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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Perspektiven Nr. 8</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Perspektiven Nr. 8 (Sommer 2009) jetzt komplett online!</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2009/06/25/perspektiven-nr-8-sommer-2009-jetzt-komplett-online/</link>
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		<pubDate>Thu, 25 Jun 2009 18:54:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 8]]></category>
		<category><![CDATA[FPÖ]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsextremismus]]></category>
		<category><![CDATA[Staatskapitalismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Schwerpunkt: Rechtsextremismus und soziale Krise

Die aktuelle Ausgabe von Perspektiven ist nun komplett online zug&#228;nglich:
Daniel Fuchs und Felix Wiegand zum (Wieder-)Aufstieg der FP&#214; &#8211; Robert Eiter im Interview zu Rechtsextremismus in Ober&#246;sterreich &#8211; G.M. Tamas zu Neofaschismus in Ungarn &#8211; Megan Trudell zu Italien unter Berlusconi &#8211; Thomas Reithmayer &#252;ber M&#246;glichkeiten des kritischen Studiums an &#246;sterreichischen Hochschulen &#8211; Mario Becksteiner, Tobias [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Schwerpunkt: Rechtsextremismus und soziale Krise</h3>
<p style="text-align: center;"><a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2009/05/p8-cover-webdings.jpg"><img class="size-thumbnail wp-image-414 aligncenter" title="p8-cover-webdings" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2009/05/p8-cover-webdings-150x150.jpg" alt="p8-cover-webdings" width="153" height="153" /></a></p>
<p><strong>Die aktuelle Ausgabe von Perspektiven ist nun komplett online zug&#228;nglich:</strong></p>
<p>Daniel Fuchs und Felix Wiegand zum <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=461" target="_self">(Wieder-)Aufstieg der FP&#214;</a> &#8211; Robert Eiter im Interview zu <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=472" target="_self">Rechtsextremismus in Ober&#246;sterreich</a> &#8211; G.M. Tamas zu <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=474" target="_self">Neofaschismus in Ungarn</a> &#8211; Megan Trudell zu <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=476" target="_self">Italien unter Berlusconi</a> &#8211; Thomas Reithmayer &#252;ber <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=517" target="_self">M&#246;glichkeiten des kritischen Studiums an &#246;sterreichischen Hochschulen</a> &#8211; Mario Becksteiner, Tobias Boos und Ako Pire zur <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=483" target="_self">doppelten Krise der &#246;sterreichischen Gewerkschaften</a> &#8211; Veronika Duma und Stefan Probst &#252;ber die <a href="http://www.perspektiven-online.at/?p=489" target="_self">Politische &#214;konomie der Sowjetunion</a> &#8211; <a href="http://www.perspektiven-online.at/?cat=9" target="_self">Rezensionen </a>und <a href="http://www.perspektiven-online.at/?cat=47" target="_self">Gustost&#252;ckerl</a></p>
<p><strong>Viel Spa&#223; bei der Lekt&#252;re &#8211; wir freuen uns auf <a href="http://www.perspektiven-online.at/kontakt/" target="_self">Feedback</a>!</strong></p>
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		</item>
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		<title>FP&#214;: Rechts extrem erfolgreich</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2009/06/13/fpoe-rechts-extrem-erfolgreich/</link>
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		<pubDate>Sat, 13 Jun 2009 12:57:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 8]]></category>
		<category><![CDATA[FPÖ]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsextremismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Die au&#223;ergew&#246;hnliche St&#228;rke der extremen Rechten in &#214;sterreich ist untrennbar mit ihrer prominentesten Repr&#228;sentantin auf parlamentarischer Ebene verbunden. Die FP&#214; wurde unter J&#246;rg Haider von einer traditionell-deutschnationalen Honoratiorenpartei zur erfolgreichen „Protestpartei“ umgemodelt und bietet nun, unter H.C. Strache, rassistische und autorit&#228;re Antworten auf die soziale Krise. <em>Daniel Fuchs</em> und <em>Felix Wiegand</em> diskutieren, wie der nachhaltige Erfolg der extremen Rechten erkl&#228;rt werden kann und ziehen daraus Konsequenzen f&#252;r linke Gegenstrategien.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die au&#223;ergew&#246;hnliche St&#228;rke der extremen Rechten in &#214;sterreich ist untrennbar mit ihrer prominentesten Repr&#228;sentantin auf parlamentarischer Ebene verbunden. Die FP&#214; wurde unter J&#246;rg Haider von einer traditionell-deutschnationalen Honoratiorenpartei zur erfolgreichen „Protestpartei“ umgemodelt und bietet nun, unter H.C. Strache, rassistische und autorit&#228;re Antworten auf die soziale Krise. <em>Daniel Fuchs</em> und <em>Felix Wiegand</em> diskutieren, wie der nachhaltige Erfolg der extremen Rechten erkl&#228;rt werden kann und ziehen daraus Konsequenzen f&#252;r linke Gegenstrategien.<br />
<span id="more-461"></span><br />
„Traurig aber wahr&#8221; und „die braune Brut will wieder heim&#8221;, so kommentierten Manuva, MC der HipHop Crew Total Chaos, und Hans Platzgumer, Rockmusiker, Elektronikbastler und Literat, Mitte der 1990er Jahre den europaweiten Aufstieg der Rechten im Allgemeinen und jenen von J&#246;rg Haider im Besonderen. Wie wir heute wissen, hatte die Entwicklung in &#214;sterreich zu diesem Zeitpunkt ihren traurigen H&#246;hepunkt l&#228;ngst noch nicht erreicht. Nicht, dass die „braune Brut&#8221; jemals wirklich au&#223;er Landes gewesen w&#228;re, aber mit den Wahlerfolgen auf Landes- und Bundesebene sowie der zweifachen Regierungsbeteiligung gelang dem Rechtsextremismus<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> eine fulminante „Heimkehr&#8221; in die Zentren der politischen Macht. Diese Erfolgsgeschichte w&#228;hrte indes nicht lange, folgten auf den scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg doch die Spaltung in FP&#214; und BZ&#214; sowie eine ganze Reihe z. T. verheerender Wahlniederlagen. Wer, wie der Philosoph Rudolf Burger, angesichts dieser Entwicklungen jedoch geglaubt hatte, Sch&#252;ssel h&#228;tte mit seiner Einbindungsstrategie den „Drachen&#8221; des Rechtsextremismus in &#214;sterreichs Parlamenten tats&#228;chlich get&#246;tet<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>, sieht sich sp&#228;testens seit 2006 eines Besseren belehrt. Gelang es der FP&#214; in diesem Jahr, sich bei den Nationalratswahlen zu stabilisieren (von 10% auf 11% der Stimmen), reiht die (extreme) Rechte seither Wahlerfolg an Wahlerfolg: Zugewinne zwischen 4 und 6 Prozentpunkten f&#252;r die FP&#214; bei den Landtagswahlen in Nieder&#246;sterreich, Tirol und Salzburg sowie ein addiertes Gesamtergebnis von 28,2% (plus 13,1 Prozentpunkte) bzw. 48,7% (plus 2,4) bei den Nationalratswahlen 2008 und den Landtagswahlen 2009 in K&#228;rnten legen es nahe, von einem Wiedererstarken der nunmehr aus FP&#214; und BZ&#214; bestehenden parlamentarischen Rechten<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> zu sprechen. Dass sich diese St&#228;rke l&#228;ngst nicht auf einen prozentualen Zugewinn beschr&#228;nkt, wird ersichtlich, sobald man die Augen &#246;ffnet f&#252;r all das, was diese Erfolge an den Wahlurnen begleitete und bis heute begleitet: das immer offensivere Auftreten neonazistischer Gruppierungen bei Demonstrationen und Veranstaltungen, zum Teil Schulter an Schulter mit antimuslimischen B&#252;rgerinitiativen; Morddrohungen gegen&#252;ber kritischen  PolitikerInnen, AktivistInnen, WissenschaftlerInnen und Kabarettisten; die Sch&#228;ndung der Gedenkst&#228;tte KZ Mauthausen; &#220;bergriffe auf linke AktivistInnen und Strukturen; die Wahl von Martin Graf, Mitglied der rechtsextremen Burschenschaft Olympia, zum dritten Nationalratspr&#228;sidenten mit den Stimmen von FP&#214;, BZ&#214;, SP&#214; und &#214;VP; der Freispruch f&#252;r f&#252;nf F&#252;hrer des rechtsextremen Bundes Freier Jugend (BFJ) durch die Geschworenen am Landgericht in Wels usw., usf.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Angesichts dieser Entwicklungen ist es grob verharmlosend, die j&#252;ngsten Wahlerfolge von FP&#214; und BZ&#214; lediglich als das Ergebnis einer „Protestwahl&#8221;, d. h. einer Unzufriedenheit mit der „Performance&#8221; und dem Auftreten der gro&#223;en Koalition zu interpretieren. Vielmehr sollte klar sein, dass die Wahlergebnisse untrennbar verkn&#252;pft sind mit einem gesamtgesellschaftlichen Klima, in dem die extreme Rechte mehr denn je selbstbewusst und erfolgreich agieren kann und in dem sie offenkundig &#252;ber betr&#228;chtliche institutionelle, personelle und inhaltliche Einflussm&#246;glichkeiten verf&#252;gt. Woher kommt diese St&#228;rke des Rechtsextremismus in &#214;sterreich? Warum &#252;berlebt er gerade in seiner parlamentarischen Form auch schwerwiegende politische Krisen? Was ist also das Erfolgsrezept des Rechtsextremismus in &#214;sterreich und was bedeutet dies f&#252;r linke Gegenstrategien? Diese Fragen bilden den Hintergrund unseres Artikels, der sich seinem Gegenstand aus historischer Perspektive n&#228;hert. Nur in der R&#252;ckschau auf Kontinuit&#228;ten und Traditionen nach 1945, aber auch auf die Br&#252;che und Ver&#228;nderungen seit den 1980er Jahren, wird unseres Erachtens deutlich, worin die (Haupt-)Ursachen f&#252;r den anhaltenden Erfolg und den spezifischen Charakter der extremen Rechten in &#214;sterreich liegen.</p>
<p><strong>Kontinuit&#228;t und Tradition</strong></p>
<p>Den Ausgangspunkt f&#252;r die Erkl&#228;rung der Gestalt des Rechtsextremismus in &#214;sterreich sowie seiner &#8211; auch und gerade im europ&#228;ischen Vergleich &#8211; au&#223;erordentlichen St&#228;rke stellt notwendigerweise die hierzulande ausgepr&#228;gte ideologische, personelle und organisatorische Kontinuit&#228;t zum Nationalsozialismus dar, die sich insbesondere in zwei, eng miteinander verbundenen Aspekten &#228;u&#223;ert. Zum einen liegt die „Kontinuit&#228;t rassistischer, antisemitischer und autorit&#228;rer Einstellungen &#8230; als ma&#223;gebliche Bedingung f&#252;r den Erfolg des  Rechtsextremismus&#8221;<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> zweifelsohne im spezifisch &#246;sterreichischen Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit begr&#252;ndet. W&#228;hrend das Erbe des NS-Regimes in &#214;sterreich de facto in einer faschistischen Massenbewegung von fast 600.000 Mitgliedern und einer von NS-Propaganda durchdrungenen Bev&#246;lkerung bestand, bem&#252;hten sich die Gr&#252;nderparteien der Zweiten Republik &#8211; SP&#214;, &#214;VP und KP&#214; &#8211; sowie die Mehrheit der B&#252;rgerInnen, den Mythos von &#214;sterreich als erstem Opfer der Hitlerschen Aggressionspolitik aufzubauen. Dieser Mythos zielte erfolgreich darauf ab, das Ausbleiben einer intensiven Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit zu rechtfertigen<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a>. Insbesondere der „Geist der Lagerstra&#223;e&#8221;, der auf die gemeinsame Verfolgungserfahrung sozialdemokratischer und christlichsozialer Funktion&#228;rInnen in NS-Lagern anspielt, bot den Regierungseliten ein willkommenes Motiv, den (a-)politischen Konsens zu predigen und „das legitimatorische Fundament von Sozialpartnerschaft und Gro&#223;er Koalition&#8221;<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> jenseits der Schatten von Nationalsozialismus und Austrofaschismus zu legen. Auch die auf Druck der Alliierten initiierte „Entnazifizierung&#8221; war trotz wichtiger gesetzlicher Ma&#223;nahmen im Verfassungsgesetz von 1945 „angesichts des Umganges, der administrativb&#252;rokratischen Vorgangsweise und des ab 1946 wachsenden Unwillens der &#246;sterreichischen Politiker zum Scheitern verurteilt&#8221;<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a>. Der offiziell antifaschistische Grundkonsens transformierte sich zudem im Zuge des einsetzenden Kalten Krieges in einen militanten Antikommunismus. Die dadurch aufgewerteten ehemaligen NationalsozialistInnen samt Umfeld wurden von den Gro&#223;parteien ab 1948 als wichtiges W&#228;hlerpotential umworben<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a>. Dass auch die Integration gewichtiger Teile der so genannten „Ehemaligen&#8221; keineswegs an ein Abweichen von ideologischen Vorstellungen gebunden war, sondern vielmehr eine Ver&#228;nderung auf Seiten der integrierenden Parteien mit sich brachte<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a>, muss schlie&#223;lich als weitere g&#252;nstige Voraussetzung f&#252;r den zweiten Aspekt der &#214;sterreich-spezifischen Kontinuit&#228;t nach 1945 betrachtet werden: die organisatorische Re-Formierung der unter dem Begriff „Drittes Lager&#8221; gefassten Deutschnationalen, die traditionell durch eine v&#246;lkisch rassistischen Ideologie gekennzeichnet sind<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a>, in den drei&#223;iger Jahren beinahe vollst&#228;ndig im Nationalsozialismus aufgingen und als deren parlamentarische Repr&#228;sentantin sich heute die FP&#214; versteht<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a>. Insbesondere jene „Ehemaligen&#8221;, die sich in keine der beiden Gro&#223;parteien integrieren lie&#223;en, fanden mit der Gr&#252;ndung des „Vereins der Unabh&#228;ngigen&#8221; (VdU) im Jahr 1949 wieder eine parteipolitische Heimat. Aus diesem „Konglomerat an Altnazis, Neonazis, Deutschnationalen und einigen wenigen Liberalen&#8221;<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> ging infolge der Macht&#252;bernahme des antiliberalen Fl&#252;gels im Jahr 1956 die FP&#214; hervor, die daher „&#8230; bei ihrer Gr&#252;ndung eine deutschnationale, sehr weit rechts stehende Partei [war], in der ehemalige, zum Teil sogar schwer belastete Nationalsozialisten f&#252;hrende Stellungen einnahmen&#8221;<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a>. Als Hochburg und Rekrutierungsfeld dienten der neu entstandenen FP&#214; vor allem deutschnationale Korporationen, die in den 1950er und 1960er Jahren nicht nur &#252;ber betr&#228;chtlichen Einfluss an den &#246;sterreichischen Universit&#228;ten verf&#252;gten, sondern auch die treibenden Kr&#228;fte hinter rechtsextremen Aktivit&#228;ten darstellten<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a>. Dass sich viele der v&#246;lkischen AktivistInnen von damals sp&#228;ter in die als Vorfeldorganisation der FP&#214; fungierenden „Freiheitlichen Akademikerverb&#228;nde&#8221; (FAV) integrierten<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a>, verdeutlicht die der Partei von Beginn an zukommende Rolle als Kristallisationspunkt der extremen Rechten in &#214;sterreich. Vor dem Hintergrund dieser ideologischen und personellen Verankerung im Rechtsextremismus scheiterten die seit den 1960er Jahren bestehenden Versuche liberaler Kr&#228;fte innerhalb der FP&#214;, die Partei aus dem Status einer Kleinpartei f&#252;r das deutschnationale Lager &#8211; mit Nationalratswahlergebnissen zwischen 4,98 und 7,7 Prozent &#8211; zu befreien. Zwar gelang es dem damaligen Parteiobmann Friedrich Peter &#8211; er hatte w&#228;hrend des Zweiten Weltkrieges als Offizier in der Waffen-SS gedient &#8211; die FP&#214; bis zur Unterst&#252;tzung der SP&#214;-Minderheitsregierung 1970/71 unter Bruno Kreisky zu f&#252;hren<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a>, doch resultierte aus seinem tendenziell liberalen Kurs 1967 die Abspaltung der von Burschenschaftern um den S&#252;dtirol-Terroristen Norbert Burger gegr&#252;ndeten, neonazistischen Nationaldemokratischen Partei (NDP). Gleichzeitig fungierten jedoch vor allem der von Burger mitbegr&#252;ndete „Ring Freiheitlicher Studenten&#8221; (RFS) und die FAV mitsamt der seit 1951 herausgegebenen Zeitschrift „Die Aula&#8221; weiterhin als Kontakt zwischen dem neonazistischen Milieu und dem deutschnationalen FP&#214;-Fl&#252;gel<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a>. Dar&#252;ber hinaus lie&#223; der liberale Kurs der Parteif&#252;hrung die ideologische Haltung der Parteibasis unver&#228;ndert. So scheiterte auch der vermeintliche Durchbruch der Liberalen unter FP&#214;-Obmann Norbert Steger (1980-86), der die Partei bis zur kleinen Koalition mit der SP&#214; 1983 f&#252;hrte und zahlreiche Liberale an wichtige Positionen innerhalb der Partei brachte, letztlich an weiterhin aktiven rechtsextremen Zentren &#8211; wie bspw. das Umfeld des ehemaligen K&#228;rntner Nationalratsabgeordneten und stellvertretenden Parteiobmanns Otto Scrinzi („Ich war immer rechts, auch in der NSDAP&#8221;) &#8211; sowie an der traditionell deutschnational rechten Basis<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a>. Diese Kr&#228;fte waren es schlie&#223;lich auch, die J&#246;rg Haider am Innsbrucker Parteitag im September 1986 &#8211; gegen die Mehrheit der Parteif&#252;hrung f&#252;r Steger &#8211; zum neuen FP&#214;-Parteiobmann w&#228;hlten<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a>. Der rechtsextreme, burschenschaftliche Fl&#252;gel hatte ihn im den „lang ersehnten F&#252;hrer&#8221;<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> entdeckt: „Unter an faschistische Kundgebungen erinnerndem Gejohle wurde ein neuer Parteif&#252;hrer erkoren, w&#228;hrend der unterlegene Repr&#228;sentant des Liberalismus als ‚Jud&#8217; mit Erschie&#223;en und Vergasen bedroht wurde&#8221;<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a>. Die &#220;bernahme der FP&#214; durch den neuen F&#252;hrer Haider markierte jedoch keinesfalls nur einen Personenwechsel, vielmehr sind ,„seit 1986 Rechtsextremisten und Neonazis in solchem Ausma&#223; in die FP&#214; eingesickert, da&#223; man fast schon von einer Integration des traditionellen Rechtsextremismus in die FP&#214; sprechen mu&#223;; nur mehr der militante Fl&#252;gel, Neonazis vom Schlage K&#252;ssel, Ochsenberger und Honsik, stehen heute au&#223;erhalb der FP&#214;, und selbst hier werden die Trennlinien unscharf&#8221;<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a>. Wie unscharf, das dokumentiert etwa der Umstand, dass die Kader der 1986 von Gottfried K&#252;ssel gegr&#252;ndeten neonazistischen „Volkstreuen Au&#223;erparlamentarischen Opposition&#8221; (VAPO) nach beh&#246;rdlichem Druck Anfang der 90er Jahre im Scho&#223;e der nun zwar offen rechtsextremen, aber eben auch als legal eingestuften FP&#214; Unterschlupf fanden <a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a>. Da die FP&#214; unter der F&#252;hrung Haiders ab 1986 demnach „im Spektrum des &#246;sterreichischen Rechtsextremismus die mit Abstand wichtigste Kraft [ist], zu der im Vergleich alle anderen Organisationen und Parteien h&#246;chstens zweitrangig sind&#8221;<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a>, werden wir unseren Fokus in weiterer Folge in erster Linie auf die Entwicklung bzw. den Erfolg dieser Form des Rechtsextremismus legen.</p>
<p><strong>Den Aufstieg erkl&#228;ren</strong></p>
<p>Die Auseinandersetzung mit der FP&#214; unter Haider ist zun&#228;chst die mit einer fast beispiellosen Erfolgsgeschichte. Ausgerechnet in Folge des massiven Rechtsrucks der Partei gelang ihr bei der Nationalratswahl 1986 mit 9,7% eine Verdoppelung des W&#228;hlerInnenanteils<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a>. L&#228;sst sich bereits dieser Zugewinn nur mit M&#252;he allein der Haider-Euphorie des deutschnationalen Lagers zuschreiben, so kann der in den folgenden Jahren einsetzende Aufstieg der FP&#214; &#8211; die sich am eindr&#252;cklichsten im Anstieg des Stimmenanteils von besagten 9,7% 1986 auf 26,9% 1999 widerspiegelt &#8211; wohl kaum „&#8230; ausschlie&#223;lich mit gefestigter rechtsextremer Weltanschauung erkl&#228;rt werden&#8221;<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a>Insofern der Erfolg der Haider-FP&#214; in ganz spezifischen politischen und sozialen „Gelegenheitsstrukturen&#8221;<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> vonstatten ging und zugleich von Ver&#228;nderungen auf Seiten der FP&#214; selbst begleitet wurde, ist die Interpretation dieses Ph&#228;nomens „&#8230; unter dem isolierten Aspekt der &#8230; Kontinuit&#228;t zum Nationalsozialismus &#8230; in gesellschaftspolitischer Hinsicht &#8230; zu kurz gegriffen&#8221;.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Um die St&#228;rke des Rechtsextremismus in &#214;sterreich hinreichend erkl&#228;ren zu k&#246;nnen, erscheint es uns daher sinnvoll, jene Bezeichnung aufzugreifen und kritisch zu wenden, f&#252;r welche die Haider-FP&#214; bis heute als Inbegriff gilt: die des „Rechtspopulismus&#8221;. N&#228;hert man sich diesem schillernden Begriff , so l&#228;sst sich, bei allen Unterschieden im Detail, in einem ersten Schritt feststellen, dass der wissenschaftliche Diskurs „Populismus&#8221; zumeist als „Politik(vermittlungs)form und Regierungsstil&#8221;<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> bzw. Agitationstechnik begreift. Demnach ist Populismus gekennzeichnet durch den Bezug auf das (einfache) „Volk&#8221; als homogenes Ganzes &#8211; jenseits spezifischer Schichten, Klassen oder Interessen &#8211; im Gegensatz zur Elite oder dem Establishment. Hinzu kommt der Rekurs auf die vermeintlich unmittelbare Beziehung zwischen Basis/„Volk&#8221; und populistischem Akteur/F&#252;hrer sowie die Anlehnung an „Stammtisch&#8221;-Diskurse, d. h. an real existierende diffuse Einstellungen, Ressentiments und Vorurteile<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a>. Dort, wo das Begriffsverst&#228;ndnis &#252;ber diese formale Ebene nicht hinausgeht, l&#228;sst sich freilich beinahe alles (Un-)M&#246;gliche als „populistisch&#8221; bezeichnen. Folglich scheint oft nur mehr die Vorsilbe „links-&#8221; bzw. „rechts-&#8221; zwischen Hugo Chavez oder Oskar Lafontaine auf der einen und J&#246;rg Haider oder Silvio Berlusconi auf der anderen Seite zu unterscheiden. In diesem Sinne ist die Bezeichnung in &#246;ffentlichen Debatten kaum mehr als ein „politischer Kampfbegriff &#8220;<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a>: „Populistisch sein hei&#223;t &#8211; so die Unterstellung -, das politische Terrain mit Primitivargumenten zu besetzen, nicht um der Sache, sondern um der vordergr&#252;ndigen Gunst &#246;ffentlicher Zustimmung willen zu streiten (w&#228;hrend man f&#252;r sich selbst den Mut des Unpopul&#228;ren reklamiert&#8221;.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Gleichzeitig enth&#228;lt der Terminus dort, wo explizit von <em>Rechts</em>populismus die Rede ist, jedoch fast immer eine &#8211; wenn auch h&#228;ufig implizite &#8211; inhaltliche Bestimmung: „rechtspopulistisch&#8221; bezieht sich in diesem Zusammenhang n&#228;mlich zumeist nicht allein auf die Form politischer Agitation, sondern dient zugleich der inhaltlichen Bezeichnung einer modernisierten Rechten<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a>. So verstanden erscheint der Rechtspopulismus als das gem&#228;&#223;igte, zur imagin&#228;ren politischen „Mitte hin orientierte Andere der extremen Rechten, als „&#8230; demokratisch gel&#228;uterte[s], zumindest sehr viel moderatere[s] Pendant zum Rechtsextremismus, nicht etwa nur als Spezialform desselben&#8221;<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a>. Mag diese inhaltliche Bestimmung f&#252;r manche der unter dem Begriff Rechtspopulismus subsumierten Parteien und Bewegungen noch zutreffen (z. B. D&#228;nische Volkspartei, Liste Pim Fortuyn, mit Abstrichen das BZ&#214;), so ist sie im Hinblick auf andere, namentlich die FP&#214;, schlicht verharmlosend. In diesem Sinn dient „&#8230; die Rede vom „Rechtspopulismus&#8221; &#8230; oft (und v. a. in &#214;sterreich) dazu, Ross und Reiter nicht beim Namen nennen zu m&#252;ssen&#8221;<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a>. Die Klassifizierung als rechtspopulistisch lenkt also davon ab, dass es sich bei der FP&#214; &#8211; in der Vergangenheit wie in der Gegenwart &#8211; um eine rechtsextreme Partei handelt(e), die, wie wir gesehen haben, organisatorisch, personell und ideologisch in der Tradition des dritten Lagers steht und den zentralen Bezugspunkt der rechten Szene darstellt. Da solche Tatsachen hinter dem Begriff Rechtspopulismus verschwinden, d&#252;rfte dieser etwa „nicht blo&#223; f&#252;r Haider, sondern besonders auch f&#252;r Sch&#252;ssel bereits ‚die halbe Miete&#8217; gebracht haben &#8230;, weil man als ‚guter Demokrat&#8217; zwar nicht ohne weiteres mit ‚Rechtsextremisten&#8217;, wohl aber mit ‚Rechtspopulisten&#8217; eine Koalition eingehen darf&#8221;<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a>. Angesichts dieser Tendenz zur Verharmlosung ist es zweifellos sinnvoll, den Begriff Rechtspopulismus nicht zur inhaltlichen Bezeichnung der rechtsextremen FP&#214; zu verwenden. Umgekehrt deutet der Umstand, dass auch AutorInnen, die sich dieser Problematik bewusst sind, den Terminus „(Rechts-)Populismus&#8221; weiter benutzen<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a>, darauf hin, dass dieser nicht leichtfertig verworfen werden sollte, sobald es, wie im Fall der FP&#214;, „&#8230; um eine Analyse der Organisierung von leidenschaftlicher Zustimmung f&#252;r rechtsextreme Inhalte geht&#8221;<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a>. Wir schlagen daher vor, statt von „Rechtspopulismus&#8221; von „autorit&#228;rem Populismus&#8221; zu sprechen. Diese Bezeichnung, die der <em>Cultural-Studies</em>-Mitbegr&#252;nder Stuart Hall Ende der 1970er Jahre im Zusammenhang mit dem Aufstieg Margaret Thatchers zur englischen Premierministerin pr&#228;gte<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a>, hilft nicht nur, der Verharmlosung zu entgehen, sondern auch, formalistische Engf&#252;hrungen des Populismus-Begriffs zu vermeiden: insofern in der Debatte um den Terminus „autorit&#228;rer Populismus&#8221; n&#228;mlich nicht allein die Form der Politik von Thatcher, sondern zugleich deren gesellschaftliche (Erfolgs-)Bedingungen sowie ihr spezifischer Inhalt analysiert wurden<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a>, verschiebt dieser Zugang auf produktive Art und Weise die Perspektive. Obwohl der Thatcherismus ebenso wenig mit der Haider-FP&#214; vergleichbar ist, wie die Situation in Gro&#223;britannien mit jener in &#214;sterreich, lenkt der Begriff „autorit&#228;rer Populismus&#8221; die Aufmerksamkeit demnach auf einige allgemeine Aspekte, die unseres Erachtens f&#252;r eine Erkl&#228;rung des Erfolgs der extremen Rechten hierzulande von entscheidender Bedeutung sind. Erstens verweist der Terminus auf den strukturellen Kontext und die Bedingungen populistischer Agitation: dabei r&#252;ckt zum einen das Ende der fordistischen Periode kapitalistischer Entwicklung und die daran anschlie&#223;enden Prozesse neoliberaler Umstrukturierung der Arbeits- und Lebensverh&#228;ltnisse, die Aufk&#252;ndigung des Klassenkompromisses sowie der Angriff auf wohlfahrtsstaatliche Institutionen in den Fokus. Zum anderen ger&#228;t die umfassende Legitimit&#228;ts- und Repr&#228;sentationskrise in den Blick, mit der parlamentarische Demokratien und insbesondere sozialdemokratische Parteien in Europa seit einigen Jahrzehnten konfrontiert sind. In Bezug auf beide Aspekte &#8211; den &#246;konomischen wie den politischen &#8211; ist demnach der Faktor „Krise&#8221; enorm wichtig: „Krise ist ein Ph&#228;nomen, ohne das Populismus nicht zu begreifen ist. Gesellschaftliche Krisenereignisse k&#246;nnen demnach einen populistisches Moment konstituieren, in dessen Folge bestimmte Reaktions- und Protestmuster zu erwarten sind&#8221;<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a>. Die zweite gro&#223;e St&#228;rke des Begriffs „autorit&#228;rer Populismus&#8221; liegt darin, erkl&#228;ren zu k&#246;nnen, wie und mit welcher politischen Intention diese in einer Krise auftretenden Reaktions- und Protestmuster konkret bearbeitet werden: in dem Ma&#223;e, in dem autorit&#228;r populistische Projekte an die konkreten Erfahrungen, Bed&#252;rfnisse und &#196;ngste breiter Bev&#246;lkerungsschichten ankn&#252;pfen &#8211; als ihr Medium also den Alltagsverstand w&#228;hlen<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> &#8211; greifen diese zwar partiell die Unzufriedenheit der Massen auf; dies jedoch nur, um, entgegen ihrer Selbstdarstellung, Politik gegen die realen Interessen der populistisch Umworbenen zu legitimieren, d. h. die bestehenden Macht- und Herrschaftsverh&#228;ltnisse konsensual abzusichern. In diesem Sinne ist „[e]in emanzipatorischer Populismus &#8230; ein Widerspruch in sich&#8221;<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a>. Im Gegensatz zu einem auf einer eigenst&#228;ndigen Mobilisierung von unten und progressiv-emanzipatorischen Inhalten beruhenden „popular-demokratischen&#8221; Projekt handelt es sich beim autorit&#228;ren Populismus demnach immer um eine „,autorit&#228;re&#8217; Form demokratischer Klassenpolitik von oben&#8221;<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a>. Daher muss er notwendigerweise „an eine Reihe von ideologischen Verzerrungen &#8211; z. B. den Rassismus &#8211; appellieren &#8230; um zu verhindern, dass das revolution&#228;re Potential popularer Anrufungen auf seine wahren Ziele umorientiert wird&#8221;<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a>. Gleichzeitig sind es nicht zuletzt diese ethnisierenden Diskurse, die es autorit&#228;r-populistischen Projekten erm&#246;glichen, verschiedenartige soziale Gruppen, Ideologien und Interessen zu integrieren und interne Widerspr&#252;che zumindest f&#252;r einen gewissen Zeitraum am Aufbrechen zu hindern. Obwohl es aus dieser Perspektive also nicht ungew&#246;hnlich ist, wenn sich autorit&#228;rer Populismus, wie im Fall der FP&#214;, rassistischer Diskurse bedient, haben wir es hier doch mit einer speziellen Situation zu tun: so wenig der Aufstieg der FP&#214; infolge von 1986 ohne ihr autorit&#228;r-populistisches Agitieren verstanden werden kann, so wenig darf dieser Begriff n&#228;mlich davon ablenken, in welchem Umfang die Partei gleichzeitig durch ihren rechtsextremen Charakter gepr&#228;gt war und ist. Wie in der folgenden konkreten Analyse ihres Aufstiegs nach 1986 erkennbar wird, war es gerade dieser Charakter, der die Interessen und Zielsetzungen sowie die rassistische Ausrichtung der FP&#214; bestimmte und zugleich ganz spezifische Widerspr&#252;chlichkeiten entstehen lie&#223;.</p>
<p><strong>Das Modell Haider</strong></p>
<p>Fragt man ausgehend von diesen theoretischen &#220;berlegungen nach den Ursachen des mit 1986 einsetzenden Aufstiegs der Haider-FP&#214;, gilt es in einem ersten Schritt, jene allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen der 1980er und 1990er Jahre in den Blick zu nehmen, die der Partei &#252;berhaupt erst ihr autorit&#228;r populistisches Agitationsfeld er&#246;ffneten. Mindestens zwei Aspekte verdienen diesbez&#252;glich besondere Aufmerksamkeit: Zum einen handelt es sich dabei um die Krise des fordistischen Entwicklungsmodells und deren konkrete Auswirkungen auf die sozio&#246;konomische Situation in &#214;sterreich. Im Vergleich zu anderen europ&#228;ischen Staaten, in denen diese Krise und die daran anschlie&#223;ende Neoliberalisierung von Politik und &#214;konomie bereits im Verlauf der 1970er Jahre in Form der Erosion wohlfahrtsstaatlicher Regulationsmechanismen durchschlug, setzten diese Prozesse in &#214;sterreich zeitlich versp&#228;tet ein.<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Bis Mitte der 1980er Jahre blieb der Arbeitsmarkt in &#214;sterreich von einer dominanten Stellung der verstaatlichten Industriebetriebe und des &#246;ffentlichen Sektors sowie einem au&#223;erordentlich starken sozialpartnerschaftlichen Klassenkompromiss gepr&#228;gt<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a>. Sp&#228;testens mit der Bildung der Gro&#223;en Koalition im Jahr 1986 verband sich jedoch eine Krise der Kernunternehmen der verstaatlichten Industrie mit dem Beginn einer neoliberalen Ausrichtung der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Vollbesch&#228;ftigung und soziale Sicherheit als Ziele der SP&#214; wichen einer restriktiven Budgetpolitik und der beginnenden Privatisierung der wichtigsten staatlichen Betriebe, wodurch eine Umw&#228;lzung auf dem Arbeitsmarkt in Gang gesetzt wurde. Diese schlug sich nicht zuletzt in einer steigenden Arbeitslosenquote nieder<a title="anm_49" name="anm_49" href="#anm49"><sup>49</sup></a>. Die zweite bedeutende Entwicklung bestand in der zunehmenden Erosion des Organisationsgrades von SP&#214; und &#214;VP ab 1980. Zwar ist die Aufl&#246;sung von Parteienbindungen keineswegs eine &#246;sterreichische Eigent&#252;mlichkeit, doch war die politische Kr&#228;ftekonstellation der Zweiten Republik durch einen im europ&#228;ischen Vergleich au&#223;erordentlich starken Parteien- und Verb&#228;ndestaat gepr&#228;gt. Dieser beruhte auf der Kluft zwischen dem sozialdemokratischen und dem christlich-sozialen Lager<a title="anm_50" name="anm_50" href="#anm50"><sup>50</sup></a>. Nicht nur die Besetzung von Regierungsfunktionen, sondern auch die des F&#252;hrungspersonals in weiten Teilen der (verstaatlichten) Wirtschaft oder des Bildungssystem, sowie insbesondere auch die Institutionalisierung der Sozialpartnerschaft „als Fortsetzung der Gro&#223;en Koalition mit anderen Mitteln&#8221;<a title="anm_51" name="anm_51" href="#anm51"><sup>51</sup></a> basierten auf dem konstitutiven Moment des etatistisch-b&#252;rokratischen Machtgleichgewichts zwischen (ausschlie&#223;lich) diesen beiden Lagern. Die aus dieser Situation erwachsenden Formen von Intransparenz, Klientismus und Korruption waren der zentrale Ausgangspunkt f&#252;r jene autorit&#228;r populistische Agitation, mit der sich die FP&#214; unter Haider die durchschlagenden materiellen und ideologischen Br&#252;che in der &#246;sterreichischen Nachkriegsordnung zu Nutze machte. Die Versuche, „die Ursachen der krisenhaften Verh&#228;ltnisse zu personalisieren&#8221;<a title="anm_52" name="anm_52" href="#anm52"><sup>52</sup></a>, richteten sich dabei zun&#228;chst v. a. gegen „Bonzen&#8221;, „B&#252;rokraten&#8221;, „Politiker&#8221; und das „vorgeblich ‚undemokratische&#8217; und dem ‚Volk&#8217; entfremdete&#8221;<a title="anm_53" name="anm_53" href="#anm53"><sup>53</sup></a> System um die privilegierten „Altparteien&#8221; bzw. &#8211; in deutschnationalem Sprech &#8211; die von den Besatzungsm&#228;chten autorisierten „Lizenzparteien&#8221;. Ihre Anschlussf&#228;higkeit an den Alltagsverstand der Bev&#246;lkerung konnte die FP&#214; im Zuge dessen ma&#223;geblich auf Basis ihrer historischen Ausgrenzung aus der Proporz- und Konkordanzdemokratie geltend machen. Dass diese populistische Anrufung mit zunehmendem Erfolg ein neues, anfangs v. a. aus ehemaligen &#214;VP-Anh&#228;ngerInnen bestehendes W&#228;hlerInnenpotential er&#246;ffnete, verdeutlichen u. a. Analysen der Nationalratswahlen 1986 und 1990: demnach rangierten der Protest gegen die Volksparteien, das Auftreten des Agitators Haider sowie dessen vermeintlicher Kampf gegen das Privilegiensystem bei den Wahlmotiven f&#252;r die FP&#214; an vorderster Front<a title="anm_54" name="anm_54" href="#anm54"><sup>54</sup></a>.</p>
<p><strong>Sozialdemokratische Wegbereiter</strong></p>
<p>Falsch w&#228;re es jedoch, den zunehmenden Erfolg auf den Faktor der „outsider&#8221;-Rolle der FP&#214; zu reduzieren. Diese Sichtweise verstellt den Blick auf die inhaltliche Ann&#228;herung der beiden Gro&#223;parteien, die den personellen Ausschluss des dritten Lagers<a title="anm_55" name="anm_55" href="#anm55"><sup>55</sup></a>&gt; begleitete. Insbesondere die Neoliberalisierung der Sozialdemokratie kann dabei „als Bedingung f&#252;r die Erfolge des parteif&#246;rmigen Rechtsextremismus gar nicht &#252;bersch&#228;tzt werden&#8221;<a title="anm_56" name="anm_56" href="#anm56"><sup>56</sup></a>. W&#228;hrend der sozialreformerische Elan der SP&#214; bereits sp&#228;testens mit dem Verlust der absoluten Mehrheit 1983 erschlaff t war, brach 1986 mit der gro&#223;en Koalition und der Waldheim-Aff&#228;re<a title="anm_57" name="anm_57" href="#anm57"><sup>57</sup></a>&gt; die sozialdemokratische Hegemonie endg&#252;ltig zusammen. Infolgedessen begann die SP&#214;, in den ausl&#228;nderfeindlichen und rassistischen Chor der FP&#214;-Recken einzustimmen und damit wesentlich zur Normalisierung des Haiderschen Rechtsextremismus beizutragen<a title="anm_58" name="anm_58" href="#anm58"><sup>58</sup></a>. Konkret wurde die FP&#214;-Themenf&#252;hrerschaft, die v. a. in der Aufhetzung der „guten, flei&#223;igen und t&#252;chtigen &#214;sterreicher&#8221; gegen per se kriminelle „Ausl&#228;nder&#8221; und „Sozialschmarotzer&#8221; bestand, dort anerkannt und gefestigt, wo etwa der 1991 und 1996 aufgestellten FP&#214;-Slogan, „Wien darf nicht Chicago werden&#8221;, mit dem eigenen Projekt einer „Sicherheitsmilliarde&#8221; zur Ausweitung der repressiven Staatsapparate entsprochen wurde<a title="anm_59" name="anm_59" href="#anm59"><sup>59</sup></a>. Auch das „Ausl&#228;ndervolksbegehren&#8221; von 1993, das eine weitere Radikalisierung des FP&#214;-Rassismus markierte und letztlich<a title="anm_60" name="anm_60" href="#anm60"><sup>60</sup></a> zur Abspaltung des „Liberalen Forums&#8221; unter der Vizevorsitzenden Heide Schmidt f&#252;hrte, wurde vom damaligen sozialdemokratischen Innenminister L&#246;schnak dahingehend kommentiert, dass die meisten der Haiderschen Forderungen ohnehin bereits erf&#252;llt worden w&#228;ren<a title="anm_61" name="anm_61" href="#anm61"><sup>61</sup></a>. Die Effekte dieser &#8211; sich in den gesamten 1990er Jahren fortsetzenden &#8211; inhaltlichen Ann&#228;herung, die von Spr&#252;chen wie „Das Boot ist voll&#8221; (Josef Cap) und Warnungen vor der „Ausl&#228;nderflut&#8221; (Peter Marizzi) und der ersch&#246;pften „seelischen Aufnahef&#228;higkeit&#8221; (Helmut Zilk; alle SP&#214;) getragen wurde<a title="anm_62" name="anm_62" href="#anm62"><sup>62</sup></a>, waren verheerend: „Der Widerspruch zwischen antifaschistischem Programm und von Kollaboration gepr&#228;gter Tagespolitik wurde gesellschaftlich als Legitimation des Rechtsextremismus verarbeitet. Der dann immer in Wahlk&#228;mpfen vorgetragene Rechtsextremismusvorwurf an die Adresse der FP&#214; wurde zu Recht als Mittel wahrgenommen, die Konkurrenz im Zaum zu halten&#8221;<a title="anm_63" name="anm_63" href="#anm63"><sup>63</sup></a>. Er&#246;ffnete bereits diese fehlende inhaltliche Abgrenzung von Seiten der Sozialdemokratie der FP&#214; die M&#246;glichkeit, ihr Anh&#228;ngerInnenschaft mehr und mehr &#252;ber den Rand des strammen Deutschnationalismus hinaus auszuweiten, so verschaffte daneben vor allem die Verschr&#228;nkung konkreter, gro&#223;koalition&#228;rer Politiken und globaler Entwicklungen der FP&#214; Handlungsspielr&#228;ume und potentielle W&#228;hlerInnen. Zum einen bot die EU-Integration &#214;sterreichs und ihre unkritische Unterst&#252;tzung durch die beiden Gro&#223;parteien der FP&#214; die M&#246;glichkeit, sich &#8211; entgegen ihrer bis Anfang der 1990er Jahre positiven Haltung gegen&#252;ber der damaligen EG &#8211; zur zentralen Interessensvertretung jener Bev&#246;lkerungsteile aufzuschwingen, die im Rahmen der Volksabstimmung 1994 gegen einen Beitritt votiert hatten (immerhin 34,4%) bzw. grunds&#228;tzlich EU-kritisch eingestellt waren. Diese Positionierung als einziger Bastion gegen das „Br&#252;sseler Diktat&#8221; und die „EU-B&#252;rokratie&#8221;, die u. a. mit Hilfe des „Schilling-Volksbegehrens&#8221; gegen den Euro 1997 sowie der rassistisch gef&#228;rbten Agitation gegen die so genannte EU-Osterweiterung 1999 untermauert wurde, bildet wohl auch einen der Gr&#252;nde daf&#252;r, dass Haider im Sommer 1996 einen „aggressiven &#214;sterreichpatriotismus&#8221; f&#252;r sich entdeckte und sich &#8211; sehr zum Missfallen rechtsextremer Kader in und au&#223;erhalb der FP&#214; &#8211; vordergr&#252;ndig von der „Deutscht&#252;melei&#8221; distanzierte<a title="anm_64" name="anm_64" href="#anm64"><sup>64</sup></a>. Wenngleich es sich hier wohl um „Etikettenschwindel&#8221; und „Camouflage&#8221; handelte<a title="anm_65" name="anm_65" href="#anm65"><sup>65</sup></a>, so verweist dieses Man&#246;ver doch auf die Mitte der 1990er Jahre intensivierten Versuche, &#252;ber das „stagnierende Segment der b&#252;rgerlichen und b&#228;uerlichen FP&#214;-Kernw&#228;hlerInnenschichten&#8221;<a title="anm_66" name="anm_66" href="#anm66"><sup>66</sup></a> deutschnationaler Pr&#228;gung hinaus Unterst&#252;tzung zu generieren. Dies gelang insbesondere, indem sich die FP&#214; verst&#228;rkt auf jene Teile der Bev&#246;lkerung hin orientierte, die von den Umbr&#252;chen im Gefolge der neoliberalen Globalisierung und des EU-Beitritts im Allgemeinen und von der konkreten Privatisierungs- und Liberalisierungspolitik der gro&#223;en Koalition bzw. deren „Sparpaketen&#8221; im Besonderen am st&#228;rksten betroffen waren bzw. sich betroffen f&#252;hlten: ArbeiterInnen, prek&#228;r Besch&#228;ftige und Angestellte von (ehemaligen) Staatsbetrieben. Wie empirische Untersuchungen des europaweiten SIREN-Projekts f&#252;r den Zeitraum nach 2000 zeigen<a title="anm_67" name="anm_67" href="#anm67"><sup>67</sup></a>, besteht zwar nicht, wie h&#228;ufig allzu pauschal unterstellt, ein Automatismus, demzufolge diese „ModernisierungsverliererInnen&#8221; notwendigerweise rechte und rechtsextreme Parteien w&#228;hlen w&#252;rden. Wohl aber entstehen im Zuge eines raschen Wandels der Arbeitswelt und des gleichzeitigen R&#252;ckbaus sozialstaatlicher Sicherungssysteme bei den am st&#228;rksten Betroffenen bzw. jenen, die sich subjektiv so f&#252;hlen, gewisse geteilte Erfahrungen, die der Rechten ein potentielles Agitationsfeld bieten. Als dominant werden im Zuge dieser Untersuchungen zwei Wahrnehmungsmuster beschrieben: erstens ein Gef&#252;hl der Ungerechtigkeit, das sich dort einstellt, wo der im Fordismus etablierte „soziale Tausch&#8221; &#8211; bescheidener Wohlstand, langfristige Sicherheit und soziale Anerkennung als Preis f&#252;r die Unterwerfung unter die Zumutungen der Arbeitswelt &#8211; im Betrieb und in der Gesellschaft einseitig aufgek&#252;ndigt wird, d. h. sich die diesbez&#252;glich existierenden Erwartungen nicht erf&#252;llen. Zweitens Abstiegs&#228;ngste, Unsicherheiten und Ohnmachtsgef&#252;hle angesichts (drohender) Arbeitslosigkeit, Prekarisierung und der Entwertung von Qualifikationen und F&#228;higkeiten<a title="anm_68" name="anm_68" href="#anm68"><sup>68</sup></a>. Blickt man auf die Ergebnisse des SIREN-Projekts, so wird verst&#228;ndlich, wie und warum es der FP&#214; in den 1990er Jahren gelang, mit ihrem autorit&#228;ren Populismus punktgenau an diese Wahrnehmungsmuster anzukn&#252;pfen. Zum einen wies die Agitation gegen „die da oben&#8221;, d. h. gegen PolitikerInnen, Gewerkschaftsb&#252;rokratie und „Bonzen&#8221; aller Art und deren Privilegien die FP&#214; als „Partei des kleinen <em>Mannes</em>&#8220;<a title="anm_69" name="anm_69" href="#anm69"><sup>69</sup></a> aus und sprach die grunds&#228;tzliche Unzufriedenheit mit der gesellschaftlichen Entwicklung an. Zum anderen befriedigte die Hetze gegen MigrantInnen, Fl&#252;chtlinge und Langzeitarbeitslose das besonders im arbeits- und leistungsorientierten Milieu der qualifizierten ArbeitsnehmerInnen und Gewerbetreibenden verbreitete Bed&#252;rfnis nach einer Abgrenzung nach „weiter unten&#8221; bzw. gegen&#252;ber vermeintlich „Leistungsunwilligen&#8221;<a title="anm_70" name="anm_70" href="#anm70"><sup>70</sup></a>.<br />
Ihren traurigen H&#246;hepunkt erreichte diese Strategie, die soziale Frage rassistisch zu besetzen, im Nationalratswahlkampf 1999, als die FP&#214; mit den Slogans „Stopp der &#220;berfremdung! &#214;sterreich zuerst!&#8221;  bzw. „Stopp dem Asylmissbrauch! &#214;sterreich zuerst!&#8221; (erfolgreich) um Stimmen warb. Wenn die Partei mit dieser bis heute aktuellen Methode im Verlauf der 1990er Jahre vermehrt neue W&#228;hlerInnenschichten ansprechen konnte &#8211; der Anstieg des Gesamtstimmenanteils von 9,7% (1986) auf 26,9% (1999) beruht Studien zufolge wesentlich auf den ArbeiterInnenstimmen, bei denen die Partei demnach im selben Zeitraum ihren Anteil von 10% auf 47%  ausbauen konnte<a title="anm_71" name="anm_71" href="#anm71"><sup>71</sup></a> -, dann v. a. deshalb, weil sie es verstand, sich die wachsende Unzufriedenheit abh&#228;ngig Besch&#228;ftigter und deren Entt&#228;uschung &#252;ber die Regierungspolitik der SP&#214; zunutze zu machen und sich als die „bessere&#8221; ArbeiterInnenpartei zu pr&#228;sentieren<a title="anm_72" name="anm_72" href="#anm72"><sup>72</sup></a><br />
. Nicht umsonst verbuchte die FP&#214; um die Jahrtausendwende „[i]hre h&#246;chsten Stimmenanteile &#8230; in Industrie- und Dienstleistungsregionen, die &#8211; wie K&#228;rnten, Ober&#246;sterreich und die Steiermark &#8211; unter wirtschaftlichen Strukturproblemen [litten], sowie in st&#228;dtischen Zentren mit traditionellen Arbeiterbezirken&#8221;<a title="anm_73" name="anm_73" href="#anm73"><sup>73</sup></a>. Dass diese politische Ausrichtung auf die W&#228;hlerInnenschichten angesichts des spezifischen Charakters der FP&#214; jedoch notwendigerweise widerspr&#252;chlich bleiben musste, darauf deuten bereits die Worte hin, mit denen der FP&#214;- Abgeordnete Gaugg die 1998 gegr&#252;ndete <em>Freie Gewerkschaft</em> <em>&#214;sterreich </em>(FG&#214;) in einem Brief an UnternehmerInnen bewarb: „Wir haben uns Ziele gesetzt, die auch Sie als Unternehmer verfolgen&#8221;<a title="anm_74" name="anm_74" href="#anm74"><sup>74</sup></a>. Diese neoliberale, arbeiterInnen- und gewerkschaftsfeindliche Ausrichtung muss als ein weiterer wichtiger Faktor f&#252;r den Erfolg der FP&#214; in den 1990er Jahren angesehen werden. Dies gilt zun&#228;chst ganz konkret mit Blick auf die Anh&#228;ngerInnenschaft der Partei: so w&#228;hlte neben den abh&#228;ngig Besch&#228;ftigen auch ein steigender Prozentsatz der Selbstst&#228;ndigen und FreiberuflerInnen die FP&#214;<a title="anm_76" name="anm_76" href="#anm76"><sup>76</sup></a>. Diese erfreute sich angesichts der Forderungen nach <em>Flat Tax</em> usw. auch der Unterst&#252;tzung von Industriellenvereinigung, Mittelstand und einzelnen Unternehmern wie z. B. Franz Josef Hartlauer<a title="anm_77" name="anm_77" href="#anm77"><sup>77</sup></a>. Dar&#252;ber hinaus war die wirtschaftsliberale Ausrichtung von zentralen Teilen der FP&#214; &#8211; personifiziert v. a. durch Thomas Prinzhorn und Karl-Heinz Grasser &#8211; zweifellos auch einer der Gr&#252;nde f&#252;r das Zustandekommen der schwarz-blauen Regierung Anfang 2000, bestand hier doch eine doppelte „Konvergenz der Interessen&#8221;<a title="anm_78" name="anm_78" href="#anm78"><sup>78</sup></a>: neben bzw. in Verbindung mit gesellschaftspolitischen &#220;bereinstimmungen (Asyl- und „Ausl&#228;nder&#8221;-Politik, Familien- und Bildungspolitik, Sicherheitspolitik usw.) einte die beiden Parteien und ihre Anh&#228;ngerInnen zum einen <em>inhaltlich</em> die gemeinsame Frontstellung gegen&#252;ber sozialpartnerschaftlichen Arrangements, Sozialdemokratie und Gewerkschaften. <em>Strategisch </em>verhalf der autorit&#228;re Populismus der FP&#214; dem neoliberalen und -konservativem Transformationsprojekt zum n&#246;tigen Ma&#223; an Unterst&#252;tzung, w&#228;hrend umgekehrt die Regierungsbeteiligung den rechtsextremen Kadern in betr&#228;chtlichem Umfang Machtbefugnisse, institutionelle Verankerung und diskursive Einflussm&#246;glichkeiten verschaffte.</p>
<p><strong>Schwarz-Blau als Spaltpilz</strong></p>
