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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Osteuropa</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Im Osten nichts Neues</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/11/02/im-osten-nichts-neues/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2010/11/02/im-osten-nichts-neues/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 02 Nov 2010 09:12:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Kroatien]]></category>
		<category><![CDATA[Osteuropa]]></category>
		<category><![CDATA[Ungarn]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Krise abseits der Zentren findet medial kaum statt. Maria aus der Ukraine und Stipe aus Kroatien berichten in Form eines Emailinterviews1 &#252;ber die derzeitige Situation in Osteuropa. Es wird deutlich, dass die Schwergewichte innerhalb der EU auch in Zeiten der Krise vor allem darauf bedacht sind, den Kurs einer abh&#228;ngigen Integration fortzusetzen und zu vertiefen.

K&#246;nnt ihr zu Beginn einen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Krise abseits der Zentren findet medial kaum statt. <em>Maria</em> aus der Ukraine und <em>Stipe</em> aus Kroatien berichten in Form eines Emailinterviews<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> &#252;ber die derzeitige Situation in Osteuropa. Es wird deutlich, dass die Schwergewichte innerhalb der EU auch in Zeiten der Krise vor allem darauf bedacht sind, den Kurs einer abh&#228;ngigen Integration fortzusetzen und zu vertiefen.<br />
<span id="more-1658"></span></p>
<p><em>K&#246;nnt ihr zu Beginn einen kurzen &#220;berblick &#252;ber die derzeitige Lage in euren L&#228;ndern geben? Maria, wie stark ist die Ukraine von der Krise betroffen?</em></p>
<p>Maria: Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat gewaltige Auswirkungen auf die wirtschaftliche Situation in der Ukraine. Einige Zahlen verdeutlichen dies eindrucksvoll: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf fiel im Jahr 2009 im Vergleich zum Vorjahr um knapp 16% auf jetzt 2.500 US-Dollar. Die industrielle Produktion verzeichnete von 2007 bis 2008 einen R&#252;ckgang von fast 29%. &#196;hnlich wie in anderen L&#228;ndern ist auch in der Ukraine der Immobilienmarkt von den Folgen der Krise besonders stark betroffen, in Kiew fielen die Preise um rund 50%. F&#252;r einen gewissen Zeitraum vergaben Banken &#252;berhaupt keine Kredite mehr.<br />
Gleichzeitig hat sich die Situation bei den Staatsfinanzen weiter zugespitzt, die Staatsverschuldung ist sehr hoch. Weil sich der Wechselkurs der <em>Hrywnja</em>, der ukrainischen W&#228;hrung, dramatisch verschlechtert hat, sanken die Nominall&#246;hne, w&#228;hrend jedoch die Preise weiter anstiegen. Das hat zu wachsender Armut gef&#252;hrt, z. B. fiel der monatliche Durchschnittslohn von knapp 350 US-Dollar im Jahr 2008 auf jetzt etwa 240 US-Dollar. Au&#223;erdem reagierten die von der Krise betroffenen Unternehmen vor allem mit Entlassungen. Viele Menschen verlie&#223;en daraufhin die gr&#246;&#223;eren St&#228;dte und kehrten in ihre Heimatorte zur&#252;ck. Die Inflation und der schnelle Preisanstieg f&#252;r Konsumg&#252;ter bedeuteten eine Entwertung der L&#246;hne und Ersparnisse der Menschen, was zu einem allgemeinen R&#252;ckgang des Lebensstandards f&#252;hrte. Einen guten Eindruck von der aktuellen Situation der ukrainischen Bev&#246;lkerung vermitteln die Statistiken des Meinungsforschungsinstituts <em>FOM-Ukraine</em>: Laut einer Untersuchung vom April 2010 mussten 45% der Befragten ihre Ausgaben f&#252;r t&#228;gliche Gebrauchsartikel und 18% jene f&#252;r Medikamente k&#252;rzen; 18% waren von versp&#228;teten Lohnzahlungen, 8% von Lohnk&#252;rzungen und 3% von Entlassungen betroffen.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a></p>
<p><em>Ist die Situation in Kroatien &#228;hnlich?</em></p>
<p>Stipe: Grunds&#228;tzlich schon. Gerade die Semiperipherie innerhalb<br />
der EU – also die sogenannten PIIGS-Staaten<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> und die L&#228;nder des ehemaligen „Ostblocks“ – haben ja mit den Auswirkungen der globalen Wirtschaftskrise zu k&#228;mpfen, so auch Kroatien. Der R&#252;ckgang des Bruttoinlandsproduktes um 5,8%<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> im Jahr 2009 ist daf&#252;r das deutlichste Zeichen. Auf einer grundlegenderen Ebene w&#228;re es allerdings falsch, die aktuellen Entwicklungen als qualitativen Bruch gegen&#252;ber den vorangegangen Perioden des „&#220;bergangs“ (zum Kapitalismus) und der „Integration“ (in die kapitalistische Weltwirtschaft) zu sehen. Eher handelt es sich um die Fortsetzung langfristiger &#246;konomischer, sozialer und politischer Prozesse. Diese haben sich zwar seit dem Verfall Jugoslawiens beschleunigt, begannen jedoch bereits in den sp&#228;ten 1980er Jahren unter der Regierung Markovi&#196;<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> mit den vom IWF aufgezwungenen marktorientierten Wirtschaftsreformen. Jeffrey Sachs6 war damals ein wichtiger Berater. Der zus&#228;tzliche Druck durch die aktuelle Weltwirtschaftskrise offenbart und versch&#228;rft lediglich die strukturelle Zerbrechlichkeit und Widerspr&#252;chlichkeit dieser seit einigen Dekaden andauernden Prozesse.</p>
<p><em>Worin bestehen denn deiner Ansicht nach diese Widerspr&#252;che? Wie sah das &#246;konomische Entwicklungsmodell Kroatiens in den letzten 20 Jahre aus?</em></p>
<p>S: Kroatien ist nicht China, nicht einmal die Slowakei (mit ihrer inzwischen selbst problematisch gewordenen, exportorientierten Autoindustrie). Auch wenn von unseren politischen Eliten ausl&#228;ndische Direktinvestitionen st&#228;ndig als <em>deus ex machina</em>-L&#246;sung f&#252;r Kroatiens wirtschaftliche Entwicklung beschworen werden, finden kaum <em>greenfield investments</em> von Seiten des westlichen Kapitals statt. Dort, wo es zu ausl&#228;ndischen Investitionen kommt, bestehen diese typischerweise in der &#220;bernahme von bereits existierenden Produktionskapazit&#228;ten. In solchen F&#228;llen kommt es statt eines Ausbaus der Produktion und der Schaffung neuer Arbeitspl&#228;tze fast immer zu Personalabbau und Formen der „Rationalisierung“. Ein typisches Beispiel hierf&#252;r ist die Privatisierung des nationalen Telekommunikationsmonopolisten HT (Kroatische Telekom). Nachdem zuvor die unprofitable <em>Hrvatska pošta</em> (Kroatische Post) abgespalten wurde, konnte der K&#228;ufer – die <em>Deutsche Telekom</em> – nicht nur die Kosten der &#220;bernahme innerhalb eines Jahres amortisieren. Um seine Profite weiter zu maximieren, begann die Telekom vielmehr recht bald, Personal abzubauen und die verbliebenen Angestellten zus&#228;tzlich zu belasten. Ein weiterer aufschlussreicher Fall ist die Privatisierung des Pharmazieunternehmens <em>Pliva</em>. Kurz nachdem es an ausl&#228;ndische Wettbewerber verkauft wurde, entschieden die neuen BesitzerInnen, die Produktionsst&#228;tten und Labore zu schlie&#223;en und – um die bis dahin treue Kundschaft nicht zu verlieren – nur den Markennamen beizubehalten. Viele andere ehemalige Staatsunternehmen erlitten &#228;hnliche Schicksale oder kollabierten unter dem Druck eines (neo-)liberalen Handelsregimes, das billige Importe gegen&#252;ber inl&#228;ndischen Industrieprodukten bevorzugt.<br />
Die einzige Industrie, die seit der Unabh&#228;ngigkeit Kroatiens geboomt hat, war die Baubranche. Dies ist haupts&#228;chlich das Ergebnis einer schuldenfinanzierten Immobilienblase. Der kroatische Banksektor befindet sich zu 95% in ausl&#228;ndischer – vorwiegend &#246;sterreichischer und italienischer – Hand. Ein gro&#223;er Teil der Privatschulden besteht aus Hypotheken, so dass steigende Zinsen Zahlungsausf&#228;lle und sinkende Immobilienpreise zufolge haben w&#252;rden, was wiederum die Banken hart treffen w&#252;rde. Die Effekte auf das Baugewerbe w&#252;rden unvermeidlich zu einem weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit f&#252;hren. Laut Angaben der kroatischen Zentralbank, der HNB, lag die Arbeitslosenrate der 15 bis 64 j&#228;hrigen 2009 bei 9,7%. Demgegen&#252;ber beziffert das <em>CIA World Factbook</em> die Rate f&#252;r das selbe Jahr auf 16,1%<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a>, was der Einsch&#228;tzung von RegierungskritikerInnen n&#228;her kommt. Grunds&#228;tzlich sind die Arbeitslosenzahlen kroatischer Institutionen mit Vorsicht zu genie&#223;en, weil die Verringerung der Arbeitslosigkeit hierzulande gerne statistischen Zauberk&#252;nsten &#252;berlassen wird. Hier scheint der Einfallsreichtum unserer Eliten unbeschr&#228;nkt.<br />
