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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Neoliberalismus</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Der neoliberale Leviathan</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:11:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Wacquant, Loïc: Bestrafen der Armen. Zur neoliberalen Regierung der sozialen Unsicherheit, Opladen: Verlag Barbara Budrich 2009, 359 Seiten, € 30,80

In seinem Buch Bestrafen der Armen geht der franco-amerikanische Soziologe Loïc Wacquant der Frage nach, warum das Gef&#228;ngnis als Bestrafungsund Disziplinierungsinstrument in den letzten Jahrzehnten so stark an Zuspruch gewonnen hat. Wurde bis in die 1970/80er Jahre immer wieder versucht, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Wacquant, Loïc: Bestrafen der Armen. Zur neoliberalen Regierung der sozialen Unsicherheit, Opladen: Verlag Barbara Budrich 2009, 359 Seiten, € 30,80<br />
<span id="more-1967"></span><br />
In seinem Buch <em>Bestrafen der Armen</em> geht der franco-amerikanische Soziologe Loïc Wacquant der Frage nach, warum das Gef&#228;ngnis als Bestrafungsund Disziplinierungsinstrument in den letzten Jahrzehnten so stark an Zuspruch gewonnen hat. Wurde bis in die 1970/80er Jahre immer wieder versucht, alternative Formen der Bestrafung zu finden, wird der Ausbau der Gef&#228;ngnisse seither massiv in Gang gesetzt, konstatiert Wacquant. Der Soziologe erkl&#228;rt sich dieses Comeback des Gef&#228;ngnisses mit dessen integrativer Rolle f&#252;r den neoliberalen Staat. Entgegen klassischer Annahmen w&#252;rde der Neoliberalismus n&#228;mlich keinen schlanken, sondern einen strafenden Staat ben&#246;tigen, vor allem um die Opfer, die er selbst produziert, in Zaum zu halten.<br />
Wacquant zufolge besteht eine enge Verkn&#252;pfung zwischen bestimmten Phasen kapitalistischer Entwicklung und der zu dieser Zeit dominanten sozial- und innenpolitischen Linie. Diese Verkn&#252;pfung ist jedoch nicht rein polit&#246;konomisch zu verstehen. Aufgabe von Sozial- und Innenpolitik ist es zwar einerseits, f&#252;r die Regulierung und Reproduktion der ArbeiterInnenklasse zu sorgen, jedoch andererseits auch, diese zu disziplinieren und „in unw&#252;rdige und w&#252;rdige ArbeiterInnen“ (16) zu spalten. Um dieses politische Argument auch theoretisch zu begr&#252;nden, empfiehlt Wacquant eine Integration materialistischer Ans&#228;tze, die dem Verh&#228;ltnis von Produktions- und Strafssystem nachgehen, mit symbolischen Ans&#228;tze, welche die Rolle von sozialen Demarkationslinien besonders betonen: „[Wir] m&#252;ssen den Bruch mit der eng materialistischen Sicht der politischen &#214;konomie des Strafens vollziehen, um die nachhaltigen Wirkungen des Systems der Strafjustiz als kultureller Motor und Ursprung von sozialen Grenzziehungen, gesellschaftlichen Normen und moralischen Aufwallungen erfassen zu k&#246;nnen.“ (17) In den vier Haupteilen des Buches („Elend des Wohlfahrtsstaates“, „Gr&#246;&#223;e des Strafrechtsstaates“, „Prim&#228;re Zielgruppen“ und „Europ&#228;ische Deklinationen“) versucht Wacquant diesem Integrationsanspruch gerecht zu werden. Der Wandel des amerikanischen Wohlfahrtstaates vom f&#252;rsorgenden zum strafenden Staat wird daher beispielsweise einerseits auf die notwendigen &#246;konomischen Anpassungen im &#220;bergang vom Fordismus zum Postfordismus zur&#252;ckgef&#252;hrt, sowie andererseits auf seine symbolische Kontroll- und Sanktionsfunktion in Zeiten wachsender sozialer Unsicherheit.<br />
Spannend ist Wacquants konsequentes<br />
Zusammendenken von sozial- und innenpolitischen Ma&#223;nahmen. <em>Prisonfare </em>und <em>workfare </em>sind f&#252;r ihn nur zwei Seiten derselben Medaille. Beide sind Instrumente des neoliberalen Staates zur Wiederherstellung von sozialer Ordnung. Beide zielen auf die gleiche Gruppe von Personen ab: auf die vom neoliberalen System Ausgesto&#223;enen. Zwar ist dieser Gedanke, Wacquant zufolge, gar nicht so neu. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass das Gef&#228;ngnis seit dem 16. Jahrhundert daf&#252;r da war, die Nicht-Besitzenden und Vagabunden unter Kontrolle zu halten, doch wurde seit dem 18. Jahrhundert konsequent versucht, Sozial- und Innenpolitiken auseinander zu dividieren. Gerade der moderne Wohlfahrtsstaat zielte in seiner Sozialpolitik ja auch auf andere Teile der Bev&#246;lkerung ab, als das moderne Bestrafungssystem. Durch den Neoliberalismus f&#228;llt jedoch ein gr&#246;&#223;erer Teil der Bev&#246;lkerung aus der Zone der sozialen Integration hinaus. Diese gilt es aus Sicht der Herrschenden nun zu disziplinieren und zu bestrafen. (61ff.)<br />
Das Buch sticht insbesondere durch seinen Reichtum an empirischem Material hervor. Wacquant hat sich die 4800 Strafanstalten des amerikanischen Gef&#228;ngnissystems genau im Hinblick auf den Verlauf der H&#228;ftlingspopulationen, der Arten der Strafen sowie der sozialen Zusammensetzung der H&#228;ftlinge angesehen. Er beobachtet seit den 1970er Jahren nicht nur eine Strafversch&#228;rfung (bei gleichbleibender Kriminalit&#228;t), sondern auch eine zunehmende strafrechtliche &#220;berwachung au&#223;erhalb der Gef&#228;ngnisse. Besonders afroamerikanische Jugendliche werden von der Polizei vermehrt &#252;berwacht. Wie andere Gef&#228;ngnisforscherInnen betont auch Wacquant die Rolle von privatisierten Gef&#228;ngnissen f&#252;r die US-Wirtschaft. Weniger die Resozialisierung der H&#228;ftlinge ist die Funktion der Gef&#228;ngnisse, sondern die Bereitstellung billiger Arbeitskr&#228;fte. (131ff.) Hinsichtlich der Zielgruppen amerikanischer Gef&#228;ngnisse identifiziert Wacquant zwei als zentral: das (vorwiegend afroamerikanische) Subproletariat der urbanen Ghettos sowie Sexualstraft&#228;ter. Wacquant argumentiert, dass das Gef&#228;ngnissystem daher wohl die Aufgabe hat, die „aufgeweichte Kastenspaltung zwischen Wei&#223;en und Schwarzen neu zu zementieren“ (207). Gegen Sexualstraft&#228;ter wird Wacquant zufolge deswegen so stark vorgegangen, weil die Beschw&#246;rung ihres Gefahrenpotentials die moralische Geschlossenheit der puritanischen Mehrheitsgesellschaft best&#228;rken hilft.<br />
Die F&#252;lle an empirischem Material kann aber nicht &#252;ber das gro&#223;e Manko von <em>Bestrafen der Armen</em> hinwegt&#228;uschen. Wacquant kann auf die an seine Untersuchungen anschlie&#223;enden politischen Fragen keine Antwort geben. Politischer Widerstand gegen die rassistische, auf eine Spaltung der ArbeiterInnenklasse abzielende Bestrafungs- und Disziplinierungspolitik, wie beispielsweise in Form von Gef&#228;ngnisrevolten oder Antirepressionskampagnen, wird in diesem Buch ebenso wenig thematisiert wie Strategien grundlegender politischer Ver&#228;nderung. Gerade in Zeiten von zunehmender &#220;berwachung, <em>Zero-Tolerance</em>-Politiken und wachsenden Sicherheitsdiskursen ist Bestrafen der Armen trotzdem ein absolut aktuelles und lesenswertes Buch.</p>
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		<title>Von der Flut zum Beben</title>
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		<pubDate>Mon, 22 Nov 2010 09:12:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Haiti]]></category>
		<category><![CDATA[IWF]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Weltbank]]></category>

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		<description><![CDATA[Neun Monate nach dem verheerenden Erdbeben hat die Welt Haiti fast schon wieder
vergessen. Wie Peter Hallward im Nachwort zu seinem Buch Damming the Flood: Haiti, Aristide and the Politics of Containment zeigt, ist die Situation trotz – oder gerade wegen – der internationalen Hilfe nach wie vor katastrophal: Im Schatten des Bebens erreicht die Konterrevolution gegen die armen Massen eine [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Neun Monate nach dem verheerenden Erdbeben hat die Welt Haiti fast schon wieder<br />
vergessen. Wie <em>Peter Hallward</em> im Nachwort zu seinem Buch <em>Damming the Flood: Haiti, Aristide and the Politics of Containment</em> zeigt, ist die Situation trotz – oder gerade wegen – der internationalen Hilfe nach wie vor katastrophal: Im Schatten des Bebens erreicht die Konterrevolution gegen die armen Massen eine neue Qualit&#228;t.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
<span id="more-1675"></span><br />
Am Dienstag, den 12. Januar 2010 um kurz nach 17 Uhr wurden die Hauptstadt Haitis und seine Umgebung vom schwersten jemals in den Americas gemessenen Erdbeben verw&#252;stet. Das Ausma&#223; der Zerst&#246;rung war gewaltig. Den exaktesten verf&#252;gbaren Sch&#228;tzungen zufolge fielen dem Beben etwa 250.000 Menschen zum Opfer, mehr als 300.000 erlitten schwerste Verletzungen. Ungef&#228;hr 200.000 Geb&#228;ude wurden zerst&#246;rt, darunter etwa 70% der Schulen der Stadt. An die 1,5 Millionen Menschen leben mehr als ein halbes Jahr nach der Katastrophe weiter in provisorischen Lagern mit wenig oder gar keiner grundlegenden Versorgung, ohne Arbeitsm&#246;glichkeiten und ohne Hoffnung auf eine sp&#252;rbare Besserung in der n&#228;heren Zukunft.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a><br />
Zwar hat das Erdbeben selbst in Haiti keine vergleichbaren Vorg&#228;nger, jedoch sind weder die Umst&#228;nde, die seine Wirkung vergr&#246;&#223;erten, noch die Reaktionen, die auf die Katastrophe folgten, neu oder einzigartig. Vielmehr sind beide ein wesentlicher Bestandteil jenes fundamentalen Konfliktes, der die Geschichte Haitis in den letzten 30 Jahren strukturierte: Der Konflikt zwischen pep la („das Volk“, „die Armen“) und den Mitgliedern der privilegierten Elite sowie den sie unterst&#252;tzenden Streitkr&#228;ften und ihren internationalen Verb&#252;ndeten. Waren die 1980er Jahre noch von einer beispiellosen popularen Mobilisierung gekennzeichnet, welche sich zur Lavalas-Bewegung [kreolisch: lodernde Flut] entwickelte, die Diktatur &#252;berwand und eine Perspektive f&#252;r einen bescheidenen, aber doch revolution&#228;ren sozialen Wandel aufzeigte, so l&#228;sst sich die Phase, die mit dem Milit&#228;rputsch von September 1991 begann, wohl am besten als eine der ausgedehntesten und intensivsten Konterrevolution weltweit beschreiben. In den letzten 20 Jahren haben die m&#228;chtigsten politischen und &#246;konomischen Interessensgruppen in und um Haiti eine systematische Kampagne gef&#252;hrt, um die populare Bewegung zu ersticken und sie ihrer wichtigsten Waffen, Ressourcen und Anf&#252;hrern zu berauben. Die Reaktionen auf das Erdbeben im Januar haben diesen Ma&#223;nahmen eine v&#246;llig neue Qualit&#228;t verliehen.</p>
<p><strong>Konterrevolution&#228;re Ma&#223;nahmen</strong><br />
Bislang war die fortgesetzte Konterrevolution in einem schmerzlichen Ausma&#223; erfolgreich. Selten wurden „Teile und Herrsche“-Taktiken mit derart skrupelloser Effizienz angewendet wie in Haiti zwischen 2000 und 2010. Einige wenige privilegierte Familien sind deshalb reicher und m&#228;chtiger als jemals zuvor; wenn Anfang 2011 der Wiederaufbau ernsthaft beginnt, werden sie nur noch reicher werden. Im Gegensatz dazu werden mehr als eine Millionen Obdach- und Mittellose die Jahre des Wiederaufbaus voraussichtlich in der H&#246;lle der Lager verbringen, w&#228;hrend ausl&#228;ndische TechnokratInnen, multinationale Beamten und NGO-BeraterInnen &#252;ber die Zukunft ihrer St&#228;dte entscheiden. Die Mehrheit ihrer verelendeten Landsleute wird weiterhin dazu gezwungen sein, die h&#246;chsten Ausbeutungsraten der Hemisph&#228;re hinzunehmen, wohl wissend, dass ohne grundlegende Ver&#228;nderungen ihre Kinder und Kindeskinder dasselbe Schicksal erwartet. In der momentanen Situation, in der die Reste der Lavalas-Bewegung desorganisierter und gespaltener sind als je zuvor und sich das Land im eisernen Griff der ausl&#228;ndischen „Stabilisierungstruppen“ befindet, hat die Mehrheit der haitianischen Bev&#246;lkerung wenig oder gar keine politische Macht. Zur Zeit der Verfassung dieses Textes, im Sommer 2010, sieht es so aus, als w&#228;re die Perspektive einer grundlegenden Demokratisierung Haitis in weite Ferne ger&#252;ckt.<br />
Unter diesen unhaltbaren Umst&#228;nden kann nichts anderes als eine massive populare Remobilisierung, die m&#228;chtiger, disziplinierter, geeinter und entschlossener als jemals zuvor agiert – in anderen Worten, nicht anderes als die Erneuerung wirklich revolution&#228;ren Drucks –, die Aussicht auf relevante Ver&#228;nderungen f&#252;r die Mehrheit der haitianischen Bev&#246;lkerung bieten. Nat&#252;rlich ist es gerade diese Perspektive, die jene Kr&#228;fte um jeden Preis verhindern wollen, die f&#252;r die j&#252;ngste politische Entwicklung des Landes und den bisherigen Wiederaufbau nach dem Beben verantwortlich sind. Nur wenige Tage nach dem Trauma des 12. Januar war bereits klar, dass die von der USA und den UN gef&#252;hrte Hilfsoperation den drei Hauptstrategien der Konterrevolution angepasst sein w&#252;rde, welche die j&#252;ngste Geschichte der Insel bestimmt haben: a) W&#252;rde die Beto-nung auf „Sicherheit“ und „Stabilit&#228;t“ liegen und versucht werden, diese mit milit&#228;rischen und quasi-milit&#228;rischen Mitteln zu erreichen. b) W&#252;rde man Haitis eigene F&#252;hrer und seine Regierung kaltstellen und sowohl die Bed&#252;rfnisse als auch die F&#228;higkeiten der Bev&#246;lkerungsmehrheit ignorieren. c) W&#252;rden weiterhin Mittel angewendet werden, welche den Graben zwischen den privilegierten Wenigen und den von ihnen ausgebeuteten verarmten Massen vertiefen. Selbst ein blo&#223; kursorischer R&#252;ckblick auf die ersten sechs Monate des Wiederaufbaus im Jahr 2010 sollte ausreichen, um zu zeigen, dass wir es mit einer Intensivierung jener Ma&#223;nahmen zu tun haben, welche schon in den letzten 20 Jahren die Macht und Autonomie der haitianischen Bev&#246;lkerung untergraben haben.</p>
<p><strong>„Sicherheit“ und „Stabilit&#228;t“</strong><br />
Die grundlegende politische Frage in Haiti ist von der kolonialen &#252;ber die post-koloniale bis hin zur neo-kolonialen Zeit weitgehend gleich geblieben: Wie kann eine winzige und instabile herrschende Klasse ihr Eigentum und ihre Privilegien angesichts der Armut und des Hasses der Massen sichern? In Haiti verdankt die Elite ihre Privilegien der Exklusion, Ausbeutung und Gewalt; und nur ein quasi-Gewaltmonopol kann diese aufrechterhalten. Dieses Monopol wurde w&#228;hrend der Duvalier<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a>-Diktatur bis Mitte der 1980er Jahre gro&#223;z&#252;gig und, in geringerem Ausma&#223;, auch w&#228;hrend der folgenden Milit&#228;rdiktatur (1986–90) gew&#228;hrt. Aber die Lavalas-Mobilisierung gef&#228;hrdete dieses Monopol und mit ihm auch die Privilegien. Was in Haiti geschah, seit Jean-Bertrand Aristide<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> 1990 zum ersten Mal gew&#228;hlt wurde, sollte in erster Linie als die progressive Verdeutlichung dieser grundlegenden Alternativen verstanden werden: Demokratie oder Armee. Die demokratische Mobilisierung, die in den 1980er Jahren in Opposition zu Diktatur und neoliberaler „Anpassung“ aufkam, war stark genug, die im Land gegen sie aufgestellten milit&#228;rischen Kr&#228;fte zu &#252;berwinden und sogar zu beseitigen. Es gelang ihr, zun&#228;chst Duvalier und seine Macoutes<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> hinwegzufegen (1986), und anschlie&#223;end die direkte Milit&#228;rherrschaft zu &#252;berwinden (1990). Viel von der Dynamik dieser Mobilisierung &#252;berlebte den m&#246;rderischen Putsch von 1991 und Aristide war schlussendlich 1995 unter gro&#223;en Opfern in der Lage, die Armee aufzul&#246;sen. Als Aristide dann 2000 mit &#252;berw&#228;ltigender Mehrheit f&#252;r eine zweite Legislaturperiode gew&#228;hlt wurde, er&#246;ffnete der haushohe Sieg seiner Fanmi Lavalas-Partei zum ersten Mail in der haitianischen Geschichte die Perspektive auf einen grundlegenden politischen Wandel – und dies in einem Kontext, in dem es kein au&#223;erpolitisches Mittel – keine Armee – mehr gab, um einen solchen zu unterdr&#252;cken.<br />
Um eine solche Entwicklung zu verhindern, bestand die zentrale Strategie von Haitis kleiner herrschenden Klasse im gesamten letzten Jahrzehnt darin, politische Fragen entlang der Themen „Sicherheit“ und „Stabilit&#228;t“ – f&#252;r die Reichen, ihr Eigentum und ihre Investitionen – neu zu definieren. Eine rein zahlenm&#228;&#223;ige Menge kann wohl eine Wahl gewinnen oder eine populare Bewegung am Leben erhalten, aber wie jede/r wei&#223;, kann mit „Unsicherheit“ nur eine Armee umgehen. Der bis an die Z&#228;hne bewaffnete „Freund“ Haitis, die USA, wei&#223; das besser als jede/r andere.</p>
<p><strong>Der Putsch von 2004</strong><br />
Vor diesem Hintergrund bleibt das bedeutendste Ereignis der j&#252;ngsten haitianischen Politik die Intervention zur Wiederherstellung der langfristigem „Sicherheit“ durch die endg&#252;ltige Eliminierung der Lavalas-Bewegung: Der Putsch im Jahr 2004. War die Aufl&#246;sung der Armee, die Aristides erste Regierung abgesetzt hatte, seine popul&#228;rste Amtshandlung, so bestand die wichtigste „Errungenschaft“ des Putsches 2004 darin, die politische Kontrolle de facto wieder an das Milit&#228;r zur&#252;ckzugeben. Da dieses im Land selbst nicht mehr existierte, bevollm&#228;chtigte der Putsch von 2004 eine ausl&#228;ndische Armee: erst eine US-amerikanisch-franz&#246;sisch-kanadische Eingreiftruppe, dann eine UN-Friedenstruppe. Wie vorauszusehen war, wurde Aristides Fanmi Lavalas – die Partei, die in den letzten Wahlen vor der Besetzung einen Erdrutschsieg errungen hatte – in allen darauffolgenden Wahlen von der Teilnahme ausgeschlossen (2006, 2009 und 2010). Ihre F&#252;hrungspers&#246;nlichkeiten wurden entweder isoliert oder eingesperrt, und ihr Hauptsprachrohr Aristide fristet seit 2004 sein Dasein als unfreiwilliger Exilant auf der anderen Seite der Welt. Wenn Haitis internationale AufpasserInnen dieses Muster der Exklusion aufrecht erhalten k&#246;nnen, wird die Entwicklung der haitianische Demokratie endg&#252;ltig wieder entlang jener imperialen Erwartungen verlaufen, denen die HaitianerInnen vor 20 Jahren durch die Wahl der „falschen“ Person und des „falschen“ politischen Programms einfach einen Strich durch die Rechnung machten.<br />
2004 und danach bestand die einzige M&#246;glichkeit, diese W&#228;hlerInnen zur Akzeptanz des Putsches und seiner Konsequenzen – die explizite und systematische Re-Etablierung der imperialen und Eliten-Herrschaft &#252;ber ihr Land – zu bringen, in der Aus&#252;bung von Zwang. Seit dem Putsch stand Haiti durchg&#228;ngig unter ausl&#228;ndischer Milit&#228;rbesatzung. Von 2004 bis 2010 patrollierten Jahr f&#252;r Jahr tausende ausl&#228;ndische Soldaten durch das Land und n&#246;tigten die Bev&#246;lkerung, das Ende der Lavalas-&#196;ra zu akzeptieren. W&#228;hrend dieser Jahre haben die UN-Beh&#246;rden, die f&#252;r diese au&#223;ergew&#246;hnliche „Stabilisierungs-Mission“ zust&#228;ndig sind, in einem f&#252;r UN-Eins&#228;tze beispiellosen Ausma&#223; auf gewaltsame Ma&#223;nahmen zur&#252;ckgegriffen. Unterst&#252;tzt wurden sie dabei von tausenden wiederbewaffneten und -ausgebildeten haitianischen PolizistInnen sowie von tausenden privaten Sicherheitsleuten, die angestellt worden sind sind, um die reichen Familien, deren Gesch&#228;fte sowie die ausl&#228;ndische Unternehmen und NGOs zu bewachen. Die zahlreichen Demonstrationen gegen die Besatzung, die in den letzten Jahren in den Stra&#223;en von Port-au-Prince stattfanden, hatten nur einen geringen oder gar keinen politischen Effekt.<br />
Vor einem Jahr w&#228;re der Gedanke, dass wohl nur ein Erdbeben diesen bewaffneten W&#252;rgegriff w&#252;rde lockern k&#246;nnen, noch verzeihlich gewesen.</p>
<p><strong>Das Beben</strong><br />
Zweifellos z&#228;hlte die Staatsmacht zum ersten, was am Nachmittag des 12. Januar ins Wanken geriet. Neben 27 der 28 Geb&#228;uden der Bundesregierung st&#252;rzte das UN-Hauptquartier in sich zusammen. Etwa ein F&#252;nftel der Regierungsbediensteten starben. Wenn eine Revolution der L&#228;hmung der staatlichen Kapazit&#228;ten zur Unterdr&#252;ckung popularen Protestes bedarf, kann man wie Kim Ives davon ausgehen, dass „das Beben die halbe Revolution verwirklicht hatte, indem es buchst&#228;blich den haitianischen Staat zerst&#246;rte.“ &#220;brig blieben einerseits die popularen Kr&#228;fte und andererseits die Elite, und beide brachten ihre Alternativen in Stellung, um die L&#252;cke zu f&#252;llen.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Unverz&#252;glich begann die US-Botschaft mit der Evakuierung ihres Personals und einiger Protegés. F&#252;r einen kurzen Moment hatten die haitianische Elite und ihre internationalen BewacherInnen wohl die Apokalypse vor Augen: Die Erwartung massenhaften Ungehorsams bei gleichzeitiger Abwesenheit ausreichender milit&#228;rischer Zwangsmittel. Das Ergebnis war eine beinahe sofortige milit&#228;rische Antwort von einer Gr&#246;&#223;enordnung, wie sie von einer „zivilen“ Mission zuvor noch kaum vollzogen wurde.<br />
Unmittelbar nach der Katastrophe versuchten nur wenige, der &#220;bertragung der effektiven Kontrolle &#252;ber die Hilfsmission auf das „&#252;ber unvergleichliche logistische F&#228;higkeiten verf&#252;gende“ US-Milit&#228;r zu widersprechen. Wie gew&#246;hnlich wurde die haitianische Regierung angewiesen, sich f&#252;r jede Art von „Hilfe“ dankbar zu zeigen. Sobald die US-Luftwaffe am 13. Januar die Kontrolle &#252;ber den haitianischen Luftraum &#252;bernahm, wurden milit&#228;rischen gegen&#252;ber humanit&#228;ren Fl&#252;gen explizit Priorit&#228;t einger&#228;umt. Obwohl die meisten Berichte aus Port-au-Prince die Geduld und Solidarit&#228;t auf den Stra&#223;en hervorhoben, machten die US-Kommandeure die &#196;ngste vor &#246;ffentlicher Unruhe und Unsicherheit zu ihrer wichtigsten Sorge. Die oberste Priorit&#228;t lag in der Vermeidung dessen, was ein Sprecher der US-Luftwaffe einen weiteren „Somalia Einsatz“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> nannte, also wohl einer Situation, in der eine gedem&#252;tigte US-Armee neuerlich Gefahr l&#228;uft, die milit&#228;rische Kontrolle &#252;ber eine „humanit&#228;re“ Mission zu verlieren. Gerade die Entschlossenheit der US-Kommandeure, diesem Risiko durch die Privilegierung von Waffen und SoldatInnen gegen&#252;ber &#196;rztInnen und Nahrung zuvorzukommen, war es, die zum vereinzelten Ausbrechen jener Unruhen f&#252;hrte, die eigentlich verhindert werden sollten. Um gen&#252;gend SoldatInnen und Ausr&#252;stung „vor Ort“ zu haben, wurde Flugzeug um Flugzeug voll mit Hilfsg&#252;tern aus Port-au-Prince weggeleitet.</p>
<p><strong>Waffen statt Nahrung</strong><br />
W&#228;hrend die US-Kommandeure damit besch&#228;ftigt waren, die Sicherheit durch das Aufstellen einer 14.000 Marines starken Truppe zu sichern, begannen Wasser und Nahrung in einigen weniger sicheren Teilen von Port-au-Prince knapp zu werden. Am Samstag, den 17. Januar fasste der Al Jazeera-Korrespondent Sebastian Walker zusammen, was viele seiner KollegInnen bereits die ganze Woche berichteten: „Die meisten HaitianerInnen haben bisher kaum humanit&#228;re Hilfe gesehen. Was sie stattdessen gesehen haben, sind eine ganze Menge Waffen. Sch&#252;tzenpanzer befahren die Stra&#223;en […]“ und „innerhalb der gut bewachten Zone [beim Flughafen] haben die USA die Kontrolle &#252;bernommen. Es erinnert eher an die Green Zone in Bagdad als an ein Zentrum f&#252;r die Verteilung von Hilfsg&#252;tern.“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Die Entscheidung der USA, am Flughafen milit&#228;rische gegen&#252;ber humanit&#228;ren Transporten zu privilegieren, besiegelte das Schicksal von Tausenden von Menschen, die unter dem Schutt von Port-au-Prince und Léogane begraben worden waren. In L&#228;ndern &#252;berall auf der Welt waren Bergungsteams innerhalb der ersten zw&#246;lf Stunden nach der Katastrophe in der Lage, nach Haiti aufzubrechen. Nur eine handvoll schaffte die Ankunft ohne fatale Versp&#228;tung – haupts&#228;chlich Teams, die es geschafft hatten, Haiti vor der &#220;bernahme des Flughafens durch die US-Streitkr&#228;fte zu erreichen. Einige der folgenden Teams mit ihrem schweren Ger&#228;t wurden davon abgehalten, in Haiti zu landen. USAID<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> erkl&#228;rte am 19. Januar, dass im Laufe der ersten Woche nach dem Ungl&#252;ck 70 Menschen von internationalen Such- und Rettungsteams gerettet wurden.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Der Gro&#223;teil dieser Menschen wurde an ganz bestimmten Pl&#228;tzen und unter ganz bestimmten Umst&#228;nden gerettet. Die Washington Post vom 18. Januar bemerkte etwa, dass „die ,Such- und Rettungsmissionen‘ haupts&#228;chlich auf Geb&#228;ude von internationalen Hilfskr&#228;ften, wie das zerst&#246;rte UN-Geb&#228;ude, und gro&#223;e Hotels mit internationaler Klientel konzentriert wurden.“<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> So wurden kaum Hilfskr&#228;fte in den Gebieten zugeteilt, in denen es m&#246;glicherweise die h&#246;chsten Opferzahlen gab. Diese Logik war es, die immer mehr Menschen in und um die Krankenh&#228;user von Port-au-Prince zum Tode verurteilte. Wie Any Goodman von Democracy Now in einem Interview mit einem Arzt vor Ort erfuhr, war „die Frage der Sicherheit, die Ger&#252;chte &#252;ber die Sicherheit sowie der Rassismus hinter der Idee von Sicherheit eines der gr&#246;&#223;ten Hindernisse, um Hilfe vor Ort zu bekommen“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a>.</p>
<p><strong>Rassistische Bilder</strong><br />
Es schien, dass in Haiti nach dem Erdbeben alles und jedeR, der/die nicht in einer Sicherheitszone war, nicht wert war, gerettet zu werden. Bei den gelegentlichen Vorst&#246;&#223;en au&#223;erhalb dieser Zonen fanden westliche JournalistInnen gleichzeitig unz&#228;hlige Gr&#252;nde, sich wieder zur&#252;ckzuziehen. Schreckliche Geschichten von Pl&#252;nderungen und Gangs begannen bald „SicherheitsexpertInnen“ wie dem in London ans&#228;ssigen Stuart Page<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> eine Aura von augenscheinlicher Autorit&#228;t zu verleihen, als er dem gutgl&#228;ubigen BBC-„Sicherheitskorrespondenten“ Frank Gardner erkl&#228;rte, dass „all die Fortschritte in der Sicherheit, die Haiti in den letzten paar Jahren gemacht hatte, sich umkehren k&#246;nnten. […] Kriminelle Gangs, insgesamt ca. 3000, nutzen die aktuelle humanit&#228;re Krise in vollem Ma&#223; aus.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Viele HaitianerInnen und in Haiti ans&#228;ssige KorrespondentInnen waren emp&#246;rt &#252;ber solch groteske Fehleinsch&#228;tzungen. Am 17. Januar versuchte beispielsweise der Direktor des Ciné Institute, David Belle, der internationalen Verzerrung etwas entgegnen zu setzen: „Mir wurde gesagt, dass der Gro&#223;teil der US-Medien-Berichterstattung Haiti als Pulverfass kurz vor der Explosion darstellt. Mir wurde gesagt, dass es in den Meldungen der gro&#223;en Medien um Pl&#252;nderung, Gewalt und Chaos geht. Nichts k&#246;nnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Ich bin seit meiner Ankunft t&#228;glich durch die gesamte Stadt gereist. Das Ausma&#223; der Zerst&#246;rung ist absolut atemberaubend [, aber] NICHT EINMAL wurden wir Zeugen eines Akts der Aggression oder Gewalt […]. Eine kaputte Stadt mit zwei Millionen EinwohnerInnen wartet auf Hilfe, Medizin, Nahrung und Wasser. Die meisten haben nichts dergleichen erhalten. Haiti kann auf seine &#220;berlebenden stolz sein. Ihre W&#252;rde und ihr Anstand angesichts dieser Trag&#246;die sind atemberaubend.“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> JedeR konnte allerdings sehen, dass W&#252;rde und Anstand in den Augen der Herrschenden keinen Ersatz f&#252;r Sicherheit darstellen. Keine Anzahl an Waffen wird je ausreichen, die wenigen zu beruhigen, deren Reichtum sie von jenen Menschen abgrenzt, die sie ausbeuten.<br />
Soweit es die Menschen selbst betraf, war „Sicherheit nicht das Thema“, erkl&#228;rte Kim Ives kurz nach dem Erdbeben. „In ganz Haiti organisierte sich die Bev&#246;lkerung selbst in Volkskomitees, um aufzur&#228;umen, die Leichen aus dem Schutt zu befreien, Fl&#252;chtlingscamps zu errichten und das &#220;berleben dieser Fl&#252;chtlingscamps zu gew&#228;hrleisten. Die haitianische Bev&#246;lkerung ist eigenst&#228;ndig und war eigenst&#228;ndig f&#252;r viele Jahre.“ W&#228;hrend die Menschen, die das Wenige, was sie besa&#223;en, verloren hatten, ihr Bestes taten, um die Lage zu bew&#228;ltigen, waren es die zur „Wiederherstellung der Ordnung“ geschickten Soldaten, die provozierten, indem sie die Menschen als potentielle K&#228;mpfer behandelten. „Genau so reagierten sie nach Katrina. Die Opfer sind es, die gef&#252;rchtet werden.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a><br />
Um dabei zu helfen, die Menschen dort zu halten, wo sie hingeh&#246;rten, unternahm w&#228;hrenddessen das US Department of Homeland Security „beispiellose“ Notma&#223;nahmen, um das Heimland in den ersten Wochen nach dem Beben zu sch&#252;tzen. W&#228;hrend Senegals Pr&#228;sident Abdoulaye Wade „allen Haitianern [sic]“, die in ihr Ursprungsland zur&#252;ckkehren wollen, die freiwillige Heimkehr“ anbot, best&#228;tigten amerikanische Beh&#246;rden, dass die lang existierenden (und vollkommen illegalen) Richtlinien im Umgang mit haitianischen Fl&#252;chtlingen und Asylsuchenden weiter gelten w&#252;rden – automatisches Abfangen und R&#252;ckf&#252;hrung, ganz unabh&#228;ngig von den Umst&#228;nden.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Um ganz sicher zu gehen, flog die US-Luftwaffe mit einer Frachtmaschine samt Lautsprechersystem f&#252;nf Stunden pro Tag &#252;ber gro&#223;e Teile des Landes und &#252;bertrug eine Nachricht vom Botschafter Haitis in Washington: „St&#252;rmen Sie nicht die Boote, um das Land zu verlassen. Wenn Sie glauben die USA zu erreichen und Ihnen alle T&#252;ren offen stehen, ist das nicht der Fall. Die US-K&#252;stenwache wird Sie noch am Wasser abfangen und dorthin zur&#252;ckschicken, woher Sie kamen.“<br />
Mit atemberaubendem Zynismus ernannte US-Pr&#228;sident Obama seinen Vorg&#228;nger George Bush (dessen Regierung f&#252;r den Coup von 2004 in Haiti verantwortlich war und<br />
dessen „Hilfema&#223;nahmen nach dem Hurrikan Katrina 2005 in eine ethnische Vertreibung vieler schwarzer EinwohnerInnen New Orleans m&#252;ndete.“<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a>), Bill Clinton dabei zu helfen, der US Spendenkampagne f&#252;r Hilfsma&#223;nahmen vorzustehen. Als der amerikanische Botschafter in Haiti im Februar Washington einen Besuch abstattete, zeigte er sich zufrieden mit der bisherigen Arbeit. „Ich glaube, dass dies etwas ist, worauf die Menschen in der Zukunft als Vorbild zur&#252;ckblicken werden, daf&#252;r wie wir uns als SpenderInnen vor Ort erweisen und auf das Erdbeben reagieren konnten.“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a></p>
<p><strong>Ausl&#228;ndischer Wiederaufbau und der haitianische Staat</strong><br />
W&#228;hrend tausende Leichen im Schutt von Port-au-Prince zur&#252;ckgelassen wurden, wandte sich die internationale Aufmerksamkeit bald den gro&#223;angelegten Wiederaufbaupl&#228;nen zu. Scheinbar waren sich alle einig: Oberste Priorit&#228;t h&#228;tten Ma&#223;nahmen, welche die normalen Bev&#246;lkerung dazu bem&#228;chtigen sollten, etwas Kontrolle &#252;ber ihr Leben sowie den Zugang zu Bildung, ein Einkommen, einen Wohnort, eine Zukunft f&#252;r sich und ihre Familien (wieder) zu erlangen. International durchgesetzte neoliberale Regelungen, die f&#252;r Jahrzehnte den agrarischen Raum zerst&#246;rten und den Staatssektor zu einer handlungsunf&#228;higen Fassade deklassierten, m&#252;ssten fallen gelassen oder zur&#252;ckgenommen werden. Es br&#228;uchte systematische Investitionen in essentielle, &#246;ffentliche Dienstleistungen in allen Teilen des Landes. Eine wirkliche haitianische Souver&#228;nit&#228;t, sowohl &#246;konomisch als auch politisch, m&#252;sste wiederhergestellt werden.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Der tats&#228;chliche Wiederaufbauprozess passte sich allerdings genau den alten Tendenzen an, die Haiti in den letzten Jahrzehnten so verwundbar f&#252;r nat&#252;rliche, &#246;konomische und politische Katastrophen gemacht hatten. Die Mehrheit der haitianischen Bev&#246;lkerung war vollst&#228;ndig von jeglicher Partizipation in der Planung und Ausf&#252;hrung der Instandsetzungsarbeiten ausgeschlossen.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Es wurden keine entscheidenden Ma&#223;nahmen gesetzt, um die lokale Landwirtschaft anzukurbeln oder die Dezentralisierung von Menschen, Ressourcen und Investitionen zu f&#246;rdern. Einer der markantesten Bestandteile der Hilfsbem&#252;hungen war die Entscheidung der „internationalen Gemeinschaft“, &#252;ber ihre eigenen Beh&#246;rden und NGOs und nicht &#252;ber den haitianischen Staat oder dessen Basisorganisationen zu arbeiten. F&#252;r jeden Dollar US-Hilfe, den Haiti in den ersten Wochen nach dem Desaster erhielt, bekam die Regierung daher nur einen einzigen Penny.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Sechs Monate sp&#228;ter, bemerkte Paul Farmer, gingen von den 1,8 Milliarden Dollar, die als Erdbebenhilfe nach Haiti geschickt wurden, „bis jetzt weniger als 2,9 % an die Regierung.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a><br />
Der untergeordnete Status der haitianischen Bev&#246;lkerung und der Regierung wurde bei der Vorbereitung zur entscheidenden internationalen Geberkonferenz in New York Ende M&#228;rz 2010 kristallklar. Von den [zugesagten] 5,3 Milliarden belief sich die direkte Unterst&#252;tzung f&#252;r die Regierung nur auf 350 Millionen Dollar (6,6% der Gesamtsumme). Dar&#252;ber hinaus wurde eine, vorwiegend ausl&#228;ndisch besetzte, K&#246;rperschaft eingerichtet, die &#252;ber die Zuteilung der versprochenen Gelder entscheiden sollte, die Interim Haiti Recovery Commission (IHRC). Dieser Kommission sitzen Haitis Premierminister Jean-Max Belleviere und der fr&#252;here US-Pr&#228;sident Bill Clinton vor.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Ohne Zweifel ist ein gewisses Ma&#223; zentralisierter Koordination der Investitionen besser, als die hemmende Fragmentierung, die bis dahin in der Haitianischen „Republik von NGOs“ vorherrschte. Die Tatsache, dass HaitianerInnen in dieser Kommission jedoch als eine Art Juniorpartner dienen – eine Position, die keine der Geberl&#228;nder f&#252;r sich in Betracht ziehen w&#252;rde – kann trotzdem nicht verborgen werden. In den Wochen nach der UN-Konferenz hielten die gr&#246;&#223;ten SpenderInnen ihre erste Auszahlung der versprochenen Milliarden solange zur&#252;ck, bis die dem&#252;tige haitianische Regierung bereit war, ihre unterw&#252;rfige Rolle formal anzuerkennen.</p>
<p><strong>Politische und soziale Folgen der Privatisierung</strong><br />
Einer der Hauptgr&#252;nde, warum die haitianische Regierung nicht in der Lage ist, &#252;ber diese Bedingungen zu verhandeln, ist, dass ihr in den letzten Jahren die direkte Kontrolle &#252;ber die meisten Ressourcen des Landes sowie die F&#228;higkeit, die Wirtschaft zu kontrollieren, entzogen wurde. Das Transportwesen, das Bauwesen, die Bildung, die Energieversorgung, das Gesundheitswesen, die Landwirtschaft und das Bankenwesen – praktisch alle wichtigen Bereiche der Wirtschaft wurden an haitianische Unternehmen und Gesch&#228;ftsleute verkauft. 1997, als Préval schon im Amt war, wurden alle staatseigenen Betriebe, welche die beiden Hauptexportg&#252;ter, Mehl und Zement, herstellten, privatisiert. Staatspr&#228;sident René Préval k&#252;ndigte im selben Jahr an, er werde Haitis wertvollsten staatseigenen Betrieb, die nationale Telefongesellschaft (Téléco), privatisieren. Bis Mitte 2007 war bereits die H&#228;lfte der MitarbeiterInnen, knapp 2.800 Personen, gek&#252;ndigt. Téléco war bis zu seiner Privatisierung eine der verl&#228;sslichsten &#246;ffentlichen Einnahmequellen. Vier Monate nach dem Erdbeben, im Mai 2010, hat die haitianische Regierung die Mehrheit an der Firma endg&#252;ltig an eine Tochtergesellschaft der vietnamischen Armee verkauft, und zwar f&#252;r blo&#223; 59 Millionen US-Dollar.<br />
Laut Patrick Elie ist Haiti mittlerweile, das „Land mit den meisten Privatisierungen der Welt. Fast alles, was privatisiert werden kann, wurde privatisiert und der einzige Grund, warum Gef&#228;ngnisse noch nicht privatisiert sind, ist, dass es sich noch nicht ausgezahlt hat, sie zu privatisieren.“<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Folge dieser Privatisierungen ist, dass die haitianische Regierung einige ihrer essentiellsten Handlungsoptionen verloren hat: die F&#228;higkeit Arbeitspl&#228;tze zu schaffen, sich das Land und die Ressourcen, die sie ben&#246;tigt, anzueignen sowie wichtige Baumaterialen und andere G&#252;ter zu produzieren. 2009 kamen bereits 65% der Einnahmen des haitianischen Budgets aus externen Quellen.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Nicht einmal im J&#228;nner 2010 wurden Schritte gesetzt, um den dominanten Privatisierungsprozess zu mildern oder abzuwenden. Auch die dringenden, aktuellen Probleme sind nicht ausreichend, um von dem „Entwicklungsmodell“ abzuweichen, das Haiti nun schon seit Jahrzehnten erfolglos verfolgt: die Orientierung der haitianischen Wirtschaft an den Interessen von Sweatshop-InhaberInnen und internationalen KonsumentInnen, die Privilegierung exportorientierter Landwirtschaft sowie die F&#246;rderung von Jobs mit niedriger Bezahlung und Tourismus.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a><br />
