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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Lateinamerika</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>¡Todos con Cristina!&#8230; Krise, Kontinuit&#228;t und Kirchnerismo</title>
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		<pubDate>Tue, 18 Oct 2011 09:41:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Nach einem wahren Wahlmarathon in den letzten Monaten erreicht das argentinische Wahljahr 2011 mit der Pr&#228;sidentschaftswahl und den Gouverneurswahlen in 9 Provinzen – unter anderem Buenos Aires – am 23. Oktober seinen H&#246;hepunkt. Letztere scheint allerdings bereits seit Wochen entschieden, nachdem Cristina Fernández de Kirchner die zum ersten Mal auf nationaler Ebene abgehaltenen Vorwahlen, die primarias abiertas, simultáneas y obligatorias [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nach einem wahren Wahlmarathon in den letzten Monaten erreicht das argentinische Wahljahr 2011 mit der Pr&#228;sidentschaftswahl und den Gouverneurswahlen in 9 Provinzen – unter anderem Buenos Aires – am 23. Oktober seinen H&#246;hepunkt.<span id="more-1986"></span> Letztere scheint allerdings bereits seit Wochen entschieden, nachdem Cristina Fernández de Kirchner die zum ersten Mal auf nationaler Ebene abgehaltenen Vorwahlen, die <em>primarias abiertas, simultáneas y obligatorias (primarias)</em><a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> mit 50,21% der abgegebenen Stimmen f&#252;r sich entscheiden konnte. Seitdem besteht endg&#252;ltig kein Zweifel mehr daran, dass sie in der kommenden Woche wiedergew&#228;hlt werden wird. Allerdings stellt nicht der Sieg der amtierenden Pr&#228;sidentin an sich, sondern die Deutlichkeit mit der dieser ausfiel, die eigentliche &#220;berraschung der Wahlen dar: man war von 43% bis 45% ausgegangen, die mehr als 50% &#252;berraschten selbst die Anh&#228;ngerInnen des <em>kirchnerismo</em>.<br />
Neben dem eigenen Wahlergebnis tr&#228;gt aber auch die brutale Niederlage der Opposition zur aktuellen Hochstimmung auf Seiten der Regierung bei. Betrachtet man die Ergebnisse dieser wird das Ausma&#223; des Sieges noch deutlicher. Mit gerade einmal 12,20% und 12,12% teilen sich Ricardo Alfonsín – <a href="http://es.wikipedia.org/wiki/Uni%C3%B3n_para_el_Desarrollo_Social"><em>Unión para el Desarrollo Social</em></a> (UDESO), eine Wahlkoalition angef&#252;hrt durch die <em>Unión Cívica Radical</em> (UCR), der &#228;lteste Partei Argentiniens, die man als konservativ b&#252;rgerlich charakterisierten k&#246;nnte – und Eduardo Dualde – Anf&#252;hrer des <em>peronismo federal</em>, Widersacher des <em>kirchnerismo </em>innerhalb der <em>Partido Justicialista</em> (PJ) – im Endeffekt den zweiten Platz, dicht gefolgt von Hermes Binner – <em>Frente Amplio Progresista</em> (FAP), mitte-links Wahlallianz angef&#252;hrt durch die <em>Partido Socialista</em> –  mit 10,18%.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Keiner der genannten Kandidaten wird die amtierende Pr&#228;sidentin in ihrer Wiederwahl gef&#228;hrden, die einzige offene Frage ist ob Cristina Fernandez de Kirchner diese bereits in der ersten Runde gewinnen kann, oder zu Stichwahl antreten muss.</p>
<p>Dabei wiesen die Zeichen in den Monaten zuvor in eine andere Richtung. Bei der Provinzwahl in Santa Fe war der Kandidat der <em>Frente Para la Victoria</em> – so der Name des kirchneristischen „Parteifl&#252;gels“ innerhalb der <em>Partido Justicialista</em> &#8211; nicht einmal bis in die Stichwahl gekommen, so dass sich bei dieser Ende Juli der Juan Antonio Bonfatti – <em>Frente progresista, civico y social</em> – Wahlb&#252;ndnis auf Provinzebene, welches von der <em>Partido Socialista</em> angef&#252;hrt wird – gegen&#252;ber Miguel De Sel – <em>Propuesta Republicana</em> (PRO), rechtspopulistische Partei unter der F&#252;hrung Mauricio Macris – durchsetzen konnte. Bonfatti trat als Nachfolger f&#252;r den scheidenden Hermes Binner (beide Mitglied der <em>Partido Socialista</em>) an, der um die Pr&#228;sidentschaft kandieren wird. Del Sel war f&#252;r die Partei Mauricio Macris <em>Propuesta Republicana</em> (PRO) angetreten und steht in gewisser Weise paradigmatisch f&#252;r dessen „Apolitik“: er ist ein bekannter Komiker. Sein zweiter Platz wurde als weitere Schlappe f&#252;r den <em>kirchnerismo </em>und als erneuten Hinweis auf die zunehmende Ablehnung der Regierung gewertet. Macri selber ist derzeit wohl die herausragendste Figur der Opposition und der neuen Rechten. Dass er nicht f&#252;r die Pr&#228;sidentschaft, sondern wieder in der Stadt Buenos Aires kandierte, scheint wahltaktischen &#220;berlegungen geschuldet: Die Wiederwahl Cristinas galt bereits vor den <em>primarias </em>als sehr wahrscheinlich. Bei der Wahl 2015 d&#252;rfte sie jedoch nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten und es ist derzeit niemand in Sicht der das kirchneristische Projekt weiterf&#252;hren k&#246;nnte.<br />
Anfang August gewann eben jener Mauricio Macri dann die Stichwahl um die B&#252;rgermeisterschaft in Buenos Aires mit 64,25% gegen&#252;ber Daniel Filmus (35,75%), dem Kandidaten des <em>kirchnerismo</em>. Mit Sicherheit l&#228;sst sich das Ph&#228;nomen Macri nicht auf eine Erkl&#228;rung reduzieren und kann hier nicht tiefergehend diskutiert werden, eine dominante Erkl&#228;rung im Anschluss an den deutlichen Wahlerfolg – Macri konnte jeden einzelnen Wahlbezirk f&#252;r sich entscheiden – war, dass die Leute nicht f&#252;r Macri sondern gegen Cristina und den <em>kirchnerismo </em>gestimmt h&#228;tten.<br />
Bei den Provinzwahlen in Córdoba schlie&#223;lich, gewann Jose Manuel de la Sota. Die <em>Frente Para la Victoria </em>hat zwar keineN KandidatIn aufgestellt; de la Sota, selber Mitglied der peronistischen <em>Partido Justicialista</em>, gilt er jedoch als Gegner des <em>kirchnerismo </em>und z&#228;hlt zum rechten Fl&#252;gel des Peronismus.</p>
<p><strong>Die unn&#252;tze Opposition</strong><br />
Wie also l&#228;sst sich der &#252;berw&#228;ltigende Sieg Cristina Fernández de Kirchner erkl&#228;ren? Die nach den Wahlen dominierende Erkl&#228;rung verweist auf die fehlende Opposition. Im Vorfeld der Wahlen hatte es diese nicht geschafft, sich auf ein gemeinsames Projekt zu einigen. Betrachtet man die unterschiedlichen KandidatInnen erscheint keineR eine Alternative darzustellen. Ricardo Alfonsín, Sohn des ersten Pr&#228;sidenten nach der Milit&#228;rdiktatur der 70er und 80er Jahre, wird von der Bev&#246;lkerung als „Schw&#228;tzer“ ohne politisches Programm wahrgenommen. Die Kandidatur Eduardo Dualdes, mitverantwortlich f&#252;r die Abwertung des Peso 2002 und Vater der Repression gegen&#252;ber der sozialen Bewegungen jener Jahre, die schlie&#223;lich ihren traurigen H&#246;hepunkt in der Ermordung der beiden AktivistInnen Darío Santillán und Maximilian Kosteki fand, empfindet der Gro&#223;teil der Bev&#246;lkerung als Dreistigkeit die ihres gleichen sucht. Alberto Rodríguez Saá, Gouverneur der Provinz San Luis  (immerhin 8,17%), gilt als Provinzcaudillo. Seiner Familie, die von Juan Saá einem bedeutenden Milit&#228;r und Politiker des B&#252;rgerkrieges des 19. Jahrhunderts abstammt, besitzt praktisch die gesamte Provinz und reicht die Posten innerhalb der staatlichen Apparate von Generation zu Generation weiter. Elisa Carrió, bei der Wahl 2007 mit 23% noch zweite hinter Fernández de Kirchner und Hoffnung der Opposition, erreichte gerade einmal 3,24%. Sie gilt als verr&#252;ckt geworden, nicht zuletzt deshalb weil sie von Zeit zu Zeit mit den abstrusesten Verschw&#246;rungstheorien aufwartet. So behauptete sie etwa im Anschluss an den Tod Néstor Kirchner, dass die gro&#223;e Anteilnahme und Trauer der Bev&#246;lkerung w&#228;hrend dessen Beerdigung, von der Theatergruppe inszeniert worden w&#228;re, die auch schon das <a href="http://www.youtube.com/watch?v=O9pfkmMn9cA">200j&#228;hrige Jubil&#228;um Argentiniens organisiert hatte</a>. Neben der Programmlosigkeit der genannten OppositionspolitikerInnen, hatten diese es nicht geschafft Allianzen untereinander zu kn&#252;pfen und sich als eine M&#246;glichkeit des Bruchs mit dem <em>kirchnerismo </em>zu pr&#228;sentieren. Die meisten von ihnen repr&#228;sentieren hierbei die politische Elite der Krisenzeit um 2001, die im kollektiven Ged&#228;chtnis der Bev&#246;lkerung noch immer zutiefst verhasst ist. </p>
<p><a href="http://www.perspektiven-online.at/?attachment_id=2396"><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/10/Binner-en-el-Plenario-del-Partido-Socialista-en-Rosario-26-08-2011-300x200.jpg" alt="" title="Binner-en-el-Plenario-del-Partido-Socialista-en-Rosario-26-08-2011" width="300" height="200" class="aligncenter size-medium wp-image-2396" /></a></p>
<p>Die einzige Ausnahme bildet der bisherige Gobernador von Santa Fe Hermes Binner. Er gilt als gro&#223;er Gewinner der <em>primarias</em>, in dessen Vorfeld er sich stets als offener und sachlicher Diskussionspartner f&#252;r alle politischen Lager und Verfechter der demokratischen Institutionen pr&#228;sentiert hatte. So schreckte er beispielsweise auch nicht davor zur&#252;ck sich kurz vor der Wahl mit Hugo Moyano dem Chef der <em>Confederación General del Trabajo de la República Argentina</em> (CGT), der gr&#246;&#223;ten und m&#228;chtigsten Gewerkschaft Argentiniens, zu treffen. Hugo Moyano wird von der Opposition gerne als personifizierte Korruption und Machtgier aufgrund seiner Verbindungen zur Regierung dargestellt.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Trotzdem versammelte sich Binner mit Moyano unter dem Verweis darauf, dass man die demokratischen Institutionen des Landes respektieren m&#252;sse – ob einem das Gesicht des anderen nun passe oder nicht. Eine Argumentation die an den Diskurs der Regierung &#252;ber die Bedeutung der demokratischen Institutionen ankn&#252;pft (mehr dazu weiter unten). Binners Politikform scheint auch f&#252;r weite Teile der (urbanen) Mittelschichten ankn&#252;pfungsf&#228;hig, die sich mehr soziale Gerechtigkeit w&#252;nschen, die populistische Politikform des <em>kirchnerismo </em>diesbez&#252;glich jedoch befremdlich finden. Zwar haben die Entwicklungen seit den <em>primarias </em>seine aufstrebende Tendenz best&#228;tigt und aufgezeigt, dass sich um ihn herum in kommenden Jahren ein oppositionelles Potenzial entwickeln k&#246;nnte, seine politische Karriere auf nationaler Ebene ist jedoch noch relativ jung, weshalb er nicht als ernsthafter Konkurrent f&#252;r Cristina gilt.<br />
F&#252;r eine weitere kleine &#220;berraschung sorgte das Abschneiden von Jorge Altamira dem Pr&#228;sidentschaftskandidaten der <em>Frente de Izquierda y de los trabajadores</em> (FIT). Hierbei handelt es sich um ein B&#252;ndnis der drei gro&#223;en trotzkistischen Parteien <em>Partido Obrero</em> (PO), <em>Partido de los Trabajadores Socialistas</em> (PTS) und <em>Izquierda Socialist</em>a (IS) und Einzelpersonen. D<a href="http://www.ips.org.ar/?p=1743.">abei wird es von einer ganzen Reihe von bekannten Intellektuellen, wie Eduardo Gr&#252;ner unterst&#252;tzt.</a> Unter dem Titel „Asamblea de intelectuales, docentes y artistas en apoyo al Frente de Izquierda“ versammeln sich diese in Form <a href="http://www.ips.org.ar/?cat=9.">&#246;ffentlicher Diskussionsveranstaltungen</a>, um das B&#252;ndnis zu debattieren. Bei allen Vorbehalten und Kritikpunkten unterst&#252;tzen viele das B&#252;ndnis mit der Begr&#252;ndung, es sei die einzige antikapitalistische Kraft, die bei den Wahlen antreten w&#252;rde. Zudem gehe es darum einen <a href="http://www.ips.org.ar/?p=3277">Diskussionsprozess innerhalb der Linken voranzutreiben</a> und alte Vorurteile abzubauen. Die FIT hatte im Vorfeld die <em>primarias </em>an sich sowie die zu erreichende Mindeststimmzahl von 400.000 bzw. 1,5% Stimmanteil heftig kritisiert und diese als Versuch der Regierung die kleinen Parteien von den Wahlen auszuschlie&#223;en angeprangert. Viele glaubten nicht wirklich daran, dass die FIT und Altamira wirklich den genannte Stimmanteil erreichen w&#252;rde, schlie&#223;lich waren es dann sogar 2,48%. </p>
<p><strong>Narrative des <em>kirchnerismo</em></strong><br />
Auch wenn die fehlende Opposition sicherlich einen Teil zum Erfolg Cristinas beigetragen hat, so reicht diese bei weitem nicht aus, um den Wahlerfolg zu erkl&#228;ren. Wie Alfredo Serrano und Esteban de Gori in ihrer <a href="http://www.rebelion.org/noticia.php?id=134634&#038;titular=votos-sorpresas-y-reconfiguraciones- ">hervorragenden Analyse</a> feststellen, hat es die Regierung geschafft ein Narrativ zu etablieren, welches Ankn&#252;pfungspunkte f&#252;r verschiedene Sektoren bietet und einen „<em>un nuevo horizonte de expectativas</em>“ (einen neuen Erwartungshorizont) schafft. In diesem sei die Hoffnung auf einen gewissen „<em>bienstar</em>“ (Wohlstand/Wohlfahrt) f&#252;r alle eingeschrieben, welches nicht nur &#246;konomische Aspekte beinhaltet, sondern als ganzheitliche Kategorie zu verstehen sei, „die seit 2003 in der Konsolidierung eines Institutionennetzes f&#252;r Bildung, Gesundheit und sozialen Einrichtungen besteht. Ausgehend [davon] wurde eine Subjektivit&#228;t hervorgerufen […], die konfrontiert mit der Notwendigkeit &#252;ber seine Gegenwart und Zukunft zu entscheiden, es umgehend bevorzugt ein Projekt zu unterst&#252;tzen, welches eine stabile Basis besitzt.“<br />
Dieses Narrativ der Institutionen kn&#252;pft auch bei vielen W&#228;hlerInnen des (st&#228;dtischen) Kleinb&#252;rgerInnentums an und kontrastiert den <em>kirchnerismo </em>gegen das Chaos um 2001. Selbst diese Teile rechnen der Regierung trotz ideologischer Differenz an, die politischen Institutionen wieder gest&#228;rkt zu haben. Nicht zu untersch&#228;tzen ist dabei auch die Rolle des 2010 verstorbenen Ex-Pr&#228;sidenten Néstor Kirchner. Im Wahlkampf stetig pr&#228;sent, ist wird seine Mythologisierung von Seite des <em>kirchnerista </em>stetig vorangetrieben. Passend dazu ist vor kurzem eine Biographie Cristina Fernández de Kirchner erschienen, in der sie ausf&#252;hrliche intime Details &#252;ber ihren Mann erz&#228;hlt. Zudem sind j&#252;ngst mehrere Biographien und B&#252;cher &#252;ber den Ex-Pr&#228;sidenten ver&#246;ffentlicht worden. Unter anderem eine Sammlung von José Pablo Feinmann – ein bekannter Intellektueller und h&#228;ufig als Philosoph des <em>kirchnerismo </em>bezeichnet – welche Gespr&#228;che zwischen ihm und Néstor Kirchner enth&#228;lt.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>  Seine Bem&#252;hungen, das Land nach der Krise wieder auf Kurs zu bringen, dient hier als eine Art gemeinsame Geschichte, die eine Z&#228;sur markiert und ein neues nationales Projekt einleitete; dieses gelte es nun weiter zu f&#252;hren.</p>
<p><a href="http://www.perspektiven-online.at/?attachment_id=2395"><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/10/18-G3c3p.AuSt_.55-300x199.jpg" alt="" title="18-G3c3p.AuSt.55" width="300" height="199" class="aligncenter size-medium wp-image-2395" /></a></p>
<p><strong>Die Angst vor der Krise</strong><br />
Ein weiterer wichtiger Aspekt in der Erkl&#228;rung des Wahlerfolges stellt die weltweite Krise des Kapitalismus dar. Bisher scheint diese zwar in Argentinien kaum Auswirkungen zu haben und die Regierung betont immer wieder, dass man gut ger&#252;stet sei, was denn auch kommen m&#246;ge. Wie der <a href="http://www.ips.org.ar/?p=3333">Eduardo Gr&#252;ner</a> jedoch feststellt, muss die Wahl auch als eine konservative Entscheidung verstanden werden: <a href="http://www.ips.org.ar/?p=3333">„Eine Abstimmung daf&#252;r, dass sich, w&#228;hrend der zugespitzten internationalen Krise des Kapitalismus, nichts zu sehr bewegt.“</a> Seine Interpretation wird auch durch die Wahlergebnisse in den Provinzen gest&#252;tzt, in denen ausnahmslos die bisherigen Regierungen best&#228;tigt wurden. Betrachtet man die <a href="http://www.primarias2011.gob.ar/">Wahlergebnisse </a>der <em>primarias </em>in den einzelnen Provinzen zeigt sich sogar, dass Cristina in Santa Fe gegen&#252;ber Hermes Binner durchsetzen konnte, was ebenfalls auf den Wunsch nach Kontinuit&#228;t sowohl auf Provinz- als auch nationaler Ebene hindeutet. Dass es der Regierung Kirchner bisher gelungen ist die Auswirkungen der Krise soweit wie m&#246;glich zu umschiffen, wird ihr hoch angerechnet. Nicht zuletzt deshalb, weil man mit <a href="http://www.youtube.com/watch?v=_xC3KB_UBco">Entsetzen nach Griechenland</a> schaut und feststellt, dass die dort aufoktroyierten Politiken denen gleichen, die 2001 in Argentinien angewendet wurden.</p>
<p>Neben diesem Bezug zur aktuellen Krise wird das Projekt-K allerdings auch insgesamt trotz all seiner M&#228;ngel als wirtschaftlich erfolgreich wahrgenommen. <a href="http://www.atilioboron.com/2011/08/cristina-recargada-notas-sobre-las.html">Atilio Boron</a> beschreibt die Wahrnehmung der Regierungspolitik wie folgt: „Zudem wird das wirtschaftliche Wachstum von einer starken Ausweitung des Konsums begleitet (in den Augen des Beg&#252;nstigten interessieren die Mechanismen nicht mit Hilfe derer diese bef&#246;rdert wird); die Schaffung von Jobs (egal ob angemeldet oder „schwarz“); eine bescheidene aber willkommene Verbesserung der L&#246;hne, Geh&#228;lter und der Bez&#252;ge der PensonistInnen; die enorme Ausweitung der Vorsorge f&#252;r Hausfrauen; die Implementierung einiger palliativer Ma&#223;nahmen gegen das Armutsproblem, welches im Land seit den neunziger Jahren herrscht […]. “<br />
Und tats&#228;chlich wird die Wirtschaftspolitik der Regierung von den unterschiedlichen Sektoren als erfolgreich wahrgenommen, wobei es die Regierung clever versteht, diese mit unterschiedlichen Politiken zu bedienen.<br />
Zwar sorgt steigende Inflation daf&#252;r, dass die &#228;rmeren Teile der Bev&#246;lkerung sich gerade so &#252;ber Wasser halten k&#246;nnen. Auch dass die Regierung die Inflationszahlen des INDEC manipuliert, ist ein offenes Geheimnis und wird viel kritisiert. Allerdings ist man aber doch froh wieder Arbeit zu haben und sich irgendwie durchschlagen zu k&#246;nnen. Dass die meisten Jobs <em>en negro</em> sind und viele seit Jahren darauf warten, in den Genuss von Sozialversicherungsleistungen zu kommen, ist man bereits gew&#246;hnt.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Gerade in diesen Teilen der Bev&#246;lkerung scheint man sich wenig Illusionen &#252;ber die Parteienpolitik und politischen Institutionen zu machen. Auf die Frage, wen sie w&#228;hlen – die Wahlen in Argentinien sind verpflichtend – h&#246;rt man immer wieder, dass es den Leuten wirtschaftlich gesehen relativ egal erscheint wer das Land regiert, allerdings w&#228;hle man Cristina „por lo que hace para la gente.“ (wegen dem was Cristina f&#252;r die (einfachen) Leute tut). So konnte Cristina auch die meisten Stimmen in den &#228;rmeren Provinzen des Nordens wie Santiago del Estero.<br />
Die Zustimmung beschr&#228;nkt sich jedoch nicht auf diese Bev&#246;lkerungsteile. Tats&#228;chlich gewann die amtierenden Pr&#228;sidentin &#252;berraschenderweise auch in den Regionen, in denen <a href="http://www.pagina12.com.ar/diario/elpais/1-175080-2011-08-23.html">etwa die Agrarwirtschaft angesiedelt ist</a> oder aber in Buenos Aires, wo eine Woche zuvor noch Macri mehr als deutlich siegen konnte. Neben der fehlenden Wahlalternative stellt sich die wirtschaftspolitische Kluft zwischen den beiden Lagern bei weiten nicht so gro&#223; dar, wie dies vielleicht auf ideologischer Ebene der Fall sein mag. <a href="http://www.ips.org.ar/?p=3333">Gr&#252;ner analysiert </a>in diesem Zusammenhang: „Die sogenannte rechte Opposition ist nachdem sie nebenher ungeschickt, nutzlos und dumm ist, auch vollkommen unn&#246;tig, da die Regierung sorgf&#228;ltig alle Aufgaben der Bourgeoisie (tareas burguesas) erledigt, die in dieser Etappe notwendig sind. Die unterschiedlichen Wirtschaftsfraktionen der herrschenden Klassen sind mittlerweile an einem Punkt angelangt, wo sie sich einerseits ein wenig f&#252;gen und andererseits ein wenig davon schw&#228;rmen, dass man mit dieser Regierung hervorragende Gesch&#228;fte machen kann und es keinen Grund daf&#252;r gibt bei der derzeitigen weltweiten Krise gro&#223;e Abenteuer einzugehen.“<br />
Das hei&#223;t, w&#228;hrend der populare Sektor die (prek&#228;ren) M&#246;glichkeiten des aktuellen Wirtschaftswachstums zu nutzen wei&#223; und nach der Ohnmacht der vorangegangen Jahre wieder M&#246;glichkeiten und Zukunftsperspektiven sieht (auch wenn diese darin bestehen sechs Tage die Woche in mehreren Jobs unangemeldet zw&#246;lf oder mehr Stunden zu arbeiten), hofft ein weiterer Teil der Lohnabh&#228;ngigen darauf in geregelte Arbeitsverh&#228;ltnisse &#252;berzuwechseln. Das (st&#228;dtische) Kleinb&#252;rgerInnentum wiederum setzt darauf, dass die Wirtschaft weiter w&#228;chst und stabil bleibt, da die Gesch&#228;fte derzeit gut laufen.</p>
<p>Neben diesen wirtschaftspolitischen Aspekten d&#252;rfen jedoch nicht die Regierungsma&#223;nahmen im Bereich der Menschen- und B&#252;rgerInnenrechte vergessen werden die von der Regierung h&#228;ufig medienwirksam inszeniert werden und eine starke symboltr&#228;chtige Wirkung haben. Hierzu lassen z&#228;hlen Projekte wie das <a href="http://www.lgbt.org.ar/blog/Matrimonio/matrimonio.htm">Matrimonio Igualitario (gleichgeschlechtliche Ehe)</a>, das sogenannte <a href="http://www.argentina.ar/_es/pais/nueva-ley-de-medios/C2396-nueva-ley-de-medios-punto-por-punto.php">Ley de los medios</a> (Mediengesetz) und die Menschenrechtspolitik (im Bezug auf die Milit&#228;rdiktatur).Mit Hilfe dieser unterstreicht die Regierung immer wieder ihren Anspruch auf den progressiven Charakter ihrer Politik und bedient viele gesellschaftliche Gruppen. So h&#246;rt man beispielsweise von AktivistInnen, die sich stark f&#252;r das <em>matrimonio igualtario</em> engagiert haben, dass sie die Wirtschaftspolitik der Regierung als Tropfen auf den hei&#223;en Stein empfinden, diese aber aus Mangel an ernsthaften Alternativen weiterhin unterst&#252;tzen werden, in der Hoffnung bestimmte <em>single-issues</em> so durchsetzen zu k&#246;nnen.</p>
<p><a href="http://www.perspektiven-online.at/?attachment_id=2393"><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/10/4266721301.jpg" alt="" title="4266721301" width="300" height="169" class="aligncenter size-full wp-image-2393" /></a></p>
<p><strong>Wie weiter?</strong><br />
Der sich abzeichnende Trend unmittelbar nach den <em>primarias </em>hat sich in den darauf folgenden Wochen best&#228;tigt: Die Opposition scheint noch mehr in Aufl&#246;sung begriffen als vor den primarias. Dass selbst hartgesottene Regierungsgegner wie Biolcati, der Vorsitzende der Sociedad Rural Argentina unmittelbar nach den <em>primarias</em>, den Sieg Cristinas nicht mehr anzweifelten und der Opposition ihre Programmlosigkeit vorwarfen, zeigt deren verzweifelte Lage.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Wie Biolcati bereits zu diesem Zeitpunktanklingen lie&#223;, zeigte sich in den Folgewochen, dass diese nun auf die ebenfalls am 23. Oktober stattfindenden Wahlen in einigen Provinzen zu fokussieren scheint, bei denen immerhin 130 Abgeordnete sowie 24 SenatorInnen neu bestimmt werden.<br />
Die Regierung selber scheint derzeit vor Selbstvertrauen zu strotzen. In der <a href="www.presidencia.gov.ar/informacion/actividad-oficial/25323">Pressekonferenz</a> unmittelbar nach den <em>primarias </em>k&#252;ndigte Cristina bereits an, dass sogenannte <em>ley de la tierra</em> m&#246;glichst schnell vorantreiben zu wollen. Hierbei geht es um die Beschr&#228;nkung des Erwerbs von L&#228;ndereien durch Nicht-ArgentinierInnen. Die Agraroligarchie hat sich bisher wenig erfreut &#252;ber die Versuche der Regierung in diese Richtung gezeigt. Zudem preschte der Innenminister Florencio Randazzo bei der <a href="http://www.argentina.ar/_es/pais/C8328-elecciones-primarias-abiertas-simultaneas-y-obligatorias-paso---14-de-agosto-de-2011.php">Verk&#252;ndung der endg&#252;ltigen Wahlresultate</a> wenige Tage sp&#228;ter in der stetigen Auseinandersetzung zwischen der Regierung und einigen Medienunternehmen erneut vor: Diese hatten immer wieder von Unstimmigkeiten bei den Wahlen gesprochen. Im Endeffekt mussten die Zahlen f&#252;r Cristina Fernández de Kirchner dann sogar noch oben korrigiert werden. Erneut bediente Randazzo dabei den Diskurs der demokratischen Institutionen, indem er diesen Medien – vor allem den Zeitungen Clarín und La Nación – vorwarf unverantwortlich zu handeln und diese Institutionen anzugreifen.<br />
Auch in den Ergebnissen der Provinzwahlen nach den <em>primarias</em>, konnte die Regierung ihren Siegeszug fortsetzen: Im Chaco wurde mit Jorge Capitanich ein Anh&#228;nger des <em>kirchnersimo </em>mit deutlicher Mehrheit wiedergew&#228;hlt. In Rio Negro gewann mit Carlos Soria nicht nur der Kandidat der <em>Frente para la Victoria</em>,sondern &#252;berhaupt das erste Mal seit der R&#252;ckkehr zu Demokratie ein peronistischer Kandidat.<br />
Wie es auf lange Sicht weitergeht mit dem <em>kirchnersimo </em>steht jedoch in den Sternen. Dass diese Form des Kompromisses keine langfristige L&#246;sung bringen wird, zeigt sich in der grundlegenden Ausrichtung des derzeitigen Modells, dessen Wurzeln bis in die Wirtschaftspolitik der Milit&#228;rjunta reichen: Dominanz des ausl&#228;ndischen Finanzkapitals und Unternehmen, r&#252;cksichtslose Ausbeutung der nat&#252;rlichen Ressourcen, „Sojarisierung“ die dazu f&#252;hrt, dass die Wirtschaft sich wieder vermehrt im Prim&#228;rsektor konzentriert und diesen homogenisiert, Prekarisierung der <a href="http://www.rebelion.org/noticia.php?id=134376&#038;titular=cristina-recargada-">Arbeitsverh&#228;ltnisse und Schwarzarbeit</a>.  Es ist schwer vorstellbar, dass sich diese dauerhaft mit den. trotz aller berechtigten und n&#246;tigen Kritik, zweifellos vorhandenen progressiven Aspekten des <em>kirchnerismo </em>und vor dem Hintergrund einer weltweiten kapitalistischen Krise vereinbaren lassen. Wie sich der <em>kirchnerismo</em>, konfrontiert mit den neuen Herausforderungen, verhalten wird scheint offener denn je.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Einen schnellen Einstieg und &#220;berblick bez&#252;glich der KandidatInnen, ihre nParteien und Wahlkoalitionen bietet der <a href="http://es.wikipedia.org/wiki/Elecciones_primarias_de_Argentina_de_2011">wikipedia-Eintrag</a> zu den primarias.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Die Parteienlandschaft Argentiniens ist h&#246;chtst zersplittert und stellt sich hinsichtlich B&#252;ndnispartnerInnen  etc. a auf nationaler Ebene anders dar als auf Pronvinzebene. Als zentrales Merkmal k&#246;nnten man eine Art Projektcharakter ausmachen im Zuge dessen sich vor den Wahlen die unterschiedlichen Parteistr&#246;mungen, auch &#252;ber die eigenen Parteigrenzen hinaus, um zentrale Figuren gruppieren. Weil die Darstellung der argentinischen Parteienlandschaft eines eigenen Artikels bed&#252;rfte, verzichte ich an dieser Stelle auf genauere Ausf&#252;hrungen. Statistiken nach Ministerio del Interior: http://www.primarias2011.gob.ar/ [3.09.2011]<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Hugo Moyano ist Vorsitzender der Lastwagenvereinigung. Da ein Gro&#223;teil des Warentransportes &#252;ber den Stra&#223;enverkehr abgewickelt wird besitzt diese ein enormes Machtpotenzial. In Argentinien sagt man, wenn Mayona will, dann steht das Land still.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Russo, Sandra (2011): La presidenta. Buenos Aires: Editorial Sudamericana.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Feinmann, José Pablo (2011): El Flaco. Dialogos Irreverentes con Néstor Kirchner. Buenos Aires: Editorial Planeta.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Die Schwarzarbeit liegt derzeit bei ca. 30%. Die Absurdit&#228;t in diesem Zusammenhang ist, dass es sogar f&#252;r den Staat Arbeitenden gibt, die en negro arbeiten.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Der Vorsitzende sorgt nach den <em>primarias </em>f&#252;r einen Skandal nachdem er seiner Verachtung f&#252;r die popul&#228;ren Sektoren Argentiniens freien Lauf lie&#223; und wie folgt analysierte: „Die Leute schauen Tinelli und wenn sie ihren Plasmafernseher bezahlen k&#246;nnen interessiert sie nichts mehr/schei&#223;en sie auf alles.“ Zudem gab dieser zu, dass die Repr&#228;sentantInnen des <em>campo </em>immer wieder gelogen h&#228;tten, um Stimmung gegen die Regierung zu machen und dass es der Agrarwirtschaft eigentlich sehr gut ginge.</p>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Bolívar in Bogotá: Die „neue Linke“ in Kolumbien</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:12:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumbien]]></category>
		<category><![CDATA[Lateinamerika]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Guerillataktik der letzten Jahrzehnte in Kolumbien scheint gescheitert. Die unglaubliche staatliche und parastaatliche Repression aber auch eigene Fehler zwingen die gesamte Linke zu neuen Strategien. Dass diese neuen Formierungsversuche nur vor dem spezifischen historischen Hintergrund verst&#228;ndlich werden, argumentieren Sebastian Muhr, Julia Hofmann, Tobias Zortea und Tobias Boos.

