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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Perspektiven Nr. 12</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Rosinenpicken</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Dec 2010 08:00:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Zun&#228;chst eine Rundum-Empfehlung. Das MERIP (Middle East Research and Information Project) gibt unter dem Namen MER (Middle East Report) ein ausgezeichnetes, viertelj&#228;hrlich erscheinendes Magazin mit kritischen und informierten Beitr&#228;gen zum Nahen und Mittleren Osten heraus. Der Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe liegt auf den j&#252;ngsten Entwicklungen im Osten Afrikas und dem Roten Meer. Besonders lesenswert: George Trumbell besch&#228;ftigt sich mit der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zun&#228;chst eine Rundum-Empfehlung. Das <em>MERIP</em> <em>(Middle East Research and Information Project)</em> gibt unter dem Namen <em>MER (Middle East Report)</em> ein ausgezeichnetes, viertelj&#228;hrlich erscheinendes Magazin mit kritischen und informierten Beitr&#228;gen zum Nahen und Mittleren Osten heraus. Der Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe liegt auf den j&#252;ngsten Entwicklungen im Osten Afrikas und dem Roten Meer. Besonders lesenswert: <em>George Trumbell</em> besch&#228;ftigt sich mit der Frage, ob der „failed state“ Somalia Ursache f&#252;r das Wiedererstarken der Piraterie zwischen Jemen und dem Horn von Afrika ist, oder ob nicht eher das Konzept des „failed state“ selbst ein Problem darstellt. <em>Chris Toensing</em> und <em>Amanda Ufheil-Somer</em>s analysieren den Nord-S&#252;d-Konflikt im Sudan, der in den n&#228;chsten Jahren zu einer Abspaltung des S&#252;dens f&#252;hren k&#246;nnte. Die Rolle Chinas in Afrika und dem Mittleren Osten sowie die potentiellen imperialen Konflikte, die sich hieraus ergeben k&#246;nnten, untersucht <em>Philip McCrum</em>. Und <em>Mona El-Ghobashy</em> analysiert in ihrem Artikel The Dynamics of Egypt’s Elections die Bedeutung von Wahlen in einem Land, in dem es oft so scheint, als best&#252;nde deren Funktion nur darin, dem Regime das M&#228;ntelchen der Legitimit&#228;t umzuh&#228;ngen. Aber selbst im &#196;gypten Mubaraks k&#246;nnen sich Risse im Gef&#252;ge der Macht ergeben und ein scheinbar &#252;berm&#228;chtiger Staat herausgefordert werden. So nutzt derzeit nicht nur das Regime den Wahlkampf, um W&#228;hlerInnen zu mobilisieren, sondern auch die Opposition. Nicht zu vergessen ist dar&#252;ber hinaus, dass sp&#228;testens seit der Streikbewegung 2007 mit sozialen Bewegungen als unberechenbarem Faktor gerechnet werden muss. Leider ist nur ein Teil der Artikel derzeit im Internet verf&#252;gbar. Dar&#252;ber hinweg tr&#246;stet aber ein regelm&#228;&#223;iger Blick auf die Homepage von <em>MERIP</em>, auf der immer wieder Artikel zu aktuellen Fragen und Herausforderung im Nahen und Mittleren Osten publiziert werden.</p>
<p>Die politische Dynamik in Lateinamerika wurde in den letzten Ausgaben von <em>Perspektiven </em>str&#228;flich vernachl&#228;ssigt. Wir geloben Besserung und verweisen in der Zwischenzeit auf das Interview mit <em>Adolfo Gilly</em> in <em>New Left Review</em> 64. Der 82-j&#228;hrige Historiker der mexikanischen Revolution l&#228;sst hier seine Erfahrungen als Revolution&#228;r in Lateinamerika Revue passieren. Auf die spezifische politische Situation der einzelnen L&#228;nder wird ebenso eingegangen wie auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der dort k&#228;mpfenden linken Gruppierungen. Eine Einsch&#228;tzung der Situation in Venezuela bietet <em>Mike Gonzales</em> in der ersten Ausgabe des neuen Magazins <em>Red Words</em> aus Irland. Er benennt pr&#228;zise die Widerspr&#252;chlichkeit der Verh&#228;ltnisse, die sich in der Figur Hugo Chávez’ verdichten, – auch wenn die j&#252;ngsten Wahlergebnisse in der bereits im April erschienenen Analyse nicht ber&#252;cksichtigt werden konnten.</p>
<p>Der Groucho unter den MarxistInnen, <em>Slavoj Žižek</em>, nimmt die Debatte um die „Euro-Krise“ zum Anlass, um den vergesslicheren unter den Linken eine eigentlich schon l&#228;nger gewonnene Erkenntnis ins Ged&#228;chtnis zu rufen: Dass der b&#252;rgerliche Rechtsstaat und seine liberalen Institutionen nicht das Terrain sind, auf dem wir um wahre Freiheit k&#228;mpfen k&#246;nnen. Vielmehr m&#252;ssen die vermeintlich unpolitischen Verh&#228;ltnisse der Produktion, des Marktes und der Familie umgesto&#223;en werden. Nebenbei bringt er eine der zentralen Herausforderungen f&#252;r linke Argumente im Angesicht der globalen Wirtschaftskrise auf den Punkt: Man muss <em>gleichzeitig </em>darauf bestehen, dass die Krise nichts „nat&#252;rliches“ ist, sondern Ergebnis einer Abfolge von politischen Entscheidungen – <em>und </em>anerkennen, dass unter kapitalistischen Verh&#228;ltnissen „die Wirtschaft“ tats&#228;chlich pseudonat&#252;rlichen Gesetzm&#228;&#223;igkeiten unterworfen ist, die immer wieder und notwendigerweise Krisen hervorrufen. Ein <em>Žižek </em>in Hochform jedenfalls, der die Kunst beherrscht, auf wenigen Seiten eine Vielzahl von Argumenten und Thesen unterzubringen – manche &#252;berzeugend, manche weniger, alle zum Denken anregend. Ebenfalls in <em>New Left Review</em> 64 erschienen.</p>
<p>In Perspektiven Nr.11 thematisierten <em>Julia Hofmann</em> und <em>Florian Reiter</em> in ihrem Artikel <em>Wiens Salzamt: Neoliberalismus und der Fonds Soziales Wien</em> die Auswirkungen einer neoliberalisierten Sozialpolitik auf die Arbeit im Sozialbereich. Wer sich n&#228;her f&#252;r die Urspr&#252;nge und Folgen dieser von der EU vorangetriebenen Politik interessiert, findet hierzu im neuen Kurswechsel zahlreiche Beitr&#228;ge. Unter dem Titel <em>EU-Armutspolitik und ihre Relevanz f&#252;r &#214;sterreich</em> stehen unter anderem der Weg hin zu einer europ&#228;ischen Armuts- und Sozialpolitik sowie ihre Implementierung in &#214;sterreich im Zentrum.</p>
<p>Marxistische Wirtschaftstheorien standen in den Jahren des Nachkriegsbooms vor dem Problem, einen lang andauernden, relativ stabilen Wirtschaftsaufschwung gegen&#252;ber der behaupteten Instabilit&#228;t erkl&#228;ren zu m&#252;ssen. Die <em>Theorie der permanenten R&#252;stungswirtschaft</em> war ein in den 1960er Jahren entwickelter Zugang, der aus marxistischer Perspektive zugleich die Grundlagen des Aufschwungs erkl&#228;rte als auch dessen zeitlich begrenzte Wirksamkeit aufzeigte. <em>Gonzalo Pozo</em> zeichnet in der j&#252;ngsten Ausgabe des <em>International Socialism Journal</em> die theoretische Entwicklung und die Probleme dieses Erkl&#228;rungsansatzes kritisch nach und versucht, dessen Relevanz f&#252;r heute aufzuzeigen.<br />
In der gleichen Ausgabe findet sich neben einem bemerkenswerten Nachruf auf den im Januar diesen Jahres verstorbenen<em> Daniel Bensaïd</em> von <em>Sebastian Budgen</em> ein Artikel von <em>John Newsinger</em>, der sich den Klassenk&#228;mpfen in den USA im Jahr der Sitzstreiks 1937 widmet. Er beschreibt dessen Auswirkungen auf gewerkschaftliche Organisierungsformen und auf die Kommunistische Partei in der Zeit des <em>New Deals</em>. Wer die in Perspektiven Nr. 6 beschriebenen K&#228;mpfe der <em>Industrial Workers of the World</em> spannend fand, wird auch dieses Kapitel der Geschichte der amerikanischen ArbeiterInnenbewegung gerne nachlesen.</p>
<p>Zu guter letzt sei auf das September-Heft der <em>Kulturrisse </em>verwiesen, in dem &#252;ber das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) debattiert wird. Und das teils im wahrsten Sinne des Wortes: die Transkription einer Podiumsdiskussion mit <em>Milena Bister</em> (Agru Grundeinkommen), <em>Margit Appelt</em> (Katholische Sozialakademie), <em>Melina Klaus</em> (KP&#214;) und <em>Markus Koza</em> (AUGE-UG) zu <em>Potenzialen und Fallstricken der BGE-Forderung</em> l&#228;sst die F&#252;rs und Widers nachvollziehbar aufeinander prallen. Die besten Argumente f&#252;r das Grundeinkommen liefert aber <em>K&#228;the Knittler</em>, die in ihrem Artikel die Sprengkraft einer Forderung, in der die Trennung von bezahlter und nicht bezahlter Arbeit radikal in Frage gestellt wird, aus feministischer Perspektive deutlich macht, ohne das BGE gegen andere sinnvolle und notwendige Forderungen – etwa nach Mindestlohn und Arbeitszeitverk&#252;rzung – auszuspielen.</p>
<p><strong>Zum Nachlesen:</strong><br />
Bister, Milena/Appelt, Margit/Klaus, Melina/Koza, Markus: Mit dem Grundeinkommen gegen die Prekarit&#228;t?, in: Kulturrisse Nr. 3 (2010), S.20–25</p>
<p>Budgen, Sebastian: The Red Hussar. Daniel Bensaïd, 1946–2010, in: International Socialism Journal, Nr. 127 (Summer 2010), unter: <a href="http://www.isj.org.uk/index.php4?id=661&#038;issue=127">http://www.isj.org.uk/index.php4?id=661&#038;issue=127</a></p>
<p>East Report online, 29.09.2010, unter: <a href="http://www.merip.org/mero/mero092910.html">http://www.merip.org/mero/mero092910.html</a></p>
<p>Gilly, Adolfo (Interview): What Exists Cannot Be True, in: New Left Review, Nr. 64 (July/August 2010), S. 29–45</p>
<p>Gonzales, Mike: Venezuela: The State of the Revolution, in: Red Words. Irish Socialist Journal, Nr. 1 (May 2010), <a href="http://redwords.org/2010/05/07/redwords-issue-one/">http://redwords.org/2010/05/07/redwords-issue-one/</a></p>
<p>Knittler, K&#228;the: Was w&#228;re wenn&#8230; Das bedingungslose Grundeinkommen und die Arbeit, in: Kulturrisse Nr. 3 (2010), S.12–15</p>
<p>Kurswechsel Nr. 3 (2010): EU-Armutspolitik und ihre Relevanz f&#252;r &#214;sterreich</p>
<p>McCrum, Philip: China and the Arabian Sea, in: Middle East Report, Nr. 256 (Fall 2010)</p>
<p>Middle East Research and Information Project (MERIP), unter: <a href="http://www.merip.org/mer/mer256/mer256.html">http://www.merip.org/mer/mer256/mer256.html</a></p>
<p>Newsinger, John: 1937: the year of the sitdown, in: International Socialism<br />
Journal, Nr. 127 (Summer 2010), unter: <a href="http://isj.org.uk/index.php4?id=659&#038;issue=127">http://isj.org.uk/index.php4?id=659&#038;issue=127</a></p>
<p>Pozo, Gonzalo: Reassessing the permanent arms economy, in: International Socialism Journal, Nr. 127 (Summer 2010), unter: <a href="http://www.isj.org.uk/index.php4?id=660&#038;issue=127">http://www.isj.org.uk/index.php4?id=660&#038;issue=127</a></p>
<p>Toensing, Chris/Ufheil-Somers, Amanda: Scenarios of Southern Sudanese Secession, Middle East Report, Nr. 256 (Fall 2010)</p>
<p>Trumbell, George: On Piracy and the Afterlives of Failed States, in: Middle East Report, Nr. 256 (Fall 2010), unter: <a href="http://www.merip.org/mer/mer256/trumbull.html">http://www.merip.org/mer/mer256/trumbull.html</a></p>
<p>Žižek, Slavoj: A permanent economic emergency, in: New Left Review, Nr. 64 (July/August 2010), S.85–95</p>
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		<title>Auf der Suche nach den Subjekten</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Dec 2010 07:42:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Alexander Neumann: Kritische Arbeitssoziologie. Ein Abriss, Stuttgart: Schmetterling Verlag/theorie.org. 2010, 192 Seiten, € 10,30

Mit Kritischer Arbeitssoziologie versucht Alexander Neumann einen Einblick in ein Feld zu geben, das auf Seiten der Linken seit den 1980er Jahren eher negativ konnotiert ist. Da sich viele Studien im Bereich der Industriesoziologie stark an den funktionalistischen Momenten der Organisationssoziologie orientierten und zumeist eher als [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Alexander Neumann: Kritische Arbeitssoziologie. Ein Abriss, Stuttgart: Schmetterling Verlag/theorie.org. 2010, 192 Seiten, € 10,30<br />
<span id="more-1702"></span><br />
Mit <em>Kritischer Arbeitssoziologie</em> versucht Alexander Neumann einen Einblick in ein Feld zu geben, das auf Seiten der Linken seit den 1980er Jahren eher negativ konnotiert ist. Da sich viele Studien im Bereich der Industriesoziologie stark an den funktionalistischen Momenten der Organisationssoziologie orientierten und zumeist eher als Grundlage f&#252;r prozessoptimierende Managementstrategien dienten, werden arbeitssoziologische Ans&#228;tze meist eher zur&#252;ckgewiesen. Neumann versucht mit diesem Buch allerdings aufzuzeigen, dass es innerhalb der soziologischen Arbeitsforschung auch eine andere Tradition gab und gibt.<br />
Anschlie&#223;end an Michael Schumann stellt er zu Beginn des Buches fest, dass der Begriff der Industriesoziologie f&#252;r eine kritische Betrachtung von Arbeit und den darin liegenden gesellschaftlichen Widerspr&#252;chen zu kurz greift und sich der weiter gefasste, aus der franz&#246;sische Tradition kommende Begriff der „sociologie du travail“ (Arbeitssoziologie) viel eher eignet. Hier stehen nicht die industriellen Beziehungen im Zentrum der Analyse, sondern die arbeitenden Subjekte und ihre widerspr&#252;chliche Konstitution im Verwertungsprozess kapitalistischer Akkumulation.<br />
Ausgehend von Karl Marx, Max Weber und Sigmund Freud, die er als theoretische Referenzfolien der unterschiedlichen Str&#228;nge kritischer Arbeitssoziologie ansieht, versucht Neumann die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der deutschen und der franz&#246;sischen Debatte herauszuarbeiten. Deren gemeinsame Ausgangsfrage ist diejenige nach der Widerst&#228;ndigkeit der Subjekte im kapitalistischen Arbeitsprozess. Hier wird von deutscher wie von franz&#246;sischer Seite davon ausgegangen, dass die reale Subsumption der Arbeitskr&#228;fte unter die kapitalistische Profitlogik niemals vollst&#228;ndig vollzogen werden kann und sich die Subjekte immer wieder als widerst&#228;ndige generieren.<br />
Im Gegensatz zu funktionalistischen TheoretikerInnen (wie beispielsweise Lukács) gehen die kritischen ArbeitssoziologInnen laut Neumann allerdings nicht von einem mystifizierten Klassenbewusstsein aus, sondern versuchen festzustellen, wie im Prozess der Subjektkonstitution Momente entstehen, die &#252;ber die Logik kapitalistischer Vergesellschaftung hinausweisen. Neumann pl&#228;diert hier f&#252;r eine Interpretation des Marxschen Werkes, die sich nicht in der Analyse der Kapitallogik ersch&#246;pft, sondern um die Frage nach der M&#246;glichkeit der Konstitution revolution&#228;rer Subjektivit&#228;t erweitert werden muss.<br />
Trotz einer gemeinsamen Ausgangsfrage bezogen sich die franz&#246;sische und deutsche Debatte jeweils auf andere theoretische Ans&#228;tze zur Beantwortung eben dieser. F&#252;r die deutschsprachige Debatte sind laut Neumann die Arbeiten der Kritischen Theorie ma&#223;geblich gewesen. Adorno und Co eigneten sich die Marxschen Kategorien neu an und radikalisierten die Theorie von Weber und Freud. Der Bezug auf Freud stellte sich f&#252;r sie als besonders fruchtbar dar, da mit Hilfe seiner Theorie die Vermittlung von Normen in die Psyche der Menschen erfassbar wurde. Diese psychischen Vermittlungsprozesse sind f&#252;r die Frage nach widerst&#228;ndiger Subjektivit&#228;t besonders zentral. In der Psyche des/der Einzelnen werden nicht nur die gesellschaftlichen Tendenzen positiv oder negativ interpretiert, hier entstehen auch die jeweiligen Strategien der Subjekte. Diese k&#246;nnen auf Integration, aber auch auf Dissidenz ausgerichtet sein. Der Umgang mit &#220;berausbeutung, der Monotonie des Arbeitsalltags oder herrschaftlich formierten Normsetzungen ist stets auch durch die Interpretation der Subjekte bedingt. Ausgehend von diesen Ans&#228;tzen der Kritischen Theorie hat sich der „W&#228;rmestrom“ der deutschsprachigen Arbeitssoziologie &#252;ber die Analyse von Negt und Kluge (in ihrem ber&#252;hmt gewordenen Buch <em>Geschichte und Eigensinn</em>) bis hin zu den Theorien von Alex Demirovi&#196; weiterentwickelt. Im Zuge dieser Entwicklung sei allerdings auch das kritische Erbe von Adorno und Co sukzessive marginalisiert worden, bem&#228;ngelt Neumann.<br />
Trotz einer gemeinsamen Ausgangsfrage bezogen sich die franz&#246;sische und deutsche Debatte jeweils auf andere theoretische Ans&#228;tze zur Beantwortung eben dieser. F&#252;r die deutschsprachige Debatte sind laut Neumann die Arbeiten der Kritischen Theorie ma&#223;geblich gewesen. Adorno und Co eigneten sich die Marxschen Kategorien neu an und radikalisierten die Theorie von Weber und Freud. Der Bezug auf Freud stellte sich f&#252;r sie als besonders fruchtbar dar, da mit Hilfe seiner Theorie die Vermittlung von Normen in die Psyche der Menschen erfassbar wurde. Diese psychischen Vermittlungsprozesse sind f&#252;r die Frage nach widerst&#228;ndiger Subjektivit&#228;t besonders zentral. In der Psyche des/der Einzelnen werden nicht nur die gesellschaftlichen Tendenzen positiv oder negativ interpretiert, hier entstehen auch die jeweiligen Strategien der Subjekte. Diese k&#246;nnen auf Integration, aber auch auf Dissidenz ausgerichtet sein. Der Umgang mit &#220;berausbeutung, der Monotonie des Arbeitsalltags oder herrschaftlich formierten Normsetzungen ist stets auch durch die Interpretation der Subjekte bedingt. Ausgehend von diesen Ans&#228;tzen der Kritischen Theorie hat sich der „W&#228;rmestrom“ der deutschsprachigen Arbeitssoziologie &#252;ber die Analyse von Negt und Kluge (in ihrem ber&#252;hmt gewordenen Buch Geschichte und Eigensinn) bis hin zu den Theorien von Alex Demirovi&#196; weiterentwickelt. Im Zuge dieser Entwicklung sei allerdings auch das kritische Erbe von Adorno und Co sukzessive marginalisiert worden, bem&#228;ngelt Neumann.<br />
Die franz&#246;sische Arbeitssoziologie nahm einen &#228;hnlichen Weg, nur mit anderen theoretischen Grundlagen. Aufbauend auf den Analysen von Vincent Castoriadis und anderen wurde Weber von den Franz&#246;sInnen „gegen den Strich“ gelesen und f&#252;r radikale Theoriebildung operationalisiert. Sowohl Pierre Bourdieu, als auch Alain Touraine sowie Luc Boltanski und Éve Chiapello setzen bei ihren jeweiligen Forschungen an diesen Grundlagen an. Dass insbesondere der Bezug auf Weber nur bedingt sinnvoll ist, zeigt sich laut Neumann an der starken Fokussierung der franz&#246;sischen Arbeitssoziologie auf die Aus&#252;bung von Herrschaft. Die autonomen Widerstandspotentiale der Arbeitssubjekte werden demnach zu wenig beachtet. Neumann schlie&#223;t sein Buch mit &#220;berlegungen zu der Frage, welche Rolle kritische Arbeitssoziologie zu Zeiten der globalen Krise des Kapitalismus einnehmen kann und muss.<br />
Generell kann festgehalten werden, dass das Buch im breiten Feld der Arbeitssoziologie einen guten &#220;berblick &#252;ber, sowie eine wichtige Einf&#252;hrung in die zentralen Theorien bietet. &#220;berblickstexte dieser Art m&#252;ssen naturgem&#228;&#223; immer blinde Flecken zur&#252;cklassen. Der Versuch einer theoriebezogenen Kanonisierung ist sicherlich mit Skepsis aufzunehmen. Der Zusammenhang zwischen tats&#228;chlich stattfindenden Klassenk&#228;mpfen und theoretischen Ans&#228;tzen wird meiner Ansicht nach zu wenig hergestellt. F&#252;r viele der im Buch angef&#252;hrten TheoretikerInnen, waren die Erfahrungen in den Fabriken – nicht die Universit&#228;t – Ausgangspunkt ihrer theoretischen &#220;berlegungen. Besonders deutlich wird dieses Manko in Bezug auf Antonio Negri. Dieser wird beinahe ausnahmslos im Kontext der franz&#246;sischen Debatte verortet und damit sowohl praktisch als auch theoretisch von seinen Wurzeln im italienischen Operaismus abgetrennt. Der starke Bezug auf Deutschland und Frankreich klammert dar&#252;ber hinaus die mannigfaltigen Austauschprozesse zwischen anderen L&#228;ndern aus. So bleiben viele Verbindungen  von Castoriadis zu den holl&#228;ndischen R&#228;tekommunistInnen rund um Pannekoek und anderen der R&#228;tebewegung nahe stehenden AktivistInnen im Dunkeln.<br />
Trotzdem gibt das Buch einen guten Einblick in die unterschiedlichen theoretischen Traditionen der Kritischen Arbeitssoziologie. Besonders f&#252;r den &#246;sterreichischen Kontext ist es sehr wertvoll, da sich hiermit eine M&#246;glichkeit zur Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie er&#246;ffnet, die sich erfrischend von der g&#228;ngigen Debatte abhebt, welche in einem falschen Verst&#228;ndnis des Fetischbegriffs verhaftet zu sein scheint.</p>
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		<title>Radikales Palaver</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Dec 2010 07:32:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Lindner, Urs/Nowak, J&#246;rg/Paust-Lassen, Pia (Hg.): Philosophieren unter anderen. Beitr&#228;ge zum Palaver der Menschheit. Frieder Otto Wolf zum 65.sten, M&#252;nster: Westf&#228;lisches
Dampfboot 2008, 446 Seiten, € 25,90

Der vorliegende Band ist eine Festschrift zu Frieder Otto Wolfs 65. Geburtstag und wie es sich f&#252;r ein solches Jubil&#228;um geh&#246;rt, hat Philosophieren unter anderen betr&#228;chtlichen Umfang. Denn Frieder Otto Wolf hat in seinem Leben [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Lindner, Urs/Nowak, J&#246;rg/Paust-Lassen, Pia (Hg.): Philosophieren unter anderen. Beitr&#228;ge zum Palaver der Menschheit. Frieder Otto Wolf zum 65.sten, M&#252;nster: Westf&#228;lisches<br />
Dampfboot 2008, 446 Seiten, € 25,90<br />
<span id="more-1700"></span><br />
Der vorliegende Band ist eine Festschrift zu Frieder Otto Wolfs 65. Geburtstag und wie es sich f&#252;r ein solches Jubil&#228;um geh&#246;rt, hat <em>Philosophieren unter anderen</em> betr&#228;chtlichen Umfang. Denn Frieder Otto Wolf hat in seinem Leben so einiges – theoretisch wie praktisch – bewirkt. Aus der 68er-Bewegung kommend, wurde er 1973 Professor der Philosophie an der Freien Universit&#228;t Berlin, wo er, mit Unterbrechungen, bis heute lehrt. In seinem langen Schaffen entfaltete Wolf au&#223;erdem diverse politischemanzipatorische Aktivit&#228;ten: Er gab, um nur einzelne dieser T&#228;tigkeiten zu nennen, die Werke Louis Althussers auf Deutsch heraus und verk&#252;ndete bereits Mitte der 1980er-Jahre, dass die Zukunft des Marxismus nur in einem &#246;kologischen Sozialismus liegen k&#246;nne. Demgem&#228;&#223; sa&#223; Wolf in den 1980er und 1990er-Jahren auch f&#252;r die deutschen Gr&#252;nen im Europaparlament.<br />
Diese Breite im Schaffen Wolfs schl&#228;gt sich auch in der inhaltlichen Vielf&#228;ltigkeit der knapp 450 Seiten z&#228;hlenden Festschrift nieder, obgleich sie um Wolfs zentrales Anliegen des letzten Jahrzehnts zentriert ist: die Radikale Philosophie. <em>Radikale Philosophie</em> findet, laut Wolf, immer schon „unter anderen“, also im Diskurs bzw. „Palaver“ der Menschen, statt. Ihr erkl&#228;rtes Ziel ist es, „den Skandal“ offen zu legen, dass „die unterschiedlichsten philosophischen Linien einerseits das Selbstdenken propagierten und es auch innerhalb der Philosophieform propagieren mussten, sie andererseits aber gerade dieses Selbstdenken zum Instrument einer Selbstunterwerfung umfunktioniert haben.“ Wolfs Absicht ist also nichts Anderes, als philosophisches <em>underlabouring </em>in herrschaftskritischer Absicht zu betreiben. Und so hei&#223;t es auch an anderer Stelle des Sammelbandes, den Begriff des <em>underlabouring </em>konkretisierend: Radikale Philosophie „versucht, &#252;ber das Philosophieren als spezifische T&#228;tigkeit hinaus ein Selberdenken aller zu f&#246;rdern, das vor gelingender Praxis liegt, ohne sie garantieren zu k&#246;nnen.“(380) Selberdenken wiederum ist in allen m&#246;glichen Dom&#228;nen des menschlichen Zusammenlebens gefragt, und so kommt es auch, dass der Radikalen Philosophie ein breites Feld der Bet&#228;tigung offen steht.<br />
Der Ausgangspunkt ist dabei die kritische Theorie Marxens. Davon legt der erste Teil des Bandes, der knapp die H&#228;lfte des Gesamtvolumens einnimmt und mit „Philosophieren im Anschluss an Marx“ betitelt ist, beredtes Zeugnis ab. Auch hier f&#228;llt sofort die thematische Breite der Darlegungen auf, deren einziger gemeinsamer Nenner oftmals nur in einer Bezugnahme auf Wolfs Radikale Philosophie liegt und auch diese ist in manchen Texten, wenn &#252;berhaupt, so nur implizit vorhanden – eine Problematik, auf die wir sp&#228;terhin noch genauer zu sprechen kommen werden. Die inhaltliche Spannweite der Texte reicht in diesem Teil jedenfalls von der wissenschaftstheoretischen Bedeutung des Marxschen Werkes &#252;ber Reflexionen zum Verh&#228;ltnis von Ludwig Wittgenstein zu Pierre Bourdieu bis hin zur politischen Philosophie und Psychoanalyse von Cornelius Castoriadis. Dazwischen werden noch die gesellschaftlichen Naturverh&#228;ltnisse samt ihrer „nat&#252;rlichen Tiefendimension“ (Kate Soper), fr&#252;hb&#252;rgerliche Staatstheorien von Hobbes bis Hume und vieles mehr verhandelt.<br />
Insbesondere und exemplarisch hervorheben m&#246;chte ich aus diesem Teil von <em>Philosophieren unter anderen</em> einen einzelnen Text: ebenjenen von <em>Urs Lindner</em> „zur doppelten wissenschaftsgeschichtlichen Bedeutung von Karl Marx“, so der Untertitel seines Beitrags. Dieser zeichnet sich durch breite Kenntnis neuerer wissenschaftstheoretischer Debatten aus und demonstriert pr&#228;zise, was <em>underlabouring </em>in radikalphilosophischer Absicht auf dem Felde der Philosophie bedeuten kann. Lindner argumentiert n&#228;mlich sehr anschaulich, dass Louis Althussers These vom „epistemologischen Einschnitt“ im Marxschen Schaffen grunds&#228;tzlich modifiziert werden muss. Mit Althusser geht Lindner zwar davon aus, dass es diesen Einschnitt tats&#228;chlich gegeben hat, dass Marx sich also mit den <em>Feuerbachthesen</em> und der <em>deutschen Ideologie</em> 1845 auf den Weg machte von der spekulativen Philosophie seiner Jugendjahre zur Wissenschaftlichkeit seines Sp&#228;twerks – sodann emblematisch zu Tage tretend im <em>Kapital</em>. Lindner geht aber sogleich &#252;ber Althusser hinaus, indem er weitere heuristische Untergliederungen des Marxschen Schaffens einf&#252;hrt und meint, dass Marx sich von 1845 bis 1857 – bis zur Anfertigung der <em>Grundrisse </em>– in einem Prozess der Reifung befunden habe, der schlie&#223;lich zu einem wissenschaftlichen Durchbruch, namentlich der Identifikation des Doppelcharakters der gesellschaftlichen Arbeit, gef&#252;hrt hat und Marx folglich in die Lage versetzte, die kapitalistische Gesellschaft im <em>Kapital </em>von ihrer „Zellform“ (Marx) her aufzurollen. Lindner ist sich dabei der Problematik jedweder Schematisierung durchaus bewusst, wie er sich gleichsam, trotz der Rede von der Reifung, allen teleologischen Obert&#246;nen versagt. Das Marxsche Werk ist und bleibt ein Torso und gerade Lindners Rekurs auf neuere wissenschaftstheoretische &#220;berlegungen macht klar, dass Marx sich wohl selbst nicht so ganz bewusst war, welche ontologischen, epistemologischen und methodologischen Vorannahmen und Setzungen er getroffen hatte (hier ist wiederum <em>underlabouring </em>gefragt, um ebenjene impliziten Pr&#228;missen zu Tage zu f&#246;rdern).<br />
