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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Riots</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>17. September 2011 &#8211; 100 Jahre Aufstand in Ottakring</title>
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		<pubDate>Fri, 16 Sep 2011 12:01:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der 17. September 1911 ist in Vergessenheit geraten. Ein Tag, an dem mehr als 100.000 Menschen in Wien gegen die unzumutbaren Lebensbedingungen demonstrierten. Ein Tag, der mit drei Toten und hunderten Verletzten endete – und mit der milit&#228;rischen Besetzung eines ganzen Stadtviertels.

Begonnen hatte dieser Tag mit einer Kundgebung vor dem Rathaus gegen die rasant steigenden Lebensmittelpreise. Organisiert hatte diese Kundgebung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der 17. September 1911 ist in Vergessenheit geraten. Ein Tag, an dem mehr als 100.000 Menschen in Wien gegen die unzumutbaren Lebensbedingungen demonstrierten. Ein Tag, der mit drei Toten und hunderten Verletzten endete – und mit der milit&#228;rischen Besetzung eines ganzen Stadtviertels.<br />
<span id="more-2347"></span><br />
Begonnen hatte dieser Tag mit einer Kundgebung vor dem Rathaus gegen die rasant steigenden Lebensmittelpreise. Organisiert hatte diese Kundgebung die sozialdemokratische Partei, und gekommen waren vor allem die BewohnerInnen der Vorst&#228;dte, aus Landstra&#223;e, Simmering, Ottakring …</p>
<p><strong>Hunger wird gemacht</strong></p>
<p>Der Hunger in den Vorst&#228;dten war nicht Folge von Missernten, sondern der Zollgesetzgebung, die den Interessen der Gro&#223;agrarier folgte. Ebenso hatte es sich mit der Hungersnot in Frankreich 1846/47 verhalten, die auf die massenhafte Ausfuhr von Getreide zur&#252;ck zu f&#252;hren war (und die zu massenhaften Aufst&#228;nden f&#252;hrte). Und genauso verh&#228;lt es sich mit der Preisexplosion bei Getreide seit 2008, die Folge der Umstellung auf „Bio-Sprit“-Produktion ist und ebenfalls zu weltweiten Hungerrevolten f&#252;hrt.<br />
Ebenso konnte die Wohnungsnot nicht auf die massive Zuwanderung nach Wien zur&#252;ckgef&#252;hrt werden. Sie war Ergebnis von Spekulation mit Grund und Boden sowie Baumaterialien. Neu-Ottakring war ein in den 1890er Jahren errichteter, auf dem Reissbrett entworfener Bezirksteil, mit schnurgeraden Stra&#223;en, Substandardwohnungen und horrenden Mieten. Die Architektur spiegelt bereits die Angst der Herrschenden vor den „Geistern, die sie gerufen hatten“ (gemeint sind die f&#252;r die kapitalistische Entwicklung n&#246;tigen Arbeitskr&#228;fte) wider: Es gab keine verwinkelten Gassen, die sich, wie in der Revolution 1848, leicht verbarrikadieren lie&#223;en. Das gesamte Gr&#228;tzl war von drei Seiten leicht abzuriegeln: zur Innenstadt stellte der G&#252;rtel mit der hoch gef&#252;hrten Stadtbahn eine ideale Befestigungsanlage dar, nach S&#252;den grenzte ein riesiger Truppen&#252;bungsplatz an das Gel&#228;nde, und im Westen endete das Gebiet an der Vorortelinie.</p>
<p><strong>Verschiedene Sprachen</strong></p>
<p>Am 17. September 1911 explodierte die Wut der VorstadtbewohnerInnen. Nach den Reden vor dem Rathaus zogen Gruppen von mehreren tausend DemonstrantInnen durch die Innenstadt. Sie wurden von Polizei und Armee st&#228;ndig angegriffen und abgedr&#228;ngt. Dagegen wehrten sie sich mit allem, was ihnen in die H&#228;nde fiel.<br />
Und wenn die Presse (und die Sozialdemokratie) sp&#228;ter von „unverantwortlichen Elementen“ und „Lumpenproletariat“ sprach, so musste sie gleichzeitig zugestehen, dass die „Exzedenten“ von einem Gro&#223;teil der Bev&#246;lkerung unterst&#252;tzt wurden: Frauen versorgten Jugendliche mit Steinen, die sie in ihren Sch&#252;rzen herbeischafften, aus Gasth&#228;usern wurden die Ordnungsh&#252;ter mit Bierkr&#252;geln, aus den Fenstern der Wohnh&#228;user mit allem, was verf&#252;gbar war, beworfen. Die sozialdemokratischen F&#252;hrer verstanden ebenso wenig wie die B&#252;rger, warum Papierhandlungen und Schulen verw&#252;stet und Stra&#223;enlaternen zerst&#246;rt wurden. F&#252;r sie standen diese Einrichtungen f&#252;r den „Fortschritt“. Wir verstehen diese Zerst&#246;rungswut besser, wenn wir uns an Stelle der Stra&#223;enbeleuchtung die Kamera&#252;berwachung &#246;ffentlicher R&#228;ume und an Stelle der Papierhandlungen und Bezirks&#228;mter die Datenbanken der Ministerien und Polizei (sowie die privatwirtschaftliche Sammelwut von Daten) vorstellen.<br />
Was die einen notwendige Voraussetzung f&#252;r „sozialen Frieden“ und „geordnetes Zusammenleben“ nennen, bedeutet f&#252;r andere &#220;berwachung, Reglementierung, Unterdr&#252;ckung jeglichen Ansatzes eines selbstbestimmten Lebens. Und oft Bestrafung und/oder Abschiebung.<br />
Die sozialdemokratische F&#252;hrung verstand den Aufruf zur Kundgebung als „Ventil“ f&#252;r die Massen, die ihre Wut artikulieren „durften“, und als Unterst&#252;tzung ihrer Parlamentsfraktion. Die Massen selbst verstanden, dass eine Kundgebung nichts &#228;ndern w&#252;rde, sahen sie sich doch von Anfang an tausenden Ordnungsh&#252;tern gegen&#252;ber, die nur darauf warteten, die Demonstration so rasch wie m&#246;glich aufzul&#246;sen.<br />
Die Polizei wiederum konnte ebenso wenig wie die Armee begreifen, wieso die Aufst&#228;ndischen nicht abhauten, wenn der Befehl, die Gewehre anzulegen, erteilt wurde. Sie verstanden nicht, dass es f&#252;r diese Menschen, die in ihrem eigenen Bezirk angegriffen wurden, gar keine R&#252;ckzugsm&#246;glichkeit mehr gab. Und sie verstanden nicht, dass Menschen, die f&#252;r ihre eigenen Interessen k&#228;mpfen, sich anders verhalten als zum Dienst f&#252;r fremde Interessen verpflichtete Soldaten.</p>
<p><strong>Verlorene Schlacht</strong></p>
<p>Der Aufstand in Neu-Ottakring endete noch am Abend des 17. September 1911. Er endete mit dem Einsatz nahezu der gesamten in Wien verf&#252;gbaren Truppen gegen die Bev&#246;lkerung eines einzigen Bezirksteiles. Er endete mit der milit&#228;rischen Besetzung des gesamten Bezirks, mit drei toten und hunderten verletzten BewohnerInnen. Und er sollte so rasch wie m&#246;glich aus dem kollektiven Ged&#228;chtnis getilgt werden, das war sowohl die Absicht der Regierung und der Bourgeoisie als auch der sozialdemokratischen F&#252;hrung.<br />
Er hatte gezeigt, dass es keinerlei Vertrauen der Vorstadtbev&#246;lkerung in die Regierung mehr gab. Er hatte auch gezeigt, dass die Menschen genug hatten von den Reden der sozialdemokratischen Opposition. Und dass sie verstanden hatten, dass „geordnete, disziplinierte Demonstrationen“ nichts &#228;ndern. Dieser Aufstand musste so rasch wie m&#246;glich unterdr&#252;ckt werden, ehe er sich so weit entwickeln konnte, dass die Menschen selbstorganisiert ihr Leben in die Hand nahmen.<br />
Wohin selbstorganisierter Widerstand f&#252;hren kann, lernen wir zur Zeit etwa von den &#196;gypterInnen. Die Zugest&#228;ndnisse, die die Milit&#228;rs gemacht haben, indem sie Pr&#228;sident Mubarak verhafteten und anklagten, k&#246;nnen die Menschen nicht mehr beruhigen. In immer neuen Mobilisierungen stellen sie immer weitergehende Forderungen, die schlie&#223;lich nicht nur die Milit&#228;rf&#252;hrung, sondern das Prinzip der kapitalistischen Verwertung selbst betreffen k&#246;nnten. Nicht vergessen Der 17. Septemer 1911 in Neu-Ottakring ist uns wichtig, und deshalb erinnern wir an ihn. Er ist in vielerlei Hinsicht aktuell. Spekulation mit Lebensmitteln und Wohnraum, &#220;berwachung und Unterdr&#252;ckung sind so wenig Geschichte wie ihre Ursache, die kapitalistische Verwertung – und der Kampf dagegen. Am 17. September 2011 werden wir einige der Brennpunkte des Aufstands von 1911 besuchen und neben der Erinnerung an die Ereignisse vor 100 Jahren auch Parallelen zu heute ziehen. Wir gedenken der K&#228;mpferInnen in angemessener Form, indem wir sie nicht vergessen, indem wir aus ihren Fehlern lernen, und indem wir den Kampf um ein besseres Leben weiterf&#252;hren.</p>
<p>&#220;bernommen von <a href="http://17september.noblogs.org/">http://17september.noblogs.org</a></p>
<p><strong>Programm am 17. September 2011:</strong><br />
ab 12:00 Uhr: Aufst&#228;ndische K&#246;stlichkeiten: Volxk&#252;che, Infostand und szenische Interventionen am Yppenplatz<br />
16:00 Uhr: Rundgang durch das aufst&#228;ndische Ottakring, Treffpunkt Schuhmeierplatz<br />
ab 18:00 Uhr: Stra&#223;enfest am Hofferplatz mit Infos, Live-Musik und Volksk&#252;che<br />
ab 19:00 Uhr: Arbeitsleben Ottakring: Austellungser&#246;ffnung mit anarchischem Liedgut<br />
ab 22:00 Uhr: Fortsetzung im BOEM (Koppstra&#223;e 26)</p>
<p><strong>22.9.2011, Donnerstag 20 Uhr</strong><br />
Diskussion mit Wolfgang Maderthaner und Susan Zimmermann (HistorikerInnen) im <a href="http://boem.postism.org/">BOEM</a>.</p>
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		<title>Nachdem es brannte. Gro&#223;britanniens Karneval der Reaktion</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2011/09/07/nachdem-es-brannte-grossbritanniens-karneval-der-reaktion/</link>
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		<pubDate>Wed, 07 Sep 2011 12:17:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Im Kampf um die Deutungsmacht &#252;ber die Riots, an denen sich im August mehrere tausend Menschen in verschiedenen St&#228;dten Englands beteiligt hatten, scheint die Strategie der Konservativen Erfolg zu haben: „kriminelle Elemente“ und Gangs werden f&#252;r die Unruhen verantwortlich gemacht. Eine Einsch&#228;tzung von Benjamin Opratko.

