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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Politische Ökonomie</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Karl Marx: &#214;konom oder Revolution&#228;r? (Teil 1)</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:12:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Krisentheorie]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Im zweiten Teil unserer Reihe zu marxistischen Krisentheorien pr&#228;sentieren wir euch einen umstrittenen Klassiker erstmals in deutscher Sprache. Harry Cleaver, zentraler Theoretiker des „Autonomen Marxismus“, stellt in diesem Beitrag von 1983 eine alternative Lesart der Marx’schen Krisentheorie vor, die sich gegen jede Trennung von politischen und &#246;konomischen Momenten wendet und den Klassenkampf, nicht die Bewegungsgesetze des Kapitals, als ihren Gegenstand [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im zweiten Teil unserer Reihe zu marxistischen Krisentheorien pr&#228;sentieren wir euch einen umstrittenen Klassiker erstmals in deutscher Sprache. <em>Harry Cleaver</em>, zentraler Theoretiker des „Autonomen Marxismus“, stellt in diesem Beitrag von 1983 eine alternative Lesart der Marx’schen Krisentheorie vor, die sich gegen jede Trennung von politischen und &#246;konomischen Momenten wendet und den Klassenkampf, nicht die Bewegungsgesetze des Kapitals, als ihren Gegenstand versteht. Der zweite Teil des Artikels erscheint in <em>Perspektiven Nr. 14</em>.<br />
<span id="more-1962"></span><br />
W&#228;hrend der letzten zehn Jahre hat der Marxismus an den US-amerikanischen Universit&#228;ten eine beachtliche Stellung erlangt.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Dies gilt insbesondere f&#252;r die Wirtschaftswissenschaften, wo die Diskussionen zu Marx und der marxistischen Tradition bis vor kurzem haupts&#228;chlich auf Seminare zur Geschichte des &#246;konomischen Denkens oder der sowjetischen Wirtschaftsgeschichte beschr&#228;nkt war. <a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Der Aufstieg eines akademischen Marxismus beruht meines Erachtens auf zwei Faktoren. Zum einen haben die K&#228;mpfe der Studierenden im Kontext der sozialen Aufst&#228;nde der sp&#228;ten 1960er und fr&#252;hen 1970er Jahre Zeit und Raum daf&#252;r geschaffen, dass politisch aktive Studierende sich mit dem Marxismus als Teil radikaler Wirtschaftswissenschaften, rebellischer Soziologie usw. auseinandersetzen konnten. <a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Zum anderen waren die Universit&#228;tsverwaltungen und die von ihnen &#252;blicherweise vertretenen Wirtschaftsinteressen gegen&#252;ber der Ausbreitung marxistischer Forschung &#252;berraschend tolerant. <a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Diese Reaktion auf studentische Forderungen ist nicht einfach ein Fall von „repressiver Toleranz“, die Marcuse so eindringlich beschrieben hat. <a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Vielmehr ist diese gegenw&#228;rtige Toleranz auf das Bed&#252;rfnis nach neuen Ideen zur&#252;ckzuf&#252;hren, das die Wirtschaft in der aktuellen &#246;konomischen und sozialen Krisenperiode hat. <a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Die lange Geschichte der kapitalistischen Aneignung marxistischer Ideen unterst&#252;tzt diese Behauptung. <a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Mehr noch: Die zahlreichen Versuche der letzten Jahre, in der Wirtschaftspresse und in wirtschaftswissenschaftlichen Zeitschriften radikalen Ideen Raum zu geben und aktuelle marxistische Forschung zur &#214;konomie zu besprechen, demonstrieren das anhaltende Interesse der Wirtschaft und ihrer IdeologInnen an der M&#246;glichkeit, von Marx etwas Neues zu lernen. Nirgendwo war diese Toleranz offensichtlicher als im Bereich marxistischer Krisentheorie.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a><br />
Diese Bereitschaft der Wirtschaft, sich marxistische Ideen anzueignen und f&#252;r eigene Zwecke zu nutzen, wurde von marxistischen KrisentheoretikerInnen bislang gr&#246;&#223;tenteils ignoriert. Wieder und wieder haben diese ihre Theorien in einer Art und Weise formuliert, die eine solche Aneignung erleichtert.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Dies muss jedoch nicht notwendigerweise der Fall sein. Es gibt eine Lesart von Marx und eine Entwicklung marxistischer Theorie, die sich dieser Art der Aneignung nicht ausliefert.<br />
In diesem Essay geht es mir um zwei Dinge. Erstens zeige ich anhand einer Reihe von Beispielen, wie in der Geschichte marxistischer Krisentheorie viele TheoretikerInnen den revolution&#228;ren Inhalt des Marx’schen Werks vergessen und sich dadurch der Gefahr kapitalistischer Aneignung ausgesetzt haben. Zweitens schlage ich einen alternativen Zugang zur Marx’schen Krisenanalyse vor, der ihren politischen und revolution&#228;ren Inhalt explizit macht und sie daher st&#228;rker gegen eine Aneignung immunisiert.</p>
<p><strong>Einige Probleme marxistischer Krisentheorie</strong><br />
Angesichts des offensichtlichen Interesses von Mainstream- &#214;konomInnen und der Wirtschaftspresse an marxistischer Wirtschaftswissenschaft und im Wissen um die M&#246;glichkeiten einer kapitalistischen Aneignung unserer Ideen sollten wir erkennen, dass einige der &#246;konomietheoretischen Arbeiten innerhalb des Marxismus schwere M&#228;ngel aufweisen. Im Versuch, ein alternatives &#246;konomisches Paradigma zu entwickeln, das innerhalb der akademischen Community salonf&#228;hig ist, haben zu viele marxistische Studierende und &#214;konomInnen die „Wirtschaft“ &#252;berbetont und dabei Marx verloren. Krisentheorie war immer ein zentraler Bestandteil marxistischer Theorie und nicht zuletzt von Marx’ eigenem Werk. Er war sowohl an zyklischen Krisen – oft Konjunkturzyklen genannt – als auch an jenen grundlegenden s&#228;kularen Trends interessiert, welche die langfristige &#220;berlebensf&#228;higkeit des Systems untergraben. Dass dieser Aspekt der Marx’schen Forschung von der Wirtschaftspresse am engsten verfolgt wurde, liegt sicherlich daran, dass wir uns gegenw&#228;rtig inmitten einer tiefen Systemkrise befinden. Nur weil einige MarxistInnen ihre Krisentheorie auf eine Art und Weise formuliert haben, die mit b&#252;rgerlichen Theorien vergleichbar ist, kann die Wirtschaft &#252;berhaupt darauf hoffen, Erkenntnisse und Gebrauchswert aus deren Arbeit zu ziehen.<br />
In Marx’s eigener Forschung gehen Theorie und empirische Studien Hand in Hand. Der wahrscheinlich wichtigste Durchbruch in seinem Denken zu diesem Thema ereignete sich w&#228;hrend der Krise von 1857, als er w&#228;hrend langen, durchgearbeiteten N&#228;chten versuchte, seine empirischen Beobachtungen durch die Entwicklung eines neuen theoretischen Rahmens zusammenzufassen. Die Ergebnisse dieser Periode umfassen sowohl seine Zeitungsartikel als auch die Notizen, die als <em>Grundrisse </em>bekannt wurden. In diesen Artikeln und Notizen findet sich eine bunte Mischung historischer und theoretischer Beobachtungen zu unterschiedlichen Aspekten kapitalistischer Krisen. Einige dieser Beobachtungen integrierte Marx sp&#228;ter in <em>Das Kapital</em> und die <em>Theorien &#252;ber den Mehrwer</em>t. In dieser F&#252;lle von Material k&#246;nnen wir erkennen, wie Marx darum k&#228;mpfte, eine politische Analyse von Krisen auszuarbeiten, aus der er strategische Lehren f&#252;r die ArbeiterInnenbewegung gewinnen konnte.<br />
In der Geschichte des Marxismus seit Marx hat die Entwicklung von Krisentheorien bis heute jedoch entt&#228;uschende Ergebnisse gezeitigt. Dabei k&#246;nnen wir mindestens zwei eklatante M&#228;ngel identifizieren. Der erste ist die Tendenz, den Fokus auf eine enge Auswahl des Marx’schen Werkes zu legen. Diese Tendenz, die, wie Peter Bell zeigt, einseitige, monokausale Theorien hervorbringt, kann die volle Reichweite von Marx‘ Arbeiten zu Krisen nicht ad&#228;quat fassen und hat zu endlosen marxologischen Debatten gef&#252;hrt.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> So ist beispielsweise die Debatte zwischen jenen MarxistInnen, die sich auf Marx’ Kommentare zur Unterkonsumption st&#252;tzen, und jenen, die auf seine Diskussion des tendenziellen Falls der Profitrate bauen, seit mehr als 40 Jahren im vollen Gange und von einer L&#246;sung doch meilenweit entfernt.<br />
Der zweite Mangel marxistischer Krisentheorie – und jener, den ich hier untersuchen m&#246;chte – betrifft die Tendenz, Krisen als Gegenstand der Wirtschaftswissenschaften zu denken und dabei Analysemethoden anzuwenden, die denen der Mainstreamwissenschaften sehr &#228;hnlich sind. Diese Tendenz bringt MarxistInnen nicht nur dazu, den politischen Inhalt ihrer Kategorien und Theorien zu vergessen, sondern macht es kapitalistischen IdeologInnen auch einfach, diese Theorien f&#252;r ihre eigenen Zwecke zu pr&#252;fen und anzueignen. Um diese Tendenz zu veranschaulichen, werde ich einige Beispiele aus der Geschichte marxistischer Krisentheorie betrachten.</p>
<p><strong>Rosa Luxemburgs Die Akkumulation des Kapitals</strong><br />
Rosa Luxemburg war eine der brillantesten MarxistInnen des fr&#252;hen 20. Jahrhunderts. Ihr revolution&#228;res Verst&#228;ndnis von Marx machte sie zur Erzfeindin der SozialdemokratInnen der Zweiten Internationale, und ihre enge Bindung an die ArbeiterInnenklasse veranlasste sie zu heftiger Kritik an Lenins Elitismus. Als sie sich jedoch daran versuchte, eine Akkumulations- und Krisentheorie auszuarbeiten, tat sie, was so viele MarxistInnen oft tun – sie stellte ihren politischen Scharfsinn zur&#252;ck und verlor sich in einer wirtschaftswissenschaftlichen Lesart von <em>Das Kapital</em>.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a><br />
Es ist weithin bekannt, dass Luxemburg ihre Theorie auf Marx’ Analyse der Reproduktion im zweiten Band von <em>Das Kapital</em> basierte. Sie konzentrierte sich auf die Marx’schen Reproduktionsschemata, analysierte deren zeitliche Entwicklung und kam zum Schluss, dass das notwendige Gleichgewicht zwischen den beiden Abteilungen<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> unter realistischen Annahmen unm&#246;glich zu erhalten sei, da die Warenproduktion die Aufnahmef&#228;higkeit der M&#228;rkte &#252;berfordern w&#252;rde. Daraus leitete sie ab, dass Krisen notwendig entstehen, und dass ein „externer Sektor“ (z.B. Kolonien) existieren m&#252;sse, in welchem die &#252;bersch&#252;ssigen Produkte abgesetzt werden k&#246;nnen.<br />
Ihre Analyse stellte einen Moment in einer langen Debatte zu den Krisentendenzen des Kapitalismus unter MarxistInnen dar, in der die Marx’schen Reproduktionsschemata als Ausgangspunkt dienten. Diese Debatte begann mit Tugan-Baranowsky, der Theorien der Unterkonsumption angriff und stattdessen eine „Theorie begrenzter Disproportionalit&#228;t“ zwischen den Abteilungen vorschlug.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Luxemburgs Arbeit war zum Teil ein Angriff auf Tugan-Baranowsky, und teilweise ein Versuch, die Basis sowohl einer Krisentheorie wie auch einer Imperialismustheorie zu entwickeln. Auf Luxemburgs Buch folgten Arbeiten von Nikolai Bucharin, Otto Bauer, Henryk Grossman und anderen.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> All diese AutorInnen hatten bez&#252;glich der Reproduktionsschemata einen &#228;hnlichen Zugang wie Luxemburg: Diese wurden als Grundlage f&#252;r eine Krisenanalyse gesehen, die Bedingungen ihres Gleichgewichts sollten von WirtschaftswissenschafterInnen analysiert werden. In moderner Begrifflichkeit lie&#223;e sich sagen, dass diese AutorInnen die Marx’schen Reproduktionsschemata als ein aus zwei, manchmal drei Sektoren bestehendes Wachstumsmodell betrachteten.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Luxemburg erforschte, wie andere auch, Bedingungen der Stabilit&#228;t. Viele Jahre sp&#228;ter, nachdem Leontiefs Adaption dieser Schemata ihren Niederschlag in makro&#246;konomischen Modellen gefunden hatte, haben kapitalistische PlanerInnen &#228;hnliches unter Zuhilfenahme multisektoraler Wachstumsmodelle getan. Doch w&#228;hrend Luxemburg und die anderen MarxistInnen sich mit der Beobachtung zufrieden gaben, dass das Modell automatisch Widerspr&#252;che und damit Krisen hervorbringt, die daher im Kapitalismus unvermeidbar sind (oder eben nicht), benutzten die PlanerInnen das Modell um herauszufinden, welche Vorkehrungen zu treffen waren, um einer fortgesetzten erfolgreichen Akkumulation den Weg zu ebnen.<br />
Auf den ersten Blick mag diese Verwendung der Marx’schen Schemata zur Analyse von Krisen manchen als Geniestreich erscheinen. Hatten diese MarxistInnen damit nicht das Werk von Marx fortgef&#252;hrt? Marx entwickelte die Reproduktionsschemata w&#228;hrend seiner Arbeit an den <em>Grundrissen</em>. Sie waren Teil seiner &#220;berlegungen zu einigen der Faktoren, die zu einer Unterbrechung der Akkumulation f&#252;hren k&#246;nnten. Dahin gesto&#223;en wurde er durch die Untersuchung der Probleme des Kapitals hinsichtlich der Reproduktion seiner gesellschaftlichen Totalit&#228;t. Wie Mario Tronti in seinem Buch <em>Arbeiter und Kapital</em> zeigt, stellen die Reproduktionsschemata einen Zugang zur Untersuchung des „gesellschaftlichen“ Kapitals dar, wobei gesellschaftliches Kapital nicht nur die Summe einzelner Kapitale meint, sondern auch die Produktion und Reproduktion der ArbeiterInnenklasse sowie die damit verbundenen K&#228;mpfe.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Diese Perspektive behandelte die Schemata nicht allein im Sinne von Str&#246;men zwischen einzelnen Industrien, sondern als Zugang zu einer politischen Totalit&#228;t.<br />
Dies findet sich in einer wirtschaftswissenschaftlichen Lesart des dritten Abschnitts des zweiten Bandes von <em>Das Kapital</em> jedoch nicht wieder. Luxemburg und andere behandelten „Reproduktion“ in der gleichen Weise wie heutige WachstumstheoretikerInnen – aus einer verengten und fetischisierten „&#246;konomischen“ Perspektive, die soziale und politische Verh&#228;ltnisse unber&#252;cksichtigt l&#228;sst und den Marxschen Zugang auf ein Problem abstrakter, quantitativer Proportionalit&#228;ten reduziert. Was folgt daraus? Ich behaupte, dass die ArbeiterInnenklasse aus diesem Teil ihrer Analyse wenig Nutzen ziehen kann, abgesehen von einem formalen Argument &#252;ber die Unabwendbarkeit des Imperialismus.</p>
<p><strong>Paul Sweezys Theorie kapitalistischer Entwicklung und Monopolkapital</strong><br />
Beinahe 30 Jahre lang, zwischen den fr&#252;hen 1940ern und den sp&#228;ten 1960ern, war Paul Sweezy zusammen mit Paul Baran der bekannteste Marxist der Vereinigten Staaten. Seine B&#252;cher und sein Magazin <em>Monthly Review</em> bildeten eine Generation von marxistischen WirtschaftswissenschafterInnen, die in den 1960er Jahren aufwuchsen und heute an den Universit&#228;ten, Schulen und in Betrieben &#252;berall in den USA lehren. Anders als Rosa Luxemburg, die vor allem politische Aktivistin war und sich Marx im Zuge ihrer politischen Praxis angeeignet hatte, war Sweezy zuvorderst ein Wissenschafter und &#214;konom. Ausgebildet in Harvard von Alvin Hansen, einem der wichtigsten Wirtschaftswissenschafter im Gefolge Keynes’, entwickelte Sweezy eine Krisentheorie, die deutlich die Spuren seiner Profession und seiner Biografie tragen. Dass marxistische Krisentheorie heutzutage vor allem eine Theorie &#246;konomischer Krisen zu sein scheint, ist nicht zuletzt seinem Einfluss geschuldet.<br />
Ich will an dieser Stelle nur drei Aspekte von Sweezys Ausf&#252;hrungen zur Krisentheorie diskutieren. Der erste betrifft Luxemburg und anderen MarxistInnen, die sich auf die Marx‘schen Reproduktionsschemata bezogen. Der zweite betrifft seine Ablehnung des tendenziellen Falls der Profitrate. Der dritte betrifft seine Betonung jener Kommentare, in denen Marx die Grenzen des Konsums der ArbeiterInnenklasse als validen Kern der Krisentheorie darstellt. In seiner <em>Theorie der kapitalistischen Entwicklung</em> evaluiert und kritisiert Sweezy die Theorien Luxemburgs und anderer, oben genannter AutorInnen in deren eigenen Begriffen.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Er pr&#228;sentiert mathematische Berechnungen zu den Reproduktionsschemata und nennt in guter &#246;konomischer Tradition pr&#228;zise die Bedingungen f&#252;r ein Gleichgewicht. Otto Bauer wird von Sweezy explizit in die Form eines mathematischen Wachstumsmodells &#252;bersetzt. Sweezy bewertet die Arbeit dieser AutorInnen stets blo&#223; durch eine Befragung ihrer Annahmen oder argumentativer Details, hinterfragt jedoch nie den Rahmen eines ausschlie&#223;lich &#246;konomischen Zugangs. Wie bei den meisten WirtschaftswissenschafterInnen ist Akkumulation auch bei Sweezy eng und quantitativ als Zuwachs an Geld, Produktionsmitteln, Lohnarbeit und Waren definiert. Daher kann er mit der Sprache und den Formen arbeiten, die auch von Leontief oder Harrod-Domar akzeptiert werden.<br />
Das Marx‘sche „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate“ interpretiert Sweezy auf typisch &#246;konomische Art und Weise. Damit meine ich, dass er annimmt, dass sich die Theorie auf Kr&#228;fte bezieht, die sich direkt auf die monet&#228;r messbare Profitrate auswirkt. Zudem behandelt er auch die Wertkategorien, also variables Kapital (v), konstantes Kapital (c), Mehrwert (m), die Mehrwertrate (m/v) und die organische Zusammensetzung des Kapitals (c/v), nach Art der Wirtschaftswissenschaften als mathematische, formal umwandelbare Gr&#246;&#223;en. Daher schreibt er, dass, wenn der Z&#228;hler und der Nenner der Profitrate m/(c+v) durch v dividiert wird, wir als Ergebnis (m/v)/[(c/v)+1] erhalten. Er tut dies, weil die Profitrate auf diese Weise durch jene Kategorien ausgedr&#252;ckt werden kann, mit denen Marx sich besch&#228;ftigt: Die Mehrwertrate und die organische Zusammensetzung des Kapitals. Auf Basis dieses Ausdrucks argumentiert er, dass das „Gesetz“ ung&#252;ltig sei, da zwar c/v schneller wachsen k&#246;nne als m/v, wenn v durch c ersetzt wird, dies aber keinesfalls a priori sicher sei, da die steigende Produktivit&#228;t, die mit Investitionen in c verbunden ist, sowohl den Wert von c wie auch von v fallen l&#228;sst und es nicht m&#246;glich sei vorherzusagen, welcher st&#228;rker fallen w&#252;rde. <em>Voilà!</em> Soviel zu dem „Gesetz“, das Marx als das fundamentalste und wichtigste der kapitalistischen Entwicklung ansah.<br />
Ein Resultat von Sweezys These war eine beinahe endlose Flut von Artikeln, die ihn in dieser Frage angriffen oder verteidigten. Seine prominentesten Gegner waren Paul Mattick, Mario Cogoy und David Yaffe, die alle die Zentralit&#228;t und G&#252;ltigkeit des Gesetzes verteidigten.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Die meisten dieser Kritiken beinhalteten einen Versuch, das Gesetz in anderer mathematischer Form zu formulieren, um es zu retten. Verteidigungen von Sweezys Ablehnung kamen w&#228;hrend der gesamten Nachkriegszeit von ihm selbst, aber auch von anderen, gest&#252;tzt auf theoretische<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> oder empirische<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Grundlagen.<br />
Was sind nun die zentralen Punkte in der Debatte zwischen all diesen MarxistInnen? Handelt es sich um politische Argumente? Wohl kaum, es sind nicht einmal polit&#246;konomische. Sie sind zum gr&#246;&#223;ten Teil mathematisch und formalistisch. In seiner Zusammenfassung der Debatte schreibt Herb Gintis, dass „amerikanische MarxistInnen im Allgemeinen die mathematische Theorie, auf der die Vorhersage der fallenden Profitrate basiert, gr&#252;ndlich untersucht haben und zum Schluss gekommen sind, dass eine derartige Tendenz nicht existiert.“<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a><br />
Was sollen wir zu einem derartigen Marxismus sagen? Jedenfalls ist die &#196;hnlichkeit dieser Debatte mit jener, die im Mainstream &#252;ber dasselbe Thema gef&#252;hrt wird, frappant.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Sollte es sich hierbei um Marx’sche Wirtschaftswissenschaften handeln, liegt die Betonung sicherlich auf Wirtschaftswissenschaften, nicht auf Marx. Wir haben es hier mit einem sterilen Seminarraummarxismus zu tun, der seines politischen Inhaltes und seines Klassenhasses beraubt wurde. Es ist ein Marxismus, den Mainstream&#246;konomInnen verstehen und in ihrer eigenen Begrifflichkeit auswerten k&#246;nnen. Dass nicht mehr solcher sich auf Marx beziehender WirtschaftswissenschafterInnen auf Lehrst&#252;hle berufen werden, kann nur daran liegen, dass entweder der Mainstream deren Arbeit f&#252;r nicht produktiv h&#228;lt, oder dass, wie im Falle Luxemburgs, ihr politisches Handeln in anderen Bereichen militanter ist als ihre Theorie.<br />
Der letzte Aspekt von Sweezys Werk, den ich untersuchen will, hat eine ganze Str&#246;mung gegenw&#228;rtiger marxistischer Krisentheorie hervorgebracht: Seine Interpretation der Marx‘schen Kommentare hinsichtlich der Grenzen der Konsumtion der ArbeiterInnenklasse. Sweezys Lesart der Kommentare passt gut zu den keynesianischen Interpretationen von Hansen zur Problematik der inad&#228;quaten gesamtwirtschaftlichen Nachfrage und der Ansicht sowohl von Hansen und Steindl &#252;ber die Stagnationstendenzen des Kapitalismus.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Dieses unterkonsumtionistische Verst&#228;ndnis von Marx ist abermals sehr stark in der wirtschaftswissenschaftlichen Tradition verankert. Von Malthus, welchen Marx studierte, &#252;ber Hobson im Hintergrund bis zu Keynes im Zentrum des Mainstreams war die Frage nach der ad&#228;quaten Nachfrage zur Herstellung und Erhaltung von &#246;konomischem Output-Wachstum ein zentrales Thema. Doch w&#228;hrend Marx die kapitalistischen Versuche, das Einkommen der ArbeiterInnenklasse und deren steten Kampf um h&#246;here L&#246;hne (und k&#252;rzere Arbeitszeiten) einzud&#228;mmen, als einen wichtigen Klassenwiderspruch analysierte, findet Sweezy darin eine Rechtfertigung f&#252;r eine Art pessimistischen Keynesianismus, in der die Schw&#228;che der ArbeiterInnenklasse zur Krise f&#252;hrt. Sweezy ist derart vertieft in die Untersuchung der &#196;hnlichkeiten zwischen Marx und Keynes, dass er seinem Buch einen Essay von Shigeto Tsuru beif&#252;gte, in dem dieser explizit Marx‘sche und Keynes‘sche Makrokategorien zusammenf&#252;gt.<br />
Zwanzig Jahre sp&#228;ter, als Sweezy zusammen mit Paul Baran sein Buch <em>Monopolkapital </em>ver&#246;ffentlichte, vertrat er im Wesentlichen immer noch dieselbe Position. Dieses Mal war sein Marxismus jedoch wenig mehr als die rhetorische Bem&#228;ntelung eines Buchs, das sonst auch als das Werk eines liberalen Mainstream&#246;konomen in der Tradition neoklassischer Synthesen h&#228;tte eingeordnet werden k&#246;nnen. Der analytische Kern von Sweezys und Barans Darstellung war eine Mischung aus neoklassischer Betriebswirtschaftslehre und keynesianischer Makrotheorie. Der Titel verweist auf ihr zentrales Anliegen, die gegenw&#228;rtige Phase des Kapitalismus in Begriffen der Struktur der kapitalistischen M&#228;rkte zu definieren – die als monopolistisch, im Gegensatz zu einem fr&#252;heren Stadium des Wettbewerbskapitalismus, gefasst werden. Ihre Diskussion der „Absorption des Surplus“ stellte eine Wendung der keynesianischen Problematik der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage dar. Die Marx‘schen, auf der Arbeitswerttheorie aufbauenden theoretischen Kategorien waren fast v&#246;llig aus der Analyse verschwunden. Statt Mehrwert finden wir „Surplus“; statt dem Problem der Abpressung von Mehrwert finden wir das seiner Entsorgung. W&#228;hrend es sich bei der <em>Theorie der kapitalistischen Entwicklung </em>wenigstens der Form nach um marxistische Theorie handelte, nahm <em>Monopolkapital </em>sowohl Form als auch Inhalt der Mainstream-Wirtschaftswissenschaft an (obschon mit dem den Autoren eigenen kritischen Zug&#228;ngen). Nur in den abschlie&#223;enden Kapiteln legen sie die Wirtschaftswissenschaft beiseite und behandeln Konzepte der Kritischen Theorie, wie die historische Vernunft und die Irrationalit&#228;t des Kapitalismus, wenngleich diese Aspekte der Marx’schen Tradition eher auf Hegel denn auf Marx zur&#252;ckzuf&#252;hren sind.<br />
Als andere MarxistInnen begannen, Sweezy anzugreifen, waren seine Abkehr von Marx und seine Verwendung einer keynesianischen, auf unzureichender Nachfrage basierenden Krisentheorie eine der ersten Ausgangspunkte.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a><br />
In seinen Repliken darauf ruderte Sweezy zur&#252;ck und formulierte seine Unterkonsumtions-Theorie einmal mehr in Marx‘schen Begriffen.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Es sind aber nicht die Details der Debatte die mich hier interessieren. Es ist eher die Art, wie in Sweezys Thesen und in der ganzen davon beeinflussten Literatur die Marx‘schen Gedanken in die Sprache der Wirtschaftswissenschaften &#252;bersetzt wurden. Es sollte uns also nicht &#252;berraschen, dass in den sp&#228;ten 1960er Jahren viele radikale WirtschaftswissenschafterInnen es als ihr vordringlichstes Problem ansahen, die Mainstream-Wirtschaftswissenschaften so zu adaptieren, dass sie zur Analyse jener Gegenst&#228;nde betragen konnten, die sie interessierten. Viele betrachteten es als das Erbe von Marx (den die meisten noch gar nicht studiert hatten), Probleme identifiziert zu haben, die der Mainstream &#252;bersehen hatte, statt als Ausgangspunkt f&#252;r eine andere theoretische Herangehensweise. Und wenn sie sich doch direkt mit Marx besch&#228;ftigten, nachdem sie von Baran und Sweezy gepr&#228;gt worden waren und die marxistischen Debatten zur Krisentheorie, die in ihrer Form, und in bestimmtem Grad sogar in ihrem Inhalt, den Debatten der Mainstream-Wirtschaftswissenschaften glichen, verfolgt hatten, sollte es uns nicht zu sehr verwundern, dass sie Marx als &#214;konomen lesen. Auch sollte es uns nicht &#252;berraschen, dass ein guter Teil der gegenw&#228;rtigen marxistischen Krisentheorie diesem Pfad folgt.</p>
<p><strong>Die Profit Squeeze-Debatte<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a></strong><br />
Die bekanntesten Beitr&#228;ge zur <em>Profit Squeeze</em>-Debatte stammen von Andrew Glyn, Bob Sutcliffe und ihren Anh&#228;ngerInnen in Gro&#223;britanien<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> sowie von Ray Boddy und James Crotty in den Vereinigten Staaten.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Kurz gesagt handelt es sich um eine Art marxistischer Krisentheorie, die sich explizit oder implizit auf Marx’ Arbeiten zur Rolle des Lohns bei Krisen bezieht, d.h. unter anderem auf Kapitel 25 des ersten <em>Kapital</em>-Bandes sowie die Analysen in <em>Lohn, Preis und Profit</em>. Der Grundgedanke besteht darin, dass ArbeiterInnen durch ihre K&#228;mpfe ihr Einkommen so weit in die H&#246;he treiben k&#246;nnen und dies historisch auch getan haben, dass der kapitalistische Profit bzw. der kapitalistische Anteil am Nationaleinkommen ausgeh&#246;hlt wird. Manchmal wird dieses Argument auf L&#246;hne bezogen, manchmal auf alle Einkommen (L&#246;hne plus Sozialleistungen, plus &#246;ffentliche Dienstleistungen, etc.). In den meisten F&#228;llen wird die Theorie durch empirische Studien abgest&#252;tzt, welche zeigen, dass dies w&#228;hrend der aktuellen Krise tats&#228;chlich eingetreten ist.<br />
Im Unterschied zu den schon genannten Theorien beinhaltet diese ein explizit politisches Moment des Klassenkampfes. Unterkonsumptionistische Theorien sind implizit klassenk&#228;mpferisch – der kapitalistische Versuch, L&#246;hne niedrig zu halten – obwohl dies in seiner &#252;blichen Interpretation ziemlich einseitig gefasst wird. Im <em>Profit Squeeze</em>-Ansatz wurde demgegen&#252;ber der Klassenkampf – fast zum ersten Mal in der Geschichte des akademischen Marxismus – anerkannt und ihm ein Platz zwischen &#246;konomischen Modellen und mathematischen Formalismen zuerkannt. Dies ist fraglos eine erfrischende Abweichung von jenen &#246;konomischen Krisentheorien, die wir bisher diskutiert haben. Dennoch bleiben im Rahmen dieses Ansatzes zwei Probleme bestehen. Das erste besteht in der Tendenz, die Krisenanalyse auf die Zirkulationssph&#228;re zu beschr&#228;nken, ohne zu erkennen, wie die Forderung nach h&#246;heren L&#246;hnen und Einkommen zugleich ein Angriff auf die Strukturierung des Lebens rund um die Arbeit ist. Kurzum, die <em>Profit Squeeze</em>-TheoretikerInnen haben es zumeist vers&#228;umt, die Revolte gegen die Arbeit und die Krise in der Produktion zu analysieren. Wo die Auflehnung gegen die Arbeit erkannt wurde, hat man sie als Rebellion gegen die erniedrigenden Arbeitsbedingungen im Kapitalismus interpretiert; es fehlt jedoch an Verst&#228;ndnis daf&#252;r, wie die zunehmende Weigerung der Menschen, auf blo&#223;e ArbeiterInnen reduziert zu werden, eine grunds&#228;tzliche Unterminierung der kapitalistischen Ordnung darstellt.<br />
Zweitens formulieren die <em>Profit Squeeze</em>-TheoretikerInnen, indem sie die Krisenanalyse auf einen Verteilungskampf um den Output beschr&#228;nken, die Krisenproblematik &#228;hnlich wie die Mainstream-Diskussion um Einkommensverteilung. Dies ist ein sehr altes reformistisches Diskursfeld, auf dem die Verteilung des Outputs diskutiert, eine Debatte um die &#220;berwindung des Lohnsystems selbst jedoch vermieden wird. Im Rahmen dieses Diskurses reagieren konservative, pro-kapitalistische &#214;konomInnen und KommentatorInnen (wie jene, die mit der Reagan-Administration verbunden sind) auf den R&#252;ckgang der Unternehmensgewinne, indem sie eine Umverteilung fordern – durch einen Angriff auf L&#246;hne und Sozialleistungen. Liberale, pro-kapitalistische &#214;konomInnen (etwa Neoliberale wie Thurow) schlagen eine Lohnpolitik vor, welche die Unternehmensgewinne zu Gunsten des Kapitals stabilisieren, ohne den Lebensstandard der ArbeiterInnenklasse v&#246;llig zu zerst&#246;ren. Radikale KritikerInnen sehen die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Surplus f&#252;r Investitionen und Wachstum, wollen aber eine gr&#246;&#223;ere Mitbestimmung der ArbeiterInnen hinsichtlich solcher Investitionen. Sie wollen mehr „Wirtschaftsdemokratie“ – eine Parole und eine Politik, die zum Schlachtruf heutiger SozialdemokratInnen geworden ist.<br />
Dementsprechend f&#228;llt die <em>Profit Squeeze</em>-Variante der Marxschen Krisentheorie ebenfalls in den Bereich der Mainstream-Debatten, wenn auch am sozialistischen Rand. Ist dies das Beste, was der Marxismus anzubieten hat? Sind diese Krisentheorien, formuliert in der Sprache und im Stil der Wirtschaftswissenschaften, alles was man von Marx lernen kann? Ist der Marxismus am Ende nur eine Unterabteilung der Wirtschaftswissenschaften? Gl&#252;cklicherweise lautet die Antwort nein; dies ist nicht alles – nicht einmal im Bereich der Krisentheorie, ganz zu schweigen von den &#252;brigen Aspekten des Marxismus. Es gibt einen anderen Weg, Marx und seine Krisentheorien zu lesen, und dieser f&#252;hrt zu g&#228;nzlich anderen Ergebnissen.</p>
<p><strong>Marx, der Revolution&#228;r</strong><br />
Die Alternative zur &#246;konomischen Interpretation von Marx, die ich f&#252;r die sinnvollste halte, ist die Deutung seiner Konzepte und Theorien als Momente seiner politischen Analyse des Kapitalismus als Klassenkampf. Dies nenne ich eine politische Lekt&#252;re von Marx. Die Grundlagen und die Entwicklung dieser politischen Lesart habe ich in der Einleitung meines Buches <em>Reading Capital Politically</em> skizziert.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Zu den bekanntesten AutorInnen, die diesem Ansatz zugerechnet werden k&#246;nnen, z&#228;hlen C.L.R. James, Raya Dunayevskaya, Martin Glaberman, Cornelius Castoriadis und Claude Lefort (in den 1950ern), Raniero Panzieri, Mario Tronti (in den 1960ern), Mariarosa Dalla Costa, Selma James und Antonio Negri.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Diese Herangehensweise weist all diejenigen „&#246;konomischen“ oder „polit-&#246;konomischen“ Analysen explizit zur&#252;ck, welche Marx’ Arbeiten als auf die &#214;konomie fokussiert verstehen, wenn „&#214;konomie“ im gew&#246;hnlichen Sinne als die Sph&#228;ren der Produktion, Zirkulation und Distribution umfassend verstanden wird. Sie besteht darauf, dass das, was &#252;blicherweise die &#246;konomische Sph&#228;re genannt wird, sich aus Momenten eines politischen Ganzen zusammensetzt: dem Klassenkampf.<br />
Grundannahme dieses Ansatzes ist, dass der Gegenstand der Marx’schen Untersuchungen, und der einzig angemessene Gegenstand f&#252;r jede/n Revolution&#228;rIn, der Klassenkampf ist. Lasst uns deutlich sein, diese Position bestreitet die Autonomie des Politischen– es gibt keine &#246;konomische Sph&#228;re hier und eine politische dort. Wir argumentieren, dass es vom Standpunkt der ArbeiterInnen, die den Kapitalismus st&#252;rzen wollen, nur einen Bezugspunkt geben kann: die Strukturen ihrer Machtbeziehungen zum Kapital. Alles muss in Bezug auf das Verh&#228;ltnis zu diesem zentralen politischen Aspekt interpretiert werden. Es ist nicht so, dass der Klassenkampf zu einem neuen Zentrum innerhalb der Theorie erkl&#228;rt oder, im Fall der „Krisentheorie“, der Klassenkampf als „Ursache“ f&#252;r die Krise angesehen w&#252;rde. Klassenkampf ist weder Ursache noch Effekt. Er ist das Ganze, und Marx’ Analyse wird verstanden als die Erforschung der Kr&#228;fte, die innerhalb dieses Ganzen wirken. Deshalb ist Marx’ Krisenanalyse, wie die Akkumulationstheorie im Allgemeinen, eine Theorie der Dynamik des Klassenkampfes. Wenn Marx im <em>Kapital </em>sagt, dass Akkumulation zuallererst die Akkumulation der Klassen ist, m&#252;ssen wir anerkennen, dass dies notwendigerweise die Akkumulation der Konflikte und K&#228;mpfe der Klassenverh&#228;ltnisse bedeutet. Akkumulation beinhaltet nat&#252;rlich die erweiterte Reproduktion des Geldkapitals, des Warenkapitals, des produktiven Kapitals usw., aber diese d&#252;rfen nicht als Dinge verstanden werden, sondern als Momente des grundlegenden Klassenverh&#228;ltnisses.<br />
Diese politische Lesart von Marx nimmt dessen wiederholte Hinweise ernst, dass das Kapital vor allem ein soziales Verh&#228;ltnis ist. Sie nimmt auch die elfte Feuerbachthese ernst, wonach es darauf ankommt, die Welt zu ver&#228;ndern, weshalb jede Theorie, welche die Bezeichnung „marxistisch“ verdient, nicht nur die Klassenverh&#228;ltnisse zum Ausdruck bringen, sondern auch eine selbstbewusste und explizite Rolle im Kampf f&#252;r Transformation spielen muss.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Was diesen Ansatz von den meisten anderen Versionen des Marxismus unterscheidet, ist die Art, wie er das Kapital betrachtet. F&#252;r die meisten MarxistInnen, ob orthodox oder revisionistisch, ist das „Kapital“ die Gesamtheit der KapitalistInnen und deren Kapital. Die Dynamik des Kapitals wird aus dessen „innerer Logik“, wie sie es gerne nennen, abgeleitet. Die treibende Kraft hinter dieser „Kapitallogik“ ist ihnen zufolge der Konkurrenzkampf zwischen den KapitalistInnen. In diesem Bild erscheinen ArbeiterInnen als &#228;u&#223;erliche Faktoren, die f&#228;hig sind, Widerstand gegen die Logik des Kapitals zu leisten und die es sogar grunds&#228;tzlich st&#252;rzen k&#246;nnen, deren K&#228;mpfe aber reaktiv sind und der aus sich selbst angetriebenen Entwicklung des Kapitals nur Hindernisse in den Weg stellen k&#246;nnen.<br />
