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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Geschlechterverhältnisse</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>SlutWalk Bewegung</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Sep 2011 09:33:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>nico</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterverhältnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Sexismus]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;We live in a society that teaches DON’T GET RAPED instead of DON’T RAPE&#8221; &#8211; &#220;ber victim blaming, sexualisierte Gewalt und die viel diskutierte Begriffsaneignung im Zuge der SlutWalk Bewegung schreibt Fanny M&#252;ller-Uri.

Ein Blick auf die Vergewaltigungs-Gerichtsprozesse à la Strauss-Kahn der letzten Monate verdeutlicht, wie aktuell diese Feststellung ist. Das gesellschaftliche Problem der Verharmlosung, Normalisierung und Akzeptanz von Gewalttaten an [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>&#8220;<a href="http://www.peopleofcolororganize.com/analysis/slutwalk-march-march/"><em>We live in a society that teaches DON’T GET RAPED instead of DON’T RAPE</em></a>&#8221; &#8211; &#220;ber <em>victim blaming</em>, sexualisierte Gewalt und die viel diskutierte Begriffsaneignung im Zuge der SlutWalk Bewegung schreibt <em>Fanny M&#252;ller-Uri</em>.<br />
<span id="more-2305"></span><br />
Ein Blick auf die Vergewaltigungs-Gerichtsprozesse à la Strauss-Kahn der letzten Monate verdeutlicht, wie aktuell diese Feststellung ist. Das gesellschaftliche Problem der Verharmlosung, Normalisierung und Akzeptanz von Gewalttaten an Frauen ist nun Zielscheibe einer neuen, lautstarken feministischen Bewegung: der weltweiten SlutWalks. In &#252;ber <a href="http://www.slutwalktoronto.com/satellite/satellites-list-dates">f&#252;nfzig</a> St&#228;dten haben sie bereits stattgefunden, in mindestens genauso vielen, darunter auch Wien, sind sie momentan in Planung. Die Debatten in und um die SlutWalk Bewegung sind vielf&#228;ltig, einige werden auch hier zur Diskussion gestellt.</p>
<p><strong><em>Victim blaming</em>: Ein Mythos mit realen Auswirkungen</strong><br />
Minimalkonsens der Bewegung ist der Widerstand gegen einen alten Mythos, der im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Verharmlosung von Gewalt an Frauen, die juristisch legitimierte T&#228;ter-Opfer-Umkehr (engl. <em>victim blaming</em>), steht. Jener soll uns weismachen, dass M&#228;nner Opfer ihres Sexualtriebs w&#228;ren und Gewalt legitimierbar sei, wenn sie einer Frau mit Minirock begegneten.<br />
Dies war auch Z&#252;ndstoff des ersten SlutWalks in Toronto am 3. April diesen Jahres. Ausl&#246;ser war die Aussage eines Polizisten, Michael Sanguinetti, der eigentlich an einer Universit&#228;t einen Pr&#228;ventionskurs zum Thema Sicherheit am Campus machen sollte. Mit dem Satz: &#8220;<em><a href="http://slutwalk.net/?p=1">Women should avoid dressing like sluts in order not to be victimized</a></em>&#8221; bediente er anhand von <em>victim blaming</em> einen Ausschnitt dessen, was in feministischen Traditionen als <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Rape_culture"><em>rape culture</em></a> oder <em>culture of violence</em> bezeichnet wird.<br />
Die Annahme, es handle sich bei Vergewaltigungen um sexuelle Handlungen ist noch immer mehrheitsf&#228;hig. Vergewaltigungen und sexualisierte &#220;bergriffe m&#252;ssen aber als <a href="http://www.sueddeutsche.de/muenchen/schlampenmarsch-in-muenchen-ende-der-vorurteile-1.1128142-2">&#8220;eine Form der Machtaus&#252;bung mit dem Mittel der Sexualit&#228;t [verstanden werden]. (…) Es geht dabei darum, Macht &#252;ber jemanden auszu&#252;ben, jemanden zu erniedrigen &#8211; und das ist eine gesellschaftliche Sache…“</a> und Ausdruck von Gewalt und Unterdr&#252;ckung – Gewalt hat System.</p>
<p>Sanquinettis Aussage spiegelt diese gesellschaftlichen Diskurse wider und spricht damit aus, was in den K&#246;pfen vieler Menschen allzu oft auf Zustimmung trifft. Dies mag zwar immer noch breiter Konsens in der Gesellschaft sein, aber diesmal erzeugte es auch breiten Widerstand. Zu Recht und v&#246;llig emp&#246;rt gingen daraufhin tausende Menschen auf die Stra&#223;e und formierten sich zu einer dynamischen, undogmatischen und kreativen Demonstration. Denn niemand hat das Recht, Gewalt an Frauen auszu&#252;ben, egal wie sie sich verhalten (etwa Trunkenheit, Herumgeflirte oder Alleine-am-Nachhauseweg-Sein) oder sich kleiden (ob bauchfrei, Minirock oder Kartoffelsack). Obwohl es keinen Dresscode gibt, spielen viele SlutWalk-TeilnehmerInnen mit der Kleidung und rufen unmissverst&#228;ndlich: „<em>My clothes are not louder than my voice! Enough is enough!</em>“</p>
<p><strong>„<em><a href="http://www.plyrics.com/lyrics/xrayspex/ohbondageupyours.html">Oh Bondage, </a></em><a href="http://www.youtube.com/watch?v=ogypBUCb7DA">Up Yours!</a>&#8221; und der Mythos der dunklen Gassen</strong><br />
Die SlutWalk-Bewegung konzentriert sich haupts&#228;chlich auf sexualisierte Gewalt im &#246;ffentlichen Raum. Dies ist auch &#252;berf&#228;llig und stellt sich dem Sicherheitswahn, der gerne in Form repressiver Mittel wie Videokameras, privater Securities und selbsternannter B&#252;rgerwehren auftritt, entgegen. Denn der ausgelebte, machoide „Besch&#252;tzerinstinkt“ ersetzt keine Freir&#228;ume, in denen sich Frauen unbeschwert bewegen k&#246;nnen. Die SlutWalks fahren damit einen vielleicht neuen Diskurs: selbstbewusst ergreifen sie die Definitionshoheit und  beziehen damit klare Position. Gleichzeitig wird ein Faktum bisher wenig beachtet. Tats&#228;chlich finden die meisten sexualisierten &#220;bergriffe und Vergewaltigungen nicht in den dunklen Gassen, am Campus oder in Parks statt, sondern in den eigenen vier W&#228;nden bzw. im Bekannten- und Verwandtenkreis. <a href="http://www.profil.at/articles/1101/560/285909/intimsphaerenrisse-sexuelle-uebergriffe-bereich">90% der Betroffenen kennen ihre T&#228;ter</a>. H&#228;usliche Gewalt wird bisher von den wenigsten SlutWalks thematisiert, Gewalt gegen Frauen auf den „&#246;ffentlichen Raum“ reduziert.  Dies ist bis dato eine Schw&#228;che der SlutWalk Bewegung und erkl&#228;rt sich bis zu einem gewissen Grad aus der vermeintlichen Losl&#246;sung von einer breiteren anti-sexistischen Praxis und historischen Frauenbewegungen.</p>
<p><strong>It‘s a new <em>feminist</em> movement, yay</strong><br />
Inzwischen kann nicht mehr von einem punktuellen anti-sexistischen Protest gesprochen werden. Weltweit finden seitdem SlutWalks statt, dadurch dringen anti-sexistische und feministische Themen in die breite &#214;ffentlichkeit – in den Malestream. Auff&#228;llig scheint hierbei die Abwehr vieler TeilnehmerInnen, sich als feministisch zu bezeichnen. Dies mag an der negativen Konnotation des Begriffs liegen, welche in der &#214;ffentlichkeit zelebriert wird. Zweifelsohne gibt es nicht blo&#223; <em>eine</em> feministische Str&#246;mung, um es aber kurz und b&#252;ndig mit den Worten der gro&#223;en <a href="http://books.google.com/books?id=uvIQbop4cdsC&amp;lpg=PR3&amp;hl=de&amp;pg=PR11#v=onepage&amp;q&amp;f=false">bell hooks</a> auszudr&#252;cken: „<em>Feminist struggle takes place anytime anywhere any female or male resists sexism, sexist exploitation, and oppression. Feminist movement happens when groups of people come together with an organized strategy to take action to eliminate patriarchy.&#8221; </em> Fakt ist, dass die Zusammensetzung der TeilnehmerInnen eine <a href="http://www.slutwalktoronto.com/satellite/satellites-list-dates">vielf&#228;ltige</a> ist:  ob jung oder alt, ob politisch schon l&#228;nger aktiv oder nicht , aber vor allem <em>all gender</em> machen sich f&#252;r SlutWalks stark und diese k&#246;nnen nicht abseits der Tradition feministischer K&#228;mpfe betrachtet werden. Egal ob sich die TeilnehmerInnen als feministisch definieren oder nicht – feststeht: „<em>Yes means Yes! No means No! &#8211; Keine Gewalt an Frauen!</em>“.</em></p>
<p><em><strong>Slut </em>– Strategie der Begriffsaneignung</strong><br />
Klarerweise entstehen in politischen Bewegungen unterschiedliche Strategien, wie man definierte Ziele benennt oder erreichen kann. &#220;ber die Begriffsaneignung Slut beispielsweise wird seit Monaten debattiert. Der Begriff Slut wurde zun&#228;chst <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/politik/353239/353240.php">ironisch</a> von den OrganisatorInnen herangezogen, um auf den spezifischen Kontext des <em>victim blamings</em> zu reagieren. Auch wenn die (R&#252;ck-)Eroberung von herrschaftlicher Sprache seit jeher feministische Tradition hat, so stellt sich erneut beim Begriff Slut die Frage, inwieweit sie exkludierend wirkt bzw. welche Funktion dem Gebrauch zukommt. Ohne weiteres kann es als Eroberung des Begriffs f&#252;r eine anti-sexistische Kampagne verstanden werden. Dennoch, Slut wirkt polarisierend, ist zutiefst vergeschlechtlicht und von Machtverh&#228;ltnissen durchzogen.<br />
Der Begriff exkludiert, denn viele Menschen wollen nicht unter einem Label aktiv werden, das Frauen als Ware, Objekt und Opfer tituliert. Denn der SlutWalk transportiert auch „<a href="http://www.perspektiven-online.at/2007/11/01/sexy-sexismus/">Sex and the City“-Sexyness</a>, die auf patriarchalen Frauenbildern basiert. Auch der gro&#223;e Zuspruch in den Malestream-Medien ist wohl nicht in einem breiten anti-sexistischen Konsens begr&#252;ndet, vielmehr gilt auch hier die mediale Logik des <em>Sex sells</em>. Die Bewegung profitiert vom medialen Interesse und erh&#246;ht dieses durch das bewusste Spiel mit dieser sexualisierten Begrifflichkeit. So lange die SlutWalks jedoch nicht auf „<a href="http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-69126.html">das Recht auf sexy Kleidung</a>“ reduziert werden und die feministische Botschaft in den Mainstream durchsickert, bleibt wohl nur zu sagen: In your face! Aber mal ehrlich – wo ist denn auch schon die Insel der Gl&#252;ckseligen?</p>
<p>Dass der Begriff Slut Kontroversen mit sich bringt, liegt auf der Hand. Fest steht, auch wenn eine Frau als Slut bezeichnet wird, nackt durch die Stra&#223;en zieht oder betrunken in der Ecke liegt – Gewalt an Frauen ist omnipr&#228;sent und niemals gerechtfertigt! „<em>Frauen, h&#246;rt ihr Frauen schreien, lasst die anderen nicht allein!</em>“ – Wir sehen uns bei dem n&#228;chsten SlutWalk-Treffen.</p>
<p></em></p>
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		<title>Feuer und Flamme dem Patriarchat!</title>
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		<pubDate>Fri, 11 Mar 2011 10:45:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[8. März]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterverhältnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Internationaler Frauentag]]></category>

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		<description><![CDATA[Am 19. M&#228;rz ist das 100-j&#228;hrige Jubil&#228;um des Internationalen Frauentags. 1911 fand in Wien die erste gro&#223;e Demonstration f&#252;r die Rechte von Frauen statt, an der 20.000 Menschen teilnahmen. Anl&#228;sslich des Jubil&#228;ums wird dieses Jahr im Rahmen eines B&#252;ndnisses zu einer breiten Demo mobilisiert, die an eine lange Tradition internationaler Frauenk&#228;mpfe ankn&#252;pft. Wir haben Feministinnen aus drei unterschiedlichen Kontexten gebeten, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am 19. M&#228;rz ist das 100-j&#228;hrige Jubil&#228;um des <em>Internationalen Frauentags</em>. 1911 fand in Wien die erste gro&#223;e Demonstration f&#252;r die Rechte von Frauen statt, an der 20.000 Menschen teilnahmen. Anl&#228;sslich des Jubil&#228;ums wird dieses Jahr im Rahmen eines B&#252;ndnisses zu einer breiten Demo mobilisiert, die an eine lange Tradition internationaler Frauenk&#228;mpfe ankn&#252;pft. Wir haben Feministinnen aus drei unterschiedlichen Kontexten gebeten, per Mail zum Internationalen Frauentag, den damit verkn&#252;pften Forderungen und Zielen, den Herausforderungen feministischer B&#252;ndnisarbeit und den Perspektiven &#252;ber dieses Datum hinaus, Stellung zu nehmen.<br />
<span id="more-1838"></span></p>
<p><img alt="" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/03/Moik4.jpg" title="feuerundflamme" class="aligncenter" width="300" height="400" /><br />
<strong>Ihr kommt alle aus unterschiedlichen politischen Kontexten. Welche  Bedeutung hat dieser Tag f&#252;r euch und in der Kontinuit&#228;t welcher K&#228;mpfe und Bewegungen seht ihr euch?</strong></p>
<p><em>Birge</em>: Nun ja, ich sehe das nicht so, dass wir aus so unterschiedlichen feministischen Zusammenh&#228;ngen kommen. Ich habe vor ca. 30 Jahren im autonomen Fl&#252;gel der zweiten Frauenbewegung (FB) begonnen und bin der Tradition nach wie vor verbunden – bei aller Ver&#228;nderung des Fl&#252;gels selbst und bei allem, wie frau sich selbst so entwickelt bzw. gepr&#228;gt wird, oder wie die gesellschaftlichen Umst&#228;nde alle sozialen Bewegungen entweder vereinnahmt oder aufgel&#246;st haben. Das ist allgemein ein gro&#223;es Problem. Allerdings habe ich die Binnenerodierung innerhalb der FBen durch die sogenannten postfeministischen Str&#246;mungen als besonders schmerzlich empfunden. An der politischen Bedeutung des Internationalen Frauentags m&#246;chte ich festhalten; dieser scheint ja auch in vielen Frauenorganisationen wichtig zu sein – auch wenn es mir manchmal analog zu den Weihnachtschristen vorkommt: Einmal im Jahr gibt es eine Gedenkminute und sonst passiert nicht viel; zumindest in den Wohlstandsgegenden unsrer Welt – wobei &#214;sterreich da im Unterschied zu anderen westlichen L&#228;ndern eh noch eine recht lebendige Frauenszenerie hat –, denn wie ich geh&#246;rt habe, wird in bestimmten Teilen Afrikas z.B. der Frauentag in einem Ausma&#223; und einer Form begangen, die hier gar nicht vorstellbar ist.</p>
<p><em>Autonome Feministinnen und Lesben aus dem autonomen FrauenLesbenM&#228;dchenZentrum (FZ)</em><a titel="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a>: Anl&#228;sslich des 100. Jahrestages des <em>Internationalen Frauentages</em> gedenken wir respektvoll allen Frauen, die sich den Grenzen ihres Zeitalters, den sexistischen, rassistischen und sozialen Kategorisierungen nicht unterworfen haben und f&#252;r die Freiheit der Frauen und Menschheit gro&#223;en Widerstand geleistet haben. Unsere Verbundenheit mit diesen Frauen hei&#223;t f&#252;r uns, uns auf ihren Widerstand zu beziehen, ihnen Bedeutung beizumessen und diese K&#228;mpfe zu noch gr&#246;&#223;eren Erfolgen zu f&#252;hren. Am 8. M&#228;rz 2011 wird es eine FrauenLesben-Demonstration zum Internationalen Frauenkampftag geben; nicht weil es „in den letzten Jahren immer schon so war“, sondern weil uns die Selbstorganisierung von FrauenLesben grunds&#228;tzlich wichtig ist und weil wir wollen, dass am 8.3. feministische Aktionen regional – mit internationaler Verbundenheit – stattfinden. Denn Feminismus und Frauenbefreiung sind international. </p>
<p><em>Anna, Flora, Marlen, Neva</em>: Als Sozialistinnen sehen wir uns auch und gerade am  Frauenkampftag in der Tradition proletarischer und sozialistischer Frauenbewegungen und deren K&#228;mpfen um die Rechte der Arbeiterinnen und einer gleichberechtigten Position innerhalb linker sozialistischer Bewegungen. Weil gerade die Forderung nach gelebter Gleichstellung in sozialistischen Kontexten wohl immer wieder neu ertrotzt werden muss, ist auch f&#252;r uns das Angehen gegen das Konzept von Haupt- und Nebenwiderspruch in der Linken ein wichtiges Kampffeld. Da hei&#223;t es auch immer in der eigenen Organisation aufr&#228;umen. Keinesfalls nur am Frauenkampftag, denn das hie&#223;e seine urspr&#252;ngliche Bedeutung als Mahnmal und besonderer Solidarit&#228;tsmoment in ein n&#252;tzliches Alibi umzuwandeln, sich als linke Organisation nicht das ganze Jahr mit Frauenpolitik auseinandersetzen zu m&#252;ssen. Wird er aber als das gesehen was er ist, als M&#246;glichkeit der Solidarisierung und der Zusammenf&#252;hrung von K&#228;mpfen, kann es der Frauenkampftag ganz sch&#246;n in sich haben. Innerhalb der SJ wird eben das anhand der Vernetzung verschiedener Frauen aus dem SP Vorfeld versucht, Aktionen in allen SJ-Bezirken sollen feministische Kampfthemen nach au&#223;en tragen. Auch das vor einigen Jahren erk&#228;mpfte Feministische Seminar nur f&#252;r Frauen erm&#246;glicht einen k&#228;mpferischen Raum f&#252;r Diskussion, Solidarisierung und Empowerment. Und den brauchen wir, denn: das Vorankommen feministischer K&#228;mpfe ist immer auch ein Gradmesser f&#252;r unser generelles Vorankommen als Linke, f&#252;r den Fortschritt der Bewegung. </p>
<p><strong>Was waren historisch gesehen die zentralen Forderungen? Gab es einen Wandel innerhalb dieser Forderungen? Und welche sind f&#252;r euch heute noch zentral?</strong></p>
<p><em>B</em>: Am 19. M&#228;rz 1911 gingen rund 20.000 Frauen – und M&#228;nner – auf die Wiener Ringstra&#223;en, um f&#252;r Frauenrechte zu k&#228;mpfen. Ihre Anliegen waren das allgemeine Frauenwahlrecht, gleicher Lohn f&#252;r gleiche Arbeit, der 8-Stunden-Tag, die Senkung der Lebensmittelpreise, die Einf&#252;hrung einer Sozialversicherung, die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs und Frieden. Die K&#228;mpfe der FB begannen rund um das Abtreibungsrecht und im Kontext der 68er-Bewegung. Es ging um das Selbstbestimmungsrecht und weibliche Freiheit und Unabh&#228;ngigkeit von den M&#228;nnern (politisch und privat). Damit verbunden war immer auch eine fundamentale Gesellschafts- als Herrschaftskritik und die Internationalit&#228;t, also die Politisierung der Ausbeutung von Frauen (ihren K&#246;rpern usw.) weltweit.</p>
<p><em>FZ</em>: Vor beinahe 100 Jahren, am 19. M&#228;rz 1911, fand in Wien die erste gro&#223;e Demonstration f&#252;r Frauenrechte statt. Damals wie heute gilt: Um die Selbstorganisierung von Frauen und Frauenbewegungsgeschichte zu begreifen ist es auch notwendig, die gesellschaftlichen Kontexte zu betrachten. 1911 waren in &#214;sterreich Frauen vom allgemeinen Wahlrecht ausgeschlossen und es war Frauen verboten, Mitglied in politischen Vereinen zu werden oder politische Frauenvereine zu gr&#252;nden. Frauen erk&#228;mpften sich die M&#246;glichkeit, sich politisch zu organisieren und ihren Stimmen Geh&#246;r zu verschaffen.<br />
2011 leben wir in einer (patriarchalen) Gesellschaft, die von Gleichberechtigung spricht und in der Frauen – immer noch und immer wieder – von &#246;konomischer und politischer Benachteiligung und von sexistischer Gewalt betroffen sind. Wir erleben eine Versch&#228;rfung patriarchaler Zust&#228;nde, mit einem Erstarken der M&#228;nnerrechtsbewegung und Abtreibungsgegner, dem „geduldeten“ Selbstverst&#228;ndnis, dass Frauen geringer entlohnt werden, und Verh&#228;ltnissen, in denen Frauen – scheinbar selbstbestimmt – allerorts pornografisch vermarktet werden. Hierarchische Geschlechterverh&#228;ltnisse und soziale Geschlechterrollen werden mit Wissenschaften und Religionen erneut biologisch/“nat&#252;rlich“ oder „gottgewollt“ begr&#252;ndet, oder „Gender“ liberal umgedeutet und als „individuelle Wahl“ begriffen. Erk&#228;mpfte Frauenorte, feministische Strukturen, solidarische Unterst&#252;tzung oder Frauenveranstaltungen werden mit so genannter Gleichstellungspolitik angegriffen und als „Diskriminierung von M&#228;nnern“ definiert. Auf den Unis sind z.B. Frauenlehrveranstaltungen offiziell nicht mehr durchsetzbar; etliche Frauenberatungsstellen wurden mittels Subventionsvorgaben dazu gezwungen, zu Familienberatungsstellen zu werden. Als „Fortschritt“ gilt die Beteiligung von einzelnen Frauen im Management und im Milit&#228;r. Es wird uns vorgegaukelt, dass „Frauen alle M&#246;glichkeiten haben“. Wenn`s eine nicht schafft oder sich nicht an den Herrschaftsverh&#228;ltnissen beteiligen will, ist sie „selber schuld“. Sie wird darin maximal individuell betreut oder „gecoacht“, um wieder zu „funktionieren“. Und dann gibt‘s noch die theoretische Diskussion der „Dekonstruktion der Geschlechter“, woraus einige folgern, dass es Frauen nicht gibt bzw. nicht mehr geben soll. Parallel dazu entwickelt sich immer mehr ein rassistisches Selbstverst&#228;ndnis, in dem – pl&#246;tzlich auch <em>mann </em>– medial &#252;ber die Unterdr&#252;ckung von Frauen in „anderen L&#228;ndern“ spricht, die gleichzeitig als „r&#252;ckst&#228;ndig“ betrachtet werden. Die Individualisierung und Vermarktung der Frauen im kapitalistischen Patriarchat wird hingegen als „entwickelte Emanzipation“ gesehen. </p>
<p><em>A, F, M, N</em>: Die Forderungen der ersten Frauenbewegung nach Frauenwahlrecht und Partizipation am b&#252;rgerlichen Staat stie&#223;en ja selbst innerhalb der Sozialdemokratie auf einigen Widerstand. Viktor Adler bringt den Standpunkt der Partei in dieser Frage auf den Punkt: „Es hat niemals eine Sozialdemokratie gegeben, die nicht das Frauenwahlrecht als eine ebenso notwendige Sache angesehen h&#228;tte wie das der M&#228;nner. (&#8230;) Aber es fragt sich, ob die politische Lage reif ist, um einen Feldzug f&#252;r das Frauenwahlrecht zu unternehmen. Und da sage ich ihnen rundweg, in L&#228;ndern wie &#214;sterreich, Belgien usw., wo das M&#228;nnerwahlrecht noch nicht einmal erk&#228;mpft ist, wo wir alle Kr&#228;fte auf diesen Punkt konzentrieren m&#252;ssen, w&#228;re es eine politische Torheit, diesen Kampf abzulenken auf einen Punkt, der voraussichtlich erst sp&#228;ter zu erreichen sein wird. Von diesem Standpunkt der politischen Taktik muss ich sagen: Wir m&#252;ssen bei jeder Gelegenheit erkl&#228;ren, dass wir f&#252;r das Frauenwahlrecht sind, dass wir auch den ersten Schritt auf diesem Gebiet machen wollen, aber dass der letzte Schritt erst dann gemacht werden kann, wenn der erste Schritt gemacht ist, und der ist: die Erk&#228;mpfung des Wahlrechtes f&#252;r die M&#228;nner.“<br />
Die sozialistischen Frauen lie&#223;en sich diesen Verweis ihrer Rechte auf den zweiten Platz aber nicht gefallen und blieben hart. Parallel ging es immer auch um Arbeitsk&#228;mpfe, die proletarische Frauen in den Betrieben und auf der Stra&#223;e ausfochten. In der zweiten Frauenbewegung &#228;nderte sich der Schwerpunkt feministischer K&#228;mpfe, andere Forderungen wurden zentral. Neben der konstanten Forderung nach v&#246;lliger rechtlicher Gleichstellung wurde auch in den Privatbereich vorgedrungen. „Das Private ist politisch“ geh&#246;rt zu den wichtigsten Slogans der Zweiten Frauenbewegung. Aus diesen alten und immer wieder neu zu erk&#228;mpfenden Forderungen und neuen Themengebieten wie <em>queer theory</em> und <em>postcolonial feminism</em> ergibt sich ein breites Feld antisexistischer K&#228;mpfe, die es auch innerhalb der Organisation immer wieder neu durchzuringen gilt.</p>
<p><strong>Welche Bedeutung kommt eurer Meinung nach dem Frauenkampftag – sowohl international als auch in Bezug auf &#214;sterreich – heute noch zu?</strong></p>
<p><em>B</em>: Es ist frappierend, genauer gesagt entw&#252;rdigend, wie einige der Forderungen, die seit hundert Jahren bestehen, immer noch nicht eingel&#246;st sind oder bis zur Unkenntlichkeit amalgamiert wurden. Deshalb hei&#223;t der Slogan der Plattform f&#252;r den 19. M&#228;rz ja auch: <em>AUS! Aktion Umsetzung. Sofort!</em></p>
<p><em>A, F, M, N</em>: In &#214;sterreich reiht sich der Frauentag f&#252;r viele zwischen Valentins- und Muttertag als deren logische Erg&#228;nzung ein und ist ein Anlass, Frauen Blumen und Pralinen zu schenken. Wenn frau Gl&#252;ck hat, &#252;bernimmt der Haberer auch mal den Abwasch. Auch in der SP&#214; hat der Frauenkampftag seine urspr&#252;ngliche Bedeutung weitgehend verloren. Stattdessen werden Blumen verteilt und Kaffeekr&#228;nzchen abgehalten. Durch das Einwirken von einzelnen Frauen gibt es in manchen Bezirken den Versuch, den feministischen Anspruch dieses Tages wieder mit Leben zu erf&#252;llen. Trotz alledem d&#252;rfen wir jedoch nicht vergessen, dass der Tag uns die M&#246;glichkeit gibt und ein Anlass ist, um auf patriarchale Verh&#228;ltnisse hinzuweisen und dagegen auf die Stra&#223;e zu gehen. </p>
<p><strong>Das diesj&#228;hrige B&#252;ndnis ist politisch ziemlich breit angelegt. Die verschiedenen Gruppierungen und Einzelpersonen, die dieses B&#252;ndnis mittragen, wurden aufgefordert ihre spezifischen Forderungen aufzustellen. Einige von euch sind bei diesem B&#252;ndnis dabei, andere nicht. Warum?</strong></p>
<p><em>B</em>: F&#252;r die Frauenrechte-Demo wurden und werden alle Frauen, Frauengruppen- und organisationen gebeten, ihre Forderungen zu sammeln. Ziel ist es, die Vielzahl der M&#228;ngel &#246;ffentlich zu machen, und nicht eine &#220;berinstanz, die meint, sagen zu k&#246;nnen was wirklich wichtig w&#228;re, zu installieren. Sicher, vieles wird &#228;hnlich sein, einiges auch widerspr&#252;chlich, denn keine Einzelne kann wissen, was die andere sich w&#252;nscht, oder w&#252;nschen muss. Als Mitbegr&#252;nderin der Plattform kann ich nur sagen, dass ich die Idee der Ankn&#252;pfungsf&#228;higkeit f&#252;r viele unterschiedliche Positionen durch das Erinnern an die Frauenk&#228;mpfe von vor hundert Jahren und die W&#252;rdigung der Frauen von damals eine gute Idee finde. </p>
<p><em>FZ</em>: Bei den ersten Vorbereitungstreffen im Sommer und Herbst 2010 haben wir uns als Autonome Feministinnen an der Vorbereitung zur Frauendemonstration am 19.3.2011 beteiligt. Wir fanden und finden die Idee wichtig, weil der 8. M&#228;rz als Internationaler Frauenkampftag Teil unserer Frauenbewegungsgeschichte ist. Warum sind wir letztendlich aus der Vorbereitung ausgestiegen? Einer der Konflikte in der Vorbereitung zur Demonstration am 19.3. war f&#252;r uns, dass ein Gro&#223;teil des Vorbereitungsplenums das „breite B&#252;ndnis“ nur in der Beteiligung von der SP&#214;, den Gewerkschaften und etablierten Fraueneinrichtungen sah und sieht und nicht in der Basisarbeit in den eigenen Strukturen, Stadtteilen und Arbeitszusammenh&#228;ngen. Es wurde argumentiert, dass wir nur dann viele werden k&#246;nnen, wenn sich die SP-, Gewerkschaftsfrauen und der Frauenring beteiligen. Wir sehen in der Beteiligung dieser Organisationen jedoch nicht die Garantie, dass 20.000 Frauen auf die Stra&#223;e gehen. Wir sehen darin mehr ein Anbiedern an die institutionalisierte Macht. Die &#214;VP-, SP&#214;-, Gr&#252;ne- und Gewerkschaftsfunktion&#228;rinnen tragen die herrschende Politik mit, die sich gegen die meisten Frauen richtet und staatlichen Rassismus, &#220;berwachung, Militarisierung und neoliberale Politik etabliert. Aber wir wissen, es gibt auch Widerstand in deren eigenen Reihen. Wir wollten die „Funktion&#228;rinnen“ der SP, Gewerkschaften und Gr&#252;nen nicht ausladen, aber ihnen auch nicht extra nachlaufen. Wir erwarten eher, dass sie sich aus eigenem Interesse beteiligen und z.B. die Frauen an der „Basis“ in den Stadtteilen und Betrieben &#252;ber die Vorbereitungen informieren, damit diese sich einbringen k&#246;nnen (nicht nur f&#252;r Wahlen!). Die Kraft von autonomen Frauenstrukturen wird sich darin zeigen, ob es eine Demonstration wird, wo Frauen f&#252;r sich und f&#252;r eine notwendige gesellschaftliche Ver&#228;nderung auf die Stra&#223;e gehen, oder ob es &#246;ffentlich eine Demo von SP, Gewerkschaften und „prominenten“ Frauen wird, denen wir dann zuh&#246;ren und zuapplaudieren „d&#252;rfen“. Dieses Zusammenkommen ist kein „Event“ und keine inszenierte „Show-B&#252;hne“, es ist ein Zusammenkommen mit Entschiedenheit, Begehren und Leidenschaft f&#252;r Frauenbefreiung! Dann kann sich Zusammenarbeit, mit allen Konflikten und Unterschieden zu einer gemeinsamen Kraft entwickeln &#8211; f&#252;r eine starke feministische Bewegung „von unten“.</p>
<p><strong>Was kann und soll dieser Tag leisten? Was erwartet ihr euch davon? Was sind m&#246;gliche Probleme?</strong></p>
<p><em>B</em>: Der 19.3 soll einfach demonstrieren, dass die Welt, so wie sie sich f&#252;r Frauen darstellt, ein Ding der Unm&#246;glichkeit ist – auch wenn immer so getan wird, als sei eh alles in Butter, die Frauenbefreiung ein alter Hut, Gleichheit kein Problem usw. Eine Riesendemo ist ein Signal – nicht mehr aber auch nicht weniger. Es gibt vehemente W&#252;nsche, dass es bei diesem Signal nicht bleiben soll, sondern die politische Arbeit danach gemeinsam weitergehen m&#246;ge. Ein Hauptproblem ist, dass sehr oft die Gleichen sich ehrenamtlich engagieren und bis zum Umfallen hackeln – w&#228;hrend die Vielen in vornehmer Distanz auf den Zuschauerinnenr&#228;ngen verharren oder sich in Kritik zur&#252;ckziehen, was auch nicht gerade hilfreich ist.</p>
<p><em>FZ</em>: Wir wollen eine gro&#223;e Frauendemonstration mit vielen Frauen. Darin waren wir uns alle einig. Doch wie und mit welchen dies erreicht wird, da gab es unterschiedliche Ansichten. Wir sahen die Demo als M&#246;glichkeit und Chance f&#252;r ein breiteres Frauenb&#252;ndnis und die Realisierbarkeit einer gr&#246;&#223;eren Frauendemonstration. Warum? Weil der Anlass, &#8220;100 Jahre Frauentag&#8221; f&#252;r unterschiedliche Feministinnen – Lesben, autonome FrauenLesbenGruppen, Frauenorganisationen, Migrantinnenprojekte, Fraueneinrichtungen, Frauen aus antirassistischen, antifaschistischen und linken Gruppen und Bewegungen und aus Parteien – ein Anlass sein k&#246;nnte, auf die Stra&#223;e zu gehen. Die Spaltung – autonome FrauenLesben gehen auf die Stra&#223;e, Frauenprojekte und -einrichtungen bem&#252;hen sich um (hart erk&#228;mpfte) Subventionen und die Parteifrauen und etablierte Frauenorganisationen feiern – wenn &#252;berhaupt – in ihren Hallen – ist ja in den letzten zehn, f&#252;nfzehn Jahren immer wieder praktiziert worden. Es ist die immer wiederkehrende Auseinandersetzung mit und in B&#252;ndnissen, welche als „Partnerinnen“ politisch wahrgenommen werden. B&#252;ndnisse und Zusammenarbeit sind eine Frage der eigenen St&#228;rke aber auch der gegenseitigen Anerkennung und Sichtbarkeit. Selbstorganisierte/Autonome Strukturen „scheuen“ B&#252;ndnisse mit Institutionen und Parteien oft, weil sie bef&#252;rchten, vereinnahmt zu werden. Erfahrungen daf&#252;r gibt es zuhauf. Etablierte Strukturen und Einrichtungen hingegen ignorieren oft autonome, selbstorganisierte Organisationsstrukturen oder ben&#252;tzen sie als so genannte Basis oder als Aktivistinnen, die bei Aktionen den „Kopf hinhalten“, von denen man sich dann aber „in Ruhe und in Sicherheit“ distanzieren kann. Mit „Chaotinnen“, „Autonomen“, „militanten Emanzen“ oder „Kampflesben“ will man nichts zu tun haben, wenn der Freund oder einE NachbarIn &#252;ber „die“ schimpfen, wenn die Medien hetzen, wenn Demos verboten werden, wenn aktiver Widerstand mit Terrorismus-Vorwurf oder als „Mafia“ verfolgt wird. </p>
<p><em>A, F, M, N</em>: Ein sehr breites B&#252;ndnis birgt die Gefahr, inhaltslos zu werden. Frausein alleine hei&#223;t nicht, dass wir alle dieselben politischen Interessen haben. Gerade am Beispiel von Maria Rauch-Kallat (Club <em>alpha</em>, &#214;VP-Frauen), die auch Teil des B&#252;ndnisses ist, wird deutlich, dass wir nicht nur andere, sondern widerspr&#252;chliche Forderungen vertreten. So wurden in ihrer Amtszeit bspw. die Finanzierung autonomer Frauenh&#228;user gek&#252;rzt und andere reaktion&#228;re Ma&#223;nahmen getroffen.<br />
Eine gro&#223;e feministische Frauendemo kann jedoch auch Debatten „von unten“ ansto&#223;en. Feministische Interventionen finden heute scheinbar nur in Form von staatlicher Frauenpolitik und universit&#228;ren Debatten statt. Unser Ziel muss es aber sein, feministische Standpunkte auf die Stra&#223;e und ins Bewusstsein aller Menschen zu tragen und die ewige Leier von der „eh schon erreichten Gleichberechtigung“ endlich abdrehen.</p>
<p><strong>Eine Diskussion, die jedes Jahr intensiv gef&#252;hrt wird, ist, ob die Demo eine reine Frauendemo sein soll oder nicht. Dieses Jahr ist die Demo am 19. M&#228;rz gemischt. Wie steht ihr zu dieser Frage?</strong></p>
<p><em>B</em>: Bin absolut daf&#252;r, dass die j&#228;hrlichen internationalen Frauentage auch solche bleiben. Es d&#252;rfen aber auch gerne andere linke usw. Gruppen jedes Jahr eine Demo f&#252;r mehr Geschlechtergerechtigkeit organisieren. Das w&#228;re super. F&#252;r mich ist der 19.3. 2011 in vieler Hinsicht die Ausnahme von der Regel und nicht identisch mit dem 8. M&#228;rz.</p>
<p><em>FZ</em>: Die Auseinandersetzung „warum eine Frauendemonstration“ und „es gibt auch solidarische M&#228;nner“, gibt es &#252;ber die Jahre immer wieder in den Vorbereitungen. Das Problem w&#228;ren nicht die „solidarischen M&#228;nner“. M&#246;glichkeiten f&#252;r Solidarit&#228;t g&#228;be es auch so genug: das Klo putzen, die W&#228;sche waschen, den Haushalt mitorganisieren statt „mal mitzuhelfen“, mit Buben antisexistische Gespr&#228;che f&#252;hren, antipatriarchale M&#228;nnergruppen bilden, solidarische Aktionen in der Stadt machen, Arbeitskolleginnen in ihrem Kampf um gleiche L&#246;hne unterst&#252;tzen, die eigenen Privilegien hinterfragen, u.s.w. Das Problem sind eher diejenigen, die dann unbedingt bei einer Frauendemonstration mitgehen wollen oder sich mit Feministinnen „schm&#252;cken“, aber patriarchale Strukturen nicht in Frage stellen wollen. Jene, die sich &#246;ffentlich als „Feminist“ pr&#228;sentieren und „privat“ Frauen oder M&#228;dchen als Sexobjekte behandeln und sich bekochen lassen.<br />