<p>Obwohl Schwarz-Blau der FP&#214; durchaus M&#246;glichkeiten er&#246;ffnete, kam mit der Regierungsbeteiligung auch deren personelle und inhaltliche Widerspr&#252;chlichkeit voll zum Tragen. Aus dem Erfolgsrezept der 1990er Jahre, einer ideologisch, politisch und sozial erh&#246;hten Heterogenit&#228;t der eigenen Anh&#228;ngerInnenschaft, wurde in mindestens zweifacher Hinsicht eine zentrale Ursache f&#252;r die zwischenzeitliche parlamentarische Schw&#228;cheperiode der extremen Rechten: erstens nahm mit der „b&#252;rgerlichen Wende&#8221; von 2000 innerhalb der FP&#214; das politische Gewicht der sogenannten „Buberlpartie&#8221;<a title="anm_79" name="anm_79" href="#anm79"><sup>79</sup></a> sowie jener Quereinsteiger wie Peter Sichrovsky oder Hans Kronberger, die Haider selbst ab Mitte der 1990er Jahre f&#252;r die FP&#214; gewonnen hatte, weiter zu. „Diese Machtverschiebung zugunsten der pragmatischeren (neoliberalen) Fl&#252;gels hatte innerparteilich keine Entsprechung und von daher war es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Basis gegen die sich immer mehr von ihr entfernenden Regierungs- und Parlamentstruppe erheben w&#252;rde&#8221;<a title="anm_80" name="anm_80" href="#anm80"><sup>80</sup></a>. Zweitens mussten die tats&#228;chlichen Politiken der FP&#214; in der Regierung, der neoliberale Kahlschlag in der Sozialgesetzgebung und im Arbeitsrecht, der pl&#246;tzlich wieder pro-europ&#228;ische Kurs, neoklientistische Personalpolitik usw. notwendigerweise die Hoffnungen derer entt&#228;uschen, die geglaubt hatten, die FP&#214; st&#252;nde tats&#228;chlich f&#252;r eine Politik im Interesse der „kleinen Leute&#8221; oder der ArbeiterInnen. Allzu h&#228;ufig blieb aus dieser Perspektive „[d]er Populismus (&#8230;) im Rhetorischen &#8211; er wurde nicht auf die reale Regierungspolitik &#252;bertragen&#8221;<a title="anm_81" name="anm_81" href="#anm81"><sup>81</sup></a>. Zwar gelang es fast zwei Jahre lang, diesen doppelten Widerspruch durch eine geschickte Form der Arbeitsteilung einigerma&#223;en ruhig zu stellen: w&#228;hrend sich die Regierungsmitglieder in Wien staatsm&#228;nnisch bzw., im Fall von Susanne Riess-Passer, staatsfrauisch gaben, konnte Haider aus seiner Hochburg K&#228;rnten, wohin er sich 2000 zur&#252;ckgezogen hatte, die Rolle der innerparteilichen Opposition ausf&#252;llen und die populistische Agitation gegen das „politische Establishment&#8221; fortf&#252;hren<a title="anm_82" name="anm_82" href="#anm82"><sup>82</sup></a>. Doch als sich 2002 einmal mehr das Interesse der Regierungsverantwortung gegen jenes des nach wie vor bestehenden v&#246;lkisch-nationalen Mehrheitsfl&#252;gels durchzusetzen drohte &#8211; konkret ging es um die Anschaffung der Eurofighter und die R&#252;cknahme einer versprochenen Steuerreform -, k&#252;ndigte die &#252;ber den „Kuschelkurs&#8221; der FP&#214; in der Regierung erboste und nicht zuletzt von Haider selbst mobilisierte Basis der Parteif&#252;hrung beim Delegiertentreff en in Knittelfeld die Gefolgschaft auf<a title="anm_83" name="anm_83" href="#anm83"><sup>83</sup></a>. Der R&#252;cktritt von Riess- Passer, Grasser, Klubobmann Westenthaler, Sichrovsky und anderen, der in unmittelbarer Reaktion auf diese „rechtsradikale Revolution&#8221; von Knittelfeld<a title="anm_84" name="anm_84" href="#anm84"><sup>84</sup></a> stattfand und von Neonazis gefeiert wurde<a title="anm_85" name="anm_85" href="#anm85"><sup>85</sup></a>, erscheint dabei im Nachhinein wie die Vorwegnahme der dann 2005 in Form des BZ&#214; tats&#228;chlich erfolgten Abspaltung des pragmatischeren, neoliberalen Fl&#252;gels von der „&#8230; zunehmend auf ihren rechtsextremen Kern schrumpfenden FP&#214;&#8221;<a title="anm_86" name="anm_86" href="#anm86"><sup>86</sup></a>. Dass diese Abspaltung ausgerechnet unter der F&#252;hrung von Haider, dem zuvor sch&#228;rfsten Kritiker der FP&#214;-Regierungsmitglieder, stattfand, bringt einmal mehr die Widerspr&#252;chlichkeit zum Ausdruck, die mit dem Aufstieg und der anschlie&#223;enden Regierungsbeteiligung innerhalb des parlamentarischen Rechtsextremismus entstanden war. Im Hinblick auf die parteiinternen Fl&#252;gelk&#228;mpfe f&#252;hrte diese Widerspr&#252;chlichkeit zur Spaltung, bezogen auf die entt&#228;uschten Erwartungen der durch populistische Anrufung gewonnen Anh&#228;ngerInnen zu einer Serie von Wahlniederlagen zwischen 2002 und 2005. Am h&#246;chsten fielen die Verluste dabei bei der Nationalratswahl 2002 sowie der Europawahl 2004 aus, wo die Partei jeweils ca. 17 Prozentpunkte verlor (von 26,9% auf 10% bzw. von 23,4% auf 6,3% der Stimmen)<a title="anm_87" name="anm_87" href="#anm87"><sup>87</sup></a>. Diesen klar negativen Trend konnte die FP&#214; mit der Nationalratswahl 2006 jedoch stoppen und anschlie&#223;end in sein Gegenteil &#8211; einen erneuten Aufschwung mit zuletzt 17,5 Prozentpunkten bei der Nationalratswahl 2008 &#8211; verwandeln. Ebenso gelang dem neu gegr&#252;ndeten BZ&#214;, das 2006 mit 4,1 Prozentpunkten lediglich aufgrund des guten Wahlergebnisses im Haider-Stammland K&#228;rnten (knapp 27% Stimmanteil) &#252;berhaupt in den Nationalrat einziehen konnte und seither &#8211; mit Ausnahme K&#228;rntens &#8211; bei allen Gemeinde- bzw. Landtagswahlen (Wien, Nieder&#246;sterreich, Tirol, Salzburg) unter der Vier-Prozent-H&#252;rde blieb, bei der Nationalratswahl 2008 mit 10,7 Prozentpunkten ein &#220;berraschungserfolg. Wie ist dieser erneute Aufschwung des parlamentarischen Rechtsextremismus zu erkl&#228;ren, warum strafte dieser also all jene L&#252;gen, die geglaubt hatten, mit der Integration in die Regierungsverantwortung und die daran anschlie&#223;enden innerparteilichen Zerw&#252;rfnisse w&#228;re das Verschwinden der FP&#214; von der politischen Landkarte beschlossene Sache?</p>
<p><strong>Der Wiederaufstieg</strong></p>
<p>Als Ausgangspunkt f&#252;r die Erkl&#228;rung des Wiederaufstiegs der parlamentarischen Rechten kann in einem ersten Schritt ein Blick auf die relative Erfolglosigkeit der FP&#214; in den Jahren 2002 bis 2005 dienen. Nimmt man, wie es empirische Untersuchungen nahelegen<a title="anm_88" name="anm_88" href="#anm88"><sup>88</sup></a> an, dass deren Wahlniederlagen in gewissem Umfang auf den medial ausgetragenen, internen Machtkampf zur&#252;ckzuf&#252;hren waren &#8211; als dessen deutlichster Ausdruck der f&#252;nfmalige Wechsel in der Parteiobmann-/frauschaft zwischen 2000 und 2005 gelten kann -, so l&#228;sst sich umgekehrt in der unter dem seit April 2005 amtierenden Bundesvorsitzenden Heinz-Christian Strache neu gewonnenen Einigkeit eine erste Voraussetzung f&#252;r ihr Re&#252;ssieren erkennen. Diese Einigkeit hat freilich ganz spezifische Vorzeichen: wie schon 1986 war es die Macht&#252;bernahme des burschenschaftlichen, deutschnational rechtsextremen Fl&#252;gels, dem Strache ebenso zuzurechnen ist wie viele seiner unmittelbaren Vertrauten<a title="anm_89" name="anm_89" href="#anm89"><sup>89</sup></a>, die den Ausweg aus der parteiinternen Krise wies. Nicht umsonst trug die 21-k&#246;pfige Nationalratsriege der FP&#214; bei der konstituierenden Sitzung 2006 die blaue Kornblume, seit jeher ein Symbol des dritten Lagers und u. a. das Erkennungszeichen der von 1933 bis 1938 illegalisierten NSDAP<a title="anm_90" name="anm_90" href="#anm90"><sup>90</sup></a>. &#196;hnlich wie 1986 schlug sich dieser Rechtsruck auch diesmal an den Wahlurnen positiv nieder: es ist in diesem Zusammenhang bezeichnend, dass die Stabilisierung und der anschlie&#223;ende Wiederaufstieg der FP&#214; mit der Gemeinderatswahl in Wien 2005 und der Nationalratswahl 2006 im Rahmen zweier Wahlen begann, in denen offen rassistische Slogans wie „Deutsch statt nix verstehen&#8221; und „Daham statt Islam!&#8221; sowie Forderungen nach der Einf&#252;hrung eines Verwaltungsstraftatbestandes „Anpassungsverweigerung&#8221; dominierten. In dieses Bild passt, dass 60% der FP&#214;-W&#228;hlerInnen bei der Nationalratswahl 2006 angaben, die Partei wegen der „Ausl&#228;nderthemen&#8221; gew&#228;hlt zu haben. Wenn dieses Thema gleichzeitig auch f&#252;r 33% der BZ&#214;-W&#228;hlerInnen das entscheidende Motiv war, so verweist dies auf einen Wahlkampf, in dem die neu gegr&#252;ndete Partei mit ihrem Ma&#223;nahmenpaket „&#214;sterreich zuerst&#8221; sowie der Forderung, den Ausl&#228;nderInnenanteil in &#214;sterreich innerhalb von drei Jahren um 30% zu senken, voll auf die rassistische Karte setzte. Wenn es dem BZ&#214; dennoch gelang, sich als die regierungsf&#228;hige, staatstragende und st&#228;rker zur politischen „Mitte&#8221; hin orientierte Alternative zur FP&#214; darzustellen, dann deshalb, weil die Partei in inhaltlicher und personeller Hinsicht tats&#228;chlich durch eine h&#246;here Heterogenit&#228;t gekennzeichnet ist als ihre mittlerweile wieder stramm rechts ausgerichtete gro&#223;e Schwester FP&#214;. Weil das BZ&#214; im Gegensatz zu dieser kein ausgepr&#228;gtes Naheverh&#228;ltnis zum burschenschaftlichen, deutschnationalen und neonazistischen Milieus aufweist, sich zumindest nach au&#223;en hin vom (Neo-)Nationalsozialismus abgrenzt sowie &#252;ber kein sehr ausgepr&#228;gtes politisch-ideologisches Angebot verf&#252;gt, f&#228;llt es daher als Gesamtpartei nicht unter die Kategorie Rechtsextremismus<a title="anm_91" name="anm_91" href="#anm91"><sup>91</sup></a>. Wie gering die Ber&#252;hrungs&#228;ngste und wie gro&#223; die inhaltlichen und personellen &#220;berschneidungen zur extremen Rechten &#8211; insbesondere in K&#228;rnten &#8211; im Einzelfall sind, verdeutlich etwa die BZ&#214;-Mitgliedschaft des h&#228;ufig als „freiheitliches Urgestein&#8221; gepriesenen Siegfried Kampl, der in einer Rede im Bundesrat am 14. April 2005 Wehrmachtsdeserteure als „zum Teil Kameradenm&#246;rder&#8221; bezeichnete und von einer „brutalen Naziverfolgung&#8221; nach 1945 sprach<a title="anm_92" name="anm_92" href="#anm92"><sup>92</sup></a><br />
. Auch die „Ausl&#228;nder&#8221;- und Asylpolitik &#8211; etwa die Abschiebung angeblich krimineller TschetschenInnen in andere Bundesl&#228;nder oder die Einrichtung einer „Sonderanstalt&#8221; f&#252;r straff&#228;llig gewordene AsylwerberInnen auf der Saualpe in 1.200 Metern H&#246;he<a title="anm_93" name="anm_93" href="#anm93"><sup>93</sup></a><br />
- sowie insbesondere die unverhohlen rassistisch motivierte Politik gegen&#252;ber der slowenischen Minderheit, weisen also auch das BZ&#214; als eine Partei aus, die zumindest in K&#228;rnten eine sehr offene Flanke zum Rechtsextremismus hat.</p>
<p><strong>Verschiebung der Koordinaten</strong></p>
<p>Wenn sich angesichts solcher Politiken und den offensichtlich rassistischen Wahlk&#228;mpfen von FP&#214; und BZ&#214; weder in der (medialen) &#214;ffentlichkeit noch auf Seiten der Gro&#223;parteien Unbehagen regt und es auch von Seiten linker und liberaler Kr&#228;fte zu keinem Aufschrei mehr kommt &#8211; von Lichtermeer und einer Bewegung wie jener gegen Schwarz-Blau ganz zu schweigen -, dann deutet dies gleichzeitig auf eine ganz zentrale Ursache bzw. Bedingung f&#252;r das Wiedererstarken des parlamentarischen Rechtsextremismus hin: die umfassende Verschiebung der politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse nach rechts. Anders als dies insbesondere politikwissenschaftliche Analysen zum „Rechtspopulismus&#8221; der FP&#214; h&#228;ufig nahelegen<a title="anm_94" name="anm_94" href="#anm94"><sup>94</sup></a>, war n&#228;mlich weder der Auf- und sp&#228;tere Abstieg der FP&#214; ein politisches Nullsummenspiel, noch die Partei selbst auch nur im Entferntesten ein „n&#252;tzliches Korrektiv&#8221;<a title="anm_95" name="anm_95" href="#anm95"><sup>95</sup></a> f&#252;r das politische System. Entgegen solcher verharmlosenden Positionen muss vielmehr betont werden, dass die Erfolge rechtsextremer Parteien und insbesondere ihre Regierungsbeteiligung auf das politische Klima eines Landes verheerende, langfristig wirksame Effekte haben: „Die Einbindung rechter Kr&#228;fte f&#252;hrt (&#8230;) zu einer Verschiebung nach rechts, nicht nur weil Rechte gleichsam von au&#223;en hinzukommen, sondern weil es die Bereitschaft gibt, sich nach rechts hin zu &#246;ffnen und zu verpflichten. (&#8230;) [M]it einer Bindung der Rechten an eine demokratische Volkspartei werden diese integriert, aber eben nur um den Preis, dass auch die Partei rechte Inhalte aufnimmt (&#8230;)&#8221;<a title="anm_96" name="anm_96" href="#anm96"><sup>96</sup></a>. Diese Verschiebung ist dabei „(&#8230;) mehr als nur formal gemeint, denn nun werden insgesamt die Koordinaten der Politik verschoben, rechte Positionen werden Teil des offiziellen Regierungsprogramms, gelten damit aber nicht mehr als rechts&#8221;<a title="anm_97" name="anm_97" href="#anm97"><sup>97</sup></a>. Genau eine solche Entwicklung l&#228;sst sich f&#252;r &#214;sterreich ausmachen. War es der FP&#214;, wie gezeigt, bereits in den 1990er Jahren gelungen, in einzelnen Politikfeldern &#8211; allen voran der „Ausl&#228;nder&#8221;- und Kriminalit&#228;tspolitik &#8211; die Themenf&#252;hrerschaft zu erlangen und das politische Terrain so diskursiv massiv nach rechts zu verschieben, erreichte dieser Prozess mit der zu Recht als „Tabubruch&#8221;<a title="anm_98" name="anm_98" href="#anm98"><sup>98</sup></a> empfundenen Regierungsbeteiligung 2000 zweifelsohne eine neue Qualit&#228;t. So k&#246;nnten etwa die Slogans, mit denen die &#214;VP ihren Nationalratswahlkampf 2008 bestritt („Deutschkurs statt Zuwanderung&#8221;, „Volle H&#228;rte bei Kindesmissbrauch&#8221;), ohne weiteres auch von der FP&#214; stammen. &#196;hnlich verh&#228;lt es sich mit den Aussagen der beiden &#214;VP-Innenministerinnen Prokop und Fekter, die nacheinander zun&#228;chst 45% der MuslimInnen in &#214;sterreich pauschal „Integrationsunwilligkeit&#8221; unterstellten (Prokop 2006) und dann die Einf&#252;hrung des Begriffs &#8220;Kulturdelikt&#8221; in das Strafrecht forderten (Fekter 2008). Dass auch die SP&#214; dieser Anbiederung an rechte Inhalte nur wenig nachsteht, beweist gegenw&#228;rtig der Wiener B&#252;rgermeister H&#228;upl, wenn er „Zuwanderer&#8221; auf die Einhaltung der „Wiener Hausordnung&#8221; verpflichtet, offensiv die Abschiebung ausl&#228;ndischer Straft&#228;terInnen propagiert und verspricht, „f&#252;r Ordnung zu sorgen&#8221;<a title="anm_99" name="anm_99" href="#anm99"><sup>99</sup></a>. Anders als liberale KommentatorInnen gerne suggerieren, handelt es sich bei solchen Ann&#228;herungsprozessen an die Positionen der extremen Rechten freilich nicht einfach nur um wahltaktische Man&#246;ver. Vielmehr beweist etwa das mit den Stimmen von SP&#214;, &#214;VP und BZ&#214; 2005 beschlossene „Fremdenrechtspaket&#8221;, dass sich diese Verschiebung nach rechts durchaus in realen Politiken niederschl&#228;gt &#8211; auch dann, wenn die extreme Rechte selbst gar nicht (mehr) an der Macht ist. Dass sie dorthin bald wieder zur&#252;ckkehren k&#246;nnte, daf&#252;r ist neben der inhaltlich-thematischen Ann&#228;herung zwischen sogenannter „politischer Mitte&#8221; und Rechtsextremismus v. a. der Umstand verantwortlich, dass die politische Zusammenarbeit mit der FP&#214; l&#228;ngst kein Tabu mehr darstellt. Anders als etwa in Deutschland, wo auch auf Landesebene von s&#228;mtlichen Parteien eine Zusammenarbeit mit der rechtsextremen NPD v&#246;llig ausgeschlossen wird, ist die FP&#214; hierzulande seit Schwarz-Blau in be&#228;ngstigendem Umfang salonf&#228;hig und zu einem potentiellen politischen Partner geworden. Neben der Wahl von Martin Graf zum dritten Nationalratspr&#228;sidenten zeugt davon gegenw&#228;rtig v. a. das Vorgehen der SP&#214;, die durch ihre Zusammenarbeit mit der FP&#214; bei der (partiellen) Abschaffung der Studiengeb&#252;hren erst j&#252;ngst ihren Beitrag dazu leistete, die Strache-Partei als gew&#246;hnlichen, d. h. legitimen Bestandteil des bereits 1999 von der &#214;VP strapazierten „Verfassungsbogens&#8221; (Andreas Kohl) erscheinen zu lassen. Auch wenn die gegenw&#228;rtige SP&#214;-F&#252;hrung eine Koalition mit der FP&#214; auf Bundesebene (noch) ausschlie&#223;t, so besteht angesichts der z. T. massiven Ann&#228;herung auf Landesebene mittelfristig wohl durchaus die Gefahr, dass aus der Strache-Partei auch f&#252;r die Faymann-SP&#214; ein „ernst zu nehmender Gespr&#228;chspartner&#8221; (der steirische Landeshauptmann Franz Voves &#252;ber die FP&#214;-Steiermark) werden k&#246;nnte, f&#252;r den dann gilt: „Ein Ausgrenzen ist nicht okay&#8221;<a title="anm_100" name="anm_100" href="#anm100"><sup>100</sup></a>. Die vor den Wahlen in Salzburg von der SP&#214;-Landeshauptfrau Gabi Burgstaller get&#228;tigte Aussage, eine Koalition mit der FP&#214; l&#228;ge deshalb im Bereich des M&#246;glichen, weil „bei jeder Regierungsbildung Programm und Inhalt und ein St&#252;ck weit auch die Menschen&#8221; entscheidend w&#228;ren und man diesbez&#252;glich zur Landes-FP&#214; ein „gutes Verh&#228;ltnis&#8221; pflege gibt vor diesem Hintergrund weniger &#252;ber die Strache-Partei als vielmehr &#252;ber den inhaltlichen und personellen Zustand der SP&#214; selbst Auskunft<a title="anm_101" name="anm_101" href="#anm101"><sup>101</sup></a>.</p>
<p><strong>Remember the Nineties!</strong></p>
<p>Wie schon in den 1990er Jahren beschr&#228;nkt sich die politische Krise der Sozialdemokratie als Bedingung und Ursache f&#252;r den Aufstieg der parlamentarischen Rechten jedoch nicht allein auf die Ebene einer inhaltlichen und machtpolitischen Ann&#228;herung. Vielmehr darf auch das Unverm&#246;gen der neoliberal gewendeten Sozialdemokratie als glaubw&#252;rdige Vertreterin der ArbeiterInnenschaft aufzutreten und dem versch&#228;rften Sozialabbau unter Schwarz-Blau mit einem progressiven politischen Projekt entgegenzutreten, f&#252;r die Erkl&#228;rung der Erfolge von FP&#214; und BZ&#214; nicht untersch&#228;tzt werden. Denn w&#228;hrend die SP&#214; die soziale Frage bei den NR-Wahlen 2006 zumindest rhetorisch aufgriff und ihren Wahlkampf auf die Themen Arbeitslosigkeit, soziale Gerechtigkeit und Bildung fokussierte, war davon in den folgenden Jahren nichts mehr zu sehen. Mehr noch: grade weil die Sozialdemokratie bei diesen Wahlen mit ihrem Programm gegen Schwarz-Blau und deren neoliberale Politik punkten konnte<a title="anm_102" name="anm_102" href="#anm102"><sup>102</sup></a>, musste die Entt&#228;uschung speziell bei den abh&#228;ngig Besch&#228;ftigten umso gr&#246;&#223;er ausfallen, als die gro&#223;e Koalition, insbesondere im Feld der Wirtschaftsund Sozialpolitik, den Kurs der &#214;VP-FP&#214;-Regierung unter einem sozialdemokratischen Kanzler fortsetzte. Gleichzeitig wurde das somit (erneut) aufbereite Agitationsfeld f&#252;r den autorit&#228;ren Populismus der Strache-FP&#214; durch die sich im Zuge des „BAWAG-Skandals&#8221; versch&#228;rfende Krise des &#214;GB ma&#223;geblich ausgeweitet, worauf konkret eine nachweisbar erh&#246;hte FP&#214;-Wahlbereitschaft unter gewerkschaftlich nicht organisierten W&#228;hlerInnen hinweist<a title="anm_103" name="anm_103" href="#anm103"><sup>103</sup></a>. Unter diesen Vorzeichen konnte es der SP&#214; unter Faymann bei den NR-Wahlen 2008 trotz Versprechen von „Antiteuerungsma&#223;nahmen&#8221; nicht im Geringsten gelingen, das Bild einer von „Bonzen&#8221; und „B&#252;rokraten&#8221; durchsetzten „Altpartei&#8221; abzulegen, geschweige denn einen sozialreformerischen Eindruck zu erwecken. Stattdessen vermochte es die FP&#214;, durch die Abspaltung des BZ&#214; von jeglicher Regierungsverantwortung und den schlechten Erinnerungen an Schwarz- Blau befreit, sich erneut als die einzig radikale Opposition gegen „die da oben&#8221; auszugeben. Zugleich konnte sie mit Slogans wie „Einkommen zum Auskommen&#8221;, „Soziale Sicherheit f&#252;r unsere Leut&#8217;&#8221; oder „Sozial statt sozialistisch&#8221; erfolgreich an den Alltagsverstand jener „kleinen Leute&#8221; ankn&#252;pfen, die von versch&#228;rften sozialen Verwerfungen unmittelbar betroffen waren bzw. sich bedroht f&#252;hlten: Empirisch l&#228;sst sich nachweisen, dass f&#252;r FP&#214; W&#228;hlerInnen &#8211; von denen 181.000 vorher SP&#214; gew&#228;hlt hatten &#8211; neben den weiterhin als sehr wichtig empfundenen Themen „Zuwanderung&#8221; und „Sicherheit&#8221; gerade Fragen der „Teuerung&#8221; und der „Pensionen&#8221; eine zentrale Bedeutung einnahmen sowie „Interessensvertretung&#8221; als eines der wichtigsten Wahlmotive genannt wurde<a title="anm_104" name="anm_104" href="#anm104"><sup>104</sup></a>. W&#228;hrend sich auch auf Seiten der BZ&#214;- W&#228;hlerschaft eine &#228;hnliche Motivationslage ausmachen l&#228;sst<a title="anm_105" name="anm_105" href="#anm105"><sup>105</sup></a>, muss der in diesem Fall au&#223;erordentlich starke Anteil ehemaliger &#214;VP-W&#228;hlerInnen wohl auch auf die regionale Verankerung des BZ&#214; in K&#228;rnten und den Faktor eines sich (medial orchestriert) verl&#228;sslich und staatsm&#228;nnisch gebenden Landeshauptmanns zur&#252;ckgef&#252;hrt werden<a title="anm_106" name="anm_106" href="#anm106"><sup>106</sup></a>. Dass die autorit&#228;r-populistische Agitation der parlamentarischen Rechten die soziale Frage demnach (erfolgreich) in einer ethnisierend-rassistischen Art und Weise thematisiert, ist keineswegs neu, sind doch auch hier Parallelen zur aufgezeigten Entwicklung in den 1990er Jahren auszumachen. Allerdings haben sich die Bedingungen f&#252;r eine Verkn&#252;pfung der sozialen mit der nationalen Frage dahingehend ver&#228;ndert, dass die negativen Auswirkungen der in den 1990er Jahren angelegten, neoliberalen Umstrukturierungen in den letzten Jahren voll durchschlugen. Diese Entwicklungen boten und bieten dem autorit&#228;ren Populismus der parlamentarischen Rechten in &#214;sterreich erneut Ankn&#252;pfungsfl&#228;chen, werden die daraus entstehenden neoliberalen Subjektanforderungen hier doch einerseits „im rechtsextremen Modell von volksgemeinschaftlichem Sozialstaat aufgel&#246;st&#8221;, und „[a]ndererseits &#8230; Formen der Ausgrenzung, Brutalisierung und Mobilisierung des Subjekts aufgegriffen und gegen die gesellschaftlich Marginalisierten gewendet&#8221;<a title="anm_107" name="anm_107" href="#anm107"><sup>107</sup></a>. Dass vor dem Hintergrund der analysierten Gr&#252;nde f&#252;r den Erfolg der parlamentarischen Rechten in &#214;sterreich eine weitere Radikalisierung der autorit&#228;r-populistischen Agitation h&#246;chst wahrscheinlich ist, zeigt sich nicht zuletzt am FP&#214;-Slogan f&#252;r die anstehenden EU-Parlamentswahlen „Volksvertreter statt EU-Verr&#228;ter&#8221;, mit welchem nur zu offenkundig ein vermeintlicher Kampf gegen Privilegien mit der islamophoben Aufhetzung einer konstruierten v&#246;lkischen Solidargemeinschaft gegen einen EU-Beitritt der T&#252;rkei verbunden wird, sowie auch an den j&#252;ngsten Wahlplakaten der FP&#214;-Wien: in Form einer rechtsextremen Assoziationskette werden „Sicheres Wien &#8211; Geb&#252;hrensenkungen &#8211; Arbeit f&#252;r Staatsb&#252;rger &#8211; Zuwanderungsstopp &#8211; Stopp der Islamisierung&#8221; gefordert, wobei auch dies in der (medialen) &#214;ffentlichkeit l&#228;ngst als politische Normalit&#228;t hingenommen wird.</p>
<p><strong>Strategien in der Krise</strong></p>
<p>Vor dem Hintergrund dieser j&#252;ngsten Entwicklungen, aber auch und vor allem vor den Erfahrungen mit dem Aufstieg der Haider-FP&#214; ist es also mehr als nur wahrscheinlich, dass die gegenw&#228;rtige Krise sich unter den gegebenen Voraussetzungen in weiteren Erfolgen der autorit&#228;r-populistisch agitierenden parlamentarischen Rechten niederschlagen wird. Dies sollte jedoch nicht als Aufruf zum politischen Fatalismus missverstanden werden. Vielmehr gilt hier und heute mehr denn je, was Stuart Hall in den 1980er Jahren zur Situation in Gro&#223;britannien sagte, dass n&#228;mlich „&#8230; die Krise kein gegebener Zustand ist, sondern ein wirkliches Kampffeld, in das die Kr&#228;fte der Rechten aktiv eingegriffen haben&#8221;<a title="anm_108" name="anm_108" href="#anm108"><sup>108</sup></a>. Als ein solches Kampffeld er&#246;ffnet die Krise demnach auch der Linken Handlungsspielr&#228;ume und Interventionsm&#246;glichkeiten. Diese sollte sie allein schon deshalb nutzen, weil allein eine politisch offensiv agierende Linke auf Dauer die Chance hat, der Rechten in &#214;sterreich das Wasser abzugraben. Dazu bedarf es zuallererst eines klaren Verst&#228;ndnisses f&#252;r den politischen Charakter dieser Rechten. Statt sie also zu verharmlosen, gilt es, diese Rechte auf den Begriff zu bringen und als das zu benennen, was sie mehrheitlich ist: rechtsextrem. Daran anschlie&#223;end m&#252;sste an die Stelle der v. a. von &#214;VP und SP&#214; betriebenen inhaltlichen, personellen und machtpolitischen Ann&#228;herung eine v&#246;llige und unmissverst&#228;ndliche Abgrenzungspolitik treten. Grade die Erfahrungen aus den 1990er Jahren sollten hier Warnung genug sein, wohin die Anbiederung an die extreme Rechte diese f&#252;hrt: direkt in die Regierung. Besondere Bedeutung erlangt dieses Argument gegenw&#228;rtig v. a. deshalb, weil &#252;ber die Frage nach der nationalen Bew&#228;ltigung der Krise mehr denn je Ankn&#252;pfungspunkte an wohlfahrtschauvinistische und rassistische Politik der Rechten bestehen. Schlie&#223;lich, und das ist der vielleicht wichtigste Punkt, wird der Rechtsextremismus mit seiner autorit&#228;r-populistischen Agitation solange breite Schichten der Subalternen ansprechen k&#246;nnen, wie deren Interessen nicht in linken Projekten und linker Politik artikuliert werden und es zu keinen nennenswerten sozialen K&#228;mpfen kommt. Dass diesbez&#252;glich gegenw&#228;rtig von der neoliberal gewendeten Sozialdemokratie ebenso wenig zu erwarten ist wie von der Gewerkschaftsb&#252;rokratie, liegt auf der Hand. Gerade in linken Kreisen weniger selbstverst&#228;ndlich d&#252;rfte demgegen&#252;ber die Einsicht sein, dass die Bildung eines breiten, gesamtgesellschaftlich verankerten Projekts, das in der Lage w&#228;re, die Rechte tats&#228;chlich nachhaltig herauszufordern und die soziale Frage von links zu stellen, nur unter Einbeziehung der progressiven Teile von Sozialdemokratie und Gewerkschaften m&#246;glich sein wird. Zentrales Kennzeichen eines solchen popular-demokratischen Projekts m&#252;sste freilich sein, dass es, anders als der autorit&#228;re Populismus der Rechten, die Interessen, N&#246;te und Forderungen der Subalternen nicht einfach von „oben&#8221; aufgreift. Statt auf diesem Weg weiter zur Passivierung der Menschen beizutragen, w&#252;rde es vielmehr darum gehen, auf emanzipatorische Bewegungen von unten zu setzen, die ihre Dynamik und ihr Potential aus den auch allt&#228;glichen K&#228;mpfen um bessere Arbeitsbedingungen, h&#246;here L&#246;hne oder Abfindungen, bessere Bildung, sicherere Pensionen, niedrigere Mieten usw. usf. gewinnen. Die kollektive Selbsterm&#228;chtigung in und durch soziale Auseinandersetzungen ist mittel- und langfristig der geeignete Weg, Erfolge rechter und rechtsextremer Bewegungen und Parteien zu stoppen und diese zur&#252;ckzudr&#228;ngen109. Das hei&#223;t nicht, dass die Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus und kontinuierliche Antifa-Arbeit hinf&#228;llig w&#228;ren; ohne den Aufbau einer politischen Alternative, welche die soziale Frage von links zu beantworten vermag, wird die Vormachtstellung der Rechten aber nicht zu brechen sein.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Nach Bailer-Galanda (Zum Begriff des Rechtsextremismus, www.doew.at) und Schiedel (a.a.O., S. 24ff .) beschreibt der Begriff Rechtsextremismus die B&#252;ndelung und Kombination unterschiedlicher Elemente, wie etwa Antiegalitarismus und Biologismus, Antiliberalismus und Antipluralismus, Antiindividualismus, Rassismus und Antisemitismus, Nationalismus, Autoritarismus, revisionistische Geschichtsschreibung, Gewaltakzeptanz/-bereitschaft. Im Sinne dieser Bestimmung und angesichts der Kontinuit&#228;ten zum Nationalsozialismus sowie des Naheverh&#228;ltnisses zu Neonazismus und Deutschnationalismus handelt es sich bei der FP&#214; um eine rechtsextremistische Partei.</p>
<p><a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Vgl. http://www.sosmitmensch.at/stories/33/; http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/425302/print.do</p>
<p><a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Sprechen wir &#252;ber FP&#214; <em>und </em>BZ&#214;, verwendet wir die Bezeichnung „parlamentarische Rechte&#8221;.</p>
<p><a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> F&#252;r eine umfassendere Darstellung der aktuellen Zust&#228;nde im „&#246;sterreichischen Haus&#8221; vgl. MALMOE, Nr. 44 2008, S. 2.</p>
<p><a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Schiedel, Heribert: Der Rechte Rand. Extremistische Gesinnungen in unserer Gesellschaft, Wien 2007, S. 53.</p>
<p><a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Vgl. Wiegel, Gerd: Rechtes Erfolgsmodell &#214;sterreich; in: K&#252;hnl, Reinhard et al. (Hg.): Die extreme Rechte in Europa. Zur neueren Entwicklung in Deutschland, &#214;sterreich, Frankreich und Italien, Heilbronn 1998, S. 97. Kreisky, Eva: In Konvergenz der Interessen: Neoliberale Praktiken und rechtspopulistische Regierung sozialen Protests; in: Demirovi&#196;, Alex/ Bojadžijev, Manuela (Hg.): Konjunkturen des Rassismus, M&#252;nster 2002, S. 63.</p>
<p><a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Kreisky, a.a.O., S. 63.</p>
<p><a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Bailer, Brigitte/Neugebauer, Wolfgang: Abri&#223; der Entwicklung des Rechtsextremismus in &#214;sterreich; in: Stiftung Dokumentationsarchiv des &#246;sterreichischen Widerstandes (Hg.): Handbuch des &#246;sterreichischen Rechtsextremismus, Wien 1994, S. 97.</p>
<p><a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Vgl. ebd.</p>
<p><a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Schiedel, Der Rechte Rand, a.a.O., 69f.</p>
<p><a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Wiegel, a.a.O., S. 100.</p>
<p><a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Bailer, Brigitte/Neugebauer, Wolfgang: Die FP&#214;: Vom Liberalismus zum Rechtsextremismus; in: Stiftung Dokumentationsarchiv des &#246;sterreichischen Widerstandes (Hg.): Handbuch des &#246;sterreichischen Rechtsextremismus, Wien 1994, S. 357.</p>
<p><a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Bailer/Neugebauer, Die FP&#214;, a.a.O., S. 358.</p>
<p><a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Ebd., S. 359.</p>
<p><a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Vgl. Bailer/Neugebauer, Die FP&#214;, a.a.O., S. 364; Schiedel, Der Rechte Rand, S. 78ff .</p>
<p><a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Bailer/Neugebauer, Die FP&#214;, a.a.O., S. 364.</p>
<p><a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Ebd., S. 360.</p>
<p><a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Schiedel, Der Rechte Rand, S. 70f.</p>
<p><a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Ebd., S. 361f.</p>
<p><a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> ebd., S. 366ff .</p>
<p><a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Plasser, zitiert nach ebd., S. 368.</p>
<p><a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Ebd., S. 370.</p>
<p><a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Ebd., S. 386.</p>
<p><a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Schiedel, Der Rechte Rand, a.a.O., S. 85.</p>
<p><a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Bailer/Neugebauer, Die FP&#214;, a.a.O., S. 389.</p>
<p><a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Ebd., S. 372.</p>
<p><a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Schiedel, Heribert: Th esen zum aktuellen „Rechtspopulismus&#8221; in Europa, 2002; unter: http://www.nadir.org/nadir/kampagnen/landinsicht/content/text107.html.</p>
<p><a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Fr&#246;lich-Steff en, Susanne/Rensmann, Lars: Populistische Regierungsparteien in Ost- und Westeuropa: Vergleichende Perspektiven der politikwissenschaftlichen Forschung; in: dies. (Hg.): Populisten an der Macht. Populistische Regierungsparteien in West- und Osteuropa, Wien 2005, 12ff.</p>
<p><a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Kreisky, a.a.O., S. 73.</p>
<p><a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Butterwegge, Christoph: Definitionen, Einfallstore und Handlungsfelder des Rechtspopulismus; in: ders./Hentges, Gudrun (Hg.): Rechtspopulismus, Arbeitswelt und Armut. Befunde aus Deutschland, &#214;sterreich und der Schweiz, Opladen &amp; Farmington Hills 2008, S. 39.</p>
<p><a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Vgl. ebd., 39f.; Decker, Frank: Der neue Rechtspopulismus, Opladen 2004, S. 21ff.</p>
<p><a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Decker, Der neue Rechtspopulismus, a.a.O., S. 21.</p>
<p><a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Ebd.</p>
<p><a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Exemplarisch: Fr&#246;lich-Steff en/Rensmann, a.a.O., S. 4ff .</p>
<p><a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Butterwegge, a.a.O., S. 39.</p>
<p><a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Schiedel, Thesen zum Rechtspopulismus, a.a.O.</p>
<p><a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Link, J&#252;rgen: „Rechtspopulismus&#8221;? &#220;ber einige diskurstaktische Probleme beim Bek&#228;mpfen des Neorassismus unter normalistischen Verh&#228;ltnissen (mit neun diskurstaktischen Tips); in: Demirovi&#196;, Alex/Bojadžijev, Manuela (Hg.): Konjunkturen des Rassismus, M&#252;nster 2002, S. 197.</p>
<p><a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> vgl. etwa Bojadžijev, Manuela/Demirovi&#196;, Alex (2002): Vorwort, in: dies. (Hg.): Konjunkturen des Rassismus, M&#252;nster 2002; Butterwegge, a.a.O.; Kreisky, a.a.O.; Schiedel, Thesen zum Rechtspopulismus, a.a.O.; Schiedel, Der Rechte Rand, a.a.O.</p>
<p><a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Schiedel, Der Rechte Rand, a.a.O., S.18.</p>
<p><a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> zur Entstehungsgeschichte des Begriff s, vgl. Hall, Stuart: Die Bedeutung des autorit&#228;ren Populismus f&#252;r den Thatcherismus; in: Das Argument, Nr. 152, 1985;</p>
<p><a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> vgl. ebd.; sowie Hall, Stuart: Popular-demokratischer oder autorit&#228;rer Populismus; in: Dubiel, Helmut (Hg.): Populismus und Aufkl&#228;rung, Frankfurt a. M. 1986; Jessop, Bob et. al.: Autorit&#228;rer Populismus, Zwei Nationen und Thatcherismus, in: Das Argument, Nr. 152, 1985.</p>
<p><a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Falkenberg, zitiert nach Kreisky, a.a.O., S. 73.</p>
<p><a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Vgl. Schiedel, Th esen zum Rechtspopulismus, a.a.O.</p>
<p><a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Schiedel, Der Rechte Rand, a.a.O., S. 66.</p>
<p><a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Hall, Die Bedeutung des autorit&#228;ren Populismus, a.a.O., S. 535.</p>
<p><a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> Laclau, zitiert nach Kreisky, a.a.O., S. 82.</p>
<p><a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> Vgl. Kreisky, a.a.O., S. 51.</p>
<p><a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> Vgl. Papouschek, Ulrike/Flecker, J&#246;rg/Kirschenhofer, Sabine/Krenn, Manfred: Vorurteil und Berechnung. Sozio&#246;konomischer Wandel und Varianten rechtspopulistischer Anziehung; in: Butterwegge, Christoph/Hentges, Gudrun (Hg.): Rechtspopulismus, Arbeitswelt und Armut. Befunde aus Deutschland, &#214;sterreich und der Schweiz, Opladen &amp; Farmington Hills 2008, S. 187; Kreisky, a.a.O., S. 65.</p>
<p><a title="anm49" name="anm49" href="#anm_49">49</a> Entgegen dem w&#228;hrend der 1970er Jahre vergleichsweise niedrigen Niveau von Arbeitslosigkeit, stieg die Arbeitslosenquote von etwa 2% zu Beginn der 1980er Jahre auf &#252;ber 7% am Ende der 1990er Jahre an; vgl. Papouschek et al., a.a.O., S. 187; Kreisky, a.a.O., S. 65; Atzm&#252;ller, Roland: Wie macht man eine Arbeiterpartei? in: grundrisse. Zeitschrift f&#252;r linke theorie und debatte, 4/2002, http://www.grundrisse.net/grundrisse04/4arbeiterpartei.htm; Probst, Stefan: Zur&#252;ck zu K.u.K.? in: Perspektiven Nr. 2, unter: http://www.perspektiven-online.at/artikel/zurueck-zu-kuk/.</p>
<p><a title="anm50" name="anm50" href="#anm_50">50</a> Pelinka, Anton: Die FP&#214; im internationalen Vergleich. Zwischen Rechtspopulismus, Deutschnationalismus und &#214;sterreich-Patriotismus. In: conflict &amp; communication online 1/2002, unter http://www.cco.regeneronline.de/2002_1/pdf_2002_1/pelinka.pdf.</p>
<p><a title="anm51" name="anm51" href="#anm_51">51</a> Pelinka, Anton/Rosenberger, Sieglinde: &#214;sterreichische Politik. Grundlagen &#8211; Strukturen &#8211; Trends. 2., aktualisierte Auflage, Wien 2003, S. 68.</p>
<p><a title="anm52" name="anm52" href="#anm_52">52</a> Kreisky, a.a.O., S. 55.</p>
<p><a title="anm53" name="anm53" href="#anm_53">53</a> Bailer/Neugebauer, Die FP&#214;, a.a.O., S. 406.</p>
<p><a title="anm54" name="anm54" href="#anm_54">54</a> Ulram, Peter A.: Sozialprofi l und Wahlmotive der FP&#214;-W&#228;hler: Zur Modernit&#228;t des Rechtspopulismus am Beispiel des Ph&#228;nomens Haider; in: Loch, Dieter / Heitmeyer, Wilhelm (Hg.): Schattenseiten der Globalisierung. Rechtsradikalismus, Rechtspopulismus und separatistischer Regionalismus in westlichen Demokratien, Frankfurt a. M. 2001, S. 209ff .</p>
<p><a title="anm55" name="anm55" href="#anm_55">55</a> Wobei festgehalten werden muss, dass die Ausgrenzung der Haider-FP&#214; ohnehin von Beginn an je nach (vermeintlich erfolgreicher) parteipolitischer Strategie aufgehoben werden konnte, wie bspw. die Erm&#246;glichung der Wahl Haiders zum K&#228;rntner Landeshauptmann durch die &#214;VP im Jahr 1989 zeigte (Bailer/Neugebauer, Die FP&#214;, a.a.O., S. 372).</p>
<p><a title="anm56" name="anm56" href="#anm_56">56</a> Schiedel, Der Rechte Rand, a.a.O., S. 18.</p>
<p><a title="anm57" name="anm57" href="#anm_57">57</a> Zur Bedeutung dieser Aff &#228;re f&#252;r den Aufstieg der FP&#214;, vgl. Bailer/Neugebauer, Die FP&#214;, a.a.O, S. 372.</p>
<p><a title="anm58" name="anm58" href="#anm_58">58</a> vgl. Kreisky, a.a.O., S. 65; Atzm&#252;ller, a.a.O.</p>
<p><a title="anm59" name="anm59" href="#anm_59">59</a> vgl. http://demokratiezentrum.org/de/index.html?idcatside=1343</p>
<p><a title="anm60" name="anm60" href="#anm_60">60</a> Dieser Abspaltung ging eine erneute Zuspitzung des innerparteilichen Fl&#252;gelkampfes voraus, die ihren Ausgangspunkt vor allem in der Verwendung des nazistischen Begriff s „Umvolkung&#8221; durch den ideologischen Parteif&#252;hrer und heutigen EU-Parlamentsabgeordneten Andreas M&#246;lzer im M&#228;rz 1992 hatte und im weiteren Verlauf zu einer Reihe von Parteiaustritten f&#252;hrte: „Mit der Gruppe Schmidt-Frischenschlager-Mautner- Markhof-Peter verlie&#223;en die letzten Liberalen von Gewicht die FP&#214;, die nun ausschlie&#223;lich von Haider und seinen Gehilfen politisch dominiert und von Rechtsextremen um M&#246;lzer ideologisch ausgerichtet wurde&#8221; (Bailer/Neugebauer, Die FP&#214;, a.a.O., S. 394).</p>
<p><a title="anm61" name="anm61" href="#anm_61">61</a> Vgl. Bailer/Neugebauer, Die FP&#214;, a.a.O., S. 373.</p>
<p><a title="anm62" name="anm62" href="#anm_62">62</a> Vgl. Schiedel, Der Rechte Rand, a.a.O., S. 20.</p>
<p><a title="anm63" name="anm63" href="#anm_63">63</a> Ebd.</p>
<p><a title="anm64" name="anm64" href="#anm_64">64</a> Vgl. ebd., S. 112ff .</p>
<p><a title="anm65" name="anm65" href="#anm_65">65</a> vgl. Neugebauer, Wolfgang (1999): J&#246;rg Haider: Neonazi, Rechtsextremer oder Populist? in: Falter, Nr. 41/1999, unter: http://www.doew.at.</p>
<p><a title="anm66" name="anm66" href="#anm_66">66</a> Schiedel, Der Rechte Rand, a.a.O., S. 113.</p>
<p><a title="anm67" name="anm67" href="#anm_67">67</a> Vgl. Butterwegge, Christoph/Hentges, Gudrun (Hg.): Rechtspopulismus, Arbeitswelt und Armut. Befunde aus Deutschland, &#214;sterreich und der Schweiz, Opladen &amp; Farmington Hills 2008.</p>
<p><a title="anm68" name="anm68" href="#anm_68">68</a> Papouschek et al., a.a.O, S. 206ff .</p>
<p><a title="anm69" name="anm69" href="#anm_69">69</a> Zum eklatanten M&#228;nner&#252;berhang bei FP&#214;-W&#228;hlerInnen, vgl. Pelinka, Anton: Die FP&#214;: Eine rechtspopulistische Regierungspartei zwischen Adaption und Opposition; in: Fr&#246;lich-Steffen, Susanne/Rensmann, Lars (Hg.): Populisten an der Macht. Populistische Regierungsparteien in West- und Osteuropa, Wien 2005, S. 94f.</p>
<p><a title="anm70" name="anm70" href="#anm_70">70</a> vgl. Flecker, J&#246;rg: Die populistische L&#252;cke. Umbr&#252;che in der Arbeitswelt und ihre politische Verarbeitung; in: Butterwegge, Christoph/Hentges, Gudrun (Hg.): Rechtspopulismus, Arbeitswelt und Armut. Befunde aus Deutschland, &#214;sterreich und der Schweiz, Opladen &amp; Farmington Hills 2008, S. 82ff .; Papouschek et. al., a.a.O., S. 184ff.</p>
<p><a title="anm71" name="anm71" href="#anm_71">71</a> vgl. Pelinka, Die FP&#214;, a.a.O., S. 94; Decker, Der neue Rechtspopulismus, a.a.O., S. 75; zur Kritik an den Ergebnissen dieser Studie, siehe Atzm&#252;ller, a.a.O.</p>
<p><a title="anm72" name="anm72" href="#anm_72">72</a> vgl. Papouschek et. al., a.a.O., S. 184ff .</p>
<p><a title="anm73" name="anm73" href="#anm_73">73</a> Decker, Der neue Rechtspopulismus, a.a.O., S.75.</p>
<p><a title="anm74" name="anm74" href="#anm_74">74</a> Gaugg, zitiert nach Gratzer, Christian: Der Scho&#223; ist fruchtbar noch &#8230; NSDAP (1920-1933) &#8211; FP&#214; (1986-1998). Kontinuit&#228;ten, Parallelen, &#196;hnlichkeiten, Wien 1998, S. 94.</p>
<p><a title="anm75" name="anm75" href="#anm_75">75</a> Vgl. Plasser, Fritz/Ulram, Peter A.: Rechtspopulistische Resonanzen: Die W&#228;hlerschaft der FP&#214;; in: Plasser, Fritz/Ulram, Peter A./Sommer, Franz (Hg.): Das &#246;sterreichische Wahlverhalten, Wien 2000, S. 232.</p>
<p><a title="anm76" name="anm76" href="#anm_76">76</a> Gratzer, a.a.O., S. 98.</p>
<p><a title="anm77" name="anm77" href="#anm_77">77</a> Kreisky, a.a.O.</p>
<p><a title="anm78" name="anm78" href="#anm_78">78</a> Die Gruppe junger, politisch unbedarfter M&#228;nner um Peter Westenthaler, Walter Maischberger und Gernot Rumpold, mit denen Haider sich umgab (vgl. Schiedel, Der Rechte Rand, a.a.O., S. 112)</p>
<p><a title="anm79" name="anm79" href="#anm_79">79</a> Schiedel, Der Rechte Rand, a.a.O., S. 112.</p>
<p><a title="anm80" name="anm80" href="#anm_80">80</a> Pelinka, Die FP&#214;, a.a.O., S. 98.</p>
<p><a title="anm81" name="anm81" href="#anm_81">81</a> Kreisky, a.a.O., 59f.</p>
<p><a title="anm82" name="anm82" href="#anm_82">82</a> Schiedel, Der Rechte Rand, a.a.O., S. 114f.</p>
<p><a title="anm83" name="anm83" href="#anm_83">83</a> Sichrovsky, zitiert nach Schiedel, Der Rechte Rand, a.a.O., S. 16.</p>
<p><a title="anm84" name="anm84" href="#anm_84">84</a> Ebd., S. 120.</p>
<p><a title="anm85" name="anm85" href="#anm_85">85</a> Ebd., S. 116.</p>
<p><a title="anm86" name="anm86" href="#anm_86">86</a> Zugleich verlor die FP&#214; bei allen Landtagswahlen zwischen 2000 und 2004 &#8211; mit Ausnahme K&#228;rntens &#8211; zwischen 10,9 (Salzburg) und 14,5 (Vorarlberg) sowie bei den drei Landtags- und Gemeinderatswahlen 2005 jeweils mindestens 5,3 Prozentpunkte.</p>
<p><a title="anm87" name="anm87" href="#anm_87">87</a> Vgl. http://www.sora.at/de/start.asp?b=21; Papouschek et. al., a.a.O., S. 188, Fn. 1.</p>
<p><a title="anm88" name="anm88" href="#anm_88">88</a> Schiedel, Der Rechte Rand, a.a.O., S. 118ff .</p>
<p><a title="anm89" name="anm89" href="#anm_89">89</a> ebd., S. 122.</p>
<p><a title="anm90" name="anm90" href="#anm_90">90</a> Vgl. SORA: Analysen zur Nationalratswahl 2006, http://www.sora.at/images/doku/sora_analysen_nrw_2006.pdf</p>
<p><a title="anm91" name="anm91" href="#anm_91">91</a> Schiedel, Heribert: Sind FP&#214; und BZ&#214; rechtsextrem? Eine Analyse des parteilichen Status quo; in: MALMOE Nr. 44, S. 4.</p>
<p><a title="anm92" name="anm92" href="#anm_92">92</a> Vgl. Stenographisches Protokoll der 720. Sitzung des Bundesrates der Republik &#214;sterreich, http://www.parlament.gv.at/PG/DE/BR/BRSITZ/BRSITZ_00720/fname_044485.pdf, S. 125.</p>
<p><a title="anm93" name="anm93" href="#anm_93">93</a> vgl. http://oesterreich.orf.at/kaernten/stories/324860/</p>
<p><a title="anm94" name="anm94" href="#anm_94">94</a> vgl. Pelinka, Die FP&#214;, a.a.O.; Decker, Der neue Rechtspopulismu, a.a.O.</p>
<p><a title="anm95" name="anm95" href="#anm_95">95</a> Decker, Der neue Rechtspopulismus, a.a.O.</p>
<p><a title="anm96" name="anm96" href="#anm_96">96</a> Bojadžijev/Demirovi&#196;, a.a.O., S. 8.</p>
<p><a title="anm97" name="anm97" href="#anm_97">97</a> Ebd., S. 19.</p>
<p><a title="anm98" name="anm98" href="#anm_98">98</a> Schiedel, Der Rechte Rand, a.a.O., S. 16.</p>
<p><a title="anm99" name="anm99" href="#anm_99">99</a> vgl. &#214;sterreich 23.04.2009: S. 15.</p>
<p><a title="anm100" name="anm100" href="#anm_10">100</a> vgl. http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/449879/index.do?parentid=420915&amp;ac=0&amp;isanonym=0&amp;id=420915)</p>
<p><a title="anm101" name="anm101" href="#anm_101">101</a> vgl. http://wahlen.ots.at/salzburg2009/node/135</p>
<p><a title="anm102" name="anm102" href="#anm_102">102</a> vgl. SORA, a.a.O., http://www.sora.at/images/doku/sora_analysen_nrw_2006.pdf.</p>
<p><a title="anm103" name="anm103" href="#anm_103">103</a> vgl. SORA: Nationalratswahl 2008; http://www.sora.at/images/doku/SORA_ISA_Analyse_NRW_2008.pdf</p>
<p><a title="anm104" name="anm104" href="#anm_104">104</a> vgl. ebd.</p>
<p><a title="anm105" name="anm105" href="#anm_105">105</a> Vgl. ebd.</p>
<p><a title="anm106" name="anm106" href="#anm_106">106</a> Obwohl sich das volle Ausma&#223; der verkl&#228;renden Normalisierung des „staatsm&#228;nnischen&#8221; Rechtsextremen erst mit dessen Tod auf Heimatboden offenbarte: „Partei&#252;bergreifende und sonstige Prominenz hielt glorifi zierende Reden auf den im Vollrausch in den Tod Gerasten. K&#228;rnten is lei ans &#8211; mit Blumen beladen am Unfallort des Volkes F&#252;hrers&#8221; (MALMOE Nr. 44).</p>
<p><a title="anm107" name="anm107" href="#anm_107">107</a> Kaindl, Christina: Antikapitalismus und Globalisierungskritik von rechts &#8211; Erfolgskonzepte f&#252;r die extreme Rechte? in: Bathke, Peter / Spindler, Susanne (Hg.): Neoliberalismus und Rechtsextremismus in Europa. Zusammenh&#228;nge &#8211; Widerspr&#252;che &#8211; Gegenstrategien, Berlin 2006, : Karl Dietz Verlag, S. 73.</p>
<p><a title="anm108" name="anm108" href="#anm_108">108</a> Hall, Popular-demokratischer oder autorit&#228;rer Populismus, a.a.O., S. 104.</p>
<p><a title="anm109" name="anm109" href="#anm_109">109</a> Wie erfolgreiche linke Projekte und soziale K&#228;mpfe rechtsextremen Parteien die Anh&#228;ngerInnenschaft streitig machen k&#246;nnen, zeigen die Linkspartei in Deutschland oder die Mobilisierungen in Frankreich.</p>
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		<title>„Germanischer als die Wikinger“</title>
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		<pubDate>Sat, 13 Jun 2009 12:54:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 8]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsextremismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Die rechtsextreme Szene in Ober&#246;sterreich wird wieder aktiver, der Widerstand dagegen jedoch auch. Dazu tr&#228;gt unter anderem <em>Robert Eiter</em> bei, Antifa-Aktivist und Mitbegr&#252;nder der <em>Welser Initiative gegen Faschismus</em>. Mit ihm sprachen <em>Benjamin Opratko</em> und <em>Florian Reiter</em> &#252;ber grenz&#252;bergreifende Solidarit&#228;t unter Nazis, das Verh&#228;ltnis von FP&#214; und der au&#223;erparlamentarischen extremen Rechten, sowie &#252;ber den N&#228;hrboden f&#252;r rechtes Gedankengut in breiten Teilen der Bev&#246;lkerung.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die rechtsextreme Szene in Ober&#246;sterreich wird wieder aktiver, der Widerstand dagegen jedoch auch. Dazu tr&#228;gt unter anderem <em>Robert Eiter</em> bei, Antifa-Aktivist und Mitbegr&#252;nder der <em>Welser Initiative gegen Faschismus</em>. Mit ihm sprachen <em>Benjamin Opratko</em> und <em>Florian Reiter</em> &#252;ber grenz&#252;bergreifende Solidarit&#228;t unter Nazis, das Verh&#228;ltnis von FP&#214; und der au&#223;erparlamentarischen extremen Rechten, sowie &#252;ber den N&#228;hrboden f&#252;r rechtes Gedankengut in breiten Teilen der Bev&#246;lkerung.<br />
