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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Soziale Kämpfe</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>17. September 2011 &#8211; 100 Jahre Aufstand in Ottakring</title>
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		<pubDate>Fri, 16 Sep 2011 12:01:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Termine]]></category>
		<category><![CDATA[Ernährung]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[Riots]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Kämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Wien]]></category>

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		<description><![CDATA[Der 17. September 1911 ist in Vergessenheit geraten. Ein Tag, an dem mehr als 100.000 Menschen in Wien gegen die unzumutbaren Lebensbedingungen demonstrierten. Ein Tag, der mit drei Toten und hunderten Verletzten endete – und mit der milit&#228;rischen Besetzung eines ganzen Stadtviertels.

Begonnen hatte dieser Tag mit einer Kundgebung vor dem Rathaus gegen die rasant steigenden Lebensmittelpreise. Organisiert hatte diese Kundgebung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der 17. September 1911 ist in Vergessenheit geraten. Ein Tag, an dem mehr als 100.000 Menschen in Wien gegen die unzumutbaren Lebensbedingungen demonstrierten. Ein Tag, der mit drei Toten und hunderten Verletzten endete – und mit der milit&#228;rischen Besetzung eines ganzen Stadtviertels.<br />
<span id="more-2347"></span><br />
Begonnen hatte dieser Tag mit einer Kundgebung vor dem Rathaus gegen die rasant steigenden Lebensmittelpreise. Organisiert hatte diese Kundgebung die sozialdemokratische Partei, und gekommen waren vor allem die BewohnerInnen der Vorst&#228;dte, aus Landstra&#223;e, Simmering, Ottakring …</p>
<p><strong>Hunger wird gemacht</strong></p>
<p>Der Hunger in den Vorst&#228;dten war nicht Folge von Missernten, sondern der Zollgesetzgebung, die den Interessen der Gro&#223;agrarier folgte. Ebenso hatte es sich mit der Hungersnot in Frankreich 1846/47 verhalten, die auf die massenhafte Ausfuhr von Getreide zur&#252;ck zu f&#252;hren war (und die zu massenhaften Aufst&#228;nden f&#252;hrte). Und genauso verh&#228;lt es sich mit der Preisexplosion bei Getreide seit 2008, die Folge der Umstellung auf „Bio-Sprit“-Produktion ist und ebenfalls zu weltweiten Hungerrevolten f&#252;hrt.<br />
Ebenso konnte die Wohnungsnot nicht auf die massive Zuwanderung nach Wien zur&#252;ckgef&#252;hrt werden. Sie war Ergebnis von Spekulation mit Grund und Boden sowie Baumaterialien. Neu-Ottakring war ein in den 1890er Jahren errichteter, auf dem Reissbrett entworfener Bezirksteil, mit schnurgeraden Stra&#223;en, Substandardwohnungen und horrenden Mieten. Die Architektur spiegelt bereits die Angst der Herrschenden vor den „Geistern, die sie gerufen hatten“ (gemeint sind die f&#252;r die kapitalistische Entwicklung n&#246;tigen Arbeitskr&#228;fte) wider: Es gab keine verwinkelten Gassen, die sich, wie in der Revolution 1848, leicht verbarrikadieren lie&#223;en. Das gesamte Gr&#228;tzl war von drei Seiten leicht abzuriegeln: zur Innenstadt stellte der G&#252;rtel mit der hoch gef&#252;hrten Stadtbahn eine ideale Befestigungsanlage dar, nach S&#252;den grenzte ein riesiger Truppen&#252;bungsplatz an das Gel&#228;nde, und im Westen endete das Gebiet an der Vorortelinie.</p>
<p><strong>Verschiedene Sprachen</strong></p>
<p>Am 17. September 1911 explodierte die Wut der VorstadtbewohnerInnen. Nach den Reden vor dem Rathaus zogen Gruppen von mehreren tausend DemonstrantInnen durch die Innenstadt. Sie wurden von Polizei und Armee st&#228;ndig angegriffen und abgedr&#228;ngt. Dagegen wehrten sie sich mit allem, was ihnen in die H&#228;nde fiel.<br />
Und wenn die Presse (und die Sozialdemokratie) sp&#228;ter von „unverantwortlichen Elementen“ und „Lumpenproletariat“ sprach, so musste sie gleichzeitig zugestehen, dass die „Exzedenten“ von einem Gro&#223;teil der Bev&#246;lkerung unterst&#252;tzt wurden: Frauen versorgten Jugendliche mit Steinen, die sie in ihren Sch&#252;rzen herbeischafften, aus Gasth&#228;usern wurden die Ordnungsh&#252;ter mit Bierkr&#252;geln, aus den Fenstern der Wohnh&#228;user mit allem, was verf&#252;gbar war, beworfen. Die sozialdemokratischen F&#252;hrer verstanden ebenso wenig wie die B&#252;rger, warum Papierhandlungen und Schulen verw&#252;stet und Stra&#223;enlaternen zerst&#246;rt wurden. F&#252;r sie standen diese Einrichtungen f&#252;r den „Fortschritt“. Wir verstehen diese Zerst&#246;rungswut besser, wenn wir uns an Stelle der Stra&#223;enbeleuchtung die Kamera&#252;berwachung &#246;ffentlicher R&#228;ume und an Stelle der Papierhandlungen und Bezirks&#228;mter die Datenbanken der Ministerien und Polizei (sowie die privatwirtschaftliche Sammelwut von Daten) vorstellen.<br />
Was die einen notwendige Voraussetzung f&#252;r „sozialen Frieden“ und „geordnetes Zusammenleben“ nennen, bedeutet f&#252;r andere &#220;berwachung, Reglementierung, Unterdr&#252;ckung jeglichen Ansatzes eines selbstbestimmten Lebens. Und oft Bestrafung und/oder Abschiebung.<br />
Die sozialdemokratische F&#252;hrung verstand den Aufruf zur Kundgebung als „Ventil“ f&#252;r die Massen, die ihre Wut artikulieren „durften“, und als Unterst&#252;tzung ihrer Parlamentsfraktion. Die Massen selbst verstanden, dass eine Kundgebung nichts &#228;ndern w&#252;rde, sahen sie sich doch von Anfang an tausenden Ordnungsh&#252;tern gegen&#252;ber, die nur darauf warteten, die Demonstration so rasch wie m&#246;glich aufzul&#246;sen.<br />
Die Polizei wiederum konnte ebenso wenig wie die Armee begreifen, wieso die Aufst&#228;ndischen nicht abhauten, wenn der Befehl, die Gewehre anzulegen, erteilt wurde. Sie verstanden nicht, dass es f&#252;r diese Menschen, die in ihrem eigenen Bezirk angegriffen wurden, gar keine R&#252;ckzugsm&#246;glichkeit mehr gab. Und sie verstanden nicht, dass Menschen, die f&#252;r ihre eigenen Interessen k&#228;mpfen, sich anders verhalten als zum Dienst f&#252;r fremde Interessen verpflichtete Soldaten.</p>
<p><strong>Verlorene Schlacht</strong></p>
<p>Der Aufstand in Neu-Ottakring endete noch am Abend des 17. September 1911. Er endete mit dem Einsatz nahezu der gesamten in Wien verf&#252;gbaren Truppen gegen die Bev&#246;lkerung eines einzigen Bezirksteiles. Er endete mit der milit&#228;rischen Besetzung des gesamten Bezirks, mit drei toten und hunderten verletzten BewohnerInnen. Und er sollte so rasch wie m&#246;glich aus dem kollektiven Ged&#228;chtnis getilgt werden, das war sowohl die Absicht der Regierung und der Bourgeoisie als auch der sozialdemokratischen F&#252;hrung.<br />
Er hatte gezeigt, dass es keinerlei Vertrauen der Vorstadtbev&#246;lkerung in die Regierung mehr gab. Er hatte auch gezeigt, dass die Menschen genug hatten von den Reden der sozialdemokratischen Opposition. Und dass sie verstanden hatten, dass „geordnete, disziplinierte Demonstrationen“ nichts &#228;ndern. Dieser Aufstand musste so rasch wie m&#246;glich unterdr&#252;ckt werden, ehe er sich so weit entwickeln konnte, dass die Menschen selbstorganisiert ihr Leben in die Hand nahmen.<br />
Wohin selbstorganisierter Widerstand f&#252;hren kann, lernen wir zur Zeit etwa von den &#196;gypterInnen. Die Zugest&#228;ndnisse, die die Milit&#228;rs gemacht haben, indem sie Pr&#228;sident Mubarak verhafteten und anklagten, k&#246;nnen die Menschen nicht mehr beruhigen. In immer neuen Mobilisierungen stellen sie immer weitergehende Forderungen, die schlie&#223;lich nicht nur die Milit&#228;rf&#252;hrung, sondern das Prinzip der kapitalistischen Verwertung selbst betreffen k&#246;nnten. Nicht vergessen Der 17. Septemer 1911 in Neu-Ottakring ist uns wichtig, und deshalb erinnern wir an ihn. Er ist in vielerlei Hinsicht aktuell. Spekulation mit Lebensmitteln und Wohnraum, &#220;berwachung und Unterdr&#252;ckung sind so wenig Geschichte wie ihre Ursache, die kapitalistische Verwertung – und der Kampf dagegen. Am 17. September 2011 werden wir einige der Brennpunkte des Aufstands von 1911 besuchen und neben der Erinnerung an die Ereignisse vor 100 Jahren auch Parallelen zu heute ziehen. Wir gedenken der K&#228;mpferInnen in angemessener Form, indem wir sie nicht vergessen, indem wir aus ihren Fehlern lernen, und indem wir den Kampf um ein besseres Leben weiterf&#252;hren.</p>
<p>&#220;bernommen von <a href="http://17september.noblogs.org/">http://17september.noblogs.org</a></p>
<p><strong>Programm am 17. September 2011:</strong><br />
ab 12:00 Uhr: Aufst&#228;ndische K&#246;stlichkeiten: Volxk&#252;che, Infostand und szenische Interventionen am Yppenplatz<br />
16:00 Uhr: Rundgang durch das aufst&#228;ndische Ottakring, Treffpunkt Schuhmeierplatz<br />
ab 18:00 Uhr: Stra&#223;enfest am Hofferplatz mit Infos, Live-Musik und Volksk&#252;che<br />
ab 19:00 Uhr: Arbeitsleben Ottakring: Austellungser&#246;ffnung mit anarchischem Liedgut<br />
ab 22:00 Uhr: Fortsetzung im BOEM (Koppstra&#223;e 26)</p>
<p><strong>22.9.2011, Donnerstag 20 Uhr</strong><br />
Diskussion mit Wolfgang Maderthaner und Susan Zimmermann (HistorikerInnen) im <a href="http://boem.postism.org/">BOEM</a>.</p>
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		<item>
		<title>Neue k&#228;mpfende Klassensubjekte in China</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:09:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Kämpfe]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Pun, Ngai/ Lee, Ching Kwan u.a.: Aufbruch der zweiten Generation. Wanderarbeit, Gender und Klassenzusammensetzung in China, Berlin/Hamburg:
Assoziation A 2010, 294 Seiten, € 18

Wer sich in der deutschsprachigen Linken f&#252;r die Situation in China interessiert, dem oder der ist das Kollektiv FreundInnen von gongchao (chin. f&#252;r: „Streik“, „Streikwelle“, oder auch „ArbeiterInnenbewegung“) m&#246;glicherweise bereits ein Begriff: Angefangen mit der im Dezember [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Pun, Ngai/ Lee, Ching Kwan u.a.: Aufbruch der zweiten Generation. Wanderarbeit, Gender und Klassenzusammensetzung in China, Berlin/Hamburg:<br />
Assoziation A 2010, 294 Seiten, € 18<br />
<span id="more-1964"></span><br />
Wer sich in der deutschsprachigen Linken f&#252;r die Situation in China interessiert, dem oder der ist das Kollektiv FreundInnen von gongchao (chin. f&#252;r: „Streik“, „Streikwelle“, oder auch „ArbeiterInnenbewegung“) m&#246;glicherweise bereits ein Begriff: Angefangen mit der im Dezember 2007 erschienenen Wildcat-Beilage Unruhen in China, &#252;ber die Ver&#246;ffentlichung des Buches dagongmei. Arbeiterinnen aus Chinas Weltmarkfabriken erz&#228;hlen von Pun Ngai und Li Wanwei bis hin zu verschiedenen Veranstaltungen und einer Website (<a href="http://www.gongchao.org">http://www.gongchao.org</a>) machen sie seit einigen Jahren Informationen &#252;ber die vielf&#228;ltigen Klassenauseinandersetzungen und insbesondere die Situation der WanderarbeiterInnen in der aufsteigenden Weltmacht auch hierzulande zug&#228;nglich. Mit Aufbruch der zweiten Generation erf&#228;hrt dieses wichtige Projekt nun gl&#252;cklicherweise eine weitere Fortsetzung und inhaltliche Vertiefung.<br />
Am Ausgangspunkt des Buches steht eine paradoxe Situation: Zwar wird sp&#228;testens seit der massiven Streikwelle im Automobilsektor und anderen Branchen vom Fr&#252;hjahr/Sommer 2010 mehr und mehr auch au&#223;erhalb Chinas wahrgenom men, dass sich die ArbeiterInnen in der „Werkbank der Welt“ im „Aufbruch“ befinden, doch bleiben die Konturen dieser sozialen K&#228;mpfe allzu h&#228;ufig unscharf. Aufbruch der zweiten Generation m&#246;chte dazu beitragen, dies zu &#228;ndern. „Wer sind diese ArbeiterInnen, die Forderungen stellen und wilde Streiks organisieren?“ und „[w]arum rebellieren sie (erst) jetzt?“ (7) sind daher so etwas wie die Leitfragen des Buches. Eine erste Antwort gibt die Fokussierung auf die WanderarbeiterInnen als die zentralen Tr&#228;gerInnen der rasanten Entwicklung Chinas. Der Blick wird hier allerdings &#252;ber die ArbeiterInnen in den Weltmarktfabriken hinaus, die in Diskussionen und Ver&#246;ffentlichungen meist im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, ausgeweitet.<br />
So untersucht der erste Teil des Buches, in dem sich kritische chinesische SozialwissenschaftlerInnen mit ethnografischen Methoden wie Interviews und teilnehmender Beobachtung in insgesamt sechs Beitr&#228;gen verschiedenen Arbeiterfiguren ann&#228;hern, neben der Situation in Automobil- und Elektronikfabriken auch die Arbeitsbedingungen, Lebensrealit&#228;ten und Widerstandsformen von BauarbeiterInnen, Lastentr&#228;gerInnen, Sexarbeiterinnen sowie Hausangestellten. Im Zuge der sehr anschaulichen und an den Alltagserfahrungen der ArbeiterInnen orientierten Schilderungen wird ersichtlich, was diese neuen Klassensubjekte &#252;ber alle Differenzen hinaus verbindet: Es ist dies zum einen die zumeist vergeschlechtlichte Erfahrung unmenschlicher Arbeitsbedingungen, despotischer Kontrolle am und neben dem Arbeitsplatz sowie willk&#252;rlichen und h&#228;ufig gewaltsamen Verhaltens von Vorgesetzen oder staatlichen Beamten. Zum anderen teilen diese ArbeiterInnen als Mitglieder einer zweiten, in den 2000er Jahren erwachsen gewordenen Generation von WanderarbeiterInnen jedoch auch ein Selbstbewusstsein, das die erste Generation der WanderarbeiterInnen in den 1980er und 1990er Jahren so noch nicht hatte. Dieses dr&#252;ckt sich u.a. aus im Anspruch, sich dauerhaft in der Stadt aufhalten, angemessen am produzierten Reichtum teilhaben und ver&#228;nderte Geschlechterverh&#228;ltnisse leben zu k&#246;nnen, einer taktisch gepr&#228;gten Auswahl bestimmter, vergleichsweise attraktiver Unternehmen oder T&#228;tigkeiten, sowie einer gr&#246;&#223;eren Bereitschaft zu offensiven und kollektiven Widerstandsformen. Es ist daher kein Zufall, dass es gerade diese zweite Generation ist, die sich „im Aufbruch“ befindet und vermehrt soziale K&#228;mpfe f&#252;hrt.<br />
Die sechs Beitr&#228;ge zu den verschiedenen Arbeiterfiguren enthalten freilich auch immer wieder Hinweise darauf, warum es trotz dieser Gemeinsamkeiten bisher nicht zur Herausbildung einer breiteren ArbeiterInnenbewegung gekommen ist. Neben staatlicher Repression und vielf&#228;ltigen Formen der Spaltung der ArbeiterInnen (z.B. entlang von Geschlecht, Herkunft oder Qualifikation) stellt dabei insbesondere die neoliberale Anrufung der Lastentr&#228;gerInnen &#252;ber Diskurse von Freiheit und Eigenverantwortlichkeit einen interessanten Fall dar, lassen sich doch ungeahnte Parallelen zur Diskussion hierzulande ziehen. Ebenfalls bekannt kommt einem die Subsumtion des Klassendiskurses zugunsten neoliberaler Ideologie und der entpolitisierten Rede von Schichten vor, die Pun Ngai und Chris King-Chi Chan in einem von drei Texten im zweiten Teil des Buches f&#252;r China diagnostizieren. Mit diesem Beitrag, der Darstellung von Ching Kwan Lee zur Entwicklung des Arbeiteraufruhrs in China seit der maoistischen Periode sowie der Analyse des Verlaufs, der Hintergr&#252;nde und der m&#246;glichen Folgen der bereits erw&#228;hnten Streikwelle vom Fr&#252;hjahr/Sommer 2010 durch die FreundInnen von gongchao vermittelt dieser zweite Teil das Hintergrundwissen, um die konkreten Fallstudien von zuvor einordnen zu k&#246;nnen. Positiv hervorzuheben ist hier v.a. der letztgenannte Text, gelingt es ihm doch beispielhaft, den Bogen von<br />
der ganz konkreten Ebene der Streiks bis hin zu allgemeinen &#220;berlegungen zur weiteren Entwicklung Chinas und den Perspektiven sozialer K&#228;mpfe und linker Organisierung zu spannen.<br />
Dass sich dies nicht gleicherma&#223;en f&#252;r alle der in Aufbruch der zweiten Generation versammelten Beitr&#228;ge sagen l&#228;sst, verweist darauf, dass die St&#228;rke des Buches zugleich seine – wenngleich geringf&#252;gige – Schw&#228;che ist. Diese Ambivalenz, die von den FreundInnen von gongchao in ihrer Einleitung selbst reflektiert wird, speist sich zu einem gro&#223;en Teil aus den ma&#223;geblichen theoretischen Bezugspunkten der AutorInnen. In ihrer stark von E.P. Thompson und dem italienischen Operaismus gepr&#228;gten Perspektive „von unten“ werden die konkreten Arbeits- und Lebensverh&#228;ltnisse und mithin also die Alltags- und Kampferfahrungen der ArbeiterInnen nicht nur ungemein anschaulich gemacht, sondern auch als Ausgangspunkt f&#252;r die Analyse von Prozessen der Klassen(neu)zusammensetzung verstanden. In Verbindung mit Michael Burawoys Analysen von Fabrikregimen und Konzepten aus der kritischen Geschlechterforschung ergibt sich so ein Blick auf die neuen Klassensubjekte, der gegen den oftmals vorherrschenden Opfer-Diskurs den Eigensinn und das Selbstbewusstsein der ArbeiterInnen betont, ohne auf diese zugleich &#252;berbordende politische Hoffnungen zu projizieren oder die Realit&#228;t der Arbeitsbedingungen zu verharmlosen. Durch die Vielfalt der dargestellten Sektoren und Arbeiterfiguren wird zudem die Engf&#252;hrung auf die IndustriearbeiterInnen in den Weltmarktfabriken weitgehend vermieden. Gleichzeitig lassen die Texte in ihrer Perspektive „von unten“ teilweise das Interesse an der „anderen Seite“, sprich an den Interessen, Strategien und Taktiken des chinesischen und ausl&#228;ndischen Kapitals als politisch konstituierter Klasse vermissen. Dies ist insofern folgerichtig, als &#252;ber die begriffliche Einordnung und politische Bewertung des chinesischen Staates weder f&#252;r die Mao-&#196;ra noch f&#252;r die seit 1978 angebrochene Phase wirtschaftlicher Liberalisierung und &#214;ffnung Einigkeit zu bestehen scheint. Um die von den FreundInnen von gongchao zu Recht diagnostizierte „(…) anklingende Verharmlosung der maoistischen Klassenherrschaft und die Einordnung der Analyse in die reformistische Konfliktl&#246;sungs- und Rechtsstaatsdebatte“ (17) zu &#252;berwinden und so politischstrategisch handlungsf&#228;hig(er) zu werden, bedarf es daher noch weitergehender staats- und klassentheoretischer Untersuchungen. Diese m&#252;ssen freilich nicht notwendig nur in China selbst geleistet werden. Gerade weil sich angesichts einer globalisierten &#214;konomie und dem geopolitischen Aufstieg Chinas hierzulande mehr und mehr die Frage nach den M&#246;glichkeiten einer solidarischen Bezugnahme auf die K&#228;mpfe der chinesischen (Wander-)ArbeiterInnen stellt, ist eine intensive Besch&#228;ftigung mit der Situation vor Ort dringend notwendig. Daf&#252;r stellt Aufbruch der zweiten Generation einen unverzichtbaren Baustein dar. Deshalb: Pflichtkauf!</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Aufstand ist (k)ein Kinderspiel!</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/08/26/aufstand-ist-kein-kinderspiel/</link>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:18:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Kindergartenaufstand]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Kämpfe]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Elisabeth Steinklammer</em> und <em>Kristina Botka</em> analysieren mit <em>Barbara Tinhofer</em> und <em>Gloria Fleischmann</em> (alle vom <em>Kollektiv Kindergartenaufstand</em>) die gesellschaftliche Bedeutung der Institution Kindergarten und berichten von der aktuellen Situation der Kindergartenp&#228;dagogInnen in Wien und ihrem Arbeitskampf.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Elisabeth Steinklammer</em> und <em>Kristina Botka</em> analysieren mit <em>Barbara Tinhofer</em> und <em>Gloria Fleischmann</em> (alle vom <em>Kollektiv Kindergartenaufstand</em>) die gesellschaftliche Bedeutung der Institution Kindergarten und berichten von der aktuellen Situation der Kindergartenp&#228;dagogInnen in Wien und ihrem Arbeitskampf.<br />
<span id="more-1523"></span><br />