Die Vorstellung von einigen, dass M&#228;nner aus „Solidarit&#228;t“ die Technik auf der Demo machen k&#246;nnten, sehen wir als Unterst&#252;tzung der patriarchalen Arbeitsteilung, die Frauen aus bestimmten wirtschaftlichen Bereichen ausgrenzt. Mit der Frauenbewegung haben sich Frauen und M&#228;dchen und immer schon viele Lesben, mit viel Kraft und trotz zahlreichen Konfrontationen mit dem sexistischen Alltag bei Ausbildungen und Arbeiten, u.a. technische und handwerkliche Bereiche angeeignet, die uns (immer noch) vorenthalten werden und an denen wir immer wieder strukturell gehindert werden. Und es gibt sie: die Elektrikerinnen, Mechatronikerinnen, Tischlerinnen, Schlosserinnen, DJanes, Licht- und Tontechnikerinnen… Bei einer Demonstration „anl&#228;sslich 100 Jahre Frauentag“ und „f&#252;r Frauenrechte“ m&#252;ssten Frauen und Lesben gefragt werden, die Technik zu machen!<br />
Manchmal wird die politische Auseinandersetzung um die Selbstorganisierung von Frauen auf eine Ebene von so genannter „sexueller Differenz“ reduziert. Lesben „m&#246;gen keine M&#228;nner“, (heterosexuelle) Frauen wollen auch mit „ihrem Freund“ demonstrieren k&#246;nnen.<br />
Lesbische Existenz l&#228;sst sich nicht auf eine „sexuelle Differenz“ reduzieren, sondern ist ein wichtiger Ausdruck und eine Lebendigkeit von (notwendiger) Frauenkollektivit&#228;t und Frauenbezogenheit, worin sich Frauen als „vollwertige“ und gleichwertige Subjekte begegnen. Dies bedeutet Mut und Widerstand in einem patriarchalen System. Diese Frauenbezogenheit und die autonome Selbstorganisierung von Frauen ist eine wichtige Kraft f&#252;r die Frauenbefreiung – f&#252;r alle Frauen! </p>
<p><strong>In der Diskussion im Vorbereitungsplenum wurde gesagt, dass sich die SP&#214; und die Gewerkschaften nicht beteiligen wollen, wenn M&#228;nner nicht mitgehen „d&#252;rfen“. Die offene Auseinandersetzung dar&#252;ber wurde nicht gef&#252;hrt. Einigen war das Mitmachen von etablierten (Frauen-)Organisationen einfach wichtiger als die Kraft und St&#228;rke einer Frauendemonstration. Bei der letztendlichen Abstimmung im Vorbereitungsplenum waren zehn Frauen f&#252;r eine gemischte Demo, sechs f&#252;r eine Frauendemonstration und einige haben sich der Stimme enthalt. Nach der Abstimmung sind Autonome Feministinnen vom FZ aus der Vorbereitung rausgegangen. </strong></p>
<p><em>A, F, M, N</em>: In einer sexistischen Gesellschaft brauchen Frauen eigene Freir&#228;ume, einerseits als Schutz- und R&#252;ckzugsort, andererseits als Raum der politischen Organisierung. Frauenfreir&#228;ume sind auch ein unverzichtbares Mittel, um feministische K&#228;mpfe in gemischten Organisationen zu erm&#246;glichen.<br />
Solange auf der Demo ein klar antisexistischer Konsens herrscht, sehen wir es als unproblematisch, wenn M&#228;nner mitgehen und sich solidarisieren, solange sie dabei eine untergeordnete Rolle spielen. Es muss den Frauen vorbehalten sein, die Demo zu organisieren, Entscheidungen zu treffen, und Forderungen zu entwickeln.</p>
<p><strong>Was sollte eurer Meinung nach der politische impact der Demo sein? </strong></p>
<p><em>B</em>: Wie gesagt, wichtig ist das Signal, die Langfristigkeit von feministischen B&#252;ndnissen ohne Grabenk&#228;mpfe, die je nach Situation, Inhalt und Kontext punktuelle sein k&#246;nnen. Ich find es schwierig, alles aufzuz&#228;hlen. Es kann ja der Plattformwebsite entnommen werden, was die verschiedenen Frauen unter feministischer Politik verstehen. Es hat sich ja schon bis ins deutsche Feuilleton herumgesprochen, dass die Situation der Frauen in &#214;sterreich im europ&#228;ischen Vergleich ganz schlecht ist. Ganz allgemein w&#252;rde ich sagen: gegen die zunehmende Feminisierung der Armut – f&#252;r mehr feministisches Bewusstsein. Es fehlt an explizit feministischer Bildung. </p>
<p><em>FZ</em>: Die Demonstration am 19.3. wird jetzt eine „Demonstration f&#252;r Frauenrechte“ sein. Grunds&#228;tzlich sind zus&#228;tzliche gemischte Demonstrationen gegen Sexismus und Patriarchat und f&#252;r Frauenrechte wichtig. Viel zu wenig wird bei Veranstaltungen, Aktionen und Demonstration gegen Sexismus Stellung bezogen. Wir kennen keine Aktion oder Demo, wo auch M&#228;nner gegen Vergewaltigungen oder Frauenmorde &#246;ffentlich Aktionen gesetzt haben. Zu sagen, „Ich schlage mein Frau nicht“, ist dabei eher zynisch, denn das sehen wir als minimalste Selbstverst&#228;ndlichkeit! Es br&#228;uchte den Mut, auch gegen das patriarchale System und gegen das patriarchale-m&#228;nnliche Selbstverst&#228;ndnis aufzutreten, bei sich selbst und gegen&#252;ber anderen M&#228;nnern.<br />
Wir verstehen eine Frauendemonstration als einen wichtigen Bestandteil einer Selbstorganisierung von Frauen. Dieses Bewusstsein von Selbstorganisierung ist f&#252;r jede Einzelne und f&#252;r Frauen gemeinsam ein k&#228;mpferischer Bruch mit dem patriarchalen System und seinen Lebensbedingungen, ein Bruch mit m&#228;nnlicher Dominanz und m&#228;nnlicher Vorherrschaft – auch in seinem neuen neoliberalen Gewand von so genannter Partnerschaft und <em>Gender Mainstreaming</em>, die eine „weibliche“ Erg&#228;nzung zum „(m&#228;nnlichen) Mensch“ als „Herr“ postuliert.</p>
<p><em>A, F, M, N</em>: Eine Demo alleine kann nicht das erreichen, was in der Gesellschaft und im Kampf gegen das Patriarchat erreicht werden muss. Um eine gesellschaftliche Ver&#228;nderung herbeizuf&#252;hren, bed&#252;rfte es einer breiten Bewegung. Eine Bewegung, die feministisch und zugleich auch dezidiert links und sozialistisch ist und die Forderungen auf der Stra&#223;e durchk&#228;mpft. Frauenpolitische und feministische Forderungen m&#252;ssen in die Gesellschaft getragen werden und eine m&#246;glichst breite Debatte ausl&#246;sen.<br />
Es ist notwendig, sich auch bzw. vor allem mit migrantischen Frauen zu vernetzen und mit ihnen gemeinsam K&#228;mpfe zu f&#252;hren. Die feministische Bewegung muss &#252;ber ihre eigene Wei&#223;heit reflektieren und Wei&#223;e Frauenb&#252;ndnisse &#252;berdenken. Wir finden es wichtig, sich &#252;ber die eigene Klassenposition sowie &#252;ber rassistische Diskriminierungsmuster bewusst zu werden und diese auch in den eigenen Reihen zu bek&#228;mpfen. Ein breites antikapitalistisches feministisches B&#252;ndnis kann kein Wei&#223;es b&#252;rgerliches Frauenb&#252;ndnis sein!<br />
Zu guter Letzt ist eine Programmatik von N&#246;ten, die Geschlecht als Herrschaftsinstrument angreift und das System radikal in Frage stellt. Wir brauchen eine  breite antikapitalistische Frauenbewegung! </p>
<p><strong>In Zeiten von versch&#228;rften globalen Klassengegens&#228;tzen und immer repressiver werdenden Migrationsregimen stellt sich vermehrt die Frage nach einem gemeinsamen Kampf von Frauen aus unterschiedlichen sozialen und regionalen Kontexten. Muss nicht ein feministischer Kampf daher Fragen von Rassismus, Nationalismus und Klasse miteinbeziehen?</strong></p>
<p><em>B</em>: Diese Frage stellt sich realpolitisch tats&#228;chlich vermehrt. Jedoch waren den feministischen K&#228;mpfen, so wie ich sie kenne, immer schon die K&#228;mpfe gegen Rassismus, Nationalismus und Klassenherrschaft eingeschrieben. Auch wenn heute oft so getan wird, als w&#228;re das nicht so. Man m&#252;sste da nur mal die Flugbl&#228;tter zum 8. M&#228;rz der letzten 30 Jahre durchlesen.</p>
<p><em>Anna, Flora, Marlen, Neva</em>: Ja fix. Und ob! </p>
<p><strong>Was k&#246;nnten/sollten Ziele/Strategien jenseits dieses symbolischen Tages sein, um die Frauenbewegung/feministische Themen zu st&#228;rken und in der Gesellschaft st&#228;rker zu verankern?</strong></p>
<p><em>B</em>: Diese Frage l&#228;sst sich beim besten Willen nicht so beantworten. Es gibt keine Patentrezepte, jede Kollektivit&#228;t muss das selber tun und sich erarbeiten. Es gibt ja auch hunderte B&#252;cher dazu. Ganz grunds&#228;tzlich fehlt m.E. eine gr&#246;&#223;ere Bewegung, mehr Auseinandersetzung unter denjenigen, denen das &#252;berhaupt ein Anliegen ist, und &#252;berhaupt mangelt es an feministischer Bewusstseinsbildung. Und ganz &#252;berhaupt geht es um eine im weiten Sinne linke und feministische Repolitisierung der Gesellschaft und es fehlen (uns) Theorien und Praxen alternativer Politik- und &#214;konomieformen.</p>
<p><em>FZ</em>: Es braucht eine breite und radikale feministische Bewegung die diese Herrschaftsverh&#228;ltnisse auf den Kopf stellt und zerlegt!</p>
<p><em>A, F, M, N</em>: Es muss um die Organisierung von Frauen gehen und deren Vernetzung &#252;ber Organisationsgrenzen hinweg. Das Ziel muss sein, das Patriarchat zu st&#252;rzen und die Gesellschaft umzukrempeln. Das geht nur, wenn B&#252;ndnisarbeit effektiv gestaltet wird. Innerhalb aller gemischten Organisationen m&#252;ssen feministische K&#228;mpfe gef&#252;hrt, Frauenfreir&#228;ume geschaffen und Frauen gest&#228;rkt bzw. gegenseitig best&#228;rkt werden. Es muss bei den feministischen K&#228;mpfen &#252;ber die Organisationsgrenzen hinweg eine Orientierung auf die Subalternen geben und es m&#252;ssen strategisch gemeinsame Forderungen aufgestellt werden. Die feministische Bewegung muss sich weg von dem Wei&#223;en und ausschlie&#223;enden b&#252;rgerlichen Feminismus bewegen.<br />
Feuer und Flamme dem Patriarchat, Kampf dem Sexismus in Arbeit, Alltag, Staat! </p>
<p><em>Birge Krondorfer</em> ist Philosophin, Lehrbeauftragte an den Universit&#228;ten Klagenfurt und Innsbruck und t&#228;tig im feministischen Bildungs- und Kulturverein Frauenhetz, den sie auch mit gegr&#252;ndet hat. </p>
<p>Das <em>FrauenM&#228;dchenLesbenZentrum</em> versteht sich als Teil der autonomen FrauenLesbenBewegung. Als solche bietet es einen Raum f&#252;r die feministische Auseinandersetzung mit weiblichen Lebensbedingungen und der Reflexion und Entwicklung widerst&#228;ndiger Praxis gegen Sexismus und sexistische Herrschaftsverh&#228;ltnisse. Die FZ-Bar befindet sich im <em>Wiener Werkst&#228;tten- und Kulturhaus WUK </em>in Wien.</p>
<p><em>Anna Svec, Flora Alvarado-Dupuy, Marlen Stahrm&#252;ller</em> und<em> Neva L&#246;w</em> sind langj&#228;hrige Aktivistinnen in der Sozialistischen Jugend Wien und Teil der Marxistischen Initiative Marxist*in. </p>
<p>Das Interview f&#252;hrten <em>Veronika Duma, Julia Hofmann</em> und <em>Fanny M&#252;ller-Uri</em>.</p>
<p>Anmerkung<br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Dieses Interview wurde aus einer Stellungnahme von autonomen Feministinnen und Lesben aus dem FZ zusammengestellt.</p>
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		<title>Rosinenpicken</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:40:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
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Die „K&#228;mpfe um Bildung“, denen sich Perspektiven Nr. 10 gewidmet hat, bilden auch anderswo ein zentrales Thema. So sind im aktuellen Programm der Edition PROLLpositions in der Reihe audimarx drei feine Brosch&#252;ren erschienen, die vor allem die Frage „Wie sich (ver-)wehren?“ hochhalten: (1) Das „Kommuniqué aus einer ausbleibenden Zukunft. &#220;ber die Ausweglosigkeit des studentischen Lebens“ (Research & Destroy; audimarx #1) [...]]]></description>
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Die „K&#228;mpfe um Bildung“, denen sich <em>Perspektiven</em> Nr. 10 gewidmet hat, bilden auch anderswo ein zentrales Thema. So sind im aktuellen Programm der <em>Edition PROLLpositions</em> in der Reihe <em>audimarx </em>drei feine Brosch&#252;ren erschienen, die vor allem die Frage „Wie sich (ver-)wehren?“ hochhalten: (1) Das „Kommuniqué aus einer ausbleibenden Zukunft. &#220;ber die Ausweglosigkeit des studentischen Lebens“ (Research & Destroy; <em>audimarx #1</em>) wurde im Zuge der Besetzung eines Teils der Universit&#228;t von Santa Cruz verfasst und Anfang Oktober 2009 online publiziert. Neben der Thematisierung des Verh&#228;ltnisses von Studium und Arbeit im Kontext der zunehmenden Transformation von Universit&#228;ten in Fabriken der Wissens(re)produktion, dr&#252;ckt sich in der „Mitteilung“ vor allem auch das dr&#228;ngende Bed&#252;rfnis nach den verbindenden Inhalten unterschiedlicher K&#228;mpfe aus, deren gesellschaftliche Ausgangsbedingungen doch sehr verschieden sind. (2) In „Reformpause!“ (<em>audimarx #2</em>) beschreibt <em>Marion von Osten</em>, wie es nach dem zweiten Weltkrieg zu einer bildungspolitischen Wende in Westeuropa kam und reflektiert dabei diejenigen allgemein-gesellschaftlichen und konkret-kollektiven Bedingungen, die Wissensproduktion &#252;berhaupt erst erm&#246;glichen. (3) Ausk&#252;nfte &#252;ber die erfolgreiche Besetzung der Universit&#228;t in Zagreb sowie &#252;ber die Besetzungsstrategien unserer kroatischen KollegInnen gibt das „Besetzungskuchbuch. Bericht von der Besetzung der Zagreber Philosophischen Fakult&#228;t 2008“ (<em>audimarx #3</em>). Eine zu empfehlende Lekt&#252;re f&#252;r alle ProfibesetzerInnen und diejenigen, die es noch werden wollen.   </p>
<p>Nicht nur die Universit&#228;ten haben im letzten Jahr gebrannt. Auch im Iran gab es eine der gr&#246;&#223;ten Protestbewegungen seit Jahrzehnten. W&#228;hrend <em>Behrooz Rahimi</em> in <em>Perspektiven </em>Nr. 9 in erster Linie das widerspr&#252;chliche Erben der Iranischen Revolution von 1979 analysiert hat, begibt sich <em>James Buchan</em> auf eine weiter angelegte historische Spurensuche nach den Gemeinsamkeiten der verschiedenen Revolutionen im Iran. Er vergleicht nicht nur die Ereignisse vom Juli 2009 mit denen der konstitutionellen Revolution 1905, sondern zieht auch Parallelen zwischen der Pr&#228;sidentschaft Mahmud Ahmadinejads und der Herrschaft Louis-Napoleons (Napoleon III). Bezugnehmend auf Marxens „Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“ (1852), in dem Marx nachweist, dass der Staatsstreich des Louis-Napoleon 1851 in Frankreich das notwendige Ergebnis der vorhergegangenen Entwicklungen war und sich Geschichte oftmals zun&#228;chst als Tragik und dann als Farce wiederholen muss, um sie im Sinne der Befreiung weitertreiben zu k&#246;nnen, sch&#246;pft <em>Buchan </em>Hoffnung f&#252;r politische Ver&#228;nderungen im Iran.</p>
<p>Schwerpunkt von <em>Perspektiven </em>Nr. 9 war allerdings nicht der Iran, sondern die „Ge_schlechte_r_verh&#228;ltnisse im Kapitalismus“. &#196;hnlich wie <em>Katharina Hajek</em> und <em>Benjamin Opratko</em> in ihrem Artikel „Welche Wirtschaft, wessen Krise?“ besch&#228;ftigen sich auch <em>Helene Schuberth</em> und <em>Brigitte Young</em> mit dem Zusammenhang zwischen den „Geschlechtern der Krise“ und der „Krise der Geschlechter“. Die Autorinnen,  zwei der profiliertesten Forscherinnen auf dem Feld der feministischen &#214;konomie, haben mit <em>The Global Financial Meltdown and the Impact of Financial Governance on Gender</em> ein kurzes, aber sehr informatives, Fakten-und-Zahlen-lastiges Paper verfasst. Darin wird – zugespitzt formuliert – aus geschlechterkritischer Perspektive nicht nur danach gefragt, wer die Krise verursacht hat, sondern auch danach, wer davon in welcher Weise und in welchem Ausma&#223; betroffen ist, und – durch die Budgetkonsolidierungen weltweit – in Zukunft sein wird: vor allem Frauen. So reklamieren in diesem Zusammenhang auch <em>Drucilla Barker</em> und <em>Susan F. Feiner</em> im aktuellen <em>Rethinking Marxism</em> (No. 22) Geschlecht als Analysekategorie ein. Sie fokussieren dabei auf die „Feminisierung der Arbeit“ und die Rolle „hegemonialer M&#228;nnlichkeiten“. Frei nach dem Motto Lenins, nach dem jede K&#246;chin dazu in der Lage sein muss, die Staatsmacht auszu&#252;ben (was jedoch sowohl eine Ver&#228;nderung des Staates als auch der Lage der K&#246;chin impliziert), seien hier noch zwei weitere Feministinnen genannt, die sich den krisenhaften Entwicklungen der letzten Jahre vor allem unter dem Aspekt der Bedingungen und M&#246;glichkeiten feministischer K&#228;mpfe widmen. <em>Birgit Sauer</em> fragt (<em>Widerspruch </em>Nr. 57) aus einer feministisch-staatstheoretischen Perspektive nach den Bedeutungen staatlicher Transformationsprozesse f&#252;r die feministische Staatskritik, w&#228;hrend <em>Frigga Haug</em> in einem im Oktober 2009 gehaltenen Vortrag gewohnt luzide die Grenzen von „Umverteilungspolitik“ (auch bezogen auf die Reproduktionsarbeit) aufzeigt und daf&#252;r pl&#228;diert, gerade in der Krise „Geschlechterverh&#228;ltnisse als Produktionsverh&#228;ltnisse“ zu begreifen.<br />
Etwas mehr als Jahr ist vergangen, seit Barack Obama Pr&#228;sident der USA wurde – und wir dies in <em>Perspektiven </em>Nr. 6 zum Anlass nahmen, einen Schwerpunkt zum br&#252;chigen US-Imperium zu gestalten. Die darin von <em>Tobias ten Brink</em> ge&#228;u&#223;erte Skepsis, ob eine Obama-Administration auch nur das Ausma&#223; der Gewalt, das von der Geopolitik des US-Imperiums ausgeht, reduzieren w&#252;rde, hat sich seither best&#228;tigt. Dies zeigt ein Artikel von <em>Tariq Ali</em> in der aktuellen 50-Jahre-Jubil&#228;umsausgabe der <em>New Left Review</em> so deutlich wie drastisch. Seine bittere Bestandsaufnahme der US-Au&#223;enpolitik unter Obama, dargestellt anhand der Brennpunkte Israel/Pal&#228;stina, Irak, Iran, Afghanistan und Pakistan, zeichnet ein ern&#252;chterndes Bild. Er sieht keinen grunds&#228;tzlichen Bruch zwischen den Regierungen Bush I, Clinton, Bush II und Obama. Auch wenn die Analysen ob der K&#252;rze des Artikels manchmal zu vereinfachend wirken und etwa die Beurteilung der Situation im Iran von einem sch&#228;rferen Blick auf K&#228;mpfe von „unten“ profitiert h&#228;tte, ist Alis Beitrag hilfreich, um hinter die sch&#246;ne Rhetorik Obamas zu blicken.<br />
Und noch ein zweiter Beitrag im gleichen Heft l&#228;sst sich hervorragend als Zwischenbilanz des „Obama-Projekts“ lesen. <em>Teri Reynolds</em>, die in Kalifornien als Notfallmedizinerin arbeitet, sendet eine „Depesche aus Oakland“. Ihre lebhafte Beschreibung des Alltags in einem County Hospital macht deutlich, wie – im wahrsten Sinne des Wortes – &#252;berlebenswichtig eine echte Reform des Gesundheitswesens in den USA w&#228;re. Auf den Punkt gebracht: in diesem Land sterben permanent Menschen, weil sie keine Krankenversicherung haben. Die nun durchgesetzte <em>Health Care Reform</em> hat, so Reynolds, in den endlos scheinenden Debatten medizinische und soziale Realit&#228;ten ignoriert und wird daran nichts wesentliches &#228;ndern.</p>
<p>Ebenfalls in der aktuellen (Jubil&#228;ums-)Ausgabe der <em>New Left Review</em> spricht Mike Davis mit sich selbst: Sein „Pessimismus des Intellekts“ zwingt ihn, die desastr&#246;sen und scheinbar unaufhaltsamen Auswirkungen der Transformation von Landschaften und klimatischen Systemen durch die urban-industrielle Gesellschaft, die sich in den Megast&#228;dten des 21.Jahrhunderst konzentriert, zu erkennen. Dieser „analytischen Verzweiflung“ (und einem Antiurbanismus) stellt Davis jedoch einen „Optimismus der Imagination“ entgegen. Dabei argumentiert er f&#252;r eine neue radikal-urbane Vorstellungskraft, die andenkt, St&#228;dte nach &#246;kologischen und sozialen Gesichtspunkten zu organisieren. Letztlich sind es f&#252;r ihn gerade die St&#228;dte und deren typisch urbane Eigenschaften, die einen m&#246;glichen Weg aus den drohenden &#246;kologischen und sozialen Krisen bereitzustellen verm&#246;gen. </p>
<p>Sicher keinen Weg aus den multiplen Krisen der Gegenwart weist die extreme Rechte. Weil sie aber gerade in Krisenzeiten versucht, an Boden zu gewinnen, m&#252;ssen Antifaschismus und Antirassismus gegenw&#228;rtig mehr denn je auf der Agenda der (radikalen) Linken stehen. Zum ersten Mal konnte im Februar 2010 der j&#228;hrlich stattfindende Nazi-Aufmarsch in Dresden blockiert werden. Eine spannende Auswertung der antifaschistischen Mobilisierung nach Dresden liefern <em>Christine Buchholz</em> (Bundestagsabgeordnete DIE LINKE), <em>Steffi Graf</em> (aktiv in DIE LINKE.SDS), <em>Lucia Schnell</em> (DIE LINKE) und <em>Luigi Wolf </em>(DIE LINKE.SDS). Die Kombination aus einem breiten B&#252;ndnis von Parteien, Gewerkschaften, Zivilgesellschaft und antifaschistischen Kreisen sowie die Entschlossenheit der Gegen-DemonstrantInnen, die Nazis vermittels Massenblockaden nicht marschieren zu lassen, f&#252;hrte trotz Diffamierungs- und Illegalisierungskampagnen in Medien, Justiz und Politik zu einem erfolgreichen Ergebnis, so die AutorInnen. Die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der Kampagne in Dresden w&#252;rde auch der antifaschistInnen Linken in &#214;sterreich zu Gute kommen; schlie&#223;lich gibt es gerade hier die Notwendigkeit der Erarbeitung und Evaluierung antifaschistischer Strategien gegen die extreme Rechte.</p>
<p>Zum Nachlesen:</p>
<p>audimarx #1-3 erh&#228;ltlich bei Infost&#228;nden und im Anarchia-Versand (http://www.anarchia-versand.net/index.php/cat/c58_Paedagogik-und-Bildung.html), siehe auch: http://prollpositions.at/, Dezember 2009</p>
<p>Buchan, James: A Bazaari Bonaparte?, in: New Left Review Nr. 59, September-October 2009, 73¬-87</p>
<p>Young, Brigitte/Schuberth, Helene: The Global Financial Meltdown and the Impact of Financial Governance on Gender, in: Garnet Policy Brief Nr. 10, unter: http://www.garnet-eu.org/fileadmin/documents/policy_briefs/Garnet_Policy_Brief_No_10.pdf, 2010, 1-12</p>
<p>Barker, Drucilla /Feiner, Susan: As the World Turns: Globalization, Consumption, and the Feminization of Work, in: Rethinking Marxism Nr. 22, 2010, 246-252</p>
<p>Sauer, Birgit: Wirtschaftskrise, Staat und Geschlechtergerechtigkeit. Paradoxien feministischer Staatskritik, in: Widerspruch Nr. 57, 2009, 33-39</p>
<p>Haugg, Frigga: Geschlechterverh&#228;ltnisse in der Krise, Vortrag gehalten am 10. Okt. 2009 in Aachen, zum Anh&#246;ren unter: http://www.friggahaug.inkrit.de/AachenerVortrag09-10-10.mp3, 2009</p>
<p>Ali, Tariq: President of Cant, in: New Left Review Nr. 61, January-February 2010, S. 99-116</p>
<p>Reynolds, Teri: Dispatches from the Emergency Room, in: New Left Review Nr. 61, January-February 2010, S. 49-57</p>
<p>Davis, Mike: Who will build the ark?, in: New Left Review Nr. 61, January-February 2010, 29-46</p>
<p>Buchholz, Christine/Graf, Steffi/Schnell, Lucia/Wolf, Luigi: Breit und entschlossen Naziaufm&#228;rsche verhindern: Das Erfolgskonzept von Dresden, unter: http://christinebuchholz.de/2010/02/20/breit-und-entschlossen-naziaufmarsche-verhindern-das-erfolgskonzept-von-dresden/, Februar 2010</p>
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		<title>Perspektiven Nr. 9 komplett online</title>
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		<pubDate>Wed, 27 Jan 2010 16:15:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterverhältnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Körpergeschichte]]></category>

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		<description><![CDATA[Um euch die Wartezeit auf die demn&#228;chst erscheinende Jubil&#228;ums-Ausgabe Nr. 10 zu verk&#252;rzen, gibt es nun die gesamte Perspektiven Nr. 9 zu  Schwerpunkt Ge_schlechte_rverh&#228;ltnisse im Kapitalismus online:

Maria Asenbaum und Katherina Kinzel zum schwierigen Verh&#228;ltnis zwischen Marxismus und Feminismus &#8211; Veronika Duma und Tobias Boos zur Geschichte der (b&#252;rgerlichen) Geschlechts-K&#246;rper &#8211; Katharina Hajek und Benjamin Opratko zu Geschlechterpolitik und Wirtschaftskrise [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Um euch die Wartezeit auf die demn&#228;chst erscheinende Jubil&#228;ums-Ausgabe Nr. 10 zu verk&#252;rzen, gibt es nun die gesamte <a href="http://www.perspektiven-online.at/?cat=50" target="_self">Perspektiven Nr. 9</a> zu  Schwerpunkt <strong>Ge_schlechte_rverh&#228;ltnisse im Kapitalismus</strong> online:</p>
<p><a href="http://www.perspektiven-online.at/?cat=50"><img class="alignleft size-medium wp-image-739" title="perspektiven9-cover-toc_page_11" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2010/01/perspektiven9-cover-toc_page_11-212x300.jpg" alt="perspektiven9-cover-toc_page_11" width="212" height="300" /></a></p>
<p>Maria Asenbaum und Katherina Kinzel zum schwierigen Verh&#228;ltnis zwischen <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=671" target="_self">Marxismus und Feminismus</a> &#8211; Veronika Duma und Tobias Boos zur <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=668" target="_self">Geschichte der (b&#252;rgerlichen) Geschlechts-K&#246;rper</a> &#8211; Katharina Hajek und Benjamin Opratko zu <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=666" target="_self">Geschlechterpolitik und Wirtschaftskrise</a> &#8211; Petra Steiner im Interview zu <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=664" target="_self">feminisierter Arbeit im globalen S&#252;den</a></p>
<p>Dazu gibt&#8217;s au&#223;erhalb des Schwerkpunkts:<br />
Nikolaus Perneczky zum <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=661" target="_self">&#8220;Dritten Kino&#8221; </a>- Behrooz Rahimi zu <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=658" target="_self">Rissen in der Islamischen Republik Iran</a> &#8211; Ian Angus zu <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=656" target="_self">Marx, Engels und Darwin</a> &#8211; <a href="http://www.perspektiven-online.at/?cat=9" target="_self">Rezensionen </a>und <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=601" target="_self">Rosinenpicken</a></p>
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		<item>
		<title>Editorial</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/01/22/581/</link>
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		<pubDate>Fri, 22 Jan 2010 14:36:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausgaben]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterverhältnisse]]></category>

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		<description><![CDATA[Die liebe Familie: Sitzpl&#228;tze und Blumenh&#252;te f&#252;r die Damen, Autorit&#228;t und weltgeschichtlicher Ruhm f&#252;r die Herren. Als Jenny Marx ihren Vater bat, Fragen in ihrem Poesiealbum zu beantworten, schrieb dieser, seine Lieblingstugend beim Mann w&#228;re „Kraft“; bei der Frau: „Schw&#228;che“. Wir sehen: die feministische Sache hatte es von Anfang an nicht leicht, in ein Verh&#228;ltnis zum Marxismus zu treten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die liebe Familie: Sitzpl&#228;tze und Blumenh&#252;te f&#252;r die Damen, Autorit&#228;t und weltgeschichtlicher Ruhm f&#252;r die Herren. Als Jenny Marx ihren Vater bat, Fragen in ihrem Poesiealbum zu beantworten, schrieb dieser, seine Lieblingstugend beim Mann w&#228;re „Kraft“; bei der Frau: „Schw&#228;che“. Wir sehen: die feministische Sache hatte es von Anfang an nicht leicht, in ein Verh&#228;ltnis zum Marxismus zu treten.<br />
<span id="more-581"></span><br />
Die heutige Linke geht mit der Frage der Geschlechterverh&#228;ltnisse da schon etwas sensibler um. Zumindest zu einem Lippenbekenntnis reicht es allemal. Nach dem Motto „Wir sind eh auch FeministInnen“ wird individuelle Gewissenberuhigung betrieben, systematische Auseinandersetzung mit Geschlechterverh&#228;ltnissen im Kapitalismus bleibt jedoch eher die Ausnahme. Und wie schon Antonio Gramsci wusste: Eine W&#252;ste mit einer Gruppe hoher Palmen bleibt immer eine W&#252;ste.</p>
<p>Gleichzeitig erleben wir in der b&#252;rgerlichen Presse eine W&#252;ste ohne Palmen. Pl&#246;tzlich werden die Geschlechter als Krisenerkl&#228;rungsmodell entdeckt und l&#228;ngst totgeglaubte Biologismen wieder ausgegraben, um die Wirtschaftskrise als „Testosteronkrise“ auch „Die Presse“-LeserInnen verst&#228;ndlich zu machen. Gerade jetzt sei die „Stunde der Frauen“ als „moderne Tr&#252;mmerfrauen“ gekommen, denn die „ticken anders, auch biologisch“ (Die Presse, am 27.09.09) und scheinen damit berufen, das von jungen risikofreudigen M&#228;nnern angerichtete Chaos wieder in Ordnung zu bringen. Ein Schwerpunkt zum Thema „Ge_schlechte_r_verh&#228;ltnisse im Kapitalismus“ ist also doppelt geboten. Einerseits, weil feministische Themen in der Linken trotz gegenteiliger Beteuerungen weiterhin nicht die n&#246;tige analytische und politische Aufmerksamkeit erfahren. Gerade als undogmatische MarxistInnen halten wir diese Auseinandersetzung f&#252;r notwendig, weil Geschlechterverh&#228;ltnisse „fundamentale Regelungsverh&#228;ltnisse in allen Gesellschaftsformationen, die wir kennen“ sind (Frigga Haug), und nicht ein in Fu&#223;noten abzuhandelndes „Eh-auch-wichtig“. Andererseits, weil die aktuelle Krise besonders zu Lasten von Frauen und deren Umsonstarbeit im Reproduktionsbereich geht. Und w&#228;hrend unmittelbar einleuchtend ist, dass die Linke sich zur globalen Krise politisch verhalten muss, wollen wir die Zentralit&#228;t ihrer Geschlechterdimension herausstreichen.</p>
<p>Der Satz, dass die Linke feministisch ist, oder nicht links, ist richtig; dennoch fallen Marxismus und Feminismus keineswegs automatisch zusammen. Darum widmen sich <em>Maria Asenbaum</em> und <em>Katherina Kinzel</em> im Er&#246;ffnungsartikel der vorliegenden Ausgabe diesem schwierigen Verh&#228;ltnis, ausgehend von der „Hausarbeitsdebatte“, und argumentieren, dass es bewusster politischer Anstrengung bedarf, um eine dialogische Beziehung von Marxismus und Feminismus zu schaffen.<br />
Dass die Geschlechter eine Geschichte haben, zeigen <em>Tobias Boos </em>und <em>Veronika Duma</em>. Sie zeichnen die Entstehung des modernen Zwei-Geschlechter-Modells im Zusammenhang mit der Selbstkonstituierung des B&#252;rgertums nach.</p>
<p>Eine Analyse der globalen Wirtschaftskrise aus geschlechterpolitischer Perspektive liefern <em>Katharina Hajek</em> und <em>Benjamin Opratko</em>. Sie argumentieren, dass trotz gegenw&#228;rtiger Umbr&#252;che das neoliberale Geschlechterregime weitgehend aufrechterhalten wird.</p>
<p>Zum Abschluss des Schwerpunkts sprechen <em>Katherina Kinzel</em> und <em>Felix Wiegand </em>mit <em>Petra Steiner</em> von der <em>Frauensolidarit&#228;t </em>&#252;ber Arbeitsbedingungen und K&#228;mpfe von Frauen im globalen S&#252;den.</p>
<p>Illustriert wird der Schwerpunkt von <em>Reinhard Lang</em>, dessen Fotoserie unseren Umgang mit vergeschlechtlichten Konnotationen von Produktionsmitteln herausfordert.</p>
<p>Auf kurzfristige politische Ereignisse einzugehen, f&#228;llt einem Magazin, das dreimal im Jahr erscheint, naturgem&#228;&#223; schwer. Mit etwas zeitlichem Abstand reflektiert <em>Behrooz Rahimi </em>die Protestbewegungen im Iran nach der Wieder-„Wahl“ Mahmud Ahmadinedjads und analysiert die Widerspr&#252;che innerhalb des Regimes der Islamischen Republik.</p>
<p><em>Nikolaus Perneczky</em> tr&#228;gt zur Fortf&#252;hrung unserer ebenso unregelm&#228;&#223;igen wie inoffiziellen Kinoserie bei. Nach &#246;sterreichischen Polit-Dokus (Nr. 0) und russischem Revolutionsfilm (Nr. 7) geht es nun um das „Dritte Kino“, das sich in den Dienst der Befreiungsbewegungen und Dekolonisationsk&#228;mpfen in Lateinamerika, Afrika und Asien stellte.</p>
<p>Zuletzt unser Beitrag zum Darwin-Jahr: <em>Ian Angus</em> &#252;ber die „Entstehung der Arten“ und was sie mit dem Historischen Materialismus zu tun hat. Ein auch in der Redaktion nicht unumstrittener Artikel – wir freuen uns &#252;ber Kommentare, Zuspruch und Kritik!</p>
<p>Ein paar Rezensionen, damit ihr wisst, wie ihr die langen, einsamen und dunklen Herbstabende &#252;bersteht: Feminismus und Multikulturalismus, Grenzen des Wachstums, der revolution&#228;re Atlantik und Aliens im Apartheid-District 9. Und die Gustost&#252;ckerl hei&#223;en jetzt Rosinenpicken.</p>
<p>F&#252;r die klassen- und geschlechterlose Gesellschaft oder: schafft drei, vier, viele Geschlechter!</p>
<p>Eure Perspektiven-Redaktion</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Wert und Wettex</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/01/20/wert-und-wettex/</link>
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		<pubDate>Wed, 20 Jan 2010 17:55:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterverhältnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Versuche einer theoretischen Vereinigung marxistischer und feministischer Erkl&#228;rungsans&#228;tze zu asymmetrischen Geschlechterverh&#228;ltnissen im Kapitalismus waren und sind nicht unproblematisch. Maria Asenbaum und Katherina Kinzel w&#252;hlen in Hausarbeitsdebatten, werttheoretischen Streitfragen, b&#252;rgerlich-familialen Diskurskonstruktionen und ideologietheoretischen Auseinandersetzungen der letzten 30 Jahre.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Versuche einer theoretischen Vereinigung marxistischer und feministischer Erkl&#228;rungsans&#228;tze zu asymmetrischen Geschlechterverh&#228;ltnissen im Kapitalismus waren und sind nicht unproblematisch. <em>Maria Asenbaum</em> und <em>Katherina Kinzel</em> w&#252;hlen in Hausarbeitsdebatten, werttheoretischen Streitfragen, b&#252;rgerlich-familialen Diskurskonstruktionen und ideologietheoretischen Auseinandersetzungen der letzten 30 Jahre.<br />
<span id="more-671"></span><br />