Die Diskussionen rund um die „Neue Linke“ in Lateinamerika sind in den letzten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Guerillataktik der letzten Jahrzehnte in Kolumbien scheint gescheitert. Die unglaubliche staatliche und parastaatliche Repression aber auch eigene Fehler zwingen die gesamte Linke zu neuen Strategien. Dass diese neuen Formierungsversuche nur vor dem spezifischen historischen Hintergrund verst&#228;ndlich werden, argumentieren <em>Sebastian Muhr, Julia Hofmann, Tobias Zortea</em> und <em>Tobias Boos</em>.<br />
<span id="more-1960"></span><br />
Die Diskussionen rund um die „Neue Linke“ in Lateinamerika sind in den letzten Jahren zu einem wichtigen Bezugspunkt der europ&#228;ischen Linken geworden. Dabei drehten sich die Debatten vor allem um die beiden Paradebeispiele linker Regierungsprojekte in Venezuela und Bolivien. W&#228;hrend in den b&#252;rgerlichen Medien die Projekte und vor allem deren <em>líder </em>Morales und Chavez h&#228;ufig verteufelt wurden, zeigte sich bei Teilen der Linken eine Tendenz zur &#220;berromantisierung.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> L&#228;nder wie Kolumbien, in denen die Rechte seit Jahren stark autorit&#228;r regiert, werden hingegen selten beachtet. Ebenso wenig wird die Vorgehensweise, mit der die Rechte diese Politik durchsetzt, au&#223;erhalb von Lateinamerika thematisiert.<br />
Dabei stellt sich der Fall Kolumbien aus zwei Gr&#252;nden als besonders spannend dar: Einerseits gab es zu Hochzeiten der kolumbianischen Linken vor ca. 20 Jahren reale Hoffnungen auf positive Ver&#228;nderungen. Andererseits existieren, trotz der starken Repression, noch immer progressive K&#228;mpfe und Projekte im Land. Aus diesem aktuellen Beispiel autorit&#228;rer Politiken l&#228;sst sich daher auch f&#252;r die hiesigen Verh&#228;ltnisse viel lernen.<br />
Der Artikel wird sich zun&#228;chst mit dem Niedergang der kolumbianischen Linken im Verlauf des 20. Jahrhunderts besch&#228;ftigen, um in einem weiteren Schritt ihre neuen Strategien zu beleuchten. Hierbei wird sich zeigen, dass diese – vor allem auf politische Institutionen abzielende – Strategien, nur durch die Einbeziehung des spezifisch-historischen Hintergrunds verstanden und analysiert werden k&#246;nnen. Abschlie&#223;end werden die skizzierten gesellschaftspolitischen Entwicklungen anhand der Region Apartadó konkretisiert.</p>
<p><strong>Historische Entwicklung und Krise</strong><br />
Anfang des 20. Jahrhunderts kam es, ausgel&#246;st durch einen Wirtschaftsboom, zu einer zunehmenden Industrialisierung Kolumbiens. Im Zuge dieser formierten sich neben den traditionellen Parteien (in Kolumbien v.a. die Konservativen und Liberalen), neue (und/oder) antagonistische soziale Kr&#228;fte, die sich zum Gro&#223;teil unter dem Schirm der <em>Partido Socialista Revolucionario</em> (PSR) versammelten. Diese begriff sich explizit – in Abgrenzung zu den KPs – als Bewegungspartei und b&#252;ndelte somit die unterschiedlichen aufkommenden sozialen Bewegungen. Gerade am Land organisierten sich gro&#223;e Teile der Bev&#246;lkerung. Es kam zur Gr&#252;ndung zahlreicher Kommunen. Ihr trauriges Ende erreichten diese Entwicklungen jedoch 1928, als die Armee zahlreiche streikende ArbeiterInnen der <em>United Fruit Company</em> massakrierte. Interessant sind hierbei die personellen Kontinuit&#228;ten: Viele Verwandte der ermordeten Kommunenanf&#252;hrerInnen spielten sp&#228;ter eine gewichtige Rolle bei den Gr&#252;ndungen von Guerillas.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a><br />
Nach diesen Vorkommnissen kam es zu einer massiven Repressionswelle, durch die progressive au&#223;erparlamentarische Kr&#228;fte f&#252;r lange Zeit fast g&#228;nzlich von der Bildfl&#228;che verschwanden. Erst 1948 traten linke Kr&#228;fte wieder in Erscheinung: Zur Pr&#228;sidentschaftswahl kandidierte der aus der liberalen Partei kommende Linkspopulist Jorge Eliecer Gaitán f&#252;r die von ihm gegr&#252;ndete <em>Unión Nacional Izquierdista Revolucionaria</em> (UNIR). Als jedoch deutlich wurde, dass sein bevorstehender Wahlsieg den herrschenden Eliten gef&#228;hrlich werden w&#252;rde, lie&#223;en diese ihn kurzerhand erschie&#223;en. Die aufgebrachte Bev&#246;lkerung zog daraufhin wutentbrannt durch Bogotá und &#252;berfiel staatliche Einrichtungen. Auf den <em>Bogotazó </em>– wie dieser spontane Aufstand in Kolumbien genannt wird – folgten b&#252;rgerkriegsartige Zust&#228;nde. In der Episode, die als <em>la violencia</em> (die Gewalt) in die kolumbianische Geschichte eingegangen ist, bek&#228;mpften sich vor allem der kolumbianischen Staat und die Konservativen auf der einen und die soziale Basis der Liberalen auf der anderen Seite.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> 1964–66 entstanden schlie&#223;lich die <em>Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia</em> – <em>Ejército del Pueblo</em> (FARC-EP) sowie die guevaristische <em>Ejército de Liberación Nacional</em> (ELN). Wie bereits erw&#228;hnt, gab es zwischen den aufst&#228;ndischen Bauern der 1920er Jahre und der FARC personelle Verbindungen, so dass sich viele der Guerilla anschlossen. Zudem begriff diese sich explizit als Selbstverteidigungsorganisation, womit sie an die Tradition der <em>Autodefensas Campesinas</em> (Bauernselbstverteidigungsorganisationen) ankn&#252;pfte.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> In den folgenden Jahren entstanden zahlreiche andere Guerillagruppen, die unterschiedliche territoriale Verankerungen besa&#223;en und verschiedene politische Strategien vertraten. Es kann hier nicht im einzelnen auf die unterschiedlichen Gruppen eingegangen werden, jedoch stellte deren Uneinigkeit sicherlich einen Grund daf&#252;r dar, dass es nicht gelang, breitere Allianzen zu bilden. So konnte auch in der Krise der <em>frente nacional</em>, dem seit 1958 institutionalisierten B&#252;ndnis zwischen der liberalen und konservativen Partei, und nach deren endg&#252;ltigem Zusammenbruch 1974 wenig erreicht werden.<br />
Hoffnung keimte erst wieder zu Beginn der Pr&#228;sidentschaft Betancours Anfang der 80er Jahre auf. Dieser hatte vielversprechende Reformen angek&#252;ndigt. Es kam zu Gespr&#228;chen zwischen der Regierung, der FARC und weiteren Guerillaorganisation, so dass 1984 ein Waffenstillstand ausgehandelt werden konnte. Dieser wurde allerdings bereits 1985 wieder aufgek&#252;ndigt, nachdem die Regierung den aufkommenden sozialen Bewegungen (die zunehmend Verbindungen zu der <em>guerilla </em>aufbauten) erneut mit einer Welle der Repression entgegentrat. Im selben Jahr gr&#252;ndete ein B&#252;ndnis von GewerkschafterInnen, sozialen Bewegungen, sozialistischen und kommunistischen Parteien und Teilen der FARC Guerilla die <em>Unión Patriótica </em>(UP).</p>
<p><strong>Das Massaker an der UP</strong><br />
Die UP konnten 1986 bei ihrer erstmaligen Teilnahme an den Wahlen enorme Erfolge verzeichnen und erhielt so viele Stimmen wie nie zuvor eine linke Partei in Kolumbien. Landesweit konnte sich die UP als drittst&#228;rkste politische Kraft etablierten. 1986 stellte sie 14 Kongressabgeordnete und 335 Abgeordnete in 187 Gemeinder&#228;ten.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Ihre Verankerung besa&#223; sie vor allem auf lokaler Ebene. Die Partei wurde zum Anziehungspunkt f&#252;r zahlreiche Bewegungen und Initiativen. Es bestand die Hoffnung, dass im Rahmen des angesto&#223;enen nationalen Dialogs ernsthafte Ver&#228;nderungen in die Wege geleitet w&#252;rden. Die Wahlerfolge der UP und die immer breiter werdende Zustimmung der Bev&#246;lkerung rief allerdings erneut die Eliten auf den Plan.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Es begann die systematische Ausl&#246;schung der  UP-Mitglieder. Die interamerikanische Kommission f&#252;r Menschenrechte (<em>Comisión Interamericana de Derechos Humanos</em>) spricht in ihrem Bericht aus dem Jahre 1993 von 630 Morden in den Jahren 1985–88 und bezeichnet dies als politischen Genozid.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Andere gehen von &#252;ber 3500 Morden im Zeitraum zwischen 1985 und 1993 aus.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Unter den Toten waren auch die UP-Pr&#228;sidentschaftskandidaten aus den Jahren 1986 und 1990, Jaime Pardo Leal und Bernando Jaramillo.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a><br />
Die Vorkommnisse sorgten daf&#252;r, dass die FARC endg&#252;ltig von der Strategie der <em>combinación de todas formas de luchas</em> (Kombination aller Kampfformen) zu einer rein milit&#228;rischen Strategie &#252;berging. Um diese zu finanzieren, f&#252;hrt die FARC bis heute zahlreiche Entf&#252;hrungen durch. Dieses Vorgehen, aber vor allem auch ihre Involvierung in den Coca-Anbau und Drogenhandel waren jedoch ein Grund daf&#252;r, dass der gesellschaftliche R&#252;ckhalt der FARC schwand und sie zunehmend isoliert wurde.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a></p>
<p><strong>Parastaatliche Repression</strong><br />
Neben der staatlichen Armee waren die zentralen Akteure bei der Ermordung der UP-Mitglieder die Paramilit&#228;rs.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Der Ursprung dieser in den 1980ern aufkommenden Gruppen kann in der MAS-Kampagne (<em>Muerte a Secuestradores</em>/Tod den Entf&#252;hrern) gesehen werden: Im Dezember 1981 verk&#252;ndeten f&#252;hrende Personen der Drogenkartelle, dass Unterst&#252;tzerInnen der Guerillas ab sofort von einer durch sie aufgestellten Privatarmee hingerichtet w&#252;rden. Auch wenn der Initiator der Aktion, Fabio Ochoa, ein Mitglied des Medellín-Kartells war, gab es von Beginn an eine enge Kooperation mit staatlichen Stellen.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Die MAS-Kampagne muss dabei im Kontext eines systematischen, staatlich gest&#252;tzten Aufbaus der Paramilit&#228;rs gesehen werden. Zu Beginn der 1980er unterst&#252;tzte der kolumbianische Staat den Aufbau sogenannter <em>autodefensas </em>(Selbstverteidigungsgruppen), die – so die Argumentation – dem Schutz der Bev&#246;lkerung vor der Guerilla dienen sollten. Dabei wurden viele der Strukturen sogar staatlich legalisiert. In der Realit&#228;t beschr&#228;nkten diese sich aber nicht auf die Auseinandersetzungen mit der Guerilla, sondern bek&#228;mpften auch die legale politische Linke sowie die Gewerkschaften.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a><br />
Auch wenn die Paramilit&#228;rs ein wichtiges Instrument des kolumbianischen Staates waren und sind, um unliebsame Gegner zu beseitigen, muss davor gewarnt werden, sie auf diese Rolle zu reduzieren. Deutlich wird dies am Beispiel der Castaño-Br&#252;der und der Geschichte der <em>Autodefensas Unidas de Colombia</em> (AUC). In den 1980er Jahren arbeiteten diese eng mit Pablo Escobar und dem Medellín-Kartell zusammen. 1989 wurden die <em>autodefensas </em>jedoch staatlich verboten. Zudem verrieten die Castaño-Br&#252;der Escobar an den Staat. Dadurch kam es zu einer grundlegenden Neuformierung der Paramilit&#228;rs.<br />
Nur f&#252;nf Jahre nach dem Verbot erlie&#223; der neue Pr&#228;sident Cesar Gaviria jedoch das ber&#252;hmte Dekret 354, das den Aufbau paramilit&#228;rischer Strukturen erneut legalisierte. Der daraufhin vorangetriebenen Sicherheitskooperative CONVIVIR<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> kam hierbei laut Raul Zelik eine Art „Scharnierfunktion zwischen Milit&#228;rs und illegalen Paramilit&#228;rs“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> zu. 1997 gr&#252;ndete Carlos Castaño dann die bereits erw&#228;hnten AUC, welche die verschiedenen paramilit&#228;rischen Bl&#246;cke koordinieren sollte. Hierbei wurden viele der CONVIVIR-„Selbstverteidigungsmilizen“ direkt eingegliedert. In den Folgejahren bem&#252;hte sich die AUC um die Etablierung und Selbstdarstellung als eigenst&#228;ndiger politischer Akteur.</p>
<p><strong>Uribes Politik der „demokratischen Sicherheit“</strong><br />
Nach Álvaro Uribes Wahlsieg im Jahr 2002 startete dieser unter dem Namen <em>Seguridad Democrática</em> (demokratische Sicherheit) eine neue Sicherheitsdoktrin. Deren Eckpfeiler waren die Aufstockung des Milit&#228;rbudgets (bei gleichzeitigen K&#252;rzungen &#246;ffentlicher Ausgaben im Bereich Bildung und Gesundheit), die staatliche Kontrolle des gesamten kolumbianischen Territoriums, die milit&#228;rische Zerschlagung der Guerilla, die Demobilisierung der Paramilit&#228;rs sowie eine Intensivierung des <em>War on Drugs</em>. Der Zeitpunkt f&#252;r solch eine Sicherheitspolitik konnte wohl nicht vorteilhafter sein. Uribes Vorg&#228;nger Andrés Pastrana (1998–2002) erkl&#228;rte am Ende seiner Amtsperiode die Friedensverhandlungen mit der Guerilla-Organisation FARC-EP f&#252;r gescheitert. Zuvor verabschiedete die US-amerikanische Regierung unter Clinton im Jahr 2000 den <em>Plan Colombia</em> zur milit&#228;rischen Unterst&#252;tzung Kolumbiens im Kampf gegen den Drogenhandel. Nach den Anschl&#228;gen vom 11. September 2001 stand die ganze Welt im Schatten des „Kriegs gegen den Terror“. Unter diesen Bedingungen konnte Uribe erfolgreich eine enorme Militarisierung des Landes vorantreiben. Zwischen 2000 und 2009 verdoppelte sich die Schlagkraft des kolumbianischen Milit&#228;rs auf ca. 500.000 Streitkr&#228;fte und die milit&#228;rischen Ausgaben verdreifachten sich auf rund 12 Milliarden US-Dollar.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Die milit&#228;rischen Erfolge der kommenden Jahre sollten Uribe schlie&#223;lich die Wiederwahl im Jahr 2006 bescheren. Doch der Preis daf&#252;r war hoch: Die Zivilbev&#246;lkerung wurde mit Hilfe von InformantInnen-Systemen in den „Krieg gegen den Terror“ eingebunden. Zwischen 2002 und 2009 fl&#252;chteten etwa 2,4 Millionen Menschen in Kolumbien vor der Gewalt. Laut dem Forschungsinstitut CODHES wurden im Zuge der Kriegshandlungen &#252;ber 900 ZivilistInnen von der kolumbianischen Armee ermordet und als Guerilla-K&#228;mpferInnen pr&#228;sentiert (so genannte <em>falsos positivos</em>).<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a><br />
Im Jahr 2003 trat die kolumbianische Regierung unter Alvaro Uribe dann in Verhandlungen mit der AUC. Es war der Beginn eines Demobilisierungsprozesses, der 2006 f&#252;r beendet erkl&#228;rt wurde und bei dem – nach offiziellen Zahlen – 31.671 Paramilit&#228;rs ihre Waffen aush&#228;ndigten. F&#252;r die Regierung war das Kapitel Paramilitarismus in Kolumbien damit abgeschlossen. Oder, wie Alvaro Uribe es 2009 formulierte „En Colombia se acabaron los grupos paramilitares.“ (frei: „Die paramilit&#228;rischen Gruppen sind in Kolumbien gegessen.“)<br />
Trotzdem mordeten bestimmte Gruppen, teilweise unter neuen Namen wie z.B. <em>Aguilas Negras</em>, weiter. Von nun an war in der &#214;ffentlichkeit nicht mehr von paramilit&#228;rischer Gewalt die Rede, sondern es trieben pl&#246;tzlich „kriminelle Banden“ ihr Unwesen. Zu einer Zeit, als zahlreiche Regierungsmitglieder wegen Verbindungen zu Paramilit&#228;rs vor Gericht standen, kam diese Neuinterpretation paramilit&#228;rischer Gewalt der Regierung Uribe nicht ungelegen. Zum einen ist der Begriff „kriminelle Banden“ eine entpolitisierte Worth&#252;lse, die davon ablenken will, dass paramilit&#228;rische Gewalt politisch selektiv in eine Richtung zielt – nicht umsonst nennt sich eine der neuen „kriminellen Banden“<em> Ejercito Revolucionario Popular Anticomunista de Colombia</em>. Die Opfer sind fast immer <em>líderes comunitarios</em> (Gemeindef&#252;hrerInnen), GewerkschafterInnen, Mitglieder linker Parteien, MenschenrechtsaktivistInnen oder kritische JournalistInnen. Zum anderen unterschl&#228;gt der Diskurs der „kriminellen Banden“ die Verbindung zwischen Staat und Paramilit&#228;rs.<br />
Noch einmal sei daher die Frage gestellt, welche Funktion den Paramilit&#228;rs zukam und bis heute zukommt? Zelik hebt in diesem Zusammenhang zwei Punkte hervor: Einerseits handle es sich bei ihnen um eine Art <em>outsourcing </em>staatlicher Gewalt.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Andererseits erm&#246;glichten diese eine Re-Symmetrierung des Konfliktes. Dessen soziale und &#246;konomische Dimension trat in den Hintergrund, stattdessen erschient er als sicherheitspolitische Frage: Der Staat konnte hierdurch als Opfer und neutraler Vermittler zwischen zwei Extremen – der Guerilla und den Paramilit&#228;rs – positioniert werden.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Trotz dieser Zusammenh&#228;nge d&#252;rfen die Eigeninteressen der Paramilit&#228;rs nicht vergessen werden. So eigneten sie sich bspw. zahlreiche L&#228;ndereien durch systematische Vertreibungen an.</p>
<p><strong>Strategien der Linken</strong><br />
Mitte der 1990er Jahre war also aufgrund der systematischen Ausl&#246;schung von der kolumbianischen Linken nicht mehr viel &#252;brig. Rodríguez-Garavito zufolge wurde jedoch Ende der 1990er Jahre durch &#246;konomische, politische und soziale Faktoren das Fenster f&#252;r linke Politik wieder zunehmend ge&#246;ffnet. Linke Ideen konnten insbesondere durch den Niedergang der traditionellen politischen Parteien (also der Liberalen und der Konservativen Partei), das Wiederaufleben sozialer Bewegungen sowie die &#246;konomische Krise (1999-2002) an Einfluss gewinnen.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a><br />
Vor dem Hintergrund des Paramilitarismus, des starken autorit&#228;ren Regimes, des politisch-strategischen Wandels Uribes sowie der gescheiterten Strategie der Guerilla, mussten die linken Kr&#228;fte allerdings ihre Strategien massiv &#228;ndern, um wieder an Einfluss in der Bev&#246;lkerung zu gewinnen. Dieser Wandel vollzog sich konkret auf vier Ebenen: (1) Eine soziale Revolution von unten als langfristiges Ziel linker Politik wurde (vorerst) aufgegeben. Stattdessen konzentrieren sich linke Kr&#228;fte in Kolumbien nun vermehrt darauf, entweder auf institutionellem Weg oder &#252;ber au&#223;erinstitutionelle Mobilisierung Reformen zu fordern und in Gang zu setzen. (2) Damit teilweise einhergehend gewann der Diskurs um Gewaltfreiheit – im Sinne einer Abgrenzung gegen&#252;ber den Strategien der Guerilla – innerhalb der Linken zunehmend an Bedeutung.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> (3) Anstelle von Klassenwiderspr&#252;chen werden gegenw&#228;rtig vermehrt andere Diskriminierungsformen – wie jene von Frauen oder Indigenen – hervorgehoben. (4) Es wird versucht, gegen Uribes autorit&#228;res Projekt den Demokratiebegriff zu st&#228;rken. Damit einhergehend wurde der (Menschen-)Rechtsdiskurs innerhalb der Linken gest&#228;rkt.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a><br />
Dieser Wandel der Strategien er&#246;ffnet der Linken in Kolumbien neue M&#246;glichkeiten, bringt aber auch Probleme mit sich. Wie der Strategiewechsel sich konkret auswirkt, soll im Folgenden anhand von drei Beispielen gezeigt werden: dem Linksparteib&#252;ndnis <em>Polo Democrático</em> (PDA), dem Niedergang der verfolgten Gewerkschaften sowie dem Aufstieg der sozialen Bewegungen.</p>
<p><strong>Ein wackliges Linksb&#252;ndnis</strong><br />
Das PDA ist ein B&#252;ndnis von radikalen und reformistischen Parteien, Personen, Gewerkschaften und Bewegungen, das im Dezember 2005 anl&#228;sslich der Pr&#228;sidentschaftswahlen 2006 gebildet wurde. Bei diesen Wahlen gewann zwar Uribe um L&#228;ngen (62% der Stimmen) – der PDA-Kandidat Gaviria war mit 22% der Stimmen aber sein sch&#228;rfster Gegner.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Noch nie zuvor erhielt ein linksorientierter Kandidat bei Pr&#228;sidentschaftswahlen im Kolumbien so viel Unterst&#252;tzung.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Das PDA kann als linksreformistisches Parteiprojekt verstanden werden. Um sich von der Guerilla abzugrenzen, betont es immer wieder die Wichtigkeit gewaltfreien politischen Handelns.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a><br />
Schon seit seiner Gr&#252;ndung ist das B&#252;ndnis jedoch im Inneren mit gro&#223;en politischen Problemen konfrontiert, die auch den aktuellen Zustand des PDA erkl&#228;ren: Das <em>Polo Democrático</em> entstand n&#228;mlich vor allem aus der Zusammenarbeit des zentralistischen, an der <em>Portal do Partido dos Trabalhadores</em> (PT) des ehemaligen brasilianischen Pr&#228;sidenten Lula orientierten <em>Polo Demócratico Independiente</em> (PDI) mit dem linken B&#252;ndnis <em>Alternativa Demócratica</em> (AD). W&#228;hrend PDI-Anh&#228;ngerInnen sich klar f&#252;r eine Regierungsbeteiligung aussprachen, betonte die <em>Alternativa Demócratica</em> vor allem ihre Kritik am herrschenden System und ihren Kampf gegen Korruption und f&#252;r die Durchsetzung von Menschenrechten.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Schaffte es das PDA, diese Unterschiede hinsichtlich strategischer Einsch&#228;tzungen und politischer Positionierungen f&#252;r die Pr&#228;sidentschaftswahlen 2006 noch hinten anzustellen, so brechen die Widerspr&#252;che seither immer wieder auf und schw&#228;chen das B&#252;ndnis. Indigene und VertreterInnen anderer sozialer Bewegungen haben sich mittlerweile eigenen Projekten wie der <em>Minga </em>(siehe unten) zugewendet. Seit der „pragmatischen Neuausrichtung“ des PDA – ein Versuch, die Heterogenit&#228;t der politischen Ansichten innerhalb des B&#252;ndnisses einzud&#228;mmen – wenden sich auch die Gewerkschaften und linke Einzelpersonen vermehrt vom PDA ab: „Das PDA jedenfalls hat an Glaubw&#252;rdigkeit verloren und es scheint nicht einmal sicher, ob sich die Differenzen zwischen den verschiedenen Str&#246;mungen &#252;berhaupt &#252;berwinden lassen. Konnte man in den letzten Jahren noch feststellen, dass die kolumbianische Linke erstmals gemeinsam auftrat und damit als Alternative zur Rechtsregierung Uribes Erfolg hatte, ist dies jetzt ganz offensichtlich nicht mehr der Fall.“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Trotzdem er&#246;ffnet das PDA bis heute neue M&#246;glichkeiten f&#252;r linke Politik in Kolumbien, kann es doch als Versuch gesehen werden, in dem autorit&#228;r regierten Land eine handlungsf&#228;hige Linke zu formieren.</p>
<p><strong>Die verfolgten Gewerkschaften</strong><br />
Gewerkschaften haben es in Kolumbien besonders schwer. Gegen sie wird, wie bereits erw&#228;hnt, seit Ende der 1980er Jahre ein „Vernichtungsfeldzug“<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> gef&#252;hrt. Der <em>International Labour Organisation</em> (ILO) zufolge geh&#246;rt Kolumbien zu jenen 20 L&#228;ndern, in denen Arbeitsrechte weltweit am meisten verletzt werden.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Laut Rodolfo Vecino Acevedo, einem Mitarbeiter der Gewerkschaft der Erd&#246;larbeiter [sic!], wurden „seit der Wahl Uribes 462 Gewerkschafter und soziale Aktivisten ermordet. Im Schnitt wird jeden dritten Tag ein politischer Mord begangen.“<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Die Logik, die hinter diesen konsequenten Eliminierungsversuchen steht, ist, anders als die b&#252;rgerliche Medien gerne glauben machen wollen, jedoch nicht in der allgemeinen Gewaltsituation im Land, sondern in der Durchsetzung neoliberaler Politiken zu suchen. Politisierte GewerkschafterInnen, die sich gegen Privatisierungsma&#223;nahmen zur Wehr setzen, werden mit Hilfe staatlicher Kriminalisierungsma&#223;nahmen und durch die Paramilit&#228;rs verfolgt.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Ein kolumbianisches Sprichwort bringt es treffend auf den Punkt: „Du willst zur Gewerkschaft? Tritt lieber der Guerilla bei, das ist ungef&#228;hrlicher!“ Trotz dieser massiven Repression existieren die zentralen Gewerkschaften in Kolumbien bis heute und f&#252;hren den Kampf um Arbeitsrechte und weitergehende soziale Rechte fort.</p>
<p><strong>Der Kampf sozialer Bewegungen</strong><br />
Seit den 1990er Jahren gewinnen soziale Bewegungen in Kolumbien zunehmend an Sichtbarkeit und St&#228;rke. Im Gegensatz zu den <em>indigenas</em>-Bewegungen in Ecuador und Bolivien oder den <em>piqueteros </em>in Argentinien sind die sozialen Bewegungen in Kolumbien allerdings weit weniger offensiv. Das zentrale Ziel aller sozialen Bewegungen in Kolumbien ist die Einhaltung der (progressiven) Verfassung von 1991 sowie die Durchsetzung von B&#252;rgerInnen- und Menschenrechten. Damit wird versucht, dem „liberal-demokratisch“ angehauchten Diskurs von Uribe ein wahrheitsgetreues Bild der realen gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse entgegenzuhalten. Menschenrechte sind keineswegs durchgesetzt; unter dem Deckmantel der Demokratie wird die autorit&#228;re Herrschaft Uribes nur weiter stabilisiert. Neben menschenrechts- und demokratiepolitischen Fragen stellen viele soziale Bewegungen insbesondere Forderungen auf, die sich auf materielle Anspr&#252;che der Zivilbev&#246;lkerung beziehen, insbesondere das Recht auf Land.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Weitergehende Forderungen werden meist eher z&#246;gerlich formuliert. Zwar l&#228;sst sich, laut Rodríguez-Garavito, ein Wandel in den Forderungen hin zu genuin politischen Fragen – wie der Ablehnung des neoliberalen Systems – erkennen. Ein weiterf&#252;hrender politischer Kampf steht jedoch eher nicht auf ihrer Tagesordnung.<br />
Generell haben es (unter allen linken Initiativen) die sozialen Bewegungen trotz der widrigen Umst&#228;nde am besten geschafft, im Land eine Art Gegenmacht aufzubauen. W&#228;hrend sie einerseits mithilfe von selbstverwalteten Kooperativen versuchen, in der Gesundheits- und Trinkwasserversorgung sowie im Transport- und Schulwesen eine Infrastruktur f&#252;r die Zivilbev&#246;lkerung zu erhalten<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a>, schaffen es vor allem die indigenen Bewegungen, durch eine Kombination von Protesten, direkten Aktionen und Teilnahme an Wahlen – mit ethnischen Parteien – an Einfluss zu gewinnen.</p>
<p><strong>Minga de Resistencia und San José de Apartadó</strong><br />
Eine wichtige Initiative ist die <em>Minga de Resistencia Social y Comunitaria</em>. Sie hatte ihren Ausgangspunkt im Gebiet Cauca und wird derzeit von den beiden Indígena-Dachverb&#228;nden ACIN (<em>Asociación de Cabildos Indígenas del Norte del Cauca</em>) und CRIC (<em>Consejo Regional Indígena del Cauca</em>) koordiniert. Anfangs als ein lokales Widerstandsprojekt der indigenen Gemeinden Caucas gedacht, weitete sie sich rasch aus und dient heute vor allem als landesweite Koordinationsstelle unterschiedlichster sozialer K&#228;mpfe. Das Wort „Minga“ bedeutet so viel wie „gemeinschaftliche Arbeit“. Im Mittelpunkt der politischen Forderungen stehen daher die Gr&#252;ndung gemeinschaftlicher Arbeitskooperativen nach dem Modell einer „solidarischen &#214;konomie“, eine Autonomie der Gemeinden vom Staat sowie der Informationsaustausch und die Koordination mit anderen sozialen K&#228;mpfen. Die Minga war insbesondere 2003 gegen das von der Regierung gef&#246;rderte Referendum zur Durchsetzung neoliberaler Reformen sowie des Freihandelsabkommens mit den USA erfolgreich aktiv.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a><br />
Ein konkretes Widerstandsprojekt, das &#252;ber die Grenzen Kolumbiens hinaus f&#252;r gro&#223;es Aufsehen gesorgt hat, war die Gr&#252;ndung der Friedensgemeinde San José de Apartadó. Im Jahr 2007 wurde die Gemeinde unter anderem mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet und internationale Menschenrechtsorganisationen aus Europa und den USA organisieren regelm&#228;&#223;ig Solidarit&#228;ts- oder Menschenrechtsbeobachtungsreisen in die Gemeinde. Oft &#252;berwiegen Interpretationen, die das Projekt aus dem historischen Entstehungskontext herausrei&#223;en und als neutrale und depolitisierte Friedensmission darstellen. Deshalb lohnt sich ein kurzer Blick auf die Geschichte der Linken in der Region Apartadó, welche sich als ein Brennglas der kolumbianischen Geschichte darstellt.</p>
<p><strong>Die politische Geschichte Apartadós</strong><br />
Die Region Apartadó wurde im Zuge des bereits erw&#228;hnten B&#252;rgerkriegs <em>la violencia</em> im Jahr 1949 besiedelt, aber erst 1968 offiziell anerkannt. Es befindet sich im n&#246;rdlichen Departamento Antioquia in der Region Urabá. Letztere ist seit jeher von den riesigen Bananenplantagen gepr&#228;gt und wird in Kolumbien als „zona bananera“ bezeichnet. Mit dem Aufstreben der Bananenwirtschaft stieg gleichzeitig die Kapitalkonzentration. In den 1960er Jahren war es insbesondere die lokale Bourgeoisie, wie die Br&#252;der Henríquez Gallo, die riesige L&#228;ndereien akkumulierte, um sie sp&#228;ter an Unternehmen aus den Gro&#223;st&#228;dten Bogotá und Medellín oder an transnationale Konzerne zu verkaufen. F&#252;r Schlagzeilen sorgte in den letzten Jahren die Firma <em>Chiquita Brands International</em>, die mit ihrem Tochterkonzern <em>Banadex S.A.</em> vor Ort angesiedelt ist. Zwischen 1997 und 2004 hatte der Konzern paramilit&#228;rische Gruppen bezahlt, um Privateigentum von Chiquita zu sch&#252;tzen.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Neben diesen „legalen“ Kapitalfraktionen spielen auch die „illegalen“ Kapitalinteressen der Drogen&#246;konomie eine gewichtige Rolle. Schlie&#223;lich befindet sich Apartadó genau in jener Region, in der einst Pablo Escobar mit dem Medellín-Kartell zum meist gesuchten Drogenboss der Welt aufstieg.<br />
Gleichzeitig galt die Region schon in den 1980er und 1990er Jahren als „linke Bastion“ f&#252;r soziale Bewegungen und Gewerkschaften. Insbesondere der Ort San José de Apartadó konnte als „kommunistische Hochburg“ gesehen werden. So entfielen in San José de Apartadó bei den Wahlen 1980 fast alle Stimmen auf die kommunistische Partei, in den 1990er Jahren feierte dann die UP gro&#223;e Erfolge.<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a> Historisch nahmen jedoch nicht nur die parteipolitischen Organisationsstrukturen, sondern auch die ersten bewaffneten Selbstverteidigungsgruppen der kommunistischen Partei ihren Ausgang in Apartadó. Das l&#228;ndliche Leben war von einer eng verflochtenen Gesellschaftsstruktur gepr&#228;gt. Gro&#223;familien lebten auf Basis von Subsistenzwirtschaft, mit Hilfe von Kooperativen entstand ein System solidarischer Gemeinschaftsarbeit. Somit waren viele Programmpunkte der kommunistischen Partei anschlussf&#228;hig an die allt&#228;gliche Lebensrealit&#228;t der Bev&#246;lkerung. Die politische St&#228;rke der kommunistischen Partei war allerdings auch zu dieser Zeit insofern keineswegs grenzenlos, als den prokommunistischen Provinzregierungen die m&#228;chtigen Gro&#223;grundbesitzer der Bananenindustrie (sog. „bananeros“) und deren politische Repr&#228;sentantin, die liberale Partei, gegen&#252;berstanden. Konflikte zwischen der Lokalregierung und &#246;konomischen Eliten blieben somit nat&#252;rlich nicht aus. So setzten die Bananen-Gro&#223;grundbesitzer bspw. f&#252;r einige Jahre ihre Steuerzahlungen an die Gemeinden aus, was den &#246;ffentlichen Finanzhaushalt schwer belastete.<br />
In den ersten Jahren der Bananenwirtschaft in Apartadó war die gewerkschaftliche Organisation der PlantagenarbeiterInnen sehr schwach. Ein Gro&#223;teil der BananenarbeiterInnen blieb in der liberalen Gewerkschaft organisiert. Dies f&#252;hrte dazu, dass die kommunistische Partei zwar die politische Mehrheit der Region stellte, in der gewerkschaftlich organisierten ArbeiterInnenschaft aber nur eine untergeordnete Rolle spielte.<br />
Das lag zum einen an den repressiven Strategien der Unternehmen, die Gewerkschaftsgr&#252;ndungen niederschlugen, und zum anderen an den Migrationsstr&#246;men der ArbeiterInnen selbst, welche eine l&#228;ngerfristige Organisierung erschwerten. So agierten die ersten Gewerkschaften in Apartadó im Untergrund oder waren stark marginalisiert. Erst Mitte der 1980er Jahre ver&#228;nderte sich die Situation. Die Gewerkschaften SINTAGRO und SINTRABANANO erhielten einen so starken Zustrom, dass nach einer Studie von Fernando Botero im Jahr 1987 85% aller PlantagenarbeiterInnen in der Bananenregion Urabás gewerkschaftlich organisiert waren.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> Nach der Gr&#252;ndung der UP im Jahr 1985 entwickelten sich besonders in Apartadó fl&#228;chendeckende UP-Strukturen wie Arbeitskooperativen oder Rechtsbeistand f&#252;r GewerkschafterInnen. Die sp&#228;ten 1980er Jahre waren von Arbeitsk&#228;mpfen und Generalstreiks gepr&#228;gt, innerhalb derer die Guerilla erbittert um politischen Einfluss in der Gewerkschaftsbewegung k&#228;mpfte. W&#228;hrend SINTAGRO sich an der maoistischen EPL Guerilla orientierte, erlangte die FARC zunehmend Einfluss in der Gewerkschaft SINTRABANANO. Der Konflikt zwischen den Guerilla-Organisationen um die Kontrolle von Territorien und Gewerkschaften spitzte sich immer mehr zu und m&#252;ndete schlie&#223;lich 1987 in einem Massaker, bei dem FARC K&#228;mpfer eine Gruppe von Mitgliedern der EPLnahen Gewerkschaft auf ihrer Vollversammlung ermordete. Ab 1987 tauchten verst&#228;rkt paramilit&#228;rische Gruppen in der Region auf und ver&#252;bten Massaker an organisierten ArbeiterInnen und B&#228;uerInnen. Bereits 1988 attackierten Paramilit&#228;rs Gewerkschaftsversammlungen in den Orten Fincas Honduras, La Negra und Punta Coquitos, bei denen etwa 55 Personen ermordet wurden. Die Reaktion der Linken war ein mehrt&#228;giger Generalstreik und die verschiedenen Bananengewerkschaften schlossen sich zur Organisation SINTRAINAGRO zusammen.<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> Im Jahr 1995 erkl&#228;rte Carlos Castaño offiziell, die Region Urabá mit dem paramilit&#228;rischen Block ACCU (<em>Autodefensas Campesinas de Córdoba y Urabá</em>) zu kontrollieren. Daf&#252;r konnte er von Anfang an auf die Unterst&#252;tzung der kolumbianischen Armee zur&#252;ckgreifen. Der General Rito Alejo del Río der Brigade XVII wurde beispielsweise „Papa der Autodefensas“ genannt, weil er Paramilit&#228;rs uniformierte und ihnen logistische und milit&#228;rische Unterst&#252;tzung zukommen lie&#223;.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> 1995 wurde Alváro Uribe, der sieben Jahre sp&#228;ter Pr&#228;sident von Kolumbien werden sollte, zum Gouverneur von Antioquia gew&#228;hlt. W&#228;hrend seiner Amtszeit unterst&#252;tzte er rigoros die Gr&#252;ndung der CONVIVIR-Sicherheitskooperativen.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> Die paramilit&#228;rische Gewalt stieg ins unermessliche. Die Gewerkschaft SINTRAINAGRO wurde, wie die UP, systematisch ausgel&#246;scht.</p>