Ruft man sich die drei Beispiele zur Krisentheorie nochmals in Erinnerung, wird deutlich, dass diese Charakterisierung allgemeine G&#252;ltigkeit hat. Luxemburg, Sweezy, ihre Unterst&#252;tzerInnen und KritikerInnen, und sogar die<em> Profit Squeeze</em>-TheoretikerInnen sehen die Entwicklung des Kapitalismus durch seine eigenen „inneren Bewegungsgesetze“ bestimmt. Ob wir die Dynamik der Unterkonsumption, das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate oder die Profitklemme betrachten, immer sehen wir den Kampf der ArbeiterInnenklasse als der Logik des Kapitals &#228;u&#223;erlich. Unterkonsumption nimmt im Kern eine Grenze des Verm&#246;gens der ArbeiterInnen an, die L&#246;hne anzuheben. Bezogen auf den tendenziellen Fall der Profitrate wird &#252;blicherweise angenommen, dass die Tendenz zur Erh&#246;hung der organischen Zusammensetzung des Kapitals ihre Ursache im Wettbewerb hat. Und im Falle des<em> Profit Squeeze</em>-Arguments erscheint der Kampf der ArbeiterInnenklasse, der die Akkumulation untergr&#228;bt, als eine exogene Bedrohung f&#252;r die kapitalistische Entwicklung.<br />
Innerhalb des alternativen Rahmens, den ich hier vorstelle, hei&#223;t Krise immer Krise des Klassenverh&#228;ltnisses. Allgemein ist deshalb eine kapitalistische Krise eine Krise der kapitalistischen Kontrolle &#252;ber die ArbeiterInnenklasse. Die so genannten inneren Bewegungsgesetze des Kapitals m&#252;ssen also als die allgemeinen Charakteristika des Klassenkampfes verstanden werden. Gleicherma&#223;en haben die Kategorien der Marx’schen Arbeitswerttheorie den Zweck, die Muster und Logiken dieses Kampfes aufzudecken. In diesem Rahmen wird Marx zuallererst als militanter Theoretiker des Subjekts, oder pr&#228;ziser, zweier politischer und historischer Klassensubjekte gesehen: der KapitalistInnen und der ArbeiterInnenklasse. Die von Marx beschriebenen „Bewegungsgesetze“ sind die Gesetzm&#228;&#223;igkeiten, die das Kapital gegen die K&#228;mpfe des antagonistischen Widerparts durchsetzen kann. Die beiden historischen Subjekte sind dabei in ihrem Charakter fundamental voneinander unterschieden, und dieser Unterschied bildet den Kern ihres Antagonismus. Kapital ist eine bestimmte Weise, das Leben von Menschen zu organisieren. In der kapitalistischen Gesellschaft sind die meisten Menschen Mitglieder der ArbeiterInnenklasse. Sie sind dem endlosen und k&#252;nstlichen Zwang zur Arbeit unterworfen, wobei sie Mehrwert produzieren, den die KapitalistInnen entweder konsumieren oder, was noch wichtiger ist, reinvestieren, um noch mehr Arbeit zu schaffen. Die KapitalistInnen, ob reiche M&#252;&#223;igg&#228;ngerInnen oder moderne Unternehmens-ManagerInnen, sind wesentlich das, was Marx „Funktion&#228;rInnen“ des Kapitals, nannte, im Sinne einer die Gesellschaft organisierenden Kraft. Das hei&#223;t ihre Arbeit besteht darin, den Prozess der Kapitalakkumulation zu organisieren, in der Produktions-, der Zirkulations- oder der Reproduktionssph&#228;re. Wie orthodoxe MarxistInnen oft sagen, reproduziert sich das Kapital selbst, aber nur in dem Sinne, dass es die sozialen Verh&#228;ltnisse wiederherstellt, in denen die meisten Menschen gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen um zu &#252;berleben. Deshalb ist die Arbeitsethik zentral f&#252;r die kapitalistische Ideologie, und zwar weil sie die lebenslange Freiheitsstrafe der harten Arbeit, welche das Kapital uns allen auferlegen m&#246;chte, rechtfertigt.<br />
Aber die ArbeiterInnenklasse, die Klasse derjenigen, die zur Arbeit gezwungen werden, bricht regelm&#228;&#223;ig mit den ideologischen und sozialen Kontrollen des Kapitalismus und k&#228;mpft gegen diese Zumutung. ArbeiterInnen bilden als historisches Subjekt, in Marxens Worten, nur dann eine wirkliche Klasse f&#252;r sich, wenn sie solche K&#228;mpfe ausfechten. Und doch gibt es etwas anderes, noch fundamentaleres, wodurch sich das ArbeiterInnen-Subjekt auszeichnet und das den Antagonismus erkl&#228;rt, der jeden Moment des Kapitals und jede Kategorie bei Marx durchzieht. Es ist die grundlegende F&#228;higkeit zu Kreativit&#228;t und Ver&#228;nderung, die ArbeiterInnen als menschliche Wesen besitzen und f&#252;r deren Befreiung sie k&#228;mpfen. Dies k&#246;nnte man als die positive Seite der K&#228;mpfe der ArbeiterInnenklasse bezeichnen. Sie wenden sich nicht nur gegen die Unterordnung ihres Lebens unter die kapitalistische Arbeit, sondern k&#228;mpfen zus&#228;tzlich f&#252;r ihre autonome Entwicklung oder, mit Toni Negri gesprochen, ihre Selbst-Verwertung.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Und weil diese Entwicklung autonom ist und jeglichen Zwang von au&#223;en ablehnt, tendiert sie dazu, sich den Bem&#252;hungen des Kapitals, sie in seine eigene Formen zu zwingen, zu entziehen. Das Kapital in diesem Sinne, als eine bestimmte Lebensform, ist gefroren oder tot, wie Marx sagt. Es versteht allein seine eigenen Kreisl&#228;ufe. Es wei&#223; nur, wie man die gleichen Formen wiederholt und dieselben Inhalte aufzwingt, immer und immer wieder. Wie ein Vampir kann es seine Energie und sein Leben nur von Anderen beziehen. Es versucht, die spontane Energie und Kreativit&#228;t von Menschen nutzbar zu machen, indem es deren Autonomie begrenzt, sie zu ArbeiterInnen in seinen Fabriken und B&#252;ros und zu Funktion&#228;rInnen seines eigenen Bestehens macht. AutorInnen der Kritischen Theorie haben diese Wahrheit begriffen. Ihr Fehler lag darin, dass sie nicht gesehen haben, dass Marxens Werk Elemente enth&#228;lt, die sie selbst nicht begreifen oder ausarbeiten konnten: Eine Theorie der Autonomie der ArbeiterInnenklasse gegen das Kapital und f&#252;r ihre eigene Selbstentwicklung.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a><br />
Die meisten MarxistInnen, die an einer Krisentheorie arbeiten, sehen weder die Autonomie der ArbeiterInnenklasse, noch das kapitalistische Erfordernis, sich diese zunutze zu machen. Sie lesen Marxens Kategorien wie sie die Variablen der Mainstream-Wirtschaftswissenschaft lesen, und sie spielen die gleichen Spielchen mit ihnen. Aber wir m&#252;ssen das nicht tun. Stattdessen k&#246;nnen wir diese Kategorien<br />
nehmen, langsam, erst eine nach der anderen, dann alle zusammen, und herausfinden, wie sie Kategorien der Klassenverh&#228;ltnisse und Klassenk&#228;mpfe begr&#252;nden. Wir k&#246;nnen sie „politisch lesen“, um ihre Bedeutung f&#252;r die jeweiligen Klassen zu entdecken. Und indem wir das tun, k&#246;nnen wir Marx’ &#220;berlegungen zur Krise wiederbeleben, und vielleicht sogar einige jener Theorien, die von unseren marxistischen &#214;konomInnen erarbeitet wurden.<br />
Dies ist ein Projekt, das bereits im Gange ist. Seine historischen und politischen Urspr&#252;nge habe ich in der Einleitung zu meinem Buch <em>Reading Capital Politically</em> skizziert. Dort habe ich eine Neuinterpretation der grundlegenden Kategorien der Marx’schen Arbeitswerttheorie unternommen, um zu zeigen, wie sie als Kategorien des Klassenkampfes &#252;ber die Organisation der Gesellschaft rund um Arbeit gelesen werden k&#246;nnen. Ein j&#252;ngerer Beitrag beinhaltet eine erste, systematische Interpretation der Marx’schen Schriften zur Krise als Beobachtungen und Theorien dar&#252;ber, wie ArbeiterInnenk&#228;mpfe den Akkumulationsprozess unterbrechen.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Weitere Materialien und Bemerkungen zur Krisentheorie, die in diesem inhaltlichen Rahmen erarbeitet wurden, k&#246;nnen in den Zeitschriften <em>Zerowork </em>und <em>Midnight Notes</em> sowie in <em>Red Notes, Semiotext(e)</em> und bei Antonio Negri gefunden werden.<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a><br />
Im Rahmen dieses Essays werde ich mich auf die Diskussion zweier Gesichtspunkte dieses Zugangs zur marxistischen Krisentheorie beschr&#228;nken. Der erste Aspekt betrifft die F&#228;higkeit dieses Ansatzes, eine alternative Lesart jener Konzepte Marxens anzubieten, die bisher &#246;konomisch interpretiert wurden und die als Grundlage &#246;konomischer Krisentheorien dienten. Der zweite Aspekt bezieht sich darauf, dass eine solche Interpretation weniger anf&#228;llig f&#252;r jene kapitalistische Instrumentalisierung ist, vor der oben gewarnt wurde.</p>
<p><em>Fortsetzung folgt im n&#228;chsten Heft (Perspektiven Nr. 14).</em></p>
<p>&#220;bersetzung: <em>Isabella Amir, Benjamin Opratko, Ako Pire, Nicolas Schlitz, Felix Wiegand</em></p>
<p>Mit freundlicher Genehmigung von <em>Harry Cleaver.</em></p>
<p>Harry Cleaver ist Professor f&#252;r Wirtschaftswissenschaften an der University of Texas at Austin und u.a. Autor von <em>Reading Capital Politically</em> (1. Auflage 1979, Austin: University of Texas Press; 2. Auflage 2000, Oakland: AK Press; online unter <a href="http://libcom.org/library/reading-capital-politically-cleaver">http://libcom.org/library/reading-capital-politically-cleaver</a>).</p>
<p><strong>Anmerkungen:</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Dieser Artikel wurde urspr&#252;nglich verfasst f&#252;r das Centennial Symposium on Marx, Schumpeter and Keynes an der University of Colorado in Denver, 20. bis 22. August 1983. Erstmals erschienen in Helburn, Suzanne W./Bramhall, David F. (Hg.): Marx, Schumpeter and Keynes: A Centenary Celebration of Dissent, Armonk (1986): M.E. Sharpe, S. 121-146. Manche der zeitdiagnostischen Bemerkungen – besonders jene zur Ausbreitung marxistischer Theorien an Universit&#228;ten und wirtschaftswissenschaftlichen Instituten – m&#246;gen 25 Jahre sp&#228;ter fast skurril erscheinen. Dies tut dem theoretischen Argument Cleavers f&#252;r eine „politische“ Lekt&#252;re der Marx’schen Krisentheorie jedoch keinen Abbruch. Wir drucken hier die erste H&#228;lfte des Artikels ab, Teil zwei erscheint in Perspektiven Nr. 14 (Sommer 2011) (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Der Einzug des Marxismus in amerikanische Universit&#228;ten schien derart umfassend, dass Ollman und Vernoff ihn als „Kulturrevolution“bezeichneten und in einem Sammelband dokumentierten. Vgl. Ollman, Bertell/Vernoff, Edward (Hg.): The Left Academy, New York (1982): Mc-Graw-Hill. Im Sinne von Thomas Kuhns Paradigmabegriff hat der Marxismus in den letzten Jahren alle f&#252;r ein Paradigma notwendigen Komponenten anerkannter akademischer Legitimit&#228;t hervorgebracht: Spezialisierte Zeitschriften, professionelle Organisationen, etablierte ProfessorInnen und Pr&#228;senz in Studieng&#228;ngen.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Unter WirtschaftswissenschafterInnen hat die Diskussion um die Marx’sche Arbeitswerttheorie, den theoretischen Kern der meisten seiner „&#246;konomischen“ Werke, schon vor langer Zeit aufgeh&#246;rt. Am Beginn der marxistischen „Kulturrevolution“ in den fr&#252;hen 1960er Jahren gab es nur einen bekannten und etablierten marxistischen Wirtschaftwissenschafter in den Vereinigten Staaten, Paul Baran in Stanford. Da dieser 1964 verstarb, hat sich die derzeitige Generation von MarxistInnen ihr Wissen &#252;berwiegend eigenst&#228;ndig angeeignet.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> In ihrer Einleitung zu The Left Academy schreiben Ollman und Vernoff dass „sich in den Universit&#228;ten ein Raum f&#252;r kritisches Denken ge&#246;ffnet hat“. Ollman/Vernoff: Left Academy, a.a.O., S.2. Dabei m&#252;ssen wir uns gewahr bleiben, dass wir es waren, die diesen Raum erk&#228;mpft haben und dass dieser sich vor dem Hintergrund ausbleibender K&#228;mpfe auch wieder dramatisch verkleinern kann. Was der Geschichte marxistischer Forschung bisher noch abgeht, ist eine ernsthafte Evaluation sowohl der Strategien, die sich als n&#252;tzlich in der Durchsetzung dieses Raumes erwiesen wie auch jener, die es nicht waren.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Der Einfluss von Unternehmensinteressen auf die Struktur und den Inhalt des amerikanischen Erziehungswesens geh&#246;rt zu den am gr&#252;ndlichsten von radikalen marxistischen Studierenden und ProfessorInnen untersuchten Ph&#228;nomen &#252;berhaupt. Vor dem Hintergrund dieser Omnipr&#228;senz der Verwertungsinteressen sollten wir uns die Frage stellen, warum explizit antikapitalistische marxistische Lehre in den Universit&#228;ten eine derartige Toleranz erf&#228;hrt. Vgl. Bowles, Samuel/Gintis, Herbert: Schooling in Capitalist America, New York (1975): Basic Books; Spring, Joel H.: Education and the Rise of the Corporate State, Boston (1972): Beacon; Carnoy, Martin: Education as Cultural Imperialism, New York (1974): David McKay.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Teil von Marcuses Analyse der „repressiven Toleranz“ ist die These, dass etablierte Kr&#228;fte Differenz zum Zweck der Domestizierung und Neutralisierung tolerieren, um sie in den Universit&#228;ten und fern von den Stra&#223;en zu halten.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Die Notwendigkeit neuer Ideen hat ihren Ausgang in der Krise jener Theorie, die Teil der gegenw&#228;rtigen &#246;konomischen Krise des Systems ist. Auf &#246;konomischer Ebene betrifft dies v.a. die Krise des keynesianischen Paradigmas, welches die Inhalte sowohl der Politik wie auch der &#214;konomielehrb&#252;cher<br />
der letzten 30 Jahre dominierte.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Ein bedeutender Versuch, Marx zur Planung kapitalistischer Akkumulation zu gebrauchen, findet sich in den 1920ern, als sowjetische &#214;konomInnen anhand der Marx’schen Reproduktionsschemata der erweiterten Reproduktion Modelle f&#252;r die sowjetische Wirtschaftspolitik entwickelten. Ein derartiger Versuch von Feldman war interessant genug, um das Interesse des bekannten westlichen Wachstumstheoretikers Evsey Domar auf sich zu ziehen. Im Westen gab es eine parallele Geschichte dieser Art der Marxrezeption. Der Beginn liegt dabei in der Entwicklung des input/output Modells durch Vassili Leontief, der sich zum Teil auf Marx’ Werk bezog. Domar, Evsey D.: Essays in the Theory of Economic Growth. New York (1957): Oxford University Press; Leontief, Wassily (1938): The Significance of Marxian Economics for Present Day Economic Theory, in: American Economic Review 28(1) (1938), S. 1-9; Horowitz, David (Hg.): Marx and Modern Economics. New York (1968): Monthly Review Press; Kuhne, Karl: Economics and Marxism. New York (1979): St. Martin’s Press.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Ab 1970 schuf die American Economic Association auf ihren j&#228;hrlichen Kongressen Raum f&#252;r Papers radikaler WirtschaftswissenschafterInnen und f&#252;r Diskussionen &#252;ber die Entwicklung marxistischer &#214;konomik. Der/die geneigte LeserIn braucht nur die j&#228;hrliche Maiausgabe der American Economic Review zu begutachten, welche das Programm des j&#228;hrlichen Kongresses beinhaltet, um diese Pr&#228;senz des Radikalen f&#252;r sich selbst zu best&#228;tigen. Vgl. auch Bronfenbrenner, Martin: Radical Economics in America: A 1970 Survey, in: Journal of Economic Literature 8 (3) (1970), S. 747-766; sowie die Debatte um Gurley, John G.: The State of Political Economics, in: American Economic Review 61 (2) (1971), S. 53-62. Zwei Betrachtungen marxistischer Arbeiten in der Wirtschaftspresse finden sich in der Businessweek vom 23. Juni 1975 und im Wall Street Journal vom 5. Februar 1975.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Die M&#246;glichkeiten der Aneignung einer Theorie durch das Kapital h&#228;ngen von zwei Aspekten ab: Von ihrem Inhalt und von ihrer Form. Fokussiert eine Theorie inhaltlich auf dieselben Probleme wie b&#252;rgerliche Theorien, definiert sie die Forschungsfrage in derselben Weise wie b&#252;rgerliche AutorInnen, werden Vergleich und Evaluation einfach. Wenn Fokus und Fragestellung jedoch verschieden sind, ist die Relevanz f&#252;r letztere weniger offensichtlich. In &#228;hnlicher Weise machen es eine &#228;hnliche Form der Analyse, der Sprache und der Methoden selbst bei unterschiedlichen Konzepten (z.B. hinsichtlich des Wertes) den BeobachterInnen des Mainstreams es einfach, den Argumenten zu folgen und daraus neue Einblicke f&#252;r ihr eigenes Schaffen zu gewinnen.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Bell, Peter: Marxist Theory, Class Struggle and the Crisis of Capitalism, in: Schwartz, Jesse (Hg.): The Subtle Anatomy of Capitalism, Santa Monica, CA (1977): Goodyear Publishing.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Luxemburg, Rosa: Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur &#246;konomischen Erkl&#228;rung des Imperialismus, in: Rosa Luxemburg – Gesammelte Werke, Bd. 5, (1975 [1913]), S. 5-411.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Im zweiten Band von Das Kapital unterscheidet Marx zwischen der Produktion von Produktionsg&#252;tern (Abteilung I) und jener von Konsumg&#252;tern (Abteilung II) (Anm. d. &#220;.).<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Vgl. Sweezys Zusammenfassung von Tugans Positionen in: Sweezy, Paul: Theorie der kapitalistischen Entwicklung. Eine analytische Studie &#252;ber die Prinzipien der Marx’schen Sozial&#246;konomie, Frankfurt/M. (1988 [1942]): Suhrkamp, Frankfurt/M.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Vgl. Sweezys Skizzierung der Debatte in Sweezy: Theorie&#8230;, a.a.O.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Feldmans Modell wurde untersucht und neuformuliert von Evsey Domar. Vgl. Domar: Essays&#8230;, a.a.O., Kap. 9. Dieser Artikel ist paradigmatisch daf&#252;r, wie b&#252;rgerliche WirtschaftswissenschafterInnen von Zeit zu Zeit versuchen von MarxistInnen zu lernen. „Es scheint mir“, so Domar, „dass eine Untersuchung eines Wachstumsmodells auf marxistischer Basis, auch in modifizierter Weise, und eine Darstellung seiner Verbindung zu einem keynesianischen sich als wertvoll erweisen kann. Es k&#246;nnte n&#252;tzlich sein um einige R&#228;tsel der sowjetischen Wirtschaftsgeschichte zu entschl&#252;sseln und ein besseres Verst&#228;ndnis sowjetischer Wirtschaftswissenschaft zu gewinnen. Auch erwachsen daraus einige allgemeine Fragen zur Wirtschaftsentwicklung“, ebd. S. 228.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Tronti, Mario: Arbeiter und Kapital, Frankfurt/M. (1974 [1966]), Verlag Neue Kritik.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Sweezy, Theorie&#8230;, a.a.O.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Mattick, Paul: Marxism and Monopoly Capital, in: Progressive Labor 7/8 (1969), S. 34-49; Ogoy, Mario: The Fall in the Rate of Profit and the Theory of Accumulation, in: Bulletin of the Conference of Socialist Economists II/7 (1973); Yaffe, David: Marxian Theory of Crisis, Capital and the State, in: Bulletin of the Conference of Socialist Economists (1972), S. 5-58.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Roemer, John E.: The Effect of Technical Change on the Real Wage and Marx’s Falling Rate of Profit, in: Australian Economic Papers 17 (30) (1978), S. 152-166; ders.: Continuing Controversy on the Falling Rate of Profit: Fixed Capital and Other Issues, in: Cambridge Journal of Economics 3 (4) (1979), S. 379-398; ders.: Analytical Foundations of Marxian Economic Theory. Cambridge (1981): Cambridge University Press.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Weiskopf, Thomas: Marxian Crisis Theory and the Rate of Profit in the Post-War U.S. Economy, in: Cambridge Journal of Economics, 3 (4) (1979), S. 341-378.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Vgl. Ollman/Vernoff: Left Academy, a.a.O.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Vgl. Okun, Arthur/Perry, George L.: Notes and Numbers on the Profits Squeeze, in: Brookings Papers on Economic Activity 3 (1970), S. 466-473; Nordhaus, William et al.: The Falling Share of Profits, in: Brookings Papers on Economic Activity 1 (1974), 169-217.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Hansen, Alvin: Full Recovery or Stagnation, New York (1938): Norton; ders.: Fiscal Policy and Business Cycles, New York (1941): Norton; Steindl, Josef: Maturity and Stagnation in American Capitalism, Oxford (1952): Blackwell.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Mattick: Marxism&#8230;, a.a.O.; Cogoy: The Fall&#8230;, a.a.O.; Yaffe: Marxian Theories&#8230;, a.a.O.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Sweezy, Paul: Monopoly Capital and the Theory of Value, in: Monthly Review 25 (8) (1974), S. 31-2.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Cleaver verwendet im englischen Original den Begriff „Relative Shares“; seither hat sich die Bezeichnung Profit Squeeze f&#252;r diesen Ansatz der Krisentheorie durchgesetzt, die deshalb auch in dieser &#220;bersetzung verwendet<br />
wird (Anm. d. &#220;.).<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Glyn, Andrew/Sutcliffe, Bob: British Capitalism, Workers and the Profits Squeeze, Harmondsworth (1972): Penguin Books. Deutsch: Die Profitklemme. Arbeitskampf und Kapitalkrise am Beispiel Gro&#223;britanniens. Berlin (1974): Rotbuch.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Boddy, Ray/Crotty, James: Class Conflict and Macro Policy: The Political Business Cycle, in: Review of Radical Political Economics 7 (1) (1975), S. 1-19; Crotty, James/Rapping, Leonard: Class Struggle and Macropolicy, in: American Economic Review (December 1975).<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Cleaver, Harry: Reading Capital Politically, Austin (1979): University of Texas Press.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> F&#252;r weitere Hinweise zu den AutorInnen und Arbeiten, die mit dieser Herangehensweise an Marx assoziiert werden, verweise ich auf die Fu&#223;noten in meiner Einleitung zu Reading Capital Politically, a.a.O.<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu ver&#228;ndern.“, Marx, Karl: Thesen zu Feuerbach, MEW 3, S. 533.<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Negri, Antonio: Marx Beyond Marx, South Hadley, MA (1984): Bergin and Garvey.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Siehe zur Kritik der Kritischen Theorie umfangreicher Cleaver, Harry: Reading&#8230;, a.a.O.<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Cleaver, Harry/Bell, Peter: Marx’s Crisis Theory as a Theory of Class Struggle, in: Research in Political Economy, 5 (1982), S. 189-261.<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Red Notes (1980) und Semiotext(e) (1980) sind beide Sammlungen &#252;bersetzter Artikel des „autonomen“ Fl&#252;gels des italienischen Marxismus. Negri: Marx&#8230;, a.a.O., ist eine &#220;bersetzung seines Buches Marx Oltre Marx, welches aus einer Vorlesungsreihe zu den Grundrissen besteht.</p>
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		<title>Rosinenpicken</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Dec 2010 08:00:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
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		<category><![CDATA[ArbeiterInnenbewegung]]></category>
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		<category><![CDATA[Politische Ökonomie]]></category>
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		<description><![CDATA[Zun&#228;chst eine Rundum-Empfehlung. Das MERIP (Middle East Research and Information Project) gibt unter dem Namen MER (Middle East Report) ein ausgezeichnetes, viertelj&#228;hrlich erscheinendes Magazin mit kritischen und informierten Beitr&#228;gen zum Nahen und Mittleren Osten heraus. Der Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe liegt auf den j&#252;ngsten Entwicklungen im Osten Afrikas und dem Roten Meer. Besonders lesenswert: George Trumbell besch&#228;ftigt sich mit der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zun&#228;chst eine Rundum-Empfehlung. Das <em>MERIP</em> <em>(Middle East Research and Information Project)</em> gibt unter dem Namen <em>MER (Middle East Report)</em> ein ausgezeichnetes, viertelj&#228;hrlich erscheinendes Magazin mit kritischen und informierten Beitr&#228;gen zum Nahen und Mittleren Osten heraus. Der Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe liegt auf den j&#252;ngsten Entwicklungen im Osten Afrikas und dem Roten Meer. Besonders lesenswert: <em>George Trumbell</em> besch&#228;ftigt sich mit der Frage, ob der „failed state“ Somalia Ursache f&#252;r das Wiedererstarken der Piraterie zwischen Jemen und dem Horn von Afrika ist, oder ob nicht eher das Konzept des „failed state“ selbst ein Problem darstellt. <em>Chris Toensing</em> und <em>Amanda Ufheil-Somer</em>s analysieren den Nord-S&#252;d-Konflikt im Sudan, der in den n&#228;chsten Jahren zu einer Abspaltung des S&#252;dens f&#252;hren k&#246;nnte. Die Rolle Chinas in Afrika und dem Mittleren Osten sowie die potentiellen imperialen Konflikte, die sich hieraus ergeben k&#246;nnten, untersucht <em>Philip McCrum</em>. Und <em>Mona El-Ghobashy</em> analysiert in ihrem Artikel The Dynamics of Egypt’s Elections die Bedeutung von Wahlen in einem Land, in dem es oft so scheint, als best&#252;nde deren Funktion nur darin, dem Regime das M&#228;ntelchen der Legitimit&#228;t umzuh&#228;ngen. Aber selbst im &#196;gypten Mubaraks k&#246;nnen sich Risse im Gef&#252;ge der Macht ergeben und ein scheinbar &#252;berm&#228;chtiger Staat herausgefordert werden. So nutzt derzeit nicht nur das Regime den Wahlkampf, um W&#228;hlerInnen zu mobilisieren, sondern auch die Opposition. Nicht zu vergessen ist dar&#252;ber hinaus, dass sp&#228;testens seit der Streikbewegung 2007 mit sozialen Bewegungen als unberechenbarem Faktor gerechnet werden muss. Leider ist nur ein Teil der Artikel derzeit im Internet verf&#252;gbar. Dar&#252;ber hinweg tr&#246;stet aber ein regelm&#228;&#223;iger Blick auf die Homepage von <em>MERIP</em>, auf der immer wieder Artikel zu aktuellen Fragen und Herausforderung im Nahen und Mittleren Osten publiziert werden.</p>
<p>Die politische Dynamik in Lateinamerika wurde in den letzten Ausgaben von <em>Perspektiven </em>str&#228;flich vernachl&#228;ssigt. Wir geloben Besserung und verweisen in der Zwischenzeit auf das Interview mit <em>Adolfo Gilly</em> in <em>New Left Review</em> 64. Der 82-j&#228;hrige Historiker der mexikanischen Revolution l&#228;sst hier seine Erfahrungen als Revolution&#228;r in Lateinamerika Revue passieren. Auf die spezifische politische Situation der einzelnen L&#228;nder wird ebenso eingegangen wie auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der dort k&#228;mpfenden linken Gruppierungen. Eine Einsch&#228;tzung der Situation in Venezuela bietet <em>Mike Gonzales</em> in der ersten Ausgabe des neuen Magazins <em>Red Words</em> aus Irland. Er benennt pr&#228;zise die Widerspr&#252;chlichkeit der Verh&#228;ltnisse, die sich in der Figur Hugo Chávez’ verdichten, – auch wenn die j&#252;ngsten Wahlergebnisse in der bereits im April erschienenen Analyse nicht ber&#252;cksichtigt werden konnten.</p>
<p>Der Groucho unter den MarxistInnen, <em>Slavoj Žižek</em>, nimmt die Debatte um die „Euro-Krise“ zum Anlass, um den vergesslicheren unter den Linken eine eigentlich schon l&#228;nger gewonnene Erkenntnis ins Ged&#228;chtnis zu rufen: Dass der b&#252;rgerliche Rechtsstaat und seine liberalen Institutionen nicht das Terrain sind, auf dem wir um wahre Freiheit k&#228;mpfen k&#246;nnen. Vielmehr m&#252;ssen die vermeintlich unpolitischen Verh&#228;ltnisse der Produktion, des Marktes und der Familie umgesto&#223;en werden. Nebenbei bringt er eine der zentralen Herausforderungen f&#252;r linke Argumente im Angesicht der globalen Wirtschaftskrise auf den Punkt: Man muss <em>gleichzeitig </em>darauf bestehen, dass die Krise nichts „nat&#252;rliches“ ist, sondern Ergebnis einer Abfolge von politischen Entscheidungen – <em>und </em>anerkennen, dass unter kapitalistischen Verh&#228;ltnissen „die Wirtschaft“ tats&#228;chlich pseudonat&#252;rlichen Gesetzm&#228;&#223;igkeiten unterworfen ist, die immer wieder und notwendigerweise Krisen hervorrufen. Ein <em>Žižek </em>in Hochform jedenfalls, der die Kunst beherrscht, auf wenigen Seiten eine Vielzahl von Argumenten und Thesen unterzubringen – manche &#252;berzeugend, manche weniger, alle zum Denken anregend. Ebenfalls in <em>New Left Review</em> 64 erschienen.</p>
<p>In Perspektiven Nr.11 thematisierten <em>Julia Hofmann</em> und <em>Florian Reiter</em> in ihrem Artikel <em>Wiens Salzamt: Neoliberalismus und der Fonds Soziales Wien</em> die Auswirkungen einer neoliberalisierten Sozialpolitik auf die Arbeit im Sozialbereich. Wer sich n&#228;her f&#252;r die Urspr&#252;nge und Folgen dieser von der EU vorangetriebenen Politik interessiert, findet hierzu im neuen Kurswechsel zahlreiche Beitr&#228;ge. Unter dem Titel <em>EU-Armutspolitik und ihre Relevanz f&#252;r &#214;sterreich</em> stehen unter anderem der Weg hin zu einer europ&#228;ischen Armuts- und Sozialpolitik sowie ihre Implementierung in &#214;sterreich im Zentrum.</p>
<p>Marxistische Wirtschaftstheorien standen in den Jahren des Nachkriegsbooms vor dem Problem, einen lang andauernden, relativ stabilen Wirtschaftsaufschwung gegen&#252;ber der behaupteten Instabilit&#228;t erkl&#228;ren zu m&#252;ssen. Die <em>Theorie der permanenten R&#252;stungswirtschaft</em> war ein in den 1960er Jahren entwickelter Zugang, der aus marxistischer Perspektive zugleich die Grundlagen des Aufschwungs erkl&#228;rte als auch dessen zeitlich begrenzte Wirksamkeit aufzeigte. <em>Gonzalo Pozo</em> zeichnet in der j&#252;ngsten Ausgabe des <em>International Socialism Journal</em> die theoretische Entwicklung und die Probleme dieses Erkl&#228;rungsansatzes kritisch nach und versucht, dessen Relevanz f&#252;r heute aufzuzeigen.<br />
In der gleichen Ausgabe findet sich neben einem bemerkenswerten Nachruf auf den im Januar diesen Jahres verstorbenen<em> Daniel Bensaïd</em> von <em>Sebastian Budgen</em> ein Artikel von <em>John Newsinger</em>, der sich den Klassenk&#228;mpfen in den USA im Jahr der Sitzstreiks 1937 widmet. Er beschreibt dessen Auswirkungen auf gewerkschaftliche Organisierungsformen und auf die Kommunistische Partei in der Zeit des <em>New Deals</em>. Wer die in Perspektiven Nr. 6 beschriebenen K&#228;mpfe der <em>Industrial Workers of the World</em> spannend fand, wird auch dieses Kapitel der Geschichte der amerikanischen ArbeiterInnenbewegung gerne nachlesen.</p>
<p>Zu guter letzt sei auf das September-Heft der <em>Kulturrisse </em>verwiesen, in dem &#252;ber das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) debattiert wird. Und das teils im wahrsten Sinne des Wortes: die Transkription einer Podiumsdiskussion mit <em>Milena Bister</em> (Agru Grundeinkommen), <em>Margit Appelt</em> (Katholische Sozialakademie), <em>Melina Klaus</em> (KP&#214;) und <em>Markus Koza</em> (AUGE-UG) zu <em>Potenzialen und Fallstricken der BGE-Forderung</em> l&#228;sst die F&#252;rs und Widers nachvollziehbar aufeinander prallen. Die besten Argumente f&#252;r das Grundeinkommen liefert aber <em>K&#228;the Knittler</em>, die in ihrem Artikel die Sprengkraft einer Forderung, in der die Trennung von bezahlter und nicht bezahlter Arbeit radikal in Frage gestellt wird, aus feministischer Perspektive deutlich macht, ohne das BGE gegen andere sinnvolle und notwendige Forderungen – etwa nach Mindestlohn und Arbeitszeitverk&#252;rzung – auszuspielen.</p>
<p><strong>Zum Nachlesen:</strong><br />
Bister, Milena/Appelt, Margit/Klaus, Melina/Koza, Markus: Mit dem Grundeinkommen gegen die Prekarit&#228;t?, in: Kulturrisse Nr. 3 (2010), S.20–25</p>
<p>Budgen, Sebastian: The Red Hussar. Daniel Bensaïd, 1946–2010, in: International Socialism Journal, Nr. 127 (Summer 2010), unter: <a href="http://www.isj.org.uk/index.php4?id=661&#038;issue=127">http://www.isj.org.uk/index.php4?id=661&#038;issue=127</a></p>
<p>East Report online, 29.09.2010, unter: <a href="http://www.merip.org/mero/mero092910.html">http://www.merip.org/mero/mero092910.html</a></p>
<p>Gilly, Adolfo (Interview): What Exists Cannot Be True, in: New Left Review, Nr. 64 (July/August 2010), S. 29–45</p>
<p>Gonzales, Mike: Venezuela: The State of the Revolution, in: Red Words. Irish Socialist Journal, Nr. 1 (May 2010), <a href="http://redwords.org/2010/05/07/redwords-issue-one/">http://redwords.org/2010/05/07/redwords-issue-one/</a></p>
<p>Knittler, K&#228;the: Was w&#228;re wenn&#8230; Das bedingungslose Grundeinkommen und die Arbeit, in: Kulturrisse Nr. 3 (2010), S.12–15</p>
<p>Kurswechsel Nr. 3 (2010): EU-Armutspolitik und ihre Relevanz f&#252;r &#214;sterreich</p>
<p>McCrum, Philip: China and the Arabian Sea, in: Middle East Report, Nr. 256 (Fall 2010)</p>
<p>Middle East Research and Information Project (MERIP), unter: <a href="http://www.merip.org/mer/mer256/mer256.html">http://www.merip.org/mer/mer256/mer256.html</a></p>
<p>Newsinger, John: 1937: the year of the sitdown, in: International Socialism<br />
Journal, Nr. 127 (Summer 2010), unter: <a href="http://isj.org.uk/index.php4?id=659&#038;issue=127">http://isj.org.uk/index.php4?id=659&#038;issue=127</a></p>
<p>Pozo, Gonzalo: Reassessing the permanent arms economy, in: International Socialism Journal, Nr. 127 (Summer 2010), unter: <a href="http://www.isj.org.uk/index.php4?id=660&#038;issue=127">http://www.isj.org.uk/index.php4?id=660&#038;issue=127</a></p>
<p>Toensing, Chris/Ufheil-Somers, Amanda: Scenarios of Southern Sudanese Secession, Middle East Report, Nr. 256 (Fall 2010)</p>
<p>Trumbell, George: On Piracy and the Afterlives of Failed States, in: Middle East Report, Nr. 256 (Fall 2010), unter: <a href="http://www.merip.org/mer/mer256/trumbull.html">http://www.merip.org/mer/mer256/trumbull.html</a></p>
<p>Žižek, Slavoj: A permanent economic emergency, in: New Left Review, Nr. 64 (July/August 2010), S.85–95</p>
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		<title>Vom Aufstieg und Fall der Profitrate</title>
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		<pubDate>Thu, 09 Dec 2010 06:45:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Krisen ersch&#252;ttern nicht nur das Wirtschaftsleben, sondern er&#246;ffnen immer auch die M&#246;glichkeit f&#252;r eine Kritik an den Grundz&#252;gen des anerkannten Wirtschaftsverst&#228;ndnisses und der kapitalistischen Logik. Philipp Probst stellt im ersten Teil unserer neuen Serie zu marxistischen Krisentheorien b&#252;rgerlichen Analysen eine marxistische Sichtweise  entgegen.