In jedem Fall hatten der Verlust von Eink&#252;nften aus der Gewinnr&#252;ckf&#252;hrung der ehemaligen Staatsunternehmen sowie der Anstieg der Arbeitslosigkeit infolge der De-Industrialisierung, die wegen des Drucks ausl&#228;ndischer Konkurrenz voranschreitet, ernste Konsequenzen f&#252;r den Haushalt. Dar&#252;ber hinaus leidet Kroatien seit seiner Unabh&#228;ngigkeit an einem stetigen Leistungsbilanzdefizit. Unter diesen Bedingungen wurden sowohl die Sozialausgaben als auch der Privatkonsum zunehmend schuldenfinanziert. Die vorhersehbare Folge war der Anstieg der Auslandsverschuldung um mehr als 400% in nur einem Jahrzehnt: Von 10 Milliarden Euro 1999 auf 43 Milliarden im Jahr 2009. Ausgedr&#252;ckt als Anteil am Bruttoinlandsprodukt erreichten die kroatischen Schulden 2009 ein neues Hoch von 94,9%. Weil diese Anh&#228;ufung von Schulden nicht genutzt wurde, um Produktionskapazit&#228;ten aufzubauen oder Arbeitspl&#228;tze zu schaffen, entfaltet sie kaum nachhaltige Wirkung. &#220;berzeugte Neoliberale greifen unerm&#252;dlich auf diesen Sachverhalt zur&#252;ck, wenn sie nach radikalen Sparma&#223;nahmen bei den Sozialausgaben und eine K&#252;rzung der L&#246;hne fordern. Letzteres sei unabdingbar, damit Kroatiens Exporte auf dem Weltmarkt konkurrenzf&#228;hig sein k&#246;nnten.<br />
Die H&#246;he der angeh&#228;uften Schulden in Fremdw&#228;hrungen macht ein alternatives Vorgehen – wie etwa die Abwertung der nationalen W&#228;hrung (<em>kuna</em>) – praktisch unm&#246;glich. Au&#223;er man w&#252;rde zuvor nach argentinischem Vorbild den Staatsbankrott erkl&#228;ren, was wiederum f&#252;r Privatschuldner schwere Auswirkungen haben k&#246;nnte. Wie auch immer, allein schon die Diskussion &#252;ber eine politische Wende dieser Art ist gegenw&#228;rtig eine &#220;bung in &#246;konomischer Science-Fiction. Selbst rein hypothetisch w&#252;rde keine einzige kroatische Partei eine solche M&#246;glichkeit in Erw&#228;gung ziehen, sei es auch nur als Worst-Case-Szenario (und selbst wenn, w&#228;re die Unabh&#228;ngigkeit der Zentralbank ein weiteres Hindernis). Alle Hoffnungen richten sich noch immer auf eine zuk&#252;nftige EU-Mitgliedschaft. Dann, so die Annahme, w&#252;rden unter der wohlgesinnten Autorit&#228;t von Br&#252;ssel alle Probleme gel&#246;st, die derzeit unl&#246;sbar scheinen.</p>
<p><em>Stichwort Neoliberalismus und EU. Wurde die Krise in Kroatien als Gelegenheit wahrgenommen, neoliberale Politiken zu verankern? Welche Rolle &#252;bt die EU gegenw&#228;rtig aus?</em></p>
<p>S: Die Krise hat einen willkommenen Vorwand geliefert, den Druck hinsichtlich einer Vertiefung neoliberaler Umstrukturierungen und der K&#252;rzung staatlicher Sozialausgaben zu erh&#246;hen. Die lokalen VerfechterInnen einer neoliberalen Sparpolitik k&#246;nnen diesbez&#252;glich auf die Unterst&#252;tzung der EU-Kernstaaten sowie auf die aktuellen programmatischen Erkl&#228;rungen der G20 bauen. In der Vergangenheit haben die neoliberalen PuristInnen immer wieder das „mangelnde Engagement“ der Regierung zur angeblich notwendigen „vollst&#228;ndigen Sanierung“ beklagt. Das Dr&#228;ngen der EU zu pro-zyklischen Sparma&#223;nahmen hat solchen Forderungen neue Kraft gegeben. Die Bef&#252;rchtung, dass Kroatien seine Schulden vielleicht nicht mehr zur&#252;ckzahlen und so die &#252;berstrapazierten EU-Gl&#228;ubiger dem Bankrott-Risiko aussetzen k&#246;nnte, resultierte in Forderungen nach einer Reduzierung der Staatsausgaben und einer strikteren Fiskalpolitik. Dass die finanziellen Interessen von ausl&#228;ndischen KreditgeberInnen schwerer wiegen als die m&#246;glichen sozialen und makro&#246;konomischen Konsequenzen f&#252;r das Land selbst und den Gro&#223;teil seiner Bev&#246;lkerung, ist aber keine kroatische Besonderheit; es macht vielmehr etwas Grundlegendes &#252;ber die Form der Integration in die kapitalistische Weltwirtschaft deutlich: Wie viele andere osteurop&#228;ische L&#228;nder befindet sich auch Kroatien in einer Position neokolonialer Abh&#228;ngigkeit und Unterordnung und stellt f&#252;r westeurop&#228;isches Kapital eine Quelle finanzieller Rente dar.</p>
<p><em>Welchen Einfluss nehmen internationale Akteure in der Ukraine? Hat das Land in der Krise externe „Hilfe“ in Anspruch genommen?</em></p>
<p>M.: In der Hochphase der Krise wandte sich die ukrainische Nationalbank an den Internationalen W&#228;hrungsfonds (IWF) und nahm einen Kredit &#252;ber 16,5 Milliarden US-Dollar auf. Bereits 2008 hatte die Regierung unter der damaligen Ministerpr&#228;sidentin Julia Timoschenko<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> auf solche Kredite zur&#252;ckgegriffen, um das Haushaltsdefizit zu decken. Im Juli 2010 gew&#228;hrte der IWF au&#223;erdem noch eine so genannte Bereitschaftskreditvereinbarung &#252;ber 15,5 Milliarden US-Dollar zur Unterst&#252;tzung des Reform- und Wirtschaftsanpassungsprogramms der Regierung. Zwar behauptet der IWF in seiner Selbstdarstellung immer wieder, er wolle die Armen, Arbeitslosen und sozial Schw&#228;chsten sch&#252;tzen und ein betr&#228;chtlicher Anteil seiner Kredite diene der Sicherstellung einer fristgerechten Auszahlung von L&#246;hnen und Renten. Ich bin aber skeptisch, ob das Geld tats&#228;chlich die Menschen erreichen wird, die von der Krise betroffenen sind.<br />
Grunds&#228;tzlich ist die Situation in der Ukraine stark von ihrer geopolitischen Position zwischen der EU und Russland beeinflusst. Entsprechend ist auch das politische System des Landes stark polarisiert. Vereinfacht kann von einer pro-russischen, einer pro-westlichen sowie einer nationalistisch westlichen Position gesprochen werden. Vor allem w&#228;hrend der Pr&#228;sidentschaft von Wiktor Juschtschenko<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a>, dessen Partei <em>Nasha Ukayina</em> („Unsere Ukraine“) ebenso vom „Westen“ unterst&#252;tzt wurde, wie sp&#228;ter Julia Timoschenko und ihre Partei <em>Bat’ kivshchyna</em> („Vaterland“), wurde im Land eine pro-„westliche“ Haltung vorangetrieben: Mit der Perspektive des EU-Beitritts versuchte das Land, die &#214;konomie auszubauen und das politische System zu restrukturieren. Im Transformationsprozess hatte die EU schon in der Vergangenheit eine Schl&#252;sselrolle gespielt, gegenw&#228;rtig ist sie auch die gr&#246;&#223;te Handelspartnerin der Ukraine. Weil die EU in der Ukraine eine potentielle strategische Partnerin sieht und ein gro&#223;es wirtschaftspolitisches Interesse an der Stabilisierung des Landes hat, gew&#228;hrte die EU-Kommission in der Krise einen Kredit &#252;ber 500 Millionen Euro. Basierend auf bestehenden Kooperationsabkommen zwischen der Ukraine und der EU wird zeitgleich die Schaffung und Ausweitung einer Freihandelszone weiter vorangetrieben. Welche Auswirkungen dies auf die Bev&#246;lkerung haben wird, bleibt jedoch offen. Umgekehrt h&#228;lt auch Russland die Ukraine f&#252;r eine Region, in der es seinen imperialistischen und politischen Einfluss zeigen kann. Weil jedoch zumindest unter Juschtschenko die Weichen aber in Richtung EU gestellt wurden, setzte die russische F&#252;hrung in der j&#252;ngeren Vergangenheit zunehmend auf Methoden des &#246;konomischen und politischen Drucks. So ereignete sich auch die globale Finanz- und Wirtschaftskrise genau w&#228;hrend der so genannten „Gaskriege“. Damit meine ich die Auseinandersetzungen zwischen der ukrainischen &#214;l- und Gasfirma <em>Naftohaz Ukrainy</em> und dem russischen Gasanbieter <em>Gazprom </em>&#252;ber nat&#252;rliche Gasvorkommen sowie die Gaspreise und -schulden aus den Jahren 2005–2009. In j&#252;ngster Zeit hat sich das Verh&#228;ltnis der Ukraine zu Russland aber wieder verbessert, so dass zwar der Druck ab-, die russischen Interventionen in die Innenpolitik jedoch zugenommen haben. Dies liegt nicht zuletzt am Sieg von Viktor Yanukovych<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> und seiner Partiya Regioniv („Partei der Regionen“) bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen Anfang 2010. Er wird den pro-russischen Kr&#228;ften zugerechnet und aufgrund seiner Politik in der Frage der Meinungs- und Versammlungsfreiheit h&#228;ufig als legitimer Nachfolger der autorit&#228;ren Regierung von Leonid Kuchma<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> bezeichnet. Indem er unter der F&#252;hrung seiner <em>Partei der Regionen</em> im Parlament eine neue Koalition gebildet hat, konnte Yanukovych seine Macht schnell konsolidieren. Au&#223;erdem ernannte der Pr&#228;sident neue MinsterInnen, die z&#252;gig begannen, in der Wirtschaftspolitik sowie im Bildungsbereich Reformen voranzutreiben. Viele der Ma&#223;nahmen zielen darauf ab, Ver&#228;nderungen wieder r&#252;ckg&#228;ngig zu machen, die zuvor von der Regierung Juschtschenko vorgenommen wurden. Einige der bedeutendsten Ma&#223;nahmen umfassen neben der Einschr&#228;nkung der Presse- und Versammlungsfreiheit (es gibt Berichte &#252;ber politischen Druck auf einige TV-Sender sowie &#252;ber die Bedrohung und das Verschwinden von JournalistInnen) bildungs- und sozialpolitische Felder: So wurde etwa die Zahl geb&#252;hrenfreier Studienpl&#228;tze reduziert. Auch plant die Regierung, Ende des Jahres das Pensionsalter f&#252;r Frauen per Gesetz von 55 auf 60 Jahre anzuheben und in den n&#228;chsten Monaten das Steuersystem grundlegend zu &#252;berarbeiten. Au&#223;erdem sollen die staatlichen Anteile an <em>Ukrtelekom </em>– dem ukrainischen Telekommunikationsunternehmen – verkauft werden.</p>