<span id="more-472"></span><br />
<em>Es scheint, als w&#252;rden besonders in Ober&#246;sterreich rechtsextreme Aktivit&#228;ten in letzter Zeit stark zunehmen. Dazu z&#228;hlen etwa die – nunmehr beh&#246;rdlich untersagte – NVP-Demonstration in Braunau am 18. April und der so genannte „Arbeitermarsch“, der von der NVP in Linz f&#252;r den 1. Mai geplant wird.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Handelt es sich hier um ein reales Erstarken von rechtsextremen Strukturen und Aktivit&#228;ten oder hat blo&#223; die mediale Aufmerksamkeit zugenommen?</em></p>
<p><span>Bei der aktuellen Entwicklung der rechtsextremen Szene spielen, denke ich, drei Faktoren zusammen. Erstens die Wirtschaftskrise, die den N&#228;hrboden f&#252;r rechtsextreme Propaganda generell verbessert, wie man auch an den freiheitlichen und BZ&#214;-Wahlergebnissen sieht. Dieses Faktum ist aber nat&#252;rlich nicht auf &#214;sterreich oder Ober&#246;sterreich beschr&#228;nkt. Der zweite Faktor ist die Lage Ober&#246;sterreichs an der Grenze zu Deutschland, wodurch es eine sehr enge Verflechtung mit der deutschen Szene gibt, die zwar nicht &#252;ber eine so starke Partei wie die FP&#214; verf&#252;gt, aber sozusagen ganz rechts au&#223;en besser organisiert ist als in &#214;sterreich. Und der dritte Faktor ist ein subjektiver, wo einige Zuf&#228;lligkeiten auf Personenebene eine Rolle spielen. So ist zum Beispiel Robert Faller, der Gr&#252;nder der NVP, ein Ober&#246;sterreicher, konkret ein Bad Ischler, der jetzt im Bezirk Braunau wohnt. Und der AFP<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> ist es um die Jahrtausendwende nach einer Reihe vergeblicher Versuche gelungen, &#252;ber Rene Lang, einen fr&#252;heren VAPO-Aktivisten<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a>, in Marchtrenk eine Jugendgruppe auf die Beine zu stellen. Das ist der „Bund Freier Jugend“ (BFJ), der sich in letzter Zeit „Junge Aktion“ nennt.<br />
Fest steht, dass, wenn man davon absieht, dass die gr&#246;&#223;te Bedrohung von rechts aktuell eindeutig die Strache-FP&#214; mit ihrem Burschenschafter-Kader ist, die relativ bedeutsamste Kraft des ideologisch-militanten Rechtsextremismus au&#223;erhalb der FP&#214; der BFJ/die Junge Aktion ist. Die NVP, die die beiden erw&#228;hnten Demos organisiert – von denen eine bereits verboten wurde und die zweite nach meinen Informationen wahrscheinlich auch verboten wird – halte ich f&#252;r keine wirklich relevante Kraft. Sie ist zwar sehr lautstark und versucht gezielte Provokationen zu setzen, ist aber klein, heillos zerstritten – sowohl mit der Jungen Aktion als auch intern – und noch alles, was Robert Faller in Angriff genommen hat, ist grandios gescheitert. Das hei&#223;t nicht, dass man nichts dagegen tun soll, und ich begr&#252;&#223;e und unterst&#252;tze nat&#252;rlich die Gegenaktivit&#228;ten wie den Lichterzug am 30.April in Linz, aber die NVP, isoliert betrachtet, scheint mir kein Beleg daf&#252;r zu sein, dass die Szene in Ober&#246;sterreich aktiver ist als anderswo. Das ist bei der „Jungen Aktion“ etwas anderes, wiewohl sie sich in den letzten Monaten sehr ruhig verh&#228;lt, was ich darauf zur&#252;ckf&#252;hre, dass nach den Skandal-Freispr&#252;chen gegen die f&#252;nf R&#228;delsf&#252;hrer in Wels noch eine Nichtigkeitsbeschwerde der Staatsanwaltschaft beim Obersten Gerichtshof anh&#228;ngig ist.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Die wird zwar vermutlich aus formaljuristischen Gr&#252;nden abgelehnt werden, doch die Szene will das off ensichtlich noch abwarten.</span></p>
<p><span><em>Gibt es nun aber einen aktuellen Aufschwung rechtsextremerAktivit&#228;ten in der Region, oder wird blo&#223; mehr dar&#252;ber berichtet?</em></span></p>
<p>Beides. Es tut sich schon einiges. Wenn man als – nat&#252;rlich sehr relativen – Indikator die Zahl der Anzeigen nach dem Verbotsgesetz nimmt, dann ist die von 2007 auf 2008 von 40 auf immerhin 67 gestiegen. Das ist also schon ein Hinweis, umso mehr als Anzeigen nach dem Verbotsgesetz ja nicht leichtfertig erstattet werden. Es gibt viele Aktivit&#228;ten, die auch nicht immer einer bestimmten Organisation zuzuordnen sind. Man wei&#223;, dass der Rechtsextremismus unter Jugendlichen in &#214;sterreich, und noch mehr in Deutschland – auch der organisierte Rechtsextremismus – deutlich zunimmt, wobei sich das auch in Mitgliedschaften bei einer Skinhead- oder Fu&#223;ballfan-Truppe ausdr&#252;cken kann, die im engeren Sinne nicht ideologisch gefestigt ist. </p>
<p>Zugleich jedoch gibt es in Ober&#246;sterreich eine sehr aktive antifaschistische Szene und einige sehr engagierte Journalistinnen und Journalisten, weshalb &#252;ber das, was geschieht, vielleicht noch intensiver berichtet wird als in anderen Bundesl&#228;ndern.</p>
<p><span><em>Sie haben mehrmals die Verbindungen zur deutschen, insbesondere s&#252;ddeutschen Szene angesprochen. Gibt es da tats&#228;chlich strukturelle organisatorische Verbindungen?</em></span></p>
<p><span>Ich w&#252;rde noch weiter gehen und nicht blo&#223; von Verbindungen sprechen, denn f&#252;r diese Kreise existiert die Staatsgrenze nicht. Sie f&#252;hlen sich schlie&#223;lich alle als Deutsche und halten sich f&#252;r germanischer als die Wikinger. So war bei der Neonazi-Demo in Passau nach dem Attentat auf den Polizeidirektor Mannichl<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> angeblich etwa ein Drittel der Teilnehmer aus &#214;sterreich, und man kann vermuten dass davon ein sehr hoher Anteil aus Ober&#246;sterreich gekommen ist. Und auch umgekehrt, beim „Tag der volkstreuen Jugend“, der bis zur Verhaftung der Anf&#252;hrer j&#228;hrlich vom BFJ durchgef&#252;hrt wurde, waren die Teilnehmer meist zur H&#228;lfte Deutsche. Es gibt hier also einen hohen Grad an Verfl echtung, insbesondere mit der NPD und ihren Organisationen, auch mit der nun aufgel&#246;sten „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ).<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Es ist nun zu hoffen und auch zu erwarten, dass der bevorstehende Konkurs der NPD ein schwerer Schlag f&#252;r die rechtsextreme Szene wird.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Selbstverst&#228;ndlich kann sie sich neu organisieren, aber die NPD hat eben doch sehr viel an Verankerung, Strukturen und Finanzierung geboten und das l&#228;sst sich nicht so kurzfristig ersetzen.</span></p>
<p><span><em>Ein wesentlicher Unterschied zwischen den Verh&#228;ltnissen in &#214;sterreich und Deutschland ist wohl die Existenz der FP&#214;, zu der es in Deutschland kein direktes &#196;quivalent gibt. Wie sieht denn das Verh&#228;ltnis des organisierten au&#223;erparlamentarischen Rechtsextremismus – wie AFP und BFJ/Junge Aktion – zur etablierten parlamentarischen Rechten und vor allem zur FP&#214; aus? Und zwar sowohl was politisch-ideologische, als auch strukturelle, organisatorische und finanzielle Naheverh&#228;ltnisse betrifft.</em></span></p>
<p><span>&#220;ber Finanzstr&#246;me kann man nur Vermutungen anstellen, aber es gibt eine starke organisatorische und personelle Verflechtung etwa zwischen BFJ/Junge Aktion und dem Ring Freiheitlicher Jugend (RFJ). Das haben die Sozialistische Jugend und die Zeitung „&#214;sterreich“ sehr detailliert nachgewiesen, wobei das teilweise nicht besonders schwer war, weil einige der „deutschen Recken“ ihre Doppelmitgliedschaft selbst im Internet dokumentiert haben, inklusive Fotos.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Aktuell hat der Chefdirigent des Bruckner-Orchesters, Dennis Russell Davies, gegen den RFJ Ober&#246;sterreich Anzeige erstattet, weil dieser einen Aufkleber verbreitet, auf dem eine Zigarettenpackung mit der Aufschrift „Gemischte Sorte &#8211; Zuwanderung kann t&#246;dlich sein“ zu sehen ist. Dennis Russel Davies hat festgehalten, dass er sich dadurch als „Zuwanderer“ diskriminiert f&#252;hlt und das einfach nicht tolerieren kann – eine sehr anst&#228;ndige Aktion. Diese Aktion steht in Zusammenhang mit den Gr&#252;nen, die ebenso wie das O&#214;. Netzwerk gegen Rassismus und Rechtsextremismus fordern, dass, so wie in der Steiermark, die Landessubvention f&#252;r den RFJ eingestellt wird.</span></p>
<p><span><em>Wie ist Ihre Einsch&#228;tzung: Wird das Verh&#228;ltnis von au&#223;erparlamentarischer und parlamentarischer Rechter von den Beteiligten eher als Konkurrenzverh&#228;ltnis oder als Erg&#228;nzungsverh&#228;ltnis gesehen?</em></span></p>
<p><span>Es gibt zwar immer wieder Differenzen und Reibungen. Aufgrund der schieren Gr&#246;&#223;e und Verankerung der FP&#214; wird das Verh&#228;ltnis aber als Erg&#228;nzung verstanden. Die rechtsextremen Gruppen rufen, auch mangels eigenem quantitativen Gewicht, zur Wahl der FP&#214; auf, und die FP&#214; wiederum sieht dort h&#246;chst aktive Kader. Es war ja schon unter Haider so, dass Leute von Gruppen wie ANR, NDP oder „Nein zur Ausl&#228;nderflut“ bis in Ministerb&#252;ros durchgewandert sind.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Eine wichtige Drehscheibe stellen hier zweifellos die Burschenschaften dar. In Ober&#246;sterreich gibt es ja nur eine studentische Burschenschaft, die jetzt in den Redoutens&#228;len des Landestheaters, also in den Prunkr&#228;umen des Landes Ober&#246;sterreich, einen „Freiheitskommers“ durchf&#252;hren konnte.<br />
Daneben gibt es noch die „Vereinigung Alter Burschenschafter“, denn viele &#228;ltere Herren, die deutschnational gesinnt sind, waren ja in Burschenschaften etwa in Wien, Graz oder Innsbruck, weil sie in Linz nicht studieren konnten – bis 1967 gab es ja keine Universit&#228;t in Ober&#246;sterreich. Und dar&#252;ber hinaus gibt es in fast allen Bezirksst&#228;dten pennale Verbindungen, also schlagende Mittelsch&#252;lerverbindungen wie etwa „Gothia zu Wels“, „Florian Geyer“ in V&#246;cklabruck oder „Eysn zu Steyr“.<br />
Die Burschenschaften spielen als Schnittstelle und Drehscheibe eine gro&#223;e Rolle. Sie treten, au&#223;er bei Kommersen, &#246;ffentlich gar nicht so sehr in Erscheinung, und das vor allem, weil die ober&#246;sterreichische antifaschistische Szene recht gut organisiert ist. Das ist &#252;brigens eine Besonderheit, denn seit September 2001 gibt es auf Einladung unserer Welser Initiative gegen Faschismus und dem Bildungshaus Schloss Puchberg das O&#214;. Netzwerk gegen Rassismus und Rechtsextremismus, an dem bei der Gr&#252;ndung bereits 26 Organisationen beteiligt waren. Heute sind es 53 politische, kirchliche, kulturelle und humanit&#228;re Organisationen. In dem Netzwerk sind damit praktisch alle relevanten antifaschistischen Kr&#228;fte der Region vertreten, und meines Wissens ist das in Europa einzigartig.</span></p>
<p><span><em>Wie wirkt sich das in der gemeinsamen politischen Praxis aus, etwa bei Mobilisierungen?</em></span></p>
<p><span>Das wirkt sich positiv aus, erstens allein schon wegen der gemeinsamen Informationsbasis, die sehr wichtig ist. Zweitens sind die einzelnen Leute auch subjektiv gest&#228;rkt, denn als Antifaschist oder Antifaschistin hat man ja oft das Gef&#252;hl, allein zu sein. Durch das Netzwerk wissen sie, dass sie nicht allein sind, sie k&#246;nnen Informationen weitergeben, um Unterst&#252;tzung ersuchen und so weiter. Und drittens ist man objektiv gegen&#252;ber Medien und Politik st&#228;rker. Wir agieren da auch sehr flexibel: das Netzwerk ist wirklich ein Netzwerk und betreibt keine Monopolisierung. Wenn also eine oder mehrere Gruppen eine antifaschistische Aktion setzen wollen, die nicht v&#246;llig gegen die gemeinsame Linie geht, wird diese vom Netzwerk mitgetragen, der Aufruf verbreitet und manchmal auch finanziell unterst&#252;tzt.</span></p>
<p><span><em> Zuletzt haben die Schmierereien auf der KZ-Gedenkst&#228;tte in Mauthausen f&#252;r Aufregung gesorgt, die sich explizit auf Juden und Muslime bezogen haben.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Das Thema der so genannten „Islamisierung“ ist f&#252;r die FP&#214; ja schon lange ein zentrales. Welche Rolle spielt dies aktuell f&#252;r die au&#223;erparlamentarische extreme Rechte – sowohl in der Propaganda nach au&#223;en als auch in der ideologischen Selbstfestigung nach innen?</span></em></p>
<p><span>Was der extremen Rechten sehr zu Gute kommt, ist dass zum Beispiel etwa die &#214;VP in Linz und Wels das Thema „Islam“ und „Islamisierung“ seit der letzten Nationalratswahl weitgehend &#252;bernommen hat, teilweise bis hin zum Versuch, die FP&#214; in der Alltagspolitik rechts zu &#252;berholen. F&#252;r die FP&#214; und nat&#252;rlich auch die &#214;VP spielt in der Alltagspropaganda und der Wahlpropaganda Antisemitismus keine Rolle. Bei der FP&#214; kommt das eher latent und subkutan daher, bei den Gruppierungen, die noch weiter rechts stehen, gibt es auch off en antisemitische Angriffe – was in Ober&#246;sterreich nat&#252;rlich h&#246;chst abstrakt ist, weil etwa die Israelitische Kultusgemeinde in Linz durch den Holocaust nur noch 45 Mitglieder hat.<br />
Das Thema Islam spielt eine gro&#223;e Rolle, und ich will ein Beispiel daf&#252;r nennen. In Wels gibt es seit Jahren ein islamisches Internat f&#252;r rund zwanzig Hauptsch&#252;ler, das von einer t&#252;rkischen Organisation betrieben wird. Soweit man das beurteilen kann, haben die Betreiber einen recht engen religi&#246;sen Zugang, und es gab zweifellos infrastrukturelle Probleme: zu wenig Kontakt mit der Schule, in die die Burschen gehen, zu wenig Raum f&#252;r die Unterbringung, Probleme mit dem Essen und so weiter. Der Schuldirektor hat auf diese Probleme aufmerksam gemacht, woraufhin die FP&#214; und noch mehr die &#214;VP das Internat als „Kaderschmiede f&#252;r Islamisten“ angeprangert haben. Die FP&#214; hat die &#220;berpr&#252;fung des Heims gefordert – wogegen prinzipiell nichts einzuwenden w&#228;re, wenn auch ein ideologischer Beigeschmack bleibt – die &#214;VP dagegen hat sofort die Schlie&#223;ung gefordert.<br />
Teilweise wird in der &#214;VP aber schon eingesehen, dass dieser Kurs nur Wasser auf die M&#252;hlen der FP&#214; und abgesehen von allen inhaltlichen Fragen ja auch wahltaktisch dumm ist. Aber das ist nicht nur eine Welser oder auch nur ober&#246;sterreichische Angelegenheit, sondern es handelt sich um den Versuch, sich teilweise ausl&#228;nderfeindlich zu positionieren, um der FP&#214; und der SP&#214; Stimmen wegzunehmen, was aber sichtlich nirgendwo funktioniert.</span></p>
<p><span><em>Inwieweit sind die organisierten, au&#223;erparlamentarischen Rechtsextremen dabei erfolgreich, sich lokal zu verankern? Wie breitenwirksam oder anschlussf&#228;hig sind ihre Positionen in breiteren Teilen der Gesellschaft? Sie haben anfangs erw&#228;hnt, dass die aktuelle Krise den Boden f&#252;r rechtsextreme Politik aufbereitet. Wie gro&#223; ist Ihrer Meinung nach die Gefahr, dass es hier zu einer Verbreiterung der Basis f&#252;r Rechtsextremismus kommt?</em></span></p>
<p><span>Um die Dimensionen zu verdeutlichen: Meine grobe Sch&#228;tzung geht dahin, dass die Junge Aktion/BFJ &#252;ber einen harten Kern von vielleicht 70 Leuten verf&#252;gt, und dazu noch 150 bis 200 Sympathisantinnen und Sympathisanten. Wenn diese Leute sehr aktiv sind, dann ist das nicht wenig. Vor einigen Jahren haben sie in Linzer Arbeitervierteln zehntausende Flugzettel verteilt – daf&#252;r braucht es hohes Engagement und Motivation. Dadurch konnten schon Effekte erzielt werden, aber dass sich die Organisationen dramatisch ausgebreitet h&#228;tten, also in Richtung Kleinpartei, kann man nicht sagen.</span></p>
<p><span><em>Inwiefern spielt da auch die FP&#214; eine Rolle, die einiges an Sympathisantinnen und Sympathisanten aufsaugt? </em></span></p>
<p><span>Nat&#252;rlich – ob die FP&#214; will oder nicht, die Aktivit&#228;ten kommen sp&#228;testens beim Wahlverhalten ihr zugute. Das hat wiederum einfach mit dem Gewicht der FP&#214; zu tun, die tausende Mitglieder, Geld, Verankerung in Gemeinder&#228;ten und im Landtag und so weiter hat.</span></p>
<p><span><em>In Wien konnte bei einer rechten Demo gegen ein islamisches Kulturzentrum in der Brigittenau beobachtet werden, wie Anrainerinnen und Anrainer sich recht angst- und vorbehaltlos den organisierten Rechtsextremen angeschlossen und deren Propagandamaterial &#252;bernommen haben. Hier hat die extreme Rechte also recht gut Anschluss finden k&#246;nnen&#8230;</em></span></p>
<p><span>Das kann man in Ober&#246;sterreich derzeit so nicht beobachten. Ein Beispiel: K&#252;rzlich h&#228;tte ein NVP-Infostand in Bad Ischl aufgebaut werden sollen, wie auf der NVP-Homepage dankenswerterweise angek&#252;ndigt wurde. Daraufhin haben wir Kontakt zu antifaschistischen Leuten vor Ort aufgenommen, was sehr gut geklappt hat. Der alternativ-sozialdemokratische B&#252;rgermeister hat mitgeholfen, vor allem aber hat eine antifaschistische Jugendgruppe, die Autonome Antifa Salzkammergut, eine sehr gute Aktion durchgef&#252;hrt. Sie haben stundenlang den Platz besetzt, wo der Infostand h&#228;tte stattfinden sollen, und irgendwann sind drei, vier NVPler mit dummem Gesicht dagestanden und gleich wieder abgezogen – sie haben sich nicht einmal getraut, den Infostand aufzubauen. Und die Antifa-AktivistInnen haben mir danach berichtet, dass es viel Zustimmung aus der Bev&#246;lkerung gegeben hat – obwohl es in Bad Ischl historisch immer wieder viele braune Sympathien zu verzeichnen gab.<br />
In Marchtrenk, wo sich der Hauptsitz des BFJ/Junge Aktion befindet, war hingegen ein gewisser Mitleidseff ekt wegen des Prozesses gegen die Anf&#252;hrer zu beobachten. Da merkt man auch einen gro&#223;en Bewertungsunterschied. Bei Skinheads wird gesagt: „Um Gottes Willen, diese Randalierer, S&#228;ufer, Volltrotteln – die meg ma ned!“. Das ist die Abwehrhaltung des typischen B&#252;rgers, auch vieler FP&#214;-W&#228;hlerinnen und -W&#228;hler. Aber wenn die freundlich, nett, h&#246;flich und gescheitelt sind, die T&#252;r aufhalten, der Oma das Einkaufssackerl tragen, ordentlich reden und gr&#252;&#223;en, dann hei&#223;t es: „Mein Gott, haben sie halt ein paar Flugbl&#228;tter verteilt, die haben ja niemandem was getan“. Dass aber genau die auf lange Sicht viel gef&#228;hrlicher sind, das ist dem &#246;sterreichischen Breitenbewusstsein, auch wenn es nicht von vornherein undemokratisch ist, nicht zu vermitteln. Und das ist auch die Hauptursache f&#252;r das Welser Skandalurteil.</span></p>
<p><span><em>Was sind denn angesichts dieser Situation aus Ihrer Sicht die notwendigen Schwerpunkte antifaschistischer Arbeit? Man k&#246;nnte ja ein Feld aufmachen, das von Verbotsforderungen, wie sie in Deutschland in Bezug auf die NPD immer wieder kommen und die bei der HDJ nun durchgegangen sind, &#252;ber lokale direkte Aktionen wie jene in Bad Ischl, bis hin zur l&#228;ngerfristigen politischen Strategie reicht, um die soziale Frage nicht der extremen Rechten zu &#252;berlassen.</em></span></p>
<p><span>Ich war immer ein Anh&#228;nger der Breite. Ich glaube, wir brauchen alles. Es braucht eine konsequente Anwendung der rechtlichen Instrumentarien im Wissen, dass Sicherheitsbeh&#246;rden und Justiz oft lax und in Einzelf&#228;llen sogar sympathisierend agieren. Ich bin kein Anh&#228;nger der Position, die sagt, man d&#252;rfe sich nicht auf den b&#252;rgerlichen Staat verlassen und deswegen geh&#246;re das Verbotsgesetz abgeschafft. Auch das Verh&#228;ltnis von Lohnarbeit und Kapital ist ein entscheidender Faktor, klar, aber deshalb bin ich auch nicht daf&#252;r, dass Arbeitszeitgesetze und Kollektivvertr&#228;ge abgeschafft werden. Ich bin also ein Verfechter des Verbotsgesetzes und denke, man k&#246;nnte es punktuell noch verbessern.<br />
Es braucht auch Aufkl&#228;rung, es braucht unbedingt ein Schulfach „Politische Bildung“ schon ab der Hauptschule. Wir merken in Wels, wo wir viel mit Schulen zusammenarbeiten, dass es ein Gef&#228;lle in der Erreichbarkeit gibt, von AHS zu BHS und zu den Hauptschulen, Polytechnischen und Berufsschulen. Aufkl&#228;rung ist also wichtig, auch, weil viele Jugendliche, die prinzipiell off en sind f&#252;r Informationen &#252;ber den Faschismus, dann den Bogen nicht kriegen zu den feschen braungebrannten Burschen auf den Hochglanzplakaten. Da hei&#223;t es dann „Ich bin eh gegen KZs, aber was hat das damit zu tun, wen ich w&#228;hle? Und au&#223;erdem hat mir gestern ein T&#252;rke eine aufg’legt.“<br />
Auch notwendig ist das konkrete, gemeinsame Entgegentreten der Antifaschistinnen und Antifaschisten an Ort und Stelle. Darum ist es so wichtig, etwa bei dem Lichterzug am 30. April in der Linzer Innenstadt ein Zeichen zu setzen und zu zeigen, dass das unsere Stadt und unser Raum sind, nicht die der Rassisten, und dass sie da nichts verloren haben.<br />
Und dann gibt es noch die &#252;bergeordnete Politik. Das Problem ist nicht nur, dass es daran hapert, in Zeiten der Krise den &#196;rmsten die &#196;ngste zu nehmen und ihre soziale Situation zu verbessern, sondern die Gro&#223;parteien SP&#214; und &#214;VP sind auch extrem schlampig in ihrem Verhalten gegen&#252;ber dem Rechtsextremismus. Da fehlt es zum Teil an jeglichem Problembewusstsein und die FP&#214; wird eher als m&#246;glicher Partner denn als grunds&#228;tzlicher Gegner wahrgenommen. In der SP&#214; hat das schon eine lange Tradition, die bis in die 1930er Jahre zur&#252;ckreicht. Da waren die prim&#228;ren Gegner die Schwarzen, denn die haben ja auf die Arbeiterwohnungen schie&#223;en lassen, und die Nazis waren eben auch in der Opposition gegen die schwarze Diktatur. Die &#246;sterreichische Arbeiterbewegung hat den M&#228;rz 1938 nie als so dramatisch wahrgenommen wie den Februar 1934. Dazu gibt es &#252;brigens einen wunderbaren Essay von Josef Haslinger &#252;ber J&#246;rg Haider und den Februar 1934.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a><br />
Nat&#252;rlich ist gute Sozialpolitik wichtig. Ein Grund, warum die NPD in Deutschland gescheitert ist, war die Gr&#252;ndung der Linkspartei. Man wei&#223;, dass ein gewisses, nicht kleines Segment der W&#228;hlerschaft der  Linkspartei aus so genanntem „Flugsand des Protestes“ besteht. Das hei&#223;t, die w&#228;hlen nicht aus prim&#228;r ideologischen &#220;berlegungen, sondern wollen vor allem ein klares, glaubw&#252;rdiges Zeichen gegen das System setzen. Und wenn es keine linke Kraft gibt, bei der das Angebot stimmt – und das ist in &#214;sterreich der Fall, die KP&#214; ist es nur in der Steiermark – dann w&#228;hlt man halt die Freiheitlichen wegen ihrer sozialdemagogischen Parolen, gerade in der Krise, denn die Freiheitlichen sind scheinbar die Systemgegner. Dass das hinten und vorne ein Bl&#246;dsinn ist, nehmen die Leute gar nicht wahr, weil sie nicht wirklich informiert sind.<br />
Das Problem ist, dass man seitens der demokratischen Parteien keine klare Linie hat und nicht kantig vorgeht, dass man das verst&#228;ndliche Protestbed&#252;rfnis breiter Teile der Bev&#246;lkerung nicht ber&#252;cksichtigt, gerade in einer Krise, in der die Menschen wirklich um ihren Arbeitsplatz und ihre Existenz f&#252;rchten. Wenn SP&#214;, &#214;VP und Gr&#252;ne so tun, als w&#228;re nichts Besonderes los, dann darf man sich nicht wundern.</span></p>
<p><span><em>Vielen Dank f&#252;r das Interview.</em></span></p>
<h3><span>Anmerkungen</span></h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> „Nationale Volkspartei“, ein seit Sommer 2007 existierendes B&#252;ndnis, das auf Initiative von Robert Faller als rechtsextremes Sammelbecken gegr&#252;ndet wurde. Am 18. April, zwei Tage vor dem Geburtstag Adolf Hitlers, wollte die NVP in dessen Geburtsstadt (offi ziell „zum Gedenken der 100 Millionen Opfer des Kommunismus“) demonstrieren; f&#252;r den 1. Mai plante die NVP einen rechtsextremen „Arbeiteraufmarsch“ in Linz. Beide Demonstrationen wurden inzwischen beh&#246;rdlich untersagt. Mehr Informationen dazu gibt es auf der Homepage des Infoladen Treibsand in Linz: http://treibsand.servus.at (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> „Arbeitsgemeinschaft f&#252;r demokratische Politik“, eine in unterschiedlichen Formen bereits seit 1963 existierende Organisation der extremen Rechten, die vor allem publizistisch durch die Periodika „Kommentare zum Zeitgeschehen“, „Wiener Beobachter“ und „Jugend Echo“ auftritt (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> „Volkstreue Au&#223;erparlamentarische Opposition“, eine 1986 gegr&#252;ndete, militante neonazistische Gruppe unter der F&#252;hrung von Gottfried K&#252;ssel. &#214;ff entlich Aufsehen erregt hatten Anfang der 1990er Jahre Aufnahmen von „Wehrsport&#252;bungen“ der VAPO. Mitte der 1990er wurde die VAPO polizeilich zerschlagen und K&#252;ssel 1993 zu zehn Jahren Haft wegen Nationalsozialistischer Wiederbet&#228;tigung verurteilt. 1999 wurde K&#252;ssel vorzeitig aus der Haft entlassen (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> F&#252;nf Anf&#252;hrer des BFJ wurden 2008 der  nationalsozialistischen Wiederbet&#228;tigung angeklagt und im November von den Geschworenen im Welser Landgericht freigesprochen. Die Anklage nach § 3a des Verbotsgesetzes h&#228;tte eine Freiheitsstrafe zwischen zehn Jahren und (bei „besonderer Gef&#228;hrlichkeit“) lebensl&#228;nglich vorgesehen (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Alois Mannichl, Polizeidirektor der Stadt Passau und schon zuvor durch konsequentes Druchgreifen gegen&#252;ber der rechtsextremen Szene bekannt, wurde am 13. Dezember 2008 vor seinem Haus, vermutlich von einem Neonazi, niedergestochen (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Die Heimattreue Deutsche Jugend, ein 1990 gegr&#252;ndeter neonazistischer Jugendverband mit strukturellen und personellen Verbindungen zur NPD, wurde am 31. M&#228;rz 2009 durch den deutschen Innenminister Sch&#228;uble verboten (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Die NPD muss wegen Bilanzfehlern dem deutschen Staat bis zu 2,5 Millionen Euro zur&#252;ckzahlen (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Vgl. den Artikel auf der Homepage der Sozialistischen Jugend &#214;sterreichs: SJ deckt auf: RFJ steckt mit Rechtsextremen unter einer Decke, http://www.sjoe.at/content/wien/home/archiv2007/article/2680.html (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a>ANR: „Aktion Neue Rechte“, 1973 gegr&#252;ndet und insbesondere an Hochschulen aktiv. NDP: „Nationaldemokratische Partei“, 1963 vom ehemaligen Vorsitzenden des Rings freiheitlicher Studenten Norbert Burger gegr&#252;ndet und 1988 vom Verfassungsgerichtshof als nazistische Organisation aufgel&#246;st. Liste „Nein zur Ausl&#228;nderfl ut“: rechtsextreme Wahlliste, die zu den Nationalratswahlen 1990 antreten wollte, von der Wahlkreisbeh&#246;rde wegen Nationalsozialistischer Wiederbet&#228;tigung aber nicht zugelassen wurde (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> In der Nacht auf den 12. Februar 2009 wurden auf eine Mauer der KZGedenkst&#228;tte Mauthausen in Ober&#246;sterreich von Unbekannten folgende Worte gespr&#252;ht: „ Was unsern V&#228;tern der Jud, ist f&#252;r uns die Moslembrut. Seid auf der Hut. 3. Weltkrieg &#8211; 8. Kreuzzug“ (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Haslinger, Josef: „Im Bett von J&#246;rg Haider“, in: ders.: Klasse Burschen (Frankfurt 2001).</p>
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		<title>„Dreiviertel-faschistisches Klima“</title>
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		<pubDate>Sat, 13 Jun 2009 12:40:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 8]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsextremismus]]></category>
		<category><![CDATA[Ungarn]]></category>

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		<description><![CDATA[W&#228;hrend die Medien hierzulande meist auf nicht n&#228;her beschriebene Regierungsproteste fokussieren, zeichnet <em>G. M. Tamás</em> ein ganz anderes Bild des derzeitigen gesellschaftspolitischen Klimas in Ungarn. <em>Veronika Duma</em> und <em>Julia Hartung</em> sprachen mit dem in Ungarn lebenden linken Intellektuellen &#252;ber offen faschistisch auftretende Truppen in den Stra&#223;en Budapests, weit verbreiteten Antiziganismus in der Bev&#246;lkerung und wieso es so schwierig ist, sich im politischen Spektrum Ungarns als links und zugleich gegen die NATO zu positionieren.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>W&#228;hrend die Medien hierzulande meist auf nicht n&#228;her beschriebene Regierungsproteste fokussieren, zeichnet <em>G. M. Tamás</em> ein ganz anderes Bild des derzeitigen gesellschaftspolitischen Klimas in Ungarn. <em>Veronika Duma</em> und <em>Julia Hartung</em> sprachen mit dem in Ungarn lebenden linken Intellektuellen &#252;ber offen faschistisch auftretende Truppen in den Stra&#223;en Budapests, weit verbreiteten Antiziganismus in der Bev&#246;lkerung und wieso es so schwierig ist, sich im politischen Spektrum Ungarns als links und zugleich gegen die NATO zu positionieren.<br />
<span id="more-474"></span><br />
<em>Die Lage im Nachbarland Ungarn ist in der &#246;sterreichischen &#214;ffentlichkeit wenig pr&#228;sent. Neben Nachrichten &#252;ber die Auswirkungen der Wirtschaftskrise und Auseinandersetzungen in der (noch) von den Sozialdemokraten dominierten Regierung erreichen uns nur vereinzelt erschreckende Meldungen &#252;ber die pogromhafte Stimmung gegen Roma sowie durch die Stra&#223;en marschierende, faschistoide Gruppierungen. Die extreme Rechte l&#228;sst vollmundig verlautbaren, ihr Ziel sei es, die „linksliberale“ Regierung zu st&#252;rzen. Kannst du eine kurze Situationsbeschreibung geben? Was tut sich zurzeit am rechten Rand in Ungarn?</em></p>
<p>Ich denke, es herrscht wirklich eine rechtsextreme Stimmung im Land. Diese wird vor allem vom jungen Mittelstand getragen: von Intellektuellen, BeamtInnen, StudentInnen, LehrerInnen, &#196;rztInnen usw. Diese Stimmung ist aber auch stark in den D&#246;rfern zu sp&#252;ren, wo die Roma-Bev&#246;lkerung lebt.<br />
Das hat unter anderem viel mit dem Scheitern der Politik der letzten Jahre zu tun. Die so genannte linksliberale sozialdemokratische Regierung hat eine konsequent neoliberale Wirtschafts- und neokonservative Sozialpolitik betrieben – dagegen gab und gibt es gro&#223;en Widerstand.<br />
Au&#223;erdem werden in Ungarn alte Feindbilder heraufbeschworen, wenn es darum geht, Verantwortliche f&#252;r die wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes zu finden. So ist etwa von „Judobolschewisten“, also von ehemaligen Kommunisten, die jetzt Milliard&#228;re sein sollen, die Rede; von „den Juden“ – den „Agenten des kosmopolitischen Weltkapitalismus“ – und von den Roma, die in der rechten Presse als „genetische Sch&#228;dlinge“ bezeichnet werden. Und nat&#252;rlich auch vom Ausland, von „dem Westen“. Es kann durchaus von einem dreiviertel-faschistischen Klima gesprochen werden. Gewalttaten sind keine Seltenheit: haupts&#228;chlich wird – noch – psychischer Terror ausge&#252;bt, aber es gab auch schon Attentate, Serienmorde an Roma. Sozialistische und liberale PolitikerInnen werden bespuckt, verpr&#252;gelt usw. Ein neofaschistisches Terrorkommando aus Ungarn wurde j&#252;ngst in Bolivien enttarnt und gefangen genommen. Sie waren im Dienste der wei&#223;-suprematistischen Kr&#228;fte in der Region Santa Cruz, wo sie gegen das linkssozialistische Regime Evo Morales’ gewaltt&#228;tig vorgehen sollten. Die Stimmung in Ungarn ist wirklich sehr angespannt.<br />
Das angeblich so fortschrittliche Regierungslager verliert gerade den letzten Rest an Popularit&#228;t. In dieser Lage entstehen nat&#252;rlich auch neue Str&#246;mungen. Unter diesen sind auch ein paar wenige linkgerichtete Kr&#228;fte zu fi nden, aber vor allem gibt es eine aus rechter Sicht viel versprechende, junge faschistische Partei mit dem Namen <em>Jobbik</em>, was „die Bessere“ oder auch „die Rechte“ hei&#223;t – das ist ein Wortspiel. Diese Partei verf&#252;gt auch &#252;ber paramilit&#228;rische Truppen, die „Ungarischen Garden“, die in den faschistischen Uniformen der Pfeilkreuzler<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> aus den drei&#223;iger Jahren auf und ab marschieren und in Sch&#252;tzenvereinen den Umgang mit Waffeen trainieren.<br />
Das k&#252;ndigen sie &#252;brigens auch ganz offen an. Diese paramilit&#228;rischen Einheiten werden gemeinsam mit den so genannten B&#252;rgerwachen (halbamtlichen „Vigilanten“) in einigen Gebieten Ungarns von gro&#223;en Teilen der Bev&#246;lkerung als Aufrechterhalter der &#246;ff entlichen Ordnung anerkannt und sogar von B&#252;rgermeistern pers&#246;nlich gebeten, durch die Stra&#223;en zu patrouillieren und Pr&#228;senz zu zeigen. Das ist wirklich schlimm.<br />
Es gibt kaum kritische Reflexionen oder Analysen der derzeitigen Situation. Moderate Kr&#228;fte, Linksliberale oder SozialdemokratInnen schreien zwar ab und zu etwas von Weimar und Faschismus, eine fundierte Analyse der gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse bleibt jedoch aus.</p>
<p><em>Welche Verbindungen bestehen zwischen der parlamentarischen Rechten und den offen auftretenden neofaschistischen Bewegungen?</em></p>
<p>Sie sind Rivalen, sie sind Feinde und sie sind Verb&#252;ndete. Nat&#252;rlich m&#246;chte die parlamentarische Rechte nicht ihre Stimmen verlieren.<br />
Allgemein kann gesagt werden, dass das ganze politische Spektrum sich stark nach Rechts verschoben hat. Die militante und rechtsextreme Basis tr&#228;gt auch ihren Teil dazu bei, dass die parlamentarische Rechte immer weiter nach Rechts r&#252;ckt. Die Rechten, Konservativen und Nationalisten im Parlament m&#252;ssen also ein bisschen mit diesen Positionen jonglieren. Einige konservative PolitikerInnen stehen den Rechtsextremen n&#228;her, andere wieder weniger.<br />
Die Rivalit&#228;t ist wie gesagt stark, und rechte PolitikerInnen achten sehr darauf, taktisch vorzugehen. Ein Beispiel: In Ungarn gibt es eine Zeitung, <em>Magyar Hirlap</em>, die einzige nationalsozialistische Tageszeitung in Europa, die ohne Bedenken und Probleme off en rassistische, antisemitische und hetzerische Artikel ver&#246;ff entlichen kann. Fr&#252;her war diese Zeitung liberal, und ich habe selbst darin geschrieben. Heute gibt es einen neuen Eigent&#252;mer, einen Milliard&#228;r und Rechtsextremen. Diese Zeitung unterst&#252;tzt jetzt wahlpolitisch die parlamentarische Rechte. Konservative Politiker geben in dieser Zeitung Interviews und niemand protestiert! Die Grenzen zwischen der parlamentarischen Rechten und den Rechten auf der Stra&#223;e sind also kaum noch vorhanden. Es gibt schon seit langem keine Ber&#252;hrungs&#228;ngste mehr. Antisemitische, rassistische und homophobe PolitikerInnen und bekannte Intellektuelle vertreten ihre Ansichten &#246;ffentlich in Talkshows und in den diversen Medien, und niemand versucht, sie zu delegitimieren.</p>
<p><em>Rechtextreme bzw. neofaschistische Parteien und Gruppierungen gibt es in ganz Europa – und sie scheinen sich im Aufwind zu befi nden. Trotzdem bestehen gro&#223;e nationale Unterschiede in Ausrichtung und Auftreten. Inwiefern lassen sich die St&#228;rke und der besondere Charakter der ungarischen Rechten aus der spezifischen historischen Entwicklung Ungarns erkl&#228;ren?</em></p>
<p>Ich denke, der Aufstieg der Rechten in Ungarn ist gar nicht so spezifi sch, wie es scheint. So existieren z.B. verbl&#252;ffende &#196;hnlichkeiten mit Italien und anderen L&#228;ndern in Europa. Selbst in solchen mit einer langen liberalen Tradition, wie den Niederlanden oder D&#228;nemark, besteht eine gewisse Legitimit&#228;t f&#252;r rassistische Kr&#228;fte, die teilweise ja sogar in Regierungen vertreten sind.<br />
Es gibt nat&#252;rlich schon Unterschiede, aber eben auch viele &#196;hnlichkeiten. Eine davon ist, dass es in all diesen L&#228;ndern eine sehr hohe Zahl an staatsabh&#228;ngigen Bev&#246;lkerungsgruppen gibt: RentnerInnen, BeamtInnen, Intellektuelle usw. Die lange Krise, die Ende der 1970er Jahre einsetzte, hat dazu gef&#252;hrt, dass sich die Ressourcen des Wohlfahrtsstaates stark verringert haben. Folglich herrscht ein immer gr&#246;&#223;erer Wettbewerb um eben diese staatlichen Ressourcen zwischen verschiedenen Bev&#246;lkerungsgruppen. Es scheint lediglich die Wahl zwischen zwei, vermeintlich gegens&#228;tzlichen Alternativen zu bestehen: entweder, die „ehrliche, hart arbeitende“ Mittelschicht wird die Unterst&#252;tzung des Staates erhalten, oder die Unterschicht, d.h. die Armen, die MigrantInnen usw. Die zweite M&#246;glichkeit st&#246;&#223;t momentan nicht gerade auf Zustimmung. Den &#196;rmsten die staatliche Unterst&#252;tzung zu entziehen, bedarf nat&#252;rlich einer Legitimation. Genau das ist in Ungarn gerade zu beobachten. Die untersten Klassen werden kriminalisiert und als zweitrangige „Rasse“ bezeichnet. Es kann von einer Politik der „non-deserving poor“ gesprochen werden. Die Armen, die ArbeiterInnenklasse, die Arbeitslosen usw. werden von vornherein kriminalisiert, verdammt und ideologisch delegitimiert. In Ungarn wie in anderen osteurop&#228;ischen L&#228;ndern auch gibt es z.B. eine Stimmung gegen RentnerInnen. Das ist wirklich scheu&#223;lich. Alte Leute sollen auf den M&#252;ll, die sind nicht mehr aktiv, nicht mehr Wert schaff end usw. Dieser Konflikt zwischen den Mittelschichten und den so genannten Inaktiven, also den RentnerInnen, Arbeitslosen, MigrantInnen, und nat&#252;rlich den Roma usw. spielt zur Zeit eine prominente Rolle im politischen Leben und in der &#214;ffentlichkeit. Das ist wirklich vergleichbar mit einer Strafexpedition gegen die &#196;rmsten, also gegen jene Leute, die am abh&#228;ngigsten von der staatlichen Sozialpolitik sind. Der Staat wird so umgebaut, dass dieser die &#196;rmsten ausschlie&#223;t und in erster Linie zu einem militanten Vertreter der Mittelschicht wird. Das war immer die Taktik des Faschismus. Nat&#252;rlich gibt es einige Ver&#228;nderungen: im Faschismus herrschte ein Wettbewerb um staatliche Ressourcen auch zwischen und innerhalb des Mittelstandes – es gab ja schlie&#223;lich auch einen j&#252;dischen Mittelstand. Und im „klassischen“ Faschismus gab es die Strategie der vorbeugenden Konterrevolution gegen die damals noch revolution&#228;ren (und im Falle von Rotfront, Schutzbund und Reichsbanner teilweise auch bewaffneten) „marxistischen“ Massenparteien, die es jetzt nicht mehr gibt. Was es jedoch noch gibt, ist der Klassenkampf von oben. Rassismus, Angst vor Kriminalit&#228;t oder die Sicherheitshysterie k&#246;nnen demzufolge als Elemente der Strategie eines B&#252;ndnisses zwischen Gro&#223;kapital und den nicht Mehrwert produzierenden, staatsabh&#228;ngigen Mittelschichten verstanden werden. Das ist ein Klassenkampf von oben nach unten, ein einseitiger Klassenkampf, ein Klassenkampf der Bourgeoisie.</p>
<p><em>Da paart sich die kapitalistische Logik der Bewertung der Menschen nach &#246;konomischen Gesichtspunkten mit einem antihumanistischen, menschenverachtenden Diskurs.</em></p>
<p>Ja, das geht sehr sch&#246;n zusammen. Diese radikalisierten Mittelschichten suchen nach Gruppen, die man von staatlicher Sozialpolitik ausschlie&#223;en k&#246;nnte. Sie sind gegen Schwule und Lesben, gegen J&#252;dInnen, gegen Ausl&#228;nderInnen, gegen Roma, gegen Linke, gegen Liberale und sie sind nat&#252;rlich auch frauenfeindlich. Die neuen Sozialreformen bringen zum Beispiel sehr viele Nachteile f&#252;r junge M&#252;tter mit sich. In der Krise sollen als erstes Frauen entlassen werden, denn die geh&#246;ren zur&#252;ck in die Familie usw. Die Rechte besteht vor allem aus wei&#223;en, heterosexuellen, maskulinistischen jungen M&#228;nnern.<br />
Zudem herrscht hier eine Stimmung, die amerikanische Sozialpsychologen als Moralpanik bezeichnet haben. &#220;berall ist die Rede von der angeblich &#252;berhand nehmenden „Zigeunerkriminalit&#228;t“. Tats&#228;chlich ist die Kriminalit&#228;tsrate in Ungarn nat&#252;rlich nicht h&#246;her als fr&#252;her. Die rechte Presse sagt dazu einfach: die Statistik l&#252;gt.<br />
Die Feindschaft gegen&#252;ber Roma und Sinti steigt. Die Rechten konnten diese Situation gut ausnutzen. Auch und besonders in den D&#246;rfern findet die extreme Rechte einen starken R&#252;ckhalt. Warum ist das so? Die D&#246;rfer sind ja bettelarm. Es gibt kaum mehr ungarische Landwirtschaft, denn die wurde in den 1990er Jahren zerst&#246;rt. Die DorfbewohnerInnen k&#246;nnen also nicht mehr von der Landwirtschaft leben. In den armen D&#246;rfern leben au&#223;erdem viele Roma und Sinti. Auch das kann erkl&#228;rt werden. In den letzten zwei Jahrzehnten des Staatskapitalismus sowjetischen Typs bestand in der Industrie – speziell in der Bergbau- und Bauindustrie – ein gro&#223;er Bedarf an ungelernten Arbeitskr&#228;ften. Diesen Bedarf deckten damals vor allem die in diesen Industriezweigen arbeitenden Roma und Sinti. Die Bergbau- und Bauindustrie wurde ma&#223;geblich von Roma und Sinti getragen. Diese waren immer PendelarbeiterInnen. Sie wohnten nicht in den St&#228;dten, in denen sie arbeiteten, sondern in den D&#246;rfern. Als diese Industrien jedoch Pleite gingen, waren die ArbeiterInnen gezwungen, in die D&#246;rfer zur&#252;ckzukehren. Dort gab es keine Arbeit, man konnte und kann auch heute nur von der Sozialhilfe leben. Eine andere M&#246;glichkeit gibt es nicht. Die Lage ist verzweifelt.</p>
<p><em>Du hast bereits angedeutet, dass auch in Ungarn einzig die Rechte die soziale Frage aufgegriff en hat. Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem neoliberalen Kahlschlag nach 1989 und dem Erfolg der Rechten?</em></p>
<p>Es besteht nat&#252;rlich ein direkter Zusammenhang. Nach der Wende konnte der bis dahin gut verteidigte Binnenmarkt der „sozialistischen“ L&#228;nder dem internationalen Wettbewerb nicht standhalten. Mit dem Ende der Sowjetunion gingen binnen k&#252;rzester Zeit etwa zwei Millionen Arbeitspl&#228;tze verloren – und das in einem Land mit insgesamt zehn Millionen EinwohnerInnen. In der Politik, in den politischen und kulturellen Eliten in ganz Osteuropa – nicht nur in Ungarn – wurde dieser Tatsache jedoch kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Dar&#252;ber diskutierte man ganz einfach nicht. Das Th ema wurde behandelt, als w&#252;rde es sich um eine exotische Erscheinung irgendwo in der Ferne handeln. Nur die Rechte hat w&#228;hrend der langen Jahre der so genannten sozial-liberalen Herrschaft gelernt, dass ein Auftreten gegen soziale Abbauma&#223;nahmen oder die K&#252;rzungen der Sozialausgaben in der Bev&#246;lkerung auf gro&#223;e Zustimmung st&#246;&#223;t. Die Rechten haben dieses Terrain sehr moderat besetzt, nat&#252;rlich ohne etwas Konkretes vorzuschlagen. Die sind wirklich sehr schlau. Sie n&#252;tzen sehr selektiv einige Elemente dieser diff usen sozialen Unzufriedenheit.<br />
Die Wende war damals mit gro&#223;en politischen und kulturellen Hoffnungen, mit Ideen der Freiheit und der individuellen Rechte verkn&#252;pft. Ich selbst z&#228;hlte zu den Bef&#252;rwortern der Wende als ein ehemaliger „Andersdenkender“ unter Berufsverbot, ich hielt Reden auf Demonstrationen und wurde sp&#228;ter Parlamentsabgeordneter. Ich war ein Liberaler und in der Opposition. Ich habe meine politischen Ansichten gr&#252;ndlich ver&#228;ndert. Heute bin ich, seit, sagen wir etwa zehn Jahren, Marxist. Das ist ziemlich selten, die Leute gehen diesen Weg sonst immer in die andere Richtung. Als jemand, der eine gewisse Rolle bei der Gr&#252;ndung dieser Republik gespielt hat, habe ich eine bestimmte Autorit&#228;t. Meine Situation ist eine seltsame Ausnahme. Trotzdem: Wenn ich heute in meinen Schriften oder bei &#246;ff entlichen Auftritten das Wort „Arbeiter“ erw&#228;hne, dann lachen die Leute. Auch wenn ich „Gewerkschaften“ sage, lacht das Publikum immer. Das ganze Vokabular der linken Tradition ist einfach verschwunden, die Leute sind nicht mehr daran gew&#246;hnt. Es ist vergessen, nach 40 Jahren angeblich „marxistisch-leninistischer“ Indoktrinierung.<br />
Die aktuelle politische Lage stellt sich f&#252;r die meisten Leute als ein Konflikt zwischen Liberalen und Autorit&#228;ren, zwischen ModernisiererInnen und NationalistInnen, zwischen Leuten aus dem imagin&#228;ren Westen und solchen aus dem erfundenen Osten dar. Dass es ein soziales Problem gibt, wird im Allgemeinen nicht beachtet. Das ist in ganz Osteuropa &#228;hnlich. Auch wird das politische Spektrum auf eine ganz spezielle Art und Weise wahrgenommen. Links sein bedeutet hier antirassistisch, feministisch, nicht nationalistisch und antiautorit&#228;r zu sein, aber eben auch pro-amerikanisch, wirtschaftsliberal und okzidentalisch. Quasi ein amerikanischer Liberaler in Osteuropa. Ich wurde einmal gefragt: „Sie sind ein Linker und sind gegen die Nato? Wie geht das zusammen?“ In der vorherrschenden &#246;ff entlichen Meinung geh&#246;ren Menschenrechte, Feminismus, Rechte f&#252;r Homosexuelle, Rechte f&#252;r Einwanderer, f&#252;r Minderheiten und der Neoliberalismus zusammen. Wenn wir in der „Gr&#252;nen Linken“ als eine neue linke Kraft sagen, dass wir feministisch sind, gegen Diskriminierung usw., dann bekommen wir oft zu h&#246;ren: „Ach, ihr seid wie die Liberalen.“ Dieser Umstand muss unbedingt mitbedacht werden, wenn man &#252;ber das politische Spektrum in Osteuropa spricht. Als Linke in Ungarn m&#252;ssen wir an diesem Schema r&#252;tteln. Nat&#252;rlich m&#252;ssen wir einige der Inhalte, die hier als liberal gelten, trotzdem verteidigen. Das verstehen sehr wenige Leute – das ist verwirrend! Die Liberalen sagen: „Der Herr Tamás ist sehr anst&#228;ndig, er ist gegen die Faschisten, aber er hat da diese Vorurteile gegen den Kapitalismus“. Und die Rechten sagen: „Ja ja, er ist gegen die Neoliberalen, das ist gut, aber er ist doch ‚fremdherzig’, kein wirklicher Ungar.“ Das ist verr&#252;ckt! Ich denke, mit der Zeit werden die klassischen Fronten wieder hergestellt werden. Aber f&#252;r den Moment besteht eine Verwirrung.</p>
<p><em>Wir w&#252;rden nun gerne noch einmal genauer auf die offen neofaschistischen Kr&#228;fte zu sprechen kommen. Immer wieder tauchen Bilder, insbesondere von den „Ungarischen Garden“ in den Medien auf, die schockieren. Kannst du deren Auftreten schildern?</em></p>
<p>Die „Ungarische Garde“ ist nur eine von mehreren paramilit&#228;rischen Gruppierungen. Es gibt andere, die noch viel schlimmer sind. Diese Truppen zeugen von der St&#228;rke der Rechten. Sie &#252;ben – zumindest im Moment – psychologischen Terror aus. Physischer Terror ist noch verh&#228;ltnism&#228;&#223;ig selten, trotzdem gibt es schon Tote. Sie haben Rituale der Weihe, marschieren in Reih und Glied durch die Stra&#223;en und sie f&#252;hren dabei die Fahne der Pfeilkreuzler, also offen faschistische Symbole, mit sich. In ihren Reden sprechen sie immer von der Vernichtung und dem Ausschluss der „Fremdherzigen“ oder Fremden. Dabei sind die paramilit&#228;rischen Einheiten sehr darauf bedacht, nicht gegen das Strafgesetzbuch zu versto&#223;en. Manchmal kommt das nat&#252;rlich trotzdem vor. Letzte Woche fand z.B. ein Ritual am Grab eines jungen M&#228;dchens statt, das im 19. Jahrhundert verstarb. Damals wurden Juden in einem antisemitischen Prozess angeklagt, Blutschande und Ritualmord begangen zu haben. Die Rechtsextremen halten an dem antisemitischen Mythos des „j&#252;dischen Ritualmords“ fest und bewahren das Andenken an dieses M&#228;dchen. An dem Grab gab es eine Kundgebung, bei der einer der Leiter einer kleineren rechtsau&#223;en Organisation folgendes gesagt hat: „Unsere Vorahnen haben die Turbane der T&#252;rken, gegen die wir gek&#228;mpft haben, mit N&#228;geln an ihren K&#246;pfen befestigt. Sollen wir das mit der Kippa auch tun?“ Und die Anwesenden gr&#246;lten: „Ja!“. Ein weiteres Beispiel: vor einigen Tagen gab es eine Kundgebung der „Ungarischen Garde“ gegen die „Holocaustl&#252;ge“ im Budapester Burgpalast. Der Genozid an den Juden, so einer der Redner, h&#228;tte nie stattgefunden und es waren Transparente mit Parolen wie „Das Dritte Reich schl&#228;gt zur&#252;ck“ und „White Power“ und &#228;hnliches zu sehen.</p>
