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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Geschichte</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Die vielen Gesichter Mao Zedongs</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:10:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Wemheuer, Felix: Mao Zedong. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag
2010, 160 Seiten € 9,20

Ob als Personifikation eines vermeintlichen Gegenmodells zur Sowjetunion Stalins oder als sadistischer, sexbesessener Tyrann – kaum ein anderer Politiker des 20. Jahrhunderts rief eine derartige Vielzahl an unterschiedlichen Interpretationen und Projektionen hervor wie Mao Zedong. Doch wer war Mao denn nun?
Dieser Frage widmet sich der Sinologe Felix Wemheuer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Wemheuer, Felix: Mao Zedong. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag<br />
2010, 160 Seiten € 9,20<br />
<span id="more-1971"></span><br />
Ob als Personifikation eines vermeintlichen Gegenmodells zur Sowjetunion Stalins oder als sadistischer, sexbesessener Tyrann – kaum ein anderer Politiker des 20. Jahrhunderts rief eine derartige Vielzahl an unterschiedlichen Interpretationen und Projektionen hervor wie Mao Zedong. Doch wer war Mao denn nun?<br />
Dieser Frage widmet sich der Sinologe Felix Wemheuer mit seiner 2010 (in rotem Umschlag!) erschienenen Biographie des „Gro&#223;en Vorsitzenden“ auf &#228;u&#223;erst anregende Art und Weise. Der Autor reflektiert nicht nur, dass eben genannte und dar&#252;ber hinaus gehende „Interpretationen mehr &#252;ber den Zeitgeist im Westen aus[sagen] als &#252;ber Mao selbst“ (9), sondern argumentiert bereits eingangs, dass die Suche nach dem einen, „wirklichen“ Mao Zedong kaum zu leisten sei. Das Ziel Wemheuers liegt vielmehr darin, „die Entwicklung eines der widerspr&#252;chlichsten und schillerndsten Revolution&#228;re des 20. Jahrhunderts“ (14) nachzuzeichnen und somit die vielen Gesichter Mao Zedongs herauszuarbeiten.<br />
Hierf&#252;r widmet sich der Autor in den ersten beiden Kapiteln vor allem der Frage, wie und warum der 1893 in der Provinz Hunan geborene Sohn einer relativ gut situierten Bauernfamilie zum F&#252;hrer der chinesischen Revolution aufsteigen konnte. Ausf&#252;hrlich beschreibt Wemheuer Maos „Odyssee“ durch die l&#228;ndlichen Gebiete Chinas w&#228;hrend des chinesischen B&#252;rgerkrieges und Kampfes gegen die japanischen Imperialisten, die ihn nachhaltig gepr&#228;gt habe. Sowohl die innerparteiliche als auch die von sowjetischer Seite vorgebrachte Kritik an Maos „unmarxistischem“ Vertrauen in die b&#228;uerlichen Massen verhinderten jedoch bis 1945, dass Mao sich auch offiziell als F&#252;hrer der kommunistischen Bewegung Chinas etablieren konnte. Hervorzuheben sind die Abschnitte zum „Gro&#223;en Sprung nach vorn“ (1958-61) und zur „Gro&#223;en Proletarischen Kulturrevolution“ (1966-76). Hier gelingt es Wemheuer sehr gut, herauszuarbeiten, „wie Mao in der Auseinandersetzung mit der chinesischen Gesellschaft seine Strategien und Ideen immer wieder modifizieren musste“ (13). Die Entscheidung Maos zur Massenkampagne des „Gro&#223;en Sprungs“, in deren Mittelpunkt die radikale Kollektivierung der landwirtschaftlichen Produktion und der Aufbau von lokal betriebenen Schmelz&#246;fen zur Stahlproduktion stand, sei in erster Linie als „Flucht nach vorn aus einer politischen und sozialen Krise der chinesischen Gesellschaft“ (87) ab Mitte der 1950er Jahre zu verstehen. Dass diese Politik jedoch im Desaster einer Hungersnot mit nach offiziellen Sch&#228;tzungen 15 bis 45 Millionen Toten enden konnte, sei „[...] Maos gr&#246;&#223;ter Fehler und das gr&#246;&#223;te Verbrechen seines Lebens“ (101) gewesen. Denn die Hungersnot h&#228;tte nie ein derartiges Ausma&#223; erreichen k&#246;nnen, wenn Mao und die Parteif&#252;hrung schon fr&#252;her geeignete Ma&#223;nahmen ergriffen (und nicht etwa am Getreideexport festgehalten) h&#228;tten.<br />
Auch in seiner Darstellung der Kulturrevolution betont der Autor den gesellschaftlichen Kontext und stellt sich – entgegen jenen AutorInnen, die diese auf einen innerparteilichen Machtkampf reduzieren – der Frage, weshalb ein betr&#228;chtlicher Teil der chinesischen Gesellschaft diese letzte Kampagne Maos euphorisch begr&#252;&#223;te. Dabei verweist er insbesondere auf die tiefen gesellschaftlichen Spaltungslinien, die zwischen Kaderkindern an den Universit&#228;ten und Nachkommen der ArbeiterInnen und Bauern sowie zwischen dem privilegierten Kern der Industriearbeiterschaft und den zu diesem Zeitpunkt bereits einen betr&#228;chtlichen Anteil ausmachenden KontraktarbeiterInnen aufbrachen. Einige Aspekte der kulturrevolution&#228;ren Umw&#228;lzung, wie die Reformen im Gesundheits- und Bildungswesen, werden durchaus positiv eingesch&#228;tzt. Gleichsam betont Wemheuer aber auch die (nach 1969 zunehmend institutionalisierte) Gewaltexzesse, das Festhalten Maos an der Autorit&#228;t der Partei sowie das Scheitern seines prim&#228;ren Ziels, noch vor seinem Tod eine neue soziale Basis und einen Nachfolger f&#252;r die Fortf&#252;hrung der „permanenten Revolution“ zu finden.<br />
Im abschlie&#223;enden Kapitel nimmt der Autor eine Gesamtbewertung Maos vor, die sich an dessen eigenen Anspr&#252;chen und Zielen orientiert. Der Aufbau eines unabh&#228;ngigen Nationalstaates und die nachholende Modernisierung werden vor diesem Hintergrund als Erfolge bilanziert, w&#228;hrend Wemheuer Maos selbst gestecktes Ziel einer sozialistischen Revolution als eindeutig gescheitert erkl&#228;rt.<br />
Mitsamt zahlreichen Bildern, einer &#252;bersichtlichen Zeittafel und Empfehlungen f&#252;r weiterf&#252;hrende Literatur ist diese Biographie vor allem jenen zu empfehlen, die eine erste Auseinandersetzung mit Mao Zedongs Leben und der Geschichte der VR China suchen. Nicht zuletzt aufgrund der Verwendung bisher nicht zug&#228;nglicher Quellen und der &#252;berzeugend vorgetragenen Kritik an bisherigen Biographien sowie an innerhalb der „Linken“ noch weit verbreiteten Legenden ist die Publikation aber auch f&#252;r „Fortgeschrittene“ lesenswert und st&#246;&#223;t hoffentlich fruchtbare Diskussionen &#252;ber die chinesische Revolutionsgeschichte an.</p>
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		<title>Geschichte des transnationalen Migrant_innenstreik</title>
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		<pubDate>Tue, 15 Feb 2011 16:46:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[International]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
		<category><![CDATA[Prekarisierung]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Idee f&#252;r einen transnationalen Migrant_innenstreik am 1.M&#228;rz geht auf Massenproteste in den USA zur&#252;ck, deren H&#246;hepunkt der „Tag ohne Migrant_innen“ am 1.Mai 2006 bildete, an dem sich &#252;ber eine Millionen Menschen beteiligten. Die Proteste richteten sich &#252;ber Monate hindurch gegen die massiven Versch&#228;rfungen der Asyl- und Einwanderungsgesetze – diese f&#252;hrten einerseits zu Illegalisierung und Kriminalisierung von vielen Migrant_innen, andererseits [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Idee f&#252;r einen transnationalen Migrant_innenstreik am 1.M&#228;rz geht auf Massenproteste in den USA zur&#252;ck, deren H&#246;hepunkt der „Tag ohne Migrant_innen“ am 1.Mai 2006 bildete, an dem sich &#252;ber eine Millionen Menschen beteiligten. Die Proteste richteten sich &#252;ber Monate hindurch gegen die massiven Versch&#228;rfungen der Asyl- und Einwanderungsgesetze – diese f&#252;hrten einerseits zu Illegalisierung und Kriminalisierung von vielen Migrant_innen, andererseits zu drastischen Repressionen gegen Menschen ohne Papiere, die bis heute andauern.</p>
<p>In Europa f&#252;hrten ebenso Versch&#228;rfungen der Gesetze – nicht zuletzt im Rahmen der &#8220;Harmonisierung der Migrations- und Asylgesetze&#8221; in der EU – zu einer lang anhaltenden Protestwelle und zur Organisierung von Aktivist_innen und Migrant_innen. In Frankreich und Italien, aber auch in Spanien und Griechenland, wurde der 1. M&#228;rz 2010 zu einem „Tag ohne uns“ erkl&#228;rt. Durch den Aufruf, an diesem Tag die Arbeit niederzulegen und einen Konsumboykott durchzuf&#252;hren, sollte darauf hingewiesen werden, dass Migrant_innen zwar wesentlich zum Funktionieren der Wirtschaft sowie zum sozialen und kulturellen Leben beitragen, ihnen aber gleichzeitig zentrale Rechte vorenthalten werden. Der 1.M&#228;rz sollte an die einige Jahre zuvor an diesem Tag beschlossene Reform des Einwanderungsgesetzes in Frankreich zu erinnern, wodurch ein auf &#246;konomische N&#252;tzlichkeitskriterien basierendes Migrationsregime etabliert wurde – &#228;hnlich wie mit der Einf&#252;hrung der „Rot-Wei&#223;-Rot-Karte“ in &#214;sterreich.</p>
<p>An diesem „Tag ohne uns“ wurden Dutzende Betriebe bestreikt, Zehntausende gingen auf die Strasse und demonstrierten gegen rassistische Diskriminierungen und f&#252;r gleiche Rechte. 2011 sollen diese Proteste noch ausgeweitet werden. Der 1.M&#228;rz soll sich als antirassistischer Aktionstag etablieren, an dem Migrant_innen als politische Subjekte auftreten und sich gemeinsam gegen die herrschenden Politiken der Ausbeutung und Diskriminierung zur Wehr setzen.</p>
<p><em>Zu den Aktionen in Frankreich und Italien:</em></p>
<p>http://www.migrazine.at/artikel/24h-sans-nous</p>
<p>http://jungle-world.com/artikel/2010/10/40498.html</p>
<p><em>Speziell zu Frankreich:</em></p>
<p>http://www.trend.infopartisan.net/trd0310/t410310.html</p>
<p><em>Speziell zu Italien:</em></p>
<p>http://www.suite101.de/content/einwanderer-streiken-in-italien-a70943</p>
<p><em>Zur Situation in den USA:</em></p>
<p>http://indymedia.us/en/topic/mayday2006/archive.shtml</p>
<p>http://at2.indymedia.org/newswire/display/55505.html</p>
<p>http://www.indybay.org/newsitems/2006/04/20/45172.php</p>
<p>http://deletetheborder.org/node/996</p>
<p>http://no-racism.net/article/1630</p>
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		<item>
		<title>Hinter dem Faschismus steht&#8230;?</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/11/03/hinter-dem-faschismus-steht/</link>
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		<pubDate>Wed, 03 Nov 2010 17:46:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Marxistischer Faschismusanalyse wird h&#228;ufig eine &#246;konomistische und funktionalistische
Perspektive vorgeworfen. Hanna Lichtenberger, Veronika Duma und Tobias Boos zeigen, dass sich jedoch bereits in den Anf&#228;ngen der Faschismustheorien brauchbare Ans&#228;tze finden, die, verbunden mit neueren Erkenntnissen, dabei helfen k&#246;nnen, den Faschismus als autorit&#228;re Krisenbearbeitungsstrategie besser zu verstehen.

Der Aufstieg und die Machtergreifung faschistischer Bewegungen und Parteien im Europa der 1920er und -30er Jahre [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Marxistischer Faschismusanalyse wird h&#228;ufig eine &#246;konomistische und funktionalistische<br />
Perspektive vorgeworfen. <em>Hanna Lichtenberger</em>, <em>Veronika Duma</em> und <em>Tobias Boos</em> zeigen, dass sich jedoch bereits in den Anf&#228;ngen der Faschismustheorien brauchbare Ans&#228;tze finden, die, verbunden mit neueren Erkenntnissen, dabei helfen k&#246;nnen, den Faschismus als autorit&#228;re Krisenbearbeitungsstrategie besser zu verstehen.<br />
<span id="more-1661"></span><br />
Der Aufstieg und die Machtergreifung faschistischer Bewegungen und Parteien im Europa der 1920er und -30er Jahre stellt <em>das </em>historische Beispiel rechter und autorit&#228;rer Krisenbearbeitung dar. Die aktuellen Umtriebe (neo-)faschistischer Parteien in Europa erinnern daran, dass es sich keineswegs dabei um ein l&#228;ngst &#252;berwundenes Ph&#228;nomen der Vergangenheit handelt. Stimmen f&#252;r eine faschistische Ordnung der Gesellschaft sind auch aktuell immer wieder zu vernehmen und sto&#223;en weiterhin durchaus auf Zustimmung. W&#228;hrend in gegenw&#228;rtigen, b&#252;rgerlichen Debatten mit Bezug auf die &#246;konomische Krise h&#228;ufig Parallelen zu jener Periode und insbesondere zur Weltwirtschaftskrise von 1929/30 gezogen werden, wird &#252;ber die damaligen politischen Entwicklungen jedoch kaum gesprochen.<br />
Um eventuellen Vermutungen, in diesem Artikel werde nun in allen Farben der Teufel an die Wand gemalt, zuvorzukommen: Nein, wir behaupten nicht, dass der n&#228;chste Faschismus unmittelbar vor der T&#252;r steht. Es geht jedoch darum, sich ein theoretisches R&#252;stzeug zuzulegen – nicht nur um auf die Option des Faschismus als Form m&#246;glicher, autorit&#228;rer Krisenbearbeitungsstrategie hinzuweisen. W&#228;hrend einerseits, wie oben angemerkt, im b&#252;rgerlichen politischen Diskurs &#252;ber eine potentielle faschistische Gefahr lieber geschwiegen wird, gibt es andererseits auf der Linken eine Tendenz zur inflation&#228;ren Verwendung des Faschismusbegriffs, also einen Hang zur Ausweitung des Begriffs auf ein zu breites Spektrum autorit&#228;rer und rechter Politiken. Ein differenziertes, theoretisch fundiertes Verst&#228;ndnis des Faschismusbegriffs und – damit untrennbar verbunden – des historischen Faschismus ist jedoch wesentlich f&#252;r die Entwicklung aktueller, linker Strategien.</p>
<p><strong>Theorie und Praxis von Links</strong><br />
Im Gegensatz zu all jenen Ans&#228;tzen, die Faschismus mit einer Liste von (ideal-)typischen Merkmalen zu fassen versuchen und folglich zwangsweise von einem statischen, nicht erkl&#228;renden, sondern blo&#223; beschreibenden Modell ausgehen<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a>, fassen wir faschistische Bewegungen als aktive Kraft in der Gesellschaft, als spezifische Form einer reaktion&#228;ren Massenbewegung auf. Dieser Zugang ist keinesfalls neu. Er kn&#252;pft an Debatten an, die so alt sind, wie der Faschismus selbst. Gef&#252;hrt wurden sie von all jenen ArbeiterInnen, GewerkschafterInnen und AntifaschistInnen, KommunistInnen oder SozialdemokratInnen, die sich in Opposition zu den anwachsenden faschistischen Bewegungen jener Zeit befanden.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Ihre unterschiedlichen Wege, den Faschismus zu analysieren, sind folglich immer vor dem Hintergrund der damals verfolgten politischen Strategien zur Verhinderung oder &#220;berwindung des Faschismus zu verstehen.<br />
Um unseren Zugang einzubetten, sollen zuerst die Debatten dieser linken Kr&#228;fte in den 1920er, 1930er und 1940er Jahren skizziert werden. Die Diskussionen beziehen sich auf jene L&#228;nder, in denen faschistische Bewegungen zuerst entstanden und auch (im Gegensatz zu anderen L&#228;ndern) an die Macht gelangten, also v.a. auf Italien und Deutschland. Bei allen Parallelen und gemeinsamen Elementen zwischen den Entwicklungen in den beiden L&#228;ndern, stellt der Nationalsozialismus jedoch einen Sonderfall des Faschismus dar.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Da der Holocaust nicht mit den Auswirkungen des italienischen Faschismus vergleichbar ist, werden wir dem deutschen Faschismus in diesem Artikel auch zum Schluss etwas mehr Platz einr&#228;umen.</p>
<p><strong>„Ultralinke“ vs. „Rechte“ Ans&#228;tze</strong><br />
Seit dem Aufkommen der faschistischen Bewegungen nach dem Ersten Weltkrieg gab es verschiedene, sich auf Marx berufende Theorien, die sich mit dem Ph&#228;nomen des Faschismus auseinandersetzten. Die Debatten zur Einsch&#228;tzung der faschistischen Bewegung wurden vor allem entlang der (offiziellen) Positionen der Sozialdemokratischen und Kommunistischen Parteien der einzelnen L&#228;ndern sowie der jeweiligen Internationalen gef&#252;hrt. Der britische Historiker Dave Renton fasst die unterschiedlichen Ans&#228;tze innerhalb der Linken in drei Str&#228;ngen zusammen. Er unterscheidet einen „ultralinken“, einen „rechten“ und einen „dialektischen“ Interpretationszugang.<br />
Bei den „ultralinken“ Ans&#228;tzen stand v.a. die Frage nach dem Zweck und der Funktion des Faschismus im Vordergrund. Diese wurde aber oftmals verk&#252;rzt beantwortet. Der Faschismus wurde blo&#223; als eine Konterrevolution unter vielen verstanden, als ein Instrument in den H&#228;nden der herrschenden kapitalistischen Klassen, mit dem Ziel, die ArbeiterInnenschaft zu zerschlagen.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Diese Position wurde etwa von den italienischen und deutschen KPs in den 1920er und fr&#252;hen 1930er Jahren vertreten<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> und setzte sich mit der Durchsetzung der stalinistischen Konterrevolution seit Ende der 1920er Jahre auch in der Kommunistischen Internationalen (KI)<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> durch.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Ein Ausdruck „ultralinker“ Ans&#228;tze war die so genannte Sozialfaschismusthese, nach der die Sozialdemokratie den linken Fl&#252;gel des Faschismus darstellt. Eine Folge dieser Position war die strikte Ablehnung der Zusammenarbeit mit (der F&#252;hrungsriege) der Sozialdemokratie, da diese, genauso wie der Faschismus, als ein „Kampfesmittel der gro&#223;kapitalistischen Diktatur“ bezeichnet wurde.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Die von Renton als „rechte“ Erkl&#228;rungen des Faschismus bezeichneten Ans&#228;tze hingegen ignorierten den Aufstieg und die Funktion des Faschismus. Sie fokussierten stattdessen auf den Massencharakter und die Ideologie der faschistischen Bewegungen.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Dabei wurde der Faschismus als eine vom Kleinb&#252;rgerInnentum dominierte Massenbewegung, die v&#246;llig unabh&#228;ngig von kapitalistischen Kr&#228;ften agierte, verstanden.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> All jene, die diese Interpretation teilten, charakterisierten den Faschismus als exotisches, teils sogar pathologisches Ph&#228;nomen, als Bedrohung f&#252;r die kapitalistische Gesellschaftsordnung. Dementsprechend wurde ein funktionierender, reformierter Kapitalismus als Bollwerk gegen den Faschismus begriffen. Diese Position wurde zumeist in den SPs sowie in der KI nach deren strategischer Wende um 1934/35 vertreten.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a><br />
Beide Ans&#228;tze untersch&#228;tzten auf Grund ihrer Analyse die faschistische Gefahr und bereiteten zudem die Grundlagedaf&#252;r, dass sich die Zusammenarbeit der SPs und KPs &#228;u&#223;erst schwierig bis unm&#246;glich gestaltete.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a></p>
<p><strong>„Dialektische“ Ans&#228;tze</strong><br />
Der dritte, „dialektisch“ genannte Zugang kombinierte die Erkenntnisse der anderen beiden Ans&#228;tze. Indem er deren Unterschiede auf Widerspr&#252;che innerhalb der faschistischen<br />
Bewegung bzw. des Faschismus an der Macht zur&#252;ckf&#252;hrte, lieferte er die Basis f&#252;r ein komplexeres und vielschichtigeres Verst&#228;ndnis des Faschismus.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Vor der stalinistischen Konterrevolution in der Sowjetunion fanden auf Kongressen der KI in den Jahren 1922 und 1923 Diskussionen dar&#252;ber statt, dass der Faschismus als eine anti-proletarische Bewegung mit Verbindungen zu kapitalistischen Kr&#228;ften und zugleich als eine Massenbewegung mit eigener Logik gesehen werden sollte.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Das Spannungsverh&#228;ltnis zwischen der prokapitalistischen sozialen Funktion – als „Rasierklinge der herrschenden Klasse“ – und der kleinb&#252;rgerlich dominierten sozialen Basis des Faschismus stand im Zentrum der Diskussionen.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Ein Ausgangspunkt f&#252;r diesen Ansatz bildete der Sieg Mussolinis in Italien und die Einsicht, dass andere Strategien zur Bek&#228;mpfung des Faschismus n&#246;tig gewesen w&#228;ren. Aber nicht nur innerhalb der KI, auch in den linken Fl&#252;geln der SPs wurde, v.a. in den 1930er Jahren, teilweise auf Basis des „dialektischen“ Zugangs argumentiert.<br />
Ein bekanntes Beispiel f&#252;r die Verbindung der „linken“ und „rechten“ Argumentationslinien ist die Rede Clara Zetkins, einer revolution&#228;ren Feministin innerhalb der SP, vor dem Exekutivkomitee der KI im Jahre 1923<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a>: „Linke“ und „rechte“ Ans&#228;tze kritisierend, bezeichnet sie den Faschismus als eine Massenbewegung mit sozialen Wurzeln, hebt aber ebenso dessen Verbindungen zu kapitalistischen Kr&#228;ften und infolgedessen den Terror gegen die organisierte ArbeiterInnenklasse hervor: „[D]er Tr&#228;ger des Faschismus ist nicht eine kleine Kaste, sondern es sind breite soziale Schichten, die selbst bis in das Proletariat hineinreichen. […] Wir werden ihn nicht auf milit&#228;rischem Wege allein &#252;berwinden […], wir m&#252;ssen ihn auch politisch und ideologisch niederringen“. <a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> „[…] Zwei Wesensz&#252;ge sind [dem Faschismus] in allen L&#228;ndern einig: ein scheinrevolution&#228;res Programm, das au&#223;erordentlich geschickt an die Stimmungen, Interessen und Forderungen breitester sozialer Massen ankn&#252;pft, dazu die Anwendung des brutalsten, gewaltt&#228;tigsten Terrors.“<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Zetkin betont den sozio&#246;konomischen Kontext, der das Wachstum faschistischer Kr&#228;fte erm&#246;glichte: die Krise der kapitalistischen Wirtschaft, die Auswirkungen des Krieges und der „Stillstand der Weltrevolution“.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a><br />
Auch die Argumentation von Leo Trotzki ist ein Beispiel f&#252;r ein „dialektisches“ Verst&#228;ndnis des Faschismus. Wie Zetkin hebt er die Konflikthaftigkeit und Widerspr&#252;chlichkeit innerhalb der faschistischen Bewegung hervor und beschreibt die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Entwicklungen. Trotzki betont die Verbindung zwischen Faschismus und Kapital, w&#228;hrend er die faschistische Bewegung als Bewegung von Kleinb&#252;rgerInnen und der neuen Mittelklasse beschreibt: „In der durch Krieg, Niederlage, Reparationen, Inflation, Ruhrbesetzung, Krise, Not und Erbitterung &#252;berhitzten Atmosph&#228;re erhob sich das Kleinb&#252;rgertum gegen alle Parteien, die es betrogen hatten. Die schwere Frustration der Kleineigent&#252;mer, die aus dem Bankrott nicht herauskamen, ihre studierten S&#246;hne ohne Stellung und Klienten, ihre T&#246;chter ohne Aussteuer und Freier, verlangten nach Ordnung und nach einer eisernen Hand“.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Und weiter: „Der deutsche wie der italienische Faschismus stiegen zur Macht &#252;ber den R&#252;cken des Kleinb&#252;rgertums, das sie zu einem Rammbock gegen die Arbeiterklasse und die Einrichtungen der Demokratie zusammenpressten. Aber der Faschismus, einmal an der Macht, ist alles andere als eine Regierung des Kleinb&#252;rgertums“.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a><br />
Insgesamt hilft uns dieser „dialektische“ Ansatz also dabei, die internen Widerspr&#252;che zwischen den Anspr&#252;chen und Erwartungen der Massenbasis und den reaktion&#228;ren Zielen der Bewegung in den Blick zu bekommen. Dar&#252;ber hinaus k&#246;nnen, daran anschlie&#223;end, die Dominanz spezifischer Klassenfraktionen im Faschismus an der Macht gekennzeichnet und die Dynamiken der verschiedenen Phasen des Faschismus analysiert werden.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Eine differenzierte, marxistische Analyse sollte daher bei den „dialektischen“ Zug&#228;ngen ansetzen und Elemente der „rechten“ und „linken“ Ans&#228;tze zusammenf&#252;hren sowie erweitern.<br />
In diesem Artikel werden wir deshalb f&#252;r die Analyse des Faschismus auf folgende Fragen n&#228;her eingehen: (1) Was waren die Konstitutionsbedingungen f&#252;r den Aufstieg des Faschismus? (2) Wie setzte sich die soziale Basis der faschistischen Bewegungen und Parteien zusammen? (3) Worin bestand die soziale Funktion des Faschismus? (4) Welche Dynamiken und Widerspr&#252;chlichkeiten waren in den verschiedenen zeitlichen Etappen bei der Entwicklung des Faschismus (Faschismus als Bewegung, Faschismus an der Macht) wesentlich, und (5) welche Klassenfraktionen waren wann im Faschismus an der Macht relevant? Die hier aufgez&#228;hlten Fragen werden am besten nicht durch eine abstrakte, theoretische Abhandlung beantwortet, sondern durch eine – wenn auch sehr &#252;berblicksm&#228;&#223;ige – Nachzeichnung der verschiedenen Entwicklungsphasen, hier exemplarisch am Beispiel von Italien und Deutschland.</p>
<p><strong>Der Aufstieg des Faschismus</strong><br />
Die Gesellschaften in Deutschland und Italien waren wesentlich von den Erfahrungen der Jahre 1914–1918 gepr&#228;gt. Eine entscheidende Rolle f&#252;r die Ausbildung der faschistischen Ideologie und der sp&#228;teren Organisationen faschistischer Milizen spielten daher die nach dem ersten Weltkrieg zur&#252;ckgekehrten Offiziere. Nationalismus, die im Krieg verinnerlichten Vorstellungen von Disziplin und hierarchischer Befehlsordnung sowie heroische und martialische Lebensvorstellungen mischten sich mit dem Hass auf die (&#246;konomischen) „GewinnerInnen“ des Krieges. Die Kriegsr&#252;ckkehrer f&#252;hlten sich von der b&#252;rgerlichen Gesellschaft verraten und versto&#223;en. Dar&#252;ber hinaus legte der Friedensvertrag von Versailles den Abbau eines Gro&#223;teils der Berufsarmee fest, der besonders die Offiziere betraf.<br />
Otto Bauer, F&#252;hrer der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie jener Zeit, schilderte, wie diese Ansichten in einer Art von rechtem „Antikapitalismus“ geb&#252;ndelt wurden. Dieser richtete sich einerseits gegen die Gro&#223;bourgeoisie und – so die antisemitische Bezeichnung – das „raffende“ Kapital, andererseits gegen das (organisierte) Proletariat. Vor allem in Deutschland paarte sich diese Haltung noch mit dem Gef&#252;hl der Niederlage, die gen&#228;hrt wurde durch die “Dolchsto&#223;legende“. So wurden &#228;u&#223;ere Feinde beschworen, zu deren Abwehr es der nationalen Einheit bed&#252;rfe.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Sowohl in Italien als auch in Deutschland, wo nach dem Ersten Weltkrieg in einigen St&#228;dten Fabriken von bewaffneten ArbeiterInnen besetzt oder R&#228;terepubliken ausgerufen wurden, erwiesen sich diese Kr&#228;fte als Basis einer anti-proletarischen Reaktion.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a><br />
In Italien wuchs die faschistische Bewegung sehr schnell. Aus verschiedenen (zum Teil auch konkurrierenden) Gruppierungen bestehend, die sowohl am Land als auch in den St&#228;dten systematische und oft t&#246;dliche Angriffe gegen ArbeiterInnen und deren Infrastruktur durchf&#252;hrten, vereinigten sich die FaschistInnen<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> im November 1921 zum Partito Nazionale Fascista (PNF). Nach dem so genannten „Marsch auf Rom“, bei dem tausende FaschistInnen auf die Hauptstadt zusteuerten, beauftragte der italienische K&#246;nig den faschistischen F&#252;hrer Mussolini schlie&#223;lich mit der Bildung einer neuen Regierung. Mussolini versprach eine starke Regierung, ein Ende der vermeintlichen „Gesetzlosigkeit“ sowie die „Wiederherstellung des italienischen Nationalstolzes“.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a><br />
Auch in Deutschland erwuchs die faschistische Bewegung aus dem Milieu nationalistischer und antisozialistischer Offiziere und Soldaten die sich in sogenannten Freikorps organisierten. Die Stra&#223;en-Schl&#228;gertrupps fanden sich in der bald gegr&#252;ndeten SA wieder, die NSDAP zog w&#228;hrenddessen in die Parlamente ein. Erst zehn Jahre sp&#228;ter als in Italien, wurde Hitler – nachdem die b&#252;rgerlichen Parteien es nicht schafften, eine stabile Regierung zu bilden und nachdem mehrere Gespr&#228;che mit Pr&#228;sident Hindenburg, f&#252;hrenden Gener&#228;len und UnternehmerInnen stattfanden – im J&#228;nner 1933 zum Reichskanzler ernannt.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a></p>
<p><strong>Zur sozialen Zusammensetzung</strong><br />
W&#228;hrend in beiden L&#228;ndern Offiziere und Soldaten f&#252;r die Entstehung faschistischer Bewegungen eine entscheidende Rolle spielten, trugen Personen aus den verschiedensten sozialen Zusammenh&#228;ngen<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> zur Ausbreitung dieser Massenbewegungen bei. Die soziale Basis des Faschismus war demnach „nicht eine kleine Kaste, sondern [...] breite soziale Schichten, gro&#223;e Massen, die selbst bis in das Proletariat hineinreichen.“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Diese Einsch&#228;tzung Zetkins aus dem Jahre 1923 nimmt bereits vieles von dem vorweg, was sp&#228;ter oftmals im Rahmen der so genannten <em>Mittelstandsthese</em><a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> diskutiert wurde. Wichtig scheint in diesem Zusammenhang jedoch, dass sich die soziale Zusammensetzung im Laufe der Zeit ver&#228;nderte und sich der aktivistische Kern der Partei von deren W&#228;hlerInnen sozial durchaus unterschied.<br />
Blickt man etwa auf die Aufstiegsphase des Nationalsozialismus, so l&#228;sst sich in Bezug auf die Mitgliederzahlen der NSDAP eine Dominanz des „Mittelstandes“ bzw. des Kleinb&#252;rgerInnentums, also von HandwerkerInnen, Kaufleuten, KleinunternehmerInnen, Angestellten und BeamtInnen, feststellen. Das betrifft v.a. den aktivistischen Kern der Organisation, der die lokalen Strukturen der SA bildete und ausbaute. Wie Zetkin anmerkt, schlossen sich auch ArbeiterInnen den faschistischen Bewegungen an, waren jedoch im Verh&#228;ltnis zur Gesamtbev&#246;lkerung in der NSDAP deutlich unterrepr&#228;sentiert.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> In der Endphase der Weimarer Republik und v.a. nach der Macht&#252;bernahme traten vermehrt AkademikerInnen und Mitglieder der herrschenden Klasse in die Partei ein.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Innerhalb der W&#228;hlerInnenschaft der NSDAP &#252;berwog jedoch das kleinb&#252;rgerliche Element.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Die Unterschiede hinsichtlich der Bereitschaft, sich ganz der faschistischen Idee zu verschreiben, zeigt auch die hohe Differenz zwischen den W&#228;hlerInnenstimmen und den tats&#228;chlichen Mitgliederzahlen bis 1933. „Im Gegensatz zu dem ,harten Kern‘ der NS-Aktivisten, die ihre b&#252;rgerliche Existenz weitgehend hingeworfen und sich der Hitler-Bewegung ganz verschrieben hatten, waren die Millionen W&#228;hler, die die immer mehr mittelst&#228;ndische, ,b&#252;rgerliche‘ Massenbasis der NSDAP ausmachten, keineswegs so ohne weiteres gewillt, ihre elementaren Interessen aufzugeben. Ihr Engagement f&#252;r die Hitler-Partei war nicht unbedingt.“<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> Die zu verbuchenden Erfolge und Versprechungen zogen jedoch immer neue SympathisantInnen an. Auch in Italien kamen FaschistInnen aus unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft. Dort war das Kleinb&#252;rgerInnentum jedoch ebenso &#252;berdurchschnittlich vertreten.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Um die Bedeutung des Kleinb&#252;rgerInnentums f&#252;r den Aufstieg des Faschismus besser fassen zu k&#246;nnen, muss daher im Folgenden deren Situation nach dem Ersten Weltkrieg genauer betrachtet werden.</p>
<p><strong>„Demagogischer Antikapitalismus“</strong><br />
Die Unruhen der letzten Jahrzehnte und der wirtschaftliche Niedergang, unter dem das Kleinb&#252;rgerInnentum mehr noch als das Gro&#223;kapital zu leiden hatte, bildeten die Grundlage f&#252;r eine doppelte Ablehnungshaltung nach oben und nach unten. Das Kleinb&#252;rgerInnentum verlor durch die steigende Inflation und die &#246;konomische Krise zunehmend seine Ersparnisse. Gleichzeitig musste es miterleben, wie Teile der Bourgeoisie Gewinne aus der Krise zogen oder dieser zumindest besser standhielten. „Aufgerieben zwischen der ArbeiterInnenklasse auf der einen und der KapitalistInnenklasse auf der anderen Seite, wandte sich das Kleinb&#252;rgerInnentum in seiner Mehrzahl dem Faschismus zu. Der r&#252;ckw&#228;rtsgewandte ,Antikapitalismus‘ der Nazis, der gegen ,das gro&#223;e Geld‘ und gleichzeitig gegen den ,j&#252;dischen Bolschewismus‘ polemisierte und selektiv vorindustrielle Zust&#228;nde romantisierte, kam da gerade Recht.“<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a><br />
Ideologisch gesehen konvergierten die Ansichten der Kleinb&#252;rgerInnen mit den Weltanschauungen der Ex-Offiziere und Soldaten. Der britische Marxist Alex Callinicos beschrieb diese Ideologie, ankn&#252;pfend an Daniel Guerin, als „demagogischen Antikapitalismus“: Die Idee einer Volksgemeinschaft, welche die Vers&#246;hnung aller Klassen Deutschlands auf „Rassenbasis“ versprach. Diese „rassistische, pseudorevolution&#228;re Ideologie bildete den Zement des Nationalsozialismus als Massenbasis“.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> Nicht den inneren Kampf zwischen Kapital und Arbeit gelte es demnach auszufechten, sondern sich dem „j&#252;dischen Finanzkapital“ und der &#228;u&#223;eren Bedrohung durch „minderwertige Rassen“ zu erwehren, wobei diese Argumente in Deutschland hervorragend an gro&#223;deutsche Phantasien der vorangegangen Jahrzehnte ankn&#252;pfen konnten. Gest&#252;tzt wird diese These nicht zuletzt durch die Rhetorik Hitlers, der den Kampf „Volksdeutschland gegen Parteideutschland” heraufbeschwor oder in seinen Reden immer wieder davon sprach, dass „[a]us Parteimenschen, aus Standes- und Klassenzugeh&#246;rigen [...] Deutsche werden [m&#252;ssen].“<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a><br />
Oft wird zu Recht argumentiert, dass der Antisemitismus in Italien eine andere Rolle spielte als in Deutschland. Tats&#228;chlich hat Mussolini in den 20er Jahren behauptet, dass der „echte“ Faschismus durch den Antisemitismus kompromittiert werde. Die Tatsache, dass zumindest anf&#228;nglich Antisemitismus weniger „offizielles Programm“ war als in Deutschland, hei&#223;t aber nicht, dass Italien kein rassistischer Staat gewesen w&#228;re. In Italien wurden 1938 die rassistischen Gesetze von Nazi-Deutschland &#252;bernommen, und tausende J&#252;dInnen wurden unter dem italienischen Faschismus deportiert und ermordet.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Au&#223;erdem spielte ein tief verankerter Rassismus bei Italiens Angriffen auf &#196;thiopien und Tunesien, bei denen zahlreiche Menschen durch Giftgaseins&#228;tze ermordet wurden, eine wesentliche Rolle.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> Rassismus und Antisemitismus nahmen zwar eine unterschiedliche Stellung ein, waren aber in beiden L&#228;ndern Teil der faschistischen Ideologie. Der in beiden L&#228;ndern rhetorisch propagierte „Antikapitalismus“ entsprach auf &#246;konomischer Ebene keinesfalls dem tats&#228;chlichen Programm des Faschismus. Dies zeigte sich deutlich bei dessen Machtergreifung und der damit einhergehenden inneren Kr&#228;fteverschiebung. Die an die Bed&#252;rfnisse seiner Basis angebiederten Forderungen des Faschismus erwiesen sich als leere Worth&#252;lsen. So fragt etwa Clara Zetkin mit Blick auf Italien: „Was hatte der Faschismus politisch versprochen, als er mit wild wehendem Lockenhaar wie Simon herbeist&#252;rmte?“ Weder die beteuerte Reform des Wahlrechts, die Einf&#252;hrung des Frauenwahlrechts, die Schaffung eines Wirtschaftsparlaments oder eine Alters- und Invalidenversicherung – um nur einige Beispiele zu nennen – wurden nach der Eroberung der Staatsmacht verwirklicht. „Es ist der krasseste Widerspruch vorhanden zwischen dem, was der Faschismus verhei&#223;en hat, und dem, was er den Massen bringt. Gleich einer Seifenblase ist in der Luft der Wirklichkeit das Gerede zerstoben, dass im faschistischen Staat das Interesse der Nation &#252;ber allem steht“.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a> Diese nicht erf&#252;llten Versprechungen sowie die inneren Widerspr&#252;che des Faschismus zwischen seiner Massenbasis und den Interessen der Herrschenden lassen sich am besten mit Blick auf die spezifische Konstellation der Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse erkl&#228;ren. Dabei ist es wichtig, die Klassenverh&#228;ltnisse sowohl auf vertikaler als auch auf horizontaler Ebene unter die Lupe zu nehmen: Der Fokus soll also sowohl auf das Verh&#228;ltnis zwischen ArbeiterInnenklasse und Bourgeoisie, als auch auf die Auseinandersetzungen innerhalb der b&#252;rgerlichen Klassenfraktionen gelegt werden. Nur so k&#246;nnen die Lage der ArbeiterInnenklasse einerseits und die folgenschweren „Zweckehen“ und Interessenskonvergenzen zwischen einzelnen Kapitalfraktionen und Faschismus andererseits erkl&#228;rt werden.</p>
<p><strong>Kr&#228;fteverh&#228;ltnis vertikal: Gleichgewichtsthese oder Pattsituation?</strong><br />
Vielen Faschismustheorien ist gemeinsam, dass sie in der Schw&#228;che der ArbeiterInnenklasse – auf Grund der vorausgegangenen K&#228;mpfe und Niederlagen – eine zentrale Konstitutionsbedingung des Faschismus sehen. Grundlage vieler marxistischer Interpretationen des Kr&#228;fteverh&#228;ltnisses zwischen ArbeiterInnenklasse und Bourgeoisie ist Karl Marx‘ Analyse der Entwicklungen der franz&#246;sischen Revolution und des napoleonischen Staatsstreiches am 18. Brumaire, die 1852 erstmals ver&#246;ffentlicht wurde. Darin besch&#228;ftigt sich Marx nicht nur mit den Klassengegens&#228;tzen, sondern auch mit den Widerspr&#252;chen innerhalb der herrschenden Klasse, die sie in die Handlungsunf&#228;higkeit man&#246;vrieren und schlie&#223;lich zu einer Verselbstst&#228;ndigung der Exekutive f&#252;hren. In „B&#252;rgerkrieg in Frankreich“ beschreibt Marx das f&#252;r den „Bonapartismus“ &#8211; die Herrschaft Louis Napoleons &#8211; charakteristische „Gleichgewicht“ der Klassen: „In Wirklichkeit war es die einzige m&#246;gliche Regierungsform zu einer Zeit, wo die Bourgeoisie die F&#228;higkeit, die Nation zu beherrschen, schon verloren und wo die Arbeiterklasse diese F&#228;higkeit noch nicht erworben hatte.“<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a><br />
Trotzki verstand das Verh&#228;ltnis der Kr&#228;fte im Faschisierungsprozess im Sinne eines Gleichgewichts der Klassen: „Setzt man eine Kugel auf die Spitze einer Pyramide, so kann ein geringer Ansto&#223; sie nach links oder rechts hinab rollen lassen. Das ist die Lage, der sich Deutschland mit jeder Stunde n&#228;hert“.<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> Und weiter schreibt er: „Die Faschisten wachsen sehr schnell. Die Kommunisten wachsen gleichfalls, aber bedeutend langsamer. Das Wachstum der &#228;u&#223;ersten Pole beweist, da&#223; sich die Kugel auf der Pyramidenspitze nicht halten kann. Das rasche Anwachsen der Faschisten bringt die Gefahr, da&#223; die Kugel nach rechts hinab rollen kann. Das ist eine gewaltige Gefahr.“<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> Auch Otto Bauer &#252;bernahm Marx’ Analyse der Verselbstst&#228;ndigung der Exekutive f&#252;r den Nationalsozialismus: „Die Bourgeoisie hatte nur noch die Wahl, die faschistische Privatarmee, die sie finanziert und bewaffnet hatte, gewaltsam zu zerschmettern und damit das niedergeworfene Proletariat zu entfesseln oder der Privatarmee des Faschismus die Staatsmacht zu &#252;bergeben. In dieser Situation lie&#223; die Bourgeoisie ihre eigenen Vertreter in der Regierung und im Parlament im Stich, sie zog die &#220;bergabe der Staatsmacht an den Faschismus vor[…]“.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a><br />
Die ArbeiterInnenklasse hatte nach dem Ersten Weltkrieg zahlreiche Niederlagen hinnehmen m&#252;ssen. Es sind die Nachwehen dieser Niederlagenserie, welche die Situation der ArbeiterInnenklasse w&#228;hrend des Faschisierungsprozesses charakterisieren. Zugleich war die Bourgeoisie zu diesem Zeitpunkt zu schwach, um ihre Interessen mittels der demokratischen politischen Institutionen durchzusetzen, aber stark genug um mit Hilfe der FaschistInnen die ArbeiterInnenklasse gewaltsam zu bek&#228;mpfen.<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> Mit dem Blick auf die zahlreichen Niederlagen der ArbeiterInnenklasse kann kaum von einem Gleichgewicht der Kr&#228;fte gesprochen werden. Vielmehr handelte es sich um eine Patt-Situation, in der weder ArbeiterInnenklasse noch die herrschenden, b&#252;rgerlichen Klassen die Kraft f&#252;r eine offensive Taktik hatten.</p>
<p><strong>Zerschlagung der ArbeiterInnenklasse</strong><br />
Die These, dass der Faschismus letztendlich nur ein Instrument der Bourgeoisie war, ist weiter oben als verk&#252;rzt bzw. einseitig kritisiert worden. Dies kann jedoch auf keinen Fall bedeuten, die eindeutige Interessenskonvergenz zwischen Industriellen, UnternehmerInnen etc. und den FaschistInnen zu verneinen. Wie Alex Callinicos feststellt, trafen sich „die Interessen der Nazis […] im Ziel der Zerschlagung der organisierten Arbeiterklasse mit denen vieler f&#252;hrender Industrieller, Bankiers, Gener&#228;le und Gro&#223;grundbesitzer.“<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Ebenso wurden in Italien die faschistischen Milizen zur Zerschlagung der ArbeiterInnenklasse durchaus bewusst eingesetzt, bzw. lie&#223; man sie ohne Eingriff des staatlichen Gewaltapparats walten.<br />
