<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Krise</title>
	<atom:link href="http://www.perspektiven-online.at/tag/krise/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.perspektiven-online.at</link>
	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
	<lastBuildDate>Mon, 10 Mar 2014 08:48:09 +0000</lastBuildDate>
	<generator>http://wordpress.org/?v=2.9.2</generator>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
			<item>
		<title>¡Todos con Cristina!&#8230; Krise, Kontinuit&#228;t und Kirchnerismo</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2011/10/18/todos-con-cristina-krise-kontinuitaet-und-kirchnerismo/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2011/10/18/todos-con-cristina-krise-kontinuitaet-und-kirchnerismo/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 18 Oct 2011 09:41:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Argentinien]]></category>
		<category><![CDATA[kirchnerismo]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Lateinamerika]]></category>
		<category><![CDATA[Wahlen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=1986</guid>
		<description><![CDATA[Nach einem wahren Wahlmarathon in den letzten Monaten erreicht das argentinische Wahljahr 2011 mit der Pr&#228;sidentschaftswahl und den Gouverneurswahlen in 9 Provinzen – unter anderem Buenos Aires – am 23. Oktober seinen H&#246;hepunkt. Letztere scheint allerdings bereits seit Wochen entschieden, nachdem Cristina Fernández de Kirchner die zum ersten Mal auf nationaler Ebene abgehaltenen Vorwahlen, die primarias abiertas, simultáneas y obligatorias [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nach einem wahren Wahlmarathon in den letzten Monaten erreicht das argentinische Wahljahr 2011 mit der Pr&#228;sidentschaftswahl und den Gouverneurswahlen in 9 Provinzen – unter anderem Buenos Aires – am 23. Oktober seinen H&#246;hepunkt.<span id="more-1986"></span> Letztere scheint allerdings bereits seit Wochen entschieden, nachdem Cristina Fernández de Kirchner die zum ersten Mal auf nationaler Ebene abgehaltenen Vorwahlen, die <em>primarias abiertas, simultáneas y obligatorias (primarias)</em><a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> mit 50,21% der abgegebenen Stimmen f&#252;r sich entscheiden konnte. Seitdem besteht endg&#252;ltig kein Zweifel mehr daran, dass sie in der kommenden Woche wiedergew&#228;hlt werden wird. Allerdings stellt nicht der Sieg der amtierenden Pr&#228;sidentin an sich, sondern die Deutlichkeit mit der dieser ausfiel, die eigentliche &#220;berraschung der Wahlen dar: man war von 43% bis 45% ausgegangen, die mehr als 50% &#252;berraschten selbst die Anh&#228;ngerInnen des <em>kirchnerismo</em>.<br />
Neben dem eigenen Wahlergebnis tr&#228;gt aber auch die brutale Niederlage der Opposition zur aktuellen Hochstimmung auf Seiten der Regierung bei. Betrachtet man die Ergebnisse dieser wird das Ausma&#223; des Sieges noch deutlicher. Mit gerade einmal 12,20% und 12,12% teilen sich Ricardo Alfonsín – <a href="http://es.wikipedia.org/wiki/Uni%C3%B3n_para_el_Desarrollo_Social"><em>Unión para el Desarrollo Social</em></a> (UDESO), eine Wahlkoalition angef&#252;hrt durch die <em>Unión Cívica Radical</em> (UCR), der &#228;lteste Partei Argentiniens, die man als konservativ b&#252;rgerlich charakterisierten k&#246;nnte – und Eduardo Dualde – Anf&#252;hrer des <em>peronismo federal</em>, Widersacher des <em>kirchnerismo </em>innerhalb der <em>Partido Justicialista</em> (PJ) – im Endeffekt den zweiten Platz, dicht gefolgt von Hermes Binner – <em>Frente Amplio Progresista</em> (FAP), mitte-links Wahlallianz angef&#252;hrt durch die <em>Partido Socialista</em> –  mit 10,18%.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Keiner der genannten Kandidaten wird die amtierende Pr&#228;sidentin in ihrer Wiederwahl gef&#228;hrden, die einzige offene Frage ist ob Cristina Fernandez de Kirchner diese bereits in der ersten Runde gewinnen kann, oder zu Stichwahl antreten muss.</p>
<p>Dabei wiesen die Zeichen in den Monaten zuvor in eine andere Richtung. Bei der Provinzwahl in Santa Fe war der Kandidat der <em>Frente Para la Victoria</em> – so der Name des kirchneristischen „Parteifl&#252;gels“ innerhalb der <em>Partido Justicialista</em> &#8211; nicht einmal bis in die Stichwahl gekommen, so dass sich bei dieser Ende Juli der Juan Antonio Bonfatti – <em>Frente progresista, civico y social</em> – Wahlb&#252;ndnis auf Provinzebene, welches von der <em>Partido Socialista</em> angef&#252;hrt wird – gegen&#252;ber Miguel De Sel – <em>Propuesta Republicana</em> (PRO), rechtspopulistische Partei unter der F&#252;hrung Mauricio Macris – durchsetzen konnte. Bonfatti trat als Nachfolger f&#252;r den scheidenden Hermes Binner (beide Mitglied der <em>Partido Socialista</em>) an, der um die Pr&#228;sidentschaft kandieren wird. Del Sel war f&#252;r die Partei Mauricio Macris <em>Propuesta Republicana</em> (PRO) angetreten und steht in gewisser Weise paradigmatisch f&#252;r dessen „Apolitik“: er ist ein bekannter Komiker. Sein zweiter Platz wurde als weitere Schlappe f&#252;r den <em>kirchnerismo </em>und als erneuten Hinweis auf die zunehmende Ablehnung der Regierung gewertet. Macri selber ist derzeit wohl die herausragendste Figur der Opposition und der neuen Rechten. Dass er nicht f&#252;r die Pr&#228;sidentschaft, sondern wieder in der Stadt Buenos Aires kandierte, scheint wahltaktischen &#220;berlegungen geschuldet: Die Wiederwahl Cristinas galt bereits vor den <em>primarias </em>als sehr wahrscheinlich. Bei der Wahl 2015 d&#252;rfte sie jedoch nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten und es ist derzeit niemand in Sicht der das kirchneristische Projekt weiterf&#252;hren k&#246;nnte.<br />
Anfang August gewann eben jener Mauricio Macri dann die Stichwahl um die B&#252;rgermeisterschaft in Buenos Aires mit 64,25% gegen&#252;ber Daniel Filmus (35,75%), dem Kandidaten des <em>kirchnerismo</em>. Mit Sicherheit l&#228;sst sich das Ph&#228;nomen Macri nicht auf eine Erkl&#228;rung reduzieren und kann hier nicht tiefergehend diskutiert werden, eine dominante Erkl&#228;rung im Anschluss an den deutlichen Wahlerfolg – Macri konnte jeden einzelnen Wahlbezirk f&#252;r sich entscheiden – war, dass die Leute nicht f&#252;r Macri sondern gegen Cristina und den <em>kirchnerismo </em>gestimmt h&#228;tten.<br />
Bei den Provinzwahlen in Córdoba schlie&#223;lich, gewann Jose Manuel de la Sota. Die <em>Frente Para la Victoria </em>hat zwar keineN KandidatIn aufgestellt; de la Sota, selber Mitglied der peronistischen <em>Partido Justicialista</em>, gilt er jedoch als Gegner des <em>kirchnerismo </em>und z&#228;hlt zum rechten Fl&#252;gel des Peronismus.</p>
<p><strong>Die unn&#252;tze Opposition</strong><br />
Wie also l&#228;sst sich der &#252;berw&#228;ltigende Sieg Cristina Fernández de Kirchner erkl&#228;ren? Die nach den Wahlen dominierende Erkl&#228;rung verweist auf die fehlende Opposition. Im Vorfeld der Wahlen hatte es diese nicht geschafft, sich auf ein gemeinsames Projekt zu einigen. Betrachtet man die unterschiedlichen KandidatInnen erscheint keineR eine Alternative darzustellen. Ricardo Alfonsín, Sohn des ersten Pr&#228;sidenten nach der Milit&#228;rdiktatur der 70er und 80er Jahre, wird von der Bev&#246;lkerung als „Schw&#228;tzer“ ohne politisches Programm wahrgenommen. Die Kandidatur Eduardo Dualdes, mitverantwortlich f&#252;r die Abwertung des Peso 2002 und Vater der Repression gegen&#252;ber der sozialen Bewegungen jener Jahre, die schlie&#223;lich ihren traurigen H&#246;hepunkt in der Ermordung der beiden AktivistInnen Darío Santillán und Maximilian Kosteki fand, empfindet der Gro&#223;teil der Bev&#246;lkerung als Dreistigkeit die ihres gleichen sucht. Alberto Rodríguez Saá, Gouverneur der Provinz San Luis  (immerhin 8,17%), gilt als Provinzcaudillo. Seiner Familie, die von Juan Saá einem bedeutenden Milit&#228;r und Politiker des B&#252;rgerkrieges des 19. Jahrhunderts abstammt, besitzt praktisch die gesamte Provinz und reicht die Posten innerhalb der staatlichen Apparate von Generation zu Generation weiter. Elisa Carrió, bei der Wahl 2007 mit 23% noch zweite hinter Fernández de Kirchner und Hoffnung der Opposition, erreichte gerade einmal 3,24%. Sie gilt als verr&#252;ckt geworden, nicht zuletzt deshalb weil sie von Zeit zu Zeit mit den abstrusesten Verschw&#246;rungstheorien aufwartet. So behauptete sie etwa im Anschluss an den Tod Néstor Kirchner, dass die gro&#223;e Anteilnahme und Trauer der Bev&#246;lkerung w&#228;hrend dessen Beerdigung, von der Theatergruppe inszeniert worden w&#228;re, die auch schon das <a href="http://www.youtube.com/watch?v=O9pfkmMn9cA">200j&#228;hrige Jubil&#228;um Argentiniens organisiert hatte</a>. Neben der Programmlosigkeit der genannten OppositionspolitikerInnen, hatten diese es nicht geschafft Allianzen untereinander zu kn&#252;pfen und sich als eine M&#246;glichkeit des Bruchs mit dem <em>kirchnerismo </em>zu pr&#228;sentieren. Die meisten von ihnen repr&#228;sentieren hierbei die politische Elite der Krisenzeit um 2001, die im kollektiven Ged&#228;chtnis der Bev&#246;lkerung noch immer zutiefst verhasst ist. </p>
<p><a href="http://www.perspektiven-online.at/?attachment_id=2396"><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/10/Binner-en-el-Plenario-del-Partido-Socialista-en-Rosario-26-08-2011-300x200.jpg" alt="" title="Binner-en-el-Plenario-del-Partido-Socialista-en-Rosario-26-08-2011" width="300" height="200" class="aligncenter size-medium wp-image-2396" /></a></p>
<p>Die einzige Ausnahme bildet der bisherige Gobernador von Santa Fe Hermes Binner. Er gilt als gro&#223;er Gewinner der <em>primarias</em>, in dessen Vorfeld er sich stets als offener und sachlicher Diskussionspartner f&#252;r alle politischen Lager und Verfechter der demokratischen Institutionen pr&#228;sentiert hatte. So schreckte er beispielsweise auch nicht davor zur&#252;ck sich kurz vor der Wahl mit Hugo Moyano dem Chef der <em>Confederación General del Trabajo de la República Argentina</em> (CGT), der gr&#246;&#223;ten und m&#228;chtigsten Gewerkschaft Argentiniens, zu treffen. Hugo Moyano wird von der Opposition gerne als personifizierte Korruption und Machtgier aufgrund seiner Verbindungen zur Regierung dargestellt.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Trotzdem versammelte sich Binner mit Moyano unter dem Verweis darauf, dass man die demokratischen Institutionen des Landes respektieren m&#252;sse – ob einem das Gesicht des anderen nun passe oder nicht. Eine Argumentation die an den Diskurs der Regierung &#252;ber die Bedeutung der demokratischen Institutionen ankn&#252;pft (mehr dazu weiter unten). Binners Politikform scheint auch f&#252;r weite Teile der (urbanen) Mittelschichten ankn&#252;pfungsf&#228;hig, die sich mehr soziale Gerechtigkeit w&#252;nschen, die populistische Politikform des <em>kirchnerismo </em>diesbez&#252;glich jedoch befremdlich finden. Zwar haben die Entwicklungen seit den <em>primarias </em>seine aufstrebende Tendenz best&#228;tigt und aufgezeigt, dass sich um ihn herum in kommenden Jahren ein oppositionelles Potenzial entwickeln k&#246;nnte, seine politische Karriere auf nationaler Ebene ist jedoch noch relativ jung, weshalb er nicht als ernsthafter Konkurrent f&#252;r Cristina gilt.<br />
F&#252;r eine weitere kleine &#220;berraschung sorgte das Abschneiden von Jorge Altamira dem Pr&#228;sidentschaftskandidaten der <em>Frente de Izquierda y de los trabajadores</em> (FIT). Hierbei handelt es sich um ein B&#252;ndnis der drei gro&#223;en trotzkistischen Parteien <em>Partido Obrero</em> (PO), <em>Partido de los Trabajadores Socialistas</em> (PTS) und <em>Izquierda Socialist</em>a (IS) und Einzelpersonen. D<a href="http://www.ips.org.ar/?p=1743.">abei wird es von einer ganzen Reihe von bekannten Intellektuellen, wie Eduardo Gr&#252;ner unterst&#252;tzt.</a> Unter dem Titel „Asamblea de intelectuales, docentes y artistas en apoyo al Frente de Izquierda“ versammeln sich diese in Form <a href="http://www.ips.org.ar/?cat=9.">&#246;ffentlicher Diskussionsveranstaltungen</a>, um das B&#252;ndnis zu debattieren. Bei allen Vorbehalten und Kritikpunkten unterst&#252;tzen viele das B&#252;ndnis mit der Begr&#252;ndung, es sei die einzige antikapitalistische Kraft, die bei den Wahlen antreten w&#252;rde. Zudem gehe es darum einen <a href="http://www.ips.org.ar/?p=3277">Diskussionsprozess innerhalb der Linken voranzutreiben</a> und alte Vorurteile abzubauen. Die FIT hatte im Vorfeld die <em>primarias </em>an sich sowie die zu erreichende Mindeststimmzahl von 400.000 bzw. 1,5% Stimmanteil heftig kritisiert und diese als Versuch der Regierung die kleinen Parteien von den Wahlen auszuschlie&#223;en angeprangert. Viele glaubten nicht wirklich daran, dass die FIT und Altamira wirklich den genannte Stimmanteil erreichen w&#252;rde, schlie&#223;lich waren es dann sogar 2,48%. </p>
<p><strong>Narrative des <em>kirchnerismo</em></strong><br />
Auch wenn die fehlende Opposition sicherlich einen Teil zum Erfolg Cristinas beigetragen hat, so reicht diese bei weitem nicht aus, um den Wahlerfolg zu erkl&#228;ren. Wie Alfredo Serrano und Esteban de Gori in ihrer <a href="http://www.rebelion.org/noticia.php?id=134634&#038;titular=votos-sorpresas-y-reconfiguraciones- ">hervorragenden Analyse</a> feststellen, hat es die Regierung geschafft ein Narrativ zu etablieren, welches Ankn&#252;pfungspunkte f&#252;r verschiedene Sektoren bietet und einen „<em>un nuevo horizonte de expectativas</em>“ (einen neuen Erwartungshorizont) schafft. In diesem sei die Hoffnung auf einen gewissen „<em>bienstar</em>“ (Wohlstand/Wohlfahrt) f&#252;r alle eingeschrieben, welches nicht nur &#246;konomische Aspekte beinhaltet, sondern als ganzheitliche Kategorie zu verstehen sei, „die seit 2003 in der Konsolidierung eines Institutionennetzes f&#252;r Bildung, Gesundheit und sozialen Einrichtungen besteht. Ausgehend [davon] wurde eine Subjektivit&#228;t hervorgerufen […], die konfrontiert mit der Notwendigkeit &#252;ber seine Gegenwart und Zukunft zu entscheiden, es umgehend bevorzugt ein Projekt zu unterst&#252;tzen, welches eine stabile Basis besitzt.“<br />
Dieses Narrativ der Institutionen kn&#252;pft auch bei vielen W&#228;hlerInnen des (st&#228;dtischen) Kleinb&#252;rgerInnentums an und kontrastiert den <em>kirchnerismo </em>gegen das Chaos um 2001. Selbst diese Teile rechnen der Regierung trotz ideologischer Differenz an, die politischen Institutionen wieder gest&#228;rkt zu haben. Nicht zu untersch&#228;tzen ist dabei auch die Rolle des 2010 verstorbenen Ex-Pr&#228;sidenten Néstor Kirchner. Im Wahlkampf stetig pr&#228;sent, ist wird seine Mythologisierung von Seite des <em>kirchnerista </em>stetig vorangetrieben. Passend dazu ist vor kurzem eine Biographie Cristina Fernández de Kirchner erschienen, in der sie ausf&#252;hrliche intime Details &#252;ber ihren Mann erz&#228;hlt. Zudem sind j&#252;ngst mehrere Biographien und B&#252;cher &#252;ber den Ex-Pr&#228;sidenten ver&#246;ffentlicht worden. Unter anderem eine Sammlung von José Pablo Feinmann – ein bekannter Intellektueller und h&#228;ufig als Philosoph <a <a href="http://jafrenkejnshtein.ru">more info</a></p>
<p>href=&#8221;http://numberswiki.com/&#8221;>numberswiki.com</a></p>
<p>des <em>kirchnerismo </em>bezeichnet – welche Gespr&#228;che zwischen ihm und Néstor Kirchner enth&#228;lt.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>  Seine Bem&#252;hungen, das Land nach der Krise wieder auf Kurs zu bringen, dient hier als eine Art gemeinsame Geschichte, die eine Z&#228;sur markiert und ein neues nationales Projekt einleitete; dieses gelte es nun weiter zu f&#252;hren.</p>
<p><a href="http://www.perspektiven-online.at/?attachment_id=2395"><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/10/18-G3c3p.AuSt_.55-300x199.jpg" alt="" title="18-G3c3p.AuSt.55" width="300" height="199" class="aligncenter size-medium wp-image-2395" /></a></p>
<p><strong>Die Angst vor der Krise</strong><br />
Ein weiterer wichtiger Aspekt in der Erkl&#228;rung des Wahlerfolges stellt die weltweite Krise des Kapitalismus dar. Bisher scheint diese zwar in Argentinien kaum Auswirkungen zu haben und die Regierung betont immer wieder, dass man gut ger&#252;stet sei, was denn auch kommen m&#246;ge. Wie der <a href="http://www.ips.org.ar/?p=3333">Eduardo Gr&#252;ner</a> jedoch feststellt, muss die Wahl auch als eine konservative Entscheidung verstanden werden: <a href="http://www.ips.org.ar/?p=3333">„Eine Abstimmung daf&#252;r, dass sich, w&#228;hrend der zugespitzten internationalen Krise des Kapitalismus, nichts zu sehr bewegt.“</a> Seine Interpretation wird auch durch die Wahlergebnisse in den Provinzen gest&#252;tzt, in denen ausnahmslos die bisherigen Regierungen best&#228;tigt wurden. Betrachtet man die <a href="http://www.primarias2011.gob.ar/">Wahlergebnisse </a>der <em>primarias </em>in den einzelnen Provinzen zeigt sich sogar, dass Cristina in Santa Fe gegen&#252;ber Hermes Binner durchsetzen konnte, was ebenfalls auf den Wunsch nach Kontinuit&#228;t sowohl auf Provinz- als auch nationaler Ebene hindeutet. Dass es der Regierung Kirchner bisher gelungen ist die Auswirkungen der Krise soweit wie m&#246;glich zu umschiffen, wird ihr hoch angerechnet. Nicht zuletzt deshalb, weil man mit <a href="http://www.youtube.com/watch?v=_xC3KB_UBco">Entsetzen nach Griechenland</a> schaut und feststellt, dass die dort aufoktroyierten Politiken denen gleichen, die 2001 in Argentinien angewendet wurden.</p>
<p>Neben diesem Bezug zur aktuellen Krise wird das Projekt-K allerdings auch insgesamt trotz all seiner M&#228;ngel als wirtschaftlich erfolgreich wahrgenommen. <a href="http://www.atilioboron.com/2011/08/cristina-recargada-notas-sobre-las.html">Atilio Boron</a> beschreibt die Wahrnehmung der Regierungspolitik wie folgt: „Zudem wird das wirtschaftliche Wachstum von einer starken Ausweitung des Konsums begleitet (in den Augen des Beg&#252;nstigten interessieren die Mechanismen nicht mit Hilfe derer diese bef&#246;rdert wird); die Schaffung von Jobs (egal ob angemeldet oder „schwarz“); eine bescheidene aber willkommene Verbesserung der L&#246;hne, Geh&#228;lter und der Bez&#252;ge der PensonistInnen; die enorme Ausweitung der Vorsorge f&#252;r Hausfrauen; die Implementierung einiger palliativer Ma&#223;nahmen gegen das Armutsproblem, welches im Land seit den neunziger Jahren herrscht […]. “<br />
Und tats&#228;chlich wird die Wirtschaftspolitik der Regierung von den unterschiedlichen Sektoren als erfolgreich wahrgenommen, wobei es die Regierung clever versteht, diese mit unterschiedlichen Politiken zu bedienen.<br />
Zwar sorgt steigende Inflation daf&#252;r, dass die &#228;rmeren Teile der Bev&#246;lkerung sich gerade so &#252;ber Wasser halten k&#246;nnen. Auch dass die Regierung die Inflationszahlen des INDEC manipuliert, ist ein offenes Geheimnis und wird viel kritisiert. Allerdings ist man aber doch froh wieder Arbeit zu haben und sich irgendwie durchschlagen zu k&#246;nnen. Dass die meisten Jobs <em>en negro</em> sind und viele seit Jahren darauf warten, in den Genuss von Sozialversicherungsleistungen zu kommen, ist man bereits gew&#246;hnt.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Gerade in diesen Teilen der Bev&#246;lkerung scheint man sich wenig Illusionen &#252;ber die Parteienpolitik und politischen Institutionen zu machen. Auf die Frage, wen sie w&#228;hlen – die Wahlen in Argentinien sind verpflichtend – h&#246;rt man immer wieder, dass es den Leuten wirtschaftlich gesehen relativ egal erscheint wer das Land regiert, allerdings w&#228;hle man Cristina „por lo que hace para la gente.“ (wegen dem was Cristina f&#252;r die (einfachen) Leute tut). So konnte Cristina auch die meisten Stimmen in den &#228;rmeren Provinzen des Nordens wie Santiago del Estero.<br />
Die Zustimmung beschr&#228;nkt sich jedoch nicht auf diese Bev&#246;lkerungsteile. Tats&#228;chlich gewann die amtierenden Pr&#228;sidentin &#252;berraschenderweise auch in den Regionen, in denen <a href="http://www.pagina12.com.ar/diario/elpais/1-175080-2011-08-23.html">etwa die Agrarwirtschaft angesiedelt ist</a> oder aber in Buenos Aires, wo eine Woche zuvor noch Macri mehr als deutlich siegen konnte. Neben der fehlenden Wahlalternative stellt sich die wirtschaftspolitische Kluft zwischen den beiden Lagern bei weiten nicht so gro&#223; dar, wie dies vielleicht auf ideologischer Ebene der Fall sein mag. <a href="http://www.ips.org.ar/?p=3333">Gr&#252;ner analysiert </a>in diesem Zusammenhang: „Die sogenannte rechte Opposition ist nachdem sie nebenher ungeschickt, nutzlos und dumm ist, auch vollkommen unn&#246;tig, da die Regierung sorgf&#228;ltig alle Aufgaben der Bourgeoisie (tareas burguesas) erledigt, die in dieser Etappe notwendig sind. Die unterschiedlichen Wirtschaftsfraktionen der herrschenden Klassen sind mittlerweile an einem Punkt angelangt, wo sie sich einerseits ein wenig f&#252;gen und andererseits ein wenig davon schw&#228;rmen, dass man mit dieser Regierung hervorragende Gesch&#228;fte machen kann und es keinen Grund daf&#252;r gibt bei der derzeitigen weltweiten Krise gro&#223;e Abenteuer einzugehen.“<br />
Das hei&#223;t, w&#228;hrend der populare Sektor die (prek&#228;ren) M&#246;glichkeiten des aktuellen Wirtschaftswachstums zu nutzen wei&#223; und nach der Ohnmacht der vorangegangen Jahre wieder M&#246;glichkeiten und Zukunftsperspektiven sieht (auch wenn diese darin bestehen sechs Tage die Woche in mehreren Jobs unangemeldet zw&#246;lf oder mehr Stunden zu arbeiten), hofft ein weiterer Teil der Lohnabh&#228;ngigen darauf in geregelte Arbeitsverh&#228;ltnisse &#252;berzuwechseln. Das (st&#228;dtische) Kleinb&#252;rgerInnentum wiederum setzt darauf, dass die Wirtschaft weiter w&#228;chst und stabil bleibt, da die Gesch&#228;fte derzeit gut laufen.</p>
<p>Neben diesen wirtschaftspolitischen Aspekten d&#252;rfen jedoch nicht die Regierungsma&#223;nahmen im Bereich der Menschen- und B&#252;rgerInnenrechte vergessen werden die von der Regierung h&#228;ufig medienwirksam inszeniert werden und eine starke symboltr&#228;chtige Wirkung haben. Hierzu lassen z&#228;hlen Projekte wie das <a href="http://www.lgbt.org.ar/blog/Matrimonio/matrimonio.htm">Matrimonio Igualitario (gleichgeschlechtliche Ehe)</a>, das sogenannte <a href="http://www.argentina.ar/_es/pais/nueva-ley-de-medios/C2396-nueva-ley-de-medios-punto-por-punto.php">Ley de los medios</a> (Mediengesetz) und die Menschenrechtspolitik (im Bezug auf die Milit&#228;rdiktatur).Mit Hilfe dieser unterstreicht die Regierung immer wieder ihren Anspruch auf den progressiven Charakter ihrer Politik und bedient viele gesellschaftliche Gruppen. So h&#246;rt man beispielsweise von AktivistInnen, die sich stark f&#252;r das <em>matrimonio igualtario</em> engagiert haben, dass sie die Wirtschaftspolitik der Regierung als Tropfen auf den hei&#223;en Stein empfinden, diese aber aus Mangel an ernsthaften Alternativen weiterhin unterst&#252;tzen werden, in der Hoffnung bestimmte <em>single-issues</em> so durchsetzen zu k&#246;nnen.</p>
<p><a href="http://www.perspektiven-online.at/?attachment_id=2393"><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/10/4266721301.jpg" alt="" title="4266721301" width="300" height="169" class="aligncenter size-full wp-image-2393" /></a></p>
<p><strong>Wie weiter?</strong><br />
Der sich abzeichnende Trend unmittelbar nach den <em>primarias </em>hat sich in den darauf folgenden Wochen best&#228;tigt: Die Opposition scheint noch mehr in Aufl&#246;sung begriffen als vor den primarias. Dass selbst hartgesottene Regierungsgegner wie Biolcati, der Vorsitzende der Sociedad Rural Argentina unmittelbar nach den <em>primarias</em>, den Sieg Cristinas nicht mehr anzweifelten und der Opposition ihre Programmlosigkeit vorwarfen, zeigt deren verzweifelte Lage.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Wie Biolcati bereits zu diesem Zeitpunktanklingen lie&#223;, zeigte sich in den Folgewochen, dass diese nun auf die ebenfalls am 23. Oktober stattfindenden Wahlen in einigen Provinzen zu fokussieren scheint, bei denen immerhin 130 Abgeordnete sowie 24 SenatorInnen neu bestimmt werden.<br />
Die Regierung selber scheint derzeit vor Selbstvertrauen zu strotzen. In der <a href="www.presidencia.gov.ar/informacion/actividad-oficial/25323">Pressekonferenz</a> unmittelbar nach den <em>primarias </em>k&#252;ndigte Cristina bereits an, dass sogenannte <em>ley de la tierra</em> m&#246;glichst schnell vorantreiben zu wollen. Hierbei geht es um die Beschr&#228;nkung des Erwerbs von L&#228;ndereien durch Nicht-ArgentinierInnen. Die Agraroligarchie hat sich bisher wenig erfreut &#252;ber die Versuche der Regierung in diese Richtung gezeigt. Zudem preschte der Innenminister Florencio Randazzo bei der <a href="http://www.argentina.ar/_es/pais/C8328-elecciones-primarias-abiertas-simultaneas-y-obligatorias-paso---14-de-agosto-de-2011.php">Verk&#252;ndung der endg&#252;ltigen Wahlresultate</a> wenige Tage sp&#228;ter in der stetigen Auseinandersetzung zwischen der Regierung und einigen Medienunternehmen erneut vor: Diese hatten immer wieder von Unstimmigkeiten bei den Wahlen gesprochen. Im Endeffekt mussten die Zahlen f&#252;r Cristina Fernández de Kirchner dann sogar noch oben korrigiert werden. Erneut bediente Randazzo dabei den Diskurs der demokratischen Institutionen, indem er diesen Medien – vor allem den Zeitungen Clarín und La Nación – vorwarf unverantwortlich zu handeln und diese Institutionen anzugreifen.<br />
Auch in den Ergebnissen der Provinzwahlen nach den <em>primarias</em>, konnte die Regierung ihren Siegeszug fortsetzen: Im Chaco wurde mit Jorge Capitanich ein Anh&#228;nger des <em>kirchnersimo </em>mit deutlicher Mehrheit wiedergew&#228;hlt. In Rio Negro gewann mit Carlos Soria nicht nur der Kandidat der <em>Frente para la Victoria</em>,sondern &#252;berhaupt das erste Mal seit der R&#252;ckkehr zu Demokratie ein peronistischer Kandidat.<br />
Wie es auf lange Sicht weitergeht mit dem <em>kirchnersimo </em>steht jedoch in den Sternen. Dass diese Form des Kompromisses keine langfristige L&#246;sung bringen wird, zeigt sich in der grundlegenden Ausrichtung des derzeitigen Modells, dessen Wurzeln bis in die Wirtschaftspolitik der Milit&#228;rjunta reichen: Dominanz des ausl&#228;ndischen Finanzkapitals und Unternehmen, r&#252;cksichtslose Ausbeutung der nat&#252;rlichen Ressourcen, „Sojarisierung“ die dazu f&#252;hrt, dass die Wirtschaft sich wieder vermehrt im Prim&#228;rsektor konzentriert und diesen homogenisiert, Prekarisierung der <a href="http://www.rebelion.org/noticia.php?id=134376&#038;titular=cristina-recargada-">Arbeitsverh&#228;ltnisse und Schwarzarbeit</a>.  Es ist schwer vorstellbar, dass sich diese dauerhaft mit den. trotz aller berechtigten und n&#246;tigen Kritik, zweifellos vorhandenen progressiven Aspekten des <em>kirchnerismo </em>und vor dem Hintergrund einer weltweiten kapitalistischen Krise vereinbaren lassen. Wie sich der <em>kirchnerismo</em>, konfrontiert mit den neuen Herausforderungen, verhalten wird scheint offener denn je.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Einen schnellen Einstieg und &#220;berblick bez&#252;glich der KandidatInnen, ihre nParteien und Wahlkoalitionen bietet der <a href="http://es.wikipedia.org/wiki/Elecciones_primarias_de_Argentina_de_2011">wikipedia-Eintrag</a> zu den primarias.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Die Parteienlandschaft Argentiniens ist h&#246;chtst zersplittert und stellt sich hinsichtlich B&#252;ndnispartnerInnen  etc. a auf nationaler Ebene anders dar als auf Pronvinzebene. Als zentrales Merkmal k&#246;nnten man eine Art Projektcharakter ausmachen im Zuge dessen sich vor den Wahlen die unterschiedlichen Parteistr&#246;mungen, auch &#252;ber die eigenen Parteigrenzen hinaus, um zentrale Figuren gruppieren. Weil die Darstellung der argentinischen Parteienlandschaft eines eigenen Artikels bed&#252;rfte, verzichte ich an dieser Stelle auf genauere Ausf&#252;hrungen. Statistiken nach Ministerio del Interior: http://www.primarias2011.gob.ar/ [3.09.2011]<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Hugo Moyano ist Vorsitzender der Lastwagenvereinigung. Da ein Gro&#223;teil des Warentransportes &#252;ber den Stra&#223;enverkehr abgewickelt wird besitzt diese ein enormes Machtpotenzial. In Argentinien sagt man, wenn Mayona will, dann steht das Land still.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Russo, Sandra (2011): La presidenta. Buenos Aires: Editorial Sudamericana.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Feinmann, José Pablo (2011): El Flaco. Dialogos Irreverentes con Néstor Kirchner. Buenos Aires: Editorial Planeta.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Die Schwarzarbeit liegt derzeit bei ca. 30%. Die Absurdit&#228;t in diesem Zusammenhang ist, dass es sogar f&#252;r den Staat Arbeitenden gibt, die en negro arbeiten.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Der Vorsitzende sorgt nach den <em>primarias </em>f&#252;r einen Skandal nachdem er seiner Verachtung f&#252;r die popul&#228;ren Sektoren Argentiniens freien Lauf lie&#223; und wie folgt analysierte: „Die Leute schauen Tinelli und wenn sie ihren Plasmafernseher bezahlen k&#246;nnen interessiert sie nichts mehr/schei&#223;en sie auf alles.“ Zudem gab dieser zu, dass die Repr&#228;sentantInnen des <em>campo </em>immer wieder gelogen h&#228;tten, um Stimmung gegen die Regierung zu machen und dass es der Agrarwirtschaft eigentlich sehr gut ginge.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2011/10/18/todos-con-cristina-krise-kontinuitaet-und-kirchnerismo/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Griechenland: &#8220;Diese Schulden haben Klassencharakter!&#8221;</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2011/09/05/griechenland-diese-schulden-haben-klassencharakter/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2011/09/05/griechenland-diese-schulden-haben-klassencharakter/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 05 Sep 2011 09:08:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Union]]></category>
		<category><![CDATA[Griechenland]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=2138</guid>
		<description><![CDATA[Ramin Taghian sprach in Athen mit Haris Triandafilidou, Mitglied der Jugendorganisation von Synaspismos und dem Aktivisten Giorgos Saliaris, &#252;ber die Krise in Griechenland, die Besetzung des Syntagma-Platzes und den Widerstand gegen die neoliberale Sparpolitik der griechischen Regierung.

Was sind eurer Meinung nach die Ursachen der Krise in Griechenland?