<p><em>Damit scheint sich ein Muster aus der Vergangenheit zu wiederholen…</em></p>
<p>M.: Ja, in der Ukraine bestand im Zuge des &#220;bergangs vom sowjetischen Modell zur Marktwirtschaft eine der sichtbarsten und folgenreichsten Ver&#228;nderungen in der Privatisierung wichtiger Teile der nationalen &#214;konomie. Die Interessen der ArbeiterInnenklasse wurden seit 1991 fast v&#246;llig au&#223;er Acht gelassen. Infolge der schwachen staatlichen Kontrolle kam es gleichzeitig zu einer massiven Anh&#228;ufung von Kapital, von der einige wenige Unternehmen auf legale und illegal Weise profitierten. Die neuen Privatunternehmen konnten ihre Profite in diesem Kontext v.a. ab 1993 deutlich steigern. In der Zeit von 1995 bis 1998 wurden ca. 50.000 Objekte privatisiert; der Anteil staatlicher Unternehmen an der industriellen Produktion sank von 85% im Jahr 1992 auf 18,2% im Jahr 2003. Strategisch wichtige Unternehmen wurden zwar zun&#228;chst mit staatlichen Mitteln unterst&#252;tzt. Sobald sie jedoch Profite abwarfen, wurden auch diese Unternehmen, etwa <em>Kryvorizhstal</em><a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a>, privatisiert –inklusive zahlreicher Korruptionsskandale. Das Ergebnis dieser Vorgehensweise waren Lohnsenkungen sowie die massenhafte Entlassung von ehemaligen StaatsarbeiterInnen.<br />
Trotz der weitreichenden Korruption, der Abwesenheit einer politischen F&#252;hrung und dem Fehlen l&#228;ngerfristiger Konzepte f&#252;r die Probleme des Landes wurden im Transformationsprozess aber auch manche Fortschritte erzielt, v.a. im Bereich der Meinungsfreiheit. Dies zeigte sich etwa w&#228;hrend und nach der so genannten <em>Orangenen Revolution</em><a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> von 2005.</p>
<p><em>In welchem Licht erscheint der kroatische Transformationsprozess in der R&#252;ckschau?</em></p>
<p>S: Die aktuelle Situation enth&#228;lt eine Menge Indikatoren f&#252;r die umfassenden und mittlerweile weit fortgeschrittenen, neoliberalen Umstrukturierungsma&#223;nahmen, die bislang von jeder kroatischen Regierung mitgetragen wurden – ungeachtet deren rhetorischen Differenzen und ideologischen Bekenntnissen. Diese Kontinuit&#228;t ist nicht nur ein Hinweis auf den Opportunismus, der sich durch das gesamte politische Establishment zieht, sondern verweist auch auf die objektiven Grenzen staatlicher Souver&#228;nit&#228;t. Die grundlegende politische Ausrichtung stand im Einklang mit den Vorschriften des <em>Washington Consensus:</em> Monetarismus, Privatisierung, Handelsliberalisierung, Deregulierung, Steuersenkungen f&#252;r das Kapital. Die Kontinuit&#228;t war nicht zuletzt das Resultat des Drucks internationaler Institutionen – am deutlichsten sichtbar zun&#228;chst anhand der Rolle des IWF. Die Unterordnung unter die politischen Vorgaben des „Westens“ blieben weitestgehend unhinterfragt. Dies ist auf den &#252;berw&#228;ltigenden Konsens &#252;ber die Attraktivit&#228;t und Unvermeidbarkeit der „Integration in den Westen“, d. h. einer Mitgliedschaft in NATO und EU, zur&#252;ckzuf&#252;hren.</p>
<p><em>Was liegt diesem Konsens zugrunde?</em></p>
<p>S: Die Annahme, dass eine vollst&#228;ndige Integration automatisch zu jenem Lebensstandard f&#252;hre, den man mit dem H&#246;hepunkt der „westlichen“ Wohlfahrtsstaaten verbindet. Da die westlichen Zentren der Macht hierzulande zudem von der Aura einer <em>a-priori-</em>Legitimit&#228;t umgeben sind, bietet dieses imagin&#228;re Ziel immer noch Platz f&#252;r Forderungen nach weiteren Strukturanpassungsma&#223;nahmen, unabh&#228;ngig von deren sozialen und &#246;konomischen Folgen. In absolutem Einklang mit der neoliberalen Orthodoxie lautet die implizite Formel: Heutige Entbehrungen sind die notwendige Voraussetzung f&#252;r zuk&#252;nftigen Wohlstand.<br />
Die Tatsache, dass der Wohlfahrtsstaat innerhalb der EU selbst den neoliberalen Attacken ausgesetzt ist, entkr&#228;ftet die ideologische Wirkungskraft dieses Narrativs in keiner Weise. Weder die sozialen Konsequenzen des Lissabon Vertrags und die weitere Vertiefung dessen, was liberale KommentatorInnen als „Demokratie-Defizit“ der EU bezeichnen, noch die Krise der Eurozone, die Griechenland-Krise und ihr Zusammenhang mit der Unnachgiebigkeit der merkantilistischen Politik Deutschlands – nichts dergleichen wurde in den Medien kritisch beleuchtet oder konnte in irgendeiner Art und Weise das Bekenntnis der politischen Eliten zum Ziel einer EU-Mitgliedschaft abschw&#228;chen.<br />
Dar&#252;ber hinaus sollten auch jene Umfragen, die nahe legen, dass der Enthusiasmus f&#252;r eine EU-Mitgliedschaft in der kroatischen Bev&#246;lkerung sinkt, nicht &#252;berbewertet werden: Zum einen werden derartige Positionen nicht im Parlament repr&#228;sentiert. Und zum anderen haben der lange Aufschub und die stetig neuen Anforderungen, die an Kroatien als Bedingung f&#252;r die Mitgliedschaft gestellt werden, in der Bev&#246;lkerung in gewissem Ma&#223;e zur Verbreitung eines m&#252;den Zynismus gef&#252;hrt. Dieser ist wohl auch mit einer Brise kollektiver, narzistischer Verletzung angereichert, weil mit Rum&#228;nien und Bulgarien zwei Staaten der EU bereits beitreten konnten, die einen solchen Beitritt aufgrund ihrer &#246;konomischen Situation vermeintlich nicht verdient haben. Da im Falle eines Referendums mit intensiven Kampagnen der Medien und aller gr&#246;&#223;eren Parteien zugunsten der Mitgliedschaft zu rechnen w&#228;re, bleibt eine tats&#228;chliche Ablehnung des EU-Beitritts jedoch unwahrscheinlich.</p>
<p><em>Gibt es neben solchen eher tristen Entwicklungen, wie ihr sie jetzt nachgezeichnet habt, auch Positives zu berichten? Gibt es Beispiele f&#252;r soziale K&#228;mpfe oder Widerstand, der sich formiert?</em></p>
<p>M.: Das h&#228;ngt davon ab, was man als positiv bezeichnen m&#246;chte. In den Medien gibt es zwar einige kritische Stimmen zur Auslandsverschuldung der Ukraine, aber davon scheinen die Herrschenden relativ unbeeindruckt. Au&#223;erdem ist noch v&#246;llig unklar, wie die „Reformen“, &#252;ber die der amtierende Pr&#228;sident derzeit spricht, genau aussehen werden. Zudem w&#228;chst im Land die Zustimmung f&#252;r die relativ junge, rechtsgerichtete Partei <em>Svoboda</em>. Aktuellen Umfragen zufolge kommt sie in einigen Regionen im Westen bei Lokalwahlen auf 25%–33%.</p>
<p>S: Gezwungen, auf die Forderungen der EU zu reagieren, ver&#246;ffentlichte die konservative Regierung j&#252;ngst ihren Plan zur Konjunkturbelebung, der neoliberale Orthodoxie mit rhetorischen Zugest&#228;ndnissen verband. In den b&#252;rgerlichen Medien wurde daraufhin lamentiert, dass selbst die Umsetzung der „positiven” und „vern&#252;nftigen” Aspekte des Entwurfs sehr unwahrscheinlich sei. Die Reaktion der oppositionellen SozialdemokratInnen war ebenso ablehnend. Anstatt jedoch den grundlegenden neoliberalen Inhalt des Plans zu kritisieren, behaupteten die SozialdemokratInnen einzig, dass die Konservativen ihre Vorschl&#228;ge geklaut h&#228;tten. Kurz darauf k&#252;ndigte die Regierung an, dem Parlament einen Entwurf f&#252;r ein neues Arbeitsgesetz vorzulegen. Die Arbeitsverh&#228;ltnisse sollten noch flexibler und der Schutz der ArbeiterInnen vor Entlassungen noch prek&#228;rer werden – alles im Dienste eines „guten Gesch&#228;ftsklimas“, versteht sich. Die f&#252;r gew&#246;hnlich zerstrittenen und schwerf&#228;lligen Gewerkschaften reagierten umgehend mit einer Petition f&#252;r ein Referendum zu diesem Arbeitsgesetz und sammelten in nur zwei Wochen eine beispiellose Zahl von 900.000 Unterschriften. Die Regierung sah sich daraufhin gezwungen, die Umsetzung des Entwurfs zumindest tempor&#228;r auf Eis zu legen. Die Verhandlungen zwischen Gewerkschaftsf&#252;hrerInnen und dem Premierminister f&#252;hrten jedoch zu keiner Einigung. Die frustrierte Regierung zweifelte daraufhin die Rechtm&#228;&#223;igkeit von 500.000 Unterschriften an – ein offensichtliches Beispiel f&#252;r opportunistischen Zynismus, der den Spott der Medien nach sich zog und zu einem w&#252;tenden Aufschrei in der Bev&#246;lkerung f&#252;hrte.<br />
