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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Griechenland</title>
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		<title>Griechenland: &#8220;Diese Schulden haben Klassencharakter!&#8221;</title>
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		<pubDate>Mon, 05 Sep 2011 09:08:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews]]></category>
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		<description><![CDATA[Ramin Taghian sprach in Athen mit Haris Triandafilidou, Mitglied der Jugendorganisation von Synaspismos und dem Aktivisten Giorgos Saliaris, &#252;ber die Krise in Griechenland, die Besetzung des Syntagma-Platzes und den Widerstand gegen die neoliberale Sparpolitik der griechischen Regierung.

Was sind eurer Meinung nach die Ursachen der Krise in Griechenland?
Haris: Die M&#228;r, dass Griechenland &#252;ber seine Verh&#228;ltnisse gelebt h&#228;tte, die L&#246;hne zu hoch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Ramin Taghian</em> sprach in Athen mit <em>Haris Triandafilidou</em>, Mitglied der Jugendorganisation von <em><a href="http://www.syn.gr/en/in_deutsch.htm">Synaspismos </a></em>und dem Aktivisten <em>Giorgos Saliaris</em>, &#252;ber die Krise in Griechenland, die Besetzung des Syntagma-Platzes und den Widerstand gegen die neoliberale Sparpolitik der griechischen Regierung.<br />
<span id="more-2138"></span><br />
<em>Was sind eurer Meinung nach die Ursachen der Krise in Griechenland?</em></p>
<p>Haris: Die M&#228;r, dass Griechenland &#252;ber seine Verh&#228;ltnisse gelebt h&#228;tte, die L&#246;hne zu hoch waren und das der Grund f&#252;r die hohe Verschuldung sei, ist nicht wahr. Oft wird ja argumentiert, dass deswegen der griechische Kapitalismus nicht konkurrenzf&#228;hig sei. Aus meiner Sicht sind mehrere Punkte wichtig. Einerseits die weltweite Krise, die 2008 in den USA ausgebrochen ist. Ein weiterer Grund ist die Euro-Architektur an sich, also dass so viele unterschiedliche L&#228;nder unter einer W&#228;hrung existieren, es aber keine einheitliche Wirtschaftspolitik gibt. Das f&#252;hrt dazu, dass L&#228;nder wie Deutschland ohne Ende exportieren k&#246;nnen. Das sind immerhin 60 bis 70 Prozent der Exporte innerhalb der EU.<br />
Noch ein Problem ist, dass Griechenland zu extrem hohen Zinsen Kredite aufgenommen hat, um &#228;ltere Schulden abzubezahlen. Die europ&#228;ische Zentralbank (EZB) verleiht an Banken Geld zu einem Zinssatz von 1 Prozent. Diese wiederum verleihen das Geld an die jeweiligen Staaten mit sechs, sieben Prozent Zinsen weiter. Zu wenig thematisiert wurde ein weiterer Grund, weshalb die Staatskassen leer sind. Das Bankenrettungspaket entsprach etwa der H&#246;he der 110 Milliarden Euro, die jetzt das EU-Rettungsschirms vom letzten Jahr ausmachen. Im Prinzip ging also die Rettung der Banken auf Kosten der Gesellschaft, weil ja nicht nur der Staat, sondern die Gesellschaft daf&#252;r bezahlt.<br />
Die Ursachen liegen also einmal im internationalen kapitalistischen System, das in der neoliberalen Logik fu&#223;t, mit einem gro&#223;em Gewicht der Finanzm&#228;rkte, und der Europ&#228;ische Union mit ihrer Ausrichtung. Aber auch die konkreten Ma&#223;nahmen in Griechenland spielen eine Rolle. Als Griechenland dem Euro-Raum beigetreten ist, hatten wir zwischen 1997 und 2007 ein Wachstum von knapp 44 Prozent des BIP. Nat&#252;rlich wurde in diesen Zeiten nichts mit dem Geld angefangen, um z.B. &#252;ber Steuern irgendetwas in die Staatskassen zu bekommen. Stattdessen wurden Steuern auf gro&#223;e Unternehmen, Banken und andere Kapitalien gesenkt. Die Verschuldung blieb deshalb weiterhin auf 100 Prozent. Zus&#228;tzlich steht Griechenland an dritter oder vierter Stelle weltweit bei den R&#252;stungsausgaben im Verh&#228;ltnis zur Bev&#246;lkerung. Diese Schulden haben Klassencharakter!</p>
<p><em>Jetzt sind Sparpakete geplant. Wie hat sich die Krise konkret auf die Bev&#246;lkerung, auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen ausgewirkt?</em></p>
<p>Haris: Im letzten Jahr kam es zur Streichung des 13. und 14. Monatsgehalts. Gerade in den deutschen Medien galt das ja immer wieder als Beleg daf&#252;r, dass es den Griechen doch so gut gehe. In Griechenland werden aber extrem niedrige L&#246;hne gezahlt. Die Zusch&#252;sse zwei Mal pro Jahr gab es, damit das Ganze noch irgendwie aufgerechnet werden konnte. Wenn man sich &#252;berlegt, was eine normale Familie, die keine gro&#223;en Luxusausgaben hat, an Lebenshaltungskosten aufbringen muss, ist das schon krass. So sind die Lebensmittelpreise viel h&#246;her als etwa in Deutschland oder anderen europ&#228;ischen L&#228;ndern. Vor der Krise gab es bereits einen Anteil von 20 Prozent der Bev&#246;lkerung, die unterhalb der Armutsgrenze lebte. Unsere Generation war die „Generation der 700 Euro“. Wenn du einen Universit&#228;tsabschluss hast,  kannst du nicht damit rechnen mehr als 700 Euro zu verdienen. Dank der sozialistischen Regierung verdienst du als BerufseinsteigerIn jetzt nur mehr 560 Euro. Eine Genossin aus meiner Organisation hat Elektrotechnik studiert und letztes Jahr angefangen zu arbeiten. Sie hat viele &#220;berstunden gemacht und dann gesagt: „Ich will die irgendwie bezahlt kriegen oder in Urlaub gehen oder ich arbeite halt nur mehr die 8 Stunden.“ Sie wurde rausgeworfen und verdient jetzt 400 Euro im Monat als Kellnerin.</p>
<p>Giorgos: Ich habe zweieinhalb Jahre in einer Werbeagentur gearbeitet, die hatte zumindest ein paar Dinge wie eine private Krankenversicherung. Ich habe mit 700 Euro im Monat angefangen, im Vertrag stand ganz normal acht Stunden pro Tag, aber ich habe bis auf die Sommermonate noch nie blo&#223; acht Stunden dort gearbeitet. Ich musste jeden Tag 10-12 Stunden arbeiten und wurde noch nie f&#252;r die &#220;berstunden bezahlt. Irgendwann gab es zwar eine Gehaltserh&#246;hung auf 900 Euro im Monat, trotzdem ging es einfach nicht mehr, weil ich weiterhin immer mehr Stunden gearbeitet habe und allein die Fahrt dahin teuer war. Weil es keine Arbeitsrechte gibt, kannst du nichts dagegen machen. Irgendwann hatte ich die Schnauze voll und meinte, ich will nur die acht Stunden arbeiten. Deswegen wurde ich gefeuert, obwohl im Vertrag acht Stunden stehen. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat zu Beginn der Krise gesagt, wir Griechen w&#228;ren faul und w&#252;rden nicht arbeiten. Dabei arbeiten wir alle mehr als acht Stunden am Tag. Es hat sich herausgestellt, – das kam auch in Deutschland in ein paar Artikeln heraus &#8211; dass wir GriechenInnen mehr als alle Europ&#228;erInnen arbeiten. Das wird selten erw&#228;hnt.</p>
<p>Haris: Weiters baut das ganze Sozialversicherungssystem auf Sozialversicherungs-Marken auf. Eigentlich m&#252;ssten ArbeitgeberInnen diese kaufen und in die Sozialversicherungs-Hefte ihrer ArbeitnehmerInnen kleben. Wenn das aber nicht passiert und du trotzdem nicht auf deine Rente und Krankenversicherung verzichten willst, dann musst du dir diese Marken selbst kaufen, indem du Geld daf&#252;r sparst oder ausleihst. Wie viel das kostet kommt darauf an, bei welchem Versicherungsfond du das machst, wobei es sich um eine ganze Summe Geld handelt, gerade f&#252;r MigrantInnen, wenn man bedenkt, dass diese meist undokumentiert arbeiten und folglich nicht versichert sind. Du musst diese aber auch ansammeln, um das Recht zu haben, Arbeitslosengeld zu bekommen. Das wirkt sich wiederum auf arbeitsrechtliche Angelegenheiten aus. LehrerInnen zum Beispiel bekommen deswegen nie feste Vertr&#228;ge, sondern werden immer nur bis zum Sommer und an verschiedenen Schulen angestellt, damit sie nirgendwo eine feste Anstellung bekommen. Im Sommer werden sie entlassen und haben deswegen kein Recht auf Arbeitslosengeld. Dazu kommt, dass Korruption in Griechenland sehr weit verbreitet ist. Nun wurde ein Gro&#223;teil der Leute, die f&#252;r Steuereintreibung und Korruptionsbek&#228;mpfung zust&#228;ndig waren, weggek&#252;rzt. F&#252;r 900.000 Betriebe waren davor schon nur 1.000 Kontrolleure zust&#228;ndig. Dass die UnternehmerInnen dann Steuer hinterziehen, ist da wohl klar.</p>
<p><em>Wie ist die Situation im Gesundheitssektor?</em></p>
