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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Arbeitskämpfe</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Geschichte des transnationalen Migrant_innenstreik</title>
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		<pubDate>Tue, 15 Feb 2011 16:46:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[International]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Idee f&#252;r einen transnationalen Migrant_innenstreik am 1.M&#228;rz geht auf Massenproteste in den USA zur&#252;ck, deren H&#246;hepunkt der „Tag ohne Migrant_innen“ am 1.Mai 2006 bildete, an dem sich &#252;ber eine Millionen Menschen beteiligten. Die Proteste richteten sich &#252;ber Monate hindurch gegen die massiven Versch&#228;rfungen der Asyl- und Einwanderungsgesetze – diese f&#252;hrten einerseits zu Illegalisierung und Kriminalisierung von vielen Migrant_innen, andererseits [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Idee f&#252;r einen transnationalen Migrant_innenstreik am 1.M&#228;rz geht auf Massenproteste in den USA zur&#252;ck, deren H&#246;hepunkt der „Tag ohne Migrant_innen“ am 1.Mai 2006 bildete, an dem sich &#252;ber eine Millionen Menschen beteiligten. Die Proteste richteten sich &#252;ber Monate hindurch gegen die massiven Versch&#228;rfungen der Asyl- und Einwanderungsgesetze – diese f&#252;hrten einerseits zu Illegalisierung und Kriminalisierung von vielen Migrant_innen, andererseits zu drastischen Repressionen gegen Menschen ohne Papiere, die bis heute andauern.</p>
<p>In Europa f&#252;hrten ebenso Versch&#228;rfungen der Gesetze – nicht zuletzt im Rahmen der &#8220;Harmonisierung der Migrations- und Asylgesetze&#8221; in der EU – zu einer lang anhaltenden Protestwelle und zur Organisierung von Aktivist_innen und Migrant_innen. In Frankreich und Italien, aber auch in Spanien und Griechenland, wurde der 1. M&#228;rz 2010 zu einem „Tag ohne uns“ erkl&#228;rt. Durch den Aufruf, an diesem Tag die Arbeit niederzulegen und einen Konsumboykott durchzuf&#252;hren, sollte darauf hingewiesen werden, dass Migrant_innen zwar wesentlich zum Funktionieren der Wirtschaft sowie zum sozialen und kulturellen Leben beitragen, ihnen aber gleichzeitig zentrale Rechte vorenthalten werden. Der 1.M&#228;rz sollte an die einige Jahre zuvor an diesem Tag beschlossene Reform des Einwanderungsgesetzes in Frankreich zu erinnern, wodurch ein auf &#246;konomische N&#252;tzlichkeitskriterien basierendes Migrationsregime etabliert wurde – &#228;hnlich wie mit der Einf&#252;hrung der „Rot-Wei&#223;-Rot-Karte“ in &#214;sterreich.</p>
<p>An diesem „Tag ohne uns“ wurden Dutzende Betriebe bestreikt, Zehntausende gingen auf die Strasse und demonstrierten gegen rassistische Diskriminierungen und f&#252;r gleiche Rechte. 2011 sollen diese Proteste noch ausgeweitet werden. Der 1.M&#228;rz soll sich als antirassistischer Aktionstag etablieren, an dem Migrant_innen als politische Subjekte auftreten und sich gemeinsam gegen die herrschenden Politiken der Ausbeutung und Diskriminierung zur Wehr setzen.</p>
<p><em>Zu den Aktionen in Frankreich und Italien:</em></p>
<p>http://www.migrazine.at/artikel/24h-sans-nous</p>
<p>http://jungle-world.com/artikel/2010/10/40498.html</p>
<p><em>Speziell zu Frankreich:</em></p>
<p>http://www.trend.infopartisan.net/trd0310/t410310.html</p>
<p><em>Speziell zu Italien:</em></p>
<p>http://www.suite101.de/content/einwanderer-streiken-in-italien-a70943</p>
<p><em>Zur Situation in den USA:</em></p>
<p>http://indymedia.us/en/topic/mayday2006/archive.shtml</p>
<p>http://at2.indymedia.org/newswire/display/55505.html</p>
<p>http://www.indybay.org/newsitems/2006/04/20/45172.php</p>
<p>http://deletetheborder.org/node/996</p>
<p>http://no-racism.net/article/1630</p>
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		<title>Auf der Suche nach den Subjekten</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/12/14/auf-der-suche-nach-den-subjekten/</link>
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		<pubDate>Tue, 14 Dec 2010 07:42:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Soziologie]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Alexander Neumann: Kritische Arbeitssoziologie. Ein Abriss, Stuttgart: Schmetterling Verlag/theorie.org. 2010, 192 Seiten, € 10,30

Mit Kritischer Arbeitssoziologie versucht Alexander Neumann einen Einblick in ein Feld zu geben, das auf Seiten der Linken seit den 1980er Jahren eher negativ konnotiert ist. Da sich viele Studien im Bereich der Industriesoziologie stark an den funktionalistischen Momenten der Organisationssoziologie orientierten und zumeist eher als [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Alexander Neumann: Kritische Arbeitssoziologie. Ein Abriss, Stuttgart: Schmetterling Verlag/theorie.org. 2010, 192 Seiten, € 10,30<br />
<span id="more-1702"></span><br />
Mit <em>Kritischer Arbeitssoziologie</em> versucht Alexander Neumann einen Einblick in ein Feld zu geben, das auf Seiten der Linken seit den 1980er Jahren eher negativ konnotiert ist. Da sich viele Studien im Bereich der Industriesoziologie stark an den funktionalistischen Momenten der Organisationssoziologie orientierten und zumeist eher als Grundlage f&#252;r prozessoptimierende Managementstrategien dienten, werden arbeitssoziologische Ans&#228;tze meist eher zur&#252;ckgewiesen. Neumann versucht mit diesem Buch allerdings aufzuzeigen, dass es innerhalb der soziologischen Arbeitsforschung auch eine andere Tradition gab und gibt.<br />
Anschlie&#223;end an Michael Schumann stellt er zu Beginn des Buches fest, dass der Begriff der Industriesoziologie f&#252;r eine kritische Betrachtung von Arbeit und den darin liegenden gesellschaftlichen Widerspr&#252;chen zu kurz greift und sich der weiter gefasste, aus der franz&#246;sische Tradition kommende Begriff der „sociologie du travail“ (Arbeitssoziologie) viel eher eignet. Hier stehen nicht die industriellen Beziehungen im Zentrum der Analyse, sondern die arbeitenden Subjekte und ihre widerspr&#252;chliche Konstitution im Verwertungsprozess kapitalistischer Akkumulation.<br />
Ausgehend von Karl Marx, Max Weber und Sigmund Freud, die er als theoretische Referenzfolien der unterschiedlichen Str&#228;nge kritischer Arbeitssoziologie ansieht, versucht Neumann die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der deutschen und der franz&#246;sischen Debatte herauszuarbeiten. Deren gemeinsame Ausgangsfrage ist diejenige nach der Widerst&#228;ndigkeit der Subjekte im kapitalistischen Arbeitsprozess. Hier wird von deutscher wie von franz&#246;sischer Seite davon ausgegangen, dass die reale Subsumption der Arbeitskr&#228;fte unter die kapitalistische Profitlogik niemals vollst&#228;ndig vollzogen werden kann und sich die Subjekte immer wieder als widerst&#228;ndige generieren.<br />
Im Gegensatz zu funktionalistischen TheoretikerInnen (wie beispielsweise Lukács) gehen die kritischen ArbeitssoziologInnen laut Neumann allerdings nicht von einem mystifizierten Klassenbewusstsein aus, sondern versuchen festzustellen, wie im Prozess der Subjektkonstitution Momente entstehen, die &#252;ber die Logik kapitalistischer Vergesellschaftung hinausweisen. Neumann pl&#228;diert hier f&#252;r eine Interpretation des Marxschen Werkes, die sich nicht in der Analyse der Kapitallogik ersch&#246;pft, sondern um die Frage nach der M&#246;glichkeit der Konstitution revolution&#228;rer Subjektivit&#228;t erweitert werden muss.<br />
Trotz einer gemeinsamen Ausgangsfrage bezogen sich die franz&#246;sische und deutsche Debatte jeweils auf andere theoretische Ans&#228;tze zur Beantwortung eben dieser. F&#252;r die deutschsprachige Debatte sind laut Neumann die Arbeiten der Kritischen Theorie ma&#223;geblich gewesen. Adorno und Co eigneten sich die Marxschen Kategorien neu an und radikalisierten die Theorie von Weber und Freud. Der Bezug auf Freud stellte sich f&#252;r sie als besonders fruchtbar dar, da mit Hilfe seiner Theorie die Vermittlung von Normen in die Psyche der Menschen erfassbar wurde. Diese psychischen Vermittlungsprozesse sind f&#252;r die Frage nach widerst&#228;ndiger Subjektivit&#228;t besonders zentral. In der Psyche des/der Einzelnen werden nicht nur die gesellschaftlichen Tendenzen positiv oder negativ interpretiert, hier entstehen auch die jeweiligen Strategien der Subjekte. Diese k&#246;nnen auf Integration, aber auch auf Dissidenz ausgerichtet sein. Der Umgang mit &#220;berausbeutung, der Monotonie des Arbeitsalltags oder herrschaftlich formierten Normsetzungen ist stets auch durch die Interpretation der Subjekte bedingt. Ausgehend von diesen Ans&#228;tzen der Kritischen Theorie hat sich der „W&#228;rmestrom“ der deutschsprachigen Arbeitssoziologie &#252;ber die Analyse von Negt und Kluge (in ihrem ber&#252;hmt gewordenen Buch <em>Geschichte und Eigensinn</em>) bis hin zu den Theorien von Alex Demirovi&#196; weiterentwickelt. Im Zuge dieser Entwicklung sei allerdings auch das kritische Erbe von Adorno und Co sukzessive marginalisiert worden, bem&#228;ngelt Neumann.<br />
Trotz einer gemeinsamen Ausgangsfrage bezogen sich die franz&#246;sische und deutsche Debatte jeweils auf andere theoretische Ans&#228;tze zur Beantwortung eben dieser. F&#252;r die deutschsprachige Debatte sind laut Neumann die Arbeiten der Kritischen Theorie ma&#223;geblich gewesen. Adorno und Co eigneten sich die Marxschen Kategorien neu an und radikalisierten die Theorie von Weber und Freud. Der Bezug auf Freud stellte sich f&#252;r sie als besonders fruchtbar dar, da mit Hilfe seiner Theorie die Vermittlung von Normen in die Psyche der Menschen erfassbar wurde. Diese psychischen Vermittlungsprozesse sind f&#252;r die Frage nach widerst&#228;ndiger Subjektivit&#228;t besonders zentral. In der Psyche des/der Einzelnen werden nicht nur die gesellschaftlichen Tendenzen positiv oder negativ interpretiert, hier entstehen auch die jeweiligen Strategien der Subjekte. Diese k&#246;nnen auf Integration, aber auch auf Dissidenz ausgerichtet sein. Der Umgang mit &#220;berausbeutung, der Monotonie des Arbeitsalltags oder herrschaftlich formierten Normsetzungen ist stets auch durch die Interpretation der Subjekte bedingt. Ausgehend von diesen Ans&#228;tzen der Kritischen Theorie hat sich der „W&#228;rmestrom“ der deutschsprachigen Arbeitssoziologie &#252;ber die Analyse von Negt und Kluge (in ihrem ber&#252;hmt gewordenen Buch Geschichte und Eigensinn) bis hin zu den Theorien von Alex Demirovi&#196; weiterentwickelt. Im Zuge dieser Entwicklung sei allerdings auch das kritische Erbe von Adorno und Co sukzessive marginalisiert worden, bem&#228;ngelt Neumann.<br />
Die franz&#246;sische Arbeitssoziologie nahm einen &#228;hnlichen Weg, nur mit anderen theoretischen Grundlagen. Aufbauend auf den Analysen von Vincent Castoriadis und anderen wurde Weber von den Franz&#246;sInnen „gegen den Strich“ gelesen und f&#252;r radikale Theoriebildung operationalisiert. Sowohl Pierre Bourdieu, als auch Alain Touraine sowie Luc Boltanski und Éve Chiapello setzen bei ihren jeweiligen Forschungen an diesen Grundlagen an. Dass insbesondere der Bezug auf Weber nur bedingt sinnvoll ist, zeigt sich laut Neumann an der starken Fokussierung der franz&#246;sischen Arbeitssoziologie auf die Aus&#252;bung von Herrschaft. Die autonomen Widerstandspotentiale der Arbeitssubjekte werden demnach zu wenig beachtet. Neumann schlie&#223;t sein Buch mit &#220;berlegungen zu der Frage, welche Rolle kritische Arbeitssoziologie zu Zeiten der globalen Krise des Kapitalismus einnehmen kann und muss.<br />
Generell kann festgehalten werden, dass das Buch im breiten Feld der Arbeitssoziologie einen guten &#220;berblick &#252;ber, sowie eine wichtige Einf&#252;hrung in die zentralen Theorien bietet. &#220;berblickstexte dieser Art m&#252;ssen naturgem&#228;&#223; immer blinde Flecken zur&#252;cklassen. Der Versuch einer theoriebezogenen Kanonisierung ist sicherlich mit Skepsis aufzunehmen. Der Zusammenhang zwischen tats&#228;chlich stattfindenden Klassenk&#228;mpfen und theoretischen Ans&#228;tzen wird meiner Ansicht nach zu wenig hergestellt. F&#252;r viele der im Buch angef&#252;hrten TheoretikerInnen, waren die Erfahrungen in den Fabriken – nicht die Universit&#228;t – Ausgangspunkt ihrer theoretischen &#220;berlegungen. Besonders deutlich wird dieses Manko in Bezug auf Antonio Negri. Dieser wird beinahe ausnahmslos im Kontext der franz&#246;sischen Debatte verortet und damit sowohl praktisch als auch theoretisch von seinen Wurzeln im italienischen Operaismus abgetrennt. Der starke Bezug auf Deutschland und Frankreich klammert dar&#252;ber hinaus die mannigfaltigen Austauschprozesse zwischen anderen L&#228;ndern aus. So bleiben viele Verbindungen  von Castoriadis zu den holl&#228;ndischen R&#228;tekommunistInnen rund um Pannekoek und anderen der R&#228;tebewegung nahe stehenden AktivistInnen im Dunkeln.<br />
Trotzdem gibt das Buch einen guten Einblick in die unterschiedlichen theoretischen Traditionen der Kritischen Arbeitssoziologie. Besonders f&#252;r den &#246;sterreichischen Kontext ist es sehr wertvoll, da sich hiermit eine M&#246;glichkeit zur Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie er&#246;ffnet, die sich erfrischend von der g&#228;ngigen Debatte abhebt, welche in einem falschen Verst&#228;ndnis des Fetischbegriffs verhaftet zu sein scheint.</p>
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		<item>
		<title>Aufstand ist (k)ein Kinderspiel!</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/08/26/aufstand-ist-kein-kinderspiel/</link>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:18:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Kindergartenaufstand]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Kämpfe]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Elisabeth Steinklammer</em> und <em>Kristina Botka</em> analysieren mit <em>Barbara Tinhofer</em> und <em>Gloria Fleischmann</em> (alle vom <em>Kollektiv Kindergartenaufstand</em>) die gesellschaftliche Bedeutung der Institution Kindergarten und berichten von der aktuellen Situation der Kindergartenp&#228;dagogInnen in Wien und ihrem Arbeitskampf.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Elisabeth Steinklammer</em> und <em>Kristina Botka</em> analysieren mit <em>Barbara Tinhofer</em> und <em>Gloria Fleischmann</em> (alle vom <em>Kollektiv Kindergartenaufstand</em>) die gesellschaftliche Bedeutung der Institution Kindergarten und berichten von der aktuellen Situation der Kindergartenp&#228;dagogInnen in Wien und ihrem Arbeitskampf.<br />
<span id="more-1523"></span><br />
Seit M&#228;rz 2009 haben wir als eine anfangs kleine, doch st&#228;ndig wachsende Gruppe<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> von Kin-dergartenp&#228;dagogInnen und BetreuerInnen durch &#246;ffentlichen Protest, Publikationen und Interviews auf unsere prek&#228;re Arbeitssituation hingewiesen &#8211; nicht zuletzt auch durch die Soli-darisierung mit den BesetzerInnen an den Universit&#228;ten. Wir agieren und politisieren unter dem Namen „Kollektiv Kindergartenaufstand“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>. Wir setzen uns f&#252;r grundlegende Ver&#228;nde-rungen im Elementarbildungsbereich ein und haben damit einen Arbeitskampf begonnen, der nicht nur die Rahmenbedingungen in &#246;sterreichischen Kinderg&#228;rten ver&#228;ndern will, sondern gleichzeitig das Image der „Kindergartentante“ auf den Kopf stellt.</p>
<p><strong>Kindergartenp&#228;dagogik und Hegemonie</strong><br />
Die Kindergartenp&#228;dagogik und die Organisation des Kindergartens in &#214;sterreich muss im Kontext des gesamten Bildungssystems und als Teil eines Staates anerkannt werden, in dem Bildung ein machtvolles Instrument ist. Die oft zitierte „Gesellschaft von Morgen“ wird hier (aus)gebildet, um je nach Form der Bildung dazu beizutragen, sich entweder in ein System einzuordnen oder selbstbestimmt und kreativ zu handeln. In diesem Sinne ist Bildung immer politisch, da sie entweder dazu beitr&#228;gt, die bestehende gesellschaftliche Ordnung aufrecht zu erhalten, oder Kinder in ihrer Subjektwerdung unterst&#252;tzt, die zu einer Ver&#228;nderung der Verh&#228;ltnisse beitragen kann. Wir beziehen uns hierbei vor allem auf Antonio Gramsci, in dessen Hegemonieverst&#228;ndnis<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> die erzieherische Dimension eine zentrale Rolle spielt. F&#252;r ihn ist „jedes Verh&#228;ltnis von ‚Hegemonie’ […] notwendigerweise ein p&#228;dagogisches Verh&#228;ltnis [...]“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>, das auch als Umkehrung nachvollziehbar bleibt: Jedes p&#228;dagogische Verh&#228;ltnis ist ein von Hegemonie gepr&#228;gtes Verh&#228;ltnis; die „erziehende“ Person reproduziert hegemoniale Vorstellungen durch erzieherische Ma&#223;nahmen.<br />
Insofern sind die gesellschaftlichen Institutionen der Erziehung und Bildung, zu denen auch der Kindergarten geh&#246;rt, „ideologisches Terrain“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a>, auf welchem sich Individuen ihr Bewusst-sein erarbeiten, sich Weltdeutungen aneignen und diese ausgestaltet werden, bestehende Herr-schaftsstrukturen auch hinterfragt und zur&#252;ckgewiesen werden k&#246;nn(t)en.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a><br />
Dabei wird ein Verst&#228;ndnis des Menschen deutlich, in dem dieser nur im Kontext des gesell-schaftlichen Ganzen zu analysieren ist. Gramsci fasst den Menschen als einen „geschichtlichen Block“.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Hier findet Gramscis Verst&#228;ndnis von Pers&#246;nlichkeitsentwicklung ihren Ausdruck: „Die Au&#223;enwelt, die allgemeinen Verh&#228;ltnisse zu ver&#228;ndern, hei&#223;t sich selbst zu potenzieren, sich selbst zu entwickeln.“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Damit ist einerseits gemeint, dass das Individuum in der Pers&#246;nlichkeitsentwicklung von den sozialen Umst&#228;nden und deren historischer Gewachsenheit gepr&#228;gt ist, es aber gleichzeitig auf diese aktiv zur&#252;ckwirkt.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Das bedeutet, dass durch die Beteiligung an progressiven Bewegun-gen oder durch das Mitwirken von Kindern an der Entwicklung alternativer Weltanschau-ungskonzepte wiederum ihr Selbst- und Weltverst&#228;ndnis ver&#228;ndert werden kann. Die Forde-rung, Kinder ganzheitlich zu erziehen und eine Pers&#246;nlichkeitsbasis zu f&#246;rdern, die eine indi-viduelle Weiterentwicklung erm&#246;glicht, bedeutet auch eine geschlechterunspezifische, stereo-typenfreie Erziehung. Dazu muss Kindern aber erst einmal die M&#246;glichkeit gegeben werden und P&#228;dagogInnen brauchen eine entsprechende Ausbildung.<br />
Andererseits steckt in dem Zitat ein p&#228;dagogisches Verst&#228;ndnis, dessen Bildungsziel die Ver-wirklichung einer umfassenden und nicht unmittelbar zweckgebundenen Bildung f&#252;r Kinder (der ArbeiterInnenklasse), als erzieherische Selbsterm&#228;chtigung (der revolution&#228;ren Klasse) ist. Der Bildungsprozess soll also die Bedingungen sowie M&#246;glichkeiten der Freiheit und der Entwicklung der Menschen aufzeigen und ein Bewusstsein von menschlichen Entwicklungs- und Lebensperspektiven schaffen.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Gramsci vertritt eine P&#228;dagogik vom Standpunkt der Ler-nenden aus. Hierbei sind freiwillige und spontane Lernprozesse, die unmittelbar an kollektive politische Praxis und Erfahrungen der sozialen Bewegungen angebunden sind, essenziell.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Daraus leitet sich f&#252;r die P&#228;dagogInnen eine zentrale Aufgabe ab: die Kinder in ihren sozialen Erfahrungen innerhalb der Gruppe zu beobachten, darauf aufbauend an ihren Erfahrungen anzusetzen und Unterst&#252;tzung bei der selbstst&#228;ndigen Bew&#228;ltigung von sich stellenden Lernaufgaben zu bieten.<br />