Haris: Die M&#228;r, dass Griechenland &#252;ber seine Verh&#228;ltnisse gelebt h&#228;tte, die L&#246;hne zu hoch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Ramin Taghian</em> sprach in Athen mit <em>Haris Triandafilidou</em>, Mitglied der Jugendorganisation von <em><a href="http://www.syn.gr/en/in_deutsch.htm">Synaspismos </a></em>und dem Aktivisten <em>Giorgos Saliaris</em>, &#252;ber die Krise in Griechenland, die Besetzung des Syntagma-Platzes und den Widerstand gegen die neoliberale Sparpolitik der griechischen Regierung.<br />
<span id="more-2138"></span><br />
<em>Was sind eurer Meinung nach die Ursachen der Krise in Griechenland?</em></p>
<p>Haris: Die M&#228;r, dass Griechenland &#252;ber seine Verh&#228;ltnisse gelebt h&#228;tte, die L&#246;hne zu hoch waren und das der Grund f&#252;r die hohe Verschuldung sei, ist nicht wahr. Oft wird ja argumentiert, dass deswegen der griechische Kapitalismus nicht konkurrenzf&#228;hig sei. Aus meiner Sicht sind mehrere Punkte wichtig. Einerseits die weltweite Krise, die 2008 in den USA ausgebrochen ist. Ein weiterer Grund ist die Euro-Architektur an sich, also dass so viele unterschiedliche L&#228;nder unter einer W&#228;hrung existieren, es aber keine einheitliche Wirtschaftspolitik gibt. Das f&#252;hrt dazu, dass L&#228;nder wie Deutschland ohne Ende exportieren k&#246;nnen. Das sind immerhin 60 bis 70 Prozent der Exporte innerhalb der EU.<br />
Noch ein Problem ist, dass Griechenland zu extrem hohen Zinsen Kredite aufgenommen hat, um &#228;ltere Schulden abzubezahlen. Die europ&#228;ische Zentralbank (EZB) verleiht an Banken Geld zu einem Zinssatz von 1 Prozent. Diese wiederum verleihen das Geld an die jeweiligen Staaten mit sechs, sieben Prozent Zinsen weiter. Zu wenig thematisiert wurde ein weiterer Grund, weshalb die Staatskassen leer sind. Das Bankenrettungspaket entsprach etwa der H&#246;he der 110 Milliarden Euro, die jetzt das EU-Rettungsschirms vom letzten Jahr ausmachen. Im Prinzip ging also die Rettung der Banken auf Kosten der Gesellschaft, weil ja nicht nur der Staat, sondern die Gesellschaft daf&#252;r bezahlt.<br />
Die Ursachen liegen also einmal im internationalen kapitalistischen System, das in der neoliberalen Logik fu&#223;t, mit einem gro&#223;em Gewicht der Finanzm&#228;rkte, und der Europ&#228;ische Union mit ihrer Ausrichtung. Aber auch die konkreten Ma&#223;nahmen in Griechenland spielen eine Rolle. Als Griechenland dem Euro-Raum beigetreten ist, hatten wir zwischen 1997 und 2007 ein Wachstum von knapp 44 Prozent des BIP. Nat&#252;rlich wurde in diesen Zeiten nichts mit dem Geld angefangen, um z.B. &#252;ber Steuern irgendetwas in die Staatskassen zu bekommen. Stattdessen wurden Steuern auf gro&#223;e Unternehmen, Banken und andere Kapitalien gesenkt. Die Verschuldung blieb deshalb weiterhin auf 100 Prozent. Zus&#228;tzlich steht Griechenland an dritter oder vierter Stelle weltweit bei den R&#252;stungsausgaben im Verh&#228;ltnis zur Bev&#246;lkerung. Diese Schulden haben Klassencharakter!</p>
<p><em>Jetzt sind Sparpakete geplant. Wie hat sich die Krise konkret auf die Bev&#246;lkerung, auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen ausgewirkt?</em></p>
<p>Haris: Im letzten Jahr kam es zur Streichung des 13. und 14. Monatsgehalts. Gerade in den deutschen Medien galt das ja immer wieder als Beleg daf&#252;r, dass es den Griechen doch so gut gehe. In Griechenland werden aber extrem niedrige L&#246;hne gezahlt. Die Zusch&#252;sse zwei Mal pro Jahr gab es, damit das Ganze noch irgendwie aufgerechnet werden konnte. Wenn man sich &#252;berlegt, was eine normale Familie, die keine gro&#223;en Luxusausgaben hat, an Lebenshaltungskosten aufbringen muss, ist das schon krass. So sind die Lebensmittelpreise viel h&#246;her als etwa in Deutschland oder anderen europ&#228;ischen L&#228;ndern. Vor der Krise gab es bereits einen Anteil von 20 Prozent der Bev&#246;lkerung, die unterhalb der Armutsgrenze lebte. Unsere Generation war die „Generation der 700 Euro“. Wenn du einen Universit&#228;tsabschluss hast,  kannst du nicht damit rechnen mehr als 700 Euro zu verdienen. Dank der sozialistischen Regierung verdienst du als BerufseinsteigerIn jetzt nur mehr 560 Euro. Eine Genossin aus meiner Organisation hat Elektrotechnik studiert und letztes Jahr angefangen zu arbeiten. Sie hat viele &#220;berstunden gemacht und dann gesagt: „Ich will die irgendwie bezahlt kriegen oder in Urlaub gehen oder ich arbeite halt nur mehr die 8 Stunden.“ Sie wurde rausgeworfen und verdient jetzt 400 Euro im Monat als Kellnerin.</p>
<p>Giorgos: Ich habe zweieinhalb Jahre in einer Werbeagentur gearbeitet, die hatte zumindest ein paar Dinge wie eine private Krankenversicherung. Ich habe mit 700 Euro im Monat angefangen, im Vertrag stand ganz normal acht Stunden pro Tag, aber ich habe bis auf die Sommermonate noch nie blo&#223; acht Stunden dort gearbeitet. Ich musste jeden Tag 10-12 Stunden arbeiten und wurde noch nie f&#252;r die &#220;berstunden bezahlt. Irgendwann gab es zwar eine Gehaltserh&#246;hung auf 900 Euro im Monat, trotzdem ging es einfach nicht mehr, weil ich weiterhin immer mehr Stunden gearbeitet habe und allein die Fahrt dahin teuer war. Weil es keine Arbeitsrechte gibt, kannst du nichts dagegen machen. Irgendwann hatte ich die Schnauze voll und meinte, ich will nur die acht Stunden arbeiten. Deswegen wurde ich gefeuert, obwohl im Vertrag acht Stunden stehen. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat zu Beginn der Krise gesagt, wir Griechen w&#228;ren faul und w&#252;rden nicht arbeiten. Dabei arbeiten wir alle mehr als acht Stunden am Tag. Es hat sich herausgestellt, – das kam auch in Deutschland in ein paar Artikeln heraus &#8211; dass wir GriechenInnen mehr als alle Europ&#228;erInnen arbeiten. Das wird selten erw&#228;hnt.</p>
<p>Haris: Weiters baut das ganze Sozialversicherungssystem auf Sozialversicherungs-Marken auf. Eigentlich m&#252;ssten ArbeitgeberInnen diese kaufen und in die Sozialversicherungs-Hefte ihrer ArbeitnehmerInnen kleben. Wenn das aber nicht passiert und du trotzdem nicht auf deine Rente und Krankenversicherung verzichten willst, dann musst du dir diese Marken selbst kaufen, indem du Geld daf&#252;r sparst oder ausleihst. Wie viel das kostet kommt darauf an, bei welchem Versicherungsfond du das machst, wobei es sich um eine ganze Summe Geld handelt, gerade f&#252;r MigrantInnen, wenn man bedenkt, dass diese meist undokumentiert arbeiten und folglich nicht versichert sind. Du musst diese aber auch ansammeln, um das Recht zu haben, Arbeitslosengeld zu bekommen. Das wirkt sich wiederum auf arbeitsrechtliche Angelegenheiten aus. LehrerInnen zum Beispiel bekommen deswegen nie feste Vertr&#228;ge, sondern werden immer nur bis zum Sommer und an verschiedenen Schulen angestellt, damit sie nirgendwo eine feste Anstellung bekommen. Im Sommer werden sie entlassen und haben deswegen kein Recht auf Arbeitslosengeld. Dazu kommt, dass Korruption in Griechenland sehr weit verbreitet ist. Nun wurde ein Gro&#223;teil der Leute, die f&#252;r Steuereintreibung und Korruptionsbek&#228;mpfung zust&#228;ndig waren, weggek&#252;rzt. F&#252;r 900.000 Betriebe waren davor schon nur 1.000 Kontrolleure zust&#228;ndig. Dass die UnternehmerInnen dann Steuer hinterziehen, ist da wohl klar.</p>
<p><em>Wie ist die Situation im Gesundheitssektor?</em></p>
<p>Haris: Die Krankenversicherung zahlt der Staat, damit der Arbeitgeber nicht belastet wird. Sie k&#246;nnen diesen Hungerlohn zahlen, weil wir ja dem Kapital nicht an die Tasche d&#252;rfen. Letztes Jahr im Sommer ging durch die Medien: „Passt besonders gut auf, dass euch nichts passiert, damit ihr nicht ins Krankenhaus m&#252;sst. Denn es gibt keine Skalpelle, keine Operationsbesteck, es werden nur Notoperationen durchgef&#252;hrt.“ Das kam so: Nat&#252;rlich sind die Chefs der Krankenh&#228;user mit der <em>PASOK </em>(<em>Panellinio Sosialistiko Kinima</em>, die sozialdemokratische Partei Griechenlands, Anm) gut verbunden. Die haben lange Zeit alles, was an Mitteln f&#252;r die Krankenh&#228;user ben&#246;tigt wurde, bei verbandelten Unternehmen zu Preisen bestellt, die bis zu 200 Prozent &#252;ber dem Durchschnitt liegen. Die unterfinanzierten Krankenh&#228;user konnten das irgendwann nicht mehr bezahlen, und die Unternehmen haben aufgeh&#246;rt, Sachen zu liefern. Das war ein wunderbares Beispiel daf&#252;r, wie dieses <em>PASOK</em>-System funktioniert, welchen Klientelismus und Nepotismus die <em>PASOK </em>aufgebaut hat.<br />
Auch das &#246;ffentliche Schulsystem ist extrem unterfinanziert. Um die Hochschulzugangsberechtigung zu bekommen, also die Pr&#252;fung zu bestehen, bist du gezwungen Privatunterricht zu nehmen. Den m&#252;ssen die Eltern aus eigener Tasche zahlen. Vor zwei Jahren bedeutete das f&#252;r jede Familie 7.500 Euro. Wer hat denn so viel Geld?</p>
<p>Giorgos: Deswegen sind die Leute auch gezwungen, Kredite aufzunehmen. Sie k&#246;nnen oft gar nicht anders.</p>
<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-medium wp-image-2141" title="directdemocracy" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/09/directdemocracy-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></p>
<p><em>Privatverschuldung und Kredite haben in anderen L&#228;ndern eine zentrale Rolle in der Krisendynamik gespielt. Wie ist das in Griechenland?</em></p>
<p>Haris: Die Verschuldung der Privathaushalt macht einen gro&#223;en Teil der Schulden aus. Bei der Einf&#252;hrung des Euro sind die Zinsen f&#252;r Kredite extrem gesunken. Im Gegensatz zum fr&#252;here fordistischen Wohlfahrtsstaat besteht der soziale Kompromiss nun darin, Kredite aufnehmen zu k&#246;nnen. Viele Leute hatten und haben Kreditkartenrechnungen, die sie nicht bezahlen k&#246;nnen. Man konnte sich einen Kredit nehmen, um in den Urlaub zu fahren, die wurden Urlaubskredite genannt. Du konntest Konsumkredite aufnehmen – die hei&#223;en auch alle so! Die Privatverschuldung ist unglaublich. Du kannst im Supermarkt auf Kredit kaufen, weil du deine Grundbed&#252;rfnisse mit deinem normalen Gehalt nicht decken kannst. Das war vor der Krise schon so. Man muss sich vorstellen, dass dann im letzten Jahr die L&#246;hne um durchschnittlich 20 bis 40 Prozent gek&#252;rzt wurden, die Mehrwertsteuer erh&#246;ht wurde, das Benzin extrem teuer geworden ist usw. Es geht hier mittlerweile um Leben und Tod. Das ist auch der Grund warum sich so viele Leute vor dem Parlament versammelt haben.</p>
<p><em>Inwiefern ist in so einer Situation der Glaube an eine b&#252;rgerlich-parlamentarische L&#246;sung in der Bev&#246;lkerung eigentlich noch erhalten? Die Leute sind w&#252;tend, Haris, du sagst es geht um Leben und Tod. Werden die Aufforderungen, in harten Zeiten durchzuhalten und die vermeintliche Notwendigkeit der Sparpakete, geschluckt?</em></p>
<p>Haris: Im Winter gab es einen <a href="http://no-racism.net/article/3647/">Hungerstreik </a>von 300 MigrantInnen, um Papiere zu bekommen. Wie in den Medien &#252;ber diese MigrantInnen hergezogen wurde, zeigte eine deutlich rechte Stimmung. Damals hatte ich den Eindruck, dass viele nicht nur die parlamentarische Demokratie, sondern Demokratie als solche in Zweifel ziehen. Was mir aber sehr viel Hoffnung gibt, sind die Ereignisse seit dem <a href="http://www.scharf-links.de/44.0.html?&amp;tx_ttnews%5Btt_news%5D=16873&amp;cHash=b09a86b1ce">25. Mai am Syntagma-Platz</a>. Hier l&#228;uft alles unter der Bem&#252;hung, dass die Leute begreifen, was Demokratie wirklich ist. Ich war bei einer wunderbaren Diskussion mit vier verschieden Vortragenden. Es ging darum, was Demokratie bedeutet, was es bedeutet, Minderheit in einer Demokratie zu sein, was direkte und was  repr&#228;sentative Demokratie ist, und was jetzt gerade hier passiert. Die Leute versammeln sich unter der Forderung nach echter Demokratie. Das ist positiv! Sie sagen, wir zweifeln Demokratie nicht grunds&#228;tzlich an. Letztes Jahr noch war die Stimmung weit verbreitet, wir br&#228;uchten jemanden wie Berlusconi, jemanden der es in der Marktwirtschaft zu etwas gebracht hat. Solche Leute m&#252;ssten jetzt an die Regierung und alles verwalten um uns aus dieser Misere heraus zu f&#252;hren. Diese Stimmung ist total gekippt. Die Demokratie als Idee wird nicht angezweifelt, sondern die parlamentarische Demokratie unter neoliberalen Vorzeichen steht in der Kritik.</p>
<p><em>Also eine Krise der repr&#228;sentativen Demokratie?</em></p>
<p>Haris: Die Parteien sind hier sehr klientelistisch organisiert, was auch von den Medien bef&#246;rdert wurde. Vor allem <em>PASOK </em>hat das so aufgebaut: Du w&#228;hlst mich und daf&#252;r bringe ich dein Kind oder dich irgendwo im &#246;ffentlichen Sektor unter. &#196;hnliches passiert auf den Universit&#228;ten. Jede Partei hat ihre StudentInnenorganisation. Die treffen sich aber nicht, um zu diskutieren, sondern sagen, wir sind <em>PASOK</em>, wir fahren gemeinsam auf Urlaub, bieten Reisen an oder gehen in Nachtclubs. Wenn du uns kennst, bekommst du einen Tisch f&#252;r den du sonst 100 Euro zahlst um 20 Euro.</p>
<p>Giorgos: Bei den Griechen ist die Partei wie eine Fu&#223;ballmannschaft von der man total gro&#223;er Fan ist. Schon als Kind wird dir anerzogen, du wirst jetzt <em>PASOK </em>oder du wirst <em>Nea Dimokratia</em> (konservative Partei Griechenlands, Anm.). Wenn du &#252;berhaupt nichts mit Parteien zu tun haben willst, ist es sehr schwer durchzukommen.</p>
<p>Haris: Das bricht aber jetzt auf. PASOK hat bei den letzten Wahlen &#252;ber 40% bekommen. Jetzt bei den Umfragen schaffen sie es nicht &#252;ber 25%. In manchen Regionen schl&#228;gt die Basis der Partei die Parteib&#252;ros in St&#252;cke. Die SozialdemokratInnen haben unter <em>Kostas Simitis</em> (Ministerpr&#228;sident von 1996 bis 2004, Anm.) einen extrem neoliberalen Kurs eingeschlagen. Alles unter der Fahne des Beitritts zum Euro-Raum, damit es uns endlich besser gehe. Nach der letzten Wahl ist <em>Papandreou </em>(<em>Giorgos Andre</em>a, aktueller Ministerpr&#228;sident, Anm.) eigentlich mit einem komplett keynesianistisch-sozialstaatlichen Programm an die Macht gekommen. Sein Bruder ist jetzt in der Kommission, die f&#252;r Privatisierungen zust&#228;ndig ist. Die schieben sich die Gesch&#228;fte zu. Daran wird nichts ge&#228;ndert, aber die kleinen Leute m&#252;ssen zahlen.</p>
<p><em>K&#246;nnt ihr n&#228;her auf das Verh&#228;ltnis zwischen der Basis der sozialistischen Partei und ihrer F&#252;hrung eingehen? Ihr habt ja schon angesprochen, dass es zu Auseinandersetzungen gekommen ist. Wie verhalten sich dabei die Gewerkschaften?</em></p>
<p>Haris: Gerade gab es eine Kampagne, die versucht hat <em>SYRIZA</em>, die Koalition der radikalen Linken im Parlament, daf&#252;r verantwortlich zu machen, dass Regierungsmitglieder mit Joghurt beworfen oder ausgebuht werden. Das Ganze hat dann aber doch irgendwann zu l&#228;cherlich gewirkt. Die Partei hatte bei den letzten Wahlen 4,6%. Wie viele sind wir, ohne es zu wissen? (lacht) Sie zeigten dann ein Video auf dem angeblich Mitglieder von <em>SYRIZA </em>zu sehen sind, die Joghurt werfen. Es stellte sich aber heraus, dass das unter anderem der Vorsitzende der Jugendorganisation von <em>PASOK </em>war. Ihre eigenen Leute haben sie ausgebuht! Das war zu erwarten. Schlie&#223;lich machen sie das komplette Gegenteil von dem Programm, f&#252;r das sie gew&#228;hlt wurden.</p>
<p>Giorgos: Viele Politiker beschweren sich, dass sie sehr aggressiv angegriffen und beworfen werden und wir doch auf Dialog setzen sollen. Aber wer gibt der Polizei die Befehle anzugreifen? Wenn sie einen Dialog wollen, sollen sie die Polizei raus lassen. Nat&#252;rlich schmei&#223;en wir Joghurt! Wir merken, dass sie uns anl&#252;gen.</p>
<p>Haris: Als Papandreou gew&#228;hlt wurde, hat er gesagt: „Wenn wir die Schere zwischen Arm und Reich nicht radikal verkleinern und wenn wir dieser Gesellschaft nicht das Gef&#252;hl geben, dass endlich mehr Gerechtigkeit herrscht, dann werden sie uns mit Steinen verjagen.“ Genau das passiert jetzt. Letzte Woche hat die europ&#228;ische Linkspartei hier getagt und eine Veranstaltung organisiert. Es wurden Basisgewerkschaften, aber auch die Chefs der gr&#246;&#223;ten Gewerkschaften eingeladen, in deren Bereichen jetzt privatisiert werden soll. Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Privatangestellten ist <em>PASOK</em>-Mitglied. Seine Analyse der Angriffe auf die arbeitsrechtlichen Errungenschaften hat aber gezeigt, dass er ideologisch mit dieser Partei fertig ist. Ein Gewerkschafter der staatlichen &#214;lgesellschaft wurde aus der Partei ausgeschlossen und hat gesagt: „Wir haben Fehler gemacht und gedacht, Gewerkschaftsarbeit hei&#223;t hie und da mal eine Pressemitteilung rauszugeben. Aber ich habe eines verstanden, Gewerkschaftsarbeit muss jetzt auf der Stra&#223;e stattfinden.“ Daran sieht man die Politisierung der Gewerkschaften und der Basis. Ein weiterer Gewerkschafter der staatlichen Wassergesellschaft, die privatisiert werden soll, hat sich ausgerechnet wie viel der Betrieb bei einem Verkauf kosten w&#252;rde. Er meinte, selbst wenn wir glauben, dass unbedingt Geld n&#246;tig sei und die Betriebe verkauft werden m&#252;ssten, k&#228;me das auf 40 Euro gespalten auf drei Wasserrechnungen pro EinwohnerIn. Nach drei Rechnungen w&#228;re die gesamte Bev&#246;lkerung im Besitz des Betriebs! Solche Konzepte und Alternativen sind wichtig. Es ist wichtig zu zeigen, dass die Regierung nicht die absolute Wahrheit besitzt und diese kapitalistische neoliberale Logik keine Naturgewalt ist.</p>
<p><em>Ihr habt schon die Ereignisse am Syntagma-Platz erw&#228;hnt. Er&#246;ffnen sich hier Alternativen? Vielleicht k&#246;nnt auch kurz erkl&#228;ren, welche Rolle die &#8220;Indignados&#8221; spielen.</em></p>
<p>Haris: Im Prinzip war es eine Reaktion auf die Ereignisse in Spanien, die ja &#228;hnliche Probleme haben. Eine extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit trotz guten Ausbildungsniveaus, prek&#228;re Arbeitsbedingungen usw. Seit Februar hatte sich eine enorme Wut aufgestaut, die sich aber nirgends kanalisiert hat, sondern nur im Werfen von Gegenst&#228;nden Ausdruck fand. Seit dem 25. Mai gibt es am Syntagma-Platz eine bunte Bewegung. Auf dem unteren Teil des Platzes finden Vollversammlungen statt und auf dem oberen Teil stehen Leute vor dem Parlament und zeigen ihm quasi den Mittelfinger. Es gibt Leute mit griechischen Fahnen, die Patriotismus im Protest erkennen. Es gibt auch Rechtsextreme. Am Anfang war es so, dass es innerhalb der Linken Schwierigkeiten gab, sich zu positionieren. Fordern wir eine patriotische Regierung oder konzentrieren wir auf soziale Gerechtigkeit und setzten Demokratie, soziale Gleichheit und Geschlechtergleichheit auf die Agenda? Die <em>KKE </em>(Kommunistische Partei Griechenlands, Anm.), die gr&#246;&#223;te organisierte linke Partei, enthielt sich komplett und verurteilte das Ganze als etwas, was keine revolution&#228;re Gesinnung hat, keine Thematik, kein Programm. Andere Teile der Linken, ob parlamentarisch oder au&#223;erparlamentarisch, haben einfach folgendes gemacht. Sie haben respektiert, dass es eine Parteienverdrossenheit gibt. Sie gehen also nicht mit Parteifahne hin, sondern diskutieren mit und h&#246;ren zu. Wir m&#252;ssen dorthin gehen und die Leute &#252;berzeugen.</p>
<p><em>Wie finden solche Diskussionen am Syntagma-Platz statt?</em></p>
<p>Haris: Am Dienstag wird es die vierte Diskussion geben. Es gibt immer ein Gremium, das vorschl&#228;gt, welche Leute sprechen sollen. Dar&#252;ber wird dann in der Vollversammlung abgestimmt. Das ist wirklich basisdemokratisch. Die RednerInnen sitzen vorne und haben jeweils eine viertel Stunde Zeit. F&#252;r die Fragen werden Nummern gezogen und du wirst aufgerufen. Wenn zu viele etwas sagen wollen, wird ausgelost, damit niemand aus irgendwelchen Gr&#252;nden bevorzugt wird. In einer meiner ersten Diskussionen ging es darum, was diese Schulden genau sind, ob es eine richtige L&#246;sung daf&#252;r gibt und ob das, was gerade passiert die einzig m&#246;glich L&#246;sung ist. Die Leute haben mitdiskutiert und viele Fragen gestellt. Genau das hat sich doch die Linke so lang gew&#252;nscht, dass die Leute auch erfahren, dass es andere M&#246;glichkeiten gibt! Die Medien haben dar&#252;ber nie berichtet. Sie sind hier wirklich Instrumente des Machtblocks. Interessant war, und das kann man vielleicht als Hegemoniekrise verstehen, dass w&#228;hrend des <a href="http://www.democracynow.org/2011/6/29/inside_greeces_general_strike_video_report">Generalstreiks am 29. Juni</a> nicht einmal die regierungstreuesten Medien rechtfertigen konnten, was passiert ist. Die vom Fernsehen befragten Parteivertreter wurden regelrecht von den Medien attackiert. Diese Mainstreamideologie bricht auf. Das ist einerseits positiv, weil es in Richtung soziale Gerechtigkeit, Demokratie und Ausdehnung von Rechten geht. Es kann aber nat&#252;rlich auch in die Hose gehen und eine krassen Rechtsruck geben.</p>
<p><em>Wie spiegeln sich diese Widerspr&#252;che in der Bewegung wider?</em></p>
<p>Haris: Die Hegemonie in dieser Bewegung haben schon linke bzw. demokratische Kr&#228;fte inne. Im Moment sieht es gut aus. Das h&#228;ngt aber auch davon ab, wie sich die Medien verhalten werden und wie viel Polizeigewalt wir noch sehen werden. Letztes Jahr fand am 5. Mai, als das Ma&#223;nahmenpaket beschlossen wurde, die gr&#246;&#223;te Demonstration seit dem Ende der Diktatur statt. Damals wurde eine Bank angez&#252;ndet und drei Menschen sind gestorben. Danach war die Bewegung tot. Es hat den Leuten Angst gemacht und f&#252;r einen gewissen Zeitraum vermittelt, dass Demonstrationen das falsche Mittel w&#228;ren. Wenn etwas derart ausartet, ist es nicht mehr gut. Wir haben extrem viel Polizeigewalt auf den Demonstrationen, wobei speziell f&#252;r Demos zust&#228;ndige Spezialeinheiten eingesetzt werden, die auch auf Leute einschlagen. Deshalb fanden die Leute auch den Syntagma-Platz so toll. Hier war etwas anders als bei den typischen Demonstrationen, die von Polizeigewalt und dem Schwarzen Block gepr&#228;gt sind. Die Leute hatten das Gef&#252;hl, am Syntagma-Platz ist man sicher.</p>
<p><em>Wie reagiert die Polizei auf die Versammlungen? Es gab doch auch hier Repression, oder?</em></p>
<p>Haris: Am 15. Juni wurde zum ersten Mal versucht, den Platz unter Einsatz von Tr&#228;nengas zu r&#228;umen. Am Abend waren aber alle wieder da. Ich hatte das Gef&#252;hl, die Leute verteidigen das, weil sie es selbst aufgebaut hatten, es ist ihre Sache. Und es gibt auch <em>agents provocateurs</em>. Auf einem Video sieht man einen Vermummten, der pl&#246;tzlich zum Parlament geht, mit Polizisten redet und dann rein geht. Sie haben versucht zu erkl&#228;ren, das sei ein Gewerkschafter von den &#246;ffentlichen Verkehrsbetrieben, der die Polizei um Hilfe gebeten h&#228;tte, weil er von den Anarchisten bedroht worden w&#228;re und so gerettet wurde&#8230; Man sieht immer wieder Vermummte, die mit der Polizei herumh&#228;ngen. Am 15. Juni ist einem sogar seine Polizeimarke aus der Tasche gefallen. Oft sind es aber auch Mitglieder von rechtsextremen Gruppen. Schlie&#223;lich ist ein Teil der Vermummten nat&#252;rlich wirklich vom Black Block. Die werden niedergeschlagen, aber nie festgenommen. Selbst bei den Ereignissen in der Bank vor einem Jahr, die niedergebrannt wurde, stand die Polizei nur daneben, weil das Teil ihrer Eskalationsstrategie ist. Sie sorgen daf&#252;r, dass Krawalle entstehen!</p>
<p><em>Was spielt sich au&#223;erhalb vom Syntagma-Platz ab, in den Stadtvierteln aber auch au&#223;erhalb von Athen? Wie ist dort die Situation?</em></p>
<p>Haris: Es zentriert sich nat&#252;rlich um den Syntagma-Platz, weil dieser – direkt vor dem Parlament – einen symbolischen Charakter hat. Es gibt auch Nachbarschaftsversammlungen und Solidarit&#228;tsnetzwerke. Diese wurden von Leuten initiiert, die gesehen haben, was am Syntagma-Platz passiert und gesagt haben, wir machen jetzt eine Volksversammlung. Diese finden auf Pl&#228;tzen in unterschiedlichen Gegenden statt. Was in den kleinen Nachbarschaften stattfindet, geht aber vor allem von Linken aus unterschiedlichen Spektren aus, in manchen Teilen heterogener als in anderen. Letztes Jahr gab es Versuche, solche Versammlungen in meiner Gegend zu starten. Da waren sowohl AnarchistInnen, unsere Organisation als auch solche, die einfach wissen wollten was los ist und sich Sorgen machen. So etwas gibt es also in vielen St&#228;dten, aber nat&#252;rlich nicht in der Gr&#246;&#223;e wie auf dem Syntagma-Platz. Auf <a href="http://real-democracy.gr">real-democracy.gr</a> sind &#252;brigens alle verbundenen St&#228;dte und Versammlungen aufgelistet.</p>
<p>Giorgos: Die Kleinst&#228;dte und D&#246;rfer merken nicht so viel von der Krise wie die Gro&#223;st&#228;dte. Dadurch, dass viele Menschen in kleinen St&#228;dten noch eigene Felder besitzen und darauf anbauen k&#246;nnen, trifft sie die Krise nicht so hart. Gerade in Gebieten, die von wenigen Fabriken versorgt wurden, ist die Krise wiederum viel st&#228;rker sp&#252;rbar, weil diese Fabriken jetzt oft geschlossen werden. Die Arbeitslosigkeit steigt dort enorm an.</p>
<p><em>Es wirkt oft nicht so als g&#228;be es eine einheitliche, sondern unterschiedliche Bewegungen in Griechenland. Wie ist das Verh&#228;ltnis der Bewegung am Syntagma-Platz zur Gewerkschaftsbewegung, aber auch zur anarchistischen Bewegung? Spielt die radikale Linke eine Rolle bzw. ver&#228;ndert sich hier auch die Art der Zusammenarbeit?</em></p>
<p>Haris: Ehrlich gesagt, obwohl meine Organisation der ganzen Sache noch am positivsten gegen&#252;berstand, hatte ich am Anfang Angst. Ich dachte, die denken nur ‚Demokratie ist Schei&#223;e, Parteien und Organisieren genauso‘ und sitzen einfach nur rum und meckern. Ich wurde eines Besseren belehrt. Am 15.  Juli fand der erste Generalstreik seit den ersten Versammlungen der indignados am Syntagma-Platz statt. Die Vollversammlung hat explizit dazu aufgerufen, sich am Streik zu beteiligen und an der Kundgebung teilzunehmen. Dort haben auch Mitglieder des Black Block Stunk gemacht. Die AnarchistInnen hingegen, die sich wirklich inhaltlich damit auseinandergesetzt haben, sind t&#228;glich pr&#228;sent. Ebenso unterschiedliche andere linke Organisationen. Einzig die <em>KKE </em>ist nicht dabei.</p>
<p style="text-align: center;"><img class="size-medium wp-image-2168 aligncenter" title="Griechenland_Ausschreitung_1" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/09/Griechenland_Ausschreitung_11-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" /></p>
<p><em>Welche Rolle spielt die </em>KKE?</p>
<p>Haris: Die <em>KKE </em>hat vor einigen Jahren ihre eigene Gewerkschaft gegr&#252;ndet und nimmt nicht an Streiks oder Kundgebungen der offiziellen Gewerkschaften Teil. Sie machen dann Gegenkundgebungen, schlie&#223;lich sind sie &#252;berzeugt, die richtige Ideologie zu haben. Die Revolution findet erst statt bzw. der Kapitalismus geht erst dann zu Ende, wenn alle ihre Ideologie angenommen haben. Der einzige Weg aus der Krise ist daher, dass sich alle ihnen anschlie&#223;en. Wie gut das ankommt hat man am 28. Juni gesehen. Tags&#252;ber wurde mit Tr&#228;nengas geschossen und eine neue Qualit&#228;t der Repression hatte begonnen. Gegen 6 Uhr Abend sollte am Syntagma-Platz ein Konzert stattfinden, und obwohl ein paar Stunden zuvor noch Tr&#228;nengas- und Blendgranaten geflogen sind, war es schon ruhiger. Die <em>KKE </em>versammelte sich gegen Nachmittag und versuchte durch die Stra&#223;e am Parlament vorbei zu marschieren. Genau dort wo vorher Stunden lang Leute von der Polizei mit Tr&#228;nengas angegriffen wurden. Die Leute haben zuerst ironisch zu klatschen begonnen, dann gebuht und gefragt: „Was wollt ihr hier eigentlich? Wir haben die ganze Zeit was auf die Fresse bekommen, sind mit der &#252;belsten Repression konfrontiert gewesen und ihr spaziert hier einfach durch!“</p>
<p><em>&#196;ndert das etwas bei den Mitgliedern der </em>KKE?</p>
<p>Haris: Ich glaube nicht, schlie&#223;lich ist das nicht der erste Fall. Im Dezember 2008, als die ganze Stadt gebrannt hat, nachdem ein Junge von der Polizei erschossen wurde, gab es viel Gewalt auf den Stra&#223;en. Einerseits hat der Black Block viel Zulauf bekommen, aber es beteiligten sich auch Leute, die sonst nichts mit Gewalt zu tun hatten. Sie traten Sachen ein, Sch&#252;lerInnen warfen vor Polizeistationen mit Steinen und Obst. Sie versuchten einfach ihre Verzweiflung und Wut auszudr&#252;cken. Eine Medienkampagne versuchte damals, <em>SYRIZA </em>die Schuld daf&#252;r zu geben. Die damalige KKE-Generalsekret&#228;rin sagte damals: „SYRIZA streichelt die Ohren der Vermummten“, und w&#252;rde die Gewalt nicht kritisieren. W&#228;hrend also die gr&#246;&#223;te Demonstration stattfand und Gewerkschaften, Jugendliche und Leute, die fr&#252;her auf dem Sofa gesessen sind, sich gegen Polizeigewalt und Hoffnungslosigkeit gewehrt haben, hat die KKE eine Demo vor unserem Parteib&#252;ro abgehalten und uns ausgebuht. Sie trennen sich bewusst von den Protesten ab. Sie haben zwar in Umfragen dazugewonnen, aber nicht bei den Leuten die am Syntagma-Platz waren.</p>
<p><em>Wie ist die Zusammenarbeit der restlichen Linken?</em></p>
<p>Haris: Ich hab schon den Hungerstreik der dreihundert MigrantInnen Anfang Februar erw&#228;hnt. Wie gesagt hatten wir damals Angst, die ganze Situation k&#246;nnte nach rechts kippen, weil die Medien und auch der Machtblock alles so darstellten, als w&#252;rde die Linke die MigrantInnen f&#252;r ihre eigenen politischen Zwecke benutzen. Der Hungerstreik wurde dann nach 43 Tagen und zu einem Zeitpunkt erfolgreich beendet, als wir wirklich schon gedacht haben, dass jemand sterben w&#252;rde. Dabei wurde nicht nur f&#252;r MigrantInnen, sondern f&#252;r alle ArbeitnehmerInnen eine Senkung der Sozialversicherungs-Marken erreicht, die wie gesagt f&#252;r den Erwerb einer Gesundheits- und Sozialversicherung notwendig sind. Au&#223;erdem haben alle beteiligten MigrantInnen Papiere bekommen und durften damit reisen. Ein ganz breites Spektrum der griechischen Linken hat diesen Hungerstreik unterst&#252;tzt, so dass du von AnarchistInnen bis zu Leute, die sich einfach selbst als links verorten aber nicht organisiert sind, eine ganz gro&#223;e Solidarit&#228;tsbewegung hattest. All diese Leute sind mit in den Krankenh&#228;usern gewesen, als die Hungerstreikenden eingeliefert wurden, und haben dort &#220;bersetzungen gemacht oder irgendwelche Hilfestellungen geleistet. Sie waren auch in dem Geb&#228;ude, in dem die Hungerstreikenden untergebracht waren, damit keine Faschisten angreifen k&#246;nnen. Diese Solidarit&#228;tsbewegung hat dazu beigetragen, dass das Klima zwischen den verschiedenen Linken am Syntagma jetzt so gut ist. Es wurden in verschiedenen Teilen Griechenlands Plakate mit den jeweiligen &#246;rtlichen Abgeordneten gedruckt, die f&#252;r das letzte Sparpaket gestimmt haben, und da steht „Wanted“ drauf. Das Klima ist extrem schlecht f&#252;r die Regierung. Man kann eigentlich sagen, dass seit Anfang des Jahres die Stimmung gegen die Regierung extrem ist.</p>
<p><em>Und dr&#252;ckt sich das auch in Alltagspraktiken aus?</em></p>
<p>Haris: Zum Einen gab es die Mautverweigerungen an manchen Mautstellen. Man zahlt ja hier ohnehin eine extrem hohe Stra&#223;enben&#252;tzungsgeb&#252;hr an den Staat. Zus&#228;tzlich soll dann noch diese Maut gezahlt werden. Die Stra&#223;en wurden gr&#246;&#223;tenteils von Hochtief, der gr&#246;&#223;ten international agierenden deutschen Baufirma, gebaut. Dieses Geld, das die griechischen SteuerzahlerInnen hier zus&#228;tzlich zur Stra&#223;enben&#252;tzungsgeb&#252;hr bezahlen sollen, geht nicht an den Staat, sondern an Hochtief. Genauso ist das beim Flughafen und bei der Br&#252;cke in Choreo, die von einer franz&#246;sischen Firma gebaut wurde und bei der die Maut zwischen sieben und 20 Euro betr&#228;gt. Die Leute haben sich dann irgendwann geweigert, dieses Geld zu zahlen, weil es zus&#228;tzlich zu den Stra&#223;enben&#252;tzungsgeb&#252;hren und den ohnehin hohen Benzinpreisen unglaublich teuer geworden ist, von einem Ort zum anderen zu kommen. Also wurde der Schranken einfach selbst ge&#246;ffnet. Ein paar haben damit abgefangen, doch bald hat man &#252;berall den Alarm von ge&#246;ffneten Schranken geh&#246;rt. Als dann die Tickets der Verkehrsbetriebe um fast 50 Prozent teurer wurden und alle Erm&#228;&#223;igungen gestrichen wurden, gab es eine Medienkampagne der Regierung, die die Situation mit Verweis auf die Mautverweigerung so darstellte, als wollten alle alles umsonst haben. Irgendwann im April sind dann Politiker in mehreren Nachrichtensendungen ausgebuht worden, nachdem irgendwelche Leute wieder die Stra&#223;en blockierten und meinten, sie w&#252;rden keine Maut mehr zahlen und alle Menschen durchwinken. Am ersten Tag, an dem Kontrolleure der Verkehrsbetriebe unterwegs waren, wurde einem ins Bein geschossen, weil die Tickets einfach nicht zu bezahlen waren. Wenn man hier ohne Ticket erwischt wird, bezahlt man zuerst 84 Euro. Wenn man das nicht bezahlen kann, dann sind es &#252;ber 400 Euro. Wenn man dieses Geld dann nicht bezahlt, dann kommt man ins Gef&#228;ngnis. Und, ich meine, die Leute m&#252;ssen ja irgendwie zur Arbeit kommen. Wenn du jeden Tag 3 Euro zahlst um zur Arbeit zu kommen, dein Lohn aber nur 560 Euro betr&#228;gt, dann hast du ein Problem. Eine weitere Sache, die dazu gef&#252;hrt hat, dass die Leute die Schnauze voll haben, ist die Siemens-Aff&#228;re. Daf&#252;r ist kein Schwein ins Gef&#228;ngnis gegangen, trotz der vielen Schmiergelder. Aber die Leute die keinen Fahrschein zahlen, auf die wird mit dem Finger gezeigt. Tsochatzopoulus, der ehemalige Verteidigungsminister, der Schmiergelder f&#252;r U-Boot Gesch&#228;fte kassiert hat, muss jetzt vor Gericht, aber der ist auch nur ein Bauernopfer.</p>
<p><em>Wie sch&#228;tzt du die Gefahr der radikalen Rechten ein? Du hast ja vorher erw&#228;hnt, dass die auch an Versammlungen teilnehmen. In &#214;sterreich, aber auch in vielen anderen europ&#228;ischen L&#228;ndern kann die <a href="http://www.perspektiven-online.at/ausgaben/perspektiven-nr-12/">extreme Rechte als Krisengewinnerin</a> bezeichnet werden. Sie sch&#252;ren Ressentiments und Nationalismus. Wie gro&#223; ist die Gefahr hier?</em></p>
<p>Haris: Sie haben versucht an Versammlungen teilzunehmen, wurden aber wieder raus gedr&#228;ngt. Griechenland geh&#246;rt zwar zu Europa, hat aber ganz andere Strukturen. Die radikale Rechte konnte in Griechenland nie als eigene Str&#246;mung agieren, weil das Programm der radikalen Rechte von beiden Mainstreamparteien adaptiert wurde, Patriotismus und Christentum. Die Rechte in Griechenland orientiert sich &#228;hnlich der Milit&#228;rdiktatur an der Dreifaltigkeit: Heimatland, Religion, und Familie und auch in der konservativen Partei gibt es Leute, die extreme Positionen vertreten. Lange Zeit war die Rechte in Griechenland extrem vorherrschend, was v.a. an der Geschichte Griechenlands liegt.</p>
<p><em>Wie verh&#228;lt sich die au&#223;erparlamentarische Rechte?</em></p>
<p>Haris: Letzten Herbst 2010 wurde das Einb&#252;rgerungsgesetz ver&#228;ndert. In den Reden der verschiedenen  Parlamentsfraktionen sagten die konservativen Abgeordneten, das Projekt der multikulturellen Gesellschaft sei gescheitert. Elaos, die rechtspopulistische Partei, hingegen hat gesagt, die Ausl&#228;nder br&#228;chten Krankheiten ins Land, die verbreiten also einen radikalen Rassismus. Die au&#223;erparlamentarische extreme Rechte – <a href="http://www.stopptdierechten.at/2011/05/17/griechenland-neonazis-jagen-auslander/">„Chrysi Avgi“</a> – hat zum ersten Mal einen Vertreter im Athener Stadtrat. Bei seinem ersten Auftritt hat er gleich den Hitlergru&#223; gemacht. Die stechen Leute ab, pr&#252;geln, ziehen Leute in Ecken und hauen ihnen den Sch&#228;del ein. Das ist eine extrem schlimme Situation, besonders im Zentrum von Athen. Es gibt viele MigrantInnen, die in verfallenen H&#228;usern oder Baracken wohnen und um zu &#252;berleben Drogen verkaufen. Im letzten Mai gab es dann einen tragischen Vorfall als ein Mann seine schwangere Frau ins Krankenhaus bringen wollte. Er wollte das Auto holen und hatte eine Videokamera in der Hand, um die Geburt zu filmen. Drei Migranten haben ihn erstochen und er wurde von seiner Frau tot aufgefunden. Am n&#228;chsten Tag sind FaschistInnen durch das Zentrum gegangen und haben Jagd auf MigrantInnen gemacht. Im Athener Zentrum geben viele Menschen den Ausl&#228;ndern Schuld an allem. Deswegen ist es so gut, dass sich das Klima durch die Bewegung jetzt positiv ver&#228;ndert hat und Demokratie eingefordert wird. Demokratie hei&#223;t dann auch, dass Minderheiten Rechte haben.</p>
<p><em>Zur&#252;ck zu den Entwicklungen am Syntagma-Platz. Inwiefern lassen sich die Entwicklungen in Griechenland in eine Reihe mit den Aufst&#228;nden und Bewegungen in Europa sowie im Mittleren Osten einreihen? In Spanien bezieht man sich etwa auch auf die revolution&#228;ren Entwicklungen im Mittleren Osten. Wird das in Griechenland reflektiert, spielen diese Entwicklungen eine Rolle?</em></p>
<p>Haris: Die revolution&#228;ren Entwicklungen im arabischen Raum sind auf jeden Fall ein Orientierungspunkt. Aber sie sind es weniger in der politischen Debatte, auch wenn wir uns im Klaren sind, dass die Probleme &#228;hnlich sind: Jugendarbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, gro&#223;e Armut unter der Bev&#246;lkerung. Die Bedingungen sind dennoch anders. Auch wenn die Polizeigewalt es nicht vermuten l&#228;sst, haben wir immer noch ein demokratisches System, also eine f&#246;derative Demokratie, und das schafft andere Interventionsbedingungen. F&#252;r die Bewegung ist wichtig zu sehen, dass wenn es die arabischen L&#228;nder geschafft haben, ihre nicht-demokratischen Regimes zu st&#252;rzen, dann schaffen wir das erst recht. Der Begriff der Revolution bzw. die Bedeutung von Revolution ist aber auf jeden Fall ein Bezugspunkt. Dass du die bestehende Ideologie sprengst, dass du sowohl in deinem Programm als auch in deinem Alltag Alternativen schaffst, indem du ein Netzwerk der Solidarit&#228;t aufbaust und bereits jetzt das allt&#228;gliche Leben verbesserst. Es ist wichtig, damit die Leute sehen, dass du schon jetzt versuchst, diese gew&#252;nschte andere Welt durch Gegenbeispiele und alternative Netzwerke in deinem Alltag zu verankern. Das passiert gerade. Soziale Gerechtigkeit in Verbindung mit Demokratie – Basisdemokratie – spielt eine ganz gro&#223;e Rolle. Aber eben auch das Bewusstsein, dass Neoliberalismus zwangsl&#228;ufig mit Repression Hand in Hand geht und die ideologische Verkn&#252;pfung von freier Marktwirtschaft und Demokratie aufgebrochen werden muss. Es wurde endg&#252;ltig gezeigt, dass die beiden nicht miteinander einhergehen, sondern einander feindlich gegen&#252;ber stehen.</p>
<p><em> Was kann die Linke international bzw. in Europa eurer Meinung nach tun, um die Bewegung in Griechenland zu unterst&#252;tzen?</em></p>
<p>Haris: Was ich in Deutschland sehe ist, dass sich die Diskussionen der Linken um den Versuch drehen die Mainstream-Ideologie zu entkr&#228;ften und die Verantwortung Deutschlands als Exportweltmeister und hegemoniale Macht in der Europ&#228;ischen Union aufzuzeigen. Aber mir w&#228;re wichtig, dass mehr gezeigt wird, dass es nicht um L&#228;nder geht, sondern um Klassen. Es geht nicht darum, dass Deutschland Griechenland sch&#228;digt, sondern darum, dass ein bestimmtes Entwicklungsmodell die &#252;berw&#228;ltigende Mehrheit der Menschen in allen L&#228;nder sch&#228;digt. Dies l&#228;sst sich auch an der arbeitsrechtlichen Situation in „Kerneuropa“ zeigen, bzw. den L&#228;ndern, die allgemein als Zentrum bezeichnet werden, zum Beispiel in Deutschland mit Hartz IV, oder auch in Frankreich. Kurz, es geht um Klassen! Diesbez&#252;glich bin ich immer ein bisschen entt&#228;uscht. Die Rosa Luxemburg-Stiftung hat das ganz gut gemacht hat, indem sie jetzt eine <a href="http://www.rosalux.de/publication/37617">Brosch&#252;re</a> &#252;ber Mythen und Fakten der Griechenlandkrise auf Griechisch, Englisch und Deutsch herausgebracht hat und so die Leute informiert. Auch w&#252;rde ich mir w&#252;nschen, dass &#252;ber die Polizeigewalt mehr berichtet wird, und &#252;ber die tats&#228;chliche Repression im Alltag, die eigentlich nicht von der arbeitsrechtlichen Seite getrennt werden kann: Einerseits wird dir jegliches Recht genommen, dich gewerkschaftlich zu organisieren, gleichzeitig wird dir die Lebensgrundlage entzogen, weil dein Gehalt gek&#252;rzt wird. Du wei&#223;t nicht, was deine Kinder in Zukunft haben werden, da du kein Geld hast um ihnen eine private Schule zu bezahlen, damit sie es irgendwie an die Uni schaffen, die jetzt auch privatisiert werden soll. Andererseits werden diese Menschen durch radikale und extreme Repression von der Stra&#223;e verjagt und vom Protest abgehalten. Das wird meines Erachtens nach zu wenig von der Linken thematisiert.</p>
<p><em><br />
Haris Triandafilidou wurde in Berlin geboren und hat dort Politikwissenschaft studiert. Seit Februar 2009 wohnt sie in Athen und ist bei der Jugendorganisation von Synaspismos organisiert, die Teil des SYRIZA-B&#252;ndnisses ist.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>Giorgos Saliaris lebt seit acht Jahren in Athen und hat Grafikdesign studiert.<br />
</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2011/09/05/griechenland-diese-schulden-haben-klassencharakter/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Rebellion in Wisconsin</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2011/03/11/rebellion-in-wisconsin/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2011/03/11/rebellion-in-wisconsin/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 10 Mar 2011 22:51:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Klassenkampf]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=1823</guid>
		<description><![CDATA[Joe Grim Feinberg berichtet von den gr&#246;&#223;ten ArbeiterInnenunruhen seit den 1930er Jahren in den USA. ArbeiterInnen und AktivistInnen k&#228;mpfen in Madison, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Wisconsin, gegen die Pl&#228;ne von Gouverneur Scott Walker, der nicht nur das Budget auf Kosten von LehrerInnen saniert, sondern gleich die gewerkschaftlichen Rechte aller Staatsbediensteten einkassiert.