J&#252;ngst hat in Zagreb ein Hungerstreik von Textilarbeiterinnen, die seit Monaten keinen Lohn erhalten haben, zu &#246;ffentlichen Protesten und Solidarit&#228;tsbekundungen von Seite der Studierendenbewegung gef&#252;hrt. Letzte wurde umgekehrt von ArbeiterInnen &#246;ffentlich und auch logistisch unterst&#252;tzt. Gerade die Studierendenbewegung sowie Anti-Gentrifizierungs-AktivistInnen haben sich als die militantesten GegnerInnen dessen erwiesen, was David Harvey „Akkumulation durch Enteignung“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> nennt. Auch einige feministische Gruppierungen haben sich den j&#252;ngsten Protesten angeschlossen. Ob diese Aktivit&#228;ten erste Anzeichen f&#252;r das Entstehen einer stabilen und breiten Koalition gegen die neoliberale Politik sind, wird sich erst noch zeigen m&#252;ssen. Die Antwort der Premierministerin Jadranka Kosor – deren Regierung in j&#252;ngster Zeit von Korruptionsaff&#228;ren und personellen Skandalen ersch&#252;ttert wurde – auf die K&#228;mpfe fiel jedenfalls ebenso plump aus wie die der anderen m&#228;chtigen kroatischen PolitikerInnen: Ihren gro&#223;en politischen Weisheiten zufolge sei der Zukunft des Landes besser durch weitere Privatisierungen denn durch Proteste auf den Stra&#223;en und Hungerstreiks gedient. W&#228;hrend ersteres von der EU explizit eingefordert wird, setzt letzteres wohl h&#246;chstens unsere Beitrittschancen in den exklusiven Club der M&#228;chtigen und Reichen aufs Spiel.</p>
<p><em>Maria </em>ist Medienaktivistin in Kiew und Budapest und engagiert sich bei <em>Amnesty International Ungarn</em> sowie dem <em>Morze Infoshop</em> in Budapest (Homepage: <a href="http://balkans.puscii.nl/?q=content/morze-infoshop-website-and-description-update">http://balkans.puscii.nl/?q=content/morze-infoshop-website-and-description-update</a>).</p>
<p><em>Stipe &#196;urkovi&#196;</em> ist Absolvent der Germanistik und Vergleichenden Literaturwissenschaft an der Filozofski fakultet in Zagreb und in der Bewegung f&#252;r geb&#252;hrendfreies Studieren aktiv. Er schreibt unter anderem f&#252;r die Zeitschrift Zarez und &#252;bersetzt zur Zeit David Harveys <em>A Brief History of Neoliberalism</em> ins Kroatische</p>
<p><Strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Interview und &#220;bersetzung: Redaktion <em>Perspektiven</em>.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Die Zahlen sind der Institutshomepage entnommen. Anm. d. &#220;.: Leider ist diese nur auf kyrillisch verf&#252;gbar (unter: http://bd.fom.ru/report/map/ukrain/ukrain_eo/du100430).<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Anm. d. &#220;bers.: Als PIIGS („Schweine“) werden die f&#252;nf EU-Staaten Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien bezeichnet, denen in der „Eurokrise“ unterstellt wurde, ihnen k&#246;nnte aufgrund ihrer hohen Staatsverschuldung der Staatsbankrott drohen.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Die meisten Zahlen sind den offiziellen Statistiken der Kroatischen Zentralbank HNB (Hrvatska narodna banka) entnommen. Diese sind online verf&#252;gbar unter: http://www.hnb.hr/statistika/hstatistika.htm<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Anm. d. &#220;bers.: Ante Markovi&#196; war von 1986 bis 1988 Pr&#228;sident der Sozialistischen Republik Kroatien und von 1989 bis 1991 Premierminister der SFR Jugoslawien.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Anm. d. &#220;bers.: Jeffrey Sachs ist ein US-amerikanischer &#214;konom, der u. a. als Berater f&#252;r den IWF, die WTO und die Weltbank t&#228;tig war und derzeit als Sonderberater f&#252;r die Millennium-Entwicklungsziele (MDGs) der Vereinten Nation fungiert.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> vgl. https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/geos/hr.html<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Anm. d. &#220;bers.: Julia Timoschenko war von Januar bis September 2005 und von Dezember 2007 bis M&#228;rz 2010 Premierministerin der Ukraine.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Anm. d. &#220;bers.: Wiktor Juschtschenko war von Dezember 1999 bis Mai 2001 Ministerpr&#228;sident und von Januar 2005 bis Februar 2010 Pr&#228;sident der Ukraine.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Anm. d. &#220;bers.: Viktor Yanukovych war bereits zuvor – von November 2002 bis Dezember 2004 – Premierminister der Ukraine.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Anm. d. &#220;bers.: Leonid Kuchma war von Juli 1994 bis J&#228;nner 2005 Pr&#228;sident der Ukraine.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Anm. d. &#220;bers.: Das Stahlunternehmen wurde 2005 von der Mittal Steel Company ersteigert und tr&#228;gt seitdem den Namen Mittal Steel Kryviy Rih.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Anm. d. &#220;bers.: Mit dem Begriff der „Orangenen Revolution“ werden die Ereignisse rund um die Pr&#228;sidentschaftwahl 2004 in der Ukraine bezeichnet. Nachdem es bei der Wahl zu Wahlf&#228;lschungen gekommen war, protestierte die Bev&#246;lkerung mehrere Wochen lang, bis schlie&#223;lich die Stichwahl wiederholt wurde. In dieser siegte Wiktor Juschtschenko gegen den zuvor zum Sieger erkl&#228;rten Viktor Yanukovych.<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Anm. d. &#220;bers.: Mit dem Begriff „Akkumulation durch Enteignung“ bezeichnet der marxistische Wirtschaftsgeograph David Harvey den Umstand, dass die von Marx als „urspr&#252;ngliche“ oder „primitive“ „Akkumulation“ bezeichneten Prozesse der Kapitalakkumulation durch (staatliche) Gewalt und Raub ein zentrales Charakteristikum auch des entwickelten Kapitalismus darstellen (vgl. Harvey, David: Der neue Imperialismus, Hamburg 2005, S. 136ff.).</p>
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		<title>Out Now: Perspektiven Nr.12</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Oct 2010 18:53:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Union]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Krisentheorie]]></category>
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		<category><![CDATA[Politische Ökonomie]]></category>
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		<description><![CDATA[Perspektiven Nr.12 ist erschienen – Schwerpunkt: &#8220;Autorit&#228;re Antworten auf die Krise&#8221;


Der Inhalt in Kurzform:
Im Schwerpunkt:
Nicolas Schlitz und Felix Wiegand: Die FP&#214;. Nutznie&#223;erin der Krise? – Bonn Juego und Johannes Dragsbaek Schmidt: Die globale Krise und der Angriff auf die Demokratie – Interview zur Situation in Osteuropa: Im Osten nichts Neues – Hanna Lichtenberger, Veronika Duma und Tobias Boos: Hinter dem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><em>Perspektiven</em> Nr.12 ist erschienen – Schwerpunkt: &#8220;Autorit&#228;re Antworten auf die Krise&#8221;</h3>
<p><span id="more-1627"></span><br />
<a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2010/10/p12end.jpg"><img class="aligncenter size-medium wp-image-1617" title="p12end" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2010/10/p12end-211x300.jpg" alt="" width="211" height="300" /></a><br />
<strong>Der Inhalt in Kurzform</strong>:</p>
<p>Im Schwerpunkt:<br />
<a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/10/15/die-fpoe-nutzniesserin-der-krise/">Nicolas Schlitz und Felix Wiegand: Die FP&#214;. Nutznie&#223;erin der Krise?</a> – Bonn Juego und Johannes Dragsbaek Schmidt: Die globale Krise und der Angriff auf die Demokratie – Interview zur Situation in Osteuropa: Im Osten nichts Neues – Hanna Lichtenberger, Veronika Duma und Tobias Boos: Hinter dem Faschismus steht…?</p>