So zeichnete sich die erste Phase bzw. Welle<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a> der faschistischen Bewegung in Italien durch &#220;berf&#228;lle auf und Stra&#223;enk&#228;mpfe mit organisierten ArbeiterInnen aus. Einer der ersten gezielten gro&#223;en &#220;bergriffe auf die ArbeiterInnenbewegung und deren Strukturen ereignete sich in Mailand, wo die FaschistInnen ihre gr&#246;&#223;te Basis hatten. 1919 griffen ca. 300 bewaffnete FaschistInnen das B&#252;ro von Avanti!, der Tageszeitung des PSI (Partito Socialista Italiano) an. Die zweite Welle fand am Land statt und stand gr&#246;&#223;tenteils nicht unter der Kontrolle Mussolinis bzw. der Bewegungen in den St&#228;dten. Allerdings waren die Ereignisse in den l&#228;ndlichen Regionen von Beginn an durch ihre Kooperationsform zwischen FaschistInnen und Gro&#223;grundbesitzerInnen wegweisend: Direkt nach dem Krieg wurde das Land von Streikwellen und Fabrikbesetzungen durchzogen. Die Gro&#223;grundbesitzerInnen sahen ihre Besitzt&#252;mer zunehmend bedroht. Einerseits hatte die Regierung nach dem Krieg gro&#223;e Agrarreformen durchgef&#252;hrt, andererseits fielen die Erntepreise rapide. Zudem begannen die LandarbeiterInnen sich zu organisieren und besetzten immer &#246;fters L&#228;ndereien und Betriebe. In den Jahren 1920 und 1921 griffen die Gro&#223;grundbesitzerInnen erstmal gezielt auf die vagabundierenden faschistischen Milizen zur&#252;ck, um mit deren Hilfe die sich organisierenden LandarbeiterInnen niederzuschlagen. Diese Entwicklungen vollzogen sich zu Beginn unabh&#228;ngig von den Parteistrukturen, die Mussolini vor allem in den St&#228;dten zu etablieren begann. Nachdem sich allerdings diese Art der Zusammenarbeit als sehr erfolgreich erwiesen hatte, begannen auch immer mehr st&#228;dtische Industrielle sie zur Durchsetzung ihrer Interessen zu nutzen. Abgebildet wird dieses unheilvolle B&#252;ndnis auch in der massiven Finanzierung der faschistischen Partei durch das Kapital in den Jahren 1921-24.<a title="anm_49" name="anm_49" href="#anm49"><sup>49</sup></a> Die Attacken gegen die organisierte ArbeiterInnenklasse wurden zudem bald gesetzlich legitimiert: Sobald die faschistischen Bewegungen an die Macht kamen, wurden die sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien und deren Vereine sowie die Gewerkschaften aufgel&#246;st und verboten.<a title="anm_50" name="anm_50" href="#anm50"><sup>50</sup></a><br />
Auch f&#252;r Deutschland stellt der Historiker Ian Kershaw fest, dass sich strukturelle Zusammenh&#228;nge zwischen kapitalistischen Kr&#228;ften und dem Aufstieg des Nationalsozialismus aufzeigen lassen: „Erstens ist klar, da&#223; bei einflussreichen Teilen der industriellen Elite schon lange vor dem politischen Durchbruch der Nazis eine zunehmende Bereitschaft bestand, die Weimarer Republik zugunsten einer attraktiveren autorit&#228;reren L&#246;sung fallenzulassen, die dann als erstes durch die Unterdr&#252;ckung der Arbeiterschaft die Profitabilit&#228;t wieder herstellen w&#252;rde“.<a title="anm_51" name="anm_51" href="#anm51"><sup>51</sup></a> Zweitens habe im industriellen Sektor, der durch die Wirtschaftskrise gespalten und von der sich versch&#228;rfenden Rezession betroffen war, die Bereitschaft zugenommen, eine Regierungsbeteiligung der Nazis zu akzeptieren. Auch wenn nicht alle Teile den Nazis wohlgesonnen waren, sollte so der politische Rahmen erhalten bleiben, in dem sich das kapitalistische System wieder erholen k&#246;nne.<a title="anm_52" name="anm_52" href="#anm52"><sup>52</sup></a></p>
<p><strong>Die zweifache Krise der Bourgeoisie</strong><br />
Nachdem eben die vertikale Ebene, also die Auseinandersetzung zwischen organisierter ArbeiterInnenklasse und Bourgeoisie behandelt wurde, soll sich der Blick nun auf die horizontale Ebene, auf die Konflikte zwischen den herrschenden Klassenfraktionen richten. Autoren wie Nicos Poulantzas<a title="anm_53" name="anm_53" href="#anm53"><sup>53</sup></a> haben darauf hingewiesen, dass am Beginn der Faschisierung eine tiefe Krise der Bourgeoisie stand, die diese auf Grund ihrer gro&#223;en Heterogenit&#228;t nicht bearbeiten konnte und die ihren Ausdruck u.a. in einer gro&#223;en Instabilit&#228;t der b&#252;rgerlichen Regierungen fand. Zwei wesentliche Faktoren sind hier relevant: zum einen die Krise der Parteienvertretung des „Blocks an der Macht“<a title="anm_54" name="anm_54" href="#anm54"><sup>54</sup></a> und zum anderen die Widerspr&#252;che innerhalb der herrschenden Klasse.<br />
Bei der Krise der Parteienvertretung des Blocks an der Macht handelt es sich um eine „Repr&#228;sentationskrise“: „An einem bestimmen Punkt ihres geschichtlichen Lebens l&#246;sen sich die gesellschaftlichen Gruppen von ihren traditionellen Parteien, das hei&#223;t, die traditionellen Parteien in dieser Organisationsform, […] werden von ihrer Klasse oder Klassenfraktionen<br />
nicht mehr als ihr Ausdruck anerkannt“.<a title="anm_55" name="anm_55" href="#anm55"><sup>55</sup></a> Aus der Perspektive gesellschaftlicher Stabilit&#228;t ist dies „heikel und gef&#228;hrlich, weil das Feld frei ist f&#252;r die Gewaltl&#246;sungen, f&#252;r die Aktivit&#228;t obskurer M&#228;chte“.<a title="anm_56" name="anm_56" href="#anm56"><sup>56</sup></a> In einer solchen Phase der politischen Orientierungslosigkeit der einzelnen Klassenfraktionen des Blocks an der Macht gelang es dem Faschismus, die L&#252;cke, die entstanden war, zu f&#252;llen.<a title="anm_57" name="anm_57" href="#anm57"><sup>57</sup></a> So konnte der Bruch zwischen den herrschenden Klassenfraktionen und ihren politischen Parteien innerhalb des staatlichen Systems zeitweise &#252;berwunden werden.<br />
Der andere Faktor der Krise des Blocks an der Macht besteht in der Art ihrer eigenen Organisation. Der Faschisierungsprozess stellt eine Situation dar, in der sich die Widerspr&#252;che innerhalb des Blocks an der Macht immer drastischer zuspitzen und die Organisation der Interessen der Herrschenden durch den Staat nicht mehr wie gew&#246;hnlich funktioniert. W&#228;hrend der Faschisierung ist keine Klassenfraktion mehr in der Lage, innerhalb des Blocks an der Macht hegemonial zu werden – weder mit eigenen politisch-organisatorischen Mitteln noch &#252;ber den Umweg der b&#252;rgerlich-parlamentarischen Demokratie.<a title="anm_58" name="anm_58" href="#anm58"><sup>58</sup></a> In dieser Situation ist der Block an der Macht zersplittert, was zu gro&#223;en strukturellen Ver&#228;nderungen in Wirtschaft und Gesellschaft f&#252;hrt.<a title="anm_59" name="anm_59" href="#anm59"><sup>59</sup></a></p>
<p><strong>Ein effektives aber instabiles B&#252;ndnis</strong><br />
Diese Ver&#228;nderungen werden an jenem, von Poulantzas etwas ungl&#252;cklich als „Point of No Return“<a title="anm_60" name="anm_60" href="#anm60"><sup>60</sup></a> bezeichneten Zeitpunkt schlagend, an dem die faschistische Partei die Unterst&#252;tzung der Klassenfraktion des Gro&#223;kapitals gewinnt. Dieser Punkt war in Deutschland mit der Regierung Br&#252;ning erreicht. Hier musste zum einen die faschistische Partei dem Gro&#223;kapital Zugest&#228;ndnisse machen, die ihrer antikapitalistischen Rhetorik widersprachen.<a title="anm_61" name="anm_61" href="#anm61"><sup>61</sup></a> Zum anderen drang das Kleinb&#252;rgerInnentum als Staatspersonal in die Staatsapparate ein und wurde &#252;ber das B&#252;ndnis der Klassenfraktionen teilweise in den Block an der Macht integriert. Nach der Ernennung Hitlers zum Kanzler kam es zwischen Nazis und Gro&#223;kapital zu Spannungen. Letztere wollten die NationalsozialistInnen lediglich als JuniorpartnerInnen in die Regierung holen und so die Bewegung unter Kontrolle halten.<a title="anm_62" name="anm_62" href="#anm62"><sup>62</sup></a> Jedoch konnte das Gro&#223;kapital auch in diesem neuen B&#252;ndnis nicht hegemonial werden, „[d]enn allein Hitler und die riesige, wenn auch potenziell instabile, Massenbewegung, die er anf&#252;hrte, vermochten die Stra&#223;en zu beherrschen“.<a title="anm_63" name="anm_63" href="#anm63"><sup>63</sup></a> Als diese Massenbewegung mit wachsender Zahl und Schlagkraft Anspr&#252;che auf die Staatsmacht erhob, musste die Bourgeoisie sich entscheiden: Entweder sie verzichtete auf die Staatsmacht oder sie verteidigte den b&#252;rgerlichen Staat gegen die FaschistInnen. Zumindest auf milit&#228;rischer Ebene war letzteres weder f&#252;r Deutschland noch f&#252;r Italien eine rein hypothetische M&#246;glichkeit. So war die staatliche Exekutive in Italien in den Jahren 1919–1922 quantitativ bedeutend verst&#228;rkt worden und den organisierten FaschistInnen durchaus gewachsen. Die Verteidigung des b&#252;rgerlichen Staates gegen die FaschistInnen h&#228;tte jedoch vermutlich ein Wiedererstarken der ArbeiterInnenbewegung bedeutet, was die Herrschenden keinesfalls in Kauf nehmen wollten. Anstatt sich den FaschistInnen entgegen zu stellen, unterst&#252;tzte die Bourgeoisie diese deshalb h&#228;ufig indirekt oder direkt, etwa durch Waffenlieferungen, bei Angriffen auf die ArbeiterInnenklasse.<a title="anm_64" name="anm_64" href="#anm64"><sup>64</sup></a> Um ihre &#246;konomische Macht zu erhalten, geben die b&#252;rgerlichen Parteien schlie&#223;lich auch die politische Macht an die FaschistInnen ab – in der Hoffnung, diese L&#246;sung sei eine vor&#252;bergehende. In Poulantzas Worten: Zur Stabilisierung der &#246;konomischen Hegemonie musste das Gro&#223;kapital letztendlich die politische Macht aufgeben, wodurch es zur Ausformung der speziellen relativen Autonomie des Faschismus gegen&#252;ber der &#246;konomisch hegemonialen Klassenfraktion kam. Es enstand ein „effektives B&#252;ndnis“, das jedoch unglaublich heterogen und instabil war.<a title="anm_65" name="anm_65" href="#anm65"><sup>65</sup></a></p>
<p><strong>„Primat der Politik“?</strong><br />
Die Auseinandersetzung mit dem Verh&#228;ltnis zwischen den Klassen und Klassenfraktionen, mit der Funktion, den Dynamiken und Widerspr&#252;chlichkeiten des Faschismus, wirft die Frage danach auf, inwieweit die faschistische Politik von wirtschaftlichen &#220;berlegungen gepr&#228;gt wurde, oder, anders formuliert: welchen Grad der politischen Autonomie, der auf ein Primat der ideologischen und politischen Ziele &#252;ber die &#246;konomischen Interessen hinauslief, erreichten die faschistischen Regime?<a title="anm_66" name="anm_66" href="#anm66"><sup>66</sup></a> Mit Blick auf diese Frage, die vor allem in Bezug auf den deutschen Faschismus diskutiert wird, liefert der Historiker Timothy Mason mit seiner These vom „Primat der Politik“ einen zentralen Beitrag f&#252;r die marxistische Interpretation des Verh&#228;ltnisses von Nationalsozialismus und den herrschenden &#246;konomischen Klassen. Er kritisiert sowohl die b&#252;rgerliche Interpretation des Nationalsozialismus, die das Verh&#228;ltnis von Politik und &#214;konomie nicht hinterfragt bzw. von einer allgemeinen Trennung der beiden Bereiche ausgeht, als auch jene Position, die von HistorikerInnen der DDR vertreten wurde, welche die Existenz eines autonomen politisch-ideologischen Bereichs verneint.<a title="anm_67" name="anm_67" href="#anm67"><sup>67</sup></a><br />
Masons zentrales Argument ist, dass „die Innen- und Au&#223;enpolitik der nationalsozialistischen Staatsf&#252;hrung ab 1936 in zunehmendem Ma&#223;e von der Bestimmung durch die &#246;konomisch herrschenden Klassen unabh&#228;ngig wurde, ihren Interessen sogar in wesentlichen Punkten zuwiderlief“.<a title="anm_68" name="anm_68" href="#anm68"><sup>68</sup></a> Schwerwiegende Strukturver&#228;nderungen in Wirtschaft und Gesellschaft h&#228;tten die Verselbstst&#228;ndigung des nationalsozialistischen Staatsapparats, das „Primat der Politik“, erm&#246;glicht. Zur Erl&#228;uterung seiner These z&#228;hlt Mason eine Reihe verschiedener Aspekte auf: die weitgehende Ausschaltung von VertreterInnen der Industrie an direkten Entscheidungsprozessen, die wirtschaftliche Rolle des Staates als Auftraggeber oder auch den schwindenden Einfluss wirtschaftlicher Interessensverb&#228;nde auf die staatliche Politik.<a title="anm_69" name="anm_69" href="#anm69"><sup>69</sup></a><br />
Zu Recht kritisieren sowohl Kershaw als auch Callinicos<a title="anm_70" name="anm_70" href="#anm70"><sup>70</sup></a>, dass die analytische Trennung von wirtschaftlichen und politischen Interessen einer zu starke Vereinfachung der kompexen strukturellen Wechselwirkung zwischen den beiden Bereichen gleichkommt, die erneut von einer kruden Dichotomie von Politik und Wirtschaft, Staat und Gesellschaft ausgeht.<a title="anm_71" name="anm_71" href="#anm71"><sup>71</sup></a> „Zweifellos bestand das durch Aufr&#252;stungs- und Expansionsprogramm zementierte B&#252;ndnis zwischen Nazif&#252;hrung und dem milit&#228;risch-industriellen Komplex bis in die Endphase des Dritten Reiches hinein, und beide Seiten sahen sich dabei immer st&#228;rker an die Logik der von ihnen in Gang gesetzten Entwicklungen gebunden. Dennoch k&#246;nnte man sagen, da&#223; sich das Gewicht innerhalb dieses ,B&#252;ndnisses‘ langsam, aber unaufhaltsam zugunsten der Nazif&#252;hrung verschob […].“<a title="anm_72" name="anm_72" href="#anm72"><sup>72</sup></a> Anders formuliert bot der ideologische Wahnsinn der Nazis den Rahmen, in dem wirtschaftliche Interessen zum Zug kamen.</p>
<p><strong>Erkl&#228;rbarkeit des Unerkl&#228;rbaren?</strong><br />
Ebenfalls zu Recht wird der Ansatz des „Primats der Politik“ meist dann ins Feld gef&#252;hrt, wenn die Frage nach der unvorstellbaren Vernichtungslogik und dem Holocaust im Raum steht.<a title="anm_73" name="anm_73" href="#anm73"><sup>73</sup></a> So hebt Callinicos, der von einer „konfliktgeladenen Partnerschaft“ zwischen Nationalsozialismus und dem deutschen Kapital ausgeht<a title="anm_74" name="anm_74" href="#anm74"><sup>74</sup></a>, hervor: „Mason geb&#252;hrt das bedeutende Verdienst, jedem vulg&#228;rmarxistischen Versuch, den Holocaust und andere Naziverbrechen auf die wirtschaftlichen Bed&#252;rfnisse des deutschen Kapitals zu beschr&#228;nken, den Weg zu versperren.“<a title="anm_75" name="anm_75" href="#anm75"><sup>75</sup></a> Callinicos selbst versucht mit Hilfe einer nicht-reduktionistischen marxistischen Analyse zur Erkl&#228;rung der Dynamiken beizutragen, die zum Holocaust gef&#252;hrt haben. Er bezeichnet die Entwicklungen ab 1937/1938 – mit Mommsen und Broszat argumentierend – als eine „kumulative Radikalisierungsspirale“, wobei dieser Begriff auf die Vielschichtigkeit der Entwicklungen verweist und monokausale Erkl&#228;rungsmuster ausschlie&#223;t.<a title="anm_76" name="anm_76" href="#anm76"><sup>76</sup></a> In Opposition zu personalisierenden Ans&#228;tzen argumentiert er gegen die Auffassung, die Vernichtung der Juden entstand auf Grund durchdachter Pl&#228;ne Hitlers.<a title="anm_77" name="anm_77" href="#anm77"><sup>77</sup></a> Stattdessen m&#252;sse, so argumentiert auch Kershaw, „im Dritten Reich die Erkl&#228;rung im eigent&#252;mlich aufgesplitterten Entscheidungsproze&#223; gesucht werden, der zu improvisierten b&#252;rokratischen Initiativen mit ihrer immanenten Eigendynamik gef&#252;hrt und einen dynamischen kumulativen Radikalisierungsprozess gef&#246;rdert“ habe.<a title="anm_78" name="anm_78" href="#anm78"><sup>78</sup></a> Callinicos verweist darauf, dass der Massenmord an den J&#252;dInnen nicht die einzige Option darstellte, die von nationalsozialistischen Entscheidungstr&#228;gerInnen diskutiert wurde („Madagaskarplan“), und argumentiert, dass der &#220;berfall auf die Sowjetunion den Rahmen geschaffen h&#228;tte, in dem es zur „Endl&#246;sung“ kam. Erst im Zuge dieses Vernichtungsfeldzuges fanden jene Verbrechen wie die Massenerschie&#223;ungen von Juden statt, die im Allgemeinen als Anfang des Holocausts bezeichnet werden. Au&#223;erdem m&#252;sse, wie erw&#228;hnt, als Grundlage jeder Interpretation des Nationalsozialismus nicht Hitlers pers&#246;nliche Rolle, sondern die Spezifika des Nationalsozialismus als besondere Art der Massenbewegung herangezogen werden.<a title="anm_79" name="anm_79" href="#anm79"><sup>79</sup></a> Schlie&#223;lich war die aktive und passive ideologische Zustimmung gro&#223;er Teile der Bev&#246;lkerung bis hin zur aktiven Beteiligung am Massenmord ein wesentlicher Faktor, eine grundlegende Dimension der Vielschichtigkeit des Radikalisierungsprozesses. Wesentlich f&#252;r diese Entwicklungen, so Callinicos, sei die – h&#228;ufig nur indirekte – Rolle, die der biologische Rassismus spielte, indem er den Bezugsrahmen der Debatte und die Grundlage zur Begr&#252;ndung von Entscheidungen bildete.<a title="anm_80" name="anm_80" href="#anm80"><sup>80</sup></a> „Der Vorrang der Naziideologie bei der Entwicklung zum Holocaust ist entscheidend, um zu begreifen, dass die Vernichtung der Juden nicht in &#246;konomischen Begriffen erkl&#228;rt werden kann. Antisemitismus war […] erforderlich, um die Juden in das objektgewordene Andere zu verwandeln, gegen das die t&#246;dliche Ideologie berechtigt ausgelebt werden konnte“.<a title="anm_81" name="anm_81" href="#anm81"><sup>81</sup></a> Anstatt jedoch Rassismus und Antisemitismus als „brutales Faktum“ zu behandeln, das selbst keiner Erkl&#228;rung bed&#252;rfe, pl&#228;diert Callinicos f&#252;r einen Versuch, die Gr&#252;nde f&#252;r die bedeutende Rolle von Rassismus und Antisemitismus f&#252;r den Nationalsozialismus zu analysieren.</p>
<p><strong>„Kumulative Radikalisierungsspirale“</Strong><br />
Daf&#252;r m&#252;sse der Holocaust in Verbindung mit weiteren Entwicklungen des nationalsozialistischen Regimes begriffenwerden. Der wichtigste Beitrag hierzu wurde laut Callinicos von Martin Broszat geleistet, der die Radikalisierung des Regimes mit dem Scheitern der Nazis verband, die deutsche Gesellschaft zu erneuern. „Die mehr oder weniger korporatistischen Ideale des Nationalsozialismus, die Verfolgung einer umfassenden neuen Ordnung f&#252;r die Agrarwirtschaft, […] die Ideen zur Reformierung des Reiches […], des Staatsdienstes und der Rechtspflege – nichts davon konnte erreicht werden. […] Je weniger jedoch die Aussicht bestand, das ideologische Dogma des Nationalsozialismus den Aufgaben einer konstruktiven Reorganisation anzupassen, desto ausschlie&#223;licher konzentrierte sich diese ideologische Politik auf die negativen Aspekte und Ziele […]. Da jedoch die praktische (im Gegensatz zur propagandistischen) Aktivit&#228;t der ideologischen Bewegung fast ausschlie&#223;lich auf negative Ziele gerichtet war, lag die einzig vorstellbare weitere Entwicklung in einer st&#228;ndigen Intensivierung der Ma&#223;nahmen gegen die Juden, die ,Geisteskranken‘ und ,asozialen Elemente‘.“<a title="anm_82" name="anm_82" href="#anm82"><sup>82</sup></a><br />
W&#228;hrend der Faschismus seine Anh&#228;ngerInnen zur Unterst&#252;tzung dieses konterrevolution&#228;ren Projekts mobilisierte, versprach er eine vermeintlich revolution&#228;re Version einer Volksgemeinschaft bzw. eine rassische Utopie, aus der Klassenkonflikt und „fremde Rassen“ (beides der nationalsozialistische Ideologie zufolge in der Figur des/der Juden/J&#252;din vereint) verbannt sein w&#252;rden.<a title="anm_83" name="anm_83" href="#anm83"><sup>83</sup></a> Als dem Naziradikalismus bei Hitlers Machtantritt die Erf&#252;llung in Form einer echten Neugestaltung der Gesellschaft misslang, „wurde er auf die j&#252;dische Frage verlagert. Die Energien der Bewegung konnten sich schadlos auf die „negativen Aspekte“, wie Broszat es nennt, der nationalsozialistischen Ideologie richten – den Drang, das Andere auszurotten“.<a title="anm_84" name="anm_84" href="#anm84"><sup>84</sup></a> Die „kumulative Radikalisierung“ des Naziregimes war somit weder eine blo&#223;e Folge der eigenen inneren Zerrissenheit, noch eine die lediglich aus Hitlers pers&#246;nlichem Einfluss resultierte. „Sie spiegelte die strukturelle Unf&#228;higkeit des Nationalsozialismus, ,bis ans Ende zu gehen‘ – die sozialen Widerspr&#252;che aufzuheben, auf die er eine Reaktion war und die er Heilung versprochen hatte“.<a title="anm_85" name="anm_85" href="#anm85"><sup>85</sup></a><br />
“Dass [zwar] einfach keine Erkl&#228;rung der Vernichtung der Juden wirklich befriedigend sein kann, nicht weil die Erkl&#228;rung notwendigerweise falsch sein muss, sondern wegen der Ungeheuerlichkeit des Ereignisses, das begreifbar gemacht werden soll“<a title="anm_86" name="anm_86" href="#anm86"><sup>86</sup></a>, ist die eine Seite. Der Versuch, den Holocaust sowie den Nationalsozialismus zu verstehen, um f&#252;r die Parole der antifaschistischen Bewegung „NIE WIEDER“ zu k&#228;mpfen, die andere.</p>
<p><em>Tobias Boos</em> studiert Internationale Entwicklung und Politikwissenschaft in Wien und ist aktiv bei <em>Perspektiven</em>.</p>
<p><em>Veronika Duma</em> studiert Geschichte in Wien und ist aktiv bei <em>Perspektiven</em>.</p>
<p><em>Hanna Lichtenberger</em> studiert Politikwissenschaft in Wien.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> vgl. z.B. Stanley Paynes Idealtypen, beschrieben in: Renton, Dave: Fascism:<br />
theory and pratice, London 1999, S. 19–29<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> vgl. Renton 1999, a.a.O., S. 3<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> vgl. Kershaw, Ian: Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen<br />
im &#220;berblick, Hamburg 1994, S. 392<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> vgl. Renton 1999, a.a.O., S. 55<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> vgl. ebd., S. 3<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> vgl. ebd., S. 60<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> vgl. Perspektiven Nr. 6 (2008): Sowjetmacht vs. Parteidiktatur, S. 48-57<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> vgl. Wippermann, Wolfgang: Faschismustheorien. Die Entwicklung der Diskussion von den Anf&#228;ngen bis heute, Darmstadt 1997 S. 17<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> vgl. Renton 1999, a.a.O., S. 3f.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> vgl. ebd., S. 57<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Im Jahre 1935 wurde die Sozialfaschismusthese in der KI verworfen und der Faschismus nun offiziell als „offene terroristische Diktatur der reaktion&#228;rsten, chauvinistischsten und imperialistischsten Elemente des Finanzkapitals“ bezeichnet. Die Basis des Faschismus auf diesem Wege auf ein Minimum<br />
verkleinert, erweiterte die Schichten potentieller antifaschistischer Kr&#228;fte. In Zusammenhang mit dieser neuen Einsch&#228;tzung wurde ab 1935 von der KI offiziell die Volksfrontstrategie vertreten, die auf ein B&#252;ndnis mit allen verf&#252;gbaren b&#252;rgerlichen Kr&#228;ften abzielte, eine revolution&#228;re Umgestaltung der Verh&#228;ltnisse jedoch verwarf (vgl. Renton 1999, a.a.O, S. 78).<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Die von Trotzki explizit formulierte, aber auch von Clara Zetkin und anderen vertretene Taktik der Einheitsfront, in der sich die gesamten Kr&#228;fte der ArbeiterInnenklasse – v.a. die kommunistischen und sozialdemokratischen Parteien – trotz Differenzen vereinen und gegen den Faschismus<br />
k&#228;mpfen sollten, ist nach wie vor als Vorbild zu nehmen, wurde aber in der Praxis nur informell – also ohne offizielle Einigung der gro&#223;e linken Parteien – und auf lokaler Ebene verwirklicht.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> vgl. Renton 1999, a.a.O., S. 6<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> vgl. ebd., S. 58<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> vgl. Wippermann 1997, a.a.O., S. 14<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> vgl. Renton 1999, a.a.O., S. 58<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Zetkin, Clara: Der Kampf gegen den Faschismus. Bericht aus dem erweiterten Plenum des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale, Hamburg 1923, unter: http://www.marxists.org/deutsch/archiv/zetkin/1923/06/faschism.htm<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Zetkin 1923, a.a.O.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Renton 1999, a.a.O., S. 58<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Trotzki, Leo: Portr&#228;t des Nationalsozialismus, 1933, unter: http://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1933/06/natsoz.htm<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Trotzki 1933, a.a.O.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> vgl. Renton 1999, a.a.O., S. 75<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> vgl. Bauer, Otto: Der Faschismus, in: Ders.: Zwischen Zwei Weltkriegen? Die Krise der Weltwirtschaft, der Demokratie und des Sozialismus, Bratislava 1936, unter: http://www.marxists.org/deutsch/archiv/bauer/1936/zwischen/faschismus.html<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> vgl. Renton 1999, a.a.O., S. 30<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Da es nat&#252;rlich auch Faschistinnen gab, verwenden wir die gendersensible Schreibweise, allerdings m&#246;chten wir darauf hinweisen, dass gerade die aktivistischen Kerne der faschistischen Organisationen m&#228;nnlich dominiert<br />
waren (s. auch Fu&#223;note 28)<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Behan, Tom: The Resistible Rise of Benito Mussolini, London 2003, S. 39<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> vgl. Renton 1999, a.a.O., S. 37<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Neben starken regionalen und  konfessionellen Unterschieden ist v.a. auf die geschlechterspezifischen Unterschiede hinzuweisen. Die NSDAP war eine vorwiegend m&#228;nnliche dominierte Organisation (vgl. Kater, Michael H.: Zur Soziographie der fr&#252;hen NSDAP, in: Vierteljahreshefte f&#252;r Zeitgeschichte, 19 (1971), S. 124–160).<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Zetkin 1923, a.a.O.<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Zur genaueren Diskussion der Mittelstandsthese und weiterf&#252;hrender Literatur vgl. Wipperman 1989, a.a.O., S. 71–76. Allerdings legt Wippermann unserer Einsch&#228;tzung nach keine schl&#252;ssige Argumentation f&#252;r<br />
seine Interpretation der Daten vor. Sein Argument, dass die Partei nicht ausschlie&#223;lich aus Personen des Mittelstandes bestand, bedeutet nicht, dass diese nicht doch zu einem gewissen Zeitpunkt dominant gewesen sein k&#246;nnen, wie er schlussfolgert. Zu genaueren (mittelst&#228;ndischen) Motiven vgl. Broszat, Martin: Die Struktur der NS-Massenbewegung, in: Vierteljahreshefte f&#252;r Zeitgeschichte, 31 (1983), S. 52–77<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> vgl. Revolution&#228;r Sozialistische Organisation (RSO): „Antikapitalismus“ von Rechts. Von SA bis NPD: Geschichte, Politik, Theorie und Elend des „nationalen Sozialismus“, Wien 2007<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> vgl. Wippermann 1997, a.a.O., S. 72f.<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> vgl. ebd., S. 74<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Broszat 1983, a.a.O., S. 69<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> vgl. Renton 1999, a.a.O., S. 32<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> RSO 2007, a.a.O.<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Callinicos, Alex: Ausloten der Abgr&#252;nde. Marxismus und der Holocaust, in: sozial.geschichte.extra (2006), S. 15, unter: http://www.stiftungsozialgeschichte.de/ZeitschriftOnline/pdfs/10.01.07.pdf<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Nieders&#228;chsischer Beobachter 1932, zit. n. Broszat 1983, a.a.O., S. 70<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> vgl. Renton 1999, a.a.O., S. 33<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> vgl. ebd., S. 33<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Zetkin, a.a.O., S. 19<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Marx, Karl/Engels, Friedrich: Der B&#252;rgerkrieg in Frankreich, MEW 17, Berlin 1962, S. 338<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Trotzki, Leo: Wie wird der Nationalsozialismus geschlagen? Brief an einen deutschen Arbeiter-Kommunisten, Mitglied der KPD, 1931, unter: http://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1931/12/schlagen.htm<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Trotzki 1931, a.a.O.<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Bauer 1936, a.a.O.<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> vgl. Bauer 1936, a.a.O.<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> Callinicos 2006, a.a.O., S.13f.<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> Wir folgen in unserer Beschreibung weitestgehend den Ausf&#252;hrungen Behans, der den Aufstieg des Faschismus in den Jahren 1919 bis 1922 in drei Wellen einteilt (vgl. Behan 2003, a.a.O., S. 39–53).<br />
<a title="anm49" name="anm49" href="#anm_49">49</a> Die faschistische Partei wurde in den Jahren 1921–1924 zu 64% von Industriellen und Gesch&#228;ftsleuten finanziert. Die restlichen Beitr&#228;ge entfielen zu 25% auf Einzelpersonen und zu 10% auf Banken und Versicherungen<br />
(vgl. De Felice 1966, zit. n. Behan 2003, a.a.O., S. 41).<br />
<a title="anm50" name="anm50" href="#anm_50">50</a> vgl. Renton 1999, a.a.O., S. 37<br />
<a title="anm51" name="anm51" href="#anm_51">51</a> Kershaw, Ian: Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im &#220;berblick, Hamburg 1994, S. 81<br />
<a title="anm52" name="anm52" href="#anm_52">52</a> vgl. ebd., S. 81<br />
<a title="anm53" name="anm53" href="#anm_53">53</a> Die empirische Genauigkeit einzelner Ausf&#252;hrungen Poulantzas ist von verschiedenen AutorInnen bem&#228;ngelt worden. Auch wenn diese Kritik zutrifft, halten wir die Begrifflichkeiten und Unterteilungen, die Poulantzas<br />
macht, auf der Ebene der Theoretisierung f&#252;r hilfreich (vgl. Caplan, Jane: Theories of Fascism: Nicos Poulantzas as Historian, in: History Workshop. A Journal of Socialist Historians, 3 (1977), S. 83–100).<br />
<a title="anm54" name="anm54" href="#anm_54">54</a> Auch unter anderen Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen „organisiert [der Staat] das langfristige Interesse des Blockes an der Macht“ (Poulantzas, Nicos: Staatstheorie. Polititischer &#220;berbau, Ideologie, autorit&#228;rer Etatismus, Hamburg 2002, S. 157), der sich aus den verschiedenen Fraktionen der b&#252;rgerlichen<br />
und somit der herrschenden Klasse zusammensetzt, die „Bourgeoisie ist in Klassenfraktionen gespalten“ (ebd., S. 158). Die Funktion, die der Faschismus f&#252;r den Block an der Macht aus&#252;bt, ist die ganz bestimmte Reorganisation des Blocks an der Macht.<br />
<a title="anm55" name="anm55" href="#anm_55">55</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Hamburg 1991ff., S. 1578<br />
<a title="anm56" name="anm56" href="#anm_56">56</a> ebd., S. 1578<br />
<a title="anm57" name="anm57" href="#anm_57">57</a> vgl. Poulantzas, Nicos: Faschismus und Diktatur. Die Kommunistische Internationale und der Faschismus, M&#252;nchen 1973, S. 74<br />
<a title="anm58" name="anm58" href="#anm_58">58</a> vgl. ebd., S. 72<br />
<a title="anm59" name="anm59" href="#anm_59">59</a> vgl. Mason, Tim: Der Primat der Politik. Politik und Wirtschaft im Nationalsozialismus, in: Das Argument 41 (1966), S. 473–494<br />
<a title="anm60" name="anm60" href="#anm_60">60</a> „Point of No Return“ bedeutet keinen Automatismus zum Holocaust und negiert auch Widerstand nicht, vielmehr geht es um die Konstituierung des Blocks an der Macht.<br />
<a title="anm61" name="anm61" href="#anm_61">61</a> Mit der Regierung Br&#252;ning gingen 1931 die K&#252;ndigungen von 295 000 ArbeiterInnen im Ruhrgebiet einher, sp&#228;ter wurden sie unter schlechteren Bedingungen und zu niedrigeren L&#246;hnen wieder eingestellt. Ebenfalls am<br />
15. J&#228;nner 1931 kommt es zu einer f&#252;nfprozentigen Lohnk&#252;rzung beim Staatspersonal (vgl. Chronik der deutschen Sozialdemokratie: Daten, Fakten, Hintergr&#252;nde 1, S. 351). Bereits 1929 kam es zur Monopolisierung der Banken durch die Fusion der Disconto-Gesellschaft, der Deutschen Bank und einigen mittelgro&#223;en anderen Banken zur DiDe-Gesellschaft (vgl.</p>
<p>http://www.bankgeschichte.de/index_03_03.html).</p>
<p><a title="anm62" name="anm62" href="#anm_62">62</a> vgl. Callinicos 2006, a.a.O., S.17<br />
<a title="anm63" name="anm63" href="#anm_63">63</a> Kershaw, Ian: Hitler 1889-1936, New York 2000, zit. n. Callinicos 2006, a.a.O., S. 17<br />
<a title="anm64" name="anm64" href="#anm_64">64</a> vgl. Behan 2003, a.a.O., S. 46f.<br />
<a title="anm65" name="anm65" href="#anm_65">65</a> Poulantzas 1973, a.a.O., S. 89<br />
<a title="anm66" name="anm66" href="#anm_66">66</a> vgl. ebd., S. 82.<br />
<a title="anm67" name="anm67" href="#anm_67">67</a> vgl. ebd., S. 83.<br />
<a title="anm68" name="anm68" href="#anm_68">68</a> Mason 1966, a.a.O., S. 474<br />
<a title="anm69" name="anm69" href="#anm_69">69</a> vgl. Kershaw 2006, a.a.O., S. 84<br />
<a title="anm70" name="anm70" href="#anm_70">70</a> vgl. Callinicos 2006, a.a.O., S. 19<br />
<a title="anm71" name="anm71" href="#anm_71">71</a> vgl. Kershaw 2006, a.a.O., S. 93<br />
<a title="anm72" name="anm72" href="#anm_72">72</a> ebd., S. 95<br />
<a title="anm73" name="anm73" href="#anm_73">73</a> F&#252;r einen &#220;berblick &#252;ber unterschiedliche Erkl&#228;rungsversuche, vgl. Kershaw 2006, a.a.O., S. 106. Die Ans&#228;tze reichen hierbei von Personalisierungen, wie etwa bei Dawidowicz oder Toland, bis hin zur Argumentation<br />
der Unerkl&#228;rbarkeit, vgl. Kershaw 2006, a.a.O., S. 152f<br />
<a title="anm74" name="anm74" href="#anm_74">74</a> Callinicos 2006, a.a.O., S. 16<br />
<a title="anm75" name="anm75" href="#anm_75">75</a> ebd., S. 18<br />
<a title="anm76" name="anm76" href="#anm_76">76</a> Ein wesentliches Merkmal der „Radikalisierung des Regimes“ h&#228;tte in der Entwicklung des Staates zur unabh&#228;ngigen Quelle wirtschaftlicher Macht bestanden. Die nationalsozialistische F&#252;hrung errichtet sich eigene<br />
konkurrenzf&#228;hige &#246;konomische Staatsapparate wie etwa die Reichswerke (z.B. G&#246;ring-Werke in Linz, heute V&#214;EST) unter der Leitung von Reichsmarschall G&#246;ring. Au&#223;erdem wurden durch die territoriale Ausdehnung im Osten weitere Produktionsanlagen verf&#252;gbar gemacht, welche die nationalsozialistischen &#246;konomischen Staatsapparate gemeinsam mit den Vorgaben f&#252;r die Privatwirtschaft konkurrenzf&#228;hig gemacht haben (vgl. Callinicos 2006, a.a.O., S. 19).<br />
<a title="anm77" name="anm77" href="#anm_77">77</a> vgl. Kershaw 2006, a.a.O., S. 156<br />
<a title="anm78" name="anm78" href="#anm_78">78</a> ebd., S. 156<br />
<a title="anm79" name="anm79" href="#anm_79">79</a> vgl. Callinicos 2006, a.a.O., S. 30<br />
<a title="anm80" name="anm80" href="#anm_80">80</a> vgl. ebd., S. 25<br />
<a title="anm81" name="anm81" href="#anm_81">81</a> ebd., S. 26<br />
<a title="anm82" name="anm82" href="#anm_82">82</a> Broszat 1969, a.a.O., zit. n. Callinicos 2006, a.a.O., S. 28<br />
<a title="anm83" name="anm83" href="#anm_83">83</a> vgl. Callinicos 2006, a.a.O., S. 30<br />
<a title="anm84" name="anm84" href="#anm_84">84</a> ebd., S. 30<br />
<a title="anm85" name="anm85" href="#anm_85">85</a> ebd., S. 31<br />
<a title="anm86" name="anm86" href="#anm_86">86</a> ebd., S. 32</p>
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		<title>Verordnete Ordnungen</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:33:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Stadt]]></category>

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		<description><![CDATA[Etzem&#252;ller, Thomas (Hg.): Die Ordnung der Moderne. Social Engineering im 20.Jahrhundert, Bielefeld: transcript Verlag 2009, 328 Seiten, € 30,70

Im Florida Film hat Walt Disney 1966 die Konturen von „Waltopia“, seiner Vision einer rational durchkonstruierten und durchorganisierten Gesellschaft der Welt&#246;ffentlichkeit vorgestellt. In den S&#252;mpfen Floridas sollte auf 113 Quadratkilometern die Experimental Prototype Community of Tomorrow als Gegenentwurf zu Hektik, Dreck, Kriminalit&#228;t [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Etzem&#252;ller, Thomas (Hg.): Die Ordnung der Moderne. Social Engineering im 20.Jahrhundert, Bielefeld: transcript Verlag 2009, 328 Seiten, € 30,70<br />
<span id="more-1590"></span><br />
Im <em>Florida Film</em> hat Walt Disney 1966 die Konturen von „Waltopia“, seiner Vision einer rational durchkonstruierten und durchorganisierten Gesellschaft der Welt&#246;ffentlichkeit vorgestellt. In den S&#252;mpfen Floridas sollte auf 113 Quadratkilometern die <em>Experimental Prototype Community of Tomorrow</em> als Gegenentwurf zu Hektik, Dreck, Kriminalit&#228;t und Desorganisation moderner Gro&#223;st&#228;dte entstehen: ein Prototyp einer vern&#252;nftigen sozialen Ordnung. Zwar wurde Disneys Utopie nie verwirklicht, sie verweist aber auf ein Ordnungsdispositiv, das – mit Vorl&#228;ufern im sp&#228;ten 19. Jahrhundert – zwischen den 1920er und 1960er Jahren seine Hochbl&#252;te erlebte.<br />
W&#228;hrend der erste Weltkrieg selbst als Laboratorium f&#252;r Modelle technokratischer Steuerung ganzer Gesellschaften gedient hatte, verdeutlichte sein Ende drastisch die „Gefahren“ sozialer Desintegration. Als Reaktion auf die diagnostizierte Krise erarbeiteten ExpertInnen mit den Mitteln moderner Sozialtechnologie und auf Grundlage der wissenschaftlichen Erfassung der Bev&#246;lkerung umfassende Ordnungspl&#228;ne, die jeweils darauf zielten, „sozial&#246;kologische Umwelten“ zu schaffen und auszugestalten, welche die von sozialen und politischen Verwerfungen durchzogene Gesellschaft in „organische Gemeinschaften“ zu re-integrieren suchten.<br />
Einsatzpunkt dieser Ordnungsprojekte war die Strukturierung von Wohn-, Verkehrs-, Betriebs- und st&#228;dtischem Raum sowie die Rationalisierung und Effektivierung der Alltagspraktiken der Menschen, auf deren Grundlage die kontrollierte Steuerung gesellschaftlicher Stabilit&#228;t und Entwicklung erm&#246;glicht werden sollte.<br />
Diese Kombination von Sozialtechnologien, bestimmter sozialer Ordnungsmodelle und einem dezidierten Gestaltungsimperativ wird im von Thomas Etzem&#252;ller herausgegebenen Sammelband unter dem Schlagwort <em>social engineering</em> diskutiert. Dabei geht es zun&#228;chst um eine Systematisierung und Pr&#228;zisierung des meist sehr unspezifisch verwendeten Begriffs. Anhand von zw&#246;lf empirischen Untersuchungen wird dieser dann in weiterer Folge konkretisiert.<br />
Etzem&#252;ller konturiert in seiner programmatischen Einleitung <em>social engineering</em> als vielschichtiges Ph&#228;nomen. Grundlegend handle es sich um „Verhaltenslehren“, die nicht &#252;ber Verordnungen operierten, sondern &#252;ber eine subtile P&#228;dagogik der Normalisierung und &#252;ber r&#228;umliche Strukturierung Gemeinschaften „neuer Menschen“ schaffen wollten: den taylorisierten Industriebetrieb als Gemeinschaft der ArbeiterInnen, die Familie als Kameradschaft der EheparterInnen und Kinder, Nachbarschaften als st&#228;dtische Gemeinschaften, samt Kontrolle der Bewegungen im Raum, von der K&#252;che bis zur Nation. So sollte z.B. die r&#228;umlich-funktional differenzierte Wohnung unerw&#252;nschte Verhaltensweisen (wie die als moralisch und hygienisch problematisch angesehene Vermischung von Schlafen, Kochen und K&#246;rperhygiene) verhindern, und zugleich den BewohnerInnen rationale, effiziente Praktiken antrainieren, die durch die Struktur des Wohnraums selbst nahegelegt wurden. Die K&#252;che konnte dann etwa als Symbiose von Hausfrau und Technik imaginiert werden.<br />
„Ordnung“ gilt hier zugleich als Zielvorstellung und als permanenter Prozess der Adjustierung, angeleitet von ExpertInnen einer verwissenschaftlichten Politik, die aus der als Krise wahrgenommenen Gegenwart die Pflicht zur Intervention ableiteten. Die Spannbreite des <em>social engineering</em> reicht folglich von sozialstaatlichen Techniken bis zu totalit&#228;ren Experimenten und umfasst Stadt-, Raum- und Verkehrsplanung ebenso wie die Regulation von Wohnraum oder Konsumverhalten sowie die sozialeugenischen Visionen und Praktiken der ersten H&#228;lfte des 20. Jahrhunderts. In zw&#246;lf empirischen Studien, die hier nicht im Detail diskutiert werden k&#246;nnen, wird dieses Spektrum sozialplanerischer Ordnungstechniken auf spannende Art und Weise verdeutlicht. Die Zusammenschau der Beitr&#228;ge zeigt zudem auch, welche neuen Perspektiven eine „Problemgeschichte“ des <em>social engineering</em> als „spezifischer Modus der Problematisierung der Moderne“ auf eine Geschichte des 20. Jahrhunderts – jenseits der Erz&#228;hlung des „Zeitalters der Extreme“ – er&#246;ffnen kann.<br />
Anselm Doering-Manteuffel vertieft diese &#220;berlegungen in einem zweiten programmatischen Einleitungsaufsatz, der anhand unterschiedlicher Semantiken von „Ordnung“ drei sich &#252;berlagernde „Zeitschichten“ seit ca. 1880 differenziert. W&#228;hrend in der ersten Phase, die bis in die 1940er Jahre reicht, die liberale Fortschrittsidee von der Suche nach „nat&#252;rlichen, ewigen Ordnungen“ abgel&#246;st wurde, wird in einer zweiten Phase zwischen 1929 und den 1980er Jahren die Fortschrittsidee als planbarer und planungsbed&#252;rftiger Fortschritt aktualisiert. Diese Phase modernisierungstheoretischer Ordnungsentw&#252;rfe sei im Verlauf der vergangenen vierzig Jahre wiederum durch ein neues Ordnungsparadigma ersetzt worden. Dieses behaupte nicht mehr die Planbarkeit von Gesellschaft, sondern die Immanenz permanenter Gegenw&#228;rtigkeit: Politik reduziert sich darin von technokratischer Sozialplanung auf technisches Mikromanagement.<br />
Auch wenn die Praktiken und Techniken des <em>social engineering</em> seit den 1960er Jahren aufgrund der Erfahrung, dass Pluralisierung nicht notwendig mit sozialer Desintegration einhergeht, massiv an &#220;berzeugungskraft eingeb&#252;&#223;t haben, lebt dessen Erbe auch heute, unter den ver&#228;nderten Bedingungen der von Doering-Manteuffel als „poststrukturalistisch“ bezeichneten sozialen Konfiguration fort. Ordnungsentw&#252;rfe und biopolitische Regulation kreisen heute zwar nicht mehr um die Frage der Reintegration in „organische Gemeinschaften“, zielen aber ebenfalls auf die Regulation der Alltagspraktiken &#252;ber Lernprozesse, die den Menschen vermitteln, sich selbst, ihre Ern&#228;hrung, ihre K&#246;rper, ihr Verhalten „in Form zu bringen“. Nicht zuletzt, weil der Sammelband Kontinuit&#228;ten und Br&#252;che gegenw&#228;rtiger Ordnungsvorstellungen historisch zu verorten hilft, ist <em>Die Ordnung der Moderne</em> uneingeschr&#228;nkt zu empfehlen.</p>
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		<title>Aufstand in der Vorstadt: Wiens verborgene Klassenk&#228;mpfe um 1900</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 10:35:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
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		<category><![CDATA[Sozialdemokratie]]></category>
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		<description><![CDATA[Veronika Duma, Tobias Zortea, Katherina Kinzel und Fanny M&#252;ller-Uri erz&#228;hlen die verborgene Geschichte der Klassenk&#228;mpfe in den Randbezirken Wiens um 1900. Dabei zeigt sich, dass die Aufst&#228;nde der im Elend lebenden ArbeiterInnen und des multiethnischen „Lumpenproletariats“ auch die Wiener Sozialdemokratie in Bedr&#228;ngnis brachten.