Teil 2 der Festschrift tr&#228;gt die &#220;berschrift „Politik, &#214;konomie, Geschlechterverh&#228;ltnisse“ und verweist damit auf den weitl&#228;ufigen Fokus der <em>underlabouring</em>-T&#228;tigkeit der Radikalen Philosophie, verglichen etwa mit diversen (&#246;konomistischen) Traditionsmarxismen.Auch diesem Teil des Bandes l&#228;sst sich eine bunte Vielfalt an Themen attestieren. Von Fragen queerer Theoriebildung &#252;ber Probleme der sog. Staatsableitung in marxistischen Debatten bis hin zu historischen Skizzen &#252;ber die Durchsetzung des Kapitalismus in England und die Widerst&#228;nde dagegen sind die verhandelten Inhalte wiederum mannigfaltig. So setzt sich etwa <em>Michael Heinrich</em> in Teil 2 mit den „Grenzen des idealen Durchschnitts“, will meinen den Grenzen der dialektischen Darstellungsweise des Marxschen Kapitals in Hinblick auf den Staat auseinander und gibt desgleichen eine &#220;bersicht &#252;ber die versprengten theoretischen Aussagen Marxens &#252;ber den Staat. <em>Ingo Elbe</em> besch&#228;ftigt sich daran anschlie&#223;end mit der Rechts- und Staatstheorie von Nicos Poulantzas und versucht in kritischer Auseinandersetzung mit diesem und im Anschluss an Erkenntnisse der deutschen Staatsableitungsdebatte der 1970er Jahre, die kapitalistische Staatsform zu ergr&#252;nden. Neben diesen enger auf das Marxsche Werk zentrierten Texten behandelt dieser Teil des Bandes zudem weitere Probleme marxistischer Theoriebildung, die nicht allzu oft als solche er&#246;rtert werden. <em>Ingo St&#252;tzle</em> besch&#228;ftigt sich beispielsweise mit der Kategorie der Staatsverschuldung und ihrem Stellenwert in der Kritik der politischen &#214;konomie – ein in Krisenzeiten ausnehmend interessanter Beitrag. Dar&#252;ber hinaus sei aus diesem Abschnitt schlie&#223;lich noch der Text von <em>Pia Paust-Lassen</em> zur Lekt&#252;re empfohlen, welcher sich in sehr innovativer und erkenntnisbringender Art und Weise mit der Relevanz von verschiedenen Formen von Zeitlichkeit f&#252;r &#214;konomie und &#214;kologie auseinandersetzt.<br />
Der letzte Teil von <em>Philosophieren unter anderen</em> ist der „Theorie und Praxis radikaler Philosophie“ im engeren Sinne gewidmet, auch wenn selbst in diesem Teil der Bezug auf Wolfs <em>framework </em>h&#228;ufig nur implizit bleibt. <em>Denis Maeder</em> spricht gegen Ende des Bandes etwa &#252;ber die Zentralit&#228;t des Fragens und Nichtwissens im Gegensatz zur reinen Aussagen- und Satzlogik klassischer (analytischer) Philosophie und <em>Boaventura de Sousa Santos</em> macht sich Gedanken &#252;ber die Kommensurabilit&#228;t verschiedener Wissensformen und pl&#228;diert f&#252;r eine bestimmte standpunktlogische „Epistemologie des S&#252;dens“. Auch in diesem letzten Teil der Festschrift gilt, was schon zuvor aufgefallen war: Es handelt sich um durchwegs interessante Texte, wobei deren Bez&#252;ge zur Radikalen Philosophie oder Wolfs Werk ganz generell &#246;fter unklar bleiben.<br />
Dies leitet auch schon zur eigentlichen Problematik der Festschrift &#252;ber. Selbige ist ohne Zweifel ein sehr lesenswertes Sammelsurium gegenw&#228;rtiger linker Theoriebildung und Emanzipation, die, will sie denn greifen, sich gewiss nur als vermittelte Zusammenschau vieler differenter Perspektiven denken l&#228;sst. Frieder Otto Wolf versucht mit seiner Radikalen Philosophie eine Art gemeinsame Klammer, einen Diskursbogen f&#252;r verschiedene emanzipatorische Ans&#228;tze zu schaffen, sodass sie in Dialog treten und sich schlussendlich gegenseitig theoretisch befruchten k&#246;nnen. Trotz dieses hehren und unterst&#252;tzenswerten Anliegens stellt sich bei der Lekt&#252;re der Festschrift aber die Frage nach der Koh&#228;renz der gesamten (meta-)theoretischen Perspektive. Wollen linke Theoriebildung und emanzipatorische Bewegungen nicht in seichten und zahnlosen Pluralismus abgleiten, so gelte es ebenso, die verschiedenen Ans&#228;tze in produktive Frontstellungen zueinander zu bringen und, wo n&#246;tig, eben auch Gegens&#228;tze zu prononcieren. Genau dies unterbleibt aber im vorliegenden Band &#252;berwiegend. <em>Underlabouring </em>h&#228;tte es genauso zur Aufgabe, die Inkonsistenzen und ideologischen Verschleifungen einzelner Theorien herauszupr&#228;parieren. Nur durch diese Gegens&#228;tze hindurch lie&#223;e sich zu einer pointiert-vermittelten Theorie des Ganzen gelangen. Mit dieser Festschrift ist sicherlich ein erster Schritt getan, verschiedene Theorietraditionen und Positionen in ein produktives Palaver miteinander und auch „unter die anderen“ zu bringen, weitere Schritte zur Sch&#228;rfung der zu Tage tretenden Widerspr&#252;che stehen aber – auch unter dem Schirm der Radikalen Philosophie – noch aus. Denn so befreiend und egalit&#228;r <em>Palaver </em>sein kann als gleichberechtigtes und solidarisches Sprechen unter anderen, die doch Gleiche sind, so schnell kann dieser in die polyphone Kakophonie des <em>Palaverns </em>ausarten, wo es nicht mehr so sehr darum geht, durch die Differenzen hindurch in kritischer Auseinandersetzung zur Wahrheit zu gelangen, sondern, im Gegenteil, die eigene (virtuelle) Befindlichkeit lauthals und &#252;ber alle anderen dr&#252;ber kundzutun.</p>
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		<title>Wo arbeitet die argentinische Demokratie?</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Dec 2010 07:20:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension:Blank, Martina: Zwischen Protest und trabajo territorial. Soziale Bewegungen in Argentinien auf der Suche nach anderen R&#228;umen, Berlin: Verlag Walter Frey 2009, 300 Seiten, € 28,00

Der Vergleich zwischen der Krise sowie den Aufst&#228;nde in Griechenland und den Ereignissen 2001 in Argentinien wird derzeit viel bem&#252;ht. Der Fokus liegt hierbei zumeist auf den wirtschaftspolitischen Problemstellungen und der Rolle internationaler Finanzinstitutionen. In [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension:Blank, Martina: Zwischen Protest und <em>trabajo territorial</em>. Soziale Bewegungen in Argentinien auf der Suche nach anderen R&#228;umen, Berlin: Verlag Walter Frey 2009, 300 Seiten, € 28,00<br />
<span id="more-1697"></span><br />
Der Vergleich zwischen der Krise sowie den Aufst&#228;nde in Griechenland und den Ereignissen 2001 in Argentinien wird derzeit viel bem&#252;ht. Der Fokus liegt hierbei zumeist auf den wirtschaftspolitischen Problemstellungen und der Rolle internationaler Finanzinstitutionen. In Bezug auf Argentiniendominierte jedoch nicht immer ein derart makroperspektivischer Blick. Vielmehr galt Argentinien vielen Linken deshalb als interessant, weil es sich von einem Versuchslabor f&#252;r neoliberale Umstrukturierungspl&#228;ne zu einem Experimentierfeld f&#252;r neue Formen kollektiver Organisierung gewandelt hatte. Dass mit der Zeit immer weniger von Projekten wie den Tauschringen oder <em>fabricas recuperadas</em> (besetzte und selbstverwaltete Fabriken) zu vernehmen war, lag u. a. an der erfolgreichen Doppelstrategie der Regierung(en) Kirchner, radikale Bewegungsteile zu kriminalisieren, gem&#228;&#223;igtere hingegen (klientelistisch) in ein neues hegemoniales Projekt einzubinden.<br />
Im Zuge der Aufarbeitung, die auf die erste Ern&#252;chterung folgte, er&#246;ffneten sich neue Fragen: Woher kamen die Massen? Wo und wie organisierten sie sich? Wo waren die unterschiedlichen Bewegungsteile r&#228;umlich verankert? Und vor allem „[w]o wurde wann mit wem oder was wie interagiert und wie entwickelte sich diese Interaktion langfristig?“(90) Diesen Fragen geht Martina Blank in ihrer 2009 erschienenen Dissertation nach. Von besonderem Interesse ist f&#252;r sie hierbei die r&#228;umliche Dimension kollektiver Praktiken. Deshalb f&#252;hrt Blank zun&#228;chst in zentrale Konzepte der sozialwissenschaftlichen Raumdebatte wie <em>place</em>, <em>scale </em>oder David Harveys Klassifizierung der <em>community “in itself”</em> und <em>“for itself”</em> ein. Mit Hilfe dieser Begriffswerkzeuge versucht sie sich dann den 2001 entstandenen sozialen Bewegungen zu n&#228;hern. Dabei macht sie zun&#228;chst drei zentrale Konfliktfelder mit unterschiedlichen Protestformen aus: Die neoliberalen Strukturanpassungen, denen sich die Arbeitslosenbewegung mit der Form des <em>piquete </em>(Stra&#223;ensperren) entgegenstellte; die Straflosigkeit der letzten Milit&#228;rdiktatur, gegen die in Form der <em>escrache </em>(Markierung der Wohnorte der Straft&#228;terInnen) protestiert wurde; sowie die Entt&#228;uschung &#252;ber die in den 1980ern neu geschaffenen demokratischen Institutionen, die zur Selbstorganisierung in <em>asambleas barriales</em> (Stadtteilversammlungen) f&#252;hrte. Alle diese neuen Protest- und Organisierungsformen beziehen sich zentral auf die R&#228;umlichkeit des <em>barrios </em>(Viertel). Raum ist Blank zufolge in diesem Zusammenhang jedoch nicht als geographisches Territorium zu verstehen, sondern vielmehr als „verortete Verdichtung sozialer Interaktion“(89). Ihre zentrale These lautet daher: „<em>Trabajo territorial</em> [die kollektive Arbeit im <em>barrio</em>, Anm. TB] […] ist der Versuch zur Schaffung neuer Handlungsr&#228;ume, die Verortung im Stadtviertel zielt auf die Konstruktion sozialer R&#228;ume, die ein „más alla“ („dar&#252;ber hinaus“) des Protests erm&#246;glichen sollen.“(11)<br />
Zur Untersuchung dieser These betrachtet die Autorin die Arbeit der <em>Asamblea Popular de Florida Este</em> in deren <em>barrio</em>. Die <em>asamblea </em>stellt in ihren Augen die radikalste Form der Schaffung und kollektiven Aneignung von &#246;ffentlichen R&#228;umen dar (142). Zentrale Triebfeder der asamblea sei das Verlangen nach Kommunikation im und mit dem <em>barrio</em>. &#196;hnlich dem &#246;sterreichischen Gr&#228;tzl ist der Raum des <em>barrios </em>weit davon entfernt, in kartographischen Begriffen wie des Viertels oder der Nachbarschaft erfasst zu werden. Blank zufolge handelt es sich vielmehr um einen „<em>place</em>-spezifischen Erfahrungshorizont, einer f&#252;r Buenos Aires typischen Tradition“ (141). Dieser Erfahrungshorizont sei nicht zuletzt der Geschichte einer chaotischen und prek&#228;ren Urbanisierung geschuldet, die neben der Konstruktion eines privaten Raumes einen kollektiven, lokalen und &#246;ffentlichen Raum ausgebildet habe. Eben jenes <em>barrio</em>, das in den unterschiedlichen Etappen in der Geschichte Argentiniens zahlreiche Transformationsprozesse durchlief und stets ein politisch umk&#228;mpfter Raum war. Insofern richtet sich die Arbeit der <em>asamblea </em>f&#252;r die Autorin auch nicht auf ein kartographisch fest zu bestimmendes Gebiet, sondern „[d]as Territorium, auf das sich die eigenen Arbeit richtet, ist selbst Produkt dieser Arbeit.“(226) Daher schlussfolgert Blank: „Trabajo Territorial ist keine <em>place</em>-Konstruktion im Sinne einer Einhegung, einer <em>community ‚for itself ‘</em>. Es ist vor allem anderen auch ein best&#228;ndiger Versuch, Grenzen zu &#252;berschreiten, politische und soziale Grenzen, die in den vermeintlich privaten Alltag eingelassen und in die Territorien der barrios eingeschrieben sind.“(248)<br />
Insgesamt merkt man dem Buch seinen Dissertationscharakter an. Dies hat teilweise Vorteile: So erm&#246;glicht der grobe &#220;berblick &#252;ber die wichtigsten Konzepte und Begriff der sozialwissenschaftlichen Raumdebatte auch Au&#223;enstehenden den Einstieg in das Thema. Selbiges gilt f&#252;r die Vorgeschichte und die Ereignisse rund um das Jahr 2001, die pr&#228;gnant zusammengefasst werden. Allerdings – und hier zeigt sich die Schw&#228;che des Buches – stehen die einzelnen Teile etwas unvermittelt nebeneinander. Die sehr lange Beschreibung der auftauchenden Protestformen ist zwar spannend, h&#228;tte aber angesichts der sp&#228;teren Begrenzung auf das empirische Beispiel der <em>asamblea </em>k&#252;rzer ausfallen k&#246;nnen. Daf&#252;r w&#228;ren in Bezug auf die <em>asamblea </em>selbst weitere Ausf&#252;hrungen interessant gewesen. Immer aufschlussreich wird es n&#228;mlich dann, wenn die Autorin sich ein paar Seiten Raum nimmt, um auf spezifische Teilaspekte einzugehen. So zeigt sie etwa eindrucksvoll, wie sich der „von Klassismus und Rassismus durchzogene Sicherheitsdiskurs“ (242) in das <em>barrio </em>einschreibt. Hier und auch im Bezug auf die von ihr so stark gemachte Figur des <em>vecino </em>(Nachbar), den sie als „Tr&#228;ger eines hundert Jahre alten emanzipatorischen Horizonts von sozialem Aufstieg, Solidarit&#228;t und Partizipation“ (166) beschreibt, w&#228;re eine genauere Aufarbeitung der Klassenzusammensetzung und -transformation und deren r&#228;umliche Dimensionen n&#246;tig gewesen. So bleiben die Eigenheiten des Gro&#223;raums Buenos Aires in dieser Hinsicht f&#252;r LeserInnen, die nicht schon vorab mit diesen vertraut sind, etwas unklar.<br />
Auch die abschlie&#223;ende demokratietheoretische Bewertung des von ihr beschriebenen <em>scale</em>-Wechsel hin zum <em>barrio </em>bleibt offen. Handelt es sich hierbei um einen R&#252;ckzug auf das Lokale, der als Reaktion auf das Abgeschnitten-Sein breiter Bev&#246;lkerungsteile von politischen Institutionen folgt? Liegt ein freiwilliger Selbstausschluss vor, der neue und emanzipatorische Formen der Selbstorganisierung erm&#246;glicht? Oder wird ein Perspektivwechsel vollzogen, in dessen Folge der Nationalstaat nicht l&#228;nger als Adressat f&#252;r Emanzipationsbestrebungen wahrgenommen wird? Unscharf bleibt dar&#252;ber hinaus ihr Versuch, trabajo territorial mit der Transformation des argentinischen Staates in Verbindung zu setzen: F&#252;r ihre Annahme „<em>[t]rabajo territorial</em> ist vor allem anderen eine Verortung in Territorien fragmentierter Staatlichkeit“ (257) mag es gute Argumente geben, allerdings m&#252;ssten diese weiter ausgef&#252;hrt werden. So bleibt dieser Teil zu thesenhaft.<br />
Alles in allem ist <em>Zwischen Protest und trabajo territorial</em> durchaus empfehlenswert und gerade f&#252;r LeserInnen, die sich erstmalig mit den Ereignissen in Argentinien von 2001 auseinandersetzen m&#246;chten, ein gelungener Einstieg. F&#252;r jene, die sich bereits intensiver mit der Thematik auseinandergesetzt haben, werden durch die r&#228;umliche Perspektive zwar neue, interessante Aspekte zutage gef&#246;rdert, allerdings w&#252;rde man sich an manchen Stellen tiefer gehende Ausf&#252;hrungen w&#252;nschen.</p>
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		<title>Mechanismen der Ideologie</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Dec 2010 07:11:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezension: Rehmann, Jan: Einf&#252;hrung in die Ideologietheorie, Hamburg: Argument-Verlag 2008, 248 Seiten, € 17,40

Trotz der wiederholten Ausrufung des „Endes der Ideologie“ (Daniel Bell, Francis Fukuyama) sowie der Hegemonie von so genannten „post-ideologischen“ Diskurstheorien in den Sozialwissenschaften gibt es viele politisch wie theoretisch plausible Gr&#252;nde, sich mit der Wirkungsweise von Ideologien zu besch&#228;ftigen. Ein wesentliches Ziel von Jan Rehmanns Einf&#252;hrung in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Rehmann, Jan: Einf&#252;hrung in die Ideologietheorie, Hamburg: Argument-Verlag 2008, 248 Seiten, € 17,40<br />
<span id="more-1695"></span><br />
Trotz der wiederholten Ausrufung des „Endes der Ideologie“ (Daniel Bell, Francis Fukuyama) sowie der Hegemonie von so genannten „post-ideologischen“ Diskurstheorien in den Sozialwissenschaften gibt es viele politisch wie theoretisch plausible Gr&#252;nde, sich mit der Wirkungsweise von Ideologien zu besch&#228;ftigen. Ein wesentliches Ziel von Jan Rehmanns Einf&#252;hrung in die Ideologietheorie ist es, theoretische Mittel zur Verf&#252;gung zu stellen, um die kulturelle Hegemonie des Neokonservativismus bzw. des Neoliberalismus erkl&#228;ren zu k&#246;nnen – insbesondere die Frage, wie es gelingen konnte, Subalterne dazu zu bewegen, mehr oder minder begeistert f&#252;r Parteien zu stimmen, deren Politik ihren Interessen zuwider lief und zu einem Verlust von kollektiver Handlungsf&#228;higkeit und sozialer Absicherung beitrug. Weiters z&#228;hlt der Autor es zu den Aufgaben von Ideologietheorien, eine hegemonief&#228;hige Strategie demokratisch-sozialistischer Transformationen zu entwickeln.<br />
Rehmann unterteilt die verschiedenen Ideologiekonzeptionen in „Ideologiekritik“ und „Ideologietheorien“, betont aber stets, dass die Trennlinien bei weitem nicht so klar gezogen werden k&#246;nnen, wie dies die VertreterInnen der jeweiligen Position gerne h&#228;tten. Zun&#228;chst referiert er die Geschichte der pr&#228;-marxistischen Ideologiekritik, beginnend mit Destutt de Tracy. Darauf folgt eine ausf&#252;hrliche Darstellung der – durchaus heterogenen – Thesen von Marx und Engels zu Fragen der Ideologie (Kapitel 2). Mittels intensiver und kontextbezogener Lekt&#252;re kann Rehmann einigeoberfl&#228;chliche, aber weit verbreitete Kritiken am Ansatz von Marx und Engels entkr&#228;ften. Er zeigt, dass die Kritik der Ideologie als „notwendig falsches Bewusstsein“ sowie das Bild der Camera obscura und auch die problematischen Metaphern des „Reflexes“ und des „Echos“ keineswegs als passive Bewusstseinspr&#228;gung (naiver Empirismus) verstanden wird, sondern stets auf der These beruhen,dass Ideologien aus dem widerspr&#252;chlichen „historischen Lebensprozess“ der Menschen sowie der Verselbst&#228;ndigung und &#220;berordnung der intellektuellen T&#228;tigkeiten gegen&#252;ber der gesellschaftlichen Produktion hervorgehen. Zentral ist ein Terrainwechsel von einer (Natur-)Wissenschaft der Ideen auf das Gebiet einer Analyse der Widerspr&#252;che der Gesellschaft, ihrer „Selbstzerrissenheit“. Rehmann stellt dabei den durchaus umstrittenen Begriff des „Waren-Fetischismus“ in den Mittelpunkt: „Mit dem ,Fetischcharakter der Ware‘ bezeichnet Marx den Tatbestand, dass in der privatarbeitsteiligen Warenproduktion der gesellschaftliche Zusammenhang der Produzenten nicht bewusst geplant werden kann, sondern sich erst beim Verkauf der Ware und damit im Nachhinein als fremde, ,dingliche‘ Macht hinter ihrem R&#252;cken durchsetzt.“(37) In der Rezeptionsgeschichte der Thesen von Marx und Engels h&#228;tten dann v.a. Lenin und der Marxismus-Leninismus den Ideologiebegriff neutralisiert (Kap. 3), w&#228;hrend Lukács die kritische Ideologiekonzeption in einer Theorie „verdinglichten Bewusstseins“ rehabilitierte. Jedoch habe Lukács die „Verdinglichung“ auf eine Weise totalisiert, dass Apparate und Intellektuelle nicht mehr erforderlich sind und die K&#228;mpfe und Widerspr&#252;che in der Ideologie nicht mehr wahrgenommen werden k&#246;nnen. Horkheimer und Adorno kn&#252;pften an Lukács an, kritisierten aber verschiedene Aspekte, wie etwa das philosophisch &#252;berh&#246;hte Vertrauen in ein revolution&#228;res Proletariat. Zentrale Themen ihres ideologiekritischen Ansatzes bilden die Kritik des Identit&#228;tsdenkens sowie die Konzeption der Kulturindustrie (Kap. 4). Alle diese Ans&#228;tze werden &#252;blicherweise unter dem Label „Ideologiekritik“ verhandelt. Insbesondere gegen ideologiekritische Entlarvungen „falschen Bewusstseins“ werden meist folgende Einw&#228;nde erhoben: sie &#252;bersehen die materiellen Existenzformen des Ideologischen, seine Apparate, Intellektuellen und Praxisformen, die bestimmte ideologische Effekte auf Handlungs- und Denkweisen erzeugen; sie verfehlen die Bedeutung der unbewussten Funktionsweisen von ideologischen Formen und Praxen; und sie verdr&#228;ngen die Hauptaufgabe, die Wirkungsweise der Ideologien zu verstehen und ihrer „Macht &#252;ber die Herzen“ nachzusp&#252;ren, um ihr auf dieser Grundlage ihre Attraktionspunkte entwenden zu k&#246;nnen (12).<br />
Die Ausarbeitung einer „Ideologietheorie“, die diese Probleme und Grenzen des Ansatzes der Ideologiekritik zu &#252;berwinden versucht, begann mit den Werken von Antonio Gramsci und Louis Althusser. Gramsci konzentrierte sich auf die inneren Widerspr&#252;che der Ideologien, der zivilgesellschaftlichen Institutionen und des Alltagsverstands. Rehmann betont die praktische Bedeutung dieser theoretischen Perspektive, da jede eingreifende Politik von unten darauf angewiesen sei, die Widerspr&#252;che im ideologischen Gef&#252;ge und speziell im herrschenden Machtblock zu analysieren, um in sie intervenieren zu k&#246;nnen. Letztlich diente Gramsci der Ideologiebegriff als &#220;bergangskategorie zur Ausarbeitung einer Hegemonietheorie, einschlie&#223;lich seines erweiterten Begriffs des „integralen Staats“. Althusser setzte Gramscis &#220;berlegungen fort und erg&#228;nzte sie um die Konzepte des ideologischen Subjekts, der freiwilligen Unterwerfung (assujettissement) und des Imagin&#228;ren. Diese psychoanalytischen Kategorien erm&#246;glichten ihm, das Ideologische als ein „gelebtes“ Verh&#228;ltnis zu den Existenzbedingungen zu verstehen, es konstitutiv mit dem Unbewussten in Beziehung zu setzen und den dynamischen und aktiven Charakter ideologischer Unterwerfung zu veranschaulichen. Weiters betont Althusser die materielle Existenz von Ideologien in Alltagspraxen, Ritualen und (ideologischen Staats-)Apparaten. Die Integration der lacanschen Psychoanalyse setze, so kritisiert Rehmann, die althussersche Ideologietheorie der Spannung zwischen einem historisch spezifischen Konzept der ideologischen Staatsapparate und einer ungeschichtlich konzipierten „Ideologie im Allgemeinen“ aus – ein Problem, das schlie&#223;lich sogar zur Aufl&#246;sung der „Althusser-Schule“ (es wird nie erkl&#228;rt, wer dies sei) beigetragen haben soll. Rehmann missinterpretiert hier Althusser insofern, als er dessen Thesen &#252;ber die „Ideologie im Allgemeinen“ als substanzielle Aussagen &#252;ber konkrete Ideologien deutet. Althusser hingegen versteht diese Thesen als „begriffliches Minimum“ (dessen Bestimmungen selbstverst&#228;ndlich revidierbar sind), das notwenig ist, um &#252;berhaupt von Ideologie sprechen zu k&#246;nnen. Diese Missinterpretation verweist auch auf eine offenbar un&#252;berwindbare Differenz zwischen Psychoanalyse und Kritischer Psychologie (nach Klaus Holzkamp). Rehmann geht z.B. mit Holzkamp davon aus, dass in einer herrschaftsfreien Gesellschaft die menschliche Psyche ohne Unbewusstes auskommen k&#246;nne, w&#228;hrend Althusser genau dies in seiner Ideologietheorie bestreitet. Zu kurz kommt in Rehmanns Darstellung ein grunds&#228;tzliches Anliegen der Althusserschen ideologietheorie: der Versuch der wissenschaftlichen Erkl&#228;rung der Mechanismen von Ideologie (Anrufung, verkennende Wiedererkennung), relativ autonomer Mechanismen, die nicht auf die gesellschaftlichen Herrschaftsverh&#228;ltnisse reduzierbar sind. Selbstverst&#228;ndlich kritisiert Althusser – so wie auch Stuart Hall – alle Ideologien, die Marx, Engels oder die Kritische Theorie ebenfalls kritisierten. Zugleich aber versuchen sie Vorstellungen einer „Reinheit“ bestimmter gesellschaftlicher Bereiche oder gesellschaftlicher Gruppen zu kritisieren – bzw. positiv formuliert: deren konstitutive Verwobenheit in ideologische Verh&#228;ltnisse zu denken, ohne sie darauf zu reduzieren. Dies bedeutet eine Aufforderung zu einem politischen Handeln ohne Garantien und zur st&#228;ndigen Selbstreflexion aller emanzipatorischen Bewegungen.<br />
Rehmann konstruiert weiters eine theoretische Kontinuit&#228;t zwischen der „Althusser-Schule“ und poststrukturalistischen Diskurstheorien bzw. der Postmoderne: Der „Althusserianismus“ habe der postmodernen &#220;bernahme seiner zentralen Kategorien kaum etwas entgegenzusetzen, da er insbesondere durch einen „theoretischen Antihumanismus“ gel&#228;hmt sei – also die theoretische Forderung, dass nicht „der Mensch“ (wie entfremdet, verdinglicht und in Fetischismen verfangen auch immer), sondern die gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse und K&#228;mpfe die Grundkategorien einer materialistischen Geschichtstheorie sein sollten. Der Autor bezieht sich hier insbesondere auf die poststrukturalistischen Ans&#228;tze von Foucault, Laclau und Mouffe, da diese die Ideologie ihres kritischen Stachels beraubt, neutralisiert und durch den Diskursbegriff ersetzt h&#228;tten (134ff). Die Weiterentwicklungen der Althusserschen Thesen durch Michel Pecheuxs materialistische Diskursanalyse zeigen hingegen, dass eine konsistente Verkn&#252;pfung von Diskurs- und Ideologietheorien durchaus m&#246;glich ist. Im &#220;brigen reduzieren weder Althusser noch Pêcheux das Gesellschaftliche auf Diskurse.<br />
