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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Kultur</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>N&#252;chterne Rebellion</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:11:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

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		<description><![CDATA[Straight Edge, die drogenfreie Subkultur im Hardcore-Punk, wird oft mit selbstgerechtem Moralismus, Humorlosigkeit und konservativem Puritanismus assoziiert. Dennoch war die Szene seit ihren Anf&#228;ngen in Washington DC in den fr&#252;hen 1980er Jahren immer auch Sprungbrett f&#252;r radikale Politik. Philipp Probst und Stefan Probst &#252;ber die Geschichte einer widerspr&#252;chlichen Gegenkultur.

1979/80 schrieb die Washingtoner Hardcore-Punk-Band Teen Idles den wahrscheinlich ersten Straight Edge-Song. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Straight Edge, die drogenfreie Subkultur im Hardcore-Punk, wird oft mit selbstgerechtem Moralismus, Humorlosigkeit und konservativem Puritanismus assoziiert. Dennoch war die Szene seit ihren Anf&#228;ngen in Washington DC in den fr&#252;hen 1980er Jahren immer auch Sprungbrett f&#252;r radikale Politik. <em>Philipp Probst</em> und <em>Stefan Probst</em> &#252;ber die Geschichte einer widerspr&#252;chlichen Gegenkultur.<br />
<span id="more-1957"></span><br />
1979/80 schrieb die Washingtoner Hardcore-Punk-Band <em>Teen Idles</em> den wahrscheinlich ersten Straight Edge-Song. Dessen Lyrics waren zwar offensichtlich nicht ganz bierernst gemeint, aber trotzdem nur halb als Scherz gedacht: „I drink milk / I drink milk / I drink milk / I drink milk / I don’t care what people say, I drink milk everyday!“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Ian MacKaye, Bassist und Textschreiber der Band, hat in sp&#228;teren Interviews den Hintergrund des Songs erl&#228;utert: „In den 1970er Jahren machten sich meine Mitsch&#252;lerInnen und meine FreundInnen dauernd dar&#252;ber lustig, dass ich keinen Alkohol trank. Als ich in die Punk-Szene eintauchte, war es genau dasselbe. Ich konnte immer nur denken: ‘Hey, ich bin einfach, wie ich bin!’ Schlie&#223;lich sagte ich nie zu irgendwelchen Leuten, dass sie bescheuert waren, weil sie Alkohol tranken – trotzdem wurden meine Entscheidungen dauernd in Frage gestellt.“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Zunehmend frustriert von den Erwartungshaltungen einer drogenzentrierten Kultur, die der Punk offensichtlich mit dem Mainstream teilte, schrieb MacKaye 1981 schlie&#223;lich mit der Nachfolgeband der <em>Teen Idles, Minor Threat</em>, einen Anti-Drogen-Song, in dem er seinen &#196;rger, sich st&#228;ndig f&#252;r seine Abstinenz rechtfertigen zu m&#252;ssen, aggressiver auf den Punkt brachte: <em>Straight Edge</em>. Die Lyrics lassen an Deutlichkeit nichts vermissen:<br />
„I’m a person just like you / But I’ve got better things to do/ Than sit around and fuck my head / Hang out with the living dead / Snort white shit up my nose / Pass out at the shows / I don’t even think about speed / That’s something I just don’t need / I’ve got the straight edge […]. Always gonna keep in touch / Never want to use a crutch / I’ve got the straight edge“.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a><br />
Straight Edge soll dabei zum Ausdruck bringen, mit einem n&#252;chternen, klaren, eben straighten Kopf einen Vorteil zu haben (<em>to have an edge on you</em>). Es war dieses Grundprinzip eines klaren Kopfes, das die Bewegung vereinte – jenseits der jeweils zeitlich, regional und individuell spezifischen Ausdeutungen dessen, was mit einer Straight-Edge-Identit&#228;t bezeichnet sein soll. Wieder war es ein <em>Minor Threat</em>-Song, der gemeinhin als Gr&#252;ndungsmanifest dieser Prinzipien steht: In <em>Out of Step</em> schreit Ian MacKaye: „(I) Don’t smoke / Don’t drink / Don’t fuck / At least I can fucking think.“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
W&#228;hrend diese „drei einfachen Worte“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> niemals als fixes Regelwerk f&#252;r eine Bewegung gedacht waren, wurden sie zum Startschuss f&#252;r einen Gedanken, der in den unterschiedlichsten Interpretationen Teile der Punkszene und Jugendkultur &#252;ber die n&#228;chsten Jahrzehnte pr&#228;gte.</p>
<p><strong>American Hardcore</strong><br />
Die Entwicklung der Straight Edge (sXe) Bewegung muss im Kontext der entstehenden Hardcore-Punk-Szene betrachtet werden – als dessen organischer Teil und als kritische Intervention in diese.<br />
Hardcore-Punk entwickelte sich in den sp&#228;ten 1970er Jahren als schnellere, direktere, aggressivere Variante des Punk, die diesen auf seinen harten Kern reduzierte. Die Songs waren kurz, intensiv, auf den Punkt, <em>in-your-face</em> und ohne Umschweifen; alles andere als die zu dieser Zeit dominierende Diskomusik und Stadionrock. Die Texte waren schnell, oft unverst&#228;ndlich rausgeschrien, sich gegen gesellschaftliche Normen richtend. Ganz im Sinne von „You don’t understand a word we say, You don’t listen to us anyway.”<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Ausschweifende Gitarrensolos oder &#228;hnliches waren verp&#246;nt. Entsprechend physisch und roh wie die Musik waren die Shows. Sie dr&#252;ckten die Ablehnung gegen&#252;ber einer vorgegaukelten heilen Welt und der Fassade des suburbanen Utopia aus. „Die Musik, die wir spielten, die Texte, die wir schrieben hatten nichts mit H&#228;nde-halten, L&#228;cheln und Sonnenunterg&#228;ngen zu tun.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a><br />
Wesentlich ging es f&#252;r die Jugendlichen (oft 13 bis 16 Jahre alt!) darum, in einer Gesellschaft, die nichts als Perspektivlosigkeit, Langeweile und Konformit&#228;tsdruck zu bieten hatte, Frust abzulassen. Musik von Kids f&#252;r Kids, die die ganze amerikanische Gesellschaft nur mehr anfuckte und die Zuflucht und Energie im Hardcore Punk suchten. „Die Musik mit der die meisten von uns in den 1970ern aufwuchsen, war Musik von &#228;lteren Menschen und handelte von Partys und Cruisen – alles Dinge, zu denen wir keinen Bezug hatten, alles Dinge, die wir in unserem Leben nicht f&#252;hlten.“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Etwas direkter beschrieb Keith Morris von den <em>Circle Jerks</em> das Gef&#252;hl der Ablehnung einer ganzen Gesellschaft, das den Hardcore von Beginn an pr&#228;gte; einer Gesellschaft, in der sich die Hardcoreszene zu dem Raum entwickelte, in dem Jugendliche sich ausleben konnten, sie selbst sein konnten. „Ich hasse meinen Boss, ich hasse die Menschen mit denen ich arbeite, ich hasse meine Eltern, ich hasse all diese Autorit&#228;tsfiguren, ich hasse Politiker, ich hasse Menschen in der Regierung, ich hasse die Polizei, wei&#223;t du, jeder zeigt mit dem Finger auf mich, jeder stochert in mir rum, jeder hatte etwas an mir auszusetzen, und jetzt hab ich hier eine Gruppe von Menschen, die wie ich sind, und wir haben die Chance abzugehen; und das ist es, was es im Prinzip war.“<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a><br />
Zwei wesentliche Entwicklungen scheinen f&#252;r die Herausbildung einer eigenst&#228;ndigen Hardcore-Kultur in den fr&#252;hen 1980er Jahren relevant: zum einen das gesellschaftspolitische Klima in den USA um 1980, das in den Worten des sp&#228;teren <em>Black Flag</em>-S&#228;ngers Henry Rollins von „Rezession und Repression“<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> gepr&#228;gt war; zum anderen die zunehmende Kommerzialisierung, &#196;sthetisierung und Internalisierung der Punk-Rebellion in den Mainstream. Besonders deutlich wurde das in der Dominanz des New Wave im Punk, der die Radikalit&#228;t dieses Genres als subkulturellem Ausdruck jugendlicher Rebellion zunehmend unscharf werden lie&#223;. „Mitte 1979 waren die einzigen Menschen, die noch Punkmusik spielten, diejenigen, die auch wirklich dabei sein wollten. Es gab einen gro&#223;en Bruch, der bedeutete, dass Punk in den <em>underground </em>ging, intensiver, reiner – was gut und schlecht war – und mehr hardcore wurde.“<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a></p>
<p><strong>Reagan’s In!</strong><a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a><br />
„Nichts bringt eine Musikszene so in Fahrt, wie Repression gepaart mit Rezession.“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Die Wahl des ehemaligen Hollywood-Schauspielers Ronald Reagan zum 40. Pr&#228;sidenten der Vereinigten Staaten 1981 war so etwas wie die Triebkraft hinter der Entwicklung des Hardcore. Er stellte den „Feind von Kunst, von Minderheiten, von Frauen, Schwulen, Liberalen, Obdachlosen, ArbeiterInnen, der Innenstadt, usw. dar. Jeder ‚Au&#223;enseiter’ war sich darin einig, ihn zu hassen.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a><br />
Reagans Amtszeit pr&#228;gte in paradigmatischer Weise das gesellschaftspolitische<br />
Leben der Vereinigten Staaten. Es war die Zeit des Aufstiegs der Neuen Christlichen Rechten und der &#246;konomischen Krise. Der Abbau sozialer Sicherungssysteme unter dem neoliberalen Schlagwort der <em>Reagonomics </em>und der massive Ausbau des Polizei- und &#220;berwachungsapparats traf besonders die Jugendlichen aus proletarischen und proletarisierten Mittelschichts-Haushalten, f&#252;r die Reagans Wahlkampf-Slogan „It’s Morning Again“ wie reiner Hohn klingen musste. Die Reagan-Administration versuchte, ein Gef&#252;hl der R&#252;ckkehr zu Recht und Ordnung durchzusetzen, zu einem guten, konservativen, geregelten – und wei&#223;en – Amerika. Vic Bondi, S&#228;nger der Hardcoreband <em>Articles of Faith</em> und sp&#228;ter linker Songwriter, dr&#252;ckte das Gef&#252;hl der herrschenden Schicht in den fr&#252;hen 1980er Jahre so aus: „Wei&#223;t du, dieses Weichei Jimmy Carter sprach &#252;ber Frieden und Menschenrechte und all die Schei&#223;e. Und es gab die Feministinnen und die Schwarzen, ‚die aufm&#252;pfig gegen uns wurden, deshalb werden wir die Ordnung wiederherstellen‘; Also ging das ganze Land in Richtung dieser wirklich kindlichen F&#252;nfziger Jahre-Fantasie, wo sie alle diese Strickjacken und so trugen.“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a><br />
Konservatismus und law-and-order-Kurs sollten eine auseinanderfallende Gesellschaft auf Linie bringen. Die Vorstellung eines neuen Morgens in Amerika, einer R&#252;ckkehr zum goldenen Zeitalter, spie&#223;te sich aber mit der gef&#252;hlten und realen Hoffnungslosigkeit eines gro&#223;en Teils der Bev&#246;lkerung. „Es ist schwer f&#252;r irgendjemand, vor allem f&#252;r Jugendliche, irgendetwas zu haben, an das man glauben kann. All die Dinge mit denen wir aufwuchsen: die Regierung, das Familiensystem, der amerikanische Traum, dieses ganze religi&#246;sen Ding, das Amerika so bestimmt – das alles funktioniert einfach nicht mehr. Alles f&#228;llt zusammen, wir sehen es jeden Tag, es gibt nichts, woran wir glauben k&#246;nnen.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a><br />
W&#228;hrend Hoffnungslosigkeit das Leben vieler Jugendlicher bestimmte, lie&#223;en anhaltende Wirtschaftskrise, Sparma&#223;nahmen und steigende Inflation die Kluft zwischen (neuen) Reichen und Armen weiter anwachsen. Die Antwort der Regierung lautete: steigende Repression und Polizeigewalt.<br />
Die <em>Dead Kennedys</em> thematisierten diese Situation einer in Reiche und Armen gespaltenen Gesellschaft in ihren Songs. Im satirischen <em>Kill the Poor</em> singt Jello Biafra vom fiktiven Standpunkt der Herrschenden aus: „Behold the sparkle of champagne. / The crime rates gone, feel free again. / O’ life’s a dream with you, Miss Lily White. / Jane Fonda on the screen today / Convinced the liberals it’s okay, / So let’s get dressed and dance away the night, / While they / Kill kill kill kill kill the poor / Kill kill kill kill kill the poor / Kill kill kill kill kill the poor: Tonight!“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a></p>
<p><strong>They take the rights away from all the kids<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a></strong><br />
Die Polizeibrutalit&#228;t traf Au&#223;enseiterInnen der Gesellschaft besonders hart. Vor allem in Gro&#223;st&#228;dten wie Los Angeles und New York lie&#223; die Polizei keine Gelegenheit aus, Jugendliche zu jagen und zu verpr&#252;geln. Im Gegensatz zu Gangmitgliedern stellten Hardcorekids, wie Pat Dubar von <em>Uniform Choice</em> im Buch <em>American Hardcore</em> erz&#228;hlt, perfekte, leichte Ziele dar. Oft handelte es sich um von daheim Weggelaufene, sie kamen aus kaputten Familien oder sie hatten Eltern, die sich um nichts k&#252;mmerten – und sie konnten sich nicht wehren. Daher hatte polizeiliche Gewalt in den meisten F&#228;llen keine Konsequenzen f&#252;r die Beh&#246;rden. Im Gegenteil, die Polizei setzte alles daran, die aufkommende neue jugendliche Gegenkultur im Keim zu ersticken. „Heute w&#252;rde das, was die Polizei damals gemacht hat, als Bel&#228;stigung oder <em>racial profiling</em> bezeichnet werden – sie st&#252;rmten Shows, sammelten Beweise, speicherten Akten. Die Machthaber erkannten die Gefahr, real oder eingebildet, wenn Bands wie <em>Black Flag </em>und<em> Dead Kennedys</em> spielten.“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Nicht umsonst waren viele Hardcore-Texte gepr&#228;gt von der erlebten Repression und dem Hass auf die Polizei. Die Band <em>MDC</em>, deren Abk&#252;rzung unter anderem f&#252;r <em>Million of Dead Cops</em> stand, sang in <em>Dead Cops/America’s So Straight</em>: „Dead Cops / Watcha gonna do / The Mafia in blue / Huntin’ for queers / Niggers and you.“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a><br />
Angesichts der staatlichen &#220;bermacht und der Repression gegen die Jugendlichen, herrschte Resignation und Kampfgeist oft gleichzeitig vor. W&#228;hrend <em>Black Flag</em> in ihrem Song <em>Police Story</em> von einem Kampf sprachen, „den wir nicht gewinnen k&#246;nnen“ („They hate us / we hate them, we can’t win / no way!“)<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a>, sprach der K&#252;nstler Winston Smith davon, wie sich die Grundhaltung breit machte „k&#228;mpfend unterzugehen, wenn wir verlieren m&#252;ssen, aber sie nicht damit davonkommen zu lassen.“<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Doch nicht nur die Polizei hatte es auf die Kids abgesehen. Rocker, Rednecks und Jocks<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> verpr&#252;gelten sie in den Highschools und zogen in Banden durch die Viertel auf der Suche nach Punks.<br />
Die fast t&#228;gliche Erfahrung von Gewalt spiegelte sich in der Szene wieder. Die Shows waren gepr&#228;gt von <em>violent dancing</em>, einem Tanzstil der viel K&#246;rperkontakt mit sich bringt und bei dem der Unterschied zu handfesten Pr&#252;geleien manchmal schwer auszumachen ist. Allerdings bedeuteten diese Shows f&#252;r viele die M&#246;glichkeit, kurzzeitig die herrschenden gesellschaftlichen Normen hinter sich zu lassen und die Gewalt, mit der sie st&#228;ndig konfrontiert waren, verarbeiten zu k&#246;nnen. Die Szene wurde zugleich zur wichtigsten Verteidigung gegen die t&#228;glichen &#220;bergriffe<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> und einer Community, die Au&#223;enseiterInnen ein Ventil f&#252;r ihre Wut und Langeweile bot. Im Song <em>Fight </em>der f&#252;r die Szene in Washington DC ma&#223;geblichen Band <em>Scream </em>wird deutlich, dass <em>Fight </em>(Kampf) sowohl ein Mittel gegen Frustration war, als auch f&#252;r <em>Unity </em>(Gemeinschaft) stand. “Look at me, I look at you / What the fuck you gonna do? / I feel boxed in, well, I just wanna fight / Through the problems in the night / Fight / Hey, all ye crunchcloths, we all say / Fight for the united way / Fight together, fight as one / Fight forever till we’ve won / Fight (to unite)<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Die Community bot Platz, eigene Projekte und eigene Ideen in die Tat umzusetzen. In diesem Sinne &#252;bernahm die Hardcore Variante des Punk wesentliche Charakteristika des 1970er Jahre Punks, den eine Mischung aus Selbstorganisierung, Eigenst&#228;ndigkeit und eine „Scheissauf-Alles“-Attit&#252;de charakterisierte. In der Hardcore-Szene spiegelte sich der politische Radikalismus des Amerikas der fr&#252;hen 1980er wider.</p>
<p><strong>Do-It-Yourself and Think for Yourself!</strong><br />
Neben der radikalen Ablehnung vorherrschender Werte und Ziele der Mainstream-Gesellschaft war eine der positivsten Eigenschaften die klare <em>Do-It-Yourself</em>-Ethik (DIY). Vollkommen unabh&#228;ngig von g&#228;ngigen Distributionskan&#228;len und Kommunikationsmedien baute die Hardcore-Kultur &#252;ber Fanzines, Bandkontakte und selbst gegr&#252;ndete Labels ein subkulturelles Netzwerk auf, das bald die gesamten USA &#252;berspannte. Wichtig in diesem Kontext sind beispielsweise die Bem&#252;hungen der von Mitgliedern der Punk-Band Youth Brigade gegr&#252;ndete Better Youth Organization, die &#252;ber die DIY-Ethik versuchte, dem Punk eine positive Richtung zu geben. Mittels <em>grassroot organizing</em> konnten st&#228;ndig neue Konzertorte gefunden und Jugendzentren etabliert werden. Die eigene Community aufzubauen war eine der wesentlichen S&#228;ulen der Hardcore-Kultur. Im Gegensatz zur vorherrschenden Ideologie einer individualisierten Ellbogengesellschaft lautete das Motto „wir gemeinsam, statt alles f&#252;r mich und fuck the rest“.<br />
Diese DIY-Ethik und das Bekenntnis zu Community-Building – von Kids f&#252;r Kids – bedeutete auch, die Trennung zwischen Band und Publikum bei Shows zu &#252;berwinden. Alle konnten und sollten Musik machen. Der Sound war einfach und aggressiv, niemand musste die Instrumente wirklich beherrschen. Niemand wartete darauf, dass jemand etwas f&#252;r einen machte, sondern ging es gemeinsam mit anderen an.<br />
Ian MacKaye erz&#228;hlt in einem Interview, dass er in seiner Zeit auf einer staatlichen Highschool vor allem eins lernte: „Wenn du etwas machen willst, kannst du nach Erlaubnis fragen, doch dann wird die Antwort sicher ‚Nein‘ sein. Darum frag am besten gar nicht, sondern mach es einfach.“<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a><br />
Aus dieser DIY-Ethik entwickelte sich ein politischer Anspruch, bei dem sich der Gro&#223;teil der Bands auf<em> personal politics </em>konzentrierte, wobei es wichtig war, dass ein direkter Zusammenhang mit der Community und der Nachbarschaft bestand. Das dr&#252;ckte sich auch in der Ablehnung der etablierten Politik aus: „Wir wollten nicht eure Politik, wir waren interessiert an pers&#246;nlicher Politik; wir sind interessiert an dieser Musik, an dieser Community, an dieser Szene.“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Trotzdem fanden sich auch immer wieder die Themen Kapitalismus, schei&#223; Arbeitsbedingungen und der Zynismus der Herrschenden in den Texten wieder: „Ronald laughs as millions starve / And profits forever increase / Your stenching farts as they smile / They say they try to please / Plastic chairs and fake shakes / To help it all go down / Polluting your children with their lies / And trying to destroy your mind“<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a></p>
<p><strong>Go BOOM!</strong><br />
Sowohl im 1970er Jahre Punk als auch im HC-Punk fanden sich also auch explizit politische, gesellschaftskritische Bands. Dennoch erbte der Hardcore zum Teil auch die selbstdestruktiven <em>no-future</em>-Tendenzen des 1970er Jahre Punks: „Get fucked and fuck shit up!“. Zwar versuchten Bands wie Bad Brains mit ihrer propagierten <em>positive-mental-attitude</em> immer wieder, dieser <em>live-fast-die-young-attitude</em> in der Community positive Impulse entgegenzusetzen. Dennoch artikulierte sich bei vielen Jugendlichen die Wut auf die vorherrschenden Werte und Erwartungshaltungen der Gesellschaft in destruktiver Anti-Haltung, ohne selbst eine Vorstellung von Ver&#228;nderung zu entwerfen. <em>Black Flag</em>, eine der ersten Hardcore-Bands aus den suburbanen Gebieten Kaliforniens, hat dies 1980 in ihrem Song <em>No Values</em> auf den Punkt gebracht: „I don’t care what you think / I don’t care what you say / I’ve got nothing to give you / Why don’t you just go away? / I’ve got no values / Nothing to say / I’ve got no values / Might as well blow you away / […] Don’t you try pretendin’ / Telling me it’s all right / I might start destroyin’ / Everything in my sight! / No values“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a><br />
Die Frustbew&#228;ltigung &#252;ber Gewalt, die bei den pubertierenden m&#228;nnlichen Jugendlichen in den Suburbs an der Westk&#252;ste zumindest anfangs viel ausgepr&#228;gter war als etwa in DC, wurde zunehmend zum Problem. Die H&#228;rte der Stra&#223;e erkl&#228;rt zwar die Reaktion und macht diese verst&#228;ndlich, allerdings wurden dadurch mehr und mehr Leute angezogen, die allein wegen der Gewalt kamen. Jello Biafra beschreibt, dass HC-Punks oft „Surfer waren, Skateboarder waren, und manchmal waren sie einfach sehr gewaltt&#228;tige Surfer und Skateboarder.“<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a><br />
Dar&#252;ber hinaus ist es nur eine leichte &#220;bertreibung, wenn behauptet wird, dass sich Frust und Perspektivlosigkeit nicht zuletzt in Destruktivit&#228;t gegen sich selbst ausdr&#252;ckten. Drogen waren ein ernsthaftes Problem im fr&#252;hen Hardcore, und zwar nicht nur Alkohol, sondern vor allem Speed und Kokain, die die Stra&#223;en der USA &#252;berschwemmten.<br />
Es war dieser Kontext, in dem sich die ersten Straight Edge-Bands formierten. Frustriert von den selbst-zerst&#246;rerischen Verhaltensweisen der Punk-Szene nahmen sie eine Anti-Drogen-Haltung ein. Die Straight Edge-Bands kritisierten, dass „Punks zwar ihre Individualit&#228;t hervorhoben, aber eine eigene Art der Konformit&#228;t verst&#228;rkten, die die Fixierung der Jugendkultur auf die Einnahme von Substanzen reflektierte. Weiters f&#252;hlten Straight Edge-Kids, dass Punks ihr eigenes Potential zur Rebellion verringerten, indem sie in einem Drogen- und Alkoholdunst lebten.“ Die fr&#252;he Straight Edge-Jugend sah die hedonistische Rebellion des Punk als &#252;berhaupt nicht rebellisch, da sie in vielerlei Hinsicht „den bet&#228;ubten Lebensstil der Mainstreamkultur in einer irokesenschnittigen Lederjackenverkleidung“ reproduzierten.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a><br />
W&#228;hrend sich Menschen, die Straight Edge lebten, positiv auf die Hardcore Kultur – mit all ihren Widerspr&#252;chlichkeiten – bezogen, und vor allem den Community-Gedanken und die Rebellion gegen die Mainstreamkultur hoch hielten, propagierten sie zugleich, wie wichtig es war, daf&#252;r einen klaren Kopf zu haben. Straight Edge wurde so zu einer Gegenstr&#246;mung innerhalb der jugendlichen Gegenkultur.</p>
<p><strong>Trinitarische Formel?</strong><br />
Der f&#252;r die Entwicklung des sXe pr&#228;gendste Song war sicherlich <em>Out of Step</em> von <em>Minor Threat</em>. Es sollte bereits klar geworden sein, dass die viel zitierte Textzeile „(I) Don’t Drink / Don’t Smoke / Don’t Fuck / At least I can fucking think!“ weder als verbindliches Regelwerk, Gr&#252;ndungsmanifest einer Bewegung oder &#252;berhaupt als etwas anderes denn als pers&#246;nliche Befindlichkeitserkl&#228;rung von <em>Minor Threat</em>-S&#228;nger MacKaye gemeint war. Jene, die die Idee aufgriffen, interpretierten den Song aber zu Recht auch als positive Intervention gegen die selbstzerst&#246;rerischen Dynamiken der Szene. Sie versuchten den Grundgedanken des Punk und der DIY-Ethik wieder stark zu machen: <em>Think for yourself</em>, und das mit einem klaren Kopf. Und das sollte selbstverst&#228;ndlich auch f&#252;r die von manchen als ‚Three-Step-Formula‘ interpretierte Zeile in <em>Out of Step</em> gelten. Folglich bauten <em>Minor Threat</em> in der zweiten Aufnahme des Songs eine zus&#228;tzliche Erkl&#228;rung ein, die klarstellen sollte, dass jeder und jede f&#252;r sich selbst entscheiden m&#252;sse, was der Text f&#252;r sie bedeuten sollte: „H&#246;rt zu, dies sind keine Verhaltensregeln! Ich sage euch nicht, was ihr tun sollt!“<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a><br />
Zun&#228;chst verstanden tats&#228;chlich auch jene, die die Message des Songs postitiv f&#252;r sich selbst &#252;bersetzten konnten, Straight Edge weder als eigene Bewegung noch als Identit&#228;tsclaim, sondern in erster Linie als konstruktiven Impuls f&#252;r die HC-Szene: die Community m&#252;sse offen sein – oder offener werden – auch f&#252;r jene, die Milch statt Bier trinken wollen. Der <em>peer pressure</em> dominanter Jugendkulturen sollte im HC eben gerade keinen Platz haben. Die Szene sollte aber gleichzeitig f&#252;r jene offen sein, die zumindest legal gar keinen Alkohol konsumieren durften. Dies war insbesondere in Washington DC ein eminent praktisches Problem, insofern die meisten Shows in Clubs stattfanden, in denen Alkohol ausgeschenkt wurde. So hat sich eben auch das zentrale Symbol des (sp&#228;teren) Straight Edge, das X, aus der &#220;berzeugung heraus entwickelt, dass Hardcore-Shows f&#252;r <em>all ages</em> offen sein m&#252;ssen. Um den Problemen mit Club-Besitzern aus dem Weg zu gehen, schlugen minderj&#228;hrige Jugendliche vor, sich ein dickes schwarzes X auf den Handr&#252;cken zu malen. Damit zeigten sie, dass sie keinen Alkohol konsumieren w&#252;rden und konnten die Show besuchen. Urspr&#252;nglich stand das X also weniger f&#252;r sXe und Abstinenz, sondern f&#252;r Jugend.<br />
Besondere Aufmerksamkeit verdient schlie&#223;lich noch der so oft, auch im sXe selbst, falsch verstandene Ausdruck „Don’t Fuck“. F&#252;r viele SkeptikerInnen wird genau hier die Anschlussf&#228;higkeit des sXe an reaktion&#228;re christliche Enthaltsamkeits-Sekten deutlich. F&#252;r Ian MacKaye, der sich schon oft f&#252;r diese Formulierung rechtfertigen musste, war die ganze Aufregung trotzdem relativ unverst&#228;ndlich: „Glaubst du, dass Menschen bei ‘Don’t Drink’ jemals sagen w&#252;rden: ‚Aha, er will, dass niemand mehr irgendein Getr&#228;nk oder irgendeine Fl&#252;ssigkeit zu sich nimmt?‘ Aber wenn das Wort ‚fuck‘ ins Spiel kommt, werden sofort andere Schl&#252;sse gezogen. Ich verstand das nie. Es war doch klar, dass es um Missbrauch, Manipulation und Eroberung ging, also um die Instrumentalisierung von Sex, die auf Befindlichkeiten von Menschen keine R&#252;cksicht nimmt.“<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a></p>
<p><strong>Me, You, Youth Crew</strong><br />
Die Idee des Straight Edge wurde in den fr&#252;hen 1980er Jahren ziemlich schnell von Bands wie <em>SSD </em>und <em>DYS </em>in Boston, <em>Uniform Choice</em> in Kalifornien oder <em>7 Seconds</em> in Reno aufgegriffen. Dave Smalley von <em>DYS </em>erkl&#228;rt: „Es sprach eine ganze Generation von Kids an, die gerade die 1970er Jahre erlebt hatten, und sie haben Kids gesehen, die in den Highschools dreimal t&#228;glich kiffen und <em>wasties </em>in einem tragisch jungen Alter werden.”<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a><br />
Diese Bands sind ma&#223;geblich f&#252;r die Entwicklung einer kollektiven sXe-Identit&#228;t verantwortlich. Dennoch entwickelte sich sXe vor allem infolge einer Band zu einer im HC einflussreichen Bewegung: <em>Youth of Today</em>. Der Bewegungscharakter von sXe liegt darin, dass sXe als „allgemein w&#252;nschenswerter Lebensstil propagiert wurde“.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Ray Cappo, S&#228;nger von <em>Youth of Today</em> erl&#228;utert: „Wir wollten nicht nur drogenfrei sein, sondern auch laut, selbstbewusst und stolz.“<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a> W&#228;hrend die Betonung bei fr&#252;hen Bands wie <em>Minor Threat</em> vor allem auf der Offenheit der HC-Community und der Verteidigung einer pers&#246;nlichen Lebensentscheidung lag, verstanden diese neuen Bands sXe weniger als Intervention in die Szene, sondern selbst als Community-Projekt. Zwar blieb die positive Grundhaltung eines klaren Kopfs, sXe besch&#228;ftigte sich aber zunehmend mit sich selbst.<br />
Besonders in den Song-Texten f&#228;llt diese isolationistische Dynamik auf: man schw&#246;rt sich, „true till death“ zu sein, und exkommuniziert Leute, „who have broken the edge“, „sold out“, „stabbed us in the back“. Die ‚Don’t Drink, Don’t Smoke, Don’t Fuck‘-Formel wird zum neuen Katechismus und identit&#228;ren Grundprinzip. Besonders in den militanteren Szenen wie in Boston kommt auch ein selbstgerechter Moralismus und ein maskulinistischer Selbstentwurf der sXe-Szene als Brotherhood hinzu.<br />
W&#228;hrend Straight Edge urspr&#252;nglich organischer Teil einer offenen Hardcore-Punk-Szene sein wollte, setzte sich Straight Edge seit Mitte der 1980er Jahre zunehmend als abgrenzender Identit&#228;ts-Claim durch. Auch wenn oft die „open minds and open hearts“ betont wurden, sah die Praxis meist anders aus: sXe wurde zum neuen Konformismus. Um nicht falsch verstanden zu werden: die sogenannte Youth-Crew Zeit der sp&#228;ten 1980er Jahre hat gro&#223;artige Bands und Songs hervorgebracht. Dennoch hatten sich die HC-Szene insgesamt und der sXe im Besonderen im Vergleich zu den fr&#252;hen Jahren entscheidend ver&#228;ndert.<br />
Mitte der 1980er Jahre hatten sich die meisten Bands der ersten Hardcore-Welle aufgel&#246;st. Die Wiederwahl Ronald Reagans wurde bei vielen als herbe Entt&#228;uschung erfahren. Und schlie&#223;lich schien der Hardcore selbst musikalisch zu stagnieren, w&#228;hrend in der Szene Gewalt einen immer zentraleren Stellenwert einnahm. &#220;berspitzt, aber auch nicht vollkommen falsch, hat Stephen Blush – HC-Chronist und Autor von <em>American Hardcore</em> – deshalb behauptet, der Hardcore sei 1984 gestorben.<br />
Tats&#228;chlich gingen einige pr&#228;gende Bands der ersten Welle ab Mitte der 1980er Jahre musikalisch und/oder politisch neue Wege. In Washington DC begr&#252;ndeten Bands wie <em>Rites of Spring</em> oder <em>Embrace </em>in Reaktion auf die <em>tough-guy</em>-Mentalit&#228;t der Szene jene Musikrichtung, die heute etwas ungl&#252;cklich als Emotional Hardcore, kurz Emocore bekannt ist. In Reno gr&#252;ndete sich 1984 um Mitglieder der Band <em>7 Seconds</em> die <em>Positive Force</em> Initiative als Versuch der expliziten Politisierung der Szene. Und 1985 gilt in DC ohnehin als „Revolution Summer“<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a>.<br />
Die HC-Kultur im engeren Sinn wurde nun von einer Generation dominiert, die kaum mehr mit den Punk-Wurzeln des HC in Ber&#252;hrung gekommen war. Tonangebend war vor allem die Szene in New York – der sogenannte New York Hardcore – wo sich unter die progressiven Punk-Ideale zunehmend auch dumpfer Patriotismus, Machismo und Homophobie mischten. Ray Cappo hat die New Yorker Szene r&#252;ckblickend so beschrieben: „wei&#223;t du, in der Highschool gabs immer diesen einen Raufbold, nur einen, Psycho-Schl&#228;ger, der dich schikanieren w&#252;rde. Die Hardcore Szene in New York war als ob du jeden Raufbold in Amerika nehmen und in diese verr&#252;ckte kleine Community stecken w&#252;rdest.“<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a></p>
<p><strong>Ausdeutungen</strong><br />
Die Schwierigkeit, das Ph&#228;nomen Straight Edge auf den Punkt zu bringen, besteht nicht zuletzt darin, dass die jeweiligen Ausdeutungen dessen variieren, was mit sXe &#252;berhaupt gemeint sein soll: von einer pers&#246;nlichen Lebenseinstellung zu einer propagierten Ideologie, von puritanischem Asketismus zur Vorstellung eines klaren Kopfs als bessere Voraussetzung f&#252;r gesellschaftliche Ver&#228;nderung, von maskulinistischer Wolfpack- und Crew-Mentalit&#228;t zur Betonung einer offenen, partizipativen Community. Straight Edge ist deshalb ein weder per se fortschrittliches, noch reaktion&#228;res Ph&#228;nomen. Sicher, wer den verr&#252;ckteren Ausw&#252;chsen des sXe in den fr&#252;hen 1990er Jahren die haupts&#228;chliche Aufmerksamkeit schenkt, wird entweder die Stirn runzeln – etwa &#252;ber den mysteri&#246;sen Boom straighter Krishna-Core-Bands – oder sich von der selbstgerechten Militanz, gew&#252;rzt mit einer kr&#228;ftigen Prise Pro-Life und Ablehnung vorehelichen Sex, von 1990er-sXe-Bands wie <em>Vegan Reich</em> angewidert abwenden. Dass gleichzeitig offen kommunistische Bands wie <em>ManLiftingBanner</em> ebenfalls eine sXe-Identit&#228;t f&#252;r sich beanspruchen, macht die Sache dann aber doch kompliziert.<br />