FreundInnen, KollegInnen,
Ich hoffe, ihr habt inzwischen alle von der ArbeiterInnenrebellion [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Joe Grim Feinberg</em> berichtet von den gr&#246;&#223;ten ArbeiterInnenunruhen seit den 1930er Jahren in den USA. ArbeiterInnen und AktivistInnen k&#228;mpfen in Madison, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Wisconsin, gegen die Pl&#228;ne von Gouverneur Scott Walker, der nicht nur das Budget auf Kosten von LehrerInnen saniert, sondern gleich die gewerkschaftlichen Rechte aller Staatsbediensteten einkassiert.<br />
<span id="more-1823"></span><br />
<a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/03/Protests-in-Madison-Wisconsin5.jpg"><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/03/Protests-in-Madison-Wisconsin5-300x202.jpg" alt="" title="Protests-in-Madison-Wisconsin" width="300" height="202" class="alignnone size-medium wp-image-1835" /></a></p>
<p>FreundInnen, KollegInnen,</p>
<p>Ich hoffe, ihr habt inzwischen alle von der ArbeiterInnenrebellion geh&#246;rt, die seit einigen Wochen in Wisconsin abl&#228;uft. In den landesweiten Zeitungen hat sie (z.B. in Tschechien und der Slowakei) nur wenig Niederschlag gefunden, aber in den englischsprachigen Nachrichten ist sie weltweit prominent. Ich schreibe, um eure Solidarit&#228;t anzuregen.</p>
<p>Hintergr&#252;nde (falls ihr sie noch nicht kennt, ansonsten &#252;berspringt sie):<br />
Der US-Bundesstaat Wisconsin, historisch ein wichtiges Zentrum der fortschrittlichen Bewegungen und der organisierten ArbeiterInnenschaft in den USA, befand sich an der Spitze der reaktion&#228;ren Wahlen 2010. Der Staat w&#228;hlte einen neuen Gouverneur, Scott Walker, der erst damit bekannt wurde, dass er sich weigerte, Geld von der Obama-Regierung anzunehmen, das daf&#252;r gedacht war, eine Passagier-Eisenbahnlinie zwischen der Hauptstadt von Wisconsin, Madison, und der gr&#246;&#223;ten Stadt des Bundesstaates, Milwaukee zu bauen (und damit Madison an das bestehende landesweite Eisenbahnnetz anzuschlie&#223;en). Er hatte mit der Notwendigkeit von Sparma&#223;nahmen argumentiert, und ist dann auf die brillante, kostensparende Idee gekommen, das Geld f&#252;r die Eisenbahn umzuleiten in die Instandhaltung von Stra&#223;en (siehe dazu sein <a href="http://notrain.com">Video</a> &#8211; traurig, aber wahr). Danach beschloss er, die Steuern f&#252;r Unternehmen und die Reichen zu senken und danach erkl&#228;rte er &#246;ffentlich und panisch, der Staat habe kein Geld. Er schlug ein Gesetz vor, das nat&#252;rlich die Geh&#228;lter und Renten der &#246;ffentlich Besch&#228;ftigten im Staat stark gek&#252;rzt h&#228;tte; aber er f&#252;gte etwas hinzu, das er in seiner Wahlkampagne niemals erw&#228;hnt hatte: Er wollte nicht nur die Kosten senken, sondern auch die Rechte der Arbeitenden beschneiden. Das vorgeschlagene Gesetz w&#252;rde die gewerkschaftliche Organisierung ernsthaft beschneiden, beispielsweise w&#228;re es &#246;ffentlich Bediensteten nicht mehr erlaubt, kollektiv &#252;ber Arbeitsbedingungen oder Renten zu verhandeln.</p>
<p>Als der Plan &#246;ffentlich wurde (urspr&#252;nglich war er in einem kleinen &#8220;Budgetanpassungs&#8221;gesetz versteckt), organisierten die Gewerkschaften in Wisconsin den Protest, der zu einer zweiw&#246;chigen Besetzung des Kapitolgeb&#228;udes (in Madison) anwuchs. Ehe unl&#228;ngst der Zugang zum Geb&#228;ude eingeschr&#228;nkt wurde, kampierten hunderte, vielleicht tausende Menschen im Geb&#228;ude, nahmen an st&#228;ndigen Debatten &#252;ber das Gesetz teil und erhielten gespendetes, von Unterst&#252;tzerInnen aus der ganzen Welt bestelltes Fast Food. (Wegen der fortschrittlichen Geschichte von Wisconsin war das alles legal; die &#214;ffentlichkeit hatte das Recht auf freien Zugang zu den Regierungsgeb&#228;uden, ehe der Staat am letzten Wochenende dieses Gesetz &#228;nderte.) Viele LehrerInnen an &#246;ffentlichen Schulen streikten spontan. Im ganzen Land gab es Solidarit&#228;tsdemonstrationen. Und an zwei Samstagen hintereinander gab es in Madison Demonstrationen mit 70.000 – 100.000 TeilnehmerInnen, von denen die meisten Basismitglieder der Gewerkschaft der &#246;ffentlich Bediensteten von Wisconsin waren, darunter viele graduierte, bei der Universit&#228;t von Wisconsin angestellte StudentInnen (in Milwaukee und Madison), die ich als Mitglieder der American Federation of Teachers kenne, der auch meine Gewerkschaft der graduierten StudentInnen von Chicago angeh&#246;rt.</p>
<p>Aber der Kampf hat die Unterst&#252;tzung von ArbeiterInnen und AktivistInnen im ganzen Land erhalten, darunter mehrere meiner FreundInnen aus Chicago, die in Madison mitgemischt haben. Die Situation ist sowohl aufregend als auch erschreckend. Wenn das vorgeschlagene Gesetz in Kraft tritt, dann bedeutet das eine beispiellose Niederlage f&#252;r die organisierten ArbeiterInnen in den USA, und mehrere andere Bundesstaatsregierungen haben bereits &#228;hnliche Pl&#228;ne vorgeschlagen. Wenn der Plan in Wisconsin durchgeht, werden diese anderen Bundesstaaten sicher versuchen, auf dem Erfolg der Regierung Walker aufzubauen. Es liegt nahe, dass dar&#252;ber hinaus den gewerkschaftsfeindlichen Kr&#228;ften &#252;berall Hoffnung und Eingebung erwachsen w&#252;rde.</p>
<p>Aber so beispiellos das vorgeschlagene Gesetz ist, so beispiellos ist das Ausma&#223; der Opposition dagegen. Die gegenw&#228;rtige Rebellion k&#246;nnte die gr&#246;&#223;te ArbeiterInnenunruhe in den Vereinigten Staaten seit den 30er Jahren werden. Und es gibt eine gro&#223;e Wahrscheinlichkeit, dass sie anwachsen wird. Eine der wichtigsten Gewerkschaften in Wisconsin hat einstimmig einen Aufruf zu einem nationalen Generalstreik angenommen f&#252;r den Fall, dass das Gesetz durchgeht.  Es hat noch nie einen nationalen Generalstreik in den USA gegeben – unter anderem w&#228;re er illegal – aber ich habe noch keineN GewerkschaftsagitatorIn oder F&#252;hrerIn sich gegen diese Idee aussprechen geh&#246;rt, trotz ihres &#252;blicherweise moderaten, sogar konservativen Zugangs bei der Organisierung (von Streiks). Und weiter: die Polizeigewerkschaft von Wisconsin hat eine Unterst&#252;tzungserkl&#228;rung f&#252;r die Proteste ver&#246;ffentlicht und gefordert, dass das Kapitol offen bleiben muss, und sie hat ihre Mitglieder <a href="http://www.dane101.com/current/2011/02/25/wisconsin_professional_police_association_calls_for_capitol_to_be_kept_open_annou">dazu aufgerufen</a>, sich den DemonstrantInnen, die im Geb&#228;ude &#252;bernachten, anzuschlie&#223;en – und das, obwohl Walker vorgeschlagen hat, dass das Gesetz die Polizeigewerkschaften (und die der Feuerwehren) nicht betreffen soll. Das k&#246;nnte das erste Mal in der Geschichte der USA, zumindest in dieser Gr&#246;&#223;enordnung, sein, dass die Polizei offen den Anordnungen ihrer Vorgesetzten trotzt, gegen ArbeiterInnenproteste vorzugehen. Zus&#228;tzlich kam wichtige moralische <a href="http://thinkprogress.org/2011/02/15/packers-support-workers/">Unterst&#252;tzung von mehreren Mitgliedern der Green Bay Packers</a>, dem Football-Team von Wisconsin, das Ende J&#228;nner die Super Bowl gewann, und das, sowas gibt es, eine Non-Profit-Organisation ist, die ihren Fans geh&#246;rt (ich spreche &#252;ber American Football, mit Helmen und sonderbar geformten B&#228;llen; die Super Bowl ist die oberste Klasse der Meisterschaft).</p>
<p>Es gab andere, farbenfrohe Vorf&#228;lle, die zumindest gute Geschichten abgeben. Ein rechter (republikanischer) Abgeordneter von Wisconsin beging den Fehler, sich fr&#252;hzeitig dar&#252;ber zu mokieren, dass seine KollegInnen blo&#223; versucht h&#228;tten, die Regierungsfinanzen in den Griff zu bekommen, und „pl&#246;tzlich ist es, als ob Kairo nach Madison gekommen w&#228;re“. Egal ob die JournalistInnen die Idee von ihm hatten oder von selbst darauf kamen, fast jede Zeitung hat sich seither auf dieses Thema gest&#252;rzt. Es gibt zweifellos Unterschiede zwischen den beiden Situationen. Zum einen lie&#223; Mubarak Gewerkschaften der &#246;ffentlich Bediensteten zu, obwohl er versuchte, sie von oben zu kontrollieren. Zum anderen hat niemand auf die DemonstrantInnen in Wisconsin geschossen, obwohl der stellvertretende Generalstaatsanwalt von Indiana diese Idee &#246;ffentlich seinen KollegInnen in Wisconsin vorgeschlagen hat (<a href="http://www.batangastoday.com/indiana-deputy-attorney-general-fired-after-tweeting-%E2%80%98use-live-ammunition%E2%80%99-to-wisconsin-protesters/10296/">er wurde gefeuert</a>).<br />
Die Sache verdichtete sich, als die oppositionellen (demokratischen) Abgeordneten in Wisconsin beschlossen, die Bewegung der ArbeiterInnen zu unterst&#252;tzen, indem sie den Senat des Bundesstaates boykottieren, damit keine Abstimmung zustande kommt und das Gesetz somit nicht angenommen werden kann. Nachdem das Gesetz von Wisconsin die Polizei dazu erm&#228;chtigt, abwesende Abgeordnete zu suchen und sie (mit Gewalt) zum Kapitol zu bringen, flohen die Abgeordneten in das benachbarte Illinois, in dem die Polizei von Wisconsin keine Autorit&#228;t besitzt. In Erwartung einer &#228;hnlichen Situation taten die Demokraten in Indiana dasselbe und sorgten in der &#214;ffentlichkeit damit f&#252;r das un&#252;bliche Spektakel, dass angesehene PolitikerInnen vor den Polizeikr&#228;ften fl&#252;chten, die ihrerseits nicht darauf aus zu sein scheint, sie zu fangen, w&#228;hrend die Republikaner vor Wut toben, aber keine M&#246;glichkeit gefunden haben, auf rechtlicher Basis zu einer Abstimmung (&#252;ber das Gesetz) zu kommen.</p>
<p>Scott Walker wurde in der Zwischenzeit in weitere Verlegenheit gebracht, als ein Journalist ihn anrief und <a href="http://www.buffalobeast.com/?p=5045">vorgab, der milliardenschwere Unterst&#252;tzer seiner Kampagne, David Koch zu sein</a>. Der Anrufer konnte aufzeichnen, wie der Gouverneur dar&#252;ber sinnierte, agents provocateurs unter die Protestierenden zu bringen, und dann ein Angebot annahm, in „a good time“ gezeigt zu werden, nachdem er seine Widersacher vernichtet h&#228;tte. (Der Stab des Gouverneurs best&#228;tigte die Authentizit&#228;t der Aufnahme, dementierte aber, blo&#223;gestellt worden zu sein.)<br />
Jedenfalls ist der Ausgang der Vorf&#228;lle sehr unsicher, trotz einiger Ger&#252;chte, dass die Regierung von Wisconsin zur&#252;cktreten k&#246;nnte. Die Bewegung kann bereits den Teilsieg f&#252;r sich beanspruchen,  dass andere Regierungen z&#246;gern werden, ehe sie &#228;hnliche provokante Reaktionen zeigen. Aber innerhalb von Wisconsin hat keine der wichtigen beteiligten Parteien ihren Standpunkt ge&#228;ndert. Ich denke, es ist ein kritischer Moment, und die protestierenden ArbeiterInnen brauchen all unsere Hilfe, auch von Menschen, die das Pech haben, dass sie sich ihnen pers&#246;nlich nicht anschlie&#223;en k&#246;nnen.<br />
Deshalb wollte ich Vorschl&#228;ge machen, wie ihr sie unterst&#252;tzen k&#246;nnt: </p>
<p>*) Schreibt Solidarit&#228;tsstatements – wenn ihr Kontakt zu irgendeiner Organisation habt oder deren Mitglieder seid, dass sie ihre &#246;ffentliche Unterst&#252;tzung der protestierenden ArbeiterInnen ausdr&#252;ckt, schickt Solidarit&#228;tsadressen an defendwisconsin@gmail.com. Das kann eine gro&#223;e Hilfe f&#252;r die Moral der ArbeiterInnen und f&#252;r den Aufbau lokaler, aber auch ausl&#228;ndischer Unterst&#252;tzerInnenkomitees sein. Einige solcher Statements findet ihr am Ende dieser Seite: <a href="http://www.defendwisconsin.org.">www.defendwisconsin.org</a>.<br />
*) Spendet an <a href="http://helpdefendwisconsin.org">helpdefendwisconsin.org</a> oder <a href="http://store.iww.org/madison-donations.html">http://store.iww.org/madison-donations.html</a>. Die erste Adresse wird von der American Federation of Teachers betrieben, die eine der gr&#246;&#223;ten Gewerkschaften der &#246;ffentlich Bediensteten von Wisconsin ist. Die zweite ist mit den Industrial Workers of the World verbunden, die kleiner, aber im ArbeiterInnenaktivismus von Madison sehr aktiv sind. Jede Organisation wird das Geld gut einsetzen. Die DemonstrantInnen haben auch die folgenden Seiten vorgeschlagen, um Lebensmittel direkt an sie im Kapitol zu schicken: <a href="http://www.facebook.com/IansPizzaOnState?ref=ts&#038;sk=app_6009294086">http://www.facebook.com/IansPizzaOnState?ref=ts&#038;sk=app_6009294086</a> und <a href="http://cabellscrabble.blogspot.com/2011/02/donate-food-to-protesters-via.html">http://cabellscrabble.blogspot.com/2011/02/donate-food-to-protesters-via.html</a>. Der Zugang zum Kapitol ist jetzt beschr&#228;nkt, aber da ich noch nichts Gegenteiliges geh&#246;rt habe, nehme ich an, die Leute sind von 8:00 bis 18:00 Uhr US-Central Time dort und k&#246;nnen immer noch Lebensmittelspenden gebrauchen.<br />
*) Phone bank (d.h. ruft Leute in Wisconsin an und dr&#228;ngt sie, die protestierenden ArbeiterInnen zu unterst&#252;tzen) – Das k&#246;nnte Leuten au&#223;erhalb von Nordamerika schwer fallen. Aber mensch k&#246;nnte Skype verwenden, und ihr solltet auf die Uhrzeit achten, zu der ihr anruft. Schreibt wegen Anleitungen an volunteertodefendwisconsin@gmail.com.<br />
*) Gebt diese Nachricht weiter (oder eure eigenen Nachrichten).<br />
*) Verfolgt die Vorf&#228;lle auf <a href="http://www.defendwisconsin.org">www.defendwisconsin.org</a></p>
<p>Update, 10.3.2011: Am 9. M&#228;rz verabschiedeten die republikanischen SenatorInnen von Wisconsin eine neue Version des vorgeschlagenen Gesetzes, ohne auf die R&#252;ckkehr der DemokratInnen, die sich au&#223;erhalb des Bundesstaats befanden, zu warten. Anstatt eines Kompromisses entfernten die RepublikanerInnen die weniger kontroversiellen Budgetpunkte aus dem Gesetz, w&#228;hrend sie die schlimmsten gewerkschaftsfeindlichen Elemente beibehielten. Ohne die Budgetpunkte ben&#246;tigte das Gesetz nicht die Anwesenheit der Demokratischen SenatorInnen, und die RepublikanerInnen stimmten mit 18:1 (d.h. mit einer oppositionellen Stimme) f&#252;r das Gesetz. Das Gesetz ist noch nicht in Kraft getreten. Es ben&#246;tigt u.a. immer noch die Zustimmung durch die bundesstaatliche Legislative.</p>
<p>&#220;bersetzung: <a href="http://akkrise.wordpress.com">akkrise.wordpress.com</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2011/03/11/rebellion-in-wisconsin/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Vom Aufstieg und Fall der Profitrate</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/12/09/vom-aufstieg-und-fall-der-profitrate/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2010/12/09/vom-aufstieg-und-fall-der-profitrate/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 09 Dec 2010 06:45:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökonomie]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=1690</guid>
		<description><![CDATA[Krisen ersch&#252;ttern nicht nur das Wirtschaftsleben, sondern er&#246;ffnen immer auch die M&#246;glichkeit f&#252;r eine Kritik an den Grundz&#252;gen des anerkannten Wirtschaftsverst&#228;ndnisses und der kapitalistischen Logik. Philipp Probst stellt im ersten Teil unserer neuen Serie zu marxistischen Krisentheorien b&#252;rgerlichen Analysen eine marxistische Sichtweise  entgegen.

Im November 2009 fuhren die Chefs der f&#252;hrenden amerikanischen Automobilkonzerne nach Washington D.C. um vom US-Senat finanzielle [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Krisen ersch&#252;ttern nicht nur das Wirtschaftsleben, sondern er&#246;ffnen immer auch die M&#246;glichkeit f&#252;r eine Kritik an den Grundz&#252;gen des anerkannten Wirtschaftsverst&#228;ndnisses und der kapitalistischen Logik. <em>Philipp Probst</em> stellt im ersten Teil unserer neuen Serie zu marxistischen Krisentheorien b&#252;rgerlichen Analysen eine marxistische Sichtweise  entgegen.<br />
<span id="more-1690"></span><br />
Im November 2009 fuhren die Chefs der f&#252;hrenden amerikanischen Automobilkonzerne nach Washington D.C. um vom US-Senat finanzielle Mittel und Unterst&#252;tzung zu erbitten. Die „Drei Gro&#223;en“ der US-Autoindustrie (<em>Ford, General Motors</em> und<em> Chrysler</em>) waren angeschlagen und mussten vor dem Bankrott gerettet werden. Nach der Rettung von Immobilienbanken und Versicherungsunternehmen wie <em>Northern Rock, Fannie Mae und Freddy Mac</em>, bedeutete die Unterst&#252;tzung der Autoindustrie den n&#228;chsten riesigen <em>bailout </em>gro&#223;er Konzerne mittels Subventionen in Milliardenh&#246;he. Die Krise, die zun&#228;chst als Finanz- und Bankenkrise begonnen hatte, weitete sich nicht nur global aus. Auch in der „Realwirtschaft“ zeigten sich deutliche Instabilit&#228;ten. W&#228;hrend st&#228;ndig Versuche unternommen wurden, die Auswirkungen der Krise f&#252;r die Kapitalseite abzumildern, zeichneten sich immer gr&#246;&#223;ere Br&#252;che im „selbstregulierenden“ kapitalistischen System ab.<br />
Eine Frage liegt auf der Hand: Warum haben professionelle WirtschaftsforscherInnen – diejenigen, die in Zeiten des Aufschwung nicht m&#252;de wurden, die positiven Seiten der kapitalistischen Marktwirtschaft und die Kreativit&#228;t neuer Finanzinnovationen anzupreisen – diese Krise nicht vorhergesehen oder zumindest gegenwirkende Ma&#223;nahmen parat gehabt? Der ehemalige Chef der <em>Federal Reserve</em> Alan Greenspan gab vor dem US-Senat offen zu, dass er „noch immer nicht ganz wisse, was falsch gelaufen ist, in den, wie wir glaubten, selbstregulierenden M&#228;rkten.“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Als selbst Queen Elizabeth II. diese Frage stellte, sahen sich WirtschaftswissenschaftlerInnen gen&#246;tigt, zu antworten. Nach monatelangen intensiven Diskussionen, Analysen und Beratungen mit ExpertInnen aus den unterschiedlichsten Bereichen gestanden sie in einem offenen Brief an die Queen ein, dass sie ein „systemisches Risiko“ aus dem Blick verloren und verdr&#228;ngt hatten. Worin dieses „systemische Risiko“ bestehe, wurde nicht n&#228;her ausgef&#252;hrt.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a><br />
Dass b&#252;rgerliche Wirtschaftstheorien keine besseren Krisentheorien vorweisen k&#246;nnen, mag verwundern. Schlie&#223;lich ist die Geschichte des Kapitalismus so sehr von kontinuierlich wiederkehrenden Krisen gepr&#228;gt, dass Trotzki zum Schluss kam, dass „Kapitalismus von Krisen und Aufschwung lebt, wie Menschen vom Ein- und Ausatmen.“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Neben den gro&#223;en globalen Depressionen der 1870er, 1930er und der Krise der 1970er wurden seit den 1990ern Japan, der s&#252;dostasiatische Raum, Russland, die Americas und Europa von Krisen ersch&#252;ttert.<br />
Doch kaum scheint eine Krise &#252;berwunden, verwischen auch die Erinnerungen daran; ein neuer Aufschwung beginnt, begleitet von Lobges&#228;ngen auf die Versprechungen des Marktes. Diese Vergesslichkeit ist kein Zufall, sondern verweist auf die Grundlagen der b&#252;rgerlichen Wirtschaftstheorien, die von einem Gleichgewicht und der Stabilit&#228;t in der kapitalistischen Wirtschaftweise ausgehen. Krisen haben darin h&#246;chstens als Ausnahmef&#228;lle einen Platz.<br />
Politisch ist dies deshalb relevant, weil nicht nur neoliberale Ma&#223;nahmen zur Krisenbek&#228;mpfung mit Sparpaketen und Privatisierungen sich auf Varianten einer b&#252;rgerlichen &#214;konomik st&#252;tzen. Von linker Seite werden Strategien gegen die Krise an bestimmte, h&#228;ufig keynesianistische, Wirtschaftsanalysen gekn&#252;pft und die Hoffnung in besser regulierte Banken- und Finanzsysteme, neue (Green) New Deals und die Ankurbelung des Konsums durch Staatsausgaben gesetzt. Der Glaube an einen an sich funktionierenden Markt – reguliert oder unreguliert – bleibt erhalten und verstellt die M&#246;glichkeit einer revolution&#228;ren Perspektive. Eine genaue Untersuchung der Ursachen kapitalistischer Krisentendenzen ist deshalb f&#252;r politische Strategien und Taktiken zentral.<br />
Mit einer Serie zur marxistischen Krisentheorie versuchen wir – gegen b&#252;rgerliche Erkl&#228;rungsans&#228;tze – die inh&#228;rente Instabilit&#228;t der kapitalistischen Produktionsweise zu analysieren, aus der die unterschiedlichen Umbr&#252;che resultieren. Um im weiteren Verlauf der Serie reale Krisenabl&#228;ufe nachvollziehen zu k&#246;nnen, m&#252;ssen wir uns in einem ersten Schritt ein theoretisches Grundger&#252;st erarbeiten. Weil dies nur auf einem sehr hohen Abstraktionsniveau m&#246;glich ist, auf dem z. B. der Staat zun&#228;chst noch ausgeblendet bleiben muss, m&#246;gen die folgenden Ausf&#252;hrungen manchmal m&#252;hsam wirken. Sie sind jedoch die notwendige Voraussetzung f&#252;r ein grundlegendes Verst&#228;ndnis kapitalistischer (Krisen-)Dynamik.</p>
<p><strong>B&#252;rgerliche Krisentheorien…</strong><br />
Grob k&#246;nnen zwei b&#252;rgerliche Wirtschaftstheorien unterschieden werden, die je nach Konjunktur mehr oder weniger viele Anh&#228;ngerInnen finden<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>: die <em>neoklassische </em>und die keynesianistische Theorie. F&#252;r die neoklassische Theorie sind Angebot und Nachfrage die regulierenden Mechanismen zur Schaffung eines Gleichgewichts. &#220;ber diese Marktmechanismen wird eine effiziente und optimale Allokation von Ressourcen (Geld, nat&#252;rliche Ressourcen, Zwischenprodukte und Konsumg&#252;ter) herbeigef&#252;hrt. Zentral f&#252;r diesen Zugang ist das Gesetz von Jean Baptiste Say, einem der ber&#252;hmtesten klassischen &#214;konomen. Dieses besagt, dass jeder Verkauf auch einen Kauf bedeutet, also das „Angebot seine eigene Nachfrage erzeugt.“ Generelle &#220;berproduktionen und Absatzschwierigkeiten kann es demnach nicht geben, weil &#252;ber Preismechanismen Angebot und Nachfrage und damit Produktion und Konsumption geregelt und in ein Gleichgewicht gebracht werden. Die (vollst&#228;ndige) Konkurrenz zwischen Einzelkapitalien sichert, dass die Preismechanismen richtige Signale senden. Die ausgleichende Wirkung von Angebot und Nachfrage mag zwar in der Realit&#228;t immer wieder kurz gest&#246;rt sein, weil Preissignale nicht sofort wirken. Dieser „leichte Wind auf einem ruhigen See“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> , so der &#214;konom Walras, habe aber nichts mit gr&#246;beren Unterbrechungen des Wirtschaftstreibens zu tun. Daraus wird das Argument abgeleitet, dass Krisen nicht inneren Widerspr&#252;chen der kapitalistischen Produktionsweise entspringen, sondern Ergebnis &#228;u&#223;erer Einfl&#252;sse sind. Die Reihe der angef&#252;hrten &#228;u&#223;eren Einfl&#252;sse reicht dabei von abstrusen Thesen, wie dem Einfluss von Sonnenflecken oder dem hormonellen Adrenalin&#252;berschuss von Finanzspekulanten<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> [sic!] bis zu den klassischen Argumenten, dass Regulierungen durch den Staat oder Monopolstellungen den freien Zugang zu M&#228;rkten und deren selbstregulierende Mechanismen behindern.<br />
Die traditionelle <em>keynesianistische </em>Sichtweise unterscheidet sich nicht stark von der Neoklassik und wird mittlerweile als Teil der orthodoxen Lehre anerkannt. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass Keynes nicht von <em>einem </em>m&#246;glichen Gleichgewicht ausgeht, sondern von mehreren Gleichgewichtszust&#228;nden. So wie es ein Niveau mit Vollbesch&#228;ftigung und Wohlstand gibt, kann demnach auch ein Zustand hoher Arbeitslosigkeit und Stagnation bestehen. Die Aufgabe des Staates ist es, durch gezielte Ma&#223;nahmen der Regulierung die aggregierte Nachfrage zu sichern. Krisen sind demnach das Produkt falscher Politiken und eines unregulierten Kapitalismus und nicht dessen innerer Widerspr&#252;che.</p>
<p><strong>…und ihre Grenzen</strong><br />
Sowohl Neoklassik als auch keynesianistische Theorien blenden zwei wesentliche Aspekte aus: Erstens werden statische Zust&#228;nde betrachtet und auf die Bedeutung von <em>Zeitlichkeit </em>vollkommen vergessen. Zweitens wird von <em>technologischen Ver&#228;nderungen</em> abstrahiert. Alfred Marshall, einer der Begr&#252;nder der neoklassischen &#214;konomie, gab diese L&#252;cken offen zu: „[Die Theorie] beachtete nicht, dass sich in der Realit&#228;t Kapital kontinuierlich akkumuliert und sich Produktionstechniken st&#228;ndig weiterentwickeln, wodurch Nachfragemuster nach Produkten, die als Inputs in die Produktion dienen, st&#228;ndig ver&#228;ndert werden.“ „Zeit“, schreibt er, „ist die Quelle vieler der gr&#246;&#223;ten Schwierigkeiten in der &#214;konomik.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Das Problem wurde dadurch „gel&#246;st“, dass die klassischen WirtschaftswissenschaftlerInnen „das Element Zeit zu diesem Zeitpunkt [einfach] beiseite lassen,“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> wie sein Kollege Walras es ausdr&#252;ckte.<br />
Werden <em>Zeit </em>und <em>technologischer Fortschritt</em> ber&#252;cksichtigt, stellt die Etablierung eines Gleichgewichts &#252;ber Preismechanismen jedoch keinen reibungslosen Prozess mehr dar. Joseph Schumpeter, &#214;konom der sogenannten &#214;sterreichischen Schule, betont deshalb, dass „sobald das Gleichgewicht durch irgendeine St&#246;rung zerst&#246;rt wurde, der Prozess der Wiederherstellung desselben nicht so sicher, prompt und &#246;konomisch ist, wie uns dies die alte Theorie darstellt. […] Eben dieser Kampf um Adjustierungen k&#246;nnte sogar zu einem System f&#252;hren, das weiter weg von einem neuen Gleichgewicht liegt.“<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a><br />
Diesen Unzul&#228;nglichkeiten der orthodoxen Wirtschaftstheorie setzen marxistische Ans&#228;tze eine Sichtweise entgegen, welche die kapitalistische Produktionsweise als ein dynamisches System ansieht, dessen inneres Gleichgewicht nie zustande kommt, weil inh&#228;rente Tendenzen und Bewegungsgesetze dieses st&#228;ndig st&#246;ren und zerst&#246;ren.</p>
<p><strong>Marxistische Krisentheorien</strong><br />
In der marxistischen Diskussion finden sich unterschiedliche Erkl&#228;rungsans&#228;tze und Krisentheorien.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Seit Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die 1940er Jahre wurden von sozialdemokratischer und kommunistischer Seite v.a. &#220;berproduktions-, Unterkonsumptions- und Disproportionalit&#228;tstheorien in unterschiedlichen Facetten diskutiert.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Seit den 1960er Jahren nimmt das Marxsche Gesetz des „tendenziellen Falls der Profitrate“ eine zentrale Stellung in der Diskussion ein<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a>, w&#228;hrend in den 1970er Jahren mit dem Aufkommen zahlreicher Arbeitsk&#228;mpfe in Italien und England die sogenannte Profit-Squeeze-Theorie<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> als Krisenmechanismus eingebracht wurde. Im Rahmen dieses Artikels ist nicht gen&#252;gend Raum, um auf die einzelnen Krisentheorien und die Kritik an ihnen genauer einzugehen. Anzumerken ist jedoch, dass oft wichtige Teile und Versatzst&#252;cke der Marxschen Analyse zu allgemeinen Krisentheorien verarbeitet wurden, ohne sie einerseits zueinander in Bezug zu setzen und sie andererseits auf unterschiedlichen (Abstraktions-)Ebenen zu analysieren.<br />
Bei Marx findet sich keine ausformulierte Krisentheorie, sondern eine <em>Theorie der Akkumulation &#252;ber die Zeit</em>, bei der sich unterschiedliche Widerspr&#252;chlichkeiten und Krisentendenzen &#252;ber die Zeit zuspitzen und in Krisen ausdr&#252;cken. Marx’ Ziel war es, zu zeigen, dass die inneren Widerspr&#252;che der kapitalistischen Produktionsweise notwendigerweise periodisch Krisen produzieren, die sich in konkreten historischen Perioden in unterschiedlicher Art und Weise ausdr&#252;cken. „Im Prozess der Akkumulation werden alle Widerspr&#252;che und Spannungen der kapitalistischen Produktion und Zirkulation intensiviert. &#214;konomische Krisen sind das notwendige Ergebnis des Akkumulationsprozesses.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Ausgehend von den Widerspr&#252;chlichkeiten im Akkumulationsprozess k&#246;nnen Krisentendenzen und -mechanismen analysiert werden. Marx geht bei seiner Beschreibung des Akkumulationsprozesses in mehreren Schritten vor. Nachdem im ersten Band des Kapitals die Konzentration auf die Produktionssph&#228;re und das Kapital als Ganzes gelegt und im zweiten die Zirkulationssph&#228;re und das Verh&#228;ltnis von Einzelkapitalien zueinander betrachtet werden, setzt er im weiteren Verlauf Produktion, Tausch und Verteilung von Mehrwert zueinander in Beziehung, um die tats&#228;chlichen Bewegungen innerhalb des kapitalistischen Systems darstellen zu k&#246;nnen.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Erst in der Betrachtung des Akkumulationsprozesses als Einheit von Zirkulation und Produktion zeigen sich die zentralen Widerspr&#252;che.</p>
<p><strong>Mehrwert wird produziert – die Herstellung der Mehrwertrate</strong><br />
Im ersten Band des Kapitals konzentriert sich Marx auf die Produktionssph&#228;re. Hauptaugenmerk wird dabei auf das gesellschaftliche Verh&#228;ltnis zwischen Arbeit und Kapital gelegt. Der kapitalistische Produktionsprozess und damit auch der Akkumulationsprozess beruhen auf der Ausbeutung der ArbeiterInnen. Diese schaffen in einer gewissen Arbeitszeit eine gewisse Menge an neuem Wert (L). Der Teil, der &#252;ber dem als Lohn (v) ausgezahlt Wert liegt, wird in der marxistischen Theorie als Mehrwert (m) bezeichnet (L=v+m). Die Kontrolle &#252;ber den Produktionsprozess erlaubt es den KapitalistInnen, sich den von ArbeiterInnen produzierten Wert anzueignen, von dem (nach Abzug der L&#246;hne) der Mehrwert, die Quelle des Profits, bleibt. Das Verh&#228;ltnis zwischen der geschaffenen Mehrwertmasse (m) und den L&#246;hnen (v) ist die <em>Mehrwertrate </em>oder Ausbeutungsrate.<br />
Es bieten sich zwei M&#246;glichkeiten, die Ausbeutung der ArbeiterInnen zu erh&#246;hen und damit einen h&#246;heren Mehrwert zu erzielen: Die Steigerung des <em>absoluten </em>einerseits und des <em>relativen </em>Mehrwerts andererseits. Eine Steigerung des <em>absoluten </em>Mehrwerts, der insgesamt produzierten Mehrwertmasse, wird durch eine Verl&#228;ngerung der effektiven Arbeitszeit erreicht, sei es durch einen verl&#228;ngerten Arbeitstag oder eine Erh&#246;hung der Arbeitsintensit&#228;t (bspw. durch das K&#252;rzenvon Pausen oder die Beschleunigung der Leistung der ArbeiterInnen). Die Steigerungsm&#246;glichkeiten des absoluten Mehrwerts sind beschr&#228;nkt, da sowohl die Intensit&#228;t als auch die L&#228;nge der Arbeitszeit durch nat&#252;rliche und gesellschaftliche Faktoren begrenzt sind. Eine Erh&#246;hung des absoluten Mehrwerts ist prinzipiell ohne technologische Neuerungen m&#246;glich. In diesem Fall wird haupts&#228;chlich durch die Anstellung neuer ArbeiterInnen Mehrwert akkumuliert. Da die Mehrwertrate aber auch vom Lohn abh&#228;ngig ist, w&#252;rde die Mehrwertrate sinken, wenn in Zeiten der verst&#228;rkten Akkumulation die Nachfrage nach Arbeitskr&#228;ften und damit die L&#246;hne steigen.<br />
Den <em>relativen </em>Mehrwert k&#246;nnen KapitalistInnen erh&#246;hen, indem sie den Wert der Arbeitskraft verringern, also den Wert der Lebensmittel, die f&#252;r die Reproduktion der Arbeitskraft n&#246;tig sind, senken.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Das verlangt eine Produktivkraftsteigerung in jenen Sektoren der Wirtschaft, die entweder selbst Lebensmittel produzieren oder diese Sektoren direkt oder indirekt beliefern. Damit diese Senkungen wirksam werden, muss die Produktivkraft aber in vielen Sektoren der Wirtschaft steigen. Prinzipiell stehen unterschiedliche Optionen f&#252;r eine solche Produktivkraftsteigerung zur Verf&#252;gung: Einerseits k&#246;nnen organisatorische Umgestaltungen im Produktionsprozess, wie eine bessere Kooperation und ausgefeiltere Arbeitsteilungen, eine h&#246;here Arbeitsproduktivit&#228;t bringen. Die Haupttriebkraft f&#252;r eine Produktivkraftsteigerung liegt aber in technologischen Umgestaltungen des Arbeitsprozesses mittels neuer Maschinen.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Das hat neben der Steigerung des relativen Mehrwerts durch die Verringerung des Werts der Ware Arbeitskraft noch zus&#228;tzliche Vorteile f&#252;r die Kapitalseite. Die zunehmende Verdr&#228;ngung von ArbeiterInnen durch Mechanisierungsschritte erh&#246;ht die Kontrolle &#252;ber den Produktionsprozess und wird damit zu einem wirksamen Mittel im Klassenkampf von oben. Gleichzeitig erlaubt die daraus resultierende Schaffung einer Reserve an Arbeitskr&#228;ften, die ausbezahlten Geldl&#246;hne unter dem eigentlichen Wert zu halten.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Im Gegensatz zum absoluten Mehrwert h&#228;ngt der relative Mehrwert nur von der technologischen Entwicklung ab. Dieser sind prinzipiell keine Grenzen gesetzt.<br />
Insgesamt stellt „die Entwicklung der Produktivit&#228;t der gesellschaftlichen Arbeit de[n] m&#228;chtigste[n] Hebel der Akkumulation“ dar.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Bevor wir jedoch die sich daraus ergebenden Widerspr&#252;che analysieren, m&#252;ssen wir aus der Produktionssph&#228;re treten, denn der in der Produktionssph&#228;re geschaffene Wert muss erst als solcher realisiert werden. Dazu muss der aus der Ausbeutung der ArbeiterInnen entsprungene Wert zirkulieren.</p>
<p><strong>Kapital zirkuliert</strong><br />
Allgemein startet ein Produktionsprozess damit, dass mittels Geld (G) Produktionsmittel und Arbeitskr&#228;fte als Waren (W) gekauft werden, mit deren Hilfe ein Produktionsprozess (P) gestartet wird. Die dabei produzierten Waren (W´) m&#252;ssen dann f&#252;r Geld (G´) verkauft werden. Mit Hilfe des eingenommenen Geldes kann der gesamte Produktionsprozess wieder von Neuem gestartet werden. Das Kapital durchl&#228;uft in diesem Prozess unterschiedliche Phasen und wechselt von Geldkapital in Warenkapital in produktives Kapital und wieder zur&#252;ck in Waren- und Geldkapital. Kurz geschrieben: G – W … P … W´- G´. Das am Schluss eingenommene Geld (G´) sollte h&#246;her sein als der urspr&#252;nglich investierte Betrag. Die Differenz stellt den neu produzierten Mehrwert dar (G`-G=m).<br />
Das oben erw&#228;hnte Gesetz von Jean Baptiste Say behauptet, dass die Zirkulation immer gesichert sei, weil jeder Kauf einen Verkauf und jeder Verkauf einen Kauf bedeute. Jedes produzierte Produkt schaffe sich also seinen eigenen Markt.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Allerdings kann dieser Zyklus an den unterschiedlichen Punkten unterbrochen werden. Waren k&#246;nnen unverkauft bleiben (W´-G´ ist unterbrochen), weil entweder zu viele Waren produziert wurden oder die effektive Nachfrage zu gering ist. KapitalistInnen k&#246;nnen ihre Investitionen zur&#252;ckhalten, weil sie bzgl. der Profitabilit&#228;t ihrer Unternehmungen unsicher sind und sich weigern, Produktionsmittel zu kaufen und neue ArbeiterInnen anzustellen, oder weil sie ihr Geld woanders investieren (G´-W´ ist unterbrochen). Ebenso kann der Produktionsprozess durch Streiks und Arbeitsk&#228;mpfe gest&#246;rt werden. Voraussetzung und Kern der Marx‘schen Kritik am Say’schen Gesetz ist die Tatsache, dass Kapital die Form von Geld annimmt und dadurch als Zahlungsmittel fungiert, sowie die M&#246;glichkeit zur Aufbewahrung von Wert liefert. In vorkapitalistischen Gesellschaftsformationenwaren Reichtum und Wert an materielle G&#252;ter gebunden, die entweder verderblich waren oder deren weitere Anh&#228;ufung ab eine bestimmten Punkt keinen Sinn mehr machte. In kapitalistischen Gesellschaftsformationen ist es demgegen&#252;ber m&#246;glich, Geld unbegrenzt zu horten und K&#228;ufe oder Verk&#228;ufe zur&#252;ckzuhalten. Die Funktion von Geld als Zirkulationsmittel kommt in Konflikt mit seiner Funktion als Aufbewahrungsmittel.</p>
<p><strong>Reproduktion des Gesamtkapitals</strong><br />
Im Kapitalismus existiert nicht nur der Zyklus <em>eines </em>Industriekapitals,<br />
sondern es zirkulieren und reproduzieren sich alle Kapitalien, sprich das Gesamtkapital. In seiner Darstellung der Reproduktionsschemata versucht Marx, die Bedingungen f&#252;r die Reproduktion der gesamten &#246;konomischen Aktivit&#228;t offenzulegen. Er fasst dabei unterschiedliche Branchen in zwei Abteilungen zusammen. Abteilung 1 beinhaltet alle Kapitalien, die Produktionsmittel produzierten (also Rohstoffe, Zwischenprodukte, Maschinen etc.), w&#228;hrend Abteilung 2 alle G&#252;ter, die der individuellen Konsumption dienen, produziert. Es kann mathematisch gezeigt werden, welche Bedingungen gelten m&#252;ssen, um sowohl eine einfache Reproduktion – also die Reproduktion auf gleichbleibendem Niveau – als auch eine erweiterte Reproduktion – mit einer wachsenden &#246;konomischen Aktivit&#228;t – sichern zu k&#246;nnen.<br />
Diese Schemata wurden oft so missverstanden, als ginge es darum zu zeigen, wie die harmonische Entwicklung eines geregelten, <em>organisierten </em>Kapitalismus funktionieren k&#246;nnte, sobald gewisse Bedingungen erf&#252;llt werden. Im Gegensatz zu einer solchen Interpretation versuchte Marx mit Hilfe der Schemata zu zeigen, wie „im Kapitalismus komplexe individuelle Prozesse im Kreislauf von Produktion und Tausch zusammengebracht werden m&#252;ssen, um sich zu reproduzieren. Darin zeigt sich die Instabilit&#228;t des Systems.“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Zwei unterschiedliche Fl&#252;sse m&#252;ssen dabei in Balance gebracht werden. Einerseits m&#252;ssen die <em>physischen </em>Eigenschaften der einzelnen Produktionsprozesse ber&#252;cksichtigt werden, andererseits m&#252;ssen die Werte ausgedr&#252;ckt in Geld &#252;bereinstimmen. Dabei m&#252;ssen die Produktion und der Tausch einer bestimmten Quantit&#228;t an Waren &#252;ber die gesamte &#214;konomie gesichert sein, und zwar sowohl <em>innerhalb </em>der zwei Abteilungen als auch <em>zwischen </em>den zwei Abteilungen. In der neoklassischen Theorie sollen Preismechanismen die Zuteilung der zwei Fl&#252;sse &#252;ber Angebot und Nachfrage bewerkstelligen. In der Realit&#228;t werden die genauen Proportionen f&#252;r eine gleichm&#228;&#223;ige Reproduktion immer wieder gest&#246;rt und zerr&#252;ttet. Wie wir weiter oben gesehen haben, kann die Zirkulation von Einzelkapitalien an unterschiedlichen Stellen unterbrochen werden. Bricht die Zirkulation mehrerer Einzelkapitalien zusammen, kommt es zu gr&#246;beren St&#246;rungen. Die Verwobenheit einer moderner Wirtschaft mit komplexen Zuliefersystemen und Transporterfordernissen sowie die Rolle von Kredit und Geldfl&#252;ssen zwischen unterschiedlichen Sektoren f&#252;hren dazu, dass Probleme in einzelnen Sektoren zu Krisen in scheinbar unabh&#228;ngigen Sektoren f&#252;hren und sich Krisen in Einzelbranchen zu allgemeinen Krisen entwickeln k&#246;nnen.</p>