<p><strong>Die Friedensgemeinde San José de Apartadó</strong><br />
Vor dem Hintergrund der steigenden Gewalt wurde die Forderung nach Frieden und Gewaltfreiheit zu einem zentralen Bezugspunkt der Linken in der Region und m&#252;ndete schlie&#223;lich in die Gr&#252;ndung der Friedensgemeinde San José de Apartadó. Im M&#228;rz 1997 erkl&#228;rte sich die Gemeinde von allen bewaffneten Akteuren des Konflikts – d.h. Guerilla, Paramilit&#228;rs sowie kolumbianische Armee und Polizei – unabh&#228;ngig und verweigerte jegliche Kooperation mit diesen Gruppen. Im Gr&#252;ndungsprozess spielten sowohl Teile der Linken aus dem Umfeld der UP, als auch kirchliche Organisationen und humanit&#228;re NGOs eine wichtige Rolle. So zum Beispiel die ehemalige UP-B&#252;rgermeisterin von Apartadó, Gloria Cuartas, oder der jesuitische Pfarrer Padre Javier Giraldo, welche die Gemeinde noch heute begleiten. Die Bev&#246;lkerung organisiert sich auf Basis gemeinschaftlicher, solidarischer Arbeitskooperativen, die noch auf Zeiten der UP zur&#252;ckgehen. Die Strukturen der Entscheidungsfindung gleichen einem R&#228;tesystem, ebenfalls aufbauend auf der UP-Vergangenheit. Gleichzeitig haben internationale NGOs wie die <em>Brigadas de Paz</em> ein System permanenter Menschenrechtsbeobachtung aufgebaut, um die Bev&#246;lkerung vor &#220;bergriffen zu sch&#252;tzen. Diese Neuzusammensetzung von Akteuren und Strategien hat einiges f&#252;r sich: Massaker an der Zivilbev&#246;lkerung k&#246;nnen nicht mehr still und heimlich durchgef&#252;hrt werden und die Lebenssituation vieler wurde durch den Schutz von Menschenrechten real verbessert. Allerdings bringt die neue Allianz zwischen linken, kirchlichen und Menschenrechtsorganisationen auch politische Probleme mit sich. So sieht die Basis der Friedensgemeinde, derzeit repr&#228;sentiert durch den gew&#228;hlten Vertreter Jesus Emilio, die Gefahr einer Entpolitisierung des Projekts durch manche internationale Organisationen. Eine klare politische Positionierung werde zudem durch die Regierung Uribe dadurch erschwert, dass Mitglieder der Friedensgemeinde in &#246;ffentlichen Stellungnahmen regelm&#228;&#223;ig als FARC SympathisantInnen verunglimpft wurden.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a></p>
<p><strong>Ausblick</strong><br />
Kolumbiens neuer Pr&#228;sident Juan Manuel Santos, der im Juni 2010 die Wahlen gewann, ist kein unbeschriebenes Blatt. Sein Gro&#223;onkel Eduardo Santos war von 1938 bis 1942 Pr&#228;sident, die Familie Santos besitzt Kolumbiens gr&#246;&#223;te Tageszeitung <em>ElTiempo</em>, sein Cousin Francisco Santos war in der Regierung Uribe Vize-Pr&#228;sident und er selbst hatte unter Uribe das Amt des Verteidigungsministers inne. Santos trat bei den Wahlen f&#252;r Uribes <em>Partei Partido de la U</em> an und versprach den Weg der <em>Seguridad Democrática</em> weiter zu f&#252;hren. All jene, die in Santos eine Art „kolumbianischen Medwedew“ sahen, wurden nach den Wahlen jedoch zun&#228;chst &#252;berrascht. Santos pr&#228;sentierte sich als „Pr&#228;sident der nationalen Einheit“ und ernannte Angelino Garzón als Vizepr&#228;sidenten. Garzón war in den 1980er Jahren kommunistischer Gewerkschafter, Mitglied der <em>Unión Patriótica</em> und sp&#228;ter Parteiangeh&#246;riger der<em> Alianza Democrática-M-19</em>. Au&#223;enpolitisch beendete Santos den Konflikt mit Venezuela und setzte sich f&#252;r die R&#252;ckgabe von .paramilit&#228;risch enteignetem Land ein. Doch der rhetorische Schwenk von Santos ist mit Vorsicht zu genie&#223;en. Durch das B&#252;ndnis der „nationalen Einheit“ &#252;bersteigt Santos‘ Einfluss im Kongress sogar die absolute Mehrheit seines Amtsvorg&#228;ngers Uribe. Zus&#228;tzlich verf&#252;gt er &#252;ber beste Verbindungen zu Medien, Gro&#223;konzernen und dem Milit&#228;r.<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> Neben der versprochenen Intensivierung des „Kriegs gegen den Terror“ wird er die von seinem Vorg&#228;nger vorangetriebene neoliberale Politik fortsetzen. Welche neuen Herausforderungen sich f&#252;r die Linke in Kolumbien dadurch ergeben bleibt abzuwarten. Doch es sieht ganz danach aus als m&#252;sse die Linke sich nicht mehr von Uribe mit F&#252;&#223;en treten lassen, sondern vielmehr Santos‘ rhetorischer Umarmung entkommen. Letztendlich &#252;berwiegt die Kontinuit&#228;t nach dem Motto „más de lo mismo“.</p>
<p><strong>Anmerkungen:</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Vgl. Opratko, Benjamin/ Probst, Philipp: Alle(s) f&#252;r den Hugo?<br />
Perspektiven der Bolivarianischen Revolution in Venezuela, in: PERSPEKTIVEN<br />
Nr. 0 (2007), unter: http://www.perspektiven-online.<br />
at/2007/09/01/alles-fuer-den-hugo-perspektiven-der-bolivarianischenrevolution-<br />
in-venezuela/<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Zelik, Raul: Kolumbien. Gro&#223;e Gesch&#228;fte, staatlicher Terror und<br />
Aufstandsbewegung. Karlsruhe: Neuer ISP Verlag 2000, S. 50ff.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Zelik: Kolumbien, a.a.O., S. 53f.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Wichtig f&#252;r die heutige Einordnung der verschiedenen Konfliktakteure<br />
erscheint der Hinweis Zeliks auf den Unterschied der fr&#252;hen Tradition<br />
der Bauernselbstverteidigung und den heutigen Paramilit&#228;rs, die<br />
unter &#228;hnlichen Namen firmieren. Der zentrale Unterschied liegt darin,<br />
dass es sich bei ersteren um Organisationsversuche von unten gegen die<br />
Gro&#223;grundbesitzerInnen handelte, letztere hingegen handeln h&#228;ufig in<br />
deren Auftrag um unbequeme Kleinb&#228;uerInnen, GewerkschafterInnen<br />
etc. loszuwerden (vgl. Zelik: Kolumbien, a.a.O., S. 55).<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Camposa Zornosa, Yezid: El baile rojo. Bogotá: Random House 2008.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Die Jahrzehnte zuvor hatten die Eliten sich die politische Macht untereinander<br />
aufgeteilt. Beschrieben wird dieses Charakteristikum Kolumbiens<br />
mit dem Begriff des bipartidismo. Gemeint ist laut Zelik eine<br />
„vertikale Spaltung der Gesellschaft“, das hei&#223;t „die Trennlinie verl&#228;uft<br />
nicht entlang sozialer Widerspr&#252;che, sondern zwischen Parteilagern, die<br />
in ihrer sozialen Zusammensetzung weitgehend identisch sind [...]“ (Zelik:<br />
Kolumbien, a.a.O., S. 49).<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Campos Zornosa, Yezid: El Baile Rojo, a.a.O., S. 225-233.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Zelik, Raul: Die kolumbianischen Paramilit&#228;rs .„Regieren ohne<br />
Staat?“ oder terroristische Formen der Inneren Sicherheit. M&#252;nster: Westf&#228;lisches<br />
Dampfboot 2009, S. 235.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Sehr zu empfehlen ist die Dokumentation zum gleichnamigen Buch<br />
„El baile rojo“. Sie ist frei und mit englischen Untertiteln unter folgendem<br />
Link verf&#252;gbar: http://video.google.com/videoplay?docid=89813048680<br />
98159223#docid=3833186377925394599<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Zelik, Raul: Paramilit&#228;rs, a.a.O., S. 30.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Diese Form der Kooperation zwischen staatlichen und parastaatlichen<br />
Akteuren hat in Kolumbien eine weit zur&#252;ckreichende Tradition in der<br />
bereits erw&#228;hnten la violencia, zu deren Zeiten Pr&#228;sident Laureano Gómez<br />
die sogenannten pájaros systematisch aufbaute. Bereits hier zeigte<br />
sich die Funktionalit&#228;t dieser Kooperation, indem diese gemeinsam unliebsame<br />
GegenspielerInnen aus dem Weg r&#228;umten oder auch ganze D&#246;rfer<br />
niedermetzelten, in denen der Stimmenanteil oppositioneller Parteien<br />
besonders hoch war.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Zelik: Kolumbien, a.a.O., S. 78.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Zelik: Paramilit&#228;rs, a.a.O., S. 93ff.<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> CONVIVIR ist der Eigenname der Kooperative, das Verb selber bedeutet<br />
aber zynischerweise „zusammenleben“.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Zelik: Paramilit&#228;rs, a.a.O., S.116.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Isacson, Adam/ Poe, Abigail: After Plan Colombia. Evaluating “Integrated<br />
Action”, the next phase of US. Assistance, in: International Policy<br />
Report, Center of International Policy 2009.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> CODHES Informa: Salto estratégico o salto al vacío? Boletín informative de la Consultoría para los Derechos Humanos y el Desplazamiento,<br />
No. 76, Bogotá 2010, S. 1-43.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Zelik: Paramilit&#228;rs, a.a.O., S. 121f.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Zelik: Paramilit&#228;rs, a.a.O., S. 114f.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Rodríguez-Garavito, César: Colombia. The New Left: Origins, Trajectory and Prospects, in: Barrett, Patrick/ Chavez, Daniel/ Rodríguez-Garavito, César: The New Latin American Left. Utopia Reborn. London: Pluto Press 2008, S. 133ff.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Barrett, Patrick/ Chavez, Daniel/ Rodríguez-Garavito, César: Utopia reborn? Introduction to the study of the new Latin American left, in: dies.: The New Latin American Left. Utopia Reborn. London: Pluto Press 2008, S. 16f.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Rodríguez-Garavito, César: Colombia, a.a.O., S. 129ff.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Ling, Martin: Die soziale Ungerechtigkeit ist das Grund&#252;bel, in: Lateinamerika<br />
Nachrichten, Nr. 394 (2007), unter: http://www.lateinamerikanachrichten.de/index.php?/artikel/1097.html<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Das liegt insbesondere daran, dass in den 1980er und 1990er Jahren linke Pr&#228;sidentschaftskandidaten vor den Wahlen umgebracht wurden, z.B.: Luis Carlos Galán, der vor seiner Ermordung als Favorit f&#252;r das Pr&#228;sidentInnenamt gehandelt wurde und innerhalb der kolumbianischen Bev&#246;lkerung hohe Popularit&#228;tswerte zu verzeichnen hatte.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Barrett, Patrick/ Chavez, Daniel/ Rodríguez-Garavito, César: Utopia reborn?, a.a.O., S.16f.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Rodríguez-Garavito, César: Colombia, a.a.O., S. 140ff.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Alke, Jenss: Das kolumbianische Linksb&#252;ndnis Alternativer Demokratischer Pol erlebt eine Zerrei&#223;probe, in: Lateinamerika Nachrichten, Nr. 426 (2009), unter: http://www.lateinamerikanachrichten.de/index.php?/artikel/3733.html<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Zelik, Raul: Gewerkschaftssterben in Kolumbien, labournet.de (2003), unter: http://www.labournet.de/internationales/co/zelik.html<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Henkel, Knut: Regierungen und Investoren wissen Bescheid, in: Jungle World Nr. 21 (2009), unter: http://jungle-world.com/artikel/2009/21/34879.html<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Neuber, Harald: Alle drei Tage ein politischer Mord, in: Portal Amerika21.de (2009), unter: http://amerika21.de/nachrichten/inhalt/2009/okt/vecino-926373-interview<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Zelik: Gewerkschaftssterben in Kolumbien, a.a.O.<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Rodríguez-Garavito, César: Colombia, a.a.O., S.136f.<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Zelik, Raul: Mit, im und gegen den Staat. Kooperativen im Grenzgebiet von Kolumbien und Venezuela, 2004, unter: http://www.raulzelik.net/textarchiv/kolumbien/kooperativen.htm<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Delegation Kolumbien: Congreso de los Pueblos und die Minga des Widerstandes, 2010, unter: http://kolumbien.blogsport.de/2010/09/07/congreso-de-los-pueblos-und-minga-des-widerstands/<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Colectivo de abogados José Alvear Restrepo, 2008, unter: http://www.colectivodeabogados.org/CHIQUITA-BOARD-MEMBERS-TOTAL<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Ortiz Sarmiento, Carlos Miguel: Urabá. Pulsiones de vida y desafíos de muerte. Medellín: La Carreta Editores 2007, S. 69f.<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Botero, Fernando: Urabá: colonización, violencia y crisis del Estado, Medellín: Universidad de Antioquia 1990.<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Zelik: Paramilit&#228;rs, a.a.O., S. 188-192.<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Comisión Colombiana de Juristas: Colombia: La metáfora del desmantelamiento de los grupos paramilitares. Bogotá: Opciones Gráficas Editores 2010, S.156f.<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Zu den genaueren Verbindungen der Familie Uribe und den Paramilit&#228;rs sowie Drogenkartellen vgl. Zelik: Paramilit&#228;rs, a.a.O., S. 127-133.<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Die Informationen &#252;ber die Friedensgemeinde beruhen auf pers&#246;nlichen Gespr&#228;chen mit den BewohnerInnen aus dem Jahr 2010.<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Reis, Bettina: Ein superm&#228;chtiger Pr&#228;sident. Kolumbien: Von 2010 bis 2014 will Juan Manuel Santos als „Pr&#228;sident der nationalen Einheit“<br />
regieren, in: Quito ila 337 Juli / August 2010.</p>
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		<title>Rosinenpicken</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Dec 2010 08:00:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
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		<category><![CDATA[ArbeiterInnenbewegung]]></category>
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		<description><![CDATA[Zun&#228;chst eine Rundum-Empfehlung. Das MERIP (Middle East Research and Information Project) gibt unter dem Namen MER (Middle East Report) ein ausgezeichnetes, viertelj&#228;hrlich erscheinendes Magazin mit kritischen und informierten Beitr&#228;gen zum Nahen und Mittleren Osten heraus. Der Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe liegt auf den j&#252;ngsten Entwicklungen im Osten Afrikas und dem Roten Meer. Besonders lesenswert: George Trumbell besch&#228;ftigt sich mit der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zun&#228;chst eine Rundum-Empfehlung. Das <em>MERIP</em> <em>(Middle East Research and Information Project)</em> gibt unter dem Namen <em>MER (Middle East Report)</em> ein ausgezeichnetes, viertelj&#228;hrlich erscheinendes Magazin mit kritischen und informierten Beitr&#228;gen zum Nahen und Mittleren Osten heraus. Der Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe liegt auf den j&#252;ngsten Entwicklungen im Osten Afrikas und dem Roten Meer. Besonders lesenswert: <em>George Trumbell</em> besch&#228;ftigt sich mit der Frage, ob der „failed state“ Somalia Ursache f&#252;r das Wiedererstarken der Piraterie zwischen Jemen und dem Horn von Afrika ist, oder ob nicht eher das Konzept des „failed state“ selbst ein Problem darstellt. <em>Chris Toensing</em> und <em>Amanda Ufheil-Somer</em>s analysieren den Nord-S&#252;d-Konflikt im Sudan, der in den n&#228;chsten Jahren zu einer Abspaltung des S&#252;dens f&#252;hren k&#246;nnte. Die Rolle Chinas in Afrika und dem Mittleren Osten sowie die potentiellen imperialen Konflikte, die sich hieraus ergeben k&#246;nnten, untersucht <em>Philip McCrum</em>. Und <em>Mona El-Ghobashy</em> analysiert in ihrem Artikel The Dynamics of Egypt’s Elections die Bedeutung von Wahlen in einem Land, in dem es oft so scheint, als best&#252;nde deren Funktion nur darin, dem Regime das M&#228;ntelchen der Legitimit&#228;t umzuh&#228;ngen. Aber selbst im &#196;gypten Mubaraks k&#246;nnen sich Risse im Gef&#252;ge der Macht ergeben und ein scheinbar &#252;berm&#228;chtiger Staat herausgefordert werden. So nutzt derzeit nicht nur das Regime den Wahlkampf, um W&#228;hlerInnen zu mobilisieren, sondern auch die Opposition. Nicht zu vergessen ist dar&#252;ber hinaus, dass sp&#228;testens seit der Streikbewegung 2007 mit sozialen Bewegungen als unberechenbarem Faktor gerechnet werden muss. Leider ist nur ein Teil der Artikel derzeit im Internet verf&#252;gbar. Dar&#252;ber hinweg tr&#246;stet aber ein regelm&#228;&#223;iger Blick auf die Homepage von <em>MERIP</em>, auf der immer wieder Artikel zu aktuellen Fragen und Herausforderung im Nahen und Mittleren Osten publiziert werden.</p>
<p>Die politische Dynamik in Lateinamerika wurde in den letzten Ausgaben von <em>Perspektiven </em>str&#228;flich vernachl&#228;ssigt. Wir geloben Besserung und verweisen in der Zwischenzeit auf das Interview mit <em>Adolfo Gilly</em> in <em>New Left Review</em> 64. Der 82-j&#228;hrige Historiker der mexikanischen Revolution l&#228;sst hier seine Erfahrungen als Revolution&#228;r in Lateinamerika Revue passieren. Auf die spezifische politische Situation der einzelnen L&#228;nder wird ebenso eingegangen wie auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der dort k&#228;mpfenden linken Gruppierungen. Eine Einsch&#228;tzung der Situation in Venezuela bietet <em>Mike Gonzales</em> in der ersten Ausgabe des neuen Magazins <em>Red Words</em> aus Irland. Er benennt pr&#228;zise die Widerspr&#252;chlichkeit der Verh&#228;ltnisse, die sich in der Figur Hugo Chávez’ verdichten, – auch wenn die j&#252;ngsten Wahlergebnisse in der bereits im April erschienenen Analyse nicht ber&#252;cksichtigt werden konnten.</p>
<p>Der Groucho unter den MarxistInnen, <em>Slavoj Žižek</em>, nimmt die Debatte um die „Euro-Krise“ zum Anlass, um den vergesslicheren unter den Linken eine eigentlich schon l&#228;nger gewonnene Erkenntnis ins Ged&#228;chtnis zu rufen: Dass der b&#252;rgerliche Rechtsstaat und seine liberalen Institutionen nicht das Terrain sind, auf dem wir um wahre Freiheit k&#228;mpfen k&#246;nnen. Vielmehr m&#252;ssen die vermeintlich unpolitischen Verh&#228;ltnisse der Produktion, des Marktes und der Familie umgesto&#223;en werden. Nebenbei bringt er eine der zentralen Herausforderungen f&#252;r linke Argumente im Angesicht der globalen Wirtschaftskrise auf den Punkt: Man muss <em>gleichzeitig </em>darauf bestehen, dass die Krise nichts „nat&#252;rliches“ ist, sondern Ergebnis einer Abfolge von politischen Entscheidungen – <em>und </em>anerkennen, dass unter kapitalistischen Verh&#228;ltnissen „die Wirtschaft“ tats&#228;chlich pseudonat&#252;rlichen Gesetzm&#228;&#223;igkeiten unterworfen ist, die immer wieder und notwendigerweise Krisen hervorrufen. Ein <em>Žižek </em>in Hochform jedenfalls, der die Kunst beherrscht, auf wenigen Seiten eine Vielzahl von Argumenten und Thesen unterzubringen – manche &#252;berzeugend, manche weniger, alle zum Denken anregend. Ebenfalls in <em>New Left Review</em> 64 erschienen.</p>
<p>In Perspektiven Nr.11 thematisierten <em>Julia Hofmann</em> und <em>Florian Reiter</em> in ihrem Artikel <em>Wiens Salzamt: Neoliberalismus und der Fonds Soziales Wien</em> die Auswirkungen einer neoliberalisierten Sozialpolitik auf die Arbeit im Sozialbereich. Wer sich n&#228;her f&#252;r die Urspr&#252;nge und Folgen dieser von der EU vorangetriebenen Politik interessiert, findet hierzu im neuen Kurswechsel zahlreiche Beitr&#228;ge. Unter dem Titel <em>EU-Armutspolitik und ihre Relevanz f&#252;r &#214;sterreich</em> stehen unter anderem der Weg hin zu einer europ&#228;ischen Armuts- und Sozialpolitik sowie ihre Implementierung in &#214;sterreich im Zentrum.</p>
<p>Marxistische Wirtschaftstheorien standen in den Jahren des Nachkriegsbooms vor dem Problem, einen lang andauernden, relativ stabilen Wirtschaftsaufschwung gegen&#252;ber der behaupteten Instabilit&#228;t erkl&#228;ren zu m&#252;ssen. Die <em>Theorie der permanenten R&#252;stungswirtschaft</em> war ein in den 1960er Jahren entwickelter Zugang, der aus marxistischer Perspektive zugleich die Grundlagen des Aufschwungs erkl&#228;rte als auch dessen zeitlich begrenzte Wirksamkeit aufzeigte. <em>Gonzalo Pozo</em> zeichnet in der j&#252;ngsten Ausgabe des <em>International Socialism Journal</em> die theoretische Entwicklung und die Probleme dieses Erkl&#228;rungsansatzes kritisch nach und versucht, dessen Relevanz f&#252;r heute aufzuzeigen.<br />
In der gleichen Ausgabe findet sich neben einem bemerkenswerten Nachruf auf den im Januar diesen Jahres verstorbenen<em> Daniel Bensaïd</em> von <em>Sebastian Budgen</em> ein Artikel von <em>John Newsinger</em>, der sich den Klassenk&#228;mpfen in den USA im Jahr der Sitzstreiks 1937 widmet. Er beschreibt dessen Auswirkungen auf gewerkschaftliche Organisierungsformen und auf die Kommunistische Partei in der Zeit des <em>New Deals</em>. Wer die in Perspektiven Nr. 6 beschriebenen K&#228;mpfe der <em>Industrial Workers of the World</em> spannend fand, wird auch dieses Kapitel der Geschichte der amerikanischen ArbeiterInnenbewegung gerne nachlesen.</p>
<p>Zu guter letzt sei auf das September-Heft der <em>Kulturrisse </em>verwiesen, in dem &#252;ber das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) debattiert wird. Und das teils im wahrsten Sinne des Wortes: die Transkription einer Podiumsdiskussion mit <em>Milena Bister</em> (Agru Grundeinkommen), <em>Margit Appelt</em> (Katholische Sozialakademie), <em>Melina Klaus</em> (KP&#214;) und <em>Markus Koza</em> (AUGE-UG) zu <em>Potenzialen und Fallstricken der BGE-Forderung</em> l&#228;sst die F&#252;rs und Widers nachvollziehbar aufeinander prallen. Die besten Argumente f&#252;r das Grundeinkommen liefert aber <em>K&#228;the Knittler</em>, die in ihrem Artikel die Sprengkraft einer Forderung, in der die Trennung von bezahlter und nicht bezahlter Arbeit radikal in Frage gestellt wird, aus feministischer Perspektive deutlich macht, ohne das BGE gegen andere sinnvolle und notwendige Forderungen – etwa nach Mindestlohn und Arbeitszeitverk&#252;rzung – auszuspielen.</p>
<p><strong>Zum Nachlesen:</strong><br />
Bister, Milena/Appelt, Margit/Klaus, Melina/Koza, Markus: Mit dem Grundeinkommen gegen die Prekarit&#228;t?, in: Kulturrisse Nr. 3 (2010), S.20–25</p>
<p>Budgen, Sebastian: The Red Hussar. Daniel Bensaïd, 1946–2010, in: International Socialism Journal, Nr. 127 (Summer 2010), unter: <a href="http://www.isj.org.uk/index.php4?id=661&#038;issue=127">http://www.isj.org.uk/index.php4?id=661&#038;issue=127</a></p>
<p>East Report online, 29.09.2010, unter: <a href="http://www.merip.org/mero/mero092910.html">http://www.merip.org/mero/mero092910.html</a></p>
<p>Gilly, Adolfo (Interview): What Exists Cannot Be True, in: New Left Review, Nr. 64 (July/August 2010), S. 29–45</p>
<p>Gonzales, Mike: Venezuela: The State of the Revolution, in: Red Words. Irish Socialist Journal, Nr. 1 (May 2010), <a href="http://redwords.org/2010/05/07/redwords-issue-one/">http://redwords.org/2010/05/07/redwords-issue-one/</a></p>
<p>Knittler, K&#228;the: Was w&#228;re wenn&#8230; Das bedingungslose Grundeinkommen und die Arbeit, in: Kulturrisse Nr. 3 (2010), S.12–15</p>
<p>Kurswechsel Nr. 3 (2010): EU-Armutspolitik und ihre Relevanz f&#252;r &#214;sterreich</p>
<p>McCrum, Philip: China and the Arabian Sea, in: Middle East Report, Nr. 256 (Fall 2010)</p>
<p>Middle East Research and Information Project (MERIP), unter: <a href="http://www.merip.org/mer/mer256/mer256.html">http://www.merip.org/mer/mer256/mer256.html</a></p>
<p>Newsinger, John: 1937: the year of the sitdown, in: International Socialism<br />
Journal, Nr. 127 (Summer 2010), unter: <a href="http://isj.org.uk/index.php4?id=659&#038;issue=127">http://isj.org.uk/index.php4?id=659&#038;issue=127</a></p>
<p>Pozo, Gonzalo: Reassessing the permanent arms economy, in: International Socialism Journal, Nr. 127 (Summer 2010), unter: <a href="http://www.isj.org.uk/index.php4?id=660&#038;issue=127">http://www.isj.org.uk/index.php4?id=660&#038;issue=127</a></p>
<p>Toensing, Chris/Ufheil-Somers, Amanda: Scenarios of Southern Sudanese Secession, Middle East Report, Nr. 256 (Fall 2010)</p>
<p>Trumbell, George: On Piracy and the Afterlives of Failed States, in: Middle East Report, Nr. 256 (Fall 2010), unter: <a href="http://www.merip.org/mer/mer256/trumbull.html">http://www.merip.org/mer/mer256/trumbull.html</a></p>
<p>Žižek, Slavoj: A permanent economic emergency, in: New Left Review, Nr. 64 (July/August 2010), S.85–95</p>
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		<title>Out Now: Perspektiven Nr.12</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Oct 2010 18:53:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Perspektiven Nr.12 ist erschienen – Schwerpunkt: &#8220;Autorit&#228;re Antworten auf die Krise&#8221;


Der Inhalt in Kurzform:
Im Schwerpunkt:
Nicolas Schlitz und Felix Wiegand: Die FP&#214;. Nutznie&#223;erin der Krise? – Bonn Juego und Johannes Dragsbaek Schmidt: Die globale Krise und der Angriff auf die Demokratie – Interview zur Situation in Osteuropa: Im Osten nichts Neues – Hanna Lichtenberger, Veronika Duma und Tobias Boos: Hinter dem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><em>Perspektiven</em> Nr.12 ist erschienen – Schwerpunkt: &#8220;Autorit&#228;re Antworten auf die Krise&#8221;</h3>
<p><span id="more-1627"></span><br />
<a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2010/10/p12end.jpg"><img class="aligncenter size-medium wp-image-1617" title="p12end" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2010/10/p12end-211x300.jpg" alt="" width="211" height="300" /></a><br />
<strong>Der Inhalt in Kurzform</strong>:</p>
<p>Im Schwerpunkt:<br />
<a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/10/15/die-fpoe-nutzniesserin-der-krise/">Nicolas Schlitz und Felix Wiegand: Die FP&#214;. Nutznie&#223;erin der Krise?</a> – Bonn Juego und Johannes Dragsbaek Schmidt: Die globale Krise und der Angriff auf die Demokratie – Interview zur Situation in Osteuropa: Im Osten nichts Neues – Hanna Lichtenberger, Veronika Duma und Tobias Boos: Hinter dem Faschismus steht…?</p>
<p>Au&#223;erhalb des Schwerpunkts:<br />
Peter Hallward: Haiti. Von der Flut zum Beben – Paul Pop: Zehn Filme, die man vor der Revolution gesehen haben muss – Philipp Probst: Vom Aufstieg und Fall der Profitrate – Rezensionen und Rosinenpicken</p>
<p>Jetzt <a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/10/15/editorial-10/">Editorial</a> lesen! <a href="http://www.perspektiven-online.at/ausgaben/perspektiven-nr-12/">Perspektiven Nr. 12</a> bestellen! <a href="http://www.perspektiven-online.at/abo/">Abo </a>holen!</p>
<p>Wir w&#252;nschen interessante Lekt&#252;re, W&#252;nsche, Anregungen und Kritik sind wie immer herzlich willkommen und ausdr&#252;cklich erw&#252;nscht, am einfachsten per Mail an <a href="redaktion@perspektiven-online.at">redaktion@perspektiven-online.a</a>t !</p>
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		<item>
		<title>„Sie schlafen nie“</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/01/20/sie-schlafen-nie/</link>
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		<pubDate>Wed, 20 Jan 2010 17:29:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Lateinamerika]]></category>

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		<description><![CDATA[Informelle Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse sind weltweit auf dem Vormarsch. Was dies f&#252;r die Situation von Frauen in den L&#228;ndern des globalen S&#252;dens bedeutet, fragten Katherina Kinzel und Felix Wiegand im Interview mit Petra Steiner von der Frauensolidarit&#228;t. Sie beschreibt die Arbeitsbedingungen, K&#228;mpfe und Organisationsformen von Frauen in den exportorientierten Produktionsst&#228;tten, spricht &#252;ber Heimarbeit und dar&#252;ber, warum das internationale Arbeitsrecht hier nur ungen&#252;gend greift.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Informelle Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse sind weltweit auf dem Vormarsch. Was dies f&#252;r die Situation von Frauen in den L&#228;ndern des globalen S&#252;dens bedeutet, fragten Katherina Kinzel und <em>Felix Wiegand</em> im Interview mit <em>Petra Steiner</em> von der <em>Frauensolidarit&#228;t</em>. Sie beschreibt die Arbeitsbedingungen, K&#228;mpfe und Organisationsformen von Frauen in den exportorientierten Produktionsst&#228;tten, spricht &#252;ber Heimarbeit und dar&#252;ber, warum das internationale Arbeitsrecht hier nur ungen&#252;gend greift.<br />
<span id="more-664"></span><br />
<em>Die Maquiladoras-Industrien sind sicherlich das bekannteste Beispiel f&#252;r freie Exportzonen. Was kann man sich darunter denn &#252;berhaupt vorstellen und in welchem Kontext ist die Entstehung solcher Industriezonen zu verorten?</em></p>
<p>Grunds&#228;tzlich kennen wir dieses Ph&#228;nomen weltweit, in Afrika, Asien und Lateinamerika. Es werden dort vor allem Textilien, Schuhe, Spielzeug, Elektronikzulieferung, Batterien, und andere Konsumartikel hergestellt. Die Bestandteile werden zollfrei importiert und das fertige Produkt dann wieder exportiert. Dieses Ph&#228;nomen ist immer mit neoliberalen Globalisierungsbestrebungen und Freihandelsabkommen in Verbindung zu bringen. Die ersten Formen von sogenannten freien Exportzonen sind schon in den 1980er Jahren entstanden bzw. haben sie damals, zum Beispiel im Kontext der Schuldenkrise in den 1980ern in Lateinamerika begonnen, sich stark auszubreiten. Nach einer ersten Welle von Freihandelsabkommen und der Uruguay-Runde ist die WTO aber bald an ihre Grenzen gesto&#223;en, weil die negativen Auswirkungen der Freihandelsabkommen deutlich wurden. Bei der n&#228;chsten gr&#246;&#223;eren WTO Verhandlungsrunde, der sogenannten Doha Runde, zeigte sich das, die Verhandlungen stagnieren seit 2001. Deshalb geht der Trend jetzt von multilateralen Handelsabkommen weg und hin zu bilateralen. Das erleben wir auch gerade auf Ebene der europ&#228;ischen Kommission, mit der Entwicklung einer neuen EU-Au&#223;enhandelsstrategie, des so genannten „global europe“ seit 2006. Hier werden bilaterale Abkommen forciert.</p>
<p><em>Welche Interessen stehen denn hinter diesen Freihandelsabkommen?</em></p>
<p>In erster Linie sind es die Regierungen der L&#228;nder des Nordens in Verbindung mit transnationalen Konzernen, die dahinter stehen, bzw. deren Interessen da verfolgt werden. Sie wollen einen Abbau von tarif&#228;ren Barrieren, w&#228;hrend die L&#228;nder des S&#252;dens sich einen Abbau nicht-tarif&#228;rer Handelshemmnisse w&#252;nschen. Die Unternehmen profitieren nat&#252;rlich am meisten vom Abbau von Zollbeschr&#228;nkungen oder einer radikalen Senkung von Z&#246;llen. Das hat dann stark negative Auswirkungen auf die nationalen Wirtschaften des globalen S&#252;dens. Es gibt z.B. Zahlen zu Lateinamerika, wo eine Senkung der Z&#246;lle von 32% in den Jahren 1980-85 auf 14% in den Jahren 1991-95 stattfand, wodurch viele M&#246;glichkeiten f&#252;r staatliche Subventionen verloren gingen.</p>
<p>Kannst Du diese negativen Auswirkungen noch genauer ausf&#252;hren?</p>
<p>Dadurch, dass in diversen Brachen, in denen zuvor protektionistische Ma&#223;nahmen bestanden haben, eine &#214;ffnung f&#252;r ausl&#228;ndische Investitionen erzwungen wurde, wurden nationale, kleinere Produktionseinheiten vom Markt verdr&#228;ngt und es kam zu einem starken Verlust an formalen Arbeitspl&#228;tzen. Auch die Ern&#228;hrungssouver&#228;nit&#228;t wurde untergraben: gerade der Bereich der Landwirtschaft ist hier ein ganz wesentlicher. Durch subventionierte Billigstimporte k&#246;nnen regionale Produkte nicht mehr abgesetzt werde.<br />
In Bezug auf die Arbeitspl&#228;tze sind die Auswirkungen jedoch zweischneidig: einerseits kommt es zu den erw&#228;hnten Verlusten an formellen Arbeitspl&#228;tzen, andererseits gibt es einen Trend zur Zunahme informeller Besch&#228;ftigungsformen. Die Prekarisierungswellen, die wir aus den OECD-L&#228;ndern kennen, sind ein globales Ph&#228;nomen. Vor allem in den exportorientierten Industrien, den freien Exportzonen oder auch in den Maquiladoras, in denen &#252;berwiegend Frauen t&#228;tig sind, nehmen informelle Besch&#228;ftigungsformen zu.<br />