<p>Au&#223;erhalb des Schwerpunkts:<br />
Peter Hallward: Haiti. Von der Flut zum Beben – Paul Pop: Zehn Filme, die man vor der Revolution gesehen haben muss – Philipp Probst: Vom Aufstieg und Fall der Profitrate – Rezensionen und Rosinenpicken</p>
<p>Jetzt <a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/10/15/editorial-10/">Editorial</a> lesen! <a href="http://www.perspektiven-online.at/ausgaben/perspektiven-nr-12/">Perspektiven Nr. 12</a> bestellen! <a href="http://www.perspektiven-online.at/abo/">Abo </a>holen!</p>
<p>Wir w&#252;nschen interessante Lekt&#252;re, W&#252;nsche, Anregungen und Kritik sind wie immer herzlich willkommen und ausdr&#252;cklich erw&#252;nscht, am einfachsten per Mail an <a href="redaktion@perspektiven-online.at">redaktion@perspektiven-online.a</a>t !</p>
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		<title>Eine Geschichte aus dem „Goldenen Zeitalter“</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/02/22/eine-geschichte-aus-dem-goldenen-zeitalter/</link>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:39:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 4]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Osteuropa]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage, Regie: Cristian Mungius, Rum&#228;nien 2007]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage, Regie: Cristian Mungius, Rum&#228;nien 2007<br />
<span id="more-67"></span><br />
„4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ geht unter die Haut. Der Film erz&#228;hlt die Geschichte der jungen Studentin Gabita, die sich – begleitet von ihrer Freundin Otilia – im Rum&#228;nien der sp&#228;ten 1980er Jahre einer illegalen Abtreibung unterzieht. In zur&#252;ckhaltend beobachtender und gleichzeitig sehr intensiver Weise l&#228;sst Mungius die/den Zusehende/n an diesen dramatischen Stunden der Protagonistinnen teilnehmen und hebt die individuelle Erfahrung aus dem Kontext historischer Realit&#228;t hervor. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Mungius siedelt seine Geschichte, die als Teil des Filmprojekts „Geschichten aus dem Goldenen Zeitalter“ (zynischerweise charakterisierte Nicolae Ceauşescu die Jahre seiner politischen F&#252;hrung als solches) eine Geschichte aus dem Alltag im „sozialistischen“ Rum&#228;nien darstellen soll, in diesem realen Rum&#228;nien an. Bereits 1966, kurz nach seiner Macht&#252;bernahme, verbot Ceauşescu die Abtreibung, wie auch empf&#228;ngnisverh&#252;tende Mittel. Das Volk des „sozialistischen“ Rum&#228;niens sollte sich schnell vermehren. Mungius erinnert sich in einem Interview – er selbst ist 1968 geboren – wie rasant die Bev&#246;lkerungszahl zu dieser Zeit stieg, die Zahl der Klassen in den Schulen sei, so Mungius, von zwei bis drei auf neun bis zehn, die Durchschnittszahl der Sch&#252;lerInnen pro Klasse von 28 auf 36 gewachsen. Vor diesem Hintergrund h&#228;tten mehr und mehr Frauen sich einer illegalen Abtreibung unterzogen, was vorwiegend als Akt der Rebellion und Widerstand gegen das Regime wahrgenommen worden sei. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Gabita und Otilia teilen sich ein Zimmer im StudentInnenwohnheim, dessen trostlose Atmosph&#228;re aus jeder Ecke schreit, der Kauf einer Schachtel Zigaretten vom Schwarzh&#228;ndler scheint das einzige Symbol f&#252;r Freiheit und Lebensgenuss im farblos gezeichneten Leben der jungen Frauen. Nachdem Gabita ihrer Freundin anvertraut, dass sie schwanger ist, wird bald klar, dass die einzige M&#246;glichkeit, die Schwangerschaft abzubrechen, eine illegale Abtreibung ist – Abtreibungen waren in Rum&#228;nien in der Zeit zwischen 1966 und 1989 nicht nur gesetzlich verboten, sondern auch streng geahndet. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Otilia gelingt es mit Hilfe ihres Freundes Adi, das n&#246;tige Geld f&#252;r den Eingriff aufzutreiben. Ein Gespr&#228;ch zwischen den beiden im Verlauf des Films macht deutlich, wieso sie ihren Freund nicht in das Vorhaben einweiht, er verweigert die Ben&#252;tzung von Kondomen, ohne sich der daraus m&#246;glicherweise resultierenden Konsequenzen auch nur im Ansatz bewusst zu sein. Otilia organisiert ein Hotelzimmer, was sich als &#228;u&#223;erst schwieriges Unterfangen herausstellt und einmal mehr die von Angst und Unterdr&#252;ckung gepr&#228;gte Atmosph&#228;re im repressiven Staat eindringlich vermittelt. Dort haben sich die beiden Frauen mit Herrn Bebe verabredet, dem Mann, der sich f&#252;r eine vorher vereinbarte finanzielle Gegenleistung bereit erkl&#228;rt, den Abbruch der Schwangerschaft vorzunehmen, er wird Gabita eine Sonde einf&#252;hren, die den F&#246;tus absaugt. Herr Bebe entpuppt sich als grausam und skrupellos. Er stellt zun&#228;chst fest, dass sich Gabita bereits in einem Schwangerschaftsstadium befindet, in welchem ein Abbruch vom Gesetz als Mord qualifiziert wird und wei&#223; die Notlage der Frauen auszun&#252;tzen. Er sch&#252;chtert sie massiv ein, um sie zum Geschlechtsverkehr zu zwingen, ehe er die brutale Prozedur einleitet und die beiden Frauen wieder ihrem Schicksal &#252;berl&#228;sst.</span><span>  </span><o></o></p>
<p class="Fliesstext"><span>W&#228;hrend Gabita im Bett liegen bleiben muss, besucht Otilia auf Dr&#228;ngen ihres Freundes die Geburtstagsparty seiner Mutter, wo die junge Frau sich in einer Runde gutb&#252;rgerlicher Erwachsener wieder findet, die sie mit vermeintlichen Ratschl&#228;gen und Lebensweisheiten &#252;berh&#228;ufen und ihr ein Gef&#252;hl der Unterlegenheit aufzw&#228;ngen, nicht zuletzt aufgrund ihrer „einfachen Herkunft“. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Mungius gelingt es mit seiner nahezu dokumentarischen Erz&#228;hlweise die Aufmerksamkeit des/der Zusehenden in pausenloser (An)spannung zu halten und verlangt ihnen dabei viel ab. Mit ungeschminkten Dialogen und einer mit Bedacht unspektakul&#228;r gestalteten Kulisse h&#228;lt er die schrecklichen Erfahrungen der beiden Frauen fest und bettet sie in den politischen Hintergrund, ohne dass dieser explizit Erw&#228;hnung findet. Die Schauspieler/innen &#252;berzeugen durch ein H&#246;chstma&#223; an Authentizit&#228;t und Hingabe und wecken dabei gro&#223;e Gef&#252;hle, denen man/frau sich nicht zu entziehen vermag. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Mit langen aber nie langatmigen Sequenzen in Echtzeit l&#228;sst der Regisseur die Zusehenden den einschneidenden Tag im Leben der beiden Frauen auf einzigartige Weise miterleben und &#246;ffnet die Augen f&#252;r einen wahrhaftigen und unverf&#228;lschten Einblick in eine entsetzliche Wirklichkeit. Die Entscheidung, welche der beiden Frauen die Hauptrolle spielt, &#252;berl&#228;sst er dem/der Zusehenden selbst. Durch einen st&#228;ndigen Wechsel zwischen der Perspektive der naiv und unbeholfen wirkenden Gabita und der sich k&#228;mpferisch gebenden Otilia erzeugt Mungius einen spannenden Kontrast, der die andauernd beunruhigende Stimmung in die Tiefe hin anreichert. In seiner Geradlinigkeit au&#223;ergew&#246;hnlich fordert er die Auseinandersetzung mit einem wichtigen Thema und erschafft mit „4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage“ einen besonderen Film, der mindestens das Pr&#228;dikat </span><em>besonders wertvoll</em><span> verdient.<o></o></span></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Revolution im &#8220;falschen Kommunismus&#8221;</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2007/09/29/revolution-im-falschen-kommunismus/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2007/09/29/revolution-im-falschen-kommunismus/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 03:57:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 1]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Osteuropa]]></category>
		<category><![CDATA[Polen]]></category>
		<category><![CDATA[Stalinismus]]></category>
		<category><![CDATA[Ungarn]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Jahr 1956 war ein besonderes Krisenjahr f&#252;r die herrschenden Eliten der stalinistischen Diktaturen. In zwei L&#228;ndern manifestierten sich die Konflikte zwischen dem Staatsapparat und der Bev&#246;lkerung in besonderem Ausma&#223;, zuerst bei ArbeiterInnen-Aufst&#228;nden in Polen und schlie&#223;lich in Ungarn mit einer echten Revolution. <em>Maria Asenbaum</em> stellt die Ereignisse 1956 in die Tradition des Sozialismus von unten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Jahr 1956 war ein besonderes Krisenjahr f&#252;r die herrschenden Eliten der stalinistischen Diktaturen. In zwei L&#228;ndern manifestierten sich die Konflikte zwischen dem Staatsapparat und der Bev&#246;lkerung in besonderem Ausma&#223;, zuerst bei ArbeiterInnen-Aufst&#228;nden in Polen und schlie&#223;lich in Ungarn mit einer echten Revolution. <em>Maria Asenbaum</em> stellt die Ereignisse 1956 in die Tradition des Sozialismus von unten.<br />