<p><em>Gibt es keinen Paragraphen gegen Volksverhetzung?</em></p>
<p>Theoretisch schon. Aber kein Gericht wagt es zur Zeit, solche Verurteilungen vorzunehmen. Das ist wie in Weimar der 1930er. Ich gebe euch ein Beispiel: die „Ungarische Nationalfront“ hat gerade einen Prozess gegen die Polizei gewonnen. Der „Nationalfront“ wurde vorgeworfen, zur Ermordung von PolizistInnen aufzurufen. Das war aber nicht der Fall – sie riefen „nur“ zur Ermordung des Premierministers auf! Die Polizei musste eine halbe Million Forint zahlen und sich &#246;ff entlich, also in der Presse, entschuldigen. Das haben sie dann auch tats&#228;chlich getan. Sie haben sich entschuldigt. In der Presse!<br />
Neben ganz off en antisemitischen, antiziganistischen und rassistischen &#196;u&#223;erungen in der (rechten) Presse gibt es auch genug implizite Zeichen, die von der hohen Akzeptanz rechtsextremen Gedankenguts zeugen. Ein Beispiel ist die Rehabilitierung des einstigen Reichsverweser und k. u. k. Vizeadmirals Nikolaus von Horthy, der ein Verb&#252;ndeter Nazi-Deutschlands war und offen antisemitisch agierte<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>. Er war hauptverantwortlich f&#252;r den Wei&#223;en Terror in der Zeit von 1919-20, f&#252;r die <em>numerus clausus</em>-Gesetze in den 1920er Jahren und f&#252;r die antij&#252;dischen „Rassengesetze“ von 1938. Er war derjenige, der nach der deutschen Besatzung im M&#228;rz 1944 die Kollaborationsregierung ernannt hat und die Verschleppung und Ermordung von sechshunderttausend ungarischen Juden und J&#252;dinnen verordnet und t&#252;chtig vollstreckt hat. Heute gibt es Statuen von ihm, und einige Fresken, auf denen er als Befreier erscheint, wurden restauriert. Einen weiteren Fall stellt der ebenfalls rehabilitierte Graf von Teleki dar, unter dessen Wirken als Premierminister antisemitische Gesetze verabschiedet wurden. Seine Reden werden von einem gro&#223;en Universit&#228;tsverlag ver&#246;ff entlicht – nicht etwa von kleinen faschistischen Organisationen. Bei all dem ist es wichtig zu verstehen, dass die Situation in allen osteurop&#228;ischen L&#228;ndern &#228;hnlich ist. Aber auch in Italien und anderen westeurop&#228;ischen L&#228;ndern gibt es vergleichbare Ph&#228;nomene.</p>
<p><em>Neofaschistische Gewalt&#228;terInnen m&#252;ssen also von Seiten des Staates nicht mit Repression rechnen?</em></p>
<p>Nein.</p>
<p><em>Es gab ja Prozesse zu den &#220;berf&#228;llen auf Sinti und Roma, bei denen es auch zu Todesf&#228;llen gekommen ist. Mussten sich die T&#228;terInnen nicht zumindest vor Gericht verantworten?</em></p>
<p>Die T&#228;terInnen sind nicht gefasst worden. In dem Dorf Tatárszentgy&#246;rgy wurde, wie ihr wahrscheinlich geh&#246;rt habt, das Haus einer Familie angez&#252;ndet und anschlie&#223;end der fliehende Vater zusammen mit seinem f&#252;nfj&#228;hrigen Sohn erschossen. Die T&#228;terInnen wurden bis heute nicht ausfindig gemacht. In demselben Dorf wurde auch die Wohnung der Vorsitzenden des lokalen Rats der Roma und Sinti angez&#252;ndet – ebenfalls keine T&#228;ter. Daf&#252;r hat die Polizei schon w&#228;hrend den laufenden Ermittlungen verk&#252;ndet, dass sie die Roma selbst hinter diesen Attentaten vermutet. Solche Erkl&#228;rungen sind eigentlich streng verboten. Sie haben kein Recht, dar&#252;ber zu sprechen. Seit etwa 15 Jahren gibt es verst&#228;rkt Judenhetze und rassistische &#220;bergriffe – und kein einziges Urteil dagegen.<br />
Ein weiteres Beispiel: f&#252;r den Posten des Premierministers, der von der sozialistischen Partei gestellt werden sollte, war der bekannte Wirtschaftswissenschaftler und ehemalige Pr&#228;sident der Nationalbank Dr. Gy&#246;rgy Surányi im Gespr&#228;ch. Eine rechte Zeitung ist daraufhin mit gelbem Davidstern auf dem Titelblatt erschienen. Es gab eine Demonstration vor dem Haus von Dr. Surányi, bei der dieser sich „Saujud“ und andere Beschimpfungen anh&#246;ren musste. Herr Surányi ist daraufhin zu der rechtskonservativen Partei im Parlament gegangen – diese sollte ihn gegen die antisemitischen Attacken verteidigen. Sie lehnte ab.</p>
<p><em>Die neofaschistische Propaganda bedient sich verschiedener Feindbilder. Sie hetzt gegen Roma, J&#252;dinnen und Juden und sozial Schwache. Welche Versatzst&#252;cke des neofaschisischen Weltbilds sind au&#223;erdem zu beobachten?</em></p>
<p>Antikommunismus spielt nat&#252;rlich eine bedeutende Rolle. Es gibt zwei Spitzen dieser Offensive. Kommunisten sind nach dieser Logik alle, die eine Rolle in der ehemaligen Staatspartei gespielt haben. Die meisten von denen sind heute in Wirklichkeit arme Rentner, altmodische Leute, sagen wir leninistische Konservative. Ich habe damals gegen sie gek&#228;mpft, als sie noch keine Rentner waren. Manche von ihnen sind heute meine politischen Verb&#252;ndeten.<br />
Es herrscht die Meinung vor, dass Leute, die Teil dieser Eliten waren, kein Recht haben, reich zu sein oder Einfluss zu haben. Es gibt hier eine populistische Tendenz der Abgrenzung gegen die alten, aber auch gegen die neuen „Eliten“. Das ist die eine Sache. Und das vermischt sich aktuell auch mit Propaganda gegen aktuelle, fortschrittlichere Tendenzen. Die Neokonservativen sagen, das „Social Engineering“ der Linken f&#252;hre immer zum Gulag, die Nationalkonservativen sagen, wir w&#228;ren Internationalisten und keine Ungarn.<br />
Zugleich wird hochoffiziell f&#252;r eine Art Kastensystem pl&#228;diert. Bekannte Intellektuelle sind &#246;ffentlich gegen das allgemeine Wahlrecht eingetreten. Menschen, die nicht selbst verdienen, sondern Sozialhilfe und staatliche Unterst&#252;tzung erhalten, sollen nicht w&#228;hlen d&#252;rfen. Auch in Rum&#228;nien hat man vorgeschlagen, dass RentnerInnen nicht mehr w&#228;hlen d&#252;rfen sollten. Und kein Skandal! Obwohl diese Forderung von ber&#252;hmten und anerkannten Personen verlautbart wurde.</p>
<p><em>Welche Reaktionen kommen von der Sozialistischen Partei?</em></p>
<p>Sie steuert all dem nicht gerade entgegen. Sie tritt zwar rhetorisch gegen Rassismus an, hat jedoch vor nicht allzu langer Zeit selbst eine rassistische Gesetzgebung verabschiedet. Sozialhilfe soll von der Bereitschaft zu arbeiten abh&#228;ngig gemacht werden: „Arbeit statt Sozialhilfe“, so hei&#223;t das offiziell. Sie haben sich dieses Programm von Blair und Clinton abgeschaut. In Ungarn, in den kleinen D&#246;rfern, in denen die Roma und Sinti leben, wo es keine Arbeitsm&#246;glichkeiten gibt, bedeutet das den Hungertod. Und so etwas hat die sozialistische Regierung verabschiedet! Ich habe darauf geantwortet: das bedeutet Knast statt Sozialhilfe. In Wirklichkeit propagieren dieses Programm nicht nur die Sozialisten. Es kommt ebenso rechtsextremen Forderungen und B&#252;rgerInnenbewegungen in einigen Kleinst&#228;dten entgegen. In hetzerischer Art und Weise wird allzu oft von diversen Kr&#228;ften in der &#214;ffentlichkeit verlautbart, dass man nicht f&#252;r die „Zigeuner“ zahlen wolle, die nichts t&#228;ten au&#223;er zu rauben, zu stehlen, zu morden usw.<br />
Es gab einen ber&#252;hmten Fall, von dem ich euch gerne erz&#228;hlen m&#246;chte. In einem Dorf hat ein Bauer seinen Garten mit elektrischem Draht umz&#228;unt. Dieser sollte Diebe davon abhalten, seine Gurken zu stehlen. Die Folge: ein Roma ist gestorben, und ein anderer f&#252;r den Rest seines Lebens gel&#228;hmt. Der Bauer wurde verhaftet, doch kurz danach wieder entlassen. Der B&#252;rgermeister aus dem Nachbardorf hat ihm daraufhin die Ehrenb&#252;rgerschaft und eine staatliche Wohnung angeboten. Er wurde in der ganzen rechten Presse als anst&#228;ndiger, guter Ungar gefeiert. Ich habe einen Artikel geschrieben und argumentiert, dass f&#252;r die rechte Presse die Gurken einiger wertvoller sind als das Leben anderer. Die zweitgr&#246;&#223;te Zeitung Ungarns, die konservative <em>Magyar Nemzet</em>, hat mir in Form eines Leitartikels geantwortet, in dem sie betonte, die ganze Redaktion teile feierlich und geeint dieselbe Position: „Wir sind gegen Diebe und preisen deshalb diesen anst&#228;ndigen und guten Ungarn. Wir sind nur f&#252;r Gerechtigkeit und Ordnung! Und wir w&#252;rden diesen Standpunkt auch vertreten, wenn der T&#228;ter ein wei&#223;er Ungar w&#228;re.“ Ich habe in einem zweiten Artikel geschrieben, dass Sie also offensichtlich Eigentum dem Leben vorziehen und damit offiziell beweisen, dass der Kapitalismus eine Kultur des Todes sei. Tats&#228;chlich erschien ein weiterer Leitartikel als Antwort. Pl&#246;tzlich waren nicht mehr die Diebe, sondern ich der Hauptangeklagte. Als ich daraufhin meine Stammkneipe besuchte, haben die Leute mich nicht mehr gegr&#252;&#223;t – weil ich gegen Mord war! Es ist ersch&#252;tternd. Dabei ist das nun beileibe keine besonders radikale Position.</p>
<p><em>Gibt es keinen Hoffnungsschimmer? Welche gesellschaftlichen Kr&#228;fte gibt es, die sich diesem Rechtsruck in der Gesellschaft entgegenstellen?</em></p>
<p>Das Problem ist, dass es gegen diesen extremen Rechtsruck kaum bis keine sozialen Proteste gibt. Die sind die sozialen Proteste. Die einzigen sozialen Proteste werden von diesen jungen Rechtsextremen angetrieben. Das ist daf&#252;r eine Massenbewegung.<br />
Aber es gibt auch langsam einige Gruppen von progressiven Leuten, die nicht nur denken, sondern auch k&#228;mpfen wollen. Es gibt neue Zeitschriften, die politisch nicht besonders k&#252;hn sind, aber trotzdem gutes Material zum nachdenken liefern.<br />
Was uns betrifft: wir haben diese kleine Wahlkoalition, die „Gr&#252;ne Linke“, gegr&#252;ndet aus AltkommunistInnen, Neuen Linken, Gr&#252;nen, &#214;komarxistInnen, FeministInnen, AntirassistInnen… lauter Kleingruppen. Die Idee war, dass wir vielleicht meine Ber&#252;hmtheit, genauer: Ber&#252;chtigtheit, ein bisschen ausnutzen k&#246;nnen. Das ist mein einziges Kapital. Wir haben kein Geld, absolut keinen Pfennig. Wir werden nat&#252;rlich keinen Wahlerfolg haben, damit rechne ich nicht angesichts der herrschenden Stimmung. Aber trotzdem: es wird hoffentlich etwas Aufsehen erregen, sodass zumindest in der &#214;ffentlichkeit dar&#252;ber gesprochen wird. Es soll ein bisschen dar&#252;ber nachgedacht werden, was Sozialismus, was eine Linke, was Emanzipation und was Klassenkampf heute wirklich bedeuten kann. Wir hoffen, damit ein bisschen was bewegen zu k&#246;nnen.</p>
<p><em>In so einer Situation ist ein Moment der Irritation bzw. eine marginale Diskursverschiebung ja schon ein gro&#223;er Schritt.</em></p>
<p>Das glaube ich auch. Eines ist dabei besonders wichtig zu verstehen: der so genannte „real existierende Sozialismus“, der sowjetische Staatskapitalismus, stellt ein schwieriges Erbe f&#252;r uns dar. Die offiziellen KommunistInnen haben die ArbeiterInnenbewegung vernichtet. Die „sozialistische“ Vergangenheit erscheint den Leuten heute entweder l&#228;cherlich oder h&#228;sslich – Stichwort: Gulag, Terror, Diktatur.<br />
Die Geschichte der ArbeiterInnenbewegung ist in Ungarn unbekannt. Auch unter jenen, die sich als Linke verstehen. F&#252;r viele ist die Vergangenheit der ArbeiterInnenbewegung gleich Stalin. Das ist alles, was sie kennen. Die Gewerkschaften waren in den „realsozialistischen“ Gesellschaften auf blo&#223;e Erholungsorganisationen reduziert. Sie haben die Urlaube der ArbeiterInnen sehr gut organisiert, Bibliotheken f&#252;r Betriebe betreut usw., aber sie spielten nicht mehr die Rolle einer Interessenvertretung. Streiks waren verboten, es gab keinen Geist des Widerstandes. Die Gewerkschaften waren Staatsbeh&#246;rden. Die GewerkschaftsleiterInnen sind teilweise dieselben Leute wie damals. Sie haben versucht, sich zu ver&#228;ndern, aber das ist sehr schwierig.<br />
Auch der Widerstand gegen den Stalinismus wird von der breiten &#214;ffentlichkeit immer nur als liberal-konservativer gedacht. Dass es eine nicht-stalinistische Linke, und viele weitere inner-linke Debatten gab und gibt, kommt im &#246;ffentlichen Bewusstsein kaum vor. In der Theorie wissen vielleicht einige davon, aber das spielt in der tats&#228;chlichen Situation keine Rolle.</p>
<p><em>Wie kann eine Zusammenarbeit zwischen ungarischen und &#246;sterreichischen AntifaschistInnen angesichts dieser Situation aussehen?</em></p>
<p>Ich glaube, dass wir sehr bescheiden sein m&#252;ssen. Nat&#252;rlich w&#228;re es erst einmal wichtig, &#246;fter nach Ungarn und in andere osteurop&#228;ische L&#228;nder zu fahren. Und nat&#252;rlich gibt es auch einige Parallelen zwischen &#214;sterreich und Ungarn.<br />
Was AntifaschistInnen und Linke in Ungarn brauchen, sind B&#252;cher. Man muss sich vergewissern, dass es eine linke Tradition gab und gibt, dass marxistisches Denken nicht aufgeh&#246;rt hat, die Geister zu bewegen. Der vorherrschenden &#246;ffentlichen Vorstellung zufolge findet ein Todeskampf zwischen Liberalen und FaschistInnen statt. Linke Positionen kommen in dieser Art und Weise, das politische Spektrum wahrzunehmen, einfach nicht vor. Besonders deutlich wird dies z.B. auch, wie in der ungarischen Presse das politische Geschehen in anderen L&#228;ndern analysiert wird. Parteien, die nicht in das Bild dieser vermeintlich zentralen Auseinandersetzung zwischen liberal und rechts eingeordnet werden k&#246;nnen, werden einfach ignoriert. Man glaubt einfach nicht, dass Leute wie Olivier Besancenot und seine NPA<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> eine Rolle spielen k&#246;nnten, und darum kann man solche Entwicklungen einfach nicht erw&#228;hnen. Lateinamerikanische Linkspopulisten werden als stalinistische Tyrannen in spe betrachtet. Die neuen sozialen Bewegungen, die globalisierungskritischen Kr&#228;fte sind f&#252;r ungarischen ZeitungsleserInnen nichts als von gewissenslosen Aufwieglern ausgenutzte junge Leute, die naiv und unwissend eine R&#252;ckkehr zur Sowjetunion bef&#252;rworten und die Demokratie hassen. Es geht darum, die Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass es auch andere politische Entw&#252;rfe gibt.</p>
<p><em>Danke f&#252;r das Interview.</em></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Pfeilkreuzler bezeichnete die nationalsozialistische Partei Ungarns. 1937 gegr&#252;ndet, f&#252;hrte sie 1944-45 das Kollaborationsregime Nazi-Deutschlands an und war ma&#223;geblich an der Planung und Durchf&#252;hrung des ungarischen Holocaust beteiligt (Anm. d. Red.).</p>
<p><a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Mit „Wei&#223;er Terror“ wird der kontrarevolution&#228;re Terror gegen die kurzlebige ungarische R&#228;terepublik bezeichnet. Das numerus clausus-Gesetz von 1920 sah eine Beschr&#228;nkung der Zahl j&#252;discher Studierender an Hochschulen auf 6% vor (Anm. d. Red.).</p>
<p><a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> NPA (Nouveau Parti Anticapitaliste, zu dt. Neue Antikapitalistische Partei) bezeichnet die 2009 gegr&#252;ndete linksradikale Partei in Frankreich. Olivier Besancenot fungiert als ihr Vorsitzender (Anm. d. Red.).</p>
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		<title>Italien, ein Jahr danach</title>
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		<pubDate>Sat, 13 Jun 2009 12:30:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 8]]></category>
		<category><![CDATA[Italien]]></category>

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		<description><![CDATA[Rassistische &#220;bergriffe und eine zunehmende Pr&#228;senz rechtsextremer Kr&#228;fte pr&#228;gen die derzeitige Situation in Italien. <em>Megan Trudell</em> res&#252;miert ein Jahr rassistische und neoliberale Politik der Berlusconi-Regierung und zeichnet die Zusammenh&#228;nge zwischen dem Erstarken der Rechten und der &#246;konomischen Krise nach, zeigt aber auch Ankn&#252;pfungspunkte f&#252;r linke Politik auf.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rassistische &#220;bergriffe und eine zunehmende Pr&#228;senz rechtsextremer Kr&#228;fte pr&#228;gen die derzeitige Situation in Italien. <em>Megan Trudell</em> res&#252;miert ein Jahr rassistische und neoliberale Politik der Berlusconi-Regierung und zeichnet die Zusammenh&#228;nge zwischen dem Erstarken der Rechten und der &#246;konomischen Krise nach, zeigt aber auch Ankn&#252;pfungspunkte f&#252;r linke Politik auf.<br />
<span id="more-476"></span><br />
In dem einen Jahr, das seit Silvio Berlusconis Wahlsieg &#252;ber die Demokratische Partei (PD) in Italien vergangen ist, wurde das rechts-au&#223;en Programm der Regierungskoalition auf brutale Art und Weise deutlich. Mitten in einer schweren &#246;konomischen Krise – offiziell Italiens vierte Rezession in einem Jahrzehnt – hat Berlusconis Regierung eine Serie von Angriff en auf ArbeiterInnen, MigrantInnen und StudentInnen gestartet, dem Vatikan erlaubt, die Politik zu diktieren<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> und die parlamentarische Demokratie mit der Durchsetzung einer Reihe von „Notverordnungen“ umgangen.<br />
Italiens Rezession versch&#228;rft sich, obwohl die Antwort der Regierung bis jetzt darin bestand, „sich im allgemeinen so zu verhalten, als w&#252;rde sie nicht existieren“. Finanzminister Guilio Tremonti sagte im Januar diesen Jahres: „Sie werden sehen, dass wir unsere Position in dieser Krise verbessern werden, auch wenn das nur deshalb geschieht, weil andere Nationen schneller zur&#252;ckfallen.“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> – ganz entgegen der Tatsache, dass Italiens Wirtschaft im letzten Quartal des Jahres 2008 mit einem R&#252;ckgang von 1,8 Prozent rascher geschrumpft ist, als in jedem anderen Jahr seit 1980. Erst im M&#228;rz gab er widerwillig zu, dass dem Land „ein schwieriges Jahr“ bevorstehe.<br />
Dies ist wahrscheinlich eine betr&#228;chtliche Untertreibung: &#214;konomInnen gehen davon aus, dass Italiens Krise in „verkehrter Reihenfolge“ zuschlagen wird, sodass sich der Einbruch in der Produktion in einem Zusammenbruch der Banken auswirken wird.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Die Arbeitslosigkeit steigt und ArbeiterInnen bekommen die Auswirkungen der Krise deutlich zu sp&#252;ren. Fiat, der gr&#246;&#223;te privatwirtschaftliche Arbeitgeber, hat in einer Reihe von Betrieben die Produktion eingestellt, und bis jetzt sind 48.000 seiner ArbeiterInnen von vorl&#228;ufi gen K&#252;ndigungen und Kurzarbeit betroffen. Es gab Verluste bei Indesit, Benetton und De Longhi. Die Gesamtsumme der vorl&#228;ufig Arbeitslosen, die staatliche Unterst&#252;tzung („<em>cassa integrazione</em>“) erhalten, stieg 2008 um das f&#252;nff ache an. ArbeiterInnen in gewerkschaftlich gut organisierten Branchen haben zwar Anspruch auf staatliche Unterst&#252;tzung, doch f&#252;r 4,5 Millionen „prek&#228;re“ ArbeiterInnen gibt es keinen solchen Schutz, wenn ihre Vertr&#228;ge nicht erneuert werden.<br />
In Turin, wo im Februar diesen Jahres 70.000 ArbeiterInnen, PensionistInnen und StudentInnen f&#252;r Arbeitsvertr&#228;ge und Arbeitsrechte auf die Stra&#223;e gingen, illustrierte ein lokaler Gewerkschaftsf&#252;hrer das Ausma&#223; des Problems: „&#220;ber 200.000 piemontesische ArbeiterInnen wurden in den letzten paar Monaten in die Krise hineingezogen – das ist dieselbe Anzahl an Arbeitspl&#228;tzen, die in den zehn Jahren zwischen 1980 und 1990 verloren gingen.“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
Berlusconis Regierung hat sich w&#228;hrenddessen auf die &#196;rmsten der italienischen Gesellschaft eingeschossen. Seine grausame Anti-MigrantInnen Politik schlie&#223;t ein „Sicherheitspaket“ ein, das per Notverordnung eingef&#252;hrt wurde und in dem medizinisches Personal und HausbesitzerInnen angewiesen werden, mutma&#223;lich illegale MigrantInnen zu melden. Berlusconi und seine Partner aus der Lega Nord und der „postfaschistischen“ Nationalen Allianz haben in Folge mehrerer Vergewaltigungen, die vorgeblich von Nicht-Italienern begangen wurden und denen gro&#223;e mediale Aufmerksamkeit zuteil wurde, ganz bewusst Migration mit Verbrechen in Verbindung gebracht. Reagiert hat die Regierung mit lebensl&#228;nglichen Freiheitsstrafen f&#252;r die Vergewaltigung Minderj&#228;hriger und &#220;berf&#228;lle, in denen das Opfer get&#246;tet wird. Mit dem Vorschlag, allen Nicht-ItalienerInnen Fingerabdr&#252;cke abzunehmen strebt sie die Kriminalisierung aller MigrantInnen an. Am bedenklichsten ist, dass sie den Einsatz von Stra&#223;enpatrouillen vorgesehen hat, die von unbewaffneten und unbezahlten Freiwilligentruppen („<em>ronde</em>“) durchgef&#252;hrt werden – darunter auch pensionierte PolizistInnen und SoldatInnen.<br />
Diese Ma&#223;nahmen dienen dazu, Italiens migrantische Bev&#246;lkerung zu terrorisieren. Im Juli 2008 hat ein Zusammenschluss von Organisationen, die f&#252;r die Rechte der Roma eintreten, eine gewaltige Anzahl von Menschenrechtsverletzungen in Italien dokumentiert, darunter F&#228;lle von extremer Gewalt, Bel&#228;stigungen und Misshandlungen durch Polizei und Beamte, aber auch durch eine von der staatlichen Bef&#252;rwortung des Rassismus angespornten rechtsextremen Jugend. Seit Berlusconis Wahl kam es zu einem kontinuierlichen Anstieg rassistischer &#220;bergriffe – eine Atmosph&#228;re der Gewalt die von der Regierung nicht nur stillschweigend geduldet sondern auch bef&#246;rdert wird. Im Mai 2008 konstatierte der Innenminister Roberto Maroni von der Lega Nord: „Alle Roma-Siedlungen m&#252;ssen sofort abgerissen werden und die Bewohner werden entweder ausgewiesen oder eingesperrt.“ Zwei Tage sp&#228;ter wurde eine Roma-Siedlung in Neapel niedergebrannt. Nach dem Angriff sagte der Vorsitzende der Lega Nord, Umberto Bossi, dass „die Leute tun, was der Staat nicht handhaben kann“. Maroni wurde auch mit der Aussage zitiert: „Das ist genau das, was passiert, wenn Zigeuner Babies stehlen oder Rum&#228;nen Sexualverbrechen begehen.“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a><br />
Die Wahl von Berlusconis B&#252;ndnis und die Pr&#228;senz der Lega Nord sowie der Nationalen Allianz hat der extremen Rechten Zuversicht und Zusammenhalt verliehen und seit den Wahlen haben Angriff e auf MigrantInnen aus verschiedenen L&#228;ndern stattgefunden. Im Oktober 2008 wurde ein 36-j&#228;hriger chinesischer Migrant in Rom verpr&#252;gelt, in Parma wurde ein junger Student aus Ghana von der Verkehrspolizei t&#228;tlich angegriff en und in Mailand wurde ein 19-J&#228;hriger aus Burkhina Faso von Barbesitzern, die ihn verd&#228;chtigten ein P&#228;ckchen Kekse gestohlen zu haben, zu Tode gepr&#252;gelt. Im Februar diesen Jahres wurde der indische Arbeitslose Navtej Singh Sidhu mit Benzin und Farbe &#252;bergossen und in Flammen gesetzt als er in Nettuno, s&#252;dlich von Rom, im Freien schlief.<br />
Faschistische Gruppen haben solche Angriffe angestiftet und gesch&#252;rt. Eine dieser Gruppen, <em>Forza Nuova</em>, hat Rom mit Plakaten &#252;berschwemmt, die eine Frau in einem wei&#223;en blutbefleckten Kleid mit dem Slogan „Stoppt die Einwanderung“ zeigten. Die Angriffe beschr&#228;nken sich nicht ausschlie&#223;lich auf Ausl&#228;nderInnen. Im Mai wurde der Italiener Nicola Tommasoli in Verona, einer Stadt mit einem B&#252;rgermeister der Lega Nord, von Faschisten, die ihn bezichtigten „Kommunist“ zu sein, zu Tode gepr&#252;gelt; im November wurde ein italienischer Obdachloser verpr&#252;gelt und angez&#252;ndet, w&#228;hrend er auf einer Parkbank in Padua schlief.<br />
Die gegenw&#228;rtige Dominanz der Rechten in Italien ist ein ernsthaftes Problem, das eine schwierige Herausforderung f&#252;r eine fragmentierte und demoralisierte Linke darstellt. Anstatt angesichts der momentanen Situation zu verzweifeln, ist es wichtig zu verstehen, wie es in Italien bis zu diesem Punkt kommen konnte. Die Rechte ist nicht aufgrund der St&#228;rke ihrer eigenen Anziehungskraft aufgestiegen. Die Kampagne „Saubere H&#228;nde“ in den fr&#252;hen 1990ern zielte darauf ab, die politische Korruption zu beseitigen und f&#252;hrte zu einem Kollaps der Christdemokratischen und Sozialistischen Parteien, welche die Nachkriegszeit dominiert hatten. Die nachfolgenen „Mitte-Links“-Administrationen unter Romano Prodi und Massimilio D’Alema waren jedoch nicht in der Lage, eine Alternative zu dem Elend, das die italienische ArbeiterInnenklasse in Jahrzehnten der politischen Korruption erlitten hatte, anzubieten.<br />
Berlusconi profitierte in hohem Ma&#223;e von der Kraftlosigkeit der Opposition. Nicht nur hat es das Olivenbaum-B&#252;ndnis<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> in den 1990ern verabs&#228;umt, Berlusconis aufsteigendem Imperium entgegen zu treten oder die vielen gerichtlichen Klagen gegen ihn voranzutreiben, sondern sie hat ihm gegen&#252;ber auch eine Haltung von „Nachgiebigkeit und Verzeihen“ vertreten.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Diese Haltung dauerte unter Prodis letzter <em>Unione</em>-Regierung an und lebt in der <em>Partito Democratico</em> weiter. Deren fr&#252;herer Vorsitzender, Walter Veltroni, wollte mit Berlusconi einen Pakt schlie&#223;en nachdem er die Wahl verloren hatte. Auch sprach er sich in der Opposition zwar gegen die rassistische Gesetzgebung der Regierung aus, aber tat nichts, um Widerstand gegen die Politik der Rechten zu organisieren. Die schwachen Positionen der PolitikerInnen der Mitte in Bezug auf Migration hatten verheerende Auswirkungen – die ersten Razzien und Vertreibungen in Roma-Siedlungen wurden 2007 unter Prodis Regierung durchgef&#252;hrt, nachdem die Frau eines Marinekapit&#228;ns vorgeblich von einem Rum&#228;nen vergewaltigt und ermordet wurde.<br />
Die „Saubere H&#228;nde“-Phase ging auch mit dem Einsetzen &#246;konomischer Stagnation einher. Bei vielen ItalienerInnen ist Prodi und die politische Mitte daf&#252;r verhasst, Italien in die Eurozone gebracht zu haben – was die Lebens- und Wohnkosten erh&#246;hte – und f&#252;r das langsamste Wirtschaftswachstum in der EU verantwortlich zu sein, w&#228;hrend die politische Klasse sich auf eine Art und Weise bereicherte, die der Zeit vor der „Saubere H&#228;nde“-Kampagne verbl&#252;ffend &#228;hnlich sah. So sind italienische Parlamentsabgeordnete und Senatoren zum Beispiel die bestbezahlten in Westeuropa, w&#228;hrend die Durchschnittseinkommen in Italien zu den niedrigsten z&#228;hlen.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Berlusconi sieht sich also nicht wirklich mit einer echten parlamentarischen Opposition konfrontiert. Die PD bietet keine ernsthafte Alternative: ihr neuer Vorsitzender Dario Franceschini lie&#223; zwar verlautbaren, dass die <em>cassa integrazione</em> auf prek&#228;re ArbeiterInnen ausgeweitet werden sollte, doch setzt die Partei der Drohung der Regierung, das Streikrecht einzuschr&#228;nken, nichts entgegen und tut auch nichts, um den Protest der Gewerkschaft CGL zu unterst&#252;tzen, die gemeinsam mit der MetallarbeiterInnengewerkschaft <em>Fiom </em>versuchen, einen vereinten Widerstand der ArbeiterInnen aufzubauen.<br />
Tragischerweise tr&#228;gt auch die Linke Verantwortung f&#252;r die gegenw&#228;rtige Situation. Die <em>Rifondazione Communista</em> ist durch ihre Unterst&#252;tzung der Prodi-Regierung auf den Prinzipien und dem Geist der Bewegung, in der sie einen wichtigen Teil darstellte, herumgetrampelt. Viele der AktivistInnen der Partei sind weiterhin in den studentischen und antirassistischen Kampagnen engagiert. Jedoch ist die <em>Rifondazione </em>als Organisation derzeit derma&#223;en mit internen Auseinandersetzungen besch&#228;ftigt, dass sie au&#223;erstande ist, klare Antworten auf Fragen der wirtschaftlichen Rezession und des Rassismus anzubieten, die jetzt von N&#246;ten w&#228;ren. Und als Resultat ihrer kompromisslerischen Haltung hat sie Respekt und viele ihrer Anh&#228;ngerInnen verloren.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Der R&#252;ckzug jener Partei, die bei den G8-Protesten in Genua 2001 und beim Europ&#228;ischen Sozialforum in Florenz 2002 gro&#223;en Respekt gewonnen hatte – ein „Caporetto<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> der Linken“, um Perry Andersons treffende Beschreibung zu verwenden<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> – hat AktivistInnen und jene ItalienerInnen, die sich mit der <em>Rifondazione </em>identifi zierten, entmutigt.<br />
Es ist aber nicht so, als g&#228;be es gar keine Opposition. Es gab Widerstand gegen die Sicherheitspakete seitens der BeamtInnen, &#196;rztInnen (die Abzeichen mit dem Slogan „Wir sind keine Spione“ produzierten) und Organisationen f&#252;r die Rechte von MigrantInnen. Im Januar dieses Jahres haben Versch&#228;rfungen im Fl&#252;chtlingslager Lampedusa Aufst&#228;nde und Protestm&#228;rsche nach sich gezogen. Auf rassistische Angriffe wurde mit antirassistischen Demonstrationen reagiert. Die Pl&#228;ne der Regierung zur „Reform“ des Bildungssystems, die eine Erh&#246;hung der Schulgeb&#252;hren und die K&#252;rzung von Arbeitspl&#228;tzen sowohl im Bereich der h&#246;heren Bildung als auch im Grundschulwesen vorsahen, wurden Ende letzten Jahres von einer massiven StudentInnenbewegung – der „Abweichenden Welle“ –, die sowohl Eltern, StudentInnen als auch LehrerInnen zusammenbrachte, zur&#252;ckgedr&#228;ngt. Berlusconi sah sich gezwungen, den Gesetzesentwurf aufzuschieben. Sein Vorhaben, Demonstrationen im Stadtzentrum und Streiks gesetzlich zu verbieten, zeigen, dass er davon ausgeht, dass die Opposition von der Stra&#223;e und den Arbeitspl&#228;tzen kommt. Tats&#228;chlich gab es bereits Generalstreiks im Dezember und Februar, sowie lokale, von der CGL und <em>Fiom </em>organisierte Proteste gegen den Abbau von Arbeitspl&#228;tzen. Diese Bewegungen haben an die &#246;konomische Situation politisch angekn&#252;pft, insbesondere die Studierendenbewegung mit dem Slogan „Wir zahlen nicht f&#252;r eure Krise“. Die ausschlaggebende Frage ist, welche politischen Ideen sich durchsetzen werden. Der R&#252;ckzug der <em>Rifondazione </em>hatte eine gewisse Desillusioniertheit gegen&#252;ber linken Parteien zur Folge und bedeutete die – hoffentlich nur vorl&#228;ufige – Abwesenheit einer ernstzunehmenden Kraft, die K&#228;mpfe auf eine breite Basis stellen und zu nationalen Aktionen zusammenf&#252;hren kann. In dem dadurch entstandenen Vakuum setzen sich bei den AktivistInnen zunehmend Ideen aus dem autonomen Lager durch, die sich oft auf individuelle Aktionen konzentrieren. In der Region Veneto haben Mitglieder der Sozialzentren die B&#252;rgerwehr angegriffen, insbesondere in Padua, wo die Polizei die Auseinandersetzungen zwischen der <em>ronde </em>und der „<em>contra ronde</em>“ aufl&#246;ste. Aber eine Strategie individueller Reaktion wird nicht dazu beitragen, die komplexen Zusammenh&#228;nge aufzubrechen, die den Rassismus mit der Sicherung italienischer Arbeitspl&#228;tze und der Globalisierungskritik in enge Verbindung bringt, wie dies die Propaganda der <em>Lega Nord</em> tut.<br />
Es ist darum entscheidend, dass die Linke sich wieder darauf konzentriert, Streiks, Proteste und eine gemeinsame Strategie gegen den Rassismus zu forcieren. Die Krise und die aggressive Haltung der Regierung machen es wahrscheinlich, dass Italien in naher Zukunft mit ernsthaften sozialen Konflikten konfrontiert sein wird. Berlusconis Programm besteht eindeutig darin, diejenigen sozialen Bewegungen, die ihn in der Vergangenheit gest&#252;rzt haben, zu zerschlagen. Sein Lager ist so selbstsicher und gut organisiert wie schon lange nicht mehr. Dennoch ist die Situation alles andere alsaussichtslos – sie ist vielmehr von Widerspr&#252;chen bestimmt, die eine Vielzahl m&#246;glicher Ankn&#252;pfungspunkte f&#252;r den bereits existierenden sozialen Unmut bieten. In Regionen, in denen die <em>Lega Nord</em> gute Wahlergebnisse eingefahren hat, existieren zum Beispiel auch bedeutende Bewegungen gegen den Bau einer Hochgeschwindigkeitszugverbindung und die US-Milit&#228;rbasis in Vincenza. In Neapel geschahen die Brandanschl&#228;ge auf Roma-Siedlungen zeitgleich mit lokalen Nachbarschaftsprotesten gegen Pl&#228;ne zum Bau von M&#252;llverbrennungsanlagen in ArbeiterInnenvierteln, die von einem B&#252;rgermeister als „B&#252;rgerkrieg“ bezeichnet wurden.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a><br />
Es gibt also Widerstand gegen die Regierung, auf den aufgebaut und der kanalisiert werden kann. Die Linke hat zwar Verluste zu verzeichnen, ist aber weit davon entfernt, v&#246;llig am Boden zu sein. Die Mehrheit am Parteitag der Rifondazione 2008 hat die Position bekr&#228;ftigt, dass die Unterst&#252;tzung f&#252;r Prodis Regierung die Bewegung gel&#228;hmt und der Linken geschadet hat. Und sie hat darauf insistiert, dass die Hauptaufgabe der Partei in einem erneuten Engagement in den Bewegungen besteht und eine zuk&#252;nftige Zusammenarbeit mit der Mitte zur&#252;ckgewiesen werden muss. Die Europawahlen im Juni stellen eine M&#246;glichkeit dar, eine politische Alternative zu den Kompromissen der Vergangenheit und der Unf&#228;higkeit der PD einzubringen. <em>Sinistra Critica</em> zum Beispiel, die sich letztes Jahr von Rifondazione abspalteten, haben eine antikapitalistische Liste unter dem Slogan „Banken und Bosse sollen f&#252;r die Krise zahlen, nicht die ArbeiterInnen“ vorgelegt. Solche Politiken haben im gegenw&#228;rtigen unbest&#228;ndigen Klima das Potential an Einfluss zu gewinnen wenn sie mit konsequenten Aktionen gegen K&#252;rzungen und Rassismus einhergehen, die von jenen breiten Kr&#228;ften getragen werden, deren Mobilisierung wir in Italien im letzten Jahrzehnt immer wieder beobachten konnten.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Zum Beispiel im j&#252;ngsten Fall von Eluano Englaro, einer jungen Frau, die f&#252;r 17 Jahre im Koma lag. Der Vatikan intervenierte gegen einen Bescheid des Obersten Gerichts, der ihrem Vater erlaubte, &#196;rtztInnen zu finden, die ihr Leben beenden w&#252;rden. Berlusconi setzte eine weitere Notverordnung durch, die dem medizinischen Personal vorschrieb, die k&#252;nstliche Ern&#228;hrung aufrecht zu erhalten, doch starb Eluano Englaro, ehe dies gerschah. Die Kontroverse er&#246;ff nete einen off enen Konfl ikt zwischen President Giorgio Napolitano, der die Entscheidung des Obersten Gerichtshofes verteidigte, und der Regierung.</p>
<p><a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Jones, Gavin: Italy Is Hardly Noticing Crisis, Reuters, 18. Februar 2009.</p>
<p><a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Financial Times, 6. M&#228;rz 2009.</p>
<p><a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Zit. n. “Marcia Lavoro A Torino: CGIL, 70.000 In Piazza”, www.ansa.it, 28. Februar 2009.</p>
<p><a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Security a la Italiana: Fingerprinting, Extreme Violence and Harassment of Roma in Italy, Report des Open Society Institute, ERRC, COHRE, Romani Crisis and the Roma Civic Alliance in Romania, Juli 2008, www.errc.org/db/03/4D/m0000034D.pdf</p>
<p><a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Das Olivenbaum-B&#252;ndnis (ital.: L’Ulivo) war ein Wahlb&#252;ndnis von Mitte-Links-Parteien, das von 1996 bis 2001 regierte und aus dem sp&#228;ter (unter Einbeziehung der kommunistischen Rifondazione) L’Unione hervorging, die bei den Parlamentswahlen 2006 erfolgreich gegen Berlusconi antraten (Anm. d. Red.).</p>
<p><a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Ginsborg, Paul (2001): Italy and its Discontents. Allen Lane. S. 315.</p>
<p><a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Das Grundeinkommen eines italienischen Delegierten betr&#228;gt 11.703 Euro im Monat. Im Vergleich verdienen britische Parlamentsabgeordnete 7.009 Euro, franz&#246;sische 6.953. Die Bestseller „La Casta” und “La Deriva” von zwei Journalisten von „Corriere della Sera”, die die vielen Privilegien Italiens PolitikerInnen schildern, haben das Ausma&#223; nationaler und regionaler Korruption aufgezeigt.</p>
<p><a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Der rechte Fl&#252;gel der Rifondazione um Nichi Vendola (verwirrenderweise „Rifondazione der Linken“ genannt), der die Wahl zum Parteivorsitzenden gegen Paolo Ferrero verlor, wird in den Europawahlen Seite an Seite mit den Gr&#252;nen und getrennt vom Rest der Partei antreten. Es wird erwartet, dass der Rest der Rechten in der Rifondazione rund um den fr&#252;heren Vorsitzenden Fausto Bertinotti den Augenblick abwartet, in dem sich die PD spaltet, sodass sie im „progressiven“ Demokratischen Fl&#252;gel unter D’Alema ein politisches Zuhause fi nden kann.</p>
<p><a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> „Battle of Caporetto“, zu dt. Schlacht von Karfeit, dem heutigen Kobarid/Slowenien, bezeichnet die zw&#246;lfte und letzte Isonzoschlacht im Ersten Weltkrieg zwischen &#214;sterreich-Ungarn und Italien, in der die italienischen Truppen geschlagen wurden. „Caporetto“ ist heute in Italien ein Synonym f&#252;r eine „schwere Niederlage“ (Anm. d. Red.).</p>
<p><a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Anderson, Perry, 2009, “An Entire Order Converted into What it was Intended to End”, in: London Review of Books, 31(4), www.lrb.co.uk/v31/n04/ande01_.html.</p>
<p><a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Rushton, Phil: Class Struggle May Be Th e Shape Of Th ings To Come In Italy, in: Socialist Worker, 31 May 2008.</p>
<p>Zuerst erschienen in: International Socialism 122 (2009), online unter: <a href="http://isj.org.uk/index.php4?id=528&amp;issue=122" target="_blank">http://isj.org.uk/index.php4?id=528&amp;issue=122</a></p>
<p>&#220;bersetzung: Katherina Kinzel</p>
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		</item>
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		<title>Kritisch studieren an &#214;sterreichs Universit&#228;ten?</title>
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		<pubDate>Sat, 13 Jun 2009 12:20:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 8]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
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		<description><![CDATA[Mit den &#214;H-Wahlen treten wieder Fragen nach M&#246;glichkeiten studentischer Mitbestimmung und Freir&#228;umen an der Universit&#228;t in den Vordergrund. <em>Thomas Reithmayer</em> rekapituliert die Ver&#228;nderungen der universit&#228;ren Bildungsarchitektur und Machtverh&#228;ltnisse seit dem zweiten Weltkrieg und fragt nach den Bedingungen kritischen Studierens an &#214;sterreichs Hochschulen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mit den &#214;H-Wahlen treten wieder Fragen nach M&#246;glichkeiten studentischer Mitbestimmung und Freir&#228;umen an der Universit&#228;t in den Vordergrund. <em>Thomas Reithmayer</em> rekapituliert die Ver&#228;nderungen der universit&#228;ren Bildungsarchitektur und Machtverh&#228;ltnisse seit dem zweiten Weltkrieg und fragt nach den Bedingungen kritischen Studierens an &#214;sterreichs Hochschulen.<br />
<span id="more-517"></span><br />
Universit&#228;ten waren und sind Zeit ihrer Existenz herrschaftlich organisierte Institutionen, deren vordringliche Aufgabe darin besteht f&#252;r die Reproduktion der zentralen Intellektuellen Schichten der jeweils herrschenden Klassen zu sorgen. <a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Ihre jeweilige Verfasstheit, ihre Strukturen, ihre soziale Zusammensetzung und sogar ihre Inhalte sind stets nur in Relation zu den jeweiligen &#246;konomischen Machtverh&#228;ltnissen zu sehen, jedoch nicht ausschlie&#223;lich auf diese zur&#252;ckzuf&#252;hren. Denn gerade weil es Aufgabe der Universit&#228;t als zivilgesellschaftlicher Institution ist, gesellschaftliche Machtverh&#228;ltnisse konsensual abzusichern, war und ist sie seit jeher auch Raum in dem „relativ freie und unabh&#228;ngige theoretische und politische Diskussionen und Auseinandersetzungen grunds&#228;tzlich m&#246;glich sind.“ <a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Dieser Artikel will daher rekonstruieren, wie sich das Feld der Universit&#228;ten vor dem Hintergrund neoliberaler Hegemonie in &#214;sterreich transformiert hat. Konkret soll gefragt werden ob und in welchem Ausma&#223; &#246;sterreichische Universit&#228;ten f&#252;r ihre Studierenden einen Raum darstellen, welcher „Zeit und Gelegenheit f&#252;r die Pflege und Erprobung der Pers&#246;nlichkeit, f&#252;r soziale Experimente und politische Radikalit&#228;t“ anbietet.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Sprich inwiefern R&#228;ume und M&#246;glichkeiten im Rahmen des Studiums existieren, welche f&#252;r selbstbestimmte kritisch-wissenschaftliche T&#228;tigkeiten und im Sinne eines emanzipatorischen politischen Projekts, genutzt werden k&#246;nnen.</p>
<p><strong>Die &#246;sterreichische Hochschullandschaft nach 1945</strong><br />
Das kritische Potential an &#246;sterreichischen Universit&#228;ten nach 1945 erholte sich lange nicht von den Folgen der austrofaschistischen und nationalsozialistischen Herrschaft. Standen die &#246;sterreichischen Universit&#228;ten, insbesondere die Universit&#228;t Wien, bereits vor der Ausschaltung der Demokratie unter ma&#223;geblichem Einfluss von korporierten katholischen und deutschnationalen Gruppen, so waren wenigsten einige kritisch-wissenschaftliche Inseln vorhanden. <a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Diese wurden jedoch in zw&#246;lf Jahren faschistischer Herrschaft zerschlagen, ihre ProtagonistInnen vertrieben oder ermordet. Nach 1945 versuchten weder Regierung noch Universit&#228;t die vertriebenen kritischen WissenschaftlerInnen zur&#252;ck zu holen. Auch die Entnazifizierung wurde, abgesehen von einem kurzen Intermezzo unmittelbar nach Kriegsende, rasch eingestellt, so dass bereits im Studienjahr 1949/50 wieder 44% aller Lehrenden und 60% der ordentlichen ProfessorInnen schon w&#228;hrend des Nationalsozialismus gelehrt hatten. <a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a><br />
Die Universit&#228;t selbst wurde von einem Machtgleichgewicht aus dem stets von der &#214;VP kontrollierten Bundesministerium f&#252;r Unterricht und der im Rahmen der akademischen Selbstverwaltung allm&#228;chtigen ProfessorInnenkurie gestaltet und verwaltet. Zentrale Schnittstellen waren die ProfessorInnenkollegien, welche an den Fakult&#228;ten eingerichtet waren, und der akademische Senat, welcher ebenso nur von den ProfessorInnen beschickt wurde. <a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Studentische Freir&#228;ume waren wenn dann haupts&#228;chlich durch den elit&#228;ren Hintergrund<br />
der Studierendenschaft und durch die im Sinne humboldtscher Bildungsideale gestalteten Studienordnungen gegeben, wenngleich selbst diese durch die mangelnde Bandbreite an Lehrmeinungen unter den ProfessorInnen begrenzt war. Doch stellten die Studierenden selbst lange Zeit ein Paradebeispiel f&#252;r den konservativ-reaktion&#228;ren Background der &#246;sterreichischen Universit&#228;ten dar.<br />
Zwar wurde bereits 1945 mit der &#214;sterreichischen Hochsch&#252;lerInnenschaft (&#214;H) eine selbstverwaltete demokratische Studierendenvertretung, welche durch Pflichtbeitr&#228;ge finanziert und durch das Hochsch&#252;lerinnen- und Hochsch&#252;lerschaftsgesetz (HSG) unbeeinflusst von Universit&#228;tsverwaltungen und Ministerium bundesweit und lokal arbeiten kann, geschaffen. Die Mehrheitsverh&#228;ltnisse innerhalb der &#214;H blieben aber bis in die 70er Jahre relativ statisch bei mehr als 50 Prozent f&#252;r katholisch-konservative Gruppierungen, etwa ein Drittel f&#252;r den deutschnationalen und oftmals neonazistischen „Ring Freiheitlicher Studenten“ und weniger als ein F&#252;nftel f&#252;r den „Verband Sozialistischer StudentInnen“ (damals noch Studenten) als einzige dauerhaft vertretene linke, nicht von Korporationen beeinflusste Gruppe innerhalb der &#214;H. <a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Der Hochschulzugang war durch diverse Hochschultaxen (z.B. Aufwandsbeitrag, Kollegiengelder etc.) <a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> eingeschr&#228;nkt. Bez&#252;glich Stipendien und anderer finanzieller Unterst&#252;tzungen existierten keinerlei gesetzliche Regelungen; sofern &#252;berhaupt Mittel hierf&#252;r vorgesehen waren, konnten diese von der Ministerialb&#252;rokratie weitgehend freih&#228;ndig vergeben werden.<br />
&#214;sterreichs Universit&#228;ten boten kritischen Intellektuellen also praktisch keinerlei Bet&#228;tigungsfelder, von der von Alex Demirovi&#196; f&#252;r Deutschland konstatierten „Eingliederung der kritischen Gesellschaftstheorie in die Universit&#228;t“ <a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> nach dem zweiten Weltkrieg war bis in die 70er Jahre in &#214;sterreich nichts zu merken. Kritisch-wissenschaftliche Arbeit passierte, wenn &#252;berhaupt, gro&#223;teils in direkt von der Sozialdemokratie kontrollierten Institutionen und Verb&#228;nden. Ein Umstand welcher einerseits aufgrund der grunds&#228;tzlichen Widerspr&#252;che zwischen kritischer Wissensproduktion und parteigebundener Realpolitik, andererseits aber auch durch die pragmatische Wende der Sozialdemokratie, die durch den abnehmenden Stellenwert theoretischer Fundierung sozialdemokratischer Politik und die Hinwendung zum Austrokorporatismus gekennzeichnet war, die Arbeitsbedingungen kritischer Intellektueller zunehmend erschwerte.<br />
Eine besonders augenscheinliche Folge dieser reaktion&#228;ren Vorherrschaft im Feld der Wissenschaft war die Unterentwicklung der Sozialwissenschaften. Diese waren im unmittelbaren Nachkriegs&#246;sterreich quasi nicht vorhanden. Politikwissenschaft existierte gar nicht, die Soziologie fristete ein Schattendasein, F&#228;cher wie Kommunikationswissenschaft und Ethnologie waren von den (post-)nazistischen Eliten bestimmt. Ein erster Ansto&#223; zur Etablierung der Sozialwissenschaften in &#214;sterreich war die Gr&#252;ndung des – nicht zuf&#228;llig eben nicht an der Universit&#228;t angesiedelten – Instituts f&#252;r H&#246;here Studien im Jahr 1963. <a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Gleichzeitig betrieb die in ihren Ausma&#223;en kleine Studierendenbewegung eifrig Theorieimport aus den Zentren der studentischen Rebellion und begann die Kritische Theorie zu rezipieren. Dies f&#252;hrte zur paradoxen Situation, „dass [der positivistische sozialwissenschaftliche] Mainstream … sich nahezu gleichzeitig mit dessen Kritik etablierte.“ <a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Ein Umstand welcher dazu f&#252;hrte, dass sich beide in einer merkw&#252;rdigen „Schicksalsgemeinschaft“ wiederfanden, da beide gleichsam &#252;berhaupt erst um Anerkennung im wissenschaftlichen Feld ringen mussten und hierbei quasi zur Kooperation verdammt waren.</p>
<p><strong>Integration der (kritischen) Sozialwissenschaften</strong><br />
Mit den 1960er Jahren begann eine Phase der Universit&#228;tsreformen, welche das Ziel hatten die &#246;sterreichische Hochschullandschaft an den Bedarf des fordistischen Produktionsmodells anzupassen. Erste Manifestationen dieser Entwicklung waren der Beschluss eines Studienbeihilfengesetzes 1963, welcher Studierenden unter den Bedingungen „sozialer Bed&#252;rftigkeit“ und eines „g&#252;nstigen Studienerfolgs“ einen Rechtsanspruch auf Studienbeihilfe sicherte, gefolgt vom Allgemeinen Hochschul-Studiengesetz 1966, welches die zweigliedrige Studienstruktur bestehend aus Diplom- und Doktoratsstudien implementierte, sowie die Studien- und Pr&#252;fungsordnungen homogenisiert und endg&#252;ltig gesetzlicher Kontrolle unterwarf. Diese Ma&#223;nahmen erleichterten die M&#246;glichkeit des Hochschulzugangs zunehmend auch f&#252;r ArbeiterInnenkinder, tasteten die Prinzipien der von ProfessorInnen dominierten Ordinarienuniversit&#228;ten jedoch nicht an. Erst mit dem Beginn der sozialdemokratischen Alleinregierungen ab 1970 dynamisierten sich die Entwicklungen. In wenigen Jahren wurden alle Hochschultaxen, zumindest f&#252;r &#246;sterreichische Staatsb&#252;rgerInnen und diesen gleichgestellte Personen, abgeschafft, das Stipendiensystem erweitert, eine Reihe von Erm&#228;&#223;igungen f&#252;r Studierende geschaffen, sowie die Universit&#228;tsorganisation und die Struktur der &#214;H reformiert. Im Universit&#228;tsorganisationsgesetz (UOG) 1975 wurden die Organe der Universit&#228;t um VertreterInnen der Studierenden und des Mittelbaus erg&#228;nzt. Diese setzten sich auf (&#252;ber-)fakult&#228;rer Ebene im Verh&#228;ltnis 2:1:1 (ProfessorInnen/Mittelbau/Studierende), auf Ebene der Institute und Studienrichtungen im Verh&#228;ltnis 1:1:1 zusammen. <a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a>Die neuen Gremien entschieden im Bereich der Lehre und Forschung autonom, w&#228;hrend strukturelle, finanzielle und teilweise auch personelle Kompetenzen dem Ministerium zufielen. Dieser neuen Struktur entsprechend wurde auch das HSG angepasst. Die &#214;H wurde um die Ebenen der Studienrichtungs- und Institutsvertretungen erg&#228;nzt, die Bundesvertretung fortan direkt gew&#228;hlt.<br />