Dass dabei das nationale Recht unterwandert wird – z. B. wird der vorgesehene Mindestlohn in den freien Exportzonen in Mexiko nicht eingehalten – h&#228;ngt auch mit &#246;konomischer Liberalisierung und der &#214;ffnung der M&#228;rkte zusammen. Diese werden von Seiten der Weltbank und des IWF durchgesetzt. F&#252;r die betreffenden L&#228;nder besteht die Notwendigkeit, Kredite zu bekommen. Die Kreditvergabe ist aber an Liberalisierungsbedingungen gekn&#252;pft. Gleichzeitig haben die betreffenden Staaten bzw. Regionen mitunter selbst ein Interesse an der Entwicklung von Maquiladores-Industrien, die ja immer wieder als eine gute Besch&#228;ftigungsm&#246;glichkeit angepriesen wurden – vor allem f&#252;r Frauen.</p>
<p><em>Hat sich diese Hoffnung auf mehr Besch&#228;ftigungsm&#246;glichkeiten f&#252;r Frauen denn erf&#252;llt?</em></p>
<p>Es stimmt teilweise, dass die Frauenerwerbst&#228;tigkeit zugenommen hat, aber der pay-gap bei den Einkommen hat sich kein bisschen verringert, sondern ist im Gegenteil noch gr&#246;&#223;er geworden. Gleichzeitig muss man sich auch die Arbeitsbedingungen dieser Frauen ansehen. All diese Ph&#228;nomene, die wir in den freien Exportzonen beobachten k&#246;nnen, wie mangelnde Sicherheits- und Gesundheitsschutzbestimmungen und -Vorkehrungen, keinerlei soziale Absicherung, weder Mutterschutz noch Pensionsvorsorge noch Arbeitslosengelder, geringe oder ausbleibende Entlohnung kann man in den Kontext der „Feminisierung der Arbeit“ stellen. Hinzu kommen noch sexuelle &#220;bergriffe und geschlechtsspezifische Diskriminierung. Man muss sehen, dass in einem Bereich, in dem bestimme Rechte und Mindeststandards nicht gegeben sind, diese ohnehin vorhandene strukturelle Gewalt sehr oft zu einer individuell erlebten Gewalt wird.</p>
<p><em>Warum sind grade im informellen Bereich Frauen &#252;berproportional vertreten?</em></p>
<p>Einerseits machen sexistische und diskriminierende Einstellungspraxen es f&#252;r Frauen grunds&#228;tzlich schwierig, in formelle Arbeitsverh&#228;ltnisse hinein zu kommen. Andererseits ist die Nachfrage nach Frauen gerade in diesen arbeitsintensiven Exportindustrien stark, weil Frauen sehr oft in einer schw&#228;cheren Verhandlungsposition sind. Das hat wieder mit Geschlechterstereotypen und der Aufgaben- und Rollenverteilung im gesellschaftlichen Leben und im Pflege- und F&#252;rsorgebereich zu tun. So gibt es z. B. in den Maquilas in Mexiko viele allein erziehende Frauen, die dann nat&#252;rlich eine sehr schwache Verhandlungsmacht innehaben.</p>
<p><em>Kann man den Frauenanteil in den Exportzonen denn &#252;berhaupt beziffern?</em></p>
<p>In den freien Exportzonen und den Zulieferbetrieben gibt es auch noch viele M&#228;nner. Aber es ist wichtig zu sehen, dass es eine starke Entwicklung in Richtung Informalisierung gibt. Wenn wir &#252;ber die informelle Wirtschaft sprechen, dann zeigen die Zahlen, dass dort 60% Frauen besch&#228;ftigt sind.<br />
Dieser hohe Anteil kommt deshalb zustande, weil bestimmte produzierende T&#228;tigkeiten von den Zulieferfirmen als Heimarbeit in die Haushalte ausgelagert werden. Dass diese T&#228;tigkeiten vor allem von Frauen ausgef&#252;hrt werden, liegt unter anderem daran, dass diese die Hauptverantwortung im Haushalt tragen. Es gibt dann keine klare Trennung von Lohnarbeit und anderen, vermeintlich privaten Pflichten und Verantwortungen. Es scheint dann einfach zu sein, das gleich zu Hause machen zu k&#246;nnen. Zugleich geht es auch um informelle T&#228;tigkeiten im &#246;ffentlichen Raum: Stra&#223;enverk&#228;uferinnen, Stra&#223;enk&#246;chinnen, M&#252;llsammlerinnen, Schuhputzerinnen usw. Ein weiterer Faktor sind Sexarbeit und domestic workers.</p>
<p><em>Wie sieht denn die arbeitsrechtliche Situation der Heimarbeiterinnen aus?</em></p>
<p>Wenn Betriebe produzierende T&#228;tigkeiten aus den Zulieferbetrieben in Privathaushalte auslagern, kann es z. B. der Fall sein, dass es zwar formal einen Vertrag und einen gesetzlichen Mindestlohn gibt, dieser dann aber nicht gezahlt wird. Oft haben die Unternehmen eine doppelte Buchhaltung, eine schwarze Buchhaltung und eine offizielle, die pr&#228;sentiert wird, wenn sich das Unternehmen f&#252;r <em>Corporate Social Responsibility</em> (CSR) interessiert.<br />
Dass so etwas &#252;berhaupt m&#246;glich ist, hat aber auch mit dem Arbeitsrecht auf internationaler Ebene zu tun. Auf dem Feld der internationalen Beziehungen wird von einer Norm ausgegangen, die eine m&#228;nnliche Norm ist, und die historisch gesehen eigentlich als etwas a-typisches betrachtet werden muss. Der wei&#223;e Familienern&#228;hrer, der in einem so genannten Normalarbeitsverh&#228;ltnis angestellt ist, ist ein Nachkriegsph&#228;nomen Mitteleuropas, das viel mit dem Wirtschaftswachstum zu tun hat und nur m&#246;glich war, weil so viel unbezahlte Arbeit geleistet wurde, und das &#252;berwiegend von Frauen.<br />
Die Problematik dieser Norm sehen wir darin, dass die Bed&#252;rfnisse und Interessen, die von den Frauen in informellen Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnissen artikuliert werden, in den Kernarbeitsnormen gar nicht vorkommen. Diese gehen n&#228;mlich von formellen, transparenteren Angestelltenverh&#228;ltnissen oder Fabriks- und Unternehmensformen aus, die in dieserForm der Situation vieler erwerbst&#228;tiger Frauen weltweit nicht entsprechen. Informelle Arbeitsverh&#228;ltnisse sind oft durch Unsichtbarkeit, Isolation, Vereinzelung und die oben genannten strukturellen Formen von Diskriminierung bestimmt. Bei den Kernarbeitsnormen geht es um ein commitment, ein Bekenntnis, das Antidiskriminierung und Chancengleichheit beinhaltet. Was hier im Vordergrund steht, ist das Verbot von Zwangsarbeit und Kinderarbeit, das Recht, sich zu organisieren und Gewerkschaften zu gr&#252;nden, sowie das Recht auf Kollektivverhandlungen. Als Heimarbeiterin bin ich aber gar nicht in derart institutionalisierten und organisierten Arbeitsverh&#228;ltnissen. Ich bin vielleicht in ein soziales Netzwerk eingegliedert, aber das hei&#223;t noch lange nicht, dass ich die M&#246;glichkeit h&#228;tte, Tarifverhandlungen zu f&#252;hren. F&#252;r informelle Arbeitsverh&#228;ltnisse sind daher ein existenzsichernder Mindestlohn und soziale Standards zentral. Das Einkommen reicht oft einfach nicht aus, um sich selbst zu versichern.<br />
Wenn die Frauen unmittelbar befragt werden, wo ihre Bed&#252;rfnisse liegen, dann geht es da immer ganz stark um Schutz vor Gewalt, darum, dass sie in ihrer W&#252;rde respektiert werden wollen, aber auch um Schutz vor gesundheitlichen Sch&#228;den, &#220;bergriffen und Diskriminierungen, z.B. die erzwungenen Harntests zur &#220;berpr&#252;fung m&#246;glicher Schwangerschaften. Das ist ein ganz zentraler Punkt, wenn es um Arbeitsrechtsnormen geht: was sagen die betroffenen Frauen selbst, was ben&#246;tigen sie. Diese Dimension fehlt auf der internationalen rechtlichen Ebene. Das ist so &#228;hnlich wie bei der Menschenrechtsdiskussion, die ja immer wieder als eurozentristisch und male-orientated kritisiert wurde, bzw. wo bei FeministInnen eine gewisse Zur&#252;ckhaltung vorherrscht. In beiden F&#228;llen ist es so, dass die zugrundeliegenden, Frauen diskriminierenden Strukturen gar nicht beachtet werden.<br />
Diese blinden Flecken h&#228;ngen vielleicht auch ein bisschen damit zusammen, dass die Kernarbeitsnormen ein Kompromiss waren, so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner, in dem aber zentrale Aspekte fehlten.<br />
Seit den 1990er Jahren kann das Ph&#228;nomen von informeller Wirtschaft nicht mehr ignoriert werden. Auf die Zunahme informeller Arbeitsverh&#228;ltnisse wurde deshalb reagiert. So wird st&#228;rker versucht, die Rechte, die auch f&#252;r informelle Arbeitsverh&#228;ltnisse gefordert werden, in Form von Konventionen durchzusetzen.<br />
Eine Weiterentwicklung der Kernarbeitsnormen ist der „decent-work“-Ansatz, der versucht, auf genau diese Probleme einzugehen und darum z.B. einen existenzsichernden Mindestlohn und soziale Sicherungssysteme beinhaltet. Nat&#252;rlich hat auch das seine Grenzen, aber es ist f&#252;r Frauen, die als Haus- oder Heimarbeiterinnen t&#228;tig sind, sehr wichtig, dass es solche Konventionen gibt. Es wurde auch eine Konvention f&#252;r die Rechte von Heimarbeiterinnen verabschiedet. Das ist ein erster Schritt hin zur Anerkennung dieser Arbeit als mit formellen Besch&#228;ftigungsformen ebenb&#252;rtig.</p>
<p><em>Bedeutet der hohe Anteil erwerbst&#228;tiger Frauen eine Ver&#228;nderung der Geschlechterverh&#228;ltnisse vor Ort?</em></p>
<p>Nat&#252;rlich ver&#228;ndern sich die Rollenmuster, aber das sehe ich sehr ambivalent. Im Grunde bedeutet das f&#252;r Frauen eine Erweiterung der Hauptverantwortlichkeit f&#252;r Vieles im gesellschaftlichen und famili&#228;ren Leben auf den Bereich der Erwerbst&#228;tigkeit. Das kennen wir auch im Zusammenhang mit den Mikrokreditsystemen, wo die Frau die Rolle der Ern&#228;hrerin einnimmt – was sie zuvor ohnehin in den meisten F&#228;llen schon getan hat, allerdings eher im Bereich der Landwirtschaft und jetzt in gewerblicher Hinsicht. Das kann den Frauen auch mehr Respekt einbringen, aber im Grunde ist es eher mit erh&#246;hten Belastungen verbunden. Die Mikrokreditsysteme sind ja nur gem&#228;&#223; einer Marktlogik gedacht, weshalb sich ein hoher Druck auf die Frauen entwickelt, diese Kredite und die teilweise ganz sch&#246;n hohen Zinsen zur&#252;ckzuzahlen. Zwar versuchen die Frauen, Kooperativen zu bilden, um sich gegenseitig zu unterst&#252;tzen, aber de facto ist dieser Druck auf die Frauen da. Wenn dann gleichzeitig nichts getan wird, um Geschlechterrollen zu ver&#228;ndern und einen Bewusstseinswandel anzusto&#223;en, der auch die M&#228;nner einbindet, dann bleibt am Ende wieder alles auf den Frauen lasten. Ein Schritt hin zur Befreiung oder auch &#246;konomischen Entlastung von Frauen ist das also nur bedingt. Dar&#252;ber hinaus f&#252;hlen sich viele M&#228;nner in ihrer Rolle in Frage gestellt, und das f&#252;hrt auch zu einer Zunahme von Gewalt, nicht nur in Mexiko, sondern auch in Afrika.<br />
Zugleich denke ich aber, dass das Agieren in der Erwerbst&#228;tigkeit vielen Frauen auch viel Kraft f&#252;r den Arbeitskampf gibt. Ich frage mich dann, woher die Frauen eigentlich ihre Kraft noch hernehmen. Obwohl sie sowohl f&#252;r das Einkommen als auch f&#252;r die Versorgung der Familie verantwortlich sind, schaffen sie es noch, sich zusammenzutun, sich zu mobilisieren und einen politischen Kampf zu f&#252;hren. In erster Linie geht es dabei um das Self-empowerment der Frauen, darum, sich gegenseitig zu unterst&#252;tzen und eine st&#228;rkere Position zu gewinnen. Da gibt es weltweit unglaublich viele Beispiele.</p>
<p><em>Kannst Du uns einige solcher Beispiele nennen?</em></p>
<p>Gerade l&#228;uft in S&#252;dafrika eine von <em>StreetNet</em> organisierte Kampagne im Zusammenhang mit den Vorbereitungen zur Fu&#223;ball-Weltmeisterschaft. Das ist eine Kampagne, die lokal vor Ort agiert, aber auch versucht, international Aufmerksamkeit zu gewinnen und sich dabei auch an die OrganisatorInnen der WM wendet. Dort wird n&#228;mlich versucht, in Bereiche zu intervenieren, die f&#252;r viele Menschen &#252;berlebensnotwendig sind, z. B. sollen die Stra&#223;enh&#228;ndlerInnenzonen geschlossen und den H&#228;ndlerInnen der Zugang zu den &#246;ffentlichen Pl&#228;tzen, an denen dann die WM stattfindet, verweigert werden. Statt die lokale Bev&#246;lkerung einzubinden, werden die Bauauftr&#228;ge und das Gastronomieangebot international ausgeschrieben. Dagegen findet ganz viel Mobilisierung statt.<br />
In Indien ist eine der ber&#252;hmtesten Frauengewerkschaften t&#228;tig, die <em>SEWA </em>(self employed women association), die es seit vierzig Jahren gibt und in der Tausende von Frauen Mitglied sind. Es ist eine Mischform aus Kooperative und Gewerkschaft, die Ma&#223;nahmen zur Fortbildung f&#252;r Frauen in der Selbstst&#228;ndigkeit anbietet, aber auch kollektive Unterst&#252;tzungsformen bei Fragen von Versicherung, Altersversorgung und Kinderbetreuung organisiert. Au&#223;erdem wird durch Aufkl&#228;rung und Rechtsschulungen versucht, ein Bewusstsein f&#252;r die eigenen Rechte zu schaffen und so die Verhandlungssituation der Frauen zu st&#228;rken.<br />
Auch China ist momentan ein spannendes Feld, weil sich zivilgesellschaftlich im Grunde alles auf Hong Kong konzentriert und sonst im Hinblick auf zivilgesellschaftliche Kampagnen wenig m&#246;glich ist. Trotzdem gibt es auch da viele K&#228;mpfe, unter anderem von Wanderarbeiterinnen.<br />
Die K&#228;mpfe in den Maquiladoras-Industrien in Mexiko sind hier nat&#252;rlich auch zu nennen. Es gibt dazu einen interessanten Film, den wir im Mai diesen Jahres im Rahmen unseres <em>Female Labor Moves</em> Filmfestivals gezeigt haben und der auch im Dezember wieder im Schickaneder l&#228;uft: „Maquilapolis“. Das besondere an dem Film ist, dass die Maquialdoras-Arbeiterinnen vorab in der Handhabung von Technik und Equipment geschult wurden und dann selbst die Kamera in die Hand nahmen. Der Film begleitet die Frauen bei zwei erfolgreichen K&#228;mpfen: erstens geht es um eine Firma in der Elektronikbranche, die &#252;ber Nacht ihre Fabriken abgerissen und ein paar Orte weiter wiederaufgebaut hat, um so um die ausstehenden L&#246;hne und Abfindungen herumzukommen. Zusammen mit einem Anwalt hat eine Gruppe von Frauen die Firma verklagt, vor Gericht gewonnen und im Nachhinein ihre Abfertigungen ausgezahlt bekommen. Der andere Kampf richtete sich gegen die verbreitete Praxis internationaler Konzerne, ihre Industrieabf&#228;lle direkt in den Fluss zu kippen. Zus&#228;tzlich zu den gesundheitssch&#228;digenden Produktionsbedingungen in den Maquiladoras haben die Frauen so auch noch unter der Verschmutzung ihres n&#228;chsten Umfelds zu leiden. Auch hier waren die Frauen erfolgreich. Das sind dann auch die Frauen, bei denen ich den Eindruck hatte, sie schlafen nie.</p>
<p><em>In was f&#252;r einem Verh&#228;ltnis stehen diese Formen der (Selbst-)Organisation von Frauen zu den bestehenden Gewerkschaften?</em></p>
<p>Das Ideal w&#228;re nat&#252;rlich, dass Frauenorganisationen und Gewerkschaften zusammenarbeiten. Aber es ist f&#252;r viele Frauen schwer, in die bestehenden Gewerkschaften hinein zu kommen, sich mit ihren Anliegen Geh&#246;r zu verschaffen. Gewerkschaften sind da teilweise sehr immobil oder langsam in ihren Ver&#228;nderungsprozessen. Deshalb entscheiden sich viele Frauen daf&#252;r, selbst eine Organisation zu gr&#252;nden, damit gesichert ist, dass ihre Anliegen im Mittelpunkt stehen. Die Gr&#252;ndung von eigenen Frauengewerkschaften ist wahrscheinlich ein internationales Ph&#228;nomen.</p>
<p><em>Was tut sich denn auf Ebene der offiziellen internationalen Politik?</em></p>
<p>Insgesamt sind die Ans&#228;tze zur Verbesserung der Situation informell besch&#228;ftigter Frauen sehr unterschiedlich. Auf Seiten der europ&#228;ischen Kommission gibt es Bestrebungen, einen so genannten „social clause“ in Handelsabkommen aufzunehmen. Die so genannten Schwellen- und Entwicklungsl&#228;nder sind aber zu einem Gro&#223;teil dagegen. Sie argumentieren, dies sei nur eine neue Form von &#246;konomischem Protektionismus, um ihnen den Zugang zu M&#228;rkten zu verwehren. F&#252;r sie sollten soziale Rechte nicht Teil eines Handelsvertrages sein, sondern auf einer anderen Ebene verhandelt werden.<br />
Dar&#252;ber hinaus muss man feststellen, dass Konventionen nat&#252;rlich nur bedingt verbindlich sind. Die unterzeichnenden L&#228;nder sind zwar angehalten, die Bestimmungen in nationales Recht aufzunehmen und entsprechend umzusetzen, aber das passiert sehr oft nicht.<br />
Auf einer anderen Ebene setzt CSR an, das sich an die Privatunternehmen direkt wendet. CSR ist eine Selbstverpflichtung von Unternehmen, die dann oft in Marketingabteilungen angesiedelt ist.<br />
Was bei alledem fehlt, ist die Verbindlichkeit sowie marktkontrollierende Ma&#223;nahmen. Deshalb bef&#252;rworten viele soziale Klauseln im Handelsabkommen, weil diese die M&#246;glichkeit bieten, Sanktionen zu erlassen. Aber auch Sanktionen greifen nicht immer: Wir haben ein Kapital, das sich st&#228;ndig bewegt und im Fall von Sanktionen k&#246;nnen die Unternehmen einfach ganz schnell abwandern. Auf EU-Ebene lie&#223;e sich da schon mehr machen.</p>
<p><em>Beinhalten Konventionen, Abkommen oder z. B. die „decent work“-Agenda auch explizit geschlechtsspezifische Fragen, wie sexuelle Diskriminierung oder sexuelle &#220;bergriffe?</em></p>
<p>Nein, das ist ein ziemliches Manko. Plattformen wie z.B. <em>WIDE</em> (women in developement europe), die teilweise auch an Verhandlungen teilnehmen, versuchen diese Leerstellen aufzuzeigen. Dass diese geschlechtsspezifischen Probleme ausgeblendet werden, h&#228;ngt auch stark damit zusammen, dass internationale Gewerkschaften sowie die Agencies der UN auf der F&#252;hrungsebene male-dominated sind, wodurch gender-sensible Wahrnehmungen untergehen.</p>
<p><em>Wie sch&#228;tzt Du „Corporate Social Responsibility“ als Strategie zur Verbesserung der Situation der Frauen ein?</em></p>
<p>Einerseits ist der Wunsch von Seiten der KonsumentInnen, m&#246;glichst „saubere“ Kleidung, „decent“ produzierte Schuhe zu tragen, absolut verst&#228;ndlich. In einem gewissen Ma&#223; gibt es auch „consumers power“. Die codes of conduct sind f&#252;r Konsumentinnen im Moment aber ziemlich schwer zu durchschauen, weil es so viele verschiedene codes gibt. Sehr viele Unternehmen erstellen sich ihre Codes auch selbst. Es gibt zwar die Fair Wear Foundation, die versucht das ein bisschen zu kontrollieren, aber das ist eine kleine Organisation, die gar nicht die notwendigen Ressourcen hat, um alle notwendigen Kontrollen vorzunehmen. Und dann kontrollieren sich die Unternehmen auch noch selbst.<br />
Man kann sich au&#223;erdem nur bei ganz wenigen Produkten sicher sein, dass wirklich die gesamte Produktionskette umfasst wird. Bei vielen Textilien geht es darum, wie die Baumwolle hergestellt wurde, aber die Verarbeitung und der damit verbundene Produktionsprozess ist nicht inkludiert.<br />
Auch dort, wo CSR ernst gemeint ist, bleibt dieser Ansatz zweischneidig. Um das ernsthaft umzusetzen, m&#252;sste man in Wirklichkeit die Produktion grundlegend umstellen. Es m&#252;sste langsamer produzieren werden. Das geht nat&#252;rlich nicht, wenn der ganze Produktionsprozess „just in time“ abl&#228;uft und im Internet der billigste Zuliefererbetrieb den Auftrag erh&#228;lt.</p>
<p><em>Wie sieht eure konkrete Arbeit bei der Frauensolidarit&#228;t aus?</em></p>
<p>F&#252;r mich pers&#246;nlich ist es zun&#228;chst einmal wichtig, sichtbar zu machen, was f&#252;r K&#228;mpfe und Forderungen von Frauen &#252;berhaupt gef&#252;hrt und gestellt werden. Frauen leben und arbeiten in sehr unterschiedlichen Verh&#228;ltnissen weltweit und sie stellen keine homogene Gruppe dar. Das wichtigste ist, diesen verschiedenen Gruppen von Frauen eine Stimme zu verleihen. Prim&#228;r sieht die Frauensolidarit&#228;t ihre Aufgabe in Bewussteins- und Informationsarbeit. Die Aktivistinnen sollen dabei m&#246;glichst selbst unmittelbar eingebunden werden. Wenn wir z. B. Veranstaltung organisieren, dann laden wir Aktivistinnen ein, die selbst &#252;ber ihre T&#228;tigkeiten berichten k&#246;nnen. Jetzt gerade arbeiten wir an einem Projekt das die „decent-work“-Agenda zum Inhalt hat und in dem es um die informelle Arbeit von Frauen geht. Wir haben einen Kalender produziert, den wir im Oktober (s. Ank&#252;ndigung) vorstellen werden. Damit wollen wir bekannt machen, welche Frauenorganisationen es gibt und ihnen die M&#246;glichkeit geben, sich selbst zu pr&#228;sentieren. Wir haben auch die M&#246;glichkeit, deren Positionen und Anliegen in unseren Netzwerken oder da, wo politisches Lobbying m&#246;glich ist, zu bef&#246;rdern. Und dann ist es nat&#252;rlich auch wichtig, pr&#228;sent zu sein, wenn hier etwas auf der Stra&#223;e passiert.</p>
<p><em>Prekarisierung und Informalisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen sind globale Ph&#228;nomene, die nicht nur Frauen im globalen S&#252;den betreffen – auch wenn sie hier nat&#252;rlich unter ganz anderen Vorzeichen stattfinden. Siehst Du darin neue M&#246;glichkeiten der Solidarisierung?</em></p>
<p>Ich denke schon. Ich glaube, dass fr&#252;here Zentrum-Peripherie-Ans&#228;tze, wenn sie &#252;berhaupt je G&#252;ltigkeit gehabt haben, schon lange unangemessen sind. Die sozialen Kl&#252;fte und Auseinandersetzungen, Armut und mangelnde Chancengleichheit gibt es hier wie dort. Dieser Umstand hat etwas verbindendes, Solidarit&#228;t wird mitunter einfacher. Wir sind auch hier wieder an einem Punkt, wo wir wieder anfangen m&#252;ssen zu k&#228;mpfen. Die Frage ist wohin und wof&#252;r.<br />
Manche Frauen sehen ihr Ziel auch gar nicht im Erreichen einer formellen T&#228;tigkeit. Wir m&#252;ssen erkennen, dass die weltweite Entwicklung hin zu informellen Besch&#228;ftigungsformen weiter voranschreitet und dass fr&#252;here L&#246;sungen einfach nicht mehr funktionieren. Wir m&#252;ssen eher f&#252;r diese neuen Besch&#228;ftigungsformen genauso rechtliche Absicherung fordern wie f&#252;r das, was ehemals als normal betrachtet wurde.</p>
<p><em>Petra Steiner</em> ist Bildungsreferentin des Vereins <em>Frauensolidarit&#228;t </em>und war u.a. an der Organisation des Filmfestivals<em> Female Labour Moves </em>beteiligt.</p>
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		<title>Revolutionen aus dem Off</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Jan 2010 17:09:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Entkolonialisierung und die damit verbundene Dezentrierung des Westens hinterlie&#223; auch im Kino der damaligen „Dritte-Welt-L&#228;nder“ ihre Spuren. Nikolaus Perneczky zeichnet ein vielf&#228;ltiges Bild des „Dritten Kinos“, seiner politischen &#196;sthetik und seiner Produktionsbedingungen von den 1960er Jahren bis heute.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Entkolonialisierung und die damit verbundene Dezentrierung des Westens hinterlie&#223; auch im Kino der damaligen „Dritte-Welt-L&#228;nder“ ihre Spuren. <em>Nikolaus Perneczky</em> zeichnet ein vielf&#228;ltiges Bild des „Dritten Kinos“, seiner politischen &#196;sthetik und seiner Produktionsbedingungen von den 1960er Jahren bis heute.<br />
<span id="more-661"></span><br />
In den langen 60er Jahren<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> des 20. Jahrhunderts unterlag das Verh&#228;ltnis des euroamerikanischen Raums zur damaligen Dritten Welt einem fundamentalen Wandel. Die Emanzipation der ehemaligen Kolonien machte sich in geopolitischen Umw&#228;lzungen ungekannten Ausma&#223;es bemerkbar. Anstatt sich mit der formalen Unabh&#228;ngigkeit abspeisen zu lassen, dr&#228;ngten die dabei entstandenen neuen Nationalstaaten auch auf wirtschaftliche und kulturelle Autonomie. Vor diesem Hintergrund fiel es den europ&#228;ischen Gesellschaften mit einem Mal schwer, sich weiterhin als Ausgangs- und Mittelpunkt des Weltgef&#252;ges zu begreifen. In einer radikalen Wendung beschreibt Jean-Paul Sartre diese Entwicklung als regelrechte Umkehrung der herrschenden Verh&#228;ltnisse. In seinem Vorwort zur franz&#246;sischen Erstausgabe von Frantz Fanons <em>Die Verdammten dieser Erde</em> von 1961 schreibt er, &#252;brigens ohne jede Wehleidigkeit: „Das ist das Ende: Europa ist an allen Ecken leck. Was ist denn geschehen? Ganz einfach dies: bisher waren wir die Subjekte der Geschichte, jetzt sind wir ihre Objekte. Das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis hat sich umgekehrt, die Dekolonisation hat begonnen.“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a><br />
Wie sich in dieser Bemerkung Sartres schon andeutet, stie&#223; die Krise des eurozentrischen Weltbilds nicht nur jenen &#252;bel auf, deren Funktion oder Profit am Fortbestehen kolonialistischer Regime hing. Auch die europ&#228;ische und US-amerikanische Linke musste sich in der neuen Situation erst zurechtfinden. Schon vorher hatten sich Zweifel geregt, ob das zu bescheidenem Wohlstand gelangte westliche Proletariat nicht l&#228;ngst der Konsumgesellschaft assimiliert worden w&#228;re. Herbert Marcuse, Vordenker und Einfl&#252;sterer der sp&#228;ter so genannten „Neuen Linken“, vertrat gar die Ansicht, der Antagonismus zwischen B&#252;rgertum und Arbeiterklasse habe – wenigstens in Europa – seine Dringlichkeit und mithin die Funktion eines geschichtlichen Movens eingeb&#252;&#223;t: „Die kapitalistische Entwicklung hat jedoch die Struktur und Funktion dieser beiden Klassen derart ver&#228;ndert, da&#223; sie nicht mehr die Tr&#228;ger historischer Umgestaltung zu sein scheinen.“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Nicht nur Sartre und Marcuse folgerten aus dieser Diagnose, dass Widerstand nur noch von den Ausgeschlossenen und Marginalisierten zu erwarten w&#228;re. Weite Teile der Linken schlossen sich dieser Einsch&#228;tzung an und investierten fortan hoch fliegende Hoffnungen in die Revolten und Revolutionen der Dritten Welt, aber auch in die radikalisierten Minderheiten in den Metropolen.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
Die Unabh&#228;ngigkeit der neuen afrikanischen Nationalstaaten auf dem Territorium des ehemaligen Franz&#246;sisch- Westafrika (1958), die kubanische Revolution (1959), der Befreiungskampf der AlgerierInnen (1954-1962), die chinesische „Gro&#223;e Proletarische Kulturrevolution“ (1966-1969), die Tet-Offensive des Vietcong (1968) – gleichg&#252;ltig, wie diese Ereignisse heute bewertet werden m&#246;gen, f&#252;hrten sie der zeitgen&#246;ssischen metropolitanen Linken mit Nachdruck vor Augen, dass die M&#246;glichkeit der Revolution sich vom Zentrum an die Peripherie verlagert hatte. Dies warf die Frage auf, ob die dabei erprobten Strategien auf europ&#228;ische Verh&#228;ltnisse umgelegt, die M&#246;glichkeit der Revolution importiert werden k&#246;nnte.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Ernesto „Che“ Guevaras Theorien der Guerilla und des „foco“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> (Fokus) boten sich als Legitimation voluntaristischer Vorst&#246;&#223;e gegen das staatliche Gewaltmonopol an.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Aber auch diejenigen, welche die Frage nach der &#220;bertragbarkeit revolution&#228;rer Praxis negativ beschieden, blieben von den Entwicklungen in Lateinamerika, Afrika und Asien nicht unbeeindruckt. So war der Befreiungskrieg in Algerien ein entscheidendes Ereignis in der politischen Sozialisation zahlreicher sp&#228;terer AktivistInnen des Pariser Mai 1968<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a>, und insbesondere Vietnam wurde als Symbol f&#252;r die Br&#252;chigkeit westlicher Herrschaftsanspr&#252;che zur zentralen Bezugsgr&#246;&#223;e der europ&#228;ischen Linken.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a><br />
Dass der Ort dieser sehr verschiedenen Befreiungsk&#228;mpfe oft als „Dritte Welt“ angegeben und derart vereinheitlicht wurde, ist nur teilweise der europ&#228;ischen Blindheit f&#252;r lokale Besonderheiten anzulasten. Als „Trikont“ bezeichneten ihn die ProponentInnen dieser Bewegungen n&#228;mlich immer wieder selbst, in der Absicht, ihre oft weit gestreuten politischen Anliegen zu b&#252;ndeln und den Kampf daf&#252;r zu internationalisieren. Schlie&#223;lich war ihrem Gegner – der als neokolonialistisch verurteilten Politik der so genannten entwickelten L&#228;nder, vormalige Kolonien in wirtschaftlicher Abh&#228;ngigkeit zu halten – auf lokaler Ebene schwierig beizukommen.<br />
Der Aufstieg des Trikont und die Dezentrierung des Westens im Gefolge der einsetzenden Dekolonisation in den langen 1960er Jahren gilt unter HistorikerInnen, zumal in der neueren globalgeschichtlichen Forschung<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a>, als geschichtlicher Wendepunkt mit weit reichenden politischen, sozialen und kulturellen Folgen. Dass die beschriebene Zeitenwende auch in der Geschichte des Films ihre Spuren hinterlassen hat, ist der kanonischen Filmgeschichtsschreibung dagegen meist nur eine Randnotiz wert und deshalb au&#223;erhalb filmwissenschaftlicher Seminare und cinephiler Monatsschriften wenig bekannt. Diesem Missstand soll im Folgenden abgeholfen werden. Das Aufbegehren der damaligen Dritten Welt wurde von einer kinematografischen Revolution begleitet und mitgestaltet. Ihr Name: „El tercer cine“, das Dritte Kino.</p>
<p><strong>F&#252;r ein Drittes Kino</strong><br />
1969 unternahmen die argentinischen Filmemacher Fernando E. Solanas und Octavio Getino den Versuch, das Medium des Films f&#252;r den antikolonialen Kampf in Dienst zu nehmen und forderten ein eigenst&#228;ndiges Kino der Dritten Welt. Jenseits von Hollywood sollte es verortet sein, aber auch jenseits des mit der europ&#228;ischen Linken assoziierten „Autorenfilms“, selbst wenn sie strategischen Allianzen mit den politisch radikalsten unter dessen Vertretern nicht grunds&#228;tzlich abgeneigt waren. Das Manifest, worin diese Forderungen laut wurden, tr&#228;gt den Titel Hacia un tercer cine<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a>, f&#252;r ein Drittes Kino. F&#252;r ein Kino, das in enger Verschr&#228;nkung mit den sozialen Bewegungen in Lateinamerika, Afrika und Asien gegen die Herrschaft des Neokolonialismus und f&#252;r eine Internationale der Peripherie – die „Trikontinentale“, wie sie auf der legend&#228;ren antiimperialistischen Konferenz von Havanna im Jahr 1966 getauft wurde – k&#228;mpfen sollte. Solanas und Getinos Manifest er&#246;ffnet mit einer Anklage der westlichen Filmindustrien, unter deren Einfluss die Bezeichnung „Film“ zu einem Synonym f&#252;r Spektakel und Unterhaltung verkommen sei. Im schlimmsten Fall stehe das Kino der Vereinigten Staaten und Europas, als kaum verhohlene Interessensvertretung der Studiomagnaten, f&#252;r eine ahistorische Mystifizierung der herrschenden Zust&#228;nde, im besten Fall gebe es ein mut- und auswegloses Zeugnis von sozialer Ungerechtigkeit und der Zersetzung b&#252;rgerlicher Werte. Vieles von dem, was Solanas und Getino den westlichen Kinematografien ankreiden, klingt wie eine Popularisierung von Guy Debords Thesen zur „Gesellschaft des Spektakels“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> in seinem gleichnamigen Buch, das zwei Jahre vor ihrem Manifest ver&#246;ffentlicht worden war: Als fetischisiertes Spektakel, das sich verselbstst&#228;ndigt und an die Stelle lebendiger Erfahrung gesetzt h&#228;tte, behinderten das Hollywoodkino und seine Nachahmer die Bewusstwerdung der verblendeten Massen. Vor dem Hintergrund dieser Diagnose wird die Aufgabe, die sich f&#252;r trikontinentale FilmemacherInnen stellt, als zweischneidige beschrieben. Neben der Erfindung emanzipatorischer Bildpraxen steht die Zerst&#246;rung jener Bilder auf der Agenda, die sich die kapitalistischen Unterhaltungsfabriken von der Dritten Welt gemacht haben und immer noch machen.<br />
Die Kritik der Autoren richtet sich aber auch gegen all jene, die der M&#246;glichkeit eines revolution&#228;ren Kinos wenig Chancen einr&#228;umen, bevor nicht s&#228;mtliche Produktionsmittel, auch jene zur Herstellung von Filmen, im Gefolge eines revolution&#228;ren Umsturzes enteignet und vergesellschaftet worden sind. Obwohl dieser Einwand auf solidem marxistischem Boden stand, verwerfen ihn Solanas und Getino mit der Begr&#252;ndung, er erkl&#228;re die eingeschliffenen Produktions-, Distributions- und Vorf&#252;hrbedingungen Hollywoods zum Vorbild. Diese seien, genauso wie die Filme selbst, zur G&#228;nze auf die Interessen der US-amerikanischen Bourgeoisie abgestellt, weswegen f&#252;r alle diese Bereiche neue Formen gefunden werden m&#252;ssten.<br />
Wie ist das zu verstehen? Die Vorstellung, dass Filme aus Hollywood inhaltlich oder ihrer Form nach einer bestimmten Ideologie zuarbeiten, ist recht gel&#228;ufig. Solanas und Getino scheinen jedoch etwas anderes, oder genauer: <em>mehr als das</em> im Sinn zu haben: „Die Machtergreifung einer mechanistischen Vorstellung von Kino, wonach abgeschlossene Strukturen, die auf der Leinwand geboren werden und sterben, bei standardisierter L&#228;nge in einem gro&#223;en Lichtspieltheater abgespult werden, f&#252;hrte zur Absorption von Formen des b&#252;rgerlichen Weltbilds, die in der Tradition der Kunst des 19. Jahrhunderts wurzeln: Der Mensch gilt ausschlie&#223;lich als passives und konsumierendes Objekt. Anstatt Geschichte zu erkennen und zu verstehen, kann er sie nur auffassen, kontemplieren, durchlaufen, erdulden.“ Um gegen die der Film- <em>und </em>Kinotechnik innewohnenden b&#252;rgerlichen Anschauungsformen etwas auszurichten, m&#252;ssten folglich nicht nur andere Filme entworfen werden, sondern auch eine andere, st&#228;rker involvierende und aktivierende Einrahmung ihrer Pr&#228;sentation.<br />
&#196;hnliches gelte f&#252;r den angrenzenden Bereich der Distribution. Die Versuche europ&#228;ischer AutorenfilmerInnen, am Rand der kommerziellen Filmindustrien ein Auskommen zu finden und sich zumindest teilweise auf deren Verleihstrukturen einzulassen, w&#228;ren in eine Sackgasse gem&#252;ndet. Von diesem Modell m&#252;ssten sich die VertreterInnen eines Dritten Kinos daher emanzipieren, um in enger Zusammenarbeit mit ihrem Publikum eigenst&#228;ndige, noch im Falle staatlicher Repression tragf&#228;hige Netzwerke aufzubauen. Dies kam oft dem Weg in den Untergrund gleich.</p>