So wie jede subkulturelle Bewegung steht n&#228;mlich auch der sXe in einem widerspr&#252;chlichen Verh&#228;ltnis zu den hegemonialen Verh&#228;ltnissen und Vorstellungen. Diese Spannung soll im Folgenden beispielhaft anhand von Sexismus und Homophobie innerhalb der sXe-Szene durch diskutiert werden.</p>
<p><strong>Machismo, Emancypunx</strong><br />
Der vom sXe propagierte Verzicht auf Alkohol und Drogen steht zum einen quer zu Erwartungshaltungen und Verhaltensweisen der Mainstream-Jugendkultur, insbesondere aber auch hegemonialen Konstruktionen jugendlicher M&#228;nnlichkeit. F&#252;r sXer sind Saufen und sexuelle Eroberung gerade keine Zeichen von St&#228;rke und Maskulinit&#228;t, sondern im Gegenteil Schw&#228;chen, die &#252;berwunden werden sollten.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> sXe ermutigte jugendliche M&#228;nner, sich maskulinistischen Anrufungen zu entziehen und Sexismus auf pers&#246;nlicher Ebene zu bek&#228;mpfen.<br />
Zudem war der sXe von Anfang an auch auf den Aufbau offener drogenfreier R&#228;ume bedacht, in dem sich Frauen, ohne sexuell bel&#228;stigt zu werden, bewegen konnten. Tats&#228;chlich wird die Szene von vielen Mitgliedern als Raum wahrgenommen, in dem sie weniger Druck versp&#252;ren, traditionellen Geschlechterkonstruktionen entsprechen zu m&#252;ssen.<br />
Dennoch werden diese propagierten Bem&#252;hungen um progressive Ver&#228;nderung der Geschlechterverh&#228;ltnisse – zumindest in der Szene – in der Praxis best&#228;ndig durchkreuzt. W&#228;hrend viele in der sXe-Bewegung betonen, Geschlecht spiele in der Szene keine Rolle, so bleibt der sXe doch, genauso wie die Hardcore-Szene &#252;berhaupt, ein &#252;berwiegend m&#228;nnlich dominierter Kontext.<br />
Offensichtlich ist das bei den Shows selbst der Fall: sowohl auf der B&#252;hne als auch im Publikum finden sich meist fast ausschlie&#223;lich Typen. Ebenso klar ist, dass die zunehmende physische Rohheit (aka Gewalt) beim Tanzen nicht gerade zu einer offenen Community beitrug. MacKaye erinnert sich: „die Sache wurde immer verr&#252;ckter, immer gewaltf&#246;rmiger. Und ich begann diese Ver&#228;nderung wahrzunehmen – Frauen, die von ganz vorne bei der B&#252;hne immer weiter nach hinten abgedr&#228;ngt wurden, und schlie&#223;lich &#252;berhaupt ganz hinaus.“<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a><br />
Ebenso sind aber die Begriffe, in denen das Bekenntnis zur Abstinenz – vor allem seit den sp&#228;ten 1980er Jahren – gerahmt wird, eindeutig solche, die traditionell als m&#228;nnlich konnotiert gelten: (Selbst-)Disziplin, St&#228;rke, Ehre. Entsprechend ist die beschworene sXe-Community eben immer auch die m&#228;nnliche <em>brotherhood</em>, in der k&#246;rperliche Fitness und <em>toughness </em>wesentlich dazugeh&#246;ren. Und dass die Netzwerke des DIY oftmals eben M&#228;nnernetzwerke mit entsprechenden Gatekeepern sind, sollte auch nicht &#252;berraschen.<br />
Einige dieser Tendenzen begleiten die Hardcore-Szene seit ihren Anf&#228;ngen. Andere wiederum sind spezifischer f&#252;r den sXe, wobei bestimmte hypermaskulinistische sXe-Anrufungen sich erst im Kontext der allgemeinen Depolitiserung, Isolierung und relativen Abl&#246;sung der HC-Szene von ihren Punk-Wurzeln durchsetzen konnten. Bei allen eigenen Schw&#228;chen hatte der Punk n&#228;mlich immer eine androgyne Schlagseite und war oftmals spielerischer im Umgang mit Geschlecht. Initiativen wie jene um das Warschauer Label <em>Emancypunx Records</em>, die auf der Compilation<em> X The Sisterhood X</em> ausschlie&#223;lich <em>all-girl</em> Straight Edge-Bands von Argentinien bis Wei&#223;russland versammelten und versuchen, den Aufbau unabh&#228;ngiger Netzwerke von Frauen im Hardcore-Punk voranzutreiben, bleiben in der Szene leider immer noch die Ausnahme.</p>
<p><strong>Taking the Straight out of Straight Edge</strong><br />
&#196;hnliches gilt auch f&#252;r den Umgang mit Homosexualit&#228;t. Zwar gab es immer offen schwule Bands im HC, etwa <em>MDC </em>oder die gro&#223;artigen<em> Limp Wrist</em>: „Hey we’re the kids we’re here to set the score / We’re tired of fucking hiding we don’t do it no more / Come out of the closet and into the pit / Boy on boy contact, you know it’s the shit.“<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a><br />
Dennoch blieben die homophoben Aspekte der HC-Kultur im Allgemeinen – etwa bei den <em>Bad Brains</em> nach ihrem Rastafari-Turn – und im sXe im Besonderen unterthematisiert. Nach <em>Limp Wrist</em>-S&#228;nger Martin Sorrondeguy hat das nicht zuletzt mit dem Ausschluss von Fragen der Sexualit&#228;t aus der sXe-Szene zu tun, die sich auf eine fundamentalistische Interpretation des „Don’t Fuck“ zur&#252;ckgezogen habe.<br />
Das Wort Straight in Straight Edge enth&#228;lt eben auch Konnotationen, die einer exklusiv heterosexuellen Erfahrungswelt entspringen. Nick Riotfag h&#228;lt fest: „Schwule m&#228;nnliche sexuelle Kultur hei&#223;t ‚Gelegenheits-‘ oder Promiskuit&#228;tssex aus verschiedenen Gr&#252;nden gut, von denen viele problematisch und andere politisch bewusster sind, nicht aber der heterosexuellen Eroberungskultur entstammen, die MacKaye und andere sXer kritisierten.“<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a><br />
Manche haben daher einen unvers&#246;hnlichen Widerspruch zwischen einer queeren Punk-Identit&#228;t und der Straight Edge-Bewegung behauptet. Bei <em>Screeching Weasel</em> hei&#223;t es im Song<em> I Wanna Be A Homosexual</em>: „Call me a butt loving fudge packing queer / I don’t care cause it’s the straight in straight edge / that makes me wanna drink beer.“<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> Dennoch kann, wie Nick Riotfag betont, Straight Edge gerade auch als Ausgangspunkt f&#252;r eine kritische Reflexion &#252;ber spezifische Formen gesellschaftlicher Heteronormativit&#228;t dienen. Die wichtige Rolle, die Alkohol und Drogen in vielen <em>queer cultures</em> spielen, verweise n&#228;mlich nicht nur auf die Tatsache, dass „die sozialen Unterdr&#252;ckungsverh&#228;ltnisse oft Gef&#252;hle der Depression, Angst, Einsamkeit, Scham und Selbst-Hass produzieren“, die mit Alkohol und Drogen leichter bew&#228;ltigbar erscheinen. Auch zeigen sie auf, dass fast alle „Orte, an denen man sich sicher treffen kann, um Alkohol zentriert sind“.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> Straight Edge bedeute deshalb auch, „die Bedingungen der Unterdr&#252;ckung zu zerst&#246;ren, die Abstinenz f&#252;r viele Queers so schwierig machen.“<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a></p>
<p><strong>Lifestyle und/oder Politik?</strong><br />
Viele der Schattenseiten des sXe-HC haben sich seit den 80ern noch verst&#228;rkt. Im Zuge dessen ist bei vielen sXern die urspr&#252;ngliche Motivation des Straight Edge vollkommen aus dem Blick geraten: einen klaren Kopf zu haben – aber wof&#252;r? Eine Community, f&#252;r die Abstinenz als Lebensstil zum Selbstzweck geworden ist? Jenseits von vagen Affirmationen von Unity und Youth gibt es hier keine politischen Perspektiven progressiver Ver&#228;nderung mehr. Im schlimmsten Fall bleiben dann Maskulinismus, Gewalt, Intoleranz und Abstinenz-Moralismus in &#228;rgster puritanischer Tradition. Sympathischer ist da schon jene <em>lifestyle</em>-Politik, die von der Vorstellung ausgeht, die Ver&#228;nderung der eigenen Lebenspraxis sei f&#252;r sich genommen bereits ein politisches Statement: die Summe individueller Entscheidungen w&#252;rde sich zu kollektiver Ver&#228;nderung zusammenf&#252;gen, die mehr Offenheit, Toleranz und <em>positivity </em>in der Szene und in der Gesellschaft insgesamt bringe. <em>Good Clean Fun</em> singen etwa: “This is the new revolution / we’re building a brand new society / It’s about time we find a solution / and not let it slip away / It’s time that we all work together / This little thing we call unity / has the power to make it all better / And that is why / We’ll all be on the streets / Saving the scene / From the forces of evil / Side by side, living our dreams / All the positive people”<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a>.<br />
Sicherlich ist das mit einer geh&#246;rigen Portion Augenzwinkern zu genie&#223;en, als gesellschaftspolitische Strategie klingt der unersch&#252;tterliche Optimismus des Posi-Core letztlich aber reichlich naiv. Dennoch gab und gibt es, wie Gabriel Kuhn betont, immer auch eine radikalere, politisch bewusste Straight Edge-Kultur, die ihre pers&#246;nliche Entscheidung eines straighten Lebens als Ausgangspunkt grunds&#228;tzlicher gesellschaftlicher Ver&#228;nderung begreift.</p>
<p><strong>Red Edge</strong><br />
Interessanterweise etablierte sich vor allem au&#223;erhalb Nordamerikas eine viel politischere Straight Edge-Tradition, die stark mit linken Positionen verkn&#252;pft war und ist.<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Wegweisend war hier die holl&#228;ndische Band <em>L&#228;rm</em>, die den politischen <em>edge </em>in Europa, aber auch in gro&#223;en Teilen Lateinamerikas pr&#228;gte.<br />
Die Nachfolge-Band von <em>L&#228;rm</em>, <em>ManLiftingBanner</em> versuchte wenig sp&#228;ter, dezidiert einen straighten Lebensstil mit kommunistischen Ideen zu verbinden. Auf ihrem in Anspielung auf John Reeds Buch &#252;ber die russische Revolution <em>Ten Inches That Shook the World</em> genannten Album mischten sie Zitate von Lenin, Trotzki und Luxemburg und die Hoffnung auf Revolution in ihre Songtexte:<br />
“Sometimes I clench my fists / because the fight was waged / but the battle had been pitched / when I look at the past / I hold one dream / a new october 1917”<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a><br />
In Skandinavien ist es Mitte der 90er Jahre die vegane Straight Edge-Band <em>Refused</em>, die mit ihrem musikalischen Projekt politische Ziele und einen Straight Edge-Lebensstil zusammenzudenken versuchte. Die Begegnung mit der depolitisierten HC-Szene in den USA war f&#252;r <em>Refused </em>sichtlich verst&#246;rend: „Wir waren dort in einer Szene gefangen, die &#252;berhaupt nicht so war, wie unsere. Alles woran die interessiert waren, war die ‚Hardcore Szene‘ und ihre Politik ging niemals weiter als die Forderung, dass ‚alle miteinander auskommen sollen‘.“ <em>Refused </em>sahen dagegen Straight Edge als Basis f&#252;r ihre politischen Ideen, die sie so explizit wie wenig andere in ihren Texten ausdr&#252;ckten: “This union that made us powerless is talking over our heads / Claiming prosperity in a downward spiral plan / This power that made us unionless is taking out of our hands / Cheapest labour at our expensive cost, auctioned our lives away / Stuck by the deadly rhythm of the production line / We consume our lives like we are thankful / For what we are being forced into”<a title="anm_49" name="anm_49" href="#anm49"><sup>49</sup></a><br />
Auch die Betonung eines individuellen Lebensstils wurde von den politischeren sXe-Bands immer kritisch betrachtet. Frederico Freitas von den brasilianischen <em>Point of No Return</em> merkt an: „Was mir klar scheint ist, dass Gesellschaftsver&#228;nderung niemals nur eine Frage von individueller Ver&#228;nderung ist. Es gibt einige Ebenen der Gesellschaft, die auf gr&#246;&#223;eren Strukturen beruhen, und die auch nur kollektiv angegangen werden k&#246;nnen. Sonst &#228;ndert sich nichts. Eine liberale kapitalistische Gesellschaft hat ihren Platz f&#252;r individuelle Au&#223;enseiter wie uns.”<a title="anm_50" name="anm_50" href="#anm50"><sup>50</sup></a><br />
Trotz positiver Ankn&#252;pfungspunkte zu progressiven Inhalten innerhalb der Straight Edge-Tradition bleibt die Frage offen, inwieweit Politik und Straight Edge wirklich mit einander verbunden sind. Fast prototypisch sind die zwei Standpunkte von ehemaligen Mitgliedern von <em>ManLiftingBanner</em>. F&#252;r den ehemaligen S&#228;nger und derzeitigen International Socialist Michiel Bakker waren kommunistische Politik und der dem Straight Edge inh&#228;rente Moralismus fr&#252;her oder sp&#228;ter nicht mehr vereinbar. „In einer revolution&#228;ren Organisation ist es wichtig, einen klaren Kopf zu behalten, das bedeutet aber nicht, st&#228;ndig von Alkohol und Drogen Abstand nehmen zu m&#252;ssen, wenn der Wunsch danach da ist. Es ist unm&#246;glich ein reines Leben – was immer das auch hei&#223;t – innerhalb des Kapitalismus zu leben. Du bist Teil des Systems, sie hassen dich und wollen dich zerst&#246;ren, und du kannst nicht 24 Stunden, 7 Tage die Woche als Revolution&#228;r parat stehen.“ Allerdings streicht der jetzige S&#228;nger von <em>Seein‘ Red</em> Paul van der Berg die destruktive Wirkung von Drogen in so vielen proletarischen Haushalten weltweit hervor. Zudem seien nicht wenige politische Bewegungen vom Staat im ‚War Against Drugs‘ aufgerieben worden.<br />
Insofern stellt sich auch f&#252;r politische Bewegungen die Frage nach einem bewussten Umgang mit (legalen wie illegalen) Drogen. Zum einen, weil informelle Diskussionen in politischen Zusammenh&#228;ngen, die ohnehin demokratiepolitisch bedenklich sind, eben oft bei Bier und Tschick stattfinden und damit zus&#228;tzlich exkludierend sind. Zum anderen hat zum Beispiel die abendliche Degeneration der Audimax-Besetzung im letzten Jahr in eine wilde Party die Notwendigkeit aufgezeigt, die Rolle von Alkohol und Drogen in sozialen Bewegungen zu thematisieren und zu politisieren. Jedenfalls ist und bleibt ein klarer, n&#252;chterner Kopf Voraussetzung der eigenen politischen Handlungsf&#228;higkeit. Ob das die Entscheidung f&#252;r oder gegen ein drogenfreies Leben impliziert, bleibt freilich jeder und jedem selbst &#252;berlassen.<a title="anm_51" name="anm_51" href="#anm51"><sup>51</sup></a> Schlie&#223;lich sollte Straight Edge nichts mit Normierung, Kontrolle und Ma&#223;regelung individuellen Konsumverhaltens zu tun haben, sondern mit der Politisierung der sozialen Konsequenzen von Alkohol und Drogen – in der Punk/HCSzene, in Bewegungen, in der Gesellschaft.</p>
<p><strong>Conclusio</strong><br />
Wahrscheinlich bringt es Frederico Freitas am besten auf den Punkt, wenn er meint, dass das Problem mit Straight Edge irgendwann dazu wurde, dass man nichts mehr au&#223;er sXe war. Die Frage, wof&#252;r der klare Kopf denn da sein sollte au&#223;er vagen Anrufungen an einen <em>change</em>, blieb oft unbeantwortet. Ob und wie politisch Straight Edge war, hing immer von der Politisierung des Kontexts und der jeweiligen Szene ab. W&#228;hrend die fr&#252;he Hardcore-Kultur durchwegs politisch war, ging mit deren Niedergang auch eine Depolitisierung der Straight Edge-Bewegung einher. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass die politischsten HC-Bands in den USA in den 1990er Jahren eben nicht im CBGBs in New York zu finden waren, sondern in den Latino-Communities.<a title="anm_52" name="anm_52" href="#anm52"><sup>52</sup></a><br />
So war die Betonung eines drogenfreien Lebensstils nie automatisch auch politisch progressiv. Allerdings stellte die urspr&#252;ngliche &#214;ffnung der Szene einen wichtigen Schritt dar, um auch die Menschen aufnehmen zu k&#246;nnen, die sich dem allgegenw&#228;rtigen Konsumzwang entziehen wollten. Die Hardcore-Szene und die damit verbundene Straight Edge-Bewegung waren und sind in erster Linie Ausdruck einer w&#252;tenden Jugend, die versuchte, ihr Leben in die eigenen H&#228;nde zu nehmen. Die positiven Aspekte, wie Community-building, Rebellion und Ver&#228;nderungswille, aber gerade auch das im Straight Edge gef&#246;rderte Hinterfragen von eingefahrenen gesellschaftlichen wie szeneinternen Normen und Regeln, birgt dabei immer das Potential f&#252;r weitere gesellschaftsver&#228;ndernde Anspr&#252;che und Perspektiven. Das letzte Wort beh&#228;lt deshalb <em>ManLiftingBanner</em>:<br />
Commitment / Commitment / Commitment to Communism!<a title="anm_53" name="anm_53" href="#anm53"><sup>53</sup></a></p>
<p><strong>Anmerkungen:</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> „Ich trink’ Milch / Ich trink’ Milch / Ich trink’ Mich / Ich trink’ Milch / Mich k&#252;mmert’s nicht, was andere denken / Ich trink’ Milch jeden Tag!“ Teen Idles: I drink milk, auf: Flex Your Head Compilation, Dischord 1982.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Kuhn, Gabriel: Straight Edge. Geschichte und Politik einer Bewegung, M&#252;nster 2010, S. 8.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> „Ich bin so wie du / aber ich hab’ Besseres zu tun / als rumzusitzen und mich zuzudr&#246;hnen /mit lebenden Toten rumzuh&#228;ngen / Ich denk’ nicht mal an Speed / das ist, was ich einfach nicht brauch’ / ich hab‘ straight edge […] werde immer klar sein / will niemals eine Kr&#252;cke verwenden / Ich hab’ straight edge.“ Minor Threat: Straight Edge, auf: 7, Dischord 1981.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> “(Ich) rauch‘ nicht / trink nicht / fick nicht / zumindest kann ich denken.” Minor Threat: Out of Step, auf Out of Step, Dischord 1983.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Minor Threat: Straight Edge, a.a.O.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> „Du verstehst kein Wort von dem, was wir sagen, du h&#246;rst eh nicht zu!“ Big Boys: Fun, Fun, Fun, auf: Fun, Fun, Fun, Moment Productions 1982.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Keith Morris, Circle Jerks, in: American Hardcore (DVD), 2007.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Shawn Stern, Youth Brigade, in: Another State of Mind (VHS), 1984.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Keith Morris; in: American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Henry Rollins, Black Flag; in: American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Jello Biafra, in: Punk: Attitude, auf: Shout!, Factory 2005.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Titel des Debut Album von Wasted Youth, 1981 erschienen.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Henry Rollins, Black Flag, in: American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Henry Rollins, Black Flag, in: American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Vic Bondi, Articles of Faith, in: American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Shawn Stern, Youth Brigade, in: Another State of Mind (VHS).<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> „Schau das Sprudeln des Champagners / Die Kriminalit&#228;tsraten fallen, f&#252;hl’ dich wieder frei / Oh, das Leben ist ein Traum, Miss Lily White / Jane Fond ist heute wieder am Schirm / Die Liberalen &#252;berzeugt, dass es o.k. ist / Also werfen wir uns in Schale und tanzen dem Morgen entgegen / w&#228;hrend sie / die Armen t&#246;ten: Heut’ Nacht!“ Dead Kennedys: Kill the Poor, auf: Fresh Fruit For Rotting Vegetables, Alternative Tentacles 1980.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> „Sie nehmen allen kids die Rechte weg.“ Black Flag: Police Story, auf: Damaged, SST 1981.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Pat Dubar, Uniform Choice, in: Stephen Blush: American Hardcore. A Tribal History. Port Townsend 2010.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Tote Bullen / Was werdet ihr machen / Mafia in Blau / Jagt Queers / Schwarze und dich.“ MDC: Dead Cops, auf: Millions of Dead Cops, Alternative Tentacles 1982.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> „Sie hassen uns – wir hassen sie, wir k&#246;nnen nicht gewinnen – auf keinen Fall.“ Black Flag: Police Story, a.a.O.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Winston Smith ist bekannt f&#252;r die Gestaltung der Dead Kennedy Platten.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Rednecks (deutsch: „Rotnacken“) bezeichnet in abf&#228;lliger Weise ein spezifisches wei&#223;es und reaktion&#228;res Milieu des S&#252;dstaaten-Proletariats der USA. Jocks ist ein Ausdruck f&#252;r Sportler. Meist sind damit gro&#223;e, bullige Footballtypen gemeint, die gerne Angeh&#246;rige so genannter Minderheiten verpr&#252;geln.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Ian MacKaye erz&#228;hlt wie sie seinen kleinen Bruder oft scheinbar allein durch die Stra&#223;en gehen lie&#223;en, bis er angegriffen wurde. Die in der N&#228;he lauernden Punks griffen dann dementsprechend die Angreifer an. American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> „Schau mich an, ich schau dich an / Was verdammt wirst du machen? / Ich f&#252;hl mich eingesperrt, tja, I will nur k&#228;mpfen / Durch die Probleme in der Nacht / K&#228;mpfen / Hey, all ihr crunchcloths, wir sagen es alle / K&#228;mpfen f&#252;r den gemeinsamen Weg / K&#228;mpfen zusammen, k&#228;mpfen als eins / K&#228;mpfen f&#252;r immer bis wir gewonnen haben / K&#228;mpf (zusammen).“ Scream: Fight/American Justice, auf: Still Screaming, Dischord 1982.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Ian MacKaye; in: American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Ian MacKaye, zit. n. Gabriel Kuhn (Hg.): Sober Living For the Revolution. Hardcore, Punk, Straight Edge and Radical Politics, Oakland 2010, S. 27.<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> „Ronald lacht w&#228;hrend Millionen verhungern / und Profite steigen / Deine stinkenden Furze w&#228;hrend sie lachen / Sie sagen, sie versuchen zu gefallen / Plastikst&#252;hle und falsche Shakes / Damit alles zugrunde geht / Vergiften deine Kinder mit ihren L&#252;gen / Und versuchen deinen Verstand zu zerst&#246;ren.“ MDC: Corporate Deathburger, auf: Million of Dead Cops, a.a.O.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> „Mir ist egal, was du denkst / Mir ist egal, was du sagst / I hab’ dir Nichts zu geben / Warum gehst du nicht einfach weg? / Ich hab’ keine Werte / nichts zu sagen / Ich hab’ keine Werte / K&#246;nnte dich genauso gut wegblasen / … Versuch’ nicht vorzut&#228;uschen / und mir zu sagen, alles ist o.k. / Ich k&#246;nnte anfangen, alles zu zerst&#246;ren was ich sehe! / Keine Werte.“ Black Flag: No Values, auf: Jealous Again EP, SST 1980.<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Jello Biafra; in: Punk: Attitude (DVD), 2011.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Ross Haenfler: Rethinking Subcultural Resistance. Core Values of the Straight Edge Movement, in: Journal of Contemporary Ethnography 33: 4 (2004), S. 406-436, S. 409.<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Zit. n. Gabriel Kuhn: Straight Edge, a.a.O., S. 11.<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Zit. n. Gabriel Kuhn: Straight Edge, a.a.O., S. 10.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> American Hardcore (DVD)<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Gabriel Kuhn: Straight Edge, a.a.O., S. 13.<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Zit. n. Gabriel Kuhn: Straight Edge, a.a.O., S. 13.<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Revolution Summer bezeichnet den Versuch von HC-Bands aus Washington D.C., aus den typischen hardcore-Mustern auszubrechen und neue politische und musikalische Wege – melodischer, abwechslungsreicher etc. – einzuschlagen. Wichtige Bands daf&#252;r waren v.a. jene des Dischord Labels: Rites of Spring, Embrace, Dag Nasty und Gray Matter.<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Ray Cappo: A Time We’ll Remember (CD)<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Ross Haenfler: Manhood in Contradiction. The Two Faces of Straight Edge, in: Men and Masculinities 7 (2004), S. 77-99, S. 88.<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Zit. n. Beth Lahickey: All Ages. Reflections on Straight Edge, Huntington Beach 1997, S. 107f.<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> „Hey wir sind die kids / Wir sind da, um die Stimme zu erheben / Wir wir sind das verfickte Verstecken leid, wir werden es nicht mehr tun / Komm’ raus aus (comeing out of the closet ist eine Redewendung f&#252;r outing) auf die Tanzfl&#228;che / Boy an Boy Kontakt, du wei&#223;t, das ist der Schei&#223;.“ Limp Wrist: Limp Wrist, auf: The Official Discography.<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Nick Riotfag: My Edge Is Anything But Straight: Towards a Radical Queer Critique of Intoxication Culture, in: Gabriel Kuhn (Hg.): Sober Living for the Revolution, a.a.O., S. 203<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> „Nenn mich einen Arsch-liebenden Arschficker / Ist mir egal, weil es ist das straighte in Straight Edge / das mich dazu bringt, Bier trinken zu wollen“<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Ebd., S. 204.<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Ebd., S. 207.<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> „Das ist die neue Revolution / Wir bauen eine brandneue Gesellschaft / Es ist an der Zeit, dass wir eine L&#246;sung finden / und sie nicht verpassen / Es ist an der Zeit, dass wir alle zusammenarbeiten / Dieses kleine Ding, das wir Gemeinschaft nennen / hat die Kraft, alles besser zu machen / Und deswegen/ Sind wir auf der Stra&#223;e / Retten die Szene / vor den Kr&#228;ften des B&#246;sen / Unsere Tr&#228;ume Seite an Seite lebend / Alle positiven Menschen.“ Good Clean Fun: On The Streets Saving The Scene From The Forces Of Evil, auf: On The Streets Saving The Scene From The Forces Of Evil, Phyte Records, 2000.<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> Kurz erw&#228;hnen sollte man vielleicht, dass in den letzten Jahren auch eine rechtsradikale Str&#246;mung, v.a. in Deutschland entstand. Der tats&#228;chliche Einfluss dieser Bands ist allerdings umstritten.<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> „Manchmal balle ich mein F&#228;uste / Weil der Kampf gef&#252;hrt wurde / Aber die Schlacht wurde geschlagen / Wenn ich in die Vergangenheit schau / Habe ich einen Traum / Ein neuer Oktober 1917.” ManLiftingBanner: New October, auf: Ten Inches that shook the world, Crucial Response 1992.<br />
<a title="anm49" name="anm49" href="#anm_49">49</a> Diese Gewerkschaft/Einheit, die uns machtlos machte, redet &#252;ber unsere K&#246;pfe hinweg / Reichtum beanspruchend billigste Arbeit auf unsere hohen Kosten, unsere Leben versteigert / Gefangen vom t&#246;dlichen Rhythmus des Flie&#223;bands / Wir leben unser Leben als ob wir dankbar sind / Wozu wir gezwungen werden.“ Refused: Deadly Rhythm, auf: Songs to fan the flames of discontent, Victory 1994.<br />
<a title="anm50" name="anm50" href="#anm_50">50</a> Frederico Freitas, zit. n. Gabriel Kuhn (Hg.): Sober Living For the Revolution, a.a.O., S. 89.<br />
<a title="anm51" name="anm51" href="#anm_51">51</a> Selbst Lenin war, entgegen gel&#228;ufiger Behauptungen, nicht vollkommen Straight Edge. Vgl. Carter Elwood: What Lenin Ate, in: Revolutionary Russia 20:2 (2007), S. 137-149.<br />
<a title="anm52" name="anm52" href="#anm_52">52</a> Vgl. die Dokumentation von Sorrondeguy, Martin : Beyond The Screams. A US Latino Hardcore Punk Documentary, unter: http://video.google.com/videoplay?docid=5497590837696631389#<br />
<a title="anm53" name="anm53" href="#anm_53">53</a> ManLiftingBanner: Commitment, Ten Inches…, a.a.O.</p>
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		<title>Zehn Filme, die man vor der Revolution gesehen haben muss</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Dec 2010 10:58:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>

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		<description><![CDATA[„The revolution will not be televised“, hei&#223;t es. Mag sein. Dass Filme jedoch die M&#246;glichkeit bieten, die Herausforderungen und Probleme beim Umsturz der herrschenden Verh&#228;ltnisse aufzuzeigen, verdeutlicht Paul Pop anhand seiner Auswahl der zehn besten Filme &#252;ber die Sch&#246;nheit und das Scheitern der Revolution.

„Unsere Kneipen und Gro&#223;stadtstra&#223;en, unsere B&#252;ros und m&#246;blierten Zimmer, unsere Bahnh&#246;fe und Fabriken schienen uns hoffungslos einzuschlie&#223;en. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„The revolution will not be televised“, hei&#223;t es. Mag sein. Dass Filme jedoch die M&#246;glichkeit bieten, die Herausforderungen und Probleme beim Umsturz der herrschenden Verh&#228;ltnisse aufzuzeigen, verdeutlicht <em>Paul Pop</em> anhand seiner Auswahl der zehn besten Filme &#252;ber die Sch&#246;nheit und das Scheitern der Revolution.<br />
<span id="more-1686"></span><br />
„Unsere Kneipen und Gro&#223;stadtstra&#223;en, unsere B&#252;ros und m&#246;blierten Zimmer, unsere Bahnh&#246;fe und Fabriken schienen uns hoffungslos einzuschlie&#223;en. Da kam der Film und hat diese Kerkerwelt mit dem Dynamit der Zehntelsekunde gesprengt, so dass wir nun zwischen ihren weitverstreuten Tr&#252;mmern gelassen abenteuerliche Reisen unternehmen“, schrieb Walter Benjamin 1936.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Er hegte die Hoffnung, der Kinofilm k&#246;nnte zur revolution&#228;rsten Kunstform werden, besonders wenn es gel&#228;nge, die Kontrolle der kapitalistischen Konzerne &#252;ber die filmischen Produktionsmittel zu brechen. Damit unterschied Benjamin sich von Theodor W. Adorno, der glaubte, die Kulturindustrie &#252;be eine mehr oder weniger totalit&#228;re Herrschaft im Sp&#228;tkapitalismus aus.<br />
Filme bieten meines Erachtens tats&#228;chlich die M&#246;glichkeit, die Widerspr&#252;chlichkeiten der heutigen Gesellschaft zu visualisieren und Perspektiven f&#252;r eine „andere Welt“ zu er&#246;ffnen. Stattdessen werden aber im heutigen Kino, egal ob in Form von Liebeskom&#246;dien oder Science-Fiction-Abenteuern, in der Regel die immer gleichen Repr&#228;sentationen der herrschenden Ideologie auf neuestem technischen Niveau reproduziert. Mit der weltweiten Krise der linken Bewegungen gibt es heute auch f&#252;r radikale Filmkunst kaum Ansatzpunkte und Publikum. Dennoch wurden Filme gemacht, die sich niemand entgehen lassen sollte, der/die f&#252;r grundlegende Ver&#228;nderungen eintritt.<br />
Gute Revolutionsfilme visualisieren die Herausforderungen und Probleme bei den Versuchen der Menschen, sich selbst zu befreien. Es geht also nicht darum, dass die SchauspielerInnen mit roten Fahnen herumlaufen und Parolen br&#252;llen, sondern darum, die Widerspr&#252;chlichkeiten bei der &#220;berwindung von Hierarchien basierend auf Klasse, Gender und <em>race</em>, die Suche nach neuen Organisationsformen sowie den Umgang mit Gewalt und Gegengewalt zu thematisieren. Ob Filme wie <em>Oktober </em>oder <em>Viva Zapata</em> die historische Realit&#228;tder russischen oder mexikanischen Revolution widerspiegeln, ist in diesem Zusammenhang zweitrangig. Beim Dreh der Massenszene des Sturms auf das Winterpalais in Eisensteins <em>Oktober </em>starben im Tumult etwa mehr Menschen als bei dem realen historischen Ereignis. Wichtiger als Realismus ist, welche Fragen Filme aufwerfen und welche neuen &#228;sthetischen Ma&#223;st&#228;be gesetzt werden.<br />
Im besten Fall ist nicht nur der Inhalt, sondern auch die Form des Films revolution&#228;r. Die H&#246;hepunkte des radikalen avantgardistischen Films stellten die 1920er und die 1960er bis fr&#252;hen 1970er Jahre dar. Nicht zuf&#228;llig entstand die sowjetische Avantgardekunst im Zuge der russischen Oktoberrevolution von 1917. Das Autorenkino der 1960er Jahre hatte die StudentInnenbewegungen in den Metropolen sowie die Befreiungsbewegungen in der „Dritten Welt“ als Bezugspunkt. Christof Hesse definiert den Avantgardefilm so: „Als &#228;sthetische Veranstaltung kritisiert er die Reglementierungen, Kodifikationen und Bilderverbote; als politisches Ereignis bek&#228;mpft er die Institution, die von den kritisierten Bildern nicht zu trennen ist.“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Der franz&#246;sische Regisseur Jean-Luc Godard formulierte den Anspruch, nicht politische Filme, sondern <em>politisch </em>Filme zu machen. Das bedeutet, unter ung&#252;nstigen Bedingungen Kontrolle &#252;ber filmische Produktionsmittel zu erk&#228;mpfen und die Produktionsmethoden zu ver&#228;ndern. Godard bezog in einige Filme ArbeiterInnen und AktivistInnen direkt mit ein und wollte dadurch die Allmacht der Regie durch kollektive Strukturen ersetzen. Ihm ging es zudem darum, die &#228;sthetischen Sehgewohnheiten des Publikums zu st&#246;ren und damit eine kritische Auseinandersetzung &#252;ber die Bilder anzusto&#223;en. Auch in der fr&#252;hen Sowjetunion wurde mit neuen Produktionsformen experimentiert. Der Regisseur Alexander Medvedkin fuhr Anfang der 1930er Jahre mit dem Zug durchs Land und hielt an, wenn er drehen wollte. Die Filme konnten sofort entwickelt und den Leuten gezeigt werden, die spontan in die Arbeit an den Dokumentationsfilmen eingebunden worden waren. Der Kommunistischen Partei waren die Bilder allerdings zu realistisch und die Filme verschwanden im Archiv.<br />