Seit M&#228;rz 2009 haben wir als eine anfangs kleine, doch st&#228;ndig wachsende Gruppe<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> von Kin-dergartenp&#228;dagogInnen und BetreuerInnen durch &#246;ffentlichen Protest, Publikationen und Interviews auf unsere prek&#228;re Arbeitssituation hingewiesen &#8211; nicht zuletzt auch durch die Soli-darisierung mit den BesetzerInnen an den Universit&#228;ten. Wir agieren und politisieren unter dem Namen „Kollektiv Kindergartenaufstand“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>. Wir setzen uns f&#252;r grundlegende Ver&#228;nde-rungen im Elementarbildungsbereich ein und haben damit einen Arbeitskampf begonnen, der nicht nur die Rahmenbedingungen in &#246;sterreichischen Kinderg&#228;rten ver&#228;ndern will, sondern gleichzeitig das Image der „Kindergartentante“ auf den Kopf stellt.</p>
<p><strong>Kindergartenp&#228;dagogik und Hegemonie</strong><br />
Die Kindergartenp&#228;dagogik und die Organisation des Kindergartens in &#214;sterreich muss im Kontext des gesamten Bildungssystems und als Teil eines Staates anerkannt werden, in dem Bildung ein machtvolles Instrument ist. Die oft zitierte „Gesellschaft von Morgen“ wird hier (aus)gebildet, um je nach Form der Bildung dazu beizutragen, sich entweder in ein System einzuordnen oder selbstbestimmt und kreativ zu handeln. In diesem Sinne ist Bildung immer politisch, da sie entweder dazu beitr&#228;gt, die bestehende gesellschaftliche Ordnung aufrecht zu erhalten, oder Kinder in ihrer Subjektwerdung unterst&#252;tzt, die zu einer Ver&#228;nderung der Verh&#228;ltnisse beitragen kann. Wir beziehen uns hierbei vor allem auf Antonio Gramsci, in dessen Hegemonieverst&#228;ndnis<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> die erzieherische Dimension eine zentrale Rolle spielt. F&#252;r ihn ist „jedes Verh&#228;ltnis von ‚Hegemonie’ […] notwendigerweise ein p&#228;dagogisches Verh&#228;ltnis [...]“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>, das auch als Umkehrung nachvollziehbar bleibt: Jedes p&#228;dagogische Verh&#228;ltnis ist ein von Hegemonie gepr&#228;gtes Verh&#228;ltnis; die „erziehende“ Person reproduziert hegemoniale Vorstellungen durch erzieherische Ma&#223;nahmen.<br />
Insofern sind die gesellschaftlichen Institutionen der Erziehung und Bildung, zu denen auch der Kindergarten geh&#246;rt, „ideologisches Terrain“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a>, auf welchem sich Individuen ihr Bewusst-sein erarbeiten, sich Weltdeutungen aneignen und diese ausgestaltet werden, bestehende Herr-schaftsstrukturen auch hinterfragt und zur&#252;ckgewiesen werden k&#246;nn(t)en.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a><br />
Dabei wird ein Verst&#228;ndnis des Menschen deutlich, in dem dieser nur im Kontext des gesell-schaftlichen Ganzen zu analysieren ist. Gramsci fasst den Menschen als einen „geschichtlichen Block“.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Hier findet Gramscis Verst&#228;ndnis von Pers&#246;nlichkeitsentwicklung ihren Ausdruck: „Die Au&#223;enwelt, die allgemeinen Verh&#228;ltnisse zu ver&#228;ndern, hei&#223;t sich selbst zu potenzieren, sich selbst zu entwickeln.“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Damit ist einerseits gemeint, dass das Individuum in der Pers&#246;nlichkeitsentwicklung von den sozialen Umst&#228;nden und deren historischer Gewachsenheit gepr&#228;gt ist, es aber gleichzeitig auf diese aktiv zur&#252;ckwirkt.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Das bedeutet, dass durch die Beteiligung an progressiven Bewegun-gen oder durch das Mitwirken von Kindern an der Entwicklung alternativer Weltanschau-ungskonzepte wiederum ihr Selbst- und Weltverst&#228;ndnis ver&#228;ndert werden kann. Die Forde-rung, Kinder ganzheitlich zu erziehen und eine Pers&#246;nlichkeitsbasis zu f&#246;rdern, die eine indi-viduelle Weiterentwicklung erm&#246;glicht, bedeutet auch eine geschlechterunspezifische, stereo-typenfreie Erziehung. Dazu muss Kindern aber erst einmal die M&#246;glichkeit gegeben werden und P&#228;dagogInnen brauchen eine entsprechende Ausbildung.<br />
Andererseits steckt in dem Zitat ein p&#228;dagogisches Verst&#228;ndnis, dessen Bildungsziel die Ver-wirklichung einer umfassenden und nicht unmittelbar zweckgebundenen Bildung f&#252;r Kinder (der ArbeiterInnenklasse), als erzieherische Selbsterm&#228;chtigung (der revolution&#228;ren Klasse) ist. Der Bildungsprozess soll also die Bedingungen sowie M&#246;glichkeiten der Freiheit und der Entwicklung der Menschen aufzeigen und ein Bewusstsein von menschlichen Entwicklungs- und Lebensperspektiven schaffen.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Gramsci vertritt eine P&#228;dagogik vom Standpunkt der Ler-nenden aus. Hierbei sind freiwillige und spontane Lernprozesse, die unmittelbar an kollektive politische Praxis und Erfahrungen der sozialen Bewegungen angebunden sind, essenziell.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Daraus leitet sich f&#252;r die P&#228;dagogInnen eine zentrale Aufgabe ab: die Kinder in ihren sozialen Erfahrungen innerhalb der Gruppe zu beobachten, darauf aufbauend an ihren Erfahrungen anzusetzen und Unterst&#252;tzung bei der selbstst&#228;ndigen Bew&#228;ltigung von sich stellenden Lernaufgaben zu bieten.<br />
Dieses Aufgabenverst&#228;ndnis wird auch in der Ausbildung von Kindergartenp&#228;dagogInnen vermittelt, wo das Spiel als zentrale Lernform von jungen Kindern im Mittelpunkt aller p&#228;da-gogischen und didaktischen &#220;berlegungen steht.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Die Funktion der Kindergartenp&#228;dago-gin/des Kindergartenp&#228;dagogen ist mit Gramsci als die einer freundschaftlichen Anleite-rin/eines freundschaftlichen Anleiters<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> zu sehen. Das Bild der/des „Erzieherin/Erziehers“ hingegen ist abzulehnen. Zwar gibt es auch nach seiner Vorstellung die Notwendigkeit von erzieherischem Eingreifen, um auf die Entfaltung individueller M&#252;ndigkeit hinzuf&#252;hren.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Die Betonung liegt hierbei jedoch auf der Entfaltung individueller M&#252;ndigkeit im Gegensatz zu einer Erziehung, die um die Anpassung an die bestehenden Verh&#228;ltnisse bem&#252;ht ist.<br />
Dabei ist ein zweiter Aspekt mit Blick auf die Funktion der P&#228;dagogInnen zentral: Mit Gramsci kommt der Intellektuellengruppe der „Lehrkr&#228;fte vom Volksschulalter bis zu den Universit&#228;tsprofessoren“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> – wobei Kindergartenp&#228;dagogInnen wohl ebenso zu den „p&#228;dago-gischen Fachintellektuellen“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> gez&#228;hlt werden k&#246;nnen – eine zentrale Rolle als VermittlerInnen hegemonialer Verh&#228;ltnisse zu.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Daraus ergibt sich eine direkte Verantwortung der P&#228;da-gogInnen, nicht nur f&#252;r die Lernprozesse der Kinder, sondern f&#252;r die Gestaltung der Gesell-schaft an sich. Denn die Rolle und Funktion die einE P&#228;dagogIn im Lernprozess der Kinder einnimmt, das Gesellschaftsverst&#228;ndnis das sie dabei vermittelt und ihr eigenes Handeln im Alltag reproduziert entweder herrschende Verh&#228;ltnisse oder unterst&#252;tzt Kinder dabei, eine Auffassung der Wirklichkeit zu erlangen, die sich aus Erfahrungen und sozialen K&#228;mpfen ihrer Zeit entwickelt. Aus Sicht der P&#228;dagogIn beinhaltet dies nicht zuletzt eine Zur&#252;ckwei-sung hegemonialer Wissens- und Lernpraxen<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> und die Entwicklung eigener Lernziele.</p>
<p><strong>Der Kindergarten als Schule der Zweigeschlechtlichkeit</strong><a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a><br />
Dieses Verst&#228;ndnis der Bedeutung fr&#252;hkindlicher P&#228;dagogik steht in krassem Widerspruch zum g&#228;ngigen Bild des Kindergartens als Ort der einfachen Versorgung. Oft m&#252;ssen sich P&#228;-dagogInnen Aussagen gefallen lassen, wie „Sei doch froh, dass du f&#252;rs Spielen bezahlt wirst!“ oder „Was machst du denn schon? So ein paar Kinder h&#252;ten kann doch nicht so schwer sein!“<br />
Hier kann auf die vorherrschenden Geschlechterverh&#228;ltnisse r&#252;ckgeschlossen werden. Nancy Fraser betont, dass „selbstverst&#228;ndlich […] die Rolle des/der Kinderbetreuers/betreuerin im klassischen Kapitalismus – wie anderswo auch – eine ganz offenkundig weibliche Rolle [ist].“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Dies l&#228;sst sich anhand von Statistiken zur Kinderbetreuungssituation in &#214;sterreich schnell belegen: In &#214;sterreich sind Kinder bis zum dritten Lebensjahr haupts&#228;chlich zu Hause und werden dort von der Mutter<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> betreut. Im Jahr 2006 waren nur 10,8 Prozent der Kinder im Alter unter drei Jahren in institutionellen Kinderbetreuungseinrichtungen untergebracht.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a><br />
Kinderbetreuung erf&#228;hrt im Allgemeinen keine hohe gesellschaftliche Achtung. Belegt wird die gesellschaftliche Geringsch&#228;tzung von Erziehungsarbeit in erster Linie dadurch, dass sie gro&#223;teils unbezahlt verrichtet wird. Werden Kinder au&#223;erh&#228;uslich betreut, ist die Entlohnung f&#252;r die P&#228;dagogInnen stets gering und Kinderbetreuung in &#214;sterreich wird als ein „typischer Frauenberuf“ angesehen. Von der Geburt an &#252;ber die ersten Lebensjahre zu Hause und weiter &#252;ber die p&#228;dagogische Betreuung in Kinderkrippen, Kinderg&#228;rten und bis zur Volksschule werden Kinder – von wenigen Ausnahmef&#228;llen abgesehen – von weiblichen Personen betreut. Im Kindergartenjahr 2006/2007 arbeiten in ganz &#214;sterreich 26.014 weibliche und 283 m&#228;nn-liche Personen in den Kinderg&#228;rten – das macht einen Anteil weiblicher Arbeitskr&#228;fte von 98,92% aus.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Aus der oben diskutierten hegemonietheoretischen Sicht auf Bildung bedeutet diese „Vergeschlechtlichung“ des Kindergartens f&#252;r Kinder, in geschlechtsstereotypen Le-bensrealit&#228;ten aufgezogen zu werden. Die Institution f&#252;gt sich damit in die gesamtgesell-schaftliche Ordnung der Sph&#228;rentrennung von m&#228;nnlich/weiblich ein, da selbst in der au&#223;er-h&#228;uslichen Betreuung von Kindern die Betreuungsarbeit weibliche Arbeit bleibt.<br />
Demgegen&#252;ber w&#252;rde ein Bildungsverst&#228;ndnis, dass der individuellen, selbstbestimmten Freiheit im Lernprozess durch eigenes Handeln und Erkennen Rechnung tr&#228;gt, auch ein Re-flektieren von Verhalten m&#246;glich machen und damit dazu beitragen, die herrschenden Ge-schlechterverh&#228;ltnisse in Frage zu stellen. So k&#246;nnten etwa die eigenen Erfahrungen von M&#228;dchen und Buben jenen der hegemonialen Vorstellungen &#252;ber Geschlechter gegen&#252;berstehen<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a>. Wenn nun eine kritische Verallgemeinerung gef&#246;rdert wird, so k&#246;nnte dies bedeuten, dass Kinder feststellen, dass gesellschaftliche zweigeschlechtliche Sph&#228;renteilung zu hinter-fragen und zu ver&#228;ndern ist. Die daf&#252;r notwendigen Identifikationsm&#246;glichkeiten mit m&#246;glichst vielf&#228;ltigen und unterschiedlichen Frauen- und M&#228;nnerbildern sind in der derzeitigen Situation allerdings nicht gegeben. Dies dr&#252;ckt sich eben auch im gesellschaftlichen Stellenwert dieses „Frauenberufs“ aus. Insofern ergibt sich als zentrale Forderung, dass Kleinkinder-erziehung nicht l&#228;nger als vorrangig unbezahlte, folglich wenig wertvolle, privatisierte, nicht als Arbeit angesehene T&#228;tigkeit gesellschaftlich (un-)behandelt bleiben darf, sondern den Status eines gesamtgesellschaftlichen Verantwortungsbereichs erhalten muss.</p>
<p><strong>Neoliberale Bildungsanspr&#252;che</strong><br />
Das gesellschaftlich nach wie vor dominante Verst&#228;ndnis von P&#228;dagogInnen als „Spieltanten“ und das Verst&#228;ndnis von Kinderg&#228;rten als blo&#223;e Bewahrungsanstalten ist eng verkn&#252;pft mit einem verschulten Lernbegriff. Soziale Prozesse zu begleiten, Kinder dabei zu unterst&#252;tzen, die eigene Reflexions- und Kritikf&#228;higkeit zu entfalten und sich darin zu &#252;ben, in Alternativen zu denken, sind Arbeitsformen bzw. Lernprozesse, die nicht an Bastelarbeiten oder Arbeits-bl&#228;ttern zu messen sind. Sie haben daher oftmals geringen gesellschaftlichen Stellenwert und werden nicht als „gew&#252;nschtes“ Lernen wertgesch&#228;tzt.<br />
Gleichzeitig ist das Bild vom Kindergarten als Verwahrungsanstalt in Ver&#228;nderung begriffen. Dabei gibt es eine widerspr&#252;chliche Entwicklung, die einerseits dazu beitr&#228;gt, dass der Kin-dergarten von immer mehr Menschen (vor allem Eltern) als Bildungseinrichtung anerkannt wird. Andererseits folgt diese Entwicklung den Tendenzen einer &#214;konomisierung von Bil-dung, die auch vor dem Kindergarten nicht halt macht. Der neue Bildungsanspruch, der mit den Erwartungen an den Kindergarten oft einher geht, ist n&#228;mlich eben kein erm&#228;chtigender, sondern entspricht der neoliberalen Vorgabe, dass Kinder m&#246;glichst fr&#252;h „Verwertbares“ ler-nen sollen, um ihr potenzielles Humankapital zu steigern und so Startvorteile gegen&#252;ber den AlterskollegInnen in der weiteren Bildungslaufbahn und dann ultimativ am Arbeitsmarkt zu haben. Das Spiel als wichtigste Lernform junger Kinder wird ersetzt durch Forderungen nach verschultem, messbarem Ausbildungs-Lernen, bei dem sich die Kinder m&#246;glichst fr&#252;h, m&#246;g-lichst viel vorgefertigtes Wissen aneignen. Krassestes Beispiel daf&#252;r sind Englischkurse nach Schema (in den USA ist es eben dann Mandarin) ab dem zweiten Lebensjahr, die von immer mehr Kinderg&#228;rten angeboten werden um „am Markt bestehen zu k&#246;nnen“. Aber auch Schreib&#252;bungen, die Einf&#252;hrung von Stundenpl&#228;nen und Sitztraining sind Teil der neolibera-len Zurichtung. Sie bef&#246;rdert ein Konkurrenzdenken, das nicht die Selbstpotenzierung der Kinder in den Mittelpunkt r&#252;ckt sondern deren bestm&#246;gliche Verwertung in einer neoliberalen Gesellschaftsordnung.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a><br />
Zwar ist &#252;ber diese Entwicklung der &#214;konomisierung die Bedeutung des Kindergartens ge-sellschaftlich gestiegen, auf der Strecke bleiben bei einer derartigen Ausrichtung aber die freie Pers&#246;nlichkeits- und die emotionale Entwicklung der Kinder. Wir befinden uns also nicht nur in einer Auseinandersetzung um die Arbeits- und Rahmenbedingungen im Kindergarten, son-dern auch &#252;ber dessen inhaltliche, ideologische Ausrichtung, sprich dem Lernverst&#228;ndnis und der Lernkultur.</p>
<p><strong>Kinderg&#228;rten in &#214;sterreich</strong><br />
Die politische Ausgestaltung der Rahmenbedingungen f&#252;r die gesellschaftliche Institution des Kindergartens spielt eine zentrale Rolle f&#252;r die Art der Bildung, die darin stattfinden kann. Auff&#228;lligstes Charakteristikum in diesem Zusammenhang ist, dass es in &#214;sterreich so gut wie keine einheitlichen Rahmenbedingungen gibt. Dies resultiert daraus, dass die gesetzliche Re-gelung von Kinderg&#228;rten, Horten und Kinderkrippen in &#214;sterreich seit 1962 unter die Zust&#228;n-digkeit der Landesregierungen f&#228;llt, weshalb neun verschiedene Landeskindergartengesetze existieren, anstatt eines Bundesrahmengesetzes. Dennoch sind die „Eckpfeiler“ &#228;hnlich; es gibt kein Bundesland, wo der Beruf tats&#228;chlich gut bezahlt wird oder die Gruppengr&#246;&#223;en stark variieren. Die f&#246;derale Regulierung des Kindergartenwesens hat  auch dazu gef&#252;hrt, dass es trotz einheitlicher Ausbildungs- und Qualifizierungsstrukturen viele unterschiedliche Tr&#228;ge-rInnenorganisationen und damit ArbeitgeberInnen f&#252;r die P&#228;dagogInnen gibt. Das bedeutet in weiterer Folge, dass je nach ArbeitgeberIn auch die gewerkschaftliche Vertretung der P&#228;da-gogInnen variiert. Da es weder ein einheitliches Bundesrahmengesetzt gibt, noch einen Kol-lektivvertrag f&#252;r Kindergartenp&#228;dagogInnen, unterscheiden sich mitunter auch die Arbeitsbe-dingungen. Wir werfen hier einen exemplarischen Blick nach Wien, wo ca. die H&#228;lfte aller P&#228;dagogInnen bei der Gemeinde Wien angestellt ist und daher von der <em>Gewerkschaft der Gemeindebediensteten</em> (GDG) vertreten werden. F&#252;r sie gilt das Gehaltsschema der Gemeinde Wien, das Signalwirkung f&#252;r die anderen ArbeitgeberInnen hat, aber nicht zwingend &#252;bernommen wird. Die andere H&#228;lfte der P&#228;dagogInnen arbeitet bei privaten Tr&#228;gerInnen und wird daher von der <em>Gewerkschaft der Privatangestellten- Druck, Papier, Journalismus</em> (GPA-djp) vertreten. So entsteht das Problem,  dass es kein einheitliches Dienstrecht oder einen ge-meinsamen Kollektivvertrag gibt.<br />
In der Regel ist einE P&#228;dagogIn in Wien alleine f&#252;r die Erziehung und Bildung von 25 Kin-dern in einer Gruppe zust&#228;ndig, wobei grunds&#228;tzlich eine unausgebildete Hilfskraft als Unterst&#252;tzung, meist aber f&#252;r organisatorische T&#228;tigkeiten, zur Verf&#252;gung steht.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Au&#223;erdem stehen P&#228;dagogInnen in Wien zumeist vier von 40 Stunden f&#252;r Vorbereitungen zur Verf&#252;gung. Je nach ArbeitgeberIn m&#252;ssen in dieser Zeit aber auch Elternarbeit, Teamsitzungen und &#228;hnliches stattfinden, wodurch die Zeit f&#252;r tats&#228;chliche Planung und Vorbereitung der Bildungsarbeit, deren verpflichtende schriftliche Reflexion sowie f&#252;r Einzelf&#246;rderung minimal ist und viele P&#228;dagogInnen diese unbezahlt in ihrer Freizeit erledigen, um ihrem eigenen p&#228;dagogischen Anspruch auch nur halbwegs gerecht werden zu k&#246;nnen. Die momentane Arbeitssituation ist f&#252;r immer mehr Kindergartenp&#228;dagogInnen derart belastend<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a>, dass die einzige M&#246;glichkeit, den Beruf so gut wie m&#246;glich auszu&#252;ben darin liegt, von Vollzeit- auf Teilzeitarbeit umzusteigen. Allgemein herrscht in Wien Personalmangel, denn jede dritte Abg&#228;ngerin einer BAKIP<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a>  ergreift ein Studium, weil die Arbeitsbedingungen die sie in den Kinderg&#228;rten er-warten unattraktiv sind. Dadurch wird es in Wiens Kinderg&#228;rten immer schwieriger, die schon aufgrund der bestehenden gesetzlichen Rahmenbedingungen schlechte Kindergartenstruktur mit ausreichend qualifiziertem Personal aufrecht zu erhalten, geschweige denn auszubauen. Dies macht es wiederum den P&#228;dagogInnen immer schwieriger, den eigenen Standards, aber auch den Rahmengesetzen gerecht zu werden. Der Personalmangel f&#252;hrt dazu, dass Zeit zur knappen Ressource wird, die ben&#246;tigt wird um auf Kinder individuell einzugehen, Konflikte aufzugreifen und gemeinsam zu l&#246;sen, Kinder zu beobachten und dann darauf abgestimmte Bildungsangebote zu setzen. Es braucht aber auch Zeit eine anregende und herausfordernde Umgebung zu schaffen, in der Kinder vielf&#228;ltige Lernm&#246;glichkeiten vorfinden und sich dem eigenen Tempo entsprechend darin zu Recht finden k&#246;nnen. Ein Beispiel: Die Zeit, bei Strei-tigkeiten auf selbst gew&#228;hlte L&#246;sungsstrategien der Kinder zu setzten (Handlungsalternativen durchdenken, Einf&#252;hlungsverm&#246;gen trainieren etc.) gibt es nicht, statt dessen werden die Kin-der oftmals schnell gema&#223;regelt und so daran gehindert, F&#228;higkeiten zur Konfliktl&#246;sung zu entwickeln. Dies entspricht zumeist aber nicht dem Verst&#228;ndnis der P&#228;dagogInnen von der eigenen Arbeit und dem Stellenwert dieser wichtigen sozialen Lernprozesse.<br />