<span id="more-91"></span><br />
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der imperialistischen Neuaufteilung Europas fiel Osteuropa unter russische Kontrolle. Der so genannte Kommunismus der sich in L&#228;ndern wie Polen, Tschechien, Rum&#228;nien, Bulgarien und Ungarn etablierte, war weder durch soziale noch politische Revolutionen von unten erk&#228;mpft, sondern von externen Kr&#228;ften eingef&#252;hrt worden. Die kommunistischen Parteien in diesen L&#228;ndern hatten bis dahin nicht zwangsl&#228;ufig eine wichtige Rolle gespielt.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> Sie verbreiteten ihre Macht in den Nachkriegsjahren nicht durch politischen Zuspruch aus der Bev&#246;lkerung, sondern &#252;ber den Aufbau eines b&#252;rokratischen Verwaltungs-Apparates, gest&#252;tzt durch sowjetische Milit&#228;r-Pr&#228;senz. Es entstand eine neue Klassenstruktur in Osteuropa. Die wirtschaftliche Umverteilung, die nat&#252;rlich in erster Linie russischen Interessen diente, erm&#246;glichte innerhalb der L&#228;nder eine gewisse soziale Mobilit&#228;t. ArbeiterInnen und B&#228;uerInnen konnten durch eine Mitgliedschaft in den wachsenden kommunistischen Parteien in privilegierte Stellungen aufsteigen. Die stalinistische Ideologie wurde &#252;berall verbreitet und wurde Teil des Alltagslebens der Menschen. Doch all das konnte die Tatsache nicht verschleiern, dass das wirtschaftliche und politische Schicksal dieser L&#228;nder von nun an von Moskau aus diktiert wurde, ein Umstand gegen den sich die betroffen Menschen mehr als ein Mal zur Wehr setzten.</p>
<h3>Polen – Widerstand und Repression</h3>
<p>Die polnische Bev&#246;lkerung litt in den 50er Jahren schwer unter der sowjetischen Ausbeutungspolitik. Der Lebensstandard der polnischen ArbeiterInnen fiel zwischen 1949 und 1955 um zehn Prozent. Vierzig Prozent der nationalen Produktion wurde f&#252;r die Gro&#223;industrie verwendet, anstatt den Bed&#252;rfnissen der Bev&#246;lkerung zu dienen. Auch der strategische Kurswechsel der sowjetischen Eliten im Jahr 1953 bedeutete f&#252;r die Menschen keine tats&#228;chliche Verbesserung ihrer Lebenssituation.<br />
Das Jahr 1953 war ein Wendepunkt f&#252;r die Kommunistische Partei Russlands. Unter dem Druck der Revolten in Ostdeutschland und erm&#246;glicht durch den Tod Stalins wurde in vielen der so genannten „Volksdemokratien“ eine liberalere Politik eingef&#252;hrt. In Polen waren die wirtschaftlichen Zugest&#228;ndnisse eher halbherzig und oft erst erreicht, wenn die ArbeiterInnen selbst daf&#252;r eintraten. So gab es gegen die sinkenden L&#246;hne und die steigende Arbeitszeit immer wieder kleinere Streiks, wie in Danzig und Warschau. Politisch wurden allerdings durch die Lockerung der Zensur neue Spielr&#228;ume f&#252;r kritische Auseinandersetzung mit der Regierungspolitik er&#246;ffnet. Mitte der 50er traten Studierende, JournalistInnen und sozialistische AutorInnen<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> eine Welle der Kritik am Regime los. Im Zentrum der kritischen Debatten stand eine Gruppe, die sich als „Oktober Linke“ bezeichnete. Die studentische marxistische Wochenzeitschrift <em>Po Prostu</em>, die bis zu 90.000 LeserInnen erreichte, wurde in Polen zum wichtigsten Medium der Kritik gegen das Regime. Viele Artikel behandelten den chaotischen Zustand der Industrie und die Probleme, die offiziell nicht existierten (z.B. 300.000 Arbeitslose), aber sie portraitierten auch die unglaublichen Privilegien der herrschenden B&#252;rokraten-Klasse und kontrastierten diese mit der Lebenssituation der ArbeiterInnen.<br />
Auch in den Betrieben wurden die Unmuts&#228;u&#223;erungen immer lauter. Die Arbeitsbedingungen hatten sich zunehmend verschlechtert. Am 28. Juni 1956 entlud sich die angestaute Wut der ArbeiterInnen in Posen. 16.000 FabriksarbeiterInnen mit selbst angefertigten Bannern zogen durch die Stra&#223;en und skandierten “Wir wollen Brot!”, “Wir wollen niedrigere Preise und h&#246;here L&#246;hne!”. Leute aus den umliegenden Fabriksgeb&#228;uden und Gesch&#228;ften schlossen sich der Demonstration an. Bald hatte sich ein Drittel der gesamten Stadtbev&#246;lkerung vor dem Rathaus versammelt und forderte: “Wir wollen Freiheit!”, “Nieder mit dem falschen Kommunismus!”, “Nieder mit den Russen!”.<br />
Die spontane Massendemonstration entwickelte immer mehr Dynamik. Ein Teil der Demonstration marschierte weiter zum Stadtgef&#228;ngnis, um dort politische Gefangene zu befreien, die Waffen der W&#228;rter wurden konfisziert. Ein anderer Teil der Menge &#252;bernahm die Radiostation. Die gesamte Machtstruktur wurde pl&#246;tzlich herausgefordert.<br />
Die Regierung in Warschau antwortete mit Spezialeinheiten der Armee. Bis zum Abend &#252;bernahmen diese mit ihrer &#252;berlegenen Bewaffnung wieder die Kontrolle &#252;ber die Stadt. Der Aufstand, auch wenn teilweise am n&#228;chsten Tag noch weiter gek&#228;mpft wurde, war in den sp&#228;ten Stunden niedergerungen. Am n&#228;chsten Tag erst konnte der Rest der polnischen Bev&#246;lkerung direkt aus der offiziellen Parteizeitung erfahren was geschehen war:<br />
“Feindliche Agenten haben erfolgreich Unruhen provoziert. Die Geschehnisse gingen so weit, dass &#246;ffentliche Geb&#228;ude attackiert wurden, Todesopfer waren die Folge … Die Organisatoren dieser Aktion, eine breit und sorgf&#228;ltig vorbereitete Provokation, werden die volle H&#228;rte der Gesetze zu sp&#252;ren bekommen. … Die Provokation in Posen war von Feinden unseres Vaterlandes organisiert.”<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a></p>
<p>Doch ein wachsender Teil der herrschenden Klasse sah in Posen eine Warnung. Weitere Aufst&#228;nde w&#228;ren sicher nicht wieder so einfach niederzuschlagen. Der reformistische Fl&#252;gel innerhalb der Regierung wurde durch den Aufstand in Posen gest&#228;rkt. Der Widerspruch jedoch zwischen Reformern und jenen, die Reformen verabscheuten, spitzte sich immer weiter zu – bis im Oktober 1956 sogar ein B&#252;rgerkrieg drohte. Doch am 18. Oktober rollten russische Panzer in Polen ein um genau diesen zu verhindern und die Macht der Anti-Reformer zu st&#228;rken.</p>
<h3>Ungarn – die Revolution bricht aus</h3>
<p>W&#228;hrend die Unzufriedenheit in Polen 1956 dahinbrodelte, kochte sie in Ungarn &#252;ber. Um die Situation in Ungarn 1956 zu erkl&#228;ren, m&#252;ssen erst die zuvor liegenden, von Moskau gelenkten, Regierungsman&#246;ver betrachtet werden, die letztendlich zu einer Fraktionierung der politisch herrschenden Klasse Ungarns f&#252;hrten. Bis 1953 wurde der 5-Jahresplan Stalins in Ungarn unbarmherzig umgesetzt. Die Schwerindustrie wuchs um 210%, w&#228;hrend der Lebensstandard der Bev&#246;lkerung kontinuierlich sank. Exekutiert wurde diese harte Wirtschaftspolitik bis zum Jahr 1953 durch die Regierung um Mátyás Rákosi<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a>. Dann leitete Chruschtschow auch in Ungarn einen Kurswechsel ein. Die neue politische Leitfigur war Imre Nágy mit seiner Idee des „nationalen und menschlichen Sozialismus“. Er sollte Unruhen vorbeugen und so kam es zu einigen Reformen, im Sinne der arbeitenden Bev&#246;lkerung: ArbeiterInnen sollten h&#246;here Bez&#252;ge erhalten und die Wirtschaftspl&#228;ne weniger &#252;berspannt werden, den Bauern wurden die Strafen f&#252;r nicht-vollbrachte Zwangsablieferungen gestrichen und Partei und Staatsapparat sollten st&#228;rker getrennt werden. Ungarn erlebte 1953 den Beginn einer neuen Epoche – eine Epoche des „Neuen Kurs“. Die Gruppe um Imre Nágy setzte diese Reformen jedoch nicht ohne Widerstand aus der eigenen Partei um. Rákosi lehnte diese strikt ab. Auch das Zentralkomitee der KPdSU in Moskau war alles andere als ein homogener Block. Nicht einmal zwei Jahre nach der Einf&#252;hrung dieser Reformen schwang das ZK der KPdSU nach einem Besuch Rákosis in Moskau um und Rákosi wurde der R&#252;cken gest&#228;rkt.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a><br />
