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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Großbritannien</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Nachdem es brannte. Gro&#223;britanniens Karneval der Reaktion</title>
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		<pubDate>Wed, 07 Sep 2011 12:17:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Im Kampf um die Deutungsmacht &#252;ber die Riots, an denen sich im August mehrere tausend Menschen in verschiedenen St&#228;dten Englands beteiligt hatten, scheint die Strategie der Konservativen Erfolg zu haben: „kriminelle Elemente“ und Gangs werden f&#252;r die Unruhen verantwortlich gemacht. Eine Einsch&#228;tzung von Benjamin Opratko.

In der Logik der Konservativen war die Sache, nach einer kurzen Schrecksekunde zumindest, klar: Die „L&#246;sung“ [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Kampf um die Deutungsmacht &#252;ber die Riots, an denen sich im August mehrere tausend Menschen in verschiedenen St&#228;dten Englands beteiligt hatten, scheint die Strategie der Konservativen Erfolg zu haben: „kriminelle Elemente“ und Gangs werden f&#252;r die Unruhen verantwortlich gemacht. Eine Einsch&#228;tzung von <em>Benjamin Opratko</em>.<br />
<span id="more-2181"></span><br />
In der Logik der Konservativen war die Sache, nach einer kurzen Schrecksekunde zumindest, klar: Die „L&#246;sung“ f&#252;r das „Problem“ der Riots besteht in m&#246;glichst <a href="http://www.guardian.co.uk/uk/2011/aug/18/full-picture-of-riot-sentences">harten Strafen</a>, die nicht nur einzelne „T&#228;terInnen“ so lange wie rechtsstaatlich irgend m&#246;glich hinter Gitter und aus den „Problem-Communities“ raus halten, sondern auch und besonders abschreckend wirken sollen. Denn wenn, wie David Cameron und Konsorten meinen, individuelle Bereicherung die Motivationslage hinter den Riots darstellt, dann waren diese eine Art organisierter Ladendiebstahl auf gro&#223;er Ma&#223;stabsebene. Und LadendiebInnen lassen sich, so die Grundthese von Law-and-Order-PolitikerInnen (die auch <a href="http://derstandard.at/1313024743535/Blog-KrisenFrey-Camerons-richtige-Kalkulation?_blogGroup=1">hierzulande</a> von ihren PopulisatorInnen verbreitet wird), von hohen Strafen abschrecken. Eine etwaige Wiederholung der „August Riots“ soll also dadurch verhindert werden, dass m&#246;glichst viele junge Menschen f&#252;r mehrere Monate oder gleich <a href="http://www.guardian.co.uk/uk/2011/aug/16/uk-riots-four-years-disorder-facebook">Jahre</a> und zum Teil f&#252;r <a href="http://www.telegraph.co.uk/news/uknews/crime/8695988/London-riots-Lidl-water-thief-jailed-for-six-months.html">l&#228;cherliche</a> <a href="http://medienkritikwien.wordpress.com/2011/08/19/worst-case-bei-facebook-eingetreten-vier-jahre-haft-fuer-postings/">„Delikte“</a>, ins Gef&#228;ngnis kommen, ihren Familien Sozialleistungen gek&#252;rzt und sie aus <a href="http://lydall.standard.co.uk/2011/08/councils-threaten-london-rioters-with-eviction-.html">gef&#246;rderten Wohnungen rausgeschmissen</a> werden. Eine gewagte Wette der Herrschenden, deren Einsatz so oder so die Armen in Englands St&#228;dten zu zahlen haben. Verarmten und erwerbslosen Jugendlichen noch mehr soziale Sicherheiten zu nehmen und sie in &#252;berf&#252;llten Gef&#228;ngnissen gemeinsam mit „gew&#246;hnlichen“ straff&#228;llig gewordenen zusammen zu pferchen ist, darauf w&#252;rden wir wetten, der sicherste Weg, um aus der diskursiven Kriminalisierung der Aufst&#228;ndischen eine ganz praktisch-materielle zu machen, und aus den Aussagen der Herrschenden selbsterf&#252;llende Prophezeiungen.</p>