Wie das Verh&#228;ltnis von Kapitalismus und Geschlechterverh&#228;ltnissen denken? Und wie es nicht lediglich denken, indem man zwei Herrschaftsverh&#228;ltnisse empiristisch zusammenaddiert – sondern auf eine Art und Weise, die marxistische und feministische Zielsetzungen organisch zusammenf&#252;hrt? Michéle Barrett schreibt im Vorwort zu ihrem 1980 erschienenen Buch <em>Das unterstellte Geschlecht (Women’s Opression Today)</em>: „Ich gehe davon aus, dass eine solche Vers&#246;hnung bisher nicht stattgefunden hat, und dass jeder Versuch, eine schl&#252;ssige marxistisch-feministische Analyse zu erstellen, enorme theoretische und politische Probleme aufwirft, die sich vielleicht als Stolperstein eines jeden B&#252;ndnisses zwischen Frauenbewegung und der Linken erweisen werden – und von beiden Seiten Kompromisse verlangen, wenn sie gel&#246;st werden sollen. Aber es ist sicherlich besser, sich ihnen zu stellen, als sie hinwegzudeuten.“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Sie zieht damit Bilanz &#252;ber die vorangegangenen Jahre reger marxistisch-feministischer Debatten um das Verh&#228;ltnis von kapitalistischer Produktionsweise und geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung, Klassenvergesellschaftung und Geschlechterhierarchie.<br />
Wie diese Auseinandersetzungen gef&#252;hrt wurden/werden, h&#228;ngt dabei eng mit den Konjunkturen von Frauenbewegung und ArbeiterInnenbewegung zusammen. In den 70er Jahren machte die Hausarbeitsdebatte erstmals unter marxistischen Vorzeichen Reproduktionsarbeit zum Thema. Die Intention war es, zu zeigen, dass die Unterordnung von Frauen „weder ein blo&#223;er R&#252;ckstand aus einer vorindustriellen Phase des Kapitalismus oder vorkapitalistischer Gesellschaften ist, noch auf sexistische Einstellungen und Vorurteile zur&#252;ckgef&#252;hrt werden kann, die mit Argumenten und Erziehung abgeschafft werden k&#246;nnen“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>, sondern mit der politischen &#214;konomie kapitalistischer Gesellschaften inh&#228;rent verbunden ist<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a>. Als materielle Basis der Unterordnung von Frauen wurde die von der zweiten Frauenbewegung ans Licht gebrachte geschlechtsspezifische Arbeitsteilung thematisch: die unbezahlte, unsichtbare, und wie eine Naturressource „selbstverst&#228;ndlich“ verf&#252;gbare Hausarbeit r&#252;ckte ins Zentrum der Theoretisierungsversuche von „Frauenunterdr&#252;ckung“ <a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> im Kapitalismus.<br />
Dass die Frage nach dem Zusammenhang von Kapitalismus und Geschlecht zun&#228;chst die Form einer Reflexion &#252;ber das Verh&#228;ltnis von bezahlter Lohnarbeit und unbezahlter Reproduktionsarbeit annahm, war kein Zufall: In den 60ern und 70ern war das Familienern&#228;hrermodell mit der dazugeh&#246;rigen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, welches Frauen h&#246;chstens als Dazuverdienerinnen im Lohnarbeitssektor anerkannte, wenn auch nicht in allen Gesellschaftsschichten verwirklicht, so doch ideologisch als Ideal verallgemeinert. In diesem Kontext richteten sich die politischen Aktivit&#228;ten der neuen Frauenbewegung unter anderem darauf, die Familie als Ort von Gewalt, Herrschaft und Ausbeutung zu thematisieren und die im Haushalt verrichtete unbezahlte Reproduktionsarbeit als <em>Arbeit</em> sichtbar zu machen. Dar&#252;ber hinaus wurde verst&#228;rkt feministische Kritik an der Theorie und Praxis des Arbeit<em>er</em>bewegungsmarxismus h&#246;rbar, welcher die Interessen und Erfahrungen von Frauen nicht als ernstzunehmenden Teil sozialistischer Politik anerkannte (man denke an die ebenso hochnotpeinlichen wie sinnlosen Haupt- und Nebenwiderspruchsthesen). Diese Kritik &#246;ffnete auch das Terrain f&#252;r eine feministische Marxaneignung. Eine solche Aneignung musste auf Probleme sto&#223;en, zumal Marx selbst, was Geschlechterverh&#228;ltnisse betrifft, nicht gerade progressiv war, wie sich an seinen meist mit moralisierendem Unterton vorgetragenen &#196;u&#223;erungen zur Fabrikarbeit von Frauen, welche zu Sittenverfall und Elend der proletarischen Familie f&#252;hre, ablesen l&#228;sst. Engels Arbeiten schienen hier anschlussf&#228;higer, hatte dieser doch in <em>Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats</em> erste Thesen zum Verh&#228;ltnis von Produktion und Reproduktion skizziert, und die Unterordnung von Frauen als „erste(n) Klassengegensatz“ <a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> skandalisiert – mit dem entscheidenden Manko jedoch, dass die Familie von ihm als privater Bereich, nicht als spezifischer Arbeitszusammenhang begriffen wird. Genau auf diesen Arbeitszusammenhang wird sich die Hausarbeitsdebatte konzentrieren.</p>
<p><strong>Auf der Suche nach einer systematischen Theorie der Hausarbeit</strong><br />
Die Hausarbeitsdebatte war wesentlich von der Intention gezeichnet, zu einer systematischen Theorie der Bedeutung unbezahlter Reproduktionsarbeit im Kapitalismus zu gelangen und schwankte zwischen zwei unterschiedlichen theoretischen Vorhaben, die nicht immer klar auseinander gehalten wurden: <em>Erstens</em> ging es um die Frage der Fruchtbarmachung marxscher Begriffe f&#252;r eine Analyse von Reproduktionsarbeit, also darum, wie sich Hausarbeit marxistisch denken l&#228;sst.<br />
Sie nahm aber auch <em>zweitens</em> die Form des Versuchs an, Geschlechterverh&#228;ltnisse &#252;ber eine Reflexion auf die Rolle von Hausarbeit in der kapitalistischen Produktionsweise in die Marxsche Werttheorie hineinzureklamieren. Die Pr&#228;misse der Auseinandersetzungen lautete, dass Hausarbeit ein „blinder Fleck in der Kritik der politischen &#214;konomie“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> sei, diese also Teil des Gegenstandes des <em>Kapitals</em> sein m&#252;sste. In Folge ging es darum, zu kl&#228;ren, ob Hausarbeit im marxistischen Sinn der Produktion von Mehrwert ‚produktiv‘ oder ‚unproduktiv‘ ist, ob unbezahlte Hausarbeit dazu beitr&#228;gt, den Wert der Arbeitskraft des Ehemannes zu vergr&#246;&#223;ern oder zu verkleinern und ob Hausfrauen &#252;berhaupt Teil der ArbeiterInnenklasse sind. Die Auseinandersetzungen bewegten sich dabei zwischen zwei Polen: Einerseits Ans&#228;tzen, welche die Hausarbeit als integralen Teil der kapitalistischen Produktionsweise analysieren und so in der Marxsche Werttheorie unterzubringen trachten, andererseits Versuchen, den nichtkapitalistischen Charakter und die (relative) Autonomie der Hausarbeit gegen&#252;ber der kapitalistischen Produktion/Lohnarbeit zu explizieren.<br />
Implizit wird hier stets auch eine politische Frage mitverhandelt,<br />
n&#228;mlich ob Marxismus und Feminismus einander &#228;u&#223;erliche politische Projekte sind, die man nur nachtr&#228;glich und additiv zusammenf&#252;hren kann, oder ob sie entlang gemeinsamer Konfliktachsen arbeiten, woraus sich auch gemeinsame Zielsetzungen und Strategien ergeben.</p>
<p><strong>Teil der kapitalistischen Produktionsweise&#8230;</strong><br />
Mariarosa Dalla Costa stellte die These auf, dass Hausarbeit im marxschen Sinne produktiv genannt werden m&#252;sse.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Insofern der Gebrauchswert der m&#228;nnlichen Arbeitskraft durch unbezahlte Dienstleistungen erh&#246;ht wird, und auch die Hausfrau mehr produziert, als zu ihrer eigenen Reproduktion n&#246;tig ist, tr&#228;gt sie indirekt zur Mehrwertproduktion bei. Gemeinsam mit der Arbeitskraft des m&#228;nnlichen Arbeiters kauft das Kapital also auch einen unsichtbaren Anteil der von der Hausfrau geleisteten Arbeit.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Dalla Costas Entwurf ist eher als politische Intervention, denn als konsistente Theorie der Hausarbeit konzipiert: Die Behauptung dass Hausarbeit &#252;ber die Produktion von Gebrauchswerten hinausgeht – was es allererst rechtfertigen w&#252;rde, davon zu sprechen, dass sie auch Mehrwert erzeugt – wird nicht eingehender begr&#252;ndet.<br />
Im englischsprachigen Raum wurde die Debatte st&#228;rker entlang<br />
der Begriffe, die Marx in der <em>Kritik der politischen &#214;konomie</em> entwickelt hatte, gef&#252;hrt. Wally Secombe stellt den Anspruch, eine rigorosere Einbettung der Hausarbeit in die Marxsche Theorie zu leisten. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung nimmt im Kapitalismus die Form der Trennung von Haushalt und industrieller Produktion an: w&#228;hrend in der „industrial unit“ die kapitalistische Produktion stattfindet, wird in der „domestic unit“ die Reproduktion der Ware Arbeitskraft f&#252;r das Kapital organisiert.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Gegen Dalla Costa argumentiert Secombe, dass die Hausarbeit nicht in einem direkten (Tausch-)Verh&#228;ltnis zum Kapital steht, darum keinen Mehrwert produziert und nicht dem Wertgesetz unterliegt. Dennoch sei die Hausarbeit wertbildend, da sie den vom Lohn gekauften Waren durch deren Transformation in konsumierbare G&#252;ter Wert hinzuf&#252;ge. „Die Waren wandern nicht in den Haushalt und verwandeln sich von selbst in die Subsistenzgrundlage der Familie. (…) Zus&#228;tzliche Arbeit – n&#228;mlich Hausarbeit – ist n&#246;tig, um diese Waren in regenerierte Arbeitskraft zu verwandeln.”<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Secombe argumentiert folglich, dass die Hausarbeit eine Ware produziert: die Arbeitskraft. Die Trennung von Haushalt und Produktion und das Lohnverh&#228;ltnis verschleiern, dass der Lohn nicht f&#252;r die in der „industrial unit“ verrichtete Arbeit, sondern f&#252;r die Reproduktion der gesamten Familie – inklusive der f&#252;r diese notwendigen Hausarbeit – gezahlt wird.<br />
Ein erstes Problem dieser Analyse ergibt sich bereits auf Ebene der eingesetzten Begriffe: Secombe spricht vom Wert der Hausarbeit. Wie Marx im Kapital darlegt, ist Arbeit zwar wertbildend, hat jedoch keinen Wert. Nur der Arbeitskraft, die am Markt als Ware gegen Kapital getauscht wird, kommt ein Wert zu.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Margaret Coulson, Branka Magaš und Hilary Wainwright zeigen in ihrer Kritik an Secombe, dass dessen Analyse nicht nur begrifflich unscharf ist, sondern auch auf falschen Pr&#228;missen aufbaut: Erstens ist die Hausarbeit nicht wertbildend, da sie nicht f&#252;r den Markt bestimmte Waren, sondern Gebrauchswerte f&#252;r die unmittelbare Konsumtion in der Familie erzeugt. Zweitens verkauft die Hausfrau nicht ihre Arbeitskraft. Der Begriff des „Werts der Ware Arbeitskraft“ macht nur f&#252;r das Lohnarbeitsverh&#228;ltnis Sinn, nicht f&#252;r privatisierte und unbezahlte Hausarbeit, denn es ist nicht der Markt, sondern der Ehevertrag, der Reproduktionsarbeit und Produktion zueinander in Beziehung setzt.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Coulson, Magaš und Wainwright verlassen daher die Ebene der werttheoretischen Diskussion. Sie pl&#228;dieren daf&#252;r, mit der Analyse der Unterordnung von Frauen bei den historisch spezifischen Formen b&#252;rgerlicher Ehe- und Familienverh&#228;ltnisse anzusetzen.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Ihre Kritik an Secombe zeigt zugleich aber, dass es fraglich ist, ob die Kategorien der <em>Kritik der politischen &#214;konomie</em> &#252;berhaupt in dieser Form auf Hausarbeit &#252;bertragen werden k&#246;nnen.</p>
<p><strong>&#8230;oder eine nicht-kapitalistische h&#228;usliche Produktionsweise?</strong><br />
Andere Ans&#228;tze der Diskussion um Hausarbeit analysieren diese nicht als Teil der kapitalistischen Produktionsweise und anerkennen so ihre (relative) Autonomie. Hierzu z&#228;hlen unter anderem solche AutorInnen, welche die Hausarbeit als eine eigenst&#228;ndige Produktionsweise zu thematisieren versuchen.<br />
Christine Delphys Pamphlet <em>The main enemy</em> stellt einen radikalfeministischen<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Versuch dar, die Autonomie der „Frauenunterdr&#252;ckung“ von der kapitalistischen Ausbeutung aufzuzeigen. Sie stellt fest, dass sich unbezahlte Hausarbeit qualitativ nicht von bezahlten Formen der Reproduktionsarbeit unterscheidet. Hausarbeit kann prinzipiell kommodifiziert und getauscht werden, nicht aber, wenn sie auf Dienstleistungen innerhalb der Familie reduziert wird.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Dabei ist es der Ehevertrag, der die Grundlage der Ausbeutung von Hausfrauen durch ihre Ehem&#228;nner schafft. Mit den zwei distinkten Formen der Ausbeutung, der kapitalistischen Ausbeutung der Lohnarbeit durch das Kapital und der patriarchalen Ausbeutung von Frauen durch ihre Ehem&#228;nner, unterscheidet sie zwei voneinander autonome Produktionsweisen: die kapitalistische und h&#228;usliche.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Frauen treten damit auch als eigene „Klasse“ auf, welche sich unabh&#228;ngig von der Klassenposition des Ehemannes bestimmt, wobei der Klassenfeind der Frauen ihre Ehem&#228;nner sind. „Die gemeinsame Unterdr&#252;ckung aller Frauen besteht in der Aneignung und Ausbeutung ihrer Arbeit in der Ehe. Als Frauen dazu bestimmt, ‚die Ehefrau’ von jemandem zu werden, und also f&#252;r dieselben Produktionsverh&#228;ltnisse bestimmt, konstituieren Frauen nur eine Klasse.“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a><br />
Davon abgesehen, dass Delphy keinen Versuch unternimmt, die voneinander getrennten Produktionsweisen nachtr&#228;glich wieder zueinander in Beziehung zu setzen, bleiben ihre Analysen reduktionistisch und ahistorisch. Maxine Molyneux stellt heraus, dass Delphy die Unterordnung von Frauen auf den als universell angenommenen Ehevertrag und die in der Ehe verrichtete Arbeit reduziert. Der weitere Kontext und die historisch-kulturellen Ver&#228;nderungen der Familie/Haushalt-Beziehungen, sowie die Situation von Frauen am Arbeitsmarkt gehen nicht in ihre Erkl&#228;rung der untergeordneten Stellung von Frauen ein.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Dies ist umso unerfreulicher, als Delphys Entwurf in explizit feministischer Sto&#223;richtung formuliert wurde. Die feministische Aneignung und Reformulierung Marxscher Kategorien, wie „Ausbeutung“, „Produktionsweise“, „Produktionsverh&#228;ltnisse“ etc., geschieht bei ihr jedoch in einer Weise, in der diese eher in einem alltagssprachlichen, denn in marxistischem Sinne verwendet werden.<br />
Auch innerhalb der „orthodoxeren“ marxistischen Diskussion gab es Versuche, die Hausarbeit als eigene, nicht-kapitalistische Produktionsweise zu fassen. Ausgehend von der These, dass eine historisch spezifische Gesellschaftsformation immer als Verbindung verschiedener Produktionsweisen besteht, erarbeitet John Harrisson das Konzept der „client modes of production.“ Diese „werden von der dominanten Produktionsweise entweder hervorgebracht oder kooptiert, um innerhalb des &#246;konomischen und sozialen Systems bestimmte Funktionen zu erf&#252;llen.“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Die Hausarbeit konstituiert Harrisson zu Folge nun eine solche „client mode of production“. Die theoretische Aufgabe die sich ihm stellt, ist es, deren Funktonalit&#228;t f&#252;r und ihr Verh&#228;ltnis zur dominanten<br />
kapitalistischen Produktionsweise zu erkl&#228;ren. Auf Basis der Feststellung, dass die Hausfrau Gebrauchswerte f&#252;r die Reproduktion der Arbeitskraft produziert und daf&#252;r nur ihre eigene Subsistenz zur&#252;ckerh&#228;lt, wiederholt Harrison unter anderen theoretischen Vorzeichen Dalla Costas Argument: Die Hausfrau verrichtet Mehrarbeit, die im Kapitalsektor als Mehrwert aufscheint. Dies geschieht, indem sie den Wert der Arbeitskraft reduziert: W&#228;ren die von der Hausfrau verrichteten T&#228;tigkeiten kommodifiziert und m&#252;ssten am Markt erworben werden, so stiegen die Reproduktionskosten der Ware Arbeitskraft an.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a><br />
Wieder trifft die bereits zuvor formulierte Kritik des unredlichen Umgangs mit dem marxschen Begriffsapparat: Harrison behandelt die konkrete Arbeit im Haushalt und die abstrakte Arbeit der Warenproduktion als &#228;quivalent.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Sofern Hausarbeit nicht kommodifiziert ist und demnach nicht dem Wertgesetz unterliegt, gibt es keine Basis f&#252;r die Kalkulation des Transfers von Mehrarbeit. Die Hausarbeit nimmt nicht die Wertform an, wie soll sie im Kapitalsektor als Mehrwert erscheinen?<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Molyneux zeigt, dass die Annahme, Hausarbeit konstituiere eine eigene Produktionsweise, nicht haltbar ist und diagnostiziert als folgenschweres Problem Harrisons Argumentation, dass dieser die Abstraktionsebenen „Produktionsweise“ und „Gesellschaftsformation“ nicht klar trennt:<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Es steht erstens in Zweifel, ob privatisierte Reproduktionsarbeit tats&#228;chlich immer die Arbeitskraft verbilligt<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a>, zweitens und viel grunds&#228;tzlicher aber, ob es &#252;berhaupt m&#246;glich ist, das Verh&#228;ltnis von Hausarbeit und kapitalistischer Warenproduktion auf Ebene einer Analyse der Produktionsweise zu kl&#228;ren. „Die Literatur &#252;ber Hausarbeit nimmt an, dass der Wert der Arbeitskraft allgemein diskutiert werden kann, w&#228;hrend der Wert der Arbeitskraft in Wirklichkeit nur in Bezug auf spezifische Gesellschaften in spezifischen historischen Phasen bestimmt werden kann.“<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> In seine Bestimmung gehen eine Reihe von Faktoren ein, unter denen die Hausarbeit eine eher geringe Rolle spielt<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a>. Auch das Verh&#228;ltnis von Hausarbeit und dem Wert der Arbeitskraft selbst ist kulturellen und historischen Ver&#228;nderungen unterworfen. „Was einer weiteren Erkl&#228;rung bedarf sind die verschiedenen Formen dieses Verh&#228;ltnisses, die spezifischen politischen, historischen und &#246;konomischen Verh&#228;ltnisse, die darin resultieren, dass ‘Familienl&#246;hne’ an Mitglieder bestimmter Klassen und Schichten ausgezahlt werden, und nicht an andere, an M&#228;nner und nicht an Frauen, von manchen Kapitalen und von anderen nicht.“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a><br />
Harrisons Argumente laufen letztlich auf eine funktionalistische Erkl&#228;rung des Verh&#228;ltnisses von kapitalistischer Produktionsweise und Geschlechterverh&#228;ltnissen hinaus. Es ist jedoch in Zweifel zu ziehen, ob das Kapital tats&#228;chlich an einer ganz bestimmten (geschlechtlich strukturierten) Organisationsform der Reproduktion der ArbeiterInnenklasse interessiert ist.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> Wie Michéle Barrett aufzeigt, sind funktionalistische Annahmen, welche „die geschlechterspezifische Arbeitsteilung mit den Bed&#252;rfnissen des Kapitals in unterschiedlichen Stadien der kapitalistischen Akkumulation“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> verschmelzen, au&#223;erdem nicht in der Lage zu erkl&#228;ren, warum Reproduktionsarbeit &#252;berhaupt Frauen zugewiesen wird.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Die b&#252;rgerliche Kleinfamilie mit der ihr entsprechenden geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung wird hier einfach als gegeben vorausgesetzt und nicht selbst zu einem erkl&#228;renswerten Faktum gemacht.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> „Dieses System als einen Effekt oder eine Existenzbedingung kapitalistischer Klassenverh&#228;ltnisse zu sehen, l&#228;sst untheoretisiert, warum gerade Frauen zuhause bleiben und scheitert daran, m&#228;nnliche Dominanz &#252;ber Frauen innerhalb der ArbeiterInnenklasse zu thematisieren.“<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a></p>
<p><strong>Zwei Systeme: Kapitalismus und Patriarchat</strong><br />
Der Dual-System Ansatz versuchte die Probleme, die sich durch die reduktionistischen Annahmen der Hausarbeitsdebatte ergaben und dazu f&#252;hrten, dass feministische Fragestellungen oftmals gar nicht in ihrer Eigenst&#228;ndigkeit wahrgenommen wurden, zu umschiffen. Heidi Hartmann stellt fest, dass geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und patriarchale Familienverh&#228;ltnisse bereits in vorkapitalistischen Gesellschaften existiert haben. Die geschlechtsneutralen Kategorien des Marxismus reichen ihr zufolge nicht aus, um Geschlechterverh&#228;ltnisse zu analysieren und m&#252;ssen durch eigenst&#228;ndige Untersuchungen deren historischer Entwicklung erg&#228;nzt werden.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Hartmann nimmt in Folge zwei Herrschafts- und Unterdr&#252;ckungsmechanismen – Kapitalismus und Patriarchat – an, die in ein Interaktionsverh&#228;ltnis treten und sich gegenseitig perpetuieren.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> Die Anwendung des Patriarchats-Konzepts soll das Augenmerk darauf richten, dass M&#228;nner als M&#228;nner &#252;ber Privilegien verf&#252;gen und gegen&#252;ber Frauen in einer Machtposition sind – und dies auch innerhalb der ArbeiterInnenklasse. Die Betonung der Notwendigkeit, &#252;ber die geschlechtsneutralen marxistischen Kategorien hinauszugehen, scheint vor dem Hintergrund der Defizite der Hausarbeitsdebatte gerechtfertigt. Wie Michéle Barrett vermerkt, tendiert der Dual-System Ansatz aber umgekehrt dazu, „im Marxismus lediglich eine Methode zur Identifizierung der zentralen Bestandteile der kapitalistischen Klassenstruktur zu sehen, und ihm jegliche F&#228;higkeit, diese auf der konkreten Ebene zu erkl&#228;ren, abzusprechen.“<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Dies wird offensichtlich, wenn Hartmann schreibt: „Die kapitalistische Entwicklung erzeugt die Positionen einer Hierarchie von ArbeiterInnen, aber traditionelle marxistische Kategorien k&#246;nnen uns nicht sagen, wer welche Pl&#228;tze einnimmt.“<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a> Wie sich Klassen- und Geschlechterverh&#228;ltnisse zueinander verhalten, bleibt so letztlich im analytischen Dunkeln. Der Dual-System Ansatz bietet also keine wirkliche L&#246;sung des Problems, wie Geschlechterverh&#228;ltnisse und Klassenvergesellschaftung zueinander in Beziehung zu setzen sind, an – zumindest keine marxistisch-feministische – sondern l&#228;sst uns in einen empiristischen Pluralismus zur&#252;ckfallen.</p>
<p><strong>Koloniale Verh&#228;ltnisse: Der Bielefelder Subsistenzansatz</strong><br />
Im deutschsprachigen Raum ist es vor allem die von einer Gruppe feministischer ForscherInnen aus Bielefeld<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> entwickelte Subsistenzperspektive, welche die Debatte um das Verh&#228;ltnis von Produktion und Reproduktion nachhaltig beeinflusst/e. Die „BielefelderInnen“ gehen dabei nicht von werttheoretischen &#220;berlegungen aus, sondern setzen auf Ebene der Existenzbedingungen des kapitalistischen Systems in seiner Gesamtheit an. Dabei berufen sie sich auf Rosa Luxemburgs Imperialismustheorien, wonach Kapitalakkumulation nicht nur auf Warenproduktion und -handel, sondern immer auch auf der Ausbeutung von nicht- oder vor-kapitalisitschen Formationen, sogenannter „Naturalwirtschaft“ beruht<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a>. Werlhof, Mies und Bennholdt-Thompson wenden diesen Ansatz auf die Sph&#228;re der Hausarbeit an. Die kapitalistische Akkumukation beruhe einerseits auf Waren- andererseits aber auf Subsistenzproduktion, wobei zweitere als „Lebensproduktion“ die „urspr&#252;nglichere“ Form darstellt. Ihrem Anspruch nach ist diese urspr&#252;ngliche Form der Produktion zum Ausgangspunkt der Analyse zu machen.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a><br />
Im Zusammenhang mit ihrer Auseinandersetzung mit globalen Nord-S&#252;dbeziehungen er&#246;ffnen sie eine Analogie zwischen kolonialen Ausbeutungsverh&#228;ltnissen und der Ausbeutung der h&#228;uslichen Sph&#228;re. Das Verh&#228;ltnis zwischen M&#228;nnern und Frauen l&#228;sst sich ihnen zufolge damnach als ein koloniales verstehen<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a>: „Die Frau“ und ihre Arbeit wird als gleichsam selbstverst&#228;ndlich verf&#252;gbare „nat&#252;rliche Ressource“ ausgebeutet. Diese Abdr&#228;ngung von Frauen in die Sph&#228;re der Natur und des Verf&#252;gbaren, beruht, wie Werlhof betont, auf &#246;konomischem Kalk&#252;l.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a> Werlhof zeigt zugleich, wie die Vergeschlechtlichung bestimmter Formen der Lohnarbeit mit einer Entwertung scheinbar geringe Qualifikationen erfordernder und mit geringem Aufwand verbundener, als „weiblich“ wahrgenommener Arbeiten einhergeht. Die Prozesse der Entwertung und Pr&#228;karisierung von vor allem im Dienstleistungssektor verrichteten Arbeiten beschreibt sie als „Hausfrauisierung.<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> Sie legt damit das Augenmerk darauf, dass diese Arbeiten nicht per se weniger wert sind, sondern sich die geringere Entlohnung erst auf Basis einer k&#252;nstlichen Herabsetzung ergibt. Die empirische Weiterf&#252;hrung der Hausfrauisierungsthese, in der behauptet wird, dass „hausfrauisierte“ Arbeit, sprich billige, prek&#228;re, entwertete- bzw. auch Subsistenzarbeit, die „freie Lohnarbeit“ zunehmend marginalisiere und ersetze, f&#252;hrt jedoch zu gr&#246;beren analytischen Problemen, da sie zwischen verschiedenen Organisationsformen von Lohnarbeit nicht hinreichend differenziert und damit auf der Pr&#228;misse aufbaut, Lohnarbeit m&#252;sse die Form von „Normalarbeitsverh&#228;ltnissen“ annehmen.<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a></p>
<p><strong>Das Problem mit den Abstraktionsebenen</strong><br />
Vor dem Hintergrund des bisher Dargestellten, lassen sich eine Reihe bedeutender Einw&#228;nde gegen die geteilten Hintergrundannahmen der Debatten um Hausarbeit erheben: Als erstes Problem l&#228;sst sich konstatieren, dass schon der Versuch, Hausarbeit auf Ebene der kapitalistischen Produktionsweise in der Marxschen Theorie unterzubringen, problematisch ist. Denn wenn Hausarbeit nicht (zu einem Gro&#223;teil) kommodifiziert und folglich nicht dem Wertgesetz unterworfen ist, kann sie nicht einfach mit jenen Begriffen, die zur Analyse des Lohnarbeitsverh&#228;ltnisses entwickelt wurden, gefasst werden. Paul Smith res&#252;miert, dass im Gro&#223;teil der Hausarbeitsdebatte Marxsche Kategorien falsch angewendet werden: „Hausarbeit ist nicht problematisch f&#252;r die Marxsche Werttheorie, weil sie nicht Teil ihres Gegenstandes, n&#228;mlich von Warenproduktion- und Tausch, ist.“<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> Die Frage, ob Hausarbeit kapitalistischen oder nicht-kapitalistischen Charakters ist, scheint vor dem Hintergrund dieser Einw&#228;nde falsch gestellt. Sie ist, wenn sie nicht kommodifiziert ist auch nicht als Teil der kapitalistischen Produktionsweise zu analysieren, doch wird sie in kapitalistischen Gesellschaften auf verschiedene Arten und Weisen organisiert. Die kapitalistische Produktionsweise, deren Strukturen und Tendenzen Marx im Kapital beschreibt, ist ein abstraktes theoretisches Objekt, das, einem Ausspruch Althussers nach, genau genommen nie existiert. Der Anspruch, auf dieser Abstraktionsebene bereits die vergeschlechtlichte Dimension kapitalistischer Gesellschaften erkl&#228;ren zu k&#246;nnen, ist zumindest fragw&#252;rdig. Ein Wechsel auf Ebene historisch spezifischer Gesellschaftsformationen, scheint f&#252;r das Unterfangen, die<br />
Bedeutung von Geschlechterverh&#228;ltnissen f&#252;r die Organisation von Lohnarbeit, Warenproduktion und gesamtgesellschaftlicher Reproduktion (in ihren jeweils historisch spezifischen Konfigurationen) zu untersuchen, zielf&#252;hrender.<br />
<em>Zweitens</em> wird Reproduktionsarbeit von den meisten AutorInnen der Hausarbeitsdebatte als relativ statischer Faktor in die Analyse der kapitalistischen Produktionsweise einbezogen.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a> Ein Wechsel auf Ebene der Gesellschaftsformation l&#228;sst demgegen&#252;ber die historischen Ver&#228;nderungen der Organisation von Hausarbeit in den Blick kommen. Es ist keineswegs ausgemacht, dass diese im Kapitalismus tats&#228;chlich immer privatisiert sein muss<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a>. Coulson, Magaš und Wainwright gehen von einer grunds&#228;tzlichen Instabilit&#228;t des Haushalts und der b&#252;rgerlichen Kleinfamilie aus. So hat der in bestimmten historischen Konjunkturen notwendige Einzug von Frauen in den Arbeitsmarkt f&#252;r diese widerspr&#252;chliche Auswirkungen: „Er erweitert die M&#246;glichkeit &#246;konomischer Unabh&#228;ngigkeit, ohne dass diese g&#228;nzlich oder dauerhaft erreichbar wird, er vermindert die Zeit f&#252;r Hausarbeit, ohne eine alternative Basis daf&#252;r zur Verf&#252;gung zu stellen, er zerbricht die Isolation von Frauen, ohne die Last ihrer privaten Verpflichtungen zu mindern.“<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Zugleich erm&#246;glicht die &#252;ber die Warenproduktion vermittelte Einf&#252;hrung neuer Technologien in den Haushalt eine Verminderung der Intensit&#228;t der Hausarbeit, womit f&#252;r Hausfrauen das Dr&#228;ngen nach einer unabh&#228;ngigen &#246;konomischen und sozialen Existenz zu einer verwirklichbaren Option wird. Ebenso k&#246;nnen kapitalistische Unternehmen oder der Staat Teile der traditionell den Hausfrauen &#252;berantworteten Aufgaben &#252;bernehmen.<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a> „Weit davon entfernt eine autonome Entit&#228;t zu sein, werden der Arbeitsprozess und die sozialen Verh&#228;ltnisse der Hausarbeit von Ver&#228;nderungen der &#246;konomischen Organisation der dominanten Produktionsverh&#228;ltnisse beeinflusst.“<a title="anm_49" name="anm_49" href="#anm49"><sup>49</sup></a><br />
<em>Drittens</em> ist die der gesamten Hausarbeitsdebatte zu Grunde liegende Pr&#228;misse “Frau = Hausfrau” verk&#252;rzt, insofern das „Familienern&#228;hrermodel“ mit „Vollzeithausfrau“ keineswegs den Normalfall der Organisation von Geschlechterverh&#228;ltnissen im Kapitalismus darstellt. Um die besondere Situation von Frauen im Kapitalismus zu fassen, scheint es sinnvoller, von der widerspr&#252;chlichen Konstellation auszugehen, dass Frauen „zugleich Hausfrauen und LohnarbeiterInnen sind, dass diese beiden Aspekte ihres Lebens in keinster Weise harmonisch zusammengehen und dass diese doppelte und widerspr&#252;chliche Rolle die spezifische Dynamik ihrer Unterdr&#252;ckung generiert.”<a title="anm_50" name="anm_50" href="#anm50"><sup>50</sup></a> Die Bedeutung geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung f&#252;r kapitalistische Vergesellschaftung ist demnach eher in dieser doppelten Beziehung von Frauen zur Klassenstruktur, als in der Hausarbeit selbst, zu suchen.<a title="anm_51" name="anm_51" href="#anm51"><sup>51</sup></a><br />
<em>Viertens</em> ist, selbst wenn gezeigt werden k&#246;nnte, dass Hausarbeit in einem eindeutig spezifizierbaren Verh&#228;ltnis zur kapitalistischen Warenproduktion steht, damit immer noch nicht &#252;ber die Gr&#252;nde asymmetrischer Geschlechterverh&#228;ltnisse Rechenschaft abgelegt. Auch wenn sich eine bestimmte Form geschlechtsspezifische Arbeitsteilung als funktional f&#252;r das Kapital erweist, sind ihr Zustandekommen und die Mechanismen ihrer Aufrechterhaltung damit noch nicht erkl&#228;rt. Die Funktionen eines Prozesses stellen einfach keinen zul&#228;ssigen Erkl&#228;rungsgrund f&#252;r dessen Existenz dar. Obschon etwa Beechey die Funktionalit&#228;t verbilligter weiblicher Arbeit f&#252;r das Kapital darstellt, streicht sie heraus, dass sich diese erst auf Basis von Familienstrukturen und Ideologien, welche die &#246;konomische Abh&#228;ngigkeit der Frauen von ihren Ehem&#228;nnern sicherstellen, ergeben kann.<a title="anm_52" name="anm_52" href="#anm52"><sup>52</sup></a> Auch der Subsistenzansatz zeigt, dass sich die Bedeutung eines privatisierten Hausarbeitssektors f&#252;r die Fortsetzung der urspr&#252;nglichen Akkumulation erst unter Bedingung dessen nichtkommodifizierten Charakters ergibt. Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung ist also ihrer Nutzbarmachung vom und f&#252;r das Kapital vorausgesetzt und kann nicht selbst aus dieser heraus erkl&#228;rt werden.<br />
<em>F&#252;nftens</em> waren auch die politischen Implikationen der Hausarbeitsdebatte fragw&#252;rdig. Die dominanten Argumentationsmuster zwangen dazu, sich zu entscheiden, ob M&#228;nner (Delphy) oder das Kapital (Secombe, Harrisson) die prim&#228;ren Nutznie&#223;er der von Frauen verrichteten Hausarbeit sind. W&#228;hrend erstere Position zu politischem Seperatismus f&#252;hrt<a title="anm_53" name="anm_53" href="#anm53"><sup>53</sup></a>, ist zweitere mit dem zweifelhaften Vorhaben verbunden, zu zeigen, dass Frauen qua Frausein vom Kapital ausgebeutet werden, wodurch die K&#228;mpfe von Frauen einfach unter die Anliegen der ArbeiterInnenbewegung subsumiert wurden. Mit der Reduktion von Geschlechterverh&#228;ltnissen auf ihre &#246;konomische Dimension wurde schlicht unterschlagen, dass sich Feminismen um eine Reihe unabh&#228;ngiger Konfliktfelder formieren und sich prim&#228;r gegen ein Herrschaftsverh&#228;ltnis richten, das eben nicht direkt aus dem Kapitalverh&#228;ltnis entspringt.<br />