Statt dem Personalmangel in Wiens Kinderg&#228;rten durch Verbesserung der Arbeitsbedingun-gen Abhilfe zu schaffen, um ausgebildete P&#228;dagogInnen in den Beruf zu locken, wurde einer-seits versucht, das Problem m&#246;glichst von der &#214;ffentlichkeit fern zu halten, was sich in ge-steigertem Arbeitsdruck f&#252;r die P&#228;dagogInnen ausdr&#252;ckt. Andererseits mussten AssistentIn-nen, die in vielen Einrichtungen P&#228;dagogInnen als Unterst&#252;tzung zur Seite gestellt werden, aber selbst &#252;ber keine p&#228;dagogische Ausbildung verf&#252;gen (daher auch weniger verdienen), in den letzten Jahren vermehrt Zeit alleine in der Gruppe verbringen und diese beaufsichtigen. Sie &#252;bernehmen dabei immer mehr Aufgaben von Kindergartenp&#228;dagogInnen, ohne &#252;ber de-ren Qualifizierung zu verf&#252;gen, oder f&#252;r diese Mehrarbeit entsprechend entlohnt zu werden. Die verpflichtete Besetzung der Gruppen von zumindest einer P&#228;dagogIn und einer Assisten-tIn konnte nicht mehr aufrecht erhalten werden.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Bei Kindergartenp&#228;dagogInnen, aber auch bei AssistentInnen mehrt sich nun die &#220;berbelastung, bis hin zum Burnout-Syndrom. F&#252;r die Kinder hei&#223;t dies oft, von Erwachsenen betreut zu werden, die &#252;berarbeitet sind und keine Zeit haben, auf ihre individuellen Bed&#252;rfnisse und F&#228;higkeiten einzugehen. Die  Rahmenbe-dingungen lassen oftmals nicht mehr als ein blo&#223;es Beaufsichtigen und das Verhindern von Verletzungen zu. Ganz abgesehen von dem L&#228;rmpegel, dem Kinder und Erwachsene ausge-setzt sind, wenn am Nachmittag Gruppen zusammen gelegt werden m&#252;ssen, weil nicht gen&#252;-gend Personal vorhanden ist, wodurch in manchen Berichten von bis zu 50 Kindern pro Gruppe die Rede ist.</p>
<p><strong>Schwierige Voraussetzungen f&#252;r Widerstand</strong><br />
Angesichts dieser Situation steigt der Frust unter den P&#228;dagogInnen laufend, und hinter vor-gehaltener Hand fragen sich Viele schon l&#228;nger, „warum denn niemand etwas tut“ und sich das alle gefallen lassen. Einzelpersonen haben zwar immer wieder versucht sich zu wehren, sind mit ihrem individuellen Widerstand aber meist an den betriebsinternen Strukturen und Hierarchien gescheitert. In Wien sind die Besch&#228;ftigten nun mit einer besonders schwierigen Situation konfrontiert, denn es besteht eine enge Verbindung der verschiedenen &#246;ffentlichen wie privaten Tr&#228;gerorganisationen mit politischen Parteien. So gibt es seit Jahren eine SP&#214;-Alleinregierung in der Stadt, wodurch die Zust&#228;ndigkeit f&#252;r die Kinderg&#228;rten der Gemeinde Wien seit langem in H&#228;nden der SP&#214; liegt und die zust&#228;ndigen Stadtr&#228;tInnen ArbeitgeberIn-nenfunktionen wahrnehmen. Im privaten Bereich gibt es drei gro&#223;e ArbeitgeberInnen: Die Erzdi&#246;zese Wien, <em>Kinderfreunde und Kinder in Wien</em> (KIWI). Die Kinderfreunde verorten ihre Herkunft nicht nur in der ArbeiterInnenbewegung und berufen sich in ihrem Leitbild auf sozialdemokratische Werte, sondern sind auch personell eng mit der SP&#214; verbunden.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> KIWI entstand aus dem ehemaligen, &#214;VP-nahen <em>Wiener Kinderrettungswerk</em> und ist nach wie vor personell eng mit der &#214;VP verbunden. So hat etwa die aktuelle Gesch&#228;ftsf&#252;hrerin von KIWI auch f&#252;r die &#214;VP einen Sitz im Wiener Gemeinderat.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Daneben gibt es nat&#252;rlich noch andere ArbeitgeberInnen, wie selbstorganisierte Elterngruppen und &#228;hnliches, die Mehrheit der P&#228;-dagogInnen arbeitet aber bei einem der vier Tr&#228;gervereine <em>Gemeinde Wien, Erzdi&#246;zese, Kinderfreunde</em> und KIWI.<br />
Damit ist jede Auseinandersetzung in und um Kindergarten in mehrfacher Weise (partei-) politisch. So n&#252;tzte etwa die FP&#214; die Kritik an der Situation der Wiener Kinderg&#228;rten f&#252;r ihre rassistische Propaganda gegen die SP&#214; im Rahmen des Gemeinderatswahlkampfes 2010.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a><br />
Hinzu kommt, dass innerhalb der &#246;sterreichischen Gewerkschaften Parteifraktionen eine gro&#223;e Bedeutung einnehmen. Oftmals gibt es enge personelle Verbindungen zwischen Gewerk-schaftsfunktion&#228;rInnen und Parteien. So sitzt der derzeitige Vorsitzende der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten zugleich f&#252;r die SP&#214; im Wiener Gemeinderat.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Dass es dabei zu Interessenskonflikten zwischen den verschiedenen Funktionen kommen muss, liegt nahe. Neben den Gewerkschaften gibt es noch die Berufsgruppe der Kindergarten- und Hortp&#228;dagogInnen, die sich als Interessensvertretung sieht. Allerdings steht auch ArbeitgeberInnen die Mitgliedschaft offen und im Vorstand sitzen diese mittlerweile zahlreich vertreten – Interessenskonflikte sind also auch hier absehbar.<br />
Bisher gab es daher keine einheitliche Vertretung bzw. einen Rahmen, innerhalb dessen sich alle P&#228;dagogInnen organisieren konnten. Dies f&#252;hrte zu einer Vereinzelung der P&#228;dagogInnen in den Kinderg&#228;rten. Zwischen letzteren gibt es kaum Kommunikation, was Tr&#228;gerorganisati-onen insofern zugute kommt, als hier Konkurrenz zu anderen Einrichtungen aufgebaut wird bzw. die P&#228;dagogInnen verunsichert und gegeneinander ausgespielt werden („denen geht es ja noch schlechter als uns…“).<br />
Obwohl zurzeit eine prinzipielle „Marktmacht“<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> der P&#228;dagogInnen gegeben ist, da sie eine Qualifizierung besitzen, die dringend nachgefragt wird, konnte diese bisher nicht als Macht-potential aktiviert werden – auch weil durch die Vereinzelung die kollektive Macht von den Betroffenen nur schwer wahrgenommen werden kann.</p>
<p><strong>Well behaved women rarely make history!</strong><br />
Im Jahr 2009 kam Bewegung in die &#246;ffentliche Debatte um Kinderg&#228;rten, als die Bundesre-gierung die Einf&#252;hrung des Gratiskindergartens &#252;berlegte. Die Aussicht auf die nun bevorste-hende noch h&#246;here Belastung durch die totalen Gruppenauff&#252;llungen brachte in den Kinder-g&#228;rten das Fass zum &#252;berlaufen. Viele P&#228;dagogInnen bef&#252;rchteten, dass diese, von ihnen unter gesellschaftspolitischen und feministischen Gesichtspunkten an sich positiv gesehenen Ma&#223;nahme, zu einer Versch&#228;rfung der bereits untragbar gewordenen Situation f&#252;hren w&#252;rde, wenn nicht zeitgleich eine umfassende Verbesserung der Rahmenbedingungen erfolgt. Auf-grund  des Personalmangels in Wien war dies jedoch kaum zu erwarten.<br />
Bereits im Fr&#252;hling 2009 hatte eine anfangs kleine Gruppe von P&#228;dagogInnen, die nicht mehr bereit war, die untragbaren Arbeitsbedingungen hinzunehmen, begonnen, sich zu treffen um Strategien f&#252;r eine Verbesserung im Kindergartenbereich zu diskutieren. Die Streiks der Er-zieherInnen in Deutschland in den vergangen Jahren – und die Erfolge im Sommer 2009 – dienten als Vorbild. Kaum eine P&#228;dagogin/ein P&#228;dagoge hat den Arbeitskampf der KollegIn-nen im Nachbarland nicht gespannt verfolgt.<br />
So wurde  das <em>Kollektiv Kindergartenaufstand</em> gegr&#252;ndet. Nachdem am 28. M&#228;rz die von sehr vielen Organisationen getragenen Proteste unter dem Titel <em>Wir zahlen nicht f&#252;r eure Krise</em><a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a>  bevorstanden, wurde f&#252;r die Demonstration in Wien ein Kindergarten-Block geplant.<br />
Auch die Debatte um das Missverh&#228;ltnis von milliardenschweren Rettungspaketen f&#252;r die Banken und gleichzeitiger Unterbezahlung im Sozialbereich trug dazu bei, dass innerhalb von etwa zwei Wochen ein Block mit etwa 70 Leuten f&#252;r den <em>Kindergartenaufstand </em>mobilisiert werden konnte. Auf der Demonstration wurden E-Mail-Adressen gesammelt, Kontakte ge-kn&#252;pft, Erfahrungen ausgetauscht und neue MitstreiterInnen gefunden. Am Beginn standen dabei vor allem zwei Aspekte im Mittelpunkt der Bem&#252;hungen: die &#214;ffentlichkeit auf die untragbare Situation aufmerksam zu machen und der Zersplitterung etwas entgegenzusetzen. In diesem Sinne wurde nach den positiven Erfahrungen der Demonstration vom 28. M&#228;rz ein Wienweites Vernetzungstreffen geplant. Denn, so waren sich alle im Kollektiv einig, „nur wenn wir uns alle vernetzen, als Betroffene gemeinsam auftreten und uns auch in manchen Punkten, die uns vielleicht nicht so stark betreffen, mit anderen solidarisieren anstatt nichts zu unternehmen, k&#246;nnen wir etwas ver&#228;ndern.“<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a><br />
An diesem ersten Vernetzungstreffen der P&#228;dagogInnen und BetreuerInnen nahmen an die 70 Arbeitende aus verschiedensten Kinderg&#228;rten Wiens, und auch einige aus Nieder&#246;sterreich teil, um in angeregten Diskussionen festzustellen, dass die Rahmenbedingungen der Arbeit &#252;berall gleich schlecht sind und gleichzeitig in der Auseinandersetzung den ersten Schritt aus der Vereinzelung heraus zu machen. Dabei wurde klar, dass die meisten sich keine Hoffnun-gen auf eine baldige Verbesserung machten, weil weder kollektive gewerkschaftliche Vertre-tung noch andere k&#228;mpferische Strukturen im Kindergartenbereich bestanden. Zahlreiche Kindergartenp&#228;dagogInnen stellten zum ersten Mal fest, dass es doch sehr viel Unmut nicht nur im eigenen Betrieb, sondern fl&#228;chendeckend gibt, und andererseits die Gruppe derer, die Handlungsbedarf und -willen hat, gr&#246;&#223;er ist, als gedacht. Das „Ergebnis“ des ersten gro&#223;en Vernetzungstreffens war neben der gemeinsamen Erstellung von Forderungen (wie Reduzie-rung der Kinderanzahl pro Gruppe, Erh&#246;hung der Vorbereitungszeit und des Personalschl&#252;s-sels, h&#246;here Geh&#228;lter, ein Kollektivvertrag und damit eine einheitliche gewerkschaftliche Ver-tretung und ein Bundesrahmengesetzt), eine „Flashmobgruppe“, eine „Elterninfogruppe“ so-wie viele neue Kontakte und Ideen. Auf den folgenden regelm&#228;&#223;igen Vernetzungstreffen besprachen P&#228;dagogInnen, von denen viele vorher noch nie politisch aktiv waren, das weitere gemeinsame Vorgehen, die strategischen Positionierungen, verfassten politische Texte und planten erste Aktionen.<br />
Es gab innerhalb der ersten Monate eine st&#228;ndige Mailflut von begeisterten KollegInnen zu bew&#228;ltigen, die sich engagieren wollten, M&#252;tter und V&#228;ter schrieben Solidarisierungen und die Interviewanfragen von diversen aufmerksam gewordenen Medien zeigten, dass hier ein heikles Thema in der &#246;sterreichischen Politik angegriffen wurde – und das im „roten Wien“!<br />
Im Juni gab es im Museumsquartier den ersten „Flashmob“, an dem sich etwa 200 Menschen beteiligten und der bereits in vielen Medien publik gemacht wurde. Wie bei den Treffen zu-vor, stand auch bei dieser Aktion die Vernetzung der Basis und der Betroffenen sowie die St&#228;rkung nach Innen im Vordergrund. Der Vereinzelung wurde durch solche Aktionen ein eindrucksvolles Bild der Solidarit&#228;t entgegengesetzt. Das hat viele P&#228;dagogInnen ermutigt, weiter f&#252;r eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu k&#228;mpfen. Aufgrund der engen Ver-kn&#252;pfung von ArbeitgeberInnen und politischen Parteien, aber auch durch die gesellschafts-politische Bedeutung von Kinderg&#228;rten, richteten sich die Proteste und Aktionen vor allem an die &#214;ffentlichkeit, die Bundes- und Landesregierung und vorerst weniger gegen die Arbeitge-berInnen im Einzelnen. Dennoch folgten auf die Proteste auch Auflagen von ArbeitgeberIn-nenseite, nicht mit der Presse zu sprechen und das Kollektiv wurde von besorgten KollegIn-nen kontaktiert, welche sich aufgrund der Reaktionen des Arbeitgebers/der Arbeitgeberin nur „anonymisiert“ an Aktionen beteiligen wollten. Selbst die Angstmache von Oben konnte die Wut, die durch die nun neu erfahrene St&#228;rke in Engagement umschlug, nicht mehr unterdr&#252;-cken. Die AktivistInnen wurden mehr und wurden offensiver. LeiterInnen solidarisierten sich, Lehrende an BAKIPs verteilten Informationen an ihre Sch&#252;lerInnen&#8230;<br />
An den zwei Demonstrationen, die vom Kindergartenaufstand teils initiiert, teils im Rahmen des B&#252;ndnis „SOS Kindergarten – Aktion Aufschrei“<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> mitgetragen wurden, haben in den letzten Monaten insgesamt etwa 6000 P&#228;dagogInnen, BetreuerInnen, KindergartenleiterInnen, Eltern und Solidarische teilgenommen. Auch die Vernetzung mit anderen Protesten – wie mit der <em>Uni brennt-</em>Bewegung – war ein wichtiger Schritt in Richtung einer breiten Bildungsbe-wegung: kaum ein Bericht &#252;ber die Unibesetzung kam ohne eine Nennung der Proteste im Kindergartenbereich aus. Gleich am ersten Tag der Studierendenproteste entschloss sich das Kollektiv, sich zu solidarisieren. So wurde klargemacht, dass das Bildungssystem in &#214;ster-reich bereits an der Wurzel fault.<br />
Abseits der &#246;ffentlichen Aktionen des Kollektivs wurde am Aufbau von l&#228;ngerfristigen Struk-turen gearbeitet. Der Anspruch des Kollektivs war es, keine internen Hierarchien aufzubauen und daher auch auf SprecherInnen, VertreterInnen ect. zu verzichten. Stattdessen wurde nach M&#246;glichkeiten gesucht, auf breiter Basis Entscheidungen zu treffen und trotzdem handlungs-f&#228;hig zu bleiben. Die P&#228;dagogInnen organisierten sich den Anforderungen entsprechend in Arbeitsgruppen. Diese kollektive Organisationsform sorgte bei den anderen AkteurInnen in diesem Feld (wie der Berufsgruppe oder manchen Gewerkschaftsteilen sowie VertreterInnen der Presse) f&#252;r gro&#223;e Unruhe. F&#252;r die P&#228;dagogInnen des Kollektivs stand aber im Vordergrund, dass alle selbst ExpertInnen ihres Arbeitslebens sind und dementsprechend jedeR f&#252;r ihre/seine Anliegen sprechen kann. So gab es auch im Kollektiv immer wieder strategische Debatten: Wie sollte mit politischen Parteien umgegangen werden? Wer ist Zielgruppe f&#252;r welche Art von Protest? Wie sollte im eigenen Betrieb mit der politischen Aktivit&#228;t umgegangen werden? Und nicht zuletzt: Was haben wir von den GewerkschaftsvertreterInnen zu erwarten?</p>
<p><strong>Kindergartenaufstand und gewerkschaftliche Reaktionen</strong><br />
Durch den regen Zuspruch der Basis wurde die Kontaktaufnahme zu den anderen AkteurInnen im Kindergartenbereich wichtiger. Dies betraf vor allem einzelne, in den verschiedenen Gewerkschaften t&#228;tige Menschen und Gruppen, wie KIV<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a>, die innerhalb der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten (GDG) arbeitet, oder work@social<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> der GPA-djp. Dort wurde unsere Initiative freudig aufgenommen und bei gemeinsamen Diskussionen auf den Vernet-zungstreffen des Kollektivs eine Zusammenarbeit vor allem f&#252;r eine erste gro&#223;e Demonstration im Herbst 2009 in Aussicht gestellt.<br />
Andererseits, und f&#252;r KennerInnen der &#246;sterreichischen Gewerkschaftslandschaft vielleicht wenig &#252;berraschend, mussten die im <em>Kindergartenaufstand </em>organisierten P&#228;dagogInnen erfahren, dass die dominierenden Gruppen innerhalb der &#246;sterreichischen Gewerkschaften wenig vom selbst organisierten „wilden“ Aktionismus der Basis halten<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> und entgegen den Erwartungen vieler engagierten P&#228;dagogInnen/BetreuerInnen, die teilweise schon jahrelang Gewerkschaftsmitglieder waren, wurde auch bis zuletzt nicht von der Gewerkschaft auf die AktivistInnen zugegangen oder aktive Unterst&#252;tzung im vermeintlichen gemeinsamen Kampf angeboten.<br />
Zugleich gelang es den dominanten Teilen der Gewerkschaften nicht, die Basisorganisierung der P&#228;dagogInnen zu ignorieren. Dazu beigetragen haben etwa die oben genannten Gewerkschaftsgruppen, aber auch Einzelpersonen, die mit unerm&#252;dlichen Engagement und Courage innerhalb der Gewerkschaftshierarchien f&#252;r die Zusammenarbeit mit der Basis k&#228;mpften.<br />
Obwohl bisher nicht viel Ver&#228;nderung in der Kommunikation zueinander bewirkt werden konnte, wurde im Herbst 2009 offensichtlich, wie sehr die Basis Druck auf die Gewerkschaft ausge&#252;bt hat: Nach anfangs z&#246;gerlichen Unterst&#252;tzungsbeteuerungen von Seiten der Gewerkschaft, &#252;bernahm schlie&#223;lich sogar die GPA-djp unsere Forderungen und sicherte uns Unterst&#252;tzung f&#252;r eine gro&#223;e Demonstration zu. Und sp&#228;testens bei der zweiten gro&#223;en Demonstration sah sich auch die GDG gezwungen, die Proteste der P&#228;dagogInnen in den Medien zu unterst&#252;tzen. Diese Unterst&#252;tzung hat sich aber nicht in einer tats&#228;chlichen Zusammenarbeit ausgewirkt. Dass aber gewerkschaftliche Unterst&#252;tzung in Arbeitsk&#228;mpfen wichtig ist, davon sind auch die AktivistInnen des Kindergartenaufstands &#252;berzeugt und kann nicht zuletzt durch die Erfahrungen bei den Streiks der ErzieherInnen in Deutschland belegt werden.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a></p>
<p><strong>Wie weiter?</strong><br />
Kurz vor dem Jahreswechsel gab der GdG-Vorsitzender Meidlinger<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> bekannt, eine Lohnerh&#246;hung und mehr Vorbereitungszeit f&#252;r alle P&#228;dagogInnen der Gemeinde Wien verhandelt zu haben. Die Verhandlungsergebnisse der GdG streifen nur einen kleinen Teil der vielen Forde-rungen des Kollektivs, aber sie sind ein Anfang. Sie zeigen vor allem, dass die AktivistInnen damit Recht behalten, den schlechten Zustand des Kindergartens nicht mehr mitzutragen, sondern sich zu wehren.<br />
Die Ergebnisse der Gehaltsverhandlungen der GdG, die mit J&#228;nner 2010 in Kraft treten, setzen nun die privaten ArbeitgeberInnen unter Druck, vergleichbare Verbesserungen mit der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA-djp) auszuverhandeln. Doch insgesamt &#228;ndert dies wenig an den Arbeitsbedingungen &#246;sterreichweit.</p>
<p><strong>Heute ist nicht alle Tage…</strong><br />
Ein dreiviertel Jahr Aktivit&#228;t des <em>Kollektivs Kindergartenaufstand</em> hat nicht nur die &#246;sterrei-chische Gewerkschaftslandschaft wie oben beschrieben durcheinander gewirbelt. Wir haben viel &#252;ber politische Organisierung gelernt. Die Zusammenarbeit mit verschiedensten Organisationen hat zur Bildung eines Netzwerks innerhalb des Sozialarbeitsbereiches gef&#252;hrt. Diskussionen &#252;ber den Umgang mit Parteien<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> und Gewerkschaften, Besch&#228;ftigung mit Arbeits-k&#228;mpfen von KollegInnen in anderen L&#228;ndern sowie die Auseinandersetzung mit deren gewerkschaftlicher Vertretung fanden statt, und nicht zuletzt wurde die eigene Sicht auf den ausge&#252;bten Beruf st&#228;ndig reflektiert. Die Aktivit&#228;ten haben sich schon nach den ersten Monaten f&#252;r alle Beteiligten als riesengro&#223;er Pool von Lernm&#246;glichkeiten erwiesen. Das ist – neben den real erk&#228;mpften Verbesserungen – schon ein echter Sieg.<br />
Ein gro&#223;es Ziel haben wir auf jeden Fall schon erreicht, n&#228;mlich, das Image der lieben, stets freundlichen und alles hinnehmenden Kinderg&#228;rtnerin anzugreifen. Bilder von k&#228;mpferischen P&#228;dagogInnen/BetreuerInnen wurden ver&#246;ffentlicht, und durch die gef&#252;hrten K&#228;mpfe hat sich das Selbstbild ver&#228;ndert.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> Die Ver&#228;nderung des Blicks auf einen Frauenberuf ist in Gange und damit wurde auch eine neue Identifikationsm&#246;glichkeit f&#252;r die M&#228;dchen und Buben in den Kinderg&#228;rten geschaffen.<br />
Klar ist aber auch, dass mit einer Lohnerh&#246;hung oder einer Verkleinerung der Gruppengr&#246;&#223;en um einige Kinder nicht das Ideal einer Elementarbildungseinrichtung erreicht sein wird, auch wenn dadurch ein Arbeitskampf gewonnen w&#228;re. Die Anspr&#252;che an die Institution Kindergarten im heutigen neoliberalen Bildungsverst&#228;ndnis, demzufolge die Entwicklung der Kleinkinder bereits als M&#246;glichkeit gesehen wird, sie f&#252;r den Markt konform zu trainieren, werden damit nicht von alleine aufgel&#246;st.<br />