<p>Haris: Die Krankenversicherung zahlt der Staat, damit der Arbeitgeber nicht belastet wird. Sie k&#246;nnen diesen Hungerlohn zahlen, weil wir ja dem Kapital nicht an die Tasche d&#252;rfen. Letztes Jahr im Sommer ging durch die Medien: „Passt besonders gut auf, dass euch nichts passiert, damit ihr nicht ins Krankenhaus m&#252;sst. Denn es gibt keine Skalpelle, keine Operationsbesteck, es werden nur Notoperationen durchgef&#252;hrt.“ Das kam so: Nat&#252;rlich sind die Chefs der Krankenh&#228;user mit der <em>PASOK </em>(<em>Panellinio Sosialistiko Kinima</em>, die sozialdemokratische Partei Griechenlands, Anm) gut verbunden. Die haben lange Zeit alles, was an Mitteln f&#252;r die Krankenh&#228;user ben&#246;tigt wurde, bei verbandelten Unternehmen zu Preisen bestellt, die bis zu 200 Prozent &#252;ber dem Durchschnitt liegen. Die unterfinanzierten Krankenh&#228;user konnten das irgendwann nicht mehr bezahlen, und die Unternehmen haben aufgeh&#246;rt, Sachen zu liefern. Das war ein wunderbares Beispiel daf&#252;r, wie dieses <em>PASOK</em>-System funktioniert, welchen Klientelismus und Nepotismus die <em>PASOK </em>aufgebaut hat.<br />
Auch das &#246;ffentliche Schulsystem ist extrem unterfinanziert. Um die Hochschulzugangsberechtigung zu bekommen, also die Pr&#252;fung zu bestehen, bist du gezwungen Privatunterricht zu nehmen. Den m&#252;ssen die Eltern aus eigener Tasche zahlen. Vor zwei Jahren bedeutete das f&#252;r jede Familie 7.500 Euro. Wer hat denn so viel Geld?</p>
<p>Giorgos: Deswegen sind die Leute auch gezwungen, Kredite aufzunehmen. Sie k&#246;nnen oft gar nicht anders.</p>
<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-medium wp-image-2141" title="directdemocracy" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/09/directdemocracy-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></p>
<p><em>Privatverschuldung und Kredite haben in anderen L&#228;ndern eine zentrale Rolle in der Krisendynamik gespielt. Wie ist das in Griechenland?</em></p>
<p>Haris: Die Verschuldung der Privathaushalt macht einen gro&#223;en Teil der Schulden aus. Bei der Einf&#252;hrung des Euro sind die Zinsen f&#252;r Kredite extrem gesunken. Im Gegensatz zum fr&#252;here fordistischen Wohlfahrtsstaat besteht der soziale Kompromiss nun darin, Kredite aufnehmen zu k&#246;nnen. Viele Leute hatten und haben Kreditkartenrechnungen, die sie nicht bezahlen k&#246;nnen. Man konnte sich einen Kredit nehmen, um in den Urlaub zu fahren, die wurden Urlaubskredite genannt. Du konntest Konsumkredite aufnehmen – die hei&#223;en auch alle so! Die Privatverschuldung ist unglaublich. Du kannst im Supermarkt auf Kredit kaufen, weil du deine Grundbed&#252;rfnisse mit deinem normalen Gehalt nicht decken kannst. Das war vor der Krise schon so. Man muss sich vorstellen, dass dann im letzten Jahr die L&#246;hne um durchschnittlich 20 bis 40 Prozent gek&#252;rzt wurden, die Mehrwertsteuer erh&#246;ht wurde, das Benzin extrem teuer geworden ist usw. Es geht hier mittlerweile um Leben und Tod. Das ist auch der Grund warum sich so viele Leute vor dem Parlament versammelt haben.</p>
<p><em>Inwiefern ist in so einer Situation der Glaube an eine b&#252;rgerlich-parlamentarische L&#246;sung in der Bev&#246;lkerung eigentlich noch erhalten? Die Leute sind w&#252;tend, Haris, du sagst es geht um Leben und Tod. Werden die Aufforderungen, in harten Zeiten durchzuhalten und die vermeintliche Notwendigkeit der Sparpakete, geschluckt?</em></p>
<p>Haris: Im Winter gab es einen <a href="http://no-racism.net/article/3647/">Hungerstreik </a>von 300 MigrantInnen, um Papiere zu bekommen. Wie in den Medien &#252;ber diese MigrantInnen hergezogen wurde, zeigte eine deutlich rechte Stimmung. Damals hatte ich den Eindruck, dass viele nicht nur die parlamentarische Demokratie, sondern Demokratie als solche in Zweifel ziehen. Was mir aber sehr viel Hoffnung gibt, sind die Ereignisse seit dem <a href="http://www.scharf-links.de/44.0.html?&amp;tx_ttnews%5Btt_news%5D=16873&amp;cHash=b09a86b1ce">25. Mai am Syntagma-Platz</a>. Hier l&#228;uft alles unter der Bem&#252;hung, dass die Leute begreifen, was Demokratie wirklich ist. Ich war bei einer wunderbaren Diskussion mit vier verschieden Vortragenden. Es ging darum, was Demokratie bedeutet, was es bedeutet, Minderheit in einer Demokratie zu sein, was direkte und was  repr&#228;sentative Demokratie ist, und was jetzt gerade hier passiert. Die Leute versammeln sich unter der Forderung nach echter Demokratie. Das ist positiv! Sie sagen, wir zweifeln Demokratie nicht grunds&#228;tzlich an. Letztes Jahr noch war die Stimmung weit verbreitet, wir br&#228;uchten jemanden wie Berlusconi, jemanden der es in der Marktwirtschaft zu etwas gebracht hat. Solche Leute m&#252;ssten jetzt an die Regierung und alles verwalten um uns aus dieser Misere heraus zu f&#252;hren. Diese Stimmung ist total gekippt. Die Demokratie als Idee wird nicht angezweifelt, sondern die parlamentarische Demokratie unter neoliberalen Vorzeichen steht in der Kritik.</p>
<p><em>Also eine Krise der repr&#228;sentativen Demokratie?</em></p>
<p>Haris: Die Parteien sind hier sehr klientelistisch organisiert, was auch von den Medien bef&#246;rdert wurde. Vor allem <em>PASOK </em>hat das so aufgebaut: Du w&#228;hlst mich und daf&#252;r bringe ich dein Kind oder dich irgendwo im &#246;ffentlichen Sektor unter. &#196;hnliches passiert auf den Universit&#228;ten. Jede Partei hat ihre StudentInnenorganisation. Die treffen sich aber nicht, um zu diskutieren, sondern sagen, wir sind <em>PASOK</em>, wir fahren gemeinsam auf Urlaub, bieten Reisen an oder gehen in Nachtclubs. Wenn du uns kennst, bekommst du einen Tisch f&#252;r den du sonst 100 Euro zahlst um 20 Euro.</p>
<p>Giorgos: Bei den Griechen ist die Partei wie eine Fu&#223;ballmannschaft von der man total gro&#223;er Fan ist. Schon als Kind wird dir anerzogen, du wirst jetzt <em>PASOK </em>oder du wirst <em>Nea Dimokratia</em> (konservative Partei Griechenlands, Anm.). Wenn du &#252;berhaupt nichts mit Parteien zu tun haben willst, ist es sehr schwer durchzukommen.</p>
<p>Haris: Das bricht aber jetzt auf. PASOK hat bei den letzten Wahlen &#252;ber 40% bekommen. Jetzt bei den Umfragen schaffen sie es nicht &#252;ber 25%. In manchen Regionen schl&#228;gt die Basis der Partei die Parteib&#252;ros in St&#252;cke. Die SozialdemokratInnen haben unter <em>Kostas Simitis</em> (Ministerpr&#228;sident von 1996 bis 2004, Anm.) einen extrem neoliberalen Kurs eingeschlagen. Alles unter der Fahne des Beitritts zum Euro-Raum, damit es uns endlich besser gehe. Nach der letzten Wahl ist <em>Papandreou </em>(<em>Giorgos Andre</em>a, aktueller Ministerpr&#228;sident, Anm.) eigentlich mit einem komplett keynesianistisch-sozialstaatlichen Programm an die Macht gekommen. Sein Bruder ist jetzt in der Kommission, die f&#252;r Privatisierungen zust&#228;ndig ist. Die schieben sich die Gesch&#228;fte zu. Daran wird nichts ge&#228;ndert, aber die kleinen Leute m&#252;ssen zahlen.</p>
<p><em>K&#246;nnt ihr n&#228;her auf das Verh&#228;ltnis zwischen der Basis der sozialistischen Partei und ihrer F&#252;hrung eingehen? Ihr habt ja schon angesprochen, dass es zu Auseinandersetzungen gekommen ist. Wie verhalten sich dabei die Gewerkschaften?</em></p>
<p>Haris: Gerade gab es eine Kampagne, die versucht hat <em>SYRIZA</em>, die Koalition der radikalen Linken im Parlament, daf&#252;r verantwortlich zu machen, dass Regierungsmitglieder mit Joghurt beworfen oder ausgebuht werden. Das Ganze hat dann aber doch irgendwann zu l&#228;cherlich gewirkt. Die Partei hatte bei den letzten Wahlen 4,6%. Wie viele sind wir, ohne es zu wissen? (lacht) Sie zeigten dann ein Video auf dem angeblich Mitglieder von <em>SYRIZA </em>zu sehen sind, die Joghurt werfen. Es stellte sich aber heraus, dass das unter anderem der Vorsitzende der Jugendorganisation von <em>PASOK </em>war. Ihre eigenen Leute haben sie ausgebuht! Das war zu erwarten. Schlie&#223;lich machen sie das komplette Gegenteil von dem Programm, f&#252;r das sie gew&#228;hlt wurden.</p>
<p>Giorgos: Viele Politiker beschweren sich, dass sie sehr aggressiv angegriffen und beworfen werden und wir doch auf Dialog setzen sollen. Aber wer gibt der Polizei die Befehle anzugreifen? Wenn sie einen Dialog wollen, sollen sie die Polizei raus lassen. Nat&#252;rlich schmei&#223;en wir Joghurt! Wir merken, dass sie uns anl&#252;gen.</p>
