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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Krisentheorie</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Karl Marx: &#214;konom oder Revolution&#228;r? (Teil 1)</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:12:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Krisentheorie]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökonomie]]></category>

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		<description><![CDATA[Im zweiten Teil unserer Reihe zu marxistischen Krisentheorien pr&#228;sentieren wir euch einen umstrittenen Klassiker erstmals in deutscher Sprache. Harry Cleaver, zentraler Theoretiker des „Autonomen Marxismus“, stellt in diesem Beitrag von 1983 eine alternative Lesart der Marx’schen Krisentheorie vor, die sich gegen jede Trennung von politischen und &#246;konomischen Momenten wendet und den Klassenkampf, nicht die Bewegungsgesetze des Kapitals, als ihren Gegenstand [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im zweiten Teil unserer Reihe zu marxistischen Krisentheorien pr&#228;sentieren wir euch einen umstrittenen Klassiker erstmals in deutscher Sprache. <em>Harry Cleaver</em>, zentraler Theoretiker des „Autonomen Marxismus“, stellt in diesem Beitrag von 1983 eine alternative Lesart der Marx’schen Krisentheorie vor, die sich gegen jede Trennung von politischen und &#246;konomischen Momenten wendet und den Klassenkampf, nicht die Bewegungsgesetze des Kapitals, als ihren Gegenstand versteht. Der zweite Teil des Artikels erscheint in <em>Perspektiven Nr. 14</em>.<br />
<span id="more-1962"></span><br />
W&#228;hrend der letzten zehn Jahre hat der Marxismus an den US-amerikanischen Universit&#228;ten eine beachtliche Stellung erlangt.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Dies gilt insbesondere f&#252;r die Wirtschaftswissenschaften, wo die Diskussionen zu Marx und der marxistischen Tradition bis vor kurzem haupts&#228;chlich auf Seminare zur Geschichte des &#246;konomischen Denkens oder der sowjetischen Wirtschaftsgeschichte beschr&#228;nkt war. <a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Der Aufstieg eines akademischen Marxismus beruht meines Erachtens auf zwei Faktoren. Zum einen haben die K&#228;mpfe der Studierenden im Kontext der sozialen Aufst&#228;nde der sp&#228;ten 1960er und fr&#252;hen 1970er Jahre Zeit und Raum daf&#252;r geschaffen, dass politisch aktive Studierende sich mit dem Marxismus als Teil radikaler Wirtschaftswissenschaften, rebellischer Soziologie usw. auseinandersetzen konnten. <a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Zum anderen waren die Universit&#228;tsverwaltungen und die von ihnen &#252;blicherweise vertretenen Wirtschaftsinteressen gegen&#252;ber der Ausbreitung marxistischer Forschung &#252;berraschend tolerant. <a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Diese Reaktion auf studentische Forderungen ist nicht einfach ein Fall von „repressiver Toleranz“, die Marcuse so eindringlich beschrieben hat. <a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Vielmehr ist diese gegenw&#228;rtige Toleranz auf das Bed&#252;rfnis nach neuen Ideen zur&#252;ckzuf&#252;hren, das die Wirtschaft in der aktuellen &#246;konomischen und sozialen Krisenperiode hat. <a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Die lange Geschichte der kapitalistischen Aneignung marxistischer Ideen unterst&#252;tzt diese Behauptung. <a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Mehr noch: Die zahlreichen Versuche der letzten Jahre, in der Wirtschaftspresse und in wirtschaftswissenschaftlichen Zeitschriften radikalen Ideen Raum zu geben und aktuelle marxistische Forschung zur &#214;konomie zu besprechen, demonstrieren das anhaltende Interesse der Wirtschaft und ihrer IdeologInnen an der M&#246;glichkeit, von Marx etwas Neues zu lernen. Nirgendwo war diese Toleranz offensichtlicher als im Bereich marxistischer Krisentheorie.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a><br />
Diese Bereitschaft der Wirtschaft, sich marxistische Ideen anzueignen und f&#252;r eigene Zwecke zu nutzen, wurde von marxistischen KrisentheoretikerInnen bislang gr&#246;&#223;tenteils ignoriert. Wieder und wieder haben diese ihre Theorien in einer Art und Weise formuliert, die eine solche Aneignung erleichtert.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Dies muss jedoch nicht notwendigerweise der Fall sein. Es gibt eine Lesart von Marx und eine Entwicklung marxistischer Theorie, die sich dieser Art der Aneignung nicht ausliefert.<br />
In diesem Essay geht es mir um zwei Dinge. Erstens zeige ich anhand einer Reihe von Beispielen, wie in der Geschichte marxistischer Krisentheorie viele TheoretikerInnen den revolution&#228;ren Inhalt des Marx’schen Werks vergessen und sich dadurch der Gefahr kapitalistischer Aneignung ausgesetzt haben. Zweitens schlage ich einen alternativen Zugang zur Marx’schen Krisenanalyse vor, der ihren politischen und revolution&#228;ren Inhalt explizit macht und sie daher st&#228;rker gegen eine Aneignung immunisiert.</p>
<p><strong>Einige Probleme marxistischer Krisentheorie</strong><br />
Angesichts des offensichtlichen Interesses von Mainstream- &#214;konomInnen und der Wirtschaftspresse an marxistischer Wirtschaftswissenschaft und im Wissen um die M&#246;glichkeiten einer kapitalistischen Aneignung unserer Ideen sollten wir erkennen, dass einige der &#246;konomietheoretischen Arbeiten innerhalb des Marxismus schwere M&#228;ngel aufweisen. Im Versuch, ein alternatives &#246;konomisches Paradigma zu entwickeln, das innerhalb der akademischen Community salonf&#228;hig ist, haben zu viele marxistische Studierende und &#214;konomInnen die „Wirtschaft“ &#252;berbetont und dabei Marx verloren. Krisentheorie war immer ein zentraler Bestandteil marxistischer Theorie und nicht zuletzt von Marx’ eigenem Werk. Er war sowohl an zyklischen Krisen – oft Konjunkturzyklen genannt – als auch an jenen grundlegenden s&#228;kularen Trends interessiert, welche die langfristige &#220;berlebensf&#228;higkeit des Systems untergraben. Dass dieser Aspekt der Marx’schen Forschung von der Wirtschaftspresse am engsten verfolgt wurde, liegt sicherlich daran, dass wir uns gegenw&#228;rtig inmitten einer tiefen Systemkrise befinden. Nur weil einige MarxistInnen ihre Krisentheorie auf eine Art und Weise formuliert haben, die mit b&#252;rgerlichen Theorien vergleichbar ist, kann die Wirtschaft &#252;berhaupt darauf hoffen, Erkenntnisse und Gebrauchswert aus deren Arbeit zu ziehen.<br />
In Marx’s eigener Forschung gehen Theorie und empirische Studien Hand in Hand. Der wahrscheinlich wichtigste Durchbruch in seinem Denken zu diesem Thema ereignete sich w&#228;hrend der Krise von 1857, als er w&#228;hrend langen, durchgearbeiteten N&#228;chten versuchte, seine empirischen Beobachtungen durch die Entwicklung eines neuen theoretischen Rahmens zusammenzufassen. Die Ergebnisse dieser Periode umfassen sowohl seine Zeitungsartikel als auch die Notizen, die als <em>Grundrisse </em>bekannt wurden. In diesen Artikeln und Notizen findet sich eine bunte Mischung historischer und theoretischer Beobachtungen zu unterschiedlichen Aspekten kapitalistischer Krisen. Einige dieser Beobachtungen integrierte Marx sp&#228;ter in <em>Das Kapital</em> und die <em>Theorien &#252;ber den Mehrwer</em>t. In dieser F&#252;lle von Material k&#246;nnen wir erkennen, wie Marx darum k&#228;mpfte, eine politische Analyse von Krisen auszuarbeiten, aus der er strategische Lehren f&#252;r die ArbeiterInnenbewegung gewinnen konnte.<br />