Mitte 1956 konzentrierte sich die Diskussion in ganz Ungarn auf die Politik der Diktatur der KP. Das Zentrum der Kritik stellte der so genannte Pet&#246;fi-Kreis<sup>6</sup> dar. Das war vorerst ein studentischer Diskussionszirkel, der sich mit Fragen marxistischer Philosophie und Realpolitik besch&#228;ftigte. Bald wurden aber immer gr&#246;&#223;ere Veranstaltungen organisiert und die Themen wurden immer brisanter: der wirtschaftspolitische Kurs Ungarns, Demokratie, Pressefreiheit, uvm. Die TeilnehmerInnen waren RegierungskritikerInnen, vor allem aus privilegierten Milieus, wie Universit&#228;t, Verwaltungsapparat oder Armee. Mit diesem Zirkel formierte sich ein zweites politisches Zentrum in Ungarn, welches die Politik des Zentralkomitees der MDP (kommunistische Partei Ungarns) herausforderte.<br />
Im Juli 1956 musste Rákosi aufgrund der immer st&#228;rkeren Opposition, nicht zuletzt bedroht durch die Entwicklungen in Polen, zur&#252;cktreten. Der ehemalige Chef der Staatsschutzbeh&#246;rde (AVH) und Mitstreiter Rákosis Ern&#246; Ger&#246; nahm seinen Posten ein. Doch die kritischen Stimmen wurden immer lauter, auch in den Betrieben begannen die ArbeiterInnen nach und nach Fragen zu stellen. Die Stimmung unter den Intellektuellen und unter den ArbeiterInnen heizte sich auf.</p>
<h3>Massenaufstand in Budapest</h3>
<p>Am 22. Oktober riefen einige StudentInnengruppen zu einer Demonstration in der Hauptstadt auf, um ihre Solidarit&#228;t mit “unseren polnischen Br&#252;dern” auszudr&#252;cken. Vielleicht w&#228;re es auch bei einem friedlichen Zeichen der Solidarit&#228;t geblieben, w&#228;ren die Menschen nicht gleich mit der Willk&#252;r ihrer eigenen herrschenden Klasse konfrontiert worden, die die Demonstration zun&#228;chst erlaubte und diese Erlaubnis kurz danach wieder entzog. Trotzdem, oder gerade deswegen, versammelten sich 100.000 Menschen am Platz vor der Statue von Josef Bem<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a>. In flammenden Reden wurden Reformen gefordert. Reformen, wie eine eigene, von Russland unabh&#228;ngige Politik, auf Basis sozialistischer Prinzipien. Betriebe sollten von ArbeiterInnen selbst gef&#252;hrt werden. Gewerkschaften sollten zur echten Repr&#228;sentantin der Interessen der ungarischen ArbeiterInnenklasse werden. Und nat&#252;rlich die Forderung nach freien Wahlen.<br />
Der Protestmarsch schien schon vor&#252;ber zu sein. Die Kundgebungen gehalten. Doch die Menschen wollten sicher gehen, dass ihre Forderungen tats&#228;chlich erf&#252;llt werden. Langsam bewegte sich die Menge weg vom Platz der Bem-Statue hin Richtung Parlament. Die Demonstration radikalisierte sich. “Raus mit den Russen!”, “Nieder mit Rákosi!”, “Freie und geheime Wahlen!”, “Nágy an die Macht!”. Die Demonstration schwoll immer mehr an. &#220;ber Radio sprach Ger&#246; zu den Menschen. Seine Rede machte klar, dass die Gruppe um ihn keinen Politikwechsel vorhatte.<br />
Zum Gef&#252;hl der Solidarit&#228;t und St&#228;rke kam nun auch das Gef&#252;hl der Bitterkeit, der Wut. Ein gro&#223;er Teil der Demonstration marschierte im Anschluss weiter zur Radiostation, um Ger&#246; zu antworten. Ein anderer Teil marschierte zum Stadtpark und riss die Stalin-Statue nieder. Ein weiteres verhasstes Symbol der Diktatur stellte sich den Menschen bei der Radiostation entgegen. 500 Soldaten der Staatsschutzbeh&#246;rde AVH bewachten sie. Es kam zu erbitterten Stra&#223;enschlachten zwischen der Polizei und den sich spontan bewaffnenden DemonstrantInnen. In diesem Moment begann in Ungarn die Revolution. Entgegen den Beteuerungen der Propaganda waren nicht einzelne Individuen am Werk, sondern ein gro&#223;er Teil der Budapester Bev&#246;lkerung.<br />
Ein Reporter aus Jugoslawien beschreibt die Situation folgenderma&#223;en:<br />
„Tausende Menschen eigneten sich Waffen an, indem sie Soldaten entwaffneten. Einige dieser Soldaten solidarisierten sich mit den erbittert k&#228;mpfenden Massen. Es wird berichtet, dass sie in Baracken eingebrochen und die Waffenfabrik Budapests eingenommen haben. Auf den Stra&#223;en tauchten Maschinengewehre und sogar leichte Infanterie auf. Gem&#228;&#223; den Augenzeugenberichten sind die Beh&#246;rden handlungsunf&#228;hig, es ist ihnen nicht m&#246;glich die blutigen Auseinandersetzungen zu beenden.“<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a></p>
<p>Der ungarische Staatsapparat drohte v&#246;llig zusammenzubrechen. Am 23. und 24. Oktober geriet die Budapester F&#252;hrung derma&#223;en in Panik, dass einige in die Untergrundbunker flohen, die f&#252;r die ArbeiterInnen nicht zug&#228;nglich waren. Die regul&#228;re Polizei war machtlos und in Budapest liefen 1.200 Offiziere angef&#252;hrt vom Polizeichef Sandor Kopasci zu den DemonstrantInnen &#252;ber.</p>
<h3>Doppelherrschaft</h3>
<p>Die Herrschenden mussten reagieren. Am n&#228;chsten Morgen verk&#252;ndete Ger&#246; die Bildung einer neuen Regierung mit Imre Nágy als Ministerpr&#228;sident, was einer Forderung der Aufst&#228;ndischen entsprach. Die Auseinandersetzungen gingen jedoch auch unter der neuen Regierung weiter.<br />
Am dritten Tag der K&#228;mpfe, am 26. Oktober, begannen die Menschen Strukturen zu schaffen, um ihrer neuen Macht Ausdruck zu verleihen und effizienter zu agieren. Sie formierten “Revolution&#228;re R&#228;te” in den St&#228;dten und Stadtvierteln, in den D&#246;rfern, in Zeitungsb&#252;ros und in Schulen, auf Bauernh&#246;fen und in den Fabriken. Die R&#228;te organisierten die Revolution und das Alltagsleben. Sie waren die Koordinationspunkte um Kampfstrategien weiterzuentwickeln, aber sie organisierten auch die Arbeit in den Fabriken und die Verteilung von Lebensmitteln und anderen G&#252;tern. Sie waren der Ausdruck von Demokratie und Selbstverwaltung in dieser revolution&#228;ren Phase, sie zeigten das Potenzial der ArbeiterInnenklasse, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.<br />
Die R&#228;te machten klar, dass es den Menschen in der ungarischen Revolution um eine tats&#228;chliche Umstrukturierung der gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse ging, mit dem zentralen Punkt der Kontrolle der ArbeiterInnen &#252;ber die Produktion. So wurde bei einer Versammlung von 24 R&#228;ten aus Budapest eine Resolution verabschiedet, die unter anderem folgende Punkte enthielt:<br />
- Die Fabriken sind Eigentum der ArbeiterInnen.<o></o><br />
- Die Kontrolle &#252;ber ein Unternehmen wird von dem demokratisch gew&#228;hlten ArbeiterInnenrat ausge&#252;bt.<br />
- Die Rechte der ArbeiterInnenr&#228;te werden folgenderma&#223;en definiert:<br />
o Die Zustimmung und Ratifizierung aller Projekte, die das Unternehmen betreffen<br />
o Die Festlegung des Lohnniveaus<o></o><br />
o Die Entscheidungsbefugnis &#252;ber alle Vertr&#228;ge im Export-Bereich<o></o><br />
o Finanzierungsentscheidungen<o></o><br />
o Einstellungs- und Entlassungspolitik<o></o><br />
o Die Ernennung eines Leiters des Unternehmens, der dem Rat gegen&#252;ber                                 verantwortlich ist.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a></p>
<p>Das Netz der R&#228;testrukturen wurde immer gr&#246;&#223;er und ihre Forderungen radikaler. In solch einer Situation konnte die Regierung auf zwei Arten reagieren: Entweder sie versuchte, den Aufstand und die daraus entstandenen Strukturen blutig niederzuschlagen, oder durch gro&#223;e Zugest&#228;ndnisse auf die Forderungen der Masse einzugehen und damit die revolution&#228;re Krise zu entsch&#228;rfen. Die Regierung entschied sich f&#252;r zweiteres. Am 30. Oktober verk&#252;ndete Nágy: “Das Kabinett wird das Ein-Parteiensystem abschaffen und die Regierung auf die Basis demokratischer Kooperation der Parteien von 1945 stellen.”<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> Die ArbeiterInnenr&#228;te, so wurde versprochen, sollten offiziell eingebunden werden. Bis Anfang November wurden immer mehr der popul&#228;ren Figuren der Revolution in die Regierung integriert. In den R&#228;ten selbst stellte sich nun die Frage, ob man dieser neuen Regierung vertrauen, oder eine eigene, in Form eines zentralen ArbeiterInnenrats, gr&#252;nden sollte. W&#228;hrend in den Revolution&#228;ren R&#228;ten noch diskutiert wurde, wurde von Moskau aus bereits die Konter-Revolution vorbereitet.</p>
<h3>Verrat und Konterrevolution</h3>