<p>Haris: Als Papandreou gew&#228;hlt wurde, hat er gesagt: „Wenn wir die Schere zwischen Arm und Reich nicht radikal verkleinern und wenn wir dieser Gesellschaft nicht das Gef&#252;hl geben, dass endlich mehr Gerechtigkeit herrscht, dann werden sie uns mit Steinen verjagen.“ Genau das passiert jetzt. Letzte Woche hat die europ&#228;ische Linkspartei hier getagt und eine Veranstaltung organisiert. Es wurden Basisgewerkschaften, aber auch die Chefs der gr&#246;&#223;ten Gewerkschaften eingeladen, in deren Bereichen jetzt privatisiert werden soll. Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Privatangestellten ist <em>PASOK</em>-Mitglied. Seine Analyse der Angriffe auf die arbeitsrechtlichen Errungenschaften hat aber gezeigt, dass er ideologisch mit dieser Partei fertig ist. Ein Gewerkschafter der staatlichen &#214;lgesellschaft wurde aus der Partei ausgeschlossen und hat gesagt: „Wir haben Fehler gemacht und gedacht, Gewerkschaftsarbeit hei&#223;t hie und da mal eine Pressemitteilung rauszugeben. Aber ich habe eines verstanden, Gewerkschaftsarbeit muss jetzt auf der Stra&#223;e stattfinden.“ Daran sieht man die Politisierung der Gewerkschaften und der Basis. Ein weiterer Gewerkschafter der staatlichen Wassergesellschaft, die privatisiert werden soll, hat sich ausgerechnet wie viel der Betrieb bei einem Verkauf kosten w&#252;rde. Er meinte, selbst wenn wir glauben, dass unbedingt Geld n&#246;tig sei und die Betriebe verkauft werden m&#252;ssten, k&#228;me das auf 40 Euro gespalten auf drei Wasserrechnungen pro EinwohnerIn. Nach drei Rechnungen w&#228;re die gesamte Bev&#246;lkerung im Besitz des Betriebs! Solche Konzepte und Alternativen sind wichtig. Es ist wichtig zu zeigen, dass die Regierung nicht die absolute Wahrheit besitzt und diese kapitalistische neoliberale Logik keine Naturgewalt ist.</p>
<p><em>Ihr habt schon die Ereignisse am Syntagma-Platz erw&#228;hnt. Er&#246;ffnen sich hier Alternativen? Vielleicht k&#246;nnt auch kurz erkl&#228;ren, welche Rolle die &#8220;Indignados&#8221; spielen.</em></p>
<p>Haris: Im Prinzip war es eine Reaktion auf die Ereignisse in Spanien, die ja &#228;hnliche Probleme haben. Eine extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit trotz guten Ausbildungsniveaus, prek&#228;re Arbeitsbedingungen usw. Seit Februar hatte sich eine enorme Wut aufgestaut, die sich aber nirgends kanalisiert hat, sondern nur im Werfen von Gegenst&#228;nden Ausdruck fand. Seit dem 25. Mai gibt es am Syntagma-Platz eine bunte Bewegung. Auf dem unteren Teil des Platzes finden Vollversammlungen statt und auf dem oberen Teil stehen Leute vor dem Parlament und zeigen ihm quasi den Mittelfinger. Es gibt Leute mit griechischen Fahnen, die Patriotismus im Protest erkennen. Es gibt auch Rechtsextreme. Am Anfang war es so, dass es innerhalb der Linken Schwierigkeiten gab, sich zu positionieren. Fordern wir eine patriotische Regierung oder konzentrieren wir auf soziale Gerechtigkeit und setzten Demokratie, soziale Gleichheit und Geschlechtergleichheit auf die Agenda? Die <em>KKE </em>(Kommunistische Partei Griechenlands, Anm.), die gr&#246;&#223;te organisierte linke Partei, enthielt sich komplett und verurteilte das Ganze als etwas, was keine revolution&#228;re Gesinnung hat, keine Thematik, kein Programm. Andere Teile der Linken, ob parlamentarisch oder au&#223;erparlamentarisch, haben einfach folgendes gemacht. Sie haben respektiert, dass es eine Parteienverdrossenheit gibt. Sie gehen also nicht mit Parteifahne hin, sondern diskutieren mit und h&#246;ren zu. Wir m&#252;ssen dorthin gehen und die Leute &#252;berzeugen.</p>
<p><em>Wie finden solche Diskussionen am Syntagma-Platz statt?</em></p>
<p>Haris: Am Dienstag wird es die vierte Diskussion geben. Es gibt immer ein Gremium, das vorschl&#228;gt, welche Leute sprechen sollen. Dar&#252;ber wird dann in der Vollversammlung abgestimmt. Das ist wirklich basisdemokratisch. Die RednerInnen sitzen vorne und haben jeweils eine viertel Stunde Zeit. F&#252;r die Fragen werden Nummern gezogen und du wirst aufgerufen. Wenn zu viele etwas sagen wollen, wird ausgelost, damit niemand aus irgendwelchen Gr&#252;nden bevorzugt wird. In einer meiner ersten Diskussionen ging es darum, was diese Schulden genau sind, ob es eine richtige L&#246;sung daf&#252;r gibt und ob das, was gerade passiert die einzig m&#246;glich L&#246;sung ist. Die Leute haben mitdiskutiert und viele Fragen gestellt. Genau das hat sich doch die Linke so lang gew&#252;nscht, dass die Leute auch erfahren, dass es andere M&#246;glichkeiten gibt! Die Medien haben dar&#252;ber nie berichtet. Sie sind hier wirklich Instrumente des Machtblocks. Interessant war, und das kann man vielleicht als Hegemoniekrise verstehen, dass w&#228;hrend des <a href="http://www.democracynow.org/2011/6/29/inside_greeces_general_strike_video_report">Generalstreiks am 29. Juni</a> nicht einmal die regierungstreuesten Medien rechtfertigen konnten, was passiert ist. Die vom Fernsehen befragten Parteivertreter wurden regelrecht von den Medien attackiert. Diese Mainstreamideologie bricht auf. Das ist einerseits positiv, weil es in Richtung soziale Gerechtigkeit, Demokratie und Ausdehnung von Rechten geht. Es kann aber nat&#252;rlich auch in die Hose gehen und eine krassen Rechtsruck geben.</p>
<p><em>Wie spiegeln sich diese Widerspr&#252;che in der Bewegung wider?</em></p>
<p>Haris: Die Hegemonie in dieser Bewegung haben schon linke bzw. demokratische Kr&#228;fte inne. Im Moment sieht es gut aus. Das h&#228;ngt aber auch davon ab, wie sich die Medien verhalten werden und wie viel Polizeigewalt wir noch sehen werden. Letztes Jahr fand am 5. Mai, als das Ma&#223;nahmenpaket beschlossen wurde, die gr&#246;&#223;te Demonstration seit dem Ende der Diktatur statt. Damals wurde eine Bank angez&#252;ndet und drei Menschen sind gestorben. Danach war die Bewegung tot. Es hat den Leuten Angst gemacht und f&#252;r einen gewissen Zeitraum vermittelt, dass Demonstrationen das falsche Mittel w&#228;ren. Wenn etwas derart ausartet, ist es nicht mehr gut. Wir haben extrem viel Polizeigewalt auf den Demonstrationen, wobei speziell f&#252;r Demos zust&#228;ndige Spezialeinheiten eingesetzt werden, die auch auf Leute einschlagen. Deshalb fanden die Leute auch den Syntagma-Platz so toll. Hier war etwas anders als bei den typischen Demonstrationen, die von Polizeigewalt und dem Schwarzen Block gepr&#228;gt sind. Die Leute hatten das Gef&#252;hl, am Syntagma-Platz ist man sicher.</p>
<p><em>Wie reagiert die Polizei auf die Versammlungen? Es gab doch auch hier Repression, oder?</em></p>
<p>Haris: Am 15. Juni wurde zum ersten Mal versucht, den Platz unter Einsatz von Tr&#228;nengas zu r&#228;umen. Am Abend waren aber alle wieder da. Ich hatte das Gef&#252;hl, die Leute verteidigen das, weil sie es selbst aufgebaut hatten, es ist ihre Sache. Und es gibt auch <em>agents provocateurs</em>. Auf einem Video sieht man einen Vermummten, der pl&#246;tzlich zum Parlament geht, mit Polizisten redet und dann rein geht. Sie haben versucht zu erkl&#228;ren, das sei ein Gewerkschafter von den &#246;ffentlichen Verkehrsbetrieben, der die Polizei um Hilfe gebeten h&#228;tte, weil er von den Anarchisten bedroht worden w&#228;re und so gerettet wurde&#8230; Man sieht immer wieder Vermummte, die mit der Polizei herumh&#228;ngen. Am 15. Juni ist einem sogar seine Polizeimarke aus der Tasche gefallen. Oft sind es aber auch Mitglieder von rechtsextremen Gruppen. Schlie&#223;lich ist ein Teil der Vermummten nat&#252;rlich wirklich vom Black Block. Die werden niedergeschlagen, aber nie festgenommen. Selbst bei den Ereignissen in der Bank vor einem Jahr, die niedergebrannt wurde, stand die Polizei nur daneben, weil das Teil ihrer Eskalationsstrategie ist. Sie sorgen daf&#252;r, dass Krawalle entstehen!</p>
<p><em>Was spielt sich au&#223;erhalb vom Syntagma-Platz ab, in den Stadtvierteln aber auch au&#223;erhalb von Athen? Wie ist dort die Situation?</em></p>
<p>Haris: Es zentriert sich nat&#252;rlich um den Syntagma-Platz, weil dieser – direkt vor dem Parlament – einen symbolischen Charakter hat. Es gibt auch Nachbarschaftsversammlungen und Solidarit&#228;tsnetzwerke. Diese wurden von Leuten initiiert, die gesehen haben, was am Syntagma-Platz passiert und gesagt haben, wir machen jetzt eine Volksversammlung. Diese finden auf Pl&#228;tzen in unterschiedlichen Gegenden statt. Was in den kleinen Nachbarschaften stattfindet, geht aber vor allem von Linken aus unterschiedlichen Spektren aus, in manchen Teilen heterogener als in anderen. Letztes Jahr gab es Versuche, solche Versammlungen in meiner Gegend zu starten. Da waren sowohl AnarchistInnen, unsere Organisation als auch solche, die einfach wissen wollten was los ist und sich Sorgen machen. So etwas gibt es also in vielen St&#228;dten, aber nat&#252;rlich nicht in der Gr&#246;&#223;e wie auf dem Syntagma-Platz. Auf <a href="http://real-democracy.gr">real-democracy.gr</a> sind &#252;brigens alle verbundenen St&#228;dte und Versammlungen aufgelistet.</p>