Dieses Aufgabenverst&#228;ndnis wird auch in der Ausbildung von Kindergartenp&#228;dagogInnen vermittelt, wo das Spiel als zentrale Lernform von jungen Kindern im Mittelpunkt aller p&#228;da-gogischen und didaktischen &#220;berlegungen steht.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Die Funktion der Kindergartenp&#228;dago-gin/des Kindergartenp&#228;dagogen ist mit Gramsci als die einer freundschaftlichen Anleite-rin/eines freundschaftlichen Anleiters<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> zu sehen. Das Bild der/des „Erzieherin/Erziehers“ hingegen ist abzulehnen. Zwar gibt es auch nach seiner Vorstellung die Notwendigkeit von erzieherischem Eingreifen, um auf die Entfaltung individueller M&#252;ndigkeit hinzuf&#252;hren.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Die Betonung liegt hierbei jedoch auf der Entfaltung individueller M&#252;ndigkeit im Gegensatz zu einer Erziehung, die um die Anpassung an die bestehenden Verh&#228;ltnisse bem&#252;ht ist.<br />
Dabei ist ein zweiter Aspekt mit Blick auf die Funktion der P&#228;dagogInnen zentral: Mit Gramsci kommt der Intellektuellengruppe der „Lehrkr&#228;fte vom Volksschulalter bis zu den Universit&#228;tsprofessoren“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> – wobei Kindergartenp&#228;dagogInnen wohl ebenso zu den „p&#228;dago-gischen Fachintellektuellen“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> gez&#228;hlt werden k&#246;nnen – eine zentrale Rolle als VermittlerInnen hegemonialer Verh&#228;ltnisse zu.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Daraus ergibt sich eine direkte Verantwortung der P&#228;da-gogInnen, nicht nur f&#252;r die Lernprozesse der Kinder, sondern f&#252;r die Gestaltung der Gesell-schaft an sich. Denn die Rolle und Funktion die einE P&#228;dagogIn im Lernprozess der Kinder einnimmt, das Gesellschaftsverst&#228;ndnis das sie dabei vermittelt und ihr eigenes Handeln im Alltag reproduziert entweder herrschende Verh&#228;ltnisse oder unterst&#252;tzt Kinder dabei, eine Auffassung der Wirklichkeit zu erlangen, die sich aus Erfahrungen und sozialen K&#228;mpfen ihrer Zeit entwickelt. Aus Sicht der P&#228;dagogIn beinhaltet dies nicht zuletzt eine Zur&#252;ckwei-sung hegemonialer Wissens- und Lernpraxen<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> und die Entwicklung eigener Lernziele.</p>
<p><strong>Der Kindergarten als Schule der Zweigeschlechtlichkeit</strong><a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a><br />
Dieses Verst&#228;ndnis der Bedeutung fr&#252;hkindlicher P&#228;dagogik steht in krassem Widerspruch zum g&#228;ngigen Bild des Kindergartens als Ort der einfachen Versorgung. Oft m&#252;ssen sich P&#228;-dagogInnen Aussagen gefallen lassen, wie „Sei doch froh, dass du f&#252;rs Spielen bezahlt wirst!“ oder „Was machst du denn schon? So ein paar Kinder h&#252;ten kann doch nicht so schwer sein!“<br />
Hier kann auf die vorherrschenden Geschlechterverh&#228;ltnisse r&#252;ckgeschlossen werden. Nancy Fraser betont, dass „selbstverst&#228;ndlich […] die Rolle des/der Kinderbetreuers/betreuerin im klassischen Kapitalismus – wie anderswo auch – eine ganz offenkundig weibliche Rolle [ist].“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Dies l&#228;sst sich anhand von Statistiken zur Kinderbetreuungssituation in &#214;sterreich schnell belegen: In &#214;sterreich sind Kinder bis zum dritten Lebensjahr haupts&#228;chlich zu Hause und werden dort von der Mutter<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> betreut. Im Jahr 2006 waren nur 10,8 Prozent der Kinder im Alter unter drei Jahren in institutionellen Kinderbetreuungseinrichtungen untergebracht.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a><br />
Kinderbetreuung erf&#228;hrt im Allgemeinen keine hohe gesellschaftliche Achtung. Belegt wird die gesellschaftliche Geringsch&#228;tzung von Erziehungsarbeit in erster Linie dadurch, dass sie gro&#223;teils unbezahlt verrichtet wird. Werden Kinder au&#223;erh&#228;uslich betreut, ist die Entlohnung f&#252;r die P&#228;dagogInnen stets gering und Kinderbetreuung in &#214;sterreich wird als ein „typischer Frauenberuf“ angesehen. Von der Geburt an &#252;ber die ersten Lebensjahre zu Hause und weiter &#252;ber die p&#228;dagogische Betreuung in Kinderkrippen, Kinderg&#228;rten und bis zur Volksschule werden Kinder – von wenigen Ausnahmef&#228;llen abgesehen – von weiblichen Personen betreut. Im Kindergartenjahr 2006/2007 arbeiten in ganz &#214;sterreich 26.014 weibliche und 283 m&#228;nn-liche Personen in den Kinderg&#228;rten – das macht einen Anteil weiblicher Arbeitskr&#228;fte von 98,92% aus.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Aus der oben diskutierten hegemonietheoretischen Sicht auf Bildung bedeutet diese „Vergeschlechtlichung“ des Kindergartens f&#252;r Kinder, in geschlechtsstereotypen Le-bensrealit&#228;ten aufgezogen zu werden. Die Institution f&#252;gt sich damit in die gesamtgesell-schaftliche Ordnung der Sph&#228;rentrennung von m&#228;nnlich/weiblich ein, da selbst in der au&#223;er-h&#228;uslichen Betreuung von Kindern die Betreuungsarbeit weibliche Arbeit bleibt.<br />
Demgegen&#252;ber w&#252;rde ein Bildungsverst&#228;ndnis, dass der individuellen, selbstbestimmten Freiheit im Lernprozess durch eigenes Handeln und Erkennen Rechnung tr&#228;gt, auch ein Re-flektieren von Verhalten m&#246;glich machen und damit dazu beitragen, die herrschenden Ge-schlechterverh&#228;ltnisse in Frage zu stellen. So k&#246;nnten etwa die eigenen Erfahrungen von M&#228;dchen und Buben jenen der hegemonialen Vorstellungen &#252;ber Geschlechter gegen&#252;berstehen<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a>. Wenn nun eine kritische Verallgemeinerung gef&#246;rdert wird, so k&#246;nnte dies bedeuten, dass Kinder feststellen, dass gesellschaftliche zweigeschlechtliche Sph&#228;renteilung zu hinter-fragen und zu ver&#228;ndern ist. Die daf&#252;r notwendigen Identifikationsm&#246;glichkeiten mit m&#246;glichst vielf&#228;ltigen und unterschiedlichen Frauen- und M&#228;nnerbildern sind in der derzeitigen Situation allerdings nicht gegeben. Dies dr&#252;ckt sich eben auch im gesellschaftlichen Stellenwert dieses „Frauenberufs“ aus. Insofern ergibt sich als zentrale Forderung, dass Kleinkinder-erziehung nicht l&#228;nger als vorrangig unbezahlte, folglich wenig wertvolle, privatisierte, nicht als Arbeit angesehene T&#228;tigkeit gesellschaftlich (un-)behandelt bleiben darf, sondern den Status eines gesamtgesellschaftlichen Verantwortungsbereichs erhalten muss.</p>
<p><strong>Neoliberale Bildungsanspr&#252;che</strong><br />
Das gesellschaftlich nach wie vor dominante Verst&#228;ndnis von P&#228;dagogInnen als „Spieltanten“ und das Verst&#228;ndnis von Kinderg&#228;rten als blo&#223;e Bewahrungsanstalten ist eng verkn&#252;pft mit einem verschulten Lernbegriff. Soziale Prozesse zu begleiten, Kinder dabei zu unterst&#252;tzen, die eigene Reflexions- und Kritikf&#228;higkeit zu entfalten und sich darin zu &#252;ben, in Alternativen zu denken, sind Arbeitsformen bzw. Lernprozesse, die nicht an Bastelarbeiten oder Arbeits-bl&#228;ttern zu messen sind. Sie haben daher oftmals geringen gesellschaftlichen Stellenwert und werden nicht als „gew&#252;nschtes“ Lernen wertgesch&#228;tzt.<br />
Gleichzeitig ist das Bild vom Kindergarten als Verwahrungsanstalt in Ver&#228;nderung begriffen. Dabei gibt es eine widerspr&#252;chliche Entwicklung, die einerseits dazu beitr&#228;gt, dass der Kin-dergarten von immer mehr Menschen (vor allem Eltern) als Bildungseinrichtung anerkannt wird. Andererseits folgt diese Entwicklung den Tendenzen einer &#214;konomisierung von Bil-dung, die auch vor dem Kindergarten nicht halt macht. Der neue Bildungsanspruch, der mit den Erwartungen an den Kindergarten oft einher geht, ist n&#228;mlich eben kein erm&#228;chtigender, sondern entspricht der neoliberalen Vorgabe, dass Kinder m&#246;glichst fr&#252;h „Verwertbares“ ler-nen sollen, um ihr potenzielles Humankapital zu steigern und so Startvorteile gegen&#252;ber den AlterskollegInnen in der weiteren Bildungslaufbahn und dann ultimativ am Arbeitsmarkt zu haben. Das Spiel als wichtigste Lernform junger Kinder wird ersetzt durch Forderungen nach verschultem, messbarem Ausbildungs-Lernen, bei dem sich die Kinder m&#246;glichst fr&#252;h, m&#246;g-lichst viel vorgefertigtes Wissen aneignen. Krassestes Beispiel daf&#252;r sind Englischkurse nach Schema (in den USA ist es eben dann Mandarin) ab dem zweiten Lebensjahr, die von immer mehr Kinderg&#228;rten angeboten werden um „am Markt bestehen zu k&#246;nnen“. Aber auch Schreib&#252;bungen, die Einf&#252;hrung von Stundenpl&#228;nen und Sitztraining sind Teil der neolibera-len Zurichtung. Sie bef&#246;rdert ein Konkurrenzdenken, das nicht die Selbstpotenzierung der Kinder in den Mittelpunkt r&#252;ckt sondern deren bestm&#246;gliche Verwertung in einer neoliberalen Gesellschaftsordnung.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a><br />
Zwar ist &#252;ber diese Entwicklung der &#214;konomisierung die Bedeutung des Kindergartens ge-sellschaftlich gestiegen, auf der Strecke bleiben bei einer derartigen Ausrichtung aber die freie Pers&#246;nlichkeits- und die emotionale Entwicklung der Kinder. Wir befinden uns also nicht nur in einer Auseinandersetzung um die Arbeits- und Rahmenbedingungen im Kindergarten, son-dern auch &#252;ber dessen inhaltliche, ideologische Ausrichtung, sprich dem Lernverst&#228;ndnis und der Lernkultur.</p>
<p><strong>Kinderg&#228;rten in &#214;sterreich</strong><br />
Die politische Ausgestaltung der Rahmenbedingungen f&#252;r die gesellschaftliche Institution des Kindergartens spielt eine zentrale Rolle f&#252;r die Art der Bildung, die darin stattfinden kann. Auff&#228;lligstes Charakteristikum in diesem Zusammenhang ist, dass es in &#214;sterreich so gut wie keine einheitlichen Rahmenbedingungen gibt. Dies resultiert daraus, dass die gesetzliche Re-gelung von Kinderg&#228;rten, Horten und Kinderkrippen in &#214;sterreich seit 1962 unter die Zust&#228;n-digkeit der Landesregierungen f&#228;llt, weshalb neun verschiedene Landeskindergartengesetze existieren, anstatt eines Bundesrahmengesetzes. Dennoch sind die „Eckpfeiler“ &#228;hnlich; es gibt kein Bundesland, wo der Beruf tats&#228;chlich gut bezahlt wird oder die Gruppengr&#246;&#223;en stark variieren. Die f&#246;derale Regulierung des Kindergartenwesens hat  auch dazu gef&#252;hrt, dass es trotz einheitlicher Ausbildungs- und Qualifizierungsstrukturen viele unterschiedliche Tr&#228;ge-rInnenorganisationen und damit ArbeitgeberInnen f&#252;r die P&#228;dagogInnen gibt. Das bedeutet in weiterer Folge, dass je nach ArbeitgeberIn auch die gewerkschaftliche Vertretung der P&#228;da-gogInnen variiert. Da es weder ein einheitliches Bundesrahmengesetzt gibt, noch einen Kol-lektivvertrag f&#252;r Kindergartenp&#228;dagogInnen, unterscheiden sich mitunter auch die Arbeitsbe-dingungen. Wir werfen hier einen exemplarischen Blick nach Wien, wo ca. die H&#228;lfte aller P&#228;dagogInnen bei der Gemeinde Wien angestellt ist und daher von der <em>Gewerkschaft der Gemeindebediensteten</em> (GDG) vertreten werden. F&#252;r sie gilt das Gehaltsschema der Gemeinde Wien, das Signalwirkung f&#252;r die anderen ArbeitgeberInnen hat, aber nicht zwingend &#252;bernommen wird. Die andere H&#228;lfte der P&#228;dagogInnen arbeitet bei privaten Tr&#228;gerInnen und wird daher von der <em>Gewerkschaft der Privatangestellten- Druck, Papier, Journalismus</em> (GPA-djp) vertreten. So entsteht das Problem,  dass es kein einheitliches Dienstrecht oder einen ge-meinsamen Kollektivvertrag gibt.<br />
In der Regel ist einE P&#228;dagogIn in Wien alleine f&#252;r die Erziehung und Bildung von 25 Kin-dern in einer Gruppe zust&#228;ndig, wobei grunds&#228;tzlich eine unausgebildete Hilfskraft als Unterst&#252;tzung, meist aber f&#252;r organisatorische T&#228;tigkeiten, zur Verf&#252;gung steht.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Au&#223;erdem stehen P&#228;dagogInnen in Wien zumeist vier von 40 Stunden f&#252;r Vorbereitungen zur Verf&#252;gung. Je nach ArbeitgeberIn m&#252;ssen in dieser Zeit aber auch Elternarbeit, Teamsitzungen und &#228;hnliches stattfinden, wodurch die Zeit f&#252;r tats&#228;chliche Planung und Vorbereitung der Bildungsarbeit, deren verpflichtende schriftliche Reflexion sowie f&#252;r Einzelf&#246;rderung minimal ist und viele P&#228;dagogInnen diese unbezahlt in ihrer Freizeit erledigen, um ihrem eigenen p&#228;dagogischen Anspruch auch nur halbwegs gerecht werden zu k&#246;nnen. Die momentane Arbeitssituation ist f&#252;r immer mehr Kindergartenp&#228;dagogInnen derart belastend<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a>, dass die einzige M&#246;glichkeit, den Beruf so gut wie m&#246;glich auszu&#252;ben darin liegt, von Vollzeit- auf Teilzeitarbeit umzusteigen. Allgemein herrscht in Wien Personalmangel, denn jede dritte Abg&#228;ngerin einer BAKIP<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a>  ergreift ein Studium, weil die Arbeitsbedingungen die sie in den Kinderg&#228;rten er-warten unattraktiv sind. Dadurch wird es in Wiens Kinderg&#228;rten immer schwieriger, die schon aufgrund der bestehenden gesetzlichen Rahmenbedingungen schlechte Kindergartenstruktur mit ausreichend qualifiziertem Personal aufrecht zu erhalten, geschweige denn auszubauen. Dies macht es wiederum den P&#228;dagogInnen immer schwieriger, den eigenen Standards, aber auch den Rahmengesetzen gerecht zu werden. Der Personalmangel f&#252;hrt dazu, dass Zeit zur knappen Ressource wird, die ben&#246;tigt wird um auf Kinder individuell einzugehen, Konflikte aufzugreifen und gemeinsam zu l&#246;sen, Kinder zu beobachten und dann darauf abgestimmte Bildungsangebote zu setzen. Es braucht aber auch Zeit eine anregende und herausfordernde Umgebung zu schaffen, in der Kinder vielf&#228;ltige Lernm&#246;glichkeiten vorfinden und sich dem eigenen Tempo entsprechend darin zu Recht finden k&#246;nnen. Ein Beispiel: Die Zeit, bei Strei-tigkeiten auf selbst gew&#228;hlte L&#246;sungsstrategien der Kinder zu setzten (Handlungsalternativen durchdenken, Einf&#252;hlungsverm&#246;gen trainieren etc.) gibt es nicht, statt dessen werden die Kin-der oftmals schnell gema&#223;regelt und so daran gehindert, F&#228;higkeiten zur Konfliktl&#246;sung zu entwickeln. Dies entspricht zumeist aber nicht dem Verst&#228;ndnis der P&#228;dagogInnen von der eigenen Arbeit und dem Stellenwert dieser wichtigen sozialen Lernprozesse.<br />
Statt dem Personalmangel in Wiens Kinderg&#228;rten durch Verbesserung der Arbeitsbedingun-gen Abhilfe zu schaffen, um ausgebildete P&#228;dagogInnen in den Beruf zu locken, wurde einer-seits versucht, das Problem m&#246;glichst von der &#214;ffentlichkeit fern zu halten, was sich in ge-steigertem Arbeitsdruck f&#252;r die P&#228;dagogInnen ausdr&#252;ckt. Andererseits mussten AssistentIn-nen, die in vielen Einrichtungen P&#228;dagogInnen als Unterst&#252;tzung zur Seite gestellt werden, aber selbst &#252;ber keine p&#228;dagogische Ausbildung verf&#252;gen (daher auch weniger verdienen), in den letzten Jahren vermehrt Zeit alleine in der Gruppe verbringen und diese beaufsichtigen. Sie &#252;bernehmen dabei immer mehr Aufgaben von Kindergartenp&#228;dagogInnen, ohne &#252;ber de-ren Qualifizierung zu verf&#252;gen, oder f&#252;r diese Mehrarbeit entsprechend entlohnt zu werden. Die verpflichtete Besetzung der Gruppen von zumindest einer P&#228;dagogIn und einer Assisten-tIn konnte nicht mehr aufrecht erhalten werden.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Bei Kindergartenp&#228;dagogInnen, aber auch bei AssistentInnen mehrt sich nun die &#220;berbelastung, bis hin zum Burnout-Syndrom. F&#252;r die Kinder hei&#223;t dies oft, von Erwachsenen betreut zu werden, die &#252;berarbeitet sind und keine Zeit haben, auf ihre individuellen Bed&#252;rfnisse und F&#228;higkeiten einzugehen. Die  Rahmenbe-dingungen lassen oftmals nicht mehr als ein blo&#223;es Beaufsichtigen und das Verhindern von Verletzungen zu. Ganz abgesehen von dem L&#228;rmpegel, dem Kinder und Erwachsene ausge-setzt sind, wenn am Nachmittag Gruppen zusammen gelegt werden m&#252;ssen, weil nicht gen&#252;-gend Personal vorhanden ist, wodurch in manchen Berichten von bis zu 50 Kindern pro Gruppe die Rede ist.</p>
<p><strong>Schwierige Voraussetzungen f&#252;r Widerstand</strong><br />
Angesichts dieser Situation steigt der Frust unter den P&#228;dagogInnen laufend, und hinter vor-gehaltener Hand fragen sich Viele schon l&#228;nger, „warum denn niemand etwas tut“ und sich das alle gefallen lassen. Einzelpersonen haben zwar immer wieder versucht sich zu wehren, sind mit ihrem individuellen Widerstand aber meist an den betriebsinternen Strukturen und Hierarchien gescheitert. In Wien sind die Besch&#228;ftigten nun mit einer besonders schwierigen Situation konfrontiert, denn es besteht eine enge Verbindung der verschiedenen &#246;ffentlichen wie privaten Tr&#228;gerorganisationen mit politischen Parteien. So gibt es seit Jahren eine SP&#214;-Alleinregierung in der Stadt, wodurch die Zust&#228;ndigkeit f&#252;r die Kinderg&#228;rten der Gemeinde Wien seit langem in H&#228;nden der SP&#214; liegt und die zust&#228;ndigen Stadtr&#228;tInnen ArbeitgeberIn-nenfunktionen wahrnehmen. Im privaten Bereich gibt es drei gro&#223;e ArbeitgeberInnen: Die Erzdi&#246;zese Wien, <em>Kinderfreunde und Kinder in Wien</em> (KIWI). Die Kinderfreunde verorten ihre Herkunft nicht nur in der ArbeiterInnenbewegung und berufen sich in ihrem Leitbild auf sozialdemokratische Werte, sondern sind auch personell eng mit der SP&#214; verbunden.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> KIWI entstand aus dem ehemaligen, &#214;VP-nahen <em>Wiener Kinderrettungswerk</em> und ist nach wie vor personell eng mit der &#214;VP verbunden. So hat etwa die aktuelle Gesch&#228;ftsf&#252;hrerin von KIWI auch f&#252;r die &#214;VP einen Sitz im Wiener Gemeinderat.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Daneben gibt es nat&#252;rlich noch andere ArbeitgeberInnen, wie selbstorganisierte Elterngruppen und &#228;hnliches, die Mehrheit der P&#228;-dagogInnen arbeitet aber bei einem der vier Tr&#228;gervereine <em>Gemeinde Wien, Erzdi&#246;zese, Kinderfreunde</em> und KIWI.<br />
Damit ist jede Auseinandersetzung in und um Kindergarten in mehrfacher Weise (partei-) politisch. So n&#252;tzte etwa die FP&#214; die Kritik an der Situation der Wiener Kinderg&#228;rten f&#252;r ihre rassistische Propaganda gegen die SP&#214; im Rahmen des Gemeinderatswahlkampfes 2010.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a><br />
Hinzu kommt, dass innerhalb der &#246;sterreichischen Gewerkschaften Parteifraktionen eine gro&#223;e Bedeutung einnehmen. Oftmals gibt es enge personelle Verbindungen zwischen Gewerk-schaftsfunktion&#228;rInnen und Parteien. So sitzt der derzeitige Vorsitzende der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten zugleich f&#252;r die SP&#214; im Wiener Gemeinderat.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Dass es dabei zu Interessenskonflikten zwischen den verschiedenen Funktionen kommen muss, liegt nahe. Neben den Gewerkschaften gibt es noch die Berufsgruppe der Kindergarten- und Hortp&#228;dagogInnen, die sich als Interessensvertretung sieht. Allerdings steht auch ArbeitgeberInnen die Mitgliedschaft offen und im Vorstand sitzen diese mittlerweile zahlreich vertreten – Interessenskonflikte sind also auch hier absehbar.<br />
Bisher gab es daher keine einheitliche Vertretung bzw. einen Rahmen, innerhalb dessen sich alle P&#228;dagogInnen organisieren konnten. Dies f&#252;hrte zu einer Vereinzelung der P&#228;dagogInnen in den Kinderg&#228;rten. Zwischen letzteren gibt es kaum Kommunikation, was Tr&#228;gerorganisati-onen insofern zugute kommt, als hier Konkurrenz zu anderen Einrichtungen aufgebaut wird bzw. die P&#228;dagogInnen verunsichert und gegeneinander ausgespielt werden („denen geht es ja noch schlechter als uns…“).<br />