Im November 2009 fuhren die Chefs der f&#252;hrenden amerikanischen Automobilkonzerne nach Washington D.C. um vom US-Senat finanzielle [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Krisen ersch&#252;ttern nicht nur das Wirtschaftsleben, sondern er&#246;ffnen immer auch die M&#246;glichkeit f&#252;r eine Kritik an den Grundz&#252;gen des anerkannten Wirtschaftsverst&#228;ndnisses und der kapitalistischen Logik. <em>Philipp Probst</em> stellt im ersten Teil unserer neuen Serie zu marxistischen Krisentheorien b&#252;rgerlichen Analysen eine marxistische Sichtweise  entgegen.<br />
<span id="more-1690"></span><br />
Im November 2009 fuhren die Chefs der f&#252;hrenden amerikanischen Automobilkonzerne nach Washington D.C. um vom US-Senat finanzielle Mittel und Unterst&#252;tzung zu erbitten. Die „Drei Gro&#223;en“ der US-Autoindustrie (<em>Ford, General Motors</em> und<em> Chrysler</em>) waren angeschlagen und mussten vor dem Bankrott gerettet werden. Nach der Rettung von Immobilienbanken und Versicherungsunternehmen wie <em>Northern Rock, Fannie Mae und Freddy Mac</em>, bedeutete die Unterst&#252;tzung der Autoindustrie den n&#228;chsten riesigen <em>bailout </em>gro&#223;er Konzerne mittels Subventionen in Milliardenh&#246;he. Die Krise, die zun&#228;chst als Finanz- und Bankenkrise begonnen hatte, weitete sich nicht nur global aus. Auch in der „Realwirtschaft“ zeigten sich deutliche Instabilit&#228;ten. W&#228;hrend st&#228;ndig Versuche unternommen wurden, die Auswirkungen der Krise f&#252;r die Kapitalseite abzumildern, zeichneten sich immer gr&#246;&#223;ere Br&#252;che im „selbstregulierenden“ kapitalistischen System ab.<br />
Eine Frage liegt auf der Hand: Warum haben professionelle WirtschaftsforscherInnen – diejenigen, die in Zeiten des Aufschwung nicht m&#252;de wurden, die positiven Seiten der kapitalistischen Marktwirtschaft und die Kreativit&#228;t neuer Finanzinnovationen anzupreisen – diese Krise nicht vorhergesehen oder zumindest gegenwirkende Ma&#223;nahmen parat gehabt? Der ehemalige Chef der <em>Federal Reserve</em> Alan Greenspan gab vor dem US-Senat offen zu, dass er „noch immer nicht ganz wisse, was falsch gelaufen ist, in den, wie wir glaubten, selbstregulierenden M&#228;rkten.“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Als selbst Queen Elizabeth II. diese Frage stellte, sahen sich WirtschaftswissenschaftlerInnen gen&#246;tigt, zu antworten. Nach monatelangen intensiven Diskussionen, Analysen und Beratungen mit ExpertInnen aus den unterschiedlichsten Bereichen gestanden sie in einem offenen Brief an die Queen ein, dass sie ein „systemisches Risiko“ aus dem Blick verloren und verdr&#228;ngt hatten. Worin dieses „systemische Risiko“ bestehe, wurde nicht n&#228;her ausgef&#252;hrt.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a><br />
Dass b&#252;rgerliche Wirtschaftstheorien keine besseren Krisentheorien vorweisen k&#246;nnen, mag verwundern. Schlie&#223;lich ist die Geschichte des Kapitalismus so sehr von kontinuierlich wiederkehrenden Krisen gepr&#228;gt, dass Trotzki zum Schluss kam, dass „Kapitalismus von Krisen und Aufschwung lebt, wie Menschen vom Ein- und Ausatmen.“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Neben den gro&#223;en globalen Depressionen der 1870er, 1930er und der Krise der 1970er wurden seit den 1990ern Japan, der s&#252;dostasiatische Raum, Russland, die Americas und Europa von Krisen ersch&#252;ttert.<br />
Doch kaum scheint eine Krise &#252;berwunden, verwischen auch die Erinnerungen daran; ein neuer Aufschwung beginnt, begleitet von Lobges&#228;ngen auf die Versprechungen des Marktes. Diese Vergesslichkeit ist kein Zufall, sondern verweist auf die Grundlagen der b&#252;rgerlichen Wirtschaftstheorien, die von einem Gleichgewicht und der Stabilit&#228;t in der kapitalistischen Wirtschaftweise ausgehen. Krisen haben darin h&#246;chstens als Ausnahmef&#228;lle einen Platz.<br />
Politisch ist dies deshalb relevant, weil nicht nur neoliberale Ma&#223;nahmen zur Krisenbek&#228;mpfung mit Sparpaketen und Privatisierungen sich auf Varianten einer b&#252;rgerlichen &#214;konomik st&#252;tzen. Von linker Seite werden Strategien gegen die Krise an bestimmte, h&#228;ufig keynesianistische, Wirtschaftsanalysen gekn&#252;pft und die Hoffnung in besser regulierte Banken- und Finanzsysteme, neue (Green) New Deals und die Ankurbelung des Konsums durch Staatsausgaben gesetzt. Der Glaube an einen an sich funktionierenden Markt – reguliert oder unreguliert – bleibt erhalten und verstellt die M&#246;glichkeit einer revolution&#228;ren Perspektive. Eine genaue Untersuchung der Ursachen kapitalistischer Krisentendenzen ist deshalb f&#252;r politische Strategien und Taktiken zentral.<br />
Mit einer Serie zur marxistischen Krisentheorie versuchen wir – gegen b&#252;rgerliche Erkl&#228;rungsans&#228;tze – die inh&#228;rente Instabilit&#228;t der kapitalistischen Produktionsweise zu analysieren, aus der die unterschiedlichen Umbr&#252;che resultieren. Um im weiteren Verlauf der Serie reale Krisenabl&#228;ufe nachvollziehen zu k&#246;nnen, m&#252;ssen wir uns in einem ersten Schritt ein theoretisches Grundger&#252;st erarbeiten. Weil dies nur auf einem sehr hohen Abstraktionsniveau m&#246;glich ist, auf dem z. B. der Staat zun&#228;chst noch ausgeblendet bleiben muss, m&#246;gen die folgenden Ausf&#252;hrungen manchmal m&#252;hsam wirken. Sie sind jedoch die notwendige Voraussetzung f&#252;r ein grundlegendes Verst&#228;ndnis kapitalistischer (Krisen-)Dynamik.</p>
<p><strong>B&#252;rgerliche Krisentheorien…</strong><br />
Grob k&#246;nnen zwei b&#252;rgerliche Wirtschaftstheorien unterschieden werden, die je nach Konjunktur mehr oder weniger viele Anh&#228;ngerInnen finden<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>: die <em>neoklassische </em>und die keynesianistische Theorie. F&#252;r die neoklassische Theorie sind Angebot und Nachfrage die regulierenden Mechanismen zur Schaffung eines Gleichgewichts. &#220;ber diese Marktmechanismen wird eine effiziente und optimale Allokation von Ressourcen (Geld, nat&#252;rliche Ressourcen, Zwischenprodukte und Konsumg&#252;ter) herbeigef&#252;hrt. Zentral f&#252;r diesen Zugang ist das Gesetz von Jean Baptiste Say, einem der ber&#252;hmtesten klassischen &#214;konomen. Dieses besagt, dass jeder Verkauf auch einen Kauf bedeutet, also das „Angebot seine eigene Nachfrage erzeugt.“ Generelle &#220;berproduktionen und Absatzschwierigkeiten kann es demnach nicht geben, weil &#252;ber Preismechanismen Angebot und Nachfrage und damit Produktion und Konsumption geregelt und in ein Gleichgewicht gebracht werden. Die (vollst&#228;ndige) Konkurrenz zwischen Einzelkapitalien sichert, dass die Preismechanismen richtige Signale senden. Die ausgleichende Wirkung von Angebot und Nachfrage mag zwar in der Realit&#228;t immer wieder kurz gest&#246;rt sein, weil Preissignale nicht sofort wirken. Dieser „leichte Wind auf einem ruhigen See“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> , so der &#214;konom Walras, habe aber nichts mit gr&#246;beren Unterbrechungen des Wirtschaftstreibens zu tun. Daraus wird das Argument abgeleitet, dass Krisen nicht inneren Widerspr&#252;chen der kapitalistischen Produktionsweise entspringen, sondern Ergebnis &#228;u&#223;erer Einfl&#252;sse sind. Die Reihe der angef&#252;hrten &#228;u&#223;eren Einfl&#252;sse reicht dabei von abstrusen Thesen, wie dem Einfluss von Sonnenflecken oder dem hormonellen Adrenalin&#252;berschuss von Finanzspekulanten<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> [sic!] bis zu den klassischen Argumenten, dass Regulierungen durch den Staat oder Monopolstellungen den freien Zugang zu M&#228;rkten und deren selbstregulierende Mechanismen behindern.<br />
Die traditionelle <em>keynesianistische </em>Sichtweise unterscheidet sich nicht stark von der Neoklassik und wird mittlerweile als Teil der orthodoxen Lehre anerkannt. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass Keynes nicht von <em>einem </em>m&#246;glichen Gleichgewicht ausgeht, sondern von mehreren Gleichgewichtszust&#228;nden. So wie es ein Niveau mit Vollbesch&#228;ftigung und Wohlstand gibt, kann demnach auch ein Zustand hoher Arbeitslosigkeit und Stagnation bestehen. Die Aufgabe des Staates ist es, durch gezielte Ma&#223;nahmen der Regulierung die aggregierte Nachfrage zu sichern. Krisen sind demnach das Produkt falscher Politiken und eines unregulierten Kapitalismus und nicht dessen innerer Widerspr&#252;che.</p>
<p><strong>…und ihre Grenzen</strong><br />
Sowohl Neoklassik als auch keynesianistische Theorien blenden zwei wesentliche Aspekte aus: Erstens werden statische Zust&#228;nde betrachtet und auf die Bedeutung von <em>Zeitlichkeit </em>vollkommen vergessen. Zweitens wird von <em>technologischen Ver&#228;nderungen</em> abstrahiert. Alfred Marshall, einer der Begr&#252;nder der neoklassischen &#214;konomie, gab diese L&#252;cken offen zu: „[Die Theorie] beachtete nicht, dass sich in der Realit&#228;t Kapital kontinuierlich akkumuliert und sich Produktionstechniken st&#228;ndig weiterentwickeln, wodurch Nachfragemuster nach Produkten, die als Inputs in die Produktion dienen, st&#228;ndig ver&#228;ndert werden.“ „Zeit“, schreibt er, „ist die Quelle vieler der gr&#246;&#223;ten Schwierigkeiten in der &#214;konomik.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Das Problem wurde dadurch „gel&#246;st“, dass die klassischen WirtschaftswissenschaftlerInnen „das Element Zeit zu diesem Zeitpunkt [einfach] beiseite lassen,“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> wie sein Kollege Walras es ausdr&#252;ckte.<br />
Werden <em>Zeit </em>und <em>technologischer Fortschritt</em> ber&#252;cksichtigt, stellt die Etablierung eines Gleichgewichts &#252;ber Preismechanismen jedoch keinen reibungslosen Prozess mehr dar. Joseph Schumpeter, &#214;konom der sogenannten &#214;sterreichischen Schule, betont deshalb, dass „sobald das Gleichgewicht durch irgendeine St&#246;rung zerst&#246;rt wurde, der Prozess der Wiederherstellung desselben nicht so sicher, prompt und &#246;konomisch ist, wie uns dies die alte Theorie darstellt. […] Eben dieser Kampf um Adjustierungen k&#246;nnte sogar zu einem System f&#252;hren, das weiter weg von einem neuen Gleichgewicht liegt.“<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a><br />
Diesen Unzul&#228;nglichkeiten der orthodoxen Wirtschaftstheorie setzen marxistische Ans&#228;tze eine Sichtweise entgegen, welche die kapitalistische Produktionsweise als ein dynamisches System ansieht, dessen inneres Gleichgewicht nie zustande kommt, weil inh&#228;rente Tendenzen und Bewegungsgesetze dieses st&#228;ndig st&#246;ren und zerst&#246;ren.</p>
<p><strong>Marxistische Krisentheorien</strong><br />
In der marxistischen Diskussion finden sich unterschiedliche Erkl&#228;rungsans&#228;tze und Krisentheorien.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Seit Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die 1940er Jahre wurden von sozialdemokratischer und kommunistischer Seite v.a. &#220;berproduktions-, Unterkonsumptions- und Disproportionalit&#228;tstheorien in unterschiedlichen Facetten diskutiert.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Seit den 1960er Jahren nimmt das Marxsche Gesetz des „tendenziellen Falls der Profitrate“ eine zentrale Stellung in der Diskussion ein<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a>, w&#228;hrend in den 1970er Jahren mit dem Aufkommen zahlreicher Arbeitsk&#228;mpfe in Italien und England die sogenannte Profit-Squeeze-Theorie<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> als Krisenmechanismus eingebracht wurde. Im Rahmen dieses Artikels ist nicht gen&#252;gend Raum, um auf die einzelnen Krisentheorien und die Kritik an ihnen genauer einzugehen. Anzumerken ist jedoch, dass oft wichtige Teile und Versatzst&#252;cke der Marxschen Analyse zu allgemeinen Krisentheorien verarbeitet wurden, ohne sie einerseits zueinander in Bezug zu setzen und sie andererseits auf unterschiedlichen (Abstraktions-)Ebenen zu analysieren.<br />
Bei Marx findet sich keine ausformulierte Krisentheorie, sondern eine <em>Theorie der Akkumulation &#252;ber die Zeit</em>, bei der sich unterschiedliche Widerspr&#252;chlichkeiten und Krisentendenzen &#252;ber die Zeit zuspitzen und in Krisen ausdr&#252;cken. Marx’ Ziel war es, zu zeigen, dass die inneren Widerspr&#252;che der kapitalistischen Produktionsweise notwendigerweise periodisch Krisen produzieren, die sich in konkreten historischen Perioden in unterschiedlicher Art und Weise ausdr&#252;cken. „Im Prozess der Akkumulation werden alle Widerspr&#252;che und Spannungen der kapitalistischen Produktion und Zirkulation intensiviert. &#214;konomische Krisen sind das notwendige Ergebnis des Akkumulationsprozesses.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Ausgehend von den Widerspr&#252;chlichkeiten im Akkumulationsprozess k&#246;nnen Krisentendenzen und -mechanismen analysiert werden. Marx geht bei seiner Beschreibung des Akkumulationsprozesses in mehreren Schritten vor. Nachdem im ersten Band des Kapitals die Konzentration auf die Produktionssph&#228;re und das Kapital als Ganzes gelegt und im zweiten die Zirkulationssph&#228;re und das Verh&#228;ltnis von Einzelkapitalien zueinander betrachtet werden, setzt er im weiteren Verlauf Produktion, Tausch und Verteilung von Mehrwert zueinander in Beziehung, um die tats&#228;chlichen Bewegungen innerhalb des kapitalistischen Systems darstellen zu k&#246;nnen.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Erst in der Betrachtung des Akkumulationsprozesses als Einheit von Zirkulation und Produktion zeigen sich die zentralen Widerspr&#252;che.</p>
<p><strong>Mehrwert wird produziert – die Herstellung der Mehrwertrate</strong><br />
Im ersten Band des Kapitals konzentriert sich Marx auf die Produktionssph&#228;re. Hauptaugenmerk wird dabei auf das gesellschaftliche Verh&#228;ltnis zwischen Arbeit und Kapital gelegt. Der kapitalistische Produktionsprozess und damit auch der Akkumulationsprozess beruhen auf der Ausbeutung der ArbeiterInnen. Diese schaffen in einer gewissen Arbeitszeit eine gewisse Menge an neuem Wert (L). Der Teil, der &#252;ber dem als Lohn (v) ausgezahlt Wert liegt, wird in der marxistischen Theorie als Mehrwert (m) bezeichnet (L=v+m). Die Kontrolle &#252;ber den Produktionsprozess erlaubt es den KapitalistInnen, sich den von ArbeiterInnen produzierten Wert anzueignen, von dem (nach Abzug der L&#246;hne) der Mehrwert, die Quelle des Profits, bleibt. Das Verh&#228;ltnis zwischen der geschaffenen Mehrwertmasse (m) und den L&#246;hnen (v) ist die <em>Mehrwertrate </em>oder Ausbeutungsrate.<br />
Es bieten sich zwei M&#246;glichkeiten, die Ausbeutung der ArbeiterInnen zu erh&#246;hen und damit einen h&#246;heren Mehrwert zu erzielen: Die Steigerung des <em>absoluten </em>einerseits und des <em>relativen </em>Mehrwerts andererseits. Eine Steigerung des <em>absoluten </em>Mehrwerts, der insgesamt produzierten Mehrwertmasse, wird durch eine Verl&#228;ngerung der effektiven Arbeitszeit erreicht, sei es durch einen verl&#228;ngerten Arbeitstag oder eine Erh&#246;hung der Arbeitsintensit&#228;t (bspw. durch das K&#252;rzenvon Pausen oder die Beschleunigung der Leistung der ArbeiterInnen). Die Steigerungsm&#246;glichkeiten des absoluten Mehrwerts sind beschr&#228;nkt, da sowohl die Intensit&#228;t als auch die L&#228;nge der Arbeitszeit durch nat&#252;rliche und gesellschaftliche Faktoren begrenzt sind. Eine Erh&#246;hung des absoluten Mehrwerts ist prinzipiell ohne technologische Neuerungen m&#246;glich. In diesem Fall wird haupts&#228;chlich durch die Anstellung neuer ArbeiterInnen Mehrwert akkumuliert. Da die Mehrwertrate aber auch vom Lohn abh&#228;ngig ist, w&#252;rde die Mehrwertrate sinken, wenn in Zeiten der verst&#228;rkten Akkumulation die Nachfrage nach Arbeitskr&#228;ften und damit die L&#246;hne steigen.<br />
Den <em>relativen </em>Mehrwert k&#246;nnen KapitalistInnen erh&#246;hen, indem sie den Wert der Arbeitskraft verringern, also den Wert der Lebensmittel, die f&#252;r die Reproduktion der Arbeitskraft n&#246;tig sind, senken.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Das verlangt eine Produktivkraftsteigerung in jenen Sektoren der Wirtschaft, die entweder selbst Lebensmittel produzieren oder diese Sektoren direkt oder indirekt beliefern. Damit diese Senkungen wirksam werden, muss die Produktivkraft aber in vielen Sektoren der Wirtschaft steigen. Prinzipiell stehen unterschiedliche Optionen f&#252;r eine solche Produktivkraftsteigerung zur Verf&#252;gung: Einerseits k&#246;nnen organisatorische Umgestaltungen im Produktionsprozess, wie eine bessere Kooperation und ausgefeiltere Arbeitsteilungen, eine h&#246;here Arbeitsproduktivit&#228;t bringen. Die Haupttriebkraft f&#252;r eine Produktivkraftsteigerung liegt aber in technologischen Umgestaltungen des Arbeitsprozesses mittels neuer Maschinen.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Das hat neben der Steigerung des relativen Mehrwerts durch die Verringerung des Werts der Ware Arbeitskraft noch zus&#228;tzliche Vorteile f&#252;r die Kapitalseite. Die zunehmende Verdr&#228;ngung von ArbeiterInnen durch Mechanisierungsschritte erh&#246;ht die Kontrolle &#252;ber den Produktionsprozess und wird damit zu einem wirksamen Mittel im Klassenkampf von oben. Gleichzeitig erlaubt die daraus resultierende Schaffung einer Reserve an Arbeitskr&#228;ften, die ausbezahlten Geldl&#246;hne unter dem eigentlichen Wert zu halten.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Im Gegensatz zum absoluten Mehrwert h&#228;ngt der relative Mehrwert nur von der technologischen Entwicklung ab. Dieser sind prinzipiell keine Grenzen gesetzt.<br />
Insgesamt stellt „die Entwicklung der Produktivit&#228;t der gesellschaftlichen Arbeit de[n] m&#228;chtigste[n] Hebel der Akkumulation“ dar.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Bevor wir jedoch die sich daraus ergebenden Widerspr&#252;che analysieren, m&#252;ssen wir aus der Produktionssph&#228;re treten, denn der in der Produktionssph&#228;re geschaffene Wert muss erst als solcher realisiert werden. Dazu muss der aus der Ausbeutung der ArbeiterInnen entsprungene Wert zirkulieren.</p>
<p><strong>Kapital zirkuliert</strong><br />
Allgemein startet ein Produktionsprozess damit, dass mittels Geld (G) Produktionsmittel und Arbeitskr&#228;fte als Waren (W) gekauft werden, mit deren Hilfe ein Produktionsprozess (P) gestartet wird. Die dabei produzierten Waren (W´) m&#252;ssen dann f&#252;r Geld (G´) verkauft werden. Mit Hilfe des eingenommenen Geldes kann der gesamte Produktionsprozess wieder von Neuem gestartet werden. Das Kapital durchl&#228;uft in diesem Prozess unterschiedliche Phasen und wechselt von Geldkapital in Warenkapital in produktives Kapital und wieder zur&#252;ck in Waren- und Geldkapital. Kurz geschrieben: G – W … P … W´- G´. Das am Schluss eingenommene Geld (G´) sollte h&#246;her sein als der urspr&#252;nglich investierte Betrag. Die Differenz stellt den neu produzierten Mehrwert dar (G`-G=m).<br />
Das oben erw&#228;hnte Gesetz von Jean Baptiste Say behauptet, dass die Zirkulation immer gesichert sei, weil jeder Kauf einen Verkauf und jeder Verkauf einen Kauf bedeute. Jedes produzierte Produkt schaffe sich also seinen eigenen Markt.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Allerdings kann dieser Zyklus an den unterschiedlichen Punkten unterbrochen werden. Waren k&#246;nnen unverkauft bleiben (W´-G´ ist unterbrochen), weil entweder zu viele Waren produziert wurden oder die effektive Nachfrage zu gering ist. KapitalistInnen k&#246;nnen ihre Investitionen zur&#252;ckhalten, weil sie bzgl. der Profitabilit&#228;t ihrer Unternehmungen unsicher sind und sich weigern, Produktionsmittel zu kaufen und neue ArbeiterInnen anzustellen, oder weil sie ihr Geld woanders investieren (G´-W´ ist unterbrochen). Ebenso kann der Produktionsprozess durch Streiks und Arbeitsk&#228;mpfe gest&#246;rt werden. Voraussetzung und Kern der Marx‘schen Kritik am Say’schen Gesetz ist die Tatsache, dass Kapital die Form von Geld annimmt und dadurch als Zahlungsmittel fungiert, sowie die M&#246;glichkeit zur Aufbewahrung von Wert liefert. In vorkapitalistischen Gesellschaftsformationenwaren Reichtum und Wert an materielle G&#252;ter gebunden, die entweder verderblich waren oder deren weitere Anh&#228;ufung ab eine bestimmten Punkt keinen Sinn mehr machte. In kapitalistischen Gesellschaftsformationen ist es demgegen&#252;ber m&#246;glich, Geld unbegrenzt zu horten und K&#228;ufe oder Verk&#228;ufe zur&#252;ckzuhalten. Die Funktion von Geld als Zirkulationsmittel kommt in Konflikt mit seiner Funktion als Aufbewahrungsmittel.</p>
<p><strong>Reproduktion des Gesamtkapitals</strong><br />
Im Kapitalismus existiert nicht nur der Zyklus <em>eines </em>Industriekapitals,<br />
sondern es zirkulieren und reproduzieren sich alle Kapitalien, sprich das Gesamtkapital. In seiner Darstellung der Reproduktionsschemata versucht Marx, die Bedingungen f&#252;r die Reproduktion der gesamten &#246;konomischen Aktivit&#228;t offenzulegen. Er fasst dabei unterschiedliche Branchen in zwei Abteilungen zusammen. Abteilung 1 beinhaltet alle Kapitalien, die Produktionsmittel produzierten (also Rohstoffe, Zwischenprodukte, Maschinen etc.), w&#228;hrend Abteilung 2 alle G&#252;ter, die der individuellen Konsumption dienen, produziert. Es kann mathematisch gezeigt werden, welche Bedingungen gelten m&#252;ssen, um sowohl eine einfache Reproduktion – also die Reproduktion auf gleichbleibendem Niveau – als auch eine erweiterte Reproduktion – mit einer wachsenden &#246;konomischen Aktivit&#228;t – sichern zu k&#246;nnen.<br />
Diese Schemata wurden oft so missverstanden, als ginge es darum zu zeigen, wie die harmonische Entwicklung eines geregelten, <em>organisierten </em>Kapitalismus funktionieren k&#246;nnte, sobald gewisse Bedingungen erf&#252;llt werden. Im Gegensatz zu einer solchen Interpretation versuchte Marx mit Hilfe der Schemata zu zeigen, wie „im Kapitalismus komplexe individuelle Prozesse im Kreislauf von Produktion und Tausch zusammengebracht werden m&#252;ssen, um sich zu reproduzieren. Darin zeigt sich die Instabilit&#228;t des Systems.“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Zwei unterschiedliche Fl&#252;sse m&#252;ssen dabei in Balance gebracht werden. Einerseits m&#252;ssen die <em>physischen </em>Eigenschaften der einzelnen Produktionsprozesse ber&#252;cksichtigt werden, andererseits m&#252;ssen die Werte ausgedr&#252;ckt in Geld &#252;bereinstimmen. Dabei m&#252;ssen die Produktion und der Tausch einer bestimmten Quantit&#228;t an Waren &#252;ber die gesamte &#214;konomie gesichert sein, und zwar sowohl <em>innerhalb </em>der zwei Abteilungen als auch <em>zwischen </em>den zwei Abteilungen. In der neoklassischen Theorie sollen Preismechanismen die Zuteilung der zwei Fl&#252;sse &#252;ber Angebot und Nachfrage bewerkstelligen. In der Realit&#228;t werden die genauen Proportionen f&#252;r eine gleichm&#228;&#223;ige Reproduktion immer wieder gest&#246;rt und zerr&#252;ttet. Wie wir weiter oben gesehen haben, kann die Zirkulation von Einzelkapitalien an unterschiedlichen Stellen unterbrochen werden. Bricht die Zirkulation mehrerer Einzelkapitalien zusammen, kommt es zu gr&#246;beren St&#246;rungen. Die Verwobenheit einer moderner Wirtschaft mit komplexen Zuliefersystemen und Transporterfordernissen sowie die Rolle von Kredit und Geldfl&#252;ssen zwischen unterschiedlichen Sektoren f&#252;hren dazu, dass Probleme in einzelnen Sektoren zu Krisen in scheinbar unabh&#228;ngigen Sektoren f&#252;hren und sich Krisen in Einzelbranchen zu allgemeinen Krisen entwickeln k&#246;nnen.</p>
<p><strong>Krisenpotentiale</strong><br />
Mehrere Prozesse k&#246;nnen dabei unter anderem wirksam werden: Eine erweiterte Reproduktion, also eine Reproduktion, bei der Einzelkapitalien akkumulieren und wachsen, bedeutet, dass ein h&#246;herer Output dieser Sektoren durch eine erh&#246;hte <em>effektive Nachfrage</em> gedeckt sein muss. Dies bedeutet, dass eine erh&#246;hte wirtschaftliche Aktivit&#228;t in einem Sektor durch eine erh&#246;hte wirtschaftliche Aktivit&#228;t in anderen Sektoren ausgeglichen werden muss. Ist das nicht der Fall, k&#246;nnen Waren nicht mehr abgesetzt, also Werte nicht mehr realisiert werden. Die effektive Nachfrage st&#252;tzt sich nicht nur auf die Kaufkraft der ArbeiterInnen (und die Nachfrage nach Luxusg&#252;tern der KapitalistInnen), sondern vor allem auf die Investitionst&#228;tigkeit von KapitalistInnen, die neue Produktionsmittel anfordern.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Die Investitionst&#228;tigkeit h&#228;ngt stark von den <em>Profiterwartungen </em>ab, mit denen wir uns weiter unten auseinandersetzen. Die Kaufkraft der ArbeiterInnen h&#228;ngt von zwei Faktoren ab. Erstens setzt die H&#246;he des Lohns der Kaufkraft Grenzen. Dabei treten die Erfordernisse des Produktionsprozesses, den Lohn m&#246;glichst niedrig zu halten, und die Erfordernisse der Realisation von Wert in einen Widerspruch. Andererseits muss die Kaufkraft erst mobilisiert werden, wobei die Ausweitung von Werbung eine entscheidende Rolle spielt.<br />
Eine wachsende Wirtschaft geht einher mit sich ver&#228;ndernden Angebots- und Nachfragemustern und Preisschwankungen. (1) Ein Preisfall in einzelnen Sektoren f&#252;hrt zu niedrigeren Profiten. Unternehmen in diesen Branchen werden weniger Rohstoffe f&#252;r ihre Produktion nachfragen und/oder ArbeiterInnen entlassen, wodurch Absatzschwierigkeit entstehen und die effektive Nachfrage nach Produkten anderer Bereichen sinkt. (2) Ebenso treibt eine gesteigerte Nachfrage nach Rohstoffen die Preise in den Rohstoff produzierenden Sektoren in die H&#246;he. Die Profite der davon abh&#228;ngigen Branchen werden sinken. (3) Weiters kann bei Lieferengp&#228;ssen – ausgel&#246;st durch starke Preisschwankungen in einzelnen Sektoren, sowie durch &#246;kologische Grenzen (Ersch&#246;pfung in Rohstoffen, Ernteausf&#228;lle, etc.) – die materielle Seite der Produktion und Reproduktion gest&#246;rt sein.<br />
Schlie&#223;lich ist es m&#246;glich, dass aufgrund von Kreditklemmen die notwendigen Geldmittel f&#252;r den Kauf von Waren – sowohl Produktionsmittel als auch Endprodukte – nicht aufgebracht werden k&#246;nnen. Tats&#228;chlich ist das Kreditsystem in Aufschwungzeiten ein Mittel, um Disproportionalit&#228;ten tempor&#228;r auszugleichen, zumindest wenn die Profite relativ hoch sind. Kredite erlauben schnelle Kapitalfl&#252;sse zwischen den Sektoren und sind das Schmiermittel f&#252;r eine wachsende Wirtschaft. Sobald Kredite ausbleiben, weil die R&#252;ckzahlung nicht mehr gesichert scheint, brechen Krisen umso heftiger aus. „Bank und Kredit werden […] zugleich das kr&#228;ftigste Mittel, die kapitalistische Produktion &#252;ber ihre eignen Schranken hinauszutreiben, und eins der wirksamsten Vehikel der Krisen und des Schwindels.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a><br />
Die Reproduktionsschemata legen die Vielzahl der Punkte offen, an denen die Zirkulation zusammenbrechen kann. Die marxistische Krisentheorie hat allerdings den Anspruch, die <em>Notwendigkeit </em>von Krisen zu erkl&#228;ren. Krisen erscheinen in der Zirkulation des Kapitals, wenn der Kreislauf mehrerer Kapitalien durch Preisschwankungen, &#220;berproduktionen, Absatzschwierigkeiten oder Kreditklemmen gehemmt wird. Erst wenn Zirkulation und Produktion als Einheit beschrieben werden, also der Akkumulationsprozess als Ganzes betrachtet wird, k&#246;nnen die grundlegenden Widerspr&#252;che analysiert werden, die notwendig zu Krisen f&#252;hren m&#252;ssen. Marx versuchte die Widerspr&#252;chlichkeit der Kapitalakkumulation in dem „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate und seiner gegenwirkenden Tendenzen“ zu fassen. Deshalb bezeichnete er es auch als „das wichtigste Gesetz der modernen &#214;konomie“.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Bei dem „Gesetz“ geht es zun&#228;chst nicht um die Darstellung empirischer Trends, sondern darum, wie abstrakte Tendenzen und daraus resultierende <em>Gegentendenzen </em>dynamisch interagieren. Das Gesetz selbst birgt seine gegenwirkenden Tendenzen, die aber auf unterschiedlichen Ebenen existieren. Die Tendenz zeigt die <em>unmittelbaren </em>Ver&#228;nderungen von Produktivkraftsteigerungen in der Produktionssph&#228;re, w&#228;hrend &#252;ber die Gegentendenzen die durch die Zirkulation vermittelten Konsequenzen in den Blick gelangen. Um nicht die &#220;bersicht zu verlieren, betrachten wir zuerst die Tendenz selbst<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a>, bevor wir die gegenwirkenden Mechanismen und die Interaktion beider Momente betrachten.</p>
