projekt zur Reform der polnischen Gesellschaft anerkennen.<br />
Die m&#228;&#223;igenden Ideen wurden unterst&#252;tzt durch einen Kreis von „BeraterInnen“, die als Transmissionsriemen fungierten. Ein Kreis der Warschauer Intelligenzija – ehemalige Parteimitglieder, katholische Intellektuellenzirkel, Mitglieder des KOR – war direkt im Entscheidungsgremium der Gewerkschaft vertreten.<br />
Der Eintritt der „BeraterInnen“ in Solidarnosc erfolgte bereits zu Beginn in Danzig.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Die Delegation der Warschauer Intelligenzija brachte zur Werft neben „Solidarit&#228;tsgr&#252;&#223;en“ auch „Ratschl&#228;ge“ bez&#252;glich der Vorgehensweise bei Verhandlungen mit. So akzeptierten die MKS-F&#252;hrerInnen den Rat der „ExpertInnen“, die Losung der „f&#252;hrenden Rolle der Partei“ anzuerkennen, so dass diese ohne eine Abstimmung der Delegierten in der endg&#252;ltigen Vereinbarung verankert wurde. Mit der st&#228;rker werdenden Rolle der „BeraterInnen“ in den Danzig-Verhandlungen war somit verbunden, dass die demokratische Arbeitsweise des MKS nachlie&#223;: Treffen zwischen der Exekutive und Basis des MKS wurden unregelm&#228;&#223;iger und grundlegende Fragen wurden den Delegierten nicht mehr zur Abstimmung gereicht.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a><br />
Mittels der „BeraterInnen“ hatte die Intelligenzija einen starken Einfluss auf die interne Politik von Solidarnosc. Sie repr&#228;sentierten, ob innerhalb oder au&#223;erhalb der Partei, eine Mischung aus Katholizismus, Nationalismus und Liberalismus. Was sie jedoch nie repr&#228;sentierten – viele standen dieser sogar mit offener Feindseligkeit entgegen – war jegliche Tradition von <em>sozialistischer </em>Politik und ArbeiterInnen-Internationalismus. Stattdessen s&#228;ten sie Illusionen der „nationalen Einheit“ und „rationalen L&#246;sungen“ und verdeckten damit Klassenantagonismen sowie die Notwendigkeit des Kampfes um die ArbeiterInnenmacht.<br />
Das Streben nach einer moderaten Strategie erforderte, dass die F&#252;hrerInnen die Bewegung zur&#252;ckhielten und Initiativen von unten vereitelten, welche die Entwicklung eines langfristigen Kompromisses gef&#228;hrdet h&#228;tten. Auch wenn alle Intellektuellen allgemein darin &#252;bereinstimmten, dass eine „Selbstbegrenzung“ notwendig war, so bedeutete dies nicht, dass sie eine homogene Gruppe bildeten. Die Mitglieder des KOR waren beispielsweise meist weit radikaler als die BeraterInnen der Kirche und offener f&#252;r radikale Impulse von der Basis. Vor allem waren sie diejenigen, die hinaus gingen, um mit den Mitgliedern zu reden.</p>
<p><strong>„Radikalere“ Str&#246;mungen</strong><br />
Die gem&#228;&#223;igte F&#252;hrung von Solidarnosc war jedoch nicht unangefochten. Vor allem nach den Ereignissen in Bromberg traten zahlreiche „radikalere“ Str&#246;mungen innerhalb der Gewerkschaft auf, die es jedoch nie schafften als organisierte Fraktionen alternative Strategien zu formulieren. Vielmehr reagierten sie h&#228;ufig unkoordiniert und moralisierend. Einige entwickelten sich als lokale Cliquen, die sich mehr auf Basis pers&#246;nlicher Vorlieben und Abneigungen denn ausgearbeiteter politischer Differenzen zusammengefunden hatten.<br />
Auch wenn die radikaleren AktivistInnen diejenigen waren, die am st&#228;rksten gegen die Rolle der „ExpertInnen“ und „BeraterInnen“ auftraten, so wurde diese Haltung h&#228;ufig in ein generelles Misstrauen gegen&#252;ber jeglicher Ideologie und Theorie &#252;bersetzt. Der franz&#246;sische Soziologe Alain Touraine verwies in seiner Studie &#252;ber die Solidarnosc-Mitglieder auf ein starkes Gef&#252;hl des Zorns und Misstrauens gegen&#252;ber der polnischen Gesellschaftsordnung und dem regierenden Regime. Wie er jedoch erg&#228;nzte, verblieb das weit verbreitete Verlangen nach radikalem Wandel in der Form einer „inneren Sprache“ und wurde nie in eine politische Strategie transformiert.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
Die Abwesenheit einer klaren oppositionellen Str&#246;mung beeinflusste einige andere potentiell erfolgversprechende Entwicklungen in Solidarnosc. Eine davon war die „Bewegung f&#252;r Selbstverwaltung“.<br />
Solidarnoscs Aufmerksamkeit richtete sich prim&#228;r auf den Kampf um Anerkennung und die Vielzahl an unmittelbaren Herausforderungen, welche sich in der Auseinandersetzung mit dem Regime stellten. Selbstverwaltung spielte somit f&#252;r die Monate nach August kaum eine Rolle.<br />
Allerdings konnte die Frage nach der „ArbeiterInnenkontrolle“ nicht einfach umgangen werden. Es wurde immer offensichtlicher, dass die Selbstlimitierung auf eine „Gewerkschaft“ nicht haltbar war. Mit jeder Schlacht trieben die Mitglieder die von ihnen mit der Bewegung verbundenen Hoffnungen weiter &#252;ber die bisherigen Grenzen hinaus. Das Ausma&#223; der &#246;konomischen Krise f&#252;hrte dazu, dass die klassischen Gewerkschaftsforderungen – h&#246;herer Lohn, k&#252;rzere Arbeitszeiten, bessere Arbeitsbedingungen – nur der Regime-Propaganda in die H&#228;nde spielten, derzufolge die Gewerkschaft &#246;konomische Reformen verhindere. Solidarnosc-Mitglieder versp&#252;rten das wachsende Bed&#252;rfnis nach Gegenargumenten und einem Forderungskatalog, mit dem man die eigene Position in den Betrieben weiter verbessern konnte.</p>
<p><strong>Wiederaufkeimende Konflikte</strong><br />
Die &#246;konomische Krise vertiefte sich im Fr&#252;hling und Sommer 1981. Die Verknappung von Rohmaterialien und Bauteilen traf die industrielle Produktion schwer, und die Versorgung mit allt&#228;glichen Waren wie Fleisch, Seife und Toilettenpapier verschlechterte sich zunehmend. Diese Situation f&#252;hrte im Sommer zu einem erneuten Ausbruch von Protesten. Diesmal jedoch handelte es sich vorwiegend um „wilde“ Aktionen, so dass die Reaktion der Solidarnosc-F&#252;hrung k&#252;hl und in einigen F&#228;llen sogar feindselig ausfiel. Als das Regime Solidarnosc vorwarf, die Wirtschaft zu sabotieren, rief die F&#252;hrung zu einem zweimonatigen Streik-Moratorium auf.<br />
Ein Charakteristikum der Streiks im Sommer und Herbst war, dass neue Teile der Solidarnosc-Mitglieder zum ersten Mal an autonomen Aktivit&#228;ten beteiligt waren: Flughafenpersonal, DruckerInnen, weibliche Arbeiterinnen, Hausfrauen und andere. Aufgrund der ausweglosen &#246;konomischen Umst&#228;nde und der wachsenden Frustration mit dem Regime versuchten zuvor „r&#252;ckschrittliche“ Teile von Solidarnosc die Bewegung weiter zu treiben. Alle m&#246;glichen Belange waren Inhalt der Streiks: Essensversorgung, der Kampf gegen die Rolle der Partei in den Betrieben, die lokale Macht von ManagerInnen, Exportpolitik, Zensur, usw. Implizit und explizit repr&#228;sentierten die Aktionen einen Aufruf an Solidarnosc, endlich zu handeln. Jedoch wurde die Verzweiflung und massive Wut ganzer Sektionen der Gewerkschaftsmitglieder von der F&#252;hrung nicht aufgegriffen.<br />
All diese Dynamiken von unten blieben fragmentiert und isoliert. Kein Teil der F&#252;hrung versuchte sie zu verbinden und aufzuzeigen, wie ein neuer vereinter Angriff gegen das Regime ausschauen k&#246;nnte. Letztendlich starb die Streikbewegung Mitte November ab: Die Mitglieder waren zunehmend ausgebrannt und wandten sich entt&#228;uscht von der Gewerkschaft ab. </p>
<p><strong>R&#252;ckgriff auf die Armee</strong><br />
Trotzdem war f&#252;r das Regime seit dem Sommer klar, dass Solidarnosc mit rein <em>politischen </em>Mitteln nicht besiegt werden konnte. Die Partei – das zentrale politische Werkzeug des Regimes – hatte bis dahin ihre Unf&#228;higkeit demonstriert. Deshalb wandten sich Polens Herrschende zu ihrer Rettung an die Armee.<br />
Um auszutesten, inwieweit die Gewerkschaft bereit war, sich zu wehren, begann das Regime offene Ma&#223;nahmen gegen Solidarnosc-AktivistInnen durchzuf&#252;hren. Einzelne Festnahmen waren nun nicht mehr Signale f&#252;r Massenstreiks, sondern f&#252;hrten nur vereinzelt zu lokalen Protestma&#223;nahmen. Kleine Armee-Einheiten wurden mit dem Argument, bei der Bew&#228;ltigung der Wirtschaftskrise zu helfen, auf das Land und in kleinere D&#246;rfer geschickt. Die Gewerkschaft reagierte auf die Vorkommnisse nicht. Im November wurden dann bereits &#228;hnliche Einheiten in die Fabriken geschickt um „die zivilen Verteidigungsvorbereitungen zu pr&#252;fen&#8230;“.</p>
<p><strong>Solidarnosc’ Hinwendung zur Politik</strong><br />
Die F&#252;hrung von Solidarnosc war gespalten und unsicher, wie auf die wachsende Gefahr zu reagieren sei. Als die Streiks Mitte November aufgrund der Ersch&#246;pfung und Entt&#228;uschung gr&#246;&#223;tenteils beendet wurden, verfielen viele ArbeiterInnen in w&#252;tende Apathie. Einige beschuldigten sogar – der Regimepropaganda folgend – die Gewerkschaft, f&#252;r das wirtschaftliche Schlamassel verantwortlich zu sein.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a><br />
Die paradoxe Selbstlimitierung der Solidarnosc sich nicht in die „Politik“ einmischen zu wollen, verleugnete die eigene Rolle bereits in der Entstehung. Mit der aufkommenden Krise und dem Gef&#252;hl einer zunehmenden L&#228;hmung begannen einige AktivistInnen, nach offenen politischen L&#246;sungen zu suchen. Ein Teil bewegte sich hin zu einer rein nationalistischen Politik, andere suchten ihr Heil in der Gr&#252;ndung politischer Parteien. Vor allem letzteres stellte einen weiteren Bruch mit der fr&#252;heren Selbstlimitierung dar. Jedoch betrachteten all diese Initiativen „Politik“ als etwas, das sich <em>au&#223;erhalb </em>von Solidarnosc befand und sich auf ein spezielles „politisches“ Handlungsfeld beschr&#228;nke. Nirgends wurde darunter die direkte Mobilisierung der St&#228;rke der polnischen ArbeiterInnen als Teil eines politischen Programms verstanden. Deshalb blieb die Hinwendung zur „Politik“ auch das Handlungsfeld einiger weniger interessierter AktivistInnen; die Basis war daran nicht beteiligt.</p>
<p><strong>Die „Lublin“-Gruppe</strong><br />
In diesem Sinne waren Entwicklungen innerhalb der Bewegung f&#252;r Selbstverwaltung sehr viel erfolgversprechender. Bereits im Sommer hatten militante Gruppen ihre Unzufriedenheit mit dem moderaten „Netzwerk“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> ausgedr&#252;ckt und die rivalisierende „Lublin“-Gruppe gegr&#252;ndet. Diese betonte die Notwendigkeit der ArbeiterInnenkontrolle. Vor allem waren sie in Bezug auf rein legislative Mittel skeptisch und interpretierten Selbstverwaltungsorgane im aktivistischen Sinne als „Organisationen des Kampfes zur Selbstverwaltung und Instanzen zur Kontrolle &#252;ber die Produktion“. Sie begannen f&#252;r „aktive Streiks“ zu argumentieren, in welchen die Produktion unter Kontrolle der ArbeiterInnen und im Interesse popul&#228;rer Bed&#252;rfnisse weitergef&#252;hrt werden sollte.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a><br />
Die „Lublin-Gruppe“ war der Beweis f&#252;r eine zunehmend radikale Str&#246;mung innerhalb der ArbeiterInnenbewegung. Jedoch steckte sie noch im Diskussionsstadium und entwickelte sich viel zu sp&#228;t, so dass sie nie die M&#246;glichkeit hatte, ihre Vorstellungen in die Praxis umzusetzen.</p>
<p><strong>Die letzten Tage</strong><br />
Ende November wurde offensichtlich, dass eine zentrale Auseinandersetzung bevorstand. Das Regime trieb eine Notstandsgesetzgebung voran und verlagerte Armee-Einheiten in die industriellen Zentren.<br />
Anfang Dezember versch&#228;rfte das Regime pl&#246;tzlich die Gangart. Generell hatten die ArbeiterInnenk&#228;mpfe abgenommen, allerdings waren beispielsweise die Studierenden in einer Reihe von Besetzungen involviert. Die Warschauer Feuerwehr-Schule – eine der besetzten Universit&#228;ten – wurde am 2. Dezember von einigen hundert BereitschaftspolizistInnen gest&#252;rmt.<br />
Diese Krise zwang die Solidarnosc-F&#252;hrung endlich, wenn auch versp&#228;tet, zur &#220;bernahme einer radikaleren Perspektive. Am 12. Dezember, inmitten der radikalsten Stimmung seit Bromberg, traf sich die nationale Kommission der Gewerkschaft in Danzig. Die Delegierten stimmten daf&#252;r, sich der Notstandsgesetzgebung mit Streiks sowie einem Generalstreik zu widersetzen. Weiters sollte ein eigenes Vertrauensvotum &#252;ber die Regierung abgehalten werden. Erneut riet die Kirche von einem solchen Schritt ab.<br />
Die linke Kehrtwende der Gewerkschaftsf&#252;hrung kam jedoch zu sp&#228;t. Als die Mitglieder der nationalen Kommission in ihrem Hotel schliefen, schlug das Regime zu. Das Hotel wurde von BereitschaftspolizistInnen gest&#252;rmt, die Delegierten verhaftet und inhaftiert. Im ganzen Land wurden tausende AktivistInnen aus ihren Betten gezerrt und abgef&#252;hrt. Premierminister Jaruzelski verk&#252;ndete um 6 Uhr fr&#252;h seinen Milit&#228;rputsch, die Aufl&#246;sung von Solidarnosc und das Kriegsrecht.<br />
Kardinal Glemp rief &#252;ber den Rundfunk die Bev&#246;lkerung dazu auf, nicht zur&#252;ck zu schlagen. Die Reaktionen der ArbeiterInnen vielen sehr unterschiedlich aus. Es gab vor allem in den gr&#246;&#223;ten Betrieben und den schlesischen Kohleminen einige hundert Streiks und Besetzungen. Doch nach wenigen Tagen war der Widerstand durch brutale Polizei- und Armeeinterventionen gebrochen.</p>
<p><strong>Konsequenzen der Niederlage</strong><br />
Die Niederlage von Solidarnosc hatte weitreichende Konsequenzen. Die Entscheidung des Regimes, sich f&#252;r die Niederschlagung von Solidarnosc der blo&#223;en milit&#228;rischen Macht zu bedienen, erwies sich f&#252;r den „Kommunismus“ als schicksalhaft. Indem Jaruzelski und seine Kollaborateure ganz auf politische Vermittlung und die Partei verzichteten, bereiteten sie den Weg in Richtung 1989. Gleichzeitig, obwohl sie nie endg&#252;ltig zerschlagen wurde, nahm die Verankerung von Solidarnosc in der ArbeiterInnenklasse immer weiter ab. Zunehmend eine Bewegung der Intelligenzija, gab sie ihre Tr&#228;ume von einer &#246;konomischen Selbstverwaltung zugunsten des Neoliberalismus auf. In diesem Sinne half sie, die „rein politische“ Revolution von 1989 in den Ostblock-L&#228;ndern mitzuformen, und bot dem liberalen Triumphalismus eines Fukuyama und anderer Sch&#252;tzenhilfe.</p>
<p><em>Colin Barker</em> ist britischer Marxist, Mitglied der Socialist Workers Party und Lehrender an der Manchester Metropolitan University.</p>
<p>&#220;bersetzung: <em>Ramin Taghian </em>und <em>Daniel Fuchs</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Dies ist eine &#252;bersetzte, gek&#252;rzte und redaktionell bearbeitete Version des Artikels „Poland 1980-81. The self-limiting revolution“, erschienen in Barker, Colin (Hg.): Revolutionary Rehearsals, London/Chicago/Melbourne 1987, S. 169-216. Der letzte Absatz der vorliegenden Version entstammt Colin Barkers Artikel „Crisis and turning points in revolutionary development: emotion, organization and strategy in Solidarnosc, 1980-81“, in Interface: a journal for and about social movements. Volume 2:1 (Mai 2010), S. 79-117<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Ludwik Hass, ein alt gedienter polnischer Trotzkist, beschrieb dies als ein „Eingreifen mit klassenstrategischem Charakter“, vgl. „Die Trag&#246;die von Solidarnosc sind die Berater!“ (Interview mit Ludwik Hass, gef&#252;hrt von Ernst Haenisch), in Klassenkampf 10, M&#228;rz-April 1982. Vielen Dank an Ian Birchall f&#252;r die &#220;bersetzung.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> F&#252;r Details siehe die zwei Denkschriften von Jadwiga Stanizkis „The evolution of forms of working-class protest in Poland: sociological reflections on the Gdansk:Szczenin case“, in Soviet Studies 33/2 (April 1981), S. 204-231 und von Tadeusz Kowalik „Experts and the Working Group“, in Kemp-Welch, Anthony (Hg.): The Birth of Solidarity: The Gdansk Negotiations, 1980, London 1983, S. 153-176<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> vgl. Touraine, Alain: Solidarity. The analysis of a social movement. Poland 1980-81, Cambridge/New York/Paris 1983, S. 72<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Zu erkennen anhand einiger der zahlreichen Meinungsumfragen in diesem gesamten Zeitraum; vgl. Mason, David S. „Solidarity , the Regime and the Public“, in Soviet Studies 35/4 (Oktober 1983), S. 533-545<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Die Gruppierung „Netzwerk“ kam 1981 auf und organisierte eine Reihe von Diskussionstreffen, um einen Forderungskatalog zu formulieren. Sie setzte sich aus einigen Militanten und interessierten Intellektuellen zusammen, das Ganze jedoch ohne eine direkte Verbindung mit der realen Praxis der ArbeiterInnenbewegung.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Die Argumente des Netzwerks wurden ziemlich schnell von der f&#252;hrenden Gruppe um Walesa als ihre eigenen aufgegriffen und entwickelten sich zu einem zentralen Bestandteil des Gewerkschaftsprogramms. Ein Hauptkritikpunkt war hierbei die staatlich-b&#252;rokratische Kontrolle &#252;ber die Wirtschaft. Stattdessen postulierte sie die Idee, dass das gesamte wirtschaftliche Leben als neutraler Raum und frei von politischer Einflussnahme behandelt werden sollte. So wie die Entstehung des Programms war auch die Vorstellung von dessen Implementierung von den Erfahrungen und Praxen der Basis abgetrennt. Als dann ab Juli 1981 eine neue Welle von ArbeiterInnenmilitanz ausbrach, wollten viele Netzwerk-AktivistInnen genauso wie die Walesa-Gruppe diese zu einem raschen Ende bringen. Anstatt die wiederbelebte Mobilisierung der ArbeiterInnenklasse als Chance anzusehen, ihre Ideen in die Praxis umzusetzen, lehnten sie die Streiks als St&#246;rung der „seri&#246;sen“ Arbeit zur Vorbereitung einer Gesetzgebung ab.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> vgl. Kowalewski, Zbigniew: „Solidarnosc on the Eve“, in Labour Focus<br />
on Eastern Europe, 5:1-2 (Fr&#252;hling 1982)</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2011/07/19/klassenkaempfe-im-staatskapitalismus-der-aufstieg-von-solidarnosc/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Perspektiven Nr. 8 (Sommer 2009) jetzt komplett online!</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2009/06/25/perspektiven-nr-8-sommer-2009-jetzt-komplett-online/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2009/06/25/perspektiven-nr-8-sommer-2009-jetzt-komplett-online/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 25 Jun 2009 18:54:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 8]]></category>
		<category><![CDATA[FPÖ]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsextremismus]]></category>
		<category><![CDATA[Staatskapitalismus]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=561</guid>
		<description><![CDATA[Schwerpunkt: Rechtsextremismus und soziale Krise

Die aktuelle Ausgabe von Perspektiven ist nun komplett online zug&#228;nglich:
Daniel Fuchs und Felix Wiegand zum (Wieder-)Aufstieg der FP&#214; &#8211; Robert Eiter im Interview zu Rechtsextremismus in Ober&#246;sterreich &#8211; G.M. Tamas zu Neofaschismus in Ungarn &#8211; Megan Trudell zu Italien unter Berlusconi &#8211; Thomas Reithmayer &#252;ber M&#246;glichkeiten des kritischen Studiums an &#246;sterreichischen Hochschulen &#8211; Mario Becksteiner, Tobias [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Schwerpunkt: Rechtsextremismus und soziale Krise</h3>
<p style="text-align: center;"><a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2009/05/p8-cover-webdings.jpg"><img class="size-thumbnail wp-image-414 aligncenter" title="p8-cover-webdings" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2009/05/p8-cover-webdings-150x150.jpg" alt="p8-cover-webdings" width="153" height="153" /></a></p>
<p><strong>Die aktuelle Ausgabe von Perspektiven ist nun komplett online zug&#228;nglich:</strong></p>
<p>Daniel Fuchs und Felix Wiegand zum <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=461" target="_self">(Wieder-)Aufstieg der FP&#214;</a> &#8211; Robert Eiter im Interview zu <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=472" target="_self">Rechtsextremismus in Ober&#246;sterreich</a> &#8211; G.M. Tamas zu <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=474" target="_self">Neofaschismus in Ungarn</a> &#8211; Megan Trudell zu <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=476" target="_self">Italien unter Berlusconi</a> &#8211; Thomas Reithmayer &#252;ber <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=517" target="_self">M&#246;glichkeiten des kritischen Studiums an &#246;sterreichischen Hochschulen</a> &#8211; Mario Becksteiner, Tobias Boos und Ako Pire zur <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=483" target="_self">doppelten Krise der &#246;sterreichischen Gewerkschaften</a> &#8211; Veronika Duma und Stefan Probst &#252;ber die <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=489" target="_self">Politische &#214;konomie der Sowjetunion</a> &#8211; <a href="http://www.perspektiven-online.at/?cat=9" target="_self">Rezensionen </a>und <a href="http://www.perspektiven-online.at/?cat=47" target="_self">Gustost&#252;ckerl</a></p>