Ein zentrales Problem in Althussers Ansatz sieht Rehmann schlie&#223;lich darin, dass die Analyse der Widerspr&#252;che und K&#228;mpfe im Ideologischen zugunsten der Funktion der Herrschaftsstabilisierung vernachl&#228;ssigt wurden und somit weder die Entstehung noch die Wirkungsweisen von Widerstand erkl&#228;rt werden k&#246;nnten. Althussers Modell m&#252;sse daher dialektisiert werden, um Widerspr&#252;che denken zu k&#246;nnen. Das Projekt Ideologietheorie (PIT) um Wolfgang F. Haug kn&#252;pft an den „kritischen Ideologiebegriff bei Marx und Engels“ sowie an Gramsci und Althusser an. Das Ideologische bezeichnet hier die Grundstruktur ideologischer M&#228;chte „&#252;ber“ der Gesellschaft und damit den Wirkungszusammenhang einer „entfremdeten Vergesellschaftung-von-oben“. Es wird prim&#228;r an den Funktionsweisen der Hegemonialapparate, ideologischer M&#228;chte und Praxisformen festgemacht, die das Selbst- und Weltverh&#228;ltnis der Individuen organisieren. Der Ansatz des PIT versteht sich nicht nur als ideologietheoretisch, sondern zugleich als ideologiekritisch, da er die ideologischen M&#228;chte, Apparate und Praxisformen „grunds&#228;tzlich vom Standpunkt einer klassenlosen und herrschaftsfreien Gesellschaft betrachtet.“(153) Er wird sowohl dem entfremdeten Charakter als auch der materiellen Existenzweise der Ideologie gerecht, verbindet beide Str&#228;nge organisch miteinander und behebt damit das „Dilemma“ der bisherigen Forschungsans&#228;tze. Als Gegenbegriff zum Ideologischen entwirft das PIT – und Rehmann folgt ihm hierbei – die Perspektive einer Selbstvergesellschaftung der Menschen im Sinne einer gemeinschaftlich-konsensuellen Kontrolle der gesellschaftlichen Lebensbedingungen. Eine kritische Gesellschaftstheorie m&#252;sse sich auch f&#252;r die vielf&#228;ltigen „horizontalen“ Vergesellschaftungsformen (Erfahrungen der Kooperation und Solidarit&#228;t) interessieren, in denen die Individuen ihr Zusammenleben ohne Dazwischenkunft &#252;bergeordneter ideologischer Instanzen regeln und entsprechende soziale Erfahrungen und Kompetenzen entwickeln. Im Alltagshandeln werden, so das PIT, das Ideologische, das Kulturelle, die horizontale Selbstvergesellschaftung und das Proto-Ideologische widerspr&#252;chlich miteinander verkn&#252;pft. Zur Bestimmung des Proto-Ideologischen verbindet Rehmann die Warenfetischismus-These mit Marxens Bemerkung &#252;ber den „stummen Zwang der &#246;konomischen Verh&#228;ltnisse“, d.h. der Unterstellung, dass das kapitalistische System im Normalfall ohne Anwendung von „au&#223;er&#246;konomischer, unmittelbarer Gewalt“ auskomme, weil die Arbeiterklasse die Anforderungen der kapitalistischen Produktionsweise als „selbstverst&#228;ndliche Naturgesetze“ anerkenne. Damit gelangt er zum (Fehl-?)Schluss, die im &#246;konomischen Feld produzierten „objektiven Gedankenformen“ nicht als Ideologien zu verstehen, sondern als Rohmaterial, das erst dann von den Ideologien – die ausschlie&#223;lich im Staat verortet werden – bearbeitet werde. „Offenbar stellt dieser ,stumme Zwang‘ bereits die Weichen f&#252;r die ideologische Unterstellung unter die b&#252;rgerliche Herrschaft, bevor die Ideologien anfangen, wortreich &#252;ber ihn zu reden oder ihn angestrengt zu verschweigen, ihn zu rechtfertigen oder abzuleugnen.“(43) Auf Althussers Kritik (in seinem Text Marx in his limits) der marxschen Fetischanalysen als „vormarxistisches Relikt der Entfremdungstheorie“ geht Rehmann dabei leider nicht ausf&#252;hrlicher ein. Er kritisiert schlie&#223;lich auch Gramsci und Foucault, weil sie nicht von „Entfremdungen und Fetischisierungen“ schreiben. Doch sind es nicht gerade diese beiden totalisierenden Kategorien (&#252;berh&#246;ht nur mehr durch „Verdinglichung“), welche eine konkrete Analyse historisch-sozialr&#228;umlich realer Situationen und Zusammenh&#228;nge – auf die es Rehmann doch zentral ankommt – be- und verhindern? Zwar sind sie Ausdruck herrschaftskritischer Intentionen, der pr&#228;zisen Analyse scheinen sie aber nicht dienlich zu sein.<br />
In den abschlie&#223;enden drei Kapiteln des Buches werden die erarbeiteten ideologietheoretischen Instrumentarien am weltweit hegemonialen Neoliberalismus erprobt, u.a. an den Thesen von Friedrich A. Hayek sowie an Texten der governmentality studies: Rehmann versucht zu zeigen, dass die neoliberale Aktivierungsrhetorik der Managementliteratur von den governmentality studies „nur einf&#252;hlsam nacherz&#228;hlt und theoretisch verdoppelt“ werde (210). Allerdings w&#252;rde Foucaults Konzept der Gouvernementalit&#228;t durchaus wertvolle Anregungen bieten, wenn es mit konkreten Analysen realer Herrschaftsverh&#228;ltnisse bzw. gesellschaftlicher Spaltungen verbunden werde.<br />
Jan Rehmanns Einf&#252;hrung in die Ideologietheorie besticht durch einen kompakten und kenntnisreichen &#220;berblick &#252;ber zentrale Ans&#228;tze der Ideologiekritik und der Ideologietheorie, in deren Mittelpunkt die umfassende Analyse von Herrschaftsverh&#228;ltnissen sowie die Perspektive einer herrschaftsfreien Gesellschaft stehen. Auch aufgrund des Vorschlags, die innovativen Argumente der durchaus unterschiedlichen Ans&#228;tze zu verkn&#252;pfen, stellt dieses Buch eine ausgezeichnete Basis f&#252;r weiterf&#252;hrende Diskussionen dar.</p>
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		<title>Kritische Soziologie reloaded</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Dec 2010 07:01:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[kritische Wissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: D&#246;rre, Klaus/Lessenich, Stephan/Rosa, Hartmut: Soziologie – Kapitalismus – Kritik. Eine Debatte, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2010, 327 Seiten, € 12,40

Nachdem viele namhafte SoziologInnen Mitte der 1980er Jahre das „Ende der Klassengesellschaft“ postuliert und damit der Soziologie ihr gesellschaftskritisches Potential systematisch entzogen hatten, schenkten linke Kr&#228;fte der (deutschsprachigen) soziologischen Forschung und Theoriebildung in den letzten Jahren kaum mehr Beachtung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: D&#246;rre, Klaus/Lessenich, Stephan/Rosa, Hartmut: Soziologie – Kapitalismus – Kritik. Eine Debatte, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2010, 327 Seiten, € 12,40<br />
<span id="more-1693"></span><br />
Nachdem viele namhafte SoziologInnen Mitte der 1980er Jahre das „Ende der Klassengesellschaft“ postuliert und damit der Soziologie ihr gesellschaftskritisches Potential systematisch entzogen hatten, schenkten linke Kr&#228;fte der (deutschsprachigen) soziologischen Forschung und Theoriebildung in den letzten Jahren kaum mehr Beachtung und betrachteten sie als empirizistische Handlanger neoliberaler Politik. In den letzten Jahren scheint demgegen&#252;ber die kritische Gesellschaftsforschung wieder zunehmend an Einfluss in der Soziologie zu gewinnen. Einzelne SoziologInnen, aber auch ganze Institute verschreiben sich neuerdings einer „kritischen Theorietradition“.<br />
Als ein Versuch, diesen Trend zur Wiederkehr kritischer Soziologie zu verst&#228;rken, kann die in Buchform gebrachte Debatte der Jenaer Soziologen Klaus D&#246;rre, Stephan Lessenich und Hartmut Rosa verstanden werden. So lautet das hochgesteckte Ziel der drei Autoren, die „R&#252;ckkehr der Kritik in die Soziologie“ (12) zu forcieren. Die Methode, die D&#246;rre, Lessenich und Rosa daf&#252;r w&#228;hlen, ist innovativ: Das „diskursive Prinzip dialogischer Wissensentwicklung“ (13) gibt im ersten Teil des Buches jedem Autor knapp 50 Seiten Spielraum, um die eigenen Positionen darzulegen. Im zweiten Teil kritisieren die Autoren die Konzepte der jeweils anderen und der dritte Teil gibt Gelegenheit, auf die Kritik einzugehen bzw. die eigenen Position noch klarer darzustellen.<br />
Eine kritische Soziologie muss sich in erster Linie mit den Urspr&#252;ngen und Spezifika des Kapitalismus auseinandersetzen, um die Krisenhaftigkeit dieses Systems analysieren zu k&#246;nnen. Hinsichtlich ihres kapitalismustheoretischen Grundverst&#228;ndnisses unterscheiden sich die drei Jenaer Soziologen allerdings massiv: Klaus D&#246;rre betont insbesondere die verschiedenen Formen kapitalistischer Landnahme (21), Stephan Lessenich weist auf die Rolle von Aktivierungsprozessen hin (126) und Hartmut Rosa sieht im modernen Kapitalismus vorwiegend eine Beschleunigungsmaschine (87). Aufgrund dieser h&#246;chst unterschiedlichen Konzepte haben die drei Autoren nat&#252;rlich auch unterschiedliche Einsch&#228;tzungen bez&#252;glich der Folgen kapitalistischer Vergesellschaftungsprozesse.<br />
In Anschluss an Rosa Luxemburg, Hannah Arendt und David Harvey ist f&#252;r Klaus D&#246;rre der Kapitalismus nur durch seine F&#228;higkeit zur Landnahme lebensf&#228;hig, das hei&#223;t durch seine Gabe, sich immer auf ein „Au&#223;en“ beziehen und dieses teilweise selbst mitproduzieren zu k&#246;nnen (42). Jede kapitalistische Phase sei durch eine bestimmte Form der Landnahme gekennzeichnet, so seit den 1970er Jahren auch der Finanzmarktkapitalismus durch seine finanzgetriebene Landnahme. Letztere zeichnet sich D&#246;rre zufolge dadurch aus, dass marktbegrenzende Institutionen (die fr&#252;her das „Au&#223;en“ kapitalistischer Gesellschaften bildeten) zunehmend geschw&#228;cht, ausgeh&#246;hlt und Teil von Landnahmeprozessen werden. Das neue „finanzdominierte Akkumulationsregime“ (57) wirke sich verheerend auf die Gesellschaft aus: die Trennung zwischen Privatem und Arbeit wird im flexiblen Kapitalismus zunehmend aufgeweicht, konkurrenzbasierte Regulationsdispositive setzen sich durch; das Tarifsystem erodiert, prek&#228;re Arbeitsverh&#228;ltnisse h&#246;hlen Kollektivvereinbarungen aus und mithilfe des Shareholder Value k&#246;nnen marktzentrierte Steuerungsans&#228;tze &#252;ber (inner-) betriebliche Angelegenheiten bestimmen. Auch Finanzkrisen w&#252;rden zum „Modus operandi der neuen Landnahme“ (69) geh&#246;ren. Durch intransparente Finanzprodukte und -risiken, weltwirtschaftliche Ungleichgewichte und der (damit einhergehenden) zunehmenden Notwendigkeit eines Staatsinterventionismus habe sich das finanzmarktkapitalistische System selbst instabil gemacht und sto&#223;e an „immanente Grenzen“ (81). Diese selbstgeschaffenen Widerspr&#252;che offenbaren f&#252;r D&#246;rre die Chance auf Wandel – die subalternen Gruppen m&#252;ssten diese Krisen des Finanzmarktkapitalismus nur erkennen, ihre Angst vor sozialem Abstieg abbauen und f&#252;r eine andere Gesellschaftsform k&#228;mpfen. Die Wahrscheinlichkeit einer solchen progressiven Entwicklung sch&#228;tzt der Soziologe allerdings als sehr gering ein. Da es an einem „glaubw&#252;rdigen, &#252;berw&#246;lbenden, emanzipatorischen Projekt“ (82) fehle, werde es wohl nichts mit dem Klassenkampf in n&#228;chster Zeit. Daher m&#252;sse sich die Soziologie, so argumentiert D&#246;rre n&#252;chtern, f&#252;r eine innerkapitalistische Alternative einsetzen: den &#246;kologischen New Deal (83).<br />
Anders als Klaus D&#246;rre, der sich in seinen Analysen am wenigsten von der marxistischen politischen &#214;konomie entfernt, lehnt sich Harmut Rosa in seinen Positionen eher an Max Weber an. Rosa sieht das „gute Leben“ (87) aller Menschen aufgrund des Wachstumsprinzips und der Beschleunigungslogik kapitalistischer Akkumulationsprozesse in Gefahr. Das Tempo sozialen Wandels beschleunige sich konstant – die Folge w&#228;re der Verlust von „in der „klassischen Moderne“ gewonnenen Gestaltungs-, Entwicklungs- und […] Autonomieanspr&#252;chen“ (109). Der flexible Mensch sei politisch ohnm&#228;chtig, m&#252;sse sich permanent anpassen und sich mit einer „situativen Identit&#228;t“ (110) zufrieden geben. Auch die Politik habe kaum mehr Handlungsspielr&#228;ume. Anstelle einer Interessenspolitik werde daher immer mehr auf die „Strategie des ,muddling through‘“ (109) gesetzt. Da die Sozialwissenschaften und die politischen Akteure die Widerspr&#252;che innerhalb des Kapitalismus – also die „Spaltungen, Spannungen und Trennungen zwischen Klassen“ (97/98) – jahrzehntelang &#252;berbetonten, konnte der Kapitalismus, so Rosa, bisher nie an seiner „ethischen Wurzel“ (125) gepackt werden. Aufgabe einer kritischen Soziologie w&#228;re es demnach, aufzuzeigen, dass der Kapitalismus „Profiteure und Gewinner nur ungl&#252;cklich machen kann, weil [er] all ihre […] Energien […] dem Kampf um die Aufrechterhaltung der Wettbewerbsf&#228;higkeit“ (125) unterwerfe. Stephan Lessenich besch&#228;ftigt sich als einziger der drei Soziologen vorwiegend mit der Rolle des Staates im kapitalistischen System. Er stellt die These in den Raum, dass der moderne Kapitalismus weder mit, noch ohne (Wohlfahrts-)Staat lebensf&#228;hig w&#228;re (141). Aufbauend auf Carl Offes „Theorie des Sp&#228;tkapitalismus“ untersucht Lessenich die ver&#228;nderte Rolle des Staates im „postindustriellen“ Kapitalismus. Dieser sei in „einer zwiesp&#228;ltigen, dilemmatischen Kommunikationssituation“ (149), da er den „kapitalistischen Erfordernissen und demokratischen Forderungen gleicherma&#223;en gerecht“ (149) werden m&#252;sse. Folge w&#228;re – und hier argumentiert Lessenich mit Foucault – nicht nur eine &#214;konomisierung, sondern auch eine Subjektivierung des Sozialen, d.h. „die Sorge um das Soziale, seine Sicherung und St&#228;rkung, wird in die Verantwortung der Subjekte gelegt.“(166) Der Staat ziehe sich zunehmend zur&#252;ck. Gesellschaftliche Inklusion w&#252;rde nicht mehr gef&#246;rdert, sondern nur mehr Ma&#223;nahmen gegen drastische Formen der Exklusion gesetzt. Neue soziale Spaltungen zwischen Inkludierten (Mehrheitsgesellschaft) und Exkludierten (Angeh&#246;rige der „Unterschicht“, illegale MigrantInnen) w&#228;ren die Folge. Nur wenn diese &#252;berwunden w&#252;rden und sich „die als Aktivb&#252;rger gedachten Subjekte“ (174) der Aktivgesellschaft und ihrer eigenen Rolle bewusst w&#252;rden, k&#246;nnte diese Form kapitalistischer Vergesellschaftung &#252;berwunden werden. Ziel einer kritischen Soziologie muss es nach Lessenich daher sein, die Subjekte &#252;ber die Urspr&#252;nge und Bedingungen dieser Aktivgesellschaft aufzukl&#228;ren.<br />
Hier ist nicht der Raum, auf die Kritiken einzugehen, welche die Autoren aneinander &#252;ben. Einige relevante Punkte seien jedoch genannt: So sehr Harmut Rosas Analyse von der „Beschleunigungsmaschine Kapitalismus“ stimmen mag, so unbrauchbar ist seine Position f&#252;r eine linke Kritik am kapitalistischen System. Rosas Blindheit gegen&#252;ber jeglichen sozialstrukturellen Differenzierungen &#228;hnelt stark Ulrich Becks These der „Individualisierung sozialer Risiken“. Auch wenn der Kuchen des Kapitalismus, wie Rosa betont, an sich giftig ist (268), so macht es eben doch einen Unterschied, wer davon wie viel isst und wer aus welchen Gr&#252;nden beschlie&#223;t, einen neuen Kuchen zu backen. Stephan Lessenichs Versuch einer Integration polit-&#246;konomischer Ans&#228;tze und foucaultianischer Subjektivierungstheorien ist ebenfalls nicht ganz gl&#252;cklich. Statt Struktur- und Akteursebene zu verbinden, werden &#246;konomische Prozesse und subjektive Handlungsmuster getrennt dargestellt. Die Rolle des Staates (welches eigentlich?) als intermedi&#228;re Instanz bleibt ebenso diffus. Auch Klaus D&#246;rre bleibt in seiner Position hinter den Erwartungen eines kritischen Geistes zur&#252;ck. Zwar ist seine Analyse polit&#246;konomisch durchaus fundiert, doch sind die politischen Konsequenzen, die er zieht, sehr z&#246;gerlich. Ein Green New Deal m&#252;sse her; jegliche andere Form dekommodifizierter Gesellschaft w&#228;re utopisch.<br />
Trotz aller Kritik an den Ans&#228;tzen ist die Initiative D&#246;rres, Lessenichs und Rosas absolut unterst&#252;tzenswert. Wenn „Soziologie &#8211; Kapitalismus &#8211; Kritik“ auch nicht der Weisheit letzter Schluss ist, so l&#228;sst es zumindest das kritische SoziologInnenherz ein wenig h&#246;her schlagen.</p>
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		<title>Vom Aufstieg und Fall der Profitrate</title>
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		<pubDate>Thu, 09 Dec 2010 06:45:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Krise]]></category>
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		<description><![CDATA[Krisen ersch&#252;ttern nicht nur das Wirtschaftsleben, sondern er&#246;ffnen immer auch die M&#246;glichkeit f&#252;r eine Kritik an den Grundz&#252;gen des anerkannten Wirtschaftsverst&#228;ndnisses und der kapitalistischen Logik. Philipp Probst stellt im ersten Teil unserer neuen Serie zu marxistischen Krisentheorien b&#252;rgerlichen Analysen eine marxistische Sichtweise  entgegen.

Im November 2009 fuhren die Chefs der f&#252;hrenden amerikanischen Automobilkonzerne nach Washington D.C. um vom US-Senat finanzielle [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Krisen ersch&#252;ttern nicht nur das Wirtschaftsleben, sondern er&#246;ffnen immer auch die M&#246;glichkeit f&#252;r eine Kritik an den Grundz&#252;gen des anerkannten Wirtschaftsverst&#228;ndnisses und der kapitalistischen Logik. <em>Philipp Probst</em> stellt im ersten Teil unserer neuen Serie zu marxistischen Krisentheorien b&#252;rgerlichen Analysen eine marxistische Sichtweise  entgegen.<br />
<span id="more-1690"></span><br />
Im November 2009 fuhren die Chefs der f&#252;hrenden amerikanischen Automobilkonzerne nach Washington D.C. um vom US-Senat finanzielle Mittel und Unterst&#252;tzung zu erbitten. Die „Drei Gro&#223;en“ der US-Autoindustrie (<em>Ford, General Motors</em> und<em> Chrysler</em>) waren angeschlagen und mussten vor dem Bankrott gerettet werden. Nach der Rettung von Immobilienbanken und Versicherungsunternehmen wie <em>Northern Rock, Fannie Mae und Freddy Mac</em>, bedeutete die Unterst&#252;tzung der Autoindustrie den n&#228;chsten riesigen <em>bailout </em>gro&#223;er Konzerne mittels Subventionen in Milliardenh&#246;he. Die Krise, die zun&#228;chst als Finanz- und Bankenkrise begonnen hatte, weitete sich nicht nur global aus. Auch in der „Realwirtschaft“ zeigten sich deutliche Instabilit&#228;ten. W&#228;hrend st&#228;ndig Versuche unternommen wurden, die Auswirkungen der Krise f&#252;r die Kapitalseite abzumildern, zeichneten sich immer gr&#246;&#223;ere Br&#252;che im „selbstregulierenden“ kapitalistischen System ab.<br />
Eine Frage liegt auf der Hand: Warum haben professionelle WirtschaftsforscherInnen – diejenigen, die in Zeiten des Aufschwung nicht m&#252;de wurden, die positiven Seiten der kapitalistischen Marktwirtschaft und die Kreativit&#228;t neuer Finanzinnovationen anzupreisen – diese Krise nicht vorhergesehen oder zumindest gegenwirkende Ma&#223;nahmen parat gehabt? Der ehemalige Chef der <em>Federal Reserve</em> Alan Greenspan gab vor dem US-Senat offen zu, dass er „noch immer nicht ganz wisse, was falsch gelaufen ist, in den, wie wir glaubten, selbstregulierenden M&#228;rkten.“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Als selbst Queen Elizabeth II. diese Frage stellte, sahen sich WirtschaftswissenschaftlerInnen gen&#246;tigt, zu antworten. Nach monatelangen intensiven Diskussionen, Analysen und Beratungen mit ExpertInnen aus den unterschiedlichsten Bereichen gestanden sie in einem offenen Brief an die Queen ein, dass sie ein „systemisches Risiko“ aus dem Blick verloren und verdr&#228;ngt hatten. Worin dieses „systemische Risiko“ bestehe, wurde nicht n&#228;her ausgef&#252;hrt.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a><br />
Dass b&#252;rgerliche Wirtschaftstheorien keine besseren Krisentheorien vorweisen k&#246;nnen, mag verwundern. Schlie&#223;lich ist die Geschichte des Kapitalismus so sehr von kontinuierlich wiederkehrenden Krisen gepr&#228;gt, dass Trotzki zum Schluss kam, dass „Kapitalismus von Krisen und Aufschwung lebt, wie Menschen vom Ein- und Ausatmen.“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Neben den gro&#223;en globalen Depressionen der 1870er, 1930er und der Krise der 1970er wurden seit den 1990ern Japan, der s&#252;dostasiatische Raum, Russland, die Americas und Europa von Krisen ersch&#252;ttert.<br />
Doch kaum scheint eine Krise &#252;berwunden, verwischen auch die Erinnerungen daran; ein neuer Aufschwung beginnt, begleitet von Lobges&#228;ngen auf die Versprechungen des Marktes. Diese Vergesslichkeit ist kein Zufall, sondern verweist auf die Grundlagen der b&#252;rgerlichen Wirtschaftstheorien, die von einem Gleichgewicht und der Stabilit&#228;t in der kapitalistischen Wirtschaftweise ausgehen. Krisen haben darin h&#246;chstens als Ausnahmef&#228;lle einen Platz.<br />
Politisch ist dies deshalb relevant, weil nicht nur neoliberale Ma&#223;nahmen zur Krisenbek&#228;mpfung mit Sparpaketen und Privatisierungen sich auf Varianten einer b&#252;rgerlichen &#214;konomik st&#252;tzen. Von linker Seite werden Strategien gegen die Krise an bestimmte, h&#228;ufig keynesianistische, Wirtschaftsanalysen gekn&#252;pft und die Hoffnung in besser regulierte Banken- und Finanzsysteme, neue (Green) New Deals und die Ankurbelung des Konsums durch Staatsausgaben gesetzt. Der Glaube an einen an sich funktionierenden Markt – reguliert oder unreguliert – bleibt erhalten und verstellt die M&#246;glichkeit einer revolution&#228;ren Perspektive. Eine genaue Untersuchung der Ursachen kapitalistischer Krisentendenzen ist deshalb f&#252;r politische Strategien und Taktiken zentral.<br />
Mit einer Serie zur marxistischen Krisentheorie versuchen wir – gegen b&#252;rgerliche Erkl&#228;rungsans&#228;tze – die inh&#228;rente Instabilit&#228;t der kapitalistischen Produktionsweise zu analysieren, aus der die unterschiedlichen Umbr&#252;che resultieren. Um im weiteren Verlauf der Serie reale Krisenabl&#228;ufe nachvollziehen zu k&#246;nnen, m&#252;ssen wir uns in einem ersten Schritt ein theoretisches Grundger&#252;st erarbeiten. Weil dies nur auf einem sehr hohen Abstraktionsniveau m&#246;glich ist, auf dem z. B. der Staat zun&#228;chst noch ausgeblendet bleiben muss, m&#246;gen die folgenden Ausf&#252;hrungen manchmal m&#252;hsam wirken. Sie sind jedoch die notwendige Voraussetzung f&#252;r ein grundlegendes Verst&#228;ndnis kapitalistischer (Krisen-)Dynamik.</p>
<p><strong>B&#252;rgerliche Krisentheorien…</strong><br />
Grob k&#246;nnen zwei b&#252;rgerliche Wirtschaftstheorien unterschieden werden, die je nach Konjunktur mehr oder weniger viele Anh&#228;ngerInnen finden<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>: die <em>neoklassische </em>und die keynesianistische Theorie. F&#252;r die neoklassische Theorie sind Angebot und Nachfrage die regulierenden Mechanismen zur Schaffung eines Gleichgewichts. &#220;ber diese Marktmechanismen wird eine effiziente und optimale Allokation von Ressourcen (Geld, nat&#252;rliche Ressourcen, Zwischenprodukte und Konsumg&#252;ter) herbeigef&#252;hrt. Zentral f&#252;r diesen Zugang ist das Gesetz von Jean Baptiste Say, einem der ber&#252;hmtesten klassischen &#214;konomen. Dieses besagt, dass jeder Verkauf auch einen Kauf bedeutet, also das „Angebot seine eigene Nachfrage erzeugt.“ Generelle &#220;berproduktionen und Absatzschwierigkeiten kann es demnach nicht geben, weil &#252;ber Preismechanismen Angebot und Nachfrage und damit Produktion und Konsumption geregelt und in ein Gleichgewicht gebracht werden. Die (vollst&#228;ndige) Konkurrenz zwischen Einzelkapitalien sichert, dass die Preismechanismen richtige Signale senden. Die ausgleichende Wirkung von Angebot und Nachfrage mag zwar in der Realit&#228;t immer wieder kurz gest&#246;rt sein, weil Preissignale nicht sofort wirken. Dieser „leichte Wind auf einem ruhigen See“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> , so der &#214;konom Walras, habe aber nichts mit gr&#246;beren Unterbrechungen des Wirtschaftstreibens zu tun. Daraus wird das Argument abgeleitet, dass Krisen nicht inneren Widerspr&#252;chen der kapitalistischen Produktionsweise entspringen, sondern Ergebnis &#228;u&#223;erer Einfl&#252;sse sind. Die Reihe der angef&#252;hrten &#228;u&#223;eren Einfl&#252;sse reicht dabei von abstrusen Thesen, wie dem Einfluss von Sonnenflecken oder dem hormonellen Adrenalin&#252;berschuss von Finanzspekulanten<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> [sic!] bis zu den klassischen Argumenten, dass Regulierungen durch den Staat oder Monopolstellungen den freien Zugang zu M&#228;rkten und deren selbstregulierende Mechanismen behindern.<br />
Die traditionelle <em>keynesianistische </em>Sichtweise unterscheidet sich nicht stark von der Neoklassik und wird mittlerweile als Teil der orthodoxen Lehre anerkannt. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass Keynes nicht von <em>einem </em>m&#246;glichen Gleichgewicht ausgeht, sondern von mehreren Gleichgewichtszust&#228;nden. So wie es ein Niveau mit Vollbesch&#228;ftigung und Wohlstand gibt, kann demnach auch ein Zustand hoher Arbeitslosigkeit und Stagnation bestehen. Die Aufgabe des Staates ist es, durch gezielte Ma&#223;nahmen der Regulierung die aggregierte Nachfrage zu sichern. Krisen sind demnach das Produkt falscher Politiken und eines unregulierten Kapitalismus und nicht dessen innerer Widerspr&#252;che.</p>
<p><strong>…und ihre Grenzen</strong><br />
Sowohl Neoklassik als auch keynesianistische Theorien blenden zwei wesentliche Aspekte aus: Erstens werden statische Zust&#228;nde betrachtet und auf die Bedeutung von <em>Zeitlichkeit </em>vollkommen vergessen. Zweitens wird von <em>technologischen Ver&#228;nderungen</em> abstrahiert. Alfred Marshall, einer der Begr&#252;nder der neoklassischen &#214;konomie, gab diese L&#252;cken offen zu: „[Die Theorie] beachtete nicht, dass sich in der Realit&#228;t Kapital kontinuierlich akkumuliert und sich Produktionstechniken st&#228;ndig weiterentwickeln, wodurch Nachfragemuster nach Produkten, die als Inputs in die Produktion dienen, st&#228;ndig ver&#228;ndert werden.“ „Zeit“, schreibt er, „ist die Quelle vieler der gr&#246;&#223;ten Schwierigkeiten in der &#214;konomik.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Das Problem wurde dadurch „gel&#246;st“, dass die klassischen WirtschaftswissenschaftlerInnen „das Element Zeit zu diesem Zeitpunkt [einfach] beiseite lassen,“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> wie sein Kollege Walras es ausdr&#252;ckte.<br />