<p><strong>Der tendenzielle Fall der Profitrate: Die Tendenz</strong><br />
Bis jetzt haben wir die Kapitalien so behandelt, als w&#252;rden sie friedlich nebeneinander koexistieren. In Wirklichkeit ist aber eine der wichtigsten Antriebskr&#228;fte der kapitalistischen Wirtschaft die Akkumulation als Konkurrenz zwischen Einzelkapitalien. Innerhalb eines Sektors wird der Konkurrenzkampf durch die Verbilligung der produzierten Waren gef&#252;hrt, die von der Arbeitsproduktivit&#228;t abh&#228;ngt. JedeR KapitalistIn versucht seine/ihre eigene Konkurrenzf&#228;higkeit dadurch zu steigern, in dem er/sie die Produktivit&#228;t seiner/ihrer ArbeiterInnen erh&#246;ht. Eine solche Erh&#246;hung der Arbeitsproduktivit&#228;t wird durch eine Ver&#228;nderung der technischen und organisatorischen Gestaltung des Produktionsprozesses erreicht. Dabei bedeuten produktivit&#228;tssteigernden Technologien meist den Einsatz von mehr Produktionsmitteln (Maschinen, Rohstoffe, etc.) durch weniger ArbeiterInnen. Solche Ver&#228;nderungen in den „<em>physischen</em>“ Eigenschaften des Produktionsprozesses versuchte Marx in der <em>technischen </em>Zusammensetzung des Kapitals zu fassen: dem Verh&#228;ltnis zwischen Produktionsmitteln und angestellten Arbeitskr&#228;ften. Im Prinzip bedeutet dies nichts anderes als eine Beschreibung des technologischen Set-Ups eines Produktionsprozesses in physischen Einheiten. Weil Waren im Kapitalismus einen Wert besitzen, resultiert daraus jedoch ein gewisses Verh&#228;ltnis zwischen den Werten des konstanten Kapitals (Produktionsmittel) zu den <em>Werten </em>des variablen Kapitals (L&#246;hne). Die technische Zusammensetzung ausgedr&#252;ckt in Werten bezeichnet Marx als Wertzusammensetzung des Kapitals (c/v).<br />
KapitalistInnen interessiert nicht die absolute Profitmasse, die sie nach einer Produktionsperiode erhalten, sondern die Wertsumme, die sie auf ihre urspr&#252;nglichen Investitionen zur&#252;ckerhalten. Das Verh&#228;ltnis zwischen Mehrwert (m) und den Investitionen in Produktionsmittel/konstantes Kapital (c) und L&#246;hne/variables Kapital (v) gibt die Profitrate wieder [p=m/(c+v)]. Durch eine einfache mathematische Umformung (alles durch v dividert) ergibt sich die Profitrate als Verh&#228;ltnis zwischen der Mehrwertrate (m/v) und der Wertzusammensetzung des Kapitals (c/v): p=(m/v)/[(c/v)+1]. Die Profitrate ist also von der Mehrwertrate (Z&#228;hler) und der Wertzusammensetzung des Kapitals (Nenner) abh&#228;ngig. Der tendenzielle Fall der Profitrate resultiert nun daraus, dass Produktivit&#228;tssteigerungen eine h&#246;here Wertzusammensetzung bedeuten und sich der Nenner so vergr&#246;&#223;ert. Die Profitrate f&#228;llt.</p>
<p><strong>Gegenwirkende Tendenzen</strong><br />
Bisher haben wir die direkten Auswirkungen betrachtet, die eine gesteigerte Arbeitsproduktivit&#228;t in der Produktionssph&#228;re auf die Profitrate haben. Dabei haben sich die Warenwerte nicht ge&#228;ndert. Diese indirekten Auswirkungen m&#252;ssen jetzt analysiert werden. Produktivit&#228;tssteigerungen in gewissen Sektoren f&#252;hren dazu, dass die „gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit“<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a>, die f&#252;r die Produktion von Produktionsmitteln und Konsumptionsg&#252;tern n&#246;tigt ist, sinkt, und ihr Wert dadurch f&#228;llt. Dies hat zwei Auswirkungen: (1) die Kosten f&#252;r das konstante Kapital (c) sinken und die Wertzusammensetzung (c/v) f&#228;llt. (2) Ein niedriger Wert von Konsumg&#252;ter bedeutet, dass der Wert der Arbeitskraft und also das variable Kapital (v) abnimmt, w&#228;hrend die Mehrwertmasse (m) steigt; sowohl die Mehrwertrate (m/v) als auch die Wertzusammensetzung (c/v) steigen in unterschiedlichem Ma&#223;e. Sowohl (1) als auch (2) haben den Effekt einer erh&#246;hten Profitrate.<br />
Nimmt man diese Gegentendenzen mit den Auswirkungen der Tendenz zusammen, kann geschlossen werden, dass die Bewegungen der Profitrate nicht determiniert sind, weil zwar die Bewegungsrichtungen der zwei Komponenten Mehrwertrate und Wertzusammensetzung analysiert werden k&#246;nnen, aber nicht deren absolutes Ausma&#223;.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Das „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate und seiner gegenwirkenden Tendenzen“ erscheint aus dieser Perspektive zun&#228;chst analytisch wertlos. Dies gilt allerdings nur, solange von Konkurrenz, ungleichen (technologischen) Entwicklungen und zeitlichen Dynamiken abstrahiert wird.</p>
<p><strong>Konkurrierende Kapitalien</strong><br />
Im Gegensatz zu b&#252;rgerlichen spielt in marxistischen Wirtschaftstheorien Konkurrenz nicht die Rolle eines ausgleichenden Mechanismus, sondern ist verantwortlich f&#252;r ungleichzeitige und bruchhafte Entwicklungen. Marx unterscheidet zwei unterschiedliche Arten von Konkurrenz; die (1) <em>intra</em>sektoraleKonkurrenz umfasst Kapitalien innerhalb einer Branche, die gleiche G&#252;ter produzieren, w&#228;hrend (2) die <em>inter</em>sektorale Konkurrenz zwischen Kapitalien in unterschiedlichen Branchen wirkt.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a><br />
Die intrasektorale Konkurrenz erkl&#228;rt, warum KapitalistInnen &#252;berhaupt produktivit&#228;tssteigernde Technologien einf&#252;hren, obwohl dadurch die durchschnittliche Profitrate gesenkt wird.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Neben der oben erw&#228;hnte Notwendigkeit, durch eine Steigerung des relativen Mehrwerts die Mehrwertrate zu erh&#246;hen und den Lohn zu dr&#252;cken, liegt der entscheidende Grund in der Konkurrenz zwischen Einzelkapitalien innerhalb eines Sektors. Anders als in der Darstellung der repr&#228;sentativen Firma in der neoklassischen Theorie, die stellvertretend f&#252;r das technologische und organisatorische Setting einer Branche steht, finden technologische Weiterentwicklungen in der Realit&#228;t mit ungleichen Geschwindigkeiten und Dynamiken statt. Produktivit&#228;tssteigerungen werden in einer Branche nicht von allen Firmen auf einmal, sondern von einzelnen innovativen Unternehmen zuerst eingef&#252;hrt. Die Innovationen erlauben es Firmen, ihre Produkte in k&#252;rzerer Zeit oder mit weniger Inputs zu produzieren, also die St&#252;ckkosten zu senken und dadurch Extraprofit zu generieren. Ihre individuelle Profitrate wird steigen, weil die in diesem Arbeitsprozess produzierten G&#252;ter denselben oder einen marginal geringeren Wert besitzen als zuvor. Es kommt zu einer Umverteilung des produzierten Mehrwerts von den unproduktiveren zu den produktiveren Kapitalien. Dieser Mechanismus l&#228;uft h&#228;ufig &#252;ber die <em>Preiskonkurrenz </em>ab, indem innovative Firmen die Marktpreise der Produkte unter deren eigentlichen Wert dr&#252;cken. Das Abweichen der Preise unter ihren – durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit festgesetzten – Wert und die M&#246;glichkeit eines Extraprofits erh&#246;hen den Druck auf diejenigen Kapitalien, die noch mit den alten Produktionsmethoden arbeiten. Diesem Konkurrenzdruck ausgesetzt, f&#252;hren nun mehr und mehr KapitalistInnen die neuen Technologien ein. Der Wert der Waren sinkt auf das Ma&#223;, das durch die neue Produktionsart erreicht werden kann und der Vorteil der innovativen KapitalistInnen schwindet. Die „Nachz&#252;glerInnen“ sind bis zuletzt gezwungen, sich den neuen Produktionsbedingungen anzupassen, um nicht vom Markt verdr&#228;ngt zu werden. Im Laufe der Etablierung der neuen Technologien verringert sich auch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit und damit die Warenwerte; eine neue sektorale Durchschnittsprofitrate pendelt sich auf einem neuen niedrigeren Niveau ein, wobei dieses „Einpendeln“ von weiteren technologischen Ver&#228;nderungen immer wieder unterbrochen werden kann. Ungleiche Entwicklungen in der Produktivkraftentwicklung auf Grund intrasektoraler Konkurrenz resultieren also in unterschiedlichen <em>individuellen </em>Profitraten, die Motivation f&#252;r individuelle produktivkraftsteigernde Innovationen sind.<br />
Die Konkurrenz zwischen Kapitalien aus unterschiedlichen Branchen f&#252;hrt hingegen zu einem Angleichen divergierender Profitraten. Ursache daf&#252;r sind Kapitalbewegungen von unprofitableren Sektoren in profitablere Wirtschaftszweige. Wieder kommt es zu einer Umverteilung von Mehrwert, weil durch Kapitalbewegungen in produktive Sektoren der Preis in diesen Sektoren steigt, w&#228;hrend er in unproduktiven Sektoren f&#228;llt. Es kommt zu einem tendenziellen Ausgleich der sektoralen Profitraten und der Etablierung einer allgemeinen Durchschnittsprofitrate innerhalb der gesamten Wirtschaft.<br />
Zusammenfassend f&#252;hrt die Konkurrenz zwischen Kapitalien also zu technologischen Fortentwicklungen und einem tempor&#228;ren Extraprofit f&#252;r individuelle KapitalistInnen. Die Etablierung der neuen Technologien zieht jedoch &#252;ber die Konkurrenz auch die Formierung neuer, niedrigerer Warenwerten nach sich. Diese zwei Prozesse m&#252;ssen jetzt in ihrer zeitlich ungleichen Abfolge analysiert werden.</p>
<p><strong>Akkumulationsprozess in der Zeit</strong><br />
Um die zeitliche Dynamik des Akkumulationsprozesses zu fassen, unterschied Marx zwischen zwei unterschiedlichen Wertzusammensetzungen des Kapitals. Die organische Zusammensetzung<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> des Kapitals beinhaltet die <em>direkten </em>unmittelbaren Auswirkungen einer gesteigerten Produktivit&#228;t im Produktionsprozess, w&#228;hrend die Wertzusammensetzung die <em>indirekten </em>Auswirkungen ber&#252;cksichtigt, also die Ver&#228;nderungen auf Grund der gegenwirkenden Tendenzen.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Ver&#228;nderungen in diesen zwei Zusammensetzungen finden aber zu unterschiedlichen Zeitpunkten statt. Durch Investitionen zu <em>Beginn </em>eines Produktionsprozesses werden Produktionsmittel und L&#246;hne zu <em>alten </em>Werten gekauft. Eine Ver&#228;nderung der technischen Zusammensetzung spiegelt sich sofort in einer h&#246;heren organischen Zusammensetzung wieder. Die gegenwirkenden Tendenzen, sowohl die Entwertung des konstanten als auch des variablen Kapitals, beruhen auf der Entstehung <em>neuer </em>Werte f&#252;r Produktionsinputs. Diese finden zu einem sp&#228;teren Zeitpunkt, <em>nach </em>dem Prozess der Zirkulation, statt. Daf&#252;r m&#252;ssen aber erst die Ver&#228;nderungen in den anderen Produktionsst&#228;tten und Produktionszweigen wirksam werden, die unter den Bedingungen der Akkumulation unter Konkurrenz ablaufen. „Eine Ver&#228;nderung in der technischen Zusammensetzung resultiert in der Entwertung von Waren, aber diese muss die Konkurrenz zwischen den Kapitalien abwarten. Sofort zu neuen Werten zu wechseln, hei&#223;t den Prozess der <em>Wertformierung </em>vorzugreifen, dem Akkumulationsprozess selbst. […] Der Prozess der Akkumulation beinhaltet die Einleitung der Zirkulation des Kapitals auf Basis eines Sets an Werten und die Generation eines neuen Sets von Werten, die die KapitalistInnen an Ende des Kreislaufs konfrontiert.“<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Betrachten wir noch einmal einen Wirtschaftssektor mit unterschiedlichen Produktivit&#228;tsniveaus. Innovative Firmen haben in neue Maschinen investiert, um einen tempor&#228;ren Extraprofit zu erzielen. Sie stehen vor zwei Problemen: Erstens k&#246;nnen durch die sukzessive Entwertung der Waren im Zuge der Etablierung neuer Technologien ihre urspr&#252;nglichen Investitionen weniger rentabel verwertet werden. Der erzielte Extraprofit kann dieses Problem zwar zum Teil aufheben. Allerdings versch&#228;rfen Investitionen in <em>fixes </em>Kapital, sprich Kapital, das lange in der Produktionssph&#228;re verweilt und seinen Wert nur nach und nach an das Produkt weitergibt, dieses Problem. Viele gro&#223;e Unternehmungen lassen sich aber erst durch die Investitionen in einen gewissen Stock an fixem Kapital (z.B. Fabrikhallen und Maschinen) durchf&#252;hren. Dieser Stock wurde durch Investitionen zu alten Warenwerten angeschafft, w&#228;hrend sich dessen Wert &#252;ber mehrere Produktionsperioden mit st&#228;ndig <em>neuen </em>Warenwerten realisieren muss.<br />
Dasselbe Ph&#228;nomen zeigt sich auch bei nicht-innovativen Firmen, die damit konfrontiert sind, dass ihre Produktionsmethoden nicht mehr dem gesellschaftlichen Standard entsprechen. Ihre Produktionskosten bleiben auf dem alten Niveau, w&#228;hrend gleichzeitig der Wert ihrer produzierten Waren sinkt. Ihre individuelle Profitrate wird daher sinken. Investitionen in fixes Kapital k&#246;nnen nicht mehr oder nur schlecht realisiert werden. W&#228;hrend fixes Kapital einen kraftvollen Antrieb f&#252;r Akkumulation darstellt und Investitionsm&#246;glichkeiten f&#252;r bereits akkumuliertes Kapital bietet, wird gleichzeitig Kapital in physischen Produktionsanlagen sprichw&#246;rtlich fixiert. Dadurch wirkt sich die zuvor als gegenwirkende Tendenz beschriebene Entwertung von Kapital zus&#228;tzlich negativ auf die durchschnittliche Profitrate aus.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Hinzu kommt, dass die Flexibilit&#228;t des Kapitalismus, zwischen Sektoren mit unterschiedlicher Profitabilit&#228;t hin- und her zu wechseln, verringert wird.<br />
Die st&#228;ndige Entwertung der produzierten Waren aufgrund von Produktivit&#228;tssteigerungen steht also der notwendigen Realisierung von Waren zu ihren „alten“ Werten im Zirkulationsprozess gegen&#252;ber. Was Marx mit dem „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate und seinen gegenwirkenden Tendenzen“ fassen wollte, ist eben diese Widerspr&#252;chlichkeit zwischen der Entwicklung der Produktivkr&#228;fte und den Produktionsverh&#228;ltnissen.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> Das Eigeninteresse individueller KapitalistInnen, gefangen im Konkurrenzkampf, zwingt zur st&#228;ndigen Revolution der technologischen und organisatorischen Gestaltung des Arbeitsprozesses, was die Realisierung von Wert und die weitere Akkumulation gef&#228;hrdet. Die st&#228;ndigen Ver&#228;nderungen der Warenwerte st&#246;ren zus&#228;tzlich die Zirkulation des Kapitals als Ganzes, weil die f&#252;r eine gleichm&#228;&#223;ige erweiterte Reproduktion n&#246;tigen Verh&#228;ltnisse kontinuierlich ver&#228;ndert und umgeworfen werden.</p>
<p><strong>Krise als tempor&#228;re L&#246;sung</strong><br />
Die im Produktionsprozess angelegten Widerspr&#252;che finden ihren Ausdruck in unterschiedlichen, konkreten Erscheinungsformen der Krise. Sie „bef&#246;rdern &#220;berproduktion, Spekulation, Krisen, &#252;berfl&#252;ssiges Kapital neben &#252;berfl&#252;ssiger Bev&#246;lkerung.“<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Je nach historischer Situation artikulieren sich die beschriebenen Widerspr&#252;che in unterschiedlichen Krisenph&#228;nomenen, die sich als eine Unterbrechung in der Zirkulation des Kapitals darstellen. Aufbauend auf den bisherigen &#220;berlegungen lassen sich diese  Erscheinungsformen von Krisen theoretisch fassen.<br />
F&#228;llt die Profitabilit&#228;t in mehreren unterschiedlichen Sektoren, kommt es durch die Ausbildung einer allgemeinen Durchschnittsprofitrate zu einem Fall der Profitabilit&#228;t in der &#214;konomie allgemein. Investitionsentscheidungen werden aber haupts&#228;chlich durch Profiterwartungen gesteuert. Erwarten KapitalistInnen, dass ihre Investitionen keinen Gewinn erwirtschaften, werden diese zur&#252;ckgehalten. Wir befinden uns in einer Situation, in der eine Masse an akkumuliertem Kapital schwindenden Optionen zur profitablen Kapitalverwertung gegen&#252;berstehen: einer Situation der <em>&#220;berakkumulation </em>von Kapital. Eine &#220;berakkumulationskrise kann sich auf unterschiedliche Arten ausdr&#252;cken<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a>: (1) Die Erh&#246;hung des materiellen Outputs bei gleichzeitigem Fall der Warenwerte f&#252;hrt zu &#220;bers&#228;ttigung von M&#228;rkten und einem &#220;berangebot von Waren. Disproportionalit&#228;ten und &#220;ber- bzw. Unterkonsumptionskrisen sind die Folge. (2) &#220;berkapazit&#228;ten im Produktionsprozess k&#246;nnen entstehen, weil fixes Kapital brach liegt oder nicht vollst&#228;ndig ausgenutzt wird. (3) Wie wir schon weiter oben gesehen haben, muss Geldkapital nicht sofort investiert werden. Wenn die Profitabilit&#228;t eines Produktionsprozesses gering ist, kann das Geld anderweitig investiert werden. Je h&#246;her der erwartete Zinssatz oder die Rendite aus spekulativen Anlagen, desto eher wird Kapital in nicht produktives Kapital investiert. Schlie&#223;lich &#228;u&#223;ern sich eine verminderte Profitabilit&#228;t und geringere Profiterwartungen in den oben erw&#228;hnten Kreditklemmen, welche die Zirkulation des Kapitals und den Ausgleich von intersektoralen Profitraten behindern.<br />
All diese Effekte f&#252;hren dazu, dass die am wenigsten konkurrenzf&#228;higen und unproduktivsten Kapitalien Bankrott gehen, die Reproduktion ins Stocken ger&#228;t und die Arbeitslosigkeit steigt. Die Widerspr&#252;che, die sich in den Phasen des Aufschwungs angeh&#228;uft haben, zeigen sich in pl&#246;tzlich auftretenden Krisen. Die Krise zerr&#252;ttet aber nicht nur das<br />
Leben vieler Menschen, sondern ist gleichzeitig ein reinigendes und stabilisierendes Moment f&#252;r die kapitalistische Wirtschaftsordnung. „Die Krisen sind immer nur momentane gewaltsame L&#246;sungen der vorhandnen Widerspr&#252;che, gewaltsame Eruptionen, die das gest&#246;rte Gleichgewicht f&#252;r den Augenblick wiederherstellen.“<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> Der Bankrott vieler Kapitalien bewirkt, dass Kapital rasch und umfassend entwertet und zerst&#246;rt wird. Das erlaubt anderen Kapitalien, Ausr&#252;stung und Produktionsst&#228;tten billig zu erwerben. Ohne die Last fr&#252;herer Investitionen tragen zu m&#252;ssen, k&#246;nnen wieder profitable Investitionen get&#228;tigt werden; der Krise folgt ein neuer Aufschwung.<br />
Die konkreten Formen, in denen sich die Widerspr&#252;che im Akkumulationsprozess in Krisen artikulieren, sind von den Phasen kapitalistischer Entwicklung und bestimmten (sich ver&#228;ndernden) Faktoren abh&#228;ngig. Beispiele hierf&#252;r w&#228;ren: die Gr&#246;&#223;e der betroffenen Kapitalien, die Rolle der Finanzsph&#228;re, die M&#246;glichkeiten der Erh&#246;hung der Ausbeutungsrate, die Rolle staatlicher Investitionen, usw. Dementsprechend reichen die hier beschriebenen abstrakten Dynamiken nicht aus, um die konkreten Krisenabl&#228;ufe genau erfassen zu k&#246;nnen.</p>
<p><strong>Langfristig Dynamiken und historische Entwicklungen</strong><br />
Der zweite Teil dieser Serie wird deshalb versuchen, die Entwicklungen des Nachkriegskapitalismus in groben Z&#252;gen nachzuzeichnen. Die Nachkriegsjahre waren insbesondere gepr&#228;gt von einem langanhaltenden, wirtschaftlichen Aufschwung. Da dieser der hier beschriebenen Instabilit&#228;t der kapitalistischen Produktionsweise auf den ersten Blick widerspricht, wird es notwendig sein, sich den Bedingungen dieses Aufschwungs genauer zu widmen. Die weiter oben dargelegten Grundlagen marxistischer Wirtschaftstheorie k&#246;nnen ebenso dabei helfen, das Eintreten der Krise in den 1970er Jahren und die darauf folgende Stagflationsphase sowie die wirtschaftlichen Ver&#228;nderungen im Zuge von Globalisierung und Neoliberalismus zu erkl&#228;ren.<br />
Eine Analyse der 2008 ausgebrochenen Weltwirtschaftskrise wird im dritten Teil dieser Serie Anlass sein, sich nicht nur mit dem Verlauf der aktuellen Krise auseinanderzusetzen, sondern auch verst&#228;rkt den Einfluss von Banken und Kreditinstitutionen, sowie, auf einer abstrakteren Ebene, die Rolle von Geld und fiktivem Kapital in den Blick zu bekommen.</p>
<p><em>Philipp Probst</em> studiert Human&#246;kologie in Wien und ist aktiv bei <em>Perspektiven</em>.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> vgl. The Washington Times, 24.10.2008, unter: http://www.washingtontimes.com/news/2008/oct/24/congress-rips-greenspan-for-crisis<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> vgl. Harvey, David: The Enigma of Capital, London 2010, S. vii<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Trotzki, Leo: The world economic crisis and the new tasks of the Communist International. The First Five Years of the Communist International, Volume I (1924), London 1973, unter: http://www.marxists.org/archive/trotsky/1924/ffyci-1/index.htm<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Neben diesen zwei Hauptstr&#246;mungen gibt es diverse andere Richtungen. Die radikalen KeynesianistInnen zum Beispiel kn&#252;pfen an jenen radikaleren Elementen der keynesianistischen Theorie an, die zum Teil Schnittstellen zu marxistischen Krisentheorien haben (vgl. Harcourt, Geoffrey/Kerr, Prue:<br />
Joan Robinson, London 2009). Die &#246;sterreichische Schule, deren bekannteste Vertreter Joseph Schumpeter und Ludwig von Mises sind, sehen in den Krisen eine sch&#246;pferische Zerst&#246;rung, die den Grundstein f&#252;r den dynamischen Fortschritt im Kapitalismus legt (vgl. Schumpeter, Joseph: Capitalism, Socialism and Democracy, London 1950). In den letzten Jahren haben sich vermehrt heterodoxe &#214;konomiken gebildet, die Bezug nehmen auf Erkenntnisse der Komplexit&#228;ts- und Evolutionsforschung. Krisendynamiken werden dabei allerdings oft als naturgegebene und jedem System inh&#228;rente Eigenschaften angesehen.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Walras, Leon: Elements of Pure economics, 1889, S. 381. Zit. nach Harman, Chris: The crisis of bourgeois economics, in: ders.: Selected Writings, London 2010, S. 174<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> vgl. S&#252;ddeutsche Zeitung, 15.04.2008, unter: http://www.sueddeutsche.de/geld/boerse-und-testosteron-wall-street-bitte-dopen-1.180150<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Marshall, Alfred: The Principles of Economics, 1936, S.109. Zit. nach Harman 2010, a.a.O., S. 173<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Walras, Leon, a.a.O., S. 242. Zit. nach Harman 2010, a.a.O., S.173<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Schumpeter 1950, a.a.O., S. 103<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Ein guter &#220;berblick &#252;ber die Geschichte marxistischer (und anderer) Krisentheorien findet sich bei Clarke, Simon: Marx’s Theory of Crisis, Houndmills 1994 sowie Shaikh, Anwar: Eine Einf&#252;hrung in die Geschichte<br />
der Krisentheorien, in: Prokla, 30 (1978), S. 3–42<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Zur Kritik an unterschiedlichen Versionen der Unterkonsumptionstheorien vgl. Shaikh 1978, a.a.O. sowie Bleaney, Michael: Underconsumption Theories: A History and Critical Analysis, New York 1976; zu Disproportionalit&#228;tstheorien vgl. Carchedi, Guglielmo: Frontiers of Political Economy, London 1991, S. 179–186. Die bekanntesten heutigen Vertreter von Unterkonsumptionstheorien st&#252;tzen sich auf die Arbeiten von Paul A. Baran und Paul Sweezy. F&#252;r diese ist die Nachkriegswirtschaft von Stagnationstendenzen gepr&#228;gt. Ihre Begr&#252;ndung ist, dass Monopole durch Manipulation von Preisen &#252;berm&#228;&#223;ige Profite (surplus profits) erzielen k&#246;nnen, die das System nicht mehr absorbieren kann, weil die  Konsumptionskraft der Gesellschaft zu gering ist. Die Folge sind &#220;berkapazit&#228;ten, nachlassende Investitionen und Stagnation. Nur durch das Wachstum von „Waste-areas“,<br />
also Produktion f&#252;r unproduktive Bereiche wie Waffen, Werbung oder auch einer wachsenden Finanzsph&#228;re k&#246;nnen die &#252;bersch&#252;ssigen Profite absorbiert werden (vgl. Baran, Paul A./Sweezy, Paul: Monopoly Capital, New York 1968 sowie Foster, Bellamy John/Magdoff, Fred: The Great Financial Crisis – Causes and Consequences, New York 2009). Kritik an dieser Position findet sich in Carchedi 1991, a.a.O. S. 185–186 sowie Choonara, Joseph: Marxist accounts of the crisis, in: International Socialism Journal,<br />
123 (2009), S. 93–96<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> vgl. v.a. Yaffe, David: The Marxian Theory of Crisis, Capital and the State, in: Bulletin of the Conference of Socialist Economists, 1972 (Winter), S. 5–58. Eine andere Herangehensweise findet sich bei Weeks, John: Capital and Exploitation, New Jersey 1981; Harman, Chris: Zombie Capitalism, London 2009; Fine, Ben/Saad-Filo, Alfredo: Marx’s Capital, London 2010; sowie weiter unten in diesem Artikel.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Die Profit-Squeeze-These geht davon aus, dass in Zeiten des Aufschwungs die Verhandlungsposition von ArbeiterInnen st&#228;rker wird, da sich die Nachfrage nach Arbeitskraft erh&#246;ht. Die L&#246;hne steigen und verringern die Profite bis zu dem Grad, an dem die Akkumulation gest&#246;rt wird. Die Argumentation findet sich bei Glyn, Andrew/Sutcliff, Robert: British capitalism, workers<br />
and the profit squeeze, London 1972. Die Kritik besteht haupts&#228;chlich darin, dass Akkumulation die Lohnrate bestimmt und nicht umgekehrt. Erst im Moment des Eintretens der Krise versch&#228;rfen zu hohe L&#246;hne die Krise zus&#228;tzlich (vgl. auch Carchedi 1991, a.a.O., S. 188 und Shaikh 1978, a.a.O. sowie Harvey, David: Limits to Capital, London 2006, S. 52–54).<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Weeks, John: Capital and Exploitation, New Jersey 1981, S. 189<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Diese Trennung in die einzelnen Teile ist nicht so strikt. So ist in der Marxschen Analyse des Werts eine gemeinsame Betrachtung von Zirkulation und Produktion notwendig. Allerdings k&#246;nnen grob diese Schwerpunkte zwischen den einzelnen B&#228;nden unterschieden werden.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> v entspricht dem Wert, der f&#252;r die Reproduktion der Ware Arbeitskraft n&#246;tig ist. Wird v verringert, erh&#246;ht sich, bei gleichbleibender Gr&#246;&#223;e des geschaffenen Werts L – der Mehrwert m.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Oft sind die Steigerung des absoluten und des relativen Mehrwerts in der Realit&#228;t nicht klar voneinander zu trennen. So erm&#246;glichte z.B. die Einf&#252;hrung des Flie&#223;bands ebenso die Erh&#246;hung des absoluten Mehrwerts durch eine effizientere Arbeitsweise, wie sie durch die gro&#223;fl&#228;chige Senkung der<br />
gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit f&#252;r die Produktion von Lebensmitteln auch den relativen Mehrwert enorm ansteigen lie&#223;.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Der Kampf von ArbeiterInnen gegen die Mechanisierung des Arbeitsprozesses war stets Teil des Klassenkampfs. Die Motivation war dabei nicht die Ablehnung neuer Technologien per se, sondern das Ziel, durch „kollektive Verhandlung durch Aufruhr“ Druck auf KapitalistInnen auszu&#252;ben, um so Forderungen durchzusetzen und drohenden Arbeitslosigkeit abzuwenden. Vgl. Hobsbawm, Eric: The Machine-Breakers, in: ders.: Uncommon People. Resistance, Rebellion and Jazz, London 1999, S. 6–22<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Marx, Karl: Das Kapital. Band 1 (MEW 23), Berlin 1962, S. 650<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Harman 2009, a.a.O., S. 55–56<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Choonara, Joseph: Unravelling Capitalism. A Guide to Marxist Political Economy, London 2009, S. 61<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Die effektive Nachfrage setzt sich also aus der Endnachfrage nach Konsumg&#252;ter aus Abteilung 2 und der Nachfrage nach Produktionsmittel aus Abteilung 1 zusammen.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Marx, Karl: Das Kapital. Band 3 (MEW 25), Berlin 1983, S. 621<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Marx, Karl: Grundrisse der Kritik der politischen &#214;konomie (MEW 42), Berlin 1953, S. 641<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Die folgenden Ausf&#252;hrungen st&#252;tzen sich zum Gro&#223;teil auf Weeks 1981, a.a.O.; Harman 2009, a.a.O. sowie Fine/Saad-Filho 2010, a.a.O..<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist das Ma&#223; f&#252;r den Wert von Waren. Das „gesellschaftlich notwendig“ bezieht sich dabei auf ein bestimmtes Produktivit&#228;tsniveau einer &#214;konomie, mit der Waren produziert werden (vgl. Heinrich, Michael: Kritik der politischen &#214;konomie. Eine Einf&#252;hrung, Stuttgart 2005 sowie Saad-Filho, Alfredo: The Value of Marx, London 2002).<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> vgl. Heinrich 2005, a.a.O., S. 148–153<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> vgl. Fine/Saad-Filho 2010, a.a.O., S. 71<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Oft wird argumentiert, dass KapitalistInnen nur dann technologische Neuerungen einf&#252;hren, wenn das ihre individuelle Profitrate erh&#246;ht. Eine h&#246;here individuelle Profitrate hat aber auch eine h&#246;here allgemeine Profitrate zufolge (vgl. Okishio, N: A Formal Proof of Marx’s Two Theorems, in: Kobe University Economic Review, 18 (1972), S. 1–6). Dabei wird aber von intersektoraler Konkurrenz und ungleicher technologischer Entwicklung abstrahiert (vgl. Harman 2009, a.a.O., S. 68–75 sowie Fine/ Saad-Filho 2010, a.a.O., S. 104–107).<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> „Die Zusammensetzung des Kapitals ist in zweifachem Sinn zu fassen. Nach der Seite des Werts bestimmt sie sich durch das Verh&#228;ltnis, worin es sich teilt in konstantes Kapital oder Wert der Produktionsmittel und variables Kapital oder Wert der Arbeitskraft, Gesamtsumme der Arbeitsl&#246;hne. Nach der Seite des Stoffs, wie er im Produktionsproze&#223; fungiert, teilt sich jedes Kapital in Produktionsmittel und lebendige Arbeitskraft; diese Zusammensetzung bestimmt sich durch das Verh&#228;ltnis zwischen der Masse der angewandten Produktionsmittel einerseits und der zu ihrer Anwendung erforderlichen Arbeitsmenge andrerseits. Ich nenne die erstere die Wertzusammensetzung, die zweite die technische Zusammensetzung des Kapitals. Zwischen beiden besteht enge Wechselbeziehung. Um diese auszudr&#252;cken, nenne ich die Wertzusammensetzung des Kapitals, insofern sie durch seine technische Zusammensetzung bestimmt wird und deren &#196;nderungen widerspiegelt:<br />