<p><strong>Krisenpotentiale</strong><br />
Mehrere Prozesse k&#246;nnen dabei unter anderem wirksam werden: Eine erweiterte Reproduktion, also eine Reproduktion, bei der Einzelkapitalien akkumulieren und wachsen, bedeutet, dass ein h&#246;herer Output dieser Sektoren durch eine erh&#246;hte <em>effektive Nachfrage</em> gedeckt sein muss. Dies bedeutet, dass eine erh&#246;hte wirtschaftliche Aktivit&#228;t in einem Sektor durch eine erh&#246;hte wirtschaftliche Aktivit&#228;t in anderen Sektoren ausgeglichen werden muss. Ist das nicht der Fall, k&#246;nnen Waren nicht mehr abgesetzt, also Werte nicht mehr realisiert werden. Die effektive Nachfrage st&#252;tzt sich nicht nur auf die Kaufkraft der ArbeiterInnen (und die Nachfrage nach Luxusg&#252;tern der KapitalistInnen), sondern vor allem auf die Investitionst&#228;tigkeit von KapitalistInnen, die neue Produktionsmittel anfordern.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Die Investitionst&#228;tigkeit h&#228;ngt stark von den <em>Profiterwartungen </em>ab, mit denen wir uns weiter unten auseinandersetzen. Die Kaufkraft der ArbeiterInnen h&#228;ngt von zwei Faktoren ab. Erstens setzt die H&#246;he des Lohns der Kaufkraft Grenzen. Dabei treten die Erfordernisse des Produktionsprozesses, den Lohn m&#246;glichst niedrig zu halten, und die Erfordernisse der Realisation von Wert in einen Widerspruch. Andererseits muss die Kaufkraft erst mobilisiert werden, wobei die Ausweitung von Werbung eine entscheidende Rolle spielt.<br />
Eine wachsende Wirtschaft geht einher mit sich ver&#228;ndernden Angebots- und Nachfragemustern und Preisschwankungen. (1) Ein Preisfall in einzelnen Sektoren f&#252;hrt zu niedrigeren Profiten. Unternehmen in diesen Branchen werden weniger Rohstoffe f&#252;r ihre Produktion nachfragen und/oder ArbeiterInnen entlassen, wodurch Absatzschwierigkeit entstehen und die effektive Nachfrage nach Produkten anderer Bereichen sinkt. (2) Ebenso treibt eine gesteigerte Nachfrage nach Rohstoffen die Preise in den Rohstoff produzierenden Sektoren in die H&#246;he. Die Profite der davon abh&#228;ngigen Branchen werden sinken. (3) Weiters kann bei Lieferengp&#228;ssen – ausgel&#246;st durch starke Preisschwankungen in einzelnen Sektoren, sowie durch &#246;kologische Grenzen (Ersch&#246;pfung in Rohstoffen, Ernteausf&#228;lle, etc.) – die materielle Seite der Produktion und Reproduktion gest&#246;rt sein.<br />
Schlie&#223;lich ist es m&#246;glich, dass aufgrund von Kreditklemmen die notwendigen Geldmittel f&#252;r den Kauf von Waren – sowohl Produktionsmittel als auch Endprodukte – nicht aufgebracht werden k&#246;nnen. Tats&#228;chlich ist das Kreditsystem in Aufschwungzeiten ein Mittel, um Disproportionalit&#228;ten tempor&#228;r auszugleichen, zumindest wenn die Profite relativ hoch sind. Kredite erlauben schnelle Kapitalfl&#252;sse zwischen den Sektoren und sind das Schmiermittel f&#252;r eine wachsende Wirtschaft. Sobald Kredite ausbleiben, weil die R&#252;ckzahlung nicht mehr gesichert scheint, brechen Krisen umso heftiger aus. „Bank und Kredit werden […] zugleich das kr&#228;ftigste Mittel, die kapitalistische Produktion &#252;ber ihre eignen Schranken hinauszutreiben, und eins der wirksamsten Vehikel der Krisen und des Schwindels.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a><br />
Die Reproduktionsschemata legen die Vielzahl der Punkte offen, an denen die Zirkulation zusammenbrechen kann. Die marxistische Krisentheorie hat allerdings den Anspruch, die <em>Notwendigkeit </em>von Krisen zu erkl&#228;ren. Krisen erscheinen in der Zirkulation des Kapitals, wenn der Kreislauf mehrerer Kapitalien durch Preisschwankungen, &#220;berproduktionen, Absatzschwierigkeiten oder Kreditklemmen gehemmt wird. Erst wenn Zirkulation und Produktion als Einheit beschrieben werden, also der Akkumulationsprozess als Ganzes betrachtet wird, k&#246;nnen die grundlegenden Widerspr&#252;che analysiert werden, die notwendig zu Krisen f&#252;hren m&#252;ssen. Marx versuchte die Widerspr&#252;chlichkeit der Kapitalakkumulation in dem „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate und seiner gegenwirkenden Tendenzen“ zu fassen. Deshalb bezeichnete er es auch als „das wichtigste Gesetz der modernen &#214;konomie“.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Bei dem „Gesetz“ geht es zun&#228;chst nicht um die Darstellung empirischer Trends, sondern darum, wie abstrakte Tendenzen und daraus resultierende <em>Gegentendenzen </em>dynamisch interagieren. Das Gesetz selbst birgt seine gegenwirkenden Tendenzen, die aber auf unterschiedlichen Ebenen existieren. Die Tendenz zeigt die <em>unmittelbaren </em>Ver&#228;nderungen von Produktivkraftsteigerungen in der Produktionssph&#228;re, w&#228;hrend &#252;ber die Gegentendenzen die durch die Zirkulation vermittelten Konsequenzen in den Blick gelangen. Um nicht die &#220;bersicht zu verlieren, betrachten wir zuerst die Tendenz selbst<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a>, bevor wir die gegenwirkenden Mechanismen und die Interaktion beider Momente betrachten.</p>
<p><strong>Der tendenzielle Fall der Profitrate: Die Tendenz</strong><br />
Bis jetzt haben wir die Kapitalien so behandelt, als w&#252;rden sie friedlich nebeneinander koexistieren. In Wirklichkeit ist aber eine der wichtigsten Antriebskr&#228;fte der kapitalistischen Wirtschaft die Akkumulation als Konkurrenz zwischen Einzelkapitalien. Innerhalb eines Sektors wird der Konkurrenzkampf durch die Verbilligung der produzierten Waren gef&#252;hrt, die von der Arbeitsproduktivit&#228;t abh&#228;ngt. JedeR KapitalistIn versucht seine/ihre eigene Konkurrenzf&#228;higkeit dadurch zu steigern, in dem er/sie die Produktivit&#228;t seiner/ihrer ArbeiterInnen erh&#246;ht. Eine solche Erh&#246;hung der Arbeitsproduktivit&#228;t wird durch eine Ver&#228;nderung der technischen und organisatorischen Gestaltung des Produktionsprozesses erreicht. Dabei bedeuten produktivit&#228;tssteigernden Technologien meist den Einsatz von mehr Produktionsmitteln (Maschinen, Rohstoffe, etc.) durch weniger ArbeiterInnen. Solche Ver&#228;nderungen in den „<em>physischen</em>“ Eigenschaften des Produktionsprozesses versuchte Marx in der <em>technischen </em>Zusammensetzung des Kapitals zu fassen: dem Verh&#228;ltnis zwischen Produktionsmitteln und angestellten Arbeitskr&#228;ften. Im Prinzip bedeutet dies nichts anderes als eine Beschreibung des technologischen Set-Ups eines Produktionsprozesses in physischen Einheiten. Weil Waren im Kapitalismus einen Wert besitzen, resultiert daraus jedoch ein gewisses Verh&#228;ltnis zwischen den Werten des konstanten Kapitals (Produktionsmittel) zu den <em>Werten </em>des variablen Kapitals (L&#246;hne). Die technische Zusammensetzung ausgedr&#252;ckt in Werten bezeichnet Marx als Wertzusammensetzung des Kapitals (c/v).<br />
KapitalistInnen interessiert nicht die absolute Profitmasse, die sie nach einer Produktionsperiode erhalten, sondern die Wertsumme, die sie auf ihre urspr&#252;nglichen Investitionen zur&#252;ckerhalten. Das Verh&#228;ltnis zwischen Mehrwert (m) und den Investitionen in Produktionsmittel/konstantes Kapital (c) und L&#246;hne/variables Kapital (v) gibt die Profitrate wieder [p=m/(c+v)]. Durch eine einfache mathematische Umformung (alles durch v dividert) ergibt sich die Profitrate als Verh&#228;ltnis zwischen der Mehrwertrate (m/v) und der Wertzusammensetzung des Kapitals (c/v): p=(m/v)/[(c/v)+1]. Die Profitrate ist also von der Mehrwertrate (Z&#228;hler) und der Wertzusammensetzung des Kapitals (Nenner) abh&#228;ngig. Der tendenzielle Fall der Profitrate resultiert nun daraus, dass Produktivit&#228;tssteigerungen eine h&#246;here Wertzusammensetzung bedeuten und sich der Nenner so vergr&#246;&#223;ert. Die Profitrate f&#228;llt.</p>
<p><strong>Gegenwirkende Tendenzen</strong><br />
Bisher haben wir die direkten Auswirkungen betrachtet, die eine gesteigerte Arbeitsproduktivit&#228;t in der Produktionssph&#228;re auf die Profitrate haben. Dabei haben sich die Warenwerte nicht ge&#228;ndert. Diese indirekten Auswirkungen m&#252;ssen jetzt analysiert werden. Produktivit&#228;tssteigerungen in gewissen Sektoren f&#252;hren dazu, dass die „gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit“<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a>, die f&#252;r die Produktion von Produktionsmitteln und Konsumptionsg&#252;tern n&#246;tigt ist, sinkt, und ihr Wert dadurch f&#228;llt. Dies hat zwei Auswirkungen: (1) die Kosten f&#252;r das konstante Kapital (c) sinken und die Wertzusammensetzung (c/v) f&#228;llt. (2) Ein niedriger Wert von Konsumg&#252;ter bedeutet, dass der Wert der Arbeitskraft und also das variable Kapital (v) abnimmt, w&#228;hrend die Mehrwertmasse (m) steigt; sowohl die Mehrwertrate (m/v) als auch die Wertzusammensetzung (c/v) steigen in unterschiedlichem Ma&#223;e. Sowohl (1) als auch (2) haben den Effekt einer erh&#246;hten Profitrate.<br />
Nimmt man diese Gegentendenzen mit den Auswirkungen der Tendenz zusammen, kann geschlossen werden, dass die Bewegungen der Profitrate nicht determiniert sind, weil zwar die Bewegungsrichtungen der zwei Komponenten Mehrwertrate und Wertzusammensetzung analysiert werden k&#246;nnen, aber nicht deren absolutes Ausma&#223;.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Das „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate und seiner gegenwirkenden Tendenzen“ erscheint aus dieser Perspektive zun&#228;chst analytisch wertlos. Dies gilt allerdings nur, solange von Konkurrenz, ungleichen (technologischen) Entwicklungen und zeitlichen Dynamiken abstrahiert wird.</p>
<p><strong>Konkurrierende Kapitalien</strong><br />
Im Gegensatz zu b&#252;rgerlichen spielt in marxistischen Wirtschaftstheorien Konkurrenz nicht die Rolle eines ausgleichenden Mechanismus, sondern ist verantwortlich f&#252;r ungleichzeitige und bruchhafte Entwicklungen. Marx unterscheidet zwei unterschiedliche Arten von Konkurrenz; die (1) <em>intra</em>sektoraleKonkurrenz umfasst Kapitalien innerhalb einer Branche, die gleiche G&#252;ter produzieren, w&#228;hrend (2) die <em>inter</em>sektorale Konkurrenz zwischen Kapitalien in unterschiedlichen Branchen wirkt.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a><br />
Die intrasektorale Konkurrenz erkl&#228;rt, warum KapitalistInnen &#252;berhaupt produktivit&#228;tssteigernde Technologien einf&#252;hren, obwohl dadurch die durchschnittliche Profitrate gesenkt wird.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Neben der oben erw&#228;hnte Notwendigkeit, durch eine Steigerung des relativen Mehrwerts die Mehrwertrate zu erh&#246;hen und den Lohn zu dr&#252;cken, liegt der entscheidende Grund in der Konkurrenz zwischen Einzelkapitalien innerhalb eines Sektors. Anders als in der Darstellung der repr&#228;sentativen Firma in der neoklassischen Theorie, die stellvertretend f&#252;r das technologische und organisatorische Setting einer Branche steht, finden technologische Weiterentwicklungen in der Realit&#228;t mit ungleichen Geschwindigkeiten und Dynamiken statt. Produktivit&#228;tssteigerungen werden in einer Branche nicht von allen Firmen auf einmal, sondern von einzelnen innovativen Unternehmen zuerst eingef&#252;hrt. Die Innovationen erlauben es Firmen, ihre Produkte in k&#252;rzerer Zeit oder mit weniger Inputs zu produzieren, also die St&#252;ckkosten zu senken und dadurch Extraprofit zu generieren. Ihre individuelle Profitrate wird steigen, weil die in diesem Arbeitsprozess produzierten G&#252;ter denselben oder einen marginal geringeren Wert besitzen als zuvor. Es kommt zu einer Umverteilung des produzierten Mehrwerts von den unproduktiveren zu den produktiveren Kapitalien. Dieser Mechanismus l&#228;uft h&#228;ufig &#252;ber die <em>Preiskonkurrenz </em>ab, indem innovative Firmen die Marktpreise der Produkte unter deren eigentlichen Wert dr&#252;cken. Das Abweichen der Preise unter ihren – durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit festgesetzten – Wert und die M&#246;glichkeit eines Extraprofits erh&#246;hen den Druck auf diejenigen Kapitalien, die noch mit den alten Produktionsmethoden arbeiten. Diesem Konkurrenzdruck ausgesetzt, f&#252;hren nun mehr und mehr KapitalistInnen die neuen Technologien ein. Der Wert der Waren sinkt auf das Ma&#223;, das durch die neue Produktionsart erreicht werden kann und der Vorteil der innovativen KapitalistInnen schwindet. Die „Nachz&#252;glerInnen“ sind bis zuletzt gezwungen, sich den neuen Produktionsbedingungen anzupassen, um nicht vom Markt verdr&#228;ngt zu werden. Im Laufe der Etablierung der neuen Technologien verringert sich auch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit und damit die Warenwerte; eine neue sektorale Durchschnittsprofitrate pendelt sich auf einem neuen niedrigeren Niveau ein, wobei dieses „Einpendeln“ von weiteren technologischen Ver&#228;nderungen immer wieder unterbrochen werden kann. Ungleiche Entwicklungen in der Produktivkraftentwicklung auf Grund intrasektoraler Konkurrenz resultieren also in unterschiedlichen <em>individuellen </em>Profitraten, die Motivation f&#252;r individuelle produktivkraftsteigernde Innovationen sind.<br />
Die Konkurrenz zwischen Kapitalien aus unterschiedlichen Branchen f&#252;hrt hingegen zu einem Angleichen divergierender Profitraten. Ursache daf&#252;r sind Kapitalbewegungen von unprofitableren Sektoren in profitablere Wirtschaftszweige. Wieder kommt es zu einer Umverteilung von Mehrwert, weil durch Kapitalbewegungen in produktive Sektoren der Preis in diesen Sektoren steigt, w&#228;hrend er in unproduktiven Sektoren f&#228;llt. Es kommt zu einem tendenziellen Ausgleich der sektoralen Profitraten und der Etablierung einer allgemeinen Durchschnittsprofitrate innerhalb der gesamten Wirtschaft.<br />
Zusammenfassend f&#252;hrt die Konkurrenz zwischen Kapitalien also zu technologischen Fortentwicklungen und einem tempor&#228;ren Extraprofit f&#252;r individuelle KapitalistInnen. Die Etablierung der neuen Technologien zieht jedoch &#252;ber die Konkurrenz auch die Formierung neuer, niedrigerer Warenwerten nach sich. Diese zwei Prozesse m&#252;ssen jetzt in ihrer zeitlich ungleichen Abfolge analysiert werden.</p>
<p><strong>Akkumulationsprozess in der Zeit</strong><br />
Um die zeitliche Dynamik des Akkumulationsprozesses zu fassen, unterschied Marx zwischen zwei unterschiedlichen Wertzusammensetzungen des Kapitals. Die organische Zusammensetzung<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> des Kapitals beinhaltet die <em>direkten </em>unmittelbaren Auswirkungen einer gesteigerten Produktivit&#228;t im Produktionsprozess, w&#228;hrend die Wertzusammensetzung die <em>indirekten </em>Auswirkungen ber&#252;cksichtigt, also die Ver&#228;nderungen auf Grund der gegenwirkenden Tendenzen.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Ver&#228;nderungen in diesen zwei Zusammensetzungen finden aber zu unterschiedlichen Zeitpunkten statt. Durch Investitionen zu <em>Beginn </em>eines Produktionsprozesses werden Produktionsmittel und L&#246;hne zu <em>alten </em>Werten gekauft. Eine Ver&#228;nderung der technischen Zusammensetzung spiegelt sich sofort in einer h&#246;heren organischen Zusammensetzung wieder. Die gegenwirkenden Tendenzen, sowohl die Entwertung des konstanten als auch des variablen Kapitals, beruhen auf der Entstehung <em>neuer </em>Werte f&#252;r Produktionsinputs. Diese finden zu einem sp&#228;teren Zeitpunkt, <em>nach </em>dem Prozess der Zirkulation, statt. Daf&#252;r m&#252;ssen aber erst die Ver&#228;nderungen in den anderen Produktionsst&#228;tten und Produktionszweigen wirksam werden, die unter den Bedingungen der Akkumulation unter Konkurrenz ablaufen. „Eine Ver&#228;nderung in der technischen Zusammensetzung resultiert in der Entwertung von Waren, aber diese muss die Konkurrenz zwischen den Kapitalien abwarten. Sofort zu neuen Werten zu wechseln, hei&#223;t den Prozess der <em>Wertformierung </em>vorzugreifen, dem Akkumulationsprozess selbst. […] Der Prozess der Akkumulation beinhaltet die Einleitung der Zirkulation des Kapitals auf Basis eines Sets an Werten und die Generation eines neuen Sets von Werten, die die KapitalistInnen an Ende des Kreislaufs konfrontiert.“<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Betrachten wir noch einmal einen Wirtschaftssektor mit unterschiedlichen Produktivit&#228;tsniveaus. Innovative Firmen haben in neue Maschinen investiert, um einen tempor&#228;ren Extraprofit zu erzielen. Sie stehen vor zwei Problemen: Erstens k&#246;nnen durch die sukzessive Entwertung der Waren im Zuge der Etablierung neuer Technologien ihre urspr&#252;nglichen Investitionen weniger rentabel verwertet werden. Der erzielte Extraprofit kann dieses Problem zwar zum Teil aufheben. Allerdings versch&#228;rfen Investitionen in <em>fixes </em>Kapital, sprich Kapital, das lange in der Produktionssph&#228;re verweilt und seinen Wert nur nach und nach an das Produkt weitergibt, dieses Problem. Viele gro&#223;e Unternehmungen lassen sich aber erst durch die Investitionen in einen gewissen Stock an fixem Kapital (z.B. Fabrikhallen und Maschinen) durchf&#252;hren. Dieser Stock wurde durch Investitionen zu alten Warenwerten angeschafft, w&#228;hrend sich dessen Wert &#252;ber mehrere Produktionsperioden mit st&#228;ndig <em>neuen </em>Warenwerten realisieren muss.<br />
Dasselbe Ph&#228;nomen zeigt sich auch bei nicht-innovativen Firmen, die damit konfrontiert sind, dass ihre Produktionsmethoden nicht mehr dem gesellschaftlichen Standard entsprechen. Ihre Produktionskosten bleiben auf dem alten Niveau, w&#228;hrend gleichzeitig der Wert ihrer produzierten Waren sinkt. Ihre individuelle Profitrate wird daher sinken. Investitionen in fixes Kapital k&#246;nnen nicht mehr oder nur schlecht realisiert werden. W&#228;hrend fixes Kapital einen kraftvollen Antrieb f&#252;r Akkumulation darstellt und Investitionsm&#246;glichkeiten f&#252;r bereits akkumuliertes Kapital bietet, wird gleichzeitig Kapital in physischen Produktionsanlagen sprichw&#246;rtlich fixiert. Dadurch wirkt sich die zuvor als gegenwirkende Tendenz beschriebene Entwertung von Kapital zus&#228;tzlich negativ auf die durchschnittliche Profitrate aus.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Hinzu kommt, dass die Flexibilit&#228;t des Kapitalismus, zwischen Sektoren mit unterschiedlicher Profitabilit&#228;t hin- und her zu wechseln, verringert wird.<br />
Die st&#228;ndige Entwertung der produzierten Waren aufgrund von Produktivit&#228;tssteigerungen steht also der notwendigen Realisierung von Waren zu ihren „alten“ Werten im Zirkulationsprozess gegen&#252;ber. Was Marx mit dem „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate und seinen gegenwirkenden Tendenzen“ fassen wollte, ist eben diese Widerspr&#252;chlichkeit zwischen der Entwicklung der Produktivkr&#228;fte und den Produktionsverh&#228;ltnissen.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> Das Eigeninteresse individueller KapitalistInnen, gefangen im Konkurrenzkampf, zwingt zur st&#228;ndigen Revolution der technologischen und organisatorischen Gestaltung des Arbeitsprozesses, was die Realisierung von Wert und die weitere Akkumulation gef&#228;hrdet. Die st&#228;ndigen Ver&#228;nderungen der Warenwerte st&#246;ren zus&#228;tzlich die Zirkulation des Kapitals als Ganzes, weil die f&#252;r eine gleichm&#228;&#223;ige erweiterte Reproduktion n&#246;tigen Verh&#228;ltnisse kontinuierlich ver&#228;ndert und umgeworfen werden.</p>
<p><strong>Krise als tempor&#228;re L&#246;sung</strong><br />
Die im Produktionsprozess angelegten Widerspr&#252;che finden ihren Ausdruck in unterschiedlichen, konkreten Erscheinungsformen der Krise. Sie „bef&#246;rdern &#220;berproduktion, Spekulation, Krisen, &#252;berfl&#252;ssiges Kapital neben &#252;berfl&#252;ssiger Bev&#246;lkerung.“<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Je nach historischer Situation artikulieren sich die beschriebenen Widerspr&#252;che in unterschiedlichen Krisenph&#228;nomenen, die sich als eine Unterbrechung in der Zirkulation des Kapitals darstellen. Aufbauend auf den bisherigen &#220;berlegungen lassen sich diese  Erscheinungsformen von Krisen theoretisch fassen.<br />
F&#228;llt die Profitabilit&#228;t in mehreren unterschiedlichen Sektoren, kommt es durch die Ausbildung einer allgemeinen Durchschnittsprofitrate zu einem Fall der Profitabilit&#228;t in der &#214;konomie allgemein. Investitionsentscheidungen werden aber haupts&#228;chlich durch Profiterwartungen gesteuert. Erwarten KapitalistInnen, dass ihre Investitionen keinen Gewinn erwirtschaften, werden diese zur&#252;ckgehalten. Wir befinden uns in einer Situation, in der eine Masse an akkumuliertem Kapital schwindenden Optionen zur profitablen Kapitalverwertung gegen&#252;berstehen: einer Situation der <em>&#220;berakkumulation </em>von Kapital. Eine &#220;berakkumulationskrise kann sich auf unterschiedliche Arten ausdr&#252;cken<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a>: (1) Die Erh&#246;hung des materiellen Outputs bei gleichzeitigem Fall der Warenwerte f&#252;hrt zu &#220;bers&#228;ttigung von M&#228;rkten und einem &#220;berangebot von Waren. Disproportionalit&#228;ten und &#220;ber- bzw. Unterkonsumptionskrisen sind die Folge. (2) &#220;berkapazit&#228;ten im Produktionsprozess k&#246;nnen entstehen, weil fixes Kapital brach liegt oder nicht vollst&#228;ndig ausgenutzt wird. (3) Wie wir schon weiter oben gesehen haben, muss Geldkapital nicht sofort investiert werden. Wenn die Profitabilit&#228;t eines Produktionsprozesses gering ist, kann das Geld anderweitig investiert werden. Je h&#246;her der erwartete Zinssatz oder die Rendite aus spekulativen Anlagen, desto eher wird Kapital in nicht produktives Kapital investiert. Schlie&#223;lich &#228;u&#223;ern sich eine verminderte Profitabilit&#228;t und geringere Profiterwartungen in den oben erw&#228;hnten Kreditklemmen, welche die Zirkulation des Kapitals und den Ausgleich von intersektoralen Profitraten behindern.<br />
All diese Effekte f&#252;hren dazu, dass die am wenigsten konkurrenzf&#228;higen und unproduktivsten Kapitalien Bankrott gehen, die Reproduktion ins Stocken ger&#228;t und die Arbeitslosigkeit steigt. Die Widerspr&#252;che, die sich in den Phasen des Aufschwungs angeh&#228;uft haben, zeigen sich in pl&#246;tzlich auftretenden Krisen. Die Krise zerr&#252;ttet aber nicht nur das<br />
Leben vieler Menschen, sondern ist gleichzeitig ein reinigendes und stabilisierendes Moment f&#252;r die kapitalistische Wirtschaftsordnung. „Die Krisen sind immer nur momentane gewaltsame L&#246;sungen der vorhandnen Widerspr&#252;che, gewaltsame Eruptionen, die das gest&#246;rte Gleichgewicht f&#252;r den Augenblick wiederherstellen.“<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> Der Bankrott vieler Kapitalien bewirkt, dass Kapital rasch und umfassend entwertet und zerst&#246;rt wird. Das erlaubt anderen Kapitalien, Ausr&#252;stung und Produktionsst&#228;tten billig zu erwerben. Ohne die Last fr&#252;herer Investitionen tragen zu m&#252;ssen, k&#246;nnen wieder profitable Investitionen get&#228;tigt werden; der Krise folgt ein neuer Aufschwung.<br />
Die konkreten Formen, in denen sich die Widerspr&#252;che im Akkumulationsprozess in Krisen artikulieren, sind von den Phasen kapitalistischer Entwicklung und bestimmten (sich ver&#228;ndernden) Faktoren abh&#228;ngig. Beispiele hierf&#252;r w&#228;ren: die Gr&#246;&#223;e der betroffenen Kapitalien, die Rolle der Finanzsph&#228;re, die M&#246;glichkeiten der Erh&#246;hung der Ausbeutungsrate, die Rolle staatlicher Investitionen, usw. Dementsprechend reichen die hier beschriebenen abstrakten Dynamiken nicht aus, um die konkreten Krisenabl&#228;ufe genau erfassen zu k&#246;nnen.</p>
<p><strong>Langfristig Dynamiken und historische Entwicklungen</strong><br />
Der zweite Teil dieser Serie wird deshalb versuchen, die Entwicklungen des Nachkriegskapitalismus in groben Z&#252;gen nachzuzeichnen. Die Nachkriegsjahre waren insbesondere gepr&#228;gt von einem langanhaltenden, wirtschaftlichen Aufschwung. Da dieser der hier beschriebenen Instabilit&#228;t der kapitalistischen Produktionsweise auf den ersten Blick widerspricht, wird es notwendig sein, sich den Bedingungen dieses Aufschwungs genauer zu widmen. Die weiter oben dargelegten Grundlagen marxistischer Wirtschaftstheorie k&#246;nnen ebenso dabei helfen, das Eintreten der Krise in den 1970er Jahren und die darauf folgende Stagflationsphase sowie die wirtschaftlichen Ver&#228;nderungen im Zuge von Globalisierung und Neoliberalismus zu erkl&#228;ren.<br />
Eine Analyse der 2008 ausgebrochenen Weltwirtschaftskrise wird im dritten Teil dieser Serie Anlass sein, sich nicht nur mit dem Verlauf der aktuellen Krise auseinanderzusetzen, sondern auch verst&#228;rkt den Einfluss von Banken und Kreditinstitutionen, sowie, auf einer abstrakteren Ebene, die Rolle von Geld und fiktivem Kapital in den Blick zu bekommen.</p>
<p><em>Philipp Probst</em> studiert Human&#246;kologie in Wien und ist aktiv bei <em>Perspektiven</em>.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> vgl. The Washington Times, 24.10.2008, unter: http://www.washingtontimes.com/news/2008/oct/24/congress-rips-greenspan-for-crisis<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> vgl. Harvey, David: The Enigma of Capital, London 2010, S. vii<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Trotzki, Leo: The world economic crisis and the new tasks of the Communist International. The First Five Years of the Communist International, Volume I (1924), London 1973, unter: http://www.marxists.org/archive/trotsky/1924/ffyci-1/index.htm<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Neben diesen zwei Hauptstr&#246;mungen gibt es diverse andere Richtungen. Die radikalen KeynesianistInnen zum Beispiel kn&#252;pfen an jenen radikaleren Elementen der keynesianistischen Theorie an, die zum Teil Schnittstellen zu marxistischen Krisentheorien haben (vgl. Harcourt, Geoffrey/Kerr, Prue:<br />
Joan Robinson, London 2009). Die &#246;sterreichische Schule, deren bekannteste Vertreter Joseph Schumpeter und Ludwig von Mises sind, sehen in den Krisen eine sch&#246;pferische Zerst&#246;rung, die den Grundstein f&#252;r den dynamischen Fortschritt im Kapitalismus legt (vgl. Schumpeter, Joseph: Capitalism, Socialism and Democracy, London 1950). In den letzten Jahren haben sich vermehrt heterodoxe &#214;konomiken gebildet, die Bezug nehmen auf Erkenntnisse der Komplexit&#228;ts- und Evolutionsforschung. Krisendynamiken werden dabei allerdings oft als naturgegebene und jedem System inh&#228;rente Eigenschaften angesehen.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Walras, Leon: Elements of Pure economics, 1889, S. 381. Zit. nach Harman, Chris: The crisis of bourgeois economics, in: ders.: Selected Writings, London 2010, S. 174<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> vgl. S&#252;ddeutsche Zeitung, 15.04.2008, unter: http://www.sueddeutsche.de/geld/boerse-und-testosteron-wall-street-bitte-dopen-1.180150<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Marshall, Alfred: The Principles of Economics, 1936, S.109. Zit. nach Harman 2010, a.a.O., S. 173<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Walras, Leon, a.a.O., S. 242. Zit. nach Harman 2010, a.a.O., S.173<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Schumpeter 1950, a.a.O., S. 103<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Ein guter &#220;berblick &#252;ber die Geschichte marxistischer (und anderer) Krisentheorien findet sich bei Clarke, Simon: Marx’s Theory of Crisis, Houndmills 1994 sowie Shaikh, Anwar: Eine Einf&#252;hrung in die Geschichte<br />
der Krisentheorien, in: Prokla, 30 (1978), S. 3–42<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Zur Kritik an unterschiedlichen Versionen der Unterkonsumptionstheorien vgl. Shaikh 1978, a.a.O. sowie Bleaney, Michael: Underconsumption Theories: A History and Critical Analysis, New York 1976; zu Disproportionalit&#228;tstheorien vgl. Carchedi, Guglielmo: Frontiers of Political Economy, London 1991, S. 179–186. Die bekanntesten heutigen Vertreter von Unterkonsumptionstheorien st&#252;tzen sich auf die Arbeiten von Paul A. Baran und Paul Sweezy. F&#252;r diese ist die Nachkriegswirtschaft von Stagnationstendenzen gepr&#228;gt. Ihre Begr&#252;ndung ist, dass Monopole durch Manipulation von Preisen &#252;berm&#228;&#223;ige Profite (surplus profits) erzielen k&#246;nnen, die das System nicht mehr absorbieren kann, weil die  Konsumptionskraft der Gesellschaft zu gering ist. Die Folge sind &#220;berkapazit&#228;ten, nachlassende Investitionen und Stagnation. Nur durch das Wachstum von „Waste-areas“,<br />
also Produktion f&#252;r unproduktive Bereiche wie Waffen, Werbung oder auch einer wachsenden Finanzsph&#228;re k&#246;nnen die &#252;bersch&#252;ssigen Profite absorbiert werden (vgl. Baran, Paul A./Sweezy, Paul: Monopoly Capital, New York 1968 sowie Foster, Bellamy John/Magdoff, Fred: The Great Financial Crisis – Causes and Consequences, New York 2009). Kritik an dieser Position findet sich in Carchedi 1991, a.a.O. S. 185–186 sowie Choonara, Joseph: Marxist accounts of the crisis, in: International Socialism Journal,<br />
123 (2009), S. 93–96<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> vgl. v.a. Yaffe, David: The Marxian Theory of Crisis, Capital and the State, in: Bulletin of the Conference of Socialist Economists, 1972 (Winter), S. 5–58. Eine andere Herangehensweise findet sich bei Weeks, John: Capital and Exploitation, New Jersey 1981; Harman, Chris: Zombie Capitalism, London 2009; Fine, Ben/Saad-Filo, Alfredo: Marx’s Capital, London 2010; sowie weiter unten in diesem Artikel.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Die Profit-Squeeze-These geht davon aus, dass in Zeiten des Aufschwungs die Verhandlungsposition von ArbeiterInnen st&#228;rker wird, da sich die Nachfrage nach Arbeitskraft erh&#246;ht. Die L&#246;hne steigen und verringern die Profite bis zu dem Grad, an dem die Akkumulation gest&#246;rt wird. Die Argumentation findet sich bei Glyn, Andrew/Sutcliff, Robert: British capitalism, workers<br />
and the profit squeeze, London 1972. Die Kritik besteht haupts&#228;chlich darin, dass Akkumulation die Lohnrate bestimmt und nicht umgekehrt. Erst im Moment des Eintretens der Krise versch&#228;rfen zu hohe L&#246;hne die Krise zus&#228;tzlich (vgl. auch Carchedi 1991, a.a.O., S. 188 und Shaikh 1978, a.a.O. sowie Harvey, David: Limits to Capital, London 2006, S. 52–54).<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Weeks, John: Capital and Exploitation, New Jersey 1981, S. 189<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Diese Trennung in die einzelnen Teile ist nicht so strikt. So ist in der Marxschen Analyse des Werts eine gemeinsame Betrachtung von Zirkulation und Produktion notwendig. Allerdings k&#246;nnen grob diese Schwerpunkte zwischen den einzelnen B&#228;nden unterschieden werden.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> v entspricht dem Wert, der f&#252;r die Reproduktion der Ware Arbeitskraft n&#246;tig ist. Wird v verringert, erh&#246;ht sich, bei gleichbleibender Gr&#246;&#223;e des geschaffenen Werts L – der Mehrwert m.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Oft sind die Steigerung des absoluten und des relativen Mehrwerts in der Realit&#228;t nicht klar voneinander zu trennen. So erm&#246;glichte z.B. die Einf&#252;hrung des Flie&#223;bands ebenso die Erh&#246;hung des absoluten Mehrwerts durch eine effizientere Arbeitsweise, wie sie durch die gro&#223;fl&#228;chige Senkung der<br />
gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit f&#252;r die Produktion von Lebensmitteln auch den relativen Mehrwert enorm ansteigen lie&#223;.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Der Kampf von ArbeiterInnen gegen die Mechanisierung des Arbeitsprozesses war stets Teil des Klassenkampfs. Die Motivation war dabei nicht die Ablehnung neuer Technologien per se, sondern das Ziel, durch „kollektive Verhandlung durch Aufruhr“ Druck auf KapitalistInnen auszu&#252;ben, um so Forderungen durchzusetzen und drohenden Arbeitslosigkeit abzuwenden. Vgl. Hobsbawm, Eric: The Machine-Breakers, in: ders.: Uncommon People. Resistance, Rebellion and Jazz, London 1999, S. 6–22<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Marx, Karl: Das Kapital. Band 1 (MEW 23), Berlin 1962, S. 650<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Harman 2009, a.a.O., S. 55–56<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Choonara, Joseph: Unravelling Capitalism. A Guide to Marxist Political Economy, London 2009, S. 61<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Die effektive Nachfrage setzt sich also aus der Endnachfrage nach Konsumg&#252;ter aus Abteilung 2 und der Nachfrage nach Produktionsmittel aus Abteilung 1 zusammen.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Marx, Karl: Das Kapital. Band 3 (MEW 25), Berlin 1983, S. 621<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Marx, Karl: Grundrisse der Kritik der politischen &#214;konomie (MEW 42), Berlin 1953, S. 641<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Die folgenden Ausf&#252;hrungen st&#252;tzen sich zum Gro&#223;teil auf Weeks 1981, a.a.O.; Harman 2009, a.a.O. sowie Fine/Saad-Filho 2010, a.a.O..<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist das Ma&#223; f&#252;r den Wert von Waren. Das „gesellschaftlich notwendig“ bezieht sich dabei auf ein bestimmtes Produktivit&#228;tsniveau einer &#214;konomie, mit der Waren produziert werden (vgl. Heinrich, Michael: Kritik der politischen &#214;konomie. Eine Einf&#252;hrung, Stuttgart 2005 sowie Saad-Filho, Alfredo: The Value of Marx, London 2002).<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> vgl. Heinrich 2005, a.a.O., S. 148–153<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> vgl. Fine/Saad-Filho 2010, a.a.O., S. 71<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Oft wird argumentiert, dass KapitalistInnen nur dann technologische Neuerungen einf&#252;hren, wenn das ihre individuelle Profitrate erh&#246;ht. Eine h&#246;here individuelle Profitrate hat aber auch eine h&#246;here allgemeine Profitrate zufolge (vgl. Okishio, N: A Formal Proof of Marx’s Two Theorems, in: Kobe University Economic Review, 18 (1972), S. 1–6). Dabei wird aber von intersektoraler Konkurrenz und ungleicher technologischer Entwicklung abstrahiert (vgl. Harman 2009, a.a.O., S. 68–75 sowie Fine/ Saad-Filho 2010, a.a.O., S. 104–107).<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> „Die Zusammensetzung des Kapitals ist in zweifachem Sinn zu fassen. Nach der Seite des Werts bestimmt sie sich durch das Verh&#228;ltnis, worin es sich teilt in konstantes Kapital oder Wert der Produktionsmittel und variables Kapital oder Wert der Arbeitskraft, Gesamtsumme der Arbeitsl&#246;hne. Nach der Seite des Stoffs, wie er im Produktionsproze&#223; fungiert, teilt sich jedes Kapital in Produktionsmittel und lebendige Arbeitskraft; diese Zusammensetzung bestimmt sich durch das Verh&#228;ltnis zwischen der Masse der angewandten Produktionsmittel einerseits und der zu ihrer Anwendung erforderlichen Arbeitsmenge andrerseits. Ich nenne die erstere die Wertzusammensetzung, die zweite die technische Zusammensetzung des Kapitals. Zwischen beiden besteht enge Wechselbeziehung. Um diese auszudr&#252;cken, nenne ich die Wertzusammensetzung des Kapitals, insofern sie durch seine technische Zusammensetzung bestimmt wird und deren &#196;nderungen widerspiegelt:<br />
die organische Zusammensetzung des Kapitals. Wo von der Zusammensetzung des Kapitals kurzweg die Rede ist, ist stets seine organische Zusammensetzung zu verstehn.“ (MEW 23 1962, a.a.O., S. 640)<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Fine/Saad-Filho 2010, a.a.O., S. 87–92<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Weeks 1981, a.a.O., S. 194<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Dabei kommt auch die erh&#246;hte Umschlagszeit des Kapitals zum Tragen, die sich negativ auf die Profitrate auswirkt.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> „Der Widerspruch, ganz allgemein ausgedr&#252;ckt, besteht darin, da&#223; die kapitalistische Produktionsweise eine Tendenz einschlie&#223;t nach absoluter Entwicklung der Produktivkr&#228;fte, abgesehn vom Wert und dem in ihm eingeschlo&#223;enen Mehrwert, auch abgesehn von den gesellschaftlichen Verh&#228;ltnissen, innerhalb deren die kapitalistische Produktion stattfindet; w&#228;hrend sie andrerseits die Erhaltung des existierenden Kapitalwerts und seine Verwertung im h&#246;chsten Ma&#223; (d.h. stets beschleunigten Anwachs dieses Werts) zum Ziel hat. Ihr spezifischer Charakter ist auf den vorhandnen Kapitalwert<br />
als Mittel zur gr&#246;&#223;tm&#246;glichen Verwertung dieses Werts gerichtet. Die Methoden, wodurch sie dies erreicht, schlie&#223;en ein: Abnahme der Profitrate, Entwertung des vorhandnen Kapitals und Entwicklung der Produktivkr&#228;fte der Arbeit auf Kosten der schon produzierten Produktivkr&#228;fte.“ (MEW 25 1983, a.a.O., S. 259)<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> MEW 25 1983, a.a.O., S. 252<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Harvey 2006, a.a.O., S. 195<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> MEW 25 1983, a.a.O., S. 259</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2010/12/09/vom-aufstieg-und-fall-der-profitrate/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Im Osten nichts Neues</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/11/02/im-osten-nichts-neues/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2010/11/02/im-osten-nichts-neues/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 02 Nov 2010 09:12:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Kroatien]]></category>
		<category><![CDATA[Osteuropa]]></category>
		<category><![CDATA[Ungarn]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=1658</guid>
		<description><![CDATA[Die Krise abseits der Zentren findet medial kaum statt. Maria aus der Ukraine und Stipe aus Kroatien berichten in Form eines Emailinterviews1 &#252;ber die derzeitige Situation in Osteuropa. Es wird deutlich, dass die Schwergewichte innerhalb der EU auch in Zeiten der Krise vor allem darauf bedacht sind, den Kurs einer abh&#228;ngigen Integration fortzusetzen und zu vertiefen.

