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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Interviews</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Griechenland: &#8220;Diese Schulden haben Klassencharakter!&#8221;</title>
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		<pubDate>Mon, 05 Sep 2011 09:08:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Union]]></category>
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		<description><![CDATA[Ramin Taghian sprach in Athen mit Haris Triandafilidou, Mitglied der Jugendorganisation von Synaspismos und dem Aktivisten Giorgos Saliaris, &#252;ber die Krise in Griechenland, die Besetzung des Syntagma-Platzes und den Widerstand gegen die neoliberale Sparpolitik der griechischen Regierung.

Was sind eurer Meinung nach die Ursachen der Krise in Griechenland?
Haris: Die M&#228;r, dass Griechenland &#252;ber seine Verh&#228;ltnisse gelebt h&#228;tte, die L&#246;hne zu hoch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Ramin Taghian</em> sprach in Athen mit <em>Haris Triandafilidou</em>, Mitglied der Jugendorganisation von <em><a href="http://www.syn.gr/en/in_deutsch.htm">Synaspismos </a></em>und dem Aktivisten <em>Giorgos Saliaris</em>, &#252;ber die Krise in Griechenland, die Besetzung des Syntagma-Platzes und den Widerstand gegen die neoliberale Sparpolitik der griechischen Regierung.<br />
<span id="more-2138"></span><br />
<em>Was sind eurer Meinung nach die Ursachen der Krise in Griechenland?</em></p>
<p>Haris: Die M&#228;r, dass Griechenland &#252;ber seine Verh&#228;ltnisse gelebt h&#228;tte, die L&#246;hne zu hoch waren und das der Grund f&#252;r die hohe Verschuldung sei, ist nicht wahr. Oft wird ja argumentiert, dass deswegen der griechische Kapitalismus nicht konkurrenzf&#228;hig sei. Aus meiner Sicht sind mehrere Punkte wichtig. Einerseits die weltweite Krise, die 2008 in den USA ausgebrochen ist. Ein weiterer Grund ist die Euro-Architektur an sich, also dass so viele unterschiedliche L&#228;nder unter einer W&#228;hrung existieren, es aber keine einheitliche Wirtschaftspolitik gibt. Das f&#252;hrt dazu, dass L&#228;nder wie Deutschland ohne Ende exportieren k&#246;nnen. Das sind immerhin 60 bis 70 Prozent der Exporte innerhalb der EU.<br />
Noch ein Problem ist, dass Griechenland zu extrem hohen Zinsen Kredite aufgenommen hat, um &#228;ltere Schulden abzubezahlen. Die europ&#228;ische Zentralbank (EZB) verleiht an Banken Geld zu einem Zinssatz von 1 Prozent. Diese wiederum verleihen das Geld an die jeweiligen Staaten mit sechs, sieben Prozent Zinsen weiter. Zu wenig thematisiert wurde ein weiterer Grund, weshalb die Staatskassen leer sind. Das Bankenrettungspaket entsprach etwa der H&#246;he der 110 Milliarden Euro, die jetzt das EU-Rettungsschirms vom letzten Jahr ausmachen. Im Prinzip ging also die Rettung der Banken auf Kosten der Gesellschaft, weil ja nicht nur der Staat, sondern die Gesellschaft daf&#252;r bezahlt.<br />
Die Ursachen liegen also einmal im internationalen kapitalistischen System, das in der neoliberalen Logik fu&#223;t, mit einem gro&#223;em Gewicht der Finanzm&#228;rkte, und der Europ&#228;ische Union mit ihrer Ausrichtung. Aber auch die konkreten Ma&#223;nahmen in Griechenland spielen eine Rolle. Als Griechenland dem Euro-Raum beigetreten ist, hatten wir zwischen 1997 und 2007 ein Wachstum von knapp 44 Prozent des BIP. Nat&#252;rlich wurde in diesen Zeiten nichts mit dem Geld angefangen, um z.B. &#252;ber Steuern irgendetwas in die Staatskassen zu bekommen. Stattdessen wurden Steuern auf gro&#223;e Unternehmen, Banken und andere Kapitalien gesenkt. Die Verschuldung blieb deshalb weiterhin auf 100 Prozent. Zus&#228;tzlich steht Griechenland an dritter oder vierter Stelle weltweit bei den R&#252;stungsausgaben im Verh&#228;ltnis zur Bev&#246;lkerung. Diese Schulden haben Klassencharakter!</p>
<p><em>Jetzt sind Sparpakete geplant. Wie hat sich die Krise konkret auf die Bev&#246;lkerung, auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen ausgewirkt?</em></p>
<p>Haris: Im letzten Jahr kam es zur Streichung des 13. und 14. Monatsgehalts. Gerade in den deutschen Medien galt das ja immer wieder als Beleg daf&#252;r, dass es den Griechen doch so gut gehe. In Griechenland werden aber extrem niedrige L&#246;hne gezahlt. Die Zusch&#252;sse zwei Mal pro Jahr gab es, damit das Ganze noch irgendwie aufgerechnet werden konnte. Wenn man sich &#252;berlegt, was eine normale Familie, die keine gro&#223;en Luxusausgaben hat, an Lebenshaltungskosten aufbringen muss, ist das schon krass. So sind die Lebensmittelpreise viel h&#246;her als etwa in Deutschland oder anderen europ&#228;ischen L&#228;ndern. Vor der Krise gab es bereits einen Anteil von 20 Prozent der Bev&#246;lkerung, die unterhalb der Armutsgrenze lebte. Unsere Generation war die „Generation der 700 Euro“. Wenn du einen Universit&#228;tsabschluss hast,  kannst du nicht damit rechnen mehr als 700 Euro zu verdienen. Dank der sozialistischen Regierung verdienst du als BerufseinsteigerIn jetzt nur mehr 560 Euro. Eine Genossin aus meiner Organisation hat Elektrotechnik studiert und letztes Jahr angefangen zu arbeiten. Sie hat viele &#220;berstunden gemacht und dann gesagt: „Ich will die irgendwie bezahlt kriegen oder in Urlaub gehen oder ich arbeite halt nur mehr die 8 Stunden.“ Sie wurde rausgeworfen und verdient jetzt 400 Euro im Monat als Kellnerin.</p>
<p>Giorgos: Ich habe zweieinhalb Jahre in einer Werbeagentur gearbeitet, die hatte zumindest ein paar Dinge wie eine private Krankenversicherung. Ich habe mit 700 Euro im Monat angefangen, im Vertrag stand ganz normal acht Stunden pro Tag, aber ich habe bis auf die Sommermonate noch nie blo&#223; acht Stunden dort gearbeitet. Ich musste jeden Tag 10-12 Stunden arbeiten und wurde noch nie f&#252;r die &#220;berstunden bezahlt. Irgendwann gab es zwar eine Gehaltserh&#246;hung auf 900 Euro im Monat, trotzdem ging es einfach nicht mehr, weil ich weiterhin immer mehr Stunden gearbeitet habe und allein die Fahrt dahin teuer war. Weil es keine Arbeitsrechte gibt, kannst du nichts dagegen machen. Irgendwann hatte ich die Schnauze voll und meinte, ich will nur die acht Stunden arbeiten. Deswegen wurde ich gefeuert, obwohl im Vertrag acht Stunden stehen. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat zu Beginn der Krise gesagt, wir Griechen w&#228;ren faul und w&#252;rden nicht arbeiten. Dabei arbeiten wir alle mehr als acht Stunden am Tag. Es hat sich herausgestellt, – das kam auch in Deutschland in ein paar Artikeln heraus &#8211; dass wir GriechenInnen mehr als alle Europ&#228;erInnen arbeiten. Das wird selten erw&#228;hnt.</p>
<p>Haris: Weiters baut das ganze Sozialversicherungssystem auf Sozialversicherungs-Marken auf. Eigentlich m&#252;ssten ArbeitgeberInnen diese kaufen und in die Sozialversicherungs-Hefte ihrer ArbeitnehmerInnen kleben. Wenn das aber nicht passiert und du trotzdem nicht auf deine Rente und Krankenversicherung verzichten willst, dann musst du dir diese Marken selbst kaufen, indem du Geld daf&#252;r sparst oder ausleihst. Wie viel das kostet kommt darauf an, bei welchem Versicherungsfond du das machst, wobei es sich um eine ganze Summe Geld handelt, gerade f&#252;r MigrantInnen, wenn man bedenkt, dass diese meist undokumentiert arbeiten und folglich nicht versichert sind. Du musst diese aber auch ansammeln, um das Recht zu haben, Arbeitslosengeld zu bekommen. Das wirkt sich wiederum auf arbeitsrechtliche Angelegenheiten aus. LehrerInnen zum Beispiel bekommen deswegen nie feste Vertr&#228;ge, sondern werden immer nur bis zum Sommer und an verschiedenen Schulen angestellt, damit sie nirgendwo eine feste Anstellung bekommen. Im Sommer werden sie entlassen und haben deswegen kein Recht auf Arbeitslosengeld. Dazu kommt, dass Korruption in Griechenland sehr weit verbreitet ist. Nun wurde ein Gro&#223;teil der Leute, die f&#252;r Steuereintreibung und Korruptionsbek&#228;mpfung zust&#228;ndig waren, weggek&#252;rzt. F&#252;r 900.000 Betriebe waren davor schon nur 1.000 Kontrolleure zust&#228;ndig. Dass die UnternehmerInnen dann Steuer hinterziehen, ist da wohl klar.</p>
<p><em>Wie ist die Situation im Gesundheitssektor?</em></p>
<p>Haris: Die Krankenversicherung zahlt der Staat, damit der Arbeitgeber nicht belastet wird. Sie k&#246;nnen diesen Hungerlohn zahlen, weil wir ja dem Kapital nicht an die Tasche d&#252;rfen. Letztes Jahr im Sommer ging durch die Medien: „Passt besonders gut auf, dass euch nichts passiert, damit ihr nicht ins Krankenhaus m&#252;sst. Denn es gibt keine Skalpelle, keine Operationsbesteck, es werden nur Notoperationen durchgef&#252;hrt.“ Das kam so: Nat&#252;rlich sind die Chefs der Krankenh&#228;user mit der <em>PASOK </em>(<em>Panellinio Sosialistiko Kinima</em>, die sozialdemokratische Partei Griechenlands, Anm) gut verbunden. Die haben lange Zeit alles, was an Mitteln f&#252;r die Krankenh&#228;user ben&#246;tigt wurde, bei verbandelten Unternehmen zu Preisen bestellt, die bis zu 200 Prozent &#252;ber dem Durchschnitt liegen. Die unterfinanzierten Krankenh&#228;user konnten das irgendwann nicht mehr bezahlen, und die Unternehmen haben aufgeh&#246;rt, Sachen zu liefern. Das war ein wunderbares Beispiel daf&#252;r, wie dieses <em>PASOK</em>-System funktioniert, welchen Klientelismus und Nepotismus die <em>PASOK </em>aufgebaut hat.<br />
Auch das &#246;ffentliche Schulsystem ist extrem unterfinanziert. Um die Hochschulzugangsberechtigung zu bekommen, also die Pr&#252;fung zu bestehen, bist du gezwungen Privatunterricht zu nehmen. Den m&#252;ssen die Eltern aus eigener Tasche zahlen. Vor zwei Jahren bedeutete das f&#252;r jede Familie 7.500 Euro. Wer hat denn so viel Geld?</p>
<p>Giorgos: Deswegen sind die Leute auch gezwungen, Kredite aufzunehmen. Sie k&#246;nnen oft gar nicht anders.</p>
<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-medium wp-image-2141" title="directdemocracy" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/09/directdemocracy-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></p>
<p><em>Privatverschuldung und Kredite haben in anderen L&#228;ndern eine zentrale Rolle in der Krisendynamik gespielt. Wie ist das in Griechenland?</em></p>
<p>Haris: Die Verschuldung der Privathaushalt macht einen gro&#223;en Teil der Schulden aus. Bei der Einf&#252;hrung des Euro sind die Zinsen f&#252;r Kredite extrem gesunken. Im Gegensatz zum fr&#252;here fordistischen Wohlfahrtsstaat besteht der soziale Kompromiss nun darin, Kredite aufnehmen zu k&#246;nnen. Viele Leute hatten und haben Kreditkartenrechnungen, die sie nicht bezahlen k&#246;nnen. Man konnte sich einen Kredit nehmen, um in den Urlaub zu fahren, die wurden Urlaubskredite genannt. Du konntest Konsumkredite aufnehmen – die hei&#223;en auch alle so! Die Privatverschuldung ist unglaublich. Du kannst im Supermarkt auf Kredit kaufen, weil du deine Grundbed&#252;rfnisse mit deinem normalen Gehalt nicht decken kannst. Das war vor der Krise schon so. Man muss sich vorstellen, dass dann im letzten Jahr die L&#246;hne um durchschnittlich 20 bis 40 Prozent gek&#252;rzt wurden, die Mehrwertsteuer erh&#246;ht wurde, das Benzin extrem teuer geworden ist usw. Es geht hier mittlerweile um Leben und Tod. Das ist auch der Grund warum sich so viele Leute vor dem Parlament versammelt haben.</p>
<p><em>Inwiefern ist in so einer Situation der Glaube an eine b&#252;rgerlich-parlamentarische L&#246;sung in der Bev&#246;lkerung eigentlich noch erhalten? Die Leute sind w&#252;tend, Haris, du sagst es geht um Leben und Tod. Werden die Aufforderungen, in harten Zeiten durchzuhalten und die vermeintliche Notwendigkeit der Sparpakete, geschluckt?</em></p>
<p>Haris: Im Winter gab es einen <a href="http://no-racism.net/article/3647/">Hungerstreik </a>von 300 MigrantInnen, um Papiere zu bekommen. Wie in den Medien &#252;ber diese MigrantInnen hergezogen wurde, zeigte eine deutlich rechte Stimmung. Damals hatte ich den Eindruck, dass viele nicht nur die parlamentarische Demokratie, sondern Demokratie als solche in Zweifel ziehen. Was mir aber sehr viel Hoffnung gibt, sind die Ereignisse seit dem <a href="http://www.scharf-links.de/44.0.html?&amp;tx_ttnews%5Btt_news%5D=16873&amp;cHash=b09a86b1ce">25. Mai am Syntagma-Platz</a>. Hier l&#228;uft alles unter der Bem&#252;hung, dass die Leute begreifen, was Demokratie wirklich ist. Ich war bei einer wunderbaren Diskussion mit vier verschieden Vortragenden. Es ging darum, was Demokratie bedeutet, was es bedeutet, Minderheit in einer Demokratie zu sein, was direkte und was  repr&#228;sentative Demokratie ist, und was jetzt gerade hier passiert. Die Leute versammeln sich unter der Forderung nach echter Demokratie. Das ist positiv! Sie sagen, wir zweifeln Demokratie nicht grunds&#228;tzlich an. Letztes Jahr noch war die Stimmung weit verbreitet, wir br&#228;uchten jemanden wie Berlusconi, jemanden der es in der Marktwirtschaft zu etwas gebracht hat. Solche Leute m&#252;ssten jetzt an die Regierung und alles verwalten um uns aus dieser Misere heraus zu f&#252;hren. Diese Stimmung ist total gekippt. Die Demokratie als Idee wird nicht angezweifelt, sondern die parlamentarische Demokratie unter neoliberalen Vorzeichen steht in der Kritik.</p>
<p><em>Also eine Krise der repr&#228;sentativen Demokratie?</em></p>
<p>Haris: Die Parteien sind hier sehr klientelistisch organisiert, was auch von den Medien bef&#246;rdert wurde. Vor allem <em>PASOK </em>hat das so aufgebaut: Du w&#228;hlst mich und daf&#252;r bringe ich dein Kind oder dich irgendwo im &#246;ffentlichen Sektor unter. &#196;hnliches passiert auf den Universit&#228;ten. Jede Partei hat ihre StudentInnenorganisation. Die treffen sich aber nicht, um zu diskutieren, sondern sagen, wir sind <em>PASOK</em>, wir fahren gemeinsam auf Urlaub, bieten Reisen an oder gehen in Nachtclubs. Wenn du uns kennst, bekommst du einen Tisch f&#252;r den du sonst 100 Euro zahlst um 20 Euro.</p>
<p>Giorgos: Bei den Griechen ist die Partei wie eine Fu&#223;ballmannschaft von der man total gro&#223;er Fan ist. Schon als Kind wird dir anerzogen, du wirst jetzt <em>PASOK </em>oder du wirst <em>Nea Dimokratia</em> (konservative Partei Griechenlands, Anm.). Wenn du &#252;berhaupt nichts mit Parteien zu tun haben willst, ist es sehr schwer durchzukommen.</p>
<p>Haris: Das bricht aber jetzt auf. PASOK hat bei den letzten Wahlen &#252;ber 40% bekommen. Jetzt bei den Umfragen schaffen sie es nicht &#252;ber 25%. In manchen Regionen schl&#228;gt die Basis der Partei die Parteib&#252;ros in St&#252;cke. Die SozialdemokratInnen haben unter <em>Kostas Simitis</em> (Ministerpr&#228;sident von 1996 bis 2004, Anm.) einen extrem neoliberalen Kurs eingeschlagen. Alles unter der Fahne des Beitritts zum Euro-Raum, damit es uns endlich besser gehe. Nach der letzten Wahl ist <em>Papandreou </em>(<em>Giorgos Andre</em>a, aktueller Ministerpr&#228;sident, Anm.) eigentlich mit einem komplett keynesianistisch-sozialstaatlichen Programm an die Macht gekommen. Sein Bruder ist jetzt in der Kommission, die f&#252;r Privatisierungen zust&#228;ndig ist. Die schieben sich die Gesch&#228;fte zu. Daran wird nichts ge&#228;ndert, aber die kleinen Leute m&#252;ssen zahlen.</p>
<p><em>K&#246;nnt ihr n&#228;her auf das Verh&#228;ltnis zwischen der Basis der sozialistischen Partei und ihrer F&#252;hrung eingehen? Ihr habt ja schon angesprochen, dass es zu Auseinandersetzungen gekommen ist. Wie verhalten sich dabei die Gewerkschaften?</em></p>
<p>Haris: Gerade gab es eine Kampagne, die versucht hat <em>SYRIZA</em>, die Koalition der radikalen Linken im Parlament, daf&#252;r verantwortlich zu machen, dass Regierungsmitglieder mit Joghurt beworfen oder ausgebuht werden. Das Ganze hat dann aber doch irgendwann zu l&#228;cherlich gewirkt. Die Partei hatte bei den letzten Wahlen 4,6%. Wie viele sind wir, ohne es zu wissen? (lacht) Sie zeigten dann ein Video auf dem angeblich Mitglieder von <em>SYRIZA </em>zu sehen sind, die Joghurt werfen. Es stellte sich aber heraus, dass das unter anderem der Vorsitzende der Jugendorganisation von <em>PASOK </em>war. Ihre eigenen Leute haben sie ausgebuht! Das war zu erwarten. Schlie&#223;lich machen sie das komplette Gegenteil von dem Programm, f&#252;r das sie gew&#228;hlt wurden.</p>
<p>Giorgos: Viele Politiker beschweren sich, dass sie sehr aggressiv angegriffen und beworfen werden und wir doch auf Dialog setzen sollen. Aber wer gibt der Polizei die Befehle anzugreifen? Wenn sie einen Dialog wollen, sollen sie die Polizei raus lassen. Nat&#252;rlich schmei&#223;en wir Joghurt! Wir merken, dass sie uns anl&#252;gen.</p>
<p>Haris: Als Papandreou gew&#228;hlt wurde, hat er gesagt: „Wenn wir die Schere zwischen Arm und Reich nicht radikal verkleinern und wenn wir dieser Gesellschaft nicht das Gef&#252;hl geben, dass endlich mehr Gerechtigkeit herrscht, dann werden sie uns mit Steinen verjagen.“ Genau das passiert jetzt. Letzte Woche hat die europ&#228;ische Linkspartei hier getagt und eine Veranstaltung organisiert. Es wurden Basisgewerkschaften, aber auch die Chefs der gr&#246;&#223;ten Gewerkschaften eingeladen, in deren Bereichen jetzt privatisiert werden soll. Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Privatangestellten ist <em>PASOK</em>-Mitglied. Seine Analyse der Angriffe auf die arbeitsrechtlichen Errungenschaften hat aber gezeigt, dass er ideologisch mit dieser Partei fertig ist. Ein Gewerkschafter der staatlichen &#214;lgesellschaft wurde aus der Partei ausgeschlossen und hat gesagt: „Wir haben Fehler gemacht und gedacht, Gewerkschaftsarbeit hei&#223;t hie und da mal eine Pressemitteilung rauszugeben. Aber ich habe eines verstanden, Gewerkschaftsarbeit muss jetzt auf der Stra&#223;e stattfinden.“ Daran sieht man die Politisierung der Gewerkschaften und der Basis. Ein weiterer Gewerkschafter der staatlichen Wassergesellschaft, die privatisiert werden soll, hat sich ausgerechnet wie viel der Betrieb bei einem Verkauf kosten w&#252;rde. Er meinte, selbst wenn wir glauben, dass unbedingt Geld n&#246;tig sei und die Betriebe verkauft werden m&#252;ssten, k&#228;me das auf 40 Euro gespalten auf drei Wasserrechnungen pro EinwohnerIn. Nach drei Rechnungen w&#228;re die gesamte Bev&#246;lkerung im Besitz des Betriebs! Solche Konzepte und Alternativen sind wichtig. Es ist wichtig zu zeigen, dass die Regierung nicht die absolute Wahrheit besitzt und diese kapitalistische neoliberale Logik keine Naturgewalt ist.</p>
<p><em>Ihr habt schon die Ereignisse am Syntagma-Platz erw&#228;hnt. Er&#246;ffnen sich hier Alternativen? Vielleicht k&#246;nnt auch kurz erkl&#228;ren, welche Rolle die &#8220;Indignados&#8221; spielen.</em></p>
<p>Haris: Im Prinzip war es eine Reaktion auf die Ereignisse in Spanien, die ja &#228;hnliche Probleme haben. Eine extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit trotz guten Ausbildungsniveaus, prek&#228;re Arbeitsbedingungen usw. Seit Februar hatte sich eine enorme Wut aufgestaut, die sich aber nirgends kanalisiert hat, sondern nur im Werfen von Gegenst&#228;nden Ausdruck fand. Seit dem 25. Mai gibt es am Syntagma-Platz eine bunte Bewegung. Auf dem unteren Teil des Platzes finden Vollversammlungen statt und auf dem oberen Teil stehen Leute vor dem Parlament und zeigen ihm quasi den Mittelfinger. Es gibt Leute mit griechischen Fahnen, die Patriotismus im Protest erkennen. Es gibt auch Rechtsextreme. Am Anfang war es so, dass es innerhalb der Linken Schwierigkeiten gab, sich zu positionieren. Fordern wir eine patriotische Regierung oder konzentrieren wir auf soziale Gerechtigkeit und setzten Demokratie, soziale Gleichheit und Geschlechtergleichheit auf die Agenda? Die <em>KKE </em>(Kommunistische Partei Griechenlands, Anm.), die gr&#246;&#223;te organisierte linke Partei, enthielt sich komplett und verurteilte das Ganze als etwas, was keine revolution&#228;re Gesinnung hat, keine Thematik, kein Programm. Andere Teile der Linken, ob parlamentarisch oder au&#223;erparlamentarisch, haben einfach folgendes gemacht. Sie haben respektiert, dass es eine Parteienverdrossenheit gibt. Sie gehen also nicht mit Parteifahne hin, sondern diskutieren mit und h&#246;ren zu. Wir m&#252;ssen dorthin gehen und die Leute &#252;berzeugen.</p>
<p><em>Wie finden solche Diskussionen am Syntagma-Platz statt?</em></p>
<p>Haris: Am Dienstag wird es die vierte Diskussion geben. Es gibt immer ein Gremium, das vorschl&#228;gt, welche Leute sprechen sollen. Dar&#252;ber wird dann in der Vollversammlung abgestimmt. Das ist wirklich basisdemokratisch. Die RednerInnen sitzen vorne und haben jeweils eine viertel Stunde Zeit. F&#252;r die Fragen werden Nummern gezogen und du wirst aufgerufen. Wenn zu viele etwas sagen wollen, wird ausgelost, damit niemand aus irgendwelchen Gr&#252;nden bevorzugt wird. In einer meiner ersten Diskussionen ging es darum, was diese Schulden genau sind, ob es eine richtige L&#246;sung daf&#252;r gibt und ob das, was gerade passiert die einzig m&#246;glich L&#246;sung ist. Die Leute haben mitdiskutiert und viele Fragen gestellt. Genau das hat sich doch die Linke so lang gew&#252;nscht, dass die Leute auch erfahren, dass es andere M&#246;glichkeiten gibt! Die Medien haben dar&#252;ber nie berichtet. Sie sind hier wirklich Instrumente des Machtblocks. Interessant war, und das kann man vielleicht als Hegemoniekrise verstehen, dass w&#228;hrend des <a href="http://www.democracynow.org/2011/6/29/inside_greeces_general_strike_video_report">Generalstreiks am 29. Juni</a> nicht einmal die regierungstreuesten Medien rechtfertigen konnten, was passiert ist. Die vom Fernsehen befragten Parteivertreter wurden regelrecht von den Medien attackiert. Diese Mainstreamideologie bricht auf. Das ist einerseits positiv, weil es in Richtung soziale Gerechtigkeit, Demokratie und Ausdehnung von Rechten geht. Es kann aber nat&#252;rlich auch in die Hose gehen und eine krassen Rechtsruck geben.</p>
<p><em>Wie spiegeln sich diese Widerspr&#252;che in der Bewegung wider?</em></p>
<p>Haris: Die Hegemonie in dieser Bewegung haben schon linke bzw. demokratische Kr&#228;fte inne. Im Moment sieht es gut aus. Das h&#228;ngt aber auch davon ab, wie sich die Medien verhalten werden und wie viel Polizeigewalt wir noch sehen werden. Letztes Jahr fand am 5. Mai, als das Ma&#223;nahmenpaket beschlossen wurde, die gr&#246;&#223;te Demonstration seit dem Ende der Diktatur statt. Damals wurde eine Bank angez&#252;ndet und drei Menschen sind gestorben. Danach war die Bewegung tot. Es hat den Leuten Angst gemacht und f&#252;r einen gewissen Zeitraum vermittelt, dass Demonstrationen das falsche Mittel w&#228;ren. Wenn etwas derart ausartet, ist es nicht mehr gut. Wir haben extrem viel Polizeigewalt auf den Demonstrationen, wobei speziell f&#252;r Demos zust&#228;ndige Spezialeinheiten eingesetzt werden, die auch auf Leute einschlagen. Deshalb fanden die Leute auch den Syntagma-Platz so toll. Hier war etwas anders als bei den typischen Demonstrationen, die von Polizeigewalt und dem Schwarzen Block gepr&#228;gt sind. Die Leute hatten das Gef&#252;hl, am Syntagma-Platz ist man sicher.</p>
<p><em>Wie reagiert die Polizei auf die Versammlungen? Es gab doch auch hier Repression, oder?</em></p>
<p>Haris: Am 15. Juni wurde zum ersten Mal versucht, den Platz unter Einsatz von Tr&#228;nengas zu r&#228;umen. Am Abend waren aber alle wieder da. Ich hatte das Gef&#252;hl, die Leute verteidigen das, weil sie es selbst aufgebaut hatten, es ist ihre Sache. Und es gibt auch <em>agents provocateurs</em>. Auf einem Video sieht man einen Vermummten, der pl&#246;tzlich zum Parlament geht, mit Polizisten redet und dann rein geht. Sie haben versucht zu erkl&#228;ren, das sei ein Gewerkschafter von den &#246;ffentlichen Verkehrsbetrieben, der die Polizei um Hilfe gebeten h&#228;tte, weil er von den Anarchisten bedroht worden w&#228;re und so gerettet wurde&#8230; Man sieht immer wieder Vermummte, die mit der Polizei herumh&#228;ngen. Am 15. Juni ist einem sogar seine Polizeimarke aus der Tasche gefallen. Oft sind es aber auch Mitglieder von rechtsextremen Gruppen. Schlie&#223;lich ist ein Teil der Vermummten nat&#252;rlich wirklich vom Black Block. Die werden niedergeschlagen, aber nie festgenommen. Selbst bei den Ereignissen in der Bank vor einem Jahr, die niedergebrannt wurde, stand die Polizei nur daneben, weil das Teil ihrer Eskalationsstrategie ist. Sie sorgen daf&#252;r, dass Krawalle entstehen!</p>
<p><em>Was spielt sich au&#223;erhalb vom Syntagma-Platz ab, in den Stadtvierteln aber auch au&#223;erhalb von Athen? Wie ist dort die Situation?</em></p>
<p>Haris: Es zentriert sich nat&#252;rlich um den Syntagma-Platz, weil dieser – direkt vor dem Parlament – einen symbolischen Charakter hat. Es gibt auch Nachbarschaftsversammlungen und Solidarit&#228;tsnetzwerke. Diese wurden von Leuten initiiert, die gesehen haben, was am Syntagma-Platz passiert und gesagt haben, wir machen jetzt eine Volksversammlung. Diese finden auf Pl&#228;tzen in unterschiedlichen Gegenden statt. Was in den kleinen Nachbarschaften stattfindet, geht aber vor allem von Linken aus unterschiedlichen Spektren aus, in manchen Teilen heterogener als in anderen. Letztes Jahr gab es Versuche, solche Versammlungen in meiner Gegend zu starten. Da waren sowohl AnarchistInnen, unsere Organisation als auch solche, die einfach wissen wollten was los ist und sich Sorgen machen. So etwas gibt es also in vielen St&#228;dten, aber nat&#252;rlich nicht in der Gr&#246;&#223;e wie auf dem Syntagma-Platz. Auf <a href="http://real-democracy.gr">real-democracy.gr</a> sind &#252;brigens alle verbundenen St&#228;dte und Versammlungen aufgelistet.</p>
<p>Giorgos: Die Kleinst&#228;dte und D&#246;rfer merken nicht so viel von der Krise wie die Gro&#223;st&#228;dte. Dadurch, dass viele Menschen in kleinen St&#228;dten noch eigene Felder besitzen und darauf anbauen k&#246;nnen, trifft sie die Krise nicht so hart. Gerade in Gebieten, die von wenigen Fabriken versorgt wurden, ist die Krise wiederum viel st&#228;rker sp&#252;rbar, weil diese Fabriken jetzt oft geschlossen werden. Die Arbeitslosigkeit steigt dort enorm an.</p>
<p><em>Es wirkt oft nicht so als g&#228;be es eine einheitliche, sondern unterschiedliche Bewegungen in Griechenland. Wie ist das Verh&#228;ltnis der Bewegung am Syntagma-Platz zur Gewerkschaftsbewegung, aber auch zur anarchistischen Bewegung? Spielt die radikale Linke eine Rolle bzw. ver&#228;ndert sich hier auch die Art der Zusammenarbeit?</em></p>
<p>Haris: Ehrlich gesagt, obwohl meine Organisation der ganzen Sache noch am positivsten gegen&#252;berstand, hatte ich am Anfang Angst. Ich dachte, die denken nur ‚Demokratie ist Schei&#223;e, Parteien und Organisieren genauso‘ und sitzen einfach nur rum und meckern. Ich wurde eines Besseren belehrt. Am 15.  Juli fand der erste Generalstreik seit den ersten Versammlungen der indignados am Syntagma-Platz statt. Die Vollversammlung hat explizit dazu aufgerufen, sich am Streik zu beteiligen und an der Kundgebung teilzunehmen. Dort haben auch Mitglieder des Black Block Stunk gemacht. Die AnarchistInnen hingegen, die sich wirklich inhaltlich damit auseinandergesetzt haben, sind t&#228;glich pr&#228;sent. Ebenso unterschiedliche andere linke Organisationen. Einzig die <em>KKE </em>ist nicht dabei.</p>
<p style="text-align: center;"><img class="size-medium wp-image-2168 aligncenter" title="Griechenland_Ausschreitung_1" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/09/Griechenland_Ausschreitung_11-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" /></p>
<p><em>Welche Rolle spielt die </em>KKE?</p>
<p>Haris: Die <em>KKE </em>hat vor einigen Jahren ihre eigene Gewerkschaft gegr&#252;ndet und nimmt nicht an Streiks oder Kundgebungen der offiziellen Gewerkschaften Teil. Sie machen dann Gegenkundgebungen, schlie&#223;lich sind sie &#252;berzeugt, die richtige Ideologie zu haben. Die Revolution findet erst statt bzw. der Kapitalismus geht erst dann zu Ende, wenn alle ihre Ideologie angenommen haben. Der einzige Weg aus der Krise ist daher, dass sich alle ihnen anschlie&#223;en. Wie gut das ankommt hat man am 28. Juni gesehen. Tags&#252;ber wurde mit Tr&#228;nengas geschossen und eine neue Qualit&#228;t der Repression hatte begonnen. Gegen 6 Uhr Abend sollte am Syntagma-Platz ein Konzert stattfinden, und obwohl ein paar Stunden zuvor noch Tr&#228;nengas- und Blendgranaten geflogen sind, war es schon ruhiger. Die <em>KKE </em>versammelte sich gegen Nachmittag und versuchte durch die Stra&#223;e am Parlament vorbei zu marschieren. Genau dort wo vorher Stunden lang Leute von der Polizei mit Tr&#228;nengas angegriffen wurden. Die Leute haben zuerst ironisch zu klatschen begonnen, dann gebuht und gefragt: „Was wollt ihr hier eigentlich? Wir haben die ganze Zeit was auf die Fresse bekommen, sind mit der &#252;belsten Repression konfrontiert gewesen und ihr spaziert hier einfach durch!“</p>
<p><em>&#196;ndert das etwas bei den Mitgliedern der </em>KKE?</p>
<p>Haris: Ich glaube nicht, schlie&#223;lich ist das nicht der erste Fall. Im Dezember 2008, als die ganze Stadt gebrannt hat, nachdem ein Junge von der Polizei erschossen wurde, gab es viel Gewalt auf den Stra&#223;en. Einerseits hat der Black Block viel Zulauf bekommen, aber es beteiligten sich auch Leute, die sonst nichts mit Gewalt zu tun hatten. Sie traten Sachen ein, Sch&#252;lerInnen warfen vor Polizeistationen mit Steinen und Obst. Sie versuchten einfach ihre Verzweiflung und Wut auszudr&#252;cken. Eine Medienkampagne versuchte damals, <em>SYRIZA </em>die Schuld daf&#252;r zu geben. Die damalige KKE-Generalsekret&#228;rin sagte damals: „SYRIZA streichelt die Ohren der Vermummten“, und w&#252;rde die Gewalt nicht kritisieren. W&#228;hrend also die gr&#246;&#223;te Demonstration stattfand und Gewerkschaften, Jugendliche und Leute, die fr&#252;her auf dem Sofa gesessen sind, sich gegen Polizeigewalt und Hoffnungslosigkeit gewehrt haben, hat die KKE eine Demo vor unserem Parteib&#252;ro abgehalten und uns ausgebuht. Sie trennen sich bewusst von den Protesten ab. Sie haben zwar in Umfragen dazugewonnen, aber nicht bei den Leuten die am Syntagma-Platz waren.</p>
<p><em>Wie ist die Zusammenarbeit der restlichen Linken?</em></p>
<p>Haris: Ich hab schon den Hungerstreik der dreihundert MigrantInnen Anfang Februar erw&#228;hnt. Wie gesagt hatten wir damals Angst, die ganze Situation k&#246;nnte nach rechts kippen, weil die Medien und auch der Machtblock alles so darstellten, als w&#252;rde die Linke die MigrantInnen f&#252;r ihre eigenen politischen Zwecke benutzen. Der Hungerstreik wurde dann nach 43 Tagen und zu einem Zeitpunkt erfolgreich beendet, als wir wirklich schon gedacht haben, dass jemand sterben w&#252;rde. Dabei wurde nicht nur f&#252;r MigrantInnen, sondern f&#252;r alle ArbeitnehmerInnen eine Senkung der Sozialversicherungs-Marken erreicht, die wie gesagt f&#252;r den Erwerb einer Gesundheits- und Sozialversicherung notwendig sind. Au&#223;erdem haben alle beteiligten MigrantInnen Papiere bekommen und durften damit reisen. Ein ganz breites Spektrum der griechischen Linken hat diesen Hungerstreik unterst&#252;tzt, so dass du von AnarchistInnen bis zu Leute, die sich einfach selbst als links verorten aber nicht organisiert sind, eine ganz gro&#223;e Solidarit&#228;tsbewegung hattest. All diese Leute sind mit in den Krankenh&#228;usern gewesen, als die Hungerstreikenden eingeliefert wurden, und haben dort &#220;bersetzungen gemacht oder irgendwelche Hilfestellungen geleistet. Sie waren auch in dem Geb&#228;ude, in dem die Hungerstreikenden untergebracht waren, damit keine Faschisten angreifen k&#246;nnen. Diese Solidarit&#228;tsbewegung hat dazu beigetragen, dass das Klima zwischen den verschiedenen Linken am Syntagma jetzt so gut ist. Es wurden in verschiedenen Teilen Griechenlands Plakate mit den jeweiligen &#246;rtlichen Abgeordneten gedruckt, die f&#252;r das letzte Sparpaket gestimmt haben, und da steht „Wanted“ drauf. Das Klima ist extrem schlecht f&#252;r die Regierung. Man kann eigentlich sagen, dass seit Anfang des Jahres die Stimmung gegen die Regierung extrem ist.</p>
<p><em>Und dr&#252;ckt sich das auch in Alltagspraktiken aus?</em></p>
<p>Haris: Zum Einen gab es die Mautverweigerungen an manchen Mautstellen. Man zahlt ja hier ohnehin eine extrem hohe Stra&#223;enben&#252;tzungsgeb&#252;hr an den Staat. Zus&#228;tzlich soll dann noch diese Maut gezahlt werden. Die Stra&#223;en wurden gr&#246;&#223;tenteils von Hochtief, der gr&#246;&#223;ten international agierenden deutschen Baufirma, gebaut. Dieses Geld, das die griechischen SteuerzahlerInnen hier zus&#228;tzlich zur Stra&#223;enben&#252;tzungsgeb&#252;hr bezahlen sollen, geht nicht an den Staat, sondern an Hochtief. Genauso ist das beim Flughafen und bei der Br&#252;cke in Choreo, die von einer franz&#246;sischen Firma gebaut wurde und bei der die Maut zwischen sieben und 20 Euro betr&#228;gt. Die Leute haben sich dann irgendwann geweigert, dieses Geld zu zahlen, weil es zus&#228;tzlich zu den Stra&#223;enben&#252;tzungsgeb&#252;hren und den ohnehin hohen Benzinpreisen unglaublich teuer geworden ist, von einem Ort zum anderen zu kommen. Also wurde der Schranken einfach selbst ge&#246;ffnet. Ein paar haben damit abgefangen, doch bald hat man &#252;berall den Alarm von ge&#246;ffneten Schranken geh&#246;rt. Als dann die Tickets der Verkehrsbetriebe um fast 50 Prozent teurer wurden und alle Erm&#228;&#223;igungen gestrichen wurden, gab es eine Medienkampagne der Regierung, die die Situation mit Verweis auf die Mautverweigerung so darstellte, als wollten alle alles umsonst haben. Irgendwann im April sind dann Politiker in mehreren Nachrichtensendungen ausgebuht worden, nachdem irgendwelche Leute wieder die Stra&#223;en blockierten und meinten, sie w&#252;rden keine Maut mehr zahlen und alle Menschen durchwinken. Am ersten Tag, an dem Kontrolleure der Verkehrsbetriebe unterwegs waren, wurde einem ins Bein geschossen, weil die Tickets einfach nicht zu bezahlen waren. Wenn man hier ohne Ticket erwischt wird, bezahlt man zuerst 84 Euro. Wenn man das nicht bezahlen kann, dann sind es &#252;ber 400 Euro. Wenn man dieses Geld dann nicht bezahlt, dann kommt man ins Gef&#228;ngnis. Und, ich meine, die Leute m&#252;ssen ja irgendwie zur Arbeit kommen. Wenn du jeden Tag 3 Euro zahlst um zur Arbeit zu kommen, dein Lohn aber nur 560 Euro betr&#228;gt, dann hast du ein Problem. Eine weitere Sache, die dazu gef&#252;hrt hat, dass die Leute die Schnauze voll haben, ist die Siemens-Aff&#228;re. Daf&#252;r ist kein Schwein ins Gef&#228;ngnis gegangen, trotz der vielen Schmiergelder. Aber die Leute die keinen Fahrschein zahlen, auf die wird mit dem Finger gezeigt. Tsochatzopoulus, der ehemalige Verteidigungsminister, der Schmiergelder f&#252;r U-Boot Gesch&#228;fte kassiert hat, muss jetzt vor Gericht, aber der ist auch nur ein Bauernopfer.</p>
<p><em>Wie sch&#228;tzt du die Gefahr der radikalen Rechten ein? Du hast ja vorher erw&#228;hnt, dass die auch an Versammlungen teilnehmen. In &#214;sterreich, aber auch in vielen anderen europ&#228;ischen L&#228;ndern kann die <a href="http://www.perspektiven-online.at/ausgaben/perspektiven-nr-12/">extreme Rechte als Krisengewinnerin</a> bezeichnet werden. Sie sch&#252;ren Ressentiments und Nationalismus. Wie gro&#223; ist die Gefahr hier?</em></p>