Die g&#228;ngigen, landwirtschaftlichen Regulierungen dr&#228;ngten immer mehr Kleinb&#228;uerInnen aus dem Sektor und f&#252;hrten in den letzten Jahren zu einer massiven Bev&#246;lkerungszunahme in Port-au-Prince. Da in den ersten Wochen nach dem Erdbeben die finanzielle Hilfe weitgehend ausblieb, versuchten viele von ihnen wieder in ihre D&#246;rfer, oder das, was von ihnen &#252;brig war, zur&#252;ckzukehren. Mit ein wenig Unterst&#252;tzung w&#228;ren sie auch dort geblieben. Aber, wie immer, erhielten die haitianischen B&#228;uerInnen wenig bis keine Unterst&#252;tzung. Nur knapp 23 Millionen US-Dollar des Hilfegesuchs an die UN waren f&#252;r die Landwirtschaft kalkuliert. Ende Februar gab die UN zu, dass nicht einmal dieses Geld angekommen sei. „Am Land“, argumentierte Reed Lindsay im M&#228;rz 2010, „gibt es keine Hinweise auf humanit&#228;re Hilfe, am wenigsten f&#252;r die Landwirtschaft.“<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> „Mit keinen Jobaussichten, keinerlei Hilfe, keiner Aussicht auf landwirtschaftliche Entwicklung, h&#228;lt die Menschen nichts am Land“, best&#228;tigt auch Mark Schuller. „Der Gro&#223;teil dieser R&#252;ckwanderung aufs Land konnte nicht gehalten werden und Port-au-Prince ist wieder zum Zentrum f&#252;r Jobsuchende geworden.“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a></p>
<p><strong>Die ProfiteurInnen der Katastrophe…</strong><br />
Sofort nach dem Erdbeben war klar, dass sich die wohlhabende Bev&#246;lkerung Haitis den L&#246;wenanteil an der internationalen Hilfe sichern w&#252;rde.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Zur selben Zeit hatten auch in den USA m&#228;chtige Think-Tanks und LobbyistInnen, wie die Heritage Foundation, das American Enterprise Institute oder die RAND Cooperation, erkannt, dass „dieses Desaster eine Chance bietet, die versp&#228;teten Reformen zu versch&#228;rfen.“ Dies inkludiere „das Aufbrechen oder zumindest die Reorganisation des staatlich kontrollierten Telefonmonopols. Das gleiche gilt f&#252;r das Bildungsministerium, die Elektrowirtschaft, das Gesundheitsministerium sowie die Gerichte.“<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Einige der m&#228;chtigsten Gesch&#228;ftsleute Haitis haben sich daher bereits mit multinationalen Logistik- und Wiederaufbaufirmen zusammengetan, um so den gr&#246;&#223;ten Vorteil aus den Einnahmen der Entwicklungsgelder zu ziehen. Die Vorbe Group, das gr&#246;&#223;te Bau und Logistikunternehmen in Haiti, tat sich zum Beispiel mit der in Alabama ans&#228;ssigen Wiederaufbaufirma DRC zusammen, der nach Katrina unter anderem Vertr&#228;ge im Wert von mehr als 100 Millionen Dollar zugesprochen wurden.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a><br />
Neben den ausl&#228;ndischen InvestorInnen haben bis jetzt vorwiegend aus dem Ausland finanzierte NGOs von dem Ungl&#252;ck Haitis profitiert. „Die ganzen Millionen, die gerade nach Haiti kommen, flie&#223;en in die H&#228;nde der NGOs“<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a>, beklagte Préval Anfang M&#228;rz. Nach einer Sch&#228;tzung einer erfahrenen Sozialarbeiterin kommen „von dem ganzen gesendeten Geld nur 10% vor Ort an. Der Rest wird f&#252;r ausl&#228;ndische ExpertInnen, Hotels, Autovermietung und Hotelkonferenzen ausgegeben.“<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> Wie jedeR, der/die Port-au-Prince besucht, sicher best&#228;tigen wird, gibt es hier eine „gro&#223;e Kluft zwischen den Menschen von der UN und den NGOs und den Menschen, denen sie helfen wollen.“<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Ausl&#228;ndische Besch&#228;ftigte der NGOs „dem&#252;tigen und diskriminieren weiterhin arme, haitianische Personen“, bedauert der haitianische Journalist Wadner Pierre, „weil sie annehmen, dass diese allesamt gef&#228;hrliche, gewaltt&#228;tige, dumme oder primitive Menschen sind […].“<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a><br />
Ausl&#228;ndische InvestorInnen und NGOs tendieren dazu, ausl&#228;ndischen Schutz anzufordern, um ihre Sicherheit zu garantieren. Bald nach dem Abzug der ersten ausl&#228;ndischen Truppen begannen daher private, milit&#228;rische Sicherheitsunternehmen wie Triple Canopy (die den Xe/Blackwater-Sicherheitsvertrag im Irak 2009 &#252;bernahmen) und Overseas Security &#038; Strategic Information ihre Dienste in Haiti zu bewerben.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> Wie ein Bericht von Al Jazeera zeigt, sehen diese Firmen „neue Ungl&#252;cksgebiete als emerging markets“<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> an. Ihre ‚humanit&#228;ren‘ Gegenst&#252;cke in der UN und in USAID bem&#252;hten sich nach Kr&#228;ften, diese aufstrebenden M&#228;rkte zu f&#246;rdern. Der f&#252;r „humanit&#228;re Angelegenheiten“ verantwortliche UN-Beamte John Holmes best&#228;tigte, dass „das beste Zeichen einer kommenden Erholung in Haiti ein Aufschwung in privaten Investitionen sein w&#252;rde.“<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Laut Reginald Boulos, dem Pr&#228;sident der Handelskammer von Haiti, beinhaltet eine Agenda f&#252;r einen solchen Wandel eine Reduktion der Regierungsintervention und Korruption. Was sie allerdings auf keinen Fall beinhaltet, ist eine signifikante Verbesserung in der Bezahlung und den Lebensbedingungen der haitianischen ArbeiterInnen. Boulos war 2009 einer der prominentesten Gegner der Kampagne zur Erh&#246;hung des erb&#228;rmlichen Mindestlohns auf ein &#196;quivalent von 5 US-Dollar pro Tag.</p>
<p><strong>…und deren Verlierer</strong><br />
Es gibt zurzeit rund 25.000 TextilarbeiterInnen in Haiti,  die T-Shirts und Jeans f&#252;r Marken wie Gildan, Hanes, Gapund New Balance produzieren.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> Firmen, wie etwa Gap, die bereits rund 4.000 haitianische ArbeiterInnen anstellen, planen ihre eigene ‚made-in-Haiti‘-Bekleidungslinie und Grupo M, eine gro&#223;e Auftragsfirma, Unternehmungen Arbeiten f&#252;r Levis und Banana Republic beinhalten, plant die Gr&#246;&#223;e ihrer Anlagen in Ouanaminthe zu verdoppeln.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a> Die von den USA angesto&#223;ene Wiederaufbaustrategie f&#252;r Haiti st&#252;tzt sich auf eine Gesetzgebung (die Haiti Hemispheric Opportunity through Partnership Encouragement Act oder HOPE), die &#252;ber einen begrenzten Zeitraum eine Zollbefreiung f&#252;r in Haiti hergestellte Kleidung verspricht. Clinton und die UN hoffen, dass in den kommenden Jahren eine neue Periode der HOPE-Richtlinien dabei hilft, zehntausend neue Niedriglohnjobs zu schaffen. Diese Strategie ist die gleiche wie vor fast 40 Jahren. Damals wie heute versprachen die InvestorInnen, dass die Schaffung von schlecht bezahlten Jobs irgendwie zu mehr und besser bezahlten Jobs f&#252;hren und Haiti aus der Armut befreien w&#252;rde.<br />
Dieses Versprechen wird getr&#252;bt, da sich dieselben InvestorInnen und ihre ApologetInnen konsequent gegen bescheidene Lohnerh&#246;hungen der haitianischen ArbeiterInnen wehrten. Diese werden heute derma&#223;en ausgebeutet, dass ein Vollzeitjob nicht mehr f&#252;r das Notwendigste ausreicht. Fr&#252;here Investitionsperioden f&#252;hrten meist zu einer Verringerung der Reall&#246;hne und des Einkommens der Bev&#246;lkerung. Ohne das von besser bezahlten haitianischen ArbeiterInnen (oft gefangen in den h&#246;chst ausbeutenden Sektoren Nordamerikas und der Karibik) an ihrer Familien nach Hause geschickte Geld w&#252;rde die haitianische Wirtschaft heute &#252;ber Nacht kollabieren. Dieselben InvestorInnen und ihre BeraterInnen sind offen genug zuzugeben, dass der wichtigste „komparative Vorteil“ Haitis die Tatsache ist und bleibt, dass die Menschen so arm und verzweifelt sind. Dass sie bereit sind f&#252;r nicht mehr als ein 20stel des Geldes zu arbeiten, das sie f&#252;r eine vergleichbare Anstellung in den USA erhalten w&#252;rden.<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> Der UN-Gesandte Bill Clinton wird daher, angesichts seiner Verpflichtung gegen&#252;ber dieser altbekannten Agenda weder Ver&#228;nderung noch Hoffnung bringen, bemerkt Richard Morse. „Clinton, gemeinsam mit der USAID, der Weltbank, der Inter-American Development Bank und den Vereinten Nationen, bringen mehr desselben nach Haiti: mehr f&#252;r die Wenigen und weniger f&#252;r die Vielen.“<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a><br />
F&#252;r den Gro&#223;teil der Bev&#246;lkerung Haitis hat die Aufrechterhaltung eines profitablen “Gesch&#228;ftsklimas” einen verheerenden Preis: die Verwandlung von Armut in Elend, den R&#252;ckgang der lokalen Nahrungsmittelproduktion, und den Verlust jeglicher Kapazit&#228;ten der Regierung, auf Ver&#228;nderungen der globalen Nahrungsmittelpreise und -angebote zu reagieren. Im Fr&#252;hling 2008 stiegen die globalen Nahrungsmittelpreise und viele HaitianerInnen hungerten. Im April desselben Jahres nahm ihre Wut politische Formen an. Hunderttausende protestierten, und der Druck zwang Prévals Premierminister Jaques Edouard Alexis zur&#252;ckzutreten.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> Aber genau wie 2008 und in vorhergehenden Jahren, auch 2010 die Reaktion darin, die Abh&#228;ngigkeit von einer der Hauptursachen des Problems zu erh&#246;hen, statt zu reduzieren: die Abh&#228;ngigkeit von internationalen Nahrungsmittelhilfsleistungen. W&#228;hrenddessen ist der Gro&#223;teil der von den Erdbeben betroffenen Bev&#246;lkerung dazu gezwungen, darauf zu warten, dass die humanit&#228;ren Investoren &#252;ber den Verlauf ihrer weiteren Ausbeutung entscheiden. Es ist wahrscheinlich, dass sie sich damit Zeit lassen werden. Bis Mitte des Sommers hatten erst f&#252;nf L&#228;nder (Venezuela, Brasilien, Norwegen, Estland und Australien) zum Haiti Reconstruction Fund der UN beigetragen, und weniger als 10% der 5,3 Milliarden Dollar, die im M&#228;rz versprochen worden waren, sind tats&#228;chlich ausgezahlt worden. Bis jetzt haben die Regierungen Frankreichs und der USA so gut wie gar nichts von den versprochenen Millionen gezahlt.</p>
<p><strong>Spenden, die nicht ankommen</strong><br />
Im Gegensatz dazu haben US-B&#252;rgerInnen auf Haitis Notlage mit au&#223;ergew&#246;hnlicher Gro&#223;z&#252;gigkeit reagiert und 1,3 Milliarden Dollar f&#252;r Direkthilfe gespendet. Ungl&#252;cklicherweise haben die Hilfsorganisationen dann beschlossen, einen gro&#223;en Teil dieses Geldes f&#252;r sich selbst oder f&#252;r eine unbestimmte Zukunft zur&#252;ckzuhalten. ABC News best&#228;tigte, dass von den insgesamt 1,138 Milliarden Dollar, die an Spendengeldern an die 23 gr&#246;&#223;ten Hilfsorganisationen gingen, „mindestens 62,7%, also 714,3 Millionen Dollar f&#252;r zuk&#252;nftige Hilfsleistungen an Haiti reserviert oder gar nicht zugeteilt wurden.“ Der mangelhafte Zugang zu F&#246;rderungen &#252;bersetzt sich in einen Mangel an erkennbaren Verbesserungen vor Ort. Den gesamten Fr&#252;hling 2010 hindurch dokumentierten Pressenachrichten die Ungl&#228;ubigkeit von Einheimischen und BeobachterInnen aus dem Ausland, die dabei zusehen mussten, wie die Wiederaufbauversuche mit unwahrscheinlicher Selbstgef&#228;lligkeit und Inkompetenz durchgef&#252;hrt wurden.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a><br />
Unglaublich, dass im Sp&#228;tsommer 2010 erst 2% des Schutts von den Stra&#223;en Port-au-Prince entfernt sind.<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> Unglaublich, dass 98% der 1,5 Millionen obdachlos gewordenen Menschen weiterhin in v&#246;llig unangemessen Zeltlagern leben, abwechselnd von der tropischen Sonne gebraten und von sturzfluthaftem Regen &#252;berschwemmt. Die meisten dieser Menschen haben immer noch keine wasserdichten Zelte, geschweige denn ein vor&#252;bergehendes Obdach, das den Orkanwinden widerstehen k&#246;nnte, die Haiti in vielen Sommern und oft mit verheerenden Auswirkungen heimsuchen.<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Die Zahlen von Vergewaltigungen und Gewalt an Frauen sind rapide in die H&#246;he geschossen. In den meisten Lagern haben die BewohnerInnen keinen Zugang zu irgendeiner Form von Rechtsschutz, oder auch nur die M&#246;glichkeit, mit den ausl&#228;ndischen Truppen zu kommunizieren, die weiterhin durch ihre Stadt patrouillieren.<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a> Tausende der unwillentlichen BewohnerInnen dieser Zeltlager werden von vermeintlichen GrundbesitzerInnen vertrieben oder mit der Vertreibung bedroht und gezwungen, sich in noch prek&#228;rere und entlegenere Gebiete zur&#252;ckzuziehen.</p>
<p><strong>Klassen- statt geologischer Bruchlinien</strong><br />
Wie Kim Ives best&#228;tigt, enth&#252;llen die Ereignisse nach dem 12. Januar in dieser, wie in vielen anderen Hinsichten, dass „die wichtigste Bruchlinie in Haiti keine geologische ist, sondern eine der Klassen. Eine kleine Hand voll reicher Familien besitzen gro&#223;e Gebiete des Landes um Port-au-Prince, die ideal geeignet w&#228;ren, um die tausenden Heimatlosen anzusiedeln. Die Familien kontrollieren jedoch auch Haitis Regierung und haben dar&#252;ber hinaus bedeutenden Einfluss auf die neu formierte IHRC. […] Die IHCR hat f&#252;r die n&#228;chsten 18 Monate durch ein ,Notstandsgesetz‘ die Befugnis, Land, das sie f&#252;r passend befindet, f&#252;r den Wiederaufbau zu beschlagnahmen […], aber die Elite-Familien […], geben ihr eigenes, wohlsituiertes Land nicht frei, so dass es Haitis Heimatlosen zu Gute k&#228;me. In Konsequenz wurde nur ein einziges gro&#223;es Lager f&#252;r die Fl&#252;chtlinge gebaut: Corail-Cesselesse liegt 10 Meilen n&#246;rdlich der Hauptstadt auf einem verlassenen Streifen W&#252;stenland zwischen Titayen und Morne Cabrit – zwei desolate Zonen, in denen Todesschwadronen w&#228;hrend des Anti-Aristide Putsches ihre Opfer entsorgten.“<a title="anm_49" name="anm_49" href="#anm49"><sup>49</sup></a><br />
Dieses „Vorbildlager“ bei Corail-Cesselesse bleibt bis jetzt das Vorzeigeexemplar der Wiederaufbaubem&#252;hungen; ein wichtiger Stopp auf der Reiseroute eines/r jeden JournalistIn, der/die das Land besucht. Corails Zelte sind in symmetrischen Reihen angelegt, und es br&#252;stet sich mit Toilettenanlagen, Duschen und einem kleinen Krankenhaus. Aber sonst gibt es nichts: Es gibt keine zu Fu&#223; erreichbaren M&#228;rkte, Gesch&#228;fte oder Schulen, und es gibt keine Arbeit. „Es gibt wirklich nichts zu tun“, erz&#228;hlte der Bewohner Mark Schuller. „Du kannst nicht in deinem Zelt bleiben, wegen der Hitze. Du kannst nicht hinausgehen, wegen dem Staub. Und du kannst das Lager nicht verlassen, weil es nichts zu tun gibt.“<a title="anm_50" name="anm_50" href="#anm50"><sup>50</sup></a> Corail ist kaum mehr als ein Auffanglager und dabei ein ganz sch&#246;n instabiles: Die meisten Zelte brachen bei einem Sturm in der Nacht vom 12. Juli zusammen, sechs Menschen wurden verletzt. Zuf&#228;lligerweise liegt das Lager auch noch auf einem St&#252;ck Land, das im Besitz des Unternehmens Nabatec ist. Dieses wird davon betr&#228;chtlich profitieren: Sowohl vom Entsch&#228;digungsprogramm der Regierung, als auch von dem Industriepark, der in der neuen Nachbarschaft geplant ist.<br />
W&#228;hrenddessen haben die meisten Fl&#252;chtlinge keine andere Wahl, als weiterhin auf den erstbesten Flecken Land, die sie finden, ihre Zelte aufzuschlagen – ein Lager ist zum Beispiel auf dem zwei Meter breiten Zementstreifen angesiedelt, der die Route de Carrefour trennt. Gegen Ende Juli r&#228;umte die UN ein, dass von den ben&#246;tigten 125.000 dauerhaften Unterk&#252;nften nur 6.000 gebaut worden waren. Am H&#246;hepunkt der Misere gab Edmond Mulet, Leiter der UN Mission zu, dass „wir den Sinn f&#252;r die Dringlichkeit der Situation verloren haben.“<a title="anm_51" name="anm_51" href="#anm51"><sup>51</sup></a></p>
<p><strong>Widerstand von unten</strong><br />
Wie zu erwarten, haben die Leute, die direkt von der Katastrophe betroffen sind, diesen Sinn nicht verloren. Das vielleicht Bemerkenswerteste in der gesamten Periode nach dem Erdbeben ist die au&#223;ergew&#246;hnliche Ausdauer und Disziplin der hunderttausenden Menschen, die zwar ihre Verwandten, ihr Zuhause und ihr Eigentum verloren, aber vom ersten Tag an begonnen haben, sich in neuen Gemeinschaften zu organisieren. Sie haben ihre Ressourcen vereint, die Verteilung von Nahrung und Wasser organisiert und informelle Strukturen geschaffen. Die Zeltlager sind ein Produkt der Verzweiflung, aber die r&#228;umlichen Konzentration von Menschen in ungekanntem Ausma&#223; schafft auch beispiellose M&#246;glichkeiten f&#252;r Selbstorganisation und Versammlungen. Ein paar Wochen nach dem Erdbeben beobachtete Camille Chalmers, dass „die Leute in den Lagern viel &#252;ber Solidarit&#228;t, Br&#252;derlichkeit [sic!] und gegenseitige Hilfe [sprechen].“<a title="anm_52" name="anm_52" href="#anm52"><sup>52</sup></a> Im Angesicht gr&#246;&#223;ter Verwundbarkeit haben die BewohnerInnen der Lager sogar begonnen politischen Druck aufzubauen: „Die B&#252;rgerInnen ziehen regelm&#228;&#223;ig auf die Stra&#223;e“, schrieb Beverly Bell im Juli. „Sie fordern Unterk&#252;nfte f&#252;r die Obdachlosen, gute Bildung, und die Unterst&#252;tzung nationaler Landwirtschaft. Vor kurzem haben sie gegen Gewalt von Seiten der UN-Sicherheitsmission protestiert, gegen die Nichtauszahlung der L&#246;hne von Staatsangestellten und LehrerInnen, und gegen die Einf&#252;hrung des giftigen Mosanto Saatguts. Grassroot-Organisationen treffen sich immer noch regelm&#228;&#223;ig, um Strategien f&#252;r einen politischen Wandel zu entwickeln, wie sie es in der Geschichte Haitis immer getan haben. […] Sie entwickeln Initiativen f&#252;r Wohnrechte und Schutzma&#223;nahmen gegen Vergewaltigung f&#252;r die [Fl&#252;chtlinge] in den Lagern. Manche planen Informationskampagnen f&#252;r Sweatshop-ArbeiterInnen, andere Programme um die Jugend zu politisieren.“<a title="anm_53" name="anm_53" href="#anm53"><sup>53</sup></a><br />
Ebenso wie bei den vorhergehenden Wahlen 2000 und 1990 bleibt auch im Wahljahr 2010 der wichtigste politische Gegensatz, derjenige zwischen (a) den KritikerInnen, die lediglich eine effizientere Anwendung derWiederaufbauressourcen und „vern&#252;nftige“ Formen der Kooperation mit den Besatzungstruppen und Hilfsorganisationen fordern und (b) den AktivistInnen, die an einem Wiederaufleben der Mobilisierung von unten arbeiten und f&#252;r einen grunds&#228;tzlichen politischen Wandel als einziges Mittel zur Wiedererlangung nationaler Souver&#228;nit&#228;t und zur Etablierung sozialer Gerechtigkeit eintreten, bestehen. SprecherInnen der NGOs, der UN, der USA und anderer „Freunde“ Haitis schimpfen &#252;ber lokale Ineffizienz und Korruption, lassen aber die politischen Fragen au&#223;en vor. Die einzige Rolle, die f&#252;r die Bev&#246;lkerung Haitis verbleibt ist, die der ehrw&#252;rdigen Nutznie&#223;erInnen einerseits, und &#228;rgerlichen „Hemmnisses der Reform“ andererseits. Der humanit&#228;re Leiter der UN interessiert sich in erster Linie f&#252;r die „m&#246;glichen Konsequenzen, die gro&#223;e Demonstrationen an sensiblen Orten f&#252;r die Politik, als auch f&#252;r die Sicherheit“<a title="anm_54" name="anm_54" href="#anm54"><sup>54</sup></a> haben k&#246;nnten. Stabilit&#228;t, also F&#252;gsamkeit, bleibt die oberste Priorit&#228;t.<br />
Im Gegensatz dazu konzentrieren sich die AktivistInnen auf die Mechanismen der Exklusion, die den Gro&#223;teil der Bev&#246;lkerung Haitis an den &#228;u&#223;ersten Rand der Politik gedr&#228;ngt haben. „Was hier passiert, ist eine Art Zusammenwachsen der Fanmi Lavalas-Basisorganisationen mit ehemaligen PPN-Mitgliedern.“<a title="anm_55" name="anm_55" href="#anm55"><sup>55</sup></a> beobachtet Kim Ives. „Das ist ohne die Zustimmung und vielleicht teils zum Verdruss der F&#252;hrungen der beiden Parteien passiert. Es gab eine Anziehungskraft auf der Ebene der Basis, und ich habe den Eindruck, dass das Zentrum des anti-imperialistischen Widerstands gegen Prévals Pl&#228;ne und seine Mannschaft aus diesem Schmelztiegel kommt. Hier entsteht eine progressive und revolution&#228;re politische F&#252;hrung f&#252;r die &#196;ra nach dem Erdbeben.“<a title="anm_56" name="anm_56" href="#anm56"><sup>56</sup></a></p>
<p><strong>Die Probleme der Lavalas-Bewegung</strong><br />
Leider ist die wichtigste, legale Institution der Lavalas-Bewegung, die Fanmi Lavalas-Partei (FL) in sich gespalten und vom politischen Prozess exkludiert. 2004 wurden Aristide und viele seine MinisterInnen dazu gezwungen, das Land zu verlassen, sein Premierminister Yvon Neptune und ein Dutzend anderer, hochrangiger Parteimitglieder der FL wurden verhaftet. Im Vorfeld der Pr&#228;sidentschaftswahlen 2006 wurde der Kandidat der FL, Gérard Jean-Juste, aufgrund erfundener Anklagepunkten verhaftet und sein Antreten bei den Wahlen verhindert. Im August 2007, „verschwand“ der ber&#252;hmteste Menschenrechtsaktivist Lovinsky Pierre-Antoine (er wird mittlerweile f&#252;r tot gehalten), kurz nachdem er bekr&#228;ftigt hatte, dass er sich als Kandidat der FL f&#252;r den Senat aufstellen lassen wolle. Prévals Wahlkommission (CEP) hat bis zu den Wahlen im April 2009 die Blockaden gegen die FL-KandidatInnen weitergef&#252;hrt.<a title="anm_57" name="anm_57" href="#anm57"><sup>57</sup></a><br />
Als Reaktion auf diese Ausgrenzung organisierten die FLAktivistInnen einen Wahlboykott. Nur eine kleine Minderheit der Wahlberechtigten ging anschlie&#223;end w&#228;hlen – 11%, wenn man den offiziellen Zahlen glaubt, weniger als die H&#228;lfte davon, Oppositionellen und den meisten WahlbeobachterInnen zufolge.<a title="anm_58" name="anm_58" href="#anm58"><sup>58</sup></a> In der &#214;ffentlichkeit haben die USA und die UN die Entscheidung der CEP verurteilt und die Inklusion aller politischen Parteien gefordert. Als die CEP von ihrer Ausgrenzungspolitik aber nicht abkommen wollte, gingen sowohl die USA als auch der Rest der „internationalen Gemeinschaft“ leise von ihrem Wunsch nach freien und inklusiven Wahlen ab und stimmten stattdessen zu, den Gro&#223;teil der Wahlkosten zu bezahlen. Im November 2009 hat die CEP die FL (und zahlreiche andere Parteien) wieder einmal von der Registrierung zu den Parlamentswahlen, die eigentlich f&#252;r Februar 2010 geplant waren, ausgeschlossen. [Bei den nun f&#252;r November 2010 anberaumten Wahlen werden daher] das Haitianische Parlament sowie der Pr&#228;sident wiederum ohne die Einbindung der meisten politischen Organisationen des Landes gew&#228;hlt. Ohne Zweifel werden auch diese Wahlen wieder den Zustimmungsstempel der internationalen Gemeinschaft bekommen. Die F&#252;hrungsriege der FL hat die ganze Situation durch parteiinterne Post-Aristide-K&#228;mpfe verschlimmert. 2008 wurden die Rivalit&#228;ten so stark, dass aus der Partei mehr oder weniger zwei unabh&#228;ngige Organisationen entstanden. Die Schikane durch die Regierung gekoppelt mit der fehlenden Einheit der Partei hat der Massenbewegung jegliche M&#246;glichkeit entzogen, das zu verwenden, was Samba Boukman 2006 als ihre „gr&#246;&#223;te Waffe“ bezeichnete – die F&#228;higkeit die Wahlen zu gewinnen.<br />
Es scheint daher, als ob die Pr&#228;sidentschaftswahlen im November 2010 keinerlei Aussicht auf signifikanten Wandel mit sich bringen. Die zwei Anti-Lavalas-Coups haben dazu beigetragen, dass jegliche Hoffnung, genuin sozialer Wandel sei in Haiti &#252;ber „formale“ demokratische Mittel m&#246;glich, eliminiert ist. „In allen Camps, die ich besucht habe“, schreibt Isabelle Doucet „gibt es kein Interesse an den Wahlen, geschweige denn Enthusiasmus &#252;ber einen Kandidaten.“ Das progressive Wochenmagazin Haiti Liberté verwirft die Wahlen schon jetzt als blo&#223;e „Scharade“, zurechtgebastelt von den ausl&#228;ndischen „Freunde von Haiti“, deren klares Ziel es ist, die Besetzung zu legitimieren.</p>
<p><strong>Neokolonales Protektorat oder Massenaufstand?</strong><br />
Die Lavalas-Bewegung ist heute weniger eine Organisation als eine Idee oder eine Erinnerung. Dieses Fehlen einer ad&#228;quaten Organisation und F&#252;hrung l&#228;sst die sich wieder erneuernde Massenmobilisation anf&#228;llig werden f&#252;r jegliche Formen opportunistischer Manipulation. Einige MediatorInnen zufolge sind daher viele der Personen, die an Demonstrationen f&#252;r oder gegen die Regierung teilnehmen, bezahlt. „Niemand protestiert ohne Geld in diesem Land“, erz&#228;hlte einer der MediatorInnen im Juli. „Die reichen Leute halten uns im Elend, damit wir machen, was sie wollen.“<a title="anm_59" name="anm_59" href="#anm59"><sup>59</sup></a><br />
Die wichtigste politische Frage, die sich in Haiti daher heute stellt, ist diejenige der Richtung, der Priorit&#228;ten und der Integrit&#228;t der beginnenden Protestbewegung. Einhergehend mit vielen seiner Verb&#252;ndeten ist sich Yves Pierre-Louis „sehr bewusst &#252;ber die Gefahren, die sich dadurch ergeben, dass fr&#252;heren PutschistInnen erlaubt wird, Teil dieser Allianz und Demonstrationen zu sein.“ Bei den Wahlen im November 2010 wird dementsprechend, wie bei den letzten vier Pr&#228;sidentschaftswahlen in Haiti, alles davon abh&#228;ngen, ob die Einheit und das Bewusstsein stark genug sind, damit sich diejenigen Kr&#228;fte durchsetzen, die sich den Wahlen entgegenstellen. Das Erdbeben hat die Entscheidung &#252;ber die politische Entwicklung Haitis weiter versch&#228;rft und forciert: Entweder die Erneuerung der Massenmobilisation, die Ziele wie Gleichheit und Gerechtigkeit verfolgt oder eine langandauernde Best&#228;tigung des derzeitigen Status der Insel als neokoloniales Protektorat.</p>
<p><em>Peter Hallward</em> ist Professor f&#252;r moderne europ&#228;ische Philosophie an der Kingston Universit&#228;t in London und Autor des Buches: Damming the Flood. Haiti, Aristide and the Politics of Containment, Verso: London 2010 [2007].</p>
<p>&#220;bersetzung: <em>Julia Hofmann, Katherina Kinzel, Ako Pire</em> und <em>Philipp Probst</em>.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Dies ist eine &#252;bersetzte, gek&#252;rzte und redaktionell bearbeitete Version des Nachworts zum 2010 in der zweiten Auflage erschienen Buch von Peter Hallward: Damming the Flood: Haiti, Aristide and the Politics of Containment, Verso: London 2010 [2007].<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> vgl. The Guardian, 10.07.2010, unter: http://www.guardian.co.uk/world/2010/jul/10/haiti-earthquake-aid-survivors; zwei der n&#252;tzlichsten Quellen f&#252;r gesicherte Informationen &#252;ber Haiti nach dem Beben sind die Seiten vom Haiti Relief and Reconstruction Watch (http://www.cepr.net/index.php/relief-and-reconstruction-watch) und dem Canada Haiti Action Network (http://canadahaitiaction.ca/).<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Anm. d. &#220;bers.: Die 1957 von François „Papa Doc“ Duvalier (1907–1957) errichtete und ab 1971 von seinem Sohn Jean-Claude „Baby-Doc“ Duvalier (1951*) fortgef&#252;hrte Diktatur gilt als eine der brutalsten Milit&#228;rherrschaften der Welt. Sie wurde 1986 durch Massenproteste zu Fall gebracht.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Anm. d. &#220;bers.: Jean-Bertrand Aristide gilt als wichtigster Anf&#252;hrer der Lavalas-Bewegung. Er war von 1990 bis 1991, von 1994 bis 1996 sowie zum letzten Mal von 2001 bis 2004 Staatspr&#228;sident Haitis und lebt heute im Exil in S&#252;dafrika.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Anm. d. &#220;bers.: Die Tontons Macoutes waren eine Miliz bzw. Geheimpolizei, die w&#228;hrend und nach der Duvalier-Diktator Angst und Schrecken verbreitete.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Ives, Kim: How the Earthquake has Affected Haiti‘s National Democratic Revolution and International Geopolitics, Rede gehalten an der Universit&#228;t von Aberdeen, 12.03.2010<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> zitiert nach BBC Radio 4, Zehn-Uhr-Nachrichten, 16.01.2010<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Al Jazeera, 17.01.2010, unter: http://www.youtube.com/watch?v=0F5TwEK24sA<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Anm. d. &#220;bers.: Die USAID (United States Agency for International Development) ist eine wichtige Beh&#246;rde der US-Entwicklungszusammenarbeit und agiert als verl&#228;ngerter Arm des US-Imperialismus.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> USAID unter: http://www.usaid.gov/helphaiti/index.html<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Washington Post, 18.01.2010, unter: http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2010/01/17/AR2010011702941.html<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Democracy Now!, 20.01.2010, unter: http://www.democracynow.org/2010/1/20/devastated_port_au_prince_hospital_struggles<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Stuart Page ist Pr&#228;sident der Page Group, vgl. http://www.pagegroupltd.com/aboutus.html<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> BBC Radio 4, Sechs-Uhr-Nachrichten, 18.01.2010<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> David Belle, Ciné Institute, 17.01.2010, vgl. http://www.cineinstitute.com/news/recovery-and-reportage<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Democracy Now!, 21.01.2010, unter: http://www.democracynow.org/2010/1/20/journalist_kim_ives_on_how_decades<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Telegraph, 19.01.2010, unter: http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/centralamericaandthecaribbean/haiti/7030237/Haiti-earthquake-US-ships-blockade-coast-to-thwart-exodus-to-America.html; BBC News, 17.01.2010, unter: http://news.bbc.co.uk/2/hi/africa/8463921.stm<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> New Statesman, 28.02.2010, unter: http://www.newstatesman.com/international-politics/2010/02/haiti-pilger-obama-venezuela<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> zitiert nach The Nation, 11.03.2010, unter: http://www.thenation.com/article/haitis-excluded <a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> vgl. z.B. Huffington Post, 05.04.2010 unter: http://www.huffingtonpost.com/mark-schuller/haitis-resurrection-promo_b_525104.html; The Root, 09.02.2010, unter: http://www.theroot.com/views/toward-new-haitian-state?page=0,0<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> vgl. Haiti Action, 03.05.2010, unter: http://www.haitiaction.net/News/AFD/5_3_10/5_3_10.html<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> vgl. AP, 27.01.2010, unter: http://www.cbsnews.com/stories/2010/01/27/world/main6146903.shtml<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Partners in Health, 27.07.2010, unter: http://www.pih.org/news/entry/focus-on-haiti-the-road-to-recovery-a-six-month-review/#farmer<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Vgl. Nacla, 31.03.2010, unter: https://nacla.org/node/6547<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Haiti Liberté, 25.08.2010, unter: http://canadahaitiaction.ca/content/drama-haitis-internally-displaced<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> vgl. MR Zine, 02.02.2010, unter: http://mrzine.monthlyreview.org/2010/boychuk020210.html<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> vgl. Socialist Worker, 08.02.2010, unter: http://socialistworker.org/2010/02/08/shock-doctrine-for-haiti<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> The Nation, 11.03.2010, unter: http://www.thenation.com/issue/march-29-2010<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Huffington Post, 21.07.2010, unter: http://www.huffingtonpost.com/mark-schuller/rained-out-opportunities_b_653672.html<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> vgl. Washington Post, 18.01.2010: http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2010/01/17/AR2010011702941.html<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> The New York Times, 17.01.2010, unter: http://www.rand.org/commentary/2010/01/17/NYT.html; The Indypendent, 29.01.2010, unter: http://www.indypendent.org/2010/01/29/plan-for-new-haiti/<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> vgl. Miami Herald, 09.03.2010, unter: http://www.miamiherald.com/2010/02/08/1470013/us-firms-want-part-in-haiti-cleanup.html<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Miami Herald, 09.03.2010, unter: http://www.miamiherald.com/2010/03/09/1521511/groups-jockey-for-role-in-haiti.html<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> The Nation, 11.03.2010, unter: http://www.thenation.com/issue/march-29-2010<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Al Jazeera English, 12.07.2010, unter: http://english.aljazeera.net/programmes/faultlines/2010/07/20107614463473317.html<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> The Dominion, 24.06.2010, unter: http://www.dominionpaper.ca/weblogs/wadner_pierre/3518<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> vgl. Miami Herald, 10.03.2010, unter: http://www.miamiher a ld. com/2010/03/10/1521400/ha i t i &#8211; summi t -unde r -wa y.html#ixzz0xM0gbm00<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Al Jazeera, 10.03.2010, unter: http://www.youtube.com/watch?v=kkNCdy0GXyc&#038;feature=player_embedded<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> AP, 21.02.2010, unter: http://www.canadaeast.com/article/961385<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Socialist Worker, 08.02.2010, unter: http://socialistworker.org/2010/02/08/shock-doctrine-for-haiti<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Time, 03.05.2010, unter: http://www.time.com/time/magazine/article/0,9171,1983898,00.html#ixzz109rriZpq<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> „Aufgrund seiner Armut und dem relativ unregulierten Arbeitsmarkt“, schreibt Paul Collier, „hat Haiti Arbeitskosten, die vollkommen konkurrenzf&#228;hig mit denjenigen in China sind. Arbeit ist nicht nur billig, sondern auch von guter Qualit&#228;t. Da die Bekleidungsindustrie fr&#252;her viel gr&#246;&#223;er war als heutzutage, gibt es einen gro&#223;en Pool an erfahrenen ArbeiterInnen“ (vgl. Collier, Paul: Haiti. From Natural Catastrophe to Economic Security. A Report for the Secretary-General of the United Nations, Oxford 2009, unter: http://www.focal.ca/pdf/haiticollier.pdf ).<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Huffington Post, 28.03.2010, unter: http://www.huffingtonpost.com/richard-morse/haiti-stuck-in-a-trap_b_516164.html<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> vgl. Nacla, 25.04.2008, unter: http://upsidedownworld.org/main/haitiarchives-51/1248-anti-hunger-protests-rock-haiti; IPS, 04.02.2008, unter: http://ipsnews.net/news.asp?idnews=41454<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Christian Science Monitor, 20.04.2010, unter: http://www.csmonitor.com/World/Americas/2010/0420/Haiti-relief-Anger-confusion-as-authorities-relocate-homeless<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> AP, 11.09.2010, unter: http://www.huffingtonpost.com/2010/09/11/haiti-earthquake-just-2-p_n_713338.html<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> The Misoulian, 06.06.2010, unter: http://missoulian.com/news/stateand-regional/article_53238992-71ed-11df-b3ab-001cc4c002e0.html<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> IJDH, 20.07.2010, unter: http://ijdh.org/archives/13361<br />
<a title="anm49" name="anm49" href="#anm_49">49</a> Democracy Now!, 13.07.2010, unter: http://www.democracynow.org/2010/7/13/sean_penn_on_haiti_six_months<br />
<a title="anm50" name="anm50" href="#anm_50">50</a> Huffington Post, 21.07.2010, unter: http://www.huffingtonpost.com/mark-schuller/rained-out-opportunities_b_653672.html<br />
<a title="anm51" name="anm51" href="#anm_51">51</a> AL Jazeera, 12.07.2010, unter: http://english.aljazeera.net/programmes/faultlines/2010/07/20107614463473317.html<br />
<a title="anm52" name="anm52" href="#anm_52">52</a> Al Jazeera, 12.02.2010, unter: http://english.aljazeera.net/programmes/faultlines/2010/02/201021113542380300.html<br />
<a title="anm53" name="anm53" href="#anm_53">53</a> The Wip, 12.07.2010, unter: http://thewip.net/talk/2010/07/weve_lost_the_battle_but_we_ha.html<br />
<a title="anm54" name="anm54" href="#anm_54">54</a> The Nation, 30.03.2010, unter: http://www.thenation.com/article/haitis-excluded?page=full<br />
<a title="anm55" name="anm55" href="#anm_55">55</a> Anm. d. &#220;bers.: Die PPN (Parti Populaire Nationale) ist eine linksgerichtete Volkspartei in Haiti.<br />
<a title="anm56" name="anm56" href="#anm_56">56</a> Al Jazeera, 12.02.2010, unter: http://english.aljazeera.net/programmes/faultlines/2010/02/201021113542380300.html<br />
<a title="anm57" name="anm57" href="#anm_57">57</a> IPS,17.04.2009, unter: http://ipsnews.net/news.asp?idnews=46537; Miami Herald, 08.09.2010, unter: http://www.miamiherald.com/2010/09/08/1813042/unfair-and-undemocratic.html<br />
<a title="anm58" name="anm58" href="#anm_58">58</a> Haiti Analysis, 30.06.2009, unter: http://www.haitianalysis.com/2009/6/30/empty-streets-empty-boxes-haitians-reject-manipulated-election<br />
<a title="anm59" name="anm59" href="#anm_59">59</a> Al Jazeera, 12.02.2010, unter: http://english.aljazeera.net/programmes/<br />
faultlines/2010/02/201021113542380300.html</p>
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		<title>Die globale Krise und der Angriff auf die Demokratie</title>
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		<pubDate>Mon, 01 Nov 2010 17:01:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Asien]]></category>
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		<category><![CDATA[Krise]]></category>
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		<description><![CDATA[Die gegenw&#228;rtige globale Krise wirkt sich nicht nur auf „die Wirtschaft“ aus, sondern geht
verst&#228;rkt auch mit – offenen und versteckten – autorit&#228;ren, antidemokratischen Tendenzen einher. Bonn Juego und Johannes Dragsbaek Schmidt zeigen dies anhand der wundersamen Wiederauferstehung von IWF und Weltbank sowie am Beispiel des „autorit&#228;ren Liberalismus“ in Ost- und S&#252;dostasien.