K&#246;nnt ihr zu Beginn einen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Krise abseits der Zentren findet medial kaum statt. <em>Maria</em> aus der Ukraine und <em>Stipe</em> aus Kroatien berichten in Form eines Emailinterviews<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> &#252;ber die derzeitige Situation in Osteuropa. Es wird deutlich, dass die Schwergewichte innerhalb der EU auch in Zeiten der Krise vor allem darauf bedacht sind, den Kurs einer abh&#228;ngigen Integration fortzusetzen und zu vertiefen.<br />
<span id="more-1658"></span></p>
<p><em>K&#246;nnt ihr zu Beginn einen kurzen &#220;berblick &#252;ber die derzeitige Lage in euren L&#228;ndern geben? Maria, wie stark ist die Ukraine von der Krise betroffen?</em></p>
<p>Maria: Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat gewaltige Auswirkungen auf die wirtschaftliche Situation in der Ukraine. Einige Zahlen verdeutlichen dies eindrucksvoll: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf fiel im Jahr 2009 im Vergleich zum Vorjahr um knapp 16% auf jetzt 2.500 US-Dollar. Die industrielle Produktion verzeichnete von 2007 bis 2008 einen R&#252;ckgang von fast 29%. &#196;hnlich wie in anderen L&#228;ndern ist auch in der Ukraine der Immobilienmarkt von den Folgen der Krise besonders stark betroffen, in Kiew fielen die Preise um rund 50%. F&#252;r einen gewissen Zeitraum vergaben Banken &#252;berhaupt keine Kredite mehr.<br />
Gleichzeitig hat sich die Situation bei den Staatsfinanzen weiter zugespitzt, die Staatsverschuldung ist sehr hoch. Weil sich der Wechselkurs der <em>Hrywnja</em>, der ukrainischen W&#228;hrung, dramatisch verschlechtert hat, sanken die Nominall&#246;hne, w&#228;hrend jedoch die Preise weiter anstiegen. Das hat zu wachsender Armut gef&#252;hrt, z. B. fiel der monatliche Durchschnittslohn von knapp 350 US-Dollar im Jahr 2008 auf jetzt etwa 240 US-Dollar. Au&#223;erdem reagierten die von der Krise betroffenen Unternehmen vor allem mit Entlassungen. Viele Menschen verlie&#223;en daraufhin die gr&#246;&#223;eren St&#228;dte und kehrten in ihre Heimatorte zur&#252;ck. Die Inflation und der schnelle Preisanstieg f&#252;r Konsumg&#252;ter bedeuteten eine Entwertung der L&#246;hne und Ersparnisse der Menschen, was zu einem allgemeinen R&#252;ckgang des Lebensstandards f&#252;hrte. Einen guten Eindruck von der aktuellen Situation der ukrainischen Bev&#246;lkerung vermitteln die Statistiken des Meinungsforschungsinstituts <em>FOM-Ukraine</em>: Laut einer Untersuchung vom April 2010 mussten 45% der Befragten ihre Ausgaben f&#252;r t&#228;gliche Gebrauchsartikel und 18% jene f&#252;r Medikamente k&#252;rzen; 18% waren von versp&#228;teten Lohnzahlungen, 8% von Lohnk&#252;rzungen und 3% von Entlassungen betroffen.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a></p>
<p><em>Ist die Situation in Kroatien &#228;hnlich?</em></p>
<p>Stipe: Grunds&#228;tzlich schon. Gerade die Semiperipherie innerhalb<br />
der EU – also die sogenannten PIIGS-Staaten<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> und die L&#228;nder des ehemaligen „Ostblocks“ – haben ja mit den Auswirkungen der globalen Wirtschaftskrise zu k&#228;mpfen, so auch Kroatien. Der R&#252;ckgang des Bruttoinlandsproduktes um 5,8%<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> im Jahr 2009 ist daf&#252;r das deutlichste Zeichen. Auf einer grundlegenderen Ebene w&#228;re es allerdings falsch, die aktuellen Entwicklungen als qualitativen Bruch gegen&#252;ber den vorangegangen Perioden des „&#220;bergangs“ (zum Kapitalismus) und der „Integration“ (in die kapitalistische Weltwirtschaft) zu sehen. Eher handelt es sich um die Fortsetzung langfristiger &#246;konomischer, sozialer und politischer Prozesse. Diese haben sich zwar seit dem Verfall Jugoslawiens beschleunigt, begannen jedoch bereits in den sp&#228;ten 1980er Jahren unter der Regierung Markovi&#196;<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> mit den vom IWF aufgezwungenen marktorientierten Wirtschaftsreformen. Jeffrey Sachs6 war damals ein wichtiger Berater. Der zus&#228;tzliche Druck durch die aktuelle Weltwirtschaftskrise offenbart und versch&#228;rft lediglich die strukturelle Zerbrechlichkeit und Widerspr&#252;chlichkeit dieser seit einigen Dekaden andauernden Prozesse.</p>
<p><em>Worin bestehen denn deiner Ansicht nach diese Widerspr&#252;che? Wie sah das &#246;konomische Entwicklungsmodell Kroatiens in den letzten 20 Jahre aus?</em></p>
<p>S: Kroatien ist nicht China, nicht einmal die Slowakei (mit ihrer inzwischen selbst problematisch gewordenen, exportorientierten Autoindustrie). Auch wenn von unseren politischen Eliten ausl&#228;ndische Direktinvestitionen st&#228;ndig als <em>deus ex machina</em>-L&#246;sung f&#252;r Kroatiens wirtschaftliche Entwicklung beschworen werden, finden kaum <em>greenfield investments</em> von Seiten des westlichen Kapitals statt. Dort, wo es zu ausl&#228;ndischen Investitionen kommt, bestehen diese typischerweise in der &#220;bernahme von bereits existierenden Produktionskapazit&#228;ten. In solchen F&#228;llen kommt es statt eines Ausbaus der Produktion und der Schaffung neuer Arbeitspl&#228;tze fast immer zu Personalabbau und Formen der „Rationalisierung“. Ein typisches Beispiel hierf&#252;r ist die Privatisierung des nationalen Telekommunikationsmonopolisten HT (Kroatische Telekom). Nachdem zuvor die unprofitable <em>Hrvatska pošta</em> (Kroatische Post) abgespalten wurde, konnte der K&#228;ufer – die <em>Deutsche Telekom</em> – nicht nur die Kosten der &#220;bernahme innerhalb eines Jahres amortisieren. Um seine Profite weiter zu maximieren, begann die Telekom vielmehr recht bald, Personal abzubauen und die verbliebenen Angestellten zus&#228;tzlich zu belasten. Ein weiterer aufschlussreicher Fall ist die Privatisierung des Pharmazieunternehmens <em>Pliva</em>. Kurz nachdem es an ausl&#228;ndische Wettbewerber verkauft wurde, entschieden die neuen BesitzerInnen, die Produktionsst&#228;tten und Labore zu schlie&#223;en und – um die bis dahin treue Kundschaft nicht zu verlieren – nur den Markennamen beizubehalten. Viele andere ehemalige Staatsunternehmen erlitten &#228;hnliche Schicksale oder kollabierten unter dem Druck eines (neo-)liberalen Handelsregimes, das billige Importe gegen&#252;ber inl&#228;ndischen Industrieprodukten bevorzugt.<br />
Die einzige Industrie, die seit der Unabh&#228;ngigkeit Kroatiens geboomt hat, war die Baubranche. Dies ist haupts&#228;chlich das Ergebnis einer schuldenfinanzierten Immobilienblase. Der kroatische Banksektor befindet sich zu 95% in ausl&#228;ndischer – vorwiegend &#246;sterreichischer und italienischer – Hand. Ein gro&#223;er Teil der Privatschulden besteht aus Hypotheken, so dass steigende Zinsen Zahlungsausf&#228;lle und sinkende Immobilienpreise zufolge haben w&#252;rden, was wiederum die Banken hart treffen w&#252;rde. Die Effekte auf das Baugewerbe w&#252;rden unvermeidlich zu einem weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit f&#252;hren. Laut Angaben der kroatischen Zentralbank, der HNB, lag die Arbeitslosenrate der 15 bis 64 j&#228;hrigen 2009 bei 9,7%. Demgegen&#252;ber beziffert das <em>CIA World Factbook</em> die Rate f&#252;r das selbe Jahr auf 16,1%<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a>, was der Einsch&#228;tzung von RegierungskritikerInnen n&#228;her kommt. Grunds&#228;tzlich sind die Arbeitslosenzahlen kroatischer Institutionen mit Vorsicht zu genie&#223;en, weil die Verringerung der Arbeitslosigkeit hierzulande gerne statistischen Zauberk&#252;nsten &#252;berlassen wird. Hier scheint der Einfallsreichtum unserer Eliten unbeschr&#228;nkt.<br />
In jedem Fall hatten der Verlust von Eink&#252;nften aus der Gewinnr&#252;ckf&#252;hrung der ehemaligen Staatsunternehmen sowie der Anstieg der Arbeitslosigkeit infolge der De-Industrialisierung, die wegen des Drucks ausl&#228;ndischer Konkurrenz voranschreitet, ernste Konsequenzen f&#252;r den Haushalt. Dar&#252;ber hinaus leidet Kroatien seit seiner Unabh&#228;ngigkeit an einem stetigen Leistungsbilanzdefizit. Unter diesen Bedingungen wurden sowohl die Sozialausgaben als auch der Privatkonsum zunehmend schuldenfinanziert. Die vorhersehbare Folge war der Anstieg der Auslandsverschuldung um mehr als 400% in nur einem Jahrzehnt: Von 10 Milliarden Euro 1999 auf 43 Milliarden im Jahr 2009. Ausgedr&#252;ckt als Anteil am Bruttoinlandsprodukt erreichten die kroatischen Schulden 2009 ein neues Hoch von 94,9%. Weil diese Anh&#228;ufung von Schulden nicht genutzt wurde, um Produktionskapazit&#228;ten aufzubauen oder Arbeitspl&#228;tze zu schaffen, entfaltet sie kaum nachhaltige Wirkung. &#220;berzeugte Neoliberale greifen unerm&#252;dlich auf diesen Sachverhalt zur&#252;ck, wenn sie nach radikalen Sparma&#223;nahmen bei den Sozialausgaben und eine K&#252;rzung der L&#246;hne fordern. Letzteres sei unabdingbar, damit Kroatiens Exporte auf dem Weltmarkt konkurrenzf&#228;hig sein k&#246;nnten.<br />
Die H&#246;he der angeh&#228;uften Schulden in Fremdw&#228;hrungen macht ein alternatives Vorgehen – wie etwa die Abwertung der nationalen W&#228;hrung (<em>kuna</em>) – praktisch unm&#246;glich. Au&#223;er man w&#252;rde zuvor nach argentinischem Vorbild den Staatsbankrott erkl&#228;ren, was wiederum f&#252;r Privatschuldner schwere Auswirkungen haben k&#246;nnte. Wie auch immer, allein schon die Diskussion &#252;ber eine politische Wende dieser Art ist gegenw&#228;rtig eine &#220;bung in &#246;konomischer Science-Fiction. Selbst rein hypothetisch w&#252;rde keine einzige kroatische Partei eine solche M&#246;glichkeit in Erw&#228;gung ziehen, sei es auch nur als Worst-Case-Szenario (und selbst wenn, w&#228;re die Unabh&#228;ngigkeit der Zentralbank ein weiteres Hindernis). Alle Hoffnungen richten sich noch immer auf eine zuk&#252;nftige EU-Mitgliedschaft. Dann, so die Annahme, w&#252;rden unter der wohlgesinnten Autorit&#228;t von Br&#252;ssel alle Probleme gel&#246;st, die derzeit unl&#246;sbar scheinen.</p>
<p><em>Stichwort Neoliberalismus und EU. Wurde die Krise in Kroatien als Gelegenheit wahrgenommen, neoliberale Politiken zu verankern? Welche Rolle &#252;bt die EU gegenw&#228;rtig aus?</em></p>
<p>S: Die Krise hat einen willkommenen Vorwand geliefert, den Druck hinsichtlich einer Vertiefung neoliberaler Umstrukturierungen und der K&#252;rzung staatlicher Sozialausgaben zu erh&#246;hen. Die lokalen VerfechterInnen einer neoliberalen Sparpolitik k&#246;nnen diesbez&#252;glich auf die Unterst&#252;tzung der EU-Kernstaaten sowie auf die aktuellen programmatischen Erkl&#228;rungen der G20 bauen. In der Vergangenheit haben die neoliberalen PuristInnen immer wieder das „mangelnde Engagement“ der Regierung zur angeblich notwendigen „vollst&#228;ndigen Sanierung“ beklagt. Das Dr&#228;ngen der EU zu pro-zyklischen Sparma&#223;nahmen hat solchen Forderungen neue Kraft gegeben. Die Bef&#252;rchtung, dass Kroatien seine Schulden vielleicht nicht mehr zur&#252;ckzahlen und so die &#252;berstrapazierten EU-Gl&#228;ubiger dem Bankrott-Risiko aussetzen k&#246;nnte, resultierte in Forderungen nach einer Reduzierung der Staatsausgaben und einer strikteren Fiskalpolitik. Dass die finanziellen Interessen von ausl&#228;ndischen KreditgeberInnen schwerer wiegen als die m&#246;glichen sozialen und makro&#246;konomischen Konsequenzen f&#252;r das Land selbst und den Gro&#223;teil seiner Bev&#246;lkerung, ist aber keine kroatische Besonderheit; es macht vielmehr etwas Grundlegendes &#252;ber die Form der Integration in die kapitalistische Weltwirtschaft deutlich: Wie viele andere osteurop&#228;ische L&#228;nder befindet sich auch Kroatien in einer Position neokolonialer Abh&#228;ngigkeit und Unterordnung und stellt f&#252;r westeurop&#228;isches Kapital eine Quelle finanzieller Rente dar.</p>
<p><em>Welchen Einfluss nehmen internationale Akteure in der Ukraine? Hat das Land in der Krise externe „Hilfe“ in Anspruch genommen?</em></p>
<p>M.: In der Hochphase der Krise wandte sich die ukrainische Nationalbank an den Internationalen W&#228;hrungsfonds (IWF) und nahm einen Kredit &#252;ber 16,5 Milliarden US-Dollar auf. Bereits 2008 hatte die Regierung unter der damaligen Ministerpr&#228;sidentin Julia Timoschenko<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> auf solche Kredite zur&#252;ckgegriffen, um das Haushaltsdefizit zu decken. Im Juli 2010 gew&#228;hrte der IWF au&#223;erdem noch eine so genannte Bereitschaftskreditvereinbarung &#252;ber 15,5 Milliarden US-Dollar zur Unterst&#252;tzung des Reform- und Wirtschaftsanpassungsprogramms der Regierung. Zwar behauptet der IWF in seiner Selbstdarstellung immer wieder, er wolle die Armen, Arbeitslosen und sozial Schw&#228;chsten sch&#252;tzen und ein betr&#228;chtlicher Anteil seiner Kredite diene der Sicherstellung einer fristgerechten Auszahlung von L&#246;hnen und Renten. Ich bin aber skeptisch, ob das Geld tats&#228;chlich die Menschen erreichen wird, die von der Krise betroffenen sind.<br />
Grunds&#228;tzlich ist die Situation in der Ukraine stark von ihrer geopolitischen Position zwischen der EU und Russland beeinflusst. Entsprechend ist auch das politische System des Landes stark polarisiert. Vereinfacht kann von einer pro-russischen, einer pro-westlichen sowie einer nationalistisch westlichen Position gesprochen werden. Vor allem w&#228;hrend der Pr&#228;sidentschaft von Wiktor Juschtschenko<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a>, dessen Partei <em>Nasha Ukayina</em> („Unsere Ukraine“) ebenso vom „Westen“ unterst&#252;tzt wurde, wie sp&#228;ter Julia Timoschenko und ihre Partei <em>Bat’ kivshchyna</em> („Vaterland“), wurde im Land eine pro-„westliche“ Haltung vorangetrieben: Mit der Perspektive des EU-Beitritts versuchte das Land, die &#214;konomie auszubauen und das politische System zu restrukturieren. Im Transformationsprozess hatte die EU schon in der Vergangenheit eine Schl&#252;sselrolle gespielt, gegenw&#228;rtig ist sie auch die gr&#246;&#223;te Handelspartnerin der Ukraine. Weil die EU in der Ukraine eine potentielle strategische Partnerin sieht und ein gro&#223;es wirtschaftspolitisches Interesse an der Stabilisierung des Landes hat, gew&#228;hrte die EU-Kommission in der Krise einen Kredit &#252;ber 500 Millionen Euro. Basierend auf bestehenden Kooperationsabkommen zwischen der Ukraine und der EU wird zeitgleich die Schaffung und Ausweitung einer Freihandelszone weiter vorangetrieben. Welche Auswirkungen dies auf die Bev&#246;lkerung haben wird, bleibt jedoch offen. Umgekehrt h&#228;lt auch Russland die Ukraine f&#252;r eine Region, in der es seinen imperialistischen und politischen Einfluss zeigen kann. Weil jedoch zumindest unter Juschtschenko die Weichen aber in Richtung EU gestellt wurden, setzte die russische F&#252;hrung in der j&#252;ngeren Vergangenheit zunehmend auf Methoden des &#246;konomischen und politischen Drucks. So ereignete sich auch die globale Finanz- und Wirtschaftskrise genau w&#228;hrend der so genannten „Gaskriege“. Damit meine ich die Auseinandersetzungen zwischen der ukrainischen &#214;l- und Gasfirma <em>Naftohaz Ukrainy</em> und dem russischen Gasanbieter <em>Gazprom </em>&#252;ber nat&#252;rliche Gasvorkommen sowie die Gaspreise und -schulden aus den Jahren 2005–2009. In j&#252;ngster Zeit hat sich das Verh&#228;ltnis der Ukraine zu Russland aber wieder verbessert, so dass zwar der Druck ab-, die russischen Interventionen in die Innenpolitik jedoch zugenommen haben. Dies liegt nicht zuletzt am Sieg von Viktor Yanukovych<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> und seiner Partiya Regioniv („Partei der Regionen“) bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen Anfang 2010. Er wird den pro-russischen Kr&#228;ften zugerechnet und aufgrund seiner Politik in der Frage der Meinungs- und Versammlungsfreiheit h&#228;ufig als legitimer Nachfolger der autorit&#228;ren Regierung von Leonid Kuchma<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> bezeichnet. Indem er unter der F&#252;hrung seiner <em>Partei der Regionen</em> im Parlament eine neue Koalition gebildet hat, konnte Yanukovych seine Macht schnell konsolidieren. Au&#223;erdem ernannte der Pr&#228;sident neue MinsterInnen, die z&#252;gig begannen, in der Wirtschaftspolitik sowie im Bildungsbereich Reformen voranzutreiben. Viele der Ma&#223;nahmen zielen darauf ab, Ver&#228;nderungen wieder r&#252;ckg&#228;ngig zu machen, die zuvor von der Regierung Juschtschenko vorgenommen wurden. Einige der bedeutendsten Ma&#223;nahmen umfassen neben der Einschr&#228;nkung der Presse- und Versammlungsfreiheit (es gibt Berichte &#252;ber politischen Druck auf einige TV-Sender sowie &#252;ber die Bedrohung und das Verschwinden von JournalistInnen) bildungs- und sozialpolitische Felder: So wurde etwa die Zahl geb&#252;hrenfreier Studienpl&#228;tze reduziert. Auch plant die Regierung, Ende des Jahres das Pensionsalter f&#252;r Frauen per Gesetz von 55 auf 60 Jahre anzuheben und in den n&#228;chsten Monaten das Steuersystem grundlegend zu &#252;berarbeiten. Au&#223;erdem sollen die staatlichen Anteile an <em>Ukrtelekom </em>– dem ukrainischen Telekommunikationsunternehmen – verkauft werden.</p>
<p><em>Damit scheint sich ein Muster aus der Vergangenheit zu wiederholen…</em></p>
<p>M.: Ja, in der Ukraine bestand im Zuge des &#220;bergangs vom sowjetischen Modell zur Marktwirtschaft eine der sichtbarsten und folgenreichsten Ver&#228;nderungen in der Privatisierung wichtiger Teile der nationalen &#214;konomie. Die Interessen der ArbeiterInnenklasse wurden seit 1991 fast v&#246;llig au&#223;er Acht gelassen. Infolge der schwachen staatlichen Kontrolle kam es gleichzeitig zu einer massiven Anh&#228;ufung von Kapital, von der einige wenige Unternehmen auf legale und illegal Weise profitierten. Die neuen Privatunternehmen konnten ihre Profite in diesem Kontext v.a. ab 1993 deutlich steigern. In der Zeit von 1995 bis 1998 wurden ca. 50.000 Objekte privatisiert; der Anteil staatlicher Unternehmen an der industriellen Produktion sank von 85% im Jahr 1992 auf 18,2% im Jahr 2003. Strategisch wichtige Unternehmen wurden zwar zun&#228;chst mit staatlichen Mitteln unterst&#252;tzt. Sobald sie jedoch Profite abwarfen, wurden auch diese Unternehmen, etwa <em>Kryvorizhstal</em><a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a>, privatisiert –inklusive zahlreicher Korruptionsskandale. Das Ergebnis dieser Vorgehensweise waren Lohnsenkungen sowie die massenhafte Entlassung von ehemaligen StaatsarbeiterInnen.<br />
Trotz der weitreichenden Korruption, der Abwesenheit einer politischen F&#252;hrung und dem Fehlen l&#228;ngerfristiger Konzepte f&#252;r die Probleme des Landes wurden im Transformationsprozess aber auch manche Fortschritte erzielt, v.a. im Bereich der Meinungsfreiheit. Dies zeigte sich etwa w&#228;hrend und nach der so genannten <em>Orangenen Revolution</em><a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> von 2005.</p>
<p><em>In welchem Licht erscheint der kroatische Transformationsprozess in der R&#252;ckschau?</em></p>
<p>S: Die aktuelle Situation enth&#228;lt eine Menge Indikatoren f&#252;r die umfassenden und mittlerweile weit fortgeschrittenen, neoliberalen Umstrukturierungsma&#223;nahmen, die bislang von jeder kroatischen Regierung mitgetragen wurden – ungeachtet deren rhetorischen Differenzen und ideologischen Bekenntnissen. Diese Kontinuit&#228;t ist nicht nur ein Hinweis auf den Opportunismus, der sich durch das gesamte politische Establishment zieht, sondern verweist auch auf die objektiven Grenzen staatlicher Souver&#228;nit&#228;t. Die grundlegende politische Ausrichtung stand im Einklang mit den Vorschriften des <em>Washington Consensus:</em> Monetarismus, Privatisierung, Handelsliberalisierung, Deregulierung, Steuersenkungen f&#252;r das Kapital. Die Kontinuit&#228;t war nicht zuletzt das Resultat des Drucks internationaler Institutionen – am deutlichsten sichtbar zun&#228;chst anhand der Rolle des IWF. Die Unterordnung unter die politischen Vorgaben des „Westens“ blieben weitestgehend unhinterfragt. Dies ist auf den &#252;berw&#228;ltigenden Konsens &#252;ber die Attraktivit&#228;t und Unvermeidbarkeit der „Integration in den Westen“, d. h. einer Mitgliedschaft in NATO und EU, zur&#252;ckzuf&#252;hren.</p>
<p><em>Was liegt diesem Konsens zugrunde?</em></p>
<p>S: Die Annahme, dass eine vollst&#228;ndige Integration automatisch zu jenem Lebensstandard f&#252;hre, den man mit dem H&#246;hepunkt der „westlichen“ Wohlfahrtsstaaten verbindet. Da die westlichen Zentren der Macht hierzulande zudem von der Aura einer <em>a-priori-</em>Legitimit&#228;t umgeben sind, bietet dieses imagin&#228;re Ziel immer noch Platz f&#252;r Forderungen nach weiteren Strukturanpassungsma&#223;nahmen, unabh&#228;ngig von deren sozialen und &#246;konomischen Folgen. In absolutem Einklang mit der neoliberalen Orthodoxie lautet die implizite Formel: Heutige Entbehrungen sind die notwendige Voraussetzung f&#252;r zuk&#252;nftigen Wohlstand.<br />
Die Tatsache, dass der Wohlfahrtsstaat innerhalb der EU selbst den neoliberalen Attacken ausgesetzt ist, entkr&#228;ftet die ideologische Wirkungskraft dieses Narrativs in keiner Weise. Weder die sozialen Konsequenzen des Lissabon Vertrags und die weitere Vertiefung dessen, was liberale KommentatorInnen als „Demokratie-Defizit“ der EU bezeichnen, noch die Krise der Eurozone, die Griechenland-Krise und ihr Zusammenhang mit der Unnachgiebigkeit der merkantilistischen Politik Deutschlands – nichts dergleichen wurde in den Medien kritisch beleuchtet oder konnte in irgendeiner Art und Weise das Bekenntnis der politischen Eliten zum Ziel einer EU-Mitgliedschaft abschw&#228;chen.<br />
Dar&#252;ber hinaus sollten auch jene Umfragen, die nahe legen, dass der Enthusiasmus f&#252;r eine EU-Mitgliedschaft in der kroatischen Bev&#246;lkerung sinkt, nicht &#252;berbewertet werden: Zum einen werden derartige Positionen nicht im Parlament repr&#228;sentiert. Und zum anderen haben der lange Aufschub und die stetig neuen Anforderungen, die an Kroatien als Bedingung f&#252;r die Mitgliedschaft gestellt werden, in der Bev&#246;lkerung in gewissem Ma&#223;e zur Verbreitung eines m&#252;den Zynismus gef&#252;hrt. Dieser ist wohl auch mit einer Brise kollektiver, narzistischer Verletzung angereichert, weil mit Rum&#228;nien und Bulgarien zwei Staaten der EU bereits beitreten konnten, die einen solchen Beitritt aufgrund ihrer &#246;konomischen Situation vermeintlich nicht verdient haben. Da im Falle eines Referendums mit intensiven Kampagnen der Medien und aller gr&#246;&#223;eren Parteien zugunsten der Mitgliedschaft zu rechnen w&#228;re, bleibt eine tats&#228;chliche Ablehnung des EU-Beitritts jedoch unwahrscheinlich.</p>
<p><em>Gibt es neben solchen eher tristen Entwicklungen, wie ihr sie jetzt nachgezeichnet habt, auch Positives zu berichten? Gibt es Beispiele f&#252;r soziale K&#228;mpfe oder Widerstand, der sich formiert?</em></p>
<p>M.: Das h&#228;ngt davon ab, was man als positiv bezeichnen m&#246;chte. In den Medien gibt es zwar einige kritische Stimmen zur Auslandsverschuldung der Ukraine, aber davon scheinen die Herrschenden relativ unbeeindruckt. Au&#223;erdem ist noch v&#246;llig unklar, wie die „Reformen“, &#252;ber die der amtierende Pr&#228;sident derzeit spricht, genau aussehen werden. Zudem w&#228;chst im Land die Zustimmung f&#252;r die relativ junge, rechtsgerichtete Partei <em>Svoboda</em>. Aktuellen Umfragen zufolge kommt sie in einigen Regionen im Westen bei Lokalwahlen auf 25%–33%.</p>
<p>S: Gezwungen, auf die Forderungen der EU zu reagieren, ver&#246;ffentlichte die konservative Regierung j&#252;ngst ihren Plan zur Konjunkturbelebung, der neoliberale Orthodoxie mit rhetorischen Zugest&#228;ndnissen verband. In den b&#252;rgerlichen Medien wurde daraufhin lamentiert, dass selbst die Umsetzung der „positiven” und „vern&#252;nftigen” Aspekte des Entwurfs sehr unwahrscheinlich sei. Die Reaktion der oppositionellen SozialdemokratInnen war ebenso ablehnend. Anstatt jedoch den grundlegenden neoliberalen Inhalt des Plans zu kritisieren, behaupteten die SozialdemokratInnen einzig, dass die Konservativen ihre Vorschl&#228;ge geklaut h&#228;tten. Kurz darauf k&#252;ndigte die Regierung an, dem Parlament einen Entwurf f&#252;r ein neues Arbeitsgesetz vorzulegen. Die Arbeitsverh&#228;ltnisse sollten noch flexibler und der Schutz der ArbeiterInnen vor Entlassungen noch prek&#228;rer werden – alles im Dienste eines „guten Gesch&#228;ftsklimas“, versteht sich. Die f&#252;r gew&#246;hnlich zerstrittenen und schwerf&#228;lligen Gewerkschaften reagierten umgehend mit einer Petition f&#252;r ein Referendum zu diesem Arbeitsgesetz und sammelten in nur zwei Wochen eine beispiellose Zahl von 900.000 Unterschriften. Die Regierung sah sich daraufhin gezwungen, die Umsetzung des Entwurfs zumindest tempor&#228;r auf Eis zu legen. Die Verhandlungen zwischen Gewerkschaftsf&#252;hrerInnen und dem Premierminister f&#252;hrten jedoch zu keiner Einigung. Die frustrierte Regierung zweifelte daraufhin die Rechtm&#228;&#223;igkeit von 500.000 Unterschriften an – ein offensichtliches Beispiel f&#252;r opportunistischen Zynismus, der den Spott der Medien nach sich zog und zu einem w&#252;tenden Aufschrei in der Bev&#246;lkerung f&#252;hrte.<br />
J&#252;ngst hat in Zagreb ein Hungerstreik von Textilarbeiterinnen, die seit Monaten keinen Lohn erhalten haben, zu &#246;ffentlichen Protesten und Solidarit&#228;tsbekundungen von Seite der Studierendenbewegung gef&#252;hrt. Letzte wurde umgekehrt von ArbeiterInnen &#246;ffentlich und auch logistisch unterst&#252;tzt. Gerade die Studierendenbewegung sowie Anti-Gentrifizierungs-AktivistInnen haben sich als die militantesten GegnerInnen dessen erwiesen, was David Harvey „Akkumulation durch Enteignung“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> nennt. Auch einige feministische Gruppierungen haben sich den j&#252;ngsten Protesten angeschlossen. Ob diese Aktivit&#228;ten erste Anzeichen f&#252;r das Entstehen einer stabilen und breiten Koalition gegen die neoliberale Politik sind, wird sich erst noch zeigen m&#252;ssen. Die Antwort der Premierministerin Jadranka Kosor – deren Regierung in j&#252;ngster Zeit von Korruptionsaff&#228;ren und personellen Skandalen ersch&#252;ttert wurde – auf die K&#228;mpfe fiel jedenfalls ebenso plump aus wie die der anderen m&#228;chtigen kroatischen PolitikerInnen: Ihren gro&#223;en politischen Weisheiten zufolge sei der Zukunft des Landes besser durch weitere Privatisierungen denn durch Proteste auf den Stra&#223;en und Hungerstreiks gedient. W&#228;hrend ersteres von der EU explizit eingefordert wird, setzt letzteres wohl h&#246;chstens unsere Beitrittschancen in den exklusiven Club der M&#228;chtigen und Reichen aufs Spiel.</p>
<p><em>Maria </em>ist Medienaktivistin in Kiew und Budapest und engagiert sich bei <em>Amnesty International Ungarn</em> sowie dem <em>Morze Infoshop</em> in Budapest (Homepage: <a href="http://balkans.puscii.nl/?q=content/morze-infoshop-website-and-description-update">http://balkans.puscii.nl/?q=content/morze-infoshop-website-and-description-update</a>).</p>
<p><em>Stipe &#196;urkovi&#196;</em> ist Absolvent der Germanistik und Vergleichenden Literaturwissenschaft an der Filozofski fakultet in Zagreb und in der Bewegung f&#252;r geb&#252;hrendfreies Studieren aktiv. Er schreibt unter anderem f&#252;r die Zeitschrift Zarez und &#252;bersetzt zur Zeit David Harveys <em>A Brief History of Neoliberalism</em> ins Kroatische</p>
<p><Strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Interview und &#220;bersetzung: Redaktion <em>Perspektiven</em>.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Die Zahlen sind der Institutshomepage entnommen. Anm. d. &#220;.: Leider ist diese nur auf kyrillisch verf&#252;gbar (unter: http://bd.fom.ru/report/map/ukrain/ukrain_eo/du100430).<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Anm. d. &#220;bers.: Als PIIGS („Schweine“) werden die f&#252;nf EU-Staaten Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien bezeichnet, denen in der „Eurokrise“ unterstellt wurde, ihnen k&#246;nnte aufgrund ihrer hohen Staatsverschuldung der Staatsbankrott drohen.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Die meisten Zahlen sind den offiziellen Statistiken der Kroatischen Zentralbank HNB (Hrvatska narodna banka) entnommen. Diese sind online verf&#252;gbar unter: http://www.hnb.hr/statistika/hstatistika.htm<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Anm. d. &#220;bers.: Ante Markovi&#196; war von 1986 bis 1988 Pr&#228;sident der Sozialistischen Republik Kroatien und von 1989 bis 1991 Premierminister der SFR Jugoslawien.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Anm. d. &#220;bers.: Jeffrey Sachs ist ein US-amerikanischer &#214;konom, der u. a. als Berater f&#252;r den IWF, die WTO und die Weltbank t&#228;tig war und derzeit als Sonderberater f&#252;r die Millennium-Entwicklungsziele (MDGs) der Vereinten Nation fungiert.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> vgl. https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/geos/hr.html<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Anm. d. &#220;bers.: Julia Timoschenko war von Januar bis September 2005 und von Dezember 2007 bis M&#228;rz 2010 Premierministerin der Ukraine.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Anm. d. &#220;bers.: Wiktor Juschtschenko war von Dezember 1999 bis Mai 2001 Ministerpr&#228;sident und von Januar 2005 bis Februar 2010 Pr&#228;sident der Ukraine.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Anm. d. &#220;bers.: Viktor Yanukovych war bereits zuvor – von November 2002 bis Dezember 2004 – Premierminister der Ukraine.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Anm. d. &#220;bers.: Leonid Kuchma war von Juli 1994 bis J&#228;nner 2005 Pr&#228;sident der Ukraine.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Anm. d. &#220;bers.: Das Stahlunternehmen wurde 2005 von der Mittal Steel Company ersteigert und tr&#228;gt seitdem den Namen Mittal Steel Kryviy Rih.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Anm. d. &#220;bers.: Mit dem Begriff der „Orangenen Revolution“ werden die Ereignisse rund um die Pr&#228;sidentschaftwahl 2004 in der Ukraine bezeichnet. Nachdem es bei der Wahl zu Wahlf&#228;lschungen gekommen war, protestierte die Bev&#246;lkerung mehrere Wochen lang, bis schlie&#223;lich die Stichwahl wiederholt wurde. In dieser siegte Wiktor Juschtschenko gegen den zuvor zum Sieger erkl&#228;rten Viktor Yanukovych.<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Anm. d. &#220;bers.: Mit dem Begriff „Akkumulation durch Enteignung“ bezeichnet der marxistische Wirtschaftsgeograph David Harvey den Umstand, dass die von Marx als „urspr&#252;ngliche“ oder „primitive“ „Akkumulation“ bezeichneten Prozesse der Kapitalakkumulation durch (staatliche) Gewalt und Raub ein zentrales Charakteristikum auch des entwickelten Kapitalismus darstellen (vgl. Harvey, David: Der neue Imperialismus, Hamburg 2005, S. 136ff.).</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2010/11/02/im-osten-nichts-neues/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die globale Krise und der Angriff auf die Demokratie</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/11/01/die-globale-krise-und-der-angriff-auf-die-demokratie/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2010/11/01/die-globale-krise-und-der-angriff-auf-die-demokratie/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 01 Nov 2010 17:01:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Asien]]></category>
		<category><![CDATA[IWF]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Weltbank]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=1656</guid>
		<description><![CDATA[Die gegenw&#228;rtige globale Krise wirkt sich nicht nur auf „die Wirtschaft“ aus, sondern geht
verst&#228;rkt auch mit – offenen und versteckten – autorit&#228;ren, antidemokratischen Tendenzen einher. Bonn Juego und Johannes Dragsbaek Schmidt zeigen dies anhand der wundersamen Wiederauferstehung von IWF und Weltbank sowie am Beispiel des „autorit&#228;ren Liberalismus“ in Ost- und S&#252;dostasien.

Die Welt sieht sich derzeit mit dem ern&#252;chternden Zustand des [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die gegenw&#228;rtige globale Krise wirkt sich nicht nur auf „die Wirtschaft“ aus, sondern geht<br />
verst&#228;rkt auch mit – offenen und versteckten – autorit&#228;ren, antidemokratischen Tendenzen einher. <em>Bonn Juego</em> und <em>Johannes Dragsbaek Schmidt</em> zeigen dies anhand der wundersamen Wiederauferstehung von IWF und Weltbank sowie am Beispiel des „autorit&#228;ren Liberalismus“ in Ost- und S&#252;dostasien.<br />
<span id="more-1656"></span><br />
Die Welt sieht sich derzeit mit dem ern&#252;chternden Zustand des globalen kapitalistischen Systems konfrontiert – einer Ansammlung von miteinander verbundenen und voneinander abh&#228;ngigen Krisen. Die gegenw&#228;rtige politisch&#246;konomische Konjunktur ist nichts anderes als das Ergebnis kumulativer Effekte gleichzeitiger Krisen in den Bereichen Finanz, Produktion, Nahrung, &#214;kologie, Energie und Politik, die seit der Nachkriegszeit die Strukturen des weltweiten Kapitalismus heimsuchen. AkteurInnen unterschiedlicher ideologischer Couleur nehmen diese aktuelle Situation als willkommene Gelegenheit wahr, um die Krise ihren jeweiligen Interessen entsprechend zu n&#252;tzen.<br />
Der altgriechische Ursprung des Wortes „Krise“ bezeichnet den „entscheidenden Wendepunkt im Verlauf einer Krankheit, an dem wichtige Ver&#228;nderungen entweder zur Genesung oder zum Tod f&#252;hren“. Ob die multiplen Krisen zur Wiederherstellung oder zum Ende des hegemonialen neoliberalen Systems f&#252;hren werden, wird sich entscheiden durch die „Doppelbewegung“ der sich entfaltenden K&#228;mpfe zwischen jenen, in deren ureigensten Interessen die Aufrechterhaltung des gegenw&#228;rtigen Zustands liegt, und jenen, die f&#252;r eine Ver&#228;nderung der grundlegenden gesellschaftlichen Strukturen einstehen. Forderungen nach einer anderen, demokratischen Zukunft werden zwar „von unten“ Ausdruck verliehen, die Krise hat jedoch bis jetzt keinerlei neue Strategien oder Visionen hervorgebracht, die den marktdominierten (d.h. neoliberalen) gesellschaftlichen Verh&#228;ltnissen Einhalt gebieten k&#246;nnten.<br />
Wir wollen in diesem Artikel zeigen, dass die gegenw&#228;rtige, globale kapitalistische Krise mit einem Angriff auf die Ideale der Demokratie und auf Prozesse der Demokratisierung einhergeht. Analytisch konzentrieren wir uns auf die Politiken und Diskurse internationaler Institutionen, regionaler Organisationen und nationaler Regierungen.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Eine Untersuchung der Reaktionen auf die Krise seitens dieser Institutionen und Staaten in Europa und Asien zeigt einen Anstieg anti-demokratischer Tendenzen, namentlich in Form von Neoliberalismus, autorit&#228;rem Liberalismus und Nationalismus. Wir konzentrieren uns dabei auf zwei Aspekte. Erstens wollen wir darstellen, wie Weltbank und IWF, sowie deren Verb&#252;ndete in den G-20, versuchen, die Krise zu ihrem Vorteil zu n&#252;tzen und ihre seit langem propagierten neoliberalen Programme erneut zu bekr&#228;ftigen. Zweitens wollen wir am Beispiel Ost- und S&#252;dostasiens zeigen, wie schon im Zuge der Asienkrise von 1997 Institutionen des autorit&#228;ren Liberalismus – d.h. einer in autorit&#228;re politische Strukturen eingebetteten, liberalen Marktwirtschaft – in der Region zu neuem Leben erweckt wurden. Dies soll als Beispiel daf&#252;r dienen, dass Marktwirtschaft auch ohne Demokratie wachsen und gedeihen kann.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a></p>
<p><strong>Neoliberalismus und Krise</strong><br />
Wir verstehen Neoliberalismus als die Anwendung von Freihandels-Doktrinen auf nicht nur alle Bereiche wirtschaftlicher Aktivit&#228;t, sondern auch auf die Funktionsweisen &#246;ffentlicher Institutionen. Der Neoliberalismus ist eine bestimmte institutionelle Spielart des Kapitalismus und gekennzeichnet durch: eine spezifische Konfiguration des Kapitalismus (Liberalismus plus neue Institutionen); eine spezifische Ideologie (Marktfundamentalismus); eine spezifische Phase kapitalistischer Nachkriegs-Entwicklung, in der das aufsteigende Finanzkapital zu produktivem Kapital wird; ein spezifisches Set von wirtschaftlichen Reformpolitiken, verankert in den Strukturanpassungsprogrammen (SAPs) des Washington Consensus; eine spezifische Form des Klassenverh&#228;ltnisses (die reelle Subsumption der Arbeit unter das Kapital); und schlie&#223;lich ein spezifischer Prozess der Kapitalakkumulation (der Einsatz von Geld, um mehr Geld zu machen). Der Neoliberalismus hebt, wie David Harvey gezeigt hat, den privaten Wirtschaftssektor, Privatbesitz und die damit verbundenen kulturellen Werte in eine gesellschaftlich dominante Position.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Er widerspricht dem demokratischen Prinzip von gemeinsamer Erfahrung und kollektivem Wissen, also der Idee, dass Regierungen und Institutionen Menschen, nicht Profiten verpflichtet sind, und das Wohlergehen von Gesellschaften &#252;ber jenes der M&#228;rkte zu stellen ist.<br />
Wenn man die Geschichte des Kapitalismus als eine sich stets in Bewegung befindliche Gesamtstruktur betrachtet, erscheint sie als Kreislauf von Krisen und Aufschw&#252;ngen. In der fast vierzigj&#228;hrigen Geschichte des Neoliberalismus waren Krisen funktional f&#252;r dessen Aufrechterhaltung in Bezug auf gesellschaftliche Verh&#228;ltnisse, marktorientierte Entwicklungsstrategien und neoliberale Umstrukturierungen des Staates. Die konstitutive Rolle und der funktionale Effekt von Krisen f&#252;r seine Lebenszyklen zeigt sich daran, dass der Neoliberalismus aus den Krisen der 1970er geboren wurde, sich durch eine Reihe von Krisen im Laufe der letzten 35 Jahre entwickelt hat, und durch die multiplen Krisen, die in die gegenw&#228;rtige globale Krise kulminieren, zu sterben scheint.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> In den letzten 35 Jahren wurden mehr als einhundert Finanzkrisen in aller Welt verzeichnet (und abgesehen von diesen Statistiken ist offensichtlich, dass die Mehrheit der Bev&#246;lkerungen und Gesellschaften der Welt sich seit langem in einem Zustand der Krise befinden). Krisen waren dem Neoliberalismus also von Beginn an inh&#228;rent und haben im Laufe der Jahrzehnte zu einer Reihe von Transformationen beigetragen. Wie ihre altgriechische Bedeutung anzeigt, erzwingt die „krisis“ als „Wendepunkt“ Innovation und Transformation in der kapitalistischen Produktionsweise und tr&#228;gt so zur Sicherung ihrer Hegemonie bei.</p>
<p><strong>Phasen neoliberaler Entwicklung</strong><br />
Der Neoliberalismus wird oft in zwei unterscheidbare, aufeinander folgende Phasen eingeteilt: den <em>Washington Consensus</em> (die erste Generation von Reformen) und den post-Washington Consensus (die zweite Generation von Reformen). Der Unterschied zwischen den beiden Phasen wird oft unzul&#228;ssigerweise auf eine einfache Staat-versus-Markt Debatte reduziert, in welcher der Washington Consensus von der Unterordnung der Staaten unter die M&#228;rkte gekennzeichnet ist, w&#228;hrend der post-Washington Consensus ein Erg&#228;nzungsverh&#228;ltnis zwischen beiden darstellt. Diese Debatte, in der ein Nullsummenspiel zwischen Staat und Markt angenommen wird, f&#252;hrt allerdings auf die falsche F&#228;hrte. Der Neoliberalismus ist, wie jede Form des Kapitalismus, ein politisches Projekt – d.h. er ist auf aktive Interventionen seitens des Staates angewiesen.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> So h&#228;tte der Abbau des Wohlfahrtsstaates nicht ohne die durch staatliche Politik betriebene Schw&#228;chung der Institutionen der ArbeiterInnenbewegung durchgesetzt werden k&#246;nnen. Wenn wir die augenscheinlichen Ver&#228;nderungen des Kapitalismus f&#252;r bare M&#252;nze nehmen, verkennen wir die historische Realit&#228;t aktiver Staatsinterventionen, die seit Beginn der kapitalistischen Entwicklung daf&#252;r sorgen, dass M&#228;rkte funktionieren. Der Unterschied zwischen den beiden Entwicklungsweisen liegt nicht in der Form, sondern im Inhalt, in den Motiven, Zielen und Strategien. Der Washington Consensus zielte darauf ab, einen offenen Weltmarkt durch Strukturanpassungsprogramme, Politiken der Privatisierung, Deregulierung und Liberalisierung sowie durch Reformen des Finanzsystems zu schaffen. Der post-<em>Washington Consensus</em> ist ein Projekt, das auf die Verwirklichung einer „universalen Vereinheitlichung von Wettbewerbsf&#228;higkeit“ durch tiefgreifende institutionelle Reformen und Ver&#228;nderungen von Verhaltensweisen, auf die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts und letztlich auf Human- und Sozialkapital abzielt.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a></p>
<p><strong>Neoliberale Kriseninterventionen</strong><br />
Die Anh&#228;ngerInnen des Neoliberalismus sind sich, als Repr&#228;sentantInnen der Dominanz des Privatkapitals, der Krisenanf&#228;lligkeit und Konflikttr&#228;chtigkeit des Kapitalismus v&#246;llig bewusst. Deshalb haben sie den Neoliberalismus immer zugleich als marktbasierte Entwicklungsstrategie <em>und </em>als Blaupause f&#252;r Kriseninterventionen beworben. Sie betrachten Krisenmomente als perfekte Gelegenheiten zur Intervention, um neoliberale Institutionen und Praktiken tiefer zu verankern. Nehmen wir die aufeinander folgenden Krisen seit den 1980ern als Beispiel. Als Lateinamerika 1982 in eine Schuldenkrise geriet, kn&#252;pften der IWF und pro-kapitalistische politische Kr&#228;fte Strukturanpassungsprogramme als Bedingungen an die notwendigen Umschuldungen, was letztlich zu massiver Deindustrialisierung, steigender Arbeitslosigkeit, Armut und ungleicher Entwicklung in der gesamten Region f&#252;hrte. Seither hatten die Reaktionen auf eine Reihe von Finanzkrisen in den letzten zwanzig Jahren – namentlich Skandinavien (Anfang der 1990er), Mexiko (1994), Ost- und S&#252;dostasien (1997), Russland (1998), Argentinien (2001), T&#252;rkei (2001-2002), US-Hypothekenmarkt (2007), die Gro&#223;e Rezession (2008) – die Etablierung einer offenen „internationalen Finanzarchitektur“ zum &#252;bergeordneten Ziel, in der regulierende Institutionen die Rechte des privaten Kapitals global absichern. Obwohl in manchen F&#228;llen (z.B. in Chile und Malaysia) der Nutzen mancher Kapitalverkehrskontrollen anerkannt wurde, trieben der IWF und die mit ihm verbundenen politischen Kr&#228;fte die Politik der neoliberalen Regulierung voran, um die Anpassung an die vorgebliche Offenheit des internationalen Finanzsystems (d.h. an die &#220;berwachungsinstrumente des IWF) zu gew&#228;hrleisten. In den Worten des fr&#252;heren Chef&#246;konomen der Weltbank, Michael Bruno: „Es existiert ein zunehmender Konsens dar&#252;ber, dass der Schock einer Krise, so sie gro&#223; genug ist, widerwillige Politiker dazu bringen kann, produktivit&#228;tssteigernde Reformen anzugehen.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a></p>