<p><strong>Die Guerilla als Arbeitsweise</strong><br />
Erm&#246;glicht wurde die Emanzipation von den bestehenden, vertikal integrierten<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Filmindustrien von einem Innovationssprung in der Filmkamera- und Projektortechnik. Der technologische Fortschritt hatte immer kleinere, einfacher handhabbare und zudem g&#252;nstigere Bild- und Tonaufnahmeger&#228;te hervorgebracht, wodurch der Umgang mit Film eine ungekannte Demokratisierung – oder, wie es im zeitgen&#246;ssischen Jargon hie&#223;: „Entmystifizierung“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> – erfuhr.<br />
Solanas und Getino versprechen sich von dieser Umw&#228;lzung der Produktionsmittel zudem eine neue Arbeitsweise, deren Sto&#223;richtung sich in der Empfehlung andeutet, die „Kamera als Gewehr“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> einzusetzen. Anhand dieser Metapher wollen sie die Praxis des Dritten Kinos an die Kampfstrategie der Guerilla anschlie&#223;en: „Die Kamera ist der unersch&#246;pfliche Enteigner von Bild-Waffen, der Projektor ein Gesch&#252;tz, das 24 Bilder in der Sekunde feuert.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Mit dieser kruden Analogie ist im Wesentlichen eine bestimmte Arbeitsweise im Kollektiv angesprochen, worin jedes Mitglied mit der Gesamtheit des verwendeten Equipments und allen Funktionen hinreichend vertraut und mithin austauschbar ist; worin planerische Detailversessenheit, Disziplin und ein rasches Arbeitstempo vorherrschen; worin alle Beteiligten sich bereit erkl&#228;ren, auf Komfort, alte Gewohnheiten und „dieses ganze Klima der Normalit&#228;t, wohinter sich der allt&#228;gliche Kriegszustand verbirgt“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a>, Verzicht zu leisten.<br />
Das Projekt des Dritten Kinos ist also von Anbeginn als ein ganzheitliches angelegt: Nicht nur die Filme selbst, sondern auch die angrenzenden Bereiche der Produktion, Distribution und Vorf&#252;hrung sollten revolutioniert werden.</p>
<p><strong>Die Dekolonisation der Kultur</strong><br />
Trotz des recht martialischen Gleichnisses von Film und Gewehr lassen Solanas und Getino darin, wie sie das Verh&#228;ltnis von (Film-)Kunst zu Politik bestimmen, einigen Freiraum. Die Polarit&#228;t der beiden sei von der herrschenden Klasse als universell gesetzt und m&#252;sse, zugunsten der Einheit von Politik und Kunst, in Richtung einer „&#220;berblendung des &#196;sthetischen mit dem Leben der Gesellschaft“<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> &#220;berwunden werden. Eine wahre Kunst des Volkes ersch&#246;pfe sich nie im &#228;sthetischen Gehalt ihrer Erzeugnisse, sondern sei immer auch eine Kunst f&#252;r das Volk, in seinem politischen Interesse. Gleichzeitig warnen die Autoren des Manifests vor einer allzu pragmatischen Kunstauffassung. Direkte Agitation und Intervention in politische Auseinandersetzungen h&#228;tten ebenso ihren Platz wie solche Ans&#228;tze, die, ungleich weniger handlungsorientiert, auf die Bildung politischen Bewusstseins zielen. Im Anschluss an Fanons Analyse des Verh&#228;ltnisses von Kolonisatoren und Kolonisierten, die von Marx’ Fr&#252;hschriften und Freuds Psychoanalyse informiert ist, brechen Solanas und Getino die Zielsetzung des Dritten Kinos immer wieder auf die Ebene des Individuums herunter. Hier geht es um die Erlangung einer befreiten, unentfremdeten Pers&#246;nlichkeit, die zugleich an der kollektiven Subjektivit&#228;t des Volkes Anteil hat. Wer so denkt, wird geneigt sein, der „Dekolonisation der Kultur“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> einen ebenso hohen Stellenwert einzur&#228;umen wie etwa dem Streben nach politischer oder wirtschaftlicher Unabh&#228;ngigkeit.<br />
F&#252;r den Kampf gegen das wirtschaftsliberale, vom Milit&#228;r eingesetzte Regime in ihrem Heimatland Argentinien, das sich bis zu den Unruhen in Cordoba 1969 im Amt halten konnte, konstatieren die Autoren sogar eine Vorrangstellung des Kulturellen, insofern die Abh&#228;ngigkeit vom neokolonialen Hegemon USA in diesem Fall nicht prim&#228;r mit Hilfe polizeilicher und/oder milit&#228;rischer Gewalt aufrecht erhalten werde, sondern zur Konsolidierung des Status quo auf die tatkr&#228;ftige Unterst&#252;tzung der einheimischen Intelligenzija – in Schulen, Universit&#228;ten und Redaktionsr&#228;umen – baue. Dem Kino als derjenigen Kunstform, die im Weltma&#223;stab die gr&#246;&#223;ten Zuschauermassen auf sich zu konzentrieren vermochte, musste bei dieser strategischen Schwerpunktsetzung eine herausragende Rolle zufallen.</p>
<p><strong>&#196;sthetische Offenheit</strong><br />
Was die Grundlegung eines Formenkanons und also die textuelle Ebene der Filme selbst betrifft, h&#228;lt sich Solanas und Getinos Manifest auff&#228;llig bedeckt – solange die Filme nur das unklare Kriterium der „Militanz“ erf&#252;llen: „Filmische Pamphlete, didaktische Filme, Reportagen, Essayfilme, Filme, die Zeugnis ablegen – alle militanten Formen des Ausdrucks sind zul&#228;ssig, und es w&#228;re absurd, ihnen gemeinsame &#228;sthetische Arbeitsnormen zugrunde legen zu wollen.“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> An einer Stelle gehen die Autoren so weit, sogar bestimmte Auspr&#228;gungen des Experimentalfilms in ihre Definition aufzunehmen. Nur soviel lassen sie durchblicken: Wer sich in der Hoffnung, beim einfachen Volk auf gr&#246;&#223;eres Verst&#228;ndnis zu sto&#223;en, auf narrative oder formale Vereinfachung einl&#228;sst, gilt ihnen als Populist. Worauf es vielmehr ankomme, sei die Sache, in deren Dienst sich ein Film stellt. Wenn diese nur an die Erfahrung und Lebenswelt der ZuschauerInnen ankn&#252;pft, m&#252;sse sich niemand sorgen, unverstanden zu bleiben.<br />
Ein weiterer Ansto&#223; f&#252;r den Widerwillen der Autoren, sich in formal&#228;sthetischer Hinsicht festzulegen, sind die gro&#223;en Unterschiede zwischen den einzelnen L&#228;ndern und Regionen des Trikont: „Die Differenzen zwischen den Befreiungsk&#228;mpfen verunm&#246;glichen die Festschreibung universeller Normen.“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a><br />
In einem deutlichen Spannungsverh&#228;ltnis zu diesem Bekenntnis zu lokaler Spezifik steht Solanas und Getinos Hoffnung, das Dritte Kino m&#246;ge zur Internationalisierung der trikontinentalen Unabh&#228;ngigkeitsbewegungen beitragen: Als technisch reproduzierbares Medium, das ob seiner Visualit&#228;t, die Bildungsh&#252;rde der Schrift und sprachliche Barrieren im Allgemeinen zu &#252;berwinden vermag, sollte dem Film die Aufgabe zukommen, der von westlicher Seite vorangetriebenen „Balkanisierung“<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> ein f&#252;r allemal abzuhelfen.<br />
Das Problematische am Begriff des Dritten Kinos liegt in diesem Spannungsverh&#228;ltnis zwischen lokaler Spezifik und Internationalisierung. So vereint das Dritte Kino eine Vielzahl heterogener Praktiken unter seinem konzeptuellen Deckmantel. Solanas und Getino sind sich der Problematik durchaus bewusst. Ihre Antwort: Das „Dritte Kino“ ist ein Kampfbegriff, den es n&#246;tigenfalls der schlechten Wirklichkeit entgegenzustellen gilt: „Unsere Zeit ist eine Zeit [...] der prozessualen Werke – unfertige, unordentliche, gewaltt&#228;tige Werke, angefertigt mit der Kamera in der einen Hand und mit einem Stein in der anderen. Solche Werke lassen sich nicht am Ma&#223; der tradierten theoretischen und kritischen Kanons messen. Die Idee unserer Filmtheorie und unserer Filmkritik wird durch die enthemmende Praxis des Experiments zum Leben erweckt werden.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a></p>
<p><strong>Schauen, Sprechen, Handeln</strong><br />
Wurde die Bezeichnung des Dritten Kinos zun&#228;chst vornehmlich als Etikett f&#252;r den Aufbruch diverser lateinamerikanischer Nationalkinematografien gebraucht, hat sie sich in den 60 Jahren seit der Ver&#246;ffentlichung des Manifests <em>Hacia un tercer cine</em> zum ausfransenden Sammelbegriff r&#228;umlich und zeitlich weit auseinander liegender Film- und Kinokulturen gemausert. Dennoch l&#228;sst sich ihr gemeinsamer Nenner zumindest n&#228;herungsweise angeben: Gemeint sind politische Kinematografien aus Lateinamerika, Afrika und Asien w&#228;hrend der langen 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, wobei „politisch“ nicht mehr aber auch nicht weniger hei&#223;t, als dass die angesprochenen Filme und ihre AutorInnen bzw. AutorInnenkollektive in einem engen, irgendwo zwischen Dialog und Gleichmarsch angesiedelten Zusammenhang mit den sozialen Bewegungen in den L&#228;ndern der Dritten Welt standen. Soweit jedenfalls die hier vorgeschlagene Minimaldefinition, die unter TheoretikerInnen des Dritten Kinos jedoch keineswegs unwidersprochen bleibt.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a><br />
Nachdem das Dritte Kino versuchsweise definiert und die ihm anhaftenden Probleme zur Sprache gebracht worden sind, ist es nun an der Zeit f&#252;r einen Streifzug durchs Dickicht seiner mannigfaltigen Auspr&#228;gungen – ausgehend von jenen Filmen, die sich in der Zwischenzeit zu einer Art Kanon verdichtet haben, zu den R&#228;nder dieses Kanons und dar&#252;ber hinaus, in die Gegenwart des Weltkinos, das sich zwar in den seltensten F&#228;llen ausdr&#252;cklich auf das Dritte Kino beruft, aber dennoch &#252;ber vielf&#228;ltige Verbindungslinien mit ihm in Beziehung steht.<br />
Im Eingang steht ein Film, der den Forderungen von Solanas und Getino eigentlich auf ganzer Linie entsprechen sollte, haben sie doch selbst Regie gef&#252;hrt. Ihr episch angelegter Dokumentarfilm <em>La hora de los hornos</em><em> (Die Stunde der Hoch&#246;fen</em>, 1968) gilt als klassischer Ort eines agitatorischen Kinos, das sein Publikum direkt anspricht und zu politischer Aktion dr&#228;ngt. In Pesaro uraufgef&#252;hrt, in Argentinien dagegen bis zur Abdankung des vom Milit&#228;r eingesetzten Pr&#228;sidenten Alejandro Lanusse nur im Untergrund gezeigt, entwirft das in fast dreij&#228;hriger Arbeit entstandene Erstlingswerk der Gruppe <em>Cine liberación</em> eine politische Geschichte Argentiniens seit der Unabh&#228;ngigkeit. Der erste Teil skizziert eine Anatomie des Neokolonialismus und seiner gewaltsamen Ausdrucksformen im lateinamerikanischen Alltag, der zweite rekonstruiert anhand einer Montage aus vorgefundenem Material und eigens gedrehten Interviews mit VertreterInnen der Gewerkschaft, ArbeiterInnen und StudentInnen das Fortwirken kolonialer Strukturen bis zum Sturz Pérons 1955. Zuletzt findet der Film eine klare Antwort, wie der zunehmenden politischen Eskalation zu begegnen sei: Mit bewaffnetem Widerstand und Solidarit&#228;t unter den V&#246;lkern der Dritten Welt. &#220;berraschender als die Botschaft ist die Art ihrer &#220;bermittlung. Diese kann, ganz ohne &#220;bertreibung, als regelrechte Selbstaufhebung des Films beschrieben werden: Zwischen den einzelnen Segmenten werden als Diskussionsansto&#223; Passagen aus Fanon, Guevara, Amílcar Cabral u.a. eingeblendet. Jedes Kapitel endet mit einem Fragenkatalog, in der Pause zwischen zwei Kapiteln soll der Projektor heruntergefahren und das Saallicht eingeschaltet werden, um das Publikum aus dem Modus der Betrachtung in jenen der angeregten Debatte zu &#252;berf&#252;hren. Doch damit nicht genug. Bevor sich der Vorhang zum letzten Mal senkt, tritt eine unumwundene Aufforderung an die Stelle der zur Reflexion anhaltenden Zitattafeln: Schaut nicht l&#228;nger zu, verlasst sofort den Saal und werdet endlich zu Sprechenden, zu Handelnden!<br />
Es liegt nahe, <em>La hora de los hornos</em> als idealtypische Verwirklichung von Solanas und Getinos Projekt eines Dritten Kinos aufzufassen. Was diese intuitive Lesart aber &#252;bersieht, ist die ausdr&#252;ckliche Offenheit des Manifests: Der agitatorische Ansatz mochte den argentinischen Verh&#228;ltnissen angemessen sein, Anspr&#252;che auf universelle G&#252;ltigkeit hatten seine Macher jedoch nicht im Sinn. So findet sich im Einzugsgebiet des Dritten Kinos eine F&#252;lle von Filmen, die ihren politischen Anspruch nicht am Revers tragen; in denen sich das Politische nicht direkt, sondern &#252;ber Umwege vermittelt. Die Spannbreite des Dritten Kinos reicht von Agitprop zu zur&#252;ckhaltender Beobachtung und reflexiver Selbstkritik, von dokumentarischen Formen zu generischen Spielfilmen, von &#196;sthetiken der Kargheit und des Mangels zu &#252;berschw&#228;nglicher Experimentierfreude, vom Streben nach kultureller Eigenst&#228;ndigkeit zur ironischen Anverwandlung westlicher Einfl&#252;sse.<br />
Im Lateinamerika der langen 1960er Jahre finden sich jene Filme, die dem Ansatz von Solanas und Getino am n&#228;chsten stehen. Aus Platzgr&#252;nden, und weil das Dritte Kino aus Argentinien, Brasilien, Kuba u.a. wesentlich &#246;fter Gegenstand gelehrter Betrachtung und der Vermittlungsarbeit an europ&#228;ischen Kinematheken ist als jenes aus Afrika und Asien, sei an dieser Stelle nur ein weiterer lateinamerikanischer Regisseur erw&#228;hnt: Der Bolivianer Jorge Sanjinés, der gemeinsam mit dem von ihm begr&#252;ndeten Ukamau-Filmkollektiv an einem Kino „junto al pueblo“, mit dem Volk<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> arbeitete. Alle Arbeitsschritte – von der Abfassung des Drehbuchs bis zur Vorf&#252;hrung in Wanderkinos – erfolgten in enger Kooperation mit der indigenen Landbev&#246;lkerung im bolivianisch-peruanischen Grenzland, als deren Werkzeug Sanjinés sich und seine MitstreiterInnen sah. Das Resultat ihrer Bem&#252;hungen sind einige der am konsequentesten antiindividualistischen Filme seit Sergej Eisenstein, darunter <em>El enemigo principal (Der Hauptfeind)</em> von 1973. Darin setzt sich eine indigene Dorfgemeinschaft gegen ihren brutalen Grundherren zur Wehr, der sie in einem der Leibeigenschaft &#228;hnlichen Zustand h&#228;lt. Erst die Ankunft einer Gruppe von Guerilleros, die den LandarbeiterInnen erkl&#228;ren, was es mit dem antiimperialistischen Kampf auf sich hat, schafft die n&#246;tigen Organisationsstrukturen f&#252;r den bewaffneten Widerstand und die Verurteilung des Gro&#223;grundbesitzers durch ein Guerillatribunal am Ende des Films.<br />
Die Dorfgemeinschaft tritt fast immer als Kollektiv ins Bild und handelt auch als solches. Sobald sich Einzelne aus der Gruppe l&#246;sen, schw&#228;cht das die Sto&#223;kraft ihrer Aktion, etwa zu Beginn des Films, als sie ihren Ausbeuter der Justiz &#252;berantworten will. Der korrupte Dorfrichter, der mit dem Gro&#223;grundbesitzer unter einer Decke steckt, weist die Indios an, VertreterInnen aus ihrer Mitte zu ernennen, um in einem Gerichtsverfahren f&#252;r ihre Br&#252;der und Schwestern zu sprechen. Zun&#228;chst verweigert sich die Dorfgemeinschaft dieser Stellvertretungslogik. Die erste Begegnung mit dem Richter wird zur Veranschaulichung des prinzipiellen Unvernehmens zwischen b&#252;rgerlichem Individuum und quasi-proletarischem Kollektiv: W&#228;hrend die Menge auf akustischer Ebene in ein Durcheinander unverst&#228;ndlicher Stimmen zerf&#228;llt, verbinden sich die Stimmen im Bild der vereint gestikulierenden Indios zum organischen Ausdruck der Vielen.</p>
<p><strong>Filme aus Zigarettenstummeln</strong><br />
Auch im postkolonialen Afrika finden sich Filme und FilmemacherInnen, die mit der Utopie des Dritten Kinos in Verbindung stehen. Zum Beispiel der senegalesische Film Borom Sarret von 1962, der Ousmane Sembènes Ruf als Vater des afrikanischen Kinos begr&#252;ndete und seither oft als Ma&#223;stab herbeizitiert wird, an dem sich andere afrikanische Filme der 1960er und 70er Jahre zu messen h&#228;tten. Daf&#252;r gibt es gute Gr&#252;nde: <em>Borom Sarret</em> ist, da sind sich die ChronistInnen einig<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a>, in einem bestimmten Sinn der erste afrikanische Film aller Zeiten. Soll hei&#223;en: Der erste von einem schwarzen afrikanischen Regisseur auf afrikanischem Boden realisierte Film in der Geschichte des Mediums.<br />
Sembènes unangefochtener Status als Gr&#252;ndervater r&#252;hrt nicht nur daher, dass es sich bei <em>Borom Sarret</em> um eine Pionierleistung handelte, sondern hat auch und vor allem damit zu tun, dass sein erster Film eine Erz&#228;hlweise vorgab, die f&#252;r viele afrikanische FilmemacherInnen in seiner Nachfolge verbindlich werden sollte: Sozialer Realismus, gepaart mit dem dramaturgischen Muster des Stationendramas, worin es einen (meist m&#228;nnlichen) Protagonisten von einer episodischen Begegnung zur n&#228;chsten verschl&#228;gt. Die Personen, die er auf dieser Reise trifft, erscheinen zwar zun&#228;chst oft „wie aus dem Leben gegriffen“, geben sich in Momenten forcierter Zeichenhaftigkeit jedoch zugleich als allegorische Kippfiguren der postkolonialen Gesellschaft zu erkennen. Im Fall von <em>Borom Sarret</em> ist der Held ein etwas grantiger, aber im Grunde sympathischer Kutscher, der auf seinen Fuhren durch Dakar den unterschiedlichen Gesichtern der Stadt begegnet. Als er sich dem Verbot widersetzt, mit dem Karren die Grenze zum Verwaltungsdistrikt zu &#252;berqueren, wird er von einem Polizisten angehalten und sein Gef&#228;hrt konfisziert. Der Auftritt und das Gebaren des Polizisten ergeben sich l&#252;ckenlos aus der realistisch grundierten Handlungslogik. Bis zu dem Punkt, da er als Individuum in den Hintergrund tritt, w&#228;hrend sein extrem untersichtig gefilmter Stiefel zu einem &#252;berdeutlichen Symbol f&#252;r die Kontinuit&#228;t der Gewalt – von der kolonialen in die postkoloniale &#196;ra – anw&#228;chst.<br />
Sembène konnte bereits einigen Erfolg als Romancier verbuchen, bevor er sich dem Film als neuem Ausdrucksmedium zuwandte. Er selbst erkl&#228;rte diesen folgenreichen Schritt mit dem weit verbreiteten Analphabetismus seiner Landsleute: „Ich denke, dass das Kino kulturell bedeutsamer ist, und f&#252;r uns Afrikaner von absoluter Notwendigkeit. Denn es gibt <em>eine </em>Sache, die man den afrikanischen Massen nicht wegnehmen kann, und das ist, etwas gesehen zu haben.“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Dass Sehen f&#252;r Sembène eine andere Form von Evidenz schafft als Lesen, macht ein Ausspruch deutlich, den er dem Kutscher von <em>Borom Sarret</em> in den Mund legt. Dieser sagt, mit Blick auf die nationale Bourgeoisie des postkolonialen Senegal: „Ils savent lire, et ils savent mentir“, sie k&#246;nnen lesen und sie k&#246;nnen l&#252;gen.<br />
Was l&#228;ngst nicht bedeutet, dass Bilder nicht auch l&#252;gen k&#246;nnten. Im Gegenteil begegnete Sembène auch dem Kino stets mit gro&#223;er Skepsis. Hatte es sich nicht in der ersten H&#228;lfte des 20. Jahrhunderts zum Komplizen kolonialer Herrschaft gemacht und – was f&#252;r ihn noch schwerer wog – die m&#252;ndlichen Erz&#228;hlkulturen seiner Vorfahren &#252;berdeckt und so den Zugang zur eigenen Geschichte versperrt? So k&#228;mpfte Sembène Zeit seines Lebens gegen die Beherrschung des afrikanischen Filmverleihs durch US-amerikanische und europ&#228;ische Distributoren, die den Markt mit B-Filmen &#252;berschwemmten. Auch sein Pl&#228;doyer f&#252;r die <em>mégotage</em>, eine Produktionsweise, die aus Knappheit die Tugend kultureller Eigenst&#228;ndigkeit macht, ist vor diesem Hintergrund zu verstehen; <em>mégotage</em>, weil die meisten afrikanischen FilmemacherInnen darauf angewiesen waren, mit den &#252;brig gebliebenen <em>mégots</em>, den Zigarettenstummeln ausl&#228;ndischer Produktionen, zu arbeiten.<br />
Djibril Diop Mambétys<em> Badou Boy</em> von 1970 kn&#252;pft augenscheinlich an die von Sembène begr&#252;ndete Traditionslinie eines allegorisch zugespitzten und wom&#246;glich didaktischen, sozialen Realismus an. Aber er verpasst dieser Steilvorlage<br />
eine entscheidende Wendung ins Anarchische: Aus dem Kutscher wird ein kleiner Junge, aus der Kutsche ein Bus, aus dem zielvollen Ernst des Brotberufs der Spa&#223; einer wilden, ungerichteten Verfolgungsjagd. Wie in <em>Borom Sarret</em> tritt auch hier ein Polizist als Repr&#228;sentant der Obrigkeit auf, die dem Helden aus einfachen Verh&#228;ltnissen das Leben schwer macht; mit dem entscheidenden Unterschied, dass der gewitzte Badou Boy seinem Verfolger immer um eine Nasenl&#228;nge voraus ist.<br />
Auf der Folie der &#252;berlieferten Geschichte des fr&#252;hen afrikanischen Kinos, die sich an der Leitfigur Sembène orientiert, erscheint <em>Badou Boy</em> zwar als ein Ausrei&#223;er, jedoch als einer, der immerhin am Figurenrepertoire und am dramaturgischen Strickmuster des kanonischen Korpus teilhat. Eine ganze Reihe von Kleinoden des fr&#252;hen afrikanischen Kinos, die erst k&#252;rzlich wieder in Archiven aufgetaucht sind<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a>, versperren sich noch st&#228;rker gegen die herk&#246;mmlichen Zuordnungen und r&#252;cken auch <em>Badou Boy</em> in ein anderes Licht.<br />
Zum Beispiel Safi Fayes <em>Kaddu Beykatt</em> (<em>Lettre Paysanne</em>, 1975). Absto&#223;ungspunkt ist der viel kritisierte ethnografische Film europ&#228;ischer Machart, mit seinem sezierenden, Stereotypen festschreibenden „Insektenforscherblick“.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Aber die Regisseurin Safi Faye verwirft diese filmische Gattung nicht einfach, sondern versucht sich an einer behutsamen Umkehrung des ethnografischen Paradigmas, die darauf abhebt, die Dargestellten an ihrer Darstellung zu beteiligen.<br />
Safi Faye nahm Anfang der 1970er Jahre das Studium der Ethnologie an der Pariser Sorbonne auf, um 1975 mit einer Kamera und einem Team von drei Assistenten in ihr Heimatdorf Fad’jal im S&#252;den Senegals zur&#252;ckzukehren. Wie viele afrikanische Produktionen jener Zeit erhielt das Filmprojekt finanzielle Unterst&#252;tzung vom franz&#246;sischen Ministère de la Coopération, das aus dem fr&#252;heren Kolonialministerium hervorgegangen war.<br />
Schon die Dreharbeiten zu<em> Kaddu Beykat</em> waren von Fayes zentralem Anliegen bestimmt, den ethnografischen Zugriff auf den afrikanischen Kontinent einer Revision zu unterziehen. So stand am Anfang zwar das Rudiment einer Geschichte – der junge Landarbeiter Ngor kann wegen der schlechten Ernte den Brautpreis f&#252;r seine Angebetete Columba nicht entrichten und versucht sein Gl&#252;ck in Dakar –, oft gab Faye aber wenig mehr als ein vages Thema vor und &#252;berlie&#223; den Ablauf der Szene den DarstellerInnen. In der resultierenden Zur&#252;ckhaltung vertr&#228;gt sich <em>Kaddu Beykatt</em> so gar nicht mit jener Vorstellung des fr&#252;hen afrikanischen Kinos, das in Ousmane Sembène ihren zentralen Bezugspunkt findet. Der Sch&#228;rfe der Kritik tut diese Zur&#252;ckhaltung indes keinen Abbruch: Als Ursache f&#252;r die l&#228;ndliche Notlage identifiziert der Film die Fortsetzung kolonialer Politik nach Erlangung der Unabh&#228;ngigkeit unter Pr&#228;sident Léopold Sédar Senghor; eine Politik, die den Bauern anstelle nachhaltiger Selbstversorgung den monokulturellen Anbau von Cash Crops nahe legte.</p>
<p><strong>Afrikanische Cowboys</strong><br />
Der Filmhistoriker Manthia Diawara hat einmal gesch&#228;tzt, dass 80 Prozent der afrikanischen Filmproduktion aus den ehemaligen franz&#246;sischen Kolonien stammten.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Das ist heute, im Zeitalter einer boomenden nigerianischen Videofilmindustrie mit Ausl&#228;ufern in anderen westafrikanischen Staaten sicher nicht mehr zutreffend. F&#252;r die 1960er und 70er Jahre aber m&#252;sste man die zahlenm&#228;&#223;ige &#220;berlegenheit des frankophonen Filmschaffens wahrscheinlich noch h&#246;her ansetzen. Das hat mehrere Gr&#252;nde, der wichtigste Faktor war aber wahrscheinlich das weit bis in die postkoloniale &#196;ra hinein reichende Bestreben des offiziellen Frankreich, seine Kolonien nicht nur &#246;konomisch, sondern auch kulturell an sich zu binden. Das nahm seinen Ausgang auf der Schulbank – in den Schulb&#252;chern war die Rede von „Nos ancêtres les gauloises“, von <em>unseren </em>gallischen Vorfahren – und setzte sich bis in die Kinos&#228;le fort. Noch zur Stummfilmzeit machten sich die franz&#246;sischen Kolonisatoren Gedanken, wie Filme f&#252;r ein afrikanisches Publikum auszusehen h&#228;tten, begr&#252;ndeten staatlich gelenkte Produktionsfirmen und f&#246;rderten den Distributionssektor.<br />
Auf diese Weise war es Frankreich nicht nur m&#246;glich, die Filmproduktion seiner afrikanischen Kolonien inhaltlich auf Linie zu bringen, sondern auch den Aufstieg von AfrikanerInnen in verantwortliche Positionen systematisch zu behindern. Auf der legalen Grundlage des 1934 verabschiedeten Décret Laval, wonach jedeR, der/die auf dem Territorium des damaligen Franz&#246;sisch-Westafrika ein kinematografisches Bild oder eine Tonaufnahme herstellen wollte, eine schriftliche Anfrage an den Generalgouverneur der jeweiligen Kolonie richten musste, war es ein Leichtes, diese Vorhaben durchzusetzen. Ein prominentes Opfer des Décret Laval war der Filmemacher Paulin Vieyra aus Benin. W&#228;re ihm 1955 nicht die Drehgenehmigung in Senegal verwehrt worden, dann g&#228;lte heute er und nicht Ousmane Sembène als Gr&#252;ndervater des afrikanischen Kinos. Stattdessen verlegte Vieyra seine Arbeit nach Paris und drehte einen Film &#252;ber die afrikanische Diaspora an der Seine. <em>Afrique-sur-Seine</em> ist ein Dokument &#252;ber das Afrika der Ausgewanderten und Ausgesto&#223;enen, das trotz widriger Produktionsbedingungen ein weitaus optimistischeres Bild zeichnet als &#252;ber zehn Jahre – und etliche Migrationswellen – sp&#228;ter Med Hondos verzweifelnder <em>Soleil Ô</em> (1969).<br />
Der in Mauretanien geborene Hondo gelangte &#252;ber den Umweg des Theaters zum Film. &#196;hnlich Sembène dachte er dem reproduzierbaren Medium das Potenzial zu, sein Publikum und mithin die gesellschaftliche Relevanz seines k&#252;nstlerischen Schaffens zu vervielf&#228;ltigen. Als afrikanischer Migrant im Paris der 1960er Jahre machte Hondo jene Erfahrungen, die in seinem ersten Langfilm <em>Soleil Ô</em> zu einem schmerzvollen, aber befreienden Ausdruck dr&#228;ngen: Der Rassismus im Kleinen wie im (strukturellen) Gro&#223;en, der den Alltag der afrikanischen Diaspora im Herzen der „Grande Nation“ bestimmte – bedingt und begleitet von &#246;konomischer und kultureller Marginalisierung –, wird am Fallbeispiel eines jungen Afrikaners veranschaulicht. Sein Leidensweg f&#252;hrt ihn durch ein Paris, wie es selten zu sehen ist. W&#228;hrend zeitgen&#246;ssische franz&#246;sische Kommentatoren den Film ob seiner &#252;bersch&#228;umenden Experimentierfreudigkeit in die N&#228;he des Avantgardefilms r&#252;ckten, verortet ihn Hondo selbst in der afrikanischen Tradition abschweifenden, mehrschichtigen Erz&#228;hlens. In der Bezugnahme auf eine als genuin afrikanisch verstandene Tradition spricht sich Hondos erkl&#228;rtes Ziel aus, mit seinen Filmen ein Gegenwicht zu dem, wie er es selbst nennt, „euroamerikanischen Kino“<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> zu schaffen. Nur wenn AfrikanerInnen aller L&#228;nder die Produktionsmittel zur Gestaltung filmischer Bilder selbst in die Hand bek&#228;men, war der Leser von Karl Marx, Frantz Fanon und Aimé Césaire &#252;berzeugt, kann die Befreiung auch vom ideellen Erbe des Kolonialismus gelingen.<br />
Mit der formalen Unabh&#228;ngigkeit der franz&#246;sischen Kolonien wurden der Décret Laval und die kolonialistische<br />
Kulturpolitik, f&#252;r die er einstand, zwar obsolet. Ihre Nachwirkungen waren trotzdem zu sp&#252;ren. Weil AfrikanerInnen der Zugang zu hoch qualifizierten T&#228;tigkeiten wie Kameraf&#252;hrung, Tonaufnahme oder Schnitt versperrt gewesen war, herrschte nun ein eklatanter Mangel an Fachkr&#228;ften.<br />
Einige wenige gab es aber doch, und dieser Umstand verdankt sich unter anderem der pers&#246;nlichen Initiative des franz&#246;sischen Ethnografen Jean Rouch. Der hatte – entgegen den Gepflogenheiten – mit der hierarchischen Zuordnung von Sehen und Angesehenwerden gebrochen und einige seiner DarstellerInnen im Gebrauch einer tragbaren 16mm-Kamera angewiesen. Egal, was man von Rouch als Regisseur ethnografischer Filme halten mag<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a>, kommt ihm allemal das Verdienst zu, etlichen Pionieren des afrikanischen Kinos den Weg geebnet zu haben.<br />
Unter seinen Sch&#252;lerInnen befand sich auch der nigerianische Filmemacher Moustapha Alassane, dessen Erstlingswerk <em>Le retour d’un aventurier</em> (1966) sich fast allen Ordnungsschemata widersetzt, die der kanonischen Geschichte des fr&#252;hen afrikanischen Kinos zu Gebote stehen. Der Film handelt, wie so viele westafrikanische Filme dieser Zeit, von einem, der auszieht, das Gl&#252;ck zu suchen; als Boy in den Metropolen Afrikas, als Stra&#223;enfeger in Paris oder als Soldat im Indochinakrieg. Meist kehren diese jungen M&#228;nner, selten auch Frauen, mit leeren H&#228;nden in ihre Heimatd&#246;rfer zur&#252;ck. Nicht so in <em>Le retour d’un aventurier</em>. Der R&#252;ckkehrer hat von seiner Reise in die Vereinigten Staaten einen Koffer voller Stetson-H&#252;te, kniehoher Lederstiefel und anderer Western-Versatzst&#252;cke mitgebracht und verteilt sie unter seinen Freunden, die sich mit gro&#223;er Spielfreude Namen wie Jimmy und John und den dazu geh&#246;rigen Habitus aneignen. Bald schon geraten die frisch gebackenen Cowboys mit ihren losen Sitten aber in Konflikt mit der gewachsenen Dorfgemeinschaft. W&#228;hrend die Grenzen zwischen Rollenspiel und Ernst verschwimmen, werden die Widerspr&#252;che zwischen nigerischer Tradition und westlichen Einfl&#252;ssen immer handgreiflicher, ihr Ausdruck immer gewaltt&#228;tiger. Die wirtschaftliche &#214;ffnung und Modernisierung nach Erlangung der Unabh&#228;ngigkeit bereitete dem Einzug des USamerikanischen Genrekinos den Boden, das gemeinsam mit indischen Produktionen &#252;ber Jahrzehnte die sporadischen Kinolandschaften Westafrikas dominieren sollte. Da liegt es nur nahe, dass Alassane den Konflikt zwischen nigerischer Tradition und westlicher Moderne auf der Folie des Western entwickelt. Obwohl die jugendlichen Cowboys nur Unheil anrichten, ist der Film weit davon entfernt, antimoderner Reflex zu sein. Allerorten macht sich eine tiefe Ambivalenz gegen&#252;ber der Modernisierung bemerkbar, und w&#228;hrend die Handlung gegen Ende einen moralisierenden Tonfall anstimmt, widerspricht ihr die Tonspur ganz entschieden, indem sie nigerische und US-amerikanische Musiktraditionen (Country) aufs Vers&#246;hnlichste harmonisiert.<br />
Vor dem Hintergrund der Filme von Faye, Hondo und Alassane ergeben sich ganz neue M&#246;glichkeiten der filmgeschichtlichen Kontextualisierung. Mambéty <em>Badou Boy</em>, der vorhin noch als eigenwillige Variation auf Sèmbenes <em>Borom Sarret</em> vorgestellt wurde, wird nun als Repr&#228;sentant einer versch&#252;tteten, noch zu entdeckenden Tradition des afrikanischen Kinos beschreibbar; einer Tradition, die das Streben nach kultureller Autonomie durch eine – wenngleich vorsichtige und oft reibungsvolle – Aneignung westlicher Einfl&#252;sse ersetzt.</p>
<p><strong>Internationalismus vs. Globalisierung</strong><br />
Mit dem explizit revolution&#228;ren und internationalistischen Gestus ihres Manifests rannten Solanas und Getino in Lateinamerika offene T&#252;ren ein. In den neuen Nationalstaaten auf dem Territorium des ehemaligen Franz&#246;sisch-Westafrika stie&#223;en manche ihrer Forderungen – nach der Freilegung eigener kultureller Formen oder nach der Etablierung eines subsistenten Distributionssektors – auf fruchtbaren Boden. Andere dagegen verhallten ungeh&#246;rt: Weitaus zaghafter als sein lateinamerikanisches Gegenst&#252;ck unternahm das fr&#252;he afrikanische Kino den Versuch, die Probleme der nachkolonialen &#196;ra in einen L&#228;ndergrenzen oder sogar Kontinente &#252;bergreifenden Bezugsrahmen zu setzen. Auch in Asien entpuppte sich die Utopie des Dritten Kinos als nur bedingt anschlussf&#228;hig. Zwei kontr&#228;re Positionen aus den Philippinen der 1970er Jahren sollen dies veranschaulichen.<br />
Nachdem Ferdinand Marcos seine urspr&#252;nglich demokratisch legitimierte Pr&#228;sidentschaft 1972 in eine Milit&#228;rdiktatur umgewandelt hatte, war an ein im engeren Sinne radikales Filmschaffen – f&#252;r das ohnehin keine Infrastruktur zur Verf&#252;gung gestanden h&#228;tte – nicht zu denken. Diejenigen Regisseure, die dennoch den Versuch unternahmen, politische Filme zu drehen, mussten sich auf dem Gebiet des popul&#228;ren Kinos und seiner von Solanas und Getino kritisierten, an Holly- und Bollywood orientierten melodramatischen Form bewegen. Lino Brocka, der vielleicht bedeutendste philippinische Regisseur, betrachtete es als die Aufgabe jedes K&#252;nstlers, Stellung zu aktuellen sozialen und politischen Auseinandersetzungen zu beziehen. So beteiligte er sich in den 1980er Jahren mit der von ihm gegr&#252;ndeten Organisation Concerned Artists of the Philippines (CAP) an den b&#252;rgerlichen Protesten gegen den Diktator Ferdinand Marcos. Brockas Filme sind gepr&#228;gt von der Spannung zwischen diesem intervenierenden Gestus einerseits und den Zw&#228;ngen des Genrekinos, in welchem er Zeit seiner Karriere arbeitete, andererseits.<br />
