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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Bildung</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Ernten der Krise. Zu den K&#228;mpfen um die &#8220;Internationale Entwicklung&#8221;</title>
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		<pubDate>Tue, 04 Oct 2011 19:01:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>nico</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
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		<description><![CDATA[Das &#252;bergriffige Potenzial einer „Anomal-IE“ – das Linke Hochschulnetz &#252;ber die Internationale Entwicklung als Beispiel widerst&#228;ndiger Bewegungen gegen die neoliberale Umstrukturierung der Universit&#228;t.

Am 13. April unterbrach eine Masse von mehreren hundert Studierenden eine unter dem Motto „Bachelor, was nun?“ laufende geschlossene Veranstaltung, zu der die Uni Wien u.a. die Wirtschaftskammer und den OMV-Vorstand auf das Podium geladen hatte. „Master f&#252;r [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das &#252;bergriffige Potenzial einer „Anomal-IE“ – das <em>Linke Hochschulnetz</em> &#252;ber die Internationale Entwicklung als Beispiel widerst&#228;ndiger Bewegungen gegen die neoliberale Umstrukturierung der Universit&#228;t.<br />
<span id="more-2351"></span><br />
<em>Am 13. April unterbrach eine Masse von mehreren hundert Studierenden eine unter dem Motto „Bachelor, was nun?“ laufende geschlossene Veranstaltung, zu der die Uni Wien u.a. die Wirtschaftskammer und den OMV-Vorstand auf das Podium geladen hatte. „Master f&#252;r Alle!“, war die Antwort an eine Unileitung, die (sich) daran gew&#246;hnen will, Entscheidungen &#252;ber die K&#246;pfe der Universit&#228;tsangeh&#246;rigen hinweg zu treffen, und sich nur mit ausgew&#228;hltem Publikum und fragw&#252;rdigen „ExpertInnen“ zu konfrontieren. Die Aktionen am „Bachelor-Day“, an dem auch die Lehre an der Internationale Entwicklung (IE) ausgesetzt wurde, markieren einen vorl&#228;ufigen H&#246;hepunkt dieses inneruniversit&#228;ren Konfliktes. Was war passiert?</em></p>
<p>Zu Beginn des Sommersemesters &#252;berraschte der scheidende Rektor der Universit&#228;t Wien Georg Winckler mit der Neuauflage einer altbekannten Auseinandersetzung: Der f&#252;r das kommende Wintersemester vorgesehene Start des Masterstudiums IE wird im letzten Moment mit dem Argument der Unfinanzierbarkeit zuerst relativiert und wenig sp&#228;ter auf Grund „inhaltlicher M&#228;ngel“ &#252;berhaupt in Frage gestellt. Dies obwohl der Senat bereits im J&#228;nner 2011 seine Zustimmung f&#252;r einen von Lehrenden und Studierenden ausgearbeiteten Studienplan gegeben hat. Seither wird au&#223;erdem auch mehr oder weniger offen &#252;ber die Beendigung des Bachelors IE nachgedacht. Entsprechend aufgebracht sind nicht nur die Studierenden &#252;ber die wiederholt gebrochenen Versprechen. Ernst bleibt auch die Lage von Lehrenden und administrativem Personal: an der IE sind fast alle prek&#228;r angestellt und nun vom Verlust ihres Arbeitsplatzes bedroht.</p>
<p>Die Vorstellung des Rektorats ist ein englischsprachiger und zugangsbeschr&#228;nkter Eliten-Master der „Development Studies“, der die Motiviertesten und F&#228;higsten aus aller Welt rekrutiert und zu den morgigen TechnokratInnen internationaler Organisationen ausbildet. Dies w&#228;re nichts anderes als die Abschaffung der IE durch die Verkehrung ihrer Anspr&#252;che und Ziele.</p>
<p><strong>1. Die IE ist anders — kurze Geschichte einer Anomal-IE</strong><br />
Der Fokus des Studiums „Internationale Entwicklung“ liegt auf einem transdisziplin&#228;ren Zugang, der sich in einer Verbindung politikwissenschaftlicher, soziologischer, kultur-, wirtschafts- und geo-wissenschaftlicher Ans&#228;tze in der Erforschung globaler Zusammenh&#228;nge und des Ph&#228;nomens „Entwicklung” widerspiegelt. Ein solches transdisziplin&#228;res Vorgehen erm&#246;glicht anwendungs- und problemgeleitete Forschung auf Basis einer kritischen Analyse gegenw&#228;rtiger Gesellschaftsformationen. Diese Herangehensweise scheint angesichts der verschiedenen Krisen unserer Zeit (Wirtschaft, &#214;kologie, Ern&#228;hrung&#8230;) und ihrer gegenseitigen Verstrickung notwendiger denn je. Damit ist die IE innerhalb der deutschsprachigen Universit&#228;tslandschaft ein einzigartiges Studium. Nicht zuletzt deshalb, weil sie sich noch im Rahmen der &#246;ffentlichen Massenuniversit&#228;t entwickelte, als der neoliberale Umbau der Universit&#228;ten schon begonnen hatte.</p>
<p>Die Situation des Projekts gestaltete sich aufgrund fehlender Ressourcen h&#246;chst prek&#228;r. W&#228;hrend die Unsicherheit und fehlende Ausstattung mit Ressourcen mitunter darin begr&#252;ndet liegt, dass das Projekt von der Universit&#228;tsleitung stets nur geduldet, aber eigentlich nicht gewollt war, fand der individuelle Diplomstudiengang IE allergr&#246;&#223;ten Zuspruch von Seiten der Studierenden. Die Inskriptionszahlen explodierten und machten den Studiengang innerhalb weniger Semester zu einem Massenstudium. Bei anhaltendem Zustrom interessierter Studierender f&#252;hrte die Politik der Aushungerung seitens der Unileitung zu untragbaren Zust&#228;nden: die Lehrveranstaltungen waren &#252;berf&#252;llt, es fehlten R&#228;umlichkeiten, der Betrieb wurde bald nur noch durch die Aufopferung bzw. Selbstausbeutung von schlecht bezahlten Lehrenden mit kurzfristigen Arbeitsvertr&#228;gen sowie durch das Engagement von Studierenden aufrechterhalten. Andererseits entstand daraus eine besondere Situation selbstbestimmter Lehre. Das Massenstudium IE war ohne die enge und relativ gleichberechtigte Zusammenarbeit von Lehrenden und Studierenden schlichtweg nicht zu administrieren. Durch den starken R&#252;ckgriff auf studentische TutorInnen, die Gestaltung und Betreuung des Lehrveranstaltungs-Anmeldesystems durch die organisierte Studierendenschaft, ihre Beteiligung an der Lehre, der Ausarbeitung der Studienpl&#228;ne und deren inhaltlicher Schwerpunktsetzung, konnten die negativen Auswirkungen des unterfinanzierten Massenstudiums teilweise abgefedert werden.</p>
<p>Dadurch war es m&#246;glich, der disziplinierenden und vereinheitlichenden Zurichtung des Studiums im Zuge der Bologna-Implementierung zumindest graduell und im Sinne der Erhaltung von individuellen Gestaltungsspielr&#228;umen entgegenzuwirken. Absurderweise trug die Vorgehensweise der Universit&#228;tsleitung zu den Voraussetzungen f&#252;r selbstbestimmte kritische Lehre und auf l&#228;ngere Sicht auch zur Formierung einer widerst&#228;ndigen politischen Praxis bei. Das Rektorat sah sich einem rasch anwachsenden, selbstbewussten Kollektiv gegen&#252;ber.</p>
<p><strong>2. Der Umbau der Hochschulen&#8230;</strong><br />
Aber warum sitzen Wirtschaftskammer und OMV am Podium, wenn es darum geht, den neuen Bachelor-Studienplan zu evaluieren? Begriffe wie „&#214;konomisierung der Bildung“ oder „neoliberale Umstrukturierung“ versuchen einen gesellschaftlichen Prozess zu bezeichnen, der sich in den letzten Jahren beschleunigt hat. Allerdings geht es nicht einfach nur um Bildung, die zu einer Ware f&#252;r den Markt werden soll. Im Mittelpunkt stehen die Studierenden, welche direkt in der kapitalistischen Produktion und deren institutionellen Rahmenbedingungen arbeiten sollen. In den Worten der <a href="http://portal.wko.at/wk/dok_detail_file.wk?angid=1&#038;docid=1367496&#038;conid=482444&#038;stid=557158">Wirtschaftskammer</a> hei&#223;t das etwa, dass das Hochschulstudium als Berufsausbildung und nicht als „akademisch“ oder „wissenschaftlich“ verstanden werden muss und an die Erfordernisse des Arbeitsmarkts angepasst werden soll. Bachelorstudien „sollen klare Bez&#252;ge zu beruflichen Aufgaben in der Wirtschaft aufweisen. Die weiterf&#252;hrenden Studien (Master- bzw. Doktoratsstudium) sollen entweder die erworbene Anwendungsorientierung fortf&#252;hren oder als wissenschafts- bzw. forschungszentrierte Programme gef&#252;hrt werden“. F&#252;r den wissenschaftlichen Nachwuchs soll eine hochselektive „Exzellenzstrategie“ forciert werden und die Privatwirtschaft soll sich durch „Hochschul-Sponsoring“ und „Hochschulstiftungen“ leichter direkt einbringen k&#246;nnen (WK&#214; 2010: 35ff).</p>
<p>F&#252;r eine Wirtschaft zu arbeiten, die im Namen des Standorts st&#228;ndig neue Opfer verlangt und ein gutes und sicheres Leben immer in ferner Zukunft verortet, ist wohl f&#252;r die meisten in unserer Gesellschaft eine leidvolle Erfahrung. Das Interesse der Wirtschaftskammer f&#252;r die Strukturen der Universit&#228;t und ihre Abwertung des „Akademischen“ offenbart, was sich hinter dem Gerede von „Berufsausbildung“/„Employability“ und „Anwendungsorientierung“ versteckt: Menschliche Arbeitskraft ist im Kapitalismus die wichtigste Ware, um die sich alles dreht. Sie muss m&#246;glichst billig, abh&#228;ngig, f&#252;gsam, erpressbar, jederzeit verf&#252;gbar und austauschbar sein – kurz: prek&#228;r. Die Geschichte der „Hochschulreformen“ des letzten Jahrzehnts ist f&#252;r uns Studierende ein Prozess der Zurichtung und Enteignung, der uns auf entfremdete Arbeit vorbereiten soll:</p>
<p>Enteignung jeglichen eigenen Anspruchs an das Studium: was, wozu, wie lange studiert wird, wird uns „von oben“ auferlegt – jede T&#228;tigkeit, die uns nicht dazu ausbildet, in vorgegebenen Berufsbildern zu funktionieren, wird delegitimiert. Jede andere gesellschaftliche Rolle der Massenuni soll undenkbar werden. Selbst die freie Wahl des Studiums soll uns aus den H&#228;nden genommen werden.</p>
<p>Enteignung von Wissen (Dequalifizierung): an die Stelle einer m&#246;glichst umfassenden Ausbildung tritt die enge fachliche Spezialisierung, die nicht nur schneller und billiger ist, sondern uns auch gegen&#252;ber dem/der einzelnen ArbeitgeberIn abh&#228;ngiger macht. Je nach dem, was gerade von uns gebraucht wird, sollen wir uns dann um- oder weiterbilden („Lifelong learning“).</p>
<p>Enteignung von Mitbestimmungs- und Gestaltungsm&#246;glichkeiten („Verschulung“): Studieren ist das m&#246;glichst schnelle Aneignen vorgegebener Wissenshappen in straff organisierten und standardisierten Studienpl&#228;nen. Die „Mindeststudienzeit“ ist schon l&#228;ngst Regelstudienzeit. Verlieren wir Zeit mit Herumschweifen, Vertiefen und eigenwilliger Gestaltung, ist bald die „Toleranz“ vorbei und wir verlieren Beihilfen, Beg&#252;nstigungen und zahlen Studiengeb&#252;hren. Die Vorstellungen und Bestrebungen der Auszubildenden sind potentielle Hindernisse f&#252;r die zielgerechte Ausbildung: Lieber unverbindliche KundInnenbefragungen als demokratische Entscheidungsprozesse! Die Ideologie der „Dienstleistungsuniversit&#228;t“, die Universit&#228;t als Unternehmen und Ausbildung als kaufbares Produkt darstellt, mystifiziert diese autorit&#228;re Umgestaltung, indem sie es &#252;berhaupt erst als selbstverst&#228;ndlich erscheinen l&#228;sst, dass wir als KonsumentInnen kein Recht darauf haben, mitzubestimmen, wie das Produkt ausschauen soll oder gar wie der ganze Betrieb zu funktionieren hat.</p>
<p>Enteignung finanzieller Mittel: die Erzeugung materieller Armut in einem der reichsten L&#228;nder der Welt soll unseren Eigensinn einschr&#228;nken und uns zur Fremdbestimmung disziplinieren. Studierende haben keinen Anspruch auf Mindestsicherung. Studiengeb&#252;hren und andere Belastungen h&#228;ngen &#252;ber unseren K&#246;pfen, sobald wir vorgegebene Bahnen verlassen wollen. Der allgegenw&#228;rtige Mangel soll uns zur Entsolidarisierung und zur Konkurrenz erziehen: unsere Mitstudierenden werden zu FeindInnen und die „Masse“ zur Ursache aller Missst&#228;nde, wie fehlende Seminarpl&#228;tze, knapp verf&#252;gbare Lehrb&#252;cher usw.</p>
<p>Angesichts dieser umfassenden kontinuierlichen Enteignung greift die Debatte um den Finanzierungsnotstand der Universit&#228;ten zu kurz. Der Mangel an Mitteln ist nicht Vernachl&#228;ssigung von Studierenden und ihrer Bildung. Dieser erm&#246;glicht im Gegenteil erst — durch Bezugnahme auf so genannte finanzielle Sachzw&#228;nge — die neoliberale Umstrukturierung der Massenuniversit&#228;ten. Damit versteckt sich hinter der angeblichen Zentralit&#228;t des Themas Bildung im Mund von PolitikerInnen, InteressenvertreterInnen, „ExpertInnen“ und liberalen MeinungsmacherInnen de facto der gewaltf&#246;rmige Umbau der &#246;ffentlichen Massenuniversit&#228;t „von oben“.</p>
<p>Paradebeispiel f&#252;r den Zusammenhang zwischen Unterfinanzierung und Umbau ist die Debatte um Zugangsbeschr&#228;nkungen. Die planm&#228;&#223;ige Ausbildung von ausbeutbarer Arbeitskraft erfordert die „Lenkung der Studierendenstr&#246;me“, wie sie etwa die <a href="http://www.industriellenvereinigung.at/b2318m103">Industriellenvereinigung</a> fordert. Dem steht der freie Hochschulzugang im Weg. An dessen Stelle tritt die „Studienplatzbewirtschaftung“ und das „Zugangsmanagement“. Das schlagende Argument daf&#252;r: freier Hochschulzugang sei nicht finanzierbar. Die von den Studierendenprotesten erzeugte Aufmerksamkeit rund um die fehlende Finanzierung der Hochschulen wird von Regierung und RektorInnen zur Durchsetzung der eigenen Vorstellungen genutzt. Die freie Wahl des eigenen Studiums muss aufh&#246;ren, ein Recht zu sein. Das Studium wird zur Konzession, die man sich verdienen muss und dankbar in Empfang nimmt, nachdem man den Kampf um den Studienplatz gegen die eigenen KollegInnen gewonnen hat.</p>
<p>Am Beispiel der Aushebelung des freien Hochschulzugangs wird sichtbar, dass Unterfinanzierung Strategie ist. Ziel ist eine regierbare Hochschule. Der Angriff im Sinne einer Umstrukturierung der &#246;ffentlichen Massenuniversit&#228;t ist ein Zugriff auf diejenigen, die in ihr studieren und arbeiten. Er zielt darauf ab, Bildung zur Produktion von prek&#228;rer, unterworfener, herrschaftskonformer Arbeitskraft zu machen. Die Ausbildung bereitet dabei auf die Arbeit vor, indem sie selbst schon deren Eigenschaften annimmt: fremdbestimmtes, unm&#252;ndiges T&#228;tigsein unter Zeitdruck. Studieren erleben wir zunehmend als Ausbildungsarbeit, um im neoliberalen System funktionieren zu k&#246;nnen.</p>
<p><strong>3. &#8230; ist krisenhaft!</strong><br />
Die Ware sind schon l&#228;ngst wir selbst! Allerdings sind wir nicht einfach tote Gegenst&#228;nde. Wir sind eine au&#223;erordentlich lebendige Ware! Wir sollen funktionieren. Das System lebt von unserem Tun und will es vorbestimmen. Aber wir k&#246;nnen auch anders! Im Eigensinn der lebendigen Arbeit steckt die Grenze des Kapitalismus.</p>
<p>Das Hindernis sind wir selbst. Unsere intellektuelle Neugier, die &#252;ber einzelne Disziplinen und spezifische Berufsausbildungen hinausgeht. Unsere solidarische Haltung gegen&#252;ber unseren Mitmenschen, der Gesellschaft und der Natur, die die normative Vorstellung des egoistischen, Nutzen maximierenden „homo oeconomicus“ und den Imperativ der Konkurrenz untergr&#228;bt; unsere Scheu vor sinnloser, entfremdeter Arbeit; unsere F&#228;higkeit, zu kritisieren.</p>
<p>Die Jahre der „Hochschulreformen“, der Enteignungen und der Einf&#252;hrung neuer Zw&#228;nge, sind auch die Jahre, in denen die StudentInnenrevolten in ganz Europa an die Tagesordnung zur&#252;ckgekehrt sind: Frankreich, Italien, Spanien, D&#228;nemark, Griechenland, Kroatien, Polen, &#214;sterreich, Niederlande, Deutschland, Gro&#223;britannien&#8230; in welchem Land wurden in den letzten Jahren nicht Universit&#228;ten besetzt, bestreikt oder auf der Stra&#223;e demonstriert? Die Massenmobilisierungen auf Unis und Schulen erreichten an manchen Orten noch nie da gewesene Ausma&#223;e und haben immer wieder Angriffe „von oben“ entschleunigt oder gar r&#252;ckg&#228;ngig gemacht. Prominentes Beispiel ist die R&#252;cknahme eines prekarisierenden Besch&#228;ftigungsgesetzes f&#252;r junge Arbeitende in Frankreich 2006, zu dem die Regierung durch den monatelangen Stillstand der Universit&#228;ten und schlie&#223;lich die Mobilisierung der Gewerkschaften gezwungen wurde. Diese Erfahrung sagt auch viel &#252;ber das neue Verh&#228;ltnis zwischen Studium und Arbeit und deren verschwimmende Grenzen aus. Die Universit&#228;t ist l&#228;ngst nicht mehr der abgekapselte Raum, der er einmal war. Die Auseinandersetzung mit unserer eigenen spezifischen Lage zwingt uns zum Einschreiten ins gesellschaftliche und politische Geschehen, wie neuestens in Spanien, wo die „emp&#246;rte“ Jugend sich die &#246;ffentlichen Pl&#228;tze aneignete und versuchte, Politik anders zu praktizieren. Die Dynamik dieser Konflikte ist ein Wechselspiel von pl&#246;tzlichem Ausbruch massenhaften Ungehorsams und dem R&#252;ckzug ins Private, die nach Vorstellungskraft, politischer Zielrichtung und entsprechender Organisierung schreit. Zentrale Herausforderungen f&#252;r die StudentInnenbewegung sind sowohl der Zusammenschluss mit anderen gesellschaftlichen Kr&#228;ften als auch, die Universit&#228;t als Institution, in der Wissen geschaffen wird, in diesen verallgemeinerten Kampf miteinzubeziehen.</p>
<p>Jedenfalls entpuppt sich der herrschaftsf&#246;rmige Umbau der Hochschulen auch abseits gro&#223;er Zuspitzungen und Revolten keineswegs als gschmeidiges Unterfangen. Die &#246;ffentliche Massenuniversit&#228;t bleibt ein t&#228;glich umk&#228;mpftes Feld: Universit&#228;t wird immer wieder anders gemacht, als sie von den Regierenden gedacht wird. Bei der IE handelt es sich um eine solche Abweichung. „Anomalie“ im Hochschulsystem findet sich &#252;berall dort, wo gelebte Demokratie, studentische Selbst- und Mitbestimmung sowie kritische Wissenschaft und die Aushebelung von Selektionsmechanismen m&#246;glich bleiben. Zentral und konstitutiv f&#252;r den Charakter der IE war dabei immer wieder die direkte Einmischung der Studierenden. Was w&#228;re die IE, wenn sie nicht erk&#228;mpft worden w&#228;re? Indem wir den strukturellen Umbau der Massenuniversit&#228;t undurchf&#252;hrbar machen, k&#246;nnen wir die gesellschaftliche Funktion der Universit&#228;ten umkehren und dazu beitragen, die herrschende Ordnung zu destabilisieren. Wir sind ihre Krise!</p>
<p><strong>4. Die Anomalie ist die Wiege der Krise</strong><br />
Warum die Figur der „Anomalie“? Weil sie uns die Widerspr&#252;chlichkeit der IE erfassen l&#228;sst. Weil sie gleichzeitig ein emanzipatorisches Ver&#228;nderungspotential, als auch Beschr&#228;nktheit und prek&#228;re Existenz ausdr&#252;ckt. Die Anomalie zeichnet sich dadurch aus, dass sie eine Nische, eine Abweichung und nicht die Regel ist. Sie ist nicht das „radikal Andere“, sondern etwas Anderes innerhalb bestimmter systemischer Grenzen. Was bedeutet etwa <a href="http://www.perspektiven-online.at/2009/06/13/kritisch-studieren-an-oesterreichs-universitaeten/">&#8220;kritisches Studieren&#8221;</a> in einer Institution wie der Universit&#228;t, die historisch der Reproduktion von Eliten sowie der Legitimation von Herrschaft gedient hat? Bei der Diskussion um dessen emanzipatorische Wirkungsm&#228;chtigkeit sollte mitbedacht werden, dass – verallgemeinernd ausgedr&#252;ckt – das Studium der IE auch in Zeiten des freien Hochschulzugangs von einer kleinen Minderheit der Gesellschaft in Anspruch genommen wird, die sich gro&#223;teils aus „bildungsb&#252;rgerlichen Schichten“ rekrutiert. Emanzipation erfordert auch den Ausbruch aus einem selbstbez&#252;glichen akademischen Milieu.</p>
<p>Weiters unterliegt die Anomalie immer strengen inneruniversit&#228;ren Grenzen. So handelt es sich bei der IE um ein regul&#228;res Studium, an dessen Ende ein Titel vergeben wird, der sozialen Aufstieg und Privilegien bedeutet. Die IE kann immer nur bis zu einem gewissen Grad aus der etablierten Logik universit&#228;rer Lehre ausbrechen und kritische Freir&#228;ume f&#252;r emanzipatorische Bildung schaffen. Dabei handelt es sich oftmals um einen zeitlich begrenzten Bruch mit und innerhalb der herrschenden Ordnung. Die Anomalie zeichnet sich durch ihre prek&#228;re Existenz aus: sie droht vom System aufgefressen zu werden. Entweder durch frontalen Angriff und schlagartige Beseitigung – wie im Falle der Nicht-Einf&#252;hrung des IE-Masters – oder aber durch langsame Normalisierung und Institutionalisierung. Ein Kampf, der sich auf die blo&#223;e Erhaltung einer Anomalie beschr&#228;nkt, kann daher nicht gewonnen werden; immer wieder aufs Neue droht die Anomalie in den Sog gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen gezogen zu werden und sich darin aufzul&#246;sen.</p>
<p>Mit dem ausklingenden Wintersemester 2010 und nach langj&#228;hrigen Studi-Protesten schienen sich die Verh&#228;ltnisse an der IE normalisiert zu haben. Mit der Einf&#252;hrung des Bachelors war ein stetiger Zufluss von Ressourcen, eine schrittweise Institutionalisierung als befristete „Forschungs- und Lehrplattform“ und eine entsprechende Planbarkeit verbunden – es musste nicht mehr jedes Semester aufs Neue um die n&#246;tigen Mittel f&#252;r die Fortsetzung der Lehre gebangt werden. Diese Ver&#228;nderungen blieben nicht ohne Konsequenzen f&#252;r die innere Zusammensetzung des Studiengangs und f&#252;hrten unter anderem zu einer Einschr&#228;nkung der Gestaltungsspielr&#228;ume f&#252;r die Studierendenschaft – der selbstverwaltete Charakter der Lehre litt unter dem Prozess der Institutionalisierung.</p>
<p>Vor allem aber kann sich die IE als einzelnes Studium nicht zur G&#228;nze den Angriffen entziehen, die in Form von Universit&#228;tgesetz-Novellierungen oder europaweit konzertierter Bildungspolitik daherkommen. Das Diplomstudium wurde zwangsweise aufgelassen. Die neue zugangsbeschr&#228;nkende Studieneingangsphase (STEOP) macht seit diesem Herbst auch vor der IE nicht halt. Diese sieht am Anfang des Studiums alles entscheidende Modulpr&#252;fungen vor, die den Leistungsdruck auf Erstsemestrige extrem erh&#246;hen und Doppelstudien praktisch verunm&#246;glichen.</p>
<p>In dieser Situation der normalisierenden Institutionalisierung und der vermeintlichen Sicherheit schlug die Nicht-Finanzierung des IE-Masters ein wie eine Bombe. Die daraus resultierende existenzielle Bedrohung des gesamten Studiengangs verdeutlicht nicht nur den immer prek&#228;ren Charakter der Anomalie. Sie erinnert auch an die Zeit vor der schrittweisen Institutionalisierung und daran, dass schon um die Etablierung des Individuellen Diplomstudiengangs gek&#228;mpft werden musste; dass die Anomalie selbst das Ergebnis von K&#228;mpfen ist und Ausgangspunkt neuer K&#228;mpfe werden kann: Sp&#228;testens ab 2007 formierte sich offener studentischer Protest gegen die Politik der Aushungerung von Seiten der Universit&#228;tsleitung. &#220;ber den eingeengten institutionellen Handlungsspielraum der Basisgruppe IE hinaus radikalisierte sich der Protest im <em>Café IE</em>. Dessen widerst&#228;ndige politische Praxis erlebte durch den Zusammenschluss mit Studierenden verschiedener anderer Studienrichtungen im <em>Widerstandscafé</em> eine erste Verallgemeinerung. Die urspr&#252;nglich partikularen Forderungen der Internationalen Entwicklung bekamen eine gesamtuniversit&#228;re Dimension. Das <em>Widerstandscafé</em> wurde in den folgenden zwei Jahren zu einer treibenden Kraft politischer K&#228;mpfe an der Universit&#228;t Wien, bis es im Herbst 2009 in der Besetzungsbewegung aufging. Der Zusammenhang zwischen „Partikularit&#228;t“ und „Verallgemeinerung“, bzw. zwischen „Anomalie“ und „Bewegung“ wurde damals besonders deutlich: ein wichtiger Teil der Studierenden, die am 22. Oktober 2009 das Audimax besetzten und damit die gr&#246;&#223;te Unibewegung seit Jahren ausl&#246;sten, waren IE-Studierende, die um ihr Studium k&#228;mpften und kurz zuvor eine entsprechende Vollversammlung abgehalten hatten. Die „allgemeine Ersch&#252;tterung“ von <a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/02/10/die-explosion-eines-politischen-unbehagens/"><em>unibrennt</em></a> wirkte damals positiv auf die Verh&#228;ltnisse an der IE zur&#252;ck.</p>
<p>Es geht also um diesen Sprung im Kampfzyklus, der aus dem Kampf der Anomalie um ihre eigene Existenz entstanden ist. Die Verallgemeinerung der K&#228;mpfe bedeutet dabei nichts als die konsequente Antwort auf den Umbau der Massenuniversit&#228;t; sie wird zur Notwendigkeit. Wir brauchen den Zusammenschluss mit allen, die vom Umbau in und au&#223;erhalb der Universit&#228;ten betroffen sind!</p>
<p>Der Kampf um die Anomalie ist nicht nur um ihrer selbst Willen wichtig. Vielmehr bietet sie ein Terrain f&#252;r die Formierung widerst&#228;ndiger Subjekte, die sich wiederum nur in der Anbindung an gr&#246;&#223;ere gesellschaftliche K&#228;mpfe und im Anschluss an politische Kampfzyklen wirklich konstituieren k&#246;nnen. Das ist, was die Anomalie so interessant und wichtig macht. Der Kampf der Anomalie um ihre Existenz kann und soll &#252;ber die Verteidigung des Bestehenden hinausgehen. Die IE zeigt, dass der Umbau der Massenuniversit&#228;t sich keineswegs reibungslos vollzieht, sondern eine politische Durchsetzung ben&#246;tigt. Ansonsten ger&#228;t der Umbau in die Krise. Wir wollen seine Krise! Die Anomalie tr&#228;gt den Keim dieser Krise in sich.</p>
<p><strong>5. Was passiert innerhalb der Uni Wien?</strong><br />
Die Rolle der Unileitung muss im Kontext des strukturellen Umbaus der Massenuniversit&#228;t gesehen werden. Die Verwandlung der Hochschule in eine Produktionsst&#228;tte f&#252;gsamer Arbeitskraft kann n&#228;mlich nicht ohne Ver&#228;nderung inneruniversit&#228;rer Machtverh&#228;ltnisse vonstatten gehen: wer nie etwas mitentscheiden durfte, wird auch im sp&#228;teren Leben keinen Anspruch darauf erheben. Demokratische Mitbestimmung ist im Sinne eines „effizienten Entscheidungsprozesses“ ein Hindernis. Das ideologische Gewand dieser autorit&#228;ren Umstrukturierung ist jenes der „Dienstleistungsuniversit&#228;t“. Die Universit&#228;t soll ausschauen wie ein Unternehmen. Und Demokratie h&#246;rt bekanntlich an der T&#252;rschwelle aller Unternehmen auf. An der Spitze der Universit&#228;t stehen jetzt ein Management (Rektorat) und ein Aufsichtsrat (Unirat) – von den &#252;blichen konservativen Seilschaften besetzt. Die „Universit&#228;tsreformen“ verleihen der alten Unihierarchie mehr Macht &#252;ber die Universit&#228;tsangeh&#246;rigen und machen sie gleichzeitig zu einer gewichtigen Akteurin des Umbaus.</p>
<p>Seit der UG-Novelle 2009 besitzt der Rektor etwa die alleinige Kompetenz &#252;ber Finanzierungsfragen. Am Beispiel der IE wird ersichtlich, dass ihm dies weit mehr erlaubt: das gewaltsame Eingreifen in die inhaltliche Ausgestaltung der Studienpl&#228;ne &#252;ber die K&#246;pfe der Kollegialorgane hinweg, welche nicht ohne seine finanzielle Zusicherungen arbeiten k&#246;nnen. Monokratische Entscheidungsstrukturen zu Gunsten des Rektors werden durch die bewusste Logik der gegenseitigen Ausspielung verschiedener Universit&#228;tsebenen und Fakult&#228;ten nach dem Prinzip des „Teile und Herrsche“ abgesichert. Wird irgendwo Kohle frei, weil das Management beschlossen hat, etwas nicht zu finanzieren, erhoffen sich alle anderen davon Vorteile.</p>
<p>Es besteht insofern auch kein Interessensgegensatz zwischen Regierung und Unileitung. Eher haben wir es mit einer integrierten Doppelherrschaft zu tun, die es den Instanzen erlaubt, jeweils die Verantwortung von sich zu schieben: Das Ministerium verteidigt die eigenen Angriffe als Reformen, die an sich gut, aber von den „autonomen“ Universit&#228;ten schlecht umgesetzt w&#228;ren (wie bei der Debatte rund um die Bologna-Architektur). Die RektorInnen und DekanInnen wollen ihre gezielten Ma&#223;nahmen gegen freies Studieren, selbstverwaltete R&#228;ume und demokratische Mitbestimmung mit dem Argument der Ressourcennot durchsetzen, f&#252;r die doch leider die Regierung verantwortlich sei (und diese jammern sie periodisch in &#246;ffentlichen Briefen und Auftritten an). Die gesellschaftlichen Machtverh&#228;ltnisse st&#252;tzen sich auf inneruniversit&#228;re Machtverh&#228;ltnisse (und umgekehrt). Die Universit&#228;tshierarchie fungiert als Agentin von Entdemokratisierung und kapitalistischem Zugriff auf die Universit&#228;t und ihre Subjekte. Dadurch werden gesellschaftliche Verh&#228;ltnisse (an)greifbar. Dr&#228;ngen wir die Diktatur des Rektorats zur&#252;ck! Erobern wir R&#228;ume und M&#246;glichkeiten zur autonomen Gestaltung der Universit&#228;t und brechen wir die Grenzen zwischen Universit&#228;t und anderen gesellschaftlichen Bereichen auf!</p>
<p><strong>S&#228;en wir die Krise,<br />
seien wir die Krise!</strong><br />
Sonst k&#246;nnen wir alle sehen, wo wir bleiben&#8230;</p>
<p>Es handelt sich bei diesem Artikel um Ausschnitte aus der gleichnamigen <a href="http://linkeshochschulnetz.at/index.php?site=180&#038;subsite=156">Brosch&#252;re</a> des <em>Linken Hochschulnetz</em>.</p>
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		<title>Eliten-Bildung</title>
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		<pubDate>Sat, 28 Aug 2010 16:28:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
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		<description><![CDATA[Trotz gro&#223;er l&#228;nderspezifischer Unterschiede gewinnen Eliten in ganz Europa an Macht und
Einfluss. Florian Reiter sprach mit dem Soziologen Michael Hartmann &#252;ber die soziale Herkunft der Eliten und die Rolle des Bildungssektors in ihrer Reproduktion.