<p><strong>Viel Spa&#223; bei der Lekt&#252;re &#8211; wir freuen uns auf <a href="http://www.perspektiven-online.at/kontakt/" target="_self">Feedback</a>!</strong></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2009/06/25/perspektiven-nr-8-sommer-2009-jetzt-komplett-online/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Kapitalismus nach Plan</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2009/06/13/kapitalismus-nach-plan/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2009/06/13/kapitalismus-nach-plan/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 13 Jun 2009 12:00:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 8]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Staatskapitalismus]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=489</guid>
		<description><![CDATA[Was war die Sowjetunion? Veronika Duma und Stefan Probst argumentieren im f&#252;nften Teil unserer Serie zum politischen Erbe der russischen Revolution, dass der „real existierende Sozialismus“ am treffendsten als b&#252;rokratischer Staatskapitalismus analysiert werden kann.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Was war die Sowjetunion? Veronika Duma und Stefan Probst argumentieren im f&#252;nften Teil unserer Serie zum politischen Erbe der russischen Revolution, dass der „real existierende Sozialismus“ am treffendsten als b&#252;rokratischer Staatskapitalismus analysiert werden kann.<br />
<span id="more-489"></span><br />
Wieso heute noch einen Artikel &#252;ber den Charakter der Sowjetunion schreiben? Die Antwort auf diese Frage besteht in erster Linie aus zwei politischen Argumenten. Erstens wird Russland nach wie vor h&#228;ufig als Beweis daf&#252;r herangezogen, dass Sozialismus keine Alternative zu einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung darstellt. Aussagen wie: „Sozialismus? – Schau doch nach Russland, das hat nicht funktioniert“ sind immer wieder und in den verschiedensten Diskussionszusammenh&#228;ngen anzutreffen. Die UdSSR und die Ostblockstaaten werden als Verk&#246;rperung „linker Ideen“ jeglicher Art dargestellt und diese damit f&#252;r alle Ewigkeit als diskreditiert erkl&#228;rt. Zweitens: wenn die Sowjetunion sowie die osteurop&#228;ischen „Volksdemokratien“ tats&#228;chlich als sozialistische Gesellschaften verstanden werden, wird automatisch impliziert, dass Sozialismus ohne einer Revolution – also ohne einer grundlegenden Umw&#228;lzung von Macht- und Herrschaftsverh&#228;ltnissen – und ohne einer Form der Selbstemanzipation und aktiven Beteiligung eines Gro&#223;teils der Bev&#246;lkerung, einfach von oben herab implementiert werden k&#246;nnte. Wird behauptet, die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten waren sozialistisch, dann h&#228;tte Stalin die proletarische Revolution verwirklicht, und das auch noch in enormem Tempo.<br />
Auch zahlreiche MarxistInnen interpretierten den Kalten Krieg als eine globale Version des Klassenkampfs zwischen Kapital und Arbeit, als einen „Kampf zwischen zwei entgegengesetzten gesellschaftlichen Systemen“. Nach 1989 gelangten sie deshalb zu einer Einsch&#228;tzung, die jener von Fukuyamas<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> „Ende der Geschichte“ bemerkenswert &#228;hnlich war: wie dieser gingen sie davon aus, dass der Kapitalismus als Sieger aus dem globalen Konkurrenzkampf hervorgegangen war, nur dass sie – anders als Fukuyama – dieses Ergebnis bedauerten.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Im Gegensatz dazu wollen wir – zwanzig Jahre nach der Wende von 1989 – argumentieren, dass es in Russland nicht zur Entfaltung einer sozialistischen Gesellschaft, sondern zur Herausbildung jener Formation kam, die am treffendsten mit dem Konzept des <em>b&#252;rokratischen Staatskapitalismus</em> gefasst werden kann.<br />
Der Begriff Staatskapitalismus selbst blickt dabei auf eine l&#228;ngere Vorgeschichte zur&#252;ck.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> S&#228;mtliche theoretische Ans&#228;tze in diese Richtung sto&#223;en jedoch auf – zum Teil sehr &#228;hnliche – begriffliche Probleme und werfen dar&#252;ber hinaus gro&#223;e Fragen auf: Was kennzeichnet eine kapitalistische Produktionsweise? Wie k&#246;nnen an Hand abstrakter theoretischer Kategorien Charakteristika einer historisch konkreten Gesellschaftsformation untersucht und diskutiert werden? Was ist unter einem b&#252;rokratischen Staatskapitalismus zu verstehen?</p>
<p><strong>Kapitalismus abstrakt und konkret</strong></p>
<p>Die kapitalistische Produktionsweise kann allgemein durch zwei zentrale Widerspruchs- und Konfliktachsen charakterisiert werden. Zum einen haben wir es mit einem System verallgemeinerter Warenproduktion zu tun, in dem die Wirtschaft in konkurrierende Produktionseinheiten gespalten ist. Arbeitsprodukte werden im Tausch aufeinander bezogen und nehmen so Warenform an. Im Tausch vollzieht sich die Reduktion konkreter Privatarbeiten auf abstrakte Arbeit (Wertform): als gesellschaftlich gilt nicht die individuell verausgabte<br />
Arbeit, sondern nur die gem&#228;&#223; der durchschnittlichen gesellschaftlichen Produktivit&#228;t notwendige Arbeit. Aus den Tauschverh&#228;ltnissen konkurrierender WarenproduzentInnen ergibt sich schlie&#223;lich die Dynamik zur Akkumulation und die Tendenz zur st&#228;ndigen Angleichung der durchschnittlichen Produktionsbedingungen.<br />
Zum zweiten ist der Kapitalismus eine Klassengesellschaft, in der die unmittelbaren ProduzentInnen den Produktionsprozess nicht kontrollieren und ihre eigene Subsistenz nicht sichern k&#246;nnen. Sie sind somit gezwungen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Als Wert der Arbeitskraft gilt die zu ihrer Reproduktion gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit.<br />
Aus diesen Widerspruchsachsen folgt die grundlegende Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise. Dennoch k&#246;nnen kapitalistische Gesellschaftsformationen auf dieser Ebene der Abstraktion nicht vollst&#228;ndig beschrieben werden. Oftmals krankte die marxistische Debatte einer ad&#228;quaten Theoretisierung der Sowjetunion genau daran, die Diskussion in den Bahnen einer sehr allgemeinen Bestimmung des Kapitalismus engzuf&#252;hren.<br />
Dem liegt zun&#228;chst ein Missverst&#228;ndnis hinsichtlich der Marxschen Methode zugrunde. Marx hat im <em>Kapital</em> Schritt f&#252;r Schritt die zentralen Bestimmungen, konstitutiven Strukturen und inh&#228;renten Tendenzen der kapitalistischen Produktionsweise in ihrem idealen Durchschnitt entwickelt – ein theoretisches Objekt, das im strengen Sinn nicht existiert, wie es der franz&#246;sische Marxist Louis Althusser formulierte. Diesen Prozess hat Marx als „Aufstieg vom Abstrakten zum Konkreten“ beschrieben. Von den Begriff en Ware, Wert, Geld n&#228;hert sich die Darstellung „schrittweis der Form, worin sie auf der Oberfl&#228;che der Gesellschaft … auftreten.“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Die Methode ist dabei keine deduktive: die jeweiligen Schritte der Darstellung sind nicht bereits in den abstrakten Begriff en enthalten und „entwickeln“ sich nicht zu einem abgeschlossenen System, das im Sinne einer „expressiven Totalit&#228;t“ die kapitalistische Produktionsweise vollst&#228;ndig beschreibt. Das Kapital ist als „mehrstufige theoretische Struktur konzipiert, in der die aufeinanderfolgenden Stufen steigende Komplexit&#228;tsgrade darstellen.“ Die „im Verlauf des <em>Kapitals </em>entwickelten Komplexit&#228;ten [sind] nicht irgendwie bereits in den zu Beginn des Buches dargelegten Konzepten von Ware, Gebrauchswert, abstrakter und konkreter Arbeit usw. ‚enthalten‘. Vielmehr werden neue und komplexere Bestimmungen nach und nach eingef&#252;hrt, um entstehende Probleme in fr&#252;heren Phasen der Analyse zu &#252;berwinden. Diese Bestimmungen werden durch ihren Platz in der allgemeinen Argumentation begr&#252;ndet, jede besitzt aber ihre spezifischen Eigenschaften, die auf die zuvor vorausgesetzten Bestimmungen nicht reduzierbar sind.“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Begriffe und Determinationsebenen werden eingef&#252;hrt, sobald es notwendig wird, einen Aspekt der kapitalistischen Produktionsweise zu analysieren, der bislang nicht ber&#252;cksichtigt wurde. Jede konzeptuelle Ebene zieht Problemstellungen nach sich, welche die Artikulation neuer Ebenen in einem kreativen Prozess erfordern.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Der Kapitalismus wird so – in Marxens Worten – rekonstruiert als „reiche Totalit&#228;t von vielen Bestimmungen und Beziehungen.”<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a><br />
In diesem Konkretisierungsprozess, einer Methode „fortschreitender Verkomplizierung“, werden fr&#252;her eingef&#252;hrte allgemeine Bestimmungen im Laufe des Argumentationsgangs modifiziert.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> So l&#228;sst Marx etwa im dritten Band die Behauptung fallen, dass Waren zu ihren Werten getauscht werden, wenn er das Konzept der Angleichung der Profitraten zu einer Durchschnittsprofitrate einf&#252;hrt.<br />
Wichtig ist nun, dass dieser Prozess der Konkretisierung nicht bei den Themen, die Marx im <em>Kapital </em>unfertig abgehandelt hat, stehen bleiben kann. Schon Marx selbst hatte in seinem urspr&#252;nglichen Entwurf weitere B&#228;nde u.a. zu Staat und Weltmarkt geplant.<br />
Umso entscheidender ist, wenn wir den Kapitalismus als sich historisch entwickelndes und ver&#228;nderndes System verstehen, und unterschiedliche Phasen und Formen kapitalistischer Gesellschaftsformationen unterscheiden wollen, die Marxsche Analyse zu erweitern, „sowohl im Hinblick auf das allgemeine theoretische Verst&#228;ndnis der kapitalistischen Produktionsweise als auch die konkretere Analyse des sich historisch ver&#228;ndernden Kapitalismus.“<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Das Kapital ist unabgeschlossen und kein fertiges „System“ und ein Marxismus, der theoretisch und politisch relevant sein will, muss die enormen Transformationen der Kapitalismen des letzten Jahrhunderts erkl&#228;ren k&#246;nnen. Die Erweiterung der Analyse im Kapital erfordert dabei notwendigerweise auch die Modifikation Marxscher Kategorien.</p>
<p><strong>Politik und &#214;konomie, Staat und Markt</strong><br />
F&#252;r unser Thema sind hierbei zwei Begriffe zentral: Staat(ensystem) und Weltmarkt.<br />
Erstens: Die Marxschen „&#246;konomischen“ Begriffe beschreiben gesellschaftliche Verh&#228;ltnisse, die nie nur &#246;konomische sind, sondern immer zugleich politisch-juridische Aspekte enthalten. Wer in den Warentausch involviert ist, muss Eigentum und Freiheit und Gleichheit im Tausch anerkennen (Vertragsverh&#228;ltnis); wenn die Teilung des Eigentums (sowohl zwischen den BesitzerInnen der Produktionsmittel als auch zwischen diesen und den Nicht-BesitzerInnen) stabil reproduziert werden soll, wird eine au&#223;er&#246;konomische Gewalt notwendig. „Kapitalien … st&#252;tzen sich f&#252;r ihre Reproduktion auf stabile physische, &#246;konomische, politische und kulturelle Infrastrukturen, sind aber … nicht in der Lage, solche Strukturen selbst zu etablieren. Tats&#228;chlich erzeugt der Akkumulationsprozess Instabilit&#228;ten und unterminiert die Grundlagen seiner eigenen Existenz. Kurz gesagt sind Warenverh&#228;ltnisse als verallgemeinerte Form, und die Kapitalakkumulation im Besonderen, von Zwangsgewalt abh&#228;ngig. Zwang und Gewalt sind in diesem analytischen Zugriff ganz grundlegend mit der kapitalistischen &#214;konomie verkn&#252;pft.”<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a><br />
Auf Grundlage solcher Argumente hat die marxistische Staatstheorie im Wesentlichen die spezifisch kapitalistische Form des Staates in seiner „relativen Autonomie“ und gleichzeitigen Pr&#228;senz in der &#214;konomie entwickelt. Ein Problem, dem sich diese Entw&#252;rfe jedoch stellen m&#252;ssen, ist, dass der moderne Staat dem Prozess der Extraktion von Mehrwert nicht als rein &#228;u&#223;erlich gedacht werden kann. Abgesehen von der Frage direkten Staatseigentums greift der Staat schlie&#223;lich als Steuerstaat auch direkt in die Prozesse der Surplus-Extraktion und -Redistribution ein.<br />
Colin Barker hat darauf hingewiesen, dass sich hieraus die &#246;konomischen Aspekte staatlicher Macht erhellen. Der Staat stellt nicht nur mittels Gewaltmonopol kapitalistische Rechtssicherheit her; er steht nicht einfach &#252;ber den Vertragsparteien, sondern beherrscht sie auch, und muss sie besteuern. „Um die Funktionen der Bev&#246;lkerungskontrolle, der Verteidigung des Privateigentums und der Rechtsprechung zu erf&#252;llen, m&#252;ssen kapitalistische Staaten Surplus aus der ‚&#246;konomischen Sph&#228;re‘ absch&#246;pfen, durch Besteuerung. Sie entwickeln ein starkes Interesse am Wert, der aus dem Eigentum seiner Subjekte (sowie seinem eigenen) erw&#228;chst; sie<br />
entwickeln zwingende eigene Interessen an der Verwaltung der Gesellschaft im Allgemeinen und an der &#246;konomischen Organisation im Besonderen.”<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Die Problematik der Ausbeutung (und Redistribution von Mehrwert) nimmt daher in kapitalistischen Gesellschaftsformationen eine komplexere Form als die einfache Gegen&#252;berstellung Kapital-Arbeit an. „Wenn wir den Begriff des Staates aus den rechtlich-politischen Anforderungen der Warenproduktion entwickeln, wird es notwendig, eine sekund&#228;re, ‚konkurrierende Logik‘ einzuf&#252;hren: jene staatlicher Abgaben und Steuern. Im Kapitalismus sind die zwei Formen der Surplus-Extraktion, durch Unternehmen und durch Regierungen, ‚nicht einfach getrennt und entgegengesetzt sondern sich jeweils gegenseitig bedingende und komplement&#228;re Eigenschaften der anderen‘.“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a><br />
Deshalb ist die s&#228;kulare Tendenz zur institutionellen Differenzierung von &#246;konomischer und politischer Macht begleitet, und teilweise durchkreuzt, von Tendenzen substantieller Involvierung des Staates in die &#214;konomie. Staaten stellen nicht nur einen legalen und politischen Rahmen f&#252;r die Funktionsweise des Marktes her, geben nicht nur W&#228;hrung aus usw., sondern errichten die physische Infrastruktur zur Steigerung der Kapitalmobilit&#228;t und Umschlagszeit, sie regulieren die Konkurrenz, beeinflussen die Re-Produktion und Zirkulation der Arbeitskraft, und greifen in politische und &#246;konomische K&#228;mpfe ein; sie setzen die Kombination oder Restrukturierung von Kapitalien durch, errichten Handelsbarrieren und unterst&#252;tzen Exporte, organisieren Forschung und Entwicklung; und sie k&#246;nnen selbst als Kapitalisten auftreten. Die Tendenz zur Trennung von Politik und &#214;konomie ist deshalb zwar real, aber „best&#228;ndig durch die Tatsache durchkreuzt, dass Staaten – ob als Ergebnis ihrer ‚formbestimmten‘ Rolle in der Aufrechterhaltung der Rahmenbedingungen kapitalistischer Akkumulation, oder den Erforderungen des <em>state-building</em> und den Anforderungen geopolitischer Konkurrenz – beharrlich auf direkte und energische Art in ‚die &#214;konomie‘ intervenieren.”<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a><br />
Es scheint deshalb sinnvoll, von einer strukturellen Interdependenz (wenn auch nicht Interessensidentit&#228;t) von Staat und Kapital auszugehen: Kapitalien brauchen aus einer Vielzahl von Gr&#252;nden staatliche Unterst&#252;tzung, w&#228;hrend die relative Macht eines jeden Staates von den Ressourcen abh&#228;ngt, die der Prozess der Kapitalakkumulation generiert.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a><br />
Zweitens: Konkurrenz entwickelt sich im Weltma&#223;stab und nimmt nicht nur die Form &#246;konomischer Konkurrenz zwischen Unternehmen, sondern auch die Form milit&#228;rischer und diplomatischer Konflikte zwischen Staaten an. Die geopolitische Konkurrenz geht dem Kapitalismus zwar historisch voraus; die Entstehung kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse verlieh aber jenen Staaten, in denen sie vorherrschten, einen Vorteil in der zwischenstaatlichen Konkurrenz. Sp&#228;testens mit der „Industrialisierung des Krieges“ im 19. Jahrhundert hatten alle Staaten ein unmittelbares Interesse an der F&#246;rderung kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse (hochtechnologische Waffen- und Transportsysteme). Zus&#228;tzlich bef&#246;rderten die Prozesse der Kapitalkonzentration im nationalen Rahmen sowie die Internationalisierung von Handel und Investitionen die Verschr&#228;nkung von Staat und Kapital.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Anhand dieser Prozesse zeigt sich die wachsende gegenseitige Abh&#228;ngigkeit von Staat und Kapital: die geopolitische Konkurrenz wurde unter die &#246;konomische Konkurrenz zwischen Kapitalien subsumiert. Beide Konkurrenzformen sind, wie auch die j&#252;ngere imperialismustheoretische Diskussion gezeigt hat, zwar nicht aufeinander reduzierbar, aber unaufl&#246;sbar ineinander verschr&#228;nkt.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Damit sind jedoch Staaten genauso wie Privatunternehmen immer auch auf die Produktivit&#228;tsniveaus im Weltma&#223;stab verwiesen. „[M]it der Verschr&#228;nkung von zwischenstaatlicher und &#246;konomischer Konkurrenz … sind Staaten gezwungen, sich immer enger an den vorherrschenden weltweiten Bedingungen zu orientieren und ihre Strategien dementsprechend auszurichten.“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Der Staat ist ebenso wie Unternehmen den Imperativen kompetitiver Kapitalakkumulation untergeordnet.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a></p>
<p><strong>Duale Revolution</strong><br />
Erster Ausgangspunkt jeder Untersuchung der Dynamik und Funktionsweise kapitalistischer Gesellschaftsformationen – auch der Sowjetunion – ist deshalb die Annahme, dass diese nicht allein im Hinblick auf die inneren Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse, sondern nur im Kontext des kapitalistischen Weltstaatensystems und der kapitalistischen Weltwirtschaft angemessen analysiert werden kann.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> F&#252;r die Entwicklung kapitalistischer Verh&#228;ltnisse in Russland bedeutet das zuallererst, die r&#228;umlichen wie zeitlichen Ungleichm&#228;&#223;igkeiten kapitalistischer Entwicklung, sowie die spezifischen M&#246;glichkeiten und Zw&#228;nge, denen sich „sp&#228;tindustrialisierende“ L&#228;nder zu stellen hatten, in den Blick zu nehmen.<br />
Gerade die „passiven Revolutionen“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> in L&#228;ndern wie Deutschland und Italien zeigen sowohl, dass es keinen „normalen“ Entwicklungspfad hin zum Kapitalismus gibt, als auch, dass der Staat in der Durchsetzung und Restrukturierung der &#246;konomischen Verh&#228;ltnisse gerade bei kapitalistischen „Sp&#228;tentwicklern“ eine entscheidende Rolle einnehmen musste. Die Grundz&#252;ge dieses Arguments haben wir bezogen auf Russland in fr&#252;heren Artikeln dieser Serie (in <em>Perspektiven</em> Nr. 2) bereits behandelt und dabei gezeigt, wie die spezifischen Verwerfungen, die die zaristische Variante autorit&#228;rer nachholender Modernisierung nach sich zog, den N&#228;hrboden der sozialen Auseinandersetzungen in Russland Anfang des 20. Jahrhunderts bereiteten. Neben den Folgewirkungen von Krieg und B&#252;rgerkrieg waren es dann gerade auch die Ungleichm&#228;&#223;igkeiten der Entwicklung des Kapitalismus in Russland, die die postrevolution&#228;re Situation &#252;berdeterminierten. In diesem Sinn haben wir die Revolution, in Anschluss an Tony Cliff , als „duale Revolution“ beschrieben, als Kombination b&#252;rgerlicher und proletarischer Dimensionen.<br />
Dass die vorrevolution&#228;ren Verh&#228;ltnisse mit der Revolution nicht einfach „abgeschafft“ werden konnten, erkl&#228;rt sich schon aus der Tatsache, dass eine proletarische Revolution zuallererst eine politische Transformation (die Zerschlagung des existierenden Staates und die Etablierung der politischen Herrschaft der ArbeiterInnenr&#228;te) bezeichnet, die die sukzessive Transformation der &#246;konomischen Verh&#228;ltnisse erst erm&#246;glicht. „Sozialismus im Sinne eines &#220;bergangszeitraums zwischen Kapitalismus und Kommunismus darf deshalb weniger im Hinblick auf irgendwelche besonderen wirtschaftlichen Ma&#223;nahmen – wie beispielsweise die Verstaatlichung der Produktionsmittel – verstanden werden, sondern als der <em>politische </em>Rahmen, basierend auf der R&#228;tedemokratie, in der die kapitalistischen Produktionsbeziehungen nach und nach beseitigt werden.“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Kapitalistische Formen werden demnach auch nach einer erfolgreichen proletarischen Macht&#252;bernahme weiterexistieren. Entscheidend f&#252;r die Charakterisierung einer solchen Gesellschaftsformation (als „&#220;bergangsgesellschaft“) ist die Tendenz des Transformationsprozesses, in der Marktmechanismen zunehmend von demokratischer Planung abgel&#246;st werden.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a><br />