In der Logik der Konservativen war die Sache, nach einer kurzen Schrecksekunde zumindest, klar: Die „L&#246;sung“ [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Kampf um die Deutungsmacht &#252;ber die Riots, an denen sich im August mehrere tausend Menschen in verschiedenen St&#228;dten Englands beteiligt hatten, scheint die Strategie der Konservativen Erfolg zu haben: „kriminelle Elemente“ und Gangs werden f&#252;r die Unruhen verantwortlich gemacht. Eine Einsch&#228;tzung von <em>Benjamin Opratko</em>.<br />
<span id="more-2181"></span><br />
In der Logik der Konservativen war die Sache, nach einer kurzen Schrecksekunde zumindest, klar: Die „L&#246;sung“ f&#252;r das „Problem“ der Riots besteht in m&#246;glichst <a href="http://www.guardian.co.uk/uk/2011/aug/18/full-picture-of-riot-sentences">harten Strafen</a>, die nicht nur einzelne „T&#228;terInnen“ so lange wie rechtsstaatlich irgend m&#246;glich hinter Gitter und aus den „Problem-Communities“ raus halten, sondern auch und besonders abschreckend wirken sollen. Denn wenn, wie David Cameron und Konsorten meinen, individuelle Bereicherung die Motivationslage hinter den Riots darstellt, dann waren diese eine Art organisierter Ladendiebstahl auf gro&#223;er Ma&#223;stabsebene. Und LadendiebInnen lassen sich, so die Grundthese von Law-and-Order-PolitikerInnen (die auch <a href="http://derstandard.at/1313024743535/Blog-KrisenFrey-Camerons-richtige-Kalkulation?_blogGroup=1">hierzulande</a> von ihren PopulisatorInnen verbreitet wird), von hohen Strafen abschrecken. Eine etwaige Wiederholung der „August Riots“ soll also dadurch verhindert werden, dass m&#246;glichst viele junge Menschen f&#252;r mehrere Monate oder gleich <a href="http://www.guardian.co.uk/uk/2011/aug/16/uk-riots-four-years-disorder-facebook">Jahre</a> und zum Teil f&#252;r <a href="http://www.telegraph.co.uk/news/uknews/crime/8695988/London-riots-Lidl-water-thief-jailed-for-six-months.html">l&#228;cherliche</a> <a href="http://medienkritikwien.wordpress.com/2011/08/19/worst-case-bei-facebook-eingetreten-vier-jahre-haft-fuer-postings/">„Delikte“</a>, ins Gef&#228;ngnis kommen, ihren Familien Sozialleistungen gek&#252;rzt und sie aus <a href="http://lydall.standard.co.uk/2011/08/councils-threaten-london-rioters-with-eviction-.html">gef&#246;rderten Wohnungen rausgeschmissen</a> werden. Eine gewagte Wette der Herrschenden, deren Einsatz so oder so die Armen in Englands St&#228;dten zu zahlen haben. Verarmten und erwerbslosen Jugendlichen noch mehr soziale Sicherheiten zu nehmen und sie in &#252;berf&#252;llten Gef&#228;ngnissen gemeinsam mit „gew&#246;hnlichen“ straff&#228;llig gewordenen zusammen zu pferchen ist, darauf w&#252;rden wir wetten, der sicherste Weg, um aus der diskursiven Kriminalisierung der Aufst&#228;ndischen eine ganz praktisch-materielle zu machen, und aus den Aussagen der Herrschenden selbsterf&#252;llende Prophezeiungen.</p>
<p>Die alte Einsicht Antonio Gramscis, dass Zwang- und Konsenselemente politischer Macht im Kapitalismus einander nicht ausschlie&#223;en, sondern wechselseitig bedingen, l&#228;sst sich anhand dieses <a href="http://lattelabour.blogspot.com/2011/08/carnival-of-reaction.html">Karnevals der Reaktion</a> brandaktuell nachvollziehen. Die massive Repressionswelle, in der u.a. von den allgegenw&#228;rtigen &#220;berwachungskameras aufgenommene Bilder von Verd&#228;chtigen auf <a href="http://www.guardian.co.uk/uk/2011/aug/12/looting-suspects-cctv-digi-van">„Digi-Vans“ vor Einkaufszentren gezeigt wurden</a> und der Bev&#246;lkerung die permanente Aufforderung angetragen wird, Bekannte, die an den Riots teilgenommen haben k&#246;nnten, der Polizei zu melden, wird offenbar in breiten Teilen der englischen Bev&#246;lkerung unterst&#252;tzt. Laut einer YouGov-Umfrage sind 81 Prozent der Befragten der Meinung, die Urteile gegen rioters w&#228;ren <a href="http://www.thesun.co.uk/sol/homepage/news/3761667/Eight-in-ten-Brits-back-the-tough-sentences-being-doled-out-to-riot-thugs.html#comment-rig">„gerade richtig“ oder gar „zu wenig“ hart</a>. Bereits w&#228;hrend der Aufst&#228;nde unterst&#252;tzen 90 Prozent den Einsatz von Wasserwerfern; 77 Prozent w&#228;ren f&#252;r einen Armeeeinsatz gewesen und 33 Prozent meinten gar, die Polizei sollte mit <a href="http://today.yougov.co.uk/sites/today.yougov.co.uk/files/yougov_england_riot_results_pdf_pr.pdf">scharfer Munition gegen Unruhestifter</a> vorgehen. Der autorit&#228;r-populistische Konsens der Tories scheint also weitgehend zu halten (auch wenn aus den Reihen des liberaldemokratischen Koalitionspartners vereinzelt <a href="http://www.huffingtonpost.co.uk/2011/08/16/two-men-jailed-for-four-y_n_928942.html">verhaltene Kritik an den harten Gerichtsurteilen</a> artikuliert wird). Im Ringen um die Deutung der Aufst&#228;nde haben sich alle Parlamentsparteien, die wichtigsten Medien und ein Gro&#223;teil der Bev&#246;lkerung der konservativen Storyline angeschlossen. Die Bedeutungsketten, in denen jugendliche Aufst&#228;ndische als kriminell, gierig, gewaltgeil und bar jeglicher moralischer Codes definiert werden, scheinen fest geschmiedet. Sie n&#252;tzen nicht nur der aktuellen Tory-F&#252;hrung, sondern bieten auch offen faschistischen Kr&#228;ften und rassistischen Figuren die Gelegenheit, sich an ihnen in Richtung &#214;ffentlichkeit zu hanteln. Zwei Ereignisse stehen daf&#252;r paradigmatisch. Erstens versuchten die faschistische British National Party (BNP) und insbesondere die English Defence League (EDL), die Unruhen zu ihren Gunsten zu nutzen und sich als Besch&#252;tzerInnen der Wei&#223;en, „anst&#228;ndigen“ Arbeiterklasse darzustellen. Im Londoner Stadtteil Eltham organisierte die EDL eine „B&#252;rgerwehr“, die sich schnell in einen <a href="http://www.telegraph.co.uk/news/uknews/crime/8692872/London-riots-far-right-political-party-protect-Eltham-residents.html">rassistischen Mob verwandelte</a>. Zweitens, und m&#246;glicherweise entscheidender, brachte der konservative Historiker David Starkey eine spezifische rassistische Interpretation der Riots in die &#246;ffentliche Debatte, die sich als weitaus anschlussf&#228;higer f&#252;r die „gesellschaftliche Mitte“, d.h. jene, die sich daf&#252;r halten, erweisen k&#246;nnte. In der BBC Newsnight erkl&#228;rte er, die Gr&#252;nde f&#252;r die Gewalt w&#228;ren in der &#220;bernahme einer „schwarzen Kultur“ durch die <a href="http://www.socialistreview.org.uk/article.php?articlenumber=11724">„Chavs“</a> (ein abwertender Ausdruck f&#252;r Wei&#223;e Jugendliche aus der ArbeiterInnenklasse) zu suchen. Seine Problemdiagnose: <a href="http://www.youtube.com/watch?v=S2_6ggJf3ns&#038;feature=youtu.be">„The Whites have become Blacks“</a>. Die „schwarze Kultur“ sei „gewaltt&#228;tig, destruktiv, nihilistisch“ – und damit so ganz anders als das Friedvolle, Konstruktive und Geordnete, kurz: Wei&#223;e der britischen Gesellschaft. Seine besondere Signifikanz erh&#228;lt dieser Sub-Diskurs der Post-Riot-Debatte, weil hier der Rassismus im respektablen Gewande eines Cambridge-Gelehrten auftritt und in bestem Empire-English beteuert, es gehe ja gar nicht um Hautfarbe, sondern blo&#223; um <a href="http://www.perspektiven-online.at/2008/02/22/islamophobie-und-die-kulturen-des-rassismus/">„Kultur“</a>. Die ganze Perfidie dieses Auftritts, der als Schulbeispiel f&#252;r den neuen Kulturrassismus in der politischen Bildung wertvoll sein k&#246;nnte, hat Owen Jones, der ebenfalls in der Sendung zu Gast war, sch&#246;n <a href="http://owenjones.org/2011/08/16/it-was-like-enoch-powell-meets-alan-partridge">zusammengefasst</a>.</p>
<p>Doch die hegemonialen Verh&#228;ltnisse sind nicht so widerspruchslos, wie sie sich auf den ersten Blick pr&#228;sentieren m&#246;gen. Der Blogger und SWP-Aktivist Richard Seymour hat <a href="http://leninology.blogspot.com/2011/08/competing-common-senses-of-riots.html">darauf hingewiesen</a>, dass die Ergebnisse der Post-Riot-Umfragen, die derzeit in den britischen Medien zirkulieren, zwei konkurrierenden Logiken folgen. Zwar ist das konservative Narrativ dominant, trotzdem sind immerhin 50 Prozent der Befragten der Meinung, dass die Sparpolitik der Tory-Regierung als eine der Ursachen f&#252;r die Unruhen gesehen werden muss. (36 Prozent verneinen dies.) Angesichts des massiven Propaganda-Einsatzes der letzten Wochen, um die Riots als kriminelle Gewaltorgie darzustellen, ist das eine bemerkenswerte Zahl. Versuche, diese Widerspr&#252;che des Alltagsbewusstsein politisch zu artikulieren und Gegenpositionen zu der Strategie der Kriminalisierung und Repression h&#246;rbar zu machen, bleiben bis dato jedoch schwach. Bei einer kurzfristig von lokalen Stadtteilinitiativen organisierte Demo unter dem Motto „Give Our Kids a Chance“ kamen <a href="http://london.indymedia.org/articles/9963">immerhin 2.000 Menschen zusammen</a>, um auf die Armut und Ungerechtigkeit hinzuweisen, die als Gr&#252;nde f&#252;r die Riots gesehen werden. Solche Initiativen sind zumindest bislang jedoch weithin marginal. Daf&#252;r gibt es eine Reihe Gr&#252;nden. Einer ist sicherlich der desastr&#246;se Zustand der Linken in England. Respect, das ambitionierte Projekt einer breiten linken Wahlplattform unter Einbindung muslimischer Gruppen, die sich in der Bewegung gegen den Irak-Krieg politisiert hatten, ist auf dramatische Weise gescheitert. Die Socialist Workers Party (SWP), die gr&#246;&#223;te Organisation der radikalen Linken und ehemals treibende Kraft hinter Respect, scheint sich von dieser Niederlage bis heute nicht erholt zu haben. Zumindest stellt sie sich jedoch <a href="http://www.socialistworker.co.uk/art.php?id=25645">unmissverst&#228;ndlich gegen die Kriminalisierung</a> der Aufst&#228;nde und verweigert sich dem hysterischen Verurteilungs-Imperativ. Derweil sieht es aber so aus, als w&#252;rde der konservative Backlash den Aufstand der englischen Jugendlichen nach dessen polizeilichen Niederschlagung noch einmal &#252;berrollen, und mit ihm all jene, die auf die gesellschaftlichen Ursachen der Riots und die Notwendigkeit ihrer &#220;berwindung bestehen.</p>
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		<title>Wenn es brennt</title>
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		<pubDate>Thu, 11 Aug 2011 10:16:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
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		<description><![CDATA[London’s Burning, und nicht nur das. Seit letztem Wochenende haben sich die Revolten &#252;ber die Hauptstadt hinaus in zahlreiche St&#228;dte ausgebreitet, darunter Birmingham, Liverpool und Manchester. Ein paar Diskussionsanregungen aus der Perspektiven-Redaktion.