Obwohl zurzeit eine prinzipielle „Marktmacht“<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> der P&#228;dagogInnen gegeben ist, da sie eine Qualifizierung besitzen, die dringend nachgefragt wird, konnte diese bisher nicht als Macht-potential aktiviert werden – auch weil durch die Vereinzelung die kollektive Macht von den Betroffenen nur schwer wahrgenommen werden kann.</p>
<p><strong>Well behaved women rarely make history!</strong><br />
Im Jahr 2009 kam Bewegung in die &#246;ffentliche Debatte um Kinderg&#228;rten, als die Bundesre-gierung die Einf&#252;hrung des Gratiskindergartens &#252;berlegte. Die Aussicht auf die nun bevorste-hende noch h&#246;here Belastung durch die totalen Gruppenauff&#252;llungen brachte in den Kinder-g&#228;rten das Fass zum &#252;berlaufen. Viele P&#228;dagogInnen bef&#252;rchteten, dass diese, von ihnen unter gesellschaftspolitischen und feministischen Gesichtspunkten an sich positiv gesehenen Ma&#223;nahme, zu einer Versch&#228;rfung der bereits untragbar gewordenen Situation f&#252;hren w&#252;rde, wenn nicht zeitgleich eine umfassende Verbesserung der Rahmenbedingungen erfolgt. Auf-grund  des Personalmangels in Wien war dies jedoch kaum zu erwarten.<br />
Bereits im Fr&#252;hling 2009 hatte eine anfangs kleine Gruppe von P&#228;dagogInnen, die nicht mehr bereit war, die untragbaren Arbeitsbedingungen hinzunehmen, begonnen, sich zu treffen um Strategien f&#252;r eine Verbesserung im Kindergartenbereich zu diskutieren. Die Streiks der Er-zieherInnen in Deutschland in den vergangen Jahren – und die Erfolge im Sommer 2009 – dienten als Vorbild. Kaum eine P&#228;dagogin/ein P&#228;dagoge hat den Arbeitskampf der KollegIn-nen im Nachbarland nicht gespannt verfolgt.<br />
So wurde  das <em>Kollektiv Kindergartenaufstand</em> gegr&#252;ndet. Nachdem am 28. M&#228;rz die von sehr vielen Organisationen getragenen Proteste unter dem Titel <em>Wir zahlen nicht f&#252;r eure Krise</em><a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a>  bevorstanden, wurde f&#252;r die Demonstration in Wien ein Kindergarten-Block geplant.<br />
Auch die Debatte um das Missverh&#228;ltnis von milliardenschweren Rettungspaketen f&#252;r die Banken und gleichzeitiger Unterbezahlung im Sozialbereich trug dazu bei, dass innerhalb von etwa zwei Wochen ein Block mit etwa 70 Leuten f&#252;r den <em>Kindergartenaufstand </em>mobilisiert werden konnte. Auf der Demonstration wurden E-Mail-Adressen gesammelt, Kontakte ge-kn&#252;pft, Erfahrungen ausgetauscht und neue MitstreiterInnen gefunden. Am Beginn standen dabei vor allem zwei Aspekte im Mittelpunkt der Bem&#252;hungen: die &#214;ffentlichkeit auf die untragbare Situation aufmerksam zu machen und der Zersplitterung etwas entgegenzusetzen. In diesem Sinne wurde nach den positiven Erfahrungen der Demonstration vom 28. M&#228;rz ein Wienweites Vernetzungstreffen geplant. Denn, so waren sich alle im Kollektiv einig, „nur wenn wir uns alle vernetzen, als Betroffene gemeinsam auftreten und uns auch in manchen Punkten, die uns vielleicht nicht so stark betreffen, mit anderen solidarisieren anstatt nichts zu unternehmen, k&#246;nnen wir etwas ver&#228;ndern.“<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a><br />
An diesem ersten Vernetzungstreffen der P&#228;dagogInnen und BetreuerInnen nahmen an die 70 Arbeitende aus verschiedensten Kinderg&#228;rten Wiens, und auch einige aus Nieder&#246;sterreich teil, um in angeregten Diskussionen festzustellen, dass die Rahmenbedingungen der Arbeit &#252;berall gleich schlecht sind und gleichzeitig in der Auseinandersetzung den ersten Schritt aus der Vereinzelung heraus zu machen. Dabei wurde klar, dass die meisten sich keine Hoffnun-gen auf eine baldige Verbesserung machten, weil weder kollektive gewerkschaftliche Vertre-tung noch andere k&#228;mpferische Strukturen im Kindergartenbereich bestanden. Zahlreiche Kindergartenp&#228;dagogInnen stellten zum ersten Mal fest, dass es doch sehr viel Unmut nicht nur im eigenen Betrieb, sondern fl&#228;chendeckend gibt, und andererseits die Gruppe derer, die Handlungsbedarf und -willen hat, gr&#246;&#223;er ist, als gedacht. Das „Ergebnis“ des ersten gro&#223;en Vernetzungstreffens war neben der gemeinsamen Erstellung von Forderungen (wie Reduzie-rung der Kinderanzahl pro Gruppe, Erh&#246;hung der Vorbereitungszeit und des Personalschl&#252;s-sels, h&#246;here Geh&#228;lter, ein Kollektivvertrag und damit eine einheitliche gewerkschaftliche Ver-tretung und ein Bundesrahmengesetzt), eine „Flashmobgruppe“, eine „Elterninfogruppe“ so-wie viele neue Kontakte und Ideen. Auf den folgenden regelm&#228;&#223;igen Vernetzungstreffen besprachen P&#228;dagogInnen, von denen viele vorher noch nie politisch aktiv waren, das weitere gemeinsame Vorgehen, die strategischen Positionierungen, verfassten politische Texte und planten erste Aktionen.<br />
Es gab innerhalb der ersten Monate eine st&#228;ndige Mailflut von begeisterten KollegInnen zu bew&#228;ltigen, die sich engagieren wollten, M&#252;tter und V&#228;ter schrieben Solidarisierungen und die Interviewanfragen von diversen aufmerksam gewordenen Medien zeigten, dass hier ein heikles Thema in der &#246;sterreichischen Politik angegriffen wurde – und das im „roten Wien“!<br />
Im Juni gab es im Museumsquartier den ersten „Flashmob“, an dem sich etwa 200 Menschen beteiligten und der bereits in vielen Medien publik gemacht wurde. Wie bei den Treffen zu-vor, stand auch bei dieser Aktion die Vernetzung der Basis und der Betroffenen sowie die St&#228;rkung nach Innen im Vordergrund. Der Vereinzelung wurde durch solche Aktionen ein eindrucksvolles Bild der Solidarit&#228;t entgegengesetzt. Das hat viele P&#228;dagogInnen ermutigt, weiter f&#252;r eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu k&#228;mpfen. Aufgrund der engen Ver-kn&#252;pfung von ArbeitgeberInnen und politischen Parteien, aber auch durch die gesellschafts-politische Bedeutung von Kinderg&#228;rten, richteten sich die Proteste und Aktionen vor allem an die &#214;ffentlichkeit, die Bundes- und Landesregierung und vorerst weniger gegen die Arbeitge-berInnen im Einzelnen. Dennoch folgten auf die Proteste auch Auflagen von ArbeitgeberIn-nenseite, nicht mit der Presse zu sprechen und das Kollektiv wurde von besorgten KollegIn-nen kontaktiert, welche sich aufgrund der Reaktionen des Arbeitgebers/der Arbeitgeberin nur „anonymisiert“ an Aktionen beteiligen wollten. Selbst die Angstmache von Oben konnte die Wut, die durch die nun neu erfahrene St&#228;rke in Engagement umschlug, nicht mehr unterdr&#252;-cken. Die AktivistInnen wurden mehr und wurden offensiver. LeiterInnen solidarisierten sich, Lehrende an BAKIPs verteilten Informationen an ihre Sch&#252;lerInnen&#8230;<br />
An den zwei Demonstrationen, die vom Kindergartenaufstand teils initiiert, teils im Rahmen des B&#252;ndnis „SOS Kindergarten – Aktion Aufschrei“<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> mitgetragen wurden, haben in den letzten Monaten insgesamt etwa 6000 P&#228;dagogInnen, BetreuerInnen, KindergartenleiterInnen, Eltern und Solidarische teilgenommen. Auch die Vernetzung mit anderen Protesten – wie mit der <em>Uni brennt-</em>Bewegung – war ein wichtiger Schritt in Richtung einer breiten Bildungsbe-wegung: kaum ein Bericht &#252;ber die Unibesetzung kam ohne eine Nennung der Proteste im Kindergartenbereich aus. Gleich am ersten Tag der Studierendenproteste entschloss sich das Kollektiv, sich zu solidarisieren. So wurde klargemacht, dass das Bildungssystem in &#214;ster-reich bereits an der Wurzel fault.<br />
Abseits der &#246;ffentlichen Aktionen des Kollektivs wurde am Aufbau von l&#228;ngerfristigen Struk-turen gearbeitet. Der Anspruch des Kollektivs war es, keine internen Hierarchien aufzubauen und daher auch auf SprecherInnen, VertreterInnen ect. zu verzichten. Stattdessen wurde nach M&#246;glichkeiten gesucht, auf breiter Basis Entscheidungen zu treffen und trotzdem handlungs-f&#228;hig zu bleiben. Die P&#228;dagogInnen organisierten sich den Anforderungen entsprechend in Arbeitsgruppen. Diese kollektive Organisationsform sorgte bei den anderen AkteurInnen in diesem Feld (wie der Berufsgruppe oder manchen Gewerkschaftsteilen sowie VertreterInnen der Presse) f&#252;r gro&#223;e Unruhe. F&#252;r die P&#228;dagogInnen des Kollektivs stand aber im Vordergrund, dass alle selbst ExpertInnen ihres Arbeitslebens sind und dementsprechend jedeR f&#252;r ihre/seine Anliegen sprechen kann. So gab es auch im Kollektiv immer wieder strategische Debatten: Wie sollte mit politischen Parteien umgegangen werden? Wer ist Zielgruppe f&#252;r welche Art von Protest? Wie sollte im eigenen Betrieb mit der politischen Aktivit&#228;t umgegangen werden? Und nicht zuletzt: Was haben wir von den GewerkschaftsvertreterInnen zu erwarten?</p>
<p><strong>Kindergartenaufstand und gewerkschaftliche Reaktionen</strong><br />
Durch den regen Zuspruch der Basis wurde die Kontaktaufnahme zu den anderen AkteurInnen im Kindergartenbereich wichtiger. Dies betraf vor allem einzelne, in den verschiedenen Gewerkschaften t&#228;tige Menschen und Gruppen, wie KIV<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a>, die innerhalb der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten (GDG) arbeitet, oder work@social<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> der GPA-djp. Dort wurde unsere Initiative freudig aufgenommen und bei gemeinsamen Diskussionen auf den Vernet-zungstreffen des Kollektivs eine Zusammenarbeit vor allem f&#252;r eine erste gro&#223;e Demonstration im Herbst 2009 in Aussicht gestellt.<br />
Andererseits, und f&#252;r KennerInnen der &#246;sterreichischen Gewerkschaftslandschaft vielleicht wenig &#252;berraschend, mussten die im <em>Kindergartenaufstand </em>organisierten P&#228;dagogInnen erfahren, dass die dominierenden Gruppen innerhalb der &#246;sterreichischen Gewerkschaften wenig vom selbst organisierten „wilden“ Aktionismus der Basis halten<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> und entgegen den Erwartungen vieler engagierten P&#228;dagogInnen/BetreuerInnen, die teilweise schon jahrelang Gewerkschaftsmitglieder waren, wurde auch bis zuletzt nicht von der Gewerkschaft auf die AktivistInnen zugegangen oder aktive Unterst&#252;tzung im vermeintlichen gemeinsamen Kampf angeboten.<br />
Zugleich gelang es den dominanten Teilen der Gewerkschaften nicht, die Basisorganisierung der P&#228;dagogInnen zu ignorieren. Dazu beigetragen haben etwa die oben genannten Gewerkschaftsgruppen, aber auch Einzelpersonen, die mit unerm&#252;dlichen Engagement und Courage innerhalb der Gewerkschaftshierarchien f&#252;r die Zusammenarbeit mit der Basis k&#228;mpften.<br />
Obwohl bisher nicht viel Ver&#228;nderung in der Kommunikation zueinander bewirkt werden konnte, wurde im Herbst 2009 offensichtlich, wie sehr die Basis Druck auf die Gewerkschaft ausge&#252;bt hat: Nach anfangs z&#246;gerlichen Unterst&#252;tzungsbeteuerungen von Seiten der Gewerkschaft, &#252;bernahm schlie&#223;lich sogar die GPA-djp unsere Forderungen und sicherte uns Unterst&#252;tzung f&#252;r eine gro&#223;e Demonstration zu. Und sp&#228;testens bei der zweiten gro&#223;en Demonstration sah sich auch die GDG gezwungen, die Proteste der P&#228;dagogInnen in den Medien zu unterst&#252;tzen. Diese Unterst&#252;tzung hat sich aber nicht in einer tats&#228;chlichen Zusammenarbeit ausgewirkt. Dass aber gewerkschaftliche Unterst&#252;tzung in Arbeitsk&#228;mpfen wichtig ist, davon sind auch die AktivistInnen des Kindergartenaufstands &#252;berzeugt und kann nicht zuletzt durch die Erfahrungen bei den Streiks der ErzieherInnen in Deutschland belegt werden.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a></p>
<p><strong>Wie weiter?</strong><br />
Kurz vor dem Jahreswechsel gab der GdG-Vorsitzender Meidlinger<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> bekannt, eine Lohnerh&#246;hung und mehr Vorbereitungszeit f&#252;r alle P&#228;dagogInnen der Gemeinde Wien verhandelt zu haben. Die Verhandlungsergebnisse der GdG streifen nur einen kleinen Teil der vielen Forde-rungen des Kollektivs, aber sie sind ein Anfang. Sie zeigen vor allem, dass die AktivistInnen damit Recht behalten, den schlechten Zustand des Kindergartens nicht mehr mitzutragen, sondern sich zu wehren.<br />
Die Ergebnisse der Gehaltsverhandlungen der GdG, die mit J&#228;nner 2010 in Kraft treten, setzen nun die privaten ArbeitgeberInnen unter Druck, vergleichbare Verbesserungen mit der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA-djp) auszuverhandeln. Doch insgesamt &#228;ndert dies wenig an den Arbeitsbedingungen &#246;sterreichweit.</p>
<p><strong>Heute ist nicht alle Tage…</strong><br />
Ein dreiviertel Jahr Aktivit&#228;t des <em>Kollektivs Kindergartenaufstand</em> hat nicht nur die &#246;sterrei-chische Gewerkschaftslandschaft wie oben beschrieben durcheinander gewirbelt. Wir haben viel &#252;ber politische Organisierung gelernt. Die Zusammenarbeit mit verschiedensten Organisationen hat zur Bildung eines Netzwerks innerhalb des Sozialarbeitsbereiches gef&#252;hrt. Diskussionen &#252;ber den Umgang mit Parteien<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> und Gewerkschaften, Besch&#228;ftigung mit Arbeits-k&#228;mpfen von KollegInnen in anderen L&#228;ndern sowie die Auseinandersetzung mit deren gewerkschaftlicher Vertretung fanden statt, und nicht zuletzt wurde die eigene Sicht auf den ausge&#252;bten Beruf st&#228;ndig reflektiert. Die Aktivit&#228;ten haben sich schon nach den ersten Monaten f&#252;r alle Beteiligten als riesengro&#223;er Pool von Lernm&#246;glichkeiten erwiesen. Das ist – neben den real erk&#228;mpften Verbesserungen – schon ein echter Sieg.<br />
Ein gro&#223;es Ziel haben wir auf jeden Fall schon erreicht, n&#228;mlich, das Image der lieben, stets freundlichen und alles hinnehmenden Kinderg&#228;rtnerin anzugreifen. Bilder von k&#228;mpferischen P&#228;dagogInnen/BetreuerInnen wurden ver&#246;ffentlicht, und durch die gef&#252;hrten K&#228;mpfe hat sich das Selbstbild ver&#228;ndert.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> Die Ver&#228;nderung des Blicks auf einen Frauenberuf ist in Gange und damit wurde auch eine neue Identifikationsm&#246;glichkeit f&#252;r die M&#228;dchen und Buben in den Kinderg&#228;rten geschaffen.<br />
Klar ist aber auch, dass mit einer Lohnerh&#246;hung oder einer Verkleinerung der Gruppengr&#246;&#223;en um einige Kinder nicht das Ideal einer Elementarbildungseinrichtung erreicht sein wird, auch wenn dadurch ein Arbeitskampf gewonnen w&#228;re. Die Anspr&#252;che an die Institution Kindergarten im heutigen neoliberalen Bildungsverst&#228;ndnis, demzufolge die Entwicklung der Kleinkinder bereits als M&#246;glichkeit gesehen wird, sie f&#252;r den Markt konform zu trainieren, werden damit nicht von alleine aufgel&#246;st.<br />
Nur Kinder, die nicht alle Antworten schon wissen m&#252;ssen, bevor sie sich Fragen stellen, werden selbst neugierig und entwickeln Interesse an ihrer Welt. Kinder, f&#252;r deren Gedanken und ihr Weltbild Platz, Zeit und Interesse da ist, lernen, sich in die Gesellschaft einzubringen und sich die Welt selbst anzueignen.</p>
<p><em>Kontaktadresse</em>: <a href="kindergartenaufstand@gmx.at">kindergartenaufstand@gmx.at</a></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Derzeit z&#228;hlen etwas &#252;ber 200 in diesem Bereich in Wien t&#228;tige P&#228;dagogInnen und BetreuerInnen zum Kollek-tiv. </p>
<p><a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> www.kindergartenaufstand.at</p>
<p><a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> „Als Hegemonie bezeichnet Gramsci einen Herrschaftstyp, „…der im Wesentlichen auf der F&#228;higkeit basiert, eigene Interessen als gesellschaftliche Allgemeininteressen zu definieren und durchzusetzen.“ Brand/ Scherer 2003:3. </p>
<p><a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte. Kritische Gesamtausgabe, Band 6, Philosophie der Praxis, Herausgegeben von Haug, Wolfgang Fritz unter Mitwirkung von Klaus Bochmann, Peter Jehle, Gerhard Kuck. Hamburg/Berlin 1994, S. 1335.</p>
<p><a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Vgl. Ebd, S. 1264.</p>
<p><a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Vgl. Merkens, Andreas 2004 (Hg.): Antonio Gramsci. Erziehung und Bildung. Gramsci-Reader. Hamburg 2004, S. 29.</p>
<p><a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Gramsci 1994, a.a.O.,S. 1341.</p>
<p><a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Ebd, S. 1341f.</p>
<p><a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Vgl. Merkens 2004, a.a.O., S. 31.</p>
<p><a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Vgl. Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte. Kritische Gesamtausgabe, Band 2, Herausgegeben von Haug, Wolfgang Fritz, Hamburg, Berlin 1991, S. 32. </p>
<p><a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Vgl Ebd., S. 22.</p>
<p><a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Insofern besteht auch ein Widerspruch zwischen dem vermittelten Wissen in der Ausbildung und den Rah-menbedingungen, die im Arbeitsalltag vorgefunden werden und die eine solche Bildung erschweren.</p>
<p><a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte. Kritische Gesamtausgabe, Band 7, Herausgegeben von Klaus Bochmann, Wolfgang Fritz Haug, Peter Jehle, unter Mitwirkung von Ruedi Graf, Gerhard Kuck, Hamburg/Berlin 1996, S. 1519.</p>
<p><a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Vgl. Merkens 2004, a.a.O., S. 43.</p>
<p><a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte. Kritische Gesamtausgabe, Band 8, Herausgegeben von Klaus Bochmann, Wolfgang Fritz Haug, Peter Jehle, unter Mitwirkung von Ruedi Graf, Gerhard Kuck, Hamburg/Berlin 1998, S. 1980.</p>
<p><a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Merkens 2004, a.a.O., S. 39.</p>
<p><a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Vgl. Ebd., S. 7.</p>
<p><a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Vgl. Ebd, S. 34.</p>
<p><a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Vgl. Botka, Kristina: Staat und Geschlechterverh&#228;ltnisse. Eine theoriegeleitete Untersuchung des &#246;sterreichischen Kindergartens. Univ. Wien, 2009. Unver&#246;ffentlichte Diplomarbeit.</p>
<p><a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Fraser, Nancy: Widerspenstige Praktiken. Macht, Diskurs, Geschlecht. Frankfurt am Main 1994, S. 192.</p>
<p><a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Siehe dazu Statsitik Austria 2006: Kinderbetreuungsgeldbezieherinnen und -bezieher nach Erwerbsstatus und Geschlecht 2006. Siehe: http://www.statistik.at/web_de/statistiken/soziales/sozialleistungen_auf_bundesebene/familienleistungen/020121.html, abgerufen am 13. 03. 2008: Die Betreuungsperson w&#228;hrend des Tages ist hier, gemessen am Bezug des Kinderbetreuungsgeldes, in rund 98% der F&#228;lle die Mutter, wenn das Kind bis zu zwei Jahre alt ist. Sp&#228;ter steigt der Anteil an Betreuung durch V&#228;ter geringf&#252;gig. Im Jahr 2006 Jahr waren 98,8% der Kinderbetreuungsgeldbe-ziehenden bei Kindern im ersten Lebensjahr die M&#252;tter, bei Kindern im zweiten Lebensjahr waren es zu 97,9% die M&#252;tter. Der V&#228;teranteil unter den Karenzgeldbeziehenden war somit bei bis zu Einj&#228;hrigen 1,2% und bei bis zu Zweij&#228;hrigen 2,1%. Bei den Kindern zwischen zwei und drei Jahren waren im Beobachtungszeitraum 90,6% der Betreuungsgeldbeziehenden die M&#252;tter und 9,4% die V&#228;ter. </p>
<p><a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Vgl. Statistik Austria 2007: Kinderbetreuungsquoten nach Altersgruppen 1995 bis 2006. Siehe:<br />