<p>Giorgos: Die Kleinst&#228;dte und D&#246;rfer merken nicht so viel von der Krise wie die Gro&#223;st&#228;dte. Dadurch, dass viele Menschen in kleinen St&#228;dten noch eigene Felder besitzen und darauf anbauen k&#246;nnen, trifft sie die Krise nicht so hart. Gerade in Gebieten, die von wenigen Fabriken versorgt wurden, ist die Krise wiederum viel st&#228;rker sp&#252;rbar, weil diese Fabriken jetzt oft geschlossen werden. Die Arbeitslosigkeit steigt dort enorm an.</p>
<p><em>Es wirkt oft nicht so als g&#228;be es eine einheitliche, sondern unterschiedliche Bewegungen in Griechenland. Wie ist das Verh&#228;ltnis der Bewegung am Syntagma-Platz zur Gewerkschaftsbewegung, aber auch zur anarchistischen Bewegung? Spielt die radikale Linke eine Rolle bzw. ver&#228;ndert sich hier auch die Art der Zusammenarbeit?</em></p>
<p>Haris: Ehrlich gesagt, obwohl meine Organisation der ganzen Sache noch am positivsten gegen&#252;berstand, hatte ich am Anfang Angst. Ich dachte, die denken nur ‚Demokratie ist Schei&#223;e, Parteien und Organisieren genauso‘ und sitzen einfach nur rum und meckern. Ich wurde eines Besseren belehrt. Am 15.  Juli fand der erste Generalstreik seit den ersten Versammlungen der indignados am Syntagma-Platz statt. Die Vollversammlung hat explizit dazu aufgerufen, sich am Streik zu beteiligen und an der Kundgebung teilzunehmen. Dort haben auch Mitglieder des Black Block Stunk gemacht. Die AnarchistInnen hingegen, die sich wirklich inhaltlich damit auseinandergesetzt haben, sind t&#228;glich pr&#228;sent. Ebenso unterschiedliche andere linke Organisationen. Einzig die <em>KKE </em>ist nicht dabei.</p>
<p style="text-align: center;"><img class="size-medium wp-image-2168 aligncenter" title="Griechenland_Ausschreitung_1" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/09/Griechenland_Ausschreitung_11-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" /></p>
<p><em>Welche Rolle spielt die </em>KKE?</p>
<p>Haris: Die <em>KKE </em>hat vor einigen Jahren ihre eigene Gewerkschaft gegr&#252;ndet und nimmt nicht an Streiks oder Kundgebungen der offiziellen Gewerkschaften Teil. Sie machen dann Gegenkundgebungen, schlie&#223;lich sind sie &#252;berzeugt, die richtige Ideologie zu haben. Die Revolution findet erst statt bzw. der Kapitalismus geht erst dann zu Ende, wenn alle ihre Ideologie angenommen haben. Der einzige Weg aus der Krise ist daher, dass sich alle ihnen anschlie&#223;en. Wie gut das ankommt hat man am 28. Juni gesehen. Tags&#252;ber wurde mit Tr&#228;nengas geschossen und eine neue Qualit&#228;t der Repression hatte begonnen. Gegen 6 Uhr Abend sollte am Syntagma-Platz ein Konzert stattfinden, und obwohl ein paar Stunden zuvor noch Tr&#228;nengas- und Blendgranaten geflogen sind, war es schon ruhiger. Die <em>KKE </em>versammelte sich gegen Nachmittag und versuchte durch die Stra&#223;e am Parlament vorbei zu marschieren. Genau dort wo vorher Stunden lang Leute von der Polizei mit Tr&#228;nengas angegriffen wurden. Die Leute haben zuerst ironisch zu klatschen begonnen, dann gebuht und gefragt: „Was wollt ihr hier eigentlich? Wir haben die ganze Zeit was auf die Fresse bekommen, sind mit der &#252;belsten Repression konfrontiert gewesen und ihr spaziert hier einfach durch!“</p>
<p><em>&#196;ndert das etwas bei den Mitgliedern der </em>KKE?</p>
<p>Haris: Ich glaube nicht, schlie&#223;lich ist das nicht der erste Fall. Im Dezember 2008, als die ganze Stadt gebrannt hat, nachdem ein Junge von der Polizei erschossen wurde, gab es viel Gewalt auf den Stra&#223;en. Einerseits hat der Black Block viel Zulauf bekommen, aber es beteiligten sich auch Leute, die sonst nichts mit Gewalt zu tun hatten. Sie traten Sachen ein, Sch&#252;lerInnen warfen vor Polizeistationen mit Steinen und Obst. Sie versuchten einfach ihre Verzweiflung und Wut auszudr&#252;cken. Eine Medienkampagne versuchte damals, <em>SYRIZA </em>die Schuld daf&#252;r zu geben. Die damalige KKE-Generalsekret&#228;rin sagte damals: „SYRIZA streichelt die Ohren der Vermummten“, und w&#252;rde die Gewalt nicht kritisieren. W&#228;hrend also die gr&#246;&#223;te Demonstration stattfand und Gewerkschaften, Jugendliche und Leute, die fr&#252;her auf dem Sofa gesessen sind, sich gegen Polizeigewalt und Hoffnungslosigkeit gewehrt haben, hat die KKE eine Demo vor unserem Parteib&#252;ro abgehalten und uns ausgebuht. Sie trennen sich bewusst von den Protesten ab. Sie haben zwar in Umfragen dazugewonnen, aber nicht bei den Leuten die am Syntagma-Platz waren.</p>
<p><em>Wie ist die Zusammenarbeit der restlichen Linken?</em></p>
<p>Haris: Ich hab schon den Hungerstreik der dreihundert MigrantInnen Anfang Februar erw&#228;hnt. Wie gesagt hatten wir damals Angst, die ganze Situation k&#246;nnte nach rechts kippen, weil die Medien und auch der Machtblock alles so darstellten, als w&#252;rde die Linke die MigrantInnen f&#252;r ihre eigenen politischen Zwecke benutzen. Der Hungerstreik wurde dann nach 43 Tagen und zu einem Zeitpunkt erfolgreich beendet, als wir wirklich schon gedacht haben, dass jemand sterben w&#252;rde. Dabei wurde nicht nur f&#252;r MigrantInnen, sondern f&#252;r alle ArbeitnehmerInnen eine Senkung der Sozialversicherungs-Marken erreicht, die wie gesagt f&#252;r den Erwerb einer Gesundheits- und Sozialversicherung notwendig sind. Au&#223;erdem haben alle beteiligten MigrantInnen Papiere bekommen und durften damit reisen. Ein ganz breites Spektrum der griechischen Linken hat diesen Hungerstreik unterst&#252;tzt, so dass du von AnarchistInnen bis zu Leute, die sich einfach selbst als links verorten aber nicht organisiert sind, eine ganz gro&#223;e Solidarit&#228;tsbewegung hattest. All diese Leute sind mit in den Krankenh&#228;usern gewesen, als die Hungerstreikenden eingeliefert wurden, und haben dort &#220;bersetzungen gemacht oder irgendwelche Hilfestellungen geleistet. Sie waren auch in dem Geb&#228;ude, in dem die Hungerstreikenden untergebracht waren, damit keine Faschisten angreifen k&#246;nnen. Diese Solidarit&#228;tsbewegung hat dazu beigetragen, dass das Klima zwischen den verschiedenen Linken am Syntagma jetzt so gut ist. Es wurden in verschiedenen Teilen Griechenlands Plakate mit den jeweiligen &#246;rtlichen Abgeordneten gedruckt, die f&#252;r das letzte Sparpaket gestimmt haben, und da steht „Wanted“ drauf. Das Klima ist extrem schlecht f&#252;r die Regierung. Man kann eigentlich sagen, dass seit Anfang des Jahres die Stimmung gegen die Regierung extrem ist.</p>
<p><em>Und dr&#252;ckt sich das auch in Alltagspraktiken aus?</em></p>
<p>Haris: Zum Einen gab es die Mautverweigerungen an manchen Mautstellen. Man zahlt ja hier ohnehin eine extrem hohe Stra&#223;enben&#252;tzungsgeb&#252;hr an den Staat. Zus&#228;tzlich soll dann noch diese Maut gezahlt werden. Die Stra&#223;en wurden gr&#246;&#223;tenteils von Hochtief, der gr&#246;&#223;ten international agierenden deutschen Baufirma, gebaut. Dieses Geld, das die griechischen SteuerzahlerInnen hier zus&#228;tzlich zur Stra&#223;enben&#252;tzungsgeb&#252;hr bezahlen sollen, geht nicht an den Staat, sondern an Hochtief. Genauso ist das beim Flughafen und bei der Br&#252;cke in Choreo, die von einer franz&#246;sischen Firma gebaut wurde und bei der die Maut zwischen sieben und 20 Euro betr&#228;gt. Die Leute haben sich dann irgendwann geweigert, dieses Geld zu zahlen, weil es zus&#228;tzlich zu den Stra&#223;enben&#252;tzungsgeb&#252;hren und den ohnehin hohen Benzinpreisen unglaublich teuer geworden ist, von einem Ort zum anderen zu kommen. Also wurde der Schranken einfach selbst ge&#246;ffnet. Ein paar haben damit abgefangen, doch bald hat man &#252;berall den Alarm von ge&#246;ffneten Schranken geh&#246;rt. Als dann die Tickets der Verkehrsbetriebe um fast 50 Prozent teurer wurden und alle Erm&#228;&#223;igungen gestrichen wurden, gab es eine Medienkampagne der Regierung, die die Situation mit Verweis auf die Mautverweigerung so