die organische Zusammensetzung des Kapitals. Wo von der Zusammensetzung des Kapitals kurzweg die Rede ist, ist stets seine organische Zusammensetzung zu verstehn.“ (MEW 23 1962, a.a.O., S. 640)<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Fine/Saad-Filho 2010, a.a.O., S. 87–92<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Weeks 1981, a.a.O., S. 194<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Dabei kommt auch die erh&#246;hte Umschlagszeit des Kapitals zum Tragen, die sich negativ auf die Profitrate auswirkt.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> „Der Widerspruch, ganz allgemein ausgedr&#252;ckt, besteht darin, da&#223; die kapitalistische Produktionsweise eine Tendenz einschlie&#223;t nach absoluter Entwicklung der Produktivkr&#228;fte, abgesehn vom Wert und dem in ihm eingeschlo&#223;enen Mehrwert, auch abgesehn von den gesellschaftlichen Verh&#228;ltnissen, innerhalb deren die kapitalistische Produktion stattfindet; w&#228;hrend sie andrerseits die Erhaltung des existierenden Kapitalwerts und seine Verwertung im h&#246;chsten Ma&#223; (d.h. stets beschleunigten Anwachs dieses Werts) zum Ziel hat. Ihr spezifischer Charakter ist auf den vorhandnen Kapitalwert<br />
als Mittel zur gr&#246;&#223;tm&#246;glichen Verwertung dieses Werts gerichtet. Die Methoden, wodurch sie dies erreicht, schlie&#223;en ein: Abnahme der Profitrate, Entwertung des vorhandnen Kapitals und Entwicklung der Produktivkr&#228;fte der Arbeit auf Kosten der schon produzierten Produktivkr&#228;fte.“ (MEW 25 1983, a.a.O., S. 259)<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> MEW 25 1983, a.a.O., S. 252<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Harvey 2006, a.a.O., S. 195<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> MEW 25 1983, a.a.O., S. 259</p>
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		<title>Out Now: Perspektiven Nr.12</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Oct 2010 18:53:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Union]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Krisentheorie]]></category>
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		<category><![CDATA[Politische Ökonomie]]></category>
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		<description><![CDATA[Perspektiven Nr.12 ist erschienen – Schwerpunkt: &#8220;Autorit&#228;re Antworten auf die Krise&#8221;


Der Inhalt in Kurzform:
Im Schwerpunkt:
Nicolas Schlitz und Felix Wiegand: Die FP&#214;. Nutznie&#223;erin der Krise? – Bonn Juego und Johannes Dragsbaek Schmidt: Die globale Krise und der Angriff auf die Demokratie – Interview zur Situation in Osteuropa: Im Osten nichts Neues – Hanna Lichtenberger, Veronika Duma und Tobias Boos: Hinter dem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><em>Perspektiven</em> Nr.12 ist erschienen – Schwerpunkt: &#8220;Autorit&#228;re Antworten auf die Krise&#8221;</h3>
<p><span id="more-1627"></span><br />
<a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2010/10/p12end.jpg"><img class="aligncenter size-medium wp-image-1617" title="p12end" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2010/10/p12end-211x300.jpg" alt="" width="211" height="300" /></a><br />
<strong>Der Inhalt in Kurzform</strong>:</p>
<p>Im Schwerpunkt:<br />
<a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/10/15/die-fpoe-nutzniesserin-der-krise/">Nicolas Schlitz und Felix Wiegand: Die FP&#214;. Nutznie&#223;erin der Krise?</a> – Bonn Juego und Johannes Dragsbaek Schmidt: Die globale Krise und der Angriff auf die Demokratie – Interview zur Situation in Osteuropa: Im Osten nichts Neues – Hanna Lichtenberger, Veronika Duma und Tobias Boos: Hinter dem Faschismus steht…?</p>
<p>Au&#223;erhalb des Schwerpunkts:<br />
Peter Hallward: Haiti. Von der Flut zum Beben – Paul Pop: Zehn Filme, die man vor der Revolution gesehen haben muss – Philipp Probst: Vom Aufstieg und Fall der Profitrate – Rezensionen und Rosinenpicken</p>
<p>Jetzt <a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/10/15/editorial-10/">Editorial</a> lesen! <a href="http://www.perspektiven-online.at/ausgaben/perspektiven-nr-12/">Perspektiven Nr. 12</a> bestellen! <a href="http://www.perspektiven-online.at/abo/">Abo </a>holen!</p>
<p>Wir w&#252;nschen interessante Lekt&#252;re, W&#252;nsche, Anregungen und Kritik sind wie immer herzlich willkommen und ausdr&#252;cklich erw&#252;nscht, am einfachsten per Mail an <a href="redaktion@perspektiven-online.at">redaktion@perspektiven-online.a</a>t !</p>
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		<title>Die Krise durchdenken – in Memoriam Chris Harman</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:12:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Am 7. November starb Chris Harman, revolution&#228;rer Sozialist, marxistischer Theoretiker und f&#252;hrender Aktivist der englischen Socialist Workers Party. Philipp Probst widmet sich seiner kurz zuvor erschienenen Analyse der aktuellen Wirtschaftskrise.

Angesichts der Banken- und Finanzkrise, die 2007 ausbrach, sprachen immer mehr &#214;konomInnen von „Zombie-Banken“ – Banken, die an sich wertlos sind und nur noch mit Hilfe staatlicher Kredite am Leben gehalten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am 7. November starb <em>Chris Harman</em>, revolution&#228;rer Sozialist, marxistischer Theoretiker und f&#252;hrender Aktivist der englischen <em>Socialist Workers Party</em>. <em>Philipp Probst</em> widmet sich seiner kurz zuvor erschienenen Analyse der aktuellen Wirtschaftskrise.<br />
<span id="more-1529"></span><br />
Angesichts der Banken- und Finanzkrise, die 2007 ausbrach, sprachen immer mehr &#214;konomInnen von „Zombie-Banken“ – Banken, die an sich wertlos sind und nur noch mit Hilfe staatlicher Kredite am Leben gehalten werden. Derart „untot“, erf&#252;llen sie „keine positive Funktion, stellen aber eine Gefahr f&#252;r alles andere dar“(12). Chris Harman spinnt diese Metapher weiter. Anlehnend an Marx, der den fr&#252;hen Kapitalismus mit einem Vampir verglich, der „sich nur vampyrm&#228;&#223;ig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr [er] davon einsaugt“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a>, bezeichnet er das ganze System als Zombie-Kapitalismus. Ein System, in dem das Tote &#252;ber das Lebende herrscht, die Produkte menschlicher Arbeit das Leben der Menschen und folgender Generationen beherrschen. Ein hirnlos wankender, zerst&#246;rerischer Zombie, „der scheinbar tot ist, wenn es darum geht, menschliche Ziele zu erreichen und auf menschliche Gef&#252;hle anzusprechen, aber f&#228;hig zu spontanen Ausbr&#252;chen von Aktivit&#228;t, die rundherum Chaos verbreiten“ (12).<br />
<em>Zombie Capitalism</em> ist Harmans letztes Buch. Er starb im November 2009, w&#228;hrend der <em>Socialist Days Conference</em> in Kairo an einem Herzinfarkt. Mit ihm ging der sozialistischen Bewegung nicht nur ein gro&#223;er Theoretiker, sondern auch ein langj&#228;hriger Aktivist verloren. Aktiv seit seiner Schulzeit, war es die Besetzung der <em>London School of Economics</em> 1967, in deren Rahmen er als Mitglied der <em>International Socialists</em> (IS) – die sp&#228;tere <em>Socialist Workers Party</em> (SWP) – und Organisator der Besetzung zu einer wichtigen Pers&#246;nlichkeit in der britischen 68er-Bewegung wurde. Er verstand es, Theorie und Praxis geschickt zu verbinden und formte er das theoretische Fundament der IS-Tradition ma&#223;geblich mit. Es war, wie sein Genosse Kevin Ovenden es formulierte, seine „seltene F&#228;higkeit, eine politische Position und ein komplexes Konzept in wenigen klaren Worten zu formulieren“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>, die es ihm erm&#246;glichte, marxistische Theorie einem breiteren Publikum zug&#228;nglich zu machen. Neben seiner T&#228;tigkeit als Herausgeber des <em>Socialist Worker</em> (der Wochenzeitung der SWP), der Monatszeitschrift <em>Socialist Review</em> und, in seinen letzten Lebensjahren, des <em>International Socialism Journal</em> (einem viertelj&#228;hrlich erscheinenden Theoriemagazin), verfasste Harman eine Reihe von Publikationen, die sein Interesse an einer F&#252;lle von Themen – &#214;konomie, Soziologie, Geschichte, Politikwissenschaft, Philosophie – widerspiegeln. So analysierte er 1988 in <em>Class struggle in Easter Europe</em> die Staatskapitalismen der Ostblockstaaten oder ging im 1997 erschienenen <em>Die verlorene Revolution</em> dem Scheitern der Revolution in Deutschland 1918–1923 auf den Grund. In <em>The prophet and the proletariat</em> pr&#228;sentierte er bereits 1999 – zwei Jahre vor „9/11“ – eine Analyse des Politischen Islam und dessen sozialer Kontexte. Und im 700 Seiten starken, erst j&#252;ngst vom Verlag <em>Verso </em>neu aufgelegten <em>A people’s history of the world</em> zeichnet Harman die Menschheitsgeschichte vom Entstehen erster Klassengesellschaften bis zur zweiten H&#228;lfte des 20. Jahrhunderts aus Perspektive sowohl der unterdr&#252;ckten als auch der herrschenden Klassen nach.<br />
In <em>Zombie Capitalism</em> widmet sich Harman marxistischer &#214;konomietheorie. Anders als von ihm zun&#228;chst geplant, r&#252;ckte der Fokus des Buches vor dem Hintergrund der aktuellen Wirtschaftskrise von der Prognose zur Erkl&#228;rung ebendieser Krise. Sowohl neoklassische &#214;konomInnen und WirtschaftsberaterInnen als auch einige marxistische TheoretikerInnen hatten zuvor die These vertreten, der Kapitalismus h&#228;tte zu langandauernder Stabilit&#228;t gefunden und w&#252;rde einen neuen langen Aufschwung erleben. Harmans Ziel, gegen diesen Irrglauben zu argumentieren und die inh&#228;rente Krisenhaftigkeit des Kapitalismus aufzuzeigen, aktualisiert Fragestellungen, denen sich Harman bereits in seinem in den 1970ern erschienenen Buch <em>Explaining the crisis</em> widmete: Warum brechen Krisen aus, und welche krisenhaften Tendenzen werden sich in Zukunft durchsetzen? Die Beantwortung dieser Fragen, an denen Mainstream-KommentatorInnen regelm&#228;&#223;ig scheitern, erm&#246;glicht es auch, die gegenw&#228;rtige Krise im weiteren Kontext allgemeiner Entwicklungen der kapitalistischen Produktionsweise zu analysieren.<br />
Zombie Capitalism ist in vier Abschnitte unterteilt: Der erste Abschnitt ist eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichen &#246;konomischen Theorien und neueren marxistischen Ans&#228;tzen im Anschluss an Marxens Kritik der politischen &#214;konomie. Teil zwei und drei behandeln die Entwicklungen des Kapitalismus im 20. Jahrhundert bis zum Ende des Nachkriegsbooms sowie Ver&#228;nderungen infolge der Globalisierung und der gest&#228;rkten Rolle des Finanzsystems. Der letzte und k&#252;rzeste Abschnitt stellt die Frage nach den &#246;kologischen Grenzen des kapitalistischen Systems, wie sie sich in der Bedrohung durch Klimawandel und Nahrungsmittelkrisen &#228;u&#223;ern. Daran anschlie&#223;end wird im letzten Kapitel die Frage aufgeworfen, wie dieses System &#252;berwunden werden kann – und durch wen.<br />
Zun&#228;chst stellt Harman grundlegende marxistische Konzepte<br />
dar. W&#228;hrend die Einf&#252;hrung in marxistische Begriffe im ersten Kapitel zentrale Termini verst&#228;ndlich erl&#228;utert, sind die n&#228;chsten Kapitel besonders wertvoll, weil Harman hier neoklassische Theorie entkr&#228;ftet und kapitalistische Krisenhaftigkeit in klarer und einfacher Sprache erkl&#228;rt.<br />
Neoklassische &#214;konomik analysiert die kapitalistische Wirtschaftsweise als ein sich im Gleichgewicht befindliches – oder zumindest auf ein Gleichgewicht zustrebendes – System. Laut dem von Jean Baptiste Say postulierten Gesetz gleichen sich Angebot und Nachfrage automatisch aus. M&#228;rkte regulieren sich selbst und forcieren Wachstum. Die Realit&#228;t sah freilich von jeher anders aus: Periodische Krisen ersch&#252;tterten in regelm&#228;&#223;igen Abst&#228;nden kapitalistisches Wachstum und brachten neoklassische &#214;konomInnen in Erkl&#228;rungsnotstand. Trotzdem wurde und wird an der Idee eines selbstregulierenden, auf ein Gleichgewicht zustrebenden Marktsystems festgehalten. Kleinere St&#246;rungen sind demnach Teil eines „Gesch&#228;ftszyklus“, w&#228;hrend gr&#246;&#223;ere Krisen lediglich auf externe Faktoren, wie z. B. falsche institutionelle Regelungen und staatliche Eingriffe oder gar, wie von Jevons<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> zu Beginn des 20. Jahrhunderts behauptet, auf den Einfluss von Sonnenflecken, zur&#252;ck zu f&#252;hren sind. Marxistische Analysen gehen demgegen&#252;ber von der durch die Konkurrenz zwischen einzelnen Kapitalien angetriebenen zeitlichen Dynamik und Br&#252;chigkeit kapitalistischer Prozesse aus: „Marx’ eigener Ansatz war es, … die individuellen Elemente des Systems zu analysieren und dann zu zeigen, wie sie dynamisch interagieren und sich gegenseitig in diesem Prozess ver&#228;ndern. Sobald diese Verbindungen &#252;bersehen werden, wird die ganze Dynamik des Systems &#252;bersehen. F&#252;r Marx waren die Kategorien, die er entwickelte, bedeutend, weil sie es erm&#246;glichen, das System als in sich widerspr&#252;chliche Totalit&#228;t zu sehen, die sich in einem st&#228;ndigen Transformationsprozess befindet – eine Transformation, die die Kategorien der Analyse selbst beeinflusst.“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Die ungeplante Produktion der miteinander konkurrierenden Kapitalien ist eben kein reibungslos verlaufender Prozess, wie neoklassische &#214;konomen behaupten.<br />
Harman f&#252;hrt zwei marxistische Erkl&#228;rungsmuster f&#252;r Krisenprozesse detaillierter aus: (1) die generelle Tendenz zu &#220;berproduktionskrisen und (2) den tendenziellen Fall der Profitrate.<br />
Die M&#246;glichkeit von Krisen ist demnach in der generellen Tendenz zur &#220;berproduktion angelegt. KapitalistInnen versuchen unter dem Druck der Konkurrenz sowohl ihren Output als auch ihre Profite zu erh&#246;hen, indem sie L&#246;hne dr&#252;cken. Weil ein essentieller Bestandteil der Waren aber von L&#246;hnen gekauft wird, kommt es zu einem Ungleichgewicht zwischen dem produzierten Output und den tats&#228;chlich gekauften G&#252;tern. In der modernen Industrie sind Produktion und Endverbrauch durch lange, ineinander verwobene Wertsch&#246;pfungsketten verbunden. Zwei Bedingungen m&#252;ssen dabei erf&#252;llt werden: Erstens hat der Produktionsprozess eine physische Dimension: Die Produktionsmittel m&#252;ssen den physikalischen, chemischen und biologischen Anforderungen der zu verarbeitenden Produkte gerecht werden. Gleichzeitig muss jeder Produktionsprozess die Wertmenge auf Seiten der Eigent&#252;merInnen des jeweiligen Beitriebs erh&#246;hen. Die physische Organisation der Produktion von Gebrauchswerten muss daher irgendwie mit der kapitalistischen Bestimmung von Preisen (durch ihre Werte) korrespondieren. Diskrepanzen zwischen diesen beiden Anforderungen bedeuten, dass Produktionsprozesse unweigerlich auf Engp&#228;sse in der Rohstoffversorgung sto&#223;en, was zu Preissteigerungen f&#252;hrt, was wiederum eine Verringerung der Profite bei manchen Kapitalien und eine Umverteilung des produzierten Mehrwerts zur Folge hat. Die individuellen KapitalistInnen werden ihre Investitionsentscheidungen daran ausrichten, ob sie in der Konkurrenz zu anderen bestehen und zumindest die durchschnittliche Profitrate erzielen k&#246;nnen. Deshalb m&#252;ssen st&#228;ndige technologische Weiterentwicklungen und Umstrukturierungen im physischen Produktionsprozess get&#228;tigt werden, um einen Wettbewerbsvorteil zu erzielen. Durch den Produktivit&#228;tszuwachs erh&#246;ht sich auch die Quantit&#228;t an produzierten G&#252;tern, w&#228;hrend deren Wert sinkt. Der fortlaufende Wechsel in der Produktivit&#228;t schl&#228;gt sich damit auf den Wert fr&#252;her get&#228;tigter Investitionen in konstantes Kapital (Maschinen, Ausr&#252;stung, etc.) und damit letztlich auch auf die Profiterwartungen nieder. Investitionen bleiben aus und die Nachfrage nach G&#252;tern anderer Sektoren sinkt. Die erzielten Profite fallen, ArbeiterInnen werden entlassen oder L&#246;hne gek&#252;rzt und eine Phase der Kontraktion setzt ein. Diese dauert solange an, bis Investitionen wieder rentabel werden, weil Produktionsmittel g&#252;nstig – unter ihrem Wert – einzukaufen sind. Neue Investitionen sind wieder lohnend und eine neue Akkumulationswelle setzt ein.<br />
Der „Gesch&#228;ftszyklus“ ist also kein Gleichgewichtsprozess, sondern ein st&#228;ndiges „oszillieren“ der Preise unter oder &#252;ber ihrem Wert. Der Punkt ist, dass Krisen nicht das Resultat schlechter Managemententscheidungen, sondern momentane, zerst&#246;rerische Antworten auf bestehende Widerspr&#252;che darstellen. Kredit und Finanzmechanismen k&#246;nnen diese Tendenz zur &#220;berproduktionskrise noch versch&#228;rfen.<br />
F&#252;r Harman sind &#220;berproduktionskrisen fixer Bestandteil kapitalistischer Produktionsprozesse. Um langfristige Dynamiken zu analysieren, legt er sein Augenmerk jedoch vor allem auf Marxens „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate“ (TFPR), das jener als das „in jeder Beziehung wichtigste Gesetz moderner politischer &#214;konomie“ bezeichnete. Marx versucht in diesem sogenannten „Gesetz“ die grundlegenden Widerspr&#252;che der Kapitalakkumulation auf abstrakter Ebene zu fassen und deren immanente Krisenanf&#228;lligkeit zu zeigen. Kurz gesagt geht es dabei um die organische Zusammensetzung des Kapitals, d. h. um das Verh&#228;ltnis von konstantem (Produktionsmittel) zu variablem (Arbeitskraft) Kapital. Produktivit&#228;tssteigernde Technologien ben&#246;tigen meist eine geringere Anzahl von Arbeitskr&#228;ften. Die organische Zusammensetzung des Kapitals steigt tendentiell an. Da aber nur menschliche Arbeit Wert schafft (Maschinen geben ihren Wert im Zeitraum ihres Einsatzes lediglich an die Produkte weiter), ist die Folge der Produktivit&#228;tsentwicklung ein Fallen der Profitrate. Denn diese ist ja gerade bestimmt als das Verh&#228;ltnis von Mehrwert zur Summe aus konstantem und variablem Kapital. Dieses „Gesetz“ gilt allerdings nur, solange wir von einer Reihe von Faktoren abstrahieren. Sobald wir den Akkumulationsprozess in seiner Einheit von Produktion und Zirkulation betrachten, m&#252;ssen wir auch „entgegenwirkende Tendenzen“ ber&#252;cksichtigen. Zusammengenommen dr&#252;cken TFPR und die entgegenwirkenden Tendenzen die (widerspr&#252;chlichen) Effekte des Akkumulationsprozesses aus.<br />
In diesem Zusammenhang sind &#246;konomische Krisen von gro&#223;er Bedeutung. Sie erm&#246;glichen es, dass die Preise von konstantem Kapital infolge von Firmenbankrotten und der Zerst&#246;rung von G&#252;tern sinken und die Profitraten in Folge wieder steigen k&#246;nnen, da die &#252;berlebenden KapitalistInnen in der Lage sind, ihre Investitionen billiger zu t&#228;tigen. Der TFPR und seine gegenl&#228;ufigen Tendenzen dr&#252;cken die Profitrate also nicht reibungslos rauf und runter. Die Tendenzen sind in st&#228;ndigem Widerspruch zueinander: Ein Widerspruch, der sich explosionsartig in Krisen ausdr&#252;ckt.<br />
Harman bleibt in der Folge nicht bei den von Marx entwickelten Konzepten stehen, sondern widmet sich in den n&#228;chsten Kapiteln den theoretischen Weiterentwicklungen nach dessen Tod. Rudolf Hilferdings 1910 erschienenes „Das Finanzkapital“ zeigt die Entstehung von Monopolen aufgrund der Konzentration und Zentralisation von Kapital nach Krisen auf. Diese &#220;berlegungen wurden in Bukharins und Lenins Imperialismustheorien vertieft: Die gr&#246;&#223;ere Interdependenz zwischen Unternehmen und Staaten f&#252;hrt demnach zu einer weiteren Ebene der Konkurrenz: milit&#228;rische Konkurrenz. Diese besteht nicht mehr nur zwischen einzelnen Firmen, sondern auf geopolitischer Ebene zwischen Staaten um den Zugang zu und die Kontrolle &#252;ber Ressourcen.<br />
Eine Analyse der Verbindung zwischen Staaten und Unternehmen und der Rolle, die Staaten durch Staatsausgaben und geopolitische Durchsetzung von Interessen in der kapitalistischen Entwicklung spielen und spielten, ist f&#252;r ein Verst&#228;ndnis der (&#246;konomischen) Dynamiken des letzten Jahrhunderts entscheidend – nicht nur in Bezug auf „westliche“ Staaten, sondern auch auf Staatskapitalismen im Osten.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a><br />
Nach den theoretischen Ausf&#252;hrungen des ersten Teils werden diese Konzepte in den n&#228;chsten zwei Abschnitten auf konkreter Ebene in unterschiedlichen historischen Kontexten angewandt. Je nach den institutionellen Spezifika der historisch sich entwickelnden kapitalistischen Gesellschaftsformationen &#228;ndern sich sowohl die Art, in der sich der tendenzielle Fall der Profitrate und die gegenl&#228;ufigen Tendenzen auswirken, als auch die Rolle von Staaten, Finanzinstituten etc.<br />
Nach einer Analyse der Ursachen f&#252;r die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre – dem heiligen Gral der &#214;konomie – ist vor allem die Auseinandersetzung mit dem Nachkriegsboom, den „Goldenen Jahren“ des Kapitalismus, spannend. Das Jahrzehnte andauernde Wirtschaftswachstum war lange Zeit das entscheidende Argument daf&#252;r, dass der Kapitalismus seine Krisen &#252;berwinden k&#246;nne, wenn staatliche Institutionen durch regulierende Politik eingriffen. Harman zeigt, dass die nachfrageseitigen Ma&#223;nahmen, die dem Keynsianismus zugeschrieben wurden, in den 1950er und 1960er Jahren nie so stark zum Tragen gekommen sind, wie das retrospektiv dargestellt wurde. Andererseits versagte genau diese Politik, als in den 1970ern versuchte wurde, solche Ma&#223;nahmen zur Krisenbew&#228;ltigung ins Feld zu f&#252;hren. Um sowohl den langen Boom als auch dessen Ende verstehen zu k&#246;nnen, m&#252;ssen Erkl&#228;rungsmodelle jenseits institutioneller Regulierungsmechanismen gesucht werden. Harman f&#252;hrt hier die von Mike Kidron entwickelte Theorie der permanenten R&#252;stungswirtschaft weiter. Angetrieben durch milit&#228;rische Konkurrenz zwischen UdSSR und den USA wurden enorme Summen an Staatsausgaben in die R&#252;stungswirtschaft gepumpt. Diese Umleitung von ansonsten produktiv wirkenden Investitionen in – im Marxschen Sinne – unproduktive Wirtschaftszweige wirkte als gegenl&#228;ufige Tendenz und konnte den tendenzielle Fall der Profitrate verlangsamen und so Krisen bis in die 1970er Jahre aufschieben.<br />
Die folgenden Krisen der 1980er, 1990er und 2000er Jahre hatten nicht den reinigenden Effekt, der Krisen in der Fr&#252;hphase des Kapitalismus zukam. Die Profitabilit&#228;tskrise, in der die Wirtschaft seit den 1970er Jahren steckt, konnte bis jetzt nicht &#252;berwunden werden. Obwohl es in diesen Jahren zu gro&#223;en Umstrukturierungen der Industrien kam, lie&#223; die Gr&#246;&#223;e gewisser Firmen, die „too big to fail“ (zu gro&#223; zum Scheitern) sind, eine kreative Zerst&#246;rung durch Krisen nicht mehr zu. Denn das Scheitern solcher Firmen w&#252;rde das ganze System bedrohen. Regierungen sind daher gezwungen, gro&#223;e Konzerne in Krisen finanziell zu unterst&#252;tzen, um Schlimmeres zu verhindern. Neue Absatzm&#228;rkte in Zeiten der Globalisierung, die Angriffe auf ArbeiterInnen im Zuge neoliberaler Umstrukturierungen und die Erweiterung und Entwicklung neuer Finanzinnovationen konnten die versteckten Probleme der Realwirtschaft, die in einer tendenziell fallenden Profitrate liegen, jedoch nicht aufl&#246;sen. Harman zeigt, sich auf eigene Berechnungen sowie empirisches Material von Robert Brenner, Fred Moseley und Gerard Duménil st&#252;tzend, dass sich die Profitraten zwar seit den 1980er Jahren etwas erholt haben, sie aber weit von dem Niveau entfernt sind, welches sie in den ersten Nachkriegsjahrzehnten aufwiesen. Die Asienkrise und die Japankrise in den 1990ern und das Platzen der New Economy-Blase zeigen, dass kurzfristige Booms immer wieder in sich zusammenfielen.<br />
Die Entwicklungen im Finanzsystem pr&#228;gen den Kapitalismus gegenw&#228;rtig entscheidend. Harman widmet sich diesen Ver&#228;nderungen im letzten Kapitel des dritten Abschnitts. Durch einen sogenannten „privatisierten Keynsianismus“ und durch die freiz&#252;gige Vergabe von Krediten konnte sowohl der Konsum aufrecht, als auch L&#246;hne niedrig gehalten werden. &#220;berakkumulationskrisen wurden so hinausgez&#246;gert. Gleichzeitig erm&#246;glichten riskante Finanzinnovationen KapitalistInnen, Investitionen mit hohen kurzfristigen Gewinnaussichten zu t&#228;tigen, ohne in produktive Bereiche investieren zu m&#252;ssen. Diese Mechanismen bleiben sehr instabil und k&#246;nnen nur auf kurze Dauer wirken. Sobald die Blase platzt, schlagen die Probleme auch in der so genannten Realwirtschaft wieder durch.<br />
W&#228;hrend viele &#214;konomInnen falsches Management, mangelhafte Regulierungen oder individuelles Fehlverhalten f&#252;r Krisen verantwortlich machen, schafft es Chris Harman durch theoretische Auseinandersetzung mit marxistischer &#214;konomie sowie viel empirischem Material, zu zeigen, dass die Krisen im letzten Jahrhundert in Prozessen und Tendenzen im kapitalistischen System selbst wurzeln. Um die grundlegenden Dynamiken des Kapitalismus zu verstehen und die Konsequenzen der jetzigen Wirtschaftskrise einsch&#228;tzen zu k&#246;nnen, ist das Buch <em>Zombie Capitalism</em> daher Gold wert.</p>
<p>Harman, Chris: Zombie Capitalism, London: Bookmarls 2009, 400 Seiten, € 19,99, in englischer Sprache.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Marx, Karl: Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, S. 247.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Birchall, Ian: Chris Harman: a life in the struggle, in: International Socialism 125, 2010, http://www.isj.org.uk/index.php4?id=610&#038;issue=125 am 25.01.2010.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> William Stanley Jevons (1853–1882) ist einer der wichtigsten fr&#252;hen neoklassischen &#214;konomen.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Harman, Chris: Mandel’s ‘Late Capitalism’, in: International Socialism 1, 1978, S. 80f.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Zur Theorie des b&#252;rokratischen Staatskapitalismus siehe Duma, Veronika/Probst, Stefan: Kapitalismus nach Plan, in: Perspektiven Nr. 8, S.50–60.</p>
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		<title>M&#228;chte und M&#228;rkte im globalen Kapitalismus</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:10:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung(skritik)]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Hartmann, Eva/Kunze, Caren/Brand, Ulrich (Hg.): Globalisierung, Macht und Hegemonie. Perspektiven einer kritischen Internationalen Politischen &#214;konomie, M&#252;nster: Westf&#228;lisches Dampfboot, 274 S., 25,60 €