Politiker aller Couleur &#252;berschlagen sich vor Emp&#246;rung &#252;ber die „eindeutig kranken“, hirnlosen Kriminellen, w&#228;hrend sie der Polizei im Schnellverfahren den Einsatz von Wasserwerfern und Gummigescho&#223;en genehmigen (was der britische [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>London’s Burning, und nicht nur das. Seit letztem Wochenende haben sich die Revolten &#252;ber die Hauptstadt hinaus in zahlreiche St&#228;dte ausgebreitet, darunter Birmingham, Liverpool und Manchester. Ein paar Diskussionsanregungen aus der Perspektiven-Redaktion.<br />
<span id="more-2103"></span></p>
<p>Politiker aller Couleur &#252;berschlagen sich vor Emp&#246;rung &#252;ber die <a href="http://derstandard.at/1311803143221/Ausschreitungen-in-Grossbritannien-Premier-David-Cameron-will-gegen-Unruhestifter-hart-durchgreifen">„eindeutig kranken“</a>, <a href="http://www.thesun.co.uk/sol/homepage/news/3738875/David-Lammy-MP-Tottenham-rioters-have-ripped-out-our-hearts.html">hirnlosen Kriminellen</a>, w&#228;hrend sie der Polizei im Schnellverfahren den Einsatz von Wasserwerfern und <a href="http://derstandard.at/1311803120419/Erstmals-Polizei-wird-die-Verwendung-von-Gummigeschossen-erlaubt">Gummigescho&#223;en</a> genehmigen (was der britische Staat traditionell nur in seinen Kolonien tat) oder gleich &#252;ber einen <a href="http://blogs.telegraph.co.uk/news/tobyyoung/100100109/is-it-time-to-send-in-the-army-or-will-water-cannon-be-enough/">Armeeeinsatz</a> in englischen Wohnvierteln <a href="http://leninology.blogspot.com/2011/08/shoot-on-sight.html">r&#228;sonieren</a>. Fragen dazu, warum die Unruhen ausgebrochen sind, weshalb sie sich so rasch und weit ausgebreitet haben und wof&#252;r die Menschen auf den Stra&#223;en von Tottenham und anderswo eigentlich k&#228;mpfen, werden so kurzerhand und unausgesprochen f&#252;r illegitim erkl&#228;rt. Dabei sind es gerade diese Fragen, die es zu kl&#228;ren gilt. Hier gibt es vier Diskussionsanregungen dazu:</p>
<p>1. Es geht um Rassismus. Ausgangspunkt und Anlassfall f&#252;r die Riots im Londoner Stadtteil Tottenham war der Mord an Mark Duggan – das ist kein Zufall. Polizeibrutalit&#228;t, zahllose unaufgekl&#228;rte <a href="http://www.guardian.co.uk/uk/2010/dec/03/deaths-police-custody-officers-convicted">Todesf&#228;lle in Polizeigewahrsam</a>  („Deaths in Custody“) und die permanente Erniedrigung durch <a href="http://www.socialistworker.co.uk/art.php?id=11840">rassistische</a> <a href="http://www.stop-watch.org/uploads/articles_research_docs/modern%20law%20review.pdf">Stop and Search</a>-Methoden in armen, &#252;berwiegend von Nicht-Wei&#223;en bewohnten Vierteln hat den Hass auf die Polizei seit vielen Jahren angefeuert. Als mehrere hundert Schwarze BewohnerInnen von Tottenham vor einer Polizeiwache Antworten auf ihre Fragen zum Tod von Mark Duggan einforderten (zu Recht, wie sich <a href="http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,779335,00.html">nun herausstellte</a>), reagierte die Staatsmacht wie gewohnt: Sie ignorierte die meisten und attackierte einige. Das nahmen die Leute nicht mehr hin. </p>
<p>2. Es geht um Klassenverh&#228;ltnisse. Was in der Berichterstattung oft als „sozialer Hintergrund“ erw&#228;hnt wird, ist von &#252;berragender Bedeutung. Die Stadtteile, in denen die Unruhen ausbrechen, sind Sackgassen einer kapitalistischen gebauten Umwelt. Ein gro&#223;er Teil ihrer BewohnerInnen ist arbeitslos oder jobbt als sp&#228;tkapitalistisches &#196;quivalent eines Dickens’schen Tagel&#246;hners. Zugleich liegen sie in einer der teuersten St&#228;dte der Welt und in einem Land, in dem seit 30 Jahren konservative und New Labour-Regierungen abwechselnd die sozialen Sicherungssysteme roden. Gro&#223;britannien wird f&#252;r diesen Zeitraum eine anhaltend <a href="http://www2.lse.ac.uk/newsAndMedia/news/archives/2007/SocialMobilityDec07.aspx">geringe soziale Mobilit&#228;t bescheinigt</a>, wobei die Schere zwischen Armen und Reichen stetig <a href="http://www.guardian.co.uk/society/2010/jan/27/unequal-britain-report">weiter auseinander klafft</a>. Die enormen Einkommensunterschiede, Arbeitslosigkeit und Armut produzieren Generationen von Menschen ohne soziale Perspektive. Das gigantische Sparprogramm der Tory-Regierung wird diese Dynamik weiter versch&#228;rfen, und hat es teilweise <a href="http://www.guardian.co.uk/society/video/2011/jul/31/haringey-youth-club-closures-video?CMP=twt_gu">bereits getan</a>. &#196;hnlich wie bei den Aufst&#228;nden in den franz&#246;sischen Banlieues oder den Revolten in Griechenland Ende 2008 bricht sich hier Wut &#252;ber eine Klassenposition bahn, die ihren InhaberInnen nichts zu bieten hat als Angst, Orientierungslosigkeit und Langeweile.</p>
<p>3. Es geht um Selbsterm&#228;chtigung. Was viele KommentatorInnen und MedienkonsumentInnen verst&#246;rt, ist die Tatsache, dass w&#228;hrend der Unruhen nicht blo&#223; Lebensmittelsl&#228;den gepl&#252;ndert werden, sondern Jugendliche sich gleich mit neuen Handys, Jeans und Fernsehern versorgen – und dabei auch noch Spa&#223; zu haben scheinen. In der BBC Newsnight <a href="http://www.youtube.com/watch?v=vcuo-VLrfYE">beschwerte</a> sich k&#252;rzlich die ehemalige Tory-Abgeordnete Edwina Curry, dass die Jugendlichen jeden Sinn f&#252;r Richtig und Falsch verloren h&#228;tten; sie m&#252;ssten endlich verstehen lernen: „What’s mine is mine, and what’s yours is yours!“ Und vielleicht steckt in ihrer Tirade ein wahrer Kern. Vielleicht verstehen viele Menschen in den Sackgassen des Kapitalismus nicht mehr, warum das was ihnen geh&#246;rt so wenig und sch&#228;big ist, w&#228;hrend andere so viel besitzen. Nicht weil sie kulturlose Barbaren oder Kriminelle w&#228;ren, sondern weil ihnen die materiellen Verhei&#223;ungen der Marktwirtschaft st&#228;ndig wie die Karotte vor die Nase gehalten wird, ohne dass sie ihnen jemals – auf legalem Wege – n&#228;her kommen k&#246;nnten.  In den Shopping Malls, auf Plakatw&#228;nden oder in den H&#228;nden der reichen Wei&#223;en ein paar U-Bahn-Stationen weiter ist buchst&#228;blich Alles zahlreich vorhanden, und zugleich scheint es einer ganzen Gesellschaft als nat&#252;rliche Ordnung der Dinge, dass die Armen und Nicht-Wei&#223;en daf&#252;r nicht vorgesehen sind. Die feministische Journalistin und Bloggerin Laurie Penny hat das <a href="http://pennyred.blogspot.com/2011/08/panic-on-streets-of-london.html?spref=fb">auf den Punkt gebracht</a>: „People riot because it makes them feel powerful, even if only for a night. People riot because they have spent their whole lives being told that they are good for nothing, and they realise that together they can do anything – literally, anything at all. People to whom respect has never been shown riot because they feel they have little reason to show respect themselves, and it spreads like fire on a warm summer night“</p>
<p>4. Was gilt es zu verurteilen? Die Boulevard-Medien &#252;bernehmen – wenig &#252;berraschend – das Wording der Regierenden in Gro&#223;britannien: Die Unruhen w&#252;rden von „organisierten Kriminellen“ durchgef&#252;hrt, ein „gieriger Mob“ ziehe durch die Stra&#223;en usw. usf. In &#214;sterreich f&#228;llt es dem Fellner-Schundblatt gleichen Namens zu, die absto&#223;endste Formulierung zu finden: „wie gefr&#228;&#223;ige Ameisen“ w&#252;rden die Jugendlichen in die Superm&#228;rkte str&#246;men um sie zu pl&#252;ndern. Mit welchem Insektengift man dieser Plage am liebsten Herr werden m&#246;chte, wird nicht verraten. Zugleich mischt sich in anderen Kommentaren die Emp&#246;rung &#252;ber die „unvorstellbare Gewalt“, die es zu verurteilen g&#228;lte, mit linksliberalem Einf&#252;hlungsverm&#246;gen: die Jugendlichen w&#252;rden doch blo&#223; ihren eigenen Communities schaden und &#252;berhaupt: was sollen Riots denn zum Besseren ver&#228;ndern? Diesem scheinheiligen Paternalismus gilt es entgegen zu halten: Wenn es etwas zu verurteilen gibt, dann die Drecksverh&#228;ltnisse, in denen Menschen leben m&#252;ssen, w&#228;hrend gleichzeitig in der Londoner City M&#228;nner mit vierstelligen Monatsgeh&#228;ltern gerade wieder die Weltwirtschaft gegen die Wand fahren. Die „unvorstellbare Gewalt“ richtet sich vor allem gegen die gebaute Umwelt, die ihnen ein Gef&#228;ngnis ist, nicht gegen Menschen. Sie betrifft nicht nur die Stadtteile in denen sie selbst leben, sondern auch die poshen Spots der Londoner Upperclass, die pl&#246;tzlich mit der Existenz eines sonst unsichtbaren urbanen Proletariats konfrontiert wird und daraufhin in der Financial Times <a href="http://www.ft.com/cms/s/0/fac0b38e-c1d1-11e0-bc71-00144feabdc0.html#axzz1UZKq74AI">schockiert feststellen muss</a>: „Der Mob griff das beste Restaurant in Notting Hill an!“ Und auf die Frage was es bringt fand ein Jugendlicher in einem Live-Interview eine entwaffnende Antwort: „You wouldn&#8217;t be talking to me now if we didn&#8217;t riot, would you?“ Oder wie es die Berliner Rapper K.I.Z. schon vor zwei Jahren ausdr&#252;ckten: <a href="http://www.youtube.com/watch?v=BtjfvK0Iqbo">„Vielleicht f&#228;llt das Licht auf dein Viertel wenn es brennt?“</a></p>