<p>Haris: Sie haben versucht an Versammlungen teilzunehmen, wurden aber wieder raus gedr&#228;ngt. Griechenland geh&#246;rt zwar zu Europa, hat aber ganz andere Strukturen. Die radikale Rechte konnte in Griechenland nie als eigene Str&#246;mung agieren, weil das Programm der radikalen Rechte von beiden Mainstreamparteien adaptiert wurde, Patriotismus und Christentum. Die Rechte in Griechenland orientiert sich &#228;hnlich der Milit&#228;rdiktatur an der Dreifaltigkeit: Heimatland, Religion, und Familie und auch in der konservativen Partei gibt es Leute, die extreme Positionen vertreten. Lange Zeit war die Rechte in Griechenland extrem vorherrschend, was v.a. an der Geschichte Griechenlands liegt.</p>
<p><em>Wie verh&#228;lt sich die au&#223;erparlamentarische Rechte?</em></p>
<p>Haris: Letzten Herbst 2010 wurde das Einb&#252;rgerungsgesetz ver&#228;ndert. In den Reden der verschiedenen  Parlamentsfraktionen sagten die konservativen Abgeordneten, das Projekt der multikulturellen Gesellschaft sei gescheitert. Elaos, die rechtspopulistische Partei, hingegen hat gesagt, die Ausl&#228;nder br&#228;chten Krankheiten ins Land, die verbreiten also einen radikalen Rassismus. Die au&#223;erparlamentarische extreme Rechte – <a href="http://www.stopptdierechten.at/2011/05/17/griechenland-neonazis-jagen-auslander/">„Chrysi Avgi“</a> – hat zum ersten Mal einen Vertreter im Athener Stadtrat. Bei seinem ersten Auftritt hat er gleich den Hitlergru&#223; gemacht. Die stechen Leute ab, pr&#252;geln, ziehen Leute in Ecken und hauen ihnen den Sch&#228;del ein. Das ist eine extrem schlimme Situation, besonders im Zentrum von Athen. Es gibt viele MigrantInnen, die in verfallenen H&#228;usern oder Baracken wohnen und um zu &#252;berleben Drogen verkaufen. Im letzten Mai gab es dann einen tragischen Vorfall als ein Mann seine schwangere Frau ins Krankenhaus bringen wollte. Er wollte das Auto holen und hatte eine Videokamera in der Hand, um die Geburt zu filmen. Drei Migranten haben ihn erstochen und er wurde von seiner Frau tot aufgefunden. Am n&#228;chsten Tag sind FaschistInnen durch das Zentrum gegangen und haben Jagd auf MigrantInnen gemacht. Im Athener Zentrum geben viele Menschen den Ausl&#228;ndern Schuld an allem. Deswegen ist es so gut, dass sich das Klima durch die Bewegung jetzt positiv ver&#228;ndert hat und Demokratie eingefordert wird. Demokratie hei&#223;t dann auch, dass Minderheiten Rechte haben.</p>
<p><em>Zur&#252;ck zu den Entwicklungen am Syntagma-Platz. Inwiefern lassen sich die Entwicklungen in Griechenland in eine Reihe mit den Aufst&#228;nden und Bewegungen in Europa sowie im Mittleren Osten einreihen? In Spanien bezieht man sich etwa auch auf die revolution&#228;ren Entwicklungen im Mittleren Osten. Wird das in Griechenland reflektiert, spielen diese Entwicklungen eine Rolle?</em></p>
<p>Haris: Die revolution&#228;ren Entwicklungen im arabischen Raum sind auf jeden Fall ein Orientierungspunkt. Aber sie sind es weniger in der politischen Debatte, auch wenn wir uns im Klaren sind, dass die Probleme &#228;hnlich sind: Jugendarbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, gro&#223;e Armut unter der Bev&#246;lkerung. Die Bedingungen sind dennoch anders. Auch wenn die Polizeigewalt es nicht vermuten l&#228;sst, haben wir immer noch ein demokratisches System, also eine f&#246;derative Demokratie, und das schafft andere Interventionsbedingungen. F&#252;r die Bewegung ist wichtig zu sehen, dass wenn es die arabischen L&#228;nder geschafft haben, ihre nicht-demokratischen Regimes zu st&#252;rzen, dann schaffen wir das erst recht. Der Begriff der Revolution bzw. die Bedeutung von Revolution ist aber auf jeden Fall ein Bezugspunkt. Dass du die bestehende Ideologie sprengst, dass du sowohl in deinem Programm als auch in deinem Alltag Alternativen schaffst, indem du ein Netzwerk der Solidarit&#228;t aufbaust und bereits jetzt das allt&#228;gliche Leben verbesserst. Es ist wichtig, damit die Leute sehen, dass du schon jetzt versuchst, diese gew&#252;nschte andere Welt durch Gegenbeispiele und alternative Netzwerke in deinem Alltag zu verankern. Das passiert gerade. Soziale Gerechtigkeit in Verbindung mit Demokratie – Basisdemokratie – spielt eine ganz gro&#223;e Rolle. Aber eben auch das Bewusstsein, dass Neoliberalismus zwangsl&#228;ufig mit Repression Hand in Hand geht und die ideologische Verkn&#252;pfung von freier Marktwirtschaft und Demokratie aufgebrochen werden muss. Es wurde endg&#252;ltig gezeigt, dass die beiden nicht miteinander einhergehen, sondern einander feindlich gegen&#252;ber stehen.</p>
<p><em> Was kann die Linke international bzw. in Europa eurer Meinung nach tun, um die Bewegung in Griechenland zu unterst&#252;tzen?</em></p>
<p>Haris: Was ich in Deutschland sehe ist, dass sich die Diskussionen der Linken um den Versuch drehen die Mainstream-Ideologie zu entkr&#228;ften und die Verantwortung Deutschlands als Exportweltmeister und hegemoniale Macht in der Europ&#228;ischen Union aufzuzeigen. Aber mir w&#228;re wichtig, dass mehr gezeigt wird, dass es nicht um L&#228;nder geht, sondern um Klassen. Es geht nicht darum, dass Deutschland Griechenland sch&#228;digt, sondern darum, dass ein bestimmtes Entwicklungsmodell die &#252;berw&#228;ltigende Mehrheit der Menschen in allen L&#228;nder sch&#228;digt. Dies l&#228;sst sich auch an der arbeitsrechtlichen Situation in „Kerneuropa“ zeigen, bzw. den L&#228;ndern, die allgemein als Zentrum bezeichnet werden, zum Beispiel in Deutschland mit Hartz IV, oder auch in Frankreich. Kurz, es geht um Klassen! Diesbez&#252;glich bin ich immer ein bisschen entt&#228;uscht. Die Rosa Luxemburg-Stiftung hat das ganz gut gemacht hat, indem sie jetzt eine <a href="http://www.rosalux.de/publication/37617">Brosch&#252;re</a> &#252;ber Mythen und Fakten der Griechenlandkrise auf Griechisch, Englisch und Deutsch herausgebracht hat und so die Leute informiert. Auch w&#252;rde ich mir w&#252;nschen, dass &#252;ber die Polizeigewalt mehr berichtet wird, und &#252;ber die tats&#228;chliche Repression im Alltag, die eigentlich nicht von der arbeitsrechtlichen Seite getrennt werden kann: Einerseits wird dir jegliches Recht genommen, dich gewerkschaftlich zu organisieren, gleichzeitig wird dir die Lebensgrundlage entzogen, weil dein Gehalt gek&#252;rzt wird. Du wei&#223;t nicht, was deine Kinder in Zukunft haben werden, da du kein Geld hast um ihnen eine private Schule zu bezahlen, damit sie es irgendwie an die Uni schaffen, die jetzt auch privatisiert werden soll. Andererseits werden diese Menschen durch radikale und extreme Repression von der Stra&#223;e verjagt und vom Protest abgehalten. Das wird meines Erachtens nach zu wenig von der Linken thematisiert.</p>
<p><em><br />
Haris Triandafilidou wurde in Berlin geboren und hat dort Politikwissenschaft studiert. Seit Februar 2009 wohnt sie in Athen und ist bei der Jugendorganisation von Synaspismos organisiert, die Teil des SYRIZA-B&#252;ndnisses ist.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p><em>Giorgos Saliaris lebt seit acht Jahren in Athen und hat Grafikdesign studiert.<br />
</em></p>
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		<title>Die Angst vor dem biblischen Exodus &#8211; FRONTEX und die EU-Abschottungspolitik</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Aug 2011 16:31:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Union]]></category>
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		<description><![CDATA[Im Zuge der Konflikte in Nordafrika steigt der Fl&#252;chtlingsandrang nach Europa. Auf der italienischen Insel Lampedusa sind erst Anfang Juli wieder mehr als 1000 Bootsfl&#252;chtlinge angekommen. Da die Zunahme von (irregul&#228;rer) Migration der EU ein Dorn im Auge ist, hat sie eigens daf&#252;r eine Agentur namens FRONTEX eingerichtet. Diese soll dabei helfen die Migration nach Europa zu stoppen und MigrantInnen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Zuge der Konflikte in Nordafrika steigt der Fl&#252;chtlingsandrang nach Europa. Auf der italienischen Insel Lampedusa sind erst Anfang Juli wieder mehr als 1000 Bootsfl&#252;chtlinge angekommen. Da die Zunahme von (irregul&#228;rer) Migration der EU ein Dorn im Auge ist, hat sie eigens daf&#252;r eine Agentur namens FRONTEX eingerichtet.<span id="more-2027"></span> Diese soll dabei helfen die Migration nach Europa zu stoppen und MigrantInnen wieder zur&#252;ckzuschicken. Welche Befugnisse FRONTEX genau hat, welche konkreten Operationen die Agentur derzeit durchf&#252;hrt und was gegen die Versch&#228;rfungen im Asyl- und Migrationsbereich getan werden kann, besprach <em>Julia Hofmann </em>mit <em>Stephanie Deimel</em>. </p>
<p><em>Seit den erschreckenden Bildern aus den Aufnahmelagern in Griechenland und der Ankunft von tausenden Bootsfl&#252;chtlingen aus Nordafrika ist FRONTEX ja wieder in aller Munde. Welche Operationen f&#252;hrt die Agentur aktuell durch?</em> </p>
<p>Die aktuellste auf der Homepage<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> von FRONTEX zu findende gemeinsame Grenzschutzoperation (JO) ist Poseidon, also die Nachfolgeoperation des RABIT-Einsatzes am Ebros. Poseidon wird als Operation gegen Schmuggler verkauft. IIkka Laitinen, der FRONTEX Executive Director, argumentiert, dass Poseidon dem Schutz der MigrantInnen dient und dass es die zentrale Aufgabe der Operation ist den Schutz der Menschenrechte zu gew&#228;hrleisten – ein f&#252;r FRONTEX typisches Argumentationsmuster. MigrantInnen sind innerhalb dieser Logik also gleichzeitig T&#228;terInnen und Opfer krimineller Prozesse. Opfer der Machenschaften von Schmugglerbanden und T&#228;terInnen, weil sie ja illegal ins Land kommen und dementsprechend auch zur&#252;ckgeschickt werden m&#252;ssen. </p>
<p><em>Welche anderen zentralen Eins&#228;tze gab es in den letzten Jahren noch?</em> </p>
<p>Sehr, sehr viele, aber zwei sind besonders hervorzuheben. Einerseits Hera, eine Erfolgsoperation sowie andererseits Nautilus, eine gescheiterte JO. Hera l&#228;uft seit f&#252;nf Jahren auf den Kanaren und ist mittlerweile permanent. Das hei&#223;t, es gibt t&#228;glich Eins&#228;tze in diesem Gebiet. Gehostet wird die Operation von Spanien. Das Land hat zahlreiche bilaterale Abkommen mit den Kapverden, Senegal und Mauretanien abgeschlossen, die die gemeinsamen Patrouillen mit dem Grenzschutzpersonal der beteiligten Staaten in deren Hoheitsgew&#228;ssern m&#246;glich machen. Dabei handelt es sich vor allem um R&#252;ck&#252;bernahmeabkommen und Patrouilleabkommen. Hera ist deswegen so eine Erfolgsoperation, weil die Zahl der auf den Kanaren ankommenden MigrantInnen durch die starke &#220;berwachung, Kontrolle und das Umleiten von Fl&#252;chtlingsbooten (ohne Einzelfallpr&#252;fung) massiv zur&#252;ckgegangen ist.<br />
Nautilus ist demgegen&#252;ber das klassische Beispiel einer gescheiterten FRONTEX-JO. An der Operation waren n&#228;mlich Italien und Libyen beteiligt. Gescheitert ist sie daran, dass Italien nicht die passenden Abkommen mit Libyen abschlie&#223;en konnte. Es gab zwar R&#252;ck&#252;bernahmeabkommen, aber die wurden von libyscher Seite nicht ernst genommen. Ein Abkommen allein hei&#223;t nicht, dass es funktionsf&#228;hig ist. Patrouilleabkommen gab es gar nicht. W&#228;hrend Nautilus, die von 2006 bis 2009 im zentralen Mittelmeer stattfand, kam es daher zu einer massiven Zunahme der Migration in die EU, da es keine R&#252;ckeskortierungen gab und dies MigrantInnen zus&#228;tzlich zur &#220;berfahrt motivierte. Das hei&#223;t, Italien musste MigrantInnen ankommen lassen, weil Libyen nicht tolerierte, dass europ&#228;ische Boote in libyschen Hoheitsgew&#228;ssern operieren. </p>
<p><em>Welche Rolle spielen L&#228;nder wie Libyen genau? Wie ist deren Verh&#228;ltnis zu ihrer Migration bzw. zu den europ&#228;ischen Staaten? Hat sich hier etwas seit den Revolten in Nordafrika ver&#228;ndert?</em> </p>
<p>Gaddafi hat sich von der EU kaufen lassen. Von Italien wurden 1,5 Milliarden Euro gefordert und zus&#228;tzlich von der Europ&#228;ischen Union 50 Millionen Euro. Beim letzten EU-Afrika Gipfel im vergangenen Herbst hat Gaddafi weitere 1,5 Milliarden von der EU gefordert. Das war immer seine Strategie. F&#252;r viele Drittstaaten ist Grenzschutz ein wichtiges politisches Druckmittel geworden. Gerade L&#228;nder in relevanten geographischen Lagen, sprich in EU-N&#228;he, erlangen so eine bessere Verhandlungsposition. Sie setzen auf die Migrationskarte um Geld, Visumserleichterungen oder Entwicklungsgelder im Gegenzug zu ihrer Kooperation bei der Migrationssteuerung fordern zu k&#246;nnen.<br />
Gerade im Zuge der Umbr&#252;che in Nordafrika ist das nat&#252;rlich extrem problematisch. Aus Libyen finden derzeit sogar Zwangsdeportationen nach Italien statt. Die libysche Polizei geht in der Nacht in Wohnviertel von MigrantInnen und GastarbeiterInnen, setzt diese in Schiffe und schafft sie nach Lampedusa. Gaddafi hat immer gesagt, er &#252;berschwemmt Europa mit subsaharischen MigrantInnen. Je aussichtsloser seine Lage wird, desto mehr setzt er auf dieses Druckmittel. Wenn man sich jedoch die realen Zahlen anschaut, ist die Angst der Europ&#228;ischen Union vor einer „&#220;berschwemmung“ durch Fl&#252;chtlinge einfach nur absurd, schlie&#223;lich passiert alles andere als ein biblischer Exodus. Es handelt sich bisher nur um einige tausend Menschen, die vor dem Hintergrund der Umbr&#252;che in Nordafrika vorrangig aus Tunesien in die EU gekommen sind. Aus Libyen beispielsweise kommt nicht einmal ein Prozent der gesamten Fl&#252;chtlinge in die EU, sondern die Mehrheit reist in die Nachbarl&#228;nder &#196;gypten und Tunesien, die es mit einigen hunderttausend Fl&#252;chtlingen zu tun haben – also eine ganz andere Kategorie. Da diese L&#228;nder mit den aktuellen Fl&#252;chtlingsbewegungen ma&#223;los &#252;berfordert sind, ist die Situation in den grenznahen Fl&#252;chtlingslagern, wie z.B. im tunesischen Coucha, sehr schrecklich.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Dort gab es bereits viele Tote durch Br&#228;nde, Polizeigewalt und Gewalt durch Anrainer, sodass vielen Fl&#252;chtlingen keine andere Wahl blieb als nach Libyen zur&#252;ckzukehren, wo ihr Leben ebenfalls auf dem Spiel steht. Was man hier beobachten kann, ist der Mangel an Solidarit&#228;t der Europ&#228;ischen Gemeinschaft, nicht nur in Lampedusa, wo Italien gro&#223;teils allein gelassen wird, sondern auch gegen&#252;ber &#196;gypten und Tunesien. </p>
<p><em>Lassen sich zentrale Strategien der Migrationssteuerung seitens der Europ&#228;ischen Union identifizieren, die &#252;ber FRONTEX-Operationen hinausgehen bzw. dahinter liegen?</em> </p>
<p>In der EU dreht sich seit neuestem viel um Migration und Entwicklung. Den Migration Development Nexus findet man seit 2005 in allen policy papers. Die EU will Migration unterbinden, in dem sie die „Entwicklung“ in Herkunfts- und Konfliktstaaten durch gezielte Kooperation und „Partnerschaftsabkommen“ f&#246;rdert. Migration wird hier nicht positiv in Bezug auf Entwicklung gesehen, sondern es gilt: Hilfe bei Migrationssteuerung und -kontrolle gegen Entwicklungskooperationssummen und –projekte. Bl&#246;d ist nur, dass dabei meist korrupten Diktaturen zugespielt wird und die entwickeln denkbar wenig. Nachdem sich die Lage in Tunesien stabilisiert hat, war das Erste, was die EU gemacht hat, neue Abkommen auszuverhandeln, weil sie Angst hatte, die alten w&#252;rden nicht mehr gelten. </p>
<p><em>Wie sieht eine FRONTEX-Grenzschutzoperation konkret aus?</em> </p>
<p>Es gibt verschiedene JO-Typen, besonders bekannt sind die Operationen an den Seeau&#223;engrenzen. FRONTEX erstellt im Normalfall eine Risikoanalyse &#252;ber die Lage an einem bestimmten Grenzabschnitt und muss dann darauf warten, dass ein Mitgliedstaat eine gemeinsame Operation anfordert. Im K&#252;stenmeer von Drittstaaten &#8211; dort gibt es besondere Rechtsunsicherheit – werden zum Beispiel gemeinsame Patrouillen auf hoher See durchgef&#252;hrt. Boote, die im K&#252;stenmeer von Drittstaaten oder auf Hoher See erwischt werden, werden sofort r&#252;ckeskortiert. Das ist besonders praktisch f&#252;r die EU, weil sie dann die MigrantInnen nicht rein lassen und Asylantr&#228;ge bearbeiten muss. Das kann dann noch mit der Menschenrechtsrhetorik gerechtfertigt werden, weil die MigrantInnen auf den Booten ja quasi gerettet wurden, da sie ja wirklich in Gefahr gewesen w&#228;ren durch die &#220;berfahrt. Solche Patrouillen gehen jeden Tag raus. </p>
<p><em>Bei solchen Patrouillen werden ja h&#228;ufig auch Menschenrechtsverletzungen dokumentiert…</em> </p>
<p>Das stimmt – Menschenrechtsorganisation dokumentieren beispielsweise bei den Bootsfl&#252;chtlingen aus Nordafrika, dass so einiges versucht wurde, um eben diese Boote nicht auf dem italienischen Festland ankommen zu lassen, z.B. dass Schlauchboote zerstochen wurden, dass Trinkwasser konfisziert wurde, etc. Das ist aber nicht der Regelfall! Dennoch sind in den letzten Monaten rund tausend Menschen im Mittelmeer ertrunken und das bei einer zahlenm&#228;&#223;ig ausgesprochen hohen Pr&#228;senz von Booten im Mittelmeer durch den Libyen-Einsatz. In vielen F&#228;llen wurden Hilferufe von Fl&#252;chtlingsbooten in Seenot einfach ignoriert und das ist schon eher g&#228;ngige Praxis. Nat&#252;rlich passiert viel und es geht rough zu, aber einfach versenken kann man die Leute ja doch nicht &#8211; das w&#228;re ein zu gro&#223;er Skandal f&#252;r die EU. Es handelt sich schlie&#223;lich um zig tausende Leute, wobei man dazu sagen muss, dass der Gro&#223;teil aller irregul&#228;ren Migrationen in die EU nicht &#252;ber den Seeweg stattfindet. </p>
<p><em>Trotzdem werden ja immer wieder menschenrechtliche Grauzonen ausgen&#252;tzt. Ich denke da beispielsweise an die Boote aus Nordafrika, die im Mittelmeerraum hin- und hergeschickt wurden (zwischen Italien, Griechenland und Malta), weil kein Land sie aufnehmen wollte.</em> </p>
<p>Ja genau. Menschenrechtlichen Grauzonen gibt es vor allem bei den Seeoperationen, w&#228;hrend die anderen Bereiche z.B. Sammelabschiebungen leider rechtlich gro&#223;teils abgedeckt sind. Das Zur&#252;ckeskortieren von Booten zum Herkunftshafen ohne Einzelfallpr&#252;fung verst&#246;&#223;t aber gegen die internationale Menschenrechtskonvention.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Dar&#252;ber hinaus untergr&#228;bt es das Asylrecht, weil der/die MigrantIn keine M&#246;glichkeit mehr hat einen Asylantrag zu stellen. Antr&#228;ge d&#252;rfen ja bekanntlich nicht im Herkunftsland gestellt werden, sondern nur im (Erst-)Asylland. Menschen- Asyl- und Seerecht gelten nat&#252;rlich auch auf offener See, was von Seiten der Politik (z.B. vom deutschen Innenministerium) immer wieder bestritten wurde, aber von zahlreichen JuristInnen in Rechtsgutachten best&#228;tigt ist. </p>
<p> <a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/07/Frontex-Bild.png"><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/07/Frontex-Bild.png" alt="" title="Frontex-Bild" width="558" height="384" class="aligncenter size-full wp-image-2032" /></a></p>
<p><em>Welche Rolle spielt eigentlich &#214;sterreich bei FRONTEX-Eins&#228;tzen? Das Land hat ja zumindest keine EU-Au&#223;engrenze mehr.</em> </p>
<p>Stimmt, viele glauben daher auch, dass &#214;sterreich deshalb keine relevante Rolle spielt. Insbesondere in punkto Abschiebung bzw. Sammelabschiebung agiert Wien allerdings als zentrale Drehscheibe. In den letzten Jahren geht der Trend europaweit dahin vermehrt Sammelabschiebungen durchzuf&#252;hren, das kommt f&#252;r alle beteiligten L&#228;nder am billigsten und passiert unter Ausschluss der &#214;ffentlichkeit, da zu diesem Zweck eigene Flugzeuge gechartert werden. Diese landen oft nicht einmal auf regul&#228;ren Flugh&#228;fen, sondern auf Cargo-Airports. &#214;sterreich tut sich hier besonders hervor, nicht ohne Eigennutz: Da der Staat, der die Operation hostet das halbe Flugzeug „gratis bekommt“, sind Sammelabschiebungen auch f&#252;r das &#246;sterreichische Innenministerium (BMI) von Vorteil, da es billig viele Fl&#252;chtlinge zur&#252;ckschicken kann. Im Zuge dieser Sammelabschiebungen kommt es oft zu „Blitzidentifizierungen von MigrantInnen“, d.h. zu willk&#252;rlichen nationalen oder ethnischen Kategorisierungen. Da werden Menschen schon mal in fremde L&#228;nder abgeschoben. Auch in diesem Bereich ist FRONTEX aktiv. Seit neuestem befinden sich sogenannte „MenschenrechtsbeobachterInnen“ auf den Abschiebefl&#252;gen. F&#252;r &#214;sterreich macht das bekanntlich der Verein Menschenrechte &#214;sterreich, der vom BMI und der EU gef&#246;rdert wird. Da sieht man, was f&#252;r eine Farce das eigentlich ist.<br />
 <br />
<em>Wohin gehen diese Sammelabschiebungen aus &#214;sterreich?<br />
</em> </p>
<p>Kosovo und Nigeria sind klassische Abschiebel&#228;nder von &#214;sterreich aus. Ins franz&#246;sische Afrika geht es meistens &#252;ber Frankreich, also &#252;ber den Flughafen Paris Charles de Gaulles. Immer &#246;fter sind dort das Flughafenpersonal und die Polizei mit zivilgesellschaftlichen Protesten konfrontiert, wenn Passagiere bemerken, dass auf ihren Flug eine Abschiebung gebucht wurde. Meines Wissens nach gibt es jede Woche solche Proteste und sie sind h&#228;ufig erfolgreich. Das Prozedere ist simpel: Einfach aufstehen und so den Abflug der Maschine verz&#246;gern. Das letzte Wort liegt dann beim Piloten, aber oftmals entscheidet sich dieser gegen den unfreiwilligen Transport des/der MigrantIn. Auch aus diesem Grund sind Charter-Fl&#252;ge f&#252;r die EU-Staaten angenehmer.<br />
 <br />
<em>Wie w&#252;rde die EU-Grenzpolitik ohne FRONTEX aussehen?<br />
</em> </p>
<p>Es wird ja oft behauptet, dass FRONTEX quasi der Ursprung allen B&#246;sen ist, aber selbst wenn man FRONTEX abschaffen w&#252;rde, w&#252;rde die EU genauso oder sehr &#228;hnlich weitermachen. FRONTEX erleichtert die Arbeit zwar, aber die Herzst&#252;cke der Agentur hatten schon vor ihrer Gr&#252;ndung Bestand. Es gab schon ein Risk Analysis Center (RAC) in Helsinki und Ilkka Laitinen war damals schon dessen Vorsitzender! Zus&#228;tzlich gab es noch ein anderes relevantes Komitee, das SCIFA<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>, ein ExpertInnengremium in der EU, das wichtige Vorarbeit geleistet hat und das Risikoanalysemodell, mit dem FRONTEX heute arbeitet (CIRAM) bereits entwickelt und getestet hat. Vor FRONTEX gab es sogar schon eine erste gemeinsame Grenzschutzoperation an der Seeau&#223;engrenze im Bereich der Kanaren, die von Spanien gehostet wurde…<br />
FRONTEX hat diese Prozesse lediglich vereinfacht, zentralisiert und weiterentwickelt, aber die Vorarbeit war bereits geleistet. Dennoch muss gesagt sein, dass der teils sehr intransparente und flexible Rechtsrahmen, in dem FRONTEX als Regulierungsagentur agiert bewusst gew&#228;hlt wurde und bestens dazu geeignet ist Neues im Bereich der Grenzkontrolle zu entwickeln, zu testen und das unter weitgehendem Ausschluss der &#214;ffentlichkeit. Da die Agentur &#252;ber geheimdienstliche Informationen und den Zugang zu polizeiliche Datenbanken verf&#252;gt, kann sie sich auch darauf berufen und nicht die Vollversion von Berichten oder Analysen ver&#246;ffentlichen. Auch EUROPOL ist ja seit Januar 2010 eine Agentur und das mit der Begr&#252;ndung so schneller handlungsf&#228;hig zu sein. F&#252;r Agenturen gibt es also weniger Korrektive und Instanzen, die konsultiert werden m&#252;ssen um Entscheidungen zu f&#228;llen.<br />
 <br />
<em>Welche Entwicklungen wird der europ&#228;ische Grenzschutz deiner Meinung nach in den n&#228;chsten Jahren nehmen?<br />
</em> </p>
<p>Grenzschutz wird zunehmend exterritorialisiert. Der Bereich der Migrationskontrolle befindet sich innerhalb von Schengen, an den Grenzen und au&#223;erhalb von Schengen. &#220;berall dort finden Kontrollen statt, &#252;berall dort manifestiert sich die Grenze in verschiedenen Formen. Diese Tendenz besteht, weil es viel einfacher und angenehmer ist die Migrationskontrolle auszulagern. Dann ist auch der menschenrechtliche Widerspruch leichter aufzul&#246;sen. Die EU finanziert zahlreiche Auffanglager, auch in Libyen, einem Land, in dem Menschenrechte mit den F&#252;&#223;en getreten werden und das die Genfer Fl&#252;chtlingskonvention nie unterzeichnet hat. In die libyschen Lager darf nicht mal der UNHCR<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a>, da wird gefoltert,…finanziert von der EU! Was passiert, wenn diese Lager &#252;berf&#252;llt sind? Man nimmt LKWs und f&#252;hrt die MigrantInnen irgendwoanders hin. In letzter Zeit haben diese W&#252;stenr&#252;ckschiebungen, vor allem bez&#252;glich der Hera-Operation vor den Kanaren, mehr Aufmerksamkeit bekommen. W&#246;chentlich landen hunderte MigrantInnen und v.a. Jugendliche in der W&#252;ste, ohne Lebensmittel und sind so dem Tod ausgeliefert, wenn das Rote Kreuz sie nicht rettet oder sie die unglaubliche Kraft haben die n&#228;chste Stadt zu erreichen. So versuchen afrikanische Staaten wie Mauretanien oder Algerien, die im Rahmen von FRONTEX-JOs abgefangene Fl&#252;chtlinge zur&#252;cknehmen m&#252;ssen, das „Problem“ weiter in ihre Nachbarstaaten auszulagern – also das Ph&#228;nomen der Kettenr&#252;ckschiebung. Und dass daf&#252;r Gelder aus der EU verwendet werden, die z.B. den Entwicklungsstempel tragen, ist nicht auszuschlie&#223;en. Die EU ist es auch, die beispielsweise in Westafrika Systeme zur Grenz&#252;berwachung implementiert, Grenz&#252;berg&#228;nge errichtet und sogar Grenzschutzpersonal ausbildet. Auch von der EU gestaltete Anti-Emigrations-Spots und Plakate werden in Transit- oder Herkunftsstaaten platziert. An der malisch-mauretanischen Grenze beispielsweise habe ich ein von der EU aufgestelltes Schild mit der Aufschrift: „Stoppt irregul&#228;re Migration – sie ist eine Gefahr f&#252;r die malische Gesellschaft“ gesehen. So weit ist die Exterritorialisierung bereits fortgeschritten.<br />
Das sind die wahren Konsequenzen der europ&#228;ischen Abschottungspolitik: Zuerst in das Lager, wo du keine Rechte hast, keinen Lebensstandard, nicht mal eine Toilette, bis zur R&#252;ckschiebung an inner-afrikanische Grenzen, wo niemand zimperlich ist. Die Geschichte ist nach der Abschiebung nicht zu Ende. Die Menschen kommen traumatisiert zur&#252;ck, wenn sie es &#252;berhaupt zur&#252;ck schaffen. Nachdem die EU die Fl&#252;chtlingsbek&#228;mpfung auslagert hat, sind eben auch viel h&#228;rtere Regimes und Diktaturen mit im Spiel, die mit Genfer Fl&#252;chtlingskonvention und Menschenrechten nichts am Hut haben. Das hei&#223;t in Folge auch, dass der Fl&#252;chtlingsschutz, der eigentlich oberste Priorit&#228;t haben sollte, in Drittstaaten ausgelagert wird, wo er nicht gesichert ist.<br />
 <br />
<em>In den Medien gibt es ja alle paar Monate wieder einen humanit&#228;ren Aufschrei, wenn z.B. wieder ein Boot voller halb-verhungerter Fl&#252;chtlinge auf Lampedusa gestrandet ist. Warum passiert da eigentlich nicht mehr, z.B. von Seiten der lokalen Bev&#246;lkerung?<br />
</em> </p>
<p>In den letzten Jahren wird vermehrt auf eine enorme Angstmache gesetzt. FischerInnen werden zum Beispiel kriminalisiert, wenn sie Fl&#252;chtlinge gerettet haben. Eigentlich sind sie nach internationalem Seerecht verpflichtet, Menschen, die in Seenot geraten sind, zu helfen. Die FischerInnen, die sich daran gehalten haben, haben dann Verfahren am Hals gehabt. Ihre Boote wurden konfisziert, sie konnten ihren Beruf nicht mehr aus&#252;ben und mussten jahrelange Verfahren wegen Schlepperei aushalten. Das &#246;ffentlichkeitswirksamste Verfahren war das der Cap Anamur, ein deutsches Hilfsschiff mit Elias Bierdel<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> an Bord. Er und die Mannschaft hatten einen drei bis f&#252;nf j&#228;hrigen Prozess wegen Schlepperei und wurden freigesprochen. Die Cap Anamur hatte vierzig Menschen aufgenommen. Trotz des Freispruchs sind die FischerInnen sehr eingesch&#252;chtert, auch die Zivilgesellschaft greift deswegen selten ein.<br />
 <br />
<em>Wie kann man gegen FRONTEX vorgehen? Auf Ebene der Realpolitik und der Verhandlungen ist schwer etwas zu machen, wenn FRONTEX auch rechtlich so unangreifbar ist. Kann es &#252;berhaupt von dieser Warte aus gehen?<br />
</em> </p>
<p>Innerhalb von FRONTEX oder des EU-Grenzschutzes wird es schwer sein etwas zu ver&#228;ndern. Au&#223;erdem hat FRONTEX in der EU ein gutes Standing. Das Budget der Agentur wird immer wieder erh&#246;ht, das hei&#223;t man ist mit der Arbeit im Gro&#223;en und Ganzen zufrieden. Die Europ&#228;ischen Gr&#252;nen haben vor kurzem eine Studie herausgegeben, die die Vereinbarkeit von FRONTEX mit den Menschenrechten in Frage stellt. Diese Vorst&#246;&#223;e sind sehr wichtig, aber haben sie momentan keine Mehrheit im Parlament.<br />
Dar&#252;ber hinaus gibt es innerhalb von FRONTEX und des europ&#228;ischen Grenzschutzes auch gar kein Interesse daran die Entwicklungen in eine progressive Richtung zu ver&#228;ndern. FRONTEX ist eng verzahnt mit der europ&#228;ischen Polizei und den Geheimdiensten. Das Problem ist also das System. Wenn man dieser Logik folgt, in der unsere Staaten und unsere Wirtschaft funktionieren und unser Markt, unsere Politik sich bewegen, die auf Profit, Konkurrenz, eigenem Vorteil und auf Ausbeutung basiert, wird sich nichts &#228;ndern. Wenn wir eine/n MenschrechtsbeobachterIn mehr in ein Abschiebeflugzeug schicken, ist das nur ein Tropfen auf den hei&#223;en Stein. Vielleicht bewirkt es Peanuts, aber das ist viel zu wenig. Die Strukturen sind viel zu festgefahren.<br />
Es muss jetzt viel mehr darum gehen grunds&#228;tzliche Fragen zu stellen: Warum fl&#252;chten Menschen und finden keine Lebensgrundlage in ihren Herkunftsl&#228;ndern mehr? Da ist die Europ&#228;ische Union mit ihren hohen Agrarsubventionen, dem Leerfischen von Meeren und dem Aufrechterhalten von Abh&#228;ngigkeitsverh&#228;ltnissen ja alles andere als unbeteiligt. Und wenn das klar ist, funktioniert auch ein Aufsplitten in „eure“ und „unsere“ Probleme nicht mehr. Eine solche Argumentation ist dann nicht mehr haltbar. Ein erster Schritt w&#228;re meiner Meinung nach auch eine &#220;berarbeitung der Genfer Fl&#252;chtlingskonvention aus dem Jahr 1951, die ich f&#252;r veraltet halte und die Wirtschaftsflucht immer noch nicht als legalen Fluchtgrund anerkennt, auch wenn wirtschaftliche Not, Armut und Hunger in Realit&#228;t lebensbedrohlich sind.<br />
Aus jetziger Perspektive ist es meiner Meinung nach unverzichtbar ein breites Bewusstsein f&#252;r die reale Situation von MigrantInnen an den EU-Au&#223;engrenzen und dar&#252;ber hinaus zu erzeugen und die Mythen &#252;ber Ausl&#228;nderInnen, die Einheimischen, die Jobs wegnehmen und kriminell sind – die ganze rechtspopulistische Propaganda eben – zu dekonstruieren. Es gibt ja auch Studien dazu. Das Wissen ist da. Je mehr Menschen, die Mythen als solche erkennen und einsehen, dass hier Unrecht passiert, desto besser. Da k&#246;nnen auch kleine Aktionen, Flashmobs, M&#228;rsche, Diskussionen und jegliche Art der Bewusstseinsbildung helfen. MigrationsgegnerInnen argumentieren h&#228;ufig damit, dass Zuwanderung eine Kostenfrage und unleistbar sei. Real zahlen MigrantInnen mehr ins &#246;sterreichische Sozialsystem ein, als sie herausbekommen und verrichten vorrangig T&#228;tigkeiten unter ihrer Qualifikation.<br />
Die Verh&#228;ltnisse werden sich nur durch &#246;ffentlichen Druck ver&#228;ndern lassen und ich denke, dass wir momentan eine sehr spannende Zeit der Umbr&#252;che erleben. &#220;ber Nordafrika hinaus sind die Menschen in Spanien und Griechenland emp&#246;rt &#252;ber die herrschenden Zust&#228;nde und artikulieren ganz klar ihre Unzufriedenheit mit dem System, mit einer „repr&#228;sentativen Demokratie“, durch die sie sich nicht repr&#228;sentiert f&#252;hlen und mit der Kluft zwischen Arm und Reich, die immer gr&#246;&#223;er wird, da an den falschen Ecken eingespart wird oder Geld einfach versickert. In Bezug auf die Migrationspolitik ist es an der Zeit die gesamtgesellschaftliche Haltung zu Einwanderung und zum Fl&#252;chtlingsschutz zu ver&#228;ndern, ein fremdenfreundliches Klima und eine offene Atmosph&#228;re zu schaffen, in der mensch sich wohlf&#252;hlen kann und anerkannt wird. Also: Mythen dekonstruieren und Solidarit&#228;t zeigen! </p>
<p><em>Stephanie Deimel</em> ist Politikwissenschaftlerin und hat ihre Diplomarbeit zu FRONTEX und den Auswirkungen des EU-Au&#223;engrenzmanagements auf Migrationsbewegungen geschrieben. Im Fr&#252;hjahr 2011 nahm sie gemeinsam mit AktivistInnen des Netzwerkes <em>Afrique-Europe-Interact</em> an einer Karawane zum Weltsozialforum teil, die sich f&#252;r Bewegungsfreiheit und gerechte Entwicklung einsetzt. </p>
<p><strong>Interessante Links:</strong><br />
Borderline Europa: <a href="http://www.borderline-europe.de/">http://www.borderline-europe.de/</a><br />
Frontex-Watch: <a href="http://frontex.antira.info/">http://frontex.antira.info/</a>Frontexplode: <a href="http://frontexplode.eu/">http://frontexplode.eu/</a>Welcome to Europe: <a href="http://w2eu.net/">http://w2eu.net/</a>Afrique-Europe-Interact: <a href="http://www.afrique-europe-interact.net/">http://www.afrique-europe-interact.net/</a>Migreurop: <a href="http://www.migreurop.org/?lang=fr">http://www.migreurop.org/?lang=fr</a></p>
<p><strong>Traurige Links:</strong><br />
Frontex-Homepage: <a href="http://www.frontex.europa.eu/ ">http://www.frontex.europa.eu/ </a></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> http://www.FRONTEX.europa.eu/newsroom/news_releases/art109.html<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> http://afrique-europe-interact.net/index.php?article_id=462&#038;clang=0<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Artikel 13 (2): „Jeder Mensch hat das Recht jedes Land, einschlie&#223;lich seines eigenen, zu verlassen.&#8221;<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> „Strategische Komitee f&#252;r Einwanderungs-, Grenz- und Asylfragen“, wurde im Rahmen der SCIFA die Common Unit („Gemeinsame Instanz von Praktikern f&#252;r die Au&#223;engrenzen“) eingerichtet. Diese organisierten den Aufbau der Ad-hoc-Zentren f&#252;r die Luft-, See- und Landgrenzen sowie die Risikoanalyse (RAC) und die gemeinsame Ausbildung von Grenzbeamten (ACT), die als Vorg&#228;nger von FRONTEX zu bezeichnen sind.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> UN Refugee Agency<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Elias Bierdel hat Borderline gegr&#252;ndet.</p>
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		<title>Angriff auf ungarische Gay Pride Parade</title>
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		<pubDate>Thu, 28 Jul 2011 15:08:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
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		<category><![CDATA[Antifaschismus]]></category>
		<category><![CDATA[LGBT]]></category>
		<category><![CDATA[Ungarn]]></category>

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		<description><![CDATA[Auf der diesj&#228;hrigen Gay and Lesbian Pride Parade in Budapest kam es zu Angriffen durch ungarische FaschistInnen auf AktivistInnen – die dann auch noch von Faschos angezeigt wurden. Perspektiven sprach mit Rainer, Aktivist und einer der Angezeigten, &#252;ber die Parade und die Vorf&#228;lle danach.