<p>Die alte Einsicht Antonio Gramscis, dass Zwang- und Konsenselemente politischer Macht im Kapitalismus einander nicht ausschlie&#223;en, sondern wechselseitig bedingen, l&#228;sst sich anhand dieses <a href="http://lattelabour.blogspot.com/2011/08/carnival-of-reaction.html">Karnevals der Reaktion</a> brandaktuell nachvollziehen. Die massive Repressionswelle, in der u.a. von den allgegenw&#228;rtigen &#220;berwachungskameras aufgenommene Bilder von Verd&#228;chtigen auf <a href="http://www.guardian.co.uk/uk/2011/aug/12/looting-suspects-cctv-digi-van">„Digi-Vans“ vor Einkaufszentren gezeigt wurden</a> und der Bev&#246;lkerung die permanente Aufforderung angetragen wird, Bekannte, die an den Riots teilgenommen haben k&#246;nnten, der Polizei zu melden, wird offenbar in breiten Teilen der englischen Bev&#246;lkerung unterst&#252;tzt. Laut einer YouGov-Umfrage sind 81 Prozent der Befragten der Meinung, die Urteile gegen rioters w&#228;ren <a href="http://www.thesun.co.uk/sol/homepage/news/3761667/Eight-in-ten-Brits-back-the-tough-sentences-being-doled-out-to-riot-thugs.html#comment-rig">„gerade richtig“ oder gar „zu wenig“ hart</a>. Bereits w&#228;hrend der Aufst&#228;nde unterst&#252;tzen 90 Prozent den Einsatz von Wasserwerfern; 77 Prozent w&#228;ren f&#252;r einen Armeeeinsatz gewesen und 33 Prozent meinten gar, die Polizei sollte mit <a href="http://today.yougov.co.uk/sites/today.yougov.co.uk/files/yougov_england_riot_results_pdf_pr.pdf">scharfer Munition gegen Unruhestifter</a> vorgehen. Der autorit&#228;r-populistische Konsens der Tories scheint also weitgehend zu halten (auch wenn aus den Reihen des liberaldemokratischen Koalitionspartners vereinzelt <a href="http://www.huffingtonpost.co.uk/2011/08/16/two-men-jailed-for-four-y_n_928942.html">verhaltene Kritik an den harten Gerichtsurteilen</a> artikuliert wird). Im Ringen um die Deutung der Aufst&#228;nde haben sich alle Parlamentsparteien, die wichtigsten Medien und ein Gro&#223;teil der Bev&#246;lkerung der konservativen Storyline angeschlossen. Die Bedeutungsketten, in denen jugendliche Aufst&#228;ndische als kriminell, gierig, gewaltgeil und bar jeglicher moralischer Codes definiert werden, scheinen fest geschmiedet. Sie n&#252;tzen nicht nur der aktuellen Tory-F&#252;hrung, sondern bieten auch offen faschistischen Kr&#228;ften und rassistischen Figuren die Gelegenheit, sich an ihnen in Richtung &#214;ffentlichkeit zu hanteln. Zwei Ereignisse stehen daf&#252;r paradigmatisch. Erstens versuchten die faschistische British National Party (BNP) und insbesondere die English Defence League (EDL), die Unruhen zu ihren Gunsten zu nutzen und sich als Besch&#252;tzerInnen der Wei&#223;en, „anst&#228;ndigen“ Arbeiterklasse darzustellen. Im Londoner Stadtteil Eltham organisierte die EDL eine „B&#252;rgerwehr“, die sich schnell in einen <a href="http://www.telegraph.co.uk/news/uknews/crime/8692872/London-riots-far-right-political-party-protect-Eltham-residents.html">rassistischen Mob verwandelte</a>. Zweitens, und m&#246;glicherweise entscheidender, brachte der konservative Historiker David Starkey eine spezifische rassistische Interpretation der Riots in die &#246;ffentliche Debatte, die sich als weitaus anschlussf&#228;higer f&#252;r die „gesellschaftliche Mitte“, d.h. jene, die sich