<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; 1968</title>
	<atom:link href="http://www.perspektiven-online.at/tag/1968/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.perspektiven-online.at</link>
	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
	<lastBuildDate>Wed, 01 Feb 2012 08:57:15 +0000</lastBuildDate>
	<generator>http://wordpress.org/?v=2.9.2</generator>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
			<item>
		<title>Theorien einer Revolte</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/theorien-einer-revolte/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/theorien-einer-revolte/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:15:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[1968]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Kämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[StudentInnenbewegung]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=126</guid>
		<description><![CDATA[Rezension: Hecken, Thomas: 1968. Von Texten und Theorien aus einer Zeit euphorischer Kritik. Bielefeld: transcript 2008, 18,80 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Hecken, Thomas: 1968. Von Texten und Theorien aus einer Zeit euphorischer Kritik. Bielefeld: transcript 2008, 18,80 €<br />
<span id="more-126"></span><br />
Die ganz gro&#223;e Aufregung rund um das vierzigj&#228;hrige Jubil&#228;um von „1968“ hat sich – den Sommermonaten sei Dank – inzwischen gelegt. F&#252;r diejenigen, die trotz des medialen und publizistischen Wirbels im Fr&#252;hjahr noch immer nicht genug bekommen k&#246;nnen, bieten daher die kommenden Monate Gelegenheit, das Ph&#228;nomen „1968“ abseits der ausgetretenen Pfade – zumeist die Nacherz&#228;hlung bekannter Ereignisse, Stichwort Pariser Mai – unter neuartigen Perspektiven zu betrachten. Eine von vielen M&#246;glichkeiten f&#252;r eine solche Ann&#228;herung stellt das B&#252;chlein <em>1968. Von Texten und Theorien aus einer Zeit euphorischer Kritik</em> von Thomas Hecken dar, erhebt dieser Essay doch bewusst den Anspruch, „&#252;ber ein teilweise unbekanntes, wieder vergessenes 1968 zu sprechen“. Wie bereits aus dem Titel ersichtlich, sind es in erster Linie die rund um „1968“ einflussreichen Schriften, Abhandlungen, Theorien und Diskussionen – kurz, intellektuelle Erzeugnisse aller Art – die der rund 180 Seiten umfassende Band ins Ged&#228;chtnis der LeserInnen zur&#252;ckrufen m&#246;chte. Zu diesem Zweck unternimmt der Autor in dem ersten und umfangreichsten von insgesamt drei Kapiteln unter der &#220;berschrift „Politisch-&#246;konomische Kritik“ zun&#228;chst den Versuch, wichtige Argumente der sogenannten Neuen Linken vorzustellen und dabei die vielf&#228;ltigen Zusammenh&#228;nge der einzelnen Themenfelder nachzuzeichnen, indem er zentrale Texte und Reden der Zeit diskutiert. Ausgehend von dem f&#252;r die Neue Linke namensgebenden Artikel des amerikanischen Soziologen C. Wright Mills im <em>New Left Review</em> und ersten Statements des US-amerikanischen SDS (<em>Students f&#252;r a Democratic Society</em>) zu Beginn der 1960er Jahre spannt Hecken im Folgenden einen weiten Bogen &#252;ber demokratie- und kapitalismustheoretische Texte von Herbert Marcuse und J&#252;rgen Habermas oder die antikolonialen Schriften von Frantz Fanon bis hin zu konkreteren, aktivistisch motivierten Beitr&#228;gen &#252;ber feministischen Protest oder die Legitimit&#228;t von Guerillataktik und bewaffnetem Widerstand vom Ende des Jahrzehnts. Wenngleich ob dieser F&#252;lle unterschiedlicher Ans&#228;tze und der Vielzahl der vorgestellten AutorInnen manche Feinheit unter den Tisch f&#228;llt, gelingt es dem Autor in seiner am historischen Verlauf der Proteste und Revolten orientierten Darstellung nicht nur, zentrale Begriffe und Denkfiguren wie „Entfremdung“, „Fokustheorie“ oder „antiautorit&#228;res Verhalten“ verst&#228;ndlich zu machen, sondern auch und besonders, die Wechselwirkung zwischen dem dynamischen Verlauf der realen K&#228;mpfe und den theoretischen Debatten aufzuzeigen. Gerade weil Hecken keine reine Ideengeschichte betreibt, werden hier die &#220;berlegungen und Theoreme der ProtagonistInnen der sp&#228;ten 1960er Jahre in ihrer inneren Logik und handlungsleitenden Funktion ebenso plastisch nachvollziehbar wie praktische und theoretische Radikalisierungstendenzen.<br />
Zugleich f&#252;hrt diese Form der Beschr&#228;nkung auf Texte und Theorien der sogenannten Neuen Linken jedoch auch zu gewissen Verengungen. Denn obwohl der Autor eingangs die beiden Begriffe „Alte“ und „Neue“ Linke problematisiert, erweckt er im Verlauf seiner Darstellung doch manchmal den Eindruck, als handelte es sich bei letzterer um ein geschlossenes, klar definiertes Programm und als w&#228;re allein diese Neue Linke „1968“ einflussreich gewesen. Infolgedessen &#252;berrascht es nicht, dass Hecken etwa die K&#228;mpfe der ArbeiterInnenklasse, die sich im Rahmen widerspr&#252;chlicher Auseinandersetzungen z. T. durchaus innerhalb der Zentren der sogenannten Alten Linken, d. h. der Gewerkschaften sowie der sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien, formierten und eigene, auch theoretische Konzepte hervorbrachten – z. B. das der „Arbeiterselbstverwaltung“ –, praktisch unber&#252;cksichtigt l&#228;sst. Ebenso scheint „1968“ f&#252;r den Autor lediglich in den USA und Mitteleuropa stattgefunden zu haben, erfahren andere L&#228;nder oder Weltregionen und transnationale Vernetzungen in <em>Von Texten und Theorien aus einer Zeit euphorischer Kritik</em> doch keinerlei Aufmerksamkeit. Diese Reproduktion der ohnehin bereits dominanten Bilder von „1968“ setzt sich leider im zweiten Teil des Buches weitgehend fort. Unter dem Titel „Lebensformen“ widmet sich Hecken hier den verschiedenen gegenund jugendkulturellen Str&#246;mungen der sp&#228;ten 1960er Jahre – z. B. Hippies, KommunardInnen, Rockfans oder K&#252;nstlerInnen – sowie deren theoretisch-intellektuellen Bezugspunkten von Wilhelm Reich bis zur Situationistischen Internationale. Dass letztlich auch dieses Kapitel trotz seines vor allem geographisch (zu) engen Fokus lesenswert ist, verdankt es dem Bem&#252;hen des Autors, den LeserInnen einen Einblick in das konfliktbehaftete und zugleich von gro&#223;en inhaltlichen und personellen &#220;berschneidungen gepr&#228;gte Verh&#228;ltnis der gegenkulturellen Bewegungen zu den explizit politisch orientierten Gruppierungen der Neuen Linken zu gew&#228;hren. Wenngleich dabei manches, das bereits aus dem ersten Kapitel bekannt ist, eine Wiederholung findet, macht es sich grade hier bezahlt, dass Hecken konsequent die ProtagonistInnen jener Zeit durch ihre damals ver&#246;ff entlichten Texte und Pamphlete selbst sprechen l&#228;sst. Ebenfalls positiv hervorzuheben ist der Versuch des Autors, der Frage nach einer Vereinnahmung gegenkultureller Lebensformen und somit nach einer m&#246;glichen Verantwortung der „68er-Bewegung“ f&#252;r gegenw&#228;rtige (neo-)liberale Zust&#228;nde nachzugehen. Denn obwohl der These Heckens, diese Bewegung w&#228;re ihrer Intention nach anti-liberal gewesen und k&#246;nnte daher kaum liberalisierende Effekte gehabt haben, nicht zuzustimmen ist, &#246;ffnet diese Fragestellung doch den Blick daf&#252;r, dass die K&#228;mpfe von „1968“ gerade wegen ihrer m&#246;glichen Folgen f&#252;r die Gegenwart ein derart vieldiskutiertes Thema sind.<br />
Speziell aus dieser Perspektive hochinteressant ist schlie&#223;lich auch das Schlusskapitel des Essays, in dem der zeitgen&#246;ssischen „Kritik an der 68er-Bewegung“ nachgegangen wird. Dabei zeigt der Autor, dass wesentliche Argumente gegenw&#228;rtiger Debatten &#252;ber „1968“ nicht unbedingt neu sind, sondern bereits in den sp&#228;ten 1960ern und fr&#252;hen 1970ern als Kritik von konservativen, liberalen, aber auch linken Intellektuellen – von Habermas bis Hobsbawm – ge&#228;u&#223;ert wurden. Die meisten der von Hecken zusammengetragenen Beitr&#228;ge erscheinen folglich zwar ob ihres teilweise alarmistischen Grundtons &#252;bertrieben und zum Teil skurril, wirken in ihrer inhaltlichen Sto&#223;richtung aber gleichzeitig doch seltsam vertraut. Insofern diese zeitgen&#246;ssischen Einsch&#228;tzungen von „1968“ in der gegenw&#228;rtigen Debatte bisher kaum wahrgenommen wurden, l&#246;st der Autor mit dem Schlusskapitel seines Buches tats&#228;chlich den eigenen Anspruch ein, „&#252;ber ein teilweise unbekanntes, wieder vergessenes 1968 zu sprechen“.<br />
Wenngleich dies f&#252;r den Rest des Buches nur bedingt gilt und <em>Von Texten und Theorien aus einer Zeit euphorischer Kritik</em> an mancher Stelle droht, redundant zu werden, ist die Lekt&#252;re des gut lesbaren Essays doch lohnenswert. Dies gilt insbesondere f&#252;r jene, die sich in knapper Form der theoretischen Seite von „1968“ n&#228;hern m&#246;chten und dabei auf eine klare Sprache, Verst&#228;ndlichkeit und Nachvollziehbarkeit Wert legen. Wer dar&#252;ber hinaus ein umfassenderes Bild erhalten und die auch in Heckens Buch angelegte Reduzierung von „1968“ auf eine jugendliche und studentische Revolte in Mitteleuropa und Nordamerika umgehen m&#246;chte, der/die sei z. B. auf die in <a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/dimensionen-der-rebellionen/"><em>Perspektiven</em> Nr. 5</a> rezensierten Sammelb&#228;nde <em>Weltwende 1968</em> von Jens Kastner und David Mayer und <em>1968 und die Arbeiter</em> von Bernd Gehrke und Gerd-Rainer Horn verwiesen.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/theorien-einer-revolte/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>…zwei, drei, viele 1968</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/07/23/zwei-drei-viele-1968/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2008/07/23/zwei-drei-viele-1968/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 23 Jul 2008 11:38:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>clemens</dc:creator>
				<category><![CDATA[Termine]]></category>
		<category><![CDATA[1968]]></category>
		<category><![CDATA[Veranstaltung]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.com/artikel/zwei-drei-viele-1968/</guid>
		<description><![CDATA[
Donnerstag, 24. und Freitag, 25. April 2008, Volkskundemuseum Wien
Alle Infos unter www.zweidreiviele1968.blogsport.de

]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-family: Verdana; font-size: 14px; line-height: normal" class="Apple-style-span"><br />
<h3 style="margin-top: 0px; margin-right: 0px; margin-left: 0px; margin-bottom: 0.5em; padding: 0px" align="left">Donnerstag, 24. und Freitag, 25. April 2008, Volkskundemuseum Wien</h3>
<p style="padding-top: 0px; padding-right: 0px; padding-left: 0px; padding-bottom: 1em; text-align: justify; font-size: 90%; line-height: 135%; margin: 0px">Alle Infos unter <a href="http://zweidreiviele1968.blogsport.de/" style="color: #666666; text-decoration: none; padding: 0px; margin: 0px" target="_blank">www.zweidreiviele1968.blogsport.de</a></p>
<p></span></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2008/07/23/zwei-drei-viele-1968/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>40 Jahre 1968. Die letzte Schlacht gewinnen wir</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/07/23/40-jahre-1968-die-letzte-schlacht-gewinnen-wir/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2008/07/23/40-jahre-1968-die-letzte-schlacht-gewinnen-wir/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 23 Jul 2008 11:37:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>clemens</dc:creator>
				<category><![CDATA[Termine]]></category>
		<category><![CDATA[1968]]></category>
		<category><![CDATA[Veranstaltung]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.com/artikel/40-jahre-1968-die-letzte-schlacht-gewinnen-wir/</guid>
		<description><![CDATA[
Freitag, 2. Mai &#8211; Sonntag, 4. Mai 2008, Berlin


]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-family: Verdana; font-size: 14px; line-height: normal" class="Apple-style-span"><br />
<h3 style="margin-top: 0px; margin-right: 0px; margin-left: 0px; margin-bottom: 0.5em; padding: 0px" align="left">Freitag, 2. Mai &#8211; Sonntag, 4. Mai 2008, Berlin</h3>
<p style="padding-top: 0px; padding-right: 0px; padding-left: 0px; padding-bottom: 1em; text-align: justify; font-size: 90%; line-height: 135%; margin: 0px"><a href="http://www.1968kongress.de/" style="color: #666666; text-decoration: none; padding: 0px; margin: 0px" target="_blank"><img src="http://www.linke-sds.org/local/cache-vignettes/L160xH227/arton153-968ae.jpg" style="border-width: initial; border-color: initial; border-style: none; padding: 12px; margin: 0px" alt="1968 Berlin" /></a></p>
<p></span></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2008/07/23/40-jahre-1968-die-letzte-schlacht-gewinnen-wir/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Perspektiven Nr. 5 (Sommer 2008) erschienen!</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/07/23/perspektiven-nr-5-sommer-2008-erschienen/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2008/07/23/perspektiven-nr-5-sommer-2008-erschienen/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 23 Jul 2008 11:17:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>clemens</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[1968]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Kämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[StudentInnenbewegung]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.com/artikel/perspektiven-nr-5-sommer-2008-erschienen/</guid>
		<description><![CDATA[Schwerpunkt: 1968 &#8211; Dimensionen der Rebellionen
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span class="Apple-style-span" style="font-family: Verdana; font-size: 14px; font-weight: bold; line-height: normal"><a href="http://www.perspektiven-online.at/artikel/category/ausgaben/perspektiven-nr5/" style="color: #666666; text-decoration: none; padding: 0px; margin: 0px">Schwerpunkt: 1968 &#8211; Dimensionen der Rebellionen</a></span></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2008/07/23/perspektiven-nr-5-sommer-2008-erschienen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Editorial</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/05/05/editorial-5/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2008/05/05/editorial-5/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:59:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 5]]></category>
		<category><![CDATA[1968]]></category>
		<category><![CDATA[Editorial]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Kämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[StudentInnenbewegung]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.com/artikel/editorial-5/</guid>
		<description><![CDATA[1968 war ein gutes Jahr.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>1968 war ein gutes Jahr.</p>
<p><span id="more-102"></span></p>
<p>Wer hat sie nicht schon mal gesehen, die Geburtstagskarten, die zumeist vor Trafiken (f&#252;r unsere deutschen LeserInnen: Tabakl&#228;den) ausgestellt sind und das immer gleiche von jeder m&#246;glichen Jahreszahl behaupten. Die Jubilarin oder der Jubilar darf sich dann freuen und im Inneren des Billets lesen, welche gro&#223;en Ereignisse neben ihrem oder seinem Erscheinen in der Welt dieser noch ihren Stempel aufgedr&#252;ckt haben. Das Jahr 1968 war da so gut wie jedes andere. Dass dem nicht so ist, zeigt die Tatsache, dass heuer das Jahr selbst Geburtstag feiern darf – welchem anderen ist das schon verg&#246;nnt – und die Gl&#252;ckwunschkarten liegen als Bild- und Sammelb&#228;nde, Monografien und Memoiren in Buchl&#228;den auf, Nostalgierunden in Funk und Fernsehen begleiten die Feierlichkeiten. Doch auch abgerechnet wird mit 1968, alles B&#246;se auf der Welt vom islamischen Terrorismus bis quengelnden Kleinkindern ist seine Schuld und die der Brut, die das Jahr hervorgebracht hat: die „68er“.</p>
<p>Die vorliegende Ausgabe von <em>Perspektiven</em> will mit all dem m&#246;glichst wenig zu tun haben. Nichts mit den nostalgischen Veteranentreffen (seltener kommen auch Veteraninnen zu Wort), in denen von 1968 gesprochen wird wie von aufregenden Jugendsp&#228;&#223;en im Sommercamp. Und auch sicher nichts mit den wehleidigen Abrechnungen mit der eigenen Vergangenheit, derer man sich angesichts der konformistischen Gegenwartsexistenz glaubt sch&#228;men zu m&#252;ssen. Stattdessen sollen Schlaglichter auf die Revolte geworfen werden, die ein Verst&#228;ndnis der vielf&#228;ltigen Dimensionen der Rebellionen erm&#246;glichen und die unter dem Berg von Erinnerungsm&#252;ll versch&#252;ttete Vielfalt des gro&#223;en Aufbegehrens gegen den globalen Kapitalismus diskutierbar machen.</p>
<p>Dass es mehr als eine Studierendenrevolte war, betont das einleitende Interview mit <em>Chris Harman</em>; gest&#252;tzt und ausgef&#252;hrt wird diese These von <em>Marcel van der Linden</em>. <em>Veronika Duma </em>sprach mit dem Sozialhistoriker &#252;ber das <em>R&#228;tsel der Gleichzeitigkeit</em>, dem simultanen Aufbruch in so vielen unterschiedlichen Weltregionen, von Berkeley bis Berlin, von Prag bis Mexiko-Stadt. In Deutschland tobt derweil die Debatte um den angeblich undemokratischen Charakter der Studierendenbewegung von 1968 und ihrer zentralen Organisationsstruktur, dem SDS. <em>Alex Demirovic </em>h&#228;lt dem entgegen, dass Selbstreflexivit&#228;t und demokratisches Potential nicht im Gegensatz zur Wiederentdeckung sozialistischer Traditionen standen und stehen, sondern sich im Gegenteil wechselseitig beding(t)en. Aus dem Berg von Neuerscheinungen zum Thema hat <em>Felix Wiegand </em>sich zwei der interessantesten Sammelb&#228;nde herausgegriffen und diskutiert „Weltwende 1968?“ und „1968 und die Arbeiter“, die das Scheinwerferlicht auf den weltumspannenden Zusammenhang sowie die proletarischen, klassenk&#228;mpferischen Aspekte der Revolten richten.<em> Philipp Probst</em> schlie&#223;lich erz&#228;hlt die Geschichte von MC5, der vielleicht aufregendsten Band der US-amerikanischen <em>counter culture </em>der 1960er Jahre, im Spannungsfeld von LSD, <em>black power</em> und Kulturrevolution.</p>