Eine der direkten politischen Konsequenzen Dalla Costas These von der Produktivit&#228;t der Hausarbeit war die Forderung nach einem Lohn f&#252;r Hausarbeit. Diese Forderung ist jedoch eher dazu angetan, den Einschluss von Frauen ins Private zu verstetigen, als die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung abzuschaffen. Auch die Idealisierung der Gebrauchswertproduktion, die im Subsistenzansatz anzutreffen ist, der positive, romantisierende Bezug zu einem „nat&#252;rlichen“ Leben, indem sich die Frauen ihrer Geb&#228;rf&#228;higkeit erfreuen d&#252;rfen und gerade so viel produziert wie konsumiert wird, d&#252;rfte wohl kaum zu einer Entwicklung progressiver feministisch-marxistischer Politik beitragen.<br />
Trotz all dieser Einw&#228;nde war das Projekt, den Grundlagen geschlechtsspezifischer Ungleichheit durch eine Kl&#228;rung der Rolle geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung im Kapitalismus nachzugehen, ein Schritt in die richtige Richtung. Marxistisch-feministische Perspektiven auf asymmetrische Geschlechterverh&#228;ltnisse m&#252;ssen jedoch auf Ebene des kapitalistischen Gesamtprozesses und einer Analyse konkreter historisch spezifischer Gesellschaftsformationen ansetzen, um die reduktionistischen Kurzschl&#252;sse der Hausarbeitsdebatte zu vermeiden. Dies bedeutet zugleich, eine Problemverschiebung vorzunehmen und statt von abstrakt gefasster „Hausarbeit“, von Geschlechterverh&#228;ltnissen zu sprechen: es ist dann nicht mehr die Frage nach der Rolle der Reproduktionsarbeit, sondern die Frage nach den Mechanismen und der Bedeutung der <em>Zuweisung </em>von Reproduktionsarbeit <em>an Frauen</em>, welche ins Zentrum marxistisch-feministischer Theoriebildung tritt. Die Bearbeitung dieser Frage macht es erforderlich, dass die ideologischen und politischen Bedingungen und Effekte dieser Zuweisung, die Ausschlussmechanismen am Arbeitsmarkt, die historisch ver&#228;nderlichen Familienstrukturen und die Rolle des Staates bei deren Organisation mit einbezogen werden.</p>
<p><strong<Von der Hausarbeit zur Ideologie</strong><br />
Die Reflexion und Aneignung neomarxistischer Arbeiten durch marxistisch-feministische TheoretikerInnen in den 80er Jahren erm&#246;glichte es diesen, &#252;ber die Hausarbeitsdebatte hinauszugehen und eben diese Frage in nicht-reduktionistischen Begriffen zu stellen.<br />
Michèle Barretts wegweisende Arbeit <em>Das unterstellte Geschlecht. Umrisse eines materialistischen Feminismus</em><a title="anm_54" name="anm_54" href="#anm54"><sup>54</sup></a> stellt den Versuch dar, „Frauenunterdr&#252;ckung“ im Kapitalismus nicht alleine &#252;ber die Frage der Reproduktionsarbeit, sondern unter Einbeziehung politischer und historischer Auseinandersetzungen zu erkl&#228;ren, wobei sie in Anlehnung an Althussers Gesellschaftskonzeption<a title="anm_55" name="anm_55" href="#anm55"><sup>55</sup></a> vor allem ideologische Aspekte stark macht.<br />
Barrett r&#228;umt zun&#228;chst mit einigen Begriffsproblemen, welche die Debatten um das Verh&#228;ltnis von Kapitalismus und Geschlecht bestimmt hatten, auf. Zun&#228;chst geht sie auf die analytischen Schwierigkeiten ein, die der Patriachtsbegriff mit sich bringt, wenn er im Sinne eines &#252;berhistorischen, allumfassenden Prinzips verwendet wird<a title="anm_56" name="anm_56" href="#anm56"><sup>56</sup></a>. Sowohl Ans&#228;tze, in denen Kapitalismus und Patriachat als sich gegen&#252;berstehende Systeme beschrieben werden, als auch solche, in denen der Kapitalismus <em>als</em> Patriachat charakterisiert wird, scheitern daran, geschlechtsspezifische Ungleichheit in Bezug auf spezifische Produktionsverh&#228;ltnisse zu analysieren<a title="anm_57" name="anm_57" href="#anm57"><sup>57</sup></a>. Barrett pl&#228;diert daf&#252;r, den monolithischen Patriarchatsbegriff durch eine Analyse spezifischer patriarchaler Ideologien und Strukturen zu ersetzen. Des Weiteren befasst sie sich mit den verschiedenen Verwendungen des Reproduktionsbegriffs, wobei f&#252;r sie das Verwischen der Ebenen von Reproduktion der Arbeitskraft, biologischer Reproduktion und Reproduktion gesellschaftlicher Verh&#228;ltnisse f&#252;r viele Missverst&#228;ndnisse in der Hausarbeitsdebatte mitverantwortlich ist<a title="anm_58" name="anm_58" href="#anm58"><sup>58</sup></a>. In ihrer Auseinandersetzung mit dem Ideologiebegriff stellt Barrett einen Zusammenhang zwischen den Versuchen der Herausarbeitung eines marxistischen Feminismus und der so genannten „&#214;ffnung des Marxismus“ her: „Die Ablehnung des &#214;konomismus hat zu einer radikalen Priorit&#228;tenverschiebung des Ideologischen gef&#252;hrt, in dem die Frage der Geschlechtertrennung angesiedelt werden kann. Im neuen Marxismus wird es m&#246;glich, die Frauenunterdr&#252;ckung als relativ autonomes Element der Gesellschaftsformation zu analysieren.“<a title="anm_59" name="anm_59" href="#anm59"><sup>59</sup></a> Die Priorit&#228;tenverschiebung zu Gunsten des Ideologischen soll jedoch nicht zu einer rein diskurstheoretischen Bearbeitung der Frage nach Geschlechterverh&#228;ltnissen f&#252;hren. Die Bedeutung des Ideologischen muss Barrett zufolge in einer historisch-materialistischen Analyse der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung herausgearbeitet werden.</p>
<p><strong>Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und Familialismus</strong><br />
Die zugrunde liegende Annahme der Hausarbeitsdebatte, dass geschlechtsspezifische Arbeitsteilung zun&#228;chst als Arbeitsteilung innerhalb der Familie analysiert werden muss, wird von Barrett auf Basis einer historischen Untersuchung des <em>Familien-Haushaltssystems</em> reformuliert. Die spezifische Form der b&#252;rgerlichen Kleinfamilie wird damit selbst zu einem erkl&#228;renswerten Faktum.<a title="anm_60" name="anm_60" href="#anm60"><sup>60</sup></a> Barrett geht von der Situation der meisten Frauen der ArbeiterInnenklasse in Europa und den USA aus, die sowohl Hausarbeit als auch Lohnarbeit verrichten, wobei sie im Lohnarbeitssektor &#252;berproportional in bestimmten Sparten arbeiten: B&#252;roarbeit, Verkauf, Reinigung, Textilarbeiter, Pflege und Schule. Diese Arbeiten sind nicht nur alle mit den T&#228;tigkeiten im Haushalt assoziiert, sie sind auch unterbezahlt und gehen h&#228;ufig mit prek&#228;ren oder Teilzeitarbeitsverh&#228;ltnissen einher.<a title="anm_61" name="anm_61" href="#anm61"><sup>61</sup></a> Barrett verwehrt sich gegen Erkl&#228;rungsmodelle, die Frauen auf Grund ihrer biologischen Disposition (Geb&#228;rf&#228;higkeit) f&#252;r solche Aufgaben pr&#228;destinieren. Vom Kinderkriegen auf eine „nat&#252;rliche“ Kleinfamilie zu schlie&#223;en, sei wie von der Notwendigkeit zu Essen auf nat&#252;rlich gewachsene Restaurants und Superm&#228;rkte zu kommen<a title="anm_62" name="anm_62" href="#anm62"><sup>62</sup></a>.<br />
Sie f&#252;hrt zwei Argumente an, um die Zuweisung von Frauen zu Familie und reproduktiven Arbeiten zu erkl&#228;ren. Erstens ein historisches, das die Abdr&#228;ngung von Frauen vom Arbeitsmarkt mit den Klassenauseinandersetzungen im 19.Jahrhundert in Verbindung bringt. Die Entwicklungen, die zur Durchsetzung des b&#252;rgerlichen Familiensystems in der ArbeiterInnenklasse f&#252;hrten, sind nicht direkt auf die Entwicklung der Produktivkr&#228;fte r&#252;ckf&#252;hrbar, die Frauen ja zun&#228;chst in den Lohnarbeitsprozess hineingezogen hat, sondern eher auf politischer Ebene anzusiedeln. Es war unter anderem die Politik der Facharbeitergewerkschaften in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die Frauen nicht aufnahmen und sich f&#252;r den Familienlohn und „protective legislation“<a title="anm_63" name="anm_63" href="#anm63"><sup>63</sup></a> einsetzten, welche zur Durchsetzung der „Familie“ als privatisierten Bereich der Reproduktionsarbeit beitrug.<a title="anm_64" name="anm_64" href="#anm64"><sup>64</sup></a><br />
Zweitens argumentiert sie, dass die Durchsetzung des b&#252;rgerlichen Familien-Haushaltssystems im Proletariat auch den KapitalistInnen entgegenkommt und zwar nicht, wie in der Hausarbeitsdebatte angenommen, prim&#228;r im &#246;konomischen Sinn<a title="anm_65" name="anm_65" href="#anm65"><sup>65</sup></a>, sondern vielmehr in politischer Hinsicht, weil „[es] die ArbeiterInnenklassse spaltet und ihre Militanz einschr&#228;nkt.“<a title="anm_66" name="anm_66" href="#anm66"><sup>66</sup></a> Zugleich erf&#252;llt die Familie eine wesentliche Funktion bei der gesellschaftlichen Widerspruchsbearbeitung, da sie einen gesch&#252;tzten Ort der F&#252;rsorge und Intimit&#228;t darstellt, der als Gegenpol zu den durchkapitalisierten Beziehungen der „Au&#223;enwelt“ erscheint. &#196;hnlich hatte schon Dalla Costa argumentiert, dass die Hausfrau als ein „Sicherheitsventil f&#252;r die gesellschaftlichen Spannungen“<a title="anm_67" name="anm_67" href="#anm67"><sup>67</sup></a> dient.<a title="anm_68" name="anm_68" href="#anm68"><sup>68</sup></a><br />
Barrett scheint jedoch davon auszugehen, dass sich das von der Bourgeoisie vorgelebte Modell vom Familienern&#228;hrer und der gl&#252;cklichen Hausfrau und Mutter in den K&#246;pfen der Frauen der ArbeiterInnenklasse auf mysteri&#246;se Art und Weise festsetzt, und zwar obwohl dieses eigentlich nie zur proletarischen Lebensrealit&#228;t wurde.<a title="anm_69" name="anm_69" href="#anm69"><sup>69</sup></a><br />
Erst in dem zwei Jahre sp&#228;ter erschienen Buch von McIntosh und Barrett <em>The Anti-Social Family</em><a title="anm_70" name="anm_70" href="#anm70"><sup>70</sup></a> besch&#228;ftigen diese sich auch mit der Frage, warum das Familien-Modell, das nicht nur Frauen benachteiligt, sondern auch die ArbeiterInnenklasse als Ganzes schw&#228;cht, sich so hartn&#228;ckig h&#228;lt und immernoch f&#252;r viele Frauen erstrebenswert erscheint. Dies kann f&#252;r sie nicht auf b&#252;rgerlicher Propaganda, im Sinne „falschen Bewusstseins“, begr&#252;ndet sein. „Wenn wir Familialismus als Ideologie verstehen, brauchen wir eine Ideologietheorie, welche die Menschen als aktiv Beteiligte und nicht nur als passive KonsumentInnen einbezieht.”<a title="anm_71" name="anm_71" href="#anm71"><sup>71</sup></a> Die „Familie“ befriedigt Bed&#252;rfnisse, wie das nach emotionaler Sicherheit, die sonst im Kapitalismus nicht abgedeckt werden<a title="anm_72" name="anm_72" href="#anm72"><sup>72</sup></a>. Dar&#252;ber hinaus tr&#228;gt die scheinbare „Nat&#252;rlichkeit“ der Kleinfamilie zur Attraktivit&#228;t dieses Lebensmodells bei<a title="anm_73" name="anm_73" href="#anm73"><sup>73</sup></a>. Weiters sei das Familienideal schon soweit in die Konzeption des Staates in Form sozialstaatlicher Einrichtungen eingedrungen, dass dieser selbst als „familial“ zu bezeichnen sei<a title="anm_74" name="anm_74" href="#anm74"><sup>74</sup></a>. Obwohl Barrett den Anspruch stellt, Geschlechterverh&#228;ltnisse als Resultat historischer Auseinandersetzungen zu thematisieren, weisen ihre Argumente bedeutende Schwachstellen auf – im Bezug auf die historischen Analysen einerseits, ihr Ideologieverst&#228;ndnis andererseits. So kritisieren Joanna Brenner und Maria Ramas<a title="anm_75" name="anm_75" href="#anm75"><sup>75</sup></a>die Darstellung der m&#228;nnlichen Facharbeitergewerkschaft, welche ein homogenes Bild der Klassenk&#228;mpfe und der Gewerkschaftspolitik zeichnet. Sie zeigen demgegen&#252;ber, dass es auch innerhalb der Gewerkschaften verschiedene Fraktionen gab, die unterschiedliche Positionen einnahmen und sich demnach teils f&#252;r, teils gegen Frauen am Arbeitsplatz einsetzten<a title="anm_76" name="anm_76" href="#anm76"><sup>76</sup></a>. Insgesamt seien die Ausschlusspraxen der Facharbeitergewekschaft st&#228;rker durch die Konkurrenz von Facharbeiter- zu ungelernten Arbeiter-Organisationen bestimmt gewesen<a title="anm_77" name="anm_77" href="#anm77"><sup>77</sup></a>, als durch Ausschl&#252;sse entlang der Kategorie Geschlecht.<br />
Barretts Ausf&#252;hrungen sind dar&#252;ber hinaus auch von einer bestimmten Vorstellung von Ideologie gepr&#228;gt, welche diese weniger als (umk&#228;mpfte) Organisationform von Welterfahrung- und erkl&#228;rung bestimmt, denn als Konvolut vorherbestimmter Ideen, die quasi von Au&#223;en auf die gesellschaftlichen Akteure einwirken, oder „von oben“ implementiert werden. Dies zeigt sich erstens an ihrer Einsch&#228;tzung der „Schutzgesetze“, die Frauen ab der Mitte des 19. Jhd. aus den Fabriken dr&#228;ngten. Diese werden von ihr einfach als „Produkt einer Ideologie der Geschlechtertrennung“<a title="anm_78" name="anm_78" href="#anm78"><sup>78</sup></a> angesehen. Dass die Schutzgesetze mitunter auch realen Interessen der ArbeiterInnen entsprachen, geht nicht in ihre Darstellung deren Durchsetzung mit ein<a title="anm_79" name="anm_79" href="#anm79"><sup>79</sup></a>. Zweitens bestimmt diese Vorstellung einer abstrakten und nicht mit den realen gesellschaftlichen Prozessen verbundenen Ideologie auch Barretts Thesen zum Sozialstaat, von dem angenommen wird, er verk&#246;rpere den Familialismus, ohne dass gezeigt wird, welche und wessen Interessen (der Herrschenden wie der Beherrschten) in staatlichen Ma&#223;nahmen ausgedr&#252;ckt werden und wie der Staat zugleich als Herrschaftsinstrument und Organisator von Kompromissen wirksam ist.<br />
So bleibt auch Barretts Vorstellung von Gender-Ideologie und vergeschlechtlichter Sozialisierung abstrakt und &#228;u&#223;erlich. Sie beschreibt z.B. die &#220;bernahme von Geschlechteridentit&#228;ten &#252;ber eine allgemeine „Ideologie des Familienlebens“ <a title="anm_80" name="anm_80" href="#anm80"><sup>80</sup></a> und nicht als in konkreten Familien erlernt. “Sie behandelt die &#220;bernahme von Gender-Ideologie als relativ passive Internalisierung einer bereits definierten Menge von Vorstellungen &#252;ber M&#228;nner und Frauen, die auf Ebene der ‚Kultur’ existiert.” <a title="anm_81" name="anm_81" href="#anm81"><sup>81</sup></a><br />
Was Barrett also unsichtbar macht, ist, dass die Verallgemeinerung bestimmter Formen des Selbst- und Weltverst&#228;ndnisses nicht automatisch und reibungsfrei geschieht, sondern sich auf gelebte Erfahrungen beziehen und von den Menschen aktiv &#252;bernommen und angeeignet werden muss. Ideologie ist kein abstraktes Ideenb&#252;ndel, sondern ein Terrain gesellschaftlicher K&#228;mpfe um die Deutungs- und Erkl&#228;rungsmuster, welche die Interpretation realer Erfahrungen und die Organisation von Interessen anleiten. Auch die familiale Ideologie stellt demnach eine Form der Erkl&#228;rung von und Antwort auf reale Erfahrungen dar. Sie wird nicht vom B&#252;rgertum in die K&#246;pfe der Subalternen gesetzt, sondern entsteht in deren aktiver Auseinandersetzung mit ihren Lebensrealit&#228;ten. Erst ein solches Ideologie-Konzept, macht Barretts Analysen auch f&#252;r aktuelle Untersuchungen von Geschlechterregimen z.B. im Post-Fordismus anschlussf&#228;hig.<a title="anm_82" name="anm_82" href="#anm82"><sup>82</sup></a></p>
<p><strong>Ohne theoretische Letztversicherung: Zum Verh&#228;ltnis von Marxismus und Feminismus</strong><br />
Barretts Analysen zeigen die M&#246;glichkeit auf, dass ein marxistisches Begriffsinstrumentarium nicht alleine die Struktur kapitalistischer Gesellschaften explizieren, sondern auf Basis ideologietheoretischer Argumente auch dazu beitragen kann, die geschlechtsspezifische Zuweisung der Individuen auf die Positionen in dieser Struktur zu erkl&#228;ren und sich auf Ebene der Analyse konkreter Gesellschaftsformationen mit feministischen Fragestellungen nach der Konstitution geschlechtsspezifischer Identit&#228;t, nach Sexualit&#228;t und kultureller Repr&#228;sentation verbinden l&#228;sst. Es bleibt zu fragen, was daraus f&#252;r das Verh&#228;ltnis von Marxismus und Feminismus zu lernen ist?<br />
Barretts Analysen zeigen die M&#246;glichkeit auf, dass ein marxistisches Begriffsinstrumentarium nicht alleine die Struktur kapitalistischer Gesellschaften explizieren, sondern auf Basis ideologietheoretischer Argumente auch dazu beitragen kann, die geschlechtsspezifische Zuweisung der Individuen auf die Positionen in dieser Struktur zu erkl&#228;ren und sich auf Ebene der Analyse konkreter Gesellschaftsformationen mit feministischen Fragestellungen nach der Konstitution geschlechtsspezifischer Identit&#228;t, nach Sexualit&#228;t und kultureller Repr&#228;sentation verbinden l&#228;sst. Es bleibt zu fragen, was daraus f&#252;r das Verh&#228;ltnis von Marxismus und Feminismus zu lernen ist?<br />
Das Scheitern der Hausarbeitsdebatte f&#252;hrt klar vor Augen, dass Marxismus und Feminismus kein einheitliches Theoriegeb&#228;ude konstituieren, das eine reibungslose politische Zusammenf&#252;hrung, ein gleichsam nat&#252;rliches Hand-in-Hand marxistischer und feministischer Politiken garantieren k&#246;nnte. Dies scheint mit ein Grund daf&#252;r, dass die Suche nach einer theoretischen Begr&#252;ndung der Einheit von Marxismus und Feminismus Ende der 80er abgerissen ist. Zu Recht. Denn die Verbindung von Marxismus und Feminismus ist nichts, das sich theoretisch herleiten l&#228;sst, sondern muss politisch gewollt und bef&#246;rdert werden.<br />
Bedauerlicherweise ist diese politische Anstrengung in den letzten zwanzig Jahren ausgeblieben und so sind die Entwicklungen im Gro&#223;teil der feministischen und marxistischen Forschung fast g&#228;nzlich getrennt voneinander verlaufen<a title="anm_83" name="anm_83" href="#anm83"><sup>83</sup></a>, obwohl gerade die Weiterentwicklung ideologietheoretischer Argumente im Zuge diverser Rezeptionswellen Gramscis und Althussers Arbeiten der marxistischen Theoriebildung die T&#252;ren zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Geschlechterverh&#228;ltnissen ge&#246;ffnet h&#228;tte.<br />
Der theoretische Ansatzpunkt einer solchen Auseinandersetzung – auch dies ist aus dem Scheitern der Hausarbeitsdebatte zu lernen – kann nicht in einer abstrakten, werttheoretischen Fragestellung bestehen, sondern muss in den je historisch spezifischen Regulations- und Reproduktionsformen kapitalistischer Vergesellschaftung gesucht werden: Es gibt keinen Kapitalismus in abstrakter Form. Marxistische Kapitalismuskritik ist immer auch Kritik der konkreten gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse und deren Regulierung in bestimmten Phasen und Entwicklungsweisen kapitalistischer Vergesellschaftung. Geschlechterverh&#228;ltnisse kommen auf Ebene der Konstitutionsbedingungen und Regulierungsformen dieser Entwicklungsweisen notgedrungen ins Spiel. Es bedarf jedoch der politischen Anstrengung, diese auch in explizit feministischer Absicht sichtbar und der Kritik zug&#228;nglich zu machen, statt sie in den Fu&#223;notenapparat abzuschieben, wo sie gegen das schlechte politische Gewissen helfen sollen.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Barrett, Michéle: Das unterstellte Geschlecht. Umrisse eines materialistischen Feminismus. Hamburg: Argument 1983, S.11<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Beechey, Veronica: Some Notes on Female Wage Labour in Capitalist Production. In: Capital &#038; Class No.3, 1977. S.45-66, hier S.47<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> So argumentiert Margaret Benston, deren Artikel <em>Die politische &#214;konomie der Frauenbefreiung</em> den Auftakt zur Hausarbeitsdebatte im englischsprachigen Raum gab: „Die Wurzeln des sekund&#228;ren Status von Frauen sind in Wirklichkeit &#246;konomisch. (…) Frauen haben als Gruppe tats&#228;chlich ein bestimmtes Verh&#228;ltnis zu den Produktionsmitteln, und dieses ist anders als jenes von M&#228;nnern.“ Benston, Margaret: The Political Economy of Women’s Liberation. In: Monthly Review 21/4, 1969. S.13-27, hier S.13.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Der Begriff „Frauenunterdr&#252;ckung“ erscheint im Lichte neuerer feministischer Forschung problematisch, da er Frauen viktimisiert und die Situation von Frauen als eine der unmittelbaren Unterjochung beschreibt. Die Komplexit&#228;t der sozialen (politischen, &#246;konomischen und ideologischen) Verh&#228;ltnisse, welche geschlechtsspezifische Herrschafts- und Ungleichheitsverh&#228;ltnisse organisieren, sowie die Praxen und Ideologien, durch welche geschlechtliche Identit&#228;ten allererst hergestellt werden, werden so unterschlagen. Wir benutzen den Begriff „Frauenunterdr&#252;ckung“ im Folgenden mit Vorbehalten und ausschlie&#223;lich, wenn wir ihn von anderen AutorInnen &#252;bernehmen.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Engels, Friedrich: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats. In: MEW Bd. 21, S.36- 84, hier S.68<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> so der Titel des 1978 erschienenen programmatischen Artikels von Claudia von Werlhof: Frauenarbeit: der blinde Fleck in der Kritik der politischen &#214;konomie, In: <em>Beitr&#228;ge zur feministischen Theorie und Praxis</em>, Heft 1, 1978.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> vgl. Dalla Costa, Mariarosa/James, Selma: Die Macht der Frauen und der Umsturz der Gesellschaft. Berlin: Merve 1978. S.39f<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> vgl. Dalla Costa a.a.o. S. 40<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> vgl. Secombe, Wally: The Housewife and Her Labour Under Capitalism. In: New Left Review 1/83, 1974, S.3-24, hier S.6<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Secombe a.a.o. S.8f<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> „Was dem Geldbesitzer auf dem Warenmarkt direkt gegen&#252;bertritt, ist in der Tat nicht die Arbeit, sondern der Arbeiter. Was letztrer verkauft, ist seine Arbeitskraft. (…) Die Arbeit ist die Substanz und das immanente Ma&#223; der Werte, aber sie selbst hat keinen Wert.“ Marx, Karl: Das Kapital Bd.1. MEW Bd. 23, S.559<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> vgl. Coulson, Margaret/Magaš, Branka/Wainwright, Hilary: ‘The Housewife and her Labour under Capitalism’ &#8211; A Critique. In: New Left Review I/89, 1975. S.59-71, hier S.62f<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> vgl. Coulson/Magaš/Wainwright a.a.o. S.65<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Radikalfeministische Ans&#228;tze strebten vor allem eine autonome Organisierung von Frauen rund um ihre gemeinsame Interessen an.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> vgl. Delphy, Christine: The Main Enemy. A Materialist Analysis of Women’s Oppression. Women’s Research and Resources Centre Publications, London: 1977, S.11 und S.15<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> vgl. Delphy a.a.o. S.13f<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> vgl. Delphy a.a.o. S.16<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> vgl. Molyneux, Maxine: Beyond The Domestic Labour Debate. In: New Left Review 1/116, 1979. S.3-27, hier S.7<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Harrisson, John: The Political Economy of Housework. In: Bulletin of the Conference of Socialist Economists 3/1, 1973. S.35-52, hier S.40<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> vgl. Harrisson a.a.o. S.43<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Auch die Arbeitsprozesse der Warenproduktion sind zun&#228;chst konkrete, spezifische Arbeiten. Erst vermittelt durch den Tauschprozess werden sie auf ihr gemeinsames, abstrakte menschliche Arbeit, reduziert und so vergleichbar gemacht. Insofern unbezahlte Hausarbeit keine Produkte f&#252;r den Markt erzeugt, wird sie jedoch nicht zu abstrakter Arbeit. Dies &#228;ndert sich jedoch, wenn Reproduktionsarbeit in hohem Ma&#223;e kommodifiziert und als Dienstleistung am Markt getauscht wird.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> vgl. Molyneux a.a.o. S.9 und Smith, Paul: Domestic Labour and Marx’s Theory of Value. In: Kuhn, Anette/Wolpe, AnnMarie: Feminism and Materialism. London: Routledge S.198-219, hier S.210f<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> vgl. Molyneux a.a.o. S.16f und S.20<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Andere AutorInnen argumentieren im Gegenteil, dass der Wert der Ware Arbeitskraft gerade durch den Eintritt von Frauen in den Arbeitsmarkt herabgesetzt wird: “Der Wert der Arbeitskraft wird gesenkt, wenn alle Familienmitglieder in die Lohnarbeit einsteigen, da die Kosten f&#252;r die Produktion und Reproduktion von Arbeitskraft auf die gesamte arbeitende Bev&#246;lkerung verteilt werden. Der Anteil des Arbeitstages, an dem der Arbeiter f&#252;r sich selbst arbeitet, wird verkleinert, und ein gr&#246;&#223;erer Mehrwert kann extrahiert werden.“ Beechey, Veronica a.a.o. S.52<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Molyneux a.a.o. S.10<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Molyneux nennt das Angebot an verf&#252;gbarer Arbeitskraft, das Niveau des Klassenkampfes, die Akkumulationsrate, die Profitrate, das Verh&#228;ltnis von Abteilung I und Abteilung II und den Entwicklungsstand der Produktivkr&#228;fte als ausschlaggebende Faktoren, die in die Bestimmung des Werts der Ware Arbeitskraft eingehen, vgl. Molyneux a.a.o. S.10<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Molyneux a.a.o. S.13<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> So schreibt Marx im <em>Kapital</em>: „Die best&#228;ndige Erhaltung und Reproduktion der Arbeiterklasse bleibt best&#228;ndige Bedingung f&#252;r die Reproduktion des Kapitals. Der Kapitalist kann ihre Erf&#252;llung getrost dem Selbsterhaltungs- und Fortpflanzungstrieb der Arbeiter &#252;berlassen. Er sorgt nur daf&#252;r, ihre individuelle Konsumtion m&#246;glichst auf das Notwendige einzuschr&#228;nken.“ Marx, Karl: Das Kapital. Bd.1. MEW Bd. 23, S. 597f. Dies sollte nicht dazu verleiten, die Frage der Reproduktion als blo&#223;e Privatsache oder Angelegenheit nat&#252;rlicher Bed&#252;rfnisse untheoretisiert zu lassen. Die Interessen des Kapitals sind jedoch nicht direkt auf eine vergeschlechtlichte Organisation der Reproduktion gerichtet und in verschiedenen historischen Konjunkturen demnach mit unterschiedlichen Regulierungsweisen der Reproduktion der ArbeiterInnenklasse kompatibel.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Barrett a.a.o. S.28<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> vgl. Barrett a.a.o. S.29f und Molyneux a.a.o. S.12<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Barrett a.a.o. ebd.<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Brenner, Johanna/Ramas, Maria: Rethinking Women’s Opression. In:New Left Review 1/144, 1984. S.33-71, hier S.34<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> vgl. Hartmann, Heidi: The Unhappy Marriage of Marxism and Feminism. In: McCann, Carole/Seung-Kyung, Kim: Feminist Theory Reader. Local and Global Perspectives. London: Routledge 2003. S.206-221, hier S.210f<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Hartmann a.a.o. S.213f<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Barrett a.a.o. S. 123<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Hartmann a.a.o. S.214<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Arbeitsgruppe Bielefelder Entwicklungssoziologen (Hg.) (1979): Subsistenzproduktion und Akkumulation. Saarbr&#252;cken: Breitenbach.<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Vgl. Rosa Luxemburg, (1923): Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur &#246;konomischen Erkl&#228;rung des Imperialismus. Frankfurt/M.: Neue Kritik.<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Vgl. Andrea Baier: Subsistenzansatz. Von der Hausarbeit zur Bielefelder Subsistenzperspektive. In: Becker, Ruth/ Kortendiek, Beate: Handbuch zur Frauen- und Geschlechterforschung. 2. erw. und aktualisierte Aufl. VS Verlag f&#252;r Soziallwissenschaften.<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Werlhof, Claudia von / Mies, Maria / Bennholdt-Thomsen, Veronika (1983): Frauen, die letzte Kolonie. Reinbek: Rowohlt.<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Werlhof, Claudia von (1983): Zum Natur- und Gesellschaftsbegriff im Kapitalismus. In: Beitr&#228;ge zur feministischen Teorie und Praxis, S. 140-163.<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Werlhof, Claudia: Der Proletarier ist tot. Es lebe die Hausfrau. In Bennholdt-Thomsen et.al.: Frauen, die letzte Kolonie, Reinbek: Rowohlt 1983, S. 113-136.<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Siehe eine Kritik zur Hausfrauisierungsthese: Martin Birkner, K&#228;the Knittler: Ehekrise &#8211; zur Geschichte feministischer Marxkritik. In Grundrisse 02/02.<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Smith a.a.o. S.211<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> So schlie&#223;t beispielsweise Secombe daraus, dass die Hausarbeit nicht dem Wertgesetz und damit der Notwendigkeit der Produktivit&#228;tssteigerung unterliegt, dass die im Haushalt verrichtete Arbeit stagniert, vgl. Secombe a.a.o. S.17.<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> vgl. Barrett a.a.o. S.156f und Gardiner, Jean: Women’s Domestic Labour. In: New Left Review 1/89, 1975. S.56f<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> Coulson/Magaš/Wainwright a.a.o. S.67<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> vgl. Coulson,/Magaš/Wainwright a.a.o. S.62f<br />
<a title="anm49" name="anm49" href="#anm_49">49</a> Molyneux a.a.o. S.16<br />
<a title="anm50" name="anm50" href="#anm_50">50</a> Coulson/Magaš/Wainwright a.a.o. S.65<br />
<a title="anm51" name="anm51" href="#anm_51">51</a> So argumentiert etwa Veronica Beechey, dass nicht die Hausarbeit, sondern die Verf&#252;gbarkeit von verbilligter und dequalifizierter weiblicher Arbeitskraft eine ausschlaggebende Rolle in den Strategien von Kapitalseite, den Wert der Arbeitskraft zu reduzieren, spielt. Die besondere Bedeutung weiblicher Lohnarbeit ergibt sich dabei gerade aufgrund der doppelten Situation von Frauen, einerseits der Familie zugewiesen und &#246;konomisch abh&#228;ngig, zugleich aber aufgrund dieser Zuweisung zur Familie als „billige“ Arbeitskr&#228;fte f&#252;r das Kapital verf&#252;gbar zu sein, vgl. Beechey a.a.o. S. 54ff<br />
<a title="anm52" name="anm52" href="#anm_52">52</a> vgl. Beechey a.a.o. S.58ff<br />
<a title="anm53" name="anm53" href="#anm_53">53</a> Radikalfeministische politische Forderungen und Strategien f&#252;hrten unter anderem gerade aufgrund ihres Separatismus zu wichtigen Errungenschaften und bef&#246;rderten die K&#228;mpfe der Frauenbewegung. Es geht mithin nicht darum, die radikalfeministischer Interventionen per se zu diskreditieren, sondern lediglich darum, dass diese nicht dazu angetan sind, zur Entwicklung einer marxistisch-feministischen Politik beizutragen.<br />
<a title="anm54" name="anm54" href="#anm_54">54</a> Im Original: Barrett, Michèle (1980). Women´s Oppression Today. Problems in Marxist-feminist Analysis. London: Verso.<br />
<a title="anm55" name="anm55" href="#anm_55">55</a> Althusser Louis (1971): Ideology and ideological state apparatuses. In: Althusser Louis (Hrsg.): Lenin and philosophy and other essays. 1.Aufl., New Left Books, London, S. 170-186.<br />
<a title="anm56" name="anm56" href="#anm_56">56</a> Barrett, a.a.O., S.21<br />
<a title="anm57" name="anm57" href="#anm_57">57</a> Einige Beispiele in Kuhn, A./Wolpe, A. (Hrsg.). Feminism and Materialism. 1978. London: Routledge and Kegan Paul.<br />
<a title="anm58" name="anm58" href="#anm_58">58</a> Barett, a.a.O. S. 27 f<br />
<a title="anm59" name="anm59" href="#anm_59">59</a> Ebd. S. 35<br />
<a title="anm60" name="anm60" href="#anm_60">60</a> Barrett beststeht auf die Bezeichnung „Familien-Haushaltssystem“ um den ideologischen (Familienideologie) und sozialen (Organisation des Haushalts und Verwandschaftsbeziehungen) Aspekt der b&#252;rgerlichen Kleinfamilie auseinanderhalten zu k&#246;nnen. Barrett, a.a.O. S.176<br />
<a title="anm61" name="anm61" href="#anm_61">61</a> Barrett, a.a.O., S.140<br />
<a title="anm62" name="anm62" href="#anm_62">62</a> Barret, Michèle/McIntosh, Mary (1982). The Anti-Social Familiy. London: Verso. S. 35<br />
<a title="anm63" name="anm63" href="#anm_63">63</a> Hier bezieht sich Barret auf die <em>Ten Hour Bill</em> von 1847, die die Arbeitszeit von Frauen auf 10 Stunden t&#228;glich reduzierte und den <em>Mines Regulation Act</em> von 1842, der Frauen untersagte in unterirdischen Minen zu arbeiten.<br />
<a title="anm64" name="anm64" href="#anm_64">64</a> Barret, Michèle/McIntosh, Mary (1980). The `Family Wage`: Some Problems for Socialists and Feminists. In <em>Capital and Class</em>, 11, S.51-72.<br />
<a title="anm65" name="anm65" href="#anm_65">65</a> Vgl. Molyneux, a.a.O. S. 10f.<br />
<a title="anm66" name="anm66" href="#anm_66">66</a> Barrett, a.a.O., S.145<br />
<a title="anm67" name="anm67" href="#anm_67">67</a> Dalla Costa a.a.o. S.49<br />
<a title="anm68" name="anm68" href="#anm_68">68</a> Barrett, a.a.O., S.192<br />
<a title="anm69" name="anm69" href="#anm_69">69</a> Vgl. ebd. S. 179f<br />
<a title="anm70" name="anm70" href="#anm_70">70</a> Barrett, Michèle/McIntosh, Mary (1982). The Anti-Social Family. London: Verso.<br />
<a title="anm71" name="anm71" href="#anm_71">71</a> Ebd. S. 21<br />
<a title="anm72" name="anm72" href="#anm_72">72</a> Ebd S. 22f<br />
<a title="anm73" name="anm73" href="#anm_73">73</a> Ebd. S. 26<br />