Nicht erst seit die globale Wirtschaftskrise weit verbreitete Gewissheiten von der Effizienz freier M&#228;rkte ins Wanken gebracht hat, wird in den Sozialwissenschaften &#252;ber das Verh&#228;ltnis von &#214;konomie und Politik, Markt und Staat auf internationaler Ebene nachgedacht. Die „Inter-Disziplin“ [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Hartmann, Eva/Kunze, Caren/Brand, Ulrich (Hg.): Globalisierung, Macht und Hegemonie. Perspektiven einer kritischen Internationalen Politischen &#214;konomie, M&#252;nster: Westf&#228;lisches Dampfboot, 274 S., 25,60 €<br />
<span id="more-1533"></span><br />
Nicht erst seit die globale Wirtschaftskrise weit verbreitete Gewissheiten von der Effizienz freier M&#228;rkte ins Wanken gebracht hat, wird in den Sozialwissenschaften &#252;ber das Verh&#228;ltnis von &#214;konomie und Politik, Markt und Staat auf internationaler Ebene nachgedacht. Die „Inter-Disziplin“ der Internationalen Politischen &#214;konomie – kurz IP&#214; – hat sich insbesondere im Zuge der sogenannten „Globalisierungsdebatten“ seit den 1990er Jahren an diesem Zusammenhang abgearbeitet und dabei Aufmerksamkeit auch &#252;ber ein wissenschaftliches Fachpublikum hinaus erregt. Dabei werden Einsichten aus Soziologie, Humangeographie, Geschichts-, Politik- und Wirtschaftswissenschaften verkn&#252;pft, um die zunehmenden politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verflechtungen, globale Dynamiken der Liberalisierung und De-Regulierung sowie die daraus entstehenden Konflikte und Problemlagen zu analysieren. Der vorliegende Sammelband will nun eine Bestandsaufnahme der kritischen IP&#214; im deutschsprachigen Raum bieten.<br />
Was das Adjektiv „kritisch“ in diesem Zusammenhang bedeuten soll und dass es keine Tautologie darstellt, macht <em>Hans-J&#252;rgen Bieling</em> in seinem &#228;u&#223;erst n&#252;tzlichen, orientierenden Beitrag deutlich. Er zeigt erstens, dass die IP&#214; eine l&#228;nger zur&#252;ckreichende Historie besitzt als gemeinhin angenommen; und zweitens, dass sie auch eine weitere theoretische Bandbreite aufweist, als dies die meisten Darstellungen vermuten lassen. Schlie&#223;lich wurde die internationale Dimension bereits von den „Klassikern“ der Politischen &#214;konomie – wie Adam Smith oder David Ricardo – ebenso wie in deren Kritik durch Karl Marx ber&#252;cksichtigt; und auch die, an letzteren anschlie&#223;ende, „klassische“ imperialismustheoretische Debatte – gef&#252;hrt u.a. von Rosa Luxemburg, Nikolai Bucharin, Karl Kautsky, Vladimir Lenin und dem von Bieling unterschlagenen Leo Trotzki – hat sich letztlich mit Fragen besch&#228;ftigt, die sp&#228;ter unter dem Label IP&#214; diskutiert werden sollten. Auch in der zweiten H&#228;lfte des vergangenen Jahrhunderts wurden Neo-Imperialismus-, Dependenz- und Weltsystem-Theorien prominent diskutiert.<br />
Kapitalismuskritische Perspektiven haben in der IP&#214; also eine Tradition, die vor den Disziplinenbegriff selbst zur&#252;ckreicht. Seit die IP&#214; sich in den 1970er Jahren auch akademisch-institutionell verankern konnte, kam es jedoch zur Ausbildung einer „neuen Orthodoxie“, die sich fernab jedes kritischen Paradigmas mit Fragen der politischen Stabilit&#228;t im internationalen System besch&#228;ftigt. Die Existenz dieser, insbesondere im angels&#228;chsischen Raum dominanten, neu-orthodoxen IP&#214;, die zumeist positivistisches Wissenschafts- mit neoliberalem Politikverst&#228;ndnis verkn&#252;pft, wird in der deutschsprachigen Debatte gerne &#252;bersehen und von Bieling daher zu Recht betont. Aktuelle kritische oder „heterodoxe“ Perspektiven in der IP&#214; wurden zun&#228;chst vor allem als Abgrenzung von dieser neuen Orthodoxie entwickelt und stellen weniger ein gemeinsames Forschungsprogramm als ein breites und durchaus widerspr&#252;chliches sozialwissenschaftliches Feld dar.<br />
Als Gemeinsamkeiten kritischer IP&#214; k&#246;nnen nach Bieling vier Aspekte genannt werden. <em>Erstens </em>eine umfassende Perspektive, die sich nicht auf die Analyse von Markt und Staat beschr&#228;nkt, sondern auch Produktions- und Reproduktionsverh&#228;ltnisse, kulturelle und ideologische Gesichtspunkte auf inter- und transnationaler Ebene als Teil ihres Untersuchungsgegenstands versteht. <em>Zweitens </em>die kritische Hinterfragung von dominanten Problemwahrnehmungen und -darstellungen durch polit-&#246;konomische AkteurInnen wie Mainstream-Analysen. Dies betrifft insbesondere das Verh&#228;ltnis von Markt und Staat, das aus kritischer Perspektive nicht als einander &#228;u&#223;erliche Beziehung gedacht wird, sondern als „integral verschr&#228;nkt“ (31). Der Illusion vom sich selbst regulierenden Markt wird ein Verst&#228;ndnis von M&#228;rkten als politisch konstituierte Beziehungsgeflechte entgegen gestellt, der Illusion vom entlang rein politischer Logiken handelnden Nationalstaat ein Verst&#228;ndnis der Bedeutung welt&#246;konomischer Ungleichheiten. <em>Drittens </em>wird die Frage gestellt, warum sich die herrschenden kapitalistischen Verh&#228;ltnisse durch Krisen und Turbulenzen hindurch letztlich doch relativ stabil reproduzieren. Dies impliziert einerseits einen Fokus auf unterschiedliche Perioden und Varianten des Kapitalismus, andererseits auch eine normativ-politische &#220;berwindungsperspektive. Die Hegemonietheorie Antonio Gramscis ist f&#252;r viele AutorInnen der kritischen IP&#214; hier ein zentraler Bezugspunkt. <em>Viertens </em>schlie&#223;lich grenzt sich die heterodoxe IP&#214; vom empirisch-positivistischen Selbstverst&#228;ndnis der Orthodoxie ab und legt gr&#246;&#223;ere Aufmerksamkeit auf die Selbstreflexion und -kritik der eigenen Analyseinstrumente und theoretischen Vorannahmen.<br />
&#220;ber diese Bestimmungen hinaus vereint die Bezeichnung „kritische IP&#214;“ ein weites Feld durchaus heterodoxer Ans&#228;tze. Die HerausgeberInnen verstehen diese Breite als begr&#252;&#223;enswerte Vielfalt, ohne zu unterschlagen, dass die in diesem Band versammelten Beitr&#228;ge „sich nicht nur gegenseitig erg&#228;nzen, sondern sich durchaus kritisch voneinander abgrenzen“ (10).<br />
Im Wesentlichen finden sich hier drei Arten von Texten. Die meisten Aufs&#228;tze konfrontieren den aktuellen Stand der kritischen IP&#214;-Debatte mit anderen Theoriestr&#228;ngen, die den AutorInnen zufolge bisher zu wenig Beachtung erhalten haben bzw. die offene Fragen und „Baustellen“ in der IP&#214; zu bearbeiten helfen sollen. Dazu z&#228;hlt <em>Petra Purkarthofers</em> Beitrag, der die Bedeutung Postkolonialer Theorien f&#252;r die Aufdeckung und m&#246;gliche &#220;berwindung eurozentristischer Haltungen in der IP&#214; darstellt; der &#220;berblicksaufsatz von <em>Friederike Habermann </em>und <em>Aram Ziai</em> zu feministischen Perspektiven in der IP&#214;; und der Vorschlag von <em>Joachim Hirsch</em> und <em>John Kannankulam</em>, die Argumente der sogenannten „Staatsableitungsdebatte“ der 1970er Jahre, zur F&#252;llung staatstheoretischer L&#252;cken in die IP&#214; zu integrieren.<br />
Zwei Autoren widmen sich den ontologischen und epistemologischen Grundannahmen, also den Fragen, wie die Welt, mit der sich die IP&#214; besch&#228;ftigt, beschaffen ist, und welche Art von (wissenschaftlichen) Aussagen wir &#252;ber diese treffen k&#246;nnen. <em>Joscha Wullweber</em> beantwortet diese Fragen aus einer diskurstheoretischen, den „post-marxistischen“ Thesen von Erneso Laclau und Chantal Mouffe folgenden Perspektive, w&#228;hrend Bob Jessop ein kritisch-realistisches Weltverst&#228;ndnis stark macht, das ein nicht-positivistisches, nicht-deterministisches Verh&#228;ltnis von Kausalit&#228;t – von ihm „kontingente Notwendigkeit“ genannt – beinhaltet.<br />
Schlie&#223;lich setzen drei Beitr&#228;ge an konkreteren Fragen der kritischen Zeitdiagnose an. <em>Bernd R&#246;ttger</em> analysiert die Konjunkturen der Gewerkschaftsbewegung entlang historisch unterschiedlicher Formen des Klassenkampfs. <em>Ulrich Brand</em> schl&#228;gt vor, die Bedeutungszunahme internationaler politischer Institutionen in der neoliberal-imperialen Globalisierung mit den Konzepten des „internationalisierten Staates“ und der „Verdichtung zweiter Ordnung“ theoretisch auf den Begriff zu bringen. Und <em>Eva Hartmann</em> bearbeitet das in IP&#214;-Debatten oft vernachl&#228;ssigte Feld des Rechts und zeigt, dass ein „instrumentelles“ Verst&#228;ndnis, nach dem Recht „einfach ein weiteres Instrument der M&#228;chtigen“ ist (250), die spezifischen Funktionen und Effekte der „Rechtsform“ in der Internationalisierung von Politik und &#214;konomie nicht angemessen begreifen kann.<br />
Die vielf&#228;ltigen theoretischen Kontroversen, die sich durch all diese Beitr&#228;ge ziehen, bilden beispielhaft den <em>State of the Art</em> der aktuellen IP&#214;-Diskussion im deutschsprachigen Raum ab. Auf sie im Einzelnen einzugehen l&#228;sst der Raum einer Rezension nicht zu. Es sollen aber zwei Themen aus dem Band herausgegriffen werden, welche die politische Bedeutung der kritischen IP&#214; deutlich und die Relevanz dieses Forschungsgebiets auch f&#252;r die nicht-akademische Linke nachvollziehbar macht. So muss man den theoretischen &#220;berlegungen von Joachim Hirsch und John Kannankulam zur „politischen Form des Kapitalismus“ nicht vollinhaltlich folgen, um die von den Autoren im Anschluss daran formulierte Frage nach der Stabilit&#228;t des gegenw&#228;rtigen politischen Institutionensystems f&#252;r hoch aktuell zu halten. Sie argumentieren, dass die aktuelle Dynamik der Internationalisierung des Staates – womit die (Selbst-)Beschr&#228;nkung nationalstaatlicher Gestaltungsr&#228;ume, die Privatisierung von politischen Entscheidungsstrukturen, die wachsende Bedeutung internationaler Organisationen, die Internationalisierung des Rechts sowie die Konstituierung einer „internationalen Managerklasse“ gemeint ist (198-201) – dazu f&#252;hrt, dass die kapitalistische Gesellschaft „insgesamt instabiler und krisenhafter“ wird. Die Machtaus&#252;bung <em>qua </em>Hegemonie – also durch die kompromisshafte Einbeziehung weiter Teile der ArbeiterInnenklasse – weicht, so die These, zunehmend autorit&#228;ren, gewaltf&#246;rmigen, ent-demokratisierten und des-integrierenden Formen poltischen Herrschaft (205f.).<br />
Als zweites hervorzuheben ist der Beitrag von Bernd R&#246;ttger, der auf beispielhafte Weise einl&#246;st, was die kritische IP&#214; verspricht: Die Verkn&#252;pfung von theoretischer Analyse, empirischer Untersuchung <em>und </em>der Entwicklung politischer Schlussfolgerungen f&#252;r eine antikapitalistische Linke. Nachdem er mit Karl Marx und Antonio Gramsci das grunds&#228;tzliche Spannungsverh&#228;ltnis gewerkschaftlicher Klassenk&#228;mpfe als „widerst&#228;ndiges Handeln der subalternen Arbeiterklassen im Kampf <em>im </em>und <em>gegen </em>das Lohnverh&#228;ltnis“ (95f.) charakterisiert, zeichnet er am bundesdeutschen Beispiel die Konjunkturen der Gewerkschaftsbewegung nach. Von deren Einbindung in den fordistischen Korporatismus, in dem sie sich auf den Kampf <em>im </em>Lohnverh&#228;ltnis beschr&#228;nkte, &#252;ber ihre „Neokonditionierung“ durch die neoliberale Konterrevolution, durch die GewerkschafterInnen zu „Spezialisten f&#252;r sozialvertr&#228;glichen Besch&#228;ftigungsabbau“ umgelernt wurden (106, Fn.), bis zu den aktuellen, zaghaften Versuchen gewerkschaftlicher Erneuerung. Diese Entwicklungen werden mit den Br&#252;chen in der Politischen &#214;konomie im Weltma&#223;stab verkn&#252;pft. Der Beitrag profitiert von der langj&#228;hrigen empirischen Forschungsarbeit in Betrieben und Gewerkschaften ebenso wie vom explizit gemachten politischen Standpunkt des Autors. Plausibel ist seine begr&#252;ndete Einsch&#228;tzung, dass nur eine gewerkschaftliche „Erneuerung von unten“ (114) den aktuellen Tendenzen, Gewerkschaften unter Bedingungen der Krise wieder verst&#228;rkt als „‚Erf&#252;llungsgehilfen’ f&#252;r den Bestand der kapitalistischen Eigentumsordnung“ (118) in die Pflicht zu nehmen, wirksam etwas entgegen setzen kann. R&#246;ttgers Pl&#228;doyer f&#252;r eine kritische IP&#214;, die es als ihre Aufgabe versteht „dem verstreuten Widerstand gegen eine kapitalistische Restauration in der Krise eine Sprache zu geben“ und die „kein akademisierter Marxismus“, sondern eine „an der geschichtlichen Praxis der ArbeiterInnen- und Gewerkschaftsbewegung orientierte Kritik, die die Widerst&#228;ndigkeit der lebendigen Arbeit ernst nimmt“ (119) sein sollte, kann der Rezensent nur vorbehaltlos zustimmen. M&#246;ge sein Apell im Fortlauf der weiteren Debatte zur Internationalen Politischen &#214;konomie, zu deren Entwicklung der vorliegende Sammelband einen wichtigen Beitrag darstellt, nicht ungeh&#246;rt verklingen.</p>
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		<title>Die Beauty Queen der Finanzm&#228;rkte</title>
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		<pubDate>Tue, 04 May 2010 17:22:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausgaben]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzkrise]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzmarkt]]></category>
		<category><![CDATA[Griechenland]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökonomie]]></category>
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		<description><![CDATA[Wer ist schuld an der Krise in Griechenland? Um diese Frage findet eine hei&#223;e &#246;ffentliche Debatte statt. Fabio De Masi benennt wesentliche Ursachen der griechischen Trag&#246;die und formuliert Ideen f&#252;r eine solidarisch-demokratische Form der Krisenbearbeitung.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><span style="color: #888888;">Fabio De Masi</span></strong></p>
<p><em>Wer ist schuld an der Krise in Griechenland? Um diese Frage findet eine hei&#223;e &#246;ffentliche Debatte statt. </em>Fabio De Masi<em> benennt wesentliche Ursachen der griechischen Trag&#246;die und formuliert Ideen f&#252;r eine solidarisch-demokratische Form der Krisenbearbeitung.</em><a href="#_edn1">[1]</a></p>
<p><span id="more-810"></span></p>
<p>Wie begannen die Probleme in Griechenland? Das l&#228;sst sich relativ schnell erz&#228;hlen. Nach der Wirtschaftskrise haben zwei der drei f&#252;hrenden Rating-Agenturen die Ratings f&#252;r griechische Staatsanleihen herabgestuft. Griechische Staatsanleihen sind Papiere, die der griechische Staat verkauft und die – im Prinzip – wir alle kaufen k&#246;nnen; meistens machen das aber Banken, Hedgefonds und andere gro&#223;e InvestorInnen Diese leihen dem griechischen Staat Geld und bekommen daf&#252;r dann vom griechischen Staat Zinsen. Wenn die Rating-Agenturen diese Anleihen herabstufen, dann muss der griechische Staat den Banken, die diese Anleihen halten, h&#246;here Zinsen zahlen. Es wird also teurer f&#252;r ihn, sich neue Kredite zu besorgen. Warum haben die Rating-Agenturen nun diese Anleihen herabgestuft? Meine These ist, dass die Rating-Agenturen, wie schon w&#228;hrend der Wirtschaftskrise, nur nachvollzogen haben, was die SpekulantInnen ihnen diktiert haben. Diese haben schon vor mehreren Monaten begonnen, massiv auf einen Zahlungsausfall Griechenlands zu wetten. Sie haben mit so genannten <em>Credit Default Swaps (CDS)</em>, das sind Kreditausfallversicherungen, darauf gewettet, dass Griechenland Pleite geht und seine Schulden nicht bedienen kann. Das hei&#223;t, sie haben sich gegen den Fall, dass Griechenland Pleite geht, versichert, und diese Versicherungen dann weiterverkauft. Wenn viele der Meinung sind, dass Griechenland Pleite geht, dann werden diese <em>CDS</em> wertvoller. Und dann kann man alleine damit, dass man so eine Versicherung kauft und wieder verkauft, sehr viel Geld machen. Und schon dadurch geraten diese griechischen Staatsanleihen immer st&#228;rker unter Druck – und genau das ist passiert. Irgendwann haben das auch die schlauen Rating-Agenturen mitbekommen, dieses Signal weitergegeben und es damit noch verst&#228;rkt. Das ist sehr bedeutend, denn Griechenland muss momentan etwa 30 Milliarden Euro an neuen Krediten aufnehmen, und jeder Prozentpunkt, der mehr bezahlt werden muss, kostet 300 Millionen Euro. Der Ma&#223;stab ist hier Deutschland. Der deutsche Staat zahlt f&#252;r deutsche Staatsanleihen drei Prozent Zinsen an InvestorInnen; die griechischen Anleihen lagen zwischenzeitlich bei sieben Prozent. Wenn jeder Prozentpunkt 300 Millionen Euro ausmacht, dann kann man sich ausrechnen, was dies den griechischen Staat im Jahr kostet: Rund 1,2 Milliarden Euro, nur aufgrund der Entscheidung von InvestorInnen gegen oder f&#252;r griechische Staatsanleihen. Nun sagen manche: „Aber diese Kreditausfallversicherungen sind ja okay, weil die Besitzer griechischer Anleihen sollen ja auch dagegen abgesichert sein, dass die ihm abschmieren.“ Aber der Witz an der Sache ist, dass ein Gro&#223;teil des Handels mit diesen <em>CDS </em>von Leuten betrieben wird, die &#252;berhaupt keine griechischen Anleihen haben. Das bedeutet, dass nur ein ganz kleiner Bruchteil der an diesen Gesch&#228;ften Beteiligten tats&#228;chlich ein Interesse daran hat, sich gegen einen Zahlungsausfall Griechenlands zu versichern. Die meisten zocken einfach. Das ist vergleichbar mit jemandem, der eine Brandschutzversicherung auf das Haus seines Nachbarn abschlie&#223;t und es danach anz&#252;ndet. Denn im Prinzip wollen sich diese Eigent&#252;merInnen von <em>CDS </em>nicht versichern, sondern sie wollen diese Papiere kaufen und wieder weiterverkaufen. Und je wahrscheinlicher der Staatsbankrott von Griechenland ist, desto wertvoller werden diese Papiere f&#252;r sie.</p>
<p><strong>Finanzm&#228;rkte als Preisausschreiben</strong></p>
<p>Es stellt sich aber die Frage, warum SpekulantInnen auf einmal gegen Griechenland wetten. Warum nicht gegen Deutschland, Simbabwe, Frankreich oder irgendein anderes Land? Oder Spanien, genau. Gegen Spanien wetten sie, gegen Portugal, gegen viele andere L&#228;nder. Das hat mehrere Gr&#252;nde. Erstens war die griechische Staatsverschuldung tats&#228;chlich immer relativ hoch, auch im Vergleich zu anderen L&#228;ndern der Europ&#228;ischen Union. Aktuell liegt sie bei 115 Prozent des BIP. Allerdings gibt es L&#228;nder wie Spanien oder Irland, die ihre Schuldenquote w&#228;hrend des Booms vor der Krise massiv reduzieren konnten und jetzt trotzdem Probleme haben. Und es gibt L&#228;nder mit einer viel h&#246;heren Schuldenstandsquote – etwa Japan mit 198 Prozent des BIP –, die keinen Stress mit den Finanzm&#228;rkten haben und wo die Zinsen noch sehr niedrig sind. Es muss also spezielle Gr&#252;nde daf&#252;r geben, dass InvestorInnen und SpekulantInnen gegen Griechenland wetten. Dazu geh&#246;ren sicherlich auch die Nachrichten &#252;ber Korruption und Bilanzf&#228;lschungen. Der griechische Staat wird ja – zu Recht – beschuldigt, seine Statistiken gef&#228;lscht zu haben. Solche schlechten Nachrichten sind das Beste, was SpekulantInnen passieren kann. Griechenland war die <em>Beauty Queen</em> an den Finanzm&#228;rkten, wo es abl&#228;uft wie bei einem Sch&#246;nheitswettbewerb in der Zeitung. Stellt euch vor, ihr macht bei einem Preisausschreiben mit und sollt entscheiden, wer der oder die H&#252;bscheste in der Zeitungsbeilage ist, gewinnt aber nur dann etwas, wenn ihr voraussagt, wen alle anderen LeserInnen im Durchschnitt am h&#252;bschesten finden. So &#228;hnlich arbeiten Finanzm&#228;rkte. Alle SpekulantInnen wussten, dass es schlechte Nachrichten &#252;ber Griechenland gibt und es daher ein todsicheres Gesch&#228;ft ist, gegen Griechenland zu zocken, also auf dessen Zahlungsausfall zu wetten. Daf&#252;r gibt es auch andere Beispiele. So wird aus &#228;hnlichen Gr&#252;nden momentan massiv gegen das britische Pfund spekuliert, seit eine Wahlumfrage ergeben hat, dass die Konservativen schlechter positioniert sind als gedacht. Dann &#252;berlegen sich SpekulantInnen, dass, wenn die Konservativen doch nicht so stark sind, es vielleicht weniger Sozialk&#252;rzungen geben wird, die L&#246;hne weniger gedr&#252;ckt werden, und es deswegen ganz gut ist, gegen das britische Pfund zu spekulieren. Das hei&#223;t SpekulantInnen &#252;berlegen sich immer, welche Stories es gibt, die anderen SpekulantInnen Gr&#252;nde geben k&#246;nnten, jetzt auch gegen dieses Land wetten.</p>
<p><strong>Steuerdumping</strong></p>
<p>Der zweite Punkt ist: Woher kommt diese hohe griechische Staatsverschuldung? Daf&#252;r haben die <em>Bild</em>-Zeitung, Angela Merkel und andere eine einfache Erkl&#228;rung: Sie sagen, der griechische Staat w&#228;re „zu fett“, er h&#228;tte &#252;ber seine Verh&#228;ltnisse gelebt, die Leute im &#246;ffentlichen Dienst w&#252;rden in Saus und Braus leben und so weiter. Dieses Argument l&#228;sst sich sehr einfach widerlegen: Die griechische Staatsquote, also der Anteil der Wirtschaftsleistung, den der Staat ausgibt, ist seit dem Jahr 2000 bis zur Krise radikal gesunken und war bis dahin niedriger als die deutsche. Sollte es also der Fall sein, dass der griechische Staat zu fett ist, dann m&#252;ssten wir im Vergleich dazu schon platzen. Tats&#228;chlich hat der griechische Staat eigentlich alles gemacht, was die EU und andere immer von ihm gefordert haben: Staatsausgaben runter, sparen bis es kracht! Woher kommen also diese Schulden? Der griechische Staat hat vor allem Probleme mit den Staats<em>einnahmen</em>, und auch das l&#228;sst sich sehr leicht veranschaulichen. Die durchschnittlichen Steuern auf Gewinne und Verm&#246;gen in Griechenland entsprechen etwa der H&#228;lfte von jenen des Durchschnitts in der Euro-Zone. In diesem Durchschnitt sind auch schon L&#228;nder wie die Slowakei dabei, die massives Steuerdumping betreiben. Dazu kommt, dass Griechenland eine extrem geringe „Steuermoral“ hat; es werden j&#228;hrlich alleine an Mehrwertsteuern 30 Milliarden Euro hinterzogen. Griechenland fehlt eine effektive Steuerverwaltung, und deswegen ist es geradezu ein Witz, zu verlangen, dass Griechenland Leute im &#246;ffentlichen Dienst entl&#228;sst, um seine Schulden zu senken – denn dann gibt es dort noch weniger Steuerpr&#252;ferInnen. Daher ist meine Grundthese, dass der griechische Staat nicht zu fett ist, sondern zu schwach. Das bedeutet nicht, dass es nicht auch unsinnige Staatsausgaben gibt. So hat Griechenland mit vier Prozent des BIP einen der gr&#246;&#223;ten R&#252;stungshaushalte in der Europ&#228;ischen Union, und Deutschland ist Hauptexporteur von R&#252;stungsmaterial nach Griechenland. Niemand in der deutschen Bundesregierung verlangte bisher, dass Griechenland seine R&#252;stungsausgaben reduzieren sollte, sondern sie forderten alle sehr schnell: „Streicht den Leuten im &#246;ffentlichen Dienst die L&#246;hne! Erh&#246;ht die Mehrwertsteuern f&#252;r die Bev&#246;lkerung!“ und so weiter und so fort. Daher meine zweite These: Der griechische Staat hat ein Problem bei den Steuer<em>einnahmen</em>. Er hat kein Problem bei den Ausgaben, mit Ausnahme der R&#252;stung. Nat&#252;rlich gab es auch Korruption und Privilegien, etwa f&#252;r hohe Beamte oder Millit&#228;rs. Die Eliten haben den schwachen Staat gehyjackt. Aber die h&#246;chste Form der Korruption ist das Steuerdumping der Reichen und Konzerne.</p>
<p>Ein weiterer Aspekt ist, dass sich in einem Staat, wenn er spart und die privaten Haushalte und Unternehmen verschuldet sind, die Schulden sogar erh&#246;hen k&#246;nnen. Das nennt man in der &#214;konomie das „Sparparadoxon“: Wenn den privaten Haushalten und Unternehmen das Wasser bis zum Hals steht, Banken in der Krise sind, Kredite faul werden und die Leute verschuldet sind, gibt niemand Geld aus, Unternehmen k&#246;nnen keine Waren verkaufen, das Wachstum bricht ein und das Land treibt in die Rezession. Dann k&#246;nnen auch die Staatsschulden steigen, denn die Schuldenquote misst ja, wie hoch die Schulden im Verh&#228;ltnis zur Wirtschaftsleistung sind. Und wenn die Wirtschaftsleistung einbricht, dann steigt die Schuldenstandsquote. Daher w&#228;re eine weitere These von mir, dass wenn, wie die EU das fordert, Griechenland jetzt – in der schwersten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren – auch noch spart, die Staatsverschuldung in Griechenland sogar noch h&#246;her wird. Daher behaupte ich, dass es der deutschen Bundesregierung und den anderen L&#228;ndern in der Europ&#228;ischen Union auch gar nicht darum geht, das Schuldenproblem in Griechenland in den Griff zu bekommen. Im Gegenteil geht es ihnen darum, ein Sparprogramm zu verordnen, das dazu f&#252;hren w&#252;rde, dass die L&#246;hne und die Sozialleistungen in Griechenland weiter sinken und ein Wettbewerb um die niedrigsten L&#246;hne in Europa eingeleitet wird, wovon in erheblichem Ma&#223;e die deutsche Exportindustrie profitieren w&#252;rde. Denn die deutsche Exportindustrie kann dann billigere Vorleistungen f&#252;r ihre Exportg&#252;ter einkaufen und die Besch&#228;ftigten in Deutschland weiter zu niedrigen L&#246;hnen zwingen. Eine Lohnsenkung in Griechenland ist daher die Lohnsenkung von morgen in Deutschland.</p>
<p><strong>Standortwettbewerb</strong></p>
<p>Damit komme ich zum dritten Aspekt: Das deutsche Lohndumping hat massiv zu den Problemen in Griechenland beigetragen. Auch das l&#228;sst sich anhand einiger Zahlen illustrieren. Seit dem Jahr 2000 sind die Lohnst&#252;ckkosten in Deutschland um sieben Prozent gestiegen, im Durchschnitt der Euro-Zone ohne Deutschland um 27 Prozent und in Griechenland um 28 Prozent. Das hei&#223;t, dass Griechenland viel mehr im normalen Trend lag als Deutschland. Deutschland ist bei den L&#246;hnen massiv nach unten abgewichen. Was sind nun die Lohnst&#252;ckkosten? Sie messen die L&#246;hne im Verh&#228;ltnis zur Produktivit&#228;t. Die Produktivit&#228;t steigt bei normaler wirtschaftlicher Entwicklung jedes Jahr um etwa zwei Prozent, das hei&#223;t, dass einE ArbeitnehmerIn in der selben Zeit zwei Prozent mehr Waren und Dienstleistungen produziert – durch neue Maschinen, effizientere Verfahren und &#228;hnliches. EinE ArbeitnehmerIn wird daher aus Sicht des/der UnternehmerIn auch billiger. Die Lohnst&#252;ckkosten erkl&#228;ren nun nicht alles, aber einiges, denn L&#246;hne sind der entscheidende Schl&#252;ssel, mit dem Unternehmen auf den M&#228;rkten konkurrieren. Materialkosten sind f&#252;r alle relativ gleich, aber die L&#246;hne sind die Schraube, an der Unternehmen drehen k&#246;nnen, um ihre Waren billiger zu machen. Wenn in einem Unternehmen also die Produktivit&#228;t um zwei Prozent steigt und die L&#246;hne auch um zwei Prozent, dann &#228;ndert sich f&#252;r das Unternehmen &#252;berhaupt nichts. Denn die Kostensituation ist genau gleich geblieben. Wenn die ArbeitnehmerInnen vier Prozent mehr Lohn durchsetzen, und die Produktivit&#228;t nur um zwei Prozent gestiegen ist, dann steigen die Lohnst&#252;ckkosten um zwei Prozent. Und diese Lohnst&#252;ckkosten sind in Deutschland seit 1999 nur um sieben Prozent gestiegen, w&#228;hrend sie im Rest der Euro-Zone sehr viel st&#228;rker zugelegt haben.</p>
<p>Die deutsche Wirtschaft hat sich in dieser Zeit relativ schwach entwickelt. Denn wenn die L&#246;hne hinter der Entwicklung der Produktivit&#228;t zur&#252;ck bleiben, k&#246;nnen die Unternehmen ihre zus&#228;tzlich produzierten Waren und Dientsleistungen nicht absetzen. Wenn den Leuten das Geld in der Tasche fehlt, tragen die Unternehmer ihre Gewinne eben auf die Finanzm&#228;rkte statt mehr zu investieren. Die andere M&#246;glichkeit, und auch die wurde extrem genutzt, ist, dass die Waren und Dienstleistungen verst&#228;rkt in andere L&#228;nder verkaufen. Das nennt man dann: Deutschland hat einen Export&#252;berschuss, das hei&#223;t es exportiert mehr Waren, als es aus dem Ausland einkauft, eben weil es einen Wettbewerbsvorteil hat. Genau das ist seit 1999 massiv passiert. Fr&#252;her gab es noch eine weitere M&#246;glichkeit: Da konnte etwa Italien, wenn es Wettbewerbsprobleme hatte, einfach die Lira abwerten, um den Vorteil der g&#252;nstigen deutschen L&#246;hne wieder auszugleichen. Denn damit wurden die eigenen Waren und Dienstleistungen billiger gemacht, und f&#252;r eineN DeutscheN war es auf einmal billiger, sich einen Fiat zu kaufen, weil die italienische Lira weniger wert war. Das wurde in der Geschichte des europ&#228;ischen W&#228;hrungssystems h&#228;ufig gemacht, seit dem Euro ist das aber nicht mehr m&#246;glich. Eine v&#246;llig unterschiedliche Lohnentwicklung f&#252;hrt dann zu massiven Ungleichgewichten im Handel. Und genau das ist passiert: Deutschland hat seit dem Jahr 2000 einen Export&#252;berschuss im Wert von einer Billion Euro akkumuliert, w&#228;hrend andere L&#228;nder sich immer st&#228;rker verschulden mussten.</p>