Besonders die Schaffung von Kollegialorganen sowie entsprechenden Vertretungsorganen der &#214;H auf Studienrichtungs- und Institutsebene bedeutete einen immensen Machtzuwachs f&#252;r die studentische Linke. Hatten sich doch im Gefolge der 68er-Bewegung autonome Basis- und Institutsgruppen gebildet, welche die Linken verschiedener Strukturen sammelten und nun in die Universit&#228;tsverwaltung und in die &#214;H integriert wurden. Die &#214;H blieb weiterhin konservativ dominiert. Zwar verlor der RSF best&#228;ndig an Boden, w&#228;hrend der VSSt&#214; zulegen konnte und diverse weitere linke Listen zumindest zeitweise und lokal eine relevante Gr&#246;&#223;enordnung erreichten, doch die Konservativen sicherten sich durch die Diversifizierung ihrer Listen ihre Dominanz (von linkskatholisch, bis monarchistisch). <a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a>Es gelang der Linken aber einzelne Studienrichtungen zu „erobern“ und in diesen konkret in Berufungsprozesse, Lehrangebot und Studienpl&#228;ne zu intervenieren und somit studentische Freir&#228;ume zu schaffen.<br />
Aufgrund der geringen Anzahl an SozialwissenschaftlerInnen und der gro&#223;en Nachfrage an den neu eingerichteten sozialwissenschaftlichen Instituten und in der staatlichen Verwaltung (insbesondere in diversen Ministerien), kam es zur raschen Integration gro&#223;er Teile der jungen (kritischen) SozialwissenschaftlerInnen und vieler ProtagonistInnen der Studierendenbewegung in das sozialdemokratische Modernisierungsprojekt der 70er Jahre. <a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Diese Integration vergr&#246;&#223;erte zwar die Arbeits- und Einflussm&#246;glichkeiten kritischer Wissenschaften enorm, alleine durch die intakte Kommunikationsbasis zu den politischen Entscheidungstr&#228;gerInnen, zeigte jedoch ebenso Effekte des „Transformismo“, sprich der Integration kritischer Intellektueller in den herrschenden Machtblock. <a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Trotz oder gerade wegen dieser Ambivalenzen gelang es in einigen Teilbereichen nachhaltige Erfolge zu erzielen. So konnte zum Beispiel Frauen- und Geschlechterforschung in vielen Disziplinen verankert werden und es gelang eine f&#252;r &#246;sterreichische Verh&#228;ltnisse ausgesprochen kritische Politikwissenschaft zu etablieren. <a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Zusammenfassend l&#228;sst sich behaupten, dass die Universit&#228;tsreformen der 70er Jahre die M&#246;glichkeit eines kritischen Universit&#228;tsstudiums &#252;berhaupt erst erm&#246;glichten, indem die Vorherrschaft postnazistischer und konservativer Eliten an den Universit&#228;ten zumindest in Teilbereichen gebrochen wurde. Dies geschah unter anderem durch die Schaffung neuer (sozialwissenschaftlicher) Studieng&#228;nge und die Berufung der ersten Generation kritischer (Sozial-)WissenschafterInnen an die neuen Institute. Mit dem freien und offenen Hochschulzugang, wurden Studierende ansatzweise in die &#246;konomische Lage versetzt, ihr Studium an individuellen Erkenntnisinteressen zu orientieren. Durch den Ausbau der Mitbestimmungsrechte der Studierenden und des Mittelbaus, sowie dem Ausbau der &#214;H, wurde kritischen Studierenden die M&#246;glichkeit gegeben in „linken“ Studienrichtungen direkt in die Lehre und Forschung zu intervenieren. Wichtig waren auch die neuen finanziellen Ressourcen f&#252;r selbstbestimmte Projekte und nicht zu vergessen, dass den Funktionstr&#228;gerInnen selbst zus&#228;tzliche individuelle Spielr&#228;ume einger&#228;umt wurden (Aufwandsentsch&#228;digungen, Minderung der Freien Wahlf&#228;cher, zus&#228;tzliche Toleranzsemester f&#252;r Beihilfen).</p>
<p><strong>Neoliberalisierung</strong><br />
Doch produzierte diese Reformphase auch neue Widerspr&#252;che. So k&#228;mpften Generationen an kritischen Studierenden in den universit&#228;ren Gremien gegen die weiterhin dominante ProfessorInnenkurie. <a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Ein Kampf welcher zwar durchaus Erfolge zeigte, gleichzeitig jedoch auf Kosten dauerhafter studentischer Projekte und der Organisation der Studierenden an der „Basis“ ging. <a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Der Stellungskrieg in den Gremien zwischen diversen Kurien und Fraktionen brachte den Selbstverwaltungsorganen den Ruf der Innovationsfeindlichkeit, Ineffizienz und der Klientelpolitik ein. Kritische Studierende fanden durch ihre Integration in die Universit&#228;tsorganisation ein Feld vor, in dem sich mit gro&#223;em Aufwand meist trotzdem nur minimale Erfolge erreichen lie&#223;en. Die Energie, bzw. in weiterer Folge auch die Motivation sich effektiv in gesamtgesellschaftlichen K&#228;mpfen zu involvieren, ging dadurch h&#228;ufig verloren. Gleichzeitig hielt die finanzielle, personelle und infrastrukturelle Ausstattung der Universit&#228;ten nicht Schritt mit dem rasanten Anwachsen der Studierendenzahlen, wodurch die Universit&#228;ten und ihre Organe zur chronischen M&#228;ngelwirtschaft verdammt waren. Diese Widerspr&#252;che stellten schlie&#223;lich zentrale Ankn&#252;pfungspunkte f&#252;r die neoliberale Intervention an den Hochschulen dar. Denn mit der ebenfalls in den 70er Jahren beginnenden Transformation des Kapitalismus hin zur hochtechnologischen Produktionsweise wurde die Gruppenuniversit&#228;t zunehmend dysfunktional f&#252;r die Konkurrenzf&#228;higkeit im globalen Standortwettbewerb. Mit der Marginalisierung klassisch tayloristischer Arbeitsorganisation zugunsten von Arbeitsweisen, welche die Autonomie der Besch&#228;ftigten verlangen und auf deren Produktionsintelligenz setzen, kommen auf die Arbeitskr&#228;fte und deren Ausbildung neue Anforderungen zu, welche in den Vorstellungen des gesellschaftlich dominanten Machtblocks „das flexible und marktg&#228;ngige Lernsubjekt [er]forder[n].“ <a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Schlie&#223;lich wird die Aufgabe der Hochschule insofern umgedeutet, dass ihr Ziel nunmehr darin bestehen soll „alle Potenziale und Talente auszusch&#246;pfen, um den Innovationsstandort zu st&#228;rken.“ <a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a>Doch kann das neoliberale Projekt des Umbaus der Hochschulen nur in seiner ganzen Dimension erfasst werden, wenn es auch als politisches Projekt verstanden wird, welches einzelne von oppositionellen und dissidenten Bewegungen formulierte Kritikpunkte aufgreift und in ver-r&#252;ckter Weise integriert, sei es nun durch <em>Gender Mainstreaming</em>, lebenslanges Lernen oder den scheinbar endg&#252;ltigen Schlussstrich unter die Humboldt‘schen Bildungsideale.<br />
Diese Intervention war jedoch lange Zeit im internationalen Vergleich wenig wirkm&#228;chtig, wurde sie doch durch die (neo-)korporatistische Politik der zweiten Phase gro&#223;er Koalitionen (1986-1999) gebremst. Dennoch kam es bereits in der Novelle des Universit&#228;tsorganisationsgesetzes von 1993 zur Implementierung von „Elementen des Universit&#228;tsmanagements“. <a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> So wurden die LeiterInnen von Organisationseinheiten (RektorInnen, [Studien-]DekanInnen, Institutsvorst&#228;ndInnen) mit von den Kollegialorganen autonomen Entscheidungsbefugnissen ausgestattet, teilweise Top-Down Strukturen implementiert und die Einbringung von Drittmitteln erleichtert.22 Im Zuge des Sparpaketes 1996 wurden den Studierenden eine Reihe von Rechten gestrichen (Abschaffung der Studierendenfreifahrt, Erbringung eines Leistungsnachweises f&#252;r die Familienbeihilfe) wodurch die &#246;konomische Situation der Studierenden zunehmend prek&#228;rer wurde. Doch sollte dies alles erst ein Vorgeschmack auf jene &#196;nderungen sein, welche im Zuge des schwarz-blauen Regierungsantritts im Jahr 2000 auf die Universit&#228;ten zukommen sollten.</p>
<p><strong>&#214;sterreichs Universit&#228;ten seit der schwarzblauen Wende</strong><br />
Der Regierungswechsel im Jahr 2000 stellte einen &#228;hnlichen Einschnitt in die Entwicklung &#214;sterreichischer Universit&#228;ten dar wie jener des Jahres 1970. Wurde damals versucht das Hochschulwesen binnen weniger Jahre in Form einer nachholenden Modernisierung an das vorherrschende fordistische Produktionsparadigma anzupassen, war man nun bestrebt, die in den 90er Jahren begonnene Ausrichtung des universit&#228;ren Bildungswesens auf die Prinzipien der „standortgerechten Dienstleistungshochschule“ so rasch wie m&#246;glich umzusetzen. <a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a>Dementsprechend wurde in nur sechs Jahren der freie und offene Hochschulzugang weitgehend demontiert und das Hochschulwesen drastisch ver&#228;ndert. Diese Ver&#228;nderungen, welche in ihrer Intention auch in Zeiten einer erneuerten SP&#214;VP Koalition nahtlos fortgesetzt wurden, sollen im Folgenden skizziert werden.</p>
<p><strong>Verbetriebswirtschaftlichung der Bildungseinrichtungen</strong><br />
Die im Neoliberalismus angestrebte &#214;konomisierung von Bildung vollzieht sich (zumindest noch) nicht in Form einer formalen Privatisierung von Bildungseinrichtungen, sondern vielmehr durch eine Umgestaltung ihrer Binnenstruktur nach den Prinzipien des <em>New Public Management</em>. Zentraler Hebel dieser Neustrukturierung besonders im Falle der Universit&#228;ten ist eine &#196;nderung des Systems der Finanzierung. Anstatt die Finanzierung an der Nachfrage der Studierenden zu orientieren, werden nun die Mittel nach leistungsorientierten Zielvereinbarungen vergeben. <a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a>Die Ma&#223;st&#228;be zur Mittelzuteilung werden in Vertr&#228;gen zwischen Universit&#228;ten und dem Ministerium festgelegt, wobei davon auszugehen ist, dass die Entscheidungstr&#228;ger &#252;ber die Vergabe der Mittel eine immanent bessere Verhandlungsposition innehaben. Die einzelnen Parameter der Vereinbarungen (bspw. Anzahl an Publikationen, Abschl&#252;ssen, Drittmittel oder auch Position in diversen Rankings) m&#252;ssen mittels Controlling st&#228;ndig gepr&#252;ft, evaluiert und die Mittelvergabe muss dementsprechend angepasst werden. Nicht nur die Universit&#228;ten finden sich also in einem k&#252;nstlich geschaffenen Wettbewerb wieder, sondern auch die einzelnen Fakult&#228;ten, Studienrichtungen und Institute, welche, um die n&#246;tigen Gelder f&#252;r Forschung und Lehre zu erhalten, st&#228;ndig nachweisen m&#252;ssen, dass sie einen Beitrag zur Zielerreichung leisten. Wenn jedoch die Aufgabe der Universit&#228;ten und ihrer Einrichtungen nur mehr das schlichte Erf&#252;llen von Zielvorgaben ist, welche schlussendlich durch die Wissenschaftsministerien definiert werden, ist demokratische Selbstverwaltung vor allem eines: ineffizient. Vielmehr brauche es starke F&#252;hrungsgremien, Aufsichts- und Evaluationsstellen. Doch die Einf&#252;hrung der vermeintlich vollkommenen Autonomie bedeutet bei weitem nicht das Ende staatlichen Einflusses, vielmehr ist das Ziel, die Universit&#228;ten in „eine sich selbst tragende Prozessdynamik zu &#252;berf&#252;hren, welche nicht mehr permanenter staatlicher Intervention bedarf.“ <a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a>Dieser Ansatz materialisierte sich im Universit&#228;tsgesetz 2002 (UG02). <a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Dessen erster Gestaltungsvorschlag gab die Devise aus „autonome, unternehmerisch agierende Universit&#228;ten“ zu verwirklichen. <a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Das UG02 entl&#228;sst die Universit&#228;ten in die Vollrechtsf&#228;higkeit, die zentralen Kompetenzen werden weitgehend im Rektorat konzentriert. Wurde der/die RektorIn selbst zuvor auf Vorschlag des Senates von der viertelparit&#228;tisch verfassten Universit&#228;tsversammlung gew&#228;hlt, &#252;bernimmt diese Aufgabe nun der neu geschaffene Universit&#228;tsrat. Dieses den Aufsichtsr&#228;ten in der Wirtschaft nachempfundene Gremium, welches sich zur H&#228;lfte aus vom Senat, bzw. von der Regierung ausgew&#228;hlten universit&#228;tsexternen Mitgliedern zusammensetzt, w&#228;hlt nun aus einem Dreiervorschlag des Senats den/die RektorIn.<br />
Statt der bisherigen vier-Ebenen-Struktur (Universit&#228;t, Fakult&#228;t, Institut, Studienrichtung) wurde eine zwei-Ebenen-Struktur implementiert. Die LeiterInnen der Organisationseinheiten werden nicht von einem Kollegialorgan gew&#228;hlt, sondern, ebenso wie beispielsweise Berufungen, direkt vom Rektorat bestellt. Ebenso k&#246;nnen die neuen Organisationseinheiten nicht mehr autonom die Studienpl&#228;ne bestimmen, diese Kompetenz wandert in eine einzige (!) vom Senat eingerichtete Curricularkomission. Auch studienrechtliche Anliegen werden nun in erster Instanz zentral von einem direkt vom Rektorat ernannten studienrechtlichen Organ (an der Universit&#228;t Wien: Studienpr&#228;ses) entschieden, in zweiter Instanz entscheidet der Senat.<br />
Allgemein gesprochen wird durch das Universit&#228;tsgesetz 2002 studentische Mitbestimmung auf den Senat beschr&#228;nkt, welcher selber um zentrale Kompetenzen beschnitten wird und lediglich um Belange aufgewertet, welche bisher von anderen Kollegialorganen geregelt wurden. Im Senat selbst wird die ProfessorInnenkurie aufgewertet, da sie nun statt f&#252;nfzig 51% aller Senatsmitglieder stellt und damit ohne R&#252;cksicht auf andere Kurien Entscheidungen alleine treff en kann. Allgemein gesprochen ist „eine vertikale Polarisierung zwischen Management und Universit&#228;tsangeh&#246;rigen“ zu konstatieren, welche dem Management die direkte M&#246;glichkeit zum Eingriff, auch in die inhaltliche Ausgestaltung von Forschung und insbesondere Lehre an den einzelnen Instituten und Fakult&#228;ten gibt. Durch die hierarchische Struktur und die Umstellung der Finanzierung verschlechtern sich die Realisierungsm&#246;glichkeiten kritischer universit&#228;rer Projekte drastisch, da sie nur dann eine Chance haben, wenn sie marktgerecht zugeschnitten werden oder zumindest diesen Anschein erwecken k&#246;nnen. Studierende, die in den Studienkommissionen sowie den Institutskonferenzen gleichberechtigt zur ProfessorInnenkurie und zum Mittelbau Einfluss auf Studienpl&#228;ne, Lehrangebot, Berufungen und Anrechnungen nehmen konnten, sind nun entweder dem Rektorat, dem Studienpr&#228;ses oder dem von den ProfessorInnen dominierten Senat ausgeliefert und haben keinerlei effektive Interventionsm&#246;glichkeiten, selbst wenn sie sich an einzelnen Instituten mit den dortigen Lehrenden abstimmen. Organe wie die Studienkommission auf Institutsebene existieren zwar weiterhin, haben aber nur noch beratende Funktion.<br />
Es scheint logisch, dass eine Universit&#228;t, welche als Dienstleistungsunternehmen konzipiert ist „Bildung (…) in Ware umwandelt und als ‚knappes Gut‘ konstituiert“. <a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> Dementsprechend beschloss die Bundesregierung bereits im September 2000 die Einf&#252;hrung von Studiengeb&#252;hren im Umfang von 363,36€ f&#252;r EWR-B&#252;rgerInnen, bzw. 726,72€ f&#252;r Nicht-EWR-B&#252;rgerInnen ab dem Wintersemester 2001/2002. Von den Geb&#252;hren befreit waren lediglich Konventionsfl&#252;chtlinge und Menschen mit Behinderung, BezieherInnen von Studienbeihilfe bekamen sie r&#252;ckerstattet. Die Einnahmen flossen den Universit&#228;tsbudgets direkt zu, jedoch wurden die Budgets an anderen Stellen gek&#252;rzt, so dass die Universit&#228;ten keine zus&#228;tzlichen Einnahmen lukrieren konnten. <a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a><br />
Die Folgen der Studiengeb&#252;hren waren verheerend; die Zahl der Studierenden sank auf den tiefsten Wert seit 1990, der Anteil erwerbst&#228;tiger Studierender stieg von 49,4% (1998) auf 66,5% (2002). Der Anteil an ArbeiterInnenkindern sank im Zuge des Sparpakets und der Studiengeb&#252;hren-Einf&#252;hrung sogar unter den Anteil des Jahres 1970/1971. <a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> „Die Universit&#228;t wird aufgrund der zu zahlenden Studienbeitr&#228;ge deutlicher als Dienstleistungsorganisation wahrgenommen.“ <a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Durch die Einf&#252;hrung der Studiengeb&#252;hren und die vorhergehenden Sparma&#223;nahmen in den 90ern wurde die M&#246;glichkeit eines selbstbestimmten Studiums massiv eingeschr&#228;nkt. Die Studierenden werden diskursiv und durch die obig erw&#228;hnten Ma&#223;nahmen vermehrt in die Rolle von Kunden und Kundinnen gedr&#228;ngt, welche zielgerichtet die Ware (Hochschul-) Bildung konsumieren und auf ein baldiges „Return of investment“ hoff en m&#252;ssen. Durch die verst&#228;rkt notwendige Erwerbst&#228;tigkeit wird der Lebensmittelpunkt der Studierenden aus der Universit&#228;t hinaus verlagert.</p>
<p><strong>Bologna-Prozess und Modularisierung</strong><br />
Die Ausrichtung der Universit&#228;ten auf marktwirtschaftliche Prinzipien geht auch mit einer Ver&#228;nderung der Organisation der Lehre einher. Die Eckpunkte dieser Neustrukturierung werden vor allem unter dem Schlagwort „Bologna-Studienarchitektur“ diskutiert. Mit dem Bologna-Prozess <a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> hat die bereits im Rahmen der Bildungsreform der 70er Jahre begonnene Strukturierung und Modularisierung der Studienpl&#228;ne einen neuen H&#246;hepunkt erreicht. Die zu absolvierenden Leistungen sind nicht mehr „&#252;ber formale Zeiteinheiten (Wochenstunden), sondern durch komplexe Lernziele in thematisch abgeschlossenen Einheiten (ECTS) definiert. Die so genannten Module sollen miteinander kombinierbar und lebenslang akkumulierbar sein.“ <a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Dabei kann der Bachelor-Abschluss als gehobener „general intellect“ interpretiert werden, w&#228;hrend die erst zum eigenst&#228;ndigen wissenschaftlichen Arbeiten qualifizierenden Abschl&#252;sse Master bzw. PhD die elitenbildende Funktion der Universit&#228;t gew&#228;hrleisten soll. <a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a><br />
Die M&#246;glichkeit zur Einrichtung eines drei-zyklischen Studiums (Bachelor/Master/PhD) wurde bereits mit einer Novelle des Universit&#228;tsstudiengesetz aus dem Jahre 1999 geschaffen. Im Universit&#228;tsgesetz 2002 wird bez&#252;glich der Umstellung relativ wenig geregelt, so d&#252;rfen Studien zwar nur mehr als Bakkalaureats- und Magisterstudien neu eingerichtet werden, davon ausgenommen sind jedoch all jene Studien welche bereits im UniStg Erw&#228;hnung fanden. Die Triebfeder der Anpassung an die dreigliedrige Struktur stellten vielmehr die Leistungsvereinbarungen dar. So verpflichtete sich die Universit&#228;t Wien beispielsweise bis 2009 90% aller Studienangebote als Bachelor- und Masterstudien anzubieten, ebenso wurde zur Steigerung der „employability“ die Einf&#252;hrung so genannter Erweiterungscurricula anstelle der „Freien Wahlf&#228;cher“ vereinbart. Erweiterungscurricula sind Module, welche von bestimmten Studienrichtungen f&#252;r Studierende anderer Studienrichtungen angeboten werden. Sie bestehen aus einer festgelegten Anzahl bestimmter Lehrveranstaltungen im Umfang von 15 oder 30 ECTS-Punkten. Dies stellt einen massiven Einschnitt in die autonomen Studiengestaltungsm&#246;glichkeiten der Studierenden dar, konnten diese doch bis zu 50% ihrer Lehrveranstaltungen im Rahmen der „Freien Wahlf&#228;cher“ absolvieren. <a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Diese erm&#246;glichten entweder g&#228;nzlich oder bei Fachverwandtschaft mit dem jeweiligen Studium aus dem gesamten Lehrangebot in- und ausl&#228;ndischer Universit&#228;ten frei zu w&#228;hlen. Im Gegensatz dazu m&#252;ssen Erweiterungscurricula quasi als Mini-Studienpl&#228;ne vom Senat beschlossen werden, sie umfassen eine bestimmte Anzahl festgelegter Lehrveranstaltungen, sie m&#252;ssen einem bestimmten Studienprogramm zugewiesen werden und d&#252;rfen von Studierenden des jeweiligen Hauptstudiums nicht absolviert werden. <a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a><br />
Ebenso entf&#228;llt weitgehend die M&#246;glichkeit zur Anfertigung eigener wissenschaftlicher Arbeiten im Rahmen von Lehrveranstaltungen anderer Studien, da Erweiterungscurricula haupts&#228;chlich aus nicht-pr&#252;fungsimmanenten Lehrveranstaltungen, also Vorlesungen, bestehen. Weiters wurden die Bologna-Curricula dazu genutzt, Sequenzierungen <a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> weiter auszubauen und kritische Inhalte zu eliminieren. Die Verschulungstendenzen vollziehen sich neben der Einschr&#228;nkung freier Wahlm&#246;glichkeiten und Sequenzierungen vor allem auch diskursiv. Ein Umstand welcher die Studierenden dazu veranlasst sich als in Jahrg&#228;ngen befindlich zu begreifen und „zielorientiert“ lediglich den Abschluss durch das Studium zu erstreben. Eine Haltung welche auch durch die Kritik am Bologna-Prozesses mithervorgerufen wird, welche den Eindruck von Bachelorstudierenden best&#228;rkt, sich lediglich in einem sinnentleerten Schmalspurstudium zu befinden, anstatt verbliebene Freir&#228;ume zu suchen, auszuf&#252;llen und nach Formen zu suchen, neue zu schaff en.<br />
Im Rahmen der europ&#228;ischen Bildungsstrategie des „Lebenslangen Lernens“ stellen einzelne universit&#228;re Abschl&#252;sse nicht das Ende der Bildungslaufbahn dar, sondern man soll sich die einzelnen Bildungs-H&#228;ppchen ganz nach den zum jeweiligen Zeitpunkt vorhandenen Anforderungen an das individuelle Humankapital in eigener Verantwortung aneignen. Dementsprechend sind auch Zugangsbeschr&#228;nkungen gerechtfertigt, da diese lediglich eine Hilfestellung im Sinne der Studierenden darstellen, zu erkennen, in welchen Studieng&#228;ngen die eigene Verwertbarkeit gesteigert werden kann und in welchen keinerlei Exzellenz zu erreichen ist, bzw. die vorherrschende vermeintliche &#220;berbelegung ad&#228;quate Job-Aussichten verunm&#246;glicht.</p>
<p><strong>Offener Hochschulzugang?</strong><br />
Doch blieb der offene Hochschulzugang f&#252;r Studierende mit &#246;sterreichischem Reifezeugnis, abseits der bereits erw&#228;hnten Sequenzierungen, relativ lange erhalten. Studierende mit nicht-&#246;sterreichischem Reifezeugnis mussten jedoch, um f&#252;r Studien in &#214;sterreich zugelassen zu werden, einen Studienplatz im selben Fach aus dem Herkunftsland nachweisen. Diese Regelung veranlasste schlie&#223;lich deutsche Studierende auf Basis des Diskriminierungsverbots Klage beim Europ&#228;ischen Gerichtshof einzureichen. Nach einem zehn Jahre andauernden Prozess wurde schlie&#223;lich am 7. Juli 2005 die &#246;sterreichische Regelung als EU-rechtswidrig erkl&#228;rt, daraufhin brachten die damaligen Regierungsparteien bereits am n&#228;chsten Tag (!) einen Antrag ein, um dem UG02 den Paragraphen 124b hinzuzuf&#252;gen, welcher besagt, dass in allen in Deutschland <em>numerus clausus</em>-beschr&#228;nkten Studien Zulassungsverfahren vor der Aufnahme oder Auswahlverfahren im Rahmen der Studieneingangsphase erlaubt sind.<br />
Im September 2008 wurde daraufhin, auf Initiative der SP&#214;. FP&#214; und der Gr&#252;nen der Antrag gestellt, dass der §124b mit 30. Juni 2009 au&#223;er Kraft tritt. Doch bereits 3 Monate sp&#228;ter findet sich im Regierungsprogramm der erneuerten SP&#214;VP Koalition folgendes: „Verpflichtende positive Absolvierung einer flexiblen Studieneingangs- und Orientierungsphase, die einen Querschnitt des im Fachbereich zu erwartenden Stoff s vermittelt, in allen Diplom und Bachelorstudien, deren Zulassung nicht besonders gesetzlich geregelt ist. F&#252;r den Zugang zum Masterstudium soll den Universit&#228;ten die M&#246;glichkeit zur autonomen Gestaltung nach qualitativen Gesichtspunkten zukommen &#8230; Im Bereich der PhD-Studienprogramme sollen autonome, leistungsorientierte Auswahlverfahren durch die Universit&#228;ten erfolgen k&#246;nnen.“ <a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> Dies klingt nach einer weitgehenden Versch&#228;rfung der Situation von vor dem September 2008, die M&#246;glichkeit mittels Sequenzierungen den Zugang einzuschr&#228;nken wird zur Pflicht, nur wird das Festlegen der H&#246;he der H&#252;rde in die H&#228;nde der Curricularkomissionen, respektive der Pr&#252;ferInnen in der Studieneingangsphase gelegt. Auch die M&#246;glichkeit der Beschr&#228;nkung des Master- und PhDZugangs wird den Universit&#228;ten &#252;berantwortet, wodurch es vermutlich entweder zu fl&#228;chendeckenden Beschr&#228;nkungen dieser Abschl&#252;sse oder einer weiteren Ausdifferenzierung der Hochschullandschaft zwischen Elite- und Massenuniversit&#228;ten, bzw. auch Elite- und Massenstudieng&#228;ngen kommen wird.</p>
<p><strong>Studentischer Widerstand in Zeiten universit&#228;ren Wandels</strong><br />
Gegen den neoliberalen Umbau der Universit&#228;t protestierten die Studierenden anfangs massiv. Besonders vor dem Hintergrund der Einf&#252;hrung von Studiengeb&#252;hren kam es zu wochenlangen Protesten, an deren H&#246;hepunkt bis zu 70.000 Menschen auf die Stra&#223;e gingen. Im Zuge dessen gelang es erstmals eine linke Mehrheit innerhalb der &#214;H-Bundesvertretung dauerhaft zu etablieren. Die linke Bundesexekutive, bzw. die sich drastisch vergr&#246;&#223;ernde Anzahl linker Universit&#228;ts-, Fakult&#228;ts- und Studienvertretungen startete neben dem Abwehrkampf gegen die Universit&#228;tsreformen Initiativen vor allem gegen Bildungs&#246;konomisierung, gegen die Kontinuit&#228;t nazistischen Gedankenguts an den Universit&#228;ten und f&#252;r Frauenfreir&#228;ume und feministische Politik und Wissenschaft in der &#214;H und den Universit&#228;ten. Ebenfalls konnte sich die &#214;H in unz&#228;hlige au&#223;eruniversit&#228;re Projekte sozialer Bewegungen u.a. mit ihren betr&#228;chtlichen finanziellen Mitteln einbringen und dadurch deren Existenz sichern. Die Reformen der Regierung konnte sie trotz breiter Protestbewegungen, bis auf kleine und kleinste Konzessionen jedoch nicht verhindern.<br />
Dieser Widerstand d&#252;rfte jedoch ausreichend gewesen sein, um mittels Reform des Wahlrechts abgestraft zu werden. Am Abend des 11. November 2004 stellten die Wissenschaftssprecherinnen von &#214;VP und FP&#214; im Nationalrat unangek&#252;ndigt einen Initiativantrag zur &#196;nderung des HSG. Das Ziel die &#214;H umzuf&#228;rben, die linke Bundesvertretung zu schw&#228;chen und ihr die Z&#228;hne zu ziehen, war dabei unschwer zu durchschauen. Einerseits wurde das Budget der Bundes- zugunsten der Universit&#228;tsvertretungen drastisch gek&#252;rzt und weiters die Direktwahl der Bundesvertretung abgeschafft und durch ein Delegations-Prinzip der Universit&#228;tsvertretungen ersetzt, in dem kleine Universit&#228;ten, welche oftmals konservativ oder unpolitisch gepr&#228;gt sind, &#252;berproportional vertreten sind. <a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Ebenfalls wurde die Direktwahl der Fakult&#228;tsvertretungen abgeschafft und es wurde generell den jeweiligen Universit&#228;tsvertretungen &#252;berlassen, ob diese &#252;berhaupt eingerichtet werden oder nicht. Die Studienvertretungen werden zu Gunsten der Fakult&#228;tsvertretungen finanziell aufgewertet, erhalten sie nun doch mehr als ein Viertel der Studienbeitr&#228;ge. <a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a><br />
Zur &#220;berraschung aller ging jedoch der Plan, die &#214;H-Bundesvertretung umzuf&#228;rben, zumindest vorl&#228;ufig nicht auf. Generell konnten die linken Fraktionen durch eine konsequente Wahlkampagne, welche das neue Gesetz in den Mittelpunkt stellte, mehr als 6% zulegen und den drohenden konservativen Backslash vorl&#228;ufig abwehren, doch sollten sich die Auswirkungen des neuen HSG erst zeigen. Denn durch die Abwertung der Direktwahl der Fakult&#228;tsvertretungen h&#246;rten diese faktisch auf zu existieren, nahmen sie vorher eine Koordinationst&#228;tigkeit der Studienvertretungen ein, verf&#252;gten &#252;ber eigene Angestellte, nahmen ein allgemeinpolitisches Mandat wahr und stellten Ressourcen f&#252;r kritische Forschungszusammenh&#228;nge von Studierenden zur Verf&#252;gung, waren sie nun weitgehend mittellos, bereits durch das UG 02 um die Mitbestimmungsrechte beschnitten und nun nicht einmal mehr direkt gew&#228;hlt. Dies schadete nicht nur der Vernetzung zwischen (kritischen) Studienvertretungen untereinander, sondern auch den Universit&#228;tsvertretungen, was der Durchschlagskraft kritischer Studierendenvertretung nicht gerade zutr&#228;glich war. In der Bundesvertretung musste mit hohem personellen Aufwand M&#228;ngelverwaltung betrieben werden. Generell konnte das personelle Wachstum der linken Studierendenorganisationen nicht mit der wachsenden Anzahl von errungenen Funktionen und Arbeitsbereichen mithalten. Linke Studierendenorganisationen wandelten sich dadurch teilweise zu blo&#223;en Rekrutierungsorganen der einzelnen &#214;H-Strukturen. Diese wurden jedoch stetig in ihren Rechten und M&#246;glichkeiten beschnitten, die Linken innerhalb der &#214;H waren st&#228;ndig gezwungen auf weitere Verschlechterungen zu reagieren, wobei ihr Protest aufgrund der vorherrschenden gesellschaftlichen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse erschwert wurde und oft wirkungslos blieb. Dabei kam noch erschwerend hinzu, dass die AktivistInnen als oftmalige Multifunktion&#228;rInnen auf mehreren Kirtagen gleichzeitig tanzen mussten und somit weder Zeit noch Mu&#223;e f&#252;r Aktivit&#228;ten abseits von Abwehrk&#228;mpfen und Strukturerhaltung zur Verf&#252;gung hatten.<br />
Im Zuge der &#214;H-Wahl 2007 ging die linke Mehrheit schlie&#223;lich verloren und die konservative Aktionsgemeinschaft (AG) konnte die relative Mehrheit zur&#252;ckerobern. Zwar wurde seitens der linken Fraktionen versucht, durch eine Koalition mit den &#228;u&#223;erst heterogenen und politisch indifferenten Fachschaftslisten, den linken Einfluss auf die Bundesvertretung zu erhalten, doch zerbrach dieses Experiment bereits nach einem Jahr. Seither befindet sich die AG in einer Minderheitsexekutive. Im Zuge der &#214;H-Wahl 2007 verloren auch die meisten linken Universit&#228;tsvertretungen ihre Mehrheit, bzw. zerfielen aufgrund arbeitstechnischer Differenzen.<br />
Somit sind die Ressourcen f&#252;r kritische studentische Projekte begrenzt wie schon lange nicht mehr. Keinerlei Interventionsm&#246;glichkeiten im Universit&#228;tsbetrieb, marktf&#246;rmige Restrukturierung der Studien, Erwerbst&#228;tigkeit und Zugangsbeschr&#228;nkungen schlie&#223;en begrenzte aber zumindest bew&#228;hrte Freir&#228;ume. Der konservative Backslash in der &#214;H nimmt weitere Ressourcen und bringt die Linke auch in diesem Feld in eine aufwendige Defensivposition. UG02 und HSG-Novelle befreiten viele unfreiwillig davon, in schlie&#223;lich trotzdem durch gesellschaftliche Machtverh&#228;ltnisse strukturierten Bahnen zu laufen, in denen der Weg oft nur marginal bestimmbar war. Neue Technologien erleichtern die Vernetzung und Aktionsf&#228;higkeit jenseits staatlicher Institutionen, es kommt zur Herausbildung einer netzwerkartigen, postdisziplin&#228;ren und nomadischen Kritikpraxis <a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a>, welche trotz ihrer Widerspr&#252;che neue Perspektiven er&#246;ffnet die es auszuf&#252;llen gilt. Diese Perspektiven werden wohl vorerst mehr um die Universit&#228;t als in ihr vonstattengehen, doch gerade deshalb bedarf es einer strategischen Neupositionierung, welche danach trachtet, jene universit&#228;ren Kan&#228;le auszumachen, die Interventionsm&#246;glichkeiten bieten um diese Entwicklungen zu beg&#252;nstigen. Defensivk&#228;mpfe und altbekannte Strategien werden sicher nicht ausreichen. Einem breiten universit&#228;ren Projekt fehlt es zugleich aber noch an inhaltlicher Sch&#228;rfe und Vernetzung mit gesamtgesellschaftlichen Initiativen.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Begonnen bei Schriftgelehrten, KlerikerInnen und BeamtInnen, bis hin zu den BeraterInnen, PsychologInnen und BetriebswirtschaferInnen heutiger Tage.</p>
<p><a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Hirsch, Joachim: Die Universit&#228;t: Elfenbeinturm, Wissensfabrik oder Ort kritischer Theoriebildung, in: Br&#252;chert, Oliver/Wagner, Alexander (Hg.): Kritische Wissenschaft, Emanzipation und die Entwicklung der Hochschulen. Marburg 2007, S. 244</p>
<p><a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Steinert, Heinz: Die Universit&#228;t als Ort von Kritischer Theorie?, in: Br&#252;chert/Wagner, a.a.O., S. 19</p>
<p><a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Hier w&#228;ren u. a. der erste Direktor des Frankfurter Instituts f&#252;r Sozialforschung Carl Gr&#252;nberg, welcher bereits um 1900 einen Lehrstuhl in politischer &#214;konomie an der Universit&#228;t Wien innehatte, Max Adler, der erste (au&#223;erordentliche) Professor f&#252;r Soziologie, oder die Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle, in der Marie Jahoda und Paul Lazersfeld arbeiteten, zu nennen.</p>
<p><a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Vgl. Bruckner, Christian: 60 Jahre &#214;H, S. 13, online unter: http://www.oeh.ac.at/fileadmin/user_upload/pdf/Broschueren/60_Jahre.pdf</p>
<p><a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Vgl. Hochschul-Organisationsgesetz; in BGBl. Nr. 154/1955</p>
<p><a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Vgl. Bruckner, a.a.O., S. 52</p>
<p><a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Vgl. Hochschultaxengesetz; in BGBl. Nr. 102/1953</p>
<p><a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Vgl. Demirovic, Alex: Kritische Gesellschaftstheorie und ihre Bildungsbedingungen im fordistischen und postfordistischen Kapitalismus; in Br&#252;chert/Wagner, a.a.O., S. 69</p>
<p><a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Dieses wurde im Auftrag der Ford Foundation von Paul Lazersfeld aufgebaut und umfasste erstmals postgraduale Lehrg&#228;nge in modernen Sozialwissenschaften (&#214;konomie, Soziologie, Politikwissenschaft) anbot. Vgl. K&#246;nig, Thomas/Kreisky, Eva: Bedingungen kritischer Wissenschaft in &#214;sterreich; in Br&#252;chert/Wagner, a.a.O., S. 117</p>
<p><a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Ebd., S. 118</p>
<p><a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Pasqualoni, Pier-Paolo: &#214;sterreichische Universit&#228;ten im Spiegel der Geschichte. Fallstricke einer Reform der Reform, in: Paolo Freire Zentrum/&#214;sterreichische Hochsch&#252;lerInnenschaft (Hg.): &#214;konomisierung der Bildung, Wien 2005, S. 107</p>
<p><a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Vgl. Bruckner, a.a.O., S. 52, bzw. Foltin, Robert: Und wir bewegen uns doch. Soziale Bewegungen in &#214;sterreich. Wien 2004, S. 73ff .</p>
<p><a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Vgl. K&#246;nig/Kreisky, a.a.O., S. 118</p>
<p><a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Zum Begriff des Transformismo vgl. Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Hamburg 1991ff , S. 966</p>
<p><a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Vgl. K&#246;nig/Kreisky, a.a.O., S. 125ff .</p>
<p><a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Welche de jure in den akademischen Senaten sowie den Fakult&#228;tskonferenzen eine zentrale Position einnahmen (50%) und de facto auch in den unter-fakult&#228;ren Gremien ihre Macht mittels Erfahrung, Netzwerken, Informationsvorsprung usw. aufrecht erhielten.</p>
<p><a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Hierzu bemerkte die Studienvertretung Politikwissenschaft an der Universit&#228;t Wien im Jahre 1980, dass: „(&#8230;) die Aktivisten, die fr&#252;her in den Lehrveranstaltungen, an den Instituten usw. h&#228;ufig zu finden waren, sich in der Gremialpolitik totlaufen; sie hetzen als Vertreter der „Basis“ von Sitzung zu Sitzung, aber Basis haben sie keine mehr, die R&#252;ckkoppelung zur Basis geht langsam aber sicher verloren.“ (zit. n. Steiner, Olivia: Zur Entstehung der Basisgruppenliste Geisteswissenschaften an der Universit&#228;t Wien. Universit&#228;t Wien, Dipl.-Arb. 2005, S. 53)</p>
<p><a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Merkens, Andreas: Neoliberalismus, passive Revolution und Umbau des Bildungswesens, in: Meyer-Siebert, Jutta et al. (Hg.innen): Die Unruhe des Denkens nutzen. Emanzipatorische Standpunkte im Neoliberalismus; Hamburg 2002, S. 171</p>
<p><a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Industriellenvereinigung: Hochschulen f&#252;r die Zukunft – Hochschulstrategie NEU; online unter: http://www.iv-mitgliederservice.at/iv-all/publikationen/file_424.pdf (15.1.2009); S. 6</p>
<p><a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Pasqualoni, a.a.O. S. 119</p>
<p><a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Vgl. Universit&#228;tsorganisationsgesetz – UOG 1993; in BGBl. 805/1993 §§ 3, 43, 46, 49, 52</p>
<p><a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Bultmann, Torsten: Die standortgerechte Dienstleistungshochschule; in PROKLA 104 (1996), online unter http://nofees.redefreiheit.net/texte/torsten_2.html</p>
<p><a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Pelizzari, Allesandro: Marktgerecht studieren – New Public Management an den Universit&#228;ten, in: &#214;sterreichische Hochsch&#252;lerInnenschaft/Paolo Freire Zentrum, a.a.O., S. 91</p>
<p><a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Bultmann, Torsten: Hochschulunternehmen auf dem Bildungsmarkt, in: ASTA-Bochum (Hg): Education not for Sale, S. 47. Der Reader ist online unter: http://euforthepeople.tripod.com/gats-reader-deutsch.pdf</p>
<p><a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Vgl. Universit&#228;tsgesetz 2002; in: BGBl I Nr. 120/2002</p>
<p><a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Vgl. Bruckner, a.a.O., S. 45</p>
<p><a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Pelizzari, a.a.O., S. 86</p>
<p><a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Bruckner, a.a.O., S. 44</p>
<p><a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Die genauen Daten zu diesem Absatz fi nden sich bei Wroblewski, Angela/Unger, Martin: Studierenden-Sozialerhebung 2002. Bericht zur sozialen Lage der Studierenden; online unter: http://ww2.sozialerhebung.at/Ergebnisse/PDF/sozialbericht_2002.pdf, S. 10, 57, 120</p>
<p><a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Kolland, Franz: Auswirkungen der Einf&#252;hrung von Studienbeitr&#228;ge auf die Studienbeteiligung und das Studierverhalten. Endbericht, Wien 2002, S. 93. Bei Kolland und Wroblewski/Unger handelt es sich &#252;brigens um zwei Studien welche vom Wissenschaftsministerium selbst in Auftrag gegeben wurden.</p>
<p><a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Unter dem Bologna-Prozess wird in Anlehnung an die „Gemeinsame Erkl&#228;rung der europ&#228;ischen Bildungsminister“ vom 19. Juni 1999 in Bologna der Prozess zur Schaffung eines einheitlichen europ&#228;ischen Hochschulraums, insbesondere die Schaffung eines Systems einheitlicher Studienabschl&#252;sse, verstanden. Dieser Prozess verl&#228;uft jedoch weder im Rahmen der Europ&#228;ischen Union, noch in Form v&#246;lkerrechtlicher Vertr&#228;ge, vielmehr handelt es sich bei den &#220;bereink&#252;nften der MinisterInnen lediglich um Absichtserkl&#228;rungen ohne rechtsverbindlichen Charakter. Wirkm&#228;chtig wird der Bologna-Prozess vielmehr durch mit der „Offenen Methode der Koordinierung“ vergleichbaren Praxen des <em>naming and shaming</em> einzelner Staaten und Universit&#228;ten, welche entlang der formulierten Ziele Benchmarks setzen, regelm&#228;&#223;ig evaluieren, ver&#246;ffentlichen und beabsichtigen, damit eine Reformdynamik in den jeweiligen Institutionen zu initiieren.</p>
<p><a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Bultmann, a.a.O., S. 190f.</p>
<p><a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Vgl. Kaindl, a.a.O., S. 218f.</p>
<p><a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Vgl. §13, bzw. Anlage 1.41 des Universit&#228;ts-Studiengesetz; in: BGBl. I Nr. 48/1997</p>
<p><a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Universit&#228;t Wien: Tischvorlage SPL Sitzung 10.10.2007, Erweiterungscurricula als curriculare Gestaltungsm&#246;glichkeit an der Universit&#228;t Wien, Aktualisierte Version 08.10.2007; online unter: http://www.univie.ac.at/bologna/bb-dokumente/071008_Erweiterungscurricula_Richtlinien.pdf, S. 4 bzw. 7</p>
<p><a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Sequenzierungen sehen den Abschluss bestimmter Lehrveranstaltungen als Voraussetzung f&#252;r die Anmeldung zu weiterf&#252;hrenden Pflichtlehrveranstaltungen vor. Dies &#246;ffnet knock-out Pr&#252;fungen T&#252;r und Tor und ist dementsprechend als informelle Zugangsbeschr&#228;nkung zu werten.</p>
<p><a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Regierungsprogramm f&#252;r die XXIV. Gesetzgebungsperiode; online unter: http://spoe.at/bilder/d268/Regierungsprogramm.pdf, S. 205</p>
<p><a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Auf Basis des neuen Wahlrechts h&#228;tten die linken Fraktionen bereits<br />
2001 und 2003 weniger als ein Drittel der Mandate in der Bundesvertretung gehabt.</p>
<p><a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Vgl. Hochsch&#252;lerinnen- und Hochsch&#252;lerschaftsgesetz 1998 idF BGBl.I Nr. 1/2005 §§ 12, 14</p>
<p><a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Demirovic, a.a.O.</p>
<p><em>Thomas Reithmayer </em> ist im <em>VSSt&#214; Wien Sozialwissenschaften</em> aktiv und kandidiert bei den Wahlen zur Studienvertretung Politikwissenschaft an der Universit&#228;t Wien f&#252;r <em>KriSP – Kritische Studierende Politikwissenschaft.</em></p>
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		<title>Doppelkrise der Gewerkschaft</title>
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		<pubDate>Sat, 13 Jun 2009 12:10:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 8]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>

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		<description><![CDATA[Sozialpartnerschaftliche Verhandlungsstrategien und verrechtlichte Formen des Arbeitskampfs sind offensichtlich in der Sackgasse. Doch die gewerkschaftliche Neuorientierung bleibt oft in den Mustern der Vergangenheit verhaftet. <em>Mario Becksteiner, Tobias Boos</em> und <em>Ako Pire</em> &#252;ber die Erosion gewerkschaftlicher Handlungsmacht und die Herausforderungen im Angesicht der Krise.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sozialpartnerschaftliche Verhandlungsstrategien und verrechtlichte Formen des Arbeitskampfs sind offensichtlich in der Sackgasse. Doch die gewerkschaftliche Neuorientierung bleibt oft in den Mustern der Vergangenheit verhaftet. <em>Mario Becksteiner, Tobias Boos</em> und <em>Ako Pire</em> &#252;ber die Erosion gewerkschaftlicher Handlungsmacht und die Herausforderungen im Angesicht der Krise.<br />
<span id="more-483"></span><br />
Anders als in vielen europ&#228;ischen L&#228;ndern scheint in &#214;sterreich die aktuelle Krise des Kapitalismus keine hohen Wellen zu schlagen. W&#228;hrend in Frankreich die Manager von Caterpillar, Sony und anderen Konzernen von w&#252;tenden ArbeiterInnen „arrestiert“ werden, um so den Erhalt von Arbeitspl&#228;tzen durchzusetzen, scheinen in &#214;sterreich K&#252;ndigungen, Kurzarbeit und milliardenschwere Rettungspakete f&#252;r Banken weitgehend hingenommen zu werden. In der Diskussion in Deutschland zeichnet sich ab, dass die gewerkschaftliche Linke kleine Terraingewinne gegen&#252;ber den gem&#228;&#223;igteren Gewerkschaftsspitzen erreicht.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Demgegen&#252;ber agieren die &#246;sterreichischen Gewerkschaften, denen anl&#228;sslich des Streiks gegen die schwarz-blaue Pensionsreform 2003 noch attestiert wurde, endlich aufgewacht zu sein, sehr z&#246;gerlich.<br />
In den Medien geistert die These herum, dass die Gewerkschaften es nicht wagen w&#252;rden, gegen die SP&#214; und gegen den eigenen ehemaligen Vorsitzenden und jetzigen Sozialminister Rudolf Hundstorfer auf die Barrikaden zu steigen. An dieser Th ese mag etwas Wahres sein, jedoch werden wir in unserem Artikel zeigen, dass diese Analyse zu kurz greift. Vielmehr argumentieren wir, dass eine Erkl&#228;rung des gegenw&#228;rtigen Agierens der &#246;sterreichischen Gewerkschaften auf einer grundlegenderen Ebene ansetzen muss.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Die Gewerkschaften in &#214;sterreich erlebten in den letzten 25 Jahren eine Ver&#228;nderung des gesellschaftlichen Umfelds, die ihre bisherigen Handlungsstrategien und politischen Entscheidungen, die stark auf sozialpartnerschaftliche Verhandlungsprozesse konzentriert waren, sukzessive in Frage stellten. Dieser Erosionsprozess ging langsam vonstatten und die Gewerkschaften reagierten nur sehr zur&#252;ckhaltend und selektiv auf ihn.<br />
Genau in diesem Erosionsprozess und den zaghaften Versuchen, auf diesen zu reagieren, werden ArbeiterInnen und Gewerkschaften nun von der massivsten Wirtschaftskrise seit 1929 getroff en. Wir k&#246;nnen also festhalten, dass zu einer tief greifenden Krise der sozialpartnerschaftlich gepr&#228;gten Praxis der Gewerkschaften eine Weltwirtschaftskrise hinzutritt, die einmal mehr die gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse ersch&#252;ttert und ratlose GewerkschafterInnen zur&#252;ckl&#228;sst. Diese suchen in einem &#228;u&#223;erst schwierigen Orientierungsprozess nach Anhaltspunkten und greifen dabei auf Muster, die in der Vergangenheit entwickelt wurden, zur&#252;ck. Ob diese allerdings f&#252;r eine zuk&#252;nftige gewerkschaftliche Praxis angemessen sind, erscheint mehr als fraglich.</p>
<p><strong>Gewerkschaftliche Machtressourcen</strong></p>
<p>Um die Analyse transparent zu halten, wollen wir zu Beginn einige analytische Werkzeuge erkl&#228;ren, die uns auf die F&#228;hrte der „doppelten“ Krise der Gewerkschaften f&#252;hren.<br />
Erik O. Wright und Beverly J. Silver definieren zwei zentrale Machtressourcen von ArbeiterInnenbewegungen. <a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a>Diese sind als Machtpotentiale zu verstehen, die aufgrund der kapitalistischen Produktionsweise zwar vorhanden sind, aber keineswegs automatisch aktiviert werden. Um die Machtpotentiale zu aktivieren, bedarf es eines bewussten Handelns der ArbeiterInnen und ihrer Organisationen. Erstens erwachsen aus der Position der ArbeiterInnen im &#246;konomischen System strukturelle Machtressourcen. Diese lassen sich in zwei Unterkategorien einteilen: Zum einen die Produktionsmacht. Diese „entwickeln Arbeiterinnen und Arbeiter in hochintegrierten Produktionsprozessen, die durch &#246;rtlich begrenzte Arbeitsniederlegungen an Schl&#252;sselstellen in einem Umfang gest&#246;rt werden k&#246;nnen, der weit &#252;ber die Arbeitsniederlegung selbst hinausgeht. Diese Macht zeigt sich, wenn ganze Flie&#223;b&#228;nder durch Arbeitsniederlegungen an einem Bandabschnitt gestoppt werden und ganze Konzerne, die von <em>just-in-time</em> Zulieferung abh&#228;ngen, durch Eisenbahnstreiks zum Stillstand gebracht werden.“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Die zweite strukturelle Machtressource ist weniger im Produktionsprozess selbst angesiedelt, sondern bezieht sich auf die Ware Arbeitskraft. Marktmacht entsteht aus einem „angespannten“ Arbeitsmarkt. „Die Marktmacht kann verschiedene Formen annehmen, darunter (1) den Besitz seltener Qualifikationen, die von ArbeitgeberInnen nachgefragt werden, (2) geringe Arbeitslosigkeit und (3) die F&#228;higkeit von Arbeitern und Arbeiterinnen, sich vollst&#228;ndig vom Arbeitsmarkt zur&#252;ckzuziehen und von anderen Einkommensquellen als der Lohnarbeit zu leben.“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a><br />