<a title="anm74" name="anm74" href="#anm_74">74</a> Ebd. S. 29ff<br />
<a title="anm75" name="anm75" href="#anm_75">75</a> Brenner, Joanna/ Ramas, Maria (1984). Rethinkink Women´s Oppression. In New Left Review, 144, S. 33-71.<br />
<a title="anm76" name="anm76" href="#anm_76">76</a> Vgl.: Ward, John (1962). The Factory Movement 1830-1855. New York: MacMillan &#038; Co Ltd.<br />
<a title="anm77" name="anm77" href="#anm_77">77</a> Vgl: Probst, Philipp (2008). Stars and Strikes. In <em>Perspektiven </em>6, S.26-33<br />
<a title="anm78" name="anm78 href="#anm_78">78</a> Vgl Barret, Michèle/McIntosh, Mary (1980). The `Family Wage`. A.a.O S. 56<br />
<a title="anm79" name="anm79 href="#anm_79">79</a> Brenner beruft sich hier mehrfach auf: Hutchins, Barbara/Harrison, Amy (1903). A History of Factory Legislation. New York: Lenox Hill Pub.<br />
<a title="anm80" name="anm80 href="#anm_80">80</a> Barrett, a.a.O. S. 180<br />
<a title="anm81" name="anm81 href="#anm_81">81</a> Ebd. S. 69<br />
<a title="anm82" name="anm82 href="#anm_82">82</a> Siehe den Artikel von Katharina Hajek und Benjamin Opratko in diesem Heft.<br />
<a title="anm83" name="anm83 href="#anm_83">83</a> Obschon es zu einer Aneignung zentraler Thesen und Begriffe von Autoren des „Westlichen Marxismus“ (vor allem Gramsci, Althusser und Adorno) durch feministische TheoretikerInnen gekommen ist, gab es innerhalb der marxistischen Forschung kaum nennenswerte Versuche, sich der als idealistisch und radikalkonstruktivistisch verrufenen feministischen Theoriebildung zu &#246;ffnen oder auch eigenst&#228;ndige marxistisch-feministische Bearbeitungen dieser Fragestellungen zu wagen. Eine Ausnahme im deutschsprachigen Raum bilden die Arbeiten Frigga Haugs, die daf&#252;r pl&#228;diert „Geschlechterverh&#228;ltnisse als Produktionsverh&#228;ltnisse“ zu analysieren.</p>
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		<title>XY ungel&#246;st</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Jan 2010 17:54:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterverhältnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Körpergeschichte]]></category>

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		<description><![CDATA[Der K&#246;rper hat eine Geschichte, und damit auch seine Geschlechter. Die Vorstellung einer biologisch-nat&#252;rlichen Differenz zwischen „Mann“ und „Frau“ ist erstaunlich jung. Veronika Duma und Tobias Boos gehen in ihrem Artikel einen Schritt zur&#252;ck, wagen sich in die Untiefen der Botanik, der K&#246;rperfl&#252;ssigkeiten und Anatomielehrb&#252;cher um schlie&#223;lich der Frage nachzugehen, wie Geschlechterdifferenz mit der Herausbildung der b&#252;rgerlich-kapitalistischen Gesellschaften zusammen h&#228;ngt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der K&#246;rper hat eine Geschichte, und damit auch seine Geschlechter. Die Vorstellung einer biologisch-nat&#252;rlichen Differenz zwischen „Mann“ und „Frau“ ist erstaunlich jung. <em>Veronika Duma</em> und <em>Tobias Boos</em> gehen in ihrem Artikel einen Schritt zur&#252;ck, wagen sich in die Untiefen der Botanik, der K&#246;rperfl&#252;ssigkeiten und Anatomielehrb&#252;cher um schlie&#223;lich der Frage nachzugehen, wie Geschlechterdifferenz mit der Herausbildung der b&#252;rgerlich-kapitalistischen Gesellschaften zusammen h&#228;ngt.<br />
<span id="more-668"></span><br />
Die Kontroversen um die 800-Meter L&#228;uferin Caster Semenya bei der diesj&#228;hrigen Leichtathletik-WM zeigen vor allem eines: So sicher scheinen sich die so genannten „Geschlechterexperten“ mit der Einteilung in zwei Geschlechter dann doch nicht zu sein.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Statt aber die Geschehnisse zum Anlass zu nehmen um danach zu fragen, ob die Vorstellung einer biologischen Bipolarit&#228;t der Geschlechter ein ad&#228;quates Modell darstellt, werden diejenigen pathologisiert, die in keine der beiden Kategorien so recht passen wollen. Eine Vorgehensweise, die – wie zahlreiche Studien aus dem Feld der K&#246;rpergeschichte belegen – keineswegs neu ist.<br />
Insbesonders historische, soziologische oder auch anthropologische Arbeiten veranschaulichen, was gemeint ist, wenn von der „sozialen Konstruktion der Geschlechter“ in einem umfassenden Sinne die Rede ist und leisten so einen wichtigen Beitrag zu einer grundlegenden Kritik an den vorherrschenden Geschlechterverh&#228;ltnissen. Es geht dabei nicht darum, jegliche K&#246;rperlichkeit zu negieren, sondern die Historizit&#228;t des (Geschlechts-)K&#246;rpers hervorzuheben. Was n&#228;mlich sp&#228;testens seit den fr&#252;hen 1980er Jahren<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> in den genannten Disziplinen hei&#223; debattiert wurde, ist heute l&#228;ngst anerkannt: der menschliche K&#246;rper hat selbst eine Geschichte. Er wurde in unterschiedlichen Epochen und an unterschiedlichen Orten nicht nur anders wahrgenommen, interpretiert und repr&#228;sentiert, sondern auch unterschiedlich erlitten, erfahren und gelebt.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Dies gilt auch f&#252;r die Geschlechtlichkeit des K&#246;rpers. Die heute vorherrschende Vorstellung einer a-historischen, biologisch-nat&#252;rlichen und fundamentalen Geschlechterdifferenz, die medizinisch eindeutig bestimmt werden kann, ist verh&#228;ltnism&#228;&#223;ig jung. Noch viel j&#252;nger allerdings ist die Kritik an diesem Modell. In den 1960/70er Jahren war in der feministischen Theorie die Trennung zwischen sex – dem biologischen Geschlecht – und gender – dem sozial konstruierten Geschlecht – gebr&#228;uchlich. Diese Kategorisierung sollte dem Diskurs &#252;ber die „nat&#252;rliche“ Bestimmtheit der Geschlechter entgegenwirken, dem zufolge sich Geschlechterrollen aus der unterschiedlichen k&#246;rperlichen Beschaffenheit von Mann und Frau ableiten lie&#223;en. Die Trennung von <em>sex </em>und <em>gender </em>er&#246;ffnete so zwar die M&#246;glichkeit einer Kritik an geschlechterspezifischen Zuschreibungen und Verhaltenserwartungen, doch blieb das grundlegende Argument einer biologischen Zweigeschlechtlichkeit unangetastet, und die M&#246;glichkeit einer radikalen Kritik an den Geschlechterverh&#228;ltnissen daher verstellt.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
Viele ausf&#252;hrliche Debatten sp&#228;ter scheint dieses Problem zumindest im akademischen Feminismus nicht mehr gegeben. Gesellschaftlich ist jedoch die Vorstellung einer fundamentalen biologischen Differenz der Geschlechter nach wie vor vorherrschend. Wie in mehreren historischen Forschungen<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> – trotz unterschiedlicher Herangehensweisen – &#252;bereinstimmend aufgezeigt wird, ist dieses Bild Ergebnis jener Ver&#228;nderungen und Verdr&#228;ngungen fr&#252;herer Vorstellungen des geschlechtlichen Leibes, die im 18. Jahrhundert im Zuge der Durchsetzung b&#252;rgerlich-kapitalistischer Vergesellschaftung stattfanden.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a></p>
<p><strong>Geschichtlichkeit des Geschlechtsk&#246;rpers? Das „Ein-Geschlecht-Modell“</strong><br />
In dem weiten Feld der K&#246;rpergeschichte erlangten die Untersuchungen des Historikers Thomas Laqueur, der die historischen Ver&#228;nderungen hinsichtlich des Geschlechtsk&#246;rpers mit der These des &#220;bergangs vom „Ein-Geschlecht-Modell“ zum „Zwei-Geschlechter-Modell“ fasste, besondere Bekanntheit. Anhand von Handb&#252;chern zur Geburtshilfe, medizinisch-philosophischer Literatur, anatomischen Schriften und Zeichnungen zeigt Laqueur, dass „das Modell vom Einen Geschlecht“ im Denken &#252;ber sexuelle bzw. k&#246;rperliche Unterschiede von der Antike bis zum Ende des 17. Jahrhunderts vorherrschend war.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Die hier postulierte Kontinuit&#228;t betrifft nicht die Geschlechterrollen bzw. -verh&#228;ltnisse, die sich nat&#252;rlich &#252;ber die Jahrhunderte hindurch ver&#228;nderten, sondern die Vorstellungen vom geschlechtlichen K&#246;rper – also von dem, was der sex-gender-Konzeption zufolge der Kategorie sex entspr&#228;che. Frauen und M&#228;nner wurden schon vor der b&#252;rgerlichen Moderne unterschieden. Dieser Unterschied wurde auch an k&#246;rperlichen Merkmalen festgemacht, doch stellte das, was heute als biologisches Geschlecht verhandelt wird, eine soziale Kategorie und keine Wesensbestimmung dar. Ein Mann oder eine Frau zu sein bedeutete vielmehr, einen sozialen Rang innezuhaben, Angeh&#246;rigeR eines bestimmten Standes zu sein und somit eine bestimmte kulturelle Rolle wahrzunehmen, und nicht, wie f&#252;r das „Zwei-Geschlechter-Modell“ konstitutiv, anatomisch und biologisch eindeutig identifizierbare Geschlechtsmerkmale zu besitzen.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Das „Ein-Geschlecht-Modell“ zeichnete sich dadurch aus, dass geschlechtsspezifische Differenzen als graduelle Abweichungen und Abstufungen verhandelt wurden. Die Geschlechtsteile galten grunds&#228;tzlich als gleichf&#246;rmig beschaffen: Frauen und M&#228;nner verf&#252;gten dieser Vorstellung nach &#252;ber dieselben Genitalien, blo&#223; dass diese einmal nach innen und einmal nach au&#223;en gest&#252;lpt waren. Dabei wurde die Vagina als nach innen gekehrter Penis gesehen, und nicht umgekehrt – die Norm im Bezug auf die graduellen Unterschiede stellte der m&#228;nnliche K&#246;rper dar. „In dieser Welt stellte man sich die Vagina als inneren Penis, die Schamlippen als Vorhaut, den Uterus als Hodensack und die Eierst&#246;cke als Hoden vor“.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Wie die Geschlechtsorgane wurden auch die K&#246;rperfl&#252;ssigkeiten als Spielart ein und desselben Stoffes erachtet und erwiesen sich somit als nicht klar geschlechtspezifisch zuordenbar: Blut, Milch, Fett, Sperma galten nicht als vollkommen unterschiedliche Substanzen, der &#220;bergang zwischen ihnen war flie&#223;end. Blut konnte sich demnach in Samen, Milch, Fett und andere Substanzen verwandeln. „Man meinte, die Ejakulation einer Fl&#252;ssigkeit werde das durch ein &#220;berma&#223; einer anderen unausgeglichene Gleichgewicht wieder herstellen, weil Samenergu&#223;, Blutung, Stuhlgang und Schwitzen allesamt Formen der Entlastung seien, die dazu dienen, das Freihandelssystem der Fl&#252;ssigkeiten auf dem richtigen Niveau zu halten“.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Verdauung und Reproduktion, Nahrung, Blut und Samen seien Teil eines umfassenden, von Hitze in Betrieb gehaltenen Fl&#252;ssigkeitssystems, wobei Frauen von dieser den K&#246;rper im Gange haltenden Hitze grunds&#228;tzlich weniger besitzen sollten als M&#228;nner. Auch die Menstruation war in diesem Modell nicht unbedingt geschlechtsspezifisch. So wurde eine Art Ersatzmenstruation bei M&#228;nnern angenommen, z.B. in Form von Nasenbluten oder H&#228;morrhoidalblutungen. Entscheidend war der Fl&#252;ssigkeitshaushalt im K&#246;rper, der Blutverlust, nicht das Geschlecht des Subjekts oder die &#214;ffnung, durch die dieser erfolgt.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Es geh&#246;rte zum Allgemeinwissen, dass Frauen beim Orgasmus Samen ejakulieren – der allerdings weniger vollkommen als der m&#228;nnliche sein sollte – und es kursierten Geschichten von M&#228;nnern, die Milch geben. In der Vorstellungswelt des „Ein-Geschlecht-Modells“ war es durchaus m&#246;glich, dass Frauen zu M&#228;nnern wurden, wenn sich etwa aufgrund eines Hitzeschube oder einer zu abrupten Bewegung urpl&#246;tzlich der innere Penis nach au&#223;en st&#252;lpt.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Durch das Aufkommen der erstmals systematisch betriebenen Anatomie in der Renaissance wurde das „Ein-Geschlecht-Modell“ nicht etwa verworfen, sondern best&#228;tigt: anhand des ge&#246;ffneten K&#246;rpers bewiesen die Anatomen die „Tatsache“, dass die Vagina ein innerer Penis sei. Bezeichnend f&#252;r die Epoche, in der die Vorstellung vom „Einen Geschlecht“ dominierend war, ist au&#223;erdem das Fehlen einer pr&#228;zisen Nomenklatur f&#252;r die weiblichen Genitalien. &#196;quivalente f&#252;r moderne Begriffe wie Eileiter, Vulva, Uterus oder Vagina existierten vor der Zeit des „Zwei-Geschlechter-Modells“ kaum.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a></p>
<p><strong>Das „Zwei-Geschlechter-Modell“ und die „Wissenschaft vom Weib“</strong><br />
Im Verlauf des 18. Jahrhunderts ist nun eine grundlegende Umw&#228;lzung im Verst&#228;ndnis des Geschlechtsk&#246;rpers festzustellen – das bis heute g&#252;ltige „Zwei-Geschlechter-Modell“ wird zur dominierenden Vorstellung im Denken &#252;ber Geschlecht/er. Der weibliche K&#246;rper stellt nicht mehr, wie im „Ein-Geschlecht-Modell“, eine Variation eines eigentlich m&#228;nnlichen Grundtypus dar, sondern im Gegenteil: die Auffassung einer in der Biologie begr&#252;ndeten Unvergleichbarkeit, einer fundamentalen Differenz der Geschlechter gewann an Dominanz. Die Geschlechtsorgane wurden zum zentralen Unterscheidungskriterium, die Vagina wurde nicht mehr als nach innen gest&#252;lpter Penis verstanden, sondern als ein diesem entgegen gesetztes, alleine der Frau zugeh&#246;riges Geschlechtsmerkmal. Zugleich wurden geschlechtsspezifische Unterschiede von nun an am gesamten K&#246;rper ausfindig gemacht, die Geschlechterdifferenz wurde auf jedes geringste k&#246;rperliche Detail bezogen. Ein besonders anschauliches Beispiel daf&#252;r bietet die „Entdeckung des weiblichen Skeletts“, welches zu dieser Zeit immer h&#228;ufiger anstelle eines einheitlichen Knochenger&#252;sts in (Anatomie-)Lehrb&#252;chern illustriert wurde.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a><br />
Claudia Honegger betont in diesem Zusammenhang die Entstehung einer „weiblichen Sonderanthropologie“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a>, die eine wesentliche Rolle in der im 18. Jahrhundert aufkommenden „Wissenschaft vom Menschen“ bzw. in all jenen Wissenschaften spielte, die den Menschen ins Zentrum ihres Interesses r&#252;ckten. W&#228;hrend der Mann zum Prototyp des Humanoiden generalisiert wurde, wurde die Frau zum Studienobjekt einer mit philosophischen, psychologischen und soziologischen Anspr&#252;chen auftretenden medizinischen Teildisziplin degradiert. Wesentlich bei der „Verwissenschaftlichung der Differenz“ war die Verschr&#228;nkung von Medizin, bzw. Anatomie und Philosophie, die Idee einer integrierten Betrachtung von K&#246;rper und Seele. „Von diesen ganzheitlichen Erkenntnisinteressen werden nicht nur der Kranke und der Irre, der Mohr, der Fremde und der Wilde auf neue Art erfa&#223;t und ins Zentrum der theoretischen Neugierde ger&#252;ckt, sondern insbesondere auch das Weib…“.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Die vergleichende Anatomie nahm dabei die Rolle der Basiswissenschaft in der entstehenden „Wissenschaft vom Menschen“, und in diesem Rahmen auch der „Wissenschaft vom Weib“ ein. Sie lieferte die Grundlage zur Bestimmung der „menschlichen Natur“.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Charaktereigenschaften wurden immer mehr in einen direkten Zusammenhang mit der Physis des menschlichen K&#246;rpers gesetzt, allerdings je nach Geschlecht auf verschiedene Art und Weise: Beim Mann konzentrierte sich die biologische Geschlechtszuschreibung auf den &#228;u&#223;erlich erkennbaren Penis, bei Frauen hingegen sollte das Geschlecht im Inneren mystisch verstreut sein und den gesamten K&#246;rper durchziehen. Das Interesse an dem K&#246;rperinnerem zeigte sich auch in den &#246;ffentlichen Seziervorf&#252;hrungen und den Organsammlungen, die zu dieser Zeit angelegt wurden und die vorwiegend aus weiblichen Geschlechtsorganen, oder K&#246;rpern von „Wilden“ bestanden. &#196;rzte der damaligen Zeit erkoren die Eierst&#246;cke zu <em>dem</em> Determinationsmerkmal der Frau. Dabei dienten diese nicht einfach als anatomisches Unterscheidungsmerkmal zwischen den Geschlechtern, sondern Frauen galten vollkommen „eierstockbestimmt“. <a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Gem&#252;tslage, Charaktereigenschaften und Sexualit&#228;t wurden in direkte Verbindung mit dem weiblichen Geschlechtsorgan gesetzt, was im Falle von als abnormal deklarierten Verhaltensweisen einer Frau sogar zur operativen Entfernung der Eierst&#246;cke f&#252;hren konnte. Entscheidend ist, dass dieser „Organdeterminismus“ nur bei Frauen angenommen wurde.</p>
<p><strong>Wissenschaftlicher Fortschritt und die neue Autorit&#228;t der Wissenschaften</strong><br />
Jeder Versuch, diese Ver&#228;nderungen, also das Aufkommen des „Modells der Zwei Geschlechter“, alleine mit einem Verweis auf wissenschaftlichen Fortschritt erkl&#228;ren zu wollen, greift zu kurz. Wie Laqueur anhand von mehreren Beispielen demonstriert, stellte die Herausbildung der neuen Perspektive auf die menschliche Anatomie weder empirisch noch chronologisch eine logischen Folge der anatomischen Entdeckungen ihrer Zeit dar. Schon in jener Zeit, als das „Ein-Geschlechter-Modell“ dominant war, wurden Entdeckungen &#252;ber den menschlichen K&#246;rper gemacht, die auch heute – innerhalb des „Zwei-Geschlechter-Modells“ – noch anerkannt sind. Sie f&#252;hrten aber nicht zur Infragestellung der Vorstellung vom „einen“ Geschlechtsk&#246;rper, sondern wurden in dieses Modell integriert. Umgekehrt gibt es heute wissenschaftliche Erkenntnisse, die sich im Hinblick auf das „Ein-Geschlecht-Modell“ interpretieren lie&#223;en. So verweisen etwa aktuelle Erkenntnisse in der Entwicklungsanatomie „auf den gemeinsame Ursprung beider Geschlechter in einem – morphologisch gesehen – androgynen Embryo und also nicht auf ihre wesentliche Unterschiedlichkeit“.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a><br />
Unterschiede und &#196;hnlichkeiten in Bezug auf k&#246;rperliche Beschaffenheiten wurden weder erst gestern entdeckt noch k&#246;nnen sie in ihrer Materialit&#228;t einfach wegdiskutiert werden. Welchen Merkmalen jedoch in einer bestimmten historischen Situation besondere Relevanz zukommt, dar&#252;ber wird jenseits der Grenzen empirischer Forschung entschieden. „Die Tatsache, da&#223; der herrschende Diskurs den m&#228;nnlichen und weiblichen K&#246;rper zu einer Zeit als hierarchisch … angeordnete Version eines einzigen Geschlechts auffa&#223;te und zu einer anderen als horizontal angeordnete Gegens&#228;tze, … muss mit etwas anderem zu tun haben als<br />
selbst einer gro&#223;rahmigen Konstellation tats&#228;chlicher oder vermeintlicher Entdeckungen“.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Die Vorstellung zweier Geschlechter, die sich in ihrer k&#246;rperlichen Beschaffenheit unvereinbar gegen&#252;berstehen, pr&#228;gte und pr&#228;gt den Blick der Wissenschaften auf den K&#246;rper entscheidend, und umgekehrt „begr&#252;ndeten“ und fixierten die Wissenschaften diese Vorstellung. Wenn aber die wissenschaftlichen, speziell die anatomischen Entdeckungen in dieser Zeit f&#252;r sich selbst genommen nicht der Grund f&#252;r eine fundamental ver&#228;nderte Vorstellung von Geschlechtlichkeit sind, was sind dann die entscheidenden Faktoren, die zu dieser Wandlung f&#252;hrten?<br />
In verschiedenen akademischen Arbeiten rund um das Thema werden diese Ver&#228;nderungen, trotz z. T. unterschiedlicher Begrifflichkeit<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a>, zumeist in den Kontext der Etablierung der b&#252;rgerlich-kapitalistischen Gesellschaft gestellt. Dabei wird die Umw&#228;lzung der Wahrnehmung von Geschlechtlichkeit – je nach Forschungsschwerpunkt – mit wissenschaftlichen, politischen und sozialen Entwicklungen in Verbindung gebracht, sowie deren Verstricktheit und Komplexit&#228;t betont.<br />
So lassen sich etwa durch den Blick auf die neu entstehenden Wissensgebiete bzw. wissenschaftlichen Disziplinen einige Parallelen bez&#252;glich bestimmter Grundannahmen ausmachen, die diese nicht nur mit anderen gesellschaftlichen Bereichen teilten, sondern die auch f&#252;r die Betrachtung von Geschlechtlichkeit relevant waren. Der Mensch r&#252;ckte in den Blickpunkt der verschiedensten Disziplinen, die Natur geriet als Erkl&#228;rungsinstanz f&#252;r das Soziale in den Fokus. Sie verlieh den sie erforschenden Wissenschaften eine neuartige Autorit&#228;t und diente zudem politischen Argumenten als Basis.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Erkl&#228;rungen f&#252;r die vorherrschenden gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse lagen nicht mehr in einer g&#246;ttlichen Ordnung begr&#252;ndet, sondern waren scheinbar direkt in der Natur zu finden, deren Ordnungssysteme es ausfindig zu machen galt.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a><br />
Ein illustres Beispiel, wie Vorstellungen von einer gesellschaftlichen Ordnung sich in die Wissenschaft einschreiben und von dort ausgehend wiederum legitimierend zur&#252;ckwirken, ist Linnés Klassifikationssystem von Pflanzen, welches er im Jahre 1753 erstmalig ver&#246;ffentlichte. Seine Einteilung der Pflanzen und ihrer Bestandteile nach deren Geschlecht ist zutiefst sexualisiert und liest sich wie eine Beschreibung der vorherrschenden Ideen &#252;ber Geschlechterrollen und –eigenschaften.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a><br />
Auch die &#196;hnlichkeiten und der Zusammenhang mit der aufkommenden „Rassenlehre“ und Ethnologie sind unverkennbar: Der K&#246;rper r&#252;ckte, gemeinsam mit einer neuen Vorstellung vom Verh&#228;ltnis zwischen Natur und Kultur, in den Blickpunkt und somit auch diejenigen, die von der sich allm&#228;hlich herausbildenden Norm abwichen. Die Behauptung, dass manche Menschen n&#228;her am „Naturzustand“ seien, welcher dem Zustand des „zivilisierten Menschen“ entgegengestellt wurde, findet sich sowohl im Bezug auf nicht-wei&#223;enEurop&#228;erInnen als auch auf Frauen.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a><br />
Die Naturalisierung sozialer Ordnungen spielte jedoch nicht nur in Bezug auf die Geschlechterhierarchie eine bedeutende Rolle. Ein anderes Beispiel stellt die ebenfalls zu dieser Zeit an Einfluss gewinnende Str&#246;mung des Liberalismus dar. Die Vorstellungen von einem schon immer bestehenden Markt mit nat&#252;rlichen Mechanismen, dem nutzenmaximierenden Individuum und der unsichtbaren Hand, die ganz von alleine f&#252;r die effektivste Allokation sorgt, passt ebenso in jenes Schema, nach dem Kausalit&#228;ten verdreht und gesellschaftliche Verh&#228;ltnisse mit der Natur erkl&#228;rt werden.</p>
<p><strong>Der b&#252;rgerliche K&#246;rper</strong><br />
Der ideale K&#246;rper, der die stets im Hintergrund all dieser Diskurse stehende Norm darstellte, ist der K&#246;rper der sich etablierenden b&#252;rgerlichen Klasse. Als solcher ist dieser auch untrennbar mit der Selbststilisierung b&#252;rgerlicher M&#228;nnlichkeit verbunden.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Dieser K&#246;rper, sowie der neue Kult um selbigen, seine Kleidung, seine einge&#252;bten Gestiken, seine Ausdrucksformen, fungierten einerseits als „Instrument der sozialen Klassifikation“: Er symbolisierte eine Abgrenzung gegen&#252;ber dem „au&#223;engesteuerten“ Adel, dem „Schmutz“ der Bauernschaft wie auch den ProletarierInnen, und diente so zugleich zur Selbstaffimierung der b&#252;rgerlichen Klasse.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Andererseits wurde mit diesem neuen K&#246;rperverst&#228;ndnis der gesund zu haltende Leib als &#246;konomischer Faktor erkannt: Als wesentlich gilt die Disziplinierung der Arbeitskraft und der Erhalt der Arbeitsf&#228;higkeit. „Dies wird nicht nur als eine neue Aufgabe des Staates verstanden, sondern auch zur Pflicht des Einzelnen erhoben“.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a><br />
Als abweichend von dem Ideal des zur St&#228;rke und Rationalit&#228;t geschaffenen b&#252;rgerlich-m&#228;nnlichen K&#246;rpers erschienen – neben der weiblichen Physiologie – die K&#246;rper anderer „Menschenrassen“, „Irrer“ oder „Monster“, f&#252;r deren Wesen und Verhalten nach somatischen Entsprechungen gesucht wurde. Jener K&#246;rper und dessen „Natur“, der als allgemeiner Ma&#223;stab mit der Bestimmung des Menschseins an sich zusammenfiel, war ein m&#228;nnlicher, st&#228;dtischer, „nicht-deformierter“, wei&#223;er K&#246;rper.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Zahlreiche Beispiele belegen, dass Eigenschaften, die das Idealbild des b&#252;rgerlichen Mannes konstituierten, ins Gegenteil verkehrt all jenen Menschen zugeschrieben wurden, von dem dieser sich abzusetzen trachtete. Mit der Herausbildung des b&#252;rgerlichen K&#246;rpers ging aber auch die Stilisierung der b&#252;rgerlichen Frau einher, die zwar eine inferiore Rolle innehatte, sich aber sehr wohl von ArbeiterInnen und B&#228;uerInnen zu unterscheiden suchte. So fungierte etwa gerade die im B&#252;rgertum entstehende Differenzierung zwischen M&#228;nnern und Frauen, Weiblichkeit und M&#228;nnlichkeit, als Distinktionszeichen gegen&#252;ber Frauen anderer Klassen. Die Klassenzugeh&#246;rigkeit hat durchaus Einfluss darauf, wie sehr und auf welche Art und Weise sich Geschlechteridentit&#228;ten bei Frauen und M&#228;nnern abbilden – und umgekehrt.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a><br />
Ein anschauliches Beispiel daf&#252;r, wie sich die in der Gesellschaft real existierenden Ausschlie&#223;ungen entlang von geschlechtlichen Klassifizierungen, aber auch entlang von Klassengrenzen und rassistischen Kategorien in das Bild des „modernen K&#246;rpers“ einschreiben, stellt die von Philipp Sarasin durchgef&#252;hrte Analyse der f&#252;r die b&#252;rgerliche Klasse so identit&#228;tsstiftenden Hygienediskurse im 18. und 19. Jahrhundert dar. Gesundheit und Hygiene – und nicht wie zuvor allein die Verminderung des Leidens – werden zur Pr&#228;misse staatlicher wie individueller K&#246;rperpolitik.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Anleitungen zu psychischem Verhalten, M&#228;&#223;igung der Passionen, Sexualit&#228;t und zur richtigen Bewegung, sowie Fragen danach, was man isst, wie man schl&#228;ft oder ruht, wie man sich reinigt und kleidet, f&#252;llten Unmengen an Ratgeberliteratur, die von B&#252;rgern – haupts&#228;chlich &#196;rzten – f&#252;r das B&#252;rgertum verfasst wurde. Der Hygienediskurs bezog sich auf den K&#246;rper vom „gew&#246;hnlichen Kulturmenschen […], der nicht so hoch geboren ist, dass wir ihn zu den G&#246;ttern z&#228;hlen, und nicht so tief, dass wir ihn beim verkommensten Proletariat suchen m&#252;ssen, wo Politik, Moral und Di&#228;tetik aufh&#246;ren“.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Innerhalb des Feldes des b&#252;rgerlichen K&#246;rpers wurde die Geschlechterdifferenz zu der wesentlichen Differenz stilisiert, w&#228;hrend dem proletarischen K&#246;rper, den K&#246;rpern andere „Rassen“ sowie „Monstergeburten“ und &#196;hnlichem die Rolle des gro&#223;en Fremden zukam. ArbeiterInnen galten als „Lumpensammler, die nie baden“ und von einer dicken Schicht an Rauch und Schwei&#223; &#252;berzogen, Arme stanken und vom K&#246;rpergeruch „fremder Rassen“ wurde angenommen, dass er, unabh&#228;ngig von ihren hygienischen Gepflogenheiten, an ihnen kleben bleibt.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Diese und &#228;hnliche heraufbeschworene Zuschreibungen standen im Zentrum des Hygienediskurses und waren f&#252;r diesen konstitutiv. Ein weiterer Hinweis darauf, dass der m&#228;nnliche b&#252;rgerliche K&#246;rper als Norm vorausgesetzt wurde, zeigt sich in der Tatsache, dass nicht nur Hygieniker sich f&#252;r „Rassen“ und Geschlechter interessierten. Auch Anatomen und Anthropologen (die im &#220;brigen, wie die Hygieniker auch, wei&#223;e, b&#252;rgerliche M&#228;nnern waren) richteten ihr Augenmerk auf rassistische und sexistische Klassifikationsversuche, und gerieten dabei in ein bezeichnendes Dilemma: wie n&#228;mlich schwarze M&#228;nner – als dominierendes Geschlecht einer „minderwertigen Rasse“ – im Verh&#228;ltnis zu wei&#223;en Frauen – inferiores Geschlecht der „dominanten Rasse“ – in der Ordnung der Natur einzustufen seien.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a></p>
<p><strong>Naturalisierung als Legitimation der Ungleichheit </strong><br />
K&#246;rperliche Bestimmungen, die immer untrennbar mit entsprechenden „nat&#252;rlichen“ Wesensbestimmungen verbunden waren, erwiesen sich als &#228;u&#223;erst zweckdienlich, wenn es darum ging, einerseits die gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse zu legitimieren und zu naturalisieren, und andererseits Argumente gegen Emanzipationsforderungen zu formulieren. Die Versprechen der Aufkl&#228;rung sowie die Erkl&#228;rung der Menschen- und B&#252;rgerrechte, die gegen Standesprivilegien und die feudale Ordnung ins Feld gef&#252;hrt wurden, brachten nicht nur neue M&#246;glichkeiten, sondern auch eine neuartige „Begr&#252;ndungslast“ mit sich.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Sie galten n&#228;mlich, entgegen der Behauptung, dass <em>alle</em> Menschen die gleichen F&#228;higkeiten und damit Anspruch auf die gleichen Rechte haben, nur f&#252;r einen bestimmten Teil der Bev&#246;lkerung. Realiter standen das sich etablierende Modell der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, der Ausschluss von Frauen aus dem &#246;ffentlichen Bereich (z.B. von &#246;ffentlichen &#196;mtern, Universit&#228;t, (politischen) Vereinen uvm.), aber selbstverst&#228;ndlich zugleich auch Herrschafts- und Unterdr&#252;ckungsverh&#228;ltnisse entlang von Klasse und rassistischen Einteilungen, im Widerspruch zu diesen Erkl&#228;rungen. Wenn universalistische Forderungen nach menschlicher Freiheit und Gleichheit nicht ad absurdum gef&#252;hrt und Ungleichheiten vor dem Hintergrund aufgekl&#228;rten Denkens gerechtfertigt werden sollten, musste die radikale (biologische) Verschiedenheit eines Teils der Menschheit nachgewiesen werden.<br />
Mit Verweis auf ihre Biologie wurden Frauen gerade jene F&#228;higkeiten und Eigenschaften – n&#228;mlich vernunftbegabte, zu autonomen Handeln f&#228;hige Gesch&#246;pfe zu sein<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a> – abgesprochen, die den Menschen im Sinne der Menschen- und B&#252;rgerrechte als Menschen kennzeichnen und somit auch das Recht, vollwertige Mitglieder der b&#252;rgerlichen Gesellschaft zu sein. Nur um ein Beispiel zu nennen: der franz&#246;sische Nationalkonvent zitierte regelm&#228;&#223;ig aus Anatomielehrb&#252;chern, um die Vorenthaltung von B&#252;rgerrechten f&#252;r  Frauen zu rechtfertigen.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> Die Natur und nicht die Menschen soll die Ungleichheit geschaffen haben.</p>
<p><strong>Pathologisierung moralischer Abweichung</strong><br />
Die Position, die Frauen in der neuen sozialen Ordnung nach den geistigen, &#246;konomischen und politischen Revolutionen des 17. und 18. Jahrhunderts – innerhalb einer nach wie vor patriarchalen Gesellschaft – einnehmen sollten, war jedoch keines Falls von Anfang an klar. Die (Geschlechter-)Rolle der Frau in dem hier beschriebenen „Zwei-Geschlechter-Modell“ bildete sich erst allm&#228;hlich im Zuge etlicher Konfrontationen heraus.<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> Die physiologische Basis f&#252;r die Ungleichheit von Frauen wurde nicht zuletzt gerade zu jener Zeit „entdeckt“, als Frauenbewegungen die Versprechen der Aufkl&#228;rung und des Staatsb&#252;rgertums auch f&#252;r sich einforderten.<br />
Die Forderungen der „modernen Frau“ des Bildungsb&#252;rgertums nach Bildung, Beruf, politischen und ehelichen Rechten – die von Seiten sozialistischer FrauenrechtlerInnen immer mit der Frage nach der &#220;berwindung der kapitalistischen Produktionsweise verbunden wurden<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> – riefen eine wachsende Anzahl von Medizinern, Politikern, Lehrern, Pfarrern, (Rassen-)Hygienikern, v&#246;lkisch-nationalistischen Interessensverb&#228;nden und &#228;hnlichen Gestalten auf den Plan, die ihre Ansichten &#252;ber das weibliche Geschlecht zum Besten gaben. Das taten diese Herren – wie im &#220;brigen die zuvor erw&#228;hnten Philosophen, &#196;rzte und M&#246;chtegern-&#196;rzte auch – in der noch relativ jungen b&#252;rgerlichen &#214;ffentlichkeit, die einen konstitutiven Teil des sich herausbildenden b&#252;rgerlich-kapitalistischen Nationalstaates darstellte. In diesen Diskursen um die weibliche Natur standen nicht so sehr der sozialistische, sondern eher der b&#252;rgerliche Fl&#252;gel der Frauenbewegung im Mittelpunkt der Kritik, die oftmals ideologisch mit Antismemitismus, Nationalismus und Antisozialismus einherging.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> Die Polemiken gegen die – in diesem Fall also b&#252;rgerliche – Frauenbewegung zielten auf die sexuelle Diffamierung der ProtagonistInnen und st&#252;tzten sich auf die Behauptung, dass das weibliche Geschlecht biologisch minderwertig und somit nicht daf&#252;r geschaffen sei, au&#223;erh&#228;usliche Aufgaben zu &#252;bernehmen. Politische T&#228;tigkeit von Frauen, im schlimmsten Fall in emanzipatorischer Absicht, wurde als vermeintliche Verfehlung des weiblichen Lebenszwecks verhandelt: Frauen, die in der Hausarbeit und Kindererziehung nicht ihre Bestimmung sahen, wurden f&#252;r „seelisch krank“ erkl&#228;rt. So war z.B. in Tageszeitungen zu lesen, die Frauenbewegung sei „die tosende Revolution derer, die nicht Frau sein k&#246;nnen und nicht Mutter sein wollen“ und bestehe aus einem Haufen „alter M&#228;dchen“, Witwen und „sterilen Frauen“.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a> Die von den „Ultrademokraten“ (sic!),und „weiblichen Amazoninnen“ (sic!) geforderte Gleichstellung br&#228;chte unweigerlich den Umsturz der Gesellschaftsordnung mit sich und sei daher absolut abzulehnen.<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> An der sexuellen Pathologisierung der Frauenbewegung wurde nicht zuletzt in medizinischen Zeitungen „gearbeitet“: FrauenrechtlerInnen wurden f&#252;r homosexuell erkl&#228;rt und die lesbische Liebe zugleich als eine in der Frauenbewegung grassierende „geistige Seuche“ diskreditiert. Gesellschaftliche Devianz, also das Verlassen des gesellschaftlichen Normbereichs, wurde mit Pathologisierung sanktioniert. Der wachsende Konsens im Diskurs der b&#252;rgerlichen &#214;ffentlichkeit, Abweichung als Krankheit und nicht (nur) als moralischen Fehltritt zu verstehen, verwies zugleich eine besondere Zust&#228;ndigkeit f&#252;r diese Fragen an die Mediziner. Sie waren die Experten wenn es darum ging, Verbindungen zwischen Verhalten, Seele und K&#246;rper wissenschaftlich zu belegen. Von selbigen wurde zugleich die jeweils entsprechende, normalisierende Behandlung angeboten.<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a><br />