Wenn man &#252;ber Eliten spricht, &#252;berkommt eineN meist das unangenehme Gef&#252;hl der Machtlosigkeit. Wie gro&#223; ist der Einfluss von Eliten in der Gesellschaft &#252;berhaupt und welche kollektiven [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Trotz gro&#223;er l&#228;nderspezifischer Unterschiede gewinnen Eliten in ganz Europa an Macht und<br />
Einfluss. Florian Reiter</em> sprach mit dem Soziologen <em>Michael Hartmann</em> &#252;ber die soziale Herkunft der Eliten und die Rolle des Bildungssektors in ihrer Reproduktion.<br />
<span id="more-1599"></span><em><br />
Wenn man &#252;ber Eliten spricht, &#252;berkommt eineN meist das unangenehme Gef&#252;hl der Machtlosigkeit. Wie gro&#223; ist der Einfluss von Eliten in der Gesellschaft &#252;berhaupt und welche kollektiven oder strukturellen M&#246;glichkeiten gibt es, den Einfluss von Eliten zu vermindern?</em></p>
<p>Der Einfluss der Eliten ist sehr gro&#223;, weil sie gesellschaftlich ma&#223;gebliche Entscheidungen in einem relativ kleinen Kreis treffen k&#246;nnen. Wenn beispielsweise das h&#246;chste Gericht entscheidet, dass Studiengeb&#252;hren zul&#228;ssig sind, bedarf es schon sehr massiver Proteste von unten – die viel schwerer zu organisieren sind als die kleinen Kreise oben – um das wieder zu Fall zu bringen. Das ist in der Wirtschaft sehr &#228;hnlich. Wenn bei Daimler entschieden wird, die Mercedes C-Klasse in den USA zu produzieren, dann kommt diese Entscheidung relativ schnell zustande, weil sich da nur ein paar Leute verst&#228;ndigen m&#252;ssen. Um diese Entscheidung wieder zu kippen, m&#252;ssten sich unten etliche tausend Besch&#228;ftigte organisieren. Das ist nicht unm&#246;glich, aber sehr viel schwieriger. Eliten k&#246;nnen sehr viel schneller und unmittelbarer entscheiden, so dass das in der Realit&#228;t dann auch schnell wirksam wird. Widerstand muss immer in der Breite organisiert werden, aber es gibt Beispiele, bei denen das erfolgreich funktioniert hat. Zum Beispiel konnten in Hessen die Studiengeb&#252;hren durch massive Proteste der Studierenden wieder abgeschafft werden. Damit hat niemand gerechnet, weil Studiengeb&#252;hren ein Lieblingskind der Eliten waren. In &#214;sterreich sind die Studiengeb&#252;hren ja auch wieder abgeschafft worden. Das hei&#223;t, es ist m&#246;glich, aber es ist schwer, weil man viele Menschen um ein bestimmtes Anliegen herum organisieren muss und der Widerstand auch eine gewisse Dauer haben muss. Wenn man das nur punktuell macht, dann lassen sich Eliten davon nicht beeindrucken. Es gibt nur eine M&#246;glichkeit, Eliten etwas entgegenzusetzen: breite Teile der Bev&#246;lkerung m&#252;ssen sich organisieren. Wie die Organisierung konkret aussieht, das ist h&#246;chst unterschiedlich. Das k&#246;nnen eher locker organisierte Bewegungen wie die Antikriegs- oder die Antikernkraftbewegung sein, das k&#246;nnen Gewerkschaften sein oder partei&#228;hnliche Strukturen. Oder auch eine Bewegung wie in &#214;sterreich bei den j&#252;ngsten Studierendenprotesten. Aber ohne organisierten Widerstand gibt es keine M&#246;glichkeit, den Einfluss von Eliten zu vermindern.</p>
<p><em>In ihrem Buch „Eliten und Macht in Europa“ definieren sie drei f&#252;r Europa zentrale Elitentypen, politische und &#246;konomische Eliten sowie Eliten der Justiz und der Verwaltung. Diese zeichnen sich Ihrer Meinung nach dadurch aus, „dass sie in der Lage sind, qua Position ma&#223;geblichen Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen zu nehmen.“ Woher kommen diese Eliten? Welche gesellschaftlichen Instanzen tragen zu ihrer Herausbildung oder Reproduktion bei?</em></p>
<p>Das ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. Generell kann man sagen, dass in den meisten L&#228;ndern die Wirtschafts- und die Justizelite in ihrer gro&#223;en Mehrheit aus b&#252;rgerlichen oder gro&#223;b&#252;rgerlichen Familien stammen. Bei der Justizelite gilt das mit Abstrichen sogar f&#252;r Skandinavien. Das ist bei der Verwaltungselite und bei der politischen Elite schon sehr viel unterschiedlicher. Bei der politischen Elite kann man traditionell bspw. in Frankreich feststellen, dass sie fast genau so zusammengesetzt ist wie die wirtschaftliche Elite (d.h. ein Anteil von mindestens drei Viertel an B&#252;rger- und Gro&#223;b&#252;rgerInnenkindern). Auch in Spanien und Portugal ist die Zusammensetzung sehr &#228;hnlich. Trotz weniger starker Auspr&#228;gung trifft das auch auf Gro&#223;britannien zu. Demgegen&#252;ber hatten die meisten anderen europ&#228;ischen L&#228;nder zumindest bis Ende des letzten Jahrtausends politische Eliten, die eher aus kleinb&#252;rgerlichen Kreisen stammten. Das ist in &#214;sterreich noch immer zu beobachten und war typisch f&#252;r die Mehrzahl der europ&#228;ischen L&#228;nder. Bei der Verwaltungselite gab es eine Zweiteilung: Es gab ein paar gro&#223;e L&#228;nder, wie Frankreich oder Gro&#223;britannien, Deutschland und Spanien, in denen die Verwaltungselite auch eher b&#252;rgerlich oder gro&#223;b&#252;rgerlich gepr&#228;gt war. Es gab aber eine Mehrheit an L&#228;ndern wie Italien, &#214;sterreich, die Benelux-Staaten, Skandinavien, in denen die Verwaltungselite kleinb&#252;rgerlich gepr&#228;gt war. Das hat sich bei der politischen Elite in vielen L&#228;ndern in den letzten zehn bis 15 Jahren ge&#228;ndert. Die politische Elite, vor allem in Deutschland, ist sehr viel b&#252;rgerlicher geworden. Inzwischen ist sie fast so zusammengesetzt wie die anderen Eliten auch. Statt zu zwei Dritteln aus der Arbeiterschaft oder den Mittelschichten, wie es in den f&#252;nf Jahrzehnten seit 1949 stets der Fall war, kommen die Mitglieder der aktuellen Bundesregierung zu zwei Dritteln aus dem B&#252;rgeroder Gro&#223;b&#252;rgertum.<br />
Die Instanzen, die zur Elitenbildung beitragen, sind europaweit sehr unterschiedlich. Es gibt drei Grundtypen. Der erste Typ, und das trifft auf Frankreich und Spanien zu, zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es elit&#228;re Bildungsinstitutionen und/oder Eliteinstitutionen in der staatlichen Verwaltung gibt, von denen aus Karrieren in der Wirtschaft und in der Politik gestartet werden. Den zweiten Typ repr&#228;sentiert Gro&#223;britannien. Dort gibt es zwar Elitebildungsinstitutionen, aber keine Querverbindungen zwischen den Elitesektoren. Und der dritte Typ, das w&#228;ren alle anderen L&#228;nder. Diese kennen, bisher jedenfalls, keine Elitebildungseinrichtungen und es kommt nur in wenigen F&#228;llen zu einem Wechsel zwischen den verschiedenen Elitesektoren. Auch wenn in dieser Beziehung eine starke Zunahme festzustellen ist, vor allem in Deutschland, ist das entscheidende Kriterium f&#252;r die Homogenit&#228;t und damit auch die St&#228;rke der Eliten in diesen L&#228;ndern noch immer die soziale Herkunft.</p>
<p><em>Das Bildungssystem spielt ja eine zentrale Rolle bei der Herausbildung bzw. der Reproduktion von Eliten. Welche Aufgabe hat es hier prim&#228;r zu erf&#252;llen? Wie wichtig ist die Qualit&#228;t der Ausbildung? Wie wichtig die Herausbildung sozialer Netzwerke und das Erlernen eines klassenspezifischen Habitus?</em></p>
<p>Die zentrale Aufgabe der Bildungsinstitutionen ist die Selektion. Das hei&#223;t, wenn man den Blick auf die Eliten richtet, geht es vor allem darum, einen m&#246;glichst kleinen Teil einer Generation aus der Masse herauszufiltern. Das passiert auf sehr unterschiedliche Weise. Am effektivsten ist sicherlich Frankreich, wo an den drei f&#252;hrenden <em>grandes écoles</em><a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> nur knapp 1000 Personen aus einem Jahrgang aufgenommen werden, die dann f&#252;r jede h&#246;here Position in Frage kommen. Die Situation ist in Gro&#223;britannien durch die Eliteuniversit&#228;ten und die <em>public schools</em> &#228;hnlich, wenn auch die Gruppe, die in diese Institutionen aufgenommen wird, gr&#246;&#223;er ist als in Frankreich.<br />
In den meisten L&#228;ndern, wie in Deutschland oder in &#214;sterreich, geht es prinzipiell erstmal darum, dass diejenigen, die nicht studieren, praktisch keine Chance haben, in die Elite zu kommen. Das hei&#223;t die Entscheidung „Studium ja oder nein?“ ist eine wesentliche Selektionsentscheidung, aber es bleiben dadurch nat&#252;rlich noch immer mehr als genug Personen &#252;brig – viel mehr, als Elitepositionen zu Verf&#252;gung stehen. Daher gibt es dann weitere Selektionsmechanismen im sp&#228;teren Berufsleben. Es gibt in diesen L&#228;ndern zwar soziale Netzwerke, die unterst&#252;tzend wirken k&#246;nnen, aber die sind nicht besonders stark. In &#214;sterreich sind sie zwar etwas bedeutender als in Deutschland (v.a. weil das Land kleiner ist), aber eigentlich kann man nicht wirklich von effektiven Netzwerken reden. Die Qualit&#228;t von Netzwerken ist in der Regel daran gebunden, dass die entscheidenden Bildungsinstitutionen nicht zu gro&#223; sind. Daher gibt es sehr effektive Netzwerke in Frankreich und Gro&#223;britannien (wie bspw. die Etonians<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>). In den meisten europ&#228;ischen L&#228;ndern existieren solche effektiven Netzwerke nicht, da die Massenuniversit&#228;ten daf&#252;r zu gro&#223; geworden sind.<br />
Auch die Herausbildung eines klassenspezifischen Habitus passiert in den meisten L&#228;ndern nicht an den Bildungsinstitutionen, da sie auch daf&#252;r zu heterogen sind. Selbst an einer Eliteuniversit&#228;t wie der LMU<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> in Deutschland sind &#252;ber 40.000 Studierende. Da l&#228;sst sich kein einheitlicher Habitus herausbilden, er kann nur erg&#228;nzt oder verfeinert werden. Das ist in L&#228;ndern wie Frankreich oder Gro&#223;britannien anders. Dort haben Bildungsinstitutionen sicherlich einen gr&#246;&#223;eren Einfluss auf den Habitus. Das gilt besonders f&#252;r Gro&#223;britannien, weil dort die Kinder in sehr fr&#252;hen Jahren schon in Internate kommen. Das f&#228;ngt an den <em>preparatory schools</em> ja schon mit sieben Jahren an, sp&#228;testens aber an den <em>public schools</em> mit dreizehn. Da pr&#228;gen die Schulen die Personen schon sehr stark.<br />
Die Qualit&#228;t der Ausbildung ist kein entscheidendes Kriterium. Es muss eine durchschnittliche Hochschulausbildung gew&#228;hrleistet werden, aber die Institutionen m&#252;ssen in ihrer Qualit&#228;t nicht herausragend sein, schon gar nicht in ihrer wissenschaftlichen Qualit&#228;t. Sieht man sich Frankreich an, so zeigt sich, dass die f&#252;r die zentralen Eliten wichtigen <em>grandes écoles</em> wissenschaftlich nicht &#252;berragend gut sind, aber darauf kommt es auch nicht an. Ihre Funktion ist es prim&#228;r, Eliten herauszubilden, und da sind andere Merkmale entscheidend als eine besonders gute fachliche Ausbildung. Die lernen an den franz&#246;sischen <em>grandes écoles</em> schlicht und einfach wie man in F&#252;hrungspositionen agiert, wie man schnell Entscheidungen trifft, etc. Das hat mit fachlicher Qualit&#228;t erstmal nichts zu tun.</p>
<p><em>Wie und wann lernen sich Kinder und Jugendliche als Eliten zu begreifen?</em></p>
<p>Das ist auch von Land zu Land unterschiedlich. Wenn man in Gro&#223;britannien in relativ jungen Jahren nach Eton kommt, dann ist klar, dass man sp&#228;ter zur Elite geh&#246;rt. Einem Etonian ist das mit dreizehn Jahren schon bewusst. Das geschieht in Frankreich etwas sp&#228;ter, aber wenn man mit 18 oder 19 in eine <em>classe préparatoire</em> in einem ber&#252;hmten Pariser Gymnasium kommt, dann wei&#223; man auch, dass man es schon fast geschafft hat. Sp&#228;testens wenn sie dann an einer renommierten <em>grande école</em> aufgenommen werden. Also noch w&#228;hrend der Ausbildung. Das ist in den meisten anderen europ&#228;ischen L&#228;ndern nicht so. Da wird die Entscheidung, ob man dazugeh&#246;rt oder nicht, erst nach dem Abschluss der Ausbildung getroffen. Das hei&#223;t, dass das Bildungssystem nur eine grobe Vorentscheidung trifft. Wenn man beispielsweise in Deutschland oder &#214;sterreich das Studium der Wirtschaftswissenschaften absolviert hat, hat man eine Chance mal eine Eliteposition zu bekleiden, aber mehr auch nicht. Daf&#252;r gibt es einfach zu viele AbsolventInnen. Von daher begreifen sich Kinder und Jugendliche in L&#228;ndern mit ausgepr&#228;gten Elitebildungsinstitutionen sicherlich fr&#252;her als Elite. Was man in den letzten Jahren, unabh&#228;ngig vom Ausbildungssystem, beobachten kann, ist eine Homogenisierung von Wohnquartieren und Lebensmilieus, so dass die Kinder und Jugendlichen zunehmend nur mehr mit ihresgleichen zu tun haben, und da kann man schon feststellen, dass sie in relativ fr&#252;hen Jahren ein Gesellschaftsverst&#228;ndnis haben, welches in etwa folgenderma&#223;en aussieht: Es gibt oben die „Leistungstr&#228;ger“ (das sind die Eliten und insgesamt die oberen zehn Prozent der Bev&#246;lkerung), dann die Mitte der Bev&#246;lkerung, und unten die „Nieten, Sozialschmarotzer oder Nicht-Leister“. Das hat es in Deutschland vor zwanzig, drei&#223;ig oder vierzig Jahren nicht gegeben, aber das gibt es jetzt auch schon bei 14-, 15-j&#228;hrigen, die ein Verst&#228;ndnis von einer quasi biologischen Unterteilung der Gesellschaft haben. Sie geh&#246;ren in diesem Bild eben zu denen, die oben sind, und das finden sie auch v&#246;llig normal.</p>
<p><em>K&#246;nnen Kinder aus Mittel- oder Unterschichtshaushalten &#252;berhaupt zur Elite werden? Wie sozial geschlossen sind Eliten als Gesellschaftsschicht?</em></p>
<p>Das ist schon m&#246;glich, vor allem in der politischen Elite. Da haben Angeh&#246;rige der Mittel- und Unterschichten die Mehrheit der Elite gestellt, weil man dort hinein gew&#228;hlt werden muss. Vor allem die gro&#223;en Volksparteien konnten, solange sie noch mitgliederstark waren, durch ihre relativ stabilen Basisstrukturen daf&#252;r sorgen, dass die Parteibasis einen erheblichen Einfluss auf die KandidatInnenaufstellung hatte. Wenn da jemand zu gro&#223;b&#252;rgerlich war, dann ist er einfach nicht aufgestellt worden. Das war bei den anderen Eliten schon schwieriger. Am ehesten gab es noch soziale Durchl&#228;ssigkeit in der Verwaltungselite, weil es da bis zu einem gewissen Grad formalisierte Aufstiegswege gab. Bei der Wirtschaftselite waren und sind das immer Ausnahmen geblieben, wenn man von Skandinavien absieht. In den meisten L&#228;ndern ist die Wirtschaftselite doch relativ geschlossen. Man muss jedoch dazu sagen, dass es da auch Besonderheiten gibt. In &#214;sterreich etwa mit der Raiffeisenbank: Das ist keine klassische Gro&#223;bank, sondern eine genossenschaftliche Struktur, und da gibt es auch andere Aufstiegswege. Genauso beim gesamten &#246;ffentlich-rechtlichen Sektor. Das hei&#223;t bei allen Wirtschaftsunternehmen, die sich mehrheitlich im Besitz von St&#228;dten, Bundesl&#228;ndern oder Staaten befinden, sind die Aufstiegswege anders als in der Privatwirtschaft, weil in diesen F&#228;llen politische Einfl&#252;sse eine zentrale Rolle spielen. Da haben ArbeiterInnenkinder oder Mittelschichtskinder eine gr&#246;&#223;ere Chance aufzusteigen.</p>
<p><em>Sie schreiben, dass &#214;sterreich hinsichtlich seiner politischen Eliten sozial eher durchl&#228;ssig ist und einen &#252;berproportional hohen Anteil an ArbeiterInnen an der politischen Elite hat. Was kann von ihnen tats&#228;chlich bewirkt werden? Entfernen sie sich nicht durch ihren Elitenstatus vom Bewusstsein ihrer sozialen Herkunft?</em></p>
<p>Sie m&#252;ssen sich sicherlich ein erhebliches St&#252;ck von ihrem Herkunftsmilieu entfernen. Aber das ist ein langer Prozess. Man wird ja nicht sofort Minister, sondern man entfernt sich St&#252;ck f&#252;r St&#252;ck von der eigenen Herkunft. Das beste Beispiel ist in Deutschland Gerhard Schr&#246;der. Er ist nach seinem Ausscheiden aus der Politik in ein vollkommen anderes Milieu verschwunden und wird sich wahrscheinlich nur mehr in ein paar Punkten an seine Herkunft erinnern.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Entscheidend ist, wie gro&#223; die Anzahl der Personen ist, die aus einem anderen Milieu stammen. Wenn das einzelne Personen sind, werden sie sich in der Regel sehr stark anpassen. Das ist vor allem in der Wirtschaft zu beobachten. ManagerInnen, die einen sozialen Aufstieg hinter sich haben, sind meistens im Umgang mit Besch&#228;ftigten noch h&#228;rter als die anderen ManagerInnen.<br />
Wenn ein Milieu mehrheitlich durch AufsteigerInnen gepr&#228;gt wird, dann spielen die Erfahrungen, die diese mitbringen, noch eine gro&#223;e Rolle. Man kann z.B. grob sagen: Je h&#246;her der Anteil der Mittelschicht- und ArbeiterInnenkinder in den politischen Eliten oder generell in den Eliten ist, desto ausgeglichener sind die Einkommensverh&#228;ltnisse. Das hei&#223;t umgekehrt, je st&#228;rker B&#252;rgerInnen- und Gro&#223;b&#252;rgerInnenkinder die Eliten komplett dominieren, desto st&#228;rker dominieren auch ihre Interessen die Entscheidungen. Das hei&#223;t wiederum: Auch wenn sich die Personen ver&#228;ndern und von ihrer sozialen Herkunft entfernen, bleibt ein Teil ihres Herkunftsmilieus in den K&#246;pfen, solange ein gr&#246;&#223;erer Teil der Elite sozial aufgestiegen ist.</p>
<p><em>Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Elitenreproduktion?</em></p>
<p>Ja nat&#252;rlich, auch wenn das wieder nach L&#228;ndern unterschiedlich ist. Generell sind die Wirtschaftseliten die geschlossensten, was geschlechtsspezifische Reproduktion betrifft. Da bleiben M&#228;nner am ehesten unter sich. In Deutschland hat sich in den letzten zehn, 15 Jahren f&#252;r die Frauen fast gar nichts positiv ver&#228;ndert, in Skandinavien dagegen sehr viel. Am offensten sind die politischen Eliten auch in dieser Frage, weil sie eben gew&#228;hlt werden m&#252;ssen. Wenn man sich in Deutschland nicht nur die Bundeskanzlerin, sondern das Regierungskabinett ansieht, so kann man sagen, dass der Frauenanteil in der politischen Elite zwar nicht repr&#228;sentativ ist, aber Frauen doch gut ein Drittel dieser Positionen bekleiden. &#196;hnliches gilt auch in den meisten anderen europ&#228;ischen L&#228;ndern. Das ist in S&#252;deuropa noch nicht durchg&#228;ngig, aber im spanischen Kabinett ist zum Beispiel jede zweite Position von einer Frau besetzt. Also zusammenfassend: Die politische Elite ist mittlerweile geschlechtsspezifisch relativ durchl&#228;ssig, die wirtschaftliche Elite ist noch immer relativ geschlossen.</p>
<p><em>Werden denn auch in elit&#228;ren Familien Jungen noch immer mehr gef&#246;rdert als M&#228;dchen?</em></p>
<p>Das ist klassischerweise immer noch so. Die Familienmuster, vor allem in der wirtschaftlichen Elite, sind noch relativ traditionell gepr&#228;gt. Es gibt aber zunehmend mehr Familien, in denen die T&#246;chter dann F&#252;hrungspositionen &#252;bernehmen. So gibt es zum Beispiel mittlerweile in Deutschland immer mehr Frauen, die Unternehmen leiten. Das hat sich ver&#228;ndert gegen&#252;ber fr&#252;her, es funktioniert bisher in der Regel in der Wirtschaft aber nur dort, wo elit&#228;re Postionen &#252;ber famili&#228;re Beziehungen wie Heirat oder Erbe besetzt werden.</p>
<p><em>Inwieweit k&#246;nnen Kinder von Eliten ihre Eltern kritisch in Frage stellen und einen anderen Lebensweg w&#228;hlen? Wie viel Druck wird von Seiten den Eltern und dem sozialen Umfeld auf die Kinder ausge&#252;bt, auch Elite zu werden?</em></p>
<p>Die Wahrscheinlichkeit einer kritischen Abwendung ist gering. Es gab und gibt das zwar immer wieder, wie zum Beispiel bei den alten Klassikern Karl Marx und Friedrich Engels. Oder in der j&#252;ngeren Vergangenheit in &#214;sterreich bei Bruno Kreisky oder in Schweden bei Olaf Palme, also innerhalb der Sozialdemokratie. Es gibt immer wieder die Personen, die ihr Herkunftsmilieu kritisch betrachten, mehr oder minder stark, aber das bleiben Ausnahmen. Der Gro&#223;teil der Kinder, die in diesen Verh&#228;ltnissen aufw&#228;chst, &#252;bernimmt das Denken der Eltern. Diese Unterscheidung in Elite und Masse und die Weltsicht, die dazu geh&#246;rt – dass man f&#228;higer ist als andere Menschen und deswegen auch das Recht hat, die Entscheidung &#252;ber andere Menschen zu treffen – ist der Normalfall. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand aus diesem Muster ausbricht, liegt bei deutlich unter zehn Prozent.</p>
<p><em>Warum haben Sie sich dazu entschieden, Elitenforschung zu machen? Was ist das Ziel ihrer Arbeit? Wie viel „Elitenpotenzial“ hatten Sie selbst?</em></p>
<p>Das ist eine Mischung aus Herkunft, politischen Interessen und Zufall. Herkunft deswegen, weil ich selber aus einem gutb&#252;rgerlichen Milieu komme und diese Kreise kenne. Das hei&#223;t, ich wusste schon sehr fr&#252;h, wie diese Menschen denken. Zweitens hat mich eigentlich nicht das Thema Eliten, sondern das Thema Macht interessiert, da ich seit meinem sechzehnten Lebensjahr politisch aktiv bin. Macht in den verschiedensten Formen – in der Schule, bei der Justiz, in der Wirtschaft – und die Frage, wie Machtstrukturen funktionieren, das hat mich immer interessiert. Dadurch kommt man zur Frage der Eliten. Drittens, und das ist der Zufall, war ich f&#252;nf Jahre lang an der juristischen Fakult&#228;t t&#228;tig und habe ein Forschungsprojekt &#252;ber WirtschaftsjuristInnen durchgef&#252;hrt. Das hat mich dann wissenschaftlich auf dieses Thema gebracht. WirtschaftsjuristInnen sind ja eine klassische Gruppe der deutschen Elite und da hat sich in dem Zeitraum, als ich das untersucht habe – Ende der 1980er Jahre – relativ viel ver&#228;ndert. An dem Thema bin ich dann dran geblieben, weil sich das, was mich politisch interessiert – n&#228;mlich Macht – mit meiner wissenschaftlichen T&#228;tigkeit verbinden lie&#223;. Was ich damit erreichen will, ist eigentlich das, was auch Bourdieu immer als generelle Aufgabe von kritischer Wissenschaft bezeichnet hat: Mechanismen aufdecken, die oberfl&#228;chlich nicht erkennbar sind, und das sind die Mechanismen der Macht. Zu zeigen, wie die heutigen Gesellschaften funktionieren, wie diejenigen, die Macht haben, ihre Macht reproduzieren und diese Macht benutzen, um gesellschaftliche Entwicklungen zu steuern. Es geht darum, diese Mechanismen aufzudecken und dar&#252;ber hinaus auch zu zeigen, wo es m&#246;glich ist, von unten Einfluss auf die Dinge zu nehmen. Das alles ist ja nicht naturgesetzlich. Es sind Menschen, die Geschichte machen, und solange Menschen Geschichte machen, kann man von Seite der Masse der Menschen auch Einfluss darauf nehmen.</p>
<p><em>Wie reagieren denn die Eliten selbst auf Ihre Forschung?</em></p>
<p>Das ist uneinheitlich. Die konservativen Medien und die Mehrzahl der Elitenangeh&#246;rigen stehen dem eher skeptisch bis ablehnend gegen&#252;ber. Bei der <em>FAZ </em>oder bei der <em>Welt </em>bekomme ich z.B. recht selten ein Interview. In der <em>FAZ </em>gab<br />
es sogar ein Portrait &#252;ber mich, das einen massiven pers&#246;nlichen Angriff beinhaltete, was meines Erachtens damit zusammenh&#228;ngt, dass Konservativen nicht gef&#228;llt, dass dieses f&#252;r sie selbst so wichtige Thema von einem Linken dominiert wird. Es gibt aber auch dort Kreise, die sich f&#252;r meine Forschungsergebnisse interessieren, entweder aus reiner Neugier oder aber weil sie sich davon erhoffen, ihre eigenen Kreise analytisch genauer kennenzulernen. Das ist aber eine Minderheit. Bei manchen Veranstaltungen bin ich einfach ein interessanter Gespr&#228;chspartner, den man sich mal anh&#246;rt, ohne dass das nennenswerte Konsequenzen f&#252;r das eigene Denken hat. Wenn es um wirklichen politischen Einfluss geht, z.B. beim Thema der Studiengeb&#252;hren, dann ist klar: da sto&#223;en Positionen aufeinander und dann wird auch versucht, meine Position m&#246;glichst weit am Rand zu halten, damit sie politisch keinen Einfluss gewinnt.</p>
<p><em>Danke f&#252;r das Interview!</em></p>
<p><em>Michael Hartmann</em> ist Professor f&#252;r Soziologie an der Technischen Universit&#228;t Darmstadt und der bekannteste Elitenforscher im deutschsprachigen Raum. 2002 ver&#246;ffentlichte er im Campus-Verlag <em>Der Mythos von den Leistungseliten</em>, 2007 ebendort <em>Eliten und Macht in Europa: Ein internationaler Vergleich.</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Die <em>grandes écoles</em> (dt.: gro&#223;e Schulen) sind auf einzelne F&#228;cher oder F&#228;chergruppen spezialisierte Hochschulen, an denen die Elite der franz&#246;sischen Politik und Wirtschaft ausgeblidet wird (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Etonians nennen sich die Absolventen (M&#228;dchen werden nicht zugelassen) der Eliteschule Eton College in England (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Die Ludwig-Maximilians-Universit&#228;t M&#252;nchen wird im Rahmen der deutschen „Exzellenzinititative“ zur „St&#228;rkung der universit&#228;ren Spitzenforschung“ besonders gef&#246;rdert (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Gerhard Schr&#246;der wuchs in &#228;rmlichen Verh&#228;ltnissen auf. Nach seiner Abwahl als deutscher Bundeskanzler ging er in die Privatwirtschaft und ist heute u.a. als Aufsichtsrat eines russischen Gaspipeline-Konsortiums, als Mitglied des Europa-Beirats der Rothschild-Investmentbank und als Berater f&#252;r das chinesische Au&#223;enministerium t&#228;tig (Anm. d. Red.).</p>
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		<title>Rosinenpicken</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:40:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Antifaschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterverhältnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Iran]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
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Die „K&#228;mpfe um Bildung“, denen sich Perspektiven Nr. 10 gewidmet hat, bilden auch anderswo ein zentrales Thema. So sind im aktuellen Programm der Edition PROLLpositions in der Reihe audimarx drei feine Brosch&#252;ren erschienen, die vor allem die Frage „Wie sich (ver-)wehren?“ hochhalten: (1) Das „Kommuniqué aus einer ausbleibenden Zukunft. &#220;ber die Ausweglosigkeit des studentischen Lebens“ (Research & Destroy; audimarx #1) [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-1594"></span><br />
Die „K&#228;mpfe um Bildung“, denen sich <em>Perspektiven</em> Nr. 10 gewidmet hat, bilden auch anderswo ein zentrales Thema. So sind im aktuellen Programm der <em>Edition PROLLpositions</em> in der Reihe <em>audimarx </em>drei feine Brosch&#252;ren erschienen, die vor allem die Frage „Wie sich (ver-)wehren?“ hochhalten: (1) Das „Kommuniqué aus einer ausbleibenden Zukunft. &#220;ber die Ausweglosigkeit des studentischen Lebens“ (Research & Destroy; <em>audimarx #1</em>) wurde im Zuge der Besetzung eines Teils der Universit&#228;t von Santa Cruz verfasst und Anfang Oktober 2009 online publiziert. Neben der Thematisierung des Verh&#228;ltnisses von Studium und Arbeit im Kontext der zunehmenden Transformation von Universit&#228;ten in Fabriken der Wissens(re)produktion, dr&#252;ckt sich in der „Mitteilung“ vor allem auch das dr&#228;ngende Bed&#252;rfnis nach den verbindenden Inhalten unterschiedlicher K&#228;mpfe aus, deren gesellschaftliche Ausgangsbedingungen doch sehr verschieden sind. (2) In „Reformpause!“ (<em>audimarx #2</em>) beschreibt <em>Marion von Osten</em>, wie es nach dem zweiten Weltkrieg zu einer bildungspolitischen Wende in Westeuropa kam und reflektiert dabei diejenigen allgemein-gesellschaftlichen und konkret-kollektiven Bedingungen, die Wissensproduktion &#252;berhaupt erst erm&#246;glichen. (3) Ausk&#252;nfte &#252;ber die erfolgreiche Besetzung der Universit&#228;t in Zagreb sowie &#252;ber die Besetzungsstrategien unserer kroatischen KollegInnen gibt das „Besetzungskuchbuch. Bericht von der Besetzung der Zagreber Philosophischen Fakult&#228;t 2008“ (<em>audimarx #3</em>). Eine zu empfehlende Lekt&#252;re f&#252;r alle ProfibesetzerInnen und diejenigen, die es noch werden wollen.   </p>
<p>Nicht nur die Universit&#228;ten haben im letzten Jahr gebrannt. Auch im Iran gab es eine der gr&#246;&#223;ten Protestbewegungen seit Jahrzehnten. W&#228;hrend <em>Behrooz Rahimi</em> in <em>Perspektiven </em>Nr. 9 in erster Linie das widerspr&#252;chliche Erben der Iranischen Revolution von 1979 analysiert hat, begibt sich <em>James Buchan</em> auf eine weiter angelegte historische Spurensuche nach den Gemeinsamkeiten der verschiedenen Revolutionen im Iran. Er vergleicht nicht nur die Ereignisse vom Juli 2009 mit denen der konstitutionellen Revolution 1905, sondern zieht auch Parallelen zwischen der Pr&#228;sidentschaft Mahmud Ahmadinejads und der Herrschaft Louis-Napoleons (Napoleon III). Bezugnehmend auf Marxens „Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“ (1852), in dem Marx nachweist, dass der Staatsstreich des Louis-Napoleon 1851 in Frankreich das notwendige Ergebnis der vorhergegangenen Entwicklungen war und sich Geschichte oftmals zun&#228;chst als Tragik und dann als Farce wiederholen muss, um sie im Sinne der Befreiung weitertreiben zu k&#246;nnen, sch&#246;pft <em>Buchan </em>Hoffnung f&#252;r politische Ver&#228;nderungen im Iran.</p>