daf&#252;r halten, erweisen k&#246;nnte. In der BBC Newsnight erkl&#228;rte er, die Gr&#252;nde f&#252;r die Gewalt w&#228;ren in der &#220;bernahme einer „schwarzen Kultur“ durch die <a href="http://www.socialistreview.org.uk/article.php?articlenumber=11724">„Chavs“</a> (ein abwertender Ausdruck f&#252;r Wei&#223;e Jugendliche aus der ArbeiterInnenklasse) zu suchen. Seine Problemdiagnose: <a href="http://www.youtube.com/watch?v=S2_6ggJf3ns&#038;feature=youtu.be">„The Whites have become Blacks“</a>. Die „schwarze Kultur“ sei „gewaltt&#228;tig, destruktiv, nihilistisch“ – und damit so ganz anders als das Friedvolle, Konstruktive und Geordnete, kurz: Wei&#223;e der britischen Gesellschaft. Seine besondere Signifikanz erh&#228;lt dieser Sub-Diskurs der Post-Riot-Debatte, weil hier der Rassismus im respektablen Gewande eines Cambridge-Gelehrten auftritt und in bestem Empire-English beteuert, es gehe ja gar nicht um Hautfarbe, sondern blo&#223; um <a href="http://www.perspektiven-online.at/2008/02/22/islamophobie-und-die-kulturen-des-rassismus/">„Kultur“</a>. Die ganze Perfidie dieses Auftritts, der als Schulbeispiel f&#252;r den neuen Kulturrassismus in der politischen Bildung wertvoll sein k&#246;nnte, hat Owen Jones, der ebenfalls in der Sendung zu Gast war, sch&#246;n <a href="http://owenjones.org/2011/08/16/it-was-like-enoch-powell-meets-alan-partridge">zusammengefasst</a>.</p>
<p>Doch die hegemonialen Verh&#228;ltnisse sind nicht so widerspruchslos, wie sie sich auf den ersten Blick pr&#228;sentieren m&#246;gen. Der Blogger und SWP-Aktivist Richard Seymour hat <a href="http://leninology.blogspot.com/2011/08/competing-common-senses-of-riots.html">darauf hingewiesen</a>, dass die Ergebnisse der Post-Riot-Umfragen, die derzeit in den britischen Medien zirkulieren, zwei konkurrierenden Logiken folgen. Zwar ist das konservative Narrativ dominant, trotzdem sind immerhin 50 Prozent der Befragten der Meinung, dass die Sparpolitik der Tory-Regierung als eine der Ursachen f&#252;r die Unruhen gesehen werden muss. (36 Prozent verneinen dies.) Angesichts des massiven Propaganda-Einsatzes der letzten Wochen, um die Riots als kriminelle Gewaltorgie darzustellen, ist das eine bemerkenswerte Zahl. Versuche, diese Widerspr&#252;che des Alltagsbewusstsein politisch zu artikulieren und Gegenpositionen zu der Strategie der Kriminalisierung und Repression h&#246;rbar zu machen, bleiben bis dato jedoch schwach. Bei einer kurzfristig von lokalen Stadtteilinitiativen organisierte Demo unter dem Motto „Give Our Kids a Chance“ kamen <a href="http://london.indymedia.org/articles/9963">immerhin 2.000 Menschen zusammen</a>, um auf die Armut und Ungerechtigkeit hinzuweisen, die als Gr&#252;nde f&#252;r die Riots gesehen werden. Solche Initiativen sind zumindest bislang jedoch weithin marginal. Daf&#252;r gibt es eine Reihe Gr&#252;nden. Einer ist sicherlich der desastr&#246;se Zustand der Linken in England. Respect, das ambitionierte Projekt einer breiten linken Wahlplattform unter Einbindung muslimischer Gruppen, die sich in der Bewegung gegen den Irak-Krieg politisiert hatten, ist auf dramatische Weise gescheitert. Die Socialist Workers Party (SWP), die gr&#246;&#223;te Organisation der radikalen Linken und ehemals treibende Kraft hinter Respect, scheint sich von dieser Niederlage bis heute nicht erholt zu haben. Zumindest stellt sie sich jedoch <a href="http://www.socialistworker.co.uk/art.php?id=25645">unmissverst&#228;ndlich gegen die Kriminalisierung</a> der Aufst&#228;nde und verweigert sich dem hysterischen Verurteilungs-Imperativ. Derweil sieht es aber so aus, als w&#252;rde der konservative Backlash den Aufstand der englischen Jugendlichen nach dessen polizeilichen Niederschlagung noch einmal &#252;berrollen, und mit ihm all jene, die auf die gesellschaftlichen Ursachen der Riots und die Notwendigkeit ihrer &#220;berwindung bestehen.</p>