http://www.statistik.at/web_de/static/kinderbetreuungsquoten_nach_altersgruppen_1995_bis_2006_021659.pdf abgerufen am 07.04.2008</p>
<p><a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Siehe dazu Ebd., S. 71ff. Zahlen zu anderen Kinderbetreuungseinrichtungen finden sich im Bericht ebenso. </p>
<p><a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Wenn M&#228;dchen etwa gut im Bauen sind und Jungen gerne Verkleiden spielen oder &#196;hnliches. </p>
<p><a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Es gibt durchwegs positive Erfahrungen damit, Kindern in der entsprechenden „sensiblen Phase“ ihrer Ent-wicklung die M&#246;glichkeit des Spracherwerbs zus&#228;tzlich zur Erstsprache anzubieten, etwa durch zweisprachig gef&#252;hrte Gruppen. Dies widerspricht aber der Idee vom verschulten Lernen abpr&#252;fbarer Inhalte. </p>
<p><a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Passend daher der Spruch auf einem Schild bei den Demonstrationen: „1:25 – wie viel individuelle F&#246;rderung bleibt da f&#252;r ein Kind?“</p>
<p><a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Diese Belastung ist sowohl psychisch als auch physisch. Zahlreiche P&#228;dagogInnen klagen &#252;ber k&#246;rperliche Beschwerden, es gibt in &#214;sterreich allerdings keine Erhebung zu den tats&#228;chlichen k&#246;rperlichen Auswirkungen der Arbeitsbedingungen. Von manchen Betriebsratsgruppen wird nun eine solche Erhebung angedacht.</p>
<p><a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> BAKIP: Bundesanstalt f&#252;r Kindergartenp&#228;dagogik. Die Ausbildung zum/r Kindergartenp&#228;dagogIn dauert f&#252;nf Jahre und schlie&#223;t mit der Matura ab. Sie z&#228;hlt in &#214;sterreich, wie die Ausbildung an einer HTL, zur Schulform der berufsbildenden h&#246;heren Schule, der BHS.</p>
<p><a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> In anderen L&#228;ndern w&#252;rde eine solche Situation zu immensen Protesten von Seiten der Eltern f&#252;hren, siehe D&#228;-nemark: Wenn in D&#228;nemark Eltern auf die Strasse gehen , Kinderg&#228;rten blockieren, KindergartenleiterInnen den Schl&#252;ssel zum Kindertagesheim abgeben, um auf die verh&#228;renden Einsparungsma&#223;nahmen aufmerksam zu machen, die sich im Kindergartenwesen in D&#228;nemark abzeichnen – es wird eine von drei P&#228;dagogInnen pro 15 k&#246;pfiger Kindergruppe eingespart – dann zeigt das, dass Verantwortlichkeit dem eigenen Arbeitsanspruch und dem F&#246;rderbedarf der Kinder gegen&#252;ber also keine Utopie, sondern Alltag ist. Siehe http://www.berlingske.dk/koebenhavn/det-er-svaert-faa-oeje-paa-boernenes-koebenhavn oder </p>
<p>http://www.facebook.com/pages/Kobenhavns-Foraeldreorganisation/134122139911?ref=mf</p>
<p><a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Vgl.: http://kinderfreunde.at/index.php?action=Lesen&#038;Article_ID=2265 am 03.01.2010</p>
<p><a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Vgl: http://klub.wien.oevp.at/10021/ , http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20000310_OTS0084 und http://www.kinderinwien.at/team.php?cat=GF alle am 03.01.2010</p>
<p><a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Eine Reaktion/Distanzierung des Kollektiv Kindergartenaufstands findet sich unter http://kindergartenaufstand.at/index.php?option=com_content&#038;view=category&#038;layout=blog&#038;id=6&#038;Itemid=7</p>
<p><a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Vgl.: http://www.wien.spoe.at/christian-meidlinger am 03.01.2010</p>
<p><a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> F&#252;r eine ausf&#252;hrliche Diskussion von Machtpotentialen der ArbeitnehmerInnen siehe Brinkmann, Ulrich et. al. (Hg.): Strategic Unionism: Aus der Krise zur Erneuerung. Umrisse eines Forschungsprogramms, Wiesbaden 2008; sowie Silver, Beverly J.: Forces of labor. Arbeiterbewegung und Globalisierung seit 1870, Berlin/Hamburg 2005; Wright, Eric Olin: Working class power. Capitalised class interests and class compromize, in: American Journal of Sociology, 105 (4), 957-1002. 2000; Becksteiner, Mario/Boos, Tobias/ Pire, Ako (2009): Doppelkrise der Gewerkschaft,  in: Perspektiven Nr. 8, http://www.perspektiven-online.at/?p=483 am 22.10.2009.</p>
<p><a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> http://www.28maerz.at/</p>
<p><a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Kollektiv Kindergartenaufstand: Flyer zum Vernetzungstreffen am 28.05.2009</p>
<p><a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> F&#252;r weitere Informationen zu den Demo und den B&#252;ndnispartnern siehe http://kindergartenaufstand.at/index.php?option=com_content&#038;view=category&#038;layout=blog&#038;id=8&#038;Itemid=9</p>
<p><a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> KIV: Konsequente Interessensvertretung, http://kivblog.blogspot.com/</p>
<p><a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> www.gpa-djp.at/social</p>
<p><a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> „Die Demonstration des Kollektivs bezeichnete der Chef der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten, Christian Meidlinger (Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter, FSG), gegen&#252;ber der Tageszeitung &#214;sterreich als „nicht von uns gedeckt“. F&#252;r ihn ist die Vorgehensweise des Kollektivs „falsch“. Meidlinger klingt ver&#228;rgert, wenn er &#252;ber den Kindergartenaufstand spricht. „Uns &#252;ber die Medien auszurichten, dass sie jetzt streiken, ist nicht sinnvoll“, sagt er. Auch wenn die Kinderg&#228;rtnerinnen bislang freilich nur demonstriert und nicht gestreikt haben. Die Gewerkschaft bem&#252;he sich sehr wohl, Verbesserungen zu erreichen, aber „mit Verhandlungen, nicht mit Streiks“. Siehe http://www.datum.at/0909/stories/auf-zum-letzten-gefecht/</p>
<p><a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> http://www.focus.de/panorama/vermischtes/kita-streik-massenhafte-kita-streiks-in-sechs-bundeslaendern_aid_410336.html</p>
<p><a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> http://www.gdg.at/servlet/ContentServer?pagename=C01/Page/Index&#038;n=C01_0.a&#038;cid=1260990022818 am 31.12.09</p>
<p><a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Siehe Kommentar zur FP&#214;-Kindergartenmisere: http://www.kindergartenaufstand.at/index.php?option=com_content&#038;view=category&#038;layout=blog&#038;id=6&#038;Itemid=7</p>
<p><a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> „Die Au&#223;enwelt, die allgemeinen Verh&#228;ltnisse zu ver&#228;ndern, hei&#223;t sich selbst zu potenzieren, sich selbst zu entwickeln.“ Gramsci 1994, a.a.O., S. 1341f.</p>
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		<title>Hic sunt leones: Die Besetzung der INNSE-Werke in Mailand</title>
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		<pubDate>Tue, 24 Aug 2010 09:04:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
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		<description><![CDATA[Was tun, wenn ein rentables Werk aus Spekulationsgr&#252;nden geschlossen und die Belegschaft entlassen werden soll? Am  besten „fare come alla Innse“ – es wie die INNSE machen. Andreas Fink analysiert die erfolgreiche Besetzung der Mail&#228;nder Fabrik im Sommer 2009 und zeigt, welche Rolle Standortwettbewerb, Stadtentwicklung, eine Tradition radikaler ArbeiterInnenk&#228;mpfe und nicht zuletzt ein Kran spielen.

Es war noch nie ein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Was tun, wenn ein rentables Werk aus Spekulationsgr&#252;nden geschlossen und die Belegschaft entlassen werden soll? Am  besten „fare come alla Innse“ – es wie die INNSE machen. <em>Andreas Fink</em> analysiert die erfolgreiche Besetzung der Mail&#228;nder Fabrik im Sommer 2009 und zeigt, welche Rolle Standortwettbewerb, Stadtentwicklung, eine Tradition radikaler ArbeiterInnenk&#228;mpfe und nicht zuletzt ein Kran spielen.<br />
<span id="more-1525"></span><br />
Es war noch nie ein Vergn&#252;gen, die mit „Kapital und Arbeit“ betitelten Rubriken der wenigen italienischen Zeitungen durchzubl&#228;ttern, die noch immer versuchen, sich dem Herrschaftsdiskurs von Wirtschaft und politischer &#214;konomie zu verweigern und Arbeitsk&#228;mpfen den Aktienkursen vorzuziehen. Dennoch war es besonders beklemmend zu sehen, wie in den letzten Jahren auf diesen Seiten t&#228;glich ein kleines St&#252;ck ArbeiterInnenbewegung zu Grabe getragen wurde –  von den Todesanzeigen weiter hinten nur durch den fehlenden schwarzen Rahmen unterscheidbar: Die Serie von Niederlagen in Form von Lohnsenkungen, steigenden Arbeitslosen- und Prek&#228;rbesch&#228;ftigtenzahlen, Stellenabbau, Betriebsschlie&#223;ungen und wirkungslosen Streikgeb&#228;rden wiegt umso schwerer angesichts der St&#228;rke dieser Bewegung und der linken Vielfalt von Theorie und Praxis, die das Land noch vor wenigen Jahrzehnten hervorgebracht hatte. Und fernab von theoretischen Verrenkungen um ein dahinsiechendes revolution&#228;res Subjekt ist es vor allem gro&#223;es menschliches Leid, welches damit verbunden ist.<br />
Aber etwas hat sich seit letztem Sommer ver&#228;ndert: Nicht dass die Meldungen in der Substanz anders w&#228;ren, im Gegenteil hat sich die Lage durch die Krise noch versch&#228;rft. Doch – so verkl&#228;rend es auch klingen mag – ein Funke Hoffnung ist zur&#252;ckgekehrt: In unz&#228;hligen Betrieben gibt es harte Auseinandersetzungen um L&#246;hne bei den einen, gegen drohende Werksschlie&#223;ungen bei den anderen. Viele haben neuen Mut gesch&#246;pft, wollen es so machen wie die INNSE, „fare come alla Innse“ ist zum gefl&#252;gelten Wort geworden. Am 13. August 2008 konnten die ArbeiterInnen dieses  Montagewerks f&#252;r Schwermechanik, das Werkzeugmaschinen und Anlagen f&#252;r die Eisenindustrie produziert, eine schmerzvolle, doch letztendlich siegreiche Auseinandersetzung f&#252;r vorl&#228;ufig beendet erkl&#228;ren – was &#252;ber die Grenzen Italiens hinaus hohe Wellen geschlagen hat. Dieser Text versucht nun im ersten Teil den sich &#252;ber Monate hin ziehenden Kampf nachzuzeichnen und nach den dahinter liegenden Ursachen zu fragen; im zweiten Teil werden einige &#220;berlegungen zu den wichtigsten Faktoren des Erfolgs angestellt. Es wird darum gehen, die beiden sich um Produktionsmittel und Boden entwickelnden Konfliktlinien und die darin eingebetteten AkteurInnen hervorzuheben: Genta in seiner Rolle als Eigent&#252;mer strebte den Verkauf der Maschinen an und bediente sich der damit verbundenen Machtinstrumente (d.h. des staatlich garantierten Schutzes des Privateigentums); die Immobiliengesellschaft AEDES wollte den Grund zwecks einer h&#246;heren Mehrwertrate umgestalten; die staatlichen Institutionen waren einerseits an die strukturelle Grundlage der Gesetze gebunden, verfolgten andererseits personenspezifische Eigeninteressen. F&#252;r die von einer Mitte-Rechts-Koalition regierte Stadt Mailand stand vor allem die Umsetzung des Bauleitplanes im Sinne einer kapitalorientierten Modernisierung im Vordergrund; einzelne Kr&#228;fte konnten hingegen ihre Position f&#252;r die ArbeiterInnen geltend machen. Letztere stellten sich –  sp&#228;ter mit Unterst&#252;tzung der Gewerkschaft – den Kapitalinteressen entgegen und forderten die Weiterf&#252;hrung der Produktion unter einem/einer neuen Eigent&#252;mer/in ein.</p>
<p><strong>Der letzte Rest</strong><br />
Die INNSE Presse, die sich in der ehemaligen Industriezone Lambrate im Nordosten Mailands befindet, ist ein &#220;berbleibsel des einst m&#228;chtigen Innocenti-Konzernes. Dieser erlebte seine Glanzzeiten in der Nachkriegszeit bis in die 1960er-Jahre durch sein Engagement im Metall- und Automobilsektor und durch die Produktion der ber&#252;hmten Lambretta-Kleinmotorr&#228;der. Die INNSE selbst entstand 1971 durch das Abtreten des Schwermechaniksektors an die staatliche I.R.I.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> bei gleichzeitiger Fusion mit der Sant’Eustachio aus Brescia (daher der Name INNocenti Sant‘Eustachio). Zwar besch&#228;ftigte das Unternehmen noch &#252;ber 2.000 ArbeiterInnen, doch setzte sich sein Niedergang sukzessive fort. Im Zuge der Privatisierungswelle in den 90er-Jahren kam die INNSE 1995 in den Besitz der deutschen SMS Demag, welche sie vier Jahre sp&#228;ter an die Manzoni Group weiterverkaufte. Diese verpflichtete sich, die mittlerweile auf 100 ArbeiterInnen zusammengeschrumpfte Belegschaft weiter zu besch&#228;ftigen, doch schon ein Jahr sp&#228;ter wurde die gesamte Manzoni Group und damit auch die INNSE Presse wegen finanzieller Schwierigkeiten unter administrative Verwaltung gestellt. Die INNSE selbst hingegen schrieb schwarze Zahlen und hatte eine solide Auftragslage, da die Konkurrenz in dieser stark spezialisierten Branche auch europaweit sehr &#252;berschaubar ist.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a></p>
<p><strong>Wie eine Wohnung in Mailand</strong><br />
Im Jahre 2006 tauchte der Turiner Unternehmer Silvano Genta, der auf den An- und Verkauf gebrauchter Industrieger&#228;tschaft spezialisiert ist, als Interessent an dem Unternehmen auf und wurde nach zwei Jahren der Unsicherheit und des Verhandelns mit offenen Armen empfangen. Dank eines Gesetzes der Prodi-Regierung, welches f&#252;r die &#220;bernahme angeschlagener Betriebe besonders g&#252;nstige Konditionen vorsieht, erwarb Genta unter der Auflage, die Produktion f&#252;r den Zeitraum von zwei Jahren weiterzuf&#252;hren und die ArbeiterInnen zu besch&#228;ftigen den Betrieb um rund 750.000 Euro. Der Preis – in etwa so hoch wie der f&#252;r eine Wohnung in Mailand – wurde erst sp&#228;ter bekannt und lag nat&#252;rlich weit unter dem eigentlichen Marktwert, da es sich bei den Maschinen um High-Tech-Pr&#228;zisionsger&#228;te handelte. Trotz dieser g&#252;nstigen Konditionen blieb der Neuanfang aus: „Das Management Genta hat, wie die Zeitungen berichten, keinerlei relevante Investitionen f&#252;r den Aufschwung des Unternehmens get&#228;tigt, aber die INNSE lief trotzdem mit zufriedenstellenden Ergebnissen weiter.“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Nach zwei Jahren, kurz nach Ablauf der Zwei-Jahres-Frist, erhielten die ArbeiterInnen schlie&#223;lich das Telegramm in welchem ihnen die unmittelbare Einstellung der Produktion mitgeteilt wurde. Die Fabrik sollte geschlossen, die Maschinen verkauft und die Hallen f&#252;r ein Gro&#223;projekt der AEDES Immobiliare S.p.A., in deren Besitz sich das gesamte, weitgehend brach liegende Gel&#228;nde „Ex-Maserati“ befindet, niedergerissen werden.</p>
<p><strong>Kristallpalast statt dr&#246;hnender Maschinen</strong><br />
Diese Immobiliengesellschaft hatte sich in den letzten Jahren auf Immobilienfonds und Stadtentwicklungsprojekte konzentriert und musste im Zuge der Immobilienkrise 2007 gewaltige Verluste verzeichnen, sodass sie nun mit 800 Millionen Euro bei diversen Banken in der Schuld steht.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Im Jahr 2006 erwarb AEDES die Mehrheitsanteile der Rubattino 87 S.r.l., jener Gesellschaft, in deren Besitz sich der Grund und die Geb&#228;ude der INNSE befanden, um „ein wichtiges Entwicklungsprojekt im Osten von Mailand zu verwirklichen.“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Dieser Plan ist schon seit 1998 im „Programm f&#252;r st&#228;dtische Wiederinstandsetzung“ der Gemeinde Mailand vorgesehen und sollte in zwei Phasen verwirklicht werden.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Im Ostteil sind 245.000 m2 f&#252;r Wohnungen, eine Universit&#228;tsau&#223;enstelle und einen Business Park  vorgesehen, die nach Fertigstellung einen Wert von mehr als einer Milliarde Euro haben sollen. Inklusive des Westteils mit 177.000 m2 und den Gr&#252;n- und Wasserfl&#228;chen umfasst das Gebiet rund 610.000 m2. F&#252;r AEDES ist das Projekt bedeutend, da dieses „wahrscheinlich mit gr&#246;&#223;erer Leichtigkeit die Schulden verringern [k&#246;nnte], die sie durch ihre Immobilienspekulation angeh&#228;uft haben, wenn sie ein Gel&#228;nde ohne INNSE in ihrem Portfolio h&#228;tten.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Die erste Phase, die Errichtung der Anlage im Westen mit zahlreichen Wohngeb&#228;uden, ist schon teilweise abgeschlossen. Bez&#252;glich der zweiten l&#228;sst die Gemeinde Mailand verlauten: „Im April 2006 hat der Ausf&#252;hrende einen neuen Vorschlag der Raumordnung vorgestellt, welche vorsieht: die Verlegung der produktiven Anlage der Ex-INNSE in Hallen neuerer Bauart, angelegt im n&#246;rdlichen Sektor des P.R.U“.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Ganz unmissverst&#228;ndlich wird hier die Schlie&#223;ung der INNSE angek&#252;ndigt, da eine Verlegung der gewaltigen Maschinen ein sehr zeit- und kostenaufwendiges Unterfangen sei. Dieser Aspekt verweist in Hinblick auf den Wirtschaftsstandort Mailand und die geplante Expo 2015 auf eine h&#246;here Ebene, wodurch die Konfliktkonstellation eine weitere Facette erh&#228;lt: die st&#228;dteplanerische Entwicklung der Region.</p>
<p><strong>Ein neues Gesicht f&#252;r die Stadt</strong><br />
Mailand geh&#246;rt neben Turin und Rom zu den drei wichtigsten Wirtschaftsregionen Italiens, da dort die B&#246;rse und zahlreiche bedeutende Unternehmen angesiedelt sind. Die Industrie- und Finanzmetropole gilt mit ihrer n&#228;heren Umgebung – der Metropolregion „Grande Milano“, in der rund 7,5 Millionen Menschen leben – f&#252;r viele nicht umsonst als „heimliche Hauptstadt Italiens“, die jedoch in letzter Zeit Boden an die Konkurrentin Rom verloren hat: „Lange Zeit [ist] in Mailand ohne Masterplan gebaut worden, schlicht nach verf&#252;gbarem Raum und dem Scheckbuch des Bauherrn entschieden worden.“<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Im Zuge der EXPO 2015, f&#252;r die die Stadt den Zuschlag erhalten hat, will sie sich ein neues Gesicht verpassen. Zahlreiche urbane Projekte werden vorangetrieben, darunter die Errichtung dreier Hochh&#228;user durch internationale Stararchitekten, der Ausbau des Stra&#223;en- und Verkehrsnetzes und die Begr&#252;nung der Stadt. Wie immer vor Gro&#223;ereignissen, die Milliardengelder in die Austragungsorte sp&#252;len, bl&#252;hen Baugewerbe und Immobilienspekulation, was das Ex-Innocenti-Gel&#228;nde umso attraktiver macht. Diesen architektonischen Ver&#228;nderungen liegt ein urbaner Umstrukturierungsprozess zugrunde, bei dem sich zugleich die letzten Momente des &#220;berganges vom fordistischen zum postfordistischen Akkumulationsregime (vor allem die Aufl&#246;sung sozialer Milieus und die Verlagerung der Industrie) vollziehen, die auf eine Optimierung des „Produktivit&#228;tsfaktors Stadt“ zielen. Es ist vor allem der regionale und interregionale Druck der Standortkonkurrenz, der die st&#228;dtebaulichen Entwicklungen dominiert. In Mailand, wo die industrielle Produktion fast vollst&#228;ndig aus der Stadt vertrieben wurde, um Platz f&#252;r neue B&#252;rot&#252;rme und Finanzzentren zu schaffen, zeigt sich dies besonders deutlich. Angesichts der schon lange bestehenden Pl&#228;ne, aus dem Gel&#228;nde der INNSE ein pulsierendes Business- und Wohnviertel zu machen, &#252;berrascht das Auftreten Gentas ebenso wenig wie seine Absichten, die Fabrik zu schlie&#223;en; denn &#252;berhaupt erst ins Spiel gebracht hatte ihn Roberto Castelli, ein hoher Funktion&#228;r der <em>Lega Nord</em> und Untersekret&#228;r f&#252;r Infrastruktur, der ihn als vertrauensw&#252;rdig empfohlen hatte. Die Schlie&#223;ung der Fabrik, die den Besch&#228;ftigten am 31. Mai 2008 mitgeteilt wurde, sollte den Weg frei machen f&#252;r ein weiteres St&#252;ck neues „gr&#252;nes Mailand“.</p>
<p><strong>Drei Monate der Selbstverwaltung</strong><br />