<p><strong>Von der Krise von Weltbank und IWF…</strong><br />
Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts sahen sich die wichtigsten Institutionen der neoliberalen <em>Global Governance</em> – Weltbank, IWF und WTO – mit einer tiefen Glaubw&#252;rdigkeits- und Legitimit&#228;tskrise konfrontiert. Diese ist auf eine Reihe polit-&#246;konomischer Krisen in L&#228;ndern zur&#252;ckzuf&#252;hren, die diese Institutionen selbst h&#228;tten managen, restrukturieren und entwickeln sollen. Zus&#228;tzlich zu ihrer eigenen Budgetkrise, der nur wenig mediale Aufmerksamkeit geschenkt wurde, und mehreren gescheiterten Projekten, verdeutlichen die dramatischen Ereignisse und Enth&#252;llungen rund um die R&#252;cktritte von Joseph Stiglitz und Ravi Kanbur Anfang der 2000er Jahre den harten neoklassischen und neoliberalen Kurs der Weltbank. Und auch die WTO stand am Rande des Kollaps, als die Doha-Runde nach fast f&#252;nf Jahren andauernder Verhandlungen im Sommer 2006 endg&#252;ltig scheiterte. Doch im Zuge der aktuellen globalen Krise stellten sich die Voraussagen &#252;ber den bevorstehenden Untergang dieser neoliberalen multilateralen Organisationen als voreilig heraus. Sie haben sich entgegen der Erwartungen als den Herausforderungen der Krise gewachsen erwiesen und im Rahmen einer konzertierten Anstrengung ihre vorgebliche Legitimit&#228;t und Existenzberechtigung wieder hergestellt, statt die Fehler der Vergangenheit zuzugeben und zu korrigieren.<br />
Noch im Juli 2007 – knapp ein Monat bevor die Hypotheken-Krise in den USA ausbrach – sprach der Wirtschaftswissenschafter und Aktivist Walden Bello anl&#228;sslich des zehnten Jahrestags der Asienkrise vom „Untergang des IWF“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a>. Er argumentierte, dass der IWF selbst ein Opfer der Asienkrise geworden w&#228;re, da Staaten wie Thailand, Indonesien, Malaysia und die Philippinen &#246;ffentlich erkl&#228;rt hatten, sich nie wieder den Bedingungen des W&#228;hrungsfonds zu unterwerfen. Hinzu kam die schwere Legitimit&#228;ts- und Glaubw&#252;rdigkeitskrise, nachdem 2002 mit Argentinien der „Mustersch&#252;ler“ des IWF den Staatsbankrott anmelden musste. Diese Entwicklung f&#252;hrte zudem zu tiefen Einschnitten in das Budget des IWF, da gro&#223;e lateinamerikanische Geberstaaten wie Brasilien, Argentinien und Venezuela ihre Beitr&#228;ge zur&#252;ck behielten.</p>
<p><strong>…zu ihrer Wiederbelebung in der Krise</strong><br />
Doch weniger als zwei Jahre nachdem Bello dieses Untergangsszenario vorgestellt hatte, drehte sich der Wind komplett; die globale Krise hat den IWF wiederbelebt. Die vielleicht gl&#252;cklichste Person weltweit in den Zeiten der Krise ist Dominique Strauss-Kahn, der gesch&#228;ftsf&#252;hrende Direktor des IWF, der auf der Pressekonferenz w&#228;hrend des G-20-Treffens am 2. April 2009 triumphierend verk&#252;ndete:<br />
„Der IWF ist zur&#252;ck. […] Sie sehen den Beweis daf&#252;r, wenn sie das Kommuniqué lesen. Jeder Abschnitt, oder fast jeder Abschnitt – sagen wir, die wichtigen Teile – sind auf die eine oder andere Weise mit dem IWF verbunden.“<br />
Ironischerweise sind es genau jene Staaten, die &#252;ber Jahrzehnte am meisten unter seiner Politik gelitten haben – insbesondere Argentinien, Brasilien und Indonesien, die nach der Erweiterung der G-7 zu den G-20-Staaten geh&#246;ren – die dem W&#228;hrungsfonds nun neues Leben einhauchen, ihm Legitimit&#228;t und Relevanz zur&#252;ckgeben. Auf den Gipfeltreffen der G-20 in London (April 2009) und Pittsburgh (September 2009) wurde festgehalten, dass die internationalen Finanzinstitutionen „eine wichtige unterst&#252;tzende Rolle f&#252;r die Arbeit (der G-20), f&#252;r nachhaltiges Wachstum, Stabilit&#228;t, die Schaffung von Arbeitspl&#228;tzen, Entwicklung und Armutsbek&#228;mpfung spielen. Es ist daher entscheidend, dass diese weiterhin ihre Relevanz, ihre Reaktionsbereitschaft, ihre Effektivit&#228;t und ihre Legitimit&#228;t erh&#246;hen.“<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Dar&#252;ber hinaus wird das neue „G-20 Rahmenwerk f&#252;r starkes, nachhaltiges und ausgewogenes Wachstum“, das verst&#228;rkte wirtschaftliche Kooperation erm&#246;glichen soll, von IWF- und Weltbank-Analysen unterst&#252;tzt. Damit werden die G-20, ungeachtet ihrer Selbststilisierung als blo&#223;es „informelles Forum“, zu einer weiteren strategisch wichtigen Institution, durch die IWF und Weltbank ihre Ziele artikulieren und, was noch wichtiger ist, sich Legitimit&#228;t verschaffen k&#246;nnen. Doch w&#228;hrend die VertreterInnen der G-20 behaupten, sie w&#252;rden nicht nur wirtschaftliche Macht verk&#246;rpern, sondern auch Legitimit&#228;t und Glaubw&#252;rdigkeit genie&#223;en, werden hunderte schwache und marginalisierte L&#228;nder und ihre Bev&#246;lkerungen nicht von dieser Gruppe repr&#228;sentiert und somit au&#223;er Acht gelassen. Die Krise, die den IWF und die Weltbank h&#228;tte umbringen k&#246;nnen, hat diese Institutionen wieder auferstehen lassen. Und jene L&#228;nder, die guten Grund gehabt h&#228;tten, sie zugrunde gehen zu lassen, haben sie letztlich gerettet.</p>
<p><strong>Neoliberale Antworten auf die Krise</strong><br />
W&#228;hrend die Welt im April 2009 gespannt nach London blickte und sich manche vom dortigen G-20-Treffen eine Ver&#228;nderung der globalen Wirtschaftsordnung erhofften, war es nicht schwer, die Reaktionen auf die Krise seitens der G-20-Mitgliedsstaaten sowie von IWF und Weltbank voraus zu sehen. Eine aufmerksame Lekt&#252;re der Dokumente, die IWF und Weltbank im Vorfeld des Londoner Gipfels erstellt hatten, lie&#223; bereits erahnen, welche Antworten auf die globale Krise vorgeschlagen werden w&#252;rden. Die Krise sollte nicht als M&#246;glichkeit zur Schw&#228;chung des neoliberalen Projekts wahrgenommen werden, sondern im Gegenteil als Gelegenheit, eine wirklich offene, weltweite Finanzarchitektur und wettbewerbsf&#228;hige M&#228;rkte zu schaffen, die auf globaler Ebene von IWF und Weltbank selbst eingesetzt, koordiniert und reguliert wird. Der <em>Global Monitoring Report</em> 2009 der Weltbank wiederholt das exakt selbe neoliberale Programm und Projekt, das seit den fr&#252;hen 1990er Jahren verfolgt wurde.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Konkret identifiziert die Weltbank sechs Priorit&#228;tsfelder<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a>: (1.) fiskalpolitische Ma&#223;nahmen zur Sicherung makro&#246;konomischer Stabilit&#228;t; (2.) St&#228;rkung des privaten Sektors in den Bereichen Kapitalanlage, Handel, Gewerbe und Finanzen, um die Stabilit&#228;t des Finanzsystems zu erh&#246;hen; (3.) „verst&#228;rkter Einsatz des privaten Sektors im Bereich der Finanzierung und Durchf&#252;hrung von Dienstleistungen“; (4.) Einwirken auf nationalstaatliche Regierungen, gegen verst&#228;rkten Druck in Richtung Protektionismus einzustehen und ein „offenes internationales Handels- und Finanzsystem aufrecht zu erhalten“; (5.) beschleunigter Abschluss der Doha-Verhandlungen; und (6.) &#220;bernahme einer „Schl&#252;sselposition“ durch Weltbank und IWF in der &#220;berbr&#252;ckung finanzieller Engp&#228;sse, die Entwicklungsl&#228;nder durch den R&#252;ckgang privater Kapitalfl&#252;sse zu erleiden haben. Dies wird verbunden mit dem Aufruf, den beiden Institutionen „den Auftrag, die Ressourcen und die notwendigen Instrumente zu verleihen, um eine effektive Reaktion auf die globale Krise zu unterst&#252;tzen“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a>. Einige Tage vor dem Gipfeltreffen in London wiederholte Robert Zoellick, Pr&#228;sident der Weltbank, diese Ideen und schlug eine Strategie zur Wiederbelebung multilateraler Abkommen vor, konkret „ein WTO-basiertes Monitoring-System“, das die Doha-Verhandlungen komplettieren soll; eine &#220;berwachungsrolle des IWF zur Bewertung von Konjunkturpaketen; und eine „Revision des Finanzregulierungs- und -aufsichtssystems“, in der nationalen Regierungen die Autorit&#228;t im Rahmen eines erweiterten Finanzstabilit&#228;tsforums &#252;bertragen wird, wobei letzteres „mit dem IWF und der Weltbankgruppe“ zusammen arbeiten soll.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Auch das vom IWF im Februar 2009 herausgegebene Papier <em>Initial Lessons of the Crisis for the Global Architecture and the IMF</em> sieht die Krise als „einmalige Gelegenheit […] Fortschritte in scheinbar unl&#246;sbaren Fragen zu erreichen.“ Diese Gelegenheit gilt es laut IWF zu nutzen. Zwar wird eingestanden, dass „die Krise Schw&#228;chen an zentralen Punkten der Finanzarchitektur offengelegt hat“, die Quintessenz lautet jedoch, die alten Prinzipien und Politikvorschl&#228;ge wieder und wieder neu aufzuw&#228;rmen. Der IWF fordert (1.) &#220;berwachungsmechanismen, die schon nach der Asienkrise 1997 und dem Platzen der dot-com-Blase 2001 Schw&#228;chen und Risiken fr&#252;hzeitig aufsp&#252;ren h&#228;tten sollen; (2.) eine St&#228;rkung ihrer eigenen Institution und das Mandat, „F&#252;hrung zu &#252;bernehmen, wo es um die systemischen Aspekte der Weltwirtschaft geht“; (3.) Regeln f&#252;r grenz&#252;berschreitende Finanztransaktionen und (4.) ausreichende und jederzeit verf&#252;gbare Ressourcen „zum Ausgleich von Liquidit&#228;tsengp&#228;ssen und zur Abschw&#228;chung von W&#228;hrungsschwankungen“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a>.<br />
In Summe kann festgehalten werden, dass trotz der verheerenden Folgen und dem gewaltigen Ausma&#223; der Krise die Institutionen der <em>Global Governance</em> an den Grundpfeilern des Neoliberalismus festhalten. Ihr Ziel ist es nicht, die Doktrin des freien Marktes aufzugeben, sondern sie in st&#228;rkere und bessere Institutionen einzubetten und dadurch noch weiter zu treiben. Doch dies l&#228;sst die Frage offen: st&#228;rkere und bessere Institutionen <em>f&#252;r wen?</em> Ihre Antwort ist eindeutig: f&#252;r den Markt, nicht f&#252;r die Menschen.</p>
<p><strong>Autorit&#228;rer Liberalismus in Asien</strong><br />
Die Best&#228;rkung des Neoliberalismus im Moment seiner eigenen Krise durch internationale Organisationen kennt man auch aus Asien. Anders, als es der beliebte Begriff der „Entwicklungsstaaten“ nahe legt, wurde in Ost- und S&#252;dostasien, seitdem die Region in die Kreisl&#228;ufe der neoliberalen Globalisierung eingebunden ist, eine spezifische Staatsform institutionalisiert. Diese kann als „autorit&#228;rer Liberalismus“ bezeichnet werden: eine liberale Marktwirtschaft, die in ein autorit&#228;res politisches Institutionengef&#252;ge eingebettet ist. Dieses Gef&#252;ge stellt den Rahmen dar, in dem die Region auf die globale Krise reagiert. Erfahrungen, die w&#228;hrend der Asienkrise 1997 und nach den Anschl&#228;gen vom 11. September 2001 gemacht wurden, und die Reaktionen auf die Krise seitens der Asiatischen Entwicklungsbank (AsEB) sowie der ASEAN (Association of Southeast Asian Nations) k&#246;nnen herangezogen werden, um m&#246;gliche – und wahrscheinliche – Auswirkungen der gegenw&#228;rtigen Krise besser zu verstehen.<br />
Die zwei prominentesten Thesen des politik- und wirtschaftswissenschaftlichen Mainstreams k&#246;nnen die gegenw&#228;rtige politische &#214;konomie Ost- und S&#252;dostasiens nur unzureichend erkl&#228;ren. Das erste, modernisierungstheoretische Argument besagt, dass &#246;konomische Globalisierung notwendigerweise die Ausbreitung liberaler Demokratien mit sich bringt; die zweite These, jene des „Demokratischen Friedens“, behauptet, dass zwischen demokratischen Staaten keine Kriege stattfinden. Die Restrukturierung der Staaten in Ost- und S&#252;dostasien als Prozess in Richtung eines autorit&#228;ren Liberalismus zu begreifen, kann dagegen eine tragf&#228;higere „Lesart“ dieser Entwicklung anbieten. Ein Blick auf die beiden gro&#223;en Krisen, die Asien in den letzten Jahrzehnten heimgesucht haben – die Asienkrise 1997 und die Anschl&#228;ge vom 11. September 2001 – zeigt, dass und wie Krisen funktional f&#252;r die Institutionalisierung des autorit&#228;ren Liberalismus waren.</p>
<p><strong>„Demokratische Momente“?</strong><br />
Der Umst&#252;rze zweier Milit&#228;rdiktaturen – der von Ferdinand Marcos auf den Philippinen 1986 und jener Suhartos in Indonesien 1998 – wurden oft als „demokratische Momente“ wahrgenommen, die den Fortschritt des Demokratisierungsprozesses in der ganzen Region anzeigen sollten. Der dominante Diskurs sowohl in den Sozialwissenschaften als auch unter PolitikerInnen prophezeite zu jener Zeit, dass die Liberalisierung der Wirtschaft die Entwicklung liberaler und demokratischer Regierungsformen antreiben w&#252;rde. Ebenso wurde behauptet, dass die Befreiung einer mit neuem Selbstvertrauen ausgestatteten, progressiven Mittelschicht von autorit&#228;ren Regimen ein funktionales Erfordernis f&#252;r florierende M&#228;rkte sei. Heute klingen solche Behauptungen hohl. In theoretischer Hinsicht waren die Modelle, die vom Mainstream der „&#220;bergangsdebatte“ angeboten wurden, schon immer wenig &#252;berzeugend. Sie entleerten den Begriff der Demokratie von jeder gesellschaftlichen Bedeutung im Sinne popularer Macht und reduzierten ihn auf formale und prozedurale Kriterien, symbolisiert v.a. durch das Abhalten von Wahlen und die „Effektivit&#228;t“ politischer Institutionen. Die Prinzipien und damit verbundenen Praktiken der Souver&#228;nit&#228;t des Volkes, etwa die Verantwortung und Rechenschaftspflicht der Regierungen, die M&#246;glichkeit der freien politischen Meinungs&#228;u&#223;erung oder Partizipationsm&#246;glichkeiten f&#252;r B&#252;rgerInnen, kamen in den Forschungsprogrammen praktisch nicht vor. Der empirische Befund legt f&#252;r Asien jedoch eine deutlich andere Diagnose nahe, als es der dominante Diskurs suggeriert. Er verweist auf die Begrenztheit der Rechenschaftspflicht der Regierungen, die Beschr&#228;nkung politischer und ziviler Rechte, die Einschr&#228;nkung der Vereinigungsfreiheit sowie auf unfreie und unfaire Wahlen. Tats&#228;chlich bringen neoliberale Globalisierung und die damit verbundene krisenanf&#228;llige Wirtschaftsordnung nicht den Triumph der liberalen Demokratie mit sich, sondern ihren Untergang. Wenn die vergangenen zwei Jahrzehnte uns etwas &#252;ber das Verh&#228;ltnis von Demokratie und polit&#246;konomischer Ordnung gelehrt haben, dann dass die Marktwirtschaft auch ohne Demokratie wachsen und gedeihen kann.15 Die Eliten Asiens werden nicht notwendigerweise zu Kr&#228;ften des politischen Liberalismus und der Demokratie; wenn es ihren Interessen dient, k&#246;nnen sie auch offen antiliberale und antidemokratische Haltungen annehmen.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a></p>
<p><strong>Asienkrise 1997</strong><br />
Die Asienkrise von 1997 beschleunigte einen Prozess der Reorganisation staatlicher Autorit&#228;ten in Ost- und S&#252;dostasien, der schon lange zuvor in Gang gesetzt worden war. Zentral f&#252;r diese neuen polit-&#246;konomischen Formen war „das Entstehen eines neuen regulierenden Staates, der direkt auf die Herstellung &#246;konomischer und gesellschaftlicher Ordnung innerhalb der globalisierten Wirtschaft abzielt“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a>. Das dahinterstehende Prinzip war klar: Durch die Einsetzung neuer Regelwerke versuchte der Staat, eine Reihe wichtiger &#246;konomischer Institutionen vom Einfluss demokratischer Willensbildung abzuschotten, um dadurch die Marktordnung zu sch&#252;tzen. Das Ergebnis ist die Verschmelzung autorit&#228;rer Politikformen mit regelbasierten <em>Governance</em>-Strukturen in unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Feldern.<br />
Ein Blick zur&#252;ck auf die Erfahrungen von 1997 zeigt, dass die politischen Strategien und Ma&#223;nahmen, die in Reaktion auf die Asienkrise durchgef&#252;hrt wurden, auf Kosten der Demokratisierung, der Menschenrechte und letztlich der armen Bev&#246;lkerung gingen. Erstens bot die Krise den Eliten in Asien den politischen, wirtschaftlichen und intellektuellen Vorwand f&#252;r autorit&#228;re Ma&#223;nahmen – rhetorisch verpackt als „asiatische Werte“ – etwa in Malaysia, Singapur, China und Thailand. Diese Eliten waren die selben, die behauptet hatten, das System der europ&#228;ischen Wohlfahrtsstaaten w&#252;rde nicht zu den asiatischen Gegebenheiten passen. Zweitens wurden durch die Krise Menschenrechtsthemen an den Rand gedr&#228;ngt, B&#252;rgerrechte im Namen der inneren Sicherheit (z.B. in Malaysia und Singapur) und soziale Rechte zu Sparzwecken eingeschr&#228;nkt (z.B. in Indonesien, Thailand und auf den Philippinen). Und drittens zielten die politischen Reaktionen auf die Krise darauf ab, M&#228;rkte und Unternehmen zu retten. So wurde am zweiten Asien-Europa-Treffen (ASEM-2), das 1998 in London stattfand, der <em>ASEM Trust Fund</em> eingerichtet, der aus Mangel an politischem Willen ohne angemessene institutionelle Mechanismen ausgestattet wurde und deshalb das Ziel, die Armen und ArbeiterInnen als die am st&#228;rksten von der Krise Betroffenen zu unterst&#252;tzen, verfehlen musste. Kurz gesagt zeigte sich, dass in Zeiten der Krise die M&#246;glichkeit besteht, Demokratisierungsprozesse hintan zu stellen, Menschenrechte zu ignorieren und die arme Bev&#246;lkerung zu vernachl&#228;ssigen.</p>
<p><strong>Der Sicherheitskomplex Asien nach 9/11</strong><br />
Auch die Krise in Folge der Anschl&#228;ge vom 11. September 2001 konnte nicht am autorit&#228;ren Liberalismus in Asien r&#252;tteln. Im Gegenteil bot der US-gef&#252;hrte „Krieg gegen den Terror“ asiatischen Regierungen die Gelegenheit, staatliche &#220;berwachungs- und Internierungspolitiken auszubauen. Staaten in Asien mit semiautorit&#228;ren Regimen wurden zu strategisch wichtigen Einsatzpunkten im Kampf gegen den Terrorismus. Die Menschenrechtssituation hat sich in der Region seit 9/11 drastisch verschlechtert, wobei eine Reihe von F&#228;llen – von Morden an MenschenrechtsaktivistInnen und JournalistInnen auf den Philippinen bis zu Angriffen auf M&#246;nche und deren SympathisantInnen in Burma – Schlagzeilen machte.<br />
Das Post-9/11-Asien ist also eine Art Sicherheitskomplex, der aus verschiedenen autorit&#228;ren Systemen zusammengesetzt ist.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Die Stabilit&#228;t der Region scheint eher auf einer „friedlichen Koexistenz der Autoritarismen“ und einer Politik der wechselseitigen Nichteinmischung zu beruhen statt auf einem „demokratischen Frieden“. Wir beobachten eine Wiederauferstehung oder Versch&#228;rfung des Autoritarismus: Semiautorit&#228;re Regime in Malaysia und Singapur; eine Milit&#228;rregierung in Burma/Myanmar; die prominente Rolle von Milit&#228;r und Monarchie in Thailand; Ein-Parteien-Systeme in China, Laos, Kambodscha und Vietnam; eine Kultur der Straffreiheit und anhaltende Militarisierung in den indonesischen Regionen Aceh und Papua; und eine f&#252;r<br />
autorit&#228;re Vorschl&#228;ge zumindest empf&#228;ngliche philippinische Regierung.</p>
<p><strong>Die <em>Asian Development Bank</em> (ADB) und ASEAN</strong><br />
Die ADB reagierte auf die Krise und die damit verbundenen Fiskalprobleme ihrer Mitgliedsstaaten im Zeitraum 2009-2010 mit Hilfestellungen im Wert von 32 Milliarden USDollar.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> F&#252;r die ADB ist das <em>banking as usual</em> – es handelt sich um Kredite mit einer Laufzeit von zwischen f&#252;nf und 15 Jahren, vergeben an „bed&#252;rftige“ asiatische Staaten, mit fixen oder flexiblen Zinss&#228;tzen, die von der <em>London Interbank Offered Rate</em> (LIBOR) festgelegt werden.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Das Vorgehen ist typisch f&#252;r die Ziele und Priorit&#228;ten der ADB: 44 Prozent der Kredite flie&#223;en in Programme, die das Wirtschaftswachstum stimulieren und das Vertrauen des privatwirtschaftlichen Sektors wieder herstellen sollen; 35 Prozent sind f&#252;r Strukturreformen im Rahmen der <em>„Countercyclical Support Facility“</em> vorgesehen, die das Investmentklima verbessern sollen; 12 Prozent f&#252;r Handelserleichterungen, um den Privatsektor zu entlasten; aber nur sechs Prozent f&#252;r Infrastrukturma&#223;nahmen und mickrige 3 Prozent f&#252;r soziale Sicherung.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Selbstverst&#228;ndlich m&#252;ssen die Schuldnerstaaten – sprich: die Bev&#246;lkerungen und SteuerzahlerInnen – f&#252;r die R&#252;ckzahlung der Kredite einstehen, &#252;bernehmen alle damit verbundenen Risiken und k&#246;nnen somit selbst dann haftbar gemacht werden, wenn die Privatwirtschaft gegen die Wand f&#228;hrt und f&#252;r die Krise verantwortlich ist.<br />
Einen Monat vor dem G-20-Gipfel in London traten die Staats- und Regierungschefs der ASEAN in Chaam Hua Hin, Thailand, zu ihrem 14. Treffen zusammen und diskutierten, welche Punkte Indonesien (als einziges G-20-Mitglied) auf die Tagesordnung der G-20 setzen sollte. In ihrer Abschlusserkl&#228;rung &#252;bernehmen sie die Argumente – und teilweise die wortw&#246;rtlichen Formulierungen – die zuvor von Weltbank, IWF und ADB in ihren jeweiligen Statements ausgearbeitet worden waren. Sie entspricht v&#246;llig dem bisherigen Bekenntnis der ASEAN zu den neoliberalen Idealen von Freihandel, Wettbewerbsf&#228;higkeit und offenen M&#228;rkten, die w&#228;hrend der letzten Dekade institutionalisiert worden waren und in den kommenden Jahren wohl weiter verfolgt werden. Mit der Annahme der ASEAN-Charter verpflichteten sich die Mitgliedsstaaten Ende 2008 zu einer verst&#228;rkten asiatischen Integration, die nach dem Vorbild der EU die Schaffung eines gemeinsamen Binnenmarktes und eines gemeinsamen Wirtschaftsraums bis 2015 vorsieht.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Anstatt angesichts der gegenw&#228;rtigen Krise den Versprechen des Freihandels etwas mehr Misstrauen entgegen zu bringen, schloss die ASEAN dar&#252;ber hinaus zwischen Februar und August 2009 fast jeden Monat ein Investitionsund Freihandelsabkommen im asiatisch-pazifischen Raum (Australien und Neuseeland), im Osten (S&#252;dkorea und China) und im S&#252;den (Indien) Asiens ab.</p>
<p><strong>Das Projekt ASEAN 2015</strong><br />
Die gegenw&#228;rtigen Reaktionen der ost- und s&#252;dostasiatischen Staaten auf die globale Krise zeigen deutlich, dass es keine Zur&#252;cknahme des autorit&#228;ren Liberalismus gibt. Sowohl die milliardenschweren Konjunkturpakete als auch die riesigen ADB-Kredite zielen eindeutig auf die Wiederherstellung von Wirtschaftswachstum, die Unterst&#252;tzung der Privatwirtschaft und eine offene, freie Marktwirtschaft ab, und ignorieren weitgehend die soziale Absicherung der Armen.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Hinzu kommt, dass in der gegenw&#228;rtigen, instabilen polit-&#246;konomischen Situation das Risiko besteht, dass die Dollar-Milliarden enorme Budgetdefizite nach sich ziehen und dadurch eine weitere Schuldenkrise ausgel&#246;st wird.<br />
Tats&#228;chlich wurde erst im Kontext dreier aufeinander folgender &#246;konomischer Krisen w&#228;hrend der letzten zehn Jahre das ehrgeizige Projekt eines gemeinsamen ASEAN-Marktes durchgesetzt. Mit diesem haben sich die zehn Mitgliedsl&#228;nder kategorisch auf die Vertiefung von Freihandel, Wettbewerbsorientierung und eine offene Marktwirtschaft – also die Fortf&#252;hrung des neoliberalen Kurses – festgelegt. Jedoch existiert diese Festlegung zun&#228;chst nur auf dem Papier. Die Umsetzung geschieht auf Ebene der einzelnen Nationalstaaten, und die Durchf&#252;hrbarkeit der Vision eines gemeinsamen Marktes bis 2015 ger&#228;t durchaus mit der Realpolitik asiatischer Eliten in Konflikt – denn es sind deren Interessen, keine Ideologien, die letztlich z&#228;hlen. Die Eliten Asiens k&#246;nnen zutiefst anti-marktwirtschaftlich und wettbewerbshemmend agieren, wenn dies ihren Interessen entspricht.</p>
<p><strong>Fazit</strong><br />
Die globale Krise ist nicht die einzige Ursache f&#252;r die anti-demokratischen Tendenzen, die wir identifiziert haben, aber sie hat den schon l&#228;nger existierenden diskursiven und institutionellen Angriff auf die Demokratie versch&#228;rft und beschleunigt. Die hegemonialen neoliberalen AkteurInnen haben die Krise als Chance wahrgenommen, diese zu ihrem Vorteil zu nutzen und neoliberale Politiken zu erneuern und zu st&#228;rken. W&#228;hrend Weltbank, IWF und ihre G-20-Verb&#252;ndeten von Reformen sprechen, l&#228;uft ihre Strategie auf eine Restrukturierung der gesellschaftlichen Klassenverh&#228;ltnisse hinaus, welche die Hegemonie des Kapitals und die Macht der Eliten sichern, Entwicklungsstrategien (von Staaten wie von internationalen Organisationen) in Richtung Marktorientierung festschreiben und das Institutionengef&#252;ge in Staat und Gesellschaft entsprechend der Logiken, Anforderungen und Imperative des Neoliberalismus umgestalten soll. Die grundlegenden Regeln und Werte der politischen &#214;konomie sollen den Marktkr&#228;ften unterworfen werden, nicht der Demokratie.<br />
Die Staaten Ost- und S&#252;dostasiens reagieren auf die Krise im Rahmen eines polit-&#246;konomischen Regimes, das wir als autorit&#228;ren Liberalismus bezeichnen. Die Erfahrungen aus den Krisen von 1997 und nach dem 11. September 2001 sind eindeutig; die <em>banking as usual</em>-Politik der ADB bevorzugt weiterhin den privatwirtschaftlichen Sektor; und das ASEAN-2015-Projekt eines gemeinsamen Binnenmarkts verweist auf die weitere Verankerung des autorit&#228;ren Liberalismus als Staatsform im Prozess der neoliberalen Reproduktion der R&#228;ume des Kapitalismus in Zeiten der multiplen Krise.<br />
Eine dritte Tendenz<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> ist das Erstarken des Nationalismus in den USA und Europa. Das reicht von protektionistischer Wirtschaftspolitik bis zu Rassismus, Islamophobie, (neo-) kolonialistischen Entwicklungsstrategien und einer restriktiven, ausgrenzenden Migrationspolitik. Diese Praxen sind ausschlie&#223;end und grundlegend undemokratisch.<br />
Diese Krise zeigt deutlich die Schwachstellen des globalen Kapitalismus im Allgemeinen und des Neoliberalismus im Speziellen. Doch in einer Situation, in der die politische und &#246;konomische Machtkonstellation weiterhin die hegemonialen Akteure und Strukturen massiv bevorzugt, bef&#246;rdert der „zeit-r&#228;umliche fix“<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> der gegenw&#228;rtigen globalen Krise die Reproduktion des Neoliberalismus und anti-demokratische Projekte. Die sich versch&#228;rfenden Angriffe auf die Demokratie zeigen, wo, warum und wie Widerstand geleistet und K&#228;mpfe gef&#252;hrt werden k&#246;nnen und sollen.</p>
<p><em>Bonn Juego</em> hat Politikwissenschaft auf den Philippinen und in Malaysia studiert und ist aktuell PhD Fellow an der Universit&#228;t Aalborg.</p>
<p><em>Johannes Dragsbaek Schmidt</em> ist au&#223;erordentlicher Professor an der Universit&#228;t Aalborg. Zuletzt hat er auf Deutsch ver&#246;ffentlicht: Finanzkrise, Sozialkrise und ungleiche Entwicklung in S&#252;dkorea und Thailand, in: K&#252;blb&#246;ck, Karin/Staritz, Cornelia (Hg.): Asienkrise: Lektionen gelernt? Finanzm&#228;rkte und Entwicklung, Hamburg 2008, S. 143-158</p>
<p>&#220;bersetzung: <em>Benjamin Opratko</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Wenn die Analyseebene „von unten“ gew&#228;hlt – d. h. auf Zivilgesellschaft und soziale Bewegungen fokussiert – wird, l&#228;sst sich nat&#252;rlich argumentieren, dass die blo&#223;e Tatsache, dass Oppositionspolitik und Widerstand existiert, als Anzeichen f&#252;r Demokratisierung gewertet werden kann.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Anm. d. Red.:In einer l&#228;ngeren Version dieses Artikels gehen die Autoren auf eine dritte globale Tendenz ein, die sie in diesem Zusammenhang f&#252;r wichtig halten: das Erstarken von Nationalismus, Rassismus und (neo-)kolonialen Entwicklungsstrategien in Europa und den USA. Aus Platzgr&#252;nden kann dieser Aspekt hier nicht n&#228;her behandelt werden, eine ausf&#252;hrliche Auseinandersetzung damit l&#228;sst sich aber in der Originalversion nachlesen: Juego, Bonn/Schmidt, Johannes Dragsbaek: The Global Crisis and the Assault on Democracy. Paper presented at the Conference ‘After the Gold Rush: Economic Crisis and Consequences’, University of Iceland, Reykjavik, unter: http://vbn.aau.dk/files/32589147/Juego&#038;Schmidt%20(2010),%20The%20Global%20Crisis%20and%20the%20Assault%20<br />
on%20Democracy.pdf<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Harvey, David: Kleine Geschichte des Neoliberalismus, Z&#252;rich 2007<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Zwar ist die neoliberale Form des Kapitalismus gestorben (d.h. der Marktfundamentalismus oder das Fehlen direkter staatlicher Intervention in den Markt), aber nicht der Kapitalismus als Prozess der Kapitalakkumulation und als Verh&#228;ltnis, in dem Arbeit unter Kapital subsumiert wird. (vgl. Juego, Bonn/Schmidt, Johannes Dragsbaek: Unpacking the Global Crisis: Neo-liberalism, Financial Crises, and Authoritarian Liberalism, Paper presented at the Sixth Historical Materialism Conference: ‚Another World is Necessary: Crisis, Struggle and Political Alternatives’, London, 2009).<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Polanyi, Karl: The Great Transformation. Politische und &#246;konomische Urspr&#252;nge von Gesellschaften und Wirtschaftssystem, Frankfurt/M. 1978; vgl. Bugra Ayse/Agartan, Kaan (Hg.): Market Economy as a Political Project: Reading Karl Polanyi for the 21st Century, Basingstoke 2007<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Cammack, Paul: The Evolving Agenda of „Poverty Reduction“: from Structural Adjustment to Universal Competitiveness, Paper presented at the ISA Annual Convention, New York 2009, unter: http://www.allacademic.<br />
com//meta/p_mla_apa_research_citation/3/1/0/3/7/pages310370/p310370-1.php<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Bruno, Michael: Deep Crises and Reform: What Have We Learned?, Washington D.C. 1996, S. 4; vgl. auch Klein, Naomi: Die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus, Frankfurt 2007<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Bello, Walden: All Fall Down, unter: http://www.fpif.org/articles/all_fall_down<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> G-20: Communiqué, Meeting of Finance Ministers and Central Bank Governors, 7 (2009), Abschnitt 5<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Cammack, Paul: The Governance of Global Capitalism, in: Historical Materialism 11(2) 2003, S. 37–59; ders.: „All Power to Global Capital!“, Papers in the Politics of Global Competitiveness 10, Institute for Global Studies, Manchester Metropolitan University, unter: http://e-space.openrepository.com/e-space/bitstream/2173/6190/3/The%20Politics%20of%20Global%20Competitiveness.pdf<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> vgl. World Bank: Global Monitoring Report 2009: A Development Emergency, Washington 2009<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> ebd., S. xii<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Zoellick, Robert: Seizing Opportunity from Crisis; Making Multilateralism Work, The World Bank, 31 March 2009, unter: http://web.worldbank.org/WBSITE/EXTERNAL/NEWS/0,,contentMDK:22121476~pagePK:34370~piPK:42770~theSitePK:4607,00.html<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> IMF: Initial Lessons of the Crisis for the Global Architecture and the IMF, Washington 2009, S. 13<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Juego, Bonn: Constitutionalizing „Authoritarian Liberalism“ in the Philippines: A Critique of the Political Economy of Charter Change, in: Global Development Studies Research Series, 1 (2008), unter: http://vbn.aau.dk/files/14000082/1_GDS_wp.pdf<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Rodan, Gary/Hewiso, Kevin/Robison, Richard (Hg.): Political Economy of South-East Asia: Markets, Power and Contestation, Sydney 2006<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Jayasuriya, Kanishka: Beyond Institutional Fetishism: From the Developmental to the Regulatory State, in: New Political Economy, 10(2005), S. 381–387; vgl. ders.: Authoritarian Liberalism, Governance<br />
and the Emergence of the Regulatory State in Post-Crisis East Asia, in: Robison, Richard et al. (Hg.): Politics and Markets in the Wake of the Asian Crisis, London 2000, S. 315-329 sowie ders.: Governance, Post Washington Consensus and the New Anti Politics, in: Working Papers Series No. 2 Southeast Asia Research Centre, City University of Hong Kong 2001, unter: http://www6.cityu.edu.hk/searc/Data/FileUpload/189/WP2_01_Jayasuriya.pdf<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Juego, Bonn: Securitization against Democratization: War on Terrorism, Authoritarian Liberalism, and Neoliberalism in Post-9/11 Southeast Asia, in: Brockmann, Katrin/Hauck, Hand Bastian/Reigeluth, Stuart (Hg.): From Conflict to Regional Stability: Linking Security and Development, Berlin 2008, S. 71–81<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> ADB: ADB’s Response to the Global Economic Crisis: An Update, 2009<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> vgl. ADB: ADB Financial Products, 2008<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> ADB 2009, a.a.O.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> ebd.; ASEAN: Annual Report 2008-2009: Implementing the Roadmap for an ASEAN Community 2015, Jakarta 2009<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> vgl. ASEAN: Economic Stimulus: Thailand, Malaysia spend billions to boost economy, ASEANAffairs.com 2008; ADB 2009, a.a.O.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> siehe Fu&#223;note 2<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Anm. d. &#220;bers.: Der marxistische Wirtschaftsgeograph David Harvey bezeichnet als „raum-zeitlichen fix“ Strategien, in denen &#252;berakkumuliertes Kapital dem Kapitalkreislauf entzogen wird, indem es an bestimmten Orten investiert und dadurch auf bestimmte Zeit gebunden („fixiert“) wird. Solche „fixes“ k&#246;nnen als tempor&#228;re L&#246;sung von durch &#220;berakkumulation verursachten Krisen dienen, (engl. „to fix“ kann auch „reparieren“ hei&#223;en), schieben diese aber zugleich immer nur zeitlich hinaus (vgl. Harvey, David: Der neue Imperialismus, Hamburg 2005; sowie die Einleitung der &#220;bersetzerInnen in Silver, Beverly: Forces of Labor. Arbeiterbewegungen und Globalisierung seit 1870, Berlin 2005).</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2010/11/01/die-globale-krise-und-der-angriff-auf-die-demokratie/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>RELEASE-Veranstaltung P12: &#8220;Die FP&#214; – Nutznie&#223;erin der Krise?&#8221;</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/10/20/release-veranstaltung-p12-die-fpoe-nutzniesserin-der-krise/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2010/10/20/release-veranstaltung-p12-die-fpoe-nutzniesserin-der-krise/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 20 Oct 2010 19:03:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Termine]]></category>
		<category><![CDATA[FPÖ]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsextremismus]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=1638</guid>
		<description><![CDATA[HipHop Einlagen, Discobesuche, HC-Comics – die rechtsextreme FP&#214; l&#228;sst nach der Schlappe rund um die Bundespr&#228;sidentInnenwahl im Fr&#252;hjahr nichts unversucht, sich das Image einer jungen, modernen und sozialen „Heimatpartei“ zu geben. Dabei geht es ihr darum, die allgemeine Verunsicherung in Krisenzeiten f&#252;r sich auszunutzen und &#252;ber ihr deutschnationales Stammpublikum hinaus eine neue Massenbasis zu erlangen. Dass dabei soziale Themen und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>HipHop Einlagen, Discobesuche, HC-Comics – die rechtsextreme FP&#214; l&#228;sst nach der Schlappe rund um die Bundespr&#228;sidentInnenwahl im Fr&#252;hjahr nichts unversucht, sich das Image einer jungen, modernen und sozialen „Heimatpartei“ zu geben. <span id="more-1638"></span>Dabei geht es ihr darum, die allgemeine Verunsicherung in Krisenzeiten f&#252;r sich auszunutzen und &#252;ber ihr deutschnationales Stammpublikum hinaus eine neue Massenbasis zu erlangen. Dass dabei soziale Themen und Krisen&#228;ngste der Bev&#246;lkerung mit Nationalismus, (Kultur-)Rassismus und rassistisch konnotierten Sicherheitsdiskursen verbunden werden, ist typisch f&#252;r die Politik der FP&#214;. Wie die Vergangenheit zeigt, ist der Versuch, zur Gro&#223;partei aufzusteigen, allerdings auch von Widerspr&#252;chlichkeiten gepr&#228;gt: das Image einer modernen Rechtspartei st&#246;&#223;t sich mit ihrer Funktion als Kristallisationspunkt der extremen Rechten; die Selbstdarstellung als Partei der Lohnabh&#228;ngigen mit der neoliberalen Politik des eigenen wirtschaftsliberalen Fl&#252;gels.</p>
<p>Auf welche Strategien greift die FP&#214; in Zeiten der Krise zur&#252;ck? Wie wirken sich ihre internen Widerspr&#252;che in taktischen Man&#246;vern aus? Und welche Herausforderungen ergeben sich f&#252;r die Linke angesichts einer in der Krise erstarkenden FP&#214;?</p>
<p>Wann: Mittwoch, 03. November 2010, 19Uhr<br />
Wo: Aula der Akademie der Bildenden K&#252;nste, Schillerplatz 3, 1010 Wien</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2010/10/20/release-veranstaltung-p12-die-fpoe-nutzniesserin-der-krise/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Out Now: Perspektiven Nr.12</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/10/20/out-now-perspektiven-nr-12/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2010/10/20/out-now-perspektiven-nr-12/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 20 Oct 2010 18:53:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Union]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Krisentheorie]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Lateinamerika]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Osteuropa]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsextremismus]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=1627</guid>
		<description><![CDATA[Perspektiven Nr.12 ist erschienen – Schwerpunkt: &#8220;Autorit&#228;re Antworten auf die Krise&#8221;


Der Inhalt in Kurzform:
Im Schwerpunkt:
Nicolas Schlitz und Felix Wiegand: Die FP&#214;. Nutznie&#223;erin der Krise? – Bonn Juego und Johannes Dragsbaek Schmidt: Die globale Krise und der Angriff auf die Demokratie – Interview zur Situation in Osteuropa: Im Osten nichts Neues – Hanna Lichtenberger, Veronika Duma und Tobias Boos: Hinter dem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3><em>Perspektiven</em> Nr.12 ist erschienen – Schwerpunkt: &#8220;Autorit&#228;re Antworten auf die Krise&#8221;</h3>
<p><span id="more-1627"></span><br />
<a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2010/10/p12end.jpg"><img class="aligncenter size-medium wp-image-1617" title="p12end" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2010/10/p12end-211x300.jpg" alt="" width="211" height="300" /></a><br />
<strong>Der Inhalt in Kurzform</strong>:</p>
<p>Im Schwerpunkt:<br />
<a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/10/15/die-fpoe-nutzniesserin-der-krise/">Nicolas Schlitz und Felix Wiegand: Die FP&#214;. Nutznie&#223;erin der Krise?</a> – Bonn Juego und Johannes Dragsbaek Schmidt: Die globale Krise und der Angriff auf die Demokratie – Interview zur Situation in Osteuropa: Im Osten nichts Neues – Hanna Lichtenberger, Veronika Duma und Tobias Boos: Hinter dem Faschismus steht…?</p>
<p>Au&#223;erhalb des Schwerpunkts:<br />
Peter Hallward: Haiti. Von der Flut zum Beben – Paul Pop: Zehn Filme, die man vor der Revolution gesehen haben muss – Philipp Probst: Vom Aufstieg und Fall der Profitrate – Rezensionen und Rosinenpicken</p>
<p>Jetzt <a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/10/15/editorial-10/">Editorial</a> lesen! <a href="http://www.perspektiven-online.at/ausgaben/perspektiven-nr-12/">Perspektiven Nr. 12</a> bestellen! <a href="http://www.perspektiven-online.at/abo/">Abo </a>holen!</p>
<p>Wir w&#252;nschen interessante Lekt&#252;re, W&#252;nsche, Anregungen und Kritik sind wie immer herzlich willkommen und ausdr&#252;cklich erw&#252;nscht, am einfachsten per Mail an <a href="redaktion@perspektiven-online.at">redaktion@perspektiven-online.a</a>t !</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2010/10/20/out-now-perspektiven-nr-12/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die FP&#214; – Nutznie&#223;erin der Krise?</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/10/15/die-fpoe-nutzniesserin-der-krise/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2010/10/15/die-fpoe-nutzniesserin-der-krise/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 15 Oct 2010 13:02:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[FPÖ]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsextremismus]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=1610</guid>
		<description><![CDATA[Wie agiert die rechtsextreme FP&#214; in der Krise? Gelingt es ihr, als Soziale Heimatpartei zu punkten? Nico Schlitz und Felix Wiegand analysieren die Krisenantworten des Dritten Lagers und zeigen auf, mit welchen internen Widerspr&#252;chen die FP&#214; auf dem Weg zur Gro&#223;partei zu k&#228;mpfen hat.