Wien, im Jahre 1911. Die ersten Monate des Jahres sind gepr&#228;gt von vielf&#228;ltigen sozialfeindlichen Reformen seitens der Regierenden, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Veronika Duma, Tobias Zortea, Katherina Kinzel</em> und <em>Fanny M&#252;ller-Uri</em> erz&#228;hlen die verborgene Geschichte der Klassenk&#228;mpfe in den Randbezirken Wiens um 1900. Dabei zeigt sich, dass die Aufst&#228;nde der im Elend lebenden ArbeiterInnen und des multiethnischen „Lumpenproletariats“ auch die Wiener Sozialdemokratie in Bedr&#228;ngnis brachten.<br />
<span id="more-1577"></span><br />
Wien, im Jahre 1911. Die ersten Monate des Jahres sind gepr&#228;gt von vielf&#228;ltigen sozialfeindlichen Reformen seitens der Regierenden, beginnend bei einer Steigerung der Milch- und Fleischpreise &#252;ber neue Mietgesetzregelungen bis hin zu damit einhergehenden Mieterh&#246;hungen. Ende Juli 1911 konstatiert der Sozialdemokrat Franz Schuhmeier in einer Parlamentsrede: „Es ist besch&#228;mend, da&#223; wegen jeder Tonne Fleisch Stra&#223;endemonstrationen stattfinden m&#252;ssen und da&#223; sich die Bev&#246;lkerung mit der Polizei herumraufen mu&#223;, die ja genau so billiges Fleisch braucht wie die Demonstranten.“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
Die Wohnungsnot zwingt viele Menschen dazu, zusammengepfercht auf engstem Raum zu leben, teilweise auch in Schlafs&#228;len in ArbeiterInnenh&#228;usern: „In einem dieser S&#228;le“, so Victor Adler, „hatte erst vor kurzem eine Frau in der Gegenwart von ‚50 halbnackten, schmutzigen M&#228;nnern‘ entbunden: ‚Sprechen wir nicht von Schamhaftigkeit, sie ist ein Luxus, den sich nur Besitzende leisten k&#246;nnen.‘ (…)“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Auch die sozialdemokratische <em>Arbeiter Zeitung</em> (AZ) thematisiert die Verelendung: „Die Lagerhalter unserer Konsumvereine erz&#228;hlen, wie die Arbeiterfrauen sich immer mehr mit Surrogaten behelfen m&#252;ssen, wie sie Suppenw&#252;rze kaufen statt des Fleisches und Erbswurst statt der Linsen. Die Pferdefleischhauer<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> erz&#228;hlen uns, da&#223; die Frauen von Beamten der neunten und zehnten Rangklasse ihre Kunden geworden sind. (…) Und da&#223; die Arbeiter heute schlechter wohnen als vor zehn Jahren, da&#223; sie mehr und mehr mit Untermietern und Bettgehern den engen Wohnraum teilen m&#252;ssen, wei&#223; jedermann. Das ist Verelendung!“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
Im September desselben Jahres kommt es daher in vielen Wiener Au&#223;enbezirken, beispielsweise in Simmering, Ottakring und Hernals zu Protestversammlungen und vereinzelten, keinesfalls gewaltfrei verlaufenden Demonstrationen „gegen die Hungerpolitik“ der Regierung.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> F&#252;r den 17. September 1911 wird von der Sozialdemokratie zu einer Demonstration auf der Ringstra&#223;e aufgerufen: „Das hungernde Volk wird am Sonntag seine Stimme erheben, der Schrei der Emp&#246;rung wird durch die Stra&#223;en Wiens erschallen.“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Dieser Aufruf bleibt nicht ungeh&#246;rt: Hunderttausend Menschen versammeln sich an jenem Tag zwischen Rathaus und Burgtheater.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Die Sozialdemokratie stellt keine „Ordnungskr&#228;fte“, wie es sonst &#252;blich war.<br />
Dies und die Erfahrungen mit den j&#252;ngsten Ausschreitungen veranlassen den Statthalter und ehemaligen Ministerpr&#228;sident Freiherr von Bienerth dazu, den DemonstantInnen ein unverh&#228;ltnism&#228;&#223;ig gro&#223;es Polizei- und Milit&#228;raufgebot gegen&#252;berzustellen.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Das offizielle Ende der Demonstration wird von den sozialdemokratischen VertreterInnen gegen Mittag ausgerufen &#8211; in sp&#228;teren Berichten sollten sie darauf bestehen, dass das, was in weiterer Folge geschah, kein Zeugnis der organisierten ArbeiterInnenschaft war.</p>
<p><strong>Aufstand der Vorstadt</strong><br />
Als die Menschen in Richtung Innere Stadt marschieren, provoziert die Staatsmacht die sich auflockernde Menschenmenge: Polizisten, Kavallerie und Infanterie ziehen zwischen Hofburg und Burgtheater auf, um die &#252;brig gebliebenen DemonstrantInnen vom Platz zu verweisen. Mit gezogenen S&#228;beln und geschwungenen St&#246;cken reiten Polizisten und Milit&#228;r durch die abziehenden Menschenmassen.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Sie werden &#252;ber den Ring getrieben und brutal niedergesto&#223;en, bis schlie&#223;lich vor dem Sitz des Verwaltungsgerichtshofs am Judenplatz und in der Burggasse erste Sch&#252;sse fallen.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Noch ist unklar, von wem diese abgefeuert wurden, doch die Wut der bereits durch das massige Aufgebot von Milit&#228;r und Polizei provozierten Menschen wird dadurch noch gr&#246;&#223;er. Steine, Ziegel und St&#246;cke werden geworfen, Fensterscheiben zerbrechen; die ersten Menschen werden festgenommen, darunter auch Frauen und Jugendliche.<br />
Die DemonstrantInnen aus der Vorstadt ziehen weiter &#252;ber die Burggasse und die Lerchenfelderstra&#223;e zum G&#252;rtel in Richtung Ottakring. Die Proteste dauern bis in den sp&#228;ten Abend. Kaum eine Auslage, kaum eine Stra&#223;enlaterne bleibt heil; eine Wachstube in der Panikengasse wird g&#228;nzlich demoliert. „Gartengeschirre, Bierkr&#252;gel und Steine“<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a>  werden aus den Fenstern der Zinskasernen auf Polizei und Milit&#228;r geschleudert. Schulen werden gest&#252;rmt und mit brennenden Einrichtungsgegenst&#228;nden verbarrikadiert, Schulhefte und Dokumente zerrissen und verbrannt; Wurfgeschosse werden gesammelt. Immer wieder wird seitens der Ordnungskr&#228;fte Feuerbefehl gegeben und „&#252;ber die K&#246;pfe der Menge geschossen“.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Bald gibt es die ersten Toten. „Erst gegen zehn Uhr abends, als Ottakring in v&#246;lliger Dunkelheit lag, brachten Polizei und Milit&#228;r die Lage unter Kontrolle.“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a><br />
In der AZ vom darauf folgenden Tag distanziert sich die Sozialdemokratie von diesen Vorf&#228;llen, indem sie konstatiert, dass der Gro&#223;teil der ArbeiterInnenschaft bereits vor Beginn der Eskalation abgezogen sei und danach „junge Burschen“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> aus der Vorstadt die Geschehnisse dominiert h&#228;tten. „Ein Polizeibericht kommt zum Schlu&#223;, da&#223; unter diesen jugendlichen Demonstranten Halbw&#252;chsige aus Ottakring in einem &#252;berproportionalen hohen Ausma&#223; vertreten waren und da&#223; dieser Gemeindebezirk offenbar der ‚Hauptsitz der Exzendenten‘ ist.“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a>  „Zur Seite traten der Stra&#223;enjugend die Frauen und M&#252;tter, zu denen, wie die Arbeiter-Zeitung beklagte, ‚die Aufkl&#228;rung so schwer kommen kann‘ und die dort, ‚wo es ihre Pflicht w&#228;re, klar und hart zu denken‘, sich vom Schauspiel der Zerst&#246;rung mitrei&#223;en lie&#223;en und in ihren Sch&#252;rzen den Jungen die Steine zutrugen – jenen Jungen, die, wie aus dem Boden gestampft, nun pl&#246;tzlich alle Gassen und Pl&#228;tze bev&#246;lkerten.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a><br />
Im Folgenden wollen wir einen Blick auf die gesellschaftliche Situation „hinter“ diesen Unruhen werfen und untersuchen, wie die „anarchischen“ Vorst&#228;dte mit ihren ArbeiterInnen und dem sogenannten „Lumpenproletariat“ entstanden, wie sie als Projektionsfl&#228;che b&#252;rgerlicher Zuschreibungen dienten und welche Bedeutung sie f&#252;r die sich formierende Sozialdemokratie hatten. </p>
<p><strong>Migration nach Wien</strong><br />
Wien erlebte im Laufe des 19. Jahrhunderts einen enormen Bev&#246;lkerungsanstieg. Um 1900 lebten schlie&#223;lich mehr als zwei Millionen Menschen in der Stadt.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Die Wachstumsrate war dabei jedoch keineswegs regelm&#228;&#223;ig &#252;ber die Stadt verteilt – einen &#252;berproportional starken Bev&#246;lkerungszuwachs wiesen die Vorortgemeinden auf. Dies ist auf zwei, etwa zeitgleich verlaufende Entwicklungen zur&#252;ckzuf&#252;hren: einerseits auf die massive Immigration nach Wien, der Hauptstadt des Habsburgerreiches, sowie andererseits auf die sukzessive r&#228;umliche Verdr&#228;ngung der unteren sozialen Schichten aus dem Stadtzentrum in die peripheren Gebiete Wiens.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a><br />
Der Grund f&#252;r die zunehmenden Migrationsbewegungen nach Wien liegt in den tiefgreifenden politischen und &#246;konomischen Ver&#228;nderungen des 19. Jahrhunderts. Im Zuge der – in &#214;sterreich versp&#228;tet einsetzenden – Industrialisierung b&#252;&#223;ten l&#228;ndliche Gegenden ihre zentrale Rolle im Produktionsprozess gegen&#252;ber den neuen, st&#228;dtischen Industriezonen ein.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Die Revolution von 1848 brachte die Aufhebung der Grunduntert&#228;nigkeit mit sich – die Bauern waren jetzt Staatsb&#252;rger und (potentielle) Eigent&#252;mer des Bodens – und schuf so die Voraussetzung f&#252;r eine zunehmende Kapitalisierung des Bodens wie f&#252;r eine Mobilisierung der Menschen.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Dar&#252;ber hinaus zog die vom „Wiener B&#246;rsenkrach“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> ausgehende &#246;konomische Depression krisenhafte Tendenzen in der Landwirtschaft nach sich, die von einer Reihe an Missernten und dem immer st&#228;rker werdenden Preisdruck durch billiges Getreide aus Amerika begleitet wurden.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Massive Pauperisierungsprozesse, Dorfarmut und eine faktische Entv&#246;lkerung einzelner l&#228;ndlicher Gebiete waren die Folge und ein Mitgrund f&#252;r die gro&#223;en Migrationsstr&#246;me in die Stadt. Zudem kam diese Binnenwanderung dem steigenden Bedarf an Arbeitskr&#228;ften entgegen, der in Wien als einem expandierenden urbanen und industriellen Zentrum herrschte. Wien wirkte damit – mehr als irgendeine andere Stadt in der Habsburgermonarchie – wie ein Magnet auf die ehemaligen B&#228;uerInnen oder LandarbeiterInnen. Diese kamen zumeist als un- oder wenig qualifizierte Arbeitskr&#228;fte in die Stadt, um in Industrie, Gewerbe oder in privaten Haushalten zum Beispiel als Dienstm&#228;dchen zu arbeiten.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Die zugezogenen Menschen stammten nicht nur aus der l&#228;ndlichen Umgebung Wiens, sondern wanderten aus den verschiedenen Kronl&#228;ndern der Monarchie ein. Die meisten MigrantInnen kamen aus B&#246;hmen, M&#228;hren und Schlesien.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Vor allem die s&#252;dlichen Regionen dieser L&#228;nder waren kaum industrialisiert und fungierten daher als agrarisches Hinterland der Reichshauptstadt. Entsprechend der Arbeitsm&#246;glichkeiten siedelten sich die von den l&#228;ndlichen Gebieten in die Stadt ziehenden Menschen vor allem in den Vororten und industriellen ArbeiterInnenvorst&#228;dten an. </p>
<p><strong>Die Stadt als Zwiebel</strong><br />
Durch diese Entwicklung wurden sozialr&#228;umliche Verteilungsmuster verfestigt, die parallel dazu durch stadtpolitische Entwicklungen auf anderen Gebieten entstanden waren.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Wien erfuhr in der zweiten H&#228;lfte des 19. Jahrhunderts eine entscheidende, bauliche Umgestaltung. Im Zuge der Ringstra&#223;enverbauung und der damit verbundenen Transformation der alten Gewerbevorst&#228;dte zu Mittelschichtsquartieren fand eine r&#228;umliche Verdr&#228;ngung der sozialen „Unterschichten“ in die Gebiete jenseits des ehemaligen Linienwalls – dem heutigen G&#252;rtel – statt.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Die neu gebaute Ringstra&#223;e markierte nicht nur eine r&#228;umliche, sondern auch eine soziale Grenze. W&#252;rde eine grobe Skizze der r&#228;umlichen Aufteilung der sozialen Klassen und Schichten in Wien entworfen, h&#228;tte sie die Form einer Zwiebel: w&#228;hrend es sich der Adel und das (Gro&#223;-)B&#252;rgertum in der Innenstadt gem&#252;tlich machten, waren in den inneren Vorst&#228;dten (au&#223;erhalb des Rings) zum Gro&#223;teil Kleinb&#252;rgerInnen und Beamten angesiedelt. Rund um den Linienwall befand sich das Reich der IndustrieproletarierInnen und der sozialen „Unterschichten“. „Bis zur Jahrhundertwende war ein stabiler Ring von dicht bebauten Arbeitervorst&#228;dten um die Innerg&#252;rtelbezirke und die Innenstadt gezogen“.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Nur der 13., 18. und 19. Bezirk beherbergten mit ihren Villen und Cottagevierteln die Ober- und h&#246;here Mittelschicht. Am h&#246;chsten war die Dichte von ArbeiterInnen und dem so genannten „Lumpenproletariat“ in Bezirken wie Simmering, Favoriten, Brigittenau, Floridsdorf oder Ottakring. Das Bild dieser Vorst&#228;dte war von der zunehmenden Industrialisierung gepr&#228;gt, von rauchenden Fabriken sowie von rasanter Stadterweiterung, meist in Form von Zinskasernenbauten. Die ProletarierInnen siedelten in ArbeiterInnenwohnquartieren in der N&#228;he ihrer Arbeitsst&#228;tten; ob des Fehlens von leistungsf&#228;higen Verkehrsmitteln war es notwendig, dass die Wohnorte nicht zu weit von der Fabrik entfernt lagen. Die Mieten f&#252;r die Unterk&#252;nfte in den Vorst&#228;dten waren exorbitant hoch, die Wohnverh&#228;ltnisse katastrophal. Jeden Abend wurden unz&#228;hlige Obdachlose von der Polizei aus dem Inneren der Stadt in die Vororte au&#223;erhalb des Linienwalls gebracht.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a></p>
<p><strong>terra incognita</strong><br />
Die Wiener Au&#223;enbezirke sowie die dortigen, miserablen Lebensverh&#228;ltnisse um 1900 waren also das Resultat sozialer und st&#228;dtebaulicher Exklusion. Die Vorstadt diente dabei auch als Projektionsfl&#228;che herrschaftlicher Zuschreibungen und Phantasien: In den Berichten von Gro&#223;stadtreportern, Sozialforschern, schreibenden &#196;rzten und Polizisten wurde das Elend der Vorstadt – zum Teil aus sozialreformerischer Intention – ausf&#252;hrlich portraitiert. Die Absicht, die Wohn- und Lebensbedingungen in der Vorstadt und den Industrievierteln zu dokumentieren und ins &#246;ffentliche Bewusstsein zu r&#252;cken, wurde dabei von Bildern der Unordnung, des Elends und der Kriminalit&#228;t &#252;berformt. Der Ruf der Vorstadt als einer finsteren und lasterhaften Gegend, in der EinwanderInnen, DienstbotInnen, ProletarierInnen, Kriminelle, Prostituierte und Arbeitslose „ihr Unwesen treiben“, wurde in diesen Bildern verfestigt.<br />
Die Viertel der Armen verk&#246;rperten aus b&#252;rgerlicher Sicht eine „<em>terra incognita</em> (…), die es zu erkunden und kartieren gilt“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a>. Dementsprechend wurden die Sozialreportagen jener Zeit als „Entdeckungsreisen“ in die Dunkelheit menschlicher Abgr&#252;nde inszeniert. Emil Kl&#228;ger „entdeckte“ auf seiner Expedition in die „Wiener Quartiere des Elends und Verbrechens“ (1908) die „Kanalmenschen“, &#228;hnlich wie die kolonialen Entdeckungsreisenden „Wilde“ und „Pygm&#228;en“ „entdeckt“ hatten. Und auch wenn der sozialdemokratische Publizist Max Winter gr&#246;&#223;ere Sympathien f&#252;r die Objekte seiner Reportagen zeigte – „seine“ Unterwelt war von „anpassungsf&#228;higen“, gewitzten Figuren bev&#246;lkert, die sich trotz widriger Umst&#228;nde durchs Leben schlugen –, partizipierte die von ihm eingesetzte Rhetorik des Entdecker- und Abenteurertums dennoch an der Ambivalenz „zwischen sozialem Appell und Exotismus“<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a>.<br />
Der sozialen und st&#228;dtebaulichen Exklusion der ArbeiterInnenklasse und der „Unterschichten“ entsprach also ein Diskurs, der die Vorstadt als das „Andere“ der b&#252;rgerlichen Gesellschaft konstruierte und sie sowohl mit Ekel, als auch mit Faszination besetzte<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a>. Das soziale Elend wurde pathologisiert, die Vorstadt erschien gleicherma&#223;en als Ort der Krankheit, der Kriminalit&#228;t, der Unmoral, sowie der ethnischen Durchmischung. Sie war „Brutst&#228;tte des Lasters und wie sittlich, so auch sanit&#228;r verseucht“<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a>. Die Ambivalenz zwischen Abwertung und Begehren zeigt sich besonders deutlich an den sexualisierten Bildern des Elends. Die Gestalt der Dirne stand in klarem Gegensatz zur m&#228;nnlich-b&#252;rgerlichen Sexualmoral und fungierte zugleich als deren Projektionsfl&#228;che. Indem sie das Niedere und Rohe sexueller Ausschweifungen symbolisierte, stellte sie gleichzeitig ein „‚groteskes‘ Objekt der Lust“<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> dar, wie sie auch die Angst vor dem Verlust der Distanz zwischen innerer und &#228;u&#223;erer Stadt verk&#246;rperte.<br />
Gleichzeitig trug die Schaffung einer kulturellen Distanz zwischen Zentrum und Peripherie auch zur Selbstkonstitution der b&#252;rgerlichen Klasse bei. Durch die Abwertung der popularen Volkskultur „reinigte“ sich die Bourgeoisie symbolisch von der sozialen Kontingenz ihrer eigenen Herkunft.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> Das durch diese Distanzierung erzeugte „Andere“ der Zivilisation stellte sich nun aber auch als deren Bedrohung dar: „An die Stelle der realen Lebenswelt der Vorstadt, an die Stelle des Fabrikarbeiters, des Handwerkers, des Ladenm&#228;dchens und der Heimarbeiterin treten Stereotype von prototypischen Unruhestiftern, potentiellen Revolution&#228;ren, Vagabunden, Kriminellen und ein ambivalent besetzter Kosmos weiblicher Sexualit&#228;t mit leichtfertigen M&#228;dchen und professionellen Prostituierten.“<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Die Bedrohungen, die von den als amorph, unberechenbar und anarchisch imaginierten Massen der Vorstadt auszugehen schienen, waren gleichzeitig sittlicher und politischer Natur. Die Angst vor der Ersch&#252;tterung b&#252;rgerlicher Moral und die Angst vor politischen Unruhen und Revolten gingen Hand in Hand. </p>
<p><strong>Das „Lumpenproletariat“ und die Sozialdemokratie</strong><br />
Vor diesem Hintergrund versuchte die sich Ende des 19. Jahrhunderts formierende Sozialdemokratie die „anarchischen“ Zust&#228;nde in den Vorst&#228;dten politisch zu regulieren. Ihre Position blieb dabei lange widerspr&#252;chlich, da ihre politische Ausrichtung w&#228;hrend des Gr&#252;ndungsprozesses noch nicht v&#246;llig festgelegt war: In den 1870er und 1880er Jahren rangen die „Radikalen“, die den revolution&#228;ren Bruch mit dem kapitalistischen System propagierten, und die „Gem&#228;&#223;igte“ die f&#252;r eine streng legalistische &#220;berwindung des Kapitalismus mit Hilfe  des Staatsapparates eintraten<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a>, um die Dominanz in der ArbeiterInnenbewegung. Mit den unterschiedlichen Positionen waren auch divergierende Vorstellungen vom zu organisierenden Proletariat als dem revolution&#228;ren Subjekt verbunden. Die „Radikalen“ rechneten auch das „Lumpenproletariat“, die Arbeitslosen und Tagel&#246;hner zur ArbeiterInnenklasse und wollten diese politisch mobilisieren. In den Augen der „Gem&#228;&#223;igten“ galt es demgegen&#252;ber, die IndustriearbeiterInnen zu organisieren sowie zu disziplinieren und infolge das „Volk“ und die „gro&#223;en Massen des Mittelstandes“ f&#252;r den Sozialismus zu gewinnen.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a><br />
Bis zur Gr&#252;ndung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) auf dem Hainfelder Parteitag 1889 hatte sich in der Sozialdemokratie die Position der Gem&#228;&#223;igten durchgesetzt. So schwor sich die SDAP dort auf einen „gesetzlichen Weg“<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> zur &#220;berwindung des Kapitalismus und der r&#252;ckst&#228;ndigen Staatsordnung der k. u. k. Monarchie ein. Die Grundlage daf&#252;r sollte die Mobilisierung und Organisierung der (industriellen) ArbeiterInnenschaft bilden, die „mit dem Bewusstsein ihrer Lage und Aufgaben erf&#252;llt, geistig und physisch kampff&#228;hig gemacht und erhalten“ werden sollte. Dabei schrieb sich die SDAP selbst die zentrale Rolle zu.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Nicht der unmittelbare oder gar gewaltsame Kampf um die politische Macht stand im Vordergrund, sondern die Konstituierung des Proletariats als politisch bewusste Klasse wurde als erste Aufgabe der Sozialdemokratie gesehen.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> In der politischen Praxis orientierte man sich dementsprechend an der Ausweitung rechtlicher Handlungsspielr&#228;ume und an der Modernisierung der Gesellschaft des Habsburgerreiches.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a><br />
Allerdings waren die staatlich-institutionellen Handlungsm&#246;glichkeiten eingeschr&#228;nkt: Die SDAP fand oft keine B&#252;ndnispartner und konnte ihre Politik wenig bis gar nicht durchsetzen. „Stagnation und Defensive lie&#223;en sie auf ihr traditionelles Instrumentarium der Politik der Stra&#223;e zur&#252;ckgreifen“<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a>. So setzte die Sozialdemokratie auch 1911, als sie sich im Parlament nicht durchsetzen konnte, im Kampf gegen die massiven Teuerungen der Lebensmittel auf die Massenmobilisierung der Vorst&#228;dte im Rahmen einer Gro&#223;demonstration.<br />
Das war deshalb m&#246;glich, weil die Organisationsstruktur und Macht der SDAP in Wien auf den Vorst&#228;dten basierte. Diese waren zum einen lange von den „Radikalen“ dominiert und wiesen zum anderen eine hohe Durchmischung und Verschmelzung von IndustriearbeiterInnen und „Lumpenproletariat“ auf. Daher waren sie die Grundlage der sozialdemokratischen Organisation – allein die Ottakringer Parteiorganisation trug doppelt soviel zur Parteikasse bei wie ganz B&#246;hmen.<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> Dass die SDAP in Wien nicht blo&#223; eine Partei der regul&#228;ren IndustriearbeiterInnen war, sondern auch auf der Organisation der Vorstadt als einem „Terrain der Politik“ beruhte, l&#228;sst sich auch an sozialdemokratischen Biographien festmachen; etwa jener des Ottakringer Volkstribuns Franz Schuhmeiers, der als Sohn eines Arbeitslosen vom Hilfsarbeiter zum Parlamentarier aufstieg.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a></p>
<p><strong>Widerspr&#252;chliche Reaktionen</strong><br />
Die aus den Widerspr&#252;chen zwischen Selbstverst&#228;ndnis, politischer Strategie und realer Situation in den Vorst&#228;dten erwachsenden Ambivalenzen zeigten sich in den Reaktionen der Sozialdemokratie auf die Hungerrevolte von 1911. Anders als z. B. die <em>Freie Presse</em> konnte es sich die SDAP nicht leisten, den Aufstand der Vorstadt „feindlichen“ Elementen des „Lumpenproletariats“ zuzuschreiben; es war ein Aufstand der Vorstadt und damit der sozialdemokratischen Massenbasis. So schreib etwa die AZ, das Sprachrohr der SDAP: „Die blutigen Ereignisse vom Sonntag waren ein Produkt der Verzweiflung, und wenn man sie ausschlie&#223;lich auf das S&#252;ndenkonto des ‚Mobs‘ oder des gro&#223;st&#228;dtischen Lumpenproletariat zu schreiben sucht, so hat dies eine nur sehr bedingte Berechtigung.“<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a>  Denn es sei offensichtlich, „dass auch ruhige Arbeiter und Arbeiterinnen, durch Verzweiflung &#252;bermannt, sich zu Handlungen hinrei&#223;en lie&#223;en, die sie bei ruhiger &#220;berlegung unterlassen h&#228;tten“.<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> Doch ebenso wird in der AZ deutlich, dass der Aufstand der Vorstadt nicht der Politik und strategischen Ausrichtung der SDAP entsprach: „Gewerkschaften und Partei hatten die ‚Kontrolle‘ &#252;ber die Arbeiter verloren – ein grundlegendes Dilemma der Parteitaktik wurde offenbar: die Mittel au&#223;erparlamentarischer Konfliktsymbolisation erwiesen sich als unzureichendes Druckmittel zur Belebung der parlamentarischen T&#228;tigkeit, sie drohten vielmehr in direkte Konfrontation mit einer zum Einsatz aller Gewaltmittel entschlossenen Staatsgewalt zu m&#252;nden“.<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Auch die Reaktion der AZ am Tag nach den Unruhen wies darauf hin, dass die offene Konfrontation mit der Staatsgewalt auf der Stra&#223;e eher vermieden werden sollte: „Sozialdemokraten“ und „Arbeiter“ wurden aufgefordert „jede weitere Demonstration zu unterlassen“ und sich auf die Partei zu verlassen; die Vertrauensleute der Partei wurden angehalten, f&#252;r Ruhe zu sorgen, und die „Eltern Ottakrings“ sollten ihre Kinder nicht auf die Stra&#223;e lassen.<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a> </p>
<p><strong>Zwischen „Anarchie“ und Organisation</strong><br />
Die Betrachtung der Wiener Vorst&#228;dte um 1900 relativiert das stereotype Bild der Stadt zur Jahrhundertwende – das b&#252;rgerliche Idealbild der Weltstadt Wien als kulturellem und k&#252;nstlerischem Zentrum, als Stadt von Jugendstil-Architekten, Malern und Kaffeehausliteraten. Wie in anderen industriellen Zentren, etwa London oder Paris, bildete auch in Wien die steigende Zahl der ArbeiterInnen und des „Lumpenproletariats“ einen wesentlichen Teil der Stadtbev&#246;lkerung. Wohnungsnot, Hunger und Ausbeutung kennzeichneten den Alltag. Die Vorst&#228;dte Wiens wuchsen durch die Verdr&#228;ngung der sozialen „Unterschichten“ aus der Inneren Stadt in die Au&#223;enbezirke sowie durch die Zuwanderung aus verschiedenen Gebieten der Habsburgermonarchie massiv an. Im b&#252;rgerlichen Diskurs Faszination und Ekel bzw. potentielle Bedrohung zugleich darstellend, bildeten die Vorst&#228;dte die Basis f&#252;r die Formierung der Sozialdemokratie, die sp&#228;ter mit dem Projekt des Roten Wien f&#252;r eine neue Stadtpolitik stand. Dabei wirkte die neue Partei nicht nur organisierend, sondern tendierte ebenso zu Regulierung und Kontrolle des „Wilden Proletariats“ in den Vorst&#228;dten. Die Sozialdemokratie spielte somit eine ambivalente Rolle, die sich zwischen Organisierung und Aktivierung einerseits, und Regulierung der „anarchischen Zust&#228;nde“ in den Vorst&#228;dten andererseits bewegte. </p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a>Arbeiter Zeitung (AZ), Nr. 205, 28. Juli 1911 (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Maderthaner, Wolfgang/Musner, Lutz: In dieser Gegend scheint nie die himmlische Sonne. Wiener Vorst&#228;dte um 1900, in: Schwarz, Werner Michael (Hg.): Ganz unten. Die Entdeckung des Elends. Wien, Berlin, London, Paris, New York. Wien Museum Karlsplatz, 14. Juni bis 28. Oktober 2007, Wien 2007, S.83-89<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Pferdefleischkonsum war und ist nicht nur besonders umstritten, sondern galt vor allem auch als minderwertig und Armeleuteessen.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> AZ, Nr. 247, 8. September 1911, Morgenblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> vgl. AZ, Nr. 250, 11. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> AZ, Nr. 251, 12. September 1911, Morgenblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> vgl. AZ, Nr. 257, 18. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz: Die Anarchie der Vorstadt. Das andere Wien um 1900, Frankfurt/Main 2000, S.23<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> vgl. AZ, Nr. 257, 18. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> vgl. ebenda<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> ebenda<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.31<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> ebenda, S.33<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> AZ, Nr. 257, 18. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.25<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> ebenda, S.32<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> vgl. Fassmann, Heinz/Hatz, Gerhard/ Patrouch, F. Joseph: Understanding Vienna, Wien 2006, S. 161<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.66<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> vgl. Bruckm&#252;ller, Ernst: Sozialgeschichte &#214;sterreichs, Wien 2001, S. 211<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> vgl. ebenda, S. 266 und Komlosy, Andrea: Empowering and Control. Conflicting Central and Regional Interests in Migration Within the Habsburg Monarchy, in: Fahrmeir, Andreas u.a.: Migration Control in the North Atlantic World, UK 2003, S. 155f.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> 1873 st&#252;rzten die Aktienkurse an der Wiener B&#246;rse aufgrund einer &#220;berhitzung der Konjunktur ins Bodenlose. Der „Wiener B&#246;rsenkrach“ l&#228;utete das Ende der Gr&#252;nderzeit ein, die auf ihn folgende Depressionsphase wird oft als „Gr&#252;nderkrise“ bezeichnet.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.39<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> vgl. Komlosy, Andrea 2003, a.a.O. S. 155ff.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> vgl. ebenda, S.155ff.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.39, S.41f.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> vgl. Banik-Schweitzer, Renate: Zur sozialr&#228;umlichen Gliederung Wiens, Wien 1982, S.15ff.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.54 und S.51f<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> vgl. ebenda, S.54 und S.51f.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Lindner, Rolf: Ganz unten. Ein Kapitel aus der Geschichte der Stadtforschung, in: Schwarz, Werner Michael (Hg.) 2007, a.a.O., S.19<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Mattl, Siegfried: Das wirkliche Leben. Elend als Stimulationskraft der Sicherheitsgesellschaft. &#220;berlegungen zu den Werken Max Winters und Emil Kl&#228;gers, in: Schwarz, Werner Michael (Hg.) 2007, a.a.O., S.113<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> vgl. Probst, Stefan: Faszination Elend, in: Perspektiven. Magazin f&#252;r linke Theorie und Praxis, Nr. 3, 2007, S.40-43<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Eichhorn, Rudolf: Ein Nachtrag zur materiellen Lage des Arbeiterstandes in &#214;sterreich. Floridsdorf und Umgebung, ein sociales Bild, in: &#214;sterreichische Monatsschrift f&#252;r Christliche Socialreform, Bd.6, 1884, S.483<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.96<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> vgl. ebenda, S.89<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> ebenda, S.87<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> vgl. Staudacher, Anna: Sozialrevolution&#228;re und Anarchisten. Die andere Arbeiterbewegung vor Hainfeld, Wien 1988, S. 80ff. und S.117<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> ebenda, S.5 und S.81<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> ebenda, S.80<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ M&#252;ller Wolfgang C.: Die Organisation der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie 1889-1995, Wien 1996, S. 31f.<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> vgl. Ardelt, Rudolf G.: Vom Kampf um B&#252;rgerrechte zum „Burgfrieden“, Wien 1994, S.11<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> vgl. ebenda, S.39<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.96<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ M&#252;ller Wolfgang C.1996, a.a.O., S.65<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> vgl. Maderthaner, Wolfgang/ Musner, Lutz 2000, a.a.O, S.199<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> AZ, Nr. 258, 19. September 1911 (XXIII. Jahrgang)<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> ebenda<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> Ardelt, Rudolf G.,1994, a.a.O., S. 45<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> vgl. AZ, Nr. 257, 18. September 1911, Mittagsblatt (XXIII. Jahrgang)</p>
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		<title>Sozialismus in einer Stadt?</title>
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		<pubDate>Tue, 04 May 2010 16:40:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
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		<description><![CDATA[Bis heute sind das Rote Wien der Zwischenkriegszeit und die damit verbundenen austromarxistischen Positionen emphatische Bezugspunkte der Sozialdemokratie. Benjamin Opratko und Stefan Probst stellen den „roten Traum“ in Frage, indem sie die historischen Bedingungen der Politik des Roten Wien sowie die theoretischen Pr&#228;missen des Austromarxismus offenlegen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Bis heute sind das Rote Wien der Zwischenkriegszeit und die damit verbundenen austromarxistischen Positionen emphatische Bezugspunkte der Sozialdemokratie. </em>Benjamin Opratko<em> und </em>Stefan Probst <em>stellen den „roten Traum“ in Frage, indem sie die historischen Bedingungen der Politik des Roten Wien sowie die theoretischen Pr&#228;missen des Austromarxismus offenlegen.</em><br />
<span id="more-798"></span></p>
<p>Zwischen 19. und 26. April 1931 war das neu errichtete Wiener Prater-Stadion Schauplatz einer gigantischen Inszenierung sozialdemokratischer Symbolpolitik. Anl&#228;sslich der zweiten Internationalen Arbeiterolympiade waren mehrere zehntausend ArbeitersportlerInnen aus 19 L&#228;ndern der Sozialistischen Arbeitersport-Internationalen nach Wien gepilgert, um die Hauptstadt der Republik in eine Manifestation proletarischer Kollektivit&#228;t und St&#228;rke zu verwandeln. W&#228;hrend der Aufmarsch von 100.000 disziplinierten ArbeiterInnen &#252;ber die Ringstra&#223;e zum Stadion offensichtlich den Charakter einer Milit&#228;rparade annahm, der die Entschlossenheit des Wiener Proletariats bezeugen sollte, bildete ein gigantomanisches historisches Spektakel den H&#246;hepunkt des begleitenden Kulturprogramms. Dabei eigneten sich insgesamt 4.000 sozialdemokratische TurnerInnen, MusikerInnen, S&#228;ngerInnen und AktivistInnen der Roten Falken und der Sozialdemokratischen Arbeiterjugend in Blauhemden das Spielfeld als riesige Theaterb&#252;hne an, um in einer guten Stunde die Geschichte der arbeitenden Massen und ihrer K&#228;mpfe vom Mittelalter bis zum Industriekapitalismus samt Soundeffekten und Requisiten nachzuspielen. Die Choreographie m&#252;ndete schlie&#223;lich in den symbolischen Sturz einer vergoldeten Statue, die den Kapitalismus repr&#228;sentierte, und einen Eid, in dem zehntausende ZuseherInnen ihre Loyalit&#228;t zu den Idealen des Sozialismus einer Lautsprecherstimme nachbeteten.<br />
In den &#220;berlegungen sozialdemokratischer Parteif&#252;hrer verfolgten Massenspektakel dieser Art in erster Linie den Zweck, den Massen ein Gef&#252;hl symbolischer St&#228;rke und Solidarit&#228;t zu injizieren und sie emotional st&#228;rker an Partei und Bewegung zu binden. So sehr sich die sozialdemokratische Presse dementsprechend von der Symbolwirkung der proletarischen Festspiele begeistert zeigte, so sehr t&#228;uschte die Inszenierung jedoch dar&#252;ber hinweg, wie stark sozialdemokratische Politik in den sp&#228;ten 1920ern und fr&#252;hen 1930ern bereits auf ein hohles Schattentheater reduziert worden war.<br />
Zwei Monate zuvor hatten die steirischen Heimwehren unter Walter Pfrimer ihren ersten Putschversuch gestartet, der zwar an internen Uneinigkeiten scheiterte, aber als deutliches Zeichen zunehmender St&#228;rke faschistischer Bewegungen ernst genommen werden musste. Angesichts dessen war die Inszenierung im Wiener Prater kaum mehr als ein gro&#223; angelegtes Theater der Illusionen, in dem, in den Worten des Historikers Helmut Gruber, „die Macht, den kapitalistischen G&#246;tzen zu st&#252;rzen, nichts anderes war als ein magisches Blendwerk innerhalb der gesch&#252;tzten Betonmauern des Wiener Stadions.“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Ohne realpolitische Strategien in konkreten K&#228;mpfen konnten Massenaufm&#228;rsche, Feste und Beschw&#246;rungen proletarischer Einheit wenig mehr sein als ritualisierte Bezeugungen symbolischer St&#228;rke, die abstrakte Heilsversprechen einer besseren Zukunft mobilisierten, politisch aber inhaltsleer blieben und letztlich allein zur &#196;sthetisierung der Politik und Kontrolle der Massen beitrugen. Das Spektakel des Juli 1931, in dem Pr&#228;senz durch Fahnen, Slogans, Blauhemden usw. demonstriert wurde, verdeckt die Paralyse und strategische Sackgasse sozialdemokratischer Politik und markiert somit auch das Scheitern eines der faszinierendsten Experimente eines „kommunalen Sozialismus“ in der neueren europ&#228;ischen Geschichte.</p>