Nur Kinder, die nicht alle Antworten schon wissen m&#252;ssen, bevor sie sich Fragen stellen, werden selbst neugierig und entwickeln Interesse an ihrer Welt. Kinder, f&#252;r deren Gedanken und ihr Weltbild Platz, Zeit und Interesse da ist, lernen, sich in die Gesellschaft einzubringen und sich die Welt selbst anzueignen.</p>
<p><em>Kontaktadresse</em>: <a href="kindergartenaufstand@gmx.at">kindergartenaufstand@gmx.at</a></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Derzeit z&#228;hlen etwas &#252;ber 200 in diesem Bereich in Wien t&#228;tige P&#228;dagogInnen und BetreuerInnen zum Kollek-tiv. </p>
<p><a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> www.kindergartenaufstand.at</p>
<p><a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> „Als Hegemonie bezeichnet Gramsci einen Herrschaftstyp, „…der im Wesentlichen auf der F&#228;higkeit basiert, eigene Interessen als gesellschaftliche Allgemeininteressen zu definieren und durchzusetzen.“ Brand/ Scherer 2003:3. </p>
<p><a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte. Kritische Gesamtausgabe, Band 6, Philosophie der Praxis, Herausgegeben von Haug, Wolfgang Fritz unter Mitwirkung von Klaus Bochmann, Peter Jehle, Gerhard Kuck. Hamburg/Berlin 1994, S. 1335.</p>
<p><a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Vgl. Ebd, S. 1264.</p>
<p><a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Vgl. Merkens, Andreas 2004 (Hg.): Antonio Gramsci. Erziehung und Bildung. Gramsci-Reader. Hamburg 2004, S. 29.</p>
<p><a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Gramsci 1994, a.a.O.,S. 1341.</p>
<p><a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Ebd, S. 1341f.</p>
<p><a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Vgl. Merkens 2004, a.a.O., S. 31.</p>
<p><a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Vgl. Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte. Kritische Gesamtausgabe, Band 2, Herausgegeben von Haug, Wolfgang Fritz, Hamburg, Berlin 1991, S. 32. </p>
<p><a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Vgl Ebd., S. 22.</p>
<p><a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Insofern besteht auch ein Widerspruch zwischen dem vermittelten Wissen in der Ausbildung und den Rah-menbedingungen, die im Arbeitsalltag vorgefunden werden und die eine solche Bildung erschweren.</p>
<p><a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte. Kritische Gesamtausgabe, Band 7, Herausgegeben von Klaus Bochmann, Wolfgang Fritz Haug, Peter Jehle, unter Mitwirkung von Ruedi Graf, Gerhard Kuck, Hamburg/Berlin 1996, S. 1519.</p>
<p><a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Vgl. Merkens 2004, a.a.O., S. 43.</p>
<p><a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte. Kritische Gesamtausgabe, Band 8, Herausgegeben von Klaus Bochmann, Wolfgang Fritz Haug, Peter Jehle, unter Mitwirkung von Ruedi Graf, Gerhard Kuck, Hamburg/Berlin 1998, S. 1980.</p>
<p><a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Merkens 2004, a.a.O., S. 39.</p>
<p><a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Vgl. Ebd., S. 7.</p>
<p><a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Vgl. Ebd, S. 34.</p>
<p><a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Vgl. Botka, Kristina: Staat und Geschlechterverh&#228;ltnisse. Eine theoriegeleitete Untersuchung des &#246;sterreichischen Kindergartens. Univ. Wien, 2009. Unver&#246;ffentlichte Diplomarbeit.</p>
<p><a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Fraser, Nancy: Widerspenstige Praktiken. Macht, Diskurs, Geschlecht. Frankfurt am Main 1994, S. 192.</p>
<p><a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Siehe dazu Statsitik Austria 2006: Kinderbetreuungsgeldbezieherinnen und -bezieher nach Erwerbsstatus und Geschlecht 2006. Siehe: http://www.statistik.at/web_de/statistiken/soziales/sozialleistungen_auf_bundesebene/familienleistungen/020121.html, abgerufen am 13. 03. 2008: Die Betreuungsperson w&#228;hrend des Tages ist hier, gemessen am Bezug des Kinderbetreuungsgeldes, in rund 98% der F&#228;lle die Mutter, wenn das Kind bis zu zwei Jahre alt ist. Sp&#228;ter steigt der Anteil an Betreuung durch V&#228;ter geringf&#252;gig. Im Jahr 2006 Jahr waren 98,8% der Kinderbetreuungsgeldbe-ziehenden bei Kindern im ersten Lebensjahr die M&#252;tter, bei Kindern im zweiten Lebensjahr waren es zu 97,9% die M&#252;tter. Der V&#228;teranteil unter den Karenzgeldbeziehenden war somit bei bis zu Einj&#228;hrigen 1,2% und bei bis zu Zweij&#228;hrigen 2,1%. Bei den Kindern zwischen zwei und drei Jahren waren im Beobachtungszeitraum 90,6% der Betreuungsgeldbeziehenden die M&#252;tter und 9,4% die V&#228;ter. </p>
<p><a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Vgl. Statistik Austria 2007: Kinderbetreuungsquoten nach Altersgruppen 1995 bis 2006. Siehe:<br />
http://www.statistik.at/web_de/static/kinderbetreuungsquoten_nach_altersgruppen_1995_bis_2006_021659.pdf abgerufen am 07.04.2008</p>
<p><a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Siehe dazu Ebd., S. 71ff. Zahlen zu anderen Kinderbetreuungseinrichtungen finden sich im Bericht ebenso. </p>
<p><a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Wenn M&#228;dchen etwa gut im Bauen sind und Jungen gerne Verkleiden spielen oder &#196;hnliches. </p>
<p><a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Es gibt durchwegs positive Erfahrungen damit, Kindern in der entsprechenden „sensiblen Phase“ ihrer Ent-wicklung die M&#246;glichkeit des Spracherwerbs zus&#228;tzlich zur Erstsprache anzubieten, etwa durch zweisprachig gef&#252;hrte Gruppen. Dies widerspricht aber der Idee vom verschulten Lernen abpr&#252;fbarer Inhalte. </p>
<p><a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Passend daher der Spruch auf einem Schild bei den Demonstrationen: „1:25 – wie viel individuelle F&#246;rderung bleibt da f&#252;r ein Kind?“</p>
<p><a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Diese Belastung ist sowohl psychisch als auch physisch. Zahlreiche P&#228;dagogInnen klagen &#252;ber k&#246;rperliche Beschwerden, es gibt in &#214;sterreich allerdings keine Erhebung zu den tats&#228;chlichen k&#246;rperlichen Auswirkungen der Arbeitsbedingungen. Von manchen Betriebsratsgruppen wird nun eine solche Erhebung angedacht.</p>
<p><a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> BAKIP: Bundesanstalt f&#252;r Kindergartenp&#228;dagogik. Die Ausbildung zum/r Kindergartenp&#228;dagogIn dauert f&#252;nf Jahre und schlie&#223;t mit der Matura ab. Sie z&#228;hlt in &#214;sterreich, wie die Ausbildung an einer HTL, zur Schulform der berufsbildenden h&#246;heren Schule, der BHS.</p>
<p><a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> In anderen L&#228;ndern w&#252;rde eine solche Situation zu immensen Protesten von Seiten der Eltern f&#252;hren, siehe D&#228;-nemark: Wenn in D&#228;nemark Eltern auf die Strasse gehen , Kinderg&#228;rten blockieren, KindergartenleiterInnen den Schl&#252;ssel zum Kindertagesheim abgeben, um auf die verh&#228;renden Einsparungsma&#223;nahmen aufmerksam zu machen, die sich im Kindergartenwesen in D&#228;nemark abzeichnen – es wird eine von drei P&#228;dagogInnen pro 15 k&#246;pfiger Kindergruppe eingespart – dann zeigt das, dass Verantwortlichkeit dem eigenen Arbeitsanspruch und dem F&#246;rderbedarf der Kinder gegen&#252;ber also keine Utopie, sondern Alltag ist. Siehe http://www.berlingske.dk/koebenhavn/det-er-svaert-faa-oeje-paa-boernenes-koebenhavn oder </p>
<p>http://www.facebook.com/pages/Kobenhavns-Foraeldreorganisation/134122139911?ref=mf</p>
<p><a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Vgl.: http://kinderfreunde.at/index.php?action=Lesen&#038;Article_ID=2265 am 03.01.2010</p>
<p><a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Vgl: http://klub.wien.oevp.at/10021/ , http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20000310_OTS0084 und http://www.kinderinwien.at/team.php?cat=GF alle am 03.01.2010</p>
<p><a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Eine Reaktion/Distanzierung des Kollektiv Kindergartenaufstands findet sich unter http://kindergartenaufstand.at/index.php?option=com_content&#038;view=category&#038;layout=blog&#038;id=6&#038;Itemid=7</p>
<p><a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Vgl.: http://www.wien.spoe.at/christian-meidlinger am 03.01.2010</p>
<p><a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> F&#252;r eine ausf&#252;hrliche Diskussion von Machtpotentialen der ArbeitnehmerInnen siehe Brinkmann, Ulrich et. al. (Hg.): Strategic Unionism: Aus der Krise zur Erneuerung. Umrisse eines Forschungsprogramms, Wiesbaden 2008; sowie Silver, Beverly J.: Forces of labor. Arbeiterbewegung und Globalisierung seit 1870, Berlin/Hamburg 2005; Wright, Eric Olin: Working class power. Capitalised class interests and class compromize, in: American Journal of Sociology, 105 (4), 957-1002. 2000; Becksteiner, Mario/Boos, Tobias/ Pire, Ako (2009): Doppelkrise der Gewerkschaft,  in: Perspektiven Nr. 8, http://www.perspektiven-online.at/?p=483 am 22.10.2009.</p>
<p><a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> http://www.28maerz.at/</p>
<p><a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Kollektiv Kindergartenaufstand: Flyer zum Vernetzungstreffen am 28.05.2009</p>
<p><a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> F&#252;r weitere Informationen zu den Demo und den B&#252;ndnispartnern siehe http://kindergartenaufstand.at/index.php?option=com_content&#038;view=category&#038;layout=blog&#038;id=8&#038;Itemid=9</p>
<p><a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> KIV: Konsequente Interessensvertretung, http://kivblog.blogspot.com/</p>
<p><a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> www.gpa-djp.at/social</p>
<p><a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> „Die Demonstration des Kollektivs bezeichnete der Chef der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten, Christian Meidlinger (Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter, FSG), gegen&#252;ber der Tageszeitung &#214;sterreich als „nicht von uns gedeckt“. F&#252;r ihn ist die Vorgehensweise des Kollektivs „falsch“. Meidlinger klingt ver&#228;rgert, wenn er &#252;ber den Kindergartenaufstand spricht. „Uns &#252;ber die Medien auszurichten, dass sie jetzt streiken, ist nicht sinnvoll“, sagt er. Auch wenn die Kinderg&#228;rtnerinnen bislang freilich nur demonstriert und nicht gestreikt haben. Die Gewerkschaft bem&#252;he sich sehr wohl, Verbesserungen zu erreichen, aber „mit Verhandlungen, nicht mit Streiks“. Siehe http://www.datum.at/0909/stories/auf-zum-letzten-gefecht/</p>
<p><a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> http://www.focus.de/panorama/vermischtes/kita-streik-massenhafte-kita-streiks-in-sechs-bundeslaendern_aid_410336.html</p>
<p><a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> http://www.gdg.at/servlet/ContentServer?pagename=C01/Page/Index&#038;n=C01_0.a&#038;cid=1260990022818 am 31.12.09</p>
<p><a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Siehe Kommentar zur FP&#214;-Kindergartenmisere: http://www.kindergartenaufstand.at/index.php?option=com_content&#038;view=category&#038;layout=blog&#038;id=6&#038;Itemid=7</p>
<p><a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> „Die Au&#223;enwelt, die allgemeinen Verh&#228;ltnisse zu ver&#228;ndern, hei&#223;t sich selbst zu potenzieren, sich selbst zu entwickeln.“ Gramsci 1994, a.a.O., S. 1341f.</p>
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		<title>Verborgene Geschichte des revolution&#228;ren Atlantik</title>
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		<pubDate>Sun, 10 Jan 2010 16:33:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Kämpfe]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Linebaugh, Peter/Rediker, Marcus: Die vielk&#246;pfige Hydra. Die verborgene Geschichte des revolution&#228;ren Atlantik, Berlin: Assoziation A 2008, 427 Seiten, € 28,00]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Linebaugh, Peter/Rediker, Marcus: Die vielk&#246;pfige Hydra. Die verborgene Geschichte des revolution&#228;ren Atlantik, Berlin: Assoziation A 2008, 427 Seiten, € 28,00<br />
<span id="more-650"></span><br />
In <em>The Making of the English Working Class</em> und vielen nachfolgenden Aufs&#228;tzen hat der britische Historiker E. P. Thompson seit den 1960er Jahren versucht, die marxistische Geschichtsschreibung als klassenbewusste Kulturgeschichte neu zu positionieren. W&#228;hrend der strukturgeschichtliche Zuschnitt der historischen Sozialwissenschaft und der Mechanismus eines stalinisierten Marxismus den Widerstand und die subjektiven Erfahrungen der subalternen Klassen in den „langen Wellen“ der Gesellschaftsformationen ertr&#228;nkte, fokussierte Thompson die „vergessenen“ K&#228;mpfe der plebejischen Massen gegen die Durchsetzung der anonymen Mechanismen des Marktes im England der Fr&#252;hphase der „Industriellen Revolution“. Programmatisch hei&#223;t es im vielzitierten Vorwort zu <em>The Making</em>: „Ich versuche, den armen Strumpfwirker, den ludditischen Tuscherer, den ‚obsoleten‘ Handweber, den ‚utopistischen‘ Handwerker, sogar den verblendeten Anh&#228;nger von Joanna Southcott vor der ungeheuren Arroganz der Nachwelt zu retten.“<br />
In dieser Tradition einer „Geschichte von unten“ verortet sich auch Linebaugh und Redikers „verborgene Geschichte des revolution&#228;ren Atlantik“. Freilich haben sich die Koordinaten der historiographischen Diskussion seit 1963 deutlich verschoben. Der „methodische Nationalismus“, der auch noch bei Thompson deutlich zu Tage tritt, ist nicht zuletzt durch die gerade boomende Globalgeschichtsschreibung nachhaltig und &#252;berzeugend aufgebrochen worden. Die Einhegung historischer Narrative in staatlichen Containerr&#228;umen ist ebenso zerst&#246;rt wie die modernisierungstheoretischen Meistererz&#228;hlungen der 1970er, die die Herausbildung des modernen kapitalistischen Weltsystems als schrittweise Durchsetzung europ&#228;ischer Ordnung und Werte beschrieben hatten. Nicht „Diffusion“ sondern „Transfer und Interaktion“ sind die Schl&#252;sselbegriffe des neuen globalhistorischen Zugriffs.<br />
Dennoch treten auch in diesen Gro&#223;erz&#228;hlungen die Erfahrungen und die Handlungsf&#228;higkeit (<em>agency</em>) der subalternen Akteure meist hinter anonymen Strukturen, demografischen Entwicklungsmustern, Handelsnetzwerken usw. zur&#252;ck. Linebaugh/Redikers gro&#223;es Verdienst liegt insofern darin, in einer Doppelbewegung zum einen die Herausforderung globalgeschichtlicher Zug&#228;nge ernst zu nehmen und Thompsons klassenk&#228;mpferische Geschichtsschreibung „&#252;ber die Grenzen des Nationalstaats“ hinauszutreiben, und zugleich die objektivistischen Blindflecken eines strukturgeschichtlichen Zugriffs mit einer konsequenten Geschichte „von unten“ zu konfrontieren. Dieser Blick von unten soll „einen Teil der verlorenen Geschichte der multiethnischen Klasse ans Tageslicht bef&#246;rdern, die f&#252;r den Aufstieg des Kapitalismus und der modernen Weltwirtschaft von grundlegender Bedeutung war“, aber von der „Gewaltt&#228;tigkeit abstrakter Geschichtsschreibung“ versch&#252;ttet worden ist. (14f ) Zwischen dem fr&#252;hen 17. und Mitte des 19. Jahrhunderts formierte sich mit einer kapitalistischen Weltwirtschaft im Dreieck zwischen Nordwesteuropa, Westafrika und den Amerikas auch ein multiethnisches, kosmopolitisches Weltproletariat, dessen Erfahrungen, Ideen und Organisationsformen gemeinsam mit den Waren entlang der atlantischen Str&#246;mungen zirkulierten und an den Schaupl&#228;tzen der Disziplinierung (Einhegung, Gef&#228;ngnis, Fabrik), des Austauschs (Schiffe, Hafentavernen) und in Aufst&#228;nden, Revolten, Meutereien und Verschw&#246;rungen konzentriert wurden.<br />
Leitmotiv der Erz&#228;hlung ist das Bild der Vielk&#246;pfigen Hydra, jenem Ungeheuer der griechischen Mythologie, dem zwei K&#246;pfe nachwachsen, wenn einer abgeschlagen wird. Im Symbol der Hydra verdichtete sich die Angst der herrschenden Klassen vor dem entstehenden atlantischen Proletariat, dem Widerstand des „buntscheckigen Haufens“ (<em>motley crew</em>) antinomischer Radikaler, Enteigneter, Schuldknechte, SklavInnen, Seeleute und Prostituierter, die das herkuleische Projekt des geordneten Aufbaus eines transatlantischen Kapitalismus mit eigenen Vorstellungen einer moralischen &#214;konomie und oppositionellen Kultur durchkreuzten. Linebaugh/Redikers Erz&#228;hlung ist episodisch angelegt, oft im Mikrofokus einzelner Biographien, entfaltet sich aber &#252;ber mehrere „Rebellionszyklen“ strukturiert. Ausgehend von der plebejischen Gegenkultur im englischen B&#252;rgerkrieg der 1640er, den nonkonformistischen religi&#246;sen Sekten und Diggers, &#252;ber die erste protoproletarische Machtergreifung in Neapel 1647, die Rebellionen in den Kolonien in Virginia, den Egalitarismus der „Hydrarchie“ der PiratInnen und Seeleute, bis zu den SklavInnenrevolten und st&#228;dtischen Aufst&#228;nden der 1730er und 1740er und dem Rebellionszyklus der 1760er und 1770er Jahre, der das „Zeitalter der Revolutionen“ einl&#228;utete, verfolgen Linebaugh und Rediker die K&#228;mpfe und alternativen Zukunftsentw&#252;rfe des multiethnischen atlantischen Proletariats.<br />
Immer wiederkehrendes Motiv ist der Widerstand gegen Enteignung und der Kampf f&#252;r Gemeineigentum (<em>commons</em>), sowie die Opposition gegen Sklaverei. Dieser „commonismus“ der Diggers und radikalen religi&#246;sen Sekten der englischen Revolution migrierte in der Restaurationszeit gemeinsam mit jenen Verbrechern, Bettlern, Landstreichern, denen sich der englische Staat durch Deportation in die Kolonien entledigte, der irischen Diaspora sowie enteigneten Bauern und Landarbeitern, die als Schuldknechte in die Neue Welt verschifft wurden, in die Amerikas, vermengte sich dort mit den Erfahrungen afrikanischer SklavInnen und der indigenen Bev&#246;lkerung, und entlud sich in „buntscheckigen“ Aufst&#228;nden oder gemeinsamer Flucht. So war etwa die erste uns &#252;berlieferte Gruppe von ‚Maroons‘ (entflohenen SklavInnen und Leibeigenen, die weitab von den Siedlungen ihre eigenen Gemeinschaften gr&#252;ndeten) auf Barbados multiethnisch. (139) Erst durch eine gezielte rassistische Spaltungspolitik konnte diese Allianz von rebellischen SklavInnen und Leibeigenen einged&#228;mmt werden und es ist diese Geschichte der Entstehung des modernen Rassismus aus dem Geist der Aufstandsbek&#228;mpfung, die sich als zweites Motiv durch Linebaugh/Redikers Erz&#228;hlung zieht.<br />
Nachdem sp&#228;testens in den 1680er Jahren die revolution&#228;ren Ideen an Land zum Schweigen gebracht worden waren, verlagerten sich die K&#228;mpfe der Hydra auf die Meere. Die Schiffe vermittelten nicht nur zwischen den Produktionssystemen der Alten und Neuen Welt, sondern waren selbst gut organisierte Ausbeutungsmaschinerien, in denen „eine gro&#223;e Anzahl von Arbeitern gemeinsam gegen Lohn komplexe, synchronisierte Arbeitsg&#228;nge ausf&#252;hrte und dabei einer versklavenden, hierarchischen Disziplin unterworfen wurde, die den menschlichen Willen der technischen Ausstattung unterordnete.“ (164) W&#228;hrend Eric Williams die Plantage als wichtigstes historisches Vorbild der Fabrik identifizierte, sehen Linebaugh/Rediker in den Hochseeschiffen die entscheidenden Vorl&#228;ufer der modernen Fabriksdisziplin.<br />