Die Anormalisierung betraf nicht nur FrauenrechtlerInnen, sondern alles, was nicht ins Wissenssystem des „Zwei-Geschlecht-Modells“ passte. Pathologisierungen von Transund Intersexuellen bis zur so benannten Sterilit&#228;t bildeten und bilden zum Teil immer noch die Flanken der strengen Geschlechterunterscheidung.</p>
<p><strong>Eine Arbeitsteilung, wie sie die Natur verlangt?</strong><br />
Vor allem aber wurden Frauenbewegungen und ihre Anh&#228;ngerInnen als eine Bedrohung f&#252;r den als Organismus gedachten Staat gesehen, als Bedrohung f&#252;r die Familie, den angeblichen Kern dieser gesellschaftlichen Ordnung. Die Familie sei die „Pflanzschule“ der b&#252;rgerlichen Gesellschaft, ihre Zerst&#246;rung durch die Aufhebung der „nat&#252;rlichen“ geschlechtlichen Arbeitsteilung w&#252;rde unweigerlich zum Verfall des „freien, w&#252;rdigen Staatswesens“ f&#252;hren.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> In diesem Zusammenhang erweist sich der Diskurs &#252;ber die sozialen Rollen sowie &#252;ber die psychische und physische Beschaffenheit der zwei Geschlechter als ideologische Abst&#252;tzung der sich herausbildenden Form geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung, in der (b&#252;rgerlichen) Frauen die Hausarbeit zugewiesen wurde, bzw. diese gar darauf reduziert wurden. Ohne die die realen Geschlechterverh&#228;ltnisse eins zu eins wieder zu spiegeln, entstehen Aussagen &#252;ber „das Wesen der Geschlechter“ doch immer im Erfahrungszusammenhang der sozio&#246;konomisch realen gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse sowie der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a><br />
Zwar gab es patriarchale Herrschaftsverh&#228;ltnisse schon vor der b&#252;rgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung, doch erhielten diese nun eine neue Qualit&#228;t. Faktoren wie der Ver&#228;nderung von Arbeitsverh&#228;ltnissen und damit einhergehend von Familienstrukturen und der (r&#228;umlichen und qualitativen) Trennung von Lohn- und Hausarbeit kommt dabei eine wesentliche Bedeutung zu – wobei damit nat&#252;rlich noch lange nicht gekl&#228;rt ist, wieso ausgerechnet die Frau jenen speziellen Part in der Arbeitsteilung &#252;bernehmen sollte. Im Vergleich zu fr&#252;her wurde nun einzig die Frau und nicht mehr der Mann (Haushaltsvorstand) durch die Familie definiert.<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a><br />
Die vermeintliche psychische und physische Konstitution der Frau wurde passend zu ihrem „Fortpflanzungs“- bzw. „Gattungszweck“ und der dazu als optimal erachteten patriarchalischen monogamen Ehe bestimmt. Den als Kontrastprogramm konzipierten Eigenschaften zufolge sei der Mann von Natur aus kr&#228;ftig, aktiv, rational usw., und somit f&#252;r den &#246;ffentlichen Raum, die Frau hingegen ihrem Wesen nach abh&#228;ngig, emotional, passiv usw., und von Natur her f&#252;r den h&#228;uslichen Bereich bestimmt.<br />
Es stellt sich jedoch die Frage, in welchen gesellschaftlichen Klassen und Schichten diese Art der Arbeitsteilung zusammen mit der dazugeh&#246;rigen Dichotomisierung der Geschlechtercharaktere &#252;berhaupt anzutreffen war. Weder in b&#228;uerlichen Familien, deren Lebens- und Wirtschaftsverh&#228;ltnisse im 18. Jahrhundert nicht mit denen einer b&#252;rgerlichen Familie vergleichbar waren, noch im Proletariat korrespondierte dieses Modell mit der gesellschaftlichen Realit&#228;t. In ArbeiterInnenfamilien reichte das Einkommen des Mannes nicht aus, um den Familienbedarf zu decken, es verstand sich daher von selbst, dass Frauen und Kinder auch lohnarbeiteten. Von einer ausschlie&#223;lichen Zust&#228;ndigkeit der Frau f&#252;r die Familie konnte vorerst keine Rede sein. Mit Ph&#228;nomenen der gesellschaftlichen Realit&#228;t korrespondierte dieses Modell zun&#228;chst einzig und alleine dort, wo es auch entstanden ist, n&#228;mlich im gebildeten B&#252;rgertum.<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a></p>
<p><strong>Staatliche Regulierungen</strong><br />
Die Verallgemeinerung des b&#252;rgerliche K&#246;rpermodells, der dazu passenden Geschlechterrollen, des Familienmodells und der spezifischen, ideologisch untermauerten Arbeitsteilung fand erst nach und nach, im Laufe des 19. Jahrhunderts statt. Vermehrt wurden Bem&#252;hungen sowohl seitens des b&#252;rgerlich-kapitalistischen Nationalstaates als auch seitens der einen Teil dieses Staates verk&#246;rpernden b&#252;rgerlichen &#214;ffentlichkeit angestellt, auch bei Arbeiterinnen den richtigen „Familiensinn“ zu wecken und auf ihre „Bestimmung als Gattin, Hausfrau und Mutter“ hinzuweisen – ungeachtet der Tatsache, dass diese bereits zuvor sehr wohl auch f&#252;r die Reproduktionsarbeit zust&#228;ndig waren, freilich ohne ihren ganzen Arbeitstag Haushalt und Familie widmen zu k&#246;nnen. Die „Stabilisierung der Familienverh&#228;ltnisse“ galt als ein sicherer Weg zu L&#246;sung der „sozialen Frage“.<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a><br />
Mit der Etablierung des Nationalstaates erstreckte sich die Aufwertung der „Mutterschaftsleistung“ nicht mehr nur auf B&#252;rgerInnen, sondern auch auf den unter Aspekten der Bev&#246;lkerungspolitik betrachteten „Gattungsk&#246;rper“ der Arbeiterinnen und dessen Reproduktionsleistung. Im 19.Jahrhundert wurde vielfach &#252;ber die Fabrikarbeit von verheirateten Frauen debattiert, wobei dieser die Schuld an einer ganzen Reihe von sozialen Missst&#228;nden zugeschrieben wurde, von der Verwahrlosung des Haushalts &#252;ber Alkoholismus des Ehegatten bis zur Unterminierung des Nationalstaates.<a title="anm_49" name="anm_49" href="#anm49"><sup>49</sup></a> Mutterschutzgesetze, Regelungen zur Nachtarbeit f&#252;r Frauen etc. wurden nach und nach eingef&#252;hrt, die Geschlechterordnung also mittels gesetzlichen Regulierungen von staatlicher Seite (mit-)geformt und fixiert. Besonders die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in Bezug auf Erwerbs- und Hausarbeit wurde &#252;ber den Staat organisiert, durchgesetzt und institutionell abgest&#252;tzt. Frauen wurden als besonders schutzbed&#252;rftig konstruiert, als Wesen, die im Gegensatz zu m&#228;nnlichen Arbeitern staatlicher F&#252;rsprache bed&#252;rften.<a title="anm_50" name="anm_50" href="#anm50"><sup>50</sup></a> Interventionen im Hinblick auf Familiengestaltung, Sexualit&#228;t und Gesundheit wurden zum staatlichen Programm.<a title="anm_51" name="anm_51" href="#anm51"><sup>51</sup></a><br />
Vor allem im Hinblick auf Staatsformierung und Kriege wurden dem m&#228;nnlichen Geschlechtscharakter neben Disziplin und Arbeitsf&#228;higkeit auch Wehrhaftigkeit und soldatische Tugenden zu- und eingeschrieben, &#252;berspitzt und bildhaft formuliert, der M&#228;nnerleib zum „Maschinenk&#246;rper“ stilisiert. Diesem stand auf weiblicher Seite der nach Kriterien von Mutterschaft und famili&#228;rer Reproduktion betrachtete „Gattungsk&#246;rper“ gegen&#252;ber. Der weibliche K&#246;rper sollte zwar auch Kraft, Ausdauer und Disziplin zeigen, jedoch ausgerichtet auf seine „Mutterschaftsleistung“.<a title="anm_52" name="anm_52" href="#anm52"><sup>52</sup></a> Die auf die Bev&#246;lkerung als zu erfassendes und regulierendes Objekt einerseits sowie die auf Disziplinierung des Individualk&#246;rpers andererseits zielende staatliche Politik, besa&#223; und besitzt auch heute noch eine geschlechtsspezifische Komponente.</p>
<p><strong>Schluss</strong><br />
Vor dem Hintergrund dieser Ausf&#252;hrungen l&#228;sst sich res&#252;mieren, dass „Geschlecht“ in einem umfassenden Sinne – also sowohl im Bezug auf Geschlechterrollen als auch verstanden als Geschlechtsk&#246;rper – das Resultat eines langwierigen, historischen Prozesses ist. Die Vorstellung eines a-historischen, nat&#252;rlichen Geschlechtsk&#246;rpers, sowie die darauf fu&#223;ende Annahme einer vermeintlichen, biologisch-anatomisch eindeutigen Geschlechterdifferenz, erweisen sich selbst als Produkt gesellschaftlicher Dynamiken, die im 18. Jahrhunderts anzusiedeln sind. Die Entstehung des Modells der Zweigeschlechtlichkeit muss im Kontext der Durchsetzung b&#252;rgerlich-kapitalistischer Verh&#228;ltnisse gesehen werden, ohne nat&#252;rlich den Fehler zu begehen, die Geschlechterordnung als blo&#223;en „Effekt des Kapitalismus“ darzustellen. Vielmehr ist diese, in ihrer Eigenst&#228;ndigkeit als gesellschaftliches Macht- und Herrschaftsverh&#228;ltnis, inh&#228;rent mit der Hegemonialwerdung der b&#252;rgerlichen Klasse verbunden. Die Dominanz des gegenw&#228;rtigen Geschlechterdiskurses kann als Resultat einer sukzessiven gesellschaftlichen Verallgemeinerung des zun&#228;chst b&#252;rgerlichen Geschlechtsdiskurses verstanden werden. Diese These besagt jedoch weder, dass die Geschlechterordnung „fr&#252;her“ besser oder schlechter war, noch, dass die Zweigeschlechtlichkeit konstitutiv f&#252;r den Kapitalismus ist und dieser somit ohne ihr nicht bestehen k&#246;nne. Vielmehr, und das ist ein wesentlicher Punkt, geht es darum zu zeigen, dass die Ordnung der Geschlechter, auch in k&#246;rperlicher Hinsicht, historisch variabel und damit auch ver&#228;nderbar ist. Ein Grund mehr, sich gegen die „Zumutung“ zu positionieren, sich entsprechend dem „Geschlecht des eigenen K&#246;rpers“ <a title="anm_53" name="anm_53" href="#anm53"><sup>53</sup></a> verhalten zu m&#252;ssen.</p>
<p><strong>Anmerkung</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Nach ihrem Sieg und aufgrund ihrer Gr&#246;&#223;e und muskul&#246;sen K&#246;rperbaus kamen Zweifel auf, ob es sich bei der Sportlerin denn wirklich um eine Frau handle. Die Probleme, die die International Association of Athletics<br />
Federations (IAAF) mit der Einordnung von AthletInnenen in die Geschlechterdichotomie hat, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass seit dem Jahre 2000 zumindest bei den Olympischen Spielen alle Geschlechtstests wieder abgeschafft sind.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Pionierarbeit in Bezug auf K&#246;rpergeschichte wurde vor allem in den USA und in Australien geleistet. Im deutschsprachigem Raum fasste das Thema erst in den 90er Jahren richtig Fu&#223; (vgl. Lorenz, Maren: Leibhaftige Vergangenheit. T&#252;bingen 2000, S. 9).<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Vgl. Gallagher, Catherine (Hg): The Making of Modern Body. 1987, S.VII<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Hof, Renate: Einleitung: Geschlechterverh&#228;ltnis und Geschlechterforschung. In: Bu&#223;mann/Hof. Genus. Geschlechterforschung. Stuttgart 2005, S.16<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Z.B. von Claudia Honegger, Barbara Duden, Karin Hausen, Ute Frevert, uvm.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Die Fallbeispiele in den Forschungsarbeiten beziehen sich auf Gebiete des heutigen Europas. Wie weit die Ergebnisse auch f&#252;r andere Teile der Welt g&#252;ltig sind, kann im Rahmen dieses Artikels nicht beantwortet werden.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Vgl. Laqueur, Thomas: Auf den Leib geschrieben. Frankfurt/Main 1992, S. 36<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Kleidungs- und Verhaltenswechsel konnten folglich zu massiver Verwirrung f&#252;hren – es sei hier z.B. an die unglaublichen Konfusionen erinnert, die in den St&#252;cken Shakespears durch Geschlechtsrollentausch erzeugt werden k&#246;nnen (vgl. Maihofer, Andrea: Geschlecht als Existenzweise. Frankfurt/Main 1995, S. 30 und auch Laqueur a.a.O., S. 21)<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Laqueur, a.a.O., S. 17<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Laqueur, a.a.O., S. 50<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Laqueur, a.a.O., S. 52<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Laqueur, a.a.O., S. 158. Die Historikerin Barbara Duden hat sich in ihren empirischen Studien anhand von Krankenberichten und &#228;rztlichen Protokollen aus dem fr&#252;hen 18. Jahrhundert der Frage nach dem K&#246;rper verst&#228;ndnis von Frauen gewidmet. Es zeigt sich, dass die Art und Weise, wie die eigenen K&#246;rper wahrgenommen wurden, der These des „Ein-Geschlecht-Modells“ durchaus entspricht (vgl. Duden, Barbara: Geschichte unter der Haut. 1987).<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Laqueur, a.a.O., S. 114<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> vgl. Schiebinger, Londa: Skeletons in the Closet: The First Illustration of the Female Skeleton in Eighteenth-Century Anatomy. In: Gallagher, Catherine (Hg): The Making of Modern Body. 1987, S. 42–82. Der Medizinhistoriker Michael Strolberg argumentiert dagegen, dass es bereits im 16. Jahrhundert zweigeschlechtliche Unterscheidungen von Skeletten gegeben habe (vgl. Strolberg, Michael: A woman down to her bones. in: Isis, Vol. 94, No.2. (Jun., 2003) S. 274-299<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Honegger, Claudia: Die Ordnung der Geschlechter. Wissenschaft vom Menschen und das Weib 1750-1850. Frankfut 1991. S. 168f<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Honegger, a.a.O., S. 8<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Honegger a.a.O., 191, 42; vgl.179f.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Laqueur a.a.O., 172, 200ff.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Laqueur, a.a.O., S. 23<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Laqueur, a.a.O., S. 23<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Bei allen Parallelen – wie bereits erw&#228;hnt besteht weitgehend Einigkeit was die zeitliche Einordnung der Umw&#228;lzungen betrifft – gibt es doch auch Unterschiede in der analytischen Beschreibung der gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse. So wird nicht immer die Durchsetzung kapitalistischer Verh&#228;ltnisse in den Mittelpunkt ger&#252;ckt, sondern unter anderem vom &#220;bergang von der „traditionellen” zur “modernen Gesellschaft“ bzw. zur „Industriegesellschaft“ gesprochen.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Vergleiche hierzu: “Engels, Ian (2009). Marx, Engels…und Darwin? In: Perspektiven nr. 9.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Vgl. Honegger, a.a.O., S. 135, 191<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> vgl. Schiebinger, Londa: Das private Leben der Pflanzen. Geschlechterpolitik bei Carl von Linné und Erasmus Darwin; in: Hagner, Michael (Hg.): Ansichten der Wissenschaftsgeschichte. Frankfurt 2001, S. 107-133<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> S&#246;mmering hatte 1785 bereits „Ueber die k&#246;rperliche Verschiedenheit des Negers vom Europ&#228;er“ ver&#246;ffentlicht. Nicht nur der Titel, sondern auch die vergleichende Argumentation verweisen auf die &#228;hnliche Vorgehensweise in der Rassen- und Geschlechterkunde (vgl. Honegger, a.a.O., S. 111-117, 170ff.).<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> vgl. Maihofer, a.a.O., S. 26, 36<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> vgl. Duden, Barbara: Geschichte unter der Haut. 1987. S. 28<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Maihofer, a.a.O., S. 37<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> vgl. Sarasin, Philipp: Reizbare Maschinen. Frankfurt/Main 2001, S. 25, 211<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Frevert, Ute. in: Eifert, Christiane (Hg.): Was sind Frauen? Was sind M&#228;nner? Frankfurt/Main 1996, 139ff.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> vgl. Maihofer, a.a.O., S. 37<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> zit. nach Sarasin, a.a.O., S. 207. vgl. auch S. 189<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> vgl. Duden, a.a.O., S. 29<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> vgl. Schiebinger, Londa: Anatomie der Differenz, in: Feministische Studien, 11.Jhg., Mai 1993, Nr. 11. S. 48-64, S. 49, 60<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> vgl. Maihofer, a.a.O., S. 31<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Ebd., S. 161<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> vgl. Schiebinger a.a.O. 1993, S. 61<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> vgl. vgl. Schiebinger, Londa: Skeletons in the Closet: The First Illustration of the Female Skeleton in Eighteenth-Century Anatomy. In: Callagher, a.a.O., S. 67 und Laqueur, a.a.O., S. 220<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Gerhard, Ute: “Bis an die Wurzeln des &#220;bels”. Rechtsgeschichte und Rechtsk&#228;mpfe der Radikalen, in: Feministische Studien, Heft 1, 1984, S. 77-99, S. 81<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Aus diesem Grund bleibt „proletarischer Antifeminismus“, wie es ihn etwa seitens der Sozialdemokratie gegeben hat, in dieser Betrachtung au&#223;en vor.Vgl. Planert, Ute: Mannweiber, Uriniden, und sterile Jungfern. Die Frauenbewegung und ihre Gegner im Kaiserreich, in: Feministische Studien, Heft 1, 2000, S. 22-36, S. 22<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> vgl. Planert, Ute: Der dreifache K&#246;rper des Volkes. Sexualit&#228;t, Biopolitik und die Wissenschaft vom Leben, in: Geschichte und Gesellschaft, 26.Jhg., 2000, S. 539-407, S. 558<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> vgl. Frevert, Ute (Hg.): B&#252;rgerinnen und B&#252;rger. G&#246;ttingen 1988, S.13<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> vg. Hirschauer, Strefan: Wie sind Frauen? Wie sind M&#228;nner? Zweigeschlechtlichkeit als Wissenssystem, in: Eifert, Christiane: Was sind Frauen? Was sind M&#228;nner? Frankfurt/Main 1996, S. 240-256, S. 245<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> vgl. Frevert a.a.O., S. 12f.<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Hausen, Karin: Die Polarisierung der “Geschlechtscharaktere” – Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben, in: Conze, Werner (Hg.): Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas. Stuttgard 1976, S. 263-394, S. 363<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> vgl. ebd., S. 375<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> vgl. ebd., S. 376ff., S. 383<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> vgl. ebd.<br />
<a title="anm49" name="anm49" href="#anm_49">49</a> Planert 2000, S.552-555<br />
<a title="anm50" name="anm50" href="#anm_50">50</a> Schmitt, Sabine: Der Arbeiterinnenschutz im deutschen Kaiserreich. Zur Konstruktion der schutzbed&#252;rftigen Arbeiterin. Stuttgart 1995. S.16f.<br />
<a title="anm51" name="anm51" href="#anm_51">51</a> Auch die m&#228;nnliche Sexualit&#228;t wurde thematisiert, etwa im Bezug auf Onanie, oder sp&#228;ter von Wahnsinnigen und Rassentheoretikern wie etwa Lanz von Liebenfels, der eine Art Anleitung f&#252;r M&#228;nner zur Erzeugung sch&#246;ner Kind verfasste. Allerdings war diese im Vergleich zu der weiblichen Sexualit&#228;t eher von zweitrangigem Interesse. (planert 2000: 567ff.)<br />
<a title="anm52" name="anm52" href="#anm_52">52</a> vgl. Planert 2000, S. 547-553<br />
<a title="anm53" name="anm53" href="#anm_53">53</a> vgl. Maihofer a.a.O., S. 95</p>
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		<title>Welche Wirtschaft, wessen Krise?</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Jan 2010 17:50:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterverhältnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung(skritik)]]></category>
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		<description><![CDATA[Katharina Hajek und Benjamin Opratko fragen, welche Effekte die globale Wirtschaftskrise auf gegenw&#228;rtige Geschlechterverh&#228;ltnisse hat. Was sind die vergeschlechtlichten Dimensionen der staatlichen Krisenbearbeitungsstrategien? Und was sagt die Besch&#228;ftigung mit Geschlechterpolitik in der Krise &#252;ber beliebte Thesen vom „Ende des Neoliberalismus“ aus?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Katharina Hajek</em> und <em>Benjamin Opratko</em> fragen, welche Effekte die globale Wirtschaftskrise auf gegenw&#228;rtige Geschlechterverh&#228;ltnisse hat. Was sind die vergeschlechtlichten Dimensionen der staatlichen Krisenbearbeitungsstrategien? Und was sagt die Besch&#228;ftigung mit Geschlechterpolitik in der Krise &#252;ber beliebte Thesen vom „Ende des Neoliberalismus“ aus?<br />
<span id="more-666"></span><br />
„Warum hat die Forschung nach den Ursachen [der] Finanz- bzw. Kreditkrise […] keine feministische ‚Stimme‘?“ fragt Brigitte Young zu Beginn ihres k&#252;rzlich erschienenen Artikels<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a>, um gleich darauf das Offensichtliche zu benennen: Frauen sind im Bereich der Finanzwelt nicht oft vorzufinden. Der Verweis auf die m&#228;nnerb&#252;ndische Verfasstheit der <em>high street</em> der Finanzwelt, die von offenen und subtilen Formen der Ausgrenzung, sowie Mechanismen homosozialer Selbstrekrutierung gekennzeichnet sind, l&#228;sst den gesch&#228;tzten Frauenanteil in diesen Netzwerken von unter 10 Prozent<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> nicht &#252;berraschend erscheinen.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Das Hochhalten der neoklassischen Prinzipien des Wettbewerbs und der individuellen Nutzenmaximierung, sowie der Verweis auf die scheinbar objektiven, weil auf abstrakten Modellen und quantitativen Daten basierenden Verfahren der neoklassischen &#214;konomie durch Experten und Entscheidungstr&#228;ger (sic!) tut das ihre zur antidemokratischen Strukturiertheit der globalen Finanzwelt. Zugleich ist all dies – und auch das d&#252;rfte einem/er schwer entgangen sein – in den letzten Monaten immer mehr unter Druck geraten. Die sich schier &#252;berschlagenden Meldungen von Pleiten, Konkursantr&#228;gen, Notverk&#228;ufen und eilig ins Leben gerufenen staatlichen „Rettungspaketen“ &#252;ber Summen, die jegliche Vorstellungskraft &#252;bersteigen, lesen sich – jede f&#252;r sich – als Totschlagargument gegen das Credo der Selbstregulierung und die Effizient der Finanzm&#228;rkte. Doch wenn selbst das Organ des internationalen Finanzkapitals verlautbaren l&#228;sst, dass „On September 15, 2008, the era of Ronald Reagan officially came to an end“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>, dann verweist dies nicht zuletzt auf M&#246;glichkeiten der Intervention und Argumentation f&#252;r alternative, demokratischere Modelle und Rationalit&#228;ten, und damit auch f&#252;r die feministische Kritik.<br />
In diesem Kontext sind die wenigen, jedoch umso eindringlicheren Publikationen von FeministInnen zu lesen, die sich in den vergangenen Monaten zu Wort gemeldet haben. Dabei lassen sich – aus feministischer Sicht – vor allem drei Perspektiven auf die gegenw&#228;rtige Krise ausmachen. Die erste verweist auf die empirischen Auswirkungen der Krise und der (staatlichen) Krisenbearbeitungen, von der M&#228;nner und Frauen durchaus unterschiedlich betroffen sind. So wird in diesem Rahmen beispielsweise herausgestrichen, dass traditionelle Frauenarbeitspl&#228;tze – etwa im Gegensatz zur exportorientierten Branchen, wie der Automobilindustrie – weniger krisenexponiert sind, jedoch l&#228;ngerfristig und auch im Zuge der kommenden Budgetkonsolidierungen betroffen sein werden. Auch Konjunkturpolitik ist Geschlechterpolitik<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a>: Gef&#246;rdert werden hier vor allem „M&#228;nnerarbeitspl&#228;tze“ (etwa im Bauwesen), die Bereiche Pflege, Bildung und Gesundheit wurden und werden – trotz dringenden Bedarfs – &#252;bergangen. Daneben werden Frauen die Krise auch dar&#252;ber zu sp&#252;ren bekommen, dass der R&#252;ckgang des Haushaltseinkommens &#252;ber mehr Eigenleistung im Bereich der privaten, unbezahlten Versorgungs- und Pflegearbeit auszugleichen sein wird, T&#228;tigkeiten die traditionell Frauen zugeschrieben wird.<br />
Eine zweite Herangehensweise konzentriert sich auf die diskursiven Bearbeitungsformen: wie wird &#252;ber die Krise gesprochen und geschrieben? Hier steht etwa die Kritik an essentialistischen Geschlechtervorstellungen im Zentrum, die in jenen Erkl&#228;rungsmodellen anzutreffen sind, in denen junge, risikofreudige und vor allem m&#228;nnliche Finanzmanager als die Schuldigen des globalen Schlamassels ausgemacht werden. Frauen, die von der Natur mit mehr R&#252;ck- und Weitsicht ausgestattet seien, w&#228;re das entsprechend nicht passiert – und sie sollten nun helfen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen.<br />
Eine dritte Perspektive st&#252;tzt sich auf die Erkenntnisse feministischer Staatstheorie und Staatsforschung. Sie betont die Kontinuit&#228;t maskulinistischer Strukturen in den Staatsapparaten und zeigt, wie auch durch die aktuellen staatlichen Krisenbearbeitungsstrategien patriarchale Verh&#228;ltnisse, sexistische Arbeitsteilung und Geschlechterstereotypen reproduziert werden.</p>
<p><strong>Historischer Block und Geschlecht</strong><br />
Die drei beschriebenen Analyseperspektiven erm&#246;glichen also – auch f&#252;r sich genommen – einen je spezifischen Blick auf das „Geschlecht“ der aktuellen globalen Wirtschaftskrise. So n&#252;tzlich diese analytischen Trennungen zur Anleitung empirischer Forschung und zur Durchf&#252;hrung von konkreten Policy-Analysen sind, als so notwendig erachten wir jedoch auch eine allgemeinere theoretische und politische Einsch&#228;tzung des Zusammenhangs von Geschlechterverh&#228;ltnissen und der aktuellen globalen Krise. Dazu bedarf es der kritischer Begriffsarbeit; denn realiter existieren die angef&#252;hrten unterschiedlichen Dimensionen – der &#214;konomie, der Ideologie und der Politik – nicht separat voneinander, sondern sind Teil eines komplexen, ineinander verwobenen gesellschaftlichen Ganzen, das es letztlich in den Blick zu bekommen gilt. Dazu wollen wir zun&#228;chst einige Kategorien aus marxistischen und feministischen Diskussionen vorstellen, die wir f&#252;r hilfreich zur Analyse der vielf&#228;ltigen Dimensionen der Geschlechterverh&#228;ltnisse in der Krise halten. Aus diesen ergibt sich denn auch eine Pr&#228;zisierung unserer Ausgangsfrage, jener nach dem Verh&#228;ltnis von Wirtschaftskrise und Geschlechterverh&#228;ltnissen.<br />
Doch zun&#228;chst ein Schritt zur&#252;ck: wenn wir die Frage nach aktuellen Umbr&#252;chen stellen, haben wir bereits eine theoretische Vorentscheidung getroffen. Wir sprechen nicht von der Beziehung „des Kapitalismus“ zu „den (asymmetrischen) Geschlechterverh&#228;ltnissen“; auf dieser hohen Abstraktionsebene k&#246;nnen h&#246;chstens sehr allgemeine Aussagen generiert werden, und selbst die sind oft von zweifelhafter Stichhaltigkeit (siehe den Artikel von Maria Asenbaum und Katherina Kinzel in diesem Heft). Vielmehr gehen wir davon aus, dass kapitalistische Gesellschaftsformationen sich r&#228;umlichhistorisch ausdifferenzieren und dementsprechend unterschiedliche kapitalistische Entwicklungsmodelle identifiziert werden k&#246;nnen, die sich durch bestimmte &#246;konomische, politische und ideologische Konstellationen auszeichnen.<br />
Einer der ersten, der die Grundlagen einer solchen analytischen Einteilung entwickelt hat, war der italienische Marxist Antonio Gramsci. Er pr&#228;gte in seinen politischen Analysen den Begriff des „historischen Blocks“, der f&#252;r ihn zwei wesentliche Dimensionen umfasst. <em>Erstens </em>ist damit eine Kompromisskonstellation gemeint, in der eine gesellschaftliche Gruppe „f&#252;hrend und herrschend“ ist. Das hei&#223;t, dass sie nicht nur durch Zwang und Gewalt ihre politische Macht aufrechterh&#228;lt, sondern in erster Linie dadurch, dass sie die Zustimmung der Beherrschten zu den herrschenden Verh&#228;ltnissen organisiert. Diese Form der Herrschaft nennt Gramsci „Hegemonie“; sie wird auf Basis der Kontrolle &#252;ber die Produktionsmittel ausge&#252;bt, geht jedoch &#252;ber diese hinaus und verankert sich im allt&#228;glichen (Un-)Bewusstsein der Subalternen. Zweitens verweist der Begriff „historischer Block“ auf eine relative Koh&#228;renz zwischen der &#246;konomischen Struktur – also der Organisation des Produktionsprozesses, Formen der Arbeitsteilung, der Verf&#252;gungsgewalt &#252;ber die Produktionsmittel und dem Entwicklungsstand der Produktivkr&#228;fte – und den „Superstrukturen“ – welche die Staatsform, staatliche Politiken, kulturelle und moralische Leitbilder, und auch den „Alltagsverstand“, also das allt&#228;gliche Selbst- und Weltverst&#228;ndnis breiter Teile der Bev&#246;lkerung umfassen.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Hier wird deutlich, dass Ideologien (oder Weltauffassungen, wie Gramsci sie nennt), d.h. Normen, Werte, Vorstellungen &#252;ber Moral etc., die in den Institutionen der Zivilgesellschaft ausgearbeitet, organisiert und durchgesetzt werden, in den Alltagsverstand integriert und somit von den Individuen f&#252;r sinnvoll und richtig erachtet werden; sie <em>handeln danach</em>. Daher besitzen sie immer auch eine „materielle Gewalt“.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Der Alltagsverstand kann somit als Schnittstelle von Herrschaftsaus&#252;bung und Subjektivierung verstanden werden, f&#252;r das „Gelingen“ einer bestimmten Entwicklungsweise sind also immer auch staatliche Interventionen f&#252;r eine bestimmte Subjektivit&#228;t vonn&#246;ten.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Ein prominentes Beispiel f&#252;r diese Herangehensweise, dem wir uns unten genauer zuwenden, ist Gramscis Analyse des entstehenden Fordismus in den USA zu Beginn des 20.Jahrhunderts.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a></p>
<p><strong>Geschlechterregime</strong><br />
Der an Gramsci orientierte, hegemonietheoretische Ansatz gibt uns also erste theoretische Begriffe in die Hand, um unsere Fragestellung zu verfolgen. Was hier aber nur rudiment&#228;r angelegt ist, ist ein Verst&#228;ndnis der grundlegenden Bedeutung der Geschlechterverh&#228;ltnisse f&#252;r die Existenz eines historischen Blocks. Die Sache ist kompliziert: unterschiedliche Entwicklungsweisen sind immer mit bestimmten Organisationsformen der Geschlechterverh&#228;ltnisse verbunden. Diese weisen aber nicht blo&#223; „den Frauen“ und „den M&#228;nnern“ spezifische Pl&#228;tze in der Gesellschaft zu; vielmehr artikulieren sich die Geschlechterverh&#228;ltnisse auf grundlegende Weise mit Klassenverh&#228;ltnissen und rassistischen Zuschreibungen. So waren etwa im fr&#252;hen, „liberalen“ Kapitalismus die hegemonialen weiblichen und m&#228;nnlichen Rollenbilder durch und durch <em>b&#252;rgerliche </em>und <em>wei&#223;e </em>Leitbilder und als solche von der Lebensrealit&#228;t proletarischer, b&#228;uerlicher Familien weit entfernt, von nicht-europ&#228;ischen MigrantInnen ganz zu schweigen. Sie mussten erst m&#252;hsam in den subalternen Klassen durchgesetzt werden (siehe den Artikel von Tobias Boos und Veronika Duma in diesem Heft).<br />
Dazu kommt jedoch, dass &#252;ber die spezifischen Arrangements der historischen Bl&#246;cke hinaus patriarchale Geschlechterverh&#228;ltnisse sich durch eine besonders langfristige Persistenz auszeichnen. &#220;ber kapitalistische Entwicklungsphasen hinweg existiert eine Kontinuit&#228;t m&#228;nnlicher Dominanz. Wenn wir Geschlechterverh&#228;ltnisse theoretisieren wollen, brauchen wir also Konzepte unterschiedlicher Reichweite und Abstraktionsebenen. Dazu schlagen wir vor, zwei Begriffe von Robert Connell, einem Begr&#252;nder der kritischen M&#228;nnlichkeitsforschung, zu &#252;bernehmen: <em>Geschlechterregime </em>und <em>Geschlechterordnung</em>.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Als Geschlechterregime kann demnach eine spezifische Ordnung der Geschlechterverh&#228;ltnisse in einer bestimmten historischen Phase oder in Bezug auf ein bestimmtes politisches Projekt gesprochen werden – z.B. das Geschlechterregime des Fordismus. Eingebettet ist ein Geschlechterregime in die l&#228;ngerfristigen Strukturen der Geschlechterordnung, die besonders starke Kontinuit&#228;ten in den Geschlechterverh&#228;ltnissen umfasst – z.B. die Norm der Heterosexualit&#228;t, die geschlechtliche Zuordnung von &#246;ffentlicher und privater Sph&#228;re und &#228;hnliches.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a><br />