Doch mit der Reaktion der zu diesem Zeitpunkt nur mehr 50 ArbeiterInnen, drei von ihnen mit migrantischem Hintergrund und 14 weiblich, hatte wohl niemand gerechnet. Da die um Hilfe gebetene Mail&#228;nder Metallgewerkschaft zuerst abwarten wollte, gingen sie auf eigene Faust vor: Sie verschafften sich Zutritt zur verschlossenen und von Sicherheitsleuten bewachten Fabrik und riefen eine permanente Betriebsversammlung aus. Genta sollte dazu bewegt werden, alle Entlassenen wiedereinzustellen und die Produktion fortzusetzen. Daher nahmen die ArbeiterInnen ab dem 3. Juni die Arbeit in Selbstverwaltung wieder auf – in ihren Augen eine notwendige aber tempor&#228;re Strategie, einerseits um Druck auf den Eigent&#252;mer auszu&#252;ben, andererseits um die Maschinen in Gang zu halten. Die beiden Hauptabnehmer wurden verpflichtet, die konstante Auftragslage nicht abzubrechen: Erst wenn diese neues Rohmaterial anlieferten, wurde die  fertige Ware verschickt. Die Eink&#252;nfte flossen freilich weiterhin an Genta im guten Glauben, dieser w&#252;rde seine Position doch noch &#228;ndern. Ganz offensichtlich wurde dessen Entschlossenheit ebenso wie die Tragweite des Konfliktes untersch&#228;tzt, sodass die ArbeiterInnen auf eine innerbetriebliche L&#246;sung hinarbeiteten. Auffallend sind jedoch die gute Organisationsf&#228;higkeit und die Geschlossenheit, mit welcher die gesamte Belegschaft die Selbstverwaltung mitgetragen hat: „Niemand ist […] ausgeschert und hat den individuellen Ausweg gew&#228;hlt, alle sind geblieben, auch die Kaderangestellten. Der Ingenieur hat Seite an Seite mit den Arbeitern die Pfannen der selbstverwalteten Werkskantine gesp&#252;lt.“<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> An der internen Arbeitsteilung &#228;nderte sich nur wenig, die Handlungsabl&#228;ufe waren eingespielt: „Was die Arbeiten betraf, so bedurfte es keiner gro&#223;en Entscheidungen, wenn einer frei war ging er einem anderen zur Hand; wir haben uns ohne gro&#223;e Schwierigkeiten organisiert.“<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Bis zum 17. September wurde die Produktion so fortgef&#252;hrt. Dann griff Genta zu unerwartet harten Mitteln: Er lie&#223; die Fabrik in den Morgenstunden von Polizeihundertschaften r&#228;umen. Trotz des R&#252;ckschlages f&#252;hrten die ArbeiterInnen den Protest fort und errichteten in einem ehemaligen Pf&#246;rtnergeb&#228;ude am Werkstor ein Lager mit K&#252;che, Wohnraum und Mensa.</p>
<p><strong>R&#228;umung durch die Polizei</strong><br />
Ein erster H&#246;hepunkt wurde im Winter erreicht: Nach einem misslungenen Versuch, unter Polizeischutz mit der Demontage der Maschinen zu beginnen, probierte es Genta im Januar erneut, doch eine eilig zusammengerufene Menschenmenge versperrte den Lastw&#228;gen den Weg. Die in Kampfmontur erschienenen Polizeikr&#228;fte griffen ein, die Situation eskalierte und mehrere ArbeiterInnen wurden verletzt, aber Gentas Vorhaben war vereitelt worden. Die &#246;ffentliche Resonanz war dementsprechend gro&#223;, und damit auch die Aufmerksamkeit f&#252;r den Arbeitskampf der INNSE-Belegschaft. Die ArbeiterInnen sahen ein, dass der Unternehmer zu keinen Verhandlungen bereit war, sondern sein Ziel mit Gewalt zu erreichen trachtete, weshalb sie verst&#228;rkt versuchten, &#252;ber politische Institutionen Druck auszu&#252;ben. So bekam der Arbeitskampf eine neue Dimension. Die Metallergewerkschaft FIOM<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a>, die sich zuvor sehr zur&#252;ckgehalten hatte, bekundete ihre Solidarit&#228;t und intervenierte offensiver. Gleichzeitig intensivierten die ArbeiterInnen ihre Medienarbeit und richteten ihren Protest verst&#228;rkt auch gegen die Immobiliengesellschaft, um Gespr&#228;che zu erwirken. „Die Technik war einfach: Ein Arbeiter in Zivil klopfte an die T&#252;r. Das Fr&#228;ulein &#246;ffnete ohne Probleme und in einem Augenblick war die Eingangshalle voll von Arbeitern der INNSE.“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> In dieser Phase wuchs auch das Unterst&#252;tzerInnennetzwerk (v.a. Menschen aus den Centri Sociali<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a>, dem gewerkschaftlichen Umfeld, anderen Betrieben und linken Parteien), viele Solidarit&#228;tsbekundungen trudelten ein, doch eine massenhafte Unterst&#252;tzung aus dem ArbeiterInnenmilieu oder der Stadtbev&#246;lkerung blieb aus. Auch aus Betrieben mit &#228;hnlichen Problemen, von denen es in Mailand etliche gibt, blieb die Unterst&#252;tzung relativ gering.<br />
Da der Fall an die Pr&#228;fektur weitergeleitet wurde, sollte der Sommer ruhig bleiben.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Doch die Lage spitzte sich zu: Am 2. August nutzte Genta die Gunst der Stunde – Mailand war urlaubsbedingt leer, einige ArbeiterInnen in Ferien – und lie&#223; durch ein Aufgebot von 300 Polizei- und Carabinieri-Einheiten das Lager der ArbeiterInnen am Werkstor r&#228;umen. Von Genta eigens engagierte ArbeiterInnen begannen in der Fabrik mit der Demontage der Maschinen . Das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis hatte sich durch diesen Vorsto&#223; pl&#246;tzlich zu Ungunsten der protestierenden ArbeiterInnen verschoben, die ihren Kampf nun auf der Stra&#223;e vor dem Tor weiterf&#252;hrten.</p>
<p><strong>Zw&#246;lf Meter &#252;ber der Erde</strong><br />
Am 4. August schien die Situation sowohl am Verhandlungstisch als auch direkt vor Ort festgefahren, die Kr&#228;fte der ArbeiterInnen ersch&#246;pft. Nachdem fest stand, dass die Demontage der Maschinen so nicht mehr aufzuhalten war, starteten vier Arbeiter und ein FIOM-Gewerkschafter eine au&#223;ergew&#246;hnliche Aktion: Es gelang ihnen, die Polizeikr&#228;fte zu umgehen, in die Fabrik einzudringen und sich auf einer zw&#246;lf Meter hohen Kranbr&#252;cke zu verbarrikadieren. Vincenzo Acerenza, einer der vier, beschreibt dies folgenderma&#223;en: „Wir wussten schon l&#228;nger, dass der finale Akt nur eine symbolische Besetzung sein konnte. […] Um nicht geschnappt zu werden, haben wir gerufen: ‚Oh, machen wir einen Abstecher zur Versammlung der Arbeiterkammer?‘, und sind zu f&#252;nft langsam weggegangen.“ &#220;ber einen Hintereingang gelangten sie hinein: „Wir haben beschlossen [auf den Kran] hinaufzusteigen, w&#228;hrend wir in die Fabrik hineingegangen sind. Was tun, wenn wir schon einmal drinnen sind? Sie h&#228;tten uns hinaus zerren k&#246;nnen. Wir sind auf den Kran gestiegen.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Die Demontage wurde aus Sicherheitsgr&#252;nden sogleich eingestellt – ein erster Erfolg f&#252;r die Arbeiter auf dem Kran. Begleitet wurden sie durch eine Intensivierung der Protestaktionen und einer neuen Welle von Solidarit&#228;ts- und Unterst&#252;tzungserkl&#228;rungen.<br />
Nationale sowie internationale Medien, darunter alle gro&#223;en italienischen Tageszeitungen, berichteten &#252;ber diese Aktion und ihre Vorgeschichte, die „gruisti“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> waren in aller Munde.  Die regierenden PolitikerInnen sahen sich doppelt unter Zugzwang: Einerseits durch die Opposition, die eine fehlende Arbeitsplatzpolitik kritisierte, andererseits durch die unberechenbaren ArbeiterInnen auf der Kranbr&#252;cke. Sollten diese ihre Drohung, sich etwas anzutun, wahr machen, w&#252;rden auch sie zur Verantwortung gezogen werden.<br />
&#220;ber eine Woche harrten die f&#252;nf Arbeiter auf dem kleinen Plateau aus, a&#223;en, schliefen, wuschen sich dort oben so gut es eben ging, unerreichbar f&#252;r die Polizeikr&#228;fte und bald auch f&#252;r ihre KollegInnen und Verwandten, da der Strom abgeschaltet wurde, und sie so ihre Mobiltelefone nicht mehr aufladen konnten. Hinzu kam die Hitze, die bei &#252;ber 30°C auf der Stra&#223;e unter dem Hallendach um einiges h&#246;her gewesen sein d&#252;rfte.<br />
Die hinter verschlossenen T&#252;ren wieder aufgenommenen Verhandlungen, welche angesichts des &#246;ffentlichen Interesses viel ernster als zuvor gef&#252;hrt wurden, dauerten an. Zwar war schon am 6. August mit der Camozzi-Gruppe aus Brescia ein neuer m&#246;glicher K&#228;ufer gefunden, doch Genta stellte sich weiter quer. Erst als f&#252;r dessen Angebot ein Ultimatum ausgesprochen wurde und diese einmalige Chance zu entgleiten drohte, wurde der Druck auf Genta zu gro&#223; und es konnte eine Einigung erzielt werden: Attilo Camozzi, ein Ex-Gewerkschafter, erwarb den Maschinenpark der INNSE ebenso wie den zur Produktion ben&#246;tigten Grund von AEDES und versicherte die Wiedereinstellung der 49 Entlassenen und die Nutzung des Gebietes zu industriellen Zwecken bis 2025; weitere Investitionen und die Angliederung fr&#252;her erworbener Unternehmen sollten folgen. Der Immobiliengesellschaft wiederum wurde die Umzonung des restlichen Gel&#228;ndes von der Mail&#228;nder B&#252;rgermeisterin zugesichert.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> F&#252;r die INNSE-Belegschaft war das Verhandlungsergebnis ein voller Erfolg und die Freude beim Empfang der f&#252;nf Arbeiter entsprechend gro&#223;. &#220;ber den Eingang h&#228;ngten Unterst&#252;tzerInnen ein Transparent mit den Worten: „Hic sunt leones“ – „die L&#246;wen sind hier“ – ein Satz, mit dem antike KartographInnen die Gef&#228;hrlichkeit unbekannter Gebiete markierten. Zweifelsohne war f&#252;r den Unternehmer Genta und seine Helfer die Fabrik in den Monaten des Kampfes ein nicht ungef&#228;hrliches Terrain.</p>
<p><strong>Analyse &#038; Schlussfolgerung</strong><br />
Trotz der grunds&#228;tzlich geschw&#228;chten strukturellen Machtposition der ArbeiterInnen, f&#228;llt zuallererst ihre Entschlossenheit auf, die nur durch die ausweglose Situation zu erkl&#228;ren ist, in der sie sich aufgrund der Entlassungen befanden.<br />
Das traditionelle Hauptkampfmittel Streik w&#228;re in diesem Fall g&#228;nzlich wirkungslos gewesen und h&#228;tte nur bei einer Erfassung anderer Unternehmenszweige oder Betriebe Wirkung erzeugt. Dies war aber aufgrund der besonders starken Fragmentierung der Reste der ArbeiterInnenschaft im Raum Mailand undenkbar: „Hier hat die Industrie und das soziale Gewebe, das mit ihr verbunden war, eine Ver&#246;dung ohne Gleichen durchgemacht.“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Die politischen Institutionen und die &#214;ffentlichkeit stellten so die einzige M&#246;glichkeit dar, eine Gegenmacht zu entwickeln und Druck aufzubauen.</p>
<p><strong>Eine k&#228;mpferische Tradition</strong><br />
Es stellt sich nat&#252;rlich die Frage, welchen Stellenwert die &#252;blichen Strategien der Gewerkschaften in dieser Auseinandersetzung einnehmen. Neben der institutionalisierten ArbeiterInnenbewegung, die selbst eher konfliktorientiert war, gab es vor allem in den 60er- und 70er-Jahren eine starke autonomistische Bewegung („die glorreichen 77er“). Diese ist heute zwar theoretisch und praktisch nur mehr von geringer Bedeutung, dennoch stellt sie immer noch einen wichtigen Bezugspunkt f&#252;r die Identit&#228;t von ArbeiterInnen dar, insofern sie Handlungsm&#246;glichkeiten aufzeigte. Nicht zuletzt steigerte sie die Akzeptanz radikalerer Ma&#223;nahmen nicht nur in der Belegschaft, sondern auch in deren Familien, den Gewerkschaften und der Zivilgesellschaft. In korporatistisch gepr&#228;gten L&#228;ndern hingegen ist die Schwelle, ab der ein Konflikt offen ausbricht, erheblich h&#246;her, zudem finden Impulse zu radikaleren Strategien im Betrieb oft keine Mehrheit oder werden durch die fehlende Unterst&#252;tzung isoliert.<br />
Dar&#252;ber hinaus sind aber die konkreten Erfahrungen der ArbeiterInnen in k&#228;mpferischen Auseinandersetzungen wichtig: Die h&#228;ufigen Wechsel der Fabrikeigent&#252;mer, die K&#228;mpfe um den Erhalt der Arbeitspl&#228;tze und jene um ihre Rechte bewirkten einerseits eine hohe Verbundenheit mit der Fabrik, andererseits eine gro&#223;e Solidarisierung untereinander. „Wahrscheinlich ist eines der Motive jenes, dass wir hinter uns eine lange Geschichte, dass wir auf unseren Schultern Jahre des Kampfes haben. Zudem waren wir vorbereitet, wir haben unter uns dar&#252;ber schon in den zwei vorhergegangenen Jahren gesprochen. Wenn man die Personen betrachtete, die da kamen, war dies zu erwarten.“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a></p>
<p><strong>Die Rolle von Parteien und Gewerkschaft</strong><br />
Die Organisierung einer Gegenmacht gelang aufgrund der defensiven Haltung der Gewerkschaft CGIL nur bedingt. Diese ist ihrer Aufgabe nicht gerecht geworden und hat nach anf&#228;nglich &#228;u&#223;erst z&#246;gerlicher Unterst&#252;tzung erst in der kritischsten Phase den ArbeiterInnen den R&#252;cken gest&#228;rkt: „[D]ie Gewerkschaften haben uns Kompromisse vorgeschlagen, die wir nicht akzeptieren wollten. Am Ende ist es so gegangen, wie es gehen m&#252;sste: Wir Arbeiter haben alle Entscheidungen getroffen und die Gewerkschaft ist uns gefolgt.“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Dass der m&#228;chtige Gewerkschaftsvorsitzende Gianni Rinaldini zu den gruisti in die Fabrik kommt, um mit diesen – „fast z&#228;rtlich“, wie sie schreiben – den weiteren Verlauf zu besprechen und ihr Einverst&#228;ndnis einzuholen, ist kennzeichnend f&#252;r das sich ver&#228;nderte Verh&#228;ltnis zwischen Repr&#228;sentantInnen und Repr&#228;sentierten; selbst nachdem sich die Gewerkschaft offiziell in dieser Auseinandersetzung engagierte, behielten die ArbeiterInnen nicht nur ihre Autonomie, sondern auch die Entscheidungsbefugnis &#252;ber das weitere Vorgehen in den Verhandlungen. Der Kampf der INNSE-Belegschaft ist demnach als ein autonomer Arbeitskampf einzusch&#228;tzen, bei dem die Gewerkschaft den ArbeiterInnen blo&#223; unterst&#252;tzend zur Seite stand und vor allem vermittelnd agierte.<br />
Die politischen Parteien der Linken hingegen – die zumindest dem eigenen Anspruch nach die Interessen der ArbeiterInnenschaft vertreten – waren, abgesehen von wenigen Einzelpersonen, unt&#228;tig.</p>
<p><strong>Der Faktor &#214;ffentlichkeit<strong><br />
So gelang es erst im Sommer 2009 durch mediales <em>campaining </em>eine breite &#214;ffentlichkeit zu schaffen – und zwar nicht nur f&#252;r die unmittelbare Situation, sondern vor allem auch f&#252;r den vorausgegangenen Kampf: „Die Rolle der Kommunikationsmittel, und haupts&#228;chlich des Fernsehens, war wichtig und positiv […].“<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> RAI und Sky waren ab 2. August st&#228;ndig mit einem Reporterteam vor Ort, um die Entwicklungen zu dokumentieren. „Die au&#223;ergew&#246;hnliche Aktion hat die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Doch das erkl&#228;rt nicht alles […]. Hier, bevor die f&#252;nf auf den Kran gestiegen sind, hat es einen Kampf von langer Dauer gegeben.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Der &#246;ffentliche Diskurs formierte sich entlang der Frage, ob es legitim sei, eine wirtschaftlich rentable Fabrik f&#252;r h&#246;here Profitzwecke zu schlie&#223;en. Auch die Finanz- und Wirtschaftskrise spielte eine bedeutende Rolle, da diese Finanz- und Immobilienspekulationen in Verruf brachte und PolitikerInnen umso mehr forderten, Arbeitspl&#228;tze zu erhalten: „Sie [die politischen Kr&#228;fte] haben verstanden, dass der Kampf der INNSE in der &#246;ffentlichen Meinung Popularit&#228;t und wachsende Zustimmung erfuhr.“<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Die symbolische Besetzung wurde ab diesem Zeitpunkt eben nicht mehr nur als eine betriebsinterne Auseinandersetzung gesehen, sondern galt stellvertretend f&#252;r viele andere ArbeiterInnen in &#228;hnlichen Situationen – was diesen zus&#228;tzlich Kraft gab: „F&#252;r alle war die gr&#246;&#223;te Angst, die uns nachts nicht schlafen lie&#223;, nicht zeigen zu k&#246;nnen, dass nicht immer der Herr [padrone] gewinnt. Ich dachte daran, welches Beispiel wir abgeben w&#252;rden, wenn wir verlieren.“<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Erst diese Bedeutungszuschreibungen gaben dem Kampf eine symbolische Tragweite, wodurch sich die AkteurInnen zu einem Umdenken veranlasst sahen, da es nicht mehr blo&#223; um irgendeine Fabrik in Mailand, sondern auch um die Industrie schlechthin ging. Die k&#228;mpfenden ArbeiterInnen hatten eine Frage aufgeworfen, bei der es keinen Kompromiss geben konnte, und die politischen AkteurInnen mussten sich daran messen lassen, auf welche Seite sie sich stellten.</p>
<p>Am 12. Oktober 2009, 17 Monate nach Ausbruch des Kampfes, setzten sich die gigantischen Maschinen wieder in Bewegung und die ersten ArbeiterInnen der INNSE nahmen ihre Arbeit wieder auf. Zusammenfassend l&#228;sst sich festhalten, dass Geschlossenheit, k&#228;mpferische Tradition und unmittelbare Konflikterfahrungen, autonomes Vorgehen mit gewerkschaftlicher Unterst&#252;tzung und vor allem ein erfolgreiches <em>campaining </em>in der &#214;ffentlichkeit dies erm&#246;glicht haben. Noch w&#228;hrend die f&#252;nf auf der Kranbr&#252;cke ausharrten, hatte ihre Aktion Breitenwirkung gezeigt: Nahe Rom waren einige ArbeiterInnen auf einen Turm gestiegen, um gegen die Betriebsschlie&#223;ung zu protestieren. In der kurzen Zeit seit August 2009 gab es viele &#228;hnliche Beispiele; die INNSE hatte Schule gemacht. Mitte Dezember etwa stiegen vier Arbeiter einer Yamaha-Niederlassung in Lesmo bei Mailand auf das Dach ihres Betriebes, harrten eine Woche lang in eisiger K&#228;lte aus und konnten so zumindest die Aufnahme in die Lohnausgleichskasse erwirken. Die INNSE-Proteste sind also nicht nur deshalb interessant, weil sie einen sehr entschlossen und aktiv gef&#252;hrten Arbeitskampf im postindustriellen Mailand darstellen, sondern vor allem auch, weil sie eine starke Resonanz bei KollegInnen und &#252;ber diese hinaus hervorgerufen haben. Ihre positiven Nachwirkungen, theoretisch wie praktisch, werden sich wohl erst in einiger Zeit zur G&#228;nze zeigen.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> I.R.I. steht f&#252;r Istituto per la Ricostruzione Indutriale (Institut f&#252;r den industriellen Wiederaufbau), eine staatliche Holding, die wesentlich an der Industrialisierung Italiens in der Nachkriegszeit beteiligt gewesen ist.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Eine ausf&#252;hrliche Darstellung der Geschichte der Innocenti-Gruppe (in italienischer Sprache) liefert Andrea Gallazzi mit „Storia della Innocenti“ auf www.inno-mini-world.com/Innocenti/story/storiainnocenti/1.htm<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Ferrario, Andrea 2009: “Il caso Innse: dieci mesi di lotta.” Online-Artikel im Blog Milano Internazionale vom 01.04.2009, http://milanointernazionale.it/2009/08/04/il-caso-innse-dieci-mesi-di-lotta/ (eingesehen am 14.07.2009).<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Vgl. Ebd.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> AEDES 2006: “Aedes acquista il 46,23% di Rubattino 87 da VICTORIA Italy Property GmbH.” Pressemitteilung der AEDES-Gruppe vom 16.07.2006, http://www.aedes-immobiliare.com/file_upload/CS_AcquistoRubattino_20060718.pdf (eingesehen am 24.07.2009).<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Comune di Milano 2009: ggg<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Ferrario, Andrea 2009: “Il caso Innse: dieci mesi di lotta.” Online-Artikel im Blog Milano Internazionale vom 01.04.2009, http://milanointernazionale.it/2009/08/04/il-caso-innse-dieci-mesi-di-lotta/ (eingesehen am 14.07.2009).<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Comune di Milano 2009: ggg<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Eder, Florian 2008: „Mailand macht sich f&#252;r die Expo h&#252;bsch“, Online-Artikel von WeltOnline vom 07.04.2008, http://www.welt.de/welt_print/article1876310/Mailand_macht_sich_fuer_die_Expo_huebsch.html (eingesehen am 14.07.2009). Andreas Kipar war direkt an der Ausarbeitung der Entw&#252;rfe f&#252;r den Westteil des Rubattino-Projekts beteiligt.