Zugleich fungierte das Schiff jedoch auch als „Treffpunkt, an dem unterschiedliche Traditionen in einem Treibhaus des Internationalismus zusammengepfercht wurden.“ (165) So entwickelte sich im Inneren des imperialen Seestaats eine zweite, proletarische und oppositionelle „Hydrarchie“, die ihren ersten autonomen Ausdruck in der amerikanischen Piraterie fand. In der Organisation der Piratenschiffe finden Linebaugh/Rediker die radikalen Traditionen des „commonismus“ wieder. Die Piraten h&#228;tten „mit vollem Bewusstsein ihre eigene autonome, demokratische, egalit&#228;re Gesellschaftsordnung aufgebaut, die den auf Handels-, Marine- und Kaperschiffen allgemein &#252;blichen Methoden eine subversive Alternative entgegensetzte, und eine Gegenkultur entwickelt, die sich der Zivilisation des atlantischen Kapitalismus mit ihrer Enteignung und Ausbeutung, Schreckensherrschaft und Sklaverei entgegenstellte.“ (188)<br />
Zu den spannendsten Abschnitten des Buchs z&#228;hlt schlie&#223;lich die Geschichte der Verschw&#246;rungen, Aufst&#228;nde und Revolten in den Hafenst&#228;dten der amerikanischen Kolonien, deren an die „gleichmacherischen“ Ideen des „commonismus“ der 1640er ankn&#252;pfenden Impulse ma&#223;geblich f&#252;r die Radikalit&#228;t der amerikanischen Unabh&#228;ngigkeitserkl&#228;rung verantwortlich zeichnen. Auch wenn es der durch diese K&#228;mpfe provozierten konservativen Gegenreaktion letztlich gelang, den politisch konservativen Ausgang der Amerikanischen Revolution zu besiegeln, konnten die Auswirkungen der Auseinandersetzungen der 1760er und 1770er Jahre dennoch nicht so einfach einged&#228;mmt werden. Linebaugh/Rediker identifizieren mehrere „Vektoren“, &#252;ber die sich die Nachrichten, Erfahrungen und Ideen der revolution&#228;ren Umbr&#252;che mit den Seeleuten, SklavInnen und der freien afrikanischen Diaspora zun&#228;chst in die Karibik (Haiti) zerstreuten, und &#252;ber die abolitionistische Bewegung in England sowie die ersten panafrikanistischen Projekte (Sierra Leone) schlie&#223;lich wieder zur&#252;ck in die Alte Welt verwiesen.<br />
An der <em>Vielk&#246;pfigen Hydra</em> ist nicht ganz zu Unrecht kritisiert worden, dass Linebaugh/Rediker oft ein unkritisch romantisierendes Bild des „buntscheckigen“ atlantischen Proletariats zeichnen. Schwerer wiegt jedoch, dass die analytische Sch&#228;rfe der tragenden Begriffe (Erfahrung, Klasse, usw.) meist hinter der episodischen Darstellung zur&#252;cktritt. Damit soll die historische Meisterleistung der gro&#223;artig erz&#228;hlten Geschichte der <em>Vielk&#246;pfigen Hydra</em> keineswegs gemindert werden. Dem Buch ist vielmehr eine &#228;hnlich intensive Rezeption wie Thompsons <em>The Making of the English Working Class</em> zu w&#252;nschen. So wie die Auseinandersetzung mit Thompson ma&#223;gelich zur Neufundierung marxistischer Historiographie beigetragen hat, k&#246;nnte Linebaugh/Redikers Hydra zum zentralen Refernzpunkt einer internationalistischen klassenk&#228;mpferischen Geschichtsschreibung im 21. Jahrhundert werden.</p>
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		<title>Theorien einer Revolte</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:15:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[1968]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Hecken, Thomas: 1968. Von Texten und Theorien aus einer Zeit euphorischer Kritik. Bielefeld: transcript 2008, 18,80 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Hecken, Thomas: 1968. Von Texten und Theorien aus einer Zeit euphorischer Kritik. Bielefeld: transcript 2008, 18,80 €<br />
<span id="more-126"></span><br />
Die ganz gro&#223;e Aufregung rund um das vierzigj&#228;hrige Jubil&#228;um von „1968“ hat sich – den Sommermonaten sei Dank – inzwischen gelegt. F&#252;r diejenigen, die trotz des medialen und publizistischen Wirbels im Fr&#252;hjahr noch immer nicht genug bekommen k&#246;nnen, bieten daher die kommenden Monate Gelegenheit, das Ph&#228;nomen „1968“ abseits der ausgetretenen Pfade – zumeist die Nacherz&#228;hlung bekannter Ereignisse, Stichwort Pariser Mai – unter neuartigen Perspektiven zu betrachten. Eine von vielen M&#246;glichkeiten f&#252;r eine solche Ann&#228;herung stellt das B&#252;chlein <em>1968. Von Texten und Theorien aus einer Zeit euphorischer Kritik</em> von Thomas Hecken dar, erhebt dieser Essay doch bewusst den Anspruch, „&#252;ber ein teilweise unbekanntes, wieder vergessenes 1968 zu sprechen“. Wie bereits aus dem Titel ersichtlich, sind es in erster Linie die rund um „1968“ einflussreichen Schriften, Abhandlungen, Theorien und Diskussionen – kurz, intellektuelle Erzeugnisse aller Art – die der rund 180 Seiten umfassende Band ins Ged&#228;chtnis der LeserInnen zur&#252;ckrufen m&#246;chte. Zu diesem Zweck unternimmt der Autor in dem ersten und umfangreichsten von insgesamt drei Kapiteln unter der &#220;berschrift „Politisch-&#246;konomische Kritik“ zun&#228;chst den Versuch, wichtige Argumente der sogenannten Neuen Linken vorzustellen und dabei die vielf&#228;ltigen Zusammenh&#228;nge der einzelnen Themenfelder nachzuzeichnen, indem er zentrale Texte und Reden der Zeit diskutiert. Ausgehend von dem f&#252;r die Neue Linke namensgebenden Artikel des amerikanischen Soziologen C. Wright Mills im <em>New Left Review</em> und ersten Statements des US-amerikanischen SDS (<em>Students f&#252;r a Democratic Society</em>) zu Beginn der 1960er Jahre spannt Hecken im Folgenden einen weiten Bogen &#252;ber demokratie- und kapitalismustheoretische Texte von Herbert Marcuse und J&#252;rgen Habermas oder die antikolonialen Schriften von Frantz Fanon bis hin zu konkreteren, aktivistisch motivierten Beitr&#228;gen &#252;ber feministischen Protest oder die Legitimit&#228;t von Guerillataktik und bewaffnetem Widerstand vom Ende des Jahrzehnts. Wenngleich ob dieser F&#252;lle unterschiedlicher Ans&#228;tze und der Vielzahl der vorgestellten AutorInnen manche Feinheit unter den Tisch f&#228;llt, gelingt es dem Autor in seiner am historischen Verlauf der Proteste und Revolten orientierten Darstellung nicht nur, zentrale Begriffe und Denkfiguren wie „Entfremdung“, „Fokustheorie“ oder „antiautorit&#228;res Verhalten“ verst&#228;ndlich zu machen, sondern auch und besonders, die Wechselwirkung zwischen dem dynamischen Verlauf der realen K&#228;mpfe und den theoretischen Debatten aufzuzeigen. Gerade weil Hecken keine reine Ideengeschichte betreibt, werden hier die &#220;berlegungen und Theoreme der ProtagonistInnen der sp&#228;ten 1960er Jahre in ihrer inneren Logik und handlungsleitenden Funktion ebenso plastisch nachvollziehbar wie praktische und theoretische Radikalisierungstendenzen.<br />
Zugleich f&#252;hrt diese Form der Beschr&#228;nkung auf Texte und Theorien der sogenannten Neuen Linken jedoch auch zu gewissen Verengungen. Denn obwohl der Autor eingangs die beiden Begriffe „Alte“ und „Neue“ Linke problematisiert, erweckt er im Verlauf seiner Darstellung doch manchmal den Eindruck, als handelte es sich bei letzterer um ein geschlossenes, klar definiertes Programm und als w&#228;re allein diese Neue Linke „1968“ einflussreich gewesen. Infolgedessen &#252;berrascht es nicht, dass Hecken etwa die K&#228;mpfe der ArbeiterInnenklasse, die sich im Rahmen widerspr&#252;chlicher Auseinandersetzungen z. T. durchaus innerhalb der Zentren der sogenannten Alten Linken, d. h. der Gewerkschaften sowie der sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien, formierten und eigene, auch theoretische Konzepte hervorbrachten – z. B. das der „Arbeiterselbstverwaltung“ –, praktisch unber&#252;cksichtigt l&#228;sst. Ebenso scheint „1968“ f&#252;r den Autor lediglich in den USA und Mitteleuropa stattgefunden zu haben, erfahren andere L&#228;nder oder Weltregionen und transnationale Vernetzungen in <em>Von Texten und Theorien aus einer Zeit euphorischer Kritik</em> doch keinerlei Aufmerksamkeit. Diese Reproduktion der ohnehin bereits dominanten Bilder von „1968“ setzt sich leider im zweiten Teil des Buches weitgehend fort. Unter dem Titel „Lebensformen“ widmet sich Hecken hier den verschiedenen gegenund jugendkulturellen Str&#246;mungen der sp&#228;ten 1960er Jahre – z. B. Hippies, KommunardInnen, Rockfans oder K&#252;nstlerInnen – sowie deren theoretisch-intellektuellen Bezugspunkten von Wilhelm Reich bis zur Situationistischen Internationale. Dass letztlich auch dieses Kapitel trotz seines vor allem geographisch (zu) engen Fokus lesenswert ist, verdankt es dem Bem&#252;hen des Autors, den LeserInnen einen Einblick in das konfliktbehaftete und zugleich von gro&#223;en inhaltlichen und personellen &#220;berschneidungen gepr&#228;gte Verh&#228;ltnis der gegenkulturellen Bewegungen zu den explizit politisch orientierten Gruppierungen der Neuen Linken zu gew&#228;hren. Wenngleich dabei manches, das bereits aus dem ersten Kapitel bekannt ist, eine Wiederholung findet, macht es sich grade hier bezahlt, dass Hecken konsequent die ProtagonistInnen jener Zeit durch ihre damals ver&#246;ff entlichten Texte und Pamphlete selbst sprechen l&#228;sst. Ebenfalls positiv hervorzuheben ist der Versuch des Autors, der Frage nach einer Vereinnahmung gegenkultureller Lebensformen und somit nach einer m&#246;glichen Verantwortung der „68er-Bewegung“ f&#252;r gegenw&#228;rtige (neo-)liberale Zust&#228;nde nachzugehen. Denn obwohl der These Heckens, diese Bewegung w&#228;re ihrer Intention nach anti-liberal gewesen und k&#246;nnte daher kaum liberalisierende Effekte gehabt haben, nicht zuzustimmen ist, &#246;ffnet diese Fragestellung doch den Blick daf&#252;r, dass die K&#228;mpfe von „1968“ gerade wegen ihrer m&#246;glichen Folgen f&#252;r die Gegenwart ein derart vieldiskutiertes Thema sind.<br />
Speziell aus dieser Perspektive hochinteressant ist schlie&#223;lich auch das Schlusskapitel des Essays, in dem der zeitgen&#246;ssischen „Kritik an der 68er-Bewegung“ nachgegangen wird. Dabei zeigt der Autor, dass wesentliche Argumente gegenw&#228;rtiger Debatten &#252;ber „1968“ nicht unbedingt neu sind, sondern bereits in den sp&#228;ten 1960ern und fr&#252;hen 1970ern als Kritik von konservativen, liberalen, aber auch linken Intellektuellen – von Habermas bis Hobsbawm – ge&#228;u&#223;ert wurden. Die meisten der von Hecken zusammengetragenen Beitr&#228;ge erscheinen folglich zwar ob ihres teilweise alarmistischen Grundtons &#252;bertrieben und zum Teil skurril, wirken in ihrer inhaltlichen Sto&#223;richtung aber gleichzeitig doch seltsam vertraut. Insofern diese zeitgen&#246;ssischen Einsch&#228;tzungen von „1968“ in der gegenw&#228;rtigen Debatte bisher kaum wahrgenommen wurden, l&#246;st der Autor mit dem Schlusskapitel seines Buches tats&#228;chlich den eigenen Anspruch ein, „&#252;ber ein teilweise unbekanntes, wieder vergessenes 1968 zu sprechen“.<br />
Wenngleich dies f&#252;r den Rest des Buches nur bedingt gilt und <em>Von Texten und Theorien aus einer Zeit euphorischer Kritik</em> an mancher Stelle droht, redundant zu werden, ist die Lekt&#252;re des gut lesbaren Essays doch lohnenswert. Dies gilt insbesondere f&#252;r jene, die sich in knapper Form der theoretischen Seite von „1968“ n&#228;hern m&#246;chten und dabei auf eine klare Sprache, Verst&#228;ndlichkeit und Nachvollziehbarkeit Wert legen. Wer dar&#252;ber hinaus ein umfassenderes Bild erhalten und die auch in Heckens Buch angelegte Reduzierung von „1968“ auf eine jugendliche und studentische Revolte in Mitteleuropa und Nordamerika umgehen m&#246;chte, der/die sei z. B. auf die in <a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/dimensionen-der-rebellionen/"><em>Perspektiven</em> Nr. 5</a> rezensierten Sammelb&#228;nde <em>Weltwende 1968</em> von Jens Kastner und David Mayer und <em>1968 und die Arbeiter</em> von Bernd Gehrke und Gerd-Rainer Horn verwiesen.</p>
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		<title>Perspektiven Nr. 5 (Sommer 2008) erschienen!</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/07/23/perspektiven-nr-5-sommer-2008-erschienen/</link>
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		<pubDate>Wed, 23 Jul 2008 11:17:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>clemens</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
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		<description><![CDATA[Schwerpunkt: 1968 &#8211; Dimensionen der Rebellionen
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			<content:encoded><![CDATA[<p><span class="Apple-style-span" style="font-family: Verdana; font-size: 14px; font-weight: bold; line-height: normal"><a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/category/ausgaben/perspektiven-nr5/" style="color: #666666; text-decoration: none; padding: 0px; margin: 0px">Schwerpunkt: 1968 &#8211; Dimensionen der Rebellionen</a></span></p>
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		<title>Editorial</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/05/05/editorial-5/</link>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:59:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 5]]></category>
		<category><![CDATA[1968]]></category>
		<category><![CDATA[Editorial]]></category>
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		<description><![CDATA[1968 war ein gutes Jahr.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>1968 war ein gutes Jahr.</p>
<p><span id="more-102"></span></p>
<p>Wer hat sie nicht schon mal gesehen, die Geburtstagskarten, die zumeist vor Trafiken (f&#252;r unsere deutschen LeserInnen: Tabakl&#228;den) ausgestellt sind und das immer gleiche von jeder m&#246;glichen Jahreszahl behaupten. Die Jubilarin oder der Jubilar darf sich dann freuen und im Inneren des Billets lesen, welche gro&#223;en Ereignisse neben ihrem oder seinem Erscheinen in der Welt dieser noch ihren Stempel aufgedr&#252;ckt haben. Das Jahr 1968 war da so gut wie jedes andere. Dass dem nicht so ist, zeigt die Tatsache, dass heuer das Jahr selbst Geburtstag feiern darf – welchem anderen ist das schon verg&#246;nnt – und die Gl&#252;ckwunschkarten liegen als Bild- und Sammelb&#228;nde, Monografien und Memoiren in Buchl&#228;den auf, Nostalgierunden in Funk und Fernsehen begleiten die Feierlichkeiten. Doch auch abgerechnet wird mit 1968, alles B&#246;se auf der Welt vom islamischen Terrorismus bis quengelnden Kleinkindern ist seine Schuld und die der Brut, die das Jahr hervorgebracht hat: die „68er“.</p>
<p>Die vorliegende Ausgabe von <em>Perspektiven</em> will mit all dem m&#246;glichst wenig zu tun haben. Nichts mit den nostalgischen Veteranentreffen (seltener kommen auch Veteraninnen zu Wort), in denen von 1968 gesprochen wird wie von aufregenden Jugendsp&#228;&#223;en im Sommercamp. Und auch sicher nichts mit den wehleidigen Abrechnungen mit der eigenen Vergangenheit, derer man sich angesichts der konformistischen Gegenwartsexistenz glaubt sch&#228;men zu m&#252;ssen. Stattdessen sollen Schlaglichter auf die Revolte geworfen werden, die ein Verst&#228;ndnis der vielf&#228;ltigen Dimensionen der Rebellionen erm&#246;glichen und die unter dem Berg von Erinnerungsm&#252;ll versch&#252;ttete Vielfalt des gro&#223;en Aufbegehrens gegen den globalen Kapitalismus diskutierbar machen.</p>
<p>Dass es mehr als eine Studierendenrevolte war, betont das einleitende Interview mit <em>Chris Harman</em>; gest&#252;tzt und ausgef&#252;hrt wird diese These von <em>Marcel van der Linden</em>. <em>Veronika Duma </em>sprach mit dem Sozialhistoriker &#252;ber das <em>R&#228;tsel der Gleichzeitigkeit</em>, dem simultanen Aufbruch in so vielen unterschiedlichen Weltregionen, von Berkeley bis Berlin, von Prag bis Mexiko-Stadt. In Deutschland tobt derweil die Debatte um den angeblich undemokratischen Charakter der Studierendenbewegung von 1968 und ihrer zentralen Organisationsstruktur, dem SDS. <em>Alex Demirovic </em>h&#228;lt dem entgegen, dass Selbstreflexivit&#228;t und demokratisches Potential nicht im Gegensatz zur Wiederentdeckung sozialistischer Traditionen standen und stehen, sondern sich im Gegenteil wechselseitig beding(t)en. Aus dem Berg von Neuerscheinungen zum Thema hat <em>Felix Wiegand </em>sich zwei der interessantesten Sammelb&#228;nde herausgegriffen und diskutiert „Weltwende 1968?“ und „1968 und die Arbeiter“, die das Scheinwerferlicht auf den weltumspannenden Zusammenhang sowie die proletarischen, klassenk&#228;mpferischen Aspekte der Revolten richten.<em> Philipp Probst</em> schlie&#223;lich erz&#228;hlt die Geschichte von MC5, der vielleicht aufregendsten Band der US-amerikanischen <em>counter culture </em>der 1960er Jahre, im Spannungsfeld von LSD, <em>black power</em> und Kulturrevolution.</p>
<p>Au&#223;erhalb des Schwerpunkts gibt es Teil zwei der Serie <em>zum politischen Erbe der russischen Revolution</em>: <em>Benjamin Opratko </em>nimmt sich „Zeit f&#252;r Lenin“ und fragt, was eine undogmatische Linke heute noch von diesem toten Hund der marxistischen Theorie lernen kann. Die globale Finanzkrise, ausgel&#246;st vom Platzen der Spekulationsblase<br />
rund um Immobilienhypotheken in den USA, wird vom US-amerikanischen Wirtschaftshistoriker Robert Brenner analysiert.</p>
<p>Zu guter Letzt gibt es Rezensionen zur feministischen Intersektionalit&#228;tsforschung, transnationalen Arbeitskonflikten und David Harveys „kleiner Geschichte des Neoliberalismus“.</p>
<p>Viel Freude bei der Lekt&#252;re, und schafft zwei, drei viele 1968!</p>
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		<title>Mehr als eine Studierendenrevolte</title>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:57:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 5]]></category>
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		<description><![CDATA[<em>Chris Harman</em> war 1968 studentischer Aktivist an der London School of Economics. Mit <em> Stefan Bornost</em> sprach er &#252;ber sein nun auf deutsch &#252;bersetztes Buch „1968. Eine Welt in Aufruhr“.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Chris Harman</em> war 1968 studentischer Aktivist an der London School of Economics. Mit <em> Stefan Bornost</em> sprach er &#252;ber sein nun auf deutsch &#252;bersetztes Buch „1968. Eine Welt in Aufruhr“.</p>
<p><span id="more-103"></span><br />
<em>1968 war viel mehr als eine Studierendenrevolte – das ist eine zentrale These deines Buchs. Was meinst du damit?</em></p>
<p>1968 verdichteten sich verschiedene krisenhafte Entwicklungen im Weltkapitalismus – zum einen der Krieg der USA in Vietnam: Er startete als Polizeioperation um die amerikanische Hegemonie zu verteidigen. In den Vorjahren hatte es Dutzende solcher Eins&#228;tze gegeben – beispielsweise in der Dominikanischen Republik oder im Kongo. Diese Eins&#228;tze waren kurz und, im amerikanischen Sinne, erfolgreich. Nichts deutete drauf hin, das die Intervention in Vietnam anders sein w&#252;rde als die vorherigen Eins&#228;tze. Doch Vietnam war anders. Die b&#228;uerliche Guerilla war stark in der Bev&#246;lkerung verankert und durch ihre kommunistischen Kader straff organisiert.<br />
Die Tet-Offensive im Januar 68 machte auch der amerikanischen Bev&#246;lkerung deutlich, das dieser Krieg anders war – und nicht zu gewinnen. Er wurde immer brutaler, die Kosten explodierten und die US-Armee revoltierte. Das ersch&#252;tterte nat&#252;rlich die Ideologie vom „freien Westen“ und war einer der wesentlichen Triebfedern der Revolte.<br />
Ein zweiter Krisenfaktor war die widerspr&#252;chliche Entwicklung des s&#252;deurop&#228;ischen Kapitalismus. In Frankreich, Italien und Spanien hatte sich der Kapitalismus nach dem Krieg wieder stabilisiert. Das ma&#223;geblich von der katholischen Kirche gepr&#228;gte gesellschaftliche Klima war bedr&#252;ckend, die Regierungen autorit&#228;r: Die Pr&#228;sidialherrschaft de Gaulles in Frankreich, die Franco-Diktatur in Spanien und die Dauerregierung der konservativen Democrazia Christiana (DC) in Italien.<br />
Gleichzeitig ver&#228;nderte sich durch die Industrialisierung die Struktur der ArbeiterInnenklasse. Junge ArbeiterInnen vom Land kamen in die Fabriken, arbeiteten unter schlechtesten Bedingungen und radikalisierten sich. Diese neue Generation sah sich von den bestehenden politischen Parteien, sowohl den konservativen als auch den b&#252;rokratisierten kommunistischen, nicht repr&#228;sentiert – und bildeten den Kern eines Aufstands in den Betrieben, der sich in Italien sogar &#252;ber Jahre hinzog.<br />