Die (Erfolgs-)Geschichte der rechtsextremen FP&#214; beruht ganz wesentlich auf dem Faktor „Krise“. Zu diesem Fazit gelangten wir [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wie agiert die rechtsextreme FP&#214; in der Krise? Gelingt es ihr, als Soziale Heimatpartei zu punkten? <em>Nico Schlitz</em> und <em>Felix Wiegand</em> analysieren die Krisenantworten des Dritten Lagers und zeigen auf, mit welchen internen Widerspr&#252;chen die FP&#214; auf dem Weg zur Gro&#223;partei zu k&#228;mpfen hat.<br />
<span id="more-1610"></span><br />
Die (Erfolgs-)Geschichte der rechtsextremen FP&#214; beruht ganz wesentlich auf dem Faktor „Krise“. Zu diesem Fazit gelangten wir im Artikel „FP&#214;: Rechts extrem erfolgreich“ in Perspektiven Nr. 8. Hier versuchten wir, den Aufstieg der Partei in den 1990er Jahren unter J&#246;rg Haider sowie ihr Wiedererstarken ab 2005 unter Heinz-Christian Strache zu erkl&#228;ren.</em><a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Demnach schufen die vielf&#228;ltigen Krisen- und Umbruchprozesse, die mit dem Ende der fordistischen Periode Mitte der 1980er Jahre und der folgenden neoliberalen Wende verbunden waren und bis heute sind, die Bedingungen f&#252;r die Erfolge der FP&#214;. Dass sie auch tats&#228;chlich Nutznie&#223;erin dieser Bedingungen werden konnte, verdankt die Partei – neben dem Fehlen einer linken Alternative sowie der inhaltlichen und personellen Anbiederung der &#252;brigen politischen Akteure – einer Ver&#228;nderung der eigenen Strategie: Die FP&#214; konnte erst &#252;ber ihre b&#252;rgerlichen und b&#228;uerlichen Kernw&#228;hlerInnenschichten deutschnationaler Pr&#228;gung hinaus Anh&#228;ngerInnen gewinnen und zu einer Gro&#223;partei werden, indem sie sich als jugendlich-moderne, gegen das Establishment gerichtete Rechtspartei inszenierte. Dar&#252;ber hinaus richtete sie den Fokus ihrer Agitation auf jene, die von den Krisen- und Umbruchprozessen (potentiell) betroffen sind und durch die neoliberalisierte Sozialdemokratie nicht mehr repr&#228;sentiert werden. Zentrales Mittel war und ist dabei ein Populismus, der insofern als autorit&#228;r zu bezeichnen ist, als er zwar ideologisch an den Erfahrungen und Bed&#252;rfnissen breiter Bev&#246;lkerungsschichten ankn&#252;pft, aufgrund seiner undemokratischen Form und seines reaktion&#228;ren, insbesondere rassistischen Inhalts jedoch zur Stabilisierung der b&#252;rgerlichen Herrschaft beitr&#228;gt. </em><a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a><br />
Wie die Serie von Wahlniederlagen sowie die Verwerfungen innerhalb des Dritten Lagers zwischen 2002 und 2005 zeigen</em><a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a>, l&#228;sst der Versuch der FP&#214;, auf diese Art und Weise zur Gro&#223;partei zu werden, jedoch auch (neue) Widerspr&#252;che aufbrechen: etwa den zwischen der Inszenierung als moderner Rechtspartei und der Funktion als zentralem Kristallisationspunkt der extremen Rechten in &#214;sterreich mit entsprechend vielf&#228;ltigen &#220;berschneidungen zur burschenschaftlich-deutschnationalen und neonazistischen Szene. Oder den Widerspruch zwischen der Selbstdarstellung als Partei der Lohnabh&#228;ngigen und den Interessen des eigenen (wirtschafts-)liberalen Fl&#252;gels bzw. den neoliberalen Politiken der schwarz-blauen Regierung. Wenn wir im Folgenden analysieren, ob es Strache und KonsortInnen auch in den letzten eineinhalb Jahren gelungen ist, aus der Krise und ihren Folgen politisch Kapital zu schlagen, interessiert uns deshalb neben der Frage, wie die FP&#214; nach Au&#223;en agiert,  insbesondere, welche unterschiedlichen Positionen innerhalb der Partei existieren und ob sich erneut Widerspr&#252;che und Konflikte abzeichnen.</p>
<p><strong>Die FP&#214; als <em>Soziale Heimatpartei</em></strong><br />
Ein kurzer R&#252;ckblick auf die zweite H&#228;lfte von 2009 zeigt zun&#228;chst, dass die FP&#214; auch w&#228;hrend des (medialen) H&#246;hepunkts der Finanz- und Wirtschaftskrise in Europa ihrem bew&#228;hrten Kurs treu blieb. Sowohl im Vorfeld der Landtagswahlen in Vorarlberg und Ober&#246;sterreich im September als auch im Zuge erster Kampagnen f&#252;r die Wien-Wahl im Herbst/Winter 2009/10 setzte die Partei mit dem omnipr&#228;senten Strache und dem harmlos klingenden Namenszusatz <em>Soziale Heimatpartei</em></em><a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> voll auf die Inszenierung als junge und moderne Rechtspartei. Welche strategische Ausrichtung sich hinter dieser Fassade verbirgt, offenbaren Forderungen nach einem Elterngeld f&#252;r „heimische“ Familien (FP&#214; Vorarlberg) oder „Sozialleistungen nur f&#252;r Staatsb&#252;rger“ (FP&#214; Wien) sowie die best&#228;ndige Hetze gegen „Rekordzuwanderung“, „osteurop&#228;ische Bettelbanden“ und „Islamismus“</em><a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a>: die aus der Vergangenheit bekannte Verkn&#252;pfung von Krisenangst und sozialen Themen mit Nationalismus, (Kultur-)Rassismus und rassistisch konnotierten Sicherheitsdiskursen.<br />
Dass diese autorit&#228;r-populistische Strategie in Krisenzeiten insbesondere in Verbindung mit dem f&#252;r die FP&#214; seit den 1990er Jahren zentralen Motiv der EU¬¬¬¬-Kritik umfassende Agitationsm&#246;glichkeiten er&#246;ffnet, zeigt die FP&#214;-Kampagne f&#252;r die Europawahlen (Juni 2009). Neben unverhohlen rassistischen Schwerpunkten wie dem Kampf gegen einen m&#246;glichen EU-Beitritt der T&#252;rkei („Abendland in Christenhand“) machte die Partei die wirtschaftliche und soziale Krise aktiv zum Thema, indem sie z.B. die EU zum „Verursacher von Massenarbeitslosigkeit und Pleitenwellen“ erkl&#228;rte und das Versagen des „Neoliberalismus Marke Br&#252;ssel“ ausrief. Noch deutlicher wurde FP&#214;-Generalsekret&#228;r Herbert Kickl, der – im R&#252;ckgriff auf antisemitische Metaphorik – erkl&#228;rte, die EU verk&#246;rpere die „Problematik […], vor der wir stehen. Es ist ein Tanz um das goldene, neoliberale Kalb, und der h&#246;chste Wert, der dort herrscht, ist nicht die Freiheit, ist nicht die soziale Sicherheit der Bev&#246;lkerung, sondern das Gewinnstreben und die Profitgier von einigen wenigen Gro&#223;konzernen, die im Grunde genommen das Geschehen in dieser europ&#228;ischen Union bestimmen.“</em><a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Statt dieser „EU f&#252;r Konzerne“ propagierte die FP&#214; „Soziale W&#228;rme“ – im Sinne der <em>Sozialen </em>Heimat<em>parte</em>i aber selbstverst&#228;ndlich nur f&#252;r &#214;sterreicherInnen: Gefordert wurde etwa die „R&#252;ckf&#252;hrung von Gastarbeitslosen in ihre Heimatl&#228;nder“ sowie „[k]eine versteckte Zuwanderung durch die sog. ,Blue-Card‘“.</p>
<p><strong>„Eurokrise“ und Wahlerfolge</strong><br />
War bereits im EU-Wahlkampf von einer „Finanzmafia“ die Rede, so wurde die Polemik gegen „Banker und Spekulanten“ im Zuge der so genannten „Eurokrise“ zu einem Kernelement der FP&#214;-Agitation. Unter dem Slogan „Banken sollen selber zahlen“ starteten etwa Strache und Generalsekret&#228;r Harald Vilimsky auf einer eigens eingerichteten Homepage</em><a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> ein als „Initiative f&#252;r soziale Gerechtigkeit“ tituliertes „Internet-Volksbegehren“ f&#252;r die Einf&#252;hrung einer Bankensteuer oder die Begrenzung von Geh&#228;ltern und Bonuszahlungen. Das Ziel seien „Faire Banken – ehrliche Geh&#228;lter“. Die Selbstdarstellung als Interessensvertretung der „&#246;sterreichischen Steuerzahler“, „Sparer“ und „Kleinunternehmer“ gegen&#252;ber den spekulationsw&#252;tigen „Bankenbossen“ und „H&#252;tchenspielern im Nadelstreif“ fand ihre Fortsetzung in einer Kampagne gegen die finanzielle Unterst&#252;tzung Griechenlands in der Eurokrise. Darin erhob die FP&#214; die Forderung, Griechenland und andere „Schuldenstaaten“ aus dem Euro-Verbund auszuschlie&#223;en und eine „wirtschaftlich starke“ Euro-Zone mit – wer h&#228;tte es gedacht – Deutschland und &#214;sterreich zu bilden. Au&#223;erdem solle, statt Steuergelder im „Rachen von Banken und Spekulanten“ bzw. einem „griechischen Fass ohne Boden“ verschwinden zu lassen, „unser Geld“ lieber in Arbeitspl&#228;tze, Armutsbek&#228;mpfung, Pensionsgerechtigkeit usw. investiert werden.<br />
Wie die Wahlergebnisse und -analysen aus dem Jahr 2009 zeigen, gelang es der FP&#214; mit ihrer Strategie zun&#228;chst, die Finanz- und Wirtschaftskrise f&#252;r sich zu nutzen. Demnach konnte die Partei bei den Europawahlen (12,7% Stimmenanteil; 6,4% Zugewinn) sowie den Landtagswahlen in Vorarlberg (25,1%; +12,2%) und Ober&#246;sterreich (15,3%; +6,9%) ihren positive Trend von 2008/09 v.a. deshalb fortsetzen und einen Teil der 2003/04 erlittenen Verluste wettmachen, weil die Selbstdarstellung als junge, moderne Rechtspartei mit sozialer Ausrichtung gerade in Krisenzeiten aufgeht: die FP&#214; wurde &#252;berdurchschnittlich oft von jungen Menschen, M&#228;nnern, „ArbeiterInnen“</em><a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> und jenen Erwerbst&#228;tigen gew&#228;hlt, die bei Wahltagsbefragungen angaben, von der Krise stark betroffen zu sein (Personalabbau, Lohneinbu&#223;en oder Kurzarbeit im Betrieb). Auch dass bei den Wahlmotiven neben „gegen Zuwanderung“ die Nennungen „vertritt meine Interessen“ sowie „wichtige Themen“ dominierten, spricht daf&#252;r, dass die FP&#214; tats&#228;chlich von vielen Menschen als <em>Soziale Heimatpartei</em> wahrgenommen wird.</em><a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> So sehr jedoch bereits dieser Slogan innerhalb des Dritten Lagers durchaus unterschiedlich bewertet wird</em><a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a>, so gro&#223; ist auch die Bandbreite an Positionen, aus denen sich die konkreten Inhalte der FP&#214;-Inszenierung speisen. Worin bzgl. der Finanz- und Wirtschaftkrise im Dritten Lager gemeinsame Ansichten bestehen, aber auch, wo sich diese unterscheiden, zeigen exemplarisch Statements aus der deutschnationalen und neonazistischen Szene sowie vom <em>Ring freiheitlicher Wirtschaftstreibender</em> (RfW).</p>
<p><strong>„Antikapitalismus“ von Rechtsau&#223;en</strong><br />
Angesichts der – unter Strache mehr denn je gegebenen – direkten personellen Kontinuit&#228;ten zwischen der FP&#214;, der burschenschaftlich organisierten deutschnationalen Szene sowie dem organisierten Neonazismus</em><a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> &#252;berrascht es nicht, dass es auch inhaltlich massive &#220;berschneidungen gibt. Im Hinblick auf die Finanz- und Wirtschaftskrise liegen diese zun&#228;chst v. a. darin, dass die ProtagonistInnen des internationalen Finanzmarktes als Verursacher ausgemacht werden. So ist in der <em>Aula</em>, dem Sprachrohr der deutschnationalen Burschenschafter, von „globalisierten Finanzspekulanten in Europa und der Welt“ die Rede, die „auf &#228;u&#223;erst brutale Weise ohne R&#252;cksicht auf W&#228;hrungen, Staat und V&#246;lker ihre schmutzigen Gesch&#228;fte abwickeln und Milliarden kassieren.“</em><a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Schuld an der „Krise der Zockerbanken“ sei jedoch nicht nur der Profitwahn der Banken, sondern v.a. auch die „durch hemmungslose Geldflutung der Federal Reserve Bank von den USA ausgehende Geldschwemme“.</em><a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Entspricht die in der <em>Aula </em>vertretene Position bis hierher durchaus der offiziellen FP&#214;-Linie, geht das deutschnationale Blatt noch einen Schritt weiter: Der Ursprung allen &#220;bels sei n&#228;mlich der Zins. Dieser w&#228;re reiner „Diebstahl“ und als „Wucher gesetzlich zu verbieten“.</em><a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> &#196;hnlich argumentieren anonyme AutorInnen von <em>Alpen-Donau.Info</em>, dem neuen B&#252;ndelungspunkt der au&#223;erparlamentarischen extremen Rechten im Internet.</em><a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Auch hier wird festgestellt, die „Wurzel des Betrugssystems ist und bleibt der Zins“, der als „Peitsche des Kapitalismus […] die Menschen dazu bringt, ihre Umwelt zu zerst&#246;ren, ihre V&#246;lker zu zerschlagen, ihre Kultur zu vergessen und ihre Familien zu verlassen.“</em><a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a><br />
Eine derartige Diktion ist typisch f&#252;r einen v&#246;lkisch-deutschnationalen „Antikapitalismus“ von Rechts(-au&#223;en)</em><a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a>, der darauf verzichtet, Privateigentum oder Mehrwertproduktion einer grundlegenden Kritik zu unterziehen, um stattdessen lediglich die Zirkulationssph&#228;re des Kapitals zum Problem zu erkl&#228;ren. Die Unterscheidung zwischen „schaffendem“ und „raffendem“ Kapital, die einer solchen Sichtweise zugrunde liegt, ist ein zentrales antisemitisches Motiv. W&#228;hrend auf den Plakaten, die von Neonazis aus dem Umfeld von <em>Alpen-Donau.Info</em> in der Nacht auf den 1. Mai diesen Jahres an zahlreichen Arbeits&#228;mtern in Wien als Aufruf an die „erwerbslosen Volksgenossen“ angebracht wurden, im Zusammenhang mit der Krise offen vom „weltweit agierenden Finanzjudentum“ und der „Zinssklaverei“ die Rede war</em><a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a>, versteckt man sich demgegen&#252;ber bei der Aula hinter einschl&#228;gigen Andeutungen. Eindeutig scheint die antisemitisch aufgeladene Unterscheidung zwischen „schaffendem“ und „raffendem“ Kapital aber z.B. dort durch, wo – ganz &#228;hnlich der FP&#214;-Agitation – beklagt wird, „die Hochfinanz und globale Konzerne“ w&#252;rden das Geschehen bestimmen, w&#228;hrend „die mittelst&#228;ndische Wirtschaft […] vor die Hunde [gehe]“.</em><a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a>  Diese Furcht vor dem Ruin des Mittelstands korrespondiert mit einer allgemein pessimistischen Einsch&#228;tzung des weiteren Krisenverlaufs: „Da eine echte Korrektur nicht geschehen ist und nicht gewollt wird, bleibt uns die Krise erhalten und wuchert metastasenartig in weitere Bereiche: von der privaten Finanzkrise zur Krise der Staatsfinanzen, zur Realkrise unserer Wirtschaft, zur Krise der Sozialsysteme bis zur Verarmung und zu gesellschaftlichen Unruhen.“</em><a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Um f&#252;r den Ernstfall ger&#252;stet zu sein – immerhin w&#228;ren auch „blutige Ausschreitungen, Pl&#252;nderungen und Milit&#228;reins&#228;tze“ in Krisenzeiten nicht auszuschlie&#223;en –, wird im Untergangsszenario auf <em>Alpen-Donau.Info</em> daher allen „freien Nationalisten“ empfohlen, ihren gesamten Besitz in vermeintlich krisensicherem Gold anzulegen, dieses dann zuhause zu „vergraben“ und sich zur Selbstverteidigung „Waffen + Munition zu[zu]legen“.</em><a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a></p>
<p><strong>Die „Volksgemeinschaft“ als L&#246;sung?</strong><br />
Von supranationalen Instrumenten zur Steuerung und Kontrolle der Finanzm&#228;rkte halten diese Neonazis hingegen nichts, sind sie doch der Meinung, die Mehrheit der &#246;sterreichischen Bev&#246;lkerung lehne „&#252;bernationale Organisationen“ strikt ab und rufe „nicht nach einer Weltregierung, sondern nach einem starken, nationalistischen und sozialistischen Staat.“</em><a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Das Idealbild dieses Staates entspricht dabei zum einen einer raumorientierten <em>Volks</em>wirtschaft, in der zum Schutz „unsere[r] Bauern, unsere[r] Industrie und unsere[s] Gewerbe[s]“ der Geld-, Waren- und Personenverkehr kontrolliert wird und die also einen Gegenentwurf dazu verk&#246;rpert, dass wirtschaftliche Liberalisierung „mit hohlen Phrasen […] als ‚Teilnahme am globalen Wettbewerb‘, ‚Freihandel, der allen n&#252;tzt‘, ‚soziale Marktwirtschaft‘ usw. besch&#246;nigt [wird].“</em><a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Zum anderen steht dieser Staat f&#252;r die auch im FP&#214;-Konzept der Sozialen Heimatpartei anklingende „Reduzierung der Idee des Sozialismus auf den Gedanken der (Volks)Gemeinschaft“</em><a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a>, also f&#252;r das Motto „Volksgemeinschaft statt Klassenkampf“: Da – so die Statements auf <em>Alpen-Donau.Info</em></em><a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> – in einer „national und sozial ausgerichteten Weltanschauungsgemeinschaft kein Platz f&#252;r die Vertretung von Einzel- oder Gruppeninteressen“ und also auch nicht f&#252;r „Ha&#223;“ zwischen „k&#252;nstlich geschaffenen Klassen“ sei, solle „jeder Volksgenosse […], unabh&#228;ngig von seinem Geldbeutel oder Stand, seinen angestammten Platz in der Volksgemeinschaft einnehmen“ und sich der „nat&#252;rlichen Verschiedenartigkeit des Menschen“ sowie dem „Leistungsprinzip“ unterordnen. Letzteres stehe schlie&#223;lich f&#252;r echte „soziale Gerechtigkeit“. Daher habe es auch „nichts mit kapitalistischer Ausbeutung zu tun“, wenn der Unternehmer als „Gehirn des Betriebs“ den Gro&#223;teil des produzierten Werts einbeh&#228;lt, „sondern mit dem Drang, die Arbeitspl&#228;tze der Arbeiter sowie die Existenz des Unternehmens zu retten.“ Im Sinne ihrer Losung „Nationaler Sozialismus statt Kapitalismus“ fordern die Neonazis folglich in der gegenw&#228;rtigen Krise „Ausl&#228;nderr&#252;ckf&#252;hrung statt Integration“ sowie „Arbeit zuerst f&#252;r Deutsch&#246;sterreicher“.</p>
<p><strong>Der RfW und die Krise</strong><br />
Mit einer solchen v&#246;lkisch-neonazistischen Ideologie scheint der <em>Ring Freiheitlicher Wirtschaftstreibender</em> (RfW) zun&#228;chst keinerlei inhaltliche Ber&#252;hrungspunkte zu haben, bekennt sich dieser gem&#228;&#223; des eigenen Leitbilds</em><a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> doch explizit zu einer „fairen und sozialen Marktwirtschaft im vereinten Europa” sowie einer „freiheitlichen-freisinnigen Weltanschauung[,] die [eine] liberale, wirtschaftsorientierte und unternehmerische Wertvorstellung kommuniziert und lebt.“ Ganz in diesem Sinne stellt der RfW gegenw&#228;rtig eine wichtige Bastion f&#252;r den innerhalb der FP&#214; stark marginalisierten</em><a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> liberalen Fl&#252;gel des Dritten Lagers dar. Dies umso mehr, als die parteipolitische Spaltung zwischen FP&#214; und BZ&#214; bei den „freiheitlichen Wirtschaftstreibenden“ fast ausnahmslos (s.u.) nur eine geringe Rolle spielt.<br />
Wie sehr die „freiheitlichen Wirtschaftstreibenden“ trotz ihrer vergleichsweise liberalen Ausrichtung durchaus an die Positionen der deutschnationalen Burschenschaften sowie der organisierten Neonazis anschlussf&#228;hig sind, l&#228;sst sich freilich daran ablesen, dass sich der RfW insbesondere als Interessensvertretung der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) bzw. des „Mittelstandes“ gegen Gro&#223;konzerne, die „Bankenlobby“ oder eine „Diktatur der Handelskartelle“ versteht.</em><a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> Unmittelbar ersichtlich werden die inhaltlichen &#220;berschneidungen dann in der Interpretation der Finanz- und Wirtschaftskrise, die auch aus der Perspektive des RfW von Gro&#223;banken und der „internationalen Heuschrecken-Finanz“</em><a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> verursacht wurde. Die Hauptsorge der Freiheitlichen Wirtschaftstreibenden gilt den &#246;sterreichischen KMU, deren hinreichender Zugang zu Krediten durch das internationale Regelwerk <em>Basel II</em> bedroht wird – selbstverst&#228;ndlich eine Erfindung „amerikanischer Banken“.</em><a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Eine Mitschuld komme zudem der &#246;sterreichischen Politik zu, habe diese doch, so der RfW in einer bemerkenswerten Resolution vom M&#228;rz 2009</em><a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a>, in der Krise „v&#246;llig versagt“ und „[s]ogar die gesunden Spielregeln des Marktes […] nicht verstanden, sondern so massiv beeintr&#228;chtigt, dass das gewachsene Wirtschaftsystem zusammen zu brechen droht“. Deshalb sei „[d]as gr&#246;&#223;te Problem im Land […] nicht die Finanz- und Wirtschaftskrise, sondern die Vertrauenskrise in die Politik“.<br />
Weil aber „Macht ohne Vertrauen in die F&#228;higkeit der Machthaber […] fatale Folgen f&#252;r die gesamte Gesellschaft und derer Wohlstand haben [kann]“, „verlangt“ der RfW vom Parlament nicht weniger als den Beschluss eines „Notgesetzes“ [sic!]: „Den Betrieben muss erlaubt sein, eigenst&#228;ndig und ohne Einfluss der Sozialpartner und der Politik, einzig und allein im Einvernehmen mit allen im Betrieb Betroffenen, ma&#223;geschneiderte &#220;berlebensstrategien zu treffen und umzusetzen.“ Was zuvor bereits durch die Wahl einschl&#228;giger Metaphern („Notgesetz“, „Front“, „&#220;berlebenskampf“, „Tintenburgen“) angedeutet wurde, nimmt mit dieser offenen Forderung nach der Aussetzung demokratischer Prinzipien in Krisenzeiten nun auch inhaltlich Form an: die Hoffnung auf freie Hand bei der Krisenbearbeitung, d.h. de facto auf eine autorit&#228;re L&#246;sung. Mit der hier zum Ausdruck kommenden Feindschaft gegen&#252;ber der Demokratie und insbesondere den Organisationen der ArbeiterInnenklasse – also gegen die „Knebelung“ (RfW-Bundesobmann Fritz Amann</em><a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a>) der Wirtschaft durch Gewerkschaften, Arbeiterkammer, SP&#214; usw. – besteht eine weitere &#220;berschneidung zu den Positionen der deutschnationalen Burschenschafter bzw. organisierten Neonazis.</p>
<p><strong>Das Ziel: Neoliberale Klassenpolitik</strong><br />
W&#228;hrend letztere Klassengegens&#228;tze jedoch systematisch zugunsten der „Volksgemeinschaft“ leugnen, steht der RfW bewusst f&#252;r die eigenen Partikularinteressen ein. So tr&#228;gt etwa der stellvertretende RfW-Bundesobmann und langj&#228;hrige Vizepr&#228;sident der &#246;sterreichischen Wirtschaftskammer, Matthias Krenn (FPK), zwar deren Slogan „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut“ vor sich her, verk&#252;ndet dann jedoch mit Blick auf die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise im gleichen Atemzug: „Unsere Verpflichtung ist das Eintreten f&#252;r die Leistungstr&#228;ger der Gesellschaft, n&#228;mlich den Mittelstand. […] Ohne Sparen und K&#252;rzungen von Sozialleistungen geht es nicht mehr. Die Frage wird also sein, vertreten wir die Leistungsempf&#228;nger oder die Leistungstr&#228;ger. Dasselbe gilt f&#252;r das Pensions- und Gesundheitssystem, wo Milliarden verschleudert werden.“</em><a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Auch viele andere Forderungen</em><a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> lassen wenig Zweifel an der klassenpolitischen Ausrichtung des RfW und widersprechen der Selbstdarstellung der FP&#214; als anti-neoliberaler, <em>sozialer Heimatpartei</em>: regul&#228;re Lohnerh&#246;hungen, Arbeitzeitverk&#252;rzungen sowie die Einf&#252;hrung von Mindestlohn und Verm&#246;genssteuer werden abgelehnt und stattdessen – im Sinne der „Schaffung einer neuen ,Kultur der Selbstst&#228;ndigkeit‘“</em><a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> – der Ausbau geringf&#252;giger Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse sowie eine weitere Flexibilisierung der Arbeitsverh&#228;ltnisse und insbesondere der Lehrlingsausbildung gefordert. W&#228;hrend kranke ArbeitnehmerInnen in den Augen von Amann offensichtlich nichts zu den gew&#252;nschten „neuen und effizienten Leistungspotenzialen“</em><a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a> beizutragen haben und deshalb pauschal der Simulation bezichtigt werden</em><a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a>, soll eine <em>Flat-Tax</em> (gleicher Steuersatz f&#252;r alle) sicherstellen, dass die Belastungen f&#252;r die KMU und den „Mittelstand“ nur ja nicht zu gro&#223; ausfalle.</p>
<p><strong>Stagnation trotz Krise</strong><br />
Obwohl der RfW also auch in Krisenzeiten an typischen neoliberalen Positionen festh&#228;lt, musste er bei der Wirtschaftskammer-Wahl im Februar/M&#228;rz 2010 bundesweit Verluste von 1,5% hinnehmen und sich mit 8,4% der Stimmen begn&#252;gen. Zu dieser Wahlniederlage trugen zum einen interne Probleme wie der <em>Hypo-Alpe-Adria</em>-Skandal, die Konflikte um die Wiedervereinigung des Dritten Lagers in K&#228;rnten sowie die Kandidatur einer eigenst&#228;ndigen Liste <em>FP&#214; pro Mittelstand</em> gegen den vom BZ&#214;-Mann Detlev Neudeck geleiteten RfW-Wien bei.</em><a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> Dass dem RfW trotz einer im Vorfeld der Wahl verst&#228;rkten Fokussierung von FP&#214; und BZ&#214; auf wirtschaftspolitische Themen und die Bedeutung des „Mittelstands“ („Heimatland braucht Mittelstand“) kein besseres Ergebnis gelang, zeugt jedoch auch davon, dass f&#252;r KapitalistInnen das Dritte Lager in der aktuellen Krise – anders als in den 1990er Jahren – keine Option darstellt. Die Gr&#252;nde daf&#252;r, dass selbst die (Gro&#223;-)Industrie als einem der traditionell wichtigsten Sponsoren gegenw&#228;rtig weitgehend von (monet&#228;rer) Unterst&#252;tzung absieht</em><a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a>, liegen neben der infolge des Rechtsrucks der FP&#214; unter Strache geringer gewordenen inhaltlichen und personellen Durchl&#228;ssigkeit der FP&#214;</em><a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> v. a. an der Krisenpolitik von SP&#214; und &#214;VP. Weil diese ohnehin v&#246;llig unternehmens- und kapitalfreundlich ausf&#228;llt, wird das Dritte Lager in seiner m&#246;glichen Funktion als Rammbock gegen die Interessen und Organisationen der ArbeiterInnenklasse schlicht und ergreifend nicht ben&#246;tigt, eine Unterst&#252;tzung erscheint so wenig opportun.<br />
Erhielt der Versuch der FP&#214;, die Krise f&#252;r den Aufstieg zur Gro&#223;partei zu nutzen, bei der Wirtschaftskammer-Wahl also bereits einen ersten D&#228;mpfer, so folgte ein zweiter im M&#228;rz dieses Jahres bei den Gemeinderatswahlen in Nieder&#246;sterreich, der Steiermark, Vorarlberg sowie Tirol, wo die FP&#214;, wenn &#252;berhaupt, nur gering zulegen konnte. Auch hier machten sich offenkundig die Nachwehen der FP&#214;-BZ&#214;-Spaltung bemerkbar, verf&#252;gt die FP&#214; doch &#252;ber deutlich weniger Ortsgruppen als zuvor.</em><a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a> Zudem machte sich die Debatte um Barbara Rosenkranz’ zweideutig-eindeutige Aussagen zum NS-Verbotsgesetz und der Existenz von Gaskammern negativ bemerkbar. Dass es der FP&#214; mit ihrer Kandidatin bei den Bundespr&#228;sidentInnenwahlen Ende April nicht gelang, gegen Amtsinhaber Heinz Fischer auch nur einen Achtungserfolg zu erzielen, ist schlie&#223;lich der dritte D&#228;mpfer, den die Partei dieses Fr&#252;hjahr hinnehmen musste. Statt der von Strache ausgerufenen 35% reichte es am Ende lediglich f&#252;r 15,2% der Stimmen, was nicht nur das schw&#228;chste Ergebnis einer/s FP&#214;-Kandidatin/en bei einer Bundespr&#228;sidentInnen-Wahl aller Zeiten war</em><a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a>, sondern gegen&#252;ber der Nationalratswahl 2008 auch eine Halbierung der Stimmenanzahl bedeutete</em><a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a>.<br />
Obwohl die breite und &#246;ffentlichkeitswirksame Mobilisierung gegen Rosenkranz politisch wichtig war und zweifellos zu ihrer Schlappe beigetragen hat, sollte diese nicht als grunds&#228;tzliche Absage an den Kurs der FP&#214; interpretiert werden. Vielmehr gelang es der Partei – bei ungef&#228;hr gleichbleibender sozialer Zusammensetzung der W&#228;hlerInnenschaft (&#252;berdurchschnittlich jung, m&#228;nnlich und aus der Erwerbsgruppe „Arbeiter“) – nicht in ausreichendem Ma&#223;, ihre eigenen Anh&#228;ngerInnen sowie &#214;VP-W&#228;hlerInnen zu mobilisieren.</em><a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> Dies l&#228;sst sich erkl&#228;ren, wenn man sich vor Augen f&#252;hrt, warum Strache der Kandidatur von Rosenkranz zun&#228;chst ablehnend gegen&#252;berstand und sich im Wahlkampf dann nach Kr&#228;ften bem&#252;hte, nicht zu sehr mit ihr und ihren Positionen identifiziert zu werden. Neben pers&#246;nlichen Animosit&#228;ten gelten hierf&#252;r taktische &#220;berlegungen zur offensichtlichen Signalwirkung der Rosenkranz-Kandidatur als wichtigste Ursache</em><a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a>: eine Strickjacken-tragende zehnfache Mutter, die ihre Kinder u. a. Mechthild, Sonnhild, Alwine oder Wolf nennt, mit einem bekannten rechtsextremen Publizisten verheiratet ist und aus ihrer Affinit&#228;t zu Nationalsozialismus und Neonazismus auch sonst kein Hehl macht, passt nicht recht in das m&#252;hsam inszenierte Bild von der modernen Rechtspartei mit jugendlicher Ausstrahlung, f&#252;r das Strache nach Au&#223;en hin steht.</p>
<p><strong>Fl&#252;gelk&#228;mpfe…</strong><br />
Wenn trotz des Wissens um diesen Widerspruch die „Reichsmutter“ Rosenkranz – so ihr parteiinterner Spitznahme – und nicht einE leichter vermittelbareR KandidatIn ins Renner gegen Fischer geschickt wurde, muss dies als Hinweis auf bzw. als Zugest&#228;ndnis an die Macht des deutschnational-burschenschaftlichen und neonazistischen Fl&#252;gels innerhalb der FP&#214; gewertet werden. W&#228;hrend im Wahlkampf neben Straches mangelnder Unterst&#252;tzung f&#252;r Rosenkranz lediglich die Kritik des Tiroler FP-Chefs Gerald Hauser an ihren Aussagen zum NS-Verbotsgesetz vom Konfliktpotential dieser Konstellation zeugte, entbrannte unmittelbar nach der Wahl kurzfristig eine &#246;ffentlich ausgetragene Debatte um den zuk&#252;nftigen Kurs der Partei.<br />
Zun&#228;chst nutzten RfW-Bundesobmann Amann sowie der ober&#246;sterreichische FP-Chef Manfred Haimbuchner das schlechte Abschneiden von Rosenkranz, um eine liberalere, st&#228;rker auf die omin&#246;se politische „Mitte“ hin fokussierte Ausrichtung der FP&#214; zu fordern. W&#228;hrend sich Haimbuchner dabei explizit nur auf den Bereich der Wirtschafts- und Steuerpolitik bezog, pl&#228;dierte Amann, der bereits im Herbst 2009 mit negativen &#196;u&#223;erungen &#252;ber den rechtslastigen Wahlkampf der Vorarlberger FP&#214; sowie die „Exil-Juden“-Aussage von Landesparteichef Dieter Egger als parteiinterner Kritiker auf sich aufmerksam gemacht hatte</em><a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a>, f&#252;r eine Abkehr vom „Ausl&#228;nderthema“ und st&#228;rkere Ausrichtung an „freiheitlich-liberalen“ Werten. Zudem warf er Strache vor, die Kandidatur der „rechtslastigen“ Barbara Rosenkranz sei ein schwerer strategischer Fehler gewesen, aus dem er selbst und die anderen Verantwortlichen personelle Konsequenzen zu ziehen h&#228;tten.</em><a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Nimmt man die Welle an Solidarit&#228;tsbekundungen zum Ma&#223;stab, die Strache in der Folge aus allen (un-)m&#246;glichen Winkeln der Partei erhielt</em><a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a>, war diese R&#252;cktrittsforderung zwar keineswegs mehrheitsf&#228;hig. Dass sich das RfW-Bundespr&#228;sidium jedoch in einer Resolution hinter Amanns Forderung nach einer inhaltlichen Neuausrichtung der Bundes-FP&#214; stellte</em><a title="anm_49" name="anm_49" href="#anm49"><sup>49</sup></a> und ihn gegen den von Strache vorgeschlagenen Mathias Krenn (FPK) f&#252;r das Amt des Vizepr&#228;sidenten der &#246;sterreichischen Wirtschaftskammer nominierte</em><a title="anm_50" name="anm_50" href="#anm50"><sup>50</sup></a>, zeugt von einer offenkundigen Unzufriedenheit des RfW mit dem derzeitigen Kurs der FP&#214;.<br />
Um Straches parteiinterne KritikerInnen zu bes&#228;nftigen, v.a. aber, um den infolge der Rosenkranz-Kandidatur zumindest zaghaft entstandenen &#246;ffentlichen Druck abzumildern und die FP&#214; wieder ins (moderne) „rechte“ Licht zu r&#252;cken, bem&#252;hte sich die F&#252;hrung der Bundespartei in der Folge vordergr&#252;ndig um eine Distanzierung von deutschnationalem Revisionismus, Rechtsextremismus und Neonazismus. So behauptete etwa Strache, sich selbst und die Mehrzahl seiner KollegInnen verleugnend, in seiner Partei h&#228;tte „NS-Ideologie nichts verloren“. Wer glaube, „eine Vergangenheitspartei beleben zu wollen“, sei in der  FP&#214; falsch, die Partei biete „weder f&#252;r linke [sic!] noch rechte Extreme einen Platz“.</em><a title="anm_51" name="anm_51" href="#anm51"><sup>51</sup></a> Auch Harald Stefan, wie Martin Graf ein „Alter Herr“ bei der rechtsextremen Burschenschaft <em>Olympia</em>, sah sich zu einer Klarstellung gen&#246;tigt: „Wir sind eine rechte Partei, aber keine Totalitaristen [sic!].“</em><a title="anm_52" name="anm_52" href="#anm52"><sup>52</sup></a> Wie um dies zu beweisen, nahm die Bundespartei in Tirol einen angeblichen „Putschversuch“ einiger Funktion&#228;re gegen den u.a. f&#252;r seinen „b&#252;rgerlichen“, &#214;VP-nahen Kurs kritisierten Gerald Hauser sowie den Vorwurf „massiver Ausl&#228;nderfeindlichkeit und rechtsradikaler Ansichten“ zum Anlass, sich per Parteiausschluss einiger unliebsam gewordener Mitglieder zu entledigen.</em><a title="anm_53" name="anm_53" href="#anm53"><sup>53</sup></a> In der Folge sagte sich der Tiroler <em>Ring freiheitlicher Jugend</em> (RFJ), aus dessen Umfeld einige der Ausgeschlossenen kamen und der in der Vergangenheit bereits mehrmals durch Konflikte mit dem Verbotsgesetz und rechtsextreme Positionen aufgefallen war</em><a title="anm_54" name="anm_54" href="#anm54"><sup>54</sup></a>, mitsamt seiner angeblich mehr als 600 [!] Mitglieder</em><a title="anm_55" name="anm_55" href="#anm55"><sup>55</sup></a> einstimmig vom bundesweiten RFJ-Dachverband los. Auch verlie&#223;en einzelne Funktion&#228;re die Partei freiwillig, um gegen die Parteiausschl&#252;sse und die Kritik von Hauser an Pr&#228;sidentInnenschaftskandidatin Rosenkranz zu protestieren.</em><a title="anm_56" name="anm_56" href="#anm56"><sup>56</sup></a></p>
<p><strong>…und personelle Rochaden</strong><br />
Wie diese Episode zeigt, ist die FP&#214; unter Strache personell und ideologisch derart stark mit dem (au&#223;erparlamentarischen) Rechtsextremismus und Neonazismus verworben, dass schon der geringste Versuch einer Distanzierung f&#252;r die Partei die Gefahr eines massiven Aderlasses beinhaltet. Anders als medial mitunter dargestellt, ist es daher keineswegs als Zeichen f&#252;r eine tats&#228;chliche Liberalisierung der FP&#214; zu werten, dass bei den personellen Weichenstellungen, die auf Bundesebene und in Wien auf die verlorene Pr&#228;sidentInnen-Wahl folgten, mit Barbara Rosenkranz, Andreas M&#246;lzer sowie Martin Graf drei zentrale VertreterInnen des deutschnationalen Fl&#252;gels leer ausgingen. Nicht umsonst zeigte sich M&#246;lzer &#252;berzeugt, „[d]er Bruch mit den Burschenschaften [w&#228;re] ein Wunschdenken.“</em><a title="anm_57" name="anm_57" href="#anm57"><sup>57</sup></a> F&#252;r welche taktischen &#220;berlegungen die Rochaden vielmehr stehen, verdeutlicht der Blick auf jene „glorreichen sieben Pers&#246;nlichkeiten“ bzw. „jungen, tollen Kr&#228;fte“</em><a title="anm_58" name="anm_58" href="#anm58"><sup>58</sup></a>, die von Strache im Mai auserkoren wurden, die Bundespartei nach au&#223;en breiter zu repr&#228;sentieren und ihn selbst z.B. bei Talkshows zu vertreten: Neben erfolgreichen Landeschefs – Manfred Haimbuchner (Ober&#246;sterreich) und Dieter Egger (Vorarlberg) sowie, je nach Interpretation, auch Johann Tsch&#252;rtz (Burgenland) und Uwe Scheuch (FPK/K&#228;rnten) – finden sich dort auch je zwei f&#252;r ihre soziale (Herbert Kickl und Vizeparteichef Norbert Hofer) bzw. deutschnationale (Harald Vilimsky und Harald Stefan) Ausrichtung bekannte Funktion&#228;re sowie mit Barbara Kappel auch eine Vertreterin wirtschaftsliberaler Positionen.</em><a title="anm_59" name="anm_59" href="#anm59"><sup>59</sup></a> Diese personelle Besetzung steht zum einen f&#252;r den Versuch, innerparteilich das Verh&#228;ltnis der unterschiedlichen Fraktionen so auszutarieren, dass die bestehenden Konflikte und Widerspr&#252;che nicht erneut ausbrechen. Zum anderen will die FP&#214; gegen&#252;ber der &#214;ffentlichkeit Geschlossenheit demonstrieren und sich nach der missgl&#252;ckten Kandidatur der Traditionalistin Rosenkranz als eine – in den Worten von Strache – „Mitte-Rechtspolitische Kraft“ pr&#228;sentieren, die &#252;ber ein modernes, vielf&#228;ltiges politisches Angebot verf&#252;gt und trotzdem ein „organisches Ganzes“ bildet.</em><a title="anm_60" name="anm_60" href="#anm60"><sup>60</sup></a> Martin Graf bleibt es vorbehalten, zu erkl&#228;ren, worum es dabei letztlich geht: „Wir bereiten vor, dass wir kurz- oder mittelfristig die st&#228;rkste Kraft in &#214;sterreich werden. Wir m&#252;ssen im Sinne einer Volkspartei uns daf&#252;r organisatorisch wappnen.“</em><a title="anm_61" name="anm_61" href="#anm61"><sup>61</sup></a></p>
<p><strong>Weiter wie bisher</strong><br />
W&#228;hrend es also infolge der innerparteilichen Debatten in der Au&#223;endarstellung einige kleinere personelle und organisatorische Korrekturen gab, blieb sich die FP&#214; in den Monaten nach der Bundespr&#228;sidentInnenwahl inhaltlich und in ihrer autorit&#228;r-populistischen Agitation treu. Dies bedeutet zun&#228;chst, dass sie weiterhin massiv auf den Faktor „Krise“ und die Inszenierung als moderne <em>Soziale Heimatpartei</em> setzt, um ihr erkl&#228;rtes Ziel von &#246;sterreichweit 30 Prozent</em><a title="anm_62" name="anm_62" href="#anm62"><sup>62</sup></a> zu erreichen. So versuchte die FP&#214; im Vorfeld der Landtagswahlen im Burgenland (Mai), in der Steiermark (September) sowie in Wien (Oktober) ausgehend von einer fortgesetzten Polemik gegen „Banker und Spekulanten“ sowie dem – z.B. durch Transparente im Parlament medial inszenierten – Widerstand gegen eine &#246;sterreichische Beteiligung an der Griechenland-Hilfe und dem so genanten „Euro-Schutzschirm“ v.a. die Frage zu politisieren, wer f&#252;r die Krise zahlt und wie ihre sozialen Folgen aussehen. Am explizitesten war diesbez&#252;glich die Kampagne zur Steiermark-Wahl, in der einem in der H&#228;ngematte mit einem Paket 500-Euro-Scheine spielenden „Griechen“ auf unterschiedlichen Plakaten einE leidendeR &#214;sterreicherIn gegen&#252;bergestellt und die Forderung erhoben wurde: „Unser Geld f&#252;r unsre Leut“. In eine &#228;hnliche Kerbe schlug auch die Kampagne in Wien, wo nicht allein die Abw&#228;lzung der Krisenkosten „auf die Masse“ statt auf „Reiche und Spekulanten“ thematisiert und gegen die „SP&#214;-Bonzen“ polemisiert wurde. Vielmehr versuchte die FP&#214; hier, unterschiedliche soziale Gruppen und deren Krisenangst ganz gezielt anzusprechen und sich so in einem umfassenden Sinn als soziale Alternative zur SP&#214; in Stellung zu bringen. So wurde zum einen – durchaus widerspr&#252;chlich – mit Verweisen auf den Wert „ehrlicher Arbeit“ – in der Gegen&#252;berstellung zum „Nichtstun“ „unf&#228;higer Manager“ – sowie z.T. durchaus zeitgem&#228;&#223;en Forderungen (z.B. „volle sozialrechtliche Absicherung f&#252;r atypische Arbeitsverh&#228;ltnisse“, „Schluss mit AMS-Kurs-Schikanen“) um die Gruppe der Lohnabh&#228;ngigen sowie den (potentiell) vom sozialen Abstieg bedrohten „Mittelstand“ geworben. Zum anderen standen auff&#228;llig stark SeniorInnen, Familien sowie junge W&#228;hlerInnen (inkl. Straches n&#228;chtlicher Diskobesuche, dilettantischer Rapeinlagen und „HC-Comic“) im Fokus der Agitation, die sich ganz allgemein um die „sozial Schwachen“ bem&#252;hte.<br />