<p>Au&#223;erhalb des Schwerpunkts gibt es Teil zwei der Serie <em>zum politischen Erbe der russischen Revolution</em>: <em>Benjamin Opratko </em>nimmt sich „Zeit f&#252;r Lenin“ und fragt, was eine undogmatische Linke heute noch von diesem toten Hund der marxistischen Theorie lernen kann. Die globale Finanzkrise, ausgel&#246;st vom Platzen der Spekulationsblase<br />
rund um Immobilienhypotheken in den USA, wird vom US-amerikanischen Wirtschaftshistoriker Robert Brenner analysiert.</p>
<p>Zu guter Letzt gibt es Rezensionen zur feministischen Intersektionalit&#228;tsforschung, transnationalen Arbeitskonflikten und David Harveys „kleiner Geschichte des Neoliberalismus“.</p>
<p>Viel Freude bei der Lekt&#252;re, und schafft zwei, drei viele 1968!</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2008/05/05/editorial-5/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Mehr als eine Studierendenrevolte</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/05/05/mehr-als-eine-studierendenrevolte/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2008/05/05/mehr-als-eine-studierendenrevolte/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:57:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 5]]></category>
		<category><![CDATA[1968]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Kämpfe]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.com/artikel/mehr-als-eine-studierendenrevolte/</guid>
		<description><![CDATA[<em>Chris Harman</em> war 1968 studentischer Aktivist an der London School of Economics. Mit <em> Stefan Bornost</em> sprach er &#252;ber sein nun auf deutsch &#252;bersetztes Buch „1968. Eine Welt in Aufruhr“.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Chris Harman</em> war 1968 studentischer Aktivist an der London School of Economics. Mit <em> Stefan Bornost</em> sprach er &#252;ber sein nun auf deutsch &#252;bersetztes Buch „1968. Eine Welt in Aufruhr“.</p>
<p><span id="more-103"></span><br />
<em>1968 war viel mehr als eine Studierendenrevolte – das ist eine zentrale These deines Buchs. Was meinst du damit?</em></p>
<p>1968 verdichteten sich verschiedene krisenhafte Entwicklungen im Weltkapitalismus – zum einen der Krieg der USA in Vietnam: Er startete als Polizeioperation um die amerikanische Hegemonie zu verteidigen. In den Vorjahren hatte es Dutzende solcher Eins&#228;tze gegeben – beispielsweise in der Dominikanischen Republik oder im Kongo. Diese Eins&#228;tze waren kurz und, im amerikanischen Sinne, erfolgreich. Nichts deutete drauf hin, das die Intervention in Vietnam anders sein w&#252;rde als die vorherigen Eins&#228;tze. Doch Vietnam war anders. Die b&#228;uerliche Guerilla war stark in der Bev&#246;lkerung verankert und durch ihre kommunistischen Kader straff organisiert.<br />
Die Tet-Offensive im Januar 68 machte auch der amerikanischen Bev&#246;lkerung deutlich, das dieser Krieg anders war – und nicht zu gewinnen. Er wurde immer brutaler, die Kosten explodierten und die US-Armee revoltierte. Das ersch&#252;tterte nat&#252;rlich die Ideologie vom „freien Westen“ und war einer der wesentlichen Triebfedern der Revolte.<br />
Ein zweiter Krisenfaktor war die widerspr&#252;chliche Entwicklung des s&#252;deurop&#228;ischen Kapitalismus. In Frankreich, Italien und Spanien hatte sich der Kapitalismus nach dem Krieg wieder stabilisiert. Das ma&#223;geblich von der katholischen Kirche gepr&#228;gte gesellschaftliche Klima war bedr&#252;ckend, die Regierungen autorit&#228;r: Die Pr&#228;sidialherrschaft de Gaulles in Frankreich, die Franco-Diktatur in Spanien und die Dauerregierung der konservativen Democrazia Christiana (DC) in Italien.<br />
Gleichzeitig ver&#228;nderte sich durch die Industrialisierung die Struktur der ArbeiterInnenklasse. Junge ArbeiterInnen vom Land kamen in die Fabriken, arbeiteten unter schlechtesten Bedingungen und radikalisierten sich. Diese neue Generation sah sich von den bestehenden politischen Parteien, sowohl den konservativen als auch den b&#252;rokratisierten kommunistischen, nicht repr&#228;sentiert – und bildeten den Kern eines Aufstands in den Betrieben, der sich in Italien sogar &#252;ber Jahre hinzog.<br />
Auch in Osteuropa endete die Friedhofsruhe. 1965 hatten Jacek Kuroń und Karol Modzelewski eine marxistische Kritik an der polnischen Gesellschaft verfasst und waren zu drei Jahren Gef&#228;ngnis verurteilt worden – unter dem Protest von Studenten der Universit&#228;t Warschau. Dieser wurde aber von der Polizei unterdr&#252;ckt. 1968 drangen dann die Nachrichten &#252;ber die politische &#214;ffnung in der Tschechoslowakei nach Polen durch und 4.000 Studierende demonstrierten und besetzen die polytechnische Universit&#228;t in Warschau. In den folgenden Wochen lieferten sich in den polnischen Universit&#228;tsst&#228;dten Studierende und junge ArbeiterInnen erbitterte Auseinandersetzungen mit der Polizei. Gleichzeitig gewann die Bewegung in der Tschechoslowakei so an Dynamik, dass die Sowjetf&#252;hrung die Panzer rollen lie&#223;. Zusammengenommen war dies die gr&#246;&#223;te politische Ersch&#252;tterung des Ostblocks seit Anfang der F&#252;nfziger Jahre.<br />
Das vierte Element der Krise von 1968 war der Aufstand der Schwarzen in den USA. Nach dem Amerikanischen B&#252;rgerkrieg endete zwar die Sklaverei, nicht aber die rassistische Unterdr&#252;ckung. Im S&#252;den wurde die Rassentrennung per Gesetz abgesichert, im Norden waren die Schwarzen formell frei, aber &#246;konomisch und sozial unterdr&#252;ckt. Diese Spannung entlud sich vor allem in den Ghettoaufst&#228;nden und der Formierung radikaler und auch revolution&#228;rer schwarzer Organisationen.<br />
All diese Elemente zusammen machen das explosive Gemisch von 68 aus – deshalb ist jede Reduzierung, etwa auf einen Generationenkonflikt, zu platt. Aber nat&#252;rlich war es so, dass die Widerspr&#252;che, wie bei jedem <span> </span>gesellschaftlichen Umbruch, von jungen Menschen am deutlichsten empfunden worden – weswegen sie auch das Bild der Demonstrationen und Streiks pr&#228;gten.</p>
<p><em>40 Jahre nach der Revolte ziehen viele Alt-68er Bilanz. Was w&#228;re deine?<o></o></em></p>
<p>Offensichtlich ist das erkl&#228;rte Ziel vieler damaliger Aktivisten – den Kapitalismus durch eine menschenw&#252;rdigere Gesellschaft zu ersetzen – nicht erreicht worden. Dennoch wurde die herrschende Ordnung ersch&#252;ttert. In L&#228;ndern wie Italien dauerte es &#252;ber zehn Jahre, bis sich das politische System wieder im Sinne der Herrschenden stabilisiert hatte. Dazu waren, gerade in L&#228;ndern des S&#252;dens, enorme Repressionen notwendig. Allein die Tatsache, dass in einem Land wie Chile zehntausende linke Aktivisten durch das Milit&#228;r umgebracht werden mussten, um den Status quo wieder herzustellen, spricht B&#228;nde &#252;ber das Ausma&#223; der Radikalisierung.<br />
Von der Bewegung wurden aber auch konkrete Erfolge errungen. Denn Repression war nicht die einzige Methode der Herrschenden, um die 68er wieder einzufangen – es wurden auch Reformen zugestanden. In Deutschland beispielsweise war die kurze „Reform&#228;ra“ unter Willy Brandt ein Resultat der Studierendenrevolte und des darauf folgenden Aufschwungs von ArbeiterInnenk&#228;mpfen. Auch der Abzug der US-Armee aus Vietnam ist das Ergebnis von drei miteinander kombinierten Bewegungen: der bewaffneten Widerstandsbewegung der VietnamesInnen, der Friedensbewegung – vor allem in den USA, aber auch im Rest der Welt – und dem Widerstand innerhalb der amerikanischen Streitkr&#228;fte. Direktes Resultat war, dass die US-Armee jahrelang nicht mehr in anderen L&#228;ndern interveniert hat</p>
<p><em>’68 und heute: Wo siehst du Parallelen, wo Unterschiede?</em></p>
<p>Genau wie 1968 gibt es auch heute wieder global agierende Bewegungen – zu nennen sind vor allem die Globalisierungskritische Bewegung und die von vielen ihrer AktivistInnen getragenen weltweiten Anti-Kriegs-Proteste.<br />
Die Bewegungen Anfang des 21. Jahrhunderts waren von den Zahlen her viel gr&#246;&#223;er als 1968. An der gro&#223;en Demonstration gegen den drohenden Angriff auf den Irak am 15. Februar 2003 nahmen weltweit elf Millionen Menschen teil, Hunderttausende demonstrierten in Seattle, Genua, Heiligendamm und vielen anderen Orten gegen die kapitalistische Globalisierung. Wenn wir noch die unz&#228;hligen Menschen hinzuz&#228;hlen, die auf den verschiedenen Weltund Europ&#228;ischen Sozialforen miteinander diskutiert haben, dann stellt die Breite des Aktivismus 1968 in den Schatten. Der entscheidende Unterschied liegt aber in der Frage der Strategie der Gesellschaftsver&#228;nderung. 1968 platzte der franz&#246;sische Generalstreik in die Debatten der antikapitalistischen Minderheit. Die ArbeiterInnenbewegung wurde so zum strategischen Fokus, allgemein anerkannt als zentrale Kraft um die Gesellschaft grundlegend zu ver&#228;ndern.<br />
Heute sind wir in einer Phase, in der die ArbeiterInnenbewegung erst anf&#228;ngt, sich von schweren Niederlagen und organisatorischen Krisen zu erholen. Oftmals werden Gewerkschaften, gerade wenn sie noch stark in sozialpartnerschaftlichen Traditionen verhaftet sind, als konservative Kraft wahrgenommen. Zwischen der potentiellen Macht der Klasse und ihrer realen Aus&#252;bung klafft eine gro&#223;e L&#252;cke.<br />
Deshalb gibt es keine klare Antwort auf die Frage: Wer hat die Macht, die Welt grundlegend zu ver&#228;ndern?<br />
Dabei geht es der Masse der lohnabh&#228;ngig Besch&#228;ftigten nach 30 Jahren neoliberaler Angriffe viel schlechter als 1968. Das f&#252;hrt auf der einen Seite zu Demoralisierung und Zersplitterung der ArbeiterInnenbewegung. Auf der anderen Seite bedeutet dies aber auch, dass eine Revolte wie ’68 weiter ausgreifen k&#246;nnte, weil die Kritik am globalen Kapitalismus viel allgemeiner ist. Wir sind in einer Zwischenphase zwischen gro&#223;en Revolten – wie die n&#228;chste aussieht wird auch davon abh&#228;ngen, ob es die Linke schafft, die Br&#252;cke zwischen der konkreten Lebenssituation der ArbeiterInnenklasse und einer radikalen Kritik des Kapitalismus zu schlagen.</p>
<p>Das Interview ist zuerst erschienen in <em><a href="http://www.marx21.de" target="_blank">marx21. Magazin f&#252;r internationalen Sozialismus</a> </em>5 (2008).</p>
<p>Mit freundlicher Genehmigung von <em>marx21.</em></p>
<p>Chris Harman ist Herausgeber des in London erscheinenden <em><a href="http://www.isj.org.uk" target="_blank">International Socialism Journal</a>.</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2008/05/05/mehr-als-eine-studierendenrevolte/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die Gleichzeitigkeit der Revolte</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/05/05/die-gleichzeitigkeit-der-revolte/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2008/05/05/die-gleichzeitigkeit-der-revolte/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:56:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 5]]></category>
		<category><![CDATA[1968]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Kämpfe]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.com/artikel/die-gleichzeitigkeit-der-revolte/</guid>
		<description><![CDATA[<em>Veronika Duma</em> sprach mit dem Sozialhistoriker <em>Marcel van der Linden</em> &#252;ber die globalgeschichtliche Perspektive auf 1968, die Zusammenh&#228;nge von ArbeiterInnen- und Studierendenrevolte und die Bedeutung der Chiffre 1968 f&#252;r die Linke heute.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Veronika Duma</em> sprach mit dem Sozialhistoriker <em>Marcel van der Linden</em> &#252;ber die globalgeschichtliche Perspektive auf 1968, die Zusammenh&#228;nge von ArbeiterInnen- und Studierendenrevolte und die Bedeutung der Chiffre 1968 f&#252;r die Linke heute.<br />
<span id="more-104"></span><br />
<em>In dem Sammelband „Weltwende 1968“ beleuchtet ihr das Jahr 1968 aus globalgeschichtlicher Perspektive. Warum ist es gerechtfertigt – bei aller Vielfalt und Ungleichzeitigkeit der Ereignisse um 1968 – von einem globalgeschichtlichen Ansatz auszugehen bzw. gegen welche anderen Deutungen und Herangehensweisen richtet sich der globalgeschichtliche Ansatz?</em></p>
<p>Was auff&#228;llt ist, dass es um 1968 &#252;berall in der Welt zu einem Aufleben des Protestes von Studierenden und von ArbeiterInnen kam – wir sehen 1968 dabei als eine Chiffre, die ungef&#228;hr eine Periode zwischen 1965 und 1975 bezeichnet. Das kann Zufall sein, das ist m&#246;glich. Aber ich gehe davon aus, dass es kein Zufall ist, sondern dass es urs&#228;chliche Zusammenh&#228;nge gibt, die untersucht werden m&#252;ssen, um diese Gleichzeitigkeit zu erkl&#228;ren. Die traditionelle  Geschichtsschreibung beschr&#228;nkt sich nur auf den nordatlantischen Raum. Es gibt viele  Zwei-L&#228;nder-Vergleiche, wobei sich diese haupts&#228;chlich mit L&#228;ndern wie den USA, England, Frankreich, Deutschland oder Italien besch&#228;ftigen. Sehr selten kommt vielleicht noch Japan  hinzu, aber Lateinamerika, Afrika oder gro&#223;e Teile Asiens kommen in der Analyse eigentlich nicht vor. Dann sieht man diese Gleichzeitigkeit, diese globalen Gegebenheiten gar nicht, und  folglich werden diese auch nicht zu einer Frage. Insofern kann man den Sammelband auch als Intervention verstehen, als Versuch zu zeigen, dass es dieselben Entwicklungen auch in  anderen Teilen der Welt gegeben hat. Dadurch kann eine neue Sicht auf diese Periode entstehen.</p>
<p><em>Wie schon angesprochen wird 1968 in diesem Buch als Chiffre gehandhabt, die f&#252;r einen l&#228;ngeren Zeitraum gesellschaftlicher Umbr&#252;che, Rebellionen und politischer Mobilisierung steht. Auf die Frage, wie weit dieser Zeitraum gefasst werden soll, gibt es unterschiedliche Antworten, die nicht zuletzt R&#252;ckschl&#252;sse auf die allgemeine Deutung von 1968 zulassen.  Welche Periodisierung w&#252;rden Sie vorschlagen, und warum?</em></p>
<p>Ich habe mich an der Frage orientiert, wann sich das Aufleben der Proteste denn eigentlich transkontinental artikuliert hat. Ich w&#252;rde sagen, dass dies in der zweiten H&#228;lfte der 1960er Jahre deutlich wird. Als eines der allerersten Anzeichen w&#228;re da vielleicht das „Mississippi  Summer Project“ in den USA 1964 zu nennen. Von diesem Zeitpunkt an nimmt die Intensit&#228;t der Proteste zu. Es gibt vergleichende Studien &#252;ber Streikverhalten, aus denen hervorgeht,  dass in dieser Periode in vielen Teilen der Welt ein Aufleben von ArbeiterInnenk&#228;mpfen sichtbar wird. Gleichzeitig gibt es sehr viele studentische Bewegungen, ebenfalls zuerst wieder in den USA und sp&#228;ter dann in anderen Teilen der Welt. In Mexiko z.B. werden 1968 mindestens  f&#252;nfzig StudentInnen von der Polizei ermordet; in Argentinien kommt es 1969 zu dem so genannten Cordobazo, bei dem die Stadt Córdoba von ArbeiterInnen in Zusammenarbeit mit  StudentInnen zu einem befreiten Gebiet erkl&#228;rt wurde. So zeichnet sich eine Welle ab, die  etwa 1974/75 abebbt – um 1976 ist es dann vorbei. In Europa sieht man das z.B. an dem  ver&#228;nderten Streikverhalten, aber auch an Niederlagen der sehr ma&#223;geblichen radikalen Linken, etwa in Italien mit den Wahlen von 1976. Die Periodisierung bleibt immer ein bisschen willk&#252;rlich, weil jeder Protest nat&#252;rlich seine Vorgeschichte hat. Es gibt eigentlich keine richtig guten Kriterien und Ma&#223;st&#228;be die man verwenden kann, um zu sagen: „genau da hat die Bewegung angefangen“. Aber weitgehend besteht Einigkeit dar&#252;ber, 1968 als Chiffre f&#252;r eine Periode von  etwa acht bis zehn Jahren zu verstehen.</p>
<p><em>Der Titel Ihres Beitrages lautet: „1968: Das R&#228;tsel der Gleichzeitigkeit“. Welche  Erkl&#228;rungsans&#228;tze schlagen Sie vor, um die Synchronit&#228;t, um 1968 im Weltma&#223;stab zu begreifen?</em></p>
<p>Erstmal m&#246;chte ich sagen, dass mein Aufsatz sehr tentativ ist und eine genauere Analyse erst noch vorgenommen werden m&#252;sste. Ich w&#252;rde drei Faktoren vorschlagen, die uns helfen k&#246;nnten, 1968 im Weltma&#223;stab zu verstehen. Erstmal gibt es eine weltweite Expansion des  Bildungssektors. Die L&#228;nder mit wenig wirtschaftlichem Wachstum erlebten ebenso eine Expansion des Bildungssektors wie die reichen, avancierten kapitalistischen L&#228;nder. Es gibt  verschiedene Ans&#228;tze zur Erkl&#228;rung, warum das so sein k&#246;nnte. Immer mehr Leute werden alphabetisiert, die Zahl der Sch&#252;lerInnen an den Gymnasien steigt und die Universit&#228;ten  expandieren. Die Expansion des Bildungssektors hat mehrere Auswirkungen: wenn die relative Zahl der Studierenden sehr stark zunimmt, dann nimmt nat&#252;rlich auch ihre gesellschaftliche Bedeutung zu. Das zweite ist, dass durch diese Expansion ganz neue Gesellschaftsschichten in  der Universit&#228;t vertreten sind. Als es noch die kleinen Eliteuniversit&#228;ten gab, waren die meisten Studierenden Kinder von Studierenden. Aber in den sp&#228;ten 50er und 60er Jahren sieht man  weltweit, dass immer mehr Kinder aus anderen Schichten auch auf die Unis kommen. Diese haben oft ein anderes Verh&#228;ltnis zum Studium als AkademikerInnen. Damit h&#228;ngt auch die Entwicklung eines gewissen gewerkschaftlichen Bewusstseins zusammen. In vielen L&#228;ndern kommt es zur Bildung von StudentInnengewerkschaften. Die &#228;lteste ist nat&#252;rlich die Unef in Frankreich. Auch in Holland, in vielen romanischen L&#228;ndern, in Lateinamerika oder in Teilen  S&#252;dostasiens hat es solche Gewerkschaften gegeben. Durch die Massifizierung der Universit&#228;ten wurden die Verh&#228;ltnisse immer mehr anonymisiert. In einer Eliteuniversit&#228;t war es  normal, dass ein Professor seine StudentInnen alle pers&#246;nlich kannte. Es gab auch immer nur ganz wenige Studierende um den Professor herum. Es gab vielleicht noch einen Assistenten,  aber noch keine Zwischenschicht, wie sie sp&#228;ter, mit dem Wachsen der Universit&#228;ten entstanden ist. Zwischen den Professoren und den Studierenden befindet sich eine Schicht  von DozentInnen, a.o. Professoren, wie sie in &#214;sterreich hei&#223;en, usw. Es kommt zudem zu Quantifizierungen, Formalisierung und zu einer Anonymisierung. Die Uni erh&#228;lt immer mehr einen betrieblichen Charakter. Dann wird auch ein gewerkschaftliches Verhalten naheliegender.<br />