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		<title>Wenn es brennt</title>
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		<pubDate>Thu, 11 Aug 2011 10:16:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
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		<description><![CDATA[London’s Burning, und nicht nur das. Seit letztem Wochenende haben sich die Revolten &#252;ber die Hauptstadt hinaus in zahlreiche St&#228;dte ausgebreitet, darunter Birmingham, Liverpool und Manchester. Ein paar Diskussionsanregungen aus der Perspektiven-Redaktion.

Politiker aller Couleur &#252;berschlagen sich vor Emp&#246;rung &#252;ber die „eindeutig kranken“, hirnlosen Kriminellen, w&#228;hrend sie der Polizei im Schnellverfahren den Einsatz von Wasserwerfern und Gummigescho&#223;en genehmigen (was der britische [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>London’s Burning, und nicht nur das. Seit letztem Wochenende haben sich die Revolten &#252;ber die Hauptstadt hinaus in zahlreiche St&#228;dte ausgebreitet, darunter Birmingham, Liverpool und Manchester. Ein paar Diskussionsanregungen aus der Perspektiven-Redaktion.<br />
<span id="more-2103"></span></p>
<p>Politiker aller Couleur &#252;berschlagen sich vor Emp&#246;rung &#252;ber die <a href="http://derstandard.at/1311803143221/Ausschreitungen-in-Grossbritannien-Premier-David-Cameron-will-gegen-Unruhestifter-hart-durchgreifen">„eindeutig kranken“</a>, <a href="http://www.thesun.co.uk/sol/homepage/news/3738875/David-Lammy-MP-Tottenham-rioters-have-ripped-out-our-hearts.html">hirnlosen Kriminellen</a>, w&#228;hrend sie der Polizei im Schnellverfahren den Einsatz von Wasserwerfern und <a href="http://derstandard.at/1311803120419/Erstmals-Polizei-wird-die-Verwendung-von-Gummigeschossen-erlaubt">Gummigescho&#223;en</a> genehmigen (was der britische Staat traditionell nur in seinen Kolonien tat) oder gleich &#252;ber einen <a href="http://blogs.telegraph.co.uk/news/tobyyoung/100100109/is-it-time-to-send-in-the-army-or-will-water-cannon-be-enough/">Armeeeinsatz</a> in englischen Wohnvierteln <a href="http://leninology.blogspot.com/2011/08/shoot-on-sight.html">r&#228;sonieren</a>. Fragen dazu, warum die Unruhen ausgebrochen sind, weshalb sie sich so rasch und weit ausgebreitet haben und wof&#252;r die Menschen auf den Stra&#223;en von Tottenham und anderswo eigentlich k&#228;mpfen, werden so kurzerhand und unausgesprochen f&#252;r illegitim erkl&#228;rt. Dabei sind es gerade diese Fragen, die es zu kl&#228;ren gilt. Hier gibt es vier Diskussionsanregungen dazu:</p>