Perspektiven: Du warst bei der Parade in Budapest und Ziel des Angriffs der FaschistInnen. Kannst du uns [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Auf der diesj&#228;hrigen Gay and Lesbian Pride Parade in Budapest kam es zu Angriffen durch ungarische FaschistInnen auf AktivistInnen – die dann auch noch von Faschos angezeigt wurden. Perspektiven sprach mit Rainer, Aktivist und einer der Angezeigten, &#252;ber die Parade und die Vorf&#228;lle danach.<br />
<span id="more-2013"></span></p>
<p><em>Perspektiven: Du warst bei der Parade in Budapest und Ziel des Angriffs der FaschistInnen. Kannst du uns die Ereignisse schildern?</em></p>
<p><em>Rainer: </em>Aus Wien war ein Bus in Budapest, der von dem B&#252;ndnis radical queer organisiert und von der &#214;H finanziert worden ist. Der Bus war ausgebucht, rund 50 Menschen sind gemeinsam auf die Parade gefahren. Die Parade selbst war wie schon letztes Jahr relativ bunt und vielf&#228;ltig und auch international gut besucht. Im Gegensatz zu letztem Jahr, wo ich auch teilgenommen habe, hat die Paraderoute dieses Jahr bis zum Schluss funktioniert. Letztes Jahr musste sie in der Mitte abgebrochen werden, weil eine Fascho-Demo die Route blockiert hatte und die Polizei gemeint hat, sie k&#246;nne nicht mehr f&#252;r Sicherheit sorgen. Die Faschos haben heuer wieder versucht zu blockieren, aber die Parade ist um die Faschos herum geleitet worden. Deshalb waren die Faschos relativ weit weg und nur in Sicht-, aber nicht in Steinwurfreichweite. Genau wie letztes Jahr waren wir diesmal wieder durch hohe Z&#228;une von den Faschos getrennt. Man konnte die Faschos die ganze Paradenroute lang sehen, mit einschl&#228;gigen Zeichen wie dem deutschen Gru&#223; und Sieg Heil Rufen, aber auch Gesten, die das Durchschneiden der Gurgel andeuteten. Manche hatten Schilder, auf denen der rosa Winkel abgebildet war und eine Schlinge mit dem Spruch „So geh&#246;rt mit Schwulen umgegangen!“, also einer klaren Mordaufforderung.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Sie haben auch lauthals homophobe und antisemitische Spr&#252;che skandiert, aber insgesamt war die Parade lauter, weil die Faschos doch recht weit weg waren. Die Parade hat vor dem Parlament geendet. Allerdings nur in Sichtweite, direkt davor wurde nicht genehmigt. Generell war es so, dass die Parade eigentlich untersagt wurde und erst rechtlich durchgefochten werden musste. Der oberste Gerichtshof hat schlie&#223;lich der Parade rechtgegeben, dass sie stattfinden und in Sichtweite des Parlaments enden darf. Dort fand dann auch die Abschlusskundgebung statt. Wahrscheinlich spielte bei dieser Entscheidung auch eine Rolle, dass Ungarn zu dieser Zeit die EU-Ratspr&#228;sidentschaft inne hatte. Nach der Kundgebung haben wir zun&#228;chst innerhalb der Polizeiabsperrung auf unseren Bus gewartet, um einen Zusammensto&#223; mit Faschogruppen zu vermeiden. Die Leute aus Wien sind dann geschlossen zum Bus gegangen. Ein Teil von uns war schon im Bus als der etwas langsamere Teil ca. 20 Meter dahinter angegriffen wurde. Zwei Frauen haben die AktivistInnen mit Reizgas attackiert, das extrem gestunken hat. Ich habe sp&#228;ter im Bus gesehen, wie Leute, die das auf die Haut bekommen hatten, rote und entz&#252;ndete Stellen bekamen. </p>
<p><em>Waren die zwei Angreiferinnen allein?</em></p>
<p>Die zwei waren zuerst alleine und zun&#228;chst nicht als Faschos erkennbar. Sie hatten keine einschl&#228;gigen T-Shirts an oder &#228;hnliches. Bei den Frauen war aber von Beginn an ein Journalist dabei, von dem wir jetzt wissen, dass es ein Jobbik<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>-naher Journalist ist. Dieser hat die ganze Zeit fotografiert und gemeinsam mit den zwei Frauen die ganze Aktion gestartet, um an coole Fotos zu kommen. Sp&#228;ter haben wir erfahren, dass das eine Taktik von Jobbik ist, die sie &#246;fter fahren. Sie inszenieren bei linken oder eben schwul/lesbischen Paraden solche Angriffe, um sich sp&#228;ter selbst als Opfer darzustellen. Wir haben dann versucht mit Schirmen die Angriffe abzuwehren. Es war auch nicht so tragisch, aber auf einmal ist noch eine Gruppe junger M&#228;nnern im Laufschritt aus einer Seitenstra&#223;e dazu gesto&#223;en. Es waren ca. zehn Leute und doch mehr Schl&#228;gertypen. Ab da ist es sehr chaotisch geworden. Die H&#228;lfte von uns war noch drau&#223;en und die andere im Bus. Es hat einen kleinen Tumult gegeben, wobei die Faschos auch handgreiflich geworden sind. W&#228;hrend dieser Handgreiflichkeiten – die etwa eine Minute gedauert haben –  war dann auch schon die Polizei da, weil die ja eh in der N&#228;he waren, bzw. waren die ganze Zeit schon Polizisten in Zivil um uns herum, wie wir nachher festgestellt haben. Wir sind in den Bus eingestiegen, weil wir einfach wegwollten und auch nicht wussten ob der Gruppe von Faschos weitere folgen w&#252;rden. Die Polizei hat uns dann am Losfahren gehindert und gefragt, ob wir Anzeige erstatten wollen. Niemand wollte das, weil wir einfach wieder nach Wien zur&#252;ck wollten. Schlie&#223;lich zeigte sich, dass wir nur aufgehalten wurden, weil die Faschos eine Anzeige gegen uns erstatten wollten. Mittlerweile sind bei denen weitere Personen dazugesto&#223;en: Die Anw&#228;ltin Andrea Borbély von Jobbik ist sehr schnell dazugekommen und der Jobbik-Parlamentsabgeordnete Gyula Gy&#246;rgy Zagyva, der auch gleich ums Eck war. </p>
<p><em>Waren die auch schon bei der Gegendemonstration?</em></p>
<p>Von der Anw&#228;ltin wissen wir es. Es hat ja schon w&#228;hrend der Parade Angriffe auf einzelne AktivistInnen gegeben. Wir sind sp&#228;ter von einer Aktivistin angeschrieben worden, die uns erz&#228;hlt hat, dass sie auch bei einem &#220;bergriff attackiert wurde, bei dem die Anw&#228;ltin anwesend war. Dort wurde die Aktivistin von Faschos sogar mit einem Messer bedroht. Teilweise waren diese Leute also auch schon bei anderen Angriffen dabei. Jedenfalls hat sich herausgestellt, dass die Faschos Anzeige erstatten wollten. Die Polizei meinte, es w&#252;rde ein „gro&#223;er, junger, blonder Mann mit schwarzer Kleidung“ gesucht werden. Er sollte sich stellen, sonst w&#252;rden von allen Anwesenden die Personalien aufgenommen. Es hat sich nat&#252;rlich kein gro&#223;er, junger, blonder Mann aus dem Bus hinausbewegt und gestellt. Sie wollten dann, dass wir alle aussteigen um die P&#228;sse abzugeben. Die Polizei hat uns dann mit Zwang ger&#228;umt und wir mussten unsere Ausweise abgeben. Die Parade war um sieben Uhr vorbei und kurz danach war auch der Angriff. Das Ganze hat sich bis zehn Uhr hingezogen. Es gab eine Gegen&#252;berstellung. Wir wurden alle einzeln vor den Faschos , die noch da waren, hingestellt und die Faschos konnten sich dann mehr oder weniger die Leute aussuchen, von denen sie behauptet haben, sie h&#228;tten sie angegriffen. Bei der Gegen&#252;berstellung war dann auch nicht mehr von einem gro&#223;en, blonden, jungen Mann die Rede, sondern von zwei Angreifern. Zwei M&#228;nner, trotzdem mussten sich auch alle Frauen aus dem Bus der Reihe nach aufstellen. Die Faschos haben davor alles gefilmt, bei der Gegen&#252;berstellung nur mehr die Polizei. </p>
<p><em>Habt ihr eine Gegenanzeige gemacht?</em></p>
<p>Nein, das wollte vor Ort niemand von uns. Im Nachhinein haben Anw&#228;lte von uns gemeint, das k&#246;nnte man machen, aber niemand von uns wollte das. Ob es besser gewesen w&#228;re, gleich mit einer Anzeige zu drohen, ist schwer zu sagen. Am Anfang haben wir ja geglaubt, dass wir schnell los fahren k&#246;nnen und erst im Laufe des Abends ist klar geworden, dass die uns nicht so schnell weglassen. Der Botschafter von &#214;sterreich ist gekommen und hat uns eine Dolmetscherin zur Verf&#252;gung gestellt. Manche von uns haben aber eh ungarisch gesprochen, bzw. konnten einzelne Polizisten deutsch. Es gab also kein Verst&#228;ndigungsproblem.</p>
<p><em>Wei&#223;t du N&#228;heres &#252;ber die attackierende Gruppe bzw. deren Verbindungen zu Jobbik?</em></p>
<p>Die Faschotypen, die uns angegriffen haben, hatten einschl&#228;gige T-Shirts mit Gro&#223;ungarnabbildungen. Sie waren von einer Faschogruppe die sich 64 Burgkomitate Jugendbewegung nennt. Das ist eine Splittergruppe von Jobbik, bzw. ist auch Teil davon.</p>
<p><em>H&#228;ngen die mit den Ungarischen Garden<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> zusammen?</em></p>
<p>Den genauen Unterschied zu den Garden kenne ich nicht. Der anwesende Parlamentsabgeordnete ist aber Ehrenvorsitzender dieser 64-Burgkomitate-Partie. Die Anw&#228;ltin wiederum verteidigt die ungarischen Garden im neuen Verbotsgesetzverfahren. Die ungarischen Garden wurden ja schon einmal verboten; die haben sich dann als Neue ungarische Garde neu gegr&#252;ndet und meinen jetzt, dass sie nicht mehr verboten sind. Auch auf der Gegendemonstration waren die ungarischen Garden in Uniform, zusammen mit anderen Jobbik-Parlamentsabgeordneten anwesend. Die Gegendemo selbst war von den 64 Burgkomitate organisiert. Die h&#228;ngen also sehr stark zusammen.</p>
<p><a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/07/gegendemo.jpg"><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/07/gegendemo-300x199.jpg" alt="" title="gegendemo" width="300" height="199" class="aligncenter size-medium wp-image-2058" /></a></p>
<p><em>Zwei von Euch wurden dann angezeigt…</em></p>
<p>Genau, zuerst wurden vier aussortiert und dann zwei angezeigt, darunter auch ich. Wir sind ins Gef&#228;ngnis auf die n&#228;chste Polizeiwache &#252;berstellt worden. Auf der Wache wurde uns immer mitgeteilt, wir w&#228;ren nur als Zeugen da und d&#252;rften nicht weggehen. Wir waren auch noch „nur Zeugen“, als wir durch den Innenhof gef&#252;hrt und in einen kleinen Raum mit drei Einzelzellen gebracht wurden. Dann hat es gehei&#223;en, wir m&#252;ssten unsere Schuhb&#228;nder abgeben, unsere Taschen leeren und alles abgeben. Ich habe dann gefragt, ob wir immer noch nur Zeugen sind, weil mir das doch etwas komisch vorgekommen ist. Nach einem Telefonat mit seinem Vorgesetzten hat der Wachbeamte gemeint, nein, jetzt w&#228;ren wir keine Zeugen mehr, ab jetzt w&#228;ren wir Beschuldigte. Dann wurden wir getrennt in die Einzelzellen gef&#252;hrt, damit wir uns nicht absprechen k&#246;nnen.</p>
<p><em>Wie lang wart ihr in den Zellen, wie lang hat das gedauert?</em></p>
<p>Um zw&#246;lf sind wir in die Zellen gekommen und um halb vier, vier sind wir wieder rausgekommen. Wir waren also vier Stunden in den Zellen, dann wurde uns pr&#228;sentiert, was uns eigentlich vorgeworfen wird: &#246;ffentliche Aufhetzung einer gro&#223;en Menschenmenge mit Gewalt. Das ist ungef&#228;hr gleichbedeutend mit Landfriedensbruch, der Vorwurf ist in Ungarn aber noch einmal skurriler. Meine Einvernahme war dann ziemlich kurz, weil ich nur gesagt hab, ich war nix, ich hab nichts gemacht, ich sag jetzt nichts mehr. Wobei mir zu dem Zeitpunkt schon klar war, dass wir rausgelassen werden. </p>
<p><em>Aber die Anzeige steht?</em></p>
<p>Ja, die Anzeige gibt es, die kommt zum Staatsanwalt und der muss entscheiden, ob ein Verfahren eingeleitet wird. </p>
<p><em>Die Ereignisse in Budapest sind ja nicht die ersten &#220;bergriffe von NeofaschistInnen auf GayPride Paraden. Erst kurz davor haben in Split 10.000 Menschen eine Parade angegriffen. Hat das auf der Demonstration selbst eine Rolle gespielt?</em></p>
<p>Die Ereignisse von Split habe ich nur &#252;ber die Medien mitbekommen, und sie waren auch auf der Parade nicht so stark Thema. Ich war aber auch letztes Jahr schon in Budapest und in Bratislava auf der Parade, die auch von Fascho-Gegendemos konfrontiert wurden. Es gibt die Queer- bzw. Regenbogenparade in Ungarn genauso lange wie in Wien, also seit Mitte der Neunziger Jahre. Bis 2007 ist sie ganz normal ohne Komplikationen oder besonderen Polizeischutz abgelaufen. Erst nach den gro&#223;en Krawallen von 2006, als sich die rechtsextreme Szene organisiert hat, wurde die Parade 2007 zum ersten Mal angegriffen und kann nur unter massivem Polizeischutz stattfinden.</p>
<p><em>Aber zumindest seit 2001, als zum ersten Mal 1000 Leute auf die Demonstration mobilisiert werden konnten, hat es schon rechte Gegenmobilisierungen gegeben?</em></p>
<p>Es gab davor schon rechte Gegendemonstrationen. Mit dem Faschoaufschwung 2006 wurden die allerdings wesentlich gr&#246;&#223;er. Es gab Angriffe mit Chemikalien, S&#228;ure, Steinen und Eiern, und besonders 2008 wurde die Pride massiv angegriffen. 2009 wurde auch schon ein gr&#246;&#223;erer Bus aus Wien heftig angegriffen. Die haben es gerade noch in den Bus hinein geschafft, als ein Faschotrupp auf sie zu gerannt ist. </p>
<p><em>Kannst du kurz erkl&#228;ren, wie es zu diesem Aufschwung der Rechten 2006 gekommen ist? Wie h&#228;ngt das mit der allgemeinen Stimmung im Land zusammen?</em></p>
<p>Ausl&#246;ser war damals die Ver&#246;ffentlichung eines Tonbands, auf dem der damalige sozialdemokratische Ministerpr&#228;sident (Ferenc Gyurcsány, Anm.) zugibt, gelogen zu haben. Es folgten monatelange Aufst&#228;nde und Krawalle. Seitdem gibt es eine enorme Rechtswende in Ungarn und einen Aufschwung von Jobbik und deren paramilit&#228;rischer Formation, den „Ungarischen Garden“. Die im Parlament vertretene Jobbik hetzt gegen Minderheiten und eben auch gegen die Parade. Allerdings ist auch die jetzige Regierungspartei Fidesz weit Rechts, was sich in ihrer minderheitenfeindlichen Politik zeigt bzw. in ihrem Umgang mit KritikerInnen. Besonders absurd ist eine bestimmte Auslegung des Paragraphen 174/B, „Gewalt gegen eine Gemeinschaft“, der zun&#228;chst als Minderheitenschutz verabschiedet wurde, nun aber systematisch von rechter Seite genutzt wird. Inszenierte Angriffe wie bei uns werden dann zum Beispiel gegen Roma verwendet, um diese einzusch&#252;chtern.</p>
<p><em>Wie waren vor dem Hintergrund die Reaktionen innerhalb der Bev&#246;lkerung auf die Parade?</em></p>
<p>Das hat mich eher positiv &#252;berrascht. Entlang der Route, gerade dort wo sie durch die Innenstadt umgeleitet wurde, haben viele Leute aus den Fenstern geschaut und das Ganze als Spektakel gesehen. Da haben viel mehr Personen positiv gewirkt und gewunken, als den Finger gezeigt. Allgemein aber sagen die Leute, die dort l&#228;nger gewohnt haben bzw. wohnen, dass es seit 2006 extrem arg geworden ist. Im Rest des Landes soundso, aber eben auch in Budapest. Das betrifft Roma oder auch Schwule/Lesben, die das &#246;ffentlich zeigen und daf&#252;r extrem attackiert werden. Auch viele Juden &#252;berlegen sich, ob sie wegziehen sollen, weil es so schlimm geworden ist.</p>
<p><em>Zur Parade selber, in Wien gibt es oft die Kritik, dass die Regenbogenparade zu wenig politisiert ist. Wie ist die Politisierung innerhalb der Pride in Ungarn? Welches Spektrum an Ansichten und Zielen umfasst das B&#252;ndnis?</em></p>
<p>In Ungarn ist das etwa so wie hier. Es gibt unterschiedliche Fraktionen und Ausrichtungen, die auf so einer Parade mitgehen. In Wien gibt es die linke schwul/lesbische Szene, z.B. um die Rosa Villa, die versuchen zu intervenieren und andere Inhalte reinzubringen; also nicht einfach Homoehe fordern, sondern auch &#252;ber die Gesellschaft reden. In Ungarn hast du das Spektrum genauso, nur unter versch&#228;rften Bedingungen. Das B&#252;ndnis ist sehr gemischt und inhaltlich sehr widerspr&#252;chlich, auch was die politische Ausrichtung betrifft.</p>
<p><em>Inwiefern?</em></p>
<p>Hier ist der Nationalismus in der Gesamtbev&#246;lkerung gr&#246;&#223;er und das spiegelt sich in der Parade wider. Genauso ist die Linke in ganz Ungarn marginalisiert, und auch in der Parade macht sie nicht den gr&#246;&#223;ten Teil aus. Nat&#252;rlich ist das nicht das ganze B&#252;ndnis und es gibt sehr gute Leute drinnen aber eben auch nationalistische. Es gibt Leute im B&#252;ndnis, die nationalistisch, rassistisch drauf sind. Zum Beispiel gab es auf der Parade auch transsexuelle Roma. Auf der After-Party wurden die Roma von den rassistisch eingestellten Teilen rausgeworfen. Dann gibt aber auch Teile, die das definitiv nicht sind und das auch zum Thema machen und dagegen arbeiten wollen. Von daher gibt es auch im B&#252;ndnis in Ungarn selber die Diskussion, inwieweit erw&#252;nscht ist, dass Leute von au&#223;erhalb an der Parade teilnehmen. Man merkt das auch wenn man dort ist und klar ist, dass die Alerta Antifascista-Rufe eher von den Leuten aus Wien und Berlin kommen, als von den UngarInnen. Letztes Jahr hat es einen kleinen Block von ungarischen Anarcho-SyndikalistInnen gegeben, die auch antifaschistische Spr&#252;che drauf gehabt haben. Das sind aber halt die 15, die es in ganz Budapest gibt.</p>
<p><em>Wie ist das Medienecho auf die Parade, und besonders auf die Angriffe der Neofaschisten?</em></p>
<p>Im Vorfeld gab es viele Berichte, weil die Parade zun&#228;chst untersagt wurde und erst sp&#228;ter rechtlich durchgeboxt werden musste. Danach wurde unser Fall relativ intensiv behandelt, zum Beispiel wurde auf dem U-Bahn Infoscreen eingeblendet, dass zwei &#214;sterreicherInnen verhaftet wurden, also eher nicht unter dem Gesichtspunkt der rechten Gewalt. Wir haben versucht, auch mit ungarischen JournalistInnen und b&#252;rgerlichen Medien in Kontakt zu kommen und ihnen Interviews angeboten, aber es gab eher Desinteresse. Die Leute, die in Ungarn gewohnt haben bzw. sich besser auskennen, haben die Einsch&#228;tzung, dass in der Mainstreampresse &#252;ber &#220;bergriffe von Rechten generell kaum berichtet wird. Die wollen das nicht wahrhaben und schweigen das Ganze lieber tot. Wir haben Interviews vor allem mit freien Radios und linken JournalistInnen gef&#252;hrt, soweit das im Zuge des versch&#228;rften Mediengesetzes unter der Regierung Fidesz &#252;berhaupt m&#246;glich ist. Ein Interview haben wir etwa mit Tilos Rádió gef&#252;hrt, das vor einem halben Jahr vom Verbot bedroht war, weil es einen Ice-T Song gespielt hat. Das ist praktisch das einzig freie Radio, in dem unzensuriert oder &#252;berhaupt &#252;ber solche Dinge geredet wird. Alle anderen Radios, sei es halbstaatliche oder private, berichten &#252;ber so etwas nicht, sie trauen sich nicht oder wollen nicht.</p>
<p><em>Gab es Interesse seitens &#246;sterreichischer Medien?</em></p>
<p>Ja, allerdings war es hier in der Medienarbeit oft schwierig, nicht in einen Diskurs &#252;ber unterentwickelte und r&#252;ckst&#228;ndige Osteurop&#228;erInnen rein zu fallen. Beim Schlagwort „Ungarn“ denken sofort alle an Faschismus und meinen, dort g&#228;be es Probleme, die wir „bei uns“ &#252;berhaupt nicht h&#228;tten. Das Interesse in &#214;sterreich spielt sich oft &#252;ber einen komischen Demokratiediskurs ab, bei dem die Ungarn wegen ihrer realsozialistischen Vergangenheit noch immer nicht demokratisch seien, und das mit der Demokratie einfach noch nicht so drau&#223;en h&#228;tten. Gleichzeitig wird wenig dar&#252;ber gesprochen, dass die FP&#214; bei &#252;ber 25% liegt. Das ist auch nicht Nichts. Interessant sind auch die Verbindungen der FP&#214; zu Ungarn und der Jobbik. So hat zum Beispiel der FP&#214;-Nationalratsabgeordnete Johannes H&#252;bner Jobbik auf deren Wahlkampfveranstaltung „viel Gl&#252;ck“ gew&#252;nscht. Gleichzeitig versucht Andreas M&#246;lzer seine rechte Europapartei<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> auch mit Jobbik aufzubauen, wor&#252;ber weniger geredet wird. </p>
<p><em>Wer waren die Leute, die aus &#214;sterreich nach Budapest gefahren sind?</em></p>
<p>Wie gesagt, der Bus wurde von dem Kollektiv radicalqueer organisiert, die in den letzten Jahren auch zum noWKR-Ball mobilisiert haben und auch schon &#246;fter in Budapest auf der Parade waren. Insgesamt waren die TeilnehmerInnen sehr heterogen. Einige JournalistInnen, viele AktivistInnen &#8211; insgesamt ein breites Spektrum. Es waren alle links, aber eben nicht unbedingt aus der gleichen Str&#246;mung. Es sind auch einige Einzelpersonen mitgefahren, die gar niemand gekannt haben. F&#252;r die war die Situation noch schwieriger. W&#228;hrend wir auf der Wache waren, hat der Bus gewartet, weil es immer gehei&#223;en hat, wir kommen vielleicht doch bald frei. Irgendwann sind sie verst&#228;ndlicherweise gefahren, aber davor standen sie vor dem Parlament, wo kurz davor die Gegendemo der FaschistInnen stattgefunden hat, und in der ganzen Stadt waren Faschos unterwegs. Polizei war auch keine mehr unterwegs, bzw. wurde ein Polizeiwagen f&#252;r den Bus abgestellt. Es war also eine ziemlich unangenehme Situation, auf freier Fl&#228;che zu warten und eine relativ gro&#223;e Zielscheibe abzugeben. </p>
<p><em>Wie glaubst du geht das mit der Anklage weiter?</em></p>
<p>Wenn es zum Prozess kommt – das zeigt sich ja erst – dann sehe ich dem eher entspannt entgegen.</p>
<p><em>Wirst du n&#228;chstes Jahr wieder hinfahren?</em></p>
<p>Ja, nat&#252;rlich! Wir lassen uns nicht einsch&#252;chtern und werden n&#228;chstes Jahr doppelt so viele sein. </p>
<p><em>Danke f&#252;r das Interview</em></p>
<p>Weiter Informationen findet Ihr unter<br />
<a href="http://radicalqueer.blogsport.eu">http://radicalqueer.blogsport.eu</a><br />
<a href="http://pusztaranger.wordpress.com">http://pusztaranger.wordpress.com</a></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Siehe http://pusztaranger.wordpress.com/2011/06/20/budapest-pride-2011-jobbik-zeigt-wiener-aktivisten-an/<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Die ungarische Jobbik (Jobbik Magyarországért Mozgalom) ist eine seit 2003 existierende rechtsextreme Partei. Jobbik bedeutet sowohl „die Besseren“ als auch „Die Rechteren“. Vgl. zur Situation in Ungarn: <a href="http://www.perspektiven-online.at/2009/06/13/dreiviertel-faschistisches-klima/">&#8220;Dreiviertel-faschistisches Klima&#8221;</a>, Interview mit Tamás, G.M. in <em>Perspektiven Nr.8</em>.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Die Ungarischen Garden, deren Auftreten stark an die faschistischen Pfeilkreuzler erinnern, bilden den paramilit&#228;rischen Arm der ungarischen NeofaschistInnen.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Andreas M&#246;lzer versucht seit einigen Jahren eine Fraktion rechtsextremer Parteien im Europaparlament aufzubauen. Daran sollen Gruppen wie der holl&#228;ndische Vlaams Belang, der Front National, die Lega Nord u.a. teilnehmen. Erste Versuche eine Fraktion „patriotisch gesinnter“ Abgeordneter aufzubauen, gipfelten 2007 in der Gr&#252;ndung der Fraktion <em>Identit&#228;t, Tradition, Souver&#228;nit&#228;t</em>, die sich aber nach internen Konflikten wieder aufl&#246;ste. </p>
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		<item>
		<title>Feuer und Flamme dem Patriarchat!</title>
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		<pubDate>Fri, 11 Mar 2011 10:45:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[8. März]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterverhältnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Internationaler Frauentag]]></category>

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		<description><![CDATA[Am 19. M&#228;rz ist das 100-j&#228;hrige Jubil&#228;um des Internationalen Frauentags. 1911 fand in Wien die erste gro&#223;e Demonstration f&#252;r die Rechte von Frauen statt, an der 20.000 Menschen teilnahmen. Anl&#228;sslich des Jubil&#228;ums wird dieses Jahr im Rahmen eines B&#252;ndnisses zu einer breiten Demo mobilisiert, die an eine lange Tradition internationaler Frauenk&#228;mpfe ankn&#252;pft. Wir haben Feministinnen aus drei unterschiedlichen Kontexten gebeten, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am 19. M&#228;rz ist das 100-j&#228;hrige Jubil&#228;um des <em>Internationalen Frauentags</em>. 1911 fand in Wien die erste gro&#223;e Demonstration f&#252;r die Rechte von Frauen statt, an der 20.000 Menschen teilnahmen. Anl&#228;sslich des Jubil&#228;ums wird dieses Jahr im Rahmen eines B&#252;ndnisses zu einer breiten Demo mobilisiert, die an eine lange Tradition internationaler Frauenk&#228;mpfe ankn&#252;pft. Wir haben Feministinnen aus drei unterschiedlichen Kontexten gebeten, per Mail zum Internationalen Frauentag, den damit verkn&#252;pften Forderungen und Zielen, den Herausforderungen feministischer B&#252;ndnisarbeit und den Perspektiven &#252;ber dieses Datum hinaus, Stellung zu nehmen.<br />
<span id="more-1838"></span></p>
<p><img alt="" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/03/Moik4.jpg" title="feuerundflamme" class="aligncenter" width="300" height="400" /><br />
<strong>Ihr kommt alle aus unterschiedlichen politischen Kontexten. Welche  Bedeutung hat dieser Tag f&#252;r euch und in der Kontinuit&#228;t welcher K&#228;mpfe und Bewegungen seht ihr euch?</strong></p>
<p><em>Birge</em>: Nun ja, ich sehe das nicht so, dass wir aus so unterschiedlichen feministischen Zusammenh&#228;ngen kommen. Ich habe vor ca. 30 Jahren im autonomen Fl&#252;gel der zweiten Frauenbewegung (FB) begonnen und bin der Tradition nach wie vor verbunden – bei aller Ver&#228;nderung des Fl&#252;gels selbst und bei allem, wie frau sich selbst so entwickelt bzw. gepr&#228;gt wird, oder wie die gesellschaftlichen Umst&#228;nde alle sozialen Bewegungen entweder vereinnahmt oder aufgel&#246;st haben. Das ist allgemein ein gro&#223;es Problem. Allerdings habe ich die Binnenerodierung innerhalb der FBen durch die sogenannten postfeministischen Str&#246;mungen als besonders schmerzlich empfunden. An der politischen Bedeutung des Internationalen Frauentags m&#246;chte ich festhalten; dieser scheint ja auch in vielen Frauenorganisationen wichtig zu sein – auch wenn es mir manchmal analog zu den Weihnachtschristen vorkommt: Einmal im Jahr gibt es eine Gedenkminute und sonst passiert nicht viel; zumindest in den Wohlstandsgegenden unsrer Welt – wobei &#214;sterreich da im Unterschied zu anderen westlichen L&#228;ndern eh noch eine recht lebendige Frauenszenerie hat –, denn wie ich geh&#246;rt habe, wird in bestimmten Teilen Afrikas z.B. der Frauentag in einem Ausma&#223; und einer Form begangen, die hier gar nicht vorstellbar ist.</p>
<p><em>Autonome Feministinnen und Lesben aus dem autonomen FrauenLesbenM&#228;dchenZentrum (FZ)</em><a titel="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a>: Anl&#228;sslich des 100. Jahrestages des <em>Internationalen Frauentages</em> gedenken wir respektvoll allen Frauen, die sich den Grenzen ihres Zeitalters, den sexistischen, rassistischen und sozialen Kategorisierungen nicht unterworfen haben und f&#252;r die Freiheit der Frauen und Menschheit gro&#223;en Widerstand geleistet haben. Unsere Verbundenheit mit diesen Frauen hei&#223;t f&#252;r uns, uns auf ihren Widerstand zu beziehen, ihnen Bedeutung beizumessen und diese K&#228;mpfe zu noch gr&#246;&#223;eren Erfolgen zu f&#252;hren. Am 8. M&#228;rz 2011 wird es eine FrauenLesben-Demonstration zum Internationalen Frauenkampftag geben; nicht weil es „in den letzten Jahren immer schon so war“, sondern weil uns die Selbstorganisierung von FrauenLesben grunds&#228;tzlich wichtig ist und weil wir wollen, dass am 8.3. feministische Aktionen regional – mit internationaler Verbundenheit – stattfinden. Denn Feminismus und Frauenbefreiung sind international. </p>
<p><em>Anna, Flora, Marlen, Neva</em>: Als Sozialistinnen sehen wir uns auch und gerade am  Frauenkampftag in der Tradition proletarischer und sozialistischer Frauenbewegungen und deren K&#228;mpfen um die Rechte der Arbeiterinnen und einer gleichberechtigten Position innerhalb linker sozialistischer Bewegungen. Weil gerade die Forderung nach gelebter Gleichstellung in sozialistischen Kontexten wohl immer wieder neu ertrotzt werden muss, ist auch f&#252;r uns das Angehen gegen das Konzept von Haupt- und Nebenwiderspruch in der Linken ein wichtiges Kampffeld. Da hei&#223;t es auch immer in der eigenen Organisation aufr&#228;umen. Keinesfalls nur am Frauenkampftag, denn das hie&#223;e seine urspr&#252;ngliche Bedeutung als Mahnmal und besonderer Solidarit&#228;tsmoment in ein n&#252;tzliches Alibi umzuwandeln, sich als linke Organisation nicht das ganze Jahr mit Frauenpolitik auseinandersetzen zu m&#252;ssen. Wird er aber als das gesehen was er ist, als M&#246;glichkeit der Solidarisierung und der Zusammenf&#252;hrung von K&#228;mpfen, kann es der Frauenkampftag ganz sch&#246;n in sich haben. Innerhalb der SJ wird eben das anhand der Vernetzung verschiedener Frauen aus dem SP Vorfeld versucht, Aktionen in allen SJ-Bezirken sollen feministische Kampfthemen nach au&#223;en tragen. Auch das vor einigen Jahren erk&#228;mpfte Feministische Seminar nur f&#252;r Frauen erm&#246;glicht einen k&#228;mpferischen Raum f&#252;r Diskussion, Solidarisierung und Empowerment. Und den brauchen wir, denn: das Vorankommen feministischer K&#228;mpfe ist immer auch ein Gradmesser f&#252;r unser generelles Vorankommen als Linke, f&#252;r den Fortschritt der Bewegung. </p>
<p><strong>Was waren historisch gesehen die zentralen Forderungen? Gab es einen Wandel innerhalb dieser Forderungen? Und welche sind f&#252;r euch heute noch zentral?</strong></p>
<p><em>B</em>: Am 19. M&#228;rz 1911 gingen rund 20.000 Frauen – und M&#228;nner – auf die Wiener Ringstra&#223;en, um f&#252;r Frauenrechte zu k&#228;mpfen. Ihre Anliegen waren das allgemeine Frauenwahlrecht, gleicher Lohn f&#252;r gleiche Arbeit, der 8-Stunden-Tag, die Senkung der Lebensmittelpreise, die Einf&#252;hrung einer Sozialversicherung, die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs und Frieden. Die K&#228;mpfe der FB begannen rund um das Abtreibungsrecht und im Kontext der 68er-Bewegung. Es ging um das Selbstbestimmungsrecht und weibliche Freiheit und Unabh&#228;ngigkeit von den M&#228;nnern (politisch und privat). Damit verbunden war immer auch eine fundamentale Gesellschafts- als Herrschaftskritik und die Internationalit&#228;t, also die Politisierung der Ausbeutung von Frauen (ihren K&#246;rpern usw.) weltweit.</p>
<p><em>FZ</em>: Vor beinahe 100 Jahren, am 19. M&#228;rz 1911, fand in Wien die erste gro&#223;e Demonstration f&#252;r Frauenrechte statt. Damals wie heute gilt: Um die Selbstorganisierung von Frauen und Frauenbewegungsgeschichte zu begreifen ist es auch notwendig, die gesellschaftlichen Kontexte zu betrachten. 1911 waren in &#214;sterreich Frauen vom allgemeinen Wahlrecht ausgeschlossen und es war Frauen verboten, Mitglied in politischen Vereinen zu werden oder politische Frauenvereine zu gr&#252;nden. Frauen erk&#228;mpften sich die M&#246;glichkeit, sich politisch zu organisieren und ihren Stimmen Geh&#246;r zu verschaffen.<br />
2011 leben wir in einer (patriarchalen) Gesellschaft, die von Gleichberechtigung spricht und in der Frauen – immer noch und immer wieder – von &#246;konomischer und politischer Benachteiligung und von sexistischer Gewalt betroffen sind. Wir erleben eine Versch&#228;rfung patriarchaler Zust&#228;nde, mit einem Erstarken der M&#228;nnerrechtsbewegung und Abtreibungsgegner, dem „geduldeten“ Selbstverst&#228;ndnis, dass Frauen geringer entlohnt werden, und Verh&#228;ltnissen, in denen Frauen – scheinbar selbstbestimmt – allerorts pornografisch vermarktet werden. Hierarchische Geschlechterverh&#228;ltnisse und soziale Geschlechterrollen werden mit Wissenschaften und Religionen erneut biologisch/“nat&#252;rlich“ oder „gottgewollt“ begr&#252;ndet, oder „Gender“ liberal umgedeutet und als „individuelle Wahl“ begriffen. Erk&#228;mpfte Frauenorte, feministische Strukturen, solidarische Unterst&#252;tzung oder Frauenveranstaltungen werden mit so genannter Gleichstellungspolitik angegriffen und als „Diskriminierung von M&#228;nnern“ definiert. Auf den Unis sind z.B. Frauenlehrveranstaltungen offiziell nicht mehr durchsetzbar; etliche Frauenberatungsstellen wurden mittels Subventionsvorgaben dazu gezwungen, zu Familienberatungsstellen zu werden. Als „Fortschritt“ gilt die Beteiligung von einzelnen Frauen im Management und im Milit&#228;r. Es wird uns vorgegaukelt, dass „Frauen alle M&#246;glichkeiten haben“. Wenn`s eine nicht schafft oder sich nicht an den Herrschaftsverh&#228;ltnissen beteiligen will, ist sie „selber schuld“. Sie wird darin maximal individuell betreut oder „gecoacht“, um wieder zu „funktionieren“. Und dann gibt‘s noch die theoretische Diskussion der „Dekonstruktion der Geschlechter“, woraus einige folgern, dass es Frauen nicht gibt bzw. nicht mehr geben soll. Parallel dazu entwickelt sich immer mehr ein rassistisches Selbstverst&#228;ndnis, in dem – pl&#246;tzlich auch <em>mann </em>– medial &#252;ber die Unterdr&#252;ckung von Frauen in „anderen L&#228;ndern“ spricht, die gleichzeitig als „r&#252;ckst&#228;ndig“ betrachtet werden. Die Individualisierung und Vermarktung der Frauen im kapitalistischen Patriarchat wird hingegen als „entwickelte Emanzipation“ gesehen. </p>
<p><em>A, F, M, N</em>: Die Forderungen der ersten Frauenbewegung nach Frauenwahlrecht und Partizipation am b&#252;rgerlichen Staat stie&#223;en ja selbst innerhalb der Sozialdemokratie auf einigen Widerstand. Viktor Adler bringt den Standpunkt der Partei in dieser Frage auf den Punkt: „Es hat niemals eine Sozialdemokratie gegeben, die nicht das Frauenwahlrecht als eine ebenso notwendige Sache angesehen h&#228;tte wie das der M&#228;nner. (&#8230;) Aber es fragt sich, ob die politische Lage reif ist, um einen Feldzug f&#252;r das Frauenwahlrecht zu unternehmen. Und da sage ich ihnen rundweg, in L&#228;ndern wie &#214;sterreich, Belgien usw., wo das M&#228;nnerwahlrecht noch nicht einmal erk&#228;mpft ist, wo wir alle Kr&#228;fte auf diesen Punkt konzentrieren m&#252;ssen, w&#228;re es eine politische Torheit, diesen Kampf abzulenken auf einen Punkt, der voraussichtlich erst sp&#228;ter zu erreichen sein wird. Von diesem Standpunkt der politischen Taktik muss ich sagen: Wir m&#252;ssen bei jeder Gelegenheit erkl&#228;ren, dass wir f&#252;r das Frauenwahlrecht sind, dass wir auch den ersten Schritt auf diesem Gebiet machen wollen, aber dass der letzte Schritt erst dann gemacht werden kann, wenn der erste Schritt gemacht ist, und der ist: die Erk&#228;mpfung des Wahlrechtes f&#252;r die M&#228;nner.“<br />
Die sozialistischen Frauen lie&#223;en sich diesen Verweis ihrer Rechte auf den zweiten Platz aber nicht gefallen und blieben hart. Parallel ging es immer auch um Arbeitsk&#228;mpfe, die proletarische Frauen in den Betrieben und auf der Stra&#223;e ausfochten. In der zweiten Frauenbewegung &#228;nderte sich der Schwerpunkt feministischer K&#228;mpfe, andere Forderungen wurden zentral. Neben der konstanten Forderung nach v&#246;lliger rechtlicher Gleichstellung wurde auch in den Privatbereich vorgedrungen. „Das Private ist politisch“ geh&#246;rt zu den wichtigsten Slogans der Zweiten Frauenbewegung. Aus diesen alten und immer wieder neu zu erk&#228;mpfenden Forderungen und neuen Themengebieten wie <em>queer theory</em> und <em>postcolonial feminism</em> ergibt sich ein breites Feld antisexistischer K&#228;mpfe, die es auch innerhalb der Organisation immer wieder neu durchzuringen gilt.</p>
<p><strong>Welche Bedeutung kommt eurer Meinung nach dem Frauenkampftag – sowohl international als auch in Bezug auf &#214;sterreich – heute noch zu?</strong></p>
<p><em>B</em>: Es ist frappierend, genauer gesagt entw&#252;rdigend, wie einige der Forderungen, die seit hundert Jahren bestehen, immer noch nicht eingel&#246;st sind oder bis zur Unkenntlichkeit amalgamiert wurden. Deshalb hei&#223;t der Slogan der Plattform f&#252;r den 19. M&#228;rz ja auch: <em>AUS! Aktion Umsetzung. Sofort!</em></p>
<p><em>A, F, M, N</em>: In &#214;sterreich reiht sich der Frauentag f&#252;r viele zwischen Valentins- und Muttertag als deren logische Erg&#228;nzung ein und ist ein Anlass, Frauen Blumen und Pralinen zu schenken. Wenn frau Gl&#252;ck hat, &#252;bernimmt der Haberer auch mal den Abwasch. Auch in der SP&#214; hat der Frauenkampftag seine urspr&#252;ngliche Bedeutung weitgehend verloren. Stattdessen werden Blumen verteilt und Kaffeekr&#228;nzchen abgehalten. Durch das Einwirken von einzelnen Frauen gibt es in manchen Bezirken den Versuch, den feministischen Anspruch dieses Tages wieder mit Leben zu erf&#252;llen. Trotz alledem d&#252;rfen wir jedoch nicht vergessen, dass der Tag uns die M&#246;glichkeit gibt und ein Anlass ist, um auf patriarchale Verh&#228;ltnisse hinzuweisen und dagegen auf die Stra&#223;e zu gehen. </p>