Der zweite Faktor, den ich in Betracht ziehe, ist die wirtschaftliche Entwicklung. Nach dem zweiten Weltkrieg kam es zu einer langen Welle wirtschaftlichen Wachstums. Das gilt sowohl f&#252;r die hoch entwickelten kapitalistischen L&#228;nder als auch f&#252;r die weniger entwickelten kapitalistischen L&#228;nder. Das gilt ebenso f&#252;r den so genannten realen Sozialismus. Das Wirtschaftswachstum hielt bis Anfang der 60er Jahre an, w&#252;rde ich sagen. Das war ein weltweites Ph&#228;nomen. Mit dem Anstieg des Wohlstands ging dann beispielsweise die Entwicklung einer neuen  Konsumorientierung einher. Es entstand auch zum ersten Mal in der Geschichte eine Jugendkultur. Auf einmal gab es spezielle Kleidung und Musik f&#252;r Jugendliche – vor 1960 war das alles nicht so. Die Jugendlichen entwickelten ihre eigenen Subkulturen. Ein anderer Aspekt ist, dass, wenn das Wirtschaftswachstum anh&#228;lt, die Erwartungen bez&#252;glich  Lohnerh&#246;hungen und wachsendem Wohlstand steigen. Wenn diese dann entt&#228;uscht werden, kann gro&#223;e Unzufriedenheit entstehen. Mitte der 1960er Jahre sehen wir die ersten Anzeichen  einer Krise im Akkumulationsprozess. Die Krise mag dazu beigetragen haben, dass es weltweit eine Intensivierung der Arbeitsk&#228;mpfe gegeben hat. Nat&#252;rlich spielen auch die  Arbeitsverh&#228;ltnisse im Fordismus, die von Anonymisierung und Formalisierung gekennzeichnet sind, eine Rolle.<br />
Der letzte Faktor, den ich nenne, ist die Dekolonisation und ihre Auswirkungen. Der Prozess der Dekolonisation ging mit der Entstehung von Studierendenbewegungen in Afrika, Asien usw. einher. Gleichzeitig wurden StudentInnen in den reicheren L&#228;ndern von den verschiedenen  Rebellionen inspiriert, von Che Guevara, den Befreiungsbewegungen in Mosambik, von der Kubanischen Revolution – David Mayer schreibt dar&#252;ber in diesem Sammelband. Vor allem in Lateinamerika spielte diese Revolution eine wichtige Rolle. Auch die chinesische Kulturrevolution hatte weltweite Auswirkungen. Von vielen Menschen im Westen wurde sie falsch interpretiert und als anti-b&#252;rokratischer Massenkampf verstanden. Schon Mitte der 1960er Jahre gab es in  vielen Teilen der Welt maoistische Gruppen, die sehr aktiv waren. Dazu z&#228;hlen etwa die Naxaliten in Indien. Die Gruppe hat sich 1967 in dem Dorf Naxalbari gegr&#252;ndet. Auch in Sri Lanka gab es Maoisten…<br />
Alle diese Entwicklungen und Ereignisse kulminierten im Jahre 1968: es gab den Pariser Mai, den Prager Fr&#252;hling, die Tet-Offensive in Vietnam, das Massaker in Mexiko usw.</p>
<p><em>In der allgemeinen Erinnerung wird das Jahr 1968 meist mit StudentInnenrebellionen in Verbindung gebracht. In Ihrem Artikel betonen Sie vor allem die proletarische Dimension von 1968. Wieso erhielten die ArbeiterInnenk&#228;mpfe bisher so wenig Aufmerksamkeit und warum ist es wichtig, diesem Aspekt gr&#246;&#223;ere Beachtung zu schenken?</em></p>
<p>Also ich glaube, Intellektuelle schreiben gerne &#252;ber Intellektuelle. So wie JournalistInnen gerne &#252;ber JournalistInnen schreiben. Oft sind die Ereignisse um 1968 Teil ihrer eigenen Autobiographie. Ich meine, dass man nicht &#252;ber den Pariser Mai schreiben kann, wenn die ArbeiterInnenk&#228;mpfe im Mai, Juni 1968 nicht erw&#228;hnt werden. Das w&#228;re eine Verzerrung der Wirklichkeit. Das gleiche gilt nat&#252;rlich f&#252;r den hei&#223;en Herbst in Italien 1969 usw.</p>
<p><em>Sie betonen, dass es in manchen L&#228;ndern zu einem Zusammenschluss von ArbeiterInnen und StudentInnen kam und in anderen nicht. Was k&#246;nnten Gr&#252;nde daf&#252;r sein, dass unter  bestimmten Umst&#228;nden Koalitionen zwischen StudentInnen und ArbeiterInnen m&#246;glich waren und unter anderen Umst&#228;nden nicht?</em></p>
<p>Es gibt viele Faktoren, die da eine Rolle spielen. Ein Aspekt betrifft die Kommunikation der Studierenden mit den ArbeiterInnen. Es gibt empirische Hinweise darauf, dass StudentInnenbewegungen, bei denen ein gro&#223;er Anteil der Studierenden aus der Unterschicht  kommt, sich eher mit ArbeiterInnenk&#228;mpfen verbinden. Die Forderungen von Studierenden werden je nach ihrer gesellschaftlichen Lage unterschiedlich sein. Wenn StudentInnen aus  ArbeiterInnenmilieus oder Bauernmilieus kommen, werden sie im Allgemeinen auch umso eher praktische Interessen in den Vordergrund stellen, etwa die Organisation des Studiums, die Kosten, die Studiengeb&#252;hren usw., w&#228;hrend aus den h&#246;heren Milieus ganz andere, etwas freischwebende Kritik kommt. Auf der anderen Seite m&#252;ssen nat&#252;rlich auch die Gewerkschaften eine Zusammenarbeit erlauben. In Deutschland war es ja so, dass die Gewerkschaften stark  zentralisiert waren und deshalb die zentrale Gewerkschaftsb&#252;rokratie direkten Einfluss auf die Basis haben konnte. Oft wurde ein Dialog zwischen ArbeiterInnen und StudentInnen bewusst  unm&#246;glich gemacht. Ausnahmen gab es nur ab und zu, z.B. als die IG Metall 1967-68 die Kampagne gegen die Notstandsgesetze mitgetragen hat. Im Allgemeinen ist die Aussage  zutreffend, dass, je st&#228;rker und je zentralisierter eine Gewerkschaft ist, umso weniger wird sie eine Zusammenarbeit mit StudentInnen erm&#246;glichen. Wenn eine Gewerkschaft sehr dezentral  funktioniert, k&#246;nnen verschiedene Ortsgruppen ihre eigenen Sachen machen, was die M&#246;glichkeit von Zusammenarbeit f&#246;rdert. Je schw&#228;cher die Gewerkschaft ist, desto mehr  profitiert sie von der Unterst&#252;tzung anderer. Ich glaube, darin liegt zum Teil die Erkl&#228;rung, warum z.B. in Italien eine Koalition zwischen StudentInnen und ArbeiterInnen &#246;fter  vorgekommen ist als etwa in Deutschland.</p>
<p><em>Welche L&#228;nder, vor allem au&#223;erhalb Europas, w&#228;ren ein gutes Beispiel f&#252;r so eine Koalition?</em></p>
<p>Argentinien 1969, Córdoba, ist, denke ich, ein sehr gutes Beispiel. Es gab auch in S&#252;dafrika, zwischen schwarzen StudentInnen und Gewerkschaften gute Zusammenarbeit. In vielen F&#228;llen haben auch entweder Studierende oder ArbeiterInnen im Alleingang rebelliert.</p>
<p><em>In Ihrem Beitrag widmen Sie sich haupts&#228;chlich StudentInnenund ArbeiterInnenbewegungen. Wie ordnen Sie jene Bewegungen ein, die unter dem Begriff „neue soziale Bewegungen“ zusammengefasst werden (z.B. Frauen-,  B&#252;rgerInnenrechts- oder Friedensbewegung)? </em></p>
<p>Also erstmal grunds&#228;tzlich: neue soziale Bewegungen gibt es nicht. Ich bin der Meinung, dass der Begriff irref&#252;hrend ist. In dem Buch „Transnational Labour History“ erkl&#228;re ich diese Behauptung genauer. Wenn die verschiedenen Protestformen historisch studiert werden, dann  wird erkennbar, dass die so genannten neuen sozialen Bewegungen gar nicht so neu sind. Der Begriff sollte ja im Wesentlichen dazu dienen, alte soziale Bewegungen, wie etwa die  ArbeiterInnenbewegung, von den neuen Bewegungen abzugrenzen, um ihre vermeintliche Andersartigkeit, z.B. ihre Expressivit&#228;t, hervorzuheben. Der amerikanische Soziologe Craig  Calhoun hat einen Artikel mit dem Titel „New social movements in the early nineteenth century“ geschrieben. Er zeigt, dass die alten Bewegungen genauso auf Selbstexpressivit&#228;t  zielten wie die so genannten neuen sozialen Bewegungen jetzt. Es ist wahrscheinlich, dass, wenn es eine Welle von Massenprotesten gibt, am Anfang der expressive und k&#252;nstlerische  Aspekt ganz wichtig ist. Mit der Zeit durchl&#228;uft die Bewegung oft eine Routinisierung und expressive Aspekte werden geschw&#228;cht. Ich denke, genau das konnten wir in den 60er Jahren  beobachten. Es gab alte Bewegungen wie Gewerkschaften und die Sozialdemokratie, dann entstanden neue, expressivere Bewegungen. Aber die Themen und die Aktionsmittel dieser  Bewegungen sind nicht sehr weit von jenen &#228;lterer Bewegungen entfernt. Der amerikanische Soziologe Charles Tilly kommt zu der Folgerung, dass es eigentlich nur wenige Innovationen in  der Protestwelle von 1966 bis 1976 gegeben hat. Eine davon sei, dass die Eroberung des &#246;ffentlichen Raumes wichtiger geworden ist, d. h. es kam zu Platzbesetzungen,  Institutsbesetzungen etc. Aber zu den so genannten neuen sozialen Bewegungen: Die Frauenbewegung ist ja zum gr&#246;&#223;ten Teil eine Reaktion auf das Macho-Verhalten in der  StudentInnenbewegung und vielleicht auch in der ArbeiterInnenbewegung. Sie sprach auch M&#228;ngel in den fr&#252;heren Bewegungen um 1968 an. An dieser Stelle muss erw&#228;hnt werden, dass  es Frauenbewegungen ja auch schon fr&#252;her gab, n&#228;mlich in den 1920er Jahren und im 19. Jahrhundert. Mitte der 1960er Jahre entstanden wieder Ans&#228;tze einer Bewegung, aber die neue Frauenbewegung hat in den meisten L&#228;ndern eigentlich erst so um 1969 ihren Anfang genommen. Auch die Umweltbewegung bildete sich erst nach 1968. Es gab zwar schon davor ein paar Leute, die erkannt haben, dass das Umweltproblem wichtig werden w&#252;rde. Aber im Weltma&#223;stab ist die Umweltbewegung eigentlich erst Ende der 1970er und in den 1980er Jahren<br />
wichtig geworden. Diese Bewegungen stellen sehr wichtige Aspekte der Protestwellen dar.</p>
<p><em>Der Titel der Sammelbandes – „Weltwende 1968?“ – verweist auf die Frage, ob die Ereignisse um 1968 zu einer solchen Wende f&#252;hrten, ob diese globale Ver&#228;nderungen mit sich brachten. Kann 1968 Ihrer Meinung nach als Weltwende verstanden werden? Wenn ja, inwiefern und an welchen Auswirkungen im Weltma&#223;stab w&#252;rden Sie diese festmachen?</em></p>
<p>Hm, das ist die Gretchenfrage. Ich denke, die Bewegung ist als solche in einer Niederlage geendet. Emanzipation, Frauenbefreiung, ArbeiterInnenr&#228;te, da ist noch ein weiter Weg zu gehen. Wir sehen nat&#252;rlich auch, dass viele der M&#228;nner und Frauen, die damals aktiv waren,  ins andere Lager gewechselt sind. Joschka Fischer z.B., und wie sie alle hei&#223;en. Das ist schon schlimm. Gerade habe ich gelesen, dass der neue Chefredakteur vom Springerkonzern ein alter Autonomer ist, Thomas Schmid… Auf der anderen Seite denke ich, dass diese Bewegung vieles bewirkt hat. Man muss sehen, dass 1968 kulturelle Auswirkungen gehabt hat. So wurden etwa autorit&#228;re Verh&#228;ltnisse angekratzt, im Arbeitsverh&#228;ltnis, im Studium usw., auch wenn diese  Ver&#228;nderungen nicht so weit gegangen sind, wie es wahrscheinlich eigentlich gewollt war. Trotzdem sind wichtige &#196;nderungen passiert. Aber es gibt einen Haken daran. Mit der &#220;berwindung der alten autorit&#228;ren Verh&#228;ltnisse – obwohl das System nat&#252;rlich letztendlich autorit&#228;r bleibt – kam es gleichzeitig zu einem Modernisierungsschub des Kapitalismus. Das hat zu einer Pervertierung der Ideale der Bewegungen von damals gef&#252;hrt. Ein Beispiel ist das Ideal der Selbstentfaltung, das jetzt zu „jeder ist Unternehmer seiner selbst“ umformuliert wurde. Das macht die Auswirkungen von 1968 ambivalent. Ich glaube schon, dass es positive Einfl&#252;sse gegeben hat, aber gleichzeitig hat es auch – weil die Bewegungen im gro&#223;en Ma&#223;stab letztendlich in einer Niederlage geendet sind – dazu beigetragen, den Kapitalismus zu modernisieren.</p>
<p><em>In heutigen sozialen Bewegungen wird an das Jahr 1968 oftmals nur als einem fernen Erinnerungsort gedacht. Kann ein Bezug zu aktuellen K&#228;mpfen hergestellt werden? Was k&#246;nnen wir von den 68er Protesten lernen? Was kann die neue „neue Linke“ von der alten „neuen Linken“ lernen?</em></p>
<p>Ich w&#252;rde erst einmal feststellen, dass in dieser Protestwelle von etwa zehn Jahren in gro&#223;en Teilen der Welt zwei wesentliche Einfl&#252;sse auszumachen sind. Auf der einen Seite gab es direkt-demokratische Tendenzen. Das zeigt sich etwa an den zahlreichen Massenversammlungen, wo alle reden konnten, an den teach-ins sowie an den Versuchen, Arbeitsverh&#228;ltnisse zu demokratisieren und dergleichen mehr. Andererseits gab es die Tendenz zu Hierarchisierung und Zentralisierung, etwa in Form von Kaderparteien, ML-Gruppen usw. Beide Tendenzen traten gleichzeitig auf. Ich glaube wir k&#246;nnen – obwohl ich sp&#228;ter selber in der IV. Internationale war – mehr von den direkt-demokratischen Ans&#228;tzen als von den Parteiaufbau &#8211; Ans&#228;tzen lernen. Aber das h&#228;ngt auch damit zusammen, dass ich denke, dass jetzt nicht der richtige Moment ist, um eine Partei aufzubauen. Ich glaube, was die Linke jetzt tun kann, in Verh&#228;ltnissen wie z.B. in &#214;sterreich oder den Niederlanden, ist, vor allem Initiativen, wie etwa exemplarische  Aktionen, zu starten, die zum Nachdenken anregen oder enth&#252;llen. Parallel dazu m&#252;ssen die gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse analysiert werden, um zu verstehen, was los ist. In einem  sp&#228;teren Stadium k&#246;nnen dann daraus vielleicht Ans&#228;tze f&#252;r eine breitere Organisation entwickelt werden. Bei der Theorieentwicklung k&#246;nnen wir, denke ich, einige Ans&#228;tze der 68er wieder aufgreifen, die vernachl&#228;ssigt worden sind. Insbesondere finde ich ein breites Interesse, nicht nur an politischer &#214;konomie usw., sondern auch an Psychologie, Kultur, Musik, wie es in den 68ern existiert hat, sehr wichtig. Man muss verstehen, dass im ganzen gesellschaftlichen Spektrum eine Alternative entwickelt werden muss, und dass man bei Protesten Fantasie haben muss.</p>
<p><em>1968 wird im Gedenkjahr hei&#223; diskutiert. Wie w&#252;rden Sie den Umgang mit dem Thema im Jubil&#228;umsjahr (in Medien, &#246;ffentlichen Debatten etc.) einsch&#228;tzen?</em></p>
<p>Vieles wird da ja noch kommen… Ich sehe verschiedene Tendenzen. Es gibt eine Tendenz, die behauptet, 1968 w&#228;re schrecklich gewesen, das Vorspiel vom Terrorismus sozusagen. Wolfgang Kraushaar behauptet z.B., dass Rudi Dutschke eigentlich schon ein Vorl&#228;ufer der RAF war. Ein weiteres Beispiel ist nat&#252;rlich G&#246;tz Aly mit seinem Buch „Unser Kampf“… der war aber eigentlich gar kein 68er, sonder ein 74er oder so, der auch eine Zeit bei den Maoisten war. Ich finde, das ist alles Unsinn. Das ist Quatsch. Es ist sehr bedauerlich, dass Menschen versuchen, etwas so in den Dreck zu zerren.<br />
Die andere Tendenz ist vielleicht genauso schlimm. Es handelt sich um die alten 68er, die jetzt in romantisierender und harmonisierender Weise auf 1968 blicken und die Geschehnisse und Ideen damit gleichzeitig ungef&#228;hrlich machen.<br />
Eine dritte Tendenz gibt es auch. Es ist die der seri&#246;sen Aufarbeitung, auch, um daraus zu lernen. Vieles war sehr gut an 1968. Wir m&#252;ssen aber auch verstehen, was falsch gelaufen ist, also die Fehler verstehen, die gemacht wurden, ohne dabei das Kind mit dem Bade auszusch&#252;tten. Die guten Elemente sollten bewahren werden.</p>
<p><em>Zum Abschluss noch eine pers&#246;nliche Frage. Was tat Marcel van der Linden 1968?</em></p>
<p>Ich bin ja erst von 1952. 1968 war ich sechzehn Jahre alt. Aber ich kann erz&#228;hlen, dass auch bei mir etwas mirakul&#246;ses geschehen ist. Ich komme aus einem sehr konservativen Milieu, mein Vater war ein gro&#223;er Bewunderer der Nato. Er ging jedes Jahr zu einer Musikshow, die von der Nato veranstaltet wurde. Ich ging damals mit und war auch begeistert von der Nato. 1968 ist aber anscheinend was geschehen. Sehr gegen den Willen meines Vaters bin ich dann Mitglied bei der so genannten pazifistisch-sozialistischen Partei geworden. Die gibt es heute nicht mehr, aber damals hatte sie Sitze im Parlament – das war so das Radikalste, was wir hatten. Seitdem bin ich im Lager der radikalen Linken geblieben. Warum das nun genau so geschehen ist, wei&#223; ich nicht. Vielleicht handelt es sich dabei um eine breitere Frage: Kann man eigentlich bei sich selber rekonstruieren, warum man auf einmal einen anderen Standpunkt einnimmt als zuvor? Diese Frage m&#252;ssen sich die richtigen 68er nat&#252;rlich auch stellen. Was ist denn eigentlich mit mir geschehen damals, dass ich, als kleinb&#252;rgerlicher Konservativer oder so, pl&#246;tzlich radikal war und in einer Kommune leben wollte und all diese Dinge.</p>
<p><em>Vielen Dank f&#252;r das Interview!</em></p>
<p>Marcel van der Linden ist Forschungsdirektor des Internationalen Instituts f&#252;r Sozialgeschichte in Amsterdam und zur Zeit Gastprofessor am Institut f&#252;r Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Wien.<br />
Zuletzt erschien von ihm <em>Transnational Labour History</em>. <em>Explorations</em>, Aldershot 2003, sowie <em>Western Marxism and the Soviet Union. A survey of critical theories and debates since 1917</em>, Leiden 2007.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2008/05/05/die-gleichzeitigkeit-der-revolte/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>1968 oder Der Konflikt um die Demokratie</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/05/05/1968-oder-der-konflikt-um-die-demokratie/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2008/05/05/1968-oder-der-konflikt-um-die-demokratie/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:55:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 5]]></category>
		<category><![CDATA[1968]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[StudentInnenbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Universität]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.com/artikel/1968-oder-der-konflikt-um-die-demokratie/</guid>
		<description><![CDATA[<em>Alex Demirovic </em>&#252;ber den demokratischen Charakter der Studierendenbewegung in Westdeutschland 1968 und die falschen Vorw&#252;rfe, die ihr vierzig Jahre sp&#228;ter gemacht werden.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Alex Demirovic </em>&#252;ber den demokratischen Charakter der Studierendenbewegung in Westdeutschland 1968 und die falschen Vorw&#252;rfe, die ihr vierzig Jahre sp&#228;ter gemacht werden.<br />
<span id="more-105"></span><br />