Geschlechterregime interessieren uns nun insbesondere als Teil eines historischen Blocks, der sich zu einer relativ stabilen Entwicklungsweise f&#252;gt. Wir wollen das Konzept von Connell aufnehmen, erg&#228;nzen und ver&#228;ndern es jedoch an einigen Stellen und machen folgende wesentliche Elemente eines Geschlechterregimes aus: (1.) die Form der geschlechtlichen <em>Arbeitsteilung</em>; (2.) die maskulinistische Pr&#228;gung des <em>Staates</em>; (3.) die <em>Familienform </em>und (4.) die hegemonialen <em>Geschlechterleitbilder </em>sowie Formen vergeschlechtlichter „Anrufungen“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> und <em>Subjektivierungen</em>.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a><br />
Vor diesem Hintergrund wollen wir nun die Ausgangsfrage des Artikels pr&#228;zisieren. Uns erscheint f&#252;r eine Einsch&#228;tzung des Zusammenhangs der globalen Wirtschaftskrise und der Geschlechterverh&#228;ltnisse vor allem wichtig, zu kl&#228;ren, ob sich aktuell Verschiebungen oder gar Br&#252;che im Geschlechterregime ausmachen lassen. Dies vor dem Hintergrund der These, dass in den letzten Jahrzehnten ein spezifisch <em>neoliberales </em>Geschlechterregime etabliert wurde, das sich von dem vorangegangenen, <em>fordistischen </em>Regime in Bezug auf unsere vier Elemente unterscheiden l&#228;sst. Diese Frage ber&#252;hrt die aktuell in den unterschiedlichsten politischen Zusammenh&#228;ngen gef&#252;hrte Debatte, ob es sich bei der aktuellen Krise des Kapitalismus um eine tief greifende Krise oder gar das dr&#228;uende Ende des Neoliberalismus handelt, oder ob die spektakul&#228;ren Ereignisse des letzten Jahres eher &#252;ber die tats&#228;chliche effektive Kontinuit&#228;t des neoliberalen Entwicklungsmodells hinweg t&#228;uschen. Wenn ein historischer Block, wie oben argumentiert, immer und notwendigerweise auch ein bestimmtes Geschlechterregime umfasst, so verweist deren Analyse letztlich auch auf die Stabilit&#228;t oder Krisenhaftigkeit der aktuell bestehenden Ordnung.<br />
Um die Frage nach Kontinuit&#228;t oder Br&#252;chen im Geschlechterregime stellen zu k&#246;nnen, m&#252;ssen wir zun&#228;chst kl&#228;ren, womit sich denn ein etwaiger Bruch vollziehen k&#246;nnte. Sprich: was macht denn nun das neoliberale Geschlechterregime in Bezug auf Arbeitsteilung, Staat, Familie, Geschlechterleitbilder und Subjektivierungsformen aus?</p>
<p><strong>Fordistische Geschlechter</strong><br />
Hierf&#252;r bietet sich die Hegemonietheorie Antonio Gramscis an. Sie erm&#246;glicht es uns, die Ver&#228;nderungen der Produktionsverh&#228;ltnisse in ihrer Verbindung mit Staatlichkeit und Familienform und der Art und Weise, wie Subjekte regiert werden analytisch zu fassen. Denn Hegemonie bedeutet auch die „F&#228;higkeit, die Zustimmung der Individuen zu dem gesamtgesellschaftlichen Projekt zu organisieren, sodass diese den &#246;konomischen Anforderungen sowie den politischen und ideologischen Anrufungen aktiv nachgehen“.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> F&#252;r eine feministische Herangehensweise ist es nun von zentraler Bedeutung, das Subjektivit&#228;ten immer vergeschlechtlicht sind– und somit auch die Formen der Anrufungen und in Konsequenz die hegemonialen Geschlechterleitbilder, die, wie bereits oben skizziert, einen wichtigen Teil eines Gschlechterregimes ausmachen. Die Existenz bzw. die Unterscheidung von M&#228;nnern und Frauen darf somit nicht essentialistisch als gegebenen und „nat&#252;rlich“ gefasst werden. Vielmehr muss danach gefragt werden, wie M&#228;nnlichkeit und Weiblichkeit in der Zivilgesellschaft entlang spezifischer Normen, Wertvorstellungen und Zuschreibungen organisiert und im allt&#228;glichen Handeln reproduziert werden.<br />
Diese Prozesse k&#246;nnen mit Gramscis Analyse des amerikanischen Fordismus´ nachgezeichnet werden, indem er darstellt, wie Anforderungen an die Individuen, staatliche/hegemoniale F&#252;hrung und Subjektkonstruktionen ineinander greifen. Ausgehend von den Ver&#228;nderungen in der Produktionsweise – des Aufkommens tayloristischer Prinzipien der ‚wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung’ – zeichnet er nach, wie diese die Genese eines neuen Menschtypus, genauer: eines spezifischen Typs des m&#228;nnlichen Lohnarbeiters bedurften. „[D]as Leben in der Industrie erfordert eine allgemeine Ausbildung, einen Prozess der psycho-physischen Anpassung an bestimmte Bedingungen der Arbeit, der Ern&#228;hrung, der Wohnung der Gewohnheiten usw., was nichts Angeborenes, ‚Nat&#252;rliches’ ist, sondern erworben sein will.“.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Die Anforderungen und Voraussetzungen f&#252;r ein Arbeiten am Flie&#223;band, das durch repetitive T&#228;tigkeit und Monotonie gekennzeichnet ist, w&#228;re allein durch milit&#228;rischen Drill, physischen Zwang und Disziplinierung nicht zu erreichen gewesen. Vielmehr wurden Lohnarbeitssubjekte ‚gebraucht’, die nicht nur bereit waren, diese T&#228;tigkeit jahrzehntelang auszuf&#252;hren, sondern auch mental und psychisch in der Lage waren, diese durchzuf&#252;hren. Wie auch Frigga Haug betont, ergibt sich „[d]ieser Typ [jedoch] nicht als Reflex auf neue Anforderungen, er wird vielmehr Produkt kultureller Anstrengungen, hier u. a. von Seiten der Unternehmer.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Diese Subjektivierungsprozesse d&#252;rfen somit nicht entlang eines &#246;konomischen Determinismus gedacht werden, sondern sind immer auch das Produkt von kulturellen und hegemonialen K&#228;mpfen. Gramsci zeigt etwa an Beispielen staatlicher Kampagnen gegen Alkoholismus, wie eine bestimmte Lebensf&#252;hrung als Norm propagiert und von den Individuen in ihren Alltagsverstand integriert wurde. Da die tayloristische Arbeitsweise und das fordistische Gesellschaftsmodell insgesamt auf Bedingungen der Stabilit&#228;t und Regelm&#228;&#223;igkeit aufbauten, zielten die Subjektivierungsweisen auf eine geregelte und stabile Lebensweise ab. &#220;ber die Kontrolle der Moralit&#228;t und Lebensf&#252;hrung der Arbeiter wurde ein „psycho-physischer Zusammenhang“ geschaffen, um die erforderte nervlich-muskul&#228;re Leistungsf&#228;higkeit zu sichern. Gramsci nennt als Beispiel hier etwa die Tatsache, dass die Arbeiter in den Ford-Werken und deren Familien regelm&#228;&#223;ig zu Hause von einer Truppe betriebseigener Inspekteuren „besucht“ wurden, die ihre Haushaltsf&#252;hrung und ihrPrivatleben kontrollierten, um sicher zu stellen, dass diese keinem ausschweifenden, der Leistung der Arbeiter abtr&#228;glichen Leben nachgingen.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Auch die „sexuelle Frage“ spielte dabei eine Rolle.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Da der „arbeitende Mensch“ es sich nicht leisten kann, jede Nacht aufs neue auf die Suche nach sexueller Befriedigung zu gehen, kommt hier der Monogamie und der stabilen Zweierbeziehung gro&#223;e Bedeutung zu, und damit der Ehefrau, „die zuverl&#228;ssig, unfehlbar da ist, die sich nicht ziert und nicht die Kom&#246;die der Verf&#252;hrung“ spielt.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Genau hier bringt Gramsci die <em>vergeschlechtlichen</em> Subjektivierungsprozesse ins Spiel. Die Herausbildung des neuen Menschentyps geschah nicht universell, sondern bedingte die Konstitution vergeschlechtlicher Subjekte. D.h. die Reproduktion der fordistischen Gesellschaftsformation bedurfte sowohl des m&#228;nnlichen Lohnarbeiters, der seinen Lebenswandel anhand bestimmter Anforderungen ausrichtet, als auch der „&#252;berwachenden und f&#252;rsorglichen“ Haus- und Ehefrau, die unbezahlt der privaten Reproduktionsarbeit nachgeht. Somit h&#228;ngt die Produktion von Subjektivit&#228;t immer auch „mit der Ausgestaltung gesellschaftlicher Arbeitsteilung und damit mit der Organisation der Reproduktion einer bestimmten Gesellschaftsformation insgesamt“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> zusammen. Die geschlechtliche Arbeitsteilung wurde somit &#252;ber „die Zustimmung zu hegemonialen Vorstellungen, welche Zust&#228;ndigkeiten als geschlechtsspezifische gedacht und verteilt werden“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a>, organisiert. Der zentrale Ort der Organisation dieser Arbeitsteilung war die heterosexuelle Kleinfamilie. Obwohl Gramsci in seinen Fordismusanalysen den Staat im engeren Sinne nicht einbezogen hat<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a>, hat jedoch die feministische Wohlfahrtsstaatenforschung gezeigt, dass diese m&#228;nnlichen und weiblichen Subjektivit&#228;ten sowie die damit zusammenh&#228;ngende geschlechtliche Arbeitsteilung durch einen inh&#228;rent maskulinistischen (Sozal-)Staat gest&#252;tzt wurden. Die westlichen Sozialstaaten haben sich so stets an der Norm des m&#228;nnlichen Normalarbeiters orientiert, diesbez&#252;gliche Anspr&#252;che im Fall von Alter, Krankheit, Erwerbsunf&#228;higkeit und Arbeitslosigkeit waren und sind an die Aus&#252;bung kontinuierlicher Vollzeitarbeit gebunden. Weibliche Lebenssituationen, Pflege- und F&#252;rsorgearbeit wurde Dethematisiert und Privatisiert. Dies hatte und hat zur Folge, dass m&#228;nnliche Subjekte Anspr&#252;che aufgrund von sozialen <em>Rechten</em>, weibliche hingegen vorwiegend aufgrund von <em>Bed&#252;rfnissen</em> geltend machen k&#246;nnen. Frauen wurden einzig als Ehefrauen, M&#252;tter, T&#246;chter oder Witwen in das wohlfahrtsstaatliche System integriert, was immer auch eine Ableitung ihrer Anspr&#252;che aus ihrem Verh&#228;ltnis zum Mann und somit eine Fortschreibung von patriarchalen Strukturen ist.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a></p>
<p><strong>Flexibilisierung und Reprivatisierung</strong><br />
Der historische Block des Fordismus kann also als ein spezifisches Geschlechterregime analysiert werden, in dem Arbeitsteilung, staatliche Politiken, Familienform und Subjektivierung auf spezifische Weise verschr&#228;nkt waren. Mit dem Aufbrechen des fordistischen Entwicklungsmodells ab dem Ende der 1960er Jahre wurde auch diese Konstellation in Frage gestellt. Ergebnis war ein neoliberales Geschlechterregime, das auf neue hegemoniale Formen der F&#252;hrung aufsetzt und letztlich auch neue Normen und Zuschreibungen von M&#228;nnlichkeit und Weiblichkeit vermittelt.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Um diese Prozesse zu verdeutlichen, wenden wir uns in Folge den geschlechterpolitischen Leitlinien des Gender Mainstreamings der Europ&#228;ischen Kommission und dem Bericht der Hartz-Kommission zur Restrukturierung der Arbeitslosenpolitik in Deutschland zu. Diese beiden Felder k&#246;nnen – trotz aller nationalen und regionalen Spezifika – als exemplarische Beispiele f&#252;r neoliberale Reformen dienen, wie sie in den letzten drei Jahrzehnten in ganz Europa &#228;hnlich durchgesetzt wurden. Auf dieser Grundlage wollen wir nachzeichnen, wie das neoliberale Geschlechterregime als solches von inh&#228;renten Widerspr&#252;chlichkeiten gekennzeichnet sind, die sich aus der verst&#228;rkten Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt bei gleichzeitiger De-Thematisierung und Reprivatisierung der Reproduktionsarbeit ergibt, die auch weiterhin dem Verantwortungsbereich von Frauen zugeschrieben wird.<br />
Gundula Ludwig schl&#228;gt vor, Gender Mainstreaming<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> [im Folgenden GM] als „als ein Feld von F&#252;hrungstechniken und Selbsttechnologien [zu] betracht[en], das ein bestimmtes Feld von vergeschlechtlichen Subjektkonstruktionen vermittelt“ und dabei auf bestimmte Vorstellungen &#252;ber geschlechtliche Zust&#228;ndigkeiten und Arbeitsteilung rekurriert.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a><br />
Als zentrales Moment wird dabei die Erh&#246;hung der <em>employability </em>und die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt angesehen. Dies f&#252;gt sich damit nahtlos in die Lissabon-Strategie der EU ein, die bis 2010 eine Frauenbesch&#228;ftigungsquote von 60 Prozent als Bedingung f&#252;r die Entwicklung Europas zum „wettbewerbsf&#228;higsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt“ anstrebt.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a><br />
Unter diesem Gesichtspunkt ist auch der Bericht der Hartz-Kommission<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup</sup></a> zu lesen. So betont Katharina P&#252;hl, dass diese nicht nur auf eine „effektivere“ Vermittlung von Arbeitslosen, sondern implizit auf gelebte Alltags- und Lebensverh&#228;ltnisse abzielt.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Im Gegensatz zu GM bezieht sich dieser jedoch nicht allein auf Frauen, sondern spricht „beide Geschlechter“ als „UnternehmerInnen“ an, die sich (nicht zuletzt als Ich-AGs oder via Mini-Jobs) eigenverantwortlich und flexibel in den Arbeitsmarkt integrieren sollen. Geschlecht als herrschaftsf&#246;rmiges gesellschaftliches Verh&#228;ltnis wird – wie sp&#228;ter noch zu zeigen sein wird – weitgehend dethematisiert, und ausschlie&#223;lich sowie selektiv als „Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ angesprochen. Der Hartz-Bericht kann somit in den Prozessen der neoliberalen Restrukturierung der Sozialpolitik kontextualisiert werden, die &#252;ber eine Neuausrichtung der wohlfahrtsstaatlichen Institutionen nach betriebswirtschaftlichen Kriterien hinaus auch den Abbau sozialstaatlicher Leistungen (der im verst&#228;rkten Ma&#223;e vor allem Frauen und M&#228;dchen betrifft) und eine „Reformulierung“ sozialstaatlicher Aufgaben forciert.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a><br />
Kontrastiert man die zentralen Aussagen in diesen Dokumenten etwa mit den Analysen des fordistischen Geschlechterregimes, so f&#228;llt auf, dass hier traditionelle Zuschreibungen an Weiblichkeit aufgebrochen werden und mit neuen Zust&#228;ndigkeiten verbunden werden. „Je weniger sich die Grundpfeiler des Fordismus – Massenproduktion f&#252;r den nationalen Binnenmarkt und Sozialstaatlichkeit – als Garantie f&#252;r die erfolgreiche Reproduktion kapitalistischer Verh&#228;ltnisse erwiesen, umso mehr trat an deren Stelle eine Form des Kapitalismus, der auf flexible und anpassungsf&#228;hige High-Tech Produktion setzt und sich prim&#228;r an den Renditen des internationalen Finanzmarktes orientiert“.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a><br />
Die bis in die 1970er vorherrschende Entwicklungsweise, die vornehmlich an der tayloristischen Flie&#223;bandarbeit orientiert war, wurde zunehmend durch eine ersetzt, die durch De-Industrialisierung und ein Anwachsen des Dienstleistungssektor gekennzeichnet ist. Mit diesen Ver&#228;nderungen musste in Konsequenz auch neue Formen politischer Arrangements und damit eine Neugestaltung der Subjektivierungsweisen organisiert werden. Dem Modell des fordistischen Massenarbeiters wurde dabei in den letzten Jahrzehnten nicht nur seine materielle Basis, in Form des Familienlohns und eines starken Wohlfahrtsstaates, entzogen. Auch eine Lebensweise, die auf Stabilit&#228;t und Regelm&#228;&#223;igkeit aufbaut, entspricht nicht mehr den neoliberalen Anforderungen einer hochtechnologisierten und schnelllebigen Form des Kapitalismus. Eben diese Eigenschaften setzen auf Lohnarbeitssubjekte, die sich – sowohl zeitlich als auch r&#228;umlich – hochflexibel in diskontinuierliche Erwerbsverl&#228;ufe und die Erfordernisse des Marktes einpassen. Artikuliert werden diese Anforderungen vornehmlich in Form des Appells an die individuelle Eigenverantwortung, Nutzenmaximierung und Selbstkontrolle, um die eigene Arbeitskraft am Arbeitsmarkt „wettbewerbsf&#228;hig“ zu halten. Ein Effekt der neoliberalen Subjektivierung ist, dass gesellschaftliche Herrschaftsverh&#228;ltnisse oder &#246;konomische Konflikte als „Privatproblem“ individualisiert werden.</p>
<p><strong>Neoliberale Paradoxien</strong><br />
Wie oben erw&#228;hnt, richten sich diese Anrufungen – und hier besteht ein entscheidender Unterschied zum Fordismus – explizit an M&#228;nner <em>und </em>Frauen, „[d]ie postfordistischen Lohnarbeitssubjekte sind nun m&#228;nnlich und weiblich“.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Dazu werden mit der zunehmenden Betonung des Dienstleistungssektors und der affektiven Arbeit auch weiblich konnotierte F&#228;higkeiten, wie „Kommunikationsorientierung“, „Teamf&#228;higkeit“ und &#228;hnliche <em>soft skills</em> zunehmend nachgefragt, d.h. Frauen werden als deren vermeintliche Tr&#228;gerinnen dazu aufgerufen, ihre <em>employability als Frauen</em> zu Markte zu tragen und sich in die unternehmerische Logik einzugliedern. Hier stellt sich die Frage, wie im Neoliberalismus bestimmte Geschlechterkodierungen je nach Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt abgerufen werden und in Konsequenz nach der Funktionalisierung vergeschlechtlicher Formen von Handeln und F&#252;hlen.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a><br />
Des Weiteren dr&#228;ngt sich aus feministischer Sicht eine Beobachtung auf: Die hier forcierte Integration von Frauen in die Erwerbsarbeit verhandelt den Arbeitsmarkt in klassisch androzentrischer Manier als geschlechtsneutral. Dabei wird &#252;bersehen, dass der Arbeitsmarkt (immer noch) sowohl hinsichtlich der verschiedenen T&#228;tigkeiten, d.h. der Aufgliederung in „Frauen- und M&#228;nnerberufe“, als auch hinsichtlich der Entlohnung f&#252;r gleiche T&#228;tigkeiten (Stichwort <em>gender pay gap</em>), differenziert ist. Zur Erl&#228;uterung wollen wir an dieser Stelle kurz einige aussagekr&#228;ftige Zahlen aus der letzten gro&#223;en diesbez&#252;glich durchgef&#252;hrten Studie in &#214;sterreich nennen.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> So waren im Jahr 2006 81 Prozent der erwerbst&#228;tigen Frauen im meist durch unsicherere Arbeitsverh&#228;ltnisse gekennzeichneten Dienstleistungssektor t&#228;tig, jedoch nur 54 Prozent der M&#228;nner. Auch die diesbez&#252;gliche Analyse nach beruflicher Qualifikation (oder expliziter formuliert, die Stellung im Beruf ) liefert eindeutige Ergebnisse. So lag der Anteil der Arbeiterinnen 2006 (&#246;ffentlicher Dienst nicht mitgerechnet) bei insgesamt 31 Prozent. Der Anteil an den HilfsarbeiterInnen lag jedoch bei 60 Prozent, der an den VorarbeiterInnen hingegen nur bei 4 Prozent. Betrachtet man die Gruppe der Angestellten, so betrug der Anteil an Frauen darunter 56 Prozent. Wiederum arbeiteten jedoch 69 Prozent im Bereich der gelernten T&#228;tigkeiten, der Anteil an den Hochqualifizierten betrug hingegen nur 31 Prozent. Am aussagekr&#228;ftigsten ist jedoch der Bereich der Teilzeitarbeit: 84 Prozent aller Teilzeiterwerbst&#228;tigkeiten waren Frauen.<br />
Jedoch auch bez&#252;glich der gleichen T&#228;tigkeiten lassen sich gro&#223;e Unterschiede in der Bezahlung ausmachen, was den zweiten Aspekt des vergeschlechtlichen Arbeitsmarktes darstellt. Betrachtet man die unselbstst&#228;ndig Erwerbst&#228;tigen, so f&#228;llt auf, dass Frauen nur 60 Prozent des Bruttojahreseinkommens von M&#228;nnern verdienen. Gleichzeitig sind die Einkommen unter Frauen zus&#228;tzlich ungleicher verteilt als bei M&#228;nnern. Die gr&#246;&#223;ten geschlechtsspezifischen Einkommensunterschiede finden sich dabei im Handel, im Bereich der Energie- und Wasserversorgung und des Kredit- und Versicherungswesens: hier verdienen Frauen jeweils nur ca. 55 Prozent der Einkommen von M&#228;nnern. Die geringsten Unterschiede gibt es im Beherbergungs- und Gastst&#228;ttenwesen, das zugleich jedoch auch die Branche mit den meisten weiblichen Besch&#228;ftigten ist.<br />
Genau diese geschlechtsspezifische Segregation des Arbeitsmarktes wird bei GM und dem Hartz-Programm ignoriert. „Der Bezugsma&#223;stab bei [diesen] Bestrebungen […] Frauen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, bleibt die bestehende androzentrische Norm, was allerdings zugleich unsichtbar und damit entpolitisiert bleibt“.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Somit bleiben die strukturellen Gr&#252;nde von Geschlechterungleichheit auf dem Arbeitsmarkt nicht nur unreflektiert, sondern werden dazu noch privatisiert und als Ausdruck individuellen Versagens stilisiert.<br />
Parallel zur Anrufung an Frauen als Lohnarbeiterinnen steht jedoch – und hier ist die zentrale inh&#228;rente Widerspr&#252;chlichkeit neoliberaler weiblicher Subjektivierungsweisen auszumachen – ihre vorrangige Adressierung als <em>M&#252;tter</em>, wie sie in beiden Dokumenten durch die Betonung der <em>Vereinbarkeit von Familie und Beruf</em> artikuliert wird. Somit wird Reproduktionsarbeit nicht nur h&#246;chstens als „Markthindernis“ f&#252;r potenzielle weibliche Lohnarbeiterinnen gesehen (was sie zynisch formuliert ja tats&#228;chlich ist), sondern auch weiterhin als Aufgabe von Frauen festgeschrieben, die es privat zu organisieren gilt. Diese Tatsache erh&#228;lt zudem zus&#228;tzlich Gewicht, wenn der gleichzeitige Abbau sozialstaatlicher Leistungen mit einbezogen wird. Durch das Wegfallen etwa von staatlich organisierter Kinderbetreuung oder Altenpflege ergibt sich eine Reprivatisierung von Pflege- und Betreuungsarbeit und damit eine implizite Verlagerung und Festschreibung in den Verantwortungsbereich von Frauen. Somit entsteht das geschlechterpolitische Paradox, dass eben diese Arbeit, die <em>gesellschaftlich notwendig</em> ist und durch die nichts Geringeres als die Reproduktion der Arbeitskraft geleistet wird, zwar implizit vorausgesetzt, dabei jedoch dethematisiert und individualisiert wird. Diese Beobachtung steht dabei in keinem Gegensatz zu der Tatsache, dass die Definition von Familie bzw. ihrer &#246;konomischen und normativen Funktionen, zunehmend Gegenstand breiterer Debatten sind. Reproduktionsarbeit muss nicht mehr ausschlie&#223;lich im Rahmen der heterosexuellen Kleinfamilie geleistet werden, was die steigende Anzahl an Scheidungen und AlleinerzieherInnen bzw. die Diskussion rund um „Patchwork-Familien“ und eingetragene PartnerInnenschaft belegen – was die geschlechtliche Arbeitsteilung jedoch um nichts wirkungsloser macht.<br />
Somit kann festgehalten werden dass die oben dargestellten widerspr&#252;chlichen Anrufungen – als flexible und eigenverantwortliche Lohnarbeiterin einerseits, als „f&#252;rsorgliche Mutter/Tochter/Ehefrau/Lebensgef&#228;hrtin“ andererseits &#8211; als zentrales Merkmal weiblicher Subjektkonstitutionen im Neoliberalismus zu sehen sind, „in [der] die gesellschaftlichen Widerspr&#252;che eingehen, die sich aus der Form, wie die Produktionsarbeit und Reproduktionsarbeit [in kapitalistischen Gesellschaften] organisiert sind, ergeben“.<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a></p>
<p><strong>Krise als Bruch?</strong><br />
Vor diesem Hintergrund k&#246;nnen wir uns nun daran machen, Kontinuit&#228;ten, Br&#252;che und Verschiebungen im Geschlechterregime zu suchen. Ver&#228;ndert die Krise das neoliberale Arrangement der Geschlechter? Dazu kehren wir zu unseren vier Dimensionen der Geschlechterregime zur&#252;ck. Vorauszuschicken ist, dass es sich bei den folgenden Thesen um vorl&#228;ufige &#220;berlegungen handelt, die wir zur Diskussion stellen wollen. Sie beruhen zum Teil auf bereits existierenden ersten Analysen der Krise und ihrer Bearbeitungen aus feministischer Perspektive und zum Teil auf eigenen Beobachtungen, aus denen wir Tendenzen zu extrapolieren suchen.<br />
In Bezug auf (1.) die vergeschlechtlichte <em>Arbeitsteilung</em> kann festgehalten werden, dass aktuell die bereits im neoliberalen Entwicklungsmodell angelegten Dynamiken verst&#228;rkt werden. Dies betrifft etwa die zunehmende Bedeutung von weiblich konnotierten Bereichen wie Pflege-, Bildungs- und Care-T&#228;tigkeiten, deren Bezahlung und gesellschaftliche Anerkennung sich umgekehrt proportional zu ihrer Wichtigkeit zu entwickeln scheint. Was sich allerdings andeutet, ist dass die Tendenz, Frauen in Lohnarbeit zu integrieren, einen Knick erf&#228;hrt. Denn diese Integration in den Arbeitsmarkt wurde besonders in den letzten Jahren in erster Linie &#252;ber prekarisierte, schlecht abgesicherte Jobs organisiert. Diese sind es jedoch, die im Zuge der Krise als erste abgebaut werden, um den &#246;konomischen Druck auf die Betriebe abzufedern. Arbeitslosigkeit betrifft zunehmend Frauen, auch wenn ihre mediale Darstellung sich stets am m&#228;nnlichen Industriearbeiter orientiert.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a><br />
Diese Tendenz wird auch durch (2.) <em>staatliche Politiken</em> verst&#228;rkt. Denn die gro&#223;en Strategien gegen die Krise und staatliche Konjunkturprogramme zielen fast ausschlie&#223;lich auf den m&#228;nnlichen Vollzeitarbeiter. Gerettet wird die Autoindustrie, w&#228;hrend Investitionen in Care-Work oder Bildungseinrichtungen, in denen besonders viele Frauen arbeiten, bislang ausbleiben.<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> Staatlich organisiert und gest&#252;tzt wird mithin ein doppelt vergeschlechtlichter Arbeitsmarkt, in dem Frauen einerseits bestimmte schlecht bezahlte und mit geringem gesellschaftlichem Ansehen verbundene Arbeitspl&#228;tze zugewiesen werden, und sie andererseits f&#252;r gleiche T&#228;tigkeiten weniger Lohn erhalten. Eine offene Frage in Bezug auf die staatliche Dimension des gegenw&#228;rtigen Geschlechterregimes ist, wie die medial lautstark begleitete „R&#252;ckkehr des Staates“ einzusch&#228;tzen ist. Auf den ersten Blick scheint durch die massiven konjunktur- und arbeitsmarktpolitischen Eingriffe die &#196;ra des neoliberalen Privatisierungsmodells und des damit einhergehenden Bildes vom „schlanken Staat“ an ihr Ende zu gelangen. Wie Birgit Sauer hervorhebt, hatte das neoliberale Staatsmodell dabei stets einen „misogynen Subtext“, der nicht zuletzt „in der symbolisch diskursiven Abwertung des ‚feminisierten’ Wohlfahrtsstaates zum Ausdruck kommt“.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Jedoch: der Staat, der nun „zur&#252;ckzukommen“ scheint, war nie wirklich weg; und blo&#223; weil er neben seinen „Aufgaben“ in den Bereichen der Repression und der Herstellung von Wettbewerbsf&#228;higkeit nun auch wieder verst&#228;rkt als „&#246;konomischer Staatsapparat“ <a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> auftritt, ist das maskulinistische Modell neoliberaler Staatlichkeit noch nicht in der Krise.<br />
F&#252;r die (3.) <em>Familienform </em>gilt, dass die heterosexuelle Kleinfamilie, die im Fordismus noch der zentrale Reproduktionsort der Geschlechterverh&#228;ltnisse schlechthin war, im Zuge der Neoliberalisierung der Gesellschaft teilweise unterminiert wurde und oft „nicht mehr die dominante Lebensform darstellt“.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a> Ein Modell flexibler Patchworkstrukturen, in denen langfristige Bindungen zu Gunsten von LebensabschnittspartnerInnen an Bedeutung verlieren, f&#252;gt sich auch besser in das Anforderungsprofil eines/r zeitlich flexiblen und r&#228;umlich mobilen „ArbeitskraftunternehmerIn“. Dies betrifft die gelebten Praxen von prek&#228;r Besch&#228;ftigten und wurde und wird auch kulturell durch neue „Familienleitbilder“ reproduziert. Die queer-Theoretikerin Antke Engel etwa hat herausgearbeitet, dass die Figur des hyperflexiblen lifestyleschwulen Mannes, wie er in Film und Fernsehen pr&#228;sentiert wird, als neoliberaler „Mustersch&#252;ler“ funktioniert, indem er die Verantwortung f&#252;r sein Wohlergehen unabh&#228;ngig von Familienzusammenh&#228;ngen &#252;bernimmt.<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> Jedoch l&#228;sst sich bereits in den letzten Jahren eine Gegentendenz ausmachen, die nun in der Krise an Bedeutung zu gewinnen scheint. Denn die existenzielle Unsicherheit, denen prekarisierte Subjekte ausgesetzt sind, hat zu einer kulturellen Bewegung gef&#252;hrt, in der Geborgenheit, Sicherheit und die wohlige W&#228;rme sozialer Nahverh&#228;ltnisse zum Ziel des guten Lebens erkl&#228;rt werden. Wenn die deutsche Teenie-Pop-Band Silbermond singt, man sehne sich blo&#223; nach einem „kleinen bisschen Sicherheit“ und im Video dazu vor einer bedrohlichen Masse demonstrierender Menschen fl&#252;chtet, kann das als Element dieses neokonservativistischen Diskurses verstanden werden.<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> In diesen f&#252;gen sich auch die Myriaden von „Doku-Soaps“ im deutschsprachigen Fernsehen, in denen es um die Einrichtung, Renovierung oder Neugestaltung der eigenen vier W&#228;nde geht, oder die omnipr&#228;senten Kochsendungen. All diese Diskurselemente verweisen auf die Familie als Zufluchtsort vor den Wirren des Lebens da drau&#223;en. Am radikalsten verhandelt wird dies in Sendungen &#252;ber schwangere Teenager, in denen 14-j&#228;hrige M&#228;dchen davon &#252;berzeugt werden, dass Arbeitslosigkeit, alkoholkranke Eltern, 35 Quadratmeter Substandardwohnung, ein absenter 13-j&#228;hriger Kindsvater und ein mittelschweres Drogenproblem keine Gr&#252;nde darstellen, nicht doch „ja“ zum (Familien-) Leben zu sagen. Was diese Ideologie kennzeichnet, ist, dass sie die Familie als harmonischen Hort der Stabilit&#228;t pr&#228;sentiert, und nicht als das, was sie h&#228;ufig ist: der gewaltt&#228;tigste Ort au&#223;erhalb von Kriegsgebieten.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a><br />
Die vielleicht augenscheinlichsten Ver&#228;nderungen gibt es im Bereich der (4.) <em>Geschlechterleitbilder und der Subjektivierungsweisen</em>. Denn wenn etwas wirklich in der Krise ist, dann jener Typus Mann, der noch vor kurzem als eine wichtige Figur hegemonialer M&#228;nnlichkeit gedient hat. Der mit Milliarden jonglierende, smarte und kein Risiko scheuende Finanzmanager wurde medial als Krisenverursacher identifiziert und hat seither einen beispiellosen Absturz in der Beliebtheitsskala erfahren. In Island hat die Regierung Frauen an die Spitze zweier kollabierter und dann verstaatlichter Banken berufen, mit dem ausdr&#252;cklichen Auftrag „to clean up the young men’s mess“.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a> Neben den Frauen als „bessere Kapitalistinnen“<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a>, scheint an seine Stelle als hegemoniale M&#228;nnlichkeit gerade der seri&#246;se Krisenmanager zu treten, der mit Anzug und Krawattennadel das Schiff durch die st&#252;rmischen Zeiten navigiert. Der bundesdeutsche Wirtschaftsminister und „Baron der Herzen“<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Freiherr von und zu Guttenberg ist mit Adelstitel und zehn Vornamen f&#252;r diese Rolle fast &#252;berqualifiziert. Jedoch sollen diese Verwerfungen nicht dar&#252;ber hinweg t&#228;uschen, dass die vergeschlechtlichten Subjektivierungen &#252;beraus stabil sind. Die widerspr&#252;chlichen neoliberalen Anrufungen, die Frauen zugleich als flexibel an sich selbst arbeitende Unternehmerin ihrer selbst und als Haushaltsmanagerin und Mutter fordern, werden durch die Krise sogar noch verst&#228;rkt. Denn ein absehbarer Effekt von Lohnarbeitsplatzverlusten ist, dass zuvor ausgelagerte Teile der Reproduktionsarbeit – ausw&#228;rts Essen, Putzkraft anstellen, W&#228;scherei nutzen – wieder in den Haushalt re-integriert werden. Und das bedeutet fast immer, dass der Frau, ob berufst&#228;tig oder nicht, ein h&#246;heres Ausma&#223; an unbezahlter Hausarbeit aufgeb&#252;rdet wird.</p>
<p><strong>Perspektiven in der Krise</strong><br />
Was k&#246;nnen wir nun aus diesen &#220;berlegungen folgern? Die Ausgangsfrage dieses Artikels war, ob die gegenw&#228;rtige Krise auch einen Bruch mit dem neoliberalen Geschlechterregime bedeutet, wie es sich in den letzten zwanzig bis drei&#223;ig Jahren entwickelt hat. Die Antwort darauf muss ein eingeschr&#228;nktes Nein sein. In der Gesamtschau wiegen jene Aspekte, die eine Kontinuit&#228;t oder sogar Vertiefung des neoliberalen Geschlechterregimes darstellen, schwerer. Eine erste politische Konsequenz unserer Analyse ist also, dass Kommentare zum „Ende des Neoliberalismus“ mit gro&#223;er Vorsicht zu genie&#223;en sind. Wer im Neoliberalismus einen „R&#252;ckzug des Staates“ zu erkennen glaubte und nun bass erstaunt dessen „R&#252;ckkehr“ in pseudo-keynesianischem Gewande beklatscht, sitzt einem Irrtum auf, der mit dem Blick auf Geschlechterregime &#252;berdeutlich wird. Wenn, wie wir argumentiert haben, die Organisation der Geschlechterverh&#228;ltnisse ein wesentlicher und konstitutiver Bestandteil eines historischen Blocks ist, dann verweisen die Kontinuit&#228;ten im Geschlechterregime auch auf die relative Stabilit&#228;t eines solchen. Das ist wichtig, weil die Linke, zumal die feministische, sich darauf einstellen muss, welchen Verh&#228;ltnissen sie auch zuk&#252;nftig entgegen treten muss.<br />