<p><strong>Das diesj&#228;hrige B&#252;ndnis ist politisch ziemlich breit angelegt. Die verschiedenen Gruppierungen und Einzelpersonen, die dieses B&#252;ndnis mittragen, wurden aufgefordert ihre spezifischen Forderungen aufzustellen. Einige von euch sind bei diesem B&#252;ndnis dabei, andere nicht. Warum?</strong></p>
<p><em>B</em>: F&#252;r die Frauenrechte-Demo wurden und werden alle Frauen, Frauengruppen- und organisationen gebeten, ihre Forderungen zu sammeln. Ziel ist es, die Vielzahl der M&#228;ngel &#246;ffentlich zu machen, und nicht eine &#220;berinstanz, die meint, sagen zu k&#246;nnen was wirklich wichtig w&#228;re, zu installieren. Sicher, vieles wird &#228;hnlich sein, einiges auch widerspr&#252;chlich, denn keine Einzelne kann wissen, was die andere sich w&#252;nscht, oder w&#252;nschen muss. Als Mitbegr&#252;nderin der Plattform kann ich nur sagen, dass ich die Idee der Ankn&#252;pfungsf&#228;higkeit f&#252;r viele unterschiedliche Positionen durch das Erinnern an die Frauenk&#228;mpfe von vor hundert Jahren und die W&#252;rdigung der Frauen von damals eine gute Idee finde. </p>
<p><em>FZ</em>: Bei den ersten Vorbereitungstreffen im Sommer und Herbst 2010 haben wir uns als Autonome Feministinnen an der Vorbereitung zur Frauendemonstration am 19.3.2011 beteiligt. Wir fanden und finden die Idee wichtig, weil der 8. M&#228;rz als Internationaler Frauenkampftag Teil unserer Frauenbewegungsgeschichte ist. Warum sind wir letztendlich aus der Vorbereitung ausgestiegen? Einer der Konflikte in der Vorbereitung zur Demonstration am 19.3. war f&#252;r uns, dass ein Gro&#223;teil des Vorbereitungsplenums das „breite B&#252;ndnis“ nur in der Beteiligung von der SP&#214;, den Gewerkschaften und etablierten Fraueneinrichtungen sah und sieht und nicht in der Basisarbeit in den eigenen Strukturen, Stadtteilen und Arbeitszusammenh&#228;ngen. Es wurde argumentiert, dass wir nur dann viele werden k&#246;nnen, wenn sich die SP-, Gewerkschaftsfrauen und der Frauenring beteiligen. Wir sehen in der Beteiligung dieser Organisationen jedoch nicht die Garantie, dass 20.000 Frauen auf die Stra&#223;e gehen. Wir sehen darin mehr ein Anbiedern an die institutionalisierte Macht. Die &#214;VP-, SP&#214;-, Gr&#252;ne- und Gewerkschaftsfunktion&#228;rinnen tragen die herrschende Politik mit, die sich gegen die meisten Frauen richtet und staatlichen Rassismus, &#220;berwachung, Militarisierung und neoliberale Politik etabliert. Aber wir wissen, es gibt auch Widerstand in deren eigenen Reihen. Wir wollten die „Funktion&#228;rinnen“ der SP, Gewerkschaften und Gr&#252;nen nicht ausladen, aber ihnen auch nicht extra nachlaufen. Wir erwarten eher, dass sie sich aus eigenem Interesse beteiligen und z.B. die Frauen an der „Basis“ in den Stadtteilen und Betrieben &#252;ber die Vorbereitungen informieren, damit diese sich einbringen k&#246;nnen (nicht nur f&#252;r Wahlen!). Die Kraft von autonomen Frauenstrukturen wird sich darin zeigen, ob es eine Demonstration wird, wo Frauen f&#252;r sich und f&#252;r eine notwendige gesellschaftliche Ver&#228;nderung auf die Stra&#223;e gehen, oder ob es &#246;ffentlich eine Demo von SP, Gewerkschaften und „prominenten“ Frauen wird, denen wir dann zuh&#246;ren und zuapplaudieren „d&#252;rfen“. Dieses Zusammenkommen ist kein „Event“ und keine inszenierte „Show-B&#252;hne“, es ist ein Zusammenkommen mit Entschiedenheit, Begehren und Leidenschaft f&#252;r Frauenbefreiung! Dann kann sich Zusammenarbeit, mit allen Konflikten und Unterschieden zu einer gemeinsamen Kraft entwickeln &#8211; f&#252;r eine starke feministische Bewegung „von unten“.</p>
<p><strong>Was kann und soll dieser Tag leisten? Was erwartet ihr euch davon? Was sind m&#246;gliche Probleme?</strong></p>
<p><em>B</em>: Der 19.3 soll einfach demonstrieren, dass die Welt, so wie sie sich f&#252;r Frauen darstellt, ein Ding der Unm&#246;glichkeit ist – auch wenn immer so getan wird, als sei eh alles in Butter, die Frauenbefreiung ein alter Hut, Gleichheit kein Problem usw. Eine Riesendemo ist ein Signal – nicht mehr aber auch nicht weniger. Es gibt vehemente W&#252;nsche, dass es bei diesem Signal nicht bleiben soll, sondern die politische Arbeit danach gemeinsam weitergehen m&#246;ge. Ein Hauptproblem ist, dass sehr oft die Gleichen sich ehrenamtlich engagieren und bis zum Umfallen hackeln – w&#228;hrend die Vielen in vornehmer Distanz auf den Zuschauerinnenr&#228;ngen verharren oder sich in Kritik zur&#252;ckziehen, was auch nicht gerade hilfreich ist.</p>
<p><em>FZ</em>: Wir wollen eine gro&#223;e Frauendemonstration mit vielen Frauen. Darin waren wir uns alle einig. Doch wie und mit welchen dies erreicht wird, da gab es unterschiedliche Ansichten. Wir sahen die Demo als M&#246;glichkeit und Chance f&#252;r ein breiteres Frauenb&#252;ndnis und die Realisierbarkeit einer gr&#246;&#223;eren Frauendemonstration. Warum? Weil der Anlass, &#8220;100 Jahre Frauentag&#8221; f&#252;r unterschiedliche Feministinnen – Lesben, autonome FrauenLesbenGruppen, Frauenorganisationen, Migrantinnenprojekte, Fraueneinrichtungen, Frauen aus antirassistischen, antifaschistischen und linken Gruppen und Bewegungen und aus Parteien – ein Anlass sein k&#246;nnte, auf die Stra&#223;e zu gehen. Die Spaltung – autonome FrauenLesben gehen auf die Stra&#223;e, Frauenprojekte und -einrichtungen bem&#252;hen sich um (hart erk&#228;mpfte) Subventionen und die Parteifrauen und etablierte Frauenorganisationen feiern – wenn &#252;berhaupt – in ihren Hallen – ist ja in den letzten zehn, f&#252;nfzehn Jahren immer wieder praktiziert worden. Es ist die immer wiederkehrende Auseinandersetzung mit und in B&#252;ndnissen, welche als „Partnerinnen“ politisch wahrgenommen werden. B&#252;ndnisse und Zusammenarbeit sind eine Frage der eigenen St&#228;rke aber auch der gegenseitigen Anerkennung und Sichtbarkeit. Selbstorganisierte/Autonome Strukturen „scheuen“ B&#252;ndnisse mit Institutionen und Parteien oft, weil sie bef&#252;rchten, vereinnahmt zu werden. Erfahrungen daf&#252;r gibt es zuhauf. Etablierte Strukturen und Einrichtungen hingegen ignorieren oft autonome, selbstorganisierte Organisationsstrukturen oder ben&#252;tzen sie als so genannte Basis oder als Aktivistinnen, die bei Aktionen den „Kopf hinhalten“, von denen man sich dann aber „in Ruhe und in Sicherheit“ distanzieren kann. Mit „Chaotinnen“, „Autonomen“, „militanten Emanzen“ oder „Kampflesben“ will man nichts zu tun haben, wenn der Freund oder einE NachbarIn &#252;ber „die“ schimpfen, wenn die Medien hetzen, wenn Demos verboten werden, wenn aktiver Widerstand mit Terrorismus-Vorwurf oder als „Mafia“ verfolgt wird. </p>
<p><em>A, F, M, N</em>: Ein sehr breites B&#252;ndnis birgt die Gefahr, inhaltslos zu werden. Frausein alleine hei&#223;t nicht, dass wir alle dieselben politischen Interessen haben. Gerade am Beispiel von Maria Rauch-Kallat (Club <em>alpha</em>, &#214;VP-Frauen), die auch Teil des B&#252;ndnisses ist, wird deutlich, dass wir nicht nur andere, sondern widerspr&#252;chliche Forderungen vertreten. So wurden in ihrer Amtszeit bspw. die Finanzierung autonomer Frauenh&#228;user gek&#252;rzt und andere reaktion&#228;re Ma&#223;nahmen getroffen.<br />
Eine gro&#223;e feministische Frauendemo kann jedoch auch Debatten „von unten“ ansto&#223;en. Feministische Interventionen finden heute scheinbar nur in Form von staatlicher Frauenpolitik und universit&#228;ren Debatten statt. Unser Ziel muss es aber sein, feministische Standpunkte auf die Stra&#223;e und ins Bewusstsein aller Menschen zu tragen und die ewige Leier von der „eh schon erreichten Gleichberechtigung“ endlich abdrehen.</p>
<p><strong>Eine Diskussion, die jedes Jahr intensiv gef&#252;hrt wird, ist, ob die Demo eine reine Frauendemo sein soll oder nicht. Dieses Jahr ist die Demo am 19. M&#228;rz gemischt. Wie steht ihr zu dieser Frage?</strong></p>
<p><em>B</em>: Bin absolut daf&#252;r, dass die j&#228;hrlichen internationalen Frauentage auch solche bleiben. Es d&#252;rfen aber auch gerne andere linke usw. Gruppen jedes Jahr eine Demo f&#252;r mehr Geschlechtergerechtigkeit organisieren. Das w&#228;re super. F&#252;r mich ist der 19.3. 2011 in vieler Hinsicht die Ausnahme von der Regel und nicht identisch mit dem 8. M&#228;rz.</p>
<p><em>FZ</em>: Die Auseinandersetzung „warum eine Frauendemonstration“ und „es gibt auch solidarische M&#228;nner“, gibt es &#252;ber die Jahre immer wieder in den Vorbereitungen. Das Problem w&#228;ren nicht die „solidarischen M&#228;nner“. M&#246;glichkeiten f&#252;r Solidarit&#228;t g&#228;be es auch so genug: das Klo putzen, die W&#228;sche waschen, den Haushalt mitorganisieren statt „mal mitzuhelfen“, mit Buben antisexistische Gespr&#228;che f&#252;hren, antipatriarchale M&#228;nnergruppen bilden, solidarische Aktionen in der Stadt machen, Arbeitskolleginnen in ihrem Kampf um gleiche L&#246;hne unterst&#252;tzen, die eigenen Privilegien hinterfragen, u.s.w. Das Problem sind eher diejenigen, die dann unbedingt bei einer Frauendemonstration mitgehen wollen oder sich mit Feministinnen „schm&#252;cken“, aber patriarchale Strukturen nicht in Frage stellen wollen. Jene, die sich &#246;ffentlich als „Feminist“ pr&#228;sentieren und „privat“ Frauen oder M&#228;dchen als Sexobjekte behandeln und sich bekochen lassen.<br />
Die Vorstellung von einigen, dass M&#228;nner aus „Solidarit&#228;t“ die Technik auf der Demo machen k&#246;nnten, sehen wir als Unterst&#252;tzung der patriarchalen Arbeitsteilung, die Frauen aus bestimmten wirtschaftlichen Bereichen ausgrenzt. Mit der Frauenbewegung haben sich Frauen und M&#228;dchen und immer schon viele Lesben, mit viel Kraft und trotz zahlreichen Konfrontationen mit dem sexistischen Alltag bei Ausbildungen und Arbeiten, u.a. technische und handwerkliche Bereiche angeeignet, die uns (immer noch) vorenthalten werden und an denen wir immer wieder strukturell gehindert werden. Und es gibt sie: die Elektrikerinnen, Mechatronikerinnen, Tischlerinnen, Schlosserinnen, DJanes, Licht- und Tontechnikerinnen… Bei einer Demonstration „anl&#228;sslich 100 Jahre Frauentag“ und „f&#252;r Frauenrechte“ m&#252;ssten Frauen und Lesben gefragt werden, die Technik zu machen!<br />
Manchmal wird die politische Auseinandersetzung um die Selbstorganisierung von Frauen auf eine Ebene von so genannter „sexueller Differenz“ reduziert. Lesben „m&#246;gen keine M&#228;nner“, (heterosexuelle) Frauen wollen auch mit „ihrem Freund“ demonstrieren k&#246;nnen.<br />
Lesbische Existenz l&#228;sst sich nicht auf eine „sexuelle Differenz“ reduzieren, sondern ist ein wichtiger Ausdruck und eine Lebendigkeit von (notwendiger) Frauenkollektivit&#228;t und Frauenbezogenheit, worin sich Frauen als „vollwertige“ und gleichwertige Subjekte begegnen. Dies bedeutet Mut und Widerstand in einem patriarchalen System. Diese Frauenbezogenheit und die autonome Selbstorganisierung von Frauen ist eine wichtige Kraft f&#252;r die Frauenbefreiung – f&#252;r alle Frauen! </p>
<p><strong>In der Diskussion im Vorbereitungsplenum wurde gesagt, dass sich die SP&#214; und die Gewerkschaften nicht beteiligen wollen, wenn M&#228;nner nicht mitgehen „d&#252;rfen“. Die offene Auseinandersetzung dar&#252;ber wurde nicht gef&#252;hrt. Einigen war das Mitmachen von etablierten (Frauen-)Organisationen einfach wichtiger als die Kraft und St&#228;rke einer Frauendemonstration. Bei der letztendlichen Abstimmung im Vorbereitungsplenum waren zehn Frauen f&#252;r eine gemischte Demo, sechs f&#252;r eine Frauendemonstration und einige haben sich der Stimme enthalt. Nach der Abstimmung sind Autonome Feministinnen vom FZ aus der Vorbereitung rausgegangen. </strong></p>
<p><em>A, F, M, N</em>: In einer sexistischen Gesellschaft brauchen Frauen eigene Freir&#228;ume, einerseits als Schutz- und R&#252;ckzugsort, andererseits als Raum der politischen Organisierung. Frauenfreir&#228;ume sind auch ein unverzichtbares Mittel, um feministische K&#228;mpfe in gemischten Organisationen zu erm&#246;glichen.<br />
Solange auf der Demo ein klar antisexistischer Konsens herrscht, sehen wir es als unproblematisch, wenn M&#228;nner mitgehen und sich solidarisieren, solange sie dabei eine untergeordnete Rolle spielen. Es muss den Frauen vorbehalten sein, die Demo zu organisieren, Entscheidungen zu treffen, und Forderungen zu entwickeln.</p>
<p><strong>Was sollte eurer Meinung nach der politische impact der Demo sein? </strong></p>
<p><em>B</em>: Wie gesagt, wichtig ist das Signal, die Langfristigkeit von feministischen B&#252;ndnissen ohne Grabenk&#228;mpfe, die je nach Situation, Inhalt und Kontext punktuelle sein k&#246;nnen. Ich find es schwierig, alles aufzuz&#228;hlen. Es kann ja der Plattformwebsite entnommen werden, was die verschiedenen Frauen unter feministischer Politik verstehen. Es hat sich ja schon bis ins deutsche Feuilleton herumgesprochen, dass die Situation der Frauen in &#214;sterreich im europ&#228;ischen Vergleich ganz schlecht ist. Ganz allgemein w&#252;rde ich sagen: gegen die zunehmende Feminisierung der Armut – f&#252;r mehr feministisches Bewusstsein. Es fehlt an explizit feministischer Bildung. </p>
<p><em>FZ</em>: Die Demonstration am 19.3. wird jetzt eine „Demonstration f&#252;r Frauenrechte“ sein. Grunds&#228;tzlich sind zus&#228;tzliche gemischte Demonstrationen gegen Sexismus und Patriarchat und f&#252;r Frauenrechte wichtig. Viel zu wenig wird bei Veranstaltungen, Aktionen und Demonstration gegen Sexismus Stellung bezogen. Wir kennen keine Aktion oder Demo, wo auch M&#228;nner gegen Vergewaltigungen oder Frauenmorde &#246;ffentlich Aktionen gesetzt haben. Zu sagen, „Ich schlage mein Frau nicht“, ist dabei eher zynisch, denn das sehen wir als minimalste Selbstverst&#228;ndlichkeit! Es br&#228;uchte den Mut, auch gegen das patriarchale System und gegen das patriarchale-m&#228;nnliche Selbstverst&#228;ndnis aufzutreten, bei sich selbst und gegen&#252;ber anderen M&#228;nnern.<br />
Wir verstehen eine Frauendemonstration als einen wichtigen Bestandteil einer Selbstorganisierung von Frauen. Dieses Bewusstsein von Selbstorganisierung ist f&#252;r jede Einzelne und f&#252;r Frauen gemeinsam ein k&#228;mpferischer Bruch mit dem patriarchalen System und seinen Lebensbedingungen, ein Bruch mit m&#228;nnlicher Dominanz und m&#228;nnlicher Vorherrschaft – auch in seinem neuen neoliberalen Gewand von so genannter Partnerschaft und <em>Gender Mainstreaming</em>, die eine „weibliche“ Erg&#228;nzung zum „(m&#228;nnlichen) Mensch“ als „Herr“ postuliert.</p>
<p><em>A, F, M, N</em>: Eine Demo alleine kann nicht das erreichen, was in der Gesellschaft und im Kampf gegen das Patriarchat erreicht werden muss. Um eine gesellschaftliche Ver&#228;nderung herbeizuf&#252;hren, bed&#252;rfte es einer breiten Bewegung. Eine Bewegung, die feministisch und zugleich auch dezidiert links und sozialistisch ist und die Forderungen auf der Stra&#223;e durchk&#228;mpft. Frauenpolitische und feministische Forderungen m&#252;ssen in die Gesellschaft getragen werden und eine m&#246;glichst breite Debatte ausl&#246;sen.<br />
Es ist notwendig, sich auch bzw. vor allem mit migrantischen Frauen zu vernetzen und mit ihnen gemeinsam K&#228;mpfe zu f&#252;hren. Die feministische Bewegung muss &#252;ber ihre eigene Wei&#223;heit reflektieren und Wei&#223;e Frauenb&#252;ndnisse &#252;berdenken. Wir finden es wichtig, sich &#252;ber die eigene Klassenposition sowie &#252;ber rassistische Diskriminierungsmuster bewusst zu werden und diese auch in den eigenen Reihen zu bek&#228;mpfen. Ein breites antikapitalistisches feministisches B&#252;ndnis kann kein Wei&#223;es b&#252;rgerliches Frauenb&#252;ndnis sein!<br />
Zu guter Letzt ist eine Programmatik von N&#246;ten, die Geschlecht als Herrschaftsinstrument angreift und das System radikal in Frage stellt. Wir brauchen eine  breite antikapitalistische Frauenbewegung! </p>
<p><strong>In Zeiten von versch&#228;rften globalen Klassengegens&#228;tzen und immer repressiver werdenden Migrationsregimen stellt sich vermehrt die Frage nach einem gemeinsamen Kampf von Frauen aus unterschiedlichen sozialen und regionalen Kontexten. Muss nicht ein feministischer Kampf daher Fragen von Rassismus, Nationalismus und Klasse miteinbeziehen?</strong></p>
<p><em>B</em>: Diese Frage stellt sich realpolitisch tats&#228;chlich vermehrt. Jedoch waren den feministischen K&#228;mpfen, so wie ich sie kenne, immer schon die K&#228;mpfe gegen Rassismus, Nationalismus und Klassenherrschaft eingeschrieben. Auch wenn heute oft so getan wird, als w&#228;re das nicht so. Man m&#252;sste da nur mal die Flugbl&#228;tter zum 8. M&#228;rz der letzten 30 Jahre durchlesen.</p>
<p><em>Anna, Flora, Marlen, Neva</em>: Ja fix. Und ob! </p>
<p><strong>Was k&#246;nnten/sollten Ziele/Strategien jenseits dieses symbolischen Tages sein, um die Frauenbewegung/feministische Themen zu st&#228;rken und in der Gesellschaft st&#228;rker zu verankern?</strong></p>
<p><em>B</em>: Diese Frage l&#228;sst sich beim besten Willen nicht so beantworten. Es gibt keine Patentrezepte, jede Kollektivit&#228;t muss das selber tun und sich erarbeiten. Es gibt ja auch hunderte B&#252;cher dazu. Ganz grunds&#228;tzlich fehlt m.E. eine gr&#246;&#223;ere Bewegung, mehr Auseinandersetzung unter denjenigen, denen das &#252;berhaupt ein Anliegen ist, und &#252;berhaupt mangelt es an feministischer Bewusstseinsbildung. Und ganz &#252;berhaupt geht es um eine im weiten Sinne linke und feministische Repolitisierung der Gesellschaft und es fehlen (uns) Theorien und Praxen alternativer Politik- und &#214;konomieformen.</p>
<p><em>FZ</em>: Es braucht eine breite und radikale feministische Bewegung die diese Herrschaftsverh&#228;ltnisse auf den Kopf stellt und zerlegt!</p>
<p><em>A, F, M, N</em>: Es muss um die Organisierung von Frauen gehen und deren Vernetzung &#252;ber Organisationsgrenzen hinweg. Das Ziel muss sein, das Patriarchat zu st&#252;rzen und die Gesellschaft umzukrempeln. Das geht nur, wenn B&#252;ndnisarbeit effektiv gestaltet wird. Innerhalb aller gemischten Organisationen m&#252;ssen feministische K&#228;mpfe gef&#252;hrt, Frauenfreir&#228;ume geschaffen und Frauen gest&#228;rkt bzw. gegenseitig best&#228;rkt werden. Es muss bei den feministischen K&#228;mpfen &#252;ber die Organisationsgrenzen hinweg eine Orientierung auf die Subalternen geben und es m&#252;ssen strategisch gemeinsame Forderungen aufgestellt werden. Die feministische Bewegung muss sich weg von dem Wei&#223;en und ausschlie&#223;enden b&#252;rgerlichen Feminismus bewegen.<br />
Feuer und Flamme dem Patriarchat, Kampf dem Sexismus in Arbeit, Alltag, Staat! </p>
<p><em>Birge Krondorfer</em> ist Philosophin, Lehrbeauftragte an den Universit&#228;ten Klagenfurt und Innsbruck und t&#228;tig im feministischen Bildungs- und Kulturverein Frauenhetz, den sie auch mit gegr&#252;ndet hat. </p>
<p>Das <em>FrauenM&#228;dchenLesbenZentrum</em> versteht sich als Teil der autonomen FrauenLesbenBewegung. Als solche bietet es einen Raum f&#252;r die feministische Auseinandersetzung mit weiblichen Lebensbedingungen und der Reflexion und Entwicklung widerst&#228;ndiger Praxis gegen Sexismus und sexistische Herrschaftsverh&#228;ltnisse. Die FZ-Bar befindet sich im <em>Wiener Werkst&#228;tten- und Kulturhaus WUK </em>in Wien.</p>
<p><em>Anna Svec, Flora Alvarado-Dupuy, Marlen Stahrm&#252;ller</em> und<em> Neva L&#246;w</em> sind langj&#228;hrige Aktivistinnen in der Sozialistischen Jugend Wien und Teil der Marxistischen Initiative Marxist*in. </p>
<p>Das Interview f&#252;hrten <em>Veronika Duma, Julia Hofmann</em> und <em>Fanny M&#252;ller-Uri</em>.</p>
<p>Anmerkung<br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Dieses Interview wurde aus einer Stellungnahme von autonomen Feministinnen und Lesben aus dem FZ zusammengestellt.</p>
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		<title>Im Osten nichts Neues</title>
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		<pubDate>Tue, 02 Nov 2010 09:12:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Krise abseits der Zentren findet medial kaum statt. Maria aus der Ukraine und Stipe aus Kroatien berichten in Form eines Emailinterviews1 &#252;ber die derzeitige Situation in Osteuropa. Es wird deutlich, dass die Schwergewichte innerhalb der EU auch in Zeiten der Krise vor allem darauf bedacht sind, den Kurs einer abh&#228;ngigen Integration fortzusetzen und zu vertiefen.

K&#246;nnt ihr zu Beginn einen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Krise abseits der Zentren findet medial kaum statt. <em>Maria</em> aus der Ukraine und <em>Stipe</em> aus Kroatien berichten in Form eines Emailinterviews<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> &#252;ber die derzeitige Situation in Osteuropa. Es wird deutlich, dass die Schwergewichte innerhalb der EU auch in Zeiten der Krise vor allem darauf bedacht sind, den Kurs einer abh&#228;ngigen Integration fortzusetzen und zu vertiefen.<br />
<span id="more-1658"></span></p>
<p><em>K&#246;nnt ihr zu Beginn einen kurzen &#220;berblick &#252;ber die derzeitige Lage in euren L&#228;ndern geben? Maria, wie stark ist die Ukraine von der Krise betroffen?</em></p>
<p>Maria: Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat gewaltige Auswirkungen auf die wirtschaftliche Situation in der Ukraine. Einige Zahlen verdeutlichen dies eindrucksvoll: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf fiel im Jahr 2009 im Vergleich zum Vorjahr um knapp 16% auf jetzt 2.500 US-Dollar. Die industrielle Produktion verzeichnete von 2007 bis 2008 einen R&#252;ckgang von fast 29%. &#196;hnlich wie in anderen L&#228;ndern ist auch in der Ukraine der Immobilienmarkt von den Folgen der Krise besonders stark betroffen, in Kiew fielen die Preise um rund 50%. F&#252;r einen gewissen Zeitraum vergaben Banken &#252;berhaupt keine Kredite mehr.<br />
Gleichzeitig hat sich die Situation bei den Staatsfinanzen weiter zugespitzt, die Staatsverschuldung ist sehr hoch. Weil sich der Wechselkurs der <em>Hrywnja</em>, der ukrainischen W&#228;hrung, dramatisch verschlechtert hat, sanken die Nominall&#246;hne, w&#228;hrend jedoch die Preise weiter anstiegen. Das hat zu wachsender Armut gef&#252;hrt, z. B. fiel der monatliche Durchschnittslohn von knapp 350 US-Dollar im Jahr 2008 auf jetzt etwa 240 US-Dollar. Au&#223;erdem reagierten die von der Krise betroffenen Unternehmen vor allem mit Entlassungen. Viele Menschen verlie&#223;en daraufhin die gr&#246;&#223;eren St&#228;dte und kehrten in ihre Heimatorte zur&#252;ck. Die Inflation und der schnelle Preisanstieg f&#252;r Konsumg&#252;ter bedeuteten eine Entwertung der L&#246;hne und Ersparnisse der Menschen, was zu einem allgemeinen R&#252;ckgang des Lebensstandards f&#252;hrte. Einen guten Eindruck von der aktuellen Situation der ukrainischen Bev&#246;lkerung vermitteln die Statistiken des Meinungsforschungsinstituts <em>FOM-Ukraine</em>: Laut einer Untersuchung vom April 2010 mussten 45% der Befragten ihre Ausgaben f&#252;r t&#228;gliche Gebrauchsartikel und 18% jene f&#252;r Medikamente k&#252;rzen; 18% waren von versp&#228;teten Lohnzahlungen, 8% von Lohnk&#252;rzungen und 3% von Entlassungen betroffen.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a></p>
<p><em>Ist die Situation in Kroatien &#228;hnlich?</em></p>
<p>Stipe: Grunds&#228;tzlich schon. Gerade die Semiperipherie innerhalb<br />
der EU – also die sogenannten PIIGS-Staaten<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> und die L&#228;nder des ehemaligen „Ostblocks“ – haben ja mit den Auswirkungen der globalen Wirtschaftskrise zu k&#228;mpfen, so auch Kroatien. Der R&#252;ckgang des Bruttoinlandsproduktes um 5,8%<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> im Jahr 2009 ist daf&#252;r das deutlichste Zeichen. Auf einer grundlegenderen Ebene w&#228;re es allerdings falsch, die aktuellen Entwicklungen als qualitativen Bruch gegen&#252;ber den vorangegangen Perioden des „&#220;bergangs“ (zum Kapitalismus) und der „Integration“ (in die kapitalistische Weltwirtschaft) zu sehen. Eher handelt es sich um die Fortsetzung langfristiger &#246;konomischer, sozialer und politischer Prozesse. Diese haben sich zwar seit dem Verfall Jugoslawiens beschleunigt, begannen jedoch bereits in den sp&#228;ten 1980er Jahren unter der Regierung Markovi&#196;<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> mit den vom IWF aufgezwungenen marktorientierten Wirtschaftsreformen. Jeffrey Sachs6 war damals ein wichtiger Berater. Der zus&#228;tzliche Druck durch die aktuelle Weltwirtschaftskrise offenbart und versch&#228;rft lediglich die strukturelle Zerbrechlichkeit und Widerspr&#252;chlichkeit dieser seit einigen Dekaden andauernden Prozesse.</p>
<p><em>Worin bestehen denn deiner Ansicht nach diese Widerspr&#252;che? Wie sah das &#246;konomische Entwicklungsmodell Kroatiens in den letzten 20 Jahre aus?</em></p>
<p>S: Kroatien ist nicht China, nicht einmal die Slowakei (mit ihrer inzwischen selbst problematisch gewordenen, exportorientierten Autoindustrie). Auch wenn von unseren politischen Eliten ausl&#228;ndische Direktinvestitionen st&#228;ndig als <em>deus ex machina</em>-L&#246;sung f&#252;r Kroatiens wirtschaftliche Entwicklung beschworen werden, finden kaum <em>greenfield investments</em> von Seiten des westlichen Kapitals statt. Dort, wo es zu ausl&#228;ndischen Investitionen kommt, bestehen diese typischerweise in der &#220;bernahme von bereits existierenden Produktionskapazit&#228;ten. In solchen F&#228;llen kommt es statt eines Ausbaus der Produktion und der Schaffung neuer Arbeitspl&#228;tze fast immer zu Personalabbau und Formen der „Rationalisierung“. Ein typisches Beispiel hierf&#252;r ist die Privatisierung des nationalen Telekommunikationsmonopolisten HT (Kroatische Telekom). Nachdem zuvor die unprofitable <em>Hrvatska pošta</em> (Kroatische Post) abgespalten wurde, konnte der K&#228;ufer – die <em>Deutsche Telekom</em> – nicht nur die Kosten der &#220;bernahme innerhalb eines Jahres amortisieren. Um seine Profite weiter zu maximieren, begann die Telekom vielmehr recht bald, Personal abzubauen und die verbliebenen Angestellten zus&#228;tzlich zu belasten. Ein weiterer aufschlussreicher Fall ist die Privatisierung des Pharmazieunternehmens <em>Pliva</em>. Kurz nachdem es an ausl&#228;ndische Wettbewerber verkauft wurde, entschieden die neuen BesitzerInnen, die Produktionsst&#228;tten und Labore zu schlie&#223;en und – um die bis dahin treue Kundschaft nicht zu verlieren – nur den Markennamen beizubehalten. Viele andere ehemalige Staatsunternehmen erlitten &#228;hnliche Schicksale oder kollabierten unter dem Druck eines (neo-)liberalen Handelsregimes, das billige Importe gegen&#252;ber inl&#228;ndischen Industrieprodukten bevorzugt.<br />
Die einzige Industrie, die seit der Unabh&#228;ngigkeit Kroatiens geboomt hat, war die Baubranche. Dies ist haupts&#228;chlich das Ergebnis einer schuldenfinanzierten Immobilienblase. Der kroatische Banksektor befindet sich zu 95% in ausl&#228;ndischer – vorwiegend &#246;sterreichischer und italienischer – Hand. Ein gro&#223;er Teil der Privatschulden besteht aus Hypotheken, so dass steigende Zinsen Zahlungsausf&#228;lle und sinkende Immobilienpreise zufolge haben w&#252;rden, was wiederum die Banken hart treffen w&#252;rde. Die Effekte auf das Baugewerbe w&#252;rden unvermeidlich zu einem weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit f&#252;hren. Laut Angaben der kroatischen Zentralbank, der HNB, lag die Arbeitslosenrate der 15 bis 64 j&#228;hrigen 2009 bei 9,7%. Demgegen&#252;ber beziffert das <em>CIA World Factbook</em> die Rate f&#252;r das selbe Jahr auf 16,1%<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a>, was der Einsch&#228;tzung von RegierungskritikerInnen n&#228;her kommt. Grunds&#228;tzlich sind die Arbeitslosenzahlen kroatischer Institutionen mit Vorsicht zu genie&#223;en, weil die Verringerung der Arbeitslosigkeit hierzulande gerne statistischen Zauberk&#252;nsten &#252;berlassen wird. Hier scheint der Einfallsreichtum unserer Eliten unbeschr&#228;nkt.<br />
In jedem Fall hatten der Verlust von Eink&#252;nften aus der Gewinnr&#252;ckf&#252;hrung der ehemaligen Staatsunternehmen sowie der Anstieg der Arbeitslosigkeit infolge der De-Industrialisierung, die wegen des Drucks ausl&#228;ndischer Konkurrenz voranschreitet, ernste Konsequenzen f&#252;r den Haushalt. Dar&#252;ber hinaus leidet Kroatien seit seiner Unabh&#228;ngigkeit an einem stetigen Leistungsbilanzdefizit. Unter diesen Bedingungen wurden sowohl die Sozialausgaben als auch der Privatkonsum zunehmend schuldenfinanziert. Die vorhersehbare Folge war der Anstieg der Auslandsverschuldung um mehr als 400% in nur einem Jahrzehnt: Von 10 Milliarden Euro 1999 auf 43 Milliarden im Jahr 2009. Ausgedr&#252;ckt als Anteil am Bruttoinlandsprodukt erreichten die kroatischen Schulden 2009 ein neues Hoch von 94,9%. Weil diese Anh&#228;ufung von Schulden nicht genutzt wurde, um Produktionskapazit&#228;ten aufzubauen oder Arbeitspl&#228;tze zu schaffen, entfaltet sie kaum nachhaltige Wirkung. &#220;berzeugte Neoliberale greifen unerm&#252;dlich auf diesen Sachverhalt zur&#252;ck, wenn sie nach radikalen Sparma&#223;nahmen bei den Sozialausgaben und eine K&#252;rzung der L&#246;hne fordern. Letzteres sei unabdingbar, damit Kroatiens Exporte auf dem Weltmarkt konkurrenzf&#228;hig sein k&#246;nnten.<br />
Die H&#246;he der angeh&#228;uften Schulden in Fremdw&#228;hrungen macht ein alternatives Vorgehen – wie etwa die Abwertung der nationalen W&#228;hrung (<em>kuna</em>) – praktisch unm&#246;glich. Au&#223;er man w&#252;rde zuvor nach argentinischem Vorbild den Staatsbankrott erkl&#228;ren, was wiederum f&#252;r Privatschuldner schwere Auswirkungen haben k&#246;nnte. Wie auch immer, allein schon die Diskussion &#252;ber eine politische Wende dieser Art ist gegenw&#228;rtig eine &#220;bung in &#246;konomischer Science-Fiction. Selbst rein hypothetisch w&#252;rde keine einzige kroatische Partei eine solche M&#246;glichkeit in Erw&#228;gung ziehen, sei es auch nur als Worst-Case-Szenario (und selbst wenn, w&#228;re die Unabh&#228;ngigkeit der Zentralbank ein weiteres Hindernis). Alle Hoffnungen richten sich noch immer auf eine zuk&#252;nftige EU-Mitgliedschaft. Dann, so die Annahme, w&#252;rden unter der wohlgesinnten Autorit&#228;t von Br&#252;ssel alle Probleme gel&#246;st, die derzeit unl&#246;sbar scheinen.</p>
<p><em>Stichwort Neoliberalismus und EU. Wurde die Krise in Kroatien als Gelegenheit wahrgenommen, neoliberale Politiken zu verankern? Welche Rolle &#252;bt die EU gegenw&#228;rtig aus?</em></p>
<p>S: Die Krise hat einen willkommenen Vorwand geliefert, den Druck hinsichtlich einer Vertiefung neoliberaler Umstrukturierungen und der K&#252;rzung staatlicher Sozialausgaben zu erh&#246;hen. Die lokalen VerfechterInnen einer neoliberalen Sparpolitik k&#246;nnen diesbez&#252;glich auf die Unterst&#252;tzung der EU-Kernstaaten sowie auf die aktuellen programmatischen Erkl&#228;rungen der G20 bauen. In der Vergangenheit haben die neoliberalen PuristInnen immer wieder das „mangelnde Engagement“ der Regierung zur angeblich notwendigen „vollst&#228;ndigen Sanierung“ beklagt. Das Dr&#228;ngen der EU zu pro-zyklischen Sparma&#223;nahmen hat solchen Forderungen neue Kraft gegeben. Die Bef&#252;rchtung, dass Kroatien seine Schulden vielleicht nicht mehr zur&#252;ckzahlen und so die &#252;berstrapazierten EU-Gl&#228;ubiger dem Bankrott-Risiko aussetzen k&#246;nnte, resultierte in Forderungen nach einer Reduzierung der Staatsausgaben und einer strikteren Fiskalpolitik. Dass die finanziellen Interessen von ausl&#228;ndischen KreditgeberInnen schwerer wiegen als die m&#246;glichen sozialen und makro&#246;konomischen Konsequenzen f&#252;r das Land selbst und den Gro&#223;teil seiner Bev&#246;lkerung, ist aber keine kroatische Besonderheit; es macht vielmehr etwas Grundlegendes &#252;ber die Form der Integration in die kapitalistische Weltwirtschaft deutlich: Wie viele andere osteurop&#228;ische L&#228;nder befindet sich auch Kroatien in einer Position neokolonialer Abh&#228;ngigkeit und Unterordnung und stellt f&#252;r westeurop&#228;isches Kapital eine Quelle finanzieller Rente dar.</p>
<p><em>Welchen Einfluss nehmen internationale Akteure in der Ukraine? Hat das Land in der Krise externe „Hilfe“ in Anspruch genommen?</em></p>
<p>M.: In der Hochphase der Krise wandte sich die ukrainische Nationalbank an den Internationalen W&#228;hrungsfonds (IWF) und nahm einen Kredit &#252;ber 16,5 Milliarden US-Dollar auf. Bereits 2008 hatte die Regierung unter der damaligen Ministerpr&#228;sidentin Julia Timoschenko<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> auf solche Kredite zur&#252;ckgegriffen, um das Haushaltsdefizit zu decken. Im Juli 2010 gew&#228;hrte der IWF au&#223;erdem noch eine so genannte Bereitschaftskreditvereinbarung &#252;ber 15,5 Milliarden US-Dollar zur Unterst&#252;tzung des Reform- und Wirtschaftsanpassungsprogramms der Regierung. Zwar behauptet der IWF in seiner Selbstdarstellung immer wieder, er wolle die Armen, Arbeitslosen und sozial Schw&#228;chsten sch&#252;tzen und ein betr&#228;chtlicher Anteil seiner Kredite diene der Sicherstellung einer fristgerechten Auszahlung von L&#246;hnen und Renten. Ich bin aber skeptisch, ob das Geld tats&#228;chlich die Menschen erreichen wird, die von der Krise betroffenen sind.<br />
Grunds&#228;tzlich ist die Situation in der Ukraine stark von ihrer geopolitischen Position zwischen der EU und Russland beeinflusst. Entsprechend ist auch das politische System des Landes stark polarisiert. Vereinfacht kann von einer pro-russischen, einer pro-westlichen sowie einer nationalistisch westlichen Position gesprochen werden. Vor allem w&#228;hrend der Pr&#228;sidentschaft von Wiktor Juschtschenko<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a>, dessen Partei <em>Nasha Ukayina</em> („Unsere Ukraine“) ebenso vom „Westen“ unterst&#252;tzt wurde, wie sp&#228;ter Julia Timoschenko und ihre Partei <em>Bat’ kivshchyna</em> („Vaterland“), wurde im Land eine pro-„westliche“ Haltung vorangetrieben: Mit der Perspektive des EU-Beitritts versuchte das Land, die &#214;konomie auszubauen und das politische System zu restrukturieren. Im Transformationsprozess hatte die EU schon in der Vergangenheit eine Schl&#252;sselrolle gespielt, gegenw&#228;rtig ist sie auch die gr&#246;&#223;te Handelspartnerin der Ukraine. Weil die EU in der Ukraine eine potentielle strategische Partnerin sieht und ein gro&#223;es wirtschaftspolitisches Interesse an der Stabilisierung des Landes hat, gew&#228;hrte die EU-Kommission in der Krise einen Kredit &#252;ber 500 Millionen Euro. Basierend auf bestehenden Kooperationsabkommen zwischen der Ukraine und der EU wird zeitgleich die Schaffung und Ausweitung einer Freihandelszone weiter vorangetrieben. Welche Auswirkungen dies auf die Bev&#246;lkerung haben wird, bleibt jedoch offen. Umgekehrt h&#228;lt auch Russland die Ukraine f&#252;r eine Region, in der es seinen imperialistischen und politischen Einfluss zeigen kann. Weil jedoch zumindest unter Juschtschenko die Weichen aber in Richtung EU gestellt wurden, setzte die russische F&#252;hrung in der j&#252;ngeren Vergangenheit zunehmend auf Methoden des &#246;konomischen und politischen Drucks. So ereignete sich auch die globale Finanz- und Wirtschaftskrise genau w&#228;hrend der so genannten „Gaskriege“. Damit meine ich die Auseinandersetzungen zwischen der ukrainischen &#214;l- und Gasfirma <em>Naftohaz Ukrainy</em> und dem russischen Gasanbieter <em>Gazprom </em>&#252;ber nat&#252;rliche Gasvorkommen sowie die Gaspreise und -schulden aus den Jahren 2005–2009. In j&#252;ngster Zeit hat sich das Verh&#228;ltnis der Ukraine zu Russland aber wieder verbessert, so dass zwar der Druck ab-, die russischen Interventionen in die Innenpolitik jedoch zugenommen haben. Dies liegt nicht zuletzt am Sieg von Viktor Yanukovych<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> und seiner Partiya Regioniv („Partei der Regionen“) bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen Anfang 2010. Er wird den pro-russischen Kr&#228;ften zugerechnet und aufgrund seiner Politik in der Frage der Meinungs- und Versammlungsfreiheit h&#228;ufig als legitimer Nachfolger der autorit&#228;ren Regierung von Leonid Kuchma<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> bezeichnet. Indem er unter der F&#252;hrung seiner <em>Partei der Regionen</em> im Parlament eine neue Koalition gebildet hat, konnte Yanukovych seine Macht schnell konsolidieren. Au&#223;erdem ernannte der Pr&#228;sident neue MinsterInnen, die z&#252;gig begannen, in der Wirtschaftspolitik sowie im Bildungsbereich Reformen voranzutreiben. Viele der Ma&#223;nahmen zielen darauf ab, Ver&#228;nderungen wieder r&#252;ckg&#228;ngig zu machen, die zuvor von der Regierung Juschtschenko vorgenommen wurden. Einige der bedeutendsten Ma&#223;nahmen umfassen neben der Einschr&#228;nkung der Presse- und Versammlungsfreiheit (es gibt Berichte &#252;ber politischen Druck auf einige TV-Sender sowie &#252;ber die Bedrohung und das Verschwinden von JournalistInnen) bildungs- und sozialpolitische Felder: So wurde etwa die Zahl geb&#252;hrenfreier Studienpl&#228;tze reduziert. Auch plant die Regierung, Ende des Jahres das Pensionsalter f&#252;r Frauen per Gesetz von 55 auf 60 Jahre anzuheben und in den n&#228;chsten Monaten das Steuersystem grundlegend zu &#252;berarbeiten. Au&#223;erdem sollen die staatlichen Anteile an <em>Ukrtelekom </em>– dem ukrainischen Telekommunikationsunternehmen – verkauft werden.</p>