darstellte, als wollten alle alles umsonst haben. Irgendwann im April sind dann Politiker in mehreren Nachrichtensendungen ausgebuht worden, nachdem irgendwelche Leute wieder die Stra&#223;en blockierten und meinten, sie w&#252;rden keine Maut mehr zahlen und alle Menschen durchwinken. Am ersten Tag, an dem Kontrolleure der Verkehrsbetriebe unterwegs waren, wurde einem ins Bein geschossen, weil die Tickets einfach nicht zu bezahlen waren. Wenn man hier ohne Ticket erwischt wird, bezahlt man zuerst 84 Euro. Wenn man das nicht bezahlen kann, dann sind es &#252;ber 400 Euro. Wenn man dieses Geld dann nicht bezahlt, dann kommt man ins Gef&#228;ngnis. Und, ich meine, die Leute m&#252;ssen ja irgendwie zur Arbeit kommen. Wenn du jeden Tag 3 Euro zahlst um zur Arbeit zu kommen, dein Lohn aber nur 560 Euro betr&#228;gt, dann hast du ein Problem. Eine weitere Sache, die dazu gef&#252;hrt hat, dass die Leute die Schnauze voll haben, ist die Siemens-Aff&#228;re. Daf&#252;r ist kein Schwein ins Gef&#228;ngnis gegangen, trotz der vielen Schmiergelder. Aber die Leute die keinen Fahrschein zahlen, auf die wird mit dem Finger gezeigt. Tsochatzopoulus, der ehemalige Verteidigungsminister, der Schmiergelder f&#252;r U-Boot Gesch&#228;fte kassiert hat, muss jetzt vor Gericht, aber der ist auch nur ein Bauernopfer.</p>
<p><em>Wie sch&#228;tzt du die Gefahr der radikalen Rechten ein? Du hast ja vorher erw&#228;hnt, dass die auch an Versammlungen teilnehmen. In &#214;sterreich, aber auch in vielen anderen europ&#228;ischen L&#228;ndern kann die <a href="http://www.perspektiven-online.at/ausgaben/perspektiven-nr-12/">extreme Rechte als Krisengewinnerin</a> bezeichnet werden. Sie sch&#252;ren Ressentiments und Nationalismus. Wie gro&#223; ist die Gefahr hier?</em></p>
<p>Haris: Sie haben versucht an Versammlungen teilzunehmen, wurden aber wieder raus gedr&#228;ngt. Griechenland geh&#246;rt zwar zu Europa, hat aber ganz andere Strukturen. Die radikale Rechte konnte in Griechenland nie als eigene Str&#246;mung agieren, weil das Programm der radikalen Rechte von beiden Mainstreamparteien adaptiert wurde, Patriotismus und Christentum. Die Rechte in Griechenland orientiert sich &#228;hnlich der Milit&#228;rdiktatur an der Dreifaltigkeit: Heimatland, Religion, und Familie und auch in der konservativen Partei gibt es Leute, die extreme Positionen vertreten. Lange Zeit war die Rechte in Griechenland extrem vorherrschend, was v.a. an der Geschichte Griechenlands liegt.</p>
<p><em>Wie verh&#228;lt sich die au&#223;erparlamentarische Rechte?</em></p>
<p>Haris: Letzten Herbst 2010 wurde das Einb&#252;rgerungsgesetz ver&#228;ndert. In den Reden der verschiedenen  Parlamentsfraktionen sagten die konservativen Abgeordneten, das Projekt der multikulturellen Gesellschaft sei gescheitert. Elaos, die rechtspopulistische Partei, hingegen hat gesagt, die Ausl&#228;nder br&#228;chten Krankheiten ins Land, die verbreiten also einen radikalen Rassismus. Die au&#223;erparlamentarische extreme Rechte – <a href="http://www.stopptdierechten.at/2011/05/17/griechenland-neonazis-jagen-auslander/">„Chrysi Avgi“</a> – hat zum ersten Mal einen Vertreter im Athener Stadtrat. Bei seinem ersten Auftritt hat er gleich den Hitlergru&#223; gemacht. Die stechen Leute ab, pr&#252;geln, ziehen Leute in Ecken und hauen ihnen den Sch&#228;del ein. Das ist eine extrem schlimme Situation, besonders im Zentrum von Athen. Es gibt viele MigrantInnen, die in verfallenen H&#228;usern oder Baracken wohnen und um zu &#252;berleben Drogen verkaufen. Im letzten Mai gab es dann einen tragischen Vorfall als ein Mann seine schwangere Frau ins Krankenhaus bringen wollte. Er wollte das Auto holen und hatte eine Videokamera in der Hand, um die Geburt zu filmen. Drei Migranten haben ihn erstochen und er wurde von seiner Frau tot aufgefunden. Am n&#228;chsten Tag sind FaschistInnen durch das Zentrum gegangen und haben Jagd auf MigrantInnen gemacht. Im Athener Zentrum geben viele Menschen den Ausl&#228;ndern Schuld an allem. Deswegen ist es so gut, dass sich das Klima durch die Bewegung jetzt positiv ver&#228;ndert hat und Demokratie eingefordert wird. Demokratie hei&#223;t dann auch, dass Minderheiten Rechte haben.</p>
<p><em>Zur&#252;ck zu den Entwicklungen am Syntagma-Platz. Inwiefern lassen sich die Entwicklungen in Griechenland in eine Reihe mit den Aufst&#228;nden und Bewegungen in Europa sowie im Mittleren Osten einreihen? In Spanien bezieht man sich etwa auch auf die revolution&#228;ren Entwicklungen im Mittleren Osten. Wird das in Griechenland reflektiert, spielen diese Entwicklungen eine Rolle?</em></p>
<p>Haris: Die revolution&#228;ren Entwicklungen im arabischen Raum sind auf jeden Fall ein Orientierungspunkt. Aber sie sind es weniger in der politischen Debatte, auch wenn wir uns im Klaren sind, dass die Probleme &#228;hnlich sind: Jugendarbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, gro&#223;e Armut unter der Bev&#246;lkerung. Die Bedingungen sind dennoch anders. Auch wenn die Polizeigewalt es nicht vermuten l&#228;sst, haben wir immer noch ein demokratisches System, also eine f&#246;derative Demokratie, und das schafft andere Interventionsbedingungen. F&#252;r die Bewegung ist wichtig zu sehen, dass wenn es die arabischen L&#228;nder geschafft haben, ihre nicht-demokratischen Regimes zu st&#252;rzen, dann schaffen wir das erst recht. Der Begriff der Revolution bzw. die Bedeutung von Revolution ist aber auf jeden Fall ein Bezugspunkt. Dass du die bestehende Ideologie sprengst, dass du sowohl in deinem Programm als auch in deinem Alltag Alternativen schaffst, indem du ein Netzwerk der Solidarit&#228;t aufbaust und bereits jetzt das allt&#228;gliche Leben verbesserst. Es ist wichtig, damit die Leute sehen, dass du schon jetzt versuchst, diese gew&#252;nschte andere Welt durch Gegenbeispiele und alternative Netzwerke in deinem Alltag zu verankern. Das passiert gerade. Soziale Gerechtigkeit in Verbindung mit Demokratie – Basisdemokratie – spielt eine ganz gro&#223;e Rolle. Aber eben auch das Bewusstsein, dass Neoliberalismus zwangsl&#228;ufig mit Repression Hand in Hand geht und die ideologische Verkn&#252;pfung von freier Marktwirtschaft und Demokratie aufgebrochen werden muss. Es wurde endg&#252;ltig gezeigt, dass die beiden nicht miteinander einhergehen, sondern einander feindlich gegen&#252;ber stehen.</p>
<p><em> Was kann die Linke international bzw. in Europa eurer Meinung nach tun, um die Bewegung in Griechenland zu unterst&#252;tzen?</em></p>
<p>Haris: Was ich in Deutschland sehe ist, dass sich die Diskussionen der Linken um den Versuch drehen die Mainstream-Ideologie zu entkr&#228;ften und die Verantwortung Deutschlands als Exportweltmeister und hegemoniale Macht in der Europ&#228;ischen Union aufzuzeigen. Aber mir w&#228;re wichtig, dass mehr gezeigt wird, dass es nicht um L&#228;nder geht, sondern um Klassen. Es geht nicht darum, dass Deutschland Griechenland sch&#228;digt, sondern darum, dass ein bestimmtes Entwicklungsmodell die &#252;berw&#228;ltigende Mehrheit der Menschen in allen L&#228;nder sch&#228;digt. Dies l&#228;sst sich auch an der arbeitsrechtlichen Situation in „Kerneuropa“ zeigen, bzw. den L&#228;ndern, die allgemein als Zentrum bezeichnet werden, zum Beispiel in Deutschland mit Hartz IV, oder auch in Frankreich. Kurz, es geht um Klassen! Diesbez&#252;glich bin ich immer ein bisschen entt&#228;uscht. Die Rosa Luxemburg-Stiftung hat das ganz gut gemacht hat, indem sie jetzt eine <a href="http://www.rosalux.de/publication/37617">Brosch&#252;re</a> &#252;ber Mythen und Fakten der Griechenlandkrise auf Griechisch, Englisch und Deutsch herausgebracht hat und so die Leute informiert. Auch w&#252;rde ich mir w&#252;nschen, dass &#252;ber die Polizeigewalt mehr berichtet wird, und &#252;ber die tats&#228;chliche Repression im Alltag, die eigentlich nicht von der arbeitsrechtlichen Seite getrennt werden kann: Einerseits wird dir jegliches Recht genommen, dich gewerkschaftlich zu organisieren, gleichzeitig wird dir die Lebensgrundlage entzogen, weil dein Gehalt gek&#252;rzt wird. Du wei&#223;t nicht, was deine Kinder in Zukunft haben werden, da du kein Geld hast um ihnen eine private Schule zu bezahlen, damit sie es irgendwie an die Uni schaffen, die jetzt auch privatisiert werden soll. Andererseits werden diese Menschen durch radikale und extreme Repression von der Stra&#223;e verjagt und vom Protest abgehalten. Das wird meines Erachtens nach zu wenig von der Linken thematisiert.</p>