Auch in Osteuropa endete die Friedhofsruhe. 1965 hatten Jacek Kuroń und Karol Modzelewski eine marxistische Kritik an der polnischen Gesellschaft verfasst und waren zu drei Jahren Gef&#228;ngnis verurteilt worden – unter dem Protest von Studenten der Universit&#228;t Warschau. Dieser wurde aber von der Polizei unterdr&#252;ckt. 1968 drangen dann die Nachrichten &#252;ber die politische &#214;ffnung in der Tschechoslowakei nach Polen durch und 4.000 Studierende demonstrierten und besetzen die polytechnische Universit&#228;t in Warschau. In den folgenden Wochen lieferten sich in den polnischen Universit&#228;tsst&#228;dten Studierende und junge ArbeiterInnen erbitterte Auseinandersetzungen mit der Polizei. Gleichzeitig gewann die Bewegung in der Tschechoslowakei so an Dynamik, dass die Sowjetf&#252;hrung die Panzer rollen lie&#223;. Zusammengenommen war dies die gr&#246;&#223;te politische Ersch&#252;tterung des Ostblocks seit Anfang der F&#252;nfziger Jahre.<br />
Das vierte Element der Krise von 1968 war der Aufstand der Schwarzen in den USA. Nach dem Amerikanischen B&#252;rgerkrieg endete zwar die Sklaverei, nicht aber die rassistische Unterdr&#252;ckung. Im S&#252;den wurde die Rassentrennung per Gesetz abgesichert, im Norden waren die Schwarzen formell frei, aber &#246;konomisch und sozial unterdr&#252;ckt. Diese Spannung entlud sich vor allem in den Ghettoaufst&#228;nden und der Formierung radikaler und auch revolution&#228;rer schwarzer Organisationen.<br />
All diese Elemente zusammen machen das explosive Gemisch von 68 aus – deshalb ist jede Reduzierung, etwa auf einen Generationenkonflikt, zu platt. Aber nat&#252;rlich war es so, dass die Widerspr&#252;che, wie bei jedem <span> </span>gesellschaftlichen Umbruch, von jungen Menschen am deutlichsten empfunden worden – weswegen sie auch das Bild der Demonstrationen und Streiks pr&#228;gten.</p>
<p><em>40 Jahre nach der Revolte ziehen viele Alt-68er Bilanz. Was w&#228;re deine?<o></o></em></p>
<p>Offensichtlich ist das erkl&#228;rte Ziel vieler damaliger Aktivisten – den Kapitalismus durch eine menschenw&#252;rdigere Gesellschaft zu ersetzen – nicht erreicht worden. Dennoch wurde die herrschende Ordnung ersch&#252;ttert. In L&#228;ndern wie Italien dauerte es &#252;ber zehn Jahre, bis sich das politische System wieder im Sinne der Herrschenden stabilisiert hatte. Dazu waren, gerade in L&#228;ndern des S&#252;dens, enorme Repressionen notwendig. Allein die Tatsache, dass in einem Land wie Chile zehntausende linke Aktivisten durch das Milit&#228;r umgebracht werden mussten, um den Status quo wieder herzustellen, spricht B&#228;nde &#252;ber das Ausma&#223; der Radikalisierung.<br />
Von der Bewegung wurden aber auch konkrete Erfolge errungen. Denn Repression war nicht die einzige Methode der Herrschenden, um die 68er wieder einzufangen – es wurden auch Reformen zugestanden. In Deutschland beispielsweise war die kurze „Reform&#228;ra“ unter Willy Brandt ein Resultat der Studierendenrevolte und des darauf folgenden Aufschwungs von ArbeiterInnenk&#228;mpfen. Auch der Abzug der US-Armee aus Vietnam ist das Ergebnis von drei miteinander kombinierten Bewegungen: der bewaffneten Widerstandsbewegung der VietnamesInnen, der Friedensbewegung – vor allem in den USA, aber auch im Rest der Welt – und dem Widerstand innerhalb der amerikanischen Streitkr&#228;fte. Direktes Resultat war, dass die US-Armee jahrelang nicht mehr in anderen L&#228;ndern interveniert hat</p>
<p><em>’68 und heute: Wo siehst du Parallelen, wo Unterschiede?</em></p>
<p>Genau wie 1968 gibt es auch heute wieder global agierende Bewegungen – zu nennen sind vor allem die Globalisierungskritische Bewegung und die von vielen ihrer AktivistInnen getragenen weltweiten Anti-Kriegs-Proteste.<br />
Die Bewegungen Anfang des 21. Jahrhunderts waren von den Zahlen her viel gr&#246;&#223;er als 1968. An der gro&#223;en Demonstration gegen den drohenden Angriff auf den Irak am 15. Februar 2003 nahmen weltweit elf Millionen Menschen teil, Hunderttausende demonstrierten in Seattle, Genua, Heiligendamm und vielen anderen Orten gegen die kapitalistische Globalisierung. Wenn wir noch die unz&#228;hligen Menschen hinzuz&#228;hlen, die auf den verschiedenen Weltund Europ&#228;ischen Sozialforen miteinander diskutiert haben, dann stellt die Breite des Aktivismus 1968 in den Schatten. Der entscheidende Unterschied liegt aber in der Frage der Strategie der Gesellschaftsver&#228;nderung. 1968 platzte der franz&#246;sische Generalstreik in die Debatten der antikapitalistischen Minderheit. Die ArbeiterInnenbewegung wurde so zum strategischen Fokus, allgemein anerkannt als zentrale Kraft um die Gesellschaft grundlegend zu ver&#228;ndern.<br />
Heute sind wir in einer Phase, in der die ArbeiterInnenbewegung erst anf&#228;ngt, sich von schweren Niederlagen und organisatorischen Krisen zu erholen. Oftmals werden Gewerkschaften, gerade wenn sie noch stark in sozialpartnerschaftlichen Traditionen verhaftet sind, als konservative Kraft wahrgenommen. Zwischen der potentiellen Macht der Klasse und ihrer realen Aus&#252;bung klafft eine gro&#223;e L&#252;cke.<br />
Deshalb gibt es keine klare Antwort auf die Frage: Wer hat die Macht, die Welt grundlegend zu ver&#228;ndern?<br />
Dabei geht es der Masse der lohnabh&#228;ngig Besch&#228;ftigten nach 30 Jahren neoliberaler Angriffe viel schlechter als 1968. Das f&#252;hrt auf der einen Seite zu Demoralisierung und Zersplitterung der ArbeiterInnenbewegung. Auf der anderen Seite bedeutet dies aber auch, dass eine Revolte wie ’68 weiter ausgreifen k&#246;nnte, weil die Kritik am globalen Kapitalismus viel allgemeiner ist. Wir sind in einer Zwischenphase zwischen gro&#223;en Revolten – wie die n&#228;chste aussieht wird auch davon abh&#228;ngen, ob es die Linke schafft, die Br&#252;cke zwischen der konkreten Lebenssituation der ArbeiterInnenklasse und einer radikalen Kritik des Kapitalismus zu schlagen.</p>
<p>Das Interview ist zuerst erschienen in <em><a href="http://www.marx21.de" target="_blank">marx21. Magazin f&#252;r internationalen Sozialismus</a> </em>5 (2008).</p>
<p>Mit freundlicher Genehmigung von <em>marx21.</em></p>
<p>Chris Harman ist Herausgeber des in London erscheinenden <em><a href="http://www.isj.org.uk" target="_blank">International Socialism Journal</a>.</em></p>
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		<title>Die Gleichzeitigkeit der Revolte</title>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:56:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<em>Veronika Duma</em> sprach mit dem Sozialhistoriker <em>Marcel van der Linden</em> &#252;ber die globalgeschichtliche Perspektive auf 1968, die Zusammenh&#228;nge von ArbeiterInnen- und Studierendenrevolte und die Bedeutung der Chiffre 1968 f&#252;r die Linke heute.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Veronika Duma</em> sprach mit dem Sozialhistoriker <em>Marcel van der Linden</em> &#252;ber die globalgeschichtliche Perspektive auf 1968, die Zusammenh&#228;nge von ArbeiterInnen- und Studierendenrevolte und die Bedeutung der Chiffre 1968 f&#252;r die Linke heute.<br />
<span id="more-104"></span><br />
<em>In dem Sammelband „Weltwende 1968“ beleuchtet ihr das Jahr 1968 aus globalgeschichtlicher Perspektive. Warum ist es gerechtfertigt – bei aller Vielfalt und Ungleichzeitigkeit der Ereignisse um 1968 – von einem globalgeschichtlichen Ansatz auszugehen bzw. gegen welche anderen Deutungen und Herangehensweisen richtet sich der globalgeschichtliche Ansatz?</em></p>
<p>Was auff&#228;llt ist, dass es um 1968 &#252;berall in der Welt zu einem Aufleben des Protestes von Studierenden und von ArbeiterInnen kam – wir sehen 1968 dabei als eine Chiffre, die ungef&#228;hr eine Periode zwischen 1965 und 1975 bezeichnet. Das kann Zufall sein, das ist m&#246;glich. Aber ich gehe davon aus, dass es kein Zufall ist, sondern dass es urs&#228;chliche Zusammenh&#228;nge gibt, die untersucht werden m&#252;ssen, um diese Gleichzeitigkeit zu erkl&#228;ren. Die traditionelle  Geschichtsschreibung beschr&#228;nkt sich nur auf den nordatlantischen Raum. Es gibt viele  Zwei-L&#228;nder-Vergleiche, wobei sich diese haupts&#228;chlich mit L&#228;ndern wie den USA, England, Frankreich, Deutschland oder Italien besch&#228;ftigen. Sehr selten kommt vielleicht noch Japan  hinzu, aber Lateinamerika, Afrika oder gro&#223;e Teile Asiens kommen in der Analyse eigentlich nicht vor. Dann sieht man diese Gleichzeitigkeit, diese globalen Gegebenheiten gar nicht, und  folglich werden diese auch nicht zu einer Frage. Insofern kann man den Sammelband auch als Intervention verstehen, als Versuch zu zeigen, dass es dieselben Entwicklungen auch in  anderen Teilen der Welt gegeben hat. Dadurch kann eine neue Sicht auf diese Periode entstehen.</p>
<p><em>Wie schon angesprochen wird 1968 in diesem Buch als Chiffre gehandhabt, die f&#252;r einen l&#228;ngeren Zeitraum gesellschaftlicher Umbr&#252;che, Rebellionen und politischer Mobilisierung steht. Auf die Frage, wie weit dieser Zeitraum gefasst werden soll, gibt es unterschiedliche Antworten, die nicht zuletzt R&#252;ckschl&#252;sse auf die allgemeine Deutung von 1968 zulassen.  Welche Periodisierung w&#252;rden Sie vorschlagen, und warum?</em></p>
<p>Ich habe mich an der Frage orientiert, wann sich das Aufleben der Proteste denn eigentlich transkontinental artikuliert hat. Ich w&#252;rde sagen, dass dies in der zweiten H&#228;lfte der 1960er Jahre deutlich wird. Als eines der allerersten Anzeichen w&#228;re da vielleicht das „Mississippi  Summer Project“ in den USA 1964 zu nennen. Von diesem Zeitpunkt an nimmt die Intensit&#228;t der Proteste zu. Es gibt vergleichende Studien &#252;ber Streikverhalten, aus denen hervorgeht,  dass in dieser Periode in vielen Teilen der Welt ein Aufleben von ArbeiterInnenk&#228;mpfen sichtbar wird. Gleichzeitig gibt es sehr viele studentische Bewegungen, ebenfalls zuerst wieder in den USA und sp&#228;ter dann in anderen Teilen der Welt. In Mexiko z.B. werden 1968 mindestens  f&#252;nfzig StudentInnen von der Polizei ermordet; in Argentinien kommt es 1969 zu dem so genannten Cordobazo, bei dem die Stadt Córdoba von ArbeiterInnen in Zusammenarbeit mit  StudentInnen zu einem befreiten Gebiet erkl&#228;rt wurde. So zeichnet sich eine Welle ab, die  etwa 1974/75 abebbt – um 1976 ist es dann vorbei. In Europa sieht man das z.B. an dem  ver&#228;nderten Streikverhalten, aber auch an Niederlagen der sehr ma&#223;geblichen radikalen Linken, etwa in Italien mit den Wahlen von 1976. Die Periodisierung bleibt immer ein bisschen willk&#252;rlich, weil jeder Protest nat&#252;rlich seine Vorgeschichte hat. Es gibt eigentlich keine richtig guten Kriterien und Ma&#223;st&#228;be die man verwenden kann, um zu sagen: „genau da hat die Bewegung angefangen“. Aber weitgehend besteht Einigkeit dar&#252;ber, 1968 als Chiffre f&#252;r eine Periode von  etwa acht bis zehn Jahren zu verstehen.</p>
<p><em>Der Titel Ihres Beitrages lautet: „1968: Das R&#228;tsel der Gleichzeitigkeit“. Welche  Erkl&#228;rungsans&#228;tze schlagen Sie vor, um die Synchronit&#228;t, um 1968 im Weltma&#223;stab zu begreifen?</em></p>
<p>Erstmal m&#246;chte ich sagen, dass mein Aufsatz sehr tentativ ist und eine genauere Analyse erst noch vorgenommen werden m&#252;sste. Ich w&#252;rde drei Faktoren vorschlagen, die uns helfen k&#246;nnten, 1968 im Weltma&#223;stab zu verstehen. Erstmal gibt es eine weltweite Expansion des  Bildungssektors. Die L&#228;nder mit wenig wirtschaftlichem Wachstum erlebten ebenso eine Expansion des Bildungssektors wie die reichen, avancierten kapitalistischen L&#228;nder. Es gibt  verschiedene Ans&#228;tze zur Erkl&#228;rung, warum das so sein k&#246;nnte. Immer mehr Leute werden alphabetisiert, die Zahl der Sch&#252;lerInnen an den Gymnasien steigt und die Universit&#228;ten  expandieren. Die Expansion des Bildungssektors hat mehrere Auswirkungen: wenn die relative Zahl der Studierenden sehr stark zunimmt, dann nimmt nat&#252;rlich auch ihre gesellschaftliche Bedeutung zu. Das zweite ist, dass durch diese Expansion ganz neue Gesellschaftsschichten in  der Universit&#228;t vertreten sind. Als es noch die kleinen Eliteuniversit&#228;ten gab, waren die meisten Studierenden Kinder von Studierenden. Aber in den sp&#228;ten 50er und 60er Jahren sieht man  weltweit, dass immer mehr Kinder aus anderen Schichten auch auf die Unis kommen. Diese haben oft ein anderes Verh&#228;ltnis zum Studium als AkademikerInnen. Damit h&#228;ngt auch die Entwicklung eines gewissen gewerkschaftlichen Bewusstseins zusammen. In vielen L&#228;ndern kommt es zur Bildung von StudentInnengewerkschaften. Die &#228;lteste ist nat&#252;rlich die Unef in Frankreich. Auch in Holland, in vielen romanischen L&#228;ndern, in Lateinamerika oder in Teilen  S&#252;dostasiens hat es solche Gewerkschaften gegeben. Durch die Massifizierung der Universit&#228;ten wurden die Verh&#228;ltnisse immer mehr anonymisiert. In einer Eliteuniversit&#228;t war es  normal, dass ein Professor seine StudentInnen alle pers&#246;nlich kannte. Es gab auch immer nur ganz wenige Studierende um den Professor herum. Es gab vielleicht noch einen Assistenten,  aber noch keine Zwischenschicht, wie sie sp&#228;ter, mit dem Wachsen der Universit&#228;ten entstanden ist. Zwischen den Professoren und den Studierenden befindet sich eine Schicht  von DozentInnen, a.o. Professoren, wie sie in &#214;sterreich hei&#223;en, usw. Es kommt zudem zu Quantifizierungen, Formalisierung und zu einer Anonymisierung. Die Uni erh&#228;lt immer mehr einen betrieblichen Charakter. Dann wird auch ein gewerkschaftliches Verhalten naheliegender.<br />
Der zweite Faktor, den ich in Betracht ziehe, ist die wirtschaftliche Entwicklung. Nach dem zweiten Weltkrieg kam es zu einer langen Welle wirtschaftlichen Wachstums. Das gilt sowohl f&#252;r die hoch entwickelten kapitalistischen L&#228;nder als auch f&#252;r die weniger entwickelten kapitalistischen L&#228;nder. Das gilt ebenso f&#252;r den so genannten realen Sozialismus. Das Wirtschaftswachstum hielt bis Anfang der 60er Jahre an, w&#252;rde ich sagen. Das war ein weltweites Ph&#228;nomen. Mit dem Anstieg des Wohlstands ging dann beispielsweise die Entwicklung einer neuen  Konsumorientierung einher. Es entstand auch zum ersten Mal in der Geschichte eine Jugendkultur. Auf einmal gab es spezielle Kleidung und Musik f&#252;r Jugendliche – vor 1960 war das alles nicht so. Die Jugendlichen entwickelten ihre eigenen Subkulturen. Ein anderer Aspekt ist, dass, wenn das Wirtschaftswachstum anh&#228;lt, die Erwartungen bez&#252;glich  Lohnerh&#246;hungen und wachsendem Wohlstand steigen. Wenn diese dann entt&#228;uscht werden, kann gro&#223;e Unzufriedenheit entstehen. Mitte der 1960er Jahre sehen wir die ersten Anzeichen  einer Krise im Akkumulationsprozess. Die Krise mag dazu beigetragen haben, dass es weltweit eine Intensivierung der Arbeitsk&#228;mpfe gegeben hat. Nat&#252;rlich spielen auch die  Arbeitsverh&#228;ltnisse im Fordismus, die von Anonymisierung und Formalisierung gekennzeichnet sind, eine Rolle.<br />
Der letzte Faktor, den ich nenne, ist die Dekolonisation und ihre Auswirkungen. Der Prozess der Dekolonisation ging mit der Entstehung von Studierendenbewegungen in Afrika, Asien usw. einher. Gleichzeitig wurden StudentInnen in den reicheren L&#228;ndern von den verschiedenen  Rebellionen inspiriert, von Che Guevara, den Befreiungsbewegungen in Mosambik, von der Kubanischen Revolution – David Mayer schreibt dar&#252;ber in diesem Sammelband. Vor allem in Lateinamerika spielte diese Revolution eine wichtige Rolle. Auch die chinesische Kulturrevolution hatte weltweite Auswirkungen. Von vielen Menschen im Westen wurde sie falsch interpretiert und als anti-b&#252;rokratischer Massenkampf verstanden. Schon Mitte der 1960er Jahre gab es in  vielen Teilen der Welt maoistische Gruppen, die sehr aktiv waren. Dazu z&#228;hlen etwa die Naxaliten in Indien. Die Gruppe hat sich 1967 in dem Dorf Naxalbari gegr&#252;ndet. Auch in Sri Lanka gab es Maoisten…<br />
Alle diese Entwicklungen und Ereignisse kulminierten im Jahre 1968: es gab den Pariser Mai, den Prager Fr&#252;hling, die Tet-Offensive in Vietnam, das Massaker in Mexiko usw.</p>
<p><em>In der allgemeinen Erinnerung wird das Jahr 1968 meist mit StudentInnenrebellionen in Verbindung gebracht. In Ihrem Artikel betonen Sie vor allem die proletarische Dimension von 1968. Wieso erhielten die ArbeiterInnenk&#228;mpfe bisher so wenig Aufmerksamkeit und warum ist es wichtig, diesem Aspekt gr&#246;&#223;ere Beachtung zu schenken?</em></p>
<p>Also ich glaube, Intellektuelle schreiben gerne &#252;ber Intellektuelle. So wie JournalistInnen gerne &#252;ber JournalistInnen schreiben. Oft sind die Ereignisse um 1968 Teil ihrer eigenen Autobiographie. Ich meine, dass man nicht &#252;ber den Pariser Mai schreiben kann, wenn die ArbeiterInnenk&#228;mpfe im Mai, Juni 1968 nicht erw&#228;hnt werden. Das w&#228;re eine Verzerrung der Wirklichkeit. Das gleiche gilt nat&#252;rlich f&#252;r den hei&#223;en Herbst in Italien 1969 usw.</p>
<p><em>Sie betonen, dass es in manchen L&#228;ndern zu einem Zusammenschluss von ArbeiterInnen und StudentInnen kam und in anderen nicht. Was k&#246;nnten Gr&#252;nde daf&#252;r sein, dass unter  bestimmten Umst&#228;nden Koalitionen zwischen StudentInnen und ArbeiterInnen m&#246;glich waren und unter anderen Umst&#228;nden nicht?</em></p>
<p>Es gibt viele Faktoren, die da eine Rolle spielen. Ein Aspekt betrifft die Kommunikation der Studierenden mit den ArbeiterInnen. Es gibt empirische Hinweise darauf, dass StudentInnenbewegungen, bei denen ein gro&#223;er Anteil der Studierenden aus der Unterschicht  kommt, sich eher mit ArbeiterInnenk&#228;mpfen verbinden. Die Forderungen von Studierenden werden je nach ihrer gesellschaftlichen Lage unterschiedlich sein. Wenn StudentInnen aus  ArbeiterInnenmilieus oder Bauernmilieus kommen, werden sie im Allgemeinen auch umso eher praktische Interessen in den Vordergrund stellen, etwa die Organisation des Studiums, die Kosten, die Studiengeb&#252;hren usw., w&#228;hrend aus den h&#246;heren Milieus ganz andere, etwas freischwebende Kritik kommt. Auf der anderen Seite m&#252;ssen nat&#252;rlich auch die Gewerkschaften eine Zusammenarbeit erlauben. In Deutschland war es ja so, dass die Gewerkschaften stark  zentralisiert waren und deshalb die zentrale Gewerkschaftsb&#252;rokratie direkten Einfluss auf die Basis haben konnte. Oft wurde ein Dialog zwischen ArbeiterInnen und StudentInnen bewusst  unm&#246;glich gemacht. Ausnahmen gab es nur ab und zu, z.B. als die IG Metall 1967-68 die Kampagne gegen die Notstandsgesetze mitgetragen hat. Im Allgemeinen ist die Aussage  zutreffend, dass, je st&#228;rker und je zentralisierter eine Gewerkschaft ist, umso weniger wird sie eine Zusammenarbeit mit StudentInnen erm&#246;glichen. Wenn eine Gewerkschaft sehr dezentral  funktioniert, k&#246;nnen verschiedene Ortsgruppen ihre eigenen Sachen machen, was die M&#246;glichkeit von Zusammenarbeit f&#246;rdert. Je schw&#228;cher die Gewerkschaft ist, desto mehr  profitiert sie von der Unterst&#252;tzung anderer. Ich glaube, darin liegt zum Teil die Erkl&#228;rung, warum z.B. in Italien eine Koalition zwischen StudentInnen und ArbeiterInnen &#246;fter  vorgekommen ist als etwa in Deutschland.</p>
<p><em>Welche L&#228;nder, vor allem au&#223;erhalb Europas, w&#228;ren ein gutes Beispiel f&#252;r so eine Koalition?</em></p>
<p>Argentinien 1969, Córdoba, ist, denke ich, ein sehr gutes Beispiel. Es gab auch in S&#252;dafrika, zwischen schwarzen StudentInnen und Gewerkschaften gute Zusammenarbeit. In vielen F&#228;llen haben auch entweder Studierende oder ArbeiterInnen im Alleingang rebelliert.</p>