<p><em>Damit scheint sich ein Muster aus der Vergangenheit zu wiederholen…</em></p>
<p>M.: Ja, in der Ukraine bestand im Zuge des &#220;bergangs vom sowjetischen Modell zur Marktwirtschaft eine der sichtbarsten und folgenreichsten Ver&#228;nderungen in der Privatisierung wichtiger Teile der nationalen &#214;konomie. Die Interessen der ArbeiterInnenklasse wurden seit 1991 fast v&#246;llig au&#223;er Acht gelassen. Infolge der schwachen staatlichen Kontrolle kam es gleichzeitig zu einer massiven Anh&#228;ufung von Kapital, von der einige wenige Unternehmen auf legale und illegal Weise profitierten. Die neuen Privatunternehmen konnten ihre Profite in diesem Kontext v.a. ab 1993 deutlich steigern. In der Zeit von 1995 bis 1998 wurden ca. 50.000 Objekte privatisiert; der Anteil staatlicher Unternehmen an der industriellen Produktion sank von 85% im Jahr 1992 auf 18,2% im Jahr 2003. Strategisch wichtige Unternehmen wurden zwar zun&#228;chst mit staatlichen Mitteln unterst&#252;tzt. Sobald sie jedoch Profite abwarfen, wurden auch diese Unternehmen, etwa <em>Kryvorizhstal</em><a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a>, privatisiert –inklusive zahlreicher Korruptionsskandale. Das Ergebnis dieser Vorgehensweise waren Lohnsenkungen sowie die massenhafte Entlassung von ehemaligen StaatsarbeiterInnen.<br />
Trotz der weitreichenden Korruption, der Abwesenheit einer politischen F&#252;hrung und dem Fehlen l&#228;ngerfristiger Konzepte f&#252;r die Probleme des Landes wurden im Transformationsprozess aber auch manche Fortschritte erzielt, v.a. im Bereich der Meinungsfreiheit. Dies zeigte sich etwa w&#228;hrend und nach der so genannten <em>Orangenen Revolution</em><a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> von 2005.</p>
<p><em>In welchem Licht erscheint der kroatische Transformationsprozess in der R&#252;ckschau?</em></p>
<p>S: Die aktuelle Situation enth&#228;lt eine Menge Indikatoren f&#252;r die umfassenden und mittlerweile weit fortgeschrittenen, neoliberalen Umstrukturierungsma&#223;nahmen, die bislang von jeder kroatischen Regierung mitgetragen wurden – ungeachtet deren rhetorischen Differenzen und ideologischen Bekenntnissen. Diese Kontinuit&#228;t ist nicht nur ein Hinweis auf den Opportunismus, der sich durch das gesamte politische Establishment zieht, sondern verweist auch auf die objektiven Grenzen staatlicher Souver&#228;nit&#228;t. Die grundlegende politische Ausrichtung stand im Einklang mit den Vorschriften des <em>Washington Consensus:</em> Monetarismus, Privatisierung, Handelsliberalisierung, Deregulierung, Steuersenkungen f&#252;r das Kapital. Die Kontinuit&#228;t war nicht zuletzt das Resultat des Drucks internationaler Institutionen – am deutlichsten sichtbar zun&#228;chst anhand der Rolle des IWF. Die Unterordnung unter die politischen Vorgaben des „Westens“ blieben weitestgehend unhinterfragt. Dies ist auf den &#252;berw&#228;ltigenden Konsens &#252;ber die Attraktivit&#228;t und Unvermeidbarkeit der „Integration in den Westen“, d. h. einer Mitgliedschaft in NATO und EU, zur&#252;ckzuf&#252;hren.</p>
<p><em>Was liegt diesem Konsens zugrunde?</em></p>
<p>S: Die Annahme, dass eine vollst&#228;ndige Integration automatisch zu jenem Lebensstandard f&#252;hre, den man mit dem H&#246;hepunkt der „westlichen“ Wohlfahrtsstaaten verbindet. Da die westlichen Zentren der Macht hierzulande zudem von der Aura einer <em>a-priori-</em>Legitimit&#228;t umgeben sind, bietet dieses imagin&#228;re Ziel immer noch Platz f&#252;r Forderungen nach weiteren Strukturanpassungsma&#223;nahmen, unabh&#228;ngig von deren sozialen und &#246;konomischen Folgen. In absolutem Einklang mit der neoliberalen Orthodoxie lautet die implizite Formel: Heutige Entbehrungen sind die notwendige Voraussetzung f&#252;r zuk&#252;nftigen Wohlstand.<br />
Die Tatsache, dass der Wohlfahrtsstaat innerhalb der EU selbst den neoliberalen Attacken ausgesetzt ist, entkr&#228;ftet die ideologische Wirkungskraft dieses Narrativs in keiner Weise. Weder die sozialen Konsequenzen des Lissabon Vertrags und die weitere Vertiefung dessen, was liberale KommentatorInnen als „Demokratie-Defizit“ der EU bezeichnen, noch die Krise der Eurozone, die Griechenland-Krise und ihr Zusammenhang mit der Unnachgiebigkeit der merkantilistischen Politik Deutschlands – nichts dergleichen wurde in den Medien kritisch beleuchtet oder konnte in irgendeiner Art und Weise das Bekenntnis der politischen Eliten zum Ziel einer EU-Mitgliedschaft abschw&#228;chen.<br />
Dar&#252;ber hinaus sollten auch jene Umfragen, die nahe legen, dass der Enthusiasmus f&#252;r eine EU-Mitgliedschaft in der kroatischen Bev&#246;lkerung sinkt, nicht &#252;berbewertet werden: Zum einen werden derartige Positionen nicht im Parlament repr&#228;sentiert. Und zum anderen haben der lange Aufschub und die stetig neuen Anforderungen, die an Kroatien als Bedingung f&#252;r die Mitgliedschaft gestellt werden, in der Bev&#246;lkerung in gewissem Ma&#223;e zur Verbreitung eines m&#252;den Zynismus gef&#252;hrt. Dieser ist wohl auch mit einer Brise kollektiver, narzistischer Verletzung angereichert, weil mit Rum&#228;nien und Bulgarien zwei Staaten der EU bereits beitreten konnten, die einen solchen Beitritt aufgrund ihrer &#246;konomischen Situation vermeintlich nicht verdient haben. Da im Falle eines Referendums mit intensiven Kampagnen der Medien und aller gr&#246;&#223;eren Parteien zugunsten der Mitgliedschaft zu rechnen w&#228;re, bleibt eine tats&#228;chliche Ablehnung des EU-Beitritts jedoch unwahrscheinlich.</p>
<p><em>Gibt es neben solchen eher tristen Entwicklungen, wie ihr sie jetzt nachgezeichnet habt, auch Positives zu berichten? Gibt es Beispiele f&#252;r soziale K&#228;mpfe oder Widerstand, der sich formiert?</em></p>
<p>M.: Das h&#228;ngt davon ab, was man als positiv bezeichnen m&#246;chte. In den Medien gibt es zwar einige kritische Stimmen zur Auslandsverschuldung der Ukraine, aber davon scheinen die Herrschenden relativ unbeeindruckt. Au&#223;erdem ist noch v&#246;llig unklar, wie die „Reformen“, &#252;ber die der amtierende Pr&#228;sident derzeit spricht, genau aussehen werden. Zudem w&#228;chst im Land die Zustimmung f&#252;r die relativ junge, rechtsgerichtete Partei <em>Svoboda</em>. Aktuellen Umfragen zufolge kommt sie in einigen Regionen im Westen bei Lokalwahlen auf 25%–33%.</p>
<p>S: Gezwungen, auf die Forderungen der EU zu reagieren, ver&#246;ffentlichte die konservative Regierung j&#252;ngst ihren Plan zur Konjunkturbelebung, der neoliberale Orthodoxie mit rhetorischen Zugest&#228;ndnissen verband. In den b&#252;rgerlichen Medien wurde daraufhin lamentiert, dass selbst die Umsetzung der „positiven” und „vern&#252;nftigen” Aspekte des Entwurfs sehr unwahrscheinlich sei. Die Reaktion der oppositionellen SozialdemokratInnen war ebenso ablehnend. Anstatt jedoch den grundlegenden neoliberalen Inhalt des Plans zu kritisieren, behaupteten die SozialdemokratInnen einzig, dass die Konservativen ihre Vorschl&#228;ge geklaut h&#228;tten. Kurz darauf k&#252;ndigte die Regierung an, dem Parlament einen Entwurf f&#252;r ein neues Arbeitsgesetz vorzulegen. Die Arbeitsverh&#228;ltnisse sollten noch flexibler und der Schutz der ArbeiterInnen vor Entlassungen noch prek&#228;rer werden – alles im Dienste eines „guten Gesch&#228;ftsklimas“, versteht sich. Die f&#252;r gew&#246;hnlich zerstrittenen und schwerf&#228;lligen Gewerkschaften reagierten umgehend mit einer Petition f&#252;r ein Referendum zu diesem Arbeitsgesetz und sammelten in nur zwei Wochen eine beispiellose Zahl von 900.000 Unterschriften. Die Regierung sah sich daraufhin gezwungen, die Umsetzung des Entwurfs zumindest tempor&#228;r auf Eis zu legen. Die Verhandlungen zwischen Gewerkschaftsf&#252;hrerInnen und dem Premierminister f&#252;hrten jedoch zu keiner Einigung. Die frustrierte Regierung zweifelte daraufhin die Rechtm&#228;&#223;igkeit von 500.000 Unterschriften an – ein offensichtliches Beispiel f&#252;r opportunistischen Zynismus, der den Spott der Medien nach sich zog und zu einem w&#252;tenden Aufschrei in der Bev&#246;lkerung f&#252;hrte.<br />
J&#252;ngst hat in Zagreb ein Hungerstreik von Textilarbeiterinnen, die seit Monaten keinen Lohn erhalten haben, zu &#246;ffentlichen Protesten und Solidarit&#228;tsbekundungen von Seite der Studierendenbewegung gef&#252;hrt. Letzte wurde umgekehrt von ArbeiterInnen &#246;ffentlich und auch logistisch unterst&#252;tzt. Gerade die Studierendenbewegung sowie Anti-Gentrifizierungs-AktivistInnen haben sich als die militantesten GegnerInnen dessen erwiesen, was David Harvey „Akkumulation durch Enteignung“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> nennt. Auch einige feministische Gruppierungen haben sich den j&#252;ngsten Protesten angeschlossen. Ob diese Aktivit&#228;ten erste Anzeichen f&#252;r das Entstehen einer stabilen und breiten Koalition gegen die neoliberale Politik sind, wird sich erst noch zeigen m&#252;ssen. Die Antwort der Premierministerin Jadranka Kosor – deren Regierung in j&#252;ngster Zeit von Korruptionsaff&#228;ren und personellen Skandalen ersch&#252;ttert wurde – auf die K&#228;mpfe fiel jedenfalls ebenso plump aus wie die der anderen m&#228;chtigen kroatischen PolitikerInnen: Ihren gro&#223;en politischen Weisheiten zufolge sei der Zukunft des Landes besser durch weitere Privatisierungen denn durch Proteste auf den Stra&#223;en und Hungerstreiks gedient. W&#228;hrend ersteres von der EU explizit eingefordert wird, setzt letzteres wohl h&#246;chstens unsere Beitrittschancen in den exklusiven Club der M&#228;chtigen und Reichen aufs Spiel.</p>
<p><em>Maria </em>ist Medienaktivistin in Kiew und Budapest und engagiert sich bei <em>Amnesty International Ungarn</em> sowie dem <em>Morze Infoshop</em> in Budapest (Homepage: <a href="http://balkans.puscii.nl/?q=content/morze-infoshop-website-and-description-update">http://balkans.puscii.nl/?q=content/morze-infoshop-website-and-description-update</a>).</p>
<p><em>Stipe &#196;urkovi&#196;</em> ist Absolvent der Germanistik und Vergleichenden Literaturwissenschaft an der Filozofski fakultet in Zagreb und in der Bewegung f&#252;r geb&#252;hrendfreies Studieren aktiv. Er schreibt unter anderem f&#252;r die Zeitschrift Zarez und &#252;bersetzt zur Zeit David Harveys <em>A Brief History of Neoliberalism</em> ins Kroatische</p>
<p><Strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Interview und &#220;bersetzung: Redaktion <em>Perspektiven</em>.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Die Zahlen sind der Institutshomepage entnommen. Anm. d. &#220;.: Leider ist diese nur auf kyrillisch verf&#252;gbar (unter: http://bd.fom.ru/report/map/ukrain/ukrain_eo/du100430).<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Anm. d. &#220;bers.: Als PIIGS („Schweine“) werden die f&#252;nf EU-Staaten Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien bezeichnet, denen in der „Eurokrise“ unterstellt wurde, ihnen k&#246;nnte aufgrund ihrer hohen Staatsverschuldung der Staatsbankrott drohen.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Die meisten Zahlen sind den offiziellen Statistiken der Kroatischen Zentralbank HNB (Hrvatska narodna banka) entnommen. Diese sind online verf&#252;gbar unter: http://www.hnb.hr/statistika/hstatistika.htm<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Anm. d. &#220;bers.: Ante Markovi&#196; war von 1986 bis 1988 Pr&#228;sident der Sozialistischen Republik Kroatien und von 1989 bis 1991 Premierminister der SFR Jugoslawien.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Anm. d. &#220;bers.: Jeffrey Sachs ist ein US-amerikanischer &#214;konom, der u. a. als Berater f&#252;r den IWF, die WTO und die Weltbank t&#228;tig war und derzeit als Sonderberater f&#252;r die Millennium-Entwicklungsziele (MDGs) der Vereinten Nation fungiert.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> vgl. https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/geos/hr.html<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Anm. d. &#220;bers.: Julia Timoschenko war von Januar bis September 2005 und von Dezember 2007 bis M&#228;rz 2010 Premierministerin der Ukraine.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Anm. d. &#220;bers.: Wiktor Juschtschenko war von Dezember 1999 bis Mai 2001 Ministerpr&#228;sident und von Januar 2005 bis Februar 2010 Pr&#228;sident der Ukraine.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Anm. d. &#220;bers.: Viktor Yanukovych war bereits zuvor – von November 2002 bis Dezember 2004 – Premierminister der Ukraine.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Anm. d. &#220;bers.: Leonid Kuchma war von Juli 1994 bis J&#228;nner 2005 Pr&#228;sident der Ukraine.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Anm. d. &#220;bers.: Das Stahlunternehmen wurde 2005 von der Mittal Steel Company ersteigert und tr&#228;gt seitdem den Namen Mittal Steel Kryviy Rih.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Anm. d. &#220;bers.: Mit dem Begriff der „Orangenen Revolution“ werden die Ereignisse rund um die Pr&#228;sidentschaftwahl 2004 in der Ukraine bezeichnet. Nachdem es bei der Wahl zu Wahlf&#228;lschungen gekommen war, protestierte die Bev&#246;lkerung mehrere Wochen lang, bis schlie&#223;lich die Stichwahl wiederholt wurde. In dieser siegte Wiktor Juschtschenko gegen den zuvor zum Sieger erkl&#228;rten Viktor Yanukovych.<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Anm. d. &#220;bers.: Mit dem Begriff „Akkumulation durch Enteignung“ bezeichnet der marxistische Wirtschaftsgeograph David Harvey den Umstand, dass die von Marx als „urspr&#252;ngliche“ oder „primitive“ „Akkumulation“ bezeichneten Prozesse der Kapitalakkumulation durch (staatliche) Gewalt und Raub ein zentrales Charakteristikum auch des entwickelten Kapitalismus darstellen (vgl. Harvey, David: Der neue Imperialismus, Hamburg 2005, S. 136ff.).</p>
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		<title>Eliten-Bildung</title>
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		<pubDate>Sat, 28 Aug 2010 16:28:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
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		<description><![CDATA[Trotz gro&#223;er l&#228;nderspezifischer Unterschiede gewinnen Eliten in ganz Europa an Macht und
Einfluss. Florian Reiter sprach mit dem Soziologen Michael Hartmann &#252;ber die soziale Herkunft der Eliten und die Rolle des Bildungssektors in ihrer Reproduktion.

Wenn man &#252;ber Eliten spricht, &#252;berkommt eineN meist das unangenehme Gef&#252;hl der Machtlosigkeit. Wie gro&#223; ist der Einfluss von Eliten in der Gesellschaft &#252;berhaupt und welche kollektiven [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Trotz gro&#223;er l&#228;nderspezifischer Unterschiede gewinnen Eliten in ganz Europa an Macht und<br />
Einfluss. Florian Reiter</em> sprach mit dem Soziologen <em>Michael Hartmann</em> &#252;ber die soziale Herkunft der Eliten und die Rolle des Bildungssektors in ihrer Reproduktion.<br />
<span id="more-1599"></span><em><br />
Wenn man &#252;ber Eliten spricht, &#252;berkommt eineN meist das unangenehme Gef&#252;hl der Machtlosigkeit. Wie gro&#223; ist der Einfluss von Eliten in der Gesellschaft &#252;berhaupt und welche kollektiven oder strukturellen M&#246;glichkeiten gibt es, den Einfluss von Eliten zu vermindern?</em></p>
<p>Der Einfluss der Eliten ist sehr gro&#223;, weil sie gesellschaftlich ma&#223;gebliche Entscheidungen in einem relativ kleinen Kreis treffen k&#246;nnen. Wenn beispielsweise das h&#246;chste Gericht entscheidet, dass Studiengeb&#252;hren zul&#228;ssig sind, bedarf es schon sehr massiver Proteste von unten – die viel schwerer zu organisieren sind als die kleinen Kreise oben – um das wieder zu Fall zu bringen. Das ist in der Wirtschaft sehr &#228;hnlich. Wenn bei Daimler entschieden wird, die Mercedes C-Klasse in den USA zu produzieren, dann kommt diese Entscheidung relativ schnell zustande, weil sich da nur ein paar Leute verst&#228;ndigen m&#252;ssen. Um diese Entscheidung wieder zu kippen, m&#252;ssten sich unten etliche tausend Besch&#228;ftigte organisieren. Das ist nicht unm&#246;glich, aber sehr viel schwieriger. Eliten k&#246;nnen sehr viel schneller und unmittelbarer entscheiden, so dass das in der Realit&#228;t dann auch schnell wirksam wird. Widerstand muss immer in der Breite organisiert werden, aber es gibt Beispiele, bei denen das erfolgreich funktioniert hat. Zum Beispiel konnten in Hessen die Studiengeb&#252;hren durch massive Proteste der Studierenden wieder abgeschafft werden. Damit hat niemand gerechnet, weil Studiengeb&#252;hren ein Lieblingskind der Eliten waren. In &#214;sterreich sind die Studiengeb&#252;hren ja auch wieder abgeschafft worden. Das hei&#223;t, es ist m&#246;glich, aber es ist schwer, weil man viele Menschen um ein bestimmtes Anliegen herum organisieren muss und der Widerstand auch eine gewisse Dauer haben muss. Wenn man das nur punktuell macht, dann lassen sich Eliten davon nicht beeindrucken. Es gibt nur eine M&#246;glichkeit, Eliten etwas entgegenzusetzen: breite Teile der Bev&#246;lkerung m&#252;ssen sich organisieren. Wie die Organisierung konkret aussieht, das ist h&#246;chst unterschiedlich. Das k&#246;nnen eher locker organisierte Bewegungen wie die Antikriegs- oder die Antikernkraftbewegung sein, das k&#246;nnen Gewerkschaften sein oder partei&#228;hnliche Strukturen. Oder auch eine Bewegung wie in &#214;sterreich bei den j&#252;ngsten Studierendenprotesten. Aber ohne organisierten Widerstand gibt es keine M&#246;glichkeit, den Einfluss von Eliten zu vermindern.</p>
<p><em>In ihrem Buch „Eliten und Macht in Europa“ definieren sie drei f&#252;r Europa zentrale Elitentypen, politische und &#246;konomische Eliten sowie Eliten der Justiz und der Verwaltung. Diese zeichnen sich Ihrer Meinung nach dadurch aus, „dass sie in der Lage sind, qua Position ma&#223;geblichen Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen zu nehmen.“ Woher kommen diese Eliten? Welche gesellschaftlichen Instanzen tragen zu ihrer Herausbildung oder Reproduktion bei?</em></p>
<p>Das ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. Generell kann man sagen, dass in den meisten L&#228;ndern die Wirtschafts- und die Justizelite in ihrer gro&#223;en Mehrheit aus b&#252;rgerlichen oder gro&#223;b&#252;rgerlichen Familien stammen. Bei der Justizelite gilt das mit Abstrichen sogar f&#252;r Skandinavien. Das ist bei der Verwaltungselite und bei der politischen Elite schon sehr viel unterschiedlicher. Bei der politischen Elite kann man traditionell bspw. in Frankreich feststellen, dass sie fast genau so zusammengesetzt ist wie die wirtschaftliche Elite (d.h. ein Anteil von mindestens drei Viertel an B&#252;rger- und Gro&#223;b&#252;rgerInnenkindern). Auch in Spanien und Portugal ist die Zusammensetzung sehr &#228;hnlich. Trotz weniger starker Auspr&#228;gung trifft das auch auf Gro&#223;britannien zu. Demgegen&#252;ber hatten die meisten anderen europ&#228;ischen L&#228;nder zumindest bis Ende des letzten Jahrtausends politische Eliten, die eher aus kleinb&#252;rgerlichen Kreisen stammten. Das ist in &#214;sterreich noch immer zu beobachten und war typisch f&#252;r die Mehrzahl der europ&#228;ischen L&#228;nder. Bei der Verwaltungselite gab es eine Zweiteilung: Es gab ein paar gro&#223;e L&#228;nder, wie Frankreich oder Gro&#223;britannien, Deutschland und Spanien, in denen die Verwaltungselite auch eher b&#252;rgerlich oder gro&#223;b&#252;rgerlich gepr&#228;gt war. Es gab aber eine Mehrheit an L&#228;ndern wie Italien, &#214;sterreich, die Benelux-Staaten, Skandinavien, in denen die Verwaltungselite kleinb&#252;rgerlich gepr&#228;gt war. Das hat sich bei der politischen Elite in vielen L&#228;ndern in den letzten zehn bis 15 Jahren ge&#228;ndert. Die politische Elite, vor allem in Deutschland, ist sehr viel b&#252;rgerlicher geworden. Inzwischen ist sie fast so zusammengesetzt wie die anderen Eliten auch. Statt zu zwei Dritteln aus der Arbeiterschaft oder den Mittelschichten, wie es in den f&#252;nf Jahrzehnten seit 1949 stets der Fall war, kommen die Mitglieder der aktuellen Bundesregierung zu zwei Dritteln aus dem B&#252;rgeroder Gro&#223;b&#252;rgertum.<br />
Die Instanzen, die zur Elitenbildung beitragen, sind europaweit sehr unterschiedlich. Es gibt drei Grundtypen. Der erste Typ, und das trifft auf Frankreich und Spanien zu, zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es elit&#228;re Bildungsinstitutionen und/oder Eliteinstitutionen in der staatlichen Verwaltung gibt, von denen aus Karrieren in der Wirtschaft und in der Politik gestartet werden. Den zweiten Typ repr&#228;sentiert Gro&#223;britannien. Dort gibt es zwar Elitebildungsinstitutionen, aber keine Querverbindungen zwischen den Elitesektoren. Und der dritte Typ, das w&#228;ren alle anderen L&#228;nder. Diese kennen, bisher jedenfalls, keine Elitebildungseinrichtungen und es kommt nur in wenigen F&#228;llen zu einem Wechsel zwischen den verschiedenen Elitesektoren. Auch wenn in dieser Beziehung eine starke Zunahme festzustellen ist, vor allem in Deutschland, ist das entscheidende Kriterium f&#252;r die Homogenit&#228;t und damit auch die St&#228;rke der Eliten in diesen L&#228;ndern noch immer die soziale Herkunft.</p>
<p><em>Das Bildungssystem spielt ja eine zentrale Rolle bei der Herausbildung bzw. der Reproduktion von Eliten. Welche Aufgabe hat es hier prim&#228;r zu erf&#252;llen? Wie wichtig ist die Qualit&#228;t der Ausbildung? Wie wichtig die Herausbildung sozialer Netzwerke und das Erlernen eines klassenspezifischen Habitus?</em></p>
<p>Die zentrale Aufgabe der Bildungsinstitutionen ist die Selektion. Das hei&#223;t, wenn man den Blick auf die Eliten richtet, geht es vor allem darum, einen m&#246;glichst kleinen Teil einer Generation aus der Masse herauszufiltern. Das passiert auf sehr unterschiedliche Weise. Am effektivsten ist sicherlich Frankreich, wo an den drei f&#252;hrenden <em>grandes écoles</em><a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> nur knapp 1000 Personen aus einem Jahrgang aufgenommen werden, die dann f&#252;r jede h&#246;here Position in Frage kommen. Die Situation ist in Gro&#223;britannien durch die Eliteuniversit&#228;ten und die <em>public schools</em> &#228;hnlich, wenn auch die Gruppe, die in diese Institutionen aufgenommen wird, gr&#246;&#223;er ist als in Frankreich.<br />
In den meisten L&#228;ndern, wie in Deutschland oder in &#214;sterreich, geht es prinzipiell erstmal darum, dass diejenigen, die nicht studieren, praktisch keine Chance haben, in die Elite zu kommen. Das hei&#223;t die Entscheidung „Studium ja oder nein?“ ist eine wesentliche Selektionsentscheidung, aber es bleiben dadurch nat&#252;rlich noch immer mehr als genug Personen &#252;brig – viel mehr, als Elitepositionen zu Verf&#252;gung stehen. Daher gibt es dann weitere Selektionsmechanismen im sp&#228;teren Berufsleben. Es gibt in diesen L&#228;ndern zwar soziale Netzwerke, die unterst&#252;tzend wirken k&#246;nnen, aber die sind nicht besonders stark. In &#214;sterreich sind sie zwar etwas bedeutender als in Deutschland (v.a. weil das Land kleiner ist), aber eigentlich kann man nicht wirklich von effektiven Netzwerken reden. Die Qualit&#228;t von Netzwerken ist in der Regel daran gebunden, dass die entscheidenden Bildungsinstitutionen nicht zu gro&#223; sind. Daher gibt es sehr effektive Netzwerke in Frankreich und Gro&#223;britannien (wie bspw. die Etonians<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>). In den meisten europ&#228;ischen L&#228;ndern existieren solche effektiven Netzwerke nicht, da die Massenuniversit&#228;ten daf&#252;r zu gro&#223; geworden sind.<br />
Auch die Herausbildung eines klassenspezifischen Habitus passiert in den meisten L&#228;ndern nicht an den Bildungsinstitutionen, da sie auch daf&#252;r zu heterogen sind. Selbst an einer Eliteuniversit&#228;t wie der LMU<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> in Deutschland sind &#252;ber 40.000 Studierende. Da l&#228;sst sich kein einheitlicher Habitus herausbilden, er kann nur erg&#228;nzt oder verfeinert werden. Das ist in L&#228;ndern wie Frankreich oder Gro&#223;britannien anders. Dort haben Bildungsinstitutionen sicherlich einen gr&#246;&#223;eren Einfluss auf den Habitus. Das gilt besonders f&#252;r Gro&#223;britannien, weil dort die Kinder in sehr fr&#252;hen Jahren schon in Internate kommen. Das f&#228;ngt an den <em>preparatory schools</em> ja schon mit sieben Jahren an, sp&#228;testens aber an den <em>public schools</em> mit dreizehn. Da pr&#228;gen die Schulen die Personen schon sehr stark.<br />
Die Qualit&#228;t der Ausbildung ist kein entscheidendes Kriterium. Es muss eine durchschnittliche Hochschulausbildung gew&#228;hrleistet werden, aber die Institutionen m&#252;ssen in ihrer Qualit&#228;t nicht herausragend sein, schon gar nicht in ihrer wissenschaftlichen Qualit&#228;t. Sieht man sich Frankreich an, so zeigt sich, dass die f&#252;r die zentralen Eliten wichtigen <em>grandes écoles</em> wissenschaftlich nicht &#252;berragend gut sind, aber darauf kommt es auch nicht an. Ihre Funktion ist es prim&#228;r, Eliten herauszubilden, und da sind andere Merkmale entscheidend als eine besonders gute fachliche Ausbildung. Die lernen an den franz&#246;sischen <em>grandes écoles</em> schlicht und einfach wie man in F&#252;hrungspositionen agiert, wie man schnell Entscheidungen trifft, etc. Das hat mit fachlicher Qualit&#228;t erstmal nichts zu tun.</p>
<p><em>Wie und wann lernen sich Kinder und Jugendliche als Eliten zu begreifen?</em></p>
<p>Das ist auch von Land zu Land unterschiedlich. Wenn man in Gro&#223;britannien in relativ jungen Jahren nach Eton kommt, dann ist klar, dass man sp&#228;ter zur Elite geh&#246;rt. Einem Etonian ist das mit dreizehn Jahren schon bewusst. Das geschieht in Frankreich etwas sp&#228;ter, aber wenn man mit 18 oder 19 in eine <em>classe préparatoire</em> in einem ber&#252;hmten Pariser Gymnasium kommt, dann wei&#223; man auch, dass man es schon fast geschafft hat. Sp&#228;testens wenn sie dann an einer renommierten <em>grande école</em> aufgenommen werden. Also noch w&#228;hrend der Ausbildung. Das ist in den meisten anderen europ&#228;ischen L&#228;ndern nicht so. Da wird die Entscheidung, ob man dazugeh&#246;rt oder nicht, erst nach dem Abschluss der Ausbildung getroffen. Das hei&#223;t, dass das Bildungssystem nur eine grobe Vorentscheidung trifft. Wenn man beispielsweise in Deutschland oder &#214;sterreich das Studium der Wirtschaftswissenschaften absolviert hat, hat man eine Chance mal eine Eliteposition zu bekleiden, aber mehr auch nicht. Daf&#252;r gibt es einfach zu viele AbsolventInnen. Von daher begreifen sich Kinder und Jugendliche in L&#228;ndern mit ausgepr&#228;gten Elitebildungsinstitutionen sicherlich fr&#252;her als Elite. Was man in den letzten Jahren, unabh&#228;ngig vom Ausbildungssystem, beobachten kann, ist eine Homogenisierung von Wohnquartieren und Lebensmilieus, so dass die Kinder und Jugendlichen zunehmend nur mehr mit ihresgleichen zu tun haben, und da kann man schon feststellen, dass sie in relativ fr&#252;hen Jahren ein Gesellschaftsverst&#228;ndnis haben, welches in etwa folgenderma&#223;en aussieht: Es gibt oben die „Leistungstr&#228;ger“ (das sind die Eliten und insgesamt die oberen zehn Prozent der Bev&#246;lkerung), dann die Mitte der Bev&#246;lkerung, und unten die „Nieten, Sozialschmarotzer oder Nicht-Leister“. Das hat es in Deutschland vor zwanzig, drei&#223;ig oder vierzig Jahren nicht gegeben, aber das gibt es jetzt auch schon bei 14-, 15-j&#228;hrigen, die ein Verst&#228;ndnis von einer quasi biologischen Unterteilung der Gesellschaft haben. Sie geh&#246;ren in diesem Bild eben zu denen, die oben sind, und das finden sie auch v&#246;llig normal.</p>
<p><em>K&#246;nnen Kinder aus Mittel- oder Unterschichtshaushalten &#252;berhaupt zur Elite werden? Wie sozial geschlossen sind Eliten als Gesellschaftsschicht?</em></p>
<p>Das ist schon m&#246;glich, vor allem in der politischen Elite. Da haben Angeh&#246;rige der Mittel- und Unterschichten die Mehrheit der Elite gestellt, weil man dort hinein gew&#228;hlt werden muss. Vor allem die gro&#223;en Volksparteien konnten, solange sie noch mitgliederstark waren, durch ihre relativ stabilen Basisstrukturen daf&#252;r sorgen, dass die Parteibasis einen erheblichen Einfluss auf die KandidatInnenaufstellung hatte. Wenn da jemand zu gro&#223;b&#252;rgerlich war, dann ist er einfach nicht aufgestellt worden. Das war bei den anderen Eliten schon schwieriger. Am ehesten gab es noch soziale Durchl&#228;ssigkeit in der Verwaltungselite, weil es da bis zu einem gewissen Grad formalisierte Aufstiegswege gab. Bei der Wirtschaftselite waren und sind das immer Ausnahmen geblieben, wenn man von Skandinavien absieht. In den meisten L&#228;ndern ist die Wirtschaftselite doch relativ geschlossen. Man muss jedoch dazu sagen, dass es da auch Besonderheiten gibt. In &#214;sterreich etwa mit der Raiffeisenbank: Das ist keine klassische Gro&#223;bank, sondern eine genossenschaftliche Struktur, und da gibt es auch andere Aufstiegswege. Genauso beim gesamten &#246;ffentlich-rechtlichen Sektor. Das hei&#223;t bei allen Wirtschaftsunternehmen, die sich mehrheitlich im Besitz von St&#228;dten, Bundesl&#228;ndern oder Staaten befinden, sind die Aufstiegswege anders als in der Privatwirtschaft, weil in diesen F&#228;llen politische Einfl&#252;sse eine zentrale Rolle spielen. Da haben ArbeiterInnenkinder oder Mittelschichtskinder eine gr&#246;&#223;ere Chance aufzusteigen.</p>
<p><em>Sie schreiben, dass &#214;sterreich hinsichtlich seiner politischen Eliten sozial eher durchl&#228;ssig ist und einen &#252;berproportional hohen Anteil an ArbeiterInnen an der politischen Elite hat. Was kann von ihnen tats&#228;chlich bewirkt werden? Entfernen sie sich nicht durch ihren Elitenstatus vom Bewusstsein ihrer sozialen Herkunft?</em></p>
<p>Sie m&#252;ssen sich sicherlich ein erhebliches St&#252;ck von ihrem Herkunftsmilieu entfernen. Aber das ist ein langer Prozess. Man wird ja nicht sofort Minister, sondern man entfernt sich St&#252;ck f&#252;r St&#252;ck von der eigenen Herkunft. Das beste Beispiel ist in Deutschland Gerhard Schr&#246;der. Er ist nach seinem Ausscheiden aus der Politik in ein vollkommen anderes Milieu verschwunden und wird sich wahrscheinlich nur mehr in ein paar Punkten an seine Herkunft erinnern.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Entscheidend ist, wie gro&#223; die Anzahl der Personen ist, die aus einem anderen Milieu stammen. Wenn das einzelne Personen sind, werden sie sich in der Regel sehr stark anpassen. Das ist vor allem in der Wirtschaft zu beobachten. ManagerInnen, die einen sozialen Aufstieg hinter sich haben, sind meistens im Umgang mit Besch&#228;ftigten noch h&#228;rter als die anderen ManagerInnen.<br />
Wenn ein Milieu mehrheitlich durch AufsteigerInnen gepr&#228;gt wird, dann spielen die Erfahrungen, die diese mitbringen, noch eine gro&#223;e Rolle. Man kann z.B. grob sagen: Je h&#246;her der Anteil der Mittelschicht- und ArbeiterInnenkinder in den politischen Eliten oder generell in den Eliten ist, desto ausgeglichener sind die Einkommensverh&#228;ltnisse. Das hei&#223;t umgekehrt, je st&#228;rker B&#252;rgerInnen- und Gro&#223;b&#252;rgerInnenkinder die Eliten komplett dominieren, desto st&#228;rker dominieren auch ihre Interessen die Entscheidungen. Das hei&#223;t wiederum: Auch wenn sich die Personen ver&#228;ndern und von ihrer sozialen Herkunft entfernen, bleibt ein Teil ihres Herkunftsmilieus in den K&#246;pfen, solange ein gr&#246;&#223;erer Teil der Elite sozial aufgestiegen ist.</p>
<p><em>Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Elitenreproduktion?</em></p>
<p>Ja nat&#252;rlich, auch wenn das wieder nach L&#228;ndern unterschiedlich ist. Generell sind die Wirtschaftseliten die geschlossensten, was geschlechtsspezifische Reproduktion betrifft. Da bleiben M&#228;nner am ehesten unter sich. In Deutschland hat sich in den letzten zehn, 15 Jahren f&#252;r die Frauen fast gar nichts positiv ver&#228;ndert, in Skandinavien dagegen sehr viel. Am offensten sind die politischen Eliten auch in dieser Frage, weil sie eben gew&#228;hlt werden m&#252;ssen. Wenn man sich in Deutschland nicht nur die Bundeskanzlerin, sondern das Regierungskabinett ansieht, so kann man sagen, dass der Frauenanteil in der politischen Elite zwar nicht repr&#228;sentativ ist, aber Frauen doch gut ein Drittel dieser Positionen bekleiden. &#196;hnliches gilt auch in den meisten anderen europ&#228;ischen L&#228;ndern. Das ist in S&#252;deuropa noch nicht durchg&#228;ngig, aber im spanischen Kabinett ist zum Beispiel jede zweite Position von einer Frau besetzt. Also zusammenfassend: Die politische Elite ist mittlerweile geschlechtsspezifisch relativ durchl&#228;ssig, die wirtschaftliche Elite ist noch immer relativ geschlossen.</p>
<p><em>Werden denn auch in elit&#228;ren Familien Jungen noch immer mehr gef&#246;rdert als M&#228;dchen?</em></p>
<p>Das ist klassischerweise immer noch so. Die Familienmuster, vor allem in der wirtschaftlichen Elite, sind noch relativ traditionell gepr&#228;gt. Es gibt aber zunehmend mehr Familien, in denen die T&#246;chter dann F&#252;hrungspositionen &#252;bernehmen. So gibt es zum Beispiel mittlerweile in Deutschland immer mehr Frauen, die Unternehmen leiten. Das hat sich ver&#228;ndert gegen&#252;ber fr&#252;her, es funktioniert bisher in der Regel in der Wirtschaft aber nur dort, wo elit&#228;re Postionen &#252;ber famili&#228;re Beziehungen wie Heirat oder Erbe besetzt werden.</p>
<p><em>Inwieweit k&#246;nnen Kinder von Eliten ihre Eltern kritisch in Frage stellen und einen anderen Lebensweg w&#228;hlen? Wie viel Druck wird von Seiten den Eltern und dem sozialen Umfeld auf die Kinder ausge&#252;bt, auch Elite zu werden?</em></p>