<p>Im Folgenden soll zun&#228;chst gezeigt werden, dass die Kultur- und Bildungspolitik der Wiener Sozialdemokratie der Zwischenkriegszeit als gro&#223;angelegte Erziehungsstrategie und spezifische Version eines b&#252;rgerlichen Modernisierungsprojekts gedeutet werden kann. Zweitens schlagen wir vor, dieses Experiment, das als Rotes Wien zeitgen&#246;ssische BeobachterInnen begeisterte und bis heute in der sozialdemokratischen Linken romantisiert wird, als Produkt einer historischen Niederlage zu verstehen. Die Politik des Roten Wien gr&#252;ndete auf einer besonderen Lesart marxistischer Theorie, die wir in einem weiteren Schritt kritisch darstellen. Zuletzt fragen wir, was vom Austromarxismus als Theorie und dem Roten Wien als politisch-praktischem Projekt &#252;brig bleibt.</p>
<p><strong>&#8220;Antizipatorischer Sozialismus&#8221;</strong><br />
Arbeitersport und Massenfeste bildeten nur einen – und beileibe nicht den wichtigsten – Teil des umfassenden kulturpolitischen Projekts der Wiener Sozialdemokratie der Zwischenkriegszeit, das im Roten Wien den „Sozialismus in einer Stadt“ zu verwirklichen suchte, als Vorwegnahme einer besseren Zukunft und Konkretisierung einer kulturellen Utopie. Dreh- und Angelpunkt dieses Projekts war die Heranbildung „Neuer Menschen“.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> &#220;ber ein weitverzweigtes, engmaschiges Geflecht aus Kultur- und Sportorganisationen sollten die ArbeiterInnen emotional, politisch und kulturell an sozialistische Werthaltungen herangef&#252;hrt und mittels kulturpolitischer Initiativen (Zeitungen, Theater, Konzerte, Bibliotheken) im Geiste des Sozialismus erzogen werden. 1931/32 waren mehr als 400.000 Menschen in diesem Netzwerk sozialdemokratischer Kulturvereine organisiert.<br />
Bisweilen trieben diese Anstrengungen recht seltsame Bl&#252;ten. Der Beitrag der 2.000 im Zentralverband der Arbeiter-Mandolinenorchester organisierten WienerInnen zum zivilisatorischen Projekt der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei d&#252;rfte jedenfalls als ebenso gering zu veranschlagen sein wie jener des Bunds der Arbeiter-Alpinen, Trachtenerhaltungs- und Volkst&#228;nzervereine oder des Arbeiter-Feuerbestattungsvereins „Die Flamme“.<br />
Zentral f&#252;r die sozialdemokratische Erziehungsmission war aber die Verschmelzung wohlfahrtsstaatlicher und p&#228;dagogischer Initiativen zu einem gro&#223;angelegten Projekt des <em>social engineering</em><a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a>.  So dienten etwa die neu errichteten Gemeindebauten nie allein der Linderung der akuten Wohnungsnot, sondern sollten zugleich als architektonische Verwirklichung p&#228;dagogischer und zivilisatorischer Ideale, als „materieller Ausdruck der politischen wie (massen-)kulturellen Intentionen der sozialdemokratischen Gemeindeverwaltung“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> fungieren. Der physische Kontext einer bestimmten Form des Wohnens spielte im kulturpolitischen Projekt eine organisierende Rolle zur Herausbildung „ordentlicher Arbeiterfamilien“: „Die ‚Volkswohnpal&#228;ste‘ sollten von Beginn an mehr sein als bessere Wohnungen. Sie sollten jene Umwelt bereiten, in denen die proletarische Familie als ordentlich sozialisiert und durch die entstehende Parteikultur in Richtung ‚Neuer Menschen‘ erzogen w&#252;rde.“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a><br />
Dementsprechend streng reglementiert gestaltete sich das proletarische Leben im Gemeindebau. Die Hausverwaltung bestimmte, wann und wo Teppiche geklopft und Abfall entsorgt werden durfte, wo und wie Kinder im Hof spielen durften, kontrollierte den Zutritt zu den Waschr&#228;umen, &#252;berwachte die Ordnung in G&#228;ngen, Kellern und Balkonen und inspizierte die Sauberkeit der Wohnungen. &#220;berall und jederzeit waren die MieterInnen der Gemeindewohnungen mit Strukturen, R&#228;umen, Einrichtungen und Regeln konfrontiert, die „f&#252;r sie“ entworfen waren, deren Ausgestaltung aber von den Betroffenen selbst kaum beeinflusst werden konnte.<br />
&#196;hnlich paternalistische &#220;berzeugungen waren dem st&#228;dtischen F&#252;rsorgewesen eingeschrieben, das mit den Mitteln moderner Sozialtechnologie m&#246;glichst optimale Sozialisationsbedingungen organisieren sollte. Ein dichtes Netz f&#252;rsorgerischer Institutionen und Ma&#223;nahmen sicherte den erzieherischen Zugriff auf das Proletariat. &#220;ber Hausbesuche von F&#252;rsorgerInnen wurden die „ordentlichen“ Verh&#228;ltnisse im ArbeiterInnenhaushalt (sanit&#228;re Standards, elterliches Erziehungsverhalten) &#252;berwacht. Dass solche Initiativen &#252;berwiegend familienbezogen waren und auf die Hebung der Geburtenrate zielten, sei hier ebenso nur am Rande erw&#228;hnt wie die damit verbundenen sozialeugenischen Visionen etwa des Stadtrats f&#252;r Wohlfahrtspflege Julius Tandler.</p>
<p><strong>B&#252;rgerliche Sozialreform</strong><br />
Gerade in diesen p&#228;dagogischen und kulturpolitischen Dimensionen, die das Rote Wien von anderen wohlfahrtsstaatlich inspirierten Kommunalpolitiken abhebt, &#228;hnelt das sozialdemokratische Experiment der Zwischenkriegszeit nun aber jenen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts weitverbreiteten Rezepten b&#252;rgerlicher Sozialreform, die in erster Linie um die soziale Stabilisierung einer urbanen und industriellen ArbeiterInnenschaft bem&#252;ht waren. Zentrale Gemeinsamkeit war die „Verbindung von F&#252;rsorge- und Wohlfahrtsintentionen mit Funktionen der Domestizierung und &#220;berwachung“ – eine Strategie, in der die ArbeiterInnen zuallererst als Objekte thematisiert wurden. In diesem Sinn handelt es sich beim Wiener „Kommunalsozialismus“ der 1920er Jahre mit Wolfgang Maderthaner wohl um ein „exemplarisches Unternehmen der Sp&#228;taufkl&#228;rung“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a>, das „auf Zivilisierung, Kulturalisierung und Hygienisierung der Massen, also auf die umfassende Hebung ihrer lebensweltlichen und sozialen, vor allem aber kulturellen Standards abzielte.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a><br />
Tats&#228;chlich konnte sich das p&#228;dagogische Experiment der Wiener Sozialdemokratie vielfach auf bereits um die Jahrhundertwende gegr&#252;ndete Kulturorganisationen st&#252;tzen. Die Sozialdemokratie der Vorkriegsjahre hatte es verstanden, „in Hochburgen wie in den Wiener Vorst&#228;dten kleinnetzige, aus vormodernen Traditionen herr&#252;hrende soziale Beziehungsgeflechte ehemals d&#246;rflicher Formationen in die Zellen- und Sektionsstruktur einer modernen Parteiorganisation &#252;berzuf&#252;hren.“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Entscheidendes Vehikel in diesem Organisationskonzept bildeten Volksbildungseinrichtungen, Sportvereine, Kultur- und Bildungsorganisationen und lebensreformerische Vereinigungen, sowie ein ritualisierter Kanon von Festen und Feiern (bestes Beispiel: 1. Mai), denen gerade unter den schwierigen Bedingungen der Habsburgermonarchie ein besonderer Stellenwert im Parteiaufbau zukam. Das Verbot politischer Organisierung konnte gerade dadurch umgangen werden, dass der kulturelle und p&#228;dagogische Charakter der Bewegung betont wurde. Victor Adler, der Gr&#252;ndungsvater der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie, theoretisierte diesen emotionalisierenden, &#228;sthetisierenden und kulturalisierenden Zugriff auf politische Fragen in der Strategie der „Revolutionierung der Gehirne“ als eigentliche Aufgabe und Ziel der Bewegung.<br />
Die austromarxistischen TheoretikerInnen und PraktikerInnen des Roten Wien griffen diese &#220;berlegungen auf, indem sie den Aufbau eines gegenkulturellen Netzwerks zum zentralen Angelpunkt ihrer Konzeption eines „antizipatorischen Sozialismus“ ausbauten und die Kulturorganisationen als Massenerziehungsmittel funktionalisierten.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Ziel war es erstens, wesentliche Elemente einer sozialistischen Zukunft bereits in der urbanen Gegenwart vorwegzunehmen, und zweitens „den Arbeiter“ in moralischer Hinsicht f&#252;r seine Rolle in dieser Zukunft vorzubereiten.<br />
Den notwendigen Spielraum f&#252;r diese vorbereitende Strategie, so argumentierte der sozialdemokratische Parteif&#252;hrer Otto Bauer, schuf die spezifische Situation im Nachkriegs&#246;sterreich, die von einem „Gleichgewicht der Klassenkr&#228;fte“ gepr&#228;gt gewesen sei, in dem „die au&#223;erparlamentarische Macht des Proletariats … die parlamentarische Mehrheit der Bourgeoisie hinderte, ihre Klassenherrschaft aufzurichten.“<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Weil keine gesellschaftliche Klasse ohne die (stillschweigende) Teilnahme der gegnerischen Klasse herrschen k&#246;nnte, der Kampf um die politische Macht somit auf eine unbestimmte Zukunft vertagt war, entst&#252;nden Freir&#228;ume zum schrittweisen Aufbau einer sozialistischen Infrastruktur, ohne Risiko des B&#252;rgerkriegs. „Aus diesem Grund konnte sich Bauer auf das austromarxistische Engagement der Vorkriegszeit f&#252;r kulturelle Entwicklung und Bildung berufen, um der Rolle der sozialistischen Bewegung bei der Vorwegnahme einer neuen Gesellschaft innerhalb des alten Systems gro&#223;e Bedeutung zuzuschreiben.“<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a></p>
<p><strong>Der „Wille zur Ohnmacht“</strong><br />
Je st&#228;rker sich nun aber die tats&#228;chlichen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse im Laufe der 1920er Jahre zuungunsten der ArbeiterInnenbewegung verschoben, desto mehr kompensatorische Funktionen fielen der Wiener Stadtpolitik zu. Sukzessive &#252;bernahm die kulturpolitische Konzentration auf das Rote Wien den Charakter eines Substituts f&#252;r weitergehende Perspektiven politischer Transformation.<br />
Wie der Historiker Anson Rabinbach richtig betont, resultierte der Wiener Kommunalsozialismus letztlich „aus einer stillschweigenden Anerkennung einer entscheidenden politischen Niederlage“ 1918/19.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Schon w&#228;hrend der Welle wilder Streiks im Juni 1917 war die &#246;sterreichische Sozialdemokratie in erster Linie als Stabilisierungsfaktor und Ordnungsmacht in Erscheinung getreten. In der sozialrevolution&#228;ren Situation ab dem Fr&#252;hjahr 1918, als sich aus Streikversammlungen heraus ArbeiterInnenr&#228;te<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> bildeten, der alte Staat zerfiel und die Macht f&#246;rmlich auf der Stra&#223;e lag, transformierte sie die revolution&#228;ren Energien in eine Strategie zur Eroberung der parlamentarischen Demokratie und der umfassenden sozialen Reform. Damit verschaffte sie nicht zuletzt den desorganisierten konservativen Kr&#228;ften ausreichend Zeit zur Neuformierung.<br />
Sozialdemokratischen Parteigranden wie Friedrich Adler war sehr wohl bewusst, dass es 1918/19 „wohl keinen anderen Staat [gab], wo es … f&#252;r die Arbeiterklasse so leicht m&#246;glich gewesen w&#228;re, die ganze Macht an sich zu rei&#223;en, wie gerade in Deutsch&#246;sterreich.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Die Entscheidung zur „Selbstbeschr&#228;nkung“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> der Revolution kann daher nicht auf vermeintlich „objektive“ Bedingungen abgew&#228;lzt werden. Erst auf Grundlage dieser strategischen Weichenstellung wird die Konzentration auf Kultur- und Bildungspolitik verst&#228;ndlich, die infolge als Rechtfertigung daf&#252;r herhalten musste, jeder „verfr&#252;hten“ politischen Auseinandersetzung auszuweichen, um eben den Zusammenbruch des „Aufbauwerks“, auf das sich die p&#228;dagogische „Vorbereitungsstrategie“ st&#252;tzte, nicht zu riskieren.<br />
Die fatale Zirkularit&#228;t sozialdemokratischer Politik gr&#252;ndet darin, dass dieselben &#220;berzeugungen, welche die Bedingungen politischer Defensive produzierten, auch den R&#252;ckzug in die Wiener Kulturenklave legitimierten. Zun&#228;chst lenkte die Sozialdemokratie die revolution&#228;re Dynamik der Jahre 1918/19 in die Bahnen des b&#252;rgerlichen Republikanismus, um schlie&#223;lich ihre politischen Ambitionen in die Kultur der Hauptstadt zu kanalisieren<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Gewisserma&#223;en wiederholt sich hier die Geschichte des &#246;sterreichischen Liberalismus als Farce. Dieser hatte in den 1890ern seine politische Schw&#228;che durch die Kulturpolitik im Wien des <em>fin de siècle</em> kompensiert. Als selbsternannte Erbin des gescheiterten liberalen Modernisierungsprojekts adaptierte die SDAP nun dessen „Programm der kulturellen Erneuerung unter dem Banner des Konstitutionalismus“.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a></p>
<p>Mit der Entscheidung, 1918/19 nicht auf die revolution&#228;re R&#228;tebewegung zu setzen, wurde eine Dynamik in Gang gesetzt, die eine Situation selbstgew&#228;hlter Ohnmacht produzierte. Solange sich die Konservativen vor der Macht&#252;bernahme der ArbeiterInnen f&#252;rchten mussten, konnte die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) weitreichende soziale Reformen – vom bezahlten Urlaub bis zum Betriebsr&#228;tegesetz – durchsetzen. Sobald die SDAP aber die R&#228;tebewegung in ein Mittel zur Bindung und Disziplinierung des Proletariats verwandelt hatte, erwiesen sich die Illusionen in den b&#252;rgerlichen Staat als verheerende Sackgasse. Die reaktion&#228;re Christlichsoziale Partei und ihre faschistischen Verb&#252;ndeten (Heimwehr, Landbund) gewannen an Initiative und wurden in weiten, vor allem l&#228;ndlichen Teilen &#214;sterreichs hegemonial, w&#228;hrend sich die Sozialdemokratie auf ihre Hochburgen in Wien, Linz und der Obersteiermark konzentrierte.</p>
<p><strong>Orientierungspunkte</strong><br />
Die entscheidenden Stichworte f&#252;r diese Strategie wurden von den TheoretikerInnen des Austromarxismus formuliert. Dennoch l&#228;sst sich die Politik des „Sozialismus in einer Stadt“ nicht als einfache „&#220;bersetzung“ einer austromarxistischen Theorie in die sozialdemokratische Praxis verstehen. Dies w&#252;rde den gewichtigen Aspekt der Pragmatik in der konkreten Politik der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie nach dem Ersten Weltkrieg unterschlagen. In mancher Hinsicht ist die austromarxistische Theoriearbeit besser als nachtr&#228;gliche oder begleitende Rechtfertigung politischer Entscheidungen zu verstehen, die selbst eher auf Basis aktueller M&#246;glichkeiten und Notwendigkeiten – oder was die SozialdemokratInnen daf&#252;r hielten – getroffen wurden. Zugleich spielten theoretische Erw&#228;gungen der f&#252;hrenden Intellektuellen der SDAP nat&#252;rlich eine Rolle f&#252;r die Politik des Roten Wien – nicht zuletzt f&#252;r die Einsch&#228;tzung, welche Strategien eben als (un-)m&#246;glich oder notwendig angesehen wurden. Die sozialdemokratischen Stadt- und KommunalpolitikerInnen, die Obleute der zahlreichen Arbeitervereine sowie die ArchitektInnen der Gemeindebauten und die F&#252;hrer des Schutzbundes setzten nicht einfach in die Tat um, was Otto Bauer im „Kampf“, dem zentralen Theorieorgan der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie, schrieb; sie erhielten durch die austromarxistische Theorie jedoch eine Grundanschauung, eine „Reihe von <a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a>, die das Experiment des Roten Wien pr&#228;gten. Zwar hat eine inhaltlich koh&#228;rente theoretische „Schule“, die so unterschiedliche Pers&#246;nlichkeiten wie Max Adler und Karl Renner, Otto Leichter und Otto Bauer umfasst h&#228;tte, so nie existiert. Darauf verweisen schon die von den oben genannten „Austromarxisten“ in den Publikationen der Sozialdemokratie teils scharf polemisch gef&#252;hrten Debatten. Im Folgenden soll jedoch dargestellt werden, was &#252;ber alle Differenzen innerhalb der F&#252;hrungsriege der SDAP hinweg als gemeinsame &#220;berzeugungen ausgemacht werden kann, die es letztlich doch erlauben, vom „Austromarxismus“ zwar nicht als einheitliche theoretische Schule, jedoch als ein Set von „Leitideen“ zu sprechen. Diese waren f&#252;r den Alltagsverstand sozialdemokratischer Funktion&#228;rInnen und zahlreicher ArbeiterInnen in der Zwischenkriegszeit absolut pr&#228;gend – und tats&#228;chlich hat wohl erst der politische und orientierende Effekt der theoretischen Positionen eine Einheit des Austromarxismus hergestellt, die in der Theorie selbst so gar nicht vorhanden war.</p>
<p><strong>Determinismus</strong><br />
Die wichtigste Grundlage austromarxistischer Theorien ist &#252;beraus simpel. Sie zu benennen, fordert jedoch unweigerlich einen hartn&#228;ckigen Mythos heraus, der die Selbstverortung des Austromarxismus „zwischen Bolschewismus und Revisionismus“ f&#252;r bare M&#252;nze nimmt. In dieser Darstellung h&#228;tte der „Dritte Weg“ zwischen der revolution&#228;ren Strategie Lenins und der offen parlamentarisch-reformistischen Eduard Bernsteins in der SPD die &#246;sterreichische Sozialdemokratie auch vor den Gefahren des „Determinismus“ bewahrt, der f&#252;r die Geschichtsauffassung der sozialdemokratischen Zweiten Internationale so charakteristisch war. Damit ist die Vorstellung gemeint, dass die immanenten Widerspr&#252;che der kapitalistischen Gesellschaft unweigerlich in den Sozialismus f&#252;hren. Die angeblich von Marx entdeckten und von Engels popularisierten ehernen Gesetze der Geschichte w&#252;rden dies beweisen: die &#220;berwindung des Kapitalismus erg&#228;be sich aus der historischen „Dialektik“ von Produktionsverh&#228;ltnissen und Produktivkraftentwicklung; Aufgabe der Sozialdemokratie w&#228;re demnach „der Aufbau ihrer Organisation, die Verst&#228;rkung ihres Stimmenanteils und das Vermeiden von Abenteuern, w&#228;hrend sie geduldig darauf wartete, dass die &#246;konomische Entwicklung ihre Arbeit leistete“.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Dass die &#246;sterreichische Sozialdemokratie, die der Bildungs-, Erziehungs- und Kulturarbeit so viel Wert beima&#223; – also ja gerade auf die „subjektiven“ Aspekte der Geschichte einwirken wollte – einer solchen „objektivistischen“, sprich den „objektiven Gesetzm&#228;&#223;igkeiten“ vertrauenden Auffassung anhing, scheint nur auf den ersten Blick paradox. Dass sie es tat, l&#228;sst sich an allen Ecke und Enden austromarxistischer Publizistik ablesen – nicht nur bei den „rechten“, offen revisionistischen Sozialdemokraten wie Karl Renner, sondern auch bei Otto Bauer selbst, der ohne &#220;bertreibung als F&#252;hrer und wichtigster Theoretiker der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie der Zwischenkriegszeit bezeichnet werden kann.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Er schloss etwa seinen programmatischen Aufsatz „Der Weg zum Sozialismus“ mit den Worten: „Der Sozialismus ist zur geschichtlichen Notwendigkeit geworden; kommen wird er auf jeden Fall. Fraglich ist nur, auf welchem Weg er kommen soll.“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> In der popul&#228;ren sozialdemokratischen Tagespresse wurde dieselbe &#220;berzeugung mit etwas mehr Poesie ausgedr&#252;ckt. Nach dem Sieg der SDAP bei den Wiener Gemeinderatswahlen schrieb die „Arbeiterzeitung“ am 5. Mai 1919: „Rot flammt es am Horizont und k&#252;ndigt den herrlichen, unwiderruflichen Sieg des Sozialismus an.“<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a></p>
<p><strong>Kartell-Sozialismus</strong><br />
Der geschichtsphilosophische Determinismus der AustromarxistInnen wurde polit&#246;konomisch unterf&#252;ttert von der These des „organisierten Kapitalismus“. Diese st&#252;tzte sich ma&#223;geblich auf die Untersuchungen von Rudolf Hilferding, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts Teil der Gruppe um Otto Bauer und Max Adler war (mit letzterem gab er bis 1925 die „Marx-Studien“ heraus). Hilferding hatte in seinem 1910 erschienenen Werk „Das Finanzkapital“ argumentiert, dass der Kapitalismus im „Zeitalter des Imperialismus“ von der „Aufhebung der freien Konkurrenz durch die Bildung von Kartellen und Trusts“ gekennzeichnet w&#228;re. Durch Konzentrations- und Monopolisierungstendenzen sowie durch die zunehmende Integration von Bank- und Industriekapital entst&#252;nde eine Form kapitalistischer Wirtschaft, in der das anarchisch-freie Spiel der Marktkr&#228;fte in eine Art Planwirtschaft des Finanzkapitals umschlage. Diese These hat bedeutsame politische Konsequenzen, wie Hilferding noch 1931 festhielt:<br />
„Indem aber das Finanzkapital die kapitalistische Wirtschaft immer st&#228;rker organisiert, schafft es die M&#246;glichkeit der Kontrolle dieser Organisation. Denn Organisation hei&#223;t nichts anderes als die Zusammenfassung bisher zersplitterter Kr&#228;fte unter einer einzigen Leitung. Erst damit kann sich diesem Bewu&#223;tsein, diesem Willen der Leitung unter Umst&#228;nden ein anderes Bewu&#223;tsein, ein anderer Wille entgegensetzen. Dem rein wirtschaftlichen Willen und seinen wirtschaftlichen Motiven, dem Streben nach Rentabilit&#228;t und Steigerung der Profitrate kann sich ein anderes organisiertes Bewu&#223;tsein, ein anders motivierter Wille, das politische, das staatliche Bewu&#223;tsein entgegensetzen.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Der &#220;bergang zum Sozialismus im Bereich der &#214;konomie wird so als &#220;bernahme der Kommandopositionen in den Trusts und Kartellen konzipiert. In Hilferdings Worten: „Die Diktatur der Kapitalmagnaten (schl&#228;gt) um in die Diktatur des Proletariats“.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> F&#252;r austromarxistische Theorien und Praxis dienten Hilferdings Thesen als Grundlage; sie wurden weiterentwickelt zur Theorie des „organisierten Kapitalismus“, der als „letzte Phase des Kapitalismus“ verstanden wurde. In ihr w&#252;rden sich die Plan- und Leitungselemente in der Wirtschaft zunehmend verst&#228;rken, was als „Ansatz zur Emanzipation von der ‚freien’ kapitalistischen Marktwirtschaft, ein Ansatz zu organisierter Wirtschaft“ verstanden wurde.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Auf dieser &#220;berzeugung basierte auch Otto Bauers Politik der „Sozialisierung“, durch die jene Industriezweige, in denen der Konzentrations- und Integrationsprozess besonders weit fortgeschritten war – etwa in der Montan- und Schwerindustrie – der Privatwirtschaft entzogen werden sollte. Wohlweislich sah dieses Konzept keine Kontrolle der Produktionseinheiten durch die ArbeiterInnen vor – die „sozialisierten“ Betriebe h&#228;tten von Gremien aus GewerkschafterInnen, KonsumentInnenverb&#228;nden und Staatsbeamten geleitet werden sollen.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Diese Perspektive eines „Kartell-Sozialismus“, der mit Formen proletarischer Wirtschaftsdemokratie nur wenig zu tun hatte, wurde auch von den „linken“ TheoretikerInnen des Austromarxismus geteilt. So schreibt Otto Leichter: „Die Entwicklungselemente einer sozialistischen Ordnung sind zumindest der Tendenz nach vorhanden: schon innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft wird der Beweis f&#252;r die M&#246;glichkeit einer gemeinwirtschaftlichen Regelung der Produktion erbracht, aber das Proletariat mu&#223; erst die politische Macht erobern, um die Elemente der sozialistischen Gesellschaft freisetzen zu k&#246;nnen.“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a></p>
<p><strong>Staat als Instrument</strong><br />
Damit sind wir bei einer Frage angekommen, deren Beantwortung f&#252;r die Charakterisierung des austromarxistischen Projekts entscheidend ist. Alle TheoretikerInnen der SDAP, vom „rechten“ Karl Renner bis zum „linken“ Max Adler, waren sich darin einig, dass es darum ging, die „politische Macht zu erobern“. Doch was soll darunter verstanden werden? Die Antwort der AustromarxistInnen lautete unisono: die &#220;bernahme des Staates, der nicht mehr wie im Kommunistischen Manifest als „Ausschu&#223;, der die gemeinschaftlichen Gesch&#228;fte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet“<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> verstanden wurde, sondern als „Instrument“, das den H&#228;nden der KapitalistInnen entrissen werden m&#252;sse, um es zum Aufbau des Sozialismus zu nutzen. Max Adler hat daf&#252;r eine einpr&#228;gsame Metapher gew&#228;hlt: „So wie man auf einer Druckmaschine ebenso reaktion&#228;re wie revolution&#228;re Schriften drucken kann, so kann der Staatsapparat an sich jeder beliebigen Staatsordnung die Rechtsform geben.“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Zwar wandte er gegen Karl Renner ein, dass man nicht davon ausgehen d&#252;rfe, die „Besetzung von staatlichen Machtpositionen durch das Proletariat bedeute schon eine &#196;nderung des b&#252;rgerlichen Staates“; der entscheidende Faktor f&#252;r Adler war jedoch jener des Bewusstseins: „Denn nicht darauf kommt es an, da&#223; die Machtpositionen besetzt werden, sondern <em>welchen Geistes und Willens das Proletariat ist, das dies tut</em>.“<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Wir werden noch darauf zur&#252;ck kommen, dass diese Adler’sche Konzeption sich passgenau in die politische Praxis der SDAP und deren Konzentration auf Bildungsarbeit und „Bewusstseinsreform“ einf&#252;gte. Wichtig ist festzuhalten, dass auch f&#252;r den „linken“ Adler die politische Macht&#252;bernahme nur als Eroberung des b&#252;rgerliche Staatsapparats denkbar war, der dann in den Dienst des Sozialismus gestellt werden sollte. Nicht-staatliche, autonome Formen proletarischer Selbstverwaltung konnten in diesem Konzept bestenfalls eine erg&#228;nzende Rolle spielen. So befand Adler 1919, dass die ArbeiterInnenr&#228;te in Deutschland und &#214;sterreich zwar legitime Kampfmittel seien, sie d&#252;rften aber keinesfalls als „dauernde Gestaltungsprinzipien eine[r] neuen Gesellschaft“ gelten.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Letztlich dienten die R&#228;te in Adlers Konzeption als „Verwaltungsinstrumente des friedlichen Hineinwachsens in den Sozialismus, dazu noch verfassungsm&#228;&#223;ig abgesichert“.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a><br />
Otto Bauer teilte den instrumentalistischen Staatsbegriff seiner GenossInnen, integrierte ihn jedoch in eine als Theorie ausgegebene Zeitdiagnose vom „Gleichgewicht der Klassenkr&#228;fte“. Demnach w&#228;re die politische Situation in Europa nach dem Ersten Weltkrieg von einer Pattsituation der Klassen gepr&#228;gt, die sich in &#214;sterreich in einem Zustand ausdr&#252;ckte, „in dem zwar das Proletariat noch nicht zu herrschen vermag, in dem aber die Bourgeoisie nicht mehr imstande ist, dem Proletariat zu diktieren und daher mit dem Proletariat paktieren mu&#223;“.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Diese Konstellation wurde von Bauer als „&#220;bergangsphase“ interpretiert: „Wie die Bourgeoisie durch die Periode des Gleichgewichtes zwischen Grundaristokratie und Bourgeoisie hindurchgehen mu&#223;te, ehe sie die Staatsgewalt erobern und die ganze Rechtsordnung dem Kapitalismus anpassen konnte, so wird das Proletariat durch die Periode des Gleichgewichts zwischen Bourgeoisie und Proletariat nur hindurchgehen, um schlie&#223;lich die Staatsgewalt zu erobern und die sozialistische Gesellschaftsordnung zu verwirklichen.“  Diese Analogisierung von b&#252;rgerlicher und proletarischer Revolution wurde bereits von Bauers Parteigenossen Otto Leichter einer treffenden Kritik unterzogen. Schlie&#223;lich hat die ArbeiterInnenklasse „keine &#246;konomische Macht in dem Sinne, wie etwa bereits die Bourgeoisie bereits am Beginn der Revolution &#246;konomisch m&#228;chtig war. [...] Die b&#252;rgerliche Revolution wird von einer &#246;konomisch m&#228;chtige Klasse, die proletarische Revolution von den &#246;konomisch im individuellen Sinne Machtlosen durchgef&#252;hrt.“<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Dieser Einwand ist wichtig, die Folgerung, dass die proletarische Revolution eine zuvorderst politische sein muss, ebenso. Der entscheidende Fehler war jedoch die von keinem der austromarxistischen TheoretikerInnen hinterfragte Grundannahme, dass die politische Revolution die &#220;bernahme der b&#252;rgerlichen Staatsapparate bedeutet. Letztlich zielte die austromarxistische Strategie auf jenes friedliche „Hineinwachsen“ in den Sozialismus, das Otto Bauer 1924 so pr&#228;gnant auf den Punkt brachte: „Wir k&#246;nnen binnen weniger Jahre mit dem Stimmzettel die Mehrheit im Parlament erobern <em>und damit die Macht ergreifen</em>“.<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a></p>
<p><strong>Das glatte Band der Geschichte</strong><br />
Die Kombination aus deterministischer Geschichtsphilosophie, wirtschaftspolitischer Orientierung auf einen „Kartell-Sozialismus“ und konsequenter Staatsfixierung lie&#223; der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie wenig konzeptionellen Spielraum f&#252;r eingreifendes, politisches Handeln. Dennoch waren die austromarxistischen Positionen nicht blo&#223; Rechtfertigung f&#252;r politische Passivit&#228;t. Vielmehr f&#252;hrten sie dazu, die Anstrengungen der Partei in &#252;berw&#228;ltigendem Ma&#223;e auf den Aspekt der Bildungs- und Kulturpolitik zu lenken. In welchem Ma&#223;e es sich beim Austromarxismus um die Theoretisierung einer politischen Praxis handelt, die mehr auf die Entstehungsgeschichte der SDAP und den konkreten M&#246;glichkeitsrahmen einer de facto auf die Stadt Wien reduzierten sozialistischen Partei zur&#252;ck zu f&#252;hren ist, kann hier nicht weiter er&#246;rtert werden. Jedenfalls aber haben die beschriebenen theoretischen Grundlagen die Politik des Roten Wien pr&#228;zise erg&#228;nzt. Denn wenn die &#214;konomie ohnehin ihren ehernen Gesetzen folgt und der Staat mit dem Stimmzettel erobert werden kann, bleibt f&#252;r sozialistische Politik vor allem eine Aufgabe: „Nicht die K&#246;pfe einschlagen, die K&#246;pfe gewinnen!“, wie Otto Bauer es formuliert hatte. Was zwischen dem Jetzt und der zuk&#252;nftigen sozialistischen Gesellschaft steht, ist demnach das falsche Bewusstsein der ProletarierInnen. Den Arbeiter gilt es zum „Neuen Menschen“ zu erziehen; die praktisch-politische Umw&#228;lzung wird als Ergebnis des ver&#228;nderten Bewusstseins erwartet. Dies wird besonders deutlich bei Max Adler, der den Klassenkampf in erster Linie als „Umgestaltung der Ideologie durch die Theorie“, als „<em>Reform des Bewu&#223;tseins</em>“ verstand.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> Das Experiment des Roten Wien als gigantisches Erziehungsprojekt hat hier seine theoretische Entsprechung. Ziel war es nicht nur, Wien als „Werbearbeit f&#252;r den Sozialismus“ (so der Wiener Landtagspr&#228;sident Robert Danneberg) heraus zu stellen, sondern auch und vor allem, die ArbeiterInnen „aus aller b&#252;rgerlich-demokratischen Ideologie herauszurei&#223;en“, wie dies Max Adler gefordert hatte.<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a><br />
Der Lauf der Geschichte erschien den AustromarxistInnen als glattes Band, das unaufh&#246;rlich dem Sozialismus entgegen ratterte; die einzige &#214;se, in die sich Politik einhaken konnte, um den Verlauf der Geschichte offenbar doch zu beeinflussen, war die „Bewusstseinsarbeit“ und hier vor allem die Bildungs- und Kulturpolitik. Politik und &#214;konomie w&#228;ren f&#252;r den Marxismus Gegenst&#228;nde der Erkl&#228;rung, so Max Adler; die sozialistische Erziehung hingegen entspr&#228;che dem Prinzip des Handelns.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Die austromarxistische Bearbeitung des Widerspruchs zwischen objektivem Geschichtsprozess und subjektiver Bewusstseinsbildung war eben jener „antizipatorische Sozialismus“ des Roten Wien. Es galt, die ArbeiterInnen f&#252;r eine Zukunft aufzubereiten, deren Ankunft ohnehin unvermeidlich war. Der von der SDAP-F&#252;hrung erhoffte Sozialismus war schlie&#223;lich auf ein diszipliniertes, geschultes und aufgekl&#228;rtes Proletariat angewiesen, das schon im Heute geschaffen werden sollte.</p>
<p><strong>Mythos Rotes Wien</strong><br />
Mit der Zerschlagung der &#246;sterreichischen ArbeiterInnenbewegung durch den Austrofaschismus im Februar 1934 wurde die historische Niederlage des Austromarxismus, die sich bereits mehrere Jahre davor abgezeichnet hatte, gewaltsam besiegelt. Die Politik der Erziehung zum Sozialismus und die Strategie der symbolischen St&#228;rkung des Proletariats erwiesen sich nicht nur als unzureichend im Kampf f&#252;r den Sozialismus, sondern konnten auch dem Aufstieg des st&#228;ndestaatlichen und sp&#228;ter des nationalsozialistischen Faschismus nichts entgegen halten. Trotzdem blieben das Rote Wien als beeindruckendes Experiment des „kommunalen Sozialismus“ und der Austromarxismus als „Dritter Weg“ zwischen sowjetischer Diktatur und sozialdemokratischem Kapitulantentum f&#252;r die Teile der europ&#228;ischen Linken noch lange mythische Bezugspunkte. Interessant ist hier etwa die kleine „Bauer-Renaissance“ im Zuge der Debatten um „Eurokommunismus“ und Linkssozialismus Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre, als versucht wurde, Bauer als Kronzeugen f&#252;r eine Ann&#228;herung post-stalinistischer und sozialdemokratischer Parteien aufzurufen.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a><br />
Tats&#228;chlich setzt die Betonung von Alltagskultur und Alltagsbewusstsein als wichtiger Einsatzpunkt sozialistischer Politik den Austromarxismus von anderen zeitgen&#246;ssischen linken Positionen ab. Aber hier fangen die Probleme auch schon an. Denn erstens wurde im Projekt des Roten Wien diese Orientierung auf den Alltagsverstand in das Projekt einer paternalistischen Zivilisierungsmission &#252;berf&#252;hrt. Real existierende ArbeiterInnenkulturen wurden als unzivilisiert und undiszipliniert denunziert und die Widerspr&#252;chlichkeit des Alltagsverstands gerade nicht als Ankn&#252;pfungspunkt begriffen. Und zweitens war die Kultur- und Bildungspolitik eingebettet in eine Transformationsstrategie, die jeder Konfrontation auswich und auf Machtergreifung durch die Stimmzettel setze. Dass ausgefochtene K&#228;mpfe und konkrete Erfahrungen der Selbstorganisierung den besten Beitrag zur „Revolutionierung der Gehirne“ leisten k&#246;nnen, kam den AustromarxistInnen nicht in den Sinn.</p>