Im Folgenden m&#246;chte ich zehn Filme &#252;ber die Sch&#246;nheit und das Scheitern der Revolution vorstellen. Nicht alle zehn Filme, die ich ausgesucht habe, werden dem Anspruch gerecht, neue Formen zu schaffen. So werden in Filmen wie <em>Siebtelbauern </em>wichtige politische Fragen, wie jene nach der revolution&#228;ren Ver&#228;nderung, aufgeworfen, ohne dass damit eine Attacke auf die &#196;sthetik Hollywoods verbunden w&#228;re. Dies soll aber nicht dar&#252;ber hinwegt&#228;uschen, dass die M&#246;glichkeiten, mit konventionellen &#196;sthetiken und Erz&#228;hlstrukturen radikale Filme zu machen, begrenzt sind. So wirkt z.B. der Revolutionsfilm von Ken Loach &#252;ber den spanischen B&#252;rgerkrieg (1936-1939) (<em>Land and Freedom</em>, 1995) h&#246;lzern, die Dialoge krampfhaft und der &#252;bliche Hollywood-Kitsch l&#228;sst keinen Platz f&#252;r eine Ambiguit&#228;t der Bilder. Auch die Versuche, das Leben von Revolution&#228;rInnen zu erz&#228;hlen, endeten nicht selten in schw&#252;lstigen Helden-Epen wie Spike Lees <em>Malcom X</em> (1992) oder Margarethe von Trottas <em>Rosa Luxemburg</em> (1986).<br />
Doch nun zu den gelungensten Filmen:</p>
<p><strong> 1. In drei Stunden um die Welt: Rot liegt in der Luft</strong><br />
(Frankreich 1977, Regie: Chris Marker, zum Bestellen nur US-Edition A Grin without a Cat)</p>
<p>In dem dreist&#252;ndigen Essayfilm geht es um nichts weniger, als zu erkl&#228;ren, wie die Neue Linke nach 1968 ihre eigene Oktoberrevolution suchte und warum sie scheiterte. Nicht zuf&#228;llig beginnt <em>Rot liegt in der Luft</em> daher mit der ber&#252;hmten Szene aus Eisensteins <em>Panzerkreuzer Potemkin</em> (1925), in welcher zaristische Soldaten auf der Treppe im Hafen von Odessa 1905 DemonstrantInnen massakrieren. Marker montiert in diese Szene Bilder von StudentInnen, die 1968 von der Polizei verpr&#252;gelt werden. Er interessiert sich vor allem f&#252;r linke Bewegungen, welche die Avantgarde-Rolle der kommunistischen Partei in Frage stellten und eine „Revolutionder Revolution“ wollten. Die Reise geht nach Vietnam, zur kubanischen Revolution, den Pariser Mai-Unruhen von 1968, zum Prager Fr&#252;hling, zu Maos Kulturrevolution und zum demokratischen Sozialismus in Salvador Allendes Chile. Marker kann dabei auf beeindruckendes Filmmaterial und Interviews seiner fr&#252;heren Filme zur&#252;ckgreifen.<br />
Der Essayfilm ist eine Form der Analyse, bei der auch die Bilder selbst in Frage gestellt und entfremdet werden. Im Gegensatz zu postmodernen Dokumentarfilmen, die oft ohne Kommentar auskommen und die ZuschauerInnen ihrem (Un-)Wissen &#252;berlassen, strebt der Essayfilm eine aufkl&#228;rerische Wirkung an. Interviews mit Pariser StudentInnen werden in <em>Rot liegt in der Luft</em> z.B. mit Aussagen von ArbeiterInnen kontrastiert; als Kubas Staatschef Fidel Castro in einer Fernsehansprache den Einmarsch der Truppen des Warschauer-Paktes in Prag 1968 rechtfertigt, werden die Bilder pl&#246;tzlich immer wackeliger und die St&#246;rger&#228;usche bedrohlicher.<br />
Besonders ergreifend sind die Szenen, in denen Vietnam-Veteranen ihre Ehrenmedaillen &#252;ber den Zaun des Pentagons werfen oder Chiles Pr&#228;sident Allende versucht, den Arbeiter einer Staatsfabrik zu &#252;berzeugen, nicht zu stehlen. Auch bei der Darstellung der bittersten Entwicklungen verliert Marker nicht den Humor. Um die Sowjetisierung der kubanischen KP darzustellen, zeigt er eine Rede von Castro auf dem ersten Parteitag 1975, als der Máximo Líder die Delegierten fragt: „Ist jemand gegen die Beschl&#252;sse?“ und damit im Saal gro&#223;es Gel&#228;chter hervorruft. Markers Film bleibt die scharfsinnigste Darstellung der Revolutionen um 1968 und deren Scheitern.</p>
<p><strong>2. Der revolution&#228;re Bildersturm: Oktober</strong><br />
(UdSSR 1927, Regie: Sergej Eisenstein, Stummfilm)</p>
<p>Bis heute werden Filmszenen von Sergej Eisenstein (1898-1948) in den Filmseminaren der Universit&#228;ten auf der ganzen Welt gezeigt. Doch in der Regel wird Eisensteins revolution&#228;re Filmkunst auf &#228;sthetische Aspekte und die Montage-Technik reduziert. Sein ber&#252;hmter Film Panzerkreuzer Potemkin (1925) wurde in vielen kapitalistischen L&#228;ndern verboten oder zensiert. Eisenstein glaubte, das Kino k&#246;nne direkt auf die Psyche der ZuschauerInnen einwirken und ihr Bewusstsein revolutionieren.<br />
<em>Oktober </em>wurde von der KPdSU zum zehnten Jahrestag der russischen Oktoberrevolution in Auftrag gegeben und erz&#228;hlt die Geschichte von der Februarrevolution 1917, die den Zaren st&#252;rzte, bis zum Sturm auf den Winterpalais in Petrograd und dem Sieg der Bolschewiki. Immer wieder wird den ZuseherInnen eingeh&#228;mmert, worum es bei der Revolution geht: Brot, Friede und Land! Obwohl es in einem Zwischentitel hei&#223;t „Die Partei wird euch zur rechten Zeit die Befehle erteilen“, sind im Film die Massen die Helden: Matrosen, Soldaten und ArbeiterInnen. Eisenstein setzte auf AmateurInnen statt auf Stareffekte durch bekannte Gesichter. Die Revolution&#228;rInnen siegen, als es der Regierung nicht mehr gelingt, durch das Hochziehen von Br&#252;cken die ArbeiterInnenviertel von der Innenstadt abzuschneiden und die Armee schlie&#223;lich rebelliert. Lenin kommt im Film zwar vor, h&#228;lt sich aber im Vergleich zu stalinistischen Dramen wie <em>Lenin im Oktober</em> (Mikhail Romm, 1937) im Hintergrund. In sp&#228;teren sowjetischen Filmen ist Lenin der Mastermind, der alle F&#228;den zieht – mit Stalin als ewigem Schatten.<br />
Auf geniale Weise setzt Eisenstein die Montage von gegens&#228;tzlichen Bildern ein, um die b&#252;rgerlich-provisorische Regierung, die ihren Sitz im Winterpalais des Zaren hat, mit Prunkgegenst&#228;nden aus der alten Zeiten zu umgeben. Indem Statuen und Ikonen zu einer Ausstellung der Dekadenz und des Schreckens montiert werden, greift der Film die Kirche an. Um die Gefahr der Restauration der alten Ordnung aufzuzeigen, fliegt der abgeschlagene Kopf der Zaren-Statue auf den Rumpf zur&#252;ck. Eine der beeindruckendsten Szenen ist der Sturm auf das Winterpalais, wenn sich die Massen in einem peitschenden Montage-Beat die R&#228;ume der Herrschaft aneignen – mit ihren Gewehrkolben zerschlagen Matrosen die Weinsammlung des Zaren. Der Film endet mit der Botschaft: „Die sozialistische Revolution der Arbeiter und Bauern ist vollbracht.“ Leider war Eisenstein damit etwas voreilig: Mit der Wende zum sozialistischen Realismus Anfang der 1930er Jahre wurde es immer schwieriger, Kunst auch bez&#252;glich der Form zu revolutionieren. Eisensteins stark zensiertes Sp&#228;twerk (<em>Iwan, der Schreckliche</em>, 1945-46) ist weit von der Qualit&#228;t des radikalen Bildersturms von Oktober entfernt.</p>
<p><strong>3. Die Schlacht von Algier</strong><br />
(Algerien 1966, Regie: Gillo Pontecorvo, Musik: Ennio Morricone)</p>
<p>Der Film beginnt mit einem Tabubruch: Franz&#246;sische Soldaten umringen eine gefolterte Kreatur, die nach den Qualen bereit ist, das Versteck der F&#252;hrung der algerischen Befreiungsfront (FLN) zu verraten. Schlie&#223;lich setzt ein Soldat dem gefolterten Algerier eine Armeekappe auf und verk&#252;ndet: „Integration“. Damals wurden in Frankreich alle Publikationen oder Filme verboten, welche die Folter durch die franz&#246;sische Armee in der Kolonie Algerien thematisierten, so auch <em>Die Schlacht von Algier</em>. Fast dokumentarisch versucht der Spielfilm, den Unabh&#228;ngigkeitskrieg in der Altstadt von Algier, der Casbah, von 1954 bis zur Unabh&#228;ngigkeit von 1962 nachzuzeichnen. Regisseur Pontecorvo (1919-2006) bem&#252;ht sich, die Bilder wie eine Wochenschau wirken zu lassen, filmt in schwarz-wei&#223; und l&#228;sst sogar einen der Anf&#252;hrer der FLN, Saadi Yacef, sich selbst spielen. Ansonsten werden die BewohnerInnen der Casbah eingesetzt. Der Film steht damit in der Tradition des italienischen Neo-Realismus, der versuchte, eine Kritik der realen Verh&#228;ltnisse durch ihre getreue Abbildung zu formulieren.<br />
Die Gegenma&#223;nahmen der franz&#246;sischen Armee wie Absperrungen, Checkpoints, Folter, n&#228;chtliche Hausdurchsuchungen, Sprengungen der H&#228;user von „Verr&#228;terInnen“ und sogar Terroranschl&#228;ge erinnern an den heutigen Irak oder Pal&#228;stina. <em>Die Schlacht von Algier</em> erz&#228;hlt die Geschichte einer gescheiterten Konterstrategie, die durch ihre Repressionsma&#223;nahmen immer gr&#246;&#223;ere Teile der Bev&#246;lkerung gegen die Kolonialmacht aufbringt. 2003 wurde der Film im Pentagon gezeigt, um Vergleiche zum Irak zu ziehen. Die Sympathien von Pontecorvo, der selber als Mitglied der KP Italiens eine PartisanInnengruppe in Mailand im Kampf gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg leitete, liegen klar auf Seiten der FLN. Er romantisiert die algerische Stadt-Guerilla jedoch nicht, und auch die Opfer der Terroranschl&#228;ge werden nicht entmenschlicht dargestellt. Als eine Frau eine Bombe in einem franz&#246;sischen Café platziert, wird vor der Explosion ein eisessendes Kind in Gro&#223;aufnahme gezeigt. Besonders beeindruckend ist der Wandel der Geschlechterrollen im bewaffneten Kampf: Frauen nehmen die Schleier ab und schminken sich wie Franz&#246;sinnen, um flirtend unkontrolliert die Checkpoints zu passieren; M&#228;nner verschleiern sich, um den Durchsuchungen zu entkommen. Ob als Kritik gemeint oder nicht, die Liquidierung von Zuh&#228;ltern durch die FLN und die Appelle an die islamische Moral wirken f&#252;r heutige ZuschauerInnen wom&#246;glich wie Vorboten eines sich zuspitzenden religi&#246;sen Fanatismus. Nach der Zerschlagung der FLN in der Altstadt bringen schlie&#223;lich spontane Massendemonstrationen die franz&#246;sische Herrschaft in Bedr&#228;ngnis. Der Film endet mit der Unabh&#228;ngigkeit 1962 und der Aussage: „Und die algerische Nation wurde geboren“. Leider trug die nationale Befreiung zur L&#246;sung der sozialen Fragen wenig bei. Die Casbah wurde in den 1990er Jahren zum Schauplatz islamistischen Terrors und staatlichen Gegenterrors des postkolonialen Regimes.</p>
<p><strong>4. Die Chinesin</strong><br />
(Frankreich 1967, Regie: Jean-Luc Godard, DarstellerInnen: Anne Wiazemsky, Jean-Pierre Léaud, Juliet Berto)</p>
<p>Eine Chinesin kommt zwar nicht vor, daf&#252;r aber eine maoistische WG in Frankreich. Mit <em>Tout va bien</em> (1972) geh&#246;rt der Film zu Godards maoistischer Phase. Nachdem sich im Mai 1968 die KP Frankreichs gegen die Revolte der StudentInnen und ArbeiterInnen stellte, suchten viele linke Intellektuelle in Maos Kulturrevolution (1966-1976) ein alternatives Modell. Wie viele Werke Godards ist auch <em>Die Chinesin</em> eine Reflexion &#252;ber Sprache, Repr&#228;sentation und Film. Die f&#252;nf WG-Mitglieder rezitieren ein wildes Gemisch von Mao-Zitaten, linguistischen Theorien und Filmkritiken. Kamera und Klappen sind h&#228;ufig zu sehen und durch die Form der Dialoge soll erst gar keine realistische Illusion entstehen. 1967 konnte der franz&#246;sische Maoismus noch humorvoll sein. So spielen die franz&#246;sischen StudentInnen in der Wohnung der Eltern, verschanzt hinter Bergen von „Mao-Bibeln“, den Vietnamkrieg nach. Indirekt wird auch Kritik an traditioneller Rollenverteilung ge&#252;bt, indem gezeigt wird, wie Yvonne, die aus proletarischen Verh&#228;ltnissen stammt, die ganze Hausarbeit macht. Sie geht sogar auf den Strich, weil zu wenige Exemplare der <em>Roten Garde</em> verkauft werden. Besonders absurd wirkt die Szene, in der die Studentin Veronique mit Francis Jeanson im Zug diskutiert, ob sie an franz&#246;sischen Universit&#228;ten Bomben legen soll, um wie in China die Schlie&#223;ung der Unis zu erzwingen. Jeanson hatte in Algeriens Unabh&#228;ngigkeitskrieg mit einem Netzwerk die FLN unterst&#252;tzt. Er versucht im Film jedoch, Veronique von ihrem Vorhaben abzubringen. An das Brechtsche Theater erinnert dann ein gescheiteter Anschlag der Gruppe auf den sowjetischen Kulturattaché. Bertolt Brecht (1898-1956) wollte durch Unterbrechung der Handlung und Entfremdung die Identifizierung der ZuschauerInnen mit dem St&#252;ck verhindern und stattdessen eine kritische Reflexion ansto&#223;en. Was in <em>Die Chinesin</em> noch spielerisch karikiert wird, sollte einige Jahren sp&#228;ter im bewaffneten Kampf der „Stadtguerilla“ in Deutschland und Italien bitterer Ernst werden. Es w&#228;re jedoch verk&#252;rzt, den Film nur als Warnung gegen Terrorismus zu lesen, zeigt der doch vor allem die Fr&#252;hphase der Neuen Linken.</p>
<p><strong>5. Die Eigendynamik der Gewalt: Morning Sun</strong><br />
(USA 2003, Regie: Carma Hinton, Geremie Barmé, Richard Gordon)</p>
<p>Der Dokumentarfilm <em>Morning Sun</em> versucht, die sich entwickelnde Begeisterung, Radikalisierung und Eskalation des Terrors w&#228;hrend der chinesischen Kulturrevolution zu erkl&#228;ren. Die chinesische Kulturrevolution war nicht nur ein parteiinterner Machtkampf, sondern auch ein gescheiterter Versuch, neue Formen der Beteiligung und Repr&#228;sentation der Massen zu schaffen. Nach einigen Monaten verstrickten sich die rebellierenden Jugendlichen jedoch in blutige Fraktionsk&#228;mpfe. Zu Wort kommen im Film Gr&#252;nderInnen der Roten Garden, damalige Sch&#252;lerInnen, LehrerInnen, die zu Opfern von Gewalt wurden, sowie Kinder hoher gest&#252;rzter Parteifunktion&#228;rInnen, die sich zwischen der Revolution und den Eltern entscheiden mussten.<br />
<em>Morning Sun</em> erinnert stark an Chris Markers Essayfilme: In einer vielschichtigen Analyse werden Ausschnitte aus damaligen Spielfilmen, revolution&#228;rem Ballet, Liedern und Nachrichtensendungen montiert. Eine Hauptthese des Films ist, dass die chinesische Revolution von 1949 im Jahr 1966 quasi reinszeniert wurde – von den Kindern gegen die Elterngeneration. Die Jugendlichen kopierten die Kritiksitzungen, die sie in Filmen zur Bodenreform gesehen hatten, um ihre eigenen LehrerInnen anzugreifen. Auf der Suche nach einem revolution&#228;ren Geist wanderten sie z.B. alleine die lange Strecke des legend&#228;ren Langen Marsches (1934-35) der Roten Armee nach.<br />
Das RegisseurInnenkollektiv Hinton, Gordon und Barmé d&#228;monisieren oder romantisieren nicht, sondern versuchen zu erkl&#228;ren, warum der Kampf um das Recht, an der Revolution teilzunehmen, in Terror eskalierte und zu Entt&#228;uschungen f&#252;hrte. Sehr empfehlenswert ist auch der Dokumentarfilm des Teams <em>The Gates of Heavenly Peace</em> &#252;ber die StudentInnenbewegung von 1989.</p>
<p><strong>6. Polyamour&#246;se Verstrickung auf der Baustelle: Spur der Steine</strong><br />
(DDR 1966, Regie: Frank Beyer, Darsteller: Manfred Krug, Krystyna Stypulkowska, Eberhard Esche)</p>
<p>Es ist traurig zu sehen, wie wenig gute politische Filme von der DEFA, dem „volkseigenen“ Filmstudio der DDR, produziert worden sind. „Indianer“- und Sciencefiction-Streifen versuchten, den Massengeschmack zu bedienen; propagandistische Streifen wie <em>Ernst Th&#228;lmann: Sohn seiner Klasse</em> (1954) erzeugten schon damals eine unfreiwillige Komik. Immerhin sind in der Fr&#252;hphase einige antifaschistische und antimilitaristische Werke wie <em>Die M&#246;rder sind unter uns</em> (1946) oder <em>Der Untertan</em> (1951) entstanden, die in der BRD erst Jahre sp&#228;ter gezeigt werden durften.<br />
Ein wahres Meisterwerk ist <em>Spur der Steine</em> von Frank Beyer, das allerdings nach der Urauff&#252;hrung verboten wurde und 23 Jahre lang von der Leinwand verschwand. Die Geschichte erz&#228;hlt vom gescheiterten Versuch, den Aufbau des Sozialismus gegen&#252;ber „Planfetischismus“ und politischen Scharfmachern voranzutreiben. Der Film beginnt mit einer Kritiksitzung gegen den jungen Parteisekret&#228;r Horrath im Niemandsland einer Gro&#223;baustelle. Gegenspieler von „Sheriff“ Horrath ist in der Geschichte der „Cowboy“ Brigadef&#252;hrer Balla, der von Manfred Krug gespielt wird. Balla h&#228;lt seine Truppe mit deftigen Spr&#252;chen zusammen und klaut schon mal Zement, um weiter bauen zu k&#246;nnen. Die Macht der ArbeiterInnen auf der Baustelle besteht nicht in der Teilnahme an Entscheidungen, sondern in einer r&#252;pelhaften Verweigerung gegen&#252;ber den „Weltverbesserern“ der Partei. Auf der Gro&#223;baustelle herrscht Resignation vor, da Funktion&#228;rInnen das Sagen haben, die lieber mit falschen Projektierungen bauen lassen, um den Plan zu erf&#252;llen, auch wenn sp&#228;ter die Fundamente wieder gesprengt werden m&#252;ssen. Die Situation &#228;ndert sich, als der junge und dynamische Parteisekret&#228;r Horrath nach dem Motto „Vertrauen macht die Menschen gut“ sowohl Balla f&#252;r sich gewinnen als auch den resignierten Funktion&#228;rInnen wieder Hoffnung machen kann. Balla und Horrath verlieben sich dann aber beide in die junge Technikerin Kati Klee, die sich in der rauen M&#228;nnerwelt erfolgreich Respekt verschafft.<br />
Der Film ist sozialistischer Realismus im besten Sinne und wirft Fragen auf, die bisher in jeder proletarischen Revolution aufkamen. Wie kann man sexistische Arbeiterr&#252;pel wie Balla ver&#228;ndern und produktiv in den Aufbau einbinden? Wie kann verhindert werden, dass Liebe und Leidenschaft ein Widerspruch zu politischen Beziehungen, und GenossInnen durch polyamour&#246;se Verstrickungen zu GegnerInnen werden? In welchem Verh&#228;ltnis sollten Alltagskenntnis der ArbeiterInnen, Fachwissen der „ExpertInnen“ und politische Ideologie stehen?<br />
Besonders fortschrittlich ist, wie der Film die Frage des Mutterseins thematisiert: Obwohl Kati den Vater ihres Kindes geheim h&#228;lt, ist es nach DDR-Manier selbstverst&#228;ndlich, dass sie nach der Geburt wieder an den Bau zur&#252;ckkehrt und sogar stellvertretende Leiterin wird. Allerdings lernt Kati auch, dass immer noch eine Doppelmoral herrscht und sie von M&#228;nnern mehrfach als unmoralisch angegriffen wird. Nicht um das Ansehen der Frauen, sondern um einen Gesichtsverlust der Partei f&#252;rchten die m&#228;nnlichen Funktion&#228;re. Der Film ist keinesfalls antisozialistisch; zwar werden die ArbeiterInnen nicht als reine HeldInnen dargestellt – es  gibt sogar halbe FaschistInnen unter ihnen –, aber der Film hegt die leise Hoffnung, dass das Projekt Sozialismus noch zu retten sei. Das Verbot des Films zeigte aber auch die Unf&#228;higkeit zur Selbstkritik und die Humorlosigkeit der SEDFunktion&#228;rInnen.</p>
<p><strong>7. Schwarzer bolschewistischer Humor: Happiness</strong><br />
(UdSSR 1934, Regie: Alexander Medvedkin, Stummfilm)</p>
<p>Apropos Humor: Mit der Widmung „Den Faulenzern in den Kolchosen“ beginnt der wohl au&#223;ergew&#246;hnlichste Film, der in der Sowjetunion gedreht wurde. Die Stummfilm-Kom&#246;die von Medvedkin erz&#228;hlt von der Suche des Bauern Khmyr und seiner Frau Anna nach Gl&#252;ck. Es geht jedoch nicht mit rechten Dingen zu: W&#228;hrend dem Kulaken (Gro&#223;bauer) in der alten Gesellschaft k&#246;stliche Kn&#246;del beim Mittagessen einfach in den Mund fliegen, treibt ein gepunktetes Pferd seinen Schabernack mit dem Bauernehepaar. Erst nachdem Khmyr aus lauter Verzweiflung seinen eigenen Sarg zimmert und sich umbringen will, kommt pl&#246;tzlich der ganze zaristische Staatsapparat ins Dorf, denn: „Wer soll Russland ern&#228;hren, wenn der Bauer stirbt?“ Ein Jahr nach der Hungersnot mit sechs bis sieben Millionen Toten muss diese Frage eine gewisse Doppeldeutigkeit gehabt haben.<br />
Auch nach der Kollektivierung der Landwirtschaft bleibt Khmyr ein Pechvogel und Faulenzer, doch schlie&#223;lich rettet er die Pferde der Kolchose vor der Sabotage der Kulaken. Der Film macht sich nicht &#252;ber den russischen Bauern als „dummen August“ lustig, sondern inszeniert ihn lustvoll als sympathischen Anti-Helden. Medvedkin drehte schon w&#228;hrend des russischen B&#252;rgerkrieges (1918-1920) Propaganda-Filme f&#252;r die Rote Armee und blieb bis zu seinem Tod im Jahr 1989 strammer Bolschewik. <em>Happiness </em>versetzt den Zuschauer noch heute in Erstaunen: Soldaten tragen surrealistische Masken, Nonnen durchsichtige Blusen, H&#228;user k&#246;nnen laufen und Tiere verz&#252;cken durch Humor. Nach der ersten Auff&#252;hrung wurde der Film verboten und erst in den 1960er Jahren wiederentdeckt. Die US-Edition von <em>Happiness </em>beinhaltet auch den brillanten Dokumentarfilm <em>The Last Bolshevik</em> (1993) von Chris Marker, der in fiktiven Briefen an Medvedkin der Frage nachgeht, warum kreative und innovative Geister der sowjetischen Avantgarde sp&#228;ter unbedeutende und kitschige stalinistische Propaganda-Filme drehten. Freche Pferde tauchten zumindest auch in sp&#228;teren Filmen Medvedkins wieder auf.</p>
<p><strong>8. Rape and Revenge: Die Siebtelbauern</strong><br />
(&#214;/D 1998, Regie: Stefan Ruzowitzky, DarstellerInnen: Sophie Rois, Simon Schwarz, Lars Rudolf )</p>
<p>Revolution&#228;res tut sich in einem &#246;sterreichischen Dorf: Aus reiner Schadenfreude vermacht ein Bauer im M&#252;hlviertel der 1930er Jahre den Hof an seine Knechte. Anstatt sich aberdie K&#246;pfe einzuschlagen, entscheiden sich sieben M&#228;nner und Frauen, den Hof gemeinsam zu bewirtschaften. Die neuen „Siebtelbauern“ stehen vor den gleichen Problemen wie jede Revolution: Soll nun der Gro&#223;knecht, der junge Lukas mit dem gro&#223;en Maul, das Sagen haben oder sollen alle Entscheidungen gemeinsam gef&#228;llt werden? Wie sollen der gemeinsam beschlossene Verzicht und die h&#228;rtere Arbeit durchgesetzt werden, um die anderen Knechte auszuzahlen, wenn sie sich an dem Wagnis nicht beteiligen wollen? Auch die Konterrevolution schl&#228;ft nicht. Unter dem Motto „Ein Knecht darf kein Bauer werden“ versuchen die Gro&#223;bauern des Ortes mit allen Mittel, den Hof der „Siebtelbauern“ in den Ruin zu treiben. Wie sollen die Sieben darauf reagieren, ohne sich auf einen gewaltsamen Kampf einzulassen, den sie nicht gewinnen k&#246;nnen? Neben dem egalit&#228;ren Projekt entfaltet sich noch eine <em>Rape and Revenge-Geschichte</em>, welche die <em>Siebtelbauern </em>auch bez&#252;glich der Geschlechterfrage zum vorbildlichen Revolutionsfilm macht. Der Film ist ein neuer Heimatfilm im besten Sinne: Im Unterschied zu Klassikern des Genres wie <em>Heimat </em>(Edgar Reiz, 1981-1984) oder <em>Der pl&#246;tzliche Reichtum der armen Leute von Kombach</em> (Volker Schl&#246;ndorf, 1971) setzt <em>Siebtelbauern </em>nicht auf Mundart und Laien-SchauspielerInnen, um die Geschichte authentisch erscheinen zu lassen. Im Gegenteil kommunizieren bekannte SchauspielerInnen auf Hochdeutsch und die Filmmusik von Eric Satie und Verdi gibt dem Ganzen einen surrealistischen Beigeschmack. Am Ende scheitern die „Siebtelbauern“ zwar, aber allein die zeitweilige Existenz eines von M&#228;nnern und Frauen egalit&#228;r gef&#252;hrten Hofes ist schon ein Erfolg.</p>
<p><strong>9. Die Geister der alten Ordnung: Judou</strong><br />
(China 1990, Regie: Zhang Yimou und Zhang Fengliang, DarstellerInnen: Gong Li, Li Baotian)</p>
<p>In den 1980er Jahren drehte die so genannte F&#252;nfte Generation chinesischer Regisseure noch sozialkritische Filme, die das Leben der einfachen Leute widerspiegelten. Zu ihnen geh&#246;rte auch Zhang Yimou, der sich sp&#228;testens mit dem Kongfu-Film <em>Hero </em>(2002) Kommerz und nationalistischer Propaganda verschrieben hat. <em>Judou </em>ann dagegen als Parabel zur chinesischen Revolution gelesen werden. Oberfl&#228;chlich betrachtet entwickelt der Film eine Liebesgeschichte im l&#228;ndlichen China der 1930er Jahre, in der sich die junge Ehefrau des alten Patriarchen einer Stofff&#228;rberei und der Knecht ineinander verlieben. Obwohl weder KommunistInnen noch aufst&#228;ndische Massen vorkommen, wird eine entscheidende Frage aufgeworfen: Wie ver&#228;ndern sich die Unterdr&#252;ckten, wenn sie pl&#246;tzlich die Macht &#252;ber ihre Unterdr&#252;ckerInnen erhalten?<br />
Die Ehefrau Judou, gespielt von Chinas Filmikone Gong Li, wird von ihrem alten Mann jede Nacht gequ&#228;lt und geschlagen, weil sie keinen Sohn bekommt. Ihr Geliebter, der Knecht Tianqing, findet den Alten nach einem Unfall querschnittsgel&#228;hmt vor. Statt ihn sterben zu lassen, pflegen die beiden ihn. Schlie&#223;lich h&#228;ngen sie ihn als Strafe in einer Holztonne an die Decke, damit er das sch&#246;ne Leben des Paares mit ansehen muss. Die Freude &#252;ber den Sieg wehrt jedoch nur, bis Judou einen Sohn von Tianqing geb&#228;rt, den Alten aber als Vater ausgeben muss. Schon im Kindesalter schl&#228;gt sich der Junge auf die Seite des Alten und beginnt sp&#228;ter das Liebespaar zu drangsalieren. Aus Angst verstecken Judou und Tianqing ihre Gef&#252;hle immer mehr. Bolschewistisch gelesen, k&#246;nnte die Botschaft lauten, dass es sich bitter r&#228;cht, versetzt man dem Feind (den alten Tyrannen) nicht im entscheidenden Moment den t&#246;dlichen Schlag. Maoistisch k&#246;nnte man argumentieren, dass sich die alte Ordnung (der Revisionismus) wieder einschleicht, wenn man sich nicht um die richtige Erziehung der Kinder der Revolution k&#252;mmert. Aus heutiger Sicht ist die Botschaft eher, dass sich die Unterdr&#252;ckten durch ihre erlangte Macht ver&#228;ndern und dadurch Gefahr laufen, die Geister der Vergangenheit nicht loszuwerden. Die Frau Judou ist in der Geschichte die eigentliche treibende Kraft, die als einzige bis zum Schluss die Ordnung in Frage stellt. Das verwundert nicht, da im chinesischen Kino schon seit den 1920er Jahren in vielen Filmen Frauen die Hauptrolle spielen.</p>
<p><strong>10. Gleichzeitig niederbrennen und s&#228;hen: Viva Zapata!</strong><br />
(USA 1952, Regie: Elia Kazan, Drehbuch: John Steinbeck, Darsteller: Marlon Brando, Jean Peters, Anthony Quinn)</p>
<p>Von den starken chinesischen Frauen zum „revolution&#228;ren Machismo“: In dem Film spielt der sp&#228;tere Hollywood-Star Marlon Brando den energiegeladenen und vom Gerechtigkeitssinn getriebenen Emiliano Zapata (1879-1919). Dem mexikanischen Revolution&#228;r und Bauern geht es in dieser Geschichte vor allem darum, das Land wieder an die Campesinos (LandbewohnerInnen) zu verteilen. Sein Verb&#252;ndeter Madero will nach dem Sieg von Zapatas Guerilla die Bauern &#252;berreden, die Waffen abzugeben und die Landreform den Gerichten zu &#252;berlassen. General Huertas will die Bauern hingegen wieder vom besetzen Land vertreiben und Zapata t&#246;ten. Schnell sieht sich Zapata in einem Kreislauf der Gewalt gefangen, in dem Zweifel aufkommen, wie die Revolution&#228;rInnen gleichzeitig niederbrennen und s&#228;hen sollen. Wie die alte Gesellschaft zerst&#246;ren und eine neue schaffen? Zapata erkennt die Notwendigkeit der revolution&#228;ren Gewalt, verzweifelt aber gleichzeitig an ihr. Als er sich nach dem Sieg seiner Gegner wieder in die Berge zur&#252;ckzieht, antwortet er auf die Frage, was sich in Mexiko durch Revolution und B&#252;rgerkrieg eigentlich ge&#228;ndert habe: „Sie, die Menschen, haben sich ge&#228;ndert“. Auch wenn der Kampf um das Land noch lange dauern w&#252;rde, br&#228;uchten die Campesinos nun keinen F&#252;hrer mehr und k&#246;nnten ihre Sache selbst in die Hand nehmen.<br />
Dass dieser sozialrevolution&#228;re Film in den USA in der Fr&#252;hphase des Kalten Krieges produziert werden konnte, und Anthony Quinn f&#252;r den besten Nebendarsteller noch einen Oscar erhielt, ist erstaunlich. Allerdings bleibt die Revolution im b&#252;rgerlich-demokratischen Rahmen gefangen (Sturz der Tyrannei und Bodenreform). Das US-amerikanische Publikum f&#252;hlte sich beim R&#252;cktritt Zapatas vom Amt des mexikanischen Pr&#228;sidenten und dessen R&#252;ckzug auf das Land wahrscheinlich an die Geschichte des ersten US-Pr&#228;sidenten George Washington erinnert, dessen angebliche Selbstlosigkeit zum Mythos gemacht wurde. Frauen spielen im revolution&#228;ren Kampf keine zentrale Rolle und Zapata bekommt die sch&#246;ne B&#252;rgertochter als Belohnung f&#252;r einen Sieg. Trotzdem ist <em>Viva Zapata!</em> einer der besten Filme &#252;ber revolution&#228;re Gewalt. Nicht vergessen sollte man auch, dass Brando der bewaffneten Protestaktion des <em>American Indian Movement</em> 1973 in der Reservation am „Wounded Knee“ im US-Bundestaat South Dakota zu weltweiter Aufmerksamkeit verhalf, als er w&#228;hrend der Niederschlagung durch das Milit&#228;r die parallel stattfindende Verleihung des Oscar f&#252;r <em>Der Pate</em> ablehnte.</p>
<p>Es bleibt anzumerken, dass die meisten linken Gruppen ihre Botschaften immer noch sehr textlastig verbreiten. Statt bei Seminaren komplizierte Texte zu Revolutionstheorien zu lesen, die ohne jahrelange Vorbildung schwer verst&#228;ndlich sind, k&#246;nnen die gleichen Fragen auch anhand von Filmen aufgeworfen werden. In Anlehnung an Godard soll es dabei nicht darum gehen, politische Filme zu schauen, sondern <em>politisch </em>Filme zu schauen.</p>
<p>- Axjonow, Iwan: Sergej Eisenstein: Ein Portr&#228;t, Berlin 1997<br />
- Albersmeier, Franz-Josef (Hg.): Texte zur Theorie des Films, Stuttgart 1979<br />
- Brody, Richard: Everything is cinema: The working life of Jean-Luc Godard, New York 2008<br />
- Hesse, Christoph: Bilder in Bewegung: Bemerkungen zu Film und Politik, unter: http://www.rote-ruhr-uni-com/cms/Bilder-in-Bewegung-html<br />
- Vogel, Amos: Film als subversive K</p>
<p>10-Filme: <em>Paul Pop</em> ist Redaktionsmitglied der <em>grundrisse.zeitschrift f&#252;r linke theorie und &#038; debatte</em> aktiv in der <em>Superlinken </em>und Autor f&#252;r die Wochenzeitung <em>Jungle World</em>.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Benjamin, Walter: Das Kunstwerk in der Epoche seiner technischen Reproduzierbarkeit, Frankfurt 1977, S. 35ff.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Hesse, Christoph: Film, Politik und Avantgarde, unter: http://www.roteruhr-uni.com/cms/Film-Politik-Avantgarde.html</p>
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		<title>Out Now: Perspektiven Nr.12</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Oct 2010 18:53:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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Der Inhalt in Kurzform:
Im Schwerpunkt:
Nicolas Schlitz und Felix Wiegand: Die FP&#214;. Nutznie&#223;erin der Krise? – Bonn Juego und Johannes Dragsbaek Schmidt: Die globale Krise und der Angriff auf die Demokratie – Interview zur Situation in Osteuropa: Im Osten nichts Neues – Hanna Lichtenberger, Veronika Duma und Tobias Boos: Hinter dem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><em>Perspektiven</em> Nr.12 ist erschienen – Schwerpunkt: &#8220;Autorit&#228;re Antworten auf die Krise&#8221;</h3>
<p><span id="more-1627"></span><br />
<a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2010/10/p12end.jpg"><img class="aligncenter size-medium wp-image-1617" title="p12end" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2010/10/p12end-211x300.jpg" alt="" width="211" height="300" /></a><br />
<strong>Der Inhalt in Kurzform</strong>:</p>
<p>Im Schwerpunkt:<br />
<a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/10/15/die-fpoe-nutzniesserin-der-krise/">Nicolas Schlitz und Felix Wiegand: Die FP&#214;. Nutznie&#223;erin der Krise?</a> – Bonn Juego und Johannes Dragsbaek Schmidt: Die globale Krise und der Angriff auf die Demokratie – Interview zur Situation in Osteuropa: Im Osten nichts Neues – Hanna Lichtenberger, Veronika Duma und Tobias Boos: Hinter dem Faschismus steht…?</p>
<p>Au&#223;erhalb des Schwerpunkts:<br />
Peter Hallward: Haiti. Von der Flut zum Beben – Paul Pop: Zehn Filme, die man vor der Revolution gesehen haben muss – Philipp Probst: Vom Aufstieg und Fall der Profitrate – Rezensionen und Rosinenpicken</p>
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		<title>„Eine Haltung suchen, die anders sein will“</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:12:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Musik]]></category>

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		<description><![CDATA[Daniel Fuchs und Benjamin Opratko sprachen mit Schorsch Kamerun und Ted Gaier von den Goldenen Zitronen &#252;ber kritische Haltungen in der Popkultur, die Ratlosigkeit der Linken in der Krise und die bayrische R&#228;terepublik.