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		<title>Aufstand in der Vorstadt: Wiens verborgene Klassenk&#228;mpfe um 1900</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 10:35:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[Riots]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialdemokratie]]></category>
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		<category><![CDATA[Wien]]></category>

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		<description><![CDATA[Veronika Duma, Tobias Zortea, Katherina Kinzel und Fanny M&#252;ller-Uri erz&#228;hlen die verborgene Geschichte der Klassenk&#228;mpfe in den Randbezirken Wiens um 1900. Dabei zeigt sich, dass die Aufst&#228;nde der im Elend lebenden ArbeiterInnen und des multiethnischen „Lumpenproletariats“ auch die Wiener Sozialdemokratie in Bedr&#228;ngnis brachten.

Wien, im Jahre 1911. Die ersten Monate des Jahres sind gepr&#228;gt von vielf&#228;ltigen sozialfeindlichen Reformen seitens der Regierenden, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Veronika Duma, Tobias Zortea, Katherina Kinzel</em> und <em>Fanny M&#252;ller-Uri</em> erz&#228;hlen die verborgene Geschichte der Klassenk&#228;mpfe in den Randbezirken Wiens um 1900. Dabei zeigt sich, dass die Aufst&#228;nde der im Elend lebenden ArbeiterInnen und des multiethnischen „Lumpenproletariats“ auch die Wiener Sozialdemokratie in Bedr&#228;ngnis brachten.<br />
<span id="more-1577"></span><br />
Wien, im Jahre 1911. Die ersten Monate des Jahres sind gepr&#228;gt von vielf&#228;ltigen sozialfeindlichen Reformen seitens der Regierenden, beginnend bei einer Steigerung der Milch- und Fleischpreise &#252;ber neue Mietgesetzregelungen bis hin zu damit einhergehenden Mieterh&#246;hungen. Ende Juli 1911 konstatiert der Sozialdemokrat Franz Schuhmeier in einer Parlamentsrede: „Es ist besch&#228;mend, da&#223; wegen jeder Tonne Fleisch Stra&#223;endemonstrationen stattfinden m&#252;ssen und da&#223; sich die Bev&#246;lkerung mit der Polizei herumraufen mu&#223;, die ja genau so billiges Fleisch braucht wie die Demonstranten.“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
Die Wohnungsnot zwingt viele Menschen dazu, zusammengepfercht auf engstem Raum zu leben, teilweise auch in Schlafs&#228;len in ArbeiterInnenh&#228;usern: „In einem dieser S&#228;le“, so Victor Adler, „hatte erst vor kurzem eine Frau in der Gegenwart von ‚50 halbnackten, schmutzigen M&#228;nnern‘ entbunden: ‚Sprechen wir nicht von Schamhaftigkeit, sie ist ein Luxus, den sich nur Besitzende leisten k&#246;nnen.‘ (…)“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Auch die sozialdemokratische <em>Arbeiter Zeitung</em> (AZ) thematisiert die Verelendung: „Die Lagerhalter unserer Konsumvereine erz&#228;hlen, wie die Arbeiterfrauen sich immer mehr mit Surrogaten behelfen m&#252;ssen, wie sie Suppenw&#252;rze kaufen statt des Fleisches und Erbswurst statt der Linsen. Die Pferdefleischhauer<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> erz&#228;hlen uns, da&#223; die Frauen von Beamten der neunten und zehnten Rangklasse ihre Kunden geworden sind. (…) Und da&#223; die Arbeiter heute schlechter wohnen als vor zehn Jahren, da&#223; sie mehr und mehr mit Untermietern und Bettgehern den engen Wohnraum teilen m&#252;ssen, wei&#223; jedermann. Das ist Verelendung!“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
Im September desselben Jahres kommt es daher in vielen Wiener Au&#223;enbezirken, beispielsweise in Simmering, Ottakring und Hernals zu Protestversammlungen und vereinzelten, keinesfalls gewaltfrei verlaufenden Demonstrationen „gegen die Hungerpolitik“ der Regierung.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> F&#252;r den 17. September 1911 wird von der Sozialdemokratie zu einer Demonstration auf der Ringstra&#223;e aufgerufen: „Das hungernde Volk wird am Sonntag seine Stimme erheben, der Schrei der Emp&#246;rung wird durch die Stra&#223;en Wiens erschallen.“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Dieser Aufruf bleibt nicht ungeh&#246;rt: Hunderttausend Menschen versammeln sich an jenem Tag zwischen Rathaus und Burgtheater.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Die Sozialdemokratie stellt keine „Ordnungskr&#228;fte“, wie es sonst &#252;blich war.<br />
Dies und die Erfahrungen mit den j&#252;ngsten Ausschreitungen veranlassen den Statthalter und ehemaligen Ministerpr&#228;sident Freiherr von Bienerth dazu, den DemonstantInnen ein unverh&#228;ltnism&#228;&#223;ig gro&#223;es Polizei- und Milit&#228;raufgebot gegen&#252;berzustellen.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Das offizielle Ende der Demonstration wird von den sozialdemokratischen VertreterInnen gegen Mittag ausgerufen &#8211; in sp&#228;teren Berichten sollten sie darauf bestehen, dass das, was in weiterer Folge geschah, kein Zeugnis der organisierten ArbeiterInnenschaft war.</p>
<p><strong>Aufstand der Vorstadt</strong><br />
Als die Menschen in Richtung Innere Stadt marschieren, provoziert die Staatsmacht die sich auflockernde Menschenmenge: Polizisten, Kavallerie und Infanterie ziehen zwischen Hofburg und Burgtheater auf, um die &#252;brig gebliebenen DemonstrantInnen vom Platz zu verweisen. Mit gezogenen S&#228;beln und geschwungenen St&#246;cken reiten Polizisten und Milit&#228;r durch die abziehenden Menschenmassen.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Sie werden &#252;ber den Ring getrieben und brutal niedergesto&#223;en, bis schlie&#223;lich vor dem Sitz des Verwaltungsgerichtshofs am Judenplatz und in der Burggasse erste Sch&#252;sse fallen.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Noch ist unklar, von wem diese abgefeuert wurden, doch die Wut der bereits durch das massige Aufgebot von Milit&#228;r und Polizei provozierten Menschen wird dadurch noch gr&#246;&#223;er. Steine, Ziegel und St&#246;cke werden geworfen, Fensterscheiben zerbrechen; die ersten Menschen werden festgenommen, darunter auch Frauen und Jugendliche.<br />
Die DemonstrantInnen aus der Vorstadt ziehen weiter &#252;ber die Burggasse und die Lerchenfelderstra&#223;e zum G&#252;rtel in Richtung Ottakring. Die Proteste dauern bis in den sp&#228;ten Abend. Kaum eine Auslage, kaum eine Stra&#223;enlaterne bleibt heil; eine Wachstube in der Panikengasse wird g&#228;nzlich demoliert. „Gartengeschirre, Bierkr&#252;gel und Steine“<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a>  werden aus den Fenstern der Zinskasernen auf Polizei und Milit&#228;r geschleudert. Schulen werden gest&#252;rmt und mit brennenden Einrichtungsgegenst&#228;nden verbarrikadiert, Schulhefte und Dokumente zerrissen und verbrannt; Wurfgeschosse werden gesammelt. Immer wieder wird seitens der Ordnungskr&#228;fte Feuerbefehl gegeben und „&#252;ber die K&#246;pfe der Menge geschossen“.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Bald gibt es die ersten Toten. „Erst gegen zehn Uhr abends, als Ottakring in v&#246;lliger Dunkelheit lag, brachten Polizei und Milit&#228;r die Lage unter Kontrolle.“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a><br />
In der AZ vom darauf folgenden Tag distanziert sich die Sozialdemokratie von diesen Vorf&#228;llen, indem sie konstatiert, dass der Gro&#223;teil der ArbeiterInnenschaft bereits vor Beginn der Eskalation abgezogen sei und danach „junge Burschen“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> aus der Vorstadt die Geschehnisse dominiert h&#228;tten. „Ein Polizeibericht kommt zum Schlu&#223;, da&#223; unter diesen jugendlichen Demonstranten Halbw&#252;chsige aus Ottakring in einem &#252;berproportionalen hohen Ausma&#223; vertreten waren und da&#223; dieser Gemeindebezirk offenbar der ‚Hauptsitz der Exzendenten‘ ist.“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a>  „Zur Seite traten der Stra&#223;enjugend die Frauen und M&#252;tter, zu denen, wie die Arbeiter-Zeitung beklagte, ‚die Aufkl&#228;rung so schwer kommen kann‘ und die dort, ‚wo es ihre Pflicht w&#228;re, klar und hart zu denken‘, sich vom Schauspiel der Zerst&#246;rung mitrei&#223;en lie&#223;en und in ihren Sch&#252;rzen den Jungen die Steine zutrugen – jenen Jungen, die, wie aus dem Boden gestampft, nun pl&#246;tzlich alle Gassen und Pl&#228;tze bev&#246;lkerten.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a><br />
Im Folgenden wollen wir einen Blick auf die gesellschaftliche Situation „hinter“ diesen Unruhen werfen und untersuchen, wie die „anarchischen“ Vorst&#228;dte mit ihren ArbeiterInnen und dem sogenannten „Lumpenproletariat“ entstanden, wie sie als Projektionsfl&#228;che b&#252;rgerlicher Zuschreibungen dienten und welche Bedeutung sie f&#252;r die sich formierende Sozialdemokratie hatten. </p>
<p><strong>Migration nach Wien</strong><br />
Wien erlebte im Laufe des 19. Jahrhunderts einen enormen Bev&#246;lkerungsanstieg. Um 1900 lebten schlie&#223;lich mehr als zwei Millionen Menschen in der Stadt.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Die Wachstumsrate war dabei jedoch keineswegs regelm&#228;&#223;ig &#252;ber die Stadt verteilt – einen &#252;berproportional starken Bev&#246;lkerungszuwachs wiesen die Vorortgemeinden auf. Dies ist auf zwei, etwa zeitgleich verlaufende Entwicklungen zur&#252;ckzuf&#252;hren: einerseits auf die massive Immigration nach Wien, der Hauptstadt des Habsburgerreiches, sowie andererseits auf die sukzessive r&#228;umliche Verdr&#228;ngung der unteren sozialen Schichten aus dem Stadtzentrum in die peripheren Gebiete Wiens.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a><br />