Die widerspr&#252;chlichen Dynamiken der 1920er, die wir in <em>Perspektiven </em>Nr. 6 beschrieben haben, m&#252;ssen hier nicht noch einmal vertieft werden. Festzuhalten bleibt, dass nach einem Prozess der sukzessiven Aush&#246;hlung proletarischer Macht Ende der 1920er Jahre die letzten &#220;berreste des ohnehin bereits „b&#252;rokratisch deformierten“ ArbeiterInnenstaats beseitigt wurden. Der politischen Macht des Proletariats, auf die sich eine sozialistische Transformation &#246;konomischer Verh&#228;ltnisse st&#252;tzen muss, wurde der endg&#252;ltige Sargnagel verpasst. Mit den Zwangskollektivierungsma&#223;nahmen (lies: Enteignungen) wurden zigtausende Menschen in Lohnarbeitsverh&#228;ltnisse gedr&#228;ngt und somit unter kapitalistische Verh&#228;ltnisse subsumiert.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> In den Investitionspriorit&#228;ten des ersten F&#252;nf-Jahres-Plans wurde die Konsumtion der Akkumulation und insbesondere dem rapiden Aufbau der Schwerindustrie untergeordnet.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> In den Zielsetzungen glich das stalinistische Projekt hierbei durchaus jenem Programm autorit&#228;rer Modernisierung, das der zaristische Staat vier Jahrzehnte zuvor eingeleitet hatte. Anders als in den „passiven Revolutionen“ jedoch, welche die Hindernisse zur Entfaltung kapitalistischer Verh&#228;ltnisse in anderen sich sp&#228;tentwickelnden Kapitalismen aus dem Weg ger&#228;umt hatten, wurde die staatlich forcierte Durchsetzung der Imperative der kapitalistischen Akkumulation in Russland nicht von der zaristischen Autokratie vollendet, sondern vollzog sich als aktive Konterrevolution von oben. Durch die Zuspitzung geopolitischer Konfliktlinien Ende der 1920er unter Zugzwang gesetzt, mutierte die sowjetische B&#252;rokratie zur „Personifikation des Kapitals“.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Anders als von Trotzki und Co. erwartet, kristallisierte sich die Restauration des Kapitalismus nicht um die kleinb&#252;rgerlichen Profi teure der Neuen &#214;konomischen Politik (NEP), sondern um die <em>politische </em>Macht der Staats- und Parteib&#252;rokratie, die sich auf Grundlage verstaatlichten Eigentums als neue herrschende Klasse konsolidieren konnte.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26sup>26</sup></a></p>
<p><strong>Entwicklungsphasen</strong><br />
Dieses staatskapitalistische Entwicklungsmodell war freilich kein russisches Spezifikum. Eingebettet in den Rahmen einer Periodisierung entlang der widerspr&#252;chlichen Tendenzen zur staatlichen Integration und zur Internationalisierung des Kapitals erscheint die sowjetische Kommandowirtschaft nicht mehr als einzigartiges „nicht-kapitalistisches Anderes“, sondern als extreme Auspr&#228;gung bestimmter Phasentendenzen des Weltkapitalismus. Im Hinblick auf die Weltwirtschaft kann historisch zwischen verschiedenen Phasen des kapitalistischen Staatensystems unterschieden werden, die eng mit den Krisenzyklen der Weltwirtschaft zusammenh&#228;ngen.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts lassen sich schemenhaft drei verschiedene Phasen ausmachen: Eine erste Phase zwischen 1870 und 1929 war von einer Ausdehnung staatlicher Interventionen in die &#214;konomie gepr&#228;gt. Die starke Verschr&#228;nkung von Staat und &#214;konomie, im 20. Jahrhunderts besonders durch die weltweiten Monopolbildungen verdeutlicht, spielten schon in den Imperialismusdebatten dieser Zeit – etwa bei Nikolai Bucharin, Rosa Luxemburg oder Rudolf Hilfering – eine wesentliche Rolle. Staatseigentum – so der allgemeine Konsens – bedeutet, insofern es sich nicht unter demokratischer Kontrolle befindet, h&#246;chstens andere rechtliche Rahmenbedingungen f&#252;r die Produktion, nicht aber das Ende der kapitalistischen Wirtschaft. Eine zweite Phase ist ab den 1930er Jahren zu erkennen, „in der als Folge von Weltwirtschaftskrise und R&#252;stungsproduktion die Hochphase ‚staatskapitalistischer‘ Regulierung eingeleitet wurde, die jedoch in den 1970ern an ihre Grenzen stie&#223;“.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> Folgt man der Argumentation von Tobias ten Brink, ist diese zweite Phase als eine Reaktion der kapitalistischen Staatenauf die durch die Weltwirtschaftskrise hervorgerufenen Instabilit&#228;ten dieser Zeit zu verstehen.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Seit Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts, im Zuge der Krise des Fordismus und der darauf folgenden neoliberalen Wende, erfuhr das Verh&#228;ltnis zwischen Politik und &#214;konomie erneut eine Ver&#228;nderung, so dass von einer dritten Phase gesprochen werden kann. Aus dieser groben Unterscheidung dreier Stadien l&#228;sst sich entnehmen, dass die Tendenz zu staatskapitalistischen Wirtschaftsformen nicht allein spezifisch f&#252;r die Sowjetunion war, sondern ein wesentliches Phasenmerkmal des kapitalistischen Staatensystems ab den 1930er Jahren darstellte.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Die Sowjetunion sowie die Ostblockstaaten repr&#228;sentierten in diesem Rahmen wohl die ausgepr&#228;gteste Form des Staatsinterventionismus. Nach der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre war ein allgemeiner Trend der bedeutsamen Volkswirtschaften in Richtung Abschottung vom Weltmarkt festzustellen, welcher wiederum – vor dem Hintergrund der Krise – Sicherheit bedeuten konnte. Nicht nur in der UdSSR erlaubten staatliche Interventionen und die Zentralisierung von Investitionsentscheidungen einen massiven Anstieg der Produktion.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a><br />
Die im Falle der Sowjetunion mehr oder weniger unfreiwillige – weil als Ergebnis der internationalen Isolation zu begreifende – „Politik der Autarkie“ traf also paradoxerweise zu Beginn der 1930er Jahre auf weltwirtschaftlich g&#252;nstige Bedingungen. Das oberste politische Ziel der sowjetischen Wirtschaftspolitik bestand darin, die &#246;konomische Entwicklung des Westens zuerst aufzu- und anschlie&#223;end zu &#252;berholen. Und tats&#228;chlich entwickelte sich die Sowjetunion, werden die BIP-Wachstumsraten betrachtet, ziemlich rasch.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Ein Grund hierf&#252;r lag in der kombinierten und ungleichm&#228;&#223;igen Entwicklung des Kapitalismus: f&#252;r &#246;konomisch sich sp&#228;t entwickelnde Staaten war es zum Teil m&#246;glich, Technologien und andere Mittel von st&#228;rker industrialisierten Staaten zu &#252;bernehmen, um die eigene Entwicklung anzukurbeln. Zudem verhalf dieser spezielle Umstand der Sowjetunion auch noch zu dem ideologischen Argument, Russland h&#228;tte sich als resistent gegen die gro&#223;e Wirtschaftsdepression Ende der 20er Jahre erwiesen.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> So kann festgehalten werden, dass das Bestehen bzw. die Entwicklung der Sowjetunion sowie der osteurop&#228;ischen Blockstaaten im Rahmen der sich wandelnden Weltwirtschaft erkl&#228;rt werden kann: Die Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er erlaubte einen Aufholprozess, der jedoch – nachdem eine Erholung des Weltmarktes nach 1945 stattgefunden hatte – mit etwas Verz&#246;gerung an sein Ende gelangte. War die Politik der Autarkie eine Zeit lang relativ erfolgversprechend, bedeutete die Nichtteilnahme an der zunehmenden Internationalisierung und der damit einhergehenden internationalen Arbeitsteilung eine immer ineffizientere Kapitalakkumulation. Dies galt jedoch, wenn auch in unterschiedlichen Graden, nicht blo&#223; f&#252;r die UdSSR, sondern f&#252;r die verschiedenen Spielarten des Plan- und Entwicklungsstaates, der nach einer Phase des Wiederaufbaus und Nachkriegsaufschwungs in die Krise geriet.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a><br />
Parallel zur allgemeinen Tendenz der Abschottung verlief der Aufbau einer riesigen Kriegsindustrie. Der R&#252;stungswettbewerb stellte von Anfang an ein wesentliches Kennzeichen der geopolitischen Konkurrenz im weltweiten kapitalistischen Staatensystem dar, doch ist etwa ab Mitte der 1930er Jahre eine Intensivierung bzw. der Beginn einer mehr oder weniger weltweiten „permanenten R&#252;stungswirtschaft“ feststellbar, die im Kalten Krieg ihren vorl&#228;ufigen H&#246;hepunkt fand.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Diese geopolitisch-milit&#228;rische Konkurrenz spielte keine unwesentliche Rolle f&#252;r das Bestreben der Sowjetunion, die &#246;konomische Marktkonkurrenz zu umgehen. Gleichzeitig zeigt das Beispiel des internationalen Wettr&#252;stens am deutlichsten, dass die Sowjetunion nicht blo&#223; durch endogene, sondern auch durch exogene Bewegungsgesetze angetrieben wurde.<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a> „Tats&#228;chlich h&#228;ngt die stalinistische Planung … von Faktoren ab, die au&#223;erhalb ihrer Kontrolle liegen, n&#228;mlich von der Weltwirtschaft, der internationalen Konkurrenz“.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> Die Planung war demnach keineswegs willk&#252;rlich, sondern Investitionsentscheidungen waren wesentlich von weltpolitischen Rivalit&#228;ten gepr&#228;gt. Folglich dr&#252;ckten sich „die kapitalistischen Akkumulationszw&#228;nge … in einer ‚verschobenen‘ Form aus, in einem erbitterten Drang nach ‚Gebrauchswerten‘, genauer gesagt [in] der Schaffung von Destruktionsmitteln.<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> Kriegsmaterialien, an denen der Staat als Verbraucher interessiert war, wurden zum Ziel der Produktion erhoben. Sie sollten dem eigentlichen Bestreben, n&#228;mlich dem Sieg im milit&#228;rischen und geopolitischen Konkurrenzkampf, dienen. „Gebrauchswerte werden also zum Ziel der Produktion, bleiben aber nach wie vor [blo&#223;e] Mittel im Konkurrenzkampf.“<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a></p>
<p><strong>Wertgesetz?</strong><br />
Hier soll nun ausf&#252;hrlicher gezeigt werden, wie zum einen die Zw&#228;nge des Wertgesetzes, vermittelt durch die geopolitische Konkurrenz, die Allokationsentscheide und Investitionspriorit&#228;ten der sowjetischen Planungsb&#252;rokratie anleiteten, und wie zugleich die im Unterschied zu den westlichen Kapitalismen extrem ausgepr&#228;gte b&#252;rokratische Deformation des Wertgesetzes ganz spezifische Entwicklungsmuster der sowjetischen Kommandowirtschaft verst&#228;ndlich machen.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> Mit dem oft &#252;berstrapazierten Begriff „Wertgesetz“ wird ganz einfach der aus der Konkurrenz entstehende Druck auf die einzelnen Produktionseinheiten bezeichnet, sich auf die Produktivit&#228;tsniveaus jeder anderen Produktionseinheit zu beziehen. Weil als gesellschaftliche und somit wertbildende Arbeit nicht die konkret verausgabte Privatarbeit, sondern abstrakte gesellschaftlich notwendige Arbeit gem&#228;&#223; durchschnittlicher Produktivit&#228;t gilt, zwingt der externe Druck der Konkurrenz die einzelnen Produktionseinheiten zur Reinvestition von Mehrwert – sich also „als Kapital zu verhalten“<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a> – und die Produktivit&#228;tsniveaus an den gesellschaftlichen Durchschnitt anzugleichen. Das Wertgesetz manifestiert sich somit als Mechanismus der Allokation gesellschaftlicher Arbeit auf die unterschiedlichen Branchen und Einheiten der Produktion.<br />
In welchem Sinn wirkten diese Mechanismen in der sowjetischen &#214;konomie? Solange wir die Sowjetunion in Isolation von Weltmarkt und Staatensystem betrachten, scheint es, als h&#228;tten wir es tats&#228;chlich mit einer nicht-kapitalistischen &#214;konomie zu tun.<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> Die Allokation von Ressourcen geschieht b&#252;rokratisch geplant und unabh&#228;ngig von Produktivit&#228;t und Profitabilit&#228;t. Die Arbeitsprodukte einzelner Produktionseinheiten werden nicht durch Marktmechanismen im Tausch aufeinander bezogen, sondern zentral koordiniert, individuelle Privatarbeit gilt unmittelbar als gesellschaftliche Arbeit. Weil zugleich die &#246;konomischen Beziehungen der sowjetischen Wirtschaft zum Weltmarkt nur schwach ausgepr&#228;gt waren, kann demnach die Marktkonkurrenz nicht als externer Druck wirken, der die Produktionseinheiten zwingt, sich als Kapital zu verhalten.<br />
Sobald jedoch der Staat und die zwischenstaatliche Konkurrenz nicht als blo&#223;er „&#220;berbau“ verhandelt werden, ver&#228;ndert sich das Bild. Prinzipiell gibt es weder theoretisch noch historisch ein stichhaltiges Argument, warum nicht auch andere als Marktmechanismen den st&#228;ndigen Vergleich und die Gleichsetzung individueller Privatarbeiten vermitteln k&#246;nnen. Wie wir gesehen haben, hat in bestimmten Entwicklungsphasen des Kapitalismus die unmittelbare Funktion des Marktes, verschiedene Produktionsprozesse zueinander in Beziehung zu setzen, stark an Bedeutung verloren. Am deutlichsten ausgepr&#228;gt in den „Kriegswirtschaften“ der 1930er und 1940er Jahre war es letztlich die geopolitische Konkurrenz, die die <em>staatlich vermittelte</em> Durchsetzung der Wertgesetzm&#228;&#223;igkeiten organisierte. Zwar konnte der Staat hier Preise fixieren, so dass Produktivit&#228;t und Profitabilit&#228;t unmittelbar keine allokative Funktion erf&#252;llten; dennoch mussten sich staatlich koordinierte Planungsentscheide auch hier notwendig an den durchschnittlichen Bedingungen <em>im Weltma&#223;stab </em>orientieren. Der Staat zwang also die Produktionseinheiten, sich so zu verhalten, als ob sie sich am Markt behaupten m&#252;ssten – er zwingt ihnen das Wertgesetz auf. Wie Chris Harman ausf&#252;hrt: „Kein moderner Staat kann zulassen, dass die Mechanismen des Marktes – des Wertgesetzes – ihre F&#228;higkeit zur Kriegsf&#252;hrung zerst&#246;ren &#8230; Das Wertgesetz, das aus der inneren Funktionsweise des Gro&#223;konzerns oder der milit&#228;rischen Planung des Staats verbannt ist, &#252;bt nichtsdestotrotz einen entscheidenden bestimmenden Druck von au&#223;en aus. Die Richtung der ‚Planung‘ ist nicht beliebig. Sie muss Unternehmen und Staaten erm&#246;glichen, langfristig mit anderen milit&#228;risch oder &#246;konomisch zu konkurrieren.”<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> Insofern kann die sowjetische Wirtschaft als Extremfall einer „mobilisierten Kriegswirtschaft“<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> charakterisiert werden. Seit 1929 war die russische Wirtschaft Zw&#228;ngen unterworfen, die in erster Linie aus den geopolitischen Konkurrenzverh&#228;ltnissen mit dem westlichen Kapitalismus entsprangen. Der Vergleich individueller Privatarbeiten und die Reduktion auf abstrakte gesellschaftliche Arbeit vollzog sich vermittelt durch und transponiert auf die geopolitischen Konkurrenzverh&#228;ltnisse der Staaten.<br />
Somit wird deutlich, dass die (reaktiven) Planungsentscheide der sowjetischen B&#252;rokratie nicht im luftleeren Raum ausgeheckt wurden – der Fokus auf die Entwicklung der Schwerindustrie kann z.B. eben nicht psychologisch aus irgendwelchen metallischen Vorlieben der Stalinisten erkl&#228;rt werden. Die politischen Entscheidungen der B&#252;rokratie waren durch die Konkurrenz bestimmt, auch wenn diese nicht die Form im strengen Sinn &#246;konomischer Markt-Konkurrenz annahm.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a> Aber die Konkurrenzverh&#228;ltnisse waren <em>kapitalistische </em>Konkurrenzverh&#228;ltnisse, weil sie den st&#228;ndigen Vergleich der Produktivit&#228;tsniveaus im Weltma&#223;stab und die konstante Transformation des Produktionsprozesses erforderten.<br />
Der Plan repr&#228;sentierte nicht die <em>Substitution </em>der Konkurrenz, sondern gerade den Mechanismus, durch den sich die globalen Konkurrenzverh&#228;ltnisse in den Planungsentscheiden durchsetzen. Wie es der Ghostwriter von Brezhnevs Memoiren ausdr&#252;ckte: „es gab die allgemeine Erkenntnis, dass wir in unserer Planung daran gebunden waren, nicht davon auszugehen was ‚m&#246;glich‘ war, sondern davon, was n&#246;tig war.“<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> Gareth Dale betont: „das Ausma&#223; der Ressourcen, die jedem Investitionsprojekt zugeteilt wurden, [wurde] weniger dadurch bestimmt, was die &#214;konomie tragen konnte, sondern durch die Standards, die die Konkurrenten setzten.“<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a><br />
Zur Charakterisierung bestimmter Gesellschaften als kapitalistisch hilft daher ein formalistischer Ansatz nicht weiter, der in Form einer Checkliste die Kategorien des <em>Kapital </em>den konkreten Gesellschaftsformationen entgegenh&#228;lt. Wer die Frage nach der Wirksamkeit des Wertgesetzes in der UdSSR in der Form „Gibt es Warenproduktion in der UdSSR?“ stellt, stellt sie auf k&#252;nstliche und statische Weise. Tats&#228;chlich: wenn wir die Produktion in der UdSSR <em>in Isolation</em> betrachten, dann handelt es sich nicht um die Produktion von Tauschwerten, sondern die Produktion von Gebrauchswerten als Ergebnis zentral koordinierter <em>konkreter </em>Arbeiten. Aber sobald wir die Analyse auf die Ebene der internationalen Konkurrenz heben, sehen wir, dass G&#252;ter in der UdSSR die gesellschaftliche Rolle von Waren annehmen – als Verk&#246;rperung abstrakter Arbeit. Die russische B&#252;rokratie <em>vergleicht </em>die Kosten zur Produktion von G&#252;tern in der UdSSR mit den Produktionskosten anderswo, und dieser Vergleich bezieht die konkreten Arbeiten auf abstrakte Arbeit im Weltma&#223;stab. Daher wird jede Ver&#228;nderung im Produktionsprozess im Westen auch Ver&#228;nderungen im Produktionsprozess in Russland erzwingen – und <em>vice versa</em>. Sicherlich gestaltete sich die b&#252;rokratische Durchsetzung der Wertgesetzm&#228;&#223;igkeiten als schwierig, und die durchstaatlichte Organisation der Wirtschaft bedingte spezifische Modifikationen in deren Wirkungsweise in der <em>internen </em>Funktionsweise der Sowjet&#246;konomie. Da die zentralstaatliche Administration der Wirtschaft – zumindest in der Investitionsg&#252;terindustrie (bei Marx „Abteilung I“ genannt) – den Zusammenhang von Produktion und Verkauf garantierte, konkrete Arbeit somit unmittelbar als gesellschaftliche Arbeit validierte, konnte auch Geld keine unabh&#228;ngige Funktion als allgemeines &#196;quivalent annehmen. Es blieb somit auf die Funktionen als Wertma&#223; und Zirkulationsmittel beschr&#228;nkt<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a>, und auch Profite hatten angesichts fehlender genuiner Preise den Charakter k&#252;nstlicher Konstruktionen.<br />
Begleitet war diese b&#252;rokratische Deformation des Werts durch die b&#252;rokratische Deformation des Gebrauchswerts. Wenn Produktion und Verkauf nicht auseinanderfallen konnten, so repr&#228;sentierten die produzierten G&#252;ter immer schon Gebrauchswerte <em>f&#252;r jemanden</em>. W&#228;hrend sich im Tausch am Markt erst herausstellen muss, ob ein Produkt ein gesellschaftliches Bed&#252;rfnis befriedigt, sprang hier der Staat ein. Nicht zuletzt aus diesen b&#252;rokratischen Deformationen – die h&#246;chstens quantitativ spezifisch f&#252;r die Sowjet&#246;konomie sind – erkl&#228;rt sich dann auch zu einem Gutteil das enorme Ausma&#223; ineffektiver und defektiver Produktion, das die sowjetische Wirtschaft kennzeichnete.<a title="anm_49" name="anm_49" href="#anm49"><sup>49</sup></a><br />
Dennoch haben gerade j&#252;ngere Forschungen auf die Existenz informeller horizontaler Beziehungen zwischen den einzelnen Produktionseinheiten der Sowjet-&#214;konomie hingewiesen, die halfen, jene durch die b&#252;rokratisch integrierte Organisation der Wirtschaft bedingten Ineffizienzen auszugleichen. Robert Whitesell etwa hat einen Quasi-Markt beschrieben, der nicht durch Preissignale operierte, sondern durch G&#252;tertausch als Antwort auf Engp&#228;sse der Wirtschaft. „Dieser Handelsverkehr … funktioniert auf Grundlage impliziter Tauschpreise [<em>barter prices</em>], die reale relative Produktivit&#228;ten reflektieren, und dadurch die Input-Allokation gegen&#252;ber den Planvorgaben verbessern.”<a title="anm_50" name="anm_50" href="#anm50"><sup>50</sup></a> Durch diese Mechanismen habe die Sowjetunion ein Niveau allokativer Effizienz erreicht, das sich nicht signifikant vom Westen unterschieden habe.<a title="anm_51" name="anm_51" href="#anm51"><sup>51</sup></a><br />
Auf Grundlage &#228;hnlicher Argumente haben bestimmte marxistische Theorien &#252;ber die Sowjetunion deren kapitalistischen Charakter im Wesentlichen in den internen „Konkurrenzverh&#228;ltnissen“ autonomer Produktionseinheiten (die als Konkurrenz „vieler Kapitalien“ konzeptualisiert wird) zu verorten versucht. (z.B. Paresh Chattopadhyay oder Neil Fernandez).<a title="anm_52" name="anm_52" href="#anm52"><sup>52</sup></a> Bei allen Einsichten im Detail halten wir den theoretischen Einstiegspunkt und methodischen Nationalismus dieser Ans&#228;tze dennoch f&#252;r grundfalsch. Zwar ist wichtig herauszustellen, dass der „Planungsprozess auch ein kompetitiver Prozess [war], der sich in den Auseinandersetzungen zwischen zentralem Plan und den Interessen der lokalen Manager, zwischen Managern, zwischen Managern und Arbeitern sowie zwischen Arbeitern und dem Arbeitsmarkt manifestierte.“ Der spezifisch kapitalistische Charakter der sowjetischen Wirtschaft entschl&#252;sselt sich aber nicht aus den internen Tauschverh&#228;ltnissen der einzelnen Produktionseinheiten, sondern aus den geopolitisch vermittelten und staatlich durchgesetzten Zw&#228;ngen, die staatliche Investitionspriorit&#228;ten diktierten und erforderten, die einzelnen Produktionseinheiten unter einer „&#252;berspannenden Akkumulationsstrategie“ <a title="anm_53" name="anm_53" href="#anm53"><sup>53</sup></a> zu organisieren.<a title="anm_54" name="anm_54" href="#anm54"><sup>54</sup></a></p>