Werden <em>Zeit </em>und <em>technologischer Fortschritt</em> ber&#252;cksichtigt, stellt die Etablierung eines Gleichgewichts &#252;ber Preismechanismen jedoch keinen reibungslosen Prozess mehr dar. Joseph Schumpeter, &#214;konom der sogenannten &#214;sterreichischen Schule, betont deshalb, dass „sobald das Gleichgewicht durch irgendeine St&#246;rung zerst&#246;rt wurde, der Prozess der Wiederherstellung desselben nicht so sicher, prompt und &#246;konomisch ist, wie uns dies die alte Theorie darstellt. […] Eben dieser Kampf um Adjustierungen k&#246;nnte sogar zu einem System f&#252;hren, das weiter weg von einem neuen Gleichgewicht liegt.“<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a><br />
Diesen Unzul&#228;nglichkeiten der orthodoxen Wirtschaftstheorie setzen marxistische Ans&#228;tze eine Sichtweise entgegen, welche die kapitalistische Produktionsweise als ein dynamisches System ansieht, dessen inneres Gleichgewicht nie zustande kommt, weil inh&#228;rente Tendenzen und Bewegungsgesetze dieses st&#228;ndig st&#246;ren und zerst&#246;ren.</p>
<p><strong>Marxistische Krisentheorien</strong><br />
In der marxistischen Diskussion finden sich unterschiedliche Erkl&#228;rungsans&#228;tze und Krisentheorien.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Seit Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die 1940er Jahre wurden von sozialdemokratischer und kommunistischer Seite v.a. &#220;berproduktions-, Unterkonsumptions- und Disproportionalit&#228;tstheorien in unterschiedlichen Facetten diskutiert.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Seit den 1960er Jahren nimmt das Marxsche Gesetz des „tendenziellen Falls der Profitrate“ eine zentrale Stellung in der Diskussion ein<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a>, w&#228;hrend in den 1970er Jahren mit dem Aufkommen zahlreicher Arbeitsk&#228;mpfe in Italien und England die sogenannte Profit-Squeeze-Theorie<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> als Krisenmechanismus eingebracht wurde. Im Rahmen dieses Artikels ist nicht gen&#252;gend Raum, um auf die einzelnen Krisentheorien und die Kritik an ihnen genauer einzugehen. Anzumerken ist jedoch, dass oft wichtige Teile und Versatzst&#252;cke der Marxschen Analyse zu allgemeinen Krisentheorien verarbeitet wurden, ohne sie einerseits zueinander in Bezug zu setzen und sie andererseits auf unterschiedlichen (Abstraktions-)Ebenen zu analysieren.<br />
Bei Marx findet sich keine ausformulierte Krisentheorie, sondern eine <em>Theorie der Akkumulation &#252;ber die Zeit</em>, bei der sich unterschiedliche Widerspr&#252;chlichkeiten und Krisentendenzen &#252;ber die Zeit zuspitzen und in Krisen ausdr&#252;cken. Marx’ Ziel war es, zu zeigen, dass die inneren Widerspr&#252;che der kapitalistischen Produktionsweise notwendigerweise periodisch Krisen produzieren, die sich in konkreten historischen Perioden in unterschiedlicher Art und Weise ausdr&#252;cken. „Im Prozess der Akkumulation werden alle Widerspr&#252;che und Spannungen der kapitalistischen Produktion und Zirkulation intensiviert. &#214;konomische Krisen sind das notwendige Ergebnis des Akkumulationsprozesses.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Ausgehend von den Widerspr&#252;chlichkeiten im Akkumulationsprozess k&#246;nnen Krisentendenzen und -mechanismen analysiert werden. Marx geht bei seiner Beschreibung des Akkumulationsprozesses in mehreren Schritten vor. Nachdem im ersten Band des Kapitals die Konzentration auf die Produktionssph&#228;re und das Kapital als Ganzes gelegt und im zweiten die Zirkulationssph&#228;re und das Verh&#228;ltnis von Einzelkapitalien zueinander betrachtet werden, setzt er im weiteren Verlauf Produktion, Tausch und Verteilung von Mehrwert zueinander in Beziehung, um die tats&#228;chlichen Bewegungen innerhalb des kapitalistischen Systems darstellen zu k&#246;nnen.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Erst in der Betrachtung des Akkumulationsprozesses als Einheit von Zirkulation und Produktion zeigen sich die zentralen Widerspr&#252;che.</p>
<p><strong>Mehrwert wird produziert – die Herstellung der Mehrwertrate</strong><br />
Im ersten Band des Kapitals konzentriert sich Marx auf die Produktionssph&#228;re. Hauptaugenmerk wird dabei auf das gesellschaftliche Verh&#228;ltnis zwischen Arbeit und Kapital gelegt. Der kapitalistische Produktionsprozess und damit auch der Akkumulationsprozess beruhen auf der Ausbeutung der ArbeiterInnen. Diese schaffen in einer gewissen Arbeitszeit eine gewisse Menge an neuem Wert (L). Der Teil, der &#252;ber dem als Lohn (v) ausgezahlt Wert liegt, wird in der marxistischen Theorie als Mehrwert (m) bezeichnet (L=v+m). Die Kontrolle &#252;ber den Produktionsprozess erlaubt es den KapitalistInnen, sich den von ArbeiterInnen produzierten Wert anzueignen, von dem (nach Abzug der L&#246;hne) der Mehrwert, die Quelle des Profits, bleibt. Das Verh&#228;ltnis zwischen der geschaffenen Mehrwertmasse (m) und den L&#246;hnen (v) ist die <em>Mehrwertrate </em>oder Ausbeutungsrate.<br />
Es bieten sich zwei M&#246;glichkeiten, die Ausbeutung der ArbeiterInnen zu erh&#246;hen und damit einen h&#246;heren Mehrwert zu erzielen: Die Steigerung des <em>absoluten </em>einerseits und des <em>relativen </em>Mehrwerts andererseits. Eine Steigerung des <em>absoluten </em>Mehrwerts, der insgesamt produzierten Mehrwertmasse, wird durch eine Verl&#228;ngerung der effektiven Arbeitszeit erreicht, sei es durch einen verl&#228;ngerten Arbeitstag oder eine Erh&#246;hung der Arbeitsintensit&#228;t (bspw. durch das K&#252;rzenvon Pausen oder die Beschleunigung der Leistung der ArbeiterInnen). Die Steigerungsm&#246;glichkeiten des absoluten Mehrwerts sind beschr&#228;nkt, da sowohl die Intensit&#228;t als auch die L&#228;nge der Arbeitszeit durch nat&#252;rliche und gesellschaftliche Faktoren begrenzt sind. Eine Erh&#246;hung des absoluten Mehrwerts ist prinzipiell ohne technologische Neuerungen m&#246;glich. In diesem Fall wird haupts&#228;chlich durch die Anstellung neuer ArbeiterInnen Mehrwert akkumuliert. Da die Mehrwertrate aber auch vom Lohn abh&#228;ngig ist, w&#252;rde die Mehrwertrate sinken, wenn in Zeiten der verst&#228;rkten Akkumulation die Nachfrage nach Arbeitskr&#228;ften und damit die L&#246;hne steigen.<br />
Den <em>relativen </em>Mehrwert k&#246;nnen KapitalistInnen erh&#246;hen, indem sie den Wert der Arbeitskraft verringern, also den Wert der Lebensmittel, die f&#252;r die Reproduktion der Arbeitskraft n&#246;tig sind, senken.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Das verlangt eine Produktivkraftsteigerung in jenen Sektoren der Wirtschaft, die entweder selbst Lebensmittel produzieren oder diese Sektoren direkt oder indirekt beliefern. Damit diese Senkungen wirksam werden, muss die Produktivkraft aber in vielen Sektoren der Wirtschaft steigen. Prinzipiell stehen unterschiedliche Optionen f&#252;r eine solche Produktivkraftsteigerung zur Verf&#252;gung: Einerseits k&#246;nnen organisatorische Umgestaltungen im Produktionsprozess, wie eine bessere Kooperation und ausgefeiltere Arbeitsteilungen, eine h&#246;here Arbeitsproduktivit&#228;t bringen. Die Haupttriebkraft f&#252;r eine Produktivkraftsteigerung liegt aber in technologischen Umgestaltungen des Arbeitsprozesses mittels neuer Maschinen.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Das hat neben der Steigerung des relativen Mehrwerts durch die Verringerung des Werts der Ware Arbeitskraft noch zus&#228;tzliche Vorteile f&#252;r die Kapitalseite. Die zunehmende Verdr&#228;ngung von ArbeiterInnen durch Mechanisierungsschritte erh&#246;ht die Kontrolle &#252;ber den Produktionsprozess und wird damit zu einem wirksamen Mittel im Klassenkampf von oben. Gleichzeitig erlaubt die daraus resultierende Schaffung einer Reserve an Arbeitskr&#228;ften, die ausbezahlten Geldl&#246;hne unter dem eigentlichen Wert zu halten.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Im Gegensatz zum absoluten Mehrwert h&#228;ngt der relative Mehrwert nur von der technologischen Entwicklung ab. Dieser sind prinzipiell keine Grenzen gesetzt.<br />
Insgesamt stellt „die Entwicklung der Produktivit&#228;t der gesellschaftlichen Arbeit de[n] m&#228;chtigste[n] Hebel der Akkumulation“ dar.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Bevor wir jedoch die sich daraus ergebenden Widerspr&#252;che analysieren, m&#252;ssen wir aus der Produktionssph&#228;re treten, denn der in der Produktionssph&#228;re geschaffene Wert muss erst als solcher realisiert werden. Dazu muss der aus der Ausbeutung der ArbeiterInnen entsprungene Wert zirkulieren.</p>
<p><strong>Kapital zirkuliert</strong><br />
Allgemein startet ein Produktionsprozess damit, dass mittels Geld (G) Produktionsmittel und Arbeitskr&#228;fte als Waren (W) gekauft werden, mit deren Hilfe ein Produktionsprozess (P) gestartet wird. Die dabei produzierten Waren (W´) m&#252;ssen dann f&#252;r Geld (G´) verkauft werden. Mit Hilfe des eingenommenen Geldes kann der gesamte Produktionsprozess wieder von Neuem gestartet werden. Das Kapital durchl&#228;uft in diesem Prozess unterschiedliche Phasen und wechselt von Geldkapital in Warenkapital in produktives Kapital und wieder zur&#252;ck in Waren- und Geldkapital. Kurz geschrieben: G – W … P … W´- G´. Das am Schluss eingenommene Geld (G´) sollte h&#246;her sein als der urspr&#252;nglich investierte Betrag. Die Differenz stellt den neu produzierten Mehrwert dar (G`-G=m).<br />
Das oben erw&#228;hnte Gesetz von Jean Baptiste Say behauptet, dass die Zirkulation immer gesichert sei, weil jeder Kauf einen Verkauf und jeder Verkauf einen Kauf bedeute. Jedes produzierte Produkt schaffe sich also seinen eigenen Markt.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Allerdings kann dieser Zyklus an den unterschiedlichen Punkten unterbrochen werden. Waren k&#246;nnen unverkauft bleiben (W´-G´ ist unterbrochen), weil entweder zu viele Waren produziert wurden oder die effektive Nachfrage zu gering ist. KapitalistInnen k&#246;nnen ihre Investitionen zur&#252;ckhalten, weil sie bzgl. der Profitabilit&#228;t ihrer Unternehmungen unsicher sind und sich weigern, Produktionsmittel zu kaufen und neue ArbeiterInnen anzustellen, oder weil sie ihr Geld woanders investieren (G´-W´ ist unterbrochen). Ebenso kann der Produktionsprozess durch Streiks und Arbeitsk&#228;mpfe gest&#246;rt werden. Voraussetzung und Kern der Marx‘schen Kritik am Say’schen Gesetz ist die Tatsache, dass Kapital die Form von Geld annimmt und dadurch als Zahlungsmittel fungiert, sowie die M&#246;glichkeit zur Aufbewahrung von Wert liefert. In vorkapitalistischen Gesellschaftsformationenwaren Reichtum und Wert an materielle G&#252;ter gebunden, die entweder verderblich waren oder deren weitere Anh&#228;ufung ab eine bestimmten Punkt keinen Sinn mehr machte. In kapitalistischen Gesellschaftsformationen ist es demgegen&#252;ber m&#246;glich, Geld unbegrenzt zu horten und K&#228;ufe oder Verk&#228;ufe zur&#252;ckzuhalten. Die Funktion von Geld als Zirkulationsmittel kommt in Konflikt mit seiner Funktion als Aufbewahrungsmittel.</p>
<p><strong>Reproduktion des Gesamtkapitals</strong><br />
Im Kapitalismus existiert nicht nur der Zyklus <em>eines </em>Industriekapitals,<br />
sondern es zirkulieren und reproduzieren sich alle Kapitalien, sprich das Gesamtkapital. In seiner Darstellung der Reproduktionsschemata versucht Marx, die Bedingungen f&#252;r die Reproduktion der gesamten &#246;konomischen Aktivit&#228;t offenzulegen. Er fasst dabei unterschiedliche Branchen in zwei Abteilungen zusammen. Abteilung 1 beinhaltet alle Kapitalien, die Produktionsmittel produzierten (also Rohstoffe, Zwischenprodukte, Maschinen etc.), w&#228;hrend Abteilung 2 alle G&#252;ter, die der individuellen Konsumption dienen, produziert. Es kann mathematisch gezeigt werden, welche Bedingungen gelten m&#252;ssen, um sowohl eine einfache Reproduktion – also die Reproduktion auf gleichbleibendem Niveau – als auch eine erweiterte Reproduktion – mit einer wachsenden &#246;konomischen Aktivit&#228;t – sichern zu k&#246;nnen.<br />
Diese Schemata wurden oft so missverstanden, als ginge es darum zu zeigen, wie die harmonische Entwicklung eines geregelten, <em>organisierten </em>Kapitalismus funktionieren k&#246;nnte, sobald gewisse Bedingungen erf&#252;llt werden. Im Gegensatz zu einer solchen Interpretation versuchte Marx mit Hilfe der Schemata zu zeigen, wie „im Kapitalismus komplexe individuelle Prozesse im Kreislauf von Produktion und Tausch zusammengebracht werden m&#252;ssen, um sich zu reproduzieren. Darin zeigt sich die Instabilit&#228;t des Systems.“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Zwei unterschiedliche Fl&#252;sse m&#252;ssen dabei in Balance gebracht werden. Einerseits m&#252;ssen die <em>physischen </em>Eigenschaften der einzelnen Produktionsprozesse ber&#252;cksichtigt werden, andererseits m&#252;ssen die Werte ausgedr&#252;ckt in Geld &#252;bereinstimmen. Dabei m&#252;ssen die Produktion und der Tausch einer bestimmten Quantit&#228;t an Waren &#252;ber die gesamte &#214;konomie gesichert sein, und zwar sowohl <em>innerhalb </em>der zwei Abteilungen als auch <em>zwischen </em>den zwei Abteilungen. In der neoklassischen Theorie sollen Preismechanismen die Zuteilung der zwei Fl&#252;sse &#252;ber Angebot und Nachfrage bewerkstelligen. In der Realit&#228;t werden die genauen Proportionen f&#252;r eine gleichm&#228;&#223;ige Reproduktion immer wieder gest&#246;rt und zerr&#252;ttet. Wie wir weiter oben gesehen haben, kann die Zirkulation von Einzelkapitalien an unterschiedlichen Stellen unterbrochen werden. Bricht die Zirkulation mehrerer Einzelkapitalien zusammen, kommt es zu gr&#246;beren St&#246;rungen. Die Verwobenheit einer moderner Wirtschaft mit komplexen Zuliefersystemen und Transporterfordernissen sowie die Rolle von Kredit und Geldfl&#252;ssen zwischen unterschiedlichen Sektoren f&#252;hren dazu, dass Probleme in einzelnen Sektoren zu Krisen in scheinbar unabh&#228;ngigen Sektoren f&#252;hren und sich Krisen in Einzelbranchen zu allgemeinen Krisen entwickeln k&#246;nnen.</p>
<p><strong>Krisenpotentiale</strong><br />
Mehrere Prozesse k&#246;nnen dabei unter anderem wirksam werden: Eine erweiterte Reproduktion, also eine Reproduktion, bei der Einzelkapitalien akkumulieren und wachsen, bedeutet, dass ein h&#246;herer Output dieser Sektoren durch eine erh&#246;hte <em>effektive Nachfrage</em> gedeckt sein muss. Dies bedeutet, dass eine erh&#246;hte wirtschaftliche Aktivit&#228;t in einem Sektor durch eine erh&#246;hte wirtschaftliche Aktivit&#228;t in anderen Sektoren ausgeglichen werden muss. Ist das nicht der Fall, k&#246;nnen Waren nicht mehr abgesetzt, also Werte nicht mehr realisiert werden. Die effektive Nachfrage st&#252;tzt sich nicht nur auf die Kaufkraft der ArbeiterInnen (und die Nachfrage nach Luxusg&#252;tern der KapitalistInnen), sondern vor allem auf die Investitionst&#228;tigkeit von KapitalistInnen, die neue Produktionsmittel anfordern.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Die Investitionst&#228;tigkeit h&#228;ngt stark von den <em>Profiterwartungen </em>ab, mit denen wir uns weiter unten auseinandersetzen. Die Kaufkraft der ArbeiterInnen h&#228;ngt von zwei Faktoren ab. Erstens setzt die H&#246;he des Lohns der Kaufkraft Grenzen. Dabei treten die Erfordernisse des Produktionsprozesses, den Lohn m&#246;glichst niedrig zu halten, und die Erfordernisse der Realisation von Wert in einen Widerspruch. Andererseits muss die Kaufkraft erst mobilisiert werden, wobei die Ausweitung von Werbung eine entscheidende Rolle spielt.<br />
Eine wachsende Wirtschaft geht einher mit sich ver&#228;ndernden Angebots- und Nachfragemustern und Preisschwankungen. (1) Ein Preisfall in einzelnen Sektoren f&#252;hrt zu niedrigeren Profiten. Unternehmen in diesen Branchen werden weniger Rohstoffe f&#252;r ihre Produktion nachfragen und/oder ArbeiterInnen entlassen, wodurch Absatzschwierigkeit entstehen und die effektive Nachfrage nach Produkten anderer Bereichen sinkt. (2) Ebenso treibt eine gesteigerte Nachfrage nach Rohstoffen die Preise in den Rohstoff produzierenden Sektoren in die H&#246;he. Die Profite der davon abh&#228;ngigen Branchen werden sinken. (3) Weiters kann bei Lieferengp&#228;ssen – ausgel&#246;st durch starke Preisschwankungen in einzelnen Sektoren, sowie durch &#246;kologische Grenzen (Ersch&#246;pfung in Rohstoffen, Ernteausf&#228;lle, etc.) – die materielle Seite der Produktion und Reproduktion gest&#246;rt sein.<br />
Schlie&#223;lich ist es m&#246;glich, dass aufgrund von Kreditklemmen die notwendigen Geldmittel f&#252;r den Kauf von Waren – sowohl Produktionsmittel als auch Endprodukte – nicht aufgebracht werden k&#246;nnen. Tats&#228;chlich ist das Kreditsystem in Aufschwungzeiten ein Mittel, um Disproportionalit&#228;ten tempor&#228;r auszugleichen, zumindest wenn die Profite relativ hoch sind. Kredite erlauben schnelle Kapitalfl&#252;sse zwischen den Sektoren und sind das Schmiermittel f&#252;r eine wachsende Wirtschaft. Sobald Kredite ausbleiben, weil die R&#252;ckzahlung nicht mehr gesichert scheint, brechen Krisen umso heftiger aus. „Bank und Kredit werden […] zugleich das kr&#228;ftigste Mittel, die kapitalistische Produktion &#252;ber ihre eignen Schranken hinauszutreiben, und eins der wirksamsten Vehikel der Krisen und des Schwindels.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a><br />
Die Reproduktionsschemata legen die Vielzahl der Punkte offen, an denen die Zirkulation zusammenbrechen kann. Die marxistische Krisentheorie hat allerdings den Anspruch, die <em>Notwendigkeit </em>von Krisen zu erkl&#228;ren. Krisen erscheinen in der Zirkulation des Kapitals, wenn der Kreislauf mehrerer Kapitalien durch Preisschwankungen, &#220;berproduktionen, Absatzschwierigkeiten oder Kreditklemmen gehemmt wird. Erst wenn Zirkulation und Produktion als Einheit beschrieben werden, also der Akkumulationsprozess als Ganzes betrachtet wird, k&#246;nnen die grundlegenden Widerspr&#252;che analysiert werden, die notwendig zu Krisen f&#252;hren m&#252;ssen. Marx versuchte die Widerspr&#252;chlichkeit der Kapitalakkumulation in dem „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate und seiner gegenwirkenden Tendenzen“ zu fassen. Deshalb bezeichnete er es auch als „das wichtigste Gesetz der modernen &#214;konomie“.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Bei dem „Gesetz“ geht es zun&#228;chst nicht um die Darstellung empirischer Trends, sondern darum, wie abstrakte Tendenzen und daraus resultierende <em>Gegentendenzen </em>dynamisch interagieren. Das Gesetz selbst birgt seine gegenwirkenden Tendenzen, die aber auf unterschiedlichen Ebenen existieren. Die Tendenz zeigt die <em>unmittelbaren </em>Ver&#228;nderungen von Produktivkraftsteigerungen in der Produktionssph&#228;re, w&#228;hrend &#252;ber die Gegentendenzen die durch die Zirkulation vermittelten Konsequenzen in den Blick gelangen. Um nicht die &#220;bersicht zu verlieren, betrachten wir zuerst die Tendenz selbst<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a>, bevor wir die gegenwirkenden Mechanismen und die Interaktion beider Momente betrachten.</p>
<p><strong>Der tendenzielle Fall der Profitrate: Die Tendenz</strong><br />
Bis jetzt haben wir die Kapitalien so behandelt, als w&#252;rden sie friedlich nebeneinander koexistieren. In Wirklichkeit ist aber eine der wichtigsten Antriebskr&#228;fte der kapitalistischen Wirtschaft die Akkumulation als Konkurrenz zwischen Einzelkapitalien. Innerhalb eines Sektors wird der Konkurrenzkampf durch die Verbilligung der produzierten Waren gef&#252;hrt, die von der Arbeitsproduktivit&#228;t abh&#228;ngt. JedeR KapitalistIn versucht seine/ihre eigene Konkurrenzf&#228;higkeit dadurch zu steigern, in dem er/sie die Produktivit&#228;t seiner/ihrer ArbeiterInnen erh&#246;ht. Eine solche Erh&#246;hung der Arbeitsproduktivit&#228;t wird durch eine Ver&#228;nderung der technischen und organisatorischen Gestaltung des Produktionsprozesses erreicht. Dabei bedeuten produktivit&#228;tssteigernden Technologien meist den Einsatz von mehr Produktionsmitteln (Maschinen, Rohstoffe, etc.) durch weniger ArbeiterInnen. Solche Ver&#228;nderungen in den „<em>physischen</em>“ Eigenschaften des Produktionsprozesses versuchte Marx in der <em>technischen </em>Zusammensetzung des Kapitals zu fassen: dem Verh&#228;ltnis zwischen Produktionsmitteln und angestellten Arbeitskr&#228;ften. Im Prinzip bedeutet dies nichts anderes als eine Beschreibung des technologischen Set-Ups eines Produktionsprozesses in physischen Einheiten. Weil Waren im Kapitalismus einen Wert besitzen, resultiert daraus jedoch ein gewisses Verh&#228;ltnis zwischen den Werten des konstanten Kapitals (Produktionsmittel) zu den <em>Werten </em>des variablen Kapitals (L&#246;hne). Die technische Zusammensetzung ausgedr&#252;ckt in Werten bezeichnet Marx als Wertzusammensetzung des Kapitals (c/v).<br />
KapitalistInnen interessiert nicht die absolute Profitmasse, die sie nach einer Produktionsperiode erhalten, sondern die Wertsumme, die sie auf ihre urspr&#252;nglichen Investitionen zur&#252;ckerhalten. Das Verh&#228;ltnis zwischen Mehrwert (m) und den Investitionen in Produktionsmittel/konstantes Kapital (c) und L&#246;hne/variables Kapital (v) gibt die Profitrate wieder [p=m/(c+v)]. Durch eine einfache mathematische Umformung (alles durch v dividert) ergibt sich die Profitrate als Verh&#228;ltnis zwischen der Mehrwertrate (m/v) und der Wertzusammensetzung des Kapitals (c/v): p=(m/v)/[(c/v)+1]. Die Profitrate ist also von der Mehrwertrate (Z&#228;hler) und der Wertzusammensetzung des Kapitals (Nenner) abh&#228;ngig. Der tendenzielle Fall der Profitrate resultiert nun daraus, dass Produktivit&#228;tssteigerungen eine h&#246;here Wertzusammensetzung bedeuten und sich der Nenner so vergr&#246;&#223;ert. Die Profitrate f&#228;llt.</p>
<p><strong>Gegenwirkende Tendenzen</strong><br />
Bisher haben wir die direkten Auswirkungen betrachtet, die eine gesteigerte Arbeitsproduktivit&#228;t in der Produktionssph&#228;re auf die Profitrate haben. Dabei haben sich die Warenwerte nicht ge&#228;ndert. Diese indirekten Auswirkungen m&#252;ssen jetzt analysiert werden. Produktivit&#228;tssteigerungen in gewissen Sektoren f&#252;hren dazu, dass die „gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit“<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a>, die f&#252;r die Produktion von Produktionsmitteln und Konsumptionsg&#252;tern n&#246;tigt ist, sinkt, und ihr Wert dadurch f&#228;llt. Dies hat zwei Auswirkungen: (1) die Kosten f&#252;r das konstante Kapital (c) sinken und die Wertzusammensetzung (c/v) f&#228;llt. (2) Ein niedriger Wert von Konsumg&#252;ter bedeutet, dass der Wert der Arbeitskraft und also das variable Kapital (v) abnimmt, w&#228;hrend die Mehrwertmasse (m) steigt; sowohl die Mehrwertrate (m/v) als auch die Wertzusammensetzung (c/v) steigen in unterschiedlichem Ma&#223;e. Sowohl (1) als auch (2) haben den Effekt einer erh&#246;hten Profitrate.<br />
Nimmt man diese Gegentendenzen mit den Auswirkungen der Tendenz zusammen, kann geschlossen werden, dass die Bewegungen der Profitrate nicht determiniert sind, weil zwar die Bewegungsrichtungen der zwei Komponenten Mehrwertrate und Wertzusammensetzung analysiert werden k&#246;nnen, aber nicht deren absolutes Ausma&#223;.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Das „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate und seiner gegenwirkenden Tendenzen“ erscheint aus dieser Perspektive zun&#228;chst analytisch wertlos. Dies gilt allerdings nur, solange von Konkurrenz, ungleichen (technologischen) Entwicklungen und zeitlichen Dynamiken abstrahiert wird.</p>
<p><strong>Konkurrierende Kapitalien</strong><br />
Im Gegensatz zu b&#252;rgerlichen spielt in marxistischen Wirtschaftstheorien Konkurrenz nicht die Rolle eines ausgleichenden Mechanismus, sondern ist verantwortlich f&#252;r ungleichzeitige und bruchhafte Entwicklungen. Marx unterscheidet zwei unterschiedliche Arten von Konkurrenz; die (1) <em>intra</em>sektoraleKonkurrenz umfasst Kapitalien innerhalb einer Branche, die gleiche G&#252;ter produzieren, w&#228;hrend (2) die <em>inter</em>sektorale Konkurrenz zwischen Kapitalien in unterschiedlichen Branchen wirkt.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a><br />
Die intrasektorale Konkurrenz erkl&#228;rt, warum KapitalistInnen &#252;berhaupt produktivit&#228;tssteigernde Technologien einf&#252;hren, obwohl dadurch die durchschnittliche Profitrate gesenkt wird.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Neben der oben erw&#228;hnte Notwendigkeit, durch eine Steigerung des relativen Mehrwerts die Mehrwertrate zu erh&#246;hen und den Lohn zu dr&#252;cken, liegt der entscheidende Grund in der Konkurrenz zwischen Einzelkapitalien innerhalb eines Sektors. Anders als in der Darstellung der repr&#228;sentativen Firma in der neoklassischen Theorie, die stellvertretend f&#252;r das technologische und organisatorische Setting einer Branche steht, finden technologische Weiterentwicklungen in der Realit&#228;t mit ungleichen Geschwindigkeiten und Dynamiken statt. Produktivit&#228;tssteigerungen werden in einer Branche nicht von allen Firmen auf einmal, sondern von einzelnen innovativen Unternehmen zuerst eingef&#252;hrt. Die Innovationen erlauben es Firmen, ihre Produkte in k&#252;rzerer Zeit oder mit weniger Inputs zu produzieren, also die St&#252;ckkosten zu senken und dadurch Extraprofit zu generieren. Ihre individuelle Profitrate wird steigen, weil die in diesem Arbeitsprozess produzierten G&#252;ter denselben oder einen marginal geringeren Wert besitzen als zuvor. Es kommt zu einer Umverteilung des produzierten Mehrwerts von den unproduktiveren zu den produktiveren Kapitalien. Dieser Mechanismus l&#228;uft h&#228;ufig &#252;ber die <em>Preiskonkurrenz </em>ab, indem innovative Firmen die Marktpreise der Produkte unter deren eigentlichen Wert dr&#252;cken. Das Abweichen der Preise unter ihren – durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit festgesetzten – Wert und die M&#246;glichkeit eines Extraprofits erh&#246;hen den Druck auf diejenigen Kapitalien, die noch mit den alten Produktionsmethoden arbeiten. Diesem Konkurrenzdruck ausgesetzt, f&#252;hren nun mehr und mehr KapitalistInnen die neuen Technologien ein. Der Wert der Waren sinkt auf das Ma&#223;, das durch die neue Produktionsart erreicht werden kann und der Vorteil der innovativen KapitalistInnen schwindet. Die „Nachz&#252;glerInnen“ sind bis zuletzt gezwungen, sich den neuen Produktionsbedingungen anzupassen, um nicht vom Markt verdr&#228;ngt zu werden. Im Laufe der Etablierung der neuen Technologien verringert sich auch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit und damit die Warenwerte; eine neue sektorale Durchschnittsprofitrate pendelt sich auf einem neuen niedrigeren Niveau ein, wobei dieses „Einpendeln“ von weiteren technologischen Ver&#228;nderungen immer wieder unterbrochen werden kann. Ungleiche Entwicklungen in der Produktivkraftentwicklung auf Grund intrasektoraler Konkurrenz resultieren also in unterschiedlichen <em>individuellen </em>Profitraten, die Motivation f&#252;r individuelle produktivkraftsteigernde Innovationen sind.<br />