In der Geschichte des Marxismus seit Marx hat die Entwicklung von Krisentheorien bis heute jedoch entt&#228;uschende Ergebnisse gezeitigt. Dabei k&#246;nnen wir mindestens zwei eklatante M&#228;ngel identifizieren. Der erste ist die Tendenz, den Fokus auf eine enge Auswahl des Marx’schen Werkes zu legen. Diese Tendenz, die, wie Peter Bell zeigt, einseitige, monokausale Theorien hervorbringt, kann die volle Reichweite von Marx‘ Arbeiten zu Krisen nicht ad&#228;quat fassen und hat zu endlosen marxologischen Debatten gef&#252;hrt.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> So ist beispielsweise die Debatte zwischen jenen MarxistInnen, die sich auf Marx’ Kommentare zur Unterkonsumption st&#252;tzen, und jenen, die auf seine Diskussion des tendenziellen Falls der Profitrate bauen, seit mehr als 40 Jahren im vollen Gange und von einer L&#246;sung doch meilenweit entfernt.<br />
Der zweite Mangel marxistischer Krisentheorie – und jener, den ich hier untersuchen m&#246;chte – betrifft die Tendenz, Krisen als Gegenstand der Wirtschaftswissenschaften zu denken und dabei Analysemethoden anzuwenden, die denen der Mainstreamwissenschaften sehr &#228;hnlich sind. Diese Tendenz bringt MarxistInnen nicht nur dazu, den politischen Inhalt ihrer Kategorien und Theorien zu vergessen, sondern macht es kapitalistischen IdeologInnen auch einfach, diese Theorien f&#252;r ihre eigenen Zwecke zu pr&#252;fen und anzueignen. Um diese Tendenz zu veranschaulichen, werde ich einige Beispiele aus der Geschichte marxistischer Krisentheorie betrachten.</p>
<p><strong>Rosa Luxemburgs Die Akkumulation des Kapitals</strong><br />
Rosa Luxemburg war eine der brillantesten MarxistInnen des fr&#252;hen 20. Jahrhunderts. Ihr revolution&#228;res Verst&#228;ndnis von Marx machte sie zur Erzfeindin der SozialdemokratInnen der Zweiten Internationale, und ihre enge Bindung an die ArbeiterInnenklasse veranlasste sie zu heftiger Kritik an Lenins Elitismus. Als sie sich jedoch daran versuchte, eine Akkumulations- und Krisentheorie auszuarbeiten, tat sie, was so viele MarxistInnen oft tun – sie stellte ihren politischen Scharfsinn zur&#252;ck und verlor sich in einer wirtschaftswissenschaftlichen Lesart von <em>Das Kapital</em>.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a><br />
Es ist weithin bekannt, dass Luxemburg ihre Theorie auf Marx’ Analyse der Reproduktion im zweiten Band von <em>Das Kapital</em> basierte. Sie konzentrierte sich auf die Marx’schen Reproduktionsschemata, analysierte deren zeitliche Entwicklung und kam zum Schluss, dass das notwendige Gleichgewicht zwischen den beiden Abteilungen<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> unter realistischen Annahmen unm&#246;glich zu erhalten sei, da die Warenproduktion die Aufnahmef&#228;higkeit der M&#228;rkte &#252;berfordern w&#252;rde. Daraus leitete sie ab, dass Krisen notwendig entstehen, und dass ein „externer Sektor“ (z.B. Kolonien) existieren m&#252;sse, in welchem die &#252;bersch&#252;ssigen Produkte abgesetzt werden k&#246;nnen.<br />
Ihre Analyse stellte einen Moment in einer langen Debatte zu den Krisentendenzen des Kapitalismus unter MarxistInnen dar, in der die Marx’schen Reproduktionsschemata als Ausgangspunkt dienten. Diese Debatte begann mit Tugan-Baranowsky, der Theorien der Unterkonsumption angriff und stattdessen eine „Theorie begrenzter Disproportionalit&#228;t“ zwischen den Abteilungen vorschlug.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Luxemburgs Arbeit war zum Teil ein Angriff auf Tugan-Baranowsky, und teilweise ein Versuch, die Basis sowohl einer Krisentheorie wie auch einer Imperialismustheorie zu entwickeln. Auf Luxemburgs Buch folgten Arbeiten von Nikolai Bucharin, Otto Bauer, Henryk Grossman und anderen.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> All diese AutorInnen hatten bez&#252;glich der Reproduktionsschemata einen &#228;hnlichen Zugang wie Luxemburg: Diese wurden als Grundlage f&#252;r eine Krisenanalyse gesehen, die Bedingungen ihres Gleichgewichts sollten von WirtschaftswissenschafterInnen analysiert werden. In moderner Begrifflichkeit lie&#223;e sich sagen, dass diese AutorInnen die Marx’schen Reproduktionsschemata als ein aus zwei, manchmal drei Sektoren bestehendes Wachstumsmodell betrachteten.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Luxemburg erforschte, wie andere auch, Bedingungen der Stabilit&#228;t. Viele Jahre sp&#228;ter, nachdem Leontiefs Adaption dieser Schemata ihren Niederschlag in makro&#246;konomischen Modellen gefunden hatte, haben kapitalistische PlanerInnen &#228;hnliches unter Zuhilfenahme multisektoraler Wachstumsmodelle getan. Doch w&#228;hrend Luxemburg und die anderen MarxistInnen sich mit der Beobachtung zufrieden gaben, dass das Modell automatisch Widerspr&#252;che und damit Krisen hervorbringt, die daher im Kapitalismus unvermeidbar sind (oder eben nicht), benutzten die PlanerInnen das Modell um herauszufinden, welche Vorkehrungen zu treffen waren, um einer fortgesetzten erfolgreichen Akkumulation den Weg zu ebnen.<br />
Auf den ersten Blick mag diese Verwendung der Marx’schen Schemata zur Analyse von Krisen manchen als Geniestreich erscheinen. Hatten diese MarxistInnen damit nicht das Werk von Marx fortgef&#252;hrt? Marx entwickelte die Reproduktionsschemata w&#228;hrend seiner Arbeit an den <em>Grundrissen</em>. Sie waren Teil seiner &#220;berlegungen zu einigen der Faktoren, die zu einer Unterbrechung der Akkumulation f&#252;hren k&#246;nnten. Dahin gesto&#223;en wurde er durch die Untersuchung der Probleme des Kapitals hinsichtlich der Reproduktion seiner gesellschaftlichen Totalit&#228;t. Wie Mario Tronti in seinem Buch <em>Arbeiter und Kapital</em> zeigt, stellen die Reproduktionsschemata einen Zugang zur Untersuchung des „gesellschaftlichen“ Kapitals dar, wobei gesellschaftliches Kapital nicht nur die Summe einzelner Kapitale meint, sondern auch die Produktion und Reproduktion der ArbeiterInnenklasse sowie die damit verbundenen K&#228;mpfe.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Diese Perspektive behandelte die Schemata nicht allein im Sinne von Str&#246;men zwischen einzelnen Industrien, sondern als Zugang zu einer politischen Totalit&#228;t.<br />
Dies findet sich in einer wirtschaftswissenschaftlichen Lesart des dritten Abschnitts des zweiten Bandes von <em>Das Kapital</em> jedoch nicht wieder. Luxemburg und andere behandelten „Reproduktion“ in der gleichen Weise wie heutige WachstumstheoretikerInnen – aus einer verengten und fetischisierten „&#246;konomischen“ Perspektive, die soziale und politische Verh&#228;ltnisse unber&#252;cksichtigt l&#228;sst und den Marxschen Zugang auf ein Problem abstrakter, quantitativer Proportionalit&#228;ten reduziert. Was folgt daraus? Ich behaupte, dass die ArbeiterInnenklasse aus diesem Teil ihrer Analyse wenig Nutzen ziehen kann, abgesehen von einem formalen Argument &#252;ber die Unabwendbarkeit des Imperialismus.</p>
<p><strong>Paul Sweezys Theorie kapitalistischer Entwicklung und Monopolkapital</strong><br />