<p><strong>Anmerkung</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Gruber, Helmut: Red Vienna. Experiment in Working Class Culture 1919-1934, Oxford 1991, S.110<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> vgl. Adler, Max: Neue Menschen. Gedanken &#252;ber sozialistische Erziehung, Berlin 1924<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Social engineering bezeichnet soziale Ordnungstechniken, die das Verhalten der Bev&#246;lkerung  regulieren sollen. Um 1900 wurde social engineering zur Leitidee unterschiedlichster politischer Projekte, links wie rechts. Zum Begriff vgl. Etzem&#252;ller, Thomas (Hg.): Die Ordnung der Moderne. Social Engineering im 20. Jahrhundert, Bielefeld 2009. Siehe auch die Rezension des Buchs in diesem Heft.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Maderthaner, Wolfgang: Von der Zeit um 1860 bis zum Jahr 1945, in: Csendes, Peter/Opll, Ferdinand (Hg.): Wien. Geschichte einer Stadt, Bd. 3: Von 1790 bis zur Gegenwart, Wien 2006, S.383<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Gruber, Helmut 1991, a.a.O., S.63<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Maderthaner, Wolfgang 2006, a.a.O., S.362<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Ebenda, S.390<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_1">8</a> Ebenda, S.338<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> vgl. ebenda, S.366, S.392<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Bauer, Otto: Die &#246;sterreichische Revolution, Wien 1923<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Rabinbach, Anson: Vom Roten Wien zum B&#252;rgerkrieg, Wien 1989, S.460<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Ebenda, S.30<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Zur &#246;sterreichischen R&#228;tebewegung (und zur sozialdemokratischen Transformation derselben in einen politischen Konsolidierungsfaktor) vgl. Hautmann, Hans: Geschichte der R&#228;tebewegung in &#214;sterreich, 1918-1924, Wien, Z&#252;rich 1987<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Adler, Friedrich: Machtfragen und Formfragen in: Der Kampf 5 (1919), S. 242. Zit. nach: Butterwegge, Christoph: Austromarxismus und Staat. Politiktheorie und Praxis der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie zwischen den beiden Weltkriegen, Marburg 1991, S.223<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Bauer, Otto 1923, a.a.O.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Rabinbach, Anson 1989, a.a.O., S.31<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_1">17</a> Ebenda, S.7<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Gruber, Helmut 1991, a.a.O., S. 34<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Molineux, John: Is Marxism deterministic? in: International Socialism Journal 68, Autumn 1995, S. 37-73<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Max Adler stellt hier in gewisser Hinsicht eine Ausnahme dar. Er kritisierte 1931, als die deterministische Theorie Bauers die Partei im Angesicht der faschistischen Bedrohung auf fatale Weise l&#228;hmte, die Darstellung des Sozialismus als „unvermeidlich“ und argumentierte, dass der Kapitalismus „sich immer wieder auf Kosten des Massenelends rekonstruieren“ k&#246;nne und in diesem Sinne „endlos“ sei: „Vielmehr h&#228;ngt es vom revolution&#228;ren Aktivismus des Proletariats ab, was die Arbeiterklasse aus der Krise des Kapitalismus selbst machen kann.“ (Adler, Max: Endlosigkeit oder Beendigung der kapitalistischen Widerspr&#252;che? in: Mozetic, Gerald (Hg.): Austromarxistische Positionen, Wien 1983, S.363) Diese &#220;berzeugung wurde von Adler, der nie eine leitende Funktion in der Partei aus&#252;bte, jedoch letztlich dem Dogma der Parteieinheit untergeordnet und blieb, wie Trotzki in einem Brief bissig bemerkte, „Literaturkritik“ (Rabinbach, Anson, 1989, a.a.O., S. 92-94).<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Bauer, Otto: Der Weg zum Sozialismus. In: ders.: Werkausgabe, Bd. 2, Wien 1976, S.131<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Frei, Alfred Georg: Rotes Wien. Austromarxismus und Arbeiterkultur. Sozialdemokratische Wohnungs- und Kommunalpolitik 1919 – 1934, Berlin 1984, S. 52<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Hilferding, Rudolf: Die Eigengesetzlichkeit der kapitalistischen Entwicklung, in: Mozetic, Gerald 1983, a.a.O., S.417-418<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Hilferding, Rudolf: Das Finanzkapital, Hamburg 1974, S.507<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Leichter, Otto: Der organisierte Kapitalismus und seine Dialektik, in: Mozetic, Gerald 1983, a.a.O., S. 339<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> vgl. M&#228;rz, Eduard/Weber, Fritz: Otto Bauer und die Sozialisierung, in: Albers, Detlev/Hindels, Josef/Lombardo Radice, Lucio (Hg.): Otto Bauer und der „Dritte“ Weg. Die Wiederentdeckung des Austromarxismus durch Linkssozialisten und Eurokommunisten, Frankfurt/M. und New York 1979, S. 74-98<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Ebenda S. 345, S.348<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Marx, Karl/Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4, Berlin 1961, S.464<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Adler, Max: Praktischer und unpraktischer Klassenkampf, in: Mozeti&#196;, Gerald 1983, a.a.O., S.61<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Ebenda, S.62<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Adler, Max: Demokratie und R&#228;tesystem, zitiert nach: L&#246;w, Raimund: Theorie und Praxis des Austromarxismus, in: Ders./Mattl, Siegfried/Pfabigan, Alfred: Der Austromarxismus – eine Autopsie. Drei Studien, Frankfurt/Main 1986, S.70<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Kulemann, Peter: Am Beispiel des Austromarxismus. Sozialdemokratische Arbeiterbewegung in &#214;sterreich von Hainfeld bis zur Dollfu&#223;-Diktatur, Hamburg 1979, S.252<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Bauer, Otto: Das Gleichgewicht der Klassenkr&#228;fte, in: Mozeti&#196;, Gerald 1983, a.a.O., S.223<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Ebenda, S.231<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Leichter, Otto: Zum Problem der sozialen Gleichgewichtszust&#228;nde, 1924, in: Mozetic, Gerald 1983, a.a.O., S.232-233<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Bauer, Otto: Der Kampf um die Macht, zit. nach: Kulemann, Peter 1979, a.a.O., S.334<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Adler, Max: Praktischer und unpraktischer Klassenkampf, a.a.O., S. 54<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Robert Danneberg 1930, zit. nach: Kulemann, Peter 1979, a.a.O., S.344; Adler, Max: Praktischer und unpraktischer Klassenkampf, a.a.O., S. 55<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Ebenda, S.55<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> vgl. Albers, Detlev: Versuch &#252;ber Otto Bauer und Antonio Gramsci. Zur politischen Theorie des Marxismus, Berlin 1983</p>
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		<title>Verborgene Geschichte des revolution&#228;ren Atlantik</title>
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		<pubDate>Sun, 10 Jan 2010 16:33:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Kämpfe]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Linebaugh, Peter/Rediker, Marcus: Die vielk&#246;pfige Hydra. Die verborgene Geschichte des revolution&#228;ren Atlantik, Berlin: Assoziation A 2008, 427 Seiten, € 28,00]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Linebaugh, Peter/Rediker, Marcus: Die vielk&#246;pfige Hydra. Die verborgene Geschichte des revolution&#228;ren Atlantik, Berlin: Assoziation A 2008, 427 Seiten, € 28,00<br />
<span id="more-650"></span><br />
In <em>The Making of the English Working Class</em> und vielen nachfolgenden Aufs&#228;tzen hat der britische Historiker E. P. Thompson seit den 1960er Jahren versucht, die marxistische Geschichtsschreibung als klassenbewusste Kulturgeschichte neu zu positionieren. W&#228;hrend der strukturgeschichtliche Zuschnitt der historischen Sozialwissenschaft und der Mechanismus eines stalinisierten Marxismus den Widerstand und die subjektiven Erfahrungen der subalternen Klassen in den „langen Wellen“ der Gesellschaftsformationen ertr&#228;nkte, fokussierte Thompson die „vergessenen“ K&#228;mpfe der plebejischen Massen gegen die Durchsetzung der anonymen Mechanismen des Marktes im England der Fr&#252;hphase der „Industriellen Revolution“. Programmatisch hei&#223;t es im vielzitierten Vorwort zu <em>The Making</em>: „Ich versuche, den armen Strumpfwirker, den ludditischen Tuscherer, den ‚obsoleten‘ Handweber, den ‚utopistischen‘ Handwerker, sogar den verblendeten Anh&#228;nger von Joanna Southcott vor der ungeheuren Arroganz der Nachwelt zu retten.“<br />
In dieser Tradition einer „Geschichte von unten“ verortet sich auch Linebaugh und Redikers „verborgene Geschichte des revolution&#228;ren Atlantik“. Freilich haben sich die Koordinaten der historiographischen Diskussion seit 1963 deutlich verschoben. Der „methodische Nationalismus“, der auch noch bei Thompson deutlich zu Tage tritt, ist nicht zuletzt durch die gerade boomende Globalgeschichtsschreibung nachhaltig und &#252;berzeugend aufgebrochen worden. Die Einhegung historischer Narrative in staatlichen Containerr&#228;umen ist ebenso zerst&#246;rt wie die modernisierungstheoretischen Meistererz&#228;hlungen der 1970er, die die Herausbildung des modernen kapitalistischen Weltsystems als schrittweise Durchsetzung europ&#228;ischer Ordnung und Werte beschrieben hatten. Nicht „Diffusion“ sondern „Transfer und Interaktion“ sind die Schl&#252;sselbegriffe des neuen globalhistorischen Zugriffs.<br />
Dennoch treten auch in diesen Gro&#223;erz&#228;hlungen die Erfahrungen und die Handlungsf&#228;higkeit (<em>agency</em>) der subalternen Akteure meist hinter anonymen Strukturen, demografischen Entwicklungsmustern, Handelsnetzwerken usw. zur&#252;ck. Linebaugh/Redikers gro&#223;es Verdienst liegt insofern darin, in einer Doppelbewegung zum einen die Herausforderung globalgeschichtlicher Zug&#228;nge ernst zu nehmen und Thompsons klassenk&#228;mpferische Geschichtsschreibung „&#252;ber die Grenzen des Nationalstaats“ hinauszutreiben, und zugleich die objektivistischen Blindflecken eines strukturgeschichtlichen Zugriffs mit einer konsequenten Geschichte „von unten“ zu konfrontieren. Dieser Blick von unten soll „einen Teil der verlorenen Geschichte der multiethnischen Klasse ans Tageslicht bef&#246;rdern, die f&#252;r den Aufstieg des Kapitalismus und der modernen Weltwirtschaft von grundlegender Bedeutung war“, aber von der „Gewaltt&#228;tigkeit abstrakter Geschichtsschreibung“ versch&#252;ttet worden ist. (14f ) Zwischen dem fr&#252;hen 17. und Mitte des 19. Jahrhunderts formierte sich mit einer kapitalistischen Weltwirtschaft im Dreieck zwischen Nordwesteuropa, Westafrika und den Amerikas auch ein multiethnisches, kosmopolitisches Weltproletariat, dessen Erfahrungen, Ideen und Organisationsformen gemeinsam mit den Waren entlang der atlantischen Str&#246;mungen zirkulierten und an den Schaupl&#228;tzen der Disziplinierung (Einhegung, Gef&#228;ngnis, Fabrik), des Austauschs (Schiffe, Hafentavernen) und in Aufst&#228;nden, Revolten, Meutereien und Verschw&#246;rungen konzentriert wurden.<br />
Leitmotiv der Erz&#228;hlung ist das Bild der Vielk&#246;pfigen Hydra, jenem Ungeheuer der griechischen Mythologie, dem zwei K&#246;pfe nachwachsen, wenn einer abgeschlagen wird. Im Symbol der Hydra verdichtete sich die Angst der herrschenden Klassen vor dem entstehenden atlantischen Proletariat, dem Widerstand des „buntscheckigen Haufens“ (<em>motley crew</em>) antinomischer Radikaler, Enteigneter, Schuldknechte, SklavInnen, Seeleute und Prostituierter, die das herkuleische Projekt des geordneten Aufbaus eines transatlantischen Kapitalismus mit eigenen Vorstellungen einer moralischen &#214;konomie und oppositionellen Kultur durchkreuzten. Linebaugh/Redikers Erz&#228;hlung ist episodisch angelegt, oft im Mikrofokus einzelner Biographien, entfaltet sich aber &#252;ber mehrere „Rebellionszyklen“ strukturiert. Ausgehend von der plebejischen Gegenkultur im englischen B&#252;rgerkrieg der 1640er, den nonkonformistischen religi&#246;sen Sekten und Diggers, &#252;ber die erste protoproletarische Machtergreifung in Neapel 1647, die Rebellionen in den Kolonien in Virginia, den Egalitarismus der „Hydrarchie“ der PiratInnen und Seeleute, bis zu den SklavInnenrevolten und st&#228;dtischen Aufst&#228;nden der 1730er und 1740er und dem Rebellionszyklus der 1760er und 1770er Jahre, der das „Zeitalter der Revolutionen“ einl&#228;utete, verfolgen Linebaugh und Rediker die K&#228;mpfe und alternativen Zukunftsentw&#252;rfe des multiethnischen atlantischen Proletariats.<br />
Immer wiederkehrendes Motiv ist der Widerstand gegen Enteignung und der Kampf f&#252;r Gemeineigentum (<em>commons</em>), sowie die Opposition gegen Sklaverei. Dieser „commonismus“ der Diggers und radikalen religi&#246;sen Sekten der englischen Revolution migrierte in der Restaurationszeit gemeinsam mit jenen Verbrechern, Bettlern, Landstreichern, denen sich der englische Staat durch Deportation in die Kolonien entledigte, der irischen Diaspora sowie enteigneten Bauern und Landarbeitern, die als Schuldknechte in die Neue Welt verschifft wurden, in die Amerikas, vermengte sich dort mit den Erfahrungen afrikanischer SklavInnen und der indigenen Bev&#246;lkerung, und entlud sich in „buntscheckigen“ Aufst&#228;nden oder gemeinsamer Flucht. So war etwa die erste uns &#252;berlieferte Gruppe von ‚Maroons‘ (entflohenen SklavInnen und Leibeigenen, die weitab von den Siedlungen ihre eigenen Gemeinschaften gr&#252;ndeten) auf Barbados multiethnisch. (139) Erst durch eine gezielte rassistische Spaltungspolitik konnte diese Allianz von rebellischen SklavInnen und Leibeigenen einged&#228;mmt werden und es ist diese Geschichte der Entstehung des modernen Rassismus aus dem Geist der Aufstandsbek&#228;mpfung, die sich als zweites Motiv durch Linebaugh/Redikers Erz&#228;hlung zieht.<br />
Nachdem sp&#228;testens in den 1680er Jahren die revolution&#228;ren Ideen an Land zum Schweigen gebracht worden waren, verlagerten sich die K&#228;mpfe der Hydra auf die Meere. Die Schiffe vermittelten nicht nur zwischen den Produktionssystemen der Alten und Neuen Welt, sondern waren selbst gut organisierte Ausbeutungsmaschinerien, in denen „eine gro&#223;e Anzahl von Arbeitern gemeinsam gegen Lohn komplexe, synchronisierte Arbeitsg&#228;nge ausf&#252;hrte und dabei einer versklavenden, hierarchischen Disziplin unterworfen wurde, die den menschlichen Willen der technischen Ausstattung unterordnete.“ (164) W&#228;hrend Eric Williams die Plantage als wichtigstes historisches Vorbild der Fabrik identifizierte, sehen Linebaugh/Rediker in den Hochseeschiffen die entscheidenden Vorl&#228;ufer der modernen Fabriksdisziplin.<br />
Zugleich fungierte das Schiff jedoch auch als „Treffpunkt, an dem unterschiedliche Traditionen in einem Treibhaus des Internationalismus zusammengepfercht wurden.“ (165) So entwickelte sich im Inneren des imperialen Seestaats eine zweite, proletarische und oppositionelle „Hydrarchie“, die ihren ersten autonomen Ausdruck in der amerikanischen Piraterie fand. In der Organisation der Piratenschiffe finden Linebaugh/Rediker die radikalen Traditionen des „commonismus“ wieder. Die Piraten h&#228;tten „mit vollem Bewusstsein ihre eigene autonome, demokratische, egalit&#228;re Gesellschaftsordnung aufgebaut, die den auf Handels-, Marine- und Kaperschiffen allgemein &#252;blichen Methoden eine subversive Alternative entgegensetzte, und eine Gegenkultur entwickelt, die sich der Zivilisation des atlantischen Kapitalismus mit ihrer Enteignung und Ausbeutung, Schreckensherrschaft und Sklaverei entgegenstellte.“ (188)<br />
Zu den spannendsten Abschnitten des Buchs z&#228;hlt schlie&#223;lich die Geschichte der Verschw&#246;rungen, Aufst&#228;nde und Revolten in den Hafenst&#228;dten der amerikanischen Kolonien, deren an die „gleichmacherischen“ Ideen des „commonismus“ der 1640er ankn&#252;pfenden Impulse ma&#223;geblich f&#252;r die Radikalit&#228;t der amerikanischen Unabh&#228;ngigkeitserkl&#228;rung verantwortlich zeichnen. Auch wenn es der durch diese K&#228;mpfe provozierten konservativen Gegenreaktion letztlich gelang, den politisch konservativen Ausgang der Amerikanischen Revolution zu besiegeln, konnten die Auswirkungen der Auseinandersetzungen der 1760er und 1770er Jahre dennoch nicht so einfach einged&#228;mmt werden. Linebaugh/Rediker identifizieren mehrere „Vektoren“, &#252;ber die sich die Nachrichten, Erfahrungen und Ideen der revolution&#228;ren Umbr&#252;che mit den Seeleuten, SklavInnen und der freien afrikanischen Diaspora zun&#228;chst in die Karibik (Haiti) zerstreuten, und &#252;ber die abolitionistische Bewegung in England sowie die ersten panafrikanistischen Projekte (Sierra Leone) schlie&#223;lich wieder zur&#252;ck in die Alte Welt verwiesen.<br />
An der <em>Vielk&#246;pfigen Hydra</em> ist nicht ganz zu Unrecht kritisiert worden, dass Linebaugh/Rediker oft ein unkritisch romantisierendes Bild des „buntscheckigen“ atlantischen Proletariats zeichnen. Schwerer wiegt jedoch, dass die analytische Sch&#228;rfe der tragenden Begriffe (Erfahrung, Klasse, usw.) meist hinter der episodischen Darstellung zur&#252;cktritt. Damit soll die historische Meisterleistung der gro&#223;artig erz&#228;hlten Geschichte der <em>Vielk&#246;pfigen Hydra</em> keineswegs gemindert werden. Dem Buch ist vielmehr eine &#228;hnlich intensive Rezeption wie Thompsons <em>The Making of the English Working Class</em> zu w&#252;nschen. So wie die Auseinandersetzung mit Thompson ma&#223;gelich zur Neufundierung marxistischer Historiographie beigetragen hat, k&#246;nnte Linebaugh/Redikers Hydra zum zentralen Refernzpunkt einer internationalistischen klassenk&#228;mpferischen Geschichtsschreibung im 21. Jahrhundert werden.</p>
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		<title>Stars and Strikes</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:19:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Philipp Probst</em> ruft die militanten und kreativen K&#228;mpfe der revolution&#228;ren Gewerkschaft der <em>Industrial Workers of the World</em> zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Erinnerung. Die Organisierung &#252;berwiegend weiblicher, migrantischer, ungelernter ArbeiterInnen ist heute noch ein inspirierendes Beispiel klassenk&#228;mpferischer Gewerkschaftspraxis.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philipp Probst</em> ruft die militanten und kreativen K&#228;mpfe der revolution&#228;ren Gewerkschaft der <em>Industrial Workers of the World</em> zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Erinnerung. Die Organisierung &#252;berwiegend weiblicher, migrantischer, ungelernter ArbeiterInnen ist heute noch ein inspirierendes Beispiel klassenk&#228;mpferischer Gewerkschaftspraxis.<br />
<span id="more-136"></span></p>
<p>Amerika scheint ein Land ohne Klassenauseinandersetzungen und k&#228;mpfende Arbeiterinnen und Arbeiter zu sein; das Klischee des amerikanischen Arbeiters als wei&#223;, m&#228;nnlich, patriotisch, zumindest ein bisschen christlich-fundamental und im Grunde reaktion&#228;r h&#228;lt sich hartn&#228;ckig. Die Proteste migrantischer ArbeiterInnen 2006, <em>worker centers</em>, die Organizing-Versuche neuer Gewerkschaftsbewegungen und „wilde“ Streiks zeichnen hingegen ein anderes Bild der amerikanischen ArbeiterInnenklasse.<br />
Dass viele dieser Entwicklungen nicht v&#246;llig neuartig sind, ist allerdings in der Geschichte der US-amerikanischen ArbeiterInnenbewegung versch&#252;ttet worden. Bereits die revolution&#228;re Gewerkschaft der <em>Industrial Workers of the World</em> (IWW), eine der herausstechendsten Organisationen der K&#228;mpfe Anfang des 20. Jahrhunderts, versuchte, Kampf- und Organisationsformen ungelernter, &#252;berwiegend weiblicher und migrantischer ArbeiterInnen aufzugreifen. Von der Sensibilit&#228;t der „Wobblies“ f&#252;r Ver&#228;nderungen in der Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse und ihrer klassenk&#228;mpferischen Einstellung kann auch die heutige Debatte zur Neuausrichtung der Gewerkschaftsbewegung lernen.<br />
In der Phase der industriellen Umstrukturierung der amerikanischen Wirtschaft war die IWW die erste gewerkschaftliche Organisation, die die Auswirkungen des Taylorismus auf die ArbeiterInnenklasse erkannte. Ihr Anspruch, die Spaltungen zwischen den ArbeiterInnen zu &#252;berwinden und alle in einer gro&#223;en Gewerkschaft zu organisieren, war wegweisend f&#252;r die sp&#228;tere amerikanische Gewerkschaftsbewegung. Das Ziel der IWW war eine neue, bessere Gesellschaft und der Massenstreiks das entscheidende Mittel, diese zu erreichen.</p>
<h3>Die „Industrial Workers of the World”</h3>
<p>Am 27. Juni 1905 er&#246;ffnete „Big Bill“ Haywood in Chicago den Gr&#252;ndungskonvent der IWW unter gro&#223;em Beifall: „Dies ist der kontinentale Kongress der ArbeiterInnenklasse. Wir sind hier, um die ArbeiterInnen dieses Landes zu einer ArbeiterInnenbewegung zusammenzuschlie&#223;en, deren Ziel die Befreiung der ArbeiterInnenklasse von der kapitalistischen Sklaverei ist“.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Der Saal war voll mit Delegierten aus dem ganzen Land: AnarchistInnen und SozialistInnen, der linke Fl&#252;gel der <em>Socialist Party</em>, Frauen und M&#228;nner, Schwarze und Wei&#223;e, die k&#228;mpferischen Bergleute der <em>Western Federation of Miners</em>, „Radikale, RebellInnen und Revolution&#228;rInnen, die ‚stiff-necked irreconcilables’ im Krieg mit der kapitalistischen Gesellschaft“.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Sie sahen die Organisation als Mittel, den Kapitalismus zu st&#252;rzen und durch „eine neue soziale Ordnung“ zu ersetzen, als eine Organisation, die „geformt, basiert und gegr&#252;ndet ist im Klassenkampf“ und kompromisslos gegen die von anderen Gewerkschaften betonte Klassenkooperation stand. „Die Idee des Klassenkonflikts war … die Ausgangsbasis der IWW“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> und anstelle des „konservativen Mottos ‚Ein fairer Tageslohn f&#252;r einen fairen Arbeitstag‘“ stand die Forderung nach der Abschaffung des ganzen Lohnsystems.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
Der Slogan „One Big Union“ brachte auf den Punkt, was die IWW sein wollte. Entgegen der ausgrenzenden Politik etablierter Gewerkschaften wie der <em>American Federation of Labor</em> (AFL), die nur wei&#223;e, gelernte Arbeiter aufnahmen, sollte die IWW nicht nur gelernte und ungelernte (<em>skilled and unskilled labor</em>) umfassen, sondern auch Frauen und die gro&#223;e Zahl migrantischer Arbeiter und Arbeiterinnen. „Was wir diesmal aufbauen wollen, ist eine ArbeiterInnenorganisation, die ihre T&#252;ren weit f&#252;r alle &#246;ffnen wird, die ihren Unterhalt entweder durch ihre Muskeln oder ihr Gehirn verdienen.“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a></p>
<h3>Vorgeschichte: Pullman 1894</h3>
<p>Der Streik der <em>American Railway Union</em> in Pullman unter F&#252;hrung des Sozialisten Eugene V. Debs war ein entscheidender Moment in der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung und die Gr&#252;nde f&#252;r dessen Niederlage pr&#228;gten die nachfolgenden Jahre und die Politik der IWW grundlegend.<br />
Ende des 19. Jahrhunderts war Amerika Schauplatz rasanter Industrialisierung und Mechanisierung der Produktionstechniken und heftiger Streikbewegungen. 1892 konnte in Homestead der Streik der damals st&#228;rksten Teilgewerkschaft, der <em>Amalgamated Association of Iron and Steel Workers</em>, gegen das Carnegie Unternehmen nur durch die Gewalt von Privatarmee und Regierungstruppen gebrochen werden. Der Arbeitskampf endete mit der Zerschlagung der <em>Amalgamated Association</em>. Die Zerschlagung „der m&#228;chtigsten Gewerkschaft der Vereinigten Staaten durch eine Privatarmee, die Staatsmiliz und die Carnegie-Gesellschaft zwang die Arbeiter zum Umdenken. Es galt, neue L&#246;sungen auf dem Boden einer weitreichenden Solidarit&#228;t der Lohnabh&#228;ngigen zu finden.“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a><br />
&#196;hnliche Erfahrungen machten im gleichen Jahr die ArbeiterInnen von New Orleans, die einen Generalstreik ausgerufen hatten, in dem sich schwarze und wei&#223;e ArbeiterInnen solidarisierten. Kurzfristig wurde die rassistische Segregation unter den ArbeiterInnen &#252;berwunden und das Potential gemeinsamer K&#228;mpfe aufgezeigt. Aufgrund der Gefahr einer Solidarisierung schwarzer und wei&#223;er ArbeiterInnen versch&#228;rften Unternehmer und Regierung rassistische Segregationsstrategien sowie die Durchsetzung der<em> Jim Crow</em>-Gesetze.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a><br />
Die Streikwelle des Jahres 1894 – es streikten 750.000 ArbeiterInnen, mehr als jemals zuvor – gipfelte schlie&#223;lich in den Auseinandersetzungen in Pullman. George Pullman, Besitzer des Waggonherstellerunternehmens <em>Pullman Palace Car Company</em>, geh&#246;rte im Grunde die ganze Stadt: H&#228;user, Wohnungen und Stra&#223;en. Der Frust &#252;ber fallende L&#246;hne bei gleich bleibenden Mieten, die direkt vom Lohn abgezogen wurden, f&#252;hrte zum Streik. Ein Arbeiter fasste die Stimmung zusammen: „Wir bekommen zu wenig Geld zum Leben, warum sollten wir also arbeiten?“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> In diesen Auseinandersetzungen war die <em>American Railway Union </em>(ARU, eine Teilgewerkschaft der AFL), in der Eugene Debs eine f&#252;hrende Rolle innehatte, entscheidend. Der Streik in den Pullmanwerken weitete sich rasch aus. Solidarit&#228;tsstreiks und ein Boykott der Weichensteller f&#252;hrten dazu, dass bald alle Linien nach Chicago brach lagen.<br />
Die Solidarit&#228;tsstreiks wurden vor allem durch eine Strategie der ARU m&#246;glich, die im Gegensatz zur AFL-Dachgewerkschaft, die die Facharbeiter nach „Z&#252;nften“ oder „Handwerk“, d.h. einer Teilgewerkschaft f&#252;r Weichensteller, einer f&#252;r Drucker, etc.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> organisierte, darauf abzielte, m&#246;glichst allumfassend die ArbeiterInnen der Industrien zu organisieren.<br />
Die ARU nahm damit schon in Ans&#228;tzen vorweg, was die IWW sp&#228;ter unter <em>Industrial Unionism</em> verstand. Debs fasste zusammen: „Die Arbeiter m&#252;ssen sich vereinigen. Die Trennungslinien m&#252;ssen nach und nach &#252;berwunden werden und alle unter dem siegreichen Banner der Arbeit zusammenkommen, zusammen marschieren, zusammen w&#228;hlen und zusammen k&#228;mpfen. Dann ist die Zeit nicht mehr fern, in der die Arbeiter die Fr&#252;chte ihrer Arbeit selbst besitzen und genie&#223;en werden.“<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a><br />
Der Kampf gegen die Eisenbahnergesellschaften war erfolgreich. Diese standen trotz medialer Hetze gegen die Streikenden und Privatarmee mit dem R&#252;cken zur Wand und sahen die letzte M&#246;glichkeit darin, die Regierungstruppen einzuschalten, damit sich der Streik nicht &#252;ber das ganze Land ausbreitet. Der bis dahin bewusst friedliche Streik<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> eskalierte und es kam zu gewaltsamen Ausbr&#252;chen und b&#252;rgerkriegs&#228;hnlichen Zust&#228;nden von Sacramento bis New Mexico. An der Spitze der Gegenwehr der ArbeiterInnen standen vor allem „Emigranten, Arbeitslose und unqualifizierte Arbeiter – also die am brutalsten ausgebeutete Klasse des Proletariats.“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Debs wurde verhaftet und der Streik stand an der Kippe. Die Gewerkschaft der ZigarrendreherInnen forderte einen Generalstreik. Die AFL sprach sich jedoch gegen Solidarit&#228;tsstreiks aus und stellte sich grunds&#228;tzlich gegen das umfassende gewerkschaftliche Konzept der ARU. Sie beschloss eine symbolische 1000-Dollar Spende f&#252;r Debs’ Verteidigung, ordnete den lokalen AFL-Zweigen an, wieder zur Arbeit zur&#252;ckzukehren, und nahm damit dem Streik den Wind aus den Segeln. Die Eisenbahner zogen ihre Lehren aus dem Verlauf des Streiks: „Er hat gezeigt, dass die Arbeiter gemeinsam k&#228;mpfen m&#252;ssen, dass keine Einzelgewerkschaft Erfolg haben kann … Die gesamte Presse war gegen uns, die Richter, die &#246;ffentlichen Vertreter des Staates, der Staat selber – ja sogar die alten Arbeitervereine“.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a><br />
Die alten Gewerkschaften hatten jedoch weder die Auswirkungen der Umstrukturierungen im Zuge der Industrialisierung auf die ArbeiterInnenklasse begriffen, noch waren sie gewillt, eine ernsthafte Konfrontation mit der kapitalistischen Klasse einzugehen. Laut Eugene Debs musste deshalb eine „revolution&#228;re ArbeiterInnenorganisation“ aufgebaut werden, die „den Klassenkampf ausdr&#252;cken muss. Sie muss die Klassenlinien sehen. Sie muss, selbstverst&#228;ndlich, klassenbewusst sein. Sie muss vollst&#228;ndig kompromisslos sein. Sie muss eine Organisation der ArbeiterInnen an der Basis selbst sein.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Der alte Gewerkschaftstyp der AFL habe „nicht nur seinen Nutzen verloren …, sondern ist reaktion&#228;r geworden, nichts als ein Hilfsmittel der kapitalistischen Klasse“.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a><br />
Die Lehren der K&#228;mpfe des sp&#228;ten 19. Jahrhunderts wurden von der IWW aufgenommen. Diese machte es sich sowohl zur Aufgabe, die neue Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse, wie auch die Umstrukturierung der kapitalistischen Wirtschaft im Zuge der Industrialisierung und der von Taylor eingef&#252;hrten ‚wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung’ zu analysieren. Diese neue Klassenzusammensetzung, die sowohl Ergebnis der technischen Umstrukturierung wie auch des Widerstands dagegen war, stand im Zentrum der theoretischen und praktischen Aktivit&#228;ten der IWW.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a></p>
<h3>Wissenschaftliche Betriebsf&#252;hrung</h3>
<p>Im Zuge der Industrialisierung des amerikanischen Kapitalismus verschwanden die alten Formen der Produktion, die Formen der individuellen Produktion durch gelernte Arbeiter. Neue Technologien und die Einf&#252;hrung der „wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung“ gaben den Unternehmern mehr Kontrolle &#252;ber den Arbeitsprozess. Mit dieser technischen Umstrukturierung schwand auch die Macht der Fachgewerkschaft der AFL.<br />
Diese lag vor allem darin, dass sie das Produktionsausma&#223;, also die produzierte St&#252;ckzahl und das Arbeitstempo mitbestimmen konnte. Die „wissenschaftliche Betriebsf&#252;hrung“ des Taylorismus zielte darauf ab, die Kontrolle &#252;ber den Arbeitsprozess beim Management zu konzentrieren. Ziel war es die Zeit herauszufinden, die tats&#228;chlich f&#252;r die Produktion gebraucht wird und damit gegen das „systematische Bremsen“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> vorzugehen.<br />
Ein Gewerkschaftsf&#252;hrer beschrieb 1887 die Auswirkungen: „Die Glocke, die den m&#252;den, unterbezahlten Arbeiter aus seiner bitter n&#246;tigen Ruhe rei&#223;t, verh&#246;hnt ihn mit jedem Schlag. Die Maschinerie, die seine F&#228;higkeiten und seine Zeit f&#252;r ihn selbst wertloser macht, wertvoller aber f&#252;r seinen Herrn, wird zum verhassten Folterinstrument; ihr monotones Ger&#228;usch summt im Takt mit seinem St&#246;hnen und Fluchen. Die Fabrik, das Bergwerk, die Gie&#223;erei und der Lokomotivschuppen stehen da wie Giganten, bereit, sein Innerstes zu verschlingen.“<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Die erworbenen F&#228;higkeiten und das Wissen der Facharbeiter wurden in der mechanisierten Massenproduktion auf die Ebene des Managements verlagert. Arbeit wurde damit zur rein ausf&#252;hrenden T&#228;tigkeit ohne Einsicht in die Zusammenh&#228;nge des Arbeitsprozesses. Das Ergebnis war eine radikale Trennung von Denken und Tun, Hand- und Kopfarbeit, Kontrolle und Ausf&#252;hrung. Zus&#228;tzlich h&#246;hlte die Entwertung der Facharbeit die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften gegen&#252;ber den Unternehmern weitgehend aus. Hatten diese bis dahin Ausbildungswege reguliert und damit das Angebot an Facharbeitskr&#228;ften monopolisiert, reduzierte die tayloristische Betriebsorganisation die Nachfrage nach Facharbeitern auf ein Mindestma&#223;. Das Projekt der wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung zielte damit auf drei Punkte ab: „die Brechung der Macht und faktischen Kontrolle der organisierten Facharbeiter &#252;ber den Produktionsprozess, die Enteignung ihrer Kenntnisse und deren Einverleibung in neue Planungs- und Kontrollinstanzen des Management, und schlie&#223;lich die Atomisierung der Arbeitsverrichtungen in kalkulierbare Segmente“, die die „Poren der Arbeitszeit“ eliminieren sollte.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a><br />
In Folge ihres Machtverlustes konzentrierte sich die AFL auf die Bedrohung des Lohn- und Leistungsniveaus und die Forderung eines gerechten Lohns f&#252;r eine gerechte Arbeit. Die Ursache der Lohnsenkungen wurde aber nicht in den Umstrukturierungen der Produktionsprozesse verortet, sondern im vermeintlichen Lohndruck durch eingewanderte billige Arbeitskr&#228;fte. Damit war der Weg geebnet f&#252;r eine rassistische Politik der AFL.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Tats&#228;chlich dienten ImmigrantInnen aus vielen Teilen der Welt den Unternehmen als ungelernte Arbeitskr&#228;fte<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a>; das Vorhandensein eines „doppelten Arbeitsmarktes“ lie&#223; sie jedoch erst gar nicht in Konkurrenz zu gelernten Facharbeitern treten. Die Konzentration der AFL auf die Facharbeiter und der Versuch, deren privilegierte Position innerhalb der ArbeiterInnenklasse zu sch&#252;tzen, verstellte ihnen nicht nur den Blick auf die Ver&#228;nderungen der Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse, sondern f&#252;hrte auch dazu, dass die wachsende Gruppe ungelernter, migrantischer ArbeiterInnen als Bedrohung ihrer eigenen Stellung betrachtet wurde. Die Aussagen des AFL-F&#252;hrers Samuel Gompers &#252;ber die IWW als „Schimmelpilz auf der Arbeiterbewegung“ und die ungelernten und angelernten ArbeiterInnen als „P&#246;bel“ zeugten von der Verachtung f&#252;r diese neuen Schichten.</p>
<h3>Neuzusammensetzung der ArbeiterInnenklasse</h3>
<p>Die Politik des <em>Industrial Unionism</em> und der <em>One Big Union</em> waren Antwortversuche der IWW auf die Auswirkungen des Taylorismus. Die IWW sah ihre Aufgabe darin, aus der ver&#228;nderten Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse und den neuen Bedingungen f&#252;r Widerstand Schl&#252;sse zu ziehen, sowohl die Art der Organisierung als auch der Kampfformen betreffend. Denn die ArbeiterInnenklasse bestand nicht nur aus wei&#223;en, gelernten Arbeitern, sondern auch aus ungelernten ArbeiterInnen, Frauen, WanderarbeiterInnen, Schwarzen, ImmigrantInnen aus Irland, Polen, Schweden und vielen weiteren L&#228;ndern Europas. Die Wobblies erkannten dies: „Das Industriesystem bezieht alle Faktoren ein: die Arbeiterin, der Ungelernte, der Wanderarbeiter, der Handlanger sind alle integraler Bestandteil der Industrie, in der sie jeweils besch&#228;ftigt sind. Sie sind keineswegs lumpenproletarische Wracks, sondern sie sind reale und notwendige Elemente in der Zusammensetzung der Arbeiterklasse“.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Der steigende Anteil ungelernter Arbeitskr&#228;fte f&#252;hrte nicht nur zur Entwertung der Facharbeit, sondern erm&#246;glichte es den Unternehmern auch, Arbeitssuchende, die in Massen in die Industrien dr&#228;ngten, gegeneinander auszuspielen und Streikbrecher gegen streikende ArbeiterInnen einzusetzen. Durch unterschiedliche Lohnniveaus und interne Disziplinierung konnte die Konkurrenz zwischen den ArbeiterInnen ausgenutzt werden, die zus&#228;tzlich entlang geschlechtsspezifischer Trennlinien als auch nach Hautfarbe oder Herkunft gespalten waren. Die Einbeziehung eines Teils der gelernten Facharbeiter als Vorarbeiter oder in Managementstrukturen spaltete diese wiederum untereinander.<br />
Demgegen&#252;ber strebten die Unternehmer eine koordinierte Politik gegen&#252;ber den ArbeiterInnen an. Seien es offene Konfrontation oder subtilere Methoden, ihr Erfolg hing „von der Blindheit und den inneren Zwistigkeiten der Arbeiterklasse“ ab.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Gerade wegen ihres Ziels der <em>One Big Union</em> war es f&#252;r die Wobblies essentiell, „das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis zwischen Kapital und Arbeit aus der Perspektive einer gespaltenen in sich selbst konkurrierenden und st&#228;ndig neu zusammengesetzten Arbeiterschaft zu sehen“ und die Kampf- und Organisationsformen der spezifischen Situation anzupassen. Es ging dabei nicht darum dem „Arbeiter [zu] sagen was richtig und was falsch [ist], sondern die aktuellen Bedingungen zu analysieren.“<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a><br />
Der Streik in McKees Rock verdeutlicht die Strategie der IWW, nicht nur auf die Kernbelegschaft zu setzen, sondern, Frauen, Arbeitslose und ArbeiterInnen anderer Industriezweige in die Streiks mit einzubeziehen. &#220;ber den Massenstreik sollten die inneren Spaltungen &#252;berwunden werden. Zugleich zeigt das Beispiel, wie von Unternehmern versucht wurde, die Spaltungen auszunutzen, und die privilegierten Facharbeiter erfolgreich auf deren Seite gezogen werden konnten.</p>
<h3>McKees Rock</h3>
<p>Der Streik begann, als am 12. Juli 1909 ausl&#228;ndische ArbeiterInnen aus Protest gegen Lohnk&#252;rzungen im Konzern <em>Pressed Steel</em> die Arbeit niederlegten und daraufhin entlassen wurden.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Drei Tage sp&#228;ter hatten alle ausl&#228;ndischen ArbeiterInnen die Arbeit niedergelegt und sich einige der einheimischen ArbeiterInnen angeschlossen, sodass die gesamte Fabrik geschlossen werden musste. Ein Streikkomitee amerikanischer Facharbeiter, genannt die <em>Big Six</em>, setzte sich an die Spitze des Streiks, organisierte Spenden und Lebensmittel, setzte sich aber nicht aktiv f&#252;r den Streik ein. Von den Unternehmern wurden alle Mittel aufgeboten. Nach Polizei und Nationalgarde wurden die „Pennsylvania Cossacks“ geholt, eine ber&#252;chtigte Spezialtruppe, die die Aufgabe hatte, Streikbrecher (scabs) einzuschleusen und die Fabrikwohnungen zu r&#228;umen. Mit der Konfrontation wurde auch die Frage von gewaltsamen Gegenma&#223;nahmen akut. Sowohl der Widerstand gegen die Wohnungsr&#228;umungen, der haupts&#228;chlich von Frauen getragen wurde, als auch dringender Handlungsbedarf gegen scabs, machten schnelle und militante Entscheidungen notwenig. Die Big Six jedoch setzten auf Geduld. Sie sprachen sich strikt gegen alle Widerstandsma&#223;nahmen und f&#252;r freiwillige R&#228;umungen und Verhandlungen mit dem Management aus. Die Passivit&#228;t der Big Six veranlasste die Streikenden, sich neu zu organisieren, und Kontakt zu den IWW aufzunehmen. Unter der F&#252;hrung der IWW wurde ein neues Komitee gegr&#252;ndet und regelm&#228;&#223;ig Versammlungen organisiert, auf denen Forderungen formuliert, Streiktaktiken beschlossen und &#220;bersetzungen besorgt wurden. Die Gefahr durch scabs wurde durch Truppen von ArbeiterInnen, die Streikbrecher aufsp&#252;rten und aus den Fabriken warfen, abzuwehren versucht. Als viel wichtiger erwies sich aber die Solidarit&#228;tsarbeit und der Versuch der IWW, Frauen, Kinder und Arbeitslose in die Streikaktivit&#228;ten mit einzubeziehen. Die Solidarit&#228;tsarbeit zeigte bald Wirkung und Eisenbahner weigerten sich, Streikbrecher nach McKees Rock zu transportieren. W&#228;hrend sich 2.000 bis 3.000 Arbeitslose dem Streik anschlossen und damit den Druck der „industriellen Reservearmee“ minderten, verteidigten Frauen die Werkwohnungen.<br />