Die Welt sieht sich derzeit mit dem ern&#252;chternden Zustand des [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die gegenw&#228;rtige globale Krise wirkt sich nicht nur auf „die Wirtschaft“ aus, sondern geht<br />
verst&#228;rkt auch mit – offenen und versteckten – autorit&#228;ren, antidemokratischen Tendenzen einher. <em>Bonn Juego</em> und <em>Johannes Dragsbaek Schmidt</em> zeigen dies anhand der wundersamen Wiederauferstehung von IWF und Weltbank sowie am Beispiel des „autorit&#228;ren Liberalismus“ in Ost- und S&#252;dostasien.<br />
<span id="more-1656"></span><br />
Die Welt sieht sich derzeit mit dem ern&#252;chternden Zustand des globalen kapitalistischen Systems konfrontiert – einer Ansammlung von miteinander verbundenen und voneinander abh&#228;ngigen Krisen. Die gegenw&#228;rtige politisch&#246;konomische Konjunktur ist nichts anderes als das Ergebnis kumulativer Effekte gleichzeitiger Krisen in den Bereichen Finanz, Produktion, Nahrung, &#214;kologie, Energie und Politik, die seit der Nachkriegszeit die Strukturen des weltweiten Kapitalismus heimsuchen. AkteurInnen unterschiedlicher ideologischer Couleur nehmen diese aktuelle Situation als willkommene Gelegenheit wahr, um die Krise ihren jeweiligen Interessen entsprechend zu n&#252;tzen.<br />
Der altgriechische Ursprung des Wortes „Krise“ bezeichnet den „entscheidenden Wendepunkt im Verlauf einer Krankheit, an dem wichtige Ver&#228;nderungen entweder zur Genesung oder zum Tod f&#252;hren“. Ob die multiplen Krisen zur Wiederherstellung oder zum Ende des hegemonialen neoliberalen Systems f&#252;hren werden, wird sich entscheiden durch die „Doppelbewegung“ der sich entfaltenden K&#228;mpfe zwischen jenen, in deren ureigensten Interessen die Aufrechterhaltung des gegenw&#228;rtigen Zustands liegt, und jenen, die f&#252;r eine Ver&#228;nderung der grundlegenden gesellschaftlichen Strukturen einstehen. Forderungen nach einer anderen, demokratischen Zukunft werden zwar „von unten“ Ausdruck verliehen, die Krise hat jedoch bis jetzt keinerlei neue Strategien oder Visionen hervorgebracht, die den marktdominierten (d.h. neoliberalen) gesellschaftlichen Verh&#228;ltnissen Einhalt gebieten k&#246;nnten.<br />
Wir wollen in diesem Artikel zeigen, dass die gegenw&#228;rtige, globale kapitalistische Krise mit einem Angriff auf die Ideale der Demokratie und auf Prozesse der Demokratisierung einhergeht. Analytisch konzentrieren wir uns auf die Politiken und Diskurse internationaler Institutionen, regionaler Organisationen und nationaler Regierungen.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Eine Untersuchung der Reaktionen auf die Krise seitens dieser Institutionen und Staaten in Europa und Asien zeigt einen Anstieg anti-demokratischer Tendenzen, namentlich in Form von Neoliberalismus, autorit&#228;rem Liberalismus und Nationalismus. Wir konzentrieren uns dabei auf zwei Aspekte. Erstens wollen wir darstellen, wie Weltbank und IWF, sowie deren Verb&#252;ndete in den G-20, versuchen, die Krise zu ihrem Vorteil zu n&#252;tzen und ihre seit langem propagierten neoliberalen Programme erneut zu bekr&#228;ftigen. Zweitens wollen wir am Beispiel Ost- und S&#252;dostasiens zeigen, wie schon im Zuge der Asienkrise von 1997 Institutionen des autorit&#228;ren Liberalismus – d.h. einer in autorit&#228;re politische Strukturen eingebetteten, liberalen Marktwirtschaft – in der Region zu neuem Leben erweckt wurden. Dies soll als Beispiel daf&#252;r dienen, dass Marktwirtschaft auch ohne Demokratie wachsen und gedeihen kann.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a></p>
<p><strong>Neoliberalismus und Krise</strong><br />
Wir verstehen Neoliberalismus als die Anwendung von Freihandels-Doktrinen auf nicht nur alle Bereiche wirtschaftlicher Aktivit&#228;t, sondern auch auf die Funktionsweisen &#246;ffentlicher Institutionen. Der Neoliberalismus ist eine bestimmte institutionelle Spielart des Kapitalismus und gekennzeichnet durch: eine spezifische Konfiguration des Kapitalismus (Liberalismus plus neue Institutionen); eine spezifische Ideologie (Marktfundamentalismus); eine spezifische Phase kapitalistischer Nachkriegs-Entwicklung, in der das aufsteigende Finanzkapital zu produktivem Kapital wird; ein spezifisches Set von wirtschaftlichen Reformpolitiken, verankert in den Strukturanpassungsprogrammen (SAPs) des Washington Consensus; eine spezifische Form des Klassenverh&#228;ltnisses (die reelle Subsumption der Arbeit unter das Kapital); und schlie&#223;lich ein spezifischer Prozess der Kapitalakkumulation (der Einsatz von Geld, um mehr Geld zu machen). Der Neoliberalismus hebt, wie David Harvey gezeigt hat, den privaten Wirtschaftssektor, Privatbesitz und die damit verbundenen kulturellen Werte in eine gesellschaftlich dominante Position.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Er widerspricht dem demokratischen Prinzip von gemeinsamer Erfahrung und kollektivem Wissen, also der Idee, dass Regierungen und Institutionen Menschen, nicht Profiten verpflichtet sind, und das Wohlergehen von Gesellschaften &#252;ber jenes der M&#228;rkte zu stellen ist.<br />
Wenn man die Geschichte des Kapitalismus als eine sich stets in Bewegung befindliche Gesamtstruktur betrachtet, erscheint sie als Kreislauf von Krisen und Aufschw&#252;ngen. In der fast vierzigj&#228;hrigen Geschichte des Neoliberalismus waren Krisen funktional f&#252;r dessen Aufrechterhaltung in Bezug auf gesellschaftliche Verh&#228;ltnisse, marktorientierte Entwicklungsstrategien und neoliberale Umstrukturierungen des Staates. Die konstitutive Rolle und der funktionale Effekt von Krisen f&#252;r seine Lebenszyklen zeigt sich daran, dass der Neoliberalismus aus den Krisen der 1970er geboren wurde, sich durch eine Reihe von Krisen im Laufe der letzten 35 Jahre entwickelt hat, und durch die multiplen Krisen, die in die gegenw&#228;rtige globale Krise kulminieren, zu sterben scheint.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> In den letzten 35 Jahren wurden mehr als einhundert Finanzkrisen in aller Welt verzeichnet (und abgesehen von diesen Statistiken ist offensichtlich, dass die Mehrheit der Bev&#246;lkerungen und Gesellschaften der Welt sich seit langem in einem Zustand der Krise befinden). Krisen waren dem Neoliberalismus also von Beginn an inh&#228;rent und haben im Laufe der Jahrzehnte zu einer Reihe von Transformationen beigetragen. Wie ihre altgriechische Bedeutung anzeigt, erzwingt die „krisis“ als „Wendepunkt“ Innovation und Transformation in der kapitalistischen Produktionsweise und tr&#228;gt so zur Sicherung ihrer Hegemonie bei.</p>
<p><strong>Phasen neoliberaler Entwicklung</strong><br />
Der Neoliberalismus wird oft in zwei unterscheidbare, aufeinander folgende Phasen eingeteilt: den <em>Washington Consensus</em> (die erste Generation von Reformen) und den post-Washington Consensus (die zweite Generation von Reformen). Der Unterschied zwischen den beiden Phasen wird oft unzul&#228;ssigerweise auf eine einfache Staat-versus-Markt Debatte reduziert, in welcher der Washington Consensus von der Unterordnung der Staaten unter die M&#228;rkte gekennzeichnet ist, w&#228;hrend der post-Washington Consensus ein Erg&#228;nzungsverh&#228;ltnis zwischen beiden darstellt. Diese Debatte, in der ein Nullsummenspiel zwischen Staat und Markt angenommen wird, f&#252;hrt allerdings auf die falsche F&#228;hrte. Der Neoliberalismus ist, wie jede Form des Kapitalismus, ein politisches Projekt – d.h. er ist auf aktive Interventionen seitens des Staates angewiesen.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> So h&#228;tte der Abbau des Wohlfahrtsstaates nicht ohne die durch staatliche Politik betriebene Schw&#228;chung der Institutionen der ArbeiterInnenbewegung durchgesetzt werden k&#246;nnen. Wenn wir die augenscheinlichen Ver&#228;nderungen des Kapitalismus f&#252;r bare M&#252;nze nehmen, verkennen wir die historische Realit&#228;t aktiver Staatsinterventionen, die seit Beginn der kapitalistischen Entwicklung daf&#252;r sorgen, dass M&#228;rkte funktionieren. Der Unterschied zwischen den beiden Entwicklungsweisen liegt nicht in der Form, sondern im Inhalt, in den Motiven, Zielen und Strategien. Der Washington Consensus zielte darauf ab, einen offenen Weltmarkt durch Strukturanpassungsprogramme, Politiken der Privatisierung, Deregulierung und Liberalisierung sowie durch Reformen des Finanzsystems zu schaffen. Der post-<em>Washington Consensus</em> ist ein Projekt, das auf die Verwirklichung einer „universalen Vereinheitlichung von Wettbewerbsf&#228;higkeit“ durch tiefgreifende institutionelle Reformen und Ver&#228;nderungen von Verhaltensweisen, auf die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts und letztlich auf Human- und Sozialkapital abzielt.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a></p>
<p><strong>Neoliberale Kriseninterventionen</strong><br />
Die Anh&#228;ngerInnen des Neoliberalismus sind sich, als Repr&#228;sentantInnen der Dominanz des Privatkapitals, der Krisenanf&#228;lligkeit und Konflikttr&#228;chtigkeit des Kapitalismus v&#246;llig bewusst. Deshalb haben sie den Neoliberalismus immer zugleich als marktbasierte Entwicklungsstrategie <em>und </em>als Blaupause f&#252;r Kriseninterventionen beworben. Sie betrachten Krisenmomente als perfekte Gelegenheiten zur Intervention, um neoliberale Institutionen und Praktiken tiefer zu verankern. Nehmen wir die aufeinander folgenden Krisen seit den 1980ern als Beispiel. Als Lateinamerika 1982 in eine Schuldenkrise geriet, kn&#252;pften der IWF und pro-kapitalistische politische Kr&#228;fte Strukturanpassungsprogramme als Bedingungen an die notwendigen Umschuldungen, was letztlich zu massiver Deindustrialisierung, steigender Arbeitslosigkeit, Armut und ungleicher Entwicklung in der gesamten Region f&#252;hrte. Seither hatten die Reaktionen auf eine Reihe von Finanzkrisen in den letzten zwanzig Jahren – namentlich Skandinavien (Anfang der 1990er), Mexiko (1994), Ost- und S&#252;dostasien (1997), Russland (1998), Argentinien (2001), T&#252;rkei (2001-2002), US-Hypothekenmarkt (2007), die Gro&#223;e Rezession (2008) – die Etablierung einer offenen „internationalen Finanzarchitektur“ zum &#252;bergeordneten Ziel, in der regulierende Institutionen die Rechte des privaten Kapitals global absichern. Obwohl in manchen F&#228;llen (z.B. in Chile und Malaysia) der Nutzen mancher Kapitalverkehrskontrollen anerkannt wurde, trieben der IWF und die mit ihm verbundenen politischen Kr&#228;fte die Politik der neoliberalen Regulierung voran, um die Anpassung an die vorgebliche Offenheit des internationalen Finanzsystems (d.h. an die &#220;berwachungsinstrumente des IWF) zu gew&#228;hrleisten. In den Worten des fr&#252;heren Chef&#246;konomen der Weltbank, Michael Bruno: „Es existiert ein zunehmender Konsens dar&#252;ber, dass der Schock einer Krise, so sie gro&#223; genug ist, widerwillige Politiker dazu bringen kann, produktivit&#228;tssteigernde Reformen anzugehen.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a></p>
<p><strong>Von der Krise von Weltbank und IWF…</strong><br />
Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts sahen sich die wichtigsten Institutionen der neoliberalen <em>Global Governance</em> – Weltbank, IWF und WTO – mit einer tiefen Glaubw&#252;rdigkeits- und Legitimit&#228;tskrise konfrontiert. Diese ist auf eine Reihe polit-&#246;konomischer Krisen in L&#228;ndern zur&#252;ckzuf&#252;hren, die diese Institutionen selbst h&#228;tten managen, restrukturieren und entwickeln sollen. Zus&#228;tzlich zu ihrer eigenen Budgetkrise, der nur wenig mediale Aufmerksamkeit geschenkt wurde, und mehreren gescheiterten Projekten, verdeutlichen die dramatischen Ereignisse und Enth&#252;llungen rund um die R&#252;cktritte von Joseph Stiglitz und Ravi Kanbur Anfang der 2000er Jahre den harten neoklassischen und neoliberalen Kurs der Weltbank. Und auch die WTO stand am Rande des Kollaps, als die Doha-Runde nach fast f&#252;nf Jahren andauernder Verhandlungen im Sommer 2006 endg&#252;ltig scheiterte. Doch im Zuge der aktuellen globalen Krise stellten sich die Voraussagen &#252;ber den bevorstehenden Untergang dieser neoliberalen multilateralen Organisationen als voreilig heraus. Sie haben sich entgegen der Erwartungen als den Herausforderungen der Krise gewachsen erwiesen und im Rahmen einer konzertierten Anstrengung ihre vorgebliche Legitimit&#228;t und Existenzberechtigung wieder hergestellt, statt die Fehler der Vergangenheit zuzugeben und zu korrigieren.<br />
Noch im Juli 2007 – knapp ein Monat bevor die Hypotheken-Krise in den USA ausbrach – sprach der Wirtschaftswissenschafter und Aktivist Walden Bello anl&#228;sslich des zehnten Jahrestags der Asienkrise vom „Untergang des IWF“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a>. Er argumentierte, dass der IWF selbst ein Opfer der Asienkrise geworden w&#228;re, da Staaten wie Thailand, Indonesien, Malaysia und die Philippinen &#246;ffentlich erkl&#228;rt hatten, sich nie wieder den Bedingungen des W&#228;hrungsfonds zu unterwerfen. Hinzu kam die schwere Legitimit&#228;ts- und Glaubw&#252;rdigkeitskrise, nachdem 2002 mit Argentinien der „Mustersch&#252;ler“ des IWF den Staatsbankrott anmelden musste. Diese Entwicklung f&#252;hrte zudem zu tiefen Einschnitten in das Budget des IWF, da gro&#223;e lateinamerikanische Geberstaaten wie Brasilien, Argentinien und Venezuela ihre Beitr&#228;ge zur&#252;ck behielten.</p>
<p><strong>…zu ihrer Wiederbelebung in der Krise</strong><br />
Doch weniger als zwei Jahre nachdem Bello dieses Untergangsszenario vorgestellt hatte, drehte sich der Wind komplett; die globale Krise hat den IWF wiederbelebt. Die vielleicht gl&#252;cklichste Person weltweit in den Zeiten der Krise ist Dominique Strauss-Kahn, der gesch&#228;ftsf&#252;hrende Direktor des IWF, der auf der Pressekonferenz w&#228;hrend des G-20-Treffens am 2. April 2009 triumphierend verk&#252;ndete:<br />
„Der IWF ist zur&#252;ck. […] Sie sehen den Beweis daf&#252;r, wenn sie das Kommuniqué lesen. Jeder Abschnitt, oder fast jeder Abschnitt – sagen wir, die wichtigen Teile – sind auf die eine oder andere Weise mit dem IWF verbunden.“<br />
Ironischerweise sind es genau jene Staaten, die &#252;ber Jahrzehnte am meisten unter seiner Politik gelitten haben – insbesondere Argentinien, Brasilien und Indonesien, die nach der Erweiterung der G-7 zu den G-20-Staaten geh&#246;ren – die dem W&#228;hrungsfonds nun neues Leben einhauchen, ihm Legitimit&#228;t und Relevanz zur&#252;ckgeben. Auf den Gipfeltreffen der G-20 in London (April 2009) und Pittsburgh (September 2009) wurde festgehalten, dass die internationalen Finanzinstitutionen „eine wichtige unterst&#252;tzende Rolle f&#252;r die Arbeit (der G-20), f&#252;r nachhaltiges Wachstum, Stabilit&#228;t, die Schaffung von Arbeitspl&#228;tzen, Entwicklung und Armutsbek&#228;mpfung spielen. Es ist daher entscheidend, dass diese weiterhin ihre Relevanz, ihre Reaktionsbereitschaft, ihre Effektivit&#228;t und ihre Legitimit&#228;t erh&#246;hen.“<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Dar&#252;ber hinaus wird das neue „G-20 Rahmenwerk f&#252;r starkes, nachhaltiges und ausgewogenes Wachstum“, das verst&#228;rkte wirtschaftliche Kooperation erm&#246;glichen soll, von IWF- und Weltbank-Analysen unterst&#252;tzt. Damit werden die G-20, ungeachtet ihrer Selbststilisierung als blo&#223;es „informelles Forum“, zu einer weiteren strategisch wichtigen Institution, durch die IWF und Weltbank ihre Ziele artikulieren und, was noch wichtiger ist, sich Legitimit&#228;t verschaffen k&#246;nnen. Doch w&#228;hrend die VertreterInnen der G-20 behaupten, sie w&#252;rden nicht nur wirtschaftliche Macht verk&#246;rpern, sondern auch Legitimit&#228;t und Glaubw&#252;rdigkeit genie&#223;en, werden hunderte schwache und marginalisierte L&#228;nder und ihre Bev&#246;lkerungen nicht von dieser Gruppe repr&#228;sentiert und somit au&#223;er Acht gelassen. Die Krise, die den IWF und die Weltbank h&#228;tte umbringen k&#246;nnen, hat diese Institutionen wieder auferstehen lassen. Und jene L&#228;nder, die guten Grund gehabt h&#228;tten, sie zugrunde gehen zu lassen, haben sie letztlich gerettet.</p>
<p><strong>Neoliberale Antworten auf die Krise</strong><br />
W&#228;hrend die Welt im April 2009 gespannt nach London blickte und sich manche vom dortigen G-20-Treffen eine Ver&#228;nderung der globalen Wirtschaftsordnung erhofften, war es nicht schwer, die Reaktionen auf die Krise seitens der G-20-Mitgliedsstaaten sowie von IWF und Weltbank voraus zu sehen. Eine aufmerksame Lekt&#252;re der Dokumente, die IWF und Weltbank im Vorfeld des Londoner Gipfels erstellt hatten, lie&#223; bereits erahnen, welche Antworten auf die globale Krise vorgeschlagen werden w&#252;rden. Die Krise sollte nicht als M&#246;glichkeit zur Schw&#228;chung des neoliberalen Projekts wahrgenommen werden, sondern im Gegenteil als Gelegenheit, eine wirklich offene, weltweite Finanzarchitektur und wettbewerbsf&#228;hige M&#228;rkte zu schaffen, die auf globaler Ebene von IWF und Weltbank selbst eingesetzt, koordiniert und reguliert wird. Der <em>Global Monitoring Report</em> 2009 der Weltbank wiederholt das exakt selbe neoliberale Programm und Projekt, das seit den fr&#252;hen 1990er Jahren verfolgt wurde.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Konkret identifiziert die Weltbank sechs Priorit&#228;tsfelder<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a>: (1.) fiskalpolitische Ma&#223;nahmen zur Sicherung makro&#246;konomischer Stabilit&#228;t; (2.) St&#228;rkung des privaten Sektors in den Bereichen Kapitalanlage, Handel, Gewerbe und Finanzen, um die Stabilit&#228;t des Finanzsystems zu erh&#246;hen; (3.) „verst&#228;rkter Einsatz des privaten Sektors im Bereich der Finanzierung und Durchf&#252;hrung von Dienstleistungen“; (4.) Einwirken auf nationalstaatliche Regierungen, gegen verst&#228;rkten Druck in Richtung Protektionismus einzustehen und ein „offenes internationales Handels- und Finanzsystem aufrecht zu erhalten“; (5.) beschleunigter Abschluss der Doha-Verhandlungen; und (6.) &#220;bernahme einer „Schl&#252;sselposition“ durch Weltbank und IWF in der &#220;berbr&#252;ckung finanzieller Engp&#228;sse, die Entwicklungsl&#228;nder durch den R&#252;ckgang privater Kapitalfl&#252;sse zu erleiden haben. Dies wird verbunden mit dem Aufruf, den beiden Institutionen „den Auftrag, die Ressourcen und die notwendigen Instrumente zu verleihen, um eine effektive Reaktion auf die globale Krise zu unterst&#252;tzen“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a>. Einige Tage vor dem Gipfeltreffen in London wiederholte Robert Zoellick, Pr&#228;sident der Weltbank, diese Ideen und schlug eine Strategie zur Wiederbelebung multilateraler Abkommen vor, konkret „ein WTO-basiertes Monitoring-System“, das die Doha-Verhandlungen komplettieren soll; eine &#220;berwachungsrolle des IWF zur Bewertung von Konjunkturpaketen; und eine „Revision des Finanzregulierungs- und -aufsichtssystems“, in der nationalen Regierungen die Autorit&#228;t im Rahmen eines erweiterten Finanzstabilit&#228;tsforums &#252;bertragen wird, wobei letzteres „mit dem IWF und der Weltbankgruppe“ zusammen arbeiten soll.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Auch das vom IWF im Februar 2009 herausgegebene Papier <em>Initial Lessons of the Crisis for the Global Architecture and the IMF</em> sieht die Krise als „einmalige Gelegenheit […] Fortschritte in scheinbar unl&#246;sbaren Fragen zu erreichen.“ Diese Gelegenheit gilt es laut IWF zu nutzen. Zwar wird eingestanden, dass „die Krise Schw&#228;chen an zentralen Punkten der Finanzarchitektur offengelegt hat“, die Quintessenz lautet jedoch, die alten Prinzipien und Politikvorschl&#228;ge wieder und wieder neu aufzuw&#228;rmen. Der IWF fordert (1.) &#220;berwachungsmechanismen, die schon nach der Asienkrise 1997 und dem Platzen der dot-com-Blase 2001 Schw&#228;chen und Risiken fr&#252;hzeitig aufsp&#252;ren h&#228;tten sollen; (2.) eine St&#228;rkung ihrer eigenen Institution und das Mandat, „F&#252;hrung zu &#252;bernehmen, wo es um die systemischen Aspekte der Weltwirtschaft geht“; (3.) Regeln f&#252;r grenz&#252;berschreitende Finanztransaktionen und (4.) ausreichende und jederzeit verf&#252;gbare Ressourcen „zum Ausgleich von Liquidit&#228;tsengp&#228;ssen und zur Abschw&#228;chung von W&#228;hrungsschwankungen“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a>.<br />
In Summe kann festgehalten werden, dass trotz der verheerenden Folgen und dem gewaltigen Ausma&#223; der Krise die Institutionen der <em>Global Governance</em> an den Grundpfeilern des Neoliberalismus festhalten. Ihr Ziel ist es nicht, die Doktrin des freien Marktes aufzugeben, sondern sie in st&#228;rkere und bessere Institutionen einzubetten und dadurch noch weiter zu treiben. Doch dies l&#228;sst die Frage offen: st&#228;rkere und bessere Institutionen <em>f&#252;r wen?</em> Ihre Antwort ist eindeutig: f&#252;r den Markt, nicht f&#252;r die Menschen.</p>
<p><strong>Autorit&#228;rer Liberalismus in Asien</strong><br />
Die Best&#228;rkung des Neoliberalismus im Moment seiner eigenen Krise durch internationale Organisationen kennt man auch aus Asien. Anders, als es der beliebte Begriff der „Entwicklungsstaaten“ nahe legt, wurde in Ost- und S&#252;dostasien, seitdem die Region in die Kreisl&#228;ufe der neoliberalen Globalisierung eingebunden ist, eine spezifische Staatsform institutionalisiert. Diese kann als „autorit&#228;rer Liberalismus“ bezeichnet werden: eine liberale Marktwirtschaft, die in ein autorit&#228;res politisches Institutionengef&#252;ge eingebettet ist. Dieses Gef&#252;ge stellt den Rahmen dar, in dem die Region auf die globale Krise reagiert. Erfahrungen, die w&#228;hrend der Asienkrise 1997 und nach den Anschl&#228;gen vom 11. September 2001 gemacht wurden, und die Reaktionen auf die Krise seitens der Asiatischen Entwicklungsbank (AsEB) sowie der ASEAN (Association of Southeast Asian Nations) k&#246;nnen herangezogen werden, um m&#246;gliche – und wahrscheinliche – Auswirkungen der gegenw&#228;rtigen Krise besser zu verstehen.<br />
Die zwei prominentesten Thesen des politik- und wirtschaftswissenschaftlichen Mainstreams k&#246;nnen die gegenw&#228;rtige politische &#214;konomie Ost- und S&#252;dostasiens nur unzureichend erkl&#228;ren. Das erste, modernisierungstheoretische Argument besagt, dass &#246;konomische Globalisierung notwendigerweise die Ausbreitung liberaler Demokratien mit sich bringt; die zweite These, jene des „Demokratischen Friedens“, behauptet, dass zwischen demokratischen Staaten keine Kriege stattfinden. Die Restrukturierung der Staaten in Ost- und S&#252;dostasien als Prozess in Richtung eines autorit&#228;ren Liberalismus zu begreifen, kann dagegen eine tragf&#228;higere „Lesart“ dieser Entwicklung anbieten. Ein Blick auf die beiden gro&#223;en Krisen, die Asien in den letzten Jahrzehnten heimgesucht haben – die Asienkrise 1997 und die Anschl&#228;ge vom 11. September 2001 – zeigt, dass und wie Krisen funktional f&#252;r die Institutionalisierung des autorit&#228;ren Liberalismus waren.</p>
<p><strong>„Demokratische Momente“?</strong><br />
Der Umst&#252;rze zweier Milit&#228;rdiktaturen – der von Ferdinand Marcos auf den Philippinen 1986 und jener Suhartos in Indonesien 1998 – wurden oft als „demokratische Momente“ wahrgenommen, die den Fortschritt des Demokratisierungsprozesses in der ganzen Region anzeigen sollten. Der dominante Diskurs sowohl in den Sozialwissenschaften als auch unter PolitikerInnen prophezeite zu jener Zeit, dass die Liberalisierung der Wirtschaft die Entwicklung liberaler und demokratischer Regierungsformen antreiben w&#252;rde. Ebenso wurde behauptet, dass die Befreiung einer mit neuem Selbstvertrauen ausgestatteten, progressiven Mittelschicht von autorit&#228;ren Regimen ein funktionales Erfordernis f&#252;r florierende M&#228;rkte sei. Heute klingen solche Behauptungen hohl. In theoretischer Hinsicht waren die Modelle, die vom Mainstream der „&#220;bergangsdebatte“ angeboten wurden, schon immer wenig &#252;berzeugend. Sie entleerten den Begriff der Demokratie von jeder gesellschaftlichen Bedeutung im Sinne popularer Macht und reduzierten ihn auf formale und prozedurale Kriterien, symbolisiert v.a. durch das Abhalten von Wahlen und die „Effektivit&#228;t“ politischer Institutionen. Die Prinzipien und damit verbundenen Praktiken der Souver&#228;nit&#228;t des Volkes, etwa die Verantwortung und Rechenschaftspflicht der Regierungen, die M&#246;glichkeit der freien politischen Meinungs&#228;u&#223;erung oder Partizipationsm&#246;glichkeiten f&#252;r B&#252;rgerInnen, kamen in den Forschungsprogrammen praktisch nicht vor. Der empirische Befund legt f&#252;r Asien jedoch eine deutlich andere Diagnose nahe, als es der dominante Diskurs suggeriert. Er verweist auf die Begrenztheit der Rechenschaftspflicht der Regierungen, die Beschr&#228;nkung politischer und ziviler Rechte, die Einschr&#228;nkung der Vereinigungsfreiheit sowie auf unfreie und unfaire Wahlen. Tats&#228;chlich bringen neoliberale Globalisierung und die damit verbundene krisenanf&#228;llige Wirtschaftsordnung nicht den Triumph der liberalen Demokratie mit sich, sondern ihren Untergang. Wenn die vergangenen zwei Jahrzehnte uns etwas &#252;ber das Verh&#228;ltnis von Demokratie und polit&#246;konomischer Ordnung gelehrt haben, dann dass die Marktwirtschaft auch ohne Demokratie wachsen und gedeihen kann.15 Die Eliten Asiens werden nicht notwendigerweise zu Kr&#228;ften des politischen Liberalismus und der Demokratie; wenn es ihren Interessen dient, k&#246;nnen sie auch offen antiliberale und antidemokratische Haltungen annehmen.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a></p>
<p><strong>Asienkrise 1997</strong><br />
Die Asienkrise von 1997 beschleunigte einen Prozess der Reorganisation staatlicher Autorit&#228;ten in Ost- und S&#252;dostasien, der schon lange zuvor in Gang gesetzt worden war. Zentral f&#252;r diese neuen polit-&#246;konomischen Formen war „das Entstehen eines neuen regulierenden Staates, der direkt auf die Herstellung &#246;konomischer und gesellschaftlicher Ordnung innerhalb der globalisierten Wirtschaft abzielt“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a>. Das dahinterstehende Prinzip war klar: Durch die Einsetzung neuer Regelwerke versuchte der Staat, eine Reihe wichtiger &#246;konomischer Institutionen vom Einfluss demokratischer Willensbildung abzuschotten, um dadurch die Marktordnung zu sch&#252;tzen. Das Ergebnis ist die Verschmelzung autorit&#228;rer Politikformen mit regelbasierten <em>Governance</em>-Strukturen in unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Feldern.<br />
Ein Blick zur&#252;ck auf die Erfahrungen von 1997 zeigt, dass die politischen Strategien und Ma&#223;nahmen, die in Reaktion auf die Asienkrise durchgef&#252;hrt wurden, auf Kosten der Demokratisierung, der Menschenrechte und letztlich der armen Bev&#246;lkerung gingen. Erstens bot die Krise den Eliten in Asien den politischen, wirtschaftlichen und intellektuellen Vorwand f&#252;r autorit&#228;re Ma&#223;nahmen – rhetorisch verpackt als „asiatische Werte“ – etwa in Malaysia, Singapur, China und Thailand. Diese Eliten waren die selben, die behauptet hatten, das System der europ&#228;ischen Wohlfahrtsstaaten w&#252;rde nicht zu den asiatischen Gegebenheiten passen. Zweitens wurden durch die Krise Menschenrechtsthemen an den Rand gedr&#228;ngt, B&#252;rgerrechte im Namen der inneren Sicherheit (z.B. in Malaysia und Singapur) und soziale Rechte zu Sparzwecken eingeschr&#228;nkt (z.B. in Indonesien, Thailand und auf den Philippinen). Und drittens zielten die politischen Reaktionen auf die Krise darauf ab, M&#228;rkte und Unternehmen zu retten. So wurde am zweiten Asien-Europa-Treffen (ASEM-2), das 1998 in London stattfand, der <em>ASEM Trust Fund</em> eingerichtet, der aus Mangel an politischem Willen ohne angemessene institutionelle Mechanismen ausgestattet wurde und deshalb das Ziel, die Armen und ArbeiterInnen als die am st&#228;rksten von der Krise Betroffenen zu unterst&#252;tzen, verfehlen musste. Kurz gesagt zeigte sich, dass in Zeiten der Krise die M&#246;glichkeit besteht, Demokratisierungsprozesse hintan zu stellen, Menschenrechte zu ignorieren und die arme Bev&#246;lkerung zu vernachl&#228;ssigen.</p>
<p><strong>Der Sicherheitskomplex Asien nach 9/11</strong><br />
Auch die Krise in Folge der Anschl&#228;ge vom 11. September 2001 konnte nicht am autorit&#228;ren Liberalismus in Asien r&#252;tteln. Im Gegenteil bot der US-gef&#252;hrte „Krieg gegen den Terror“ asiatischen Regierungen die Gelegenheit, staatliche &#220;berwachungs- und Internierungspolitiken auszubauen. Staaten in Asien mit semiautorit&#228;ren Regimen wurden zu strategisch wichtigen Einsatzpunkten im Kampf gegen den Terrorismus. Die Menschenrechtssituation hat sich in der Region seit 9/11 drastisch verschlechtert, wobei eine Reihe von F&#228;llen – von Morden an MenschenrechtsaktivistInnen und JournalistInnen auf den Philippinen bis zu Angriffen auf M&#246;nche und deren SympathisantInnen in Burma – Schlagzeilen machte.<br />
Das Post-9/11-Asien ist also eine Art Sicherheitskomplex, der aus verschiedenen autorit&#228;ren Systemen zusammengesetzt ist.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Die Stabilit&#228;t der Region scheint eher auf einer „friedlichen Koexistenz der Autoritarismen“ und einer Politik der wechselseitigen Nichteinmischung zu beruhen statt auf einem „demokratischen Frieden“. Wir beobachten eine Wiederauferstehung oder Versch&#228;rfung des Autoritarismus: Semiautorit&#228;re Regime in Malaysia und Singapur; eine Milit&#228;rregierung in Burma/Myanmar; die prominente Rolle von Milit&#228;r und Monarchie in Thailand; Ein-Parteien-Systeme in China, Laos, Kambodscha und Vietnam; eine Kultur der Straffreiheit und anhaltende Militarisierung in den indonesischen Regionen Aceh und Papua; und eine f&#252;r<br />
autorit&#228;re Vorschl&#228;ge zumindest empf&#228;ngliche philippinische Regierung.</p>
<p><strong>Die <em>Asian Development Bank</em> (ADB) und ASEAN</strong><br />
Die ADB reagierte auf die Krise und die damit verbundenen Fiskalprobleme ihrer Mitgliedsstaaten im Zeitraum 2009-2010 mit Hilfestellungen im Wert von 32 Milliarden USDollar.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> F&#252;r die ADB ist das <em>banking as usual</em> – es handelt sich um Kredite mit einer Laufzeit von zwischen f&#252;nf und 15 Jahren, vergeben an „bed&#252;rftige“ asiatische Staaten, mit fixen oder flexiblen Zinss&#228;tzen, die von der <em>London Interbank Offered Rate</em> (LIBOR) festgelegt werden.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Das Vorgehen ist typisch f&#252;r die Ziele und Priorit&#228;ten der ADB: 44 Prozent der Kredite flie&#223;en in Programme, die das Wirtschaftswachstum stimulieren und das Vertrauen des privatwirtschaftlichen Sektors wieder herstellen sollen; 35 Prozent sind f&#252;r Strukturreformen im Rahmen der <em>„Countercyclical Support Facility“</em> vorgesehen, die das Investmentklima verbessern sollen; 12 Prozent f&#252;r Handelserleichterungen, um den Privatsektor zu entlasten; aber nur sechs Prozent f&#252;r Infrastrukturma&#223;nahmen und mickrige 3 Prozent f&#252;r soziale Sicherung.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Selbstverst&#228;ndlich m&#252;ssen die Schuldnerstaaten – sprich: die Bev&#246;lkerungen und SteuerzahlerInnen – f&#252;r die R&#252;ckzahlung der Kredite einstehen, &#252;bernehmen alle damit verbundenen Risiken und k&#246;nnen somit selbst dann haftbar gemacht werden, wenn die Privatwirtschaft gegen die Wand f&#228;hrt und f&#252;r die Krise verantwortlich ist.<br />
Einen Monat vor dem G-20-Gipfel in London traten die Staats- und Regierungschefs der ASEAN in Chaam Hua Hin, Thailand, zu ihrem 14. Treffen zusammen und diskutierten, welche Punkte Indonesien (als einziges G-20-Mitglied) auf die Tagesordnung der G-20 setzen sollte. In ihrer Abschlusserkl&#228;rung &#252;bernehmen sie die Argumente – und teilweise die wortw&#246;rtlichen Formulierungen – die zuvor von Weltbank, IWF und ADB in ihren jeweiligen Statements ausgearbeitet worden waren. Sie entspricht v&#246;llig dem bisherigen Bekenntnis der ASEAN zu den neoliberalen Idealen von Freihandel, Wettbewerbsf&#228;higkeit und offenen M&#228;rkten, die w&#228;hrend der letzten Dekade institutionalisiert worden waren und in den kommenden Jahren wohl weiter verfolgt werden. Mit der Annahme der ASEAN-Charter verpflichteten sich die Mitgliedsstaaten Ende 2008 zu einer verst&#228;rkten asiatischen Integration, die nach dem Vorbild der EU die Schaffung eines gemeinsamen Binnenmarktes und eines gemeinsamen Wirtschaftsraums bis 2015 vorsieht.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Anstatt angesichts der gegenw&#228;rtigen Krise den Versprechen des Freihandels etwas mehr Misstrauen entgegen zu bringen, schloss die ASEAN dar&#252;ber hinaus zwischen Februar und August 2009 fast jeden Monat ein Investitionsund Freihandelsabkommen im asiatisch-pazifischen Raum (Australien und Neuseeland), im Osten (S&#252;dkorea und China) und im S&#252;den (Indien) Asiens ab.</p>
<p><strong>Das Projekt ASEAN 2015</strong><br />
Die gegenw&#228;rtigen Reaktionen der ost- und s&#252;dostasiatischen Staaten auf die globale Krise zeigen deutlich, dass es keine Zur&#252;cknahme des autorit&#228;ren Liberalismus gibt. Sowohl die milliardenschweren Konjunkturpakete als auch die riesigen ADB-Kredite zielen eindeutig auf die Wiederherstellung von Wirtschaftswachstum, die Unterst&#252;tzung der Privatwirtschaft und eine offene, freie Marktwirtschaft ab, und ignorieren weitgehend die soziale Absicherung der Armen.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Hinzu kommt, dass in der gegenw&#228;rtigen, instabilen polit-&#246;konomischen Situation das Risiko besteht, dass die Dollar-Milliarden enorme Budgetdefizite nach sich ziehen und dadurch eine weitere Schuldenkrise ausgel&#246;st wird.<br />
Tats&#228;chlich wurde erst im Kontext dreier aufeinander folgender &#246;konomischer Krisen w&#228;hrend der letzten zehn Jahre das ehrgeizige Projekt eines gemeinsamen ASEAN-Marktes durchgesetzt. Mit diesem haben sich die zehn Mitgliedsl&#228;nder kategorisch auf die Vertiefung von Freihandel, Wettbewerbsorientierung und eine offene Marktwirtschaft – also die Fortf&#252;hrung des neoliberalen Kurses – festgelegt. Jedoch existiert diese Festlegung zun&#228;chst nur auf dem Papier. Die Umsetzung geschieht auf Ebene der einzelnen Nationalstaaten, und die Durchf&#252;hrbarkeit der Vision eines gemeinsamen Marktes bis 2015 ger&#228;t durchaus mit der Realpolitik asiatischer Eliten in Konflikt – denn es sind deren Interessen, keine Ideologien, die letztlich z&#228;hlen. Die Eliten Asiens k&#246;nnen zutiefst anti-marktwirtschaftlich und wettbewerbshemmend agieren, wenn dies ihren Interessen entspricht.</p>
<p><strong>Fazit</strong><br />
Die globale Krise ist nicht die einzige Ursache f&#252;r die anti-demokratischen Tendenzen, die wir identifiziert haben, aber sie hat den schon l&#228;nger existierenden diskursiven und institutionellen Angriff auf die Demokratie versch&#228;rft und beschleunigt. Die hegemonialen neoliberalen AkteurInnen haben die Krise als Chance wahrgenommen, diese zu ihrem Vorteil zu nutzen und neoliberale Politiken zu erneuern und zu st&#228;rken. W&#228;hrend Weltbank, IWF und ihre G-20-Verb&#252;ndeten von Reformen sprechen, l&#228;uft ihre Strategie auf eine Restrukturierung der gesellschaftlichen Klassenverh&#228;ltnisse hinaus, welche die Hegemonie des Kapitals und die Macht der Eliten sichern, Entwicklungsstrategien (von Staaten wie von internationalen Organisationen) in Richtung Marktorientierung festschreiben und das Institutionengef&#252;ge in Staat und Gesellschaft entsprechend der Logiken, Anforderungen und Imperative des Neoliberalismus umgestalten soll. Die grundlegenden Regeln und Werte der politischen &#214;konomie sollen den Marktkr&#228;ften unterworfen werden, nicht der Demokratie.<br />
Die Staaten Ost- und S&#252;dostasiens reagieren auf die Krise im Rahmen eines polit-&#246;konomischen Regimes, das wir als autorit&#228;ren Liberalismus bezeichnen. Die Erfahrungen aus den Krisen von 1997 und nach dem 11. September 2001 sind eindeutig; die <em>banking as usual</em>-Politik der ADB bevorzugt weiterhin den privatwirtschaftlichen Sektor; und das ASEAN-2015-Projekt eines gemeinsamen Binnenmarkts verweist auf die weitere Verankerung des autorit&#228;ren Liberalismus als Staatsform im Prozess der neoliberalen Reproduktion der R&#228;ume des Kapitalismus in Zeiten der multiplen Krise.<br />
Eine dritte Tendenz<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> ist das Erstarken des Nationalismus in den USA und Europa. Das reicht von protektionistischer Wirtschaftspolitik bis zu Rassismus, Islamophobie, (neo-) kolonialistischen Entwicklungsstrategien und einer restriktiven, ausgrenzenden Migrationspolitik. Diese Praxen sind ausschlie&#223;end und grundlegend undemokratisch.<br />
Diese Krise zeigt deutlich die Schwachstellen des globalen Kapitalismus im Allgemeinen und des Neoliberalismus im Speziellen. Doch in einer Situation, in der die politische und &#246;konomische Machtkonstellation weiterhin die hegemonialen Akteure und Strukturen massiv bevorzugt, bef&#246;rdert der „zeit-r&#228;umliche fix“<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> der gegenw&#228;rtigen globalen Krise die Reproduktion des Neoliberalismus und anti-demokratische Projekte. Die sich versch&#228;rfenden Angriffe auf die Demokratie zeigen, wo, warum und wie Widerstand geleistet und K&#228;mpfe gef&#252;hrt werden k&#246;nnen und sollen.</p>
<p><em>Bonn Juego</em> hat Politikwissenschaft auf den Philippinen und in Malaysia studiert und ist aktuell PhD Fellow an der Universit&#228;t Aalborg.</p>
<p><em>Johannes Dragsbaek Schmidt</em> ist au&#223;erordentlicher Professor an der Universit&#228;t Aalborg. Zuletzt hat er auf Deutsch ver&#246;ffentlicht: Finanzkrise, Sozialkrise und ungleiche Entwicklung in S&#252;dkorea und Thailand, in: K&#252;blb&#246;ck, Karin/Staritz, Cornelia (Hg.): Asienkrise: Lektionen gelernt? Finanzm&#228;rkte und Entwicklung, Hamburg 2008, S. 143-158</p>