Zugleich lassen sich Verschiebungen in einzelnen Aspekten des neoliberalen Geschlechterregimes identifizieren; dies betrifft einerseits die geschlechtsspezifischen Auswirkungen einer kontraktierenden Welt&#246;konomie. Frauen, die &#252;berproportional h&#228;ufig in in- oder semiformellen, prekarisierten Jobs t&#228;tig sind, sind zuvorderst von Arbeitsplatzabbau betroffen. Die unbezahlte und dethematisierte Arbeit, die von Frauen im Haushalt verrichtet wird, dient in Zeiten der Krise noch st&#228;rker als bisher als &#246;konomischer Druckausgleich. Andererseits verst&#228;rken auch die staatlichen Krisenbearbeitungspolitiken Geschlechterungleichheit. Dies wird wohl noch virulenter, wenn die zig Milliarden an Steuergeldern, die im letzten Jahr f&#252;r Bankenrettungs- und Konjunkturpakete gesteckt wurden, in den kommenden Jahren wieder „eingespart“ werden m&#252;ssen. Es braucht keine prophetischen F&#228;higkeiten um vorauszusagen, dass unter den gegenw&#228;rtigen Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen die Kosten der Budgetkonsolidierungen nach unten abgew&#228;lzt werden – und dass Frauen, ob als prekarisierte Lohn-, als unbezahlte Hausarbeiterinnen oder beides, die Hauptlast tragen werden. Dazu kommt, dass viele Arbeitspl&#228;tze im Bereich der &#246;ffentlichen Dienstleitungen zur Disposition gestellt werden, in denen zum &#252;berwiegenden Teil Frauen arbeiten. In den zuk&#252;nftigen politischen und betrieblichen Auseinandersetzungen, die sich im weitesten Sinne um die Frage „wer bezahlt f&#252;r die Krise?“ entz&#252;nden werden, muss diese Geschlechterdimension mit einbezogen werden. Das hei&#223;t auch, von links nicht vorbehaltlos jede Rettungsaktion f&#252;r Industriebetriebe abzufeiern, blo&#223; weil damit vorgeblich Arbeitspl&#228;tze gesichert werden. Neben der Frage, ob der Jobabbau damit nicht blo&#223; rausgez&#246;gert wird, muss eben darauf geachtet werden, bei welchen Branchen und T&#228;tigkeiten niemand rettend einspringt. Ein Beispiel w&#228;re der Einzelhandel, in dem besonders viele Frauen (meist prek&#228;r) besch&#228;ftigt, und der bereits massive Krisensymptome zeigt.<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a><br />
Aus linker feministischer Perspektive gilt es, auf diese vergeschlechtlichten Aspekte der Krise offensiv hinzuweisen und der systematischen Entnennung und Entwertung feminisierter Arbeit entgegen zu wirken. Zentraler Einsatzpunkt ist unter diesem Gesichtspunkt die geschlechtliche Arbeitsteilung, insbesondere Aspekte der Prekarisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen und nach dem Verh&#228;ltnis von bezahlter Lohn- und unbezahlter Hausarbeit. Welche T&#228;tigkeiten gelten gesellschaftlich &#252;berhaupt als Arbeit? Diese Frage steht im Zentrum etwa der Debatte um das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE), die wir aus diesem Grund auch f&#252;r besonders kompatibel mit linken feministischen Diskursen halten. Eine Intervention, die die Diskussion um das BGE um eine geschlechterpolitische Dimension erweitert, die Bedeutung von Geschlechterleitbilder und Subjektivierungsweisen f&#252;r die herrschenden Verh&#228;ltnisse betont, Kritik an patriarchalen Staats- und Familienstrukturen &#252;bt und sich vom neokonservativen Sicherheitsdiskurs mit seiner regressiven Familienromantik abgrenzt – dies kann eine mittelfristige Perspektive f&#252;r einen Feminismus sein, der aus der Krise – auch der eigenen – gest&#228;rkt hervorgeht und zum Aufbau einer erneuerten, anti-neoliberalen Linken beitr&#228;gt.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Young, Brigitte: Globale Finanzkrise und Gender, in: femina politica 18:1 (2009), S. 99-102<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Schuberth, Helene: Ist die Krise m&#228;nnlich?, unter: http://www.beigewum.at/2009/09/ist-die-krise-mannlich<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Young, a.a.O.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Financial Times, zit. n. Young, a.a.O., 99<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Michalitsch, Gabriele: Konjunkturpolitik: Geschlechter-Macht und Geschlechter-Wahrheit, in: Kurswechsel 2/2009, S. 93-98<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Zu Gramscis Begriff des historischen Blocks vgl. u.a. Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd. 7, Hamburg 1996, S. 1322 sowie 1567f.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Ludwig, Gundula: Gramscis Hegemonietheorie und die staatliche Produktion von vergeschlechtlichten Subjekten, in: Das Argument 270 (2007), 196-205, S. 198<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Ebd., S. 43<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd.9, Hamburg 1999, S. 2063-2100<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Connell, Robert W.: The state, gender, and sexual politics. Theory and appraisal, in: Theory and Society, 19:5 (1990), S. 507-544<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Nowak, J&#246;rg: Geschlechterpolitik und Klassenherrschaft. Eine Integration marxistischer und feministischer Staatstheorien, M&#252;nster 2009: 161<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Unter „Anrufung“ verstehen wir, im Anschluss an Louis Althusser, den sozialen Prozess, durch den Menschen zu „Subjekten“ gemacht werden, d.h. die mit einer einheitlichen, mit Namen versehenen, und einen bestimmten Platz innehabenden Identit&#228;t ausgestattet werden. Vgl. Althusser, Louis: Ideologie und ideologische Staatsapparate (Anmerkungen f&#252;r eine Untersuchung), in: ders.: Ideologie und ideologische Staatsapparate. Aufs&#228;tze zur marxistischen Theorie, Hamburg 1977, 108-168; Bosch, Herbert/Rehmann, Jan Christoph: Ideologische Staatsapparate und Subjekteffekt bei Althusser, in: Projekt Ideologie-Theorie (Hg.): Theorien &#252;ber Ideologie, Berlin 1979, 105-129<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> In diese Konzeptionalisierung flie&#223;en &#220;berlegungen mehrerer feministischer AutorInnen ein: Connell, a.a.O.; P&#252;hl, Katharina/W&#246;hl, Stefanie: Modell „Doris“: Zur Kritik neoliberaler Geschlechterpolitiken aus gouvernementalit&#228;tstheoretischer Sicht”, in: www.copyriot.com/gouvernementalitaet (Hg.): „f&#252;hre mich sanft“. Gouvernementalit&#228;t &#8211; Anschl&#252;sse an Michel Foucault, Frankfurt am Main 2003, S. 74-101; Henninger, Annette/Ostendorf, Helga: Einleitung: Ertr&#228;ge feministischer Institutionenanalyse, in: dies. (Hg.): Die politische Steuerung des Geschlechterregimes: Beitr&#228;ge zur Theorie politischer Institutionen, Wiesbaden 2005, S. 9-34; Ludwig, Gundula: Zwischen „Unternehmerin ihrer selbst“ und „f&#252;rsorgender Weiblichkeit“. Regierungstechniken und weibliche Subjektkonstruktionen im Neoliberalismus, in: Beitr&#228;ge zur feministischen Theorie und Praxis 68 (2006), S. 49-59<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Ludwig 2006, a.a.O., S. 50f.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd.9, Hamburg 1999, S. 2072<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Haug, Frigga: Mit Gramsci die Geschlechterveh&#228;ltnisse begreifen, in: Merkens/Andreas, Rego Diaz/Victor (Hg.): Mit Gramsci arbeiten. Texte zur politisch-praktischen Aneignung Antonio Gramscis, Hamburg 2007, S. 43<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Vgl. Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd.9, Hamburg 1999, S. 2087f<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd.9, Hamburg 1999, S. 2088f<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Ebd.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Ludwig 2007, a.a.O., S. 201<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Ludwig 2006, a.a.O. S. 52<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Vgl. Ludwig 2007, a.a.O., S. 199<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> vgl. Fraser, Nancy: Widerspenstige Praktiken. Macht, Diskurs, Geschlecht, Frankfurt am Main 1994; Sauer, Birgit: Die Asche des Souver&#228;ns. Staat und Demokratie in der Geschlechterdebatte, Frankfurt am Main 2001; Gottschall, Karin: Geschlechterverh&#228;ltnis und Arbeitsmarktsegregation, in: Becker-Schmidt, Regina/Knapp, Gudrun-Axeli (Hg.): Das Geschlechterverh&#228;ltnis als Gegenstand der Sozialwissenschaften, Frankfurt am Main/New York, 125-162; Genetti, Evi: Die GeschlechterGrenze des b&#252;rgerlichen Staates. Zur Kritik der Geschlechtergleichheit im Wohlfahrtsstaat, Wien 1998 (Diplomarbeit), Kulawik, Theresa: “Modern bis maternalistisch. Theorien des Wohlfahrtsstaates” in: Kulawik, Teresa/Sauer, Birgit (Hg.): Der halbierte Staat. Grundlagen feministischen Politikwissenschaft, Frankfurt am Main 1996, S. 47-75<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Vgl. Ludwig 2007, a.a.O., S. 201<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Die Leitlinien von GM wurden erstmals im Vertrag von Amsterdam 1997 ausgearbeitet, in denen festgehalten wurde, dass die „Vorraussetzung f&#252;r die volle Verwirklichung der Demokratie ist, dass alle B&#252;rgerinnen und B&#252;rger gleichberechtigt am Wirtschaftsleben, an Entscheidungsprozessen, am gesellschaftlichen und kulturellen Leben und an der Zivilgesellschaft beteiligt und in allen Bereichen gleich stark vertreten sind.“ (Europ&#228;ische Kommission, zit. nach Ludwig 2006, a.a.O., S. 54). GM soll als Instrument dienen, um eine Reorganisation und Evaluierung politischer Prozesse hinsichtlich ihrer geschlechterbezogenen Auswirkungen zu erm&#246;glichen.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Ludwig 2006, a.a.O., S.53<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Europ&#228;ischer Rat, zit. n. ebd., S. 54<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Dieser Bericht diente als Vorlage f&#252;r die gemeinl&#228;ufig als Hartz I bis IV bezeichneten Gesetze zur Reform der deutschen Arbeitsmarktpolitik, die von 2003 bis 2005 implementiert wurden. Durch den Fokus in diesem Artikel k&#246;nnen die umfangreichen Diskussionen rund um die Umsetzung bzw. neuere interessange Entwicklungen und Novellierungen, wie etwa im Rahmen des Arbeitslosengeld II nicht ber&#252;cksichtigt werden.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> P&#252;hl, Katharina: Neoliberale Paradoxien? Geschlechtsspezifische Ver&#228;nderungen durch sozialpolitische Reregulierungen als Herausforderungen feministischer Theorie, in: Zeitschrift f&#252;r Frauenforschung und  Geschlechterstudien 22:2+3 (2004), S. 40-50, hier: 45<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> P&#252;hl: Neoliberale Paradoxien, a.a.O., S. 41f.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Ludwig 2006, a.a.O., S. 54<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> ebd., S. 55<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> vgl. P&#252;hl: Neoliberale Paradoxien, a.a.O., S. 44 und dies.: Geschlechtsspezifische Sozialisation: Arbeit, Geschlecht, Gouvernementalit&#228;t, in: Deck, Jan/Dellmann, Sarah/Loick, Daniel/M&#252;ller, Johanna (Hg.): Ich schau Dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang. Texte zu Subjektkonstitution und Ideologieproduktion, Mainz 2001, S. 112-123<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Statistik Austria: Frauen und M&#228;nner in &#214;sterreich. Statistische Analysen zu geschlechtsspezifischen Unterschieden, Wien 2007, S. 17-52<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Ludwig 2006, a.a.O., S. 55<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> ebd., S. 56<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Da Frauen &#252;berproportional in Branchen vertreten sind, die erst mit Verz&#246;gerung von der Krise betroffen sind (z.B. Tourismus, &#246;ffentliche Dienstleistungen etc.), sind sie von Arbeitslosigkeit nicht weniger, aber oft sp&#228;ter als M&#228;nner betroffen. Vgl. Scheele, Alexandra: Hat die Wirtschaftskrise ein Geschlecht?, in: Bl&#228;tter f&#252;r deutsche und internationale Politik 3/2009, S. 26-28, sowie Wichterich, Christa: Frauen funktionieren als soziale Air Bags, in: diestandard.at, http://diestandard.at/fs/1252036990913/Frauen-funktionieren-als-soziale-Air-Bags<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Michalitsch, a.a.O.<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Sauer, Birgit: &#214;ffentlichkeit und Privatheit revisited. Grenzneuziehungen im Neoliberalismus und die Konsequenzen f&#252;r Geschlechterpolitik, in: Kurswechsel 4/2001, S. 5-11, hier: S. 8<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Poulantzas, Nicos: Staatstheorie. Politischer &#220;berbau, Ideologie, Autorit&#228;rer Etatismus, Hamburg 2002, S. 194ff.<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Vgl. Sauer, a.a.O., S. 8<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Engel, Antke: Gefeierte Vielfalt. Umstrittene Heterogenit&#228;t. Befriedete Provokation. Sexuelle Lebensformen in sp&#228;tmodernen Gesellschaften, in: Bartel, Rainer et al. (Hg.): Heteronormativit&#228;t und Homosexualit&#228;ten, Innsbruck 2008, S. 43-64<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Darauf haben die Goldenen Zitronen j&#252;ngst hingewiesen. Vgl. ihren Song „Aber der Silbermond“ auf ihrem neuen Album „Die Entstehung der Nacht“ (Buback Tontr&#228;ger 2009). Doris Achelwillm schreibt dazu: „Die Goldenen Zitronen finden ‚Silbermond’ interessant, weil die deutschen Chart-Breaker seit einem ihrer letzten Hits sowas wie die unwidersprochene Speerspitze des popkulturell verhandelten Sicherheits-Dispositivs sind.“ (Achelwillm, Doris: Mit den Goldenen Zitronen durch die Krise. Zehn Thesen zur „Entstehung der Nacht“, 2009, http://www.die-goldenenzitronen.de/aktuelles.php<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Nach Sch&#228;tzungen ist in &#214;sterreich jede f&#252;nfte Frau von Gewalt durch einen nahen m&#228;nnlichen Angeh&#246;rigen betroffen. 90 Prozent aller Gewalttaten an Frauen und Kinder passieren in der Familie und im sozialen Nahraum. Vgl. Thaler-Haag, Birgit: Gewalt gegen Frauen im sozialen Nahraum. Ursachen, Formen und Muster von Gewalt in Beziehungen, Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Eine von f&#252;nf. Gewalt gegen Frauen im sozialen Nahraum“ am 20. Okt. 2008, online unter http://www.birgitsauer.org/WS%202008_09/VO%20Eine%20von%205/ThalerHaag.pdf<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Financial Times, zit. nach Young, Brigitte: Globale Finanzkrisen und Gender, a.a.O.<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> Wichterich, a.a.O.<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> J&#246;rges, Hans-Ulrich: Guttenberg, der Baron der Herzen, Stern, 6. Juni 2009<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> Scheele, a.a.O.</sup></sup></sup></p>
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		<title>Feminismus mal multikulturell?</title>
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		<pubDate>Sun, 10 Jan 2010 17:10:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterverhältnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Sauer, Birgit/Strasser, Sabine (Hg.): Zwangsfreiheiten. Multikulturalit&#228;t und Feminismus, Wien: Promedia Verlag 2008, 260 Seiten, € 24,50]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Sauer, Birgit/Strasser, Sabine (Hg.): Zwangsfreiheiten. Multikulturalit&#228;t und Feminismus, Wien: Promedia Verlag 2008, 260 Seiten, € 24,50<br />
<span id="more-654"></span><br />
„Is multiculturalism bad for women?“ – mit diesem Titel ihres programmatischen Aufsatzes l&#246;ste Susan Moller Okin 1997 eine bis heute anhaltende, h&#246;chst emotional und kontrovers gef&#252;hrte Debatte aus. Gruppenrechte, die im Rahmen des Multikulturalismus „kulturellen Minderheiten“ zugestanden werden, so ihre These, k&#246;nnen sich wiederum negativ auf „Minderheiten innerhalb dieser Minderheiten“, wie z.B. Frauen und Jugendliche, auswirken. Die sich daraus ergebende Pattsituation scheint ausweglos, die Lager gespalten. Auf der einen Seite wird die Forderung nach Anerkennung kultureller Normen und Traditionen von Minderheiten in den Fokus ger&#252;ckt, um dem Recht auf selbstbestimmte Lebensf&#252;hrung, politischer Partizipation und dem Schutz vor Diskriminierung nachkommen zu k&#246;nnen. Auf der anderen Seite wird betont, dass ebendiese Normen und Traditionen das Recht von Frauen auf k&#246;rperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung konterkarieren k&#246;nnen. Die politischen Kampfbegriffe, wie „Genitalverst&#252;mmelung“, „Kopftuchzwang“ und „Ehrenmord“, die im Rahmen dieser Kontroverse ins Feld gef&#252;hrt werden, klingen wohlbekannt und tragen ebenso wenig zu einer n&#252;chternen und fruchtbaren Auseinandersetzung mit dieser Problematik bei, wie ein politisches Umfeld, in dem der Multikulturalismus als politisches Programm – im Gegensatz zu den 1990er Jahren und damit auch der Zeit, in der Okin ihren Artikel verfasst hat – von rechten und konservativen Stimmen zunehmend als „gescheitert“ abgeurteilt wird.<br />
Dass es sich dabei jedoch nicht um einen unvereinbaren Gegensatz von Feminismus und Multikulturalismus, ja bei genauerer Analyse nicht einmal um ein „Spannungsverh&#228;ltnis“ (wie jedoch &#252;berraschenderweise im Klappentext des Bandes behauptet) handelt, darauf wollen die Beitr&#228;ge in „Zwangfreiheiten“ verweisen, die Birgit Sauer, Professorin f&#252;r Politikwissenschaft an der Universit&#228;t Wien, und Sabine Strasser, Associate Professor an der Middle East Technical University in Ankara, zusammengetragen haben.<br />
Anstatt alle Beitr&#228;ge ausf&#252;hrlich zu referieren, m&#246;chte ich mich im Folgenden vor allem auf ausgesuchte Texte konzentrieren, um den Fokus auf die theoretisch-analytischen Implikationen der Problematik zu legen. Dies werde ich anhand von f&#252;nf Themengebieten leisten, denen die Beitr&#228;ge zugeordnet werden k&#246;nnen.<br />
Einer der Schl&#252;sselbeitr&#228;ge dieses Bandes im Hinblick auf die Debatte um den <em>Multikulturalismus</em> kommt von <em>Anne Phillips</em>. In der Gegen&#252;berstellung von juristischen und deliberativen Argumentationsweisen, denen sie den Gro&#223;teil der dazu publizierten Abhandlungen zuordnet, streicht sie heraus, dass beide den Fehler begehen, von den konkreten – meist nationalen – politischen und rechtlichen Kontexten zu abstrahieren. Eben dieser Umstand f&#252;hrt jedoch nicht nur zu simplifizierenden Schlussfolgerungen, sondern entkontextualisiert auch die Forderungen und Praxen politischer AktivistInnen. So argumentiert sie, nachdem sie die konkreten Auswirkungen multikultureller Programme – staatliche Zuwendung f&#252;r Minderheiten, gesetzliche Ausnahmeregelungen und Autonomiebestimmungen – nachzeichnet, dass die daraus resultierenden ‚Problematiken‘ selten antagonistischen Wertvorstellungen geschuldet sind, sondern h&#228;ufig vielmehr Macht- und Ressourcenkonflikte betreffen. Stehen folglich Forderungen nach Gleichberechtigung und Partizipation im Vordergrund, k&#246;nnen ‚Kultur’ und ‚Geschlecht’ nicht als zwei voneinander getrennte Systeme, sondern m&#252;ssen immer in Bezug zu einander behandelt werden. Eine „entgeschlechtliche“ Konzeption von Kultur suggeriert, so Phillips, nicht nur die Existenz von vermeintlich ‚kulturell neutralen‘ Werten von Geschlechtergleichheit, sondern verdeckt auch Widerspr&#252;chlichkeiten und Entwicklungen im Umgang mit kulturellen Werten und somit nicht zuletzt auch feministische K&#228;mpfe und Forderungen ‚innerhalb’ von Minderheiten. In Folge skizziert sie ihre Thesen anhand von drei empirischen Beispielen, in denen sie die M&#246;glichkeiten aber auch Fallstricke nachzeichnet, Geschlechtergleichheit abseits von kulturellen Stereotypen, Rassismen und Migrationskontrolle zu thematisieren und zu fordern.<br />
Auch <em>Sabine Strasser</em> n&#228;hert sich dem Themenkomplex ‚Kultur’, jedoch mittels einer v&#246;llig anderen, n&#228;mlich sozialanthropologisch informierten Herangehensweise. Nachdem sie die Bedeutung und Instrumentalisierung von ‚Kultur’ und ‚Ehre‘ in den unterschiedlichen, auch konservativen und rechten Argumentationsweisen um Menschenrechte und Multikulturalismus nachgezeichnet hat, pl&#228;diert sie dem gegen&#252;ber f&#252;r einen <em>konventionellen Relativismus</em> im Bezug auf Diskurse um „Ehre“ und „Scham“ in den migrantischen Communities selbst. Anhand von Interviews mit jungen Frauen t&#252;rkischen Migrationshintergrunds in &#214;sterreich zeigt sie auf, dass ‚Ehre‘ entgegen weitl&#228;ufiger Vorstellungen nicht blo&#223; als Legitimationsgrundlage f&#252;r m&#228;nnliche Gewalt dient, sondern vielmehr einen Verhaltenskodex darstellt, der in der sozialen Praxis jedoch best&#228;ndig in Frage gestellt wird. Bezogen auf eine feministische Praxis und Theoriebildung ginge es hierbei darum, die Widerspr&#252;chlichkeit, Prozesshaftigkeit und Transformationsm&#246;glichkeiten dieser Diskurse herauszustreichen, das hei&#223;t, an den in den Aushandlungsprozessen implizierten, alternativen Deutungsm&#246;glichkeiten anzukn&#252;pfen, anstatt dominante maskulinistische und durch die Mehrheitsgesellschaft oft unterst&#252;tzte Deutungen als Vorwand f&#252;r restriktives Eingreifen heranzuziehen.<br />
Als einer von zwei Betr&#228;gen ist <em>Sawitri Saharsos</em> Text der Thematik <em>FGM (female genital mutilation, dt. Genitalbeschneidung)</em> gewidmet. Anhand der niederl&#228;ndischen Debatte legt sie dar, wie Geschlechterbeziehungen sowohl in der Mehrheitsgesellschaft als auch in den Minderheiten selbst als zentrale Marker von Gruppendifferenzen fungieren. Als Beispiel nennt sie etwa die Beobachtung, dass muslimische Minderheiten w&#228;hrend der Salman-Rushdie-Krise oder nach den Anschl&#228;gen auf das World Trade Center als Reaktion auf ein restriktives und rassistisches politisches Umfeld ihrerseits dazu tendierten, Gruppengrenzen und -identit&#228;ten st&#228;rker zu betonen, was oftmals zu strengeren Vorschriften (etwa bez&#252;glich der Kleidung) f&#252;r Frauen aus diesen Minderheiten gef&#252;hrt hat. Auch die Debatten um FGC m&#252;ssen – um Pattsituationen scheinbar antagonistischer Ideale von Geschlechtergerechtigkeit zu umgehen – auf diese Weise kontextualisiert werden. Dazu schl&#228;gt sie ein <em>prozessuales Autonomiekonzept</em> als Ma&#223;stab feministischer Politiken vor, bei dem – im Gegensatz zu einem substantiellen Autonomiebegriff – nicht die Handlung selbst (i.e. die Beschneidung weiblicher Genitalien) zum Kern der Auseinandersetzungen wird, sondern auf Art und Weise sowie den Grad der Autonomie bei der Entscheidungsfindung der betroffenen Frauen fokussiert wird. Anhand postkolonialer Argumentationsweisen und in der Gegen&#252;berstellung mit in Europa zunehmend popul&#228;ren Brustvergr&#246;&#223;erungen, die nicht zuletzt auch eine Abrichtung des weiblichen K&#246;rpers anhand androzentrischer Kriterien darstellt, streicht die Autorin jedoch die Schwierigkeiten heraus, „freie“ von „erzwungenen“ Entscheidungen zu unterscheiden, m&#252;ssen diese doch immer im Kontext kultureller Normen betrachtet werden. Res&#252;mierend h&#228;lt sie fest, dass nur ein ‚kultur&#252;bergreifender’ Vergleich, die Einbeziehung von gesellschaftlichen Machtverh&#228;ltnissen sowie der jeweiligen Positioniertheit der ForscherIn/FeministIn selbst paternalistische und eurozentristische Haltungen vermeiden und feministische Solidarit&#228;t m&#246;glich machen.<br />
Ein Themenbereich, dem sich gleich f&#252;nf Betr&#228;ge dieses Bandes widmen, stellen die <em>multiplen Gewaltformen</em> dar, mit der sich MigrantInnen aufgrund androzentrischer Machtverh&#228;ltnisse aber auch aufgrund institutioneller und kultureller Rassismen konfrontiert sehen. So pl&#228;diert <em>Birgit Sauer</em> daf&#252;r, die spezifischen Gewaltformen, denen sich Migrantinnen ausgesetzt sehen, im Rahmen der strukturellen Gewaltf&#246;rmigkeit der Mehrheitsgesellschaft zu kontexualisieren, um problematischen Zuschreibungen und Viktimisierungen im Rahmen des Diskurses um „traditionsbedingte Gewalt“ zu entgehen. Ankn&#252;pfend an einen weiten, feministischen Gewaltbegriff, der sowohl direkte physische und psychische, strukturelle wie auch – im Sinne von hegemonialen Normen und Symbolsystemen entlang hierarchischer Zweigeschlechtlichkeit – kulturelle Gewaltformen umfasst, skizziert sie die Grundz&#252;ge eines intersektionellen Gewaltbegriffes: geschlechterspezifische Ungleichheitsstrukturen d&#252;rfen und k&#246;nnen demnach nicht losgel&#246;st von anderen Ungleichheits- und Gewaltstrukturen entlang der Kategorien von Ethnizit&#228;t und Klasse analysiert werden. Mit Iris Marion Youngs Begriff der „politics of positional difference“ argumentiert sie daf&#252;r, die Debatte um Gewalt gegen Migrantinnen vom Kulturdiskurs zu entflechten und diese stattdessen unter Einbeziehung der ungleichen sozialen Positioniertheit gegen&#252;ber der Mehrheitsgesellschaft zu akzentuieren. Im Rahmen eines multikulturellen Feminismus m&#252;ssen somit in Konsequenz vor allem zwei Aspekte beachtet werden. Zum einen bedarf es der Ber&#252;cksichtigung von restriktiven Asyl- und Migrationspolitiken und deren Rolle in der Reproduktion patriarchaler Strukturen, etwa bei Abh&#228;ngigkeitsverh&#228;ltnissen infolge des Familiennachzugs. Zum anderen verweist der intersektionelle Gewaltbegriff darauf, dass der Diskurs um traditionsbedingte Gewalt <em>selbst </em>als diskursive und kulturelle Gewalt gefasst werden muss, da er nicht nur eine rassistische Praxis der hierarchischen Trennung des unmarkierten „Eigenem“ vom „kulturell Anderem“ darstellt, sondern Migrantinnen dar&#252;ber hinaus zu passiven Opfern „ihrer Kultur“ stilisiert.<br />
Daran kn&#252;pft implizit auch der Beitrag von <em>Gamze Ongan</em> an, der sich dieser Thematik jedoch aus einer anderen, n&#228;mlich aktivistischen Perspektive n&#228;hert. Als Leiterin des Vereins <em>Peregrina</em> – ein Bildungs- und Beratungszentrum f&#252;r migrantische Frauen und M&#228;dchen – schildert sie ihre Arbeitsweisen und Probleme. Dazu z&#228;hlt sie nicht zuletzt den kontraproduktiven Sensationsdiskurs rund um Zwangsverheiratungen. Dieser, so Ongan, steht nicht nur in keinem Verh&#228;ltnis zur tats&#228;chlichen Anzahl der F&#228;lle, sondern bef&#246;rdert vor allem rassistische Stereotype und lenkt von Problemen wie Armut und Diskriminierungserfahrungen ab, die f&#252;r den Alltag von migrantischen M&#228;dchen und Frauen weitaus pr&#228;gender seien.<br />
Dem Thema <em>Frauenhandel</em> widmen sich ebenfalls zwei Beitr&#228;ge in diesem<br />
Band. Der Text von <em>Cristina Boidi</em> und <em>Faika Anna El-Nagashi</em> legt dabei, basierend auf den Erfahrungen der Autorinnen in der Frauen- und Migrantinnenorganisation LEF&#214;, dar, welche Implikationen die problematische und gegenw&#228;rtig vorherrschende diskursive Verschr&#228;nkung von Frauenhandel und Prostitution mit sich bringt. Diese bewirke nicht nur eine De-Legitimierung (auch im juristischen Sinne) von Sexarbeit und Instrumentalisierung im Rahmen staatlicher Migrationskontrolle, sondern bef&#246;rdere dazu eine Passivierung und Viktimisierung betroffener Frauen. Dem gegen&#252;ber gelte es, ‚tats&#228;chlichen’ Frauenhandel als strafrechtlichen Tatbestand zu markieren und zu verfolgen, gleichzeitig jedoch das Recht auf Migration zu verteidigen bzw. die Rechte von betroffenen Frauen zu st&#228;rken, die zunehmend nicht nur im Bereich der Sexarbeit, sondern auch in der Haushaltsarbeit Fu&#223; fassen.<br />
Dem vielleicht prominentesten Thema, dem <em>Kopftuch</em>, widmen sich schlie&#223;lich zwei Beitr&#228;ge aus sehr unterschiedlichen Positionen. Neben einem Beitrag zu den Argumentationen muslimischer Feministinnen vergleichen <em>Nora Gresch</em> und <em>Leila Hadj-Abdou</em> in ihrem Text die Debatten um das Kopftuch in &#214;sterreich und Deutschland und kommen zu dem Ergebnis, dass sich der &#252;berwiegende Teil der Argumentationen in der Tradition des liberalen Feminismus verorten l&#228;sst, und damit vor allem die Momente der juristischen Gleichberechtigung und -behandlung betonen. Mulikulturelle oder postkoloniale Feminismen geraten dagegen ins Hintertreffen. Die von ihnen dabei diagnostizierte problematische Hierarchisierung von Gleichheitsimperativen entlang Geschlecht und Kultur, die Kulturalisierung von Geschlechterungleichheit, sowie die Tatsache, dass sich Gruppenrechte f&#252;r Minderheiten nur schwer mit liberalen Positionen vereinbaren lassen, f&#252;hren sie – wie auch schon andere Betr&#228;ge – zu der Forderung, dieses Thema immer im Kontext der Konstruktions- und Hierarchisierungsprozessen der Minorit&#228;ts- und Majorit&#228;tsgesellschaft zu analysieren.<br />
Wie durch die Skizzierung der einzelnen Beitr&#228;ge schon klar geworden sein sollte, l&#228;sst sich aus der Zusammenstellung der Texte eine klare politische Haltung der Herausgeberinnen ablesen. Diese besteht einerseits in der erfrischenden Weigerung, g&#228;ngige Muster der meisten Publikationen zu diesem Thema zu vermeiden, in denen nur allzu oft wiederum ‚wei&#223;e’ AkademikerInnen <em>&#252;ber </em>und damit nicht zuletzt auch <em>f&#252;r</em> Angeh&#246;rige von Minderheiten sprechen und debattieren. So stammt fast ein Drittel der Betr&#228;ge selbst von Migrantinnen und auch das Einbeziehen von Aktivistinnen sorgt daf&#252;r, dass viele Fragen mit direktem Rekurs auf die politische Praxis und in Auseinandersetzung mit dieser diskutiert werden. Dies stellt nicht zuletzt auch ein ‚Faktenwissen’ bereit, mit dem die gro&#223;teils sehr polemisch gef&#252;hrten Debatten rund um Feminismus und (kulturelle oder religi&#246;se) Gruppenrechte entemotionalisiert und auf konkrete Problemstellungen (oder deren ‚L&#246;sung’) herunter gebrochen werden k&#246;nnen. Eng damit verbunden ist andererseits das Argument, dass eine feministische Position im Diskurs um Multikulturalismus nicht umhin kommt, die St&#228;rkung der Rechte und Sprecherinnenpositionen der betroffenen Frauen selbst zu fordern, strebt man die gr&#246;&#223;tm&#246;gliche Durchsetzung selbstbestimmter Lebensentw&#252;rfe an.</p>
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		<title>Perspektiven Nr. 9 (Herbst 2009) erschienen!</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2009/10/14/perspektiven-nr-9-herbst-2009-erschienen/</link>
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		<pubDate>Wed, 14 Oct 2009 14:57:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Feminisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Gender]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterverhältnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Körpergeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Marxismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Schwerpunkt: Ge_schlechte_rverh&#228;ltnisse im Kapitalismus

Die neue Ausgabe von Perspektiven ist da!


Im Schwerpunkt:
Maria Asenbaum und Katherina Kinzel zum schwierigen Verh&#228;ltnis zwischen Marxismus und Feminismus &#8211; Veronika Duma und Tobias Boos zur Geschichte der (b&#252;rgerlichen) Geschlechts-K&#246;rper &#8211; Katharina Hajek und Benjamin Opratko zu Geschlechterpolitik und Wirtschaftskrise &#8211; Petra Steiner im Interview zu feminisierter Arbeit im globalen S&#252;den
Au&#223;erhalb des Schwerkpunkts:
Nikolaus Perneczky zum &#8220;Dritten Kino&#8221; [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Schwerpunkt: Ge_schlechte_rverh&#228;ltnisse im Kapitalismus</h3>
<p style="text-align: center;"><a></a></p>
<p><a><strong>Die neue Ausgabe von Perspektiven ist da!</strong></a></p>
<p><strong><a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2009/10/perspektiven9-cover-toc_page_1.jpg"><img class="aligncenter size-medium wp-image-588" title="perspektiven9-cover" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2009/10/perspektiven9-cover-toc_page_1-212x300.jpg" alt="perspektiven9-cover" width="212" height="300" /></a><br />
</strong></p>
<p>Im Schwerpunkt:<br />
Maria Asenbaum und Katherina Kinzel zum schwierigen Verh&#228;ltnis zwischen Marxismus und Feminismus &#8211; Veronika Duma und Tobias Boos zur Geschichte der (b&#252;rgerlichen) Geschlechts-K&#246;rper &#8211; Katharina Hajek und Benjamin Opratko zu Geschlechterpolitik und Wirtschaftskrise &#8211; Petra Steiner im Interview zu feminisierter Arbeit im globalen S&#252;den</p>
<p>Au&#223;erhalb des Schwerkpunkts:<br />
Nikolaus Perneczky zum &#8220;Dritten Kino&#8221; &#8211; Behrooz Rahimi zu Rissen in der Islamischen Republik Iran &#8211; Ian Angus zu Marx, Engels und Darwin &#8211; Rezensionen und Rosinenpicken</p>
<p>Hier gibt es das <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=581">Editorial online</a> &#8211; die Artikel folgen demn&#228;chst, hier und auf <a href="http://www.linksnet.de">linksnet.de</a>. Sch&#246;ner anzusehen &#8211; nicht zuletzt wegen Reinhard Langs Fotoserie zu geschlechtlich konnotierten Produktionsmitteln &#8211; ist das ganze in der analogen Version, auf Papier. Die kann <a href="mailto:kontakt@perspektiven-online.at">hier bestellt</a> oder an <a href="http://www.perspektiven-online.at/?page_id=7">diesen Stellen gekauft</a> werden. Noch besser: gleich<a href="http://www.perspektiven-online.at/abo/">ein Abonnement </a>nehmen!</p>
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