<p><strong>Lohnarbeit und Arbeitsmarkt</strong><br />
Die blo&#223;e Inklusion eines Landes in eine kapitalistische Weltordnung reicht dennoch noch nicht aus, um eine soziale Formation als kapitalistisch zu bezeichnen. Zur Illustration sei hier ein Beispiel genannt: In Osteuropa, und zwar in der &#196;ra der zweiten Leibeigenschaft (1500-1800), f&#252;hrte das Aufkommen eines gesamteurop&#228;ischen Marktes f&#252;r Getreide zwischen kapitalistischen bzw. sich modernisierenden Staaten und die Integration in diesen Markt nicht zu kapitalistischen Dynamiken. Im Gegenteil blieben in Osteuropa feudale Produktionsverh&#228;ltnisse trotz massiver Getreideexporte, also trotz einer Einbindung in den Weltmarkt, bestehen.<a title="anm_55" name="anm_55" href="#anm55"><sup>55</sup></a> In Russland sahen die Verh&#228;ltnisse anders aus. In der Sowjetunion sowie in den Ostblockstaaten wurde der Mehrwert – ebenso wie in den anderen kapitalistischen L&#228;ndern auch – durch die Lohnform von den direkten ProduzentInnen abgepresst. Der offiziellen sowjetischen Theorie zufolge durfte Arbeitskraft keine Ware sein.<a title="anm_56" name="anm_56" href="#anm56"><sup>56</sup></a> Wird jedoch ein Blick auf empirische Untersuchungen zur konkreten Form der Arbeitsverh&#228;ltnisse geworfen, besteht kaum Zweifel daran, dass die Arbeitskraft in der UdSSR durchaus Warenform annahm. Dieser Ansatz ist allerdings nicht unumstritten. H&#228;ufig wurde argumentiert, dass die Tyrannei des stalinistischen Regimes die ArbeiterInnen eher als SklavInnen erscheinen lasse denn als ArbeiterInnen.<a title="anm_57" name="anm_57" href="#anm57"><sup>57</sup></a> Es ist richtig, dass die sowjetische ArbeiterInnenschaft nicht das Recht hatte, sich zu organisieren, und auch sonst kaum bis gar keine demokratischen Freiheiten genoss. Doch sind diese – auch wenn es bez&#252;glich demokratischer Mitbestimmung verschiedene Abstufungen gibt – nun gerade kein Charakteristikum, das den weltweiten Kapitalismus auszeichnen w&#252;rde. Es sind andere Kriterien, die in der Debatte um Lohnarbeit in der UdSSR ausschlaggebend sind und folglich einer Untersuchung bed&#252;rfen. Damit Arbeitskraft zur Ware wird, m&#252;ssen zwei Bedingungen gegeben sein: Erstens muss es Menschen geben, die als Eigent&#252;merInnen &#252;ber ihre Arbeitskraft verf&#252;gen, ihre Arbeitskraft also verkaufen k&#246;nnen. F&#252;r SklavInnen oder leibeigene B&#228;uerInnen w&#228;re dies nicht m&#246;glich, da sie keine rechtlich freien Personen sind. Zweitens muss es Menschen geben, die „frei“ von Produktionsmitteln und daher gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Diese „doppelte Freiheit“ &#228;u&#223;ert sich darin, dass die eigene Arbeitskraft – im Unterschied zu der eines/r SklavIn oder Leibeigenen – stets nur f&#252;r bestimmte Zeit verkauft wird. Das Problem, das sich nun f&#252;r Sowjetrussland stellt, ist folgendes: Wenn es tats&#228;chlich nur einen Unternehmer – den Staat – gab, w&#228;re ein „Wechsel des Lohnherrn“ sowie der periodische Verkauf der Arbeitskraft blo&#223;e Formalit&#228;t.<a title="anm_58" name="anm_58" href="#anm58"><sup>58</sup></a> Die Situation in der UdSSR stellte sich jedoch weitaus komplexer dar, als dass der Staat schlicht mit einer gro&#223;en Fabrik gleichgesetzt werden k&#246;nnte. Die Sowjetunion war eine National&#246;konomie, und als solche stand sie Problemen der effektiven Verteilung von Arbeitskr&#228;ften auf die verschiedenen Produktionszweige gegen&#252;ber. H&#228;tte diese Verteilung systematisch und ausschlie&#223;lich auf Zwang basiert, k&#246;nnte tats&#228;chlich nicht von LohnarbeiterInnen, sondern m&#252;sste viel eher von einer Art Staats-SklavInnen gesprochen werden.<a title="anm_59" name="anm_59" href="#anm59"><sup>59</sup></a> Dies war jedoch nicht der Fall. Es l&#228;sst sich zeigen, dass jene oben erw&#228;hnten Voraussetzungen f&#252;r das Bestehen von Arbeitskraft als einer Ware durchaus gegeben waren. Erstens ist davon auszugehen, dass die Mobilit&#228;t der Arbeitskraft in keinem hoch entwickelten, kapitalistischen Land uneingeschr&#228;nkt ist – ganz zu schweigen von den Bewegungsm&#246;glichkeiten der ArbeiterInnen zwischen den verschiedenen L&#228;ndern. Deutlich wird dies vor allem in Kriegszeiten, wenn – in kapitalistischen Staaten – die Mobilit&#228;t der Arbeitskr&#228;fte besonders streng reguliert wird.<a title="anm_60" name="anm_60" href="#anm60"><sup>60</sup></a> Zweitens besteht kein Zweifel daran, dass in der Sowjetunion Zwangsarbeit in zahlreichen Formen und Abstufungen – und in besonders hohem Ausma&#223; w&#228;hrend der Stalin-&#196;ra – existierte. Zwangsarbeit wurde jedoch nie zur dominierenden Form der Ausbeutung in der UdSSR.<a title="anm_61" name="anm_61" href="#anm61"><sup>61</sup></a><br />
Wenn Lohnarbeit existiert hat, dann muss es auch einen Arbeitsmarkt gegeben haben. Mit dem ersten F&#252;nfjahresplan nahm die zentralwirtschaftliche Planung zweifelsohne ein neues Ausma&#223; an. Doch wusste „das Zentrum nicht immer genau …, was in der mikro-&#246;konomischen Sph&#228;re getan werden muss[te], und [deshalb sollte man] einer Art Marktbeziehungen der Unternehmen untereinander und zwischen Unternehmen und Konsumenten Raum geben“.<a title="anm_62" name="anm_62" href="#anm62"><sup>62</sup></a> Tats&#228;chlich kann der Staat nicht als ein monolithischer Arbeitgeber verstanden werden. In der Praxis konkurrierten Ministerien und Unternehmen – die den Ministerien in der Regel unterstanden<a title="anm_63" name="anm_63" href="#anm63"><sup>63</sup></a> – um Arbeitskr&#228;fte. In dieser Situation wirkten Marktkr&#228;fte, also Angebot und Nachfrage bez&#252;glich unterschiedlicher konkreter Arbeitsleistungen, die sich auf die L&#246;hne auswirkten. Damit sich die Arbeitskr&#228;fte so verteilten, wie es den auszuf&#252;hrenden Planvorgaben entsprach, wurden verschiedene Anreize geschaffen. Einerseits gab es offizielle, von Seiten der Regierung vorgegebene, Ab&#228;nderungen der Lohnskalen, um das Angebot zu stimulieren. So waren z.B. angesichts des schlechten Versorgungsniveaus und anderen Unannehmlichkeiten wenige Menschen bereit, in Sibirien zu arbeiten. „Es wurde [also] notwendig, den regionalen Aufschlag und damit den Lohnfonds f&#252;r Unternehmen mit Standort in Sibirien zu erh&#246;hen“.<a title="anm_64" name="anm_64" href="#anm64"><sup>64</sup></a> Auf der anderen Seite – da offizielle &#196;nderungen doch verh&#228;ltnism&#228;&#223;ig selten vorkamen oder vielleicht schlicht und einfach und nicht dem &#246;rtlichen Bedarf entsprachen – bem&#252;hten sich einzelne Unternehmen bzw. Betriebsleiter, die offiziellen Lohnskalen zu umgehen.<a title="anm_65" name="anm_65" href="#anm65"><sup>65</sup></a> Auch wenn derartigen Unternehmungen Grenzen gesetzt waren, konnten doch zus&#228;tzliche Anreizmechanismen geschaffen werden: mit Hilfe von Neueinstufungen in h&#246;here Qualifikations- und also Gehaltsklassen, mit leicht erreichbaren Akkords&#228;tzen, Pr&#228;miensystemen, Extrazahlungen, privilegiertem Zugang zu G&#252;tern und Dienstleistungen usw. wurde versucht, die Distribution der Arbeitskr&#228;fte zu beeinflussen.<a title="anm_66name="anm_66" href="#anm66"><sup>66</sup></a> Folglich ist es nicht weiter verwunderlich, dass etliche Unregelm&#228;&#223;igkeiten in den Lohnverh&#228;ltnissen auftraten, so dass z.B. gleiche Arbeiten unterschiedlich bezahlt wurden, je nach dem Ministerium, dem der betreff ende Betrieb unterstellt war.<a title="anm_67" name="anm_67" href="#anm67"><sup>67</sup></a> Die Voraussetzung f&#252;r all dies besteht allerdings darin, dass nicht mit einer geplanten Arbeitsmobilit&#228;t zu rechnen war. Arbeitskr&#228;fte konnten in der Regel k&#252;ndigen und eine neue Besch&#228;ftigung suchen.<a title="anm_68" name="anm_68" href="#anm68"><sup>68</sup></a> „Heute entspricht es einem historiographischen Allgemeinplatz anzuerkennen, dass sowjetische ArbeiterInnen immer zwischen Betrieben umhergezogen sind und dass sogar in der Periode der schlimmsten drakonischen Arbeitsgesetzgebungen unter Stalin eine relativ hohe Fluktuation am Arbeitsplatz geherrscht hat“.<a title="anm_69" name="anm_69" href="#anm69"><sup>69</sup></a> Es gab durchaus verschiedene Ausweissysteme und Zuzugsgenehmigungen in der Sowjetunion. Sie waren dazu gedacht, unkontrollierte Einwanderung in Gro&#223;st&#228;dte sowie Landflucht zu verhindern bzw. zumindest zu regulieren. Ausf&#252;hrliche Statistiken dokumentieren jedoch, dass Millionen Menschen j&#228;hrlich ihren Arbeitsplatz wechselten.<a title="anm_70" name="anm_70" href="#anm70"><sup>70</sup></a> Auch wenn es nicht unbedingt im Einklang mit dem Plan stand, gab es demzufolge ArbeiterInnen, die von Region zu Region zogen, sowie einen steten Drift von vor allem jungen Menschen von l&#228;ndlichen Gegenden in die Stadt.<a title="anm_71" name="anm_71" href="#anm71"><sup>71</sup></a> All diese Anhaltspunkte weisen darauf hin, dass in der UdSSR ein hoch entwickelter Arbeitsmarkt und mit diesem eben auch Lohnarbeit existiert hat.<br />
Den Lohn erhielten die ArbeiterInnen in Form von Geld. Dieses fungierte tats&#228;chlich auch als solches – d.h. es handelte sich nicht etwa um Warengutscheine, die nur gegen bestimmte, vorgegebene G&#252;ter eingetauscht werden konnten. So war es m&#246;glich, L&#246;hne in Staatsl&#228;den auszugeben, in denen frei zwischen verschiedenen Produkten – auch wenn Verknappungen keine Seltenheit waren – gew&#228;hlt werden konnte. Die Preise spielten hier eine aktive Rolle und beeinflussten die Kaufentscheidungen der KonsumentInnen. Diese wirkten sich dann wiederum indirekt auf die Produktionspl&#228;ne aus.<a title="anm_72" name="anm_72" href="#anm72"><sup>72</sup></a> Selbst wenn also, wie es in diesem Abschnitt versucht wurde, die UdSSR in Isolation – sprich unter Abstraktion von der kapitalistischen Welt&#246;konomie – betrachtet wird, kommt man zu dem Ergebnis, dass es Lohnarbeit und einen entwickelten Markt f&#252;r Arbeitskraft und Konsumg&#252;ter gab.</p>
<p><strong>Krisendynamiken</strong><br />
Die beiden letzten Abschnitte haben gezeigt, dass die Sowjetunion eine Klassengesellschaft war, die von der kompetitiven Logik kapitalistischer Akkumulation bestimmt wurde. Als solche wies sie auch typisch kapitalistische Krisentendenzen und -dynamiken auf. Hierbei scheint es sinnvoll, zwischen kurzfristigen Zyklen („Planzyklen“) und langfristigen Trends zu unterscheiden, sowie die spezifischen Entwicklungsmuster aus der Interaktion interner Strukturen und sich ver&#228;ndernden externen Bedingungen zu erkl&#228;ren.<a title="anm_73" name="anm_73" href="#anm73"><sup>73</sup></a> Der Versuch, mit den entwickelten Kapitalismen zu konkurrieren, zog in den stalinistischen Kommando&#246;konomien einen permanenten Trend zur &#220;berinvestition nach sich, wobei das exzessive Investitionsniveau unweigerlich wachsende Engp&#228;sse an Rohstoffen, Halbfertigprodukten und Arbeitskr&#228;ften bedeutete. Der Nachfrage&#252;berschuss f&#252;hrte zu inflation&#228;rem Druck, der sich direkt in steigende Preise &#252;bersetzte, oder „versteckt“ als akute G&#252;terknappheit artikulierte. Ohne staatliche Intervention h&#228;tte diese Tendenz zur &#220;berinvestition schlie&#223;lich in die Stilllegung ganzer Betriebe und Sektoren umschlagen m&#252;ssen. Aber wie im Westen w&#228;hrend des langen Booms versuchte der Staat auch hier, die &#214;konomie „abzuk&#252;hlen“. Er ordnete an, bestimmte Investitionen „einzufrieren“ und Ressourcen umzulenken. Das bedeutete, dass Fabriken pl&#246;tzlich von einer Art Output auf eine andere umgestellt wurden (oder dass manche Projekte einfach auf Jahre unfertig blieben). Der Mythos der vorausschauenden Planung wurde durch die Realit&#228;t der reaktiven Allokation <em>a posteriori</em> konterkariert, die wiederholte Verlagerungen von Inputs und Outputs – mit der Begleiterscheinung hoher Verschwendungsproduktion – beinhaltete. In Reaktion auf die unberechenbaren Entscheidungen der Planungsb&#252;rokratie begannen Fabriksleitungen Ressourcen zu horten und versch&#228;rften damit die Ineffizienz der Wirtschaft noch weiter. Die kurzfristige L&#246;sung bestand ganz einfach in drastischen Angriff en auf den Lebensstandard der ArbeiterInnen oder Versuchen der Effizienzsteigerung durch Technologie-Importe von westlichen Unternehmen, die im Gegenzug freilich Handlungsr&#228;ume jenseits der b&#252;rokratisch zentralisierten Verwaltung einforderten.<br />
Langfristig unterminierte diese &#220;berinvestitionstendenz den Prozess kapitalistischer Akkumulation selbst. In der steigenden Wertzusammensetzung des Kapitals – und zunehmendem fixen Kapital – ist, so hat Marx im dritten Band des Kapital ausgef&#252;hrt, der tendenzielle Fall der Durchschnittsprofitrate angelegt.<a title="anm_74" name="anm_74" href="#anm74"><sup>74</sup></a> In „klassischen freien Marktwirtschaften“ w&#252;rden im Zuge dessen Investitionsraten fallen. Abgesehen von der Tatsache, dass in der Sowjetunion auf der Ebene einzelner Betriebe „Mehrwert“ und „Profit“ durch Verzerrungen der Preisstruktur modifiziert waren und die b&#252;rokratische Verwaltung die von Profitabilit&#228;ts&#252;berlegungen motivierte Mobilit&#228;t von Kapital zwischen Produktionssektoren (und somit die Herausbildung einer durchschnittlichen Profitrate) unterband, ist f&#252;r unsere Diskussion entscheidend, dass die sowjetische Planungsb&#252;rokratie das gesamte Surplus unabh&#228;ngig von Profitabilit&#228;ts&#252;berlegungen weiterhin investierte und somit zwar bis in die 1970er hohe Wachstumsraten garantieren konnte, langfristig jedoch die grundlegenden Probleme sowie die Durchschlagskraft zyklischer Fluktuationen versch&#228;rfte.<br />
Die Mechanismen, durch die diese Widerspr&#252;che in „freien Marktwirtschaften“ tempor&#228;r gel&#246;st werden, sind in erster Linie jene durch die Krise selbst bedingten Rationalisierungen des Systems: Bankrotte ineffizienter Unternehmen, Kapitalabwertung, Restrukturierung. Gerade diese Mechanismen k&#246;nnen jedoch in staatskapitalistischen &#214;konomien nicht greifen. Tendenziell gilt das freilich f&#252;r alle modernen Kapitalismen, wie auch die Debatten im Zuge der j&#252;ngsten Wirtschaftskrise zeigen: soll der Staat bankrotte Unternehmen auffangen, oder riskieren, dass der Kollaps von Riesenkonzernen andere mit in den Abgrund rei&#223;t?<br />
Chris Harman schreibt: „Der Staat … interveniert, um diejenigen Unternehmen &#252;ber Wasser zu halten, die durch die Marktkr&#228;fte untergehen w&#252;rden. Aber der Staat kann das nur tun, wenn er die Kosten der Rettungsaktionen beinahe bankrotter Firmen mit einem Teil des Mehrwerts bezahlt, der ansonsten unter den anderen Unternehmen verteilt w&#252;rde. Die Rationalisierung des Systems wird nicht l&#228;nger durch die Destruktion einiger Kapitalien zugunsten der anderen bezahlt, sondern durch Einschnitte in die Profitraten aller Kapitalien. Die zyklische Krise versch&#228;rft die langfristige Tendenz fallender Profitraten, statt sie abzumildern.”<a title="anm_75" name="anm_75" href="#anm75"><sup>75</sup></a> F&#252;r die b&#252;rokratischen &#214;konomien des Ostblocks ist die Situation noch schwieriger. Der Staat ist das einzige Kapital; die staatliche Industrie muss also die Kosten der Elimination ihrer eigenen ineffizienten Sektoren tragen und das zieht die Wachstumsraten noch weiter nach unten.<br />
Gleichzeitig bedeutete die enorme weltweite Produktivkraftentwicklung, dass die sowjetische &#214;konomie die Effizienz der westlichen Gro&#223;konzerne nur durch massive Investitionsprojekte erreichen konnte. Der Druck zur &#220;berinvestition steigt, und die Investitionen sind in wenigen riesigen Projekten konzentriert, die einen immer gr&#246;&#223;eren Teil des nationalen Outputs binden. Jedes Mal wenn solche Projekte „eingefroren“ werden m&#252;ssen, damit andere fertiggestellt werden k&#246;nnen, resultiert das in enormer Verschwendung. So gut wie alle Ostblockstaaten (wenn auch nicht Russland selbst) haben daher seit den sp&#228;ten 1960ern und fr&#252;hen 1970ern versucht, ihre Probleme durch eine Erh&#246;hung des Au&#223;enhandels mit dem „Westen“ und „Dritte-Welt-L&#228;ndern“, sowie durch westliche Investitionen im eigenen Land zu umgehen. „Sie hofften, dass sie die Ressourcen der Weltwirtschaft nutzen k&#246;nnten, um die Verzerrungen zu &#252;berwinden, die der weltweite kompetitive Druck auf die National&#246;konomie erzeugte.“<a title="anm_76" name="anm_76" href="#anm76"><sup>76</sup></a> Die westlichen &#214;konomien hatten diesen Weg der Internationalisierung des Handels, der Produktion und der Investitionen bereits zwei Jahrzehnte fr&#252;her beschritten, und “[s]obald diese Internationalisierungsprozesse in Gang waren, war der Druck, daran teilzunehmen, immens. Dies zu unterlassen bedeutete, von den weltweiten technologischen Fortschritten und den enormen Ressourcen des internationalen Kreditwesens abgeschnitten zu sein. Es bedeutete, dem weltweiten Wachstum der Produktivit&#228;t hinterher zu hinken.”<a title="anm_77" name="anm_77" href="#anm77"><sup>77</sup></a><br />
Die Internationalisierung der Investitionsstr&#246;me bedeutete, dass die Organisationsformen, die die Sowjetunion in eine Supermacht transformiert hatten, nicht l&#228;nger mit den globalen Entwicklungsmustern korrespondierten. Aufgrund der fehlenden Integration in den Weltmarkt war die sowjetische Wirtschaft abgeschnitten von jenen Produktivit&#228;tsfortschritten, die mit der internationalen Arbeitsteilung einhergingen. Die Abh&#228;ngigkeit von Technologieimporten konnte zwar in den 1970ern durch die hohen &#214;lpreise am Weltmarkt noch finanziert werden; aber gerade die Notwendigkeit von Rohstoffexporten machte die sowjetische Wirtschaft extrem verwundbar f&#252;r Fluktuationen am Weltmarkt.<br />
Ende der 1980er stie&#223; das Modell autorit&#228;rer Modernisierung schlie&#223;lich an seine Grenzen. Die institutionellen Strukturen, die die schnelle Industrialisierung nach 1928 erm&#246;glicht hatten, behinderten nun die weitere Entwicklung. Die Ver&#228;nderungen der globalen geopolitischen und &#246;konomischen Bedingungen, gekoppelt mit den b&#252;rokratischen H&#252;rden interner Restrukturierung, mussten schlussendlich im „regime change“ m&#252;nden; Gorbachovs Projekt autorit&#228;rer Reform wurde in den R&#228;umen, die <em>glasnost </em>er&#246;ffnet hatte, durch Mobilisierungen von unten &#252;ber sich hinaus getrieben.</p>
<p><strong>Schluss</strong><br />
Die Krisendynamik der stalinistischen Kommandowirtschaften verweist nicht allein auf die Tatsache, dass die Stabilit&#228;t des b&#252;rokratisch-staatskapitalistischen Akkumulationsregimes durch die Ver&#228;nderungen der globalen geopolitischen und &#246;konomischen Bedingungen unterlaufen wurde, sondern zugleich auf grundlegende Widerspr&#252;che der kapitalistischen Produktionsweise selbst. Die Entwicklung der Sowjetunion blieb an dieselbe Logik, dieselbe Dynamik, dieselben Imperative gekn&#252;pft wie die gesamte kapitalistische Weltwirtschaft. Wenn eine „andere Welt m&#246;glich“ werden soll, dann k&#246;nnen antikapitalistische Alternativen nicht an den vermeintlich progressiven Elementen verstaatlichter Planung ankn&#252;pfen, sondern an den Potentialen der Selbstemanzipation, die in den Revolutionen 1917 deutlich wurden.<a title="anm_78" name="anm_78" href="#anm78"><sup>78</sup></a></p>
<h3>Anmerkung</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Francis Fukuyama ist ein US-amerikanischer Politikwissenschaftler, der 1989 das Ende der Geschichte ausrief. Nicht nur der Kalte Krieg, sondern die Geschichte als solche h&#228;tte ihr Ende gefunden, wobei er den Siegeszug der „westlichen, liberalen Demokratie“ vor Augen hatte.</p>
<p><a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Callinicos, Alex: Marxist History and the Twentieth Century; in: Wickham, Chris (Hg.): Marxist History-writing for the Twenty-first Century. Oxford 2007, S. 158-179, hier S. 167.</p>
<p><a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Fundierte theoretische &#220;berlegungen wurden vor allem innerhalb der revolution&#228;ren Linken entwickelt, als Teil einer internen Kritik an der weiteren Entwicklung bzw. der Degeneration der Revolution von 1917 (vgl. Haynes, Mike: Marxism and the Russian Question in the Wake of the Soviet Collapse, in: Historical Materialism 10:4 (2002), S. 324).</p>
<p><a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> MEW 25, S. 33.</p>
<p><a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Callinicos, Alex: Ben&#246;tigt der Kapitalismus das Staatensystem?; in: Kaindl, Christina et al. (Hg.): Kapitalismus reloaded. Kontroversen zu Imperialismus, Empire und Hegemonie. Hamburg 2007, S. 11-32, hier S. 22. Vgl. Althusser: Das Marxsche Denken vollzieht sich, „ganz fern von jeder Selbst-Herstellung der Begriff e, durch die Setzung eines Begriff s und die anschlie&#223;ende Erforschung (Analyse) des durch diese Setzung zugleich erschlossenen und geschlossenen (begrenzten) Raumes, usf.: Bis hin zur Konstitution theoretischer Felder eines &#228;u&#223;ersten Komplexit&#228;tsgrades“. (Althusser, Louis: Marx‘ Denken im Kapital; in: Prokla 50 (1983), S. 130-147, hier S. 130, &#228;hnl. auch S. 139)</p>