<p>Schwerpunkt von <em>Perspektiven </em>Nr. 9 war allerdings nicht der Iran, sondern die „Ge_schlechte_r_verh&#228;ltnisse im Kapitalismus“. &#196;hnlich wie <em>Katharina Hajek</em> und <em>Benjamin Opratko</em> in ihrem Artikel „Welche Wirtschaft, wessen Krise?“ besch&#228;ftigen sich auch <em>Helene Schuberth</em> und <em>Brigitte Young</em> mit dem Zusammenhang zwischen den „Geschlechtern der Krise“ und der „Krise der Geschlechter“. Die Autorinnen,  zwei der profiliertesten Forscherinnen auf dem Feld der feministischen &#214;konomie, haben mit <em>The Global Financial Meltdown and the Impact of Financial Governance on Gender</em> ein kurzes, aber sehr informatives, Fakten-und-Zahlen-lastiges Paper verfasst. Darin wird – zugespitzt formuliert – aus geschlechterkritischer Perspektive nicht nur danach gefragt, wer die Krise verursacht hat, sondern auch danach, wer davon in welcher Weise und in welchem Ausma&#223; betroffen ist, und – durch die Budgetkonsolidierungen weltweit – in Zukunft sein wird: vor allem Frauen. So reklamieren in diesem Zusammenhang auch <em>Drucilla Barker</em> und <em>Susan F. Feiner</em> im aktuellen <em>Rethinking Marxism</em> (No. 22) Geschlecht als Analysekategorie ein. Sie fokussieren dabei auf die „Feminisierung der Arbeit“ und die Rolle „hegemonialer M&#228;nnlichkeiten“. Frei nach dem Motto Lenins, nach dem jede K&#246;chin dazu in der Lage sein muss, die Staatsmacht auszu&#252;ben (was jedoch sowohl eine Ver&#228;nderung des Staates als auch der Lage der K&#246;chin impliziert), seien hier noch zwei weitere Feministinnen genannt, die sich den krisenhaften Entwicklungen der letzten Jahre vor allem unter dem Aspekt der Bedingungen und M&#246;glichkeiten feministischer K&#228;mpfe widmen. <em>Birgit Sauer</em> fragt (<em>Widerspruch </em>Nr. 57) aus einer feministisch-staatstheoretischen Perspektive nach den Bedeutungen staatlicher Transformationsprozesse f&#252;r die feministische Staatskritik, w&#228;hrend <em>Frigga Haug</em> in einem im Oktober 2009 gehaltenen Vortrag gewohnt luzide die Grenzen von „Umverteilungspolitik“ (auch bezogen auf die Reproduktionsarbeit) aufzeigt und daf&#252;r pl&#228;diert, gerade in der Krise „Geschlechterverh&#228;ltnisse als Produktionsverh&#228;ltnisse“ zu begreifen.<br />
Etwas mehr als Jahr ist vergangen, seit Barack Obama Pr&#228;sident der USA wurde – und wir dies in <em>Perspektiven </em>Nr. 6 zum Anlass nahmen, einen Schwerpunkt zum br&#252;chigen US-Imperium zu gestalten. Die darin von <em>Tobias ten Brink</em> ge&#228;u&#223;erte Skepsis, ob eine Obama-Administration auch nur das Ausma&#223; der Gewalt, das von der Geopolitik des US-Imperiums ausgeht, reduzieren w&#252;rde, hat sich seither best&#228;tigt. Dies zeigt ein Artikel von <em>Tariq Ali</em> in der aktuellen 50-Jahre-Jubil&#228;umsausgabe der <em>New Left Review</em> so deutlich wie drastisch. Seine bittere Bestandsaufnahme der US-Au&#223;enpolitik unter Obama, dargestellt anhand der Brennpunkte Israel/Pal&#228;stina, Irak, Iran, Afghanistan und Pakistan, zeichnet ein ern&#252;chterndes Bild. Er sieht keinen grunds&#228;tzlichen Bruch zwischen den Regierungen Bush I, Clinton, Bush II und Obama. Auch wenn die Analysen ob der K&#252;rze des Artikels manchmal zu vereinfachend wirken und etwa die Beurteilung der Situation im Iran von einem sch&#228;rferen Blick auf K&#228;mpfe von „unten“ profitiert h&#228;tte, ist Alis Beitrag hilfreich, um hinter die sch&#246;ne Rhetorik Obamas zu blicken.<br />
Und noch ein zweiter Beitrag im gleichen Heft l&#228;sst sich hervorragend als Zwischenbilanz des „Obama-Projekts“ lesen. <em>Teri Reynolds</em>, die in Kalifornien als Notfallmedizinerin arbeitet, sendet eine „Depesche aus Oakland“. Ihre lebhafte Beschreibung des Alltags in einem County Hospital macht deutlich, wie – im wahrsten Sinne des Wortes – &#252;berlebenswichtig eine echte Reform des Gesundheitswesens in den USA w&#228;re. Auf den Punkt gebracht: in diesem Land sterben permanent Menschen, weil sie keine Krankenversicherung haben. Die nun durchgesetzte <em>Health Care Reform</em> hat, so Reynolds, in den endlos scheinenden Debatten medizinische und soziale Realit&#228;ten ignoriert und wird daran nichts wesentliches &#228;ndern.</p>
<p>Ebenfalls in der aktuellen (Jubil&#228;ums-)Ausgabe der <em>New Left Review</em> spricht Mike Davis mit sich selbst: Sein „Pessimismus des Intellekts“ zwingt ihn, die desastr&#246;sen und scheinbar unaufhaltsamen Auswirkungen der Transformation von Landschaften und klimatischen Systemen durch die urban-industrielle Gesellschaft, die sich in den Megast&#228;dten des 21.Jahrhunderst konzentriert, zu erkennen. Dieser „analytischen Verzweiflung“ (und einem Antiurbanismus) stellt Davis jedoch einen „Optimismus der Imagination“ entgegen. Dabei argumentiert er f&#252;r eine neue radikal-urbane Vorstellungskraft, die andenkt, St&#228;dte nach &#246;kologischen und sozialen Gesichtspunkten zu organisieren. Letztlich sind es f&#252;r ihn gerade die St&#228;dte und deren typisch urbane Eigenschaften, die einen m&#246;glichen Weg aus den drohenden &#246;kologischen und sozialen Krisen bereitzustellen verm&#246;gen. </p>
<p>Sicher keinen Weg aus den multiplen Krisen der Gegenwart weist die extreme Rechte. Weil sie aber gerade in Krisenzeiten versucht, an Boden zu gewinnen, m&#252;ssen Antifaschismus und Antirassismus gegenw&#228;rtig mehr denn je auf der Agenda der (radikalen) Linken stehen. Zum ersten Mal konnte im Februar 2010 der j&#228;hrlich stattfindende Nazi-Aufmarsch in Dresden blockiert werden. Eine spannende Auswertung der antifaschistischen Mobilisierung nach Dresden liefern <em>Christine Buchholz</em> (Bundestagsabgeordnete DIE LINKE), <em>Steffi Graf</em> (aktiv in DIE LINKE.SDS), <em>Lucia Schnell</em> (DIE LINKE) und <em>Luigi Wolf </em>(DIE LINKE.SDS). Die Kombination aus einem breiten B&#252;ndnis von Parteien, Gewerkschaften, Zivilgesellschaft und antifaschistischen Kreisen sowie die Entschlossenheit der Gegen-DemonstrantInnen, die Nazis vermittels Massenblockaden nicht marschieren zu lassen, f&#252;hrte trotz Diffamierungs- und Illegalisierungskampagnen in Medien, Justiz und Politik zu einem erfolgreichen Ergebnis, so die AutorInnen. Die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der Kampagne in Dresden w&#252;rde auch der antifaschistInnen Linken in &#214;sterreich zu Gute kommen; schlie&#223;lich gibt es gerade hier die Notwendigkeit der Erarbeitung und Evaluierung antifaschistischer Strategien gegen die extreme Rechte.</p>
<p>Zum Nachlesen:</p>
<p>audimarx #1-3 erh&#228;ltlich bei Infost&#228;nden und im Anarchia-Versand (http://www.anarchia-versand.net/index.php/cat/c58_Paedagogik-und-Bildung.html), siehe auch: http://prollpositions.at/, Dezember 2009</p>
<p>Buchan, James: A Bazaari Bonaparte?, in: New Left Review Nr. 59, September-October 2009, 73¬-87</p>
<p>Young, Brigitte/Schuberth, Helene: The Global Financial Meltdown and the Impact of Financial Governance on Gender, in: Garnet Policy Brief Nr. 10, unter: http://www.garnet-eu.org/fileadmin/documents/policy_briefs/Garnet_Policy_Brief_No_10.pdf, 2010, 1-12</p>
<p>Barker, Drucilla /Feiner, Susan: As the World Turns: Globalization, Consumption, and the Feminization of Work, in: Rethinking Marxism Nr. 22, 2010, 246-252</p>
<p>Sauer, Birgit: Wirtschaftskrise, Staat und Geschlechtergerechtigkeit. Paradoxien feministischer Staatskritik, in: Widerspruch Nr. 57, 2009, 33-39</p>
<p>Haugg, Frigga: Geschlechterverh&#228;ltnisse in der Krise, Vortrag gehalten am 10. Okt. 2009 in Aachen, zum Anh&#246;ren unter: http://www.friggahaug.inkrit.de/AachenerVortrag09-10-10.mp3, 2009</p>
<p>Ali, Tariq: President of Cant, in: New Left Review Nr. 61, January-February 2010, S. 99-116</p>
<p>Reynolds, Teri: Dispatches from the Emergency Room, in: New Left Review Nr. 61, January-February 2010, S. 49-57</p>
<p>Davis, Mike: Who will build the ark?, in: New Left Review Nr. 61, January-February 2010, 29-46</p>
<p>Buchholz, Christine/Graf, Steffi/Schnell, Lucia/Wolf, Luigi: Breit und entschlossen Naziaufm&#228;rsche verhindern: Das Erfolgskonzept von Dresden, unter: http://christinebuchholz.de/2010/02/20/breit-und-entschlossen-naziaufmarsche-verhindern-das-erfolgskonzept-von-dresden/, Februar 2010</p>
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		<title>Ein neuer Begriff der Demokratie?</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:21:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
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		<description><![CDATA[Im Jahr 2009 hat die gr&#246;&#223;te Studierendenbewegung in der Geschichte Kroatiens – und
Jugoslawiens – zahlreiche Universit&#228;ten besetzt, um freie Bildung f&#252;r alle zu erstreiten. Stipe &#196;urkovi&#196; zeigt, wie dabei Begriff und Praxis der Demokratie auf radikale Weise ins Zentrum der politischen Debatten gestellt wurden.

Am 20. April 2009 besetzten Studierende der Filozofski fakultet in Zagreb – w&#246;rtlich die Philosophische Fakult&#228;t, aber [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Jahr 2009 hat die gr&#246;&#223;te Studierendenbewegung in der Geschichte Kroatiens – und<br />
Jugoslawiens – zahlreiche Universit&#228;ten besetzt, um freie Bildung f&#252;r alle zu erstreiten. <em>Stipe &#196;urkovi&#196;</em> zeigt, wie dabei Begriff und Praxis der Demokratie auf radikale Weise ins Zentrum der politischen Debatten gestellt wurden.<br />
<span id="more-1514"></span><br />
Am 20. April 2009 besetzten Studierende der <em>Filozofski fakultet</em> in Zagreb – w&#246;rtlich die Philosophische Fakult&#228;t, aber meist als Fakult&#228;t der Sozial- und Geisteswissenschaften &#252;bersetzt – das Fakult&#228;tsgeb&#228;ude. Die Besetzung wurde erst f&#252;nf Wochen sp&#228;ter abgebrochen. Wir betonten damals jedoch, dass dieser R&#252;ckzug keine Geste des Kompromisses oder der Kapitulation war, sondern einzig Konsequenz unserer taktischen und strategischen &#220;berlegungen. Dem zentralen Anliegen der BesetzerInnen, alle Studiengeb&#252;hren gesetzlich abzuschaffen, wurde bis heute nicht nachgegeben. Da das Unterrichtsministerium und die gesamte Regierung auf die Forderung in keiner Weise eingegangen sind, wurde die Besetzung am 23. September 2009 wieder aufgenommen. Ein Ende dieses Kampfes ist nicht in Sicht.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
W&#228;hrend des Fr&#252;hjahrs 2009 folgten zwanzig Fakult&#228;ten in Zagreb und anderen kroatischen Universit&#228;tsst&#228;dten dem Beispiel der <em>Filozofski fakultet</em>, was zur gr&#246;&#223;ten Mobilisierung von Studierenden in der Geschichte des Landes und der Region, die einst als Jugoslawien bekannt war, f&#252;hrte. Damit stellte die Bewegung auch die bescheidene jugoslawische Version von 1968 in den Schatten. Die Protestwelle ging &#252;ber die Grenzen Kroatiens hinaus, als die Universit&#228;t Tuzla in Bosnien und Herzegowina sich den Protesten anschloss. Besetzungsversuche an der Universit&#228;t Belgrad in Serbien scheiterten an schlechter Organisation und Repression seitens der Universit&#228;tsleitung. Die meisten erfolgreichen Besetzungen an anderen Fakult&#228;ten mussten noch vor der <em>Filozofski fakultet</em> in Zagreb aufgegeben werden. An der neuen Protestwelle im Herbst haben sich abermals Fakult&#228;ten in ganz Kroatien beteiligt, wenn sie auch nicht das Ausma&#223; der Besetzungen im Fr&#252;hjahr erreicht hat.</p>
<p><strong>Universit&#228;t als &#246;ffentlicher Raum</strong><br />
In vielerlei Hinsicht unterscheidet sich die Besetzung der <em>Filozofski </em>von &#228;hnlichen Aktionen in Europa. Vor allem ist der regul&#228;re Lehrbetrieb zwar eingestellt, die Tore der Fakult&#228;t bleiben w&#228;hrend der Besetzung jedoch f&#252;r jedeN offen – nicht nur f&#252;r Studierende. Es werden alternative Vorlesungen und Filmvorf&#252;hrungen organisiert, in denen soziale und politische Themen von einem offen kritischen und heterodoxen Standpunkt aus diskutiert werden, der im regul&#228;ren Lehrplan &#252;blicherweise keinen Platz hat. Statt die Fakult&#228;t einfach zu schlie&#223;en, wird sie so als &#246;ffentlicher Raum f&#252;r &#246;ffentliche Zwecke wiederangeeignet. Indem betont wurde, dass die autistische Abkoppelung des akademischen Feldes von den politischen und sozialen Realit&#228;ten jenseits seiner Grenzen selbst eine implizite politische Entscheidung darstellt, wurde die herrschende Ideologie des akademischen Raums als Raum jenseits der Politik direkt angegriffen. Daraus folgte, dass auch unser Angriff in offen politischen Begriffen ausgedr&#252;ckt werden musste. Die Besetzung ist damit gleichbedeutend mit einer (selbst)bewussten Schaffung eines seltenen und wichtigen M&#246;glichkeitsfensters: die Kombination der negativen Kritik an der vorherrschenden akademischen Ideologie mit einer positiven Agenda der (bildungs-)politischen Gegen-Praxis, die in den durch die Besetzung ver&#228;nderten r&#228;umlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sofort in die Tat umgesetzt werden konnte.</p>
<p><strong>Kritik und Gegen-Praxis</strong><br />
Die Forderung nach der Abschaffung aller Formen von Studiengeb&#252;hren wird explizit mit Verweis auf das in der kroatischen Verfassung abgesicherte Recht auf gleiche Bildungsm&#246;glichkeiten artikuliert. Dies war eine strategische Entscheidung, die es uns erlaubt hat, eine Konfrontation mit dem breiten neoliberalen Konsens, der nicht nur in der gegenw&#228;rtigen konservativen Regierung, sondern in allen im Parlament vertretenen Parteien vorherrscht, in Begriffen auszutragen, die diese selbst als bindend anerkennen mussten. Als die Regierung sich, wie zu erwarten war, weigerte, diesem Teil der Verfassung nachzukommen, konnten wir &#246;ffentlich auf die demokratischen Defizite der Entscheidungsfindungspraxen der Regierung hinweisen, und zwar auf eine Weise, die sich nicht auf die engen Fragen der technisch sauberen Durchf&#252;hrung von Wahlen beschr&#228;nkte, wie dies so oft im Mainstream geschieht. Dies wiederum &#246;ffnete den Raum, um neoliberale Politik &#252;ber die dr&#228;ngenden Fragen der Unterwerfung der Universit&#228;t unter marktorientierte Reformen und die Kommodifizierung von Wissen hinaus herauszufordern. Gegen alle Versuche, die Frage nach freier Bildung auf eine technische Angelegenheit innerhalb „objektiver“ fiskalischer Parameter zu reduzieren, bestanden wir auf ihren fundamental politischen Charakter: Sie durfte nicht von den Forderungen anderer „Interessengruppen“ getrennt, isoliert und gegen diese ausgespielt werden, sondern musste als einer unter vielen konstitutiven Momenten eines breiteren Kampfes gegen einen koordinierten neoliberalen Angriff begriffen werden, welcher sowohl von lokalen Eliten, als auch von Machtzentren au&#223;erhalb der Landesgrenzen ausgeht, allen voran von der Europ&#228;ischen Union. Der wiederholte Verweis der Regierung auf angeblich „objektive“ Einschr&#228;nkungen, die es ihr unm&#246;glich machten, Forderungen, die von direkt von der Verfassung abgesicherten Rechten abgeleitet werden, nachzukommen, wurde von uns aufgegriffen und als Anschauungsmaterial f&#252;r unsere Kritik an der Entleerung des Begriffs der Demokratie unter Bedingungen der real existierenden kapitalistischen Restauration genutzt. Dieser negativen Kritik der Unterordnung der Demokratie unter politische Programme, die sich offen gegen die Interessen und die verfassungsm&#228;&#223;ig garantierten Rechte der Mehrheit des Volkes stellen, entsprach auf der Ebene der positiven Gegen-Praxen die Einf&#252;hrung des Plenums, oder der Generalversammlung, als zentrales Organ der Entscheidungsfindung w&#228;hrend der Besetzung. &#220;berraschenderweise wurde das Wort „plenum“ bald zum politischen Wort des Jahres in Kroatien erkl&#228;rt.</p>
<p><strong>Exzessive Reaktionen</strong><br />
Diese Umst&#228;nde, ebenso wie die Tatsache, dass Universit&#228;tsbesetzungen – auch wenn sie f&#252;nf Wochen andauern und militant durchgef&#252;hrt werden – dieses enorme &#246;ffentliche Echo in Kroatien ausl&#246;sen konnten, muss f&#252;r die meisten BeobachterInnen von au&#223;en r&#228;tselhaft scheinen. Wie kann etwas, das in L&#228;ndern wie Frankreich ganz normal ist, von so vielen KommentatorInnen zum wichtigsten politischen Ereignis des Landes der letzten zwanzig Jahre erkl&#228;rt werden? Besonders wenn wir den Krieg ber&#252;cksichtigen, der Kroatiens Sezession von Jugoslawien begleitete und alle demographischen, sozialen und &#246;konomischen Konsequenzen, die daraus entstanden? Statt uns zu verwirren, sollten die scheinbar exzessiven und unverh&#228;ltnism&#228;&#223;igen Reaktionen als Symptom und Indikator f&#252;r die politische und ideologische Konfiguration verstanden werden, in die die Besetzungen interveniert haben. All der Jubel und der Beifall, mit dem selbst viele links-liberale KommentatorInnen, Dritter-Weg-SozialdemokratInnen und NGOs die Besetzungen bedacht haben, kann als verkehrtes Spiegelbild eines tiefgreifenden und sie alle umfassenden politischen Def&#228;tismus gelesen werden. Indem die Figur des revoltierenden Studenten gefeiert wurde, konnten allzu oft angemessene politische Reaktionen durch ein Generations-Narrativ ersetzt und die politische Verantwortung auf  die Jugend abgew&#228;lzt werden. An diese wurde nun das Mandat &#252;bergeben, an ihrer statt zu k&#228;mpfen, ohne selbst Risiken oder Konsequenzen f&#252;rchten zu m&#252;ssen. Der Akt des Beifalls selbst konnte so dazu dienen, die politischen Forderungen der BesetzerInnen letztlich zu ignorieren oder sie als substanz- und ma&#223;lose Rhetorik abzulehnen, so dass niemand – schon gar nicht die Regierung – sich zu irgend etwas verpflichtet f&#252;hlen m&#252;sste.<br />
Welche Bedeutung solche bewussten oder unbewussten &#220;berlegungen auch immer in den K&#246;pfen jener gespielt haben mochten, die sich, als die Bedeutung der Besetzungen klar wurde, nicht auf der falschen Seite der Geschichte wiederfinden wollten, erkl&#228;ren sie doch nicht den politischen Bruch selbst, den die Fakult&#228;tsbesetzungen anzeigen. Die Tatsache, dass vor den Besetzungen keine relevante, programmatisch konsistente Kritik der neoliberalen „Strukturanpassungen“ &#246;ffentlich artikuliert worden war, l&#228;sst mehr Fragen offen, als sie beantwortet. Ebenso wie die Tatsache, dass der Begriff „Neoliberalismus“ in den Medien und &#246;ffentlichen Debatten, bevor er von den Besetzungen in Spiel gebracht wurde, kaum pr&#228;sent war, obwohl die Ideologie des Marktes so aggressiv in allen Poren und Bereichen der Gesellschaft verbreitet wurde.</p>
<p><strong>Mythos Europ&#228;ische Union</strong><br />
Es ist die unglaubliche, anhaltende Effektivit&#228;t des ideologischen Narrativs vom Aufstieg zur Mitgliedschaft in der Europ&#228;ischen Union, die bisher jede kritische Diskussion der sozialen Realit&#228;t, die von der kapitalistischen Restauration in Kroatien geschaffen wurde, unterbunden hat. Die soziale Gewalt, konstitutiver Bestandteil dieses Prozesses, ist immer schon durch das Phantasma des zuk&#252;nftigen Wohlstands legitimiert, d.h. so lange es als notwendiger Schritt auf dem Weg zur EU-Mitgliedschaft pr&#228;sentiert werden kann. So lange politische Entscheidungen, so sch&#228;dlich sie f&#252;r die Mehrheit der Bev&#246;lkerung auch sein m&#246;gen, auf Normen oder Diktate aus Br&#252;ssel oder anderen westlichen Machtzentren zur&#252;ckgef&#252;hrt werden k&#246;nnen, werden sie nicht nur von der kritischen Befragung ausgenommen, es wird ihnen auch  &#252;berhaupt der Status einer politischen Entscheidung entzogen. Stattdessen werden sie zu administrativen Notwendigkeiten jenseits demokratischer Einmischung oder Hinterfragung erkl&#228;rt. Ein pr&#228;gnantes Beispiel unter vielen – und eines, das direkte Implikationen f&#252;r die Hochschulen hat – ist die Ratifizierung des GATS-Abkommens<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> der WTO durch das kroatische Parlament im Jahr 2000. Nicht nur dass es keine Diskussion &#252;ber seine m&#246;glichen politischen und &#246;konomischen Implikationen gab, wurde das Abkommen auch m&#246;glichst schnell ratifiziert, noch bevor es ins Kroatische &#252;bersetzt worden war – was einem offenen Bruch der kroatischen Gesetze gleichkam. Doch dies f&#252;hrte zu keiner kritischen Reaktion – meines Wissens nach nicht einmal von den sogenannten „euroskeptischen“ Fraktionen der relativ marginalen populistischen Rechten.</p>
<p><strong>Pathologien des Balkans</strong><br />
Doch die Abwesenheit kritischer Reaktionen reicht noch weiter. Kritik an offen kriminellen Aspekten des Privatisierungsprozesses, die nicht unter Verweis auf die Notwendigkeiten der „Integration in den Westen“ legitimiert werden konnten – und die zum Gro&#223;teil den Krieg als praktische, wenn auch nicht nachhaltige Ablenkung nutzten – f&#252;hrten nicht zu einer systematischen Infragestellung des Kapitalismus selbst, sondern dienten im Gegenteil dazu, die M&#246;glichkeiten einer solchen Kritik  einzuengen. Die Anprangerung der mit dem Privatisierungsprozess verbundenen Verbrechen wurden meist in einem Begriffsregister der moralistischen Selbstanklage vorgetragen. Demnach ist nicht der Kapitalismus als solcher das Problem, sondern unsere spezifische lokale Balkan-Version davon. Der Fokus auf den Skandal der urspr&#252;nglichen Akkumulation<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> hat so zur Normalisierung des Skandals der Akkumulation an sich beigetragen. Das unmittelbare Resultat war die Kultivierung  weitverbreiteter Akzeptanz, sich den neokolonialen Arrangements mit dem Westen unterzuordnen, in der tr&#252;gerischen Hoffnung dadurch den Pathologien, die f&#252;r den Balkan als Region oder den post-sozialistischen Osten generell als konstitutiv angenommen werden, entfliehen zu k&#246;nnen und die fantasierte Normalit&#228;t und den Wohlstand des westlichen Wohlfahrtstaats zu erreichen. Nachdem die Pr&#228;senz der Gr&#228;uel des Krieges und die Obsz&#246;nit&#228;ten der <em>urspr&#252;nglichen Akkumulation</em> den ersten Teil der Gleichung – die Pathologisierung der Region – scheinbar empirisch untermauerten, blieb der zweite Teil v&#246;llig unhinterfragt. Dies trotz der Tatsache, dass das leuchtende Beispiel des westeurop&#228;ischen Wohlfahrtsstaates sich als Schein eines vergl&#252;henden Stern herausstellte. Der fatalistische Mythos der Anomalie des Balkans tr&#228;gt so zur politischen Effektivit&#228;t des Mythos Europas bei. Zusammen blockieren sie die Perspektive f&#252;r jeden Versuch, die f&#252;r die kapitalistische Restauration konstitutive soziale Zerst&#246;rung kritisch zu befragen oder sie gar herauszufordern.</p>
<p><strong>Im Namen der Demokratie</strong><br />
Das Ausma&#223;, in dem  sich die Linke in Kroatien auf die Parameter dieser komplement&#228;ren ideologischen Narrative einl&#228;sst, kann als Ma&#223;stab ihrer Schw&#228;che gedeutet werden – wenn nicht gar als Anzeichen ihrer Nicht-Existenz. Eine der verheerendsten Aspekte der Selbstausschaltung systematischer linker Kritik ist, dass in Diskussionen &#252;ber den Begriff der Demokratie selbst falsche  Alternativen gegen&#252;bergestellt werden: Entweder wir f&#252;gen uns in die ewige Verdammnis der R&#252;ckst&#228;ndigkeit, der Korruption und des Autoritarismus des Balkans (wobei die M&#246;glichkeit einer weiteren Runde des ethnischen Blutvergie&#223;ens nie weit entfernt ist), oder wir kapitulieren bedingungslos vor den Diktaten der westlichen Machtzentren. Das Resultat ist, dass „Demokratisierung“ in seiner hegemonialen Bedeutung heute den automatisierten Gehorsam gegen&#252;ber den Forderungen der b&#252;rokratischen Institutionen des Westens, besonders der Europ&#228;ischen Union, meint, mit dem Argument, dass jene schlie&#223;lich bereits „funktionierende Demokratien“ repr&#228;sentieren. Die Entscheidungen eines exklusiven Klubs von EU- oder IWF-B&#252;rokratInnen werden so in den Status von Forderungen erhoben, die von der Demokratie selbst formuliert werden. Die zunehmende Limitierung der Bandbreite von Themen, auf die von unten Einfluss genommen werden kann, wird als ein Fortschritt in Richtung Demokratie pr&#228;sentiert, nicht als ihr Zur&#252;ckdr&#228;ngen. Und dies geschieht im Namen der Demokratie selbst.<br />
Es ist dieser Prozess, den wir herausfordern. Das Plenum als Form der Entscheidungsfindung ist ausdr&#252;cklich inklusiv. Sobald entschieden war, dass die Frage der Abschaffung aller Studiengeb&#252;hren Bildung als Recht und Gemeingut definiert, d.h. genau nicht als exklusives Anliegen der Studierenden als „Interessengruppe“, die sich von anderen, konkurrierenden sozialen Akteuren abgrenzt, folgte daraus notwendigerweise, dass Jede und Jeder das Recht hat, an der Arbeit und den Entscheidungen des Plenums teilzuhaben. Wenn wir diese grundlegende politische Herausforderung in einer Formel zusammenfassen m&#252;ssten, w&#252;rde sie lauten: das Prinzip der direkten Demokratie &#252;bernimmt die Rolle einer R&#252;ckkehr zu den und einer Erinnerung an die gebrochenen Versprechen der repr&#228;sentativen Demokratie im Kapitalismus. Es ist dies sowohl ein anschauliches Beispiel f&#252;r das Versagen der liberalen parlamentarischen Demokratie, als auch eine Form, sie beim Wort zu nehmen – und dadurch &#252;ber sie hinaus zu gelangen.</p>
<p><em>Stipe &#196;urkovi&#196;</em> ist Absolvent der Germanistik und Vergleichenden Literaturwissenschaft an der <em>Filozofski fakultet</em> in Zagreb und in der <em>Bewegung f&#252;r geb&#252;hrendfreies Studieren</em> aktiv. Er schreibt unter anderem f&#252;r die Zeitschrift <em>Zarez </em>und &#252;bersetzt zur Zeit David Harveys <em>A Brief History of Neoliberalism</em> ins Kroatische. Dieser Artikel basiert auf einem Paper, das er im Rahmen der <em>Historical Materialism</em>-Konferenz im November 2009 in London vorgestellt hat.</p>
<p>&#220;bersetzung: <em>Benjamin Opratko</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Diese zweite Besetzung der <em>Filozofski fakultet</em> wurde am 5. Dezember 2009 beendet. Auch hier waren die Gr&#252;nde taktischer Natur. Die Regierung hat angek&#252;ndigt, bis zum Fr&#252;hjahr 2010 ein neues Hochschulgesetz in das Parlament einzubringen. Obwohl den studentischen Forderungen einige rhetorische Zugest&#228;ndnisse gemacht werden, kann davon ausgegangen werden, dass das neue Gesetz die Kommerzialisierung und die neoliberale Restrukturierung der kroatischen Universit&#228;ten vertiefen und weiteren Widerstand hervorrufen wird.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> <em>General Agreement on the Trade</em> in Services ist ein Abkommen auf Ebene der Welthandelsorganisation WTO, das den Freihandel von Dienstleistungen auf globaler Ebene organisieren soll (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> „Die sogenannte urspr&#252;ngliche Akkumulation“ nennt Marx im ersten Band des „Kapital“ den „historische(n) Scheidungsproze&#223; von Produzent und Produktionsmittel“ (MEW 23: 742). Damit der kapitalistische Produktions- und damit Ausbeutungsprozess in Gang gesetzt werden konnte, mussten Grund und Boden gewaltsam enteignet und die Landbev&#246;lkerung dadurch zu „doppelt freien“ LohnarbeiterInnen gemacht werden – frei, ihre Arbeitskraft zu Markte zu tragen, aber auch frei von jeglichen Produktionsmitteln, die nun Teil des Kapitals geworden waren. David Harvey argumentiert, dass dieser gewaltt&#228;tige Prozess der „urspr&#252;nglichen Akkumulation“ kein abgeschlossenes historisches Ph&#228;nomen ist, das nur bei der Entstehung des Kapitals relevant war, sondern weiterhin st&#228;ndiger Bestandteil des Kapitalismus ist (vgl. Harvey, David: Der neue Imperialismus, Hamburg 2005). Privatisierungsprozesse, durch die neue gesellschaftliche Bereiche in den Akkumulationsprozess und die Profitlogik integriert werden, sind ein Beispiel f&#252;r diese Form der „Akkumulation durch Enteignung“ (Anm. d. Red.).</p>
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		<title>Die P&#228;dagogisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen und Staat</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:20:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Prekarisierung]]></category>

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		<description><![CDATA[Die &#214;konomisierung der Hochschulen war und ist ein zentraler Kritikpunkt der Bewegung f&#252;r freie Bildung. Roland Atzm&#252;ller agrumentiert, dass sie nur im Zusammenhang mit der P&#228;dagogisierung der Arbeitsverh&#228;ltnisse im durch den postfordistischen Staat ad&#228;quat verstanden werden kann.