Vierzig Jahre nach 1968 gibt es erneut einen Streit um die politische Bedeutung der Protestbewegung der sp&#228;ten 1960er Jahre. G&#246;tz Aly, selbst aus der damals sich wieder formierenden radikalen Linken kommend und mittlerweile ein angesehener Historiker des Nationalsozialismus, geht, wie andere vor ihm, auf Distanz zu seiner Geschichte, indem er in seinem j&#252;ngsten Buch, in Artikeln und Interviews nahegelegt, dass es zwischen der studentischen Protestbewegung und dem Nationalsozialismus eine intergenerationelle Gemeinsamkeit gegeben habe. Diese Gemeinsamkeit sieht er in der Kritik am System, in der politischen Form der Bewegung, im Antiamerikanismus, im Antisemitismus. Die Reaktion auf Alys Provokation f&#228;llt angemessen aus, der Mangel an Seriosit&#228;t dieser formalen Analogien wird zurecht zur&#252;ckgewiesen. Doch bedeutend an dem Vorgang ist, dass die „Ideen von 1968“, wie so oft in den vergangenen Jahrzehnten, wieder einmal Gegenstand einer geschichtspolitischen Auseinandersetzung geworden sind und dass es nicht gelingt, diese Jahre Vergangenheit sein zu lassen. Darin besteht tats&#228;chlich mehr als eine Analogie: wie der Nationalsozialismus verlangt auch „1968“, historisch und gesellschaftspolitisch Position zu beziehen &#8211; und dies ist der Fall, weil sie in einem inneren Zusammenhang stehen. „1968“ war der Gegensatz zum Nationalsozialismus. Dieses Schl&#252;sseljahr steht f&#252;r die gesellschaftspolitische Alternative: nachdem der Nationalsozialismus die sozialistische Linke in Deutschland vernichtet hatte, entstand sie „1968“ von innen und auf der H&#246;he der Zeit wieder neu. Das lie&#223; sie manchmal triumphalistisch und moralisierend-autorit&#228;r werden, so als k&#246;nne sie nachtr&#228;glich die tiefe Niederlage der deutschen und europ&#228;ischen Linken, so als k&#246;nne sie die Barbarei des millionenfachen Mordes durch den deutschen Staat die Protestbewegung aus der Geschichte streichen. Aber sie machte erfahrbar, dass die Normalit&#228;t des Kapitalismus, dass auch der Nationalsozialismus und seine Verbrechen politisch hergestellt war und es Entwicklungsperspektiven jenseits des Bestehenden gibt. Den Konflikt um „1968“ muss die Linke austragen, aber die Vorw&#252;rfe, die Aly erhebt, kann sie gelassen zur Kenntnis nehmen, denn kein einziger ist neu und wird durch Wiederholung nicht wahrer. Sie wurden innerhalb der Linken &#252;ber viele Jahre immer wieder diskutiert, die Zeitschrift „links“ des Sozialistischen B&#252;ros ver&#246;ffentlichte seit den 1970er Jahren viele Artikel zu diesem Problemkontext. Schon w&#228;hrend der Jahre der Protestbewegung gab es unter den akademischen Lehrern der Protestierenden diese Vorbehalte: Horkheimer sah in der Kritik am US-amerikanisch gef&#252;hrten Krieg in Vietnam Antiamerikanismus, der an die Stelle des offiziell verbotenen Antisemitismus getreten war, Habermas warf den Sprechern der Proteste angesichts ihres laxen Verh&#228;ltnisses zur Gewalt als Propagandamittel Linksfaschismus vor, Adorno beklagte sich, dass die Protestierer mit ihren Protestmethoden die Wissenschaftsfreiheit einschr&#228;nkten.</p>
<h3>Selbstaufkl&#228;rung und Selbsreflexivit&#228;t</h3>
<p>Man mu&#223; solche Kritiken ernst nehmen und die Geschichte und Gegenwart der Linken wieder und immer wieder auf autorit&#228;re Tendenzen pr&#252;fen. Das ist im Interesse der (sozialistischen) Linken selbst und ihres Projektes. Sie will die Gesellschaft emanzipieren und ver&#228;ndern; es geh&#246;rt zu ihrem Anspruch, f&#252;r ihre Ziele und ihr Handeln wissenschaftliche, also &#252;berpr&#252;fbare, allgemein einsehbare, kritische, verwerfbare Argumente zu haben. Doch was w&#228;re, wenn die, die f&#252;r Emanzipation eintreten, selbst autorit&#228;r sind? Es geh&#246;rt zu den bitteren Erfahrungen der Kritischen Theorie in den 1930er Jahren, da&#223; viele derjenigen, die aufgrund ihrer Parteimitgliedschaft als Sozialisten oder Kommunisten gelten konnten, autorit&#228;r orientiert und Mitl&#228;ufer der Macht egal welcher Richtung waren. Der sich aus einem solchen Wissen ergebende, selbstaufkl&#228;rerische Impuls, diese reflexive Wendung auf die eigene politische und theoretische Praxis sollten nicht aufgegeben werden. Sie sind ein ganz wesentliches Element, das die Protestbewegung der bundesdeutschen Linken erschlossen hat – diese sollte sich durch die Dummheit manipulatorischer Geschichtspolitiker die Praxis der Selbstaufkl&#228;rung nicht enteignen und dumm machen lassen. Selbstverst&#228;ndlich mu&#223; die Linke sich misstrauisch pr&#252;fen, ob in ihr autorit&#228;re Tendenzen enthalten sind. Das war 1968, in den proletarisch gewendeten Organisationen der Neuen Linken, den Gr&#252;nen der Fall: es gab Antisemitismus, es gab politischen Kadavergehorsam, es gab Wendeh&#228;lse – aber es gab auch reale Aufkl&#228;rungs- und Emanzipationsprozesse. Es gab die Befreiungsversuche hin zu einer radikalen Alltagskultur in den Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, zwischen den Geschlechtern, eine Zur&#252;ckweisung des Heterosexismus und der Homophobie, Kritik an der Zerst&#246;rung der Natur und der sinnlosen Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft; Schule, Hochschule, Geschlechterverh&#228;ltnis sollten emanzipiert und demokratisiert werden. Wenn G&#246;tz Aly sagen will, da&#223; die Kr&#228;fte dieser Emanzipation noch zu sehr der Geschichte verhaftet blieben, noch zu wenig radikal waren, manches immer noch zu autorit&#228;r war, dann mu&#223; man sagen: recht hat er. Es hat nicht ausgereicht. Aber seine Kritik diskreditiert nicht das, was geleistet wurde, sondern die Kr&#228;fte und Verh&#228;ltnisse, die verhindert haben, dass nicht mehr erreicht wurde.</p>
<h3>Demokratisches Potential und sozialistische Traditionen</h3>
<p>Mit der parlamentarischen Demokratie arrangierten sich die Besiegten, die nur widerwillig Befreite sein wollten; auf vielen verantwortlichen Positionen der Politik, der Wirtschaft, der Justiz waren weiterhin fr&#252;here Nazi-Funktion&#228;re aktiv, die nun absurderweise in Anspruch nehmen durften zu definieren, was Demokratie sei. Das Verst&#228;ndnis von Demokratie blieb paternalistisch, formal, konventionell und autorit&#228;r. Die Protestbewegung machte mit der Demokratie Ernst. Unter den Studierenden hatten nach einer Studie, die J&#252;rgen Habermas und Ludwig von Friedeburg Ende der 1950er Jahre am Institut f&#252;r Sozialforschung durchgef&#252;hrt hatten, gerade einmal neun Prozent ein definitiv demokratisches Potential, 16 Prozent aber ein definitiv autorit&#228;res Potential, der Rest von 66 Prozent erwies sich als mehr oder weniger unprofiliert, war also empf&#228;nglich f&#252;r gesellschaftliche Ver&#228;nderungen in die eine oder andere Richtung. In einem solchen als Restauration erfahrenen Klima verbot 1961 die SPD ihren Parteimitgliedern, im SDS oder seiner F&#246;rderergesellschaft Mitglied zu sein. Mit der Einschr&#228;nkung der innerparteilichen Demokratie wollte man nach der Godesberger Wende der Partei den unbequemen Studentenverband und die sozialistischen und marxistisch orientierten Mitglieder der Partei loswerden. Gerade durch den Unvereinbarkeitsbeschlu&#223; jedoch wurde der SDS in den 1960er Jahren das Zentrum der gesellschaftlichen Opposition. Denn er bot einen politischen und Erkenntniszusammenhang, der es erm&#246;glichte, sich Marx, die Erfahrungen der sozialistischen Bewegung wieder anzueignen, also jene Tradition, die das deutsche B&#252;rgertum zu vernichten versucht hatte. Kritische Intellektuelle wie Georg Lukács, Leo Kofler, Ernst Bloch, Max Horkheimer, Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno konnten hier auf &#252;berraschende Weise Resonanz f&#252;r ihre Probleme und Argumente finden. Von b&#252;rgerlicher Seite wurde der Verdacht ge&#228;u&#223;ert, dass der SDS eine Organisation sei, die dem &#246;stlichen Totalitarismus zuarbeiten w&#252;rde. Doch selbst der CDU zuneigende Wissenschafter wie Rudolf Wildenmann und Max Kaase mussten als Ergebnis einer 1968 durchgef&#252;hrten Befragung feststellen, dass keine Gruppe der westdeutschen Gesellschaft so genau die Prinzipien der Demokratie verstand und so entschieden f&#252;r sie eintrat wie die Mitglieder des SDS. Dieser hatte seine demokratische Haltung schon l&#228;ngst bewiesen mit seiner Kampagne gegen die Notstandsgesetze, die ihn mit der IG-Metall unter Otto Brenner und mit linken Liberalen in einem B&#252;ndnis zur Verteidigung der Demokratie gegen ihre angeblichen Repr&#228;sentanten zusammenbrachte. Ein erster H&#246;hepunkt war der in Frankfurt im Oktober 1966 durchgef&#252;hrte Kongress „Notstand der Demokratie”, der das Ziel hatte, den bef&#252;rchteten Anf&#228;ngen zu wehren. An der Abschlusskundgebung nahmen 25.000 Menschen teil. Die gro&#223;e Koalition unter dem fr&#252;heren Nazi-Funktion&#228;r Kissinger l&#246;ste als eine zweifelhafte Allianz, von der bef&#252;rchtet wurde, dass sie hinter der parlamentarischen Fassade die Demokratie abwickeln w&#252;rde, Proteste aus: „Notstandsgesetze: Kapitalismus f&#252;hrt zum Faschismus” war eine der Parolen. Demokratie, so hie&#223; es in einem Flugblatt gegen die verbreitete Hetze gegen die Protestbewegung, hei&#223;e nicht Friedhofsruhe. Am 11. Mai 1968, in der Hochphase der weltweiten Protestbewegung, kam es in Bonn anl&#228;sslich der bevorstehenden dritten parlamentarischen Lesung der Notstandsgesetze zu einem Sternmarsch, an dem sich 60.000 Demonstranten beteiligten. In den folgenden Tagen fanden bundesweit Proteste, Kundgebungen, Demonstrationen, teach-ins, Universit&#228;tsbesetzungen statt. Erkl&#228;rt wurde, dass ein Staat zu bek&#228;mpfen sei, der die Demokratie beseitigen wolle. Diese Demonstrationen, die Sensibilisierung f&#252;r Gef&#228;hrdung demokratischer Prozesse und Verfahren, die Entstehung gegenkultureller Zusammenh&#228;nge und Alltagsgewohnheiten – das alles hat dazu beigetragen, dass sich mehr Menschen in den Parteien und Gewerkschaften organisierten und neue demokratische Beteiligungsformen etabliert wurden; die sozialen Bewegungen haben in den folgenden Jahrzehnten Millionen Menschen in den demokratischen Prozess hineingezogen.</p>
<h3>Wider die Denunziation</h3>
<p>Unter den Studierenden der 1990er Jahre war die Gruppe der Autorit&#228;ren nicht kleiner als Ende der 1950er Jahre, aber der Anteil der demokratisch Studierenden hatte deutlich auf ein Viertel zugenommen; und die am entschiedensten demokratisch Orientierten sahen sich auch am deutlichsten auf der linken Seite des politischen Spektrums. Dabei wird man sich nicht beruhigen k&#246;nnen, der Zugang zu gesellschaftlichen Machtpositionen, die sich aus Prozessen der Gesellschaftsver&#228;nderung im Namen der Freiheit ergeben, kann autorit&#228;re Anwandlungen beg&#252;nstigen. Doch die Linke und die politische Form der Bewegung umstandslos als autorit&#228;r und nationalsozialistisch zu denunzieren – davon zu sprechen, der Nationalsozialismus sei eine Bewegung gewesen, sitzt selbst schon der Nazi-Propaganda auf –, schw&#228;cht nicht nur die Praxis demokratischer Ver&#228;nderung, sondern auch die darin enthaltenen M&#246;glichkeiten selbstkritischer &#220;berpr&#252;fung und Korrektur.</p>
<p>Alex Demirovic lehrt Politikwissenschaft an der TU Berlin. Zuletzt ist von ihm erschienen: <em>Demokratie in der Wirtschaft. Positionen &#8211; Probleme &#8211; Perspektiven</em>, M&#252;nster 2007 sowie <em>Nicos Poulantzas. Aktualit&#228;t und Probleme materialistischer Staatstheorie</em>, M&#252;nster 2007.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2008/05/05/1968-oder-der-konflikt-um-die-demokratie/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Dimensionen der Rebellionen</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/05/05/dimensionen-der-rebellionen/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2008/05/05/dimensionen-der-rebellionen/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:54:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 5]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[1968]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[International]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.com/artikel/dimensionen-der-rebellionen/</guid>
		<description><![CDATA[Zum vierzigsten Geburtstag erscheint eine un&#252;berschaubare Menge an Ver&#246;ffentlichungen zu „1968“. <em>Felix Wiegand</em> stellt zwei Sammelb&#228;nde vor, die oft vernachl&#228;ssigte Dimensionen der Revolte in den Mittelpunkt r&#252;cken: „Weltwende 1968“ und „1968 und die Arbeiter“.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zum vierzigsten Geburtstag erscheint eine un&#252;berschaubare Menge an Ver&#246;ffentlichungen zu „1968“. <em>Felix Wiegand</em> stellt zwei Sammelb&#228;nde vor, die oft vernachl&#228;ssigte Dimensionen der Revolte in den Mittelpunkt r&#252;cken: „Weltwende 1968“ und „1968 und die Arbeiter“.<br />
<span id="more-106"></span><br />
Es ist angerichtet. Schon lange bevor sich der vermeintliche H&#246;hepunkt des Jahres 1968, der viel beschworene „Pariser Mai“, zum vierzigsten Mal j&#228;hrt, ist das Thema „1968“ in aller Munde; ZeitzeugInnen erinnern sich, HistorikerInnen rechnen ab, Talkshowg&#228;ste &#228;u&#223;ern sich und Zeitungen bringen Doppelseiten. Die in diesen Debatten offenkundig vorherrschende Wahrnehmung von „1968“ als einem von (west-)europ&#228;ischen und US-amerikanischen Studierenden ausgehenden, wenige Monate andauernden Ph&#228;nomen zu korrigieren und das Bild eines anderen „1968“ zu zeichnen, haben sich zwei in ihrem Ansatz durchaus verschiedenartige Sammelb&#228;nde zur Aufgabe gemacht: „Weltwende 1968. Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive” und „1968 und die Arbeiter. Studien zum ‚proletarischen Mai‘ in Europa“, herausgegeben von Jens Kastner und David Mayer bzw. Bernd Gehrke und Gerd-Rainer Horn.</p>
<h3>Leerstellen und Bausteine</h3>
<p>Den differenziertesten &#220;berblick &#252;ber m&#246;gliche Deutungsmuster von „1968“ bietet dabei zun&#228;chst „Weltwende 1968“, machen die beiden in Wien lebenden Herausgeber in ihrer Einf&#252;hrung doch explizit die Verk&#252;rzungen und Leerstellen g&#228;ngiger Interpretationen zum Ausgangspunkt f&#252;r ihre eigenen &#220;berlegungen. Statt also, wie im vorherrschenden Diskurs &#252;blich, „1968“ auf „Studentenunruhen“ oder einen „Generationenkonflikt“ zu reduzieren und somit den Fokus allein auf ganz bestimmte gesellschaftliche Gruppen zu richten oder durch die Einschr&#228;nkung auf Nordamerika und Westeuropa andere Weltregionen und Zusammenh&#228;nge jenseits nationalstaatlicher Grenzen zu &#252;bersehen, formulieren Kastner und Mayer das Vorhaben, insbesondere die Rolle der ArbeiterInnen in den Blick zu nehmen und dabei eine globalgeschichtliche Perspektive einzunehmen, die &#252;ber blo&#223;e „Fallstudien-Addition“ hinausgeht. Ebenfalls gegen verbreitete Deutungs- und Erinnerungsmuster richtet sich ihr Verst&#228;ndnis von „1968“ als „Chiffre“ f&#252;r „einen l&#228;ngeren Zeitraum verst&#228;rkter gesellschaftlicher Umbr&#252;che, sozialer und politischer Mobilisierungen und intellektueller wie k&#252;nstlerischer Erneuerung (…) – ein ‚transnational moment of change‘“ (10f.). Auch wenn &#252;ber die genauen Grenzen ihrer konkreten Datierung von „1968“ – vom Beginn der kubanischen Revolution 1959 bis zum „&#214;lschock“ und dem Putsch gegen Allende in Chile 1973 – sicherlich zu streiten w&#228;re, so erweist sich diese Periodisierung ob ihrer Breite schlussendlich ebenso als gewinnbringend wie der Wunsch, an die Stelle der mit den Worten „Erinnerung, Betroffenheit, Aufarbeitung und Abrechnung“ (8) treffend beschriebenen Form der gesellschaftlichen Debatte &#252;ber „1968“ eine neue „Historisierung“ treten zu lassen. Eine solche, der „Distanz im Blick“ verpflichtete Perspektive k&#246;nnte, so die Hoffnung von Kastner und Mayer, dazu beitragen, „1968“ f&#252;r linke und emanzipatorische Debatten anschlussf&#228;hig zu machen und dabei jene, dem gesellschaftlichen Status quo verpflichteten Deutungsmuster zu durchbrechen, die „1968“ entweder neokonservativ zum Ausgangspunkt allen &#220;bels erkl&#228;ren oder es als zwar notwendigen, in seiner Radikalit&#228;t jedoch &#252;bertriebenen Beginn einer im Jahr 1989 und dem Ende der Geschichte kulminierenden Liberalisierungs- und Modernisierungswelle westlicher Gesellschaften identifizieren.</p>
<h3>Bedingungen und Bewegungen</h3>
<p>Gegen derlei Verk&#252;rzungen oder Kooptationsversuche – und leider nicht immer ganz im Einklang mit den hohen, von den Herausgebern formulierten Anspr&#252;chen – wird „1968“ im Anschluss auf ca. 170 Seiten von insgesamt zw&#246;lf AutorInnen entlang von sechs bisher vernachl&#228;ssigten Dimensionen als einem globalen und transnationalen Ph&#228;nomen nachgegangen. Den Anfang macht dabei Marcel van der Linden, der die „rebellische Periode“ (23) um 1968 &#252;berblicksartig aus einem eher <em>strukturorientierten</em>, auf soziale und &#246;konomische Ver&#228;nderungsprozesse fokussierenden <em>Erkl&#228;rungsansatz </em>heraus untersucht und dabei <em>Das R&#228;tsel der Gleichzeitigkeit</em> insbesondere im Hinblick auf das Zusammentreffen von studentischem Protest und Formen des Arbeitskampfes zu l&#246;sen versucht. Demnach lassen sich auf struktureller Ebene drei Faktoren ausmachen, deren Zusammenwirken „1968“ erm&#246;glichte: das starke weltweite Wirtschaftswachstum der Nachkriegszeit und dessen langsames Erlahmen Ende der 1960er Jahre, die allgemeine Expansion des Bildungssektors sowie der sich nach 1945 rapide beschleunigende Prozess der Dekolonisierung. Die gro&#223;e H&#228;ufigkeit von Studierendenund ArbeiterInnenprotesten sowie ihr fast weltweites Auftreten in jener Zeit w&#228;ren, so die &#220;berlegung van der Lindens, aus der Verbindung dieser strukturellen Faktoren mit „externen“ Ereignissen wie der Kubanischen Revolution sowie mit wechselseitigen Lernprozessen der vielfach auch ideologisch transnational orientierten Bewegungen und Organisationen zu erkl&#228;ren. Im Gegensatz zu dieser schl&#252;ssigen These wirken van der Lindens knappe &#220;berlegungen zu den Umst&#228;nden, unter denen ein Zusammenkommen von Studierenden- und ArbeiterInnenprotesten „1968“ m&#246;glich bzw. wahrscheinlich war, indes etwas gar kurz geraten.<br />