<p><em><br />
Haris Triandafilidou wurde in Berlin geboren und hat dort Politikwissenschaft studiert. Seit Februar 2009 wohnt sie in Athen und ist bei der Jugendorganisation von Synaspismos organisiert, die Teil des SYRIZA-B&#252;ndnisses ist.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>Giorgos Saliaris lebt seit acht Jahren in Athen und hat Grafikdesign studiert.<br />
</em></p>
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		<title>Die Beauty Queen der Finanzm&#228;rkte</title>
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		<pubDate>Tue, 04 May 2010 17:22:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wer ist schuld an der Krise in Griechenland? Um diese Frage findet eine hei&#223;e &#246;ffentliche Debatte statt. Fabio De Masi benennt wesentliche Ursachen der griechischen Trag&#246;die und formuliert Ideen f&#252;r eine solidarisch-demokratische Form der Krisenbearbeitung.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><span style="color: #888888;">Fabio De Masi</span></strong></p>
<p><em>Wer ist schuld an der Krise in Griechenland? Um diese Frage findet eine hei&#223;e &#246;ffentliche Debatte statt. </em>Fabio De Masi<em> benennt wesentliche Ursachen der griechischen Trag&#246;die und formuliert Ideen f&#252;r eine solidarisch-demokratische Form der Krisenbearbeitung.</em><a href="#_edn1">[1]</a></p>
<p><span id="more-810"></span></p>
<p>Wie begannen die Probleme in Griechenland? Das l&#228;sst sich relativ schnell erz&#228;hlen. Nach der Wirtschaftskrise haben zwei der drei f&#252;hrenden Rating-Agenturen die Ratings f&#252;r griechische Staatsanleihen herabgestuft. Griechische Staatsanleihen sind Papiere, die der griechische Staat verkauft und die – im Prinzip – wir alle kaufen k&#246;nnen; meistens machen das aber Banken, Hedgefonds und andere gro&#223;e InvestorInnen Diese leihen dem griechischen Staat Geld und bekommen daf&#252;r dann vom griechischen Staat Zinsen. Wenn die Rating-Agenturen diese Anleihen herabstufen, dann muss der griechische Staat den Banken, die diese Anleihen halten, h&#246;here Zinsen zahlen. Es wird also teurer f&#252;r ihn, sich neue Kredite zu besorgen. Warum haben die Rating-Agenturen nun diese Anleihen herabgestuft? Meine These ist, dass die Rating-Agenturen, wie schon w&#228;hrend der Wirtschaftskrise, nur nachvollzogen haben, was die SpekulantInnen ihnen diktiert haben. Diese haben schon vor mehreren Monaten begonnen, massiv auf einen Zahlungsausfall Griechenlands zu wetten. Sie haben mit so genannten <em>Credit Default Swaps (CDS)</em>, das sind Kreditausfallversicherungen, darauf gewettet, dass Griechenland Pleite geht und seine Schulden nicht bedienen kann. Das hei&#223;t, sie haben sich gegen den Fall, dass Griechenland Pleite geht, versichert, und diese Versicherungen dann weiterverkauft. Wenn viele der Meinung sind, dass Griechenland Pleite geht, dann werden diese <em>CDS</em> wertvoller. Und dann kann man alleine damit, dass man so eine Versicherung kauft und wieder verkauft, sehr viel Geld machen. Und schon dadurch geraten diese griechischen Staatsanleihen immer st&#228;rker unter Druck – und genau das ist passiert. Irgendwann haben das auch die schlauen Rating-Agenturen mitbekommen, dieses Signal weitergegeben und es damit noch verst&#228;rkt. Das ist sehr bedeutend, denn Griechenland muss momentan etwa 30 Milliarden Euro an neuen Krediten aufnehmen, und jeder Prozentpunkt, der mehr bezahlt werden muss, kostet 300 Millionen Euro. Der Ma&#223;stab ist hier Deutschland. Der deutsche Staat zahlt f&#252;r deutsche Staatsanleihen drei Prozent Zinsen an InvestorInnen; die griechischen Anleihen lagen zwischenzeitlich bei sieben Prozent. Wenn jeder Prozentpunkt 300 Millionen Euro ausmacht, dann kann man sich ausrechnen, was dies den griechischen Staat im Jahr kostet: Rund 1,2 Milliarden Euro, nur aufgrund der Entscheidung von InvestorInnen gegen oder f&#252;r griechische Staatsanleihen. Nun sagen manche: „Aber diese Kreditausfallversicherungen sind ja okay, weil die Besitzer griechischer Anleihen sollen ja auch dagegen abgesichert sein, dass die ihm abschmieren.“ Aber der Witz an der Sache ist, dass ein Gro&#223;teil des Handels mit diesen <em>CDS </em>von Leuten betrieben wird, die &#252;berhaupt keine griechischen Anleihen haben. Das bedeutet, dass nur ein ganz kleiner Bruchteil der an diesen Gesch&#228;ften Beteiligten tats&#228;chlich ein Interesse daran hat, sich gegen einen Zahlungsausfall Griechenlands zu versichern. Die meisten zocken einfach. Das ist vergleichbar mit jemandem, der eine Brandschutzversicherung auf das Haus seines Nachbarn abschlie&#223;t und es danach anz&#252;ndet. Denn im Prinzip wollen sich diese Eigent&#252;merInnen von <em>CDS </em>nicht versichern, sondern sie wollen diese Papiere kaufen und wieder weiterverkaufen. Und je wahrscheinlicher der Staatsbankrott von Griechenland ist, desto wertvoller werden diese Papiere f&#252;r sie.</p>
<p><strong>Finanzm&#228;rkte als Preisausschreiben</strong></p>
<p>Es stellt sich aber die Frage, warum SpekulantInnen auf einmal gegen Griechenland wetten. Warum nicht gegen Deutschland, Simbabwe, Frankreich oder irgendein anderes Land? Oder Spanien, genau. Gegen Spanien wetten sie, gegen Portugal, gegen viele andere L&#228;nder. Das hat mehrere Gr&#252;nde. Erstens war die griechische Staatsverschuldung tats&#228;chlich immer relativ hoch, auch im Vergleich zu anderen L&#228;ndern der Europ&#228;ischen Union. Aktuell liegt sie bei 115 Prozent des BIP. Allerdings gibt es L&#228;nder wie Spanien oder Irland, die ihre Schuldenquote w&#228;hrend des Booms vor der Krise massiv reduzieren konnten und jetzt trotzdem Probleme haben. Und es gibt L&#228;nder mit einer viel h&#246;heren Schuldenstandsquote – etwa Japan mit 198 Prozent des BIP –, die keinen Stress mit den Finanzm&#228;rkten haben und wo die Zinsen noch sehr niedrig sind. Es muss also spezielle Gr&#252;nde daf&#252;r geben, dass InvestorInnen und SpekulantInnen gegen Griechenland wetten. Dazu geh&#246;ren sicherlich auch die Nachrichten &#252;ber Korruption und Bilanzf&#228;lschungen. Der griechische Staat wird ja – zu Recht – beschuldigt, seine Statistiken gef&#228;lscht zu haben. Solche schlechten Nachrichten sind das Beste, was SpekulantInnen passieren kann. Griechenland war die <em>Beauty Queen</em> an den Finanzm&#228;rkten, wo es abl&#228;uft wie bei einem Sch&#246;nheitswettbewerb in der Zeitung. Stellt euch vor, ihr macht bei einem Preisausschreiben mit und sollt entscheiden, wer der oder die H&#252;bscheste in der Zeitungsbeilage ist, gewinnt aber nur dann etwas, wenn ihr voraussagt, wen alle anderen LeserInnen im Durchschnitt am h&#252;bschesten finden. So &#228;hnlich arbeiten Finanzm&#228;rkte. Alle SpekulantInnen wussten, dass es schlechte Nachrichten &#252;ber Griechenland gibt und es daher ein todsicheres Gesch&#228;ft ist, gegen Griechenland zu zocken, also auf dessen Zahlungsausfall zu wetten. Daf&#252;r gibt es auch andere Beispiele. So wird aus &#228;hnlichen Gr&#252;nden momentan massiv gegen das britische Pfund spekuliert, seit eine Wahlumfrage ergeben hat, dass die Konservativen schlechter positioniert sind als gedacht. Dann &#252;berlegen sich SpekulantInnen, dass, wenn die Konservativen doch nicht so stark sind, es vielleicht weniger Sozialk&#252;rzungen geben wird, die L&#246;hne weniger gedr&#252;ckt werden, und es deswegen ganz gut ist, gegen das britische Pfund zu spekulieren. Das hei&#223;t SpekulantInnen &#252;berlegen sich immer, welche Stories es gibt, die anderen SpekulantInnen Gr&#252;nde geben k&#246;nnten, jetzt auch gegen dieses Land wetten.</p>
<p><strong>Steuerdumping</strong></p>