<p>1. Es geht um Rassismus. Ausgangspunkt und Anlassfall f&#252;r die Riots im Londoner Stadtteil Tottenham war der Mord an Mark Duggan – das ist kein Zufall. Polizeibrutalit&#228;t, zahllose unaufgekl&#228;rte <a href="http://www.guardian.co.uk/uk/2010/dec/03/deaths-police-custody-officers-convicted">Todesf&#228;lle in Polizeigewahrsam</a>  („Deaths in Custody“) und die permanente Erniedrigung durch <a href="http://www.socialistworker.co.uk/art.php?id=11840">rassistische</a> <a href="http://www.stop-watch.org/uploads/articles_research_docs/modern%20law%20review.pdf">Stop and Search</a>-Methoden in armen, &#252;berwiegend von Nicht-Wei&#223;en bewohnten Vierteln hat den Hass auf die Polizei seit vielen Jahren angefeuert. Als mehrere hundert Schwarze BewohnerInnen von Tottenham vor einer Polizeiwache Antworten auf ihre Fragen zum Tod von Mark Duggan einforderten (zu Recht, wie sich <a href="http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,779335,00.html">nun herausstellte</a>), reagierte die Staatsmacht wie gewohnt: Sie ignorierte die meisten und attackierte einige. Das nahmen die Leute nicht mehr hin. </p>
<p>2. Es geht um Klassenverh&#228;ltnisse. Was in der Berichterstattung oft als „sozialer Hintergrund“ erw&#228;hnt wird, ist von &#252;berragender Bedeutung. Die Stadtteile, in denen die Unruhen ausbrechen, sind Sackgassen einer kapitalistischen gebauten Umwelt. Ein gro&#223;er Teil ihrer BewohnerInnen ist arbeitslos oder jobbt als sp&#228;tkapitalistisches &#196;quivalent eines Dickens’schen Tagel&#246;hners. Zugleich liegen sie in einer der teuersten St&#228;dte der Welt und in einem Land, in dem seit 30 Jahren konservative und New Labour-Regierungen abwechselnd die sozialen Sicherungssysteme roden. Gro&#223;britannien wird f&#252;r diesen Zeitraum eine anhaltend <a href="http://www2.lse.ac.uk/newsAndMedia/news/archives/2007/SocialMobilityDec07.aspx">geringe soziale Mobilit&#228;t bescheinigt</a>, wobei die Schere zwischen Armen und Reichen stetig <a href="http://www.guardian.co.uk/society/2010/jan/27/unequal-britain-report">weiter auseinander klafft</a>. Die enormen Einkommensunterschiede, Arbeitslosigkeit und Armut produzieren Generationen von Menschen ohne soziale Perspektive. Das gigantische Sparprogramm der Tory-Regierung wird diese Dynamik weiter versch&#228;rfen, und hat es teilweise <a href="http://www.guardian.co.uk/society/video/2011/jul/31/haringey-youth-club-closures-video?CMP=twt_gu">bereits getan</a>. &#196;hnlich wie bei den Aufst&#228;nden in den franz&#246;sischen Banlieues oder den Revolten in Griechenland Ende 2008 bricht sich hier Wut &#252;ber eine Klassenposition bahn, die ihren InhaberInnen nichts zu bieten hat als Angst, Orientierungslosigkeit und Langeweile.</p>
<p>3. Es geht um Selbsterm&#228;chtigung. Was viele KommentatorInnen und MedienkonsumentInnen verst&#246;rt, ist die Tatsache, dass w&#228;hrend der Unruhen nicht blo&#223; Lebensmittelsl&#228;den gepl&#252;ndert werden, sondern Jugendliche sich gleich mit neuen Handys, Jeans und Fernsehern versorgen – und dabei auch noch Spa&#223; zu haben scheinen. In der BBC Newsnight <a href="http://www.youtube.com/watch?v=vcuo-VLrfYE">beschwerte</a> sich k&#252;rzlich die ehemalige Tory-Abgeordnete Edwina Curry, dass die Jugendlichen jeden Sinn f&#252;r Richtig und Falsch verloren h&#228;tten; sie m&#252;ssten endlich verstehen lernen: „What’s mine is mine, and what’s yours is yours!“ Und vielleicht steckt in ihrer Tirade ein wahrer Kern. Vielleicht verstehen viele Menschen in den Sackgassen des Kapitalismus nicht mehr, warum das was ihnen geh&#246;rt so wenig und sch&#228;big ist, w&#228;hrend andere so viel besitzen. Nicht weil sie kulturlose Barbaren oder Kriminelle w&#228;ren, sondern weil ihnen die materiellen Verhei&#223;ungen der Marktwirtschaft st&#228;ndig wie die Karotte vor die Nase gehalten wird, ohne dass sie ihnen jemals – auf legalem Wege – n&#228;her kommen k&#246;nnten.  