Beinahe 30 Jahre lang, zwischen den fr&#252;hen 1940ern und den sp&#228;ten 1960ern, war Paul Sweezy zusammen mit Paul Baran der bekannteste Marxist der Vereinigten Staaten. Seine B&#252;cher und sein Magazin <em>Monthly Review</em> bildeten eine Generation von marxistischen WirtschaftswissenschafterInnen, die in den 1960er Jahren aufwuchsen und heute an den Universit&#228;ten, Schulen und in Betrieben &#252;berall in den USA lehren. Anders als Rosa Luxemburg, die vor allem politische Aktivistin war und sich Marx im Zuge ihrer politischen Praxis angeeignet hatte, war Sweezy zuvorderst ein Wissenschafter und &#214;konom. Ausgebildet in Harvard von Alvin Hansen, einem der wichtigsten Wirtschaftswissenschafter im Gefolge Keynes’, entwickelte Sweezy eine Krisentheorie, die deutlich die Spuren seiner Profession und seiner Biografie tragen. Dass marxistische Krisentheorie heutzutage vor allem eine Theorie &#246;konomischer Krisen zu sein scheint, ist nicht zuletzt seinem Einfluss geschuldet.<br />
Ich will an dieser Stelle nur drei Aspekte von Sweezys Ausf&#252;hrungen zur Krisentheorie diskutieren. Der erste betrifft Luxemburg und anderen MarxistInnen, die sich auf die Marx‘schen Reproduktionsschemata bezogen. Der zweite betrifft seine Ablehnung des tendenziellen Falls der Profitrate. Der dritte betrifft seine Betonung jener Kommentare, in denen Marx die Grenzen des Konsums der ArbeiterInnenklasse als validen Kern der Krisentheorie darstellt. In seiner <em>Theorie der kapitalistischen Entwicklung</em> evaluiert und kritisiert Sweezy die Theorien Luxemburgs und anderer, oben genannter AutorInnen in deren eigenen Begriffen.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Er pr&#228;sentiert mathematische Berechnungen zu den Reproduktionsschemata und nennt in guter &#246;konomischer Tradition pr&#228;zise die Bedingungen f&#252;r ein Gleichgewicht. Otto Bauer wird von Sweezy explizit in die Form eines mathematischen Wachstumsmodells &#252;bersetzt. Sweezy bewertet die Arbeit dieser AutorInnen stets blo&#223; durch eine Befragung ihrer Annahmen oder argumentativer Details, hinterfragt jedoch nie den Rahmen eines ausschlie&#223;lich &#246;konomischen Zugangs. Wie bei den meisten WirtschaftswissenschafterInnen ist Akkumulation auch bei Sweezy eng und quantitativ als Zuwachs an Geld, Produktionsmitteln, Lohnarbeit und Waren definiert. Daher kann er mit der Sprache und den Formen arbeiten, die auch von Leontief oder Harrod-Domar akzeptiert werden.<br />
Das Marx‘sche „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate“ interpretiert Sweezy auf typisch &#246;konomische Art und Weise. Damit meine ich, dass er annimmt, dass sich die Theorie auf Kr&#228;fte bezieht, die sich direkt auf die monet&#228;r messbare Profitrate auswirkt. Zudem behandelt er auch die Wertkategorien, also variables Kapital (v), konstantes Kapital (c), Mehrwert (m), die Mehrwertrate (m/v) und die organische Zusammensetzung des Kapitals (c/v), nach Art der Wirtschaftswissenschaften als mathematische, formal umwandelbare Gr&#246;&#223;en. Daher schreibt er, dass, wenn der Z&#228;hler und der Nenner der Profitrate m/(c+v) durch v dividiert wird, wir als Ergebnis (m/v)/[(c/v)+1] erhalten. Er tut dies, weil die Profitrate auf diese Weise durch jene Kategorien ausgedr&#252;ckt werden kann, mit denen Marx sich besch&#228;ftigt: Die Mehrwertrate und die organische Zusammensetzung des Kapitals. Auf Basis dieses Ausdrucks argumentiert er, dass das „Gesetz“ ung&#252;ltig sei, da zwar c/v schneller wachsen k&#246;nne als m/v, wenn v durch c ersetzt wird, dies aber keinesfalls a priori sicher sei, da die steigende Produktivit&#228;t, die mit Investitionen in c verbunden ist, sowohl den Wert von c wie auch von v fallen l&#228;sst und es nicht m&#246;glich sei vorherzusagen, welcher st&#228;rker fallen w&#252;rde. <em>Voilà!</em> Soviel zu dem „Gesetz“, das Marx als das fundamentalste und wichtigste der kapitalistischen Entwicklung ansah.<br />
Ein Resultat von Sweezys These war eine beinahe endlose Flut von Artikeln, die ihn in dieser Frage angriffen oder verteidigten. Seine prominentesten Gegner waren Paul Mattick, Mario Cogoy und David Yaffe, die alle die Zentralit&#228;t und G&#252;ltigkeit des Gesetzes verteidigten.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Die meisten dieser Kritiken beinhalteten einen Versuch, das Gesetz in anderer mathematischer Form zu formulieren, um es zu retten. Verteidigungen von Sweezys Ablehnung kamen w&#228;hrend der gesamten Nachkriegszeit von ihm selbst, aber auch von anderen, gest&#252;tzt auf theoretische<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> oder empirische<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Grundlagen.<br />
Was sind nun die zentralen Punkte in der Debatte zwischen all diesen MarxistInnen? Handelt es sich um politische Argumente? Wohl kaum, es sind nicht einmal polit&#246;konomische. Sie sind zum gr&#246;&#223;ten Teil mathematisch und formalistisch. In seiner Zusammenfassung der Debatte schreibt Herb Gintis, dass „amerikanische MarxistInnen im Allgemeinen die mathematische Theorie, auf der die Vorhersage der fallenden Profitrate basiert, gr&#252;ndlich untersucht haben und zum Schluss gekommen sind, dass eine derartige Tendenz nicht existiert.“<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a><br />
Was sollen wir zu einem derartigen Marxismus sagen? Jedenfalls ist die &#196;hnlichkeit dieser Debatte mit jener, die im Mainstream &#252;ber dasselbe Thema gef&#252;hrt wird, frappant.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Sollte es sich hierbei um Marx’sche Wirtschaftswissenschaften handeln, liegt die Betonung sicherlich auf Wirtschaftswissenschaften, nicht auf Marx. Wir haben es hier mit einem sterilen Seminarraummarxismus zu tun, der seines politischen Inhaltes und seines Klassenhasses beraubt wurde. Es ist ein Marxismus, den Mainstream&#246;konomInnen verstehen und in ihrer eigenen Begrifflichkeit auswerten k&#246;nnen. Dass nicht mehr solcher sich auf Marx beziehender WirtschaftswissenschafterInnen auf Lehrst&#252;hle berufen werden, kann nur daran liegen, dass entweder der Mainstream deren Arbeit f&#252;r nicht produktiv h&#228;lt, oder dass, wie im Falle Luxemburgs, ihr politisches Handeln in anderen Bereichen militanter ist als ihre Theorie.<br />
Der letzte Aspekt von Sweezys Werk, den ich untersuchen will, hat eine ganze Str&#246;mung gegenw&#228;rtiger marxistischer Krisentheorie hervorgebracht: Seine Interpretation der Marx‘schen Kommentare hinsichtlich der Grenzen der Konsumtion der ArbeiterInnenklasse. Sweezys Lesart der Kommentare passt gut zu den keynesianischen Interpretationen von Hansen zur Problematik der inad&#228;quaten gesamtwirtschaftlichen Nachfrage und der Ansicht sowohl von Hansen und Steindl &#252;ber die Stagnationstendenzen des Kapitalismus.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Dieses unterkonsumtionistische Verst&#228;ndnis von Marx ist abermals sehr stark in der wirtschaftswissenschaftlichen Tradition verankert. Von Malthus, welchen Marx studierte, &#252;ber Hobson im Hintergrund bis zu Keynes im Zentrum des Mainstreams war die Frage nach der ad&#228;quaten Nachfrage zur Herstellung und Erhaltung von &#246;konomischem Output-Wachstum ein zentrales Thema. Doch w&#228;hrend Marx die kapitalistischen Versuche, das Einkommen der ArbeiterInnenklasse und deren steten Kampf um h&#246;here L&#246;hne (und k&#252;rzere Arbeitszeiten) einzud&#228;mmen, als einen wichtigen Klassenwiderspruch analysierte, findet Sweezy darin eine Rechtfertigung f&#252;r eine Art pessimistischen Keynesianismus, in der die Schw&#228;che der ArbeiterInnenklasse zur Krise f&#252;hrt. Sweezy ist derart vertieft in die Untersuchung der &#196;hnlichkeiten zwischen Marx und Keynes, dass er seinem Buch einen Essay von Shigeto Tsuru beif&#252;gte, in dem dieser explizit Marx‘sche und Keynes‘sche Makrokategorien zusammenf&#252;gt.<br />