<p><a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Vgl. Bidet, Jacques: Exploring Marx’s Capital. Philosophical, Economic and Political Dimensions. Leiden 2007.</p>
<p><a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> MEW 13, S. 631.</p>
<p><a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> „Modifikation des jeweiligen theoretischen Feldes durch das Hinzutreten eines neuen Begriff s, durch das dessen Bedeutung und Grenzen verschoben werden“. (Althusser, a.a.O., S. 141)</p>
<p><a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Callinicos, Alex: Periodizing Capitalism and Analyzing Imperialism. Classical Marxism and Capitalist Evolution; in: Albritton, Robert et al. (Hg.): Phases of Capitalist Development. Booms, Crises and Globalizations. Houndmills 2001, S. 230-245, hier, S. 231. Marx selbst hat einmal nebenbei bemerkt, dass die „Staatseinmischung … das naturgem&#228;&#223;e &#246;konomische Verh&#228;ltnis verf&#228;lscht.“ (MEW 23, S. 587)</p>
<p><a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Dale, Gareth: Between state capitalism and globalization. Oxford 2004, S. 35.</p>
<p><a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Ebd., S. 36.</p>
<p><a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Ebd., S. 36f, Zitate nach Barker, Colin: Th e Force of Value (1998, unver&#246;ffentlicht), S. 31.</p>
<p><a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Dale, a.a.O., S. 31, vgl. auch S. 51.</p>
<p><a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Auf der Ebene einzelner Staaten kann diese strukturelle Interdependenz (tempor&#228;r) auch zur beinahen Aufl&#246;sung der Ausdifferenzierung von Staat und Kapital f&#252;hren.</p>
<p><a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Vgl. schon Hilferding, sowie Bucharins „zwei Tendenzen“ der nationalstaatlichen Integration und der Internationalisierung des Kapitals.</p>
<p><a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Vgl. z.B. Harvey, David: Der neue Imperialismus. Hamburg 2005.</p>
<p><a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Dale, a.a.O., S. 37f.</p>
<p><a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Ausf&#252;hrlicher zu Weltmarkt, Staatensystem und dadurch bedingten Modifikationen des Wertgesetzes: von Braunm&#252;hl, Claudia: Weltmarktbewegung des Kapitals, Imperialismus und Staat; in: Probleme einer materialistischen Staatstheorie. Frankfurt 1973, S. 11-91.</p>
<p><a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Vgl. Haynes, Mike: Marxism and the Russian Question in the Wake of the Soviet Collapse; in: Historical Materialism 10:4, S. 335f.</p>
<p><a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Zu Gramscis Konzept der „passiven Revolution“ vgl. Morton, Adam David: Unravelling Gramsci. Hegemony and Passive Revolution in the Global Political Economy, London 2007, S. 39-75, sowie Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte Hamburg 1991ff ., S. 966 und 1043f.</p>
<p><a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Callinicos, Alex: The Revenge of History. Marxism and the East European Revolutions. London 1991, S. 120.</p>
<p><a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Dessen waren sich auch die meisten Bolschewiki in den fr&#252;hen 1920er Jahren bewusst. An einen „Sprung in den Kommunismus“ glaubte hier niemand – im Gegensatz zu den voluntaristischen Phantasien im Hochstalinismus.</p>
<p><a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> ArbeiterInnen 1928: 3.124.000; 1940: 8.290.000</p>
<p><a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Vgl. Haynes, Russia, a.a.O., S. 85: Verh&#228;ltnis Abteilung I (Investitionsg&#252;ter) vs. II (Konsumg&#252;ter): 1928: 39,5 vs. 60, 5%; 1940: 61,0 vs. 39%; 1960: 72,5 vs. 27,5%. Und die Reall&#246;hne wurden drastisch gek&#252;rzt: bis in die 1950er erreichten sie nicht mehr das Niveau von 1928.</p>
<p><a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Vgl. Stalin, Josef: &#220;ber die Aufgaben der Wirtschaftler, http://www.mlwerke.de/st/wirtscha.htm (1931): „Wir sind hinter den fortgeschrittenen L&#228;ndern um 50 bis 100 Jahre zur&#252;ckgeblieben. Wir m&#252;ssen diese Distanz in zehn Jahren durchlaufen. Entweder bringen wir das zustande, oder wir werden zermalmt.“<br />
Vgl. auch die Resolution am 15. Parteikongress 1927: „Angesichts eines m&#246;glichen Milit&#228;rschlags kapitalistischer Staaten gegen den proletarischen Staat [sic] sollte der F&#252;nf-Jahres-Plan die gr&#246;&#223;te Aufmerksamkeit auf die schnellstm&#246;gliche Entwicklung jener Sektoren der Wirtschaft im Allgemeinen, und der Industrie im Besonderen, legen, die die wichtigste Rolle in der Sicherung der Landesverteidigung und &#246;konomischer Stabilit&#228;t in Kriegszeiten spielen.” (zit. n. Ellman, Michael: Soviet Industrialization: a remarkable success?; in: Slavic Review 63:4 (2004), S. 841-849, hier S. 842) </p>
<p><a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Entscheidend sind schlie&#223;lich nicht juristische Eigentumsverh&#228;ltnisse sondern die Verf&#252;gungsgewalt &#252;ber Produktionsmittel und Arbeitsprozess. Zur NEP vgl. Duma, Veronika/ Probst, Stefan: Sowjetmacht vs. Parteidiktatur, in: Perspektiven Nr. 6, S. 48-57</p>
<p><a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Vgl. ten Brink, Tobias: Geopolitik. Geschichte und Gegenwart kapitalistischer Staatenkonkurrenz. M&#252;nster 2008, S. 184</p>
<p><a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Ebd., S. 184</p>
<p><a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Ebd.</p>
<p><a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Ebd., S. 205</p>
<p><a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Ebd., S. 205f.</p>
<p><a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Ebd., S. 206</p>
<p><a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Hobsbawm, zit. nach ten Brink, a.a.O., S. 205</p>
<p><a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Ebd., S. 207f.</p>
<p><a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Ebd., S. 196f.</p>
<p><a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Vgl. Van der Linden, Marcel: Von der Oktoberrevolution zur Perestroika. Der westliche Marxismus und die Sowjetunion. Frankfurt 1992, S. 239</p>
<p><a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Vgl. Cliff , Tony: Staatskapitalismus in Russland. Eine marxistische Analyse. Frankfurt 1975, S. 209</p>
<p><a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> ten Brink, a.a.O., S. 197</p>
<p><a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Cliff , a.a.O., S. 210</p>
<p><a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Das hei&#223;t, dass „innere“ und „&#228;u&#223;ere“ Verh&#228;ltnisse nicht getrennt werden k&#246;nnen, wie das etwa bei Cox der Fall ist. Vgl. Cox, Robert W.: „Real Socialism“ in Historical Perspective; in: Socialist Register 1991, S. 169-193.</p>
<p><a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> MEW 23, S. 618</p>
<p><a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Vgl. Howl, Derek: The Law of Value and the USSR; in: International Socialism 49 (1990), S. 89-113, hier S. 90</p>
<p><a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Harman, Chris: Criticism which does not withstand the test of logic; in: International Socialism 49 (1990), S. 65-88, hier S. 67</p>
<p><a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Sapir, Jacques: Logik der sowjetischen &#214;konomie oder die permanente Kriegswirtschaft. M&#252;nster 1992, S. 22.</p>
<p><a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Allerdings sollte darauf hingewiesen werden, dass es sehr wohl auch direkte &#246;konomische Beziehungen zum Weltmarkt gab: v.a. &#214;l- und Rohstoffexporte im Austausch f&#252;r Technologieimporte.</p>
<p><a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> Zit. n. Haynes, Mike: Rethinking Class Power in the Russian Factory 1929-1991, University of Wolverhampton Working Paper Series 2006, S. 8</p>
<p><a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> Dale, a.a.O., S. 83</p>
<p><a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> Selbst wenn wir die Sowjetunion in Isolation betrachten stellt sich die Situation bezogen auf Abteilung II (Konsumg&#252;terproduktion) allerdings bereits anders dar. Geld/Preise fungierten sehr wohl als Mechanismus der Allokation von Konsumg&#252;tern. Vgl. die Diskussion um Warenform der Arbeitskraft und Geldlohn weiter unten.</p>
<p><a title="anm49" name="anm49" href="#anm_49">49</a> Vgl. What was the USSR? Towards a Theory of the Deformation of Value. Part IV; in: Aufheben 9 (2000), S. 29-46</p>
<p><a title="anm50" name="anm50" href="#anm_50">50</a> Whitesell, Robert S.: Why does the Soviet economy appear to be allocatively efficient?; in: Soviet Studies 42:2 (1990), S. 259-268, hier S. 262</p>
<p><a title="anm51" name="anm51" href="#anm_51">51</a> Der sowjetische Reform&#246;konom und sp&#228;tere Gorbachov-Berater Aganbegyan sprach von „eingeschr&#228;nktem und deformiertem internen Markt“.</p>
<p><a title="anm52" name="anm52" href="#anm_52">52</a> Fernandez, Neil: Capitalism and Class Struggle in the USSR. A Marxist Theory. Aldershot 1997; Chattopadhyay, Paresh: The Marxian Concept of Capital and the Soviet Experience. Essay in the Critique of Political Economy. Westport 1994. Bezeichnenderweise sprechen beide auch nicht von <em>Staats</em>kapitalismus sondern von Kapitalismus <em>tout court</em>.</p>
<p><a title="anm53" name="anm53" href="#anm_53">53</a> Flaherty, Patrick: Cycles and Crises in Statist Economies; in: Review of Radical Political Economics 24:3 (1992).</p>
<p><a title="anm54" name="anm54" href="#anm_54">54</a> Vgl. Haynes, Rethinking, a.a.O.</p>
<p><a title="anm55" name="anm55" href="#anm_55">55</a> Vgl. Callinicos, Alex: Wage Labour and State Capitalism; in: International Socialism 12 (1981), S. 98-118, hier S. 105f.</p>
<p><a title="anm56" name="anm56" href="#anm_56">56</a> Vgl. Nove, Alec: Das sowjetische Wirtschaftssystem. Baden-Baden 1980, S. 243.</p>
<p><a title="anm57" name="anm57" href="#anm_57">57</a> Howl, a.a.O., S. 101</p>
<p><a title="anm58" name="anm58" href="#anm_58">58</a> Vgl. Cliff , a.a.O., S. 207</p>
<p><a title="anm59" name="anm59" href="#anm_59">59</a> Vgl. Callinicos, Wage Labour, a.a.O., S. 113</p>
<p><a title="anm60" name="anm60" href="#anm_60">60</a> Ebd., S. 111</p>
<p><a title="anm61" name="anm61" href="#anm_61">61</a> Ebd.</p>
<p><a title="anm62" name="anm62" href="#anm_62">62</a> Nove, a.a.O., S. 25</p>
<p><a title="anm63" name="anm63" href="#anm_63">63</a> Ebd., S. 27, 245</p>
<p><a title="anm64" name="anm64" href="#anm_64">64</a> Ebd., S. 252</p>
<p><a title="anm65" name="anm65" href="#anm_65">65</a> Ebd., S. 245</p>
<p><a title="anm66" name="anm66" href="#anm_66">66</a> Vgl. ebd., S. 249</p>
<p><a title="anm67" name="anm67" href="#anm_67">67</a> Ebd., S. 246</p>
<p><a title="anm68" name="anm68" href="#anm_68">68</a> Ebd., S. 266</p>
<p><a title="anm69" name="anm69" href="#anm_69">69</a> Haynes, Mike: Marxism and the Russian Question, a.a.O., S. 340</p>
<p><a title="anm70" name="anm70" href="#anm_70">70</a> 1930 wechselten IndustriearbeiterInnen im Durchschnitt alle acht Monate den Arbeitsplatz, 1939 alle 13 Monate. (Filtzer, Donald: Soviet Workers and Stalinist Industrialization. The formation of modern soviet production relations, 1928-1941. Armonk 1986, S. 135)</p>
<p><a title="anm71" name="anm71" href="#anm_71">71</a> Nove, a.a.O., S. 244</p>
<p><a title="anm72" name="anm72" href="#anm_72">72</a> Vgl. ebd., S. 26</p>
<p><a title="anm73" name="anm73" href="#anm_73">73</a> Vgl. zum Folgenden Harman, Chris: Class Struggles in Eastern Europe 1945-83. London 1988, S. 322-339</p>
<p><a title="anm74" name="anm74" href="#anm_74">74</a> Die Debatte um das sogenannte „Gesetz“ vom tendenziellen Fall der Profitrate kann hier nicht weiter vertieft werden. F&#252;r eine sehr knappe Zusammenfassung vgl. Probst, Stefan: Zur&#252;ck zu K.u.K.?; in: Perspektiven 2, S. 12-17, hier S. 16, Anm. 4, und die dort zitierte Literatur, sowie Weeks, John: Capital and Exploitation. Princeton 1981.</p>
<p><a title="anm75" name="anm75" href="#anm_75">75</a> Harman, Class Struggles, a.a.O., S. 329</p>
<p><a title="anm76" name="anm76" href="#anm_76">76</a> Ebd., S. 330</p>
<p><a title="anm77" name="anm77" href="#anm_77">77</a> Ebd., S. 330f. Vgl. dazu auch Harman, Chris: Explaining the Crisis. A Marxist Re-Appraisal. London 1984.</p>
<p><a title="anm78" name="anm78 href="#anm_78">78</a> Vgl. Probst, Stefan: „Geht selbst ans Werk, beginnt von unten“; in: Perspektiven 4, S. 34-43</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2009/06/13/kapitalismus-nach-plan/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Sowjetmacht vs. Parteidiktatur</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/sowjetmacht-vs-parteidiktatur/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/sowjetmacht-vs-parteidiktatur/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:17:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Staatskapitalismus]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=151</guid>
		<description><![CDATA[<em>Veronika Duma</em> und <em>Stefan Probst</em> zeichnen im dritten Teil unserer Serie zum politischen Erbe der Oktoberrevolution den Prozess der B&#252;rokratisierung und Entdemokratisierung des „ArbeiterInnenstaats“ bis zur Etablierung eines staatskapitalistischen Regimes Ende der 1920er Jahre nach.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Veronika Duma</em> und <em>Stefan Probst</em> zeichnen im dritten Teil unserer Serie zum politischen Erbe der Oktoberrevolution den Prozess der B&#252;rokratisierung und Entdemokratisierung des „ArbeiterInnenstaats“ bis zur Etablierung eines staatskapitalistischen Regimes Ende der 1920er Jahre nach.<br />
<span id="more-151"></span></p>
<p>Die Oktoberrevolution 1917 war ein popularer Massenaufstand, der nicht nur die &#246;konomischen und politischen Verh&#228;ltnisse grundlegend transformierte, sondern ebenso „ethnische Identit&#228;ten, Geschlechterverh&#228;ltnisse, Moralvorstellungen, intellektuelle Kultur und letztlich das Weltsystem“ umzugestalten versuchte.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Der am zweiten Sowjetkongress im Oktober gebildete <em>Rat der Volkskommissare</em><a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> erlie&#223; bis J&#228;nner 1918 nicht weniger als 116 Dekrete: neben den wichtigsten &#252;ber Grund und Boden, einen sofortigen und bedingungslosen Frieden und &#252;ber die ArbeiterInnenkontrolle der Fabriken gab es Erl&#228;sse zur Abschaffung der Todesstrafe, zum Selbstbestimmungsrecht der Minderheiten, zum Scheidungsrecht oder zur Entkriminalisierung der Homosexualit&#228;t. Ende der 1920er Jahre war von diesen gesellschaftlichen Umw&#228;lzungen nicht mehr viel zu merken. In entscheidenden Fragen repr&#228;sentierte der Stalinismus der 1930er das genaue Gegenteil der Ambitionen von 1917. Im Laufe der 1920er hatte sich eine Schicht der Staats- und Parteib&#252;rokratie vom zentralen Ziel der Revolution entfernt: die Gesellschaft von unten neu aufzubauen. Die Macht dieser Schicht war in den 1920ern bei weitem noch nicht absolut. Sie wurde vom Widerstand der ArbeiterInnen genauso wie von innerparteilicher Opposition herausgefordert. Je mehr sich der Spalt zwischen Staat/Partei und Klasse entwickelte, desto st&#228;rker traten aber auch die materiellen Interessen dieser Schicht gegen&#252;ber dem Rest der Gesellschaft hervor. Ende der 1920er schlie&#223;lich konnte sich ein neues Regime auf Basis erzwungener Akkumulation durchsetzen. Aus einer abgehobenen Schicht war eine neue, selbstbewusste herrschende Klasse geworden.<br />
Wie konnte es dazu kommen, dass die wohl rebellischste ArbeiterInnenschaft jener Zeit sich etwas mehr als zehn Jahre nach der Revolution in einer solchen Lage befand? In der vom Kalten Krieg gepr&#228;gten Geschichtsschreibung wurde diese Frage entweder mit der starken Repression seitens des Staates oder mit einer vermeintlich breiten Zustimmung der Bev&#246;lkerung zum Stalinismus beantwortet.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Beide Ans&#228;tze, so diametral entgegengesetzt sie auch sein m&#246;gen, bef&#246;rdern die Vorstellung, dass der Stalinismus das „nat&#252;rliche“ und unvermeidbare Resultat von 1917 gewesen w&#228;re, ebenso wie die Bev&#246;lkerung in beiden Versionen als eine passive und leicht manipulierbare „Masse“ dargestellt wird. Tats&#228;chlich stellte sich der Degenerationsprozess, wie vor allem neuere Forschungen zeigen konnten, weit komplexer dar.</p>
<h3>B&#252;rgerkrieg</h3>
<p>Gemeinhin werden die Urspr&#252;nge des Stalinismus bereits in den ersten Jahren unmittelbar nach der Revolution, der Zeit des B&#252;rgerkriegs zwischen 1917 und 1920, ausgemacht. Unumstritten ist, dass das stalinistische Regime der 1930er Jahre auf Ma&#223;nahmen aufbauen konnte, die w&#228;hrend des B&#252;rgerkriegs eingef&#252;hrt worden waren. Dennoch gilt es, auch f&#252;r die Zeit des sogenannten „Kriegskommunismus“, die strukturierenden Handlungskontexte in den Blick zu nehmen, die in nicht geringem Ausma&#223; den m&#246;glichen Politiken enge Grenzen zogen. Somit sind f&#252;r diese erste Phase der Degeneration und B&#252;rokratisierung der Revolution weniger ideologische Impulse des Bolschewismus als die Zw&#228;nge einer (international isolierten) Kriegswirtschaft in Anschlag zu bringen.<br />
Russland war zwischen 1914 und 1920 ein Land im Krieg. Der erste Weltkrieg, der f&#252;r Russland mit den Separatfrieden von Brest-Litowsk im M&#228;rz 1918 endete, glitt bruchlos in die Auseinandersetzungen des B&#252;rgerkriegs &#252;ber, dessen Beginn bereits mit dem Putschversuch Lavr Kornilovs im August 1917 angesetzt werden muss.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Nach einem gescheiterten Aufstand der Kadetten<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> wenige Tage nach der Macht&#252;bernahme der Sowjets in Petrograd, und dem Putschversuch des sp&#228;teren Nazi-Kollaborateurs Petr Krasnov, sammelten sich um die Gener&#228;le Denikin, Kaledin, Kornilov und Alekseev die Kr&#228;fte der Reaktion. Was in der antikommunistischen Historiographie des Kalten Kriegs meist unterbelichtet blieb ist jedoch die Tatsache, dass trotz der anf&#228;nglichen Unorganisiertheit der „Roten Armee“ der B&#252;rgerkrieg schon im Fr&#252;hjahr 1918 im Wesentlichen entschieden schien. Optimistisch verk&#252;ndete Lenin im April 1918: „Man kann zuversichtlich sagen, da&#223; der B&#252;rgerkrieg in der Hauptsache beendet ist. … es kann nicht daran gezweifelt werden, da&#223; die Reaktion an der inneren Front … unwiderruflich vernichtet worden ist.“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a><br />
Die entscheidende Trendwende brachte erst die milit&#228;rische, finanzielle und logistische Unterst&#252;tzung der „Wei&#223;en Armee“ durch 14 alliierte Staaten: „h&#228;tte es keine Intervention gegeben, h&#228;tte die alliierte Hilfe f&#252;r die Wei&#223;en nach Ende des Weltkriegs gestoppt, w&#228;re der russische B&#252;rgerkrieg weitaus schneller mit einem eindeutigen Sieg der Sowjets beendet worden.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> In den Jahren zwischen 1918 und 1920 wurde Russland zum „ersten Versuchsfeld mittlerweile g&#228;ngiger konterrevolution&#228;rer Taktiken des Westens, die vielfach auf direkter milit&#228;rischer Intervention basieren, in jedem Fall aber auf finanzieller Unterst&#252;tzung der Contras und &#246;konomischer Kriegsf&#252;hrung ‚niedriger Intensit&#228;t‘.“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Versch&#228;rft wurde die Situation durch den Zusammenbruch der Wirtschaft und zentraler politischer Koordinations- und Autorit&#228;tsstrukturen sowie dem alliierten Wirtschaftsembargo. Die industrielle Produktion ging bis 1920 auf 31 Prozent des Vorkriegsniveaus zur&#252;ck, der Gesamtoutput auf 38 Prozent.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Mit der deutschen Annexion der Ukraine wurde zus&#228;tzlich eine Region abgeschnitten, die als ehemalige Kornkammer des Landes 35 Prozent des Getreides produziert hatte. Insgesamt gingen mit den besetzten Gebieten 80 Prozent der Eisenproduktion, 90 Prozent der Kohleproduktion und ungef&#228;hr die H&#228;lfte aller russischen Industrieanlagen verloren. Zugleich bedeuteten die Zerst&#246;rungen im Schienensystem und Engp&#228;sse bei der Treibstoffversorgung, dass ein Gutteil des Getreides verschwand oder verrottete, bevor es in die urbanen Zentren gelangte, und die Aufl&#246;sung der Gro&#223;grundherrschaften bef&#246;rderte in den ruralen Gebieten die Beschr&#228;nkung auf Subsistenzwirtschaft gegen&#252;ber der Produktion zum Verkauf.<br />