<p>&#220;bersetzung: <em>Benjamin Opratko</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Wenn die Analyseebene „von unten“ gew&#228;hlt – d. h. auf Zivilgesellschaft und soziale Bewegungen fokussiert – wird, l&#228;sst sich nat&#252;rlich argumentieren, dass die blo&#223;e Tatsache, dass Oppositionspolitik und Widerstand existiert, als Anzeichen f&#252;r Demokratisierung gewertet werden kann.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Anm. d. Red.:In einer l&#228;ngeren Version dieses Artikels gehen die Autoren auf eine dritte globale Tendenz ein, die sie in diesem Zusammenhang f&#252;r wichtig halten: das Erstarken von Nationalismus, Rassismus und (neo-)kolonialen Entwicklungsstrategien in Europa und den USA. Aus Platzgr&#252;nden kann dieser Aspekt hier nicht n&#228;her behandelt werden, eine ausf&#252;hrliche Auseinandersetzung damit l&#228;sst sich aber in der Originalversion nachlesen: Juego, Bonn/Schmidt, Johannes Dragsbaek: The Global Crisis and the Assault on Democracy. Paper presented at the Conference ‘After the Gold Rush: Economic Crisis and Consequences’, University of Iceland, Reykjavik, unter: http://vbn.aau.dk/files/32589147/Juego&#038;Schmidt%20(2010),%20The%20Global%20Crisis%20and%20the%20Assault%20<br />
on%20Democracy.pdf<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Harvey, David: Kleine Geschichte des Neoliberalismus, Z&#252;rich 2007<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Zwar ist die neoliberale Form des Kapitalismus gestorben (d.h. der Marktfundamentalismus oder das Fehlen direkter staatlicher Intervention in den Markt), aber nicht der Kapitalismus als Prozess der Kapitalakkumulation und als Verh&#228;ltnis, in dem Arbeit unter Kapital subsumiert wird. (vgl. Juego, Bonn/Schmidt, Johannes Dragsbaek: Unpacking the Global Crisis: Neo-liberalism, Financial Crises, and Authoritarian Liberalism, Paper presented at the Sixth Historical Materialism Conference: ‚Another World is Necessary: Crisis, Struggle and Political Alternatives’, London, 2009).<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Polanyi, Karl: The Great Transformation. Politische und &#246;konomische Urspr&#252;nge von Gesellschaften und Wirtschaftssystem, Frankfurt/M. 1978; vgl. Bugra Ayse/Agartan, Kaan (Hg.): Market Economy as a Political Project: Reading Karl Polanyi for the 21st Century, Basingstoke 2007<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Cammack, Paul: The Evolving Agenda of „Poverty Reduction“: from Structural Adjustment to Universal Competitiveness, Paper presented at the ISA Annual Convention, New York 2009, unter: http://www.allacademic.<br />
com//meta/p_mla_apa_research_citation/3/1/0/3/7/pages310370/p310370-1.php<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Bruno, Michael: Deep Crises and Reform: What Have We Learned?, Washington D.C. 1996, S. 4; vgl. auch Klein, Naomi: Die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus, Frankfurt 2007<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Bello, Walden: All Fall Down, unter: http://www.fpif.org/articles/all_fall_down<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> G-20: Communiqué, Meeting of Finance Ministers and Central Bank Governors, 7 (2009), Abschnitt 5<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Cammack, Paul: The Governance of Global Capitalism, in: Historical Materialism 11(2) 2003, S. 37–59; ders.: „All Power to Global Capital!“, Papers in the Politics of Global Competitiveness 10, Institute for Global Studies, Manchester Metropolitan University, unter: http://e-space.openrepository.com/e-space/bitstream/2173/6190/3/The%20Politics%20of%20Global%20Competitiveness.pdf<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> vgl. World Bank: Global Monitoring Report 2009: A Development Emergency, Washington 2009<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> ebd., S. xii<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Zoellick, Robert: Seizing Opportunity from Crisis; Making Multilateralism Work, The World Bank, 31 March 2009, unter: http://web.worldbank.org/WBSITE/EXTERNAL/NEWS/0,,contentMDK:22121476~pagePK:34370~piPK:42770~theSitePK:4607,00.html<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> IMF: Initial Lessons of the Crisis for the Global Architecture and the IMF, Washington 2009, S. 13<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Juego, Bonn: Constitutionalizing „Authoritarian Liberalism“ in the Philippines: A Critique of the Political Economy of Charter Change, in: Global Development Studies Research Series, 1 (2008), unter: http://vbn.aau.dk/files/14000082/1_GDS_wp.pdf<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Rodan, Gary/Hewiso, Kevin/Robison, Richard (Hg.): Political Economy of South-East Asia: Markets, Power and Contestation, Sydney 2006<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Jayasuriya, Kanishka: Beyond Institutional Fetishism: From the Developmental to the Regulatory State, in: New Political Economy, 10(2005), S. 381–387; vgl. ders.: Authoritarian Liberalism, Governance<br />
and the Emergence of the Regulatory State in Post-Crisis East Asia, in: Robison, Richard et al. (Hg.): Politics and Markets in the Wake of the Asian Crisis, London 2000, S. 315-329 sowie ders.: Governance, Post Washington Consensus and the New Anti Politics, in: Working Papers Series No. 2 Southeast Asia Research Centre, City University of Hong Kong 2001, unter: http://www6.cityu.edu.hk/searc/Data/FileUpload/189/WP2_01_Jayasuriya.pdf<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Juego, Bonn: Securitization against Democratization: War on Terrorism, Authoritarian Liberalism, and Neoliberalism in Post-9/11 Southeast Asia, in: Brockmann, Katrin/Hauck, Hand Bastian/Reigeluth, Stuart (Hg.): From Conflict to Regional Stability: Linking Security and Development, Berlin 2008, S. 71–81<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> ADB: ADB’s Response to the Global Economic Crisis: An Update, 2009<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> vgl. ADB: ADB Financial Products, 2008<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> ADB 2009, a.a.O.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> ebd.; ASEAN: Annual Report 2008-2009: Implementing the Roadmap for an ASEAN Community 2015, Jakarta 2009<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> vgl. ASEAN: Economic Stimulus: Thailand, Malaysia spend billions to boost economy, ASEANAffairs.com 2008; ADB 2009, a.a.O.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> siehe Fu&#223;note 2<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Anm. d. &#220;bers.: Der marxistische Wirtschaftsgeograph David Harvey bezeichnet als „raum-zeitlichen fix“ Strategien, in denen &#252;berakkumuliertes Kapital dem Kapitalkreislauf entzogen wird, indem es an bestimmten Orten investiert und dadurch auf bestimmte Zeit gebunden („fixiert“) wird. Solche „fixes“ k&#246;nnen als tempor&#228;re L&#246;sung von durch &#220;berakkumulation verursachten Krisen dienen, (engl. „to fix“ kann auch „reparieren“ hei&#223;en), schieben diese aber zugleich immer nur zeitlich hinaus (vgl. Harvey, David: Der neue Imperialismus, Hamburg 2005; sowie die Einleitung der &#220;bersetzerInnen in Silver, Beverly: Forces of Labor. Arbeiterbewegungen und Globalisierung seit 1870, Berlin 2005).</p>
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		<title>Out Now: Perspektiven Nr.12</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Oct 2010 18:53:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Perspektiven Nr.12 ist erschienen – Schwerpunkt: &#8220;Autorit&#228;re Antworten auf die Krise&#8221;


Der Inhalt in Kurzform:
Im Schwerpunkt:
Nicolas Schlitz und Felix Wiegand: Die FP&#214;. Nutznie&#223;erin der Krise? – Bonn Juego und Johannes Dragsbaek Schmidt: Die globale Krise und der Angriff auf die Demokratie – Interview zur Situation in Osteuropa: Im Osten nichts Neues – Hanna Lichtenberger, Veronika Duma und Tobias Boos: Hinter dem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><em>Perspektiven</em> Nr.12 ist erschienen – Schwerpunkt: &#8220;Autorit&#228;re Antworten auf die Krise&#8221;</h3>
<p><span id="more-1627"></span><br />
<a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2010/10/p12end.jpg"><img class="aligncenter size-medium wp-image-1617" title="p12end" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2010/10/p12end-211x300.jpg" alt="" width="211" height="300" /></a><br />
<strong>Der Inhalt in Kurzform</strong>:</p>
<p>Im Schwerpunkt:<br />
<a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/10/15/die-fpoe-nutzniesserin-der-krise/">Nicolas Schlitz und Felix Wiegand: Die FP&#214;. Nutznie&#223;erin der Krise?</a> – Bonn Juego und Johannes Dragsbaek Schmidt: Die globale Krise und der Angriff auf die Demokratie – Interview zur Situation in Osteuropa: Im Osten nichts Neues – Hanna Lichtenberger, Veronika Duma und Tobias Boos: Hinter dem Faschismus steht…?</p>
<p>Au&#223;erhalb des Schwerpunkts:<br />
Peter Hallward: Haiti. Von der Flut zum Beben – Paul Pop: Zehn Filme, die man vor der Revolution gesehen haben muss – Philipp Probst: Vom Aufstieg und Fall der Profitrate – Rezensionen und Rosinenpicken</p>
<p>Jetzt <a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/10/15/editorial-10/">Editorial</a> lesen! <a href="http://www.perspektiven-online.at/ausgaben/perspektiven-nr-12/">Perspektiven Nr. 12</a> bestellen! <a href="http://www.perspektiven-online.at/abo/">Abo </a>holen!</p>
<p>Wir w&#252;nschen interessante Lekt&#252;re, W&#252;nsche, Anregungen und Kritik sind wie immer herzlich willkommen und ausdr&#252;cklich erw&#252;nscht, am einfachsten per Mail an <a href="redaktion@perspektiven-online.at">redaktion@perspektiven-online.a</a>t !</p>
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		<title>Thesen zur Wien-Wahl 2010</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/08/26/thesen-zur-wien-wahl-2010/</link>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:54:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>felix</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Wien-Wahl ist ein entscheidender Gradmesser f&#252;r die politische Situation in &#214;sterreich. Wie und mit welchen inhaltlichen Schwerpunkten der Wahlkampf gef&#252;hrt wird und welche Politik die Stadt in den n&#228;chsten Jahren pr&#228;gt, ist nicht nur f&#252;r alle in Wien lebenden Menschen von gro&#223;er Bedeutung, sondern hat weit &#252;ber den lokalen Kontext hinaus Signalwirkung. In zugespitzter Form schlagen sich bei dieser Wahl die parteipolitischen Tendenzen der letzten Jahre und Jahrzehnte nieder: Aufgrund ihrer anhaltenden Krise ist die Sozialdemokratie mehr denn je vom Erhalt ihrer starken Machtposition und des Mythos Rotes Wien abh&#228;ngig.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die Wien-Wahl ist keine Wahl wie jede andere.</strong></p>
<p>Die Wien-Wahl ist ein entscheidender Gradmesser f&#252;r die politische Situation in &#214;sterreich. Wie und mit welchen inhaltlichen Schwerpunkten der Wahlkampf gef&#252;hrt wird und welche Politik die Stadt in den n&#228;chsten Jahren pr&#228;gt, ist nicht nur f&#252;r alle in Wien lebenden Menschen von gro&#223;er Bedeutung, sondern hat weit &#252;ber den lokalen Kontext hinaus Signalwirkung. In zugespitzter Form schlagen sich bei dieser Wahl die parteipolitischen Tendenzen der letzten Jahre und Jahrzehnte nieder: Aufgrund ihrer anhaltenden Krise ist die Sozialdemokratie mehr denn je vom Erhalt ihrer starken Machtposition und des Mythos Rotes Wien abh&#228;ngig. Gleichzeitig verfolgt die FP&#214; – als <em>der</em> Kristallisationspunkt der extremen Rechten in &#214;sterreich – explizit die Strategie, &#252;ber einen (Achtungs-)Erfolg in Wien die politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse in ganz &#214;sterreich weiter nach rechts zu verschieben. F&#252;r Bundes- und Landesparteiobmann Heinz-Christian Strache ist es sogar erkl&#228;rtes Ziel, das Amt des Wiener B&#252;rgermeisters zum Ausgangspunkt f&#252;r eine erfolgreiche Bundeskanzler-Kandidatur zu machen. Infolgedessen wird der von Strache ausgerufene „Kampf um Wien“ zum wichtigen Pr&#252;fstein f&#252;r die Schlagkraft linker, antifaschistischer und antirassistischer Politik.</p>
<p><strong>Die Sozialdemokratie befindet sich in einer strukturellen Krise.<span style="font-weight: normal;"> </span></strong></p>
<p>Die europaweite Neoliberalisierung sozialdemokratischer Parteien in Gestalt des so genannten Dritten Weges hat auch vor der SP&#214; nicht halt gemacht. Folglich ist sie mit dem gleichen strukturellen Widerspruch konfrontiert, der sozialdemokratische Politik in ganz Europa seit Jahren pr&#228;gt: Hier die Interessen der ArbeiterInnen und Gewerkschaftsmitglieder als soziale Basis der Sozialdemokratie; und dort neoliberale Politiken, welche die soziale Situation fortw&#228;hrend verschlechtern. Das Ergebnis ist eine tiefgreifende Legitimit&#228;ts- und Repr&#228;sentationskrise sowie ideologische Orientierungslosigkeit der Sozialdemokratie. Ihren Ausdruck findet diese Krise in ausbleibenden Wahlerfolgen, Austrittswellen und dem Fehlen personeller Alternativen. Diese Problematik offenbart sich, wenngleich in abgeschw&#228;chter Form, auch mit Blick auf die Wiener SP&#214;: In Bereichen wie Wohnen, Versorgung, Soziales, Bildung oder Stadtentwicklung verfolgt die Partei auch hier eine neoliberale Politik, die sich negativ auf die soziale Situation vieler BewohnerInnen der Stadt auswirkt. Gleichzeitig versucht sie mit Slogans wie „Wien ist anders“ oder dem st&#228;ndigen Verweis auf die Tradition des Roten Wien sich ihrer sozialen und politischen Basis zu versichern – jedoch mit m&#228;&#223;igem Erfolg.</p>
<p><strong>Die FP&#214; profitiert ma&#223;geblich von der Politisierung der sozialen Frage.</strong></p>
<p>Zwei Jahrzehnte neoliberaler Klassenkampf von oben haben die gesellschaftlichen Ungleichheiten in &#214;sterreich massiv versch&#228;rft. Da die Folgen der aktuellen Wirtschaftskrise – einer der schwersten der letzten 100 Jahre – zunehmend auf die lohnabh&#228;ngig Besch&#228;ftigen abgew&#228;lzt werden, kommt es zu einer tiefgreifenden sozialen Verunsicherung. Unter dieser Voraussetzung kann der parteif&#246;rmige Rechtsextremismus v. a. deshalb &#252;ber seinen deutschnationalen Kern hinaus Anh&#228;ngerInnen gewinnen, weil er in jene Repr&#228;sentationsl&#252;cke st&#246;&#223;t, welche die Krise der Sozialdemokratie hinterl&#228;sst. Indem die FP&#214; die soziale als nationale Frage politisiert, kann sie an den realen Erfahrungen breiter Bev&#246;lkerungsschichten anschlie&#223;en und so die massenhafte Zustimmung zu rechtsextremen Inhalten organisieren. Forderungen wie „Sozialleistungen nur f&#252;r Staatsb&#252;rger! – &#214;sterreicher zuerst“ oder „Arbeitspl&#228;tze f&#252;r unsere Wiener!“ – statt f&#252;r „Gastarbeitslose“ sind beispielhaft f&#252;r diese Strategie. Indem sie Themen wie steigende Lebenshaltungskosten (Strom, Gas, Miete etc.), Kinderbetreuungspl&#228;tze, urbane Gro&#223;projekte, sozialen Wohnbau oder den Alltag im Gr&#228;tzel offensiv thematisiert, versucht die FP&#214; sich auch stadtpolitisch als soziale Alternative zur SP&#214; zu positionieren. Dass dieser Selbstdarstellung als „soziale Partei“ de facto eine wirtschaftsliberale, wohlfahrtsstaatsfeindliche Politik gegen&#252;bersteht, zeigt unter anderem die freiheitliche, wirtschaftspolitische Ausrichtung an den Interessen von Gro&#223;unternehmen und mittelst&#228;ndischen Betrieben.</p>
<p><strong>Wo es an Abgrenzung sowie einem antirassistischen und antifaschistischen Grundkonsens mangelt, wird die extreme Rechte gest&#228;rkt.</strong></p>
<p>Der Aufstieg der FP&#214; zu einer politisch relevanten Kraft ist nicht zuletzt der fehlenden inhaltlichen und personellen Abgrenzung von Seiten anderer Parteien und gesellschaftlicher Kr&#228;fte geschuldet. Wo der Themensetzung der extremen Rechten entsprochen und rassistische Inhalte in die eigene Politik aufgenommen werden oder die FP&#214; als realer oder potentieller politischer Verb&#252;ndeter und Koalitionspartner hofiert wird, kommt es zur Normalisierung und Legitimierung von Rechtsextremismus und Rassismus. Die politischen Koordinaten verschieben sich weiter nach rechts. Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus sind auf diesem Weg ebenso (wieder) salonf&#228;hig geworden wie ein revanchistischer Sicherheitsdiskurs, in dem sich Forderungen nach mehr Polizei und st&#228;rkerer &#220;berwachung des urbanen Raums mit rassistischen Klischees von „osteurop&#228;ischen Bettelbanden“ verbinden. Das Fehlen eines antirassistischen Grundkonsenses macht sich auch dort bemerkbar, wo die allt&#228;gliche rassistische Polizeigewalt samt ihrer t&#246;dlichen Folgen unkommentiert bleibt. Wird demgegen&#252;ber von antirassistischen und antifaschistischen Initiativen und Gruppen versucht, Rassismus zu politisieren und, wie etwa beim WKR-Ball, dem selbstbewussten und offenen Auftreten rechtsextremer und nazistischer Kr&#228;fte entschlossen entgegenzutreten, wird dem mit scharfer Repression begegnet. Die notwendige, auch finanzielle und infrastrukturelle, Unterst&#252;tzung solcher Projekte und Initiativen durch die Stadt bleibt aus.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Die FP&#214; muss demaskiert, isoliert und marginalisiert werden.</strong></p>
<p>Die Aff&#228;re um die Pr&#228;sidentschaftskandidatur von Barbara Rosenkranz zeigt auf, welche M&#246;glichkeiten entstehen, wenn die FP&#214; ideologisch entlarvt und somit in Erkl&#228;rungs- und Rechtfertigungsnot gebracht wird. Die Demaskierung von Rosenkranz trug zu einer Schw&#228;chung ihres politischen Auftretens bei und machte einen offensiven Wahlkampf f&#252;r sie schwieriger. Daher ist es entscheidend, neben dem rassistischen und rechtsextremen Charakter der FP&#214; auch die historisch-ideologischen Wurzeln der Partei zu benennen. Diese zeigen sich etwa in ihrer Entstehungsgeschichte aus dem <em>Verband der Unabh&#228;ngigen</em> (VdU), der als Auffangbecken nationalsozialistischer Kader nach 1945 gilt, ihrer aktiven Verbindung zu au&#223;erparlamentarischen rechtsextremen Gruppierungen und in der engen Verkn&#252;pfung ihrer Funktion&#228;rInnen mit dem Lager der deutsch-nationalen Burschenschaften. Gleichzeitig ist es essenziell, eine breite Gegen&#246;ffentlichkeit zur FP-Ideologie und ihrer Pr&#228;senz in Politik und Gesellschaft zu mobilisieren. Ein gro&#223;es, antifaschistisches B&#252;ndnis gegen die FP&#214; und die mit ihr verbundenen rechtsextremen Kreise treibt ihre politische Isolierung voran. Dar&#252;berhinaus k&#246;nnen Mobilisierungen gegen FP&#214;-Auftritte im Kleinen (auf Bezirksebene, bei Infost&#228;nden usw.) wie im Gro&#223;en (durch Demonstrationen, Konzerte oder Blockaden) zu ihrer Demoralisierung und Marginalisierung beitragen. Der &#246;ffentliche Raum darf nicht der extremen Rechten &#252;berlassen werden!</p>
<p>Letztendlich ist es auch wichtig, den institutionell-politischen Einfluss der FP&#214;, z.B. ihren Zugang zu Parteienf&#246;rderung, zu beschneiden. Deshalb macht es auch Sinn, gegen Rechts w&#228;hlen zu gehen, um die Pr&#228;senz von Rassismus und Rechtsextremismus im Rahmen der repr&#228;sentativen Demokratie zur&#252;ckzudr&#228;ngen. <strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Die soziale Frage von links stellen.</strong></p>
<p>Wenn die FP&#214; ernsthaft und nachhaltig konfrontiert werden soll, muss auch das zentrale Element ihres Erfolges ausgehebelt werden, also ihre F&#228;higkeit, die soziale Frage nationalistisch und rassistisch zu beantworten und damit Hoheit &#252;ber die Tagesthemen zu beanspruchen. Die Notwendigkeit linker Antworten auf soziale Fragen wird im Kontext der aktuellen Wirtschaftskrise und der Krise der SP&#214; noch akuter. Es bedarf eines aktiven Agendasettings von links, bei dem auch die bundesweiten Diskussionen aufgegriffen werden m&#252;ssen. Brennende Themen sind z.B. die Frage der Wirtschafts- und Finanzpolitik, und in diesem Sinne die Forderung einer Umverteilung von oben nach unten (Verm&#246;genssteuern, Refinanzierung der Universit&#228;ten, bedingungsloses Grundeinkommen, usw.). Andererseits bedarf es auch einer progressiven Thematisierung stadt- und bezirkspolitischer Fragen, wie des Anstiegs der Lebenshaltungskosten, der zunehmenden (Neo-) Liberalisierung der st&#228;dtischen Sozialpolitik oder von Gentrifizierungstendenzen.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>(Un-)M&#246;gliche politische Alternativen – Eine Neue Linke ist n&#246;tig.</strong></p>
<p>Es stellt sich die Frage, ob Die Gr&#252;nen angesichts des Versagens der SP&#214; als linke, soziale Kraft und des Aufstiegs der FP&#214; eine Alternative darstellen k&#246;nnen. Auch wenn Die Gr&#252;nen die einzige politisch relevante Partei in &#214;sterreich ist, die so etwas &#196;hnliches wie ein antirassistisches und antifaschistisches Profil besitzt, muss die Frage nach ihrem Potential als linke Alternative verneint werden. Ihre fehlende Verankerung in der ArbeiterInnenklasse und ihre Konzentration auf liberal-b&#252;rgerliche Forderungen sowie ihre Unf&#228;higkeit, antirassistisches Engagement mit einer Diskussion um tats&#228;chliche soziale Alternativen zu verbinden, disqualifiziert sie als ernsthafte linke Kraft, die das existierende politische Vakuum f&#252;llen k&#246;nnte.</p>
<p>Die Wien-Wahl demonstriert dementsprechend erneut die Notwendigkeit des Aufbaus einer Neuen Linken in &#214;sterreich. Diese m&#252;sste antirassistisches Engagement und Konfrontation der extremen Rechten mit der Politisierung der sozialen Frage von unten verbinden und in weiterer Konsequenz auch bei Wahlen eine reale politische Alternative zu rechter Sozialdemagogie und Klassenkampf von oben darstellen k&#246;nnen.</p>
<p><em>Gruppe Perspektiven</em></p>
<p><em> </em></p>
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		<item>
		<title>Wiens Salzamt: Neoliberalismus und der Fonds Soziales Wien</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:11:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialdemokratie]]></category>
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		<description><![CDATA[
Die Stichw&#246;rter „Soziale Gerechtigkeit“, „Inklusion statt Exklusion“ und „Mindestsicherung“ sind im „Europ&#228;ischen Jahr zur Bek&#228;mpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung“ in aller Munde. Auch die Stadt Wien, namentlich die Wiener SP&#214;, r&#252;hmt besonders die fl&#228;chendeckende soziale Sicherheit in der Stadt. Dass Wien so lebenswert sei, ist laut Sonja Wehsely, Sozial- und Gesundheitsstadtr&#228;tin, „kein Zufall, sondern das Ergebnis langj&#228;hriger erfolgreicher sozialdemokratischer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-1581"></span><br />
Die Stichw&#246;rter „Soziale Gerechtigkeit“, „Inklusion statt Exklusion“ und „Mindestsicherung“ sind im „Europ&#228;ischen Jahr zur Bek&#228;mpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung“ in aller Munde. Auch die Stadt Wien, namentlich die Wiener SP&#214;, r&#252;hmt besonders die fl&#228;chendeckende soziale Sicherheit in der Stadt. Dass Wien so lebenswert sei, ist laut Sonja Wehsely, Sozial- und Gesundheitsstadtr&#228;tin, „kein Zufall, sondern das Ergebnis langj&#228;hriger erfolgreicher sozialdemokratischer Politik.“<a name="anm_1"></a> Ob der Ausbau sozialer Sicherungsleistungen seit den 1950er Jahren kontinuierlich fortgeschritten ist oder ob nicht auch – speziell in Wien – relevante Sicherungsl&#252;cken und strukturelle Ungerechtigkeiten bestehen, wird im Folgenden thematisiert. Besonderes Augenmerk wird dabei auf neoliberale Entwicklungen in der Sozialpolitik gelegt. Dabei sollen Erl&#228;uterungen zum 2004 eingef&#252;hrten <em>Fonds Soziales Wien</em> (FSW) exemplarisch darstellen, was Sozialpolitik im Neoliberalismus konkret bedeutet und welche Probleme diese Art von Politik mit sich bringt. Es zeigt sich, dass das „rote“ Wien<a name="anm_2"></a> nicht mehr ann&#228;hernd so sozial ist, wie es vorgibt zu sein.</p>
<p><strong>Eine kurze Geschichte des Keynesianischen Wohlfahrtsstaates</strong><br />
Mit dem Erstarken der ArbeiterInnenbewegung im 19. Jhdt. wurden erste Schritte zur Etablierung von national unterschiedlich ausgestalteten Wohlfahrtsregimen erk&#228;mpft. Einen beachtenswerten Ausbau erfuhren die Wohlfahrtsstaaten (WFS)  in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Wesentliche Voraussetzungen waren die damaligen gesellschaftlichen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse, die St&#228;rke der internationalen ArbeiterInnenbewegung, aber auch die Systemkonkurrenz zwischen Ost und West, die den Druck auf die herrschenden Klassen vergr&#246;&#223;erte Zugest&#228;ndnisse zu machen.<br />
Ab Mitte des 20.Jahrhunderts f&#252;hrte die Durchkapitalisierung der Gesellschaft zu weitreichenden Ver&#228;nderungen der sozialen Beziehungen und Lebensverh&#228;ltnisse. Der „Keynesianischen Wohlfahrtstaat“<a name="anm_3"></a> etablierte sich. Eine seiner wichtigsten Funktionen bestand darin, den Massenkonsum als wichtigen Bestandteil des fordistischen Akkumulationsmodells zu stabilisieren. Die sozialen Lagen wurden dadurch gleichf&#246;rmiger und „die Eingliederung in das Lohnverh&#228;ltnis, die direkte Abh&#228;ngigkeit vom Kapitalverwertungsprozess (wurde) zum Massenschicksal (…)“<a name="anm_4"></a>. Diese Ver&#228;nderungen f&#252;hrten zum Auftreten neuer sozialer Risiken, was zur Folge hatte, dass die Sicherung des Einkommens im Falle von Krankheit, Arbeitslosigkeit und Alter durch kollektive Schutzma&#223;nahmen zunehmend thematisiert wurde. Es wurde ein umfangreiches System der staatlichen Unterst&#252;tzung f&#252;r sogenannte Notlagen sowie eine staatliche Sozialversicherung entwickelt, welche verhindern sollten, dass Individuen in gro&#223;er Zahl aus dem fordistischen Produktions- und Reproduktionskreislauf herausfallen. Zugleich sollte durch ein Selektions- und Kontrollsystem die notwendige Arbeitsmotivation gew&#228;hrleistet werden. Diese  staatliche Unterst&#252;tzungs- und Schutzma&#223;nahmen k&#246;nnen allerdings nicht nur funktional interpretiert werden, sind es doch Errungenschaften, die hart erk&#228;mpft wurden.</p>
<p><strong>Hin zum Schumpeter’schen Leistungsstaat</strong><br />
Ver&#228;nderungen in der globalen &#214;konomie – wie neue Schl&#252;sseltechnologien und die wachsende Internationalisierung der &#214;konomie – f&#252;hrten ab Mitte der 1970er Jahre zu &#246;konomischen Umstrukturierungen in den Nationalstaaten und damit auch zu Umstrukturierungen in den nationalen Sozialstaaten.<a name="anm_5"></a> Der Staatstheoretiker Bob Jessop spricht in diesem Zusammenhang vom &#220;bergang des Keynesianischen Wohlfahrtsstaates zum Schumpeter’schen Leistungsstaat.<a name="anm_6"></a> Letzterer zeichne sich sozialpolitisch durch eine Reorientierung der Sozialpolitik auf die Erfordernisse des Arbeitsmarktes aus. Konkreter ausgedr&#252;ckt ist der Schumpeter’sche Leistungsstaat ein aktivierender Sozialstaat, dessen Kernziele es sind, die Sozialausgaben zu reduzieren und die dekommodifizierenden Elemente des Keynesianischen Wohlfahrtstaates – d.h. diejenigen Sozialleistungen, die den Zwang zur Lohnarbeit in spezifischen F&#228;llen wie z.B. Krankheit vermindern – wieder abzubauen.<a name="anm_7"></a> Sozialpolitik wird im Schumpeter’schen Leistungsstaat nur mehr dann als legitim erachtet, wenn sie produktivkraftsteigernd ist. Ins Zentrum der Aufmerksamkeit r&#252;ckt die bedrohte Wettbewerbsf&#228;higkeit des jeweiligen Nationalstaates. In der Folge &#228;ndern sich Zweck und Mittel wohlfahrtsstaatlicher Interventionen grundlegend: „Nicht der problemad&#228;quate Schutz vor sozialen Risiken und die Korrektur der marktvermittelten Einkommenspolarisierung, sondern der Beitrag der Sozialpolitik zur Konsolidierung der Staatshaushalte, zur Reduzierung der Personalzusatzkosten und zur Deregulierung des Arbeitsrechts- und Tarifsystems avancierten zum Erfolgskriterium einer ´modernen` Sozialpolitik“.<a name="anm_8"></a></p>
<p><strong>Von <em>welfare</em> zu <em>workfare</em></strong><br />
Seinen konkreten politischen Ausdruck findet der neoliberale Sozialstaat in der Politik des <em>workfare</em>, deren zentrales Element die Bindung des Bezugs von sozialen Leistungen an Gegenleistungen darstellt.<a name="anm_9"></a> Aktivierung als oberstes Ziel der Sozialpolitik bedeutet in erster Linie die Sicherung von Besch&#228;ftigungsf&#228;higkeit und die F&#246;rderung der Arbeitsmarktflexibilit&#228;t. Oft geht damit auch  die Aus&#252;bung von Zwang auf Leistungsempf&#228;ngerInnen und die Androhung von Sanktionen bei Nicht-Einhaltung von Vereinbarungen einher. Menschen mit schweren Behinderungen oder Langzeit-Obdachlose, die strukturell vom <em>Ersten Arbeitsmarkt</em> ferngehalten werden, trifft diese Politik besonders, da von ihnen erwartet wird, dass sie Gegenleistungen (wie beispielsweise permanente Ausweisungspflicht oder die unbedingte Teilnahme an  Arbeitstrainings) erbringen um die soziale Unterst&#252;tzung, die sie dringend ben&#246;tigen, zu erhalten. Loïc Wacquant spricht in diesem Zusammenhang vom &#220;bergang vom „f&#252;rsorgenden“ zum „strafenden“ Staat.<a name="anm_10"></a> „Keine Rechte ohne Pflichten“ oder „von nichts kommt nichts mehr“ – so k&#246;nnte die neue sozialpolitische Devise kurz und knapp zusammengefasst werden.</p>
<p><strong>Du bist arm? Selbst schuld!</strong><br />
Mit diesem Wandel von <em>welfare </em>zu <em>workfare </em>ging auch die gesellschaftliche Etablierung eines vollkommen neuen Menschenbildes einher. W&#228;hrend in Zeiten des Ausbaus wohlfahrtsstaatlicher Programme Armut oder Arbeitslosigkeit in den Kontext gesellschaftlichen Versagens gestellt wurden<a name="anm_11"></a>, so wird in Zeiten des neoliberalen Sozialstaates die Eigenverantwortung der Individuen besonders betont. Der/Die Einzelne wird von gesamtgesellschaftlichen Instanzen gel&#246;st betrachtet und seine/ihre individuelle Rolle als „sein eigenes Kapital, sein eigener Produzent und seine eigene Einkommensquelle“<a name="anm_12"></a> betont. Dieses neue Menschenbild hat katastrophale Auswirkungen auf die gesellschaftliche Positionierung gegen&#252;ber Personen, die soziale Hilfeleistungen ben&#246;tigen: Sie gelten entweder – gem&#228;&#223; der Ideologie einer <em>culture of povert</em>y – als unf&#228;hig ihr eigenes Leben zu meistern, oder als zu wenig qualifiziert, um den Anspr&#252;chen des Marktes gerecht zu werden. Prinzipiell werden Armut, Arbeitslosigkeit und soziale Bed&#252;rftigkeit als individuelle Defizite bezeichnet, die vom Staat kaum und wenn dann nur durch Aus- und Weiterbildungsma&#223;nahmen ver&#228;ndert werden k&#246;nnen.<a name="anm_13"></a> Eine Konsequenz dieses Menschenbildes ist, dass bestimmte Bev&#246;lkerungsteile – die sogenannte Neue Unterschicht oder stadtr&#228;umlich ausgegrenzte Jugendliche – als desintegriert und als „Gefahr f&#252;r die Demokratie“ erachtet werden. Die Tatsache, dass Armut und soziale Bed&#252;rftigkeit keineswegs selbst verschuldet sind, sondern im kapitalistischen System gesellschaftlich verursacht und teilweise sogar gewollt sind, wird durch diesen Diskurs vollkommen verschleiert.</p>
<p><strong>Folgen einer „Politik des Forderns und F&#246;rderns“</strong><br />
ProduzentInnen wie Empf&#228;ngerInnen sozialer Dienstleistungen sind gleicherma&#223;en von dieser „Politik des Forderns und F&#246;rderns“  betroffen: <em>Erstens </em>wird der Leistungsbezug kontinuierlich an mehr Voraussetzungen gebunden und das Leistungsgef&#252;ge zunehmend restriktiver ausgestaltet. Die Folge ist, dass immer weniger Menschen immer weniger Sozialleistungen zugesprochen werden. <em>Zweitens </em>werden soziale DienstleisterInnen permanent in Weiterbildungsprogramme gedr&#228;ngt, was einerseits zu Professionalisierung und damit verbesserter Qualit&#228;t sozialer Arbeit f&#252;hrt, oft aber auch Leistungsdruck und psychische Belastungen f&#252;r die Betroffenen mit sich bringt. <em>Drittens </em>werden die Sozialverwaltungen zunehmend nach betriebswirtschaftlichen Effizienzkriterien umgebaut, was einerseits zu einer erh&#246;hten B&#252;rokratisierung f&#252;hrt und andererseits dem Bereich der sozialen Dienstleistungen vielfach nicht angemessen ist.<br />
Seit den 1990er Jahren f&#252;hren zudem Verwaltungsreformen unter dem Schlagwort <em>New Public Management</em> dazu, „dass &#246;ffentliche Einrichtungen zwar noch &#246;ffentlich sind, sich aber zunehmend wie private verhalten: Nicht mehr gemeinn&#252;tzige Ziele stehen im Vordergrund, sondern betriebswirtschaftliche Effizienz.“<a name="anm_13"></a> Dem Ziel der Ausgabenreduktion folgend, sollen Ressourcen effizienter gestaltet und Qualit&#228;tsverbesserung &#252;ber den „freien Markt“ erm&#246;glicht werden. &#214;ffentliche Verwaltungen und Dienstleistungen werden ausgegliedert, kommunaler Besitz verkauft, Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse dereguliert und Managementtechniken im Bereich &#246;ffentlicher Dienstleistungen eingef&#252;hrt.<br />
Im Bereich der sozialen Dienstleistungen f&#252;hrt dieser neoliberale Umbau der Verwaltungen zu weitreichenden Ver&#228;nderungen:<br />
1. KlientInnen werden zu KundInnen umdefiniert, die auf einem freien Markt das beste Angebot w&#228;hlen sollen, auch wenn sie dazu oft nicht in der Lage sind.<br />
2. Es kommt zu Einsparungen auf Kosten der Qualit&#228;t: Billigst- statt BestbieterInnen setzen sich durch.<br />
3. Damit verbunden ist die Deregulierung der Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse und der Anstieg des Anteils atypisch Besch&#228;ftigter.<br />
4. Zwischen &#246;ffentlichen Financiers und gemeinn&#252;tzigen Tr&#228;gerInnen werden Leistungsvertr&#228;ge eingef&#252;hrt, die zumeist zeitlich befristet sind und es sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen zunehmend erschweren, ihre Arbeit zu planen.<br />
5. Die Vorstellung setzt sich durch, dass soziale Dienstleistungen operationalisier- und messbar w&#228;ren<a name="anm_15"></a>. Abgesehen von der Frage, ob und wie man Fortschritt im Bereich des Sozialen eigentlich messen soll, f&#252;hrt diese Vorstellung zu einem wachsenden Zeitaufwand f&#252;r rein quantitative Leistungsdokumentation und weniger Zeit f&#252;r die eigentliche Arbeit. Dar&#252;ber hinaus werden hierdurch implizit die Kontrollmechanismen eines „strafenden Staates“ eingef&#252;hrt.</p>
<p><strong>Soziale Sicherung in &#214;sterreich</strong><br />
Die Etablierung eines relativ weitreichenden Systems der sozialen Sicherung hat sich in &#214;sterreich weniger durch aktive K&#228;mpfe der ArbeiterInnenklasse als durch sozialpartnerschaftliche Aushandlungsprozesse<a name="anm_16"></a> vollzogen. Als zentrale Sozialpolitikbereiche k&#246;nnen die Systeme der sozialen Sicherung (Sozialversicherung und Sozialhilfe), die Regelung der Arbeitsbedingungen und -beziehungen, die (Mit-)Steuerung des Arbeitsmarktes und diverse familienbezogene Leistungen ausgemacht werden.<a name="anm_17"></a><br />
In einer der g&#228;ngigsten Typologisierungen der international vergleichenden WFS-Forschung entspricht der &#246;sterreichische WFS dem konservativen Typ.<a name="anm_18"></a> Dieser ist stark lohnarbeitszentriert und baut bei der Erbringung von Versorgungsleistungen auf die (heterosexuelle) Kleinfamilie. Das hei&#223;t im Konkreten, dass in &#214;sterreich die Integration in den Erwerbsarbeitsmarkt die zentrale Voraussetzung f&#252;r den Bezug von Sozialversicherungsleistungen (im Falle von Alter, Krankheit, Unfall und Arbeitslosigkeit) ist. Aus geschlechterkritischer Perspektive bedeutet dies zweierlei: Im Gegensatz zu skandinavischen L&#228;ndern, in denen soziale Dienstleistungen vom Staat zur Verf&#252;gung gestellt werden, h&#228;ngt die Pflege und Versorgungsleistung (beispielsweise von &#196;lteren und Kinder) in &#214;sterreich an den Familien und f&#228;llt damit traditionell in den Verantwortungsbereich der Frauen. Andererseits f&#252;hrt die Tatsache, dass sich Frauen tendenziell nicht in Normalarbeitsverh&#228;ltnissen, d.h. in unbefristeter Vollbesch&#228;ftigung befinden, dazu, dass sie meist nur indirekt bei ihrem Partner mitversichert sind und dadurch strukturelle Abh&#228;ngigkeiten verst&#228;rkt werden. Klassen- und geschlechterspezifische Einkommensungleichheiten werden dar&#252;ber hinaus durch die &#196;quivalenzrelation zwischen der H&#246;he und Dauer der geleisteten Versicherungsbeitr&#228;ge und durch die H&#246;he der finanziellen Sozialleistungen (Geldleistungen in der Krankenversicherung, Arbeitslosengeld/Notstandhilfe und Alterspension) reproduziert. Generell l&#228;sst sich allerdings beobachten, dass das Normalarbeitsverh&#228;ltnis zunehmend erodiert, so dass ein immer gr&#246;&#223;er werdender Teil der Bev&#246;lkerung von eigenst&#228;ndiger sozialstaatlicher Absicherung ausgeschlossen wird.</p>
<p><strong>Sozialhilfe</strong><br />
Erg&#228;nzend zur Sozialversicherung gibt es das zweite Netz der sozialen Sicherung, welches soziale Notlagen und Gef&#228;hrdungen, wie Wohnungslosigkeit oder Einkommen unter der Armutsgrenze, mildern soll: die auf Ebene der L&#228;nder und Gemeinden organisierte Sozialhilfe<a name="anm_19"></a>. Sozialhilfe ist eine steuerfinanzierte, bedarfsgepr&#252;fte Leistung und kann nur in Anspruch genommen werden, wenn es keine anderen M&#246;glichkeiten der Sicherung des Lebensunterhalts gibt (Erwerbsarbeit, famili&#228;re materielle Ressourcen oder andere gesetzliche Leistungen). Bestehende Verm&#246;gen m&#252;ssen vor dem Bezug von Sozialhilfe verbraucht werden. Dar&#252;ber hinaus wird Sozialhilfe nie automatisch vergeben, sondern muss immer beantragt werden.<br />
Die Sozialhilfe hat sich von ihrer urspr&#252;nglichen Aufgabe weit entfernt und muss bei immer mehr Risiken einspringen. Dar&#252;ber hinaus d&#252;rfen einige strukturelle Probleme der Sozialhilfe nicht unerw&#228;hnt bleiben: Prinzipiell sind zwar Rechtsanspr&#252;che vorgesehen, aber die Realisierung ist oft schwierig – wenn Antr&#228;ge z.B. bei der Wohnsitzgemeinde gestellt werden m&#252;ssen und dort alle Details &#252;ber Einkommens- und Lebensverh&#228;ltnisse offenzulegen sind. Die Folgen dieser Stigmatisierung sind hohe <em>Non-Take-Up-Rates</em>: Viele Anspruchsberechtigte stellen keine Antr&#228;ge auf Sozialhilfe.</p>
<p><strong>Ping-Pong-Spiel zwischen Bund und L&#228;ndern</strong><br />
Die legislative Kompetenz der Sozialpolitik ist zwischen Bund (Sozialversicherung, Arbeitsrecht, Arbeitsmarktpolitik und Familienleistungen) und L&#228;ndern (Sozialhilfe, teilw. Pflegevorsorge bzw. teilweise familienrelevante Leistungen) aufgeteilt. Zurzeit existieren (zu) viele Institutionen und somit Schnittstellen, was, infolge unklarer Zust&#228;ndigkeiten, zu Einschr&#228;nkungen bei der Leistungsinanspruchnahme f&#252;hrt. Da es in vielen Bereichen hinsichtlich der Zust&#228;ndigkeit keine klare Regelung zwischen Bund und L&#228;ndern gibt (z.B. bei der Unterst&#252;tzung von Integrationsvereinen), kommt es oft zu einem „Ping-Pong-Spiel“ der Verantwortlichkeiten.<br />