Die Zeit hat euch j&#252;ngst, anl&#228;sslich eures 25j&#228;hrigen Bandbestehens, als „Deutschlands dienst&#228;lteste dezidiert linke Band“ bezeichnet. Da stellt sich doch die Frage: was macht denn eine „linke Popband“ [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Daniel Fuchs</em> und <em>Benjamin Opratko</em> sprachen mit <em>Schorsch Kamerun</em> und <em>Ted Gaier</em> von den <em>Goldenen Zitronen</em> &#252;ber kritische Haltungen in der Popkultur, die Ratlosigkeit der Linken in der Krise und die bayrische R&#228;terepublik.<br />
<span id="more-1527"></span></p>
<p>Die Zeit <em>hat euch j&#252;ngst, anl&#228;sslich eures 25j&#228;hrigen Bandbestehens, als „Deutschlands dienst&#228;lteste dezidiert linke Band“ bezeichnet. Da stellt sich doch die Frage: was macht denn eine „linke Popband“ eigentlich aus?</em></p>
<p>Ted Gaier: Glaubst du etwa der Zeit?! </p>
<p><em>Nicht unbedingt – aber das Attribut „links“ ist ja eines, das ihr auch f&#252;r euch selber benutzt, oder nicht?</em></p>
<p>Schorsch Kamerun: Das kann schon sein, aber das klingt dann auch schon wieder wie so ein Labelling – immer diese Beschreibungen, um etwas irgendwie festhalten zu m&#252;ssen&#8230; Lass uns doch besser dar&#252;ber reden, was ihr meint, was „links“ bedeuten k&#246;nnte, vielleicht findet man dann ja einen Weg. Aber das blo&#223; zu best&#228;tigen oder abzulehnen finde ich einen Vorgang, der so gar nicht n&#246;tig ist.</p>
<p>TG: Das lustige ist ja, dass der Autor dieses „Zeit“-Artikels mir dazu eine Mail geschrieben hat, auf die ich geantwortet habe, dass ich locker ohne die Begriffe „Punk“ und „Links“ auskomme&#8230;</p>
<p>SK: Ich &#252;brigens auch.</p>
<p>TG: &#8230;aber diese Antwort kam im Artikel dann gar nicht vor, weil der Journalist halt seine These verbreiten wollte. Das ist mir mit <em>Robespierre</em>, einer anderen Band in der ich spiele, auch schon so gegangen. Ich meine: Klar sind wir eine linke Band, aber das nur auf dieser Ebene zu verhandeln, f&#252;hlt sich irgendwie etwas fade an. </p>
<p>SK: Die Beschreibung „links“ mag ja stimmen, aber man wird des Attributs dann doch etwas m&#252;de. Man muss das doch sofort &#252;berpr&#252;fen.</p>
<p>TG: Die Frage, die sich da anschlie&#223;t, ist ja: Was ist denn eine linke Band?</p>
<p><em>Das ist es ja, was wir ansprechen wollten. Vielleicht k&#246;nnen wir das anders formulieren. Am N&#228;hesten l&#228;ge es, das anhand der Texte zu verhandeln – gerade bei euch, die ihr euch in euren Texten auch stets mit aktuellen Verh&#228;ltnissen auseinandersetzt. Dann dr&#228;ngt sich aber die Frage auf, wie es mit dem Verh&#228;ltnis von Text und Musik aussieht. Es gibt in der j&#252;ngst erschienenen Dokumentation von Peter Ott<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> &#252;ber euch eine Stelle, an der ein ehemaliges Bandmitglied sagt, dass er manchmal das Gef&#252;hl hatte, dass </em>Die Goldenen Zitronen<em> nur noch etwas Musik rund um die Texte bauen wollen. Das ist ja ein Problem: Einerseits will man aus einer kritischen Perspektive Leute mit seinen Texten erreichen, andererseits will man auch in der Form eine gewisse Radikalit&#228;t entwickeln.</em></p>
<p>TG: Das ist genau das Paradoxe daran. Einerseits machen wir so was wie Chansons oder Songwriting, wo die Texte total wichtig sind, und dann sind wir so etwas wie ein improvisierendes Kollektiv, wie eine Band, die auch ohne Texte ausk&#228;me. Das ist unser Anspruch und Antrieb. Bei unseren letzten beiden Platten, <em>Lenin </em>und <em>Die Entstehung der Nacht</em>, hatten wir die Songs erstmal ohne Text komplett fertig, und haben dann angefangen, Texte dazu zu schreiben. Die Musik ist also v&#246;llig ohne Einfluss davon, was sie textlich abbilden soll, entstanden – was etwa bei der <em>Das bisschen Totschlag</em>-Platte noch ganz im Vordergrund stand. Das ist also ein Paradox, das wir auch nicht wirklich geregelt kriegen. Und nat&#252;rlich springt man gerade im deutschsprachigen Raum immer gleich auf die Texte an. Die sind dann die Hauptwahrnehmung, und die Musik f&#228;llt gerne mal ein bisschen unter den Tisch. Und nat&#252;rlich ist das eine Einheit, wobei es Bands gibt, bei denen Texte nicht so wichtig waren – wie zum Beispiel <em>Can</em>, oder <em>Faust</em>. Bei uns ist das aber so komisch, wir wollen immer zwei Sachen gleichzeitig. Wir behaupten, dass die Musik ein Eigenleben hat. F&#252;r <em>Das bisschen Totschlag </em>gilt: Wir hatten eine klare Vorstellung davon, was gesagt werden muss, und wir wollten, dass sich das auch in der Musik abbildet: in der wilden Orgel, in der wilden Gitarre, in den wilden Beats, damit das wie so ein Klumpen wird. Und heute versuchen wir das eher auseinanderzunehmen und manchmal auch vielschichtigere Rhythmen zusammenzubringen.</p>
<p>SK: Ich glaube, dass wir uns bei all diesen Sachen, wenn wir uns selbst &#252;berpr&#252;fen, &#252;ber eine Haltung definieren. Das machen wir nat&#252;rlich &#252;ber die Texte, das kann man ja auch ablesen, und in der Musik funktioniert das eher in einer dehnbareren Form, da kann man mehr auslegen. Aber auch wenn wir musizieren, versuchen wir explizit nach einer Haltung zu suchen, die „anders“ sein will, und das gelingt uns vielleicht auch. Wenn man singt, macht es ja auch etwas aus, <em>wie </em>man etwas singt, um noch etwas reinzulegen. Oder wie wir auf die B&#252;hne gehen, wie wir uns da hinstellen, dass das Rotationsprinzip auf der B&#252;hne stattfindet, das ist immer eine Art der Haltungs&#252;berpr&#252;fung, bei allem was wir so tun. </p>
<p><em>Wie geht ihr denn damit um, dass ihr auch Teil von Popkultur seid, wie reflektiert ihr das?</em></p>
<p>SK: Popkultur ist ja auch so ein wahnsinnig dehnbarer Begriff – alles will ja irgendwie Popkultur sein&#8230;</p>
<p><em>Aber es gibt doch gewisse popkulturelle Konzepte wie Leads&#228;nger, Popstar&#8230;</em></p>
<p>SK: Und genau die versuchen wir ja st&#228;ndig zu thematisieren. Zum Beispiel bei Fotos, wo sonst immer der S&#228;nger nach vorne soll, wie das eben so ist. Man sieht bei den Fotos, die es von uns gibt, dass da auch noch andere Leute mit drauf sind, mal in der &#214;ffentlichkeit fotografiert wurde oder man einfach Bekannte mit dazu nimmt, damit man den Kreis da immer erweitert und nicht so genau sagen kann: Das sind die Positionen in dieser Gruppe. Nun verwenden wir ja zum Teil auch Kost&#252;me, oder wie man das nennen soll. Bei der letzten Platte waren das die Lederjacken mit diesen &#252;berzogenen Slogans drauf, diesmal ist es wieder was anderes – das ist dann auch wieder Teil unserer Sprache: dass die Gruppe ein Gesamtbild abgibt. Da ist es nicht so, dass ein Typ im Vordergrund steht, sondern du musst das Ganze sehen. Das haben wir auch schon bei den Fotos davor gemacht, wo wir als Superhelden in verschiedensten Richtungen aufgetreten sind. Das kann dann ein Bauherr sein, oder ein Proll, oder Napoleon und so weiter. Da kann man also schon dr&#252;ber nachdenken, wie man da was aushebelt.</p>
<p><em>Es gibt ja auch Diskussionen innerhalb der Band dar&#252;ber, wie die Zusammenarbeit geregelt wird.</em></p>
<p>SK: Muss ja!</p>
<p><em>Stellt sich da auch die Frage, wie eine Band selbst demokratisch strukturiert sein kann?</em></p>
<p>SK: Genau, wobei wir die Sachen, &#252;ber die wir gerade sprechen, schon vor langer Zeit angelegt haben, als wir angefangen haben, innerhalb von Popkultur die Dinge zu begreifen, was etwa das Labelling angeht oder bestimmte Beschreibungsformen. Ob das nun Abbildungen sind, Fotos, wie das auf der B&#252;hne wahrgenommen wird, wie wir als Gruppe musizieren, wer da noch mit reinkommen kann – das kann man schon aufweichen.</p>
<p><em>Seit Anfang der 1990er und </em>80.000.000 Hooligans<em> ist eure Musik, gerade textlich, immer auch so was wie eine Bestandsaufnahme zur Lage der Nation. 2006, bei </em>Lenin<em>, waren die Themen, die herausgestochen sind, Prekarisierung, Verunsicherung und erzwungene Flexibilit&#228;t. Auf der neuen Platte schreibt sich das weiter – bei Songs wie </em>Blo&#223; weil ich friere<em> zum Beispiel; andererseits ist auf der Platte aber auch die Krise als gro&#223;er Bruch erkennbar. Was hat sich denn eurer Ansicht nach in den Jahren, die zwischen diesen beiden Platten vergangen sind, tats&#228;chlich ver&#228;ndert?</em></p>
<p>TG: Das erste Problem ist ja schon mal, dar&#252;ber zu reden. Da geht’s einem nicht anders als dem Rest der Linken. Es scheint ja &#252;berhaupt nicht m&#246;glich, zu fassen, was das eigentlich soll, und diese Ratlosigkeit ist ja auch allumfassend. Deshalb versucht der Text da auch nicht schlauer zu sein als er ist. Es ist nat&#252;rlich einfacher, nach Rostock-Lichtenhagen1 eine Position zu haben und zu sagen „Hey ihr Arschgeigen, das habt ihr gemacht und so ist das gelaufen!“ Diese Art der Berichterstattung war damals letztendlich einfach, weil man ja nur die Zeitungsnachrichten und die eigenen Erfahrungen zusammensammeln musste und dann konnte man gleich eine Anklageschrift formulieren. Jetzt merken wir alle ja, dass wir total drau&#223;en sind. W&#252;rde diese Krise, so wie sie gelaufen ist, in den 1970er Jahren stattgefunden haben, dann w&#228;ren die Eliten an den Universit&#228;ten irgendwelche Leute, die vom Marxismus eine Ahnung haben, und der Sozialismus w&#228;re sowieso gerade eine Option gewesen. Dann h&#228;tte das eine ganz andere Sprengkraft und es w&#252;rde ein ganz anderes in-die-Situation-Treten geben, weil es genug Leute g&#228;be, die sagen w&#252;rden „Nein, jetzt machen wir es aber ganz anders!“. Die Akzeptanz daf&#252;r, dass nicht diejenigen, die den Karren in den Dreck gefahren haben, ihn wieder rausholen m&#252;ssen, w&#228;re geringer. Und ich wei&#223; nicht, wie’s euch geht, aber mir kommt es so vor, dass wir gar nicht wirklich viel &#252;ber diese Krise wissen, und dass – was wei&#223; ich – Angela Merkel auch nicht mehr dar&#252;ber wei&#223;. Das ist nat&#252;rlich eine absurde Situation. Da fiel mir jedenfalls auf, dass wir im Kampf in der Kultur schon viel erreicht haben, in den Styles, in den Codes, in der Theorie, im emanzipatorischen Diskurs – aber aus dem &#246;konomischen Diskurs ist man komplett drau&#223;en. Jemand wie Robert Kurz<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> hat’s zwar schon seit 15 Jahren gesagt, aber der kann jetzt auch nur sagen: „Ich hab’s euch ja gesagt!“</p>
<p><em>Wie schl&#228;gt sich das dann in der Alltagserfahrung nieder? W&#252;rdet ihr sagen, dass sich diese Prekarisierungstendenzen, die ihr auf dem Album </em>Lenin<em> beschreibt, und das Thema Verunsicherung/Sicherheit, mit der Krise weiter verst&#228;rkt haben?</em></p>
<p>SK: Also die Verunsicherung, die war ja insgesamt gesellschaftlich da. Ich meine, was da ins Wanken geraten ist, das findet ja nicht in pers&#246;nlichen Bereichen statt – das hat es sowieso schon davor gegeben, au&#223;er dass vielleicht der ein oder andere jetzt Angst hat, dass das, was er auf seinem Konto hatte, jetzt irgendwie verschwindet. Aber ansonsten – ich meine, das System fand man ja m&#246;glicherweise auch vorher schon faul. </p>
<p>TG: Zumindest was die tagespolitische Debatte in Deutschland angeht, war meiner Meinung nach realpolitisch die Verunsicherung viel gr&#246;&#223;er als die <em>Hartz IV-Gesetze </em>eingef&#252;hrt wurden. Da haben Leute wirklich gemerkt, dass das jetzt ein Einschnitt ist, der etwas radikal ver&#228;ndert, der nach unten etwas aufmacht. Die Verunsicherung und der Unmut waren da viel sp&#252;rbarer als jetzt, wo das ja auch durch die Politik der Regierung abgefedert wird.</p>
<p>SK: Man merkt ja, dass es einfach nur um Versprechen geht. Es reicht eigentlich aus, das Versprechen, die Blase, die da geplatzt ist, durch eine neue zu ersetzen, die dann wieder Hoffnung gibt. Wenn die Regierung sagt, „Okay, wir fangen euch dann auf“, ist das auch erst mal nur eine Behauptung, und die kann sofort au&#223;er Kraft gesetzt werden, wenn es nicht alle „glauben“. Das ist ja auch ein bisschen das Problem von jemandem wie Obama. Bei dem sp&#252;rt man ja, dass es in den meisten F&#228;llen gar nicht unbedingt darum geht, was er faktisch verbessern kann, sondern erstmal um die Frage: „Glauben wir dem denn?“. Also immer nur um Versprechen, immer nur um etwas Imagin&#228;res. Und das hat man ja auch ganz deutlich bei der &#246;konomischen Krise gesp&#252;rt. Die trifft nat&#252;rlich trotzdem real die Leute, aber auch wenn es jetzt wieder „in Ordnung ger&#228;t“, hat man das Gef&#252;hl, dass die &#196;ngste eigentlich nur ein St&#252;ck h&#246;her geschraubt, noch mal erweitert werden. Du kannst entweder glauben oder nicht glauben, und das ist alles, weil der Rest geht einfach so weiter. </p>
<p><em>Eine Reaktion auf diese &#196;ngste, die ihr in dem Song Aber der Silbermond beschreibt, ist so ein neo-biedermeierlicher R&#252;ckzug ins Private. Da geht es um ein Lied der Band Silbermond, in dem sich die S&#228;ngerin „nur ein kleines bisschen Sicherheit“ w&#252;nscht. Beobachtet ihr, dass als Reaktion auf Verunsicherung und Prekarisierung so eine Sehnsucht nach Heimeligkeit festzustellen ist?</em></p>
<p>SK: Ja, und ich w&#252;rde schon sagen, dass das nat&#252;rlich ein verst&#228;ndlicher Reflex ist, wenn man meint, kaum eine M&#246;glichkeit zu haben, sich irgendwie zu verorten. Aber wahrscheinlich auch der falsche, weil man damit ja auch ein Instrument abgibt. Ich glaube, Cocooning kann es irgendwie nicht sein. </p>
<p>TG: Obwohl dieser Trend  nicht unmittelbar mit der Krise zusammenh&#228;ngt&#8230;</p>
<p>SK: Man kennt das aus der Soziologie schon ganz lange: der „flexible Mensch“, &#252;ber den Richard Sennett zum Beispiel ohne Ende geschrieben hat. Oder eben das Subjektivierungs-Thema, das ist ja jetzt nichts ganz Unbekanntes. Das wirkt eben auf Leute und es ist v&#246;llig verst&#228;ndlich, finde ich. Aber es darf meiner Ansicht nach nicht dazu kommen, dass man als einzige M&#246;glichkeit so eine Art Aussteigertum sieht, in dem es wirklich nur darum geht, zuzumachen.<br />
Man kann das jetzt ganz gut an dem <em>Silbermond</em>-Text festmachen, finde ich, oder an dem Video zu deren Song. Da geht es um Protest, wenn du so willst: Es beschwert sich jemand, macht das in diesem Video aber in einem Raum, in dem es um eine Demonstration geht, und sagt eigentlich „Ich will diese Demonstration nicht, weil die bringt es jetzt irgendwie auch nicht. Lasst es lieber bleiben!“. Und das ist schon ein Paradox, ein Widerspruch in sich, wenn man so will. Das ist denen, die das Video gemacht haben, aber nicht klar gewesen, glaube ich.</p>
<p>TG: Wobei, dass das da explizit einander gegen&#252;ber gestellt wird, ist schon fast wieder politisch. Das ist schon fast eine Form von Bewusstsein.</p>
<p>SK: Aber ich behaupte jetzt einfach mal, dass man da etwas missverstanden hat, dass man diesen Song gemacht hat und sich dann &#252;berlegt hat, was denn zu diesem Lied passt. Und dann machen sie einfach so ein Video.</p>
<p><em>Ist dieses Thema der Sicherheit und der Sehnsucht nach Sicherheit auch etwas, was dich, Schorsch, bei deinem Projekt f&#252;r die </em>Wiener Festwochen<em><a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> besch&#228;ftigt hat?</em></p>
<p>SK: Klar, das war ein Teil davon. Aber es ging da ja um sehr viel, etwa um die ganze &#220;berwachungsthematik. Ich habe ja auch ein paar lustige Sachen herausgefunden, wie die Z-Schl&#252;ssel-Geschichte, die unheimlich komisch ist. Man hat mir jetzt auch einen geschickt [lacht]  – ich bin jetzt im Besitz eines Z-Schl&#252;ssels! Ich habe zur Vorbereitung zwei Mal eine Konferenz besucht, das eine Mal in M&#252;nchen, da waren dann eher die Spezialisten, die sich im Feinsten auskennen, und dann war ich hier, in Simmering, wo sich die Polizei hingestellt und erkl&#228;rt hat, was man alles machen muss, um sich zu sch&#252;tzen, welche Schl&#246;sser es gibt und welche Olive so ein Schloss haben muss, mit all den Fachbegriffen. Die Leute dort waren begeistert. Und dann kriegst du irgendwie mit, dass man mit einem Z-Schl&#252;ssel in jedes zweite Haus in Wien reinkommt. Das war schon k&#246;stlich. Und die Polizisten da waren nicht schei&#223;e, sondern haben zum Beispiel gesagt, „Ok Leute, bitte keine Knarre zu Hause, weil das kann nur schief laufen“. Die haben also nicht die B&#252;rger aufgestachelt, sondern eher de-eskaliert, weil da waren Typen, die wollten nur dar&#252;ber reden, welche Waffen sie sich zulegen sollten und was f&#252;r eine sie schon zu Hause haben. Zum Schluss kam noch ein Bulle, ging zu so einem hin und meinte, „Sagen Sie mal, ich m&#246;chte Sie doch noch fragen, haben Sie denn &#252;berhaupt einen Waffenschein?“. [Lacht] </p>
<p><em>Eine Abschlussfrage noch, weil uns das als Theoriemagazin auch irgendwie nahe liegt: Welche Rolle spielt politische Theorie in eurer Arbeit, vor allem in eurer Textproduktion? </em></p>
<p>SK: Zun&#228;chst mal &#252;ber Selbstbildung und Interesse, w&#252;rde ich sagen. Das ist ganz unterschiedlich.</p>
<p><em>Was lesen denn die </em>Goldenen Zitronen<em> gerade? Was liegt am Nachttisch?</em></p>
<p>SK: Also ich habe jetzt gerade zwei Werke zur Bayrischen R&#228;terepublik gelesen, weil ich damit zu tun hatte. Also wirklich toll fand ich <em>Wir sind Gefangene</em> von Oskar Maria Graf<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>, das hat mich unheimlich ger&#252;hrt. Und dann noch <em>Eine Jugend in Deutschland</em> von Ernst Toller<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a>, auf eine ganz andere Weise, weil mit einer anderen Ernsthaftigkeit geschrieben. Die beiden Wege dieser zwei Leute fand ich interessant. Der eine, Toller, ist politisch wesentlich dezidierter, im Krieg Pazifist geworden, und hat dann als Revolution&#228;r irgendwann eingesehen: Okay, man h&#228;tte vielleicht doch Opfer bringen m&#252;ssen, weil du kannst die Revolution sonst nicht durchsetzen. Das ist schon krass, und Toller ist ja daran auch f&#252;r sich gescheitert und hat sich irgendwann umgebracht. Und dann jemand wie Oskar Maria Graf, der aus einem sehr autorit&#228;ren Umfeld kommt und irgendwann, wie er schreibt: „als das Blut brach“, meinte „ich habe es nicht mehr ausgehalten“, und sich anarchistisch politisiert hat. Das fand ich schon  sehr aufregend: Der eine, der &#252;ber eine fast moralische Ernsthaftigkeit an die Dinge herangeht, und der andere, der einfach nur meint „Hey, was ist los?“ und „Ich bin dabei, wenn was losgeht!“. Da sieht man, wie verschieden solche Dinge laufen k&#246;nnen. Gerade in der R&#228;terepublik war das Spannende, welche Rolle unterschiedliche Lebensmodelle in der Gesellschaft spielen k&#246;nnen. Jeden Abend stand da jemand in einem gro&#223;en Bierkeller und hat ein anderes Lebensmodell behauptet, und jedes war irgendwie eine Richtung, die man h&#228;tte wirklich einschlagen k&#246;nnen – was ja heute sozusagen undenkbar ist. Heute greift man so im Kleinen herum und kann das trotzdem kaum fassen, man kann kaum Hebel ansetzen. Und man muss ja auch zugeben, wie das mit Psychologie zusammenh&#228;ngt: mit einem Werdegang, mit einer Herkunft, mit einer Pr&#228;gung und so weiter, und eben mit dem Sozialisieren von Werdeg&#228;ngen. Oder auch wirklich oft mit etwas sehr Subjektivem, also mit welcher St&#228;rke gehe ich da ran, was kann ich da leisten und welche &#196;ngste dr&#252;cken sich da aus. Das darf man einfach nie ausblenden, glaube ich.</p>
<p>TG: Das Interessanteste an Toller ist, dass er es irgendwie gewusst hat… Seine Einsch&#228;tzung war ja richtig, dass man das nicht wuppen6 konnte, diese R&#228;terepublik. Aber es war eben so, dass die Arbeiter in M&#252;nchen und Augsburg gerade gesagt haben „Wir machen jetzt aber Revolution!“. Und Toller hat dann gesagt „Ja, okay. Das ist das erste Mal, dass die Arbeiter aufstehen – dann machen wir das. Auch wenn wir eine Niederlage einstecken, wir m&#252;ssen den historischen Moment nutzen“. Das hat mich immer total fasziniert.</p>
<p><em>Vielen Dank f&#252;r das Interview!</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> &#220;briggebliebene Ausgereifte Haltungen, Dokumentarfilm von Peter Ott, erschienen auf der Doppel-DVD <em>Die Goldenen Zitronen</em> Material (Buback/Indigo 2008).<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Robert Kurz ist Journalist, Autor des <em>Schwarzbuch Kapitalismus</em> und Mitbegr&#252;nder von <em>Exit! Krise und Kritik der Warengesellschaft.</em><br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a>Im Rahmen der <em>Wiener Festwochen</em> 2009 realisierte Schorsch Kamerun <em>Bei aller Vorsicht!</em>, einen als Performance inszenierten „Sicherheitsrundgang“ durch den zweiten Wiener Gemeindebezirk.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene. Ein Bekenntnis, M&#252;nchen 1981.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland, Reinbek 1978.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Wuppen: etwas Schweres im Handumdrehen erledigen.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Catastrofuck!</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:09:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
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		<category><![CDATA[Film]]></category>
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		<category><![CDATA[Kultur]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: In the Loop, Spielfilm, GB, USA, 109 Minuten, Regie: Armando Iannucci, Kamera: Jamie Carney.

Alastair Campbell findet den Film nicht besonders lustig. Am ehesten noch dann, wenn er weniger direkt die Politik der Regierung des United Kingdom aufs Korn nimmt und sich stattdessen mehr auf das Absurde des Zwischenmenschlichen bezieht. Alastair Campbell findet, dass dieser Film jungen Menschen Politik madig [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: In the Loop, Spielfilm, GB, USA, 109 Minuten, Regie: Armando Iannucci, Kamera: Jamie Carney.<br />
<span id="more-1537"></span><br />
Alastair Campbell findet den Film nicht besonders lustig. Am ehesten noch dann, wenn er weniger direkt die Politik der Regierung des United Kingdom aufs Korn nimmt und sich stattdessen mehr auf das Absurde des Zwischenmenschlichen bezieht. Alastair Campbell findet, dass dieser Film jungen Menschen Politik madig machen und ihnen so jegliches Interesse daran verg&#228;llen k&#246;nnte – und setzt so stillschweigend Parteipolitik mit jeglicher Form von Politik gleich. Alastair Campbell ist auch nicht besonders davon &#252;berzeugt, dass in diesem Film die Geschehnisse rund um das Kabinett Tony Blairs, die schlussendlich zum Irak-Krieg f&#252;hrten, besonders treffend oder auch nur ansatzweise realistisch wiedergegeben wurden.<br />
Das alles ist nur wenig verwunderlich, schlie&#223;lich war Alistair Campbell eine zentrale Figur von New Labour in der &#196;ra Blair gewesen – zuerst als dessen Wahlkampfmanager, dann als Pressesprecher und quasi inoffizieller Vizekanzler.  Als solcher war er auch in eines der gr&#246;&#223;eren Politikdesaster der letzten Jahre verwickelt, spielte er doch eine zentrale Rolle bei der Verfassung des September Dossier der britischen Regierung &#252;ber Iraks Potential zur Herstellung und zum Einsatz von Massenvernichtungswaffen – Campbell lie&#223; den Bericht auf Linie mit den USA trimmen und Zweifel an der Existenz dieser Waffen aus dem Bericht verschwinden. Das Dossier war so einerseits einer der Ecksteine der argumentativen Aufbereitung des bevorstehenden Irakkrieges und f&#252;hrte andererseits zu einem der gr&#246;&#223;ten Polit-Skandale der britischen Nachkriegsgeschichte: David Kelly war Experte f&#252;r Biowaffen, der Informationen &#252;ber die Ver&#228;nderungen des Berichts geliefert hatte und schlussendlich aufgrund massiven Drucks durch die Blair-Regierung als BBC-Informant genannt wurde. Zwei Tage nachdem er vor dem britischen Parlament dazu vernommen worden war, wurde er mit offenen Pulsadern in einem Waldst&#252;ck aufgefunden.<br />
Armando Ianuccis Satire In the Loop endet jedoch mit der Ver&#228;nderung des Berichts und dessen Pr&#228;sentation bei einer UN-Konferenz, auf der weitere Ma&#223;nahmen gegen einen ungenannten Staat im Nahen Osten beschlossen werden sollen. Das Setting f&#252;r diesen Film &#252;bernimmt Ianucci, umtriebiger Satiriker und Drehbuchautor in der britischen Medienlandschaft, weitgehend von der BBC-Satire-Serie The Thick of it, die um einen unf&#228;higen Kabinettsminister sowie einen zynischen Pressesprecher und Sekret&#228;r des Ministerpr&#228;sidenten kreist. In the Loop als Spin-Off von The Thick of it greift diese Konstellation auf: Malcolm Tucker, ein Berserker von einem Pressesprecher, der in seinen furiosen Fluchorgien selbst einen Fuhrknecht besch&#228;men k&#246;nnte (Alastair Campbell stand f&#252;r ihn Modell) muss sich st&#228;ndig mit den verbalen Fauxpas des „Minister of International Development“, Simon Foster herumschlagen.<br />
So beginnt das Chaos denn auch, als Foster zum Abschluss eines Interviews auf die Frage, ob denn ein Krieg im Nahen Osten bevorstehen w&#252;rde, diesen mehr versehent- als willentlich als „unforeseeable“ deklariert. Beim Versuch, sich von diesem Statement wieder zu distanzieren und seine absolute Meinungslosigkeit zu diesem Thema zum Ausdruck zu bringen, entschl&#252;pft Foster dieses sprachliche Kleinod: „Look, all sorts of things that actually are very likely, are also unforseeable. For the plane in the fog, the mountain is unforeseeable, but it is then suddenly very real and inevitable. The mountain in the metaphor is a completely hypothetical mountain that could represent anything. […] To walk the road of peace, sometimes we need to be ready to climb the mountain of conflict.&#8221;<br />
Aufgrund seiner flexiblen Meinung wird er nun zum Spielball zweier amerikanischer Regierungsbeamten: Linton Barwick,  US Assistant Secretary for Policy, der den Krieg vorbereitet und Karen Clarke, US Assistant Secretary for Diplomacy, die diesen verhindern will. Zum Verh&#228;ngnis wird ihm allerdings nicht nur seine Inkompetenz, die Parteilinie in Interviews wiederzugeben, sondern auch die losen Steine seiner Gartenmauer, die immer weiter Richtung Nachbarsgarten abrutscht und in den Medien allm&#228;hlich zum Gespr&#228;chsthema Nummer eins avanciert. Und fehlt einmal der erste Stein in der Mauer ist der Durchbruch – oder in diesem Fall das Desaster –  nahe, sodass sogar noch der eigene R&#252;cktritt zur Katastrophe ger&#228;t.<br />
<em>In the loop</em> ist eine unheimlich rasante Satire voller gro&#223;artiger Einzeiler und <em>inventive swearing</em> („Catastrofuck!“). F&#252;r Tempo sorgen dabei einerseits die staccatoartigen Dialoge und zahlreichen Settings, wie auch die sehr umtriebige Kameraf&#252;hrung, die das Agieren der ProtagonistInnen weniger glamour&#246;s, sondern eher dokumentarisch portraitiert. Was vielleicht so besonders gef&#228;llt an <em>In the Loop</em> ist die Diskrepanz in der Sprachverwendung der MeinungsprofessionalistInnen in dieser Satire: einerseits derb und schmutzig, aber auch eindeutig, wenn inoffiziell, dagegen weichgesp&#252;lt, inhaltsleer und manipulativ nach au&#223;en. Iannuccis Satire funktioniert sogar so gut, dass man sich manchmal w&#252;nscht, sie w&#228;re etwas weiter von der ihr zugrunde liegenden Realit&#228;t entfernt, um befreiter lachen zu k&#246;nnen. Denn jede gute Satire ist immer auch schmerzhaft, wenn sie den Aberwitz der Realit&#228;t im Spiegel des Humors zeigt, so auch<em> In the Loop.</em> </p>
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		<title>Revolutionen aus dem Off</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Jan 2010 17:09:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
		<category><![CDATA[Afrika]]></category>
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		<category><![CDATA[Film]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Entkolonialisierung und die damit verbundene Dezentrierung des Westens hinterlie&#223; auch im Kino der damaligen „Dritte-Welt-L&#228;nder“ ihre Spuren. Nikolaus Perneczky zeichnet ein vielf&#228;ltiges Bild des „Dritten Kinos“, seiner politischen &#196;sthetik und seiner Produktionsbedingungen von den 1960er Jahren bis heute.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Entkolonialisierung und die damit verbundene Dezentrierung des Westens hinterlie&#223; auch im Kino der damaligen „Dritte-Welt-L&#228;nder“ ihre Spuren. <em>Nikolaus Perneczky</em> zeichnet ein vielf&#228;ltiges Bild des „Dritten Kinos“, seiner politischen &#196;sthetik und seiner Produktionsbedingungen von den 1960er Jahren bis heute.<br />
<span id="more-661"></span><br />
In den langen 60er Jahren<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> des 20. Jahrhunderts unterlag das Verh&#228;ltnis des euroamerikanischen Raums zur damaligen Dritten Welt einem fundamentalen Wandel. Die Emanzipation der ehemaligen Kolonien machte sich in geopolitischen Umw&#228;lzungen ungekannten Ausma&#223;es bemerkbar. Anstatt sich mit der formalen Unabh&#228;ngigkeit abspeisen zu lassen, dr&#228;ngten die dabei entstandenen neuen Nationalstaaten auch auf wirtschaftliche und kulturelle Autonomie. Vor diesem Hintergrund fiel es den europ&#228;ischen Gesellschaften mit einem Mal schwer, sich weiterhin als Ausgangs- und Mittelpunkt des Weltgef&#252;ges zu begreifen. In einer radikalen Wendung beschreibt Jean-Paul Sartre diese Entwicklung als regelrechte Umkehrung der herrschenden Verh&#228;ltnisse. In seinem Vorwort zur franz&#246;sischen Erstausgabe von Frantz Fanons <em>Die Verdammten dieser Erde</em> von 1961 schreibt er, &#252;brigens ohne jede Wehleidigkeit: „Das ist das Ende: Europa ist an allen Ecken leck. Was ist denn geschehen? Ganz einfach dies: bisher waren wir die Subjekte der Geschichte, jetzt sind wir ihre Objekte. Das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis hat sich umgekehrt, die Dekolonisation hat begonnen.“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a><br />
Wie sich in dieser Bemerkung Sartres schon andeutet, stie&#223; die Krise des eurozentrischen Weltbilds nicht nur jenen &#252;bel auf, deren Funktion oder Profit am Fortbestehen kolonialistischer Regime hing. Auch die europ&#228;ische und US-amerikanische Linke musste sich in der neuen Situation erst zurechtfinden. Schon vorher hatten sich Zweifel geregt, ob das zu bescheidenem Wohlstand gelangte westliche Proletariat nicht l&#228;ngst der Konsumgesellschaft assimiliert worden w&#228;re. Herbert Marcuse, Vordenker und Einfl&#252;sterer der sp&#228;ter so genannten „Neuen Linken“, vertrat gar die Ansicht, der Antagonismus zwischen B&#252;rgertum und Arbeiterklasse habe – wenigstens in Europa – seine Dringlichkeit und mithin die Funktion eines geschichtlichen Movens eingeb&#252;&#223;t: „Die kapitalistische Entwicklung hat jedoch die Struktur und Funktion dieser beiden Klassen derart ver&#228;ndert, da&#223; sie nicht mehr die Tr&#228;ger historischer Umgestaltung zu sein scheinen.“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Nicht nur Sartre und Marcuse folgerten aus dieser Diagnose, dass Widerstand nur noch von den Ausgeschlossenen und Marginalisierten zu erwarten w&#228;re. Weite Teile der Linken schlossen sich dieser Einsch&#228;tzung an und investierten fortan hoch fliegende Hoffnungen in die Revolten und Revolutionen der Dritten Welt, aber auch in die radikalisierten Minderheiten in den Metropolen.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
Die Unabh&#228;ngigkeit der neuen afrikanischen Nationalstaaten auf dem Territorium des ehemaligen Franz&#246;sisch- Westafrika (1958), die kubanische Revolution (1959), der Befreiungskampf der AlgerierInnen (1954-1962), die chinesische „Gro&#223;e Proletarische Kulturrevolution“ (1966-1969), die Tet-Offensive des Vietcong (1968) – gleichg&#252;ltig, wie diese Ereignisse heute bewertet werden m&#246;gen, f&#252;hrten sie der zeitgen&#246;ssischen metropolitanen Linken mit Nachdruck vor Augen, dass die M&#246;glichkeit der Revolution sich vom Zentrum an die Peripherie verlagert hatte. Dies warf die Frage auf, ob die dabei erprobten Strategien auf europ&#228;ische Verh&#228;ltnisse umgelegt, die M&#246;glichkeit der Revolution importiert werden k&#246;nnte.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Ernesto „Che“ Guevaras Theorien der Guerilla und des „foco“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> (Fokus) boten sich als Legitimation voluntaristischer Vorst&#246;&#223;e gegen das staatliche Gewaltmonopol an.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Aber auch diejenigen, welche die Frage nach der &#220;bertragbarkeit revolution&#228;rer Praxis negativ beschieden, blieben von den Entwicklungen in Lateinamerika, Afrika und Asien nicht unbeeindruckt. So war der Befreiungskrieg in Algerien ein entscheidendes Ereignis in der politischen Sozialisation zahlreicher sp&#228;terer AktivistInnen des Pariser Mai 1968<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a>, und insbesondere Vietnam wurde als Symbol f&#252;r die Br&#252;chigkeit westlicher Herrschaftsanspr&#252;che zur zentralen Bezugsgr&#246;&#223;e der europ&#228;ischen Linken.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a><br />
Dass der Ort dieser sehr verschiedenen Befreiungsk&#228;mpfe oft als „Dritte Welt“ angegeben und derart vereinheitlicht wurde, ist nur teilweise der europ&#228;ischen Blindheit f&#252;r lokale Besonderheiten anzulasten. Als „Trikont“ bezeichneten ihn die ProponentInnen dieser Bewegungen n&#228;mlich immer wieder selbst, in der Absicht, ihre oft weit gestreuten politischen Anliegen zu b&#252;ndeln und den Kampf daf&#252;r zu internationalisieren. Schlie&#223;lich war ihrem Gegner – der als neokolonialistisch verurteilten Politik der so genannten entwickelten L&#228;nder, vormalige Kolonien in wirtschaftlicher Abh&#228;ngigkeit zu halten – auf lokaler Ebene schwierig beizukommen.<br />
Der Aufstieg des Trikont und die Dezentrierung des Westens im Gefolge der einsetzenden Dekolonisation in den langen 1960er Jahren gilt unter HistorikerInnen, zumal in der neueren globalgeschichtlichen Forschung<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a>, als geschichtlicher Wendepunkt mit weit reichenden politischen, sozialen und kulturellen Folgen. Dass die beschriebene Zeitenwende auch in der Geschichte des Films ihre Spuren hinterlassen hat, ist der kanonischen Filmgeschichtsschreibung dagegen meist nur eine Randnotiz wert und deshalb au&#223;erhalb filmwissenschaftlicher Seminare und cinephiler Monatsschriften wenig bekannt. Diesem Missstand soll im Folgenden abgeholfen werden. Das Aufbegehren der damaligen Dritten Welt wurde von einer kinematografischen Revolution begleitet und mitgestaltet. Ihr Name: „El tercer cine“, das Dritte Kino.</p>
<p><strong>F&#252;r ein Drittes Kino</strong><br />
1969 unternahmen die argentinischen Filmemacher Fernando E. Solanas und Octavio Getino den Versuch, das Medium des Films f&#252;r den antikolonialen Kampf in Dienst zu nehmen und forderten ein eigenst&#228;ndiges Kino der Dritten Welt. Jenseits von Hollywood sollte es verortet sein, aber auch jenseits des mit der europ&#228;ischen Linken assoziierten „Autorenfilms“, selbst wenn sie strategischen Allianzen mit den politisch radikalsten unter dessen Vertretern nicht grunds&#228;tzlich abgeneigt waren. Das Manifest, worin diese Forderungen laut wurden, tr&#228;gt den Titel Hacia un tercer cine<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a>, f&#252;r ein Drittes Kino. F&#252;r ein Kino, das in enger Verschr&#228;nkung mit den sozialen Bewegungen in Lateinamerika, Afrika und Asien gegen die Herrschaft des Neokolonialismus und f&#252;r eine Internationale der Peripherie – die „Trikontinentale“, wie sie auf der legend&#228;ren antiimperialistischen Konferenz von Havanna im Jahr 1966 getauft wurde – k&#228;mpfen sollte. Solanas und Getinos Manifest er&#246;ffnet mit einer Anklage der westlichen Filmindustrien, unter deren Einfluss die Bezeichnung „Film“ zu einem Synonym f&#252;r Spektakel und Unterhaltung verkommen sei. Im schlimmsten Fall stehe das Kino der Vereinigten Staaten und Europas, als kaum verhohlene Interessensvertretung der Studiomagnaten, f&#252;r eine ahistorische Mystifizierung der herrschenden Zust&#228;nde, im besten Fall gebe es ein mut- und auswegloses Zeugnis von sozialer Ungerechtigkeit und der Zersetzung b&#252;rgerlicher Werte. Vieles von dem, was Solanas und Getino den westlichen Kinematografien ankreiden, klingt wie eine Popularisierung von Guy Debords Thesen zur „Gesellschaft des Spektakels“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> in seinem gleichnamigen Buch, das zwei Jahre vor ihrem Manifest ver&#246;ffentlicht worden war: Als fetischisiertes Spektakel, das sich verselbstst&#228;ndigt und an die Stelle lebendiger Erfahrung gesetzt h&#228;tte, behinderten das Hollywoodkino und seine Nachahmer die Bewusstwerdung der verblendeten Massen. Vor dem Hintergrund dieser Diagnose wird die Aufgabe, die sich f&#252;r trikontinentale FilmemacherInnen stellt, als zweischneidige beschrieben. Neben der Erfindung emanzipatorischer Bildpraxen steht die Zerst&#246;rung jener Bilder auf der Agenda, die sich die kapitalistischen Unterhaltungsfabriken von der Dritten Welt gemacht haben und immer noch machen.<br />