Jedenfalls scheinen sie kaum in der Lage, die Situation in jenen beiden L&#228;ndern zu erkl&#228;ren, die in „Weltwende 1968“ exemplarisch f&#252;r die zweite, <em>proletarische Dimension von „1968“</em> stehen und in denen Koalitionen zwischen StudentInnen und ArbeiterInnen tats&#228;chlich eine bedeutsame Rolle spielten: Spanien und Italien. So zeigt Reiner Tossdorff unter dem Titel <em>Proletarischer und studentischer Protest unter Franco. 1968 in Spanien</em>, wie sich Studierenden- und ArbeiterInnenbewegungen hier bereits seit Mitte der 1950er Jahre in parallel verlaufenden Wellenbewegungen entwickelten und 1968 schlie&#223;lich in gemeinsamen Aktionen m&#252;ndeten. Auch wenn die spezifischen Bedingungen der Francodiktatur dabei auf das Aufkommen, die Form sowie den Verlauf der K&#228;mpfe einen entscheidenden Einfluss hatten, so war umgekehrt weder die weite Verbreitung so genannter Arbeiterkommissionen noch der Umstand, dass im Hinblick auf deren Aktivit&#228;ten „das Jahr 1968 nur einen von mehreren H&#246;hepunkten in einer aufsteigenden Phase [bildete]“ (202), auf Spanien beschr&#228;nkt. Vielmehr treffen beide Charakteristika auch auf <em>Das lange italienische 1968</em> zu, das Dario Azzellini in seinem Beitrag zu analysieren sucht. St&#228;rker noch als in Spanien und anderswo gelang es hier in der Hochphase studentischen Protests 1967-69, diesen mit den v. a. in den Industriest&#228;dten Norditaliens auftretenden Fabrikk&#228;mpfen zu verkn&#252;pfen. Wie Azzellini nachzeichnet, waren es die in jener Zeit entstandenen autonomen ArbeiterInnenstrukturen, die ein Fortf&#252;hren der K&#228;mpfe in den von versch&#228;rfter Repression, terroristischen Anschl&#228;gen von Rechts und zunehmender Radikalisierung der ArbeiterInnen gepr&#228;gten 1970er Jahren erm&#246;glichten und zugleich zum zunehmend klandestinen Rekrutierungsfeld militanten Widerstandes wurden. Der im Zusammenhang mit autonomen Kampf- und Organisationsformen zentrale Einfluss des Operaismus oder auch die gro&#223;e Bedeutung sub- und jugendkultureller Praxen verweist – wenngleich von Azzellini in ihrem Verh&#228;ltnis zur „alten“, parteif&#246;rmig und gewerkschaftlich organisierten Linken nur unzureichend analysiert – bereits auf ein drittes transnationales Moment von „1968“: die <em>Neue Linke</em> und das Auftauchen der sogenannten <em>neuen sozialen Bewegungen</em>.</p>
<h3>Neue Linke</h3>
<p>Unter dem Stichwort <em>Wende im Geschlechterverh&#228;ltnis? Feminismus und Frauenbewegung</em> widmet sich zun&#228;chst Kristina Schulz dem Feminismus der 1970er Jahre und seiner ambivalenten Beziehung zur 68er Bewegung im engeren Sinn. Diese neue, zweite Frauenbewegung sei, so Schulz, mit Blick auf Inhalte oder organisatorische Ressourcen zwar durch „1968“ und die Neue Linke entscheidend mit auf den Weg gebracht worden, h&#228;tte jedoch mit ihrer lautstarken Kritik an der Reproduktion patriarchaler Strukturen bald den offenen Bruch mit den m&#228;nnlichen Bewegungsanh&#228;ngern gesucht. Dass diese Abgrenzung v. a. in der von der Neuen Linken gepr&#228;gten Form der Provokation stattfand, wertet Schulz umgekehrt wieder als Indiz daf&#252;r, „dass die Bedeutung von ‚1968‘ f&#252;r die Entstehung der neuen Frauenbewegung kaum &#252;bersch&#228;tzt werden kann“ (49). Unabh&#228;ngig davon, welche konkrete Jahreszahl schlussendlich als „Geburtsstunde“ der neuen Frauenbewegung fungiert, wird doch deutlich, dass „1968“ hier eher den Beginn als das Ende einer Entwicklung markiert. G&#228;nzlich anders verh&#228;lt es sich demgegen&#252;ber mit dem Gegenstand von Albert Scharenbergs Artikel <em>Die B&#252;rgerrechtsbewegung in den USA. Nationale und internationale Aspekte ihrer Mobilisierung und Radikalisierung im Vorfeld von „1968“</em>. Denn wie Scharenberg ersichtlich macht, erreichte der organisierte, breite Widerstand gegen die gesetzliche „Rassentrennung“ im S&#252;den der USA ausgehend von dem sogenannten <em>Montgomery Bus Boycott</em> von 1955 ihren H&#246;hepunkt bereits Mitte der 1960er Jahre in der zumindest teilweise erfolgreichen B&#252;rgerrechtsbewegung um Martin Luther King. Und auch wenn es 1968 in Folge der Ermordung von King in vielen St&#228;dten zu gewaltt&#228;tigen Aufst&#228;nden der schwarzen Community kam, muss dieses Jahr selbst in Hinblick auf die in der zweiten H&#228;lfte der 1960er Jahre erstarkende, radikalisierte <em>Black-Power-</em>Bewegung als das Ende des Protestzyklus interpretiert werden. Warum die B&#252;rgerrechtsbewegung trotz dieser nur bedingten Gleichzeitigkeit ein ganz zentraler Einflussfaktor von „1968“ wurde, illustriert Scharenberg an Malcolm X, der, indem er zwischen der Unterdr&#252;ckung sozialer Gruppen in den kapitalistischen Metropolen des globalen Nordens und den antikolonialen K&#228;mpfen im globalen S&#252;den eine Verbindung herstellte, etwas von dem vorwegnahm, was aus der Sicht der Herausgeber von „Weltwende 1968“ ganz entscheidend zum transnationalen, globalen Charakters von „1968“ beitrug: die gemeinsame positive Bezugnahme auf den <em>Antikolonialismus </em>in Verbindung mit den realen Prozessen der <em>Dekolonisierung</em>.</p>
<h3>Antikoloniale Aufst&#228;nde</h3>
<p>Diesen komplexen Zusammenhang ein St&#252;ck weit offen zu legen, macht sich David Mayer in seinem Beitrag <em>Vor den bleiernen Jahren der Diktatur. 1968 in und aus Lateinamerika</em> zur Aufgabe. Als Ausgangspunkt w&#228;hlt er dabei die Kubanische Revolution, deren weltweite Anziehungskraft er v. a. darauf zur&#252;ckf&#252;hrt, dass hier ein „prononciert internationalistisches Projekt mit universalen Anspr&#252;chen“ begr&#252;ndet wurde, das als „Befreiungsverhei&#223;ung f&#252;r die gesamte Dritte Welt“ (150) nicht nur in den L&#228;ndern des globalen S&#252;dens als Vorbild dienen konnte, sondern auch den Phantasien der Neuen Linken in den kapitalistischen Metropolen einen konkreten Ausdruck zu geben vermochte. Dass die kubanische Revolution jedoch nicht einmal in Lateinamerika selbst eine tats&#228;chliche F&#252;hrungsrolle &#252;bernehmen konnte, verweise, so der Autor, umgekehrt auf den Charakter einer „Weltwende“, die angesichts der „Vielstimmigkeit der Akteure“ (147) ohnehin nie den Charakter einer Revolution im engeren Sinne gehabt habe. Gleichzeitig w&#228;re es freilich falsch, „1968“ in Lateinamerika auf Kuba zu reduzieren. Denn wie Mayer abschlie&#223;end darstellt, entstanden insbesondere w&#228;hrend „1968 im engeren Sinne“, d. h. zwischen 1967 und 1969, auch in anderen L&#228;ndern des Kontinents eine Vielzahl von Protesten und Revolten, die etwa im argentinischen <em>cordobazo </em>oder in Mexiko durch die Verbindung von Studierenden- und ArbeiterInnnenprotesten &#252;beraus wirkungsm&#228;chtig wurden. Durchaus w&#252;nschenswert w&#228;re ein solcher &#220;berblick &#252;ber die Situation in verschiedenen L&#228;ndern indes auch im Hinblick auf die Entwicklungen in Afrika gewesen, hat Amadou Lamine Sarrs Beitrag <em>Mai 68 im Senegal. Fortsetzung des Unabh&#228;ngigkeitsprozesses in Afrika?</em> – anders als im Titel angek&#252;ndigt – doch weitgehend den Charakter einer einzelnen L&#228;nderstudie. Denn auch wenn der Autor in Senegal lediglich ein Fallbeispiel f&#252;r die Situation in jenen westafrikanischen Staaten zu sehen scheint, die in den 1960er Jahren trotz formaler Unabh&#228;ngigkeit mit strukturellen Abh&#228;ngigkeiten, neokolonialistischen Projekten europ&#228;ischer Regierungen und best&#228;ndigen gesellschaftlichen Krisen zu k&#228;mpfen hatten, so bleibt letztlich unklar, ob und wenn ja, wie und aus welchen spezifischen Problemkonstellationen heraus sich der Widerstand der lokalen Bev&#246;lkerungen im Rahmen eines „afrikanischen Mais 68“ (142) auch in anderen afrikanischen L&#228;ndern in derart massiver Art und Weise als de facto „Volksaufstand“ (141) artikulieren konnte wie im Senegal. Auch bleibt im Dunklen, wie und warum dort die zun&#228;chst v. a. von Studierenden getragene, sich in Folge einer Solidarisierungswelle unzufriedener Sch&#252;lerInnen und ArbeiterInnen aber mehr und mehr verbreiternde Protestbewegung letztlich zum Erliegen kam.</p>
<h3>Revolte im „Realsozialismus“</h3>
<p>Dass sich diese Revolte im Senegal v. a. aus dem Gef&#252;hl eines uneingel&#246;sten Versprechens (in diesem Fall das der Dekolonisierung) speiste, verbindet sie indes mit jenen Entwicklungen und Umbr&#252;chen, die „1968“ in <em>Ost- und S&#252;dosteuropa</em> stattfanden. Wie Boris Kanzleiter in seinem Text <em>Die affirmative Revolte. 1968 in der Sozialistischen F&#246;derativen Republik Jugoslawien (SFRJ)</em> betont, waren es hier die Versprechen des Kommunismus in seiner konkreten Ausformung des jugoslawischen „Modells“ selbst, die von der Protestbewegung – gepr&#228;gt durch die Neue Linke – in der zweiten H&#228;lfte der 1960er Jahre gegen die bestehenden autorit&#228;r-hierarchischen Machtverh&#228;ltnisse und die Privilegienwirtschaft der „roten Bourgeoisie“ eingefordert wurden. Obschon m&#246;gliche nichtstudentische Proteste und der tats&#228;chliche Verlauf der K&#228;mpfe unterbelichtet bleiben, wird die auf einer „Verschr&#228;nkung der partikularen jugoslawischen Erfahrungen mit politischen und intellektuellen Impulsen aus dem Westen und Osten“ beruhende „Originalit&#228;t“ (110) des jugoslawischen „1968“ in diesem Beitrag &#252;beraus anschaulich dargestellt. Dies mag auch daran liegen, dass Kanzleiter darauf verzichtet, „1968“<br />
als „Generalprobe“ f&#252;r den Systemwechsel von 1989“ (101) und damit den vermeintlich zwangsl&#228;ufigen Zerfall Jugoslawiens zu interpretieren; dieser sei, so die Position des Autors, durch den Aufbruch der kritischen Intelligenz „1968“ letztlich zwar erm&#246;glicht worden, w&#228;re aber nicht die Intention der vor der „zersetzenden Mobilisierung des Nationalismus&#8221; (102f.) ohnehin warnenden AktivistInnen gewesen. Einen etwas anderen, n&#228;her am vorherrschenden Liberalisierungsdiskurs orientierten Erkl&#228;rungsansatz verfolgt demgegen&#252;ber Dieter Segert, wenn er in seinem Beitrag &#252;ber <em>Prag 1968</em> die Entwicklungen jenes Jahres als die „Geburt der Zivilgesellschaft aus dem Inneren der Gesellschaft heraus“ (128) bezeichnet. Daher widmet er seine Aufmerksamkeit neben der Ebene der herrschenden Partei und des Staates, d. h. insbesondere dem von den Reformkommunisten um Dub&#196;ek vorangetriebenen sogenannten Aktionsprogramm, in erster Linie jener „lebendigen &#214;ffentlichkeit“, die sich im Rahmen des Prager Fr&#252;hlings ab M&#228;rz 1968 herausbilden konnte. Auch wenn Segert die mit diesem Prozess einhergehende Pluralisierung der gesellschaftlichen Akteure zurecht als Argument gegen die noch immer weit verbreitete These von der angeblich „totalit&#228;ren“ Machtaus&#252;bung im sogenannten Ostblock ins Felde f&#252;hrt, wird doch nicht so recht ersichtlich, wer diese Akteure genau waren und mit welchen inhaltlichen Forderungen sie die Formel vom „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ vor dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts eigentlich f&#252;llten.</p>
<h3>Ideen der Befreiung</h3>
<p>Als sechstem und letztem Themenblock widmet sich „Weltwende 1968“ schlie&#223;lich der Rolle von Ideen, intellektuellen Praktiken und ihren AkteurInnen. Zun&#228;chst zeichnet Jens Kastner unter dem Titel <em>Kunstproposition und K&#252;nstlerfaust. Bildende Kunst um 1968</em> nach, wie es Ende der 1960er Jahre parallel zur Politisierung der Gesellschaft und der Entstehung sozialer Bewegungen zu einer Radikalisierung k&#252;nstlerischer Verfahren und Strategien kam und infolgedessen die vielfach herbeigesehnte „Vers&#246;hnung von politischer Avantgarde und Avantgardismus in Sachen Kunst und Lebenskunst“ (55) zum Greifen nahe schien. So gewannen nicht nur aus dem Feld der Kunst heraus aufgeworfene Fragen einen eminent politischen Charakter, sondern es entwickelten sich auch k&#252;nstlerische Initiativen und Projekte, die explizit auf politische Themen Bezug nahmen oder sich von Anfang an gesellschaftspolitisch verorteten. Zudem gelang auch durch manche Aktionsformen oder die gemeinsame, kollektive Organisierung zumindest teilweise die &#220;berwindung des strukturellen Gegensatzes zwischen dem Feld der Kunst und jenem der Politik. Eine solche Ann&#228;herung gesellschaftlich tendenziell getrennter Bereiche fand rund um „1968“ indes auch anderweitig statt: die <em>Theologie der Befreiung: Medellín 1968</em> steht stellvertretend f&#252;r jene Politisierung der Katholischen Kirche, die Martina Kaller-Dietrich mit Blick auf Lateinamerika verfolgt. Dabei zeigt die Autorin, wie die Theologie der Befreiung aus dem Zusammenspiel kircheninterner Entwicklungen, engagierter Theologen sowie dem Einfluss der ebenfalls aus Lateinamerika stammenden Denkschule der Dependenztheorie entstehen konnte und wie diese durch die &#220;bersetzung der „theologischen Kategorie der Erl&#246;sung (…) in die politische Kategorie der Befreiung“ eine z. T. revolution&#228;re und militaristische Wirkmacht zu entwickeln vermochte. Da sowohl die Theologie der Befreiung als auch die Dependenztheorie jedoch neben ihrer „systemtranszendierenden“ immer auch eine „systemimmanente“ Dimension beinhalteten, waren beide, so das Fazit der Autorin, nicht in der Lage, die US-amerikanische und europ&#228;ische Entwicklungspolitik <em>in toto</em> in Frage zu stellen und sich so der sp&#228;teren Vereinnahmung zu entziehen. Um die mit einer solchen Vereinnahmung einhergehende Verbreitung und Universalisierung, letztlich aber auch Entleerung zentraler Begriffe und Kategorien geht es schlie&#223;lich auch in Berthold Moldens Text <em>Genozid in Vietnam. 1968 als Schl&#252;sselereignis in der Globalisierung des Holocaustdiskurses</em>. Der Autor entwickelt darin die These, dass im Hinblick auf die Genese eines universellen Menschenrechts- und Holocaustdiskurses das Jahr 1968 als ein „Schl&#252;sseljahr“ (88) aufgefasst werden m&#252;sse. Wie Molden am Beispiel des von Jean-Paul Sartre geleiteten Russell-Tribunals illustriert, verband sich in den Jahren rund um „1968“ die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus mit nationalen Unabh&#228;ngigkeitsk&#228;mpfen und Prozessen der Entkolonialisierung sowie einer spezifischen Form marxistischer Kapitalismusanalyse auf derart spezifische Weise, dass in den Augen vieler linker Intellektueller das Herstellen einer Analogie zwischen dem Holocaust und dem US-Imperialismus in Vietnam legitim und notwendig erschien. Infolge der Verbreitung dieses relativistischen Vergleichs habe, so Molden in seinem Fazit, der Genozid-Begriff schlie&#223;lich jenem universalen Wertekanon zugearbeitet, mit dem heute Angriffskriege legitimiert werden.</p>
<h3>Globale Dynamiken</h3>
<p>Nach diesem Ritt durch die einzelnen Beitr&#228;ge von „Weltwende 1968“ stellt sich nat&#252;rlich die Frage, ob dieser Sammelband mehr ist als die Summe der einzelnen Teile. Um es kurz zu machen: er ist. Denn das Konzept der beiden Herausgeber geht insofern auf, als die zw&#246;lf Texte, indem sie bisher unterbelichtete Aspekte zutage f&#246;rdern, tats&#228;chlich „den Blick verschieben“ und „1968“ als komplexes und mehrdimensionales Ph&#228;nomen darstellen, das sich monokausalen Erkl&#228;rungsmustern und platten Beurteilungsma&#223;st&#228;ben von vorne herein entzieht. Zugleich liegt in der offen gelegten Komplexit&#228;t jedoch auch die Problematik der Herangehensweise des Sammelbandes: dort, wo das globalgeschichtliche Vorhaben seinen Ausdruck in der Hinwendung zu bis dato vernachl&#228;ssigten Weltregionen und geographischen Orten (Afrika, Ost- und S&#252;dosteuropa, Lateinamerika) findet, werden diese angesichts der K&#252;rze der Ausf&#252;hrungen notwendigerweise auf einzelne L&#228;nder reduziert, deren Repr&#228;sentativit&#228;t f&#252;r den jeweiligen Raum wiederum fragw&#252;rdig bleibt. Und dort, wo sich der Fokus bewusst auf globale Praxen und transnationale Akteure (Antikolonialismus, Neue soziale Bewegungen usw.), richtet, drohen diese die je spezifische, durch innergesellschaftliche K&#228;mpfe und Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse oder bestimmte soziale Gruppen gepr&#228;gte Dynamik einzelner Situationen zu &#252;berdecken und eine Gleichzeitigkeit und Homogenit&#228;t von „1968“ zu suggerieren, die so nie existierte. Um dieser Falle – von der die Herausgeber freilich wissen, das beweist schon der gegen Wallersteins Begriff der „Weltrevolution“ gerichtete Titel ihres Buches –, zu entgehen, und in „1968“ dennoch mehr als „ein widerspr&#252;chliches Nebeneinander von ,Ungleichzeitigkeiten im Zusammenhang‘ und ,zusammenhangslosen Gleichzeitigkeiten‘“ (156) erkennen zu k&#246;nnen, wird es in Zukunft wohl verst&#228;rkt vonn&#246;ten sein, sowohl Akteurs-, L&#228;nder- oder Regionalstudien im Weltma&#223;stab zu vertiefen, als auch eine vergleichende, transnationale wie transsektorale Perspektive weiter voranzutreiben.</p>
<h3>Klassen und K&#228;mpfe</h3>