Ein wichtiger Aufgabenbereich der Bundesl&#228;nder (und somit auch von Wien) ist die Bereitstellung sozialer Dienstleistungen, wie zum Beispiel Altenpflege, Betreuung von Menschen mit Behinderung und Wohnungslosenhilfe. Diese k&#246;nnen entweder durch staatliche Institutionen selbst erbracht werden oder die &#246;ffentliche Hand &#252;bernimmt eine (Teil-)Finanzierung von sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen, die dann die Leistung erbringen. Es ist jedoch eine klare Dominanz von Geldleistungen gegen&#252;ber Sach- und Dienstleistungen festzustellen. Im Jahr 2005 wurden 71% aller Sozialleistungen als Geldleistungen ausbezahlt.<a name="anm_20"></a> Dadurch kommt es zu einem ungen&#252;genden Angebot an sozialen Dienstleistungen, z. b. dem Fehlen von Kinderbetreuungseinrichtungen, Einrichtungen zur Betreuung pflegebed&#252;rftiger &#228;lterer Menschen und Personen mit psychischen Erkrankungen sowie von Asylberatung und -betreuung oder Sozialberatung. Die Folgen sind bekannt: Einerseits m&#252;ssen die notwendigen Leistungen zu einem &#252;berwiegenden Teil vom informellen Haushaltssektor bereitgestellt werden, in dem haupts&#228;chlich Frauen unbezahlte Arbeit verrichten. Andererseits bleiben gesellschaftliche Randgruppen ihrem Schicksal &#252;berlassen oder sind auf private Vereine angewiesen (z.B. dem Verein <em>Ute Bock</em> im Fall nichtbetreuter AsylwerberInnen).</p>
<p><strong><em>Workfare</em> und Sozialdemokratie </strong><br />
In &#214;sterreich hat sich die Ausrichtung der Sozialpolitik seit den 1990er Jahren infolge ver&#228;nderter gesellschaftlicher Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse und &#246;konomischer Konstellationen gewandelt. Wurde bereits seit den 1980er Jahren von der Ausweitung sozialpolitischer Ma&#223;nahmen abgesehen, so ist seit dem EU-Beitritt 1995 ein wirklicher Wandel hin zum <em>workfare-state</em> zu auszumachen. Es gibt zwar Geld f&#252;r die prekarisierende, workfareistische Arbeitsmarktpolitik; die finanziellen Spielr&#228;ume f&#252;r sinnvolle, armutsbek&#228;mpfende und Lebensperspektiven erm&#246;glichende sozialpolitische Ma&#223;nahmen sind aber mit Hilfe der Wirtschafts- und W&#228;hrungsunion und der Maastricht-Kriterien weitgehend eingeschr&#228;nkt worden.<br />
Es ist nicht verwunderlich, dass die b&#252;rgerlichen politischen Kr&#228;fte (insbesondere die schwarzblaue Regierung 2000-2008) diese Entwicklungen in &#214;sterreich ma&#223;geblich vorantrieben haben. In diesem Prozess spielte jedoch auch die Sozialdemokratie eine sehr unr&#252;hmliche Rolle. Mit der Neuorientierung am so genannten „Dritten Weg“ ab Mitte der 1990er Jahre initiierte und unterst&#252;tzte die SP&#214; immer &#246;fter neoliberale Projekte<a name="anm_21"></a>. Die von Tony Blair und „New Labour“ vorangetriebene Politik der sozialdemokratischen Erneuerung in Europa f&#252;hrte unter anderem zu einer Neubesetzung von zentralen sozialdemokratischen Begriffen. Auch wenn das Ziel einer &#220;berwindung der Klassengesellschaft schon lange keinen Platz mehr in der SP&#214; hatte, galt lange Zeit zumindest der Vorsatz, durch die Mittel des Sozialstaats und die Umverteilung materieller G&#252;ter die „Ungleichheiten etwas gleicher werden zu lassen“<a name="anm_22"></a>. Von dieser „Verteilungsgerechtigkeit“ grenzte sich die Politik des Dritten Weges vehement ab. Nicht mehr die m&#246;glichst gerechte Verteilung sollte erreicht werden, sondern das neue Ideal der Gleichheit ersch&#246;pft sich bereits in der Beteiligung an der Erwirtschaftung des Wohlstands selbst: „Die neue Politik bestimmt Gleichheit als Inklusion und Ungleichheit als Exklusion.“<a name="anm_23"></a> Dieser Dritte Weg findet sich auch in der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie, konkret im 1998 verabschiedeten SP&#214;-Parteiprogramm: „‚Gleichheit‘ wird auch hier zu ‚Chancengleichheit‘, Gerechtigkeit zur ‚gleichberechtigten Teilhabe aller an der Gesellschaft‘, und ganz im Stile von Blair wird ein vorgeblicher ‚Mittelweg‘ gesucht, der in der Formulierung der ‚solidarischen Leistungsgesellschaft‘ seinen Ausdruck findet.“<a name="anm_24"></a><br />
Getragen wurde diese neoliberale Umorientierung der SP&#214; nicht nur von der Bundes-SP&#214; unter dem damaligen Bundeskanzler Viktor Klima, sondern auch von der Wiener SP&#214;, die schon damals unter F&#252;hrung des noch immer amtierenden B&#252;rgermeisters, Michael H&#228;upl, stand.</p>
<p><strong>Der Fonds Soziales Wien</strong><br />
Vor dem Hintergrund der seit 1945 bestehenden strukturellen Versorgungsl&#252;cken und den neoliberalen Verschlechterungen der letzten Jahrzehnte k&#246;nnte der Eindruck entstehen, es g&#228;be ein gro&#223;es Verbesserungspotential, um das sich ein absolut sozialdemokratisch regiertes Bundesland k&#252;mmern k&#246;nnte. Denn trotz der problematischen Kompetenzverteilung zwischen Bund und L&#228;ndern obliegt dem Land Wien der wichtige Bereich der sozialen Dienstleistungen. Doch eine dringend n&#246;tige Reform des „Sozialen Wiens“ wurde in den letzten Jahrzehnten kaum diskutiert. Die Tatsachen einer steigenden Zahl von Betroffenen, komplexerer Betreuungslagen oder der zunehmenden Belastungen von MitarbeiterInnen aufgrund von Ressourcenverknappung wurden ignoriert.<br />
Stattdessen wurde im Laufe des Jahres 2004 im Gemeinderat an einer Verwaltungsreform im Sozial- und Gesundheitsbereich gebastelt und der <em>Fonds Soziales Wien</em> (FSW) wurde als neuer zentraler Akteur eingef&#252;hrt. Dieser sollte dazu dienen, gro&#223;e Teile des kommunalen Sozialbereichs (namentlich die Altenpflege, das Behindertenwesen und die Wohnungslosenhilfe<a name="anm_25"></a>) in eine privatrechtliche Organisationsform zu &#252;berf&#252;hren. Implizites Ziel dieser Ausgliederung war es, &#246;ffentliche Auftragsvergabekriterien zu umgehen und den „freien Markt“ walten zu lassen. Bislang waren f&#252;r die drei Organisationselemente sozialer Dienstleistungen – Planung, Steuerung und Umsetzung – die MA 12 (das „Sozialamt“) und die MA 47 (das Amt f&#252;r Betreuung und Pflege) zust&#228;ndig. Nun sind diese drei Organisationselemente strikt getrennt. W&#228;hrend den Magistraten nur mehr die (Deutungs-)Hoheit &#252;ber die zuk&#252;nftigen Entwicklungen im Bereich der sozialen Dienstleistungen bleibt, ist der FSW nun f&#252;r die Steuerung, d.h. f&#252;r die Leistungsvorgaben, deren Kontrolle sowie f&#252;r die Finanzierung der Leistungen zust&#228;ndig. Privatrechtliche Tr&#228;gerInnenorganisationen f&#252;hren die Dienstleistungen aus. (Abb.1)<br />
Konkret sieht der Weg hin zu der Inanspruchnahme einer sozialen Dienstleistung in Wien nun in etwa so aus: Nach der Pflegegeldeinstufung beim Bundessozialamt, muss von der/dem potentiellen KlientIn beim FSW ein Antrag auf (beispielsweise) Pflege- oder Behindertenhilfe gestellt werden. Wenn dieser Antrag vom FSW – nach einer Bearbeitungsdauer von bis zu sechs (!) Monaten – bewilligt wird, kann sich die/der Empf&#228;ngerIn sozialer Dienstleistungen an eine – vom FSW unterst&#252;tzte – soziale Tr&#228;gerInnenorganisation wenden und die Dienstleistung in Anspruch nehmen. Der FSW steht demnach quasi &#252;ber den sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen und &#252;bt eine ungemeine Macht auf sie aus, indem er als Vermittler des „Kontingents von potentiellen KlientInnen“ wirkt.<a name="anm_26"></a><br />
Prinzipiell entspricht diese Ausgliederung und Teilprivatisierung gro&#223;er Teile der &#246;ffentlichen Sozialverwaltung ganz den Techniken des <em>New Public Managements</em>. Durch die Aufteilung in klar voneinander segmentierte Verantwortungsbereiche soll, so das Argument der Stadt Wien, Transparenz geschaffen werden. Weiters wird argumentiert, dass hierdurch klarer wird, welche Person welche Dienstleistungen und welche Organisation wie viel Geld f&#252;r die Durchf&#252;hrung dieser Dienstleistung erhalte.  Dar&#252;ber hinaus sollen durch die Dreigliederung der Verwaltung Effizienzgewinne erzielt werden. Jede Organisationseinheit h&#228;tte nun klar umgrenzte Aufgaben; Doppelg¬¬leisigkeiten k&#246;nnten dadurch verhindert werden. Schlussendlich w&#252;rde eine Markt- und Wettbewerbsorientierung im Bereich der sozialen DienstleisterInnen die Gleichbehandlung aller AnbieterInnen erm&#246;glichen (keine Organisation k&#246;nne mehr bevorzugt werden) und zur Anhebung von Qualit&#228;tsstandards beitragen. Durch wachsende Transparenz und permanentes Controlling m&#252;ssten zwangsl&#228;ufig bestimmte Mindeststandards eingef&#252;hrt werden, so der Tenor.</p>
<p><strong>Die bef&#252;rchteten Folgen der Ausgliederung</strong><br />
Demgegen&#252;ber war jedoch bereits der Prozess der Ausgliederung f&#252;r viele betroffene Tr&#228;gerInnenorganisationen vollkommen unklar und diffus – vielfach wurde der FSW als „intransparente Black Box“<a name="anm_27"></a> beschrieben –, da sie in den Prozess der Ausgliederung nicht bzw. nur ungen&#252;gend eingebunden wurden. Zudem bef&#252;rchteten viele in diesem Bereich T&#228;tige, dass die neoliberal inspirierte Reformstrategie gravierende negative Folgen haben w&#252;rde. So argumentierten VertreterInnen der Initiative „Soziale Arbeit – gestern, heute, morgen“<a name="anm_28"></a>, dass die Implementierung des Fonds Soziales Wiens folgende Verschlechterungen mit sich bringen w&#252;rde<a name="anm_29"></a>:<br />
1. Leistungsk&#252;rzungen;<br />
2. Einschr&#228;nkungen demokratischer Mitbestimmung und Kontrolle durch den FSW;<br />
3. Konzentration von AnbieterInnen durch „Marktbereinigungsmechanismen“: Durchsetzung von Billigst- statt BestbieterInnen;<br />
4. Sinkende Kooperationsbereitschaft; zunehmende Spezialisierung der einzelnen sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen, Fokussierung auf bestimmte KlientInnengruppen (sogenanntes „creaming“, benannt nach Créme: Man sucht sich die besten Teile heraus);<br />
5. Erste Schritte in Richtung Privatisierung des Sozialbereiches mit den &#252;blichen Auswirkungen auf die Besch&#228;ftigten (Rationalisierungen, Flexibilisierung der Arbeitszeiten, Deregulierung der Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse, Intensivierung der Arbeit, K&#252;rzung der Geh&#228;lter etc.);<br />
6. Zunehmende „KundInnenorientierung“, die dazu f&#252;hrt, dass KundInnen eigenst&#228;ndig das „beste Angebot ausw&#228;hlen“ sollen, was im Bereich der sozialen Dienstleistungen hei&#223;t, dass die Betroffenen sich die Bearbeitung der eigenen Probleme selbst organisieren m&#252;ssen;</p>
<p><strong>Befunde aus der Praxis</strong><br />
Seit der Implementierung des FSW sind sechs Jahre vergangen. Ob die bef&#252;rchteten Folgen der Ausgliederung wirklich so eingetreten sind, ist aufgrund d&#252;nner Quellenlage schwierig zu beantworten. Dieses Problem ist symptomatisch f&#252;r den Prozess der Implementierung des Fonds Soziales Wien. Es gibt so gut wie keine wissenschaftlichen Arbeiten, die sich mit den Folgen von Ausgliederungen besch&#228;ftigen – als positive Ausnahme kann das bereits oben erw&#228;hnte Projekt „Fachliche Standards in der Sozialarbeit“<a name="anm_30"></a> genannt werden. Aber auch die sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen, die sich immer wieder zu sozialpolitischen Themen in der (medialen) &#214;ffentlichkeit zu Wort melden, verhalten sich aufgrund der enormen Abh&#228;ngigkeit vom FSW derzeit vollkommen ruhig.<br />
Einige Punkte zu den Folgen der Ausgliederung lassen sich jedoch skizzieren:<br />
Durch die Gr&#252;ndung des FSW als <em>Controlling</em>-Organ konnten die Qualit&#228;tsstandards im Bereich der sozialen Dienstleistungen tats&#228;chlich angehoben und durchgesetzt werden. Folge dieser Durchsetzung von Qualit&#228;tsstandards ist, dass soziale DienstleisterInnen nur mehr in dem Bereich arbeiten k&#246;nnen, indem sie eine Ausbildung haben. Dies f&#252;hrt jedoch vor dem Hintergrund der angespannten Arbeitsmarktsituation zu Qualifizierungsdruck bei den Betroffenen. Die Angst, den eigenen Arbeitsplatz aufgrund ungen&#252;gender Qualifikation zu verlieren oder  pers&#246;nliche Probleme, Job und Ausbildung unter einen Hut zu bekommen, sind ebenfalls Folgen der Unterfinanzierung des Sozialbereichs.<br />
Die Einf&#252;hrung des Fonds Soziales Wien zog eine Monopolisierung der Leistungsvergabe mit sich. Im Grunde entscheidet nun der FSW allein dar&#252;ber, welcher/m KlientIn welche Leistungen zuerkannt werden. Das f&#252;hrt dazu, dass basale T&#228;tigkeiten, wie Haare oder N&#228;gel schneiden, h&#228;ufig nicht im Leistungskatalog enthalten sind und von dem/der KlientIn selbst bezahlt werden m&#252;ssen. Dar&#252;ber hinaus erschwert die f&#252;r &#214;sterreich so spezifische Aufteilung in Bund- und L&#228;nderkompetenzen den Zugang zu Leistungen.<br />
Der b&#252;rokratische Verwaltungsaufwand ist durch die Einf&#252;hrung des FSW konstant angestiegen. Die Leistungsvertr&#228;ge machen eine penible Dokumentation der erbrachten Leistungen notwendig. Diese macht die Arbeit sozialer Tr&#228;gerInnenorganisation einerseits zunehmend transparent und hebt damit auch deren Qualit&#228;t. Andererseits f&#252;hrt diese Praxis – wie bereits bef&#252;rchtet – aber auch dazu, dass die Sozialen DienstleisterInnen weniger Zeit f&#252;r ihre KlientInnen haben. Dar&#252;ber hinaus wird die Sinnhaftigkeit dieser Form der Dokumentation immer mehr hinterfragt. Ist eine l&#252;ckenlose Information &#252;ber soziale Dienstleistungen f&#252;r einige Forschungsbereiche durchaus sinnvoll, so zeigt sich in der Praxis, dass die standardisierten Frageb&#246;gen f&#252;r die nachvollziehbare Darstellung konkreter F&#228;lle h&#228;ufig v&#246;llig inad&#228;quat sind.<br />
Auch die implizite Annahme, die hinter diesem Dokumentations- und Quantifizierungszwang steht – die M&#246;glichkeit einer exakten Messbarkeit sozialer Dienstleistungen – wird von einigen sozialen DienstleisterInnen kritisch hinterfragt: „Sozialarbeit ist ein wechselseitiger Prozess, der Vertrauensbildung voraussetzt und in dem ein vereinbarter Ma&#223;nahmenplan immer wieder ver&#228;ndert werden muss. In der Sozialarbeit muss eine vielschichtige Problemsituation analysiert, mit der KlientIn eine Probleml&#246;sung erarbeitet und sie/er bei der Umsetzung unterst&#252;tzt werden.“<a name="anm_31"></a><br />
Durch die Aufgliederung im FSW in drei Bereiche gibt es mittlerweile Zielgruppen, die nicht klar zuordenbar sind und daher in keinen der Bereiche hineinfallen. Als Beispiel k&#246;nnen hier wohnungslose Menschen mit Suchtproblemen oder Entlassene der forensischen Psychiatrie genannt werden. Diese Personen werden vom FSW dorthin verwiesen, wo sich jemand bereiterkl&#228;rt, sie aufzunehmen, egal ob das nun die Wohnungslosen- oder Behindertenhilfe ist. Mit dieser willk&#252;rlichen Aufteilung k&#246;nnen die Probleme der KlientInnen nicht ad&#228;quat gel&#246;st werden.<br />
Auch f&#252;r &#228;ltere Leistungsempf&#228;ngerInnen hat sich durch die in der Ausgliederung enthaltene „KundInnenorientierung“ nicht viel verbessert. So ist die „unb&#252;rokratische, leicht zug&#228;ngliche Anlaufstelle f&#252;r &#228;ltere Menschen und deren Angeh&#246;rige, die bisher durch SozialarbeiterInnen und SeniorenberaterInnen nicht nur Beratung, sondern auch Unterst&#252;tzung geboten hat, zerst&#246;rt.“<a name="anm_32"></a> Die KlientInnen m&#252;ssen sich nun selbst (am besten im Internet) alle Wege zusammensuchen und scheitern regelm&#228;&#223;ig an diesen neuen H&#252;rden.<br />
Es gibt bislang wenig Hinweise auf allgemeine Leistungsk&#252;rzungen seit der Einf&#252;hrung des FSW. Dass Spezialprogramme allerdings zunehmend gek&#252;rzt werden, scheint offensichtlich. Beispielsweise strich der FSW 2008 erstmals seine F&#246;rderung von 40.000 Euro f&#252;r Psychotherapie von Folter&#252;berlebenden. Budgets f&#252;r Spezialprogramme werden nur mehr von Jahr zu Jahr vergeben. Dies f&#252;hrt immer h&#228;ufiger dazu, dass es weder f&#252;r KlientInnen noch f&#252;r soziale DienstleisterInnen Sicherheiten auf angemessene Basisfinanzierung gibt.<a name="anm_33"></a></p>
<p><strong>Wider die Neoliberalisierung der Sozialpolitik!</strong><br />
Mit den Ver&#228;nderungen der modernen Wohlfahrtsstaaten seit den 1970er Jahren und deren &#220;bergang von einer Politik des <em>welfare </em>zu einer Politik des <em>workfare </em>ging auch ein neues Menschenbild einher. Soziale Bed&#252;rftigkeit wurde und wird zunehmend als individuelles Defizit gesehen, das von den „KundInnen sozialer Dienstleistungen“ selbst behoben werden muss. Neben dieser ideologischen Wende f&#252;hrte der neoliberale Umbau der Sozialpolitik auch materiell zu ziemlichen Einschnitten. Sozialleistungen wurden – auch im „roten“ Wien – gek&#252;rzt, w&#228;hrend Armutsraten und die Zahl der Personen, die von der Gesellschaft zunehmend ausgegrenzt sind, kontinuierlich ansteigen. Die Partei, die sich die L&#246;sung der „sozialen Frage“ quasi ins Parteiprogramm geschrieben hat – die SP&#214; – hat all diese Verschlechterungen im Sozialbereich teilweise mitgetragen, teilweise selbst forciert. Nur ein aktiver Widerstand der Betroffenen, der die Probleme thematisiert und die  im Wahljahr unter Druck stehende Wiener SP&#214; damit konfrontiert, kann dazu f&#252;hren, dass eine Abkehr von diesen Politiken vollzogen wird.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a name="anm1"></a> Wehsely, Sonja, unter: http://www.wien.spoe.at/mag-sonja-wehsely<br />
<a name="anm2"></a> Im Gegensatz zum historischen Roten Wien beszeichnet „rot“ hier das sozialdemokratisch regierte Wien der Gegenwart.<br />
<a name="anm3"></a> Jessop, Bob: Kapitalismus. Regulation. Staat, Hamburg 2007, S.224<br />
<a name="anm4"></a> Hirsch, Joachim: Materialistische Staatstheorie. Transformationsprozesse des kapitalistischen Staatensystems, Hamburg 2005, S.117<br />
<a name="anm5"></a> Ebd., S.219ff.<br />
<a name="anm6"></a> Ebd.<br />
<a name="anm7"></a> Atzm&#252;ller, Roland: Die Entwicklungen der Arbeitsmarktpolitik in &#214;sterreich. Dimensionen von Workfare in der &#246;sterreichischen Sozialpolitik, in: Kurswechsel, 4 (2009), S.24<br />
<a name="anm8"></a> Urban, Hans-J&#252;rgen: Deregulierter Standort-Kapitalismus? &#8211; Krise und Erneuerung des Sozialstaates, in: Schmitthenner, Horst (Hg.): Der „schlanke“ Staat. Zukunft des Sozialstaates – Sozialstaat der Zukunft, Hamburg 1995, S.17<br />
<a name="anm9"></a> Auch wenn der Begriff workfare h&#228;ufig f&#252;r Debatten um Ver&#228;nderungen in der Arbeitswelt (Stichwort: Flexibilisierung der Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse) verwendet wird, kann er auch f&#252;r Ver&#228;nderungen sozialpolitischer Programme herangezogen werden. Vgl. Atzm&#252;ller, Roland: Die P&#228;dagogisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen und Staat, in: Perspektiven. Magazin f&#252;r linke Theorie und Praxis, Nr. 10 (2010), S. 22–28<br />
<a name="anm10"></a> Wacquant, Loic: Bestrafen der Armen. Zur neuen Regierung der sozialen Unsicherheit, Opladen 2009, S.10ff.<br />
<a name="anm11"></a> Korpi, Walter: Welfare-State Regress in Western Europe: Politics, Institutions, Globalization and Europeanization, in: Annual Review of Sociology, No.29 (2003), S.589<br />
<a name="anm12"></a> Foucault, Michel: Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalit&#228;t II, Frankfurt/Main 2006, S. 314<br />
<a name="anm13"></a> vgl. Atzm&#252;ller, Roland: Die P&#228;dagogisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen und Staat, a.a.O.<br />
<a name="anm14"></a> vgl. Unabh&#228;ngige GewerkschafterInnen im &#214;GB: Was bleibt vom „roten“ Wien? Fonds Soziales Wien. Die Stunde der Effizienz, unter: http://www.auge.or.at/_TCgi_Images/auge/20040930145813_alternative_extra10a_1.pdf<br />
<a name="anm15"></a> Diese Operationalisierbarkeit, d.h. die Vorstellung, dass Leistungen genau benannt und aufsummierbar werden, ist betriebswirtschaftlich gewollt und aus der Perspektive einer erm&#228;chtigenden sozialen Arbeit v&#246;llig verfehlt.<br />
<a name="anm16"></a> Dabei handelt es sich um ein quasi informelles System, in dem L&#246;hne, Arbeitsbedingungen und staatliche Sicherungssysteme in konsensualem Einvernehmen zwischen den VertreterInnen der Spitzenb&#252;rokratie ausverhandelt statt durch offen ausgetragene Konflikte, wie zum Beispiel Streiks, errungen zu werden.<br />
<a name="anm17"></a> Tálos, Emmerich: Sozialpartnerschaft. Austrokorporatismus am Ende?, in: Dachs, Herbert et al. (Hg.): Politik in &#214;sterreich. Das Handbuch. Wien 2006, S. 627<br />
<a name="anm18"></a> Esping-Andersen, Gøsta (1991) The three worlds of welfare capitalism. Cambridge<br />
<a name="anm19"></a> Diese wird eventuell in n&#228;chster Zeit durch die bedarfsorientierte Mindestsicherung abgel&#246;st.<br />
<a name="anm20"></a> Heitzmann, Karin (2009) Tr&#228;gerInnen der &#246;sterreichischen Armutsbek&#228;mpfung, in: Dimmel, Nikolaus/Heitzmann, Karin/Schenk, Martin (Hg.): Handbuch Armut in &#214;sterreich, Wien 2009, S 388 &#8211; 397<br />
<a name="anm21"></a> F&#252;r eine ausf&#252;hrliche Darstellung des Dritten Weges siehe Opratko, Benjamin: Quo vadis Sozialdemokratie?, in: Perspektiven. Magazin f&#252;r linke Theorie und Praxis, Nr.2 (2007), S.6-11<br />
<a name="anm22"></a> vgl. Mahnkopf, Birgit: Formel 1 der neuen Sozialdemokratie: Gerechtigkeit durch Ungleichheit. Zur Neuinterpretation der sozialen Frage im globalen Kapitalismus, in: Prokla 121 (2000), S. 489–525<br />
<a name="anm23"></a> Giddens, Anthony: Der Dritte Weg. Die Erneuerung der sozialen Demokratie, Frankfurt 1998, S. 120<br />
<a name="anm24"></a> Opratko, a.a.O., S. 9<br />
<a name="anm25"></a> Darunter fallen auch AsylwerberInnen ohne fixen Unterhalt.<br />
<a name="anm26"></a> Konkret ist der Weg hin zur Inanspruchnahme einer sozialen Dienstleistung viel komplexer und je nach Bereich verschieden. F&#252;r n&#228;here Infos siehe: http://behinderung.fsw.at/information/bz_behindertenhilfe/index.html oder http://www.fsw.at/broschueren/broschueren_ex/brosch_pflege_betreuung.html<br />
<a name="anm27"></a> vgl. Unabh&#228;ngige GewerkschafterInnen im &#214;GB, a.a.O.<br />
<a name="anm28"></a> Ziel der Initiative „Soziale Arbeit – gestern, heute, morgen“ war es, „Fachliche Standards in der Sozialarbeit“ zu diskutieren und damit zur Sch&#228;rfung der fachlichen Perspektive von MitarbeiterInnen in sozialen Organisationen beizutragen und Qualit&#228;tsdebatten durch das Mitwirken der SozialarbeiterInnen inhaltlich neu zu beleben, unter: http://www.sozialearbeit.at/<br />
<a name="anm29"></a> Vgl. Dieb&#228;cker, Marc/Ranftler, Judith/Strahner, Tamara/Wolfgruber, Gudrun: Neoliberale Strategien und die Regulierung sozialer Organisationen im lokalen Staat. Politisches zur Depolitisierung und Deprofessionalisierung der Sozialen Arbeit – Teil 1.Unter: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/150/213.pdf<br />
<a name="anm30"></a> vgl. „Fachliche Standards in der Sozialarbeit“, a.a.O.<br />
<a name="anm31"></a> Vgl. Augustin, 256-07/2009<br />
<a name="anm32"></a> Vgl. Augustin, a.a.O.<br />
<a name="anm33"></a> vgl. derStandard.at, 12.12.2008</p>
]]></content:encoded>
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		<title>Die P&#228;dagogisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen und Staat</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:20:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Prekarisierung]]></category>

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		<description><![CDATA[Die &#214;konomisierung der Hochschulen war und ist ein zentraler Kritikpunkt der Bewegung f&#252;r freie Bildung. Roland Atzm&#252;ller agrumentiert, dass sie nur im Zusammenhang mit der P&#228;dagogisierung der Arbeitsverh&#228;ltnisse im durch den postfordistischen Staat ad&#228;quat verstanden werden kann.

Die Auseinandersetzungen um die Bildungssysteme, wie sie in den j&#252;ngsten Uniprotesten wieder virulent geworden sind, verweisen meines Erachtens auf die andauernde Krise des Wohlfahrtsstaates. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die &#214;konomisierung der Hochschulen war und ist ein zentraler Kritikpunkt der Bewegung f&#252;r freie Bildung. <em>Roland Atzm&#252;ller</em> agrumentiert, dass sie nur im Zusammenhang mit der P&#228;dagogisierung der Arbeitsverh&#228;ltnisse im durch den postfordistischen Staat ad&#228;quat verstanden werden kann.<br />
<span id="more-1520"></span><br />
Die Auseinandersetzungen um die Bildungssysteme, wie sie in den j&#252;ngsten Uniprotesten wieder virulent geworden sind, verweisen meines Erachtens auf die andauernde Krise des Wohlfahrtsstaates. Diese resultiert nicht zuletzt aus der Erosion der fordistischen Regulation<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> der Arbeitsverh&#228;ltnisse sowie der damit verbundenen gesellschaftlichen Konstitutionsprozesse des Arbeitsverm&#246;gens<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> der Lohnabh&#228;ngigen, wie sie in den gegenw&#228;rtigen Auseinandersetzungen um Prekarisierung oder immaterielle Arbeit erkennbar werden.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Der Zusammenhang zwischen der Krise des Wohlfahrtsstaates und den K&#228;mpfen um die Bildungssysteme ergibt sich aus der zentralen Funktion wohlfahrtsstaatlicher Systeme, die nach Claus Offe in der Verwandlung von Menschen in Arbeitskr&#228;fte und damit in der Sicherung und Vervielf&#228;ltigung der Tauschoptionen zwischen Lohnarbeit und Kapital zu verorten ist.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>  Die historisch und national spezifische Realisierung dieser Funktion des kapitalistischen Staates kann aber nicht aus der Kapitallogik abgeleitet werden, sondern konstituiert vielmehr eine Reihe von gesellschaftlichen Kampffeldern, die sich in den Auseinandersetzungen um z.B. soziale Rechte, Zugang zu &#246;ffentlichen Dienstleistungen, H&#246;he und Konditionalit&#228;t monet&#228;rer Transferleistungen usw. manifestieren. Das f&#252;r die Reproduktion der kapitalistischen Produktionsweise zentrale Element Arbeitskraft, deren Reproduktion aufgrund ihres fiktiven Warencharakters von der permanenten Ausdehnung der Akkumulationsprozesse tendenziell bedroht wird, kann nur durch die staatliche/&#246;ffentliche Organisation tempor&#228;rer Ausnahmen vom Zwang am Verwertungsprozess teilzunehmen – also durch partielle Dekommodifizierung – gesichert werden.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Dies begr&#252;ndet die konstitutive Dialektik des Wohlfahrtsstaates, da die Funktionalit&#228;t der sozialpolitischen Apparate (Sozialversicherung, Gesundheitssystem, Bildungssystem etc) f&#252;r die Reproduktion der kapitalistischen Produktionsverh&#228;ltnisse nicht garantiert, sondern stets umk&#228;mpft ist, und dar&#252;ber hinaus die Institutionalisierung dekommodifizierter Bereiche der Gesellschaft zum Medium und Inhalt sozialer K&#228;mpfe um Emanzipation und alternative Vergesellschaftungsformen wird.<br />
Aus der Perspektive der Bildung des Arbeitsverm&#246;gens der Individuen realisierte sich die Widerspr&#252;chlichkeit der vom kapitalistischen Wohlfahrtsstaat institutionalisierten tempor&#228;ren Ausnahmen vom Zwang zur Lohnarbeit sp&#228;testens in der Bildungsexpansion der 1960er und 1970er Jahre und den damit verbundenen Demokratisierungstendenzen des Zugangs zu h&#246;herer Bildung. In der b&#252;rgerlichen Gesellschaft war h&#246;here Bildung – konzipiert als „zweck“frei – lange Zeit nur auf Basis einer institutionellen und inhaltlichen Trennung von der beruflich orientierten Ausbildung f&#252;r die proletarisierten Schichten zu haben, wie sie in besonders rigider Form in den gegliederten Bildungssystemen der deutschsprachigen L&#228;nder zum Ausdruck kommt. „Freie Bildung“ konnte unter kapitalistischen Bedingungen bis weit in die fordistische Phase nur als Reproduktion der herrschenden Klassen und der staatlichen Eliten konstituiert werden, sodass die „reflexiv(en), offen(en) und kommunikativ(en), lernend(en), problemorientiert(en), kritisch(en) und fallibilistisch(en)“ F&#228;higkeiten<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a>, die durch einen wissenschaftlich orientierten Bildungsprozess vermittelt werden k&#246;nnten, auf wenige marginalisierte, kritische Intellektuelle beschr&#228;nkt blieben.<br />
Wenn jedoch, wie Alex Demirovi&#196; schreibt, wissenschaftliche Bildung ein Wissen meint, das die Individuen dazu bef&#228;higt, ihre allt&#228;glichen Erfahrungen begrifflich zu erfassen, um durch reflexive Auseinandersetzungen mit der Inkoh&#228;renz des Alltagsverstandes diesen zu kritischen Denkprozessen und systematischer Forschung zu bef&#228;higen, die ihnen auch erm&#246;glicht, „gegen Konventionen und Tabus zu versto&#223;en“, dann wird nachvollziehbar, warum durch die Bildungsexpansion die Widerspr&#252;chlichkeit der wohlfahrtsstaatlichen &#214;ffnung der Bildungssysteme manifest wurde.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Durch diese Entwicklungen wird n&#228;mlich die in der b&#252;rgerlichen Gesellschaft traditionell auf schmale Schichten beschr&#228;nkte F&#228;higkeit zur Analyse und Gestaltung komplexer gesellschaftlicher Prozesse und Abl&#228;ufe auf gr&#246;&#223;ere soziale Gruppen ausgedehnt. Da die Bildungssysteme wesentlich in die Konstitutionsprozesse des Arbeitsverm&#246;gens und der damit verbundenen gesellschaftlich dominanten, wie auch m&#246;glichen Arbeitsteilungen eingebunden sind, stellen sie ein zentrales Feld der verschiedenen Zyklen der sozialen K&#228;mpfe seit 1968 dar.<br />
Durch die grundlegende Umgestaltung und Dynamisierung kapitalistischer Herrschaft in der krisenhaften Abl&#246;sung des Fordismus gelang es aber bis weit in die 1980er Jahre, die entstehenden Bildungsschichten als neues Kleinb&#252;rgerInnentum in die postfordistische Arbeitsteilungen einzugliedern.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Um die emanzipatorischen Anspr&#252;che der sozialen Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre – zu denen auch eine Phase wiedererwachter ArbeiterInnenmilitanz geh&#246;rte – und  die demokratischen Impulse und Potenziale des in den sozialen K&#228;mpfen manifest gewordenen und erworbenen Wissens wieder einzuhegen, war eine weitreichende Reorganisation und Restrukturierung der Regulationsweise, wie auch der Produktionsapparate notwendig. Dies kommt insbesondere in den Ver&#228;nderungen der Regulation der Arbeit und dem Umbau des Wohlfahrtsstaates zum Ausdruck.<br />
In den letzten Jahren wurden die Krise des Wohlfahrtsstaates und die damit verbundenen konflikthaften Prozesse der Rekonstitution der Ware Arbeitskraft und der Neuzusammensetzung des Arbeitsverm&#246;gens vor allem durch die „workfaristische“ und aktivierungspolitische Reorientierung der Sozialpolitik zu beantworten versucht.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Dies hat auf spezifische Art und Weise auch den Umbau der Bildungssysteme massiv beeinflusst. Die Etablierung sogenannter Workfare-Staaten zielt auf einen weitgehenden R&#252;ckbau der dekommodifizierenden Elemente der wohlfahrtsstaatlichen Apparate, sodass die M&#246;glichkeiten gesellschaftlicher Integration &#252;ber legitime Formen der Nicht-Teilnahme an Erwerbsarbeit sukzessive eingeschr&#228;nkt werden.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Der politische und ideologische Gehalt von Workfare geht meines Erachtens weit &#252;ber die Durchsetzung des Arbeitsethos und Zwangs zur Lohnarbeit hinaus, wie sie meist anhand der Restrukturierung der Arbeitsmarktpolitik diskutiert werden, und verweist vielmehr auf die zentrale Bedeutung einer in Permanenz gestellte Reorganisation des Arbeitsverm&#246;gens f&#252;r das postfordistische Akkumulationsregime<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a>, „(…) es gibt einen regulatorischen Imperativ, die Str&#246;me der ArbeiterInnen in die und aus der Lohnarbeit nicht nur quantitativ zu regulieren, sondern auch danach zu trachten, die ArbeiterInnen selbst umzuformen, ihre Einstellung zu Arbeit und Lohn, ihre Erwartungen zu Erwerbskontinuit&#228;ten und Aufstiegschancen, ihre &#246;konomische Identit&#228;t und so weiter“.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a><br />
Es ist daher ein wesentliches Charakteristikum postfordistischer Regulation, gesellschaftliche Entwicklungstendenzen und vor allem auch Krisenerscheinungen in p&#228;dagogische Fragen zu &#252;bersetzen und damit zu Problemen der Bildung- und Qualifizierung sowie der Lernf&#228;higkeit der Arbeitskr&#228;fte zu machen. Auf diese Weise wird eine neue Form des „Krisenmanagements“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> etabliert, die die Bew&#228;ltigung von krisenhaften Entwicklungen auf die Individuen und deren F&#228;higkeiten der Anpassung verlagert und als Problem ad&#228;quater Lernbereitschaft und -f&#228;higkeit konstituiert: „Bildung wurde in das workfaristische Projekt integriert, welches das Bekenntnis des keynesianischen Staates zur Vollbesch&#228;ftigung unterminiert und deren Bedeutung zur Herstellung der Bedingungen f&#252;r Vollbesch&#228;ftigung betont. Die Verantwortung daf&#252;r, ‚anstellbar’ zu sein, wird auf die einzelnen Arbeitskr&#228;fte heruntergebrochen (…) Sie sollen weitgehend selbst daf&#252;r verantwortlich sein, indem sie als unternehmerische Individuen in ihr eigenes Humankapital investieren (&#8230;).“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a><br />
Im Workfare-Staat wird die Re-Konstruktion des Arbeitsverm&#246;gens p&#228;dagogisiert und damit einem permanenten Zwang zur Anpassung und Ver&#228;nderung ausgesetzt. Die P&#228;dagogisierung der Reproduktion der Ware Arbeitskraft ist jedoch nicht mehr am fordistischen Modell einer biographischen Sequenzierung von Bildung, Ausbildung und Erwerbsarbeit (unterbrochen durch Familiengr&#252;ndung) orientiert, ja in manchen Bereichen verschwimmen die Grenzen von Arbeit und Ausbildung zunehmend, sodass Lernen zu einer lebenslangen Anforderung an die Besch&#228;ftigten wird. Dies erkl&#228;rt die zentrale Rolle qualifikations- und ausbildungspolitischer Diskurse und Programme in den postfordistischen &#214;konomien und die Forderung nach permanenter Lern- und Ver&#228;nderungsbereitschaft der Individuen.</p>
<p><strong>Anpassung des Arbeitsverm&#246;gens durch Lernen </strong><br />
Da gegenw&#228;rtig unter den politischen Eliten mehr oder weniger ein Konsens dar&#252;ber herrscht, dass Nationalstaaten ihre eigenst&#228;ndigen wirtschaftspolitischen Handlungsm&#246;glichkeiten verlieren<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a>, wird die Qualit&#228;t der Arbeitskr&#228;fte zum wichtigsten „Standortfaktor“, der noch &#252;ber national verfasste Politiken zu beeinflussen ist. Durch die Verbesserung des Qualifikationsniveaus soll dem ruin&#246;sen Konkurrenzkampf mit Niedriglohn-L&#228;ndern ausgewichen, Lohndumping vermieden und die notwendige Restrukturierung der &#214;konomie forciert werden. Die relative Ortsgebundenheit der Besch&#228;ftigten, die in einem allein auf Kostenreduktion fokussiertem Wettbewerb gegen&#252;ber der Beweglichkeit der Kapitalstr&#246;me einen Konkurrenznachteil darstellt, muss daher durch die Verbesserung der Qualit&#228;t und Produktivit&#228;t der Arbeitskr&#228;fte in einen Standortvorteil umgem&#252;nzt werden.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Dies entspricht der Theorie des Humankapitals, wie sie seit den 1960er Jahren u.a. von Gary Becker weiterentwickelt wurde, und die die Qualit&#228;ten und F&#228;higkeiten der Arbeitskr&#228;fte als „endogene Wachstumsfaktoren“ versteht.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Die Bedeutung der Qualifikationen der Arbeitskr&#228;fte und ihrer Lernf&#228;higkeit f&#252;r das postfordistische Akkumulationsregime ergibt sich aus einer Selbstkritik des Managements an den &#252;berkommenen tayloristisch-fordistischen Kontroll- und Informationsverarbeitungsstrategien, der Monopolisierung der Wissens- und Lernaktivit&#228;ten in der rational-b&#252;rokratischen Hierarchie und der damit verbundenen Dequalifikation der Arbeitskr&#228;fte.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a><br />
&#220;ber den Fokus auf die Lernf&#228;higkeit der Besch&#228;ftigten und der Organisation der Arbeit als Lernprozess soll daher nicht einfach die Bereitschaft der Arbeitskr&#228;fte gesichert werden f&#252;r andere zu arbeiten und sich den damit verbundenen Kontrollinstrumenten der wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung zu unterwerfen. Vielmehr wollen lernorientierte Managementstrategien die Neugier und Kreativit&#228;t der Besch&#228;ftigten entwickeln, um ihre Bereitschaft und F&#228;higkeit sicherzustellen, sich aktiv an den Innovationsprozessen zu beteiligen und Rationalisierungsprozesse in Eigenregie voranzutreiben.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Dem passiven und quasi automatisierten, auf zerst&#252;ckelte Wissenselemente ausgerichteten Verst&#228;ndnis der Vermittlung und Aneignung von Wissen und F&#228;higkeiten des fordistisch-tayloristischen Produktionsmodells wird ein aktives, systematisches und integrales Lernkonzept gegen&#252;ber gestellt, das im wettbewerbsf&#228;higen Unternehmen des Postfordismus systematisiert und im gesamten Organisationsprozess verk&#246;rpert und materialisiert werden soll: „Aktives Lernen beinhaltet systemische institutionelle Arrangements, die Planung und Ausf&#252;hrung auf allen Ebenen eines Betriebs integrieren und existierendes Wissen und vorhandene F&#228;higkeiten &#252;ber Abteilungsgrenzen hinweg und entlang der Wertsch&#246;pfungskette eines Produkts synthetisieren und dadurch neues Wissen schaffen.“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a><br />
Aktive Lernprozesse werden bspw. folgenderma&#223;en konzipiert: Sie sind zielgerichtet und beruhen auf der intrinsischen Motivation, dem Selbstbewusstsein und der W&#252;rde der Arbeitskr&#228;fte bzw. ihrer Neugier und Freude am Lernen und der Kreativit&#228;t, welche als Voraussetzungen verstanden werden, um aktiv in Ver&#228;nderungsprozesse eingreifen zu k&#246;nnen. Das hei&#223;t, Lernen wird als Anforderung an die Besch&#228;ftigten herangetragen und mit dem Versprechen verkn&#252;pft, dar&#252;ber eine Humanisierung der Arbeitswelt zu erreichen. Die Unterscheidung von Arbeit und Lernen im Innovationsprozess verschwimmt daher mehr und mehr.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a><br />