Die Kritik der Autoren richtet sich aber auch gegen all jene, die der M&#246;glichkeit eines revolution&#228;ren Kinos wenig Chancen einr&#228;umen, bevor nicht s&#228;mtliche Produktionsmittel, auch jene zur Herstellung von Filmen, im Gefolge eines revolution&#228;ren Umsturzes enteignet und vergesellschaftet worden sind. Obwohl dieser Einwand auf solidem marxistischem Boden stand, verwerfen ihn Solanas und Getino mit der Begr&#252;ndung, er erkl&#228;re die eingeschliffenen Produktions-, Distributions- und Vorf&#252;hrbedingungen Hollywoods zum Vorbild. Diese seien, genauso wie die Filme selbst, zur G&#228;nze auf die Interessen der US-amerikanischen Bourgeoisie abgestellt, weswegen f&#252;r alle diese Bereiche neue Formen gefunden werden m&#252;ssten.<br />
Wie ist das zu verstehen? Die Vorstellung, dass Filme aus Hollywood inhaltlich oder ihrer Form nach einer bestimmten Ideologie zuarbeiten, ist recht gel&#228;ufig. Solanas und Getino scheinen jedoch etwas anderes, oder genauer: <em>mehr als das</em> im Sinn zu haben: „Die Machtergreifung einer mechanistischen Vorstellung von Kino, wonach abgeschlossene Strukturen, die auf der Leinwand geboren werden und sterben, bei standardisierter L&#228;nge in einem gro&#223;en Lichtspieltheater abgespult werden, f&#252;hrte zur Absorption von Formen des b&#252;rgerlichen Weltbilds, die in der Tradition der Kunst des 19. Jahrhunderts wurzeln: Der Mensch gilt ausschlie&#223;lich als passives und konsumierendes Objekt. Anstatt Geschichte zu erkennen und zu verstehen, kann er sie nur auffassen, kontemplieren, durchlaufen, erdulden.“ Um gegen die der Film- <em>und </em>Kinotechnik innewohnenden b&#252;rgerlichen Anschauungsformen etwas auszurichten, m&#252;ssten folglich nicht nur andere Filme entworfen werden, sondern auch eine andere, st&#228;rker involvierende und aktivierende Einrahmung ihrer Pr&#228;sentation.<br />
&#196;hnliches gelte f&#252;r den angrenzenden Bereich der Distribution. Die Versuche europ&#228;ischer AutorenfilmerInnen, am Rand der kommerziellen Filmindustrien ein Auskommen zu finden und sich zumindest teilweise auf deren Verleihstrukturen einzulassen, w&#228;ren in eine Sackgasse gem&#252;ndet. Von diesem Modell m&#252;ssten sich die VertreterInnen eines Dritten Kinos daher emanzipieren, um in enger Zusammenarbeit mit ihrem Publikum eigenst&#228;ndige, noch im Falle staatlicher Repression tragf&#228;hige Netzwerke aufzubauen. Dies kam oft dem Weg in den Untergrund gleich.</p>
<p><strong>Die Guerilla als Arbeitsweise</strong><br />
Erm&#246;glicht wurde die Emanzipation von den bestehenden, vertikal integrierten<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Filmindustrien von einem Innovationssprung in der Filmkamera- und Projektortechnik. Der technologische Fortschritt hatte immer kleinere, einfacher handhabbare und zudem g&#252;nstigere Bild- und Tonaufnahmeger&#228;te hervorgebracht, wodurch der Umgang mit Film eine ungekannte Demokratisierung – oder, wie es im zeitgen&#246;ssischen Jargon hie&#223;: „Entmystifizierung“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> – erfuhr.<br />
Solanas und Getino versprechen sich von dieser Umw&#228;lzung der Produktionsmittel zudem eine neue Arbeitsweise, deren Sto&#223;richtung sich in der Empfehlung andeutet, die „Kamera als Gewehr“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> einzusetzen. Anhand dieser Metapher wollen sie die Praxis des Dritten Kinos an die Kampfstrategie der Guerilla anschlie&#223;en: „Die Kamera ist der unersch&#246;pfliche Enteigner von Bild-Waffen, der Projektor ein Gesch&#252;tz, das 24 Bilder in der Sekunde feuert.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Mit dieser kruden Analogie ist im Wesentlichen eine bestimmte Arbeitsweise im Kollektiv angesprochen, worin jedes Mitglied mit der Gesamtheit des verwendeten Equipments und allen Funktionen hinreichend vertraut und mithin austauschbar ist; worin planerische Detailversessenheit, Disziplin und ein rasches Arbeitstempo vorherrschen; worin alle Beteiligten sich bereit erkl&#228;ren, auf Komfort, alte Gewohnheiten und „dieses ganze Klima der Normalit&#228;t, wohinter sich der allt&#228;gliche Kriegszustand verbirgt“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a>, Verzicht zu leisten.<br />
Das Projekt des Dritten Kinos ist also von Anbeginn als ein ganzheitliches angelegt: Nicht nur die Filme selbst, sondern auch die angrenzenden Bereiche der Produktion, Distribution und Vorf&#252;hrung sollten revolutioniert werden.</p>
<p><strong>Die Dekolonisation der Kultur</strong><br />
Trotz des recht martialischen Gleichnisses von Film und Gewehr lassen Solanas und Getino darin, wie sie das Verh&#228;ltnis von (Film-)Kunst zu Politik bestimmen, einigen Freiraum. Die Polarit&#228;t der beiden sei von der herrschenden Klasse als universell gesetzt und m&#252;sse, zugunsten der Einheit von Politik und Kunst, in Richtung einer „&#220;berblendung des &#196;sthetischen mit dem Leben der Gesellschaft“<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> &#220;berwunden werden. Eine wahre Kunst des Volkes ersch&#246;pfe sich nie im &#228;sthetischen Gehalt ihrer Erzeugnisse, sondern sei immer auch eine Kunst f&#252;r das Volk, in seinem politischen Interesse. Gleichzeitig warnen die Autoren des Manifests vor einer allzu pragmatischen Kunstauffassung. Direkte Agitation und Intervention in politische Auseinandersetzungen h&#228;tten ebenso ihren Platz wie solche Ans&#228;tze, die, ungleich weniger handlungsorientiert, auf die Bildung politischen Bewusstseins zielen. Im Anschluss an Fanons Analyse des Verh&#228;ltnisses von Kolonisatoren und Kolonisierten, die von Marx’ Fr&#252;hschriften und Freuds Psychoanalyse informiert ist, brechen Solanas und Getino die Zielsetzung des Dritten Kinos immer wieder auf die Ebene des Individuums herunter. Hier geht es um die Erlangung einer befreiten, unentfremdeten Pers&#246;nlichkeit, die zugleich an der kollektiven Subjektivit&#228;t des Volkes Anteil hat. Wer so denkt, wird geneigt sein, der „Dekolonisation der Kultur“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> einen ebenso hohen Stellenwert einzur&#228;umen wie etwa dem Streben nach politischer oder wirtschaftlicher Unabh&#228;ngigkeit.<br />
F&#252;r den Kampf gegen das wirtschaftsliberale, vom Milit&#228;r eingesetzte Regime in ihrem Heimatland Argentinien, das sich bis zu den Unruhen in Cordoba 1969 im Amt halten konnte, konstatieren die Autoren sogar eine Vorrangstellung des Kulturellen, insofern die Abh&#228;ngigkeit vom neokolonialen Hegemon USA in diesem Fall nicht prim&#228;r mit Hilfe polizeilicher und/oder milit&#228;rischer Gewalt aufrecht erhalten werde, sondern zur Konsolidierung des Status quo auf die tatkr&#228;ftige Unterst&#252;tzung der einheimischen Intelligenzija – in Schulen, Universit&#228;ten und Redaktionsr&#228;umen – baue. Dem Kino als derjenigen Kunstform, die im Weltma&#223;stab die gr&#246;&#223;ten Zuschauermassen auf sich zu konzentrieren vermochte, musste bei dieser strategischen Schwerpunktsetzung eine herausragende Rolle zufallen.</p>
<p><strong>&#196;sthetische Offenheit</strong><br />
Was die Grundlegung eines Formenkanons und also die textuelle Ebene der Filme selbst betrifft, h&#228;lt sich Solanas und Getinos Manifest auff&#228;llig bedeckt – solange die Filme nur das unklare Kriterium der „Militanz“ erf&#252;llen: „Filmische Pamphlete, didaktische Filme, Reportagen, Essayfilme, Filme, die Zeugnis ablegen – alle militanten Formen des Ausdrucks sind zul&#228;ssig, und es w&#228;re absurd, ihnen gemeinsame &#228;sthetische Arbeitsnormen zugrunde legen zu wollen.“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> An einer Stelle gehen die Autoren so weit, sogar bestimmte Auspr&#228;gungen des Experimentalfilms in ihre Definition aufzunehmen. Nur soviel lassen sie durchblicken: Wer sich in der Hoffnung, beim einfachen Volk auf gr&#246;&#223;eres Verst&#228;ndnis zu sto&#223;en, auf narrative oder formale Vereinfachung einl&#228;sst, gilt ihnen als Populist. Worauf es vielmehr ankomme, sei die Sache, in deren Dienst sich ein Film stellt. Wenn diese nur an die Erfahrung und Lebenswelt der ZuschauerInnen ankn&#252;pft, m&#252;sse sich niemand sorgen, unverstanden zu bleiben.<br />
Ein weiterer Ansto&#223; f&#252;r den Widerwillen der Autoren, sich in formal&#228;sthetischer Hinsicht festzulegen, sind die gro&#223;en Unterschiede zwischen den einzelnen L&#228;ndern und Regionen des Trikont: „Die Differenzen zwischen den Befreiungsk&#228;mpfen verunm&#246;glichen die Festschreibung universeller Normen.“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a><br />
In einem deutlichen Spannungsverh&#228;ltnis zu diesem Bekenntnis zu lokaler Spezifik steht Solanas und Getinos Hoffnung, das Dritte Kino m&#246;ge zur Internationalisierung der trikontinentalen Unabh&#228;ngigkeitsbewegungen beitragen: Als technisch reproduzierbares Medium, das ob seiner Visualit&#228;t, die Bildungsh&#252;rde der Schrift und sprachliche Barrieren im Allgemeinen zu &#252;berwinden vermag, sollte dem Film die Aufgabe zukommen, der von westlicher Seite vorangetriebenen „Balkanisierung“<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> ein f&#252;r allemal abzuhelfen.<br />
Das Problematische am Begriff des Dritten Kinos liegt in diesem Spannungsverh&#228;ltnis zwischen lokaler Spezifik und Internationalisierung. So vereint das Dritte Kino eine Vielzahl heterogener Praktiken unter seinem konzeptuellen Deckmantel. Solanas und Getino sind sich der Problematik durchaus bewusst. Ihre Antwort: Das „Dritte Kino“ ist ein Kampfbegriff, den es n&#246;tigenfalls der schlechten Wirklichkeit entgegenzustellen gilt: „Unsere Zeit ist eine Zeit [...] der prozessualen Werke – unfertige, unordentliche, gewaltt&#228;tige Werke, angefertigt mit der Kamera in der einen Hand und mit einem Stein in der anderen. Solche Werke lassen sich nicht am Ma&#223; der tradierten theoretischen und kritischen Kanons messen. Die Idee unserer Filmtheorie und unserer Filmkritik wird durch die enthemmende Praxis des Experiments zum Leben erweckt werden.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a></p>
<p><strong>Schauen, Sprechen, Handeln</strong><br />
Wurde die Bezeichnung des Dritten Kinos zun&#228;chst vornehmlich als Etikett f&#252;r den Aufbruch diverser lateinamerikanischer Nationalkinematografien gebraucht, hat sie sich in den 60 Jahren seit der Ver&#246;ffentlichung des Manifests <em>Hacia un tercer cine</em> zum ausfransenden Sammelbegriff r&#228;umlich und zeitlich weit auseinander liegender Film- und Kinokulturen gemausert. Dennoch l&#228;sst sich ihr gemeinsamer Nenner zumindest n&#228;herungsweise angeben: Gemeint sind politische Kinematografien aus Lateinamerika, Afrika und Asien w&#228;hrend der langen 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, wobei „politisch“ nicht mehr aber auch nicht weniger hei&#223;t, als dass die angesprochenen Filme und ihre AutorInnen bzw. AutorInnenkollektive in einem engen, irgendwo zwischen Dialog und Gleichmarsch angesiedelten Zusammenhang mit den sozialen Bewegungen in den L&#228;ndern der Dritten Welt standen. Soweit jedenfalls die hier vorgeschlagene Minimaldefinition, die unter TheoretikerInnen des Dritten Kinos jedoch keineswegs unwidersprochen bleibt.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a><br />
Nachdem das Dritte Kino versuchsweise definiert und die ihm anhaftenden Probleme zur Sprache gebracht worden sind, ist es nun an der Zeit f&#252;r einen Streifzug durchs Dickicht seiner mannigfaltigen Auspr&#228;gungen – ausgehend von jenen Filmen, die sich in der Zwischenzeit zu einer Art Kanon verdichtet haben, zu den R&#228;nder dieses Kanons und dar&#252;ber hinaus, in die Gegenwart des Weltkinos, das sich zwar in den seltensten F&#228;llen ausdr&#252;cklich auf das Dritte Kino beruft, aber dennoch &#252;ber vielf&#228;ltige Verbindungslinien mit ihm in Beziehung steht.<br />
Im Eingang steht ein Film, der den Forderungen von Solanas und Getino eigentlich auf ganzer Linie entsprechen sollte, haben sie doch selbst Regie gef&#252;hrt. Ihr episch angelegter Dokumentarfilm <em>La hora de los hornos</em><em> (Die Stunde der Hoch&#246;fen</em>, 1968) gilt als klassischer Ort eines agitatorischen Kinos, das sein Publikum direkt anspricht und zu politischer Aktion dr&#228;ngt. In Pesaro uraufgef&#252;hrt, in Argentinien dagegen bis zur Abdankung des vom Milit&#228;r eingesetzten Pr&#228;sidenten Alejandro Lanusse nur im Untergrund gezeigt, entwirft das in fast dreij&#228;hriger Arbeit entstandene Erstlingswerk der Gruppe <em>Cine liberación</em> eine politische Geschichte Argentiniens seit der Unabh&#228;ngigkeit. Der erste Teil skizziert eine Anatomie des Neokolonialismus und seiner gewaltsamen Ausdrucksformen im lateinamerikanischen Alltag, der zweite rekonstruiert anhand einer Montage aus vorgefundenem Material und eigens gedrehten Interviews mit VertreterInnen der Gewerkschaft, ArbeiterInnen und StudentInnen das Fortwirken kolonialer Strukturen bis zum Sturz Pérons 1955. Zuletzt findet der Film eine klare Antwort, wie der zunehmenden politischen Eskalation zu begegnen sei: Mit bewaffnetem Widerstand und Solidarit&#228;t unter den V&#246;lkern der Dritten Welt. &#220;berraschender als die Botschaft ist die Art ihrer &#220;bermittlung. Diese kann, ganz ohne &#220;bertreibung, als regelrechte Selbstaufhebung des Films beschrieben werden: Zwischen den einzelnen Segmenten werden als Diskussionsansto&#223; Passagen aus Fanon, Guevara, Amílcar Cabral u.a. eingeblendet. Jedes Kapitel endet mit einem Fragenkatalog, in der Pause zwischen zwei Kapiteln soll der Projektor heruntergefahren und das Saallicht eingeschaltet werden, um das Publikum aus dem Modus der Betrachtung in jenen der angeregten Debatte zu &#252;berf&#252;hren. Doch damit nicht genug. Bevor sich der Vorhang zum letzten Mal senkt, tritt eine unumwundene Aufforderung an die Stelle der zur Reflexion anhaltenden Zitattafeln: Schaut nicht l&#228;nger zu, verlasst sofort den Saal und werdet endlich zu Sprechenden, zu Handelnden!<br />
Es liegt nahe, <em>La hora de los hornos</em> als idealtypische Verwirklichung von Solanas und Getinos Projekt eines Dritten Kinos aufzufassen. Was diese intuitive Lesart aber &#252;bersieht, ist die ausdr&#252;ckliche Offenheit des Manifests: Der agitatorische Ansatz mochte den argentinischen Verh&#228;ltnissen angemessen sein, Anspr&#252;che auf universelle G&#252;ltigkeit hatten seine Macher jedoch nicht im Sinn. So findet sich im Einzugsgebiet des Dritten Kinos eine F&#252;lle von Filmen, die ihren politischen Anspruch nicht am Revers tragen; in denen sich das Politische nicht direkt, sondern &#252;ber Umwege vermittelt. Die Spannbreite des Dritten Kinos reicht von Agitprop zu zur&#252;ckhaltender Beobachtung und reflexiver Selbstkritik, von dokumentarischen Formen zu generischen Spielfilmen, von &#196;sthetiken der Kargheit und des Mangels zu &#252;berschw&#228;nglicher Experimentierfreude, vom Streben nach kultureller Eigenst&#228;ndigkeit zur ironischen Anverwandlung westlicher Einfl&#252;sse.<br />
Im Lateinamerika der langen 1960er Jahre finden sich jene Filme, die dem Ansatz von Solanas und Getino am n&#228;chsten stehen. Aus Platzgr&#252;nden, und weil das Dritte Kino aus Argentinien, Brasilien, Kuba u.a. wesentlich &#246;fter Gegenstand gelehrter Betrachtung und der Vermittlungsarbeit an europ&#228;ischen Kinematheken ist als jenes aus Afrika und Asien, sei an dieser Stelle nur ein weiterer lateinamerikanischer Regisseur erw&#228;hnt: Der Bolivianer Jorge Sanjinés, der gemeinsam mit dem von ihm begr&#252;ndeten Ukamau-Filmkollektiv an einem Kino „junto al pueblo“, mit dem Volk<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> arbeitete. Alle Arbeitsschritte – von der Abfassung des Drehbuchs bis zur Vorf&#252;hrung in Wanderkinos – erfolgten in enger Kooperation mit der indigenen Landbev&#246;lkerung im bolivianisch-peruanischen Grenzland, als deren Werkzeug Sanjinés sich und seine MitstreiterInnen sah. Das Resultat ihrer Bem&#252;hungen sind einige der am konsequentesten antiindividualistischen Filme seit Sergej Eisenstein, darunter <em>El enemigo principal (Der Hauptfeind)</em> von 1973. Darin setzt sich eine indigene Dorfgemeinschaft gegen ihren brutalen Grundherren zur Wehr, der sie in einem der Leibeigenschaft &#228;hnlichen Zustand h&#228;lt. Erst die Ankunft einer Gruppe von Guerilleros, die den LandarbeiterInnen erkl&#228;ren, was es mit dem antiimperialistischen Kampf auf sich hat, schafft die n&#246;tigen Organisationsstrukturen f&#252;r den bewaffneten Widerstand und die Verurteilung des Gro&#223;grundbesitzers durch ein Guerillatribunal am Ende des Films.<br />
Die Dorfgemeinschaft tritt fast immer als Kollektiv ins Bild und handelt auch als solches. Sobald sich Einzelne aus der Gruppe l&#246;sen, schw&#228;cht das die Sto&#223;kraft ihrer Aktion, etwa zu Beginn des Films, als sie ihren Ausbeuter der Justiz &#252;berantworten will. Der korrupte Dorfrichter, der mit dem Gro&#223;grundbesitzer unter einer Decke steckt, weist die Indios an, VertreterInnen aus ihrer Mitte zu ernennen, um in einem Gerichtsverfahren f&#252;r ihre Br&#252;der und Schwestern zu sprechen. Zun&#228;chst verweigert sich die Dorfgemeinschaft dieser Stellvertretungslogik. Die erste Begegnung mit dem Richter wird zur Veranschaulichung des prinzipiellen Unvernehmens zwischen b&#252;rgerlichem Individuum und quasi-proletarischem Kollektiv: W&#228;hrend die Menge auf akustischer Ebene in ein Durcheinander unverst&#228;ndlicher Stimmen zerf&#228;llt, verbinden sich die Stimmen im Bild der vereint gestikulierenden Indios zum organischen Ausdruck der Vielen.</p>
<p><strong>Filme aus Zigarettenstummeln</strong><br />
Auch im postkolonialen Afrika finden sich Filme und FilmemacherInnen, die mit der Utopie des Dritten Kinos in Verbindung stehen. Zum Beispiel der senegalesische Film Borom Sarret von 1962, der Ousmane Sembènes Ruf als Vater des afrikanischen Kinos begr&#252;ndete und seither oft als Ma&#223;stab herbeizitiert wird, an dem sich andere afrikanische Filme der 1960er und 70er Jahre zu messen h&#228;tten. Daf&#252;r gibt es gute Gr&#252;nde: <em>Borom Sarret</em> ist, da sind sich die ChronistInnen einig<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a>, in einem bestimmten Sinn der erste afrikanische Film aller Zeiten. Soll hei&#223;en: Der erste von einem schwarzen afrikanischen Regisseur auf afrikanischem Boden realisierte Film in der Geschichte des Mediums.<br />
Sembènes unangefochtener Status als Gr&#252;ndervater r&#252;hrt nicht nur daher, dass es sich bei <em>Borom Sarret</em> um eine Pionierleistung handelte, sondern hat auch und vor allem damit zu tun, dass sein erster Film eine Erz&#228;hlweise vorgab, die f&#252;r viele afrikanische FilmemacherInnen in seiner Nachfolge verbindlich werden sollte: Sozialer Realismus, gepaart mit dem dramaturgischen Muster des Stationendramas, worin es einen (meist m&#228;nnlichen) Protagonisten von einer episodischen Begegnung zur n&#228;chsten verschl&#228;gt. Die Personen, die er auf dieser Reise trifft, erscheinen zwar zun&#228;chst oft „wie aus dem Leben gegriffen“, geben sich in Momenten forcierter Zeichenhaftigkeit jedoch zugleich als allegorische Kippfiguren der postkolonialen Gesellschaft zu erkennen. Im Fall von <em>Borom Sarret</em> ist der Held ein etwas grantiger, aber im Grunde sympathischer Kutscher, der auf seinen Fuhren durch Dakar den unterschiedlichen Gesichtern der Stadt begegnet. Als er sich dem Verbot widersetzt, mit dem Karren die Grenze zum Verwaltungsdistrikt zu &#252;berqueren, wird er von einem Polizisten angehalten und sein Gef&#228;hrt konfisziert. Der Auftritt und das Gebaren des Polizisten ergeben sich l&#252;ckenlos aus der realistisch grundierten Handlungslogik. Bis zu dem Punkt, da er als Individuum in den Hintergrund tritt, w&#228;hrend sein extrem untersichtig gefilmter Stiefel zu einem &#252;berdeutlichen Symbol f&#252;r die Kontinuit&#228;t der Gewalt – von der kolonialen in die postkoloniale &#196;ra – anw&#228;chst.<br />
Sembène konnte bereits einigen Erfolg als Romancier verbuchen, bevor er sich dem Film als neuem Ausdrucksmedium zuwandte. Er selbst erkl&#228;rte diesen folgenreichen Schritt mit dem weit verbreiteten Analphabetismus seiner Landsleute: „Ich denke, dass das Kino kulturell bedeutsamer ist, und f&#252;r uns Afrikaner von absoluter Notwendigkeit. Denn es gibt <em>eine </em>Sache, die man den afrikanischen Massen nicht wegnehmen kann, und das ist, etwas gesehen zu haben.“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Dass Sehen f&#252;r Sembène eine andere Form von Evidenz schafft als Lesen, macht ein Ausspruch deutlich, den er dem Kutscher von <em>Borom Sarret</em> in den Mund legt. Dieser sagt, mit Blick auf die nationale Bourgeoisie des postkolonialen Senegal: „Ils savent lire, et ils savent mentir“, sie k&#246;nnen lesen und sie k&#246;nnen l&#252;gen.<br />
Was l&#228;ngst nicht bedeutet, dass Bilder nicht auch l&#252;gen k&#246;nnten. Im Gegenteil begegnete Sembène auch dem Kino stets mit gro&#223;er Skepsis. Hatte es sich nicht in der ersten H&#228;lfte des 20. Jahrhunderts zum Komplizen kolonialer Herrschaft gemacht und – was f&#252;r ihn noch schwerer wog – die m&#252;ndlichen Erz&#228;hlkulturen seiner Vorfahren &#252;berdeckt und so den Zugang zur eigenen Geschichte versperrt? So k&#228;mpfte Sembène Zeit seines Lebens gegen die Beherrschung des afrikanischen Filmverleihs durch US-amerikanische und europ&#228;ische Distributoren, die den Markt mit B-Filmen &#252;berschwemmten. Auch sein Pl&#228;doyer f&#252;r die <em>mégotage</em>, eine Produktionsweise, die aus Knappheit die Tugend kultureller Eigenst&#228;ndigkeit macht, ist vor diesem Hintergrund zu verstehen; <em>mégotage</em>, weil die meisten afrikanischen FilmemacherInnen darauf angewiesen waren, mit den &#252;brig gebliebenen <em>mégots</em>, den Zigarettenstummeln ausl&#228;ndischer Produktionen, zu arbeiten.<br />
Djibril Diop Mambétys<em> Badou Boy</em> von 1970 kn&#252;pft augenscheinlich an die von Sembène begr&#252;ndete Traditionslinie eines allegorisch zugespitzten und wom&#246;glich didaktischen, sozialen Realismus an. Aber er verpasst dieser Steilvorlage<br />
eine entscheidende Wendung ins Anarchische: Aus dem Kutscher wird ein kleiner Junge, aus der Kutsche ein Bus, aus dem zielvollen Ernst des Brotberufs der Spa&#223; einer wilden, ungerichteten Verfolgungsjagd. Wie in <em>Borom Sarret</em> tritt auch hier ein Polizist als Repr&#228;sentant der Obrigkeit auf, die dem Helden aus einfachen Verh&#228;ltnissen das Leben schwer macht; mit dem entscheidenden Unterschied, dass der gewitzte Badou Boy seinem Verfolger immer um eine Nasenl&#228;nge voraus ist.<br />
Auf der Folie der &#252;berlieferten Geschichte des fr&#252;hen afrikanischen Kinos, die sich an der Leitfigur Sembène orientiert, erscheint <em>Badou Boy</em> zwar als ein Ausrei&#223;er, jedoch als einer, der immerhin am Figurenrepertoire und am dramaturgischen Strickmuster des kanonischen Korpus teilhat. Eine ganze Reihe von Kleinoden des fr&#252;hen afrikanischen Kinos, die erst k&#252;rzlich wieder in Archiven aufgetaucht sind<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a>, versperren sich noch st&#228;rker gegen die herk&#246;mmlichen Zuordnungen und r&#252;cken auch <em>Badou Boy</em> in ein anderes Licht.<br />
Zum Beispiel Safi Fayes <em>Kaddu Beykatt</em> (<em>Lettre Paysanne</em>, 1975). Absto&#223;ungspunkt ist der viel kritisierte ethnografische Film europ&#228;ischer Machart, mit seinem sezierenden, Stereotypen festschreibenden „Insektenforscherblick“.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Aber die Regisseurin Safi Faye verwirft diese filmische Gattung nicht einfach, sondern versucht sich an einer behutsamen Umkehrung des ethnografischen Paradigmas, die darauf abhebt, die Dargestellten an ihrer Darstellung zu beteiligen.<br />
Safi Faye nahm Anfang der 1970er Jahre das Studium der Ethnologie an der Pariser Sorbonne auf, um 1975 mit einer Kamera und einem Team von drei Assistenten in ihr Heimatdorf Fad’jal im S&#252;den Senegals zur&#252;ckzukehren. Wie viele afrikanische Produktionen jener Zeit erhielt das Filmprojekt finanzielle Unterst&#252;tzung vom franz&#246;sischen Ministère de la Coopération, das aus dem fr&#252;heren Kolonialministerium hervorgegangen war.<br />
Schon die Dreharbeiten zu<em> Kaddu Beykat</em> waren von Fayes zentralem Anliegen bestimmt, den ethnografischen Zugriff auf den afrikanischen Kontinent einer Revision zu unterziehen. So stand am Anfang zwar das Rudiment einer Geschichte – der junge Landarbeiter Ngor kann wegen der schlechten Ernte den Brautpreis f&#252;r seine Angebetete Columba nicht entrichten und versucht sein Gl&#252;ck in Dakar –, oft gab Faye aber wenig mehr als ein vages Thema vor und &#252;berlie&#223; den Ablauf der Szene den DarstellerInnen. In der resultierenden Zur&#252;ckhaltung vertr&#228;gt sich <em>Kaddu Beykatt</em> so gar nicht mit jener Vorstellung des fr&#252;hen afrikanischen Kinos, das in Ousmane Sembène ihren zentralen Bezugspunkt findet. Der Sch&#228;rfe der Kritik tut diese Zur&#252;ckhaltung indes keinen Abbruch: Als Ursache f&#252;r die l&#228;ndliche Notlage identifiziert der Film die Fortsetzung kolonialer Politik nach Erlangung der Unabh&#228;ngigkeit unter Pr&#228;sident Léopold Sédar Senghor; eine Politik, die den Bauern anstelle nachhaltiger Selbstversorgung den monokulturellen Anbau von Cash Crops nahe legte.</p>
<p><strong>Afrikanische Cowboys</strong><br />
Der Filmhistoriker Manthia Diawara hat einmal gesch&#228;tzt, dass 80 Prozent der afrikanischen Filmproduktion aus den ehemaligen franz&#246;sischen Kolonien stammten.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Das ist heute, im Zeitalter einer boomenden nigerianischen Videofilmindustrie mit Ausl&#228;ufern in anderen westafrikanischen Staaten sicher nicht mehr zutreffend. F&#252;r die 1960er und 70er Jahre aber m&#252;sste man die zahlenm&#228;&#223;ige &#220;berlegenheit des frankophonen Filmschaffens wahrscheinlich noch h&#246;her ansetzen. Das hat mehrere Gr&#252;nde, der wichtigste Faktor war aber wahrscheinlich das weit bis in die postkoloniale &#196;ra hinein reichende Bestreben des offiziellen Frankreich, seine Kolonien nicht nur &#246;konomisch, sondern auch kulturell an sich zu binden. Das nahm seinen Ausgang auf der Schulbank – in den Schulb&#252;chern war die Rede von „Nos ancêtres les gauloises“, von <em>unseren </em>gallischen Vorfahren – und setzte sich bis in die Kinos&#228;le fort. Noch zur Stummfilmzeit machten sich die franz&#246;sischen Kolonisatoren Gedanken, wie Filme f&#252;r ein afrikanisches Publikum auszusehen h&#228;tten, begr&#252;ndeten staatlich gelenkte Produktionsfirmen und f&#246;rderten den Distributionssektor.<br />
Auf diese Weise war es Frankreich nicht nur m&#246;glich, die Filmproduktion seiner afrikanischen Kolonien inhaltlich auf Linie zu bringen, sondern auch den Aufstieg von AfrikanerInnen in verantwortliche Positionen systematisch zu behindern. Auf der legalen Grundlage des 1934 verabschiedeten Décret Laval, wonach jedeR, der/die auf dem Territorium des damaligen Franz&#246;sisch-Westafrika ein kinematografisches Bild oder eine Tonaufnahme herstellen wollte, eine schriftliche Anfrage an den Generalgouverneur der jeweiligen Kolonie richten musste, war es ein Leichtes, diese Vorhaben durchzusetzen. Ein prominentes Opfer des Décret Laval war der Filmemacher Paulin Vieyra aus Benin. W&#228;re ihm 1955 nicht die Drehgenehmigung in Senegal verwehrt worden, dann g&#228;lte heute er und nicht Ousmane Sembène als Gr&#252;ndervater des afrikanischen Kinos. Stattdessen verlegte Vieyra seine Arbeit nach Paris und drehte einen Film &#252;ber die afrikanische Diaspora an der Seine. <em>Afrique-sur-Seine</em> ist ein Dokument &#252;ber das Afrika der Ausgewanderten und Ausgesto&#223;enen, das trotz widriger Produktionsbedingungen ein weitaus optimistischeres Bild zeichnet als &#252;ber zehn Jahre – und etliche Migrationswellen – sp&#228;ter Med Hondos verzweifelnder <em>Soleil Ô</em> (1969).<br />
Der in Mauretanien geborene Hondo gelangte &#252;ber den Umweg des Theaters zum Film. &#196;hnlich Sembène dachte er dem reproduzierbaren Medium das Potenzial zu, sein Publikum und mithin die gesellschaftliche Relevanz seines k&#252;nstlerischen Schaffens zu vervielf&#228;ltigen. Als afrikanischer Migrant im Paris der 1960er Jahre machte Hondo jene Erfahrungen, die in seinem ersten Langfilm <em>Soleil Ô</em> zu einem schmerzvollen, aber befreienden Ausdruck dr&#228;ngen: Der Rassismus im Kleinen wie im (strukturellen) Gro&#223;en, der den Alltag der afrikanischen Diaspora im Herzen der „Grande Nation“ bestimmte – bedingt und begleitet von &#246;konomischer und kultureller Marginalisierung –, wird am Fallbeispiel eines jungen Afrikaners veranschaulicht. Sein Leidensweg f&#252;hrt ihn durch ein Paris, wie es selten zu sehen ist. W&#228;hrend zeitgen&#246;ssische franz&#246;sische Kommentatoren den Film ob seiner &#252;bersch&#228;umenden Experimentierfreudigkeit in die N&#228;he des Avantgardefilms r&#252;ckten, verortet ihn Hondo selbst in der afrikanischen Tradition abschweifenden, mehrschichtigen Erz&#228;hlens. In der Bezugnahme auf eine als genuin afrikanisch verstandene Tradition spricht sich Hondos erkl&#228;rtes Ziel aus, mit seinen Filmen ein Gegenwicht zu dem, wie er es selbst nennt, „euroamerikanischen Kino“<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> zu schaffen. Nur wenn AfrikanerInnen aller L&#228;nder die Produktionsmittel zur Gestaltung filmischer Bilder selbst in die Hand bek&#228;men, war der Leser von Karl Marx, Frantz Fanon und Aimé Césaire &#252;berzeugt, kann die Befreiung auch vom ideellen Erbe des Kolonialismus gelingen.<br />
Mit der formalen Unabh&#228;ngigkeit der franz&#246;sischen Kolonien wurden der Décret Laval und die kolonialistische<br />
Kulturpolitik, f&#252;r die er einstand, zwar obsolet. Ihre Nachwirkungen waren trotzdem zu sp&#252;ren. Weil AfrikanerInnen der Zugang zu hoch qualifizierten T&#228;tigkeiten wie Kameraf&#252;hrung, Tonaufnahme oder Schnitt versperrt gewesen war, herrschte nun ein eklatanter Mangel an Fachkr&#228;ften.<br />
Einige wenige gab es aber doch, und dieser Umstand verdankt sich unter anderem der pers&#246;nlichen Initiative des franz&#246;sischen Ethnografen Jean Rouch. Der hatte – entgegen den Gepflogenheiten – mit der hierarchischen Zuordnung von Sehen und Angesehenwerden gebrochen und einige seiner DarstellerInnen im Gebrauch einer tragbaren 16mm-Kamera angewiesen. Egal, was man von Rouch als Regisseur ethnografischer Filme halten mag<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a>, kommt ihm allemal das Verdienst zu, etlichen Pionieren des afrikanischen Kinos den Weg geebnet zu haben.<br />
Unter seinen Sch&#252;lerInnen befand sich auch der nigerianische Filmemacher Moustapha Alassane, dessen Erstlingswerk <em>Le retour d’un aventurier</em> (1966) sich fast allen Ordnungsschemata widersetzt, die der kanonischen Geschichte des fr&#252;hen afrikanischen Kinos zu Gebote stehen. Der Film handelt, wie so viele westafrikanische Filme dieser Zeit, von einem, der auszieht, das Gl&#252;ck zu suchen; als Boy in den Metropolen Afrikas, als Stra&#223;enfeger in Paris oder als Soldat im Indochinakrieg. Meist kehren diese jungen M&#228;nner, selten auch Frauen, mit leeren H&#228;nden in ihre Heimatd&#246;rfer zur&#252;ck. Nicht so in <em>Le retour d’un aventurier</em>. Der R&#252;ckkehrer hat von seiner Reise in die Vereinigten Staaten einen Koffer voller Stetson-H&#252;te, kniehoher Lederstiefel und anderer Western-Versatzst&#252;cke mitgebracht und verteilt sie unter seinen Freunden, die sich mit gro&#223;er Spielfreude Namen wie Jimmy und John und den dazu geh&#246;rigen Habitus aneignen. Bald schon geraten die frisch gebackenen Cowboys mit ihren losen Sitten aber in Konflikt mit der gewachsenen Dorfgemeinschaft. W&#228;hrend die Grenzen zwischen Rollenspiel und Ernst verschwimmen, werden die Widerspr&#252;che zwischen nigerischer Tradition und westlichen Einfl&#252;ssen immer handgreiflicher, ihr Ausdruck immer gewaltt&#228;tiger. Die wirtschaftliche &#214;ffnung und Modernisierung nach Erlangung der Unabh&#228;ngigkeit bereitete dem Einzug des USamerikanischen Genrekinos den Boden, das gemeinsam mit indischen Produktionen &#252;ber Jahrzehnte die sporadischen Kinolandschaften Westafrikas dominieren sollte. Da liegt es nur nahe, dass Alassane den Konflikt zwischen nigerischer Tradition und westlicher Moderne auf der Folie des Western entwickelt. Obwohl die jugendlichen Cowboys nur Unheil anrichten, ist der Film weit davon entfernt, antimoderner Reflex zu sein. Allerorten macht sich eine tiefe Ambivalenz gegen&#252;ber der Modernisierung bemerkbar, und w&#228;hrend die Handlung gegen Ende einen moralisierenden Tonfall anstimmt, widerspricht ihr die Tonspur ganz entschieden, indem sie nigerische und US-amerikanische Musiktraditionen (Country) aufs Vers&#246;hnlichste harmonisiert.<br />
Vor dem Hintergrund der Filme von Faye, Hondo und Alassane ergeben sich ganz neue M&#246;glichkeiten der filmgeschichtlichen Kontextualisierung. Mambéty <em>Badou Boy</em>, der vorhin noch als eigenwillige Variation auf Sèmbenes <em>Borom Sarret</em> vorgestellt wurde, wird nun als Repr&#228;sentant einer versch&#252;tteten, noch zu entdeckenden Tradition des afrikanischen Kinos beschreibbar; einer Tradition, die das Streben nach kultureller Autonomie durch eine – wenngleich vorsichtige und oft reibungsvolle – Aneignung westlicher Einfl&#252;sse ersetzt.</p>
<p><strong>Internationalismus vs. Globalisierung</strong><br />
Mit dem explizit revolution&#228;ren und internationalistischen Gestus ihres Manifests rannten Solanas und Getino in Lateinamerika offene T&#252;ren ein. In den neuen Nationalstaaten auf dem Territorium des ehemaligen Franz&#246;sisch-Westafrika stie&#223;en manche ihrer Forderungen – nach der Freilegung eigener kultureller Formen oder nach der Etablierung eines subsistenten Distributionssektors – auf fruchtbaren Boden. Andere dagegen verhallten ungeh&#246;rt: Weitaus zaghafter als sein lateinamerikanisches Gegenst&#252;ck unternahm das fr&#252;he afrikanische Kino den Versuch, die Probleme der nachkolonialen &#196;ra in einen L&#228;ndergrenzen oder sogar Kontinente &#252;bergreifenden Bezugsrahmen zu setzen. Auch in Asien entpuppte sich die Utopie des Dritten Kinos als nur bedingt anschlussf&#228;hig. Zwei kontr&#228;re Positionen aus den Philippinen der 1970er Jahren sollen dies veranschaulichen.<br />
Nachdem Ferdinand Marcos seine urspr&#252;nglich demokratisch legitimierte Pr&#228;sidentschaft 1972 in eine Milit&#228;rdiktatur umgewandelt hatte, war an ein im engeren Sinne radikales Filmschaffen – f&#252;r das ohnehin keine Infrastruktur zur Verf&#252;gung gestanden h&#228;tte – nicht zu denken. Diejenigen Regisseure, die dennoch den Versuch unternahmen, politische Filme zu drehen, mussten sich auf dem Gebiet des popul&#228;ren Kinos und seiner von Solanas und Getino kritisierten, an Holly- und Bollywood orientierten melodramatischen Form bewegen. Lino Brocka, der vielleicht bedeutendste philippinische Regisseur, betrachtete es als die Aufgabe jedes K&#252;nstlers, Stellung zu aktuellen sozialen und politischen Auseinandersetzungen zu beziehen. So beteiligte er sich in den 1980er Jahren mit der von ihm gegr&#252;ndeten Organisation Concerned Artists of the Philippines (CAP) an den b&#252;rgerlichen Protesten gegen den Diktator Ferdinand Marcos. Brockas Filme sind gepr&#228;gt von der Spannung zwischen diesem intervenierenden Gestus einerseits und den Zw&#228;ngen des Genrekinos, in welchem er Zeit seiner Karriere arbeitete, andererseits.<br />
Kein anderer Film Brockas macht diese Spannung so produktiv wie <em>Insiang </em>(1976), ein Melodram, angesiedelt in den &#252;berbev&#246;lkerten Slums von Manila. Hier, wo das Zusammenleben auf Zwang beruht, erstickt jeder Versuch, die soziale Zerrissenheit zu &#252;berwinden, im Keim, verl&#228;uft jede noch so minimale Geste der Solidarit&#228;t ins Nichts. Der Passionsweg der jungen Insiang f&#252;hrt sie von einer Erniedrigung zur n&#228;chsten, die sich, nach Art des klassischen Melodrams, s&#228;mtlich auf ihrem ebenm&#228;&#223;ig sch&#246;nen Gesicht abzeichnen. Am Ende des Films steht eine emanzipatorische Abweichung von der generischen Gussform: Wenn die leidende Oberfl&#228;che ihres Gesichts sich verh&#228;rtet und mit der Welt abgeschlossen hat, wird sich ihr grausamer Zorn nach au&#223;en wenden und gegen ihre Peiniger richten.<br />
Noch weiter von der herk&#246;mmlichen Auffassung des Dritten Kinos entfernt sich Kidlat Tahimiks <em>Mababangong bangungot</em><em> (Der parf&#252;mierte Albtraum)</em>. Schon 1977 bearbeitet er eine geopolitische Konstellation, die sich in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch in ihrer Keimform befand, inzwischen aber aus politischen und auch sonstigen Gegenwartsdiagnosen nicht mehr wegzudenken ist: die Globalisierung. Der Regisseur Kidlat Tahimik hei&#223;t mit b&#252;rgerlichem Name Eric de Guia und arbeitete als Wirtschaftswissenschaftler in den Vereinigten Staaten und Frankreich,bevor er es sich anders &#252;berlegte und mit <em>Mababangong bangungot</em> gleichsam im Alleingang das unabh&#228;ngige philippinische Kino begr&#252;ndete. Tahimik spielt oder parodiert sich selbst, als Bewohner eines kleinen Dorfes, der mit Leib und Seele dem westlichen Fortschrittsglauben verfallen ist. Er ist der Vorsitzende des lokalen Wernher-von-Braun-Fanclubs, lauscht begeistert den Selbstbeweihr&#228;ucherungen der Vereinigten Staaten auf ihrem Auslandssender „Voice of America“ und ist besessen vom Br&#252;ckenbauen, das ihm als Metapher f&#252;r die zunehmende Verbundenheit seines Dorfes mit dem Rest des Globus gilt. Bis Kidlat sich eines Tages auf eine Bildungsreise durch Europa begibt, und dort zu seiner Ern&#252;chterung feststellen muss, dass der technologische Fortschritt wo er hinblickt menschliche Verlierer hervorgebracht hat.<br />