Die Auseinandersetzungen um die Bildungssysteme, wie sie in den j&#252;ngsten Uniprotesten wieder virulent geworden sind, verweisen meines Erachtens auf die andauernde Krise des Wohlfahrtsstaates. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die &#214;konomisierung der Hochschulen war und ist ein zentraler Kritikpunkt der Bewegung f&#252;r freie Bildung. <em>Roland Atzm&#252;ller</em> agrumentiert, dass sie nur im Zusammenhang mit der P&#228;dagogisierung der Arbeitsverh&#228;ltnisse im durch den postfordistischen Staat ad&#228;quat verstanden werden kann.<br />
<span id="more-1520"></span><br />
Die Auseinandersetzungen um die Bildungssysteme, wie sie in den j&#252;ngsten Uniprotesten wieder virulent geworden sind, verweisen meines Erachtens auf die andauernde Krise des Wohlfahrtsstaates. Diese resultiert nicht zuletzt aus der Erosion der fordistischen Regulation<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> der Arbeitsverh&#228;ltnisse sowie der damit verbundenen gesellschaftlichen Konstitutionsprozesse des Arbeitsverm&#246;gens<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> der Lohnabh&#228;ngigen, wie sie in den gegenw&#228;rtigen Auseinandersetzungen um Prekarisierung oder immaterielle Arbeit erkennbar werden.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Der Zusammenhang zwischen der Krise des Wohlfahrtsstaates und den K&#228;mpfen um die Bildungssysteme ergibt sich aus der zentralen Funktion wohlfahrtsstaatlicher Systeme, die nach Claus Offe in der Verwandlung von Menschen in Arbeitskr&#228;fte und damit in der Sicherung und Vervielf&#228;ltigung der Tauschoptionen zwischen Lohnarbeit und Kapital zu verorten ist.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>  Die historisch und national spezifische Realisierung dieser Funktion des kapitalistischen Staates kann aber nicht aus der Kapitallogik abgeleitet werden, sondern konstituiert vielmehr eine Reihe von gesellschaftlichen Kampffeldern, die sich in den Auseinandersetzungen um z.B. soziale Rechte, Zugang zu &#246;ffentlichen Dienstleistungen, H&#246;he und Konditionalit&#228;t monet&#228;rer Transferleistungen usw. manifestieren. Das f&#252;r die Reproduktion der kapitalistischen Produktionsweise zentrale Element Arbeitskraft, deren Reproduktion aufgrund ihres fiktiven Warencharakters von der permanenten Ausdehnung der Akkumulationsprozesse tendenziell bedroht wird, kann nur durch die staatliche/&#246;ffentliche Organisation tempor&#228;rer Ausnahmen vom Zwang am Verwertungsprozess teilzunehmen – also durch partielle Dekommodifizierung – gesichert werden.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Dies begr&#252;ndet die konstitutive Dialektik des Wohlfahrtsstaates, da die Funktionalit&#228;t der sozialpolitischen Apparate (Sozialversicherung, Gesundheitssystem, Bildungssystem etc) f&#252;r die Reproduktion der kapitalistischen Produktionsverh&#228;ltnisse nicht garantiert, sondern stets umk&#228;mpft ist, und dar&#252;ber hinaus die Institutionalisierung dekommodifizierter Bereiche der Gesellschaft zum Medium und Inhalt sozialer K&#228;mpfe um Emanzipation und alternative Vergesellschaftungsformen wird.<br />
Aus der Perspektive der Bildung des Arbeitsverm&#246;gens der Individuen realisierte sich die Widerspr&#252;chlichkeit der vom kapitalistischen Wohlfahrtsstaat institutionalisierten tempor&#228;ren Ausnahmen vom Zwang zur Lohnarbeit sp&#228;testens in der Bildungsexpansion der 1960er und 1970er Jahre und den damit verbundenen Demokratisierungstendenzen des Zugangs zu h&#246;herer Bildung. In der b&#252;rgerlichen Gesellschaft war h&#246;here Bildung – konzipiert als „zweck“frei – lange Zeit nur auf Basis einer institutionellen und inhaltlichen Trennung von der beruflich orientierten Ausbildung f&#252;r die proletarisierten Schichten zu haben, wie sie in besonders rigider Form in den gegliederten Bildungssystemen der deutschsprachigen L&#228;nder zum Ausdruck kommt. „Freie Bildung“ konnte unter kapitalistischen Bedingungen bis weit in die fordistische Phase nur als Reproduktion der herrschenden Klassen und der staatlichen Eliten konstituiert werden, sodass die „reflexiv(en), offen(en) und kommunikativ(en), lernend(en), problemorientiert(en), kritisch(en) und fallibilistisch(en)“ F&#228;higkeiten<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a>, die durch einen wissenschaftlich orientierten Bildungsprozess vermittelt werden k&#246;nnten, auf wenige marginalisierte, kritische Intellektuelle beschr&#228;nkt blieben.<br />
Wenn jedoch, wie Alex Demirovi&#196; schreibt, wissenschaftliche Bildung ein Wissen meint, das die Individuen dazu bef&#228;higt, ihre allt&#228;glichen Erfahrungen begrifflich zu erfassen, um durch reflexive Auseinandersetzungen mit der Inkoh&#228;renz des Alltagsverstandes diesen zu kritischen Denkprozessen und systematischer Forschung zu bef&#228;higen, die ihnen auch erm&#246;glicht, „gegen Konventionen und Tabus zu versto&#223;en“, dann wird nachvollziehbar, warum durch die Bildungsexpansion die Widerspr&#252;chlichkeit der wohlfahrtsstaatlichen &#214;ffnung der Bildungssysteme manifest wurde.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Durch diese Entwicklungen wird n&#228;mlich die in der b&#252;rgerlichen Gesellschaft traditionell auf schmale Schichten beschr&#228;nkte F&#228;higkeit zur Analyse und Gestaltung komplexer gesellschaftlicher Prozesse und Abl&#228;ufe auf gr&#246;&#223;ere soziale Gruppen ausgedehnt. Da die Bildungssysteme wesentlich in die Konstitutionsprozesse des Arbeitsverm&#246;gens und der damit verbundenen gesellschaftlich dominanten, wie auch m&#246;glichen Arbeitsteilungen eingebunden sind, stellen sie ein zentrales Feld der verschiedenen Zyklen der sozialen K&#228;mpfe seit 1968 dar.<br />
Durch die grundlegende Umgestaltung und Dynamisierung kapitalistischer Herrschaft in der krisenhaften Abl&#246;sung des Fordismus gelang es aber bis weit in die 1980er Jahre, die entstehenden Bildungsschichten als neues Kleinb&#252;rgerInnentum in die postfordistische Arbeitsteilungen einzugliedern.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Um die emanzipatorischen Anspr&#252;che der sozialen Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre – zu denen auch eine Phase wiedererwachter ArbeiterInnenmilitanz geh&#246;rte – und  die demokratischen Impulse und Potenziale des in den sozialen K&#228;mpfen manifest gewordenen und erworbenen Wissens wieder einzuhegen, war eine weitreichende Reorganisation und Restrukturierung der Regulationsweise, wie auch der Produktionsapparate notwendig. Dies kommt insbesondere in den Ver&#228;nderungen der Regulation der Arbeit und dem Umbau des Wohlfahrtsstaates zum Ausdruck.<br />
In den letzten Jahren wurden die Krise des Wohlfahrtsstaates und die damit verbundenen konflikthaften Prozesse der Rekonstitution der Ware Arbeitskraft und der Neuzusammensetzung des Arbeitsverm&#246;gens vor allem durch die „workfaristische“ und aktivierungspolitische Reorientierung der Sozialpolitik zu beantworten versucht.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Dies hat auf spezifische Art und Weise auch den Umbau der Bildungssysteme massiv beeinflusst. Die Etablierung sogenannter Workfare-Staaten zielt auf einen weitgehenden R&#252;ckbau der dekommodifizierenden Elemente der wohlfahrtsstaatlichen Apparate, sodass die M&#246;glichkeiten gesellschaftlicher Integration &#252;ber legitime Formen der Nicht-Teilnahme an Erwerbsarbeit sukzessive eingeschr&#228;nkt werden.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Der politische und ideologische Gehalt von Workfare geht meines Erachtens weit &#252;ber die Durchsetzung des Arbeitsethos und Zwangs zur Lohnarbeit hinaus, wie sie meist anhand der Restrukturierung der Arbeitsmarktpolitik diskutiert werden, und verweist vielmehr auf die zentrale Bedeutung einer in Permanenz gestellte Reorganisation des Arbeitsverm&#246;gens f&#252;r das postfordistische Akkumulationsregime<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a>, „(…) es gibt einen regulatorischen Imperativ, die Str&#246;me der ArbeiterInnen in die und aus der Lohnarbeit nicht nur quantitativ zu regulieren, sondern auch danach zu trachten, die ArbeiterInnen selbst umzuformen, ihre Einstellung zu Arbeit und Lohn, ihre Erwartungen zu Erwerbskontinuit&#228;ten und Aufstiegschancen, ihre &#246;konomische Identit&#228;t und so weiter“.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a><br />
Es ist daher ein wesentliches Charakteristikum postfordistischer Regulation, gesellschaftliche Entwicklungstendenzen und vor allem auch Krisenerscheinungen in p&#228;dagogische Fragen zu &#252;bersetzen und damit zu Problemen der Bildung- und Qualifizierung sowie der Lernf&#228;higkeit der Arbeitskr&#228;fte zu machen. Auf diese Weise wird eine neue Form des „Krisenmanagements“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> etabliert, die die Bew&#228;ltigung von krisenhaften Entwicklungen auf die Individuen und deren F&#228;higkeiten der Anpassung verlagert und als Problem ad&#228;quater Lernbereitschaft und -f&#228;higkeit konstituiert: „Bildung wurde in das workfaristische Projekt integriert, welches das Bekenntnis des keynesianischen Staates zur Vollbesch&#228;ftigung unterminiert und deren Bedeutung zur Herstellung der Bedingungen f&#252;r Vollbesch&#228;ftigung betont. Die Verantwortung daf&#252;r, ‚anstellbar’ zu sein, wird auf die einzelnen Arbeitskr&#228;fte heruntergebrochen (…) Sie sollen weitgehend selbst daf&#252;r verantwortlich sein, indem sie als unternehmerische Individuen in ihr eigenes Humankapital investieren (&#8230;).“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a><br />
Im Workfare-Staat wird die Re-Konstruktion des Arbeitsverm&#246;gens p&#228;dagogisiert und damit einem permanenten Zwang zur Anpassung und Ver&#228;nderung ausgesetzt. Die P&#228;dagogisierung der Reproduktion der Ware Arbeitskraft ist jedoch nicht mehr am fordistischen Modell einer biographischen Sequenzierung von Bildung, Ausbildung und Erwerbsarbeit (unterbrochen durch Familiengr&#252;ndung) orientiert, ja in manchen Bereichen verschwimmen die Grenzen von Arbeit und Ausbildung zunehmend, sodass Lernen zu einer lebenslangen Anforderung an die Besch&#228;ftigten wird. Dies erkl&#228;rt die zentrale Rolle qualifikations- und ausbildungspolitischer Diskurse und Programme in den postfordistischen &#214;konomien und die Forderung nach permanenter Lern- und Ver&#228;nderungsbereitschaft der Individuen.</p>
<p><strong>Anpassung des Arbeitsverm&#246;gens durch Lernen </strong><br />
Da gegenw&#228;rtig unter den politischen Eliten mehr oder weniger ein Konsens dar&#252;ber herrscht, dass Nationalstaaten ihre eigenst&#228;ndigen wirtschaftspolitischen Handlungsm&#246;glichkeiten verlieren<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a>, wird die Qualit&#228;t der Arbeitskr&#228;fte zum wichtigsten „Standortfaktor“, der noch &#252;ber national verfasste Politiken zu beeinflussen ist. Durch die Verbesserung des Qualifikationsniveaus soll dem ruin&#246;sen Konkurrenzkampf mit Niedriglohn-L&#228;ndern ausgewichen, Lohndumping vermieden und die notwendige Restrukturierung der &#214;konomie forciert werden. Die relative Ortsgebundenheit der Besch&#228;ftigten, die in einem allein auf Kostenreduktion fokussiertem Wettbewerb gegen&#252;ber der Beweglichkeit der Kapitalstr&#246;me einen Konkurrenznachteil darstellt, muss daher durch die Verbesserung der Qualit&#228;t und Produktivit&#228;t der Arbeitskr&#228;fte in einen Standortvorteil umgem&#252;nzt werden.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Dies entspricht der Theorie des Humankapitals, wie sie seit den 1960er Jahren u.a. von Gary Becker weiterentwickelt wurde, und die die Qualit&#228;ten und F&#228;higkeiten der Arbeitskr&#228;fte als „endogene Wachstumsfaktoren“ versteht.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Die Bedeutung der Qualifikationen der Arbeitskr&#228;fte und ihrer Lernf&#228;higkeit f&#252;r das postfordistische Akkumulationsregime ergibt sich aus einer Selbstkritik des Managements an den &#252;berkommenen tayloristisch-fordistischen Kontroll- und Informationsverarbeitungsstrategien, der Monopolisierung der Wissens- und Lernaktivit&#228;ten in der rational-b&#252;rokratischen Hierarchie und der damit verbundenen Dequalifikation der Arbeitskr&#228;fte.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a><br />
&#220;ber den Fokus auf die Lernf&#228;higkeit der Besch&#228;ftigten und der Organisation der Arbeit als Lernprozess soll daher nicht einfach die Bereitschaft der Arbeitskr&#228;fte gesichert werden f&#252;r andere zu arbeiten und sich den damit verbundenen Kontrollinstrumenten der wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung zu unterwerfen. Vielmehr wollen lernorientierte Managementstrategien die Neugier und Kreativit&#228;t der Besch&#228;ftigten entwickeln, um ihre Bereitschaft und F&#228;higkeit sicherzustellen, sich aktiv an den Innovationsprozessen zu beteiligen und Rationalisierungsprozesse in Eigenregie voranzutreiben.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Dem passiven und quasi automatisierten, auf zerst&#252;ckelte Wissenselemente ausgerichteten Verst&#228;ndnis der Vermittlung und Aneignung von Wissen und F&#228;higkeiten des fordistisch-tayloristischen Produktionsmodells wird ein aktives, systematisches und integrales Lernkonzept gegen&#252;ber gestellt, das im wettbewerbsf&#228;higen Unternehmen des Postfordismus systematisiert und im gesamten Organisationsprozess verk&#246;rpert und materialisiert werden soll: „Aktives Lernen beinhaltet systemische institutionelle Arrangements, die Planung und Ausf&#252;hrung auf allen Ebenen eines Betriebs integrieren und existierendes Wissen und vorhandene F&#228;higkeiten &#252;ber Abteilungsgrenzen hinweg und entlang der Wertsch&#246;pfungskette eines Produkts synthetisieren und dadurch neues Wissen schaffen.“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a><br />
Aktive Lernprozesse werden bspw. folgenderma&#223;en konzipiert: Sie sind zielgerichtet und beruhen auf der intrinsischen Motivation, dem Selbstbewusstsein und der W&#252;rde der Arbeitskr&#228;fte bzw. ihrer Neugier und Freude am Lernen und der Kreativit&#228;t, welche als Voraussetzungen verstanden werden, um aktiv in Ver&#228;nderungsprozesse eingreifen zu k&#246;nnen. Das hei&#223;t, Lernen wird als Anforderung an die Besch&#228;ftigten herangetragen und mit dem Versprechen verkn&#252;pft, dar&#252;ber eine Humanisierung der Arbeitswelt zu erreichen. Die Unterscheidung von Arbeit und Lernen im Innovationsprozess verschwimmt daher mehr und mehr.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a><br />
Es ist klar, dass diese Ver&#228;nderungen f&#252;r die Unternehmen nicht nur eine Kostenreduktion bringen m&#252;ssen, sondern auch eine Reorganisation der Personalmanagementstrategien der Unternehmen erfordern, „wie zum Beispiel die Verbindung von Qualifizierung und Personalentwicklung, die Betonung von informellen Lernprozessen und die st&#228;rkere Verzahnung von Arbeiten und Lernen. Die Gestaltung des gesamten Arbeitsprozesses mit seinen personalen, organisatorischen und technologischen Bedingungen wird ins Verh&#228;ltnis zur qualifikatorischen Entwicklung der Mitarbeiter/innen gestellt“.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a><br />
Nach Rolf Arnold und Philipp Gonon wird in diesen Prozessen der Betrieb immer mehr zum „eigentlichen Gestaltungsprinzip der beruflichen Entwicklung“.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Die F&#228;higkeit zu lernen wird zum „universellen Ver&#228;nderungsmodell“<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> und damit zu einem neuen Rationalisierungsmodus in der Suche nach einem dauerhaften Entwicklungspfad im &#220;bergang zum Postfordismus.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Lernen macht Rationalisierung zur Aufgabe der Besch&#228;ftigten, indem diese nicht nur Arbeits- und Produktionsprozesse, sondern zugleich sich selbst ver&#228;ndern m&#252;ssen, um die Profitabilit&#228;t des Unternehmens zu sichern. Aus Perspektive der Arbeitskr&#228;fte geht es dabei um die stets abrufbare F&#228;higkeit, aus der Rolle des Arbeitenden, der sich mit den materiellen und immateriellen Arbeitsaufgaben und Determinanten des Produktionsprozesse auseinandersetzen muss, in die des Lernenden zu schl&#252;pfen.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Die F&#228;higkeit zu lernen besteht demnach darin, die Qualit&#228;t der eigenen Arbeit aktiv zu erhalten und sie zum Gegenstand der Selbstbeobachtung und Reflexion zumachen. Die vieldiskutierte „Subjektivierung der Arbeit“ und die Rehabilitierung der Subjekte, die als Zwang zur Freiheit oder indirekte Steuerung gedacht werden<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a>, konkretisiert sich daher erst in der von den Individuen geforderten F&#228;higkeit zu lernen, sich selbst permanent zu adaptieren und die eigenen F&#228;higkeiten und Kompetenzen zu modifizieren. Aus der wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung wird damit ein p&#228;dagogisches Projekt, der Arbeitsprozess wird zugleich als (Selbst-)Erziehungs- und Bildungsprozess der Arbeitskr&#228;fte konzipiert. Die dem Kapitalverh&#228;ltnis zugrunde liegenden Widerspr&#252;che sollen sich durch eine P&#228;dagogisierung der sozialen Verh&#228;ltnisse auf Ebene der Produktion aufl&#246;sen.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a><br />
Die Relevanz der sozialen Auseinandersetzungen um die permanent notwendige Rekonstruktion des Arbeitsverm&#246;gens durch Lernen ergibt sich daher erst aus einer genaueren Diskussion wesentlicher Dimensionen des postfordistischen Akkumulationsregimes. Insbesondere Innovationsf&#228;higkeit wird als konstitutives Element des postfordistischen Kapitalismus gesehen, die in der Regel als besondere F&#228;higkeit von einzelnen Individuen und als zentrale Triebkraft kapitalistischer Dynamik dargestellt wird.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Aus gesellschaftskritischer Perspektive ist Innovation als spezifische Form des Prozessierens der sozialen Verh&#228;ltnisse im Kapitalismus, die sich nur in und durch Ver&#228;nderung reproduzieren k&#246;nnen, zu verstehen. Innovation ergibt sich dabei aus spezifischen Handlungspotenzialen der Produktionsagenten (LohnarbeiterInnen und Kapital), die in den sozialen Verh&#228;ltnissen (Produktionsverh&#228;ltnisse, politische und ideologische Verh&#228;ltnisse) erst entstehen, in denen die &#246;konomischen AkteurInnen eingebettet sind. Sie ist daher Medium und Ergebnis der Bewegungen ihrer Widerspr&#252;che, die als K&#228;mpfe um die Reproduktion des Kapitalismus aufzufassen sind. Nach Marx ist die Reproduktion der kapitalistischen Produktionsweise daher von einer konstitutiven Instabilit&#228;t gepr&#228;gt, die aus der permanenten Umw&#228;lzung der Produktionsprozesse und -bedingungen resultiert.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Dies bedingt eine vollst&#228;ndige Aufhebung aller „Ruhe, Festigkeit, Sicherheit der Lebenslage“ der ArbeiterInnen, da der permanente Wechsel der Arbeiten und damit die „absolute Disponibilit&#228;t der Menschen f&#252;r wechselnde Arbeitserfordernisse“<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> zu einer &#220;berlebensfrage der Industrie wird. Im Kapitalismus ist Ver&#228;nderung daher eine Methode der Herrschaft und der damit verbundenen sozialen K&#228;mpfe.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a><br />
Unter den Bedingungen neoliberaler Hegemonie bedeutet die F&#246;rderung von Innovationsf&#228;higkeit daher nicht einfach „Befreiung“ des UnternehmerInnentums und F&#246;rderung der metaphysisch &#252;berh&#246;hten F&#228;higkeit zur „kreativen Zerst&#246;rung“, sondern Transformation der Arbeits- und Produktionsverh&#228;ltnisse und ihrer Regulation/Reproduktion. Dies impliziert die Forderung an die Arbeitskr&#228;fte, mit Innovationsprozessen umgehen zu k&#246;nnen, ja diese sogar selbst hervorzubringen. Daraus resultiert die Anforderung, ihre F&#228;higkeit zur produktiven Arbeit stets aufs Neue anzupassen und selbst zu ver&#228;ndern – also zu lernen. Dabei r&#252;cken aufgrund der Unplanbarkeit und Kontingenz von Ver&#228;nderungsprozessen sowie dem sozialen Gehalt von Qualifizierungsprozessen insbesondere au&#223;erfachliche bzw. „gesellschaftliche“ Qualifikationen in den Vordergrund.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Lernen stellt die Form dar, in der die postfordistischen Arbeitskr&#228;fte die permanente Transformation ihres Arbeitsverm&#246;gens internalisieren. Durch den Versuch, die F&#228;higkeit der Individuen, sich und ihre Umwelt t&#228;tig zu ver&#228;ndern, im Sinne der Reproduktion der kapitalistischen Produktionsweise zu nutzen, wird Lernen einerseits zum Gegenbegriff von b&#252;rgerlicher, „zweck“freier Bildung und andererseits, mehr noch, aller Vorstellungen emanzipatorischer Bildung, deren „Zweck“ nicht in der Reproduktion von Herrschaftsverh&#228;ltnissen und der Aufrechterhaltung des Verwertungsprozesses, sondern in der kollektiven Gestaltung von Gesellschaft und individueller Entfaltung liegt. Die Forderung an die Besch&#228;ftigten, permanent zu lernen und ihr Wissen aktiv zu erneuern, um so zu Innovationsprozessen beizutragen, macht die Auseinandersetzungen um die Sicherung der Hegemonie des Kapitals &#252;ber die Produktionsverh&#228;ltnisse zu einem „p&#228;dagogischen Verh&#228;ltnis“<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a>. Sie fordert die Bereitschaft der Besch&#228;ftigten ein, diese Hegemonie aktiv herzustellen, indem sie sie zugleich als m&#252;ndige und rationale Individuen/Subjekte anruft.</p>
<p><strong>P&#228;dagogisierung der Regulation</strong><br />
Die skizzierten Entwicklungstendenzen des gesellschaftlich hegemonialen Qualifikationsverst&#228;ndnisses und der Bedeutung der F&#228;higkeit der Arbeitskr&#228;fte zu lernen und sich neuen Bedingungen anzupassen oder gar selbst Neuerungen hervorzubringen, verbinden sich mit den sozialen Auseinandersetzungen um die Bildungs- und Erziehungssysteme im Kontext der workfaristischen Restrukturierung des Wohlfahrtsstaates. Die beschriebene Dynamik vollzieht sich in zweifacher Weise: „Das P&#228;dagogische wird zur Rationalisierung in die Betriebssysteme eingef&#252;hrt und die Rationalisierung mit betrieblicher Rationalit&#228;t wird ins P&#228;dagogische eingef&#252;hrt. Das bedeutet auch die Verbetrieblichung des P&#228;dagogischen“.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a><br />
Ziel der Reformen im Bildungsbereich ist die Organisation von Aus-/Bildung nach am Markt orientierten Effizienzkriterien. Die Privatisierung und Liberalisierung von Bildungssystemen, in denen Staaten das Monopol hatten und die nun f&#252;r eine Vielzahl von Anbietern ge&#246;ffnet werden, ist hier von zentraler Bedeutung und l&#228;sst heterogene M&#228;rkte (insbesondere in Weiterbildungs- und arbeitsmarktpolitischen Bereichen) entstehen, die massiven Prekarisierungstendenzen ausgesetzt sind. Der Kampf um verknappte Bildungsangebote f&#252;hrt dazu, dass zunehmende Restriktionen im Bildungssektor einhergehen mit wachsenden Anforderungen an die Bildungssysteme und den Ausbau derselben.<br />
Nach Bob Jessop k&#246;nnen diese Ver&#228;nderungen der Staatlichkeit entlang einer doppelten Bewegung charakterisiert werden. „Einerseits macht der Staat die Bedeutung von Bildung f&#252;r die Behauptung nationaler Interessen wieder geltend; andererseits gew&#228;hrt er den Bildungsinstitutionen gr&#246;&#223;ere Autonomie in Bezug auf die Mittel, um diesen Interessen zu entsprechen (&#8230;). Doch diese Autonomie wird im Kontext der Hegemonie der wissensbasierten Akkumulationsstrategie, der verst&#228;rkten Beteiligung der Tr&#228;ger dieser Strategie in der Ausarbeitung von Leitbildern im Bildungsbereich, und der zunehmenden finanziellen Abh&#228;ngigkeit der Hochschulen und Weiterbildungseinrichtungen von Drittmitteln, die weder der Staat noch die Studierenden bereitstellen, ausge&#252;bt.“<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a><br />
Die Umbautendenzen der Bildungsinstitutionen und -prozesse zielen darauf ab, Bildung als Investition in das Humankapital und weniger als &#246;ffentliche Aufgabe bzw. &#246;ffentliche Dienstleistung erscheinen zu lassen. Dadurch geraten nicht direkt &#246;konomisierbare F&#228;higkeiten und Wissensinhalte massiv unter Druck, ihre Relevanz und Wettbewerbsf&#228;higkeit zu beweisen. Dies betrifft vor allem die Sozial- und Geisteswissenschaften und deren Anspruch, Vergesellschaftungsprozesse und gesellschaftliche Zusammenh&#228;nge kritisch zu reflektieren, um sie im Sinne einer umfassenden Demokratisierung aller gesellschaftlichen Bereiche den Mitgliedern der Gesellschaft transparent und kollektiv gestaltbar zu machen.<br />
Von wenigen Exzellenzprojekten und -universit&#228;ten abgesehen, werden die Gesellschaftswissenschaften entlang einer Reihe von Dimensionen mit dem workfaristischen Wohlfahrtsstaat und dem postfordistischen Kapitalismusmodell kompatibel gemacht. Dies verweist zugleich auf jene Arbeitsfelder, die den Sozial- und GeisteswissenschafterInnen im Postfordismus noch zuerkannt werden. So zielen die angesprochenen Kompatibilisierungsprozesse sozial- und geisteswissenschaftlicher Studieng&#228;nge wesentlich darauf, den Studierenden die F&#228;higkeit zu vermitteln, Informationen zu sammeln, zu verarbeiten und aufzubereiten. Dazu geh&#246;rt au&#223;erdem die Kompetenz Kommunikationsprozesse – womit nicht der herrschaftsfreie Diskurs nach J&#252;rgen Habermas gemeint ist – zu organisieren und politische oder &#246;konomische Entscheidungstr&#228;ger zu beraten, um die kapitalistischen Zirkulationsprozesse und politische Entscheidungs- und Steuerungsprozesse zu regulieren und zu dynamisieren. Auch die Vermittlung  sozialarbeiterischer und -therapeutischer Kompetenzen f&#252;r die wachsende Coaching-, Aktivierungs-, Weiterbildungs- und Armutsindustrie verweist auf ein Arbeitsfeld f&#252;r Sozial- und GeisteswissenschafterInnen im Postfordismus, in dem die Anpassung und Integration der Individuen in die postfordistischen Wettbewerbsbeziehungen sichergestellt wird. Nicht zu vergessen in dieser groben und unvollst&#228;ndigen Aufz&#228;hlung jener Arbeitsbereiche, f&#252;r die die sozial- und geisteswissenschaftlichen Ausbildungsg&#228;nge unter postfordistischen Bedingungen vorbereiten sollen, ist die Produktion marktkompatibler Kultur („creative industries“) zur Sicherung der Verf&#252;gbarkeit und Aktualit&#228;t gesellschaftlichen Distinktionskapitals insbesondere f&#252;r die urbanen Mittelklassen.<br />
Dies bedeutet, dass die heftig umk&#228;mpften Reformen der universit&#228;ren Ausbildung zwar nicht darauf abzielen, die sozial- und geisteswissenschaftlichen Studien abzubauen; wohl geht es aber darum, die durch sie vermittelten F&#228;higkeiten und Kompetenzen so auszurichten, dass sie die f&#252;r die Reproduktion des postfordistischen Kapitalismus notwendige Vergesellschaftung und soziale Koh&#228;sion herstellen k&#246;nnen, ohne dass dies zu einer grundlegenden Infragestellung der vorherrschenden gesellschaftlichen Strukturen f&#252;hrt.<br />