Es ist klar, dass diese Ver&#228;nderungen f&#252;r die Unternehmen nicht nur eine Kostenreduktion bringen m&#252;ssen, sondern auch eine Reorganisation der Personalmanagementstrategien der Unternehmen erfordern, „wie zum Beispiel die Verbindung von Qualifizierung und Personalentwicklung, die Betonung von informellen Lernprozessen und die st&#228;rkere Verzahnung von Arbeiten und Lernen. Die Gestaltung des gesamten Arbeitsprozesses mit seinen personalen, organisatorischen und technologischen Bedingungen wird ins Verh&#228;ltnis zur qualifikatorischen Entwicklung der Mitarbeiter/innen gestellt“.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a><br />
Nach Rolf Arnold und Philipp Gonon wird in diesen Prozessen der Betrieb immer mehr zum „eigentlichen Gestaltungsprinzip der beruflichen Entwicklung“.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Die F&#228;higkeit zu lernen wird zum „universellen Ver&#228;nderungsmodell“<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> und damit zu einem neuen Rationalisierungsmodus in der Suche nach einem dauerhaften Entwicklungspfad im &#220;bergang zum Postfordismus.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Lernen macht Rationalisierung zur Aufgabe der Besch&#228;ftigten, indem diese nicht nur Arbeits- und Produktionsprozesse, sondern zugleich sich selbst ver&#228;ndern m&#252;ssen, um die Profitabilit&#228;t des Unternehmens zu sichern. Aus Perspektive der Arbeitskr&#228;fte geht es dabei um die stets abrufbare F&#228;higkeit, aus der Rolle des Arbeitenden, der sich mit den materiellen und immateriellen Arbeitsaufgaben und Determinanten des Produktionsprozesse auseinandersetzen muss, in die des Lernenden zu schl&#252;pfen.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Die F&#228;higkeit zu lernen besteht demnach darin, die Qualit&#228;t der eigenen Arbeit aktiv zu erhalten und sie zum Gegenstand der Selbstbeobachtung und Reflexion zumachen. Die vieldiskutierte „Subjektivierung der Arbeit“ und die Rehabilitierung der Subjekte, die als Zwang zur Freiheit oder indirekte Steuerung gedacht werden<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a>, konkretisiert sich daher erst in der von den Individuen geforderten F&#228;higkeit zu lernen, sich selbst permanent zu adaptieren und die eigenen F&#228;higkeiten und Kompetenzen zu modifizieren. Aus der wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung wird damit ein p&#228;dagogisches Projekt, der Arbeitsprozess wird zugleich als (Selbst-)Erziehungs- und Bildungsprozess der Arbeitskr&#228;fte konzipiert. Die dem Kapitalverh&#228;ltnis zugrunde liegenden Widerspr&#252;che sollen sich durch eine P&#228;dagogisierung der sozialen Verh&#228;ltnisse auf Ebene der Produktion aufl&#246;sen.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a><br />
Die Relevanz der sozialen Auseinandersetzungen um die permanent notwendige Rekonstruktion des Arbeitsverm&#246;gens durch Lernen ergibt sich daher erst aus einer genaueren Diskussion wesentlicher Dimensionen des postfordistischen Akkumulationsregimes. Insbesondere Innovationsf&#228;higkeit wird als konstitutives Element des postfordistischen Kapitalismus gesehen, die in der Regel als besondere F&#228;higkeit von einzelnen Individuen und als zentrale Triebkraft kapitalistischer Dynamik dargestellt wird.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Aus gesellschaftskritischer Perspektive ist Innovation als spezifische Form des Prozessierens der sozialen Verh&#228;ltnisse im Kapitalismus, die sich nur in und durch Ver&#228;nderung reproduzieren k&#246;nnen, zu verstehen. Innovation ergibt sich dabei aus spezifischen Handlungspotenzialen der Produktionsagenten (LohnarbeiterInnen und Kapital), die in den sozialen Verh&#228;ltnissen (Produktionsverh&#228;ltnisse, politische und ideologische Verh&#228;ltnisse) erst entstehen, in denen die &#246;konomischen AkteurInnen eingebettet sind. Sie ist daher Medium und Ergebnis der Bewegungen ihrer Widerspr&#252;che, die als K&#228;mpfe um die Reproduktion des Kapitalismus aufzufassen sind. Nach Marx ist die Reproduktion der kapitalistischen Produktionsweise daher von einer konstitutiven Instabilit&#228;t gepr&#228;gt, die aus der permanenten Umw&#228;lzung der Produktionsprozesse und -bedingungen resultiert.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Dies bedingt eine vollst&#228;ndige Aufhebung aller „Ruhe, Festigkeit, Sicherheit der Lebenslage“ der ArbeiterInnen, da der permanente Wechsel der Arbeiten und damit die „absolute Disponibilit&#228;t der Menschen f&#252;r wechselnde Arbeitserfordernisse“<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> zu einer &#220;berlebensfrage der Industrie wird. Im Kapitalismus ist Ver&#228;nderung daher eine Methode der Herrschaft und der damit verbundenen sozialen K&#228;mpfe.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a><br />
Unter den Bedingungen neoliberaler Hegemonie bedeutet die F&#246;rderung von Innovationsf&#228;higkeit daher nicht einfach „Befreiung“ des UnternehmerInnentums und F&#246;rderung der metaphysisch &#252;berh&#246;hten F&#228;higkeit zur „kreativen Zerst&#246;rung“, sondern Transformation der Arbeits- und Produktionsverh&#228;ltnisse und ihrer Regulation/Reproduktion. Dies impliziert die Forderung an die Arbeitskr&#228;fte, mit Innovationsprozessen umgehen zu k&#246;nnen, ja diese sogar selbst hervorzubringen. Daraus resultiert die Anforderung, ihre F&#228;higkeit zur produktiven Arbeit stets aufs Neue anzupassen und selbst zu ver&#228;ndern – also zu lernen. Dabei r&#252;cken aufgrund der Unplanbarkeit und Kontingenz von Ver&#228;nderungsprozessen sowie dem sozialen Gehalt von Qualifizierungsprozessen insbesondere au&#223;erfachliche bzw. „gesellschaftliche“ Qualifikationen in den Vordergrund.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Lernen stellt die Form dar, in der die postfordistischen Arbeitskr&#228;fte die permanente Transformation ihres Arbeitsverm&#246;gens internalisieren. Durch den Versuch, die F&#228;higkeit der Individuen, sich und ihre Umwelt t&#228;tig zu ver&#228;ndern, im Sinne der Reproduktion der kapitalistischen Produktionsweise zu nutzen, wird Lernen einerseits zum Gegenbegriff von b&#252;rgerlicher, „zweck“freier Bildung und andererseits, mehr noch, aller Vorstellungen emanzipatorischer Bildung, deren „Zweck“ nicht in der Reproduktion von Herrschaftsverh&#228;ltnissen und der Aufrechterhaltung des Verwertungsprozesses, sondern in der kollektiven Gestaltung von Gesellschaft und individueller Entfaltung liegt. Die Forderung an die Besch&#228;ftigten, permanent zu lernen und ihr Wissen aktiv zu erneuern, um so zu Innovationsprozessen beizutragen, macht die Auseinandersetzungen um die Sicherung der Hegemonie des Kapitals &#252;ber die Produktionsverh&#228;ltnisse zu einem „p&#228;dagogischen Verh&#228;ltnis“<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a>. Sie fordert die Bereitschaft der Besch&#228;ftigten ein, diese Hegemonie aktiv herzustellen, indem sie sie zugleich als m&#252;ndige und rationale Individuen/Subjekte anruft.</p>
<p><strong>P&#228;dagogisierung der Regulation</strong><br />
Die skizzierten Entwicklungstendenzen des gesellschaftlich hegemonialen Qualifikationsverst&#228;ndnisses und der Bedeutung der F&#228;higkeit der Arbeitskr&#228;fte zu lernen und sich neuen Bedingungen anzupassen oder gar selbst Neuerungen hervorzubringen, verbinden sich mit den sozialen Auseinandersetzungen um die Bildungs- und Erziehungssysteme im Kontext der workfaristischen Restrukturierung des Wohlfahrtsstaates. Die beschriebene Dynamik vollzieht sich in zweifacher Weise: „Das P&#228;dagogische wird zur Rationalisierung in die Betriebssysteme eingef&#252;hrt und die Rationalisierung mit betrieblicher Rationalit&#228;t wird ins P&#228;dagogische eingef&#252;hrt. Das bedeutet auch die Verbetrieblichung des P&#228;dagogischen“.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a><br />
Ziel der Reformen im Bildungsbereich ist die Organisation von Aus-/Bildung nach am Markt orientierten Effizienzkriterien. Die Privatisierung und Liberalisierung von Bildungssystemen, in denen Staaten das Monopol hatten und die nun f&#252;r eine Vielzahl von Anbietern ge&#246;ffnet werden, ist hier von zentraler Bedeutung und l&#228;sst heterogene M&#228;rkte (insbesondere in Weiterbildungs- und arbeitsmarktpolitischen Bereichen) entstehen, die massiven Prekarisierungstendenzen ausgesetzt sind. Der Kampf um verknappte Bildungsangebote f&#252;hrt dazu, dass zunehmende Restriktionen im Bildungssektor einhergehen mit wachsenden Anforderungen an die Bildungssysteme und den Ausbau derselben.<br />
Nach Bob Jessop k&#246;nnen diese Ver&#228;nderungen der Staatlichkeit entlang einer doppelten Bewegung charakterisiert werden. „Einerseits macht der Staat die Bedeutung von Bildung f&#252;r die Behauptung nationaler Interessen wieder geltend; andererseits gew&#228;hrt er den Bildungsinstitutionen gr&#246;&#223;ere Autonomie in Bezug auf die Mittel, um diesen Interessen zu entsprechen (&#8230;). Doch diese Autonomie wird im Kontext der Hegemonie der wissensbasierten Akkumulationsstrategie, der verst&#228;rkten Beteiligung der Tr&#228;ger dieser Strategie in der Ausarbeitung von Leitbildern im Bildungsbereich, und der zunehmenden finanziellen Abh&#228;ngigkeit der Hochschulen und Weiterbildungseinrichtungen von Drittmitteln, die weder der Staat noch die Studierenden bereitstellen, ausge&#252;bt.“<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a><br />
Die Umbautendenzen der Bildungsinstitutionen und -prozesse zielen darauf ab, Bildung als Investition in das Humankapital und weniger als &#246;ffentliche Aufgabe bzw. &#246;ffentliche Dienstleistung erscheinen zu lassen. Dadurch geraten nicht direkt &#246;konomisierbare F&#228;higkeiten und Wissensinhalte massiv unter Druck, ihre Relevanz und Wettbewerbsf&#228;higkeit zu beweisen. Dies betrifft vor allem die Sozial- und Geisteswissenschaften und deren Anspruch, Vergesellschaftungsprozesse und gesellschaftliche Zusammenh&#228;nge kritisch zu reflektieren, um sie im Sinne einer umfassenden Demokratisierung aller gesellschaftlichen Bereiche den Mitgliedern der Gesellschaft transparent und kollektiv gestaltbar zu machen.<br />
Von wenigen Exzellenzprojekten und -universit&#228;ten abgesehen, werden die Gesellschaftswissenschaften entlang einer Reihe von Dimensionen mit dem workfaristischen Wohlfahrtsstaat und dem postfordistischen Kapitalismusmodell kompatibel gemacht. Dies verweist zugleich auf jene Arbeitsfelder, die den Sozial- und GeisteswissenschafterInnen im Postfordismus noch zuerkannt werden. So zielen die angesprochenen Kompatibilisierungsprozesse sozial- und geisteswissenschaftlicher Studieng&#228;nge wesentlich darauf, den Studierenden die F&#228;higkeit zu vermitteln, Informationen zu sammeln, zu verarbeiten und aufzubereiten. Dazu geh&#246;rt au&#223;erdem die Kompetenz Kommunikationsprozesse – womit nicht der herrschaftsfreie Diskurs nach J&#252;rgen Habermas gemeint ist – zu organisieren und politische oder &#246;konomische Entscheidungstr&#228;ger zu beraten, um die kapitalistischen Zirkulationsprozesse und politische Entscheidungs- und Steuerungsprozesse zu regulieren und zu dynamisieren. Auch die Vermittlung  sozialarbeiterischer und -therapeutischer Kompetenzen f&#252;r die wachsende Coaching-, Aktivierungs-, Weiterbildungs- und Armutsindustrie verweist auf ein Arbeitsfeld f&#252;r Sozial- und GeisteswissenschafterInnen im Postfordismus, in dem die Anpassung und Integration der Individuen in die postfordistischen Wettbewerbsbeziehungen sichergestellt wird. Nicht zu vergessen in dieser groben und unvollst&#228;ndigen Aufz&#228;hlung jener Arbeitsbereiche, f&#252;r die die sozial- und geisteswissenschaftlichen Ausbildungsg&#228;nge unter postfordistischen Bedingungen vorbereiten sollen, ist die Produktion marktkompatibler Kultur („creative industries“) zur Sicherung der Verf&#252;gbarkeit und Aktualit&#228;t gesellschaftlichen Distinktionskapitals insbesondere f&#252;r die urbanen Mittelklassen.<br />
Dies bedeutet, dass die heftig umk&#228;mpften Reformen der universit&#228;ren Ausbildung zwar nicht darauf abzielen, die sozial- und geisteswissenschaftlichen Studien abzubauen; wohl geht es aber darum, die durch sie vermittelten F&#228;higkeiten und Kompetenzen so auszurichten, dass sie die f&#252;r die Reproduktion des postfordistischen Kapitalismus notwendige Vergesellschaftung und soziale Koh&#228;sion herstellen k&#246;nnen, ohne dass dies zu einer grundlegenden Infragestellung der vorherrschenden gesellschaftlichen Strukturen f&#252;hrt.<br />
Damit das gelingt, werden die Regulationsweisen im Bildungsbereich wie auch in weiterer Folge in den genannten T&#228;tigkeitsfeldern grundlegend neu organisiert. Die neoliberale Kommodifizierung der Ausbildungs- und Schulsysteme zielt demnach insgesamt nicht einfach auf einen Abbau derselben, als vielmehr darauf, die in den Bed&#252;rfnissen nach h&#246;herer Bildung zum Ausdruck kommenden Anspr&#252;che auf Selbstbestimmung und Subjektivit&#228;t zu entpolitisieren, zu individualisieren und letztlich soweit zu kodifizieren, dass sie auf neuer Basis mit den kapitalistischen Produktionsverh&#228;ltnissen artikulierbar sind.<br />
Das hei&#223;t, es geht nicht so sehr um den R&#252;ckzug des Staates als um eine grundlegende Ver&#228;nderung der Steuerungsmechanismen in diesen Bereichen – z.B. Vollrechtsf&#228;higkeit, Auslagerung, <em>Outputrelated Pay</em> etc. – und der damit verbundenen Zugriffsm&#246;glichkeiten auf die Subjekte. Beispielsweise werden Rechte der Individuen zur Inanspruchnahme &#246;ffentlicher Dienstleistungen wieder st&#228;rker an bestimmte Bedingungen (Aufnahmekriterien, Studiengeb&#252;hren) gebunden und auf die Vorbereitung f&#252;r die Teilnahme am Arbeitsmarkt reduziert.<br />
Die Lernenden – und auch die Lehrenden – werden zunehmend elaborierten Bewertungs- und Zertifizierungssystemen unterworfen, die eine vielgliedrige hierarchische Strukturierung der Gesellschaft durchsetzen helfen, die sie meritokratisch<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> legitimieren und damit als Ergebnis individueller Leistungsbereitschaft  und -f&#228;higkeit erscheinen lassen. Dadurch verschleiern sie nicht nur den Klassencharakter von Bildungsprozessen, sondern auch ihre Artikulation mit rassistisch und patriarchal strukturierten Vergesellschaftungsprozessen. Bildung wird dabei entpolitisiert und „entgesellschaftlicht“, was sich in Prozessen der Invidualisierung manifestiert, die als St&#228;rkung der Eigenverantwortung, die auf Kostenbewusstsein, Effizienz und KonsumentInnenverhalten in der Beziehung der Lernenden zu den Bildungsinstitutionen setzt, gefeiert wird. Entlang der F&#228;higkeit und Bereitschaft zu lernen, entstehen jedoch neue Polarisierungen und Klassenspaltungen im &#220;bergang zu einem postfordistischen Entwicklungsmodell.<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> Martin Baethge spricht in diesem Kontext von der Erweiterung der Zone der prek&#228;ren Bildung bis weit in hochqualifizierte Segmente der Arbeitskr&#228;fte hinein.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Dies bedeutet, dass es immer schwieriger wird, erworbene Bildungsabschl&#252;sse und -zertifikate in stabile Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse und Erwerbsbiographien zu transformieren, sodass die &#220;berg&#228;nge zwischen Bildungs- und Besch&#228;ftigungssystem l&#228;nger und labiler werden.</p>
<p><strong>Schlu&#223;folgerungen</strong><br />
In der „learning economy“ des postfordistischen Kapitalismus soll der Interessengegensatz zwischen den Lohnabh&#228;ngigen, die eine Reduktion ihres Arbeitsverm&#246;gens<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> auf Arbeitskraft durch die umfassende Entwicklung und Realisierung ihrer Potenziale verhindern wollen, und den Unternehmen, die m&#246;glichst produktive Arbeitskr&#228;fte einsetzen wollen, aufgehoben werden, in dem ersteres zur Voraussetzung des letzteren gemacht wird. Angelehnt an die gesellschaftlichen Utopien vieler Theorien zur Dienstleistungsgesellschaft wird behauptet, dass durch diese Ver&#228;nderungen die in den Diskussionen der P&#228;dagogik immer wieder kritisierte Trennung von allgemeiner und zweckfreier, in der gesellschaftlichen Realit&#228;t bestimmten Klassen vorbehaltener Bildung und einer an &#246;konomischen Zwecken und der Arbeitskr&#228;ftenachfrage der Unternehmen orientierten Ausbildung, die der ArbeiterInnenklasse vorbehalten bleibt, durch die gesellschaftlichen Entwicklungen &#252;berwunden wird, sodass Emanzipations- und Selbstverwirklichungsanspr&#252;che der Individuen als Ergebnis der gesellschaftlichen Evolution quasi naturw&#252;chsig Realit&#228;t werden.<br />
Im Kontext einer emphatischen Bezugnahme auf die Subjektivit&#228;t und das souver&#228;ne Selbst der Besch&#228;ftigten in den postfordistischen Produktionsverh&#228;ltnissen, deren Ma&#223;stab nicht mehr eine aus kritischer Reflexion und kollektiv organisierter Praxis gewonnene individuelle Emanzipation, sondern der individuelle Erfolg auf dem Arbeitsmarkt, die Profitabilit&#228;t des jeweiligen Betriebes im globalisierten Wettbewerb und die Sicherung des nationalen Standortes darstellt, wird lebenslanges Lernen und Weiterbildung quasi zum Selbstzweck, also zum „neuen Geist des Kapitalismus“, die zwar die individuelle Reproduktion nicht garantieren kann, aber deren Voraussetzung darstellt. Durch die Verallgemeinerung selbstorganisierter lebenslanger Lern- und Weiterbildungspraxen entsteht eine neue Polarisierungslinie der Entwertung der Arbeitskr&#228;fte und ihrer F&#228;higkeiten und Kompetenzen. Es sind nun die Lohnabh&#228;ngigen selbst, die sich permanent selbst prek&#228;r machen, da in den Lernprozessen das einmal erworbene B&#252;ndel an F&#228;higkeiten und Kompetenzen immer wieder zur Disposition gestellt wird und nur durch permanente Weiterbildung und lebenslanges Lernen &#252;berhaupt so etwas wie eine Biographie entstehen kann. Je mehr die kontinuierliche Anpassung der eigenen F&#228;higkeiten und Kompetenzen als notwendige Voraussetzung f&#252;r individuelle Reproduktionschancen der Arbeitskr&#228;fte auf den postfordistischen Arbeitsm&#228;rkten erscheint, desto st&#228;rker wird der Druck, Lernprozesse auch in die Freizeit zu verlagern, die Grenzen von Arbeit, Lernen und Leben verschwimmen zu lassen und sich individuell auch an den Kosten der Weiterbildungsprozesse zu beteiligen.<br />
Die Regulation individueller Lebensl&#228;ufe bzw. Biographien, wie sie etwa im Fordismus und den damit verbundenen hegemonialen Lebensweisen durchgesetzt werden konnten (zentrale Bedeutung des Berufes!), wird dadurch in zunehmenden Ma&#223;e prek&#228;r und unter ein konstantes Weiterbildungs- und <em>Lifelong Learning</em>-Postulat gestellt. Identit&#228;tsangebote und -konstrukte, wie sie mit der fordistischen Ordnung der Berufe verbunden waren, verlieren an Bedeutung. Lebensverl&#228;ufe, welche auf der Basis der Unterwerfung unter die Erfordernisse fordistischer Produktion eine gewisse Stabilit&#228;t und vielen auch Aufstiegsm&#246;glichkeiten (von der Lehre zum Werkmeister zum Management) bieten konnte, werden durcheinander gewirbelt – Planbarkeit von Biographie erscheint als historische Ausnahme. Gleichzeitig wird sichtbar, dass in den angedeuteten Reregulationsprozessen der Bildung den Zertifizierungssystemen und -institutionen, und damit der Verst&#228;rkung meritokratischer Logiken der Legitimation von Klassenstrukturen, eine wachsende Bedeutung zukommt. Empirische Untersuchungen deuten folgerichtig darauf hin, dass sich der Einfluss von Bildung auf soziale Mobilit&#228;t und Schlie&#223;ung und die (geschlechtsspezifische und vor allem ethnische) Strukturierung der Klassenverh&#228;ltnisse im Postfordismus verst&#228;rkt.<br />
Meines Erachtens weisen diese Tendenzen auf eine neue Phase der Transformation von Menschen in Arbeitskr&#228;fte hin, die als soziale K&#228;mpfe um die Rekonfiguration des Gebrauchswertes der Ware Arbeitskraft, wie sie in den gesellschaftlichen Bildungsapparaten verdichtet werden, aufzufassen sind. Die sozialen K&#228;mpfe um Bildung und in den Bildungsinstitutionen sind daher wesentlicher Aspekt der krisenvermittelten &#220;berg&#228;nge in postfordistische Entwicklungsmodelle.</p>
<p><em>Roland Atzm&#252;ller</em> leitet die Abteilung „Arbeit, Geschlecht, Politik“ an der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA) Wien. 2009 gab er, zusammen mit Christoph Hermann, den Sammelband „Die Dynamik des ‚&#246;sterreichischen Modells‘. Br&#252;che und Kontinuit&#228;ten im Besch&#228;ftigungs- und Sozialsystem“ heraus (Edition Sigma, Berlin).</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Als fordistische Regulation wird, im Anschluss an die Regulationstheorie, die spezifische politische, &#246;konomische und kulturelle Konstellation im Nachkriegskapitalismus des globalen Nord-Westens bezeichnet, die zur relativen Stabilit&#228;t dieser „Entwicklungsweise“ des Kapitalismus beigetragen hat. Sie beinhaltete u.a. die Verallgemeinerung von Massenproduktion und Massenkonsum, die korporatistische Einbindung von Organen der ArbeiterInnenbewegung (z.B. in &#214;sterreich in der Sozialpartnerschaft), relativ hohe, an Produktivit&#228;tssteigerungen gebundene L&#246;hne (vor allem f&#252;r M&#228;nner als „Familienern&#228;hrer“) und wohlfahrtsstaatliche Arrangements. Vgl. Lipietz, Alain: Akkumulation, Krisen und Auswege aus der Krise: Einige methodische &#220;berlegungen zum Begriff „Regulation“, in: Prokla 58, 1985, 109-137, sowie Becker, Joachim: Akkumulation, Regulation, Territorium. Zur kritischen Rekonstruktion der franz&#246;sischen Regulationstheorie, Marburg 2002 (Anm. d. Red.).</p>
<p><a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Karl Marx schreibt im ersten Band des „Kapital“: „Unter Arbeitskraft oder Arbeitsverm&#246;gen verstehen wir den Inbegriff der physischen und geistigen F&#228;higkeiten, die in der Leiblichkeit, der lebendigen Pers&#246;nlichkeit eines Menschen existieren und die er in Bewegung setzt, sooft er Gebrauchswerte irgendeiner Art produziert.“ (MEW 23, S. 181). Dieses Arbeitsverm&#246;gen muss nicht nur individuell und im (Familien-)Haushalt, sondern – besonders um den Anforderungen in entwickelten, arbeitsteiligen Klassengesellschaften zu entsprechen – auch gesellschaftlich (re-)produziert werden (Anm. d. Red.).</p>
<p><a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a>Vgl. Pelizzari, Alessandro: Prekarisierte Lebenswelten. Arbeitsmarktliche Polarisierung und ver&#228;nderte Sozialstaatlichkeit, in: Beerhorst, Joachim/Demirovi&#196;, Alex/Guggemoos, Michael (Hg.): Kritische Theorie im gesellschaftlichen Strukturwandel, Frankfurt/Main 2004, 266-288; sowie Hardt, Michael/ Negri, Antonio: Empire, Harvard 2000.</p>
<p><a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a>Vgl. Offe, Claus: Contradictions of the Welfare State, hg. von John Keane, London 1993, sowie ders.: Arbeitsgesellschaft. Strukturprobleme und Zukunftsperspektiven, Frankfurt/New York 1984.</p>
<p><a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Vgl. Offe 1993, a.a.O.</p>
<p><a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Demirovi&#196;, Alex: Wissenschaft oder Dummheit. Die Zerst&#246;rung der wissenschaftlichen Rationalit&#228;t durch Hochschulreform, in: PROKLA 136, 2004, S. 497-514, hier S. 500.</p>
<p><a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Ebd., S. 501.</p>
<p><a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Vgl. Poulantzas, Nicos: Klassen im Kapitalismus heute, Studien Klassenanalyse 5, Hamburg 1975.</p>
<p><a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Vgl. Peck, Jamie: Workfare states, New York/London 2001, sowie Jessop, Bob: The Future of the Capitalist State, Cambridge/Oxford/Malden 2002.</p>
<p><a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Vgl. Atzm&#252;ller, Roland: Ver&#228;nderung des Staates – Staat der Ver&#228;nderung. Innovationsf&#228;higkeit und Workfare im postfordistischen Staat, in: Dimmel, Nikolaus/Schmee, Josef (Hg.): Die Gewalt des neoliberalen Staates. Vom fordistischen Wohlfahrtsstaat zum repressiven &#220;berwachungsstaat, Wien 2008, S. 42-60</p>
<p><a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Unter „Akkumulationsregime“ versteht die Regulationstheorie eine auf spezifische Technologien gest&#252;tzte, stabilisierte Form der Produktions- und Arbeitsorganisation in bestimmten Phasen oder „Entwicklungsweisen“ des Kapitalismus. Vgl. Lipietz 1985, a.a.O., sowie Becker 2002, a.a.O. (Anm. d. Red.).</p>
<p><a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Peck 2001, a.a.O., S. 58.</p>
<p><a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Vgl. Offe, Claus: „Krise des Krisenmanagements“: Elemente einer politischen Krisentheorie, in: J&#228;nicke, Martin (Hg.): Herrschaft und Krise. Beitr&#228;ge zur politikwissenschaftlichen Krisenforschung, Opladen 1973, S. 197-223.</p>
<p><a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Jessop 2002, a.a.O., S. 165.</p>
<p><a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Vgl. dazu exemplarisch Jessop 2002, a.a.O.</p>
<p><a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Wie David Coates argumentiert, korrespondiert diese Argumentation mit den Versuchen einer Erneuerung sozialdemokratischer politischer Projekte seit den 1990er Jahren, die den polarisierenden Tendenzen neoliberaler Transformationsstrategien unter Bedingungen des internationalen Standortwettbewerbs eine an individueller Chancengleichheit und sozialer Inklusion orientierte, wettbewerbsf&#228;hige Alternative entgegensetzen wollen. Vgl. Coates, David: Models of Capitalism. Growth and Stagnation in the Modern Era, Cambridge/Oxford/Malden 2000.</p>
<p><a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Die Humankapitaltheorie blendet die Widerspr&#252;chlichkeit der Produktionsverh&#228;ltnisse und der sie pr&#228;genden sozialen Konflikte aus und kann den behaupteten Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Qualifikationsniveau letztlich nicht begr&#252;nden. Vgl. Becker, Gary: Der &#246;konomische Ansatz zur Erkl&#228;rung menschlichen Verhaltens, T&#252;bingen 1993; kritisch dazu: Ribolits, Erich: Humanressource – Humankapital, in: Dzierzbieka, Agnieska/Schirlbauer, Alfred (Hg.): P&#228;dagogisches Glossar der Gegenwart, Wien 2006, S. 135-145, sowie ders.: Die Arbeit hoch? Berufsp&#228;dagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Post-Fordismus, Wien 1995.</p>
<p><a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Vgl. dazu exemplarisch Jin, D.R./Stough, R.R.: Learning and learning capability in the Fordist and post-Fordist age: an integrative framework, in: Environment and Planning A, 30:7, 1998, S. 1255-1278.</p>
<p><a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Ebd.</p>
<p><a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Ebd.</p>
<p><a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Vgl. K&#252;hnlein, Gertrud/Paul-Kohlhoff, Angela: Integration von Bildung und Arbeit: Ein neuer Typ betrieblicher Weiterbildung, in: Bolder, Axel/Heid, Helmut/Heinz, Walter R./Kutscha, G&#252;nter (HgDeregulierung der Arbeit &#8211; Pluralisierung der Bildung?, Opladen 2001, S. 263-277, sowie Dehnbostel, Peter: Lernen am Arbeitsplatz in der modernen Produktion – eine Frage der Strukturation, in: Clement, Ute/Lacher, Michael (Hg.): Produktionssysteme und Kompetenzerwerb. Zu den Ver&#228;nderungen moderner Arbeitsorganisation und ihren Auswirkungen auf die berufliche Bildung, Stuttgart 2006, S. 133-146.</p>
<p><a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> K&#252;hnlein/Paul-Kohlhoff 2001, a.a.O., S. 267.</p>
<p><a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Arnold, Rolf/Gonon, Philipp: Einf&#252;hrung in die Berufsp&#228;dagogik,  Opladen/Bloomfield Hills 2006, S. 237.</p>
<p><a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Gei&#223;ler, Karlheinz A./Orthey, Frank Michael: Betriebliche Bildungspolitik, in: Drees, Gerhard/Ilse, Frauke (Hg.): Arbeit und Lernen 2000 – berufliche Bildung zwischen Aufkl&#228;rungsanspruch und Verwertungsinteressen an der Schwelle zum dritten Jahrtausend, Bielefeld 1998, S. 75-92.</p>
<p><a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Vgl. Gei&#223;ler/Orthey 1998, a.a.O.</p>
<p><a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Gei&#223;ler, Harald: Berufsbildungstheorie als Bildungstheorie der Arbeit und ihrer Organisation, in: Drees, Gerhard/Ilse, Frauke (Hg.) : Arbeit und Lernen 2000 – berufliche Bildung zwischen Aufkl&#228;rungsanspruch und Verwertungsinteressen an der Schwelle zum dritten Jahrtausend, Bielefeld 1998, S. 29-49, hier S. 45.</p>
<p><a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Vgl. Moldaschl, Manfred/Vo&#223;, G&#252;nter G. (Hg.): Subjektivierung von Arbeit, Arbeit, Innovation und Nachhaltigkeit, Bd. 2, M&#252;nchen/Mering 2002.</p>
<p><a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Das Kapital erwirbt im Arbeitsvertrag nur das Recht das Potenzial der Ware Arbeitskraft zu nutzen, steht dann aber vor dem Problem, wie die Arbeitskr&#228;fte dazu gebracht werden k&#246;nnen, dieses durch tats&#228;chliche Arbeitsleistung zu realisieren und ob sie &#252;berhaupt die F&#228;higkeiten und Kompetenzen dazu haben. </p>
<p><a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Vgl. Braverman, Harry: Die Arbeit im modernen Produktionsproze&#223;, Frankfurt a. M. 1985</p>
<p><a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Vgl. Marx, Karl: Das Kapital, Bd. 1, MEW 23.</p>
<p><a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Ebd., S. 511f.</p>
<p><a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Vgl. Negri, Antonio: Interpretation of the Class Situation today, in: Bonefeld, Werner/Gunn, Richard/Psychopedis, Kosmas (Hg.): Open Marxism. Vol. II. Theory and Practice, London/Boulder 1992, S. 69-105.</p>
<p><a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Vgl. Offe, Claus: Bildungssystem, Besch&#228;ftigungssystem und Bildungspolitik – Ans&#228;tze zu einer gesamtgesellschaftlichen Funktionsbestimmung des Bildungssystems, in: Roth,Heinrich/Friedrich, Dagmar (Hg.), Bildungsforschung. Probleme – Perspektiven – Priorit&#228;ten, Stuttgart 1975, 217-252 sowie ders.: Berufsbildungsreform. Eine Fallstudie &#252;ber Reformpolitik, Frankfurt a. M. 1975.</p>
<p><a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd. 6, Hamburg/Berlin 1994, S. 1335</p>
<p><a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Vgl. Gei&#223;ler/Orthey 1998, a.a.O., S. 87.</p>
<p><a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Jessop 2002, a.a.O., S. 167.</p>
<p><a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Meritokratisch bedeutet, dass gesellschaftliche Ungleichheit durch angeblich unterschiedliche „Leistung“ erkl&#228;rt und legitimiert wird (An. d. Red.).</p>
<p><a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Vgl. dazu exemplarisch Vester, Michael: Die gefesselte Wissensgesellschaft, in: Bittlingmayer, Uwe H./Beuer, Ullrich (Hg.): Die „Wissensgesellschaft“. Mythos, Ideologie oder Realit&#228;t, Wiesbaden 2006, S. 173-219.</p>
<p><a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Vgl. Baetghe-Kinsky, Volker/Kupka, Peter: Ist die Facharbeiterausbildung noch zu retten? Zur Vereinbarkeit subjektiver Anspr&#252;che und betrieblicher Bedingungen in der Industrie, in: Bolder, Axel/Heid, Helmut/Heinz, Walter R./Kutscha, G&#252;nter (2001): Deregulierung der Arbeit &#8211; Pluralisierung der Bildung?, S. 166-182.</p>
<p><a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Pfeiffer, Sabine: Arbeitsverm&#246;gen. Ein Schl&#252;ssel zur Analyse (reflexiver) Informatisierung, Wiesbaden 2004.</p>
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		<title>Welche Wirtschaft, wessen Krise?</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Jan 2010 17:50:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
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		<category><![CDATA[Globalisierung(skritik)]]></category>
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		<description><![CDATA[Katharina Hajek und Benjamin Opratko fragen, welche Effekte die globale Wirtschaftskrise auf gegenw&#228;rtige Geschlechterverh&#228;ltnisse hat. Was sind die vergeschlechtlichten Dimensionen der staatlichen Krisenbearbeitungsstrategien? Und was sagt die Besch&#228;ftigung mit Geschlechterpolitik in der Krise &#252;ber beliebte Thesen vom „Ende des Neoliberalismus“ aus?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Katharina Hajek</em> und <em>Benjamin Opratko</em> fragen, welche Effekte die globale Wirtschaftskrise auf gegenw&#228;rtige Geschlechterverh&#228;ltnisse hat. Was sind die vergeschlechtlichten Dimensionen der staatlichen Krisenbearbeitungsstrategien? Und was sagt die Besch&#228;ftigung mit Geschlechterpolitik in der Krise &#252;ber beliebte Thesen vom „Ende des Neoliberalismus“ aus?<br />
<span id="more-666"></span><br />
„Warum hat die Forschung nach den Ursachen [der] Finanz- bzw. Kreditkrise […] keine feministische ‚Stimme‘?“ fragt Brigitte Young zu Beginn ihres k&#252;rzlich erschienenen Artikels<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a>, um gleich darauf das Offensichtliche zu benennen: Frauen sind im Bereich der Finanzwelt nicht oft vorzufinden. Der Verweis auf die m&#228;nnerb&#252;ndische Verfasstheit der <em>high street</em> der Finanzwelt, die von offenen und subtilen Formen der Ausgrenzung, sowie Mechanismen homosozialer Selbstrekrutierung gekennzeichnet sind, l&#228;sst den gesch&#228;tzten Frauenanteil in diesen Netzwerken von unter 10 Prozent<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> nicht &#252;berraschend erscheinen.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Das Hochhalten der neoklassischen Prinzipien des Wettbewerbs und der individuellen Nutzenmaximierung, sowie der Verweis auf die scheinbar objektiven, weil auf abstrakten Modellen und quantitativen Daten basierenden Verfahren der neoklassischen &#214;konomie durch Experten und Entscheidungstr&#228;ger (sic!) tut das ihre zur antidemokratischen Strukturiertheit der globalen Finanzwelt. Zugleich ist all dies – und auch das d&#252;rfte einem/er schwer entgangen sein – in den letzten Monaten immer mehr unter Druck geraten. Die sich schier &#252;berschlagenden Meldungen von Pleiten, Konkursantr&#228;gen, Notverk&#228;ufen und eilig ins Leben gerufenen staatlichen „Rettungspaketen“ &#252;ber Summen, die jegliche Vorstellungskraft &#252;bersteigen, lesen sich – jede f&#252;r sich – als Totschlagargument gegen das Credo der Selbstregulierung und die Effizient der Finanzm&#228;rkte. Doch wenn selbst das Organ des internationalen Finanzkapitals verlautbaren l&#228;sst, dass „On September 15, 2008, the era of Ronald Reagan officially came to an end“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>, dann verweist dies nicht zuletzt auf M&#246;glichkeiten der Intervention und Argumentation f&#252;r alternative, demokratischere Modelle und Rationalit&#228;ten, und damit auch f&#252;r die feministische Kritik.<br />
In diesem Kontext sind die wenigen, jedoch umso eindringlicheren Publikationen von FeministInnen zu lesen, die sich in den vergangenen Monaten zu Wort gemeldet haben. Dabei lassen sich – aus feministischer Sicht – vor allem drei Perspektiven auf die gegenw&#228;rtige Krise ausmachen. Die erste verweist auf die empirischen Auswirkungen der Krise und der (staatlichen) Krisenbearbeitungen, von der M&#228;nner und Frauen durchaus unterschiedlich betroffen sind. So wird in diesem Rahmen beispielsweise herausgestrichen, dass traditionelle Frauenarbeitspl&#228;tze – etwa im Gegensatz zur exportorientierten Branchen, wie der Automobilindustrie – weniger krisenexponiert sind, jedoch l&#228;ngerfristig und auch im Zuge der kommenden Budgetkonsolidierungen betroffen sein werden. Auch Konjunkturpolitik ist Geschlechterpolitik<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a>: Gef&#246;rdert werden hier vor allem „M&#228;nnerarbeitspl&#228;tze“ (etwa im Bauwesen), die Bereiche Pflege, Bildung und Gesundheit wurden und werden – trotz dringenden Bedarfs – &#252;bergangen. Daneben werden Frauen die Krise auch dar&#252;ber zu sp&#252;ren bekommen, dass der R&#252;ckgang des Haushaltseinkommens &#252;ber mehr Eigenleistung im Bereich der privaten, unbezahlten Versorgungs- und Pflegearbeit auszugleichen sein wird, T&#228;tigkeiten die traditionell Frauen zugeschrieben wird.<br />
Eine zweite Herangehensweise konzentriert sich auf die diskursiven Bearbeitungsformen: wie wird &#252;ber die Krise gesprochen und geschrieben? Hier steht etwa die Kritik an essentialistischen Geschlechtervorstellungen im Zentrum, die in jenen Erkl&#228;rungsmodellen anzutreffen sind, in denen junge, risikofreudige und vor allem m&#228;nnliche Finanzmanager als die Schuldigen des globalen Schlamassels ausgemacht werden. Frauen, die von der Natur mit mehr R&#252;ck- und Weitsicht ausgestattet seien, w&#228;re das entsprechend nicht passiert – und sie sollten nun helfen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen.<br />
Eine dritte Perspektive st&#252;tzt sich auf die Erkenntnisse feministischer Staatstheorie und Staatsforschung. Sie betont die Kontinuit&#228;t maskulinistischer Strukturen in den Staatsapparaten und zeigt, wie auch durch die aktuellen staatlichen Krisenbearbeitungsstrategien patriarchale Verh&#228;ltnisse, sexistische Arbeitsteilung und Geschlechterstereotypen reproduziert werden.</p>
<p><strong>Historischer Block und Geschlecht</strong><br />
Die drei beschriebenen Analyseperspektiven erm&#246;glichen also – auch f&#252;r sich genommen – einen je spezifischen Blick auf das „Geschlecht“ der aktuellen globalen Wirtschaftskrise. So n&#252;tzlich diese analytischen Trennungen zur Anleitung empirischer Forschung und zur Durchf&#252;hrung von konkreten Policy-Analysen sind, als so notwendig erachten wir jedoch auch eine allgemeinere theoretische und politische Einsch&#228;tzung des Zusammenhangs von Geschlechterverh&#228;ltnissen und der aktuellen globalen Krise. Dazu bedarf es der kritischer Begriffsarbeit; denn realiter existieren die angef&#252;hrten unterschiedlichen Dimensionen – der &#214;konomie, der Ideologie und der Politik – nicht separat voneinander, sondern sind Teil eines komplexen, ineinander verwobenen gesellschaftlichen Ganzen, das es letztlich in den Blick zu bekommen gilt. Dazu wollen wir zun&#228;chst einige Kategorien aus marxistischen und feministischen Diskussionen vorstellen, die wir f&#252;r hilfreich zur Analyse der vielf&#228;ltigen Dimensionen der Geschlechterverh&#228;ltnisse in der Krise halten. Aus diesen ergibt sich denn auch eine Pr&#228;zisierung unserer Ausgangsfrage, jener nach dem Verh&#228;ltnis von Wirtschaftskrise und Geschlechterverh&#228;ltnissen.<br />