Tahimiks hybride Montage rauschhafter Bilder und T&#246;ne, die mit minimalem Budget auf 8mm gedreht wurde, bricht mit allem, wof&#252;r die philippinische Filmindustrie bis heute steht. Deren standardisierten Melodramen setzt Tahimik seinen eigenen Entwurf von Kino als einem gleichzeitig pers&#246;nlichen und hoch politischen Medium entgegen. Auf den ersten Blick steht der Film damit dem Kanon des Dritten Kinos wieder sehr nahe. Freilich scheint sich in Tahimiks &#196;sthetik, in der das Lokale ohne (vor allem nationalstaatliche) Vermittlungsinstanzen mit dem Globalen konfrontiert wird, ein grunds&#228;tzlich anderer Politikbegriff zu verbergen als in den &#252;brigen Filmen des Dritten Kinos, die selten ganz ohne Kategorien wie „Nation“ oder „Volk“ auskommen. <em>Mababangong bangungot</em> partizipiert dabei weniger an der postkolonialen Internationalisierungsrhetorik, als dass er seinen eigenen problematischen Adressierungsmodus reflektiert: Ein Film wie dieser kann nicht mehr in mobilisierender Absicht zu einer auch nur halbwegs koh&#228;rent gedachten &#214;ffentlichkeit sprechen. Stattdessen richtet er sich an jeden und niemand und im Zweifelsfall vor allem an westliche Filmfestivals.</p>
<p><strong>Das Erbe des Dritten Kinos?</strong><br />
Wer die hier vorgestellten Filme, von Solanas und Getinos <em>La hora de los hornos</em> bis zu Tahimiks <em>Mababangong </em>bangungot, ungeachtet ihrer gro&#223;en Unterschiede unter ein und demselben Banner versammelt, nimmt sich zwar die M&#246;glichkeit, den Begriff des Dritten Kinos zur pr&#228;zisen Bestimmung einer politischen &#196;sthetik zu gebrauchen, kann ihn daf&#252;r aber als reichen Fundus an Formen und Ideen zu einer politischen Bildpraxis im umfassenden Wortsinn auffassen. Nicht nur die Form der Bilder selbst steht dann auf dem Spiel, sondern auch wie sie gemacht, verteilt und gezeigt werden.<br />
Aus diesem Fundus sch&#246;pfen auch die heutigen Kinematografien aus den L&#228;ndern der ehemaligen Dritten Welt, auch wenn sie in den allerwenigsten F&#228;llen ausdr&#252;cklich beanspruchen, das Projekt des Dritten Kinos zu beerben oder weiterzuf&#252;hren.<br />
Auch wenn der ins Okkulte gewendete Antikapitalismus nigerianischer Videofilme nur noch wenig mit der aufgekl&#228;rten Gesellschaftskritik bei Ousmane Sembène und anderen VertreterInnen des fr&#252;hen afrikanischen Kinos zu tun hat, machte der Aufstieg „Nollywoods“ zumindest Sembènes Traum von einem wirtschaftlich autonomen Filmschaffen <em>von </em>AfrikanerInnen <em>f&#252;r </em>AfrikanerInnen wahr. Mit einer Einschr&#228;nkung jedoch: Die Kehrseite dieser &#246;konomischen Unabh&#228;ngigkeit ist nicht anderes als die Abh&#228;ngigkeit von der &#214;konomie: Der erste veritable Blockbuster aus diesem Produktionszusammenhang ist Chris Obi Rapus<em> Living in Bondage</em> (Nigeria, 1992). Nur wenige Wochen nach ihrer Ver&#246;ffentlichung „straight to video“ hatte sich die moralische Erz&#228;hlung um einen jungen Igbo, der seine Frau opfert, um an Wohlstand und einen Nissan Pathfinder zu gelangen, &#252;ber 500 000 mal verkauft. Von diesem Erfolg angespornt, investierten findige Gesch&#228;ftleute in &#228;hnlich geartete Filmprojekte und legten so den &#246;konomischen wie generischen Grundstein zur nigerianischen Videofilmindustrie, die seither zum zweitgr&#246;&#223;ten Arbeitgeber des Landes avancierte.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a><br />
Ein anderes Beispiel, das in mehrerlei Hinsicht auf das Dritte Kino bezogen werden kann, ist das von der Volksrepublik China sowie der Europ&#228;ischen Union bezuschusste und vom Dokumentarfilmregisseur Wu Wenguang koordinierte Mammutprojekt <em>Chinese Villagers Documentary Project</em>, das in den letzten Jahren auf kleinen Festivals und im Internet<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> Furore gemacht hat. Zehn DorfbewohnerInnen aus allen Teilen Chinas, &#252;ber deren Auswahl eine offene Ausschreibung entschied, wurden mit digitalen Videokameras ausgestattet. Bestand ihre Zielsetzung urspr&#252;nglich darin, die basisdemokratische Direktwahl der Dorfverwaltung zu dokumentieren, hat sich das Projekt inzwischen zu einem umfassenden Selbstportr&#228;t im Format der Langzeitbeobachtung ausgewachsen: Die nebenberuflichen FilmemacherInnen, die alle auch einem oft landwirtschaftlichen Brotberuf nachgehen, wollten einfach nicht mehr davon lassen, die Bedingungen ihres Lebens mit Hilfe der digitalen Aufzeichnung zu verdoppeln und so zu thematisieren.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a><br />
Wenn das Dritte Kino nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch eine Gegenwart und Zukunft haben sollte, so wird sich diese wahrscheinlich nicht mehr auf Celluloid, sondern im entgrenzten Reich des digitalen Laufbilds abspielen.</p>
<p><em>Mit Dank an Lukas Foerster</em></p>
<p><em>Nikolaus Perneczky</em> ist einer der KuratorInnen der Filmreihe <em>Revolutionen aus dem Off. Eine Retrospektive des Dritten Kinos im Aufbruch</em>, die vom 18. April bis zum 27. Mai 2009 im <em>Zeughauskino Berlin</em> gezeigt wurde.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Zur geopolitischen Periodisierung der 1960er Jahre vgl. Kastner, Jens und David Mayer: Zur Einf&#252;hrung; In: Kastner, Jens und David Mayer, Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive, Wien 2008, S. 11.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Sartre, Jean-Paul: Vorwort [1961]; In: Fanon, Frantz: Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt am Main 1981, S. 24.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Frankfurt am Main 1989 [1964] (= Ders.: Schriften, Bd. 7), S. 15.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Tats&#228;chlich wurde das Aufbegehren etwa der konservativen Nation of Islam oder der linksradikalen Black Panther Party for  Self-Defense immer wieder zu den Befreiungsk&#228;mpfen auf dem afrikanischen Kontinent in<br />
Beziehung gesetzt, und im Umkehrschluss die rassistische Unterdr&#252;ckung in den USA als quasi kolonialistische gebrandmarkt. Vgl. dazu Scharenberg, Albert: „Die  B&#252;rgerrechtsbewegung in den USA“; In: Kastner/Mayer, a.a.O., S. 159-171, und als Zeitzeugnis Pasolini, Pier Paolo: B&#252;rgerkrieg [1966]; In: Ders.: Ketzererfahrungen, M&#252;nchen/Wien 1979, S. 179-186.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> vgl. van der Linden, Marcel: 1968: Das R&#228;tsel der Gleichzeitigkeit; In: Kastner/Mayer, a.a.O., S. 30.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Der Fokustheorie zufolge ist es die Aufgabe einer bewaffneten Gruppe entschlossener Revolution&#228;rInnen, die Revolution in die Landbev&#246;lkerung „hineinzutragen“.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> vgl. Hecken, Thomas: 1968. Von Texten und Theorien aus einer Zeit euphorischer Kritik, Bielefeld 2008, S. 55f.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> vgl. Kalter, Christoph: ’Le monde va de l’avant. Et vous êtes en marge’. Dekolonisierung, Dezentrierung des Westens und Entdeckung der ‚Dritten Welt’ in der radikalen Linken in Frankreich in den 1960er Jahren; In: Archiv f&#252;r Sozialgeschichte, Bd. 48, Bonn, 2008, S. 99-132.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Hecken, a.a.O., S. 52.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> z.B. Kastner/Mayer, a.a.O.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Solanas, Fernando E. und Octavio Getino: Towards a Third Cinema [1969]; In: Nichols, Bill (Hg.): Movies and Methods. An Anthology, Berkeley/Los Angeles/London, 1976, S. 44-64.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Debord, Guy: Die Gesellschaft des Spektakels, Berlin, 1996 [1967].<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Als vertikal integriert wird jene Unternehmensstruktur bezeichnet, bei der ein Filmstudio die Sektoren der Produktion, Distribution und Vorf&#252;hrung unter seinem Dach vereint.<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Solanas/Getino, a.a.O., S. 53f.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Ibid., S. 57.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Ibid., S. 58.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Ibid.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Ibid., S. 50; Kursivsetzung im Original.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Ibid., S. 47.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Ibid., S. 55f.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Ibid., S. 56.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Ibid., S. 55.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Ibid., S. 57.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> vgl. Pines, Jim und Paul Willemen (Hg.): Questions of Third Cinema, London, 1989; darin finden sich Versuche zu einer Ausweitung des Begriffs ebenso wie solche, denen an der Grundlegung eines &#228;sthetischen Kanons gelegen ist; vgl. auch Guneratne, Anthony und Wimal Dissanayake (Hg.): Rethinking Third Cinema, New York, 2003.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> vgl. Sanjinés, Jorge und die Ukamau Gruppe (Hg.): Theory and Practice of a Cinema with the People, New York, 1989 [1979].<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> vgl. Gutberlet, Marie-Hélène: Auf Reisen. Afrikanisches Kino, Frankfurt am Main/Basel, 2004, S. 106; vgl. auch Ukadike, Nwachukwu Frank: Black African Cinema. Berkeley, 1994; sowie Murphy, David und Patrick<br />
Williams: Postcolonial African cinema. Ten directors, Manchester/New York, 2007, S. 50.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> vgl. http://revolutionenausdemoff.de/, unter dem Men&#252;punkt „Material“ findet sich jenes Interview mit Sembène, aus dem das Zitat entnommen ist.<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> vgl. Bisschoff, Lizelle und David Murphy: Africa’s Lost Classics. Introduction; In: Screen 48:4, Oxford, 2007.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Diese Metapher pr&#228;gte Ousmane Sembène als Vorwurf an den franz&#246;sichen Ethnografen Jean Roch, in deutscher &#220;bersetzung wiederabgerduckt als Rouch, Jean und Ousmane Sembène: „Du schaust uns an, als w&#228;ren wir Insekten.“ Eine historische Gegen&#252;berstellung zwischen Jean Rouch und<br />
Ousmane Sembène im Jahr 1965; In: Gutberlet, Marie-Hélène und Hans-Peter Metzler (Hg.): Afrikanisches Kino, Bad Honeff, 1997, S. 29-32.<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> vgl. Diawara, Manthia: African Cinema. Politics and Culture, Bloomington, 1992.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> vgl. Murphy/Williams, a.a.O., S.<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> vgl. Fu&#223;note 30<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> vgl. http://www.guardian.co.uk/film/2007/jul/31/observerfilmmagazine.observerfilmmagazine5.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Auf der Website des China Independent Documentary Archive (http://www.cidfa.com) sind s&#228;mtliche Filme des Village Documentary Project verf&#252;gbar.<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> vgl. Foerster, Lukas: Village Voice; In: Cargo, Nr. 3, Berlin, Herbst<br />
2009, S. 49-52.</p>
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		<title>Sie kamen in Frieden und lebten in Lagern</title>
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		<pubDate>Sun, 10 Jan 2010 13:30:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>

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		<description><![CDATA[District 9, Action, Drama, USA/NZL 2009, 112 Minuten, Regie: Neill Blomkamp, Buch: Neill Blomkamp, Terri Tatchell, Produzent: Peter Jackson]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>District 9, Action, Drama, USA/NZL 2009, 112 Minuten, Regie: Neill Blomkamp, Buch: Neill Blomkamp, Terri Tatchell, Produzent: Peter Jackson<br />
<span id="more-603"></span><br />
Neill Blomkamps Spielfilmdebut ist, wie seine Hauptfigur, eine ambivalente Chim&#228;re: zur einen H&#228;lfte gesellschaftskritisch engagiertes Filmexperiment, zur anderen eine recht vorhersehbare Actionstory.<br />
Wir schreiben das Jahr 1982, als &#252;ber der Skyline von Johannesburg pl&#246;tzlich ein riesiges Raumschiff auftaucht. Nach drei Monaten des Zuwartens entschlie&#223;en sich die Menschen in das Innere des Raumschiffs vorzudringen, wo sie eine Million insektoide Aliens in schlechter medizinischer Verfassung vorfinden. Die Extraterrestrischen werden daraufhin evakuiert und in einem interimistischen Notfalllager einquartiert, das von einer undurchsichtigen Firma namens „Multi-National United“ (MNU) betreut wird. Doch dieses Lager namens „District 9“ wird immer mehr zum Slum: Gewalt, Drogenmissbrauch, Prostitution, Waffenhandel, Bev&#246;lkerungsexplosion, vor allem aber fortschreitender Rassismus der lokalen (menschlichen) Bev&#246;lkerung gegen&#252;ber Aliens, die mittlerweile nur mehr als „prawns“ (Garnelen) tituliert werden, veranlassen die Regierung diese in ein neues Lager („District 10“), 240km nordwestlich von Johannesburg zu &#252;bersiedeln. Blomkamps Held „Wikus Van De Merwe“ spielt dabei eine entscheidende Rolle – er ist es, der die offiziell als „Eviction“ deklarierte Deportation der 1,8 Mio. Au&#223;erirdischen durchf&#252;hren soll.<br />
Was Blomkamps Film hier auszeichnet, ist sowohl die Form der Erz&#228;hlung, als auch die Verkn&#252;pfung der Themen von Rassismus und der Privatisierung staatlicher Aufgabenfelder.<br />
So erz&#228;hlt er die gesamte Geschichte fast durchg&#228;ngig im Stil einer fiktiven Dokumentation, die anhand von Interviews sowie „Originalfilmmaterial“ die Geschehnisse im Zuge der Deportation retrospektiv aufrollt. Diese Passagen sind es auch, die besonders gut funktionieren. Die Verdopplung der Distanz durch den Film im Film streicht so das spezifisch tiefgr&#252;ndige Grauen des Normalen heraus: w&#228;hrend in den ExpertInnen-Interviews, vor allem in ihrem Bem&#252;hen um Political Correctness, der sublimierte Rassismus &#246;ffentlicher Diskurse stets durchschimmert, agieren die Charaktere der offiziellen Beh&#246;rden im dokumentarischen Originalmaterial offen rassistisch. Dies wird zugleich immer kontrastiert von Copleys Darstellung von Witus, der als Schnauzbart und Pollunder tragender Familienmensch und Schreibtischt&#228;ter gerade jene Absurdit&#228;t – die sprichw&#246;rtliche Banalit&#228;t des B&#246;sen – verk&#246;rpert. Selbst bei seinen Kontrollg&#228;ngen durch District 9 w&#228;hrend der Deportationen, bei denen er seine Unbescholtenheit wie einen Schutzschild vor sich her tr&#228;gt, l&#228;sst er die Atmosph&#228;re eines entspannten Familienpicknicks entstehen, das zuf&#228;llig jemand auf Video festgehalten hatte.<br />
Das Szenario, das so langsam entfaltet wird, folgt dabei weitgehend der immerw&#228;hrenden Zombiefilmweisheit, nach der zumindest auf den zweiten Blick die Bestialit&#228;t der Menschen die der Bestien immer &#252;bertrifft. So kann das Verh&#228;ltnis zwischen den Menschen und den Aliens einerseits als eindeutige Parabel auf die Apartheid, andererseits jedoch auch auf die j&#252;ngsten Unruhen in den Townships zwischen S&#252;dafrikanerInnen und ImmigrantInnen verstanden werden. Dabei ist die Darstellung von Rassismus bei Weitem besser gegl&#252;ckt, als die theoretische oder inhaltliche Reflektion. Letztere bleibt eben weitgehend bei jener Banalit&#228;t des B&#246;sen stecken und somit bei deren blo&#223;er Darstellung.<br />
Dies ist jedoch doppelt unbefriedigend, da dieses Verst&#228;ndnis Rassismus einerseits zwangsl&#228;ufig als nat&#252;rlich, unbegreifbar und daher unver&#228;nderbar erscheinen und so gleichzeitig auch L&#252;cken in der Storyline entstehen l&#228;sst: So bleibt etwa unklar, wovon sich dieser Rassismus n&#228;hrt, wodurch er bef&#246;rdert wird und wie der soziale Kontext, in den er eingebettet ist, beschaffen ist. Vielleicht mutet man mit diesen Fragen dem Film jedoch auch zuviel zu, weshalb noch einmal auf die exzeptionelle Erz&#228;hlweise des Films und seine kontextsensible Reflektion &#252;ber die mediale Repr&#228;sentation von Rassismus hingewiesen sei, die in ihren starken Momenten den boshaften Charakter einer Mediensatire annimmt.<br />
An die Darstellung von Rassismus kn&#252;pft sich nun aber auch ein zweiter inhaltlicher Schwerpunkt, der erst mit dem Fortschreiten der Geschichte wirklich nachvollziehbar wird. Dabei entpuppt sich das District 9 kontrollierende Unternehmen MNU allm&#228;hlich als riesiger privater Sicherheitsdienstleister mit angegliederter Waffenproduktion. Letztere zielt darauf ab, die High-Tech-Waffen der Aliens, die nur von diesen verwendet werden k&#246;nnen, auch Menschen zug&#228;nglich zu machen, was enorme Profite f&#252;r MNU bedeuten w&#252;rde. Dass Profitmaximierung sich dabei nur sehr schlecht mit der Aufrechterhaltung oder Herstellung ethischer Standards vertr&#228;gt, kann dabei als Metanarrativ und eindringliche Warnung des Films betrachtet werden. Der herrschende Rassismus wird f&#252;r MNU zu einem strategischen Kalk&#252;l, das gewaltsame &#220;bergriffe genauso erlaubt wie Deportationen. Denkt man etwa an Firmen wie Blackwater und ihr unbehelligtes Vorgehen im Irak oder auch an die mittlerweile marktwirtschaftlich organisierte „Betreuung“ von Fl&#252;chtlingen in den Industriestaaten, muss man konzidieren, dass die Realit&#228;t das Science-Fiction-Szenario bereits eingeholt hat. MNU schreckt dabei auch nicht vor Experimenten an den Aliens zur&#252;ck – die Parallelen zu den „medizinischen“ Experimenten der Nazis an „Untermenschen“ sind hier besonders offensichtlich.<br />
Sobald Disctrict 9 in der zweiten H&#228;lfte des Films diese dokumentarische Erz&#228;hlweise jedoch f&#252;r eine mit dem Geschehen verschmolzene Kameraf&#252;hrung aufgibt, verliert das gesamte Szenario den Reiz des Besonderen und verkommt zusehends zu einem generischen Actionspektakel. Je mehr die Kamera ins Geschehen eintaucht und je mehr vermeintliche Tiefe die Figuren dadurch erhalten sollen, desto platter und vorhersehbarer gestaltet sich ihr Agieren: Wikus kommt w&#228;hrend der Deportation mit einem Mutagen in Ber&#252;hrung und verwandelt sich allm&#228;hlich in ein Alien, was es ihm auch erm&#246;glicht, ihre Waffen zu benutzen. Dies macht ihn wiederum zum Zielobjekt von MNU, die seine spezielle F&#228;higkeit nun besonders genau betrachten wollen – unter dem Mikroskop, scheibchenweise. Auf der Flucht vor MNU ger&#228;t er an das Alien „Christopher“, der dieses Mutagen hergestellt hat. Sein Ziel ist, dieses als Treibstoff zu nutzen, um eine Raumf&#228;hre zu betreiben, um das Mutterschiff erreichen und die Heimreise antreten zu k&#246;nnen. Die medizinische Ausr&#252;stung an Bord des Raumschiffs ist auch der Schl&#252;ssel zur Bek&#228;mpfung Wikus fortschreitender Mutation; das Mutagen allerdings befindet sich im MNU Hauptquartier – gemeinsam schie&#223;en und sprengen sich Wikus und Christopher den Weg hin und zur&#252;ck frei und entwickeln dabei eine tiefe Freundschaft.<br />
So l&#228;sst sich letztlich festhalten, dass das au&#223;ergew&#246;hnliche und reizvolle Szenario von District 9 aufgrund seiner theoretischen Plattheit zu enervierenden L&#252;cken in der Geschichte f&#252;hrt, &#252;ber die weder die rasanten Verfolgungsjagden und Feuergefechte, noch die kunstvoll animierten explodierenden K&#246;rper und Gliedma&#223;en hinwegt&#228;uschen k&#246;nnen. Dies ist in Anbetracht der verhei&#223;ungsvollen ersten H&#228;lfte umso betr&#252;blicher, als die Hoffnung auf einen g&#228;nzlich neuen Science-Fiction-Klassiker letztlich entt&#228;uscht und so ein spannendes Szenario schlussendlich vergeudet wird.</p>
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		<title>Sch&#246;ne freie Welt</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2009/06/13/schoene-freie-welt/</link>
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		<pubDate>Sat, 13 Jun 2009 11:14:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 8]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterverhältnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: It’s a Free World, Drama, GB, Italien, Deutschland, Spanien, Polen 2007, 92 Minuten, Regie: Ken Loach, Kamera: Nigel Willoughby]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: It’s a Free World, Drama, GB, Italien, Deutschland, Spanien, Polen 2007, 92 Minuten, Regie: Ken Loach, Kamera: Nigel Willoughby<br />
<span id="more-506"></span><br />
Die Phrase „It’s a free world“ verweist auf die prinzipielle Freiheit der Individuen, Vertr&#228;ge einzugehen. Zugleich stellt sie die lapidare Antwort des Neoliberalismus und seiner ProponentInnen auf die erlebten Drangsalierungen durch die M&#228;rkte dar. Ken Loach macht sich in seinem neuestem Film zur Aufgabe, zu zeigen, dass diese Phrase bodenlos zynisch ist, indem er minuti&#246;s nachstellt, wie wenig frei diese Welt der M&#228;rkte und das Individuum in ihnen tats&#228;chlich ist.<br />
Die Geschichte, die er zu diesem Zweck w&#228;hlt, ist recht einfach gehalten: Im Mittelpunkt steht Angie, die alleinerziehende Mutter, die von einem Job zum anderen wechselt und sich wieder einmal auf die Stra&#223;e gesetzt findet, nachdem sie sich gegen die sexuelle Bel&#228;stigung durch einen Auftraggeber ihrer Personalvermittlungsagentur gewehrt hatte. Dies ist jedoch nicht ihr einziges Problem, auch ihr elfj&#228;hriger Sohn, der bei seinen Gro&#223;eltern lebt, leidet daran, dass seine Mutter keine Zeit f&#252;r ihn findet, da sie die meiste Zeit damit zubringt, ihre Schulden abzuarbeiten. Doch mit etwas UnternehmerInnengeist und der Hilfe ihrer Mitbewohnerin Rose, einer ebenfalls in Shitjobs gefangen Akademikerin, findet sie die vermeintliche L&#246;sung ihrer Probleme: die beiden gr&#252;nden in dem Hinterhof eines Londoner Pubs eine illegale Arbeitsvermittlungsagentur f&#252;r Tagel&#246;hnerInnen.<br />
Anhand dieses inhaltlichen Ger&#252;sts zeigt Loach, dass eben nicht nur die Ausgebeuteten, sondern auch die Ausbeutenden die Zw&#228;nge des Systems unweigerlich zu sp&#252;ren bekommen. Mit den Tagel&#246;hnerInnen bringt er noch einen weiteren Aspekt in die Geschichte mit ein: die Rolle teils illegalisierter migrantischer Arbeit, die von weitgehend rechtlosen und unorganisierten ArbeiterInnen aus den ehemaligen Ostblockstaaten oder von Asylsuchenden verrichtet wird und einen wesentlichen Eckstein westlicher &#214;konomien bildet. Auch Angie wird sich im Verlauf dieses Films skrupellos an ihnen bereichern und ihre Machtposition missbrauchen: so deutet eine Sequenz an, dass sie von einem ihrer Arbeitnehmer sexuelle Gef&#228;lligkeiten einfordert. Da dies mit dessen impliziter Einwilligung geschieht, erf&#252;llt es zwar nicht den Tatbestand der sexuellen Bel&#228;stigung. Der Kontext in dem das alles stattfindet – das Machtverh&#228;ltnis zwischen ArbeitgeberInnen und -nehmerInnen, aber auch ihre eigenen Erfahrungen mit sexueller Gewalt – sorgt allerdings f&#252;r massives Unbehagen, weil er exemplarisch zeigt, dass die in Vertr&#228;gen skizzierten Grenzen zwischen &#246;ffentlich und privat letztlich zur Farce verkommen.<br />
Loachs Darstellungsweise verzichtet aber darauf, diese Geschehnisse in simpler schwarz-wei&#223; Manier abzuhandeln. Einerseits macht er deutlich, wie Angies eigene Situation sie dazu zwingt, aus dieser Rechtlosigkeit Profi t zu schlagen. Gleichzeitig ist sie aber auch selbst immer mehr gewillt, ihr Handeln als legitim zu begreifen – „We’re giving these people a chance. (…) If I was him, I’d wanna meet someone like me.“ [&#220;ber einen iranischen Familienvater, dem sie gef&#228;lschte Papiere und mit diesen unterbezahlte Arbeit beschaff t.] Die Frage nach Opfern und T&#228;terInnen in diesem System wird also nicht ausgespart, aber auch nicht als manich&#228;isch begriff en – daf&#252;r stehen etwa die Gespr&#228;che mit ihrem Vater, in denen Loach Angie ihre Lebenssituation offen legen l&#228;sst. Eine Episode ist dabei besonders hervorzuheben: Angies Vater erf&#228;hrt von ihren Gesch&#228;ftsmethoden und stellt sie, auf seiner Frage „Do you pay minimum wages?“ insistierend, zur Rede. Der besondere Reiz dieser Szene liegt vor allem in der unterschiedlichen Geschichte der beiden Charaktere begr&#252;ndet – der Vater, gewerkschaftlich organisiert und seit drei&#223;ig Jahren in ein und demselben Betrieb, die Tochter dagegen ihr Leben lang mit prek&#228;ren Arbeitsverh&#228;ltnissen konfrontiert.<br />
Die Meisterschaft von Loachs Film liegt in den Bildern, die er f&#252;r Sachverhalte findet, die in theoretischen Abhandlungen meist recht n&#252;chtern und technisch bleiben. Diese sind dabei so gew&#228;hlt, dass sie weder unkritisches Mitleid herstellen, weil selbst die Opfer des Systems nicht als ohnm&#228;chtig und machtlos gezeichnet werden; noch wollen sie in selbstgef&#228;lliger, patrimonialer Manier zeigen, wie unab&#228;nderlich schlecht diese Welt sei und dass es sich damit zu arrangieren gelte. Die einzelnen Einstellungen sind f&#252;r sich selbst zwar weitgehend n&#252;chtern, beinahe dokumentarisch, in Summe aber entfalten sie ein beklemmendes Drama, das &#252;ber diese hinausweist. Die Art der Erz&#228;hlung und der &#228;sthetischen Pr&#228;sentation steht dem italienischen Neorealismus nahe und bleibt weitgehend ohne L&#228;ngen – und ohne Happy-End: niemand gewinnt, weder die migrantischen ArbeitnehmerInnen noch Angie selbst, die ihr pers&#246;nliches Gl&#252;ck ihrer Selbstausbeutung zum Zwecke finanzieller Unabh&#228;ngigkeit unterordnet.</p>
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		<title>Die Revolution tr&#228;umen. Sowjetisches Kino 1924-1934</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2009/02/07/die-revolution-traeumen-sowjetisches-kino-1924-1934/</link>
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		<pubDate>Sat, 07 Feb 2009 11:09:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 7]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Revolution]]></category>

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		<description><![CDATA[Im vierten Teil unserer Serie <em>Zum politischen Erbe der Oktoberrevolution</em> geht <em>Owen Hatherley</em> mit uns ins Kino und zeigt uns den sowjetischen Avantgarde-Film zwischen Revolutionierung des Alltagslebens und Konterrevolution der B&#252;rokratie.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im vierten Teil unserer Serie <em>Zum politischen Erbe der Oktoberrevolution</em> geht <em>Owen Hatherley</em> mit uns ins Kino und zeigt uns den sowjetischen Avantgarde-Film zwischen Revolutionierung des Alltagslebens und Konterrevolution der B&#252;rokratie.<br />
<span id="more-286"></span><br />
Das Kino ist, so will es das Klischee, eine Traumfabrik. Das Publikum tritt ein, die Lichter gehen aus und der Traum beginnt. Obwohl sich Lenin in „Was tun?“ mehr Tr&#228;ume in unserer Bewegung w&#252;nschte,<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> stellten die ersten Jahre der Sowjetunion, auf den ersten Blick, einen Moment der Filmgeschichte dar, der vom tr&#228;umerischen nicht weiter entfernt h&#228;tte sein k&#246;nnen: Agitatorische FilmemacherInnen versuchten ihr Publikum durch schnelle, aggressive Schnitte, schockierende Gegen&#252;berstellungen, durch schonungslose Geschwindigkeit und Rhythmik aufzuwecken. Den ber&#252;hmtesten sowjetischen Filmen, etwa Sergej Eisensteins <em>Panzerkreuzer Potemkin</em> mit seiner kinetischen, katastrophischen Szene an der Hafentreppe von Odessa, oder Dziga Vertovs rasante, experimentelle Dokumentation <em>Der Mann mit der Kamera</em>, geht es im Grunde immer darum, das Publikum aus jedem Anflug von Abschweifung oder Schlummer wachzur&#252;tteln, hin zum Gedanken, zur Bewegung und zur Aktion. Diese Ideen wurden am besten durch die marxistischen DenkerInnen und K&#252;nstlerInnen der LEF-Gruppe vertreten, deren gleichnamige Zeitschrift f&#252;r den Anspruch stand, nicht nur k&#252;nstlerische Prozesse zu entmystifizieren, sondern auch politische.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Der Versuch, aus einem Publikum, das sich im Wesentlichen nicht allzu sehr von jenem im Westen unterschied – m&#252;de, &#252;berarbeitet, auf der Suche nach ein paar Stunden Eskapismus – aktive PartizipantInnen zu machen war wohl wenig Erfolg versprechend, solange dieses Publikum nicht selbst an politischen Aktionen teilnahm. Nichtsdestotrotz ist die weit verbreitete Darstellung des fr&#252;hen sowjetischen Films als paternalistische Manipulation passiver ZuseherInnen eine Karikatur. Die Filme m&#246;gen versucht haben, das Publikum aufzuwecken, aber sie waren zugleich selbst Produkte von Tr&#228;umen – und anf&#228;llig f&#252;r eben solche: Tr&#228;ume von der Revolution und einer neuen Gesellschaft, oder auch von einer amerikanisierten, industriellen Moderne. Ich will im Folgenden die Filme dieser Periode vorstellen und sie als politische Instrumente und historische Artefakte untersuchen. Die Analyse kann in keiner Weise abschlie&#223;end sein, sondern behandelt den Film als politische Traumarbeit, um diese Filme zu lesen – Werke, die vielleicht die faszinierendsten, umfassenden Versuche darstellen, eine revolution&#228;re, modernistische und politische populare Kunst zu schaffen.</p>
<h3>Zwei Tr&#228;ume – <em>Die Generallinie</em> und <em>Tr&#252;mmer des Kaiserreichs</em></h3>
<p>Zwei 1929 produzierte Filme fassen die Dialektik des Tr&#228;umens im sowjetischen Film exemplarisch ein. Erstens ein Film von „Friedrich Ermler“, ein Pseudonym, das Vladimir Markovich Breslav im Kino und in der Tscheka verwendete. Er war der vielleicht einzige wichtige Regisseur der Zeit, der aus proletarischen Verh&#228;ltnissen stammte.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> <em>Tr&#252;mmer des Kaiserreichs</em><a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> ist eine Art bolschewistischer <em>Rip van Winkle</em><a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a>-Geschichte &#252;ber das pl&#246;tzliche Erwachen in der neuen Gesellschaft. Die durch einen Schock im Russischen B&#252;rgerkrieg hervorgerufene Amnesie eines Bahnarbeiters verschwindet pl&#246;tzlich; der Protagonist sieht nun die Sowjetunion von 1928 mit den Augen eines &#220;berbleibsels aus dem Zarenreich. Mit seinem Kreuz und dem Bart eines alten Bauern wandelt er durch eine v&#246;llig fremde Welt. Der Film ist eine ungew&#246;hnliche und herausragende Fusion aus psychologischem Realismus und den extremsten filmischen Montage-Experimenten. Ermler war in den sp&#228;ten 1920ern ein enthusiastischer Leser Freuds, und seine Verwendung von Objekten als Ausl&#246;ser von Erinnerungen f&#252;hrt zu einigen spektakul&#228;ren Szenen, in denen schnell geschnittene „Intellektuelle Montage“<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> verwendet wird um das Auftauchen verborgener, schmerzhafter Erinnerungen darzustellen. So etwa wenn eine Zigarettenschachtel und der fliegende Funke einer Maschine das Ged&#228;chtnis des Arbeiters pl&#246;tzlich mit bitteren Bildern aus seiner Vergangenheit durchfluten.</p>
<p>Zeitgen&#246;ssische Architektur wird als Ma&#223; der ungeheuren Geschwindigkeit der Ver&#228;nderung genutzt. Als er bei seiner R&#252;ckkehr den Bahnhof von St. Petersburg – Leningrad – verl&#228;sst, sieht der vom Ged&#228;chtnisverlust Geplagte einen Arbeiterverein, ein paar neue Wohnh&#228;user, vor allem aber einen riesigen Komplex von T&#252;rmen und Br&#252;cken, und fragt schockiert: „Wo ist St. Petersburg? Wer hat hier das Sagen?“ Die Inszenierung der Architektur funktioniert hier &#228;hnlich wie der Gebrauch der Montage als Prozess und Indikator einer zerst&#246;rerischen, aber m&#246;glicherweise utopischen Beschleunigung. Die Ver&#228;nderung geschieht mit so hoher Geschwindigkeit, dass die Stadt innerhalb von zehn Jahren nicht wieder zu erkennen ist. Nun w&#228;re es f&#252;r Ermler am naheliegendsten gewesen, einen schulterklopfenden Propagandafilm zu produzieren, in dem die neue Welt den Protagonisten, dieses &#220;berbleibsel aus dem Kaiserreich, in eine unendlich bessere Gesellschaft assimiliert. Aus den propagandistischen Vorgaben ist hier jedoch ein weitaus dunklerer, ambivalenterer Film entstanden.</p>
<p>Dem Protagonisten wird erz&#228;hlt, es g&#228;be keine Chefs mehr und die Leute in St. Petersburg belustigen sich &#252;ber seine unterw&#252;rfigen Manieren, doch passt er sich nach und nach an. &#220;ber seinen nunmehr verarmten ehemaligen Chef bekommt er einen Job in einem Vorzeigebetrieb, er rasiert seinen Bart ab, und eine Serie kurzer, ekstatischer Montagesequenzen zeigt das schwindelerregende Tempo und das Ehrfurcht gebietende Ausma&#223; der Industrialisierung – aber irgend etwas stimmt nicht. Die Arbeiter in der auf Hochglanz polierten Fabrik trinken heimlich Wodka, und immer wieder kehren Bilder der Tyrannen des <em>ancien regime</em> in sein Ged&#228;chtnis zur&#252;ck, wenn er mit den neuen B&#252;rokraten spricht. Als er schlie&#223;lich seine Frau wieder findet, deren Andenken die ganze Assoziationskette und sein Erwachen zu Beginn ausgel&#246;st hatte, ist sie die Arbeitssklavin eines besonders unangenehmen Parteib&#252;rokraten. In diesem wie in anderen Filmen derselben Periode sind die Angriffe auf die neue Staatsmacht noch in akzeptable Formen verpackt, schlie&#223;lich stellten sich f&#252;r einige Zeit selbst die StalinistInnen als Feinde der B&#252;rokratie dar. Doch hier wird die Kritik in verst&#246;rende, qu&#228;lende Formen gegossen, wobei der Unterschied zwischen Traum und Realit&#228;t st&#228;ndig verschwimmt.</p>
<p>Der andere Traum ist in Sergej Eisensteins am seltensten gesehenen Werk zu finden, <em>Die Generallinie</em> (1929). Der Film ist eine Geschichte der Kollektivierung der Landwirtschaft, ein fr&#252;hes Essay, dessen Stil sp&#228;ter als „Junge trifft Traktor“ popul&#228;r werden sollte. Die Heldin, Marfa Lapkina – kein Filmstar, sondern eine arme B&#228;uerin, die sich selbst spielt – ist frustriert von der „R&#252;ckst&#228;ndigkeit“ ihres Dorfes, der ewigen Schinderei und dem Konservatismus des Landlebens. Sie schafft es schlie&#223;lich, die anderen DorfbewohnerInnen zu &#252;berreden eine Kooperative zur Milchproduktion zu gr&#252;nden, und tr&#228;umt von einer besseren Zukunft. Es folgt eine &#252;berw&#228;ltigend sch&#246;ne Ode an die Beherrschung der Natur, eine begeisterte Vision der Farm als Fabrik, wo in den wei&#223; get&#252;nchten Geb&#228;uden der Kooperative H&#252;hner in kleinen K&#246;rben sitzen, K&#252;he in Reihen nebeneinander stehen und Eier auf Flie&#223;b&#228;ndern transportiert werden. Diese Traumsequenz ist ebenso hell und affirmativ, wie <em>Tr&#252;mmer</em> <em>des Kaiserreichs</em> schmerzhaft und ambivalent ist. Sie dr&#252;ckt all die Versprechungen der fr&#252;hen sowjetischen Moderne aus, aus dem Land der Datschen und <em>muzhik</em>-Bauern eine technokratische, tayloristische Utopie aufzubauen. Tats&#228;chlich bedeutete das Erreichen der industriellen Moderne jedoch Nationalismus, die R&#252;ckkehr zu den Klassikern und – in Eisensteins n&#228;chstem, fast ein Jahrzehnt sp&#228;ter fertiggestellten Film, <em>Alexander Nevski</em>,– dass nicht mehr analphabetische Bauern und B&#228;uerinnen sich selbst, sondern professionelle Schauspieler mittelalterliche Helden spielten.</p>
<h3>„Oh, es war alles ein Traum…“ – Revolution am Mars</h3>
<p>Der erste bemerkenswerte Film aus der Sowjetunion, neben Dziga Vertovs „Kino-Prawda“-Wochenschauen, war ein Science-Fiction-Spektakel namens <em>Aelita</em>. Der Film erschien 1924, produziert von <em>Mezhrabpom-Russ</em>, der Filmabteilung von Willi M&#252;nzenbergs Komintern-Medienimperium. <em>Aelita </em>stellte eine schr&#228;ge Kombination des „alten“ b&#252;rgerlichen Kinos mit den von den jungen KonstruktivistInnen entwickelten neuen Techniken dar. Im Wesentlichen war er Produkt zweier anti-bolschewistischer Exilanten: Alexei Tolstoi, auf dessen Roman der Film basierte, und Jakov Protazanov, ein profilierter Macher „dekadenter“ Filme in den letzten Jahren des Zarenreichs. In Kurzfassung: Ein junger Ingenieur und ein ehemaliger Soldat der Roten Armee erhalten eine Nachricht vom Mars und befreien die MarsbewohnerInnen von einem unterdr&#252;ckerischen Regime. Daraufhin rei&#223;t die K&#246;nigin des Mars, die zu Beginn die Erdlinge gerufen hatte, die Macht an sich und wird zu einer marsianischen Bonaparte-Figur. Am Ende wacht der Ingenieur auf – es war nat&#252;rlich nur ein Traum.</p>