In den Shopping Malls, auf Plakatw&#228;nden oder in den H&#228;nden der reichen Wei&#223;en ein paar U-Bahn-Stationen weiter ist buchst&#228;blich Alles zahlreich vorhanden, und zugleich scheint es einer ganzen Gesellschaft als nat&#252;rliche Ordnung der Dinge, dass die Armen und Nicht-Wei&#223;en daf&#252;r nicht vorgesehen sind. Die feministische Journalistin und Bloggerin Laurie Penny hat das <a href="http://pennyred.blogspot.com/2011/08/panic-on-streets-of-london.html?spref=fb">auf den Punkt gebracht</a>: „People riot because it makes them feel powerful, even if only for a night. People riot because they have spent their whole lives being told that they are good for nothing, and they realise that together they can do anything – literally, anything at all. People to whom respect has never been shown riot because they feel they have little reason to show respect themselves, and it spreads like fire on a warm summer night“</p>
<p>4. Was gilt es zu verurteilen? Die Boulevard-Medien &#252;bernehmen – wenig &#252;berraschend – das Wording der Regierenden in Gro&#223;britannien: Die Unruhen w&#252;rden von „organisierten Kriminellen“ durchgef&#252;hrt, ein „gieriger Mob“ ziehe durch die Stra&#223;en usw. usf. In &#214;sterreich f&#228;llt es dem Fellner-Schundblatt gleichen Namens zu, die absto&#223;endste Formulierung zu finden: „wie gefr&#228;&#223;ige Ameisen“ w&#252;rden die Jugendlichen in die Superm&#228;rkte str&#246;men um sie zu pl&#252;ndern. Mit welchem Insektengift man dieser Plage am liebsten Herr werden m&#246;chte, wird nicht verraten. Zugleich mischt sich in anderen Kommentaren die Emp&#246;rung &#252;ber die „unvorstellbare Gewalt“, die es zu verurteilen g&#228;lte, mit linksliberalem Einf&#252;hlungsverm&#246;gen: die Jugendlichen w&#252;rden doch blo&#223; ihren eigenen Communities schaden und &#252;berhaupt: was sollen Riots denn zum Besseren ver&#228;ndern? Diesem scheinheiligen Paternalismus gilt es entgegen zu halten: Wenn es etwas zu verurteilen gibt, dann die Drecksverh&#228;ltnisse, in denen Menschen leben m&#252;ssen, w&#228;hrend gleichzeitig in der Londoner City M&#228;nner mit vierstelligen Monatsgeh&#228;ltern gerade wieder die Weltwirtschaft gegen die Wand fahren. Die „unvorstellbare Gewalt“ richtet sich vor allem gegen die gebaute Umwelt, die ihnen ein Gef&#228;ngnis ist, nicht gegen Menschen. Sie betrifft nicht nur die Stadtteile in denen sie selbst leben, sondern auch die poshen Spots der Londoner Upperclass, die pl&#246;tzlich mit der Existenz eines sonst unsichtbaren urbanen Proletariats konfrontiert wird und daraufhin in der Financial Times <a href="http://www.ft.com/cms/s/0/fac0b38e-c1d1-11e0-bc71-00144feabdc0.html#axzz1UZKq74AI">schockiert feststellen muss</a>: „Der Mob griff das beste Restaurant in Notting Hill an!“ Und auf die Frage was es bringt fand ein Jugendlicher in einem Live-Interview eine entwaffnende Antwort: „You wouldn&#8217;t be talking to me now if we didn&#8217;t riot, would you?“ Oder wie es die Berliner Rapper K.I.Z. schon vor zwei Jahren ausdr&#252;ckten: <a href="http://www.youtube.com/watch?v=BtjfvK0Iqbo">„Vielleicht f&#228;llt das Licht auf dein Viertel wenn es brennt?“</a></p>
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		<title>Catastrofuck!</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:09:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: In the Loop, Spielfilm, GB, USA, 109 Minuten, Regie: Armando Iannucci, Kamera: Jamie Carney.