Besonders in den St&#228;dten wurden die katastrophalen Auswirkungen des &#246;konomischen Zusammenbruchs sp&#252;rbar. In Moskau und Petrograd etwa deckten die Nahrungsmittelrationen im Fr&#252;hjahr 1918 gerade einmal zehn Prozent des N&#246;tigen. Das Fehlen von Treibstoff und Rohstoffen erzwang Fabriksschlie&#223;ungen, sodass die Arbeitslosigkeit in den St&#228;dten in die H&#246;he schoss – auf bis zu 80 Prozent in Petrograd.<br />
Die Bolschewiki konnten sich den politischen Konsequenzen dieser Situation nicht entziehen. Die in den ersten Dekreten der Sowjetregierung formulierten Anspr&#252;che standen in unaufhebbarer Spannung zu den &#246;konomischen und sozialen Realit&#228;ten. Gegen utopistische Unterstellungen, die Bolschewiki h&#228;tten die Ma&#223;nahmen der B&#252;rgerkriegszeit als „Sprung in den Kommunismus“ legitimiert, waren die wichtigsten Protagonisten der neuen Sowjetregierung sehr wohl von deren tempor&#228;rem Charakter &#252;berzeugt.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Letztlich orientierte die Strategie auf die berechtigte Hoffnung der Internationalisierung der Revolution in industriell entwickelten L&#228;ndern Europas, insbesondere Deutschlands.<br />
Bis dahin diktierte der B&#252;rgerkrieg die unausweichliche Alternative: Kapitulation oder Verteidigung. Das bedeutete auch, dass eine Armee von Grund auf neu aufgebaut werden musste, mit allen Problemen, die einer solchen Organisation notwendig anhaften. Niemand sollte sich idealisierenden Illusionen der Roten Armee hingeben. Als sich das anf&#228;ngliche R&#228;teprinzip in der Armee als unzureichend f&#252;r gr&#246;&#223;ere und schnell koordinierte Aktionen erwies, wurden milit&#228;rische Disziplin und Autorit&#228;t wieder durchgesetzt; nachdem sich bis Ende Mai 1918 nur 360.000 Menschen freiwillig f&#252;r die Rote Armee gemeldet hatten, setzte Trotzki die Wehrpflicht wieder ein.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Zugleich wurde jedoch „eine konstante politische Kampagne aufrechterhalten, um Greueltaten zu vermeiden und das moralische und politische Bewusstsein zu heben. Es gelang nicht immer, aber das Ziel war, die Rote Armee zu einer Armee der Befreiung, nicht der Eroberung, zu machen, und Disziplinarstrafen sollten Soldaten von Vergewaltigung, Mord und Pl&#252;nderung abhalten.“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a><br />
Der Krieg und die &#246;konomische wie soziale Katastrophe ver&#228;nderten auch politische Priorit&#228;ten und die Form der Regierung. Oberste Priorit&#228;t erhielt die Lebensmittelversorgung der Armee sowie der st&#228;dtischen ArbeiterInnen. „In den ersten Monaten hoffte die Regierung verzweifelt, dass durch Ankurbelung der Produktion von G&#252;tern wie Textilien, Salz, Zucker oder Kerosin die Bauern zum Verkauf des Getreides bewegt werden k&#246;nnten. Aber der andauernde Engpass an Konsumg&#252;tern und die Inflationsspirale machten diese Politik zunichte.“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Im Mai 1918 sah die Regierung daher keine Alternative als den R&#252;ckgriff auf eine „Versorgungsdiktatur“, die alle Getreide&#252;bersch&#252;sse &#252;ber einer fixierten Konsumnorm – wenn notwendig mit Gewalt – konfiszierte. Das war nun kein Spezifikum <em>bolschewistischer</em> Politik. Vielmehr war nicht nur die Kriegswirtschaft des Zarismus und der Provisorischen Regierung 1917 genauso verfahren, sondern auch die kriegswirtschaftliche Struktur Deutschlands beruhte auf einem staatlichen Getreidemonopol, so wie auch die Wei&#223;e Armee Getreide requirierte.<br />
Schon im Herbst 1918 wurde diese Politik jedoch zugunsten des Systems der razverstka wieder zur&#252;ckgenommen, das &#228;hnlich einer direkten Besteuerung der B&#228;uerInnen funktionieren sollte. F&#252;r jede Region und jedes Dorf wurden Getreidequota auf Basis gesch&#228;tzter Ernte&#252;bersch&#252;sse festgelegt. Im Gegenzug sollten die B&#228;uerInnen Anspruch auf eine bestimmte Menge G&#252;ter haben, und zwar unabh&#228;ngig von den abgelieferten Getreidemengen; der Warentausch sollte dabei als Sanktionsmechanismus f&#252;r nicht erf&#252;llte Quota fungieren.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Freilich blieb auch hier das grundlegende Dilemma bestehen: „Ohne Wiederbelebung der Industrie war auch die Landwirtschaft verloren – und ohne dr&#252;ckende und unkompensierte Getreideabgaben konnte sich die Industrie nicht erholen. … Sowohl die Provisorische Regierung als auch die Bolschewiki hatten mit dem Erbe des [&#246;konomischen] Zusammenbruchs zu k&#228;mpfen, der zuerst zu fehlenden Anreizen zur Vermarktung des Getreides und sp&#228;ter zum Schrumpfen b&#228;uerlicher Produktionskapazit&#228;ten f&#252;hrte.“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Letztlich, urteilt der Historiker Steve Smith, hatten die Bolschewiki in dieser Situation „keine andere Wahl als ‚von den Hungrigen zu nehmen und den noch Hungrigeren zu geben‘, da die Armen in den St&#228;dten und den Getreidedefizit-Regionen es sich ganz einfach nicht leisten konnten, bei Markt-Preisen Lebensmittel zu kaufen.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a><br />
Der Wiederaufbau der Industrie musste schon allein aus diesem Grund weit oben auf der Priorit&#228;tenliste der Regierung rangieren, und es ist diese Dimension der bolschewistischen Politik der B&#252;rgerkriegszeit, die am nachhaltigsten die Transformation des Regimes pr&#228;gen sollte.<br />
Unmittelbar nach der Oktoberrevolution war ein Gutteil der Betriebe von ArbeiterInnen selbst in „wilden“ Kollektivierungen angeeignet worden, bevor im Juni 1918 die gesamt Industrie nationalisiert wurde. Im Kontext staatlicher Desintegration und politischer Fragmentierung drohte die Wirtschaft nun allerdings in ein unkoordiniertes System autonomer Fabriken zu zersplittern. Verst&#228;rkt durch den Druck des B&#252;rgerkriegs wurden deshalb Formen der Zentralisierung der Industrie erforderlich. Ansonsten w&#228;re weder eine koordinierte Antwort auf die Bed&#252;rfnisse der Armee m&#246;glich, noch an die „Geschwindigkeit des Kriegs“ angepasste, schnelle Entscheidungen sicherzustellen gewesen. Die ersten postrevolution&#228;ren Monate k&#246;nnen daher als Versuch der „Disziplinierung“ der „spontanen“ und „planlosen“ Zerschlagung der alten Ordnung interpretiert werden. In diesem Kontext ist die Etablierung des <em>Obersten Volkswirtschaftsrats</em> im Dezember 1917 zur zentralen Wirtschaftsplanung und die am ersten Gewerkschaftskongress im J&#228;nner 1918 beschlossene Eingliederung der Fabrikskomitees als lokale Organe der Gewerkschaften (Produktionsverb&#228;nde) zu verstehen. Auch hier waren die Ma&#223;nahmen weniger ideologisch motiviert als durch „praktische Notwendigkeiten“ vorgezeichnet.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a><br />
Freilich existierte zwischen Zentralismus und ArbeiterInnendemokratie eine offensichtliche Spannung. Schon im Fr&#252;hjahr 1918 kritisierte deshalb der linke Bolschewik Ossinski, dass „die Verstaatlichung an sich, d.h. der &#220;bergang eines Betriebs in Staatseigentum, noch keinen Sozialismus“ bedeute. Das Wichtigste sei, „in der inneren Organisation der Produktion … die Kommandogewalt des Proletariats … aufrechtzuerhalten“: „Die Organisierung der Arbeit mu&#223; der Entwicklung der Klassenselbst&#228;ndigkeit und der Aktivit&#228;t Raum gew&#228;hren.“ Ansonsten drohe „die Entstehung des Staatskapitalismus in Ru&#223;land“.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a><br />
Im Licht der sp&#228;teren Entwicklungen daraus <em>ex post</em> eine Theorie der zwangsl&#228;ufigen autorit&#228;ren Verkrustung der Revolution zu basteln ist dennoch unzul&#228;ssig. In jedem Fall gestalteten sich die betrieblichen Realit&#228;ten weit chaotischer und komplexer, als es jene Lesarten nahelegen, die nur auf die politischen Entscheidungen der Sowjetregierung fokussieren. Das etatistische, produktivit&#228;tsorientierte Modell der Produktionsorganisation deckte sich kaum mit der tats&#228;chlichen Situation in den Fabriken.<br />
W&#228;hrend etwa <em>de iure</em> die kollegiale Leitung der Betriebe durch die Ein-Mann-Leitung eingesetzter Manager (die sich entweder aus der Belegschaft selbst oder aus „b&#252;rgerlichen Spezialisten“ rekrutierten) abgel&#246;st wurde<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a>, &#252;berschnitten sich <em>de facto</em> die Aufgabenbereiche von Management, lokaler Parteiorganisation und Fabrikskomitee weitgehend und bis Mitte der 1920er Jahre fungierten letztere als haupts&#228;chliche betriebliche Verwaltungsorgane.<br />
Wie die Historikerin Diane Koenker betont widersprachen die „chaotischen lokalen Realit&#228;ten … dem Ideal einer rationalen zentralisierten Ordnung“.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Vielmehr bef&#246;rderte gerade die Krise der B&#252;rgerkriegszeit (autonome) betriebszentrierte Loyalit&#228;ten und Solidarit&#228;ten, die im Kampf um knappe Ressourcen Abteilung gegen Abteilung, Fabrik gegen Fabrik, Stadt gegen Stadt stellte. Je mehr die Ausnahmesituation des Kriegs die Kollektivit&#228;t der Revolutionszeit unterh&#246;hlte und einer „Politik des pers&#246;nlichen &#220;berlebens“ (Murphy) wich, desto st&#228;rker wurde die Fabrik zum prim&#228;ren Ort der Identifikation und der Sicherung der materiellen Bed&#252;rfnisse. Koenker hat daher f&#252;r die B&#252;rgerkriegszeit von „entgegengesetzten Tendenzen zentraler Autorit&#228;t und autonomer lokaler Kontrolle“ gesprochen.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a><br />
&#220;berhaupt waren die gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse im Fluss. Auf die Betriebe selbst bezogen drehten sich die Debatten um Fragen privaten und/oder gesellschaftlichen Eigentums; um Fragen lokal unabh&#228;ngiger Verwaltungsautonomie oder zentraler wirtschaftlicher Direktion; um das Ausma&#223; der Involvierung der Belegschaften in Management- und Entscheidungsstrukturen. In der wirtschaftspolitischen Debatte diskutierten Regierung und Gewerkschaften, ob monet&#228;re Anreize zur Produktivit&#228;tssteigerung moralische Appelle erg&#228;nzen sollten. Ebenso umstritten war, wie betriebliche Konflikte gel&#246;st werden sollten. Streiks wurden vielfach als unangemessen betrachtet und zentrale staatliche und gewerkschaftliche Apparate bevorzugten Formen der Vermittlung und Streitschlichtung durch (innerbetriebliche) Kommissionen.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a><br />
Ebenso war die Rolle der Gewerkschaften zu definieren, sowohl im Verh&#228;ltnis zum Staat als auch in ihrem Verh&#228;ltnis zu den ArbeiterInnen in den Betrieben. Die L&#246;sungsans&#228;tze waren auch innerhalb der bolschewistischen Partei umk&#228;mpft. In der „Gewerkschaftsdebatte“ 1920/21 kristallisierten sich drei Positionen heraus: w&#228;hrend Trotzki die Eingliederung der Gewerkschaften in den staatlichen Wirtschaftsapparat favorisierte und deren Aufgabe in erster Linie in der Hebung der Produktivit&#228;t sah, verteidigte die „Arbeiteropposition“ um Shliapnikov und Kollontai vehement die Autonomie der Gewerkschaften und forcierte deren Rolle als &#252;bergeordnete proletarische Leitungsorgane der &#214;konomie, da die Volkswirtschaftsr&#228;te bereits b&#252;rokratisiert seien und die Regierung die widerspr&#252;chlichen Interessen von ArbeiterInnen, B&#228;uerInnen und „b&#252;rgerlichen Spezialisten“ ausbalancieren m&#252;sse. Durchgesetzt hat sich letztlich die dritte Position Lenins, Zinovievs, Kamenevs, Stalins und prominenter Gewerkschaftsf&#252;hrungen. Die Gewerkschaften sollten als „Schule des Kommunismus“ fungieren, als (teilautonome) Klassenorganisationen des Proletariats „die Hauptarbeit zur Organisation der Produktion &#252;bernehmen“ und „im Laufe der sozialistischen Revolution zu Organen der sozialistischen Macht werden, die als solche anderen Organisationen [lies: dem <em>Obersten Volkswirtschaftsrat</em>] bei der Verwirklichung neuer Organisationsprinzipien des Wirtschaftslebens beigeordnet sind.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Was das praktisch bedeutete blieb jedoch ebenso unklar, wie die Formulierung offenlie&#223;, was passieren sollte, wenn die Interessen von Staat und ArbeiterInnen kollidierten.<br />
Letztlich wurden die verschiedenen Konfliktachsen der B&#252;rgerkriegszeit (zwischen Land und Stadt, B&#228;uerInnen und ArbeiterInnen, Staat, Gewerkschaft und Betrieb etc.) dennoch von der grundlegenden Auseinandersetzung mit der Konterrevolution &#252;berspannt. Die Feindseligkeit der B&#228;uerInnen „wurde im Endeffekt durch das Wissen in Schach gehalten, dass, wenn die Kommunisten das Getreide nahmen, die Wei&#223;en drohten, nicht nur das Getreide sondern auch das Land zu nehmen.“<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Und auch unter den st&#228;dtischen ArbeiterInnen behielt die Sowjetregierung, bei aller Kritik, Massenunterst&#252;tzung. Kevin Murphy konnte in seiner Studie des gr&#246;&#223;ten Moskauer Metallbetriebs, der „Hammer und Sichel“-Werke, zeigen, dass die ArbeiterInnen trotz der schwierigen materiellen Bedingungen nicht die Revolution oder die kommunistische Partei f&#252;r ihre Probleme verantwortlich machten. In den Treffen des Fabrikskomitees und den betriebsweiten Versammlungen &#252;berwog die Diskussion praktischer Ma&#223;nahmen zur Lebensmittel- und Treibstoffversorgung und „Streiks“ waren meist nicht von politischen Forderungen begleitet. Der haupts&#228;chliche Grund, warum die Bolschewiki den B&#252;rgerkrieg gewinnen konnten war demnach nicht die Repression.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> So hei&#223;t es auch in einem Memorandum an das britische Kriegsministerium im Juli 1919: „Die Stabilit&#228;t der bolschewistischen Regierung kann nicht allein durch Terror erkl&#228;rt werden. … Wir m&#252;ssen also zugeben, dass die derzeitige russische Regierung von der &#252;berwiegenden Mehrheit der russischen Bev&#246;lkerung anerkannt wird.“<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a><br />
Die politischen Transformationen an der Spitze des Regimes w&#228;hrend der B&#252;rgerkriegszeit sollten sich dennoch als grundlegend f&#252;r die sp&#228;tere Entwicklung erweisen. Das Erbe des „Kriegskommunismus“ schrieb sich in den „ArbeiterInnenstaat“ ein: die militarisierte, zentralistische und maskulinistische politische Kultur der B&#252;rgerkriegszeit „zog neue Hierarchien in das egalit&#228;re sozialistische Projekt ein, die Bewaffnete gegen&#252;ber Unbewaffneten, Anf&#252;hrer gegen&#252;ber Mitl&#228;ufern, ArbeiterInnen gegen&#252;ber B&#228;uerInnen, M&#228;nner gegen&#252;ber Frauen privilegierten.“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Die Rote Armee war mit Ende des B&#252;rgerkriegs zur gr&#246;&#223;ten Institution des Staates geworden und genoss oberste Priorit&#228;t in der Allokation der Ressourcen; zugleich wurde sie zur „Brutst&#228;tte der Kader des Staats- und Parteiapparats der 1920er Jahre.“<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a><br />
Ebenso ver&#228;nderte sich die soziale und politische Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse grundlegend. Die Bev&#246;lkerung Petrograds etwa war durch Krieg, Seuchen und Stadtflucht von 2,4 Millionen 1917 auf 574.000 1920 gefallen. Von urspr&#252;nglich 400.000 FabriksarbeiterInnen waren 1921 gerade einmal noch 50.000 in der Petrograder Industrie besch&#228;ftigt. Zudem waren die wichtigsten lokalen AktivistInnen der Revolutionszeit nun entweder an der Front oder in die Institutionen des Staats eingezogen. Der kollektive Egalitarismus und die Institutionen der ArbeiterInnenselbstverwaltung waren zusehends ausgeh&#246;hlt worden und die &#246;konomische Katastrophe f&#246;rderte individualisierte Strategien zur Sicherung der materiellen Bed&#252;rfnisse. Die Regelm&#228;&#223;igkeit der Fabrikskomitee-Treffen und der betriebsweiten Vollversammlungen ging drastisch zur&#252;ck und die &#246;konomische Krise der B&#252;rgerkriegszeit atomisierte die Klassensolidarit&#228;t in den Fabriken.<br />
Gleichzeitig zerfiel mit Ende des B&#252;rgerkriegs das B&#252;ndnis mit den B&#228;uerInnen. Die Oktoberrevolution war, wie Tony Cliff argumentiert, „die Fusion zweier Revolutionen“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> gewesen: einer proletarischen gegen den Kapitalismus, und einer antifeudalen Revolution, die auf kleinkapitalistisches Privateigentum des Landes orientierte. Sobald mit der Wei&#223;en Armee der unmittelbare Gegner besiegt war, brachen daher drastische Konflikte zwischen Sowjetregierung und Bauernschaft auf.<br />
Das alles konnte auch an der bolschewistischen Partei selbst nicht spurlos vor&#252;bergehen. Die Dezimierung und Rekomposition der ArbeiterInnenklasse im Zuge des B&#252;rgerkriegs schnitt die Organisation zunehmend von ihrer organischen Verwurzelung in den Betrieben ab.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> W&#228;hrend 1917 ArbeiterInnen 60 Prozent der Partei ausmachten, war diese Zahl 1921 auf 41 Prozent gefallen – und der Gro&#223;teil arbeitete f&#252;r den Staat oder die Armee und nicht in der Industrie. Zugleich wurde die kommunistische Partei zum Attraktionspol f&#252;r Karrieristen aller Art: zwischen M&#228;rz 1919 und Dezember 1920 wuchs die Mitgliedschaft von 313.000 auf 730.000.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a><br />
Die massiven Probleme der Versorgung und des Transportwesens, die „Tr&#228;gheit“ lokaler Institutionen, die Notwendigkeit, schnelle Entscheidungen zu treffen und umzusetzen, verst&#228;rkten auch den Druck zur Konzentration der Entscheidungsprozesse an der Spitze von Staat und Partei, die zunehmend wie eine Armee operierte. Bis 1919 war das Zentralkomitee zur einflussreichsten politischen Struktur geworden, in der alle wichtigen Ma&#223;nahmen beschlossen wurden, noch bevor sie an den Rat der Volkskommissare und das Zentralexekutivkomitee des Sowjetkongresses zur Implementierung weitergeleitet wurden. In der Partei selbst betrachtete die F&#252;hrung interne Debatte und Kritik immer mehr als hemmenden Ballast.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Obrigkeitsdenken und Funktion&#228;rskult setzten sich ebenso durch wie die b&#252;rokratische Praxis der Ernennungen.<br />
Die Tendenz zu „substitionistischer“ Politik – d.h. einer Politik, die (tempor&#228;r) die Herrschaft der ArbeiterInnen durch die Herrschaft der Partei <em>f&#252;r</em> und <em>anstatt</em> der ArbeiterInnen ersetzte, und dies mit Verweis auf die „Passivit&#228;t“ und „R&#252;ckst&#228;ndigkeit“ der Basis rechtfertigte – war in diesem Kontext der Fragmentierung kollektiver Militanz in den Betrieben und der Entdemokratisierung der Partei &#252;berdeutlich. Eines der fr&#252;hen krassen Beispiele ist sicherlich Trotzkis Versuch der „Militarisierung der Arbeit“, der auf die Errichtung eines Regimes staatlicher Zwangsarbeit hinauslief, „in der jeder Arbeiter sich als Soldat der Arbeit versteht, der nicht frei &#252;ber sich verf&#252;gen kann; wenn der Befehl kommt, da&#223; er versetzt werden soll, so mu&#223; er ihn ausf&#252;hren“.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Zurecht bemerkte daher die Arbeiteropposition im Fr&#252;hjahr 1921, dass die Macht der proletarischen Assoziationen in der B&#252;rgerkriegszeit durch die Herrschaft der Partei- und Staatsapparate ersetzt worden sei und die ArbeiterInnenklasse „eine immer geringere Rolle in der Sowjetrepublik spielt, da&#223; sie den Ma&#223;nahmen ihrer eigenen Regierung immer weniger ihren eigenen Stempel aufdr&#252;ckt, da&#223; sie in immer geringerem Ma&#223;e die Politik bestimmt und auf die Arbeit und die Denkweise der zentralen Machtorgane immer weniger Einflu&#223; hat.“<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a><br />
Letztlich h&#228;tte nur die Aktivit&#228;t der ArbeiterInnenklasse selbst die Gefahr des Substitutionismus und die Verwandlung der Partei in eine konservative Kraft verhindern k&#246;nnen.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Selbst diejenigen Bolschewiki, die sich, wie Lenin, der B&#252;rokratisierung der Revolution durchaus bewusst waren, lehnten eine solche Perspektive allerdings mit dem Argument der „Deklassierung“ der ArbeiterInnenklasse ab.<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a> In Lenins bekannter Formulierung konnte der Staat gegen Ende des B&#252;rgerkriegs nicht mehr aufgrund seiner sozialen Basis, sondern nur mehr aufgrund der Ziele der Partei(f&#252;hrung) als ArbeiterInnenstaat bezeichnet werden.<br />
Es sei dahingestellt, ob diese Einsch&#228;tzung f&#252;r 1920 zutrifft. In jedem Fall muss die auf dieser These aufbauende linke Historiographie relativiert werden, die deshalb in der Niederlage der „alten Garde“ der Partei gegen Stalin den Hauptgrund der Degeneration der Revolution ausmacht. Insbesondere neuere Forschungen haben ab 1921 einen Aufschwung kollektiver Militanz und im Selbstvertrauen der ArbeiterInnen, der Gewerkschaften und Fabrikskomitees nachweisen k&#246;nnen.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> Zwar legten die Ma&#223;nahmen der B&#252;rgerkriegszeit die Grundlage f&#252;r die Eliminierung proletarischer Autonomie und Initiative,<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> aber unabh&#228;ngige politische Strukturen der ArbeiterInnen waren in der ersten H&#228;lfte der 1920er Jahre immer noch lebendig. Von einer politischen Desintegration der ArbeiterInnenklasse kann vielleicht in der B&#252;rgerkriegszeit gesprochen werden; die Argumentation, die diesen Prozess in die erste H&#228;lfte der 1920er projiziert, und daraus ein Argument zu stricken versucht, das bestimmte b&#252;rokratische Entscheidungen, und die Aush&#246;hlung der Institutionen proletarischer Demokratie, mit den „objektiven Umst&#228;nden“ erkl&#228;rt, ist nicht l&#228;nger haltbar.</p>