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Thomann, Rainer 2009: „Betriebsbesetzungen als wirksame Waffe im gewerkschaftlichen Kampf – eine Studie aktueller Beispiele.“, Seite 34, http://www.netzwerkit.de/projekte/innse/innse.pdf (eingesehen am 05.07.2009).<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Assemblea Lavoratori 2009: “Innse presse. La prima lezione è: non abbandonare mai la fabbrica!” Erschienen als Online-Artikel in Il pane e le rose am 01.02.2009, http://www.pane-rose.it/files/index.php?c3:o14165 (eingesehen am 15.07.2009).<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> FIOM steht f&#252;r Federazione Impiegati Operai Metallurgici.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Gli operai della Innse 2009: „Giu le mani dalla INNSE – L’agenda 2010 degli operai della Innse“, Progetto comunicazione, Milano.<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Die Centri Sociali, Soziale Zentren, sind die typisch links bis linksradikalen Zentren, welche in vielen italienischen St&#228;dten existieren und oft aus Hausbesetzungen hervorgegangen sind.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Cartosio, Manuela 2009a: „Innse: C’è un compratore, ma la destra non s’interessa” Artikel in Il manifesto vom 07.08.2009, Seite 7.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Maturi, Marlangela 2009: „L’unitá tra gli operai è stata la nostra forza” Interview mit Vincenzo Acerenza (INNSE-Arbeiter) in Il manifesto vom 13.08.2009, Seite 6<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Vom italienischen Wort f&#252;r Kran (gru).<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Vgl. Cartosio, Manuela 2009b: „Il cavalier Attilo, ama il lavoro e somiglia ai suoi gruisti” Artikel in Il manifesto vom 13.08.2009, Seite 6f.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Cartosio, Manuela 2009c: „Una vittoria pulita che ridà speranza” Interview mit Gianni Rinaldini (FIOM-Generalsekret&#228;r) in Il manifesto vom 13.08.2009, Seite 7<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Assemblea Lavoratori 2009: “Innse presse. La prima lezione è: non abbandonare mai la fabbrica!” Erschienen als Online-Artikel in Il pane e le rose am 01.02.2009, http://www.pane-rose.it/files/index.php?c3:o14165 (eingesehen am 15.07.2009).<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Maturi, Marlangela 2009: „L’unitá tra gli operai è stata la nostra forza” Interview mit Vincenzo Acerenza (INNSE-Arbeiter) in Il manifesto vom 13.08.2009, Seite 6<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Rinaldini 2009, ggg<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Cartosio, Manuela 2009c: „Una vittoria pulita che ridà speranza” Interview mit Gianni Rinaldini (FIOM-Generalsekret&#228;r) in Il manifesto vom 13.08.2009, Seite 7<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Ebd.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Maturi, Marlangela 2009: „L’unitá tra gli operai è stata la nostra forza” Interview mit Vincenzo Acerenza (INNSE-Arbeiter) in Il manifesto vom 13.08.2009, Seite 6</p>
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		<title>„Sie schlafen nie“</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Jan 2010 17:29:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
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		<description><![CDATA[Informelle Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse sind weltweit auf dem Vormarsch. Was dies f&#252;r die Situation von Frauen in den L&#228;ndern des globalen S&#252;dens bedeutet, fragten Katherina Kinzel und Felix Wiegand im Interview mit Petra Steiner von der Frauensolidarit&#228;t. Sie beschreibt die Arbeitsbedingungen, K&#228;mpfe und Organisationsformen von Frauen in den exportorientierten Produktionsst&#228;tten, spricht &#252;ber Heimarbeit und dar&#252;ber, warum das internationale Arbeitsrecht hier nur ungen&#252;gend greift.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Informelle Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse sind weltweit auf dem Vormarsch. Was dies f&#252;r die Situation von Frauen in den L&#228;ndern des globalen S&#252;dens bedeutet, fragten Katherina Kinzel und <em>Felix Wiegand</em> im Interview mit <em>Petra Steiner</em> von der <em>Frauensolidarit&#228;t</em>. Sie beschreibt die Arbeitsbedingungen, K&#228;mpfe und Organisationsformen von Frauen in den exportorientierten Produktionsst&#228;tten, spricht &#252;ber Heimarbeit und dar&#252;ber, warum das internationale Arbeitsrecht hier nur ungen&#252;gend greift.<br />
<span id="more-664"></span><br />
<em>Die Maquiladoras-Industrien sind sicherlich das bekannteste Beispiel f&#252;r freie Exportzonen. Was kann man sich darunter denn &#252;berhaupt vorstellen und in welchem Kontext ist die Entstehung solcher Industriezonen zu verorten?</em></p>
<p>Grunds&#228;tzlich kennen wir dieses Ph&#228;nomen weltweit, in Afrika, Asien und Lateinamerika. Es werden dort vor allem Textilien, Schuhe, Spielzeug, Elektronikzulieferung, Batterien, und andere Konsumartikel hergestellt. Die Bestandteile werden zollfrei importiert und das fertige Produkt dann wieder exportiert. Dieses Ph&#228;nomen ist immer mit neoliberalen Globalisierungsbestrebungen und Freihandelsabkommen in Verbindung zu bringen. Die ersten Formen von sogenannten freien Exportzonen sind schon in den 1980er Jahren entstanden bzw. haben sie damals, zum Beispiel im Kontext der Schuldenkrise in den 1980ern in Lateinamerika begonnen, sich stark auszubreiten. Nach einer ersten Welle von Freihandelsabkommen und der Uruguay-Runde ist die WTO aber bald an ihre Grenzen gesto&#223;en, weil die negativen Auswirkungen der Freihandelsabkommen deutlich wurden. Bei der n&#228;chsten gr&#246;&#223;eren WTO Verhandlungsrunde, der sogenannten Doha Runde, zeigte sich das, die Verhandlungen stagnieren seit 2001. Deshalb geht der Trend jetzt von multilateralen Handelsabkommen weg und hin zu bilateralen. Das erleben wir auch gerade auf Ebene der europ&#228;ischen Kommission, mit der Entwicklung einer neuen EU-Au&#223;enhandelsstrategie, des so genannten „global europe“ seit 2006. Hier werden bilaterale Abkommen forciert.</p>
<p><em>Welche Interessen stehen denn hinter diesen Freihandelsabkommen?</em></p>
<p>In erster Linie sind es die Regierungen der L&#228;nder des Nordens in Verbindung mit transnationalen Konzernen, die dahinter stehen, bzw. deren Interessen da verfolgt werden. Sie wollen einen Abbau von tarif&#228;ren Barrieren, w&#228;hrend die L&#228;nder des S&#252;dens sich einen Abbau nicht-tarif&#228;rer Handelshemmnisse w&#252;nschen. Die Unternehmen profitieren nat&#252;rlich am meisten vom Abbau von Zollbeschr&#228;nkungen oder einer radikalen Senkung von Z&#246;llen. Das hat dann stark negative Auswirkungen auf die nationalen Wirtschaften des globalen S&#252;dens. Es gibt z.B. Zahlen zu Lateinamerika, wo eine Senkung der Z&#246;lle von 32% in den Jahren 1980-85 auf 14% in den Jahren 1991-95 stattfand, wodurch viele M&#246;glichkeiten f&#252;r staatliche Subventionen verloren gingen.</p>
<p>Kannst Du diese negativen Auswirkungen noch genauer ausf&#252;hren?</p>
<p>Dadurch, dass in diversen Brachen, in denen zuvor protektionistische Ma&#223;nahmen bestanden haben, eine &#214;ffnung f&#252;r ausl&#228;ndische Investitionen erzwungen wurde, wurden nationale, kleinere Produktionseinheiten vom Markt verdr&#228;ngt und es kam zu einem starken Verlust an formalen Arbeitspl&#228;tzen. Auch die Ern&#228;hrungssouver&#228;nit&#228;t wurde untergraben: gerade der Bereich der Landwirtschaft ist hier ein ganz wesentlicher. Durch subventionierte Billigstimporte k&#246;nnen regionale Produkte nicht mehr abgesetzt werde.<br />
In Bezug auf die Arbeitspl&#228;tze sind die Auswirkungen jedoch zweischneidig: einerseits kommt es zu den erw&#228;hnten Verlusten an formellen Arbeitspl&#228;tzen, andererseits gibt es einen Trend zur Zunahme informeller Besch&#228;ftigungsformen. Die Prekarisierungswellen, die wir aus den OECD-L&#228;ndern kennen, sind ein globales Ph&#228;nomen. Vor allem in den exportorientierten Industrien, den freien Exportzonen oder auch in den Maquiladoras, in denen &#252;berwiegend Frauen t&#228;tig sind, nehmen informelle Besch&#228;ftigungsformen zu.<br />
Dass dabei das nationale Recht unterwandert wird – z. B. wird der vorgesehene Mindestlohn in den freien Exportzonen in Mexiko nicht eingehalten – h&#228;ngt auch mit &#246;konomischer Liberalisierung und der &#214;ffnung der M&#228;rkte zusammen. Diese werden von Seiten der Weltbank und des IWF durchgesetzt. F&#252;r die betreffenden L&#228;nder besteht die Notwendigkeit, Kredite zu bekommen. Die Kreditvergabe ist aber an Liberalisierungsbedingungen gekn&#252;pft. Gleichzeitig haben die betreffenden Staaten bzw. Regionen mitunter selbst ein Interesse an der Entwicklung von Maquiladores-Industrien, die ja immer wieder als eine gute Besch&#228;ftigungsm&#246;glichkeit angepriesen wurden – vor allem f&#252;r Frauen.</p>
<p><em>Hat sich diese Hoffnung auf mehr Besch&#228;ftigungsm&#246;glichkeiten f&#252;r Frauen denn erf&#252;llt?</em></p>
<p>Es stimmt teilweise, dass die Frauenerwerbst&#228;tigkeit zugenommen hat, aber der pay-gap bei den Einkommen hat sich kein bisschen verringert, sondern ist im Gegenteil noch gr&#246;&#223;er geworden. Gleichzeitig muss man sich auch die Arbeitsbedingungen dieser Frauen ansehen. All diese Ph&#228;nomene, die wir in den freien Exportzonen beobachten k&#246;nnen, wie mangelnde Sicherheits- und Gesundheitsschutzbestimmungen und -Vorkehrungen, keinerlei soziale Absicherung, weder Mutterschutz noch Pensionsvorsorge noch Arbeitslosengelder, geringe oder ausbleibende Entlohnung kann man in den Kontext der „Feminisierung der Arbeit“ stellen. Hinzu kommen noch sexuelle &#220;bergriffe und geschlechtsspezifische Diskriminierung. Man muss sehen, dass in einem Bereich, in dem bestimme Rechte und Mindeststandards nicht gegeben sind, diese ohnehin vorhandene strukturelle Gewalt sehr oft zu einer individuell erlebten Gewalt wird.</p>
<p><em>Warum sind grade im informellen Bereich Frauen &#252;berproportional vertreten?</em></p>
<p>Einerseits machen sexistische und diskriminierende Einstellungspraxen es f&#252;r Frauen grunds&#228;tzlich schwierig, in formelle Arbeitsverh&#228;ltnisse hinein zu kommen. Andererseits ist die Nachfrage nach Frauen gerade in diesen arbeitsintensiven Exportindustrien stark, weil Frauen sehr oft in einer schw&#228;cheren Verhandlungsposition sind. Das hat wieder mit Geschlechterstereotypen und der Aufgaben- und Rollenverteilung im gesellschaftlichen Leben und im Pflege- und F&#252;rsorgebereich zu tun. So gibt es z. B. in den Maquilas in Mexiko viele allein erziehende Frauen, die dann nat&#252;rlich eine sehr schwache Verhandlungsmacht innehaben.</p>
<p><em>Kann man den Frauenanteil in den Exportzonen denn &#252;berhaupt beziffern?</em></p>
<p>In den freien Exportzonen und den Zulieferbetrieben gibt es auch noch viele M&#228;nner. Aber es ist wichtig zu sehen, dass es eine starke Entwicklung in Richtung Informalisierung gibt. Wenn wir &#252;ber die informelle Wirtschaft sprechen, dann zeigen die Zahlen, dass dort 60% Frauen besch&#228;ftigt sind.<br />
Dieser hohe Anteil kommt deshalb zustande, weil bestimmte produzierende T&#228;tigkeiten von den Zulieferfirmen als Heimarbeit in die Haushalte ausgelagert werden. Dass diese T&#228;tigkeiten vor allem von Frauen ausgef&#252;hrt werden, liegt unter anderem daran, dass diese die Hauptverantwortung im Haushalt tragen. Es gibt dann keine klare Trennung von Lohnarbeit und anderen, vermeintlich privaten Pflichten und Verantwortungen. Es scheint dann einfach zu sein, das gleich zu Hause machen zu k&#246;nnen. Zugleich geht es auch um informelle T&#228;tigkeiten im &#246;ffentlichen Raum: Stra&#223;enverk&#228;uferinnen, Stra&#223;enk&#246;chinnen, M&#252;llsammlerinnen, Schuhputzerinnen usw. Ein weiterer Faktor sind Sexarbeit und domestic workers.</p>
<p><em>Wie sieht denn die arbeitsrechtliche Situation der Heimarbeiterinnen aus?</em></p>
<p>Wenn Betriebe produzierende T&#228;tigkeiten aus den Zulieferbetrieben in Privathaushalte auslagern, kann es z. B. der Fall sein, dass es zwar formal einen Vertrag und einen gesetzlichen Mindestlohn gibt, dieser dann aber nicht gezahlt wird. Oft haben die Unternehmen eine doppelte Buchhaltung, eine schwarze Buchhaltung und eine offizielle, die pr&#228;sentiert wird, wenn sich das Unternehmen f&#252;r <em>Corporate Social Responsibility</em> (CSR) interessiert.<br />
Dass so etwas &#252;berhaupt m&#246;glich ist, hat aber auch mit dem Arbeitsrecht auf internationaler Ebene zu tun. Auf dem Feld der internationalen Beziehungen wird von einer Norm ausgegangen, die eine m&#228;nnliche Norm ist, und die historisch gesehen eigentlich als etwas a-typisches betrachtet werden muss. Der wei&#223;e Familienern&#228;hrer, der in einem so genannten Normalarbeitsverh&#228;ltnis angestellt ist, ist ein Nachkriegsph&#228;nomen Mitteleuropas, das viel mit dem Wirtschaftswachstum zu tun hat und nur m&#246;glich war, weil so viel unbezahlte Arbeit geleistet wurde, und das &#252;berwiegend von Frauen.<br />
Die Problematik dieser Norm sehen wir darin, dass die Bed&#252;rfnisse und Interessen, die von den Frauen in informellen Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnissen artikuliert werden, in den Kernarbeitsnormen gar nicht vorkommen. Diese gehen n&#228;mlich von formellen, transparenteren Angestelltenverh&#228;ltnissen oder Fabriks- und Unternehmensformen aus, die in dieserForm der Situation vieler erwerbst&#228;tiger Frauen weltweit nicht entsprechen. Informelle Arbeitsverh&#228;ltnisse sind oft durch Unsichtbarkeit, Isolation, Vereinzelung und die oben genannten strukturellen Formen von Diskriminierung bestimmt. Bei den Kernarbeitsnormen geht es um ein commitment, ein Bekenntnis, das Antidiskriminierung und Chancengleichheit beinhaltet. Was hier im Vordergrund steht, ist das Verbot von Zwangsarbeit und Kinderarbeit, das Recht, sich zu organisieren und Gewerkschaften zu gr&#252;nden, sowie das Recht auf Kollektivverhandlungen. Als Heimarbeiterin bin ich aber gar nicht in derart institutionalisierten und organisierten Arbeitsverh&#228;ltnissen. Ich bin vielleicht in ein soziales Netzwerk eingegliedert, aber das hei&#223;t noch lange nicht, dass ich die M&#246;glichkeit h&#228;tte, Tarifverhandlungen zu f&#252;hren. F&#252;r informelle Arbeitsverh&#228;ltnisse sind daher ein existenzsichernder Mindestlohn und soziale Standards zentral. Das Einkommen reicht oft einfach nicht aus, um sich selbst zu versichern.<br />
Wenn die Frauen unmittelbar befragt werden, wo ihre Bed&#252;rfnisse liegen, dann geht es da immer ganz stark um Schutz vor Gewalt, darum, dass sie in ihrer W&#252;rde respektiert werden wollen, aber auch um Schutz vor gesundheitlichen Sch&#228;den, &#220;bergriffen und Diskriminierungen, z.B. die erzwungenen Harntests zur &#220;berpr&#252;fung m&#246;glicher Schwangerschaften. Das ist ein ganz zentraler Punkt, wenn es um Arbeitsrechtsnormen geht: was sagen die betroffenen Frauen selbst, was ben&#246;tigen sie. Diese Dimension fehlt auf der internationalen rechtlichen Ebene. Das ist so &#228;hnlich wie bei der Menschenrechtsdiskussion, die ja immer wieder als eurozentristisch und male-orientated kritisiert wurde, bzw. wo bei FeministInnen eine gewisse Zur&#252;ckhaltung vorherrscht. In beiden F&#228;llen ist es so, dass die zugrundeliegenden, Frauen diskriminierenden Strukturen gar nicht beachtet werden.<br />
Diese blinden Flecken h&#228;ngen vielleicht auch ein bisschen damit zusammen, dass die Kernarbeitsnormen ein Kompromiss waren, so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner, in dem aber zentrale Aspekte fehlten.<br />
Seit den 1990er Jahren kann das Ph&#228;nomen von informeller Wirtschaft nicht mehr ignoriert werden. Auf die Zunahme informeller Arbeitsverh&#228;ltnisse wurde deshalb reagiert. So wird st&#228;rker versucht, die Rechte, die auch f&#252;r informelle Arbeitsverh&#228;ltnisse gefordert werden, in Form von Konventionen durchzusetzen.<br />
Eine Weiterentwicklung der Kernarbeitsnormen ist der „decent-work“-Ansatz, der versucht, auf genau diese Probleme einzugehen und darum z.B. einen existenzsichernden Mindestlohn und soziale Sicherungssysteme beinhaltet. Nat&#252;rlich hat auch das seine Grenzen, aber es ist f&#252;r Frauen, die als Haus- oder Heimarbeiterinnen t&#228;tig sind, sehr wichtig, dass es solche Konventionen gibt. Es wurde auch eine Konvention f&#252;r die Rechte von Heimarbeiterinnen verabschiedet. Das ist ein erster Schritt hin zur Anerkennung dieser Arbeit als mit formellen Besch&#228;ftigungsformen ebenb&#252;rtig.</p>
<p><em>Bedeutet der hohe Anteil erwerbst&#228;tiger Frauen eine Ver&#228;nderung der Geschlechterverh&#228;ltnisse vor Ort?</em></p>
<p>Nat&#252;rlich ver&#228;ndern sich die Rollenmuster, aber das sehe ich sehr ambivalent. Im Grunde bedeutet das f&#252;r Frauen eine Erweiterung der Hauptverantwortlichkeit f&#252;r Vieles im gesellschaftlichen und famili&#228;ren Leben auf den Bereich der Erwerbst&#228;tigkeit. Das kennen wir auch im Zusammenhang mit den Mikrokreditsystemen, wo die Frau die Rolle der Ern&#228;hrerin einnimmt – was sie zuvor ohnehin in den meisten F&#228;llen schon getan hat, allerdings eher im Bereich der Landwirtschaft und jetzt in gewerblicher Hinsicht. Das kann den Frauen auch mehr Respekt einbringen, aber im Grunde ist es eher mit erh&#246;hten Belastungen verbunden. Die Mikrokreditsysteme sind ja nur gem&#228;&#223; einer Marktlogik gedacht, weshalb sich ein hoher Druck auf die Frauen entwickelt, diese Kredite und die teilweise ganz sch&#246;n hohen Zinsen zur&#252;ckzuzahlen. Zwar versuchen die Frauen, Kooperativen zu bilden, um sich gegenseitig zu unterst&#252;tzen, aber de facto ist dieser Druck auf die Frauen da. Wenn dann gleichzeitig nichts getan wird, um Geschlechterrollen zu ver&#228;ndern und einen Bewusstseinswandel anzusto&#223;en, der auch die M&#228;nner einbindet, dann bleibt am Ende wieder alles auf den Frauen lasten. Ein Schritt hin zur Befreiung oder auch &#246;konomischen Entlastung von Frauen ist das also nur bedingt. Dar&#252;ber hinaus f&#252;hlen sich viele M&#228;nner in ihrer Rolle in Frage gestellt, und das f&#252;hrt auch zu einer Zunahme von Gewalt, nicht nur in Mexiko, sondern auch in Afrika.<br />
Zugleich denke ich aber, dass das Agieren in der Erwerbst&#228;tigkeit vielen Frauen auch viel Kraft f&#252;r den Arbeitskampf gibt. Ich frage mich dann, woher die Frauen eigentlich ihre Kraft noch hernehmen. Obwohl sie sowohl f&#252;r das Einkommen als auch f&#252;r die Versorgung der Familie verantwortlich sind, schaffen sie es noch, sich zusammenzutun, sich zu mobilisieren und einen politischen Kampf zu f&#252;hren. In erster Linie geht es dabei um das Self-empowerment der Frauen, darum, sich gegenseitig zu unterst&#252;tzen und eine st&#228;rkere Position zu gewinnen. Da gibt es weltweit unglaublich viele Beispiele.</p>
<p><em>Kannst Du uns einige solcher Beispiele nennen?</em></p>
<p>Gerade l&#228;uft in S&#252;dafrika eine von <em>StreetNet</em> organisierte Kampagne im Zusammenhang mit den Vorbereitungen zur Fu&#223;ball-Weltmeisterschaft. Das ist eine Kampagne, die lokal vor Ort agiert, aber auch versucht, international Aufmerksamkeit zu gewinnen und sich dabei auch an die OrganisatorInnen der WM wendet. Dort wird n&#228;mlich versucht, in Bereiche zu intervenieren, die f&#252;r viele Menschen &#252;berlebensnotwendig sind, z. B. sollen die Stra&#223;enh&#228;ndlerInnenzonen geschlossen und den H&#228;ndlerInnen der Zugang zu den &#246;ffentlichen Pl&#228;tzen, an denen dann die WM stattfindet, verweigert werden. Statt die lokale Bev&#246;lkerung einzubinden, werden die Bauauftr&#228;ge und das Gastronomieangebot international ausgeschrieben. Dagegen findet ganz viel Mobilisierung statt.<br />