Kein anderer Film Brockas macht diese Spannung so produktiv wie <em>Insiang </em>(1976), ein Melodram, angesiedelt in den &#252;berbev&#246;lkerten Slums von Manila. Hier, wo das Zusammenleben auf Zwang beruht, erstickt jeder Versuch, die soziale Zerrissenheit zu &#252;berwinden, im Keim, verl&#228;uft jede noch so minimale Geste der Solidarit&#228;t ins Nichts. Der Passionsweg der jungen Insiang f&#252;hrt sie von einer Erniedrigung zur n&#228;chsten, die sich, nach Art des klassischen Melodrams, s&#228;mtlich auf ihrem ebenm&#228;&#223;ig sch&#246;nen Gesicht abzeichnen. Am Ende des Films steht eine emanzipatorische Abweichung von der generischen Gussform: Wenn die leidende Oberfl&#228;che ihres Gesichts sich verh&#228;rtet und mit der Welt abgeschlossen hat, wird sich ihr grausamer Zorn nach au&#223;en wenden und gegen ihre Peiniger richten.<br />
Noch weiter von der herk&#246;mmlichen Auffassung des Dritten Kinos entfernt sich Kidlat Tahimiks <em>Mababangong bangungot</em><em> (Der parf&#252;mierte Albtraum)</em>. Schon 1977 bearbeitet er eine geopolitische Konstellation, die sich in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch in ihrer Keimform befand, inzwischen aber aus politischen und auch sonstigen Gegenwartsdiagnosen nicht mehr wegzudenken ist: die Globalisierung. Der Regisseur Kidlat Tahimik hei&#223;t mit b&#252;rgerlichem Name Eric de Guia und arbeitete als Wirtschaftswissenschaftler in den Vereinigten Staaten und Frankreich,bevor er es sich anders &#252;berlegte und mit <em>Mababangong bangungot</em> gleichsam im Alleingang das unabh&#228;ngige philippinische Kino begr&#252;ndete. Tahimik spielt oder parodiert sich selbst, als Bewohner eines kleinen Dorfes, der mit Leib und Seele dem westlichen Fortschrittsglauben verfallen ist. Er ist der Vorsitzende des lokalen Wernher-von-Braun-Fanclubs, lauscht begeistert den Selbstbeweihr&#228;ucherungen der Vereinigten Staaten auf ihrem Auslandssender „Voice of America“ und ist besessen vom Br&#252;ckenbauen, das ihm als Metapher f&#252;r die zunehmende Verbundenheit seines Dorfes mit dem Rest des Globus gilt. Bis Kidlat sich eines Tages auf eine Bildungsreise durch Europa begibt, und dort zu seiner Ern&#252;chterung feststellen muss, dass der technologische Fortschritt wo er hinblickt menschliche Verlierer hervorgebracht hat.<br />
Tahimiks hybride Montage rauschhafter Bilder und T&#246;ne, die mit minimalem Budget auf 8mm gedreht wurde, bricht mit allem, wof&#252;r die philippinische Filmindustrie bis heute steht. Deren standardisierten Melodramen setzt Tahimik seinen eigenen Entwurf von Kino als einem gleichzeitig pers&#246;nlichen und hoch politischen Medium entgegen. Auf den ersten Blick steht der Film damit dem Kanon des Dritten Kinos wieder sehr nahe. Freilich scheint sich in Tahimiks &#196;sthetik, in der das Lokale ohne (vor allem nationalstaatliche) Vermittlungsinstanzen mit dem Globalen konfrontiert wird, ein grunds&#228;tzlich anderer Politikbegriff zu verbergen als in den &#252;brigen Filmen des Dritten Kinos, die selten ganz ohne Kategorien wie „Nation“ oder „Volk“ auskommen. <em>Mababangong bangungot</em> partizipiert dabei weniger an der postkolonialen Internationalisierungsrhetorik, als dass er seinen eigenen problematischen Adressierungsmodus reflektiert: Ein Film wie dieser kann nicht mehr in mobilisierender Absicht zu einer auch nur halbwegs koh&#228;rent gedachten &#214;ffentlichkeit sprechen. Stattdessen richtet er sich an jeden und niemand und im Zweifelsfall vor allem an westliche Filmfestivals.</p>
<p><strong>Das Erbe des Dritten Kinos?</strong><br />
Wer die hier vorgestellten Filme, von Solanas und Getinos <em>La hora de los hornos</em> bis zu Tahimiks <em>Mababangong </em>bangungot, ungeachtet ihrer gro&#223;en Unterschiede unter ein und demselben Banner versammelt, nimmt sich zwar die M&#246;glichkeit, den Begriff des Dritten Kinos zur pr&#228;zisen Bestimmung einer politischen &#196;sthetik zu gebrauchen, kann ihn daf&#252;r aber als reichen Fundus an Formen und Ideen zu einer politischen Bildpraxis im umfassenden Wortsinn auffassen. Nicht nur die Form der Bilder selbst steht dann auf dem Spiel, sondern auch wie sie gemacht, verteilt und gezeigt werden.<br />
Aus diesem Fundus sch&#246;pfen auch die heutigen Kinematografien aus den L&#228;ndern der ehemaligen Dritten Welt, auch wenn sie in den allerwenigsten F&#228;llen ausdr&#252;cklich beanspruchen, das Projekt des Dritten Kinos zu beerben oder weiterzuf&#252;hren.<br />
Auch wenn der ins Okkulte gewendete Antikapitalismus nigerianischer Videofilme nur noch wenig mit der aufgekl&#228;rten Gesellschaftskritik bei Ousmane Sembène und anderen VertreterInnen des fr&#252;hen afrikanischen Kinos zu tun hat, machte der Aufstieg „Nollywoods“ zumindest Sembènes Traum von einem wirtschaftlich autonomen Filmschaffen <em>von </em>AfrikanerInnen <em>f&#252;r </em>AfrikanerInnen wahr. Mit einer Einschr&#228;nkung jedoch: Die Kehrseite dieser &#246;konomischen Unabh&#228;ngigkeit ist nicht anderes als die Abh&#228;ngigkeit von der &#214;konomie: Der erste veritable Blockbuster aus diesem Produktionszusammenhang ist Chris Obi Rapus<em> Living in Bondage</em> (Nigeria, 1992). Nur wenige Wochen nach ihrer Ver&#246;ffentlichung „straight to video“ hatte sich die moralische Erz&#228;hlung um einen jungen Igbo, der seine Frau opfert, um an Wohlstand und einen Nissan Pathfinder zu gelangen, &#252;ber 500 000 mal verkauft. Von diesem Erfolg angespornt, investierten findige Gesch&#228;ftleute in &#228;hnlich geartete Filmprojekte und legten so den &#246;konomischen wie generischen Grundstein zur nigerianischen Videofilmindustrie, die seither zum zweitgr&#246;&#223;ten Arbeitgeber des Landes avancierte.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a><br />
Ein anderes Beispiel, das in mehrerlei Hinsicht auf das Dritte Kino bezogen werden kann, ist das von der Volksrepublik China sowie der Europ&#228;ischen Union bezuschusste und vom Dokumentarfilmregisseur Wu Wenguang koordinierte Mammutprojekt <em>Chinese Villagers Documentary Project</em>, das in den letzten Jahren auf kleinen Festivals und im Internet<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> Furore gemacht hat. Zehn DorfbewohnerInnen aus allen Teilen Chinas, &#252;ber deren Auswahl eine offene Ausschreibung entschied, wurden mit digitalen Videokameras ausgestattet. Bestand ihre Zielsetzung urspr&#252;nglich darin, die basisdemokratische Direktwahl der Dorfverwaltung zu dokumentieren, hat sich das Projekt inzwischen zu einem umfassenden Selbstportr&#228;t im Format der Langzeitbeobachtung ausgewachsen: Die nebenberuflichen FilmemacherInnen, die alle auch einem oft landwirtschaftlichen Brotberuf nachgehen, wollten einfach nicht mehr davon lassen, die Bedingungen ihres Lebens mit Hilfe der digitalen Aufzeichnung zu verdoppeln und so zu thematisieren.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a><br />
Wenn das Dritte Kino nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch eine Gegenwart und Zukunft haben sollte, so wird sich diese wahrscheinlich nicht mehr auf Celluloid, sondern im entgrenzten Reich des digitalen Laufbilds abspielen.</p>
<p><em>Mit Dank an Lukas Foerster</em></p>
<p><em>Nikolaus Perneczky</em> ist einer der KuratorInnen der Filmreihe <em>Revolutionen aus dem Off. Eine Retrospektive des Dritten Kinos im Aufbruch</em>, die vom 18. April bis zum 27. Mai 2009 im <em>Zeughauskino Berlin</em> gezeigt wurde.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Zur geopolitischen Periodisierung der 1960er Jahre vgl. Kastner, Jens und David Mayer: Zur Einf&#252;hrung; In: Kastner, Jens und David Mayer, Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive, Wien 2008, S. 11.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Sartre, Jean-Paul: Vorwort [1961]; In: Fanon, Frantz: Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt am Main 1981, S. 24.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Frankfurt am Main 1989 [1964] (= Ders.: Schriften, Bd. 7), S. 15.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Tats&#228;chlich wurde das Aufbegehren etwa der konservativen Nation of Islam oder der linksradikalen Black Panther Party for  Self-Defense immer wieder zu den Befreiungsk&#228;mpfen auf dem afrikanischen Kontinent in<br />
Beziehung gesetzt, und im Umkehrschluss die rassistische Unterdr&#252;ckung in den USA als quasi kolonialistische gebrandmarkt. Vgl. dazu Scharenberg, Albert: „Die  B&#252;rgerrechtsbewegung in den USA“; In: Kastner/Mayer, a.a.O., S. 159-171, und als Zeitzeugnis Pasolini, Pier Paolo: B&#252;rgerkrieg [1966]; In: Ders.: Ketzererfahrungen, M&#252;nchen/Wien 1979, S. 179-186.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> vgl. van der Linden, Marcel: 1968: Das R&#228;tsel der Gleichzeitigkeit; In: Kastner/Mayer, a.a.O., S. 30.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Der Fokustheorie zufolge ist es die Aufgabe einer bewaffneten Gruppe entschlossener Revolution&#228;rInnen, die Revolution in die Landbev&#246;lkerung „hineinzutragen“.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> vgl. Hecken, Thomas: 1968. Von Texten und Theorien aus einer Zeit euphorischer Kritik, Bielefeld 2008, S. 55f.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> vgl. Kalter, Christoph: ’Le monde va de l’avant. Et vous êtes en marge’. Dekolonisierung, Dezentrierung des Westens und Entdeckung der ‚Dritten Welt’ in der radikalen Linken in Frankreich in den 1960er Jahren; In: Archiv f&#252;r Sozialgeschichte, Bd. 48, Bonn, 2008, S. 99-132.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Hecken, a.a.O., S. 52.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> z.B. Kastner/Mayer, a.a.O.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Solanas, Fernando E. und Octavio Getino: Towards a Third Cinema [1969]; In: Nichols, Bill (Hg.): Movies and Methods. An Anthology, Berkeley/Los Angeles/London, 1976, S. 44-64.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Debord, Guy: Die Gesellschaft des Spektakels, Berlin, 1996 [1967].<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Als vertikal integriert wird jene Unternehmensstruktur bezeichnet, bei der ein Filmstudio die Sektoren der Produktion, Distribution und Vorf&#252;hrung unter seinem Dach vereint.<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Solanas/Getino, a.a.O., S. 53f.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Ibid., S. 57.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Ibid., S. 58.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Ibid.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Ibid., S. 50; Kursivsetzung im Original.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Ibid., S. 47.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Ibid., S. 55f.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Ibid., S. 56.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Ibid., S. 55.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Ibid., S. 57.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> vgl. Pines, Jim und Paul Willemen (Hg.): Questions of Third Cinema, London, 1989; darin finden sich Versuche zu einer Ausweitung des Begriffs ebenso wie solche, denen an der Grundlegung eines &#228;sthetischen Kanons gelegen ist; vgl. auch Guneratne, Anthony und Wimal Dissanayake (Hg.): Rethinking Third Cinema, New York, 2003.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> vgl. Sanjinés, Jorge und die Ukamau Gruppe (Hg.): Theory and Practice of a Cinema with the People, New York, 1989 [1979].<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> vgl. Gutberlet, Marie-Hélène: Auf Reisen. Afrikanisches Kino, Frankfurt am Main/Basel, 2004, S. 106; vgl. auch Ukadike, Nwachukwu Frank: Black African Cinema. Berkeley, 1994; sowie Murphy, David und Patrick<br />
Williams: Postcolonial African cinema. Ten directors, Manchester/New York, 2007, S. 50.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> vgl. http://revolutionenausdemoff.de/, unter dem Men&#252;punkt „Material“ findet sich jenes Interview mit Sembène, aus dem das Zitat entnommen ist.<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> vgl. Bisschoff, Lizelle und David Murphy: Africa’s Lost Classics. Introduction; In: Screen 48:4, Oxford, 2007.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Diese Metapher pr&#228;gte Ousmane Sembène als Vorwurf an den franz&#246;sichen Ethnografen Jean Roch, in deutscher &#220;bersetzung wiederabgerduckt als Rouch, Jean und Ousmane Sembène: „Du schaust uns an, als w&#228;ren wir Insekten.“ Eine historische Gegen&#252;berstellung zwischen Jean Rouch und<br />
Ousmane Sembène im Jahr 1965; In: Gutberlet, Marie-Hélène und Hans-Peter Metzler (Hg.): Afrikanisches Kino, Bad Honeff, 1997, S. 29-32.<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> vgl. Diawara, Manthia: African Cinema. Politics and Culture, Bloomington, 1992.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> vgl. Murphy/Williams, a.a.O., S.<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> vgl. Fu&#223;note 30<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> vgl. http://www.guardian.co.uk/film/2007/jul/31/observerfilmmagazine.observerfilmmagazine5.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Auf der Website des China Independent Documentary Archive (http://www.cidfa.com) sind s&#228;mtliche Filme des Village Documentary Project verf&#252;gbar.<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> vgl. Foerster, Lukas: Village Voice; In: Cargo, Nr. 3, Berlin, Herbst<br />
2009, S. 49-52.</p>
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		<title>Zuckerrohr und Peitsche</title>
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		<pubDate>Sat, 07 Feb 2009 11:10:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 7]]></category>
		<category><![CDATA[Energiepolitik]]></category>
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		<description><![CDATA[Agrartreibstoffe sind keine „Strategie gegen den Klimawandel“, sondern Teil des Problems. <em>Franziskus Forster</em>, <em>Katharina Hajek</em> und <em>Felix Wiegand</em> sprachen im Juni 2008 mit Camila Moreno, brasilianische Aktivistin der Kleinb&#228;uerInnen-, LandarbeiterInnen- und Landlosenbewegung <em>Via Campesina</em>, &#252;ber die &#246;kologischen und sozialen Konsequenzen industrialisierter Landwirtschaft, die „Geopolitik der Agrartreibstoffe“ und nachhaltige Alternativen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Agrartreibstoffe sind keine „Strategie gegen den Klimawandel“, sondern Teil des Problems. <em>Franziskus Forster</em>, <em>Katharina Hajek</em> und <em>Felix Wiegand</em> sprachen im Juni 2008 mit Camila Moreno, brasilianische Aktivistin der Kleinb&#228;uerInnen-, LandarbeiterInnen- und Landlosenbewegung <em>Via Campesina</em>, &#252;ber die &#246;kologischen und sozialen Konsequenzen industrialisierter Landwirtschaft, die „Geopolitik der Agrartreibstoffe“ und nachhaltige Alternativen.<br />
<span id="more-282"></span><br />
<em>Fangen wir mit einer einfachen Frage an: K&#246;nntest Du kurz erkl&#228;ren, was Agrartreibstoffe sind und warum dieses Thema im Moment so hei&#223; diskutiert wird?</em></p>
<p>Der Name Agrartreibstoffe ist bereits ein kritischer Begriff von Sozialen Bewegungen, die den Begriff Biotreibstoffe nicht akzeptieren. Sie nennen es Agrartreibstoffe um klar zu machen, dass wir &#252;ber eine weitere Warenkette des Agrar-Lebensmittels-Sektors sprechen. Der Agrar-Lebensmittel-Sektor und der Energiesektor sind heute die Sektoren, die am st&#228;rksten von Unternehmen kontrolliert werden und die h&#246;chste Machtkonzentration aufweisen. Mit der Entstehung der Agrar-Energie-Industrie erleben wir nun die Fusion dieser beiden Sektoren; nat&#252;rlich in Zusammenarbeit mit der Automobilindustrie und der alten &#214;lindustrie.</p>
<p>Was sind Agrartreibstoffe? Haupts&#228;chlich Ethanol und Biodiesel. Ethanol wird in den USA aus Getreide und in Brasilien aus Zuckerrohr hergestellt. Biodiesel wird aus verschiedenen Quellen gewonnen, aus Raps, Sojabohnen und Palm&#246;l, wobei letzteres die profitabelste Quelle ist.</p>
<p><em>Welcher Zusammenhang besteht zwischen Agrartreibstoffen und der &#214;l- und Automobilindustrie und was hat dies mit den steigenden Benzin, Erd&#246;l- und Erdgaspreisen zu tun?</em></p>
<p>Agrartreibstoffe sind Teil einer gr&#246;&#223;eren Agrar-Energie-Strategie. Wir sprechen hier nicht nur &#252;ber Fl&#252;ssigtreibstoffe, sondern generell &#252;ber Energie, die aus Biomasse gewonnen wird. Wir benutzen die Landwirtschaft also, um Essen, Werkstoffe, Treibstoffe und Futter herzustellen.</p>
<p>Der allgemeine Hintergrund ist die Ersch&#246;pfung der &#214;lvorr&#228;te. Wir haben Peak-Oil erreicht bzw. wir erreichen es in einigen Jahren. Der &#214;lpreis hat sich im Zeitraum von April 2007 bis April 2008 verdoppelt und es zeichnet sich keine Abschw&#228;chung des Preises ab. Es kann eine Spekulationsblase sein, wie manche behaupten, aber der entscheidende Punkt ist, dass es immer teurer wird, die verbleibenden &#214;lvorr&#228;te zu f&#246;rdern. In Zukunft wird man mehr Energie aufwenden m&#252;ssen, das &#214;l zu f&#246;rdern, als man durch dieses gewinnt. Zus&#228;tzlich ist es notwendig, die Suche nach &#214;l in neue und &#246;kologisch empfindliche Gegenden wie die Nordsee oder den Amazonas auszuweiten. Und im Nahen Osten gibt es einen Krieg, von dessen Ausgang die weitere &#214;lf&#246;rderung abh&#228;ngt.</p>
<p>Die propagierte Strategie, mit Agrartreibstoffen den Klimawandel zu bek&#228;mpfen, wurde zu Beginn des Jahres 2008 von zwei gro&#223;en Studien zerpfl&#252;ckt, die ihren Fokus auf die gesamte Energiebilanz der Agrartreibstoffe richteten. Sie konnten zeigen, dass Agrartreibstoffe nicht nur genauso viel Emissionen produzieren wie &#214;l, sondern sogar noch mehr. Es geht hier also nicht um die Bek&#228;mpfung des Klimawandels, sondern um den Versuch, eine Krise hinauszuz&#246;gern, die wir bereits erleben. Es handelt sich um eine Systemkrise, weil die Agrartreibstoffe nicht losgel&#246;st von der v&#246;llig auf Erd&#246;l basierenden industriellen Landwirtschaft existieren.</p>
<p>In Brasilien produzieren wir seit 33 Jahren Ethanol, aber der entscheidende Punkt ist, dass wir es jetzt herstellen, um Treibstoffe f&#252;r den Leichttransport und eine 25-prozentige Beimischung zum Benzin zu gewinnen. Aber man bewegt keinen Traktor oder die acht Achsen eines gro&#223;en Trucks nur mit Ethanol. Sie funktionieren ausschlie&#223;lich mit Diesel, weil Diesel ein st&#228;rker konzentrierter Treibstoff ist. Wir sprechen dar&#252;ber, einen kleinen Teil des &#214;ls zu sparen, um die Transportkosten niedrig zu halten und die KonsumentInnen und speziell die Mittelklasse – die immer noch sehr stark auf die individuelle Mobilit&#228;t und ein Auto-zentriertes Leben Bezug nimmt – den Anstieg der &#214;lkosten nicht sp&#252;ren zu lassen. So ist zum Beispiel der Lebensmittelpreis bereits mit dem Preis f&#252;r Schwer&#246;l verbunden, das man f&#252;r den Transport der Lebensmittel ben&#246;tigt. Das ist der Grund f&#252;r die Explosion der Lebensmittelpreise und die Hungerrevolten. Im Gegensatz dazu explodieren die Preise f&#252;r den Individualverkehr noch nicht. Es gab in Europa Proteste, die jedoch haupts&#228;chlich vom Produktions-Sektor ausgingen, z.B. von Landwirten und Fischern. Alle, die auf Diesel angewiesen sind, protestierten. Aber wir haben keine Bewegung von urbanen KonsumentInnen gesehen, die gegen die steigende Treibstoffpreise protestiert h&#228;tten.</p>
<p><em>Abgesehen von den Preisen f&#252;r Benzin und Lebensmittel, welche sozialen Auswirkungen haben Agrartreibstoffe noch? Inwieweit h&#228;ngen diese mit den sogenannten „Umweltproblemen“ zusammen?</em></p>
<p>Zun&#228;chst m&#252;ssen wir uns die Frage stellen: wenn mehr und mehr Konsens dar&#252;ber besteht, dass Agrartreibstoffe keine „Strategie gegen den Klimawandel“ darstellen, warum unterst&#252;tzen die Regierungen diese dann immer noch? Weil, wie ich schon erw&#228;hnt habe, Agrartreibstoffe einen Spielraum oder ein Zeitfenster schaffen. Die Geschichte des Kapitalismus ist eng verbunden mit fossilen Treibstoffen. Ohne diese h&#228;tte der globale Handel und die globale Pl&#252;nderung der Rohstoffe nie eine derartige Geschwindigkeit und Intensit&#228;t erreichen k&#246;nnen. Die ganze industrielle Revolution basierte auf dem Verbrennen von Kohle, ab den 1850er Jahren wurde dann das Erd&#246;l ein Bestandteil der &#214;konomie. Wenn es nun ausgeht, wie soll das System, der weltweite Handel, die Produktion, der Transport und der Export von Waren aufrecht erhalten werden?</p>
<p>Agrartreibstoffe sind also keine „Strategie gegen den Klimawandel“, sondern blo&#223; der Versuch, ein System am Leben zu erhalten, das von selbst zusammenbrechen w&#252;rde. Dieses System hat von Anfang an &#246;kologische und soziale Katastrophen provoziert: seit der Transformation der traditionellen Landwirtschaften in den verschiedensten L&#228;ndern nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Gr&#252;ne Revolution …</p>
<p><em>K&#246;nntest Du kurz den Begriff „Gr&#252;ne Revolution“ erkl&#228;ren?</em></p>
<p>Der Begriff der „Gr&#252;nen Revolution“ verweist auf die in den USA entwickelte und bewusst geplante Strategie, nach dem Zweiten Weltkrieg sozialistische oder kommunistische Aufst&#228;nde zu verhindern. Der „roten“ Revolution mit einer „gr&#252;nen“ Revolution entgegenzutreten. Die Idee war: wenn wir Nahrung f&#252;r die b&#228;uerliche Bev&#246;lkerung in der dritten Welt sicherstellen, dann werden sich die Massen nicht der „roten Bedrohung“ anschlie&#223;en. Deshalb entwickelten sie das, was hybrides Saatgut genannt wird. Dieses kann nach der Aussaat nicht wiederverwendet werden. Damit wurde eine historische Wende vollzogen: zum ersten Mal in der Geschichte wurde Saatgut entwickelt, das die B&#228;uerInnen sowie die landwirtschaftliche Produktion insgesamt an ein vollst&#228;ndig technologisches Paket band. Das Paket beinhaltete D&#252;nger auf Erd&#246;l-Basis, Agrarchemikalien, Mechanisierung, Abh&#228;ngigkeit von Treibstoffen und Zugang zu Krediten. Das erste hybride Saatgut wurde in Indien und S&#252;dostasien eingesetzt, sp&#228;ter in Mexiko. Das erste Beispiel war der „Goldene Reis“, von dem behauptet wurde, er w&#228;re besser und enthalte mehr Vitamine, so dass er die Menschen von Mangelern&#228;hrung befreien k&#246;nnte. Heute wissen wir, dass diese Dinge haupts&#228;chlich von Rockefeller und der Ford-Foundation vorangetrieben wurden, dem „philantrophischen“ Gesicht des Kapitalismus. Viele Regierungen s&#252;dlicher Staaten wandten diese Pakete an. Darin liegt die Hauptursache vieler Auslandsschulden. Fast die gesamten Schulden Brasiliens basieren auf den Krediten, die aufgenommen wurden, um das Modell der industriellen Landwirtschaft einzuf&#252;hren. In Indien und sp&#228;ter auch Brasilien war das Paket zus&#228;tzlich mit Bev&#246;lkerungskontrolle und einem massiven Sterilisations-Programm verbunden.</p>
<p>Heute l&#228;sst sich noch ein anderer Aspekt der „Gr&#252;nen Revolution“ ausmachen: nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hinterlie&#223; die Kriegsindustrie viele Schiffe, Chemikalien und massenhaft Panzergestelle, aus denen man Traktoren bauen konnte. Es existierte also eine umfangreiche industrielle Infrastruktur, die im Krieg entstanden war und die Wirtschaft w&#228;hrend des Krieges florieren lie&#223;. Nun wurde ein sehr zufriedenstellender Weg gefunden, all diese vorhandenen Anlagen zu Geld zu machen und die Chemikalien loszuwerden. Um ein Beispiel f&#252;r die Chemikalien zu geben: Monsanto<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> produzierte das Entlaubungsmittel „agent orange“, das im Vietnamkrieg eingesetzt wurde. Am Ende des 20. Jahrhunderts tritt Monsanto als „Saatgutunternehmen“ auf, will die Welt von Hunger befreien und gewinnt viele Nachhaltigkeitsauszeichnungen. Ich will Euch nicht die Geschichte von Monsanto erz&#228;hlen, aber alle Unternehmen, die am Ende des 20. Jahrhunderts die Saatgutproduktion beherrschen, haben eine katastrophale Vergangenheit.</p>
<p>Mit dem hybriden Saatgut wurden die B&#228;uerInnen nicht nur dazu gezwungen, f&#252;r jede Aussaat neues Saatgut zu kaufen, sondern sie mussten auch ihr Land der Bank als eine Garantie geben, um die Kredite f&#252;r die Umsetzung des Pakets zu erhalten. Damit wurde ein riesiger Markt f&#252;r die ohnehin bereits produzierten Chemikalien geschaffen. Es half Deutschland, seine Wirtschaft wiederaufzubauen, da alle gro&#223;en Chemiekonzerne zu dieser Zeit aus Deutschland kamen: Bayer, BASF etc. Dies hat auch die Erosion der Biodiversit&#228;t angesto&#223;en, die wir heute erleben. Die <em>Food and Agriculture Organisation</em> (FAO) meint, dass wir im 20. Jahrhundert nicht weniger als 75 Prozent der gesamten agrarischen Biodiversit&#228;t verloren haben. Diese gesamte Entwicklung ging Hand in Hand mit der Schaffung freier Fl&#228;chen durch Abholzung, DDT<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> wurde gro&#223;r&#228;umig eingesetzt, um Gegenden von Moskitos zu befreien. All dies, um die M&#228;rkte mit Nahrung auf Getreidebasis zu &#252;berschwemmen. Diese wurde auch entwickelt, um industrielle Proteine einzuf&#252;hren. Zuvor nahmen die Menschen n&#228;mlich unterschiedliche Proteine zu sich, anh&#228;ngig davon, in welchem &#214;kosystem sie lebten. Aber mit der industriellen Revolution in der Landwirtschaft wurden – neben der Umstellung auf Getreide – auch die Grundlagen der „fast food“-Ern&#228;hrung geschaffen, durch die Rind, Gefl&#252;gel und Schwein zu den universellen und globalen Proteinquellen wurden. Nat&#252;rlich handelt es sich dabei um eine gro&#223;e Industrie, die gro&#223;e &#246;kologische und soziale Auswirkungen hat.</p>
<p>Ich habe so weit ausgeholt, um den Zusammenhang zwischen den &#246;kologischen und sozialen Auswirkungen der Agrartreibstoffe aufzuzeigen. Seit Beginn der „Gr&#252;nen Revolution“ haben ExpertInnen, AktivistInnen und soziale Bewegungen auf die verheerenden Folgen aufmerksam gemacht. Aber dies hat das Projekt nicht aufgehalten, weil die Regierungen wirklich &#252;berzeugt waren, eine Intensivierung der Produktion w&#228;re notwendig. Das Hungerproblem wurde nicht an der Wurzel gepackt, z. B. mit einer Landreform in Lateinamerika. Die Strategie war vielmehr, die Industrialisierung der Lebensmittelproduktion zu f&#246;rdern. Jetzt – mit der durch die gentechnisch ver&#228;nderten Organismen (GMO) losgetretenen „zweiten Gr&#252;nen Revolution“ – erleben wir eine neue Welle der Belastung von Land, von Wasser etc. Das wird &#252;berall kritisiert. Aber die Regierungen sind die einzigen, die in der Lage w&#228;ren, verbindliche Rechtsvorschriften f&#252;r den Konsum und die Produktion von Agrartreibstoffen zu erlassen. F&#252;r diese existiert deshalb ungebrochene Unterst&#252;tzung, weil keine Regierung die politische Aufgabe &#252;bernehmen will, ihren B&#252;rgerInnen offen zu sagen: „Dieser Lebensstil kann nicht weitergehen, wir m&#252;ssen ihn dramatisch &#228;ndern“. Das ist genau der Punkt! Es existiert keine politische Plattform, weder auf Seiten der Linken noch der Rechten, die ehrlich genug w&#228;re, den B&#252;rgerInnen zu sagen: „Diese Welt braucht einen Neustart, wir m&#252;ssen innehalten, das Ganze &#252;berdenken und neu planen“. Und es geht hier nicht um technische L&#246;sungen oder ein besseres Management, das Ganze muss vielmehr strukturell v&#246;llig neu konzipiert werden, ausgehend von der Lebensmittel- und Energieversorgung der heutigen Millionenst&#228;dte.</p>
<p><em>Was verstehst Du unter der sogenannten „Geopolitik der Agrartreibstoffe“?</em></p>
<p>Der Begriff „Geopolitk der Agrartreibstoffe“ ist ein Begriff, der von verschiedenen Gruppen des globalen S&#252;dens gepr&#228;gt wurde, die sich das erste Mal im Juni 2007 in Ecuador getroffen haben. Es gab zu dieser Zeit viele Debatten &#252;ber Agrartreibstoffe, aber wir waren uns einig, dass wir, wenn wir diese thematisieren wollten, so etwas wie einen gemeinsamen Ausgangspunkt brauchten: Ern&#228;hrungssouver&#228;nit&#228;t<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a>. Wir diskutierten &#252;ber dieses Thema in Ecuador, einem kleinen Land, dessen Wirtschaft v&#246;llig vom Erd&#246;l-Export abh&#228;ngig ist. Es ist auch das Land, in dem TEXACO zum ersten Mal &#252;berhaupt f&#252;r verursachte Umweltsch&#228;den verklagt wurde. Und es ist auch ein Land, dessen &#214;lreserven maximal noch f&#252;r zw&#246;lf bis zwanzig Jahre reichen werden und das sich deshalb gegenw&#228;rtig Gedanken &#252;ber Ver&#228;nderungen macht. Sie schreiben im Moment an einer neuen Verfassung, die einen Wandel hin zu einem „Ecuador nach dem &#214;l“ vorsieht. Wir dachten also, dies w&#228;re ein gro&#223;artiger Ort, um &#252;ber dieses Thema zu sprechen. Es waren Mitglieder des <em>Oil-Watch-Networks</em> mit dabei. Dieses Netzwerk &#252;berwacht – wie der Namen schon sagt – seit mehr als 15 Jahren die Produktion und den Verkauf des Erd&#246;ls. Sie teilten mit uns sehr wichtige Erfahrungen dar&#252;ber, wie Gebiete, in denen die Pipelines verliefen, im letzten Jahrhundert die Geopolitik entscheidend beeinflussten. Wenn man sich vergegenw&#228;rtigt, dass der Aufbau der Infrastruktur f&#252;r die F&#246;rderung und den Transport des &#214;ls viel Zeit in Anspruch nimmt und die entsprechenden Gebiete buchst&#228;blich „ges&#228;ubert“ werden m&#252;ssen, beginnt man zu verstehen und die Teile des Puzzles zusammen zu setzen.</p>
<p>Im Zusammenhang mit den Agrartreibstoffen passiert genau dasselbe. Zum Beispiel kann man sagen, dass in Lateinamerika heute alle gro&#223;en Infrastrukturma&#223;nahmen mit der Energieproduktion und -distribution zu tun haben. Es gibt H&#228;fen, Speicher, zwei Ethanol-Pipelines, die Umleitung von  Fl&#252;ssen, Mega-D&#228;mme: all das ist Teil der gro&#223;en Infrastruktur, die errichtet wurde, um Energie zu produzieren, zu exportieren und eine billige Energieversorgung f&#252;r die Produktion sicher zu stellen. Doch diese Entwicklung verlangt die S&#228;uberung bestimmter Gebiete, die Errichtung von „Schutzgebieten“. Gesch&#252;tzt vor wem? Gesch&#252;tzt vor den Menschen, die dort eigentlich leben! Wenn die Gebiete erst einmal ges&#228;ubert sind und die Dinge ins Laufen kommen, dann sind sie nicht mehr zu stoppen, weil die Menschen in den St&#228;dten leben und deshalb nicht mitbekommen, was tats&#228;chlich passiert.</p>
<p>Wenn man ausgehend von diesen Infrastrukturprojekten einen Schritt weiter geht, bekommt man in den Blick, wie die Politik in Lateinamerika durch diese neue Geopolitik umgestaltet wird. Die ersten, die davon profitieren, sind die Brasilianische Regierung und die Ethanol-Allianz zwischen den USA und Brasilien, die den neu entstehenden internationalen Agrar-Energie-Markt beherrscht. Dabei ist ein sehr wichtiger Punkt, dass die Entscheidungen &#252;ber die Bedingungen und die Standards des Ethanol-Sektors in ihrer Hand liegen. Um eine internationale Ware zu werden, muss dieser Sektor n&#228;mlich v&#246;llig standardisiert werden und wer die Standards bestimmt, bestimmt auch, wie dieser funktioniert. Wir dachten: „Oh, das ist ein zu vernachl&#228;ssigender Aspekt!“, aber das ist es nicht! Denn wenn man ein oder zwei Grad in der Reinheit oder der Konzentration des Treibstoffs &#228;ndert, l&#228;uft es nicht mehr durch die Motoren, da diese – im Gegensatz zu fr&#252;heren Generationen – sehr komplex, vollst&#228;ndig elektronisch und &#252;beraus empfindlich sind und nur wenige Unternehmen auf der Welt die entsprechenden Technologien besitzen. Das ganze erscheint zwar wie eine rein technische Frage, aber das ist es definitiv nicht! Die Frage ist, wer die Standards f&#252;r die Produktion setzt und die Automobil-Industrie hat gro&#223;en Einfluss darauf.</p>
<p>Diese Allianz zwischen Brasilien und den USA bedeutet nun f&#252;r letztere erst einmal eine weitere sichere Quelle f&#252;r Treibstoff, die sie unabh&#228;ngiger von Konflikten im Nahen Osten und anderswo macht. Gleichzeitig hilft es Brasilien, zum neuen „Giganten des S&#252;dens“ zu werden, eine Position, die schon lange angestrebt wurde. Es nutzt seinen gesamten Staatsapparat, um zu sagen: „Jetzt sind wir hier, wir m&#246;chten mit den Gro&#223;en mitspielen und einen permanenten Sitz im UN Sicherheitsrat“. Das ist eine Obsession f&#252;r Brasilien.</p>
<p>Zus&#228;tzlich zu dem Ethanol haben wir ca. 240 km vor der K&#252;ste in tiefen Gew&#228;ssern die weltweit drittgr&#246;&#223;ten Erd&#246;l und -gasreserven. Dies er&#246;ffnete einen gro&#223;en Spielraum f&#252;r Spekulationen, da es ein sehr kostspielig zu f&#246;rderndes &#214;l und Gas ist, Brasilien jedoch die f&#252;hrende Technologie f&#252;r die <em>off-shore</em>-F&#246;rderung besitzt.</p>