Die Konkurrenz zwischen Kapitalien aus unterschiedlichen Branchen f&#252;hrt hingegen zu einem Angleichen divergierender Profitraten. Ursache daf&#252;r sind Kapitalbewegungen von unprofitableren Sektoren in profitablere Wirtschaftszweige. Wieder kommt es zu einer Umverteilung von Mehrwert, weil durch Kapitalbewegungen in produktive Sektoren der Preis in diesen Sektoren steigt, w&#228;hrend er in unproduktiven Sektoren f&#228;llt. Es kommt zu einem tendenziellen Ausgleich der sektoralen Profitraten und der Etablierung einer allgemeinen Durchschnittsprofitrate innerhalb der gesamten Wirtschaft.<br />
Zusammenfassend f&#252;hrt die Konkurrenz zwischen Kapitalien also zu technologischen Fortentwicklungen und einem tempor&#228;ren Extraprofit f&#252;r individuelle KapitalistInnen. Die Etablierung der neuen Technologien zieht jedoch &#252;ber die Konkurrenz auch die Formierung neuer, niedrigerer Warenwerten nach sich. Diese zwei Prozesse m&#252;ssen jetzt in ihrer zeitlich ungleichen Abfolge analysiert werden.</p>
<p><strong>Akkumulationsprozess in der Zeit</strong><br />
Um die zeitliche Dynamik des Akkumulationsprozesses zu fassen, unterschied Marx zwischen zwei unterschiedlichen Wertzusammensetzungen des Kapitals. Die organische Zusammensetzung<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> des Kapitals beinhaltet die <em>direkten </em>unmittelbaren Auswirkungen einer gesteigerten Produktivit&#228;t im Produktionsprozess, w&#228;hrend die Wertzusammensetzung die <em>indirekten </em>Auswirkungen ber&#252;cksichtigt, also die Ver&#228;nderungen auf Grund der gegenwirkenden Tendenzen.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Ver&#228;nderungen in diesen zwei Zusammensetzungen finden aber zu unterschiedlichen Zeitpunkten statt. Durch Investitionen zu <em>Beginn </em>eines Produktionsprozesses werden Produktionsmittel und L&#246;hne zu <em>alten </em>Werten gekauft. Eine Ver&#228;nderung der technischen Zusammensetzung spiegelt sich sofort in einer h&#246;heren organischen Zusammensetzung wieder. Die gegenwirkenden Tendenzen, sowohl die Entwertung des konstanten als auch des variablen Kapitals, beruhen auf der Entstehung <em>neuer </em>Werte f&#252;r Produktionsinputs. Diese finden zu einem sp&#228;teren Zeitpunkt, <em>nach </em>dem Prozess der Zirkulation, statt. Daf&#252;r m&#252;ssen aber erst die Ver&#228;nderungen in den anderen Produktionsst&#228;tten und Produktionszweigen wirksam werden, die unter den Bedingungen der Akkumulation unter Konkurrenz ablaufen. „Eine Ver&#228;nderung in der technischen Zusammensetzung resultiert in der Entwertung von Waren, aber diese muss die Konkurrenz zwischen den Kapitalien abwarten. Sofort zu neuen Werten zu wechseln, hei&#223;t den Prozess der <em>Wertformierung </em>vorzugreifen, dem Akkumulationsprozess selbst. […] Der Prozess der Akkumulation beinhaltet die Einleitung der Zirkulation des Kapitals auf Basis eines Sets an Werten und die Generation eines neuen Sets von Werten, die die KapitalistInnen an Ende des Kreislaufs konfrontiert.“<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Betrachten wir noch einmal einen Wirtschaftssektor mit unterschiedlichen Produktivit&#228;tsniveaus. Innovative Firmen haben in neue Maschinen investiert, um einen tempor&#228;ren Extraprofit zu erzielen. Sie stehen vor zwei Problemen: Erstens k&#246;nnen durch die sukzessive Entwertung der Waren im Zuge der Etablierung neuer Technologien ihre urspr&#252;nglichen Investitionen weniger rentabel verwertet werden. Der erzielte Extraprofit kann dieses Problem zwar zum Teil aufheben. Allerdings versch&#228;rfen Investitionen in <em>fixes </em>Kapital, sprich Kapital, das lange in der Produktionssph&#228;re verweilt und seinen Wert nur nach und nach an das Produkt weitergibt, dieses Problem. Viele gro&#223;e Unternehmungen lassen sich aber erst durch die Investitionen in einen gewissen Stock an fixem Kapital (z.B. Fabrikhallen und Maschinen) durchf&#252;hren. Dieser Stock wurde durch Investitionen zu alten Warenwerten angeschafft, w&#228;hrend sich dessen Wert &#252;ber mehrere Produktionsperioden mit st&#228;ndig <em>neuen </em>Warenwerten realisieren muss.<br />
Dasselbe Ph&#228;nomen zeigt sich auch bei nicht-innovativen Firmen, die damit konfrontiert sind, dass ihre Produktionsmethoden nicht mehr dem gesellschaftlichen Standard entsprechen. Ihre Produktionskosten bleiben auf dem alten Niveau, w&#228;hrend gleichzeitig der Wert ihrer produzierten Waren sinkt. Ihre individuelle Profitrate wird daher sinken. Investitionen in fixes Kapital k&#246;nnen nicht mehr oder nur schlecht realisiert werden. W&#228;hrend fixes Kapital einen kraftvollen Antrieb f&#252;r Akkumulation darstellt und Investitionsm&#246;glichkeiten f&#252;r bereits akkumuliertes Kapital bietet, wird gleichzeitig Kapital in physischen Produktionsanlagen sprichw&#246;rtlich fixiert. Dadurch wirkt sich die zuvor als gegenwirkende Tendenz beschriebene Entwertung von Kapital zus&#228;tzlich negativ auf die durchschnittliche Profitrate aus.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Hinzu kommt, dass die Flexibilit&#228;t des Kapitalismus, zwischen Sektoren mit unterschiedlicher Profitabilit&#228;t hin- und her zu wechseln, verringert wird.<br />
Die st&#228;ndige Entwertung der produzierten Waren aufgrund von Produktivit&#228;tssteigerungen steht also der notwendigen Realisierung von Waren zu ihren „alten“ Werten im Zirkulationsprozess gegen&#252;ber. Was Marx mit dem „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate und seinen gegenwirkenden Tendenzen“ fassen wollte, ist eben diese Widerspr&#252;chlichkeit zwischen der Entwicklung der Produktivkr&#228;fte und den Produktionsverh&#228;ltnissen.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> Das Eigeninteresse individueller KapitalistInnen, gefangen im Konkurrenzkampf, zwingt zur st&#228;ndigen Revolution der technologischen und organisatorischen Gestaltung des Arbeitsprozesses, was die Realisierung von Wert und die weitere Akkumulation gef&#228;hrdet. Die st&#228;ndigen Ver&#228;nderungen der Warenwerte st&#246;ren zus&#228;tzlich die Zirkulation des Kapitals als Ganzes, weil die f&#252;r eine gleichm&#228;&#223;ige erweiterte Reproduktion n&#246;tigen Verh&#228;ltnisse kontinuierlich ver&#228;ndert und umgeworfen werden.</p>
<p><strong>Krise als tempor&#228;re L&#246;sung</strong><br />
Die im Produktionsprozess angelegten Widerspr&#252;che finden ihren Ausdruck in unterschiedlichen, konkreten Erscheinungsformen der Krise. Sie „bef&#246;rdern &#220;berproduktion, Spekulation, Krisen, &#252;berfl&#252;ssiges Kapital neben &#252;berfl&#252;ssiger Bev&#246;lkerung.“<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Je nach historischer Situation artikulieren sich die beschriebenen Widerspr&#252;che in unterschiedlichen Krisenph&#228;nomenen, die sich als eine Unterbrechung in der Zirkulation des Kapitals darstellen. Aufbauend auf den bisherigen &#220;berlegungen lassen sich diese  Erscheinungsformen von Krisen theoretisch fassen.<br />
F&#228;llt die Profitabilit&#228;t in mehreren unterschiedlichen Sektoren, kommt es durch die Ausbildung einer allgemeinen Durchschnittsprofitrate zu einem Fall der Profitabilit&#228;t in der &#214;konomie allgemein. Investitionsentscheidungen werden aber haupts&#228;chlich durch Profiterwartungen gesteuert. Erwarten KapitalistInnen, dass ihre Investitionen keinen Gewinn erwirtschaften, werden diese zur&#252;ckgehalten. Wir befinden uns in einer Situation, in der eine Masse an akkumuliertem Kapital schwindenden Optionen zur profitablen Kapitalverwertung gegen&#252;berstehen: einer Situation der <em>&#220;berakkumulation </em>von Kapital. Eine &#220;berakkumulationskrise kann sich auf unterschiedliche Arten ausdr&#252;cken<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a>: (1) Die Erh&#246;hung des materiellen Outputs bei gleichzeitigem Fall der Warenwerte f&#252;hrt zu &#220;bers&#228;ttigung von M&#228;rkten und einem &#220;berangebot von Waren. Disproportionalit&#228;ten und &#220;ber- bzw. Unterkonsumptionskrisen sind die Folge. (2) &#220;berkapazit&#228;ten im Produktionsprozess k&#246;nnen entstehen, weil fixes Kapital brach liegt oder nicht vollst&#228;ndig ausgenutzt wird. (3) Wie wir schon weiter oben gesehen haben, muss Geldkapital nicht sofort investiert werden. Wenn die Profitabilit&#228;t eines Produktionsprozesses gering ist, kann das Geld anderweitig investiert werden. Je h&#246;her der erwartete Zinssatz oder die Rendite aus spekulativen Anlagen, desto eher wird Kapital in nicht produktives Kapital investiert. Schlie&#223;lich &#228;u&#223;ern sich eine verminderte Profitabilit&#228;t und geringere Profiterwartungen in den oben erw&#228;hnten Kreditklemmen, welche die Zirkulation des Kapitals und den Ausgleich von intersektoralen Profitraten behindern.<br />
All diese Effekte f&#252;hren dazu, dass die am wenigsten konkurrenzf&#228;higen und unproduktivsten Kapitalien Bankrott gehen, die Reproduktion ins Stocken ger&#228;t und die Arbeitslosigkeit steigt. Die Widerspr&#252;che, die sich in den Phasen des Aufschwungs angeh&#228;uft haben, zeigen sich in pl&#246;tzlich auftretenden Krisen. Die Krise zerr&#252;ttet aber nicht nur das<br />
Leben vieler Menschen, sondern ist gleichzeitig ein reinigendes und stabilisierendes Moment f&#252;r die kapitalistische Wirtschaftsordnung. „Die Krisen sind immer nur momentane gewaltsame L&#246;sungen der vorhandnen Widerspr&#252;che, gewaltsame Eruptionen, die das gest&#246;rte Gleichgewicht f&#252;r den Augenblick wiederherstellen.“<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> Der Bankrott vieler Kapitalien bewirkt, dass Kapital rasch und umfassend entwertet und zerst&#246;rt wird. Das erlaubt anderen Kapitalien, Ausr&#252;stung und Produktionsst&#228;tten billig zu erwerben. Ohne die Last fr&#252;herer Investitionen tragen zu m&#252;ssen, k&#246;nnen wieder profitable Investitionen get&#228;tigt werden; der Krise folgt ein neuer Aufschwung.<br />
Die konkreten Formen, in denen sich die Widerspr&#252;che im Akkumulationsprozess in Krisen artikulieren, sind von den Phasen kapitalistischer Entwicklung und bestimmten (sich ver&#228;ndernden) Faktoren abh&#228;ngig. Beispiele hierf&#252;r w&#228;ren: die Gr&#246;&#223;e der betroffenen Kapitalien, die Rolle der Finanzsph&#228;re, die M&#246;glichkeiten der Erh&#246;hung der Ausbeutungsrate, die Rolle staatlicher Investitionen, usw. Dementsprechend reichen die hier beschriebenen abstrakten Dynamiken nicht aus, um die konkreten Krisenabl&#228;ufe genau erfassen zu k&#246;nnen.</p>
<p><strong>Langfristig Dynamiken und historische Entwicklungen</strong><br />
Der zweite Teil dieser Serie wird deshalb versuchen, die Entwicklungen des Nachkriegskapitalismus in groben Z&#252;gen nachzuzeichnen. Die Nachkriegsjahre waren insbesondere gepr&#228;gt von einem langanhaltenden, wirtschaftlichen Aufschwung. Da dieser der hier beschriebenen Instabilit&#228;t der kapitalistischen Produktionsweise auf den ersten Blick widerspricht, wird es notwendig sein, sich den Bedingungen dieses Aufschwungs genauer zu widmen. Die weiter oben dargelegten Grundlagen marxistischer Wirtschaftstheorie k&#246;nnen ebenso dabei helfen, das Eintreten der Krise in den 1970er Jahren und die darauf folgende Stagflationsphase sowie die wirtschaftlichen Ver&#228;nderungen im Zuge von Globalisierung und Neoliberalismus zu erkl&#228;ren.<br />
Eine Analyse der 2008 ausgebrochenen Weltwirtschaftskrise wird im dritten Teil dieser Serie Anlass sein, sich nicht nur mit dem Verlauf der aktuellen Krise auseinanderzusetzen, sondern auch verst&#228;rkt den Einfluss von Banken und Kreditinstitutionen, sowie, auf einer abstrakteren Ebene, die Rolle von Geld und fiktivem Kapital in den Blick zu bekommen.</p>
<p><em>Philipp Probst</em> studiert Human&#246;kologie in Wien und ist aktiv bei <em>Perspektiven</em>.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> vgl. The Washington Times, 24.10.2008, unter: http://www.washingtontimes.com/news/2008/oct/24/congress-rips-greenspan-for-crisis<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> vgl. Harvey, David: The Enigma of Capital, London 2010, S. vii<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Trotzki, Leo: The world economic crisis and the new tasks of the Communist International. The First Five Years of the Communist International, Volume I (1924), London 1973, unter: http://www.marxists.org/archive/trotsky/1924/ffyci-1/index.htm<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Neben diesen zwei Hauptstr&#246;mungen gibt es diverse andere Richtungen. Die radikalen KeynesianistInnen zum Beispiel kn&#252;pfen an jenen radikaleren Elementen der keynesianistischen Theorie an, die zum Teil Schnittstellen zu marxistischen Krisentheorien haben (vgl. Harcourt, Geoffrey/Kerr, Prue:<br />
Joan Robinson, London 2009). Die &#246;sterreichische Schule, deren bekannteste Vertreter Joseph Schumpeter und Ludwig von Mises sind, sehen in den Krisen eine sch&#246;pferische Zerst&#246;rung, die den Grundstein f&#252;r den dynamischen Fortschritt im Kapitalismus legt (vgl. Schumpeter, Joseph: Capitalism, Socialism and Democracy, London 1950). In den letzten Jahren haben sich vermehrt heterodoxe &#214;konomiken gebildet, die Bezug nehmen auf Erkenntnisse der Komplexit&#228;ts- und Evolutionsforschung. Krisendynamiken werden dabei allerdings oft als naturgegebene und jedem System inh&#228;rente Eigenschaften angesehen.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Walras, Leon: Elements of Pure economics, 1889, S. 381. Zit. nach Harman, Chris: The crisis of bourgeois economics, in: ders.: Selected Writings, London 2010, S. 174<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> vgl. S&#252;ddeutsche Zeitung, 15.04.2008, unter: http://www.sueddeutsche.de/geld/boerse-und-testosteron-wall-street-bitte-dopen-1.180150<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Marshall, Alfred: The Principles of Economics, 1936, S.109. Zit. nach Harman 2010, a.a.O., S. 173<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Walras, Leon, a.a.O., S. 242. Zit. nach Harman 2010, a.a.O., S.173<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Schumpeter 1950, a.a.O., S. 103<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Ein guter &#220;berblick &#252;ber die Geschichte marxistischer (und anderer) Krisentheorien findet sich bei Clarke, Simon: Marx’s Theory of Crisis, Houndmills 1994 sowie Shaikh, Anwar: Eine Einf&#252;hrung in die Geschichte<br />
der Krisentheorien, in: Prokla, 30 (1978), S. 3–42<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Zur Kritik an unterschiedlichen Versionen der Unterkonsumptionstheorien vgl. Shaikh 1978, a.a.O. sowie Bleaney, Michael: Underconsumption Theories: A History and Critical Analysis, New York 1976; zu Disproportionalit&#228;tstheorien vgl. Carchedi, Guglielmo: Frontiers of Political Economy, London 1991, S. 179–186. Die bekanntesten heutigen Vertreter von Unterkonsumptionstheorien st&#252;tzen sich auf die Arbeiten von Paul A. Baran und Paul Sweezy. F&#252;r diese ist die Nachkriegswirtschaft von Stagnationstendenzen gepr&#228;gt. Ihre Begr&#252;ndung ist, dass Monopole durch Manipulation von Preisen &#252;berm&#228;&#223;ige Profite (surplus profits) erzielen k&#246;nnen, die das System nicht mehr absorbieren kann, weil die  Konsumptionskraft der Gesellschaft zu gering ist. Die Folge sind &#220;berkapazit&#228;ten, nachlassende Investitionen und Stagnation. Nur durch das Wachstum von „Waste-areas“,<br />
also Produktion f&#252;r unproduktive Bereiche wie Waffen, Werbung oder auch einer wachsenden Finanzsph&#228;re k&#246;nnen die &#252;bersch&#252;ssigen Profite absorbiert werden (vgl. Baran, Paul A./Sweezy, Paul: Monopoly Capital, New York 1968 sowie Foster, Bellamy John/Magdoff, Fred: The Great Financial Crisis – Causes and Consequences, New York 2009). Kritik an dieser Position findet sich in Carchedi 1991, a.a.O. S. 185–186 sowie Choonara, Joseph: Marxist accounts of the crisis, in: International Socialism Journal,<br />
123 (2009), S. 93–96<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> vgl. v.a. Yaffe, David: The Marxian Theory of Crisis, Capital and the State, in: Bulletin of the Conference of Socialist Economists, 1972 (Winter), S. 5–58. Eine andere Herangehensweise findet sich bei Weeks, John: Capital and Exploitation, New Jersey 1981; Harman, Chris: Zombie Capitalism, London 2009; Fine, Ben/Saad-Filo, Alfredo: Marx’s Capital, London 2010; sowie weiter unten in diesem Artikel.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Die Profit-Squeeze-These geht davon aus, dass in Zeiten des Aufschwungs die Verhandlungsposition von ArbeiterInnen st&#228;rker wird, da sich die Nachfrage nach Arbeitskraft erh&#246;ht. Die L&#246;hne steigen und verringern die Profite bis zu dem Grad, an dem die Akkumulation gest&#246;rt wird. Die Argumentation findet sich bei Glyn, Andrew/Sutcliff, Robert: British capitalism, workers<br />
and the profit squeeze, London 1972. Die Kritik besteht haupts&#228;chlich darin, dass Akkumulation die Lohnrate bestimmt und nicht umgekehrt. Erst im Moment des Eintretens der Krise versch&#228;rfen zu hohe L&#246;hne die Krise zus&#228;tzlich (vgl. auch Carchedi 1991, a.a.O., S. 188 und Shaikh 1978, a.a.O. sowie Harvey, David: Limits to Capital, London 2006, S. 52–54).<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Weeks, John: Capital and Exploitation, New Jersey 1981, S. 189<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Diese Trennung in die einzelnen Teile ist nicht so strikt. So ist in der Marxschen Analyse des Werts eine gemeinsame Betrachtung von Zirkulation und Produktion notwendig. Allerdings k&#246;nnen grob diese Schwerpunkte zwischen den einzelnen B&#228;nden unterschieden werden.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> v entspricht dem Wert, der f&#252;r die Reproduktion der Ware Arbeitskraft n&#246;tig ist. Wird v verringert, erh&#246;ht sich, bei gleichbleibender Gr&#246;&#223;e des geschaffenen Werts L – der Mehrwert m.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Oft sind die Steigerung des absoluten und des relativen Mehrwerts in der Realit&#228;t nicht klar voneinander zu trennen. So erm&#246;glichte z.B. die Einf&#252;hrung des Flie&#223;bands ebenso die Erh&#246;hung des absoluten Mehrwerts durch eine effizientere Arbeitsweise, wie sie durch die gro&#223;fl&#228;chige Senkung der<br />
gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit f&#252;r die Produktion von Lebensmitteln auch den relativen Mehrwert enorm ansteigen lie&#223;.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Der Kampf von ArbeiterInnen gegen die Mechanisierung des Arbeitsprozesses war stets Teil des Klassenkampfs. Die Motivation war dabei nicht die Ablehnung neuer Technologien per se, sondern das Ziel, durch „kollektive Verhandlung durch Aufruhr“ Druck auf KapitalistInnen auszu&#252;ben, um so Forderungen durchzusetzen und drohenden Arbeitslosigkeit abzuwenden. Vgl. Hobsbawm, Eric: The Machine-Breakers, in: ders.: Uncommon People. Resistance, Rebellion and Jazz, London 1999, S. 6–22<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Marx, Karl: Das Kapital. Band 1 (MEW 23), Berlin 1962, S. 650<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Harman 2009, a.a.O., S. 55–56<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Choonara, Joseph: Unravelling Capitalism. A Guide to Marxist Political Economy, London 2009, S. 61<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Die effektive Nachfrage setzt sich also aus der Endnachfrage nach Konsumg&#252;ter aus Abteilung 2 und der Nachfrage nach Produktionsmittel aus Abteilung 1 zusammen.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Marx, Karl: Das Kapital. Band 3 (MEW 25), Berlin 1983, S. 621<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Marx, Karl: Grundrisse der Kritik der politischen &#214;konomie (MEW 42), Berlin 1953, S. 641<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Die folgenden Ausf&#252;hrungen st&#252;tzen sich zum Gro&#223;teil auf Weeks 1981, a.a.O.; Harman 2009, a.a.O. sowie Fine/Saad-Filho 2010, a.a.O..<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist das Ma&#223; f&#252;r den Wert von Waren. Das „gesellschaftlich notwendig“ bezieht sich dabei auf ein bestimmtes Produktivit&#228;tsniveau einer &#214;konomie, mit der Waren produziert werden (vgl. Heinrich, Michael: Kritik der politischen &#214;konomie. Eine Einf&#252;hrung, Stuttgart 2005 sowie Saad-Filho, Alfredo: The Value of Marx, London 2002).<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> vgl. Heinrich 2005, a.a.O., S. 148–153<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> vgl. Fine/Saad-Filho 2010, a.a.O., S. 71<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Oft wird argumentiert, dass KapitalistInnen nur dann technologische Neuerungen einf&#252;hren, wenn das ihre individuelle Profitrate erh&#246;ht. Eine h&#246;here individuelle Profitrate hat aber auch eine h&#246;here allgemeine Profitrate zufolge (vgl. Okishio, N: A Formal Proof of Marx’s Two Theorems, in: Kobe University Economic Review, 18 (1972), S. 1–6). Dabei wird aber von intersektoraler Konkurrenz und ungleicher technologischer Entwicklung abstrahiert (vgl. Harman 2009, a.a.O., S. 68–75 sowie Fine/ Saad-Filho 2010, a.a.O., S. 104–107).<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> „Die Zusammensetzung des Kapitals ist in zweifachem Sinn zu fassen. Nach der Seite des Werts bestimmt sie sich durch das Verh&#228;ltnis, worin es sich teilt in konstantes Kapital oder Wert der Produktionsmittel und variables Kapital oder Wert der Arbeitskraft, Gesamtsumme der Arbeitsl&#246;hne. Nach der Seite des Stoffs, wie er im Produktionsproze&#223; fungiert, teilt sich jedes Kapital in Produktionsmittel und lebendige Arbeitskraft; diese Zusammensetzung bestimmt sich durch das Verh&#228;ltnis zwischen der Masse der angewandten Produktionsmittel einerseits und der zu ihrer Anwendung erforderlichen Arbeitsmenge andrerseits. Ich nenne die erstere die Wertzusammensetzung, die zweite die technische Zusammensetzung des Kapitals. Zwischen beiden besteht enge Wechselbeziehung. Um diese auszudr&#252;cken, nenne ich die Wertzusammensetzung des Kapitals, insofern sie durch seine technische Zusammensetzung bestimmt wird und deren &#196;nderungen widerspiegelt:<br />
die organische Zusammensetzung des Kapitals. Wo von der Zusammensetzung des Kapitals kurzweg die Rede ist, ist stets seine organische Zusammensetzung zu verstehn.“ (MEW 23 1962, a.a.O., S. 640)<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Fine/Saad-Filho 2010, a.a.O., S. 87–92<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Weeks 1981, a.a.O., S. 194<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Dabei kommt auch die erh&#246;hte Umschlagszeit des Kapitals zum Tragen, die sich negativ auf die Profitrate auswirkt.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> „Der Widerspruch, ganz allgemein ausgedr&#252;ckt, besteht darin, da&#223; die kapitalistische Produktionsweise eine Tendenz einschlie&#223;t nach absoluter Entwicklung der Produktivkr&#228;fte, abgesehn vom Wert und dem in ihm eingeschlo&#223;enen Mehrwert, auch abgesehn von den gesellschaftlichen Verh&#228;ltnissen, innerhalb deren die kapitalistische Produktion stattfindet; w&#228;hrend sie andrerseits die Erhaltung des existierenden Kapitalwerts und seine Verwertung im h&#246;chsten Ma&#223; (d.h. stets beschleunigten Anwachs dieses Werts) zum Ziel hat. Ihr spezifischer Charakter ist auf den vorhandnen Kapitalwert<br />
als Mittel zur gr&#246;&#223;tm&#246;glichen Verwertung dieses Werts gerichtet. Die Methoden, wodurch sie dies erreicht, schlie&#223;en ein: Abnahme der Profitrate, Entwertung des vorhandnen Kapitals und Entwicklung der Produktivkr&#228;fte der Arbeit auf Kosten der schon produzierten Produktivkr&#228;fte.“ (MEW 25 1983, a.a.O., S. 259)<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> MEW 25 1983, a.a.O., S. 252<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Harvey 2006, a.a.O., S. 195<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> MEW 25 1983, a.a.O., S. 259</p>
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		<title>Zehn Filme, die man vor der Revolution gesehen haben muss</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Dec 2010 10:58:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
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		<description><![CDATA[„The revolution will not be televised“, hei&#223;t es. Mag sein. Dass Filme jedoch die M&#246;glichkeit bieten, die Herausforderungen und Probleme beim Umsturz der herrschenden Verh&#228;ltnisse aufzuzeigen, verdeutlicht Paul Pop anhand seiner Auswahl der zehn besten Filme &#252;ber die Sch&#246;nheit und das Scheitern der Revolution.