Doch zun&#228;chst ein Schritt zur&#252;ck: wenn wir die Frage nach aktuellen Umbr&#252;chen stellen, haben wir bereits eine theoretische Vorentscheidung getroffen. Wir sprechen nicht von der Beziehung „des Kapitalismus“ zu „den (asymmetrischen) Geschlechterverh&#228;ltnissen“; auf dieser hohen Abstraktionsebene k&#246;nnen h&#246;chstens sehr allgemeine Aussagen generiert werden, und selbst die sind oft von zweifelhafter Stichhaltigkeit (siehe den Artikel von Maria Asenbaum und Katherina Kinzel in diesem Heft). Vielmehr gehen wir davon aus, dass kapitalistische Gesellschaftsformationen sich r&#228;umlichhistorisch ausdifferenzieren und dementsprechend unterschiedliche kapitalistische Entwicklungsmodelle identifiziert werden k&#246;nnen, die sich durch bestimmte &#246;konomische, politische und ideologische Konstellationen auszeichnen.<br />
Einer der ersten, der die Grundlagen einer solchen analytischen Einteilung entwickelt hat, war der italienische Marxist Antonio Gramsci. Er pr&#228;gte in seinen politischen Analysen den Begriff des „historischen Blocks“, der f&#252;r ihn zwei wesentliche Dimensionen umfasst. <em>Erstens </em>ist damit eine Kompromisskonstellation gemeint, in der eine gesellschaftliche Gruppe „f&#252;hrend und herrschend“ ist. Das hei&#223;t, dass sie nicht nur durch Zwang und Gewalt ihre politische Macht aufrechterh&#228;lt, sondern in erster Linie dadurch, dass sie die Zustimmung der Beherrschten zu den herrschenden Verh&#228;ltnissen organisiert. Diese Form der Herrschaft nennt Gramsci „Hegemonie“; sie wird auf Basis der Kontrolle &#252;ber die Produktionsmittel ausge&#252;bt, geht jedoch &#252;ber diese hinaus und verankert sich im allt&#228;glichen (Un-)Bewusstsein der Subalternen. Zweitens verweist der Begriff „historischer Block“ auf eine relative Koh&#228;renz zwischen der &#246;konomischen Struktur – also der Organisation des Produktionsprozesses, Formen der Arbeitsteilung, der Verf&#252;gungsgewalt &#252;ber die Produktionsmittel und dem Entwicklungsstand der Produktivkr&#228;fte – und den „Superstrukturen“ – welche die Staatsform, staatliche Politiken, kulturelle und moralische Leitbilder, und auch den „Alltagsverstand“, also das allt&#228;gliche Selbst- und Weltverst&#228;ndnis breiter Teile der Bev&#246;lkerung umfassen.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Hier wird deutlich, dass Ideologien (oder Weltauffassungen, wie Gramsci sie nennt), d.h. Normen, Werte, Vorstellungen &#252;ber Moral etc., die in den Institutionen der Zivilgesellschaft ausgearbeitet, organisiert und durchgesetzt werden, in den Alltagsverstand integriert und somit von den Individuen f&#252;r sinnvoll und richtig erachtet werden; sie <em>handeln danach</em>. Daher besitzen sie immer auch eine „materielle Gewalt“.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Der Alltagsverstand kann somit als Schnittstelle von Herrschaftsaus&#252;bung und Subjektivierung verstanden werden, f&#252;r das „Gelingen“ einer bestimmten Entwicklungsweise sind also immer auch staatliche Interventionen f&#252;r eine bestimmte Subjektivit&#228;t vonn&#246;ten.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Ein prominentes Beispiel f&#252;r diese Herangehensweise, dem wir uns unten genauer zuwenden, ist Gramscis Analyse des entstehenden Fordismus in den USA zu Beginn des 20.Jahrhunderts.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a></p>
<p><strong>Geschlechterregime</strong><br />
Der an Gramsci orientierte, hegemonietheoretische Ansatz gibt uns also erste theoretische Begriffe in die Hand, um unsere Fragestellung zu verfolgen. Was hier aber nur rudiment&#228;r angelegt ist, ist ein Verst&#228;ndnis der grundlegenden Bedeutung der Geschlechterverh&#228;ltnisse f&#252;r die Existenz eines historischen Blocks. Die Sache ist kompliziert: unterschiedliche Entwicklungsweisen sind immer mit bestimmten Organisationsformen der Geschlechterverh&#228;ltnisse verbunden. Diese weisen aber nicht blo&#223; „den Frauen“ und „den M&#228;nnern“ spezifische Pl&#228;tze in der Gesellschaft zu; vielmehr artikulieren sich die Geschlechterverh&#228;ltnisse auf grundlegende Weise mit Klassenverh&#228;ltnissen und rassistischen Zuschreibungen. So waren etwa im fr&#252;hen, „liberalen“ Kapitalismus die hegemonialen weiblichen und m&#228;nnlichen Rollenbilder durch und durch <em>b&#252;rgerliche </em>und <em>wei&#223;e </em>Leitbilder und als solche von der Lebensrealit&#228;t proletarischer, b&#228;uerlicher Familien weit entfernt, von nicht-europ&#228;ischen MigrantInnen ganz zu schweigen. Sie mussten erst m&#252;hsam in den subalternen Klassen durchgesetzt werden (siehe den Artikel von Tobias Boos und Veronika Duma in diesem Heft).<br />
Dazu kommt jedoch, dass &#252;ber die spezifischen Arrangements der historischen Bl&#246;cke hinaus patriarchale Geschlechterverh&#228;ltnisse sich durch eine besonders langfristige Persistenz auszeichnen. &#220;ber kapitalistische Entwicklungsphasen hinweg existiert eine Kontinuit&#228;t m&#228;nnlicher Dominanz. Wenn wir Geschlechterverh&#228;ltnisse theoretisieren wollen, brauchen wir also Konzepte unterschiedlicher Reichweite und Abstraktionsebenen. Dazu schlagen wir vor, zwei Begriffe von Robert Connell, einem Begr&#252;nder der kritischen M&#228;nnlichkeitsforschung, zu &#252;bernehmen: <em>Geschlechterregime </em>und <em>Geschlechterordnung</em>.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Als Geschlechterregime kann demnach eine spezifische Ordnung der Geschlechterverh&#228;ltnisse in einer bestimmten historischen Phase oder in Bezug auf ein bestimmtes politisches Projekt gesprochen werden – z.B. das Geschlechterregime des Fordismus. Eingebettet ist ein Geschlechterregime in die l&#228;ngerfristigen Strukturen der Geschlechterordnung, die besonders starke Kontinuit&#228;ten in den Geschlechterverh&#228;ltnissen umfasst – z.B. die Norm der Heterosexualit&#228;t, die geschlechtliche Zuordnung von &#246;ffentlicher und privater Sph&#228;re und &#228;hnliches.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a><br />
Geschlechterregime interessieren uns nun insbesondere als Teil eines historischen Blocks, der sich zu einer relativ stabilen Entwicklungsweise f&#252;gt. Wir wollen das Konzept von Connell aufnehmen, erg&#228;nzen und ver&#228;ndern es jedoch an einigen Stellen und machen folgende wesentliche Elemente eines Geschlechterregimes aus: (1.) die Form der geschlechtlichen <em>Arbeitsteilung</em>; (2.) die maskulinistische Pr&#228;gung des <em>Staates</em>; (3.) die <em>Familienform </em>und (4.) die hegemonialen <em>Geschlechterleitbilder </em>sowie Formen vergeschlechtlichter „Anrufungen“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> und <em>Subjektivierungen</em>.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a><br />
Vor diesem Hintergrund wollen wir nun die Ausgangsfrage des Artikels pr&#228;zisieren. Uns erscheint f&#252;r eine Einsch&#228;tzung des Zusammenhangs der globalen Wirtschaftskrise und der Geschlechterverh&#228;ltnisse vor allem wichtig, zu kl&#228;ren, ob sich aktuell Verschiebungen oder gar Br&#252;che im Geschlechterregime ausmachen lassen. Dies vor dem Hintergrund der These, dass in den letzten Jahrzehnten ein spezifisch <em>neoliberales </em>Geschlechterregime etabliert wurde, das sich von dem vorangegangenen, <em>fordistischen </em>Regime in Bezug auf unsere vier Elemente unterscheiden l&#228;sst. Diese Frage ber&#252;hrt die aktuell in den unterschiedlichsten politischen Zusammenh&#228;ngen gef&#252;hrte Debatte, ob es sich bei der aktuellen Krise des Kapitalismus um eine tief greifende Krise oder gar das dr&#228;uende Ende des Neoliberalismus handelt, oder ob die spektakul&#228;ren Ereignisse des letzten Jahres eher &#252;ber die tats&#228;chliche effektive Kontinuit&#228;t des neoliberalen Entwicklungsmodells hinweg t&#228;uschen. Wenn ein historischer Block, wie oben argumentiert, immer und notwendigerweise auch ein bestimmtes Geschlechterregime umfasst, so verweist deren Analyse letztlich auch auf die Stabilit&#228;t oder Krisenhaftigkeit der aktuell bestehenden Ordnung.<br />
Um die Frage nach Kontinuit&#228;t oder Br&#252;chen im Geschlechterregime stellen zu k&#246;nnen, m&#252;ssen wir zun&#228;chst kl&#228;ren, womit sich denn ein etwaiger Bruch vollziehen k&#246;nnte. Sprich: was macht denn nun das neoliberale Geschlechterregime in Bezug auf Arbeitsteilung, Staat, Familie, Geschlechterleitbilder und Subjektivierungsformen aus?</p>
<p><strong>Fordistische Geschlechter</strong><br />
Hierf&#252;r bietet sich die Hegemonietheorie Antonio Gramscis an. Sie erm&#246;glicht es uns, die Ver&#228;nderungen der Produktionsverh&#228;ltnisse in ihrer Verbindung mit Staatlichkeit und Familienform und der Art und Weise, wie Subjekte regiert werden analytisch zu fassen. Denn Hegemonie bedeutet auch die „F&#228;higkeit, die Zustimmung der Individuen zu dem gesamtgesellschaftlichen Projekt zu organisieren, sodass diese den &#246;konomischen Anforderungen sowie den politischen und ideologischen Anrufungen aktiv nachgehen“.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> F&#252;r eine feministische Herangehensweise ist es nun von zentraler Bedeutung, das Subjektivit&#228;ten immer vergeschlechtlicht sind– und somit auch die Formen der Anrufungen und in Konsequenz die hegemonialen Geschlechterleitbilder, die, wie bereits oben skizziert, einen wichtigen Teil eines Gschlechterregimes ausmachen. Die Existenz bzw. die Unterscheidung von M&#228;nnern und Frauen darf somit nicht essentialistisch als gegebenen und „nat&#252;rlich“ gefasst werden. Vielmehr muss danach gefragt werden, wie M&#228;nnlichkeit und Weiblichkeit in der Zivilgesellschaft entlang spezifischer Normen, Wertvorstellungen und Zuschreibungen organisiert und im allt&#228;glichen Handeln reproduziert werden.<br />
Diese Prozesse k&#246;nnen mit Gramscis Analyse des amerikanischen Fordismus´ nachgezeichnet werden, indem er darstellt, wie Anforderungen an die Individuen, staatliche/hegemoniale F&#252;hrung und Subjektkonstruktionen ineinander greifen. Ausgehend von den Ver&#228;nderungen in der Produktionsweise – des Aufkommens tayloristischer Prinzipien der ‚wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung’ – zeichnet er nach, wie diese die Genese eines neuen Menschtypus, genauer: eines spezifischen Typs des m&#228;nnlichen Lohnarbeiters bedurften. „[D]as Leben in der Industrie erfordert eine allgemeine Ausbildung, einen Prozess der psycho-physischen Anpassung an bestimmte Bedingungen der Arbeit, der Ern&#228;hrung, der Wohnung der Gewohnheiten usw., was nichts Angeborenes, ‚Nat&#252;rliches’ ist, sondern erworben sein will.“.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Die Anforderungen und Voraussetzungen f&#252;r ein Arbeiten am Flie&#223;band, das durch repetitive T&#228;tigkeit und Monotonie gekennzeichnet ist, w&#228;re allein durch milit&#228;rischen Drill, physischen Zwang und Disziplinierung nicht zu erreichen gewesen. Vielmehr wurden Lohnarbeitssubjekte ‚gebraucht’, die nicht nur bereit waren, diese T&#228;tigkeit jahrzehntelang auszuf&#252;hren, sondern auch mental und psychisch in der Lage waren, diese durchzuf&#252;hren. Wie auch Frigga Haug betont, ergibt sich „[d]ieser Typ [jedoch] nicht als Reflex auf neue Anforderungen, er wird vielmehr Produkt kultureller Anstrengungen, hier u. a. von Seiten der Unternehmer.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Diese Subjektivierungsprozesse d&#252;rfen somit nicht entlang eines &#246;konomischen Determinismus gedacht werden, sondern sind immer auch das Produkt von kulturellen und hegemonialen K&#228;mpfen. Gramsci zeigt etwa an Beispielen staatlicher Kampagnen gegen Alkoholismus, wie eine bestimmte Lebensf&#252;hrung als Norm propagiert und von den Individuen in ihren Alltagsverstand integriert wurde. Da die tayloristische Arbeitsweise und das fordistische Gesellschaftsmodell insgesamt auf Bedingungen der Stabilit&#228;t und Regelm&#228;&#223;igkeit aufbauten, zielten die Subjektivierungsweisen auf eine geregelte und stabile Lebensweise ab. &#220;ber die Kontrolle der Moralit&#228;t und Lebensf&#252;hrung der Arbeiter wurde ein „psycho-physischer Zusammenhang“ geschaffen, um die erforderte nervlich-muskul&#228;re Leistungsf&#228;higkeit zu sichern. Gramsci nennt als Beispiel hier etwa die Tatsache, dass die Arbeiter in den Ford-Werken und deren Familien regelm&#228;&#223;ig zu Hause von einer Truppe betriebseigener Inspekteuren „besucht“ wurden, die ihre Haushaltsf&#252;hrung und ihrPrivatleben kontrollierten, um sicher zu stellen, dass diese keinem ausschweifenden, der Leistung der Arbeiter abtr&#228;glichen Leben nachgingen.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Auch die „sexuelle Frage“ spielte dabei eine Rolle.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Da der „arbeitende Mensch“ es sich nicht leisten kann, jede Nacht aufs neue auf die Suche nach sexueller Befriedigung zu gehen, kommt hier der Monogamie und der stabilen Zweierbeziehung gro&#223;e Bedeutung zu, und damit der Ehefrau, „die zuverl&#228;ssig, unfehlbar da ist, die sich nicht ziert und nicht die Kom&#246;die der Verf&#252;hrung“ spielt.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Genau hier bringt Gramsci die <em>vergeschlechtlichen</em> Subjektivierungsprozesse ins Spiel. Die Herausbildung des neuen Menschentyps geschah nicht universell, sondern bedingte die Konstitution vergeschlechtlicher Subjekte. D.h. die Reproduktion der fordistischen Gesellschaftsformation bedurfte sowohl des m&#228;nnlichen Lohnarbeiters, der seinen Lebenswandel anhand bestimmter Anforderungen ausrichtet, als auch der „&#252;berwachenden und f&#252;rsorglichen“ Haus- und Ehefrau, die unbezahlt der privaten Reproduktionsarbeit nachgeht. Somit h&#228;ngt die Produktion von Subjektivit&#228;t immer auch „mit der Ausgestaltung gesellschaftlicher Arbeitsteilung und damit mit der Organisation der Reproduktion einer bestimmten Gesellschaftsformation insgesamt“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> zusammen. Die geschlechtliche Arbeitsteilung wurde somit &#252;ber „die Zustimmung zu hegemonialen Vorstellungen, welche Zust&#228;ndigkeiten als geschlechtsspezifische gedacht und verteilt werden“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a>, organisiert. Der zentrale Ort der Organisation dieser Arbeitsteilung war die heterosexuelle Kleinfamilie. Obwohl Gramsci in seinen Fordismusanalysen den Staat im engeren Sinne nicht einbezogen hat<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a>, hat jedoch die feministische Wohlfahrtsstaatenforschung gezeigt, dass diese m&#228;nnlichen und weiblichen Subjektivit&#228;ten sowie die damit zusammenh&#228;ngende geschlechtliche Arbeitsteilung durch einen inh&#228;rent maskulinistischen (Sozal-)Staat gest&#252;tzt wurden. Die westlichen Sozialstaaten haben sich so stets an der Norm des m&#228;nnlichen Normalarbeiters orientiert, diesbez&#252;gliche Anspr&#252;che im Fall von Alter, Krankheit, Erwerbsunf&#228;higkeit und Arbeitslosigkeit waren und sind an die Aus&#252;bung kontinuierlicher Vollzeitarbeit gebunden. Weibliche Lebenssituationen, Pflege- und F&#252;rsorgearbeit wurde Dethematisiert und Privatisiert. Dies hatte und hat zur Folge, dass m&#228;nnliche Subjekte Anspr&#252;che aufgrund von sozialen <em>Rechten</em>, weibliche hingegen vorwiegend aufgrund von <em>Bed&#252;rfnissen</em> geltend machen k&#246;nnen. Frauen wurden einzig als Ehefrauen, M&#252;tter, T&#246;chter oder Witwen in das wohlfahrtsstaatliche System integriert, was immer auch eine Ableitung ihrer Anspr&#252;che aus ihrem Verh&#228;ltnis zum Mann und somit eine Fortschreibung von patriarchalen Strukturen ist.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a></p>
<p><strong>Flexibilisierung und Reprivatisierung</strong><br />
Der historische Block des Fordismus kann also als ein spezifisches Geschlechterregime analysiert werden, in dem Arbeitsteilung, staatliche Politiken, Familienform und Subjektivierung auf spezifische Weise verschr&#228;nkt waren. Mit dem Aufbrechen des fordistischen Entwicklungsmodells ab dem Ende der 1960er Jahre wurde auch diese Konstellation in Frage gestellt. Ergebnis war ein neoliberales Geschlechterregime, das auf neue hegemoniale Formen der F&#252;hrung aufsetzt und letztlich auch neue Normen und Zuschreibungen von M&#228;nnlichkeit und Weiblichkeit vermittelt.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Um diese Prozesse zu verdeutlichen, wenden wir uns in Folge den geschlechterpolitischen Leitlinien des Gender Mainstreamings der Europ&#228;ischen Kommission und dem Bericht der Hartz-Kommission zur Restrukturierung der Arbeitslosenpolitik in Deutschland zu. Diese beiden Felder k&#246;nnen – trotz aller nationalen und regionalen Spezifika – als exemplarische Beispiele f&#252;r neoliberale Reformen dienen, wie sie in den letzten drei Jahrzehnten in ganz Europa &#228;hnlich durchgesetzt wurden. Auf dieser Grundlage wollen wir nachzeichnen, wie das neoliberale Geschlechterregime als solches von inh&#228;renten Widerspr&#252;chlichkeiten gekennzeichnet sind, die sich aus der verst&#228;rkten Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt bei gleichzeitiger De-Thematisierung und Reprivatisierung der Reproduktionsarbeit ergibt, die auch weiterhin dem Verantwortungsbereich von Frauen zugeschrieben wird.<br />
Gundula Ludwig schl&#228;gt vor, Gender Mainstreaming<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> [im Folgenden GM] als „als ein Feld von F&#252;hrungstechniken und Selbsttechnologien [zu] betracht[en], das ein bestimmtes Feld von vergeschlechtlichen Subjektkonstruktionen vermittelt“ und dabei auf bestimmte Vorstellungen &#252;ber geschlechtliche Zust&#228;ndigkeiten und Arbeitsteilung rekurriert.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a><br />
Als zentrales Moment wird dabei die Erh&#246;hung der <em>employability </em>und die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt angesehen. Dies f&#252;gt sich damit nahtlos in die Lissabon-Strategie der EU ein, die bis 2010 eine Frauenbesch&#228;ftigungsquote von 60 Prozent als Bedingung f&#252;r die Entwicklung Europas zum „wettbewerbsf&#228;higsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt“ anstrebt.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a><br />
Unter diesem Gesichtspunkt ist auch der Bericht der Hartz-Kommission<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup</sup></a> zu lesen. So betont Katharina P&#252;hl, dass diese nicht nur auf eine „effektivere“ Vermittlung von Arbeitslosen, sondern implizit auf gelebte Alltags- und Lebensverh&#228;ltnisse abzielt.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Im Gegensatz zu GM bezieht sich dieser jedoch nicht allein auf Frauen, sondern spricht „beide Geschlechter“ als „UnternehmerInnen“ an, die sich (nicht zuletzt als Ich-AGs oder via Mini-Jobs) eigenverantwortlich und flexibel in den Arbeitsmarkt integrieren sollen. Geschlecht als herrschaftsf&#246;rmiges gesellschaftliches Verh&#228;ltnis wird – wie sp&#228;ter noch zu zeigen sein wird – weitgehend dethematisiert, und ausschlie&#223;lich sowie selektiv als „Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ angesprochen. Der Hartz-Bericht kann somit in den Prozessen der neoliberalen Restrukturierung der Sozialpolitik kontextualisiert werden, die &#252;ber eine Neuausrichtung der wohlfahrtsstaatlichen Institutionen nach betriebswirtschaftlichen Kriterien hinaus auch den Abbau sozialstaatlicher Leistungen (der im verst&#228;rkten Ma&#223;e vor allem Frauen und M&#228;dchen betrifft) und eine „Reformulierung“ sozialstaatlicher Aufgaben forciert.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a><br />
Kontrastiert man die zentralen Aussagen in diesen Dokumenten etwa mit den Analysen des fordistischen Geschlechterregimes, so f&#228;llt auf, dass hier traditionelle Zuschreibungen an Weiblichkeit aufgebrochen werden und mit neuen Zust&#228;ndigkeiten verbunden werden. „Je weniger sich die Grundpfeiler des Fordismus – Massenproduktion f&#252;r den nationalen Binnenmarkt und Sozialstaatlichkeit – als Garantie f&#252;r die erfolgreiche Reproduktion kapitalistischer Verh&#228;ltnisse erwiesen, umso mehr trat an deren Stelle eine Form des Kapitalismus, der auf flexible und anpassungsf&#228;hige High-Tech Produktion setzt und sich prim&#228;r an den Renditen des internationalen Finanzmarktes orientiert“.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a><br />
Die bis in die 1970er vorherrschende Entwicklungsweise, die vornehmlich an der tayloristischen Flie&#223;bandarbeit orientiert war, wurde zunehmend durch eine ersetzt, die durch De-Industrialisierung und ein Anwachsen des Dienstleistungssektor gekennzeichnet ist. Mit diesen Ver&#228;nderungen musste in Konsequenz auch neue Formen politischer Arrangements und damit eine Neugestaltung der Subjektivierungsweisen organisiert werden. Dem Modell des fordistischen Massenarbeiters wurde dabei in den letzten Jahrzehnten nicht nur seine materielle Basis, in Form des Familienlohns und eines starken Wohlfahrtsstaates, entzogen. Auch eine Lebensweise, die auf Stabilit&#228;t und Regelm&#228;&#223;igkeit aufbaut, entspricht nicht mehr den neoliberalen Anforderungen einer hochtechnologisierten und schnelllebigen Form des Kapitalismus. Eben diese Eigenschaften setzen auf Lohnarbeitssubjekte, die sich – sowohl zeitlich als auch r&#228;umlich – hochflexibel in diskontinuierliche Erwerbsverl&#228;ufe und die Erfordernisse des Marktes einpassen. Artikuliert werden diese Anforderungen vornehmlich in Form des Appells an die individuelle Eigenverantwortung, Nutzenmaximierung und Selbstkontrolle, um die eigene Arbeitskraft am Arbeitsmarkt „wettbewerbsf&#228;hig“ zu halten. Ein Effekt der neoliberalen Subjektivierung ist, dass gesellschaftliche Herrschaftsverh&#228;ltnisse oder &#246;konomische Konflikte als „Privatproblem“ individualisiert werden.</p>
<p><strong>Neoliberale Paradoxien</strong><br />
Wie oben erw&#228;hnt, richten sich diese Anrufungen – und hier besteht ein entscheidender Unterschied zum Fordismus – explizit an M&#228;nner <em>und </em>Frauen, „[d]ie postfordistischen Lohnarbeitssubjekte sind nun m&#228;nnlich und weiblich“.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Dazu werden mit der zunehmenden Betonung des Dienstleistungssektors und der affektiven Arbeit auch weiblich konnotierte F&#228;higkeiten, wie „Kommunikationsorientierung“, „Teamf&#228;higkeit“ und &#228;hnliche <em>soft skills</em> zunehmend nachgefragt, d.h. Frauen werden als deren vermeintliche Tr&#228;gerinnen dazu aufgerufen, ihre <em>employability als Frauen</em> zu Markte zu tragen und sich in die unternehmerische Logik einzugliedern. Hier stellt sich die Frage, wie im Neoliberalismus bestimmte Geschlechterkodierungen je nach Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt abgerufen werden und in Konsequenz nach der Funktionalisierung vergeschlechtlicher Formen von Handeln und F&#252;hlen.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a><br />
Des Weiteren dr&#228;ngt sich aus feministischer Sicht eine Beobachtung auf: Die hier forcierte Integration von Frauen in die Erwerbsarbeit verhandelt den Arbeitsmarkt in klassisch androzentrischer Manier als geschlechtsneutral. Dabei wird &#252;bersehen, dass der Arbeitsmarkt (immer noch) sowohl hinsichtlich der verschiedenen T&#228;tigkeiten, d.h. der Aufgliederung in „Frauen- und M&#228;nnerberufe“, als auch hinsichtlich der Entlohnung f&#252;r gleiche T&#228;tigkeiten (Stichwort <em>gender pay gap</em>), differenziert ist. Zur Erl&#228;uterung wollen wir an dieser Stelle kurz einige aussagekr&#228;ftige Zahlen aus der letzten gro&#223;en diesbez&#252;glich durchgef&#252;hrten Studie in &#214;sterreich nennen.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> So waren im Jahr 2006 81 Prozent der erwerbst&#228;tigen Frauen im meist durch unsicherere Arbeitsverh&#228;ltnisse gekennzeichneten Dienstleistungssektor t&#228;tig, jedoch nur 54 Prozent der M&#228;nner. Auch die diesbez&#252;gliche Analyse nach beruflicher Qualifikation (oder expliziter formuliert, die Stellung im Beruf ) liefert eindeutige Ergebnisse. So lag der Anteil der Arbeiterinnen 2006 (&#246;ffentlicher Dienst nicht mitgerechnet) bei insgesamt 31 Prozent. Der Anteil an den HilfsarbeiterInnen lag jedoch bei 60 Prozent, der an den VorarbeiterInnen hingegen nur bei 4 Prozent. Betrachtet man die Gruppe der Angestellten, so betrug der Anteil an Frauen darunter 56 Prozent. Wiederum arbeiteten jedoch 69 Prozent im Bereich der gelernten T&#228;tigkeiten, der Anteil an den Hochqualifizierten betrug hingegen nur 31 Prozent. Am aussagekr&#228;ftigsten ist jedoch der Bereich der Teilzeitarbeit: 84 Prozent aller Teilzeiterwerbst&#228;tigkeiten waren Frauen.<br />
Jedoch auch bez&#252;glich der gleichen T&#228;tigkeiten lassen sich gro&#223;e Unterschiede in der Bezahlung ausmachen, was den zweiten Aspekt des vergeschlechtlichen Arbeitsmarktes darstellt. Betrachtet man die unselbstst&#228;ndig Erwerbst&#228;tigen, so f&#228;llt auf, dass Frauen nur 60 Prozent des Bruttojahreseinkommens von M&#228;nnern verdienen. Gleichzeitig sind die Einkommen unter Frauen zus&#228;tzlich ungleicher verteilt als bei M&#228;nnern. Die gr&#246;&#223;ten geschlechtsspezifischen Einkommensunterschiede finden sich dabei im Handel, im Bereich der Energie- und Wasserversorgung und des Kredit- und Versicherungswesens: hier verdienen Frauen jeweils nur ca. 55 Prozent der Einkommen von M&#228;nnern. Die geringsten Unterschiede gibt es im Beherbergungs- und Gastst&#228;ttenwesen, das zugleich jedoch auch die Branche mit den meisten weiblichen Besch&#228;ftigten ist.<br />
Genau diese geschlechtsspezifische Segregation des Arbeitsmarktes wird bei GM und dem Hartz-Programm ignoriert. „Der Bezugsma&#223;stab bei [diesen] Bestrebungen […] Frauen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, bleibt die bestehende androzentrische Norm, was allerdings zugleich unsichtbar und damit entpolitisiert bleibt“.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Somit bleiben die strukturellen Gr&#252;nde von Geschlechterungleichheit auf dem Arbeitsmarkt nicht nur unreflektiert, sondern werden dazu noch privatisiert und als Ausdruck individuellen Versagens stilisiert.<br />
Parallel zur Anrufung an Frauen als Lohnarbeiterinnen steht jedoch – und hier ist die zentrale inh&#228;rente Widerspr&#252;chlichkeit neoliberaler weiblicher Subjektivierungsweisen auszumachen – ihre vorrangige Adressierung als <em>M&#252;tter</em>, wie sie in beiden Dokumenten durch die Betonung der <em>Vereinbarkeit von Familie und Beruf</em> artikuliert wird. Somit wird Reproduktionsarbeit nicht nur h&#246;chstens als „Markthindernis“ f&#252;r potenzielle weibliche Lohnarbeiterinnen gesehen (was sie zynisch formuliert ja tats&#228;chlich ist), sondern auch weiterhin als Aufgabe von Frauen festgeschrieben, die es privat zu organisieren gilt. Diese Tatsache erh&#228;lt zudem zus&#228;tzlich Gewicht, wenn der gleichzeitige Abbau sozialstaatlicher Leistungen mit einbezogen wird. Durch das Wegfallen etwa von staatlich organisierter Kinderbetreuung oder Altenpflege ergibt sich eine Reprivatisierung von Pflege- und Betreuungsarbeit und damit eine implizite Verlagerung und Festschreibung in den Verantwortungsbereich von Frauen. Somit entsteht das geschlechterpolitische Paradox, dass eben diese Arbeit, die <em>gesellschaftlich notwendig</em> ist und durch die nichts Geringeres als die Reproduktion der Arbeitskraft geleistet wird, zwar implizit vorausgesetzt, dabei jedoch dethematisiert und individualisiert wird. Diese Beobachtung steht dabei in keinem Gegensatz zu der Tatsache, dass die Definition von Familie bzw. ihrer &#246;konomischen und normativen Funktionen, zunehmend Gegenstand breiterer Debatten sind. Reproduktionsarbeit muss nicht mehr ausschlie&#223;lich im Rahmen der heterosexuellen Kleinfamilie geleistet werden, was die steigende Anzahl an Scheidungen und AlleinerzieherInnen bzw. die Diskussion rund um „Patchwork-Familien“ und eingetragene PartnerInnenschaft belegen – was die geschlechtliche Arbeitsteilung jedoch um nichts wirkungsloser macht.<br />
Somit kann festgehalten werden dass die oben dargestellten widerspr&#252;chlichen Anrufungen – als flexible und eigenverantwortliche Lohnarbeiterin einerseits, als „f&#252;rsorgliche Mutter/Tochter/Ehefrau/Lebensgef&#228;hrtin“ andererseits &#8211; als zentrales Merkmal weiblicher Subjektkonstitutionen im Neoliberalismus zu sehen sind, „in [der] die gesellschaftlichen Widerspr&#252;che eingehen, die sich aus der Form, wie die Produktionsarbeit und Reproduktionsarbeit [in kapitalistischen Gesellschaften] organisiert sind, ergeben“.<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a></p>
<p><strong>Krise als Bruch?</strong><br />
Vor diesem Hintergrund k&#246;nnen wir uns nun daran machen, Kontinuit&#228;ten, Br&#252;che und Verschiebungen im Geschlechterregime zu suchen. Ver&#228;ndert die Krise das neoliberale Arrangement der Geschlechter? Dazu kehren wir zu unseren vier Dimensionen der Geschlechterregime zur&#252;ck. Vorauszuschicken ist, dass es sich bei den folgenden Thesen um vorl&#228;ufige &#220;berlegungen handelt, die wir zur Diskussion stellen wollen. Sie beruhen zum Teil auf bereits existierenden ersten Analysen der Krise und ihrer Bearbeitungen aus feministischer Perspektive und zum Teil auf eigenen Beobachtungen, aus denen wir Tendenzen zu extrapolieren suchen.<br />
In Bezug auf (1.) die vergeschlechtlichte <em>Arbeitsteilung</em> kann festgehalten werden, dass aktuell die bereits im neoliberalen Entwicklungsmodell angelegten Dynamiken verst&#228;rkt werden. Dies betrifft etwa die zunehmende Bedeutung von weiblich konnotierten Bereichen wie Pflege-, Bildungs- und Care-T&#228;tigkeiten, deren Bezahlung und gesellschaftliche Anerkennung sich umgekehrt proportional zu ihrer Wichtigkeit zu entwickeln scheint. Was sich allerdings andeutet, ist dass die Tendenz, Frauen in Lohnarbeit zu integrieren, einen Knick erf&#228;hrt. Denn diese Integration in den Arbeitsmarkt wurde besonders in den letzten Jahren in erster Linie &#252;ber prekarisierte, schlecht abgesicherte Jobs organisiert. Diese sind es jedoch, die im Zuge der Krise als erste abgebaut werden, um den &#246;konomischen Druck auf die Betriebe abzufedern. Arbeitslosigkeit betrifft zunehmend Frauen, auch wenn ihre mediale Darstellung sich stets am m&#228;nnlichen Industriearbeiter orientiert.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a><br />
Diese Tendenz wird auch durch (2.) <em>staatliche Politiken</em> verst&#228;rkt. Denn die gro&#223;en Strategien gegen die Krise und staatliche Konjunkturprogramme zielen fast ausschlie&#223;lich auf den m&#228;nnlichen Vollzeitarbeiter. Gerettet wird die Autoindustrie, w&#228;hrend Investitionen in Care-Work oder Bildungseinrichtungen, in denen besonders viele Frauen arbeiten, bislang ausbleiben.<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> Staatlich organisiert und gest&#252;tzt wird mithin ein doppelt vergeschlechtlichter Arbeitsmarkt, in dem Frauen einerseits bestimmte schlecht bezahlte und mit geringem gesellschaftlichem Ansehen verbundene Arbeitspl&#228;tze zugewiesen werden, und sie andererseits f&#252;r gleiche T&#228;tigkeiten weniger Lohn erhalten. Eine offene Frage in Bezug auf die staatliche Dimension des gegenw&#228;rtigen Geschlechterregimes ist, wie die medial lautstark begleitete „R&#252;ckkehr des Staates“ einzusch&#228;tzen ist. Auf den ersten Blick scheint durch die massiven konjunktur- und arbeitsmarktpolitischen Eingriffe die &#196;ra des neoliberalen Privatisierungsmodells und des damit einhergehenden Bildes vom „schlanken Staat“ an ihr Ende zu gelangen. Wie Birgit Sauer hervorhebt, hatte das neoliberale Staatsmodell dabei stets einen „misogynen Subtext“, der nicht zuletzt „in der symbolisch diskursiven Abwertung des ‚feminisierten’ Wohlfahrtsstaates zum Ausdruck kommt“.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Jedoch: der Staat, der nun „zur&#252;ckzukommen“ scheint, war nie wirklich weg; und blo&#223; weil er neben seinen „Aufgaben“ in den Bereichen der Repression und der Herstellung von Wettbewerbsf&#228;higkeit nun auch wieder verst&#228;rkt als „&#246;konomischer Staatsapparat“ <a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> auftritt, ist das maskulinistische Modell neoliberaler Staatlichkeit noch nicht in der Krise.<br />
F&#252;r die (3.) <em>Familienform </em>gilt, dass die heterosexuelle Kleinfamilie, die im Fordismus noch der zentrale Reproduktionsort der Geschlechterverh&#228;ltnisse schlechthin war, im Zuge der Neoliberalisierung der Gesellschaft teilweise unterminiert wurde und oft „nicht mehr die dominante Lebensform darstellt“.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a> Ein Modell flexibler Patchworkstrukturen, in denen langfristige Bindungen zu Gunsten von LebensabschnittspartnerInnen an Bedeutung verlieren, f&#252;gt sich auch besser in das Anforderungsprofil eines/r zeitlich flexiblen und r&#228;umlich mobilen „ArbeitskraftunternehmerIn“. Dies betrifft die gelebten Praxen von prek&#228;r Besch&#228;ftigten und wurde und wird auch kulturell durch neue „Familienleitbilder“ reproduziert. Die queer-Theoretikerin Antke Engel etwa hat herausgearbeitet, dass die Figur des hyperflexiblen lifestyleschwulen Mannes, wie er in Film und Fernsehen pr&#228;sentiert wird, als neoliberaler „Mustersch&#252;ler“ funktioniert, indem er die Verantwortung f&#252;r sein Wohlergehen unabh&#228;ngig von Familienzusammenh&#228;ngen &#252;bernimmt.<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> Jedoch l&#228;sst sich bereits in den letzten Jahren eine Gegentendenz ausmachen, die nun in der Krise an Bedeutung zu gewinnen scheint. Denn die existenzielle Unsicherheit, denen prekarisierte Subjekte ausgesetzt sind, hat zu einer kulturellen Bewegung gef&#252;hrt, in der Geborgenheit, Sicherheit und die wohlige W&#228;rme sozialer Nahverh&#228;ltnisse zum Ziel des guten Lebens erkl&#228;rt werden. Wenn die deutsche Teenie-Pop-Band Silbermond singt, man sehne sich blo&#223; nach einem „kleinen bisschen Sicherheit“ und im Video dazu vor einer bedrohlichen Masse demonstrierender Menschen fl&#252;chtet, kann das als Element dieses neokonservativistischen Diskurses verstanden werden.<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> In diesen f&#252;gen sich auch die Myriaden von „Doku-Soaps“ im deutschsprachigen Fernsehen, in denen es um die Einrichtung, Renovierung oder Neugestaltung der eigenen vier W&#228;nde geht, oder die omnipr&#228;senten Kochsendungen. All diese Diskurselemente verweisen auf die Familie als Zufluchtsort vor den Wirren des Lebens da drau&#223;en. Am radikalsten verhandelt wird dies in Sendungen &#252;ber schwangere Teenager, in denen 14-j&#228;hrige M&#228;dchen davon &#252;berzeugt werden, dass Arbeitslosigkeit, alkoholkranke Eltern, 35 Quadratmeter Substandardwohnung, ein absenter 13-j&#228;hriger Kindsvater und ein mittelschweres Drogenproblem keine Gr&#252;nde darstellen, nicht doch „ja“ zum (Familien-) Leben zu sagen. Was diese Ideologie kennzeichnet, ist, dass sie die Familie als harmonischen Hort der Stabilit&#228;t pr&#228;sentiert, und nicht als das, was sie h&#228;ufig ist: der gewaltt&#228;tigste Ort au&#223;erhalb von Kriegsgebieten.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a><br />
Die vielleicht augenscheinlichsten Ver&#228;nderungen gibt es im Bereich der (4.) <em>Geschlechterleitbilder und der Subjektivierungsweisen</em>. Denn wenn etwas wirklich in der Krise ist, dann jener Typus Mann, der noch vor kurzem als eine wichtige Figur hegemonialer M&#228;nnlichkeit gedient hat. Der mit Milliarden jonglierende, smarte und kein Risiko scheuende Finanzmanager wurde medial als Krisenverursacher identifiziert und hat seither einen beispiellosen Absturz in der Beliebtheitsskala erfahren. In Island hat die Regierung Frauen an die Spitze zweier kollabierter und dann verstaatlichter Banken berufen, mit dem ausdr&#252;cklichen Auftrag „to clean up the young men’s mess“.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a> Neben den Frauen als „bessere Kapitalistinnen“<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a>, scheint an seine Stelle als hegemoniale M&#228;nnlichkeit gerade der seri&#246;se Krisenmanager zu treten, der mit Anzug und Krawattennadel das Schiff durch die st&#252;rmischen Zeiten navigiert. Der bundesdeutsche Wirtschaftsminister und „Baron der Herzen“<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Freiherr von und zu Guttenberg ist mit Adelstitel und zehn Vornamen f&#252;r diese Rolle fast &#252;berqualifiziert. Jedoch sollen diese Verwerfungen nicht dar&#252;ber hinweg t&#228;uschen, dass die vergeschlechtlichten Subjektivierungen &#252;beraus stabil sind. Die widerspr&#252;chlichen neoliberalen Anrufungen, die Frauen zugleich als flexibel an sich selbst arbeitende Unternehmerin ihrer selbst und als Haushaltsmanagerin und Mutter fordern, werden durch die Krise sogar noch verst&#228;rkt. Denn ein absehbarer Effekt von Lohnarbeitsplatzverlusten ist, dass zuvor ausgelagerte Teile der Reproduktionsarbeit – ausw&#228;rts Essen, Putzkraft anstellen, W&#228;scherei nutzen – wieder in den Haushalt re-integriert werden. Und das bedeutet fast immer, dass der Frau, ob berufst&#228;tig oder nicht, ein h&#246;heres Ausma&#223; an unbezahlter Hausarbeit aufgeb&#252;rdet wird.</p>
<p><strong>Perspektiven in der Krise</strong><br />
Was k&#246;nnen wir nun aus diesen &#220;berlegungen folgern? Die Ausgangsfrage dieses Artikels war, ob die gegenw&#228;rtige Krise auch einen Bruch mit dem neoliberalen Geschlechterregime bedeutet, wie es sich in den letzten zwanzig bis drei&#223;ig Jahren entwickelt hat. Die Antwort darauf muss ein eingeschr&#228;nktes Nein sein. In der Gesamtschau wiegen jene Aspekte, die eine Kontinuit&#228;t oder sogar Vertiefung des neoliberalen Geschlechterregimes darstellen, schwerer. Eine erste politische Konsequenz unserer Analyse ist also, dass Kommentare zum „Ende des Neoliberalismus“ mit gro&#223;er Vorsicht zu genie&#223;en sind. Wer im Neoliberalismus einen „R&#252;ckzug des Staates“ zu erkennen glaubte und nun bass erstaunt dessen „R&#252;ckkehr“ in pseudo-keynesianischem Gewande beklatscht, sitzt einem Irrtum auf, der mit dem Blick auf Geschlechterregime &#252;berdeutlich wird. Wenn, wie wir argumentiert haben, die Organisation der Geschlechterverh&#228;ltnisse ein wesentlicher und konstitutiver Bestandteil eines historischen Blocks ist, dann verweisen die Kontinuit&#228;ten im Geschlechterregime auch auf die relative Stabilit&#228;t eines solchen. Das ist wichtig, weil die Linke, zumal die feministische, sich darauf einstellen muss, welchen Verh&#228;ltnissen sie auch zuk&#252;nftig entgegen treten muss.<br />