<p>Der zweite Punkt ist: Woher kommt diese hohe griechische Staatsverschuldung? Daf&#252;r haben die <em>Bild</em>-Zeitung, Angela Merkel und andere eine einfache Erkl&#228;rung: Sie sagen, der griechische Staat w&#228;re „zu fett“, er h&#228;tte &#252;ber seine Verh&#228;ltnisse gelebt, die Leute im &#246;ffentlichen Dienst w&#252;rden in Saus und Braus leben und so weiter. Dieses Argument l&#228;sst sich sehr einfach widerlegen: Die griechische Staatsquote, also der Anteil der Wirtschaftsleistung, den der Staat ausgibt, ist seit dem Jahr 2000 bis zur Krise radikal gesunken und war bis dahin niedriger als die deutsche. Sollte es also der Fall sein, dass der griechische Staat zu fett ist, dann m&#252;ssten wir im Vergleich dazu schon platzen. Tats&#228;chlich hat der griechische Staat eigentlich alles gemacht, was die EU und andere immer von ihm gefordert haben: Staatsausgaben runter, sparen bis es kracht! Woher kommen also diese Schulden? Der griechische Staat hat vor allem Probleme mit den Staats<em>einnahmen</em>, und auch das l&#228;sst sich sehr leicht veranschaulichen. Die durchschnittlichen Steuern auf Gewinne und Verm&#246;gen in Griechenland entsprechen etwa der H&#228;lfte von jenen des Durchschnitts in der Euro-Zone. In diesem Durchschnitt sind auch schon L&#228;nder wie die Slowakei dabei, die massives Steuerdumping betreiben. Dazu kommt, dass Griechenland eine extrem geringe „Steuermoral“ hat; es werden j&#228;hrlich alleine an Mehrwertsteuern 30 Milliarden Euro hinterzogen. Griechenland fehlt eine effektive Steuerverwaltung, und deswegen ist es geradezu ein Witz, zu verlangen, dass Griechenland Leute im &#246;ffentlichen Dienst entl&#228;sst, um seine Schulden zu senken – denn dann gibt es dort noch weniger Steuerpr&#252;ferInnen. Daher ist meine Grundthese, dass der griechische Staat nicht zu fett ist, sondern zu schwach. Das bedeutet nicht, dass es nicht auch unsinnige Staatsausgaben gibt. So hat Griechenland mit vier Prozent des BIP einen der gr&#246;&#223;ten R&#252;stungshaushalte in der Europ&#228;ischen Union, und Deutschland ist Hauptexporteur von R&#252;stungsmaterial nach Griechenland. Niemand in der deutschen Bundesregierung verlangte bisher, dass Griechenland seine R&#252;stungsausgaben reduzieren sollte, sondern sie forderten alle sehr schnell: „Streicht den Leuten im &#246;ffentlichen Dienst die L&#246;hne! Erh&#246;ht die Mehrwertsteuern f&#252;r die Bev&#246;lkerung!“ und so weiter und so fort. Daher meine zweite These: Der griechische Staat hat ein Problem bei den Steuer<em>einnahmen</em>. Er hat kein Problem bei den Ausgaben, mit Ausnahme der R&#252;stung. Nat&#252;rlich gab es auch Korruption und Privilegien, etwa f&#252;r hohe Beamte oder Millit&#228;rs. Die Eliten haben den schwachen Staat gehyjackt. Aber die h&#246;chste Form der Korruption ist das Steuerdumping der Reichen und Konzerne.</p>
<p>Ein weiterer Aspekt ist, dass sich in einem Staat, wenn er spart und die privaten Haushalte und Unternehmen verschuldet sind, die Schulden sogar erh&#246;hen k&#246;nnen. Das nennt man in der &#214;konomie das „Sparparadoxon“: Wenn den privaten Haushalten und Unternehmen das Wasser bis zum Hals steht, Banken in der Krise sind, Kredite faul werden und die Leute verschuldet sind, gibt niemand Geld aus, Unternehmen k&#246;nnen keine Waren verkaufen, das Wachstum bricht ein und das Land treibt in die Rezession. Dann k&#246;nnen auch die Staatsschulden steigen, denn die Schuldenquote misst ja, wie hoch die Schulden im Verh&#228;ltnis zur Wirtschaftsleistung sind. Und wenn die Wirtschaftsleistung einbricht, dann steigt die Schuldenstandsquote. Daher w&#228;re eine weitere These von mir, dass wenn, wie die EU das fordert, Griechenland jetzt – in der schwersten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren – auch noch spart, die Staatsverschuldung in Griechenland sogar noch h&#246;her wird. Daher behaupte ich, dass es der deutschen Bundesregierung und den anderen L&#228;ndern in der Europ&#228;ischen Union auch gar nicht darum geht, das Schuldenproblem in Griechenland in den Griff zu bekommen. Im Gegenteil geht es ihnen darum, ein Sparprogramm zu verordnen, das dazu f&#252;hren w&#252;rde, dass die L&#246;hne und die Sozialleistungen in Griechenland weiter sinken und ein Wettbewerb um die niedrigsten L&#246;hne in Europa eingeleitet wird, wovon in erheblichem Ma&#223;e die deutsche Exportindustrie profitieren w&#252;rde. Denn die deutsche Exportindustrie kann dann billigere Vorleistungen f&#252;r ihre Exportg&#252;ter einkaufen und die Besch&#228;ftigten in Deutschland weiter zu niedrigen L&#246;hnen zwingen. Eine Lohnsenkung in Griechenland ist daher die Lohnsenkung von morgen in Deutschland.</p>
<p><strong>Standortwettbewerb</strong></p>
<p>Damit komme ich zum dritten Aspekt: Das deutsche Lohndumping hat massiv zu den Problemen in Griechenland beigetragen. Auch das l&#228;sst sich anhand einiger Zahlen illustrieren. Seit dem Jahr 2000 sind die Lohnst&#252;ckkosten in Deutschland um sieben Prozent gestiegen, im Durchschnitt der Euro-Zone ohne Deutschland um 27 Prozent und in Griechenland um 28 Prozent. Das hei&#223;t, dass Griechenland viel mehr im normalen Trend lag als Deutschland. Deutschland ist bei den L&#246;hnen massiv nach unten abgewichen. Was sind nun die Lohnst&#252;ckkosten? Sie messen die L&#246;hne im Verh&#228;ltnis zur Produktivit&#228;t. Die Produktivit&#228;t steigt bei normaler wirtschaftlicher Entwicklung jedes Jahr um etwa zwei Prozent, das hei&#223;t, dass einE ArbeitnehmerIn in der selben Zeit zwei Prozent mehr Waren und Dienstleistungen produziert – durch neue Maschinen, effizientere Verfahren und &#228;hnliches. EinE ArbeitnehmerIn wird daher aus Sicht des/der UnternehmerIn auch billiger. Die Lohnst&#252;ckkosten erkl&#228;ren nun nicht alles, aber einiges, denn L&#246;hne sind der entscheidende Schl&#252;ssel, mit dem Unternehmen auf den M&#228;rkten konkurrieren. Materialkosten sind f&#252;r alle relativ gleich, aber die L&#246;hne sind die Schraube, an der Unternehmen drehen k&#246;nnen, um ihre Waren billiger zu machen. Wenn in einem Unternehmen also die Produktivit&#228;t um zwei Prozent steigt und die L&#246;hne auch um zwei Prozent, dann &#228;ndert sich f&#252;r das Unternehmen &#252;berhaupt nichts. Denn die Kostensituation ist genau gleich geblieben. Wenn die ArbeitnehmerInnen vier Prozent mehr Lohn durchsetzen, und die Produktivit&#228;t nur um zwei Prozent gestiegen ist, dann steigen die Lohnst&#252;ckkosten um zwei Prozent. Und diese Lohnst&#252;ckkosten sind in Deutschland seit 1999 nur um sieben Prozent gestiegen, w&#228;hrend sie im Rest der Euro-Zone sehr viel st&#228;rker zugelegt haben.</p>
<p>Die deutsche Wirtschaft hat sich in dieser Zeit relativ schwach entwickelt. Denn wenn die L&#246;hne hinter der Entwicklung der Produktivit&#228;t zur&#252;ck bleiben, k&#246;nnen die Unternehmen ihre zus&#228;tzlich produzierten Waren und Dientsleistungen nicht absetzen. Wenn den Leuten das Geld in der Tasche fehlt, tragen die Unternehmer ihre Gewinne eben auf die Finanzm&#228;rkte statt mehr zu investieren. Die andere M&#246;glichkeit, und auch die wurde extrem genutzt, ist, dass die Waren und Dienstleistungen verst&#228;rkt in andere L&#228;nder verkaufen. Das nennt man dann: Deutschland hat einen Export&#252;berschuss, das hei&#223;t es exportiert mehr Waren, als es aus dem Ausland einkauft, eben weil es einen Wettbewerbsvorteil hat. Genau das ist seit 1999 massiv passiert. Fr&#252;her gab es noch eine weitere M&#246;glichkeit: Da konnte etwa Italien, wenn es Wettbewerbsprobleme hatte, einfach die Lira abwerten, um den Vorteil der g&#252;nstigen deutschen L&#246;hne wieder auszugleichen. Denn damit wurden die eigenen Waren und Dienstleistungen billiger gemacht, und f&#252;r eineN DeutscheN war es auf einmal billiger, sich einen Fiat zu kaufen, weil die italienische Lira weniger wert war. Das wurde in der Geschichte des europ&#228;ischen W&#228;hrungssystems h&#228;ufig gemacht, seit dem Euro ist das aber nicht mehr m&#246;glich. Eine v&#246;llig unterschiedliche Lohnentwicklung f&#252;hrt dann zu massiven Ungleichgewichten im Handel. Und genau das ist passiert: Deutschland hat seit dem Jahr 2000 einen Export&#252;berschuss im Wert von einer Billion Euro akkumuliert, w&#228;hrend andere L&#228;nder sich immer st&#228;rker verschulden mussten.</p>