Damit das gelingt, werden die Regulationsweisen im Bildungsbereich wie auch in weiterer Folge in den genannten T&#228;tigkeitsfeldern grundlegend neu organisiert. Die neoliberale Kommodifizierung der Ausbildungs- und Schulsysteme zielt demnach insgesamt nicht einfach auf einen Abbau derselben, als vielmehr darauf, die in den Bed&#252;rfnissen nach h&#246;herer Bildung zum Ausdruck kommenden Anspr&#252;che auf Selbstbestimmung und Subjektivit&#228;t zu entpolitisieren, zu individualisieren und letztlich soweit zu kodifizieren, dass sie auf neuer Basis mit den kapitalistischen Produktionsverh&#228;ltnissen artikulierbar sind.<br />
Das hei&#223;t, es geht nicht so sehr um den R&#252;ckzug des Staates als um eine grundlegende Ver&#228;nderung der Steuerungsmechanismen in diesen Bereichen – z.B. Vollrechtsf&#228;higkeit, Auslagerung, <em>Outputrelated Pay</em> etc. – und der damit verbundenen Zugriffsm&#246;glichkeiten auf die Subjekte. Beispielsweise werden Rechte der Individuen zur Inanspruchnahme &#246;ffentlicher Dienstleistungen wieder st&#228;rker an bestimmte Bedingungen (Aufnahmekriterien, Studiengeb&#252;hren) gebunden und auf die Vorbereitung f&#252;r die Teilnahme am Arbeitsmarkt reduziert.<br />
Die Lernenden – und auch die Lehrenden – werden zunehmend elaborierten Bewertungs- und Zertifizierungssystemen unterworfen, die eine vielgliedrige hierarchische Strukturierung der Gesellschaft durchsetzen helfen, die sie meritokratisch<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> legitimieren und damit als Ergebnis individueller Leistungsbereitschaft  und -f&#228;higkeit erscheinen lassen. Dadurch verschleiern sie nicht nur den Klassencharakter von Bildungsprozessen, sondern auch ihre Artikulation mit rassistisch und patriarchal strukturierten Vergesellschaftungsprozessen. Bildung wird dabei entpolitisiert und „entgesellschaftlicht“, was sich in Prozessen der Invidualisierung manifestiert, die als St&#228;rkung der Eigenverantwortung, die auf Kostenbewusstsein, Effizienz und KonsumentInnenverhalten in der Beziehung der Lernenden zu den Bildungsinstitutionen setzt, gefeiert wird. Entlang der F&#228;higkeit und Bereitschaft zu lernen, entstehen jedoch neue Polarisierungen und Klassenspaltungen im &#220;bergang zu einem postfordistischen Entwicklungsmodell.<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> Martin Baethge spricht in diesem Kontext von der Erweiterung der Zone der prek&#228;ren Bildung bis weit in hochqualifizierte Segmente der Arbeitskr&#228;fte hinein.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Dies bedeutet, dass es immer schwieriger wird, erworbene Bildungsabschl&#252;sse und -zertifikate in stabile Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse und Erwerbsbiographien zu transformieren, sodass die &#220;berg&#228;nge zwischen Bildungs- und Besch&#228;ftigungssystem l&#228;nger und labiler werden.</p>
<p><strong>Schlu&#223;folgerungen</strong><br />
In der „learning economy“ des postfordistischen Kapitalismus soll der Interessengegensatz zwischen den Lohnabh&#228;ngigen, die eine Reduktion ihres Arbeitsverm&#246;gens<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> auf Arbeitskraft durch die umfassende Entwicklung und Realisierung ihrer Potenziale verhindern wollen, und den Unternehmen, die m&#246;glichst produktive Arbeitskr&#228;fte einsetzen wollen, aufgehoben werden, in dem ersteres zur Voraussetzung des letzteren gemacht wird. Angelehnt an die gesellschaftlichen Utopien vieler Theorien zur Dienstleistungsgesellschaft wird behauptet, dass durch diese Ver&#228;nderungen die in den Diskussionen der P&#228;dagogik immer wieder kritisierte Trennung von allgemeiner und zweckfreier, in der gesellschaftlichen Realit&#228;t bestimmten Klassen vorbehaltener Bildung und einer an &#246;konomischen Zwecken und der Arbeitskr&#228;ftenachfrage der Unternehmen orientierten Ausbildung, die der ArbeiterInnenklasse vorbehalten bleibt, durch die gesellschaftlichen Entwicklungen &#252;berwunden wird, sodass Emanzipations- und Selbstverwirklichungsanspr&#252;che der Individuen als Ergebnis der gesellschaftlichen Evolution quasi naturw&#252;chsig Realit&#228;t werden.<br />
Im Kontext einer emphatischen Bezugnahme auf die Subjektivit&#228;t und das souver&#228;ne Selbst der Besch&#228;ftigten in den postfordistischen Produktionsverh&#228;ltnissen, deren Ma&#223;stab nicht mehr eine aus kritischer Reflexion und kollektiv organisierter Praxis gewonnene individuelle Emanzipation, sondern der individuelle Erfolg auf dem Arbeitsmarkt, die Profitabilit&#228;t des jeweiligen Betriebes im globalisierten Wettbewerb und die Sicherung des nationalen Standortes darstellt, wird lebenslanges Lernen und Weiterbildung quasi zum Selbstzweck, also zum „neuen Geist des Kapitalismus“, die zwar die individuelle Reproduktion nicht garantieren kann, aber deren Voraussetzung darstellt. Durch die Verallgemeinerung selbstorganisierter lebenslanger Lern- und Weiterbildungspraxen entsteht eine neue Polarisierungslinie der Entwertung der Arbeitskr&#228;fte und ihrer F&#228;higkeiten und Kompetenzen. Es sind nun die Lohnabh&#228;ngigen selbst, die sich permanent selbst prek&#228;r machen, da in den Lernprozessen das einmal erworbene B&#252;ndel an F&#228;higkeiten und Kompetenzen immer wieder zur Disposition gestellt wird und nur durch permanente Weiterbildung und lebenslanges Lernen &#252;berhaupt so etwas wie eine Biographie entstehen kann. Je mehr die kontinuierliche Anpassung der eigenen F&#228;higkeiten und Kompetenzen als notwendige Voraussetzung f&#252;r individuelle Reproduktionschancen der Arbeitskr&#228;fte auf den postfordistischen Arbeitsm&#228;rkten erscheint, desto st&#228;rker wird der Druck, Lernprozesse auch in die Freizeit zu verlagern, die Grenzen von Arbeit, Lernen und Leben verschwimmen zu lassen und sich individuell auch an den Kosten der Weiterbildungsprozesse zu beteiligen.<br />
Die Regulation individueller Lebensl&#228;ufe bzw. Biographien, wie sie etwa im Fordismus und den damit verbundenen hegemonialen Lebensweisen durchgesetzt werden konnten (zentrale Bedeutung des Berufes!), wird dadurch in zunehmenden Ma&#223;e prek&#228;r und unter ein konstantes Weiterbildungs- und <em>Lifelong Learning</em>-Postulat gestellt. Identit&#228;tsangebote und -konstrukte, wie sie mit der fordistischen Ordnung der Berufe verbunden waren, verlieren an Bedeutung. Lebensverl&#228;ufe, welche auf der Basis der Unterwerfung unter die Erfordernisse fordistischer Produktion eine gewisse Stabilit&#228;t und vielen auch Aufstiegsm&#246;glichkeiten (von der Lehre zum Werkmeister zum Management) bieten konnte, werden durcheinander gewirbelt – Planbarkeit von Biographie erscheint als historische Ausnahme. Gleichzeitig wird sichtbar, dass in den angedeuteten Reregulationsprozessen der Bildung den Zertifizierungssystemen und -institutionen, und damit der Verst&#228;rkung meritokratischer Logiken der Legitimation von Klassenstrukturen, eine wachsende Bedeutung zukommt. Empirische Untersuchungen deuten folgerichtig darauf hin, dass sich der Einfluss von Bildung auf soziale Mobilit&#228;t und Schlie&#223;ung und die (geschlechtsspezifische und vor allem ethnische) Strukturierung der Klassenverh&#228;ltnisse im Postfordismus verst&#228;rkt.<br />
Meines Erachtens weisen diese Tendenzen auf eine neue Phase der Transformation von Menschen in Arbeitskr&#228;fte hin, die als soziale K&#228;mpfe um die Rekonfiguration des Gebrauchswertes der Ware Arbeitskraft, wie sie in den gesellschaftlichen Bildungsapparaten verdichtet werden, aufzufassen sind. Die sozialen K&#228;mpfe um Bildung und in den Bildungsinstitutionen sind daher wesentlicher Aspekt der krisenvermittelten &#220;berg&#228;nge in postfordistische Entwicklungsmodelle.</p>
<p><em>Roland Atzm&#252;ller</em> leitet die Abteilung „Arbeit, Geschlecht, Politik“ an der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA) Wien. 2009 gab er, zusammen mit Christoph Hermann, den Sammelband „Die Dynamik des ‚&#246;sterreichischen Modells‘. Br&#252;che und Kontinuit&#228;ten im Besch&#228;ftigungs- und Sozialsystem“ heraus (Edition Sigma, Berlin).</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Als fordistische Regulation wird, im Anschluss an die Regulationstheorie, die spezifische politische, &#246;konomische und kulturelle Konstellation im Nachkriegskapitalismus des globalen Nord-Westens bezeichnet, die zur relativen Stabilit&#228;t dieser „Entwicklungsweise“ des Kapitalismus beigetragen hat. Sie beinhaltete u.a. die Verallgemeinerung von Massenproduktion und Massenkonsum, die korporatistische Einbindung von Organen der ArbeiterInnenbewegung (z.B. in &#214;sterreich in der Sozialpartnerschaft), relativ hohe, an Produktivit&#228;tssteigerungen gebundene L&#246;hne (vor allem f&#252;r M&#228;nner als „Familienern&#228;hrer“) und wohlfahrtsstaatliche Arrangements. Vgl. Lipietz, Alain: Akkumulation, Krisen und Auswege aus der Krise: Einige methodische &#220;berlegungen zum Begriff „Regulation“, in: Prokla 58, 1985, 109-137, sowie Becker, Joachim: Akkumulation, Regulation, Territorium. Zur kritischen Rekonstruktion der franz&#246;sischen Regulationstheorie, Marburg 2002 (Anm. d. Red.).</p>
<p><a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Karl Marx schreibt im ersten Band des „Kapital“: „Unter Arbeitskraft oder Arbeitsverm&#246;gen verstehen wir den Inbegriff der physischen und geistigen F&#228;higkeiten, die in der Leiblichkeit, der lebendigen Pers&#246;nlichkeit eines Menschen existieren und die er in Bewegung setzt, sooft er Gebrauchswerte irgendeiner Art produziert.“ (MEW 23, S. 181). Dieses Arbeitsverm&#246;gen muss nicht nur individuell und im (Familien-)Haushalt, sondern – besonders um den Anforderungen in entwickelten, arbeitsteiligen Klassengesellschaften zu entsprechen – auch gesellschaftlich (re-)produziert werden (Anm. d. Red.).</p>
<p><a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a>Vgl. Pelizzari, Alessandro: Prekarisierte Lebenswelten. Arbeitsmarktliche Polarisierung und ver&#228;nderte Sozialstaatlichkeit, in: Beerhorst, Joachim/Demirovi&#196;, Alex/Guggemoos, Michael (Hg.): Kritische Theorie im gesellschaftlichen Strukturwandel, Frankfurt/Main 2004, 266-288; sowie Hardt, Michael/ Negri, Antonio: Empire, Harvard 2000.</p>
<p><a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a>Vgl. Offe, Claus: Contradictions of the Welfare State, hg. von John Keane, London 1993, sowie ders.: Arbeitsgesellschaft. Strukturprobleme und Zukunftsperspektiven, Frankfurt/New York 1984.</p>
<p><a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Vgl. Offe 1993, a.a.O.</p>
<p><a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Demirovi&#196;, Alex: Wissenschaft oder Dummheit. Die Zerst&#246;rung der wissenschaftlichen Rationalit&#228;t durch Hochschulreform, in: PROKLA 136, 2004, S. 497-514, hier S. 500.</p>
<p><a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Ebd., S. 501.</p>
<p><a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Vgl. Poulantzas, Nicos: Klassen im Kapitalismus heute, Studien Klassenanalyse 5, Hamburg 1975.</p>
<p><a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Vgl. Peck, Jamie: Workfare states, New York/London 2001, sowie Jessop, Bob: The Future of the Capitalist State, Cambridge/Oxford/Malden 2002.</p>
<p><a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Vgl. Atzm&#252;ller, Roland: Ver&#228;nderung des Staates – Staat der Ver&#228;nderung. Innovationsf&#228;higkeit und Workfare im postfordistischen Staat, in: Dimmel, Nikolaus/Schmee, Josef (Hg.): Die Gewalt des neoliberalen Staates. Vom fordistischen Wohlfahrtsstaat zum repressiven &#220;berwachungsstaat, Wien 2008, S. 42-60</p>
<p><a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Unter „Akkumulationsregime“ versteht die Regulationstheorie eine auf spezifische Technologien gest&#252;tzte, stabilisierte Form der Produktions- und Arbeitsorganisation in bestimmten Phasen oder „Entwicklungsweisen“ des Kapitalismus. Vgl. Lipietz 1985, a.a.O., sowie Becker 2002, a.a.O. (Anm. d. Red.).</p>
<p><a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Peck 2001, a.a.O., S. 58.</p>
<p><a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Vgl. Offe, Claus: „Krise des Krisenmanagements“: Elemente einer politischen Krisentheorie, in: J&#228;nicke, Martin (Hg.): Herrschaft und Krise. Beitr&#228;ge zur politikwissenschaftlichen Krisenforschung, Opladen 1973, S. 197-223.</p>
<p><a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Jessop 2002, a.a.O., S. 165.</p>
<p><a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Vgl. dazu exemplarisch Jessop 2002, a.a.O.</p>
<p><a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Wie David Coates argumentiert, korrespondiert diese Argumentation mit den Versuchen einer Erneuerung sozialdemokratischer politischer Projekte seit den 1990er Jahren, die den polarisierenden Tendenzen neoliberaler Transformationsstrategien unter Bedingungen des internationalen Standortwettbewerbs eine an individueller Chancengleichheit und sozialer Inklusion orientierte, wettbewerbsf&#228;hige Alternative entgegensetzen wollen. Vgl. Coates, David: Models of Capitalism. Growth and Stagnation in the Modern Era, Cambridge/Oxford/Malden 2000.</p>
<p><a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Die Humankapitaltheorie blendet die Widerspr&#252;chlichkeit der Produktionsverh&#228;ltnisse und der sie pr&#228;genden sozialen Konflikte aus und kann den behaupteten Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Qualifikationsniveau letztlich nicht begr&#252;nden. Vgl. Becker, Gary: Der &#246;konomische Ansatz zur Erkl&#228;rung menschlichen Verhaltens, T&#252;bingen 1993; kritisch dazu: Ribolits, Erich: Humanressource – Humankapital, in: Dzierzbieka, Agnieska/Schirlbauer, Alfred (Hg.): P&#228;dagogisches Glossar der Gegenwart, Wien 2006, S. 135-145, sowie ders.: Die Arbeit hoch? Berufsp&#228;dagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Post-Fordismus, Wien 1995.</p>
<p><a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Vgl. dazu exemplarisch Jin, D.R./Stough, R.R.: Learning and learning capability in the Fordist and post-Fordist age: an integrative framework, in: Environment and Planning A, 30:7, 1998, S. 1255-1278.</p>
<p><a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Ebd.</p>
<p><a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Ebd.</p>
<p><a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Vgl. K&#252;hnlein, Gertrud/Paul-Kohlhoff, Angela: Integration von Bildung und Arbeit: Ein neuer Typ betrieblicher Weiterbildung, in: Bolder, Axel/Heid, Helmut/Heinz, Walter R./Kutscha, G&#252;nter (HgDeregulierung der Arbeit &#8211; Pluralisierung der Bildung?, Opladen 2001, S. 263-277, sowie Dehnbostel, Peter: Lernen am Arbeitsplatz in der modernen Produktion – eine Frage der Strukturation, in: Clement, Ute/Lacher, Michael (Hg.): Produktionssysteme und Kompetenzerwerb. Zu den Ver&#228;nderungen moderner Arbeitsorganisation und ihren Auswirkungen auf die berufliche Bildung, Stuttgart 2006, S. 133-146.</p>
<p><a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> K&#252;hnlein/Paul-Kohlhoff 2001, a.a.O., S. 267.</p>
<p><a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Arnold, Rolf/Gonon, Philipp: Einf&#252;hrung in die Berufsp&#228;dagogik,  Opladen/Bloomfield Hills 2006, S. 237.</p>
<p><a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Gei&#223;ler, Karlheinz A./Orthey, Frank Michael: Betriebliche Bildungspolitik, in: Drees, Gerhard/Ilse, Frauke (Hg.): Arbeit und Lernen 2000 – berufliche Bildung zwischen Aufkl&#228;rungsanspruch und Verwertungsinteressen an der Schwelle zum dritten Jahrtausend, Bielefeld 1998, S. 75-92.</p>
<p><a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Vgl. Gei&#223;ler/Orthey 1998, a.a.O.</p>
<p><a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Gei&#223;ler, Harald: Berufsbildungstheorie als Bildungstheorie der Arbeit und ihrer Organisation, in: Drees, Gerhard/Ilse, Frauke (Hg.) : Arbeit und Lernen 2000 – berufliche Bildung zwischen Aufkl&#228;rungsanspruch und Verwertungsinteressen an der Schwelle zum dritten Jahrtausend, Bielefeld 1998, S. 29-49, hier S. 45.</p>
<p><a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Vgl. Moldaschl, Manfred/Vo&#223;, G&#252;nter G. (Hg.): Subjektivierung von Arbeit, Arbeit, Innovation und Nachhaltigkeit, Bd. 2, M&#252;nchen/Mering 2002.</p>
<p><a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Das Kapital erwirbt im Arbeitsvertrag nur das Recht das Potenzial der Ware Arbeitskraft zu nutzen, steht dann aber vor dem Problem, wie die Arbeitskr&#228;fte dazu gebracht werden k&#246;nnen, dieses durch tats&#228;chliche Arbeitsleistung zu realisieren und ob sie &#252;berhaupt die F&#228;higkeiten und Kompetenzen dazu haben. </p>
<p><a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Vgl. Braverman, Harry: Die Arbeit im modernen Produktionsproze&#223;, Frankfurt a. M. 1985</p>
<p><a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Vgl. Marx, Karl: Das Kapital, Bd. 1, MEW 23.</p>
<p><a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Ebd., S. 511f.</p>
<p><a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Vgl. Negri, Antonio: Interpretation of the Class Situation today, in: Bonefeld, Werner/Gunn, Richard/Psychopedis, Kosmas (Hg.): Open Marxism. Vol. II. Theory and Practice, London/Boulder 1992, S. 69-105.</p>
<p><a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Vgl. Offe, Claus: Bildungssystem, Besch&#228;ftigungssystem und Bildungspolitik – Ans&#228;tze zu einer gesamtgesellschaftlichen Funktionsbestimmung des Bildungssystems, in: Roth,Heinrich/Friedrich, Dagmar (Hg.), Bildungsforschung. Probleme – Perspektiven – Priorit&#228;ten, Stuttgart 1975, 217-252 sowie ders.: Berufsbildungsreform. Eine Fallstudie &#252;ber Reformpolitik, Frankfurt a. M. 1975.</p>
<p><a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd. 6, Hamburg/Berlin 1994, S. 1335</p>
<p><a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Vgl. Gei&#223;ler/Orthey 1998, a.a.O., S. 87.</p>
<p><a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Jessop 2002, a.a.O., S. 167.</p>
<p><a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Meritokratisch bedeutet, dass gesellschaftliche Ungleichheit durch angeblich unterschiedliche „Leistung“ erkl&#228;rt und legitimiert wird (An. d. Red.).</p>
<p><a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Vgl. dazu exemplarisch Vester, Michael: Die gefesselte Wissensgesellschaft, in: Bittlingmayer, Uwe H./Beuer, Ullrich (Hg.): Die „Wissensgesellschaft“. Mythos, Ideologie oder Realit&#228;t, Wiesbaden 2006, S. 173-219.</p>
<p><a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Vgl. Baetghe-Kinsky, Volker/Kupka, Peter: Ist die Facharbeiterausbildung noch zu retten? Zur Vereinbarkeit subjektiver Anspr&#252;che und betrieblicher Bedingungen in der Industrie, in: Bolder, Axel/Heid, Helmut/Heinz, Walter R./Kutscha, G&#252;nter (2001): Deregulierung der Arbeit &#8211; Pluralisierung der Bildung?, S. 166-182.</p>
<p><a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Pfeiffer, Sabine: Arbeitsverm&#246;gen. Ein Schl&#252;ssel zur Analyse (reflexiver) Informatisierung, Wiesbaden 2004.</p>
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		<title>Aufstand ist (k)ein Kinderspiel!</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:18:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Kindergartenaufstand]]></category>
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		<description><![CDATA[<em>Elisabeth Steinklammer</em> und <em>Kristina Botka</em> analysieren mit <em>Barbara Tinhofer</em> und <em>Gloria Fleischmann</em> (alle vom <em>Kollektiv Kindergartenaufstand</em>) die gesellschaftliche Bedeutung der Institution Kindergarten und berichten von der aktuellen Situation der Kindergartenp&#228;dagogInnen in Wien und ihrem Arbeitskampf.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Elisabeth Steinklammer</em> und <em>Kristina Botka</em> analysieren mit <em>Barbara Tinhofer</em> und <em>Gloria Fleischmann</em> (alle vom <em>Kollektiv Kindergartenaufstand</em>) die gesellschaftliche Bedeutung der Institution Kindergarten und berichten von der aktuellen Situation der Kindergartenp&#228;dagogInnen in Wien und ihrem Arbeitskampf.<br />
<span id="more-1523"></span><br />
Seit M&#228;rz 2009 haben wir als eine anfangs kleine, doch st&#228;ndig wachsende Gruppe<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> von Kin-dergartenp&#228;dagogInnen und BetreuerInnen durch &#246;ffentlichen Protest, Publikationen und Interviews auf unsere prek&#228;re Arbeitssituation hingewiesen &#8211; nicht zuletzt auch durch die Soli-darisierung mit den BesetzerInnen an den Universit&#228;ten. Wir agieren und politisieren unter dem Namen „Kollektiv Kindergartenaufstand“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>. Wir setzen uns f&#252;r grundlegende Ver&#228;nde-rungen im Elementarbildungsbereich ein und haben damit einen Arbeitskampf begonnen, der nicht nur die Rahmenbedingungen in &#246;sterreichischen Kinderg&#228;rten ver&#228;ndern will, sondern gleichzeitig das Image der „Kindergartentante“ auf den Kopf stellt.</p>
<p><strong>Kindergartenp&#228;dagogik und Hegemonie</strong><br />
Die Kindergartenp&#228;dagogik und die Organisation des Kindergartens in &#214;sterreich muss im Kontext des gesamten Bildungssystems und als Teil eines Staates anerkannt werden, in dem Bildung ein machtvolles Instrument ist. Die oft zitierte „Gesellschaft von Morgen“ wird hier (aus)gebildet, um je nach Form der Bildung dazu beizutragen, sich entweder in ein System einzuordnen oder selbstbestimmt und kreativ zu handeln. In diesem Sinne ist Bildung immer politisch, da sie entweder dazu beitr&#228;gt, die bestehende gesellschaftliche Ordnung aufrecht zu erhalten, oder Kinder in ihrer Subjektwerdung unterst&#252;tzt, die zu einer Ver&#228;nderung der Verh&#228;ltnisse beitragen kann. Wir beziehen uns hierbei vor allem auf Antonio Gramsci, in dessen Hegemonieverst&#228;ndnis<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> die erzieherische Dimension eine zentrale Rolle spielt. F&#252;r ihn ist „jedes Verh&#228;ltnis von ‚Hegemonie’ […] notwendigerweise ein p&#228;dagogisches Verh&#228;ltnis [...]“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>, das auch als Umkehrung nachvollziehbar bleibt: Jedes p&#228;dagogische Verh&#228;ltnis ist ein von Hegemonie gepr&#228;gtes Verh&#228;ltnis; die „erziehende“ Person reproduziert hegemoniale Vorstellungen durch erzieherische Ma&#223;nahmen.<br />
Insofern sind die gesellschaftlichen Institutionen der Erziehung und Bildung, zu denen auch der Kindergarten geh&#246;rt, „ideologisches Terrain“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a>, auf welchem sich Individuen ihr Bewusst-sein erarbeiten, sich Weltdeutungen aneignen und diese ausgestaltet werden, bestehende Herr-schaftsstrukturen auch hinterfragt und zur&#252;ckgewiesen werden k&#246;nn(t)en.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a><br />
Dabei wird ein Verst&#228;ndnis des Menschen deutlich, in dem dieser nur im Kontext des gesell-schaftlichen Ganzen zu analysieren ist. Gramsci fasst den Menschen als einen „geschichtlichen Block“.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Hier findet Gramscis Verst&#228;ndnis von Pers&#246;nlichkeitsentwicklung ihren Ausdruck: „Die Au&#223;enwelt, die allgemeinen Verh&#228;ltnisse zu ver&#228;ndern, hei&#223;t sich selbst zu potenzieren, sich selbst zu entwickeln.“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Damit ist einerseits gemeint, dass das Individuum in der Pers&#246;nlichkeitsentwicklung von den sozialen Umst&#228;nden und deren historischer Gewachsenheit gepr&#228;gt ist, es aber gleichzeitig auf diese aktiv zur&#252;ckwirkt.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Das bedeutet, dass durch die Beteiligung an progressiven Bewegun-gen oder durch das Mitwirken von Kindern an der Entwicklung alternativer Weltanschau-ungskonzepte wiederum ihr Selbst- und Weltverst&#228;ndnis ver&#228;ndert werden kann. Die Forde-rung, Kinder ganzheitlich zu erziehen und eine Pers&#246;nlichkeitsbasis zu f&#246;rdern, die eine indi-viduelle Weiterentwicklung erm&#246;glicht, bedeutet auch eine geschlechterunspezifische, stereo-typenfreie Erziehung. Dazu muss Kindern aber erst einmal die M&#246;glichkeit gegeben werden und P&#228;dagogInnen brauchen eine entsprechende Ausbildung.<br />
Andererseits steckt in dem Zitat ein p&#228;dagogisches Verst&#228;ndnis, dessen Bildungsziel die Ver-wirklichung einer umfassenden und nicht unmittelbar zweckgebundenen Bildung f&#252;r Kinder (der ArbeiterInnenklasse), als erzieherische Selbsterm&#228;chtigung (der revolution&#228;ren Klasse) ist. Der Bildungsprozess soll also die Bedingungen sowie M&#246;glichkeiten der Freiheit und der Entwicklung der Menschen aufzeigen und ein Bewusstsein von menschlichen Entwicklungs- und Lebensperspektiven schaffen.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Gramsci vertritt eine P&#228;dagogik vom Standpunkt der Ler-nenden aus. Hierbei sind freiwillige und spontane Lernprozesse, die unmittelbar an kollektive politische Praxis und Erfahrungen der sozialen Bewegungen angebunden sind, essenziell.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Daraus leitet sich f&#252;r die P&#228;dagogInnen eine zentrale Aufgabe ab: die Kinder in ihren sozialen Erfahrungen innerhalb der Gruppe zu beobachten, darauf aufbauend an ihren Erfahrungen anzusetzen und Unterst&#252;tzung bei der selbstst&#228;ndigen Bew&#228;ltigung von sich stellenden Lernaufgaben zu bieten.<br />
Dieses Aufgabenverst&#228;ndnis wird auch in der Ausbildung von Kindergartenp&#228;dagogInnen vermittelt, wo das Spiel als zentrale Lernform von jungen Kindern im Mittelpunkt aller p&#228;da-gogischen und didaktischen &#220;berlegungen steht.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Die Funktion der Kindergartenp&#228;dago-gin/des Kindergartenp&#228;dagogen ist mit Gramsci als die einer freundschaftlichen Anleite-rin/eines freundschaftlichen Anleiters<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> zu sehen. Das Bild der/des „Erzieherin/Erziehers“ hingegen ist abzulehnen. Zwar gibt es auch nach seiner Vorstellung die Notwendigkeit von erzieherischem Eingreifen, um auf die Entfaltung individueller M&#252;ndigkeit hinzuf&#252;hren.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Die Betonung liegt hierbei jedoch auf der Entfaltung individueller M&#252;ndigkeit im Gegensatz zu einer Erziehung, die um die Anpassung an die bestehenden Verh&#228;ltnisse bem&#252;ht ist.<br />
Dabei ist ein zweiter Aspekt mit Blick auf die Funktion der P&#228;dagogInnen zentral: Mit Gramsci kommt der Intellektuellengruppe der „Lehrkr&#228;fte vom Volksschulalter bis zu den Universit&#228;tsprofessoren“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> – wobei Kindergartenp&#228;dagogInnen wohl ebenso zu den „p&#228;dago-gischen Fachintellektuellen“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> gez&#228;hlt werden k&#246;nnen – eine zentrale Rolle als VermittlerInnen hegemonialer Verh&#228;ltnisse zu.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Daraus ergibt sich eine direkte Verantwortung der P&#228;da-gogInnen, nicht nur f&#252;r die Lernprozesse der Kinder, sondern f&#252;r die Gestaltung der Gesell-schaft an sich. Denn die Rolle und Funktion die einE P&#228;dagogIn im Lernprozess der Kinder einnimmt, das Gesellschaftsverst&#228;ndnis das sie dabei vermittelt und ihr eigenes Handeln im Alltag reproduziert entweder herrschende Verh&#228;ltnisse oder unterst&#252;tzt Kinder dabei, eine Auffassung der Wirklichkeit zu erlangen, die sich aus Erfahrungen und sozialen K&#228;mpfen ihrer Zeit entwickelt. Aus Sicht der P&#228;dagogIn beinhaltet dies nicht zuletzt eine Zur&#252;ckwei-sung hegemonialer Wissens- und Lernpraxen<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> und die Entwicklung eigener Lernziele.</p>