<p>Die Wahrscheinlichkeit einer kritischen Abwendung ist gering. Es gab und gibt das zwar immer wieder, wie zum Beispiel bei den alten Klassikern Karl Marx und Friedrich Engels. Oder in der j&#252;ngeren Vergangenheit in &#214;sterreich bei Bruno Kreisky oder in Schweden bei Olaf Palme, also innerhalb der Sozialdemokratie. Es gibt immer wieder die Personen, die ihr Herkunftsmilieu kritisch betrachten, mehr oder minder stark, aber das bleiben Ausnahmen. Der Gro&#223;teil der Kinder, die in diesen Verh&#228;ltnissen aufw&#228;chst, &#252;bernimmt das Denken der Eltern. Diese Unterscheidung in Elite und Masse und die Weltsicht, die dazu geh&#246;rt – dass man f&#228;higer ist als andere Menschen und deswegen auch das Recht hat, die Entscheidung &#252;ber andere Menschen zu treffen – ist der Normalfall. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand aus diesem Muster ausbricht, liegt bei deutlich unter zehn Prozent.</p>
<p><em>Warum haben Sie sich dazu entschieden, Elitenforschung zu machen? Was ist das Ziel ihrer Arbeit? Wie viel „Elitenpotenzial“ hatten Sie selbst?</em></p>
<p>Das ist eine Mischung aus Herkunft, politischen Interessen und Zufall. Herkunft deswegen, weil ich selber aus einem gutb&#252;rgerlichen Milieu komme und diese Kreise kenne. Das hei&#223;t, ich wusste schon sehr fr&#252;h, wie diese Menschen denken. Zweitens hat mich eigentlich nicht das Thema Eliten, sondern das Thema Macht interessiert, da ich seit meinem sechzehnten Lebensjahr politisch aktiv bin. Macht in den verschiedensten Formen – in der Schule, bei der Justiz, in der Wirtschaft – und die Frage, wie Machtstrukturen funktionieren, das hat mich immer interessiert. Dadurch kommt man zur Frage der Eliten. Drittens, und das ist der Zufall, war ich f&#252;nf Jahre lang an der juristischen Fakult&#228;t t&#228;tig und habe ein Forschungsprojekt &#252;ber WirtschaftsjuristInnen durchgef&#252;hrt. Das hat mich dann wissenschaftlich auf dieses Thema gebracht. WirtschaftsjuristInnen sind ja eine klassische Gruppe der deutschen Elite und da hat sich in dem Zeitraum, als ich das untersucht habe – Ende der 1980er Jahre – relativ viel ver&#228;ndert. An dem Thema bin ich dann dran geblieben, weil sich das, was mich politisch interessiert – n&#228;mlich Macht – mit meiner wissenschaftlichen T&#228;tigkeit verbinden lie&#223;. Was ich damit erreichen will, ist eigentlich das, was auch Bourdieu immer als generelle Aufgabe von kritischer Wissenschaft bezeichnet hat: Mechanismen aufdecken, die oberfl&#228;chlich nicht erkennbar sind, und das sind die Mechanismen der Macht. Zu zeigen, wie die heutigen Gesellschaften funktionieren, wie diejenigen, die Macht haben, ihre Macht reproduzieren und diese Macht benutzen, um gesellschaftliche Entwicklungen zu steuern. Es geht darum, diese Mechanismen aufzudecken und dar&#252;ber hinaus auch zu zeigen, wo es m&#246;glich ist, von unten Einfluss auf die Dinge zu nehmen. Das alles ist ja nicht naturgesetzlich. Es sind Menschen, die Geschichte machen, und solange Menschen Geschichte machen, kann man von Seite der Masse der Menschen auch Einfluss darauf nehmen.</p>
<p><em>Wie reagieren denn die Eliten selbst auf Ihre Forschung?</em></p>
<p>Das ist uneinheitlich. Die konservativen Medien und die Mehrzahl der Elitenangeh&#246;rigen stehen dem eher skeptisch bis ablehnend gegen&#252;ber. Bei der <em>FAZ </em>oder bei der <em>Welt </em>bekomme ich z.B. recht selten ein Interview. In der <em>FAZ </em>gab<br />
es sogar ein Portrait &#252;ber mich, das einen massiven pers&#246;nlichen Angriff beinhaltete, was meines Erachtens damit zusammenh&#228;ngt, dass Konservativen nicht gef&#228;llt, dass dieses f&#252;r sie selbst so wichtige Thema von einem Linken dominiert wird. Es gibt aber auch dort Kreise, die sich f&#252;r meine Forschungsergebnisse interessieren, entweder aus reiner Neugier oder aber weil sie sich davon erhoffen, ihre eigenen Kreise analytisch genauer kennenzulernen. Das ist aber eine Minderheit. Bei manchen Veranstaltungen bin ich einfach ein interessanter Gespr&#228;chspartner, den man sich mal anh&#246;rt, ohne dass das nennenswerte Konsequenzen f&#252;r das eigene Denken hat. Wenn es um wirklichen politischen Einfluss geht, z.B. beim Thema der Studiengeb&#252;hren, dann ist klar: da sto&#223;en Positionen aufeinander und dann wird auch versucht, meine Position m&#246;glichst weit am Rand zu halten, damit sie politisch keinen Einfluss gewinnt.</p>
<p><em>Danke f&#252;r das Interview!</em></p>
<p><em>Michael Hartmann</em> ist Professor f&#252;r Soziologie an der Technischen Universit&#228;t Darmstadt und der bekannteste Elitenforscher im deutschsprachigen Raum. 2002 ver&#246;ffentlichte er im Campus-Verlag <em>Der Mythos von den Leistungseliten</em>, 2007 ebendort <em>Eliten und Macht in Europa: Ein internationaler Vergleich.</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Die <em>grandes écoles</em> (dt.: gro&#223;e Schulen) sind auf einzelne F&#228;cher oder F&#228;chergruppen spezialisierte Hochschulen, an denen die Elite der franz&#246;sischen Politik und Wirtschaft ausgeblidet wird (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Etonians nennen sich die Absolventen (M&#228;dchen werden nicht zugelassen) der Eliteschule Eton College in England (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Die Ludwig-Maximilians-Universit&#228;t M&#252;nchen wird im Rahmen der deutschen „Exzellenzinititative“ zur „St&#228;rkung der universit&#228;ren Spitzenforschung“ besonders gef&#246;rdert (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Gerhard Schr&#246;der wuchs in &#228;rmlichen Verh&#228;ltnissen auf. Nach seiner Abwahl als deutscher Bundeskanzler ging er in die Privatwirtschaft und ist heute u.a. als Aufsichtsrat eines russischen Gaspipeline-Konsortiums, als Mitglied des Europa-Beirats der Rothschild-Investmentbank und als Berater f&#252;r das chinesische Au&#223;enministerium t&#228;tig (Anm. d. Red.).</p>
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		<item>
		<title>„Die Anti-R&#228;umungskampagne verhandelt nicht – sie protestiert“</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/08/26/die-anti-raeumungskampagne-verhandelt-nicht-sie-protestiert/</link>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:24:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
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		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>
		<category><![CDATA[Stadt]]></category>
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		<description><![CDATA[Im Sommer findet in S&#252;dafrika die Fu&#223;ballweltmeisterschaft statt. Dass die Lebensrealit&#228;t der Mehrheit der S&#252;dafrikanerInnen mit dem Hochglanz-Image globaler Sportevents nichts zu tun hat, zeigt der Dokumentarfilm When the Mountain meets its Shadow (dt.: Im Schatten des Tafelbergs). Franziskus Forster sprach mit den FilmemacherInnen Romin Khan, Alexander Kleider und Daniela Michel sowie mit Ashraf und Mne, zwei der ProtagonistInnen des [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Sommer findet in S&#252;dafrika die Fu&#223;ballweltmeisterschaft statt. Dass die Lebensrealit&#228;t der Mehrheit der S&#252;dafrikanerInnen mit dem Hochglanz-Image globaler Sportevents nichts zu tun hat, zeigt der Dokumentarfilm <em>When the Mountain meets its Shadow</em> (dt.: Im Schatten des Tafelbergs). <em>Franziskus Forster</em> sprach mit den FilmemacherInnen <em>Romin Khan, Alexander Kleider</em> und <em>Daniela Michel</em> sowie mit <em>Ashraf </em>und <em>Mne</em>, zwei der ProtagonistInnen des Films, &#252;ber den t&#228;glichen &#220;berlebenskampf in den Armenvierteln rund um Kapstadt und &#252;ber Formen solidarischen Widerstands.<br />
<span id="more-1584"></span></p>
<p><em>Wie kam es zu diesem Filmprojekt und was ist der Grundgedanke Eures Films?</em> </p>
<p>Alexander: Normalerweise verfolgen wir immer das Ziel, Dokumentarfilme &#252;ber sozialkritische Themen oder  – vor allem in letzter Zeit – &#252;ber die Auswirkungen des Neoliberalismus auf einzelne Menschen zu machen. Romin Khan, der auch bei dem Film beteiligt war, hat ein Jahr in Kapstadt studiert und mir von den dort vorherrschenden sozialen Umst&#228;nden erz&#228;hlt. Das war der Ausl&#246;ser daf&#252;r, dass wir uns dazu entschieden haben, „S&#252;dafrika“ als Projekt in Angriff zu nehmen. </p>
<p><em>Ihr habt euch ja bewusst das Medium „Film“ ausgesucht. Welche Erwartungen habt ihr damit verbunden?<br />
</em><br />
Daniela: Unser Ziel ist es, Erfahrungsr&#228;ume zu schaffen, in denen man sich austauschen kann. F&#252;r uns war und ist vor allen Dingen die Filmtour sehr wichtig, da wir dadurch den Film in vielen verschiedenen Kinos oder Veranstaltungsr&#228;umen zeigen k&#246;nnen und die M&#246;glichkeit haben, mit Leuten zu diskutieren.<br />
Ashraf: Wir versuchen Leuten zu vermitteln, wie es ist, in Armut zu leben. Unsere Filme sollen die Menschen aufr&#252;tteln, damit sie sehen, dass die Ursachen f&#252;r Armut in der weltpolitischen Lage und in der neoliberalen Politik liegen. Ich bin mir zwar sicher, dass die Menschen das im Grunde genommen wissen, aber es ist notwendig, diese Missst&#228;nde immer und immer wieder aufzuzeigen. </p>
<p><em>Plant ihr den Film beispielsweise auch in Brasilien oder Indien zu zeigen? </em></p>
<p>Romin: Wir wollen nat&#252;rlich, dass der Film so oft wie m&#246;glich in der ganzen Welt gezeigt wird. Gerade weil die Probleme ja an verschiedenen Orten relativ &#228;hnlich sind, w&#228;re es, aus unserer Sicht, sehr wichtig, dass die Menschen &#252;ber diesen Film zusammenkommen. <em>Im Schatten des Tafelberges</em> ist in Deutschland und der Schweiz schon ziemlich pr&#228;sent. In Kiew und Vancouver l&#228;uft der Film auch schon auf diversen Dokumentarfilmfestivals. Wir hoffen nat&#252;rlich, dass er sich weiter in die verschiedenen Teile der Welt verbreitet, er also auch in Brasilien oder Indien gezeigt wird.</p>
<p><em>Glaubt ihr, dass die Fu&#223;ballweltmeisterschaft euer Projekt weiter st&#228;rkt?</em></p>
<p>Romin: Ich denke schon, dass die Aufmerksamkeit f&#252;r den Film im Kontext der Fu&#223;ballweltmeisterschaft gestiegen ist und noch weiter steigen wird. In den Medien wird immer der positive Einfluss der Weltmeisterschaft auf S&#252;dafrika betont – viele Menschen haben daher keine Ahnung davon, dass dieser „&#246;konomische Gewinn“ den Armen in S&#252;dafrika nicht zugute kommt. Der Film soll ihnen daher zeigen, wie die soziale Situation in Kapstadt wirklich aussieht und warum die Weltmeisterschaft diese sogar noch verschlechtern kann. </p>
<p><em>Mne, Ashraf, ihr seid ja direkt von den Auswirkungen der Weltmeisterschaft betroffen. Was passiert gerade in Kapstadt? Wen treffen die Umw&#228;lzungen am meisten?</em></p>
<p>Mne: Die Auswirkungen der Weltmeisterschaft betreffen in erster Linie die Armen und diejenigen, die gewerblich in der (Innen-)Stadt zu tun haben. Alte Geb&#228;ude werden abgerissen, um neue, den „westlichen Standards“ entsprechende Geb&#228;ude zu errichten. Dadurch m&#252;ssen viele Menschen ihre L&#228;den oder Wohnungen r&#228;umen und sie werden aus ihren „communities“ vertrieben. Fu&#223;ball ist an sich ein beliebter Sport in S&#252;dafrika – durch die Auswirkungen der Weltmeisterschaft &#228;ndert sich das jetzt allerdings zunehmend.<br />
Ashraf: In nur wenigen Monaten wurden – nicht nur in unmittelbarer N&#228;he zum Stadion – 800 R&#228;umungen vorgenommen. Insgesamt betrifft das 420.000 Menschen. Man sieht ganz deutlich, dass die Regierung die Weltmeisterschaft den Menschen vorzieht. Sie nimmt f&#252;r kurzfristige Profite und globale Anerkennung zunehmende Obdachlosigkeit und Armut in Kauf. Wie Mne bereits angedeutet hat, ist es so, dass die armen Leute zunehmend die M&#246;glichkeit verlieren, Handel zu treiben, weil sie pl&#246;tzlich keine Gesch&#228;ftslokale mehr haben. Das hei&#223;t wiederum, dass sie nicht mehr in der Lage sind, ihre Miete oder ihr Essen zu zahlen. </p>
<p><em>Was hat es mit der Anti-R&#228;umungskampagne auf sich? Wie und in welchem historischen Kontext ist sie entstanden?</em></p>
<p>Ashraf: Durch den politischen Wandel 1994<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> erwarteten alle, dass sich vor allem f&#252;r die Armen die Situation verbessern w&#252;rde. Stattdessen wurde der &#246;ffentliche Sektor, unter anderem der Wohnungsbau und viele Bildungseinrichtungen, privatisiert. Die Lage der Armen in Kapstadt und also auch unsere eigene Situation ist dadurch nat&#252;rlich noch prek&#228;rer geworden. Auch wenn wir keine Kriminellen sind, wurden und werden wir st&#228;ndig kriminalisiert.<br />
Um diese Situation zu &#228;ndern, formierte sich nach 1994 vor allem in strukturschwachen <em>communities </em>die Anti-R&#228;umungskampagne. Wir gr&#252;ndeten eine Plattform, deren Ziel es war, gemeinsam f&#252;r unsere Rechte zu k&#228;mpfen. Die Situation ist heute zwar noch immer nicht viel besser; die Kampagne ist allerdings in den <em>communities </em>ziemlich bekannt. Die Menschen wissen genau, wer wir sind und was wir tun. Sie kommen auch immer &#246;fter mit ihren Problemen zu uns. Die Anti-R&#228;umungskampagne verhandelt nicht – sie protestiert. Die Protestformen haben sich seit dem Ende der Apartheid allerdings stark gewandelt. Da die Politik wei&#223;, wie sie mit traditionellen Protestformen umgehen muss, um sie ins Leere laufen zu lassen, versuchen wir neue, kreative Protestformen zu entwickeln. Die direkte Aktion ist ein Beispiel daf&#252;r. Wenn beispielsweise von staatlichen oder privaten Organen Wasserleitungen durchtrennt werden, weil die Rechnungen nicht bezahlt wurden, fixieren wir sie einfach wieder. Wir gehen auch gemeinsam in Kliniken und versuchen Gratisbehandlungen f&#252;r arme Menschen zu erzwingen. Wir wollen unmittelbare Erfolge sehen und versuchen daher direkte Aktionen durchzuf&#252;hren, anstatt Diskussionen zu f&#252;hren.<br />
Die Anti-R&#228;umungskampagne hat in vielen Stadtgebieten, in denen es soziale Probleme gibt, Anlaufstellen er&#246;ffnet, die gemeinsam mit den <em>communities </em>entscheiden, was unmittelbar getan werden muss und kann. Unsere Ideologie kann daher als <em>communitism </em>bezeichnet werden: Wir versuchen die <em>communities </em>zu st&#228;rken und eigenst&#228;ndig zu machen, anstatt &#8211; wie eine Beh&#246;rde – Sachen f&#252;r sie zu erledigen.</p>
<p><em>Ein gro&#223;es Problem eurer K&#228;mpfe scheint das Verh&#228;ltnis zum </em>African National Congress (ANC)</em> bzw. die Geschichte des ANC zu sein. Es wirkt von au&#223;en so, als ob es eine Art Kampf darum g&#228;be, wer der/die „legitime“ StellvertreterIn der Armen sein darf. Ihr versucht ja &#252;ber eure Kampagne die Legitimation des ANC herauszufordern.<br />
</em><br />
Ashraf: Der ANC ist eine politische Partei und l&#228;ngst keine revolution&#228;re Bewegung mehr. Die Mitglieder der politischen Elite innerhalb des ANC m&#246;gen zwar Ex-Revolution&#228;rInnen sein, aber jetzt sind sie eben Million&#228;rInnen – wir wissen also, dass sie die Interessen der armen Leute nicht (mehr) vertreten.<br />
Unser Ziel ist es nicht, Legitimation zu erk&#228;mpfen. Wir sind gegen jede politische Partei, egal ob das der ANC, die <em>Democratical Alliance</em>, die <em>Inkatha Freedom Party</em>, das <em>United Democratic Movement</em>, die <em>African Christians</em> oder die <em>National Party</em> ist. Einer unserer Grunds&#228;tze aus dem Jahr 2004 besagt: „Kein Land, kein Haus – keine Wahl“. D.h. wir sagen unseren Leuten, sie sollen nicht w&#228;hlen gehen, sondern am Tag der Wahl lautstark protestieren. Am 27. April ist beispielsweise der sogenannte <em>Freedom Day </em><a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>. Wir von der Anti-R&#228;umungskampagne „feiern“ an diesem Tag den <em>Unfreedom Day</em> und weisen damit auf die schlechte Situation und die herrschenden Umst&#228;nde hin.</p>
<p><em>Versucht ihr auch &#252;ber offizielle, rechtliche Wege, beispielsweise durch Berufung auf die Verfassungsgrunds&#228;tze, etwas zu ver&#228;ndern? </em></p>
<p>Ashraf: Ja, 2002 haben wir einen Koordinierungsausschuss gegr&#252;ndet, dessen Ziel es war, die Stadt Kapstadt zu verklagen und das Kappen von Wasserleitungen als verfassungswidrig zu deklarieren. Wir wollten so etwas eigentlich nie tun, aber weil wir gesehen haben, dass die Abgeordneten des ANC nicht uns, sondern den Staat unterst&#252;tzen, haben wir uns dazu entschieden, den offiziellen Weg zu gehen. Mittlerweile hat sich die Arbeit des Koordinierungsausschusses auch ausgeweitet. Wir versuchen beispielsweise die Armen vor einer Verurteilung zu bewahren, wenn sie im Falle von R&#228;umungen gezwungen werden, vor Gericht zu gehen – wenn jemand n&#228;mlich nicht vor Gericht geht und einfach in das Haus zur&#252;ckkehrt, in dem er/sie unter Umst&#228;nden 30 Jahre gelebt hat, wird er/sie wegen Hausfriedensbruch verurteilt. Wir haben desweiteren in Durban<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> gegen ein Gesetz geklagt, das die BewohnerInnen einer unserer <em>communities </em>zu SlumbewohnerInnen erkl&#228;rt h&#228;tte, d.h. die Orte, an denen sie lebten, sollten zu Slums erkl&#228;rt werden. Dies h&#228;tte es der Politik erlaubt, ohne gerichtliches Verfahren jederzeit alles r&#228;umen zu lassen. Das Gesetz ist zwar noch nicht verhindert, aber wenigstens steht es jetzt wieder zur Diskussion.<br />
Eigentlich wollen wir &#252;berhaupt nicht vor Gericht gehen, aber weil die Politik und die Wirtschaft es machen, machen wir es auch. Wir sind andererseits aber auch davon &#252;berzeugt, dass der rechtliche Kampf nur wenig bewirkt und dass Widerstand auf vielen, anderen Ebenen geleistet werden muss. </p>
<p><em>Versucht ihr auch mit anderen sozialen Bewegungen, z.B. der Landlosenbewegung zusammenzuarbeiten?</em></p>
<p>Ashraf: Ja nat&#252;rlich! 2002 sind wir als <em>community </em>im Rahmen der Anti-R&#228;umungskampagne zum Weltkongress f&#252;r Nachhaltige Entwicklung gefahren. Allerdings stehen wir einigen NGOs auch kritisch gegen&#252;ber. Wir haben im Laufe der Jahre leider erfahren m&#252;ssen, dass sich beispielsweise die <em>South African National NGO Coalition</em> (SANGOCO) all unsere Ressourcen aneignen wollte, weshalb wir uns 2002 von den NGOs verabschiedeten und das <em>Netzwerk sozialer Bewegungen in S&#252;dafrika</em> (SMI) gr&#252;ndeten. Das SMI institutionalisierte sich jedoch relativ rasch und wurde zu einer wichtigen NGO S&#252;dafrikas. Als wir 2006 zur – j&#228;hrlich stattfindenden Konferenz – des SMI gingen, mussten wir erfahren, dass diese NGOisierung das SMI komplett ver&#228;ndert hatte. Das Netzwerk sprach &#252;ber die Interessen der Armen – also &#252;ber unsere Interessen – ohne mit uns zu reden, ohne uns einzubinden.<br />
Neben dem SMI haben wir uns auch an der Gr&#252;ndung anderer Bewegungen und Netzwerke beteiligt. Ein Beispiel ist die <em>Shacklessness</em>-Bewegung, also eine Bewegung von und mit Menschen, die in Baracken wohnen. Desweiteren sind wir auch in der <em>Action Alliance</em> aktiv, in der verschiedene soziale Gruppierungen und Personen zusammenarbeiten. Durch diese Action Alliance haben wir Kontakte zu anderen, k&#228;mpfenden communities gekn&#252;pft, insbesondere zu der Landlosenbewegung und zum <em>Rural Network</em>. Mit diesen haben wir die <em>Poor People Alliance of South Africa</em> gegr&#252;ndet.<br />
Also, um deine Frage zu beantworten: Ja, wir versuchen st&#228;ndig uns mit anderen sozialen Bewegungen zusammenzuschlie&#223;en. Unser n&#228;chstes Ziel ist die Vernetzung mit Leuten und Bewegungen aus Europa, um eine <em>Poor People Alliance of the World</em> zu gr&#252;nden. </p>
<p><em> Wie k&#246;nnte eine solche Allianz zwischen europ&#228;ischen und s&#252;dafrikanischen sozialen Bewegungen aussehen?</em> </p>
<p>Ashraf: In S&#252;dafrika besitzen gro&#223;e, multinationale Konzerne – darunter auch viele europ&#228;ische Firmen – fast alles und mischen sich in Angelegenheiten, die uns betreffen, ein. Wir denken daher, dass die Kooperation mit sozialen Bewegungen in Europa besonders wichtig ist, weil sie ihre eigenen Regierungen anprangern k&#246;nnen. Unser gemeinsames Ziel muss es sein, aufzuzeigen, dass es nicht nur „arme AfrikanerInnen“ auf der einen und „reiche Europ&#228;erInnen“ auf der anderen Seite gibt, sondern dass wir alle mit denselben Problemen zu k&#228;mpfen haben. W&#228;hrend die politische Klasse weltweit von diesem System profitiert, leiden in allen Gebieten der Erde Menschen unter dessen Auswirkungen. Ein gemeinsames Ziel k&#246;nnte beispielsweise die Forderung nach einem universellen und bedingungslosen Grundeinkommen f&#252;r alle sein. Zwischen sozialen Bewegungen in Europa und (S&#252;d-) Afrika sollte eine gleichberechtige Beziehung hergestellt werden, ein Geben und Nehmen, und nicht ein „Wir“ und „Ihr“. Wir glauben zudem eher an Solidarit&#228;t durch Aktionen und nicht an Solidarit&#228;t durch &#246;konomische Unterst&#252;tzung. Wir w&#228;ren um einiges schlagkr&#228;ftiger, wenn wir uns &#252;ber gemeinsame Aktionen zusammenschlie&#223;en und definieren w&#252;rden. Sowohl in S&#252;dafrika als auch in Europa gibt es viele Orte, die f&#252;r Aktionen in Anspruch genommen werden k&#246;nnen. </p>
<p><em>Vielen Dank f&#252;r eure interessanten Ausf&#252;hrungen!</em></p>
<p><em>Romin Khan</em> forscht zu S&#252;dafrika und ist Mitherausgeber des Bandes S&#252;dafrika. Die Grenzen der Befreiung (Assoziation A, Berlin/Hamburg)</p>
<p><em>Alexander Kleider</em> ist Autor, Ressigisseur und Kameramann sowie Mitbegr&#252;nder der Filmkooperative DOKWERK.<br />
<em><br />
Daniela Michel</em> ist Autorin, Regisseurin und Produzentin sowie Mitbegr&#252;nderin der Filmkooperative DOKWERK.</p>
<p><em>Ashraf Cassiem</em> und <em>Mncedisi Twalo</em> sind Aktivisten der Anti-R&#228;umungskampagne Kapstadt.</p>
<p><em>Franziskus Forster</em> studiert Internationale Entwicklung und ist aktiv bei attac.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> 1994 wurden in S&#252;dafrika die ersten freien Wahlen nach dem Ende des Apartheid-Regimes abgehalten. Der African National Congress (ANC) gewann die Wahlen und Nelson Mandela wurde Pr&#228;sident. Die Partei ist seit 1994 durchgehend an der Macht.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a>Der 27. April 1994 ist der Tag der ersten freien Wahlen und daher in S&#252;dafrika Nationalfeiertag.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Durban ist eine Gro&#223;stadt an der Ostk&#252;ste S&#252;dafrikas.</p>
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		<title>Sanfte Verdr&#228;ngung: Gentrifizierung in Wien</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 10:46:02 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Gentrifizierung gibt es in Wien nicht, meint die sozialdemokratische Stadtverwaltung. &#220;ber diese Realit&#228;tsverweigerung sprachen Katharina Hajek und Felix Wiegand mit Jakob Weingartner, der sich intensiv mit dieser Frage auseinander gesetzt hat. Er erkl&#228;rt, was das Wiener Brunnenviertel mit der New Yorker Lower East Side zu tun haben k&#246;nnte, inwiefern sich ImmobilieninvestorInnen und die Sanfte Stadterneuerung perfekt erg&#228;nzen und welche Rolle [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gentrifizierung gibt es in Wien nicht, meint die sozialdemokratische Stadtverwaltung. &#220;ber diese Realit&#228;tsverweigerung sprachen <em>Katharina Hajek</em> und <em>Felix Wiegand</em> mit <em>Jakob Weingartner</em>, der sich intensiv mit dieser Frage auseinander gesetzt hat. Er erkl&#228;rt, was das Wiener Brunnenviertel mit der New Yorker Lower East Side zu tun haben k&#246;nnte, inwiefern sich ImmobilieninvestorInnen und die Sanfte Stadterneuerung perfekt erg&#228;nzen und welche Rolle dabei K&#252;nstlerInnen, Dachterrassen und Fu&#223;ballk&#228;fige einnehmen.<br />
<span id="more-1579"></span><br />
<em>Das Thema Gentrifizierung hat es mittlerweile bis in die Mainstream-Medien geschafft. Weitl&#228;ufig wird damit der Prozess der &#246;konomischen und symbolischen Aufwertung eines Gr&#228;tzels, der Zuzug neuer, kaufkr&#228;ftigerer BewohnerInnen und die Verdr&#228;ngung der bestehenden, sozial schw&#228;cheren Bev&#246;lkerung bezeichnet. Kannst Du uns ein bisschen mehr &#252;ber den theoretischen Background des Gentrifzierungs-Begriffs erz&#228;hlen?</em></p>
<p>Den Begriff der Gentrifizierung haben sich kritische UrbanistInnen im Zuge der 1970er und -80er Jahre auf die Fahnen geschrieben, um einen Kontrapunkt zum bis dahin im urbanistischen Diskurs dominierenden neoklassischen Axiom zu setzen. In den 1970er Jahren wurde von vielen UrbanistInnen der Marxismus entdeckt. Die Koryph&#228;e war Henri Lefebvre. Er hat die Erfahrungen der Aufst&#228;nde von 1968 – gerade auch in Paris – genutzt, und darauf aufbauend versucht, die marxistische Analyse in den Raum zu &#252;bersetzen. Das war lange ein blinder Fleck im Marxismus. Es gibt die ber&#252;hmte Analyse von Engels &#252;ber die Armenquartiere in Manchester, wo er von Kapital- und Arbeitskraftkonzentration spricht und einer schlimmen Verslumung, die sich daraus ergibt; aber viel mehr…? Lefebvre hat die marxistischen Axiome und die Unterscheidung von Gebrauchs- und Tauschwert genutzt, um zu fragen: Welche Interessen hat das Kapital am Raum, welche die ArbeiterInnen? F&#252;r ArbeiterInnen hat der Raum v. a. einen Gebrauchswert: da wo ich wohne, da m&#246;chte ich mich wohlf&#252;hlen, da m&#246;chte ich mich ausruhen von der Arbeit usw. Die Kapitalseite sieht im Raum ganz etwas Anderes. Der geht es darum, Mehrwert zu erwirtschaften. Dazu muss man Raum abstrahieren und mit Nummern versehen, damit man ihn dann verkaufen oder vermieten kann. Diesen prim&#228;ren Widerspruch hat Lefebvre sehr sch&#246;n beschrieben.  Darauf haben dann andere marxistisch gepr&#228;gte UrbanistInnen aufgebaut, David Harvey war unter anderem sehr wichtig. In den 1980er Jahren, als an den Universit&#228;ten heftige ideologische Grabenk&#228;mpfe herrschten, wie Raum &#252;berhaupt zu diskutieren sei, hat Neil Smith, ankn&#252;pfend an Harvey, das erste Mal eine wirklich umfassende und schl&#252;ssige Gentrifizierungs-Theorie aufgestellt. </p>
<p><em>Worin besteht der Kern des Zugangs von Smith? Kannst Du Beispiele nennen, die das illustrieren?</em></p>
<p>Zentral ist der Blick auf die zyklische Entwicklung des Kapitalismus. In der Stadt existieren die Rahmenbedingungen f&#252;r die Produktionsbed&#252;rfnisse des Kapitalismus in physisch-materieller, r&#228;umlicher Form. Wegen der permanenten Umw&#228;lzung der Produktion werden die Produktionsst&#228;tten, die Infrastruktur etc. immer wieder unproduktiv, sie verlieren ihre Aktualit&#228;t. Es kommt zu Desinvestition. Die Container-Technologie hat z. B. dazu gef&#252;hrt, dass extrem viele Hafenstrukturen, die vorher im Zusammenhang mit Massenproduktion und Warenhandel wichtig waren, pl&#246;tzlich nicht mehr genutzt wurden, brach lagen und dem Verfall anheim fielen. Die Docklands in London oder in Brooklyn sind gute Beispiele. Wo vorher noch viel Kapital investiert wurde, damit der Hafen gut funktioniert, geriet pl&#246;tzlich der r&#228;umliche Produktionszyklus in die Krise. Das Kapital wurde im gro&#223;en Stil abgezogen, weil es dort Nichts mehr zu holen gab. Heute sind die Docklands aber genau wegen dieser Desinvestition so interessant: Es gibt diese R&#228;umlichkeiten, Lagerhallen usw., die man umbauen kann, aber das Gebiet ist v&#246;llig unterbewertet.  Das ist nat&#252;rlich der feuchte Traum jedes <em>Developers</em>. Weil der Raum extrem niedrig bewertet ist, kann er oder sie &#252;ber ein Kapitalinvestment eine riesige Gewinnspanne herausholen, d. h. der so genannte <em>rent-gap</em> ist extrem breit. Nicht umsonst sind diese Docklands heute ein sehr wichtiger Anziehungspunkt f&#252;r Kapital und Gentrifizierung. Das nennt sich dann <em>Waterfront-Development</em> und ist z. B. in der <em>Hafencity </em>in Hamburg gut zu beobachten. Dabei spielt auch der symbolische Aspekt eine gro&#223;e Rolle: Es gibt heute nichts Hei&#223;eres f&#252;r ein Architekturb&#252;ro, als in einer ehemaligen Lagerhalle mit Klinkersteinen sein B&#252;ro zu haben, mit Blick &#252;bers Wasser. Es ist faszinierend, wie eine Struktur, die in einem bestimmten kapitalistischen Zykus eine spezifische Funktion hatte, heutzutage pl&#246;tzlich eine v&#246;llige andere Benutzung erf&#228;hrt, w&#228;hrend gleichzeitig noch die Identit&#228;ten und die proletarische Authentizit&#228;t – das Schaffen, das Wirken aus der Vergangenheit – in die Gegenwart hineinwabert.<br />
Wenn man sich nicht Hafengebiete, sondern normale Stadtviertel anschaut – Neil Smith hat das f&#252;r die <em>Lower East Side</em> in New York gemacht – dann sind hier ganz &#228;hnliche Prozesse zu beobachten. Die <em>Lower East Side</em> hat ebenso &#252;ber viele Jahrzehnte eine starke Desinvestition erfahren. Es war eine heruntergekommene Gegend mit hoher Kriminalit&#228;t, aber man konnte dort billig wohnen, was vor allem f&#252;r MigrantInnen interessant war. Gleichzeitig war es auch ein Viertel, wo Dinge m&#246;glich waren, die woanders nicht m&#246;glich waren. Der Punkrock ist beispielsweise dort entstanden, es wurde mit neuen Geschlechterkonstruktionen gespielt usw., d. h. es war ein St&#252;ck weit auch ein Labor f&#252;r sp&#228;tere gesellschaftliche Entwicklungen. Gerade aufgrund der Desinvestiton konnte Gentrifizierung in der <em>Lower East Side</em> so einen Triumphzug erleben. Gentrifizierung versteht man nur, wenn man es in einem breiteren historischen Kontext verortet: Dass in St&#228;dten immer wieder Viertel eine Kapitalflucht erleben, ist notwendig, damit das Kapital danach unter m&#246;glichst gro&#223;em Triumph wieder einziehen kann. </p>
<p><em>Was verr&#228;t eine solche Perspektive denn &#252;ber Wien? Es hei&#223;t ja oft, hier w&#252;rden besondere Bedingungen herrschen und es g&#228;be deshalb gar keine Gentrifizierung.</em> </p>
<p>Zun&#228;chst darf man nicht den Fehler machen, in der Gentrifizierungs-Theorie ein Werkzeug zu sehen, das man auf alle m&#246;glichen St&#228;dte einfach anwenden kann. Man muss sich die historischen und sozialr&#228;umlichen Kontexte genau anschauen. Also: Das Besondere an Wien ist der soziale Wohnbau – Wien hat neben den so genannten realsozialistischen Staaten das weltweit h&#246;chste Budget f&#252;r sozialen Wohnbau. Warum der Stadt das so wichtig ist und sie in diesen Sektor so viel Geld hineinpumpt, kann historisch aus dem Roten Wien erkl&#228;rt werden. Bis Mitte der 1970er Jahre hat Wien im Wohnbau wirklich einen beispiellosen Aufwand betrieben. Wie auch an vielen anderen Orten in Europa wurden zu dieser Zeit in Wien v. a. riesige, fordistisch-standardisierte Wohnsilos am Stadtrand gebaut, z. B. die Per-Albin-Hansson-Siedlung. Dadurch war es m&#246;glich, dass die klientilistisch an die SP&#214; gebundene ArbeiterInnenschaft aus dem miesen innerst&#228;dtischen Wohnraum heraus gekommen ist, aus den zum Teil noch zerbombten H&#228;usern, aus den Substandardwohnungen. Das war das sozialdemokratische Entwicklungsmodell der Nachkriegszeit f&#252;r Wien, das nat&#252;rlich auch nur unter der sozialdemokratischen Hegemonie durchsetzbar war. Das Problem, das sich f&#252;r die Stadt Wien gestellt hat, war jedoch: Was passiert mit dem Wohnraum, der brach liegt, wenn Leute wegziehen und ihre alten Wohnungen zur&#252;cklassen? Es gab in Wien bis Mitte der 1970er Jahre tats&#228;chlich einen sehr hohen Leerstand. Das &#246;ffentliche Geld wurde in die Gro&#223;projekte am Stadtrand gesteckt und die Innenst&#228;dte stagnierten. Weil der Trend in Richtung Stadtrandsiedlung ging, kamen auch Privatinvestitionen v&#246;llig zum Erliegen, d. h. privates Kapital floss nicht mehr in die Innenbezirke. Der Stadtverwaltung wurde schnell klar: Da muss man gegensteuern. Deswegen haben sie dann die Werkzeuge der ber&#252;hmten Sanften Stadterneuerung geschaffen.</p>
<p><em>Kannst Du erkl&#228;ren, in welchem Kontext das Konzept der Sanften Stadterneuerung in Wien das erste Mal zu Anwendung kam und was genau dieses Instrument beinhaltet?</em></p>
<p>In den 1970er Jahren sollten die historischen Geb&#228;ude am Spittelberg im 7. Bezirk geschliffen und stattdessen riesige Wohnbauten errichtet werden. Dieser Form der technokratischen Stadtplanung hat sich eine Viertel-Bewegung von unten entgegengesetzt. Die Bewegung war eine Koalition aus durchaus linken Amerlinghaus-BesetzerInnen und b&#252;rgerlichen &#214;VP-W&#228;hlerInnen, welche sich die Planung von oben nicht mehr gefallen lassen und die historischen Strukturen retten wollten. Dieses B&#252;ndnis hat es geschafft, die Bagger zu stoppen: Der Spittelberg wurde nicht abgerissen, stattdessen wurde seine Renovierung von den damals neu geschaffenen Instrumenten der Sanften Stadterneuerung staatlich gef&#246;rdert. Das Faszinierende an diesem ganzen Prozess war, dass es der sozialdemokratischen Stadtverwaltung gelungen ist, den Widerstand dieser post-68er Bewegung aufzugreifen und etwas Neues daraus zu machen. Das ist wie stadtplanerisches Aikido: die Kraft dieser Bewegung wurde aufgenommen und daraus die Sanfte Stadterneuerung gebastelt. Ich habe das Gef&#252;hl, dass das auch eine neue soziale Formation war, die sich da gewehrt hat. Genau diese soziale Formation, die sich aus den 68ern heraus entwickelt hat und ihre Vorstellungen der Stadt-Nutzung in die Stadtplanung rein getragen haben, geh&#246;rt heute zur neuen Elite der Stadt Wien: akademisch gebildete, urspr&#252;nglich aktivistische Leute, die sp&#228;ter dann verb&#252;rgerlicht sind und den Spittelberg heute zu dem gemacht haben, was er ist: ein Freilicht-Museum, dass sich wirklich nur die reichsten Leute leisten k&#246;nnen. Diese „Spittelbergisierung“ kann als Folge der Sanften Stadterneuerung gesehen werden, es geht um eine Art „sanfte“ Gentrifizierung.<br />
Im Endeffekt ist die Idee der Sanften Stadterneuerung, dass die &#246;ffentliche Hand Anreize f&#252;r private InvestorInnen schafft, wieder in den innerst&#228;dtischen Wohnbereich, in Gr&#252;nderzeith&#228;user zu investieren und den Wohnstandard zu erhalten bzw. zu verbessern. Das beinhaltet allerdings die M&#246;glichkeit einer nachfolgenden Erh&#246;hung des Mietzinses. Konkret funktioniert das so: Du hast ein Haus, in dem es sehr viele Substandardwohnungen gibt. Jetzt kann ein privater Investor, beispielsweise eine Renovierungsgesellschaft, einen Antrag auf F&#246;rderung bei der Stadt Wien stellen. Jeder Antrag wird nach einem Punktesystem bewertet. Verschiedene Faktoren wirken sich positiv auf das F&#246;rdervolumen aus: Ma&#223;nahmen, die den Allgemeinzustand des Hauses verbessern, &#246;kologische Kriterien, das Installieren eines Aufzugs etc. Allerdings kann nur saniert werden, wenn in dem Haus Kategorie C oder D Wohnungen &#252;berwiegen. Wenn das alles gegeben ist, schie&#223;t die Stadt Wien w&#228;hrend eines Zeitraums von zehn Jahren 50 Prozent der Renovierungskosten zu. &#220;ber diesen Zeitraum hinweg wird das Ansteigen des Mietniveaus limitiert, aber nicht verhindert. Was danach passiert, ist wieder eine ganz andere Frage. Sobald privates Investitionskapital in ein ArbeiterInnenviertel gelockt wird und es zu Aufwertungen kommt, wirst du es mit einem Verdr&#228;ngungsph&#228;nomen zu tun haben.  Wo soll denn das Geld herkommen f&#252;r die aufgewerteten Wohnungen? Au&#223;erdem ist Sanfte Stadterneuerung immer auch Wohnungsbau: Es werden Zimmer zusammengelegt und gr&#246;&#223;ere Wohneinheiten geschaffen. Der Anteil an Wohnungen unter 35m2 ist zwischen 1971 und 2001 von 18,7 auf 7,8 Prozent gesunken. Das Problem ist aber: Kannst du dir die gr&#246;&#223;ere Wohnung dann auch leisten? Du musst ja pl&#246;tzlich zwei Wohnungen bezahlen, daf&#252;r musst du dann aber viel mehr verdienen.  Damit sto&#223;en wir dann schon wieder an die Grenzen der Sanften Stadterneuerung, oft geht es einfach auch um die Quadratmeter. Insgesamt wird den negativen Konsequenzen der Bestandserhaltung bzw. -verbesserung einfach zu wenig Beachtung geschenkt. </p>