Alastair Campbell findet den Film nicht besonders lustig. Am ehesten noch dann, wenn er weniger direkt die Politik der Regierung des United Kingdom aufs Korn nimmt und sich stattdessen mehr auf das Absurde des Zwischenmenschlichen bezieht. Alastair Campbell findet, dass dieser Film jungen Menschen Politik madig [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: In the Loop, Spielfilm, GB, USA, 109 Minuten, Regie: Armando Iannucci, Kamera: Jamie Carney.<br />
<span id="more-1537"></span><br />
Alastair Campbell findet den Film nicht besonders lustig. Am ehesten noch dann, wenn er weniger direkt die Politik der Regierung des United Kingdom aufs Korn nimmt und sich stattdessen mehr auf das Absurde des Zwischenmenschlichen bezieht. Alastair Campbell findet, dass dieser Film jungen Menschen Politik madig machen und ihnen so jegliches Interesse daran verg&#228;llen k&#246;nnte – und setzt so stillschweigend Parteipolitik mit jeglicher Form von Politik gleich. Alastair Campbell ist auch nicht besonders davon &#252;berzeugt, dass in diesem Film die Geschehnisse rund um das Kabinett Tony Blairs, die schlussendlich zum Irak-Krieg f&#252;hrten, besonders treffend oder auch nur ansatzweise realistisch wiedergegeben wurden.<br />
Das alles ist nur wenig verwunderlich, schlie&#223;lich war Alistair Campbell eine zentrale Figur von New Labour in der &#196;ra Blair gewesen – zuerst als dessen Wahlkampfmanager, dann als Pressesprecher und quasi inoffizieller Vizekanzler.  Als solcher war er auch in eines der gr&#246;&#223;eren Politikdesaster der letzten Jahre verwickelt, spielte er doch eine zentrale Rolle bei der Verfassung des September Dossier der britischen Regierung &#252;ber Iraks Potential zur Herstellung und zum Einsatz von Massenvernichtungswaffen – Campbell lie&#223; den Bericht auf Linie mit den USA trimmen und Zweifel an der Existenz dieser Waffen aus dem Bericht verschwinden. Das Dossier war so einerseits einer der Ecksteine der argumentativen Aufbereitung des bevorstehenden Irakkrieges und f&#252;hrte andererseits zu einem der gr&#246;&#223;ten Polit-Skandale der britischen Nachkriegsgeschichte: David Kelly war Experte f&#252;r Biowaffen, der Informationen &#252;ber die Ver&#228;nderungen des Berichts geliefert hatte und schlussendlich aufgrund massiven Drucks durch die Blair-Regierung als BBC-Informant genannt wurde. Zwei Tage nachdem er vor dem britischen Parlament dazu vernommen worden war, wurde er mit offenen Pulsadern in einem Waldst&#252;ck aufgefunden.<br />
Armando Ianuccis Satire In the Loop endet jedoch mit der Ver&#228;nderung des Berichts und dessen Pr&#228;sentation bei einer UN-Konferenz, auf der weitere Ma&#223;nahmen gegen einen ungenannten Staat im Nahen Osten beschlossen werden sollen. Das Setting f&#252;r diesen Film &#252;bernimmt Ianucci, umtriebiger Satiriker und Drehbuchautor in der britischen Medienlandschaft, weitgehend von der BBC-Satire-Serie The Thick of it, die um einen unf&#228;higen Kabinettsminister sowie einen zynischen Pressesprecher und Sekret&#228;r des Ministerpr&#228;sidenten kreist. In the Loop als Spin-Off von The Thick of it greift diese Konstellation auf: Malcolm Tucker, ein Berserker von einem Pressesprecher, der in seinen furiosen Fluchorgien selbst einen Fuhrknecht besch&#228;men k&#246;nnte (Alastair Campbell stand f&#252;r ihn Modell) muss sich st&#228;ndig mit den verbalen Fauxpas des „Minister of International Development“, Simon Foster herumschlagen.<br />