<p>Wenn „Weltwende 1968“ gerade f&#252;r die Verbindung beider Aspekte einen zwar nicht perfekten, aber doch sehr viel versprechenden Ausgangspunkt darstellt, so legt demgegen&#252;ber „1968 und die Arbeiter. Studien zum ,proletarischen Mai‘ in Europa“ seinen Schwerpunkt ganz eindeutig auf die Analyse einer einzelnen sozialen Gruppe innerhalb einer klar umrissenen Region. Wie die beiden Herausgeber Bernd Gehrke und Gerd-Rainer Horn bereits in ihrer Einleitung unumwunden zugeben, krankt dieser Sammelband indes in mehrfacher Hinsicht an Verk&#252;rzungen und Auslassungen: so werden neben der soziologischen Untergliederung der ArbeiterInnenschaft oder der speziellen Rolle von MigrantInnen etwa geschlechterspezifische Fragen bestenfalls am Rande in die Untersuchungen miteinbezogen; diese Insensibilit&#228;t gegen&#252;ber dem Thema der Geschlechterverh&#228;ltnisse dr&#252;ckt sich nicht zuletzt in einem katastrophal niedrigen Anteil von Autorinnen aus. Gleiches muss im &#220;brigen f&#252;r „Weltwende 1968“ gesagt werden. Vor dem Hintergrund des globalgeschichtlichen Ansatzes von Kastner und Mayer besonders bedauerlich ist auch, dass transnationale Zusammenh&#228;nge und Interaktionen – wiewohl in ihrer Wichtigkeit von den Herausgebern eingangs betont – in den einzelnen Beitr&#228;gen von „1968 und die Arbeiter“ kaum eine Rolle spielen. Einzig der den insgesamt drei, jeweils durch mehrere Texte repr&#228;sentierten Themenbl&#246;cken Deutschland, Mittel- und Osteuropa sowie Westeuropa vorangestellte Text <em>Arbeiter und „1968“ in Europa: Ein &#220;berblick</em> von Gerd-Rainer Horn nimmt eine vergleichende Perspektive ein. Hier entwickelt der Mitherausgeber mit Blick v. a. auf Westeuropa zun&#228;chst den Begriff „proletarischer Mai“ als „Chiffre und Symbol f&#252;r die gesamte Welle von Mobilisierungen der Arbeiterschaft“ (31), die, wie Horn anhand quantitativer Daten und qualitativer Ver&#228;nderungen zeigt, 1962 ihren Ausgang nahm, sich ab 1968/69 zuspitzte und schlussendlich um das Jahr 1976 ein Ende fand. Wenngleich diese Mobilisierungswelle beinahe alle europ&#228;ischen L&#228;nder erfasste – &#252;ber m&#246;gliche, z.B. strukturelle Gr&#252;nde hierf&#252;r erf&#228;hrt der/die LeserIn leider nichts –, so d&#252;rfe von einem „proletarischen Mai“ im engeren Sinne jedoch nur in jenen L&#228;ndern gesprochen werden, „in denen die realexistierenden Arbeiterk&#228;mpfe ma&#223;geblich das nationale politische Klima (mit)bestimmten“ (40), d.h. in Belgien, Frankreich, Italien, Portugal und Spanien einerseits und der Tschechoslowakei und Polen andererseits. Da diese K&#228;mpfe in den Augen von Horn neben materiellen, die Arbeitszeit und den Reallohn betreffenden Verbesserungen insbesondere qualitative Ver&#228;nderungen anstie&#223;en und das Selbstbewusstsein der ArbeiterInnen entschieden vergr&#246;&#223;erten, gelangt der Autor zum Fazit, „dass die psychologischen Erfahrungen der Befreiung die allerwichtigste Errungenschaft der Jahre um 1968 war“ (49). Auch wenn an dieser Stelle zumindest ein kurzer Hinweis auf die Endogenisierung dieser „Revolution in den K&#246;pfen“ (49) infolge der neoliberalen Restrukturierung des Kapitalismus ab Mitte der 1970er Jahre w&#252;nschenswert gewesen w&#228;re, so ist dieser These mit Blick auf die folgenden dreizehn Analysen des „proletarischen Mai“ in Westeuropa zun&#228;chst zweifelsohne zuzustimmen.</p>
<h3>Wilde Streiks in Deutschland</h3>
<p>Den Anfang machen dabei vier Texte, die sich der Situation in Deutschland annehmen und in ihren unterschiedlichen methodologischen Zug&#228;ngen, Zeithorizonten und sich z.T. widersprechenden Aussagen bereits als typisch f&#252;r den Facettenreichtum von „1968 und die Arbeiter“ gelten k&#246;nnen. Zun&#228;chst untersucht Peter Birke in seinem Beitrag<em> Der Eigen-Sinn der Arbeitsk&#228;mpfe. Wilde Streiks und Gewerkschaften in der Bundesrepublik vor und nach 1969</em>, wie es den ArbeiterInnen in Westdeutschland zwischen dem Ende der 1950er und der Mitte der 1970er Jahre mittels der Transformation ihrer Streikkultur gelang, sich der Disziplinierung durch Gewerkschaften und staatliche Repressionsorgane teilweise zu entziehen. Obwohl sich im Rahmen wilder Streiks die Vielfalt und Differenziertheit der ArbeiterInnenschaft artikulieren konnte und es gelang, den Anspruch auf die Demokratisierung der Arbeitsbeziehungen offensiv zu vertreten, f&#228;llt das &#252;berzeugende Fazit Birkes doch ambivalent aus; schlie&#223;lich waren die wilden Streiks z.T. durch Rassismus und nationalstaatliche Begrenztheit gekennzeichnet und brachten mit ihrem Angriff auf die „historische Fabrik“ (75) die Modernisierung kapitalistischer (Arbeits-)Verh&#228;ltnisse mit auf den Weg. Vor dem Hintergrund dieser gelungenen Analyse der wilden Streiks mutet es zun&#228;chst &#252;berraschend an, wenn Karl Lauschke in <em>Der Wandel in der betrieblichen und gewerkschaftlichen Interessensvertretung nach den westdeutschen Septemberstreiks</em> betont, dass die Gewerkschaften „1968“ infolge der gesellschaftlichen Politisierung nicht nur einen massiven Mitgliederzulauf erfuhren, sondern sich auch von innen heraus zu wandeln begannen. Anhand eines Beispiels aus der gewerkschaftlichen Praxis wird jedoch deutlich, wie die Hinwendung zu gesellschaftspolitischen Fragestellungen und Forderungen entscheidend von einer neuen Generation von AktivistInnen und ArbeiterInnen in den Betrieben selbst ausging und nicht das Ergebnis einer erst von „oben“ oder von den protestierenden Studierenden von „au&#223;en“ angesto&#223;enen Dynamik war. Scheint im Hinblick auf die Bundesrepublik die These, „1968“ w&#228;re eine „Z&#228;sur in den industriellen Beziehungen“ (77) gewesen, weitgehend unumstritten zu sein, so zeigen die beiden folgenden Beitr&#228;ge, dass dies mit Blick auf die DDR offensichtlich keineswegs der Fall ist. Michael Hoffmann sieht, so macht er gleich zu Beginn seines Textes <em>„Solidarit&#228;t mit Prag“. Arbeiterproteste 1968 in der DDR</em> deutlich, das Jahr 1968 in der DDR „nicht als Beginn einer Umw&#228;lzung oder kulturellen Bewegung und &#214;ffnung“ (92). Vielmehr w&#228;ren, so die These des Autors, die von ArbeiterInnen getragenen Proteste gegen die Unterdr&#252;ckung des Prager Fr&#252;hlings „das letzte Aufflackern eines autonomen Arbeiterprotests“ (ebd.) gewesen, in deren Folge neben dem traditionellen Arbeitermilieu auch die gelegenheitsorientierten, unqualifizierten ArbeiterInnen keinen Widerstand gegen die DDR-F&#252;hrung mehr geleistet h&#228;tten. Dieser Deutung der ArbeiterInnenschaft als letztlich kulturell und &#246;konomisch inkorporierten und daher befriedeten Klasse widerspricht nun Bernd Gehrke in seinem Beitrag vehement. <em>1968 – das unscheinbare Schl&#252;sseljahr der DDR</em> sei demnach vielmehr als „Kreuzungs- und Umschlagpunkt zweier entgegenlaufender Entwicklungslinien des gesellschaftspolitischen Konfliktverhaltens der Arbeiterschaft“ (103) zu begreifen. Wenngleich der Autor mit Hoffmann noch insofern &#252;bereinstimmt, als auch er den Protest gegen den Einmarsch in der &#196;SSR als das „letzte, rudiment&#228;re Aufb&#228;umen eines traditionellen Arbeiterwiderstandes in der DDR“ (104) auffasst, so interpretiert er bereits diesen Protest im Unterschied zu Hoffmann als von einer „grunds&#228;tzlichen Distanz der Arbeiterschaft zum SED-Regime“ (106) gepr&#228;gt. Vollends offenbaren sich die gegens&#228;tzlichen Einsch&#228;tzungen der beiden Autoren, wenn Gehrke mit dem Ende des traditionellen Arbeiterwiderstandes neue, au&#223;erbetriebliche Formen des Kampfes und Protestes aufbl&#252;hen sieht. Insbesondere in den verschiedenen Jugendkulturen und deren regelm&#228;&#223;igen Konflikten mit der Staatsmacht erkennt er die „antifordistische Revolte“ (104) einer jungen, nach pers&#246;nlichen Freiheiten und besseren Arbeitsbedingungen strebenden Generation.</p>
<h3>Im Osten was Neues?</h3>
<p>Ob es diesen entlang der Generationen verlaufenden Bruch zwischen unterschiedlichen Protestformen auch in <em>Mittel und Osteuropa</em> gegeben hat, l&#228;sst sich anhand der je zwei Beitr&#228;ge zur Tschechoslowakei und Polen nicht generell ausmachen. Wie Peter Heumos in seiner Langzeitstudie <em>Betriebsr&#228;te, Betriebsaussch&#252;sse der Einheitsgewerkschaft und Werkt&#228;tigenr&#228;te. Zur Frage der Partizipation in der tschechoslowakischen Industrie vor und im Jahr 1968</em> nachzeichnet, agierten jungen ArbeiterInnen in der Tschechoslowakei 1968 im Rahmen einer langen, von Widerst&#228;ndigkeit gegen&#252;ber Partei- und Gewerkschaftsf&#252;hrung gepr&#228;gten Tradition betrieblicher Selbstorganisation. Da ihr kollektiver Gleichheitsanspruch dem Modernisierungsprogramm der Reformkommunisten entgegen stand, geht der Autor von einer gewissen, durch die „&#220;berintegration in das betriebliche soziale Milieu“ (159) verst&#228;rkten Distanz der ArbeiterInnenschaft zur Bewegung des Prager Fr&#252;hlings aus. Demnach w&#228;re auch die Begeisterung, die das im Aktionsprogramm angesto&#223;ene System der „Werkt&#228;tigenr&#228;te“ (153) auch bei ArbeiterInnen ausl&#246;ste, mehr auf dessen symbolische Bedeutung f&#252;r die Reform der Einheitsgewerkschaft und die nationale Souver&#228;nit&#228;t denn auf ein tats&#228;chlich organisches Verh&#228;ltnis von ArbeiterInnenschaft und kommunistischer Partei zur&#252;ckzuf&#252;hren. Demgegen&#252;ber nimmt der Beitrag von Lenka Kalinová, in dem sie <em>Das Verhalten der tschechischen Arbeiterschaft im Jahre 1968</em> zu ergr&#252;nden versucht, eine v. a. hinsichtlich der Reformkommunisten weit weniger kritische Perspektive ein. Nach einer &#252;berblicksartigen Darstellung der langfristigen Entwicklungen nach dem zweiten Weltkrieg, des Verh&#228;ltnisses der (tschechischen) ArbeiterInnenschaft zur KP sowie der wirtschaftlichen und sozialen Reformen der Jahre vor 1968 konzentriert sie sich im weiteren Verlauf des Textes auf den Prager Fr&#252;hling und den ihrer Meinung nach existierenden Konsens zwischen ArbeiterInnenschaft und Reformkommunisten. Leider wird an dieser Stelle das Verh&#228;ltnis der ArbeiterInnen zu anderen gesellschaftlichen Gruppen (etwa den Studierenden) nur am Rande und in etwas gar pathetisch-affirmativen Worten thematisiert, so dass die abschlie&#223;enden Ausf&#252;hrungen zur Frage, „wie die Arbeiterschaft die ‚Erneuerung der alten Ordnung‘ zulassen konnte“ (181) an einer verengten Perspektive kranken. Einen demgegen&#252;ber weiteren Blick legt Andrea Genest an den Tag, die in ihrem Text <em>Zwischen Anteilnahme und Ablehnung – die Rollen der Arbeiter in den M&#228;rzereignissen 1968 in Polen</em> drei miteinander verflochtene Ebenen f&#252;r den konkreten Verlauf dieser M&#228;rzereignisse verantwortlich macht: demnach f&#252;hrte ein Machtkampf an der Spitze der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei dazu, dass auf studentische Proteste gegen Zensur und f&#252;r eine Demokratisierung des Systems vom Regime im M&#228;rz 1968 nicht nur mit harten Repressionsma&#223;nahmen, sondern auch durch das Lostreten einer beispiellosen antisemitischen Hetzkampagne reagiert wurde. Im Verlauf dieser studentischen Proteste nahmen die ArbeiterInnen eine, so Genest, &#252;beraus ambivalente Rolle ein, waren sie doch sowohl an der Unterst&#252;tzung als auch der Niederschlagung dieser Proteste beteiligt. Dass es trotz entsprechender Versuche der Studierenden nicht gelang, auf breiter Basis Koalitionen mit den ArbeiterInnen zu schmieden, f&#252;hrt die Autorin auf soziale Differenzen, die Zugeh&#246;rigkeit zu unterschiedlichen Generation sowie die besonders bei &#228;lteren ArbeiterInnen erfolgreiche antisemitische Kampagne der Regierung zur&#252;ck. Warum der politische Protest mit der Niederlage vom M&#228;rz 1968 jedoch keineswegs zu einem Ende kam und warum es gerechtfertigt scheint, auch in Polen von einem „proletarischen Mai“ zu sprechen, versucht demgegen&#252;ber Marcin Zaremba mit dem Konzept der „relativen Benachteiligung“ zu erkl&#228;ren. In <em>Am Rande der Rebellion. Polnische Arbeiter am Vorabend des Arbeiteraufstandes im Dezember 1970</em> weist er mit Blick auf die wirtschaftliche und demographische Lage zwischen 1956 und 1970 anhand der konkreten Aussagen von ArbeiterInnen nach, dass sich in dieser Periode insbesondere bei jungen ArbeiterInnen neue, ma&#223;geblich durch weltweite kulturelle Trends gepr&#228;gte Erwartungen und Anspr&#252;che an Arbeit und Leben herausbildeten, die angesichts der Realit&#228;t in Polen notwendigerweise entt&#228;uscht werden mussten. Die hieraus erwachsenden Frustrationserlebnisse w&#228;ren, so die These Zarembas, einer der zentralen Gr&#252;nde f&#252;r den Ausbruch der ArbeiterInnenunruhen an der Ostseek&#252;ste gewesen, die im Dezember 1970 infolge eines Milit&#228;reinsatzes 45 Menschen das Leben kosteten.</p>
<h3>K&#228;mpfende Koalitionen</h3>
<p>Eine derartige Eskalation war in Belgien – jenem Land, dem sich der erste von insgesamt f&#252;nf Beitr&#228;gen zu Westeuropa widmet – undenkbar. In <em>Mai ‘68 und die Welt der Arbeiter in Belgien</em> zeigt Rik Hemmerijckx, warum nationale Besonderheiten eine Ausdehnung des franz&#246;sischen Generalstreiks auf Belgien grade 1968 verhinderten und wie sich dennoch ab 1969 eine Welle von wilden Streiks entwickeln konnte, die nicht nur wie anderswo haupts&#228;chlich von jungen ArbeiterInnen und MigrantInnen getragen wurde, sondern teilweise auch in die Bildung selbstorganisierter ArbeiterInnenkomitees m&#252;ndete. Wenngleich diese wilden Streiks ebenso wie verschiedenste studentische Interventionen gesamtgesellschaftlich ein Randph&#228;nomen blieben, &#252;bte „1968“ in den Augen von Hemmerijckx zumindest auf die Gewerkschaften einen ma&#223;geblichen Einfluss aus, h&#228;tten diese in der Aufnahme von Forderungen aus der Protestbewegung doch ein erfolgreiches Mittel zur &#220;berwindung ihrer eigenen Krise gefunden. Ein &#228;hnliches Interesse an der systemerhaltenden Wirkung von Inkorporationsstrategien w&#228;re dem Beitrag von Frank Georgi sicherlich zugute gekommen. So aber bleibt <em>Selbstverwaltung: Aufstieg und Niedergang einer politischen Utopie in Frankreich von den 1968er bis zu den 80er Jahren</em> ein zwar ideengeschichtlich spannender, dar&#252;ber hinaus aber etwas unbefriedigender Blick auf die Karriere des Begriffs <em>autogestion</em>. Wie Georgi nachzeichnet, entwickelte dieser sich – ma&#223;geblich getragen von der Gewerkschaft CFDT – ab Mitte der 1960er Jahre zur universalistischen Formel f&#252;r die Idee einer „realistischen Utopie“ (258) und schlie&#223;lich zum „Kennwort“ (260) der Revolte vom Mai 1968. Obwohl es gleichzeitig kaum zu einer Konkretisierung der Idee im Sinne einer fl&#228;chendeckenden Selbstorganisation von ArbeiterInnen kam, nahm in den 1970er Jahren nicht nur die Popularit&#228;t des Begriffs weiter zu, sondern wurde auch der Geltungsbereich der Selbstverwaltung zunehmend auf alle Aspekte des sozialen Lebens ausgeweitet. Die Frage, warum die ihrer wirtschaftlichen und z.T. auch marxistischen Dimension nun zunehmend entkleidete Idee dann in den 1980er Jahren einen rapiden Niedergang erlebte, hinterl&#228;sst den Autor demgegen&#252;ber weitgehend ratlos; hier k&#246;nnte z.B. Gramscis Konzept der „passiven Revolution“ zweifelsohne Antworten liefern. Einen im Vergleich zu Georgi eher historisch-konkreten Ansatz w&#228;hlt Reiner Tosstorff, dessen Text <em>Spanien: 1968 und die Arbeiter – eine andere Bewegung?</em> im Wesentlichen eine komplexe, mit Einzelheiten und Statistiken angereicherte Version seines Beitrags in „Weltwende 1968“ darstellt. Auch die Ausf&#252;hrungen von Marica Tolomelli und Vittorio Rieser zu Italien wiederholen manches, was so schon in Dario Azzellinis Text zum <em>langen italienischen 1968</em> zu lesen war. Dass es trotzdem lohnend ist, sich <em>Studenten und Arbeiter 1968 in Italien. M&#246;glichkeiten und Grenzen eines schwierigen Verh&#228;ltnisses sowie Studenten, Arbeiter und Gewerkschaften in Italien zwischen 1968 und den 1970 Jahren</em> zu Gem&#252;te zu f&#252;hren, liegt an der im Vergleich zu Azzellini ungleich feineren Analyse, der Tolomelli und Rieser die einzelnen Akteure und die gesamtgesellschaftlichen Voraussetzungen in Italien unterziehen. Insbesondere die detaillierte Darstellung der italienischen Arbeitswelt, der Gewerkschaften sowie der theoretischen Ausrichtung und aktivistischen Praxis der radikalen Linken wei&#223; hier zu &#252;berzeugen.</p>
<h3>Proletarische Potentiale</h3>
<p>Diese beiden abschlie&#223;enden Beitr&#228;ge zu Italien stehen dabei zugleich stellvertretend f&#252;r eine gro&#223;e St&#228;rke von „1968 und die Arbeiter“. Indem sie das Verh&#228;ltnis von Studierendenrevolte, ArbeiterInnenprotesten und gewerkschaftlicher Organisierung in seiner ganzen Komplexit&#228;t und Widerspr&#252;chlichkeit abbilden, entziehen sie jenen Deutungen den Boden, die in „1968“ ausschlie&#223;lich den Aufbruch einer neuen, nicht gewerkschaftlich organisierten Linken sehen m&#246;chten und dabei die vielf&#228;ltigen Verbindungslinien und Kontinuit&#228;ten zwischen „alter“ und „neuer“ Linken ausblenden. Da die Analyse derart komplexer Zusammenh&#228;nge die genaue Kenntnis der je spezifischen, oftmals von nationalen Dynamiken gepr&#228;gten Situationen n&#246;tig macht, entfaltet der Sammelband hier – selbstredend v. a. im Hinblick auf die Rolle der ArbeiterInnen – sein st&#228;rkstes Potential. Dass es ihm zugleich an einer wirklich transnationalen und vergleichenden Perspektive mangelt und so manches Mal der Eindruck einer blo&#223;en Addition kleinteiliger L&#228;nderstudien aufkommt, wurde schon angesprochen und auch von den Herausgebern als Defizit erkannt. Doch auch wenn infolgedessen zentrale Fragen – etwa nach dem Grad der Vernetzung und Kommunikation zwischen den nationalen ArbeiterInnenprotesten oder nach dem Einfluss des von Kastner und Mayer betonten Internationalismus auf die ArbeiterInnenschaft – unbeantwortet bleiben, so tr&#228;gt „1968 und die Arbeiter“ ma&#223;geblich dazu bei, die Auseinandersetzung mit „1968“ im deutschsprachigen Raum um eine zentrale Perspektive zu erweitern. Dies ist kein geringer Verdienst, &#246;ffnet doch gerade der Fokus auf die Rolle der ArbeiterInnen, auf Betriebsbesetzungen, selbstorganisierte ArbeiterInnenkomitees oder Formen militanten Widerstandes den Blick auf die Radikalit&#228;t von „1968“. Erst so wird begreiflich, wie breit der M&#246;glichkeitshorizont war, der sich damals er&#246;ffnete, und wie weit wir heute davon entfernt sind.</p>
<p>Kastner, Jens/ Mayer, David (Hg.): Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive, Wien 2008</p>