<p>Am 4. November r&#252;ckten russische Panzer in Budapest ein. Die ungarische Regierung wollte sich den Invasoren nicht kampflos ergeben. Imre Nágy verk&#252;ndete:<br />
“Heute im Morgengrauen haben sowjetische Kr&#228;fte begonnen unsere Hauptstadt anzugreifen, um offensichtlich die legale, demokratische ungarische Regierung zu st&#252;rzen. Unsere Truppen k&#228;mpfen. Die Regierung ist im Amt.“<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a></p>
<p>Aber wenige Stunden sp&#228;ter hatte die russische Armee alle strategisch wichtigen Punkte in der Stadt eingenommen. Nágy und die anderen Minister mussten fliehen. Doch in ganz Ungarn griffen die ArbeiterInnen zu den Waffen und stellten sich der einr&#252;ckenden russischen Offensive entgegen. In Csepel, Újpest, in Pécs, in Miskolc und in Dunapentele – &#252;berall str&#246;mten Menschen auf die Stra&#223;en um die Revolution zu verteidigen.<br />
Die russische Armee setzte ihren Angriff ohne Gnade fort. In ihrer Verzweiflung baten die Aufst&#228;ndischen den Westen um Hilfe. Doch sie hatten keine Unterst&#252;tzung zu erwarten. Der westlichen herrschenden Klasse war klar, dass diese Revolution, auch wenn gegen ihren Feind den Stalinismus gerichtet, nicht in ihrem Interesse war. Au&#223;erdem h&#228;tten sie damit eine Eskalation des Konflikts zwischen den gro&#223;en imperialistischen Bl&#246;cken riskiert.<br />
Als Russland die Kontrolle nach schweren K&#228;mpfen und mehr als 20.000 Toten wieder erlangte, &#252;bergaben sie sie an die neue ungarische Regierung unter Ministerpr&#228;sident János Kádár. Trotzdem war der Widerstand noch nicht gebrochen. Die Industrieproduktion war gestoppt, es gab keine Elektrizit&#228;t, die Nahrungsvorr&#228;te neigten sich dem Ende zu und das Telefonnetz und die Post funktionierten nur dann, wenn die ArbeiterInnen es wollten. Auch wenn sie milit&#228;risch geschlagen waren, ihre m&#228;chtigste Waffe gaben die ArbeiterInnen Ungarns nicht so schnell aus der Hand. Sie organisierten einen Generalstreik. Die Organisation des Streiks war weitaus schwieriger in dieser Situation. Viele der ArbeiterInnen hatten die Hoffnung auf einen Sieg l&#228;ngst aufgegeben. Nun war es wichtig die Kr&#228;fte zu b&#252;ndeln, wenn doch noch etwas erreicht werden sollte. Am 8. November fand ein Koordinationstreffen der Budapester ArbeiterInnenr&#228;te statt und ein Zentraler ArbeiterInnenrat wurde gegr&#252;ndet. Man einigte sich auf die folgenden Forderungen: Die Betriebe sollten Eigentum der ArbeiterInnen unter der Kontrolle der R&#228;te werden, die Macht der R&#228;te sich auch auf die wirtschaftlich, soziale und kulturelle Sph&#228;re ausweiten, eine eigene Miliz sollte geschaffen werden und ein Mehr-Parteien System auf sozialistischer Basis etabliert werden.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Allerdings war zu diesem Zeitpunkt bereits klar, dass diese Forderungen nicht zur G&#228;nze umgesetzt werden k&#246;nnten. Das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis hatte sich aufgrund ihrer milit&#228;rische &#220;berlegenheit schon weit zugunsten der herrschenden Klasse verschoben. So begannen nun die Verhandlungen zwischen der Kádár-Regierung und VertreterInnen des Zentralen ArbeiterInnenrates. R&#252;ckblickend erscheint das Verhalten der ehemaligen Revolutionsf&#252;hrerInnen etwas naiv. Denn w&#228;hrend noch &#252;ber die formale Annerkennung der R&#228;te verhandelt wurde, wurden mehr und mehr ihrer Mitglieder verhaftet, verschleppt und wie sich sp&#228;ter herausstellte, exekutiert. Die Regierung wollte und konnte die Macht der R&#228;te niemals akzeptieren. So wurde am 11. Dezember 1956 – 30 Tage seit seinem Bestehen – der Zentrale ArbeiterInnenrat von Gro&#223;budapest zur G&#228;nze verhaftet. Am 15. Dezember wurde die Todesstrafe f&#252;r wilde Streiks eingef&#252;hrt. Die ehemaligen Anf&#252;hrer der R&#228;te, wie Janoz Soltezs oder Josef Dudas wurden verhaftet und ermordet. Gleichzeitig wurden Lohnerh&#246;hungen f&#252;r die Mehrheit der ArbeiterInnen eingef&#252;hrt. Es wurde alles daran gesetzt den Arbeitsalltag wieder herzustellen. Am 6. J&#228;nner l&#246;ste sich der letzte ArbeiterInnenrat selbst auf.</p>
<h3>Sozialismus von unten</h3>
<p>Es stellt sich die Frage, warum ein System, das sich „Kommunismus“ oder „ArbeiterInnenstaat“ nennt, von ArbeiterInnen derart herausgefordert werden kann. In dieser Geschichte wird deutlich, dass der “real existierende Sozialismus” seit dem Stalinismus nichts mit Sozialismus zu tun hatte. Es wurden weder Produktion noch Verteilung unter der demokratischen Kontrolle von ArbeiterInnen organisiert. Die Kontrolle wurde durch einen repressiven b&#252;rokratischen Staatsapparat ausge&#252;bt.<br />
Worin liegt dann in diesem Zusammenhang die Bedeutung der ArbeiterInnenr&#228;te: Die Tatsache, dass sie gegen einen so genannten sozialistischen ArbeiterInnenstaat aufgebaut und von demselben wieder zerst&#246;rt wurden, zeigt, dass Ungarn weder vor noch nach 1956 in irgendeiner Weise sozialistisch war. Dass die R&#228;te die Kontrolle &#252;ber die Produktionsmittel &#252;bernahmen, zeigt auch, dass das Problem nicht die politische Degeneration an der Spitze war, sondern ein System, das ArbeiterInnen politisch und &#246;konomisch unterdr&#252;ckt. „Die Kommunisten verstaatlichten alle Fabriken und &#228;hnliche Unternehmen mit dem Slogan: Das sind eure Fabriken – ihr arbeitet f&#252;r euch selbst. Aber das genaue Gegenteil war der Fall“, betonte ein Arbeiter aus Csepel.</p>
<p>Aus diesem Grund wird der “real existierende Sozialismus” von uns als „b&#252;rokratischer Staatskapitalismus“ analysiert. Was die ArbeiterInnenr&#228;te dagegen geschaffen haben, n&#228;mlich der Ansatz einer demokratischen selbstverwalteten Gesellschaft, steht f&#252;r uns in der Tradition des “Sozialismus von unten”.<br />
„Der Kern der Vorstellung von einem Sozialismus von unten ist, dass der Sozialismus nur durch die Selbstbefreiung der in Bewegung geratenen Massen verwirklicht werden kann, die die Freiheit mit eigenen H&#228;nden ergreifen, die sich “von unten” in einen Kampf werfen, um die Kontrolle &#252;ber ihr Schicksal zu &#252;bernehmen, als Handelnde (nicht nur Unterworfene) auf der B&#252;hne der Geschichte.“<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> In Ungarn, Polen und Rum&#228;nien waren die kommunistischen Parteien vor und w&#228;hrend dem Krieg verschwindend klein nur in Tschechien hatten sie etwas mehr Bedeutung mit 240.00 Mitgliedern.<o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Z. B. Adam Wazyk, der bereits vor dem Krieg Anh&#228;nger der Kommunistischen Partei war und dann bekannter Vertreter „sozialistischen Realismus“ wurde<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> zit. nach Harman, Chris: Class Struggles in Eastern Europe 1945-1983. London: Bookmarks 1988. p98.<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Mátyás Rákosi war bereits vor dem 2. Weltkrieg, den er gro&#223;teils im russischen Exil verbrachte, Mitglied der Kommunistischen Partei. Ihm wird die „Sowjetisierung“ Ungarns zugeschrieben, er baute die AVH auf und bezeichnete sich selbst als „Stalins bester Sch&#252;ler“.<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Vgl. Varga, Gy&#246;rgy T.: Zur Vorgeschichte der ungarischen Revolution 1956. p73.<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Die Pet&#246;fi-Zirkeln entstanden aus einer Untergruppe der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei Ungarns.<br />
Benannt wurden sie nach dem Dichter und Held des ungarischen Freiheitskampfs 1848 Sándor Pet&#246;fi.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Josef Bem, urspr&#252;nglich aus Polen stammenden Helden im ungarischen Aufstand von 1848.<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Zit. n. Harman: Class Struggles in Eastern Europe. p131.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Nagy, Balász: Budapest 1956: The Central Workers Council. http://www.marxists.de/statecap/nagy/budapest.htm<o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Zit. n. Harman: Class Struggles in Eastern Europe. p138.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Zit. n. ebd.: p159.<o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Nagy, Balász: Budapest 1956: The Central Workers Council.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Draper, Hal: Die zwei Seelen des Sozialismus. http://www.anu.edu.au/polsci/marx/intros/2seelen.htm<o></o></p>
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