<p><em>Worin bestanden denn die Auswirkungen dieses Instruments der Sanften Stadterneuerung f&#252;r den gesamten Wiener Raum?</em></p>
<p>Mit der Sanften Stadterneuerung hat es die Stadt Wien wirklich geschafft, den Negativtrend, von dem ich gesprochen habe, herumzurei&#223;en: Es begann wieder – auch privates – Investitionskapital in den Altbausektor zu flie&#223;en. Der Anteil von Substandardwohnungen mit WC und Wasser am Gang hat zwischen 1971 und 2001 von 33 auf 7,6 Prozent abgenommen. Gleichzeitig gewannen aber nat&#252;rlich auch die Widerspr&#252;che des kapitalistischen Wohnungsmarktes wieder an Bedeutung, und das ist genau die Krux der Sanften Stadterneuerung: Einerseits wird der Wohnraum mit Hilfe von Privatkapital aufgewertet. Andererseits entstehen dann auch wirklich negative Konsequenzen, denn das Privatkapital m&#246;chte aus der Aufwertung nat&#252;rlich Profit schlagen, durch h&#246;here Mieten. Gewisse Bev&#246;lkerungsschichten k&#246;nnen sich die Wohnungen einfach nicht mehr leisten und m&#252;ssen dann in andere Stadtteile ziehen.<br />
Einer dieser anderen Stadtteile war in den 1980er Jahren Ottakring und insbesondere das Brunnenviertel. Dazu muss man wissen: &#214;sterreich und Wien haben zu der Zeit eine starke Migration erfahren, d. h. es wurden sehr viele Arbeitskr&#228;fte angeworben. Man hat angenommen, dass sie nur f&#252;r einen kurzen Zeitraum in Wien bleiben und dann wieder „nach Hause“ geschickt werden. Nur, diese Leute sind geblieben, ihre Arbeitskraft wurde gebraucht. Und sie mussten irgendwo wohnen. Weil im innerst&#228;dtischen Bereich durch die Sanierungsaktivit&#228;ten der Stadt Wien immer mehr Substandardwohnungen verloren gingen und die Gemeindebauten ihnen verschlossen waren, haben diese Leute dann eben andere R&#228;ume gesucht. Ottakring und hier insbesondere das Brunnenviertel waren so ein Auffangbecken. Da konnte man auch als MigrantIn einen Vertrag f&#252;r eine Wohnung bekommen. Gleichzeitig war es so, dass die mehrheits&#246;sterreichische ArbeiterInnenschaft aus dem Brunnenviertel in die gro&#223;en Siedlungen gezogen ist, weil sie die Schnauze voll hatte von Altbau-Wohnungen mit Klo auf dem Gang, keinem flie&#223;enden Wasser in der Wohnung, etc.. Es hat sich hier im Raum etwas niedergeschlagen, was auf einer breiten gesellschaftlichen Ebene passiert ist: der mehrheits&#246;sterreichischen ArbeiterInnenschaft gelang der Aufstieg mit Hilfe der Sozialdemokratie und der Sozialpartnerschaft. Die R&#228;ume und das Vakuum, das sich unten aufgetan hat, wurden von migrantischen Arbeitskr&#228;ften aufgef&#252;llt. Das kann man im Produktionsprozess sehen, wo die MigrantInnen die miesen Jobs &#252;bernommen haben, aber man sieht das eben auch im urbanen Prozess. Im Endeffekt haben die MigrantInnen im Brunnenviertel aber doch nicht so billig gewohnt, weil es sich schnell rumgesprochen hat, dass eine sozial verletzliche Bev&#246;lkerungsformation in diese Gebiete zieht. HausbesitzerInnen und Miethaie haben die Schw&#228;che der MigrantInen ausgenutzt, um denen f&#252;r schlechten Wohnraum hohe Mieten abzuziehen, ohne daf&#252;r irgendetwas in die H&#228;user zu investieren. Die Gegend war insofern von starker Desinvestition und Kapitalexodus gepr&#228;gt. Es kam zu einer gewissen „Verslumung“ im Brunnenviertel.<br />
Trotzdem haben es t&#252;rkische oder jugoslawische &#214;sterreicherInnen geschafft, aus dem Brunnenviertel das zu machen, was es heute ist. Es ist eben kein Ghetto: Es gibt Gr&#228;tzel, es gibt soziale Koh&#228;sion, es gibt Kommunikation. Es nervt mich wahnsinnig, wenn man das Brunnenviertel als verbrannte Erde darstellt, wo sich eh nur die „Tschuschen“ den „Sch&#228;del einschlagen“. Das ist Quatsch. Es ist ein Viertel, das &#252;ber viele Jahrzehnte in einer Krise war, aber trotz dieser Krise haben es die Leute dort geschafft, ein lebendiges Viertel zu schaffen, von dem Zuz&#252;glerInnen heute profitieren! </p>
<p><em>Wie wurde aus dem Brunnenviertel der 1970er und -80er Jahre das, was man heute sieht, wenn man den Yppenplatz betritt?</em></p>
<p>Das ist eine sehr gute Frage. Ich glaube, man muss das im Kontext der ber&#252;hmten G&#252;rtelsanierung sehen. Es gibt in Wien einen Stadtentwicklungsplan, in dem die Stadt ihre prim&#228;ren Entwicklungsgebiete definiert und festlegt, was mit der Stadt in Zukunft passieren soll. Ende der 1990er Jahre war das G&#252;rtelgebiet eine ganz wichtige Zone dieses Plans, ein sogenannter <em>Fokus-Point</em>. Der G&#252;rtel war und ist ja immer noch ein bisschen ein Rotlichtgebiet. Bis hinein in die 1990er Jahre war das die No-Go-Area von Wien. Eine Gegend, wo man mit dem Auto durchf&#228;hrt, aber nicht spazieren geht; wo die Mutter der Tochter beim Vorbeifahren die Augen zuh&#228;lt; Das war der G&#252;rtel, eine Gegend, wo der „g’schupfte Ferdl“ am Wochenende mit dem Feitl im Sack Tanzen geht.<br />
Die Stadt Wien ist angetreten, das zu &#228;ndern. Es war aber klar, dass gerade bei dieser Fama das private Kapital nie in irgendwelche Projekte am G&#252;rtel investieren w&#252;rde. Wien hat aber die neoliberalen Zeichen der Zeit erkannt: statt die soziale Situation in der Stadt durch viertel&#252;bergreifende, &#246;ffentliche Investitionen zu &#228;ndern, versucht man, <em>Public-Private-Partnerships</em> (PPP) zu schaffen. Dabei geht es darum, das &#246;ffentliche Subventionen einen privaten Kapitalzufluss vereinfachen oder erm&#246;glichen sollen. Letztlich wird versucht, den Standortwettbewerb &#252;ber &#246;ffentliche Mittel f&#252;r sich zu entscheiden. Und genau das ist am G&#252;rtel passiert. Man hat dort versucht, einen kreativen <em>Cluster </em>anzusiedeln, indem man z. B. Clubs die G&#252;rtellokale zur Verf&#252;gung gestellt hat, gratis oder sehr billig.  Dann gab es dieses IP2-Projekt [futuristisches B&#252;rogeb&#228;ude am G&#252;rtel, Anm. d. Red.], wof&#252;r Kapital von der Sparkasse angeworben wurde. Teilweise haben diese Projekte funktioniert, teilweise auch nicht: die Lokale innerhalb des G&#252;rtelbogens sind erfolgreich, das IP2-Geb&#228;ude steht auch da, wobei niemand wei&#223;, was man damit anfangen soll. In jedem Fall wurde als Nebeneffekt dieses Prozesses auch das Brunnenviertel wieder neu entdeckt. Der „MigrantInnenslum“ von Wien hat sich zu einem Fokus f&#252;r PPP und die Sanfte Stadterneuerung entwickelt. Die Gentrifizierung ist zwar noch in einem relativ fr&#252;hen Stadium, aber man kann sehr sch&#246;n beobachten, wie Kunst und Kultur eine Pionierrolle f&#252;r eine Kapitalr&#252;ckkehr &#252;bernehmen. Interessanterweise haben im Brunnenviertel historisch immer auch Mehrheits&#246;sterreicherInnen gewohnt, die sich das Wohnen in anderen Teilen der Stadt nicht leisten konnten oder die gerne dort gewohnt haben. Ein Beispiel ist Ulla Schneider, die Initiatorin des Kunst- und Kulturfestivals <em>Soho in Ottakring</em>. Die wohnt schon ewig in dem Viertel und hatte die Idee, aus den ganzen Leerst&#228;nden, die sich im Viertel ergeben haben, etwas zu machen. Mit Unterst&#252;tzung der Stadt Wien, des Gr&#228;tzel- bzw. Quartiermanagements hat sie dann <em>SoHo in Ottakring</em> aufgebaut. Was nun passierte, war faszinierend zu beobachten: Pl&#246;tzlich str&#246;mten diese Kunst-PionierInnen in das Viertel und was davor noch ein „Problem“ war, was „h&#228;sslich“ war, ein leerer oder verklebter Laden, Wettb&#252;ros usw., war pl&#246;tzlich aufregend und interessant, also kulturelles Kapital. Á la „K&#252;nstlerInnen gehen jetzt ins Ghetto und machen was draus“.<br />
Dabei wurde den <em>SoHo in Ottakring</em>-Leuten schnell klar, dass sie vielleicht auch instrumentalisiert werden, dass sie sich mit den Geistern auseinandersetzen m&#252;ssen, die sie riefen. Sie haben dann versucht, mit einer klar antirassistischen Ausrichtung gegenzusteuern. Das haben viele Leute begr&#252;&#223;t, dass <em>SoHo </em>versucht, sich zu politisieren und sagt: „Wir sind hier keine Vermittlungsagentur f&#252;r leere Ladenr&#228;ume“. Es gab dann viele Projekte und antirassistische Initiativen, die versucht haben, bei der Geschichte des Viertels anzusetzen und sich damit zu besch&#228;ftigen. Das ist auf relativ positiven Respons gesto&#223;en. Dabei ist aber eines der zentralen Dilemmata in Gentrifizierungsprozessen sichtbar geworden: Diese positiven, kleinr&#228;umlichen, antirassistischen, durchaus links oder links-liberal gepr&#228;gten Initiativen laufen nat&#252;rlich Gefahr, dass sie von jenen Makrokr&#228;ften &#252;berrollt werden, die sie eigentlich kritisieren. Ich glaube, um die Verquickung von Kunst und Gentrifizierung zu erkennen, muss man auch mal den Standpunkt eines/r Immobilieninvestors/in einnehmen.<br />
<em>Conwert </em>ist daf&#252;r ein gutes Beispiel, das ist ein wichtiger Player in der Altbaukapitalisierung in Europa. Ich habe mich im Zuge meiner Diplomarbeit mit denen besch&#228;ftigt, sie interviewt. Die haben das <em>OSEI</em>-Geb&#228;ude, wo das traditionelle Kaufhaus der j&#252;dischen Familie Seidenglanz drinnen war, gekauft und &#252;ber zwei Jahre f&#252;r tempor&#228;re Nutzung zur Verf&#252;gung gestellt, damit sich dort K&#252;nstler austoben k&#246;nnen. Danach wurde das Geb&#228;ude abgerissen. Aus der Perspektive von Conwert – und das wurde mir im Interview ganz offen gesagt – ist die Kunst nur ein <em>selling-point</em>, so kommen sie in das Viertel rein. Die Kunst hat einfach einen besseren Ruf als das Kapital und sie wurde genutzt, um das <em>Conwert</em>-Projekt an die Leute zu verkaufen. Das kostet sie nichts, der Raum wird sowieso nicht genutzt. Also setzen sie da Kunst rein, um Plus-Punkte bei der Bev&#246;lkerung zu sammeln. Weil: Irgendwann kommt der Punkt, wo die Abrissbirne da reinkracht. Und dann w&#252;rden einige Leute wahrscheinlich Probleme machen. Das ist ein potentieller Konfliktpunkt, an dem klar werden k&#246;nnte, was die mit ihrem Viertel machen wollen. Dann ist die entscheidende Frage, ob die Investmentfirma geschickt war, ob sie es geschafft hat, &#252;ber einen langen Vorlaufprozess ihr Risikokapital abzusichern. Und ob es ihr gelungen ist, sich &#252;ber die Kunst ein Gesicht zu verleihen. An und f&#252;r sich hat so eine Firma ja kein Gesicht, sie ist eine k&#252;hl kalkulierende Maschine und vor allem ihren InvestorInnen verpflichtet.<br />
Als KulturschaffendeR muss man sich schon fragen, ob man nicht vielleicht etwas ges&#228;t hat, das dann von einem/einer InvestorIn geerntet werden kann.</p>
<p><em>Warum ist es denn f&#252;r ImmobilieninvestorInnen wie Conwert &#252;berhaupt derart &#246;konomisch interessant, gerade in Wien und in Orte wie das Brunnenviertel zu investieren?<br />
</em><br />
<em>Conwert </em>ist eigentlich ber&#252;hmt daf&#252;r, in Osteuropa Zonen aufzuwerten, in denen w&#228;hrend des so genannten Realsozialismus Desinvestment stattfand, und dadurch eine riesige <em>rent-gap</em> zu erwirtschaften. Heute wenden sie ihre Taktik aber nicht mehr nur an der [ehemaligen] osteurop&#228;ischen Peripherie, also in St&#228;dten wie Warschau, Krakau oder Budapest an, sondern eben auch in der Peripherie von Wien, und dort in einem traditionellen, migrantischen ArbeiterInnenbezirk wie dem Brunnenviertel. Sie verf&#252;gen &#252;ber sehr viel Risikokapital und versuchen jetzt neue Zonen zu erschlie&#223;en. Im Brunnenviertel war die Situation besonders interessant. Zun&#228;chst kam es nicht zu einem gro&#223;en Kapitalzufluss, weil klar war, dass man aus den aufgewerteten Substandardwohnungen verh&#228;ltnism&#228;&#223;ig wenig herausholen kann. Die<em> rent-gap </em>wird durch die Sanfte Stadterneuerung ein St&#252;ck weit reduziert. Wo sie aber voll aufklafft und wo sagenhafte Renditen erzielt werden k&#246;nnen, das ist in den Dachb&#246;den der H&#228;user. Die sind nicht wirklich eingesch&#228;tzt, da k&#246;nnen von Eliten-KundInnen hohe Mieten lukriert werden. Deshalb ist der Dachausbau im Brunnenviertel und auch in allen anderen ehemaligen ArbeiterInnenvierteln in Wien f&#252;r InvestorInnen extrem attraktiv. Manche Bautr&#228;gerInnen lassen es sich gefallen, ein paar Wohnungen darunter zu renovieren, nur damit sie an das Dachgeschoss heran kommen, wo sie dann ein gro&#223;es Penthouse errichten.<br />
Oder du machst es gleich so wie es z. B. <em>Conwert </em>beim <em>OSEI </em>gemacht hat, du l&#228;sst die Abrissbirne auffahren, rei&#223;t das ganze Geb&#228;ude nieder und ziehst ohne staatliche Vorgaben vom Rei&#223;brett aus ein neues „Loft-Living-Paradies“ auf. Das sind dann nat&#252;rlich die krassesten Einschnitte, weil es optisch heraussticht und massiv in Tradition und Stadtbild des Viertels eingreift. Und es kommt eben auch zu einem 100%igen Bev&#246;lkerungsaustausch, denn in dem Geb&#228;ude ist unten ein Supermarkt und eine Polizeistation und oben wohnen keine Leute, die schon davor im Viertel gewohnt haben. </p>
<p><em>Sind solche Eingriffe in Wien nicht schwieriger umzusetzen, wegen des starken Einflusses des lokalen Staats? </em></p>
<p>Die Stadtverwaltung proklamiert bei jeder Gelegenheit „Wien ist anders“ und dass sie Wert darauf legt, dass sich Gentrifizierung bei uns nicht entfalten kann. Wir haben ein starkes MieterInnenschutzgesetz, das noch aus der ersten Republik stammt und welches das Kommodifizierungspotential massiv einschr&#228;nkt. Das stimmt auch, es gibt dieses MieterInnenschutzgesetz mit Richtzinsen usw. tats&#228;chlich und es ist auch wirklich immer noch eines der progressivsten der Welt. Das ist eine wichtige Errungenschaft aus der ersten Republik, aus dem Roten Wien, die es zu verteidigen gilt. Aber: Dieses Gesetz senkt das Kommodifizierungspotential von Raum in der Stadt. Die Innenbezirke waren durch das MieterInnenschutzgesetz streng reguliert und das Kapital hatte kein Interesse, da gro&#223; zu investieren. Das ist die Krux f&#252;r eine neoliberalisierte Sozialdemokratie, dass sie noch mit den Gesetzen aus dem Roten Wien zu k&#228;mpfen hat. Die Sanfte Stadterneuerung war auch eine Antwort auf diese Widerspr&#252;chlichkeit. Aus der Perspektive der Stadt Wien sollte sie dem Einfall von internationalem Investitionskapital, wie er f&#252;r Gentrifizierungsprozesse typisch ist, in die traditionellen und krisenhaft destabilisierten ArbeiterInnenviertel von Wien von vorne herein klare Grenzen setzen. Die Hoffnungen ruhten auf den lokalen Gebietsbetreuungen, die in diesen gr&#252;nderzeitlichen Zonen eben daf&#252;r sorgen sollten, dass es zu einem Zuzug einer mittelst&#228;ndischen sozialen Formation kommt, aber nicht zu einer Vertreibung der alten EinwohnerInnenschaft. Den Spagat, den die Stadt und die Gebietsbetreuung dort t&#228;glich versucht, ist einerseits die Rahmenbedingungen f&#252;r Kapitalzufluss zu schaffen, gleichzeitig aber auch daf&#252;r zu sorgen, dass die Leute nicht verdr&#228;ngt werden.</p>
<p><em>Was erhofft sich die sozialdemokratische Stadtregierung denn von dieser Aufwertung, warum ist sie politisch gewollt?</em></p>
<p>Wenn Du mit einem/r Repr&#228;sentanten/in der Stadtverwaltung oder so einem/r Quartiers-„ManagerIn“ im Brunnenviertel sprichst, dann werden die sagen: Dieses Viertel ist in einer Krise, wir m&#252;ssen es retten. Wir wollen, dass die besser verdienende urbane Mittelschicht, eine aufstiegsorientierte soziale Formation, in das Viertel zieht. Die Angeh&#246;rigen dieser Schicht mit ihren postfordistischen Wirtschaftsformen und ihren alternativen Lebensstilen geben auf dem Markt mehr Geld f&#252;r teurere Produkte aus. Sie gehen davon aus, das Viertel k&#246;nne ja nur besser und sch&#246;ner werden, wenn kaufkr&#228;ftiges Publikum reinkommt. Insgesamt w&#252;rde die migrantisch gepr&#228;gte, lokale Bev&#246;lkerung davon profitieren. Man k&#246;nne die „Ghettoisierung“ des Brunnenviertels – und noch mal, ich glaube nicht, dass es ein Ghetto ist, aber dieses moralische Argument wird bewusst eingesetzt – aufbrechen, indem man da eine Mittelschicht reintransplantiert. Dass soll dann &#252;ber einen <em>trickle-down</em>-Effekt auch positive Folgen f&#252;r die dort ans&#228;ssige Bev&#246;lkerung haben. Im Endeffekt sind das <em>reagonomics</em>: Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut. Das sehe ich sehr kritisch.<br />
Auch das Argument, der „Ghettoisierung“ m&#252;sse soziale Durchmischung entgegen gesetzt werden, geht meiner Ansicht nach nicht auf: Nur die Nachbarschaft alleine garantiert noch keine soziale Durchmischung. Das ist ja auch das Faszinierende am Brunnenviertel, dass sich dort eine neue soziale Formation ihren Platz nimmt und ganz andere Repr&#228;sentationsmodi einbringt. Damit kann die bestehende Bev&#246;lkerung oft nicht so viel anfangen. Es kommt zu Parallelph&#228;nomenen wie z.B. am Yppenplatz, wo der westliche Teil, wo die Fu&#223;ballk&#228;fige stehen, stark in t&#252;rkischer Hand ist, w&#228;hrend der andere Teil, der Latte-Machiato- und Bioteil, in der Hand der Zuz&#252;gler ist. Wo passiert da die Durchmischung? Die passiert h&#246;chstens mal im Konsum, wenn sich einE Falter-LeserIn einen Kebab holt, aber sonst? Die Durchmischung, die von der Stadt Wien versprochen wird, die sich aber dann nur selten erf&#252;llt, die m&#252;sste eigentlich von den neuen BewohnerInnen unter politischen Vorzeichen forciert werden. Das ist f&#252;r mich die Herausforderung, in einem Viertel zu wohnen, das die Stadtv&#228;ter f&#252;r die Gentrifizierung auserkoren haben.</p>
<p><em>Sind Argumente wie Trickle-down-Effekt oder soziale Durchmischung in Zeiten, in denen die Mehrheit der Bev&#246;lkerung mit &#246;konomischer und sozialer Prekarisierung konfrontiert ist, nicht ohnehin absurd? M&#252;ssten Aufwertungsprozesse nicht grade jetzt gestoppt und politisch eine De-Kommodifizierung von Wohnraum durchgesetzt werden?</em></p>
<p>Dass die Einkommensschere auseinandergeht, ist unter kritischen SozialwissenschaftlerInnen ein Allgemeinplatz. Wir sind mit dem Ph&#228;nomen konfrontiert, dass der Verdienst der meisten Menschen stagniert, w&#228;hrend die Mieten steigen. Sie m&#252;ssen deshalb relativ gesehen immer mehr Geld f&#252;r ihren Wohnraum aufwenden. Gerade der steigende Anteil derer, die unter prek&#228;ren Arbeitsbedingungen besch&#228;ftigt sind, die nur mehr &#252;ber wenig Lohn verf&#252;gen, ist eigentlich auf ein Angebot von Substandardwohnungen angewiesen. Dagegen argumentiert z. B. Wolfgang F&#246;rster, der Leiter des Referats Wohnbauforschung der Stadt Wien, es sei zynisch zu sagen: Wir m&#252;ssen den miesen Substandard erhalten, damit die Leute eine billige Wohnm&#246;glichkeit haben. Ich verstehe das Argument, aber das Problem ist: F&#246;rster ist Protagonist einer Stadtplanung, die den Substandard aufwertet, ohne die negativen Folgen dieser Aufwertung verhindern zu k&#246;nnen.<br />
Ich bin der Meinung, dass der Wohnraum eine Umverteilungsfunktion &#252;bernehmen muss, dass Wohnraum &#252;berhaupt aus der Kommodifizierung rausgenommen werden sollte, wie es das Rote Wien auch immer propagiert hat. Stattdessen hat gerade der &#246;ffentliche Wohnsektor seit 2000 einen Neoliberalisierungs- und Kommodifizierungsschub erhalten. 2000 gab es eine Revision der staatlichen Gesetzgebung, bei der die M&#246;glichkeit geschaffen wurde, dass Wohnbaugenossenschaften Wohnraum im Gemeindeeigentum auf dem freien Markt verkaufen k&#246;nnen. Es entstanden neue PPP-Konstellationen. Damit kehrte endg&#252;ltig die Logik des freien Marktes in den Sektor des &#246;ffentlichen Wohnbaus zur&#252;ck. Das f&#252;hrte zu einer Reduktion der &#246;ffentlichen Wohnbaut&#228;tigkeit, auch um die Mietpreise hoch zu treiben, weil das nat&#252;rlich im Interesse des Privatkapitals ist. Gleichzeitig investiert die &#246;ffentlichen Hand seit 2000 sehr viel Geld in repr&#228;sentative Gro&#223;projekte, die v. a. auf die urbane Mittelklasse ausgerichtet sind, wie z. B. der Bau von Zaha Hadid neben der Wirtschaftsuniversit&#228;t oder diese Gartenstadt in Ottakring. Die ist ein <em>Partnership </em>zwischen der Stadt Wien und der Ottakringer Brauerei und ber&#252;cksichtigt &#246;kologische und intrasoziale Faktoren. Die Wohnatmosph&#228;re ist dort sicher auch ganz toll, aber es stellt sich die Frage: F&#252;r wen wird gebaut? Sicher nicht mehr f&#252;r die Leute, die von den Gemeindebauten der 1960er, -70er und auch noch -80er Jahren profitiert h&#228;tten. Da wohnen eher kreative Leute aus dem gehobenen Dienstleistungssektor und der Mittelklasse. Dieselbe neue, urbane, gr&#252;n-rote Elite, die stark international verkn&#252;pft und sozial h&#246;chst mobil ist und &#252;ber ein hohes soziales und kulturelles Kapital verf&#252;gt, die sich mit Unterst&#252;tzung der Stadt Wien etwa auch in den sanierten Altbauten im Innerg&#252;rtel-Bereich niedergelassen hat. </p>
<p><em>Warum wehrt sich hier eigentlich niemand, wenn kaum mehr neuer Wohnraum f&#252;r untere Einkommensschichten geschaffen und gleichzeitig im Zuge von Gentrifizierungsprozessen der letzte g&#252;nstige Wohnraum zu Tode saniert wird?<br />
</em><br />
Man muss sich tats&#228;chlich wundern, wieso in Wien sowenig passiert. In Berlin brennen in den Gentrifizierungs-Hotspots seit f&#252;nf Jahren die Autos. Ich finde das nicht besonders progressiv, aber es ist doch Ausdruck der Wut &#252;ber Gentrifizierung. Dass es so etwas in Wien nicht gibt, liegt glaube ich auch daran, dass es hier eine spezifische, extrem effektive Form der <em>Governance </em>gibt: Das Gr&#228;tzel-Management. Stadterneuerungsma&#223;nahmen werden hier immer von gouvernementalen Kontrollmechanismen begleitet. Dort, wo Reibereien entstehen k&#246;nnten, steht das Gr&#228;tzel-Management bereit, um den sozialdemokratischen Schiedsrichter zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Kapital und BewohnerInnen zu spielen. Dass z. B. das Conwert-Projekt so friedlich ablief, w&#228;re ohne ein intensives Gr&#228;tzel-Mangagement nie m&#246;glich gewesen.</p>
<p><em>Abschlie&#223;end noch eine Frage, die man sich immer stellt, wenn man selbst in einem Viertel wohnt, das aufgewertet wird, und als StudentIn oder KulturschaffendeR dabei eine potentielle Pionierrolle einnimmt: Tr&#228;gt man individuelle Verantwortung f&#252;r Gentrifizierung-Prozesse?</em></p>
<p>Es ist faszinierend, dass Anti-Gentrifizierungs-Bewegungen immer von Leuten getragen werden, die selbst potentielle Pionierleistungen &#252;bernehmen. Historisch war es immer schon so, dass die K&#252;nstlerInnen oder &#228;rmere StudentInnen in der Nachbarschaft von ArbeiterInnen gewohnt haben. Die Frage ist nur: Schaust Du dich um, wo Du lebst, setzt Du dich damit auseinander, versucht du was dagegen zu tun? Weist du deine Pionier-Rolle vielleicht auch zur&#252;ck und sagst: Nein, ich m&#246;chte eigentlich kein Kartograph f&#252;r den Kapitalzufluss sein, sondern ich m&#246;chte daf&#252;r k&#228;mpfen, dass so etwas in diesem Viertel nicht passiert – und vor allem nicht wegen mir. Vielleicht kann das auch ein St&#252;ck weit eine moralische Verpflichtung sein. Ich glaube nicht, dass allein die Anwesenheit von K&#252;nstlerInnen oder StudentInnen in traditionellen ArbeiterInnenvierteln einen S&#252;ndenfall darstellt. Ich glaube, dass man sich ansehen muss, wo man lebt, und dann muss man seinen Widerstand genauso lokal leisten wie alle anderen auch.</p>
<p>Danke f&#252;r das Interview.</p>
<p>Jakob Weingartner studierte Soziologie in Wien, Paris und New York und lebt heute in Berlin. Er verfasste seine Diplomarbeit zum Ph&#228;nomen der Gentrifizierung am Beispiel des Brunnenviertels in Wien. Anschlie&#223;end absolvierte er einen Postgraduierten-Studiengang an der Universidad del Cine in Buenos Aires. Aktuell arbeitet er an einem Dokumentarfilm &#252;ber jugendliche BoxerInnen aus den Armenvierteln von Buenos Aires.</p>
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		<title>„Eine Haltung suchen, die anders sein will“</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:12:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>

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		<description><![CDATA[Daniel Fuchs und Benjamin Opratko sprachen mit Schorsch Kamerun und Ted Gaier von den Goldenen Zitronen &#252;ber kritische Haltungen in der Popkultur, die Ratlosigkeit der Linken in der Krise und die bayrische R&#228;terepublik.

Die Zeit hat euch j&#252;ngst, anl&#228;sslich eures 25j&#228;hrigen Bandbestehens, als „Deutschlands dienst&#228;lteste dezidiert linke Band“ bezeichnet. Da stellt sich doch die Frage: was macht denn eine „linke Popband“ [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Daniel Fuchs</em> und <em>Benjamin Opratko</em> sprachen mit <em>Schorsch Kamerun</em> und <em>Ted Gaier</em> von den <em>Goldenen Zitronen</em> &#252;ber kritische Haltungen in der Popkultur, die Ratlosigkeit der Linken in der Krise und die bayrische R&#228;terepublik.<br />
<span id="more-1527"></span></p>
<p>Die Zeit <em>hat euch j&#252;ngst, anl&#228;sslich eures 25j&#228;hrigen Bandbestehens, als „Deutschlands dienst&#228;lteste dezidiert linke Band“ bezeichnet. Da stellt sich doch die Frage: was macht denn eine „linke Popband“ eigentlich aus?</em></p>
<p>Ted Gaier: Glaubst du etwa der Zeit?! </p>
<p><em>Nicht unbedingt – aber das Attribut „links“ ist ja eines, das ihr auch f&#252;r euch selber benutzt, oder nicht?</em></p>
<p>Schorsch Kamerun: Das kann schon sein, aber das klingt dann auch schon wieder wie so ein Labelling – immer diese Beschreibungen, um etwas irgendwie festhalten zu m&#252;ssen&#8230; Lass uns doch besser dar&#252;ber reden, was ihr meint, was „links“ bedeuten k&#246;nnte, vielleicht findet man dann ja einen Weg. Aber das blo&#223; zu best&#228;tigen oder abzulehnen finde ich einen Vorgang, der so gar nicht n&#246;tig ist.</p>
<p>TG: Das lustige ist ja, dass der Autor dieses „Zeit“-Artikels mir dazu eine Mail geschrieben hat, auf die ich geantwortet habe, dass ich locker ohne die Begriffe „Punk“ und „Links“ auskomme&#8230;</p>
<p>SK: Ich &#252;brigens auch.</p>
<p>TG: &#8230;aber diese Antwort kam im Artikel dann gar nicht vor, weil der Journalist halt seine These verbreiten wollte. Das ist mir mit <em>Robespierre</em>, einer anderen Band in der ich spiele, auch schon so gegangen. Ich meine: Klar sind wir eine linke Band, aber das nur auf dieser Ebene zu verhandeln, f&#252;hlt sich irgendwie etwas fade an. </p>
<p>SK: Die Beschreibung „links“ mag ja stimmen, aber man wird des Attributs dann doch etwas m&#252;de. Man muss das doch sofort &#252;berpr&#252;fen.</p>
<p>TG: Die Frage, die sich da anschlie&#223;t, ist ja: Was ist denn eine linke Band?</p>
<p><em>Das ist es ja, was wir ansprechen wollten. Vielleicht k&#246;nnen wir das anders formulieren. Am N&#228;hesten l&#228;ge es, das anhand der Texte zu verhandeln – gerade bei euch, die ihr euch in euren Texten auch stets mit aktuellen Verh&#228;ltnissen auseinandersetzt. Dann dr&#228;ngt sich aber die Frage auf, wie es mit dem Verh&#228;ltnis von Text und Musik aussieht. Es gibt in der j&#252;ngst erschienenen Dokumentation von Peter Ott<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> &#252;ber euch eine Stelle, an der ein ehemaliges Bandmitglied sagt, dass er manchmal das Gef&#252;hl hatte, dass </em>Die Goldenen Zitronen<em> nur noch etwas Musik rund um die Texte bauen wollen. Das ist ja ein Problem: Einerseits will man aus einer kritischen Perspektive Leute mit seinen Texten erreichen, andererseits will man auch in der Form eine gewisse Radikalit&#228;t entwickeln.</em></p>
<p>TG: Das ist genau das Paradoxe daran. Einerseits machen wir so was wie Chansons oder Songwriting, wo die Texte total wichtig sind, und dann sind wir so etwas wie ein improvisierendes Kollektiv, wie eine Band, die auch ohne Texte ausk&#228;me. Das ist unser Anspruch und Antrieb. Bei unseren letzten beiden Platten, <em>Lenin </em>und <em>Die Entstehung der Nacht</em>, hatten wir die Songs erstmal ohne Text komplett fertig, und haben dann angefangen, Texte dazu zu schreiben. Die Musik ist also v&#246;llig ohne Einfluss davon, was sie textlich abbilden soll, entstanden – was etwa bei der <em>Das bisschen Totschlag</em>-Platte noch ganz im Vordergrund stand. Das ist also ein Paradox, das wir auch nicht wirklich geregelt kriegen. Und nat&#252;rlich springt man gerade im deutschsprachigen Raum immer gleich auf die Texte an. Die sind dann die Hauptwahrnehmung, und die Musik f&#228;llt gerne mal ein bisschen unter den Tisch. Und nat&#252;rlich ist das eine Einheit, wobei es Bands gibt, bei denen Texte nicht so wichtig waren – wie zum Beispiel <em>Can</em>, oder <em>Faust</em>. Bei uns ist das aber so komisch, wir wollen immer zwei Sachen gleichzeitig. Wir behaupten, dass die Musik ein Eigenleben hat. F&#252;r <em>Das bisschen Totschlag </em>gilt: Wir hatten eine klare Vorstellung davon, was gesagt werden muss, und wir wollten, dass sich das auch in der Musik abbildet: in der wilden Orgel, in der wilden Gitarre, in den wilden Beats, damit das wie so ein Klumpen wird. Und heute versuchen wir das eher auseinanderzunehmen und manchmal auch vielschichtigere Rhythmen zusammenzubringen.</p>
<p>SK: Ich glaube, dass wir uns bei all diesen Sachen, wenn wir uns selbst &#252;berpr&#252;fen, &#252;ber eine Haltung definieren. Das machen wir nat&#252;rlich &#252;ber die Texte, das kann man ja auch ablesen, und in der Musik funktioniert das eher in einer dehnbareren Form, da kann man mehr auslegen. Aber auch wenn wir musizieren, versuchen wir explizit nach einer Haltung zu suchen, die „anders“ sein will, und das gelingt uns vielleicht auch. Wenn man singt, macht es ja auch etwas aus, <em>wie </em>man etwas singt, um noch etwas reinzulegen. Oder wie wir auf die B&#252;hne gehen, wie wir uns da hinstellen, dass das Rotationsprinzip auf der B&#252;hne stattfindet, das ist immer eine Art der Haltungs&#252;berpr&#252;fung, bei allem was wir so tun. </p>
<p><em>Wie geht ihr denn damit um, dass ihr auch Teil von Popkultur seid, wie reflektiert ihr das?</em></p>
<p>SK: Popkultur ist ja auch so ein wahnsinnig dehnbarer Begriff – alles will ja irgendwie Popkultur sein&#8230;</p>
<p><em>Aber es gibt doch gewisse popkulturelle Konzepte wie Leads&#228;nger, Popstar&#8230;</em></p>
<p>SK: Und genau die versuchen wir ja st&#228;ndig zu thematisieren. Zum Beispiel bei Fotos, wo sonst immer der S&#228;nger nach vorne soll, wie das eben so ist. Man sieht bei den Fotos, die es von uns gibt, dass da auch noch andere Leute mit drauf sind, mal in der &#214;ffentlichkeit fotografiert wurde oder man einfach Bekannte mit dazu nimmt, damit man den Kreis da immer erweitert und nicht so genau sagen kann: Das sind die Positionen in dieser Gruppe. Nun verwenden wir ja zum Teil auch Kost&#252;me, oder wie man das nennen soll. Bei der letzten Platte waren das die Lederjacken mit diesen &#252;berzogenen Slogans drauf, diesmal ist es wieder was anderes – das ist dann auch wieder Teil unserer Sprache: dass die Gruppe ein Gesamtbild abgibt. Da ist es nicht so, dass ein Typ im Vordergrund steht, sondern du musst das Ganze sehen. Das haben wir auch schon bei den Fotos davor gemacht, wo wir als Superhelden in verschiedensten Richtungen aufgetreten sind. Das kann dann ein Bauherr sein, oder ein Proll, oder Napoleon und so weiter. Da kann man also schon dr&#252;ber nachdenken, wie man da was aushebelt.</p>
<p><em>Es gibt ja auch Diskussionen innerhalb der Band dar&#252;ber, wie die Zusammenarbeit geregelt wird.</em></p>
<p>SK: Muss ja!</p>
<p><em>Stellt sich da auch die Frage, wie eine Band selbst demokratisch strukturiert sein kann?</em></p>
<p>SK: Genau, wobei wir die Sachen, &#252;ber die wir gerade sprechen, schon vor langer Zeit angelegt haben, als wir angefangen haben, innerhalb von Popkultur die Dinge zu begreifen, was etwa das Labelling angeht oder bestimmte Beschreibungsformen. Ob das nun Abbildungen sind, Fotos, wie das auf der B&#252;hne wahrgenommen wird, wie wir als Gruppe musizieren, wer da noch mit reinkommen kann – das kann man schon aufweichen.</p>
<p><em>Seit Anfang der 1990er und </em>80.000.000 Hooligans<em> ist eure Musik, gerade textlich, immer auch so was wie eine Bestandsaufnahme zur Lage der Nation. 2006, bei </em>Lenin<em>, waren die Themen, die herausgestochen sind, Prekarisierung, Verunsicherung und erzwungene Flexibilit&#228;t. Auf der neuen Platte schreibt sich das weiter – bei Songs wie </em>Blo&#223; weil ich friere<em> zum Beispiel; andererseits ist auf der Platte aber auch die Krise als gro&#223;er Bruch erkennbar. Was hat sich denn eurer Ansicht nach in den Jahren, die zwischen diesen beiden Platten vergangen sind, tats&#228;chlich ver&#228;ndert?</em></p>
<p>TG: Das erste Problem ist ja schon mal, dar&#252;ber zu reden. Da geht’s einem nicht anders als dem Rest der Linken. Es scheint ja &#252;berhaupt nicht m&#246;glich, zu fassen, was das eigentlich soll, und diese Ratlosigkeit ist ja auch allumfassend. Deshalb versucht der Text da auch nicht schlauer zu sein als er ist. Es ist nat&#252;rlich einfacher, nach Rostock-Lichtenhagen1 eine Position zu haben und zu sagen „Hey ihr Arschgeigen, das habt ihr gemacht und so ist das gelaufen!“ Diese Art der Berichterstattung war damals letztendlich einfach, weil man ja nur die Zeitungsnachrichten und die eigenen Erfahrungen zusammensammeln musste und dann konnte man gleich eine Anklageschrift formulieren. Jetzt merken wir alle ja, dass wir total drau&#223;en sind. W&#252;rde diese Krise, so wie sie gelaufen ist, in den 1970er Jahren stattgefunden haben, dann w&#228;ren die Eliten an den Universit&#228;ten irgendwelche Leute, die vom Marxismus eine Ahnung haben, und der Sozialismus w&#228;re sowieso gerade eine Option gewesen. Dann h&#228;tte das eine ganz andere Sprengkraft und es w&#252;rde ein ganz anderes in-die-Situation-Treten geben, weil es genug Leute g&#228;be, die sagen w&#252;rden „Nein, jetzt machen wir es aber ganz anders!“. Die Akzeptanz daf&#252;r, dass nicht diejenigen, die den Karren in den Dreck gefahren haben, ihn wieder rausholen m&#252;ssen, w&#228;re geringer. Und ich wei&#223; nicht, wie’s euch geht, aber mir kommt es so vor, dass wir gar nicht wirklich viel &#252;ber diese Krise wissen, und dass – was wei&#223; ich – Angela Merkel auch nicht mehr dar&#252;ber wei&#223;. Das ist nat&#252;rlich eine absurde Situation. Da fiel mir jedenfalls auf, dass wir im Kampf in der Kultur schon viel erreicht haben, in den Styles, in den Codes, in der Theorie, im emanzipatorischen Diskurs – aber aus dem &#246;konomischen Diskurs ist man komplett drau&#223;en. Jemand wie Robert Kurz<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> hat’s zwar schon seit 15 Jahren gesagt, aber der kann jetzt auch nur sagen: „Ich hab’s euch ja gesagt!“</p>
<p><em>Wie schl&#228;gt sich das dann in der Alltagserfahrung nieder? W&#252;rdet ihr sagen, dass sich diese Prekarisierungstendenzen, die ihr auf dem Album </em>Lenin<em> beschreibt, und das Thema Verunsicherung/Sicherheit, mit der Krise weiter verst&#228;rkt haben?</em></p>
<p>SK: Also die Verunsicherung, die war ja insgesamt gesellschaftlich da. Ich meine, was da ins Wanken geraten ist, das findet ja nicht in pers&#246;nlichen Bereichen statt – das hat es sowieso schon davor gegeben, au&#223;er dass vielleicht der ein oder andere jetzt Angst hat, dass das, was er auf seinem Konto hatte, jetzt irgendwie verschwindet. Aber ansonsten – ich meine, das System fand man ja m&#246;glicherweise auch vorher schon faul. </p>
<p>TG: Zumindest was die tagespolitische Debatte in Deutschland angeht, war meiner Meinung nach realpolitisch die Verunsicherung viel gr&#246;&#223;er als die <em>Hartz IV-Gesetze </em>eingef&#252;hrt wurden. Da haben Leute wirklich gemerkt, dass das jetzt ein Einschnitt ist, der etwas radikal ver&#228;ndert, der nach unten etwas aufmacht. Die Verunsicherung und der Unmut waren da viel sp&#252;rbarer als jetzt, wo das ja auch durch die Politik der Regierung abgefedert wird.</p>