„Unsere Kneipen und Gro&#223;stadtstra&#223;en, unsere B&#252;ros und m&#246;blierten Zimmer, unsere Bahnh&#246;fe und Fabriken schienen uns hoffungslos einzuschlie&#223;en. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„The revolution will not be televised“, hei&#223;t es. Mag sein. Dass Filme jedoch die M&#246;glichkeit bieten, die Herausforderungen und Probleme beim Umsturz der herrschenden Verh&#228;ltnisse aufzuzeigen, verdeutlicht <em>Paul Pop</em> anhand seiner Auswahl der zehn besten Filme &#252;ber die Sch&#246;nheit und das Scheitern der Revolution.<br />
<span id="more-1686"></span><br />
„Unsere Kneipen und Gro&#223;stadtstra&#223;en, unsere B&#252;ros und m&#246;blierten Zimmer, unsere Bahnh&#246;fe und Fabriken schienen uns hoffungslos einzuschlie&#223;en. Da kam der Film und hat diese Kerkerwelt mit dem Dynamit der Zehntelsekunde gesprengt, so dass wir nun zwischen ihren weitverstreuten Tr&#252;mmern gelassen abenteuerliche Reisen unternehmen“, schrieb Walter Benjamin 1936.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Er hegte die Hoffnung, der Kinofilm k&#246;nnte zur revolution&#228;rsten Kunstform werden, besonders wenn es gel&#228;nge, die Kontrolle der kapitalistischen Konzerne &#252;ber die filmischen Produktionsmittel zu brechen. Damit unterschied Benjamin sich von Theodor W. Adorno, der glaubte, die Kulturindustrie &#252;be eine mehr oder weniger totalit&#228;re Herrschaft im Sp&#228;tkapitalismus aus.<br />
Filme bieten meines Erachtens tats&#228;chlich die M&#246;glichkeit, die Widerspr&#252;chlichkeiten der heutigen Gesellschaft zu visualisieren und Perspektiven f&#252;r eine „andere Welt“ zu er&#246;ffnen. Stattdessen werden aber im heutigen Kino, egal ob in Form von Liebeskom&#246;dien oder Science-Fiction-Abenteuern, in der Regel die immer gleichen Repr&#228;sentationen der herrschenden Ideologie auf neuestem technischen Niveau reproduziert. Mit der weltweiten Krise der linken Bewegungen gibt es heute auch f&#252;r radikale Filmkunst kaum Ansatzpunkte und Publikum. Dennoch wurden Filme gemacht, die sich niemand entgehen lassen sollte, der/die f&#252;r grundlegende Ver&#228;nderungen eintritt.<br />
Gute Revolutionsfilme visualisieren die Herausforderungen und Probleme bei den Versuchen der Menschen, sich selbst zu befreien. Es geht also nicht darum, dass die SchauspielerInnen mit roten Fahnen herumlaufen und Parolen br&#252;llen, sondern darum, die Widerspr&#252;chlichkeiten bei der &#220;berwindung von Hierarchien basierend auf Klasse, Gender und <em>race</em>, die Suche nach neuen Organisationsformen sowie den Umgang mit Gewalt und Gegengewalt zu thematisieren. Ob Filme wie <em>Oktober </em>oder <em>Viva Zapata</em> die historische Realit&#228;tder russischen oder mexikanischen Revolution widerspiegeln, ist in diesem Zusammenhang zweitrangig. Beim Dreh der Massenszene des Sturms auf das Winterpalais in Eisensteins <em>Oktober </em>starben im Tumult etwa mehr Menschen als bei dem realen historischen Ereignis. Wichtiger als Realismus ist, welche Fragen Filme aufwerfen und welche neuen &#228;sthetischen Ma&#223;st&#228;be gesetzt werden.<br />
Im besten Fall ist nicht nur der Inhalt, sondern auch die Form des Films revolution&#228;r. Die H&#246;hepunkte des radikalen avantgardistischen Films stellten die 1920er und die 1960er bis fr&#252;hen 1970er Jahre dar. Nicht zuf&#228;llig entstand die sowjetische Avantgardekunst im Zuge der russischen Oktoberrevolution von 1917. Das Autorenkino der 1960er Jahre hatte die StudentInnenbewegungen in den Metropolen sowie die Befreiungsbewegungen in der „Dritten Welt“ als Bezugspunkt. Christof Hesse definiert den Avantgardefilm so: „Als &#228;sthetische Veranstaltung kritisiert er die Reglementierungen, Kodifikationen und Bilderverbote; als politisches Ereignis bek&#228;mpft er die Institution, die von den kritisierten Bildern nicht zu trennen ist.“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Der franz&#246;sische Regisseur Jean-Luc Godard formulierte den Anspruch, nicht politische Filme, sondern <em>politisch </em>Filme zu machen. Das bedeutet, unter ung&#252;nstigen Bedingungen Kontrolle &#252;ber filmische Produktionsmittel zu erk&#228;mpfen und die Produktionsmethoden zu ver&#228;ndern. Godard bezog in einige Filme ArbeiterInnen und AktivistInnen direkt mit ein und wollte dadurch die Allmacht der Regie durch kollektive Strukturen ersetzen. Ihm ging es zudem darum, die &#228;sthetischen Sehgewohnheiten des Publikums zu st&#246;ren und damit eine kritische Auseinandersetzung &#252;ber die Bilder anzusto&#223;en. Auch in der fr&#252;hen Sowjetunion wurde mit neuen Produktionsformen experimentiert. Der Regisseur Alexander Medvedkin fuhr Anfang der 1930er Jahre mit dem Zug durchs Land und hielt an, wenn er drehen wollte. Die Filme konnten sofort entwickelt und den Leuten gezeigt werden, die spontan in die Arbeit an den Dokumentationsfilmen eingebunden worden waren. Der Kommunistischen Partei waren die Bilder allerdings zu realistisch und die Filme verschwanden im Archiv.<br />
Im Folgenden m&#246;chte ich zehn Filme &#252;ber die Sch&#246;nheit und das Scheitern der Revolution vorstellen. Nicht alle zehn Filme, die ich ausgesucht habe, werden dem Anspruch gerecht, neue Formen zu schaffen. So werden in Filmen wie <em>Siebtelbauern </em>wichtige politische Fragen, wie jene nach der revolution&#228;ren Ver&#228;nderung, aufgeworfen, ohne dass damit eine Attacke auf die &#196;sthetik Hollywoods verbunden w&#228;re. Dies soll aber nicht dar&#252;ber hinwegt&#228;uschen, dass die M&#246;glichkeiten, mit konventionellen &#196;sthetiken und Erz&#228;hlstrukturen radikale Filme zu machen, begrenzt sind. So wirkt z.B. der Revolutionsfilm von Ken Loach &#252;ber den spanischen B&#252;rgerkrieg (1936-1939) (<em>Land and Freedom</em>, 1995) h&#246;lzern, die Dialoge krampfhaft und der &#252;bliche Hollywood-Kitsch l&#228;sst keinen Platz f&#252;r eine Ambiguit&#228;t der Bilder. Auch die Versuche, das Leben von Revolution&#228;rInnen zu erz&#228;hlen, endeten nicht selten in schw&#252;lstigen Helden-Epen wie Spike Lees <em>Malcom X</em> (1992) oder Margarethe von Trottas <em>Rosa Luxemburg</em> (1986).<br />
Doch nun zu den gelungensten Filmen:</p>
<p><strong> 1. In drei Stunden um die Welt: Rot liegt in der Luft</strong><br />
(Frankreich 1977, Regie: Chris Marker, zum Bestellen nur US-Edition A Grin without a Cat)</p>
<p>In dem dreist&#252;ndigen Essayfilm geht es um nichts weniger, als zu erkl&#228;ren, wie die Neue Linke nach 1968 ihre eigene Oktoberrevolution suchte und warum sie scheiterte. Nicht zuf&#228;llig beginnt <em>Rot liegt in der Luft</em> daher mit der ber&#252;hmten Szene aus Eisensteins <em>Panzerkreuzer Potemkin</em> (1925), in welcher zaristische Soldaten auf der Treppe im Hafen von Odessa 1905 DemonstrantInnen massakrieren. Marker montiert in diese Szene Bilder von StudentInnen, die 1968 von der Polizei verpr&#252;gelt werden. Er interessiert sich vor allem f&#252;r linke Bewegungen, welche die Avantgarde-Rolle der kommunistischen Partei in Frage stellten und eine „Revolutionder Revolution“ wollten. Die Reise geht nach Vietnam, zur kubanischen Revolution, den Pariser Mai-Unruhen von 1968, zum Prager Fr&#252;hling, zu Maos Kulturrevolution und zum demokratischen Sozialismus in Salvador Allendes Chile. Marker kann dabei auf beeindruckendes Filmmaterial und Interviews seiner fr&#252;heren Filme zur&#252;ckgreifen.<br />
Der Essayfilm ist eine Form der Analyse, bei der auch die Bilder selbst in Frage gestellt und entfremdet werden. Im Gegensatz zu postmodernen Dokumentarfilmen, die oft ohne Kommentar auskommen und die ZuschauerInnen ihrem (Un-)Wissen &#252;berlassen, strebt der Essayfilm eine aufkl&#228;rerische Wirkung an. Interviews mit Pariser StudentInnen werden in <em>Rot liegt in der Luft</em> z.B. mit Aussagen von ArbeiterInnen kontrastiert; als Kubas Staatschef Fidel Castro in einer Fernsehansprache den Einmarsch der Truppen des Warschauer-Paktes in Prag 1968 rechtfertigt, werden die Bilder pl&#246;tzlich immer wackeliger und die St&#246;rger&#228;usche bedrohlicher.<br />
Besonders ergreifend sind die Szenen, in denen Vietnam-Veteranen ihre Ehrenmedaillen &#252;ber den Zaun des Pentagons werfen oder Chiles Pr&#228;sident Allende versucht, den Arbeiter einer Staatsfabrik zu &#252;berzeugen, nicht zu stehlen. Auch bei der Darstellung der bittersten Entwicklungen verliert Marker nicht den Humor. Um die Sowjetisierung der kubanischen KP darzustellen, zeigt er eine Rede von Castro auf dem ersten Parteitag 1975, als der Máximo Líder die Delegierten fragt: „Ist jemand gegen die Beschl&#252;sse?“ und damit im Saal gro&#223;es Gel&#228;chter hervorruft. Markers Film bleibt die scharfsinnigste Darstellung der Revolutionen um 1968 und deren Scheitern.</p>
<p><strong>2. Der revolution&#228;re Bildersturm: Oktober</strong><br />
(UdSSR 1927, Regie: Sergej Eisenstein, Stummfilm)</p>
<p>Bis heute werden Filmszenen von Sergej Eisenstein (1898-1948) in den Filmseminaren der Universit&#228;ten auf der ganzen Welt gezeigt. Doch in der Regel wird Eisensteins revolution&#228;re Filmkunst auf &#228;sthetische Aspekte und die Montage-Technik reduziert. Sein ber&#252;hmter Film Panzerkreuzer Potemkin (1925) wurde in vielen kapitalistischen L&#228;ndern verboten oder zensiert. Eisenstein glaubte, das Kino k&#246;nne direkt auf die Psyche der ZuschauerInnen einwirken und ihr Bewusstsein revolutionieren.<br />
<em>Oktober </em>wurde von der KPdSU zum zehnten Jahrestag der russischen Oktoberrevolution in Auftrag gegeben und erz&#228;hlt die Geschichte von der Februarrevolution 1917, die den Zaren st&#252;rzte, bis zum Sturm auf den Winterpalais in Petrograd und dem Sieg der Bolschewiki. Immer wieder wird den ZuseherInnen eingeh&#228;mmert, worum es bei der Revolution geht: Brot, Friede und Land! Obwohl es in einem Zwischentitel hei&#223;t „Die Partei wird euch zur rechten Zeit die Befehle erteilen“, sind im Film die Massen die Helden: Matrosen, Soldaten und ArbeiterInnen. Eisenstein setzte auf AmateurInnen statt auf Stareffekte durch bekannte Gesichter. Die Revolution&#228;rInnen siegen, als es der Regierung nicht mehr gelingt, durch das Hochziehen von Br&#252;cken die ArbeiterInnenviertel von der Innenstadt abzuschneiden und die Armee schlie&#223;lich rebelliert. Lenin kommt im Film zwar vor, h&#228;lt sich aber im Vergleich zu stalinistischen Dramen wie <em>Lenin im Oktober</em> (Mikhail Romm, 1937) im Hintergrund. In sp&#228;teren sowjetischen Filmen ist Lenin der Mastermind, der alle F&#228;den zieht – mit Stalin als ewigem Schatten.<br />
Auf geniale Weise setzt Eisenstein die Montage von gegens&#228;tzlichen Bildern ein, um die b&#252;rgerlich-provisorische Regierung, die ihren Sitz im Winterpalais des Zaren hat, mit Prunkgegenst&#228;nden aus der alten Zeiten zu umgeben. Indem Statuen und Ikonen zu einer Ausstellung der Dekadenz und des Schreckens montiert werden, greift der Film die Kirche an. Um die Gefahr der Restauration der alten Ordnung aufzuzeigen, fliegt der abgeschlagene Kopf der Zaren-Statue auf den Rumpf zur&#252;ck. Eine der beeindruckendsten Szenen ist der Sturm auf das Winterpalais, wenn sich die Massen in einem peitschenden Montage-Beat die R&#228;ume der Herrschaft aneignen – mit ihren Gewehrkolben zerschlagen Matrosen die Weinsammlung des Zaren. Der Film endet mit der Botschaft: „Die sozialistische Revolution der Arbeiter und Bauern ist vollbracht.“ Leider war Eisenstein damit etwas voreilig: Mit der Wende zum sozialistischen Realismus Anfang der 1930er Jahre wurde es immer schwieriger, Kunst auch bez&#252;glich der Form zu revolutionieren. Eisensteins stark zensiertes Sp&#228;twerk (<em>Iwan, der Schreckliche</em>, 1945-46) ist weit von der Qualit&#228;t des radikalen Bildersturms von Oktober entfernt.</p>
<p><strong>3. Die Schlacht von Algier</strong><br />
(Algerien 1966, Regie: Gillo Pontecorvo, Musik: Ennio Morricone)</p>
<p>Der Film beginnt mit einem Tabubruch: Franz&#246;sische Soldaten umringen eine gefolterte Kreatur, die nach den Qualen bereit ist, das Versteck der F&#252;hrung der algerischen Befreiungsfront (FLN) zu verraten. Schlie&#223;lich setzt ein Soldat dem gefolterten Algerier eine Armeekappe auf und verk&#252;ndet: „Integration“. Damals wurden in Frankreich alle Publikationen oder Filme verboten, welche die Folter durch die franz&#246;sische Armee in der Kolonie Algerien thematisierten, so auch <em>Die Schlacht von Algier</em>. Fast dokumentarisch versucht der Spielfilm, den Unabh&#228;ngigkeitskrieg in der Altstadt von Algier, der Casbah, von 1954 bis zur Unabh&#228;ngigkeit von 1962 nachzuzeichnen. Regisseur Pontecorvo (1919-2006) bem&#252;ht sich, die Bilder wie eine Wochenschau wirken zu lassen, filmt in schwarz-wei&#223; und l&#228;sst sogar einen der Anf&#252;hrer der FLN, Saadi Yacef, sich selbst spielen. Ansonsten werden die BewohnerInnen der Casbah eingesetzt. Der Film steht damit in der Tradition des italienischen Neo-Realismus, der versuchte, eine Kritik der realen Verh&#228;ltnisse durch ihre getreue Abbildung zu formulieren.<br />
Die Gegenma&#223;nahmen der franz&#246;sischen Armee wie Absperrungen, Checkpoints, Folter, n&#228;chtliche Hausdurchsuchungen, Sprengungen der H&#228;user von „Verr&#228;terInnen“ und sogar Terroranschl&#228;ge erinnern an den heutigen Irak oder Pal&#228;stina. <em>Die Schlacht von Algier</em> erz&#228;hlt die Geschichte einer gescheiterten Konterstrategie, die durch ihre Repressionsma&#223;nahmen immer gr&#246;&#223;ere Teile der Bev&#246;lkerung gegen die Kolonialmacht aufbringt. 2003 wurde der Film im Pentagon gezeigt, um Vergleiche zum Irak zu ziehen. Die Sympathien von Pontecorvo, der selber als Mitglied der KP Italiens eine PartisanInnengruppe in Mailand im Kampf gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg leitete, liegen klar auf Seiten der FLN. Er romantisiert die algerische Stadt-Guerilla jedoch nicht, und auch die Opfer der Terroranschl&#228;ge werden nicht entmenschlicht dargestellt. Als eine Frau eine Bombe in einem franz&#246;sischen Café platziert, wird vor der Explosion ein eisessendes Kind in Gro&#223;aufnahme gezeigt. Besonders beeindruckend ist der Wandel der Geschlechterrollen im bewaffneten Kampf: Frauen nehmen die Schleier ab und schminken sich wie Franz&#246;sinnen, um flirtend unkontrolliert die Checkpoints zu passieren; M&#228;nner verschleiern sich, um den Durchsuchungen zu entkommen. Ob als Kritik gemeint oder nicht, die Liquidierung von Zuh&#228;ltern durch die FLN und die Appelle an die islamische Moral wirken f&#252;r heutige ZuschauerInnen wom&#246;glich wie Vorboten eines sich zuspitzenden religi&#246;sen Fanatismus. Nach der Zerschlagung der FLN in der Altstadt bringen schlie&#223;lich spontane Massendemonstrationen die franz&#246;sische Herrschaft in Bedr&#228;ngnis. Der Film endet mit der Unabh&#228;ngigkeit 1962 und der Aussage: „Und die algerische Nation wurde geboren“. Leider trug die nationale Befreiung zur L&#246;sung der sozialen Fragen wenig bei. Die Casbah wurde in den 1990er Jahren zum Schauplatz islamistischen Terrors und staatlichen Gegenterrors des postkolonialen Regimes.</p>
<p><strong>4. Die Chinesin</strong><br />
(Frankreich 1967, Regie: Jean-Luc Godard, DarstellerInnen: Anne Wiazemsky, Jean-Pierre Léaud, Juliet Berto)</p>
<p>Eine Chinesin kommt zwar nicht vor, daf&#252;r aber eine maoistische WG in Frankreich. Mit <em>Tout va bien</em> (1972) geh&#246;rt der Film zu Godards maoistischer Phase. Nachdem sich im Mai 1968 die KP Frankreichs gegen die Revolte der StudentInnen und ArbeiterInnen stellte, suchten viele linke Intellektuelle in Maos Kulturrevolution (1966-1976) ein alternatives Modell. Wie viele Werke Godards ist auch <em>Die Chinesin</em> eine Reflexion &#252;ber Sprache, Repr&#228;sentation und Film. Die f&#252;nf WG-Mitglieder rezitieren ein wildes Gemisch von Mao-Zitaten, linguistischen Theorien und Filmkritiken. Kamera und Klappen sind h&#228;ufig zu sehen und durch die Form der Dialoge soll erst gar keine realistische Illusion entstehen. 1967 konnte der franz&#246;sische Maoismus noch humorvoll sein. So spielen die franz&#246;sischen StudentInnen in der Wohnung der Eltern, verschanzt hinter Bergen von „Mao-Bibeln“, den Vietnamkrieg nach. Indirekt wird auch Kritik an traditioneller Rollenverteilung ge&#252;bt, indem gezeigt wird, wie Yvonne, die aus proletarischen Verh&#228;ltnissen stammt, die ganze Hausarbeit macht. Sie geht sogar auf den Strich, weil zu wenige Exemplare der <em>Roten Garde</em> verkauft werden. Besonders absurd wirkt die Szene, in der die Studentin Veronique mit Francis Jeanson im Zug diskutiert, ob sie an franz&#246;sischen Universit&#228;ten Bomben legen soll, um wie in China die Schlie&#223;ung der Unis zu erzwingen. Jeanson hatte in Algeriens Unabh&#228;ngigkeitskrieg mit einem Netzwerk die FLN unterst&#252;tzt. Er versucht im Film jedoch, Veronique von ihrem Vorhaben abzubringen. An das Brechtsche Theater erinnert dann ein gescheiteter Anschlag der Gruppe auf den sowjetischen Kulturattaché. Bertolt Brecht (1898-1956) wollte durch Unterbrechung der Handlung und Entfremdung die Identifizierung der ZuschauerInnen mit dem St&#252;ck verhindern und stattdessen eine kritische Reflexion ansto&#223;en. Was in <em>Die Chinesin</em> noch spielerisch karikiert wird, sollte einige Jahren sp&#228;ter im bewaffneten Kampf der „Stadtguerilla“ in Deutschland und Italien bitterer Ernst werden. Es w&#228;re jedoch verk&#252;rzt, den Film nur als Warnung gegen Terrorismus zu lesen, zeigt der doch vor allem die Fr&#252;hphase der Neuen Linken.</p>
<p><strong>5. Die Eigendynamik der Gewalt: Morning Sun</strong><br />
(USA 2003, Regie: Carma Hinton, Geremie Barmé, Richard Gordon)</p>
<p>Der Dokumentarfilm <em>Morning Sun</em> versucht, die sich entwickelnde Begeisterung, Radikalisierung und Eskalation des Terrors w&#228;hrend der chinesischen Kulturrevolution zu erkl&#228;ren. Die chinesische Kulturrevolution war nicht nur ein parteiinterner Machtkampf, sondern auch ein gescheiterter Versuch, neue Formen der Beteiligung und Repr&#228;sentation der Massen zu schaffen. Nach einigen Monaten verstrickten sich die rebellierenden Jugendlichen jedoch in blutige Fraktionsk&#228;mpfe. Zu Wort kommen im Film Gr&#252;nderInnen der Roten Garden, damalige Sch&#252;lerInnen, LehrerInnen, die zu Opfern von Gewalt wurden, sowie Kinder hoher gest&#252;rzter Parteifunktion&#228;rInnen, die sich zwischen der Revolution und den Eltern entscheiden mussten.<br />
<em>Morning Sun</em> erinnert stark an Chris Markers Essayfilme: In einer vielschichtigen Analyse werden Ausschnitte aus damaligen Spielfilmen, revolution&#228;rem Ballet, Liedern und Nachrichtensendungen montiert. Eine Hauptthese des Films ist, dass die chinesische Revolution von 1949 im Jahr 1966 quasi reinszeniert wurde – von den Kindern gegen die Elterngeneration. Die Jugendlichen kopierten die Kritiksitzungen, die sie in Filmen zur Bodenreform gesehen hatten, um ihre eigenen LehrerInnen anzugreifen. Auf der Suche nach einem revolution&#228;ren Geist wanderten sie z.B. alleine die lange Strecke des legend&#228;ren Langen Marsches (1934-35) der Roten Armee nach.<br />
Das RegisseurInnenkollektiv Hinton, Gordon und Barmé d&#228;monisieren oder romantisieren nicht, sondern versuchen zu erkl&#228;ren, warum der Kampf um das Recht, an der Revolution teilzunehmen, in Terror eskalierte und zu Entt&#228;uschungen f&#252;hrte. Sehr empfehlenswert ist auch der Dokumentarfilm des Teams <em>The Gates of Heavenly Peace</em> &#252;ber die StudentInnenbewegung von 1989.</p>
<p><strong>6. Polyamour&#246;se Verstrickung auf der Baustelle: Spur der Steine</strong><br />
(DDR 1966, Regie: Frank Beyer, Darsteller: Manfred Krug, Krystyna Stypulkowska, Eberhard Esche)</p>
<p>Es ist traurig zu sehen, wie wenig gute politische Filme von der DEFA, dem „volkseigenen“ Filmstudio der DDR, produziert worden sind. „Indianer“- und Sciencefiction-Streifen versuchten, den Massengeschmack zu bedienen; propagandistische Streifen wie <em>Ernst Th&#228;lmann: Sohn seiner Klasse</em> (1954) erzeugten schon damals eine unfreiwillige Komik. Immerhin sind in der Fr&#252;hphase einige antifaschistische und antimilitaristische Werke wie <em>Die M&#246;rder sind unter uns</em> (1946) oder <em>Der Untertan</em> (1951) entstanden, die in der BRD erst Jahre sp&#228;ter gezeigt werden durften.<br />
Ein wahres Meisterwerk ist <em>Spur der Steine</em> von Frank Beyer, das allerdings nach der Urauff&#252;hrung verboten wurde und 23 Jahre lang von der Leinwand verschwand. Die Geschichte erz&#228;hlt vom gescheiterten Versuch, den Aufbau des Sozialismus gegen&#252;ber „Planfetischismus“ und politischen Scharfmachern voranzutreiben. Der Film beginnt mit einer Kritiksitzung gegen den jungen Parteisekret&#228;r Horrath im Niemandsland einer Gro&#223;baustelle. Gegenspieler von „Sheriff“ Horrath ist in der Geschichte der „Cowboy“ Brigadef&#252;hrer Balla, der von Manfred Krug gespielt wird. Balla h&#228;lt seine Truppe mit deftigen Spr&#252;chen zusammen und klaut schon mal Zement, um weiter bauen zu k&#246;nnen. Die Macht der ArbeiterInnen auf der Baustelle besteht nicht in der Teilnahme an Entscheidungen, sondern in einer r&#252;pelhaften Verweigerung gegen&#252;ber den „Weltverbesserern“ der Partei. Auf der Gro&#223;baustelle herrscht Resignation vor, da Funktion&#228;rInnen das Sagen haben, die lieber mit falschen Projektierungen bauen lassen, um den Plan zu erf&#252;llen, auch wenn sp&#228;ter die Fundamente wieder gesprengt werden m&#252;ssen. Die Situation &#228;ndert sich, als der junge und dynamische Parteisekret&#228;r Horrath nach dem Motto „Vertrauen macht die Menschen gut“ sowohl Balla f&#252;r sich gewinnen als auch den resignierten Funktion&#228;rInnen wieder Hoffnung machen kann. Balla und Horrath verlieben sich dann aber beide in die junge Technikerin Kati Klee, die sich in der rauen M&#228;nnerwelt erfolgreich Respekt verschafft.<br />
Der Film ist sozialistischer Realismus im besten Sinne und wirft Fragen auf, die bisher in jeder proletarischen Revolution aufkamen. Wie kann man sexistische Arbeiterr&#252;pel wie Balla ver&#228;ndern und produktiv in den Aufbau einbinden? Wie kann verhindert werden, dass Liebe und Leidenschaft ein Widerspruch zu politischen Beziehungen, und GenossInnen durch polyamour&#246;se Verstrickungen zu GegnerInnen werden? In welchem Verh&#228;ltnis sollten Alltagskenntnis der ArbeiterInnen, Fachwissen der „ExpertInnen“ und politische Ideologie stehen?<br />
Besonders fortschrittlich ist, wie der Film die Frage des Mutterseins thematisiert: Obwohl Kati den Vater ihres Kindes geheim h&#228;lt, ist es nach DDR-Manier selbstverst&#228;ndlich, dass sie nach der Geburt wieder an den Bau zur&#252;ckkehrt und sogar stellvertretende Leiterin wird. Allerdings lernt Kati auch, dass immer noch eine Doppelmoral herrscht und sie von M&#228;nnern mehrfach als unmoralisch angegriffen wird. Nicht um das Ansehen der Frauen, sondern um einen Gesichtsverlust der Partei f&#252;rchten die m&#228;nnlichen Funktion&#228;re. Der Film ist keinesfalls antisozialistisch; zwar werden die ArbeiterInnen nicht als reine HeldInnen dargestellt – es  gibt sogar halbe FaschistInnen unter ihnen –, aber der Film hegt die leise Hoffnung, dass das Projekt Sozialismus noch zu retten sei. Das Verbot des Films zeigte aber auch die Unf&#228;higkeit zur Selbstkritik und die Humorlosigkeit der SEDFunktion&#228;rInnen.</p>
<p><strong>7. Schwarzer bolschewistischer Humor: Happiness</strong><br />
(UdSSR 1934, Regie: Alexander Medvedkin, Stummfilm)</p>
<p>Apropos Humor: Mit der Widmung „Den Faulenzern in den Kolchosen“ beginnt der wohl au&#223;ergew&#246;hnlichste Film, der in der Sowjetunion gedreht wurde. Die Stummfilm-Kom&#246;die von Medvedkin erz&#228;hlt von der Suche des Bauern Khmyr und seiner Frau Anna nach Gl&#252;ck. Es geht jedoch nicht mit rechten Dingen zu: W&#228;hrend dem Kulaken (Gro&#223;bauer) in der alten Gesellschaft k&#246;stliche Kn&#246;del beim Mittagessen einfach in den Mund fliegen, treibt ein gepunktetes Pferd seinen Schabernack mit dem Bauernehepaar. Erst nachdem Khmyr aus lauter Verzweiflung seinen eigenen Sarg zimmert und sich umbringen will, kommt pl&#246;tzlich der ganze zaristische Staatsapparat ins Dorf, denn: „Wer soll Russland ern&#228;hren, wenn der Bauer stirbt?“ Ein Jahr nach der Hungersnot mit sechs bis sieben Millionen Toten muss diese Frage eine gewisse Doppeldeutigkeit gehabt haben.<br />
Auch nach der Kollektivierung der Landwirtschaft bleibt Khmyr ein Pechvogel und Faulenzer, doch schlie&#223;lich rettet er die Pferde der Kolchose vor der Sabotage der Kulaken. Der Film macht sich nicht &#252;ber den russischen Bauern als „dummen August“ lustig, sondern inszeniert ihn lustvoll als sympathischen Anti-Helden. Medvedkin drehte schon w&#228;hrend des russischen B&#252;rgerkrieges (1918-1920) Propaganda-Filme f&#252;r die Rote Armee und blieb bis zu seinem Tod im Jahr 1989 strammer Bolschewik. <em>Happiness </em>versetzt den Zuschauer noch heute in Erstaunen: Soldaten tragen surrealistische Masken, Nonnen durchsichtige Blusen, H&#228;user k&#246;nnen laufen und Tiere verz&#252;cken durch Humor. Nach der ersten Auff&#252;hrung wurde der Film verboten und erst in den 1960er Jahren wiederentdeckt. Die US-Edition von <em>Happiness </em>beinhaltet auch den brillanten Dokumentarfilm <em>The Last Bolshevik</em> (1993) von Chris Marker, der in fiktiven Briefen an Medvedkin der Frage nachgeht, warum kreative und innovative Geister der sowjetischen Avantgarde sp&#228;ter unbedeutende und kitschige stalinistische Propaganda-Filme drehten. Freche Pferde tauchten zumindest auch in sp&#228;teren Filmen Medvedkins wieder auf.</p>
<p><strong>8. Rape and Revenge: Die Siebtelbauern</strong><br />
(&#214;/D 1998, Regie: Stefan Ruzowitzky, DarstellerInnen: Sophie Rois, Simon Schwarz, Lars Rudolf )</p>
<p>Revolution&#228;res tut sich in einem &#246;sterreichischen Dorf: Aus reiner Schadenfreude vermacht ein Bauer im M&#252;hlviertel der 1930er Jahre den Hof an seine Knechte. Anstatt sich aberdie K&#246;pfe einzuschlagen, entscheiden sich sieben M&#228;nner und Frauen, den Hof gemeinsam zu bewirtschaften. Die neuen „Siebtelbauern“ stehen vor den gleichen Problemen wie jede Revolution: Soll nun der Gro&#223;knecht, der junge Lukas mit dem gro&#223;en Maul, das Sagen haben oder sollen alle Entscheidungen gemeinsam gef&#228;llt werden? Wie sollen der gemeinsam beschlossene Verzicht und die h&#228;rtere Arbeit durchgesetzt werden, um die anderen Knechte auszuzahlen, wenn sie sich an dem Wagnis nicht beteiligen wollen? Auch die Konterrevolution schl&#228;ft nicht. Unter dem Motto „Ein Knecht darf kein Bauer werden“ versuchen die Gro&#223;bauern des Ortes mit allen Mittel, den Hof der „Siebtelbauern“ in den Ruin zu treiben. Wie sollen die Sieben darauf reagieren, ohne sich auf einen gewaltsamen Kampf einzulassen, den sie nicht gewinnen k&#246;nnen? Neben dem egalit&#228;ren Projekt entfaltet sich noch eine <em>Rape and Revenge-Geschichte</em>, welche die <em>Siebtelbauern </em>auch bez&#252;glich der Geschlechterfrage zum vorbildlichen Revolutionsfilm macht. Der Film ist ein neuer Heimatfilm im besten Sinne: Im Unterschied zu Klassikern des Genres wie <em>Heimat </em>(Edgar Reiz, 1981-1984) oder <em>Der pl&#246;tzliche Reichtum der armen Leute von Kombach</em> (Volker Schl&#246;ndorf, 1971) setzt <em>Siebtelbauern </em>nicht auf Mundart und Laien-SchauspielerInnen, um die Geschichte authentisch erscheinen zu lassen. Im Gegenteil kommunizieren bekannte SchauspielerInnen auf Hochdeutsch und die Filmmusik von Eric Satie und Verdi gibt dem Ganzen einen surrealistischen Beigeschmack. Am Ende scheitern die „Siebtelbauern“ zwar, aber allein die zeitweilige Existenz eines von M&#228;nnern und Frauen egalit&#228;r gef&#252;hrten Hofes ist schon ein Erfolg.</p>
<p><strong>9. Die Geister der alten Ordnung: Judou</strong><br />
(China 1990, Regie: Zhang Yimou und Zhang Fengliang, DarstellerInnen: Gong Li, Li Baotian)</p>
<p>In den 1980er Jahren drehte die so genannte F&#252;nfte Generation chinesischer Regisseure noch sozialkritische Filme, die das Leben der einfachen Leute widerspiegelten. Zu ihnen geh&#246;rte auch Zhang Yimou, der sich sp&#228;testens mit dem Kongfu-Film <em>Hero </em>(2002) Kommerz und nationalistischer Propaganda verschrieben hat. <em>Judou </em>ann dagegen als Parabel zur chinesischen Revolution gelesen werden. Oberfl&#228;chlich betrachtet entwickelt der Film eine Liebesgeschichte im l&#228;ndlichen China der 1930er Jahre, in der sich die junge Ehefrau des alten Patriarchen einer Stofff&#228;rberei und der Knecht ineinander verlieben. Obwohl weder KommunistInnen noch aufst&#228;ndische Massen vorkommen, wird eine entscheidende Frage aufgeworfen: Wie ver&#228;ndern sich die Unterdr&#252;ckten, wenn sie pl&#246;tzlich die Macht &#252;ber ihre Unterdr&#252;ckerInnen erhalten?<br />