Nach gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Streikenden versuchten die Big Six und die Regierung, die Kontrolle wieder zu &#252;bernehmen. Ein Kompromiss wurde verhandelt, die Zugest&#228;ndnisse aber nie eingel&#246;st. Die militante Stimmung blieb aufrecht und am n&#228;chsten Tag streikten 2.500 ArbeiterInnen, ohne den Arbeitsplatz zu verlassen. Mit dieser neuen Methode des sit in wurden substantielle Lohnerh&#246;hungen erk&#228;mpft. Ein weiterer Streikversuch von 4.500 ArbeiterInnen wurde jedoch durch die Facharbeitergewerkschaft, mit der das Unternehmen bereitwillig in Verhandlungen trat, verhindert, indem sie unter Polizeischutz mit tausend Streikbrechern in die Fabrik einzog.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a><br />
Die Unternehmen reagierten mit Vorbeugungsma&#223;nahmen gegen erneute „Ausl&#228;nderaufst&#228;nde“. Eine „Amerikanisierungskampagne“ mit einem Abendschulprogramm f&#252;r Unterricht in englischer Sprache und in amerikanischer Staatsb&#252;rgerkunde wurde eingerichtet. „Was hier unterrichtet wurde, erf&#228;hrt man aus einem zeitgen&#246;ssischen Textbuch: ‚Ich h&#246;re die F&#252;nf-Minuten Sirene. Es ist Zeit, in die Fabrik zu gehen. Ich nehme am Eingang meine Stempelkarte und stecke sie in meiner Abteilung ein. Ich ziehe mich um und mache mich zum Arbeiten fertig. Die Startsirene bl&#228;st. Ich esse mein Mittagessen. Es ist verboten, vorher zu essen. Die Sirene bl&#228;st f&#252;nf Minuten vor Arbeitsbeginn. Ich mache mich f&#252;r die Arbeit fertig. Ich arbeite, bis die Sirene wieder bl&#228;st. Ich lasse meinen Arbeitsplatz sauber zur&#252;ck. Ich lege alle meine Sachen in mein Schlie&#223;fach. Ich gehe nach Hause.’“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a><br />
Da die Strategie der Unternehmer auf die Integration von Facharbeitern in Managementstrukturen abzielte, war f&#252;r die IWW klar, dass es vergeblich war, auf eine selbstverst&#228;ndliche oder durch moralische Appelle bewirkte Klasseneinheit im Sinne einer <em>One Big Union</em> zu hoffen. Sie konzentrierte sich deshalb noch st&#228;rker auf die ungelernten ArbeiterInnen. Das bedeutete nicht, dass das Projekt der <em>One Big Union</em> aufgegeben wurde; durch die Organisierung der Masse der ungelernten ArbeiterInnen sollten die Facharbeiter in Massenbewegungen und Massenstreiks mitgerissen werden.</p>
<h3>K&#228;mpfende und singende ArbeiterInnen</h3>
<p>Trotz der Niederlage war der Streik bei McKees Rock der Startschuss f&#252;r eine Phase von K&#228;mpfen, die „zu den gewaltsamsten der nordamerikanischen Arbeitergeschichte geh&#246;rt.“<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> Dem Streik von McKees Rock folgten Aufst&#228;nde in der Waffenfabrik <em>Bethlehem Steel</em> 1910, bei dem 7.000 haupts&#228;chlich ungarische und polnische ArbeiterInnen f&#252;r den acht-Stunden-Tag k&#228;mpften. Trotz des Versuchs der AFL die herbeigerufene IWW fernzuhalten, breitete sich der Streik auf die angrenzenden Kohleabbaugebiete aus. In Philadelphia kam es 1909 zu gewaltsamen Aktionen gegen Streikbrecher und 1910 zu einem Generalstreik von &#252;ber 146.000 ArbeiterInnen, ausgel&#246;st durch einen Streik von Textilarbeiterinnen. Inspiriert vom Internationalen Frauentag brachen 1909 zehntausende N&#228;herinnen in New York einen Aufstand los, der sich gegen „sweatshop“-Bedingungen und die regelm&#228;&#223;igen sexuellen Bel&#228;stigungen durch Vorarbeiter richtete. „Wo immer Arbeiter sich versammelten, wurde heftig &#252;ber den Generalstreik diskutiert“. Streiks slawischer Stahlarbeiter in Hammond, j&#252;discher und italienischer N&#228;herinnen in New York und slawischer Bergarbeiter in Avelia waren alle Teil der Streikwelle, getragen haupts&#228;chlich von unorganisierten und ungelernten, h&#228;ufig weiblichen ArbeiterInnen in und au&#223;erhalb der Fabrik. „[Ihre] Militanz, der unmittelbare Angriff auf die neue Organisation der Arbeit und die ‚direkte Aktion’ – Widerstands- und Organisationsformen ohne oder gegen die Gewerkschaften – wurden zu Charakteristika der K&#228;mpfe in den Jahren seit 1909 bis hin zu ihrem H&#246;hepunkt in der Nachkriegszeit.“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Die etablierten AFL-Teilgewerkschaften konnten den Massen an ungelernten ArbeiterInnen keine Perspektive bieten. Ein alter AFL-Gewerkschafter schreibt &#252;ber die Ungelernten ver&#228;chtlich, dass sie „heute in die Gewerkschaft eintreten und morgen schon streiken wollen“.3<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Tats&#228;chlich entsprach die kompromisslerische Politik der AFL nicht der Lebensrealit&#228;t und den Interessen dieses Teils der ArbeiterInnenklasse. Durch den st&#228;ndigen Wechsel von Arbeitspl&#228;tzen war es f&#252;r die Ungelernten und WanderarbeiterInnen wenig verlockend, auf lange Verhandlungen zu setzen. In manchen Branchen bewegten sich MigrantInnen durch die Unternehmen „wie durch Dreht&#252;ren.“<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a><br />
Die Konzentration auf die Masse der un- oder angelernten ArbeiterInnen lie&#223; die IWW auch auf neue Widerstands- und Organisationsformen setzen. So entsprangen die<em> free speech fights</em> dem Protest der ArbeiterInnen gegen die Praxis des „Jobkaufs“, bei dem sie sich die Arbeitspl&#228;tze um ca. f&#252;nf Dollar kaufen mussten. Die free speech fights fingen dort an, wo sich die Massen versammelten: nicht am Arbeitsplatz, sondern in den St&#228;dten. Die IWW organisierten Stra&#223;enversammlungen, um die ArbeiterInnen aufzurufen das Betteln um Arbeit zu verweigern. „Don’t buy Jobs! Read the <em>Industrial Worker</em>!“ Die <em>soapboxer</em>, Menschen die sich auf Seifenkisten stellten um Reden zu halten, versuchten die WanderarbeiterInnen davon zu &#252;berzeugen, sich zu organisieren. Dabei hatten die Wobblies die Heilsarmee und andere religi&#246;se Sekten gegen sich, die den ArbeiterInnen Geduld und die Verhei&#223;ungen des Paradieses predigten, wenn sie nur brav w&#228;ren. Die Wobblies nutzten die Melodien der Heilsarmeekapellen und sangen ihre eigenen Texte dar&#252;ber. So hei&#223;t es in einem Lied des ber&#252;hmten Wobbly und S&#228;nger Joe Hill, dass sie den versprochenen „pie in the sky“ schon auf Erden haben wollen.<br />
Nachdem die Unternehmer 1909 ein Rede- und Versammlungsverbot durchgesetzt hatten, ging die Polizei hart gegen die <em>soapboxer </em>vor. Dem Verbot folgten Aufrufe in den Zeitungen der IWW, die tausende Menschen mobilisierten, bis die Beh&#246;rden gezwungen waren, das Verbot aufzuheben. Als Kommunikationsnetz zwischen den MigrantInnen wurden die<em> free speech fights</em> zu einem wichtigen Widerstandsmittel. So konnte die Rezession von 1910-12 zwar die erste Streikwelle d&#228;mpfen aber nicht die <em>free speech fights</em>, da diese zur Kampfform der Arbeitslosen, zum Widerstandsmittel der WanderarbeiterInnen und zum Mittel der Solidarisierung zwischen Arbeitslosen und ArbeiterInnen wurden. Die Slogans und Lieder der Wobblies waren weithin bekannt und Tausende nannten das rote IWW-Liederbuch ihr Eigen.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a><br />
Ein weiterer Versuch, die WanderabeiterInnen zu organisieren, waren die job delegates, mobile WanderarbeiterInnen-Wobblies, die MigrantInnen am Arbeitsplatz organisierten. Der Kern der m&#228;chtigen <em>Agricultural Workers Organizaion</em> der IWW entstand aus diesen Bem&#252;hungen.<br />
Die <em>free speech fights</em> zeigen besonders deutlich, wie die IWW ihre Organisierungsmethoden an die spezifische Situation unterschiedlicher Gruppen von ArbeiterInnen anzupassen vermochte. WanderarbeiterInnen, die ohne festen Wohnsitz und l&#228;ngeres Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnis schwer organisierbar waren, wurden dort angesprochen, wo sie sich versammelten. Mit Hilfe der <em>job delegates</em> gelang es der IWW, die besonderen Probleme der WanderarbeiterInnen – etwa Polizeikontrollen, Diebe in den von ihnen ben&#252;tzten Z&#252;gen oder die Willk&#252;r der Arbeitgeber – nicht nur anzusprechen, sondern L&#246;sungen zu finden, wie die militante, kollektive Abwehr von Dieben und Polizei.<br />
Die Taktiken der IWW wurden immer vielf&#228;ltiger: Neben Generalstreiks wurde der quickie eingef&#252;hrt, bei dem direkt am Arbeitsplatz f&#252;r kurze Zeit gestreikt wurde. Ein Wobbly erkl&#228;rte: „Die Arbeit niederlegen und hungern ist verr&#252;ckt, wenn man am Arbeitsplatz streiken kann und essen.“<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Das Kampfmittel der Sabotage richtete sich gegen die Rationalisierungs- und Effizienzwelle im Zuge der „wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung“ und wurde ein immer wichtigerer Teil der IWW-Strategie. Dabei ging es um „den bewussten Entzug von Effizienz“, den Versuch, zumindest teilweise die Kontrolle &#252;ber das Arbeitstempo zur&#252;ckzugewinnen. So pries „Big Bill“ Haywood die Sabotage in Betrieben: „Ich kenne nichts was euch so viel Befriedigung bringen wird und dem Boss so viel &#196;rger wie ein bisschen Sabotage am richtigen Ort und zur richtigen Zeit. Findet heraus, was es bedeutet. Es wird euch nicht schaden, aber sehr wohl dem Boss.“<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a><br />
Die IWW zeigte, „dass die Wanderarbeiter, Frauen, Schwarzen und Ausl&#228;nder keineswegs unorganisierbar und unterw&#252;rfig, passiv oder zur&#252;ckgeblieben waren, was vielfach als Rechfertigung ihrer Diskriminierung innerhalb der offiziellen Arbeiterbewegung behauptet wurde, und dass im Gegenteil der Zusammenhalt und Massencharakter ihrer K&#228;mpfe die entscheidende Bedrohung f&#252;r das kapitalistische Projekt darstellte“.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a></p>
<h3><em>Bread and Roses</em></h3>
<p>Die Solidarisierung zwischen ArbeiterInnen und Arbeitslosen war bedeutend f&#252;r einen erneuten Aufschwung von Arbeitsk&#228;mpfen, der 1912 begann. Die Arbeiterinnen in den Textilfabriken in den USA waren derselben Umstrukturierung unterworfen, wie in anderen Industriezweigen. Die Arbeiterinnen mussten mehrere Webst&#252;hle – auch <em>devils</em> genannt – gleichzeitig bedienen, viele waren entlassen und die L&#246;hne gesenkt worden.<br />
Schon 1909 war es deshalb in New York zum „Aufstand der 20.000“ gekommen. Die Stimmung brachte eine junge Arbeiterin auf einer Versammlung auf den Punkt: „Ich bin eine Arbeiterin, eine von denen, die gegen unertr&#228;gliche Bedingungen streiken. Ich bin es m&#252;de, Sprechern zuzuh&#246;ren, die allgemeine Reden halten. Wir sind hier, um zu entscheiden, ob wir streiken sollen oder nicht. Ich beantrage, dass ein Generalstreik erkl&#228;rt wird – sofort.“<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a><br />
Im Jahr 1912 kam es schlie&#223;lich in Lawrence zum Generalstreik. Die IWW hatte in den Monaten davor „Organizers“ in die Textilfabriken geschickt, um die Arbeiterinnen gegen die „speed ups“ und untragbaren Arbeitsbedingungen zu organisieren. Ein Organizer meinte: „Wir sprachen Marxismus, wie wir ihn verstanden – Klassenkampf, Ausbeutung der ArbeiterInnen, der Staat und die Streitkr&#228;fte der Regierung, die gegen die ArbeiterInnen waren.“<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> An einem Zahltag im J&#228;nner kam es dann zum Aufstand. Polnische Arbeiterinnen hatten nach Lohnk&#252;rzungen die Arbeit niedergelegt. Gruppen italienischer ArbeiterInnen verbreiteten die Aktion in anderen Abteilungen und Betrieben, und am n&#228;chsten Tag waren die wichtigsten Textilfabriken in der Stadt stillgelegt.<br />
Die Basisarbeit der IWW hatte ihnen das Vertrauen der Streikenden gesichert und OrganisatorInnen des McKees-Streiks wurden zus&#228;tzlich herbeigerufen. Man hatte aus dessen partieller Niederlage gelernt und so wurde von Beginn an ein eigenes Streikkomitee der Wobblies eingesetzt und die AFL herausgehalten. Am H&#246;hepunkt des Streiks hatten 250.000 ArbeiterInnen aus 24 unterschiedlichen Nationen die Arbeit niedergelegt. Frauen nahmen eine f&#252;hrende Rolle in den Streiks ein. Gurley Finn, Streikf&#252;hrerin und Wobbly, erkl&#228;rte, dass „der IWW vorgeworfen wird, dass sie Frauen an die Front schickt. Die Wahrheit ist, die IWW h&#228;lt die Frauen nicht zur&#252;ck, und sie kommen von selbst nach vorn.“<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> Das getragene Banner „We want bread and roses too“ gab dem Streik seinen Namen. Der Slogan stand f&#252;r eine Radikalisierung der Forderungen, die sich nicht mehr nur auf ein Subsistenzminimum beschr&#228;nkten, sondern ein Leben in W&#252;rde beanspruchten. „Der Streik war ber&#252;hmt f&#252;r die Anwendung erprobter und neuer Taktiken: Streikpostenketten, massenhafte und mobile Streikposten, die den gesamten Wohnbezirk um die Fabrik erfassten.“<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Von der <em>United Textile Workers</em> Gewerkschaft, die der F&#252;hrung der AFL angeh&#246;rte, wurde der Streik als „anarchistisch“ und „revolution&#228;r“ bezeichnet, doch wie ein Reporter die Situation beschrieb, war es „der Geist der ArbeiterInnen, der gef&#228;hrlich war. Sie marschierten und sangen immer.“<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> Es war kein gew&#246;hnlicher Streik, schrieb ein Zeitgenosse sieben Jahre sp&#228;ter, „sondern eine soziale Revolution im Kleinen.“<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a><br />
Die Unternehmer gaben den meisten Forderungen der Streikenden nach und die „Lawrence Revolution“ war Ausgangspunkt einer gro&#223;en Streikwelle. Von der „1000 Meilen langen Streikkette“, die von der <em>Agricultural Workers Organization</em> (AWO) der IWW organisiert wurde, und den erfolgreichen Abwehrschlachten der AWO gegen Schl&#228;ger und Polizei, &#252;ber die Streiks 1915 in den Raffinerien Rockefellers und den Aufst&#228;nden schwarzer ArbeiterInnen im S&#252;den, bis zum gro&#223;en Streik der Holzf&#228;ller und S&#228;gewerkarbeiter, der die Einf&#252;hrung des Acht-Stunden-Tags erzwang, war die IWW in einer f&#252;hrenden Rolle. Der Arbeitskr&#228;ftem&#228;ngel auf Grund des Wirtschaftsaufschwungs im Ersten Weltkrieg st&#228;rkte die Position der ArbeiterInnen gegen&#252;ber den Unternehmern zus&#228;tzlich. Das veranlasste Unternehmen und Regierung, ihre bis dahin gewerkschaftsfeindliche Politik zu &#228;ndern. Sie versuchten, <em>company unions</em> einzuf&#252;hren, oder mit Hilfe von kleinen Zugest&#228;ndnissen an die AFL und die Anerkennung von schon existierenden Teilgewerkschaften ArbeiterInnen von Streiks abzuhalten.</p>
<h3>Streikjahr 1919</h3>
<p>Die hohe Inflation und die seit 1914 massiv angestiegenen Lebenserhaltungskosten bei halbierten Reall&#246;hnen sorgten f&#252;r Unruhe unter den ArbeiterInnen, die bald in Wut und Militanz umschlug. In Seattle l&#246;ste ein Aufstand von Hafenarbeitern einen Generalstreik von 60.000 ArbeiterInnen aus, als &#252;ber 116 lokale Gewerkschaften in Solidarit&#228;tsstreiks traten. Ganz Seattle war in der Hand der ArbeiterInnen. Die IWW organisierte zusammen mit dem <em>Metal Trades Council</em> (Metallarbeiterverein, der formal der AFL angeschlossen war) nach dem Modell der russischen Revolution einen Soldaten-, Matrosen-, und ArbeiterInnenrat, der daf&#252;r verantwortlich sein sollte, dass unverzichtbare Dienstleistungen aufrecht erhalten werden. So organisierten die M&#252;llarbeiterInnen die Reinigung der Stadt, w&#228;hrend sich Brot- und MilchlieferantInnen um die Lebensmittelversorgung k&#252;mmerten. Polizei und Armee gingen gegen die Streikenden vor. Dabei konnten sie auf die R&#252;ckendeckung der nationalen AFL-F&#252;hrung z&#228;hlen, die Druck auf die lokalen Verb&#228;nde aus&#252;bte – gerade zu der Zeit, als die Dauer des Streiks und die Abgeschnittenheit der Stadt enorm auf den ArbeiterInnen lastete. Schlie&#223;lich musste der Streik abgebrochen werden. Trotzdem war die Stimmung im Land k&#228;mpferisch, nicht zuletzt aufgrund der internationalen Ereignisse: <em>The Nation</em> schrieb im Oktober 1919, dass „[d]ie bedeutendste Tatsache der Gegenwart die beispiellose Revolte der Massen [ist]. Ihre Folgen sind unberechenbar und f&#252;r den Augenblick bedrohlich; doch gleichzeitig hat sie eine ungeheure Hoffnung in die Welt gesetzt. Es ist eine weltweite Bewegung, die durch den Krieg beschleunigt wurde. In Russland wurde der Zar entthront. Seit zwei Jahren steht Lenin an der Spitze des Volkes. Korea, Indien, &#196;gypten und Irland befinden sich in entschlossenem Widerstand gegen die politische Tyrannei. England erlebt einen Eisenbahnerstreik, der gegen den Widerstand der Gewerkschaftsf&#252;hrung durchgesetzt wurde. In Seattle und San Francisco weigern sich die Schauerleute [Hafenarbeiter], Waffen oder Nachschub zu bef&#246;rdern, die gegen die sowjetische Regierung eingesetzt werden sollen. Streikende Kumpels in Illinois haben in einer einstimmig verabschiedeten Resolution ihre Staatsregierung dazu aufgefordert, ‚zur H&#246;lle zu gehen‘“.<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a><br />
Der H&#246;hepunkt und gleichzeitige Wendepunkt war ein Streik der StahlarbeiterInnen im September 1919. Nachdem das Unternehmen US Steel die Anerkennung der Gewerkschaft verweigerte, legten 400.000 ArbeiterInnen in 50 St&#228;dten die Arbeit nieder und hielten drei Monate den Angriffen stand. Die Niederlage dieses Streiks war ein Schlag gegen die gesamte ArbeiterInnenbewegung. Die noch immer stattfindenden wilden Streiks wurden mit immer h&#228;rteren Mitteln bek&#228;mpft und die Repression richtete sich besonders gegen Radikale, wie IWW-Mitglieder. Im Kampf gegen die „rote Gefahr“ (red scare) wurden Revolution&#228;rInnen aller Gruppierungen verfolgt, in den Untergrund getrieben und hingerichtet. Die Repressionswelle war gekoppelt an die politische Integration etablierter Gewerkschaften. Der Wirtschaftsaufschwung in den 1920ern erm&#246;glichte im Zuge des <em>American Plan</em> Wohlfahrts- und Sozialprogramme, die mit patriotischer Propaganda einhergingen. So gelang es der Regierung, sich die Loyalit&#228;t der ArbeiterInnenklasse zu sichern. Die Einf&#252;hrung von <em>employee representation</em> (ArbeitnehmerInnenrepr&#228;sentation), welche die Form „gelber Gewerkschaften“ oder betriebsrats&#228;hnliche Formen annehmen konnte, sollte selbstst&#228;ndige Organisierung und Radikalit&#228;t innerhalb der ArbeiterInnenklasse verhindern.<br />
Sowohl die Niederlagen der gro&#223;en Streiks als auch die „Sozialstaatspolitik“ waren also daf&#252;r verantwortlich, dass nur mehr K&#228;mpfe von isolierten Gruppen von ArbeiterInnen stattfanden. „&#220;ber eine Dekade“, so Mike Davis, „mussten die Unternehmen keine militante Gewerkschaftsarbeit f&#252;rchten“.<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a></p>
<h3>Die endg&#252;ltige Wende</h3>
<p>Erst in den drei&#223;iger Jahren kam es wieder zu einem Aufschwung der K&#228;mpfe. Der H&#246;hepunkt der IWW war zu diesem Zeitpunkt schon vorbei. Der Verlust vieler AktivistInnen w&#228;hrend der Repressionswelle und eine Spaltung zwischen AnarchistInnen und KommunistInnen schw&#228;chte die Organisation zus&#228;tzlich. Ein gro&#223;er Teil der Wobblies ging zur Communist Party und bildete den Kern der ArbeiterInnenk&#228;mpfe der 1930er. Der neu gegr&#252;ndete <em>Congress of Industrial Organizations</em> (CIO) &#252;bernahm einige inhaltliche Forderungen der IWW. So propagierte der CIO das Programm des <em>Industrial Unionism</em> und war in seiner Gr&#252;ndungsphase an zahlreichen „wilden Sitzstreiks“ beteiligt. Doch im Gegensatz zur revolution&#228;ren IWW war die Politik des CIO von Beginn an auf Klassenkooperation ausgerichtet und von dem Widerspruch gekennzeichnet, einerseits unter Druck der streikwilligen ArbeiterInnen und militanten BasisgewerkschafterInnen Streiks zu initiieren, andererseits „wurden die ArbeiterInnen vieler m&#246;glicher Errungenschaften beraubt, weil die Regierung der Demokraten unter R&#252;ckendeckung der CIO-F&#252;hrung intervenierte.“ Die meisten Streiks endeten in der Anerkennung der Gewerkschaften, die meistens im Paket mit einer Streikverbotsklausel kam. So betonte ein CIO-Gewerkschaftsf&#252;hrer, dass zum Erreichen der gewerkschaftlichen Anerkennung Streiks n&#252;tzlich sind; sobald diese aber erreicht w&#228;re, sollte die Konzentration des CIO auf Verhandlungen liegen, um so das Beste f&#252;r den/die ArbeiterIn herauszuholen. „Ein Kontrakt mit der C.I.O.“ ist dann, laut CIO-Gr&#252;nder John L. Lewis, „ein ad&#228;quater Schutz vor Sitzstreiks oder jeder anderen Streikaktion.“<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a><br />
Die Niederlagen der Streikbewegung und die Integration der Gewerkschaftsb&#252;rokratie in Klassenkooperation m&#252;ssen als Wendepunkt in der US-amerikanischen Gewerkschaftsgeschichte gesehen werden. Obwohl „wilde“ Streiks noch einige Jahre lang &#252;blich waren, war das Projekt einer die K&#228;mpfe verbindenden Gewerkschaft langfristig gescheitert.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a><br />
Niedergang<br />
Die Gr&#252;nde f&#252;r den Niedergang der IWW sind vielf&#228;ltig: Einerseits hatte die brutale Repression im Zuge der Kampagne gegen die „rote Gefahr“ und zus&#228;tzlich Spaltungen im Laufe ihrer Geschichte die Organisation geschw&#228;cht und die IWW viele ihrer wichtigsten AktivistInnen verloren. Doch es war nicht die Repression alleine. Der Versuch beides zu sein, Gewerkschaft f&#252;r alle ArbeiterInnen und revolution&#228;re Organisation, scheiterte am Widerspruch, als Gewerkschaft rein <em>&#246;konomische </em>Verbesserung f&#252;r alle ArbeiterInnen innerhalb des Systems zu erk&#228;mpfen und gleichzeitig als revolution&#228;re Organisation einen <em>politischen </em>Kampf um weitreichende gesellschaftliche Ver&#228;nderungen zu f&#252;hren.<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> Dies bedingte, dass es die IWW selten schaffte, l&#228;ngerfristige Strukturen aufzubauen und ihre Mitgliederzahl zu erh&#246;hen, obwohl sie so eine wichtige Rolle im Vorw&#228;rtstreiben vieler Streikaktionen und Bewegungen gespielt hatte.<br />
Die Integration der etablierten Gewerkschaften, die Bindung von ArbeiterInnen an Unternehmen durch bessere Gesundheitsversorgung, niedrigere Lebensmittelpreise, Erholungszentren, Urlaub etc., und die im Zuge des Wirtschaftsaufschwungs m&#246;glichen Zugest&#228;ndnisse der Regierungsparteien, schafften es letztlich, die ArbeiterInnenklasse in das kapitalistische Projekt der Effizienzsteigerung und „wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung“ einzubinden. Die Konzentration der IWW auf &#246;konomische K&#228;mpfe und ihre Ablehnung politischer K&#228;mpfe, der Auseinandersetzung mit politischen Ideologien oder Wahlen, hatten sie &#252;bersehen lassen, wie Teile der ArbeiterInnenklasse zumindest bis zur Krise der drei&#223;iger Jahre ins Boot geholt wurden.</p>
<h3>Inspiration</h3>
<p>Trotzdem, die Politik und Geschichte der IWW ist heute noch Inspiration f&#252;r militante AktivistInnen. Ihr Blick auf die Heterogenit&#228;t der ArbeiterInnenklasse, auf jene Teile der Klasse, die nicht Kernbelegschaft und Facharbeiter waren, hatte es ihr erm&#246;glicht, jene zu organisieren, die als unorganisierbar galten. Zentral war dabei immer, die besondere Situation und die Bedingungen, unter denen die ArbeiterInnen streikten oder Widerstand leisten mussten, zu analysieren und angemessene Kampf- und Organisationsformen daraus abzuleiten: &#252;ber die <em>free speech fights</em> und das <em>soapboxing</em>, bis zu neuen Streikmethoden, wie den sit ins und dem quickie. Durch die genaue Analyse der Klassenzusammensetzung, der inneren Spaltungen und unterschiedlichen Interessen, schafften sie es, Strategien zu entwickeln, die diese Spaltungen aufhoben. Heutige Entwicklungen, wie Prekarisierung und unsichere Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse, machen es notwendig, an diesem Punkt an die Politik und Widerstandskultur der IWW anzuschlie&#223;en.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Zitiert in Davis, Mike: Happy Birthday Bill, in Socialist Review 2006<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Cannon, James P.: The IWW, 1955. Online: <a href="http://www.marxists.org/archive/cannon/works/1955/iww.htm" target="_blank">http://www.marxists.org/archive/cannon/works/1955/iww.htm</a><br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Cannon, James P.: a.a.O.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> , William: One Big Union. 1911 online: <a href="http://www.marxists.org/history/usa/unions/iww/1911/trautmannobu.htm" target="_blank">http://www.marxists.org/history/usa/unions/iww/1911/trautmannobu.htm</a><br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Ebd.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Brecher, Jeremy: Streiks und Arbeiterrevolten. Amerikanische Arbeiterbewegung 1877-1970, Frankkfurt/M. 1975: 65.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Mit Jim Crow bezeichnet man in der Umgangssprache die Gesetze, auf denen zwischen 1876 und 1964 das System der „Rassentrennung“ in den USA beruhte.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Brecher, Jeremy: a.a.O.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Die Teilgewerkschaften sollten in ihrer jeweiligen “Zunft” ein Arbeitsmonopol aufrechterhalten und damit das Angebot an Facharbeitskr&#228;ften niedrig halten. Dadurch konnten sie eine Verhandlungsmacht gegen&#252;ber den Unternehmern aufbauen. Mit Entstehung der Massenproduktion ging diese aber verloren (siehe sp&#228;ter)<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Brecher, Jeremy: a.a.O: 83-93<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Debs hatte die Streikenden aufgefordert die Gesetze nicht zu brechen, um der Repression zu entgehen.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Brecher, Jeremy: a.a.O.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Ebd.: 92.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Debs, Eugene: Revolutionary Unionism. Speech at Chicago, November 25, 1905 online: <a href="http://www.marxists.org/archive/debs/works/1905/revunion.htm" target="_blank">http://www.marxists.org/archive/debs/works/1905/revunion.htm</a><br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Vgl. Bock, Gisela: Die andere Arbeiterbewegung in den USA von 1909 – 1922. Die I.W.W. The Industrial Workers of the World, M&#252;nchen, 1976.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Taylor zitiert in Bock, Gisela, a.a.O.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Bock, Gisela: a.a.O.: 18.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Bock, Gisela: a.a.O.:18-23.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Es muss gesagt werden, dass sich die Politik der AFL nicht automatisch in eine konservative Richtung entwickelte. Innerhalb der AFL k&#228;mpften Teile f&#252;r radikalere Politik, wie die Forderung nach „collective ownership“ der Produktionsmittel. Die Heterogenit&#228;t innerhalb der AFL zeigte sich auch in einigen k&#228;mpferischen Teilgewerkschafte, wie zum Beispiel den United Mine Workers of Armerica, die sich gegen die rassistische Politik der AFL stellte und viele Tendenzen in Richtung „industrial unionism“ aufwiesen. Schlussendlich setzte sich aber der konservative Fl&#252;gel rund um Samuel Gompers durch.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Zwischen 1840 und 1924 kamen 35 Millionen ImmigrantInnen nach Amerika und ver&#228;nderten damit auch das Gesicht der ArbeiterInnenklasse in Amerika<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Bock, Gisela: a.a.O.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Ebd.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Ebd.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> „Die Mehrzahl der Arbeiter, deren Anlernzeit bei Pressed Steel im Durchschnitt unter einem Monat lag, musste nicht nur ihre Arbeitskraft gegen einen elenden Lohn von 8-12 Dollar pro Woche verkaufen, sondern der Arbeitsplatz selbst und das Recht ihn zu behalten, mussten st&#228;ndig durch Zahlungen an Vermittlungsagenten und Aufseher erkauft werden – eine Praxis, die in vielen Wirtschaftsbereichen der U.S.A &#252;blich war.“ Bock, Gisela, a.a.O.: 8.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Bock, Gisela: 7- 17.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Ebd.: 13.<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Ebd.: 7.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Ebd.: 13-14.<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Ebd.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Ebd.<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Ebd.<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Bock, Gisela: a.a.O.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Ebd.<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Ebd.<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Ebd.: 42<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Sharon: Subterranean Fire. A History of Working-Class Radicalism in the United States. Chicago, 2006.<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Ebd.<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Bock, Gisela: a.a.O.: 53<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Cannon, James P.: a.a.O<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Bock, Gisela: a.a.O., 52<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Brecher, Jeremy: a.a.O.: 95<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Zit. in Trudell, Megan: The Hidden History of US radicalism. In International Socialist Journal 111, 2006<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Brecher, Jeremy: 183<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Es kann in diesem Artikel nicht genauer auf die Situation in den 1930ern eingegangen werden, aber siehe Sharon, Smith: a.a.O. und &#252;ber die Streikbewegungen bis in die 70er Jahre Brenner, Jeremy, a.a.O.<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> Smith, Sharon: a.a.O.</p>
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		<title>Sowjetmacht vs. Parteidiktatur</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:17:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Revolution]]></category>
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		<description><![CDATA[<em>Veronika Duma</em> und <em>Stefan Probst</em> zeichnen im dritten Teil unserer Serie zum politischen Erbe der Oktoberrevolution den Prozess der B&#252;rokratisierung und Entdemokratisierung des „ArbeiterInnenstaats“ bis zur Etablierung eines staatskapitalistischen Regimes Ende der 1920er Jahre nach.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Veronika Duma</em> und <em>Stefan Probst</em> zeichnen im dritten Teil unserer Serie zum politischen Erbe der Oktoberrevolution den Prozess der B&#252;rokratisierung und Entdemokratisierung des „ArbeiterInnenstaats“ bis zur Etablierung eines staatskapitalistischen Regimes Ende der 1920er Jahre nach.<br />
<span id="more-151"></span></p>
<p>Die Oktoberrevolution 1917 war ein popularer Massenaufstand, der nicht nur die &#246;konomischen und politischen Verh&#228;ltnisse grundlegend transformierte, sondern ebenso „ethnische Identit&#228;ten, Geschlechterverh&#228;ltnisse, Moralvorstellungen, intellektuelle Kultur und letztlich das Weltsystem“ umzugestalten versuchte.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Der am zweiten Sowjetkongress im Oktober gebildete <em>Rat der Volkskommissare</em><a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> erlie&#223; bis J&#228;nner 1918 nicht weniger als 116 Dekrete: neben den wichtigsten &#252;ber Grund und Boden, einen sofortigen und bedingungslosen Frieden und &#252;ber die ArbeiterInnenkontrolle der Fabriken gab es Erl&#228;sse zur Abschaffung der Todesstrafe, zum Selbstbestimmungsrecht der Minderheiten, zum Scheidungsrecht oder zur Entkriminalisierung der Homosexualit&#228;t. Ende der 1920er Jahre war von diesen gesellschaftlichen Umw&#228;lzungen nicht mehr viel zu merken. In entscheidenden Fragen repr&#228;sentierte der Stalinismus der 1930er das genaue Gegenteil der Ambitionen von 1917. Im Laufe der 1920er hatte sich eine Schicht der Staats- und Parteib&#252;rokratie vom zentralen Ziel der Revolution entfernt: die Gesellschaft von unten neu aufzubauen. Die Macht dieser Schicht war in den 1920ern bei weitem noch nicht absolut. Sie wurde vom Widerstand der ArbeiterInnen genauso wie von innerparteilicher Opposition herausgefordert. Je mehr sich der Spalt zwischen Staat/Partei und Klasse entwickelte, desto st&#228;rker traten aber auch die materiellen Interessen dieser Schicht gegen&#252;ber dem Rest der Gesellschaft hervor. Ende der 1920er schlie&#223;lich konnte sich ein neues Regime auf Basis erzwungener Akkumulation durchsetzen. Aus einer abgehobenen Schicht war eine neue, selbstbewusste herrschende Klasse geworden.<br />
Wie konnte es dazu kommen, dass die wohl rebellischste ArbeiterInnenschaft jener Zeit sich etwas mehr als zehn Jahre nach der Revolution in einer solchen Lage befand? In der vom Kalten Krieg gepr&#228;gten Geschichtsschreibung wurde diese Frage entweder mit der starken Repression seitens des Staates oder mit einer vermeintlich breiten Zustimmung der Bev&#246;lkerung zum Stalinismus beantwortet.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Beide Ans&#228;tze, so diametral entgegengesetzt sie auch sein m&#246;gen, bef&#246;rdern die Vorstellung, dass der Stalinismus das „nat&#252;rliche“ und unvermeidbare Resultat von 1917 gewesen w&#228;re, ebenso wie die Bev&#246;lkerung in beiden Versionen als eine passive und leicht manipulierbare „Masse“ dargestellt wird. Tats&#228;chlich stellte sich der Degenerationsprozess, wie vor allem neuere Forschungen zeigen konnten, weit komplexer dar.</p>
<h3>B&#252;rgerkrieg</h3>
<p>Gemeinhin werden die Urspr&#252;nge des Stalinismus bereits in den ersten Jahren unmittelbar nach der Revolution, der Zeit des B&#252;rgerkriegs zwischen 1917 und 1920, ausgemacht. Unumstritten ist, dass das stalinistische Regime der 1930er Jahre auf Ma&#223;nahmen aufbauen konnte, die w&#228;hrend des B&#252;rgerkriegs eingef&#252;hrt worden waren. Dennoch gilt es, auch f&#252;r die Zeit des sogenannten „Kriegskommunismus“, die strukturierenden Handlungskontexte in den Blick zu nehmen, die in nicht geringem Ausma&#223; den m&#246;glichen Politiken enge Grenzen zogen. Somit sind f&#252;r diese erste Phase der Degeneration und B&#252;rokratisierung der Revolution weniger ideologische Impulse des Bolschewismus als die Zw&#228;nge einer (international isolierten) Kriegswirtschaft in Anschlag zu bringen.<br />
Russland war zwischen 1914 und 1920 ein Land im Krieg. Der erste Weltkrieg, der f&#252;r Russland mit den Separatfrieden von Brest-Litowsk im M&#228;rz 1918 endete, glitt bruchlos in die Auseinandersetzungen des B&#252;rgerkriegs &#252;ber, dessen Beginn bereits mit dem Putschversuch Lavr Kornilovs im August 1917 angesetzt werden muss.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Nach einem gescheiterten Aufstand der Kadetten<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> wenige Tage nach der Macht&#252;bernahme der Sowjets in Petrograd, und dem Putschversuch des sp&#228;teren Nazi-Kollaborateurs Petr Krasnov, sammelten sich um die Gener&#228;le Denikin, Kaledin, Kornilov und Alekseev die Kr&#228;fte der Reaktion. Was in der antikommunistischen Historiographie des Kalten Kriegs meist unterbelichtet blieb ist jedoch die Tatsache, dass trotz der anf&#228;nglichen Unorganisiertheit der „Roten Armee“ der B&#252;rgerkrieg schon im Fr&#252;hjahr 1918 im Wesentlichen entschieden schien. Optimistisch verk&#252;ndete Lenin im April 1918: „Man kann zuversichtlich sagen, da&#223; der B&#252;rgerkrieg in der Hauptsache beendet ist. … es kann nicht daran gezweifelt werden, da&#223; die Reaktion an der inneren Front … unwiderruflich vernichtet worden ist.“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a><br />