In Indien ist eine der ber&#252;hmtesten Frauengewerkschaften t&#228;tig, die <em>SEWA </em>(self employed women association), die es seit vierzig Jahren gibt und in der Tausende von Frauen Mitglied sind. Es ist eine Mischform aus Kooperative und Gewerkschaft, die Ma&#223;nahmen zur Fortbildung f&#252;r Frauen in der Selbstst&#228;ndigkeit anbietet, aber auch kollektive Unterst&#252;tzungsformen bei Fragen von Versicherung, Altersversorgung und Kinderbetreuung organisiert. Au&#223;erdem wird durch Aufkl&#228;rung und Rechtsschulungen versucht, ein Bewusstsein f&#252;r die eigenen Rechte zu schaffen und so die Verhandlungssituation der Frauen zu st&#228;rken.<br />
Auch China ist momentan ein spannendes Feld, weil sich zivilgesellschaftlich im Grunde alles auf Hong Kong konzentriert und sonst im Hinblick auf zivilgesellschaftliche Kampagnen wenig m&#246;glich ist. Trotzdem gibt es auch da viele K&#228;mpfe, unter anderem von Wanderarbeiterinnen.<br />
Die K&#228;mpfe in den Maquiladoras-Industrien in Mexiko sind hier nat&#252;rlich auch zu nennen. Es gibt dazu einen interessanten Film, den wir im Mai diesen Jahres im Rahmen unseres <em>Female Labor Moves</em> Filmfestivals gezeigt haben und der auch im Dezember wieder im Schickaneder l&#228;uft: „Maquilapolis“. Das besondere an dem Film ist, dass die Maquialdoras-Arbeiterinnen vorab in der Handhabung von Technik und Equipment geschult wurden und dann selbst die Kamera in die Hand nahmen. Der Film begleitet die Frauen bei zwei erfolgreichen K&#228;mpfen: erstens geht es um eine Firma in der Elektronikbranche, die &#252;ber Nacht ihre Fabriken abgerissen und ein paar Orte weiter wiederaufgebaut hat, um so um die ausstehenden L&#246;hne und Abfindungen herumzukommen. Zusammen mit einem Anwalt hat eine Gruppe von Frauen die Firma verklagt, vor Gericht gewonnen und im Nachhinein ihre Abfertigungen ausgezahlt bekommen. Der andere Kampf richtete sich gegen die verbreitete Praxis internationaler Konzerne, ihre Industrieabf&#228;lle direkt in den Fluss zu kippen. Zus&#228;tzlich zu den gesundheitssch&#228;digenden Produktionsbedingungen in den Maquiladoras haben die Frauen so auch noch unter der Verschmutzung ihres n&#228;chsten Umfelds zu leiden. Auch hier waren die Frauen erfolgreich. Das sind dann auch die Frauen, bei denen ich den Eindruck hatte, sie schlafen nie.</p>
<p><em>In was f&#252;r einem Verh&#228;ltnis stehen diese Formen der (Selbst-)Organisation von Frauen zu den bestehenden Gewerkschaften?</em></p>
<p>Das Ideal w&#228;re nat&#252;rlich, dass Frauenorganisationen und Gewerkschaften zusammenarbeiten. Aber es ist f&#252;r viele Frauen schwer, in die bestehenden Gewerkschaften hinein zu kommen, sich mit ihren Anliegen Geh&#246;r zu verschaffen. Gewerkschaften sind da teilweise sehr immobil oder langsam in ihren Ver&#228;nderungsprozessen. Deshalb entscheiden sich viele Frauen daf&#252;r, selbst eine Organisation zu gr&#252;nden, damit gesichert ist, dass ihre Anliegen im Mittelpunkt stehen. Die Gr&#252;ndung von eigenen Frauengewerkschaften ist wahrscheinlich ein internationales Ph&#228;nomen.</p>
<p><em>Was tut sich denn auf Ebene der offiziellen internationalen Politik?</em></p>
<p>Insgesamt sind die Ans&#228;tze zur Verbesserung der Situation informell besch&#228;ftigter Frauen sehr unterschiedlich. Auf Seiten der europ&#228;ischen Kommission gibt es Bestrebungen, einen so genannten „social clause“ in Handelsabkommen aufzunehmen. Die so genannten Schwellen- und Entwicklungsl&#228;nder sind aber zu einem Gro&#223;teil dagegen. Sie argumentieren, dies sei nur eine neue Form von &#246;konomischem Protektionismus, um ihnen den Zugang zu M&#228;rkten zu verwehren. F&#252;r sie sollten soziale Rechte nicht Teil eines Handelsvertrages sein, sondern auf einer anderen Ebene verhandelt werden.<br />
Dar&#252;ber hinaus muss man feststellen, dass Konventionen nat&#252;rlich nur bedingt verbindlich sind. Die unterzeichnenden L&#228;nder sind zwar angehalten, die Bestimmungen in nationales Recht aufzunehmen und entsprechend umzusetzen, aber das passiert sehr oft nicht.<br />
Auf einer anderen Ebene setzt CSR an, das sich an die Privatunternehmen direkt wendet. CSR ist eine Selbstverpflichtung von Unternehmen, die dann oft in Marketingabteilungen angesiedelt ist.<br />
Was bei alledem fehlt, ist die Verbindlichkeit sowie marktkontrollierende Ma&#223;nahmen. Deshalb bef&#252;rworten viele soziale Klauseln im Handelsabkommen, weil diese die M&#246;glichkeit bieten, Sanktionen zu erlassen. Aber auch Sanktionen greifen nicht immer: Wir haben ein Kapital, das sich st&#228;ndig bewegt und im Fall von Sanktionen k&#246;nnen die Unternehmen einfach ganz schnell abwandern. Auf EU-Ebene lie&#223;e sich da schon mehr machen.</p>
<p><em>Beinhalten Konventionen, Abkommen oder z. B. die „decent work“-Agenda auch explizit geschlechtsspezifische Fragen, wie sexuelle Diskriminierung oder sexuelle &#220;bergriffe?</em></p>
<p>Nein, das ist ein ziemliches Manko. Plattformen wie z.B. <em>WIDE</em> (women in developement europe), die teilweise auch an Verhandlungen teilnehmen, versuchen diese Leerstellen aufzuzeigen. Dass diese geschlechtsspezifischen Probleme ausgeblendet werden, h&#228;ngt auch stark damit zusammen, dass internationale Gewerkschaften sowie die Agencies der UN auf der F&#252;hrungsebene male-dominated sind, wodurch gender-sensible Wahrnehmungen untergehen.</p>
<p><em>Wie sch&#228;tzt Du „Corporate Social Responsibility“ als Strategie zur Verbesserung der Situation der Frauen ein?</em></p>
<p>Einerseits ist der Wunsch von Seiten der KonsumentInnen, m&#246;glichst „saubere“ Kleidung, „decent“ produzierte Schuhe zu tragen, absolut verst&#228;ndlich. In einem gewissen Ma&#223; gibt es auch „consumers power“. Die codes of conduct sind f&#252;r Konsumentinnen im Moment aber ziemlich schwer zu durchschauen, weil es so viele verschiedene codes gibt. Sehr viele Unternehmen erstellen sich ihre Codes auch selbst. Es gibt zwar die Fair Wear Foundation, die versucht das ein bisschen zu kontrollieren, aber das ist eine kleine Organisation, die gar nicht die notwendigen Ressourcen hat, um alle notwendigen Kontrollen vorzunehmen. Und dann kontrollieren sich die Unternehmen auch noch selbst.<br />
Man kann sich au&#223;erdem nur bei ganz wenigen Produkten sicher sein, dass wirklich die gesamte Produktionskette umfasst wird. Bei vielen Textilien geht es darum, wie die Baumwolle hergestellt wurde, aber die Verarbeitung und der damit verbundene Produktionsprozess ist nicht inkludiert.<br />
Auch dort, wo CSR ernst gemeint ist, bleibt dieser Ansatz zweischneidig. Um das ernsthaft umzusetzen, m&#252;sste man in Wirklichkeit die Produktion grundlegend umstellen. Es m&#252;sste langsamer produzieren werden. Das geht nat&#252;rlich nicht, wenn der ganze Produktionsprozess „just in time“ abl&#228;uft und im Internet der billigste Zuliefererbetrieb den Auftrag erh&#228;lt.</p>
<p><em>Wie sieht eure konkrete Arbeit bei der Frauensolidarit&#228;t aus?</em></p>
<p>F&#252;r mich pers&#246;nlich ist es zun&#228;chst einmal wichtig, sichtbar zu machen, was f&#252;r K&#228;mpfe und Forderungen von Frauen &#252;berhaupt gef&#252;hrt und gestellt werden. Frauen leben und arbeiten in sehr unterschiedlichen Verh&#228;ltnissen weltweit und sie stellen keine homogene Gruppe dar. Das wichtigste ist, diesen verschiedenen Gruppen von Frauen eine Stimme zu verleihen. Prim&#228;r sieht die Frauensolidarit&#228;t ihre Aufgabe in Bewussteins- und Informationsarbeit. Die Aktivistinnen sollen dabei m&#246;glichst selbst unmittelbar eingebunden werden. Wenn wir z. B. Veranstaltung organisieren, dann laden wir Aktivistinnen ein, die selbst &#252;ber ihre T&#228;tigkeiten berichten k&#246;nnen. Jetzt gerade arbeiten wir an einem Projekt das die „decent-work“-Agenda zum Inhalt hat und in dem es um die informelle Arbeit von Frauen geht. Wir haben einen Kalender produziert, den wir im Oktober (s. Ank&#252;ndigung) vorstellen werden. Damit wollen wir bekannt machen, welche Frauenorganisationen es gibt und ihnen die M&#246;glichkeit geben, sich selbst zu pr&#228;sentieren. Wir haben auch die M&#246;glichkeit, deren Positionen und Anliegen in unseren Netzwerken oder da, wo politisches Lobbying m&#246;glich ist, zu bef&#246;rdern. Und dann ist es nat&#252;rlich auch wichtig, pr&#228;sent zu sein, wenn hier etwas auf der Stra&#223;e passiert.</p>
<p><em>Prekarisierung und Informalisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen sind globale Ph&#228;nomene, die nicht nur Frauen im globalen S&#252;den betreffen – auch wenn sie hier nat&#252;rlich unter ganz anderen Vorzeichen stattfinden. Siehst Du darin neue M&#246;glichkeiten der Solidarisierung?</em></p>
<p>Ich denke schon. Ich glaube, dass fr&#252;here Zentrum-Peripherie-Ans&#228;tze, wenn sie &#252;berhaupt je G&#252;ltigkeit gehabt haben, schon lange unangemessen sind. Die sozialen Kl&#252;fte und Auseinandersetzungen, Armut und mangelnde Chancengleichheit gibt es hier wie dort. Dieser Umstand hat etwas verbindendes, Solidarit&#228;t wird mitunter einfacher. Wir sind auch hier wieder an einem Punkt, wo wir wieder anfangen m&#252;ssen zu k&#228;mpfen. Die Frage ist wohin und wof&#252;r.<br />
Manche Frauen sehen ihr Ziel auch gar nicht im Erreichen einer formellen T&#228;tigkeit. Wir m&#252;ssen erkennen, dass die weltweite Entwicklung hin zu informellen Besch&#228;ftigungsformen weiter voranschreitet und dass fr&#252;here L&#246;sungen einfach nicht mehr funktionieren. Wir m&#252;ssen eher f&#252;r diese neuen Besch&#228;ftigungsformen genauso rechtliche Absicherung fordern wie f&#252;r das, was ehemals als normal betrachtet wurde.</p>
<p><em>Petra Steiner</em> ist Bildungsreferentin des Vereins <em>Frauensolidarit&#228;t </em>und war u.a. an der Organisation des Filmfestivals<em> Female Labour Moves </em>beteiligt.</p>
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		<title>Macht kaputt was euch kaputt macht</title>
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		<pubDate>Sat, 13 Jun 2009 11:40:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 8]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Halmer, Bernhard/Krobath, Peter A.: Lexikon der Sabotage. Betrug, Verweigerung, Racheakte und Schabernack am Arbeitsplatz, Wien: Sonderzahl 2008, 192 Seiten, € 18,00]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Halmer, Bernhard/Krobath, Peter A.: Lexikon der Sabotage. Betrug, Verweigerung, Racheakte und Schabernack am Arbeitsplatz, Wien: Sonderzahl 2008, 192 Seiten, € 18,00<br />
<span id="more-498"></span><br />
Das „Lexikon der Sabotage“ ist eine Sammlung sehr unterhaltsamer Berichte &#252;ber individuelle und zum Teil auch kollektive Reaktionen auf Missst&#228;nde und &#220;berausbeutung oder auch blo&#223;e Langeweile am Arbeitsplatz. Das Gef&#252;hl der Ohnmacht angesichts eines skrupellosen Vorgesetzten, den Zust&#228;nden am Arbeitsplatz oder einfach wegen der schlechten Bezahlung kennen schlie&#223;lich die Meisten, und fast jedeR findet fr&#252;her oder sp&#228;ter auch verschiedenste Wege, damit umzugehen. Hier sind ein paar davon gesammelt, teilweise zum Nachmachen animierend, teilweise zum Lachen anregend und manche auch zum Staunen oder Schaudern. Da gibt es Geschichten vom allt&#228;glichen Abzweigen von B&#252;romaterial in allen Varianten, was oft zu Recht mit einer &#228;hnlichen Selbstverst&#228;ndlichkeit gemacht wird, wie Vorgesetzte sich trauen, ihre Untergebenen in der Freizeit anzurufen. Ein Zivildiener erz&#228;hlt von einem Krankenhaus, in dem das Personal zu Hause mehr von den Arbeitsmitteln zu verwenden wei&#223; als am Arbeitsplatz selbst. Das reicht vom Putzmittel &#252;ber die Erste-Klasse-Seidenbettw&#228;sche bis hin zu teuren Medikamenten, die billig unter der Hand vertrieben werden. Besonders lustig ist die Beschreibung des Racheaktes eines Angestellten im Buchhandel: Er wurde in seinem Probemonat f&#252;r Umbauarbeiten missbraucht und dann unter fadenscheinigen Vorw&#228;nden gek&#252;ndigt, was ihn dazu animierte, den Besitzer anschlie&#223;end mit Bestellungen und Privatanzeigen zu nerven. Das begann mit zehn f&#252;r den ehemaligen Chef bestellten Pizzen, weitete sich auf eine LKW-Ladung Schotter aus, die er vor dessen Haust&#252;r abladen lie&#223;, und fand den H&#246;hepunkt im Verschenken seiner Einrichtung via Zeitungsanzeigen (nat&#252;rlich ohne Telefonnummernangabe, daf&#252;r mit &#228;u&#223;erst unangenehmen Abholzeiten fr&#252;h morgens und sp&#228;t abends). Aber es gibt auch Beispiele f&#252;r kollektive Aktionen: etwa dort, wo die gesamte Belegschaft mit dem Ziel zusammenarbeitet, Chef, Chefin und Juniorchef abzulenken, um gleichzeitig das Lebensmittellager auszur&#228;umen, inklusive eigenes Bestellwesen, Chaos bei Lagerverwaltung und Verwirrtaktik, damit die fehlenden Paletten nicht auffallen. Eher ungusti&#246;s der Bericht aus einem Restaurant, in dem sich das K&#252;chenteam an den G&#228;sten r&#228;chte, statt dem Besitzer die H&#246;lle hei&#223; zu machen. So landeten F&#228;kalien und andere &#228;u&#223;erst bedenkliche Zutaten in Essen und Getr&#228;nken. In diesem Fall w&#228;re die Angabe des Orts und des Restaurantnamens ganz hilfreich gewesen… Es ist faszinierend, wie hemmungslos und mit wie viel Stolz die LohnarbeiterInnen von Sabotageaktionen berichten, und wie oft diese als letzter Ausweg gesehen werden, um den angestauten Frust oder die katastrophale Bezahlung auszugleichen. Der humorvolle Schreibstil sorgt zudem daf&#252;r, dass das Buch ein hohes Suchtpotential birgt – was beim Rezensenten vom kurzen Hineinlesen zum sofortigen und unbereuten Kauf gef&#252;hrt hat. Leider gibt es keinen einleitenden oder grundlegenden Text, der die individuellen Berichte und das Thema „Sabotage“ insgesamt in einen breiteren Kontext gestellt h&#228;tte. So w&#228;re es etwa spannend, Zusammenh&#228;nge zwischen (fehlender) Streik- und (ausgepr&#228;gter) Sabotagekultur zu untersuchen. In jedem Fall ist das „Lexikon der Sabotage“ aber sehr unterhaltsam und kann als nettes und n&#252;tzliches Geschenk das Klassenbewusstsein f&#246;rdern, Zuspruch f&#252;r selbst genehmigte Gehaltsaufbesserungen bieten und sehr sch&#246;n verdeutlichen, dass Sabotage in all ihren Varianten ein vollkommen normales und enorm verbreitetes Element des kapitalistischen Arbeitsalltags ist.</p>
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		<title>Geschichten des Widerstands</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:17:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Asien]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[WanderarbeiterInnen]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Pun, Ngai/Li, Wanwei: dagongmei. Arbeiterinnen aus Chinas Weltmarktfabriken erz&#228;hlen, Berlin/Hamburg: Assoziation A 2008, 18 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Pun, Ngai/Li, Wanwei: dagongmei. Arbeiterinnen aus Chinas Weltmarktfabriken erz&#228;hlen, Berlin/Hamburg: Assoziation A 2008, 18 €<br />
<span id="more-130"></span><br />
Der Transformationsprozess der Volksrepublik China ist gekennzeichnet von in ihrem Ausma&#223; beispiellosen Wanderungsbewegungen der l&#228;ndlichen Bev&#246;lkerung in die K&#252;stenregionen und Sonderwirtschaftszonen des Landes. Mit der Dekollektivierung der chinesischen Landwirtschaft in den sp&#228;ten 1970er Jahren und beg&#252;nstigt durch die schrittweise Aufweichung vormals rigider Migrationskontrollen seit Mitte der 1980er Jahre, wurde es transnationalen Konzernen m&#246;glich, ihre Mehrwertsch&#246;pfung an die Ausbeutung der Arbeitskraft eines Heeres chinesischer WanderarbeiterInnen zu koppeln. Aktuell wird die Zahl der ArbeitsmigrantInnen auf insgesamt 150 bis 200 Millionen gesch&#228;tzt, wobei es in den Fabrikshallen der Export-orientierten Industrie seit Anfang der 1990er Jahre vor allem junge Frauen – im Chinesischen als <em>dagongmei</em> bezeichnet – sind, deren Mehrarbeit vom Produktionsapparat abgepresst wird. Gleichzeitig stehen diese jedoch auch im Zentrum des zunehmenden Widerstands der WanderarbeiterInnen gegen deren Ausbeutung.<br />
Um die gro&#223;teils 18- bis 25-j&#228;hrigen Frauen in ihren Auseinandersetzungen zu unterst&#252;tzen, gr&#252;ndete Pun Ngai, Professorin am <em>Social Work Research Center</em> der <em>Peking University</em> und an der <em>Hong Kong Polytechnic University</em>, 1996 in der im s&#252;dchinesischen Perflussdelta gelegenen Stadt Shenzhen das <em>Chinese Working Women Network</em> (CWWN). Gemeinsam mit Li Wanwei, Mitarbeiterin der Hongkonger NGO <em>Industrial Relations Institute</em>, ver&#246;ffentlichte sie im Jahr 2006 die Ergebnisse eines vom Arbeiterinnen-Netzwerk in Shenzhen durchgef&#252;hrten Interviewprojektes mit Fabrikarbeiterinnen. Unter dem Titel <em>dagongmei. Arbeiterinnen aus Chinas Weltmarktfabriken erz&#228;hlen</em> liegen diese Aufzeichnungen nun auch in deutscher Sprache vor.<br />
Im Vorwort des Buches wird der/die Leser/in an eine der zentralen Thesen in den Arbeiten Pun Ngais herangef&#252;hrt. F&#252;r sie deutet die Bezeichnung <em>dagongmei </em>auf die Entstehung neuer proletarischer Subjekte in China, die in einem deutlichen Gegensatz zu den <em>gongren </em>(„ArbeiterInnen“) der Mao-&#196;ra stehen. W&#228;hrend letztere von der einstigen Propaganda gefeiert und in den staatlichen Arbeitseinheiten mit lebenslangen, materiellen Privilegien versehen wurden, verweist der im chinesischen Sprachgebrauch seit etwa 20 Jahren g&#228;ngige Begriff dagong („f&#252;r den Boss arbeiten“) auf die Ausdehnung kapitalistischer Arbeitsbeziehungen. Der Zusatz <em>mei </em>(„kleine Schwester“) kennzeichnet &#252;berdies den geschlechtspezifischen Charakter des Proletarisierungsprozesses. Das auf den <em>dagongmei </em>lastende Ausbeutungsverh&#228;ltnis sieht Pun Ngai in einer „dreifachen Unterdr&#252;ckung“ (12) durch das globale Kapital, den chinesischen Staat und patriarchaler Gesellschaftsstrukturen charakterisiert. Despotische Arbeits- und Wohnbedingungen, die Verhinderung eines l&#228;ngerfristigen Verbleibens in den St&#228;dten und einer unabh&#228;ngigen, gewerkschaftlichen Organisierung sowie der Zwang zur Unterordnung unter ein traditionelles Frauenbild sind dabei miteinander verschr&#228;nkt.<br />
Das Ziel der Ver&#246;ffentlichung von zw&#246;lf biographischen Geschichten in <em>dagongmei. Arbeiterinnen aus Chinas Weltmarktfabriken erz&#228;hlen</em> ist es, so erfahren wir ebenfalls im Vorwort, einen „subjektiven Blick der Arbeiterinnen“ (16) auf die in diesem spezifischen Kontext zu verortenden Arbeits- und Lebensverh&#228;ltnisse zu bieten. Pun Ngai begreift die Erz&#228;hlungen &#252;berdies als ein „Sub-Genre des Widerstands“ (13); die zitierten Erz&#228;hlungen, die anhand vier thematischer Schwerpunkte gegliedert und von Erl&#228;uterungen der Interviewerinnen begleitet werden, sollen insbesondere auch die unterschiedlichen Widerstandspraktiken der <em>dagongmei </em>dokumentieren, die im hegemonialen Diskurs der „Modernisierung“ Chinas ausgeblendet bleiben.<br />