Die Ehefrau Judou, gespielt von Chinas Filmikone Gong Li, wird von ihrem alten Mann jede Nacht gequ&#228;lt und geschlagen, weil sie keinen Sohn bekommt. Ihr Geliebter, der Knecht Tianqing, findet den Alten nach einem Unfall querschnittsgel&#228;hmt vor. Statt ihn sterben zu lassen, pflegen die beiden ihn. Schlie&#223;lich h&#228;ngen sie ihn als Strafe in einer Holztonne an die Decke, damit er das sch&#246;ne Leben des Paares mit ansehen muss. Die Freude &#252;ber den Sieg wehrt jedoch nur, bis Judou einen Sohn von Tianqing geb&#228;rt, den Alten aber als Vater ausgeben muss. Schon im Kindesalter schl&#228;gt sich der Junge auf die Seite des Alten und beginnt sp&#228;ter das Liebespaar zu drangsalieren. Aus Angst verstecken Judou und Tianqing ihre Gef&#252;hle immer mehr. Bolschewistisch gelesen, k&#246;nnte die Botschaft lauten, dass es sich bitter r&#228;cht, versetzt man dem Feind (den alten Tyrannen) nicht im entscheidenden Moment den t&#246;dlichen Schlag. Maoistisch k&#246;nnte man argumentieren, dass sich die alte Ordnung (der Revisionismus) wieder einschleicht, wenn man sich nicht um die richtige Erziehung der Kinder der Revolution k&#252;mmert. Aus heutiger Sicht ist die Botschaft eher, dass sich die Unterdr&#252;ckten durch ihre erlangte Macht ver&#228;ndern und dadurch Gefahr laufen, die Geister der Vergangenheit nicht loszuwerden. Die Frau Judou ist in der Geschichte die eigentliche treibende Kraft, die als einzige bis zum Schluss die Ordnung in Frage stellt. Das verwundert nicht, da im chinesischen Kino schon seit den 1920er Jahren in vielen Filmen Frauen die Hauptrolle spielen.</p>
<p><strong>10. Gleichzeitig niederbrennen und s&#228;hen: Viva Zapata!</strong><br />
(USA 1952, Regie: Elia Kazan, Drehbuch: John Steinbeck, Darsteller: Marlon Brando, Jean Peters, Anthony Quinn)</p>
<p>Von den starken chinesischen Frauen zum „revolution&#228;ren Machismo“: In dem Film spielt der sp&#228;tere Hollywood-Star Marlon Brando den energiegeladenen und vom Gerechtigkeitssinn getriebenen Emiliano Zapata (1879-1919). Dem mexikanischen Revolution&#228;r und Bauern geht es in dieser Geschichte vor allem darum, das Land wieder an die Campesinos (LandbewohnerInnen) zu verteilen. Sein Verb&#252;ndeter Madero will nach dem Sieg von Zapatas Guerilla die Bauern &#252;berreden, die Waffen abzugeben und die Landreform den Gerichten zu &#252;berlassen. General Huertas will die Bauern hingegen wieder vom besetzen Land vertreiben und Zapata t&#246;ten. Schnell sieht sich Zapata in einem Kreislauf der Gewalt gefangen, in dem Zweifel aufkommen, wie die Revolution&#228;rInnen gleichzeitig niederbrennen und s&#228;hen sollen. Wie die alte Gesellschaft zerst&#246;ren und eine neue schaffen? Zapata erkennt die Notwendigkeit der revolution&#228;ren Gewalt, verzweifelt aber gleichzeitig an ihr. Als er sich nach dem Sieg seiner Gegner wieder in die Berge zur&#252;ckzieht, antwortet er auf die Frage, was sich in Mexiko durch Revolution und B&#252;rgerkrieg eigentlich ge&#228;ndert habe: „Sie, die Menschen, haben sich ge&#228;ndert“. Auch wenn der Kampf um das Land noch lange dauern w&#252;rde, br&#228;uchten die Campesinos nun keinen F&#252;hrer mehr und k&#246;nnten ihre Sache selbst in die Hand nehmen.<br />
Dass dieser sozialrevolution&#228;re Film in den USA in der Fr&#252;hphase des Kalten Krieges produziert werden konnte, und Anthony Quinn f&#252;r den besten Nebendarsteller noch einen Oscar erhielt, ist erstaunlich. Allerdings bleibt die Revolution im b&#252;rgerlich-demokratischen Rahmen gefangen (Sturz der Tyrannei und Bodenreform). Das US-amerikanische Publikum f&#252;hlte sich beim R&#252;cktritt Zapatas vom Amt des mexikanischen Pr&#228;sidenten und dessen R&#252;ckzug auf das Land wahrscheinlich an die Geschichte des ersten US-Pr&#228;sidenten George Washington erinnert, dessen angebliche Selbstlosigkeit zum Mythos gemacht wurde. Frauen spielen im revolution&#228;ren Kampf keine zentrale Rolle und Zapata bekommt die sch&#246;ne B&#252;rgertochter als Belohnung f&#252;r einen Sieg. Trotzdem ist <em>Viva Zapata!</em> einer der besten Filme &#252;ber revolution&#228;re Gewalt. Nicht vergessen sollte man auch, dass Brando der bewaffneten Protestaktion des <em>American Indian Movement</em> 1973 in der Reservation am „Wounded Knee“ im US-Bundestaat South Dakota zu weltweiter Aufmerksamkeit verhalf, als er w&#228;hrend der Niederschlagung durch das Milit&#228;r die parallel stattfindende Verleihung des Oscar f&#252;r <em>Der Pate</em> ablehnte.</p>
<p>Es bleibt anzumerken, dass die meisten linken Gruppen ihre Botschaften immer noch sehr textlastig verbreiten. Statt bei Seminaren komplizierte Texte zu Revolutionstheorien zu lesen, die ohne jahrelange Vorbildung schwer verst&#228;ndlich sind, k&#246;nnen die gleichen Fragen auch anhand von Filmen aufgeworfen werden. In Anlehnung an Godard soll es dabei nicht darum gehen, politische Filme zu schauen, sondern <em>politisch </em>Filme zu schauen.</p>
<p>- Axjonow, Iwan: Sergej Eisenstein: Ein Portr&#228;t, Berlin 1997<br />
- Albersmeier, Franz-Josef (Hg.): Texte zur Theorie des Films, Stuttgart 1979<br />
- Brody, Richard: Everything is cinema: The working life of Jean-Luc Godard, New York 2008<br />
- Hesse, Christoph: Bilder in Bewegung: Bemerkungen zu Film und Politik, unter: http://www.rote-ruhr-uni-com/cms/Bilder-in-Bewegung-html<br />
- Vogel, Amos: Film als subversive K</p>
<p>10-Filme: <em>Paul Pop</em> ist Redaktionsmitglied der <em>grundrisse.zeitschrift f&#252;r linke theorie und &#038; debatte</em> aktiv in der <em>Superlinken </em>und Autor f&#252;r die Wochenzeitung <em>Jungle World</em>.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Benjamin, Walter: Das Kunstwerk in der Epoche seiner technischen Reproduzierbarkeit, Frankfurt 1977, S. 35ff.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Hesse, Christoph: Film, Politik und Avantgarde, unter: http://www.roteruhr-uni.com/cms/Film-Politik-Avantgarde.html</p>
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		<title>Von der Flut zum Beben</title>
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		<pubDate>Mon, 22 Nov 2010 09:12:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Haiti]]></category>
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		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
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		<description><![CDATA[Neun Monate nach dem verheerenden Erdbeben hat die Welt Haiti fast schon wieder
vergessen. Wie Peter Hallward im Nachwort zu seinem Buch Damming the Flood: Haiti, Aristide and the Politics of Containment zeigt, ist die Situation trotz – oder gerade wegen – der internationalen Hilfe nach wie vor katastrophal: Im Schatten des Bebens erreicht die Konterrevolution gegen die armen Massen eine [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Neun Monate nach dem verheerenden Erdbeben hat die Welt Haiti fast schon wieder<br />
vergessen. Wie <em>Peter Hallward</em> im Nachwort zu seinem Buch <em>Damming the Flood: Haiti, Aristide and the Politics of Containment</em> zeigt, ist die Situation trotz – oder gerade wegen – der internationalen Hilfe nach wie vor katastrophal: Im Schatten des Bebens erreicht die Konterrevolution gegen die armen Massen eine neue Qualit&#228;t.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
<span id="more-1675"></span><br />
Am Dienstag, den 12. Januar 2010 um kurz nach 17 Uhr wurden die Hauptstadt Haitis und seine Umgebung vom schwersten jemals in den Americas gemessenen Erdbeben verw&#252;stet. Das Ausma&#223; der Zerst&#246;rung war gewaltig. Den exaktesten verf&#252;gbaren Sch&#228;tzungen zufolge fielen dem Beben etwa 250.000 Menschen zum Opfer, mehr als 300.000 erlitten schwerste Verletzungen. Ungef&#228;hr 200.000 Geb&#228;ude wurden zerst&#246;rt, darunter etwa 70% der Schulen der Stadt. An die 1,5 Millionen Menschen leben mehr als ein halbes Jahr nach der Katastrophe weiter in provisorischen Lagern mit wenig oder gar keiner grundlegenden Versorgung, ohne Arbeitsm&#246;glichkeiten und ohne Hoffnung auf eine sp&#252;rbare Besserung in der n&#228;heren Zukunft.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a><br />
Zwar hat das Erdbeben selbst in Haiti keine vergleichbaren Vorg&#228;nger, jedoch sind weder die Umst&#228;nde, die seine Wirkung vergr&#246;&#223;erten, noch die Reaktionen, die auf die Katastrophe folgten, neu oder einzigartig. Vielmehr sind beide ein wesentlicher Bestandteil jenes fundamentalen Konfliktes, der die Geschichte Haitis in den letzten 30 Jahren strukturierte: Der Konflikt zwischen pep la („das Volk“, „die Armen“) und den Mitgliedern der privilegierten Elite sowie den sie unterst&#252;tzenden Streitkr&#228;ften und ihren internationalen Verb&#252;ndeten. Waren die 1980er Jahre noch von einer beispiellosen popularen Mobilisierung gekennzeichnet, welche sich zur Lavalas-Bewegung [kreolisch: lodernde Flut] entwickelte, die Diktatur &#252;berwand und eine Perspektive f&#252;r einen bescheidenen, aber doch revolution&#228;ren sozialen Wandel aufzeigte, so l&#228;sst sich die Phase, die mit dem Milit&#228;rputsch von September 1991 begann, wohl am besten als eine der ausgedehntesten und intensivsten Konterrevolution weltweit beschreiben. In den letzten 20 Jahren haben die m&#228;chtigsten politischen und &#246;konomischen Interessensgruppen in und um Haiti eine systematische Kampagne gef&#252;hrt, um die populare Bewegung zu ersticken und sie ihrer wichtigsten Waffen, Ressourcen und Anf&#252;hrern zu berauben. Die Reaktionen auf das Erdbeben im Januar haben diesen Ma&#223;nahmen eine v&#246;llig neue Qualit&#228;t verliehen.</p>
<p><strong>Konterrevolution&#228;re Ma&#223;nahmen</strong><br />
Bislang war die fortgesetzte Konterrevolution in einem schmerzlichen Ausma&#223; erfolgreich. Selten wurden „Teile und Herrsche“-Taktiken mit derart skrupelloser Effizienz angewendet wie in Haiti zwischen 2000 und 2010. Einige wenige privilegierte Familien sind deshalb reicher und m&#228;chtiger als jemals zuvor; wenn Anfang 2011 der Wiederaufbau ernsthaft beginnt, werden sie nur noch reicher werden. Im Gegensatz dazu werden mehr als eine Millionen Obdach- und Mittellose die Jahre des Wiederaufbaus voraussichtlich in der H&#246;lle der Lager verbringen, w&#228;hrend ausl&#228;ndische TechnokratInnen, multinationale Beamten und NGO-BeraterInnen &#252;ber die Zukunft ihrer St&#228;dte entscheiden. Die Mehrheit ihrer verelendeten Landsleute wird weiterhin dazu gezwungen sein, die h&#246;chsten Ausbeutungsraten der Hemisph&#228;re hinzunehmen, wohl wissend, dass ohne grundlegende Ver&#228;nderungen ihre Kinder und Kindeskinder dasselbe Schicksal erwartet. In der momentanen Situation, in der die Reste der Lavalas-Bewegung desorganisierter und gespaltener sind als je zuvor und sich das Land im eisernen Griff der ausl&#228;ndischen „Stabilisierungstruppen“ befindet, hat die Mehrheit der haitianischen Bev&#246;lkerung wenig oder gar keine politische Macht. Zur Zeit der Verfassung dieses Textes, im Sommer 2010, sieht es so aus, als w&#228;re die Perspektive einer grundlegenden Demokratisierung Haitis in weite Ferne ger&#252;ckt.<br />
Unter diesen unhaltbaren Umst&#228;nden kann nichts anderes als eine massive populare Remobilisierung, die m&#228;chtiger, disziplinierter, geeinter und entschlossener als jemals zuvor agiert – in anderen Worten, nicht anderes als die Erneuerung wirklich revolution&#228;ren Drucks –, die Aussicht auf relevante Ver&#228;nderungen f&#252;r die Mehrheit der haitianischen Bev&#246;lkerung bieten. Nat&#252;rlich ist es gerade diese Perspektive, die jene Kr&#228;fte um jeden Preis verhindern wollen, die f&#252;r die j&#252;ngste politische Entwicklung des Landes und den bisherigen Wiederaufbau nach dem Beben verantwortlich sind. Nur wenige Tage nach dem Trauma des 12. Januar war bereits klar, dass die von der USA und den UN gef&#252;hrte Hilfsoperation den drei Hauptstrategien der Konterrevolution angepasst sein w&#252;rde, welche die j&#252;ngste Geschichte der Insel bestimmt haben: a) W&#252;rde die Beto-nung auf „Sicherheit“ und „Stabilit&#228;t“ liegen und versucht werden, diese mit milit&#228;rischen und quasi-milit&#228;rischen Mitteln zu erreichen. b) W&#252;rde man Haitis eigene F&#252;hrer und seine Regierung kaltstellen und sowohl die Bed&#252;rfnisse als auch die F&#228;higkeiten der Bev&#246;lkerungsmehrheit ignorieren. c) W&#252;rden weiterhin Mittel angewendet werden, welche den Graben zwischen den privilegierten Wenigen und den von ihnen ausgebeuteten verarmten Massen vertiefen. Selbst ein blo&#223; kursorischer R&#252;ckblick auf die ersten sechs Monate des Wiederaufbaus im Jahr 2010 sollte ausreichen, um zu zeigen, dass wir es mit einer Intensivierung jener Ma&#223;nahmen zu tun haben, welche schon in den letzten 20 Jahren die Macht und Autonomie der haitianischen Bev&#246;lkerung untergraben haben.</p>
<p><strong>„Sicherheit“ und „Stabilit&#228;t“</strong><br />
Die grundlegende politische Frage in Haiti ist von der kolonialen &#252;ber die post-koloniale bis hin zur neo-kolonialen Zeit weitgehend gleich geblieben: Wie kann eine winzige und instabile herrschende Klasse ihr Eigentum und ihre Privilegien angesichts der Armut und des Hasses der Massen sichern? In Haiti verdankt die Elite ihre Privilegien der Exklusion, Ausbeutung und Gewalt; und nur ein quasi-Gewaltmonopol kann diese aufrechterhalten. Dieses Monopol wurde w&#228;hrend der Duvalier<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a>-Diktatur bis Mitte der 1980er Jahre gro&#223;z&#252;gig und, in geringerem Ausma&#223;, auch w&#228;hrend der folgenden Milit&#228;rdiktatur (1986–90) gew&#228;hrt. Aber die Lavalas-Mobilisierung gef&#228;hrdete dieses Monopol und mit ihm auch die Privilegien. Was in Haiti geschah, seit Jean-Bertrand Aristide<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> 1990 zum ersten Mal gew&#228;hlt wurde, sollte in erster Linie als die progressive Verdeutlichung dieser grundlegenden Alternativen verstanden werden: Demokratie oder Armee. Die demokratische Mobilisierung, die in den 1980er Jahren in Opposition zu Diktatur und neoliberaler „Anpassung“ aufkam, war stark genug, die im Land gegen sie aufgestellten milit&#228;rischen Kr&#228;fte zu &#252;berwinden und sogar zu beseitigen. Es gelang ihr, zun&#228;chst Duvalier und seine Macoutes<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> hinwegzufegen (1986), und anschlie&#223;end die direkte Milit&#228;rherrschaft zu &#252;berwinden (1990). Viel von der Dynamik dieser Mobilisierung &#252;berlebte den m&#246;rderischen Putsch von 1991 und Aristide war schlussendlich 1995 unter gro&#223;en Opfern in der Lage, die Armee aufzul&#246;sen. Als Aristide dann 2000 mit &#252;berw&#228;ltigender Mehrheit f&#252;r eine zweite Legislaturperiode gew&#228;hlt wurde, er&#246;ffnete der haushohe Sieg seiner Fanmi Lavalas-Partei zum ersten Mail in der haitianischen Geschichte die Perspektive auf einen grundlegenden politischen Wandel – und dies in einem Kontext, in dem es kein au&#223;erpolitisches Mittel – keine Armee – mehr gab, um einen solchen zu unterdr&#252;cken.<br />
Um eine solche Entwicklung zu verhindern, bestand die zentrale Strategie von Haitis kleiner herrschenden Klasse im gesamten letzten Jahrzehnt darin, politische Fragen entlang der Themen „Sicherheit“ und „Stabilit&#228;t“ – f&#252;r die Reichen, ihr Eigentum und ihre Investitionen – neu zu definieren. Eine rein zahlenm&#228;&#223;ige Menge kann wohl eine Wahl gewinnen oder eine populare Bewegung am Leben erhalten, aber wie jede/r wei&#223;, kann mit „Unsicherheit“ nur eine Armee umgehen. Der bis an die Z&#228;hne bewaffnete „Freund“ Haitis, die USA, wei&#223; das besser als jede/r andere.</p>
<p><strong>Der Putsch von 2004</strong><br />
Vor diesem Hintergrund bleibt das bedeutendste Ereignis der j&#252;ngsten haitianischen Politik die Intervention zur Wiederherstellung der langfristigem „Sicherheit“ durch die endg&#252;ltige Eliminierung der Lavalas-Bewegung: Der Putsch im Jahr 2004. War die Aufl&#246;sung der Armee, die Aristides erste Regierung abgesetzt hatte, seine popul&#228;rste Amtshandlung, so bestand die wichtigste „Errungenschaft“ des Putsches 2004 darin, die politische Kontrolle de facto wieder an das Milit&#228;r zur&#252;ckzugeben. Da dieses im Land selbst nicht mehr existierte, bevollm&#228;chtigte der Putsch von 2004 eine ausl&#228;ndische Armee: erst eine US-amerikanisch-franz&#246;sisch-kanadische Eingreiftruppe, dann eine UN-Friedenstruppe. Wie vorauszusehen war, wurde Aristides Fanmi Lavalas – die Partei, die in den letzten Wahlen vor der Besetzung einen Erdrutschsieg errungen hatte – in allen darauffolgenden Wahlen von der Teilnahme ausgeschlossen (2006, 2009 und 2010). Ihre F&#252;hrungspers&#246;nlichkeiten wurden entweder isoliert oder eingesperrt, und ihr Hauptsprachrohr Aristide fristet seit 2004 sein Dasein als unfreiwilliger Exilant auf der anderen Seite der Welt. Wenn Haitis internationale AufpasserInnen dieses Muster der Exklusion aufrecht erhalten k&#246;nnen, wird die Entwicklung der haitianische Demokratie endg&#252;ltig wieder entlang jener imperialen Erwartungen verlaufen, denen die HaitianerInnen vor 20 Jahren durch die Wahl der „falschen“ Person und des „falschen“ politischen Programms einfach einen Strich durch die Rechnung machten.<br />
2004 und danach bestand die einzige M&#246;glichkeit, diese W&#228;hlerInnen zur Akzeptanz des Putsches und seiner Konsequenzen – die explizite und systematische Re-Etablierung der imperialen und Eliten-Herrschaft &#252;ber ihr Land – zu bringen, in der Aus&#252;bung von Zwang. Seit dem Putsch stand Haiti durchg&#228;ngig unter ausl&#228;ndischer Milit&#228;rbesatzung. Von 2004 bis 2010 patrollierten Jahr f&#252;r Jahr tausende ausl&#228;ndische Soldaten durch das Land und n&#246;tigten die Bev&#246;lkerung, das Ende der Lavalas-&#196;ra zu akzeptieren. W&#228;hrend dieser Jahre haben die UN-Beh&#246;rden, die f&#252;r diese au&#223;ergew&#246;hnliche „Stabilisierungs-Mission“ zust&#228;ndig sind, in einem f&#252;r UN-Eins&#228;tze beispiellosen Ausma&#223; auf gewaltsame Ma&#223;nahmen zur&#252;ckgegriffen. Unterst&#252;tzt wurden sie dabei von tausenden wiederbewaffneten und -ausgebildeten haitianischen PolizistInnen sowie von tausenden privaten Sicherheitsleuten, die angestellt worden sind sind, um die reichen Familien, deren Gesch&#228;fte sowie die ausl&#228;ndische Unternehmen und NGOs zu bewachen. Die zahlreichen Demonstrationen gegen die Besatzung, die in den letzten Jahren in den Stra&#223;en von Port-au-Prince stattfanden, hatten nur einen geringen oder gar keinen politischen Effekt.<br />
Vor einem Jahr w&#228;re der Gedanke, dass wohl nur ein Erdbeben diesen bewaffneten W&#252;rgegriff w&#252;rde lockern k&#246;nnen, noch verzeihlich gewesen.</p>
<p><strong>Das Beben</strong><br />
Zweifellos z&#228;hlte die Staatsmacht zum ersten, was am Nachmittag des 12. Januar ins Wanken geriet. Neben 27 der 28 Geb&#228;uden der Bundesregierung st&#252;rzte das UN-Hauptquartier in sich zusammen. Etwa ein F&#252;nftel der Regierungsbediensteten starben. Wenn eine Revolution der L&#228;hmung der staatlichen Kapazit&#228;ten zur Unterdr&#252;ckung popularen Protestes bedarf, kann man wie Kim Ives davon ausgehen, dass „das Beben die halbe Revolution verwirklicht hatte, indem es buchst&#228;blich den haitianischen Staat zerst&#246;rte.“ &#220;brig blieben einerseits die popularen Kr&#228;fte und andererseits die Elite, und beide brachten ihre Alternativen in Stellung, um die L&#252;cke zu f&#252;llen.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Unverz&#252;glich begann die US-Botschaft mit der Evakuierung ihres Personals und einiger Protegés. F&#252;r einen kurzen Moment hatten die haitianische Elite und ihre internationalen BewacherInnen wohl die Apokalypse vor Augen: Die Erwartung massenhaften Ungehorsams bei gleichzeitiger Abwesenheit ausreichender milit&#228;rischer Zwangsmittel. Das Ergebnis war eine beinahe sofortige milit&#228;rische Antwort von einer Gr&#246;&#223;enordnung, wie sie von einer „zivilen“ Mission zuvor noch kaum vollzogen wurde.<br />
Unmittelbar nach der Katastrophe versuchten nur wenige, der &#220;bertragung der effektiven Kontrolle &#252;ber die Hilfsmission auf das „&#252;ber unvergleichliche logistische F&#228;higkeiten verf&#252;gende“ US-Milit&#228;r zu widersprechen. Wie gew&#246;hnlich wurde die haitianische Regierung angewiesen, sich f&#252;r jede Art von „Hilfe“ dankbar zu zeigen. Sobald die US-Luftwaffe am 13. Januar die Kontrolle &#252;ber den haitianischen Luftraum &#252;bernahm, wurden milit&#228;rischen gegen&#252;ber humanit&#228;ren Fl&#252;gen explizit Priorit&#228;t einger&#228;umt. Obwohl die meisten Berichte aus Port-au-Prince die Geduld und Solidarit&#228;t auf den Stra&#223;en hervorhoben, machten die US-Kommandeure die &#196;ngste vor &#246;ffentlicher Unruhe und Unsicherheit zu ihrer wichtigsten Sorge. Die oberste Priorit&#228;t lag in der Vermeidung dessen, was ein Sprecher der US-Luftwaffe einen weiteren „Somalia Einsatz“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> nannte, also wohl einer Situation, in der eine gedem&#252;tigte US-Armee neuerlich Gefahr l&#228;uft, die milit&#228;rische Kontrolle &#252;ber eine „humanit&#228;re“ Mission zu verlieren. Gerade die Entschlossenheit der US-Kommandeure, diesem Risiko durch die Privilegierung von Waffen und SoldatInnen gegen&#252;ber &#196;rztInnen und Nahrung zuvorzukommen, war es, die zum vereinzelten Ausbrechen jener Unruhen f&#252;hrte, die eigentlich verhindert werden sollten. Um gen&#252;gend SoldatInnen und Ausr&#252;stung „vor Ort“ zu haben, wurde Flugzeug um Flugzeug voll mit Hilfsg&#252;tern aus Port-au-Prince weggeleitet.</p>
<p><strong>Waffen statt Nahrung</strong><br />
W&#228;hrend die US-Kommandeure damit besch&#228;ftigt waren, die Sicherheit durch das Aufstellen einer 14.000 Marines starken Truppe zu sichern, begannen Wasser und Nahrung in einigen weniger sicheren Teilen von Port-au-Prince knapp zu werden. Am Samstag, den 17. Januar fasste der Al Jazeera-Korrespondent Sebastian Walker zusammen, was viele seiner KollegInnen bereits die ganze Woche berichteten: „Die meisten HaitianerInnen haben bisher kaum humanit&#228;re Hilfe gesehen. Was sie stattdessen gesehen haben, sind eine ganze Menge Waffen. Sch&#252;tzenpanzer befahren die Stra&#223;en […]“ und „innerhalb der gut bewachten Zone [beim Flughafen] haben die USA die Kontrolle &#252;bernommen. Es erinnert eher an die Green Zone in Bagdad als an ein Zentrum f&#252;r die Verteilung von Hilfsg&#252;tern.“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Die Entscheidung der USA, am Flughafen milit&#228;rische gegen&#252;ber humanit&#228;ren Transporten zu privilegieren, besiegelte das Schicksal von Tausenden von Menschen, die unter dem Schutt von Port-au-Prince und Léogane begraben worden waren. In L&#228;ndern &#252;berall auf der Welt waren Bergungsteams innerhalb der ersten zw&#246;lf Stunden nach der Katastrophe in der Lage, nach Haiti aufzubrechen. Nur eine handvoll schaffte die Ankunft ohne fatale Versp&#228;tung – haupts&#228;chlich Teams, die es geschafft hatten, Haiti vor der &#220;bernahme des Flughafens durch die US-Streitkr&#228;fte zu erreichen. Einige der folgenden Teams mit ihrem schweren Ger&#228;t wurden davon abgehalten, in Haiti zu landen. USAID<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> erkl&#228;rte am 19. Januar, dass im Laufe der ersten Woche nach dem Ungl&#252;ck 70 Menschen von internationalen Such- und Rettungsteams gerettet wurden.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Der Gro&#223;teil dieser Menschen wurde an ganz bestimmten Pl&#228;tzen und unter ganz bestimmten Umst&#228;nden gerettet. Die Washington Post vom 18. Januar bemerkte etwa, dass „die ,Such- und Rettungsmissionen‘ haupts&#228;chlich auf Geb&#228;ude von internationalen Hilfskr&#228;ften, wie das zerst&#246;rte UN-Geb&#228;ude, und gro&#223;e Hotels mit internationaler Klientel konzentriert wurden.“<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> So wurden kaum Hilfskr&#228;fte in den Gebieten zugeteilt, in denen es m&#246;glicherweise die h&#246;chsten Opferzahlen gab. Diese Logik war es, die immer mehr Menschen in und um die Krankenh&#228;user von Port-au-Prince zum Tode verurteilte. Wie Any Goodman von Democracy Now in einem Interview mit einem Arzt vor Ort erfuhr, war „die Frage der Sicherheit, die Ger&#252;chte &#252;ber die Sicherheit sowie der Rassismus hinter der Idee von Sicherheit eines der gr&#246;&#223;ten Hindernisse, um Hilfe vor Ort zu bekommen“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a>.</p>
<p><strong>Rassistische Bilder</strong><br />
Es schien, dass in Haiti nach dem Erdbeben alles und jedeR, der/die nicht in einer Sicherheitszone war, nicht wert war, gerettet zu werden. Bei den gelegentlichen Vorst&#246;&#223;en au&#223;erhalb dieser Zonen fanden westliche JournalistInnen gleichzeitig unz&#228;hlige Gr&#252;nde, sich wieder zur&#252;ckzuziehen. Schreckliche Geschichten von Pl&#252;nderungen und Gangs begannen bald „SicherheitsexpertInnen“ wie dem in London ans&#228;ssigen Stuart Page<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> eine Aura von augenscheinlicher Autorit&#228;t zu verleihen, als er dem gutgl&#228;ubigen BBC-„Sicherheitskorrespondenten“ Frank Gardner erkl&#228;rte, dass „all die Fortschritte in der Sicherheit, die Haiti in den letzten paar Jahren gemacht hatte, sich umkehren k&#246;nnten. […] Kriminelle Gangs, insgesamt ca. 3000, nutzen die aktuelle humanit&#228;re Krise in vollem Ma&#223; aus.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Viele HaitianerInnen und in Haiti ans&#228;ssige KorrespondentInnen waren emp&#246;rt &#252;ber solch groteske Fehleinsch&#228;tzungen. Am 17. Januar versuchte beispielsweise der Direktor des Ciné Institute, David Belle, der internationalen Verzerrung etwas entgegnen zu setzen: „Mir wurde gesagt, dass der Gro&#223;teil der US-Medien-Berichterstattung Haiti als Pulverfass kurz vor der Explosion darstellt. Mir wurde gesagt, dass es in den Meldungen der gro&#223;en Medien um Pl&#252;nderung, Gewalt und Chaos geht. Nichts k&#246;nnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Ich bin seit meiner Ankunft t&#228;glich durch die gesamte Stadt gereist. Das Ausma&#223; der Zerst&#246;rung ist absolut atemberaubend [, aber] NICHT EINMAL wurden wir Zeugen eines Akts der Aggression oder Gewalt […]. Eine kaputte Stadt mit zwei Millionen EinwohnerInnen wartet auf Hilfe, Medizin, Nahrung und Wasser. Die meisten haben nichts dergleichen erhalten. Haiti kann auf seine &#220;berlebenden stolz sein. Ihre W&#252;rde und ihr Anstand angesichts dieser Trag&#246;die sind atemberaubend.“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> JedeR konnte allerdings sehen, dass W&#252;rde und Anstand in den Augen der Herrschenden keinen Ersatz f&#252;r Sicherheit darstellen. Keine Anzahl an Waffen wird je ausreichen, die wenigen zu beruhigen, deren Reichtum sie von jenen Menschen abgrenzt, die sie ausbeuten.<br />
Soweit es die Menschen selbst betraf, war „Sicherheit nicht das Thema“, erkl&#228;rte Kim Ives kurz nach dem Erdbeben. „In ganz Haiti organisierte sich die Bev&#246;lkerung selbst in Volkskomitees, um aufzur&#228;umen, die Leichen aus dem Schutt zu befreien, Fl&#252;chtlingscamps zu errichten und das &#220;berleben dieser Fl&#252;chtlingscamps zu gew&#228;hrleisten. Die haitianische Bev&#246;lkerung ist eigenst&#228;ndig und war eigenst&#228;ndig f&#252;r viele Jahre.“ W&#228;hrend die Menschen, die das Wenige, was sie besa&#223;en, verloren hatten, ihr Bestes taten, um die Lage zu bew&#228;ltigen, waren es die zur „Wiederherstellung der Ordnung“ geschickten Soldaten, die provozierten, indem sie die Menschen als potentielle K&#228;mpfer behandelten. „Genau so reagierten sie nach Katrina. Die Opfer sind es, die gef&#252;rchtet werden.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a><br />
Um dabei zu helfen, die Menschen dort zu halten, wo sie hingeh&#246;rten, unternahm w&#228;hrenddessen das US Department of Homeland Security „beispiellose“ Notma&#223;nahmen, um das Heimland in den ersten Wochen nach dem Beben zu sch&#252;tzen. W&#228;hrend Senegals Pr&#228;sident Abdoulaye Wade „allen Haitianern [sic]“, die in ihr Ursprungsland zur&#252;ckkehren wollen, die freiwillige Heimkehr“ anbot, best&#228;tigten amerikanische Beh&#246;rden, dass die lang existierenden (und vollkommen illegalen) Richtlinien im Umgang mit haitianischen Fl&#252;chtlingen und Asylsuchenden weiter gelten w&#252;rden – automatisches Abfangen und R&#252;ckf&#252;hrung, ganz unabh&#228;ngig von den Umst&#228;nden.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Um ganz sicher zu gehen, flog die US-Luftwaffe mit einer Frachtmaschine samt Lautsprechersystem f&#252;nf Stunden pro Tag &#252;ber gro&#223;e Teile des Landes und &#252;bertrug eine Nachricht vom Botschafter Haitis in Washington: „St&#252;rmen Sie nicht die Boote, um das Land zu verlassen. Wenn Sie glauben die USA zu erreichen und Ihnen alle T&#252;ren offen stehen, ist das nicht der Fall. Die US-K&#252;stenwache wird Sie noch am Wasser abfangen und dorthin zur&#252;ckschicken, woher Sie kamen.“<br />
Mit atemberaubendem Zynismus ernannte US-Pr&#228;sident Obama seinen Vorg&#228;nger George Bush (dessen Regierung f&#252;r den Coup von 2004 in Haiti verantwortlich war und<br />