<p>Gehrke, Bernd/ Horn, Gerd-Rainer (Hg.): 1968 und die Arbeiter. Studien zum „proletarischen Mai” in Europa, Hamburg 2007</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2008/05/05/dimensionen-der-rebellionen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Sexy Sexismus</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2007/11/01/sexy-sexismus/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2007/11/01/sexy-sexismus/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 12:21:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 2]]></category>
		<category><![CDATA[1968]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Sexismus]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.com/artikel/sexy-sexismus/</guid>
		<description><![CDATA[Sex begegnet uns heute &#252;berall. Die letzten Tabus scheinen gebrochen. Aber ist das wirklich die sexuelle Befreiung, f&#252;r die Frauen Jahrzehnte lang gek&#228;mpft haben? <em>Maria Asenbaum</em> und <em>Kristina Botka</em> untersuchen die Kultur der Neuen Sexiness und stellen sie in den Kontext neoliberaler Machtstrukturen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sex begegnet uns heute &#252;berall. Die letzten Tabus scheinen gebrochen. Aber ist das wirklich die sexuelle Befreiung, f&#252;r die Frauen Jahrzehnte lang gek&#228;mpft haben? <em>Maria Asenbaum</em> und <em>Kristina Botka</em> untersuchen die Kultur der Neuen Sexiness und stellen sie in den Kontext neoliberaler Machtstrukturen.</p>
<p><span id="more-32"></span></p>
<h3>Starke Frauen, ein bisschen verspielt</h3>
<p>„You can bang your head against the wall and try and find a relationship or you can say <em>screw it</em> and go out and have sex like a man.“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> So bewirbt Kim Catrall alias Samantha Jones die erste Staffel von „Sex and the City“, die 1998 erstmals in den USA ausgestrahlt wurde und als „die erste Kom&#246;die &#252;ber Sex und Liebe aus der weiblichen Perspektive”<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> gefeiert wird. Bemerkensweit erscheint dabei allerdings, dass die Hauptdarstellerinnen wie Models aussehen, st&#228;ndig Modemagazine lesen und Schuhe kaufen und am Ende der Serie jede doch ihre „wahre Liebe“ findet.<br />
„Tell me what you think about me, I buy my own diamonds and I buy my own rings, Only ring your cell-y when I’m feelin lonely, When it’s all over please get up and leave…“<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a>, singen Destinys Child im Song „Independent Women“. Das Lied geh&#246;rt zum Soundtrack von „Charlie’s Angels“, einem Remake der 70er Jahren TV-Serie „Drei Engel f&#252;r Charlie“, mit Farrah Fawcett. „Der Erfolg der Serie beruhte sicherlich mehr auf der Attraktivit&#228;t ihrer drei Hauptdarstellerinnen als auf der Originalit&#228;t der Drehb&#252;cher“, behauptet Wikipedia. Auch in den 2000 und 2003 gezeigten Kinoversionen ist der Plot wenig originell, daf&#252;r sind die Engel als knapp bekleidete Geishas, Heidis und in anderen stereotypisierenden Minikleidern zu sehen. Der emanzipatorische Fortschritt im Laufe von drei&#223;ig Jahren ist hier schwer auszumachen.<br />
Die neuesten Sexsymbole der Popindustrie sind die „Pussycat Dolls“, die sowohl in den Songtexten als auch in der erotischen Optik eine neue qualitative Stufe darstellen. Auf ihrer Homepage, auf der &#252;brigens die neuen „Don’t-cha“-Tank-Tops und andere <em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic">must-haves</span></em><span> k&#228;uflich zu erwerben sind, erkl&#228;rt Lead-S&#228;ngerin Nicole Scherzinger die Philosophie der K&#228;tzchen: „Wir sind zwar stark, aber wir wollen manchmal auch einfach nur spielen. Diese Zeile in ‚Don’t Cha’ &#8211; sie lautet ‚don’t cha wish your girlfriend was hot like me’ –, sie soll unsere Zuh&#246;rer zum Beispiel best&#228;rken. Denn es geht uns bei The Pussycat Dolls um mehr als nur um das hei&#223;e Aussehen – wir wollen auch echte Gef&#252;hle transportieren.“. Robin Antin, die Gr&#252;nderin des „Tanzensembles“ formuliert noch enthusiastischer: „Es geht darum, vor dem Spiegel zu singen und zu tanzen und einfach Spa&#223; dabei zu haben“, denn: „In jeder Frau steckt eine Pussycat Doll“.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a></span></p>
<h3>Das Spiel hat Folgen</h3>
<p>Was hier danach klingt, Spa&#223; mit dem eigenen sexuellen Experimentieren zu haben, nach frechen Frauen mit Selbstbewusstsein und „wir k&#246;nnen alles haben“ hinterl&#228;sst bei genauerer Betrachtung trotzdem ein komisches Gef&#252;hl – intuitiv zweifeln wir an den emanzipatorischen Inhalten hinter Carries Kolumne und den stets nur in schwarzer Lackunterw&#228;sche „echte Gef&#252;hle“ transportierenden Katzenp&#252;ppchen (wobei „Pussy“ bekannter Weise ja nicht ausschlie&#223;lich kleine Katzen bezeichnet).<br />
Auch von der Mainstream Wissenschaft wird erkannt, dass das so genannte Spielen mit Klischees von Sexiness im Kontext sich epidemieartig ausbreitender Essst&#246;rungen und anderer psychischer Probleme junger Frauen zum bitteren Ernst werden kann. Die „American Psychological Association“ (APA) ver&#246;ffentlichte 2007 einen Bericht der Task Force „Sexualisation of Girls“<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a>, der diesen Zusammenhang genauer untersucht. In diesem Bericht wird Sexualisierung definiert als (1) der Wert einer Person wird aus der sexuellen Ausstrahlung abgeleitet, unter Ausschlie&#223;ung anderer Merkmale (2) eine Person wird einem eng definierten Attraktivit&#228;tsstandard angepasst um sexy sein (3) eine Person wird zum sexuellen Objekt, einem Ding mit sexuellem Wert, und/oder (4) Sexualit&#228;t wird unangemessener Weise auf eine Person projiziert, besonders in Bezug auf Kinder.<br />
Zun&#228;chst wird eine Reihe wissenschaftlicher Studien aufgelistet, die Sexualisierungsmechanismen aufzeigen. Die Ergebnisse k&#246;nnen folgenderma&#223;en zusammengefasst werden. Sexualisierung von Frauen gibt es in fast allen Medien: Fernsehserien, Werbung, Magazine, Internet, Videospiele uvm. (z. B. Gow, 1996, Blauwkamp &amp; Wesselink, 2001) Frauen werden weitaus &#246;fter als M&#228;nner sexualisiert und verdinglicht (Ansager &amp; Roe, 1999). Die Sexualisierung fokussiert sich auf junge Frauen, wobei h&#228;ufig das Ph&#228;nomen verschwimmender Altersgrenzen beobachtet wurde (Cook &amp; Kaiser, 2004). Beispielsweise gibt es Tanga-Slips f&#252;r 7-10 j&#228;hrige M&#228;dchen mit der Aufschrift „wink-wink“, oder umgekehrt werden bei Unterw&#228;sche-Modenschauen erwachsene Models als kleine M&#228;dchen angezogen, usw. Die Sexualisierung manifestiert sich auch in interpersonellen Beziehungen. Eltern vermitteln ihren T&#246;chtern, dass Attraktivit&#228;t das Wichtigste f&#252;r ein M&#228;dchen ist (Nichter, 2000) und ermutigen teilweise zu Sch&#246;nheits-Operationen. Freundinnen wenden konformierende Standards von D&#252;nn-Sein und Sexy-sein aufeinander an (Thorne, 1999). Buben bel&#228;stigen und sexualisieren ihre Mitsch&#252;lerinnen (Lindberg, Grabe &amp; Hyde, 2007). Das interessanteste Ergebnis der Untersuchungen ist in diesem Zusammenhang, wie M&#228;dchen sich selbst sexualisieren. Die psychologische Forschung erkennt die Selbstverdinglichung (<em>self-objectification</em>) dabei als Schl&#252;sselprozess, d. h. M&#228;dchen behandeln ihre eigenen K&#246;rper als Objekte der Begierde Anderer (Frederikson &amp; Roberts, 1997). Die Psychologie spricht von der Internalisierung der Beobachter-Perspektive, wobei die M&#228;dchen vor allem ihr Aussehen bewerten und es mit einem eng definierten Attraktivit&#228;ts- und Sexiness-Standard vergleichen.<br />
Im zweiten Teil des APA-Reports geht es um die Folgen dieser Sexualisierung. Eine der dramatischsten Auswirkungen ist dabei der Anstieg an diagnostizierten Essst&#246;rungen (vor allem Anorexie und Bulimie) bei M&#228;dchen zwischen 10 und 19 Jahren. Einige ForscherInnen berichten, dass es einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem &#252;ber die Medien vermittelten Sch&#246;nheitsideal und dem Verbreitungsgrad dieser Krankheiten gibt (Lucas, Beard, O´Fallon und Kurland, 1991). So zeigt z.B. eine Studie auf den Fidschi-Inseln, dass sich dort drei Jahre nachdem das westliche Fernsehen eingef&#252;hrt wurde, die Essgewohnheiten und die Einstellungen junger M&#228;dchen zu ihrem K&#246;rper dramatisch ver&#228;nderten (Becker, 2004). Eine weitere offensichtliche Auswirkung ist die Nachfrage nach Sch&#246;nheitsoperationen. Die Daten der American Society of Plastic Surgeons<sup>6</sup> belegen im Zeitraum 2000-2005 einen Anstieg der j&#228;hrliche Rate an Botox-Injektionen um 388%, der Fettabsaugungen um 115% und der Po-Liftings um 283%. Aber nicht alle Folgen der Sexualisierung sind &#228;u&#223;erlich sichtbar. So zeigen mehrere Studien Korrelationen zwischen medial vermittelter Sexualisierung und niedrigem Selbstwert, negativer Stimmung und depressiven Symptomen (z. B. Durkin &amp; Paxton, 2002). Au&#223;erdem zeigen M&#228;dchen, die h&#228;ufiger Bildern von idealisierten K&#246;rpern ausgesetzt sind, oft Anzeichen von &#196;ngstlichkeit, Scham- und Ekelgef&#252;hlen gegen&#252;ber dem eigenen K&#246;rper (z. B. Slater &amp; Tiggermann, 2002). Interessant ist auch, dass M&#228;dchen, die viele Musikvideos und Magazine konsumieren, bei denen es um ein bestimmtes Stereotyp von Sexualit&#228;t geht, von ihren eigenen sexuellen Erfahrungen h&#228;ufiger entt&#228;uscht sind und auch ihrer Gesundheit dabei weniger Beachtung schenken (Impett, Schooler und Tolman, 2006), Safe-Sex ist oft nicht mehr die erste Priorit&#228;t, was auch mit den Verschlechterungen in der Aufkl&#228;rungsarbeit an amerikanischen Schulen in Verbindung gebracht werden kann.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a><br />
Als gesellschaftliche Folgen f&#252;hrt der Bericht die Zunahme von Sexismus, sexueller Bel&#228;stigung und Gewalt, sowie von Kinderpornographie an.</p>
<p>PsychologInnen haben verschiedene Theorien entwickelt, warum Frauen und M&#228;dchen sich den Sexualisierungs-Normen anpassen. Die meisten thematisieren pers&#246;nliche oder gesellschaftliche Verst&#228;rkungsmechanismen, die bestimmte Bilder und Verhaltensweisen von M&#228;dchen belohnen bis diese internalisiert werden. Diese Bilder entstehen aber in der sozialen Auseinandersetzung. Die Darstellung von Frauenk&#246;rpern ist nicht zuletzt ein umk&#228;mpftes Feld.</p>
<h3>Der Kampf um Sexuelle Befreiung</h3>
<p>In Verbindung mit den politischen und sozialen Auseinandersetzungen rund um das Jahr 1968 entstand auch eine eigenst&#228;ndige Bewegung die sich f&#252;r Frauenrechte und Emanzipation einsetzte. Die Frauenbewegung der sp&#228;ten 60er und fr&#252;hen 70er Jahre war gepr&#228;gt vom Kampf um sexuelle Befreiung, um (sexuelle) Selbsterfahrung und Selbstbestimmung. Es ging um ein Aufbrechen des konservativ-restriktiven Zugangs zu Sexualit&#228;t. Die Darstellung nackter K&#246;rper(teile), etwa auf den Titelbl&#228;ttern linker StudentInnenzeitungen, sollte die spie&#223;b&#252;rgerliche Verklemmtheit provozieren. Sexualit&#228;t, vor allem weibliche Sexualit&#228;t wurde gefeiert. Das Nach-au&#223;en-Tragen des Sexes war Teil des Kampfes um Autonomie und Identit&#228;t.<br />
Tats&#228;chlich konnte die Frauenbewegung im Lauf der 70er und fr&#252;hen 80er Jahre einige Ziele erreichen – von &#196;nderungen in der Gesetzgebung bis zu einer gesellschaftlichen Verschiebung des Frauenbildes und der &#196;chtung frauenfeindlicher Praktiken. In der theoretischen Weiterentwicklung der Bewegung, r&#252;ckten in dieser Zeit der Zusammenhang von struktureller Gewalt und dem scheinbar individuellen Leiden vieler Frauen und M&#228;dchen in den Vordergrund. Bisher tabuisierte Aspekte der Beziehung zwischen M&#228;nnern und Frauen, wie Vergewaltigung in der Ehe, sexuelle Bel&#228;stigung und Kindesmissbrauch, standen nun im Mittelpunkt des Interesses der Frauenbewegung und trugen viel zum Verst&#228;ndnis der Machtverh&#228;ltnisse zwischen den Geschlechtern bei.<br />
Der Differenzierungsprozesse innerhalb der Frauenbewegungen spitzten sich zu, als sich die Gewalt-Debatten vermehrt auch um die Ablehnung von Pornographie drehten. Die zwei zentralen Zug&#228;nge wurden einerseits von so genannten „sexpositiven“ und andererseits von „antipornografischen“ FeministInnen vertreten. Die Ersteren bezogen sich auf die in der Gesellschaft ohnehin schon eingeschr&#228;nkte weibliche Sexualit&#228;t und auf das Bestreben der sexuellen Befreiung. Dagegen argumentierte Andere „Pornographie ist die Theorie, Vergewaltigung die Praxis“<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a>. Besonders als in Anti-Porno-Kampagnen B&#252;ndnisse mit nach Zensur lechzenden Konservativen geschlossen wurden und auch Prostituierte ins Schussfeld gerieten, befand sich dieser Teil der Bewegung f&#252;r viele Frauen im Abseits<sup>9</sup>. Diese Entwicklungen, die Spaltung der Frauenbewegung, die Konzentration der FeministInnen auf einzelne Aspekte des sexuellen Ausdrucks in den 1970er und 1980er Jahren kann nur im Kontext des allgemeinen Niedergangs der „68er-Bewegung“ verstanden werden.</p>
<h3>Post-Feminismus und <em>Raunch Culture </em></h3>
<p>Das Klischee der sexfeindlichen Birkenstock-Emanze hat sich bis heute erhalten. „Wenn wir Worte wie Emanzipation, Geschlechterkampf und Feminismus laut aussprechen, dann kommen wir uns vor, als ob wir einen dicken D&#246;ner mit ordentlich Tsatsiki gegessen h&#228;tten. Es m&#252;ffelt &#252;bel, abgestanden, unappetitlich, peinlich“, schreibt die Autorin Katja Kullmann in ihrem Bestseller „Generation Ally“<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a><br />
Heute wird oft von der &#196;ra des „Postfeminismus“ gesprochen, in der <em>scheinbar</em> auf die urspr&#252;nglichen Ideale freier Sexualit&#228;t rekurriert wird. „&#8230;Es ist die post-sexuelle-Revolution, post-Frauenbewegungs-Generation, welche jetzt in ihren Zwanzigern und fr&#252;hen Drei&#223;igern steht – es wird auch weitergehen mit den Generationen, die ihnen folgen – sie haben einfach einen erwachseneren, angenehmeren, nat&#252;rlichen Zugang zu Sex und Sexiness, der mehr in die Richtung geht, wie M&#228;nner es Generationen zuvor erlebt haben&#8230;<sup>&#8220;</sup><a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a></p>
<p>Mit einer besonders verdrehten Art des Postfeminismus, dem so genannten <em>raunch feminism</em><a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> besch&#228;ftigt sich Ariel Levi in ihrem neuen Buch „Female Chauvinist Pigs. Women and the Rise of Raunch Culture“<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a>. Diese Str&#246;mung versucht sich selbst in die Tradition des Kampfs um sexuelle Befreiung<span>  </span>zu stellen, hat aber bei n&#228;herer Betrachtung damit herzlich wenig zu tun.<br />
Ein Beispiel f&#252;r dieses Missverst&#228;ndnis ist die Frauen-Organisation CAKE<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a>, mit dem Verst&#228;ndnis, dass „die neue sexuelle Revolution dort ist, wo sich sexuelle Gleichberechtigung mit Feminismus trifft“. Auf den ber&#252;hmten CAKE-Parties in New York und London kann „weibliche Sexualit&#228;t erobert“ und „Feminismus in Aktion“ erlebt werden: Striptease von und mit Frauen f&#252;r Frauen, Pornos, Life-sex-streams, … Weibliche G&#228;ste laufen oft nur in sexy Unterw&#228;sche herum, M&#228;nner, die zwar nur in Begleitung einer CAKE-Frau Einlass finden, bleiben dabei nat&#252;rlich angezogen. Die Stripperinnen entsprechen in K&#246;rperform und Bekleidung dem &#252;blichen Klischee. Levi fragt zu Recht: Warum ist das der neue Feminismus und nicht das, wonach es aussieht, der alte Sexismus? Die CAKE-Erfinderinnen, Emily Kramer and Melinda Gallagher, fr&#252;her aktiv in der Frauenbewegungen, sehen das nat&#252;rlich ganz anders. Sie zelebrieren mit CAKE den „modernen Feminismus“. Levi meint dazu „CAKE ist ein Beispiel f&#252;r die seltsame Art und Weise, in der Leute die Widerspr&#252;che der Vergangenheit ignorieren und so tun, als ob sie nie existiert h&#228;tten. Sie mischen einfach verschiedenste und durchaus widerspr&#252;chliche Ideologien zusammen und kreieren damit die inkoh&#228;rente Marke <em>raunch feminism</em>.“<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a></p>
<p>Von der andren Seite her, gelingt es Firmen wie <em>Playboy</em> oder diversen Stripclubs ihr Image scheinbar so zu ver&#228;ndern, dass sogar ehemalige Frauenbewegungsaktivistinnen sie als fortschrittlich und emanzipatorisch bezeichnen. Einige Frauen glauben, den Spie&#223; umzudrehen, indem die Produkte der Sex-Industrie selbst konsumieren. Oft spielen bei diesem Image-Wandel weibliche F&#252;hrungskr&#228;fte eine zentrale Rolle. So erkl&#228;rt z. B.Christie Hefner, Tochter des Playboy-Erfinders Hugh Hefner und eine der Leiterinnen des Playboy-Konzerns: „Das H&#228;schensymbol stellt sexy Spa&#223; und ein bisschen Rebellion dar, so wie Bauchnabel-Piercings etwa – oder tief geschnittene Jeans… Es zeigt mehr <em>ich habe Kontrolle dar&#252;ber, wie ich aussehe und welches Statement ich mache</em> im Gegensatz zu <em>es ist mir peinlich oder ich f&#252;hle mich unwohl damit</em>…auff&#228;llig, schrill, aber nicht ganz ernst gemeint…verspielt ist wohl die beste Bezeichnung“.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a><br />
Die neue Trendsportart Strip-Aerobic, inklusive Poledancingstange f&#252;r zuhause<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a>, die Mode der mehr oder weniger offiziell bezeichneten „Nuttenstiefel“ oder die T-Shirts mit der Aufschrift „Porn-Star“, sollen in dieser Denkart ein Anzeichen f&#252;r die endlich erreichte sexuelle Befreiung sein. „An die Stelle des Kampfes gegen sexuelle Bel&#228;stigung ist der Kampf f&#252;r sexuelle Befriedigung getreten“<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> meint z. B. ein m&#228;nnlicher Besucher einer CAKE-Party.</p>
<p>Die ehemalige Pornodarstellerin Traci Lords bringt es gut auf den Punkt: „Als ich noch im Gesch&#228;ft war, war Porno etwas f&#252;rs dunkle Hinterzimmer. Heute ist er &#252;berall!“ <a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a>Ist damit das Ziel befreiter Sexualit&#228;t erreicht?</p>