<p><strong>Der Kindergarten als Schule der Zweigeschlechtlichkeit</strong><a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a><br />
Dieses Verst&#228;ndnis der Bedeutung fr&#252;hkindlicher P&#228;dagogik steht in krassem Widerspruch zum g&#228;ngigen Bild des Kindergartens als Ort der einfachen Versorgung. Oft m&#252;ssen sich P&#228;-dagogInnen Aussagen gefallen lassen, wie „Sei doch froh, dass du f&#252;rs Spielen bezahlt wirst!“ oder „Was machst du denn schon? So ein paar Kinder h&#252;ten kann doch nicht so schwer sein!“<br />
Hier kann auf die vorherrschenden Geschlechterverh&#228;ltnisse r&#252;ckgeschlossen werden. Nancy Fraser betont, dass „selbstverst&#228;ndlich […] die Rolle des/der Kinderbetreuers/betreuerin im klassischen Kapitalismus – wie anderswo auch – eine ganz offenkundig weibliche Rolle [ist].“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Dies l&#228;sst sich anhand von Statistiken zur Kinderbetreuungssituation in &#214;sterreich schnell belegen: In &#214;sterreich sind Kinder bis zum dritten Lebensjahr haupts&#228;chlich zu Hause und werden dort von der Mutter<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> betreut. Im Jahr 2006 waren nur 10,8 Prozent der Kinder im Alter unter drei Jahren in institutionellen Kinderbetreuungseinrichtungen untergebracht.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a><br />
Kinderbetreuung erf&#228;hrt im Allgemeinen keine hohe gesellschaftliche Achtung. Belegt wird die gesellschaftliche Geringsch&#228;tzung von Erziehungsarbeit in erster Linie dadurch, dass sie gro&#223;teils unbezahlt verrichtet wird. Werden Kinder au&#223;erh&#228;uslich betreut, ist die Entlohnung f&#252;r die P&#228;dagogInnen stets gering und Kinderbetreuung in &#214;sterreich wird als ein „typischer Frauenberuf“ angesehen. Von der Geburt an &#252;ber die ersten Lebensjahre zu Hause und weiter &#252;ber die p&#228;dagogische Betreuung in Kinderkrippen, Kinderg&#228;rten und bis zur Volksschule werden Kinder – von wenigen Ausnahmef&#228;llen abgesehen – von weiblichen Personen betreut. Im Kindergartenjahr 2006/2007 arbeiten in ganz &#214;sterreich 26.014 weibliche und 283 m&#228;nn-liche Personen in den Kinderg&#228;rten – das macht einen Anteil weiblicher Arbeitskr&#228;fte von 98,92% aus.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Aus der oben diskutierten hegemonietheoretischen Sicht auf Bildung bedeutet diese „Vergeschlechtlichung“ des Kindergartens f&#252;r Kinder, in geschlechtsstereotypen Le-bensrealit&#228;ten aufgezogen zu werden. Die Institution f&#252;gt sich damit in die gesamtgesell-schaftliche Ordnung der Sph&#228;rentrennung von m&#228;nnlich/weiblich ein, da selbst in der au&#223;er-h&#228;uslichen Betreuung von Kindern die Betreuungsarbeit weibliche Arbeit bleibt.<br />
Demgegen&#252;ber w&#252;rde ein Bildungsverst&#228;ndnis, dass der individuellen, selbstbestimmten Freiheit im Lernprozess durch eigenes Handeln und Erkennen Rechnung tr&#228;gt, auch ein Re-flektieren von Verhalten m&#246;glich machen und damit dazu beitragen, die herrschenden Ge-schlechterverh&#228;ltnisse in Frage zu stellen. So k&#246;nnten etwa die eigenen Erfahrungen von M&#228;dchen und Buben jenen der hegemonialen Vorstellungen &#252;ber Geschlechter gegen&#252;berstehen<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a>. Wenn nun eine kritische Verallgemeinerung gef&#246;rdert wird, so k&#246;nnte dies bedeuten, dass Kinder feststellen, dass gesellschaftliche zweigeschlechtliche Sph&#228;renteilung zu hinter-fragen und zu ver&#228;ndern ist. Die daf&#252;r notwendigen Identifikationsm&#246;glichkeiten mit m&#246;glichst vielf&#228;ltigen und unterschiedlichen Frauen- und M&#228;nnerbildern sind in der derzeitigen Situation allerdings nicht gegeben. Dies dr&#252;ckt sich eben auch im gesellschaftlichen Stellenwert dieses „Frauenberufs“ aus. Insofern ergibt sich als zentrale Forderung, dass Kleinkinder-erziehung nicht l&#228;nger als vorrangig unbezahlte, folglich wenig wertvolle, privatisierte, nicht als Arbeit angesehene T&#228;tigkeit gesellschaftlich (un-)behandelt bleiben darf, sondern den Status eines gesamtgesellschaftlichen Verantwortungsbereichs erhalten muss.</p>
<p><strong>Neoliberale Bildungsanspr&#252;che</strong><br />
Das gesellschaftlich nach wie vor dominante Verst&#228;ndnis von P&#228;dagogInnen als „Spieltanten“ und das Verst&#228;ndnis von Kinderg&#228;rten als blo&#223;e Bewahrungsanstalten ist eng verkn&#252;pft mit einem verschulten Lernbegriff. Soziale Prozesse zu begleiten, Kinder dabei zu unterst&#252;tzen, die eigene Reflexions- und Kritikf&#228;higkeit zu entfalten und sich darin zu &#252;ben, in Alternativen zu denken, sind Arbeitsformen bzw. Lernprozesse, die nicht an Bastelarbeiten oder Arbeits-bl&#228;ttern zu messen sind. Sie haben daher oftmals geringen gesellschaftlichen Stellenwert und werden nicht als „gew&#252;nschtes“ Lernen wertgesch&#228;tzt.<br />
Gleichzeitig ist das Bild vom Kindergarten als Verwahrungsanstalt in Ver&#228;nderung begriffen. Dabei gibt es eine widerspr&#252;chliche Entwicklung, die einerseits dazu beitr&#228;gt, dass der Kin-dergarten von immer mehr Menschen (vor allem Eltern) als Bildungseinrichtung anerkannt wird. Andererseits folgt diese Entwicklung den Tendenzen einer &#214;konomisierung von Bil-dung, die auch vor dem Kindergarten nicht halt macht. Der neue Bildungsanspruch, der mit den Erwartungen an den Kindergarten oft einher geht, ist n&#228;mlich eben kein erm&#228;chtigender, sondern entspricht der neoliberalen Vorgabe, dass Kinder m&#246;glichst fr&#252;h „Verwertbares“ ler-nen sollen, um ihr potenzielles Humankapital zu steigern und so Startvorteile gegen&#252;ber den AlterskollegInnen in der weiteren Bildungslaufbahn und dann ultimativ am Arbeitsmarkt zu haben. Das Spiel als wichtigste Lernform junger Kinder wird ersetzt durch Forderungen nach verschultem, messbarem Ausbildungs-Lernen, bei dem sich die Kinder m&#246;glichst fr&#252;h, m&#246;g-lichst viel vorgefertigtes Wissen aneignen. Krassestes Beispiel daf&#252;r sind Englischkurse nach Schema (in den USA ist es eben dann Mandarin) ab dem zweiten Lebensjahr, die von immer mehr Kinderg&#228;rten angeboten werden um „am Markt bestehen zu k&#246;nnen“. Aber auch Schreib&#252;bungen, die Einf&#252;hrung von Stundenpl&#228;nen und Sitztraining sind Teil der neolibera-len Zurichtung. Sie bef&#246;rdert ein Konkurrenzdenken, das nicht die Selbstpotenzierung der Kinder in den Mittelpunkt r&#252;ckt sondern deren bestm&#246;gliche Verwertung in einer neoliberalen Gesellschaftsordnung.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a><br />
Zwar ist &#252;ber diese Entwicklung der &#214;konomisierung die Bedeutung des Kindergartens ge-sellschaftlich gestiegen, auf der Strecke bleiben bei einer derartigen Ausrichtung aber die freie Pers&#246;nlichkeits- und die emotionale Entwicklung der Kinder. Wir befinden uns also nicht nur in einer Auseinandersetzung um die Arbeits- und Rahmenbedingungen im Kindergarten, son-dern auch &#252;ber dessen inhaltliche, ideologische Ausrichtung, sprich dem Lernverst&#228;ndnis und der Lernkultur.</p>
<p><strong>Kinderg&#228;rten in &#214;sterreich</strong><br />
Die politische Ausgestaltung der Rahmenbedingungen f&#252;r die gesellschaftliche Institution des Kindergartens spielt eine zentrale Rolle f&#252;r die Art der Bildung, die darin stattfinden kann. Auff&#228;lligstes Charakteristikum in diesem Zusammenhang ist, dass es in &#214;sterreich so gut wie keine einheitlichen Rahmenbedingungen gibt. Dies resultiert daraus, dass die gesetzliche Re-gelung von Kinderg&#228;rten, Horten und Kinderkrippen in &#214;sterreich seit 1962 unter die Zust&#228;n-digkeit der Landesregierungen f&#228;llt, weshalb neun verschiedene Landeskindergartengesetze existieren, anstatt eines Bundesrahmengesetzes. Dennoch sind die „Eckpfeiler“ &#228;hnlich; es gibt kein Bundesland, wo der Beruf tats&#228;chlich gut bezahlt wird oder die Gruppengr&#246;&#223;en stark variieren. Die f&#246;derale Regulierung des Kindergartenwesens hat  auch dazu gef&#252;hrt, dass es trotz einheitlicher Ausbildungs- und Qualifizierungsstrukturen viele unterschiedliche Tr&#228;ge-rInnenorganisationen und damit ArbeitgeberInnen f&#252;r die P&#228;dagogInnen gibt. Das bedeutet in weiterer Folge, dass je nach ArbeitgeberIn auch die gewerkschaftliche Vertretung der P&#228;da-gogInnen variiert. Da es weder ein einheitliches Bundesrahmengesetzt gibt, noch einen Kol-lektivvertrag f&#252;r Kindergartenp&#228;dagogInnen, unterscheiden sich mitunter auch die Arbeitsbe-dingungen. Wir werfen hier einen exemplarischen Blick nach Wien, wo ca. die H&#228;lfte aller P&#228;dagogInnen bei der Gemeinde Wien angestellt ist und daher von der <em>Gewerkschaft der Gemeindebediensteten</em> (GDG) vertreten werden. F&#252;r sie gilt das Gehaltsschema der Gemeinde Wien, das Signalwirkung f&#252;r die anderen ArbeitgeberInnen hat, aber nicht zwingend &#252;bernommen wird. Die andere H&#228;lfte der P&#228;dagogInnen arbeitet bei privaten Tr&#228;gerInnen und wird daher von der <em>Gewerkschaft der Privatangestellten- Druck, Papier, Journalismus</em> (GPA-djp) vertreten. So entsteht das Problem,  dass es kein einheitliches Dienstrecht oder einen ge-meinsamen Kollektivvertrag gibt.<br />
In der Regel ist einE P&#228;dagogIn in Wien alleine f&#252;r die Erziehung und Bildung von 25 Kin-dern in einer Gruppe zust&#228;ndig, wobei grunds&#228;tzlich eine unausgebildete Hilfskraft als Unterst&#252;tzung, meist aber f&#252;r organisatorische T&#228;tigkeiten, zur Verf&#252;gung steht.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Au&#223;erdem stehen P&#228;dagogInnen in Wien zumeist vier von 40 Stunden f&#252;r Vorbereitungen zur Verf&#252;gung. Je nach ArbeitgeberIn m&#252;ssen in dieser Zeit aber auch Elternarbeit, Teamsitzungen und &#228;hnliches stattfinden, wodurch die Zeit f&#252;r tats&#228;chliche Planung und Vorbereitung der Bildungsarbeit, deren verpflichtende schriftliche Reflexion sowie f&#252;r Einzelf&#246;rderung minimal ist und viele P&#228;dagogInnen diese unbezahlt in ihrer Freizeit erledigen, um ihrem eigenen p&#228;dagogischen Anspruch auch nur halbwegs gerecht werden zu k&#246;nnen. Die momentane Arbeitssituation ist f&#252;r immer mehr Kindergartenp&#228;dagogInnen derart belastend<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a>, dass die einzige M&#246;glichkeit, den Beruf so gut wie m&#246;glich auszu&#252;ben darin liegt, von Vollzeit- auf Teilzeitarbeit umzusteigen. Allgemein herrscht in Wien Personalmangel, denn jede dritte Abg&#228;ngerin einer BAKIP<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a>  ergreift ein Studium, weil die Arbeitsbedingungen die sie in den Kinderg&#228;rten er-warten unattraktiv sind. Dadurch wird es in Wiens Kinderg&#228;rten immer schwieriger, die schon aufgrund der bestehenden gesetzlichen Rahmenbedingungen schlechte Kindergartenstruktur mit ausreichend qualifiziertem Personal aufrecht zu erhalten, geschweige denn auszubauen. Dies macht es wiederum den P&#228;dagogInnen immer schwieriger, den eigenen Standards, aber auch den Rahmengesetzen gerecht zu werden. Der Personalmangel f&#252;hrt dazu, dass Zeit zur knappen Ressource wird, die ben&#246;tigt wird um auf Kinder individuell einzugehen, Konflikte aufzugreifen und gemeinsam zu l&#246;sen, Kinder zu beobachten und dann darauf abgestimmte Bildungsangebote zu setzen. Es braucht aber auch Zeit eine anregende und herausfordernde Umgebung zu schaffen, in der Kinder vielf&#228;ltige Lernm&#246;glichkeiten vorfinden und sich dem eigenen Tempo entsprechend darin zu Recht finden k&#246;nnen. Ein Beispiel: Die Zeit, bei Strei-tigkeiten auf selbst gew&#228;hlte L&#246;sungsstrategien der Kinder zu setzten (Handlungsalternativen durchdenken, Einf&#252;hlungsverm&#246;gen trainieren etc.) gibt es nicht, statt dessen werden die Kin-der oftmals schnell gema&#223;regelt und so daran gehindert, F&#228;higkeiten zur Konfliktl&#246;sung zu entwickeln. Dies entspricht zumeist aber nicht dem Verst&#228;ndnis der P&#228;dagogInnen von der eigenen Arbeit und dem Stellenwert dieser wichtigen sozialen Lernprozesse.<br />
Statt dem Personalmangel in Wiens Kinderg&#228;rten durch Verbesserung der Arbeitsbedingun-gen Abhilfe zu schaffen, um ausgebildete P&#228;dagogInnen in den Beruf zu locken, wurde einer-seits versucht, das Problem m&#246;glichst von der &#214;ffentlichkeit fern zu halten, was sich in ge-steigertem Arbeitsdruck f&#252;r die P&#228;dagogInnen ausdr&#252;ckt. Andererseits mussten AssistentIn-nen, die in vielen Einrichtungen P&#228;dagogInnen als Unterst&#252;tzung zur Seite gestellt werden, aber selbst &#252;ber keine p&#228;dagogische Ausbildung verf&#252;gen (daher auch weniger verdienen), in den letzten Jahren vermehrt Zeit alleine in der Gruppe verbringen und diese beaufsichtigen. Sie &#252;bernehmen dabei immer mehr Aufgaben von Kindergartenp&#228;dagogInnen, ohne &#252;ber de-ren Qualifizierung zu verf&#252;gen, oder f&#252;r diese Mehrarbeit entsprechend entlohnt zu werden. Die verpflichtete Besetzung der Gruppen von zumindest einer P&#228;dagogIn und einer Assisten-tIn konnte nicht mehr aufrecht erhalten werden.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Bei Kindergartenp&#228;dagogInnen, aber auch bei AssistentInnen mehrt sich nun die &#220;berbelastung, bis hin zum Burnout-Syndrom. F&#252;r die Kinder hei&#223;t dies oft, von Erwachsenen betreut zu werden, die &#252;berarbeitet sind und keine Zeit haben, auf ihre individuellen Bed&#252;rfnisse und F&#228;higkeiten einzugehen. Die  Rahmenbe-dingungen lassen oftmals nicht mehr als ein blo&#223;es Beaufsichtigen und das Verhindern von Verletzungen zu. Ganz abgesehen von dem L&#228;rmpegel, dem Kinder und Erwachsene ausge-setzt sind, wenn am Nachmittag Gruppen zusammen gelegt werden m&#252;ssen, weil nicht gen&#252;-gend Personal vorhanden ist, wodurch in manchen Berichten von bis zu 50 Kindern pro Gruppe die Rede ist.</p>
<p><strong>Schwierige Voraussetzungen f&#252;r Widerstand</strong><br />
Angesichts dieser Situation steigt der Frust unter den P&#228;dagogInnen laufend, und hinter vor-gehaltener Hand fragen sich Viele schon l&#228;nger, „warum denn niemand etwas tut“ und sich das alle gefallen lassen. Einzelpersonen haben zwar immer wieder versucht sich zu wehren, sind mit ihrem individuellen Widerstand aber meist an den betriebsinternen Strukturen und Hierarchien gescheitert. In Wien sind die Besch&#228;ftigten nun mit einer besonders schwierigen Situation konfrontiert, denn es besteht eine enge Verbindung der verschiedenen &#246;ffentlichen wie privaten Tr&#228;gerorganisationen mit politischen Parteien. So gibt es seit Jahren eine SP&#214;-Alleinregierung in der Stadt, wodurch die Zust&#228;ndigkeit f&#252;r die Kinderg&#228;rten der Gemeinde Wien seit langem in H&#228;nden der SP&#214; liegt und die zust&#228;ndigen Stadtr&#228;tInnen ArbeitgeberIn-nenfunktionen wahrnehmen. Im privaten Bereich gibt es drei gro&#223;e ArbeitgeberInnen: Die Erzdi&#246;zese Wien, <em>Kinderfreunde und Kinder in Wien</em> (KIWI). Die Kinderfreunde verorten ihre Herkunft nicht nur in der ArbeiterInnenbewegung und berufen sich in ihrem Leitbild auf sozialdemokratische Werte, sondern sind auch personell eng mit der SP&#214; verbunden.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> KIWI entstand aus dem ehemaligen, &#214;VP-nahen <em>Wiener Kinderrettungswerk</em> und ist nach wie vor personell eng mit der &#214;VP verbunden. So hat etwa die aktuelle Gesch&#228;ftsf&#252;hrerin von KIWI auch f&#252;r die &#214;VP einen Sitz im Wiener Gemeinderat.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Daneben gibt es nat&#252;rlich noch andere ArbeitgeberInnen, wie selbstorganisierte Elterngruppen und &#228;hnliches, die Mehrheit der P&#228;-dagogInnen arbeitet aber bei einem der vier Tr&#228;gervereine <em>Gemeinde Wien, Erzdi&#246;zese, Kinderfreunde</em> und KIWI.<br />
Damit ist jede Auseinandersetzung in und um Kindergarten in mehrfacher Weise (partei-) politisch. So n&#252;tzte etwa die FP&#214; die Kritik an der Situation der Wiener Kinderg&#228;rten f&#252;r ihre rassistische Propaganda gegen die SP&#214; im Rahmen des Gemeinderatswahlkampfes 2010.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a><br />
Hinzu kommt, dass innerhalb der &#246;sterreichischen Gewerkschaften Parteifraktionen eine gro&#223;e Bedeutung einnehmen. Oftmals gibt es enge personelle Verbindungen zwischen Gewerk-schaftsfunktion&#228;rInnen und Parteien. So sitzt der derzeitige Vorsitzende der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten zugleich f&#252;r die SP&#214; im Wiener Gemeinderat.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Dass es dabei zu Interessenskonflikten zwischen den verschiedenen Funktionen kommen muss, liegt nahe. Neben den Gewerkschaften gibt es noch die Berufsgruppe der Kindergarten- und Hortp&#228;dagogInnen, die sich als Interessensvertretung sieht. Allerdings steht auch ArbeitgeberInnen die Mitgliedschaft offen und im Vorstand sitzen diese mittlerweile zahlreich vertreten – Interessenskonflikte sind also auch hier absehbar.<br />
Bisher gab es daher keine einheitliche Vertretung bzw. einen Rahmen, innerhalb dessen sich alle P&#228;dagogInnen organisieren konnten. Dies f&#252;hrte zu einer Vereinzelung der P&#228;dagogInnen in den Kinderg&#228;rten. Zwischen letzteren gibt es kaum Kommunikation, was Tr&#228;gerorganisati-onen insofern zugute kommt, als hier Konkurrenz zu anderen Einrichtungen aufgebaut wird bzw. die P&#228;dagogInnen verunsichert und gegeneinander ausgespielt werden („denen geht es ja noch schlechter als uns…“).<br />
Obwohl zurzeit eine prinzipielle „Marktmacht“<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> der P&#228;dagogInnen gegeben ist, da sie eine Qualifizierung besitzen, die dringend nachgefragt wird, konnte diese bisher nicht als Macht-potential aktiviert werden – auch weil durch die Vereinzelung die kollektive Macht von den Betroffenen nur schwer wahrgenommen werden kann.</p>
<p><strong>Well behaved women rarely make history!</strong><br />
Im Jahr 2009 kam Bewegung in die &#246;ffentliche Debatte um Kinderg&#228;rten, als die Bundesre-gierung die Einf&#252;hrung des Gratiskindergartens &#252;berlegte. Die Aussicht auf die nun bevorste-hende noch h&#246;here Belastung durch die totalen Gruppenauff&#252;llungen brachte in den Kinder-g&#228;rten das Fass zum &#252;berlaufen. Viele P&#228;dagogInnen bef&#252;rchteten, dass diese, von ihnen unter gesellschaftspolitischen und feministischen Gesichtspunkten an sich positiv gesehenen Ma&#223;nahme, zu einer Versch&#228;rfung der bereits untragbar gewordenen Situation f&#252;hren w&#252;rde, wenn nicht zeitgleich eine umfassende Verbesserung der Rahmenbedingungen erfolgt. Auf-grund  des Personalmangels in Wien war dies jedoch kaum zu erwarten.<br />
Bereits im Fr&#252;hling 2009 hatte eine anfangs kleine Gruppe von P&#228;dagogInnen, die nicht mehr bereit war, die untragbaren Arbeitsbedingungen hinzunehmen, begonnen, sich zu treffen um Strategien f&#252;r eine Verbesserung im Kindergartenbereich zu diskutieren. Die Streiks der Er-zieherInnen in Deutschland in den vergangen Jahren – und die Erfolge im Sommer 2009 – dienten als Vorbild. Kaum eine P&#228;dagogin/ein P&#228;dagoge hat den Arbeitskampf der KollegIn-nen im Nachbarland nicht gespannt verfolgt.<br />
So wurde  das <em>Kollektiv Kindergartenaufstand</em> gegr&#252;ndet. Nachdem am 28. M&#228;rz die von sehr vielen Organisationen getragenen Proteste unter dem Titel <em>Wir zahlen nicht f&#252;r eure Krise</em><a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a>  bevorstanden, wurde f&#252;r die Demonstration in Wien ein Kindergarten-Block geplant.<br />
Auch die Debatte um das Missverh&#228;ltnis von milliardenschweren Rettungspaketen f&#252;r die Banken und gleichzeitiger Unterbezahlung im Sozialbereich trug dazu bei, dass innerhalb von etwa zwei Wochen ein Block mit etwa 70 Leuten f&#252;r den <em>Kindergartenaufstand </em>mobilisiert werden konnte. Auf der Demonstration wurden E-Mail-Adressen gesammelt, Kontakte ge-kn&#252;pft, Erfahrungen ausgetauscht und neue MitstreiterInnen gefunden. Am Beginn standen dabei vor allem zwei Aspekte im Mittelpunkt der Bem&#252;hungen: die &#214;ffentlichkeit auf die untragbare Situation aufmerksam zu machen und der Zersplitterung etwas entgegenzusetzen. In diesem Sinne wurde nach den positiven Erfahrungen der Demonstration vom 28. M&#228;rz ein Wienweites Vernetzungstreffen geplant. Denn, so waren sich alle im Kollektiv einig, „nur wenn wir uns alle vernetzen, als Betroffene gemeinsam auftreten und uns auch in manchen Punkten, die uns vielleicht nicht so stark betreffen, mit anderen solidarisieren anstatt nichts zu unternehmen, k&#246;nnen wir etwas ver&#228;ndern.“<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a><br />
An diesem ersten Vernetzungstreffen der P&#228;dagogInnen und BetreuerInnen nahmen an die 70 Arbeitende aus verschiedensten Kinderg&#228;rten Wiens, und auch einige aus Nieder&#246;sterreich teil, um in angeregten Diskussionen festzustellen, dass die Rahmenbedingungen der Arbeit &#252;berall gleich schlecht sind und gleichzeitig in der Auseinandersetzung den ersten Schritt aus der Vereinzelung heraus zu machen. Dabei wurde klar, dass die meisten sich keine Hoffnun-gen auf eine baldige Verbesserung machten, weil weder kollektive gewerkschaftliche Vertre-tung noch andere k&#228;mpferische Strukturen im Kindergartenbereich bestanden. Zahlreiche Kindergartenp&#228;dagogInnen stellten zum ersten Mal fest, dass es doch sehr viel Unmut nicht nur im eigenen Betrieb, sondern fl&#228;chendeckend gibt, und andererseits die Gruppe derer, die Handlungsbedarf und -willen hat, gr&#246;&#223;er ist, als gedacht. Das „Ergebnis“ des ersten gro&#223;en Vernetzungstreffens war neben der gemeinsamen Erstellung von Forderungen (wie Reduzie-rung der Kinderanzahl pro Gruppe, Erh&#246;hung der Vorbereitungszeit und des Personalschl&#252;s-sels, h&#246;here Geh&#228;lter, ein Kollektivvertrag und damit eine einheitliche gewerkschaftliche Ver-tretung und ein Bundesrahmengesetzt), eine „Flashmobgruppe“, eine „Elterninfogruppe“ so-wie viele neue Kontakte und Ideen. Auf den folgenden regelm&#228;&#223;igen Vernetzungstreffen besprachen P&#228;dagogInnen, von denen viele vorher noch nie politisch aktiv waren, das weitere gemeinsame Vorgehen, die strategischen Positionierungen, verfassten politische Texte und planten erste Aktionen.<br />
Es gab innerhalb der ersten Monate eine st&#228;ndige Mailflut von begeisterten KollegInnen zu bew&#228;ltigen, die sich engagieren wollten, M&#252;tter und V&#228;ter schrieben Solidarisierungen und die Interviewanfragen von diversen aufmerksam gewordenen Medien zeigten, dass hier ein heikles Thema in der &#246;sterreichischen Politik angegriffen wurde – und das im „roten Wien“!<br />
Im Juni gab es im Museumsquartier den ersten „Flashmob“, an dem sich etwa 200 Menschen beteiligten und der bereits in vielen Medien publik gemacht wurde. Wie bei den Treffen zu-vor, stand auch bei dieser Aktion die Vernetzung der Basis und der Betroffenen sowie die St&#228;rkung nach Innen im Vordergrund. Der Vereinzelung wurde durch solche Aktionen ein eindrucksvolles Bild der Solidarit&#228;t entgegengesetzt. Das hat viele P&#228;dagogInnen ermutigt, weiter f&#252;r eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu k&#228;mpfen. Aufgrund der engen Ver-kn&#252;pfung von ArbeitgeberInnen und politischen Parteien, aber auch durch die gesellschafts-politische Bedeutung von Kinderg&#228;rten, richteten sich die Proteste und Aktionen vor allem an die &#214;ffentlichkeit, die Bundes- und Landesregierung und vorerst weniger gegen die Arbeitge-berInnen im Einzelnen. Dennoch folgten auf die Proteste auch Auflagen von ArbeitgeberIn-nenseite, nicht mit der Presse zu sprechen und das Kollektiv wurde von besorgten KollegIn-nen kontaktiert, welche sich aufgrund der Reaktionen des Arbeitgebers/der Arbeitgeberin nur „anonymisiert“ an Aktionen beteiligen wollten. Selbst die Angstmache von Oben konnte die Wut, die durch die nun neu erfahrene St&#228;rke in Engagement umschlug, nicht mehr unterdr&#252;-cken. Die AktivistInnen wurden mehr und wurden offensiver. LeiterInnen solidarisierten sich, Lehrende an BAKIPs verteilten Informationen an ihre Sch&#252;lerInnen&#8230;<br />
An den zwei Demonstrationen, die vom Kindergartenaufstand teils initiiert, teils im Rahmen des B&#252;ndnis „SOS Kindergarten – Aktion Aufschrei“<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> mitgetragen wurden, haben in den letzten Monaten insgesamt etwa 6000 P&#228;dagogInnen, BetreuerInnen, KindergartenleiterInnen, Eltern und Solidarische teilgenommen. Auch die Vernetzung mit anderen Protesten – wie mit der <em>Uni brennt-</em>Bewegung – war ein wichtiger Schritt in Richtung einer breiten Bildungsbe-wegung: kaum ein Bericht &#252;ber die Unibesetzung kam ohne eine Nennung der Proteste im Kindergartenbereich aus. Gleich am ersten Tag der Studierendenproteste entschloss sich das Kollektiv, sich zu solidarisieren. So wurde klargemacht, dass das Bildungssystem in &#214;ster-reich bereits an der Wurzel fault.<br />
Abseits der &#246;ffentlichen Aktionen des Kollektivs wurde am Aufbau von l&#228;ngerfristigen Struk-turen gearbeitet. Der Anspruch des Kollektivs war es, keine internen Hierarchien aufzubauen und daher auch auf SprecherInnen, VertreterInnen ect. zu verzichten. Stattdessen wurde nach M&#246;glichkeiten gesucht, auf breiter Basis Entscheidungen zu treffen und trotzdem handlungs-f&#228;hig zu bleiben. Die P&#228;dagogInnen organisierten sich den Anforderungen entsprechend in Arbeitsgruppen. Diese kollektive Organisationsform sorgte bei den anderen AkteurInnen in diesem Feld (wie der Berufsgruppe oder manchen Gewerkschaftsteilen sowie VertreterInnen der Presse) f&#252;r gro&#223;e Unruhe. F&#252;r die P&#228;dagogInnen des Kollektivs stand aber im Vordergrund, dass alle selbst ExpertInnen ihres Arbeitslebens sind und dementsprechend jedeR f&#252;r ihre/seine Anliegen sprechen kann. So gab es auch im Kollektiv immer wieder strategische Debatten: Wie sollte mit politischen Parteien umgegangen werden? Wer ist Zielgruppe f&#252;r welche Art von Protest? Wie sollte im eigenen Betrieb mit der politischen Aktivit&#228;t umgegangen werden? Und nicht zuletzt: Was haben wir von den GewerkschaftsvertreterInnen zu erwarten?</p>
<p><strong>Kindergartenaufstand und gewerkschaftliche Reaktionen</strong><br />