So beginnt das Chaos denn auch, als Foster zum Abschluss eines Interviews auf die Frage, ob denn ein Krieg im Nahen Osten bevorstehen w&#252;rde, diesen mehr versehent- als willentlich als „unforeseeable“ deklariert. Beim Versuch, sich von diesem Statement wieder zu distanzieren und seine absolute Meinungslosigkeit zu diesem Thema zum Ausdruck zu bringen, entschl&#252;pft Foster dieses sprachliche Kleinod: „Look, all sorts of things that actually are very likely, are also unforseeable. For the plane in the fog, the mountain is unforeseeable, but it is then suddenly very real and inevitable. The mountain in the metaphor is a completely hypothetical mountain that could represent anything. […] To walk the road of peace, sometimes we need to be ready to climb the mountain of conflict.&#8221;<br />
Aufgrund seiner flexiblen Meinung wird er nun zum Spielball zweier amerikanischer Regierungsbeamten: Linton Barwick,  US Assistant Secretary for Policy, der den Krieg vorbereitet und Karen Clarke, US Assistant Secretary for Diplomacy, die diesen verhindern will. Zum Verh&#228;ngnis wird ihm allerdings nicht nur seine Inkompetenz, die Parteilinie in Interviews wiederzugeben, sondern auch die losen Steine seiner Gartenmauer, die immer weiter Richtung Nachbarsgarten abrutscht und in den Medien allm&#228;hlich zum Gespr&#228;chsthema Nummer eins avanciert. Und fehlt einmal der erste Stein in der Mauer ist der Durchbruch – oder in diesem Fall das Desaster –  nahe, sodass sogar noch der eigene R&#252;cktritt zur Katastrophe ger&#228;t.<br />
<em>In the loop</em> ist eine unheimlich rasante Satire voller gro&#223;artiger Einzeiler und <em>inventive swearing</em> („Catastrofuck!“). F&#252;r Tempo sorgen dabei einerseits die staccatoartigen Dialoge und zahlreichen Settings, wie auch die sehr umtriebige Kameraf&#252;hrung, die das Agieren der ProtagonistInnen weniger glamour&#246;s, sondern eher dokumentarisch portraitiert. Was vielleicht so besonders gef&#228;llt an <em>In the Loop</em> ist die Diskrepanz in der Sprachverwendung der MeinungsprofessionalistInnen in dieser Satire: einerseits derb und schmutzig, aber auch eindeutig, wenn inoffiziell, dagegen weichgesp&#252;lt, inhaltsleer und manipulativ nach au&#223;en. Iannuccis Satire funktioniert sogar so gut, dass man sich manchmal w&#252;nscht, sie w&#228;re etwas weiter von der ihr zugrunde liegenden Realit&#228;t entfernt, um befreiter lachen zu k&#246;nnen. Denn jede gute Satire ist immer auch schmerzhaft, wenn sie den Aberwitz der Realit&#228;t im Spiegel des Humors zeigt, so auch<em> In the Loop.</em> </p>
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