<p>Was hat das nun mit der griechischen Staatsverschuldung zu tun? L&#228;nder wie Spanien und Irland hatten, wie zuvor erw&#228;hnt, ihre Staatsverschuldung massiv reduziert. Trotzdem werden sie von den Finanzm&#228;rkten jetzt massiv bestraft, m&#252;ssen h&#246;here Zinsen auf ihre Staatsanleihen zahlen, und ihre Staatsverschuldung ist seit der Finanzkrise wieder nach oben geschnellt. Das hat mit einem Ph&#228;nomen zu tun, das nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist. Der spanische Staat etwa hat zwar massiv gespart, aber durch die Export&#252;bersch&#252;sse Deutschlands haben sich die spanischen Unternehmen und die spanischen Privathaushalte immer mehr verschuldet. Sie mussten ja die deutschen Waren und Dienstleistungen bezahlen, ohne dass sie selbst Waren und Dienstleistungen im selben Umfang ins Ausland verkauft haben. Sie mussten sich gegen&#252;ber der deutschen Volkswirtschaft also verschulden und genau das geschah auch in Irland und Griechenland. In der Krise muss der Staat dann f&#252;r diese Schulden haften. Denn wenn die privaten Haushalte verschuldet sind, dann kann der Staat ihnen weniger Steuern abverlangen, das hei&#223;t die Steuereinnahmen brechen ein; er muss in der Krise selbst mehr Geld ausgeben, um die Konjunktur zu stimulieren; er muss Banken retten, weil die Leute in der Krise ihren Job verlieren und Kredite nicht zur&#252;ck zahlen k&#246;nnen. Das erkl&#228;rt, warum selbst L&#228;nder wie Spanien oder Irland, die ihre &#246;ffentlichen Schulden massiv reduziert haben, auf einmal im selben Schlamassel stecken wie Griechenland.</p>
<p><strong>Finanzm&#228;rkte und Demokratie</strong></p>
<p>Diese gro&#223;en Au&#223;enhandelsdefizite, die durch das deutsche Lohndumping verursacht wurden, sind ein ganz wichtiger Faktor in der Erkl&#228;rung der Probleme Griechenlands. Die InvestorInnen und SpekulantInnen schauen auf die Lohnst&#252;ckkosten, sie schauen sich an, wie wettbewerbsf&#228;hig ein Land ist. Eine sinnvolle Reaktion der EU w&#228;re nun etwa zu versuchen, die Spekulationen zu bremsen, etwa indem man den Handel mit den <em>CDS </em>verbietet: Wer griechische Staatsanleihen besitzt, k&#246;nnte sich dann weiter gegen einen Zahlungsausfall Griechenlands versichern, aber wer keine solchen Anleihen besitzt, d&#252;rfte auch keine Versicherung darauf abschlie&#223;en. Diese Vorschl&#228;ge liegen seit langer Zeit auf dem Tisch, und sie werden nicht nur unter Linken diskutiert. Der bekannte amerikanische Investor Warren Buffett hat <em>CDS </em>als „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ bezeichnet, und Wolfgang Munchau, der konservative Kolumnist der <em>Financial Times</em> sagt seit Jahren, dass das gef&#228;hrliche Spielzeuge f&#252;r SpekulantInnen sind, mit denen sie ganze Staaten in die Knie zwingen k&#246;nnen, und dass der Handel damit verboten werden sollte. Das ist aber nicht passiert, im Gegenteil, nun wird geschrieben, die SpekulantInnen seien die wahren DemokratInnen, weil sie jetzt die korrupten, versoffenen griechischen PolitikerInnen daf&#252;r bestrafen w&#252;rden, dass sie den griechischen Staatshaushalt gegen die Wand gefahren h&#228;tten. Das ber&#252;hrt einen Konflikt, der weit &#252;ber das Thema Griechenland hinausgeht: jener zwischen der Macht der Finanzm&#228;rkte und der Demokratie. Denn es entscheiden nicht gew&#228;hlte Regierungen &#252;ber Politik, sondern einzelne SpekulantInnen &#252;ber die Lebensbedingungen der griechischen Bev&#246;lkerung. Das Verbot der CDS w&#228;re also eine kurzfristige Ma&#223;nahme gewesen.</p>
<p>Die andere Ma&#223;nahme, &#252;ber die gestritten wurde, sind Hilfen f&#252;r Griechenland. Das Problem ist, dass die Regierungen der EU-Staaten wissen, dass der griechische Staat Steuerdumping betrieben hat, dass sie aber auch wissen, dass, wenn sie Griechenland nicht helfen, der Staat fr&#252;her oder sp&#228;ter den Euro-Raum verlassen muss, um die W&#228;hrung abzuwerten. Eine andere Frage ist, wer die Hilfen f&#252;r Griechenland zahlen soll. Und klar ist, dass der Gro&#223;teil der Steuerlast von den ArbeitnehmerInnen getragen wird, dass also die ArbeitnehmerInnen in Deutschland doppelt bezahlen: Sie wurden erst von den deutschen Unternehmen wegen der niedrigen L&#246;hne abkassiert, und m&#252;ssen wegen des deutschen Lohndumpings nun selbst dem griechischen Staat helfen. Zumindest b&#252;rgen sie mit Steuergeldern f&#252;r die Kredite. Dar&#252;ber gibt es einen gewissen Unmut in der Bev&#246;lkerung, der nachvollziehbar ist. Ich denke, dass man jetzt fordern muss, dass auch deutsche Banken, die griechische Staatsanleihen halten, auf einen Teil dieser Forderung verzichten, wenn Griechenland Pleite geht. Das ist dann ein klassisches Insolvenzverfahren, wie es das in der Privatwirtschaft auch gibt. Das Problem ist nur, dass viele Banken die Forderungen gegen Griechenland halten Schrottbanken wie die Hypo Real Estate (HRE) sind. Die Schrottbank HRE geh&#246;rt uns ja schon l&#228;ngst, sie wurde ja verstaatlich. Die HRE kann ihre Verluste also einfach abschreiben. Die Deutsche Bank hat auch von der Bankenrettung profitiert. Sie hatte ja Forderungen von 10 Mrd. Euro gegen&#252;ber der HRE, die ohne Bankenrettung futsch w&#228;ren. Und die Deutsche Bank hat im letzten Jahr sehr viel an der Staatsverschuldung verdient. Sie machte 5 Mrd. Euro Gewinn nach Steuern, &#252;berwiegend mit Staatsanleihen. Sie hat aber relativ wenig griechische Staatsanleihen. Daf&#252;r hat sie sich massiv mit CDS eingedeckt und wird also kassieren, wenn Griechenland einen Teil seiner Schulden nicht mehr bedient. Deswegen w&#228;re es noch besser man w&#252;rde den privaten Bankensektor zwingen eine Zwangsanleihe zur Finanzierung Griechenlands zu halten. Diese Zwangsanleihe m&#252;sste geringer verzinst sein als der Zins, zu dem sich die Deutsche bank bei der Zentralbank Geld leihen kann. Das ist echtlich m&#246;glich und ein gutes Instrument, um die privaten Banken an den Kosten der Eurorettung zu beteiligen.Und dann muss es nat&#252;rlich Hilfen f&#252;r Griechenland geben. Man sollte aber auch daf&#252;r sorgen, dass diese Ungleichgewichte, welche die Ursache f&#252;r diese Probleme sind, erst gar nicht entstehen. Es gibt &#214;konomInnen, die fordern, dass sich alle L&#228;nder auf ein au&#223;enwirtschaftliches Gleichgewicht verpflichten. Wenn also Deutschland so viel exportiert, dann m&#252;sste der deutsche Staat gezwungen werden, selbst mehr zu investieren. Wenn er mehr Geld f&#252;r Universit&#228;ten, f&#252;r die Energiewende, f&#252;r Stra&#223;en, f&#252;r Kinderg&#228;rten etc. ausgibt, dann wird dadurch die Wirtschaft belebt; es werden mehr Leute eingestellt, die dann auch in Konflikten mit den ArbeitgeberInnen h&#246;here L&#246;hne durchsetzen k&#246;nnen. Ein anderes Beispiel w&#228;ren Mindestl&#246;hne in Deutschland, um dieses massive Lohndumping zu stoppen. Ein weiteres Instrument w&#228;ren sogenannte Euro-Anleihen, dass also die Euro-Zone im Namen aller Mitgliedsstaaten eine Anleihe ausgibt. Das sind einige Bausteine, mit denen man die griechische Krise in den Griff bekommen k&#246;nnte, aber der entscheidende Faktor ist das deutsche Lohndumping.</p>
<p><strong>Solidarit&#228;t organisieren</strong></p>
<p>Meine These zum Schluss ist, dass Griechenland nicht die letzte Kandidatin war, sondern wir in den n&#228;chsten Wochen und Monaten erleben werden, dass die Finanzm&#228;rkte weiterziehen und gegen Spanien, Portugal, Italien und andere L&#228;nder wetten, die vor &#228;hnlichen Problemen stehen, was sogar einen Zerfall der Euro-Zone verursachen k&#246;nnte. Und es wird zu massiven sozialen Konflikten f&#252;hren. In Griechenland soll die Mehrwertsteuer erh&#246;ht und Menschen entlassen werden. Es werden also nicht die Steuern etwa auf Gewinne und Verm&#246;gen angehoben, sondern die Bev&#246;lkerung in Griechenland wird f&#252;r diese Krise zahlen. Unsere Perspektive sollte nat&#252;rlich sein, die Proteste in diesen L&#228;ndern zu unterst&#252;tzen und Solidarit&#228;t zu organisieren. Auch, weil wenn den griechischen ArbeitnehmerInnen und Studierenden das Genick gebrochen wird, das auch den Arbeitenden in anderen L&#228;ndern das Genick brechen wird. Denn die werden dann wiederum gezwungen sein, ihre L&#246;hne zu senken, weil sie zueinander in Konkurrenz gesetzt werden. Um das zu verhindern ist es wichtig, die Proteste in diesen L&#228;ndern zu unterst&#252;tzen.</p>
<p><em>Fabio De Masi</em> ist Volkswirt und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundestagsabgeordneten und Chefvolkswirts der Fraktion DIE LINKE, Michael Schlecht.</p>
<p>Transkription: <em>Daniel Fuchs</em> und <em>Bella Schlehaider</em></p>
<p><a name="_edn1">[1]</a> Der Artikel ist die Transkription eines Vortrags, den <em>Fabio De Masi</em> am 21. April 2001 an der Humboldt Universit&#228;t f&#252;r den <em>SDS-Berlin</em> gehalten hat. Wir danken <em>Jens Fischer</em> f&#252;r die Aufnahme.</p>
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		<title>Diskussionsveranstaltung 15.11., Audimax: Solidarische &#214;konomie der Bildung</title>
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		<pubDate>Fri, 13 Nov 2009 12:19:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Vom Uniprotest zur Solidarischen &#214;konomie der Bildung
Workshop mit Inputs &#8211; f&#252;r Debatte, Vernetzung, konkrete Schritte
 Sonntag, 15.11., 14.00–16.00 Uhr im  Audimax/Uni Wien


Wie kann eine Protestdynamik nach dem Ende von H&#246;rsaal- Besetzungen   aussehen? Was w&#228;re eine l&#228;ngerfristige Perspektive der Bewegung? Wie  erweitern wir die Bewegung inhaltlich und sch&#228;rfen zugleich ihren Fokus? Wie entgehen wir der Reduktion auf [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Vom Uniprotest zur Solidarischen &#214;konomie der Bildung</strong></p>
<p>Workshop mit Inputs &#8211; f&#252;r Debatte, Vernetzung, konkrete Schritte</p>
<p><strong> Sonntag, 15.11., 14.00–16.00 Uhr im  Audimax/Uni Wien</strong></p>
<p><strong><a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2009/11/unibrentt_logo.jpg"><img class="aligncenter size-medium wp-image-617" title="unibrentt_logo" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2009/11/unibrentt_logo-300x272.jpg" alt="unibrentt_logo" width="300" height="272" /></a><br />
</strong></p>
<p>Wie kann eine Protestdynamik nach dem Ende von H&#246;rsaal- Besetzungen   aussehen? Was w&#228;re eine l&#228;ngerfristige Perspektive der Bewegung? Wie  erweitern wir die Bewegung inhaltlich und sch&#228;rfen zugleich ihren Fokus? Wie entgehen wir der Reduktion auf “Forderungen an die   Politik”? Wie k&#246;nnte eine “andere Uni” aussehen? W&#228;re eine   “andere Uni” noch eine “Universit&#228;t”?</p>
<p>F&#252;r eine Antwort auf diese Fragen wollen wir die Universit&#228;t bzw.   das Bildungssystem im gesellschaftlichen Kontext, als Teil   kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse und vor dem Hintergrund   einer globalen Krise begreifen.</p>
<p>Ziel des Workshops ist Vernetzung von Aktivit&#228;ten, die ein Projekt   “Solidarische Universit&#228;t” inhaltlich und organisatorisch   vorantreiben wollen, das kapitalistische Produktionsverh&#228;ltnisse   angreift und parziell transzendiert. Dazu geben wir als Input kurze Thesen, sammeln Ideen und &#246;ffnen eine Debatte um konkrete Schritte.</p>
<p>Input/Organisierung: seitens verschiedener AktivistInnen aus   folgenden Gruppen/Initiativen: Grundrisse, Perspektiven, Streifz&#252;ge, Boku- und Akademie-AktivistInnen, Sinet, Attac und andere.</p>
<p>Thesen-Inputs: ca. je 5 Minuten (derzeitiger Stand):</p>
<p>1) “Welche Uni? &#8211; Zugang zum und Unabh&#228;ngigkeit vom herrschenden   System” (Markus Schallhas)</p>
<p>2) “Privatisierung und kapitalistische &#214;konomisierung der   Universit&#228;t” (Petra Ziegler)</p>
<p>3) “Die Universit&#228;t und ihre Rolle in der kapitalistischen Arbeitsteilung” (Martin Birkner)</p>
<p>4) “Dogmatischer Pluralismus &#8211; wie entstehen die Gegenst&#228;nde der   Geistes- und Gesellschaftswissenschaften?” (Franz Nahrada)</p>
<p>5) “F&#252;r eine Solidarische &#214;konomie der Universit&#228;t” (Brigitte  Kratzwald)</p>
<p>6) Input von AktivistInnen der Akademie der Bildenden K&#252;nste (Sophie  Schasiepen)</p>
<p>Mehr Infos hier:<br />
<a href="http://service.gmx.net/de/cgi/derefer?TYPE=3&amp;DEST=http%3A%2F%2Fwww.social-innovation.org%2F%3Fp%3D1362" target="_blank">http://www.social-innovation.org/?p=1362</a></p>
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		<title>Zusammenbruch der Wall Street: Frequently Asked Questions</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/zusammenbruch-der-wall-street-frequently-asked-questions/</link>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:19:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzmärkte]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Walden Bello</em>, Soziologe an der <em>University of the Philippines</em> und bekannter Aktivist der globalisierungskritischen Bewegung, beantwortet h&#228;ufig gestellte Fragen zur aktuellen Krise der Finanzm&#228;rkte.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Walden Bello</em>, Soziologe an der <em>University of the Philippines</em> und bekannter Aktivist der globalisierungskritischen Bewegung, beantwortet h&#228;ufig gestellte Fragen zur aktuellen Krise der Finanzm&#228;rkte.<br />
<span id="more-134"></span><br />
Als ich letztens nach New York City flog, hatte ich das selbe Gef&#252;hl wie vor zwei Jahren, als ich w&#228;hrend des H&#246;hepunkts der israelischen Bombardements in Beirut ankam: ich betrat ein Kriegsgebiet. Der Einreisebeamte meinte zu mir, nachdem ich ihm erz&#228;hlt hatte, dass ich Professor f&#252;r Politische &#214;konomie bin: „Nun, ich nehme an, ihr Typen m&#252;sst nun eure Lehrb&#252;cher umschreiben?“ Der Busfahrer begr&#252;&#223;te uns mit den Worten „New York steht noch, Ladies and Gentlemen, aber die Wall Street ist verschwunden wie die Twin Towers.“ Selbst das notorisch fr&#246;hliche Fr&#252;hst&#252;cksfernsehen sah sich gen&#246;tigt, mit den schlechten Nachrichten zu beginnen, und ein Moderator machte f&#252;r die d&#252;steren Ereignisse die „fat cats of Wall Street who turned into pigs“ verantwortlich.</p>
<p>Diese Stadt steht unter Schock, und die meisten Menschen m&#252;ssen die Turbulenzen der letzten Wochen noch verdauen:<br />
•	Kapital im Wert von einer Billion Dollar l&#246;ste sich in Rauch auf, als die Wall Street am Zweiten Schwarzen Montag, dem 29. September, panisch auf die Ablehnung des 700 Milliarden Rettungspakets von George W. Bush durch das US-Repr&#228;sentantenhaus reagierte;<br />
•	Auf den Kollaps einer der prominentesten Investmentbanken der Wall Street, <em>Lehman Brothers</em>, folgte der gr&#246;&#223;te Bankencrash der US-Geschichte, als mit <em>Washington Mutual</em> die gr&#246;&#223;te Spar- und Kreditinstitution des Landes bankrott ging;<br />
•	Die de facto Verstaatlichung der Wall Street, mit der die Notenbank und das Finanzministerium alle wesentlichen strategischen Entscheidungen im Finanzsektor treffen, sowie die unglaubliche Tatsache, dass die US-Regierung durch die Rettung der <em>American International Group</em> (AIG) nun die weltgr&#246;&#223;te Versicherungsgesellschaft besitzt.<br />
Mehr als f&#252;nf Billionen Dollar an Marktwert wurden seit letztem Oktober vernichtet, mehr als eine Billion davon ist auf den Zusammenbruch der Wall Street-Gr&#246;&#223;en zur&#252;ck zu f&#252;hren. Die &#252;blichen Erkl&#228;rungen reichen hier nicht l&#228;nger aus. Au&#223;ergew&#246;hnliche Ereignisse verlangen nach au&#223;ergew&#246;hnlichen Erkl&#228;rungen.<br />
Doch zun&#228;chst…</p>
<p><strong>Ist das schlimmste vorbei?</strong><br />
Nein. Wenn irgendetwas nach den widerspr&#252;chlichen Aktionen der letzten Wochen klar ist, dann, dass keine Strategie vorhanden ist, um mit dieser Krise umzugehen: <em>Lehman Brothers</em> und <em>Washington Mutual</em> lie&#223; man zusammenbrechen, w&#228;hrend AIG &#252;bernommen wurde und die &#220;bernahme von <em>Merril Lynch</em> durch die <em>Bank of America</em> staatlich arrangiert wurde. Es gibt blo&#223; taktische Reaktionen, wie eine Feuerwehr, die auf einen Fl&#228;chenbrand reagiert.<br />
Auch das vorgeschlagene 700 Milliarden Dollar schwere Rettungspaket, um den Banken ihre faulen Kredite abzukaufen, ist keine Strategie, sondern blo&#223; ein verzweifelter Versuch, wieder Vertrauen in das System zu schaffen und einen Ansturm auf die Banken zu verhindern, wie er von der Gro&#223;en Depression 1929 ausgel&#246;st worden war.</p>
<p><strong>Was hat den Kollaps des Nervensystems des globalen Kapitalismus verursacht? War es Gier?</strong><br />
Die gute alte Gier hat sicher eine Rolle gespielt. Das meinte zumindest Karl Schwab, Organisator des World Economic Forum (des j&#228;hrlichen Treffens der globalen Elite in den Schweizer Alpen), als er dieses Jahr zu seinen G&#228;sten in Davos sagte: „Wir m&#252;ssen f&#252;r die S&#252;nden der Vergangenheit zahlen.“</p>
<p><strong>Hat sich die Wall Street selbst ausgetrickst?</strong><br />
Definitiv. FinanzspekulatorInnen haben sich durch immer komplexere Finanzkonstruktionen selbst eine Falle gelegt, beipielsweise durch die Schaffung von Derivaten, durch die Geld aus allen Arten von Risiken gewonnen werden sollte – einschlie&#223;lich solch exotischer Instrumente wie „Credit Default Swaps“, die es InvestorInnen erm&#246;glichten, darauf zu setzen, dass die SchuldnerInnen der eigenen Bank ihre Schulden nicht zur&#252;ckzahlen k&#246;nnten. So sahen also die unregulierten Multi-Billionen-Dollar-Gesch&#228;fte aus, die die AIG ins Verderben gest&#252;rzt haben.<br />
Am 17. Dezember 2005, als die <em>International Financing Review</em> ihren Annual Award – einen der prestigetr&#228;chtigsten Preise der Branche – verlieh, hatte sie dagegen noch folgendes zu sagen: „[<em>Lehman Brothers</em>] hat nicht nur seine Marktposition verteidigt, sondern ist auch in neue Bereiche vorgesto&#223;en, indem … neue Produkte und ma&#223;geschneiderte Transaktionen entwickelt wurden, um den Bed&#252;rfnissen der KreditnehmerInnen zu entsprechen … Lehman Brothers ist in diesem Feld am innovativsten, sie tun einfach Dinge, die man sonst nirgendwo findet.“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
Kein Kommentar.</p>
<p><strong>War es zu wenig Regulierung?</strong><br />
Ja. Niemand bestreitet heute, dass die Wall Street in ihrer F&#228;higkeit, immer innovativere und kompliziertere Finanzinstrumente zu erfinden, den Regulierungsf&#228;higkeiten der Regierung weit voraus war; nicht weil die Regierung nicht mithalten konnte, sondern weil sie sich durch ihren eigenen neoliberalen Stil des Laissez-Faire selbst daran gehindert hat, effektive Regulationsmechanismen zu entwickeln. Der &#252;berbordende Handel mit Derivaten verursachte die Krise und der US-Kongress trug dazu bei, indem er im Jahr 2000 ein Gesetz beschloss, das Handel mit Derivaten von der Kontrolle durch die B&#246;rsenaufsichtsbeh&#246;rde ausnimmt.</p>
<p><strong>Aber passiert hier nicht noch mehr?</strong><br />
Nun, laut George Soros, der die Krise kommen sah, befinden wir uns in einer Krise des „gigantischen Zirkulationssystems“ eines „globalen kapitalistischen Systems, … das sich an allen Enden aufl&#246;st.“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Um die Einsicht dieses Erz-Spekulanten zu vertiefen, k&#246;nnen wir sagen, dass wir eine Intensivierung eines der zentralen Widerspr&#252;che des globalen Kapitalismus beobachten, eine Krise der &#220;berproduktion, auch bekannt als &#220;berakkumulation oder &#220;berkapazit&#228;t. Das ist die Tendenz des Kapitalismus, gigantische Produktionskapazit&#228;ten aufzubauen, die die Konsumkapazit&#228;ten &#252;bersteigen, da soziale Ungleichheiten die Kaufkraft begrenzen. Die Profitabilit&#228;t wird dadurch ausgeh&#246;hlt.</p>
<p><strong>Doch was hat die &#220;berproduktionskrise mit den aktuellen Ereignissen zu tun?</strong><br />
Sehr viel. Doch um die Zusammenh&#228;nge zu verstehen, m&#252;ssen wir in die Zeit des sogenannten Goldenen Zeitalters des Kapitalismus zur&#252;ckgehen, die Periode zwischen 1945 und 1975.<br />
Damals gab es sowohl in den L&#228;ndern des Zentrums, als auch in den unentwickelten &#214;konomien ein rasantes Wirtschaftswachstum, das einerseits durch die massive Restrukturierung Europas und Ost-Asiens nach den Zerst&#246;rungen des Zweiten Weltkriegs, andererseits durch neue sozio-&#246;konomische Arrangements im Rahmen des Keynesianismus gest&#252;tzt wurde. Letzere umfassten starke staatliche Kontrollen der Marktaktivit&#228;ten, den aggressiven Einsatz von Fiskal- und Geldpolitik zur Minimierung der Inflation und Rezession, und ein Regime von relativ hohen L&#246;hnen zur Stimulierung und Aufrechterhaltung der Nachfrage.</p>
<p><strong>Was ist dann schiefgegangen?</strong><br />
Diese Periode des hohen Wachstums endete Mitte der 1970er, als die &#214;konomien des Zentrums von einer <em>Stagflation</em> erfasst wurden – einer Kombination von <em>Stagnation </em>des Wirtschaftswachstums und hoher <em>Inflation </em>–, was neoklassische &#214;konomInnen f&#252;r unm&#246;glich gehalten hatten. Die Stagflation war jedoch nur Symptom eines tiefer liegenden Mechanismus: Der Wiederaufbau von Deutschland und Japan sowie der rapide Aufstieg von sich industrialisierenden Nationen wie Brasilien, Taiwan und S&#252;dkorea sorgten in der Weltwirtschaft f&#252;r immense neue Produktionskapazit&#228;ten und versch&#228;rften so den globalen Wettbewerb. Gleichzeitig behinderten die sozialen Ungleichheiten innerhalb als auch zwischen den L&#228;ndern das Wachstum von Kaufkraft und Nachfrage und untergruben dadurch die Profitabilit&#228;t. Dies wurde durch den massiven Anstieg des &#214;lpreises in den 1970ern noch verst&#228;rkt.</p>
<p><strong>Wie hat der Kapitalismus versucht, diese Krise der &#220;berproduktion zu l&#246;sen?</strong></p>
<p>Das Kapital hat drei Auswege aus der &#220;berproduktion gesucht: neoliberale Restrukturierung, Globalisierung und Finanzialisierung.</p>
<p><strong>Worum ging es bei der neoliberalen Restrukturierung?</strong><br />
Neoliberale Restrukturierung nahm im Norden die Form von <em>Reaganism </em>und <em>Thatcherism</em>, im S&#252;den jene der Strukturanpassungsprogramme an. Ziel war, die Kapitalakkumulation anzutreiben. Dies wollte man (1.) durch den Abbau staatlicher Hemmnisse f&#252;r das Wachstum, den Einsatz und die Zirkulation von Kapital und (2.) durch die Umverteilung der Einkommen von den armen und Mittelklassen zu den Reichen erreichen, basierend auf der Theorie, dass die Reichen dadurch motiviert w&#228;ren, st&#228;rker zu investieren und so das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Das Problem bei dieser Formel ist, dass durch die Umverteilung des Einkommens zu den Reichen das Einkommen der armen und Mittelklassen und damit deren Kaufkraft vernichtet wurde, w&#228;hrend die Reichen nicht notwendigerweise st&#228;rker in die Produktion investierten. Stattdessen flossen gro&#223;e Teile des umverteilten Reichtums in die Spekulation. In Wahrheit konnte die neoliberale Restrukturierung, die sich w&#228;hrend der 1980er und 1990er Jahre im Norden und S&#252;den konsolidiert hatte, nie nachhaltig f&#252;r st&#228;rkeres Wirtschaftswachstum sorgen. Das globale Wachstum belief sich in den 1990ern auf 1,1 Prozent und in den 1980ern auf 1,4 Prozent, w&#228;hrend sie in den 1960ern und 1970ern, zu Zeiten staatsinterventionistischer Politik, 3,5 bzw. 2,4 Prozent betrug. Die neoliberale Restrukturierung konnte die Stagnation nicht besiegen.</p>
<p><strong>Inwiefern war Globalisierung eine Antwort auf die Krise?</strong><br />
Der zweite Fluchtplan des globalen Kapitals war die „extensive Akkumulation“ oder Globalisierung, also die rapide Integration semi-kapitalistischer, nicht-kapitalistischer oder pr&#228;-kapitalistischer Gebiete in die globale Marktwirtschaft. Rosa Luxemburg, die ber&#252;hmte revolution&#228;re &#214;konomin, erkannte dies schon vor langer Zeit als Notwendigkeit, um die Profitraten in den &#214;konomien der Metropolen aufrecht zu halten. Inwiefern? Durch die Schaffung des Zugangs zu billiger Arbeitskraft, neuen – wenn auch beschr&#228;nkten –  Absatzm&#228;rkten, ergiebigen Quellen f&#252;r billige landwirtschaftliche Produkte und Rohstoffe, und neuen Investitionsm&#246;glichkeiten f&#252;r Infrastrukturprojekte. Diese Integration wird durch die Liberalisierung des Welthandels erm&#246;glicht, der die Schranken f&#252;r die Mobilit&#228;t des globalen Kapitals und Auslandsdirektinvestitionen beseitigt.<br />
China ist nat&#252;rlich der prominenteste Fall eines nicht-kapitalistischen Gebiets, das in den letzten 25 Jahren in die globale kapitalistische &#214;konomie integriert wurde. Um ihren fallenden Profiten entgegen zu wirken, haben viele gro&#223;e Konzerne einen signifikanten Teil ihrer Unternehmungen nach China verlagert, um von den scheinbar unersch&#246;pflichen Reserven an billiger Arbeitskraft zu profitieren. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts erzielten US-Unternehmen rund 40 bis 50 Prozent ihrer Profite aus Unternehmungen im Ausland, vor allem in China.</p>
<p><strong>Warum konnte die Globalisierung die Krise nicht &#252;berwinden?</strong><br />
Das Problem dieses Fluchtplans war, dass er die Probleme der &#220;berproduktion nur noch versch&#228;rfte, da er die Produktionskapazit&#228;t zus&#228;tzlich erh&#246;ht. In China wurde der Weltwirtschaft in den letzten 25 Jahren ein ungeheures Ausma&#223; an Produktionskapazit&#228;t hinzugef&#252;gt, und dies hatte einen dr&#252;ckenden Effekt auf Preise und Profite. Wenig &#252;berraschend h&#246;rten die Profite von US-Konzernen ab 1997 auf zu wachsen. Laut einer vom Wirtschaftswissenschafter Philip O’Hara erarbeiteten Statistik sank die Profitrate der <em>Fortune 500</em> (die 500 umsatzst&#228;rksten Unternehmen der Welt, Anm. d. &#220;.) von 7,15 Prozent im Zeitraum von 1960-69, auf 5,30 von 1980-90, auf 2,29 von 1990-99 und auf 1,32 von 2000-02.</p>
<p><strong>Was hat es mit der Finanzialisierung auf sich?</strong><br />
Aufgrund der begrenzten Erfolge von neoliberaler Restrukturierung und Globalisierung wurde die dritte Strategie f&#252;r die St&#228;rkung der Profitabilit&#228;t immer wichtiger: Finanzialisierung. In der perfekten Welt der neoklassischen &#214;konomInnen ist das Finanzsystem ein Mechanismus, durch den AkteurInnen, die &#252;ber &#252;bersch&#252;ssige Mittel verf&#252;gen, mit UnternehmerInnen zusammen gebracht werden, die diese Mittel wiederum ben&#246;tigen, um in Produktion zu investieren. In der realen Welt des Sp&#228;tkapitalismus jedoch, in der Investitionen in Industrie und Landwirtschaft aufgrund der &#220;berkapazit&#228;ten nur geringe Profite versprechen, werden gro&#223;e Teile der &#220;bersch&#252;sse in den Finanzsektor investiert und reinvestiert. Dieser Kreislauf hat zur Folge, dass der Finanzsektor auf sich selbst zur&#252;ckgeworfen wird. Das Resultat ist eine Teilung zwischen einer hyperaktiven Finanzwirtschaft und einer stagnierenden Real&#246;konomie. Ein B&#246;rsenmanager meint dazu: „In den letzten Jahren ist eine wachsende Entkoppelung von realer und Finanz&#246;konomie zu beobachten. Die Real&#246;konomie ist gewachsen, … aber das steht in keinem Verh&#228;ltnis zum Wachstum der Finanzwirtschaft – bis zu dem Zeitpunkt, als sie implodiert ist.“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a><br />
Was uns dieser Beobachter nicht sagt, ist, dass die Entkoppelung zwischen realer und Finanz&#246;konomie kein Zufall ist – dass die Finanz&#246;konomie genau deshalb geboomt ist, um die Stagnation aufgrund der &#220;berproduktion in der Real&#246;konomie auszugleichen.</p>
<p><strong>Was war das Problem mit der Finanzialisierung?</strong><br />
Das Problem mit den Investitionen in den Finanzsektor ist, dass es dem Versuch gleich kommt, Wert aus bereits geschaffenem Wert zu pressen. Es mag Profite schaffen, aber es schafft keinen neuen Wert – nur Industrie, Landwirtschaft und Dienstleistungen k&#246;nnen neuen Wert schaffen.<br />
Da die Profite nicht auf geschaffenem Wert basieren, werden die Investitionen unberechenbar und Preise f&#252;r Aktien und Wertpapiere k&#246;nnen sich extrem von ihren tats&#228;chlichen Werten entfernen – so wie die Aktien von Internet-Startups, die durch Spekulationen in die H&#246;he getrieben wurden, nur um dann zu crashen. In diesem Kontext sind Profite von kurzfristigen Preisspr&#252;ngen von Waren abh&#228;ngig, die verkauft werden, bevor eine „Korrektur“ stattfindet, sie also auf ihren realen Wert zur&#252;ck fallen. Die extremen Preisspr&#252;nge einer Anlage &#252;ber ihren eigentlichen Wert hinaus wird als „Bubble“ bezeichnet.</p>