<p>Brasilien kombiniert also Agrartreibstoffe mit gew&#246;hnlichen fossilen Brennstoffen und ist zus&#228;tzlich dieser „Wassergigant“, der auch Energie aus Wasserkraft/Hydroenergie bereitstellen kann. Und das passt sehr gut in die Interessen der USA, weil es Chavez v&#246;llig marginalisieren w&#252;rde – Chavez und Venezuela als <em>die </em>&#214;lmacht der Region. Es k&#246;nnte z. B. auch der Abh&#228;ngigkeit vom Erdgas Evo Morales’ ein Ende bereiten – Brasilien importiert gegenw&#228;rtig eine Menge dieses Erdgases. Wir k&#246;nnten im Hinblick auf die Energie selbstversorgend sein, aber wir beziehen Energie aus dem Ausland, weil es sich lohnt, billiges &#214;l zu kaufen und unser qualitativ hochwertiges &#214;l teuer zu verkaufen. Wir verkaufen also eine Menge davon ins Ausland und gleichzeitig importieren wir Diesel, nicht weil wir es nicht h&#228;tten, sondern weil es sich auszahlt. Brasilien raubt damit den am st&#228;rksten links orientierten Regierungen in Lateinamerika und deren Ansichten die Aufmerksamkeit, sie werden in den Schatten gestellt vom „neuen Giganten“ Brasilien.</p>
<p>Brasilien ma&#223;t sich auch an, nach Afrika zu expandieren. Weil Brasilien „ein Freund Afrikas“ ist. Unsere Bev&#246;lkerung besteht zu mehr als 60 Prozent aus „Afro-BrasilianerInnen“. Als Land, das von Sklavenh&#228;nden erbaut wurde, sei Brasilien berufen, nach Afrika zu gehen, diese Schuld zu bezahlen, und so weiter und so fort. Brasilien wird in Afrika ein warmer Empfang bereitet, wegen der Nahrungsmittelknappheit und Lulas Charisma. Die USA w&#228;ren dazu nie in der Lage. Brasilien macht sich also den Weg frei und sagt: wir sind nur hier um Zuckerrohrplantagen anzulegen, unsere Entwicklungsbank kann euch Geld leihen, weil wir diese S&#252;d-S&#252;d-Kooperation haben. De Facto ist dies jedoch nur Wasser auf die M&#252;hlen der Gro&#223;industrie. Der Aufstieg Brasiliens hat auch die Art und Weise ver&#228;ndert, in der sich Europa, z. B. Deutschland, gegen&#252;ber dem Land verh&#228;lt. Pl&#246;tzlich bekommt Brasilien Besuch von Angela Merkel und jedeR versucht, es Brasilien recht zu machen, weil jedeR ein riesiges Interesse an Brasilien hat – so nehmen zumindest wir in Brasilien es war. Denn nun haben wir etwas anzubieten, unsere Regierung ist mehr denn je dazu bereit, das Land zu missbrauchen, um die globalen M&#228;rkte zu versorgen. Lula sagte letztes Jahr, dass die BetreiberInnen von Zuckerplantagen f&#252;r mehr als 500 Jahre als <em>Bad Guys</em> angesehen wurden – nun sind sie unsere Helden, da sie den Markt mit dem versorgen k&#246;nnen, was dieser verlangt. Und er hat gesagt, dass wir die Pflicht haben, diese Versorgung f&#252;r sie sicherzustellen. Das ist vollkommen unterw&#252;rfig.</p>
<p>Die europischen Regierungen sind schlie&#223;lich nicht hier, um alle zwei Jahre ein Fass zu kaufen, sondern es geht um riesige Mengen, die jeden Tag im Hafen von Rotterdam einlaufen. Wenn man eine derart gro&#223;e Nachfrage hat, muss man ohne Unterbrechung anbauen, verarbeiten, lagern und liefern, d.h. man ben&#246;tigt eine umfassende Infrastruktur und eine gut getimte Logistik, Lastwagen, Tanks, Schiffe usw. Wenn man nach Sao Paolo reist, sieht man gleich, dass das kein Kindergeburtstag ist. Aber je mehr der Anbau von Agrartreibstoffen zunimmt, desto gr&#246;&#223;er wird das Interesse des Kapitals sein, Infrastruktur zu errichten. Und wie man im Irak sieht, flie&#223;en beim Aufbau von Infrastruktur gewaltige Geldsummen. Das alles h&#228;lt die Wirtschaft am Laufen und das ist genau das, was sie brauchen.</p>
<p><em>Was bedeutet diese Entwicklung, die Errichtung dieser Infrastruktur, die Umstrukturierung der Wirtschaft, diese neue Agro-Industrie, f&#252;r die Menschen in Brasilien und speziell f&#252;r die Bev&#246;lkerung des Amazonas-Gebietes?</em></p>
<p>Zun&#228;chst einmal, dass wir in Brasilien jeden Tag mit dieser neuen Agro-Energie &#252;berschwemmt werden. Wir sind seit mehr als drei&#223;ig Jahren daran gew&#246;hnt. Das ist sehr stark nationalistisch aufgeladen und die Mittelklasse findet Gefallen daran: sie sind es, die die Autos fahren und f&#252;r das Ethanol nur ein Drittel des normalen Benzinpreises zahlen. Es ist also billiger und es wird nicht weiter dar&#252;ber nachgedacht. F&#252;r einen anderen Teil der Bev&#246;lkerung, die sozialen Bewegungen, die bereits zuvor begonnen hatten, gegen die Expansion des Agro-Buisness zu mobilisieren und Widerstand zu leiten, bedeuten die Entwicklungen lediglich die Vergr&#246;&#223;erung eines bereits bestehenden Problems. Nat&#252;rlich haben wir die Expansion des Agro-Business genau beobachtet und Widerstand geleistet, aber mit der F&#246;rderung von Agrartreibstoffen – ein mit internationalem Kapital angesto&#223;ener Prozess – nahm die Geschwindigkeit, mit der das Land durch Monokulturen ver&#228;ndert wurde, dramatisch zu. Die Entwicklung begann also bereits zuvor, nahm nun jedoch eine andere Dimension an.</p>
<p>Zuallererst m&#252;ssen wir verstehen, dass die Ausbreitung industrieller und genetisch modifizierter Monokulturen sowie der massive Einsatz von Chemikalien in der Landwirtschaft die Hauptursache f&#252;r den Teufelskreis ist, den das Agro-Business losgetreten hat: die Abholzung, der Verlust der Biodiversit&#228;t, die Vertreibung der Bev&#246;lkerung von ihrem Land. Sie kommen mit ihren Monokulturen und verschmutzen den Boden und das Wasser, beschleunigen die Erderw&#228;rmung und treiben die Bev&#246;lkerung in die Randgebiete der Gro&#223;st&#228;dte. Dort ben&#246;tigen sie Unterk&#252;nfte, Gesundheitsversorgung, Bildungseinrichtungen und Wasser und weil sie das alles nicht kriegen, nimmt die Gewalt um die St&#228;dte herum zu. Au&#223;erdem hat das alles die Vereinheitlichung der Ern&#228;hrung zur Folge und treibt die „Supermarktisierung“ des allt&#228;glichen Lebens voran. Die st&#228;dtischen Siedlungen – konzipiert als Orte, um dort sein Leben zu fristen, zu konsumieren und zu wohnen – sind allesamt um diese riesigen Supermarkt- und Einkaufszentren herum gebaut, wo du hingehst und deinen ganzen Tag nur damit verbringst, Dinge zu kaufen. Das ist sehr amerikanisch, alles ist genormt, es gibt viele Shops und sie kontrollieren genau, was du isst und was du kaufst. Sogar die Sozialleistungen f&#252;r arme Menschen bestehen darin, Lebensmittelmarken f&#252;r diese Zentren zu verteilen. Die Lebensmittel sind komplett industriell hergestellt, machen dich krank und fett aber nicht satt. Den Armen sieht man ihren Hunger nicht an, sie sind fett. In Brasilien kann man einen ziemlich klaren Unterschied erkennen: die Armen sind fett und ein klares Zeichen des sozialen Aufstiegs besteht darin, schlank zu sein und den g&#228;ngigen Sch&#246;nheitsidealen zu entsprechen.</p>
<p>Aber der entscheidende Punkt ist, dass diese Entwicklung mit einer noch st&#228;rkeren Ausrichtung der &#214;konomie auf den Export landwirtschaftlicher G&#252;ter Hand in Hand geht. Man muss sich das &#252;berlegen, diese Landwirtschaft ist keine Landwirtschaft, sondern Bergbau! Man beutet die gesamt Fruchtbarkeit des Bodens, die gesamten Mineralien aus, schickt die Erzeugnisse nach Europa, nach China, wo sie dann gegessen werden; aber die Exkremente gelangen niemals zur&#252;ck nach Brasilien, der biologische Kreislauf wird niemals wieder hergestellt. Im Ergebnis bedeutet dies, dass nach 30 Jahren Landwirtschaft in der Amazonas-Region der Boden bereits ausgelaugt ist, und dies trotz gro&#223;er Mengen von D&#252;nger und Zusatzstoffen, die aus Sibirien und Israel importiert werden. Man kann die Phosphate usw. nicht produzieren, also m&#252;ssen sie von irgendwoher herangeschafft werden.</p>
<p>F&#252;r viele Menschen liegt es demnach auf der Hand, dass und wie dieses ganze System zusammenbricht. Warum wird dies nicht eingestanden und der Bev&#246;lkerung reiner Wein eingeschenkt? Die Ern&#228;hrungskrise hat grade erst angefangen, sie wird aber bestehen bleiben. Wir br&#228;uchten  eine v&#246;llige Umgestaltung des Ern&#228;hrungssystems, von Nahrungsmittelproduktion und -handel, eine Wiederentdeckung traditionellen Saatguts, das gegen&#252;ber Klimawandel und extremen Naturereignissen viel widerstandsf&#228;higer ist. Wir aber tun genau das Gegenteil: wir f&#246;rdern die Erforschung von GMOs mit h&#246;herer Widerstandskraft gegen&#252;ber Trockenheit, obwohl es die GMOs selbst sind, die die Trockenheit verursachen! Es ist wie bei einem Hund, der versucht, sich in den eigenen Schwanz zu bei&#223;en und deshalb die ganze Zeit im Kreis l&#228;uft. W&#228;hrenddessen schmelzen die Pole.</p>
<p>Die Situation ist also sehr ernst und gleichzeitig ist es sehr schwierig, in die &#246;ffentliche Wahrnehmung zu gelangen, weil das Problem so vielschichtig ist. Manche Menschen lernen es auf die h&#228;rteste Art und Weise: sie stehen auf ihren Feldern und sehen, dass sie keine Landwirtschaft mehr betreiben k&#246;nnen, weil st&#228;ndig extreme klimatische Ereignisse geschehen. Landwirtschaft ist davon abh&#228;ngig, eine Versicherung zu besitzen, weil es z. B. passieren kann, dass ein gro&#223;er Sturm die Ernte zerst&#246;rt. Die brasilianische Regierung vergibt eine Versicherung jedoch nur dann, wenn man den Kaufbeleg seines modifizierten Saatgutes vorweist. Die Sache ist also die, dass man das eigentliche Problem kaufen muss: die GMOs. Es ist interessant zu wissen, dass die meisten dieser Entwicklungen durch staatliche Politik vorangetrieben werden. Nat&#252;rlich haben die Unternehmen einen gewissen Einfluss, aber die Regierungen werden nicht gezwungen, so zu handeln. Sie glauben selbst daran. Die ganze Kritik am Neoliberalismus fokussierte immer auf die Unternehmen, aber nun, da wir uns in einer post-neoliberalen Phase befinden – fall es sie &#252;berhaut gibt –, ist der Staat st&#228;rker denn je. Und er greift auf sein Gewaltmonopol zur&#252;ck.</p>
<p><em>Wie leisten die Menschen, die davon physisch betroffen sind, Widerstand?</em></p>
<p>Es gibt viele K&#228;mpfe und viel Widerstand. Die Bewegung der l&#228;ndlichen Bev&#246;lkerung war federf&#252;hrend darin, das Agrartreibstoff-Projekt anzuprangern. Es gab viele Protestm&#228;rsche, sie besetzten Fabriksgel&#228;nde, blockierten Stra&#223;en etc. Vor kurzem, am 11. Juni, gab es einen nationalen Mobilisierungstag, an dem die Bewegungen, die Teil von Via Campesina Brasilien sind, teilnahmen – darunter die Landlosenbewegungen und andere –, aber auch st&#228;dtische Bewegungen. Sie organisierten sich, besetzten L&#228;ndereien, die gepachtet wurden, um neue Plantagen aufzubauen, und Areale vor wichtigen Ethanol-Fabriken, sie zerst&#246;rten ein Versuchslabor f&#252;r GMO-Zuckerrohr, sie besetzen die Geb&#228;ude und Lagerhallen gro&#223;er Agrarunternehmen und verteilten die Lebensmittel unter der umliegenden Bev&#246;lkerung. Dies wurde von den internationalen Medien stark beachtet und war in allen Zeitungen, weil es zeitgleich in allen elf Provinzen stattfand und eine Welle der Repression seitens des Milit&#228;rs und der Polizei hervorrief. Aber Fakt ist, dass sie sehr erfolgreich waren, indem sie zeigen konnten, „wir sind hier“, „wir werden st&#228;rker“, „wir werden dies nicht mehr hinnehmen“. Es gibt direkte Aktion und direkte Konfrontation, die ganz anders ist als das was ihr in Europa macht, weil man hierbei wirklich sein Leben riskiert.</p>
<p>Aber es gibt auch alternative Ideen, das Konzept der Energiesouver&#228;nit&#228;t. Letztes Jahr hatten wir die erste landesweite Konferenz zu Agrarenergie, die &#252;ber 500 Delegierte von sozialen Bewegungen, Umwelt-NGOs, Gewerkschaften, Kirchen und Universit&#228;ten zusammenbrachte und aus der eine gemeinsame Deklaration zu Agrarenergie hervorging. In dieser hei&#223;t es, dass wir in keiner Weise die Export-orientierte Agrartreibstoff-Politik unserer Regierung unterst&#252;tzen. Konkret fordern wir die Suche nach alternativen Energiequellen. Menschen ben&#246;tigen Energie, sie waren immer abh&#228;ngig von Agrarenergie. Was die Bewegung tut – und wir unterst&#252;tzen das – ist eine kleinr&#228;umliche Produktion von Agrartreibstoffen f&#252;r den lokalen Gebrauch aufzubauen. Das k&#246;nnte auf ein Abkommen zwischen den StadtbewohnerInnen und der l&#228;ndlichen Bev&#246;lkerung hinauslaufen, wonach letztere Lebensmittel und Treibstoff produzieren, die lokal vertrieben werden. Das tr&#228;gt dem Umstand Rechnung, dass gegenw&#228;rtig allein schon f&#252;r den Transport der Agrartreibstoffe selbst Treibstoff verbraucht wird. Durch die Nutzung von Agrartreibstoffen auf lokaler Ebene w&#252;rde sich die Abh&#228;ngigkeit vom &#214;l reduzieren. Das muss mit einer umfassenderen Ver&#228;nderung Gesellschaft einhergehen, die z. B. &#246;ffentlichen Verkehrsmitteln den Vorzug geben w&#252;rde. Zusammen mit anderen Organisationen haben wir eine Brosch&#252;re zu Energiesouver&#228;nit&#228;t herausgegeben, konkret geht es um die Erfahrungen autonomer Energieproduktion in der Region von Brazil. Dort gibt es viele kleine St&#228;dte, die ihre Lebensmittel lokal produzieren. Der erste Punkt w&#228;re, dass man so positiven Einfluss auf die Umwelt nimmt und eine Nachfrage nach Arbeitskr&#228;ften schafft. Wenn dies auf lokaler Ebene stattfindet, kann man sich mit allem, was schief l&#228;uft, lokal befassen. Weil die Menschen es aus erster Hand wissen.</p>
<p>Der Kampf findet also auf zwei Ebenen statt: direkten Widerstand leisten, wachr&#252;tteln und die Menschen konfrontieren und gleichzeitig neue Ideen und alternative Modelle der Energieversorgung und Lebensmittelproduktion entwerfen. Ich glaube, die l&#228;ndliche Bev&#246;lkerung ist eine wirkliche Avantgarde. Es gibt ein internationales Positionspapier von Via Campesina, das hei&#223;t „Kleinbauern stoppen die Erderw&#228;rmung“. So wird zum Ausdruck gebracht, dass die gegenw&#228;rtige landwirtschaftliche Produktionsweise die Hauptursache f&#252;r die Erderw&#228;rmung ist. Dies umfasst nicht nur die Produktion, sondern auch den Verkauf und den ganzen Prozess der Distribution. Und die Bauern schaffen zwar nicht die endg&#252;ltige L&#246;sung, aber das ist doch ein wichtiger Schritt in Richtung einer Alternative. Der dominanten Ansicht nach ist der/die KonsumentIn, der/die ein Hybridauto oder Energiesparlampen kaufen kann, das entscheidende politische Subjekt und der/die Tr&#228;gerIn des Wandels. Demgegen&#252;ber sagen wir, dass es die Bev&#246;lkerungsmehrheit in den l&#228;ndlichen Gebieten des globalen S&#252;dens ist, die genau jetzt etwas &#228;ndern kann, wenn sie ihre Landwirtschaft &#228;ndert, ihre W&#228;lder aufforstet, Gemischtanbau betreibt, auf agrar&#246;kologischer Basis wirtschaftet, die durch die Agrarindustrie zerst&#246;rten Agrarsysteme wieder herstellt und ohne schwere Maschinen und Importprodukte arbeitet. Nat&#252;rlich w&#252;rde dies zun&#228;chst eine umfassende Landreform und die Schaffung vieler Arbeitspl&#228;tze erfordern.</p>
<p>In einem n&#228;chsten Schritt m&#252;ssten wir die Notwendigkeitbetonen, dass die Menschen wieder in die l&#228;ndlichen Gebiete zur&#252;ckkehren. Der Trend der Urbanisierung ist nicht nachhaltig. Die Idee, v&#246;llig zusammengepfercht in urbanem Raum zu leben ist lediglich 200 Jahre alt. Es war eine Fantasie, die mit dem Ende des &#214;ls zusammenbricht. Die Menschen werden gezwungen sein, aufs Land zur&#252;ckzugehen, in kleinere St&#228;dte, zu einer humaneren Gr&#246;&#223;enordnung, weil die Nahrung aus der n&#228;heren Umgebung wird kommenm&#252;ssen, weil dies die einzige M&#246;glichkeit sein wird, wie wir uns das leisten k&#246;nnen, weil die Energieversorgung von lokalen Quellen abh&#228;ngig sein wird. Dies im Gegensatz zu Erd&#246;l, dessen entscheidendes Merkmal es ist, als fl&#252;ssiger Treibstoff &#252;berall hintransportiert und &#252;berall gelagert werden zu k&#246;nnen. Doch z. B. ohne die Fortsetzung des Irak-Krieges oder die ganzen Distributionsketten ist das Auto einfach nur ein Gerippe. Es bewegt sich nicht, es ist kein selbstst&#228;ndiges Ding. Es ist eine Maschine, die lediglich hier liegt, so lange, bis man die n&#246;tige Energie hat. Daher muss man die Auto-fixierte Kultur und ihre Verbindung mit Mobilit&#228;t und Freiheit – „Autokultur als Kultur der Freiheit“ – de-mystifizieren. Das war nur ein Traum, der zum Alptraum geworden ist und bald ein Ende haben wird!</p>
<p><em>Nat&#252;rlich ist unsere Lage hier in Europa nicht mit der in Brasilien zu vergleichen. Welchen Beitrag k&#246;nnen soziale Bewegungen, zivilgesellschaftliche Akteure, AktivistInnen etc. aus dem globalen Norden dennoch zugunsten dieser K&#228;mpfe in Brasilien und im globalen S&#252;den allgemein leisten?</em></p>
<p>Ich denke an zwei Dinge. Erstens: Die EU hat sich das Ziel gesetzt, Agrartreibstoffe zu importieren und insofern dieses Ziel politisch gesetzt wurde, kann es politisch abgeschafft werden. Zu allererst: Akzeptiert es nicht! Weil ich letzte Woche in Irland war: Sagt einfach Nein! Lasst die EU nicht eine Supermacht werden. Dies ist nur ein kleinerer Punkt, der jedoch nahe bei dem ist, was in meinen Augen die viel versprechendste Bewegung in Europa ist. Obwohl es keine europaweite Bewegung gegen die EU gibt, existiert die Frage des Klimawandels als Moment der Mobilisierung. Ich habe geh&#246;rt, dass es Klima-Camps geben soll, und das ist, finde ich, sehr interessant. Wir w&#252;rden nicht von euch erwarten, euch mit der Bewegung der B&#228;uerInnen zu erheben, weil ihr diese Form der Umwelt nicht mehr habt. Ihr habt die W&#228;lder komplett zerst&#246;rt, ihr habt Plantagen und euer Lebensstil bedeutet die Wiederholung dessen im Rest der Welt. Aber wenn man den extremen Klimawandel und die Verantwortlichkeit Europas – als weltweites Modell – zum Ausgangspunkt nimmt, besteht die M&#246;glichkeit, eine starke Allianz zu bilden, um das Thema Klimawandel ernsthaft anzugehen. Nachdem in D&#228;nemark im Dezember 2009 die n&#228;chste <em>Conference of the Parties</em> der UN <em>Convention on Climate Change</em> stattfindet, habt ihr einen Zeitraum von eineinhalb Jahren, um das Thema Klimawandel richtig zu politisieren und den Fokus auf KonsumentInnen wirklich in Frage zu stellen. Denn der/die KonsumentIn kann nicht die L&#246;sung sein. Was wir zu allererst brauchen ist keine individuelle Unterst&#252;tzung, sondern eine soziale Bewegung in Europa. Alles andere f&#252;hrt nirgendwohin. Weil freundliche Menschen, die ihre Autos m&#246;gen, gibt es mehr als genug. Was wir brauchen ist eine kollektive Antwort, organisiert und strukturiert. Wir verlangen keine neue Partei, sondern eine soziale Bewegung, die die Menschen auf die Stra&#223;e bringt und der EU klar macht, dass es so nicht geht.</p>
<p><em>Danke f&#252;r das Interview!</em></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Weltweit agierender Saatgutkonzern<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Krebserregendes Pestizid<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Bezeichnet das Recht, die Landwirtschafts- und Ern&#228;hrungspolitik selbst zu definieren. Der Begriff wurde 1996 anl&#228;sslich der Weltern&#228;hrungskonferenz von der Kleinb&#228;uerInnen- und LandarbeiterInnenbewegung Via Campesina gepr&#228;gt.</p>
<p>Transkription und &#220;bersetzung: <em>Katharina Hajek</em> und <em>Felix Wiegand</em></p>
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		<title>Was macht die Linke in&#8230; Mexiko?</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 13:52:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 2]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Kommune von Oaxaca ist ein inspirierendes Beispiel, wie aus Brot-und-Butter-K&#228;mpfen Strukturen politischer Selbstverwaltung und Massendemokratie entstehen k&#246;nnen. <em>Ramin Taghian</em> und <em>Michael Botka </em>erz&#228;hlen die Geschichte der Bewegung zwischen Repression und Gegenmacht.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Kommune von Oaxaca ist ein inspirierendes Beispiel, wie aus Brot-und-Butter-K&#228;mpfen Strukturen politischer Selbstverwaltung und Massendemokratie entstehen k&#246;nnen. <em>Ramin Taghian</em> und <em>Michael Botka </em>erz&#228;hlen die Geschichte der Bewegung zwischen Repression und Gegenmacht.</p>
<p><span id="more-33"></span></p>
<p>Im letzten Jahr ersch&#252;tterten zahlreiche soziale und politische Bewegungen die Gesellschaftsordnung Mexikos. Die Aufst&#228;nde stellten nicht nur korrupte und repressive Herrschaftsstrukturen in Frage, es wurden auch alternative Wege, wie eine „andere“ Gesellschaft organisiert und gestaltet sein k&#246;nnte sichtbar und sogar m&#246;glich. Der Kampf um soziale Gerechtigkeit, die Notwendigkeit partizipativer Massendemokratie und die Auseinandersetzung mit dem repressiven Staatsapparat wurden Bestandteil des allt&#228;glichen Lebens von Millionen.</p>
<p>Im April 2006 streikte die Belegschaft <em>Villaceros</em>, einem der gr&#246;&#223;ten Stahlwerke Mexikos. Zwei Arbeiter wurden w&#228;hrend der erfolgreichen Abwehr eines Polizeiangriffs ermordet. Nach vier Monaten konnten die Arbeiter einen &#252;berw&#228;ltigenden Sieg &#252;ber die Gesch&#228;ftsleitung vorweisen.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a></p>
<p>Auch die Zapatistas lie&#223;en im letzten Jahr &#252;ber die Grenzen von Chiapas hinaus wieder von sich h&#246;ren. Schon Ende 2005 wurde eine neue politische Initiative vorgestellt – L’Otra Campana, die „Andere Kampagne“, deren Ziel die landesweite basisdemokratische Vernetzung aller au&#223;erparlamentarischen linken Kr&#228;fte Mexikos sowie die Einigung auf eine gemeinsame Vorgehensweise ist. Mit ihrer klaren Abgrenzung zum politischen Parteiensystem und den 2006 stattgefundenen Pr&#228;sidentschaftswahlen schlie&#223;t sich die Kampagne einer Entwicklung an, die sich in ganz Lateinamerika abzeichnet. Seitdem tourt eine Delegation der Zapatistas mit Subcommandante Marcos an der Spitze, unterst&#252;tzt von etlichen SympathisantInnen, durch Mexiko.<br />
Dem gegen&#252;ber stand die Wahlkampagne des linksreformistischen ehemaligen B&#252;rgermeisters von Mexiko-City Andrés Manuel López Obrador (PRD). In seinen Wahlkampf konnte sich Obrador auf die Hoffnung von Millionen der untersten Schichten Mexikos auf eine linke Trendwende und die Abwahl der neoliberalen Wirtschaftspolitik st&#252;tzen.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a><br />
Die Wahl Anfang Juli brachte ein knappes Ergebnis zugunsten Obradors Kontrahenten, Felipe Calderón von der rechts-konservativen PAN. Dieser Ausgang war aber &#228;u&#223;erst umstritten. Unz&#228;hlige Berichte von doppelt gez&#228;hlten Stimmen (f&#252;r Calderón), in Stra&#223;engr&#228;ben gefundenen versiegelten Wahlboxen aus armen Regionen und andere Formen von Wahlbetrug wurden bekannt. Die PRD reagierte mit Massenmobilisierungen, Stra&#223;enblockaden und gr&#252;ndete die <em>Convencion Nacional Democratica</em>, Nationale Demokratische Versammlung, welche in einer Massenveranstaltung, mit mehr als eine Millionen Anwesenden, Obrador am 16. September zum „echten“ Pr&#228;sidenten k&#252;rte.</p>
<p>Anfang Mai revoltierten B&#228;uerInnen in Atenco<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a>, einer Stadt nahe Mexiko-City, gegen Ma&#223;nahmen zur Unterbindung des illegalen Stra&#223;enhandels. Der Staat reagierte mit massiver Polizeirepression, im Zuge derer mindestens zwei Menschen ermordet, hunderte verletzt und verhaftet wurden.<br />
Noch im gleichen Monat streikten die LehrerInnen im Bundesstaat Oaxaca. Wieder gingen die Beh&#246;rden brutal gegen die Streikenden vor. Diesmal sollte sich die Bewegung jedoch nicht einsch&#252;chtern lassen. Ihr Kampf entwickelte sich zu einem ausgewachsenen Aufstand zur Absetzung des korrupten und illegitimen PRI-Gouverneurs Ulises Ruíz Ortíz. Das neue organisatorisches Zentrum der K&#228;mpfe, die <em>Asemblea Popular del Pueblo de Oaxaca</em> – Volksversammlung der Bev&#246;lkerung Oaxacas (APPO) wurde zu einer politischen Struktur basisdemokratischer Kontrolle und Gegenmacht, die die bestehende Gesellschaftsordnung grundlegend in Frage stellte.</p>
<h3>Avanti Zócalo</h3>
<p>Der Aufstand von Oaxaca nahm seinen Anfang Mitte Mai mit den Streiks der LehrerInnen und der Besetzung des Zócalo, dem zentralen Platz von Oaxaca-Stadt. Die traditionell militante Sektion 22 der Nationalen LehrerInnengewerkschaft (SNTE)<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> spielte dabei die f&#252;hrende Rolle. Obwohl die 70.000 LehrerInnen Oaxacas im Vergleich zum Rest der Bev&#246;lkerung relativ gut gestellt sind und zur „staatlichen Mittelklasse“ gez&#228;hlt werden k&#246;nnen, wurde ihr Kampf zum Ausdruck der sozialen Widerspr&#252;che in der Provinz Oaxaca.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a></p>
<p>Der Protest und die Besetzung des Zócalo durch die LehrerInnen ist f&#252;r sich allein genommen noch nichts Au&#223;ergew&#246;hnliches. Seit 26 Jahren kommen die LehrerInnen regelm&#228;&#223;ig im Mai zu einem „live-in“ am Zócalo zusammen, um gegen die neoliberale Bildungspolitik und f&#252;r Gehaltserh&#246;hungen zu protestieren und so ihre Position in Verhandlungen mit der Regierung zu st&#228;rken. Entgegen der neoliberalen Grunds&#228;tze des Gouverneurs Ulises Ruíz Ortíz forderten die LehrerInnen eine allgemeine Erh&#246;hung des Mindestlohns, Gehaltserh&#246;hungen, die Verbesserung der schulischen Infrastruktur sowie die Befriedigung grundlegender Bed&#252;rfnisse der Sch&#252;lerInnen.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a></p>
<p>Die LehrerInnengewerkschaft ist die einzige demokratisch organisierte Kraft mit einer fl&#228;chendeckenden kommunalen Verankerung im ganzen Bundesstaat Oaxaca. Die besondere Rolle die den LehrerInnen folglich zukam, resultierte aus ihrer organisatorischen St&#228;rke und Vernetzung. Sie identifizieren sich auch mit den prek&#228;ren sozialen Bedingungen in ihren Gemeinden und sind somit nicht nur K&#228;mpferInnen in der eigenen Gewerkschaft, sondern oft auch SprecherInnen f&#252;r die sozialen Forderungen ihrer Gemeinden.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a><br />
Anfang Juni fanden zwei Massendemonstrationen in Solidarit&#228;t mit den LehrerInnen statt, an denen sich jeweils ca. 100.000 Menschen beteiligten.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Bereits in dieser Phase schlossen sich andere Gruppen mit ihren eigenen Forderungen an.<br />
Anstatt die Verhandlungen fortzusetzen und einen Kompromiss auszuhandeln, versuchte die Regierung Oaxacas die streikenden LehrerInnen mit Polizeigewalt mundtot zu machen. In der Nacht des 14. Juni st&#252;rmten tausende Polizisten das Camp, verbrannten das Eigentum der LehrerInnen, verletzten etwa hundert Personen und schossen Tr&#228;nengas aus Polizeihelikoptern. Die Berichte &#252;ber mehrere Todesopfer wurden offiziell nie best&#228;tigt. Wie gegen die B&#228;uerInnen in Atenco versuchte der Staatsapparat mit purer Gewalt die Bewegung zu unterdr&#252;cken und ein Exempel an ihr zu statuieren. Diese Strategie zur Demobilisierung ging in Oaxaca nicht auf. Diesmal konnten sich die LehrerInnen nach stundenlangen K&#228;mpfen gegen die Polizei durchsetzen und eroberten den Platz zur&#252;ck.<br />
Die harten Auseinandersetzungen wirkten wie ein Dammbruch f&#252;r die Bewegung. Zwei Tage sp&#228;ter fand eine Demonstration mit 400.000 Menschen statt. Diesmal ging es nicht nur um Solidarit&#228;t mit den LehrerInnen, „Fuera Ulises!“ – Ulises Raus!, der Sturz des korrupten Gouverneurs war nun die zentrale Forderung.</p>
<p>Die weit verbreitete Diskreditierung der herrschenden Eliten und der massive Bruch der politischen Bewegungen mit der Regierung, liegen vor allem in der dominanten Rolle der PRI in Mexiko begr&#252;ndet. Mittels Klientelismus und Korporativismus &#252;bte die Partei seit der mexikanischen Revolution ein effizientes Kontrollsystem auf die sozialen Kr&#228;fte aus, welches jedoch nach dem neoliberalen Paradigmenwechsel der PRI in den 80er Jahren und der Orientierung auf Freihandel und Deregulierung zerbrach. Seitdem steht die ehemalige „Staatspartei“ in wachsendem Widerspruch zu den sozialen Bewegungen und den verarmten Massen.</p>
<h3>Gegenmacht</h3>
<p>In Oaxaca weiteten sich die K&#228;mpfe aus und hinter den Barrikaden wurde eine neue politische Macht geboren – <em>Asemblea Popular del Pueblo de Oaxaca</em>, APPO. Die erste Versammlung der APPO fand bereits drei Tage nach dem Sieg der LehrerInnen &#252;ber die Polizei auf dem wieder besetzten Zócalo statt und 170 Personen von 85 Organisationen nahmen daran teil.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Im weiteren Verlauf kamen 350 Gruppen zusammen und formierten sich zu einem qualitativ als auch quantitativ neuen Organ der Bewegung. Der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich die beteiligten Gruppen in der APPO geeinigt hatten war der Sturz des „illegitimen“ Gouverneurs Ulises. Die Strategie der APPO war es, den Beh&#246;rden die Unregierbarkeit Oaxacas vor Augen zu f&#252;hren. Mit gezielten Aktionen des zivilen Ungehorsams sollte die Illegitimit&#228;t des etablierten politischen Systems vorgef&#252;hrt werden. Provinzregierungsgeb&#228;ude wurden von APPO-AktivistInnen blockiert, Stra&#223;en die zum Zócalo f&#252;hren mit Barrikaden gepflastert und Radio- und Fernsehstationen besetzt und &#252;bernommen. Die APPO erkl&#228;rte sich zum einzigen rechtm&#228;&#223;igen politischen Organ in Oaxaca.<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a></p>
<p>So wurde die APPO zum Vehikel f&#252;r die angesammelte Wut jahrelanger Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung – Korruption, Wahlbetrug und teils massive Gewalt gegen Gemeinden und die politische Opposition. Fortschreitende soziale Polarisierung zwischen den ProfiteurInnen des Tourismus-Booms in Oaxaca und den VerliererInnen<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> sowie die Durchsetzung neoliberaler Projekte – der Plan Puebla Panama (PPP) ist hier als eines der gr&#246;&#223;ten transnationalen Infrastruktur- und Wirtschaftsprojekte prim&#228;r zu nennen<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> – bilden den Rahmen f&#252;r den Bruch mit der alten und der Entstehung einer neuen sozialen und politischen Ordnung.<br />
Die StudentInnen der Universit&#228;t Oaxacas spielten im Aufstand ebenfalls eine wichtige Rolle. Auf der einen Seite stellten sie viele der AktivistInnen bei der Besetzung von Blockaden, usw. auf der anderen Seite bot die Universit&#228;t eine wichtige Infrastruktur f&#252;r die Bewegung. Das <em>Radio Universidad</em> entwickelte sich zu einem offiziellen Organ der APPO und bot rund um die Uhr Informationen zum Aufstand. Die StudentInnen stehen dabei in einer, bis in die 70er Jahre reichenden Tradition der Vernetzung mit B&#228;uerInnen und ArbeiterInnen sowie der aktiven und radikalen Beteiligung an Bewegungen.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a></p>
<p>Ein wichtiger Moment im Formierungsprozess der APPO war auch der Besuch der Otra Campaña, unter Leitung Subcommandante Marcos im Februar. Hier wurde die Notwendigkeit der Zusammenarbeit der progressiven Kr&#228;fte besonders deutlich. Es galt eine gemeinsame Stimme zu finden und die Isolierung und Rivalit&#228;t der zahlreichen kleineren und gr&#246;&#223;eren Gruppen zu &#252;berwinden.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a></p>
<p>Genau dieser Punkt war bei der Etablierung der APPO eines der gr&#246;&#223;ten Anliegen: Die APPO soll eine „alternative partizipative Demokratie“ sein an der jeder und jede teilnehmen kann und keine politische Partei oder sonstige Gruppe dominieren darf. Die verschiedenen Ideologien oder politischen Visionen durften dem Funktionieren dieses Organs der Demokratie von unten nicht im Weg stehen. Trotz unterschiedlicher Vorstellungen &#252;ber die Transformation der Gesellschaft wurden alle durch den Willen zum gemeinsamen Handeln auf partizipativ-demokratischer Basis vereint. Dieses Verst&#228;ndnis hat seine Wurzeln auch in einer langen Tradition indigenen Widerstands und kommunaler Organisierung.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> So wird zum Beispiel die basisdemokratische konsensorientierte Entscheidungsfindung und die Wahl von Delegierten im Stil der Zapatista nun auch bei der APPO praktiziert. Sie basiert die APPO auf dem indigenen Prinzip des <em>mandar obedeciendo</em> („gehorchend befehlen“), in dem Entscheidungen zuerst von der Basis diskutiert und gef&#228;llt werden, um dann von Delegierten wie beschlossen umgesetzt werden. Die APPO ist somit ein Versuch der Revitalisierung einer bestimmten oaxacanesischen Tradition kommunaler Organisierung der l&#228;ndlichen Bev&#246;lkerung, die sich an den traditionellen <em>usos y costumbres</em> (Gewohnheiten und Br&#228;uche) orientiert und in der politische Parteien abgelehnt werden. Seit Jahrzehnten versucht die PRI diese Formen gewohnheitsrechtlicher Praktiken zu unterbinden.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a></p>
<p>Anfang Juli erkl&#228;rte sich die APPO zur neuen regierenden K&#246;rperschaft in Oaxaca und nahm den alten Regierungspalast am Zócalo<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> in einer symbolischen Geste f&#252;r die „alternative Regierung“ in Besitz.</p>