Der Grund f&#252;r die zunehmenden Migrationsbewegungen nach Wien liegt in den tiefgreifenden politischen und &#246;konomischen Ver&#228;nderungen des 19. Jahrhunderts. Im Zuge der – in &#214;sterreich versp&#228;tet einsetzenden – Industrialisierung b&#252;&#223;ten l&#228;ndliche Gegenden ihre zentrale Rolle im Produktionsprozess gegen&#252;ber den neuen, st&#228;dtischen Industriezonen ein.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Die Revolution von 1848 brachte die Aufhebung der Grunduntert&#228;nigkeit mit sich – die Bauern waren jetzt Staatsb&#252;rger und (potentielle) Eigent&#252;mer des Bodens – und schuf so die Voraussetzung f&#252;r eine zunehmende Kapitalisierung des Bodens wie f&#252;r eine Mobilisierung der Menschen.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Dar&#252;ber hinaus zog die vom „Wiener B&#246;rsenkrach“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> ausgehende &#246;konomische Depression krisenhafte Tendenzen in der Landwirtschaft nach sich, die von einer Reihe an Missernten und dem immer st&#228;rker werdenden Preisdruck durch billiges Getreide aus Amerika begleitet wurden.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Massive Pauperisierungsprozesse, Dorfarmut und eine faktische Entv&#246;lkerung einzelner l&#228;ndlicher Gebiete waren die Folge und ein Mitgrund f&#252;r die gro&#223;en Migrationsstr&#246;me in die Stadt. Zudem kam diese Binnenwanderung dem steigenden Bedarf an Arbeitskr&#228;ften entgegen, der in Wien als einem expandierenden urbanen und industriellen Zentrum herrschte. Wien wirkte damit – mehr als irgendeine andere Stadt in der Habsburgermonarchie – wie ein Magnet auf die ehemaligen B&#228;uerInnen oder LandarbeiterInnen. Diese kamen zumeist als un- oder wenig qualifizierte Arbeitskr&#228;fte in die Stadt, um in Industrie, Gewerbe oder in privaten Haushalten zum Beispiel als Dienstm&#228;dchen zu arbeiten.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Die zugezogenen Menschen stammten nicht nur aus der l&#228;ndlichen Umgebung Wiens, sondern wanderten aus den verschiedenen Kronl&#228;ndern der Monarchie ein. Die meisten MigrantInnen kamen aus B&#246;hmen, M&#228;hren und Schlesien.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Vor allem die s&#252;dlichen Regionen dieser L&#228;nder waren kaum industrialisiert und fungierten daher als agrarisches Hinterland der Reichshauptstadt. Entsprechend der Arbeitsm&#246;glichkeiten siedelten sich die von den l&#228;ndlichen Gebieten in die Stadt ziehenden Menschen vor allem in den Vororten und industriellen ArbeiterInnenvorst&#228;dten an. </p>
<p><strong>Die Stadt als Zwiebel</strong><br />
Durch diese Entwicklung wurden sozialr&#228;umliche Verteilungsmuster verfestigt, die parallel dazu durch stadtpolitische Entwicklungen auf anderen Gebieten entstanden waren.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Wien erfuhr in der zweiten H&#228;lfte des 19. Jahrhunderts eine entscheidende, bauliche Umgestaltung. Im Zuge der Ringstra&#223;enverbauung und der damit verbundenen Transformation der alten Gewerbevorst&#228;dte zu Mittelschichtsquartieren fand eine r&#228;umliche Verdr&#228;ngung der sozialen „Unterschichten“ in die Gebiete jenseits des ehemaligen Linienwalls – dem heutigen G&#252;rtel – statt.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Die neu gebaute Ringstra&#223;e markierte nicht nur eine r&#228;umliche, sondern auch eine soziale Grenze. W&#252;rde eine grobe Skizze der r&#228;umlichen Aufteilung der sozialen Klassen und Schichten in Wien entworfen, h&#228;tte sie die Form einer Zwiebel: w&#228;hrend es sich der Adel und das (Gro&#223;-)B&#252;rgertum in der Innenstadt gem&#252;tlich machten, waren in den inneren Vorst&#228;dten (au&#223;erhalb des Rings) zum Gro&#223;teil Kleinb&#252;rgerInnen und Beamten angesiedelt. Rund um den Linienwall befand sich das Reich der IndustrieproletarierInnen und der sozialen „Unterschichten“. „Bis zur Jahrhundertwende war ein stabiler Ring von dicht bebauten Arbeitervorst&#228;dten um die Innerg&#252;rtelbezirke und die Innenstadt gezogen“.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Nur der 13., 18. und 19. Bezirk beherbergten mit ihren Villen und Cottagevierteln die Ober- und h&#246;here Mittelschicht. Am h&#246;chsten war die Dichte von ArbeiterInnen und dem so genannten „Lumpenproletariat“ in Bezirken wie Simmering, Favoriten, Brigittenau, Floridsdorf oder Ottakring. Das Bild dieser Vorst&#228;dte war von der zunehmenden Industrialisierung gepr&#228;gt, von rauchenden Fabriken sowie von rasanter Stadterweiterung, meist in Form von Zinskasernenbauten. Die ProletarierInnen siedelten in ArbeiterInnenwohnquartieren in der N&#228;he ihrer Arbeitsst&#228;tten; ob des Fehlens von leistungsf&#228;higen Verkehrsmitteln war es notwendig, dass die Wohnorte nicht zu weit von der Fabrik entfernt lagen. Die Mieten f&#252;r die Unterk&#252;nfte in den Vorst&#228;dten waren exorbitant hoch, die Wohnverh&#228;ltnisse katastrophal. Jeden Abend wurden unz&#228;hlige Obdachlose von der Polizei aus dem Inneren der Stadt in die Vororte au&#223;erhalb des Linienwalls gebracht.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a></p>
<p><strong>terra incognita</strong><br />
Die Wiener Au&#223;enbezirke sowie die dortigen, miserablen Lebensverh&#228;ltnisse um 1900 waren also das Resultat sozialer und st&#228;dtebaulicher Exklusion. Die Vorstadt diente dabei auch als Projektionsfl&#228;che herrschaftlicher Zuschreibungen und Phantasien: In den Berichten von Gro&#223;stadtreportern, Sozialforschern, schreibenden &#196;rzten und Polizisten wurde das Elend der Vorstadt – zum Teil aus sozialreformerischer Intention – ausf&#252;hrlich portraitiert. Die Absicht, die Wohn- und Lebensbedingungen in der Vorstadt und den Industrievierteln zu dokumentieren und ins &#246;ffentliche Bewusstsein zu r&#252;cken, wurde dabei von Bildern der Unordnung, des Elends und der Kriminalit&#228;t &#252;berformt. Der Ruf der Vorstadt als einer finsteren und lasterhaften Gegend, in der EinwanderInnen, DienstbotInnen, ProletarierInnen, Kriminelle, Prostituierte und Arbeitslose „ihr Unwesen treiben“, wurde in diesen Bildern verfestigt.<br />
Die Viertel der Armen verk&#246;rperten aus b&#252;rgerlicher Sicht eine „<em>terra incognita</em> (…), die es zu erkunden und kartieren gilt“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a>. Dementsprechend wurden die Sozialreportagen jener Zeit als „Entdeckungsreisen“ in die Dunkelheit menschlicher Abgr&#252;nde inszeniert. Emil Kl&#228;ger „entdeckte“ auf seiner Expedition in die „Wiener Quartiere des Elends und Verbrechens“ (1908) die „Kanalmenschen“, &#228;hnlich wie die kolonialen Entdeckungsreisenden „Wilde“ und „Pygm&#228;en“ „entdeckt“ hatten. Und auch wenn der sozialdemokratische Publizist Max Winter gr&#246;&#223;ere Sympathien f&#252;r die Objekte seiner Reportagen zeigte – „seine“ Unterwelt war von „anpassungsf&#228;higen“, gewitzten Figuren bev&#246;lkert, die sich trotz widriger Umst&#228;nde durchs Leben schlugen –, partizipierte die von ihm eingesetzte Rhetorik des Entdecker- und Abenteurertums dennoch an der Ambivalenz „zwischen sozialem Appell und Exotismus“<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a>.<br />
Der sozialen und st&#228;dtebaulichen Exklusion der ArbeiterInnenklasse und der „Unterschichten“ entsprach also ein Diskurs, der die Vorstadt als das „Andere“ der b&#252;rgerlichen Gesellschaft konstruierte und sie sowohl mit Ekel, als auch mit Faszination besetzte<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a>. Das soziale Elend wurde pathologisiert, die Vorstadt erschien gleicherma&#223;en als Ort der Krankheit, der Kriminalit&#228;t, der Unmoral, sowie der ethnischen Durchmischung. Sie war „Brutst&#228;tte des Lasters und wie sittlich, so auch sanit&#228;r verseucht“<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a>. Die Ambivalenz zwischen Abwertung und Begehren zeigt sich besonders deutlich an den sexualisierten Bildern des Elends. Die Gestalt der Dirne stand in klarem Gegensatz zur m&#228;nnlich-b&#252;rgerlichen Sexualmoral und fungierte zugleich als deren Projektionsfl&#228;che. Indem sie das Niedere und Rohe sexueller Ausschweifungen symbolisierte, stellte sie gleichzeitig ein „‚groteskes‘ Objekt der Lust“<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> dar, wie sie auch die Angst vor dem Verlust der Distanz zwischen innerer und &#228;u&#223;erer Stadt verk&#246;rperte.<br />