Zwanzig Jahre sp&#228;ter, als Sweezy zusammen mit Paul Baran sein Buch <em>Monopolkapital </em>ver&#246;ffentlichte, vertrat er im Wesentlichen immer noch dieselbe Position. Dieses Mal war sein Marxismus jedoch wenig mehr als die rhetorische Bem&#228;ntelung eines Buchs, das sonst auch als das Werk eines liberalen Mainstream&#246;konomen in der Tradition neoklassischer Synthesen h&#228;tte eingeordnet werden k&#246;nnen. Der analytische Kern von Sweezys und Barans Darstellung war eine Mischung aus neoklassischer Betriebswirtschaftslehre und keynesianischer Makrotheorie. Der Titel verweist auf ihr zentrales Anliegen, die gegenw&#228;rtige Phase des Kapitalismus in Begriffen der Struktur der kapitalistischen M&#228;rkte zu definieren – die als monopolistisch, im Gegensatz zu einem fr&#252;heren Stadium des Wettbewerbskapitalismus, gefasst werden. Ihre Diskussion der „Absorption des Surplus“ stellte eine Wendung der keynesianischen Problematik der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage dar. Die Marx‘schen, auf der Arbeitswerttheorie aufbauenden theoretischen Kategorien waren fast v&#246;llig aus der Analyse verschwunden. Statt Mehrwert finden wir „Surplus“; statt dem Problem der Abpressung von Mehrwert finden wir das seiner Entsorgung. W&#228;hrend es sich bei der <em>Theorie der kapitalistischen Entwicklung </em>wenigstens der Form nach um marxistische Theorie handelte, nahm <em>Monopolkapital </em>sowohl Form als auch Inhalt der Mainstream-Wirtschaftswissenschaft an (obschon mit dem den Autoren eigenen kritischen Zug&#228;ngen). Nur in den abschlie&#223;enden Kapiteln legen sie die Wirtschaftswissenschaft beiseite und behandeln Konzepte der Kritischen Theorie, wie die historische Vernunft und die Irrationalit&#228;t des Kapitalismus, wenngleich diese Aspekte der Marx’schen Tradition eher auf Hegel denn auf Marx zur&#252;ckzuf&#252;hren sind.<br />
Als andere MarxistInnen begannen, Sweezy anzugreifen, waren seine Abkehr von Marx und seine Verwendung einer keynesianischen, auf unzureichender Nachfrage basierenden Krisentheorie eine der ersten Ausgangspunkte.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a><br />
In seinen Repliken darauf ruderte Sweezy zur&#252;ck und formulierte seine Unterkonsumtions-Theorie einmal mehr in Marx‘schen Begriffen.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Es sind aber nicht die Details der Debatte die mich hier interessieren. Es ist eher die Art, wie in Sweezys Thesen und in der ganzen davon beeinflussten Literatur die Marx‘schen Gedanken in die Sprache der Wirtschaftswissenschaften &#252;bersetzt wurden. Es sollte uns also nicht &#252;berraschen, dass in den sp&#228;ten 1960er Jahren viele radikale WirtschaftswissenschafterInnen es als ihr vordringlichstes Problem ansahen, die Mainstream-Wirtschaftswissenschaften so zu adaptieren, dass sie zur Analyse jener Gegenst&#228;nde betragen konnten, die sie interessierten. Viele betrachteten es als das Erbe von Marx (den die meisten noch gar nicht studiert hatten), Probleme identifiziert zu haben, die der Mainstream &#252;bersehen hatte, statt als Ausgangspunkt f&#252;r eine andere theoretische Herangehensweise. Und wenn sie sich doch direkt mit Marx besch&#228;ftigten, nachdem sie von Baran und Sweezy gepr&#228;gt worden waren und die marxistischen Debatten zur Krisentheorie, die in ihrer Form, und in bestimmtem Grad sogar in ihrem Inhalt, den Debatten der Mainstream-Wirtschaftswissenschaften glichen, verfolgt hatten, sollte es uns nicht zu sehr verwundern, dass sie Marx als &#214;konomen lesen. Auch sollte es uns nicht &#252;berraschen, dass ein guter Teil der gegenw&#228;rtigen marxistischen Krisentheorie diesem Pfad folgt.</p>
<p><strong>Die Profit Squeeze-Debatte<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a></strong><br />
Die bekanntesten Beitr&#228;ge zur <em>Profit Squeeze</em>-Debatte stammen von Andrew Glyn, Bob Sutcliffe und ihren Anh&#228;ngerInnen in Gro&#223;britanien<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> sowie von Ray Boddy und James Crotty in den Vereinigten Staaten.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Kurz gesagt handelt es sich um eine Art marxistischer Krisentheorie, die sich explizit oder implizit auf Marx’ Arbeiten zur Rolle des Lohns bei Krisen bezieht, d.h. unter anderem auf Kapitel 25 des ersten <em>Kapital</em>-Bandes sowie die Analysen in <em>Lohn, Preis und Profit</em>. Der Grundgedanke besteht darin, dass ArbeiterInnen durch ihre K&#228;mpfe ihr Einkommen so weit in die H&#246;he treiben k&#246;nnen und dies historisch auch getan haben, dass der kapitalistische Profit bzw. der kapitalistische Anteil am Nationaleinkommen ausgeh&#246;hlt wird. Manchmal wird dieses Argument auf L&#246;hne bezogen, manchmal auf alle Einkommen (L&#246;hne plus Sozialleistungen, plus &#246;ffentliche Dienstleistungen, etc.). In den meisten F&#228;llen wird die Theorie durch empirische Studien abgest&#252;tzt, welche zeigen, dass dies w&#228;hrend der aktuellen Krise tats&#228;chlich eingetreten ist.<br />
Im Unterschied zu den schon genannten Theorien beinhaltet diese ein explizit politisches Moment des Klassenkampfes. Unterkonsumptionistische Theorien sind implizit klassenk&#228;mpferisch – der kapitalistische Versuch, L&#246;hne niedrig zu halten – obwohl dies in seiner &#252;blichen Interpretation ziemlich einseitig gefasst wird. Im <em>Profit Squeeze</em>-Ansatz wurde demgegen&#252;ber der Klassenkampf – fast zum ersten Mal in der Geschichte des akademischen Marxismus – anerkannt und ihm ein Platz zwischen &#246;konomischen Modellen und mathematischen Formalismen zuerkannt. Dies ist fraglos eine erfrischende Abweichung von jenen &#246;konomischen Krisentheorien, die wir bisher diskutiert haben. Dennoch bleiben im Rahmen dieses Ansatzes zwei Probleme bestehen. Das erste besteht in der Tendenz, die Krisenanalyse auf die Zirkulationssph&#228;re zu beschr&#228;nken, ohne zu erkennen, wie die Forderung nach h&#246;heren L&#246;hnen und Einkommen zugleich ein Angriff auf die Strukturierung des Lebens rund um die Arbeit ist. Kurzum, die <em>Profit Squeeze</em>-TheoretikerInnen haben es zumeist vers&#228;umt, die Revolte gegen die Arbeit und die Krise in der Produktion zu analysieren. Wo die Auflehnung gegen die Arbeit erkannt wurde, hat man sie als Rebellion gegen die erniedrigenden Arbeitsbedingungen im Kapitalismus interpretiert; es fehlt jedoch an Verst&#228;ndnis daf&#252;r, wie die zunehmende Weigerung der Menschen, auf blo&#223;e ArbeiterInnen reduziert zu werden, eine grunds&#228;tzliche Unterminierung der kapitalistischen Ordnung darstellt.<br />
Zweitens formulieren die <em>Profit Squeeze</em>-TheoretikerInnen, indem sie die Krisenanalyse auf einen Verteilungskampf um den Output beschr&#228;nken, die Krisenproblematik &#228;hnlich wie die Mainstream-Diskussion um Einkommensverteilung. Dies ist ein sehr altes reformistisches Diskursfeld, auf dem die Verteilung des Outputs diskutiert, eine Debatte um die &#220;berwindung des Lohnsystems selbst jedoch vermieden wird. Im Rahmen dieses Diskurses reagieren konservative, pro-kapitalistische &#214;konomInnen und KommentatorInnen (wie jene, die mit der Reagan-Administration verbunden sind) auf den R&#252;ckgang der Unternehmensgewinne, indem sie eine Umverteilung fordern – durch einen Angriff auf L&#246;hne und Sozialleistungen. Liberale, pro-kapitalistische &#214;konomInnen (etwa Neoliberale wie Thurow) schlagen eine Lohnpolitik vor, welche die Unternehmensgewinne zu Gunsten des Kapitals stabilisieren, ohne den Lebensstandard der ArbeiterInnenklasse v&#246;llig zu zerst&#246;ren. Radikale KritikerInnen sehen die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Surplus f&#252;r Investitionen und Wachstum, wollen aber eine gr&#246;&#223;ere Mitbestimmung der ArbeiterInnen hinsichtlich solcher Investitionen. Sie wollen mehr „Wirtschaftsdemokratie“ – eine Parole und eine Politik, die zum Schlachtruf heutiger SozialdemokratInnen geworden ist.<br />