Die zweite Kategorie von Machtressourcen bezieht sich auf die Organisationsf&#228;higkeit der ArbeiterInnen. Durch die kollektive Organisierung der ArbeiterInnen in Gewerkschaften oder Parteien kann die Individualisierung und die st&#228;ndige Konkurrenz unter den LohnarbeiterInnen zur&#252;ckgedr&#228;ngt werden. Diese k&#246;nnen damit ihre Position gegen&#252;ber der Kapitalseite verbessern und zum Teil schwindende Markt- oder Produktionsmacht kompensieren. Trotzdem bleibt die Organisationsmacht abh&#228;ngig von der grunds&#228;tzlichen M&#246;glichkeit, Markt- und Produktionsmacht einzusetzen, also ein Drohpotential gegen&#252;ber der Kapitalseite aufrecht zu erhalten.<br />
Eine Arbeitsgruppe an der Universit&#228;t Jena erweiterte diesen Ansatz um einen insbesondere f&#252;r deutsche und &#246;sterreichische Gewerkschaften wichtigen Aspekt: die institutionelle Machtressource. „Sie entsteht als Resultat von Aushandlungen und Konflikten, die auf struktureller Macht und Organisationsmacht beruhen. Ihre Besonderheit wurzelt in dem Faktum, dass Institutionen soziale Basiskompromisse &#252;ber &#246;konomische Konjunkturen und kurzzeitige Ver&#228;nderungen gesellschaftlicher Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse hinweg festschreiben und teilweise gesetzlich fi xieren.“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Diese Machtressource hatte und hat in &#214;sterreich eine starke pr&#228;formierende Wirkung auf das Handeln von GewerkschafterInnen und Betriebsr&#228;tInnen. In den von Sozialpartnerschaft gepr&#228;gten industriellen Beziehungen und den dichten korporatistischen Netzwerken zwischen Regierung und den Verb&#228;nden der ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen wurde die Konzentration auf diese Machtressource zum wichtigsten Orientierungspunkt. Dies hatte zwei Folgen f&#252;r die &#246;sterreichischen Gewerkschaften. Erstens wurden die anderen Machtressourcen, insbesondere die Produktionsmacht, vernachl&#228;ssigt und es bildete sich ein spezifi sches Praxismuster heraus – sowohl auf Ebene der makropolitischen Verhandlungen als auch auf jener der betrieblichen Arbeit. Vermittelt &#252;ber positive Erfahrungen mit dieser Praxis stabilisierten sich diese Muster. Zweitens war der Erfolg dieser Praxismuster gebunden an eine spezifi sche Periode kapitalistischer Entwicklung, den Fordismus. Dies hatte zur Folge, dass mit dessen Krise auch die tradierten gewerkschaftlichen Praxen in einen Widerspruch mit den tats&#228;chlichen gesellschaftlichen Verh&#228;ltnissen gerieten. Gleichzeitig ist die einmal erlernte und erfolgreich angewandte Praxis jedoch schwierig zu ver&#228;ndern, hat sie sich doch tief in das Selbstverst&#228;ndnis und das Weltbild von Organisationen und Individuen eingeschrieben.</p>
<p><strong>Voraussetzungen</strong></p>
<p>Als Fordismus bezeichnet man eine spezifische Periode kapitalistischer Entwicklung in der Nachkriegszeit. F&#252;r die Betrachtung gewerkschaftlicher Praxen spielen dabei drei Momente der industriellen Beziehungen eine herausragende Rolle.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Erstens war diese Periode gepr&#228;gt von einem spezifischen Produktionsparadigma, das auf tayloristischer<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> Arbeitsorganisation und der Ausrichtung auf Massenkonsum basierte. Zweitens wurde dieser Massenkonsum den ArbeiterInnen &#252;ber die Kopplung der Lohnsteigerungen an die Produktivit&#228;tsfortschritte erm&#246;glicht. Erstmals in der Geschichte wurden ArbeiterInnen in den hoch entwickelten Industriestaaten in den kapitalistischen Prozess nicht nur als LohnarbeiterInnen, sondern auch als MassenkonsumentInnen integriert. Um sicher zu stellen, dass der soziale Frieden nicht durch k&#228;mpferische ArbeiterInnen gef&#228;hrdet wird, wurden die gro&#223;en ArbeiterInnenorganisationen zusehends in die staatlichen Institutionen eingebunden. Das dritte zentrale Moment stellt die Entwicklung wohlfahrtsstaatlicher Institutionen dar. &#220;ber Verhandlungsprozesse wurde Umverteilung in f&#252;r das Kapital verkraftbaren Ausma&#223;en organisiert. Zugunsten eines verst&#228;rkten Mitspracherechts auf makropolitischer Ebene verzichteten Gewerkschaften und sozialdemokratische Parteien darauf, K&#228;mpfe zu mobilisieren, welche die Kontrolle &#252;ber die Arbeit und den Besitz von Produktionsmittel in Frage gestellt h&#228;tten.</p>
<p><strong>Austrokorporatismus</strong></p>
<p>Der Fordismus zeichnete sich in &#214;sterreich durch eine ganz besonders enge Verfl echtung von ArbeitnehmerInnenorganisationen, den Verb&#228;nden der Kapitalseite sowie der staatlichen Institutionen aus. Hier wurden wichtige politische Entscheidungen zumeist schon im Vorfeld parlamentarischer Diskussionen gef&#228;llt. In den meisten Darstellungen zur &#246;sterreichischen Sozialpartnerschaft wird unterstellt, dass die Entstehung konsensual-sozialpartnerschaftlicher Praxen in der Nachkriegszeit im Gro&#223;en und Ganzen friktionslos verlief. Oft wird unterschlagen, dass der Orientierung auf die Sozialpartnerschaft ein massiver Konfl ikt innerhalb der &#246;sterreichischen Gewerkschaftsbewegung vorausgegangen war. Die sozialpartnerschaftliche Orientierung musste von den SP&#214;- und &#214;VP-nahen Gewerkschaftsfraktionen auch gegen den Widerstand der eigenen Basis und der kommunistischen GewerkschafterInnen durchgesetzt werden.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a><br />
In der heutigen wissenschaftlichen Debatte wird mit Bezug auf die makropolitische Regulationsebene von „Austrokorporatismus“ gesprochen. Dieser zeichnete sich laut Tálos durch einige zentrale Merkmale aus: So herrschte bei der &#252;berw&#228;ltigenden Mehrheit der Akteure ein Grundkonsens vor, sich auf eine im Rahmen des Nationalstaates orientierte makro&#246;konomische Entwicklung zu konzentrieren. Insbesondere das Kammernwesen wurde von Seiten der Politik stark privilegiert. So wurde die Pflichtmitgliedschaft bei Arbeiterkammer und Wirtschaftskammer festgelegt. Weiters wird ein hoher Zentralisationsgrad der &#246;sterreichischen Verbandslandschaft deutlich, was sich beispielsweise in der Monopolstellung des &#214;GB zeigt. Zudem stehen diese Verb&#228;nde in enger Verbindung mit den &#246;sterreichischen Parteien (SP&#214; mit BAK und &#214;GB; &#214;VP mit PR&#196;KO, WKO, V&#214;I)<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a>. Auf betrieblicher Ebene konnte sich der sozialpartnerschaftliche Konsens &#252;ber die Betriebsr&#228;te verankern. Auch in Politik und Bev&#246;lkerung stie&#223; die Sozialpartnerschaft auf breite Akzeptanz. Eine weitere Besonderheit des &#246;sterreichischen Systems stellten die verstaatlichten Betriebe (insbesondere in den Schl&#252;sselbranchen der Industrie, Schwerindustrie und des Bankensektors), sowie die kleinr&#228;umige Wirtschaftsstruktur und die relative Schw&#228;che des Gro&#223;kapitals dar.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a><br />
Dieses dichte Netz an korporatistischen Arrangements und die wirtschaftliche Struktur bef&#246;rderten die Konzentration der Gewerkschaften auf die institutionellen Machtressourcen. Die sozialpartnerschaftlichen Aushandlungsprozesse verfestigten sich zu robusten Praxen, die sich nicht nur auf Ebene der makropolitischen Regulation etablierten, sondern auch auf die gewerkschaftliche und betriebsr&#228;tliche Arbeit auf Ebene der Betriebe selbst zur&#252;ckwirkten.</p>
<p><strong>Kulturelle Dispositionen</strong></p>
<p>Die Vermittlung zwischen makropolitischer und betrieblicher Ebene vollzog sich einerseits &#252;ber juridische Regelungen, andererseits &#252;ber Vertrauen und pers&#246;nliche Beziehungen. Bei der Gesetzgebung, insbesondere im Bereich des Arbeits- und Sozialrechts, spielten vorparlamentarische Aushandlungsprozesse zwischen den Sozialpartnern eine ma&#223;gebliche Rolle. „Das Arbeitsrecht erwies sich bis in die 1990er Jahre hinein als einer jener Politikbereiche, bei denen das korporatistische Muster der Entscheidungsfindung bzw. die korporatistische Verhandlungsdemokratie ann&#228;hernd durchg&#228;ngig zum Tragen kam. Eine &#228;hnliche Konstellation ist f&#252;r den Bereich der aktiven Arbeitsmarktpolitik konstatierbar: privilegierte Einbindung der Dachverb&#228;nde auf allen Ebenen des Entscheidungsprozesses und Interessenakkordierung zwischen Regierung und den Dachverb&#228;nden.“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Diese Verhandlungsstrategien f&#252;hrten auch dazu, dass sich sowohl die politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse als auch die spezifischen &#246;konomischen Strukturen wie auch gesellschaftlichen Normen des Fordismus in die Gesetzgebung einschrieben und festgeschrieben wurden.<br />
Solange die gesetzlichen Regelungen den gesellschaftlichen Bedingungen, in deren Kontext sie entstanden waren, entsprachen, konnten sie f&#252;r das Agieren von Betriebsr&#228;tInnen, Gewerkschaften und Betriebsleitungen als gemeinsamer (symbolischer) Bezugsrahmen dienen, der die Verhandlungspraxen stabilisierte und auf Dauer stellte. Dieser Orientierungsrahmen erm&#246;glichte so auch ein Verhandeln auf (vermeintlich) „gleicher Augenh&#246;he“ und wurde damit zum zentralen Identifikationsmoment von GewerkschafterInnen und Betriebsr&#228;tInnen.<br />
Dass die gewerkschaftliche und betriebsr&#228;tliche Praxis auf pers&#246;nliche Beziehungen sowie – im Hinblick auf Verhandlungen auf Betriebsebene – auf gegenseitiges Vertrauen setzt, steht ebenfalls in einem engen Verh&#228;ltnis zu der makropolitischen Ebene der Sozialpartnerschaft. Wie die Aussagen eines Gewerkschaftssekret&#228;rs zeigen, spielen pers&#246;nliche Beziehungen eine zumindest ebenso wichtige Rolle wie gesetzliche Regelungen. „Ich stelle fest, manche Dinge l&#246;st man nicht durchs Gesetz, sondern l&#246;st man auch durch Beziehungen. Ich m&#246;chte meines dazu beitragen, und das ist auch eine Erfahrung der &#246;sterreichischen Gewerkschaftsbewegung, dass Beziehungen immer eine wichtige Rolle gespielt haben f&#252;r manche Entwicklungen im Arbeits- und Sozialrecht in &#214;sterreich. Ein Benya<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> und Sallinger<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> haben total gute Beziehungen gehabt und haben auch viel weitergebracht.“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a><br />
Die bisherigen Voraussetzungen, die wir aufgezeigt haben, verweilen noch auf einer relativ konkreten Analyseebene. Um die heutigen Ver&#228;nderungsprozesse in ihrer Tiefe zu verstehen, m&#252;ssen wir einen Blick auf die „Hintergrundmusik“ der fordistischen Entwicklung und der korporatistischen Praxen werfen.</p>
<p><strong>Raum und Zeit im Fordismus</strong></p>
<p>Gesellschaftliche Entwicklungen sind immer eingebettet in r&#228;umliche und zeitliche Strukturierungen. Diese Strukturen stehen der Gesellschaft nicht &#228;u&#223;erlich gegen&#252;ber sondern sind selbst gesellschaftlich produziert und k&#246;nnen durch allt&#228;gliche Praxen, aber auch durch strategisches Handeln von gesellschaftlichen AkteurInnen stabilisiert oder ver&#228;ndert werden. Der Fordismus l&#228;sst sich im Hinblick auf raum- zeitliche Muster analysieren. Die wichtigsten politischen Organisationen akzeptierten den Nationalstaat als zentrale r&#228;umliche Ma&#223;stabsebene der politischen Regulation. Die National&#246;konomie orientierte sich an dieser Ma&#223;stabsebene genauso wie die Gewerkschaften, die ihre Organisationskraft, bis auf wenige Ausnahmen, auf dieses r&#228;umliche Muster konzentrierten. Eine &#228;hnliche aber nicht idente Wirkung hatten die spezifischen r&#228;umlichen Implikationen des tayloristischen Arbeitsprozesses. „Das Arbeitsverfassungsmodell der betrieblichen Mitbestimmung ist ein industrialisiertes Modell, ist historisch auch so entstanden, das hei&#223;t der Grundgedanke war: es gibt einen Betrieb, mit einer Werkshalle, mit einem B&#252;ro, dort arbeiten alle und dort wird ein Betriebsrat gew&#228;hlt, der vertritt alle. Solange das so ist, funktioniert ist das ArbVG<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> sehr gut.“ Wie dieses Zitat eines Gewerkschaftssekret&#228;rs zeigt, schrieben sich in die Gesetze nicht nur die politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse, die gesellschaftlichen Normen und &#246;konomischen Formen des Fordismus ein, sondern auch die r&#228;umlichen Strukturen. Die gesetzliche Regelung von Vertretungsstrukturen entsprach demnach dem auf dem Massenarbeiter aufbauenden fordistischen Betrieb, mit zumeist m&#228;nnlichen Arbeitern, und dieses Modell pr&#228;gte auch die Praxen gesellschaftlicher Widerspruchsbearbeitung. Jens Winter bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt: „Vor diesem Hintergrund w&#228;re der Fordismus in <em>doppelter Hinsicht</em> als eine ‚gl&#252;ckliche Fundsache‘ zu begreifen: Zum einen als relativ koh&#228;renter, gesellschaftlicher Reproduktionsmodus, dar&#252;ber hinaus jedoch als relativ konvergente, <em>r&#228;umlich-territoriale Matrix</em> von Akkumulation, Regulation und den entsprechenden sozialen Konfl ikten und Aushandlungsprozessen“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a><br />
Doch nicht nur r&#228;umliche Konvergenzen spielten eine gewichtige Rolle in der einzigartigen Stabilit&#228;t der fordistischen Regulationsweise. Zeit als strukturierender und strukturierter Konstitutionsmoment ist ebenso zentral. So kann in Anlehnung an Richard Sennett eine spezifi sche „organisierte Zeit“ f&#252;r den Fordismus analysiert werden.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Michel Aglietta h&#228;lt fest: „Das Herzst&#252;ck der Regulation bestand in der Herstellung der Koh&#228;renz zwischen den schnellen Produktivit&#228;tsfortschritten, der Expansion der Realeinkommen und der Stabilit&#228;t ihrer Verteilung. Der Reallohn stieg regelm&#228;&#223;ig, weil er auf das Wachstum der Arbeitsproduktivit&#228;t abgestimmt war. … Somit war die Anhebung des Lebensstandards der Lohnabh&#228;ngigen vereinbar mit der Best&#228;ndigkeit der Profi trate, also mit der regelm&#228;&#223;igen Kapitalakkumulation.“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Die zeitlichen Konvergenzen, die sich auf Ebene der Umverteilung ergaben, standen auch mit finanzpolitischen Entscheidungen in enger Verbindung. Die Niedrigzinspolitik erm&#246;glichte es den Unternehmen &#252;ber kurzfristige, konjunkturelle Schwankungen hinweg, langfristig zu planen.<br />
Dieser langfristige Zeithorizont pr&#228;gte auch die politischen Beziehungen auf makropolitischer, wie auch auf betrieblicher Ebene. Dies erm&#246;glichte die Herausbildung stabiler Verhandlungsnetzwerke. Die relativ kontinuierlichen Erwerbsbiographien von ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen, sowie paternalistische und hierarchische Managementstrukturen bef&#246;rderten langfristige stabil-hierarchische Vertrauensbeziehungen. Insbesondere f&#252;r die betriebliche Arbeit und die beiden Vermittlungspraxen zwischen Makropolitik und Betrieb spielte diese langfristigen Zeithorizonte eine gewichtige Rolle. So konnten das Recht und die daran anschlie&#223;enden Praxen den notwendigen Rahmen betrieblicher Verhandlungsbeziehungen zu Verf&#252;gung stellen.</p>
<p><strong>Fordismus und Globalisierung</strong></p>
<p>Die Krise des Fordismus, die sich seit den fr&#252;hen 70er Jahren entwickelte und heute oft im Rahmen des Globalisierungsdiskurses verhandelt wird, hatte mehrere Ursachen. Es gibt eine F&#252;lle an Krisendiagnosen, auf die wir hier nicht n&#228;her eingehen k&#246;nnen. Ihnen allen, ob sich diese nun auf den politischen oder &#246;konomischen Bereich beziehen, ist gemeinsam, dass sie Ver&#228;nderungen von raum-zeitlichen Mustern aufzeigen. Dabei darf die Globalisierung nicht als quasi-nat&#252;rlicher Prozess der Kapitalbewegung verstanden werden, sondern muss als gesellschaftlich produziert und auf unterschiedlichen r&#228;umlichen Skalen durchgesetzt begriffen werden. Hier sind nicht nur die „&#252;blichen Verd&#228;chtigen“ wie IWF, Weltbank oder WTO als bestimmende Kr&#228;fte zu verstehen, sondern auch nationalstaatliche Akteure wie Wirtschaftsverb&#228;nde, Parteien, Regierungen aber auch Gewerkschaften. Studien in Deutschland haben gezeigt, dass Gewerkschaften mitunter zur treibenden Kraft wurden, um Regionen „fi t f&#252;r den Weltmarkt“ zu machen. Dabei nahmen sie nicht selten die Rolle subalterner Co-ManagerInnen des Strukturwandels ein. Im &#220;bergang von staatszentriertem Governement hin zu regionalen und akteursbezogenen Formen der Governance, glaubten viele Gewerkschaften ein neues Feld sozialpolitischer Aktivit&#228;t er&#246;ffnen zu k&#246;nnen. Doch schnell stellten sich diese Erwartungen als &#252;berh&#246;ht heraus. Die M&#246;glichkeiten, substantiell auf die Prozesse der &#246;konomischen Restrukturierung Einfluss zu nehmen, waren begrenzt.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> In &#214;sterreich kann man diesen Prozess vor allem in den teils EU-fi nanzierten Regionalisierungs- und Clusterprojekten beobachten.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Auf diesem Weg werden Gewerkschaften sowohl diskursiv als auch institutionell in regionale „Wettbewerbspakte“ eingebunden. Die im Zuge der Globalisierung entwickelten Produktions- und Managementpraxen – „Just-in-time“, Flexibilisierung, transnationale Produktionsketten, „management by stress“, „outsourcing“ u.v.m. – werden nur selten in ihrer raum-zeitlichen Natur als umk&#228;mpft erfasst. Diese korrespondieren auch mit neuen politischen Mustern wie dem Wettbewerbsstaat, Wettbewerbsregionalismus, europ&#228;ischer Integration, Wettbewerbskorporatismus, „Global Governance“ oder der politischen Praxis des „speed kills“. Bisherige r&#228;umliche und zeitliche Muster werden neu verkn&#252;pft und zueinander in Verh&#228;ltnis gesetzt. Zum Beispiel wurden durch die Liberalisierung globaler Handelsstr&#246;me die nationalen &#214;konomien st&#228;rker miteinander in Beziehung gesetzt, die Gewinnerwartungen orientierten sich zusehends nicht mehr am nationalstaatlichen, st&#228;rker volkswirtschaftlich gepr&#228;gten Kontext, sondern vermehrt an den Gewinnvorgaben der internationalisierten Finanzm&#228;rkte. Der „Shareholder Value“ wurde zum zentralen Bezugssystem. Vermittelt &#252;ber Konkurrenzverh&#228;ltnisse auf den heimischen M&#228;rkten mussten sich auch nicht b&#246;rsennotierte Unternehmen vermehrt diesen neuen Standards anpassen. Diese dr&#252;ckten sich auf betrieblicher Ebene durch das Ausfindigmachen von Rationalisierungspotentialen und durch neue Managementpraktiken aus.<br />
Konjunkturelle Einbr&#252;che in der globalen Industrie wurden von Seiten des Kapitals, aber auch neoliberal orientierter Fraktionen in der &#246;sterreichischen Politik, dazu gen&#252;tzt, vormals verstaatlichte Betriebe zu privatisieren. Die Privatisierung der vormals verstaatlichten Industrie sowie die Teilprivatisierungen &#246;ff entlicher Infrastruktur schw&#228;chten die organisatorischen Hochburgen der Gewerkschaften. Auf Ebene der makropolitischen Regulation, also des dichten Netzwerkes des Austrokorporatismus, erodierte langsam die institutionelle Macht der ArbeitnehmerInnenorganisationen. Allerdings vollzog sich diese Erosion nicht &#252;ber einen offenen Konflikt wie in anderen L&#228;ndern, sondern durch einen schleichenden Prozess der Ver&#228;nderung von Verhandlungspraxen. Dies geschah im Kontext einer Ver&#228;nderung des Verhandlungsgleichgewichts, das den sozialpartnerschaftlich organisierten Klassenkompromissen zu Grunde lag. Denn als Folge der Transnationalisierung der &#214;konomie aber auch der politischen Entscheidungswege (EU-Beitritt), „wurde der Interessensdissens zwischen den sozialpartnerschaftlich involvierten Akteuren in wesentlichen Fragen wie der Budgetkonsolidierung, der Flexibilisierung am Arbeitsmarkt, der Einkommensverteilung und sozialstaatlichen Sicherung gr&#246;&#223;er.“<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a><br />
Die Praxis der Verhandlungen innerhalb der Sozialpartnerschaft kam zwar nicht zum Erliegen, doch wurde sie repositioniert und angesichts der ver&#228;nderten politischen und &#246;konomischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse neu ausgerichtet. Immer &#246;fter wurden von politischer Seite die inhaltlichen Spielr&#228;ume sehr eng gestaltet und neue AkteurInnen wie Lobbygruppen integriert. Oft wurden die tradierten Muster der Akkordierung der Sozialpartner nur noch im Bereich der Implementierung schlagend.</p>
<p><strong>Betriebliche Arbeit</strong></p>
<p>Dieser Erosionsprozess zeigte auch seine Wirkung in den Betrieben. Die Abwertung sozialpartnerschaftlicher Aushandlungsprozesse verlagerte Konfl ikte zusehends auf die betriebliche Ebene. Die gesteigerte Durchsetzungskraft neoliberaler Kapital- und Politikfraktionen erh&#246;hte den Druck auf ArbeitnehmerInnen. Gleichzeitig verloren die sozialpartnerschaftlichen Praxen auch in den Betrieben an Wirkm&#228;chtigkeit. Wie zuvor schon erw&#228;hnt gab und gibt es in den Betrieben zwei zentrale Praxisdispositionen, die aus der Organisationskultur der Sozialpartnerschaft entsprungen sind: die Verrechtlichung und die pers&#246;nlichen Beziehungen. Mit der Orientierung von Betrieben an internationalen Gewinnvorgaben zogen auch neue Managementformen in die Betriebe ein. Diese dr&#252;ckten sich in sehr rigiden Zielvorgaben f&#252;r das Management aus. Die Unternehmenspolitik entwickelte kurzfristigere Zeithorizonte. Ein Gewerkschaftssekret&#228;r beschreibt dies im Bereich der Personalwesens so: „Also fr&#252;her war ein Gesch&#228;ftsf&#252;hrer lange Jahre Gesch&#228;ftsf&#252;hrer, ja, mit dem hat man eine Beziehung aufgebaut. … Und jetzt ist es so, dass die meisten Gesch&#228;ftsf&#252;hrer f&#252;nf Jahre da sind, wenn‘s gut geht, und ich kann nicht einen Gesch&#228;ftsf&#252;hrer innerhalb von f&#252;nf Minuten kennen und dann mit dem eine Verhandlungsbasis aufbauen. Abgesehen davon haben die meisten Gesch&#228;ftsf&#252;hrer, die jetzt da anfangen zu arbeiten, im Vertrag drinnen stehen, wenn sie Einsparungsma&#223;nahmen haben, bekommen sie eine Erfolgspr&#228;mie.“ Auch die Kompetenzen der regionalen Organisationseinheiten, insbesondere von gro&#223;en Konzernen, wurden stark beschr&#228;nkt. Damit verringert sich der Verhandlungsspielraum, den Gesch&#228;ftsf&#252;hrerInnen gegen&#252;ber den Belegschaften und den Gewerkschaften vor Ort haben, enorm. Durch erfolgsgebundene Pr&#228;mien in den Vertr&#228;gen von ManagerInnen und Gesch&#228;ftsf&#252;hrerInnen, wird zus&#228;tzlich Druck aufgebaut. „Und wenn sie weggehen und die Bude hinter ihnen zusammenbricht, sie haben das was sie versprochen haben erf&#252;llt, wenn nicht, dann kriegen sie keine Kohle. … Und fr&#252;her war ein Gesch&#228;ftsf&#252;hrer, der war, wei&#223; ich nicht, zwanzig, drei&#223;ig Jahre in einer Firma und der hat die Firma gekannt. Da war noch Handschlagsqualit&#228;t.“<br />
Sehr &#228;hnlich verh&#228;lt es sich mit der rechtlichen Ebene, die zunehmend selbst zum umk&#228;mpften Terrain wird. „Jetzt m&#252;ssen sie (die Betriebsr&#228;tInnen, Anm.d.V.) drum rennen. Jetzt m&#252;ssen sie hergehen und ein Gutachten einfordern und auf das Gutachten kommt ein Gegengutachten von der Gesch&#228;ftsleitung und irgendwann streiten sie sich einmal zusammen. Und es wird jetzt viel mehr auf Gesetzesebene versucht zu arbeiten. Ich mein‘, das Gesetz ist zwar gut, aber es sind teilweise Gummiparagraphen drinnen, wo du dich zwar dran anlehnen kannst aber es ist noch immer nicht das Gelbe vom Ei.“<br />
Das Recht wird also zur „Notbremse“ in betrieblichen Konflikten und zu einem Substitut der schwindenden Durchsetzungskraft pers&#246;nlicher Beziehungen. Gleichzeitig wird Recht selbst vermehrt umk&#228;mpft. Auf makropolitischer Ebene konnte in den letzten Jahren beobachtet werden, dass das Arbeitsrecht aus dem vorparlamentarischen Aushandlungsprozess der Sozialpartner herausgel&#246;st und zum Gegenstand parlamentarischer Mehrheitsentscheidungen wurde. Das bedeutet auch, dass Gewerkschaften und Arbeiterkammer weniger Einfl uss haben, da sich die parlamentarischen Machtverh&#228;ltnisse sukzessive nach Rechts verschieben.<br />
Paradigmatisch und am offensichtlichsten hierf&#252;r ist die Zeit der Schwarz-Blauen Regierung, die bereits bestehende Trends verst&#228;rkte. „In der XXI. Gesetzgebungsperiode (2000-2002) wurden von insgesamt 31 arbeitsrechtlichen Gesetzen 17 nur mit Stimmen der Regierungsparteien, elf einstimmig beschlossen. In der XXI. Gesetzgebungsperiode (2003-2006) erfolgte bei insgesamt 26 arbeitsrechtlichen Gesetzen der Beschluss in zehn F&#228;llen mit Stimmenmehrheit der Regierungsparteien, in zehn F&#228;llen einstimmig. Faktum insgesamt ist, dass im Unterschied zu fr&#252;her die Regierung nunmehr im Bereich des Arbeitsrechtes ihre parlamentarische Mehrheit h&#228;ufi g einsetzt.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Die Verteidigung von Rechtspositionen und die Aufrechterhaltung von Verhandlungsbeziehungen auf betrieblicher Ebene werden zur arbeitsintensiven Aufgabe. Sowohl Betriebsr&#228;tInnen aber auch Gewerkschaftssekret&#228;rInnen kommen damit in vorwiegend defensive Positionen. Oftmals werden dann von Seiten der Gewerkschaften, aber auch von Seiten der Betriebsr&#228;tInnen Verschlechterungen akzeptiert, nur um noch ein Wenig sozialpartnerschaftliche Kultur aufrechterhalten zu k&#246;nnen.</p>
<p><strong>Krise kultureller Praxen</strong></p>
<p>Es l&#228;sst sich also zusammenfassen, dass die &#246;konomischen und politischen Ver&#228;nderungen zu einem massiven Verlust an Durchsetzungskraft von sozialpartnerschaftlichen Praxen, sowohl auf makropolitischer als auch auf betrieblicher Ebene gef&#252;hrt haben. Diesen Verlust beschreiben wir als eine schleichende aber immer brisanter werdende Krise gewerkschaftlicher Praxiskultur, insbesondere auf Ebene der Betriebe. In diesem Sinne kann der erw&#228;hnten Jenaer Forschungsgruppe zugestimmt werden, wenn sie f&#252;r &#214;sterreicheine „Fassade institutioneller Stabilit&#228;t“ konstatiert. „Unser Fazit lautet: Ohne Organisationsbasis in den Unternehmen stehen auch die &#246;sterreichischen Gewerkschaften trotz weiterhin bestehender institutioneller Vorteile den Restrukturierunsstrategien der Unternehmen relativ hilfl os gegen&#252;ber. Eine einseitige Konzentration wissenschaftlicher Analyse auf die institutionelle Kontinuit&#228;t verdeckt die Erosion gewerkschaftlicher Organisations- und Durchsetzungsmacht. Die fortbestehende sozialpartnerschaftliche Einbindung kann den akuten Machtverlust der Gewerkschaften nur unzureichend kompensieren.“<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a></p>
<p><strong>Bisherige „Reformans&#228;tze“</strong></p>
<p>Die von uns beschriebenen Krisenmomente legen nahe, dass sich Reformans&#228;tze verst&#228;rkt auf gewerkschaftliche Praxen auf betrieblicher Ebene beziehen m&#252;ssten, um so gesamtgesellschaftlich wieder durchsetzungsf&#228;higer zu werden. Dies geschieht allerdings nur in sehr geringem Ma&#223;e. Die bisherigen Reformen sind eher gepr&#228;gt von einem funktionalistischen Verst&#228;ndnis und dem Versuch die angeschlagene Finanzlage, insbesondere nach dem BAWAG-Debakel, zu reparieren.<br />
Als Beispiel dieser funktionalistischen Reformans&#228;tze kann die Fusionswelle der Gewerkschaften in den letzten Jahren angesehen werden. Speziell die Industriegewerkschaften durchliefen einen Prozess der Konzentration. Dabei fusionierten kleinere Teilgewerkschaften von Post, Eisenbahn,Metaller zu gr&#246;&#223;eren Apparaten wie GMTN (Gewerkschaft Metall-Textil-Nahrung) oder VIDA. Hintergrund dieser Fusionen waren Einsparungsma&#223;nahmen, die mit dem Verlust von Mitgliedern im industriellen Sektor erkl&#228;rt wurden. Der im internationalen Vergleich relativ gering ausfallende Mitgliederverlust wirkte sich auf kleine Teilgewerkschaften mit jeweils eigenen gro&#223;en Apparaten proportional st&#228;rker aus. Vom Gewerkschaftsdachverband &#214;GB wurde ein Reformversuch unter dem Titel „&#214;GB Neu“ angestrengt, der haupts&#228;chlich darauf abzielte, die drohende Pleite abzuwenden. Diese Prozesse ber&#252;hrten die betrieblich-kulturellen Praxen nur in sehr geringem Umfang und zielten eher darauf ab, die fi nanzielle Potenz und damit die institutionelle Verhandlungsmacht und den b&#252;rokratischen Apparat, der immer mehr auf Rechtshilfe und Serviceleistungen ausgerichtet wurde, zu stabilisieren. Eine Revitalisierung betrieblicher Durchsetzungskraft und eine Ver&#228;nderung der erodierenden Praxen auf betrieblicher Ebene standen dabei so gut wie nie zur Debatte.<br />
Um den Mitgliederverlust zu kompensieren wurde von Seiten der Gewerkschaften verst&#228;rkt auf Serviceorientierung und punktuelle Pr&#228;senz in Form von Werbeveranstaltungen in den Betrieben oder in Branchen gesetzt, wo es einen niedrigen Organisationsgrad gibt. Nur selten gingen diese Bestrebungen &#252;ber ein Modell der serviceorientierten Gewerkschaftsarbeit hinaus. Eine weitere Taktik war die „NGOisierung“ gewerkschaftlicher Arbeit. Wie bei KIK und zuletzt bei IKEA wird dabei versucht, Druck &#252;ber Medien aufzubauen und die &#246;ff entliche Meinung zu Gunsten von ArbeitnehmerInneninteressen zu beeinfl ussen. Dabei konnten punktuelle Teilerfolge erzielt werden, doch den Angestellten und ArbeiterInnen kam in diesen Kampagnen zumeist eine eher passive Position zu. In gewisser Weise wird hier ein „zivilgesellschaftlicher Bypass“ um die Frage der Revitalisierung betriebsnaher gewerkschaftlicher Praxiskultur gelegt. Deshalb ist es fraglich, ob die Teilerfolge, gerade im Angesicht der Krise, auf Dauer gestellt werden k&#246;nnen. Diese Reformans&#228;tze, so notwendig sie auch sein m&#246;gen, fanden bisher keine Antworten auf den zentralen Erosionsprozess betrieblicher Durchsetzungskraft und ver&#228;nderten nur in sehr geringem Ausma&#223; die nicht mehr greifenden kulturellen Praxen der &#246;sterreichischen Gewerkschaftsbewegung. In diesem Moment werden ArbeiterInnen von der schlimmsten Weltwirtschaftskrise seit 1929 getroff en. Die organisierte ArbeiterInnenbewegung steht nun vor einer doppelten Krise.</p>
<p><strong>Drei Dimensionen der Krisen</strong></p>
<p>Um die drei Dimensionen der Krise, die unmittelbar auf die Gewerkschaften in &#214;sterreich einwirken, auszuloten, werden wir noch einmal zu den erw&#228;hnten Machtressourcen zur&#252;ckkehren. Wir verorten in der derzeitigen Krisendynamik drei Einsatzebenen von institutioneller Macht und Organisationsmacht und eine Ebene auf der potentiell Produktionsmacht und betriebsnahe Praxen ein Revival erleben k&#246;nnten.<br />
(1) Makropolitik: Die aktuellen Arbeitsmarktzahlen zeigen, wie dramatisch die Lage mittlerweile ist: Ende M&#228;rz meldet das Arbeitsmarktservice (AMS) einen Anstieg der Arbeitslosigkeit im Vergleich zum Vorjahr um 28,8%.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> In ihrer Februar/M&#228;rz Ausgabe berichtet die <em>Solidarit&#228;t </em>f&#252;r Ende Januar bereits von 20.000 beim AMS zur Kurzarbeit angemeldeten Besch&#228;ftigten. Bis Ende des ersten Quartals 2009 soll die Zahl auf 26.000 steigen.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Zum Vergleich: Im Jahre 2007 lag der Monatsdurchschnitt der ArbeiterInnen in Kurzarbeit bei 200. Bei General Motors sind es mittlerweile 1.540 von 1.850 ArbeiterInnen, die zur Kurzarbeit angemeldet sind; bei der VOEST in Linz sind von 7.000 Besch&#228;ftigten 5.900 in Kurzarbeit.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Die Erleichterung der Kurzarbeitsregelungen stellt die erste S&#228;ule der gewerkschaftlichen Krisenbearbeitung auf makropolitischer Ebene dar.<br />
Die zweite S&#228;ule ist die gewerkschaftliche Unterst&#252;tzung der Konjunkturpakete. Damit sollen Arbeitspl&#228;tze gesichert und nach M&#246;glichkeit neue geschaff en werden. So wichtig konkrete und direkte Ma&#223;nahmen zum jetzigen Zeitpunkt sein m&#246;gen, so scheint es doch so, als ob vor allem die &#214;GB-Spitze vor lauter Krisenmanagement grundlegende Fragen vergessen w&#252;rde. Tats&#228;chlich macht es den Eindruck, als wolle sich die &#214;GB-Spitze als Krisenfeuerwehr etablieren um gemeinsam mit den Unternehmen in sozialpartnerschaftlicher Tradition gegen die Krise anzuk&#228;mpfen. Off ensichtlich wird dies von Kapitalseite im Moment auch gebraucht, denn ohne die Zustimmung des &#214;GB w&#252;rde eine geordnete Abwicklung von Kurzarbeit und Konjunkturpaketen wohl nicht von Statten gehen. Zwei Momente sind hier zentral. Erstens wird Kurzarbeit als &#220;bergangsl&#246;sung in der Krise anerkannt, was nat&#252;rlich die Hoff nung impliziert, dass die Krise nicht allzu lange andauern werde. Zweitens wird der &#214;GB in ein sozialpartnerschaftliches Krisenmanagement eingebunden, was Hoff nungen sch&#252;rt, dass die Kapitalseite und neoliberale PolitikerInnen eine Kehrtwende vollziehen. Diese Hoff nung auf eine Revitalisierung von institutioneller Macht scheint allerdings mit Blick auf die Berufsgruppen und Branchen fragw&#252;rdig.<br />
(2) Angriff auf Kollektivvertr&#228;ge (KV) und Beamtengruppen: In den letzten Monaten mehren sich Angriff e auf die KV der ChemiearbeiterInnen, der DruckerInnen, der ITBesch&#228;ftigten sowie auf die Arbeitsbedingungen von LehrerInnen. ArbeitgeberInnen argumentierten sowohl im Bereich der chemischen Industrie als auch im Bereich des Druckereigewerbes, dass, neben anderen Faktoren, die Krise eine Verschlechterung der kollektivvertraglich geregelten Arbeitsbedingungen und Entgeltzahlungen notwendig machen w&#252;rde. Das Angebot von Kapitalseite an die ChemiearbeiterInnen ist eine 0,54%ige Lohnerh&#246;hung bei gleichzeitiger Reduktion der Geltungsdauer des KVs auf f&#252;nf Monate, um dann, angepasst an die wirtschaftliche Entwicklung, einen neuen KV zu verhandeln. Dar&#252;ber hinaus werden von UnternehmerInnenseite wichtige Punkte des KV in Frage gestellt, wie &#220;berstundenzuschl&#228;ge an Wochenenden, Schicht- und Erschwerniszulagen usw.<br />
Bei den Besch&#228;ftigten im Druck sieht die Sache sehr &#228;hnlich aus. Am 22. Juni 2008 k&#252;ndigte der Arbeitgeberverband mit 30. Juni 2009 alle KV von ArbeiterInnen und Angestellten inklusive aller Sonderbestimmungen.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> Begr&#252;ndet wurde diese Aufk&#252;ndigung mit zu hohen KV-L&#246;hnen, insbesondere angesichts des hohen Importdrucks der deutschen Konkurrenz, zu wenig Flexibilit&#228;t der Arbeitszeit und nat&#252;rlich der angespannten Lage im Zuge der Weltwirtschaftskrise. Ohne auf die Details der Konfl ikte eingehen zu k&#246;nnen, kann festgehalten werden, dass diese Angriffe von Seiten des Kapitals auf einen <em>de facto</em> Bruch mit einer sozialpartnerschaftlichen Kollektivvertragspraxis hinauslaufen. Die Krise wird zum Katalysator des Erosionsprozesses sozialpartnerschaftlicher Kultur und erfasst bisher relativ stabile Bereiche und eines der Kerngesch&#228;fte der &#246;sterreichischen Gewerkschaften, n&#228;mlich den KV. Es ist angesichts der Forderungen der Industriellenvereinigung, k&#252;nftig verst&#228;rkt „Kollektivvertr&#228;ge“ auf betrieblicher Ebene aushandeln zu wollen, zu bef&#252;rchten, dass sich hier ein breiterer Trend ank&#252;ndigt. So genannte „Not-Kollektivertr&#228;ge“ wie sie die IV jetzt fordert, w&#252;rden zwar zeitlich begrenzt bleiben, aber auf Betriebsebene abgeschlossen werden, was eine ernsthafte Bedrohung der fl&#228;chendeckenden KVs darstellt.<br />
Doch nicht nur in der Privatwirtschaft werden Angriffe auf Lohnabh&#228;ngige unternommen. In aller Munde ist der Konfl ikt zwischen LehrerInnen und der Bildungsministerin. Auch der Staat fordert im Angesicht der Krise Opferbereitschaft. Wenn ArbeiterInnen Kurzarbeit akzeptieren und auf Lohn verzichten, m&#252;ssen auch LehrerInnen ihren Beitrag leisten. <em>Who will be next?</em> Auch hier wird von Seiten des Chefs der Gewerkschaft &#214;ff entlicher Dienst (G&#214;D) festgehalten: „Ein einseitiger Eingriff ins Arbeitsrecht widerspricht der sozialpartnerschaftlichen Kultur.“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a><br />
Der noch immer relativ hohe Organisationsgrad in gewissen Branchen erleichtert es den Gewerkschaften auf dieser Ebene der Auseinandersetzung die Organisationsmacht ins Feld zu f&#252;hren. &#214;ff entlichkeitswirksame Protestkundgebungen und Betriebsversammlungen werden organisiert. Allen gemeinsam ist allerdings ein Appell an die Vernunft und ein Aufruf, die sozialpartnerschaftlichen Traditionen nicht &#252;ber Bord zu werfen. Aus Sicht der GPA-djp und der Chemiearbeitergewerkschaft, wird die Krise als Vorwand genommen, um „die in Jahrzehnten verhandelten kollektivvertraglichen Rahmenrechtspunkte ersatzlos zu streichen. Dies hat nichts mit Krisenbew&#228;ltigung zu tun, sondern ist ein kalkulierter Abbauversuch jahrzehntelang erworbener Rechte der ArbeitnehmerInnen.“ Was aus Sicht der Gewerkschaften so alarmierend ist, ist also dass die letzten einigerma&#223;en funktionierenden Bereiche sozialpartnerschaftlicher Tradition jetzt zur Disposition stehen.</p>
<p>(3) Betriebliche Ebene: Es zeichnet sich ab, dass die Weltwirtschaftskrise noch l&#228;ngst nicht ihre volle Wirkung entfaltet hat. Was wird geschehen, wenn die makropolitischen Krisenbearbeitungsversuche nicht greifen und die Krise &#252;ber die Dauer der Kurzarbeit anh&#228;lt? Wenn es zu einer massiven Welle an Insolvenzen und Entlassungen kommt? Wenn das Staatsbudget noch st&#228;rkeren Belastungen durch Begehrlichkeiten der Kapitalseite ausgesetzt wird? Was passiert, wenn die bisherigen Angriff e auf KV und ganze Berufsgruppen tats&#228;chlich nur das Vorspiel sind? Es ist nicht schwierig, sich auszumalen, dass dann die betriebliche Ebene zum zentralen Auseinandersetzungsfeld wird.<br />
Wie wir im ersten Teil des Artikels gezeigt haben, steht es um die gewerkschaftliche Machtbasis in den Betrieben sehr schlecht. Auf dieser Ebene sind auch ohne Weltwirtschaftskrise die bisherigen sozialpartnerschaftlichen Praxen erodiert. Betriebsr&#228;tInnen und Gewerkschaftssekret&#228;rInnen finden sich auch ohne Weltwirtschaftskrise in defensive Positionen gedr&#228;ngt. Bei massiven K&#252;ndigungswellen stellt sich auch noch die Frage, ob eine Konfl iktkanalisierung in die Rechtsform ein probates und operationalisierbares Kampfmittel ist. Dies hat zwei Gr&#252;nde. Zum einen sind arbeitsrechtliche Prozesse aufw&#228;ndige Verfahren, die auch innerhalb des Gewerkschaftsapparates einen enormen administrativen Aufwand erfordern. Schon in Zeiten ohne Wirtschaftskrise geht laut interviewten Gewerkschaftssekret&#228;rInnen ein Gutteil der Arbeitszeit in der Bearbeitung von Rechtsfragen auf. Wie viel Mehrbelastung w&#252;rde es dann bedeuten, wenn zeitgleich eine Flut von K&#252;ndigungen und anderer Probleme ansteht? Zweitens entwickelt der Rechtsweg eine spezifische zeitliche Struktur. Das Recht kann zumeist nur <em>ex post</em> angewandt werden, also erst wenn der Schaden schon eingetreten ist. Insbesondere f&#252;r Gek&#252;ndigte, f&#252;r die die Aussichten auf einen neuen Job sehr schlecht sind, wird der Rechtsweg auf Dauer und in Masse gesehen wenig attraktiv erscheinen. Das kann den Ruf nach neuen Praxisformen in Betrieben beschleunigen. Wenn also die Krise in Form von Entlassungen und Insolvenzen durchschl&#228;gt, k&#246;nnte der endg&#252;ltige Kollaps der tradierten gewerkschaftlichen Praxisformen bevorstehen.</p>
<p><strong>„Dialektik“ der Erneuerung</strong></p>
<p>Eine „organische“ Krise besteht laut Antonio Gramsci darin, dass „das Alte stirbt [w&#228;hrend] das Neue &#8230; noch nicht zur Welt kommen kann“<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a>. Dieser Satz beschreibt den Zustand der &#246;sterreichischen Gewerkschaften heute vortreffl ich. Wie wir gezeigt haben, treff en zwei Krisenmomente aufeinander, die sich gegenseitig beeinfl ussen. Zum einen erodieren tradierte kulturelle Praxen der Gewerkschaften, sowohl auf Ebene der makropolitischen Regulation, als auch auf Ebene der betrieblichen Arbeit von Gewerkschaftssekret&#228;rInnen und Betriebsr&#228;tInnen. Dies geht mit einem sukzessiven Machtverlust auf gesamtgesellschaftlicher und betrieblicher Ebene einher. Bisherige Reformen und Erneuerungsversuche konnten die entwerteten sozialpartnerschaftlichen Praxen, die den Kern des Problems ausmachen, weder erneuern noch durch durchsetzungsm&#228;chtigere Praxen ersetzen. Dieser langfristige Erosionsprozess verkn&#252;pft sich heute zum anderen mit der enormen Dynamik der Weltwirtschaftskrise. Nicht nur auf globaler Ebene vollziehen sich Umbr&#252;che. Auf nationaler, regionaler und betrieblicher Ebene werden bisher noch prek&#228;r aufrechterhaltene Gewissheiten in Frage gestellt. Doch die Krise kann auch gegenl&#228;ufi ge Dynamiken lostreten. Zusehends werden die in den Alltagsverstand integrierten, sozialpartnerschaftlichen Vorstellungen und Praxen mit den tats&#228;chlichen gesellschaftlichen Entwicklungen in Widerspruch treten. Der sich daraus ergebende Konflikt kann ein Potential darstellen, in dem K&#228;mpfe von unten eingefordert und gef&#252;hrt werden k&#246;nnen.<br />
Dies k&#246;nnte einen Impuls darstellen, der zu tiefgreifenderen Ver&#228;nderungen auf gewerkschaftlicher Ebene f&#252;hren kann. Ver&#228;rgerte, w&#252;tende und kampfbereite Belegschaften, gemeinsam mit selbstbewussten Betriebsr&#228;tInnen, k&#246;nnen neue Formen betrieblicher Praxen entwickeln, die offensivere Abwehrk&#228;mpfe gegen die Krisenfolgen erm&#246;glichen. Diese Momente sollten von Gewerkschaften nicht als Bedrohung, sondern als Chance ihrer eigenen Erneuerung betrachtet werden. Diese Impulse m&#252;ssten zu einer essentiellen Ver&#228;nderung der Gewerkschaft selbst f&#252;hren. Demokratisierung, Partizipation und &#214;ff nung des Gewerkschaftsapparates w&#228;ren die notwendigen Voraussetzungen daf&#252;r, dass die Krise als Moment der Erneuerung erkannt und gen&#252;tzt wird.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Vgl. B&#246;hm, Th omas/ Busch, G&#252;nter/ Heim, Stefan/ Riexinger, Bernd/Sauerborn, Werner: Gewerkschaften in der Weltwirtschaftskrise. Weiter so – oder Krise als Chance. Erschienen auf www.LabourNet.de (November 2008); Kr&#228;mer, Ralf: Gewerkschaften und die Krise des Neoliberalismus. Abrufbar auf www.LabourNet.de (5.11.2008); Sauerborn, Werner: Mobilisierungsaversion. Zur Diskussion um Nationalkeynsianismus und gewerkschaftliche Gegenstrategien in der Weltwirtschaftskrise; in: express. Zeitung f&#252;r sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftspolitik 1/09. Abrufbar auf www.labournet.de/diskussion/wipo/fi nanz/sauerborn.html; Wendl, Michael: Keynsianismus als Feindbild. Eine Antwort auf die ver.di – Kritik von Thomas B&#246;hm und Kollegen; in: Sozialismus 2/2009.</p>
<p><a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Zum Teil flie&#223;en in den Artikel Ergebnisse eines Forschungsprojektes ein, das von Mario Becksteiner, Elisabeth Steinklammer und Florian Reiter im Auftrag der GPA-djp Bildungsabteilung von Herbst 2008 bis Herbst 2009 durchgef&#252;hrt wird. Der Titel des Forschungsprojektes lautet: „Betriebsratsrealit&#228;ten im Postfordismus. Betriebsr&#228;te zwischen Selbst- und Fremdanspr&#252;chen“. Etwaige Zitate von GewerkschafterInnen sind aus diesem Forschungsprojekt entnommen und wurden anonymisiert. Voraussichtliche Endergebnisse des Forschungsprojektes werden im Herbst 2009 vorliegen.</p>
<p><a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Wright, Erik O.: Working-Class Power, Capitalist-Class Interests, and Class Compromise; in: American Journal of Sociology 4/2000.</p>
<p><a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Silver, Beverly J.: Forces of Labor. Arbeiterbewegung und Globalisierung seit 1870. Berlin 2005, S. 31</p>
<p><a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Ebd.</p>
<p><a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Brinkmann, Ulrich et al.: Strategic Unionism: Aus der Krise zur Erneuerung? Umrisse eines Forschungsprogramms. Wiesbaden 2008, S. 25</p>
<p><a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> &#220;ber die Momente der industriellen Beziehungen hinaus m&#252;ssen f&#252;r eine Analyse des Fordismus noch eine ganze Reihe anderer Momente integriert werden. Geschlechterverh&#228;ltnisse, Migrationsregime, Alltagskultur aber auch Erziehungsformen und Familienstrukturen spielen eine wichtige Rolle, k&#246;nnen aber im Zuge dieses Artikels nicht n&#228;her behandelt werden.</p>
<p><a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Tayloristische Arbeitsorganisation bezeichnet die so genannte „wissenschaftliche Betriebsf&#252;hrung“, die auf stark arbeitsteilige Produktionsprozesse und die Technisierung der Produktion, etwa durch das Flie&#223;band, abzielt.</p>
<p><a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Vgl dazu: Karin H&#228;dicke in Perspektiven Nr. 1, und Wittau, Mathias/Seifert, Matthias: &#214;sterreich 1950; in: Die gro&#223;en Streiks. Episoden aus dem Klassenkampf. M&#252;nster 2008</p>
<p><a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> BAK: Bundes Arbeiter Kammer (AK); &#214;GB: &#214;sterreichischer Gewerkschaftsbund; PR&#196;KO: Pr&#228;sidentenkonferenz der Landwirtschaftskammer &#214;sterreich; VOI: Verband &#214;sterreichischer Industrieller</p>
<p><a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Tálos, Emmerich: Sozialpartnerschaft. Austrokorporatismus am Ende?; in: Dachs, Herbert et al. (Hrsg.): Politik in &#214;sterreich. Das Handbuch.<br />
2006, S. 425-442</p>
<p><a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Obinger, Herbert/ Tálos, Emmerich: Sozialstaat &#214;sterreich zwischen Kontinuit&#228;t und Umbau. Eine Bilanz der &#214;VP/FP&#214;/BZ&#214;-Koalition. Wiesbaden 2006, S. 204</p>
<p><a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> &#214;GB-Pr&#228;sident von 1963 bis 1987</p>
<p><a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Pr&#228;sident der Wirtschaftskammer &#214;sterreich (WKO) von 1964 bis 1990</p>
<p><a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Interview, November 2008</p>
<p><a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Das Arbeitsverfassungsgesetz (ArbVG) sind jene gesetzlichen Bestimmungen, welche die kollektive Rechtsgestaltung und Vertretung der ArbeitnehmerInnen<br />
regelt. Es umfasst Bestimmungen zu Kollektivvertr&#228;gen, Satzungen, Mindestlohntarifen, festgesetzte Lehrlingsentsch&#228;digungen aber eben auch die Frage des Organisationsrechtes und der Betriebsvereinbarungen.</p>
<p><a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Winter, Jens: Regulation und Hegemonie in nachfordistischen Zeiten; in: Brand, Ulrich/ Raza, Werner (Hrsg.): Fit f&#252;r den Postfordismus? Theoretisch-<br />
politische Perspektiven des Regulationsansatzes. M&#252;nster 2003, S. 199</p>
<p><a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Sennet, Richard: Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin 2007, S. 33</p>
<p><a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Aglietta, Michel: Ein neues Akkumulationsregime. Die Regulationstheorie auf dem Pr&#252;fstand. M&#252;nster 2000, S. 33</p>
<p><a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Vgl. dazu: D&#246;rre, Klaus/ R&#246;ttger, Bernd (Hg.): Die ersch&#246;pfte Region. M&#252;nster 2005.</p>