Ist diese Vorgehensweise bereits aus der Vergangenheit bekannt, so gilt dies umso mehr f&#252;r die Praxis, soziale Fragen nationalistisch und (kultur-)rassistisch zu rahmen. Insofern wiederholte die FP&#214; in den letzten Monaten mit ihren Forderungen, den Zugang zu Elterngeld, Kinderbetreuungspl&#228;tzen oder Gemeindewohnungen an die Staatsb&#252;rgerschaft zu koppeln und an „unsere Jugend“ statt – wie die SP&#214; – an „Zuwanderung“ zu glauben (FP&#214; Wien) ebenso ein bew&#228;hrtes Erfolgsrezept wie mit dem Slogan „Arbeitspl&#228;tze zuerst f&#252;r die heimische Bev&#246;lkerung!“ (FP&#214; Steiermark). Als neues Agitationsfeld entpuppte sich hier die f&#252;r 1. Mai 2011 bzw. 2014 geplante vollst&#228;ndige Arbeitsmarkt&#246;ffnung f&#252;r Besch&#228;ftigte aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten: Neben der Ank&#252;ndigung eines Volksbegehrens zu diesem Thema</em><a title="anm_63" name="anm_63" href="#anm63"><sup>63</sup></a> versuchte die FP&#214; mit der best&#228;ndigen Warnung vor Lohndumping, einem Anstieg der Arbeitslosigkeit unter &#214;sterreicherInnen sowie einer „Ausnutzung unseres Sozialsystems“ die Krisen&#228;ngsten der Bev&#246;lkerung in nationalistische und (kultur-)rassistische Bahnen zu lenken und sich so als <em>Soziale </em>Heimat<em>partei</em> zu profilieren.</em><a title="anm_64" name="anm_64" href="#anm64"><sup>64</sup></a></p>
<p><strong>Rassistische Hetze</strong><br />
Grunds&#228;tzlich agiert die FP&#214; in ganz &#214;sterreich nach diesem Muster – nicht umsonst hat Strache f&#252;r 2011 bereits eine bundesweite Neuauflage des so genannten „Ausl&#228;ndervolksbegehrens“ von 1993 angek&#252;ndigt</em><a title="anm_65" name="anm_65" href="#anm65"><sup>65</sup></a>. Dennoch fand diese Strategie – verkn&#252;pft mit rassistischen Sicherheitsdiskursen – zuletzt in den an „Osteuropa“ angrenzenden Bundesl&#228;ndern Burgenland und Wien ihren traurigen H&#246;hepunkt. Dabei konnte die burgenl&#228;ndische FP&#214; mit dem Slogan „Heimat sch&#252;tzen – Grenze dicht“ nicht nur eine der gr&#246;&#223;ten sprachlichen Geschmacklosigkeiten f&#252;r sich reklamieren. Mit ihrer Agitation gegen ein m&#246;gliches Asylaufnahmezentrum in Eberau bewies sie vielmehr auch, dass die FP&#214; nicht unbedingt soziale Themen im engeren Sinn ben&#246;tigt, um rassistische Hetze zu betreiben. Dies unterstrichen nicht zuletzt die Wahlk&#228;mpfe in Steiermark und v.a. in Wien, wo unter der &#220;berschrift „Mehr Mut f&#252;r unser, Wiener Blut‘. Zu viel Fremdes tut niemandem gut“ ganz bewusst mit der unscharfen Grenze zwischen kulturellem und biologischen Rassismus</em><a title="anm_66" name="anm_66" href="#anm66"><sup>66</sup></a> gespielt wurde. An dieser Kampagne, die de facto in erster Linie um islamophobe, antimuslimische Stereotype und Ressentiments kreiste, war zumindest dreierlei bemerkenswert: <em>erstens </em>der bereits aus der Vergangenheit bekannte Versuch, „gut integrierte und t&#252;chtige Zuwanderer“ gegen „Islamisten“ und „Schwarze Schafe, die nur unseren Sozialstaat ausn&#252;tzen“, auszuspielen, um so und mit Hilfe gezielt eingesetzter Symbole wie Straches serbisch-orthodoxen Gebetsarmband einzelne MigrantInnen-Gruppen als W&#228;hlerInnen zu gewinnen;</em><a title="anm_67" name="anm_67" href="#anm67"><sup>67</sup></a> <em>zweitens </em>die Fortsetzung der Fokussierung auf familien-, jugend- und bildungspolitische sowie allgemein soziale Themen, z.B. in der Warnung vor „t&#252;rkischen Schulen“ oder den Forderungen nach einer „Streichung von Familienleistungen bei Deutschverweigerung“ sowie der Einf&#252;hrung einer H&#246;chstquote pro Klasse f&#252;r Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache; schlie&#223;lich war es <em>drittens </em>bemerkenswert, mit welcher Selbstverst&#228;ndlichkeit die FP&#214; zur Begr&#252;ndung ihrer explizit rassistischen Forderungen z.B. nach einem „Bauverbot f&#252;r Minarette und Islamzentren“ oder einem „Kopftuchverbot im &#246;ffentlichen Raum“ pl&#246;tzlich die Verteidigung von „Freiheit“ sowie „Menschen- bzw. Frauenrechten“ f&#252;r sich entdeckte und wie leicht es ihr dabei fiel, sich auf die &#196;u&#223;erungen bekannter Pers&#246;nlichkeiten wie Henryk M. Broder oder Alice Schwarzer zu berufen.</p>
<p><strong>Ber&#252;hrungspunkte zum (Neo-)Nazismus</strong><br />
Auch wenn letztere &#252;ber diese Vereinnahmung Unmut &#228;u&#223;erten</em><a title="anm_68" name="anm_68" href="#anm68"><sup>68</sup></a>, so schafft gerade die Verallgemeinerung antimuslimischer Stereotype und Ressentiments durch Personen, die – wie eben Schwarzer, Broder oder in j&#252;ngster Vergangenheit Thilo Sarrazin – als vermeintlich seri&#246;se KritikerInnen des „Islamismus“ auftreten, ein gesellschaftliches Klima, in dem es sich eine Partei wie die FP&#214; erlauben kann, mit einem Spiel wie „Moschee-Baba“ auf Stimmenfang zu gehen. Ziel dieses Spieles der steirischen FP&#214; ist es, die in einer alpinen Landschaft zwischen der Grazer Silhouette emporwachsenden Minarette und Moscheen bzw. die auf diesen erscheinenden Muezzins mit dem Cursor abzuschie&#223;en und damit Punkte zu sammeln. Dass „Moschee-Baba“, nachdem es infolge der Einschaltung der Staatsanwaltschaft nach wenigen Tagen vom Netz genommen wurde, kurz darauf wieder auf <em>Alpen-Donau.Info</em> online ging</em><a title="anm_69" name="anm_69" href="#anm69"><sup>69</sup></a>, spricht ebenso f&#252;r sich, wie der Umstand, dass der steirische RfW-Funktion&#228;r G&#252;nther Harnuss diese und andere Naziseiten auf seinem &#246;ffentlich zug&#228;nglichen <em>Facebook</em>-Account verlinkte und dies mit seinem „Privatinteresse“ verteidigte.</em><a title="anm_70" name="anm_70" href="#anm70"><sup>70</sup></a> Derlei direkte ideologische und personelle Kontinuit&#228;ten zum (Neo-)Nazismus beschr&#228;nken sich freilich nicht auf die untere Funktion&#228;rsebene. Wenn jemand, der wie Gunter Hadwiger glaubt, am Nationalsozialismus w&#228;re „nicht wirklich alles schlecht [gewesen]“, designierter steirischer FP&#214;-Landtagsabgeordnete ist</em><a title="anm_71" name="anm_71" href="#anm71"><sup>71</sup></a>, und mit Gerhard Kurzmann ein &#252;berzeugtes Mitglied der rechtsextremen Waffen-SS-Veteranenorganisation <em>Kameradschaft IV</em> Spitzenkandidat und Landesparteiobmann sein kann</em><a title="anm_72" name="anm_72" href="#anm72"><sup>72</sup></a>, dann verweist dies vielmehr ebenso auf die fortgesetzte Macht des deutschnational-burschenschaftlichen und neonazistischen Fl&#252;gels innerhalb der Partei wie die FP&#214;-KandidatInnen-Liste f&#252;r die Wien-Wahl. Hier nehmen vor den VertreterInnen gem&#228;&#223;igt-rechter oder (wirtschafts-)liberaler Positionen zwei Kandidaten die Listenpl&#228;tze unmittelbar hinter Strache ein, die selbst innerhalb der FP&#214; als Rechtsau&#223;en gelten: Vilimsky und der neue starke Mann innerhalb der Wiener FP&#214;, der ehemalige RFJ-Bundesobmann Johann Gudenus. Letzterer ist nicht nur der Sohn des wegen NS-Wiederbet&#228;tigung verurteilten fr&#252;heren FP&#214;-Nationalratsabgeordneten John Gudenus, sondern selbst bereits durch die Warnung vor einer „voll einsetzenden Umvolkung“ oder die Forderung nach einer Kondomsteuer zur Erh&#246;hung der Geburtenrate „echter“ &#214;sterreicher auff&#228;llig geworden.</em><a title="anm_73" name="anm_73" href="#anm73"><sup>73</sup></a></p>
<p><strong>Fazit</strong><br />
Fasst man die Entwicklung der FP&#214; seit der Schlappe bei der Bundespr&#228;sidentInnenwahl und dem folgenden kurzfristigen Aufbrechen der parteiinternen Widerspr&#252;che zusammen, entsteht das Bild einer starken Kontinuit&#228;t. Weder in der Art ihrer Agitation, ihrer Selbstdarstellung und ihren Inhalten, noch in ihrem Verh&#228;ltnis zu deutschnationalem Revisionismus und Neonazismus hat sich ma&#223;geblich etwas ver&#228;ndert. Leider gilt dieses Fazit auch f&#252;r ihre Ergebnisse bei Landtagswahlen. Wie die Resultate im Burgenland im Mai (9%; +3,2%) und der Steiermark im September (10,8%; +6,3%) zeigen, waren all jene voreilig, die von den Wahlergebnissen im Fr&#252;hjahr dieses Jahres auf ein grunds&#228;tzliches Ende der Erfolgsgeschichte der Strache-FP&#214; geschlossen hatten. Offensichtlich ist es der Partei vielmehr gelungen, sich nach der Rosenkranz-Schlappe intern soweit zu konsolidieren, dass ihre strategische Ausrichtung weiter zu greifen vermag. Daf&#252;r spricht, dass sich an der sozialen Zusammensetzung der W&#228;hlerInnen und den Gr&#252;nden, warum die FP&#214; gew&#228;hlt wird, kaum etwas ge&#228;ndert hat und die Partei nach wie vor von ihrer Inszenierung als <em>Soziale Heimatpartei</em> profitieren kann.</em><a title="anm_74" name="anm_74" href="#anm74"><sup>74</sup></a> Da die vorliegende Ausgabe unmittelbar vor den Wien-Wahlen in Druck geht, k&#246;nnen wir &#252;ber das Ergebnis nur Vermutungen anstellen. Allerdings w&#228;ren wir (positiv) &#252;berrascht, sollte die FP&#214; die anvisierten 20% nicht deutlich &#252;bertreffen.<br />
Dar&#252;ber, wie sich die Situation nach den Wien-Wahlen entwickelt, kann zum jetzigen Zeitpunkt zwar nur spekuliert werden. Geht man aber davon aus, dass die FP&#214; an ihrer strategischen Ausrichtung nichts Wesentliches &#228;ndert und es ihr mehr oder minder gelingt, ihre internen Widerspr&#252;che am Aufbrechen zu hindern, scheint ihr bundesweiter Aufstieg zur Gro&#223;partei nicht unrealistisch. Dies gilt umso mehr, als sich mit den anstehenden Sparpaketen nicht nur allgemein die soziale Krise versch&#228;rfen und die Verunsicherung erh&#246;hen, sondern insbesondere die SP&#214; weiter an Glaubw&#252;rdigkeit verlieren wird. Wenn die VertreterInnen der b&#252;rgerlichen Parteien zudem, wie zuletzt der steirische Landeshauptmann und SP&#214;-Schwergewicht Franz Voves, die inhaltliche und personelle Anbiederung an die rechtsextreme FP&#214; fortsetzen und der Partei so den Schein demokratischer Legitimit&#228;t verleihen, wird man sich &#252;ber weitere Erfolge nicht wundern d&#252;rfen. Wann diese auf Bundesebene in eine Regierungsbeteiligung m&#252;nden k&#246;nnen, h&#228;ngt wesentlich davon ab, ob die FP&#214; – wie schon Ende der 1990er Jahre – f&#252;r das b&#252;rgerliche Lager zur Machtoption wird. Statt sich im Kampf gegen die FP&#214; also auf die b&#252;rgerlichen Parteien zu verlassen, w&#228;re es notwendig, eine linke Alternative zur SP&#214; auf den Weg zu bringen, um das gesellschaftliche Kr&#228;fteverh&#228;ltnis nach links zu verschieben. Die beste antirassistische und antifaschistische Strategie ist immer noch der Aufbau einer organisierten, starken und handlungsf&#228;higen Linken.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> vgl. Fuchs, Daniel/Wiegand, Felix: FP&#214;: Rechts extrem erfolgreich, in: Perspektiven Nr. 8 (2009). S. 4–15<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> ebd., S. 6ff.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Auf das BZ&#214; wird in diesem Artikel nicht weiter eingegangen, weil die Partei nach dem Tod ihrer F&#252;hrerfigur Haider sowie der de facto Wiedervereinigung von FP&#214; und BZ&#214; in K&#228;rnten weder in der Bundespolitik noch innerhalb des Dritten Lagers noch eine bedeutende Rolle spielt.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Nicht umsonst denken Teile der rechtsextremen NPD in Deutschland dar&#252;ber nach, sich mit Hilfe dieses Namenszusatzes einen modernen und gem&#228;&#223;igten Anstrich zu geben (vgl. S&#252;ddeutsche Zeitung, 06.06.2010, unter: http://www.sueddeutsche.de/bayern/parteitag-der-npd-in-bamberg-zwischen-fusion-und-konfusion-1.954345).<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Diese und alle in der Folge nicht ausgewiesenen Zitate stammen von Wahlplakaten, -foldern und -kampagnen der FP&#214; und sind unter  http://www.fpoe.at und http://www.hcstrache.at sowie den Seiten der FP&#214;-Landesverb&#228;nde nachzulesen.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Herbert Kickl bei der Vorstellung der FP&#214;-Kampagne, unter: http://www.youtube.com/watch?v=5FA02cF0eOw&#038;feature=related<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> http://www.banken-sollen-selber-zahlen.at<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Die Kategorie „Arbeiter“ wird in der dominanten Wahlforschung zumeist nicht oder nur unklar bestimmt, Prozesse der Klassenneuzusammensetzung bleiben weitgehend ausgeklammert (vgl. Atzm&#252;ller, Roland: Wie macht man eine Arbeiterpartei? in: grundrisse. Zeitschrift f&#252;r linke theorie und debatte, 4 (2002), unter: http://www.grundrisse.net/grundrisse04/4arbeiterpartei.htm).<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> vgl. die Analysen von SORA zu den genannten Wahlen unter: http://www.sora.at/themen/wahlverhalten/wahlanalysen/eu-wahl09.html; http://www.sora.at/themen/wahlverhalten/wahlanalysen/ltw-vbg09.html; http://www.sora.at/themen/wahlverhalten/wahlanalysen/ltw-ooe09.html<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> vgl. z.B. M&#246;lzer, Andreas: Was hei&#223;t hier „soziale Heimatpartei“? Der „kleine Mann“ und die FP&#214; als Arbeiterpartei neuen Typs, unter: http://www.andreas-moelzer.at/index.php?id=485<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> vgl. Schiedel, Heribert: Der rechte Rand. Extremistische Gesinnungen in unserer Gesellschaft, Wien 2007; sowie Schiedel, Heribert: Zwischen Hegemonie und Gewalt, in: Kulturrisse, 0210 (2010), unter: http://igkultur.at/igkultur/kulturrisse/1277469129/1277472076<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Arlt, Erwin: Raubtierkapitalismus auf dem Vormarsch, in: Die Aula, Juni 2010, S. 25<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Hamer, Eberhard: Es knirscht nicht nur in Griechenland, in: Die Aula, M&#228;rz 2010, S. 26<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Reisegger, Gerhoch: Zins als Wucher gesetzlich verbieten, in: Die Aula, M&#228;rz 2010, S. 28<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> F&#252;r detaillierte Informationen zum Inhalt sowie dem personellen und organisatorischen Umfeld der Seite vgl. http://www.stopptdierechten.at/think/88-fragen-zu-alpen-donau<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Alpen-Donau.Info: Wirtschaft-Bankenwesen, unter: http://www.alpen -donau.info/WP/wirtschaft<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> vgl. z.B. St&#252;tzel, Kevin: Antikapitalismus von rechts?, in: rls Standpunkte, 13/2007; RSO (Hg.): „Antikapitalismus“ von Rechts. Von SA bis NPD: Geschichte, Politik, Theorie und Elend des „nationalen Sozialismus“, in: Marxismus Nr. 25 (2009)<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> vgl. Alpen -Donau.Info: Sozial geht nur national!, unter: http://www.alpen -donau.info/WP/2010/05/sozial-geht-nur-national<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Reisegger, Gerhoch: Antwort auf ‚Zinseszins t&#246;tet Marktwirtschaft‘ von W. Hofer, in: Die Aula, J&#228;nner 2010, S. 8<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Hamer 2010, a.a.O., S. 26<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Alpen -Donau.Info: Wirtschaft-Bankenwesen, unter: http://www.alpen -donau.info/WP/wirtschaft<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> ebd.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Alpen -Donau.Info: Perverse P&#228;dagogen, unter: http://www.alpen -donau.info/WP/weltanschauung/perverse-padagogen<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Virchow, Fabian: Von der „antikapitalistischen Sehnsucht des deutschen Volkes“, in: UTOPIE kreativ, Heft 198 (April 2007), S. 359<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> vgl. Alpen -Donau.Info: Kommunismus ist keine L&#246;sung!, unter: http://www.alpen -donau.info/WP/2009/12/kommunismus-ist-keine-losung; Alpen -Donau.Info: Sozial geht nur national!, unter: http://www.alpen -donau.info/WP/2010/05/sozial-geht-nur-national; Alpen -Donau.Info: Das Prinzip der schaffenden Gemeinschaft, unter: http://www.alpen -donau.info/WP/2009/10/das-prinzip-der-schaffenden-gemeinschaft<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> vgl. http://www.rfw.at<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> vgl. Die Presse, 28.04.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/561582/index.do?from=simarchiv<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> vgl. die Themenschwerpunkte im Programm des RfW, unter: http://www.rfw.at<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Wirtschaftsliste Salzburg (RfW), unter: http://blog.wirtschaftsliste.at<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> RfW: Neudeck: Leere Versprechungen der WK&#214; bez&#252;glich BASEL II, OTS 11.03.2009, unter: http://derstandard.at/1234509181491<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> RfW: Vertrauenskrise in die Politik verlangt nach Notgesetzgebung!, unter: http://rfw-daten.com/fileadmin/Resolutionen/Resolution_-_Vertrauenskrise_in_die_Politik_verlangt_nach_Notgesetzgebung1.pdf<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Amann, Fritz: Wirtschaftskrise muss mit innerbetrieblichen Vereinbarungen bew&#228;ltigt werden!, in: Wirtschaftsinfo, 2/2010, S. 3, unter: http://rfw-daten.com/fileadmin/infomail/2010/wirtschaftsinfo-2010-2-Newsletter_Layout_2.pdf<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Krenn, Matthias: Fraktionserkl&#228;rung zur neuen Funktionsperiode der WK&#214;, in: Wirtschaftsinfo, 3/2010, S. 5, unter: </p>
<p>http://rfw-daten.com/fileadmin/infomail/2010/wirtschaftsinfo-2010-3-Newsletter1.pdf</p>
<p><a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Alle hier aufgelisteten Forderungen entstammen den Presse-Aussendungen des RFW, dem RFW-Newsletter Wirtschaftsinfo, den Antr&#228;gen des RFW an das Wirtschaftsparlament sowie Interviews mit RFW-Funktion&#228;rInnen; sie alle sind online abrufbar unter: http://www.rfw-daten.com<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Amann, Fritz: Gegen Zwang und f&#252;r freies Unternehmertum. Interview gemeinsam mit Matthias Krenn, in: Wirtschaftsinfo, 2/2010, S. 5, unter: http://rfw-daten.com/fileadmin/infomail/2010/wirtschaftsinfo-2010-2-Newsletter_Layout_2.pdf<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> ebd.<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> vgl. Das Kleine Blatt, 17. Juli 2009, unter: http://rfw-daten.com/fileadmin/presse/Pressestimmen/2009/Das_kleine_Blatt_-_17.7.2009.pdf<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> vgl. Die Presse, 05.03.2010, unter: http://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/544279/index.do?from=suche.intern.portal; Die Presse, 30.01.2010, unter: http://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/kordiconomy/536419/index.do<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> vgl. Der Standard, 30./31.08.2008, unter: http://derstandard.at/1219938496698<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> vgl. z. B. die &#196;u&#223;erungen Straches zu seinem Team f&#252;r die Wien-Wahl, Die Presse, 28.04.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/561356/index.do?from=suche.intern.porta<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> vgl. Die Presse, 14.03.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/546230/index.do?from=suche.intern.portal; Der Standard, 22.03.2010, unter: http://derstandard.at/1269045577451/Maerz-Wahlen-FPOe-relativ-schwach<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> vgl. Die Presse, 11.05.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/hofburgwahl/564415/index.do<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> vgl. SORA-Wahlanalyse, unter: http://www.sora.at/themen/wahlverhalten/wahlanalysen/bpw10.html<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> vgl. ebd.<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> vgl. Der Standard, 01.03.2010, unter: http://derstandard.at/1267131962381/Rosenkranz-Ein-Angebot-aus-dem-rechten-Eck; Der Freitag, 01.04.2010, unter: http://www.freitag.de/datenbank/freitag/2010/13/fpoe-strache-praesidentenwahl-oesterreich/print; Die Presse, 13.04.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/hofburgwahl/557830/index.do?from=simarchiv;<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> vgl. orf.at, 21.09.2009, unter: http://vorarlberg.orf.at/stories/391276<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> vgl. Die Presse, 26.04.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/hofburgwahl/560908/index.do<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> vgl. Die Presse, 27.04.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/561228/index.do?direct=561133&#038;_vl_backlink=/home/politik/innenpolitik/561133/index.do&#038;selChannel=<br />
<a title="anm49" name="anm49" href="#anm_49">49</a> RfW: RfW-Bundespr&#228;sidium fordert R&#252;ckbesinnung auf wirtschaftsliberale Grunds&#228;tze! W&#228;hler brauchen ein liberaleres freiheitliches Angebot an die Mitte, unter:</p>
<p>http://rfw-daten.com/index.php?id=101&#038;tx_ttnews[pS]=1270072800&#038;tx_ttnews[pL]=2591999&#038;tx_ttnews[arc]=1&#038;tx_ttnews[tt_news]=501&#038;tx_ttnews[backPid]=241&#038;cHash=b5cd5a4a0a</p>
<p><a title="anm50" name="anm50" href="#anm_50">50</a> vgl. Die Presse, 30.07.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/kulisse/584453/index.do?from=suche.intern.portal<br />
<a title="anm51" name="anm51" href="#anm_51">51</a> vgl. Die Presse, 28.04.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/561356/index.do?from=suche.intern.portal; Die Presse, 11.05.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/564402/index.do?from=suche.intern.portal<br />
<a title="anm52" name="anm52" href="#anm_52">52</a> vgl. Der Standard, 14.05.2010, unter: http://derstandard.at/1271376608706/Noch-ein-Alter-Herr-fuer-die-erste-Reihe<br />
<a title="anm53" name="anm53" href="#anm_53">53</a> So hatten einige Tiroler FP&#214;-Funktion&#228;re alle Parteien seit 1945 als unw&#228;hlbar bezeichnet und sich damit ger&#252;hmten, den Kinderwagen einer T&#252;rkin &#252;ber eine Stiege geworfen zu haben (vgl. Tiroler Tageszeitung, 03.05.2010, unter: http://www.tt.com/csp/cms/sites/tt/&#220;berblick/Politik/PolitikTirol/658117-6/fp-putschversuch-der-ist-uns-nicht-weggestorben.csp; Tiroler Tageszeitung, 20.05.2010, unter: http://www.tt.com/csp/cms/sites/tt/&#220;berblick/Politik/PolitikTirol/731790-6/fpler-warf-kinderwagen-von-t&#252;rkin-&#252;ber-stiege&#8211;ausschluss.csp).<br />
<a title="anm54" name="anm54" href="#anm_54">54</a> vgl. Tiroler Tageszeitung, ohne Datum, unter: http://www.tt.com/csp/cms/sites/tt/&#220;berblick/Politik/PolitikTirol/PolitikTirolContainer/667865-8/ehemaliger-fp&#246;-jugend-droht-anzeige-bei-staatsanwaltschaft.csp; Tiroler Tageszeitung, ohne Datum, unter: http://www.tt.com/csp/cms/sites/tt/&#220;berblick/Politik/PolitikTirol/PolitikTirolContainer/746232-8/wiederbet&#228;tigungsverdacht-im-jugendzentrum-der-fp&#246;.csp<br />
<a title="anm55" name="anm55" href="#anm_55">55</a> vgl. Schiedel 2010, a.a.O.<br />
<a title="anm56" name="anm56" href="#anm_56">56</a> vgl. Der Standard, 27.08.2010, unter: http://derstandard.at/1282273681506/Tiroler-Ex-FPOe-Funktionaere-unterstuetzen-Revisionisten<br />
<a title="anm57" name="anm57" href="#anm_57">57</a> Der Standard, 16.05.2010, unter: http://derstandard.at/1271376658895/Zitate-der-Woche-Bruch-mit-Burschenschaften-ist-ein-Wunschdenken?_slideNumber=4&#038;_seite=1&#038;sap=2<br />
<a title="anm58" name="anm58" href="#anm_58">58</a> vgl. Der Standard, 11.05.2010, unter: http://derstandard.at/1271376380619/Die-Geister-die-er-rief<br />
<a title="anm59" name="anm59" href="#anm_59">59</a> vgl. Die Presse, 11.05.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/564240/index.do?direct=564402&#038;_vl_backlink=/home/politik/innenpolitik/564402/index.do&#038;selChannel=; Die Presse, 12.05.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/564557/index.do<br />
<a title="anm60" name="anm60" href="#anm_60">60</a> vgl. Die Presse, 11.05.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/564402/index.do?from=suche.intern.portal; Die Presse, 27.04.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/561133/index.do?from=simarchiv<br />
<a title="anm61" name="anm61" href="#anm_61">61</a> vgl. Der Standard, 11.05.2010, unter: http://derstandard.at/1271376380619/Die-Geister-die-er-rief<br />
<a title="anm62" name="anm62" href="#anm_62">62</a> vgl. Die Presse, 11.05.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/564402/index.do?from=suche.intern.portal<br />
<a title="anm63" name="anm63" href="#anm_63">63</a> vgl. Der Standard, 17.07.2010, unter: http://derstandard.at/1277338340363/Arbeitsmarktoeffnung-FPOe-Burgenland-plant-Volksbegehren<br />
<a title="anm64" name="anm64" href="#anm_64">64</a> vgl. z. B. die Wahlkampagne in Wien oder die FP&#214;-Agitation im Nationalrat (vgl. Der Standard, 16.06.2010, unter: http://derstandard.at/1276413231705/Nationalrat-stellte-dringliche-Anfrage-an-Hundstorfer).<br />
<a title="anm65" name="anm65" href="#anm_65">65</a> vgl. Der Standard, 14.07.2010, unter: http://derstandard.at/1277338094472/Strache-plant-neues-Anti-Auslaender-Volksbegehren<br />
<a title="anm66" name="anm66" href="#anm_66">66</a> vgl. Asenbaum, Maria/Wiegand, Felix: Islamophobie und die Kulturen des Rassismus, in: Perspektiven Nr. 4 (2008). S. 8–17<br />
<a title="anm67" name="anm67" href="#anm_67">67</a> vgl. Rajkovi&#196;, Amar/Niżnik, Iga: Der Kampf um die Ausl&#228;nder, in: Biber, 07(2010), unter: http://www.dasbiber.at/content/der-kampf-um-die-ausl&#228;nder; Die Presse, 20.02.2008, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/364103/index.do<br />
<a title="anm68" name="anm68" href="#anm_68">68</a> vgl. Die Presse, ohne Datum, unter: http://diepresse.com/home/politik/wienwahl/597757/index.do?_vl_backlink=/home/index.do<br />
<a title="anm69" name="anm69" href="#anm_69">69</a> vgl. Der Standard, 06.09.2010, unter: http://derstandard.at/1282978957343/Moschee-baba-Verbotenes-FPOe-Spiel-auf-Neonazi-Homepage-wieder-online<br />
<a title="anm70" name="anm70" href="#anm_70">70</a> vgl. Der Standard, 04.06.2010, unter http://derstandard.at/1271378113365/FPOeler-ist-aus-Privatinteresse-mit-einer-Neonazi-Homepage-verlinkt<br />
<a title="anm71" name="anm71" href="#anm_71">71</a> vgl. Die Presse, 29.09.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/steiermarkwahl/597943/index.do?from=simarchiv<br />
<a title="anm72" name="anm72" href="#anm_72">72</a> vgl. Alles, was rechts ist. &#220;ber Haider-Kult und Waffen-SS: Gerald Grosz (BZ&#214;) und Gerhard Kurzmann (FP&#214;) im Falter-Sommergespr&#228;ch, in Falter, Nr. 31/10, S. 40f., unter: http://www.falter.at/web/print/detail.php?id=1204; zum rechtsextremen Charakter der Kameradschaft IV vgl. http://www.doew.at/frames.php?/projekte/rechts/organisation/kamerad.html<br />
<a title="anm73" name="anm73" href="#anm_73">73</a> vgl. Die Presse, 19.06.2010, unter: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/575090/index.do?from=simarchiv; Die Presse, 25.08.2010, unter: http://diepresse.com/home/meinung/kommentare/589753/index.do?from=simarchiv; Die Presse, ohne Datum, unter: http://diepresse.com/home/politik/wienwahl/589672/index.do#kommentar0<br />
<a title="anm74" name="anm74" href="#anm_74">74</a> vgl. die SORA-Wahlanalysen unter: http://www.sora.at/themen/wahlverhalten/wahlanalysen/ltw-bgld10.html; http://www.sora.at/themen/wahlverhalten/wahlanalysen/ltw-stmk10.html</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2010/10/15/die-fpoe-nutzniesserin-der-krise/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Rosinenpicken</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/08/26/rosinenpicken-3/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2010/08/26/rosinenpicken-3/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:40:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Antifaschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterverhältnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Iran]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Stadt]]></category>
		<category><![CDATA[Universität]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=1594</guid>
		<description><![CDATA[
Die „K&#228;mpfe um Bildung“, denen sich Perspektiven Nr. 10 gewidmet hat, bilden auch anderswo ein zentrales Thema. So sind im aktuellen Programm der Edition PROLLpositions in der Reihe audimarx drei feine Brosch&#252;ren erschienen, die vor allem die Frage „Wie sich (ver-)wehren?“ hochhalten: (1) Das „Kommuniqué aus einer ausbleibenden Zukunft. &#220;ber die Ausweglosigkeit des studentischen Lebens“ (Research & Destroy; audimarx #1) [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-1594"></span><br />
Die „K&#228;mpfe um Bildung“, denen sich <em>Perspektiven</em> Nr. 10 gewidmet hat, bilden auch anderswo ein zentrales Thema. So sind im aktuellen Programm der <em>Edition PROLLpositions</em> in der Reihe <em>audimarx </em>drei feine Brosch&#252;ren erschienen, die vor allem die Frage „Wie sich (ver-)wehren?“ hochhalten: (1) Das „Kommuniqué aus einer ausbleibenden Zukunft. &#220;ber die Ausweglosigkeit des studentischen Lebens“ (Research & Destroy; <em>audimarx #1</em>) wurde im Zuge der Besetzung eines Teils der Universit&#228;t von Santa Cruz verfasst und Anfang Oktober 2009 online publiziert. Neben der Thematisierung des Verh&#228;ltnisses von Studium und Arbeit im Kontext der zunehmenden Transformation von Universit&#228;ten in Fabriken der Wissens(re)produktion, dr&#252;ckt sich in der „Mitteilung“ vor allem auch das dr&#228;ngende Bed&#252;rfnis nach den verbindenden Inhalten unterschiedlicher K&#228;mpfe aus, deren gesellschaftliche Ausgangsbedingungen doch sehr verschieden sind. (2) In „Reformpause!“ (<em>audimarx #2</em>) beschreibt <em>Marion von Osten</em>, wie es nach dem zweiten Weltkrieg zu einer bildungspolitischen Wende in Westeuropa kam und reflektiert dabei diejenigen allgemein-gesellschaftlichen und konkret-kollektiven Bedingungen, die Wissensproduktion &#252;berhaupt erst erm&#246;glichen. (3) Ausk&#252;nfte &#252;ber die erfolgreiche Besetzung der Universit&#228;t in Zagreb sowie &#252;ber die Besetzungsstrategien unserer kroatischen KollegInnen gibt das „Besetzungskuchbuch. Bericht von der Besetzung der Zagreber Philosophischen Fakult&#228;t 2008“ (<em>audimarx #3</em>). Eine zu empfehlende Lekt&#252;re f&#252;r alle ProfibesetzerInnen und diejenigen, die es noch werden wollen.   </p>
<p>Nicht nur die Universit&#228;ten haben im letzten Jahr gebrannt. Auch im Iran gab es eine der gr&#246;&#223;ten Protestbewegungen seit Jahrzehnten. W&#228;hrend <em>Behrooz Rahimi</em> in <em>Perspektiven </em>Nr. 9 in erster Linie das widerspr&#252;chliche Erben der Iranischen Revolution von 1979 analysiert hat, begibt sich <em>James Buchan</em> auf eine weiter angelegte historische Spurensuche nach den Gemeinsamkeiten der verschiedenen Revolutionen im Iran. Er vergleicht nicht nur die Ereignisse vom Juli 2009 mit denen der konstitutionellen Revolution 1905, sondern zieht auch Parallelen zwischen der Pr&#228;sidentschaft Mahmud Ahmadinejads und der Herrschaft Louis-Napoleons (Napoleon III). Bezugnehmend auf Marxens „Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“ (1852), in dem Marx nachweist, dass der Staatsstreich des Louis-Napoleon 1851 in Frankreich das notwendige Ergebnis der vorhergegangenen Entwicklungen war und sich Geschichte oftmals zun&#228;chst als Tragik und dann als Farce wiederholen muss, um sie im Sinne der Befreiung weitertreiben zu k&#246;nnen, sch&#246;pft <em>Buchan </em>Hoffnung f&#252;r politische Ver&#228;nderungen im Iran.</p>
<p>Schwerpunkt von <em>Perspektiven </em>Nr. 9 war allerdings nicht der Iran, sondern die „Ge_schlechte_r_verh&#228;ltnisse im Kapitalismus“. &#196;hnlich wie <em>Katharina Hajek</em> und <em>Benjamin Opratko</em> in ihrem Artikel „Welche Wirtschaft, wessen Krise?“ besch&#228;ftigen sich auch <em>Helene Schuberth</em> und <em>Brigitte Young</em> mit dem Zusammenhang zwischen den „Geschlechtern der Krise“ und der „Krise der Geschlechter“. Die Autorinnen,  zwei der profiliertesten Forscherinnen auf dem Feld der feministischen &#214;konomie, haben mit <em>The Global Financial Meltdown and the Impact of Financial Governance on Gender</em> ein kurzes, aber sehr informatives, Fakten-und-Zahlen-lastiges Paper verfasst. Darin wird – zugespitzt formuliert – aus geschlechterkritischer Perspektive nicht nur danach gefragt, wer die Krise verursacht hat, sondern auch danach, wer davon in welcher Weise und in welchem Ausma&#223; betroffen ist, und – durch die Budgetkonsolidierungen weltweit – in Zukunft sein wird: vor allem Frauen. So reklamieren in diesem Zusammenhang auch <em>Drucilla Barker</em> und <em>Susan F. Feiner</em> im aktuellen <em>Rethinking Marxism</em> (No. 22) Geschlecht als Analysekategorie ein. Sie fokussieren dabei auf die „Feminisierung der Arbeit“ und die Rolle „hegemonialer M&#228;nnlichkeiten“. Frei nach dem Motto Lenins, nach dem jede K&#246;chin dazu in der Lage sein muss, die Staatsmacht auszu&#252;ben (was jedoch sowohl eine Ver&#228;nderung des Staates als auch der Lage der K&#246;chin impliziert), seien hier noch zwei weitere Feministinnen genannt, die sich den krisenhaften Entwicklungen der letzten Jahre vor allem unter dem Aspekt der Bedingungen und M&#246;glichkeiten feministischer K&#228;mpfe widmen. <em>Birgit Sauer</em> fragt (<em>Widerspruch </em>Nr. 57) aus einer feministisch-staatstheoretischen Perspektive nach den Bedeutungen staatlicher Transformationsprozesse f&#252;r die feministische Staatskritik, w&#228;hrend <em>Frigga Haug</em> in einem im Oktober 2009 gehaltenen Vortrag gewohnt luzide die Grenzen von „Umverteilungspolitik“ (auch bezogen auf die Reproduktionsarbeit) aufzeigt und daf&#252;r pl&#228;diert, gerade in der Krise „Geschlechterverh&#228;ltnisse als Produktionsverh&#228;ltnisse“ zu begreifen.<br />
Etwas mehr als Jahr ist vergangen, seit Barack Obama Pr&#228;sident der USA wurde – und wir dies in <em>Perspektiven </em>Nr. 6 zum Anlass nahmen, einen Schwerpunkt zum br&#252;chigen US-Imperium zu gestalten. Die darin von <em>Tobias ten Brink</em> ge&#228;u&#223;erte Skepsis, ob eine Obama-Administration auch nur das Ausma&#223; der Gewalt, das von der Geopolitik des US-Imperiums ausgeht, reduzieren w&#252;rde, hat sich seither best&#228;tigt. Dies zeigt ein Artikel von <em>Tariq Ali</em> in der aktuellen 50-Jahre-Jubil&#228;umsausgabe der <em>New Left Review</em> so deutlich wie drastisch. Seine bittere Bestandsaufnahme der US-Au&#223;enpolitik unter Obama, dargestellt anhand der Brennpunkte Israel/Pal&#228;stina, Irak, Iran, Afghanistan und Pakistan, zeichnet ein ern&#252;chterndes Bild. Er sieht keinen grunds&#228;tzlichen Bruch zwischen den Regierungen Bush I, Clinton, Bush II und Obama. Auch wenn die Analysen ob der K&#252;rze des Artikels manchmal zu vereinfachend wirken und etwa die Beurteilung der Situation im Iran von einem sch&#228;rferen Blick auf K&#228;mpfe von „unten“ profitiert h&#228;tte, ist Alis Beitrag hilfreich, um hinter die sch&#246;ne Rhetorik Obamas zu blicken.<br />
Und noch ein zweiter Beitrag im gleichen Heft l&#228;sst sich hervorragend als Zwischenbilanz des „Obama-Projekts“ lesen. <em>Teri Reynolds</em>, die in Kalifornien als Notfallmedizinerin arbeitet, sendet eine „Depesche aus Oakland“. Ihre lebhafte Beschreibung des Alltags in einem County Hospital macht deutlich, wie – im wahrsten Sinne des Wortes – &#252;berlebenswichtig eine echte Reform des Gesundheitswesens in den USA w&#228;re. Auf den Punkt gebracht: in diesem Land sterben permanent Menschen, weil sie keine Krankenversicherung haben. Die nun durchgesetzte <em>Health Care Reform</em> hat, so Reynolds, in den endlos scheinenden Debatten medizinische und soziale Realit&#228;ten ignoriert und wird daran nichts wesentliches &#228;ndern.</p>
<p>Ebenfalls in der aktuellen (Jubil&#228;ums-)Ausgabe der <em>New Left Review</em> spricht Mike Davis mit sich selbst: Sein „Pessimismus des Intellekts“ zwingt ihn, die desastr&#246;sen und scheinbar unaufhaltsamen Auswirkungen der Transformation von Landschaften und klimatischen Systemen durch die urban-industrielle Gesellschaft, die sich in den Megast&#228;dten des 21.Jahrhunderst konzentriert, zu erkennen. Dieser „analytischen Verzweiflung“ (und einem Antiurbanismus) stellt Davis jedoch einen „Optimismus der Imagination“ entgegen. Dabei argumentiert er f&#252;r eine neue radikal-urbane Vorstellungskraft, die andenkt, St&#228;dte nach &#246;kologischen und sozialen Gesichtspunkten zu organisieren. Letztlich sind es f&#252;r ihn gerade die St&#228;dte und deren typisch urbane Eigenschaften, die einen m&#246;glichen Weg aus den drohenden &#246;kologischen und sozialen Krisen bereitzustellen verm&#246;gen. </p>
<p>Sicher keinen Weg aus den multiplen Krisen der Gegenwart weist die extreme Rechte. Weil sie aber gerade in Krisenzeiten versucht, an Boden zu gewinnen, m&#252;ssen Antifaschismus und Antirassismus gegenw&#228;rtig mehr denn je auf der Agenda der (radikalen) Linken stehen. Zum ersten Mal konnte im Februar 2010 der j&#228;hrlich stattfindende Nazi-Aufmarsch in Dresden blockiert werden. Eine spannende Auswertung der antifaschistischen Mobilisierung nach Dresden liefern <em>Christine Buchholz</em> (Bundestagsabgeordnete DIE LINKE), <em>Steffi Graf</em> (aktiv in DIE LINKE.SDS), <em>Lucia Schnell</em> (DIE LINKE) und <em>Luigi Wolf </em>(DIE LINKE.SDS). Die Kombination aus einem breiten B&#252;ndnis von Parteien, Gewerkschaften, Zivilgesellschaft und antifaschistischen Kreisen sowie die Entschlossenheit der Gegen-DemonstrantInnen, die Nazis vermittels Massenblockaden nicht marschieren zu lassen, f&#252;hrte trotz Diffamierungs- und Illegalisierungskampagnen in Medien, Justiz und Politik zu einem erfolgreichen Ergebnis, so die AutorInnen. Die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der Kampagne in Dresden w&#252;rde auch der antifaschistInnen Linken in &#214;sterreich zu Gute kommen; schlie&#223;lich gibt es gerade hier die Notwendigkeit der Erarbeitung und Evaluierung antifaschistischer Strategien gegen die extreme Rechte.</p>
<p>Zum Nachlesen:</p>
<p>audimarx #1-3 erh&#228;ltlich bei Infost&#228;nden und im Anarchia-Versand (http://www.anarchia-versand.net/index.php/cat/c58_Paedagogik-und-Bildung.html), siehe auch: http://prollpositions.at/, Dezember 2009</p>
<p>Buchan, James: A Bazaari Bonaparte?, in: New Left Review Nr. 59, September-October 2009, 73¬-87</p>
<p>Young, Brigitte/Schuberth, Helene: The Global Financial Meltdown and the Impact of Financial Governance on Gender, in: Garnet Policy Brief Nr. 10, unter: http://www.garnet-eu.org/fileadmin/documents/policy_briefs/Garnet_Policy_Brief_No_10.pdf, 2010, 1-12</p>
<p>Barker, Drucilla /Feiner, Susan: As the World Turns: Globalization, Consumption, and the Feminization of Work, in: Rethinking Marxism Nr. 22, 2010, 246-252</p>
<p>Sauer, Birgit: Wirtschaftskrise, Staat und Geschlechtergerechtigkeit. Paradoxien feministischer Staatskritik, in: Widerspruch Nr. 57, 2009, 33-39</p>
<p>Haugg, Frigga: Geschlechterverh&#228;ltnisse in der Krise, Vortrag gehalten am 10. Okt. 2009 in Aachen, zum Anh&#246;ren unter: http://www.friggahaug.inkrit.de/AachenerVortrag09-10-10.mp3, 2009</p>
<p>Ali, Tariq: President of Cant, in: New Left Review Nr. 61, January-February 2010, S. 99-116</p>
<p>Reynolds, Teri: Dispatches from the Emergency Room, in: New Left Review Nr. 61, January-February 2010, S. 49-57</p>
<p>Davis, Mike: Who will build the ark?, in: New Left Review Nr. 61, January-February 2010, 29-46</p>
<p>Buchholz, Christine/Graf, Steffi/Schnell, Lucia/Wolf, Luigi: Breit und entschlossen Naziaufm&#228;rsche verhindern: Das Erfolgskonzept von Dresden, unter: http://christinebuchholz.de/2010/02/20/breit-und-entschlossen-naziaufmarsche-verhindern-das-erfolgskonzept-von-dresden/, Februar 2010</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2010/08/26/rosinenpicken-3/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
<enclosure url="http://www.friggahaug.inkrit.de/AachenerVortrag09-10-10.mp3" length="29794167" type="audio/mpeg" />
		</item>
	</channel>
</rss>