Gleichzeitig trug die Schaffung einer kulturellen Distanz zwischen Zentrum und Peripherie auch zur Selbstkonstitution der b&#252;rgerlichen Klasse bei. Durch die Abwertung der popularen Volkskultur „reinigte“ sich die Bourgeoisie symbolisch von der sozialen Kontingenz ihrer eigenen Herkunft.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> Das durch diese Distanzierung erzeugte „Andere“ der Zivilisation stellte sich nun aber auch als deren Bedrohung dar: „An die Stelle der realen Lebenswelt der Vorstadt, an die Stelle des Fabrikarbeiters, des Handwerkers, des Ladenm&#228;dchens und der Heimarbeiterin treten Stereotype von prototypischen Unruhestiftern, potentiellen Revolution&#228;ren, Vagabunden, Kriminellen und ein ambivalent besetzter Kosmos weiblicher Sexualit&#228;t mit leichtfertigen M&#228;dchen und professionellen Prostituierten.“<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Die Bedrohungen, die von den als amorph, unberechenbar und anarchisch imaginierten Massen der Vorstadt auszugehen schienen, waren gleichzeitig sittlicher und politischer Natur. Die Angst vor der Ersch&#252;tterung b&#252;rgerlicher Moral und die Angst vor politischen Unruhen und Revolten gingen Hand in Hand. </p>
<p><strong>Das „Lumpenproletariat“ und die Sozialdemokratie</strong><br />
Vor diesem Hintergrund versuchte die sich Ende des 19. Jahrhunderts formierende Sozialdemokratie die „anarchischen“ Zust&#228;nde in den Vorst&#228;dten politisch zu regulieren. Ihre Position blieb dabei lange widerspr&#252;chlich, da ihre politische Ausrichtung w&#228;hrend des Gr&#252;ndungsprozesses noch nicht v&#246;llig festgelegt war: In den 1870er und 1880er Jahren rangen die „Radikalen“, die den revolution&#228;ren Bruch mit dem kapitalistischen System propagierten, und die „Gem&#228;&#223;igte“ die f&#252;r eine streng legalistische &#220;berwindung des Kapitalismus mit Hilfe  des Staatsapparates eintraten<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a>, um die Dominanz in der ArbeiterInnenbewegung. Mit den unterschiedlichen Positionen waren auch divergierende Vorstellungen vom zu organisierenden Proletariat als dem revolution&#228;ren Subjekt verbunden. Die „Radikalen“ rechneten auch das „Lumpenproletariat“, die Arbeitslosen und Tagel&#246;hner zur ArbeiterInnenklasse und wollten diese politisch mobilisieren. In den Augen der „Gem&#228;&#223;igten“ galt es demgegen&#252;ber, die IndustriearbeiterInnen zu organisieren sowie zu disziplinieren und infolge das „Volk“ und die „gro&#223;en Massen des Mittelstandes“ f&#252;r den Sozialismus zu gewinnen.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a><br />
Bis zur Gr&#252;ndung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) auf dem Hainfelder Parteitag 1889 hatte sich in der Sozialdemokratie die Position der Gem&#228;&#223;igten durchgesetzt. So schwor sich die SDAP dort auf einen „gesetzlichen Weg“<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> zur &#220;berwindung des Kapitalismus und der r&#252;ckst&#228;ndigen Staatsordnung der k. u. k. Monarchie ein. Die Grundlage daf&#252;r sollte die Mobilisierung und Organisierung der (industriellen) ArbeiterInnenschaft bilden, die „mit dem Bewusstsein ihrer Lage und Aufgaben erf&#252;llt, geistig und physisch kampff&#228;hig gemacht und erhalten“ werden sollte. Dabei schrieb sich die SDAP selbst die zentrale Rolle zu.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Nicht der unmittelbare oder gar gewaltsame Kampf um die politische Macht stand im Vordergrund, sondern die Konstituierung des Proletariats als politisch bewusste Klasse wurde als erste Aufgabe der Sozialdemokratie gesehen.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> In der politischen Praxis orientierte man sich dementsprechend an der Ausweitung rechtlicher Handlungsspielr&#228;ume und an der Modernisierung der Gesellschaft des Habsburgerreiches.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a><br />
Allerdings waren die staatlich-institutionellen Handlungsm&#246;glichkeiten eingeschr&#228;nkt: Die SDAP fand oft keine B&#252;ndnispartner und konnte ihre Politik wenig bis gar nicht durchsetzen. „Stagnation und Defensive lie&#223;en sie auf ihr traditionelles Instrumentarium der Politik der Stra&#223;e zur&#252;ckgreifen“<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a>. So setzte die Sozialdemokratie auch 1911, als sie sich im Parlament nicht durchsetzen konnte, im Kampf gegen die massiven Teuerungen der Lebensmittel auf die Massenmobilisierung der Vorst&#228;dte im Rahmen einer Gro&#223;demonstration.<br />
Das war deshalb m&#246;glich, weil die Organisationsstruktur und Macht der SDAP in Wien auf den Vorst&#228;dten basierte. Diese waren zum einen lange von den „Radikalen“ dominiert und wiesen zum anderen eine hohe Durchmischung und Verschmelzung von IndustriearbeiterInnen und „Lumpenproletariat“ auf. Daher waren sie die Grundlage der sozialdemokratischen Organisation – allein die Ottakringer Parteiorganisation trug doppelt soviel zur Parteikasse bei wie ganz B&#246;hmen.<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> Dass die SDAP in Wien nicht blo&#223; eine Partei der regul&#228;ren IndustriearbeiterInnen war, sondern auch auf der Organisation der Vorstadt als einem „Terrain der Politik“ beruhte, l&#228;sst sich auch an sozialdemokratischen Biographien festmachen; etwa jener des Ottakringer Volkstribuns Franz Schuhmeiers, der als Sohn eines Arbeitslosen vom Hilfsarbeiter zum Parlamentarier aufstieg.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a></p>
<p><strong>Widerspr&#252;chliche Reaktionen</strong><br />
Die aus den Widerspr&#252;chen zwischen Selbstverst&#228;ndnis, politischer Strategie und realer Situation in den Vorst&#228;dten erwachsenden Ambivalenzen zeigten sich in den Reaktionen der Sozialdemokratie auf die Hungerrevolte von 1911. Anders als z. B. die <em>Freie Presse</em> konnte es sich die SDAP nicht leisten, den Aufstand der Vorstadt „feindlichen“ Elementen des „Lumpenproletariats“ zuzuschreiben; es war ein Aufstand der Vorstadt und damit der sozialdemokratischen Massenbasis. So schreib etwa die AZ, das Sprachrohr der SDAP: „Die blutigen Ereignisse vom Sonntag waren ein Produkt der Verzweiflung, und wenn man sie ausschlie&#223;lich auf das S&#252;ndenkonto des ‚Mobs‘ oder des gro&#223;st&#228;dtischen Lumpenproletariat zu schreiben sucht, so hat dies eine nur sehr bedingte Berechtigung.“<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a>  Denn es sei offensichtlich, „dass auch ruhige Arbeiter und Arbeiterinnen, durch Verzweiflung &#252;bermannt, sich zu Handlungen hinrei&#223;en lie&#223;en, die sie bei ruhiger &#220;berlegung unterlassen h&#228;tten“.<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> Doch ebenso wird in der AZ deutlich, dass der Aufstand der Vorstadt nicht der Politik und strategischen Ausrichtung der SDAP entsprach: „Gewerkschaften und Partei hatten die ‚Kontrolle‘ &#252;ber die Arbeiter verloren – ein grundlegendes Dilemma der Parteitaktik wurde offenbar: die Mittel au&#223;erparlamentarischer Konfliktsymbolisation erwiesen sich als unzureichendes Druckmittel zur Belebung der parlamentarischen T&#228;tigkeit, sie drohten vielmehr in direkte Konfrontation mit einer zum Einsatz aller Gewaltmittel entschlossenen Staatsgewalt zu m&#252;nden“.<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Auch die Reaktion der AZ am Tag nach den Unruhen wies darauf hin, dass die offene Konfrontation mit der Staatsgewalt auf der Stra&#223;e eher vermieden werden sollte: „Sozialdemokraten“ und „Arbeiter“ wurden aufgefordert „jede weitere Demonstration zu unterlassen“ und sich auf die Partei zu verlassen; die Vertrauensleute der Partei wurden angehalten, f&#252;r Ruhe zu sorgen, und die „Eltern Ottakrings“ sollten ihre Kinder nicht auf die Stra&#223;e lassen.<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a> </p>
<p><strong>Zwischen „Anarchie“ und Organisation</strong><br />
Die Betrachtung der Wiener Vorst&#228;dte um 1900 relativiert das stereotype Bild der Stadt zur Jahrhundertwende – das b&#252;rgerliche Idealbild der Weltstadt Wien als kulturellem und k&#252;nstlerischem Zentrum, als Stadt von Jugendstil-Architekten, Malern und Kaffeehausliteraten. Wie in anderen industriellen Zentren, etwa London oder Paris, bildete auch in Wien die steigende Zahl der ArbeiterInnen und des „Lumpenproletariats“ einen wesentlichen Teil der Stadtbev&#246;lkerung. Wohnungsnot, Hunger und Ausbeutung kennzeichneten den Alltag. Die Vorst&#228;dte Wiens wuchsen durch die Verdr&#228;ngung der sozialen „Unterschichten“ aus der Inneren Stadt in die Au&#223;enbezirke sowie durch die Zuwanderung aus verschiedenen Gebieten der Habsburgermonarchie massiv an. Im b&#252;rgerlichen Diskurs Faszination und Ekel bzw. potentielle Bedrohung zugleich darstellend, bildeten die Vorst&#228;dte die Basis f&#252;r die Formierung der Sozialdemokratie, die sp&#228;ter mit dem Projekt des Roten Wien f&#252;r eine neue Stadtpolitik stand. Dabei wirkte die neue Partei nicht nur organisierend, sondern tendierte ebenso zu Regulierung und Kontrolle des „Wilden Proletariats“ in den Vorst&#228;dten. Die Sozialdemokratie spielte somit eine ambivalente Rolle, die sich zwischen Organisierung und Aktivierung einerseits, und Regulierung der „anarchischen Zust&#228;nde“ in den Vorst&#228;dten andererseits bewegte. </p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a>Arbeiter Zeitung (AZ), Nr. 205, 28. Juli 1911 (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Maderthaner, Wolfgang/Musner, Lutz: In dieser Gegend scheint nie die himmlische Sonne. Wiener Vorst&#228;dte um 1900, in: Schwarz, Werner Michael (Hg.): Ganz unten. Die Entdeckung des Elends. Wien, Berlin, London, Paris, New York. Wien Museum Karlsplatz, 14. Juni bis 28. Oktober 2007, Wien 2007, S.83-89<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Pferdefleischkonsum war und ist nicht nur besonders umstritten, sondern galt vor allem auch als minderwertig und Armeleuteessen.