Die entscheidende Trendwende brachte erst die milit&#228;rische, finanzielle und logistische Unterst&#252;tzung der „Wei&#223;en Armee“ durch 14 alliierte Staaten: „h&#228;tte es keine Intervention gegeben, h&#228;tte die alliierte Hilfe f&#252;r die Wei&#223;en nach Ende des Weltkriegs gestoppt, w&#228;re der russische B&#252;rgerkrieg weitaus schneller mit einem eindeutigen Sieg der Sowjets beendet worden.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> In den Jahren zwischen 1918 und 1920 wurde Russland zum „ersten Versuchsfeld mittlerweile g&#228;ngiger konterrevolution&#228;rer Taktiken des Westens, die vielfach auf direkter milit&#228;rischer Intervention basieren, in jedem Fall aber auf finanzieller Unterst&#252;tzung der Contras und &#246;konomischer Kriegsf&#252;hrung ‚niedriger Intensit&#228;t‘.“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Versch&#228;rft wurde die Situation durch den Zusammenbruch der Wirtschaft und zentraler politischer Koordinations- und Autorit&#228;tsstrukturen sowie dem alliierten Wirtschaftsembargo. Die industrielle Produktion ging bis 1920 auf 31 Prozent des Vorkriegsniveaus zur&#252;ck, der Gesamtoutput auf 38 Prozent.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Mit der deutschen Annexion der Ukraine wurde zus&#228;tzlich eine Region abgeschnitten, die als ehemalige Kornkammer des Landes 35 Prozent des Getreides produziert hatte. Insgesamt gingen mit den besetzten Gebieten 80 Prozent der Eisenproduktion, 90 Prozent der Kohleproduktion und ungef&#228;hr die H&#228;lfte aller russischen Industrieanlagen verloren. Zugleich bedeuteten die Zerst&#246;rungen im Schienensystem und Engp&#228;sse bei der Treibstoffversorgung, dass ein Gutteil des Getreides verschwand oder verrottete, bevor es in die urbanen Zentren gelangte, und die Aufl&#246;sung der Gro&#223;grundherrschaften bef&#246;rderte in den ruralen Gebieten die Beschr&#228;nkung auf Subsistenzwirtschaft gegen&#252;ber der Produktion zum Verkauf.<br />
Besonders in den St&#228;dten wurden die katastrophalen Auswirkungen des &#246;konomischen Zusammenbruchs sp&#252;rbar. In Moskau und Petrograd etwa deckten die Nahrungsmittelrationen im Fr&#252;hjahr 1918 gerade einmal zehn Prozent des N&#246;tigen. Das Fehlen von Treibstoff und Rohstoffen erzwang Fabriksschlie&#223;ungen, sodass die Arbeitslosigkeit in den St&#228;dten in die H&#246;he schoss – auf bis zu 80 Prozent in Petrograd.<br />
Die Bolschewiki konnten sich den politischen Konsequenzen dieser Situation nicht entziehen. Die in den ersten Dekreten der Sowjetregierung formulierten Anspr&#252;che standen in unaufhebbarer Spannung zu den &#246;konomischen und sozialen Realit&#228;ten. Gegen utopistische Unterstellungen, die Bolschewiki h&#228;tten die Ma&#223;nahmen der B&#252;rgerkriegszeit als „Sprung in den Kommunismus“ legitimiert, waren die wichtigsten Protagonisten der neuen Sowjetregierung sehr wohl von deren tempor&#228;rem Charakter &#252;berzeugt.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Letztlich orientierte die Strategie auf die berechtigte Hoffnung der Internationalisierung der Revolution in industriell entwickelten L&#228;ndern Europas, insbesondere Deutschlands.<br />
Bis dahin diktierte der B&#252;rgerkrieg die unausweichliche Alternative: Kapitulation oder Verteidigung. Das bedeutete auch, dass eine Armee von Grund auf neu aufgebaut werden musste, mit allen Problemen, die einer solchen Organisation notwendig anhaften. Niemand sollte sich idealisierenden Illusionen der Roten Armee hingeben. Als sich das anf&#228;ngliche R&#228;teprinzip in der Armee als unzureichend f&#252;r gr&#246;&#223;ere und schnell koordinierte Aktionen erwies, wurden milit&#228;rische Disziplin und Autorit&#228;t wieder durchgesetzt; nachdem sich bis Ende Mai 1918 nur 360.000 Menschen freiwillig f&#252;r die Rote Armee gemeldet hatten, setzte Trotzki die Wehrpflicht wieder ein.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Zugleich wurde jedoch „eine konstante politische Kampagne aufrechterhalten, um Greueltaten zu vermeiden und das moralische und politische Bewusstsein zu heben. Es gelang nicht immer, aber das Ziel war, die Rote Armee zu einer Armee der Befreiung, nicht der Eroberung, zu machen, und Disziplinarstrafen sollten Soldaten von Vergewaltigung, Mord und Pl&#252;nderung abhalten.“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a><br />
Der Krieg und die &#246;konomische wie soziale Katastrophe ver&#228;nderten auch politische Priorit&#228;ten und die Form der Regierung. Oberste Priorit&#228;t erhielt die Lebensmittelversorgung der Armee sowie der st&#228;dtischen ArbeiterInnen. „In den ersten Monaten hoffte die Regierung verzweifelt, dass durch Ankurbelung der Produktion von G&#252;tern wie Textilien, Salz, Zucker oder Kerosin die Bauern zum Verkauf des Getreides bewegt werden k&#246;nnten. Aber der andauernde Engpass an Konsumg&#252;tern und die Inflationsspirale machten diese Politik zunichte.“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Im Mai 1918 sah die Regierung daher keine Alternative als den R&#252;ckgriff auf eine „Versorgungsdiktatur“, die alle Getreide&#252;bersch&#252;sse &#252;ber einer fixierten Konsumnorm – wenn notwendig mit Gewalt – konfiszierte. Das war nun kein Spezifikum <em>bolschewistischer</em> Politik. Vielmehr war nicht nur die Kriegswirtschaft des Zarismus und der Provisorischen Regierung 1917 genauso verfahren, sondern auch die kriegswirtschaftliche Struktur Deutschlands beruhte auf einem staatlichen Getreidemonopol, so wie auch die Wei&#223;e Armee Getreide requirierte.<br />
Schon im Herbst 1918 wurde diese Politik jedoch zugunsten des Systems der razverstka wieder zur&#252;ckgenommen, das &#228;hnlich einer direkten Besteuerung der B&#228;uerInnen funktionieren sollte. F&#252;r jede Region und jedes Dorf wurden Getreidequota auf Basis gesch&#228;tzter Ernte&#252;bersch&#252;sse festgelegt. Im Gegenzug sollten die B&#228;uerInnen Anspruch auf eine bestimmte Menge G&#252;ter haben, und zwar unabh&#228;ngig von den abgelieferten Getreidemengen; der Warentausch sollte dabei als Sanktionsmechanismus f&#252;r nicht erf&#252;llte Quota fungieren.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Freilich blieb auch hier das grundlegende Dilemma bestehen: „Ohne Wiederbelebung der Industrie war auch die Landwirtschaft verloren – und ohne dr&#252;ckende und unkompensierte Getreideabgaben konnte sich die Industrie nicht erholen. … Sowohl die Provisorische Regierung als auch die Bolschewiki hatten mit dem Erbe des [&#246;konomischen] Zusammenbruchs zu k&#228;mpfen, der zuerst zu fehlenden Anreizen zur Vermarktung des Getreides und sp&#228;ter zum Schrumpfen b&#228;uerlicher Produktionskapazit&#228;ten f&#252;hrte.“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Letztlich, urteilt der Historiker Steve Smith, hatten die Bolschewiki in dieser Situation „keine andere Wahl als ‚von den Hungrigen zu nehmen und den noch Hungrigeren zu geben‘, da die Armen in den St&#228;dten und den Getreidedefizit-Regionen es sich ganz einfach nicht leisten konnten, bei Markt-Preisen Lebensmittel zu kaufen.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a><br />
Der Wiederaufbau der Industrie musste schon allein aus diesem Grund weit oben auf der Priorit&#228;tenliste der Regierung rangieren, und es ist diese Dimension der bolschewistischen Politik der B&#252;rgerkriegszeit, die am nachhaltigsten die Transformation des Regimes pr&#228;gen sollte.<br />
Unmittelbar nach der Oktoberrevolution war ein Gutteil der Betriebe von ArbeiterInnen selbst in „wilden“ Kollektivierungen angeeignet worden, bevor im Juni 1918 die gesamt Industrie nationalisiert wurde. Im Kontext staatlicher Desintegration und politischer Fragmentierung drohte die Wirtschaft nun allerdings in ein unkoordiniertes System autonomer Fabriken zu zersplittern. Verst&#228;rkt durch den Druck des B&#252;rgerkriegs wurden deshalb Formen der Zentralisierung der Industrie erforderlich. Ansonsten w&#228;re weder eine koordinierte Antwort auf die Bed&#252;rfnisse der Armee m&#246;glich, noch an die „Geschwindigkeit des Kriegs“ angepasste, schnelle Entscheidungen sicherzustellen gewesen. Die ersten postrevolution&#228;ren Monate k&#246;nnen daher als Versuch der „Disziplinierung“ der „spontanen“ und „planlosen“ Zerschlagung der alten Ordnung interpretiert werden. In diesem Kontext ist die Etablierung des <em>Obersten Volkswirtschaftsrats</em> im Dezember 1917 zur zentralen Wirtschaftsplanung und die am ersten Gewerkschaftskongress im J&#228;nner 1918 beschlossene Eingliederung der Fabrikskomitees als lokale Organe der Gewerkschaften (Produktionsverb&#228;nde) zu verstehen. Auch hier waren die Ma&#223;nahmen weniger ideologisch motiviert als durch „praktische Notwendigkeiten“ vorgezeichnet.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a><br />
Freilich existierte zwischen Zentralismus und ArbeiterInnendemokratie eine offensichtliche Spannung. Schon im Fr&#252;hjahr 1918 kritisierte deshalb der linke Bolschewik Ossinski, dass „die Verstaatlichung an sich, d.h. der &#220;bergang eines Betriebs in Staatseigentum, noch keinen Sozialismus“ bedeute. Das Wichtigste sei, „in der inneren Organisation der Produktion … die Kommandogewalt des Proletariats … aufrechtzuerhalten“: „Die Organisierung der Arbeit mu&#223; der Entwicklung der Klassenselbst&#228;ndigkeit und der Aktivit&#228;t Raum gew&#228;hren.“ Ansonsten drohe „die Entstehung des Staatskapitalismus in Ru&#223;land“.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a><br />
Im Licht der sp&#228;teren Entwicklungen daraus <em>ex post</em> eine Theorie der zwangsl&#228;ufigen autorit&#228;ren Verkrustung der Revolution zu basteln ist dennoch unzul&#228;ssig. In jedem Fall gestalteten sich die betrieblichen Realit&#228;ten weit chaotischer und komplexer, als es jene Lesarten nahelegen, die nur auf die politischen Entscheidungen der Sowjetregierung fokussieren. Das etatistische, produktivit&#228;tsorientierte Modell der Produktionsorganisation deckte sich kaum mit der tats&#228;chlichen Situation in den Fabriken.<br />
W&#228;hrend etwa <em>de iure</em> die kollegiale Leitung der Betriebe durch die Ein-Mann-Leitung eingesetzter Manager (die sich entweder aus der Belegschaft selbst oder aus „b&#252;rgerlichen Spezialisten“ rekrutierten) abgel&#246;st wurde<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a>, &#252;berschnitten sich <em>de facto</em> die Aufgabenbereiche von Management, lokaler Parteiorganisation und Fabrikskomitee weitgehend und bis Mitte der 1920er Jahre fungierten letztere als haupts&#228;chliche betriebliche Verwaltungsorgane.<br />
Wie die Historikerin Diane Koenker betont widersprachen die „chaotischen lokalen Realit&#228;ten … dem Ideal einer rationalen zentralisierten Ordnung“.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Vielmehr bef&#246;rderte gerade die Krise der B&#252;rgerkriegszeit (autonome) betriebszentrierte Loyalit&#228;ten und Solidarit&#228;ten, die im Kampf um knappe Ressourcen Abteilung gegen Abteilung, Fabrik gegen Fabrik, Stadt gegen Stadt stellte. Je mehr die Ausnahmesituation des Kriegs die Kollektivit&#228;t der Revolutionszeit unterh&#246;hlte und einer „Politik des pers&#246;nlichen &#220;berlebens“ (Murphy) wich, desto st&#228;rker wurde die Fabrik zum prim&#228;ren Ort der Identifikation und der Sicherung der materiellen Bed&#252;rfnisse. Koenker hat daher f&#252;r die B&#252;rgerkriegszeit von „entgegengesetzten Tendenzen zentraler Autorit&#228;t und autonomer lokaler Kontrolle“ gesprochen.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a><br />
&#220;berhaupt waren die gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse im Fluss. Auf die Betriebe selbst bezogen drehten sich die Debatten um Fragen privaten und/oder gesellschaftlichen Eigentums; um Fragen lokal unabh&#228;ngiger Verwaltungsautonomie oder zentraler wirtschaftlicher Direktion; um das Ausma&#223; der Involvierung der Belegschaften in Management- und Entscheidungsstrukturen. In der wirtschaftspolitischen Debatte diskutierten Regierung und Gewerkschaften, ob monet&#228;re Anreize zur Produktivit&#228;tssteigerung moralische Appelle erg&#228;nzen sollten. Ebenso umstritten war, wie betriebliche Konflikte gel&#246;st werden sollten. Streiks wurden vielfach als unangemessen betrachtet und zentrale staatliche und gewerkschaftliche Apparate bevorzugten Formen der Vermittlung und Streitschlichtung durch (innerbetriebliche) Kommissionen.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a><br />
Ebenso war die Rolle der Gewerkschaften zu definieren, sowohl im Verh&#228;ltnis zum Staat als auch in ihrem Verh&#228;ltnis zu den ArbeiterInnen in den Betrieben. Die L&#246;sungsans&#228;tze waren auch innerhalb der bolschewistischen Partei umk&#228;mpft. In der „Gewerkschaftsdebatte“ 1920/21 kristallisierten sich drei Positionen heraus: w&#228;hrend Trotzki die Eingliederung der Gewerkschaften in den staatlichen Wirtschaftsapparat favorisierte und deren Aufgabe in erster Linie in der Hebung der Produktivit&#228;t sah, verteidigte die „Arbeiteropposition“ um Shliapnikov und Kollontai vehement die Autonomie der Gewerkschaften und forcierte deren Rolle als &#252;bergeordnete proletarische Leitungsorgane der &#214;konomie, da die Volkswirtschaftsr&#228;te bereits b&#252;rokratisiert seien und die Regierung die widerspr&#252;chlichen Interessen von ArbeiterInnen, B&#228;uerInnen und „b&#252;rgerlichen Spezialisten“ ausbalancieren m&#252;sse. Durchgesetzt hat sich letztlich die dritte Position Lenins, Zinovievs, Kamenevs, Stalins und prominenter Gewerkschaftsf&#252;hrungen. Die Gewerkschaften sollten als „Schule des Kommunismus“ fungieren, als (teilautonome) Klassenorganisationen des Proletariats „die Hauptarbeit zur Organisation der Produktion &#252;bernehmen“ und „im Laufe der sozialistischen Revolution zu Organen der sozialistischen Macht werden, die als solche anderen Organisationen [lies: dem <em>Obersten Volkswirtschaftsrat</em>] bei der Verwirklichung neuer Organisationsprinzipien des Wirtschaftslebens beigeordnet sind.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Was das praktisch bedeutete blieb jedoch ebenso unklar, wie die Formulierung offenlie&#223;, was passieren sollte, wenn die Interessen von Staat und ArbeiterInnen kollidierten.<br />
Letztlich wurden die verschiedenen Konfliktachsen der B&#252;rgerkriegszeit (zwischen Land und Stadt, B&#228;uerInnen und ArbeiterInnen, Staat, Gewerkschaft und Betrieb etc.) dennoch von der grundlegenden Auseinandersetzung mit der Konterrevolution &#252;berspannt. Die Feindseligkeit der B&#228;uerInnen „wurde im Endeffekt durch das Wissen in Schach gehalten, dass, wenn die Kommunisten das Getreide nahmen, die Wei&#223;en drohten, nicht nur das Getreide sondern auch das Land zu nehmen.“<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Und auch unter den st&#228;dtischen ArbeiterInnen behielt die Sowjetregierung, bei aller Kritik, Massenunterst&#252;tzung. Kevin Murphy konnte in seiner Studie des gr&#246;&#223;ten Moskauer Metallbetriebs, der „Hammer und Sichel“-Werke, zeigen, dass die ArbeiterInnen trotz der schwierigen materiellen Bedingungen nicht die Revolution oder die kommunistische Partei f&#252;r ihre Probleme verantwortlich machten. In den Treffen des Fabrikskomitees und den betriebsweiten Versammlungen &#252;berwog die Diskussion praktischer Ma&#223;nahmen zur Lebensmittel- und Treibstoffversorgung und „Streiks“ waren meist nicht von politischen Forderungen begleitet. Der haupts&#228;chliche Grund, warum die Bolschewiki den B&#252;rgerkrieg gewinnen konnten war demnach nicht die Repression.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> So hei&#223;t es auch in einem Memorandum an das britische Kriegsministerium im Juli 1919: „Die Stabilit&#228;t der bolschewistischen Regierung kann nicht allein durch Terror erkl&#228;rt werden. … Wir m&#252;ssen also zugeben, dass die derzeitige russische Regierung von der &#252;berwiegenden Mehrheit der russischen Bev&#246;lkerung anerkannt wird.“<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a><br />
Die politischen Transformationen an der Spitze des Regimes w&#228;hrend der B&#252;rgerkriegszeit sollten sich dennoch als grundlegend f&#252;r die sp&#228;tere Entwicklung erweisen. Das Erbe des „Kriegskommunismus“ schrieb sich in den „ArbeiterInnenstaat“ ein: die militarisierte, zentralistische und maskulinistische politische Kultur der B&#252;rgerkriegszeit „zog neue Hierarchien in das egalit&#228;re sozialistische Projekt ein, die Bewaffnete gegen&#252;ber Unbewaffneten, Anf&#252;hrer gegen&#252;ber Mitl&#228;ufern, ArbeiterInnen gegen&#252;ber B&#228;uerInnen, M&#228;nner gegen&#252;ber Frauen privilegierten.“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Die Rote Armee war mit Ende des B&#252;rgerkriegs zur gr&#246;&#223;ten Institution des Staates geworden und genoss oberste Priorit&#228;t in der Allokation der Ressourcen; zugleich wurde sie zur „Brutst&#228;tte der Kader des Staats- und Parteiapparats der 1920er Jahre.“<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a><br />
Ebenso ver&#228;nderte sich die soziale und politische Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse grundlegend. Die Bev&#246;lkerung Petrograds etwa war durch Krieg, Seuchen und Stadtflucht von 2,4 Millionen 1917 auf 574.000 1920 gefallen. Von urspr&#252;nglich 400.000 FabriksarbeiterInnen waren 1921 gerade einmal noch 50.000 in der Petrograder Industrie besch&#228;ftigt. Zudem waren die wichtigsten lokalen AktivistInnen der Revolutionszeit nun entweder an der Front oder in die Institutionen des Staats eingezogen. Der kollektive Egalitarismus und die Institutionen der ArbeiterInnenselbstverwaltung waren zusehends ausgeh&#246;hlt worden und die &#246;konomische Katastrophe f&#246;rderte individualisierte Strategien zur Sicherung der materiellen Bed&#252;rfnisse. Die Regelm&#228;&#223;igkeit der Fabrikskomitee-Treffen und der betriebsweiten Vollversammlungen ging drastisch zur&#252;ck und die &#246;konomische Krise der B&#252;rgerkriegszeit atomisierte die Klassensolidarit&#228;t in den Fabriken.<br />
Gleichzeitig zerfiel mit Ende des B&#252;rgerkriegs das B&#252;ndnis mit den B&#228;uerInnen. Die Oktoberrevolution war, wie Tony Cliff argumentiert, „die Fusion zweier Revolutionen“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> gewesen: einer proletarischen gegen den Kapitalismus, und einer antifeudalen Revolution, die auf kleinkapitalistisches Privateigentum des Landes orientierte. Sobald mit der Wei&#223;en Armee der unmittelbare Gegner besiegt war, brachen daher drastische Konflikte zwischen Sowjetregierung und Bauernschaft auf.<br />
Das alles konnte auch an der bolschewistischen Partei selbst nicht spurlos vor&#252;bergehen. Die Dezimierung und Rekomposition der ArbeiterInnenklasse im Zuge des B&#252;rgerkriegs schnitt die Organisation zunehmend von ihrer organischen Verwurzelung in den Betrieben ab.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> W&#228;hrend 1917 ArbeiterInnen 60 Prozent der Partei ausmachten, war diese Zahl 1921 auf 41 Prozent gefallen – und der Gro&#223;teil arbeitete f&#252;r den Staat oder die Armee und nicht in der Industrie. Zugleich wurde die kommunistische Partei zum Attraktionspol f&#252;r Karrieristen aller Art: zwischen M&#228;rz 1919 und Dezember 1920 wuchs die Mitgliedschaft von 313.000 auf 730.000.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a><br />
Die massiven Probleme der Versorgung und des Transportwesens, die „Tr&#228;gheit“ lokaler Institutionen, die Notwendigkeit, schnelle Entscheidungen zu treffen und umzusetzen, verst&#228;rkten auch den Druck zur Konzentration der Entscheidungsprozesse an der Spitze von Staat und Partei, die zunehmend wie eine Armee operierte. Bis 1919 war das Zentralkomitee zur einflussreichsten politischen Struktur geworden, in der alle wichtigen Ma&#223;nahmen beschlossen wurden, noch bevor sie an den Rat der Volkskommissare und das Zentralexekutivkomitee des Sowjetkongresses zur Implementierung weitergeleitet wurden. In der Partei selbst betrachtete die F&#252;hrung interne Debatte und Kritik immer mehr als hemmenden Ballast.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Obrigkeitsdenken und Funktion&#228;rskult setzten sich ebenso durch wie die b&#252;rokratische Praxis der Ernennungen.<br />
Die Tendenz zu „substitionistischer“ Politik – d.h. einer Politik, die (tempor&#228;r) die Herrschaft der ArbeiterInnen durch die Herrschaft der Partei <em>f&#252;r</em> und <em>anstatt</em> der ArbeiterInnen ersetzte, und dies mit Verweis auf die „Passivit&#228;t“ und „R&#252;ckst&#228;ndigkeit“ der Basis rechtfertigte – war in diesem Kontext der Fragmentierung kollektiver Militanz in den Betrieben und der Entdemokratisierung der Partei &#252;berdeutlich. Eines der fr&#252;hen krassen Beispiele ist sicherlich Trotzkis Versuch der „Militarisierung der Arbeit“, der auf die Errichtung eines Regimes staatlicher Zwangsarbeit hinauslief, „in der jeder Arbeiter sich als Soldat der Arbeit versteht, der nicht frei &#252;ber sich verf&#252;gen kann; wenn der Befehl kommt, da&#223; er versetzt werden soll, so mu&#223; er ihn ausf&#252;hren“.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Zurecht bemerkte daher die Arbeiteropposition im Fr&#252;hjahr 1921, dass die Macht der proletarischen Assoziationen in der B&#252;rgerkriegszeit durch die Herrschaft der Partei- und Staatsapparate ersetzt worden sei und die ArbeiterInnenklasse „eine immer geringere Rolle in der Sowjetrepublik spielt, da&#223; sie den Ma&#223;nahmen ihrer eigenen Regierung immer weniger ihren eigenen Stempel aufdr&#252;ckt, da&#223; sie in immer geringerem Ma&#223;e die Politik bestimmt und auf die Arbeit und die Denkweise der zentralen Machtorgane immer weniger Einflu&#223; hat.“<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a><br />
Letztlich h&#228;tte nur die Aktivit&#228;t der ArbeiterInnenklasse selbst die Gefahr des Substitutionismus und die Verwandlung der Partei in eine konservative Kraft verhindern k&#246;nnen.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Selbst diejenigen Bolschewiki, die sich, wie Lenin, der B&#252;rokratisierung der Revolution durchaus bewusst waren, lehnten eine solche Perspektive allerdings mit dem Argument der „Deklassierung“ der ArbeiterInnenklasse ab.<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a> In Lenins bekannter Formulierung konnte der Staat gegen Ende des B&#252;rgerkriegs nicht mehr aufgrund seiner sozialen Basis, sondern nur mehr aufgrund der Ziele der Partei(f&#252;hrung) als ArbeiterInnenstaat bezeichnet werden.<br />
Es sei dahingestellt, ob diese Einsch&#228;tzung f&#252;r 1920 zutrifft. In jedem Fall muss die auf dieser These aufbauende linke Historiographie relativiert werden, die deshalb in der Niederlage der „alten Garde“ der Partei gegen Stalin den Hauptgrund der Degeneration der Revolution ausmacht. Insbesondere neuere Forschungen haben ab 1921 einen Aufschwung kollektiver Militanz und im Selbstvertrauen der ArbeiterInnen, der Gewerkschaften und Fabrikskomitees nachweisen k&#246;nnen.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> Zwar legten die Ma&#223;nahmen der B&#252;rgerkriegszeit die Grundlage f&#252;r die Eliminierung proletarischer Autonomie und Initiative,<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> aber unabh&#228;ngige politische Strukturen der ArbeiterInnen waren in der ersten H&#228;lfte der 1920er Jahre immer noch lebendig. Von einer politischen Desintegration der ArbeiterInnenklasse kann vielleicht in der B&#252;rgerkriegszeit gesprochen werden; die Argumentation, die diesen Prozess in die erste H&#228;lfte der 1920er projiziert, und daraus ein Argument zu stricken versucht, das bestimmte b&#252;rokratische Entscheidungen, und die Aush&#246;hlung der Institutionen proletarischer Demokratie, mit den „objektiven Umst&#228;nden“ erkl&#228;rt, ist nicht l&#228;nger haltbar.</p>
<h3>Neue &#214;konomische Politik</h3>
<p>Die 1921 beschlossene „Neue &#214;konomische Politik“ (NEP) war als tempor&#228;rer Kompromiss konzipiert, der privaten Handel f&#246;rdern sollte, insbesondere um die Tauschverh&#228;ltnisse zwischen Stadt und Land wieder zu beleben. Nur ein Ausgleich mit der Bauernschaft k&#246;nne, so das Kalk&#252;l, die Revolution bis zur Internationalisierung des Prozesses, retten. Begleitet waren diese Ma&#223;nahmen von einer partiellen R&#252;cknahme hochzentralisierter staatlicher Kontrolle der Wirtschaft der B&#252;rgerkriegszeit.<br />
Vom Standpunkt des Proletariats aus erschien die NEP allerdings als grunds&#228;tzlich widerspr&#252;chlich. Einerseits sollten die Unternehmen verlustfrei arbeiten und die L&#246;hne sollten sich an der Produktivit&#228;t orientieren; die Vorgaben f&#252;r das Fabriksmanagement bedeuteten somit, dass die staatlichen Betriebe nicht un&#228;hnlich zu privatkapitalistischen zu f&#252;hren waren. Gleichzeitig war jedoch seit 1922 gesetzlich festgeschrieben, dass L&#246;hne durch kollektive Verhandlungen mit den Gewerkschaften vereinbart und von der Belegschaft ratifiziert werden mussten; die t&#228;gliche Arbeitszeit war auf acht Stunden beschr&#228;nkt, &#220;berstunden wurden mit 150 Prozent abgegolten, und M&#252;tter hatten Anspruch auf eine 16-w&#246;chige Karenzzeit. Konflikte wurden in Kommissionen in w&#246;chentlichen Sitzungen ausgehandelt, die parit&#228;tisch aus Management und ArbeiterInnen zusammengesetzt waren. Alleine 1924 und 1925 wurden in den Moskauer „Hammer und Sichel“-Werken 13.000 Beschwerden eingereicht, die in zwei Drittel der F&#228;lle zum Vorteil der ArbeiterInnen gel&#246;st wurden.<br />
Die sich aus dieser Situation ergebende grundlegende Spannung zwischen der Steigerung der &#246;konomischen Effizienz und der Verteidigung der Rechte und Interessen der ArbeiterInnen sollte im Laufe der 1920er Jahre besonders deutlich werden und auch heftige Konflikte nach sich ziehen.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Dass diese Konflikte – sei es im Arbeitskampf oder am Verhandlungstisch – auch ausgetragen wurden, zeigt aber gleichzeitig, dass die &#228;ltere These, nach der das NEP-Regime seine Ziele und Politiken repressiv durchsetzte,<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> nicht mehr haltbar ist. In k&#252;rzlich ver&#246;ffentlichten Berichten der Staatspolizei GPU wurden zwischen 1922 und 1928 bei mehr als 3.000 Streiks nur sechs F&#228;lle angef&#252;hrt, bei denen streikende ArbeiterInnen verhaftet wurden.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a><br />
Trotz der widerspr&#252;chlichen Situation der fr&#252;hen NEP-Zeit kontrollierten die ArbeiterInnen &#252;ber weite Strecken den Produktionsprozess. Diane Koenker hat in ihrer Studie &#252;ber die Moskauer Druckindustrie erl&#228;utert, dass die ArbeiterInnen Mitte der 1920er Jahre noch die Kontrolle in vier Schl&#252;sselbereichen aus&#252;bten: „gegen&#252;ber dem Management, in Fragen der Disziplin, Methoden der Entlohnung und der Organisation des Arbeitsprozesses.“<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> Der Arbeitsprozess war hier also der kapitalistischen Verwertungslogik noch nicht untergeordnet. Auch Kevin Murphy konnte zeigen, dass „das politische Leben in den Fabriken in der NEP-Zeit immer noch sehr dynamisch, lautstark und durchsetzungsf&#228;hig war. … Trotz der vielen Schw&#228;chen war die Revolution noch lebendig und das System in den Fabriken unterschied sich grundlegend vom kapitalistischen.“<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a></p>
<h3>Verschiebung der Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse</h3>
<p>Etwa Mitte der 20er Jahre l&#228;sst sich eine Verschiebung des Kr&#228;fteverh&#228;ltnisses zuungunsten der ArbeiterInnen feststellen, als sich Partei- und Gewerkschaftsstrukturen zunehmend in Institutionen zur Durchsetzung produktivit&#228;tsorientierter Politik und zur Disziplinierung der ArbeiterInnen transformierten. Damit einher ging die Implementierung einer h&#228;rteren Linie des Managements in den Fabriken gegen&#252;ber der ArbeiterInnenschaft. Ein bezeichnendes Beispiel f&#252;r diese Verschiebung ist die abnehmende Intensit&#228;t der ArbeiterInnenk&#228;mpfe – waren militante Streiks zu Beginn der genannten Epoche charakteristisch f&#252;r die Artikulation von Interessen sowie f&#252;r die Austragung von Konflikten, z&#228;hlten sie in der sp&#228;ten NEP Zeit zumeist nur noch zu Ereignissen der Vergangenheit.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> Am Beispiel der Belegschaft der „Hammer und Sichel“-Werke zeigt Murphy, dass die Militanz der ArbeiterInnen bis Fr&#252;hjahr 1924 deutlich anstieg. Danach sind jedoch keine weiteren Berichte &#252;ber Streikaktivit&#228;ten f&#252;r dieses Jahr und nur einer f&#252;r 1925 bekannt. Weitgehend in die Defensive ger&#252;ckt, verstummten im Laufe der zweiten H&#228;lfte der 20er Jahre offensive Forderungen der ArbeiterInnen, etwa nach Lohnerh&#246;hungen. Stattdessen wurde in den Auseinandersetzungen am Arbeitsplatz versucht, gegen die Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsbedingungen anzuk&#228;mpfen.<br />
Wie ist diese Verschiebung zu erkl&#228;ren, wenn es keine Anzeichen verst&#228;rkter staatlicher Repression gab? Kevin Murphy hat &#252;berzeugend ausgef&#252;hrt, dass die Gewerkschaften eine wichtige Rolle bei dieser Entwicklung gespielt haben. Sie wurden h&#228;ufig bei Konflikten herangezogen und von staatlicher Seite erfolgreich zur Befriedung von Streiks eingesetzt.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a> Als sich ab 1925 die &#246;konomische Situation versch&#228;rfte, konnte der Staat seine Position gegen&#252;ber der ArbeiterInnenklasse st&#228;rken. Dieser Prozess, die damit verbundene zunehmende B&#252;rokratisierung sowie der Aufstieg des stalinistischen Fl&#252;gels sind an eine Reihe von Faktoren, soziale Prozesse und K&#228;mpfe gekn&#252;pft. Das Ausbleiben der von den Bolschewiki erhofften internationalen Revolution, die damit einhergehende Frage nach milit&#228;rischer Verteidigung, die Isolierung Sowjetrusslands sowie der globale Wettbewerb spielten ebenso eine Rolle wie interne Widerspr&#252;che und Konflikte.<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> Schon im B&#252;rgerkrieg bildete sich in der Sowjetunion eine gesellschaftliche Schicht heraus, die sich in ihrer Einstellung und polischen Sto&#223;richtung von den Idealen des Jahres 1917 entfernte. Zu Beginn der 1920er Jahre befand sich dieser Prozess der Entstehung einer neuen herrschenden Klasse noch in seinem Anfangsstadium. Im Laufe der NEP-Zeit traten jedoch die widerspr&#252;chlichen Beziehungen zu den ArbeiterInnen immer st&#228;rker zu Tage. In den ersten Jahren der Neuen &#214;konomischen Politik sicherten sich jene Gruppen, die sp&#228;ter der herrschenden Klasse angeh&#246;ren sollten, ihre Positionen in Staat und Gesellschaft. Im Zentrum dieses Prozesses standen Teile der Parteielite, die sich vor allem durch ihre politische Macht und durch die Kontrolle &#252;ber den Staatsapparat auszeichnete. Doch die zuk&#252;nftige herrschende Klasse setzte sich noch aus weiteren Fragmenten zusammen: „technische Spezialisten“, „kommunistische Manager“ oder Parteibeamte, die w&#228;hrend der NEP oft auch in &#228;u&#223;erst konflikthaften Beziehungen zueinander standen, reklamierten materielle Privilegien f&#252;r sich und bem&#252;hten sich darum, ihre Vorrechte zu legitimieren.<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Zu diesen Privilegien z&#228;hlten z.B. h&#246;here L&#246;hne, Wohnm&#246;glichkeiten, medizinische Versorgung oder Kinderbetreuung. Auch wenn diese Vorrechte im ersten Moment bescheiden anmuten, so bedeutete ihre Existenz dennoch einen wesentlichen Bruch mit den Zielen der Revolution. Die Tatsache, dass h&#246;here L&#246;hne und sonstige Beg&#252;nstigungen auf einmal an einen bestimmten Posten gebunden waren, signalisierte eine Unterlaufung der Prinzipien des Egalitarismus.<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a> Eine weitere Ver&#228;nderung, die den Abgrenzungsprozess der sich formierenden Gruppe verst&#228;rkte, war die Etablierung einer strengeren Kontrolle &#252;ber die Verteilung von Informationen, die die politische und &#246;konomische Situation betrafen, sowie die den Mitgliedern zugesprochene Immunit&#228;t.<a title="anm_49" name="anm_49" href="#anm49"><sup>49</sup></a> Parteimitglieder die versuchten, die Privilegienstruktur der Elite mit Hilfe des Klassenbegriffs zu analysieren, wurden in den Untergrund getrieben.<a title="anm_50" name="anm_50" href="#anm50"><sup>50</sup></a> Trotz all dem war diese Schicht w&#228;hrend der NEP weit davon entfernt, eine einheitliche Fraktion mit klar definierten Zielen zu sein.<a title="anm_51" name="anm_51" href="#anm51"><sup>51</sup></a><br />
Die Verschiebungen der Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse in der zweiten H&#228;lfte der NEP zeigen sich auch darin, dass das Gebot der Produktivit&#228;t st&#228;rker an Gewicht gewann.<a title="anm_52" name="anm_52" href="#anm52"><sup>52</sup></a> Die ArbeiterInnenschaft bekam die Auswirkungen der intensivierten Produktivit&#228;t deutlich zu sp&#252;ren – sie war es, die unter schlechten Lebensverh&#228;ltnissen und zu niedrigen L&#246;hnen entscheidend zur raschen Industrialisierung beitrug. Zudem nahm in der zweiten H&#228;lfte der NEP-Zeit die Arbeitslosigkeit zu. Die drohende Arbeitslosigkeit wiederum verst&#228;rkte das Aufbrechen der Solidarit&#228;t innerhalb der ArbeiterInnenschaft. Br&#252;che zwischen m&#228;nnlichen und weiblichen, jungen und alten ArbeiterInnen sowie zwischen neu in der Stadt angesiedelten B&#228;uerInnen, die in den St&#228;dten Arbeit suchten, und der urbanen ArbeiterInnenschaft entwickelten und versch&#228;rften sich,<a title="anm_53" name="anm_53" href="#anm53"><sup>53</sup></a> aber auch antisemitische Stereotype gewannen an Boden.<a title="anm_54" name="anm_54" href="#anm54"><sup>54</sup></a> Fabrikmanager versuchten mittels einer „Teile-und-herrsche-Politik“ ihre eigene Position zu st&#228;rken, indem bewusst darauf abgezielt wurde, Spaltungen innerhalb der ArbeiterInnenschaft voranzutreiben: mittels Disziplinierung der ArbeiterInnen durch Lohnpolitik, durch die Androhung von Arbeitslosigkeit oder durch Bestrafung einzelner ArbeiterInnen.<a title="anm_55" name="anm_55" href="#anm55"><sup>55</sup></a><br />
Die Konflikte reflektieren deutlich die Entwicklung der staatlichen Politik unter dem Banner der Produktivit&#228;t und den damit einhergehenden Untergang egalitaristischer Tendenzen. Die Intensivierung des Arbeitsprozesses, die Senkung der Reall&#246;hne sowie die sich verschlechternden Lebensverh&#228;ltnisse wurden zu einem integralen Bestandteil des Industrialisierungsplans.<a title="anm_56" name="anm_56" href="#anm56"><sup>56</sup></a> Der Widerspruch der NEP-Zeit zwischen Effizienzprinzipien und ArbeiterInnendemokratie spiegelt sich auch im wankelm&#252;tigen Verhalten der Gewerkschaften. Die gro&#223;e Mehrheit der ArbeiterInnen war gewerkschaftlich organisiert. Der Beitritt zu einer Gewerkschaft war freiwillig und mit einer Reihe an (Sozial-)Leistungen verbunden.<a title="anm_57" name="anm_57" href="#anm57"><sup>57</sup></a> Obwohl die Gewerkschaften in der sp&#228;ten NEP-Zeit immer st&#228;rker von den ArbeiterInnen f&#252;r ihre Politik kritisiert wurden, und sich letztere der mittlerweile h&#246;chstens nur noch defensiven Haltung ihrer gew&#228;hlten Vertretung durchaus bewusst waren, wandten sich die ArbeiterInnen mit ihren Forderungen dennoch weiterhin an die Gewerkschaften. Im Allgemeinen &#252;berwog in der ArbeiterInnenschaft die Hoffnung auf Reformen innerhalb der bestehenden Institutionen – eine Tatsache, der f&#252;r den weiteren Transformationsprozess eine wesentliche Bedeutung zukommt: dem Staat gelang es, „den Unmut der ArbeiterInnen durch offizielle Gewerkschaftsstrukturen erfolgreich zu kanalisieren.“<a title="anm_58" name="anm_58" href="#anm58"><sup>58</sup></a> Die Erwartungshaltung der ArbeiterInnen und die damit verbundenen wiederholten Versuche, sich mit Forderungen und Beschwerden an bestehende Einrichtungen zu wenden, erkl&#228;rt auch, warum keine unabh&#228;ngigen Organisationsstrukturen entstanden, die der arbeiterInnenfeindlichen Politik etwas entgegenzusetzen hatten. Dieses Verhalten kn&#252;pfte jedoch an durchaus positive Erfahrungen der ArbeiterInnen in den Betrieben an: lange Zeit hatten ihre Interessen Gewicht gehabt und ihre Forderungen waren umgesetzt worden.</p>
<h3>Konterrevolution von oben</h3>