Durch den regen Zuspruch der Basis wurde die Kontaktaufnahme zu den anderen AkteurInnen im Kindergartenbereich wichtiger. Dies betraf vor allem einzelne, in den verschiedenen Gewerkschaften t&#228;tige Menschen und Gruppen, wie KIV<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a>, die innerhalb der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten (GDG) arbeitet, oder work@social<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> der GPA-djp. Dort wurde unsere Initiative freudig aufgenommen und bei gemeinsamen Diskussionen auf den Vernet-zungstreffen des Kollektivs eine Zusammenarbeit vor allem f&#252;r eine erste gro&#223;e Demonstration im Herbst 2009 in Aussicht gestellt.<br />
Andererseits, und f&#252;r KennerInnen der &#246;sterreichischen Gewerkschaftslandschaft vielleicht wenig &#252;berraschend, mussten die im <em>Kindergartenaufstand </em>organisierten P&#228;dagogInnen erfahren, dass die dominierenden Gruppen innerhalb der &#246;sterreichischen Gewerkschaften wenig vom selbst organisierten „wilden“ Aktionismus der Basis halten<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> und entgegen den Erwartungen vieler engagierten P&#228;dagogInnen/BetreuerInnen, die teilweise schon jahrelang Gewerkschaftsmitglieder waren, wurde auch bis zuletzt nicht von der Gewerkschaft auf die AktivistInnen zugegangen oder aktive Unterst&#252;tzung im vermeintlichen gemeinsamen Kampf angeboten.<br />
Zugleich gelang es den dominanten Teilen der Gewerkschaften nicht, die Basisorganisierung der P&#228;dagogInnen zu ignorieren. Dazu beigetragen haben etwa die oben genannten Gewerkschaftsgruppen, aber auch Einzelpersonen, die mit unerm&#252;dlichen Engagement und Courage innerhalb der Gewerkschaftshierarchien f&#252;r die Zusammenarbeit mit der Basis k&#228;mpften.<br />
Obwohl bisher nicht viel Ver&#228;nderung in der Kommunikation zueinander bewirkt werden konnte, wurde im Herbst 2009 offensichtlich, wie sehr die Basis Druck auf die Gewerkschaft ausge&#252;bt hat: Nach anfangs z&#246;gerlichen Unterst&#252;tzungsbeteuerungen von Seiten der Gewerkschaft, &#252;bernahm schlie&#223;lich sogar die GPA-djp unsere Forderungen und sicherte uns Unterst&#252;tzung f&#252;r eine gro&#223;e Demonstration zu. Und sp&#228;testens bei der zweiten gro&#223;en Demonstration sah sich auch die GDG gezwungen, die Proteste der P&#228;dagogInnen in den Medien zu unterst&#252;tzen. Diese Unterst&#252;tzung hat sich aber nicht in einer tats&#228;chlichen Zusammenarbeit ausgewirkt. Dass aber gewerkschaftliche Unterst&#252;tzung in Arbeitsk&#228;mpfen wichtig ist, davon sind auch die AktivistInnen des Kindergartenaufstands &#252;berzeugt und kann nicht zuletzt durch die Erfahrungen bei den Streiks der ErzieherInnen in Deutschland belegt werden.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a></p>
<p><strong>Wie weiter?</strong><br />
Kurz vor dem Jahreswechsel gab der GdG-Vorsitzender Meidlinger<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> bekannt, eine Lohnerh&#246;hung und mehr Vorbereitungszeit f&#252;r alle P&#228;dagogInnen der Gemeinde Wien verhandelt zu haben. Die Verhandlungsergebnisse der GdG streifen nur einen kleinen Teil der vielen Forde-rungen des Kollektivs, aber sie sind ein Anfang. Sie zeigen vor allem, dass die AktivistInnen damit Recht behalten, den schlechten Zustand des Kindergartens nicht mehr mitzutragen, sondern sich zu wehren.<br />
Die Ergebnisse der Gehaltsverhandlungen der GdG, die mit J&#228;nner 2010 in Kraft treten, setzen nun die privaten ArbeitgeberInnen unter Druck, vergleichbare Verbesserungen mit der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA-djp) auszuverhandeln. Doch insgesamt &#228;ndert dies wenig an den Arbeitsbedingungen &#246;sterreichweit.</p>
<p><strong>Heute ist nicht alle Tage…</strong><br />
Ein dreiviertel Jahr Aktivit&#228;t des <em>Kollektivs Kindergartenaufstand</em> hat nicht nur die &#246;sterrei-chische Gewerkschaftslandschaft wie oben beschrieben durcheinander gewirbelt. Wir haben viel &#252;ber politische Organisierung gelernt. Die Zusammenarbeit mit verschiedensten Organisationen hat zur Bildung eines Netzwerks innerhalb des Sozialarbeitsbereiches gef&#252;hrt. Diskussionen &#252;ber den Umgang mit Parteien<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> und Gewerkschaften, Besch&#228;ftigung mit Arbeits-k&#228;mpfen von KollegInnen in anderen L&#228;ndern sowie die Auseinandersetzung mit deren gewerkschaftlicher Vertretung fanden statt, und nicht zuletzt wurde die eigene Sicht auf den ausge&#252;bten Beruf st&#228;ndig reflektiert. Die Aktivit&#228;ten haben sich schon nach den ersten Monaten f&#252;r alle Beteiligten als riesengro&#223;er Pool von Lernm&#246;glichkeiten erwiesen. Das ist – neben den real erk&#228;mpften Verbesserungen – schon ein echter Sieg.<br />
Ein gro&#223;es Ziel haben wir auf jeden Fall schon erreicht, n&#228;mlich, das Image der lieben, stets freundlichen und alles hinnehmenden Kinderg&#228;rtnerin anzugreifen. Bilder von k&#228;mpferischen P&#228;dagogInnen/BetreuerInnen wurden ver&#246;ffentlicht, und durch die gef&#252;hrten K&#228;mpfe hat sich das Selbstbild ver&#228;ndert.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> Die Ver&#228;nderung des Blicks auf einen Frauenberuf ist in Gange und damit wurde auch eine neue Identifikationsm&#246;glichkeit f&#252;r die M&#228;dchen und Buben in den Kinderg&#228;rten geschaffen.<br />
Klar ist aber auch, dass mit einer Lohnerh&#246;hung oder einer Verkleinerung der Gruppengr&#246;&#223;en um einige Kinder nicht das Ideal einer Elementarbildungseinrichtung erreicht sein wird, auch wenn dadurch ein Arbeitskampf gewonnen w&#228;re. Die Anspr&#252;che an die Institution Kindergarten im heutigen neoliberalen Bildungsverst&#228;ndnis, demzufolge die Entwicklung der Kleinkinder bereits als M&#246;glichkeit gesehen wird, sie f&#252;r den Markt konform zu trainieren, werden damit nicht von alleine aufgel&#246;st.<br />
Nur Kinder, die nicht alle Antworten schon wissen m&#252;ssen, bevor sie sich Fragen stellen, werden selbst neugierig und entwickeln Interesse an ihrer Welt. Kinder, f&#252;r deren Gedanken und ihr Weltbild Platz, Zeit und Interesse da ist, lernen, sich in die Gesellschaft einzubringen und sich die Welt selbst anzueignen.</p>
<p><em>Kontaktadresse</em>: <a href="kindergartenaufstand@gmx.at">kindergartenaufstand@gmx.at</a></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Derzeit z&#228;hlen etwas &#252;ber 200 in diesem Bereich in Wien t&#228;tige P&#228;dagogInnen und BetreuerInnen zum Kollek-tiv. </p>
<p><a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> www.kindergartenaufstand.at</p>
<p><a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> „Als Hegemonie bezeichnet Gramsci einen Herrschaftstyp, „…der im Wesentlichen auf der F&#228;higkeit basiert, eigene Interessen als gesellschaftliche Allgemeininteressen zu definieren und durchzusetzen.“ Brand/ Scherer 2003:3. </p>
<p><a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte. Kritische Gesamtausgabe, Band 6, Philosophie der Praxis, Herausgegeben von Haug, Wolfgang Fritz unter Mitwirkung von Klaus Bochmann, Peter Jehle, Gerhard Kuck. Hamburg/Berlin 1994, S. 1335.</p>
<p><a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Vgl. Ebd, S. 1264.</p>
<p><a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Vgl. Merkens, Andreas 2004 (Hg.): Antonio Gramsci. Erziehung und Bildung. Gramsci-Reader. Hamburg 2004, S. 29.</p>
<p><a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Gramsci 1994, a.a.O.,S. 1341.</p>
<p><a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Ebd, S. 1341f.</p>
<p><a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Vgl. Merkens 2004, a.a.O., S. 31.</p>
<p><a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Vgl. Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte. Kritische Gesamtausgabe, Band 2, Herausgegeben von Haug, Wolfgang Fritz, Hamburg, Berlin 1991, S. 32. </p>
<p><a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Vgl Ebd., S. 22.</p>
<p><a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Insofern besteht auch ein Widerspruch zwischen dem vermittelten Wissen in der Ausbildung und den Rah-menbedingungen, die im Arbeitsalltag vorgefunden werden und die eine solche Bildung erschweren.</p>
<p><a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte. Kritische Gesamtausgabe, Band 7, Herausgegeben von Klaus Bochmann, Wolfgang Fritz Haug, Peter Jehle, unter Mitwirkung von Ruedi Graf, Gerhard Kuck, Hamburg/Berlin 1996, S. 1519.</p>
<p><a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Vgl. Merkens 2004, a.a.O., S. 43.</p>
<p><a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte. Kritische Gesamtausgabe, Band 8, Herausgegeben von Klaus Bochmann, Wolfgang Fritz Haug, Peter Jehle, unter Mitwirkung von Ruedi Graf, Gerhard Kuck, Hamburg/Berlin 1998, S. 1980.</p>
<p><a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Merkens 2004, a.a.O., S. 39.</p>
<p><a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Vgl. Ebd., S. 7.</p>
<p><a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Vgl. Ebd, S. 34.</p>
<p><a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Vgl. Botka, Kristina: Staat und Geschlechterverh&#228;ltnisse. Eine theoriegeleitete Untersuchung des &#246;sterreichischen Kindergartens. Univ. Wien, 2009. Unver&#246;ffentlichte Diplomarbeit.</p>
<p><a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Fraser, Nancy: Widerspenstige Praktiken. Macht, Diskurs, Geschlecht. Frankfurt am Main 1994, S. 192.</p>
<p><a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Siehe dazu Statsitik Austria 2006: Kinderbetreuungsgeldbezieherinnen und -bezieher nach Erwerbsstatus und Geschlecht 2006. Siehe: http://www.statistik.at/web_de/statistiken/soziales/sozialleistungen_auf_bundesebene/familienleistungen/020121.html, abgerufen am 13. 03. 2008: Die Betreuungsperson w&#228;hrend des Tages ist hier, gemessen am Bezug des Kinderbetreuungsgeldes, in rund 98% der F&#228;lle die Mutter, wenn das Kind bis zu zwei Jahre alt ist. Sp&#228;ter steigt der Anteil an Betreuung durch V&#228;ter geringf&#252;gig. Im Jahr 2006 Jahr waren 98,8% der Kinderbetreuungsgeldbe-ziehenden bei Kindern im ersten Lebensjahr die M&#252;tter, bei Kindern im zweiten Lebensjahr waren es zu 97,9% die M&#252;tter. Der V&#228;teranteil unter den Karenzgeldbeziehenden war somit bei bis zu Einj&#228;hrigen 1,2% und bei bis zu Zweij&#228;hrigen 2,1%. Bei den Kindern zwischen zwei und drei Jahren waren im Beobachtungszeitraum 90,6% der Betreuungsgeldbeziehenden die M&#252;tter und 9,4% die V&#228;ter. </p>
<p><a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Vgl. Statistik Austria 2007: Kinderbetreuungsquoten nach Altersgruppen 1995 bis 2006. Siehe:<br />
http://www.statistik.at/web_de/static/kinderbetreuungsquoten_nach_altersgruppen_1995_bis_2006_021659.pdf abgerufen am 07.04.2008</p>
<p><a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Siehe dazu Ebd., S. 71ff. Zahlen zu anderen Kinderbetreuungseinrichtungen finden sich im Bericht ebenso. </p>
<p><a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Wenn M&#228;dchen etwa gut im Bauen sind und Jungen gerne Verkleiden spielen oder &#196;hnliches. </p>
<p><a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Es gibt durchwegs positive Erfahrungen damit, Kindern in der entsprechenden „sensiblen Phase“ ihrer Ent-wicklung die M&#246;glichkeit des Spracherwerbs zus&#228;tzlich zur Erstsprache anzubieten, etwa durch zweisprachig gef&#252;hrte Gruppen. Dies widerspricht aber der Idee vom verschulten Lernen abpr&#252;fbarer Inhalte. </p>
<p><a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Passend daher der Spruch auf einem Schild bei den Demonstrationen: „1:25 – wie viel individuelle F&#246;rderung bleibt da f&#252;r ein Kind?“</p>
<p><a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Diese Belastung ist sowohl psychisch als auch physisch. Zahlreiche P&#228;dagogInnen klagen &#252;ber k&#246;rperliche Beschwerden, es gibt in &#214;sterreich allerdings keine Erhebung zu den tats&#228;chlichen k&#246;rperlichen Auswirkungen der Arbeitsbedingungen. Von manchen Betriebsratsgruppen wird nun eine solche Erhebung angedacht.</p>
<p><a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> BAKIP: Bundesanstalt f&#252;r Kindergartenp&#228;dagogik. Die Ausbildung zum/r Kindergartenp&#228;dagogIn dauert f&#252;nf Jahre und schlie&#223;t mit der Matura ab. Sie z&#228;hlt in &#214;sterreich, wie die Ausbildung an einer HTL, zur Schulform der berufsbildenden h&#246;heren Schule, der BHS.</p>
<p><a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> In anderen L&#228;ndern w&#252;rde eine solche Situation zu immensen Protesten von Seiten der Eltern f&#252;hren, siehe D&#228;-nemark: Wenn in D&#228;nemark Eltern auf die Strasse gehen , Kinderg&#228;rten blockieren, KindergartenleiterInnen den Schl&#252;ssel zum Kindertagesheim abgeben, um auf die verh&#228;renden Einsparungsma&#223;nahmen aufmerksam zu machen, die sich im Kindergartenwesen in D&#228;nemark abzeichnen – es wird eine von drei P&#228;dagogInnen pro 15 k&#246;pfiger Kindergruppe eingespart – dann zeigt das, dass Verantwortlichkeit dem eigenen Arbeitsanspruch und dem F&#246;rderbedarf der Kinder gegen&#252;ber also keine Utopie, sondern Alltag ist. Siehe http://www.berlingske.dk/koebenhavn/det-er-svaert-faa-oeje-paa-boernenes-koebenhavn oder </p>
<p>http://www.facebook.com/pages/Kobenhavns-Foraeldreorganisation/134122139911?ref=mf</p>
<p><a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Vgl.: http://kinderfreunde.at/index.php?action=Lesen&#038;Article_ID=2265 am 03.01.2010</p>
<p><a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Vgl: http://klub.wien.oevp.at/10021/ , http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20000310_OTS0084 und http://www.kinderinwien.at/team.php?cat=GF alle am 03.01.2010</p>
<p><a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Eine Reaktion/Distanzierung des Kollektiv Kindergartenaufstands findet sich unter http://kindergartenaufstand.at/index.php?option=com_content&#038;view=category&#038;layout=blog&#038;id=6&#038;Itemid=7</p>
<p><a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Vgl.: http://www.wien.spoe.at/christian-meidlinger am 03.01.2010</p>
<p><a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> F&#252;r eine ausf&#252;hrliche Diskussion von Machtpotentialen der ArbeitnehmerInnen siehe Brinkmann, Ulrich et. al. (Hg.): Strategic Unionism: Aus der Krise zur Erneuerung. Umrisse eines Forschungsprogramms, Wiesbaden 2008; sowie Silver, Beverly J.: Forces of labor. Arbeiterbewegung und Globalisierung seit 1870, Berlin/Hamburg 2005; Wright, Eric Olin: Working class power. Capitalised class interests and class compromize, in: American Journal of Sociology, 105 (4), 957-1002. 2000; Becksteiner, Mario/Boos, Tobias/ Pire, Ako (2009): Doppelkrise der Gewerkschaft,  in: Perspektiven Nr. 8, http://www.perspektiven-online.at/?p=483 am 22.10.2009.</p>
<p><a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> http://www.28maerz.at/</p>
<p><a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Kollektiv Kindergartenaufstand: Flyer zum Vernetzungstreffen am 28.05.2009</p>
<p><a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> F&#252;r weitere Informationen zu den Demo und den B&#252;ndnispartnern siehe http://kindergartenaufstand.at/index.php?option=com_content&#038;view=category&#038;layout=blog&#038;id=8&#038;Itemid=9</p>
<p><a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> KIV: Konsequente Interessensvertretung, http://kivblog.blogspot.com/</p>
<p><a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> www.gpa-djp.at/social</p>
<p><a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> „Die Demonstration des Kollektivs bezeichnete der Chef der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten, Christian Meidlinger (Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter, FSG), gegen&#252;ber der Tageszeitung &#214;sterreich als „nicht von uns gedeckt“. F&#252;r ihn ist die Vorgehensweise des Kollektivs „falsch“. Meidlinger klingt ver&#228;rgert, wenn er &#252;ber den Kindergartenaufstand spricht. „Uns &#252;ber die Medien auszurichten, dass sie jetzt streiken, ist nicht sinnvoll“, sagt er. Auch wenn die Kinderg&#228;rtnerinnen bislang freilich nur demonstriert und nicht gestreikt haben. Die Gewerkschaft bem&#252;he sich sehr wohl, Verbesserungen zu erreichen, aber „mit Verhandlungen, nicht mit Streiks“. Siehe http://www.datum.at/0909/stories/auf-zum-letzten-gefecht/</p>
<p><a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> http://www.focus.de/panorama/vermischtes/kita-streik-massenhafte-kita-streiks-in-sechs-bundeslaendern_aid_410336.html</p>
<p><a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> http://www.gdg.at/servlet/ContentServer?pagename=C01/Page/Index&#038;n=C01_0.a&#038;cid=1260990022818 am 31.12.09</p>
<p><a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Siehe Kommentar zur FP&#214;-Kindergartenmisere: http://www.kindergartenaufstand.at/index.php?option=com_content&#038;view=category&#038;layout=blog&#038;id=6&#038;Itemid=7</p>
<p><a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> „Die Au&#223;enwelt, die allgemeinen Verh&#228;ltnisse zu ver&#228;ndern, hei&#223;t sich selbst zu potenzieren, sich selbst zu entwickeln.“ Gramsci 1994, a.a.O., S. 1341f.</p>
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		<title>Utopia!?</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/03/08/utopia/</link>
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		<pubDate>Mon, 08 Mar 2010 10:06:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>
		<category><![CDATA[Universität]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=783</guid>
		<description><![CDATA[Stefan Probst, Franziska M&#252;ller-Uri, Julia Hofmann und Isabella Schlehaider skizzieren die Grundz&#252;ge emanzipatorischer Bildungsutopien. Sie zeigen, was es bedeutet, Bildung abseits von Sachzw&#228;ngen zu denken und arbeiten die Bedingungen, M&#246;glichkeiten und Inhalte progressiver Wissensproduktion, -aneignung und -distribution heraus.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Stefan Probst</em>, <em>Franziska M&#252;ller-Uri</em>, <em>Julia Hofmann</em> und <em>Isabella Schlehaider</em> skizzieren die Grundz&#252;ge emanzipatorischer Bildungsutopien. Sie zeigen, was es bedeutet, Bildung abseits von Sachzw&#228;ngen zu denken und arbeiten die Bedingungen, M&#246;glichkeiten und Inhalte progressiver Wissensproduktion, -aneignung und -distribution heraus.<br />
<span id="more-783"></span><br />
Ob in der Diskussion um die zunehmende Arbeitsmarktorientierung von Studieng&#228;ngen, um die Funktionsweise des „Elfenbeinturms“ der Wissenschaft oder um die Entdemokratisierung der Hochschulen, in der gegenw&#228;rtigen bildungspolitischen Debatte wird der Fokus vor allem auf die Kritik des bestehenden Systems gelegt. Platz f&#252;r neue Ideen oder die Frage, was Bildung &#252;berhaupt sein kann und wie alternative Inhalte, Formen und Methoden von Wissensproduktion, -vermittlung und -aneignung aussehen sollen bzw. wie diese durchgesetzt werden k&#246;nnen, gibt es dabei kaum. Wir haben es uns daher zum Ziel gesetzt, diese Leerstelle zu korrigieren und die M&#246;glichkeiten und Bedingungen alternativer Bildungsformen auszuloten.</p>
<p><strong>Bildung – ein reaktion&#228;rer Begriff?</strong><br />
Der Begriff Bildung wird auf unterschiedlichste Weise diskutiert: In der gegenw&#228;rtigen Debatte wird er meistens mit humanistischen und individualistischen Idealen verbunden (Stichwort: Humboldt’sche Uni) und daher h&#228;ufig auch als „b&#252;rgerlich-elit&#228;rer Kampfbegriff“ zur&#252;ckgewiesen. Dass dieser Bildungsbegriff explizit auf b&#252;rgerliche Subjekte Bezug nimmt und deren freie Entfaltung ins Zentrum stellt, steht au&#223;er Frage. Zudem wird hier die Herrschaftsfunktion von Bildung sichtbar, wenn es darum geht, bildungsferne Schichten &#252;ber Disziplinierungsma&#223;nahmen in die Schranken arbeitsmarkttauglicher Ausbildungsst&#228;tten zu verweisen. Gleichzeitig weist der Bildungsbegriff in seiner Grundintention weit &#252;ber das Bestehende hinaus und beinhaltet durchaus progressives Potenzial. Schlie&#223;lich sind im Bildungsbegriff nicht allein jene sch&#246;ngeistigen Konnotationen aufgehoben, die historisch mit dem R&#252;ckzug der Aufkl&#228;rungsphilosophie in den deutschsprachigen L&#228;ndern auf Innerlichkeit und Selbstentfaltung von Bildungsb&#252;rgern in Ohrensesseln assoziiert werden. Die Vorstellung des Sich-Bildens um der eigenen Vervollkommnung willen, die das b&#252;rgerliche Bildungsideal heraufbeschw&#246;rt, ist zu recht als elit&#228;r und weltabgewandt kritisiert worden. Als Ausdruck der Ablehnung der aktuellen Durch&#246;konomisierung des Bildungssystems (Stichwort: Bildung statt Ausbildung) kann der Begriff zwar mit fortschrittlichem Anspruch in Stellung gebracht werden, f&#252;hrt aber allzu leicht wieder zur&#252;ck in den Elfenbeinturm<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> herrschaftsf&#246;rmiger Wissenschaft. Gerade durch die Betonung der Zweckfreiheit werden gesellschaftliche Praxisbez&#252;ge der Wissensproduktion gekappt, bzw. bestimmte gesellschaftliche Gruppen aus diesem Prozessen per se ausgeschlossen. Gleichzeitig weist der Bildungsbegriff in seiner Grundintention aber &#252;ber das Bestehende hinaus und beinhaltet durchaus progressives Potential. Es verbinden sich mit dem Bildungsbegriff n&#228;mlich nicht nur jene sch&#246;ngeistigen Konnotationen, die historisch mit dem R&#252;ckzug der deutschsprachigen Aufkl&#228;rungsphilosophie zur Innerlichkeit und Selbstentfaltung von Bildungsb&#252;rgern in Ohrensesseln assoziiert werden. Dass im Bildungsbegriff auch emanzipatiorische Potenziale angelegt sind, wird deutlich, sobald wir das darin angelegte Ziel individueller Selbstentfaltung und Selbsterm&#228;chtigung materialistisch r&#252;ckbinden und in politische Praxis einbetten. Diese Befreiungsperspektive von Bildungsprozessen konzentriert sich in der Absicht der Erm&#246;glichung eines selbstbestimmten Lebens. Wenn humanistische Bildungsideale M&#252;ndigkeit und Autonomie der Subjekte ins Zentrum r&#252;cken, so gilt es zun&#228;chst, diese Vorstellungen aus ihren idealistischen Flugh&#246;hen herauszul&#246;sen und zu fragen, welche gesellschaftlichen Bedingungen Bildungsprozesse in diesem Sinn erst erm&#246;glichen. Infolge muss auch das Ziel der Herausbildung individueller Selbstbestimmung an kollektive Praxen der Reflexion und Ausgestaltung dieser Bedingungen r&#252;ckgebunden werden.</p>
<p><strong>Utopie – unverwirklichbare Tr&#228;umerei?</strong><br />
Neben dem Begriff der Bildung bedarf aber auch der Begriff der Utopie an Kl&#228;rung. Warum Utopie? Impliziert der Begriff nicht unverwirklichbare Tr&#228;umerei? M&#252;sste eine historisch-materialistische Herangehensweise sich nicht vom Utopiebegriff distanzieren? Engels argumentierte schlie&#223;lich, dass gesellschaftlicher Fortschritt „nicht durch die gewonnene Einsicht, dass das Dasein der Klassen der Gerechtigkeit, der Gleichheit etc. widerspricht, nicht durch den blo&#223;en Willen, diese Klassen abzuschaffen, sondern durch gewisse neue &#246;konomische Bedingungen“ ausf&#252;hrbar wird.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Wir finden den Begriff der Utopie dennoch sinnvoll. Wenn Debatten &#252;ber gesellschaftliche Alternativen meist mit dem Totschlagargument erstickt werden, dass es eben keine Alternativen gebe, erlaubt die Utopie, R&#228;ume f&#252;r emanzipatorisches Denken zu &#246;ffnen, in denen grunds&#228;tzlich einmal nichts unm&#246;glich ist. Erst wenn der „absolute Freiraum alles M&#246;glichen“ jenseits g&#228;ngiger Sachzwangargumente erschlossen wird, k&#246;nnen wir „den Mut gewinnen, die eigenen Interessen radikal zu artikulieren und ungebrochen zu ihnen zu stehen“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a>. Utopien gr&#252;nden zwar – wie Herbert Marcuse das einmal ausgedr&#252;ckt hat – in der „Negation des jeweils schlechten Bestehenden“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>, sie weisen dennoch &#252;ber die blo&#223;e Kritik der bestehenden Verh&#228;ltnisse hinaus: „Utopien sind subjektiv gestaltete Zukunftsentw&#252;rfe, die im Gro&#223;en oder im Detail eine w&#252;nschenswerte zuk&#252;nftige Gesellschaft skizzieren.“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Utopien besitzen also eine zeitliche Dimension<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a>; sie sind zukunftsweisend und beziehen sich damit nicht auf den Bereich des Unm&#246;glichen, sondern sind durchaus realisierbar: Folgen wir Ernst Bloch, so sind konkrete Utopien vor allem durch ihr „Noch-Nicht-Sein“ definiert; sie sind das „offen M&#246;gliche“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a>, w&#228;hrend die „fr&#252;hen“ Utopien (wie Francis Bacons Neu-Atlantis oder Thomas Morus’ Utopia) noch eine (r&#228;umlich wie zeitlich) sehr weit entfernte Gesellschaft entwerfen. Deshalb schlagen wir den Begriff der regulativen Utopie vor, der sich auf eine Ver&#228;nderung der gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse bezieht. So verwendet, kann der Begriff der regulativen Utopie daher auch zur Orientierung in der gegenw&#228;rtigen gesellschaftspolitischen Praxis dienen – als „Medium der Reflexion des Bestehenden“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> und Antizipation einer besseren Zukunft. In diesem Sinne verstanden, erscheint es uns besonders sinnvoll, den Begriff der Bildungsutopie zu verwenden, ihn mit alternativen Konzepten zu f&#252;llen, um M&#246;glichkeiten f&#252;r eine Verwirklichung dieser Ideen skizzieren zu k&#246;nnen.</p>
<p><strong>Bildung als Bedingung von Autonomie</strong><br />
Ganz grundlegend zielt Bildung auf ein reflektives und eingreifendes Selbst- und Weltverh&#228;ltnis, die Herausbildung autonomer Subjektivit&#228;t. Autonomie ist also „nicht einfach ein Ziel von Bildung, sondern (&#8230;) das Ziel von Bildung schlechthin“<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a>. Dahinter steht die &#220;berzeugung, dass Wissen &#252;ber sich selbst und die Welt die Bedingung der Emanzipation von Fremdbestimmung und der &#220;berwindung von Herrschaft, sowie der Herstellung einer Gesellschaft selbstbewusster und selbstbestimmter Individuen ist. Bildung ist somit zuallererst ein Begriff der Erm&#246;glichung und Bef&#228;higung und bezeichnet Prozesse der Wissensproduktion, -aneignung und -distribution, die die Individuen in die Lage versetzen sollen, sich und die Welt als ver&#228;nderbar zu begreifen. Bildungsprozesse zielen darauf ab, das Bewusstsein in ein aktiv-ver&#228;nderndes Verh&#228;ltnis zur Welt zu setzen und sind daher untrennbar mit ver&#228;ndernder politischer Praxis, der Bef&#246;rderung von Selbsterm&#228;chtigung und Handlungsf&#228;higkeit verbunden. In dieser Perspektive geht es darum, Verh&#228;ltnisse zu schaffen, die es – in Gramscis Worten – m&#246;glich machen, „die eigene Weltauffassung bewusst und kritisch auszuarbeiten und folglich … an der Hervorbringung der Weltgeschichte aktiv teilzunehmen, F&#252;hrer seiner selbst zu sein und sich nicht einfach passiv und hinterr&#252;cks der eigenen Pers&#246;nlichkeit von au&#223;en den Stempel aufdr&#252;cken zu lassen.“<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a><br />