<p>In <em>Aelita </em>haust der marsianische Despotismus, der von den Erdlingen schlie&#223;lich gest&#252;rzt wird, in einer der ersten konstruktivistisch gebauten Landschaften. Das B&#252;hnenbild von Isaak Rabinowitsch, eine skurrile futuristische, hieratische Welt, bestehend aus scharfen, gl&#228;sernen Vielecken, ist selbst 85 Jahre sp&#228;ter noch beeindruckend. Alexandra Exners Kost&#252;me verliehen dem Geschehen eine anorganische Sexualit&#228;t und den K&#246;rpern selbst eine befremdliche Kantigkeit, die nicht ohne sexuelle Schauder blieb. Tats&#228;chlich zeigt die Vorwegnahme der <em>Schlock</em>-&#196;sthetik in der Darstellung von Robotern und Marsmenschen in <em>Aelita</em>, dass B-Movies und Cyberpunk ihre Wurzeln – anders, als es uns die Kalte- Kriegs-Interpretation des Konstruktivismus weismachen will – in der &#196;sthetik der UdSSR haben. Das gro&#223;e Budget und die Mitarbeit von fr&#252;heren „Wei&#223;en“ russischen Exilanten f&#252;hrten dazu, dass <em>Aelita </em>vom harten marxistischen Fl&#252;gel der Avantgarde verachtet wurde (besonders die LEF-Gruppe hielt den Film f&#252;r ideologisch verd&#228;chtig). Eine direkte Antwort war der 1924 produzierte Kurzfilm <em>Interplanetare Revolution</em>, in dem das Cut Out-Animationsteam um Khodataev, Komisarenko und Margolenko Regie f&#252;hrte.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> Darin wird ein Kampf zwischen Kapitalisten und Kommunisten im Weltall vorhergesagt, jedoch mit phantasierendem, surrealistischem Humor und quasi-dadaistischen Karikaturen, anstelle von <em>Aelitas </em>Langatmigkeit, den Mehrdeutigkeiten und Zweifeln ob des m&#246;glichen Verrats an der Revolution.</p>
<h3>Amerikanische Tr&#228;ume – Exzentrismus und Sozialistische Kom&#246;die</h3>
<p>Praktisch alle sowjetischen Regisseure waren tief von den krassesten Beispielen des amerikanischen Kinos beeinflusst. Als Antwort auf die Versuche, Filme durch eine st&#228;rker literarische Gestaltung zug&#228;nglicher zu machen, favorisierten sie die Montagetechniken von D. W. Griffith und die Slapstick-Kom&#246;dien von Buster Keaton, Charlie Chaplin, Mack Sennett oder Harold Lloyd. Diese „exzentristische“ Bewegung wurde von Grigorij Kozincev, Leonid Trauberg und Sergej Jutkevic und deren „Fabrik des exzentrischen Schauspielers“ (FEKS) begr&#252;ndet. Das von ihnen aus einem fahrenden Auto auf die Stra&#223;en von St. Petersburg geworfene „Manifest des exzentrischen Schauspielers“ von 1921 ist ein spielerisches Gegenst&#252;ck zum futuristischen <em>Sturm und Drang</em><a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a>: selbstreferenziell und witzig, und in all seiner Gewaltt&#228;tigkeit fast niedlich.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a></p>
<p>Das Exzentrische Manifest stellt ein wichtiges Korrektiv zur tragischerweise immer noch weit verbreiteten Charakterisierung der Avantgarde der 1920er als abgehoben und von der Popularkultur distanziert dar – ein Mythos, der in einer Parodie des Leninismus die k&#252;nstlerische „Vorhut“ als eine Art puritanische Zwangsbegl&#252;ckung sieht, die ihr Publikum zu „erziehen“ sucht. Tats&#228;chlich war der Exzentrismus ein erstes Aufflackern des Kampfes der Avantgarde gegen die „Hohe Kunst“ und f&#252;r alles, was deren VertreterInnen entsetzt. Wer zwischen den Zeilen ihrer Verk&#252;ndigungen liest, findet in ihren dumm-schlauen Preisungen des Slapstick, der Vergn&#252;gungsparks, Hollywoods und des Amerikanismus, in der &#220;berzeugung dass der Kommunismus sich die Massenproduktion und Massenkultur der USA zu eigen machen muss, jene Umdeutungen, die sp&#228;ter den Punk ausmachen sollten. Sie verk&#252;ndeten: „GESTERN – die Kultur Europas. Heute – die Technologie Amerikas. Industrie, Produktion unter<em> stars and stripes</em>. Oh, Amerikanisierung! Oh, Totengr&#228;ber!“</p>
<p>Der Exzentrismus machte zuerst Schluss mit der Konzentration des Theaters auf die Subjektivit&#228;t und auf die Darstellung der inneren Zerrissenheit der Figur und setzte an deren Stelle die Geste, die Kom&#246;die der Bewegung und der Maschinen. Das physische und politische Vorbild daf&#252;r war der Slapstick. Chaplin selbst sollte sp&#228;ter das Kompliment durch die Tribute an den Konstruktivismus in<em> Modern Times</em> zur&#252;ckgeben. Das &#228;lteste &#252;berlieferte Beispiel f&#252;r den Ausflug des Exzentrismus in das Filmgesch&#228;ft ist <em>Das Teufelsrad</em> von 1926, eine phantasmagorische Animations-Kom&#246;die &#252;ber das Lumpenproletariat von Leningrad, einen Vergn&#252;gungspark und die lasterhaften Ausschweifungen eines Rotarmisten (viele Filme der fr&#252;hen sowjetischen Avantgarde kreisen um diese Figur, die vom Ausbleiben der Ausbreitung der Revolution frustriert ist – <em>Aelita </em>l&#246;st dieses Problem, indem sein Protagonist eine Revolution auf dem Mars beginnt). Von Beginn an schafft der Film eine Spannung zwischen seinen auf sozialen Ausgleich gerichteten Zielen und der offensichtlichen Lust an der karikierenden Darstellung der kriminellen Unterwelt. Die erste Szene zeigt ein von Schutt umgebenes Wohnhaus in Leningrad mit zerschlagenen Fenstern, das sich pl&#246;tzlich mit tanzenden, k&#228;mpfenden und k&#252;ssenden Menschen f&#252;llt. Der Film pr&#228;sentiert das Allt&#228;gliche durch den Verfremdungseffekt abrupter Schnitte und billiger, aber effektiver Tricks. Nichts ist ihnen zu grob, viele der Tricks beruhen auf Offensichtlichem, wie etwa im Hintergrund gez&#252;ndeten Feuerwerken oder Spiegelkabinetten, durch die die Figuren gehen.</p>
<p>In einigen Momenten in <em>Das Teufelsrad</em> wird die im Exzentrismus vorhandene Spannung zwischen Bolschewismus und der Fixierung auf das gesellschaftlich Anr&#252;chige deutlich. In einer Szene ziehen die Ganoven, angef&#252;hrt von einem Zirkusmagier namens „Herr Frage“, los, um einen Arbeiterverein anzugreifen. Kurz ist nicht ganz klar, welche Seite Kozincev und Trauberg in diesem Kampf als Sieger sehen wollen. Es wird angedeutet, dass die Welt dieser Charaktere, die immer auf der Suche nach Thrill und Erlebnis als Selbstzweck sind, die wahre und richtige Art der Erfahrung der technologisierten Alltagswelt ist. Das Manifest selbst begr&#252;&#223;t den „Kult des Vergn&#252;gungsparks, des Riesenrads und der Achterbahn, welcher der j&#252;ngeren Generation die GRUNDGESCHWINDIGKEIT der Epoche lehrt.“ Die Hochschaubahn als Erzieherin.</p>
<p>Diese Mehrdeutigkeit setzt sich fort in <em>Das neue Babylon</em> (1929), einer Zelebrierung der Pariser Kommune, in der die Ereignisse nicht durch den maskulinistischen, muskelbepackten Archetyp des Sozialistischen Realismus gezeigt werden, sondern durch die Augen einer Verk&#228;uferin. Der Film entwirft ein verwegenes, Baudelairsches Paris der Ausbeutung und des Konsums, nur um es danach in das Feuer der Revolution zu tauchen. FEKS verweigerte sich konsequent dem Bild des heroischen Arbeiters, das die 1930er und die Filme des Sozialistischen Realismus bev&#246;lkern sollte. Ihr Marxismus war weitaus subtiler – die Adaption von Nikolai Gogols Erz&#228;hlung<em> Der Mantel</em> ist praktisch ein filmisches Essay &#252;ber das Warenfetischismus-Kapitel in Marx’ Kapital. Hier wird das allt&#228;gliche Objekt des Mantels mit solch absonderlichen Eigenschaften ausgestattet, dass es mehr Bewegung und Leben enth&#228;lt, als sein Besitzer selbst. Trotzdem wandten sich Kozincev und Trauberg in den 1930ern, nach der Aufl&#246;sung der FEKS, Filmen &#252;ber vergangene revolution&#228;re Heldentaten zu, etwa in ihrer enorm popul&#228;ren und populistischen <em>Maxim</em>-Trilogie. Doch die von ihnen zuvor angedeutete Dialektik der Affinit&#228;ten zwischen Futurismus und Technokratie, Revolution und Rummelplatz – in der der Begriff des „Festivals der Unterdr&#252;ckten“ w&#246;rtlich genommen wurde – birgt immer noch viele M&#246;glichkeiten. Die Linke ist wie immer zu gefangen in den versteinerten Gesichtsz&#252;gen eines Buster Keaton – der Exzentriker steht derweil kichernd auf den Barrikaden.</p>
<p>Der andere wichtige „amerikanistische“ Film, Lev Kulešovs <em>Die seltsamen Abenteuer des Herrn West im Lande der Bolschewiken</em>, von 1924, war das Ergebnis mehrerer Jahre dauernder Experimente des „Kollektivs gescheiteter Schauspieler“ (die Mitglieder hatten alle ihre Aufnahmepr&#252;fungen nicht geschafft), eine abendf&#252;llende Farce &#252;ber den titelgebenden amerikanischen Besucher. Dieser bereist die UdSSR und erwartet, aufgrund der Berichterstattung in westlichen Medien, auf skrupellose, blutr&#252;nstige Bolschewiken zu sto&#223;en. Als Besch&#252;tzer hat Mr. West einen mit ihm verwandten Cowboy mitgebracht, doch dieser wird bald von einer charismatischen, exzentrischen Untergrund-Bande entf&#252;hrt, &#228;hnlich jener, die zwei Jahre sp&#228;ter in <em>Das Teufelsrad</em> auftreten sollte. Die meisten der zahlreichen Tricks und Stunts im Film orientieren sich an der von Kulešov vertretenen Technik der „Amerikanischen Montage“. Mr. Wests vornehmes <em>Ivy League</em>-Auftreten und seine runden Brillengl&#228;ser erinnern sofort an Harold Lloyd. Der &#252;berw&#228;ltigende Eindruck ist jener der schieren Geschwindigkeit, von den schnellen Schnitten bis zu den immer wiederkehrenden Verfolgungsjagden. Andere Mittel wiederum wurden anscheinend ohne amerikanisches Vorbild eingesetzt. Zumindest manche der Anleihen und grellen Details sollten einen erzieherischen oder wenigstens parodistischen Effekt erzielen, wenngleich sie haupts&#228;chlich auf Kosten des Deutschen Expressionismus und nicht der Amerikanischen Comedy gingen. So etwa in den Szenen, die Parodien von <em>Caligari </em>und <em>Mabuse</em> darstellen: „In diesen Szenen wollten wir den grundlegenden, zentralen Irrtum des psychologischen Spielfilms blo&#223;stellen und wir versuchten zu zeigen, dass uns die planm&#228;&#223;ige Organisation von Schauspiel und Montagetechnik die M&#246;glichkeit gibt, jeden Produktionsstil zu &#252;berwinden, besonders die amerikanischen und deutschen Beispiele.“<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> „Planm&#228;&#223;ige Organisation“ – so sind sogar die scheinbar improvisierten Szenen, in denen die verbliebene Unterweltbande herumhampelt und Mr. Wests Empfindlichkeiten verletzt, mit mechanischer Pr&#228;zision gestaltet. Das Kollektiv rund um Kulešov drangsaliert Mr. West mit gro&#223;er Hingabe, etwa durch eine dubiose „Gr&#228;fin“, die von Aleksandra Khokhlova besonders grell und h&#228;misch gespielt wird. Auch hier ist die Unterwelt beeindruckender als die echten Bolschewiken, die Mr. West am H&#246;hepunkt des Films retten und ihm solch Wunder wie eine Parade der Roten Armee und den Schuchow-Radioturm zeigen. Doch eines der verbl&#252;ffendsten Elemente in Kulešovs Werk liegt im Zusammenhalt des filmischen Kollektivs, sowohl in der Rolle von Mr. Wests Gegnern, als auch in ihrer eigenen Arbeit. Dies erinnert daran, dass die Regisseure der Avantgarde ein bestimmtes Element des popul&#228;ren Kinos praktisch ohne Ausnahme als f&#252;r ihre Zwecke unbrauchbar ablehnten, statt es sich durch Subversion oder Assimilation zu Eigen zu machen: das Starsystem. Die SchauspielerInnen sahen zumeist recht eigenartig aus, ihr Charisma entsprang jedenfalls nicht ihrem guten Aussehen. Im Falle Aleksandra Khokhlovas rief dies sogar die verstaatlichten Filmstudios auf den Plan, die sie de facto daran hinderten, weiter aufzutreten. Olga Bulgakova schrieb in einem Artikel &#252;ber sowjetische Schauspielerinnen, dass es gerade die „exzentrische Frau“ war, die gew&#246;hnlich sowohl von den Autorit&#228;ten als auch vom Publikum verachtet wurde: „weibliche ‚Anti-Stars’ der 1920er zeichneten sich in erster Linie durch ihre fehlende Attraktivit&#228;t aus (…) sie waren den Konzepten des ‚Stars’, der ‚Sch&#246;nheit’, der ‚K&#246;nigin der Leinwand’ spinnefeind (…). W&#228;hrend alle von Greta Garbos ‚g&#246;ttlicher Sch&#246;nheit’ schw&#228;rmten, beschrieb ein Kritiker die FEKS-Schauspielerin Elena Kuzmina als ‚Monster mit Schluckauf ’.“ Bulgakova zitiert Eisenstein zu dieser Form des Anti-Stars: „(Khokhlova) ist keine sowjetische Pickford. Amerika ist mit dem Bild der Kleinbourgeoisie und des ‚badenden M&#228;dchens’ bestens vertraut. Die reine Existenz von Khokhlova zerst&#246;rt dieses Bild. Ihre gefletschten Z&#228;hne zerrei&#223;en die Schablone der ‚Frau auf der Leinwand‘ – Khokhlova ist die erste exzentrische Frau auf der Leinwand.“<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> Sie merkt an, dass dies genau in jenem Jahr 1926 geschrieben wurde, als Kulešov er&#246;ffnet wurde, er d&#252;rfe nur noch Filme machen, in denen Khokhlova keine Hauptrolle spielt.</p>
<p>Die Kom&#246;dien von Kulešovs Mitarbeitern (von denen viele – Sergej Komarov, Boris Barnet, Vsevolod Pudovkin – nach <em>Mr. West</em> selbst Regisseure wurden) schufen zwischen 1925 und 1927 eine spezifisch sowjetische Satire. In Barnets <em>Das M&#228;dchen mit der Hutschachtel</em><a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> (1927) gibt es mehrere Sticheleien gegen die Neue &#214;konomische Politik (NEP), dem Kompromiss mit dem Kapitalismus in den 1920er Jahren – und dies in einem ausgesprochen amerikanistischen Film. Mehr noch als andere Filme wirkt dieser wie eine direkte sowjetische &#220;bertragung der leichteren amerikanischen Kom&#246;dien, etwa Buster Keatons <em>Our Hospitality</em><a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a>, nur dass sie etwas realistischer und formal experimentierfreudiger ausf&#228;llt. Das Elend jener Zeit wird anhand der T&#228;uschung und Ausbeutung der Heldin dargestellt, deren Chef Teile ihrer Wohnung in Beschlag nimmt und sie st&#228;ndig mit dem Rauswurf bedroht. Falsche Namen, gemietete Wohnr&#228;ume, Obdachlosigkeit, Zweckheirat, Schikanen am Arbeitsplatz sowie das offensichtliche &#220;berleben und die anhaltende Macht des B&#252;rgertums werden allesamt als Material f&#252;r die Kom&#246;die – wenn auch nicht unbedingt zur Agitation – genutzt. Obwohl es dem Film in gewissem Sinne gelingt, eine einwandfreie Kom&#246;die mit sowjetischen Mitteln zu schaffen, ist sein <em>deus ex machina</em>-Ende – ein Lotteriegewinn – von zweifelhaftem politischem Nutzen. Und die Hauptdarstellerin Anna Sten war anders als Barents fr&#252;here KollegInnen im Kollektiv der gescheiterten Schauspieler h&#252;bsch genug um in den 1930ern von Samuel Goldwyn unter die Fittiche genommen zu werden.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a></p>
<p>Die melancholischste Kom&#246;die der NEP-Zeit ist<em> Tretja Mestchanskaja</em> (1926) von Abraham Room, die au&#223;erhalb Russlands als <em>Bett und Sofa</em> erschien. Es ist die Geschichte eines jungen Paares, das auf einem engen Dachboden wohnt: ein Facharbeiter und eine Hausfrau. Sie schl&#228;ft unter Fotografien von Stars, die sie aus Magazinen ausgeschnitten hat, ihr Ehemann hat einen Stalin-Kalender an der Wand h&#228;ngen. Sie nehmen einen Untermieter auf, der ihr die Welt au&#223;erhalb der Wohnung zeigt und zu ihrem Liebhaber wird, w&#228;hrend der Ehemann gesch&#228;ftlich unterwegs ist. Sein Versprechen, sie als gleichberechtigt zu behandeln, h&#228;lt der Liebhaber aber schon bald nicht mehr ein. Der Film bildet nicht nur die emotionalen Konsequenzen ab, die aus der von den Bolschewiki teilweise durchgesetzten „neuen Moral“ resultieren, insbesondere wenn diese sich mit dem alten Sexismus verbindet. Er stellt zugleich auch einen Blick auf die Effekte von Ikonen und das Spektakel des Alltagslebens dar: Parteif&#252;hrer und Filmstars blicken auf das Elend und die Trauer herab und der einzige Ausweg aus der klaustrophobischen Enge ist die Flucht in Tr&#228;ume am Bett oder auf dem Sofa. Die offene Darstellung einer Dreiecksbeziehung war bemerkenswert fortschrittlich f&#252;r jene Zeit und der Film wurde dementsprechend von feigen Sowjet-Beamten und amerikanischen Zensoren abgelehnt. Doch es ist ein au&#223;ergew&#246;hnlicher Film &#252;ber frustrierte Menschen und fetischisierte Objekte, der daran erinnert, dass der Alltag ein ebenso wichtiges politisches Kampffeld ist, wie die Orte der Heldenverehrung, die so viele der Filme dieser Periode zum Thema haben.</p>
<h3>Der Traum und seine B&#252;rokratie</h3>
<p>Obwohl die Filme der 1920er und 1930er Jahre versuchten, propagandistische Aufgaben mit der Produktion des Denkens und Handelns zu verbinden – „Dem Arbeiter lehren, dialektisch zu denken“, wie es Eisenstein in seinen Notizen zum „Kapital“ formulierte<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> – sind sie so stark von der chaotischen politischen Situation jener Zeit beeinflusst, dass sie nie als unproblematische Artefakte behandelt werden k&#246;nnen – weder als eindeutige Beispiele f&#252;r die Revolution im Film, noch als stalinistische Apologien, wie es heute so oft der Fall ist. Dies kann am deutlichsten anhand der Filme des „great turn“ gezeigt werden, jener Orgie der Zerst&#246;rung und des Aufbaus w&#228;hrend des ersten F&#252;nfjahresplans (1928-1932), die die &#196;ra der Diktatur endg&#252;ltig besiegelte.</p>
<p><em>Die Generallinie</em> (1929) und Dziga Vertovs <em>Entuziasm</em><a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a>(1931) lassen Erde und Metall aufeinander schmettern und treiben so den technokratischen Impuls der Utopisten zur extremen Konsequenz. Der bekannteste Teil in <em>Die Generallinie</em> ist die Szene mit der Milchentrahmungsmaschine, in der die neue Technologie eine Art kommunaler sexueller Konsumtion erf&#228;hrt: wir sehen schockierte Bauern und B&#228;uerinnen, die mit Sahne bespritzt werden, gegengeschnitten mit dem ekstatischen Gesicht der Heldin, die den warmen Strahl ber&#252;hrt, der aus der Maschine schie&#223;t. Passenderweise folgt diese Szene auf ein Bild des religi&#246;sen Obskurantismus, in dem die DorfbewohnerInnen in einer Prozession marschieren und um ein Wunder bitten. Eisenstein zeigt Kommunismus und Technologie als gleichzeitige Zur&#252;ckweisung und Erf&#252;llung der Religion – hier finden die „Wunder“ statt: in der Kathedrale des Sozialismus. Nicht, dass Ideologie hier abwesend w&#228;re. Marfas Versuch, ihr Dorf zu organisieren, wird von „den Arbeitern“ unterst&#252;tzt, in diesem Fall eine Gruppe St&#228;dter, die ihrer Forderung nach einem Traktor Nachdruck verleiht. Dies ist der Mythos des F&#252;nfjahresplans in seiner Essenz, eine spontane Reaktion der Arbeiter auf die Bed&#252;rfnisse des Landes, die blo&#223; in einigen F&#228;llen von der B&#252;rokratie behindert wird.</p>
<p>Die B&#252;rokratie stellte zwar zu jenem Zeitpunkt (1928-1932) schon recht eindeutig eine herrschende Klasse dar (und die StalinistInnen erwiesen sich als unerwartet gute HegelianerInnen, indem sie der „universellen Klasse“ eine solch prominente Rolle zugestanden), doch daf&#252;r bekommen sie in den Filmen dieser Zeit einiges ab. Im FEKS-Film <em>Allein </em>(1930) verb&#252;nden sich B&#252;rokraten mit den Kulaken, um eine in eine Dorfschule versetzte junge Lehrerin zu ermorden, und kleiden dabei ihre Klassenkollaboration in revolution&#228;re Rhetorik. &#196;hnlich in <em>Die Generallinie</em>: Marfa und ihre proletarischen Helfer besuchen ein Regierungsb&#252;ro und treffen auf elegant gekleidete, Zigarren rauchende Faulpelze. Dann wird die Konsequenz des zun&#228;chst negativen Bescheids f&#252;r die Anschaffung eines Traktors gezeigt: harte, k&#246;rperliche Schinderei bei der Ernte. Zun&#228;chst sind die B&#252;rokraten &#252;berheblich und konservativ, doch sie werden vom Arbeiter zum Handeln gezwungen, dessen emp&#246;rter Ruf „F&#252;hrt die Generallinie durch!“ von Eisenstein mit Bildern von Explosionen unterlegt wird. Schockiert springen sie auf, spr&#252;hend vor Aktivit&#228;t: eine Kettenreaktion wird ausgel&#246;st, die schlie&#223;lich – oh ja – zu einem funkelnden, neuen Traktor f&#252;hrt. Die eigenartige Halbwahrheit darin war wohl einer der Gr&#252;nde, weshalb Stalin &#252;ber den Film so besorgt war. Er befahl mehrere &#196;nderungen im Schnitt und die &#196;nderung des Titels auf „Das Alte und das Neue“, um ihn von der Parteipolitik zu entkoppeln. Doch so eindeutig ist es nicht. Die B&#252;rokratie ist eine Klasse, die ihre eigene Existenz und ihre Methoden leugnet, und Eisenstein zeigt auf, wie die B&#252;rokratie ihre eigene Politik (die Kollektivierung der Landwirtschaft) behindert – eine Politik, die ihre Macht massiv ausweitete und zu riesigen Hungersn&#246;ten und Massakern f&#252;hrte.</p>
<p>Auch in Dziga Vertovs Meisterwerk von 1929, <em>Der Mann mit der Kamera</em>, wird die B&#252;rokratie &#228;hnlich verspottet, w&#228;hrend sie in seiner sp&#228;teren „Industriellen Sinfonie“ <em>Entuziasm</em>, einer Hymne auf den F&#252;nfjahresplan, welche die Industrialisierung eines Gebiets in der Ukraine zeigt, &#252;berhaupt nicht vorkommt. Der Film ist vor allem f&#252;r seine &#228;u&#223;erst innovative Tongestaltung zu nennen. Ein anderes sch&#246;nes Beispiel hierf&#252;r sind Dimitri Schostakowitschs Collagen f&#252;r <em>Allein</em>, in denen er Funkrauschen, &#246;ffentliche Ansprachen und ein Theremin mit seinen eigenen Kompositionen zu kurzen Sequenzen verarbeitete, die dialektische Kommentare zur Handlung bilden, statt sie nur zu begleiten. Manchmal h&#246;ren wir die Charaktere sprechen, und manchmal werden Zwischentitel eingeblendet, um dem Einbruch der Stimme einen Schockeffekt zu verleihen. Vertov f&#252;hrt diese Technik in verbl&#252;ffende Extreme, indem er eine Montage erschafft, in der das Klirren der Industrie – r&#252;ckgekoppelte Kratz- und Schlagger&#228;usche – zu einer kolossalen Komposition roher Macht arrangiert wird, in der die <em>musique concrete</em><a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> und die elektronische Musik um fast 15 Jahre vorweg genommen werden. In <em>Entuziasm </em>wird jede Bewegung als Kampf, als Errungenschaft gezeigt. Die Verquickung von Mensch und Maschine ist hier schmutzig, rau und &#252;beraus sexuell, voller penetrierender Kolben und &#252;berlaufender Fl&#252;ssigkeiten: hier pulsiert der neue, lebende Organismus. Und auch hier gibt es die Ablehnung und Erneuerung der Religiosit&#228;t. Der Film beginnt mit der Zerst&#246;rung von Kirchen und den jubelnden Massen, die die Orthodoxe Kirche verspotten. Und sp&#228;ter sehen wir eine Gruppe junger Arbeiterinnen mit wundersch&#246;nen, mechanisch gespannten K&#246;rpern, die gemeinsam Bekenntnisse singen, wie viel sie produzieren werden, wie eine Art industrielle Liturgie. Stachanowisten als die Auserw&#228;hlten. Wieder und wieder h&#246;ren wir von der Entschlossenheit, den F&#252;nfjahresplan in vier Jahren zu erf&#252;llen – den Slogan „2 + 2 = 5“. Die B&#252;rokratie ist die unsichtbare Kraft hinter allem, was wir in <em>Entuziasm </em>sehen, das abwesende Zentrum, das alle dirigiert und Edikte erl&#228;sst, die sich immer weiter von der Realit&#228;t entfernen.</p>
<p>Die Fortsetzung, <em>Drei Lieder &#252;ber Lenin</em> (1934), einer der letzten in der UdSSR gedrehten Avantgarde-Filme, hat zu Beginn eine Szene, in der wei&#223; get&#252;nchte, schachtelf&#246;rmige H&#228;user in Zentralasien zu sehen sind, einige Einstellungen sp&#228;ter gefolgt von &#228;hnlich wei&#223;en, eckigen H&#228;usern in den neuen Industriest&#228;dten: diese zeigen die Handschrift von Ernst May, dem Architekten und Stadtplaner der Neues Bauen-Gruppe, der eingeladen wurde, neue St&#228;dte wie Magnitogorsk zu entwerfen. Hier, und in den Bildern von Kopftuch tragenden Frauen mit Mikroskopen, die dazwischen geschnitten sind, zeigt sich eine Konzeption &#228;sthetischer Geschichte, die nicht blo&#223; von der Barbarei zur Zivilisation verl&#228;uft. Vielmehr werden die Entlehnungen der Avantgarde aus „primitiven“ Kulturen als Beweise verwendet, dass diese Kulturen bereits f&#252;r sich selbst fortgeschritten waren. Jedoch haben wir es hier mit jenem Moment zu tun, in dem die Avantgarde sich v&#246;llig dem Stalinismus verschrieben hat, und <em>Drei Lieder &#252;ber Lenin</em> nutzt konstruktivistische Montage und Faktographie f&#252;r die Glorifizierung des neuen Nationalstaates und seines gottgleichen Herrschers.</p>
<p>Deshalb l&#228;uft durch den ganzen Film eine Spannung zwischen dem, was wir sehen und dem, von dem wir wissen, wof&#252;r es steht. Obwohl in der aktuellen Version, einer von Vertovs Frau, der Cutterin Elizaveta Svilova, umgeschnittenen Fassung von 1969, die meisten Verweise auf Stalin getilgt sind, ist dies immer noch ein zutiefst stalinistisches Werk. Im ersten „Lied“ mit dem Titel „Mein Antlitz war in Dunkelheit gefangen…“, preisen Frauen aus Zentralasien die Partei, die sie vom Schleier befreit hat. Man macht es sich zu einfach, wenn man dies blo&#223; als Glorifizierung der Unterdr&#252;ckung der Minderheiten in der UdSSR verurteilt, oder es als Befreiung der Frauen r&#252;hmt, aber man kann sich der Art und Weise kaum entziehen, wie aktiv diese starken zentralasiatischen Wissenschafterinnen, Bauarbeiterinnen und Sportlerinnen dargestellt sind, wie sehr sie als jene pr&#228;sentiert werden, die alles unter ihrer Kontrolle haben. Der Akt der „Entschleierung“, in dem das Gesicht der Kamera pr&#228;sentiert wird, wiederholt sich in regelm&#228;&#223;igen Abst&#228;nden w&#228;hrend des Films: eine immer wieder gezeigte Einstellung zeigt verschiedene Frauen im <em>niqab</em>, die ihre Schleier abwerfen und in die Kamera l&#228;cheln. Hier zeigt sich eine wiederkehrende Geste, die Parallelen zu anderen Beispielen der Praxis einer modernisierenden (stalinisierenden?) Avantgarde aufweist.</p>
<p>Ein anderes Beispiel sind die Versuche des LEF-CuttersSergej Tretjakov, den Bauern und B&#228;uerinnen der neuen, kollektivierten Landwirtschaft die Faktographie n&#228;her zu bringen, &#252;blicherweise dargestellt als Ansatz zur Demokratisierung der neuen Technologie, die in die H&#228;nde der ProduzentInnen gelegt wird um zu verhindern, dass diese – in den Worten Moholy-Nagys – die „Analphabeten der Zukunft“ werden. Ein Foto aus dieser Zeit zeigt Tretjakov mit zwei Bauern. Tretjakov versucht merklich einen der beiden dazu zu bringen, in die Kamera zu schauen und dadurch die neue faktographische Form anzuerkennen. Doch eingedenk dessen, wof&#252;r diese neue Technologie damals eingesetzt wurde, etwa f&#252;r Rodschenkos dokumentarische &#196;sthetisierung der Zwangsarbeit beim Bau des Kanals am Wei&#223;en Meer, ist das Misstrauen gegen&#252;ber der Kamera nur zu verst&#228;ndlich. So besehen hat Vertovs Insistieren, der Mann m&#246;ge sich ohne zu blinzeln der Kamera stellen, einen weit weniger befreienden Aspekt.</p>
<p>Die Gefahr f&#252;r den Avantgarde-Film, zu einem reinen Denkmal f&#252;r den Stalinismus zu werden, konnte letztlich abgewendet werden – 1934 lag er bereits in seinen letzten Z&#252;gen. Stalins Rivale Kirov wurde kurz nach der Ver&#246;ffentlichung von<em> Drei Lieder &#252;ber Lenin</em> ermordet, worauf die psychotische, despotische Phase des Hochstalinismus folgte. Von diesem Moment an war der historische Eklektizismus das unvermeidliche Diktat in der Architektur, und ein neuer Heroismus, die R&#252;ckkehr zu Charakteren, Subjektivit&#228;t und gefilmtem Theater wurde der sowjetischen Filmindustrie aufgezwungen. Als in den fr&#252;hen 1930er Jahren der erste F&#252;nfjahresplan endete, war die Produktion von avantgardistischen Filmen praktisch verboten, und auch Eisensteins Techno-Pastoral und Vertovs „Film-Wahrheit“ (die dokumentarisches Material verwendete) waren der mittlerweile konsolidierten B&#252;rokratie verd&#228;chtig. Stattdessen gab es hochtrabende Versuche, ein „sowjetisches Hollywood an der Krim“ zu erschaffen, und die Bandbreite der Filme aus dieser Epoche reicht von revolution&#228;rer Hagiographie bis zu den bizarr choreographierten Spektakeln der stalinistischen Musicals. Diese Filme waren zwar von einer mitrei&#223;enden, bombastischen Bejubelung des technokratischen sowjetischen Sozialismus gepr&#228;gt, aber die Sowjets selbst – in ihrer Bedeutung als „ArbeiterInnenr&#228;te“, als radikale Demokratie, die die ersten Jahre der Revolution begleitet hatte – sind fast immer v&#246;llig abwesend. Daher erscheinen die Filme oft als schr&#228;ge Selbstportraits einer neuen herrschenden Klasse. Und dennoch durchstr&#246;mt sie das Ungest&#252;me einer echten Revolution.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Lenin: Werke, Bd. 5, S. 530<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> F&#252;r mehr Informationen &#252;ber die LEF-Gruppe und das Konzept der Faktographie empfehle ich die von Devin Fore herausgegebene Ausgabe der Zeitschrift October, Nr. 118 (Herbst 2006).<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm1">3</a> Die Details &#252;ber Ermlers Leben sind Youngblood, Denise: Movies for the Masses (Cambridge 1992) entnommen.<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Der Film, im Original „Oblomok Imperii“, wurde im deutschsprachigen Raum unter verschiedenen Titeln gezeigt, darunter „Der Mann, der sein Ged&#228;chtnis verlor“ und „Der Betriebsrat“. (Anm. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> „Rip Van Winkle“ ist eine 1819 erschienene Erz&#228;hlung des amerikanischen Schriftstellers Washington Irving und gilt als eine der ersten Kurzgeschichten der amerikanischen Literatur. (Anm. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> „Intellektuelle Montage“ nannte Sergej Eisenstein sein Konzept, filmische Erz&#228;hlung durch die symbolische Gegen&#252;berstellung von Widerspr&#252;chen zu ordnen, um dadurch neue Sinnzusammenh&#228;nge zu erschlie&#223;en (Anm. d. &#220;.).<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Der Film ist, mit englischen Untertiteln, auf Youtube zu sehen: http://www.youtube.com/watch?v=aSE14cMsDtY<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Im Original deutsch (Anm. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Das Manifest ist auf Englisch reproduziert unter http://tinyurl.com/7wm937<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Kuleshov, Lev: Mr West (1924); in: Christie, Ian/ Taylor, Richard (Hg.): The Film Factory (London 1994), S. 108<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Bulgakova, Olga: The Hydra of the Soviet Cinema; in: Attwood, Lynne (Hg.): Red Women on the Silver Screen (London 1993), S. 154-156. (Mary Pickford war in den 1910er und 1920er Jahren eine der ersten weiblichen Kinostars in den USA und spielte als Little Mary zumeist junge, h&#252;bsche M&#228;dchen; sie gilt als eine der zentralen Figuren in der Durchsetzung des Schauspielstar-Systems. Anm. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Auf Deutsch auch erschienen als „Moskau wie es weint und lacht“ (Anm. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Auf Deutsch erschienen als „Verflixte Gastfreundschaft“ (Anm. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Samuel Goldwyn war einer der einflussreichsten Produzenten Hollywoods und Mitbegr&#252;nder der Filmstudios United Artists und MGM (Anm.d. &#220;.).<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Zit. n. Tomic, Milica: Reading Capital, http://tinyurl.com/a6uq26<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Auf Deutsch auch erschienen als „Die Donba&#223;-Sinfonie“ (Anm. d.&#220;.)<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> „Musique concrete“ ist der Name f&#252;r eine in den 1940er Jahren entstandene Musikrichtung, bei der technisch fixierte Kl&#228;nge und Ger&#228;usche aus Technik und Natur das Ausgangsmaterial bilden und durch Montage und Schnitt verfremdet werden. (Anm. d. &#220;.)</p>
<p><em>Owen Hatherley</em> bloggt auf <a href="http://nastybrutalistandshort.blogspot.com">nastybrutalistandshort.blogspot.com</a> &#252;ber Architektur, auf <a href="kinofist.blogspot.com">kinofist.blogspot.com</a> &#252;ber Film und lebt in London.<br />
Sein Buch <em>Militant Modernism</em> erscheint voraussichtlich im Fr&#252;hling 2009 bei <em>zero books</em>.</p>
<p>&#220;bersetzung: Katherina Kinzel und Benjamin Opratko, mit herzlichem Dank an Nikolaus Perneczky.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Sex, Drugs and Klassenkampf</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/05/05/sex-drugs-and-klassenkampf/</link>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:53:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 5]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Nordamerika]]></category>
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		<description><![CDATA[<em>Philipp Probst</em> &#252;ber die Detroiter Proto-Punk-Band MC5 zwischen <em>Counter-Culture, Black Power, White Panther Party</em>, Acid und der <em>League of Revolutionary Black Workers</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philipp Probst</em> &#252;ber die Detroiter Proto-Punk-Band MC5 zwischen <em>Counter-Culture, Black Power, White Panther Party</em>, Acid und der <em>League of Revolutionary Black Workers</em>.<br />
<span id="more-107"></span></p>
<p><em>Brothers and Sisters<br />
I wanna see a sea of hands out there…<br />
I want everybody to kick up some noise<br />
I wanna hear some revolution out there, brothers and sisters<br />
I wanna hear a little revolution<br />
Brothers and Sisters, the time has come<br />
For each and everyone of you to decide<br />
Whether you are gonna be the problem,<br />
Or whether you are gonna be the solution<br />
You must choose, brothers, you must choose<br />
It takes 5 seconds, 5 seconds of decision.<br />
5 seconds to realize that it’s time to move!<br />
It’s time to get down with it<br />
Brothers, it’s time to testify and I want to know,<br />
Are you ready to testify?<br />
I give you a testimonial…the MC 5</em></p>
<p>Mit diesen Worten er&#246;ffnete Brother J. C. Crawford am 30. Oktober 1968 das erste von zwei Konzerten der Detroiter Rock ‚n’ Roll Band MC 5, die sp&#228;ter als ihr legend&#228;res Album „Kick out the jams“ ver&#246;ffentlicht werden sollten. Die Gitarren setzten ein, die Band startete ihre energiegeladene Show und riss das Publikum mit. „,Kick out the jams’ ist ein Ruf zu den Waffen, ein Drahtseilakt am Rand des Chaos, die Entfesselung der ganzen Kraft und des Stolzes und der gef&#252;hlvollen Ausgelassenheit im Herzen des Rock ‘n’ Roll“.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> Zwischen Marihuanaschwaden, verschwitzten K&#246;rpern und verzerrten Gitarren, so ein Konzertbesucher, „lag Hoffnung in der Luft, die Hoffnung auf eine Revolution“<br />
MC 5 waren f&#252;nf Jugendliche aus den proletarischen Vorst&#228;dten Detroits, die als Garagenband gestartet waren. Der Name MC5 sollte wie eine Seriennummer klingen und dar&#252;ber hinaus einen Bezug zu ihrer Heimstadt, der Motor City Detroit, herstellen. Die Band war gepr&#228;gt von und Teil der Gegenkulturbewegung der Detroiter Jugend und den Hippies, rund um ihren Manager, den Poeten und Aktivisten John Sinclair. Der „Hohepriester der Detroiter Hippies“ gr&#252;ndete die Organisation Trans Love, als deren Sprachrohr MC 5 zahlreiche Jugendliche der Gegend anzog. Ziel war eine kulturelle Revolution, „a total assault on culture“, eine totale Attacke auf die Kultur. Alte Traditionen, Moralvorstellungen, Kernfamilie und Autorit&#228;tsh&#246;rigkeit wurden angegriffen, der Wunsch nach Freiheit, pers&#246;nlicher Freiheit, freiem Sex, freien Drogen wurde hochgehalten – die meisten Texte der Band handeln mehr oder weniger offen von Sex und Drogen. Doch im Gegensatz zur Musik vieler Gegenkulturbewegungen war jene von MC 5 nicht lieblich und friedvoll. Ihre Musik war dreckig und wild und spiegelte die Wut der Detroiter Jugend &#252;ber die katastrophale Situation in Detroits Stra&#223;en und Vorst&#228;dten und die starke Polizeirepression wider. Der Journalist Richard Goldstein schrieb: „Man konnte sich nicht vorstellen, dass sie vor 20.000 Hippies (love people) spielen – nicht mit soviel Feuer in ihrer Musik“.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> MC 5 verbanden die Kraft von rock ‘n’ roll mit der Politik der Konfrontation. Die Wurzeln von MC 5 lagen neben den politischen Einfl&#252;ssen der Gegenkulturbewegung und sp&#228;ter der Militanz der st&#228;rker werdenden Black Power Bewegung, vor allem in der Stadt Detroit selbst: der gro&#223;en Tradition der schwarzen Jazz- und Bluesszene, den gewaltt&#228;tigen Arbeitsk&#228;mpfen, Rassenunterdr&#252;ckung und Aufst&#228;nden.</p>
<h3>Detroit: Motor City</h3>
<p>In den fr&#252;hen Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts waren rassistische Auseinandersetzungen und &#220;bergriffe an der Tagesordnung. Mit 200.000 Mitgliedern war Detroit ein Zentrum des Ku-Klux-Klan, dessen Kandidat 1924 sogar die B&#252;rgermeisterwahl gewann und nur auf Grund eines technischen Fehlers wieder disqualifiziert wurde. Gleichzeitig war Detroit Heimat der faschistischen „Black Legion“. Die starke Pr&#228;senz von „white power“-Gruppierungen f&#252;hrte immer wieder zu rassistischen &#220;bergriffen und sogenannten „race riots“. Zus&#228;tzlich brachen immer wieder Klassenkonflikte aus. Als 1932 tausende arbeitslose ehemalige Arbeiter von Ford friedlich demonstrierten und auf das Autowerk in Dearborn marschierten, holte Henry Ford seine Privatarmee aus Preisboxern, ehemaligen Verbrechern und Ringern, die in die Menge schoss und ein regelrechtes Massaker anrichtete. In den fr&#252;hen Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts waren rassistische Auseinandersetzungen und &#220;bergriffe an der Tagesordnung. Mit 200.000 Mitgliedern war Detroit ein Zentrum des Ku-Klux-Klan, dessen Kandidat 1924 sogar die B&#252;rgermeisterwahl gewann und nur auf Grund eines technischen Fehlers wieder disqualifiziert wurde. Gleichzeitig war Detroit Heimat der faschistischen „Black Legion“. Die starke Pr&#228;senz von „white power“-Gruppierungen f&#252;hrte immer wieder zu rassistischen &#220;bergriffen und sogenannten „race riots“. Zus&#228;tzlich brachen immer wieder Klassenkonflikte aus. Als 1932 tausende arbeitslose ehemalige Arbeiter von Ford friedlich demonstrierten und auf das Autowerk in Dearborn marschierten, holte Henry Ford seine Privatarmee aus Preisboxern, ehemaligen Verbrechern und Ringern, die in die Menge schoss und ein regelrechtes Massaker anrichtete.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a><br />