Zugleich lassen sich Verschiebungen in einzelnen Aspekten des neoliberalen Geschlechterregimes identifizieren; dies betrifft einerseits die geschlechtsspezifischen Auswirkungen einer kontraktierenden Welt&#246;konomie. Frauen, die &#252;berproportional h&#228;ufig in in- oder semiformellen, prekarisierten Jobs t&#228;tig sind, sind zuvorderst von Arbeitsplatzabbau betroffen. Die unbezahlte und dethematisierte Arbeit, die von Frauen im Haushalt verrichtet wird, dient in Zeiten der Krise noch st&#228;rker als bisher als &#246;konomischer Druckausgleich. Andererseits verst&#228;rken auch die staatlichen Krisenbearbeitungspolitiken Geschlechterungleichheit. Dies wird wohl noch virulenter, wenn die zig Milliarden an Steuergeldern, die im letzten Jahr f&#252;r Bankenrettungs- und Konjunkturpakete gesteckt wurden, in den kommenden Jahren wieder „eingespart“ werden m&#252;ssen. Es braucht keine prophetischen F&#228;higkeiten um vorauszusagen, dass unter den gegenw&#228;rtigen Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen die Kosten der Budgetkonsolidierungen nach unten abgew&#228;lzt werden – und dass Frauen, ob als prekarisierte Lohn-, als unbezahlte Hausarbeiterinnen oder beides, die Hauptlast tragen werden. Dazu kommt, dass viele Arbeitspl&#228;tze im Bereich der &#246;ffentlichen Dienstleitungen zur Disposition gestellt werden, in denen zum &#252;berwiegenden Teil Frauen arbeiten. In den zuk&#252;nftigen politischen und betrieblichen Auseinandersetzungen, die sich im weitesten Sinne um die Frage „wer bezahlt f&#252;r die Krise?“ entz&#252;nden werden, muss diese Geschlechterdimension mit einbezogen werden. Das hei&#223;t auch, von links nicht vorbehaltlos jede Rettungsaktion f&#252;r Industriebetriebe abzufeiern, blo&#223; weil damit vorgeblich Arbeitspl&#228;tze gesichert werden. Neben der Frage, ob der Jobabbau damit nicht blo&#223; rausgez&#246;gert wird, muss eben darauf geachtet werden, bei welchen Branchen und T&#228;tigkeiten niemand rettend einspringt. Ein Beispiel w&#228;re der Einzelhandel, in dem besonders viele Frauen (meist prek&#228;r) besch&#228;ftigt, und der bereits massive Krisensymptome zeigt.<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a><br />
Aus linker feministischer Perspektive gilt es, auf diese vergeschlechtlichten Aspekte der Krise offensiv hinzuweisen und der systematischen Entnennung und Entwertung feminisierter Arbeit entgegen zu wirken. Zentraler Einsatzpunkt ist unter diesem Gesichtspunkt die geschlechtliche Arbeitsteilung, insbesondere Aspekte der Prekarisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen und nach dem Verh&#228;ltnis von bezahlter Lohn- und unbezahlter Hausarbeit. Welche T&#228;tigkeiten gelten gesellschaftlich &#252;berhaupt als Arbeit? Diese Frage steht im Zentrum etwa der Debatte um das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE), die wir aus diesem Grund auch f&#252;r besonders kompatibel mit linken feministischen Diskursen halten. Eine Intervention, die die Diskussion um das BGE um eine geschlechterpolitische Dimension erweitert, die Bedeutung von Geschlechterleitbilder und Subjektivierungsweisen f&#252;r die herrschenden Verh&#228;ltnisse betont, Kritik an patriarchalen Staats- und Familienstrukturen &#252;bt und sich vom neokonservativen Sicherheitsdiskurs mit seiner regressiven Familienromantik abgrenzt – dies kann eine mittelfristige Perspektive f&#252;r einen Feminismus sein, der aus der Krise – auch der eigenen – gest&#228;rkt hervorgeht und zum Aufbau einer erneuerten, anti-neoliberalen Linken beitr&#228;gt.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Young, Brigitte: Globale Finanzkrise und Gender, in: femina politica 18:1 (2009), S. 99-102<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Schuberth, Helene: Ist die Krise m&#228;nnlich?, unter: http://www.beigewum.at/2009/09/ist-die-krise-mannlich<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Young, a.a.O.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Financial Times, zit. n. Young, a.a.O., 99<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Michalitsch, Gabriele: Konjunkturpolitik: Geschlechter-Macht und Geschlechter-Wahrheit, in: Kurswechsel 2/2009, S. 93-98<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Zu Gramscis Begriff des historischen Blocks vgl. u.a. Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd. 7, Hamburg 1996, S. 1322 sowie 1567f.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Ludwig, Gundula: Gramscis Hegemonietheorie und die staatliche Produktion von vergeschlechtlichten Subjekten, in: Das Argument 270 (2007), 196-205, S. 198<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Ebd., S. 43<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd.9, Hamburg 1999, S. 2063-2100<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Connell, Robert W.: The state, gender, and sexual politics. Theory and appraisal, in: Theory and Society, 19:5 (1990), S. 507-544<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Nowak, J&#246;rg: Geschlechterpolitik und Klassenherrschaft. Eine Integration marxistischer und feministischer Staatstheorien, M&#252;nster 2009: 161<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Unter „Anrufung“ verstehen wir, im Anschluss an Louis Althusser, den sozialen Prozess, durch den Menschen zu „Subjekten“ gemacht werden, d.h. die mit einer einheitlichen, mit Namen versehenen, und einen bestimmten Platz innehabenden Identit&#228;t ausgestattet werden. Vgl. Althusser, Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate (Anmerkungen f&#252;r eine Untersuchung), in: ders.: Ideologie und ideologische Staatsapparate. Aufs&#228;tze zur marxistischen Theorie, Hamburg 1977, 108-168; Bosch, Herbert/Rehmann, Jan Christoph: Ideologische Staatsapparate und Subjekteffekt bei Althusser, in: Projekt Ideologie-Theorie (Hg.): Theorien &#252;ber Ideologie, Berlin 1979, 105-129<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> In diese Konzeptionalisierung flie&#223;en &#220;berlegungen mehrerer feministischer AutorInnen ein: Connell, a.a.O.; P&#252;hl, Katharina/W&#246;hl, Stefanie: Modell „Doris“: Zur Kritik neoliberaler Geschlechterpolitiken aus gouvernementalit&#228;tstheoretischer Sicht”, in: www.copyriot.com/gouvernementalitaet (Hg.): „f&#252;hre mich sanft“. Gouvernementalit&#228;t &#8211; Anschl&#252;sse an Michel Foucault, Frankfurt am Main 2003, S. 74-101; Henninger, Annette/Ostendorf, Helga: Einleitung: Ertr&#228;ge feministischer Institutionenanalyse, in: dies. (Hg.): Die politische Steuerung des Geschlechterregimes: Beitr&#228;ge zur Theorie politischer Institutionen, Wiesbaden 2005, S. 9-34; Ludwig, Gundula: Zwischen „Unternehmerin ihrer selbst“ und „f&#252;rsorgender Weiblichkeit“. Regierungstechniken und weibliche Subjektkonstruktionen im Neoliberalismus, in: Beitr&#228;ge zur feministischen Theorie und Praxis 68 (2006), S. 49-59<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Ludwig 2006, a.a.O., S. 50f.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd.9, Hamburg 1999, S. 2072<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Haug, Frigga: Mit Gramsci die Geschlechterveh&#228;ltnisse begreifen, in: Merkens/Andreas, Rego Diaz/Victor (Hg.): Mit Gramsci arbeiten. Texte zur politisch-praktischen Aneignung Antonio Gramscis, Hamburg 2007, S. 43<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Vgl. Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd.9, Hamburg 1999, S. 2087f<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd.9, Hamburg 1999, S. 2088f<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Ebd.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Ludwig 2007, a.a.O., S. 201<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Ludwig 2006, a.a.O. S. 52<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Vgl. Ludwig 2007, a.a.O., S. 199<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> vgl. Fraser, Nancy: Widerspenstige Praktiken. Macht, Diskurs, Geschlecht, Frankfurt am Main 1994; Sauer, Birgit: Die Asche des Souver&#228;ns. Staat und Demokratie in der Geschlechterdebatte, Frankfurt am Main 2001; Gottschall, Karin: Geschlechterverh&#228;ltnis und Arbeitsmarktsegregation, in: Becker-Schmidt, Regina/Knapp, Gudrun-Axeli (Hg.): Das Geschlechterverh&#228;ltnis als Gegenstand der Sozialwissenschaften, Frankfurt am Main/New York, 125-162; Genetti, Evi: Die GeschlechterGrenze des b&#252;rgerlichen Staates. Zur Kritik der Geschlechtergleichheit im Wohlfahrtsstaat, Wien 1998 (Diplomarbeit), Kulawik, Theresa: “Modern bis maternalistisch. Theorien des Wohlfahrtsstaates” in: Kulawik, Teresa/Sauer, Birgit (Hg.): Der halbierte Staat. Grundlagen feministischen Politikwissenschaft, Frankfurt am Main 1996, S. 47-75<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Vgl. Ludwig 2007, a.a.O., S. 201<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Die Leitlinien von GM wurden erstmals im Vertrag von Amsterdam 1997 ausgearbeitet, in denen festgehalten wurde, dass die „Vorraussetzung f&#252;r die volle Verwirklichung der Demokratie ist, dass alle B&#252;rgerinnen und B&#252;rger gleichberechtigt am Wirtschaftsleben, an Entscheidungsprozessen, am gesellschaftlichen und kulturellen Leben und an der Zivilgesellschaft beteiligt und in allen Bereichen gleich stark vertreten sind.“ (Europ&#228;ische Kommission, zit. nach Ludwig 2006, a.a.O., S. 54). GM soll als Instrument dienen, um eine Reorganisation und Evaluierung politischer Prozesse hinsichtlich ihrer geschlechterbezogenen Auswirkungen zu erm&#246;glichen.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Ludwig 2006, a.a.O., S.53<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Europ&#228;ischer Rat, zit. n. ebd., S. 54<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Dieser Bericht diente als Vorlage f&#252;r die gemeinl&#228;ufig als Hartz I bis IV bezeichneten Gesetze zur Reform der deutschen Arbeitsmarktpolitik, die von 2003 bis 2005 implementiert wurden. Durch den Fokus in diesem Artikel k&#246;nnen die umfangreichen Diskussionen rund um die Umsetzung bzw. neuere interessange Entwicklungen und Novellierungen, wie etwa im Rahmen des Arbeitslosengeld II nicht ber&#252;cksichtigt werden.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> P&#252;hl, Katharina: Neoliberale Paradoxien? Geschlechtsspezifische Ver&#228;nderungen durch sozialpolitische Reregulierungen als Herausforderungen feministischer Theorie, in: Zeitschrift f&#252;r Frauenforschung und  Geschlechterstudien 22:2+3 (2004), S. 40-50, hier: 45<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> P&#252;hl: Neoliberale Paradoxien, a.a.O., S. 41f.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Ludwig 2006, a.a.O., S. 54<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> ebd., S. 55<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> vgl. P&#252;hl: Neoliberale Paradoxien, a.a.O., S. 44 und dies.: Geschlechtsspezifische Sozialisation: Arbeit, Geschlecht, Gouvernementalit&#228;t, in: Deck, Jan/Dellmann, Sarah/Loick, Daniel/M&#252;ller, Johanna (Hg.): Ich schau Dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang. Texte zu Subjektkonstitution und Ideologieproduktion, Mainz 2001, S. 112-123<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Statistik Austria: Frauen und M&#228;nner in &#214;sterreich. Statistische Analysen zu geschlechtsspezifischen Unterschieden, Wien 2007, S. 17-52<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Ludwig 2006, a.a.O., S. 55<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> ebd., S. 56<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Da Frauen &#252;berproportional in Branchen vertreten sind, die erst mit Verz&#246;gerung von der Krise betroffen sind (z.B. Tourismus, &#246;ffentliche Dienstleistungen etc.), sind sie von Arbeitslosigkeit nicht weniger, aber oft sp&#228;ter als M&#228;nner betroffen. Vgl. Scheele, Alexandra: Hat die Wirtschaftskrise ein Geschlecht?, in: Bl&#228;tter f&#252;r deutsche und internationale Politik 3/2009, S. 26-28, sowie Wichterich, Christa: Frauen funktionieren als soziale Air Bags, in: diestandard.at, http://diestandard.at/fs/1252036990913/Frauen-funktionieren-als-soziale-Air-Bags<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Michalitsch, a.a.O.<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Sauer, Birgit: &#214;ffentlichkeit und Privatheit revisited. Grenzneuziehungen im Neoliberalismus und die Konsequenzen f&#252;r Geschlechterpolitik, in: Kurswechsel 4/2001, S. 5-11, hier: S. 8<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Poulantzas, Nicos: Staatstheorie. Politischer &#220;berbau, Ideologie, Autorit&#228;rer Etatismus, Hamburg 2002, S. 194ff.<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Vgl. Sauer, a.a.O., S. 8<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Engel, Antke: Gefeierte Vielfalt. Umstrittene Heterogenit&#228;t. Befriedete Provokation. Sexuelle Lebensformen in sp&#228;tmodernen Gesellschaften, in: Bartel, Rainer et al. (Hg.): Heteronormativit&#228;t und Homosexualit&#228;ten, Innsbruck 2008, S. 43-64<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Darauf haben die Goldenen Zitronen j&#252;ngst hingewiesen. Vgl. ihren Song „Aber der Silbermond“ auf ihrem neuen Album „Die Entstehung der Nacht“ (Buback Tontr&#228;ger 2009). Doris Achelwillm schreibt dazu: „Die Goldenen Zitronen finden ‚Silbermond’ interessant, weil die deutschen Chart-Breaker seit einem ihrer letzten Hits sowas wie die unwidersprochene Speerspitze des popkulturell verhandelten Sicherheits-Dispositivs sind.“ (Achelwillm, Doris: Mit den Goldenen Zitronen durch die Krise. Zehn Thesen zur „Entstehung der Nacht“, 2009, http://www.die-goldenenzitronen.de/aktuelles.php<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Nach Sch&#228;tzungen ist in &#214;sterreich jede f&#252;nfte Frau von Gewalt durch einen nahen m&#228;nnlichen Angeh&#246;rigen betroffen. 90 Prozent aller Gewalttaten an Frauen und Kinder passieren in der Familie und im sozialen Nahraum. Vgl. Thaler-Haag, Birgit: Gewalt gegen Frauen im sozialen Nahraum. Ursachen, Formen und Muster von Gewalt in Beziehungen, Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Eine von f&#252;nf. Gewalt gegen Frauen im sozialen Nahraum“ am 20. Okt. 2008, online unter http://www.birgitsauer.org/WS%202008_09/VO%20Eine%20von%205/ThalerHaag.pdf<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Financial Times, zit. nach Young, Brigitte: Globale Finanzkrisen und Gender, a.a.O.<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> Wichterich, a.a.O.<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> J&#246;rges, Hans-Ulrich: Guttenberg, der Baron der Herzen, Stern, 6. Juni 2009<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> Scheele, a.a.O.</sup></sup></sup></p>
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		<title>Sch&#246;ne freie Welt</title>
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		<pubDate>Sat, 13 Jun 2009 11:14:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 8]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
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		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: It’s a Free World, Drama, GB, Italien, Deutschland, Spanien, Polen 2007, 92 Minuten, Regie: Ken Loach, Kamera: Nigel Willoughby]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: It’s a Free World, Drama, GB, Italien, Deutschland, Spanien, Polen 2007, 92 Minuten, Regie: Ken Loach, Kamera: Nigel Willoughby<br />
<span id="more-506"></span><br />
Die Phrase „It’s a free world“ verweist auf die prinzipielle Freiheit der Individuen, Vertr&#228;ge einzugehen. Zugleich stellt sie die lapidare Antwort des Neoliberalismus und seiner ProponentInnen auf die erlebten Drangsalierungen durch die M&#228;rkte dar. Ken Loach macht sich in seinem neuestem Film zur Aufgabe, zu zeigen, dass diese Phrase bodenlos zynisch ist, indem er minuti&#246;s nachstellt, wie wenig frei diese Welt der M&#228;rkte und das Individuum in ihnen tats&#228;chlich ist.<br />
Die Geschichte, die er zu diesem Zweck w&#228;hlt, ist recht einfach gehalten: Im Mittelpunkt steht Angie, die alleinerziehende Mutter, die von einem Job zum anderen wechselt und sich wieder einmal auf die Stra&#223;e gesetzt findet, nachdem sie sich gegen die sexuelle Bel&#228;stigung durch einen Auftraggeber ihrer Personalvermittlungsagentur gewehrt hatte. Dies ist jedoch nicht ihr einziges Problem, auch ihr elfj&#228;hriger Sohn, der bei seinen Gro&#223;eltern lebt, leidet daran, dass seine Mutter keine Zeit f&#252;r ihn findet, da sie die meiste Zeit damit zubringt, ihre Schulden abzuarbeiten. Doch mit etwas UnternehmerInnengeist und der Hilfe ihrer Mitbewohnerin Rose, einer ebenfalls in Shitjobs gefangen Akademikerin, findet sie die vermeintliche L&#246;sung ihrer Probleme: die beiden gr&#252;nden in dem Hinterhof eines Londoner Pubs eine illegale Arbeitsvermittlungsagentur f&#252;r Tagel&#246;hnerInnen.<br />
Anhand dieses inhaltlichen Ger&#252;sts zeigt Loach, dass eben nicht nur die Ausgebeuteten, sondern auch die Ausbeutenden die Zw&#228;nge des Systems unweigerlich zu sp&#252;ren bekommen. Mit den Tagel&#246;hnerInnen bringt er noch einen weiteren Aspekt in die Geschichte mit ein: die Rolle teils illegalisierter migrantischer Arbeit, die von weitgehend rechtlosen und unorganisierten ArbeiterInnen aus den ehemaligen Ostblockstaaten oder von Asylsuchenden verrichtet wird und einen wesentlichen Eckstein westlicher &#214;konomien bildet. Auch Angie wird sich im Verlauf dieses Films skrupellos an ihnen bereichern und ihre Machtposition missbrauchen: so deutet eine Sequenz an, dass sie von einem ihrer Arbeitnehmer sexuelle Gef&#228;lligkeiten einfordert. Da dies mit dessen impliziter Einwilligung geschieht, erf&#252;llt es zwar nicht den Tatbestand der sexuellen Bel&#228;stigung. Der Kontext in dem das alles stattfindet – das Machtverh&#228;ltnis zwischen ArbeitgeberInnen und -nehmerInnen, aber auch ihre eigenen Erfahrungen mit sexueller Gewalt – sorgt allerdings f&#252;r massives Unbehagen, weil er exemplarisch zeigt, dass die in Vertr&#228;gen skizzierten Grenzen zwischen &#246;ffentlich und privat letztlich zur Farce verkommen.<br />
Loachs Darstellungsweise verzichtet aber darauf, diese Geschehnisse in simpler schwarz-wei&#223; Manier abzuhandeln. Einerseits macht er deutlich, wie Angies eigene Situation sie dazu zwingt, aus dieser Rechtlosigkeit Profi t zu schlagen. Gleichzeitig ist sie aber auch selbst immer mehr gewillt, ihr Handeln als legitim zu begreifen – „We’re giving these people a chance. (…) If I was him, I’d wanna meet someone like me.“ [&#220;ber einen iranischen Familienvater, dem sie gef&#228;lschte Papiere und mit diesen unterbezahlte Arbeit beschaff t.] Die Frage nach Opfern und T&#228;terInnen in diesem System wird also nicht ausgespart, aber auch nicht als manich&#228;isch begriff en – daf&#252;r stehen etwa die Gespr&#228;che mit ihrem Vater, in denen Loach Angie ihre Lebenssituation offen legen l&#228;sst. Eine Episode ist dabei besonders hervorzuheben: Angies Vater erf&#228;hrt von ihren Gesch&#228;ftsmethoden und stellt sie, auf seiner Frage „Do you pay minimum wages?“ insistierend, zur Rede. Der besondere Reiz dieser Szene liegt vor allem in der unterschiedlichen Geschichte der beiden Charaktere begr&#252;ndet – der Vater, gewerkschaftlich organisiert und seit drei&#223;ig Jahren in ein und demselben Betrieb, die Tochter dagegen ihr Leben lang mit prek&#228;ren Arbeitsverh&#228;ltnissen konfrontiert.<br />
Die Meisterschaft von Loachs Film liegt in den Bildern, die er f&#252;r Sachverhalte findet, die in theoretischen Abhandlungen meist recht n&#252;chtern und technisch bleiben. Diese sind dabei so gew&#228;hlt, dass sie weder unkritisches Mitleid herstellen, weil selbst die Opfer des Systems nicht als ohnm&#228;chtig und machtlos gezeichnet werden; noch wollen sie in selbstgef&#228;lliger, patrimonialer Manier zeigen, wie unab&#228;nderlich schlecht diese Welt sei und dass es sich damit zu arrangieren gelte. Die einzelnen Einstellungen sind f&#252;r sich selbst zwar weitgehend n&#252;chtern, beinahe dokumentarisch, in Summe aber entfalten sie ein beklemmendes Drama, das &#252;ber diese hinausweist. Die Art der Erz&#228;hlung und der &#228;sthetischen Pr&#228;sentation steht dem italienischen Neorealismus nahe und bleibt weitgehend ohne L&#228;ngen – und ohne Happy-End: niemand gewinnt, weder die migrantischen ArbeitnehmerInnen noch Angie selbst, die ihr pers&#246;nliches Gl&#252;ck ihrer Selbstausbeutung zum Zwecke finanzieller Unabh&#228;ngigkeit unterordnet.</p>
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		<title>Klassenkampf von oben</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/05/05/klassenkampf-von-oben/</link>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:37:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 5]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung(skritik)]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Harvey, David: Kleine Geschichte des Neoliberalismus, Z&#252;rich: Rotpunktverlag 2007, 24,70 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Harvey, David: Kleine Geschichte des Neoliberalismus, Z&#252;rich: Rotpunktverlag 2007, 24,70 €<br />
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Im Titel des Buches steckt schon das erste Argument David Harveys, n&#228;mlich dass die politischen, &#246;konomischen, ideologischen und kulturellen Umbr&#252;che auf globaler Ebene seit den 1970er Jahren unter dem Begriff des Neoliberalismus zusammengefasst werden k&#246;nnen. Diese Ausgangsthese soll jedoch, so macht der Autor schnell klar, nicht dazu verleiten, die spezifischen, geographisch und historisch unterschiedlichen Transformationspfade, Entstehungsformen und Konfigurationen des Neoliberalismus als einheitlich oder gleichf&#246;rmig zu verstehen. Die ungleiche geographische Entwicklung, das Ausnutzen und die Produktion von territorialen Unterschieden, ist ein zentraler Durchsetzungsmechanismus und eine Schl&#252;sseleigenschaft des Neoliberalismus. Um eine „kurze Geschichte des Neoliberalismus“ erz&#228;hlen zu k&#246;nnen, m&#252;ssen also lokale Transformationen in ihrem Verh&#228;ltnis zu allgemeinen Trends untersucht werden.<br />
Der M&#228;r von der Schw&#228;chung oder gar dem Verschwinden von staatlicher Macht h&#228;lt Harvey entgegen, dass der enorme Aufwand, der betrieben werden muss, um den Umbau von einer fordistisch-keynesianischen zu einer neoliberalen Entwicklungsweise durchzuf&#252;hren, gerade auf einen starken und aktiven Staat angewiesen ist. Ein wesentlicher Teil von Neoliberalisierung ist die Transformation von Staatlichkeit und staatlicher Politiken, die als Ver&#228;nderung der „Hauptaufgaben“ des Staates beschrieben wird. In der &#196;ra des „eingebetteten Liberalismus“, w&#228;hrend des langen Nachkriegsaufschwungs, hatte sich eine Art der Staatlichkeit in Europa, den USA und Japan etabliert, in deren Rahmen allgemein akzeptiert war, dass der Fokus staatlicher Politiken auf Vollbesch&#228;ftigung, Wirtschaftswachstum und dem Wohlergehen der B&#252;rgerInnen liegen und der Staat zu diesem Zwecke in M&#228;rkte eingreifen oder sie gar ersetzen sollte. Das neoliberale Projekt zielte darauf, das Kapital aus diesen Einschr&#228;nkungen zu „entbetten“ und ein „gutes Gesch&#228;ftsoder Investmentklima“ zu schaffen und den Interessen von Finanzkapital und Finanzinstitutionen im Falle eines Konflikts Priorit&#228;t gegen&#252;ber dem Wohlergehen von Bev&#246;lkerung und Umweltqualit&#228;t einzur&#228;umen. Diesen Leitvorgaben entsprechen Praktiken neoliberaler Staaten: Zerschlagung oder Beschr&#228;nkung von erk&#228;mpften und gewachsenen Institutionen der ArbeiterInnenklasse, Neuregulierung und Flexibilisierung der Arbeitsm&#228;rkte nach dem Leitbild des stets verf&#252;gbaren Arbeiters, das Eintreten von territorialen Entit&#228;ten (Staaten, aber auch Regionen und St&#228;dte) in internationalen Wettbewerb und Strategien der „Akkumulation durch Enteignung“.<br />
Diese umfassende Transformation muss, so Harvey, als politisches Projekt zur Re-Etablierung der Bedingungen der Kapitalakkumulation und zur „Wiederherstellung der Macht der &#246;konomischen Eliten“ verstanden werden. Harveys Schwerpunkt liegt dabei vor allem auf letzterem: Der soziale Inhalt des Neoliberalismus ist die (Wieder-)Herstellung von Klassenherrschaft, die in den 1970er Jahren durch die &#246;konomische Krise einerseits, den Aufschwung linker politischer Bewegungen andrerseits, in Gefahr geraten war. Neoliberale Ideologeme wie individuelle Freiheit, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung m&#252;ssen als kulturelle Verh&#252;llungen der eigentlichen politischen Bedeutung der Neoliberalisierung als strategisches Projekt der Herrschenden begriffen und analysiert werden. Diese These zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch; gest&#252;tzt auf reichhaltiges Datenmaterial wird verdeutlicht, dass neoliberale Reformen, egal in welchen Teilen der Welt sie durchgef&#252;hrt wurden, zunehmende soziale Ungleichheit und eine enorme Konzentration von Besitz und Reichtum zum Ergebnis hatten. Daraus wird abgeleitet, dass Neoliberalisierung von Anfang an ein Projekt zur Wiederherstellung von Klassenmacht war. Damit verbunden sind auch Verschiebungen und Neuformierungen innerhalb der Klassen, die je nach r&#228;umlichem und historischem Kontext stark variieren; allgemeine Trends sind hier die tendenzielle Aufl&#246;sung der Trennung von KapitalbesitzerInnen und ManagerInnen und die St&#228;rkung der „Finanzwelt“. Die „historische Kluft“ zwischen Finanzkapital auf der einen und produktivem und Handelskapital auf der anderen Seite wird durch die Entstehung von gro&#223;en Konzernen, unter deren Dach alles von der Stahlproduktion bis zur W&#228;hrungsspekulation Platz hat, zunehmend geringer. Die Wiederherstellung von Klassenmacht durch neoliberale Reformen bedeutete also gleicherma&#223;en eine Verschiebung des dominanten Kerns der Eliten.<br />
Die entscheidende Frage ist, wie die in demokratischen Staaten notwendige Zustimmung eines gro&#223;en Teils der Bev&#246;lkerung zu diesem Projekt der Eliten organisiert werden konnte. Der Kern der Antwort liegt f&#252;r Harvey in einem lange vorbereiteten ideologischen Klassenkampf, gef&#252;hrt von bestimmten Teilen der herrschenden Klasse und ihnen verbundenen Intellektuellen. Rund um halbformelle Zentren wie die Mont Pelerin Society wurden kontinuierlich Think-Tanks, Medien und akademische Institutionen aufgebaut und genutzt, um Ideen von individueller Freiheit und Selbstbestimmung zu verbreiten. Mit dem langen Marsch der neoliberalen Ideen durch diese Institutionen wurde ein Meinungsklima geschaffen, das durch die &#220;bernahme von politischen Parteien und, schlie&#223;lich, staatlicher Macht konsolidiert wurde. Voraussetzung daf&#252;r war jedoch, dass der Alltagsverstand breiter Teile der Bev&#246;lkerung von den sozialen Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre aufbereitet worden war. „1968“ (das als Chiffre f&#252;r so unterschiedliche, aber doch Gemeinsamkeiten aufweisende Bewegungen wie jenen in Paris, Berlin, Berkeley, Bangkok oder Mexiko Stadt steht) verschr&#228;nkte auf prek&#228;re Weise das Sehnen nach pers&#246;nlicher Freiheit und Selbstbestimmung mit Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit. Die Spannung zwischen diesen Polen nutzte das neoliberale Projekt aus, indem es mit scheinbar progressiver Rhetorik einen Keil zwischen Freiheit und Gerechtigkeit trieb. Neoliberalisierung hatte neu entstehende Lebens- und Konsumnormen zur Bedingung, die sich als hochgradig kompatibel mit bestimmten Momenten der „68er-Bewegungen“ und den kulturellen Impulsen des „Postmodernismus“ erwiesen.<br />
Die konkrete Ausgestaltung des hegemonialen Projekts der Neoliberalisierung nahm in verschiedenen L&#228;ndern unterschiedliche Formen an. So war in den USA die Allianz von Neoliberalen und der „moral majority“ der christlicher Rechten entscheidend, um auch dann noch stabile Unterst&#252;tzung zu erhalten, als die durch neoliberale Reformen verursachte soziale Desintegration Kritik laut werden lie&#223;. Ein vor allem auf die wei&#223;e ArbeiterInnenklasse gerichteter Wertekanon rund um kulturellen Nationalismus, Familie und Religion wurde aufgeboten, um die von der Aufl&#246;sung der im Fordismus erk&#228;mpften und etablierten sozialen Strukturen Betroffenen aufzufangen – eine Strategie, die unter Reagan etabliert wurde und bis in die Gegenwart wirkm&#228;chtig bleibt. In Gro&#223;britannien dagegen war die widerspr&#252;chliche Verkn&#252;pfung von Nationalismus (Falkland!) und Neoliberalisierung nicht in der Lage, ausreichenden „sozialen Kitt“ herzustellen. Unterst&#252;tzung f&#252;r die Privatisierungspolitik konnte hier in erster Linie durch den massenhaften Verkauf von &#246;ffentlichem Wohnraum an MieterInnen hergestellt werden, wodurch die Anzahl der Wohnungs- und Hausbesitzerinnen drastisch anstieg. Kurze Geschichten der Neoliberalisierung in Mexiko, Argentinien, S&#252;dkorea und Schweden sowie ein ganzes Kapitel zu Neoliberalismus in China zeigen, wie der „soziale Inhalt“ des Neoliberalismus – die Wiederherstellung von Klassenmacht – &#252;ber die mannigfaltigen Unterschiede hinweg als Sinn uns Zweck der &#220;bung begriffen werden muss.<br />
Harveys Argument verstrickt sich jedoch in Widerspr&#252;che. Einerseits wird eine globale Hegemonie des Neoliberalismus festgestellt, der in den Alltagsverstand und die Erfahrungen des t&#228;glichen Lebens eingedrungen sei, vor allem durch den positiven Bezug auf die libert&#228;r-individualistischen Positionen der sozialen Bewegungen der 1960er/1970er Jahre. Gleichzeitig ist die globale Situation keineswegs von Stabilit&#228;t gekennzeichnet, wie sie f&#252;r den „eingebetteten Liberalismus“ des Nachkriegsbooms konstatiert wird. Im Gegenteil wird wiederholt auf den inh&#228;rent instabilen Charakter des neoliberalen Staats hingewiesen, der eher als prek&#228;re &#220;bergangsform zu verstehen sei. Dies l&#228;sst sich in erster Linie auf die Kluft zwischen den verk&#252;ndeten Zielen neoliberaler Theorie (Freiheit und Wohlergehen) und den tats&#228;chlichen Konsequenzen neoliberaler Praxis (Restauration von Klassenherrschaft) zur&#252;ckf&#252;hren. Hier dr&#228;ngt sich die Frage auf, was auf den Neoliberalismus folgen k&#246;nnte. F&#252;r Harvey verdichten sich die Hinweise auf einen neokonservativ-autorit&#228;ren Turn auf globaler Ebene, wof&#252;r paradigmatisch der Bruch zwischen den US-Administrationen Clinton und Bush Jr. steht. Das Modell China zeigt dar&#252;ber hinaus eindrucksvoll, wie (&#246;konomisch) erfolgreich Wirtschaftsliberalismus mit autorit&#228;ren politischen Strukturen verbunden werden kann, und auch die Beschneidung von B&#252;rgerInnenrechten in der „westlichen Welt“ sind Anzeichen daf&#252;r. Wie morsch die tragenden Balken der Weltwirtschaft – China und die USA – tats&#228;chlich sind, weist auf die Instabilit&#228;t der gegenw&#228;rtigen polit&#246;konomischen Konstellation auf Weltebene hin. Die USA verbuchen horrende Budget- und Au&#223;enhandelsdefizite, w&#228;hrend Chinas gigantische, schuldenfinanzierte Infrastrukturprojekte zwar im Moment als Auffangbecken f&#252;r &#252;bersch&#252;ssige Kapital- und Arbeitskraftreserven dienen, mittelfristig aber entsprechende Ertr&#228;ge bringen m&#252;ssen. Eine folgenreiche Krise – Harvey spielt mehrere m&#246;gliche Szenarien durch – ist angesichts dieser prek&#228;ren Lage nicht unwahrscheinlich. F&#252;r die Politik der Linken hat Harveys Diagnose bedeutende Konsequenzen. Wenn die herrschenden Klassen sehenden Auges und mit der Parole „nach mir die Sintflut“ in die Katastrophe steuern, findet sich die ArbeiterInnenbewegung in der paradoxen Situation wieder, den Kapitalismus vor sich selbst retten zu m&#252;ssen. Dies w&#228;re laut Harvey, da Krisen stets die „einfachen Leute“ am h&#228;rtesten treffen, durchaus in deren Interesse. Harvey treibt damit seine schon in seinem letzten gro&#223;en Buch „Der neue Imperialismus“ formulierte Position auf die Spitze, wo als einzig m&#246;gliche, wenn auch befristete Antwort eine Art von „neuem ‚New Deal’ mit weltweitem Einflussbereich“ (vgl. die Rezension von Stefan Probst in <em>Perspektiven </em>Nr. 0) vorgeschlagen wird.<br />
Was die „Kleine Geschichte des Neoliberalismus“ zu einem lesenswerten Buch macht, ist Harveys F&#228;higkeit, den oft zum Unwort aufgeblasenen Begriff Neoliberalismus auf zeitlich und geographisch konkrete Transformationen von Politik und &#214;konomie herunter zu brechen. Er macht nachvollziehbar, wie unter verschiedenen Bedingungen, in verschiedenen Regionen der Erde, verschiedene Wege zu Konstellationen gef&#252;hrt haben, die trotzdem sinnvoll mit einem Begriff bezeichnet werden k&#246;nnen. Dies zeigt sich besonders dort, wo das analytische Netz besonders fein gekn&#252;pft wird – etwa in der Beschreibung der neoliberalen Neuerfindung New York Citys in den 1970er und 1980er Jahren. Als Intervention in breitere Debatten ist dar&#252;ber hinaus die Analyse des gegenw&#228;rtigen Kapitalismus in Begriffen von Klasse und Klassenkampf mehr als notwendig. Sicherlich ist theoretische Kritik an vielen Stellen angebracht. So wird der Begriff der Hegemonie von Gramscis machttheoretischem Konzept zuweilen auf die Notwendigkeit der Erheischung von W&#228;hlerInnenstimmen reduziert. Der Begriff Klasse wird oft jeglicher analytischer Tiefensch&#228;rfe beraubt und „KapitalistInnen“, „herrschende Klasse“ und „Eliten“ praktisch synonym verwendet. Und schlie&#223;lich bleibt auch in diesem Buch, so wie in seinen vorhergegangenen, die Staatstheorie ein wei&#223;er Fleck in Harveys theoretischer Landkarte. Das – gemessen an seinem eigenen Anspruch – entscheidende Manko des Buchs liegt jedoch meines Erachtens an anderer Stelle. In seiner Analyse der Neoliberalisierung gibt es eine konsequente &#220;berbetonung der handelnden AkteurInnen auf Kosten von nicht auf diese reduzierbaren Strukturen. Harveys Neigung, die Transformationen in Politik und &#214;konomie auf eine Strategie zur Wiederherstellung von Klassenherrschaft zur&#252;ck zu f&#252;hren, ohne den strukturellen Zw&#228;ngen der Kapitalakkumulation angesichts sich versch&#228;rfender &#220;berakkumulationskrisen &#228;hnliche Erkl&#228;rungskraft zuzugestehen, l&#228;sst seine Argumentation teilweise gar in die N&#228;he von Verschw&#246;rungstheorien geraten.<br />
Auch der strategische Vorschlag, den Harvey aus seiner Analyse ableitet, mag nicht &#252;berzeugen. Um aus deklariert marxistischer Perspektive die Rettung des Kapitalismus vor den KapitalistInnen zu fordern, d.h. die Fortf&#252;hrung eines auf Ausbeutung und (wie gerade Harvey immer wieder gezeigt hat) gewaltt&#228;tigen Konflikten beruhenden Systems, m&#252;ssen schon sehr &#252;berzeugende Argumente hervorgebracht werden. Harveys These lautet stark verk&#252;rzt: Ein „entbetteter Liberalismus“ erzeugt unweigerlich Krisen, deren Folgen immer die &#228;rmsten Teile der Bev&#246;lkerung am h&#228;rtesten treffen. Diese haben daher ein nicht von der Hand zu weisendes Interesse daran, den Kapitalismus zu stabilisieren um Krisen zu verhindern. Dieses Argument scheint mir nicht sehr &#252;berzeugend. Es beruht (1.) auf der Annahme, dass unter den gegenw&#228;rtigen Bedingungen eine l&#228;ngerfristige Stabilisierung nach Vorbild des „eingebetteten Liberalismus“ der Nachkriegsjahre m&#246;glich w&#228;re („neuer New Deal“) und scheint (2.) zu vergessen, dass auch auf eine solche Phase, so sie denn m&#246;glich w&#228;re, eine weitere Welle des Klassenkampfs von oben und weite Teile der Erde ersch&#252;tternde Krisen folgen m&#252;ssten. Dieser wenig einleuchtende, extrem defensive Strategievorschlag k&#246;nnte als Ergebnis der recht trostlosen Lage der US-amerikanischen Linken interpretiert werden. Tats&#228;chlich liegen ihr jedoch meines Erachtens einige theoretische und analytische Fehleinsch&#228;tzungen zu Grunde. Dies betrifft zun&#228;chst eine verk&#252;rzte Analyse des „eingebetteten Liberalismus“. Dieser wird vor allem als ausbalanciertes Kompromissgleichgewicht verstanden, das l&#228;ngerfristig Krisen verhindern und relativ gerecht verteilten Wohlstand sichern konnte. Zwar ist dieses Bild als ein Aspekt des langen Nachkriegsbooms sicherlich korrekt; den spezifischen internationalen polit&#246;konomischen Bedingungen – vor allem der imperialistischen Konfrontation im Kalten Krieg und der anhaltende Ausbeutung der L&#228;nder des Trikonts – wird dabei jedoch nicht Rechnung getragen. Dar&#252;ber hinaus muss das „goldene Zeitalter“ selbst einer kritischen historischen &#220;berpr&#252;fung unterzogen werden, war die Phase relativer Stabilit&#228;t schlie&#223;lich geographisch (Teile Europas und Nordamerikas) und zeitlich (von politischer und &#246;konomischer Stabilit&#228;t kann, zumindest in Europa, vor 1950 und nach 1968, kaum gesprochen werden) eng beschr&#228;nkt. Allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz fungiert hier das „goldene Nachkriegszeitalter“ als positiver Bezugspunkt f&#252;r aktuelle Strategien. Trotzdem bietet etwa die an einigen Stellen aufgeworfene Frage nach dem Stellenwert von Rechten spannenden und zukunftsweisenden Diskussionsstoff: einerseits ist der Aufstieg des Neoliberalismus eng verwoben mit jenem des Menschenrechts-Diskurses, der gerne als Rechtfertigung f&#252;r imperialistische Angriffskriege dient; gleichzeitig bietet der Bezug auf universelle Rechte aber auch Chancen f&#252;r eine anti-neoliberale Linke. Welche Priorit&#228;ten Rechten zugewiesen und wem diese zugestanden werden, ist eine zentrale politische Auseinandersetzung. Ob das Recht auf Privateigentum vor dem Recht auf Leben gilt ist eine Frage, um die zum Beispiel in den Debatten zu Patentrechten auf Pharmazeutika gestritten werden muss. Denn zwischen gleichen Rechten, erinnert uns Harvey an Marx’ Worte, entscheidet Gewalt. So erfreulich es ist, dass Harvey die Fragen um universelle Rechte ernst nimmt, so bedauerlich ist es, dass diese wichtigen Debatten so eng an eine recht kurzsichtig auf nationalstaatliche (Regierungs-) Macht orientierte Strategie gekoppelt werden. Das tats&#228;chlich vorhandene, radikal emanzipatorische Potenzial etwa eines Rechts auf gerechten Zugang zu Ressourcen und Reicht&#252;mern gelingt es dadurch kaum auszusch&#246;pfen. Das Res&#252;mee des Buchs f&#228;llt insgesamt dennoch positiv aus, da es Harvey gelingt, zentrale und unabdingbare Begriffe einer kritischen politischen &#214;konomie in die Debatte um Neoliberalismus einzubringen; salopp gesagt lautet die unterst&#252;tzenswerte Botschaft: wer &#252;ber Klassen nicht reden will, soll &#252;ber Neoliberalismus schweigen.</p>
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