<p>SK: Man merkt ja, dass es einfach nur um Versprechen geht. Es reicht eigentlich aus, das Versprechen, die Blase, die da geplatzt ist, durch eine neue zu ersetzen, die dann wieder Hoffnung gibt. Wenn die Regierung sagt, „Okay, wir fangen euch dann auf“, ist das auch erst mal nur eine Behauptung, und die kann sofort au&#223;er Kraft gesetzt werden, wenn es nicht alle „glauben“. Das ist ja auch ein bisschen das Problem von jemandem wie Obama. Bei dem sp&#252;rt man ja, dass es in den meisten F&#228;llen gar nicht unbedingt darum geht, was er faktisch verbessern kann, sondern erstmal um die Frage: „Glauben wir dem denn?“. Also immer nur um Versprechen, immer nur um etwas Imagin&#228;res. Und das hat man ja auch ganz deutlich bei der &#246;konomischen Krise gesp&#252;rt. Die trifft nat&#252;rlich trotzdem real die Leute, aber auch wenn es jetzt wieder „in Ordnung ger&#228;t“, hat man das Gef&#252;hl, dass die &#196;ngste eigentlich nur ein St&#252;ck h&#246;her geschraubt, noch mal erweitert werden. Du kannst entweder glauben oder nicht glauben, und das ist alles, weil der Rest geht einfach so weiter. </p>
<p><em>Eine Reaktion auf diese &#196;ngste, die ihr in dem Song Aber der Silbermond beschreibt, ist so ein neo-biedermeierlicher R&#252;ckzug ins Private. Da geht es um ein Lied der Band Silbermond, in dem sich die S&#228;ngerin „nur ein kleines bisschen Sicherheit“ w&#252;nscht. Beobachtet ihr, dass als Reaktion auf Verunsicherung und Prekarisierung so eine Sehnsucht nach Heimeligkeit festzustellen ist?</em></p>
<p>SK: Ja, und ich w&#252;rde schon sagen, dass das nat&#252;rlich ein verst&#228;ndlicher Reflex ist, wenn man meint, kaum eine M&#246;glichkeit zu haben, sich irgendwie zu verorten. Aber wahrscheinlich auch der falsche, weil man damit ja auch ein Instrument abgibt. Ich glaube, Cocooning kann es irgendwie nicht sein. </p>
<p>TG: Obwohl dieser Trend  nicht unmittelbar mit der Krise zusammenh&#228;ngt&#8230;</p>
<p>SK: Man kennt das aus der Soziologie schon ganz lange: der „flexible Mensch“, &#252;ber den Richard Sennett zum Beispiel ohne Ende geschrieben hat. Oder eben das Subjektivierungs-Thema, das ist ja jetzt nichts ganz Unbekanntes. Das wirkt eben auf Leute und es ist v&#246;llig verst&#228;ndlich, finde ich. Aber es darf meiner Ansicht nach nicht dazu kommen, dass man als einzige M&#246;glichkeit so eine Art Aussteigertum sieht, in dem es wirklich nur darum geht, zuzumachen.<br />
Man kann das jetzt ganz gut an dem <em>Silbermond</em>-Text festmachen, finde ich, oder an dem Video zu deren Song. Da geht es um Protest, wenn du so willst: Es beschwert sich jemand, macht das in diesem Video aber in einem Raum, in dem es um eine Demonstration geht, und sagt eigentlich „Ich will diese Demonstration nicht, weil die bringt es jetzt irgendwie auch nicht. Lasst es lieber bleiben!“. Und das ist schon ein Paradox, ein Widerspruch in sich, wenn man so will. Das ist denen, die das Video gemacht haben, aber nicht klar gewesen, glaube ich.</p>
<p>TG: Wobei, dass das da explizit einander gegen&#252;ber gestellt wird, ist schon fast wieder politisch. Das ist schon fast eine Form von Bewusstsein.</p>
<p>SK: Aber ich behaupte jetzt einfach mal, dass man da etwas missverstanden hat, dass man diesen Song gemacht hat und sich dann &#252;berlegt hat, was denn zu diesem Lied passt. Und dann machen sie einfach so ein Video.</p>
<p><em>Ist dieses Thema der Sicherheit und der Sehnsucht nach Sicherheit auch etwas, was dich, Schorsch, bei deinem Projekt f&#252;r die </em>Wiener Festwochen<em><a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> besch&#228;ftigt hat?</em></p>
<p>SK: Klar, das war ein Teil davon. Aber es ging da ja um sehr viel, etwa um die ganze &#220;berwachungsthematik. Ich habe ja auch ein paar lustige Sachen herausgefunden, wie die Z-Schl&#252;ssel-Geschichte, die unheimlich komisch ist. Man hat mir jetzt auch einen geschickt [lacht]  – ich bin jetzt im Besitz eines Z-Schl&#252;ssels! Ich habe zur Vorbereitung zwei Mal eine Konferenz besucht, das eine Mal in M&#252;nchen, da waren dann eher die Spezialisten, die sich im Feinsten auskennen, und dann war ich hier, in Simmering, wo sich die Polizei hingestellt und erkl&#228;rt hat, was man alles machen muss, um sich zu sch&#252;tzen, welche Schl&#246;sser es gibt und welche Olive so ein Schloss haben muss, mit all den Fachbegriffen. Die Leute dort waren begeistert. Und dann kriegst du irgendwie mit, dass man mit einem Z-Schl&#252;ssel in jedes zweite Haus in Wien reinkommt. Das war schon k&#246;stlich. Und die Polizisten da waren nicht schei&#223;e, sondern haben zum Beispiel gesagt, „Ok Leute, bitte keine Knarre zu Hause, weil das kann nur schief laufen“. Die haben also nicht die B&#252;rger aufgestachelt, sondern eher de-eskaliert, weil da waren Typen, die wollten nur dar&#252;ber reden, welche Waffen sie sich zulegen sollten und was f&#252;r eine sie schon zu Hause haben. Zum Schluss kam noch ein Bulle, ging zu so einem hin und meinte, „Sagen Sie mal, ich m&#246;chte Sie doch noch fragen, haben Sie denn &#252;berhaupt einen Waffenschein?“. [Lacht] </p>
<p><em>Eine Abschlussfrage noch, weil uns das als Theoriemagazin auch irgendwie nahe liegt: Welche Rolle spielt politische Theorie in eurer Arbeit, vor allem in eurer Textproduktion? </em></p>
<p>SK: Zun&#228;chst mal &#252;ber Selbstbildung und Interesse, w&#252;rde ich sagen. Das ist ganz unterschiedlich.</p>
<p><em>Was lesen denn die </em>Goldenen Zitronen<em> gerade? Was liegt am Nachttisch?</em></p>
<p>SK: Also ich habe jetzt gerade zwei Werke zur Bayrischen R&#228;terepublik gelesen, weil ich damit zu tun hatte. Also wirklich toll fand ich <em>Wir sind Gefangene</em> von Oskar Maria Graf<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>, das hat mich unheimlich ger&#252;hrt. Und dann noch <em>Eine Jugend in Deutschland</em> von Ernst Toller<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a>, auf eine ganz andere Weise, weil mit einer anderen Ernsthaftigkeit geschrieben. Die beiden Wege dieser zwei Leute fand ich interessant. Der eine, Toller, ist politisch wesentlich dezidierter, im Krieg Pazifist geworden, und hat dann als Revolution&#228;r irgendwann eingesehen: Okay, man h&#228;tte vielleicht doch Opfer bringen m&#252;ssen, weil du kannst die Revolution sonst nicht durchsetzen. Das ist schon krass, und Toller ist ja daran auch f&#252;r sich gescheitert und hat sich irgendwann umgebracht. Und dann jemand wie Oskar Maria Graf, der aus einem sehr autorit&#228;ren Umfeld kommt und irgendwann, wie er schreibt: „als das Blut brach“, meinte „ich habe es nicht mehr ausgehalten“, und sich anarchistisch politisiert hat. Das fand ich schon  sehr aufregend: Der eine, der &#252;ber eine fast moralische Ernsthaftigkeit an die Dinge herangeht, und der andere, der einfach nur meint „Hey, was ist los?“ und „Ich bin dabei, wenn was losgeht!“. Da sieht man, wie verschieden solche Dinge laufen k&#246;nnen. Gerade in der R&#228;terepublik war das Spannende, welche Rolle unterschiedliche Lebensmodelle in der Gesellschaft spielen k&#246;nnen. Jeden Abend stand da jemand in einem gro&#223;en Bierkeller und hat ein anderes Lebensmodell behauptet, und jedes war irgendwie eine Richtung, die man h&#228;tte wirklich einschlagen k&#246;nnen – was ja heute sozusagen undenkbar ist. Heute greift man so im Kleinen herum und kann das trotzdem kaum fassen, man kann kaum Hebel ansetzen. Und man muss ja auch zugeben, wie das mit Psychologie zusammenh&#228;ngt: mit einem Werdegang, mit einer Herkunft, mit einer Pr&#228;gung und so weiter, und eben mit dem Sozialisieren von Werdeg&#228;ngen. Oder auch wirklich oft mit etwas sehr Subjektivem, also mit welcher St&#228;rke gehe ich da ran, was kann ich da leisten und welche &#196;ngste dr&#252;cken sich da aus. Das darf man einfach nie ausblenden, glaube ich.</p>
<p>TG: Das Interessanteste an Toller ist, dass er es irgendwie gewusst hat… Seine Einsch&#228;tzung war ja richtig, dass man das nicht wuppen6 konnte, diese R&#228;terepublik. Aber es war eben so, dass die Arbeiter in M&#252;nchen und Augsburg gerade gesagt haben „Wir machen jetzt aber Revolution!“. Und Toller hat dann gesagt „Ja, okay. Das ist das erste Mal, dass die Arbeiter aufstehen – dann machen wir das. Auch wenn wir eine Niederlage einstecken, wir m&#252;ssen den historischen Moment nutzen“. Das hat mich immer total fasziniert.</p>
<p><em>Vielen Dank f&#252;r das Interview!</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> &#220;briggebliebene Ausgereifte Haltungen, Dokumentarfilm von Peter Ott, erschienen auf der Doppel-DVD <em>Die Goldenen Zitronen</em> Material (Buback/Indigo 2008).<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Robert Kurz ist Journalist, Autor des <em>Schwarzbuch Kapitalismus</em> und Mitbegr&#252;nder von <em>Exit! Krise und Kritik der Warengesellschaft.</em><br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a>Im Rahmen der <em>Wiener Festwochen</em> 2009 realisierte Schorsch Kamerun <em>Bei aller Vorsicht!</em>, einen als Performance inszenierten „Sicherheitsrundgang“ durch den zweiten Wiener Gemeindebezirk.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene. Ein Bekenntnis, M&#252;nchen 1981.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland, Reinbek 1978.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Wuppen: etwas Schweres im Handumdrehen erledigen.</p>
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		<item>
		<title>„Sie schlafen nie“</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Jan 2010 17:29:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Lateinamerika]]></category>

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		<description><![CDATA[Informelle Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse sind weltweit auf dem Vormarsch. Was dies f&#252;r die Situation von Frauen in den L&#228;ndern des globalen S&#252;dens bedeutet, fragten Katherina Kinzel und Felix Wiegand im Interview mit Petra Steiner von der Frauensolidarit&#228;t. Sie beschreibt die Arbeitsbedingungen, K&#228;mpfe und Organisationsformen von Frauen in den exportorientierten Produktionsst&#228;tten, spricht &#252;ber Heimarbeit und dar&#252;ber, warum das internationale Arbeitsrecht hier nur ungen&#252;gend greift.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Informelle Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse sind weltweit auf dem Vormarsch. Was dies f&#252;r die Situation von Frauen in den L&#228;ndern des globalen S&#252;dens bedeutet, fragten Katherina Kinzel und <em>Felix Wiegand</em> im Interview mit <em>Petra Steiner</em> von der <em>Frauensolidarit&#228;t</em>. Sie beschreibt die Arbeitsbedingungen, K&#228;mpfe und Organisationsformen von Frauen in den exportorientierten Produktionsst&#228;tten, spricht &#252;ber Heimarbeit und dar&#252;ber, warum das internationale Arbeitsrecht hier nur ungen&#252;gend greift.<br />
<span id="more-664"></span><br />
<em>Die Maquiladoras-Industrien sind sicherlich das bekannteste Beispiel f&#252;r freie Exportzonen. Was kann man sich darunter denn &#252;berhaupt vorstellen und in welchem Kontext ist die Entstehung solcher Industriezonen zu verorten?</em></p>
<p>Grunds&#228;tzlich kennen wir dieses Ph&#228;nomen weltweit, in Afrika, Asien und Lateinamerika. Es werden dort vor allem Textilien, Schuhe, Spielzeug, Elektronikzulieferung, Batterien, und andere Konsumartikel hergestellt. Die Bestandteile werden zollfrei importiert und das fertige Produkt dann wieder exportiert. Dieses Ph&#228;nomen ist immer mit neoliberalen Globalisierungsbestrebungen und Freihandelsabkommen in Verbindung zu bringen. Die ersten Formen von sogenannten freien Exportzonen sind schon in den 1980er Jahren entstanden bzw. haben sie damals, zum Beispiel im Kontext der Schuldenkrise in den 1980ern in Lateinamerika begonnen, sich stark auszubreiten. Nach einer ersten Welle von Freihandelsabkommen und der Uruguay-Runde ist die WTO aber bald an ihre Grenzen gesto&#223;en, weil die negativen Auswirkungen der Freihandelsabkommen deutlich wurden. Bei der n&#228;chsten gr&#246;&#223;eren WTO Verhandlungsrunde, der sogenannten Doha Runde, zeigte sich das, die Verhandlungen stagnieren seit 2001. Deshalb geht der Trend jetzt von multilateralen Handelsabkommen weg und hin zu bilateralen. Das erleben wir auch gerade auf Ebene der europ&#228;ischen Kommission, mit der Entwicklung einer neuen EU-Au&#223;enhandelsstrategie, des so genannten „global europe“ seit 2006. Hier werden bilaterale Abkommen forciert.</p>
<p><em>Welche Interessen stehen denn hinter diesen Freihandelsabkommen?</em></p>
<p>In erster Linie sind es die Regierungen der L&#228;nder des Nordens in Verbindung mit transnationalen Konzernen, die dahinter stehen, bzw. deren Interessen da verfolgt werden. Sie wollen einen Abbau von tarif&#228;ren Barrieren, w&#228;hrend die L&#228;nder des S&#252;dens sich einen Abbau nicht-tarif&#228;rer Handelshemmnisse w&#252;nschen. Die Unternehmen profitieren nat&#252;rlich am meisten vom Abbau von Zollbeschr&#228;nkungen oder einer radikalen Senkung von Z&#246;llen. Das hat dann stark negative Auswirkungen auf die nationalen Wirtschaften des globalen S&#252;dens. Es gibt z.B. Zahlen zu Lateinamerika, wo eine Senkung der Z&#246;lle von 32% in den Jahren 1980-85 auf 14% in den Jahren 1991-95 stattfand, wodurch viele M&#246;glichkeiten f&#252;r staatliche Subventionen verloren gingen.</p>
<p>Kannst Du diese negativen Auswirkungen noch genauer ausf&#252;hren?</p>
<p>Dadurch, dass in diversen Brachen, in denen zuvor protektionistische Ma&#223;nahmen bestanden haben, eine &#214;ffnung f&#252;r ausl&#228;ndische Investitionen erzwungen wurde, wurden nationale, kleinere Produktionseinheiten vom Markt verdr&#228;ngt und es kam zu einem starken Verlust an formalen Arbeitspl&#228;tzen. Auch die Ern&#228;hrungssouver&#228;nit&#228;t wurde untergraben: gerade der Bereich der Landwirtschaft ist hier ein ganz wesentlicher. Durch subventionierte Billigstimporte k&#246;nnen regionale Produkte nicht mehr abgesetzt werde.<br />
In Bezug auf die Arbeitspl&#228;tze sind die Auswirkungen jedoch zweischneidig: einerseits kommt es zu den erw&#228;hnten Verlusten an formellen Arbeitspl&#228;tzen, andererseits gibt es einen Trend zur Zunahme informeller Besch&#228;ftigungsformen. Die Prekarisierungswellen, die wir aus den OECD-L&#228;ndern kennen, sind ein globales Ph&#228;nomen. Vor allem in den exportorientierten Industrien, den freien Exportzonen oder auch in den Maquiladoras, in denen &#252;berwiegend Frauen t&#228;tig sind, nehmen informelle Besch&#228;ftigungsformen zu.<br />
Dass dabei das nationale Recht unterwandert wird – z. B. wird der vorgesehene Mindestlohn in den freien Exportzonen in Mexiko nicht eingehalten – h&#228;ngt auch mit &#246;konomischer Liberalisierung und der &#214;ffnung der M&#228;rkte zusammen. Diese werden von Seiten der Weltbank und des IWF durchgesetzt. F&#252;r die betreffenden L&#228;nder besteht die Notwendigkeit, Kredite zu bekommen. Die Kreditvergabe ist aber an Liberalisierungsbedingungen gekn&#252;pft. Gleichzeitig haben die betreffenden Staaten bzw. Regionen mitunter selbst ein Interesse an der Entwicklung von Maquiladores-Industrien, die ja immer wieder als eine gute Besch&#228;ftigungsm&#246;glichkeit angepriesen wurden – vor allem f&#252;r Frauen.</p>
<p><em>Hat sich diese Hoffnung auf mehr Besch&#228;ftigungsm&#246;glichkeiten f&#252;r Frauen denn erf&#252;llt?</em></p>
<p>Es stimmt teilweise, dass die Frauenerwerbst&#228;tigkeit zugenommen hat, aber der pay-gap bei den Einkommen hat sich kein bisschen verringert, sondern ist im Gegenteil noch gr&#246;&#223;er geworden. Gleichzeitig muss man sich auch die Arbeitsbedingungen dieser Frauen ansehen. All diese Ph&#228;nomene, die wir in den freien Exportzonen beobachten k&#246;nnen, wie mangelnde Sicherheits- und Gesundheitsschutzbestimmungen und -Vorkehrungen, keinerlei soziale Absicherung, weder Mutterschutz noch Pensionsvorsorge noch Arbeitslosengelder, geringe oder ausbleibende Entlohnung kann man in den Kontext der „Feminisierung der Arbeit“ stellen. Hinzu kommen noch sexuelle &#220;bergriffe und geschlechtsspezifische Diskriminierung. Man muss sehen, dass in einem Bereich, in dem bestimme Rechte und Mindeststandards nicht gegeben sind, diese ohnehin vorhandene strukturelle Gewalt sehr oft zu einer individuell erlebten Gewalt wird.</p>
<p><em>Warum sind grade im informellen Bereich Frauen &#252;berproportional vertreten?</em></p>
<p>Einerseits machen sexistische und diskriminierende Einstellungspraxen es f&#252;r Frauen grunds&#228;tzlich schwierig, in formelle Arbeitsverh&#228;ltnisse hinein zu kommen. Andererseits ist die Nachfrage nach Frauen gerade in diesen arbeitsintensiven Exportindustrien stark, weil Frauen sehr oft in einer schw&#228;cheren Verhandlungsposition sind. Das hat wieder mit Geschlechterstereotypen und der Aufgaben- und Rollenverteilung im gesellschaftlichen Leben und im Pflege- und F&#252;rsorgebereich zu tun. So gibt es z. B. in den Maquilas in Mexiko viele allein erziehende Frauen, die dann nat&#252;rlich eine sehr schwache Verhandlungsmacht innehaben.</p>
<p><em>Kann man den Frauenanteil in den Exportzonen denn &#252;berhaupt beziffern?</em></p>
<p>In den freien Exportzonen und den Zulieferbetrieben gibt es auch noch viele M&#228;nner. Aber es ist wichtig zu sehen, dass es eine starke Entwicklung in Richtung Informalisierung gibt. Wenn wir &#252;ber die informelle Wirtschaft sprechen, dann zeigen die Zahlen, dass dort 60% Frauen besch&#228;ftigt sind.<br />
Dieser hohe Anteil kommt deshalb zustande, weil bestimmte produzierende T&#228;tigkeiten von den Zulieferfirmen als Heimarbeit in die Haushalte ausgelagert werden. Dass diese T&#228;tigkeiten vor allem von Frauen ausgef&#252;hrt werden, liegt unter anderem daran, dass diese die Hauptverantwortung im Haushalt tragen. Es gibt dann keine klare Trennung von Lohnarbeit und anderen, vermeintlich privaten Pflichten und Verantwortungen. Es scheint dann einfach zu sein, das gleich zu Hause machen zu k&#246;nnen. Zugleich geht es auch um informelle T&#228;tigkeiten im &#246;ffentlichen Raum: Stra&#223;enverk&#228;uferinnen, Stra&#223;enk&#246;chinnen, M&#252;llsammlerinnen, Schuhputzerinnen usw. Ein weiterer Faktor sind Sexarbeit und domestic workers.</p>
<p><em>Wie sieht denn die arbeitsrechtliche Situation der Heimarbeiterinnen aus?</em></p>
<p>Wenn Betriebe produzierende T&#228;tigkeiten aus den Zulieferbetrieben in Privathaushalte auslagern, kann es z. B. der Fall sein, dass es zwar formal einen Vertrag und einen gesetzlichen Mindestlohn gibt, dieser dann aber nicht gezahlt wird. Oft haben die Unternehmen eine doppelte Buchhaltung, eine schwarze Buchhaltung und eine offizielle, die pr&#228;sentiert wird, wenn sich das Unternehmen f&#252;r <em>Corporate Social Responsibility</em> (CSR) interessiert.<br />
Dass so etwas &#252;berhaupt m&#246;glich ist, hat aber auch mit dem Arbeitsrecht auf internationaler Ebene zu tun. Auf dem Feld der internationalen Beziehungen wird von einer Norm ausgegangen, die eine m&#228;nnliche Norm ist, und die historisch gesehen eigentlich als etwas a-typisches betrachtet werden muss. Der wei&#223;e Familienern&#228;hrer, der in einem so genannten Normalarbeitsverh&#228;ltnis angestellt ist, ist ein Nachkriegsph&#228;nomen Mitteleuropas, das viel mit dem Wirtschaftswachstum zu tun hat und nur m&#246;glich war, weil so viel unbezahlte Arbeit geleistet wurde, und das &#252;berwiegend von Frauen.<br />
Die Problematik dieser Norm sehen wir darin, dass die Bed&#252;rfnisse und Interessen, die von den Frauen in informellen Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnissen artikuliert werden, in den Kernarbeitsnormen gar nicht vorkommen. Diese gehen n&#228;mlich von formellen, transparenteren Angestelltenverh&#228;ltnissen oder Fabriks- und Unternehmensformen aus, die in dieserForm der Situation vieler erwerbst&#228;tiger Frauen weltweit nicht entsprechen. Informelle Arbeitsverh&#228;ltnisse sind oft durch Unsichtbarkeit, Isolation, Vereinzelung und die oben genannten strukturellen Formen von Diskriminierung bestimmt. Bei den Kernarbeitsnormen geht es um ein commitment, ein Bekenntnis, das Antidiskriminierung und Chancengleichheit beinhaltet. Was hier im Vordergrund steht, ist das Verbot von Zwangsarbeit und Kinderarbeit, das Recht, sich zu organisieren und Gewerkschaften zu gr&#252;nden, sowie das Recht auf Kollektivverhandlungen. Als Heimarbeiterin bin ich aber gar nicht in derart institutionalisierten und organisierten Arbeitsverh&#228;ltnissen. Ich bin vielleicht in ein soziales Netzwerk eingegliedert, aber das hei&#223;t noch lange nicht, dass ich die M&#246;glichkeit h&#228;tte, Tarifverhandlungen zu f&#252;hren. F&#252;r informelle Arbeitsverh&#228;ltnisse sind daher ein existenzsichernder Mindestlohn und soziale Standards zentral. Das Einkommen reicht oft einfach nicht aus, um sich selbst zu versichern.<br />
Wenn die Frauen unmittelbar befragt werden, wo ihre Bed&#252;rfnisse liegen, dann geht es da immer ganz stark um Schutz vor Gewalt, darum, dass sie in ihrer W&#252;rde respektiert werden wollen, aber auch um Schutz vor gesundheitlichen Sch&#228;den, &#220;bergriffen und Diskriminierungen, z.B. die erzwungenen Harntests zur &#220;berpr&#252;fung m&#246;glicher Schwangerschaften. Das ist ein ganz zentraler Punkt, wenn es um Arbeitsrechtsnormen geht: was sagen die betroffenen Frauen selbst, was ben&#246;tigen sie. Diese Dimension fehlt auf der internationalen rechtlichen Ebene. Das ist so &#228;hnlich wie bei der Menschenrechtsdiskussion, die ja immer wieder als eurozentristisch und male-orientated kritisiert wurde, bzw. wo bei FeministInnen eine gewisse Zur&#252;ckhaltung vorherrscht. In beiden F&#228;llen ist es so, dass die zugrundeliegenden, Frauen diskriminierenden Strukturen gar nicht beachtet werden.<br />
Diese blinden Flecken h&#228;ngen vielleicht auch ein bisschen damit zusammen, dass die Kernarbeitsnormen ein Kompromiss waren, so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner, in dem aber zentrale Aspekte fehlten.<br />
Seit den 1990er Jahren kann das Ph&#228;nomen von informeller Wirtschaft nicht mehr ignoriert werden. Auf die Zunahme informeller Arbeitsverh&#228;ltnisse wurde deshalb reagiert. So wird st&#228;rker versucht, die Rechte, die auch f&#252;r informelle Arbeitsverh&#228;ltnisse gefordert werden, in Form von Konventionen durchzusetzen.<br />
Eine Weiterentwicklung der Kernarbeitsnormen ist der „decent-work“-Ansatz, der versucht, auf genau diese Probleme einzugehen und darum z.B. einen existenzsichernden Mindestlohn und soziale Sicherungssysteme beinhaltet. Nat&#252;rlich hat auch das seine Grenzen, aber es ist f&#252;r Frauen, die als Haus- oder Heimarbeiterinnen t&#228;tig sind, sehr wichtig, dass es solche Konventionen gibt. Es wurde auch eine Konvention f&#252;r die Rechte von Heimarbeiterinnen verabschiedet. Das ist ein erster Schritt hin zur Anerkennung dieser Arbeit als mit formellen Besch&#228;ftigungsformen ebenb&#252;rtig.</p>
<p><em>Bedeutet der hohe Anteil erwerbst&#228;tiger Frauen eine Ver&#228;nderung der Geschlechterverh&#228;ltnisse vor Ort?</em></p>
<p>Nat&#252;rlich ver&#228;ndern sich die Rollenmuster, aber das sehe ich sehr ambivalent. Im Grunde bedeutet das f&#252;r Frauen eine Erweiterung der Hauptverantwortlichkeit f&#252;r Vieles im gesellschaftlichen und famili&#228;ren Leben auf den Bereich der Erwerbst&#228;tigkeit. Das kennen wir auch im Zusammenhang mit den Mikrokreditsystemen, wo die Frau die Rolle der Ern&#228;hrerin einnimmt – was sie zuvor ohnehin in den meisten F&#228;llen schon getan hat, allerdings eher im Bereich der Landwirtschaft und jetzt in gewerblicher Hinsicht. Das kann den Frauen auch mehr Respekt einbringen, aber im Grunde ist es eher mit erh&#246;hten Belastungen verbunden. Die Mikrokreditsysteme sind ja nur gem&#228;&#223; einer Marktlogik gedacht, weshalb sich ein hoher Druck auf die Frauen entwickelt, diese Kredite und die teilweise ganz sch&#246;n hohen Zinsen zur&#252;ckzuzahlen. Zwar versuchen die Frauen, Kooperativen zu bilden, um sich gegenseitig zu unterst&#252;tzen, aber de facto ist dieser Druck auf die Frauen da. Wenn dann gleichzeitig nichts getan wird, um Geschlechterrollen zu ver&#228;ndern und einen Bewusstseinswandel anzusto&#223;en, der auch die M&#228;nner einbindet, dann bleibt am Ende wieder alles auf den Frauen lasten. Ein Schritt hin zur Befreiung oder auch &#246;konomischen Entlastung von Frauen ist das also nur bedingt. Dar&#252;ber hinaus f&#252;hlen sich viele M&#228;nner in ihrer Rolle in Frage gestellt, und das f&#252;hrt auch zu einer Zunahme von Gewalt, nicht nur in Mexiko, sondern auch in Afrika.<br />
Zugleich denke ich aber, dass das Agieren in der Erwerbst&#228;tigkeit vielen Frauen auch viel Kraft f&#252;r den Arbeitskampf gibt. Ich frage mich dann, woher die Frauen eigentlich ihre Kraft noch hernehmen. Obwohl sie sowohl f&#252;r das Einkommen als auch f&#252;r die Versorgung der Familie verantwortlich sind, schaffen sie es noch, sich zusammenzutun, sich zu mobilisieren und einen politischen Kampf zu f&#252;hren. In erster Linie geht es dabei um das Self-empowerment der Frauen, darum, sich gegenseitig zu unterst&#252;tzen und eine st&#228;rkere Position zu gewinnen. Da gibt es weltweit unglaublich viele Beispiele.</p>
<p><em>Kannst Du uns einige solcher Beispiele nennen?</em></p>
<p>Gerade l&#228;uft in S&#252;dafrika eine von <em>StreetNet</em> organisierte Kampagne im Zusammenhang mit den Vorbereitungen zur Fu&#223;ball-Weltmeisterschaft. Das ist eine Kampagne, die lokal vor Ort agiert, aber auch versucht, international Aufmerksamkeit zu gewinnen und sich dabei auch an die OrganisatorInnen der WM wendet. Dort wird n&#228;mlich versucht, in Bereiche zu intervenieren, die f&#252;r viele Menschen &#252;berlebensnotwendig sind, z. B. sollen die Stra&#223;enh&#228;ndlerInnenzonen geschlossen und den H&#228;ndlerInnen der Zugang zu den &#246;ffentlichen Pl&#228;tzen, an denen dann die WM stattfindet, verweigert werden. Statt die lokale Bev&#246;lkerung einzubinden, werden die Bauauftr&#228;ge und das Gastronomieangebot international ausgeschrieben. Dagegen findet ganz viel Mobilisierung statt.<br />
In Indien ist eine der ber&#252;hmtesten Frauengewerkschaften t&#228;tig, die <em>SEWA </em>(self employed women association), die es seit vierzig Jahren gibt und in der Tausende von Frauen Mitglied sind. Es ist eine Mischform aus Kooperative und Gewerkschaft, die Ma&#223;nahmen zur Fortbildung f&#252;r Frauen in der Selbstst&#228;ndigkeit anbietet, aber auch kollektive Unterst&#252;tzungsformen bei Fragen von Versicherung, Altersversorgung und Kinderbetreuung organisiert. Au&#223;erdem wird durch Aufkl&#228;rung und Rechtsschulungen versucht, ein Bewusstsein f&#252;r die eigenen Rechte zu schaffen und so die Verhandlungssituation der Frauen zu st&#228;rken.<br />
Auch China ist momentan ein spannendes Feld, weil sich zivilgesellschaftlich im Grunde alles auf Hong Kong konzentriert und sonst im Hinblick auf zivilgesellschaftliche Kampagnen wenig m&#246;glich ist. Trotzdem gibt es auch da viele K&#228;mpfe, unter anderem von Wanderarbeiterinnen.<br />
Die K&#228;mpfe in den Maquiladoras-Industrien in Mexiko sind hier nat&#252;rlich auch zu nennen. Es gibt dazu einen interessanten Film, den wir im Mai diesen Jahres im Rahmen unseres <em>Female Labor Moves</em> Filmfestivals gezeigt haben und der auch im Dezember wieder im Schickaneder l&#228;uft: „Maquilapolis“. Das besondere an dem Film ist, dass die Maquialdoras-Arbeiterinnen vorab in der Handhabung von Technik und Equipment geschult wurden und dann selbst die Kamera in die Hand nahmen. Der Film begleitet die Frauen bei zwei erfolgreichen K&#228;mpfen: erstens geht es um eine Firma in der Elektronikbranche, die &#252;ber Nacht ihre Fabriken abgerissen und ein paar Orte weiter wiederaufgebaut hat, um so um die ausstehenden L&#246;hne und Abfindungen herumzukommen. Zusammen mit einem Anwalt hat eine Gruppe von Frauen die Firma verklagt, vor Gericht gewonnen und im Nachhinein ihre Abfertigungen ausgezahlt bekommen. Der andere Kampf richtete sich gegen die verbreitete Praxis internationaler Konzerne, ihre Industrieabf&#228;lle direkt in den Fluss zu kippen. Zus&#228;tzlich zu den gesundheitssch&#228;digenden Produktionsbedingungen in den Maquiladoras haben die Frauen so auch noch unter der Verschmutzung ihres n&#228;chsten Umfelds zu leiden. Auch hier waren die Frauen erfolgreich. Das sind dann auch die Frauen, bei denen ich den Eindruck hatte, sie schlafen nie.</p>
<p><em>In was f&#252;r einem Verh&#228;ltnis stehen diese Formen der (Selbst-)Organisation von Frauen zu den bestehenden Gewerkschaften?</em></p>
<p>Das Ideal w&#228;re nat&#252;rlich, dass Frauenorganisationen und Gewerkschaften zusammenarbeiten. Aber es ist f&#252;r viele Frauen schwer, in die bestehenden Gewerkschaften hinein zu kommen, sich mit ihren Anliegen Geh&#246;r zu verschaffen. Gewerkschaften sind da teilweise sehr immobil oder langsam in ihren Ver&#228;nderungsprozessen. Deshalb entscheiden sich viele Frauen daf&#252;r, selbst eine Organisation zu gr&#252;nden, damit gesichert ist, dass ihre Anliegen im Mittelpunkt stehen. Die Gr&#252;ndung von eigenen Frauengewerkschaften ist wahrscheinlich ein internationales Ph&#228;nomen.</p>
<p><em>Was tut sich denn auf Ebene der offiziellen internationalen Politik?</em></p>
<p>Insgesamt sind die Ans&#228;tze zur Verbesserung der Situation informell besch&#228;ftigter Frauen sehr unterschiedlich. Auf Seiten der europ&#228;ischen Kommission gibt es Bestrebungen, einen so genannten „social clause“ in Handelsabkommen aufzunehmen. Die so genannten Schwellen- und Entwicklungsl&#228;nder sind aber zu einem Gro&#223;teil dagegen. Sie argumentieren, dies sei nur eine neue Form von &#246;konomischem Protektionismus, um ihnen den Zugang zu M&#228;rkten zu verwehren. F&#252;r sie sollten soziale Rechte nicht Teil eines Handelsvertrages sein, sondern auf einer anderen Ebene verhandelt werden.<br />
Dar&#252;ber hinaus muss man feststellen, dass Konventionen nat&#252;rlich nur bedingt verbindlich sind. Die unterzeichnenden L&#228;nder sind zwar angehalten, die Bestimmungen in nationales Recht aufzunehmen und entsprechend umzusetzen, aber das passiert sehr oft nicht.<br />
Auf einer anderen Ebene setzt CSR an, das sich an die Privatunternehmen direkt wendet. CSR ist eine Selbstverpflichtung von Unternehmen, die dann oft in Marketingabteilungen angesiedelt ist.<br />
Was bei alledem fehlt, ist die Verbindlichkeit sowie marktkontrollierende Ma&#223;nahmen. Deshalb bef&#252;rworten viele soziale Klauseln im Handelsabkommen, weil diese die M&#246;glichkeit bieten, Sanktionen zu erlassen. Aber auch Sanktionen greifen nicht immer: Wir haben ein Kapital, das sich st&#228;ndig bewegt und im Fall von Sanktionen k&#246;nnen die Unternehmen einfach ganz schnell abwandern. Auf EU-Ebene lie&#223;e sich da schon mehr machen.</p>
<p><em>Beinhalten Konventionen, Abkommen oder z. B. die „decent work“-Agenda auch explizit geschlechtsspezifische Fragen, wie sexuelle Diskriminierung oder sexuelle &#220;bergriffe?</em></p>
<p>Nein, das ist ein ziemliches Manko. Plattformen wie z.B. <em>WIDE</em> (women in developement europe), die teilweise auch an Verhandlungen teilnehmen, versuchen diese Leerstellen aufzuzeigen. Dass diese geschlechtsspezifischen Probleme ausgeblendet werden, h&#228;ngt auch stark damit zusammen, dass internationale Gewerkschaften sowie die Agencies der UN auf der F&#252;hrungsebene male-dominated sind, wodurch gender-sensible Wahrnehmungen untergehen.</p>
<p><em>Wie sch&#228;tzt Du „Corporate Social Responsibility“ als Strategie zur Verbesserung der Situation der Frauen ein?</em></p>
<p>Einerseits ist der Wunsch von Seiten der KonsumentInnen, m&#246;glichst „saubere“ Kleidung, „decent“ produzierte Schuhe zu tragen, absolut verst&#228;ndlich. In einem gewissen Ma&#223; gibt es auch „consumers power“. Die codes of conduct sind f&#252;r Konsumentinnen im Moment aber ziemlich schwer zu durchschauen, weil es so viele verschiedene codes gibt. Sehr viele Unternehmen erstellen sich ihre Codes auch selbst. Es gibt zwar die Fair Wear Foundation, die versucht das ein bisschen zu kontrollieren, aber das ist eine kleine Organisation, die gar nicht die notwendigen Ressourcen hat, um alle notwendigen Kontrollen vorzunehmen. Und dann kontrollieren sich die Unternehmen auch noch selbst.<br />
Man kann sich au&#223;erdem nur bei ganz wenigen Produkten sicher sein, dass wirklich die gesamte Produktionskette umfasst wird. Bei vielen Textilien geht es darum, wie die Baumwolle hergestellt wurde, aber die Verarbeitung und der damit verbundene Produktionsprozess ist nicht inkludiert.<br />
Auch dort, wo CSR ernst gemeint ist, bleibt dieser Ansatz zweischneidig. Um das ernsthaft umzusetzen, m&#252;sste man in Wirklichkeit die Produktion grundlegend umstellen. Es m&#252;sste langsamer produzieren werden. Das geht nat&#252;rlich nicht, wenn der ganze Produktionsprozess „just in time“ abl&#228;uft und im Internet der billigste Zuliefererbetrieb den Auftrag erh&#228;lt.</p>
<p><em>Wie sieht eure konkrete Arbeit bei der Frauensolidarit&#228;t aus?</em></p>
<p>F&#252;r mich pers&#246;nlich ist es zun&#228;chst einmal wichtig, sichtbar zu machen, was f&#252;r K&#228;mpfe und Forderungen von Frauen &#252;berhaupt gef&#252;hrt und gestellt werden. Frauen leben und arbeiten in sehr unterschiedlichen Verh&#228;ltnissen weltweit und sie stellen keine homogene Gruppe dar. Das wichtigste ist, diesen verschiedenen Gruppen von Frauen eine Stimme zu verleihen. Prim&#228;r sieht die Frauensolidarit&#228;t ihre Aufgabe in Bewussteins- und Informationsarbeit. Die Aktivistinnen sollen dabei m&#246;glichst selbst unmittelbar eingebunden werden. Wenn wir z. B. Veranstaltung organisieren, dann laden wir Aktivistinnen ein, die selbst &#252;ber ihre T&#228;tigkeiten berichten k&#246;nnen. Jetzt gerade arbeiten wir an einem Projekt das die „decent-work“-Agenda zum Inhalt hat und in dem es um die informelle Arbeit von Frauen geht. Wir haben einen Kalender produziert, den wir im Oktober (s. Ank&#252;ndigung) vorstellen werden. Damit wollen wir bekannt machen, welche Frauenorganisationen es gibt und ihnen die M&#246;glichkeit geben, sich selbst zu pr&#228;sentieren. Wir haben auch die M&#246;glichkeit, deren Positionen und Anliegen in unseren Netzwerken oder da, wo politisches Lobbying m&#246;glich ist, zu bef&#246;rdern. Und dann ist es nat&#252;rlich auch wichtig, pr&#228;sent zu sein, wenn hier etwas auf der Stra&#223;e passiert.</p>
<p><em>Prekarisierung und Informalisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen sind globale Ph&#228;nomene, die nicht nur Frauen im globalen S&#252;den betreffen – auch wenn sie hier nat&#252;rlich unter ganz anderen Vorzeichen stattfinden. Siehst Du darin neue M&#246;glichkeiten der Solidarisierung?</em></p>
<p>Ich denke schon. Ich glaube, dass fr&#252;here Zentrum-Peripherie-Ans&#228;tze, wenn sie &#252;berhaupt je G&#252;ltigkeit gehabt haben, schon lange unangemessen sind. Die sozialen Kl&#252;fte und Auseinandersetzungen, Armut und mangelnde Chancengleichheit gibt es hier wie dort. Dieser Umstand hat etwas verbindendes, Solidarit&#228;t wird mitunter einfacher. Wir sind auch hier wieder an einem Punkt, wo wir wieder anfangen m&#252;ssen zu k&#228;mpfen. Die Frage ist wohin und wof&#252;r.<br />
Manche Frauen sehen ihr Ziel auch gar nicht im Erreichen einer formellen T&#228;tigkeit. Wir m&#252;ssen erkennen, dass die weltweite Entwicklung hin zu informellen Besch&#228;ftigungsformen weiter voranschreitet und dass fr&#252;here L&#246;sungen einfach nicht mehr funktionieren. Wir m&#252;ssen eher f&#252;r diese neuen Besch&#228;ftigungsformen genauso rechtliche Absicherung fordern wie f&#252;r das, was ehemals als normal betrachtet wurde.</p>
<p><em>Petra Steiner</em> ist Bildungsreferentin des Vereins <em>Frauensolidarit&#228;t </em>und war u.a. an der Organisation des Filmfestivals<em> Female Labour Moves </em>beteiligt.</p>
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