<p><strong>Warum ist die Finanzialisierung so unsicher?</strong><br />
Da die Profite auf spekulative Coups angewiesen sind, ist es nicht &#252;berraschend, dass der Finanzsektor sich von einer Bubble zur n&#228;chsten bewegt. Weil er von Spekulation zu Spekulation hetzt, hat der finanzgetriebene Kapitalismus rund einhundert Krisen seit der Deregulierung der Kapitalm&#228;rkte in den 1980ern erlebt. Vor dem aktuellen Zusammenbruch der Wall Street waren die explosivsten Vorf&#228;lle die Finanzkrise in Mexiko 1994-95, die Finanzkrise in Asien 1997-98, die Finanzkrise in Russland 1996, der Kollaps der New Yorker B&#246;rse 2001 und die Krise in Argentinien 2002. Bill Clintons Finanzminister, der Wall Street Broker Robert Rubin, sagte schon vor f&#252;nf Jahren voraus, dass „zuk&#252;nftige Finanzkrisen fast sicher unabwendbar sind, und sie k&#246;nnten noch verheerender sein.“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a></p>
<p><strong>Wie entstehen, wachsen und platzen Bubbles?</strong><br />
Nehmen wir die Asienkrise von 1997-98 als Beispiel.<br />
•	Zuerst kommt die Kapitalmarkt- und Finanzliberalisierung auf Dr&#228;ngen von IWF (Internationaler W&#228;hrungsfonds) und dem US-Finanzministerium.<br />
•	Dann treten ausl&#228;ndische AnlegerInnen auf der Suche nach schnellen und hohen Ertr&#228;gen auf den Plan, die sich auf Immobilien und B&#246;rse konzentrieren.<br />
•	&#220;berinvestitionen f&#252;hren zu einem Verfall von Aktienkursen und Immobilienpreisen sowie panischen Reaktionen. 1997 wurden innerhalb weniger Wochen rund 100 Milliarden Dollar aus den ostasiatischen &#214;konomien abgezogen.<br />
•	Die Schulden der SpekulantInnen werden vom IWF &#252;bernommen.<br />
•	Die Real&#246;konomie bricht zusammen – quer durch Ost-Asien kommt es 1998 zur Rezession.<br />
Trotz massiver Destabilisierungen wurden Bem&#252;hungen um nationale und globale Regulierungen des Finanzsystems aus ideologischen Gr&#252;nden abgelehnt.</p>
<p><strong>Wie ist die aktuelle Bubble entstanden?</strong><br />
Die aktuelle Bubble ist eine Folge der IT-Bubble in den sp&#228;ten 1990ern, als die Preise f&#252;r Aktien von Internet-Startups in den Himmel schossen und dann kollabierten. Dies vernichtete Anlagen im Wert von sieben Billionen Dollar und f&#252;hrte zur Rezession von 2001-02. Die Niedrigzinspolitik der US-Notenbank unter Alan Greenspan hatte die IT-Bubble mitverursacht. Als die USA in eine Rezession fielen senkte Greenspan im Juni 2003 den Leitzinss auf ein Prozent – den niedrigsten Satz seit 45 Jahren – und hielt ihn ein Jahr auf diesem Niveau. Der Effekt war, dass eine neue Bubble im Immobilienbereich entstand. Schon 2002 hatten progressive &#214;konomen wie Dean Baker vom <em>Center for Economic Policy Research</em> vor der Immobilienbubble gewarnt. Doch noch im Jahr 2005 f&#252;hrte Ben Bernanke, damals Vorsitzender des <em>Council of Economic Advisers</em><a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> und heute Vorsitzender der US-Notenbank, den Aufschwung an Immobilienpreisen auf „starke &#246;konomischen Fundamente“ anstatt auf die Aktivit&#228;ten von SpekulantInnen zur&#252;ck.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Ist es ein Wunder, dass er im Sommer 2007 von der Immobilienkrise v&#246;llig unvorbereitet getroffen wurde?</p>
<p><strong>Und wie ist sie gewachsen?</strong><br />
Einer der wichtigsten Protagonisten der internationalen Finanzm&#228;rkte, George Soros, dr&#252;ckt es so aus: „Die Finanzinstitutionen ermutigten HypothekenbesitzerInnen, ihre Hypotheken zu refinanzieren und das verf&#252;gbare Eigenkapital abzuziehen. Sie lockerten ihre Kreditkonditionen und f&#252;hrten neue Produkte ein, wie Hypotheken mit anpassbaren Ratenzahlungen (ARM – „Adjustable Rate Mortgage“), Nur-Zins-Hypotheken („Interest Only Mortgage) und verlockende Einstiegszinss&#228;tze („promotional teaser rates“). All das befl&#252;gelte die Spekulation auf Wohnh&#228;user. Die Immobilienpreise wuchsen im zweistelligen Prozentbereich. Das verst&#228;rkte wiederum die Spekulation und die HausbesitzerInnen f&#252;hlten sich ob der steigenden Preise reich; das Resultat war ein starker Anstieg des Konsums, der die Wirtschaft in den letzten Jahren unterf&#252;ttert hat.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a><br />
Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass die Hypothekenkrise nicht darauf zur&#252;ckzuf&#252;hren ist, dass das Angebot die reale Nachfrage &#252;berstiegen h&#228;tte. Vielmehr wurde die „Nachfrage“ selbst gr&#246;&#223;tenteils durch die Spekulation von BauunternehmerInnen und Finanziers produziert, die aus ihrem Zugang zu ausl&#228;ndischem – vor allem asiatischem – Kapital, das die USA im letzten Jahrzehnt &#252;berflutet hat, Profit schlagen wollten. Millionen von Menschen wurden so Hypotheken und Kredite angeboten, die sie sich eigentlich nicht leisten konnten. Die niedrigen Einstiegszinss&#228;tze wurden in Folge „angepasst“, um die Zahlungen der neuen HausbesitzerInnen hinauf zu schrauben.</p>
<p><strong>Doch wie konnten faule Hypotheken zu einem so gro&#223;en Problem werden?</strong><br />
Weil diese Anlagen anschlie&#223;end von den HypothekengeberInnen zusammen mit anderen Werten als komplexe Derivatprodukte „verbrieft“ wurden – als sogenannte <em>Collateralized Debt Obligations</em> (CDOs). Die HypothekengeberInnen arbeiteten dabei &#252;ber Mittelsm&#228;nner, die die tats&#228;chlichen Risiken unterschlugen, um die CDOs so schnell wie m&#246;glich an andere Banken und ausl&#228;ndische Finanzinstitute weiterzugeben. Diese Institute gaben ihrerseits wiederum die Wertpapiere an andere Banken und ausl&#228;ndische Finanzinstitutionen weiter. Die Idee war, schnell zu verkaufen, gute Profite einzufahren, und dabei die Risiken den Schw&#228;chsten anzuh&#228;ngen.<br />
Als die Zinsraten auf <em>subprime</em>-Kredite, ARMs und andere Immobilienkredite angehoben wurden, war das Spiel vorbei. Heute sind &#252;ber sechs Millionen <em>subprime</em>-Hypotheken ausst&#228;ndig, von denen nach Soros’ Sch&#228;tzungen 40 Prozent in den n&#228;chsten zwei Jahren unwiederbringlich verloren gehen werden.<br />
Weitere f&#252;nf Millionen ARMs und andere „flexible Kredite“ werden in den n&#228;chsten paar Jahren ebenfalls nicht bezahlt werden k&#246;nnen. Die Derivate, deren Wert in die Billionen Dollar geht, wurden jedoch bereits wie ein Virus in das globale Finanzsystem eingespeist. Das gigantische Zirkulationssystem des globalen Kapitalismus ist t&#246;dlich infiziert.</p>
<p><strong>Aber wie konnten die Wall Street-Giganten wie ein Kartenhaus zusammenbrechen?</strong><br />
Im Fall von <em>Lehman Brothers</em>, <em>Merrill Lynch</em>,<em> Fannie Mae</em>, <em>Freddie Mac</em> und <em>Bear Stearns</em> &#252;berstiegen die nicht einl&#246;sbaren Derivate ganz einfach die eigenen Reserven und st&#252;rzten sie in den Abgrund. Weitere Banken werden ihnen wahrscheinlich folgen, da ihre Bilanzen korrigiert werden m&#252;ssen, um den tats&#228;chlichen Wert ihrer Anlagen zu ermitteln – im Moment scheinen viele davon nicht in den offiziellen Bilanzen auf.<br />
Auch andere werden ein &#228;hnliches Schicksal erleiden, wenn Bereiche wie Kreditkarten und Versicherungen nachziehen. Die AIG wurde durch ihre massive Involvierung in <em>Credit Default Swaps</em> (s.o., Anm. d. &#220;.) ins Verderben gest&#252;rzt. Solche Wetten stellen mittlerweile einen v&#246;llig unregulierten Markt von 45 Billionen Dollar. Das entspricht mehr als dem F&#252;nffachen des gesamten Markts US-amerikanischer Staatsanleihen. Die unglaubliche Gr&#246;&#223;enordnung dieser Anlagen ist der Grund, warum die US-Regierung ihre Meinung ge&#228;ndert und AIG aufgefangen hat, nachdem sie <em>Lehman Brothers</em> kollabieren lie&#223;.</p>
<p><strong>Was passiert jetzt?</strong><br />
Wir k&#246;nnen also mit Sicherheit voraus sagen, dass es mehr Bankrotte und staatliche &#220;bernahmen geben wird, und ausl&#228;ndische Banken und Finanzinstitutionen jenen in den USA folgen werden; dass der Zusammenbruch der Wall Street sich vertiefen und die US-Rezession sich verl&#228;ngern wird; und dass sich die US-Rezession in Asien und anderswo in eine Rezession oder Schlimmeres &#252;bersetzen wird.<br />
Der Grund daf&#252;r ist, dass die USA Chinas wichtigster Exportmarkt sind und China wiederum aus Japan, S&#252;dkorea und S&#252;dostasien Rohstoffe und Zwischenprodukte f&#252;r den Export in die USA bezieht. Die Globalisierung hat eine „Entkopplung“ unm&#246;glich gemacht. Die USA, China und Ostasien sind wie drei Gefangene aneinander gekettet.</p>
<p><strong>Zusammengefasst?</strong><br />
Der Zusammenbruch der Wall Street ist nicht allein auf Gier und das Fehlen staatlicher Regulation eines hyperaktiven Sektors zur&#252;ckzuf&#252;hren. Er resultiert letztlich aus einer Krise der &#220;berproduktion, die den globalen Kapitalismus seit Mitte der 1970er heimsucht.<br />
Die Finanzialisierung der Investionen war einer der Fluchtwege aus der Stagnation. Die anderen beiden waren neoliberale Restrukturierung und Globalisierung. Da diese beiden Prozesse die Krise kaum eind&#228;mmen konnten wurde die Finanzialisierung als Mechanismus zur Wiederherstellung der Profitabilit&#228;t attraktiver. Doch diese hat sich als gef&#228;hrlicher Weg herausgestellt, der zu spekulativen Bubbles gef&#252;hrt hat, deren Effekt zwar der kurzfristige Wohlstand einiger weniger war, letztlich jedoch zu einem Zusammenbruch der Konzerne und einer Rezession in der Realwirtschaft gef&#252;hrt hat.<br />
Die entscheidenden Fragen sind nun: Wie tief und wie lang wird diese Rezession sein? Braucht die US-Wirtschaft eine weitere spekulative Bubble, um sich aus der Rezession zu ziehen? Und wenn ja, wo wird diese Bubble entstehen? Manche meinen, es w&#228;re der milit&#228;risch-industrielle Komplex oder der „disaster capitalism complex“, von dem Naomi Klein schreibt<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> – aber das ist eine andere Geschichte.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><em>Walden Bello</em> ist Professor f&#252;r Soziologie an der <em>University of the Philippines</em> und Direktor der NGO <em>Focus on the Global South</em>.<br />
Erstmals erschienen auf der Website <a href="http://www.inquirer.net" target="_blank"><em>Inquirer.net</em></a> am 1. Oktober 2008.<br />
&#220;bersetzt von <em>Benjamin Opratko</em>.<br />
Von Walden Bello ist zuletzt auf Deutsch erschienen:<br />
<em>De-Globalisierung: Widerstand gegen die neue Weltordnung</em>. Hamburg: VSA 2004.</p>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> <a href="http://www.lehmanbrothers.com/who/awards/2005_detail.htm" target="_blank">http://www.lehmanbrothers.com/who/awards/2005_detail.htm</a><br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> <a href="http://news.bbc.co.uk/2/hi/business/172222.stm" target="_blank">http://news.bbc.co.uk/2/hi/business/172222.stm</a><br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> González, Francisco: What banks can learn from this credit crisis, in: Financial Times, 4. 2. 2008; online: <a href="http://www.ft.com/cms/s/0/93b9cc0c-d346-11dc-b861-0000779fd2ac.html" target="_blank">http://www.ft.com/cms/s/0/93b9cc0c-d346-11dc-b861-0000779fd2ac.html</a><br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Zit. n. The New York Times, 30. 11. 2003<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> „Rat der Wirtschaftsberater“, ein Beratungsorgan des Pr&#228;sidenten der Vereinigten Staaten. Die Ratsmitglieder werden vom Pr&#228;sidenten mit Zustimmung des Senats ernannt.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Zit. n. <a href="http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2005/10/26/AR2005102602255.htm" target="_blank">http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2005/10/26/AR2005102602255.htm</a>l<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Soros, George: The Age of Fallibility. Consequences of the War on Terror, New York 2007, 24<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Klein, Naomi: The Shock Doctrine. The Rise of Disaster Capitalism, New York 2007, 12</p>
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		<title>Spekulationsblase als Abbruchbirne</title>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:40:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 5]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
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		<category><![CDATA[Wirtschaftskrise]]></category>

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		<description><![CDATA[Der US-amerikanische Wirtschaftshistoriker <em>Robert Brenner</em> analysiert die aktuelle Banken und Immobilienkrise vor dem Hintergrund des langen Abschwungs der Weltwirtschaft seit den 1970er Jahren.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der US-amerikanische Wirtschaftshistoriker <em>Robert Brenner</em> analysiert die aktuelle Banken und Immobilienkrise vor dem Hintergrund des langen Abschwungs der Weltwirtschaft seit den 1970er Jahren.<br />
<span id="more-108"></span><br />
Die aktuelle Krise k&#246;nnte sich als die verheerendste seit der Gro&#223;en Depression herausstellen. In ihr manifestieren sich sowohl schwerwiegende ungel&#246;ste Probleme der Realwirtschaft, die &#252;ber Jahrzehnte von der Verschuldung &#252;berdeckt wurden, als auch ein eher kurzfristiger Liquidit&#228;tsengpass von seit dem Zweiten Weltkrieg ungekanntem Ausma&#223;. Die Kombination der Schw&#228;che der grundlegenden Kapitalakkumulationmit dem Zusammenbruch des Bankensystems macht diese Talfahrt f&#252;r PolitikerInnen schwer steuerbar und ihr katastrophales Potential so ernst. In Detroit und anderen St&#228;dten des Mittleren Westen breiten sich Zwangsr&#228;umungen wegen nicht bezahlter Hypotheken rasant aus und in die leerstehenden H&#228;user wird oft eingebrochen und alles inklusive der Verkabelung ausger&#228;umt. Die menschliche Katastrophe, die das f&#252;r hunderttausende Familien und ihre Communities darstellt, k&#246;nnte ein Vorgeschmack darauf sein, was eine solche kapitalistische Krise bedeutet. Die historischen Haussen in den Finanzm&#228;rkten in den 1980ern, 1990ern und um 2000 – mit ihren epochalen Umverteilungen von Einkommen und Verm&#246;gen zu dem reichsten Prozent der Bev&#246;lkerung – haben von der eigentlichen Langzeitschw&#228;chung der entwickelten kapitalistischen Wirtschaft abgelenkt. Die Wirtschaftleistung in den Vereinigten Staaten, Westeuropa und Japan hat sich, gemessen an praktisch jedem Standardindikator – Wachstum, Investitionen, Besch&#228;ftigung und L&#246;hnen – seit 1973 st&#228;ndig verschlechtert, Jahrzehnt um Jahrzehnt, Konjunkturzyklus um Konjunkturzyklus. Die Jahre seit dem Beginn des aktuellen Zyklus, der seinen Ursprung im Jahr 2001 hat, waren dabei die schlechtesten &#252;berhaupt. Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts der USA war das langsamste im Vergleich zu jeder Periode seit den 40er Jahren, w&#228;hrend der Zuwachs an neuen Betriebsst&#228;tten und Produktionsmittel ein Drittel und die Schaffung neuer Arbeitspl&#228;tze zwei Drittel unter dem Nachkriegsdurchschnitt lag. Die Reall&#246;hne in der Produktion und bei den nicht-leitenden Angestellten, also bei etwa 80% der Arbeitskr&#228;fte, sind kaum angestiegen und d&#252;mpeln etwa auf dem Niveau von 1979 dahin.<br />
Auch in Westeuropa oder Japan war das Wirtschaftswachstum nicht deutlich st&#228;rker. Die verringerte &#246;konomische Dynamik in der fortgeschrittenen kapitalistischen Welt hat ihre Wurzeln in einem starken Abfall der Profitabilit&#228;t, verursacht in erster Linie durch die dauerhafte Tendenz zu &#220;berkapazit&#228;ten im Produktionssektor seit den sp&#228;ten 1960er und fr&#252;hen 1970er Jahren. Mit der reduzierten Profitabilit&#228;t hatten die Firmen weniger Profite, die in Betriebsst&#228;tten und -ausr&#252;stung investiert werden konnten und damit auch weniger Anreiz zu expandieren. Das Anhalten der verringerten Profitabilit&#228;t f&#252;hrte in den f&#252;hrenden kapitalistischen Volkswirtschaften zu einer stetigen Abnahme an Investitionen im Verh&#228;ltnis zum BIP, sowie zu einer schrittweisen Reduktion des Wirtschaftswachstums, des Wachstums an Produktionsmittel und der Besch&#228;ftigung.<br />
Die langanhaltende Verlangsamung der Kapitalakkumulation, sowie der Druck auf die L&#246;hne durch die Konzerne, begleitet von den K&#252;rzungen im Sozialsystem, um die Profite der KapitalistInnen zu st&#252;tzen, resultierten in einem R&#252;ckgang an Investitionen und privater wie staatlicher Nachfrage. Um dieser anhaltenden Schw&#228;che der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage zu begegnen, hatten die Regierungen, angef&#252;hrt von den Vereinigten Staaten, kaum ein andere Wahl als &#252;ber verschiedene, verwinkelte Wege immer gr&#246;&#223;eren Staatsverschuldungen zuzustimmen, um die Wirtschaft in Bewegung zu halten. Anfangs, in den 1970ern und 1980ern, waren die Staaten gezwungen immer gr&#246;&#223;ere Haushaltsdefizite auf sich zu nehmen, um das Wachstum aufrechtzuerhalten. Aber w&#228;hrend die Wirtschaft relativ stabil gehalten wurde, f&#252;hrten die Defizite auch zunehmend zur Stagnation: Im Jargon dieser Zeit: „the governments were getting progressively less bang for their buck“, die Regierungen bekamen weniger Wachstum des BIP, wieviel mehr Schulden sie auch immer aufnahmen.</p>
<h3>Von Budget-K&#252;rzungen zur „Bubble-Economy“</h3>
<p>In den fr&#252;hen 90er Jahren versuchten deshalb rechtsgerichtete und neoliberale Regierungen, angef&#252;hrt von Bill Clinton, Robert Rubin und Alan Greenspan, sowohl in den USA als auch in Europa, die Stagnation zu &#252;berwinden, indem sie ausgeglichene Staatshaushalte anstrebten. Diese radikale Verschiebung der Priorit&#228;ten war es, die letztlich ordentlich nach hinten losging. Weil sich die Profitabilit&#228;t noch nicht erholt hatte, resultiert die Defizitreduktion, herbeigef&#252;hrt durch den Haushaltsausgleich, in einem gewaltigen Schlag gegen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage, mit dem Ergebnis, dass w&#228;hrend der ersten H&#228;lfte der 1990er sowohl Europa als auch Japan von verheerenden Rezessionen betroffen waren, den schlimmsten seit 1945, w&#228;hrend in den USA die sogenannte „jobless recovery“, d. h. steigendes Wirtschaftswachstum ohne Besch&#228;ftigungswachstum, stattfand. Seit Mitte der 1990er sind die Vereinigten Staaten gezwungen sich in wirkungsvollere und riskantere Formen der Wirtschaftsstimulation zu fl&#252;chten, um der Stagnation zu begegnen. Vor allem ersetzten sie das &#246;ffentliche Defizit des traditionellen Keynsianismus durch private Verschuldung und die Inflation des Anlagekapitals, also einer Art Anlagekapitalkeynesianismus, oder einfacher: „Bubblenomics“.<br />
In dem gro&#223;en Ansturm auf die B&#246;rsen w&#228;hrend der 1990er Jahren sahen die Konzerne und wohlhabenden Haushalte, wie sich ihr Verm&#246;gen auf dem Papier massiv vermehrte. So wurde ihnen erm&#246;glicht in den rekordverd&#228;chtigen Anstieg der Darlehensaufnahme einzusteigen und auf dieser Basis eine m&#228;chtige Expansion von Investition und Konsum aufrechtzuerhalten. Der sogenannte New Economy-Boom war ein direkter Ausdruck dieser Spekulationsblase der Jahre 1995 bis 2000. Aber nachdem die Aktienkurse im Widerspruch zu den fallenden Profitraten gestiegen sind und die neuen Investitionen die &#220;berkapazit&#228;ten der Industrie noch verschlimmerten, folgte darauf schnell der B&#246;rsencrash und die Rezession 2000-2001, die die Profitabilit&#228;t im Nicht-Finanzsektor auf das niedrigste Niveau seit 1980 dr&#252;ckten. Unerschrocken bek&#228;mpften Greenspan und die US-Notenbank, unterst&#252;tzt von den anderen wichtigen Zentralbanken, den zyklischen Abschwung mit einer weiteren Inflation der Anlagewerte, und das hat uns letztlich dorthin gebracht, wo wir heute stehen. Durch die kurzfristige Senkung der Realzinss&#228;tze auf Null f&#252;r drei Jahre wurde eine historisch einmalige Explosion der privaten Darlehensaufnahme erm&#246;glicht, was wiederum zu den in die H&#246;he schie&#223;enden Immobilienpreisen und Haushaltsverm&#246;gen f&#252;hrte. Laut Economist ist die zwischen 2000 und 2005 entstandene Immobilien-Blase die gr&#246;&#223;te Spekulationsblase aller Zeiten und schl&#228;gt sogar jene von 1929. Sie erm&#246;glichte einen stetigen Anstieg der Konsumausgaben und der Investitionen in Eigenheime, die gemeinsam die Expansion antreiben. Im laufenden Konjunkturzyklus machen pers&#246;nliche Konsumption plus Wohnungsbau 90 bis 100 Prozent des BIP-Wachstums in den USA aus. Im selben Intervall war laut Moody’s Economy.com der Immobiliensektor allein daf&#252;r verantwortlich, dass das Wachstum des BIP 2,3% statt 1,6% betrug – eine Steigerung um fast 50 Prozent. Zusammen mit George W. Bushs Reagan-esken Budgetdefiziten ist es so gelungen, zu verschleiern, wie schwach der dahinterstehende Wirtschaftsaufschwung in Wirklichkeit war. Der Anstieg der schuldengest&#252;tzten Konsumnachfrage, sowie die extrem billigen Kredite im allgemeinen, hat nicht nur die amerikanische Wirtschaft belebt, sondern vor allem durch den Importanstieg und das gestiegene Handelsbilanzdefizit einen scheinbar beeindruckenden globalen Wirtschaftsaufschwung angesto&#223;en.</p>
<h3>Offensive der Konzerne</h3>
<p>Doch w&#228;hrend die KonsumentInnen ihren Teil beigetragen haben, kann man das gleiche nicht &#252;ber die Privatunternehmen sagen, trotz der wirtschaftlichen Rekordanreize. Greenspan und die Zentralbank hatten die Immobilienblase aufgeblasen, um den Konzernen Zeit zu verschaffen ihre Kapitalr&#252;cklagen aufzuarbeiten und wieder zu investieren. Aber stattdessen konzentrierten sich die Konzerne auf die Wiederherstellung ihrer Profitrate und starteten einen brutalen Angriff auf die ArbeitnehmerInnen. Sie erh&#246;hten das Produktivit&#228;tswachstum, weniger indem sie in hoch entwickelte Betriebsst&#228;tten und -ausr&#252;stung investierten, sondern eher durch radikale K&#252;rzungen der Arbeitspl&#228;tze und der Aufforderung an die verbleibenden Arbeitskr&#228;fte, den G&#252;rtel enger zu schnallen. Die L&#246;hne wurden unten gehalten, der Output pro Person erh&#246;ht und die UnternehmerInnen eigneten sich einen in dieser H&#246;he historisch einmaligen Anteil am Wirtschaftswachstum des Nicht-Finanzsektors an.<br />
Die Konzerne au&#223;erhalb des Finanzsektors erh&#246;hten ihre Profitraten zwar signifikant, erreichten aber nicht mehr das – ohnehin schon reduzierte – Level der 1990er Jahre.Au&#223;erdem gab es Bedenken, angesichts der Tatsache, dass das Ansteigen der Profitrate schlicht durch eine Erh&#246;hung der Ausbeutungsrate erreicht wurde, – ArbeiterInnen m&#252;ssen mehr arbeiten und bekommen weniger Lohn – wie lange das noch so weiter gehen k&#246;nne. Vor allem aber zog sich die US-Wirtschaft, da sie die Profitabilit&#228;t steigerte, indem sie Besch&#228;ftigung, Investitionen und L&#246;hne niedrig hielt, den Boden unter den eigenen F&#252;&#223;en weg.<br />
Gleichzeitig haben Firmen, statt mehr zu investieren und damit Produktivit&#228;t und Besch&#228;ftigung zu st&#228;rken, versucht die extrem niedrigen Zinss&#228;tze auszunutzen und ihre eigene und die Position ihrer TeilhaberInnen durch Finanzmanipulationen zu verbessern – Schulden bezahlen, Dividenden auszahlen, eigene Aktien kaufen, um den Wert in die H&#246;he zu treiben, vor allem in Form einer enormen Welle von &#220;bernahmen und Fusionen. In den USA haben in den letzten vier, f&#252;nf Jahren Dividenden und Aktienr&#252;ckk&#228;ufe als Teil der Gewinnr&#252;cklagen ihr h&#246;chstes Level der Nachkriegszeit erreicht. Dieselbe Art von Vorg&#228;ngen gab es in der gesamten Weltwirtschaft – in Europa, Japan und Korea.</p>
<h3>Die Blasen platzen</h3>
<p>Letzten Endes beobachten wir in den USA und &#252;berall in den entwickelten kapitalistischen Staaten seit 2000 das langsamste Wirtschaftswachstum in der Realwirtschaft seit dem Zweiten Weltkrieg und die gr&#246;&#223;te Expansion der Finanz&#246;konomie der amerikanischen Geschichte. Man braucht keineN MarxistIn, um zu erkl&#228;ren, dass das so nicht weiter gehen kann. Nat&#252;rlich platzte die Immobilienblase, genau wie die Spekulationsblase am Aktienmarkt der 1990er. Als Konsequenz l&#228;uft der Film &#252;ber den immobiliengetriebenen Aufschwung r&#252;ckw&#228;rts ab. Heute sind die Immobilienpreise im Vergleich zu 2005 bereits um f&#252;nf Prozent gefallen, doch das ist erst der Anfang. Moody’s sch&#228;tzt, dass Anfang 2009, wenn die Immobilienkrise vollkommen abgeklungen ist, der Nominalwert der Immobilienpreise um zwanzig Prozent gesunken sein wird – und mehr noch in Realwerten. Das ist bei weitem der gr&#246;&#223;te R&#252;ckgang der amerikanischen Nachkriegsgeschichte. Genau wie der positive Verm&#246;genseffekt der Immobilienblase die Wirtschaft vorangetrieben hat, treibt der negative Effekt des Immobilien-Crashs sie zur&#252;ck. Nachdem der Wert ihrer Eigenheime f&#228;llt, k&#246;nnen Familien ihre H&#228;user nicht mehr als Bankomaten verwenden, die private Kreditaufnahme bricht zusammen und diese Familien sind gezwungen, weniger zu konsumieren. Die Gefahr dahinter ist, dass die Menschen nicht mehr durch den steigenden Wert ihrer Eigenheime „sparen“ k&#246;nnen, daher richtig sparen m&#252;ssen und die private Sparquote, die derzeit auf dem niedrigsten Niveau der Geschichte liegt, damit hochgetrieben und der Konsum verringert wird. Nachdem die Firmen den Effekt der Immobilienkrise auf das Kaufverhalten verstehen, stellen sie weniger Personal ein, mit dem Ergebnis, dass die Besch&#228;ftigungsrate seit Anfang 2007 signifikant gesunken ist. Dank der bereits im zweiten Viertel des Jahres 2007 aufziehenden Immobilienkrise und dem R&#252;ckgang der Besch&#228;ftigung, sind die realen Gesamteinkommen der Haushalte, die in den Jahren 2005 und 2006 um etwa 4,4 Prozent gestiegen sind, auf nahezu Nullwachstum gefallen. In anderen Worten, z&#228;hlt man das verf&#252;gbare Einkommen eines Haushalts, plus die Home-Equity-Abz&#252;ge (Differenz vom Marktwert des Eigenheims und der ausst&#228;ndigen Hypothek, Anm. d. &#220;.), plus die Konsumkreditraten, plus die realisierten Ertr&#228;ge aus Kapitalanlagen zusammen, stellt sich heraus, dass das Geld, das Haushalten zum Ausgaben zur Verf&#252;gung steht, nicht mehr w&#228;chst. Schon bevor die Finanzkrise letzten Sommer zugeschlagen hat, ist das Wachstum auf sehr wackligen Beinen gestanden.<br />
Bei weitem komplizierter und gef&#228;hrlicher wird dieser Abschwung durch die Subprime-Krise (Bankenkrise, verursacht durch die Hypothekenvergabe an Personen mit niedriger Kreditw&#252;rdigkeit), die als direkte Erweiterung der Immobilienkrise zu verstehen ist. Die Mechanismen die die skrupellose Hypothekenvergabe in gigantischem Ausma&#223;, die Massenzwangsr&#228;umungen wegen nicht bezahlter Hypotheken, den Zusammenbruch des Subprime-Markts und die Krise der gro&#223;en Banken, die eben diese Subprime-Werte als Sicherheiten in gro&#223;en Mengen besitzen, verbinden, ben&#246;tigen eine eigene Analyse.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass, weil die Verluste der Banken so real und riesig sind und wahrscheinlich noch gr&#246;&#223;er werden, w&#228;hrend sich der Abschwung verschlimmert, die Wirtschaft mit Aussichten konfrontiert ist, die es in der Nachkriegszeit so nie gegeben hat: dass die Kreditvergabe just in jenem Moment eingefroren wird, in dem die Wirtschaft in die Rezession rutscht – und die Regierungen dieser Dynamik nur sehr schwer etwas entgegensetzen k&#246;nnen.</p>
<h3>Anmerkung</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Einen Versuch, diesen Zusammenhang zu analysieren, unternimmt der &#214;konom Costas Lapavistas: Lapavitsas, Costas: The credit crunch, in: International Socialism Journal 117, 2007, http://www.isj.org.uk/index.php4?id=395&amp;issue=117 (Anm. d. &#220;.).</p>
<p>&#220;bersetzt von Maria Asenbaum.<br />
Erstmals erschienen in <em>Against The Current</em> 132, 2008. Mit frreundlicher Genehmigung von Robert Brenner und <em>Against the Current</em>.</p>
<p>Robert Brenner ist Professor f&#252;r Geschichte an der University of California, Los Angeles. Von ihm ist zuletzt erschienen: <em>Boom und Bubble</em>. <em>Die USA in der Weltwirtschaft</em>, Hamburg 2005.</p>
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