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> AZ, Nr. 247, 8. September 1911, Morgenblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> vgl. AZ, Nr. 250, 11. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> AZ, Nr. 251, 12. September 1911, Morgenblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> vgl. AZ, Nr. 257, 18. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz: Die Anarchie der Vorstadt. Das andere Wien um 1900, Frankfurt/Main 2000, S.23<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> vgl. AZ, Nr. 257, 18. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> vgl. ebenda<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> ebenda<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.31<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> ebenda, S.33<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> AZ, Nr. 257, 18. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.25<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> ebenda, S.32<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> vgl. Fassmann, Heinz/Hatz, Gerhard/ Patrouch, F. Joseph: Understanding Vienna, Wien 2006, S. 161<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.66<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> vgl. Bruckm&#252;ller, Ernst: Sozialgeschichte &#214;sterreichs, Wien 2001, S. 211<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> vgl. ebenda, S. 266 und Komlosy, Andrea: Empowering and Control. Conflicting Central and Regional Interests in Migration Within the Habsburg Monarchy, in: Fahrmeir, Andreas u.a.: Migration Control in the North Atlantic World, UK 2003, S. 155f.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> 1873 st&#252;rzten die Aktienkurse an der Wiener B&#246;rse aufgrund einer &#220;berhitzung der Konjunktur ins Bodenlose. Der „Wiener B&#246;rsenkrach“ l&#228;utete das Ende der Gr&#252;nderzeit ein, die auf ihn folgende Depressionsphase wird oft als „Gr&#252;nderkrise“ bezeichnet.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.39<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> vgl. Komlosy, Andrea 2003, a.a.O. S. 155ff.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> vgl. ebenda, S.155ff.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.39, S.41f.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> vgl. Banik-Schweitzer, Renate: Zur sozialr&#228;umlichen Gliederung Wiens, Wien 1982, S.15ff.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.54 und S.51f<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> vgl. ebenda, S.54 und S.51f.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Lindner, Rolf: Ganz unten. Ein Kapitel aus der Geschichte der Stadtforschung, in: Schwarz, Werner Michael (Hg.) 2007, a.a.O., S.19<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Mattl, Siegfried: Das wirkliche Leben. Elend als Stimulationskraft der Sicherheitsgesellschaft. &#220;berlegungen zu den Werken Max Winters und Emil Kl&#228;gers, in: Schwarz, Werner Michael (Hg.) 2007, a.a.O., S.113<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> vgl. Probst, Stefan: Faszination Elend, in: Perspektiven. Magazin f&#252;r linke Theorie und Praxis, Nr. 3, 2007, S.40-43<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Eichhorn, Rudolf: Ein Nachtrag zur materiellen Lage des Arbeiterstandes in &#214;sterreich. Floridsdorf und Umgebung, ein sociales Bild, in: &#214;sterreichische Monatsschrift f&#252;r Christliche Socialreform, Bd.6, 1884, S.483<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.96<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> vgl. ebenda, S.89<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> ebenda, S.87<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> vgl. Staudacher, Anna: Sozialrevolution&#228;re und Anarchisten. Die andere Arbeiterbewegung vor Hainfeld, Wien 1988, S. 80ff. und S.117<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> ebenda, S.5 und S.81<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> ebenda, S.80<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ M&#252;ller Wolfgang C.: Die Organisation der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie 1889-1995, Wien 1996, S. 31f.<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> vgl. Ardelt, Rudolf G.: Vom Kampf um B&#252;rgerrechte zum „Burgfrieden“, Wien 1994, S.11<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> vgl. ebenda, S.39<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.96<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ M&#252;ller Wolfgang C.1996, a.a.O., S.65<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.199<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> AZ, Nr. 258, 19. September 1911 (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> ebenda<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> Ardelt, Rudolf G.,1994, a.a.O., S. 45<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> vgl. AZ, Nr. 257, 18. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)</p>
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		<title>Stimme der Ungeh&#246;rten &#8211; Die Makellosigkeit der Grande Nation?</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:06:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezension: Kollektiv Rage (Hg.): Banlieues. Die Zeit der Forderungen ist vorbei, Berlin: Assoziation A 2009, 280 Seiten, € 16,50

Die Aufst&#228;nde in den franz&#246;sischen Banlieues gehen bis weit in die 70er Jahre zur&#252;ck. Schon damals stellten Medien brennende Autos und die Verw&#252;stung &#246;ffentlicher Geb&#228;ude in den Vorst&#228;dten von Paris als Zeichen blinder Gewaltausbr&#252;che dar, statt das Aufbegehren gegen die prek&#228;ren Lebensumst&#228;nde [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Kollektiv Rage (Hg.): Banlieues. Die Zeit der Forderungen ist vorbei, Berlin: Assoziation A 2009, 280 Seiten, € 16,50<br />
<span id="more-1542"></span><br />
Die Aufst&#228;nde in den franz&#246;sischen Banlieues gehen bis weit in die 70er Jahre zur&#252;ck. Schon damals stellten Medien brennende Autos und die Verw&#252;stung &#246;ffentlicher Geb&#228;ude in den Vorst&#228;dten von Paris als Zeichen blinder Gewaltausbr&#252;che dar, statt das Aufbegehren gegen die prek&#228;ren Lebensumst&#228;nde in den Banlieues zu kritisieren. Dabei sind die soziologischen Hintergr&#252;nde der fortdauernden und immer wiederkehrenden Ausschreitungen immer mit zu ber&#252;cksichtigen. Diese sind zum einen in der gesellschaftlichen Marginalisierung der ImmigrantInnen und zum anderen in deren Ghettoisierung begr&#252;ndet. Als billige Arbeitskr&#228;fte nach Frankreich geworben, kamen die meisten der heutigen BanlieuebewohnerInnen aus den ehemaligen franz&#246;sischen Kolonien,<br />
zumeist mit franz&#246;sischer Staatsb&#252;rgerschaft. So entstanden um Paris und andere Gro&#223;st&#228;dte Trabantenst&#228;dte, deren BewohnerInnen fast ausschlie&#223;lich MigrantInnen waren. Sowohl die Banlieues, als auch ihre BewohnerInnen wurden fortan nicht nur geographisch an den Rand der franz&#246;sischen Gesellschaft gedr&#228;ngt. Diese Manifestation einer Zweiklassengesellschaft – mit der Bourgeoisie innerhalb der Stadtmauern und dem davon abgegrenzten Prekariat weit weg von den Augen des arrivierten B&#252;rgertums – wird paradoxerweise gerade in einem Land vollzogen, welches sich als <em>Grande Nation</em> so sehr selbst beweihr&#228;uchert: jeder Mensch sei gleich, mit gleichen Rechten und Pflichten, mit Anspruch auf Chancengleichheit unabh&#228;ngig von Herkunft. In der Beobachtung der historisch-&#246;konomischen Entwicklung scheint es jedoch, als sei die <em>Grande Nation</em> im Zustand wirtschaftlichen Abschwungs noch weniger in der Lage, ihre so hoch gehaltenen Grundwerte in die Tat umzusetzen. Vielmehr fordert die Wirtschaftskrise hier verst&#228;rkt ihren gesellschaftlichen Tribut. Die gro&#223;en Aufst&#228;nde 2005 oder auch die letzten Unruhen 2009 k&#246;nnen somit nicht als vereinzelte K&#228;mpfe Jugendlicher aus den Banlieues isoliert werden, sondern sind im Kontext jahrzehntelanger Vernachl&#228;ssigungspolitik als deren fatale Folgen zu sehen. Die Ausl&#246;ser der &#252;berregionalen Revolten waren jedesmal Todesf&#228;lle jugendlicher ImmigrantInnen. Diesen, in Auseinandersetzungen mit der Polizei zu Tode gekommenen, kam als „Opfern des Systems“ Symbolcharakter zu: Im November 2005 verungl&#252;ckten zwei Jugendliche in Clichy-sous-Bois w&#228;hrend einer Verfolgungsjagd mit der Polizei. 2007 war es Hakim Arama, der im M&#228;rz durch einen Polizeischuss t&#246;dlich verletzt wurde.<br />