Dementsprechend f&#228;llt die <em>Profit Squeeze</em>-Variante der Marxschen Krisentheorie ebenfalls in den Bereich der Mainstream-Debatten, wenn auch am sozialistischen Rand. Ist dies das Beste, was der Marxismus anzubieten hat? Sind diese Krisentheorien, formuliert in der Sprache und im Stil der Wirtschaftswissenschaften, alles was man von Marx lernen kann? Ist der Marxismus am Ende nur eine Unterabteilung der Wirtschaftswissenschaften? Gl&#252;cklicherweise lautet die Antwort nein; dies ist nicht alles – nicht einmal im Bereich der Krisentheorie, ganz zu schweigen von den &#252;brigen Aspekten des Marxismus. Es gibt einen anderen Weg, Marx und seine Krisentheorien zu lesen, und dieser f&#252;hrt zu g&#228;nzlich anderen Ergebnissen.</p>
<p><strong>Marx, der Revolution&#228;r</strong><br />
Die Alternative zur &#246;konomischen Interpretation von Marx, die ich f&#252;r die sinnvollste halte, ist die Deutung seiner Konzepte und Theorien als Momente seiner politischen Analyse des Kapitalismus als Klassenkampf. Dies nenne ich eine politische Lekt&#252;re von Marx. Die Grundlagen und die Entwicklung dieser politischen Lesart habe ich in der Einleitung meines Buches <em>Reading Capital Politically</em> skizziert.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Zu den bekanntesten AutorInnen, die diesem Ansatz zugerechnet werden k&#246;nnen, z&#228;hlen C.L.R. James, Raya Dunayevskaya, Martin Glaberman, Cornelius Castoriadis und Claude Lefort (in den 1950ern), Raniero Panzieri, Mario Tronti (in den 1960ern), Mariarosa Dalla Costa, Selma James und Antonio Negri.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Diese Herangehensweise weist all diejenigen „&#246;konomischen“ oder „polit-&#246;konomischen“ Analysen explizit zur&#252;ck, welche Marx’ Arbeiten als auf die &#214;konomie fokussiert verstehen, wenn „&#214;konomie“ im gew&#246;hnlichen Sinne als die Sph&#228;ren der Produktion, Zirkulation und Distribution umfassend verstanden wird. Sie besteht darauf, dass das, was &#252;blicherweise die &#246;konomische Sph&#228;re genannt wird, sich aus Momenten eines politischen Ganzen zusammensetzt: dem Klassenkampf.<br />
Grundannahme dieses Ansatzes ist, dass der Gegenstand der Marx’schen Untersuchungen, und der einzig angemessene Gegenstand f&#252;r jede/n Revolution&#228;rIn, der Klassenkampf ist. Lasst uns deutlich sein, diese Position bestreitet die Autonomie des Politischen– es gibt keine &#246;konomische Sph&#228;re hier und eine politische dort. Wir argumentieren, dass es vom Standpunkt der ArbeiterInnen, die den Kapitalismus st&#252;rzen wollen, nur einen Bezugspunkt geben kann: die Strukturen ihrer Machtbeziehungen zum Kapital. Alles muss in Bezug auf das Verh&#228;ltnis zu diesem zentralen politischen Aspekt interpretiert werden. Es ist nicht so, dass der Klassenkampf zu einem neuen Zentrum innerhalb der Theorie erkl&#228;rt oder, im Fall der „Krisentheorie“, der Klassenkampf als „Ursache“ f&#252;r die Krise angesehen w&#252;rde. Klassenkampf ist weder Ursache noch Effekt. Er ist das Ganze, und Marx’ Analyse wird verstanden als die Erforschung der Kr&#228;fte, die innerhalb dieses Ganzen wirken. Deshalb ist Marx’ Krisenanalyse, wie die Akkumulationstheorie im Allgemeinen, eine Theorie der Dynamik des Klassenkampfes. Wenn Marx im <em>Kapital </em>sagt, dass Akkumulation zuallererst die Akkumulation der Klassen ist, m&#252;ssen wir anerkennen, dass dies notwendigerweise die Akkumulation der Konflikte und K&#228;mpfe der Klassenverh&#228;ltnisse bedeutet. Akkumulation beinhaltet nat&#252;rlich die erweiterte Reproduktion des Geldkapitals, des Warenkapitals, des produktiven Kapitals usw., aber diese d&#252;rfen nicht als Dinge verstanden werden, sondern als Momente des grundlegenden Klassenverh&#228;ltnisses.<br />
Diese politische Lesart von Marx nimmt dessen wiederholte Hinweise ernst, dass das Kapital vor allem ein soziales Verh&#228;ltnis ist. Sie nimmt auch die elfte Feuerbachthese ernst, wonach es darauf ankommt, die Welt zu ver&#228;ndern, weshalb jede Theorie, welche die Bezeichnung „marxistisch“ verdient, nicht nur die Klassenverh&#228;ltnisse zum Ausdruck bringen, sondern auch eine selbstbewusste und explizite Rolle im Kampf f&#252;r Transformation spielen muss.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Was diesen Ansatz von den meisten anderen Versionen des Marxismus unterscheidet, ist die Art, wie er das Kapital betrachtet. F&#252;r die meisten MarxistInnen, ob orthodox oder revisionistisch, ist das „Kapital“ die Gesamtheit der KapitalistInnen und deren Kapital. Die Dynamik des Kapitals wird aus dessen „innerer Logik“, wie sie es gerne nennen, abgeleitet. Die treibende Kraft hinter dieser „Kapitallogik“ ist ihnen zufolge der Konkurrenzkampf zwischen den KapitalistInnen. In diesem Bild erscheinen ArbeiterInnen als &#228;u&#223;erliche Faktoren, die f&#228;hig sind, Widerstand gegen die Logik des Kapitals zu leisten und die es sogar grunds&#228;tzlich st&#252;rzen k&#246;nnen, deren K&#228;mpfe aber reaktiv sind und der aus sich selbst angetriebenen Entwicklung des Kapitals nur Hindernisse in den Weg stellen k&#246;nnen.<br />
Ruft man sich die drei Beispiele zur Krisentheorie nochmals in Erinnerung, wird deutlich, dass diese Charakterisierung allgemeine G&#252;ltigkeit hat. Luxemburg, Sweezy, ihre Unterst&#252;tzerInnen und KritikerInnen, und sogar die<em> Profit Squeeze</em>-TheoretikerInnen sehen die Entwicklung des Kapitalismus durch seine eigenen „inneren Bewegungsgesetze“ bestimmt. Ob wir die Dynamik der Unterkonsumption, das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate oder die Profitklemme betrachten, immer sehen wir den Kampf der ArbeiterInnenklasse als der Logik des Kapitals &#228;u&#223;erlich. Unterkonsumption nimmt im Kern eine Grenze des Verm&#246;gens der ArbeiterInnen an, die L&#246;hne anzuheben. Bezogen auf den tendenziellen Fall der Profitrate wird &#252;blicherweise angenommen, dass die Tendenz zur Erh&#246;hung der organischen Zusammensetzung des Kapitals ihre Ursache im Wettbewerb hat. Und im Falle des<em> Profit Squeeze</em>-Arguments erscheint der Kampf der ArbeiterInnenklasse, der die Akkumulation untergr&#228;bt, als eine exogene Bedrohung f&#252;r die kapitalistische Entwicklung.<br />