<h3>Neue &#214;konomische Politik</h3>
<p>Die 1921 beschlossene „Neue &#214;konomische Politik“ (NEP) war als tempor&#228;rer Kompromiss konzipiert, der privaten Handel f&#246;rdern sollte, insbesondere um die Tauschverh&#228;ltnisse zwischen Stadt und Land wieder zu beleben. Nur ein Ausgleich mit der Bauernschaft k&#246;nne, so das Kalk&#252;l, die Revolution bis zur Internationalisierung des Prozesses, retten. Begleitet waren diese Ma&#223;nahmen von einer partiellen R&#252;cknahme hochzentralisierter staatlicher Kontrolle der Wirtschaft der B&#252;rgerkriegszeit.<br />
Vom Standpunkt des Proletariats aus erschien die NEP allerdings als grunds&#228;tzlich widerspr&#252;chlich. Einerseits sollten die Unternehmen verlustfrei arbeiten und die L&#246;hne sollten sich an der Produktivit&#228;t orientieren; die Vorgaben f&#252;r das Fabriksmanagement bedeuteten somit, dass die staatlichen Betriebe nicht un&#228;hnlich zu privatkapitalistischen zu f&#252;hren waren. Gleichzeitig war jedoch seit 1922 gesetzlich festgeschrieben, dass L&#246;hne durch kollektive Verhandlungen mit den Gewerkschaften vereinbart und von der Belegschaft ratifiziert werden mussten; die t&#228;gliche Arbeitszeit war auf acht Stunden beschr&#228;nkt, &#220;berstunden wurden mit 150 Prozent abgegolten, und M&#252;tter hatten Anspruch auf eine 16-w&#246;chige Karenzzeit. Konflikte wurden in Kommissionen in w&#246;chentlichen Sitzungen ausgehandelt, die parit&#228;tisch aus Management und ArbeiterInnen zusammengesetzt waren. Alleine 1924 und 1925 wurden in den Moskauer „Hammer und Sichel“-Werken 13.000 Beschwerden eingereicht, die in zwei Drittel der F&#228;lle zum Vorteil der ArbeiterInnen gel&#246;st wurden.<br />
Die sich aus dieser Situation ergebende grundlegende Spannung zwischen der Steigerung der &#246;konomischen Effizienz und der Verteidigung der Rechte und Interessen der ArbeiterInnen sollte im Laufe der 1920er Jahre besonders deutlich werden und auch heftige Konflikte nach sich ziehen.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Dass diese Konflikte – sei es im Arbeitskampf oder am Verhandlungstisch – auch ausgetragen wurden, zeigt aber gleichzeitig, dass die &#228;ltere These, nach der das NEP-Regime seine Ziele und Politiken repressiv durchsetzte,<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> nicht mehr haltbar ist. In k&#252;rzlich ver&#246;ffentlichten Berichten der Staatspolizei GPU wurden zwischen 1922 und 1928 bei mehr als 3.000 Streiks nur sechs F&#228;lle angef&#252;hrt, bei denen streikende ArbeiterInnen verhaftet wurden.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a><br />
Trotz der widerspr&#252;chlichen Situation der fr&#252;hen NEP-Zeit kontrollierten die ArbeiterInnen &#252;ber weite Strecken den Produktionsprozess. Diane Koenker hat in ihrer Studie &#252;ber die Moskauer Druckindustrie erl&#228;utert, dass die ArbeiterInnen Mitte der 1920er Jahre noch die Kontrolle in vier Schl&#252;sselbereichen aus&#252;bten: „gegen&#252;ber dem Management, in Fragen der Disziplin, Methoden der Entlohnung und der Organisation des Arbeitsprozesses.“<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> Der Arbeitsprozess war hier also der kapitalistischen Verwertungslogik noch nicht untergeordnet. Auch Kevin Murphy konnte zeigen, dass „das politische Leben in den Fabriken in der NEP-Zeit immer noch sehr dynamisch, lautstark und durchsetzungsf&#228;hig war. … Trotz der vielen Schw&#228;chen war die Revolution noch lebendig und das System in den Fabriken unterschied sich grundlegend vom kapitalistischen.“<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a></p>
<h3>Verschiebung der Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse</h3>
<p>Etwa Mitte der 20er Jahre l&#228;sst sich eine Verschiebung des Kr&#228;fteverh&#228;ltnisses zuungunsten der ArbeiterInnen feststellen, als sich Partei- und Gewerkschaftsstrukturen zunehmend in Institutionen zur Durchsetzung produktivit&#228;tsorientierter Politik und zur Disziplinierung der ArbeiterInnen transformierten. Damit einher ging die Implementierung einer h&#228;rteren Linie des Managements in den Fabriken gegen&#252;ber der ArbeiterInnenschaft. Ein bezeichnendes Beispiel f&#252;r diese Verschiebung ist die abnehmende Intensit&#228;t der ArbeiterInnenk&#228;mpfe – waren militante Streiks zu Beginn der genannten Epoche charakteristisch f&#252;r die Artikulation von Interessen sowie f&#252;r die Austragung von Konflikten, z&#228;hlten sie in der sp&#228;ten NEP Zeit zumeist nur noch zu Ereignissen der Vergangenheit.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> Am Beispiel der Belegschaft der „Hammer und Sichel“-Werke zeigt Murphy, dass die Militanz der ArbeiterInnen bis Fr&#252;hjahr 1924 deutlich anstieg. Danach sind jedoch keine weiteren Berichte &#252;ber Streikaktivit&#228;ten f&#252;r dieses Jahr und nur einer f&#252;r 1925 bekannt. Weitgehend in die Defensive ger&#252;ckt, verstummten im Laufe der zweiten H&#228;lfte der 20er Jahre offensive Forderungen der ArbeiterInnen, etwa nach Lohnerh&#246;hungen. Stattdessen wurde in den Auseinandersetzungen am Arbeitsplatz versucht, gegen die Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsbedingungen anzuk&#228;mpfen.<br />
Wie ist diese Verschiebung zu erkl&#228;ren, wenn es keine Anzeichen verst&#228;rkter staatlicher Repression gab? Kevin Murphy hat &#252;berzeugend ausgef&#252;hrt, dass die Gewerkschaften eine wichtige Rolle bei dieser Entwicklung gespielt haben. Sie wurden h&#228;ufig bei Konflikten herangezogen und von staatlicher Seite erfolgreich zur Befriedung von Streiks eingesetzt.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a> Als sich ab 1925 die &#246;konomische Situation versch&#228;rfte, konnte der Staat seine Position gegen&#252;ber der ArbeiterInnenklasse st&#228;rken. Dieser Prozess, die damit verbundene zunehmende B&#252;rokratisierung sowie der Aufstieg des stalinistischen Fl&#252;gels sind an eine Reihe von Faktoren, soziale Prozesse und K&#228;mpfe gekn&#252;pft. Das Ausbleiben der von den Bolschewiki erhofften internationalen Revolution, die damit einhergehende Frage nach milit&#228;rischer Verteidigung, die Isolierung Sowjetrusslands sowie der globale Wettbewerb spielten ebenso eine Rolle wie interne Widerspr&#252;che und Konflikte.<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> Schon im B&#252;rgerkrieg bildete sich in der Sowjetunion eine gesellschaftliche Schicht heraus, die sich in ihrer Einstellung und polischen Sto&#223;richtung von den Idealen des Jahres 1917 entfernte. Zu Beginn der 1920er Jahre befand sich dieser Prozess der Entstehung einer neuen herrschenden Klasse noch in seinem Anfangsstadium. Im Laufe der NEP-Zeit traten jedoch die widerspr&#252;chlichen Beziehungen zu den ArbeiterInnen immer st&#228;rker zu Tage. In den ersten Jahren der Neuen &#214;konomischen Politik sicherten sich jene Gruppen, die sp&#228;ter der herrschenden Klasse angeh&#246;ren sollten, ihre Positionen in Staat und Gesellschaft. Im Zentrum dieses Prozesses standen Teile der Parteielite, die sich vor allem durch ihre politische Macht und durch die Kontrolle &#252;ber den Staatsapparat auszeichnete. Doch die zuk&#252;nftige herrschende Klasse setzte sich noch aus weiteren Fragmenten zusammen: „technische Spezialisten“, „kommunistische Manager“ oder Parteibeamte, die w&#228;hrend der NEP oft auch in &#228;u&#223;erst konflikthaften Beziehungen zueinander standen, reklamierten materielle Privilegien f&#252;r sich und bem&#252;hten sich darum, ihre Vorrechte zu legitimieren.<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Zu diesen Privilegien z&#228;hlten z.B. h&#246;here L&#246;hne, Wohnm&#246;glichkeiten, medizinische Versorgung oder Kinderbetreuung. Auch wenn diese Vorrechte im ersten Moment bescheiden anmuten, so bedeutete ihre Existenz dennoch einen wesentlichen Bruch mit den Zielen der Revolution. Die Tatsache, dass h&#246;here L&#246;hne und sonstige Beg&#252;nstigungen auf einmal an einen bestimmten Posten gebunden waren, signalisierte eine Unterlaufung der Prinzipien des Egalitarismus.<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a> Eine weitere Ver&#228;nderung, die den Abgrenzungsprozess der sich formierenden Gruppe verst&#228;rkte, war die Etablierung einer strengeren Kontrolle &#252;ber die Verteilung von Informationen, die die politische und &#246;konomische Situation betrafen, sowie die den Mitgliedern zugesprochene Immunit&#228;t.<a title="anm_49" name="anm_49" href="#anm49"><sup>49</sup></a> Parteimitglieder die versuchten, die Privilegienstruktur der Elite mit Hilfe des Klassenbegriffs zu analysieren, wurden in den Untergrund getrieben.<a title="anm_50" name="anm_50" href="#anm50"><sup>50</sup></a> Trotz all dem war diese Schicht w&#228;hrend der NEP weit davon entfernt, eine einheitliche Fraktion mit klar definierten Zielen zu sein.<a title="anm_51" name="anm_51" href="#anm51"><sup>51</sup></a><br />
Die Verschiebungen der Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse in der zweiten H&#228;lfte der NEP zeigen sich auch darin, dass das Gebot der Produktivit&#228;t st&#228;rker an Gewicht gewann.<a title="anm_52" name="anm_52" href="#anm52"><sup>52</sup></a> Die ArbeiterInnenschaft bekam die Auswirkungen der intensivierten Produktivit&#228;t deutlich zu sp&#252;ren – sie war es, die unter schlechten Lebensverh&#228;ltnissen und zu niedrigen L&#246;hnen entscheidend zur raschen Industrialisierung beitrug. Zudem nahm in der zweiten H&#228;lfte der NEP-Zeit die Arbeitslosigkeit zu. Die drohende Arbeitslosigkeit wiederum verst&#228;rkte das Aufbrechen der Solidarit&#228;t innerhalb der ArbeiterInnenschaft. Br&#252;che zwischen m&#228;nnlichen und weiblichen, jungen und alten ArbeiterInnen sowie zwischen neu in der Stadt angesiedelten B&#228;uerInnen, die in den St&#228;dten Arbeit suchten, und der urbanen ArbeiterInnenschaft entwickelten und versch&#228;rften sich,<a title="anm_53" name="anm_53" href="#anm53"><sup>53</sup></a> aber auch antisemitische Stereotype gewannen an Boden.<a title="anm_54" name="anm_54" href="#anm54"><sup>54</sup></a> Fabrikmanager versuchten mittels einer „Teile-und-herrsche-Politik“ ihre eigene Position zu st&#228;rken, indem bewusst darauf abgezielt wurde, Spaltungen innerhalb der ArbeiterInnenschaft voranzutreiben: mittels Disziplinierung der ArbeiterInnen durch Lohnpolitik, durch die Androhung von Arbeitslosigkeit oder durch Bestrafung einzelner ArbeiterInnen.<a title="anm_55" name="anm_55" href="#anm55"><sup>55</sup></a><br />
Die Konflikte reflektieren deutlich die Entwicklung der staatlichen Politik unter dem Banner der Produktivit&#228;t und den damit einhergehenden Untergang egalitaristischer Tendenzen. Die Intensivierung des Arbeitsprozesses, die Senkung der Reall&#246;hne sowie die sich verschlechternden Lebensverh&#228;ltnisse wurden zu einem integralen Bestandteil des Industrialisierungsplans.<a title="anm_56" name="anm_56" href="#anm56"><sup>56</sup></a> Der Widerspruch der NEP-Zeit zwischen Effizienzprinzipien und ArbeiterInnendemokratie spiegelt sich auch im wankelm&#252;tigen Verhalten der Gewerkschaften. Die gro&#223;e Mehrheit der ArbeiterInnen war gewerkschaftlich organisiert. Der Beitritt zu einer Gewerkschaft war freiwillig und mit einer Reihe an (Sozial-)Leistungen verbunden.<a title="anm_57" name="anm_57" href="#anm57"><sup>57</sup></a> Obwohl die Gewerkschaften in der sp&#228;ten NEP-Zeit immer st&#228;rker von den ArbeiterInnen f&#252;r ihre Politik kritisiert wurden, und sich letztere der mittlerweile h&#246;chstens nur noch defensiven Haltung ihrer gew&#228;hlten Vertretung durchaus bewusst waren, wandten sich die ArbeiterInnen mit ihren Forderungen dennoch weiterhin an die Gewerkschaften. Im Allgemeinen &#252;berwog in der ArbeiterInnenschaft die Hoffnung auf Reformen innerhalb der bestehenden Institutionen – eine Tatsache, der f&#252;r den weiteren Transformationsprozess eine wesentliche Bedeutung zukommt: dem Staat gelang es, „den Unmut der ArbeiterInnen durch offizielle Gewerkschaftsstrukturen erfolgreich zu kanalisieren.“<a title="anm_58" name="anm_58" href="#anm58"><sup>58</sup></a> Die Erwartungshaltung der ArbeiterInnen und die damit verbundenen wiederholten Versuche, sich mit Forderungen und Beschwerden an bestehende Einrichtungen zu wenden, erkl&#228;rt auch, warum keine unabh&#228;ngigen Organisationsstrukturen entstanden, die der arbeiterInnenfeindlichen Politik etwas entgegenzusetzen hatten. Dieses Verhalten kn&#252;pfte jedoch an durchaus positive Erfahrungen der ArbeiterInnen in den Betrieben an: lange Zeit hatten ihre Interessen Gewicht gehabt und ihre Forderungen waren umgesetzt worden.</p>
<h3>Konterrevolution von oben</h3>
<p>Die Jahre 1927-28 bedeuteten einen eindeutigen Bruch in der Geschichte der Sowjetunion. Gegen Ende der NEP-Zeit verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage ma&#223;geblich. Maschinenanlagen, die nicht erneuert werden konnten, verursachten immer h&#228;ufiger Betriebsausf&#228;lle in der Industrie. Nach mehreren aufeinanderfolgenden schwachen Ernten kam es zu Hungersn&#246;ten und Revolten auf dem Land. Die Krise hallte in den St&#228;dten wider, da die Nahrungsmittelengp&#228;sse Auswirkungen auf die Versorgung der StadtbewohnerInnen hatten.<a title="anm_59" name="anm_59" href="#anm59"><sup>59</sup></a> Das Regime griff erneut auf das Mittel der Getreiderequirierungen zur&#252;ck. Zu den obersten Zielvorgaben der staatlichen Wirtschaftspolitik geh&#246;rte die Steigerung der Produktion, der Vorsatz, die Sowjetunion von einem Agrar- in einen Industriestaat zu verwandeln sowie wirtschaftliche Unabh&#228;ngigkeit vom kapitalistischen Ausland sicherzustellen. Verwirklicht werden sollte dieses Programm mit Hilfe eines f&#252;nfj&#228;hrigen Entwicklungsplans. Die Umsetzung dieses F&#252;nfjahresplans brachte jedoch Umstrukturierungen und substantielle gesellschaftliche Ver&#228;nderungen mit sich. Jene &#220;berreste an demokratischen Strukturen und ArbeiterInnenkontrolle, die von der Revolution noch &#252;brig geblieben waren, fanden ein j&#228;hes Ende.<a title="anm_60" name="anm_60" href="#anm60"><sup>60</sup></a> Formelle sowie informelle Organisationsstrukturen am Arbeitsplatz wie au&#223;erhalb, die 1917 eine wesentlich Rolle gespielt hatten, waren entweder zerst&#246;rt oder transformiert.<a title="anm_61" name="anm_61" href="#anm61"><sup>61</sup></a> Mit dem ersten F&#252;nfjahresplan setzte die stalinistische F&#252;hrung ihr Programm der forcierten Industrialisierung durch, dessen Realisierung auf Kosten der ArbeiterInnen und der Landbev&#246;lkerung ging.<a title="anm_62" name="anm_62" href="#anm62"><sup>62</sup></a> Der Aufbau der Schwerindustrie wurde auf Kosten der Konsumg&#252;terindustrie vorangetrieben.<br />
Die vorrangige polit&#246;konomische Funktion dieser „stalinistischen Konterrevolution“ lag in der Produktion der Bedingungen f&#252;r die Akkumulation von Kapital. Tony Cliff argumentiert in <em>Staatskapitalismus in Russland</em>, dass zu Beginn des F&#252;nfjahresplans die wesentlichen Elemente eines kapitalistischen Systems pr&#228;sent gewesen w&#228;ren: verst&#228;rkte Kapitalakkumulation, eine die Produktionsmittel kontrollierende, herrschende Klasse und die Ausbeutung der ArbeiterInnenklasse, deren Mehrarbeit die Industrialisierung erm&#246;glichte.<a title="anm_63" name="anm_63" href="#anm63"><sup>63</sup></a> Die mit dem F&#252;nfjahresplan einhergehenden Ver&#228;nderungen in den Fabriken waren mindestens ebenso grundlegend wie jene im Jahr 1917. Die von staatlicher Seite angestrebten Umstrukturierungen zielten gerade auf jene Institutionen der Revolution ab, die um 1917 und w&#228;hrend der NEP-Zeit die Rechte der ArbeiterInnen verteidigten.<a title="anm_64" name="anm_64" href="#anm64"><sup>64</sup></a> Wie Murphy am Beispiel der Moskauer „Hammer und Sichel“-Werke zeigt, markiert der Zeitpunkt der Durchsetzung der forcierten Industrialisierung eine elementare Transformation proletarischer Organisationsstrukturen, wie etwa des Fabrikkomitees. Urspr&#252;nglich zur Vertretung der Interessen der ArbeiterInnen gegr&#252;ndet, war das Komitee Ende der 20er Jahre in sein Gegenteil verkehrt worden: in ein Werkzeug/Ausf&#252;hrungsorgan des Managements, um die Produktivit&#228;t zu steigern, die Arbeitszeit zu verl&#228;ngern und die Kosten zu senken.<a title="anm_65" name="anm_65" href="#anm65"><sup>65</sup></a><br />
Auch die Gewerkschaften waren von den Umstrukturierungen nicht ausgeschlossen. Obwohl sie in den letzten Jahren der NEP-Zeit nicht in jedem Fall im Interesse der ArbeiterInnen gehandelt hatten, regte sich in den Reihen der Gewerkschaftsf&#252;hrungen Unzufriedenheit &#252;ber das neue Industrialisierungsprogramm, das einer „Bestrafung der ArbeiterInnenklasse“ gleichk&#228;me.<a title="anm_66" name="anm_66" href="#anm66"><sup>66</sup></a> Von Seiten des stalinistischen Fl&#252;gels wurde in der Folge eine Kampagne gegen die Gewerkschaften gestartet, die diesen vorhielt, der „Produktivit&#228;t im Wege zu stehen“.<a title="anm_67" name="anm_67" href="#anm67"><sup>67</sup></a> Paradoxerweise wurde zudem ausgerechnet den Gewerkschaften „gewerkschaftliches Verhalten“ vorgeworfen. S&#228;mtliche Opponenten innerhalb der Gewerkschaft, die nicht mit den Zielsetzungen der Regierung &#252;bereinstimmten, wurden aus ihren Positionen gedr&#228;ngt. Die Aufgabe der Gewerkschaften beschr&#228;nkte sich, &#228;hnlich wie die der Fabrikkomitees, anschlie&#223;end nur mehr darauf, unter staatlicher Aufsicht die Ausbeutungsrate zu erh&#246;hen und den Arbeitsprozess zu kontrollieren. Geheimpolizei und Gef&#228;ngnislager unterst&#252;tzten diesen Prozess der „Revolution von oben“.<a title="anm_68" name="anm_68" href="#anm68"><sup>68</sup></a> Die Herausbildung des neuen Regimes war – im Unterschied zu den Entwicklungen der 20er Jahre – mit starker staatlicher Repression verbunden.<a title="anm_69" name="anm_69" href="#anm69"><sup>69</sup></a> &#214;ffentliche Kritik verstummte und politischer Protest wanderte in den Untergrund, Streiks waren nicht l&#228;nger Teil des Klassenkonflikts und politische Verhaftungen h&#228;uften sich. Trotzdem regte sich Widerstand – am st&#228;rksten an jenen Orten, an denen gewerkschaftliche Strukturen entweder nicht vorhanden oder sehr schwach waren (und sich in der NEP-Zeit unabh&#228;ngige Oppositionsnetzwerke entwickelt hatten).<a title="anm_70" name="anm_70" href="#anm70"><sup>70</sup></a> Nicht zuletzt weisen die zahlreichen, immer h&#228;ufiger durchgef&#252;hrten Verhaftungen darauf hin, dass die stalinistische Konterrevolution nicht g&#228;nzlich ohne Auflehnung und Protest vonstatten gegangen ist.</p>
<h3>Schw&#228;chen der Opposition</h3>
<p>Zweifelsohne beg&#252;nstigten die „objektiven“ gesellschaftlichen und &#246;konomischen Verh&#228;ltnisse in der Sowjetunion den Aufstieg der B&#252;rokratie. Doch, so betont John Eric Marot, trugen auch die politischen und theoretischen Fehler der Linksopposition um Trotzki, der st&#228;rksten Oppositionsstr&#246;mung in den 1920ern,<a title="anm_71" name="anm_71" href="#anm71"><sup>71</sup></a> nicht unwesentlich zur Niederlage der Revolution bei.<a title="anm_72" name="anm_72" href="#anm72"><sup>72</sup></a><br />
Nach dem B&#252;rgerkrieg gab es Bestrebungen, die volle innerparteiliche Demokratie in der bolschewistischen Partei wieder auszubauen. Tats&#228;chlich brach mit der NEP-Zeit auch eine &#196;ra hei&#223;er politischer Debatten und Kontroversen an. Doch der zuvor beschriebene Degenerationsprozess und die Entdemokratisierung auf Fabriksebene fanden ihre Entsprechung in einem eng damit verkn&#252;pften B&#252;rokratisierungsprozess innerhalb der Partei, der sich nach dem Tod Lenins weiter versch&#228;rfte.<br />