Die dadurch eingeschlossenen Formen des Wissens umfassen sowohl theoretisches, wissenschaftliches als auch alltagspraktisches Erfahrungswissen, sobald jenes aus der Unmittelbarkeit des Alltagsverstands herausgehoben wird. Ausgangspunkt eines emanzipatorischen Bildungsbegriffs k&#246;nnte daher Gramscis anthropologische Betonung der grundlegenden Intellektualit&#228;t aller Menschen sein: „Alle Menschen sind PhilosophInnen“, der Mensch „erkennt, will, bewundert, schafft insofern er bereits erkennt, will, bewundert, schafft usw.“<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> „Diese anthropologische Grundannahme begr&#252;ndet insofern die Bildungsm&#246;glichkeit, als die generelle Intellektualit&#228;t des Menschen die prinzipiell Weiterentwicklung des Bewusstseins aller Menschen impliziert.“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a><br />
Bildung zielt dann auf die uneingeschr&#228;nkte und umfassende Entwicklung dieser intellektuellen Potenziale der Menschen im Sinne eines (permanenten) Prozesses der „Selbstpotenzierung“. Gegen individualistische, a-gesellschaftliche Konzeptionen kritisiert Gramsci jedoch jene Vorstellungen von Bildung, die diese Selbstentfaltungsprozesse von den gesellschaftlichen Bedingungen und praktischen Erfahrungen der Menschen abl&#246;sen. Selbstverwirklichung bleibt solange abstrakt und verdinglichend, als von den konkreten materiellen wie immateriellen Kontexten abstrahiert wird, unter denen pers&#246;nliche Entwicklung effektiv realisiert werden kann. In Gramscis p&#228;dagogischen &#220;berlegungen gehen dem gegen&#252;ber Selbst- und Weltver&#228;nderung notwendig zusammen. Sich auf Gramsci beziehend schreibt Andreas Merkens: „Der Mensch tritt erst mit der t&#228;tigen Aneignung und Gestaltung des gesellschaftlichen Ensembles in einen Prozess der kulturellen und intellektuellen Selbstpotenzierung ein: ‚Die Au&#223;enwelt, die allgemeinen Verh&#228;ltnisse zu ver&#228;ndern, hei&#223;t sich selbst zu potenzieren, sich selbst zu entwickeln‘.“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Bildung bezeichnet damit nicht mehr individuelle Selbstverwirklichungsprozesse, „vielmehr verwirklicht sich der Mensch erst &#252;ber die selbstpotenzierende Aneignung von Gesellschaft.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Dazu Gramsci: „Sich eine Pers&#246;nlichkeit bilden hei&#223;t (…), wenn die eigene Pers&#246;nlichkeit das Ensemble der Verh&#228;ltnisse ist, ein Bewusstsein dieser Verh&#228;ltnisse gewinnen, die eigene Pers&#246;nlichkeit ver&#228;ndern hei&#223;t, das Ensemble dieser Verh&#228;ltnisse ver&#228;ndern.“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> „Daher kann man sagen, da&#223; jeder in dem Ma&#223;e selbst anders wird, sich ver&#228;ndert, in dem er die Gesamtheit der Verh&#228;ltnisse, deren Verkn&#252;pfungszentrum er ist, anders werden l&#228;&#223;t und ver&#228;ndert.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a><br />
Selbstpotenzierung im Prozess der Weltver&#228;nderung kann aber nur als kollektive Praxis gedacht werden; gemeinsame Gestaltungs- und Handlungsmacht gilt es gerade als Voraussetzung individueller Selbstbestimmung zu begreifen. Bildung als Erm&#246;glichung von Autonomie zielt auf die gemeinsame Gestaltung der Gesellschaft, in der die volle Entfaltung des/der Einzelnen Bedingung der Entfaltung aller ist, und umgekehrt. Ein „utopisches“ Projekt emanzipativer Bildung transportiert immer zugleich auch Konturen gesamtgesellschaftlicher Utopie. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus f&#252;r Inhalte, Formen und Orte der gesellschaftlichen Wissensproduktion, -aneignung und -distribution? Unter welchen Bedingungen &#252;bersetzt sich Wissen in Handlungsmacht? Zuallererst ist festzuhalten, dass Bildung als Selbstpotenzierung Zeit braucht. Es gilt, jenseits der fremdbestimmten Geschwindigkeit und des Effektivit&#228;tsdrucks der Akkumulationsrhythmen M&#246;glichkeitsr&#228;ume zu &#246;ffnen, in denen die Menschen Reflexionsf&#228;higkeit und Kritikverm&#246;gen entwickeln und praktisch austesten k&#246;nnen. Wenn b&#252;rgerliche Bildungsideale als Grundbedingung der M&#246;glichkeit von Bildung Zeit f&#252;r Mu&#223;e einforderten, die allerdings den gesellschaftlichen Eliten vorbehalten blieb, so gilt es diesen Gedanken aufzunehmen und demokratisch zu verallgemeinern. Dies kann nur gelingen, wenn die gesellschaftliche Arbeitsteilung, die Trennung von Kopf- und Handarbeit, die Hierarchien von ExpertInnen und Nicht-ExpertInnen, und damit auch die Ausdifferenzierung zwischen Lernen und Arbeiten grundlegend hinterfragt wird. Erst wenn alle an der Gestaltung der Bedingungen gesellschaftlichen Zusammenlebens gleichberechtigt teilhaben, ist es m&#246;glich, pers&#246;nliche Potenziale zu erschlie&#223;en. Voraussetzung der umfassenden Selbstaktivierung und Selbstentwicklung der Menschen ist die kollektive demokratische Verf&#252;gungsmacht &#252;ber die gesellschaftliche Ressourcen, die Zeit f&#252;r Debatten, Lernprozesse und kreatives Experimentieren erm&#246;glichen. Lernprozesse und Wissensproduktion sind dann – ebenso wenig wie ein abgetrennter Lebensabschnitt – keine Zusatzbesch&#228;ftigung, zu denen diejenigen privilegierten Zugang haben, die sich eben Zeit nehmen k&#246;nnen. Lernen und Forschen w&#228;re eingebettet in die kooperativen Netzwerke gesellschaftlicher Produktion, eine partizipative Bildungskultur, in der alle an den Prozessen der Wissensproduktion beteiligt sind. Alle gesellschaftlichen Bereiche, welche die Bedingungen kollektiver und individueller Selbstverwirklichung beeinflussen, m&#252;ssten demokratischen Reflexions-, Diskussions-, Lern- und Entscheidungsprozessen &#252;berantwortet werden. Damit fallen aber auch die Hierarchien zwischen Lernenden und Lehrenden sowie die Deutungsmonopole spezifischer Institutionen und Gruppen. Lernen wird zum Prozess gegenseitiger Bef&#228;higung, in dem es zwar immer noch Wissenshierarchien gibt, mit diesen aber keine gesellschaftliche Macht mehr verbunden ist. Somit k&#246;nnen sich alle Beteiligten selbst als Subjekte der Wissensproduktion begreifen und der M&#246;glichkeit der gemeinsamen „Entwicklung einer kritischen, unzufriedenen und unfolgsamen Neugierde“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> nachgehen. Erst wenn die Monopolisierung der Definitionsgewalt von Rationalit&#228;tsstandards und Wissenschaftlichkeit demokratisch aufgebrochen wird, ist auch ein sinnvoller Umgang mit dem wissenschaftstheoretischen Problem der gesellschaftlichen Situiertheit wissenschaftlichen Wissens m&#246;glich. Das bedeutet, dass mit der Frage, welche und wessen Interessen sich in den Inhalten des produzierten Wissens niederschlagen, reflektiert umgegangen werden kann. Nicht nur die Formen von Wissensproduktion und -vermittlung, sondern auch die Frage, was als relevantes und angemessenes Wissen gilt, wird damit zum Gegenstand kollektiver Auseinandersetzungen.</p>
<p><strong>„Utopie now!“</strong><br />
Die wesentlichen Z&#252;ge einer solchen Bildungsutopie werden in den Praktiken und Organisationsformen der gegenw&#228;rtigen K&#228;mpfe bereits antizipiert und als „offen M&#246;gliches“ erfahrbar. Werfen wir einen Blick auf die Uni-brennt-Bewegung: hier wurde deutlich, wie wir uns Platz f&#252;r alternative Bildungskonzepte schaffen und jene in politische Praxis &#252;bersetzen k&#246;nnen. Durch die Re-Politisierung bildungspolitischer Inhalte &#252;ber die Grenzen der Universit&#228;ten hinaus waren es nicht zuletzt solidarische und selbstbestimmte Lehr- und Lernprozesse – ganz im Sinne der Ver&#228;nderung der bestehenden Verh&#228;ltnisse – die reaktion&#228;re und elit&#228;re Vorstellungen von Bildung, wie sie &#252;blicherweise an den Hochschulen praktiziert wird, in Frage gestellt haben. Die verst&#228;rkte Aufmerksamkeit f&#252;r das gesamte Bildungssystem – in Hinblick auf Integration in gesellschaftspolitische Prozesse und gleiche Teilhabe f&#252;r alle – wird nicht im Sinne akademischer Le(e)hrs&#228;tze verhandelt, sondern innerhalb der Bewegung allt&#228;glich gelebt. Trotz der Widerspr&#252;chlichkeiten, die aus der Breite der Bewegung erwachsen, ist den unz&#228;hligen Forderungen das zentrale Ziel einer Demokratisierung gemein. Neben der Reform von rechtlichen Bestimmungen und der praktischen R&#252;ckkoppelung an gesamtgesellschaftliche Kontexte steht also die Erm&#228;chtigung zur aktiven politischen Teilhabe an Entscheidungsprozessen im Vordergrund. Wesentlich dabei sind die von den BesetzterInnen aufgebauten selbstverwalteten Zusammenh&#228;nge – angefangen bei infrastruktureller Ausstattung bis hin zu Aktions-, Planungs- und Diskussionsgruppen. Zudem wurde eine weit reichende politisch-soziale Programmatik entwickelt und konventionelle Politikformen in Frage gestellt. In den neu angeeigneten (Frei-)r&#228;umen und Foren k&#246;nnen politische Erfahrungen au&#223;erhalb starrer Uni-Seminare und Vorlesungen formuliert und mit anderen politischen Praxen verbunden werden – wie die Kooperationsversuche mit den MetallerInnen oder mit der Initiative des „Kindergartenaufstands“ deutlich machen. Hier wird konkret-utopisches Potenzial plastisch: Es steht au&#223;er Frage, dass sich Menschen ver&#228;ndern und selbst erm&#228;chtigen, indem sie sich an kollektiven Entscheidungsprozessen beteiligen. Auf einer ganz konkreten Ebene erleben wir, dass wir die bestehenden Verh&#228;ltnisse transformieren und unsere Lebensr&#228;ume selbst gestalten k&#246;nnen – in solidarischer Praxis haben wir diesbez&#252;glich Handlungsm&#246;glichkeiten und -strategien erarbeitet. Auch wenn nicht alle Fragen nach Perspektive und Strategie beantwortet sind, ist angesichts der bildungspolitischen Krise klar geworden, dass Bildung nicht fernab kapitalistischer Vergesellschaftung zu verorten ist. Die Erfahrung, dass die eigene Situation, das Erlebnis von Prekarisierung und das Gef&#252;hl von Fremdbestimmtheit nicht singul&#228;r und individuell sind, politisiert langfristig. Neben den Grundforderungen der Ent-&#214;konomisierung und Re-Demokratisierung der Universit&#228;ten war und ist es den BesetzerInnen und AktvistInnen ein grundlegendes Anliegen, den Zugang zu Bildung f&#252;r alle zu &#246;ffnen, d.h. im Speziellen die Bildungschancen von Frauen, MigrantInnen und benachteiligte Gruppen zu erh&#246;hen. Somit weisen die Forderungen, die sich zun&#228;chst nur auf Bildung zu beziehen schienen, &#252;ber sich selbst hinaus und sprechen gesamtgesellschaftliche Problemfelder und Widerspr&#252;che an; so werden die bestimmenden Lern- und Arbeitsverh&#228;ltnisse, das vorherrschende Verst&#228;ndnis von Demokratie sowie die Monopolisierung von Wissen fundamental in Frage gestellt. Hierbei ist entscheidend, inwiefern die neu installierten Zusammenh&#228;nge aufrechtzuerhalten sind. Daf&#252;r braucht es vor allem organisierte linke Strukturen in permanenten (Frei-) R&#228;umen, die utopische Impulse, welche auf eine selbstbestimmte Bildung in einer selbstbestimmten Gesellschaft hin orientieren, ernst nehmen.</p>
<p><strong> Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a>  Dass dieser so nie existiert hat, sondern eher als ideologische Maskierung spezifisch institutionalisierter Reproduktionsanforderungen schon des wilhelminischen Kapitalismus fungierte, sei hier nur nebenbei erw&#228;hnt.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a>  Engels, Friedrich: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, MEW 19, S. 448.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a>  Heinrichs, Thomas: Freiheit und Gerechtigkeit. Philosophieren f&#252;r eine neue linke Politik, M&#252;nster 2002, S. 8.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a>  Schwendter, Rolf: Utopie. &#220;berlegungen zu einem zeitlosen Begriff, Berlin/Amsterdam 1994, S.7.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Ebd., S.19.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Ebd., S.19.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a>  Bloch, Ernst: Geist der Utopie, M&#252;nchen 1970, S.248.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a>  Schaper-Rinkel, Petra: Andere Zuk&#252;nfte: Politik der Utopien; in: Prokla 141, S. 551-568, hier: S. 564.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a>  Andresen, Sabine/Otto, Hans-Uwe/Ziegler, Holger: Bildung as Human Development. An educational view on the Capabilities.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a>  Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd. 1, Hamburg 1991, S. 97.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a>  Ebd., Bd. 6, Hamburg/Berlin 1994, S. 1349.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a>  Bernhard, Armin: P&#228;dagogische Grundverh&#228;ltnisse. Die Relevanz Antonio Gramscis f&#252;r eine emanzipative P&#228;dagogik. in: Merkens, Andreas/Rego Diaz, Victor (Hg.): Mit Gramsci arbeiten. Texte zur politisch-praktischen Aneignung Antonio Gramscis, Hamburg 2007, S. 141-157, hier: S. 16.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a>  Merkens, Andreas: Hegemonie und Gegen-Hegemonie als p&#228;dagogisches Verh&#228;ltnis. Antonio Gramscis politische P&#228;dagogik, in: Rosa-Luxemburg-Bildungswerk Hamburg (Hg.): Hamburger Skripten 15, Hamburg 2006, S. 17.<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a>  Ebd., S. 17.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Gramsci 1994, a.a.O., S. 1348.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a>  Gramsci 1994, a.a.O., S. 1348.<br />
<a title="anm1" name="anm17" href="#anm_17">17</a>  Freire, Paulo: P&#228;dagogik der Autonomie, M&#252;nster 2008, S. 32.</p>
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		<title>Bologna den Prozess machen!</title>
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		<pubDate>Sat, 27 Feb 2010 21:22:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>clemens</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
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		<description><![CDATA[
Vom 11. bis 12. M&#228;rz werden die Bildungsminister*innen 46 europ&#228;ischer Staaten, zur 10-Jahre-Jubil&#228;umskonferenz des Bologna-Prozesses nach Wien und Budapest geladen. Angesichts der Zust&#228;nde an den Universit&#228;ten und den breiten Protesten f&#252;r freie Bildung, sind die geplanten Feierlichkeiten eine Verh&#246;hnung der Uni-Angeh&#246;rigen.

Der Bologna-Prozess hat das Ziel, die Vereinheitlichung des europ&#228;ischen Hochschulraumes f&#252;r mehr Dynamik und Mobilit&#228;t, klar verfehlt. Die stark verschulten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="csc-header csc-header-n2">
<h1><span style="font-weight: normal; font-size: 13px;">Vom 11. bis 12. M&#228;rz werden die Bildungsminister*innen 46 europ&#228;ischer Staaten, zur 10-Jahre-Jubil&#228;umskonferenz des Bologna-Prozesses nach Wien und Budapest geladen. Angesichts der Zust&#228;nde an den Universit&#228;ten und den breiten Protesten f&#252;r freie Bildung, sind die geplanten Feierlichkeiten eine Verh&#246;hnung der Uni-Angeh&#246;rigen.</span></h1>
</div>
<p class="bodytext"><span lang="de-DE">Der Bologna-Prozess hat das Ziel, die Vereinheitlichung des europ&#228;ischen Hochschulraumes f&#252;r mehr Dynamik und Mobilit&#228;t, klar verfehlt. Die stark verschulten Studienpl&#228;ne und der Druck diese in Mindeststudienzeit zu absolvieren erschweren es Auslandssemester zumachen. Das neue dreistufige Studiensystem f&#252;hrte zu erh&#246;hter sozialer Selektion. W&#228;hrend der Bachelor einer gr&#246;&#223;eren Zahl zug&#228;nglich sein sollte, verd&#252;nnen sich Master und PhD zu einem Eliteprogramm, das vor allem Frauen ausschlie&#223;t. Zudem kommt die chronische Unterfinanzierung der Hochschulen sowie die Einf&#252;hrung von Studiengeb&#252;hren und vermehrter Demokratieabbau an den Universit&#228;ten. Die schwere finanzielle Lage zwingt mehr und mehr Hochschulen, Konzerne als Investoren f&#252;r Forschungan die Universit&#228;t zu locken, unabh&#228;ngige und freie Forschung wird dabei unm&#246;glich. Die Ausrichtung der Lehrinhalte auf Arbeitsmarkt-Interessen im Zuge der Lissabonstrategie betrifft nicht nur Universit&#228;ten sondern soll zur Leitlinie des gesamten Bildungswesens werden, dies schr&#228;nkt die M&#246;glichkeit selbstbestimmt und kritisch zu Lernen ein.</span></p>
<p class="bodytext"><span lang="de-DE">Angesichts dieser desastr&#246;sen Lage sehen wir keinen Grund das 10- j&#228;hrige Bestehen der Bolognareform zu feiern. Die europaweiten Proteste unter Studierenden, Lehrenden und Sch&#252;ler*innen zeigen, dass die Politiker*innen nicht mehr &#252;ber unsere K&#246;pfe entscheiden k&#246;nnen.</span></p>
<p class="bodytext"><span lang="de-DE">Die Bolognastrategie ist fehlgeschlagen und bietet keinen Grund zu internationalen Feierlichkeiten. Deshalb wollen wir die Konferenz mit Demonstrationen, Streik und Blockaden &#8220;empfangen&#8221;, auf einem Gegengipfel die europ&#228;ische Hochschulpolitik kritisch hinterfragen und die Vernetzung der internationalen Bildungsproteste vorantreiben.</span></p>
<p><span lang="de-DE"><strong>Komm, beteilige dich! St&#246;ren wir gemeinsam Ihre Feierlichkeiten, und zeigen das dies Hochschulreform kein Grund zu Feiern ist!</strong></span></p>
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		<title>Perspektiven Nr. 10 (Winter 2010) erschienen!</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/02/10/perspektiven-nr-10-fruehling-2010-erschienen/</link>
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		<pubDate>Wed, 10 Feb 2010 15:09:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Universität]]></category>

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		<description><![CDATA[Schwerpunkt: K&#228;mpfe um Bildung

Die neue Ausgabe von Perspektiven ist da!

Im Schwerpunkt:
 Maria Asenbaum, Katharina Hajek, Michael Botka und Ako Pire sammeln Erfahrungen und Reflexionen der unibrennt-AktivistInnen &#8211; Stipe Curkovic &#252;ber neue Formen der Demokratie in den besetzten Universit&#228;ten Kroatiens &#8211; Stefan Probst, Franziska M&#252;ller-Uri, Julia Hofmann und Isabella Schlehaider zum Begriff der freien Bildung als „regulative Utopie“ &#8211; Roland Atzm&#252;ller [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Schwerpunkt: K&#228;mpfe um Bildung</h3>
<p style="text-align: center;"><a></a></p>
<p><a><strong>Die neue Ausgabe von Perspektiven ist da!</strong></a></p>
<p><strong><a href="http://www.perspektiven-online.at/?cat=53"><img class="alignleft size-medium wp-image-756" title="coverp10" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2010/02/coverp10-222x300.jpg" alt="coverp10" width="222" height="300" /></a></strong></p>
<p>Im Schwerpunkt:</p>
<p><a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=750" target="_self"> Maria Asenbaum, Katharina Hajek, Michael Botka und Ako Pire sammeln Erfahrungen und Reflexionen der unibrennt-AktivistInnen</a> &#8211; Stipe Curkovic &#252;ber neue Formen der Demokratie in den besetzten Universit&#228;ten Kroatiens &#8211; <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=783">Stefan Probst, Franziska M&#252;ller-Uri, Julia Hofmann und Isabella Schlehaider zum Begriff der freien Bildung als „regulative Utopie“</a> &#8211; Roland Atzm&#252;ller &#252;ber die P&#228;dagogisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen und die Neoliberalisierung der Bildung &#8211; Michael Hartmann im Interview zu Bildung und Elitenreproduktion in Europa &#8211; Elisabeth Steinklammer, Kristina Botka, Barbara Tinhofer und Gloria Fleischmann &#252;ber das Kollektiv Kindergartenaufstand</p>
<p>Au&#223;erhalb des Schwerkpunkts:</p>
<p>Andreas Fink zur erfolgreichen Besetzung der INNSE-Fabrik in Mailand &#8211; Die Goldenen Zitronen im Interview &#252;ber politische Popmusik und die bayrische R&#228;terepublik &#8211; Philipp Probst &#252;ber Chris Harmans letztes Buch &#8211; Rezensionen und Rosinenpicken</p>
<p>Hier gibt es das <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=747" target="_self">Editorial </a>zu lesen.  Bestellt Perspektiven Nr. 10 <a href="mailto:kontakt@perspektiven-online.at">hier</a>, kauft sie <a href="http://www.perspektiven-online.at/?page_id=7">da</a> oder g&#246;nnt euch gleich ein <a href="http://www.perspektiven-online.at/?page_id=8" target="_self">Abo</a>!</p>
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		<title>Editorial</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/02/10/editorial-8/</link>
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		<pubDate>Wed, 10 Feb 2010 14:44:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Universität]]></category>

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		<description><![CDATA[Ihr haltet in H&#228;nden, man glaubt es kaum, Perspektiven Nr. 10, in Worten: Zehn. Als wir im Fr&#252;hling 2006 die „Nullnummer“ ver&#246;ffentlichten, hatte das Magazin 48 Seiten, einen Schwerpunkt („Europ&#228;ische Union“), den wir verga&#223;en, auf das Cover zu schreiben, und ein ambitioniertes Editorial, das erkl&#228;rte, dass wir einen Beitrag leisten wollen, um „eine lebendige Opposition und echte politische Alternativen zu entwickeln.“ Knapp vier Jahre sp&#228;ter z&#228;hlt Perspektiven Nr. 10 72 Seiten, tr&#228;gt seinen hochaktuellen Themenschwerpunkt stolz auf der golden glitzernden Titelseite – und hat an Ambition nichts verloren.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="MsoNormal">Ihr haltet in H&#228;nden, man glaubt es kaum, <em>Perspektiven </em>Nr. 10, in Worten: Zehn. Als wir im Fr&#252;hling 2006 die „Nullnummer“ ver&#246;ffentlichten, hatte das Magazin 48 Seiten, einen Schwerpunkt („Europ&#228;ische Union“), den wir verga&#223;en, auf das Cover zu schreiben, und ein ambitioniertes Editorial, das erkl&#228;rte, dass wir einen Beitrag leisten wollen, um „eine lebendige Opposition und echte politische Alternativen zu entwickeln.“ Knapp vier Jahre sp&#228;ter z&#228;hlt <em>Perspektiven </em>Nr. 10 72 Seiten, tr&#228;gt seinen hochaktuellen Themenschwerpunkt stolz auf der golden glitzernden Titelseite – und hat an Ambition nichts verloren. <span id="more-747"></span> F&#252;r letzteres ist vor allem die Tatsache verantwortlich, dass wir seit Herbst 2009 Teil einer Bewegung sind, die wir zwar lange erhofft, aber alles andere als erwartet hatten. Die bildungspolitischen Proteste, die rund um die Besetzung des Wiener Audimax unter dem Schlachtruf „Uni brennt“ entfacht wurden, waren in den letzten Monaten unser zentrales Bet&#228;tigungsfeld, und werden es wohl auch auf absehbare Zeit bleiben. Mit ihnen hat sich ein neuer politischer Resonanzraum f&#252;r die Linke in &#214;sterreich ge&#246;ffnet, in dem solidarische Auseinandersetzungen um eine bessere und gerechtere Bildungspolitik gef&#252;hrt werden. Sie erm&#246;glichen aber auch, ausgehend von den K&#228;mpfen um Bildung, weiterf&#252;hrende politische Debatten anzusto&#223;en: &#252;ber M&#246;glichkeiten autonomer, demokratischer Lehr- und Lernprozesse, &#252;ber den Zusammenhang von prekarisierten Arbeitsverh&#228;ltnissen und dem marktkonformen Umbau der Hochschulen, oder &#252;ber Grenzen von und Alternativen zu b&#252;rgerlicher Demokratie. Diese Fragen werden entscheidend sein f&#252;r jene langfristige Perspektive, die wir – wie zur Zeit unserer Gr&#252;ndung vor vier Jahren – als weiterhin zentral erachten: den Aufbau einer neuen, breit aufgestellten und gesellschaftlich relevanten Linken.</p>
<p class="MsoNormal">Dies waren die &#220;berlegungen, die uns bei der Zusammenstellung des vorliegenden Heftschwerpunkts geleitet haben. Er wurde gestaltet und geschrieben von AktivistInnen der Bewegung, um die K&#228;mpfe um Bildung in ihrer Breite und Dynamik darzustellen sowie sie in grundlegende politische Debatten einzubetten.</p>
<p class="MsoNormal">Der erste Artikel von <em>Maria Asenbaum</em>, <em>Katharina Hajek</em>, <em>Michael Botka</em> und <em>Ako Pire</em> basiert auf einer Vielzahl von Interviews, die sie w&#228;hrend der Audimax-Besetzung mit verschiedenen AktivistInnen gef&#252;hrt haben. In der Zusammenf&#252;hrung der unterschiedlichen Selbstverst&#228;ndnisse, strategischen Einsch&#228;tzungen und vor allem der vielf&#228;ltigen Erfahrungen, machen sie die inspirierende Dynamik der Besetzung nachvollziehbar, ohne die Widerspr&#252;che und Konflikte in der Bewegung zu unterschlagen. <em>Stipe &#196;urkovi&#196;</em> aus Zagreb berichtet &#252;ber die im deutschsprachigen Raum wenig beachtete Bewegung f&#252;r freie Bildung, die im Jahr 2009 Kroatien erfasste. Er stellt dabei den Begriff der Demokratie ins Zentrum seiner Darstellung: jene b&#252;rgerliche Demokratie, die sich in einge&#252;bten Ritualen und Sonntagsreden ersch&#246;pft, aber auch die Formen direkter und partizipativer Demokratie, die in den besetzen Universit&#228;ten entstanden sind. Die von Protestierenden allerortens aufgestellte Forderung nach „freier und selbstbestimmter Bildung“ nehmen <em>Stefan Probst</em>, <em>Franziska M&#252;ller-Uri</em>, <em>Julia Hofmann</em> und <em>Isabella Schlehaider</em> zum Anlass, dar&#252;ber nachzudenken, wie demokratisches Lernen und Lehren aussehen k&#246;nnte. Sie entwickeln eine Vorstellung von Bildung als „Prozess gegenseitiger Bef&#228;higung“, die als „regulative Utopie“ funktionieren k&#246;nnte. Die Kritik an der „&#214;konomisierung“ der Bildung wird von <em>Roland Atzm&#252;ller</em> analytisch unterf&#252;ttert, indem er zeigt, wie im postfordistischen Staat insbesondere Hochschulen entsprechend den Anforderungen der neoliberalen Arbeitsverh&#228;ltnisse restrukturiert werden. Den Soziologen <em>Michael Hartmann</em> befragten wir nach seinen Forschungsergebnissen zur Rolle von Bildungsinstitutionen f&#252;r die (Re-)Produktion der europ&#228;ischen Eliten. Und schlie&#223;lich verkn&#252;pfen<em> Elisabeth Steinklammer</em>, <em>Kristina Botka</em>, <em>Barbara Tinhofer</em> und <em>Gloria Fleischmann</em> vom <em>Kollektiv Kindergartenaufstand</em> einen Bericht &#252;ber ihre Organisierungs- und Kampferfahrungen als Kindergartenp&#228;dagoginnen mit einer kritischen Analyse der Bildungsinstitution Kindergarten als Ort der Hegemonieproduktion.</p>
<p class="MsoNormal">Auch au&#223;erhalb des Schwerpunkts geht es k&#228;mpferisch zu, in <em>Andreas Finks</em> Analyse der erfolgreichen Besetzung der Mail&#228;nder INNSE-Fabrik durch deren Belegschaft. Und <em>Daniel Fuchs</em> und <em>Benjamin Opratko</em> unterhielten sich mit <em>Schorsch Kamerun</em> und <em>Ted Gaier</em> von den grandiosen <em>Goldenen Zitronen</em> und landeten dabei unerwartet bei der bayrischen R&#228;terepublik.</p>
<p class="MsoNormal">Die Rezensionsabteilung wird diesmal von <em>Philipp Probst</em> er&#246;ffnet, der &#8220;Zombie Capitalism&#8221;, das letzte Buch von <em>Chris Harman</em>, bespricht. Der marxistische Historiker, Berufsrevolution&#228;r im besten Sinne des Wortes, ist im November v&#246;llig unerwartet an einem Herzinfarkt verstorbenen.</p>
<p class="MsoNormal">Wir w&#252;nschen euch jedenfalls anregende Lekt&#252;re; im besten Falle soll sie motivieren, euch in die Vorbereitung zu den Protesten gegen die Feierlichkeiten zum zehnj&#228;hrigen Jubil&#228;um des Bologna-Prozess einzuklinken. N&#228;here Infos dazu gibt es auf Seite 21 und unter <a href="http://www.bolognaburns.org" target="_blank">www.bolognaburns.org</a>.</p>
<p class="MsoNormal">In diesem Sinne: lasst tausend Unis brennen!</p>
<p class="MsoNormal">Eure Perspektiven-Redaktion</p>
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