Innerhalb des alternativen Rahmens, den ich hier vorstelle, hei&#223;t Krise immer Krise des Klassenverh&#228;ltnisses. Allgemein ist deshalb eine kapitalistische Krise eine Krise der kapitalistischen Kontrolle &#252;ber die ArbeiterInnenklasse. Die so genannten inneren Bewegungsgesetze des Kapitals m&#252;ssen also als die allgemeinen Charakteristika des Klassenkampfes verstanden werden. Gleicherma&#223;en haben die Kategorien der Marx’schen Arbeitswerttheorie den Zweck, die Muster und Logiken dieses Kampfes aufzudecken. In diesem Rahmen wird Marx zuallererst als militanter Theoretiker des Subjekts, oder pr&#228;ziser, zweier politischer und historischer Klassensubjekte gesehen: der KapitalistInnen und der ArbeiterInnenklasse. Die von Marx beschriebenen „Bewegungsgesetze“ sind die Gesetzm&#228;&#223;igkeiten, die das Kapital gegen die K&#228;mpfe des antagonistischen Widerparts durchsetzen kann. Die beiden historischen Subjekte sind dabei in ihrem Charakter fundamental voneinander unterschieden, und dieser Unterschied bildet den Kern ihres Antagonismus. Kapital ist eine bestimmte Weise, das Leben von Menschen zu organisieren. In der kapitalistischen Gesellschaft sind die meisten Menschen Mitglieder der ArbeiterInnenklasse. Sie sind dem endlosen und k&#252;nstlichen Zwang zur Arbeit unterworfen, wobei sie Mehrwert produzieren, den die KapitalistInnen entweder konsumieren oder, was noch wichtiger ist, reinvestieren, um noch mehr Arbeit zu schaffen. Die KapitalistInnen, ob reiche M&#252;&#223;igg&#228;ngerInnen oder moderne Unternehmens-ManagerInnen, sind wesentlich das, was Marx „Funktion&#228;rInnen“ des Kapitals, nannte, im Sinne einer die Gesellschaft organisierenden Kraft. Das hei&#223;t ihre Arbeit besteht darin, den Prozess der Kapitalakkumulation zu organisieren, in der Produktions-, der Zirkulations- oder der Reproduktionssph&#228;re. Wie orthodoxe MarxistInnen oft sagen, reproduziert sich das Kapital selbst, aber nur in dem Sinne, dass es die sozialen Verh&#228;ltnisse wiederherstellt, in denen die meisten Menschen gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen um zu &#252;berleben. Deshalb ist die Arbeitsethik zentral f&#252;r die kapitalistische Ideologie, und zwar weil sie die lebenslange Freiheitsstrafe der harten Arbeit, welche das Kapital uns allen auferlegen m&#246;chte, rechtfertigt.<br />
Aber die ArbeiterInnenklasse, die Klasse derjenigen, die zur Arbeit gezwungen werden, bricht regelm&#228;&#223;ig mit den ideologischen und sozialen Kontrollen des Kapitalismus und k&#228;mpft gegen diese Zumutung. ArbeiterInnen bilden als historisches Subjekt, in Marxens Worten, nur dann eine wirkliche Klasse f&#252;r sich, wenn sie solche K&#228;mpfe ausfechten. Und doch gibt es etwas anderes, noch fundamentaleres, wodurch sich das ArbeiterInnen-Subjekt auszeichnet und das den Antagonismus erkl&#228;rt, der jeden Moment des Kapitals und jede Kategorie bei Marx durchzieht. Es ist die grundlegende F&#228;higkeit zu Kreativit&#228;t und Ver&#228;nderung, die ArbeiterInnen als menschliche Wesen besitzen und f&#252;r deren Befreiung sie k&#228;mpfen. Dies k&#246;nnte man als die positive Seite der K&#228;mpfe der ArbeiterInnenklasse bezeichnen. Sie wenden sich nicht nur gegen die Unterordnung ihres Lebens unter die kapitalistische Arbeit, sondern k&#228;mpfen zus&#228;tzlich f&#252;r ihre autonome Entwicklung oder, mit Toni Negri gesprochen, ihre Selbst-Verwertung.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Und weil diese Entwicklung autonom ist und jeglichen Zwang von au&#223;en ablehnt, tendiert sie dazu, sich den Bem&#252;hungen des Kapitals, sie in seine eigene Formen zu zwingen, zu entziehen. Das Kapital in diesem Sinne, als eine bestimmte Lebensform, ist gefroren oder tot, wie Marx sagt. Es versteht allein seine eigenen Kreisl&#228;ufe. Es wei&#223; nur, wie man die gleichen Formen wiederholt und dieselben Inhalte aufzwingt, immer und immer wieder. Wie ein Vampir kann es seine Energie und sein Leben nur von Anderen beziehen. Es versucht, die spontane Energie und Kreativit&#228;t von Menschen nutzbar zu machen, indem es deren Autonomie begrenzt, sie zu ArbeiterInnen in seinen Fabriken und B&#252;ros und zu Funktion&#228;rInnen seines eigenen Bestehens macht. AutorInnen der Kritischen Theorie haben diese Wahrheit begriffen. Ihr Fehler lag darin, dass sie nicht gesehen haben, dass Marxens Werk Elemente enth&#228;lt, die sie selbst nicht begreifen oder ausarbeiten konnten: Eine Theorie der Autonomie der ArbeiterInnenklasse gegen das Kapital und f&#252;r ihre eigene Selbstentwicklung.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a><br />
Die meisten MarxistInnen, die an einer Krisentheorie arbeiten, sehen weder die Autonomie der ArbeiterInnenklasse, noch das kapitalistische Erfordernis, sich diese zunutze zu machen. Sie lesen Marxens Kategorien wie sie die Variablen der Mainstream-Wirtschaftswissenschaft lesen, und sie spielen die gleichen Spielchen mit ihnen. Aber wir m&#252;ssen das nicht tun. Stattdessen k&#246;nnen wir diese Kategorien<br />
nehmen, langsam, erst eine nach der anderen, dann alle zusammen, und herausfinden, wie sie Kategorien der Klassenverh&#228;ltnisse und Klassenk&#228;mpfe begr&#252;nden. Wir k&#246;nnen sie „politisch lesen“, um ihre Bedeutung f&#252;r die jeweiligen Klassen zu entdecken. Und indem wir das tun, k&#246;nnen wir Marx’ &#220;berlegungen zur Krise wiederbeleben, und vielleicht sogar einige jener Theorien, die von unseren marxistischen &#214;konomInnen erarbeitet wurden.<br />
Dies ist ein Projekt, das bereits im Gange ist. Seine historischen und politischen Urspr&#252;nge habe ich in der Einleitung zu meinem Buch <em>Reading Capital Politically</em> skizziert. Dort habe ich eine Neuinterpretation der grundlegenden Kategorien der Marx’schen Arbeitswerttheorie unternommen, um zu zeigen, wie sie als Kategorien des Klassenkampfes &#252;ber die Organisation der Gesellschaft rund um Arbeit gelesen werden k&#246;nnen. Ein j&#252;ngerer Beitrag beinhaltet eine erste, systematische Interpretation der Marx’schen Schriften zur Krise als Beobachtungen und Theorien dar&#252;ber, wie ArbeiterInnenk&#228;mpfe den Akkumulationsprozess unterbrechen.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Weitere Materialien und Bemerkungen zur Krisentheorie, die in diesem inhaltlichen Rahmen erarbeitet wurden, k&#246;nnen in den Zeitschriften <em>Zerowork </em>und <em>Midnight Notes</em> sowie in <em>Red Notes, Semiotext(e)</em> und bei Antonio Negri gefunden werden.<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a><br />
Im Rahmen dieses Essays werde ich mich auf die Diskussion zweier Gesichtspunkte dieses Zugangs zur marxistischen Krisentheorie beschr&#228;nken. Der erste Aspekt betrifft die F&#228;higkeit dieses Ansatzes, eine alternative Lesart jener Konzepte Marxens anzubieten, die bisher &#246;konomisch interpretiert wurden und die als Grundlage &#246;konomischer Krisentheorien dienten. Der zweite Aspekt bezieht sich darauf, dass eine solche Interpretation weniger anf&#228;llig f&#252;r jene kapitalistische Instrumentalisierung ist, vor der oben gewarnt wurde.</p>
<p><em>Fortsetzung folgt im n&#228;chsten Heft (Perspektiven Nr. 14).</em></p>
<p>&#220;bersetzung: <em>Isabella Amir, Benjamin Opratko, Ako Pire, Nicolas Schlitz, Felix Wiegand</em></p>
<p>Mit freundlicher Genehmigung von <em>Harry Cleaver.</em></p>
<p>Harry Cleaver ist Professor f&#252;r Wirtschaftswissenschaften an der University of Texas at Austin und u.a. Autor von <em>Reading Capital Politically</em> (1. Auflage 1979, Austin: University of Texas Press; 2. Auflage 2000, Oakland: AK Press; online unter <a href="http://libcom.org/library/reading-capital-politically-cleaver">http://libcom.org/library/reading-capital-politically-cleaver</a>).</p>