Zwischen den m&#228;chtigsten Pers&#246;nlichkeiten und potentiellen Nachfolgern Lenins traten Spannungen auf, die zu heftigen Fl&#252;gelk&#228;mpfen f&#252;hrten. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen stand vor allem die Frage nach der optimalen Strategie der Industrialisierung des Landes, dessen &#214;konomie nach wie vor angeschlagen und das international isoliert war. 1924 wurde Trotzki von der so genannten Troika, bestehend aus Kamenev, Zinoviev und Stalin aus seiner Position in der Regierung gedr&#228;ngt. Zuvor hatte er die B&#252;rokratisierung der Partei scharf kritisiert und war f&#252;r eine beschleunigte Industrialisierung, die das Proletariat st&#228;rken sollte, eingetreten. Im Jahr darauf wandten sich Zinoviev und Kamenev gegen Bucharin, ein heftiger Verteidiger der NEP, mit dem Vorwurf, Bucharin w&#252;rde eine „&#252;berm&#228;&#223;ig-bauernfreunliche Politik“<a title="anm_73" name="anm_73" href="#anm73"><sup>73</sup></a> betreiben. Doch Stalin, der zu dieser Zeit voll hinter Bucharin stand, verdr&#228;ngte beide aus ihren Positionen und bildete mit Bucharin und dem Gewerkschaftsf&#252;hrer Tomski vor&#252;bergehend die Parteispitze. Gemeinsam trat die neue Troika f&#252;r die Weiterf&#252;hrung der NEP und f&#252;r die Doktrin des „Sozialismus in einem Land“ ein. Schlie&#223;lich, 1926, bildete Trotzki gemeinsam mit Zinoviev und Kamenev die Vereinigte Opposition. Daraufhin wurden Vertreter dieser Opposition zuerst aus dem Politb&#252;ro und anschlie&#223;end aus der Partei ausgeschlossen. Als sich die Krise der Getreideversorgung versch&#228;rfte, machte die stalinistische Politik noch einen entscheidenden Schwenk und rief 1928 zu einer offensiveren Agrarpolitik und dem „entscheidenden Kampf“ gegen „rechten Opportunismus“ auf. Die „rechte Opposition“, an deren Spitze Bucharin stehen sollte und die kaum als organisierte Kraft bezeichnet werden konnte, wurde ebenfalls zerschlagen und Bucharin aus dem Politb&#252;ro vertrieben. Mit diesem „Rundumschlag“ sowie dem konsequenten Vorgehen gegen die Vereinigte Opposition wurden die letzten Reste innerparteilicher Demokratie endg&#252;ltig ausgel&#246;scht.<a title="anm_74" name="anm_74" href="#anm74"><sup>74</sup></a><br />
Die Rolle Trotzkis und der Opposition in diesen Auseinandersetzungen kann veranschaulicht werden, wenn ein Blick auf Trotzkis Analyse der politischen Situation in den 20er Jahren geworfen wird. Seiner Auffassung zufolge w&#252;rden die objektiven Interessen der ArbeiterInnen von jener Fraktion der Partei vertreten, die nach der Entwicklung der Industrie und der Kollektivierung der Landwirtschaft strebt. Diese Fraktion stelle den „Linken Fl&#252;gel“ der Partei dar – zu dem Trotzki sich selbst z&#228;hlte. Der „Rechte Fl&#252;gel“ bezeichne jene Str&#246;mung, die f&#252;r die volle Entfaltung der Marktmechanismen der NEP eintrete und an deren Spitze Bucharin st&#252;nde. Das stalinistische „Zentrum“ schlie&#223;lich w&#252;rde zwischen diesen beiden Positionen schwanken. Doch genau jenes Programm, das von Trotzki dem „Linken Fl&#252;gel“ zugeordnet wurde, das Programm der forcierten Industrialisierung und der Kollektivierung der Landwirtschaft, wurde Ende der 20er Jahre vom stalinistischen Fl&#252;gel umgesetzt.<br />
Trotzki und die Linke Opposition hatten dementsprechend keine programmatische Basis mehr, die der stalinistischen Str&#246;mung entgegenzuhalten gewesen w&#228;re. Die Opposition stellte sich nicht gegen die Politik der forcierten Industrialisierung und Kollektivierung, sondern war im Gegenteil der Meinung, die stalinistische Politik der Kollektivierung und Industrialisierung sei sozialistische Politik, zu der es keine Alternative gebe. Folglich fanden die Proteste und der Widerstand der ArbeiterInnen und B&#228;uerInnen gegen diese Politik keine Unterst&#252;tzung durch die Vereinigte Opposition.<a title="anm_75" name="anm_75" href="#anm75"><sup>75</sup></a> Marot r&#252;ckt an dieser Stelle die Kritik an Trotzkis Substitutionismus in den Mittelpunkt. Trotzki h&#228;tte die historischen Interessen der ArbeiterInnenklasse, die seiner Ansicht nach von der Partei verk&#246;rpert w&#252;rden, der tats&#228;chlich existierenden ArbeiterInnenklasse mit ihren allt&#228;glichen Bed&#252;rfnissen und materiellen Interessen gegen&#252;ber gestellt.<a title="anm_76" name="anm_76" href="#anm76"><sup>76</sup></a> Da er die russische kommunistische Partei weiterhin f&#252;r die Vertreterin der Interessen der ArbeiterInnenklasse hielt, trat Trotzki f&#252;r einen Einparteienstaat ein und stimmte 1921 auch dem (vor&#252;bergehenden) Fraktionsverbot zu.<a title="anm_77" name="anm_77" href="#anm77"><sup>77</sup></a> Marot verweist auf die schweren Konsequenzen von Trotzkis Vers&#228;umnis, ArbeiterInnendemokratie bedingungslos zu einem integralen Bestandteil seiner Konzeption des &#220;bergangs zum Sozialismus gemacht zu haben.<a title="anm_78" name="anm_78" href="#anm78"><sup>78</sup></a> ArbeiterInnen und B&#228;uerInnen w&#228;ren der Politik der Kollektivierung und Industrialisierung – w&#228;ren sie gefragt worden – wohl eher kritisch gegen&#252;ber gestanden. F&#252;r sie bedeutete &#246;konomische Entwicklung in erster Linie intensivierte Ausbeutung. Zudem h&#228;tte Trotzki, so Marot, die Sowjetunion problematischer Weise nach wie vor als einen Arbeiterstaat betrachtet – wenn auch als einen degenerierten. Er h&#228;tte hingegen nicht erkannt, dass die B&#252;rokratie eine „Klasse im Werden“ darstellte, die mit eigenen Interessen ausgestattet war – welche wiederum in einem grunds&#228;tzlichen Gegensatz zu jenen der ArbeiterInnen und der Landbev&#246;lkerung stehen w&#252;rden.<a title="anm_79" name="anm_79" href="#anm79"><sup>79</sup></a> Da die B&#252;rokratie nicht als eine eigene soziale Kraft verstanden wurde, die bereits eine Eigendynamik entwickelt hatte, wurde auch &#252;bersehen, dass die Partei, bzw. die immer dominanter werdende stalinistische Fraktion selbst zur Repr&#228;sentantin dieser B&#252;rokratie mutierte. Trotzki bewertete die Proteste der ArbeiterInnen gegen die B&#252;rokratie nicht als Manifestation eines Interessenkonflikts, sondern als ein Zeichen politischer Unreife und „Kulturlosigkeit“.<a title="anm_80" name="anm_80" href="#anm80"><sup>80</sup></a> Die Opposition um Trotzki unterst&#252;tzte zwar durchaus &#246;konomische Forderungen der ArbeiterInnen in den Fabriken, aber keine politische Kritik an Stalin.<a title="anm_81" name="anm_81" href="#anm81"><sup>81</sup></a> Die Linke Opposition lehnte die Bildung einer eigenen Partei kategorisch ab. Wie Murphy zeigt, existierte w&#228;hrend des ersten F&#252;nfjahresplans weitgehend Unzufriedenheit unter den ArbeiterInnen. Die Opposition versuchte allerdings nicht, als organisierte Kraft an diese Proteste anzukn&#252;pfen. Als Trotzki um 1933 seine Ansichten &#228;nderte und f&#252;r eine politische Revolution gegen die stalinistische B&#252;rokratie aufrief, was es bereits zu sp&#228;t: der Stalinismus und mit ihm die neue herrschende Klasse war bereits vollst&#228;ndig konsolidiert.</p>
<h3>Zusammenfassung</h3>
<p>Die von den subalternen Klassen in der Oktoberrevolution erk&#228;mpften demokratischen Selbstverwaltungsstrukturen deuteten f&#252;r kurze Zeit die M&#246;glichkeit einer postkapitalistischen Vergesellschaftungsform an. Der soziale, politische und &#246;konomische Zusammenbruch der B&#252;rgerkriegszeit jedoch, zusammen mit der Isolation der Revolution, schuf nicht nur einen Bruch zwischen ArbeiterInnen und Staat, sondern formte auch die gesellschaftlichen Bedingungen, in denen sich der Stalinismus entwickeln konnte.<br />
In der fr&#252;hen NEP-Zeit konnten die Br&#252;che – trotz der vielen Entbehrungen – tendenziell wieder gekittet werden. ArbeiterInnen wandten sich an ihre VertreterInnen in den Fabrikskomitees und die gewerkschaftlichen Institutionen; sie beteiligten sich an den Massenversammlungen; sie streikten und erwarteten dabei (realistischerweise) die Unterst&#252;tzung von Partei und Staat. Mitte der 1920er konnte ein Kompromisszustand durchgesetzt werden, in dem in (gewerkschaftlichen) Vermittlungsinstanzen die Anliegen der ArbeiterInnen ausverhandelt wurden. Der „Waffenstillstand“ zwischen Staat und Klasse konnte die Militanz der ArbeiterInnen abschw&#228;chen und die Beteiligung an und das Vertrauen in die Sowjet-Institutionen verlieh dem Fabriksregime einen entscheidenden Grad an Legitimit&#228;t.<br />
Dieser ausgehandelte Kompromiss wurde in der sp&#228;ten NEP-Zeit durch das Projekt nationaler &#246;konomischer Entwicklung – kombiniert mit der tiefen sozialen Krise – ausgeh&#246;hlt. Durch die Angst vor Arbeitslosigkeit und das schwindende Vertrauen in kollektive Aktion gerieten die ArbeiterInnen in die Defensive. Spaltungen innerhalb der Klasse nahmen zu und die Gewerkschaftsf&#252;hrer traten den „organisierten R&#252;ckzug“ an. Zunehmend wurden die betrieblichen Strukturen von Partei und Gewerkschaft in Instrumente der produktivistischen Industrialisierungsstrategie &#252;berf&#252;hrt. Dennoch blieben die meisten ArbeiterInnen gegen&#252;ber „ihren“ Organisationen loyal. Es war diese Loyalit&#228;t und das Vertrauen in die gewerkschaftliche Verhandlungsmacht, und nicht staatliche Repression, die zum Abklingen der Militanz der ArbeiterInnen f&#252;hrte. Die widerspr&#252;chliche Rolle der Gewerkschaften – einerseits als Institutionen zur Verteidigung der ArbeiterInneninteressen, andererseits als staatlich gef&#252;hrte Institutionen – brach mit der Offensive des Regimes gegen die ArbeiterInnenklasse gegen Ende der NEP voll auf. Die Rhetorik des Regimes konnte keine aktive Zustimmung mehr organisieren; der Staat verlie&#223; sich mehr und mehr auf den sozialen Druck loyaler Parteikader zur Einsch&#252;chterung ihrer KollegInnen, den gezielten Einsatz der staatlichen Kontrolle &#252;ber die Lebensmittel als Disziplinierungswaffe, und die Repression gegen Oppositionsstr&#246;mungen.<br />
Im Zuge des ersten F&#252;nf-Jahres-Plans schlie&#223;lich wurden die letzten Reste von ArbeiterInnenkontrolle beseitigt. Der Sieg des Stalinismus war deshalb weder logische Folge noch Kulminationspunkt von 1917, sondern Endpunkt einer Konterrevolution, in der sich die kapitalistische Akkumulationsdynamik gegen eine Form gesellschaftlicher Organisierung basierend auf den Bed&#252;rfnissen der Menschen durchsetzte.<br />
Dieser Degenerationsprozess kann nicht allein auf „objektive“ Umst&#228;nde zur&#252;ckgef&#252;hrt werden. Die g&#228;ngige Argumentation der sozialistischen Linken im Gefolge Trotzkis und Lenins, die behauptet, die Desintegration der ArbeiterInnenklasse im B&#252;rgerkrieg habe zur paradoxen Situation gef&#252;hrt, in der die bolschewistische Partei einen ArbeiterInnenstaat kontrollierte, dem seine soziale Basis abhanden gekommen war, ist nicht l&#228;nger haltbar. Viel eher ginge es darum, die politischen Fehler der Oppositionsstr&#246;mungen der 1920er zu benennen und sich nicht auf linke Glaubensbekenntnisse zur&#252;ckzuziehen, die mehr der eigenen Identit&#228;tsstiftung als der historischen Aufarbeitung dienen.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Koenker, Diane P.: Republic of Labor. Russian Printers and Soviet Socialism, 1918-1930, Ithaca/London 2005, 2<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Zur Regierungsbildung vgl. detailliert Rabinowitch, Alexander: The Bolsheviks in Power. The First Year of Soviet Rule in Petrograd, Bloomington/Indianapolis 2007, Kap. 1<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Murphy, Kevin: Revolution and Counterrevolution. Class Struggle in a Moscow Metal Factory, New York/Oxford 2005, 82<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Smith, Steve: The Russian Revolution. A very short introduction, Oxford 2002, 48<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Kadetten, Abk&#252;rzung f&#252;r „Konstitutionelle Demokraten“; b&#252;rgerlich-liberale Str&#246;mung.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Lenin, Wladimir I.: Rede im Moskauer Sowjet der Arbeiter-, Bauern- und Rotarmistendeputierten (23. 4. 1918), in: Werke Bd. 27, Berlin 1974, 219-224, hier 220f<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Chamberlin, W. H.: The Russian Revolution, Princeton 1987, Bd. 2, 171; vgl. Lincoln, Bruce W.: Red Victory. A History of the Russian Civil War 1918-1921, New York 1999; Foglesong, David S.: America’s Secret War against Bolshevism. US Intervention in the Russian Civil War, 1917-1920, Chapel Hill 1995.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Read, Christopher: From Tsar to Soviets. The Russian people and their revolution, 1917-21, London 1996, 292<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Haynes, Mike: Russia. Class and Power, 1917-2000, London 2002, 50<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Lenin urteilte im R&#252;ckblick: „Der ‘Kriegskommunismus’ war durch Krieg und Ruin erzwungen. Es war keine Politik, die den wirtschaftlichen Aufgaben des Proletariats entsprach, und konnte es auch nicht sein. Er war eine zeitweilige Ma&#223;nahme.“ (&#220;ber die Naturalsteuer. Die Bedeutung der neuen Politik und ihre Bedingungen, in: Werke Bd. 32, Berlin 1972, 341-380, hier 355)<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Smith, a.a.O., 49<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Haynes, a.a.O., 49<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Smith, a.a.O., 76f<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Lars Lih sieht darin mehr Kontinuit&#228;t als Bruch im Vergleich zur sp&#228;teren Neuen &#214;konomischen Politik und hinterfragt daher auch die Sinnhaftigkeit des Begriffs „Kriegskommunismus“. (Bread and Authority in Russia, 1914-1921, Berkeley 1990)<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Lih, a.a.O., 260<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Smith, a.a.O., 80<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Koenker, a.a.O., 33<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Osinskij, N.: &#220;ber den Aufbau des Sozialismus (1918), in: Kool, Frits/ Oberl&#228;nder, Erwin (Hg.): Arbeiterdemokratie oder Parteidiktatur, Freiburg i. Br. 1967, 92-126, hier 101, 103, 106, 107<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Vgl. dazu die Debatte am 9. Parteitag 1920, insbesondere die Beitr&#228;ge der Linkskommunisten gegen „b&#252;rgerliche Spezialisten“, und die Kritik der Arbeiteropposition an der Aush&#246;hlung der ArbeiterInnendemokratie.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Koenker, a.a.O., 30<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Ebd., 29<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Ebd., 35<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Diese Formulierungen sind w&#246;rtlich &#252;bernommen aus den Beschl&#252;ssen des ersten Allrussischen Gewerkschaftskongresses vom J&#228;nner 1918. Die Aufgabe der Gewerkschaften sollte sich nach Lenin und Co. nicht auf die Leitung der Wirtschaft konzentrieren sondern auf die p&#228;dagogische Aufgabe der (moralischen, politischen) „Erziehung“ der Massen beschr&#228;nken (allerdings nicht im Sinn der Opposition durch praktische Erfahrungen in der Schaffung neuer Wirtschafts- und Produktionsformen).<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Haynes, a.a.O., 51<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Neben der Verwurzelung in der Bev&#246;lkerung waren noch zwei weitere Faktoren wichtig: das Bekenntnis zum „Selbstbestimmungsrecht der V&#246;lker“ und die Meutereien in der kriegsm&#252;den alliierten Armee.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Zit. n. Pipes, Richard: The Russian Revolution, London 1992-93, 97.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Koenker, a.a.O., 18<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Smith, a.a.O., 54<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Cliff, Tony:  Revolution und revolution&#228;re Organisation. Das Verh&#228;ltnis von Partei und Klasse bei Trotzki (1960/1974), <a href="http://www.sozialismus-von-unten.de/is/archiv/cliff/substitutionismus.html">http://www.sozialismus-von-unten.de/is/archiv/cliff/substitutionismus.html</a><br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Rabinowitch, a.a.O., 60<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Smith, a.a.O., 69<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Ebd., 67<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Zit. n. Cliff, a.a.O.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Kollontaj, Alexandra: Die Arbeiteropposition (1921), in: Kool/Oberl&#228;nder, a.a.O., 182-240, hier 184<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Vgl. Cliff, a.a.O.<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> „Wir f&#252;rchten die Eigeninitiative der Massen, wir f&#252;rchten, der sch&#246;pferischen T&#228;tigkeit der Klasse Spielraum zu geben, wir f&#252;rchten die Kritik, wir haben aufgeh&#246;rt, den Massen zu vertrauen – von da her kommt unser ganzer B&#252;rokratismus.“ (Kollontaj, a.a.O., 229f)<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Vgl. Murphy, a.a.O.<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Vgl. Koenker, a.a.O., am Beispiel der MetallarbeiterInnengewerkschaft und der Moskauer Druckindustrie.<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Murphy, a.a.O., 83<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Koenker, Diane: Labor relations in Socialist Russia. Class values and production values in the Printers’ Union, 1917-1921, in: Siegelbaum, Lewis H. et al. (Hg.): Making Workers Soviet. Power, Class, and Identity, Ithaca 1994, 159-193, hier 192<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Murphy, Kevin: Can we write the history of the Russian Revolution?, in: Historical Materialism 15:2 (2007), 3-19, hier 15. Im Kontrast dazu wurden in den USA unter Pr&#228;sident Wilson allein w&#228;hrend der acht Wochen dauernden antikommunistischen Razzien 1919-1920 mehr als 5.000 ArbeiterInnen arretiert – mehr als in Russland w&#228;hrend den acht Jahren der NEP-Zeit.<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Koenker, Republic of Labor, a.a.O., 141<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Murphy, Kevin: The light that hasn’t failed. An interview with Kevin Murphy, in: International Socialism 110 (2006), 153-166, hier 157f<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Murphy, Revolution and Counterrevolution, a.a.O., 82<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Ebd., 99<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> Haynes, a.a.O., 60ff<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> Pirani, Simon: The Party Elite, the Industrial Managers and the Cells. Early Stages in the Formation of the Soviet Ruling Class in Moscow, 1922-23, in: Revolutionary Russia 19:2 (2006), 197-228, hier 199, 214<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> Ebd., 202<br />
<a title="anm49" name="anm49" href="#anm_49">49</a> Ebd., 200<br />
<a title="anm50" name="anm50" href="#anm_50">50</a> Ebd., 203<br />
<a title="anm51" name="anm51" href="#anm_51">51</a> Murphy, a.a.O., 114<br />
<a title="anm52" name="anm52" href="#anm_52">52</a> Ebd., 87<br />
<a title="anm53" name="anm53" href="#anm_53">53</a> Ebd., 226<br />
<a title="anm54" name="anm54" href="#anm_54">54</a> Ebd., 133<br />
<a title="anm55" name="anm55" href="#anm_55">55</a> Ebd., 102f<br />
<a title="anm56" name="anm56" href="#anm_56">56</a> Ebd., 104<br />
<a title="anm57" name="anm57" href="#anm_57">57</a> Ebd., 95<br />
<a title="anm58" name="anm58" href="#anm_58">58</a> Ebd., 99<br />
<a title="anm59" name="anm59" href="#anm_59">59</a> Ebd., 106<br />
<a title="anm60" name="anm60" href="#anm_60">60</a> Ebd., 227, 193; Haynes, a.a.O., 88<br />
<a title="anm61" name="anm61" href="#anm_61">61</a> Haynes, a.a.O., 73<br />
<a title="anm62" name="anm62" href="#anm_62">62</a> Murphy, a.a.O., 187<br />
<a title="anm63" name="anm63" href="#anm_63">63</a> Cliff, Tony: Staatskapitalismus in Russland. Eine marxistische Analyse, Frankfurt 1975<br />
<a title="anm64" name="anm64" href="#anm_64">64</a> Murphy, a.a.O., 186<br />
<a title="anm65" name="anm65" href="#anm_65">65</a> Ebd., 194<br />
<a title="anm66" name="anm66" href="#anm_66">66</a> Ebd., 178<br />
<a title="anm67" name="anm67" href="#anm_67">67</a> Ebd., 178<br />
<a title="anm68" name="anm68" href="#anm_68">68</a> Haynes, a.a.O., 88f<br />
<a title="anm69" name="anm69" href="#anm_69">69</a> Ebd., 109<br />
<a title="anm70" name="anm70" href="#anm_70">70</a> Vgl. Rossman, Jeffrey J.: Worker Resistance Under Stalin. Class and Revolution on the Shop Floor, Cambridge 2005<br />
<a title="anm71" name="anm71" href="#anm_71">71</a> Es existierten mehrere kleine oppositionelle Gruppierungen – diese waren jedoch meist kurzlebig oder gingen, gar nicht selten, in der Linken Opposition auf.<br />
<a title="anm72" name="anm72" href="#anm_72">72</a> Marot, John Eric: Trotsky, the Left Opposition, and the Rise of Stalinism, in: Historical Materialism 14:3 (2006), 175-206<br />
<a title="anm73" name="anm73" href="#anm_73">73</a> Smith, a.a.O., 111<br />
<a title="anm74" name="anm74" href="#anm_74">74</a> Marot, a.a.O., 179<br />
<a title="anm75" name="anm75" href="#anm_75">75</a> Ebd., 175<br />
<a title="anm76" name="anm76" href="#anm_76">76</a> Ebd., 182<br />
<a title="anm77" name="anm77" href="#anm_77">77</a> Ebd., 181. Wenn Trotzki in Bausch und Bogen behauptete, „da&#223; jeder ernsthafte Fraktionskampf in einer Partei letztlich immer eine Widerspiegelung des Klassenkampfes ist“, so grenzt das an vulg&#228;r-materialistische Interpretationen, die politische Positionen als geradliniges Produkt der jeweiligen materiellen Bedingungen verstehen. (Cliff, a.a.O.)<br />
<a title="anm78" name="anm78" href="#anm_78">78</a> Marot, a.a.O., 178<br />
<a title="anm79" name="anm79" href="#anm_79">79</a> Ebd., 181<br />
<a title="anm80" name="anm80" href="#anm_80">80</a> Ebd., 182<br />
<a title="anm81" name="anm81" href="#anm_81">81</a> Ebd., 195</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/sowjetmacht-vs-parteidiktatur/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>