Rund um die Diskussion der sozialen Verh&#228;ltnisse in den Banlieues schlossen sich deutsche und franz&#246;sische AktivistInnen zu der Gruppierung „Kollektiv Rage“ zusammen. Sie haben 2009 das Buch „Banlieus. Die Zeit der Forderungen ist vorbei“ herausgegeben, das die Aufst&#228;nde aus soziologischer Sicht und aus der Perspektive der BanlieuebewohnerInnen beleuchtet. Den AutorInnen geht es in dieser Ver&#246;ffentlichung nicht darum, die Ausschreitungen zu verherrlichen, sondern, auf Basis verschiedener Erfahrungen, soziale Auseinandersetzungen zu analysieren und diese in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext einzubetten.<br />
Der erste Teil des Buches besteht aus Analysen der aktuellen Situation und ihrer geschichtlichen Verankerung. So sind unter anderem der <em>Contrat Première Embauche</em> (Ersteinstellungsvertrag), der den K&#252;ndigungsschutz f&#252;r Jugendliche und Heranwachsende abschaffte, ethnische und rassistische Diskriminierungen am Beispiel Schule und Arbeitsmarkt sowie die Neoliberalisierung der Sozialistischen Partei und deren Auswirkung auf die Banlieues Gegenstand der Diskussion. Ingrid Artus befasst sich in „Die Novemberrevolte in den franz&#246;sischen Banlieues: Blinde Wut oder soziale Bewegung“ mit den Dynamiken und Hintergr&#252;nden der Revolte im November 2005. Besonderen Fokus findet die politische Sprachlosigkeit der Aufst&#228;nde. Sprachlosigkeit bedeutet in diesem Sinnzusammenhang, dass es bei den Aufst&#228;nden weder eine politische F&#252;hrung gab, die die Aufst&#228;nde initiierte, noch dass konkrete Forderungen an die politischen Institutionen gestellt wurden. Eben solche Forderungen, Verhandlungen und uneingel&#246;ste Versprechen gab es in den letzten Jahrzehnten zu gen&#252;ge. „Wir wollen keinen Dialog mehr mit der Regierung. Unsere V&#228;ter, unsere Familien sind mehr als genug mit Gerede vertr&#246;stet worden. Der Dialog ist endg&#252;ltig abgebrochen, versucht nicht mehr uns zu beruhigen.“ (Aufst&#228;ndische K&#228;mpfer, S.156). Diese Verweigerung der verbalen Kommunikation wurde von den Medien als Ausbruch reiner Gewalt diffamiert und interpretiert, jedoch wurde dabei oftmals au&#223;er Acht gelassen, dass die Anschl&#228;ge, die sich gegen die institutionellen Kr&#228;fte Staat, Polizei und Schule richteten, einer klaren Richtung folgten, n&#228;mlich der Auflehnung gegen die herrschenden Verh&#228;ltnisse, der Auflehnung gegen soziale Ausgrenzung und Erniedrigung. Eine Auflehnung also gegen Einrichtungen, die als Symbole staatlicher Kontrolle wahrgenommen werden.<br />
In einem Interview mit Laurent Mucchielli, Spezialist f&#252;r Fragen der Sicherheitspolitik und Jugendkriminalit&#228;t, wird auf die Sicht der Jugendlichen eingegangen. Laut seiner Aussage, sei die Chancenungleichheit, die schon in der Schule beginne und sich im Arbeitsleben fortsetze, mitverantwortlich f&#252;r die Revolten. Grundlegende M&#246;glichkeiten, sich in die Gesellschaft einzugliedern, wie ein Wohnung zu mieten, bei den Eltern auszuziehen und eine eigene Familie zu gr&#252;nden, w&#252;rden durch Arbeitslosigkeit von vornherein abgeschnitten.<br />
In „Die Banlieues als politisches Experimentierfeld“ geht Emmanuelle Piriot auf die Entstehung und Ver&#228;nderungen der Gro&#223;siedlungen, auf die Organisation der Arbeitsmigration und die neuen polizeilichen Kontrolltechniken gegen Illegalisierte ein.<br />
Max Henninger setzt sich in „Der Unterschied, auf den es ankommt“ ebenso wie Ingrid Artus mit den Hintergr&#252;nden der Novemberrevolte 2005 auseinander. Er legt den Schwerpunkt auf die politischen Entwicklungen in den Banlieues &#252;ber die letzten Jahrzehnte und auf die Arbeitsmarktsituation der Jugendlichen heute. Dabei skizziert er die in den 1980er Jahren erprobte Reformpolitik der Sozialistischen Partei und zeigt gleichzeitig auf, dass diese Reformen die herrschenden Verh&#228;ltnisse nie in Frage gestellt haben, was impliziert, dass sie nie im Sinne der BanlieuebewohnerInnen konzipiert worden waren.<br />
Im zweiten Teil des Buches stehen konkrete Einzelschicksale von BanlieuebewohnerInnen in ihrem t&#228;glichen Kampf in der Arbeitswelt im Vordergrund. So finden sich hier Interviews mit gewerkschaftlich organisierten ArbeitnehmnerInnen, Ausschnitte aus dem Leben revoltierender BanlieuebewohnerInnen und deren Widersacher B.A.C (<em>Brigade anticriminalité</em>).<br />
Anne Br&#252;gmann &#038; Emanuelle Piriot setzen sich in ihrem Beitrag mit der Bewegung <em>Ni putes ni soumises</em> („weder Huren noch Unterworfene“) auseinander, die auf die Lage der Frauen in den Banlieus aufmerksam machen will. Diese – sich durch Sarkozy-N&#228;he auszeichnende und dadurch nicht unumstrittene Bewegung – k&#246;nne sich ihnen zufolge oftmals auch des Vorwurfs des Pseudo-Feminismus nicht erwehren. Zum einen st&#252;nden der professionell erscheinenden &#214;ffentlichkeitsarbeit von NPNS relativ wenige realisierte Projekte gegen&#252;ber: So verf&#252;gte NPNS im Jahre 2008 lediglich &#252;ber zwei Zufluchtsst&#228;tten f&#252;r misshandelte Frauen im Gro&#223;raum Paris. Zum anderen vernachl&#228;ssige der alleinige Fokus auf die Gewalt gegen Frauen auch deren Beteiligung an den sozialen und politischen Auseinandersetzungen und f&#252;hre zu einer weiteren Verfestigung bestehender Klischees und Rassismen. Beispielhaft hierf&#252;r sei etwa die Tatsache, dass sich die NPNS klar gegen das Kopftuch ausspreche. Bei einer Gro&#223;demonstration im M&#228;rz 2003 wurden Kopftuch tragende Frauen von vornherein von der Demonstration ausgeschlossen. Fadela Amara, die Gr&#252;nderin und erste Pr&#228;sidentin von NPNS, ist mittlerweile Staatssekret&#228;rin im Stadtministerium der Regierung Sarkozy. Die NPNS ist ein Paradebeispiel daf&#252;r, dass nicht jede Organisation, die von sich behauptet, die Interessen der BanlieuebewohnerInnen zu vertreten und gegen Rassismus anzuk&#228;mpfen, dies auch wirklich tut, sondern eher in eigenem Interesse handelt, um politische Salonf&#228;higkeit zu erlangen.<br />
Ferner versucht in dem Band das Ruhrgebiets Internationalismus Archiv Dortmund (RIAD) in ihrem Beitrag, die Verbindung zwischen den Aufst&#228;nden und Rap nachzuvollziehen. Rechtskonservative geben dem Hip-Hop im Allgemeinen einen Gro&#223;teil der Schuld an den Aufst&#228;nden. Um dieses Bild in der &#214;ffentlichkeit zu sch&#228;rfen, wurden Kampagnen gestartet, in denen Textpassagen aus aggressiven und teils rassistischen Liedern zur Abschreckung ver&#246;ffentlicht wurden. Diese Vorgehensweise f&#252;hrte in Gro&#223;teilen der Bev&#246;lkerung zur D&#228;monisierung der gesamten franz&#246;sischen Rapszene. In „Die Zeit der Forderungen ist vorbei“ wird diese induktive Verallgemeinerung entkleidet. Ins Blickfeld r&#252;ckt dabei vorwiegend die Rolle der Raperinnen, die, im Gegensatz zu ihren m&#228;nnlichen Kollegen, gegen Vergewaltigung, eheliche Gewalt, Sexismus in Vororten und die Rolle der Frau in der Gesellschaft ansingen. Raperinnen, wie Princess Aniès, Diam’s oder Keny Arkana nehmen hier zweifelsfrei eine wegweisende VorreiterInnenrolle ein.<br />
Um die Problematik der Vorst&#228;dte im internationalen Kontext zu erl&#228;utern, wird ein Vergleich mit der Lage in Berlin herangezogen. Hierbei liegt der Fokus vorwiegend auf privaten Dienstleistern und ehrenamtlichen Engagements, die staatlich finanzierte Stellen und soziale Einrichtungen ersetzt haben. Hinter Programmen wie dem „Quartiersmanagement“ – QM – stehe nicht zuletzt die &#220;bertragung der Verantwortung f&#252;r soziale Exklusion auf die Betroffenen, die in diesem Sinne v&#246;llige Eigenverantwortung f&#252;r ihre Situation tragen sollen. Diese werden in solchen Programmen als billige Arbeitskr&#228;fte eingesetzt und „bed&#252;rften“ von nun an nicht mehr der staatlichen Unterst&#252;tzung. Diese Form der &#246;konomischen Selbstkontrolle, die nicht zuletzt zu einer weiteren Prekarisierung der BewohnerInnen f&#252;hrt, wird fast ausschlie&#223;lich in Stadtteilen eingesetzt, die als „soziale Brennpunkte“ gelten.<br />
Gerade diese Gegen&#252;berstellung der beiden Metropolen erm&#246;glicht es, soziale Prozesse in anderen L&#228;ndern zu erschlie&#223;en und macht die Lekt&#252;re f&#252;r den/die LeserIn nicht nur facettenreich, sondern physisch sp&#252;rbar. Schlie&#223;lich wird dem/der LeserIn mit einem geschichtlichen &#220;berblick der Aufst&#228;nde in Frankreich von 1971 bis heute vertiefend und abrundend anschauliche Orientierung zur Faktenlage geboten.<br />
Das Buch ist somit eine kenntnisreiche Informationsquelle f&#252;r interessierte LeserInnen, die sich mit den sozialen Missst&#228;nden im urbanen Lebensraum auseinandersetzen m&#246;chten, gibt aber gleichzeitig auch Menschen, die sich schon eingehender mit den Banlieues besch&#228;ftigt haben, neue Denkanst&#246;&#223;e: „Dis leur que je ne me plierai pas aux exigences du marché ou autre, Et que je crierai ce que je pense sur nos chers bâtards de dirigeants, Dis leur que c’est de la vérité que je compte mettre sur le tapis, En gros dis leur que mon rap est une menace pour les règles établies.“ („Sag Ihnen, dass ich mich niemals dem Markt oder etwas anderem anpassen werde, und dass ich schreien werde, was ich &#252;ber unsere liebe Bastardelite denke, Sag Ihnen, dass ich die Wahrheit zur Sprache bringen werde, sag Ihnen, dass mein Rap die etablierten Regeln bedroht.“ Keny Arkana: le missile est lancé.)</p>
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