<p><strong>Anmerkungen:</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Dieser Artikel wurde urspr&#252;nglich verfasst f&#252;r das Centennial Symposium on Marx, Schumpeter and Keynes an der University of Colorado in Denver, 20. bis 22. August 1983. Erstmals erschienen in Helburn, Suzanne W./Bramhall, David F. (Hg.): Marx, Schumpeter and Keynes: A Centenary Celebration of Dissent, Armonk (1986): M.E. Sharpe, S. 121-146. Manche der zeitdiagnostischen Bemerkungen – besonders jene zur Ausbreitung marxistischer Theorien an Universit&#228;ten und wirtschaftswissenschaftlichen Instituten – m&#246;gen 25 Jahre sp&#228;ter fast skurril erscheinen. Dies tut dem theoretischen Argument Cleavers f&#252;r eine „politische“ Lekt&#252;re der Marx’schen Krisentheorie jedoch keinen Abbruch. Wir drucken hier die erste H&#228;lfte des Artikels ab, Teil zwei erscheint in Perspektiven Nr. 14 (Sommer 2011) (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Der Einzug des Marxismus in amerikanische Universit&#228;ten schien derart umfassend, dass Ollman und Vernoff ihn als „Kulturrevolution“bezeichneten und in einem Sammelband dokumentierten. Vgl. Ollman, Bertell/Vernoff, Edward (Hg.): The Left Academy, New York (1982): Mc-Graw-Hill. Im Sinne von Thomas Kuhns Paradigmabegriff hat der Marxismus in den letzten Jahren alle f&#252;r ein Paradigma notwendigen Komponenten anerkannter akademischer Legitimit&#228;t hervorgebracht: Spezialisierte Zeitschriften, professionelle Organisationen, etablierte ProfessorInnen und Pr&#228;senz in Studieng&#228;ngen.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Unter WirtschaftswissenschafterInnen hat die Diskussion um die Marx’sche Arbeitswerttheorie, den theoretischen Kern der meisten seiner „&#246;konomischen“ Werke, schon vor langer Zeit aufgeh&#246;rt. Am Beginn der marxistischen „Kulturrevolution“ in den fr&#252;hen 1960er Jahren gab es nur einen bekannten und etablierten marxistischen Wirtschaftwissenschafter in den Vereinigten Staaten, Paul Baran in Stanford. Da dieser 1964 verstarb, hat sich die derzeitige Generation von MarxistInnen ihr Wissen &#252;berwiegend eigenst&#228;ndig angeeignet.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> In ihrer Einleitung zu The Left Academy schreiben Ollman und Vernoff dass „sich in den Universit&#228;ten ein Raum f&#252;r kritisches Denken ge&#246;ffnet hat“. Ollman/Vernoff: Left Academy, a.a.O., S.2. Dabei m&#252;ssen wir uns gewahr bleiben, dass wir es waren, die diesen Raum erk&#228;mpft haben und dass dieser sich vor dem Hintergrund ausbleibender K&#228;mpfe auch wieder dramatisch verkleinern kann. Was der Geschichte marxistischer Forschung bisher noch abgeht, ist eine ernsthafte Evaluation sowohl der Strategien, die sich als n&#252;tzlich in der Durchsetzung dieses Raumes erwiesen wie auch jener, die es nicht waren.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Der Einfluss von Unternehmensinteressen auf die Struktur und den Inhalt des amerikanischen Erziehungswesens geh&#246;rt zu den am gr&#252;ndlichsten von radikalen marxistischen Studierenden und ProfessorInnen untersuchten Ph&#228;nomen &#252;berhaupt. Vor dem Hintergrund dieser Omnipr&#228;senz der Verwertungsinteressen sollten wir uns die Frage stellen, warum explizit antikapitalistische marxistische Lehre in den Universit&#228;ten eine derartige Toleranz erf&#228;hrt. Vgl. Bowles, Samuel/Gintis, Herbert: Schooling in Capitalist America, New York (1975): Basic Books; Spring, Joel H.: Education and the Rise of the Corporate State, Boston (1972): Beacon; Carnoy, Martin: Education as Cultural Imperialism, New York (1974): David McKay.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Teil von Marcuses Analyse der „repressiven Toleranz“ ist die These, dass etablierte Kr&#228;fte Differenz zum Zweck der Domestizierung und Neutralisierung tolerieren, um sie in den Universit&#228;ten und fern von den Stra&#223;en zu halten.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Die Notwendigkeit neuer Ideen hat ihren Ausgang in der Krise jener Theorie, die Teil der gegenw&#228;rtigen &#246;konomischen Krise des Systems ist. Auf &#246;konomischer Ebene betrifft dies v.a. die Krise des keynesianischen Paradigmas, welches die Inhalte sowohl der Politik wie auch der &#214;konomielehrb&#252;cher<br />
der letzten 30 Jahre dominierte.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Ein bedeutender Versuch, Marx zur Planung kapitalistischer Akkumulation zu gebrauchen, findet sich in den 1920ern, als sowjetische &#214;konomInnen anhand der Marx’schen Reproduktionsschemata der erweiterten Reproduktion Modelle f&#252;r die sowjetische Wirtschaftspolitik entwickelten. Ein derartiger Versuch von Feldman war interessant genug, um das Interesse des bekannten westlichen Wachstumstheoretikers Evsey Domar auf sich zu ziehen. Im Westen gab es eine parallele Geschichte dieser Art der Marxrezeption. Der Beginn liegt dabei in der Entwicklung des input/output Modells durch Vassili Leontief, der sich zum Teil auf Marx’ Werk bezog. Domar, Evsey D.: Essays in the Theory of Economic Growth. New York (1957): Oxford University Press; Leontief, Wassily (1938): The Significance of Marxian Economics for Present Day Economic Theory, in: American Economic Review 28(1) (1938), S. 1-9; Horowitz, David (Hg.): Marx and Modern Economics. New York (1968): Monthly Review Press; Kuhne, Karl: Economics and Marxism. New York (1979): St. Martin’s Press.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Ab 1970 schuf die American Economic Association auf ihren j&#228;hrlichen Kongressen Raum f&#252;r Papers radikaler WirtschaftswissenschafterInnen und f&#252;r Diskussionen &#252;ber die Entwicklung marxistischer &#214;konomik. Der/die geneigte LeserIn braucht nur die j&#228;hrliche Maiausgabe der American Economic Review zu begutachten, welche das Programm des j&#228;hrlichen Kongresses beinhaltet, um diese Pr&#228;senz des Radikalen f&#252;r sich selbst zu best&#228;tigen. Vgl. auch Bronfenbrenner, Martin: Radical Economics in America: A 1970 Survey, in: Journal of Economic Literature 8 (3) (1970), S. 747-766; sowie die Debatte um Gurley, John G.: The State of Political Economics, in: American Economic Review 61 (2) (1971), S. 53-62. Zwei Betrachtungen marxistischer Arbeiten in der Wirtschaftspresse finden sich in der Businessweek vom 23. Juni 1975 und im Wall Street Journal vom 5. Februar 1975.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Die M&#246;glichkeiten der Aneignung einer Theorie durch das Kapital h&#228;ngen von zwei Aspekten ab: Von ihrem Inhalt und von ihrer Form. Fokussiert eine Theorie inhaltlich auf dieselben Probleme wie b&#252;rgerliche Theorien, definiert sie die Forschungsfrage in derselben Weise wie b&#252;rgerliche AutorInnen, werden Vergleich und Evaluation einfach. Wenn Fokus und Fragestellung jedoch verschieden sind, ist die Relevanz f&#252;r letztere weniger offensichtlich. In &#228;hnlicher Weise machen es eine &#228;hnliche Form der Analyse, der Sprache und der Methoden selbst bei unterschiedlichen Konzepten (z.B. hinsichtlich des Wertes) den BeobachterInnen des Mainstreams es einfach, den Argumenten zu folgen und daraus neue Einblicke f&#252;r ihr eigenes Schaffen zu gewinnen.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Bell, Peter: Marxist Theory, Class Struggle and the Crisis of Capitalism, in: Schwartz, Jesse (Hg.): The Subtle Anatomy of Capitalism, Santa Monica, CA (1977): Goodyear Publishing.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Luxemburg, Rosa: Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur &#246;konomischen Erkl&#228;rung des Imperialismus, in: Rosa Luxemburg – Gesammelte Werke, Bd. 5, (1975 [1913]), S. 5-411.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Im zweiten Band von Das Kapital unterscheidet Marx zwischen der Produktion von Produktionsg&#252;tern (Abteilung I) und jener von Konsumg&#252;tern (Abteilung II) (Anm. d. &#220;.).<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Vgl. Sweezys Zusammenfassung von Tugans Positionen in: Sweezy, Paul: Theorie der kapitalistischen Entwicklung. Eine analytische Studie &#252;ber die Prinzipien der Marx’schen Sozial&#246;konomie, Frankfurt/M. (1988 [1942]): Suhrkamp, Frankfurt/M.