<p><em>In Ihrem Beitrag widmen Sie sich haupts&#228;chlich StudentInnenund ArbeiterInnenbewegungen. Wie ordnen Sie jene Bewegungen ein, die unter dem Begriff „neue soziale Bewegungen“ zusammengefasst werden (z.B. Frauen-,  B&#252;rgerInnenrechts- oder Friedensbewegung)? </em></p>
<p>Also erstmal grunds&#228;tzlich: neue soziale Bewegungen gibt es nicht. Ich bin der Meinung, dass der Begriff irref&#252;hrend ist. In dem Buch „Transnational Labour History“ erkl&#228;re ich diese Behauptung genauer. Wenn die verschiedenen Protestformen historisch studiert werden, dann  wird erkennbar, dass die so genannten neuen sozialen Bewegungen gar nicht so neu sind. Der Begriff sollte ja im Wesentlichen dazu dienen, alte soziale Bewegungen, wie etwa die  ArbeiterInnenbewegung, von den neuen Bewegungen abzugrenzen, um ihre vermeintliche Andersartigkeit, z.B. ihre Expressivit&#228;t, hervorzuheben. Der amerikanische Soziologe Craig  Calhoun hat einen Artikel mit dem Titel „New social movements in the early nineteenth century“ geschrieben. Er zeigt, dass die alten Bewegungen genauso auf Selbstexpressivit&#228;t  zielten wie die so genannten neuen sozialen Bewegungen jetzt. Es ist wahrscheinlich, dass, wenn es eine Welle von Massenprotesten gibt, am Anfang der expressive und k&#252;nstlerische  Aspekt ganz wichtig ist. Mit der Zeit durchl&#228;uft die Bewegung oft eine Routinisierung und expressive Aspekte werden geschw&#228;cht. Ich denke, genau das konnten wir in den 60er Jahren  beobachten. Es gab alte Bewegungen wie Gewerkschaften und die Sozialdemokratie, dann entstanden neue, expressivere Bewegungen. Aber die Themen und die Aktionsmittel dieser  Bewegungen sind nicht sehr weit von jenen &#228;lterer Bewegungen entfernt. Der amerikanische Soziologe Charles Tilly kommt zu der Folgerung, dass es eigentlich nur wenige Innovationen in  der Protestwelle von 1966 bis 1976 gegeben hat. Eine davon sei, dass die Eroberung des &#246;ffentlichen Raumes wichtiger geworden ist, d. h. es kam zu Platzbesetzungen,  Institutsbesetzungen etc. Aber zu den so genannten neuen sozialen Bewegungen: Die Frauenbewegung ist ja zum gr&#246;&#223;ten Teil eine Reaktion auf das Macho-Verhalten in der  StudentInnenbewegung und vielleicht auch in der ArbeiterInnenbewegung. Sie sprach auch M&#228;ngel in den fr&#252;heren Bewegungen um 1968 an. An dieser Stelle muss erw&#228;hnt werden, dass  es Frauenbewegungen ja auch schon fr&#252;her gab, n&#228;mlich in den 1920er Jahren und im 19. Jahrhundert. Mitte der 1960er Jahre entstanden wieder Ans&#228;tze einer Bewegung, aber die neue Frauenbewegung hat in den meisten L&#228;ndern eigentlich erst so um 1969 ihren Anfang genommen. Auch die Umweltbewegung bildete sich erst nach 1968. Es gab zwar schon davor ein paar Leute, die erkannt haben, dass das Umweltproblem wichtig werden w&#252;rde. Aber im Weltma&#223;stab ist die Umweltbewegung eigentlich erst Ende der 1970er und in den 1980er Jahren<br />
wichtig geworden. Diese Bewegungen stellen sehr wichtige Aspekte der Protestwellen dar.</p>
<p><em>Der Titel der Sammelbandes – „Weltwende 1968?“ – verweist auf die Frage, ob die Ereignisse um 1968 zu einer solchen Wende f&#252;hrten, ob diese globale Ver&#228;nderungen mit sich brachten. Kann 1968 Ihrer Meinung nach als Weltwende verstanden werden? Wenn ja, inwiefern und an welchen Auswirkungen im Weltma&#223;stab w&#252;rden Sie diese festmachen?</em></p>
<p>Hm, das ist die Gretchenfrage. Ich denke, die Bewegung ist als solche in einer Niederlage geendet. Emanzipation, Frauenbefreiung, ArbeiterInnenr&#228;te, da ist noch ein weiter Weg zu gehen. Wir sehen nat&#252;rlich auch, dass viele der M&#228;nner und Frauen, die damals aktiv waren,  ins andere Lager gewechselt sind. Joschka Fischer z.B., und wie sie alle hei&#223;en. Das ist schon schlimm. Gerade habe ich gelesen, dass der neue Chefredakteur vom Springerkonzern ein alter Autonomer ist, Thomas Schmid… Auf der anderen Seite denke ich, dass diese Bewegung vieles bewirkt hat. Man muss sehen, dass 1968 kulturelle Auswirkungen gehabt hat. So wurden etwa autorit&#228;re Verh&#228;ltnisse angekratzt, im Arbeitsverh&#228;ltnis, im Studium usw., auch wenn diese  Ver&#228;nderungen nicht so weit gegangen sind, wie es wahrscheinlich eigentlich gewollt war. Trotzdem sind wichtige &#196;nderungen passiert. Aber es gibt einen Haken daran. Mit der &#220;berwindung der alten autorit&#228;ren Verh&#228;ltnisse – obwohl das System nat&#252;rlich letztendlich autorit&#228;r bleibt – kam es gleichzeitig zu einem Modernisierungsschub des Kapitalismus. Das hat zu einer Pervertierung der Ideale der Bewegungen von damals gef&#252;hrt. Ein Beispiel ist das Ideal der Selbstentfaltung, das jetzt zu „jeder ist Unternehmer seiner selbst“ umformuliert wurde. Das macht die Auswirkungen von 1968 ambivalent. Ich glaube schon, dass es positive Einfl&#252;sse gegeben hat, aber gleichzeitig hat es auch – weil die Bewegungen im gro&#223;en Ma&#223;stab letztendlich in einer Niederlage geendet sind – dazu beigetragen, den Kapitalismus zu modernisieren.</p>
<p><em>In heutigen sozialen Bewegungen wird an das Jahr 1968 oftmals nur als einem fernen Erinnerungsort gedacht. Kann ein Bezug zu aktuellen K&#228;mpfen hergestellt werden? Was k&#246;nnen wir von den 68er Protesten lernen? Was kann die neue „neue Linke“ von der alten „neuen Linken“ lernen?</em></p>
<p>Ich w&#252;rde erst einmal feststellen, dass in dieser Protestwelle von etwa zehn Jahren in gro&#223;en Teilen der Welt zwei wesentliche Einfl&#252;sse auszumachen sind. Auf der einen Seite gab es direkt-demokratische Tendenzen. Das zeigt sich etwa an den zahlreichen Massenversammlungen, wo alle reden konnten, an den teach-ins sowie an den Versuchen, Arbeitsverh&#228;ltnisse zu demokratisieren und dergleichen mehr. Andererseits gab es die Tendenz zu Hierarchisierung und Zentralisierung, etwa in Form von Kaderparteien, ML-Gruppen usw. Beide Tendenzen traten gleichzeitig auf. Ich glaube wir k&#246;nnen – obwohl ich sp&#228;ter selber in der IV. Internationale war – mehr von den direkt-demokratischen Ans&#228;tzen als von den Parteiaufbau &#8211; Ans&#228;tzen lernen. Aber das h&#228;ngt auch damit zusammen, dass ich denke, dass jetzt nicht der richtige Moment ist, um eine Partei aufzubauen. Ich glaube, was die Linke jetzt tun kann, in Verh&#228;ltnissen wie z.B. in &#214;sterreich oder den Niederlanden, ist, vor allem Initiativen, wie etwa exemplarische  Aktionen, zu starten, die zum Nachdenken anregen oder enth&#252;llen. Parallel dazu m&#252;ssen die gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse analysiert werden, um zu verstehen, was los ist. In einem  sp&#228;teren Stadium k&#246;nnen dann daraus vielleicht Ans&#228;tze f&#252;r eine breitere Organisation entwickelt werden. Bei der Theorieentwicklung k&#246;nnen wir, denke ich, einige Ans&#228;tze der 68er wieder aufgreifen, die vernachl&#228;ssigt worden sind. Insbesondere finde ich ein breites Interesse, nicht nur an politischer &#214;konomie usw., sondern auch an Psychologie, Kultur, Musik, wie es in den 68ern existiert hat, sehr wichtig. Man muss verstehen, dass im ganzen gesellschaftlichen Spektrum eine Alternative entwickelt werden muss, und dass man bei Protesten Fantasie haben muss.</p>
<p><em>1968 wird im Gedenkjahr hei&#223; diskutiert. Wie w&#252;rden Sie den Umgang mit dem Thema im Jubil&#228;umsjahr (in Medien, &#246;ffentlichen Debatten etc.) einsch&#228;tzen?</em></p>
<p>Vieles wird da ja noch kommen… Ich sehe verschiedene Tendenzen. Es gibt eine Tendenz, die behauptet, 1968 w&#228;re schrecklich gewesen, das Vorspiel vom Terrorismus sozusagen. Wolfgang Kraushaar behauptet z.B., dass Rudi Dutschke eigentlich schon ein Vorl&#228;ufer der RAF war. Ein weiteres Beispiel ist nat&#252;rlich G&#246;tz Aly mit seinem Buch „Unser Kampf“… der war aber eigentlich gar kein 68er, sonder ein 74er oder so, der auch eine Zeit bei den Maoisten war. Ich finde, das ist alles Unsinn. Das ist Quatsch. Es ist sehr bedauerlich, dass Menschen versuchen, etwas so in den Dreck zu zerren.<br />
Die andere Tendenz ist vielleicht genauso schlimm. Es handelt sich um die alten 68er, die jetzt in romantisierender und harmonisierender Weise auf 1968 blicken und die Geschehnisse und Ideen damit gleichzeitig ungef&#228;hrlich machen.<br />
Eine dritte Tendenz gibt es auch. Es ist die der seri&#246;sen Aufarbeitung, auch, um daraus zu lernen. Vieles war sehr gut an 1968. Wir m&#252;ssen aber auch verstehen, was falsch gelaufen ist, also die Fehler verstehen, die gemacht wurden, ohne dabei das Kind mit dem Bade auszusch&#252;tten. Die guten Elemente sollten bewahren werden.</p>
<p><em>Zum Abschluss noch eine pers&#246;nliche Frage. Was tat Marcel van der Linden 1968?</em></p>
<p>Ich bin ja erst von 1952. 1968 war ich sechzehn Jahre alt. Aber ich kann erz&#228;hlen, dass auch bei mir etwas mirakul&#246;ses geschehen ist. Ich komme aus einem sehr konservativen Milieu, mein Vater war ein gro&#223;er Bewunderer der Nato. Er ging jedes Jahr zu einer Musikshow, die von der Nato veranstaltet wurde. Ich ging damals mit und war auch begeistert von der Nato. 1968 ist aber anscheinend was geschehen. Sehr gegen den Willen meines Vaters bin ich dann Mitglied bei der so genannten pazifistisch-sozialistischen Partei geworden. Die gibt es heute nicht mehr, aber damals hatte sie Sitze im Parlament – das war so das Radikalste, was wir hatten. Seitdem bin ich im Lager der radikalen Linken geblieben. Warum das nun genau so geschehen ist, wei&#223; ich nicht. Vielleicht handelt es sich dabei um eine breitere Frage: Kann man eigentlich bei sich selber rekonstruieren, warum man auf einmal einen anderen Standpunkt einnimmt als zuvor? Diese Frage m&#252;ssen sich die richtigen 68er nat&#252;rlich auch stellen. Was ist denn eigentlich mit mir geschehen damals, dass ich, als kleinb&#252;rgerlicher Konservativer oder so, pl&#246;tzlich radikal war und in einer Kommune leben wollte und all diese Dinge.</p>
<p><em>Vielen Dank f&#252;r das Interview!</em></p>
<p>Marcel van der Linden ist Forschungsdirektor des Internationalen Instituts f&#252;r Sozialgeschichte in Amsterdam und zur Zeit Gastprofessor am Institut f&#252;r Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Wien.<br />
Zuletzt erschien von ihm <em>Transnational Labour History</em>. <em>Explorations</em>, Aldershot 2003, sowie <em>Western Marxism and the Soviet Union. A survey of critical theories and debates since 1917</em>, Leiden 2007.</p>
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		<title>Was macht die Linke in&#8230; Mexiko?</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 13:52:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Kommune von Oaxaca ist ein inspirierendes Beispiel, wie aus Brot-und-Butter-K&#228;mpfen Strukturen politischer Selbstverwaltung und Massendemokratie entstehen k&#246;nnen. <em>Ramin Taghian</em> und <em>Michael Botka </em>erz&#228;hlen die Geschichte der Bewegung zwischen Repression und Gegenmacht.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Kommune von Oaxaca ist ein inspirierendes Beispiel, wie aus Brot-und-Butter-K&#228;mpfen Strukturen politischer Selbstverwaltung und Massendemokratie entstehen k&#246;nnen. <em>Ramin Taghian</em> und <em>Michael Botka </em>erz&#228;hlen die Geschichte der Bewegung zwischen Repression und Gegenmacht.</p>
<p><span id="more-33"></span></p>
<p>Im letzten Jahr ersch&#252;tterten zahlreiche soziale und politische Bewegungen die Gesellschaftsordnung Mexikos. Die Aufst&#228;nde stellten nicht nur korrupte und repressive Herrschaftsstrukturen in Frage, es wurden auch alternative Wege, wie eine „andere“ Gesellschaft organisiert und gestaltet sein k&#246;nnte sichtbar und sogar m&#246;glich. Der Kampf um soziale Gerechtigkeit, die Notwendigkeit partizipativer Massendemokratie und die Auseinandersetzung mit dem repressiven Staatsapparat wurden Bestandteil des allt&#228;glichen Lebens von Millionen.</p>
<p>Im April 2006 streikte die Belegschaft <em>Villaceros</em>, einem der gr&#246;&#223;ten Stahlwerke Mexikos. Zwei Arbeiter wurden w&#228;hrend der erfolgreichen Abwehr eines Polizeiangriffs ermordet. Nach vier Monaten konnten die Arbeiter einen &#252;berw&#228;ltigenden Sieg &#252;ber die Gesch&#228;ftsleitung vorweisen.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a></p>
<p>Auch die Zapatistas lie&#223;en im letzten Jahr &#252;ber die Grenzen von Chiapas hinaus wieder von sich h&#246;ren. Schon Ende 2005 wurde eine neue politische Initiative vorgestellt – L’Otra Campana, die „Andere Kampagne“, deren Ziel die landesweite basisdemokratische Vernetzung aller au&#223;erparlamentarischen linken Kr&#228;fte Mexikos sowie die Einigung auf eine gemeinsame Vorgehensweise ist. Mit ihrer klaren Abgrenzung zum politischen Parteiensystem und den 2006 stattgefundenen Pr&#228;sidentschaftswahlen schlie&#223;t sich die Kampagne einer Entwicklung an, die sich in ganz Lateinamerika abzeichnet. Seitdem tourt eine Delegation der Zapatistas mit Subcommandante Marcos an der Spitze, unterst&#252;tzt von etlichen SympathisantInnen, durch Mexiko.<br />
Dem gegen&#252;ber stand die Wahlkampagne des linksreformistischen ehemaligen B&#252;rgermeisters von Mexiko-City Andrés Manuel López Obrador (PRD). In seinen Wahlkampf konnte sich Obrador auf die Hoffnung von Millionen der untersten Schichten Mexikos auf eine linke Trendwende und die Abwahl der neoliberalen Wirtschaftspolitik st&#252;tzen.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a><br />
Die Wahl Anfang Juli brachte ein knappes Ergebnis zugunsten Obradors Kontrahenten, Felipe Calderón von der rechts-konservativen PAN. Dieser Ausgang war aber &#228;u&#223;erst umstritten. Unz&#228;hlige Berichte von doppelt gez&#228;hlten Stimmen (f&#252;r Calderón), in Stra&#223;engr&#228;ben gefundenen versiegelten Wahlboxen aus armen Regionen und andere Formen von Wahlbetrug wurden bekannt. Die PRD reagierte mit Massenmobilisierungen, Stra&#223;enblockaden und gr&#252;ndete die <em>Convencion Nacional Democratica</em>, Nationale Demokratische Versammlung, welche in einer Massenveranstaltung, mit mehr als eine Millionen Anwesenden, Obrador am 16. September zum „echten“ Pr&#228;sidenten k&#252;rte.</p>
<p>Anfang Mai revoltierten B&#228;uerInnen in Atenco<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a>, einer Stadt nahe Mexiko-City, gegen Ma&#223;nahmen zur Unterbindung des illegalen Stra&#223;enhandels. Der Staat reagierte mit massiver Polizeirepression, im Zuge derer mindestens zwei Menschen ermordet, hunderte verletzt und verhaftet wurden.<br />
Noch im gleichen Monat streikten die LehrerInnen im Bundesstaat Oaxaca. Wieder gingen die Beh&#246;rden brutal gegen die Streikenden vor. Diesmal sollte sich die Bewegung jedoch nicht einsch&#252;chtern lassen. Ihr Kampf entwickelte sich zu einem ausgewachsenen Aufstand zur Absetzung des korrupten und illegitimen PRI-Gouverneurs Ulises Ruíz Ortíz. Das neue organisatorisches Zentrum der K&#228;mpfe, die <em>Asemblea Popular del Pueblo de Oaxaca</em> – Volksversammlung der Bev&#246;lkerung Oaxacas (APPO) wurde zu einer politischen Struktur basisdemokratischer Kontrolle und Gegenmacht, die die bestehende Gesellschaftsordnung grundlegend in Frage stellte.</p>
<h3>Avanti Zócalo</h3>
<p>Der Aufstand von Oaxaca nahm seinen Anfang Mitte Mai mit den Streiks der LehrerInnen und der Besetzung des Zócalo, dem zentralen Platz von Oaxaca-Stadt. Die traditionell militante Sektion 22 der Nationalen LehrerInnengewerkschaft (SNTE)<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> spielte dabei die f&#252;hrende Rolle. Obwohl die 70.000 LehrerInnen Oaxacas im Vergleich zum Rest der Bev&#246;lkerung relativ gut gestellt sind und zur „staatlichen Mittelklasse“ gez&#228;hlt werden k&#246;nnen, wurde ihr Kampf zum Ausdruck der sozialen Widerspr&#252;che in der Provinz Oaxaca.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a></p>
<p>Der Protest und die Besetzung des Zócalo durch die LehrerInnen ist f&#252;r sich allein genommen noch nichts Au&#223;ergew&#246;hnliches. Seit 26 Jahren kommen die LehrerInnen regelm&#228;&#223;ig im Mai zu einem „live-in“ am Zócalo zusammen, um gegen die neoliberale Bildungspolitik und f&#252;r Gehaltserh&#246;hungen zu protestieren und so ihre Position in Verhandlungen mit der Regierung zu st&#228;rken. Entgegen der neoliberalen Grunds&#228;tze des Gouverneurs Ulises Ruíz Ortíz forderten die LehrerInnen eine allgemeine Erh&#246;hung des Mindestlohns, Gehaltserh&#246;hungen, die Verbesserung der schulischen Infrastruktur sowie die Befriedigung grundlegender Bed&#252;rfnisse der Sch&#252;lerInnen.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a></p>
<p>Die LehrerInnengewerkschaft ist die einzige demokratisch organisierte Kraft mit einer fl&#228;chendeckenden kommunalen Verankerung im ganzen Bundesstaat Oaxaca. Die besondere Rolle die den LehrerInnen folglich zukam, resultierte aus ihrer organisatorischen St&#228;rke und Vernetzung. Sie identifizieren sich auch mit den prek&#228;ren sozialen Bedingungen in ihren Gemeinden und sind somit nicht nur K&#228;mpferInnen in der eigenen Gewerkschaft, sondern oft auch SprecherInnen f&#252;r die sozialen Forderungen ihrer Gemeinden.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a><br />
Anfang Juni fanden zwei Massendemonstrationen in Solidarit&#228;t mit den LehrerInnen statt, an denen sich jeweils ca. 100.000 Menschen beteiligten.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Bereits in dieser Phase schlossen sich andere Gruppen mit ihren eigenen Forderungen an.<br />
Anstatt die Verhandlungen fortzusetzen und einen Kompromiss auszuhandeln, versuchte die Regierung Oaxacas die streikenden LehrerInnen mit Polizeigewalt mundtot zu machen. In der Nacht des 14. Juni st&#252;rmten tausende Polizisten das Camp, verbrannten das Eigentum der LehrerInnen, verletzten etwa hundert Personen und schossen Tr&#228;nengas aus Polizeihelikoptern. Die Berichte &#252;ber mehrere Todesopfer wurden offiziell nie best&#228;tigt. Wie gegen die B&#228;uerInnen in Atenco versuchte der Staatsapparat mit purer Gewalt die Bewegung zu unterdr&#252;cken und ein Exempel an ihr zu statuieren. Diese Strategie zur Demobilisierung ging in Oaxaca nicht auf. Diesmal konnten sich die LehrerInnen nach stundenlangen K&#228;mpfen gegen die Polizei durchsetzen und eroberten den Platz zur&#252;ck.<br />
Die harten Auseinandersetzungen wirkten wie ein Dammbruch f&#252;r die Bewegung. Zwei Tage sp&#228;ter fand eine Demonstration mit 400.000 Menschen statt. Diesmal ging es nicht nur um Solidarit&#228;t mit den LehrerInnen, „Fuera Ulises!“ – Ulises Raus!, der Sturz des korrupten Gouverneurs war nun die zentrale Forderung.</p>
<p>Die weit verbreitete Diskreditierung der herrschenden Eliten und der massive Bruch der politischen Bewegungen mit der Regierung, liegen vor allem in der dominanten Rolle der PRI in Mexiko begr&#252;ndet. Mittels Klientelismus und Korporativismus &#252;bte die Partei seit der mexikanischen Revolution ein effizientes Kontrollsystem auf die sozialen Kr&#228;fte aus, welches jedoch nach dem neoliberalen Paradigmenwechsel der PRI in den 80er Jahren und der Orientierung auf Freihandel und Deregulierung zerbrach. Seitdem steht die ehemalige „Staatspartei“ in wachsendem Widerspruch zu den sozialen Bewegungen und den verarmten Massen.</p>
<h3>Gegenmacht</h3>