<p><a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Unseres Wissens gibt es dazu in &#214;sterreich keine kritische Forschung. Deshalb sind die Ausf&#252;hrungen als kursorisch und vereinfacht zu verstehen.</p>
<p><a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Obinger/Tálos, a.a.O., S. 205</p>
<p><a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Ebd., S. 208</p>
<p><a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Brinkmann et al., a.a.O., S. 51</p>
<p><a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Arbeitsmarktservice &#214;sterreich: M&#228;rz-Arbeitslosigkeit stieg um 28,8 Prozent; AMS-Off ensive f&#252;r Jugendliche: Ausbildungsgarantie f&#252;r Lehrlinge und Aktion „Zukunft Jugend“. 01.04.2009. http://ams.at/14169_21062.html</p>
<p><a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> M&#252;ller, Stefan: Kurzarbeit rettet viele Arbeitspl&#228;tze. Immer mehr Unternehmen m&#252;ssen Kurzarbeit in Anspruch nehmen. Der &#214;GB hat sich f&#252;r flexiblere Regelungen stark gemacht; in: Solidarit&#228;t 914, Feb./M&#228;rz 2009, S. 2f.</p>
<p><a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> www.nachrichten.at/nachrichten/wirtschaft/art15,152344 am 17.4.09</p>
<p><a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> GPA-djp, NewsGrafisch. Informationen zu den KV-Verhandlungen Grafisches Gewerbe, Nr. 1, J&#228;nner 2009</p>
<p><a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Interview in HEUTE Nummer 948, Freitag 17. April 2009</p>
<p><a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd.2, Hamburg 1991, S. 354</p>
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		<title>Kapitalismus nach Plan</title>
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		<pubDate>Sat, 13 Jun 2009 12:00:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 8]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Staatskapitalismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Was war die Sowjetunion? Veronika Duma und Stefan Probst argumentieren im f&#252;nften Teil unserer Serie zum politischen Erbe der russischen Revolution, dass der „real existierende Sozialismus“ am treffendsten als b&#252;rokratischer Staatskapitalismus analysiert werden kann.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Was war die Sowjetunion? Veronika Duma und Stefan Probst argumentieren im f&#252;nften Teil unserer Serie zum politischen Erbe der russischen Revolution, dass der „real existierende Sozialismus“ am treffendsten als b&#252;rokratischer Staatskapitalismus analysiert werden kann.<br />
<span id="more-489"></span><br />
Wieso heute noch einen Artikel &#252;ber den Charakter der Sowjetunion schreiben? Die Antwort auf diese Frage besteht in erster Linie aus zwei politischen Argumenten. Erstens wird Russland nach wie vor h&#228;ufig als Beweis daf&#252;r herangezogen, dass Sozialismus keine Alternative zu einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung darstellt. Aussagen wie: „Sozialismus? – Schau doch nach Russland, das hat nicht funktioniert“ sind immer wieder und in den verschiedensten Diskussionszusammenh&#228;ngen anzutreffen. Die UdSSR und die Ostblockstaaten werden als Verk&#246;rperung „linker Ideen“ jeglicher Art dargestellt und diese damit f&#252;r alle Ewigkeit als diskreditiert erkl&#228;rt. Zweitens: wenn die Sowjetunion sowie die osteurop&#228;ischen „Volksdemokratien“ tats&#228;chlich als sozialistische Gesellschaften verstanden werden, wird automatisch impliziert, dass Sozialismus ohne einer Revolution – also ohne einer grundlegenden Umw&#228;lzung von Macht- und Herrschaftsverh&#228;ltnissen – und ohne einer Form der Selbstemanzipation und aktiven Beteiligung eines Gro&#223;teils der Bev&#246;lkerung, einfach von oben herab implementiert werden k&#246;nnte. Wird behauptet, die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten waren sozialistisch, dann h&#228;tte Stalin die proletarische Revolution verwirklicht, und das auch noch in enormem Tempo.<br />
Auch zahlreiche MarxistInnen interpretierten den Kalten Krieg als eine globale Version des Klassenkampfs zwischen Kapital und Arbeit, als einen „Kampf zwischen zwei entgegengesetzten gesellschaftlichen Systemen“. Nach 1989 gelangten sie deshalb zu einer Einsch&#228;tzung, die jener von Fukuyamas<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> „Ende der Geschichte“ bemerkenswert &#228;hnlich war: wie dieser gingen sie davon aus, dass der Kapitalismus als Sieger aus dem globalen Konkurrenzkampf hervorgegangen war, nur dass sie – anders als Fukuyama – dieses Ergebnis bedauerten.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Im Gegensatz dazu wollen wir – zwanzig Jahre nach der Wende von 1989 – argumentieren, dass es in Russland nicht zur Entfaltung einer sozialistischen Gesellschaft, sondern zur Herausbildung jener Formation kam, die am treffendsten mit dem Konzept des <em>b&#252;rokratischen Staatskapitalismus</em> gefasst werden kann.<br />
Der Begriff Staatskapitalismus selbst blickt dabei auf eine l&#228;ngere Vorgeschichte zur&#252;ck.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> S&#228;mtliche theoretische Ans&#228;tze in diese Richtung sto&#223;en jedoch auf – zum Teil sehr &#228;hnliche – begriffliche Probleme und werfen dar&#252;ber hinaus gro&#223;e Fragen auf: Was kennzeichnet eine kapitalistische Produktionsweise? Wie k&#246;nnen an Hand abstrakter theoretischer Kategorien Charakteristika einer historisch konkreten Gesellschaftsformation untersucht und diskutiert werden? Was ist unter einem b&#252;rokratischen Staatskapitalismus zu verstehen?</p>
<p><strong>Kapitalismus abstrakt und konkret</strong></p>
<p>Die kapitalistische Produktionsweise kann allgemein durch zwei zentrale Widerspruchs- und Konfliktachsen charakterisiert werden. Zum einen haben wir es mit einem System verallgemeinerter Warenproduktion zu tun, in dem die Wirtschaft in konkurrierende Produktionseinheiten gespalten ist. Arbeitsprodukte werden im Tausch aufeinander bezogen und nehmen so Warenform an. Im Tausch vollzieht sich die Reduktion konkreter Privatarbeiten auf abstrakte Arbeit (Wertform): als gesellschaftlich gilt nicht die individuell verausgabte<br />
Arbeit, sondern nur die gem&#228;&#223; der durchschnittlichen gesellschaftlichen Produktivit&#228;t notwendige Arbeit. Aus den Tauschverh&#228;ltnissen konkurrierender WarenproduzentInnen ergibt sich schlie&#223;lich die Dynamik zur Akkumulation und die Tendenz zur st&#228;ndigen Angleichung der durchschnittlichen Produktionsbedingungen.<br />
Zum zweiten ist der Kapitalismus eine Klassengesellschaft, in der die unmittelbaren ProduzentInnen den Produktionsprozess nicht kontrollieren und ihre eigene Subsistenz nicht sichern k&#246;nnen. Sie sind somit gezwungen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Als Wert der Arbeitskraft gilt die zu ihrer Reproduktion gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit.<br />
Aus diesen Widerspruchsachsen folgt die grundlegende Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise. Dennoch k&#246;nnen kapitalistische Gesellschaftsformationen auf dieser Ebene der Abstraktion nicht vollst&#228;ndig beschrieben werden. Oftmals krankte die marxistische Debatte einer ad&#228;quaten Theoretisierung der Sowjetunion genau daran, die Diskussion in den Bahnen einer sehr allgemeinen Bestimmung des Kapitalismus engzuf&#252;hren.<br />
Dem liegt zun&#228;chst ein Missverst&#228;ndnis hinsichtlich der Marxschen Methode zugrunde. Marx hat im <em>Kapital</em> Schritt f&#252;r Schritt die zentralen Bestimmungen, konstitutiven Strukturen und inh&#228;renten Tendenzen der kapitalistischen Produktionsweise in ihrem idealen Durchschnitt entwickelt – ein theoretisches Objekt, das im strengen Sinn nicht existiert, wie es der franz&#246;sische Marxist Louis Althusser formulierte. Diesen Prozess hat Marx als „Aufstieg vom Abstrakten zum Konkreten“ beschrieben. Von den Begriff en Ware, Wert, Geld n&#228;hert sich die Darstellung „schrittweis der Form, worin sie auf der Oberfl&#228;che der Gesellschaft … auftreten.“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Die Methode ist dabei keine deduktive: die jeweiligen Schritte der Darstellung sind nicht bereits in den abstrakten Begriff en enthalten und „entwickeln“ sich nicht zu einem abgeschlossenen System, das im Sinne einer „expressiven Totalit&#228;t“ die kapitalistische Produktionsweise vollst&#228;ndig beschreibt. Das Kapital ist als „mehrstufige theoretische Struktur konzipiert, in der die aufeinanderfolgenden Stufen steigende Komplexit&#228;tsgrade darstellen.“ Die „im Verlauf des <em>Kapitals </em>entwickelten Komplexit&#228;ten [sind] nicht irgendwie bereits in den zu Beginn des Buches dargelegten Konzepten von Ware, Gebrauchswert, abstrakter und konkreter Arbeit usw. ‚enthalten‘. Vielmehr werden neue und komplexere Bestimmungen nach und nach eingef&#252;hrt, um entstehende Probleme in fr&#252;heren Phasen der Analyse zu &#252;berwinden. Diese Bestimmungen werden durch ihren Platz in der allgemeinen Argumentation begr&#252;ndet, jede besitzt aber ihre spezifischen Eigenschaften, die auf die zuvor vorausgesetzten Bestimmungen nicht reduzierbar sind.“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Begriffe und Determinationsebenen werden eingef&#252;hrt, sobald es notwendig wird, einen Aspekt der kapitalistischen Produktionsweise zu analysieren, der bislang nicht ber&#252;cksichtigt wurde. Jede konzeptuelle Ebene zieht Problemstellungen nach sich, welche die Artikulation neuer Ebenen in einem kreativen Prozess erfordern.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Der Kapitalismus wird so – in Marxens Worten – rekonstruiert als „reiche Totalit&#228;t von vielen Bestimmungen und Beziehungen.”<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a><br />
In diesem Konkretisierungsprozess, einer Methode „fortschreitender Verkomplizierung“, werden fr&#252;her eingef&#252;hrte allgemeine Bestimmungen im Laufe des Argumentationsgangs modifiziert.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> So l&#228;sst Marx etwa im dritten Band die Behauptung fallen, dass Waren zu ihren Werten getauscht werden, wenn er das Konzept der Angleichung der Profitraten zu einer Durchschnittsprofitrate einf&#252;hrt.<br />
Wichtig ist nun, dass dieser Prozess der Konkretisierung nicht bei den Themen, die Marx im <em>Kapital </em>unfertig abgehandelt hat, stehen bleiben kann. Schon Marx selbst hatte in seinem urspr&#252;nglichen Entwurf weitere B&#228;nde u.a. zu Staat und Weltmarkt geplant.<br />
Umso entscheidender ist, wenn wir den Kapitalismus als sich historisch entwickelndes und ver&#228;nderndes System verstehen, und unterschiedliche Phasen und Formen kapitalistischer Gesellschaftsformationen unterscheiden wollen, die Marxsche Analyse zu erweitern, „sowohl im Hinblick auf das allgemeine theoretische Verst&#228;ndnis der kapitalistischen Produktionsweise als auch die konkretere Analyse des sich historisch ver&#228;ndernden Kapitalismus.“<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Das Kapital ist unabgeschlossen und kein fertiges „System“ und ein Marxismus, der theoretisch und politisch relevant sein will, muss die enormen Transformationen der Kapitalismen des letzten Jahrhunderts erkl&#228;ren k&#246;nnen. Die Erweiterung der Analyse im Kapital erfordert dabei notwendigerweise auch die Modifikation Marxscher Kategorien.</p>
<p><strong>Politik und &#214;konomie, Staat und Markt</strong><br />
F&#252;r unser Thema sind hierbei zwei Begriffe zentral: Staat(ensystem) und Weltmarkt.<br />
Erstens: Die Marxschen „&#246;konomischen“ Begriffe beschreiben gesellschaftliche Verh&#228;ltnisse, die nie nur &#246;konomische sind, sondern immer zugleich politisch-juridische Aspekte enthalten. Wer in den Warentausch involviert ist, muss Eigentum und Freiheit und Gleichheit im Tausch anerkennen (Vertragsverh&#228;ltnis); wenn die Teilung des Eigentums (sowohl zwischen den BesitzerInnen der Produktionsmittel als auch zwischen diesen und den Nicht-BesitzerInnen) stabil reproduziert werden soll, wird eine au&#223;er&#246;konomische Gewalt notwendig. „Kapitalien … st&#252;tzen sich f&#252;r ihre Reproduktion auf stabile physische, &#246;konomische, politische und kulturelle Infrastrukturen, sind aber … nicht in der Lage, solche Strukturen selbst zu etablieren. Tats&#228;chlich erzeugt der Akkumulationsprozess Instabilit&#228;ten und unterminiert die Grundlagen seiner eigenen Existenz. Kurz gesagt sind Warenverh&#228;ltnisse als verallgemeinerte Form, und die Kapitalakkumulation im Besonderen, von Zwangsgewalt abh&#228;ngig. Zwang und Gewalt sind in diesem analytischen Zugriff ganz grundlegend mit der kapitalistischen &#214;konomie verkn&#252;pft.”<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a><br />
Auf Grundlage solcher Argumente hat die marxistische Staatstheorie im Wesentlichen die spezifisch kapitalistische Form des Staates in seiner „relativen Autonomie“ und gleichzeitigen Pr&#228;senz in der &#214;konomie entwickelt. Ein Problem, dem sich diese Entw&#252;rfe jedoch stellen m&#252;ssen, ist, dass der moderne Staat dem Prozess der Extraktion von Mehrwert nicht als rein &#228;u&#223;erlich gedacht werden kann. Abgesehen von der Frage direkten Staatseigentums greift der Staat schlie&#223;lich als Steuerstaat auch direkt in die Prozesse der Surplus-Extraktion und -Redistribution ein.<br />
Colin Barker hat darauf hingewiesen, dass sich hieraus die &#246;konomischen Aspekte staatlicher Macht erhellen. Der Staat stellt nicht nur mittels Gewaltmonopol kapitalistische Rechtssicherheit her; er steht nicht einfach &#252;ber den Vertragsparteien, sondern beherrscht sie auch, und muss sie besteuern. „Um die Funktionen der Bev&#246;lkerungskontrolle, der Verteidigung des Privateigentums und der Rechtsprechung zu erf&#252;llen, m&#252;ssen kapitalistische Staaten Surplus aus der ‚&#246;konomischen Sph&#228;re‘ absch&#246;pfen, durch Besteuerung. Sie entwickeln ein starkes Interesse am Wert, der aus dem Eigentum seiner Subjekte (sowie seinem eigenen) erw&#228;chst; sie<br />
entwickeln zwingende eigene Interessen an der Verwaltung der Gesellschaft im Allgemeinen und an der &#246;konomischen Organisation im Besonderen.”<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Die Problematik der Ausbeutung (und Redistribution von Mehrwert) nimmt daher in kapitalistischen Gesellschaftsformationen eine komplexere Form als die einfache Gegen&#252;berstellung Kapital-Arbeit an. „Wenn wir den Begriff des Staates aus den rechtlich-politischen Anforderungen der Warenproduktion entwickeln, wird es notwendig, eine sekund&#228;re, ‚konkurrierende Logik‘ einzuf&#252;hren: jene staatlicher Abgaben und Steuern. Im Kapitalismus sind die zwei Formen der Surplus-Extraktion, durch Unternehmen und durch Regierungen, ‚nicht einfach getrennt und entgegengesetzt sondern sich jeweils gegenseitig bedingende und komplement&#228;re Eigenschaften der anderen‘.“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a><br />
Deshalb ist die s&#228;kulare Tendenz zur institutionellen Differenzierung von &#246;konomischer und politischer Macht begleitet, und teilweise durchkreuzt, von Tendenzen substantieller Involvierung des Staates in die &#214;konomie. Staaten stellen nicht nur einen legalen und politischen Rahmen f&#252;r die Funktionsweise des Marktes her, geben nicht nur W&#228;hrung aus usw., sondern errichten die physische Infrastruktur zur Steigerung der Kapitalmobilit&#228;t und Umschlagszeit, sie regulieren die Konkurrenz, beeinflussen die Re-Produktion und Zirkulation der Arbeitskraft, und greifen in politische und &#246;konomische K&#228;mpfe ein; sie setzen die Kombination oder Restrukturierung von Kapitalien durch, errichten Handelsbarrieren und unterst&#252;tzen Exporte, organisieren Forschung und Entwicklung; und sie k&#246;nnen selbst als Kapitalisten auftreten. Die Tendenz zur Trennung von Politik und &#214;konomie ist deshalb zwar real, aber „best&#228;ndig durch die Tatsache durchkreuzt, dass Staaten – ob als Ergebnis ihrer ‚formbestimmten‘ Rolle in der Aufrechterhaltung der Rahmenbedingungen kapitalistischer Akkumulation, oder den Erforderungen des <em>state-building</em> und den Anforderungen geopolitischer Konkurrenz – beharrlich auf direkte und energische Art in ‚die &#214;konomie‘ intervenieren.”<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a><br />
Es scheint deshalb sinnvoll, von einer strukturellen Interdependenz (wenn auch nicht Interessensidentit&#228;t) von Staat und Kapital auszugehen: Kapitalien brauchen aus einer Vielzahl von Gr&#252;nden staatliche Unterst&#252;tzung, w&#228;hrend die relative Macht eines jeden Staates von den Ressourcen abh&#228;ngt, die der Prozess der Kapitalakkumulation generiert.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a><br />
Zweitens: Konkurrenz entwickelt sich im Weltma&#223;stab und nimmt nicht nur die Form &#246;konomischer Konkurrenz zwischen Unternehmen, sondern auch die Form milit&#228;rischer und diplomatischer Konflikte zwischen Staaten an. Die geopolitische Konkurrenz geht dem Kapitalismus zwar historisch voraus; die Entstehung kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse verlieh aber jenen Staaten, in denen sie vorherrschten, einen Vorteil in der zwischenstaatlichen Konkurrenz. Sp&#228;testens mit der „Industrialisierung des Krieges“ im 19. Jahrhundert hatten alle Staaten ein unmittelbares Interesse an der F&#246;rderung kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse (hochtechnologische Waffen- und Transportsysteme). Zus&#228;tzlich bef&#246;rderten die Prozesse der Kapitalkonzentration im nationalen Rahmen sowie die Internationalisierung von Handel und Investitionen die Verschr&#228;nkung von Staat und Kapital.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Anhand dieser Prozesse zeigt sich die wachsende gegenseitige Abh&#228;ngigkeit von Staat und Kapital: die geopolitische Konkurrenz wurde unter die &#246;konomische Konkurrenz zwischen Kapitalien subsumiert. Beide Konkurrenzformen sind, wie auch die j&#252;ngere imperialismustheoretische Diskussion gezeigt hat, zwar nicht aufeinander reduzierbar, aber unaufl&#246;sbar ineinander verschr&#228;nkt.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Damit sind jedoch Staaten genauso wie Privatunternehmen immer auch auf die Produktivit&#228;tsniveaus im Weltma&#223;stab verwiesen. „[M]it der Verschr&#228;nkung von zwischenstaatlicher und &#246;konomischer Konkurrenz … sind Staaten gezwungen, sich immer enger an den vorherrschenden weltweiten Bedingungen zu orientieren und ihre Strategien dementsprechend auszurichten.“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Der Staat ist ebenso wie Unternehmen den Imperativen kompetitiver Kapitalakkumulation untergeordnet.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a></p>
<p><strong>Duale Revolution</strong><br />
Erster Ausgangspunkt jeder Untersuchung der Dynamik und Funktionsweise kapitalistischer Gesellschaftsformationen – auch der Sowjetunion – ist deshalb die Annahme, dass diese nicht allein im Hinblick auf die inneren Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse, sondern nur im Kontext des kapitalistischen Weltstaatensystems und der kapitalistischen Weltwirtschaft angemessen analysiert werden kann.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> F&#252;r die Entwicklung kapitalistischer Verh&#228;ltnisse in Russland bedeutet das zuallererst, die r&#228;umlichen wie zeitlichen Ungleichm&#228;&#223;igkeiten kapitalistischer Entwicklung, sowie die spezifischen M&#246;glichkeiten und Zw&#228;nge, denen sich „sp&#228;tindustrialisierende“ L&#228;nder zu stellen hatten, in den Blick zu nehmen.<br />
Gerade die „passiven Revolutionen“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> in L&#228;ndern wie Deutschland und Italien zeigen sowohl, dass es keinen „normalen“ Entwicklungspfad hin zum Kapitalismus gibt, als auch, dass der Staat in der Durchsetzung und Restrukturierung der &#246;konomischen Verh&#228;ltnisse gerade bei kapitalistischen „Sp&#228;tentwicklern“ eine entscheidende Rolle einnehmen musste. Die Grundz&#252;ge dieses Arguments haben wir bezogen auf Russland in fr&#252;heren Artikeln dieser Serie (in <em>Perspektiven</em> Nr. 2) bereits behandelt und dabei gezeigt, wie die spezifischen Verwerfungen, die die zaristische Variante autorit&#228;rer nachholender Modernisierung nach sich zog, den N&#228;hrboden der sozialen Auseinandersetzungen in Russland Anfang des 20. Jahrhunderts bereiteten. Neben den Folgewirkungen von Krieg und B&#252;rgerkrieg waren es dann gerade auch die Ungleichm&#228;&#223;igkeiten der Entwicklung des Kapitalismus in Russland, die die postrevolution&#228;re Situation &#252;berdeterminierten. In diesem Sinn haben wir die Revolution, in Anschluss an Tony Cliff , als „duale Revolution“ beschrieben, als Kombination b&#252;rgerlicher und proletarischer Dimensionen.<br />
Dass die vorrevolution&#228;ren Verh&#228;ltnisse mit der Revolution nicht einfach „abgeschafft“ werden konnten, erkl&#228;rt sich schon aus der Tatsache, dass eine proletarische Revolution zuallererst eine politische Transformation (die Zerschlagung des existierenden Staates und die Etablierung der politischen Herrschaft der ArbeiterInnenr&#228;te) bezeichnet, die die sukzessive Transformation der &#246;konomischen Verh&#228;ltnisse erst erm&#246;glicht. „Sozialismus im Sinne eines &#220;bergangszeitraums zwischen Kapitalismus und Kommunismus darf deshalb weniger im Hinblick auf irgendwelche besonderen wirtschaftlichen Ma&#223;nahmen – wie beispielsweise die Verstaatlichung der Produktionsmittel – verstanden werden, sondern als der <em>politische </em>Rahmen, basierend auf der R&#228;tedemokratie, in der die kapitalistischen Produktionsbeziehungen nach und nach beseitigt werden.“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Kapitalistische Formen werden demnach auch nach einer erfolgreichen proletarischen Macht&#252;bernahme weiterexistieren. Entscheidend f&#252;r die Charakterisierung einer solchen Gesellschaftsformation (als „&#220;bergangsgesellschaft“) ist die Tendenz des Transformationsprozesses, in der Marktmechanismen zunehmend von demokratischer Planung abgel&#246;st werden.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a><br />
Die widerspr&#252;chlichen Dynamiken der 1920er, die wir in <em>Perspektiven </em>Nr. 6 beschrieben haben, m&#252;ssen hier nicht noch einmal vertieft werden. Festzuhalten bleibt, dass nach einem Prozess der sukzessiven Aush&#246;hlung proletarischer Macht Ende der 1920er Jahre die letzten &#220;berreste des ohnehin bereits „b&#252;rokratisch deformierten“ ArbeiterInnenstaats beseitigt wurden. Der politischen Macht des Proletariats, auf die sich eine sozialistische Transformation &#246;konomischer Verh&#228;ltnisse st&#252;tzen muss, wurde der endg&#252;ltige Sargnagel verpasst. Mit den Zwangskollektivierungsma&#223;nahmen (lies: Enteignungen) wurden zigtausende Menschen in Lohnarbeitsverh&#228;ltnisse gedr&#228;ngt und somit unter kapitalistische Verh&#228;ltnisse subsumiert.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> In den Investitionspriorit&#228;ten des ersten F&#252;nf-Jahres-Plans wurde die Konsumtion der Akkumulation und insbesondere dem rapiden Aufbau der Schwerindustrie untergeordnet.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> In den Zielsetzungen glich das stalinistische Projekt hierbei durchaus jenem Programm autorit&#228;rer Modernisierung, das der zaristische Staat vier Jahrzehnte zuvor eingeleitet hatte. Anders als in den „passiven Revolutionen“ jedoch, welche die Hindernisse zur Entfaltung kapitalistischer Verh&#228;ltnisse in anderen sich sp&#228;tentwickelnden Kapitalismen aus dem Weg ger&#228;umt hatten, wurde die staatlich forcierte Durchsetzung der Imperative der kapitalistischen Akkumulation in Russland nicht von der zaristischen Autokratie vollendet, sondern vollzog sich als aktive Konterrevolution von oben. Durch die Zuspitzung geopolitischer Konfliktlinien Ende der 1920er unter Zugzwang gesetzt, mutierte die sowjetische B&#252;rokratie zur „Personifikation des Kapitals“.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Anders als von Trotzki und Co. erwartet, kristallisierte sich die Restauration des Kapitalismus nicht um die kleinb&#252;rgerlichen Profi teure der Neuen &#214;konomischen Politik (NEP), sondern um die <em>politische </em>Macht der Staats- und Parteib&#252;rokratie, die sich auf Grundlage verstaatlichten Eigentums als neue herrschende Klasse konsolidieren konnte.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26sup>26</sup></a></p>
<p><strong>Entwicklungsphasen</strong><br />
Dieses staatskapitalistische Entwicklungsmodell war freilich kein russisches Spezifikum. Eingebettet in den Rahmen einer Periodisierung entlang der widerspr&#252;chlichen Tendenzen zur staatlichen Integration und zur Internationalisierung des Kapitals erscheint die sowjetische Kommandowirtschaft nicht mehr als einzigartiges „nicht-kapitalistisches Anderes“, sondern als extreme Auspr&#228;gung bestimmter Phasentendenzen des Weltkapitalismus. Im Hinblick auf die Weltwirtschaft kann historisch zwischen verschiedenen Phasen des kapitalistischen Staatensystems unterschieden werden, die eng mit den Krisenzyklen der Weltwirtschaft zusammenh&#228;ngen.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts lassen sich schemenhaft drei verschiedene Phasen ausmachen: Eine erste Phase zwischen 1870 und 1929 war von einer Ausdehnung staatlicher Interventionen in die &#214;konomie gepr&#228;gt. Die starke Verschr&#228;nkung von Staat und &#214;konomie, im 20. Jahrhunderts besonders durch die weltweiten Monopolbildungen verdeutlicht, spielten schon in den Imperialismusdebatten dieser Zeit – etwa bei Nikolai Bucharin, Rosa Luxemburg oder Rudolf Hilfering – eine wesentliche Rolle. Staatseigentum – so der allgemeine Konsens – bedeutet, insofern es sich nicht unter demokratischer Kontrolle befindet, h&#246;chstens andere rechtliche Rahmenbedingungen f&#252;r die Produktion, nicht aber das Ende der kapitalistischen Wirtschaft. Eine zweite Phase ist ab den 1930er Jahren zu erkennen, „in der als Folge von Weltwirtschaftskrise und R&#252;stungsproduktion die Hochphase ‚staatskapitalistischer‘ Regulierung eingeleitet wurde, die jedoch in den 1970ern an ihre Grenzen stie&#223;“.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> Folgt man der Argumentation von Tobias ten Brink, ist diese zweite Phase als eine Reaktion der kapitalistischen Staatenauf die durch die Weltwirtschaftskrise hervorgerufenen Instabilit&#228;ten dieser Zeit zu verstehen.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Seit Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts, im Zuge der Krise des Fordismus und der darauf folgenden neoliberalen Wende, erfuhr das Verh&#228;ltnis zwischen Politik und &#214;konomie erneut eine Ver&#228;nderung, so dass von einer dritten Phase gesprochen werden kann. Aus dieser groben Unterscheidung dreier Stadien l&#228;sst sich entnehmen, dass die Tendenz zu staatskapitalistischen Wirtschaftsformen nicht allein spezifisch f&#252;r die Sowjetunion war, sondern ein wesentliches Phasenmerkmal des kapitalistischen Staatensystems ab den 1930er Jahren darstellte.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Die Sowjetunion sowie die Ostblockstaaten repr&#228;sentierten in diesem Rahmen wohl die ausgepr&#228;gteste Form des Staatsinterventionismus. Nach der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre war ein allgemeiner Trend der bedeutsamen Volkswirtschaften in Richtung Abschottung vom Weltmarkt festzustellen, welcher wiederum – vor dem Hintergrund der Krise – Sicherheit bedeuten konnte. Nicht nur in der UdSSR erlaubten staatliche Interventionen und die Zentralisierung von Investitionsentscheidungen einen massiven Anstieg der Produktion.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a><br />
Die im Falle der Sowjetunion mehr oder weniger unfreiwillige – weil als Ergebnis der internationalen Isolation zu begreifende – „Politik der Autarkie“ traf also paradoxerweise zu Beginn der 1930er Jahre auf weltwirtschaftlich g&#252;nstige Bedingungen. Das oberste politische Ziel der sowjetischen Wirtschaftspolitik bestand darin, die &#246;konomische Entwicklung des Westens zuerst aufzu- und anschlie&#223;end zu &#252;berholen. Und tats&#228;chlich entwickelte sich die Sowjetunion, werden die BIP-Wachstumsraten betrachtet, ziemlich rasch.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Ein Grund hierf&#252;r lag in der kombinierten und ungleichm&#228;&#223;igen Entwicklung des Kapitalismus: f&#252;r &#246;konomisch sich sp&#228;t entwickelnde Staaten war es zum Teil m&#246;glich, Technologien und andere Mittel von st&#228;rker industrialisierten Staaten zu &#252;bernehmen, um die eigene Entwicklung anzukurbeln. Zudem verhalf dieser spezielle Umstand der Sowjetunion auch noch zu dem ideologischen Argument, Russland h&#228;tte sich als resistent gegen die gro&#223;e Wirtschaftsdepression Ende der 20er Jahre erwiesen.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> So kann festgehalten werden, dass das Bestehen bzw. die Entwicklung der Sowjetunion sowie der osteurop&#228;ischen Blockstaaten im Rahmen der sich wandelnden Weltwirtschaft erkl&#228;rt werden kann: Die Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er erlaubte einen Aufholprozess, der jedoch – nachdem eine Erholung des Weltmarktes nach 1945 stattgefunden hatte – mit etwas Verz&#246;gerung an sein Ende gelangte. War die Politik der Autarkie eine Zeit lang relativ erfolgversprechend, bedeutete die Nichtteilnahme an der zunehmenden Internationalisierung und der damit einhergehenden internationalen Arbeitsteilung eine immer ineffizientere Kapitalakkumulation. Dies galt jedoch, wenn auch in unterschiedlichen Graden, nicht blo&#223; f&#252;r die UdSSR, sondern f&#252;r die verschiedenen Spielarten des Plan- und Entwicklungsstaates, der nach einer Phase des Wiederaufbaus und Nachkriegsaufschwungs in die Krise geriet.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a><br />
Parallel zur allgemeinen Tendenz der Abschottung verlief der Aufbau einer riesigen Kriegsindustrie. Der R&#252;stungswettbewerb stellte von Anfang an ein wesentliches Kennzeichen der geopolitischen Konkurrenz im weltweiten kapitalistischen Staatensystem dar, doch ist etwa ab Mitte der 1930er Jahre eine Intensivierung bzw. der Beginn einer mehr oder weniger weltweiten „permanenten R&#252;stungswirtschaft“ feststellbar, die im Kalten Krieg ihren vorl&#228;ufigen H&#246;hepunkt fand.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Diese geopolitisch-milit&#228;rische Konkurrenz spielte keine unwesentliche Rolle f&#252;r das Bestreben der Sowjetunion, die &#246;konomische Marktkonkurrenz zu umgehen. Gleichzeitig zeigt das Beispiel des internationalen Wettr&#252;stens am deutlichsten, dass die Sowjetunion nicht blo&#223; durch endogene, sondern auch durch exogene Bewegungsgesetze angetrieben wurde.<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a> „Tats&#228;chlich h&#228;ngt die stalinistische Planung … von Faktoren ab, die au&#223;erhalb ihrer Kontrolle liegen, n&#228;mlich von der Weltwirtschaft, der internationalen Konkurrenz“.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> Die Planung war demnach keineswegs willk&#252;rlich, sondern Investitionsentscheidungen waren wesentlich von weltpolitischen Rivalit&#228;ten gepr&#228;gt. Folglich dr&#252;ckten sich „die kapitalistischen Akkumulationszw&#228;nge … in einer ‚verschobenen‘ Form aus, in einem erbitterten Drang nach ‚Gebrauchswerten‘, genauer gesagt [in] der Schaffung von Destruktionsmitteln.<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> Kriegsmaterialien, an denen der Staat als Verbraucher interessiert war, wurden zum Ziel der Produktion erhoben. Sie sollten dem eigentlichen Bestreben, n&#228;mlich dem Sieg im milit&#228;rischen und geopolitischen Konkurrenzkampf, dienen. „Gebrauchswerte werden also zum Ziel der Produktion, bleiben aber nach wie vor [blo&#223;e] Mittel im Konkurrenzkampf.“<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a></p>
<p><strong>Wertgesetz?</strong><br />
Hier soll nun ausf&#252;hrlicher gezeigt werden, wie zum einen die Zw&#228;nge des Wertgesetzes, vermittelt durch die geopolitische Konkurrenz, die Allokationsentscheide und Investitionspriorit&#228;ten der sowjetischen Planungsb&#252;rokratie anleiteten, und wie zugleich die im Unterschied zu den westlichen Kapitalismen extrem ausgepr&#228;gte b&#252;rokratische Deformation des Wertgesetzes ganz spezifische Entwicklungsmuster der sowjetischen Kommandowirtschaft verst&#228;ndlich machen.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> Mit dem oft &#252;berstrapazierten Begriff „Wertgesetz“ wird ganz einfach der aus der Konkurrenz entstehende Druck auf die einzelnen Produktionseinheiten bezeichnet, sich auf die Produktivit&#228;tsniveaus jeder anderen Produktionseinheit zu beziehen. Weil als gesellschaftliche und somit wertbildende Arbeit nicht die konkret verausgabte Privatarbeit, sondern abstrakte gesellschaftlich notwendige Arbeit gem&#228;&#223; durchschnittlicher Produktivit&#228;t gilt, zwingt der externe Druck der Konkurrenz die einzelnen Produktionseinheiten zur Reinvestition von Mehrwert – sich also „als Kapital zu verhalten“<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a> – und die Produktivit&#228;tsniveaus an den gesellschaftlichen Durchschnitt anzugleichen. Das Wertgesetz manifestiert sich somit als Mechanismus der Allokation gesellschaftlicher Arbeit auf die unterschiedlichen Branchen und Einheiten der Produktion.<br />
In welchem Sinn wirkten diese Mechanismen in der sowjetischen &#214;konomie? Solange wir die Sowjetunion in Isolation von Weltmarkt und Staatensystem betrachten, scheint es, als h&#228;tten wir es tats&#228;chlich mit einer nicht-kapitalistischen &#214;konomie zu tun.<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> Die Allokation von Ressourcen geschieht b&#252;rokratisch geplant und unabh&#228;ngig von Produktivit&#228;t und Profitabilit&#228;t. Die Arbeitsprodukte einzelner Produktionseinheiten werden nicht durch Marktmechanismen im Tausch aufeinander bezogen, sondern zentral koordiniert, individuelle Privatarbeit gilt unmittelbar als gesellschaftliche Arbeit. Weil zugleich die &#246;konomischen Beziehungen der sowjetischen Wirtschaft zum Weltmarkt nur schwach ausgepr&#228;gt waren, kann demnach die Marktkonkurrenz nicht als externer Druck wirken, der die Produktionseinheiten zwingt, sich als Kapital zu verhalten.<br />
Sobald jedoch der Staat und die zwischenstaatliche Konkurrenz nicht als blo&#223;er „&#220;berbau“ verhandelt werden, ver&#228;ndert sich das Bild. Prinzipiell gibt es weder theoretisch noch historisch ein stichhaltiges Argument, warum nicht auch andere als Marktmechanismen den st&#228;ndigen Vergleich und die Gleichsetzung individueller Privatarbeiten vermitteln k&#246;nnen. Wie wir gesehen haben, hat in bestimmten Entwicklungsphasen des Kapitalismus die unmittelbare Funktion des Marktes, verschiedene Produktionsprozesse zueinander in Beziehung zu setzen, stark an Bedeutung verloren. Am deutlichsten ausgepr&#228;gt in den „Kriegswirtschaften“ der 1930er und 1940er Jahre war es letztlich die geopolitische Konkurrenz, die die <em>staatlich vermittelte</em> Durchsetzung der Wertgesetzm&#228;&#223;igkeiten organisierte. Zwar konnte der Staat hier Preise fixieren, so dass Produktivit&#228;t und Profitabilit&#228;t unmittelbar keine allokative Funktion erf&#252;llten; dennoch mussten sich staatlich koordinierte Planungsentscheide auch hier notwendig an den durchschnittlichen Bedingungen <em>im Weltma&#223;stab </em>orientieren. Der Staat zwang also die Produktionseinheiten, sich so zu verhalten, als ob sie sich am Markt behaupten m&#252;ssten – er zwingt ihnen das Wertgesetz auf. Wie Chris Harman ausf&#252;hrt: „Kein moderner Staat kann zulassen, dass die Mechanismen des Marktes – des Wertgesetzes – ihre F&#228;higkeit zur Kriegsf&#252;hrung zerst&#246;ren &#8230; Das Wertgesetz, das aus der inneren Funktionsweise des Gro&#223;konzerns oder der milit&#228;rischen Planung des Staats verbannt ist, &#252;bt nichtsdestotrotz einen entscheidenden bestimmenden Druck von au&#223;en aus. Die Richtung der ‚Planung‘ ist nicht beliebig. Sie muss Unternehmen und Staaten erm&#246;glichen, langfristig mit anderen milit&#228;risch oder &#246;konomisch zu konkurrieren.”<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> Insofern kann die sowjetische Wirtschaft als Extremfall einer „mobilisierten Kriegswirtschaft“<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> charakterisiert werden. Seit 1929 war die russische Wirtschaft Zw&#228;ngen unterworfen, die in erster Linie aus den geopolitischen Konkurrenzverh&#228;ltnissen mit dem westlichen Kapitalismus entsprangen. Der Vergleich individueller Privatarbeiten und die Reduktion auf abstrakte gesellschaftliche Arbeit vollzog sich vermittelt durch und transponiert auf die geopolitischen Konkurrenzverh&#228;ltnisse der Staaten.<br />
Somit wird deutlich, dass die (reaktiven) Planungsentscheide der sowjetischen B&#252;rokratie nicht im luftleeren Raum ausgeheckt wurden – der Fokus auf die Entwicklung der Schwerindustrie kann z.B. eben nicht psychologisch aus irgendwelchen metallischen Vorlieben der Stalinisten erkl&#228;rt werden. Die politischen Entscheidungen der B&#252;rokratie waren durch die Konkurrenz bestimmt, auch wenn diese nicht die Form im strengen Sinn &#246;konomischer Markt-Konkurrenz annahm.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a> Aber die Konkurrenzverh&#228;ltnisse waren <em>kapitalistische </em>Konkurrenzverh&#228;ltnisse, weil sie den st&#228;ndigen Vergleich der Produktivit&#228;tsniveaus im Weltma&#223;stab und die konstante Transformation des Produktionsprozesses erforderten.<br />
Der Plan repr&#228;sentierte nicht die <em>Substitution </em>der Konkurrenz, sondern gerade den Mechanismus, durch den sich die globalen Konkurrenzverh&#228;ltnisse in den Planungsentscheiden durchsetzen. Wie es der Ghostwriter von Brezhnevs Memoiren ausdr&#252;ckte: „es gab die allgemeine Erkenntnis, dass wir in unserer Planung daran gebunden waren, nicht davon auszugehen was ‚m&#246;glich‘ war, sondern davon, was n&#246;tig war.“<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> Gareth Dale betont: „das Ausma&#223; der Ressourcen, die jedem Investitionsprojekt zugeteilt wurden, [wurde] weniger dadurch bestimmt, was die &#214;konomie tragen konnte, sondern durch die Standards, die die Konkurrenten setzten.“<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a><br />
Zur Charakterisierung bestimmter Gesellschaften als kapitalistisch hilft daher ein formalistischer Ansatz nicht weiter, der in Form einer Checkliste die Kategorien des <em>Kapital </em>den konkreten Gesellschaftsformationen entgegenh&#228;lt. Wer die Frage nach der Wirksamkeit des Wertgesetzes in der UdSSR in der Form „Gibt es Warenproduktion in der UdSSR?“ stellt, stellt sie auf k&#252;nstliche und statische Weise. Tats&#228;chlich: wenn wir die Produktion in der UdSSR <em>in Isolation</em> betrachten, dann handelt es sich nicht um die Produktion von Tauschwerten, sondern die Produktion von Gebrauchswerten als Ergebnis zentral koordinierter <em>konkreter </em>Arbeiten. Aber sobald wir die Analyse auf die Ebene der internationalen Konkurrenz heben, sehen wir, dass G&#252;ter in der UdSSR die gesellschaftliche Rolle von Waren annehmen – als Verk&#246;rperung abstrakter Arbeit. Die russische B&#252;rokratie <em>vergleicht </em>die Kosten zur Produktion von G&#252;tern in der UdSSR mit den Produktionskosten anderswo, und dieser Vergleich bezieht die konkreten Arbeiten auf abstrakte Arbeit im Weltma&#223;stab. Daher wird jede Ver&#228;nderung im Produktionsprozess im Westen auch Ver&#228;nderungen im Produktionsprozess in Russland erzwingen – und <em>vice versa</em>. Sicherlich gestaltete sich die b&#252;rokratische Durchsetzung der Wertgesetzm&#228;&#223;igkeiten als schwierig, und die durchstaatlichte Organisation der Wirtschaft bedingte spezifische Modifikationen in deren Wirkungsweise in der <em>internen </em>Funktionsweise der Sowjet&#246;konomie. Da die zentralstaatliche Administration der Wirtschaft – zumindest in der Investitionsg&#252;terindustrie (bei Marx „Abteilung I“ genannt) – den Zusammenhang von Produktion und Verkauf garantierte, konkrete Arbeit somit unmittelbar als gesellschaftliche Arbeit validierte, konnte auch Geld keine unabh&#228;ngige Funktion als allgemeines &#196;quivalent annehmen. Es blieb somit auf die Funktionen als Wertma&#223; und Zirkulationsmittel beschr&#228;nkt<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a>, und auch Profite hatten angesichts fehlender genuiner Preise den Charakter k&#252;nstlicher Konstruktionen.<br />
Begleitet war diese b&#252;rokratische Deformation des Werts durch die b&#252;rokratische Deformation des Gebrauchswerts. Wenn Produktion und Verkauf nicht auseinanderfallen konnten, so repr&#228;sentierten die produzierten G&#252;ter immer schon Gebrauchswerte <em>f&#252;r jemanden</em>. W&#228;hrend sich im Tausch am Markt erst herausstellen muss, ob ein Produkt ein gesellschaftliches Bed&#252;rfnis befriedigt, sprang hier der Staat ein. Nicht zuletzt aus diesen b&#252;rokratischen Deformationen – die h&#246;chstens quantitativ spezifisch f&#252;r die Sowjet&#246;konomie sind – erkl&#228;rt sich dann auch zu einem Gutteil das enorme Ausma&#223; ineffektiver und defektiver Produktion, das die sowjetische Wirtschaft kennzeichnete.<a title="anm_49" name="anm_49" href="#anm49"><sup>49</sup></a><br />
Dennoch haben gerade j&#252;ngere Forschungen auf die Existenz informeller horizontaler Beziehungen zwischen den einzelnen Produktionseinheiten der Sowjet-&#214;konomie hingewiesen, die halfen, jene durch die b&#252;rokratisch integrierte Organisation der Wirtschaft bedingten Ineffizienzen auszugleichen. Robert Whitesell etwa hat einen Quasi-Markt beschrieben, der nicht durch Preissignale operierte, sondern durch G&#252;tertausch als Antwort auf Engp&#228;sse der Wirtschaft. „Dieser Handelsverkehr … funktioniert auf Grundlage impliziter Tauschpreise [<em>barter prices</em>], die reale relative Produktivit&#228;ten reflektieren, und dadurch die Input-Allokation gegen&#252;ber den Planvorgaben verbessern.”<a title="anm_50" name="anm_50" href="#anm50"><sup>50</sup></a> Durch diese Mechanismen habe die Sowjetunion ein Niveau allokativer Effizienz erreicht, das sich nicht signifikant vom Westen unterschieden habe.<a title="anm_51" name="anm_51" href="#anm51"><sup>51</sup></a><br />
Auf Grundlage &#228;hnlicher Argumente haben bestimmte marxistische Theorien &#252;ber die Sowjetunion deren kapitalistischen Charakter im Wesentlichen in den internen „Konkurrenzverh&#228;ltnissen“ autonomer Produktionseinheiten (die als Konkurrenz „vieler Kapitalien“ konzeptualisiert wird) zu verorten versucht. (z.B. Paresh Chattopadhyay oder Neil Fernandez).<a title="anm_52" name="anm_52" href="#anm52"><sup>52</sup></a> Bei allen Einsichten im Detail halten wir den theoretischen Einstiegspunkt und methodischen Nationalismus dieser Ans&#228;tze dennoch f&#252;r grundfalsch. Zwar ist wichtig herauszustellen, dass der „Planungsprozess auch ein kompetitiver Prozess [war], der sich in den Auseinandersetzungen zwischen zentralem Plan und den Interessen der lokalen Manager, zwischen Managern, zwischen Managern und Arbeitern sowie zwischen Arbeitern und dem Arbeitsmarkt manifestierte.“ Der spezifisch kapitalistische Charakter der sowjetischen Wirtschaft entschl&#252;sselt sich aber nicht aus den internen Tauschverh&#228;ltnissen der einzelnen Produktionseinheiten, sondern aus den geopolitisch vermittelten und staatlich durchgesetzten Zw&#228;ngen, die staatliche Investitionspriorit&#228;ten diktierten und erforderten, die einzelnen Produktionseinheiten unter einer „&#252;berspannenden Akkumulationsstrategie“ <a title="anm_53" name="anm_53" href="#anm53"><sup>53</sup></a> zu organisieren.<a title="anm_54" name="anm_54" href="#anm54"><sup>54</sup></a></p>
<p><strong>Lohnarbeit und Arbeitsmarkt</strong><br />
Die blo&#223;e Inklusion eines Landes in eine kapitalistische Weltordnung reicht dennoch noch nicht aus, um eine soziale Formation als kapitalistisch zu bezeichnen. Zur Illustration sei hier ein Beispiel genannt: In Osteuropa, und zwar in der &#196;ra der zweiten Leibeigenschaft (1500-1800), f&#252;hrte das Aufkommen eines gesamteurop&#228;ischen Marktes f&#252;r Getreide zwischen kapitalistischen bzw. sich modernisierenden Staaten und die Integration in diesen Markt nicht zu kapitalistischen Dynamiken. Im Gegenteil blieben in Osteuropa feudale Produktionsverh&#228;ltnisse trotz massiver Getreideexporte, also trotz einer Einbindung in den Weltmarkt, bestehen.<a title="anm_55" name="anm_55" href="#anm55"><sup>55</sup></a> In Russland sahen die Verh&#228;ltnisse anders aus. In der Sowjetunion sowie in den Ostblockstaaten wurde der Mehrwert – ebenso wie in den anderen kapitalistischen L&#228;ndern auch – durch die Lohnform von den direkten ProduzentInnen abgepresst. Der offiziellen sowjetischen Theorie zufolge durfte Arbeitskraft keine Ware sein.<a title="anm_56" name="anm_56" href="#anm56"><sup>56</sup></a> Wird jedoch ein Blick auf empirische Untersuchungen zur konkreten Form der Arbeitsverh&#228;ltnisse geworfen, besteht kaum Zweifel daran, dass die Arbeitskraft in der UdSSR durchaus Warenform annahm. Dieser Ansatz ist allerdings nicht unumstritten. H&#228;ufig wurde argumentiert, dass die Tyrannei des stalinistischen Regimes die ArbeiterInnen eher als SklavInnen erscheinen lasse denn als ArbeiterInnen.<a title="anm_57" name="anm_57" href="#anm57"><sup>57</sup></a> Es ist richtig, dass die sowjetische ArbeiterInnenschaft nicht das Recht hatte, sich zu organisieren, und auch sonst kaum bis gar keine demokratischen Freiheiten genoss. Doch sind diese – auch wenn es bez&#252;glich demokratischer Mitbestimmung verschiedene Abstufungen gibt – nun gerade kein Charakteristikum, das den weltweiten Kapitalismus auszeichnen w&#252;rde. Es sind andere Kriterien, die in der Debatte um Lohnarbeit in der UdSSR ausschlaggebend sind und folglich einer Untersuchung bed&#252;rfen. Damit Arbeitskraft zur Ware wird, m&#252;ssen zwei Bedingungen gegeben sein: Erstens muss es Menschen geben, die als Eigent&#252;merInnen &#252;ber ihre Arbeitskraft verf&#252;gen, ihre Arbeitskraft also verkaufen k&#246;nnen. F&#252;r SklavInnen oder leibeigene B&#228;uerInnen w&#228;re dies nicht m&#246;glich, da sie keine rechtlich freien Personen sind. Zweitens muss es Menschen geben, die „frei“ von Produktionsmitteln und daher gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Diese „doppelte Freiheit“ &#228;u&#223;ert sich darin, dass die eigene Arbeitskraft – im Unterschied zu der eines/r SklavIn oder Leibeigenen – stets nur f&#252;r bestimmte Zeit verkauft wird. Das Problem, das sich nun f&#252;r Sowjetrussland stellt, ist folgendes: Wenn es tats&#228;chlich nur einen Unternehmer – den Staat – gab, w&#228;re ein „Wechsel des Lohnherrn“ sowie der periodische Verkauf der Arbeitskraft blo&#223;e Formalit&#228;t.<a title="anm_58" name="anm_58" href="#anm58"><sup>58</sup></a> Die Situation in der UdSSR stellte sich jedoch weitaus komplexer dar, als dass der Staat schlicht mit einer gro&#223;en Fabrik gleichgesetzt werden k&#246;nnte. Die Sowjetunion war eine National&#246;konomie, und als solche stand sie Problemen der effektiven Verteilung von Arbeitskr&#228;ften auf die verschiedenen Produktionszweige gegen&#252;ber. H&#228;tte diese Verteilung systematisch und ausschlie&#223;lich auf Zwang basiert, k&#246;nnte tats&#228;chlich nicht von LohnarbeiterInnen, sondern m&#252;sste viel eher von einer Art Staats-SklavInnen gesprochen werden.<a title="anm_59" name="anm_59" href="#anm59"><sup>59</sup></a> Dies war jedoch nicht der Fall. Es l&#228;sst sich zeigen, dass jene oben erw&#228;hnten Voraussetzungen f&#252;r das Bestehen von Arbeitskraft als einer Ware durchaus gegeben waren. Erstens ist davon auszugehen, dass die Mobilit&#228;t der Arbeitskraft in keinem hoch entwickelten, kapitalistischen Land uneingeschr&#228;nkt ist – ganz zu schweigen von den Bewegungsm&#246;glichkeiten der ArbeiterInnen zwischen den verschiedenen L&#228;ndern. Deutlich wird dies vor allem in Kriegszeiten, wenn – in kapitalistischen Staaten – die Mobilit&#228;t der Arbeitskr&#228;fte besonders streng reguliert wird.<a title="anm_60" name="anm_60" href="#anm60"><sup>60</sup></a> Zweitens besteht kein Zweifel daran, dass in der Sowjetunion Zwangsarbeit in zahlreichen Formen und Abstufungen – und in besonders hohem Ausma&#223; w&#228;hrend der Stalin-&#196;ra – existierte. Zwangsarbeit wurde jedoch nie zur dominierenden Form der Ausbeutung in der UdSSR.<a title="anm_61" name="anm_61" href="#anm61"><sup>61</sup></a><br />