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Vgl. Sweezys Skizzierung der Debatte in Sweezy: Theorie&#8230;, a.a.O.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Feldmans Modell wurde untersucht und neuformuliert von Evsey Domar. Vgl. Domar: Essays&#8230;, a.a.O., Kap. 9. Dieser Artikel ist paradigmatisch daf&#252;r, wie b&#252;rgerliche WirtschaftswissenschafterInnen von Zeit zu Zeit versuchen von MarxistInnen zu lernen. „Es scheint mir“, so Domar, „dass eine Untersuchung eines Wachstumsmodells auf marxistischer Basis, auch in modifizierter Weise, und eine Darstellung seiner Verbindung zu einem keynesianischen sich als wertvoll erweisen kann. Es k&#246;nnte n&#252;tzlich sein um einige R&#228;tsel der sowjetischen Wirtschaftsgeschichte zu entschl&#252;sseln und ein besseres Verst&#228;ndnis sowjetischer Wirtschaftswissenschaft zu gewinnen. Auch erwachsen daraus einige allgemeine Fragen zur Wirtschaftsentwicklung“, ebd. S. 228.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Tronti, Mario: Arbeiter und Kapital, Frankfurt/M. (1974 [1966]), Verlag Neue Kritik.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Sweezy, Theorie&#8230;, a.a.O.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Mattick, Paul: Marxism and Monopoly Capital, in: Progressive Labor 7/8 (1969), S. 34-49; Ogoy, Mario: The Fall in the Rate of Profit and the Theory of Accumulation, in: Bulletin of the Conference of Socialist Economists II/7 (1973); Yaffe, David: Marxian Theory of Crisis, Capital and the State, in: Bulletin of the Conference of Socialist Economists (1972), S. 5-58.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Roemer, John E.: The Effect of Technical Change on the Real Wage and Marx’s Falling Rate of Profit, in: Australian Economic Papers 17 (30) (1978), S. 152-166; ders.: Continuing Controversy on the Falling Rate of Profit: Fixed Capital and Other Issues, in: Cambridge Journal of Economics 3 (4) (1979), S. 379-398; ders.: Analytical Foundations of Marxian Economic Theory. Cambridge (1981): Cambridge University Press.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Weiskopf, Thomas: Marxian Crisis Theory and the Rate of Profit in the Post-War U.S. Economy, in: Cambridge Journal of Economics, 3 (4) (1979), S. 341-378.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Vgl. Ollman/Vernoff: Left Academy, a.a.O.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Vgl. Okun, Arthur/Perry, George L.: Notes and Numbers on the Profits Squeeze, in: Brookings Papers on Economic Activity 3 (1970), S. 466-473; Nordhaus, William et al.: The Falling Share of Profits, in: Brookings Papers on Economic Activity 1 (1974), 169-217.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Hansen, Alvin: Full Recovery or Stagnation, New York (1938): Norton; ders.: Fiscal Policy and Business Cycles, New York (1941): Norton; Steindl, Josef: Maturity and Stagnation in American Capitalism, Oxford (1952): Blackwell.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Mattick: Marxism&#8230;, a.a.O.; Cogoy: The Fall&#8230;, a.a.O.; Yaffe: Marxian Theories&#8230;, a.a.O.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Sweezy, Paul: Monopoly Capital and the Theory of Value, in: Monthly Review 25 (8) (1974), S. 31-2.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Cleaver verwendet im englischen Original den Begriff „Relative Shares“; seither hat sich die Bezeichnung Profit Squeeze f&#252;r diesen Ansatz der Krisentheorie durchgesetzt, die deshalb auch in dieser &#220;bersetzung verwendet<br />
wird (Anm. d. &#220;.).<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Glyn, Andrew/Sutcliffe, Bob: British Capitalism, Workers and the Profits Squeeze, Harmondsworth (1972): Penguin Books. Deutsch: Die Profitklemme. Arbeitskampf und Kapitalkrise am Beispiel Gro&#223;britanniens. Berlin (1974): Rotbuch.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Boddy, Ray/Crotty, James: Class Conflict and Macro Policy: The Political Business Cycle, in: Review of Radical Political Economics 7 (1) (1975), S. 1-19; Crotty, James/Rapping, Leonard: Class Struggle and Macropolicy, in: American Economic Review (December 1975).<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Cleaver, Harry: Reading Capital Politically, Austin (1979): University of Texas Press.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> F&#252;r weitere Hinweise zu den AutorInnen und Arbeiten, die mit dieser Herangehensweise an Marx assoziiert werden, verweise ich auf die Fu&#223;noten in meiner Einleitung zu Reading Capital Politically, a.a.O.<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu ver&#228;ndern.“, Marx, Karl: Thesen zu Feuerbach, MEW 3, S. 533.<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Negri, Antonio: Marx Beyond Marx, South Hadley, MA (1984): Bergin and Garvey.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Siehe zur Kritik der Kritischen Theorie umfangreicher Cleaver, Harry: Reading&#8230;, a.a.O.<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Cleaver, Harry/Bell, Peter: Marx’s Crisis Theory as a Theory of Class Struggle, in: Research in Political Economy, 5 (1982), S. 189-261.<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Red Notes (1980) und Semiotext(e) (1980) sind beide Sammlungen &#252;bersetzter Artikel des „autonomen“ Fl&#252;gels des italienischen Marxismus. Negri: Marx&#8230;, a.a.O., ist eine &#220;bersetzung seines Buches Marx Oltre Marx, welches aus einer Vorlesungsreihe zu den Grundrissen besteht.</p>
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		<title>Out Now: Perspektiven Nr.12</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Oct 2010 18:53:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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Der Inhalt in Kurzform:
Im Schwerpunkt:
Nicolas Schlitz und Felix Wiegand: Die FP&#214;. Nutznie&#223;erin der Krise? – Bonn Juego und Johannes Dragsbaek Schmidt: Die globale Krise und der Angriff auf die Demokratie – Interview zur Situation in Osteuropa: Im Osten nichts Neues – Hanna Lichtenberger, Veronika Duma und Tobias Boos: Hinter dem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><em>Perspektiven</em> Nr.12 ist erschienen – Schwerpunkt: &#8220;Autorit&#228;re Antworten auf die Krise&#8221;</h3>
<p><span id="more-1627"></span><br />
<a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2010/10/p12end.jpg"><img class="aligncenter size-medium wp-image-1617" title="p12end" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2010/10/p12end-211x300.jpg" alt="" width="211" height="300" /></a><br />
<strong>Der Inhalt in Kurzform</strong>:</p>
<p>Im Schwerpunkt:<br />
<a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/10/15/die-fpoe-nutzniesserin-der-krise/">Nicolas Schlitz und Felix Wiegand: Die FP&#214;. Nutznie&#223;erin der Krise?</a> – Bonn Juego und Johannes Dragsbaek Schmidt: Die globale Krise und der Angriff auf die Demokratie – Interview zur Situation in Osteuropa: Im Osten nichts Neues – Hanna Lichtenberger, Veronika Duma und Tobias Boos: Hinter dem Faschismus steht…?</p>
<p>Au&#223;erhalb des Schwerpunkts:<br />
Peter Hallward: Haiti. Von der Flut zum Beben – Paul Pop: Zehn Filme, die man vor der Revolution gesehen haben muss – Philipp Probst: Vom Aufstieg und Fall der Profitrate – Rezensionen und Rosinenpicken</p>
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