Die schwarzen Arbeiter hatten ein doppelt schweres Los, bei der die „normale“ Ausbeutung noch durch rassistische Diskriminierung verst&#228;rkt wurde. In Zeiten des Arbeitskr&#228;fte&#252;berangebots war es f&#252;r sie nahezu unm&#246;glich, einen Arbeitsplatz zu finden. W&#228;hrend des zweiten Weltkriegs wurden dann vermehrt schwarze Arbeiter als Hilfskr&#228;fte eingestellt und zum Teil gezielt gegen die wei&#223;e Belegschaft als Streikbrecher eingesetzt. Der sowohl in der st&#228;dtischen Poltik als auch in der Automobilindustrie institutionalisierte Rassismus sch&#252;rte den „Rassenkonflikt“ immer mehr. 1943 kam es zu den bis dahin gr&#246;&#223;ten „race riots“ der USA. Das fast ausschlie&#223;lich wei&#223;e Detroiter Police Department f&#252;hrte einen aufgehetzten wei&#223;en Mob durch die Stra&#223;en, t&#246;tete 43 Menschen und verletzte Hunderte.<br />
Die Detroiter Polizeieinheit war eine der repressivsten des ganzen Landes. In den 1930ern wurden zwei Sondereinheiten, das „Red Squad“ und das „Special Investigative Bureau“ gegr&#252;ndet, um „die Arbeit von Kommunisten und Bolschewiki“ zu &#252;berwachen. Bald entwickelten sich die beiden Einheiten zu einer &#220;berwachungsmaschinerie, die alle politischen Aktivit&#228;ten aufzeichnete. Unter dem Deckmantel, „Radikale“ zu beobachten, wurden Akten &#252;ber mehr als 1,5 Millionen EinwohnerInnen Detroits angelegt. Eine weitere Einheit hatte sich darauf spezialisiert, Unternehmen dazu zu bewegen, niemanden einzustellen, der/die in Verdacht stand, radikale Meinungen zu vertreten.<a href="#anm0" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Der langj&#228;hrige Aktivist Ed Vaughn berichtet, dass „die Polizei wie eine Besatzungsarmee“ wirkte.<a href="#anm0" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Menschen wurden geschlagen, sogar get&#246;tet. Bei einer Umfrage der Detroit Free Press gaben die schwarzen EinwohnerInnen Detroits die Polizeigewalt als ihr Hauptproblem im t&#228;glichen Leben an.<br />
Der Gro&#223;teil der ArbeiterInnenklasse und armen DetroiterInnen, schwarz oder wei&#223;, war politisch und &#246;konomisch marginalisiert. Schwarze hatten mit einer bis zu 50 Prozent h&#246;heren Arbeitslosigkeit, und 70 Prozent niedrigeren L&#246;hnen<a href="#anm0" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a>, l&#228;ngeren Arbeitszeiten, und einer Beschleunigung der Flie&#223;bandarbeit, von schwarzen Arbeitern „niggermation“<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> genannt, zu k&#228;mpfen. Von der offiziellen Gewerkschaft konnten sich die Schwarzen wenig Hilfe erhoffen. Die Initialen der UAW (Unified Auto Workers) standen laut schwarzen Aktivisten eigentlich f&#252;r „U ain’t white“.</p>
<h3>No, I don’t mind workin’, but I do mind dyin’</h3>
<p>Trotz oder gerade wegen der schwierigen Umst&#228;nde hatte Detroit eine lebendige Jazz- und Untergrundszene. Mehr als in allen anderen St&#228;dten Amerikas waren Popkultur und politische Rebellion eng verwoben und dienten als Ausdruck des Protests gegen die widrige Situation. Auf die Aussage einer Detroiter Musikerin, jedeR, der/die in Detroit Musik macht, h&#228;tte schon einmal den Blues gespielt, antwortete der <em>Fifth Estate</em><a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Journalist Pat Halley: „JedeR, der/die in Detroit lebt, hat schon einmal den Blues <em>gelebt</em>.“ Der Film „Finally got the news” von der und &#252;ber die „League of Revolutionary Black Workers“ beginnt mit einem „Urban blues song” und zeigt, wie in traditionellen Liedern die schwierigen Arbeitsverh&#228;ltnisse der DetroiterInnen wiedergegeben werden.</p>
<p><em>Please Mr. Foreman, slow down your assembly line<br />
No, I don’t mind workin’, but I do mind dyin’<br />
Workin’ twelve hours a day,<br />
Seven long days a week<br />
I lie down and try to rest, but, Lord knows, I’m too tired to<br />
sleep.<br />
(…)<br />
No, I don’t mind workin’, but I do mind dyin’</em><br />
(Joe Carter, 1965, Flie&#223;bandarbeiter bei Ford)</p>
<p>Es war die Vermischung von politischem Protest und Musik, die auch MC 5 inspirierten. Sie waren stolz auf die Einfl&#252;sse der „w&#252;tenden schwarzen Soul- und Jazz-Musik“ in ihren Liedern. Diese traditionelle Musikszene zog auch den jungen K&#252;nstler John Sinclair in den fr&#252;hen 1960ern nach Detroit.</p>
<h3>John Sinclair und Trans Love Energies</h3>
<p>John Sinclair, als Sohn einer wei&#223;en Mittelklassefamilie in Flint, Michigan geboren, zog vor allem die Avantgarde-Jazzszene (John Coltrane) und Beatnik Poetry (Alan Ginsberg) nach Detroit, wo er auch in Kontakt mit Marihuana kam, das, wie Sinclair glaubte, seinen Verstand sch&#228;rfte und seine Kreativit&#228;t erweiterte. F&#252;r ihn stellte die schwarze community eine alternative Lebensweise, einen Gegenpol zur materialistischen und individualistischen Kultur Amerikas dar.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Beeindruckt von der kulturellen Szene Detroits gr&#252;ndeten er und seine sp&#228;tere Frau Leni Arndt mit FreundInnen und Mitstudierenden die K&#252;nstlergruppe „Artist’s Workshop“, die lokale DichterInnen, MusikerInnen und andere K&#252;nstlerInnen „in selbstbestimmter Weise“ zusammenbringen sollte. Der „Artist’s Workshop“ pflegte dabei eine Kultur der Abgrenzung und gewollten Isolation gegen&#252;ber dem Rest der Gesellschaft. Sinclair erinnert sich: „Alles was wir taten, war Jazz. Wir sa&#223;en herum und rauchten <em>dope</em>… Du wolltest nicht zu viel raus gehen, weil, wei&#223;t du, die Menschen waren Spie&#223;er… Sie k&#246;nnten dich sehen (lacht). Du warst kein sch&#246;ner Anblick f&#252;r sie…“ Die Abneigung der &#228;u&#223;eren Welt f&#252;hrte dazu, dass die Gruppe nur Flugzettel an Menschen verteilte, die hip genug aussahen.<a href="#anm0" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> Trotz dieser elit&#228;ren Haltung begann der „Workshop“ schnell zu wachsen und zog die Aufmerksamkeit der Detroiter Polizei auf sich. Regelm&#228;&#223;ige Antidrogeneins&#228;tze und Unterwanderungen der Gruppe f&#252;hrten immer wieder zu Verhaftungen der Mitglieder wegen kleinerer Delikte.<br />
Sowohl die sich im ganzen Land verbreitende Antikriegsbewegung als auch die <em>flower power-</em>Bewegung brachte neuen Schwung und vor allem Optimismus in die bis dahin eher zynisch agierenden Gegenkulturgruppen. Sinclair selbst f&#252;hrte diesen neuen Optimismus auf die neue Droge LSD zur&#252;ck. „Als Beatniks begannen Acid zu nehmen, brachte es uns aus dem Keller (…), dem Rand der Gesellschaft.Weg von dem Zynismus und dem Gef&#252;hl sich f&#252;r immer von den Langweilern zu isolieren (…) waren wir pl&#246;tzlich von dem Gef&#252;hl der messianischen Liebe erf&#252;llt (&#8230;) wir erkannten, dass wir mit dem Rest der Menschheit verbunden waren.” Dieses neue Gef&#252;hl der Verbundheit veranlasste die Gruppe, neue politische Aktivit&#228;ten in Angriff zu nehmen. Durch den regen Austausch an Menschen und Ideen zwischen &#252;berall im Land neu entstehenden Gegenkulturgruppen kamen wichtige neue Impulse in die Detroiter Szene um John Sinclair. Im Zentrum stand die Arbeit in der Detroiter <em>community </em>und der Versuch, die zersplitterten MusikerInnen- und K&#252;nstlerInnenkollektive, lokale Jugendgruppen und Jugendzentren unter einer Organisation zu vereinigen – der „Trans Love Energies“ (TLE). Ziel war, neben der Organisation von k&#252;nstlerischen Events, der Aufbau einer alternativen, vom Mainstream abgekoppelten Wirtschaft. Alternative Organisationen und Mikro-Unternehmen entwickelten sich, die freie Unterkunft, Informationen &#252;ber Arbeitsm&#246;glichkeiten, Konzerte, Transport in und um Detroit erm&#246;glichen sollten. Auch wenn der Plan nur zum Teil aufging, war das Kernst&#252;ck, die „Trans Love Energies, Unlimited“ relativ erfolgreich. Als Sprachrohr f&#252;r die Politik der TLE dienten, neben der eigenen Zeitschrift „The Sun“, vor allem die lokale Musikgruppe MC 5. Von John Sinclair als Manager in die Gruppe geholt, wurde MC 5 zur Hausband der TLE und die Verbindung zwischen den beiden f&#252;hrte dazu, dass sich massenhaft Jugendliche der Organisation anschlossen.</p>
<h3>Love In und Beat down</h3>
<p>Eines der wichtigsten Events in den Aktivit&#228;ten der Trans Love Energies sollte ein <em>Love-In</em> im April 1967 werden, bei dem friedlich die neue Gegenkultur zelebriert und Liebe und Freiheit hochgehalten werden sollten. W&#228;hrend tags&#252;ber alles friedlich verlief, nutzte die Polizei die Provaktion und Pr&#252;geleien einer Motorradgang, um hart gegen die gesamte Veranstaltung vorzugehen. Sinclair war geschockt, dass die Polizei auf einen friedlichen kulturellen Protest mit Gewalt reagierte. R&#252;ckblickend schreibt er: „Wir hatten ein sehr simplifiziertes Bild von dem, was Revolution sein sollte (…) wir sagten uns, alles was wir tun m&#252;ssen, ist ‚tune in, turn on and drop out’, als ob das die Probleme der Menschen l&#246;sen w&#252;rde (…) und wir verstanden nicht, benebelt durch das ganze Acid, dass die Maschine alles daran setzte, die Dinge so zu lassen, wie sie waren. Zu dieser Zeit war schon eine gro&#223; angelegte Unterdr&#252;ckungskampagne im Gange.“<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> Die Polizeirepression beim <em>Love-In</em> &#228;nderte und politisierte die Trans Love Energies Gruppe. Die Auftritte der MC 5 wurden immer h&#228;ufiger f&#252;r flammende Ansprachen gegen Polizeigewalt genutzt. Sinclair rief zum „total assault on culture“ auf. (Noch) weit davon entfernt, militant gegen die Polizei vorzugehen, zeigte sich der Protest haupts&#228;chlich in anti-autorit&#228;ren Symbolen und Verarschungen der Polizei. Sinclair meinte sp&#228;ter, dass die Repression der Polizei ihm zeigte, dass die Gegenkulturbewegung eine politische Bewegung sei und deshalb mit Repression rechnen m&#252;sste. Einen weiteren Radikalisierungsschub erhielt die Gruppe durch zwei Ereignisse: der <em>Great Rebellion</em> in Detroit und dem Protest gegen die „Democratic Convention“ in Chicago.</p>
<h3>Great Rebellion</h3>
<p>Im August 1967 schrieb das <em>Time Magazine</em> &#252;ber die Zust&#228;nde in Detroit: „Im gewaltt&#228;tigen Sommer 1967 wurde Detroit die B&#252;hne des blutigsten Aufstand des Jahrhunderts und des kostspieligsten in Bezug auf Besitzbesch&#228;digungen in der amerikanischen Geschichte. Am Ende der Woche waren 41 Menschen tot, 347 verletzt und 3.800 verhaftet. Rund 5000 Menschen waren heimatlos (…) Der gesch&#228;tzte Schaden liegt bei 500 Millionen Dollar.“<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Die Jahre vor der <em>Great Rebellion</em> waren Jahre der rassistischen Polizeigewalt, bei der immer wieder schwarze DetroiterInnen erschossen wurden. Die Sondereinheit <em>STRESS (Stopp robberies and enjoy safe streets)</em> war ber&#252;chtigt daf&#252;r, junge Schwarze niederzuschie&#223;en.<br />
Gleichzeitig wurden im Zuge eines „st&#228;dtischen Erneuerungsprogramms“ ganze Bezirke schwarzer und armer EinwohnerInnen niedergewalzt.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> Die Schulen waren &#252;berf&#252;llt und der Lebensstandard niedrig. Nach dem gro&#223;en Aufstand in Watts, einem Gesch&#228;ftsviertel in Los Angeles, 1965 erlebten die amerikanischen Gro&#223;st&#228;dte allein 1966 dreizehn gro&#223;e Unruhen der schwarzen Bev&#246;lkerung. Die B&#252;rgerInnenrechtsbewegung und die <em>Black Power</em> Bewegung hatten der schwarzen Bev&#246;lkerung mehr Selbstvertrauen zum Handeln gegeben. F&#252;nf Tage nach den Stra&#223;enschlachten in Newark, New Jersey, brach in Detroit die <em>Great Rebellion</em> aus. Im Gegensatz zu fr&#252;heren Aufst&#228;nden war diese nicht ausschlie&#223;lich durch „Rassenkonflikte“ gepr&#228;gt. „Es gab zwar Spannungen zwischen Wei&#223;en und Schwarzen, aber der Aufstand war nicht Schwarz gegen Wei&#223;. Es war ein Aufstand der Besitzenden gegen die Nichtbesitzenden.“ Wei&#223;e und Studierende schlossen sich dem mehrheitlich schwarzen Aufstand an und beteiligten sich am „shopping for free“. Besitz von Unternehmen „die schlecht zur Community waren, egal ob wei&#223;e oder schwarze“ wurden gepl&#252;ndert oder zerst&#246;rt.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> Vor allem Organisationen der <em>Black Power</em> Bewegung wirkten im Aufstand als wichtige Kraft.<br />
MC 5 singen in ihrem Lied „Motor City Burning“ &#252;ber die gro&#223;e Rebellion:</p>
<p><em>Ya know, the Motor City is burning babe,<br />
There ain’t a thing in the world that they can do<br />
Ya know, the Motor City is burning people,<br />
There ain’t a thing that white society can do.</em></p>
<p><em>Ma home town burning down to the ground<br />
Worser than Vietnam<br />
…<br />
It started on 12th &amp; Clairmont that morning<br />
It made the pig cops all jump &amp; shout<br />
</em></p>
<p>Das Lied stammte eigentlich vom Detroiter Bluess&#228;nger und Gitarristen John Lee Hooker und wurde nur leicht abgewandelt. Die hinzugef&#252;gten Textzeilen zeigen, dass sich auch die<br />
wei&#223;e Jugend mit diesem Aufstand identifizierte und Teil der Rebellion sein wollte:</p>
<p><em>I like to strike a match for freedom myself,<br />
I may be a white boy, but I can be bad too<br />
Yes, it’s true now, it’s true now</em><br />
(MC 5 – Motor City Burning)</p>
<p>Die Reaktion der Polizei war gewaltig. Die Nationalgarde und das Milit&#228;r wurde gerufen, um den Aufstand niederzuschlagen. Der spontane Aufstand „verwandelte die f&#252;nftgr&#246;&#223;te Stadt des Landes in ein ‚theatre of war’. Ganze Stra&#223;en lagen gepl&#252;ndert, H&#228;userbl&#246;cke brannten. Die Truppen besetzten die amerikanischen Stra&#223;en. Panzer mit feuernden Maschinengewehren und Helikopter patrouillierten in der Stadt der verkohlten Schornsteine, die zwischen ausgebrannten Kellern hervorragten.“<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a><br />
Nachdem die Aufst&#228;nde niedergeschlagen waren, r&#252;ckte die Polizei noch weiter nach rechts und die Repression wurde nochmal versch&#228;rft. Sinclair beschrieb die Situation: „Es gab nichts au&#223;er Polizei…Wenn du in der Nacht auf der Stra&#223;e warst, nahmen sie dich mit und sperrten dich ein (…) wenn du daheim bliebst, traten sie dir die T&#252;r ein und zerst&#246;rten alles. Es war eine Polizeistadt, Baby! Das konntest du f&#252;r keine Minute vergessen.“<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a><br />
Die Band tourte und versuchte ihre Botschaft des „total assault on culture“ zu verbreiten. Sinclair rief die Jugendlichen dazu auf, pers&#246;nliche Freiheit gegen&#252;ber der herrschenden Kultur anzustreben und die Ansprachen von S&#228;nger Rob Tyner &#252;ber Polizeigewalt f&#252;hrten regelm&#228;&#223;ig zu Tumulten bei ihren Konzerten. Immer &#246;fter wurden Konzerte der MC5 durch die Polizei aufgel&#246;st, mit dem Argument, dass „obsz&#246;ne W&#246;rter“ verwendet wurden. MC 5 versuchte sich diesem „Gegenschlag des konservativen Establishments“ (Sinclair) zu widersetzen, indem es sich einfach weigerte, Konzerte abzubrechen. Sinclair schrieb in einem Artikel f&#252;r <em>Fifth Estate</em>: „Wir setzten unsere Magie gegen die Taktiken der (Bullen)schweine<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> ein und es hat funktioniert (…) Jeder Respekt, den die Menschen m&#246;glicherweise noch f&#252;r ‚law and order’ gehabt hatten, ist einfach verschwunden und ihre Tricks sind ans Tageslicht gebracht worden. Der ganze Mist war v&#246;llig unn&#246;tig (…) wir wollten nur unser Ding machen und dass die Menschen ihr Ding mit uns machen, aber die Polizei wollte nicht, dass das passiert ohne uns niederzutreten (…). Menschen werden aufmerksam gegen&#252;ber den L&#252;gen und Perversionen der alten Menschen, und sie stehen nicht l&#228;nger daf&#252;r. Wir stehen auf keinen Fall l&#228;nger daf&#252;r.“<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a><br />
Die Ermordung Martin Luther Kings veranlasste die Polizei, aus Angst vor weiteren Aufst&#228;nden, eine Ausgangssperre ab acht Uhr abends zu verh&#228;ngen. Konzerte der MC 5 wurden immer schwieriger und die Trans Love Energies damit ihrer wichtigsten Einkommensquelle beraubt, auf die sich ihre Alternativ-&#214;konomie st&#252;tzte. Die schlechter werdenden Bedingungen veranlassten die Gruppe schlie&#223;lich, aus Detroit nach Ann Arbor umzusiedeln.</p>
<h3>Trans Love goes Militant</h3>
<p>Das zweite wichtige Ereignis war ein Konzert anl&#228;sslich des Protests gegen die <em>Democratic Convention</em> in Chicago. Die Proteste gegen den Parteitag der Demokratischen Partei sollten ein Zeichen gegen den Vietnamkrieg werden, doch statt der erwarteten 100.000 Menschen kamen nur 10.000. Die Gr&#252;nde waren vielf&#228;ltig. Nach den massenhaften Protesten der Antikriegsbewegung hatte Pr&#228;sident Johnson erkl&#228;rt, dass er nicht zur Wiederwahl zu Verf&#252;gung st&#252;nde. Die Rhetorik des demokratischen Pr&#228;sidentschaftskandidaten McCarthy hatte dem liberalen Fl&#252;gel der Antikriegsbewegung wieder neue Hoffnungen in die Demokratische Partei gegeben und blieb deshalb Demonstrationen fern – viele meinten, der Krieg w&#228;re bald vorbei.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> Gleichzeitig hatte Chicagos B&#252;rgermeister im Vorfeld klargestellt, dass er und seine Polizeikr&#228;fte mit Gewalt gegen jeden Protest vorgehen w&#252;rden und schon die Anreise vieler DemonstantInnen verhindert. Die Proteste wurden haupts&#228;chlich von Yippies und den radikalen Teilen des SDS<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> getragen. Trotz der geringen Zahl gingen die Polizeikr&#228;fte mit voller H&#228;rte vor. „Die Polizei griff mit Tr&#228;nengas an, mit MACE [chemischer Keule] und mit Kn&#252;ppeln (…), Reihen von zwanzig, drei&#223;ig Polizisten trieben einen Keil in die Menge, ihre Kn&#252;ppel sausten nieder, Demonstranten flohen (…) Sie jagten Leute in den Park, rannten sie nieder, schlugen sie zusammen (…)“<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a> In einem der Protestcamps sollte ein ganzt&#228;giges Konzert stattfinden. MC 5 war die einzige Band, die es wagte aufzutreten. Als die Polizei das Camp st&#252;rmte hagelte es Tr&#228;nengasgranaten, Kn&#252;ppel wurden geschwungen und die Protestierenden und MC 5 mussten fliehen.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a> Die Aktionen der Polizei gingen letzlich nach hinten los. „Viele junge Menschen kamen als Pazifisten nach Chicago und verlie&#223;en es als Revolution&#228;re.“<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> Sinclair zog mehrere Lehren aus den Chicagoer Ereignissen. Die Polizei reagiert auf politische Bewegungen, egal ob New Left, Gegenkultur, Yippies, friedliebend oder nicht, unverh&#228;ltnism&#228;&#223;ig heftig. Es brauche deshalb eine politische Organisation zur Selbstverteidigung. Trans Love hatte im Gegensatz zu anderen Organisationen die M&#246;glichkeit &#252;ber ihr Sprachrohr, MC5, tausende Jugendliche zu politisieren. Gro&#223;en Einfluss auf Sinclair hatten die zu dieser Zeit st&#228;rker werdende <em>Black Power</em> Bewegung und die <em>Black Panther Party</em>. Die Forderungen der <em>Black Panthers</em>, einer offen revolution&#228;r agierenden Gruppe mit diffusen sozialistischen Wurzeln, und besonders ihr Eintreten f&#252;r das Recht auf Selbstverteidigung stie&#223; bei der von Polizeirepression gezeichneten und vom Weg des gewaltlosen Widerstands desillusionierten Trans Love Community auf fruchtbaren Boden.<br />
Inspiriert von der Aussage des <em>Black Panthers</em> Huey P. Newton, wei&#223;e Radikale sollen sich in Solidarit&#228;t mit den <em>Panthers </em>und dem <em>„black struggle“</em> in eigenen revolution&#228;ren Kadern organisieren, gr&#252;ndete John Sinclair und sein Freund „Pun“ Plamondon, der im Gef&#228;ngnis mit Schriften der Panthers in Ber&#252;hrung gekommen war, im November 1968 die <em>White Panther Party</em> als politischen Fl&#252;gel der Trans Love Energies. Punkt eins des Parteiprogramms war die volle Unterst&#252;tzung des 10 Punkte Programms der <em>Black Panther Party</em>. Die weiteren Punkte zeugten noch st&#228;rker von den Ans&#228;tzen der Gegenkultur. „A total assault on culture, by any means necessary, including rock ‚n’ roll, dope, and fucking in the streets“, freies Essen, Kleidung, H&#228;user, Drogen, Musik, etc.<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a> Die Einfl&#252;sse der <em>Panthers </em>und der allgemeinen Militanz der Zeit spiegelten sich in den Ansprachen und Zeitungsartikel der <em>White Panther Party</em> wider. Plamondon rief dazu auf sich zu bewaffnen und Sinclair verglich die Jugendkultur mit einer Kolonie innerhalb der „pig power structure“ Amerikas und die Gegenkulturbewegung mit der anti-imperialistischen Bewegung in Vietnam. Plamondon schrieb 1970, es sei „notwendig, die Menschen dar&#252;ber zu informieren, dass wir uns in der Tat im Krieg befinden, und es ist ein revolution&#228;rer Krieg.“<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a><br />
Obwohl die Rhetorik radikaler wurde, spielte sich der „total assault on culture“ haupts&#228;chlich in der musikalischen Welt und &#252;ber MC 5 ab. „Unser Programm hei&#223;t kulturelle Revolution durch einen totalen Angriff auf die Kultur. Das bedeutet, wir ben&#252;tzen jedes Werkzeug, jede verf&#252;gbare Energie und alle Medien, die wir in unsere H&#228;nde bekommen. Wir nehmen unser Programm mit, wohin wir auch gehen und nutzten alle notwenigen Mittel um die Menschen zu erreichen.“ MC 5 schloss einen Plattenvertrag mit Elektra, einem Major Label, ab. Sinclair und die Band erhofften sich, dadurch subversiv die kapitalistische Maschinerie f&#252;r die Verbreitung ihrer Botschaft nutzen zu k&#246;nnen. Die Band sollte getarnt als „einfache wirtschaftliche Kraft“ parasit&#228;r innerhalb der kapitalistischen Plattenindustrie wirken.<a href="#anm26" title="anm_26" name="anm_26"><sup>26</sup></a> Sinclair bewirkte, dass seine <em>Liner Notes</em>, in denen er das Programm zusammenfasste, den verkauften Platten beilagen und auch sonst keine Zugest&#228;ndnisse gemacht wurden. Doch bald schlug die kapitalistische Maschinerie zur&#252;ck. Zuerst wurden kurz nach dem Erscheinen des Albums Sinclairs <em>Liner Note</em>s entfernt, dann eine zensierte Version von „Kick out the Jams“ ver&#246;ffentlicht. Viele Plattenh&#228;ndlerInnen weigerten sich, die Platte wegen Obsz&#246;nit&#228;t zu verkaufen, woraufhin<br />
die Band Fans dazu aufforderte, die T&#252;ren jener Plattenl&#228;den einzutreten – Elektra lie&#223; die Band daraufhin fallen. Wachsende Spannungen zwischen Sinclair und der Band &#252;ber den weiteren Weg, sowohl den musikalischen als auch den politischen, f&#252;hrten schlie&#223;lich zur Trennung. W&#228;hrend die Band mit zwei weiteren Major-Alben kommerziell scheiterte, wurde John Sinclair wegen Besitz von zwei Joints zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die Verurteilung rief eine Solidarit&#228;tskampagne hervor, mit Konzerten im ganzen Land. John Lennon widmete diesem Vorfall sein Lied „John Sinclair“:</p>
<p><em>If he had been a soldier man<br />
Shooting gooks in Vietnam<br />
If he was CIA<br />
Selling dope and making hay<br />
He’d be free, they let him be<br />
Breathing air like you and me</em><br />
(John Lennon – John Sinclair)<a href="#anm27" title="anm_27" name="anm_27"><sup>27</sup></a></p>
<p>Die Verhaftung John Sinclairs f&#252;hrte, trotz Solidarit&#228;tskampagne, zum langsamen Verfall der <em>White Panthers</em>. Diskussionen innerhalb der <em>White Panther Party</em> &#252;ber eine weitere Radikalisierung brachen aus. Manche wollten es den Weathermen<a href="#anm28" title="anm_28" name="anm_28"><sup>28</sup></a> nachmachen und setzten auf direkte Aktionen gegen die Staatsgewalt, w&#228;hrend andere gewaltlosen Widerstand forderten. Zu dieser Zeit war die Gruppe schon vom FBI auf die „Ten Most Wanted“ Liste gesetzt und im Zuge des COINTELPRO<a href="#anm29" title="anm_29" name="anm_29"><sup>29</sup></a> unterwandert. Vorm Hintergrund der Anschl&#228;ge der Weathermen zog die neue Nixon-Administration eine versch&#228;rfte Linie durch, um so viele radikale Gruppen wie m&#246;glich zu beseitigen. Verhaftungen mehrerer Mitglieder, die im – nie best&#228;tigten – Verdacht standen, Bombenanschl&#228;ge durchgef&#252;hrt zu haben, und der nachlassende Einfluss auf die Detroiter Jugend mit dem Ausstieg der MC 5, f&#252;hrten schlie&#223;lich zum Zerfall der Gruppe.</p>
<h3>Counter-Culture und ArbeiterInnen</h3>
<p>Obwohl die Gegenkulturbewegung weite Kreise der Jugendlichen anzog, schaffte sie es weder, der Repression und dem Gegenschlag des Establishments, noch der letztendlichen kapitalistischen Integration und Vermarktung ihrer Gegenkultur etwas entgegen zu setzen. Dan Georgakas und Marvin Surkin beschreiben in ihrem Buch „Detroit: I do mind dying“ die Probleme der Gegenkulturbewegung so: „Die Untergrundpresse und Gegenkultur der 1960er versuchte die materialistische unbefriedigende Welt Amerikas durch eine friedliche und sch&#246;ne Revolution, ohne schmutzige Dinge wie Politik und Ideologien zu erreichen. Zuerst sollte die amerikanische Jugend gewonnen werden, dann kulturelle und soziale Institutionen umgewandelt werden. Die diesen Weg einschlugen wurden bald von kapitalistischen Realit&#228;ten erschlagen. Ihre Musik, ihre Haare, ihr gesundes Essen, Drogen, ihr Mystizismus und ihre bunte Kleidung wurden vermarktet.“<a href="#anm30" title="anm_30" name="anm_30"><sup>30</sup></a><br />
Die neuen linken Bewegungen waren zwar begeistert vom Geist und der Dynamik der Gegenkulturbewegung, die ausschweifende und selbstzerst&#246;rerische Natur, der exzessive Drogenkonsum und die Gewaltlosigkeit vieler Gegenkulturbewegungen schreckte aber politische AktivistInnen ab. Besonders, weil Drogen wie Heroin und Kokain in Ghettos zunehmend zum Problem wurden und zu Stra&#223;engewalt und schlussendlich zur L&#228;hmung der sozialen Bewegungen f&#252;hrten, wurde der positive Bezug auf Drogen kritisch betrachtet. Die Gegenkulturbewegung, die <em>flower power</em>-Bewegung im <em>summer of love</em> kratzte zwar an den konservativen Verh&#228;ltnissen, konnte aber in keinster Weise die amerikanischen Herrschenden herausfordern.<a href="#anm31" title="anm_31" name="anm_31"><sup>31</sup></a><br />
Die Gruppe um John Sinclair ging, auch wegen der speziellen Situation in Detroit, weiter als viele anderen Gruppen der <em>counter-culture</em><a href="#anm32" title="anm_32" name="anm_32"><sup>32</sup></a>. Durch ihre Erfahrungen mit Polizeigewalt waren sie &#252;berzeugt, dass es notwendig sei, der Repression von Staat und Polizei etwas entgegenzusetzen, wenn n&#246;tig auch mit Gewalt, und wussten, dass alle Bewegungen, Studierende, Hippies, ArbeiterInnen mit der selben Repression zu k&#228;mpfen hatten. Nach den Protesten gegen den demokratischen Parteitag meinte Sinclair: „Ich dachte, wir w&#228;ren eine Alternative zu den Streikketten, aber es machte wenig Unterschied f&#252;r die Obrigkeit. Die dachten, beide m&#252;ssten zerst&#246;rt werden – und das wurden wir.“<a href="#anm33" title="anm_33" name="anm_33"><sup>33</sup></a><br />
Trotzdem gingen die Gruppe nie &#252;ber einen elit&#228;ren Ansatz hinaus. Die <em>White Panther Party</em> als „Avantgarde“ sollte die Jugend durch auffallende Symbole und Aktionen belehren und mit subversiven Taktiken von einer Gegenkultur &#252;berzeugen, die die bestehenden Strukturen herausfordern sollten – mit den Mitteln der Musik die Revolution anzetteln. Sowohl die Vergangenheit als elit&#228;re K&#252;nstlergruppe, als auch der Einfluss der <em>Black Panther Party</em><a href="#anm34" title="anm_34" name="anm_34"><sup>34</sup></a> spiegelt sich hier wider. Wichtige Entwicklungen innerhalb Detroits und besonders das Entstehen von revolution&#228;ren Organistationen der Detrioter ArbeiterInnen, wie der <em>League of Revolutionary Black Workers</em>, wurden deshalb nicht beachtet.</p>
<h3>Our thing is DRUM</h3>
<p>Die Urspr&#252;nge der <em>League of Revolutionary Black Workers</em> liegen im Mai 1968. Der Kern der Organisation war eine kleine Gruppe mit marxistischen und <em>black nationalist</em> Einfl&#252;ssen. Im Zuge eines der gr&#246;&#223;ten wilden Streiks von 3000 ArbeiterInnen in Chryslers gro&#223;em Dodgewerk gr&#252;ndete die Gruppe gemeinsam mit Dodgearbeitern das „Dodge Revolutionary Union Movement“ (DRUM), dem es gelang einen weiteren Streik durchzuf&#252;hren, an dem 70 Prozent der schwarzen ArbeiterInnen teilnahmen. Der Erfolg des DRUM f&#252;hrte zu weiteren Organisationen in Detroiter Fabriken und die <em>League </em>wurde als Dachverband gegr&#252;ndet. Durch ihre Basis in den Fabriken und die weite Zirkulation ihrer Zeitschrift <em>Inner City Voice</em> gewannen sie schnell Einfluss bei jungen schwarzen ArbeiterInnen, deren Probleme sie ansprach: korrupte UAW-B&#252;rokraten, Diskriminierung bei Jobvergaben und Ausschluss von Schwarzen von h&#246;heren Jobs, unsichere Arbeitsbedingungen, Verz&#246;gerungen bei der Auszahlung von Geh&#228;ltern etc. Die Politik der <em>League </em>war direkt auf die ArbeiterInnen gerichtet. Im Gegensatz zur Gegenkulturbewegung setzte sie nicht auf aufsehenerregende symbolische Aktionen, sondern war sich bewusst, dass es „f&#252;r die Weiterentwicklung und Erhaltung einer kulturellen Revolution notwendig (ist) die Revolution mit den t&#228;glichen Erfahrungen und Auseinandersetzungen der Menschen zu verbinden.“<a href="#anm35" title="anm_35" name="anm_35"><sup>35</sup></a> F&#252;r die <em>League </em>konnte eine erfolgreiche kulturelle Revolution nur von unten, im Kontext einer allgemeinen sozialen, &#246;konomischen und politischen Revolution kommen.<br />
Wie weit die Kluft zwischen Gegenkultur und den revolution&#228;ren ArbeiterInnen Detroits war, zeigt sich am Verh&#228;ltnis zwischen John Sinclair und der <em>League</em>. In seinem Buch <em>Guitar Army</em> vermeidet Sinclair jede Erw&#228;hnung der Aktivit&#228;ten und politischen Ansichten der <em>League </em>oder anderer ArbeiterInnenorganisationen wie der <em>Motor City League</em> und das, obwohl Sinclairs Anwalt selbst aus diesem Umfeld kam.<a href="#anm36" title="anm_36" name="anm_36"><sup>36</sup></a> Durch die Isolierung von den K&#228;mpfen der ArbeiterInnenklasse in Detroit nahm sich die Gegenkulturbewegung nicht nur eine m&#246;gliche Verb&#252;ndete, sondern auch den Hebel, die „kaptitalistische Maschinerie und Kultur des Todes“ (Sinclair) zu zerschlagen.<a href="#anm37" title="anm_37" name="anm_37"><sup>37</sup></a></p>
<h3>Das Erbe von MC 5</h3>
<p>Trotz des schlussendlichen Scheiterns der Gegenkulturbewegung und dem sp&#228;ter ausgebliebenen Erfolg von MC 5 bleibt das erste MC 5 Album „Kick out the jams“ eine Inspiration f&#252;r politische Bands und Musikbewegungen. MC 5 stellten einen Bruch nicht nur mit den Werten und Idealen des konservativen Amerikas der 1950er und 1960er, sondern auch mit friedvoller Hippiemusik, gewaltfreien Protesten und gem&#252;tlichem Dagegensein dar. Gitarrist Wayne Kramer meinte in einem Interview: „MC 5 sprach nicht nur &#252;ber Revolution. Wir glaubten daran.“ Es war dieser kulturelle Bruch auf den sich sp&#228;tere politische Bands st&#252;tzten. Die „Pioniere des Punks“ legten, noch vor den <em>Sex Pistols</em>, den Grundstein f&#252;r die sp&#228;tere <em>hardcore punk</em> Szene rund um Bands wie <em>Bad Brains</em> und <em>Black Flag</em>, waren ma&#223;geblich f&#252;r die Entwicklung von <em>Iggy Pop</em> verantwortlich, und werden heute noch von politischen Bands wie <em>Rage against the Machine</em> gecovert. Schlie&#223;lich ist es auch heute noch an der Zeit <em>to kick out the jams, motherfucker!</em></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Thomas, Davis: MC 5 &#8211; A true testimonial. http://www.furious.com/PERFECT/MC5/MC5film.html<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Goldstein, Richard: MC5 Kick out the jams. http://makemyday.free.fr/zentareport.htm<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Socialist Worker, 3.August 2007: Rebellion in Detroit. http://www.socialistworker.org/2007-2/639/639_10_Detroit.shtml<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Hale, Jeff A.: The White Panthers’ “Total Assault on Culture” http://makemyday.free.fr/whitepanthers.htm<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Solidarity: Detroit remembers the 1967 Rebellion. http://www.solidarity-us.org/node/824<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Harman, Chris: Eine Welt in Aufruhr, Frankfurt am Main, 2008<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Georgakas, Dan; Surkin, Marvin: Detroit: I do mind dying. A study in urban revolution, London,1998<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Wichtige politische und antiautorit&#228;re Zeitschrift in der viele Aktivisten dieser Zeit schrieben. Auch John Sinclair und die League of Revolutionary Black Workers ver&#246;ffentlichten Artikel in „Fifth Estate“<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Hale, Jeff A.: The White Panthers a.a.O.<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> ebd.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Sinclair, John: Guitar Army. Rock and Revolution with MC5 and the White Panther Party<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Georgakas, Dan: Detroit a.a.O.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Solidarity: Detroit remembers a.a.O.<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Harman, Chris: Eine Welt a.a.O<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Harman, Chris: Eine Welt a.a.O.<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Hale, Jeff A.: The White Panthers a.a.O.<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Schweine „pigs“ war das Codewort f&#252;r die Polizei. So konnte &#252;ber sie geschimpft werden, ohne in Gefahr zu kommen, verhaftet zu werden<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> Hale, Jeff A.: The White Panthers<br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a> Neale, Johnathan: Der amerikanische Krieg. Vietnam 1960-1975, K&#246;ln, 2004.<br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a> Students for a Democratic Society<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a> Harman, Chris: Eine Welt a.a.O.<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a> Derogates, Jim: MC5 classic still has plenty of kick to it. http://www.jimdero.com/News2001/GreatAug4MC5.htm<br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a> Harman, Chris: Eine Welt a.a.O.<br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a> Sinclair, John: White Panther Statement. http://www.luminist.org/archives/wpp.htm<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a> Hale, Jeff A.: The White Panthers<br />
<a href="#anm_26" title="anm26" name="anm26">26</a> ebd.<br />
<a href="#anm_27" title="anm27" name="anm27">27</a> Das Lied „Revolution“ von den Beatles in dem John Lennon sich gegen Gewalt in der Widerstandsbewegung ausspricht, soll eine Diskussion mit John Sinclair wiedergeben, ob nun die Gedanken (Lennon) oder die Institutionen befreit werden m&#252;ssen. John Sinclairs Antwort’ „Warum nicht beides?“<br />
<a href="#anm_28" title="anm28" name="anm28">28</a> Die Weatherman waren eine Absplatung von der „Students for a Democratic Society“ (SDS). Sie erkl&#228;rten, unzufrieden mit der Politik des SDS, dass jetzt die Zeit sei, um den Kriegszustand gegen die Regierung auszurufen und f&#252;hrten eine Serie an Bombenanschl&#228;gen auf Regierungsgeb&#228;ude durch.<br />
<a href="#anm_29" title="anm29" name="anm29">29</a> Das Counter Intelligence Program war eine Reihe geheimer Projekte des FBI, um radikale Gruppierungen auszuforschen und zu unterwandern.<br />
<a href="#anm_30" title="anm30" name="anm30">30</a> Georgakas, Dan: Detroit a.a.O<br />
<a href="#anm_31" title="anm31" name="anm31">31</a> Harman, Chris: Eine Welt a.a.O<br />
<a href="#anm_32" title="anm32" name="anm32">32</a> Andere Gegenkulturbewegungen, wie die Yippies und manche Beatnikzirkel, gingen ebenfalls radikalere Wege.<br />
<a href="#anm_33" title="anm33" name="anm33">33</a> Revolution 1968: politics and culture united. http://www.socialistworker.co.uk/art.php?id=14370<br />
<a href="#anm_34" title="anm34" name="anm34">34</a> Die Politik der Black Panthers ist widerspr&#252;chlich. Einerseits war das Avantgarddenken sehr stark von maoistischer Auffasung von Revolution gepr&#228;gt, andererseits versuchten die Panthers immer wieder Anschluss an<br />
andere Kreise zu finden.<br />
<a href="#anm_35" title="anm35" name="anm35">35</a> Georgakas, Dan: Detroit a.a.O.<br />
<a href="#anm_36" title="anm36" name="anm36">36</a> ebd.<br />
<a href="#anm_37" title="anm35" name="anm35">37</a> Hale, Jeff A.: The White Panthers a.a.O.</p>
<h3>Buchtipp</h3>
<p>John Sinclair <em>Guitar Army. Rock &amp; Revolution with MC5 and the White Panther Party</em> Los Angeles 2007</p>
<p>Georgakas, Dan/ Surkin, Marvin <em>Detroit: I Do Mind Dying A Study in Urban Revolution</em> Cambridge 1998</p>
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