Wenn Lohnarbeit existiert hat, dann muss es auch einen Arbeitsmarkt gegeben haben. Mit dem ersten F&#252;nfjahresplan nahm die zentralwirtschaftliche Planung zweifelsohne ein neues Ausma&#223; an. Doch wusste „das Zentrum nicht immer genau …, was in der mikro-&#246;konomischen Sph&#228;re getan werden muss[te], und [deshalb sollte man] einer Art Marktbeziehungen der Unternehmen untereinander und zwischen Unternehmen und Konsumenten Raum geben“.<a title="anm_62" name="anm_62" href="#anm62"><sup>62</sup></a> Tats&#228;chlich kann der Staat nicht als ein monolithischer Arbeitgeber verstanden werden. In der Praxis konkurrierten Ministerien und Unternehmen – die den Ministerien in der Regel unterstanden<a title="anm_63" name="anm_63" href="#anm63"><sup>63</sup></a> – um Arbeitskr&#228;fte. In dieser Situation wirkten Marktkr&#228;fte, also Angebot und Nachfrage bez&#252;glich unterschiedlicher konkreter Arbeitsleistungen, die sich auf die L&#246;hne auswirkten. Damit sich die Arbeitskr&#228;fte so verteilten, wie es den auszuf&#252;hrenden Planvorgaben entsprach, wurden verschiedene Anreize geschaffen. Einerseits gab es offizielle, von Seiten der Regierung vorgegebene, Ab&#228;nderungen der Lohnskalen, um das Angebot zu stimulieren. So waren z.B. angesichts des schlechten Versorgungsniveaus und anderen Unannehmlichkeiten wenige Menschen bereit, in Sibirien zu arbeiten. „Es wurde [also] notwendig, den regionalen Aufschlag und damit den Lohnfonds f&#252;r Unternehmen mit Standort in Sibirien zu erh&#246;hen“.<a title="anm_64" name="anm_64" href="#anm64"><sup>64</sup></a> Auf der anderen Seite – da offizielle &#196;nderungen doch verh&#228;ltnism&#228;&#223;ig selten vorkamen oder vielleicht schlicht und einfach und nicht dem &#246;rtlichen Bedarf entsprachen – bem&#252;hten sich einzelne Unternehmen bzw. Betriebsleiter, die offiziellen Lohnskalen zu umgehen.<a title="anm_65" name="anm_65" href="#anm65"><sup>65</sup></a> Auch wenn derartigen Unternehmungen Grenzen gesetzt waren, konnten doch zus&#228;tzliche Anreizmechanismen geschaffen werden: mit Hilfe von Neueinstufungen in h&#246;here Qualifikations- und also Gehaltsklassen, mit leicht erreichbaren Akkords&#228;tzen, Pr&#228;miensystemen, Extrazahlungen, privilegiertem Zugang zu G&#252;tern und Dienstleistungen usw. wurde versucht, die Distribution der Arbeitskr&#228;fte zu beeinflussen.<a title="anm_66name="anm_66" href="#anm66"><sup>66</sup></a> Folglich ist es nicht weiter verwunderlich, dass etliche Unregelm&#228;&#223;igkeiten in den Lohnverh&#228;ltnissen auftraten, so dass z.B. gleiche Arbeiten unterschiedlich bezahlt wurden, je nach dem Ministerium, dem der betreff ende Betrieb unterstellt war.<a title="anm_67" name="anm_67" href="#anm67"><sup>67</sup></a> Die Voraussetzung f&#252;r all dies besteht allerdings darin, dass nicht mit einer geplanten Arbeitsmobilit&#228;t zu rechnen war. Arbeitskr&#228;fte konnten in der Regel k&#252;ndigen und eine neue Besch&#228;ftigung suchen.<a title="anm_68" name="anm_68" href="#anm68"><sup>68</sup></a> „Heute entspricht es einem historiographischen Allgemeinplatz anzuerkennen, dass sowjetische ArbeiterInnen immer zwischen Betrieben umhergezogen sind und dass sogar in der Periode der schlimmsten drakonischen Arbeitsgesetzgebungen unter Stalin eine relativ hohe Fluktuation am Arbeitsplatz geherrscht hat“.<a title="anm_69" name="anm_69" href="#anm69"><sup>69</sup></a> Es gab durchaus verschiedene Ausweissysteme und Zuzugsgenehmigungen in der Sowjetunion. Sie waren dazu gedacht, unkontrollierte Einwanderung in Gro&#223;st&#228;dte sowie Landflucht zu verhindern bzw. zumindest zu regulieren. Ausf&#252;hrliche Statistiken dokumentieren jedoch, dass Millionen Menschen j&#228;hrlich ihren Arbeitsplatz wechselten.<a title="anm_70" name="anm_70" href="#anm70"><sup>70</sup></a> Auch wenn es nicht unbedingt im Einklang mit dem Plan stand, gab es demzufolge ArbeiterInnen, die von Region zu Region zogen, sowie einen steten Drift von vor allem jungen Menschen von l&#228;ndlichen Gegenden in die Stadt.<a title="anm_71" name="anm_71" href="#anm71"><sup>71</sup></a> All diese Anhaltspunkte weisen darauf hin, dass in der UdSSR ein hoch entwickelter Arbeitsmarkt und mit diesem eben auch Lohnarbeit existiert hat.<br />
Den Lohn erhielten die ArbeiterInnen in Form von Geld. Dieses fungierte tats&#228;chlich auch als solches – d.h. es handelte sich nicht etwa um Warengutscheine, die nur gegen bestimmte, vorgegebene G&#252;ter eingetauscht werden konnten. So war es m&#246;glich, L&#246;hne in Staatsl&#228;den auszugeben, in denen frei zwischen verschiedenen Produkten – auch wenn Verknappungen keine Seltenheit waren – gew&#228;hlt werden konnte. Die Preise spielten hier eine aktive Rolle und beeinflussten die Kaufentscheidungen der KonsumentInnen. Diese wirkten sich dann wiederum indirekt auf die Produktionspl&#228;ne aus.<a title="anm_72" name="anm_72" href="#anm72"><sup>72</sup></a> Selbst wenn also, wie es in diesem Abschnitt versucht wurde, die UdSSR in Isolation – sprich unter Abstraktion von der kapitalistischen Welt&#246;konomie – betrachtet wird, kommt man zu dem Ergebnis, dass es Lohnarbeit und einen entwickelten Markt f&#252;r Arbeitskraft und Konsumg&#252;ter gab.</p>
<p><strong>Krisendynamiken</strong><br />
Die beiden letzten Abschnitte haben gezeigt, dass die Sowjetunion eine Klassengesellschaft war, die von der kompetitiven Logik kapitalistischer Akkumulation bestimmt wurde. Als solche wies sie auch typisch kapitalistische Krisentendenzen und -dynamiken auf. Hierbei scheint es sinnvoll, zwischen kurzfristigen Zyklen („Planzyklen“) und langfristigen Trends zu unterscheiden, sowie die spezifischen Entwicklungsmuster aus der Interaktion interner Strukturen und sich ver&#228;ndernden externen Bedingungen zu erkl&#228;ren.<a title="anm_73" name="anm_73" href="#anm73"><sup>73</sup></a> Der Versuch, mit den entwickelten Kapitalismen zu konkurrieren, zog in den stalinistischen Kommando&#246;konomien einen permanenten Trend zur &#220;berinvestition nach sich, wobei das exzessive Investitionsniveau unweigerlich wachsende Engp&#228;sse an Rohstoffen, Halbfertigprodukten und Arbeitskr&#228;ften bedeutete. Der Nachfrage&#252;berschuss f&#252;hrte zu inflation&#228;rem Druck, der sich direkt in steigende Preise &#252;bersetzte, oder „versteckt“ als akute G&#252;terknappheit artikulierte. Ohne staatliche Intervention h&#228;tte diese Tendenz zur &#220;berinvestition schlie&#223;lich in die Stilllegung ganzer Betriebe und Sektoren umschlagen m&#252;ssen. Aber wie im Westen w&#228;hrend des langen Booms versuchte der Staat auch hier, die &#214;konomie „abzuk&#252;hlen“. Er ordnete an, bestimmte Investitionen „einzufrieren“ und Ressourcen umzulenken. Das bedeutete, dass Fabriken pl&#246;tzlich von einer Art Output auf eine andere umgestellt wurden (oder dass manche Projekte einfach auf Jahre unfertig blieben). Der Mythos der vorausschauenden Planung wurde durch die Realit&#228;t der reaktiven Allokation <em>a posteriori</em> konterkariert, die wiederholte Verlagerungen von Inputs und Outputs – mit der Begleiterscheinung hoher Verschwendungsproduktion – beinhaltete. In Reaktion auf die unberechenbaren Entscheidungen der Planungsb&#252;rokratie begannen Fabriksleitungen Ressourcen zu horten und versch&#228;rften damit die Ineffizienz der Wirtschaft noch weiter. Die kurzfristige L&#246;sung bestand ganz einfach in drastischen Angriff en auf den Lebensstandard der ArbeiterInnen oder Versuchen der Effizienzsteigerung durch Technologie-Importe von westlichen Unternehmen, die im Gegenzug freilich Handlungsr&#228;ume jenseits der b&#252;rokratisch zentralisierten Verwaltung einforderten.<br />
Langfristig unterminierte diese &#220;berinvestitionstendenz den Prozess kapitalistischer Akkumulation selbst. In der steigenden Wertzusammensetzung des Kapitals – und zunehmendem fixen Kapital – ist, so hat Marx im dritten Band des Kapital ausgef&#252;hrt, der tendenzielle Fall der Durchschnittsprofitrate angelegt.<a title="anm_74" name="anm_74" href="#anm74"><sup>74</sup></a> In „klassischen freien Marktwirtschaften“ w&#252;rden im Zuge dessen Investitionsraten fallen. Abgesehen von der Tatsache, dass in der Sowjetunion auf der Ebene einzelner Betriebe „Mehrwert“ und „Profit“ durch Verzerrungen der Preisstruktur modifiziert waren und die b&#252;rokratische Verwaltung die von Profitabilit&#228;ts&#252;berlegungen motivierte Mobilit&#228;t von Kapital zwischen Produktionssektoren (und somit die Herausbildung einer durchschnittlichen Profitrate) unterband, ist f&#252;r unsere Diskussion entscheidend, dass die sowjetische Planungsb&#252;rokratie das gesamte Surplus unabh&#228;ngig von Profitabilit&#228;ts&#252;berlegungen weiterhin investierte und somit zwar bis in die 1970er hohe Wachstumsraten garantieren konnte, langfristig jedoch die grundlegenden Probleme sowie die Durchschlagskraft zyklischer Fluktuationen versch&#228;rfte.<br />
Die Mechanismen, durch die diese Widerspr&#252;che in „freien Marktwirtschaften“ tempor&#228;r gel&#246;st werden, sind in erster Linie jene durch die Krise selbst bedingten Rationalisierungen des Systems: Bankrotte ineffizienter Unternehmen, Kapitalabwertung, Restrukturierung. Gerade diese Mechanismen k&#246;nnen jedoch in staatskapitalistischen &#214;konomien nicht greifen. Tendenziell gilt das freilich f&#252;r alle modernen Kapitalismen, wie auch die Debatten im Zuge der j&#252;ngsten Wirtschaftskrise zeigen: soll der Staat bankrotte Unternehmen auffangen, oder riskieren, dass der Kollaps von Riesenkonzernen andere mit in den Abgrund rei&#223;t?<br />
Chris Harman schreibt: „Der Staat … interveniert, um diejenigen Unternehmen &#252;ber Wasser zu halten, die durch die Marktkr&#228;fte untergehen w&#252;rden. Aber der Staat kann das nur tun, wenn er die Kosten der Rettungsaktionen beinahe bankrotter Firmen mit einem Teil des Mehrwerts bezahlt, der ansonsten unter den anderen Unternehmen verteilt w&#252;rde. Die Rationalisierung des Systems wird nicht l&#228;nger durch die Destruktion einiger Kapitalien zugunsten der anderen bezahlt, sondern durch Einschnitte in die Profitraten aller Kapitalien. Die zyklische Krise versch&#228;rft die langfristige Tendenz fallender Profitraten, statt sie abzumildern.”<a title="anm_75" name="anm_75" href="#anm75"><sup>75</sup></a> F&#252;r die b&#252;rokratischen &#214;konomien des Ostblocks ist die Situation noch schwieriger. Der Staat ist das einzige Kapital; die staatliche Industrie muss also die Kosten der Elimination ihrer eigenen ineffizienten Sektoren tragen und das zieht die Wachstumsraten noch weiter nach unten.<br />
Gleichzeitig bedeutete die enorme weltweite Produktivkraftentwicklung, dass die sowjetische &#214;konomie die Effizienz der westlichen Gro&#223;konzerne nur durch massive Investitionsprojekte erreichen konnte. Der Druck zur &#220;berinvestition steigt, und die Investitionen sind in wenigen riesigen Projekten konzentriert, die einen immer gr&#246;&#223;eren Teil des nationalen Outputs binden. Jedes Mal wenn solche Projekte „eingefroren“ werden m&#252;ssen, damit andere fertiggestellt werden k&#246;nnen, resultiert das in enormer Verschwendung. So gut wie alle Ostblockstaaten (wenn auch nicht Russland selbst) haben daher seit den sp&#228;ten 1960ern und fr&#252;hen 1970ern versucht, ihre Probleme durch eine Erh&#246;hung des Au&#223;enhandels mit dem „Westen“ und „Dritte-Welt-L&#228;ndern“, sowie durch westliche Investitionen im eigenen Land zu umgehen. „Sie hofften, dass sie die Ressourcen der Weltwirtschaft nutzen k&#246;nnten, um die Verzerrungen zu &#252;berwinden, die der weltweite kompetitive Druck auf die National&#246;konomie erzeugte.“<a title="anm_76" name="anm_76" href="#anm76"><sup>76</sup></a> Die westlichen &#214;konomien hatten diesen Weg der Internationalisierung des Handels, der Produktion und der Investitionen bereits zwei Jahrzehnte fr&#252;her beschritten, und “[s]obald diese Internationalisierungsprozesse in Gang waren, war der Druck, daran teilzunehmen, immens. Dies zu unterlassen bedeutete, von den weltweiten technologischen Fortschritten und den enormen Ressourcen des internationalen Kreditwesens abgeschnitten zu sein. Es bedeutete, dem weltweiten Wachstum der Produktivit&#228;t hinterher zu hinken.”<a title="anm_77" name="anm_77" href="#anm77"><sup>77</sup></a><br />
Die Internationalisierung der Investitionsstr&#246;me bedeutete, dass die Organisationsformen, die die Sowjetunion in eine Supermacht transformiert hatten, nicht l&#228;nger mit den globalen Entwicklungsmustern korrespondierten. Aufgrund der fehlenden Integration in den Weltmarkt war die sowjetische Wirtschaft abgeschnitten von jenen Produktivit&#228;tsfortschritten, die mit der internationalen Arbeitsteilung einhergingen. Die Abh&#228;ngigkeit von Technologieimporten konnte zwar in den 1970ern durch die hohen &#214;lpreise am Weltmarkt noch finanziert werden; aber gerade die Notwendigkeit von Rohstoffexporten machte die sowjetische Wirtschaft extrem verwundbar f&#252;r Fluktuationen am Weltmarkt.<br />
Ende der 1980er stie&#223; das Modell autorit&#228;rer Modernisierung schlie&#223;lich an seine Grenzen. Die institutionellen Strukturen, die die schnelle Industrialisierung nach 1928 erm&#246;glicht hatten, behinderten nun die weitere Entwicklung. Die Ver&#228;nderungen der globalen geopolitischen und &#246;konomischen Bedingungen, gekoppelt mit den b&#252;rokratischen H&#252;rden interner Restrukturierung, mussten schlussendlich im „regime change“ m&#252;nden; Gorbachovs Projekt autorit&#228;rer Reform wurde in den R&#228;umen, die <em>glasnost </em>er&#246;ffnet hatte, durch Mobilisierungen von unten &#252;ber sich hinaus getrieben.</p>
<p><strong>Schluss</strong><br />
Die Krisendynamik der stalinistischen Kommandowirtschaften verweist nicht allein auf die Tatsache, dass die Stabilit&#228;t des b&#252;rokratisch-staatskapitalistischen Akkumulationsregimes durch die Ver&#228;nderungen der globalen geopolitischen und &#246;konomischen Bedingungen unterlaufen wurde, sondern zugleich auf grundlegende Widerspr&#252;che der kapitalistischen Produktionsweise selbst. Die Entwicklung der Sowjetunion blieb an dieselbe Logik, dieselbe Dynamik, dieselben Imperative gekn&#252;pft wie die gesamte kapitalistische Weltwirtschaft. Wenn eine „andere Welt m&#246;glich“ werden soll, dann k&#246;nnen antikapitalistische Alternativen nicht an den vermeintlich progressiven Elementen verstaatlichter Planung ankn&#252;pfen, sondern an den Potentialen der Selbstemanzipation, die in den Revolutionen 1917 deutlich wurden.<a title="anm_78" name="anm_78" href="#anm78"><sup>78</sup></a></p>
<h3>Anmerkung</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Francis Fukuyama ist ein US-amerikanischer Politikwissenschaftler, der 1989 das Ende der Geschichte ausrief. Nicht nur der Kalte Krieg, sondern die Geschichte als solche h&#228;tte ihr Ende gefunden, wobei er den Siegeszug der „westlichen, liberalen Demokratie“ vor Augen hatte.</p>
<p><a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Callinicos, Alex: Marxist History and the Twentieth Century; in: Wickham, Chris (Hg.): Marxist History-writing for the Twenty-first Century. Oxford 2007, S. 158-179, hier S. 167.</p>
<p><a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Fundierte theoretische &#220;berlegungen wurden vor allem innerhalb der revolution&#228;ren Linken entwickelt, als Teil einer internen Kritik an der weiteren Entwicklung bzw. der Degeneration der Revolution von 1917 (vgl. Haynes, Mike: Marxism and the Russian Question in the Wake of the Soviet Collapse, in: Historical Materialism 10:4 (2002), S. 324).</p>
<p><a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> MEW 25, S. 33.</p>
<p><a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Callinicos, Alex: Ben&#246;tigt der Kapitalismus das Staatensystem?; in: Kaindl, Christina et al. (Hg.): Kapitalismus reloaded. Kontroversen zu Imperialismus, Empire und Hegemonie. Hamburg 2007, S. 11-32, hier S. 22. Vgl. Althusser: Das Marxsche Denken vollzieht sich, „ganz fern von jeder Selbst-Herstellung der Begriff e, durch die Setzung eines Begriff s und die anschlie&#223;ende Erforschung (Analyse) des durch diese Setzung zugleich erschlossenen und geschlossenen (begrenzten) Raumes, usf.: Bis hin zur Konstitution theoretischer Felder eines &#228;u&#223;ersten Komplexit&#228;tsgrades“. (Althusser, Louis: Marx‘ Denken im Kapital; in: Prokla 50 (1983), S. 130-147, hier S. 130, &#228;hnl. auch S. 139)</p>
<p><a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Vgl. Bidet, Jacques: Exploring Marx’s Capital. Philosophical, Economic and Political Dimensions. Leiden 2007.</p>
<p><a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> MEW 13, S. 631.</p>
<p><a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> „Modifikation des jeweiligen theoretischen Feldes durch das Hinzutreten eines neuen Begriff s, durch das dessen Bedeutung und Grenzen verschoben werden“. (Althusser, a.a.O., S. 141)</p>
<p><a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Callinicos, Alex: Periodizing Capitalism and Analyzing Imperialism. Classical Marxism and Capitalist Evolution; in: Albritton, Robert et al. (Hg.): Phases of Capitalist Development. Booms, Crises and Globalizations. Houndmills 2001, S. 230-245, hier, S. 231. Marx selbst hat einmal nebenbei bemerkt, dass die „Staatseinmischung … das naturgem&#228;&#223;e &#246;konomische Verh&#228;ltnis verf&#228;lscht.“ (MEW 23, S. 587)</p>
<p><a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Dale, Gareth: Between state capitalism and globalization. Oxford 2004, S. 35.</p>
<p><a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Ebd., S. 36.</p>
<p><a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Ebd., S. 36f, Zitate nach Barker, Colin: Th e Force of Value (1998, unver&#246;ffentlicht), S. 31.</p>
<p><a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Dale, a.a.O., S. 31, vgl. auch S. 51.</p>
<p><a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Auf der Ebene einzelner Staaten kann diese strukturelle Interdependenz (tempor&#228;r) auch zur beinahen Aufl&#246;sung der Ausdifferenzierung von Staat und Kapital f&#252;hren.</p>
<p><a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Vgl. schon Hilferding, sowie Bucharins „zwei Tendenzen“ der nationalstaatlichen Integration und der Internationalisierung des Kapitals.</p>
<p><a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Vgl. z.B. Harvey, David: Der neue Imperialismus. Hamburg 2005.</p>
<p><a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Dale, a.a.O., S. 37f.</p>
<p><a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Ausf&#252;hrlicher zu Weltmarkt, Staatensystem und dadurch bedingten Modifikationen des Wertgesetzes: von Braunm&#252;hl, Claudia: Weltmarktbewegung des Kapitals, Imperialismus und Staat; in: Probleme einer materialistischen Staatstheorie. Frankfurt 1973, S. 11-91.</p>
<p><a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Vgl. Haynes, Mike: Marxism and the Russian Question in the Wake of the Soviet Collapse; in: Historical Materialism 10:4, S. 335f.</p>
<p><a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Zu Gramscis Konzept der „passiven Revolution“ vgl. Morton, Adam David: Unravelling Gramsci. Hegemony and Passive Revolution in the Global Political Economy, London 2007, S. 39-75, sowie Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte Hamburg 1991ff ., S. 966 und 1043f.</p>
<p><a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Callinicos, Alex: The Revenge of History. Marxism and the East European Revolutions. London 1991, S. 120.</p>
<p><a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Dessen waren sich auch die meisten Bolschewiki in den fr&#252;hen 1920er Jahren bewusst. An einen „Sprung in den Kommunismus“ glaubte hier niemand – im Gegensatz zu den voluntaristischen Phantasien im Hochstalinismus.</p>
<p><a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> ArbeiterInnen 1928: 3.124.000; 1940: 8.290.000</p>
<p><a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Vgl. Haynes, Russia, a.a.O., S. 85: Verh&#228;ltnis Abteilung I (Investitionsg&#252;ter) vs. II (Konsumg&#252;ter): 1928: 39,5 vs. 60, 5%; 1940: 61,0 vs. 39%; 1960: 72,5 vs. 27,5%. Und die Reall&#246;hne wurden drastisch gek&#252;rzt: bis in die 1950er erreichten sie nicht mehr das Niveau von 1928.</p>
<p><a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Vgl. Stalin, Josef: &#220;ber die Aufgaben der Wirtschaftler, http://www.mlwerke.de/st/wirtscha.htm (1931): „Wir sind hinter den fortgeschrittenen L&#228;ndern um 50 bis 100 Jahre zur&#252;ckgeblieben. Wir m&#252;ssen diese Distanz in zehn Jahren durchlaufen. Entweder bringen wir das zustande, oder wir werden zermalmt.“<br />
Vgl. auch die Resolution am 15. Parteikongress 1927: „Angesichts eines m&#246;glichen Milit&#228;rschlags kapitalistischer Staaten gegen den proletarischen Staat [sic] sollte der F&#252;nf-Jahres-Plan die gr&#246;&#223;te Aufmerksamkeit auf die schnellstm&#246;gliche Entwicklung jener Sektoren der Wirtschaft im Allgemeinen, und der Industrie im Besonderen, legen, die die wichtigste Rolle in der Sicherung der Landesverteidigung und &#246;konomischer Stabilit&#228;t in Kriegszeiten spielen.” (zit. n. Ellman, Michael: Soviet Industrialization: a remarkable success?; in: Slavic Review 63:4 (2004), S. 841-849, hier S. 842) </p>
<p><a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Entscheidend sind schlie&#223;lich nicht juristische Eigentumsverh&#228;ltnisse sondern die Verf&#252;gungsgewalt &#252;ber Produktionsmittel und Arbeitsprozess. Zur NEP vgl. Duma, Veronika/ Probst, Stefan: Sowjetmacht vs. Parteidiktatur, in: Perspektiven Nr. 6, S. 48-57</p>
<p><a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Vgl. ten Brink, Tobias: Geopolitik. Geschichte und Gegenwart kapitalistischer Staatenkonkurrenz. M&#252;nster 2008, S. 184</p>
<p><a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Ebd., S. 184</p>
<p><a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Ebd.</p>
<p><a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Ebd., S. 205</p>
<p><a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Ebd., S. 205f.</p>
<p><a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Ebd., S. 206</p>
<p><a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Hobsbawm, zit. nach ten Brink, a.a.O., S. 205</p>
<p><a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Ebd., S. 207f.</p>
<p><a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Ebd., S. 196f.</p>
<p><a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Vgl. Van der Linden, Marcel: Von der Oktoberrevolution zur Perestroika. Der westliche Marxismus und die Sowjetunion. Frankfurt 1992, S. 239</p>
<p><a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Vgl. Cliff , Tony: Staatskapitalismus in Russland. Eine marxistische Analyse. Frankfurt 1975, S. 209</p>
<p><a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> ten Brink, a.a.O., S. 197</p>
<p><a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Cliff , a.a.O., S. 210</p>
<p><a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Das hei&#223;t, dass „innere“ und „&#228;u&#223;ere“ Verh&#228;ltnisse nicht getrennt werden k&#246;nnen, wie das etwa bei Cox der Fall ist. Vgl. Cox, Robert W.: „Real Socialism“ in Historical Perspective; in: Socialist Register 1991, S. 169-193.</p>
<p><a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> MEW 23, S. 618</p>
<p><a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Vgl. Howl, Derek: The Law of Value and the USSR; in: International Socialism 49 (1990), S. 89-113, hier S. 90</p>
<p><a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Harman, Chris: Criticism which does not withstand the test of logic; in: International Socialism 49 (1990), S. 65-88, hier S. 67</p>
<p><a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Sapir, Jacques: Logik der sowjetischen &#214;konomie oder die permanente Kriegswirtschaft. M&#252;nster 1992, S. 22.</p>
<p><a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Allerdings sollte darauf hingewiesen werden, dass es sehr wohl auch direkte &#246;konomische Beziehungen zum Weltmarkt gab: v.a. &#214;l- und Rohstoffexporte im Austausch f&#252;r Technologieimporte.</p>
<p><a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> Zit. n. Haynes, Mike: Rethinking Class Power in the Russian Factory 1929-1991, University of Wolverhampton Working Paper Series 2006, S. 8</p>
<p><a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> Dale, a.a.O., S. 83</p>
<p><a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> Selbst wenn wir die Sowjetunion in Isolation betrachten stellt sich die Situation bezogen auf Abteilung II (Konsumg&#252;terproduktion) allerdings bereits anders dar. Geld/Preise fungierten sehr wohl als Mechanismus der Allokation von Konsumg&#252;tern. Vgl. die Diskussion um Warenform der Arbeitskraft und Geldlohn weiter unten.</p>
<p><a title="anm49" name="anm49" href="#anm_49">49</a> Vgl. What was the USSR? Towards a Theory of the Deformation of Value. Part IV; in: Aufheben 9 (2000), S. 29-46</p>
<p><a title="anm50" name="anm50" href="#anm_50">50</a> Whitesell, Robert S.: Why does the Soviet economy appear to be allocatively efficient?; in: Soviet Studies 42:2 (1990), S. 259-268, hier S. 262</p>
<p><a title="anm51" name="anm51" href="#anm_51">51</a> Der sowjetische Reform&#246;konom und sp&#228;tere Gorbachov-Berater Aganbegyan sprach von „eingeschr&#228;nktem und deformiertem internen Markt“.</p>
<p><a title="anm52" name="anm52" href="#anm_52">52</a> Fernandez, Neil: Capitalism and Class Struggle in the USSR. A Marxist Theory. Aldershot 1997; Chattopadhyay, Paresh: The Marxian Concept of Capital and the Soviet Experience. Essay in the Critique of Political Economy. Westport 1994. Bezeichnenderweise sprechen beide auch nicht von <em>Staats</em>kapitalismus sondern von Kapitalismus <em>tout court</em>.</p>
<p><a title="anm53" name="anm53" href="#anm_53">53</a> Flaherty, Patrick: Cycles and Crises in Statist Economies; in: Review of Radical Political Economics 24:3 (1992).</p>
<p><a title="anm54" name="anm54" href="#anm_54">54</a> Vgl. Haynes, Rethinking, a.a.O.</p>
<p><a title="anm55" name="anm55" href="#anm_55">55</a> Vgl. Callinicos, Alex: Wage Labour and State Capitalism; in: International Socialism 12 (1981), S. 98-118, hier S. 105f.</p>
<p><a title="anm56" name="anm56" href="#anm_56">56</a> Vgl. Nove, Alec: Das sowjetische Wirtschaftssystem. Baden-Baden 1980, S. 243.</p>
<p><a title="anm57" name="anm57" href="#anm_57">57</a> Howl, a.a.O., S. 101</p>
<p><a title="anm58" name="anm58" href="#anm_58">58</a> Vgl. Cliff , a.a.O., S. 207</p>
<p><a title="anm59" name="anm59" href="#anm_59">59</a> Vgl. Callinicos, Wage Labour, a.a.O., S. 113</p>
<p><a title="anm60" name="anm60" href="#anm_60">60</a> Ebd., S. 111</p>
<p><a title="anm61" name="anm61" href="#anm_61">61</a> Ebd.</p>
<p><a title="anm62" name="anm62" href="#anm_62">62</a> Nove, a.a.O., S. 25</p>
<p><a title="anm63" name="anm63" href="#anm_63">63</a> Ebd., S. 27, 245</p>
<p><a title="anm64" name="anm64" href="#anm_64">64</a> Ebd., S. 252</p>
<p><a title="anm65" name="anm65" href="#anm_65">65</a> Ebd., S. 245</p>
<p><a title="anm66" name="anm66" href="#anm_66">66</a> Vgl. ebd., S. 249</p>
<p><a title="anm67" name="anm67" href="#anm_67">67</a> Ebd., S. 246</p>
<p><a title="anm68" name="anm68" href="#anm_68">68</a> Ebd., S. 266</p>
<p><a title="anm69" name="anm69" href="#anm_69">69</a> Haynes, Mike: Marxism and the Russian Question, a.a.O., S. 340</p>
<p><a title="anm70" name="anm70" href="#anm_70">70</a> 1930 wechselten IndustriearbeiterInnen im Durchschnitt alle acht Monate den Arbeitsplatz, 1939 alle 13 Monate. (Filtzer, Donald: Soviet Workers and Stalinist Industrialization. The formation of modern soviet production relations, 1928-1941. Armonk 1986, S. 135)</p>
<p><a title="anm71" name="anm71" href="#anm_71">71</a> Nove, a.a.O., S. 244</p>
<p><a title="anm72" name="anm72" href="#anm_72">72</a> Vgl. ebd., S. 26</p>
<p><a title="anm73" name="anm73" href="#anm_73">73</a> Vgl. zum Folgenden Harman, Chris: Class Struggles in Eastern Europe 1945-83. London 1988, S. 322-339</p>
<p><a title="anm74" name="anm74" href="#anm_74">74</a> Die Debatte um das sogenannte „Gesetz“ vom tendenziellen Fall der Profitrate kann hier nicht weiter vertieft werden. F&#252;r eine sehr knappe Zusammenfassung vgl. Probst, Stefan: Zur&#252;ck zu K.u.K.?; in: Perspektiven 2, S. 12-17, hier S. 16, Anm. 4, und die dort zitierte Literatur, sowie Weeks, John: Capital and Exploitation. Princeton 1981.</p>
<p><a title="anm75" name="anm75" href="#anm_75">75</a> Harman, Class Struggles, a.a.O., S. 329</p>
<p><a title="anm76" name="anm76" href="#anm_76">76</a> Ebd., S. 330</p>
<p><a title="anm77" name="anm77" href="#anm_77">77</a> Ebd., S. 330f. Vgl. dazu auch Harman, Chris: Explaining the Crisis. A Marxist Re-Appraisal. London 1984.</p>
<p><a title="anm78" name="anm78 href="#anm_78">78</a> Vgl. Probst, Stefan: „Geht selbst ans Werk, beginnt von unten“; in: Perspektiven 4, S. 34-43</p>
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		<title>Schmutzige M&#228;rkte</title>
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		<pubDate>Sat, 13 Jun 2009 11:50:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 8]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Naturverhältnisse]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=496</guid>
		<description><![CDATA[Rezension: Altvater, Elmar/Brunnengr&#228;ber, Achim (Hg.): Ablasshandel gegen Klimawandel? – Marktbasierte Instrumente in der globalen Klimapolitik und ihre Alternativen, Hamburg: VSA 2008, 236 Seiten, € 15,80]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Altvater, Elmar/Brunnengr&#228;ber, Achim (Hg.): Ablasshandel gegen Klimawandel? – Marktbasierte Instrumente in der globalen Klimapolitik und ihre Alternativen, Hamburg: VSA 2008, 236 Seiten, € 15,80<br />
<span id="more-496"></span><br />
Dass der Klimawandel die Lebensbedingungen der Menschen bedroht und gravierend ver&#228;ndern wird, ist sp&#228;testens seit den Debatten im letzten Jahr <em>common sense</em>. Die Notwendigkeit einer Reduktion von Treibhausgasen, besonders dem mengenm&#228;&#223;ig wichtigsten Treibhausgas Kohlendioxid, steht au&#223;er Zweifel. Im Zuge der internationalen Verhandlungen zum Kyoto-Protokoll, das seit 1997 den rechtlich-institutionellen Rahmen f&#252;r Reduktionsbem&#252;hungen bildet, wurden marktbasierte Instrumente, besonders der Emissionshandel, als die geeignetsten Mittel f&#252;r solche Bem&#252;hungen angepriesen. Das System des Emissionshandel (<em>Emissions Trading System, ETS</em>) verspricht nicht nur eine rasche und b&#252;rokratiefreie Umsetzung der Reduktionsziele, sondern scheint auch auf elegante Weise die vermeintlichen „St&#228;rken des Marktes“, sprich die effiziente Allokation knapper G&#252;ter, f&#252;r umweltpolitische Ziele nutzbar zu machen. Dies stellt, so <em>Andreas Fisahn</em> in seinem Beitrag zu dem Sammelband, zumindest in Deutschland einen Paradigmenwechsel dar, weg von einer ordnungspolitischen hin zu einer marktorientierten Steuerung Diese hat nicht nur bei MarktideologInnen und wirtschaftlichen AkteurInnen, sondern auch in „der kritischen umweltpolitischen Debatte Zustimmung“ (7) gefunden. Unter dem provokanten Titel „Ablasshandel gegen Klimawandel?“ widmet sich der wissenschaftliche Beirat von Attac diesen marktbasierten Instrumenten nun mit einer Sammlung von Beitr&#228;gen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen, die in differenzierter Art Marktinstrumente kritisch betrachten und Alternativen andenken.<br />
Das umgesetzte Emissionshandelssystem umfasst drei miteinander verbundene Elemente: Das Zertifikatshandelssystem und zwei flexible Mechanismen, den <em>Clean Development Mechanism</em> und die <em>Joint Implementation</em>. Den Kern bildet ein auf Zertifikathandel aufgebautes <em>cap-and-trade</em> System. Die Anzahl der f&#252;r den Handel (trade) ausgegebenen Zertifikate wird immer weiter verringert (cap). Doch ist CO2, wie <em>Elmar Altvater</em> und <em>Achim Brunnengr&#228;ber</em> betonen, keine normale Handelsware mit einem Marktpreis. Verschmutzungsrechte (<em>allowances</em>) m&#252;ssen geschaffen und ein Markt politisch konstituiert werden. Aber auch dieser Markt wird in Krisentendenzen hineingezogen, denn der CO2-Markt ist, so <em>Ralf Ptak</em>, „Teil der internationalen politischen &#214;konomie und folgt ihren Regeln. Hier herrscht bekanntlich das Regime neoliberaler Globalisierung, das mindestens aus zwei Perspektiven klimapolitische Ziele negativ beeinflusst: dem intensiven Standortwettbewerb und dem internationalen Finanzmarkt.“(47) Den <em>Human Development Report</em> 2007 zitierend weist <em>Altvater </em>darauf hin, dass das <em>cap-and-trade</em> System f&#252;r die Manipulation durch verschiedene Interessengruppen off en ist. Die Verteilung der Zertifikate und deren Preiswerden durch einen politischen Prozess bestimmt, der von starken AkteurInnen beeinflusst werden kann und faktisch auch wird (163).<br />
Am Beispiel Deutschlands zeigen <em>Bernd Brouns </em>und <em>Uwe Witt</em>, wie ein solcher politischer Prozess, gepr&#228;gt von Standortkonkurrenz und starken unternehmerischen Interessen, dem Klimaschutz sogar entgegenwirkt. So waren schon die Ergebnisse der ersten Umsetzungsphase des ETS ern&#252;chternd. Die Zuteilung der Zertifikate an die Unternehmen erfolgte in der ersten Phase gratis und orientierte sich an den bisherigen Emissionsniveaus (<em>grandfathering</em>). Die gro&#223;z&#252;gige Ausgabe der Zertifikate – unter anderem auf Dr&#228;ngen der Industrie – f&#252;hrte zu einem &#220;berangebot und einem Preisverfall. So entstand in Deutschland die paradoxen Situation, dass „die in den Jahren 2005 und 2006 zugeteilten Emissionsberechtigungen die Emissionen 2000 bis 2002 um &#252;ber 20 bzw. 25 Mio. t [&#252;berstiegen].“ (74) Gleichzeitig fiel der Preis nach einem Anstieg zu Beginn der Handelsperiode rasant ab. Am 5. M&#228;rz 2008 lag der Preis bei l&#228;cherlichen 3 Cent pro EU-Emissions-Allowance. Die Anzahl der ausgegebenen Zertifikaten schwankt, so <em>Fisahn</em>, immer „zwischen der Gefahr, zu hoch zu sein, [womit] der Anreiz zur Emissionsreduktion wegf&#228;llt oder so niedrig zu sein, dass wegen der hohen Preise der Berechtigungen Anreize geschaffen werden, die Reduktionsverpflichtungen zu unterlaufen, d.h. die tats&#228;chlichen Emissionen zu verschleiern.“ (62) Auf einen weiteren Punkt machen <em>Fisahn </em>sowie <em>Ptak </em>in ihren Beitr&#228;gen aufmerksam. Das Emissionshandelssystem dient einigen Sektoren – besonders im Stromsektor – als Bereicherungsquelle. Da Emissionswerte nun einen Preis haben, flie&#223;en sie in die Unternehmenswerte ein und erh&#246;hen die Ertr&#228;ge der Unternehmen. Gleichzeitig wird der Wert der Berechtigungen auf Grund der entstehenden Opportunit&#228;tskosten auf die VerbraucherInnen umgelegt, wodurch sogenannte <em>windfall profits</em> (unverhoffte Gewinne) anfallen. Einfach ausgedr&#252;ckt hat das gleiche Produkt Strom pl&#246;tzlich einen h&#246;heren &#246;konomischen Wert. Das bedeutet z.B. f&#252;r die deutsche Strombranche 5 Mrd. Euro pro Jahr an <em>windfall profits</em>. (45, 64f) Da, wie <em>Altvater </em>darstellt, Emissionszertifikate zus&#228;tzlich ein transferierbares Kapitalgut darstellen, das den „B&#246;rsenwert von Unternehmen erh&#246;ht und als Wertpapier gehandelt werden kann“ (149), werden diese auf Finanzm&#228;rkten gehandelt, um Rendite zu bringen. Diese werden, so <em>Edward Nell, Willi Semmler</em> und <em>Armon Rezai</em>, „der Spekulation von profitorientierten Investoren ausgesetzt, die auf ein Steigen oder Fallen des Preises wetten“, was zu einer enorm hohen Volatilit&#228;t, d.h. einer hohen Schwankungsbreite des Preises f&#252;hrt.<br />
Die flexiblen Mechanismen des Kyoto-Protokolls geben diesen Problemen noch eine zus&#228;tzliche Dimension. Der <em>Clean Development Mechanism</em> (CDM) besteht darin, dass f&#252;r Investitionen in „Entwicklungsl&#228;ndern“, die dem Klimaschutz dienen, Emissionsgutschriften verteilt werden. Dadurch sollen die Kosten von Klimaschutzma&#223;nahmen verringert und durch Technologietransfers in den S&#252;den eine nachhaltige Entwicklung in diesen L&#228;ndern gef&#246;rdert werden. Doch erste Erfahrungen mit dem CDM, so <em>Witt </em>und <em>Florian Moritz</em>, zeigen, dass diese Mechanismen eher als Schlupfloch dienen, um den Reduktionsverpflichtungen auszuweichen, und den im Titel erw&#228;hnten „Ablasshandel“ erm&#246;glichen. Die Anrechnung von Projekten, die auch ohne CDM durchgef&#252;hrt w&#252;rden, f&#252;hrt zu faulen Emissionsgutschriften, die einen erh&#246;hten Aussto&#223; in der EU erm&#246;glichen, ohne eine Neutralisierung desselben durch Einsparung in CDM-Gastl&#228;ndern zu bewirken. Neben diesen <em>faulen Emissionsgutschriften</em> werden z.T. aus &#246;kologischer Sicht unsinnige, aus &#246;konomischer Sicht aber sinnvolle Projekte unterst&#252;tzt. Ein Beispiel: In einem indischen Ort f&#228;llt bei der Produktion des K&#228;ltemittels HCFC-22 das extrem gef&#228;hrliche Trifluormethan an, das 11.700-mal klimasch&#228;dlicher als CO2 ist. Eine im Zuge des CDM neugebaute Verbrennungsanlage zerst&#246;rt diese. Was erst mal nett klingt, erweist sich als h&#246;chst profitable „Gelddruckmaschine“. Durch die „simple thermische Zerst&#246;rung von gerade mal 290 Tonnen Trifluormethan j&#228;hrlich, erhalten die Investoren Emissionsgutschriften von rund drei Millionen Tonnen CO2, und das in diesem Fall elf Jahre lang.“ (100) Nach Berechnungen w&#252;rden pro Tonne produziertem K&#228;ltemittel ein Reingewinn von 40 Euro anfallen. Jeder Anreiz, die Produktion des Trifluormethans zu verhindern, f&#228;llt weg. Es wird umgekehrt sogar profitabel die K&#228;ltemittelerzeugung auszuweiten. Die Bilanz die <em>Witt </em>und <em>Moritz </em>ziehen ist ern&#252;chternd. „Die verbindlichen Klimaschutzziele des Kyoto-Protokolls und der EU werden so unterlaufen, der Druck zu einem Strukturwandel im Norden wird deutlich vermindert. Auch einen Beitrag zum Technologietransfer und zu einer nachhaltigen Entwicklung leistet der CDM kaum: Nur wenig Kapital flie&#223;t in Effizienzsteigerungen und erneuerbare Energien, fast keines in die L&#228;nder Afrikas.“ (102)<br />
Das Fragezeichen im Titel verr&#228;t es schon. Nicht alle Beitr&#228;ge des Readers stehen dem ETS gleich kritisch gegen&#252;ber. So kommentieren <em>Ralf Sch&#228;fer</em> und <em>Felix Creutzig</em> aus umwelt&#246;konomischer Sicht zwar die jetzige Umsetzung des ETS kritisch, streichen aber deren Vorteile gegen&#252;ber einer Umweltsteuer hervor. Auch der Beitrag von <em>Miranda Schreus</em> argumentiert, dass es um die Ausgestaltung des ETSystems geht. Aus historischer Perspektive untersucht sie die unterschiedlichen Arten und Umsetzungskontexte bisheriger (z.T. durchaus erfolgreicher) ETS-Modelle. Sie kommt zum Schluss, dass die Effizienz von ETS ma&#223;geblich von „der Art der Emissionen [und] der Ausgestaltung des Handelssystems“ (12) abh&#228;ngig ist. <em>Tilman Santarius</em> kann sich einen sinnvollen Emissionshandel vorstellen, wenn auch unter entschieden anderen Vorzeichen. Nach einer Diskussion der Gerechtigkeitsproblematik zwischen den Hauptverursachern des Nordens und den s&#252;dlichen L&#228;ndern im Kontext des jetzigen ETS – und den m&#246;glichen Ablasszahlungen der Industrienationen – argumentiert er f&#252;r die M&#246;glichkeit, das ETS als „Instrument, welches mit der &#252;berproportionalen Belastung der reichen L&#228;nder erst den Klimaschutz mit den Entwicklungsrechten der L&#228;nder des S&#252;dens in Einklang bringt“ einzusetzen (130). Notwendig w&#228;ren politische Bestimmungen, welche die Industrienationen &#252;ber ein negatives Emissionsbudget nicht nur zur Reduktion der eigenen Emissionen, sondern zur Finanzierung von Vermeidungsma&#223;nahmen in anderen L&#228;ndern zwingen. Auch die von <em>Mohssen Massarat</em> vorgeschlagene Alternative einer &#214;lf&#246;rderungsgrenze statt einer Emissionsbegrenzung, also einer Entwicklung vom „nachfrage- zum angebotsregulierten kooperativen Klimaschutzregime“, bedient sich marktf&#246;rmiger Mechanismen in Verbindung mit einer besseren/anderen Regulierung derselben. Auf seine Hoffnung auf eine <em>win-win</em> Situation (214) trifft allerdings die in anderen Beitr&#228;gen formulierte Kritik ebenso zu. Die politischen Rahmenbedingungen und die Ausgestaltung von marktf&#246;rmigen Mechanismen sind nat&#252;rlich Teil gesellschaftlicher Auseinandersetzungen um Reformen und Umsetzungsbedingungen. Doch ist dieser Prozess wie schon erw&#228;hnt gepr&#228;gt von starken Interessensgruppen, zumal, wie <em>Brunnengr&#228;ber </em>argumentiert, die Klimapolitik der EU in einem unaufl&#246;sbaren Zusammenhang mit Energiepolitik steht und dabei versucht wird, einen Klimakapitalismus zu schaff en der den Rahmen f&#252;r neue und lukrative M&#228;rkte bietet.<br />
Viel bedeutender ist allerdings, dass mit der Umsetzung marktbasierter Instrumente die Durchsetzung von Eigentumsrechten auf Umweltg&#252;ter verbunden ist. Diese Tendenz weg von &#246;ffentlichen, hin zu privatisierten G&#252;tern problematisieren <em>Adelheid Biesecker</em> und <em>Uta von Winterfeld</em>. Die Verwandlung von Natur in privates Eigentum und deren Internalisierung in die &#246;konomische Struktur bedeutet, „dass der Umgang mit ihr gem&#228;&#223; der Rationalit&#228;t der Marktteilnehmer erfolgt. Was deren Gewinn maximiert, wird getan. Kapitalistische M&#228;rkte sind so – ihre <em>Rationalit&#228;t ist so</em>.“ (194) Marktbasierte Instrumente, bleiben schlie&#223;lich dem Ziel der „Effizienz“ verpflichtet, auch wenn sie f&#252;r Umweltziele eingesetzt werden sollen. Effizienz als relative Kategorie, so <em>Ralf Ptak</em>, ist aber nicht an der bestm&#246;glichen umweltpolitischen L&#246;sung, sondern an Kostenabw&#228;gungen orientiert.<br />
Die gro&#223;e Bandbreite der Zug&#228;nge in „Ablasshandel gegen Klimawandel?“ l&#228;dt zum diskutieren ein, auch wenn man nicht mit allen Argumenten und vor allem den vorgeschlagenen Alternativen einverstanden sein wird. Wie die Reduktion von Treibhausgasen bewerkstelligt werden kann und wie dieses Vorhaben von derzeitiger Politik angegangen wird, sind brennende Fragen unserer Zeit. Schlie&#223;lich, so <em>Altvater </em>(158), kann „der ‚issue’ des bedrohlichen Klimawandels im Prinzip mit politischer und milit&#228;rischer Macht, marktwirtschaftlich mit <em>marktbasierten Instrumenten</em> oder nach dem Prinzip globaler Solidarit&#228;t bearbeitet werden.“ Als Einstieg in diese vielf&#228;ltigen Diskussionen kann „Ablasshandel gegen Klimawandel?“ auf alle F&#228;lle empfohlen werden.</p>
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		<title>Macht kaputt was euch kaputt macht</title>
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		<pubDate>Sat, 13 Jun 2009 11:40:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 8]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Halmer, Bernhard/Krobath, Peter A.: Lexikon der Sabotage. Betrug, Verweigerung, Racheakte und Schabernack am Arbeitsplatz, Wien: Sonderzahl 2008, 192 Seiten, € 18,00]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Halmer, Bernhard/Krobath, Peter A.: Lexikon der Sabotage. Betrug, Verweigerung, Racheakte und Schabernack am Arbeitsplatz, Wien: Sonderzahl 2008, 192 Seiten, € 18,00<br />
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Das „Lexikon der Sabotage“ ist eine Sammlung sehr unterhaltsamer Berichte &#252;ber individuelle und zum Teil auch kollektive Reaktionen auf Missst&#228;nde und &#220;berausbeutung oder auch blo&#223;e Langeweile am Arbeitsplatz. Das Gef&#252;hl der Ohnmacht angesichts eines skrupellosen Vorgesetzten, den Zust&#228;nden am Arbeitsplatz oder einfach wegen der schlechten Bezahlung kennen schlie&#223;lich die Meisten, und fast jedeR findet fr&#252;her oder sp&#228;ter auch verschiedenste Wege, damit umzugehen. Hier sind ein paar davon gesammelt, teilweise zum Nachmachen animierend, teilweise zum Lachen anregend und manche auch zum Staunen oder Schaudern. Da gibt es Geschichten vom allt&#228;glichen Abzweigen von B&#252;romaterial in allen Varianten, was oft zu Recht mit einer &#228;hnlichen Selbstverst&#228;ndlichkeit gemacht wird, wie Vorgesetzte sich trauen, ihre Untergebenen in der Freizeit anzurufen. Ein Zivildiener erz&#228;hlt von einem Krankenhaus, in dem das Personal zu Hause mehr von den Arbeitsmitteln zu verwenden wei&#223; als am Arbeitsplatz selbst. Das reicht vom Putzmittel &#252;ber die Erste-Klasse-Seidenbettw&#228;sche bis hin zu teuren Medikamenten, die billig unter der Hand vertrieben werden. Besonders lustig ist die Beschreibung des Racheaktes eines Angestellten im Buchhandel: Er wurde in seinem Probemonat f&#252;r Umbauarbeiten missbraucht und dann unter fadenscheinigen Vorw&#228;nden gek&#252;ndigt, was ihn dazu animierte, den Besitzer anschlie&#223;end mit Bestellungen und Privatanzeigen zu nerven. Das begann mit zehn f&#252;r den ehemaligen Chef bestellten Pizzen, weitete sich auf eine LKW-Ladung Schotter aus, die er vor dessen Haust&#252;r abladen lie&#223;, und fand den H&#246;hepunkt im Verschenken seiner Einrichtung via Zeitungsanzeigen (nat&#252;rlich ohne Telefonnummernangabe, daf&#252;r mit &#228;u&#223;erst unangenehmen Abholzeiten fr&#252;h morgens und sp&#228;t abends). Aber es gibt auch Beispiele f&#252;r kollektive Aktionen: etwa dort, wo die gesamte Belegschaft mit dem Ziel zusammenarbeitet, Chef, Chefin und Juniorchef abzulenken, um gleichzeitig das Lebensmittellager auszur&#228;umen, inklusive eigenes Bestellwesen, Chaos bei Lagerverwaltung und Verwirrtaktik, damit die fehlenden Paletten nicht auffallen. Eher ungusti&#246;s der Bericht aus einem Restaurant, in dem sich das K&#252;chenteam an den G&#228;sten r&#228;chte, statt dem Besitzer die H&#246;lle hei&#223; zu machen. So landeten F&#228;kalien und andere &#228;u&#223;erst bedenkliche Zutaten in Essen und Getr&#228;nken. In diesem Fall w&#228;re die Angabe des Orts und des Restaurantnamens ganz hilfreich gewesen… Es ist faszinierend, wie hemmungslos und mit wie viel Stolz die LohnarbeiterInnen von Sabotageaktionen berichten, und wie oft diese als letzter Ausweg gesehen werden, um den angestauten Frust oder die katastrophale Bezahlung auszugleichen. Der humorvolle Schreibstil sorgt zudem daf&#252;r, dass das Buch ein hohes Suchtpotential birgt – was beim Rezensenten vom kurzen Hineinlesen zum sofortigen und unbereuten Kauf gef&#252;hrt hat. Leider gibt es keinen einleitenden oder grundlegenden Text, der die individuellen Berichte und das Thema „Sabotage“ insgesamt in einen breiteren Kontext gestellt h&#228;tte. So w&#228;re es etwa spannend, Zusammenh&#228;nge zwischen (fehlender) Streik- und (ausgepr&#228;gter) Sabotagekultur zu untersuchen. In jedem Fall ist das „Lexikon der Sabotage“ aber sehr unterhaltsam und kann als nettes und n&#252;tzliches Geschenk das Klassenbewusstsein f&#246;rdern, Zuspruch f&#252;r selbst genehmigte Gehaltsaufbesserungen bieten und sehr sch&#246;n verdeutlichen, dass Sabotage in all ihren Varianten ein vollkommen normales und enorm verbreitetes Element des kapitalistischen Arbeitsalltags ist.</p>
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