<p>So entwickelte sich die APPO zu einer Art Embryo einer grunds&#228;tzlich anderen Gesellschaftsordnung. Die Regierungsinstitutionen verloren immer mehr an Autorit&#228;t, w&#228;hrend die Versammlungen der APPO zu einem Instrument der basisdemokratischen Kontrolle wurde. Nach und nach &#252;bernahmen immer mehr D&#246;rfer im ganzen Bundesstaat dieses Prinzip demokratischer Selbstverwaltung. Die Gemeindeh&#228;user wurden besetzt und PRI-Funktion&#228;re entmachtet. Gemeindedelegierte kamen trotz Geld- und Transportproblemen nach Oaxaca-Stadt um an den gro&#223;en APPO-Versammlungen teilzunehmen.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a></p>
<p>Diese Entwicklungen stellten eine massive Gefahr, nicht nur f&#252;r die Eliten Oaxacas sondern ganz Mexikos dar. Dazu kam, dass zeitgleich eine weitere Bewegung den mexikanischen Herrschenden Kopfschmerzen bereitete.</p>
<h3>Parlamentarische Parallelgefechte</h3>
<p>Im Sommer organisierte die PRD Massendemonstrationen gegen den Wahlbetrug des konservativen Pr&#228;sidentschaftskandidaten Calderón (PAN). Trotz der potentiell explosiven Mischung mehrerer gleichzeitiger K&#228;mpfe kamen diese nicht zusammen. Die PRD hielt sich bei allen anderen politischen Auseinandersetzungen wie in Oaxaca, Atenco und Chiapas, weitgehend im Hintergrund, trotz ihrer Massenverankerung in den &#228;rmsten Bev&#246;lkerungsschichten des Landes.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> Die Unterst&#252;tzung blieb meistens bei verbalen Verurteilungen der polizeilichen Repression und der R&#252;cktrittsforderung an Ulises stehen.<br />
Die z&#246;gerliche Politik der PRD hat historische Wurzeln. Die PRD erlangte politische Relevanz in der zweiten H&#228;lfte der 80er Jahre, im Zuge der Neoliberalisierung der PRI. Ihre urspr&#252;ngliche Basis waren mehrere kleine Linksgruppierungen, Elemente der Kommunistischen Partei Mexikos (PCM) sowie linksreformistische DissidentInnen aus der PRI,<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> welche sich gegen die neoliberale Entwicklung der PRI wendeten und ein Zur&#252;ck zu der staatsorientierten Wirtschaftsstrategie der Vergangenheit anstrebten.<br />
Die PRD ist also ein Sammelbecken unterschiedlicher linker reformistischer Projekte und leidet daher regelm&#228;&#223;ig unter fraktionellen K&#228;mpfen. Die konstante politische Migration von ehemaligen PRI-Funktion&#228;ren zur PRD, oft aus karrieristischen Gr&#252;nden, verw&#228;sserte die politische Linie zus&#228;tzlich. Eine aktive Unterst&#252;tzung der Aufst&#228;nde in Oaxaca w&#252;rde die Spaltung zwischen den linken und rechten Fraktionen innerhalb der PRD provozieren und die Gefahr des Kontrollverlusts &#252;ber die Parteibasis mit sich bringen.<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a></p>
<p>Adolfo Gilly, radikaler mexikanischer Autor und bekanntes Mitglied der PRD, setzt mit seiner Kritik an Obrador genau hier an.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a> W&#228;hrend Hundertausende von der PRD gegen den Wahlbetrug in wochenlangen Protesten mobilisiert werden konnten, bem&#252;hte sich Obrador nicht, seiner Kritik am Vorgehen der PRI und PAN und seiner verbalen Solidarit&#228;t mit den Menschen in Oaxaca auch auf dieser Ebene einen praktischen Ausdruck zu verleihen. Die Isolation in der sich der Aufstand Oaxacas aufgrund der Passivit&#228;t der mexikanischen Massenbewegungen befand, wurde so zu einem der wesentlichen Stolpersteine f&#252;r die Bewegung.</p>
<h3>Die letzte Schlacht…</h3>
<p>Die Rechte Mexikos bereitete sich unterdessen auf den Gegenschlag vor. Bis Oktober zeichnete sich ein B&#252;ndnis zwischen der PAN-Regierung und dem in die Ecke gedr&#228;ngten PRI Gouverneur von Oaxaca ab. Beide waren aufeinander angewiesen. Ulises brauchte Bundesunterst&#252;tzung f&#252;r die Niederschlagung des Aufstands in Oaxaca und Calderón ben&#246;tigte die PRI-Unterst&#252;tzung in der Auseinandersetzung um die Pr&#228;sidentschaftswahl. Daraufhin wurden die von Ulises lange angeforderten Bundespolizeieinheiten (PFP) nach Oaxaca entsandt.<br />
Dies war aber nur der H&#246;hepunkt einer Hetz- und Repressionswelle gegen die APPO. Bereits &#252;ber den ganzen Sommer hinweg wurden zahlreiche APPO-SprecherInnen von ZivilpolizistInnen oder PRI-Anh&#228;ngerInnen ermordet. Bewaffnete M&#228;nner fuhren auf nicht gekennzeichneten Pick-Ups durch die Stadt und lie&#223;en regelm&#228;&#223;ig Mitglieder der APPO verschwinden. Die APPO beschloss daraufhin noch mehr Barrikaden zu errichten und diese<span>  </span>st&#228;rker zu besetzen. Trotzdem tappte sie nicht in die Falle, sich auf eine milit&#228;rische Auseinandersetzung einzulassen. Zwei gef&#228;hrliche Szenarien bestanden f&#252;r sie: Das erste ist, die APPO zu provozieren, den bewaffneten Kampf aufzunehmen. Damit h&#228;tte sie sich in das politische Aus katapultiert und ein milit&#228;risches Vorgehen des Staates erm&#246;glicht. Das zweite beschreibt er als den Gang durch die Institutionen, welcher die APPO zu genau dem gemacht h&#228;tte, was sie urspr&#252;nglich bek&#228;mpft hatte – einen Teil des politischen Systems. Die APPO lie&#223; sich auf beides nicht ein und das ist auch der Grund, weshalb trotz massiver Repression der Kampf in den letzten Monaten weitergef&#252;hrt werden konnte.<br />
Ende November f&#252;hlte sich der Staat stark genug, um die direkte Konfrontation mit der APPO zu suchen. Ausgangspunkt war ein friedlicher Massenprotest am 25. November, der von bewaffneten PRI-Anh&#228;ngerInnen und Polizeieinheiten angegriffen wurde. In stundenlangen Auseinandersetzungen gewann die Polizei nach und nach die Oberhand und die letzten Barrikaden fielen. Hunderte Verhaftete und Verletzte waren das Resultat. Die APPO-F&#252;hrung wurde in den Untergrund gedr&#228;ngt.<br />
Die Bev&#246;lkerung Oaxacas musste f&#252;r ihre Herausforderung der Staatsmacht mit Blut bezahlen. Doch die Erfahrungen des letzten Jahres schufen ein neues kollektives Bewusstsein, welches mit schierer Polizeirepression nicht einfach gel&#246;scht werden kann.</p>
<h3>…gewinnen wir!</h3>
<p>Die oft gezogene historische Parallele zwischen den Ereignissen in Oaxaca und der Kommune von Paris 1871 ist nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen. In beiden F&#228;llen entstanden aus den politischen und organisatorischen Notwendigkeiten einer Massenbewegung Strukturen demokratischer Selbstverwaltung, die eine tats&#228;chliche Gegenmacht zum b&#252;rgerlichen Herrschaftsapparat darstellten. Die Frage nach der Macht in der Gesellschaft musste nicht bewusst gestellt werden, sondern dr&#228;ngte sich aufgrund der Herausforderung von selbst auf. Die Alternative „die Welt zu ver&#228;ndern ohne die Macht zu ergreifen“, wurde in dieser Situation obsolet.<br />
Auch die Niederlagen der Kommunen in Paris und Oaxaca haben gemeinsame Ursachen. Die fehlende &#252;berregionale Vernetzung, zum Beispiel mit der Massenbewegung von Obrador, f&#252;hrte durch Isolation zum vorl&#228;ufigen Ende dieses Experiments einer Gesellschaft unter sozialistischen Vorzeichen. Doch der Prozess ist noch lange nicht beendet. Noch immmer sind zahlreiche Gemeinden in Oaxaca in Verbindung zur APPO selbstverwaltet. Die APPO hat sich nach einer massiven Repressionswelle und der R&#252;ckkehr des Staatsapparats Ende November wieder neu formieren k&#246;nnen und formulierte bereits ihr weiteres Vorgehen. Zentrale Herausforderung ist es nun, den Kampf auf eine nationale Ebene zu heben – das schlie&#223;t eine noch radikaler ausformulierte Kritik an den Institutionen und dem Machtgef&#252;ge der b&#252;rgerlichen Gesellschaft mit ein.</p>
<p>Der Aufstand in Oaxaca und die Formierung der APPO stehen im Kontext einer Entwicklung, die sich in ganz Lateinamerika abzeichnet. Poder popular ist der Slogan sowohl in den Bewegungen in El Alto und Cochabamba, Bolivien, als auch in der bolivarianischen Revolution in Venezuela.<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> Die Kommune von Oaxaca ist damit ein weiterer Baustein des Projekts eines Sozialismus im 21. Jahrhundert.</p>
<p><em>Vielen Dank an Lukas Hammer und Stephanie Deimel f&#252;r die Diskussion und die Unterst&#252;tzung bei der Recherche.</em></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Es wurden 6 Prozent Gehaltserh&#246;hung, 2 Prozent mehr Zusch&#252;sse und sogar die Nachzahlung der L&#246;hne f&#252;r die Zeit des Streiks erk&#228;mpft. Siehe dazu: http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2006-08/artikel-6883884.asp.<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Dabei wurde auf den Erfolg sozialer Bewegungen und die Wahl von linken Pr&#228;sidenten wie in Bolivien (Evo Morales) und Venezuela (Hugo Chávez) Bezug genommen.<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Atenco ist seit dem Kampf der Bev&#246;lkerung gegen ein Flughafen-Gro&#223;projekt 2001 ein Symbol f&#252;r erfolgreichen Widerstand.<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Die gro&#223;e und m&#228;chtige SNTE war in den letzten 70 Jahren stark mit der regierenden PRI verbunden. Entgegen ihrer hierarchischen Organisationsstruktur war die Sektion 22 lange Zeit die Bastion der demokratischen Fraktion in der Gewerkschaft. Siehe: Carlsen, Laura: Oaxaca Fights Back, 8. November 2006, http://www.fpif.org/fpiftxt/3688.<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a>Salzman, George: From Teachers’ Strike Towards Dual Power. The Revolutionary Surge in Oaxaca, 30. August 2006, http://www.counterpunch.org/salzman08302006.html.<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a>Ebd.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a>Navarro, Luis Hernández: Lessons from the Teachers. Repression and Resistance in Oaxaca, 21. November 2006, http://www.counterpunch.org/navarro11212006.html.<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a>Das waren die bisher gr&#246;&#223;ten Proteste in Oaxaca, die sich aber in den n&#228;chsten Monaten noch mehrmals verdoppeln sollten. Salzman: a.a.O.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Davies, Nancy: Oaxaca Teachers Organize “Popular Assembly” to Oppose the State Government. Talks with Federal Negotiators Cancelled as Teachers’ Strike Dedicates Itself to Ousting the Governor, 21. Juni 2006, http://www.narconews.com/Issue42/article1928.html.<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Salzman: a.a.O.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Der Tourismus, ein Segen f&#252;r die Kassen der Reichen und der oberen Mittelschicht Oaxacas, hat daf&#252;r gesorgt, dass die Preise in den letzten Jahren stark anstiegen w&#228;hrend die Geh&#228;lter bei weitem nicht mitziehen haben k&#246;nnen. Das sch&#246;n herausgeputzte Kolonialidyll der Stadt Oaxaca steht somit in einem krassen Gegensatz zu verfallenden Schulgeb&#228;uden und Armut insbesonders in den indigenen l&#228;ndlichen Regionen.<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Der Plan <em>Puebla Pananma</em> umfasst fast den gesamten Mittelamerikanischen Raum. Er f&#252;hrt zur Enteignung von ehemals indigenem Land f&#252;r Infrastrukturprojekte zur Verbesserung des Zugriffs der Multinationalen Konzerne und des Tourismus auf die Region. Durch den PPP wird die „Maquiladorisierung“ des S&#252;dens angestrebt, dessen dramatische soziale Auswirkungen bereits seit den 80er Jahren im Norden Mexikos an der US-Grenze zu beobachten sind.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a>1972 wurde die COCEO (<em>Coalición de Obreros, Campesions, y Estudiantes de Oaxaca</em> – Koalition der Arbeiter, Bauern und Studenten) gegr&#252;ndet. Ihr Einfluss reichte weit &#252;ber die Universit&#228;t hinaus und schuf Verbindungen zu ruralen und urbanen Gruppen. Au&#223;erdem war die Koalition an der Gr&#252;ndung unabh&#228;ngiger Gewerkschaften beteiligt. Bereits Mitte der 70er Jahre, im Zuge der oft radikalen K&#228;mpfe um Land und soziale Gerechtigkeit, wurde die korrupte Herrschaft der PRI massiv kritisiert. Letztlich wurde die Bewegung jedoch blutig niedergeschlagen. Siehe dazu: Murphy, Arthur D./ Stepick, Alex: Social Inequality in Oaxaca. A History of Resistance and Change, Philadelphia 1991, S. 120.<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Davies, Nancy: In The Wake of the Otra: Because We are all Prisoners, 7. M&#228;rz 2006, http://narcosphere.narconews.com/story/2006/3/7/115248/3372.<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> 70 Prozent der 3,5 Millionen EinwohnerInnen des Bundesstaates Oaxaca sind Indigenas. &#220;ber die H&#228;lfte von ihnen lebt in Armut mit schlechter sozialer Infrastruktur und in 46% der Haushalte gibt es mindestens eine Person die in die USA migrieren musste weil ihre Gemeinde&#246;konomien durch die neoliberalen Reformen der Regierung zerst&#246;rt oder einfach nicht mehr lebenserhaltend waren. Siehe dazu: Gause, Rochelle: Toward dual power. People’s alternatives in Oaxaca, in: <em>Left Turn</em> 23 (J&#228;nner/Februar 2007), S. 22.<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Seit den 70er Jahren findet ein Kampf um die Restoration solcher kommunaler Formen der Selbstverwaltung, kollektiver Arbeit und Identit&#228;t statt. Siehe dazu: Davies, Nancy: Oaxaca Initiates Alternative Government: Popular Assembly Reclaims Government Palace for the People, 7. Juli 2006, http://narconews.com/Issue42/article1964.html; Carlsen: a.a.O.<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a>Ulises verlegte 2005 den Regierungssitz vom Zócalo nach au&#223;erhalb der Stadt – aus Angst vor Protesten und um eine stabile Regierungst&#228;tigkeit zu erm&#246;glichen. Siehe in: Davies: Oaxaca Initiates Alternative Government, a.a.O.<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a>Ebd.<br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a>Tatsache ist, dass Obrador durch Infrastrukturprogramme, reale soziale Verbesserungen f&#252;r die &#196;rmsten und einem Schuss Populismus eine Massenverankerung in den mexikanischen Unterschichten, besonders in Mexiko-City gewinnen konnte. Schlie&#223;lich bekam Obrador in der Pr&#228;sidentschaftswahl am 2. Juli die Stimmen von (wahrscheinlich mehr als) 15 Millionen MexikanerInnen.</p>
<p><a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a>Camp, Roderic Ai: Politics in Mexico. The Democratic Consolidation, New York 2007, S. 233. Der popul&#228;rste PRI Dissident war Cuauhtémoc Cárdenas, der in der Pr&#228;sidentschaftswahl 1988 der PRD-Kandidat war und sich wahrscheinlich nur wegen Wahlmanipulation nicht gegen den PRI-Kandidaten Salinas hat durchsetzten k&#246;nnen. Siehe dazu: Giordano, Al: Mexico‘s Presidental Swindle, in: <em>New Left Review</em> 41 (2006), S. 5-27<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a>Cárdenas kritisierte Obrador bereits f&#252;r seine respektlose Haltung gegen&#252;ber den mexikanischen politischen Institutionen. Ebd.<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a>Gilly, Adolfo: Solitary in Flames, in: <em>La Jornada</em>, 1. November 2006, Englische &#220;bersetzung: http://www.narconews.com/Issue43/article2257.html.<br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a>Vgl. die Artikel zu Bolivien und Venezuela in <em>Perspektiven</em> Nr. 0.</p>
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		<title>Was macht die Linke in&#8230;Brasilien?</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 06:10:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 1]]></category>
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		<description><![CDATA[Bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen Anfang Oktober in Brasilien stand mit Heloísa Helena erstmals eine Kandidatin zur Wahl, die f&#252;r eine radikale Kritik am Neoliberalismus steht. Die Aktivistin der Partei f&#252;r Sozialismus und Freiheit (PSOL) trat gegen den Pr&#228;sidenten und ehemaligen Hoffnungstr&#228;ger der Linken Lula an und erreichte auf Anhieb 6,9 Prozent der Stimmen, berichten <em>Kristina Botka</em> und <em>Benedict Mayrhofer</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen Anfang Oktober in Brasilien stand mit Heloísa Helena erstmals eine Kandidatin zur Wahl, die f&#252;r eine radikale Kritik am Neoliberalismus steht. Die Aktivistin der Partei f&#252;r Sozialismus und Freiheit (PSOL) trat gegen den Pr&#228;sidenten und ehemaligen Hoffnungstr&#228;ger der Linken Lula an und erreichte auf Anhieb 6,9 Prozent der Stimmen, berichten <em>Kristina Botka</em> und <em>Benedict Mayrhofer</em>.<br />
<span id="more-89"></span><br />
Als Luiz Inácio da Silva, genannt Lula, am 1. J&#228;nner 2003 das Pr&#228;sidentschaftsamt antrat, galt er als gro&#223;e Hoffnung der Linken, der Armen und Ausgebeuteten Brasiliens. Schlie&#223;lich war die von ihm gef&#252;hrte ArbeiterInnenpartei PT (Partido dos Trabalhadores) 1979 von GewerkschaftsaktivistInnen, linken Intellektuellen und VertreterInnen sozialer Bewegungen gegr&#252;ndet worden, und Lula selbst hatte sich als Chef der MetallarbeiterInnengewerkschaft den Ruf als kompromissloser K&#228;mpfer erarbeitet. Als Sozialist war er bei breiten Teilen der Bev&#246;lkerung angesehen, die Rechte der Arbeitenden und der Armen standen f&#252;r ihn an oberster Stelle.</p>
<h3>Vom linken Hoffnungstr&#228;ger zum neoliberalen Vork&#228;mpfer</h3>
<p>Doch – kaum im Amt – entpuppte sich der sozialistische Hoffnungstr&#228;ger schnell als neoliberaler Handlanger des Internationalen W&#228;hrungsfonds (IWF), der ebenso kompromisslos wie fr&#252;her gegen die Konzerne nun im Interesse des Kapitals den radikalen Umbau der brasilianischen Gesellschaft vorantrieb. Bereits unmittelbar nach seiner Wahl gab Lula zu verstehen, dass er den unter Fernando Henrique Cardoso eingeleiteten neoliberalen Kurs fortsetzen werde. Insbesondere w&#252;rde er die Verpflichtungen des hochverschuldeten Landes gegen&#252;ber dem IWF, d.h. die neoliberalen „Strukturanpassungsprogramme“, anerkennen. Der politische Kurswechsel der PT hatte sich freilich bereits vor den Wahlen 2002 angek&#252;ndigt. Seit den 1990ern orientierte sich die Partei zunehmend auf die Eroberung der Macht in den Institutionen des brasilianischen Staates. Dabei entfernte sich Lulas Programm immer weiter von den radikalen Wurzeln der PT. Der Kern der neuen Strategie gr&#252;ndete auf der Zusammenarbeit mit Konservativen und Unternehmern zur Wahrung sozialer und &#246;konomischer Stabilit&#228;t.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> In Regierungsverantwortung wurde diese Tendenz weitergef&#252;hrt und versch&#228;rft, und die wirtschaftspolitischen Kernressorts sowie das Landwirtschaftsministerium wurden mit neoliberalen Vordenkern besetzt.</p>
<p>Lula versuchte mehr und mehr auch bei Industriellen Sympathie zu erlangen, um f&#252;r ausl&#228;ndische InvestorInnen „seri&#246;s“ zu wirken. Dadurch konnte sich Lula bereits vor den Wahlen die Unterst&#252;tzung des IWF sichern, der auch bald riesige Kredite an Brasilien vergab. Im Gegenzug versprach Lula die Ausrichtung seiner Politik auf die Erfordernisse des Marktes. Kernprojekt war eine Steuer- und eine Pensionsreform, v.a. zu Lasten der arbeitenden Bev&#246;lkerung und der Armen Brasiliens. Nach nicht einmal einem Jahr hatte Lula damit seine Anh&#228;ngerInnenschaft zum ersten Mal verraten. 400.000 &#246;ffentlich Bedienstete sahen sich gezwungen, gegen die Pensionsreform der Regierung zu streiken.<br />
Wichtige Unterst&#252;tzerInnen der PT, wie die Landlosenbewegung Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra (MST), mussten ebenso herbe Entt&#228;uschungen erfahren. Die MST stellt in Brasilien, wo die Landkonzentration extrem polarisiert ist, eine wichtige Organisation dar. Rund 10 Prozent der Gro&#223;grundbesitzenden geh&#246;rt etwa 80 Prozent des gesamten Landes, w&#228;hrend 4,5 Millionen Bauernfamilien kein eigenes Land besitzen. Im Wahlkampf 2002 hatte Lula noch versprochen, an eine Million dieser Familien Land zu verteilen. Bei Regierungsantritt war schon nur mehr von einer halben Million die Rede, seitdem wird die Zahl immer kleiner, weil der Schuldenabbau f&#252;r die Regierung h&#246;here Priorit&#228;t genie&#223;t.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Insgesamt wurde seit 2003 Land an 25.000 Familien pro Jahr verteilt – das ist gerade einmal die H&#228;lfte dessen, was selbst Lulas neoliberaler Vorg&#228;nger Cardoso umgesetzt hatte.</p>
<p>Aufgrund dieser Entwicklungen beendete die MST ihre Schonfrist f&#252;r die Regierung Lula und nahm ihre Proteste und Landbesetzungen wieder auf. Die Gro&#223;grundbesitzerInnen, denen das Land oft nur zu Spekulationszwecken dient, begannen nun ihr Land mit privaten Sicherheitsdiensten, den „Pistoleiros“, militant zu verteidigen. Dabei wurden in den letzten Jahren viele AktivistInnen der MST get&#246;tet, doch die Medien kriminalisieren die BesetzerInnen. Auch Lula verurteilte die Landbesetzungen als „illegal“, statt die ungerechten Agrarverh&#228;ltnisse zu bek&#228;mpfen: f&#252;r viele Millionen Menschen stellt in Brasilien Landbesitz eine Chance dar, dem Leben als Tagel&#246;hnerInnen oder st&#228;dtische Obdachlose zu entfliehen, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu erarbeiten. Landbesitz w&#252;rde f&#252;r sie ein menschengerechtes Leben bedeuten.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a><br />
Die Aufst&#228;nde der Landlosen sind aber nur ein Teil der Proteste gegen Lulas Politik. Auch Frauenorganisationen, Studierende und einflussreiche linkskatholische Organisationen kritisierten den Regierungskurs. KonsumentInnensch&#252;tzerInnen protestierten gegen die Erh&#246;hung von Energie- und Telefonkosten, sowie gegen die Schlie&#223;ung freier Radios. Die Linke in Brasilien musste also erfahren, dass sie im Kampf gegen Unterdr&#252;ckung und Ausbeutung nicht mehr auf die ArbeiterInnenpartei PT setzen konnte. Lulas Reaktionen auf die Forderungen der Bewegungen klangen bald nicht mehr viel anders als in konservativ regierten L&#228;ndern. Die AktivistInnen wurden verh&#246;hnt, als kriminelle Gewaltt&#228;terInnen bezeichnet und selbst als es zu politischen Morden kam, schritt er nicht ein.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a><br />
Auch die in letzter Zeit bekannt gewordenen Korruptionsvorw&#252;rfe und die in den letzten Wochen fast t&#228;glich neuen Meldungen &#252;ber Bestechungsgelder an ParlamentarierInnen verst&#228;rkten das Misstrauen gegen den Pr&#228;sidenten. So musste etwa erst am 19. September ein Sonderberater Lulas wegen dem Vorwurf der Schmiergeldzahlung in H&#246;he von 770.000 US-Dollar zur&#252;cktreten, am 24. September folgte ihm Lulas Wahlkampfleiter, er soll auch in den Fall verwickelt sein.</p>
<p>Au&#223;enpolitisch hat sich Lula ebenfalls als Handlanger des Kapitals und imperialistischer Gro&#223;m&#228;chte erwiesen. So f&#252;hren brasilianische Truppen die von der UNO autorisierte Besatzung Haitis an, wo der demokratisch gew&#228;hlte Pr&#228;sident Aristide 2004 in einem von den USA und Frankreich gest&#252;tzten Putsch gest&#252;rzt wurde.<br />
Gegen&#252;ber der linken Regierung von Evo Morales in Brasiliens Nachbarland Bolivien hat Lula in den letzten Monaten ebenfalls den Druck erh&#246;ht, die Nationalisierung des Erd&#246;l und Erdgas abzuschw&#228;chen – schlie&#223;lich w&#228;re der brasilianische &#214;lkonzern Petrobras einer der Hauptverlierer bei Morales’ Verstaatlichungsprogramm.</p>
<h3>Eine Neue Linke</h3>
<p>Der langaufgestaute Frust &#252;ber die Politik Lulas, auch und gerade innerhalb der PT, erforderte die Gr&#252;ndung einer neuen Organisation, die sich wieder den Grunds&#228;tzen verschreibt, mit denen Lula gebrochen hat.<br />
AktivistInnen und Abgeordnete aus Lulas PT wie Heloísa Helena, Mitglied der Tendenz Sozialistische Demokratie (DS), Luciana Genro von der Bewegung der sozialistischen Linken (MES) und João Batista Oliveira de Araujo, von der Sozialistischen Arbeiterstr&#246;mung (CST) konnten die neoliberalen „Reformen“ der PT nicht mehr ertragen. Und sie waren nicht die Einzigen. Wegen ihrer Kritik an Lulas Pensionsreform wurden sie 2003 aus der Partei ausgeschlossen.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Gemeinsam gr&#252;ndeten sie daraufhin die Partei f&#252;r Sozialismus und Freiheit PSOL.<br />
Die Mehrheit der PT-Linken setzte aber nach 2003 den Kampf f&#252;r einen Kurswechsel innerhalb der Partei fort. Sie traten als „regierungstreue Opposition“ f&#252;r die Erneuerung der PT und die Neuausrichtung der Regierungspolitik ein, fanden sich dadurch jedoch in der widerspr&#252;chlichen Situation, zwar anti-neoliberal zu argumentieren, sich aber gleichzeitig hinter Lula und dessen Regierung zu stellen. Dass die innerparteiliche Opposition die Regierungspolitik nicht grundlegend ver&#228;ndern konnte, zeigte sich in den Folgejahren. Seit Bekanntwerden des Korruptionsskandals im Sommer 2005 traten schlie&#223;lich immer gr&#246;&#223;ere Teile der Parteilinken aus der PT aus und schlossen sich der PSOL an.<br />
Im September letzten Jahres schaffte es die PSOL, die notwendigen 438.000 Stimmen zur Anerkennung als w&#228;hlbare Partei zu sammeln. Es schien, als h&#228;tten viele BrasilianerInnen nur darauf gewartet. Schon in den ersten Tagen nach der offiziellen Gr&#252;ndung der neuen linken Partei gab es Meldungen &#252;ber einige bis dahin sogar f&#252;hrende PT-Mitglieder oder ganze Str&#246;mungen (zum Beispiel die sozialistische Einheitsbewegung), welche bisher die PT unterst&#252;tzt hatten und nun zur PSOL wechselten.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Auch bekannte linke GewerkschafterInnen, wie aus der Beamtengewerkschaft, linke ChristInnen und viele Einzelne von der PT entt&#228;uschten AktivistInnen, entschlossen sich, die neue Partei zu unterst&#252;tzen. Es gibt unz&#228;hlbare Berichte &#252;ber regionale PT-Gruppen, die geschlossen &#252;bertraten, da sie weiterhin, aber in einer vertrauensw&#252;rdigeren Partei, f&#252;r ihre Belange k&#228;mpfen wollen. Der Bruch mit Lulas Politik hat ihnen neue Energie gegeben.<br />
Auch au&#223;erhalb Brasiliens unterst&#252;tzen soziale Bewegungen die Entwicklung einer neuen linken Alternative. So haben mehr als 350 prominente AktivistInnen der globalisierungskritischen Bewegung, wie Noam Chomsky oder Ken Loach, Anfang September diesen Jahres eine Unterst&#252;tzungserkl&#228;rung f&#252;r die Spitzenkandidatin Heloísa Helena unterzeichnet.<br />
In der Erkl&#228;rung f&#252;r die Kandidatin hei&#223;t es, Helena vertrete heute die Interessen der ArbeiterInnen und B&#228;uerInnen, der Armen und der Unterdr&#252;ckten. Die Regierung Lulas habe dagegen Millionen von Menschen entt&#228;uscht, die ihn im Jahr 2002 „in der Hoffnung auf einen sozialen Wandel und eine radikale Politik“ gew&#228;hlt hatten. Ebenso gehe es Menschen aus aller Welt, die sich von Lula einen „neuen Impuls f&#252;r den antiimperialistischen Kampf“ erhofft h&#228;tten. Im Gegensatz zu Lula seien „Heloísa Helena und ihre GenossInnen dem urspr&#252;nglichen antiimperialistischen und sozialistischen Programm der ArbeiterInnenpartei treu geblieben“.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a><br />
Deutlich wurde das in den Forderungen der PSOL im Pr&#228;sidentschaftswahlkampf. Die Kernpunkte waren: radikale Agrarreform; Suspendierung der Zahlung der Auslandsschulden; radikale Reduzierung der Arbeitszeit ohne Einkommenseinbu&#223;en; Ablehnung der Amerikanischen Freihandelszone ALCA/FTAA und Unterst&#252;tzung f&#252;r ALBA, die Bolivarianische Amerikanische Allianz (Venezuela, Bolivien, Kuba).</p>
<p>Die Wahl Anfang Oktober hat gezeigt, dass dieses Programm von mittlerweile mehr als sechs Millionen Menschen unterst&#252;tzt wird. Das ist mehr als ein Achtungserfolg, zumal die F&#252;hrung der Gewerkschaftsdachorganisation CUT, genauso wie die Sprecher der MST sich – wenn auch kritisch im Detail – f&#252;r die Wahl Lulas ausgesprochen hatten. Dass 6,9 Prozent mit der Illusion, dass die PT das „kleinere &#220;bel“ darstelle, und Lula wieder zu seinen politischen Wurzeln zur&#252;ckgef&#252;hrt werden k&#246;nne, gebrochen haben, zeigt die M&#246;glichkeiten f&#252;r den Aufbau einer konsequent anti-neoliberalen und anti-imperialistischen linken Alternative in Brasilien.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Vgl. zur Entwicklung der PT z.B. Gonzales, Mike: „Brazil in the eye of the storm“; in: International Socialism 98 (2003)<o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Vgl. Vogel, Thomas: Vorbild Brasilien. In: S&#252;dwind Magazin 03/2005, Seite 31<o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Vgl. Vogel, Thomas: Vorbild Brasilien. In: S&#252;dwind Magazin 03/2005, Seite 31<o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Vgl. Pablo Ortellado: What happened to the left? In: Znet, August 08, 2003<o></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Vgl. Wahl, Joachim: Die Regierung Lula nach ihrem ersten Jahr. In: Utopie kreativ, September 2004<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Vgl. François Sabado: Krise und Neuformierung der Linken in Brasilien. in: Inprekorr, Februar 2006<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Vgl. www.zeit.de am 05.09.06</p>
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		<title>Editorial</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 23:11:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<em>Perspektiven – Ein Magazin f&#252;r linke Theorie und Praxis</em>. Dahinter steht der Anspruch, in einer Zeit, in der die etablierte Politik – sei es jene der &#246;sterreichischen Parteienlandschaft, der Europ&#228;ischen Union oder der Superm&#228;chte der Weltpolitik – in einer tiefen Glaubw&#252;rdigkeitskrise steckt, eine lebendige Opposition und echte politische Alternativen zu entwickeln.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Perspektiven – Ein Magazin f&#252;r linke Theorie und Praxis</em>. Dahinter steht der Anspruch, in einer Zeit, in der die etablierte Politik – sei es jene der &#246;sterreichischen Parteienlandschaft, der Europ&#228;ischen Union oder der Superm&#228;chte der Weltpolitik – in einer tiefen Glaubw&#252;rdigkeitskrise steckt, eine lebendige Opposition und echte politische Alternativen zu entwickeln.<br />
<span id="more-68"></span><br />
Die Gruppe Perspektiven will dazu einen Beitrag leisten. Die Form eines regelm&#228;&#223;ig erscheinenden Magazins – dessen „nullte“ Ausgabe Du in H&#228;nden h&#228;ltst – haben wir bewusst gew&#228;hlt, um den komplexen politischen Realit&#228;ten angemessenen Raum zu geben und dadurch in wichtige Debatten einzugreifen. Dazu ist es notwendig, realistische und theoretisch informierte Analysen aktueller Themen mit einem politischen Projekt zu verbinden, das auf eine grunds&#228;tzliche Umw&#228;lzung der herrschenden Ordnung zielt – Perspektiven eben.<br />
„Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Handelns“ nannte das der italienische Marxist Antonio Gramsci, und es ist kein Zufall, dass wir ihm einen Artikel in dieser Ausgabe widmen. (S. 34) Gramscis Maxime begleitet uns auch im thematischen Schwerpunkt dieser Ausgabe: Die Europ&#228;ische Union. „Pessimismus des Verstandes“ bedeutet hier Be-standsaufnahmen der EU auf dem Weg zur globalen Ordnungsmacht (Mario Becksteiner, Michael Botka und Karin H&#228;dicke &#252;ber die Entstehung eines „Europ&#228;ischen Imperialismus“, S. 8) und des neoliberalen Umbaus europ&#228;ischer Bildungssysteme (Maria Asenbaum und Barbara Brehmer: „Reclaim the Brain!“, S. 14) Den „Optimismus des Handelns“ liefern Kristina Botka und Ramin Taghian: sie zeigen, wie EU-Kritik jenseits von Standortnationalismus und Vaterlandsrhetorik formuliert werden kann (S. 4). Dies ist umso wichtiger, als die Diskussionen um die EU das Dilemma &#246;sterreichischer Politik geradezu exemplarisch darstellen: Weite Teile der Bev&#246;lkerung haben das Vertrauen in die Politik der Eliten verloren, politisch artikuliert wird diese Stimmung jedoch fast ausschlie&#223;lich von der extremen Rechten.<br />
Ein zweiter, „inoffizieller“ Schwerpunkt hat sich in den letzten Monaten geradezu aufgedr&#228;ngt. Die Meldungen aus Lateinamerika lassen linke Herzen und Hirne Samba tanzen: Evo Morales wurde mit seiner „Bewegung zum Sozialismus“ von einer Welle sozialer Bewegungen ins Amt gesp&#252;lt, und in Venezuela proklamiert Pr&#228;sident Hugo Chavez die „bolivarianische Revolution“ und den „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“. In zwei ausf&#252;hrlichen Artikeln widmen wir uns daher dem ehemaligen „Hinterhof der USA“, in dem aktuell linke Strategien dem Test der Praxis unterzogen werden: Benjamin Opratko und Philipp Probst werfen einen Blick auf die Politik hinter der Symbolfigur Chavez (S. 22), w&#228;hrend Stefan Probst und David Sagner die aktuellen Entwicklungen in Bolivien im Kontext der Erfahrungen der bolivianischen Revolution von 1952 analysieren (S. 28).<br />
Abgerundet wird die Ausgabe durch ein Interview zum drohenden B&#252;rgerkrieg im besetzten Irak, einen Beitrag &#252;ber das boomende Genre des politischen Dokumentarfilms in &#214;sterreich und Rezensionen aktueller, interessanter B&#252;cher.<br />
Wir hoffen, mit Perspektiven Euer Interesse zu wecken und Diskussionen zu bereichern. Damit unsere Beitr&#228;ge aber nicht zu einem Monolog verkommen brauchen wir Euch! Kommentiert, lobt, kritisiert und bringt Euch ein unter kontakt@perspektiven-online.at!</p>
<p>Die Perspektiven-Redaktion</p>
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