Der Fokus der ersten drei Erz&#228;hlungen liegt auf den Motiven der <em>dagongmei</em>, ihre l&#228;ndliche Heimat meist sofort nach dem Schulabschluss zu verlassen. Durch die pers&#246;nlichen Geschichten wird deutlich, dass die Entscheidungen f&#252;r ein vor&#252;bergehendes Leben als Fabrikarbeiterin auf mehr als blo&#223; &#246;konomischen Zw&#228;ngen beruhen. Das Ausbrechen aus einer von der Gewaltt&#228;tigkeit des Vaters &#252;berschatteten Familiensituation tritt in den Ausf&#252;hrungen der jungen Frauen bspw. ebenso in den Vordergrund, wie die Suche nach neuen Herausforderungen und beruflichen Aufstiegsm&#246;glichkeiten abseits der als anstrengend und eint&#246;nig empfundenen Arbeit in der Landwirtschaft. Die Stadt wird dabei zur Projektionsfl&#228;che von W&#252;nschen nach einem „modernen Leben“ und Konsum. Obwohl die jungen Frauen durch Berichte von ins Dorf zur&#252;ck kommenden <em>dagongmei </em>&#252;ber die st&#228;dtischen Arbeitsbedingungen informiert sind, werden diese W&#252;nsche durch den Anblick der geschminkten und neu eingekleideten Heimkehrerinnen gleichwohl verst&#228;rkt. Die Erz&#228;hlungen vermitteln dar&#252;ber hinaus einen Einblick in die Gef&#252;hlslage der <em>dagongmei</em>, zwischen zwei unterschiedlichen Welten hin und her gerissen zu sein. Die Ausbeutung in den Fabriken und h&#228;ufiges Heimweh f&#252;hren dazu, dass sie in Zeiten v&#246;lliger Ersch&#246;pfung in die l&#228;ndliche Heimat zur&#252;ckkehren. Da sie ihre Zukunftsperspektiven jedoch weiterhin an eine Arbeit in der Stadt gebunden sehen, dauert es oft nicht lange, bis sie den Entschluss fassen, erneut in die Industriezonen zu wandern.<br />
Die biographischen Geschichten im zweiten Kapitel lenken den Blick auf die patriarchalen Gesellschaftsstrukturen in den l&#228;ndlichen Regionen Chinas. Die interviewten <em>dagongmei </em>erz&#228;hlen dabei u.a. von erzwungenen Schulabbr&#252;chen, der elterlichen Entscheidungsgewalt &#252;ber den Zeitpunkt der Heirat sowie dem Druck, sich einer traditionellen Rolle als Ehefrau unterzuordnen, welche ihr weiteres Leben auf das Geb&#228;ren und Erziehen der Kinder, die Arbeit im Haushalt und landwirtschaftliche T&#228;tigkeiten beschr&#228;nkt sieht. Die Erz&#228;hlungen des zweiten Kapitels zeigen jedoch auch den gegen diese Formen der Unterdr&#252;ckung gerichteten Widerstand der Frauen auf. Das Verlassen des Dorfes und die Lohnarbeit in den st&#228;dtischen Fabriken stellen f&#252;r sie hart errungene Versuche dar, ihre W&#252;nsche nach finanzieller Unabh&#228;ngigkeit und einem selbst bestimmten Leben zu verwirklichen. Obwohl es neben dem staatlichen Haushaltsregistrierungssystem insbesondere erzwungene Heiraten sind, welche die durchschnittliche Dauer des Aufenthalts von <em>dagongmei </em>in den St&#228;dten auf etwa 4-5 Jahre beschr&#228;nken, verdeutlicht bspw. die Geschichte der 50-j&#228;hrigen Cuiyi, dass sich die Frauen Wege erk&#228;mpfen, aus diesem vorgezeichneten Leben auszubrechen. Durch die Arbeit in der Fabrik fand Cuiyi nicht nur zu einem gest&#228;rkten Selbstbewusstsein, sondern widersetzte sich auch erfolgreich der traditionellen Rollenverteilung in der Familie. Nach einigen Jahren der Lohnarbeit zeigt sie sich stolz dar&#252;ber, nun selbst f&#252;r das famili&#228;re Einkommen sorgen zu k&#246;nnen und ob ihrer Hartn&#228;ckigkeit von den Frauen im Heimatdorf bewundert zu werden.<br />
Im Zentrum der im dritten Kapitel unter dem Titel <em>Bittere Wanderarbeit</em> gesammelten Erz&#228;hlungen stehen die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen in den Weltmarktfabriken. Neben wiederholten F&#228;llen ausstehender L&#246;hne und der regelm&#228;&#223;igen Ausdehnung der Arbeitszeiten ohne R&#252;cksicht auf gesetzlich festgelegte Standards berichten die Arbeiterinnen vor allem von ihren pers&#246;nlichen Erfahrungen mit Berufskrankheiten und Arbeitsunf&#228;llen. Die Gefahr von Verletzungen in den Fabriken ist durch veraltete Produktionsmaschinen und fehlende Informationen &#252;ber notwendige Sicherheitsvorkehrungen gro&#223;. Wie die Geschichte der knapp 40-j&#228;hrigen A’lan, die sich bei der Arbeit in einer Schuhfabrik mit hoch konzentriertem Klebstoff vergiftete und zwei Jahre im Krankenhaus verbringen musste, zeigt, bleiben an die Firmenleitung gestellte Forderungen der <em>dagongmei </em>nach gesundheitlichen Schutzma&#223;nahmen h&#228;ufig ohne Reaktionen. Dar&#252;ber hinaus ist es f&#252;r die Arbeiterinnen im Falle von Krankheiten und Verletzungen schwer, entsprechende Entsch&#228;digungen ausbezahlt zu kommen. Die gesetzlich verankerte Sozialversicherung f&#252;r WanderarbeiterInnen erm&#246;glicht bisher wenig R&#252;ckhalt, da die Firmen nur selten Sozialversicherungsbeitr&#228;ge abf&#252;hren. Deutlich wird durch die Erz&#228;hlungen auch, dass die Einschaltung der lokalen Arbeitsbeh&#246;rde ohne gleichzeitigen medialen Druck nur begrenzt Unterst&#252;tzung bietet bzw. deren geringe Entsch&#228;digungszahlungen an Stelle der Firmen akzeptiert werden m&#252;ssen. Denn im Wissen &#252;ber die Schwierigkeit der <em>dagongmei</em>, auf sich alleine gestellt Gerichtsprozesse zu f&#252;hren, bleiben die Beh&#246;rden in erster Linie daran interessiert, direkte Konfrontationen mit den Unternehmen zu vermeiden.<br />
Der Widerstand der <em>dagongmei </em>gegen die Arbeits- und Lebensbedingungen, welcher im Mittelpunkt des vierten und abschlie&#223;enden Teils der biographischen Geschichten steht, nimmt nichtsdestotrotz stetig zu. Die Erz&#228;hlungen dokumentieren, wie sich die Arbeiterinnen u.a. gegen zu niedrige L&#246;hne, regelm&#228;&#223;ige &#220;berstunden, Verlegungen der Fabrikstandorte und miserable Wohnverh&#228;ltnisse zur Wehr setzen. Die systematische Unterbringung von Arbeitsmigrantinnen in Wohnheimen direkt auf dem Fabrikgel&#228;nde oder in dessen unmittelbarer N&#228;he, die Pun Ngai als f&#252;r die Industriezonen Chinas charakteristisch betrachtet und mit dem Begriff „Wohnheim-Arbeitsregime“ (11; siehe auch Pun Ngais Artikel in <a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/schlafsaalkapitalismus-in-shenzhen/"><em>Perspektiven </em>Nr. 3</a>) fasst, offenbart dabei ihren doppelten Charakter. Einerseits erm&#246;glicht sie den Unternehmen, die Reproduktionskosten der Arbeitskraft niedrig zu halten, die Arbeiterinnen Tag und Nacht zu kontrollieren sowie deren st&#228;ndige Abrufbarkeit sicherzustellen. Andererseits werden die Wohnheime und Schlafs&#228;le zu Orten, an denen sich die Arbeiterinnen &#252;ber ihre Erfahrungen austauschen und f&#252;r gemeinsame K&#228;mpfe vernetzen k&#246;nnen. Die <em>dagongmei </em>erz&#228;hlen von ihren Erfolgen, gemeinsam an Firmenleitung und Arbeitsbeh&#246;rde gerichtete Beschwerdebriefe zu verfassen, sowie in den Wohnheimen f&#252;r Unterschriften und Streiks zu mobilisieren. Doch auch Unstimmigkeiten &#252;ber die Ziele der Auseinandersetzungen und Gegenma&#223;nahmen des Managements werden beschrieben. Neben der Abschreckung durch Entlassungen oder Beurlaubungen von R&#228;delsf&#252;hrerinnen bestehen die dargestellten Strategien der Gesch&#228;ftsleitung u.a. darin, mit Teilzugest&#228;ndnissen eine Spaltung unter den Arbeiterinnen herbeizuf&#252;hren. Schlie&#223;lich verweisen die Erz&#228;hlungen in diesem Kapitel ebenso darauf, dass die <em>dagongmei </em>&#252;ber ihre Erfahrungen in K&#228;mpfen sowohl die wichtige Rolle der Kenntnis von Arbeitsgesetzen und des kollektiven Widerstands erkennen, als auch ein zunehmend starkes Klassenbewusstsein entwickeln.<br />
Im Anschluss an die Geschichten der <em>dagongmei </em>finden sich in der deutschen Ausgabe des Buches zwei Texte, die gegen&#252;ber dem chinesischen Original erg&#228;nzt wurden. In den <em>Nachbetrachtungen von Li Wanwei</em> reflektiert diese &#252;ber die Beweggr&#252;nde f&#252;r die Beteiligung am Interviewprojekt sowie &#252;ber die Bedeutung der Interviews f&#252;r die Beziehung zwischen ihr und den Fabrikarbeiterinnen. Daf&#252;r beschreibt sie ihre Politisierung in Hong Kong und das daraus erwachsende Interesse an der Unterst&#252;tzung der neuen ArbeiterInnenklasse in den Industriezonen des angrenzenden Perflussdeltas. Die Zusammenarbeit mit den <em>dagongmei </em>charakterisiert Li als „gemeinsamen Lernprozess“ (196), wobei sie den gegenseitigen Erfahrungsaustausch unter den Arbeiterinnen als einen zentralen Aspekt im Verlauf der Interviews hervorhebt. Die sich hinsichtlich der Ver&#246;ffentlichung der Interviewaufzeichnungen stellende Frage nach dem Verh&#228;ltnis zwischen (kommentierenden/ &#252;berleitenden) Interviewerinnen und (zitierten) Fabrikarbeiterinnen wird von ihr jedoch nicht thematisiert. Den Abschluss der Publikation bildet das &#252;bersetzte Kapitel <em>Sozialer K&#246;rper, Kunst der Disziplin und Widerstand</em> aus dem im Jahr 2005 erschienen Buch <em>Made in China. Women Factory Workers in a Global Workplace </em>von Pun Ngai, f&#252;r dessen Erstellung sie selbst acht Monate in einer Elektronikfabrik in Shenzhen arbeitete. Pun Ngai setzt ihre ethnographischen Aufzeichnungen in Bezug zum foucaultschen Konzept der Disziplinarmacht und pr&#228;sentiert eine ebenso detaillierte wie aufschlussreiche Analyse der auf die weiblichen K&#246;rper gerichteten Disziplinartechniken des Produktionsregimes. Dar&#252;ber hinaus dokumentiert sie den allt&#228;glichen Widerstand der <em>dagongmei </em>gegen die tayloristischen Arbeitsbedingungen und zeigt dessen M&#246;glichkeiten und Grenzen innerhalb der Machtbeziehungen an konkreten Beispielen auf.<br />
Hinsichtlich bisheriger Publikationen zur Lage chinesischer WanderarbeiterInnen stellt der auf die biographischen Geschichten fokussierte Ansatz des vorliegenden Buchs eine Ausnahme dar. Die Besonderheit dieser Herangehensweise ist dabei insgesamt betrachtet gleichsam dessen gro&#223;e St&#228;rke. Mittels der subjektiven Erz&#228;hlungen gelingt es zum einen, die spezifische Situation der <em>dagongmei </em>aus deren eigenem Blickwinkel begreifbar zu machen, ohne gleichzeitig die Heterogenit&#228;t der Arbeiterinnen in Frage zu stellen. Zum anderen k&#246;nnen die biographischen Geschichten die den <em>dagongmei </em>im hegemonialen Diskurs zugeschriebene Passivit&#228;t widerlegen und ihre unterschiedlichen Perspektiven auf emanzipatorische Ver&#228;nderungen aufzeigen. Des Weiteren ist positiv festzuhalten, dass die Lekt&#252;re keinerlei Vorkenntnisse voraussetzt, was neben den Ausf&#252;hrungen im Vorwort vor allem auch einem umfangreichen Glossar mit grundlegenden Begriffskl&#228;rungen zu verdanken ist. Das Buch ist somit ein sehr wichtiger Beitrag f&#252;r eine kritische, an Vorstellungen und Erfahrungen der ArbeiterInnen ankn&#252;pfende Auseinandersetzung der deutschsprachigen Linken mit den sozialen Umw&#228;lzungsprozessen in China.</p>
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		<title>Veranstaltung: dagongmei &#8211; Arbeiterinnen aus Chinas Weltmarktfabriken erz&#228;hlen</title>
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		<pubDate>Sun, 12 Oct 2008 16:03:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>clemens</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Buchvorstellung und Diskussion mit Pun Ngai]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2008/10/image_preview.jpeg" alt="dagongmei" /><br />
<h3>Buchvorstellung und Diskussion mit Pun Ngai<br/>am 14.Oktober um 19 Uhr im <a href="http://www.wuk.at" target="_blank">WUK</a></h3>
<p>Im Zuge der Reformpolitik der letzten drei&#223;ig Jahre wurde China zum „Flie&#223;band der Welt“. Es beruht auf einer spezifischen Form der Ausbeutung und Unterbringung von Millionen junger Frauen und M&#228;nner, die vom Land in die industrialisierten St&#228;dte und Sonderwirtschaftszonen wandern. Durch die Kombination von Fabrik und Wohnheim auf einem Gel&#228;nde, das „Wohnheim-Arbeitsregime“ (Pun Ngai), werden die Produktion und die Reproduktion der migrantischen Arbeitskraft im Sinne der Vernutzung durch das globale Kapital neu gestaltet. Die Wohnheime sind aber nicht nur Ort der Kontrolle und Disziplinierung, sie bilden auch das Terrain der  widerst&#228;ndigen Organisierung der Wanderarbeiterinnen. Anhand ihrer Untersuchungen in Elektronikfabriken in S&#252;dchina analysiert Pun Ngai die besondere, vergeschlechtlichte (gendered) Form des Gebrauchs von Arbeitskraft in China sowie die K&#228;mpfe der neuen Klasse der <em>dagongmei.</em></p>
<p><span class="Apple-style-span" style="font-size: 10px">Pun Ngai ist Professorin am Social Work Research Center der Peking University und der Hong Kong Polytechnic University. 1996 gr&#252;ndete sie in Hongkong das Chinese Working Women Network (www.cwwn.org), das Wanderarbeiterinnen in einer Industriezone im Perlflussdelta unterst&#252;tzt. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Arbeits- und Lebensbedingungen von WanderarbeiterInnen und die Herausbildung einer neuen ArbeiterInnenbewegung in China.</span></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Solidarit&#228;t mit &#228;gyptischen ArbeiterInnen</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/07/22/solidaritaet-mit-aegyptischen-arbeiterinnen/</link>
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		<pubDate>Tue, 22 Jul 2008 11:31:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>clemens</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Ägypten]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>

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		<description><![CDATA[Am Sonntag, dem 6. April 2008 fand in &#196;gypten eine Fortf&#252;hrung des seit &#252;ber einem Jahr andauernden Radikalisierungsprozesses statt. Ein angesetzter Streik der TextilarbeiterInnen von Ghazl El-Mahalla f&#252;r einen Anstieg der Mindestl&#246;hne und verbesserte Arbeits- und Lebensbedinungen eskalierte in stundenlangen Stra&#223;enschlachten zwischen ArbeiterInnen und AnwohnerInnen auf der einen Seite, und einem massiven Polizeiaufgebot auf der anderen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am Sonntag, dem 6. April 2008 fand in &#196;gypten eine Fortf&#252;hrung des seit &#252;ber einem Jahr andauernden Radikalisierungsprozesses statt. Ein angesetzter Streik der TextilarbeiterInnen von Ghazl El-Mahalla f&#252;r einen Anstieg der Mindestl&#246;hne und verbesserte Arbeits- und Lebensbedinungen eskalierte in stundenlangen Stra&#223;enschlachten zwischen ArbeiterInnen und AnwohnerInnen auf der einen Seite, und einem massiven Polizeiaufgebot auf der anderen.<br />
Diese Eskalation passiert vor dem Hintergrund einer massiven Unzufriedenheit in der Bev&#246;lkerung, insbesonders aufgrund des starken Anstiegs der Grundnahrungsmittelpreise in den letzten Wochen und einer zunehmenden Frustration ob des Regimes von Hosni Mubarak. Der Streikaufruf der ArbeiterInnen von Mahalla, die im letzten Jahr die Speerspitze der &#228;gyptischen ArbeiterInnenbewegung bildeten, konnte daher leicht von Teilen der politischen Opposition aufgegriffen werden, welche daraufhin zu einem Aktionstag in ganz &#196;gypten aufriefen. Das Regime reagierte auf diese Herausforderung mit einem immensen Polizeiaufgebot und einer massiven Einsch&#252;chterungskampagne gegen die ArbeiterInnen und politischen AktivistInnen. Der letztendliche Versuch, den Streik der TextilarbeiterInnen zu sabotieren, f&#252;hrte jedoch dazu, dass sich die Wut und Frustration auf die Strassen von Mahalla verlagerte.<br />
Laut Berichten von AktivistInnen aus Mahalla wurden bei den Protesten seit Sonntag bereits vier Protestierende get&#246;tet, Hunderte verletzt und/oder festgenommen. Unter den Festgenommenen befinden sich Kamal el-Fayoumi and Tarek Amin el-Senoussi, beides Streikf&#252;hrer und Aktivisten der Liga der TextilarbeiterInnen, welche sich in den letzten Monaten in Opposition zum staatsdominierten Gewerkschaftskomittee gegr&#252;ndet hatte. Aus anderen Teilen &#196;gyptens wurden ebenfalls etliche Festnahmen von politischen AktivistInnen aller Tendenzen gemeldet.<br />
Die Auseinandersetzungen fanden bisher noch keinen Abbruch. Die Menschen in Mahalla lie&#223;en sich noch nicht einsch&#252;chtern und sind dementsprechend mit einem massiven Repressionsapparat konfrontiert.<br />
Internationale Solidarit&#228;t ist in dieser Situation von gr&#246;sster Bedeutung. Wir rufen alle Kr&#228;fte und insbesonders gewerkschaftliche Gruppen dazu auf, Solidarit&#228;tserkl&#228;rungen f&#252;r die ArbeiterInnen von Mahalla und ihre inhaftierten KollegInnen zu verfassen. Ihr Kampf ist f&#252;r den Erfolg der Bewegung essenziell!<br />
F&#252;r genauere Informationen zu den Ereignissen siehe den Blog des &#228;gyptischen Journalisten Hossam El-Hamalawy:</p>
<p><a href="http://arabist.net/arabawy/" target="_blank" style="color: #666666; text-decoration: none; padding: 0px; margin: 0px">http://arabist.net/arabawy/</a><br />
zur allgemeinen Entwicklung in &#196;gpyten siehe unser Artikel in Perspektiven Nr.4 <a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/prolet-und-prophet/" style="color: #666666; text-decoration: none; padding: 0px; margin: 0px">Prophet und Prolet</a></p>
<p> </p>
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		<title>Veranstaltung: Unruhen in China</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/07/20/veranstaltung-unruhen-in-china/</link>
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		<pubDate>Sun, 20 Jul 2008 11:33:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>clemens</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Veranstaltung]]></category>
		<category><![CDATA[WanderarbeiterInnen]]></category>

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		<description><![CDATA[
Diskussion und Film zum Sonderheft der Wildcat (hier zurRezension)am 17. M&#228;rz 2008, 20 Uhr, Amerlinghaus.
In Kooperation mit grundrisse und Welt in Umw&#228;lzung.


  
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-family: Verdana; font-size: 14px; line-height: normal" class="Apple-style-span"></span><br />
<h3 style="margin-top: 0px; margin-right: 0px; margin-left: 0px; margin-bottom: 0.5em; padding: 0px" align="left"><span style="font-size: 14px" class="Apple-style-span">Diskussion und Film zum <a href="http://www.wildcat-www.de/dossiers/china/index.html" style="color: #666666; text-decoration: none; padding: 0px; margin: 0px" target="_blank">Sonderheft der </a><em style="padding: 0px; margin: 0px"><a href="http://www.wildcat-www.de/dossiers/china/index.html" style="color: #666666; text-decoration: none; padding: 0px; margin: 0px" target="_blank">Wildcat</a> </em>(<a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/nao-steht-fuer-unruhe/" style="color: #666666; text-decoration: none; padding: 0px; margin: 0px">hier zur<em style="padding: 0px; margin: 0px">Rezension</em></a>)am 17. M&#228;rz 2008, 20 Uhr, Amerlinghaus.</span></h3>
<p style="padding-top: 0px; padding-right: 0px; padding-left: 0px; padding-bottom: 1em; text-align: justify; font-size: 90%; line-height: 135%; margin: 0px">In Kooperation mit <em style="padding: 0px; margin: 0px"><a href="http://www.grundrisse.net/" style="color: #666666; text-decoration: none; padding: 0px; margin: 0px" target="_blank">grundrisse</a></em> und <em style="padding: 0px; margin: 0px"><a href="http://www.umwaelzung.de/" style="color: #666666; text-decoration: none; padding: 0px; margin: 0px" target="_blank">Welt in Umw&#228;lzung</a></em>.</p>
<p style="padding-top: 0px; padding-right: 0px; padding-left: 0px; padding-bottom: 1em; text-align: justify; font-size: 90%; line-height: 135%; margin: 0px"><a href="http://www.perspektiven-online.com/wp-content/uploads/2008/03/plakat_china5.jpg" style="color: #666666; text-decoration: none; padding: 0px; margin: 0px" title="plakat_china5.jpg"></a></p>
<p style="padding-top: 0px; padding-right: 0px; padding-left: 0px; padding-bottom: 1em; text-align: justify; font-size: 90%; line-height: 135%; margin: 0px"><a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2008/03/plakat_china5.jpg" style="color: #666666; text-decoration: none; padding: 0px; margin: 0px" title="plakat_china5.jpg"><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2008/03/plakat_china5.jpg" style="border-width: initial; border-color: initial; width: 254px; height: 353px; border-style: none; padding: 12px; margin: 0px" width="254" height="353" alt="plakat_china5.jpg" title="plakat_china5.jpg" /></a></p>
<p>  </p>
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