<h3>K&#252;nstliche K&#246;rper, <em>fake sex</em></h3>
<p>Die heute omnipr&#228;senten Bilder von Sex und Sexiness wirken auf Frauen aber nicht befreiend, in Gegenteil. Der soziale Druck sich den Schablonen anzupassen, kann sich in weiterer Folge sogar pathologisch auswirken kann (siehe APA-Report). Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass es bei <em>Raunch Culture</em> weder um echte Befreiung noch um echten Sex geht. Die K&#246;rperbilder, sind nicht nur stereotypisiernde, verdinglichende Schablonen, sie sind auch schlicht weg nicht real. Die Models sind operiert und geschminkt und die Fotos werden im Nachhinein bearbeitet. Hier wird ein Ideal produziert, das so nicht existiert. Digitale Medien verst&#228;rken diesen Trend und es kommt zu &#220;berg&#228;ngen zu virtuellen Idealen. Beispielsweise hat Pro Sieben zur TV-Show „Germanys Next Topmodel 2“ ein Online Spiel herausgebracht, bei dem die Teilnehmerinnen in die Rolle eines potentiellen Topmodels (dargestellt mit den Gesichtern der Kandidatinnen aus dem Fernsehen) schl&#252;pfen und diese nach dem „Sims“-Prinzip aufbauen m&#252;ssen, d.h. ins Fitness-Center gehen, Laufsteg-Training absolvieren, sich richtig ern&#228;hren usw. Nat&#252;rlich gibt es auf der Homepage<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> auch Tipps, wie M&#228;dchen diese Dinge im realen Leben am besten machen. Aber auch mit der eisernsten Disziplin, niemand kann jemals so aussehen wie die Computer Figuren.<br />
Auch die Sexualit&#228;t, die uns gezeigt wird ist „fake sex“. So gibt es Aussagen von Poledancing-Turnerinnen, die als Nachteil dieser Form der sportlichen Ert&#252;chtigung die blauen Flecken anf&#252;hren, die das Tanzen an der Stange hinterlassen oder Berichte von Teilnehmerinnen von „Girls gone Wild“<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a> die das Herumknutschen mit ihren (heterosexuellen) Freundinnen als weniger prickelnd empfanden und damit nur klischeehafte M&#228;nnerphantasien befriedigen. Bei der neuen Sexiness geht es um das Vort&#228;uschen von Lust, eine Frau die wirklich sexuell erregt ist, macht ganz andere Gesichtsausdr&#252;cke als Christina Aguilera in ihren Videos. Das Ph&#228;nomen <em>Raunch Culture</em> bringt nicht einfach ans Tageslicht, was sich tats&#228;chlich „in den Schlafzimmern“ abspielt, es zeigt uns ein ganz bestimmtes irreales und unerreichbares Bild von Sex und K&#246;rperlichkeit. Hier gibt es keinerlei Kontinuit&#228;t zur sexuellen Befreiung der 68er Bewegung.</p>
<h3>K&#246;rperbilder und Neoliberalismus</h3>
<p>Das spezifische K&#246;rperideal, mit dem wir heute konfrontiert sind, ist also kein Abbild real existierender K&#246;rper. K&#246;rpererleben ist von der Kultur, als Teil eines herrschenden Systems, vermittelt. Es gibt kein „nat&#252;rliches“ K&#246;rperempfinden. Gesellschaftliche Machtstrukturen sind in die jeweils vorherrschenden K&#246;rperideale eingeschrieben<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a>. Der Neoliberalismus, als Rekonfiguration des Kapitalismus modifiziert auch die K&#246;rperbilder nach seinen Idealen.K&#246;rperlichkeit erf&#228;hrt im Neoliberalismus eine Aufwertung. Es geht um perfekte, um bearbeitete K&#246;rper. Diese Pr&#228;misse enth&#228;lt mehrere Aspekte.</p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span style="font-size: 9pt">Funktionalit&#228;t und Konformit&#228;t<o></o></span></p>
<p>Die K&#246;rper m&#252;ssen funktionieren. In einer Zeit steigender Arbeitslosigkeit und Unsicherheit darf der K&#246;rper keine Funktionsdefizite aufweisen. Au&#223;erdem darf er auch in der Erscheinungsform nicht von einer bestimmten Norm abweichen. In dieser Norm sind Selbstdisziplin und Eigenoptimierung verk&#246;rpert. Wer sich nicht engagiert einem K&#246;rperideal nachzueifern, ist einfach kein eifriger Mensch. Wer sich weigert, sich der Konformit&#228;t der K&#246;rperkultur unterzuordnen, kann sich nirgends unterordnen. Und wer sich bem&#252;ht und es trotzdem nicht schafft, der schafft vielleicht &#252;berhaupt nichts im Leben.</p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span style="font-size: 9pt">K&#246;rper und Sex als Kapital<o></o></span></p>
<p>„Dein K&#246;rper ist dein Kapital.“ sagt Heidi Klum, eines der erfolgreichsten Models der Welt und Autorin des Buches „Heidi Klum’s Body of Knowledge: 8 Rules of Model Behavior (to Help You Take Off on the Runway of Life)“<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a><br />
. In diesem Stadium des Kapitalismus, in dem das Erschlie&#223;en neuer M&#228;rkte die wichtigste Herausforderung geworden ist, ist einfach alles k&#228;uflich. K&#246;rper sind f&#252;r viele Frauen zur Investition geworden. Sie stecken Geld und Arbeit hinein und hoffen auf gute Ertr&#228;ge, sowohl am Arbeits-, als auch am Beziehungsmarkt. Klar ersichtlich ist dieses Prinzip bei Internet Single-B&#246;rsen. Jede hofft „einen guten Schnitt zu machen“, sich nicht „unter Wert zu verkaufen“, usw.</p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span style="font-size: 9pt">Wettbewerbslogik und K&#246;rperklassen</span><span><o></o></span></p>
<p>Nat&#252;rlich geht es auch bei den K&#246;rperlichkeiten um Superlative. Wer den sch&#246;nsten, schlanksten, sexisten K&#246;rper hat entscheidet scheinbar einzig und allein der freie Wettbewerb. Eine Reihe von TV-Formaten, à la „Germany’s Next Topmodel“ zeigen es vor. Jede kann es schaffen vom Cover der n&#228;chsten Cosmopolitan zu strahlen. Die Konkurrenz ist nat&#252;rlich. Es kann nur Eine geben. Aber wer gewinnt, entscheiden die, die schon auf der Gewinnerseite stehen. Nat&#252;rlich muss auch beachtet werden, dass das perfekte Aussehen Geld kostet. Fitness-TrainerInnen, Ern&#228;hrungsberaterInnen und Sch&#246;nheitschirurgInnen sind nicht f&#252;r jede leistbar. Menschen in diesen Berufen m&#252;ssen auch an sich arbeiten, sie machen vor dass es funktioniert (z. B. die Ern&#228;hrungsberaterin von „Du bist was du isst“ auf ATV), es braucht nur den Willen und das n&#246;tige Kapital.</p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span style="font-size: 9pt">Pseudo-Wahlfreiheit<o></o></span></p>
<p>Es gibt noch etwas, das frau wissen muss, bevor sie sich in den Kampf wirft: DU musst dich daf&#252;r entscheiden. Angeblich haben wir die Wahl, niemand zwingt dich gut auszusehen. Es gibt keine Bekleidungsvorschriften mehr, angeblich ist auch in der Mode jetzt alles erlaubt, aber warum sehen dann nicht nur die Frauen in den Modemagazinen, sondern auch die auf der Stra&#223;e alle so verdammt gleich aus? In vielen Magazinen gibt es die Dos and Don’t Seiten, wer sich auf der don’t Seite findet ist zumindest &#228;u&#223;erst peinlich ber&#252;hrt. Blo&#223;stellen statt sanktionieren. Angeblich k&#246;nnen sich Frauen heute frei entscheiden, f&#252;r Beruf, Familie, Beziehungskonstellation, Produkte die sie kaufen, usw. Aber bei genauerer Betrachtung ist die Wahlfreiheit gar nicht so gro&#223; und hinterl&#228;sst nur das Gef&#252;hl, selbst schuld zu sein, wenn der gew&#228;hlte Weg keinen Spa&#223; macht. Und keinen Spa&#223; zu haben ist auch keine Option.</p>
<h3>Kapitalismus schluckt und spuckt</h3>
<p>Wir k&#246;nnen also sagen, dass jene Fortschritte der sexuellen Befreiung, die bereits erk&#228;mpft waren zu vielen Teilen wieder von der kapitalistischen Kultur zur&#252;ckerobert wurden sind. Dabei handelt es sich aber nicht einfach um einen konservativen Backlash. Mainstream-Kultur und kritische Auseinandersetzung stehen in einem dynamischen Verh&#228;ltnis zueinander. Ein Beispiel dazu ist etwa auch die „Riot-Grrrl“-Bewegung in den 1990ern. Ausgehend von Wut gegen die Unterdr&#252;ckungsmechanismen des (patriarchalen) Systems mit seinen konservativen Werten wurde von jungen Frauen eine Bewegung gegr&#252;ndet, die sich auf ironische Weise eine eigene Weiblichkeit gr&#252;ndete. Bisherige Frauenbilder wurden &#252;bertrieben inszeniert, frauenfeindliche Ausdr&#252;cke (chicks, bitch, &#8230;) aufgenommen um den konstruierten Charakter von Weiblichkeit aufzuzeigen, indem er l&#228;cherlich gemacht wurde. Damit einhergehend entstanden neue M&#246;glichkeiten ein eigenes Weiblichkeitsbild zu finden, das sich nicht an den gesellschaftlichen Erwartungen orientierte. Der Refrain eines Punksongs lautete etwa: „Die Leute sagen, kleine M&#228;dchen soll man sehen und nicht h&#246;ren. Aber ich sag …Steckt euch die Fesseln in den Arsch!“<br />
Bald erweckte die Riot-Grrrl-Bewegung das Interesse der Medien. Das Bem&#252;hen der Aktivistinnen, nicht kommerzialisiert zu werden, blieb erfolglos. Massenmedien gelang es, aus der emanzipatorischen Protestbewegung den „Girlie-Style“ zu extrahieren, der nat&#252;rlich keine politischen Inhalte transportierte. Die von den jungen Frauen ironisch &#252;bertriebene „Weiblichkeit“ fand sich in Popkan&#228;len wie MTV als s&#252;&#223;er Modestil wieder. „Girl-Power“ konnte nun in den Gesch&#228;ften erstanden werden, Protest und Selbstfindung war nicht mehr n&#246;tig. Die „Girlies“ fanden sich einmal mehr als m&#228;nnliche Projektion im Lolita-Kleidchen wieder: klein, frech, anh&#228;nglich und vor allem sexuell anziehend.<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a><br />
Diese Aufnahme und Umdeutung fortschrittlicher Ideen ist kein auf das „Frauen-Thema“ isoliertes Ph&#228;nomen. In einem anderen Zusammenhang theoretisieren Boltanski und Chiapello (1999)<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a> die Tendenz im Kapitalismus, dass progressive Forderungen und Kritik in den herrschenden Diskurs aufgenommen werden: „Auch wenn der Kapitalismus nicht ohne eine Allgemeinwohlorientierung als Quelle von Beteiligungsmotiven auskommen kann, ist er aufgrund seiner normativen Unbestimmtheit doch nicht dazu im Stande, den kapitalistischen Geist aus sich selbst heraus zu erzeugen. Er ist auf seine Gegner angewiesen, auf diejenigen, die er gegen sich aufbringt, und die sich ihm widersetzen, um die fehlende moralische St&#252;tze zu finden und Gerechtigkeitsstrukturen in sich aufzunehmen, deren Relevanz er sonst nicht einmal erkennen w&#252;rde.“<a href="#anm26" title="anm_26" name="anm_26"><sup>26</sup></a> Erg&#228;nzend soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass es dem Kapitalismus vor allem dann gelingt sich kritische Ans&#228;tze einzuverleiben, wenn diese Kritik nicht (mehr) im Kontext realer politischer Auseinandersetzungen steht. Wenn Begriffe zu leeren Worth&#252;lsen ohne (klassen)k&#228;mpferischen R&#252;ckhalt werden, ist es umso leichter sie von der anderen Seite her zu besetzen und umzuinterpretieren.</p>
<h3>Wessen K&#246;rper ist das hier?</h3>
<p>In einer Zeit, in der vieles sich schnell ver&#228;ndert, nix fix zu sein scheint und wir oft das Gef&#252;hl der Ohnmacht empfinden, liegt es nahe, den K&#246;rper als das letzte Eigene, Unber&#252;hrte und Vertraute zu verstehen. Wie in diesem Artikel aber gezeigt wurde ist K&#246;rperlichkeit in unterschiedlichen Facetten lange nicht mehr die letzte freie Bastion ohne kapitalistischen Zugriff – im Gegenteil, was wir essen und wie viel, wie wir aussehen, was wir gut und ansprechend finden und wie wir unsere Sexualit&#228;t leben ist offenbar auch Teil kapitalistischer Verwertungslogik.<br />
Als Konklusion und Ausblick schreibt Ariel Levi &#252;ber die Sexuelle Befreiung, die wir meinen: „Frauenbefreiung und Emanzipation sind Begriffe, die Feministinnen verwendeten, um Grenzen aufzubrechen und Gleichberechtigung zu fordern. Wir haben diese Begriffe pervertiert. Die Freiheit, sexuell provokativ oder promiskuitiv zu sein ist nicht genug Freiheit; es ist nicht die einzige „Frauen-Frage“ die Aufmerksamkeit verdient. Und wir sind nicht mal im sexuellen Bereich frei. Wir haben nur eine neue Norm &#252;bernommen, wir spielen die Rolle der munteren vollbusigen Exhibitionistin. <em>Wir k&#246;nnen uns anders entscheiden</em>. Wenn wir uns wirklich sexuell befreien wollen, m&#252;ssen wir Raum schaffen f&#252;r eine Bandbreite von M&#246;glichkeiten so unterschiedlich wie das menschliche Begehren selbst. Wir m&#252;ssen uns die Freiheit nehmen herauszufinden, was wir wirklich von Sex wollen, statt die Sexiness-Vorgabe der Popkultur zu imitieren. Das w&#228;re sexuelle Befreiung.“<a href="#anm27" title="anm_27" name="anm_27"><sup>27</sup></a><br />
K&#246;nnen wir das, uns einfach anders entscheiden? Oder handelt es sich dann nicht wieder nur um die weiter oben beschriebene Pseudo-Wahlfreiheit? Zentral an diesem Satz von Ariel Levi ist f&#252;r uns weniger das <em>entscheiden</em> als das <em>wir</em>. Um zu verhindern, dass der Kapitalismus unsere Kritik schluckt, m&#252;ssen wir Viele sein. Damit die neoliberalen K&#246;rperbilder nicht als das einzig Sch&#246;ne erscheinen, m&#252;ssen wir laut sein. Isoliert k&#228;mpfen f&#252;hrt in die Sackgasse. In dieser Hinsicht muss das scheinbar Private wieder politisch werden.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> „Du kannst gegen die Wand rennen, um einen Beziehungspartner zu finden, oder einfach losziehen und Sex haben wie ein Mann.“<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> http://www.sexandthecity.de/<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> „Sag mir, was du von mir h&#228;ltst, ich kauf mir meine eigenen Diamanten und meine eigenen Ringe, ruf dich nur an, wenn ich mich einsam f&#252;hle, und wenn´s dann vorbei ist, bitte steh auf und geh…“<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> http://artists.universal-music.de/pussycat_dolls/<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> American Psychological Association, Task Force on the Sexualization of Girls: Report of the APA Task Force on the Sexualization of Girls, Washington 2007, www.apa.org/pi/wpo/sexualization.html<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a>American Society of Plastic Surgeons: 2000, 2004, 2005 national plastic surgery statistics: Cosmetic and reconstructive procedure trends, 2006, www.plasticsurgery.org<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a>Die amerikanischen ForscherInnen sprechen von einer r&#252;ckl&#228;ufigen Entwicklung bei der Verwendung von Kondomen unter Jugendlichen. In &#214;sterreich ist die Quote in den letzten Jahren ungef&#228;hr gleich bleibend. N&#228;here Angaben: Kromer, Ingrid: Jugendsexualit&#228;t in der empirischen Forschung, 2002, https://www.wien.gv.at/who/jugendgb/2002/doc/jugendsexualitaet.doc<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Morgan, Robin: Going Too Far: The Personal Chronicle of a Feminist, 1974, zit. nach Levi, Ariel: Female Chauvinist Pigs. Women and the Rise of Raunch Culture, London 2005, S. 61.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a>Literatur dazu etwa McElroy, Wendy: A Woman’s Right to Pornography, New York 1995 oder MacKinnon, Catharine A.: Feminism Unmodified: Discourses on Life and Law, Cambridge 1987.<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a>Kullmann, Katja: Generation Ally – Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein, Frankfurt 2002.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Christie Hefner im Gespr&#228;ch mit Ariel Levi. Levy: a.a.O., S. 39.<o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a><em>raunchy</em> = dreckig, schl&#252;pfrig, scharf.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a>Levi: a.a.O. <o></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a>Die Gr&#252;nderinnen Emily Kramer and Melinda Gallagher nannten die Organisation so, weil es ist ein Slang Ausdruck f&#252;r das weibliche Genital sei und nach „klebrig, s&#252;&#223;, lecker und sexy“ klingt. Aus einem Interview f&#252;r 20/20 auf ABC.<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a>Levi: a.a.O., S. 74.<o></o><br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a>Ebd., S. 39.<o></o><br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a>Siehe z.B. <em>New York Times</em>: „No Longer Taboo, Pole Dancing Unleashes Suburbia’s Wild Side“, 5.M&#228;rz, 2007.<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a>http://www.neon.de/kat/fuehlen/sex/1270.html<o></o><br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a>Levy: a.a.O., S. 5.<o></o><br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a>http://www.prosieben.de/lifestyle_magazine/topmodel/index.php<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a>US-Dokumentation diverser StudentInnenparties, z. B. Spring Break, bei denen die M&#228;dchen f&#252;r ein „Girls-Gone-Wild-Tank-Top“ vor der Kamera sexuelle Handlungen zeigen. Die Videos werden dann h&#228;ufig im Internet zum Verkauf angeboten. Der rechtliche Hintergrund ist fraglich, n&#228;hre Infos dazu http://www.ftc.gov/opa/2003/12/girlsgonewild.htm<o></o><br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a>Vgl. Kreisky, Eva: Neoliberale K&#246;rpergef&#252;hle: Vom neuen Staatsk&#246;rper zu profitablen K&#246;rperm&#228;rkten. Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Br&#252;che – Geschlecht – Gesellschaft: Leibes/&#220;bungen“ des Gender-Kollegs der Universit&#228;t Wien, 15. Mai 2003.<br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a>Heidi Klum’s Body of Knowledge: 8 Rules of Model Behavior (to Help You Take Off on the Runway of Life), auf Deutsch erschienen als „Heidi Klum. Nat&#252;rlich erfolgreich“, 2005 im Kr&#252;ger Verlag. Co-Autorin ist Alexandra S. Postman, Mitautorin eines Buchs &#252;ber plastische Chirurgie.<br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a>Vgl. Hahn, Christine: Die Geschichte von Riot-Grrrl-Revolution, in: <em>Wir Frauen. Das feministische Blatt</em>, 21:4 (2002), S. 6 f.<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a>Boltanski, Luc/ Chiapello, Ève: Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz 1999.<br />
<a href="#anm_26" title="anm26" name="anm26">26</a>Ebd., S. 68.<o></o><br />
<a href="#anm_27" title="anm27" name="anm27">27</a>Levi: a.a.O., S. 200.<o></o></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2007/11/01/sexy-sexismus/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>