<p>Was hat das nun mit der griechischen Staatsverschuldung zu tun? L&#228;nder wie Spanien und Irland hatten, wie zuvor erw&#228;hnt, ihre Staatsverschuldung massiv reduziert. Trotzdem werden sie von den Finanzm&#228;rkten jetzt massiv bestraft, m&#252;ssen h&#246;here Zinsen auf ihre Staatsanleihen zahlen, und ihre Staatsverschuldung ist seit der Finanzkrise wieder nach oben geschnellt. Das hat mit einem Ph&#228;nomen zu tun, das nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist. Der spanische Staat etwa hat zwar massiv gespart, aber durch die Export&#252;bersch&#252;sse Deutschlands haben sich die spanischen Unternehmen und die spanischen Privathaushalte immer mehr verschuldet. Sie mussten ja die deutschen Waren und Dienstleistungen bezahlen, ohne dass sie selbst Waren und Dienstleistungen im selben Umfang ins Ausland verkauft haben. Sie mussten sich gegen&#252;ber der deutschen Volkswirtschaft also verschulden und genau das geschah auch in Irland und Griechenland. In der Krise muss der Staat dann f&#252;r diese Schulden haften. Denn wenn die privaten Haushalte verschuldet sind, dann kann der Staat ihnen weniger Steuern abverlangen, das hei&#223;t die Steuereinnahmen brechen ein; er muss in der Krise selbst mehr Geld ausgeben, um die Konjunktur zu stimulieren; er muss Banken retten, weil die Leute in der Krise ihren Job verlieren und Kredite nicht zur&#252;ck zahlen k&#246;nnen. Das erkl&#228;rt, warum selbst L&#228;nder wie Spanien oder Irland, die ihre &#246;ffentlichen Schulden massiv reduziert haben, auf einmal im selben Schlamassel stecken wie Griechenland.</p>
<p><strong>Finanzm&#228;rkte und Demokratie</strong></p>
<p>Diese gro&#223;en Au&#223;enhandelsdefizite, die durch das deutsche Lohndumping verursacht wurden, sind ein ganz wichtiger Faktor in der Erkl&#228;rung der Probleme Griechenlands. Die InvestorInnen und SpekulantInnen schauen auf die Lohnst&#252;ckkosten, sie schauen sich an, wie wettbewerbsf&#228;hig ein Land ist. Eine sinnvolle Reaktion der EU w&#228;re nun etwa zu versuchen, die Spekulationen zu bremsen, etwa indem man den Handel mit den <em>CDS </em>verbietet: Wer griechische Staatsanleihen besitzt, k&#246;nnte sich dann weiter gegen einen Zahlungsausfall Griechenlands versichern, aber wer keine solchen Anleihen besitzt, d&#252;rfte auch keine Versicherung darauf abschlie&#223;en. Diese Vorschl&#228;ge liegen seit langer Zeit auf dem Tisch, und sie werden nicht nur unter Linken diskutiert. Der bekannte amerikanische Investor Warren Buffett hat <em>CDS </em>als „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ bezeichnet, und Wolfgang Munchau, der konservative Kolumnist der <em>Financial Times</em> sagt seit Jahren, dass das gef&#228;hrliche Spielzeuge f&#252;r SpekulantInnen sind, mit denen sie ganze Staaten in die Knie zwingen k&#246;nnen, und dass der Handel damit verboten werden sollte. Das ist aber nicht passiert, im Gegenteil, nun wird geschrieben, die SpekulantInnen seien die wahren DemokratInnen, weil sie jetzt die korrupten, versoffenen griechischen PolitikerInnen daf&#252;r bestrafen w&#252;rden, dass sie den griechischen Staatshaushalt gegen die Wand gefahren h&#228;tten. Das ber&#252;hrt einen Konflikt, der weit &#252;ber das Thema Griechenland hinausgeht: jener zwischen der Macht der Finanzm&#228;rkte und der Demokratie. Denn es entscheiden nicht gew&#228;hlte Regierungen &#252;ber Politik, sondern einzelne SpekulantInnen &#252;ber die Lebensbedingungen der griechischen Bev&#246;lkerung. Das Verbot der CDS w&#228;re also eine kurzfristige Ma&#223;nahme gewesen.</p>
<p>Die andere Ma&#223;nahme, &#252;ber die gestritten wurde, sind Hilfen f&#252;r Griechenland. Das Problem ist, dass die Regierungen der EU-Staaten wissen, dass der griechische Staat Steuerdumping betrieben hat, dass sie aber auch wissen, dass, wenn sie Griechenland nicht helfen, der Staat fr&#252;her oder sp&#228;ter den Euro-Raum verlassen muss, um die W&#228;hrung abzuwerten. Eine andere Frage ist, wer die Hilfen f&#252;r Griechenland zahlen soll. Und klar ist, dass der Gro&#223;teil der Steuerlast von den ArbeitnehmerInnen getragen wird, dass also die ArbeitnehmerInnen in Deutschland doppelt bezahlen: Sie wurden erst von den deutschen Unternehmen wegen der niedrigen L&#246;hne abkassiert, und m&#252;ssen wegen des deutschen Lohndumpings nun selbst dem griechischen Staat helfen. Zumindest b&#252;rgen sie mit Steuergeldern f&#252;r die Kredite. Dar&#252;ber gibt es einen gewissen Unmut in der Bev&#246;lkerung, der nachvollziehbar ist. Ich denke, dass man jetzt fordern muss, dass auch deutsche Banken, die griechische Staatsanleihen halten, auf einen Teil dieser Forderung verzichten, wenn Griechenland Pleite geht. Das ist dann ein klassisches Insolvenzverfahren, wie es das in der Privatwirtschaft auch gibt. Das Problem ist nur, dass viele Banken die Forderungen gegen Griechenland halten Schrottbanken wie die Hypo Real Estate (HRE) sind. Die Schrottbank HRE geh&#246;rt uns ja schon l&#228;ngst, sie wurde ja verstaatlich. Die HRE kann ihre Verluste also einfach abschreiben. Die Deutsche Bank hat auch von der Bankenrettung profitiert. Sie hatte ja Forderungen von 10 Mrd. Euro gegen&#252;ber der HRE, die ohne Bankenrettung futsch w&#228;ren. Und die Deutsche Bank hat im letzten Jahr sehr viel an der Staatsverschuldung verdient. Sie machte 5 Mrd. Euro Gewinn nach Steuern, &#252;berwiegend mit Staatsanleihen. Sie hat aber relativ wenig griechische Staatsanleihen. Daf&#252;r hat sie sich massiv mit CDS eingedeckt und wird also kassieren, wenn Griechenland einen Teil seiner Schulden nicht mehr bedient. Deswegen w&#228;re es noch besser man w&#252;rde den privaten Bankensektor zwingen eine Zwangsanleihe zur Finanzierung Griechenlands zu halten. Diese Zwangsanleihe m&#252;sste geringer verzinst sein als der Zins, zu dem sich die Deutsche bank bei der Zentralbank Geld leihen kann. Das ist echtlich m&#246;glich und ein gutes Instrument, um die privaten Banken an den Kosten der Eurorettung zu beteiligen.Und dann muss es nat&#252;rlich Hilfen f&#252;r Griechenland geben. Man sollte aber auch daf&#252;r sorgen, dass diese Ungleichgewichte, welche die Ursache f&#252;r diese Probleme sind, erst gar nicht entstehen. Es gibt &#214;konomInnen, die fordern, dass sich alle L&#228;nder auf ein au&#223;enwirtschaftliches Gleichgewicht verpflichten. Wenn also Deutschland so viel exportiert, dann m&#252;sste der deutsche Staat gezwungen werden, selbst mehr zu investieren. Wenn er mehr Geld f&#252;r Universit&#228;ten, f&#252;r die Energiewende, f&#252;r Stra&#223;en, f&#252;r Kinderg&#228;rten etc. ausgibt, dann wird dadurch die Wirtschaft belebt; es werden mehr Leute eingestellt, die dann auch in Konflikten mit den ArbeitgeberInnen h&#246;here L&#246;hne durchsetzen k&#246;nnen. Ein anderes Beispiel w&#228;ren Mindestl&#246;hne in Deutschland, um dieses massive Lohndumping zu stoppen. Ein weiteres Instrument w&#228;ren sogenannte Euro-Anleihen, dass also die Euro-Zone im Namen aller Mitgliedsstaaten eine Anleihe ausgibt. Das sind einige Bausteine, mit denen man die griechische Krise in den Griff bekommen k&#246;nnte, aber der entscheidende Faktor ist das deutsche Lohndumping.</p>
<p><strong>Solidarit&#228;t organisieren</strong></p>
<p>Meine These zum Schluss ist, dass Griechenland nicht die letzte Kandidatin war, sondern wir in den n&#228;chsten Wochen und Monaten erleben werden, dass die Finanzm&#228;rkte weiterziehen und gegen Spanien, Portugal, Italien und andere L&#228;nder wetten, die vor &#228;hnlichen Problemen stehen, was sogar einen Zerfall der Euro-Zone verursachen k&#246;nnte. Und es wird zu massiven sozialen Konflikten f&#252;hren. In Griechenland soll die Mehrwertsteuer erh&#246;ht und Menschen entlassen werden. Es werden also nicht die Steuern etwa auf Gewinne und Verm&#246;gen angehoben, sondern die Bev&#246;lkerung in Griechenland wird f&#252;r diese Krise zahlen. Unsere Perspektive sollte nat&#252;rlich sein, die Proteste in diesen L&#228;ndern zu unterst&#252;tzen und Solidarit&#228;t zu organisieren. Auch, weil wenn den griechischen ArbeitnehmerInnen und Studierenden das Genick gebrochen wird, das auch den Arbeitenden in anderen L&#228;ndern das Genick brechen wird. Denn die werden dann wiederum gezwungen sein, ihre L&#246;hne zu senken, weil sie zueinander in Konkurrenz gesetzt werden. Um das zu verhindern ist es wichtig, die Proteste in diesen L&#228;ndern zu unterst&#252;tzen.</p>
<p><em>Fabio De Masi</em> ist Volkswirt und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundestagsabgeordneten und Chefvolkswirts der Fraktion DIE LINKE, Michael Schlecht.</p>
<p>Transkription: <em>Daniel Fuchs</em> und <em>Bella Schlehaider</em></p>
<p><a name="_edn1">[1]</a> Der Artikel ist die Transkription eines Vortrags, den <em>Fabio De Masi</em> am 21. April 2001 an der Humboldt Universit&#228;t f&#252;r den <em>SDS-Berlin</em> gehalten hat. Wir danken <em>Jens Fischer</em> f&#252;r die Aufnahme.</p>
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