<p>In Oaxaca weiteten sich die K&#228;mpfe aus und hinter den Barrikaden wurde eine neue politische Macht geboren – <em>Asemblea Popular del Pueblo de Oaxaca</em>, APPO. Die erste Versammlung der APPO fand bereits drei Tage nach dem Sieg der LehrerInnen &#252;ber die Polizei auf dem wieder besetzten Zócalo statt und 170 Personen von 85 Organisationen nahmen daran teil.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Im weiteren Verlauf kamen 350 Gruppen zusammen und formierten sich zu einem qualitativ als auch quantitativ neuen Organ der Bewegung. Der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich die beteiligten Gruppen in der APPO geeinigt hatten war der Sturz des „illegitimen“ Gouverneurs Ulises. Die Strategie der APPO war es, den Beh&#246;rden die Unregierbarkeit Oaxacas vor Augen zu f&#252;hren. Mit gezielten Aktionen des zivilen Ungehorsams sollte die Illegitimit&#228;t des etablierten politischen Systems vorgef&#252;hrt werden. Provinzregierungsgeb&#228;ude wurden von APPO-AktivistInnen blockiert, Stra&#223;en die zum Zócalo f&#252;hren mit Barrikaden gepflastert und Radio- und Fernsehstationen besetzt und &#252;bernommen. Die APPO erkl&#228;rte sich zum einzigen rechtm&#228;&#223;igen politischen Organ in Oaxaca.<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a></p>
<p>So wurde die APPO zum Vehikel f&#252;r die angesammelte Wut jahrelanger Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung – Korruption, Wahlbetrug und teils massive Gewalt gegen Gemeinden und die politische Opposition. Fortschreitende soziale Polarisierung zwischen den ProfiteurInnen des Tourismus-Booms in Oaxaca und den VerliererInnen<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> sowie die Durchsetzung neoliberaler Projekte – der Plan Puebla Panama (PPP) ist hier als eines der gr&#246;&#223;ten transnationalen Infrastruktur- und Wirtschaftsprojekte prim&#228;r zu nennen<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> – bilden den Rahmen f&#252;r den Bruch mit der alten und der Entstehung einer neuen sozialen und politischen Ordnung.<br />
Die StudentInnen der Universit&#228;t Oaxacas spielten im Aufstand ebenfalls eine wichtige Rolle. Auf der einen Seite stellten sie viele der AktivistInnen bei der Besetzung von Blockaden, usw. auf der anderen Seite bot die Universit&#228;t eine wichtige Infrastruktur f&#252;r die Bewegung. Das <em>Radio Universidad</em> entwickelte sich zu einem offiziellen Organ der APPO und bot rund um die Uhr Informationen zum Aufstand. Die StudentInnen stehen dabei in einer, bis in die 70er Jahre reichenden Tradition der Vernetzung mit B&#228;uerInnen und ArbeiterInnen sowie der aktiven und radikalen Beteiligung an Bewegungen.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a></p>
<p>Ein wichtiger Moment im Formierungsprozess der APPO war auch der Besuch der Otra Campaña, unter Leitung Subcommandante Marcos im Februar. Hier wurde die Notwendigkeit der Zusammenarbeit der progressiven Kr&#228;fte besonders deutlich. Es galt eine gemeinsame Stimme zu finden und die Isolierung und Rivalit&#228;t der zahlreichen kleineren und gr&#246;&#223;eren Gruppen zu &#252;berwinden.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a></p>
<p>Genau dieser Punkt war bei der Etablierung der APPO eines der gr&#246;&#223;ten Anliegen: Die APPO soll eine „alternative partizipative Demokratie“ sein an der jeder und jede teilnehmen kann und keine politische Partei oder sonstige Gruppe dominieren darf. Die verschiedenen Ideologien oder politischen Visionen durften dem Funktionieren dieses Organs der Demokratie von unten nicht im Weg stehen. Trotz unterschiedlicher Vorstellungen &#252;ber die Transformation der Gesellschaft wurden alle durch den Willen zum gemeinsamen Handeln auf partizipativ-demokratischer Basis vereint. Dieses Verst&#228;ndnis hat seine Wurzeln auch in einer langen Tradition indigenen Widerstands und kommunaler Organisierung.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> So wird zum Beispiel die basisdemokratische konsensorientierte Entscheidungsfindung und die Wahl von Delegierten im Stil der Zapatista nun auch bei der APPO praktiziert. Sie basiert die APPO auf dem indigenen Prinzip des <em>mandar obedeciendo</em> („gehorchend befehlen“), in dem Entscheidungen zuerst von der Basis diskutiert und gef&#228;llt werden, um dann von Delegierten wie beschlossen umgesetzt werden. Die APPO ist somit ein Versuch der Revitalisierung einer bestimmten oaxacanesischen Tradition kommunaler Organisierung der l&#228;ndlichen Bev&#246;lkerung, die sich an den traditionellen <em>usos y costumbres</em> (Gewohnheiten und Br&#228;uche) orientiert und in der politische Parteien abgelehnt werden. Seit Jahrzehnten versucht die PRI diese Formen gewohnheitsrechtlicher Praktiken zu unterbinden.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a></p>
<p>Anfang Juli erkl&#228;rte sich die APPO zur neuen regierenden K&#246;rperschaft in Oaxaca und nahm den alten Regierungspalast am Zócalo<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> in einer symbolischen Geste f&#252;r die „alternative Regierung“ in Besitz.</p>
<p>So entwickelte sich die APPO zu einer Art Embryo einer grunds&#228;tzlich anderen Gesellschaftsordnung. Die Regierungsinstitutionen verloren immer mehr an Autorit&#228;t, w&#228;hrend die Versammlungen der APPO zu einem Instrument der basisdemokratischen Kontrolle wurde. Nach und nach &#252;bernahmen immer mehr D&#246;rfer im ganzen Bundesstaat dieses Prinzip demokratischer Selbstverwaltung. Die Gemeindeh&#228;user wurden besetzt und PRI-Funktion&#228;re entmachtet. Gemeindedelegierte kamen trotz Geld- und Transportproblemen nach Oaxaca-Stadt um an den gro&#223;en APPO-Versammlungen teilzunehmen.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a></p>
<p>Diese Entwicklungen stellten eine massive Gefahr, nicht nur f&#252;r die Eliten Oaxacas sondern ganz Mexikos dar. Dazu kam, dass zeitgleich eine weitere Bewegung den mexikanischen Herrschenden Kopfschmerzen bereitete.</p>
<h3>Parlamentarische Parallelgefechte</h3>
<p>Im Sommer organisierte die PRD Massendemonstrationen gegen den Wahlbetrug des konservativen Pr&#228;sidentschaftskandidaten Calderón (PAN). Trotz der potentiell explosiven Mischung mehrerer gleichzeitiger K&#228;mpfe kamen diese nicht zusammen. Die PRD hielt sich bei allen anderen politischen Auseinandersetzungen wie in Oaxaca, Atenco und Chiapas, weitgehend im Hintergrund, trotz ihrer Massenverankerung in den &#228;rmsten Bev&#246;lkerungsschichten des Landes.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> Die Unterst&#252;tzung blieb meistens bei verbalen Verurteilungen der polizeilichen Repression und der R&#252;cktrittsforderung an Ulises stehen.<br />
Die z&#246;gerliche Politik der PRD hat historische Wurzeln. Die PRD erlangte politische Relevanz in der zweiten H&#228;lfte der 80er Jahre, im Zuge der Neoliberalisierung der PRI. Ihre urspr&#252;ngliche Basis waren mehrere kleine Linksgruppierungen, Elemente der Kommunistischen Partei Mexikos (PCM) sowie linksreformistische DissidentInnen aus der PRI,<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> welche sich gegen die neoliberale Entwicklung der PRI wendeten und ein Zur&#252;ck zu der staatsorientierten Wirtschaftsstrategie der Vergangenheit anstrebten.<br />
Die PRD ist also ein Sammelbecken unterschiedlicher linker reformistischer Projekte und leidet daher regelm&#228;&#223;ig unter fraktionellen K&#228;mpfen. Die konstante politische Migration von ehemaligen PRI-Funktion&#228;ren zur PRD, oft aus karrieristischen Gr&#252;nden, verw&#228;sserte die politische Linie zus&#228;tzlich. Eine aktive Unterst&#252;tzung der Aufst&#228;nde in Oaxaca w&#252;rde die Spaltung zwischen den linken und rechten Fraktionen innerhalb der PRD provozieren und die Gefahr des Kontrollverlusts &#252;ber die Parteibasis mit sich bringen.<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a></p>
<p>Adolfo Gilly, radikaler mexikanischer Autor und bekanntes Mitglied der PRD, setzt mit seiner Kritik an Obrador genau hier an.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a> W&#228;hrend Hundertausende von der PRD gegen den Wahlbetrug in wochenlangen Protesten mobilisiert werden konnten, bem&#252;hte sich Obrador nicht, seiner Kritik am Vorgehen der PRI und PAN und seiner verbalen Solidarit&#228;t mit den Menschen in Oaxaca auch auf dieser Ebene einen praktischen Ausdruck zu verleihen. Die Isolation in der sich der Aufstand Oaxacas aufgrund der Passivit&#228;t der mexikanischen Massenbewegungen befand, wurde so zu einem der wesentlichen Stolpersteine f&#252;r die Bewegung.</p>
<h3>Die letzte Schlacht…</h3>
<p>Die Rechte Mexikos bereitete sich unterdessen auf den Gegenschlag vor. Bis Oktober zeichnete sich ein B&#252;ndnis zwischen der PAN-Regierung und dem in die Ecke gedr&#228;ngten PRI Gouverneur von Oaxaca ab. Beide waren aufeinander angewiesen. Ulises brauchte Bundesunterst&#252;tzung f&#252;r die Niederschlagung des Aufstands in Oaxaca und Calderón ben&#246;tigte die PRI-Unterst&#252;tzung in der Auseinandersetzung um die Pr&#228;sidentschaftswahl. Daraufhin wurden die von Ulises lange angeforderten Bundespolizeieinheiten (PFP) nach Oaxaca entsandt.<br />
Dies war aber nur der H&#246;hepunkt einer Hetz- und Repressionswelle gegen die APPO. Bereits &#252;ber den ganzen Sommer hinweg wurden zahlreiche APPO-SprecherInnen von ZivilpolizistInnen oder PRI-Anh&#228;ngerInnen ermordet. Bewaffnete M&#228;nner fuhren auf nicht gekennzeichneten Pick-Ups durch die Stadt und lie&#223;en regelm&#228;&#223;ig Mitglieder der APPO verschwinden. Die APPO beschloss daraufhin noch mehr Barrikaden zu errichten und diese<span>  </span>st&#228;rker zu besetzen. Trotzdem tappte sie nicht in die Falle, sich auf eine milit&#228;rische Auseinandersetzung einzulassen. Zwei gef&#228;hrliche Szenarien bestanden f&#252;r sie: Das erste ist, die APPO zu provozieren, den bewaffneten Kampf aufzunehmen. Damit h&#228;tte sie sich in das politische Aus katapultiert und ein milit&#228;risches Vorgehen des Staates erm&#246;glicht. Das zweite beschreibt er als den Gang durch die Institutionen, welcher die APPO zu genau dem gemacht h&#228;tte, was sie urspr&#252;nglich bek&#228;mpft hatte – einen Teil des politischen Systems. Die APPO lie&#223; sich auf beides nicht ein und das ist auch der Grund, weshalb trotz massiver Repression der Kampf in den letzten Monaten weitergef&#252;hrt werden konnte.<br />
Ende November f&#252;hlte sich der Staat stark genug, um die direkte Konfrontation mit der APPO zu suchen. Ausgangspunkt war ein friedlicher Massenprotest am 25. November, der von bewaffneten PRI-Anh&#228;ngerInnen und Polizeieinheiten angegriffen wurde. In stundenlangen Auseinandersetzungen gewann die Polizei nach und nach die Oberhand und die letzten Barrikaden fielen. Hunderte Verhaftete und Verletzte waren das Resultat. Die APPO-F&#252;hrung wurde in den Untergrund gedr&#228;ngt.<br />
Die Bev&#246;lkerung Oaxacas musste f&#252;r ihre Herausforderung der Staatsmacht mit Blut bezahlen. Doch die Erfahrungen des letzten Jahres schufen ein neues kollektives Bewusstsein, welches mit schierer Polizeirepression nicht einfach gel&#246;scht werden kann.</p>
<h3>…gewinnen wir!</h3>
<p>Die oft gezogene historische Parallele zwischen den Ereignissen in Oaxaca und der Kommune von Paris 1871 ist nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen. In beiden F&#228;llen entstanden aus den politischen und organisatorischen Notwendigkeiten einer Massenbewegung Strukturen demokratischer Selbstverwaltung, die eine tats&#228;chliche Gegenmacht zum b&#252;rgerlichen Herrschaftsapparat darstellten. Die Frage nach der Macht in der Gesellschaft musste nicht bewusst gestellt werden, sondern dr&#228;ngte sich aufgrund der Herausforderung von selbst auf. Die Alternative „die Welt zu ver&#228;ndern ohne die Macht zu ergreifen“, wurde in dieser Situation obsolet.<br />
Auch die Niederlagen der Kommunen in Paris und Oaxaca haben gemeinsame Ursachen. Die fehlende &#252;berregionale Vernetzung, zum Beispiel mit der Massenbewegung von Obrador, f&#252;hrte durch Isolation zum vorl&#228;ufigen Ende dieses Experiments einer Gesellschaft unter sozialistischen Vorzeichen. Doch der Prozess ist noch lange nicht beendet. Noch immmer sind zahlreiche Gemeinden in Oaxaca in Verbindung zur APPO selbstverwaltet. Die APPO hat sich nach einer massiven Repressionswelle und der R&#252;ckkehr des Staatsapparats Ende November wieder neu formieren k&#246;nnen und formulierte bereits ihr weiteres Vorgehen. Zentrale Herausforderung ist es nun, den Kampf auf eine nationale Ebene zu heben – das schlie&#223;t eine noch radikaler ausformulierte Kritik an den Institutionen und dem Machtgef&#252;ge der b&#252;rgerlichen Gesellschaft mit ein.</p>
<p>Der Aufstand in Oaxaca und die Formierung der APPO stehen im Kontext einer Entwicklung, die sich in ganz Lateinamerika abzeichnet. Poder popular ist der Slogan sowohl in den Bewegungen in El Alto und Cochabamba, Bolivien, als auch in der bolivarianischen Revolution in Venezuela.<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> Die Kommune von Oaxaca ist damit ein weiterer Baustein des Projekts eines Sozialismus im 21. Jahrhundert.</p>
<p><em>Vielen Dank an Lukas Hammer und Stephanie Deimel f&#252;r die Diskussion und die Unterst&#252;tzung bei der Recherche.</em></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Es wurden 6 Prozent Gehaltserh&#246;hung, 2 Prozent mehr Zusch&#252;sse und sogar die Nachzahlung der L&#246;hne f&#252;r die Zeit des Streiks erk&#228;mpft. Siehe dazu: http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2006-08/artikel-6883884.asp.<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Dabei wurde auf den Erfolg sozialer Bewegungen und die Wahl von linken Pr&#228;sidenten wie in Bolivien (Evo Morales) und Venezuela (Hugo Chávez) Bezug genommen.<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Atenco ist seit dem Kampf der Bev&#246;lkerung gegen ein Flughafen-Gro&#223;projekt 2001 ein Symbol f&#252;r erfolgreichen Widerstand.<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Die gro&#223;e und m&#228;chtige SNTE war in den letzten 70 Jahren stark mit der regierenden PRI verbunden. Entgegen ihrer hierarchischen Organisationsstruktur war die Sektion 22 lange Zeit die Bastion der demokratischen Fraktion in der Gewerkschaft. Siehe: Carlsen, Laura: Oaxaca Fights Back, 8. November 2006, http://www.fpif.org/fpiftxt/3688.<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a>Salzman, George: From Teachers’ Strike Towards Dual Power. The Revolutionary Surge in Oaxaca, 30. August 2006, http://www.counterpunch.org/salzman08302006.html.<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a>Ebd.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a>Navarro, Luis Hernández: Lessons from the Teachers. Repression and Resistance in Oaxaca, 21. November 2006, http://www.counterpunch.org/navarro11212006.html.<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a>Das waren die bisher gr&#246;&#223;ten Proteste in Oaxaca, die sich aber in den n&#228;chsten Monaten noch mehrmals verdoppeln sollten. Salzman: a.a.O.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Davies, Nancy: Oaxaca Teachers Organize “Popular Assembly” to Oppose the State Government. Talks with Federal Negotiators Cancelled as Teachers’ Strike Dedicates Itself to Ousting the Governor, 21. Juni 2006, http://www.narconews.com/Issue42/article1928.html.<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Salzman: a.a.O.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Der Tourismus, ein Segen f&#252;r die Kassen der Reichen und der oberen Mittelschicht Oaxacas, hat daf&#252;r gesorgt, dass die Preise in den letzten Jahren stark anstiegen w&#228;hrend die Geh&#228;lter bei weitem nicht mitziehen haben k&#246;nnen. Das sch&#246;n herausgeputzte Kolonialidyll der Stadt Oaxaca steht somit in einem krassen Gegensatz zu verfallenden Schulgeb&#228;uden und Armut insbesonders in den indigenen l&#228;ndlichen Regionen.<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Der Plan <em>Puebla Pananma</em> umfasst fast den gesamten Mittelamerikanischen Raum. Er f&#252;hrt zur Enteignung von ehemals indigenem Land f&#252;r Infrastrukturprojekte zur Verbesserung des Zugriffs der Multinationalen Konzerne und des Tourismus auf die Region. Durch den PPP wird die „Maquiladorisierung“ des S&#252;dens angestrebt, dessen dramatische soziale Auswirkungen bereits seit den 80er Jahren im Norden Mexikos an der US-Grenze zu beobachten sind.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a>1972 wurde die COCEO (<em>Coalición de Obreros, Campesions, y Estudiantes de Oaxaca</em> – Koalition der Arbeiter, Bauern und Studenten) gegr&#252;ndet. Ihr Einfluss reichte weit &#252;ber die Universit&#228;t hinaus und schuf Verbindungen zu ruralen und urbanen Gruppen. Au&#223;erdem war die Koalition an der Gr&#252;ndung unabh&#228;ngiger Gewerkschaften beteiligt. Bereits Mitte der 70er Jahre, im Zuge der oft radikalen K&#228;mpfe um Land und soziale Gerechtigkeit, wurde die korrupte Herrschaft der PRI massiv kritisiert. Letztlich wurde die Bewegung jedoch blutig niedergeschlagen. Siehe dazu: Murphy, Arthur D./ Stepick, Alex: Social Inequality in Oaxaca. A History of Resistance and Change, Philadelphia 1991, S. 120.<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Davies, Nancy: In The Wake of the Otra: Because We are all Prisoners, 7. M&#228;rz 2006, http://narcosphere.narconews.com/story/2006/3/7/115248/3372.<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> 70 Prozent der 3,5 Millionen EinwohnerInnen des Bundesstaates Oaxaca sind Indigenas. &#220;ber die H&#228;lfte von ihnen lebt in Armut mit schlechter sozialer Infrastruktur und in 46% der Haushalte gibt es mindestens eine Person die in die USA migrieren musste weil ihre Gemeinde&#246;konomien durch die neoliberalen Reformen der Regierung zerst&#246;rt oder einfach nicht mehr lebenserhaltend waren. Siehe dazu: Gause, Rochelle: Toward dual power. People’s alternatives in Oaxaca, in: <em>Left Turn</em> 23 (J&#228;nner/Februar 2007), S. 22.<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Seit den 70er Jahren findet ein Kampf um die Restoration solcher kommunaler Formen der Selbstverwaltung, kollektiver Arbeit und Identit&#228;t statt. Siehe dazu: Davies, Nancy: Oaxaca Initiates Alternative Government: Popular Assembly Reclaims Government Palace for the People, 7. Juli 2006, http://narconews.com/Issue42/article1964.html; Carlsen: a.a.O.<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a>Ulises verlegte 2005 den Regierungssitz vom Zócalo nach au&#223;erhalb der Stadt – aus Angst vor Protesten und um eine stabile Regierungst&#228;tigkeit zu erm&#246;glichen. Siehe in: Davies: Oaxaca Initiates Alternative Government, a.a.O.<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a>Ebd.<br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a>Tatsache ist, dass Obrador durch Infrastrukturprogramme, reale soziale Verbesserungen f&#252;r die &#196;rmsten und einem Schuss Populismus eine Massenverankerung in den mexikanischen Unterschichten, besonders in Mexiko-City gewinnen konnte. Schlie&#223;lich bekam Obrador in der Pr&#228;sidentschaftswahl am 2. Juli die Stimmen von (wahrscheinlich mehr als) 15 Millionen MexikanerInnen.</p>
<p><a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a>Camp, Roderic Ai: Politics in Mexico. The Democratic Consolidation, New York 2007, S. 233. Der popul&#228;rste PRI Dissident war Cuauhtémoc Cárdenas, der in der Pr&#228;sidentschaftswahl 1988 der PRD-Kandidat war und sich wahrscheinlich nur wegen Wahlmanipulation nicht gegen den PRI-Kandidaten Salinas hat durchsetzten k&#246;nnen. Siehe dazu: Giordano, Al: Mexico‘s Presidental Swindle, in: <em>New Left Review</em> 41 (2006), S. 5-27<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a>Cárdenas kritisierte Obrador bereits f&#252;r seine respektlose Haltung gegen&#252;ber den mexikanischen politischen Institutionen. Ebd.<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a>Gilly, Adolfo: Solitary in Flames, in: <em>La Jornada</em>, 1. November 2006, Englische &#220;bersetzung: http://www.narconews.com/Issue43/article2257.html.<br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a>Vgl. die Artikel zu Bolivien und Venezuela in <em>Perspektiven</em> Nr. 0.</p>
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