<p>Die Jahre 1927-28 bedeuteten einen eindeutigen Bruch in der Geschichte der Sowjetunion. Gegen Ende der NEP-Zeit verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage ma&#223;geblich. Maschinenanlagen, die nicht erneuert werden konnten, verursachten immer h&#228;ufiger Betriebsausf&#228;lle in der Industrie. Nach mehreren aufeinanderfolgenden schwachen Ernten kam es zu Hungersn&#246;ten und Revolten auf dem Land. Die Krise hallte in den St&#228;dten wider, da die Nahrungsmittelengp&#228;sse Auswirkungen auf die Versorgung der StadtbewohnerInnen hatten.<a title="anm_59" name="anm_59" href="#anm59"><sup>59</sup></a> Das Regime griff erneut auf das Mittel der Getreiderequirierungen zur&#252;ck. Zu den obersten Zielvorgaben der staatlichen Wirtschaftspolitik geh&#246;rte die Steigerung der Produktion, der Vorsatz, die Sowjetunion von einem Agrar- in einen Industriestaat zu verwandeln sowie wirtschaftliche Unabh&#228;ngigkeit vom kapitalistischen Ausland sicherzustellen. Verwirklicht werden sollte dieses Programm mit Hilfe eines f&#252;nfj&#228;hrigen Entwicklungsplans. Die Umsetzung dieses F&#252;nfjahresplans brachte jedoch Umstrukturierungen und substantielle gesellschaftliche Ver&#228;nderungen mit sich. Jene &#220;berreste an demokratischen Strukturen und ArbeiterInnenkontrolle, die von der Revolution noch &#252;brig geblieben waren, fanden ein j&#228;hes Ende.<a title="anm_60" name="anm_60" href="#anm60"><sup>60</sup></a> Formelle sowie informelle Organisationsstrukturen am Arbeitsplatz wie au&#223;erhalb, die 1917 eine wesentlich Rolle gespielt hatten, waren entweder zerst&#246;rt oder transformiert.<a title="anm_61" name="anm_61" href="#anm61"><sup>61</sup></a> Mit dem ersten F&#252;nfjahresplan setzte die stalinistische F&#252;hrung ihr Programm der forcierten Industrialisierung durch, dessen Realisierung auf Kosten der ArbeiterInnen und der Landbev&#246;lkerung ging.<a title="anm_62" name="anm_62" href="#anm62"><sup>62</sup></a> Der Aufbau der Schwerindustrie wurde auf Kosten der Konsumg&#252;terindustrie vorangetrieben.<br />
Die vorrangige polit&#246;konomische Funktion dieser „stalinistischen Konterrevolution“ lag in der Produktion der Bedingungen f&#252;r die Akkumulation von Kapital. Tony Cliff argumentiert in <em>Staatskapitalismus in Russland</em>, dass zu Beginn des F&#252;nfjahresplans die wesentlichen Elemente eines kapitalistischen Systems pr&#228;sent gewesen w&#228;ren: verst&#228;rkte Kapitalakkumulation, eine die Produktionsmittel kontrollierende, herrschende Klasse und die Ausbeutung der ArbeiterInnenklasse, deren Mehrarbeit die Industrialisierung erm&#246;glichte.<a title="anm_63" name="anm_63" href="#anm63"><sup>63</sup></a> Die mit dem F&#252;nfjahresplan einhergehenden Ver&#228;nderungen in den Fabriken waren mindestens ebenso grundlegend wie jene im Jahr 1917. Die von staatlicher Seite angestrebten Umstrukturierungen zielten gerade auf jene Institutionen der Revolution ab, die um 1917 und w&#228;hrend der NEP-Zeit die Rechte der ArbeiterInnen verteidigten.<a title="anm_64" name="anm_64" href="#anm64"><sup>64</sup></a> Wie Murphy am Beispiel der Moskauer „Hammer und Sichel“-Werke zeigt, markiert der Zeitpunkt der Durchsetzung der forcierten Industrialisierung eine elementare Transformation proletarischer Organisationsstrukturen, wie etwa des Fabrikkomitees. Urspr&#252;nglich zur Vertretung der Interessen der ArbeiterInnen gegr&#252;ndet, war das Komitee Ende der 20er Jahre in sein Gegenteil verkehrt worden: in ein Werkzeug/Ausf&#252;hrungsorgan des Managements, um die Produktivit&#228;t zu steigern, die Arbeitszeit zu verl&#228;ngern und die Kosten zu senken.<a title="anm_65" name="anm_65" href="#anm65"><sup>65</sup></a><br />
Auch die Gewerkschaften waren von den Umstrukturierungen nicht ausgeschlossen. Obwohl sie in den letzten Jahren der NEP-Zeit nicht in jedem Fall im Interesse der ArbeiterInnen gehandelt hatten, regte sich in den Reihen der Gewerkschaftsf&#252;hrungen Unzufriedenheit &#252;ber das neue Industrialisierungsprogramm, das einer „Bestrafung der ArbeiterInnenklasse“ gleichk&#228;me.<a title="anm_66" name="anm_66" href="#anm66"><sup>66</sup></a> Von Seiten des stalinistischen Fl&#252;gels wurde in der Folge eine Kampagne gegen die Gewerkschaften gestartet, die diesen vorhielt, der „Produktivit&#228;t im Wege zu stehen“.<a title="anm_67" name="anm_67" href="#anm67"><sup>67</sup></a> Paradoxerweise wurde zudem ausgerechnet den Gewerkschaften „gewerkschaftliches Verhalten“ vorgeworfen. S&#228;mtliche Opponenten innerhalb der Gewerkschaft, die nicht mit den Zielsetzungen der Regierung &#252;bereinstimmten, wurden aus ihren Positionen gedr&#228;ngt. Die Aufgabe der Gewerkschaften beschr&#228;nkte sich, &#228;hnlich wie die der Fabrikkomitees, anschlie&#223;end nur mehr darauf, unter staatlicher Aufsicht die Ausbeutungsrate zu erh&#246;hen und den Arbeitsprozess zu kontrollieren. Geheimpolizei und Gef&#228;ngnislager unterst&#252;tzten diesen Prozess der „Revolution von oben“.<a title="anm_68" name="anm_68" href="#anm68"><sup>68</sup></a> Die Herausbildung des neuen Regimes war – im Unterschied zu den Entwicklungen der 20er Jahre – mit starker staatlicher Repression verbunden.<a title="anm_69" name="anm_69" href="#anm69"><sup>69</sup></a> &#214;ffentliche Kritik verstummte und politischer Protest wanderte in den Untergrund, Streiks waren nicht l&#228;nger Teil des Klassenkonflikts und politische Verhaftungen h&#228;uften sich. Trotzdem regte sich Widerstand – am st&#228;rksten an jenen Orten, an denen gewerkschaftliche Strukturen entweder nicht vorhanden oder sehr schwach waren (und sich in der NEP-Zeit unabh&#228;ngige Oppositionsnetzwerke entwickelt hatten).<a title="anm_70" name="anm_70" href="#anm70"><sup>70</sup></a> Nicht zuletzt weisen die zahlreichen, immer h&#228;ufiger durchgef&#252;hrten Verhaftungen darauf hin, dass die stalinistische Konterrevolution nicht g&#228;nzlich ohne Auflehnung und Protest vonstatten gegangen ist.</p>
<h3>Schw&#228;chen der Opposition</h3>
<p>Zweifelsohne beg&#252;nstigten die „objektiven“ gesellschaftlichen und &#246;konomischen Verh&#228;ltnisse in der Sowjetunion den Aufstieg der B&#252;rokratie. Doch, so betont John Eric Marot, trugen auch die politischen und theoretischen Fehler der Linksopposition um Trotzki, der st&#228;rksten Oppositionsstr&#246;mung in den 1920ern,<a title="anm_71" name="anm_71" href="#anm71"><sup>71</sup></a> nicht unwesentlich zur Niederlage der Revolution bei.<a title="anm_72" name="anm_72" href="#anm72"><sup>72</sup></a><br />
Nach dem B&#252;rgerkrieg gab es Bestrebungen, die volle innerparteiliche Demokratie in der bolschewistischen Partei wieder auszubauen. Tats&#228;chlich brach mit der NEP-Zeit auch eine &#196;ra hei&#223;er politischer Debatten und Kontroversen an. Doch der zuvor beschriebene Degenerationsprozess und die Entdemokratisierung auf Fabriksebene fanden ihre Entsprechung in einem eng damit verkn&#252;pften B&#252;rokratisierungsprozess innerhalb der Partei, der sich nach dem Tod Lenins weiter versch&#228;rfte.<br />
Zwischen den m&#228;chtigsten Pers&#246;nlichkeiten und potentiellen Nachfolgern Lenins traten Spannungen auf, die zu heftigen Fl&#252;gelk&#228;mpfen f&#252;hrten. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen stand vor allem die Frage nach der optimalen Strategie der Industrialisierung des Landes, dessen &#214;konomie nach wie vor angeschlagen und das international isoliert war. 1924 wurde Trotzki von der so genannten Troika, bestehend aus Kamenev, Zinoviev und Stalin aus seiner Position in der Regierung gedr&#228;ngt. Zuvor hatte er die B&#252;rokratisierung der Partei scharf kritisiert und war f&#252;r eine beschleunigte Industrialisierung, die das Proletariat st&#228;rken sollte, eingetreten. Im Jahr darauf wandten sich Zinoviev und Kamenev gegen Bucharin, ein heftiger Verteidiger der NEP, mit dem Vorwurf, Bucharin w&#252;rde eine „&#252;berm&#228;&#223;ig-bauernfreunliche Politik“<a title="anm_73" name="anm_73" href="#anm73"><sup>73</sup></a> betreiben. Doch Stalin, der zu dieser Zeit voll hinter Bucharin stand, verdr&#228;ngte beide aus ihren Positionen und bildete mit Bucharin und dem Gewerkschaftsf&#252;hrer Tomski vor&#252;bergehend die Parteispitze. Gemeinsam trat die neue Troika f&#252;r die Weiterf&#252;hrung der NEP und f&#252;r die Doktrin des „Sozialismus in einem Land“ ein. Schlie&#223;lich, 1926, bildete Trotzki gemeinsam mit Zinoviev und Kamenev die Vereinigte Opposition. Daraufhin wurden Vertreter dieser Opposition zuerst aus dem Politb&#252;ro und anschlie&#223;end aus der Partei ausgeschlossen. Als sich die Krise der Getreideversorgung versch&#228;rfte, machte die stalinistische Politik noch einen entscheidenden Schwenk und rief 1928 zu einer offensiveren Agrarpolitik und dem „entscheidenden Kampf“ gegen „rechten Opportunismus“ auf. Die „rechte Opposition“, an deren Spitze Bucharin stehen sollte und die kaum als organisierte Kraft bezeichnet werden konnte, wurde ebenfalls zerschlagen und Bucharin aus dem Politb&#252;ro vertrieben. Mit diesem „Rundumschlag“ sowie dem konsequenten Vorgehen gegen die Vereinigte Opposition wurden die letzten Reste innerparteilicher Demokratie endg&#252;ltig ausgel&#246;scht.<a title="anm_74" name="anm_74" href="#anm74"><sup>74</sup></a><br />
Die Rolle Trotzkis und der Opposition in diesen Auseinandersetzungen kann veranschaulicht werden, wenn ein Blick auf Trotzkis Analyse der politischen Situation in den 20er Jahren geworfen wird. Seiner Auffassung zufolge w&#252;rden die objektiven Interessen der ArbeiterInnen von jener Fraktion der Partei vertreten, die nach der Entwicklung der Industrie und der Kollektivierung der Landwirtschaft strebt. Diese Fraktion stelle den „Linken Fl&#252;gel“ der Partei dar – zu dem Trotzki sich selbst z&#228;hlte. Der „Rechte Fl&#252;gel“ bezeichne jene Str&#246;mung, die f&#252;r die volle Entfaltung der Marktmechanismen der NEP eintrete und an deren Spitze Bucharin st&#252;nde. Das stalinistische „Zentrum“ schlie&#223;lich w&#252;rde zwischen diesen beiden Positionen schwanken. Doch genau jenes Programm, das von Trotzki dem „Linken Fl&#252;gel“ zugeordnet wurde, das Programm der forcierten Industrialisierung und der Kollektivierung der Landwirtschaft, wurde Ende der 20er Jahre vom stalinistischen Fl&#252;gel umgesetzt.<br />
Trotzki und die Linke Opposition hatten dementsprechend keine programmatische Basis mehr, die der stalinistischen Str&#246;mung entgegenzuhalten gewesen w&#228;re. Die Opposition stellte sich nicht gegen die Politik der forcierten Industrialisierung und Kollektivierung, sondern war im Gegenteil der Meinung, die stalinistische Politik der Kollektivierung und Industrialisierung sei sozialistische Politik, zu der es keine Alternative gebe. Folglich fanden die Proteste und der Widerstand der ArbeiterInnen und B&#228;uerInnen gegen diese Politik keine Unterst&#252;tzung durch die Vereinigte Opposition.<a title="anm_75" name="anm_75" href="#anm75"><sup>75</sup></a> Marot r&#252;ckt an dieser Stelle die Kritik an Trotzkis Substitutionismus in den Mittelpunkt. Trotzki h&#228;tte die historischen Interessen der ArbeiterInnenklasse, die seiner Ansicht nach von der Partei verk&#246;rpert w&#252;rden, der tats&#228;chlich existierenden ArbeiterInnenklasse mit ihren allt&#228;glichen Bed&#252;rfnissen und materiellen Interessen gegen&#252;ber gestellt.<a title="anm_76" name="anm_76" href="#anm76"><sup>76</sup></a> Da er die russische kommunistische Partei weiterhin f&#252;r die Vertreterin der Interessen der ArbeiterInnenklasse hielt, trat Trotzki f&#252;r einen Einparteienstaat ein und stimmte 1921 auch dem (vor&#252;bergehenden) Fraktionsverbot zu.<a title="anm_77" name="anm_77" href="#anm77"><sup>77</sup></a> Marot verweist auf die schweren Konsequenzen von Trotzkis Vers&#228;umnis, ArbeiterInnendemokratie bedingungslos zu einem integralen Bestandteil seiner Konzeption des &#220;bergangs zum Sozialismus gemacht zu haben.<a title="anm_78" name="anm_78" href="#anm78"><sup>78</sup></a> ArbeiterInnen und B&#228;uerInnen w&#228;ren der Politik der Kollektivierung und Industrialisierung – w&#228;ren sie gefragt worden – wohl eher kritisch gegen&#252;ber gestanden. F&#252;r sie bedeutete &#246;konomische Entwicklung in erster Linie intensivierte Ausbeutung. Zudem h&#228;tte Trotzki, so Marot, die Sowjetunion problematischer Weise nach wie vor als einen Arbeiterstaat betrachtet – wenn auch als einen degenerierten. Er h&#228;tte hingegen nicht erkannt, dass die B&#252;rokratie eine „Klasse im Werden“ darstellte, die mit eigenen Interessen ausgestattet war – welche wiederum in einem grunds&#228;tzlichen Gegensatz zu jenen der ArbeiterInnen und der Landbev&#246;lkerung stehen w&#252;rden.<a title="anm_79" name="anm_79" href="#anm79"><sup>79</sup></a> Da die B&#252;rokratie nicht als eine eigene soziale Kraft verstanden wurde, die bereits eine Eigendynamik entwickelt hatte, wurde auch &#252;bersehen, dass die Partei, bzw. die immer dominanter werdende stalinistische Fraktion selbst zur Repr&#228;sentantin dieser B&#252;rokratie mutierte. Trotzki bewertete die Proteste der ArbeiterInnen gegen die B&#252;rokratie nicht als Manifestation eines Interessenkonflikts, sondern als ein Zeichen politischer Unreife und „Kulturlosigkeit“.<a title="anm_80" name="anm_80" href="#anm80"><sup>80</sup></a> Die Opposition um Trotzki unterst&#252;tzte zwar durchaus &#246;konomische Forderungen der ArbeiterInnen in den Fabriken, aber keine politische Kritik an Stalin.<a title="anm_81" name="anm_81" href="#anm81"><sup>81</sup></a> Die Linke Opposition lehnte die Bildung einer eigenen Partei kategorisch ab. Wie Murphy zeigt, existierte w&#228;hrend des ersten F&#252;nfjahresplans weitgehend Unzufriedenheit unter den ArbeiterInnen. Die Opposition versuchte allerdings nicht, als organisierte Kraft an diese Proteste anzukn&#252;pfen. Als Trotzki um 1933 seine Ansichten &#228;nderte und f&#252;r eine politische Revolution gegen die stalinistische B&#252;rokratie aufrief, was es bereits zu sp&#228;t: der Stalinismus und mit ihm die neue herrschende Klasse war bereits vollst&#228;ndig konsolidiert.</p>
<h3>Zusammenfassung</h3>
<p>Die von den subalternen Klassen in der Oktoberrevolution erk&#228;mpften demokratischen Selbstverwaltungsstrukturen deuteten f&#252;r kurze Zeit die M&#246;glichkeit einer postkapitalistischen Vergesellschaftungsform an. Der soziale, politische und &#246;konomische Zusammenbruch der B&#252;rgerkriegszeit jedoch, zusammen mit der Isolation der Revolution, schuf nicht nur einen Bruch zwischen ArbeiterInnen und Staat, sondern formte auch die gesellschaftlichen Bedingungen, in denen sich der Stalinismus entwickeln konnte.<br />
In der fr&#252;hen NEP-Zeit konnten die Br&#252;che – trotz der vielen Entbehrungen – tendenziell wieder gekittet werden. ArbeiterInnen wandten sich an ihre VertreterInnen in den Fabrikskomitees und die gewerkschaftlichen Institutionen; sie beteiligten sich an den Massenversammlungen; sie streikten und erwarteten dabei (realistischerweise) die Unterst&#252;tzung von Partei und Staat. Mitte der 1920er konnte ein Kompromisszustand durchgesetzt werden, in dem in (gewerkschaftlichen) Vermittlungsinstanzen die Anliegen der ArbeiterInnen ausverhandelt wurden. Der „Waffenstillstand“ zwischen Staat und Klasse konnte die Militanz der ArbeiterInnen abschw&#228;chen und die Beteiligung an und das Vertrauen in die Sowjet-Institutionen verlieh dem Fabriksregime einen entscheidenden Grad an Legitimit&#228;t.<br />
Dieser ausgehandelte Kompromiss wurde in der sp&#228;ten NEP-Zeit durch das Projekt nationaler &#246;konomischer Entwicklung – kombiniert mit der tiefen sozialen Krise – ausgeh&#246;hlt. Durch die Angst vor Arbeitslosigkeit und das schwindende Vertrauen in kollektive Aktion gerieten die ArbeiterInnen in die Defensive. Spaltungen innerhalb der Klasse nahmen zu und die Gewerkschaftsf&#252;hrer traten den „organisierten R&#252;ckzug“ an. Zunehmend wurden die betrieblichen Strukturen von Partei und Gewerkschaft in Instrumente der produktivistischen Industrialisierungsstrategie &#252;berf&#252;hrt. Dennoch blieben die meisten ArbeiterInnen gegen&#252;ber „ihren“ Organisationen loyal. Es war diese Loyalit&#228;t und das Vertrauen in die gewerkschaftliche Verhandlungsmacht, und nicht staatliche Repression, die zum Abklingen der Militanz der ArbeiterInnen f&#252;hrte. Die widerspr&#252;chliche Rolle der Gewerkschaften – einerseits als Institutionen zur Verteidigung der ArbeiterInneninteressen, andererseits als staatlich gef&#252;hrte Institutionen – brach mit der Offensive des Regimes gegen die ArbeiterInnenklasse gegen Ende der NEP voll auf. Die Rhetorik des Regimes konnte keine aktive Zustimmung mehr organisieren; der Staat verlie&#223; sich mehr und mehr auf den sozialen Druck loyaler Parteikader zur Einsch&#252;chterung ihrer KollegInnen, den gezielten Einsatz der staatlichen Kontrolle &#252;ber die Lebensmittel als Disziplinierungswaffe, und die Repression gegen Oppositionsstr&#246;mungen.<br />
Im Zuge des ersten F&#252;nf-Jahres-Plans schlie&#223;lich wurden die letzten Reste von ArbeiterInnenkontrolle beseitigt. Der Sieg des Stalinismus war deshalb weder logische Folge noch Kulminationspunkt von 1917, sondern Endpunkt einer Konterrevolution, in der sich die kapitalistische Akkumulationsdynamik gegen eine Form gesellschaftlicher Organisierung basierend auf den Bed&#252;rfnissen der Menschen durchsetzte.<br />
Dieser Degenerationsprozess kann nicht allein auf „objektive“ Umst&#228;nde zur&#252;ckgef&#252;hrt werden. Die g&#228;ngige Argumentation der sozialistischen Linken im Gefolge Trotzkis und Lenins, die behauptet, die Desintegration der ArbeiterInnenklasse im B&#252;rgerkrieg habe zur paradoxen Situation gef&#252;hrt, in der die bolschewistische Partei einen ArbeiterInnenstaat kontrollierte, dem seine soziale Basis abhanden gekommen war, ist nicht l&#228;nger haltbar. Viel eher ginge es darum, die politischen Fehler der Oppositionsstr&#246;mungen der 1920er zu benennen und sich nicht auf linke Glaubensbekenntnisse zur&#252;ckzuziehen, die mehr der eigenen Identit&#228;tsstiftung als der historischen Aufarbeitung dienen.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Koenker, Diane P.: Republic of Labor. Russian Printers and Soviet Socialism, 1918-1930, Ithaca/London 2005, 2<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Zur Regierungsbildung vgl. detailliert Rabinowitch, Alexander: The Bolsheviks in Power. The First Year of Soviet Rule in Petrograd, Bloomington/Indianapolis 2007, Kap. 1<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Murphy, Kevin: Revolution and Counterrevolution. Class Struggle in a Moscow Metal Factory, New York/Oxford 2005, 82<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Smith, Steve: The Russian Revolution. A very short introduction, Oxford 2002, 48<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Kadetten, Abk&#252;rzung f&#252;r „Konstitutionelle Demokraten“; b&#252;rgerlich-liberale Str&#246;mung.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Lenin, Wladimir I.: Rede im Moskauer Sowjet der Arbeiter-, Bauern- und Rotarmistendeputierten (23. 4. 1918), in: Werke Bd. 27, Berlin 1974, 219-224, hier 220f<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Chamberlin, W. H.: The Russian Revolution, Princeton 1987, Bd. 2, 171; vgl. Lincoln, Bruce W.: Red Victory. A History of the Russian Civil War 1918-1921, New York 1999; Foglesong, David S.: America’s Secret War against Bolshevism. US Intervention in the Russian Civil War, 1917-1920, Chapel Hill 1995.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Read, Christopher: From Tsar to Soviets. The Russian people and their revolution, 1917-21, London 1996, 292<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Haynes, Mike: Russia. Class and Power, 1917-2000, London 2002, 50<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Lenin urteilte im R&#252;ckblick: „Der ‘Kriegskommunismus’ war durch Krieg und Ruin erzwungen. Es war keine Politik, die den wirtschaftlichen Aufgaben des Proletariats entsprach, und konnte es auch nicht sein. Er war eine zeitweilige Ma&#223;nahme.“ (&#220;ber die Naturalsteuer. Die Bedeutung der neuen Politik und ihre Bedingungen, in: Werke Bd. 32, Berlin 1972, 341-380, hier 355)<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Smith, a.a.O., 49<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Haynes, a.a.O., 49<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Smith, a.a.O., 76f<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Lars Lih sieht darin mehr Kontinuit&#228;t als Bruch im Vergleich zur sp&#228;teren Neuen &#214;konomischen Politik und hinterfragt daher auch die Sinnhaftigkeit des Begriffs „Kriegskommunismus“. (Bread and Authority in Russia, 1914-1921, Berkeley 1990)<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Lih, a.a.O., 260<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Smith, a.a.O., 80<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Koenker, a.a.O., 33<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Osinskij, N.: &#220;ber den Aufbau des Sozialismus (1918), in: Kool, Frits/ Oberl&#228;nder, Erwin (Hg.): Arbeiterdemokratie oder Parteidiktatur, Freiburg i. Br. 1967, 92-126, hier 101, 103, 106, 107<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Vgl. dazu die Debatte am 9. Parteitag 1920, insbesondere die Beitr&#228;ge der Linkskommunisten gegen „b&#252;rgerliche Spezialisten“, und die Kritik der Arbeiteropposition an der Aush&#246;hlung der ArbeiterInnendemokratie.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Koenker, a.a.O., 30<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Ebd., 29<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Ebd., 35<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Diese Formulierungen sind w&#246;rtlich &#252;bernommen aus den Beschl&#252;ssen des ersten Allrussischen Gewerkschaftskongresses vom J&#228;nner 1918. Die Aufgabe der Gewerkschaften sollte sich nach Lenin und Co. nicht auf die Leitung der Wirtschaft konzentrieren sondern auf die p&#228;dagogische Aufgabe der (moralischen, politischen) „Erziehung“ der Massen beschr&#228;nken (allerdings nicht im Sinn der Opposition durch praktische Erfahrungen in der Schaffung neuer Wirtschafts- und Produktionsformen).<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Haynes, a.a.O., 51<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Neben der Verwurzelung in der Bev&#246;lkerung waren noch zwei weitere Faktoren wichtig: das Bekenntnis zum „Selbstbestimmungsrecht der V&#246;lker“ und die Meutereien in der kriegsm&#252;den alliierten Armee.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Zit. n. Pipes, Richard: The Russian Revolution, London 1992-93, 97.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Koenker, a.a.O., 18<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Smith, a.a.O., 54<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Cliff, Tony:  Revolution und revolution&#228;re Organisation. Das Verh&#228;ltnis von Partei und Klasse bei Trotzki (1960/1974), <a href="http://www.sozialismus-von-unten.de/is/archiv/cliff/substitutionismus.html">http://www.sozialismus-von-unten.de/is/archiv/cliff/substitutionismus.html</a><br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Rabinowitch, a.a.O., 60<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Smith, a.a.O., 69<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Ebd., 67<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Zit. n. Cliff, a.a.O.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Kollontaj, Alexandra: Die Arbeiteropposition (1921), in: Kool/Oberl&#228;nder, a.a.O., 182-240, hier 184<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Vgl. Cliff, a.a.O.<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> „Wir f&#252;rchten die Eigeninitiative der Massen, wir f&#252;rchten, der sch&#246;pferischen T&#228;tigkeit der Klasse Spielraum zu geben, wir f&#252;rchten die Kritik, wir haben aufgeh&#246;rt, den Massen zu vertrauen – von da her kommt unser ganzer B&#252;rokratismus.“ (Kollontaj, a.a.O., 229f)<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Vgl. Murphy, a.a.O.<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Vgl. Koenker, a.a.O., am Beispiel der MetallarbeiterInnengewerkschaft und der Moskauer Druckindustrie.<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Murphy, a.a.O., 83<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Koenker, Diane: Labor relations in Socialist Russia. Class values and production values in the Printers’ Union, 1917-1921, in: Siegelbaum, Lewis H. et al. (Hg.): Making Workers Soviet. Power, Class, and Identity, Ithaca 1994, 159-193, hier 192<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Murphy, Kevin: Can we write the history of the Russian Revolution?, in: Historical Materialism 15:2 (2007), 3-19, hier 15. Im Kontrast dazu wurden in den USA unter Pr&#228;sident Wilson allein w&#228;hrend der acht Wochen dauernden antikommunistischen Razzien 1919-1920 mehr als 5.000 ArbeiterInnen arretiert – mehr als in Russland w&#228;hrend den acht Jahren der NEP-Zeit.<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Koenker, Republic of Labor, a.a.O., 141<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Murphy, Kevin: The light that hasn’t failed. An interview with Kevin Murphy, in: International Socialism 110 (2006), 153-166, hier 157f<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Murphy, Revolution and Counterrevolution, a.a.O., 82<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Ebd., 99<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> Haynes, a.a.O., 60ff<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> Pirani, Simon: The Party Elite, the Industrial Managers and the Cells. Early Stages in the Formation of the Soviet Ruling Class in Moscow, 1922-23, in: Revolutionary Russia 19:2 (2006), 197-228, hier 199, 214<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> Ebd., 202<br />
<a title="anm49" name="anm49" href="#anm_49">49</a> Ebd., 200<br />
<a title="anm50" name="anm50" href="#anm_50">50</a> Ebd., 203<br />
<a title="anm51" name="anm51" href="#anm_51">51</a> Murphy, a.a.O., 114<br />
<a title="anm52" name="anm52" href="#anm_52">52</a> Ebd., 87<br />
<a title="anm53" name="anm53" href="#anm_53">53</a> Ebd., 226<br />
<a title="anm54" name="anm54" href="#anm_54">54</a> Ebd., 133<br />
<a title="anm55" name="anm55" href="#anm_55">55</a> Ebd., 102f<br />
<a title="anm56" name="anm56" href="#anm_56">56</a> Ebd., 104<br />
<a title="anm57" name="anm57" href="#anm_57">57</a> Ebd., 95<br />
<a title="anm58" name="anm58" href="#anm_58">58</a> Ebd., 99<br />
<a title="anm59" name="anm59" href="#anm_59">59</a> Ebd., 106<br />
<a title="anm60" name="anm60" href="#anm_60">60</a> Ebd., 227, 193; Haynes, a.a.O., 88<br />
<a title="anm61" name="anm61" href="#anm_61">61</a> Haynes, a.a.O., 73<br />
<a title="anm62" name="anm62" href="#anm_62">62</a> Murphy, a.a.O., 187<br />
<a title="anm63" name="anm63" href="#anm_63">63</a> Cliff, Tony: Staatskapitalismus in Russland. Eine marxistische Analyse, Frankfurt 1975<br />
<a title="anm64" name="anm64" href="#anm_64">64</a> Murphy, a.a.O., 186<br />
<a title="anm65" name="anm65" href="#anm_65">65</a> Ebd., 194<br />
<a title="anm66" name="anm66" href="#anm_66">66</a> Ebd., 178<br />
<a title="anm67" name="anm67" href="#anm_67">67</a> Ebd., 178<br />
<a title="anm68" name="anm68" href="#anm_68">68</a> Haynes, a.a.O., 88f<br />
<a title="anm69" name="anm69" href="#anm_69">69</a> Ebd., 109<br />
<a title="anm70" name="anm70" href="#anm_70">70</a> Vgl. Rossman, Jeffrey J.: Worker Resistance Under Stalin. Class and Revolution on the Shop Floor, Cambridge 2005<br />
<a title="anm71" name="anm71" href="#anm_71">71</a> Es existierten mehrere kleine oppositionelle Gruppierungen – diese waren jedoch meist kurzlebig oder gingen, gar nicht selten, in der Linken Opposition auf.<br />
<a title="anm72" name="anm72" href="#anm_72">72</a> Marot, John Eric: Trotsky, the Left Opposition, and the Rise of Stalinism, in: Historical Materialism 14:3 (2006), 175-206<br />
<a title="anm73" name="anm73" href="#anm_73">73</a> Smith, a.a.O., 111<br />
<a title="anm74" name="anm74" href="#anm_74">74</a> Marot, a.a.O., 179<br />
<a title="anm75" name="anm75" href="#anm_75">75</a> Ebd., 175<br />
<a title="anm76" name="anm76" href="#anm_76">76</a> Ebd., 182<br />
<a title="anm77" name="anm77" href="#anm_77">77</a> Ebd., 181. Wenn Trotzki in Bausch und Bogen behauptete, „da&#223; jeder ernsthafte Fraktionskampf in einer Partei letztlich immer eine Widerspiegelung des Klassenkampfes ist“, so grenzt das an vulg&#228;r-materialistische Interpretationen, die politische Positionen als geradliniges Produkt der jeweiligen materiellen Bedingungen verstehen. (Cliff, a.a.O.)<br />
<a title="anm78" name="anm78" href="#anm_78">78</a> Marot, a.a.O., 178<br />
<a title="anm79" name="anm79" href="#anm_79">79</a> Ebd., 181<br />
<a title="anm80" name="anm80" href="#anm_80">80</a> Ebd., 182<br />
<a title="anm81" name="anm81" href="#anm_81">81</a> Ebd., 195</p>
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		<title>Theorien einer Revolte</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:15:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Hecken, Thomas: 1968. Von Texten und Theorien aus einer Zeit euphorischer Kritik. Bielefeld: transcript 2008, 18,80 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Hecken, Thomas: 1968. Von Texten und Theorien aus einer Zeit euphorischer Kritik. Bielefeld: transcript 2008, 18,80 €<br />
<span id="more-126"></span><br />
Die ganz gro&#223;e Aufregung rund um das vierzigj&#228;hrige Jubil&#228;um von „1968“ hat sich – den Sommermonaten sei Dank – inzwischen gelegt. F&#252;r diejenigen, die trotz des medialen und publizistischen Wirbels im Fr&#252;hjahr noch immer nicht genug bekommen k&#246;nnen, bieten daher die kommenden Monate Gelegenheit, das Ph&#228;nomen „1968“ abseits der ausgetretenen Pfade – zumeist die Nacherz&#228;hlung bekannter Ereignisse, Stichwort Pariser Mai – unter neuartigen Perspektiven zu betrachten. Eine von vielen M&#246;glichkeiten f&#252;r eine solche Ann&#228;herung stellt das B&#252;chlein <em>1968. Von Texten und Theorien aus einer Zeit euphorischer Kritik</em> von Thomas Hecken dar, erhebt dieser Essay doch bewusst den Anspruch, „&#252;ber ein teilweise unbekanntes, wieder vergessenes 1968 zu sprechen“. Wie bereits aus dem Titel ersichtlich, sind es in erster Linie die rund um „1968“ einflussreichen Schriften, Abhandlungen, Theorien und Diskussionen – kurz, intellektuelle Erzeugnisse aller Art – die der rund 180 Seiten umfassende Band ins Ged&#228;chtnis der LeserInnen zur&#252;ckrufen m&#246;chte. Zu diesem Zweck unternimmt der Autor in dem ersten und umfangreichsten von insgesamt drei Kapiteln unter der &#220;berschrift „Politisch-&#246;konomische Kritik“ zun&#228;chst den Versuch, wichtige Argumente der sogenannten Neuen Linken vorzustellen und dabei die vielf&#228;ltigen Zusammenh&#228;nge der einzelnen Themenfelder nachzuzeichnen, indem er zentrale Texte und Reden der Zeit diskutiert. Ausgehend von dem f&#252;r die Neue Linke namensgebenden Artikel des amerikanischen Soziologen C. Wright Mills im <em>New Left Review</em> und ersten Statements des US-amerikanischen SDS (<em>Students f&#252;r a Democratic Society</em>) zu Beginn der 1960er Jahre spannt Hecken im Folgenden einen weiten Bogen &#252;ber demokratie- und kapitalismustheoretische Texte von Herbert Marcuse und J&#252;rgen Habermas oder die antikolonialen Schriften von Frantz Fanon bis hin zu konkreteren, aktivistisch motivierten Beitr&#228;gen &#252;ber feministischen Protest oder die Legitimit&#228;t von Guerillataktik und bewaffnetem Widerstand vom Ende des Jahrzehnts. Wenngleich ob dieser F&#252;lle unterschiedlicher Ans&#228;tze und der Vielzahl der vorgestellten AutorInnen manche Feinheit unter den Tisch f&#228;llt, gelingt es dem Autor in seiner am historischen Verlauf der Proteste und Revolten orientierten Darstellung nicht nur, zentrale Begriffe und Denkfiguren wie „Entfremdung“, „Fokustheorie“ oder „antiautorit&#228;res Verhalten“ verst&#228;ndlich zu machen, sondern auch und besonders, die Wechselwirkung zwischen dem dynamischen Verlauf der realen K&#228;mpfe und den theoretischen Debatten aufzuzeigen. Gerade weil Hecken keine reine Ideengeschichte betreibt, werden hier die &#220;berlegungen und Theoreme der ProtagonistInnen der sp&#228;ten 1960er Jahre in ihrer inneren Logik und handlungsleitenden Funktion ebenso plastisch nachvollziehbar wie praktische und theoretische Radikalisierungstendenzen.<br />
Zugleich f&#252;hrt diese Form der Beschr&#228;nkung auf Texte und Theorien der sogenannten Neuen Linken jedoch auch zu gewissen Verengungen. Denn obwohl der Autor eingangs die beiden Begriffe „Alte“ und „Neue“ Linke problematisiert, erweckt er im Verlauf seiner Darstellung doch manchmal den Eindruck, als handelte es sich bei letzterer um ein geschlossenes, klar definiertes Programm und als w&#228;re allein diese Neue Linke „1968“ einflussreich gewesen. Infolgedessen &#252;berrascht es nicht, dass Hecken etwa die K&#228;mpfe der ArbeiterInnenklasse, die sich im Rahmen widerspr&#252;chlicher Auseinandersetzungen z. T. durchaus innerhalb der Zentren der sogenannten Alten Linken, d. h. der Gewerkschaften sowie der sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien, formierten und eigene, auch theoretische Konzepte hervorbrachten – z. B. das der „Arbeiterselbstverwaltung“ –, praktisch unber&#252;cksichtigt l&#228;sst. Ebenso scheint „1968“ f&#252;r den Autor lediglich in den USA und Mitteleuropa stattgefunden zu haben, erfahren andere L&#228;nder oder Weltregionen und transnationale Vernetzungen in <em>Von Texten und Theorien aus einer Zeit euphorischer Kritik</em> doch keinerlei Aufmerksamkeit. Diese Reproduktion der ohnehin bereits dominanten Bilder von „1968“ setzt sich leider im zweiten Teil des Buches weitgehend fort. Unter dem Titel „Lebensformen“ widmet sich Hecken hier den verschiedenen gegenund jugendkulturellen Str&#246;mungen der sp&#228;ten 1960er Jahre – z. B. Hippies, KommunardInnen, Rockfans oder K&#252;nstlerInnen – sowie deren theoretisch-intellektuellen Bezugspunkten von Wilhelm Reich bis zur Situationistischen Internationale. Dass letztlich auch dieses Kapitel trotz seines vor allem geographisch (zu) engen Fokus lesenswert ist, verdankt es dem Bem&#252;hen des Autors, den LeserInnen einen Einblick in das konfliktbehaftete und zugleich von gro&#223;en inhaltlichen und personellen &#220;berschneidungen gepr&#228;gte Verh&#228;ltnis der gegenkulturellen Bewegungen zu den explizit politisch orientierten Gruppierungen der Neuen Linken zu gew&#228;hren. Wenngleich dabei manches, das bereits aus dem ersten Kapitel bekannt ist, eine Wiederholung findet, macht es sich grade hier bezahlt, dass Hecken konsequent die ProtagonistInnen jener Zeit durch ihre damals ver&#246;ff entlichten Texte und Pamphlete selbst sprechen l&#228;sst. Ebenfalls positiv hervorzuheben ist der Versuch des Autors, der Frage nach einer Vereinnahmung gegenkultureller Lebensformen und somit nach einer m&#246;glichen Verantwortung der „68er-Bewegung“ f&#252;r gegenw&#228;rtige (neo-)liberale Zust&#228;nde nachzugehen. Denn obwohl der These Heckens, diese Bewegung w&#228;re ihrer Intention nach anti-liberal gewesen und k&#246;nnte daher kaum liberalisierende Effekte gehabt haben, nicht zuzustimmen ist, &#246;ffnet diese Fragestellung doch den Blick daf&#252;r, dass die K&#228;mpfe von „1968“ gerade wegen ihrer m&#246;glichen Folgen f&#252;r die Gegenwart ein derart vieldiskutiertes Thema sind.<br />
Speziell aus dieser Perspektive hochinteressant ist schlie&#223;lich auch das Schlusskapitel des Essays, in dem der zeitgen&#246;ssischen „Kritik an der 68er-Bewegung“ nachgegangen wird. Dabei zeigt der Autor, dass wesentliche Argumente gegenw&#228;rtiger Debatten &#252;ber „1968“ nicht unbedingt neu sind, sondern bereits in den sp&#228;ten 1960ern und fr&#252;hen 1970ern als Kritik von konservativen, liberalen, aber auch linken Intellektuellen – von Habermas bis Hobsbawm – ge&#228;u&#223;ert wurden. Die meisten der von Hecken zusammengetragenen Beitr&#228;ge erscheinen folglich zwar ob ihres teilweise alarmistischen Grundtons &#252;bertrieben und zum Teil skurril, wirken in ihrer inhaltlichen Sto&#223;richtung aber gleichzeitig doch seltsam vertraut. Insofern diese zeitgen&#246;ssischen Einsch&#228;tzungen von „1968“ in der gegenw&#228;rtigen Debatte bisher kaum wahrgenommen wurden, l&#246;st der Autor mit dem Schlusskapitel seines Buches tats&#228;chlich den eigenen Anspruch ein, „&#252;ber ein teilweise unbekanntes, wieder vergessenes 1968 zu sprechen“.<br />
Wenngleich dies f&#252;r den Rest des Buches nur bedingt gilt und <em>Von Texten und Theorien aus einer Zeit euphorischer Kritik</em> an mancher Stelle droht, redundant zu werden, ist die Lekt&#252;re des gut lesbaren Essays doch lohnenswert. Dies gilt insbesondere f&#252;r jene, die sich in knapper Form der theoretischen Seite von „1968“ n&#228;hern m&#246;chten und dabei auf eine klare Sprache, Verst&#228;ndlichkeit und Nachvollziehbarkeit Wert legen. Wer dar&#252;ber hinaus ein umfassenderes Bild erhalten und die auch in Heckens Buch angelegte Reduzierung von „1968“ auf eine jugendliche und studentische Revolte in Mitteleuropa und Nordamerika umgehen m&#246;chte, der/die sei z. B. auf die in <a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/dimensionen-der-rebellionen/"><em>Perspektiven</em> Nr. 5</a> rezensierten Sammelb&#228;nde <em>Weltwende 1968</em> von Jens Kastner und David Mayer und <em>1968 und die Arbeiter</em> von Bernd Gehrke und Gerd-Rainer Horn verwiesen.</p>
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