dessen „Hilfema&#223;nahmen nach dem Hurrikan Katrina 2005 in eine ethnische Vertreibung vieler schwarzer EinwohnerInnen New Orleans m&#252;ndete.“<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a>), Bill Clinton dabei zu helfen, der US Spendenkampagne f&#252;r Hilfsma&#223;nahmen vorzustehen. Als der amerikanische Botschafter in Haiti im Februar Washington einen Besuch abstattete, zeigte er sich zufrieden mit der bisherigen Arbeit. „Ich glaube, dass dies etwas ist, worauf die Menschen in der Zukunft als Vorbild zur&#252;ckblicken werden, daf&#252;r wie wir uns als SpenderInnen vor Ort erweisen und auf das Erdbeben reagieren konnten.“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a></p>
<p><strong>Ausl&#228;ndischer Wiederaufbau und der haitianische Staat</strong><br />
W&#228;hrend tausende Leichen im Schutt von Port-au-Prince zur&#252;ckgelassen wurden, wandte sich die internationale Aufmerksamkeit bald den gro&#223;angelegten Wiederaufbaupl&#228;nen zu. Scheinbar waren sich alle einig: Oberste Priorit&#228;t h&#228;tten Ma&#223;nahmen, welche die normalen Bev&#246;lkerung dazu bem&#228;chtigen sollten, etwas Kontrolle &#252;ber ihr Leben sowie den Zugang zu Bildung, ein Einkommen, einen Wohnort, eine Zukunft f&#252;r sich und ihre Familien (wieder) zu erlangen. International durchgesetzte neoliberale Regelungen, die f&#252;r Jahrzehnte den agrarischen Raum zerst&#246;rten und den Staatssektor zu einer handlungsunf&#228;higen Fassade deklassierten, m&#252;ssten fallen gelassen oder zur&#252;ckgenommen werden. Es br&#228;uchte systematische Investitionen in essentielle, &#246;ffentliche Dienstleistungen in allen Teilen des Landes. Eine wirkliche haitianische Souver&#228;nit&#228;t, sowohl &#246;konomisch als auch politisch, m&#252;sste wiederhergestellt werden.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Der tats&#228;chliche Wiederaufbauprozess passte sich allerdings genau den alten Tendenzen an, die Haiti in den letzten Jahrzehnten so verwundbar f&#252;r nat&#252;rliche, &#246;konomische und politische Katastrophen gemacht hatten. Die Mehrheit der haitianischen Bev&#246;lkerung war vollst&#228;ndig von jeglicher Partizipation in der Planung und Ausf&#252;hrung der Instandsetzungsarbeiten ausgeschlossen.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Es wurden keine entscheidenden Ma&#223;nahmen gesetzt, um die lokale Landwirtschaft anzukurbeln oder die Dezentralisierung von Menschen, Ressourcen und Investitionen zu f&#246;rdern. Einer der markantesten Bestandteile der Hilfsbem&#252;hungen war die Entscheidung der „internationalen Gemeinschaft“, &#252;ber ihre eigenen Beh&#246;rden und NGOs und nicht &#252;ber den haitianischen Staat oder dessen Basisorganisationen zu arbeiten. F&#252;r jeden Dollar US-Hilfe, den Haiti in den ersten Wochen nach dem Desaster erhielt, bekam die Regierung daher nur einen einzigen Penny.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Sechs Monate sp&#228;ter, bemerkte Paul Farmer, gingen von den 1,8 Milliarden Dollar, die als Erdbebenhilfe nach Haiti geschickt wurden, „bis jetzt weniger als 2,9 % an die Regierung.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a><br />
Der untergeordnete Status der haitianischen Bev&#246;lkerung und der Regierung wurde bei der Vorbereitung zur entscheidenden internationalen Geberkonferenz in New York Ende M&#228;rz 2010 kristallklar. Von den [zugesagten] 5,3 Milliarden belief sich die direkte Unterst&#252;tzung f&#252;r die Regierung nur auf 350 Millionen Dollar (6,6% der Gesamtsumme). Dar&#252;ber hinaus wurde eine, vorwiegend ausl&#228;ndisch besetzte, K&#246;rperschaft eingerichtet, die &#252;ber die Zuteilung der versprochenen Gelder entscheiden sollte, die Interim Haiti Recovery Commission (IHRC). Dieser Kommission sitzen Haitis Premierminister Jean-Max Belleviere und der fr&#252;here US-Pr&#228;sident Bill Clinton vor.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Ohne Zweifel ist ein gewisses Ma&#223; zentralisierter Koordination der Investitionen besser, als die hemmende Fragmentierung, die bis dahin in der Haitianischen „Republik von NGOs“ vorherrschte. Die Tatsache, dass HaitianerInnen in dieser Kommission jedoch als eine Art Juniorpartner dienen – eine Position, die keine der Geberl&#228;nder f&#252;r sich in Betracht ziehen w&#252;rde – kann trotzdem nicht verborgen werden. In den Wochen nach der UN-Konferenz hielten die gr&#246;&#223;ten SpenderInnen ihre erste Auszahlung der versprochenen Milliarden solange zur&#252;ck, bis die dem&#252;tige haitianische Regierung bereit war, ihre unterw&#252;rfige Rolle formal anzuerkennen.</p>
<p><strong>Politische und soziale Folgen der Privatisierung</strong><br />
Einer der Hauptgr&#252;nde, warum die haitianische Regierung nicht in der Lage ist, &#252;ber diese Bedingungen zu verhandeln, ist, dass ihr in den letzten Jahren die direkte Kontrolle &#252;ber die meisten Ressourcen des Landes sowie die F&#228;higkeit, die Wirtschaft zu kontrollieren, entzogen wurde. Das Transportwesen, das Bauwesen, die Bildung, die Energieversorgung, das Gesundheitswesen, die Landwirtschaft und das Bankenwesen – praktisch alle wichtigen Bereiche der Wirtschaft wurden an haitianische Unternehmen und Gesch&#228;ftsleute verkauft. 1997, als Préval schon im Amt war, wurden alle staatseigenen Betriebe, welche die beiden Hauptexportg&#252;ter, Mehl und Zement, herstellten, privatisiert. Staatspr&#228;sident René Préval k&#252;ndigte im selben Jahr an, er werde Haitis wertvollsten staatseigenen Betrieb, die nationale Telefongesellschaft (Téléco), privatisieren. Bis Mitte 2007 war bereits die H&#228;lfte der MitarbeiterInnen, knapp 2.800 Personen, gek&#252;ndigt. Téléco war bis zu seiner Privatisierung eine der verl&#228;sslichsten &#246;ffentlichen Einnahmequellen. Vier Monate nach dem Erdbeben, im Mai 2010, hat die haitianische Regierung die Mehrheit an der Firma endg&#252;ltig an eine Tochtergesellschaft der vietnamischen Armee verkauft, und zwar f&#252;r blo&#223; 59 Millionen US-Dollar.<br />
Laut Patrick Elie ist Haiti mittlerweile, das „Land mit den meisten Privatisierungen der Welt. Fast alles, was privatisiert werden kann, wurde privatisiert und der einzige Grund, warum Gef&#228;ngnisse noch nicht privatisiert sind, ist, dass es sich noch nicht ausgezahlt hat, sie zu privatisieren.“<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Folge dieser Privatisierungen ist, dass die haitianische Regierung einige ihrer essentiellsten Handlungsoptionen verloren hat: die F&#228;higkeit Arbeitspl&#228;tze zu schaffen, sich das Land und die Ressourcen, die sie ben&#246;tigt, anzueignen sowie wichtige Baumaterialen und andere G&#252;ter zu produzieren. 2009 kamen bereits 65% der Einnahmen des haitianischen Budgets aus externen Quellen.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Nicht einmal im J&#228;nner 2010 wurden Schritte gesetzt, um den dominanten Privatisierungsprozess zu mildern oder abzuwenden. Auch die dringenden, aktuellen Probleme sind nicht ausreichend, um von dem „Entwicklungsmodell“ abzuweichen, das Haiti nun schon seit Jahrzehnten erfolglos verfolgt: die Orientierung der haitianischen Wirtschaft an den Interessen von Sweatshop-InhaberInnen und internationalen KonsumentInnen, die Privilegierung exportorientierter Landwirtschaft sowie die F&#246;rderung von Jobs mit niedriger Bezahlung und Tourismus.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a><br />
Die g&#228;ngigen, landwirtschaftlichen Regulierungen dr&#228;ngten immer mehr Kleinb&#228;uerInnen aus dem Sektor und f&#252;hrten in den letzten Jahren zu einer massiven Bev&#246;lkerungszunahme in Port-au-Prince. Da in den ersten Wochen nach dem Erdbeben die finanzielle Hilfe weitgehend ausblieb, versuchten viele von ihnen wieder in ihre D&#246;rfer, oder das, was von ihnen &#252;brig war, zur&#252;ckzukehren. Mit ein wenig Unterst&#252;tzung w&#228;ren sie auch dort geblieben. Aber, wie immer, erhielten die haitianischen B&#228;uerInnen wenig bis keine Unterst&#252;tzung. Nur knapp 23 Millionen US-Dollar des Hilfegesuchs an die UN waren f&#252;r die Landwirtschaft kalkuliert. Ende Februar gab die UN zu, dass nicht einmal dieses Geld angekommen sei. „Am Land“, argumentierte Reed Lindsay im M&#228;rz 2010, „gibt es keine Hinweise auf humanit&#228;re Hilfe, am wenigsten f&#252;r die Landwirtschaft.“<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> „Mit keinen Jobaussichten, keinerlei Hilfe, keiner Aussicht auf landwirtschaftliche Entwicklung, h&#228;lt die Menschen nichts am Land“, best&#228;tigt auch Mark Schuller. „Der Gro&#223;teil dieser R&#252;ckwanderung aufs Land konnte nicht gehalten werden und Port-au-Prince ist wieder zum Zentrum f&#252;r Jobsuchende geworden.“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a></p>
<p><strong>Die ProfiteurInnen der Katastrophe…</strong><br />
Sofort nach dem Erdbeben war klar, dass sich die wohlhabende Bev&#246;lkerung Haitis den L&#246;wenanteil an der internationalen Hilfe sichern w&#252;rde.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Zur selben Zeit hatten auch in den USA m&#228;chtige Think-Tanks und LobbyistInnen, wie die Heritage Foundation, das American Enterprise Institute oder die RAND Cooperation, erkannt, dass „dieses Desaster eine Chance bietet, die versp&#228;teten Reformen zu versch&#228;rfen.“ Dies inkludiere „das Aufbrechen oder zumindest die Reorganisation des staatlich kontrollierten Telefonmonopols. Das gleiche gilt f&#252;r das Bildungsministerium, die Elektrowirtschaft, das Gesundheitsministerium sowie die Gerichte.“<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Einige der m&#228;chtigsten Gesch&#228;ftsleute Haitis haben sich daher bereits mit multinationalen Logistik- und Wiederaufbaufirmen zusammengetan, um so den gr&#246;&#223;ten Vorteil aus den Einnahmen der Entwicklungsgelder zu ziehen. Die Vorbe Group, das gr&#246;&#223;te Bau und Logistikunternehmen in Haiti, tat sich zum Beispiel mit der in Alabama ans&#228;ssigen Wiederaufbaufirma DRC zusammen, der nach Katrina unter anderem Vertr&#228;ge im Wert von mehr als 100 Millionen Dollar zugesprochen wurden.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a><br />
Neben den ausl&#228;ndischen InvestorInnen haben bis jetzt vorwiegend aus dem Ausland finanzierte NGOs von dem Ungl&#252;ck Haitis profitiert. „Die ganzen Millionen, die gerade nach Haiti kommen, flie&#223;en in die H&#228;nde der NGOs“<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a>, beklagte Préval Anfang M&#228;rz. Nach einer Sch&#228;tzung einer erfahrenen Sozialarbeiterin kommen „von dem ganzen gesendeten Geld nur 10% vor Ort an. Der Rest wird f&#252;r ausl&#228;ndische ExpertInnen, Hotels, Autovermietung und Hotelkonferenzen ausgegeben.“<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> Wie jedeR, der/die Port-au-Prince besucht, sicher best&#228;tigen wird, gibt es hier eine „gro&#223;e Kluft zwischen den Menschen von der UN und den NGOs und den Menschen, denen sie helfen wollen.“<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Ausl&#228;ndische Besch&#228;ftigte der NGOs „dem&#252;tigen und diskriminieren weiterhin arme, haitianische Personen“, bedauert der haitianische Journalist Wadner Pierre, „weil sie annehmen, dass diese allesamt gef&#228;hrliche, gewaltt&#228;tige, dumme oder primitive Menschen sind […].“<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a><br />
Ausl&#228;ndische InvestorInnen und NGOs tendieren dazu, ausl&#228;ndischen Schutz anzufordern, um ihre Sicherheit zu garantieren. Bald nach dem Abzug der ersten ausl&#228;ndischen Truppen begannen daher private, milit&#228;rische Sicherheitsunternehmen wie Triple Canopy (die den Xe/Blackwater-Sicherheitsvertrag im Irak 2009 &#252;bernahmen) und Overseas Security &#038; Strategic Information ihre Dienste in Haiti zu bewerben.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> Wie ein Bericht von Al Jazeera zeigt, sehen diese Firmen „neue Ungl&#252;cksgebiete als emerging markets“<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> an. Ihre ‚humanit&#228;ren‘ Gegenst&#252;cke in der UN und in USAID bem&#252;hten sich nach Kr&#228;ften, diese aufstrebenden M&#228;rkte zu f&#246;rdern. Der f&#252;r „humanit&#228;re Angelegenheiten“ verantwortliche UN-Beamte John Holmes best&#228;tigte, dass „das beste Zeichen einer kommenden Erholung in Haiti ein Aufschwung in privaten Investitionen sein w&#252;rde.“<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Laut Reginald Boulos, dem Pr&#228;sident der Handelskammer von Haiti, beinhaltet eine Agenda f&#252;r einen solchen Wandel eine Reduktion der Regierungsintervention und Korruption. Was sie allerdings auf keinen Fall beinhaltet, ist eine signifikante Verbesserung in der Bezahlung und den Lebensbedingungen der haitianischen ArbeiterInnen. Boulos war 2009 einer der prominentesten Gegner der Kampagne zur Erh&#246;hung des erb&#228;rmlichen Mindestlohns auf ein &#196;quivalent von 5 US-Dollar pro Tag.</p>
<p><strong>…und deren Verlierer</strong><br />
Es gibt zurzeit rund 25.000 TextilarbeiterInnen in Haiti,  die T-Shirts und Jeans f&#252;r Marken wie Gildan, Hanes, Gapund New Balance produzieren.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> Firmen, wie etwa Gap, die bereits rund 4.000 haitianische ArbeiterInnen anstellen, planen ihre eigene ‚made-in-Haiti‘-Bekleidungslinie und Grupo M, eine gro&#223;e Auftragsfirma, Unternehmungen Arbeiten f&#252;r Levis und Banana Republic beinhalten, plant die Gr&#246;&#223;e ihrer Anlagen in Ouanaminthe zu verdoppeln.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a> Die von den USA angesto&#223;ene Wiederaufbaustrategie f&#252;r Haiti st&#252;tzt sich auf eine Gesetzgebung (die Haiti Hemispheric Opportunity through Partnership Encouragement Act oder HOPE), die &#252;ber einen begrenzten Zeitraum eine Zollbefreiung f&#252;r in Haiti hergestellte Kleidung verspricht. Clinton und die UN hoffen, dass in den kommenden Jahren eine neue Periode der HOPE-Richtlinien dabei hilft, zehntausend neue Niedriglohnjobs zu schaffen. Diese Strategie ist die gleiche wie vor fast 40 Jahren. Damals wie heute versprachen die InvestorInnen, dass die Schaffung von schlecht bezahlten Jobs irgendwie zu mehr und besser bezahlten Jobs f&#252;hren und Haiti aus der Armut befreien w&#252;rde.<br />
Dieses Versprechen wird getr&#252;bt, da sich dieselben InvestorInnen und ihre ApologetInnen konsequent gegen bescheidene Lohnerh&#246;hungen der haitianischen ArbeiterInnen wehrten. Diese werden heute derma&#223;en ausgebeutet, dass ein Vollzeitjob nicht mehr f&#252;r das Notwendigste ausreicht. Fr&#252;here Investitionsperioden f&#252;hrten meist zu einer Verringerung der Reall&#246;hne und des Einkommens der Bev&#246;lkerung. Ohne das von besser bezahlten haitianischen ArbeiterInnen (oft gefangen in den h&#246;chst ausbeutenden Sektoren Nordamerikas und der Karibik) an ihrer Familien nach Hause geschickte Geld w&#252;rde die haitianische Wirtschaft heute &#252;ber Nacht kollabieren. Dieselben InvestorInnen und ihre BeraterInnen sind offen genug zuzugeben, dass der wichtigste „komparative Vorteil“ Haitis die Tatsache ist und bleibt, dass die Menschen so arm und verzweifelt sind. Dass sie bereit sind f&#252;r nicht mehr als ein 20stel des Geldes zu arbeiten, das sie f&#252;r eine vergleichbare Anstellung in den USA erhalten w&#252;rden.<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> Der UN-Gesandte Bill Clinton wird daher, angesichts seiner Verpflichtung gegen&#252;ber dieser altbekannten Agenda weder Ver&#228;nderung noch Hoffnung bringen, bemerkt Richard Morse. „Clinton, gemeinsam mit der USAID, der Weltbank, der Inter-American Development Bank und den Vereinten Nationen, bringen mehr desselben nach Haiti: mehr f&#252;r die Wenigen und weniger f&#252;r die Vielen.“<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a><br />
F&#252;r den Gro&#223;teil der Bev&#246;lkerung Haitis hat die Aufrechterhaltung eines profitablen “Gesch&#228;ftsklimas” einen verheerenden Preis: die Verwandlung von Armut in Elend, den R&#252;ckgang der lokalen Nahrungsmittelproduktion, und den Verlust jeglicher Kapazit&#228;ten der Regierung, auf Ver&#228;nderungen der globalen Nahrungsmittelpreise und -angebote zu reagieren. Im Fr&#252;hling 2008 stiegen die globalen Nahrungsmittelpreise und viele HaitianerInnen hungerten. Im April desselben Jahres nahm ihre Wut politische Formen an. Hunderttausende protestierten, und der Druck zwang Prévals Premierminister Jaques Edouard Alexis zur&#252;ckzutreten.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> Aber genau wie 2008 und in vorhergehenden Jahren, auch 2010 die Reaktion darin, die Abh&#228;ngigkeit von einer der Hauptursachen des Problems zu erh&#246;hen, statt zu reduzieren: die Abh&#228;ngigkeit von internationalen Nahrungsmittelhilfsleistungen. W&#228;hrenddessen ist der Gro&#223;teil der von den Erdbeben betroffenen Bev&#246;lkerung dazu gezwungen, darauf zu warten, dass die humanit&#228;ren Investoren &#252;ber den Verlauf ihrer weiteren Ausbeutung entscheiden. Es ist wahrscheinlich, dass sie sich damit Zeit lassen werden. Bis Mitte des Sommers hatten erst f&#252;nf L&#228;nder (Venezuela, Brasilien, Norwegen, Estland und Australien) zum Haiti Reconstruction Fund der UN beigetragen, und weniger als 10% der 5,3 Milliarden Dollar, die im M&#228;rz versprochen worden waren, sind tats&#228;chlich ausgezahlt worden. Bis jetzt haben die Regierungen Frankreichs und der USA so gut wie gar nichts von den versprochenen Millionen gezahlt.</p>
<p><strong>Spenden, die nicht ankommen</strong><br />
Im Gegensatz dazu haben US-B&#252;rgerInnen auf Haitis Notlage mit au&#223;ergew&#246;hnlicher Gro&#223;z&#252;gigkeit reagiert und 1,3 Milliarden Dollar f&#252;r Direkthilfe gespendet. Ungl&#252;cklicherweise haben die Hilfsorganisationen dann beschlossen, einen gro&#223;en Teil dieses Geldes f&#252;r sich selbst oder f&#252;r eine unbestimmte Zukunft zur&#252;ckzuhalten. ABC News best&#228;tigte, dass von den insgesamt 1,138 Milliarden Dollar, die an Spendengeldern an die 23 gr&#246;&#223;ten Hilfsorganisationen gingen, „mindestens 62,7%, also 714,3 Millionen Dollar f&#252;r zuk&#252;nftige Hilfsleistungen an Haiti reserviert oder gar nicht zugeteilt wurden.“ Der mangelhafte Zugang zu F&#246;rderungen &#252;bersetzt sich in einen Mangel an erkennbaren Verbesserungen vor Ort. Den gesamten Fr&#252;hling 2010 hindurch dokumentierten Pressenachrichten die Ungl&#228;ubigkeit von Einheimischen und BeobachterInnen aus dem Ausland, die dabei zusehen mussten, wie die Wiederaufbauversuche mit unwahrscheinlicher Selbstgef&#228;lligkeit und Inkompetenz durchgef&#252;hrt wurden.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a><br />
Unglaublich, dass im Sp&#228;tsommer 2010 erst 2% des Schutts von den Stra&#223;en Port-au-Prince entfernt sind.<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> Unglaublich, dass 98% der 1,5 Millionen obdachlos gewordenen Menschen weiterhin in v&#246;llig unangemessen Zeltlagern leben, abwechselnd von der tropischen Sonne gebraten und von sturzfluthaftem Regen &#252;berschwemmt. Die meisten dieser Menschen haben immer noch keine wasserdichten Zelte, geschweige denn ein vor&#252;bergehendes Obdach, das den Orkanwinden widerstehen k&#246;nnte, die Haiti in vielen Sommern und oft mit verheerenden Auswirkungen heimsuchen.<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Die Zahlen von Vergewaltigungen und Gewalt an Frauen sind rapide in die H&#246;he geschossen. In den meisten Lagern haben die BewohnerInnen keinen Zugang zu irgendeiner Form von Rechtsschutz, oder auch nur die M&#246;glichkeit, mit den ausl&#228;ndischen Truppen zu kommunizieren, die weiterhin durch ihre Stadt patrouillieren.<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a> Tausende der unwillentlichen BewohnerInnen dieser Zeltlager werden von vermeintlichen GrundbesitzerInnen vertrieben oder mit der Vertreibung bedroht und gezwungen, sich in noch prek&#228;rere und entlegenere Gebiete zur&#252;ckzuziehen.</p>
<p><strong>Klassen- statt geologischer Bruchlinien</strong><br />
Wie Kim Ives best&#228;tigt, enth&#252;llen die Ereignisse nach dem 12. Januar in dieser, wie in vielen anderen Hinsichten, dass „die wichtigste Bruchlinie in Haiti keine geologische ist, sondern eine der Klassen. Eine kleine Hand voll reicher Familien besitzen gro&#223;e Gebiete des Landes um Port-au-Prince, die ideal geeignet w&#228;ren, um die tausenden Heimatlosen anzusiedeln. Die Familien kontrollieren jedoch auch Haitis Regierung und haben dar&#252;ber hinaus bedeutenden Einfluss auf die neu formierte IHRC. […] Die IHCR hat f&#252;r die n&#228;chsten 18 Monate durch ein ,Notstandsgesetz‘ die Befugnis, Land, das sie f&#252;r passend befindet, f&#252;r den Wiederaufbau zu beschlagnahmen […], aber die Elite-Familien […], geben ihr eigenes, wohlsituiertes Land nicht frei, so dass es Haitis Heimatlosen zu Gute k&#228;me. In Konsequenz wurde nur ein einziges gro&#223;es Lager f&#252;r die Fl&#252;chtlinge gebaut: Corail-Cesselesse liegt 10 Meilen n&#246;rdlich der Hauptstadt auf einem verlassenen Streifen W&#252;stenland zwischen Titayen und Morne Cabrit – zwei desolate Zonen, in denen Todesschwadronen w&#228;hrend des Anti-Aristide Putsches ihre Opfer entsorgten.“<a title="anm_49" name="anm_49" href="#anm49"><sup>49</sup></a><br />
Dieses „Vorbildlager“ bei Corail-Cesselesse bleibt bis jetzt das Vorzeigeexemplar der Wiederaufbaubem&#252;hungen; ein wichtiger Stopp auf der Reiseroute eines/r jeden JournalistIn, der/die das Land besucht. Corails Zelte sind in symmetrischen Reihen angelegt, und es br&#252;stet sich mit Toilettenanlagen, Duschen und einem kleinen Krankenhaus. Aber sonst gibt es nichts: Es gibt keine zu Fu&#223; erreichbaren M&#228;rkte, Gesch&#228;fte oder Schulen, und es gibt keine Arbeit. „Es gibt wirklich nichts zu tun“, erz&#228;hlte der Bewohner Mark Schuller. „Du kannst nicht in deinem Zelt bleiben, wegen der Hitze. Du kannst nicht hinausgehen, wegen dem Staub. Und du kannst das Lager nicht verlassen, weil es nichts zu tun gibt.“<a title="anm_50" name="anm_50" href="#anm50"><sup>50</sup></a> Corail ist kaum mehr als ein Auffanglager und dabei ein ganz sch&#246;n instabiles: Die meisten Zelte brachen bei einem Sturm in der Nacht vom 12. Juli zusammen, sechs Menschen wurden verletzt. Zuf&#228;lligerweise liegt das Lager auch noch auf einem St&#252;ck Land, das im Besitz des Unternehmens Nabatec ist. Dieses wird davon betr&#228;chtlich profitieren: Sowohl vom Entsch&#228;digungsprogramm der Regierung, als auch von dem Industriepark, der in der neuen Nachbarschaft geplant ist.<br />
W&#228;hrenddessen haben die meisten Fl&#252;chtlinge keine andere Wahl, als weiterhin auf den erstbesten Flecken Land, die sie finden, ihre Zelte aufzuschlagen – ein Lager ist zum Beispiel auf dem zwei Meter breiten Zementstreifen angesiedelt, der die Route de Carrefour trennt. Gegen Ende Juli r&#228;umte die UN ein, dass von den ben&#246;tigten 125.000 dauerhaften Unterk&#252;nften nur 6.000 gebaut worden waren. Am H&#246;hepunkt der Misere gab Edmond Mulet, Leiter der UN Mission zu, dass „wir den Sinn f&#252;r die Dringlichkeit der Situation verloren haben.“<a title="anm_51" name="anm_51" href="#anm51"><sup>51</sup></a></p>
<p><strong>Widerstand von unten</strong><br />
Wie zu erwarten, haben die Leute, die direkt von der Katastrophe betroffen sind, diesen Sinn nicht verloren. Das vielleicht Bemerkenswerteste in der gesamten Periode nach dem Erdbeben ist die au&#223;ergew&#246;hnliche Ausdauer und Disziplin der hunderttausenden Menschen, die zwar ihre Verwandten, ihr Zuhause und ihr Eigentum verloren, aber vom ersten Tag an begonnen haben, sich in neuen Gemeinschaften zu organisieren. Sie haben ihre Ressourcen vereint, die Verteilung von Nahrung und Wasser organisiert und informelle Strukturen geschaffen. Die Zeltlager sind ein Produkt der Verzweiflung, aber die r&#228;umlichen Konzentration von Menschen in ungekanntem Ausma&#223; schafft auch beispiellose M&#246;glichkeiten f&#252;r Selbstorganisation und Versammlungen. Ein paar Wochen nach dem Erdbeben beobachtete Camille Chalmers, dass „die Leute in den Lagern viel &#252;ber Solidarit&#228;t, Br&#252;derlichkeit [sic!] und gegenseitige Hilfe [sprechen].“<a title="anm_52" name="anm_52" href="#anm52"><sup>52</sup></a> Im Angesicht gr&#246;&#223;ter Verwundbarkeit haben die BewohnerInnen der Lager sogar begonnen politischen Druck aufzubauen: „Die B&#252;rgerInnen ziehen regelm&#228;&#223;ig auf die Stra&#223;e“, schrieb Beverly Bell im Juli. „Sie fordern Unterk&#252;nfte f&#252;r die Obdachlosen, gute Bildung, und die Unterst&#252;tzung nationaler Landwirtschaft. Vor kurzem haben sie gegen Gewalt von Seiten der UN-Sicherheitsmission protestiert, gegen die Nichtauszahlung der L&#246;hne von Staatsangestellten und LehrerInnen, und gegen die Einf&#252;hrung des giftigen Mosanto Saatguts. Grassroot-Organisationen treffen sich immer noch regelm&#228;&#223;ig, um Strategien f&#252;r einen politischen Wandel zu entwickeln, wie sie es in der Geschichte Haitis immer getan haben. […] Sie entwickeln Initiativen f&#252;r Wohnrechte und Schutzma&#223;nahmen gegen Vergewaltigung f&#252;r die [Fl&#252;chtlinge] in den Lagern. Manche planen Informationskampagnen f&#252;r Sweatshop-ArbeiterInnen, andere Programme um die Jugend zu politisieren.“<a title="anm_53" name="anm_53" href="#anm53"><sup>53</sup></a><br />
Ebenso wie bei den vorhergehenden Wahlen 2000 und 1990 bleibt auch im Wahljahr 2010 der wichtigste politische Gegensatz, derjenige zwischen (a) den KritikerInnen, die lediglich eine effizientere Anwendung derWiederaufbauressourcen und „vern&#252;nftige“ Formen der Kooperation mit den Besatzungstruppen und Hilfsorganisationen fordern und (b) den AktivistInnen, die an einem Wiederaufleben der Mobilisierung von unten arbeiten und f&#252;r einen grunds&#228;tzlichen politischen Wandel als einziges Mittel zur Wiedererlangung nationaler Souver&#228;nit&#228;t und zur Etablierung sozialer Gerechtigkeit eintreten, bestehen. SprecherInnen der NGOs, der UN, der USA und anderer „Freunde“ Haitis schimpfen &#252;ber lokale Ineffizienz und Korruption, lassen aber die politischen Fragen au&#223;en vor. Die einzige Rolle, die f&#252;r die Bev&#246;lkerung Haitis verbleibt ist, die der ehrw&#252;rdigen Nutznie&#223;erInnen einerseits, und &#228;rgerlichen „Hemmnisses der Reform“ andererseits. Der humanit&#228;re Leiter der UN interessiert sich in erster Linie f&#252;r die „m&#246;glichen Konsequenzen, die gro&#223;e Demonstrationen an sensiblen Orten f&#252;r die Politik, als auch f&#252;r die Sicherheit“<a title="anm_54" name="anm_54" href="#anm54"><sup>54</sup></a> haben k&#246;nnten. Stabilit&#228;t, also F&#252;gsamkeit, bleibt die oberste Priorit&#228;t.<br />
Im Gegensatz dazu konzentrieren sich die AktivistInnen auf die Mechanismen der Exklusion, die den Gro&#223;teil der Bev&#246;lkerung Haitis an den &#228;u&#223;ersten Rand der Politik gedr&#228;ngt haben. „Was hier passiert, ist eine Art Zusammenwachsen der Fanmi Lavalas-Basisorganisationen mit ehemaligen PPN-Mitgliedern.“<a title="anm_55" name="anm_55" href="#anm55"><sup>55</sup></a> beobachtet Kim Ives. „Das ist ohne die Zustimmung und vielleicht teils zum Verdruss der F&#252;hrungen der beiden Parteien passiert. Es gab eine Anziehungskraft auf der Ebene der Basis, und ich habe den Eindruck, dass das Zentrum des anti-imperialistischen Widerstands gegen Prévals Pl&#228;ne und seine Mannschaft aus diesem Schmelztiegel kommt. Hier entsteht eine progressive und revolution&#228;re politische F&#252;hrung f&#252;r die &#196;ra nach dem Erdbeben.“<a title="anm_56" name="anm_56" href="#anm56"><sup>56</sup></a></p>
<p><strong>Die Probleme der Lavalas-Bewegung</strong><br />
Leider ist die wichtigste, legale Institution der Lavalas-Bewegung, die Fanmi Lavalas-Partei (FL) in sich gespalten und vom politischen Prozess exkludiert. 2004 wurden Aristide und viele seine MinisterInnen dazu gezwungen, das Land zu verlassen, sein Premierminister Yvon Neptune und ein Dutzend anderer, hochrangiger Parteimitglieder der FL wurden verhaftet. Im Vorfeld der Pr&#228;sidentschaftswahlen 2006 wurde der Kandidat der FL, Gérard Jean-Juste, aufgrund erfundener Anklagepunkten verhaftet und sein Antreten bei den Wahlen verhindert. Im August 2007, „verschwand“ der ber&#252;hmteste Menschenrechtsaktivist Lovinsky Pierre-Antoine (er wird mittlerweile f&#252;r tot gehalten), kurz nachdem er bekr&#228;ftigt hatte, dass er sich als Kandidat der FL f&#252;r den Senat aufstellen lassen wolle. Prévals Wahlkommission (CEP) hat bis zu den Wahlen im April 2009 die Blockaden gegen die FL-KandidatInnen weitergef&#252;hrt.<a title="anm_57" name="anm_57" href="#anm57"><sup>57</sup></a><br />
Als Reaktion auf diese Ausgrenzung organisierten die FLAktivistInnen einen Wahlboykott. Nur eine kleine Minderheit der Wahlberechtigten ging anschlie&#223;end w&#228;hlen – 11%, wenn man den offiziellen Zahlen glaubt, weniger als die H&#228;lfte davon, Oppositionellen und den meisten WahlbeobachterInnen zufolge.<a title="anm_58" name="anm_58" href="#anm58"><sup>58</sup></a> In der &#214;ffentlichkeit haben die USA und die UN die Entscheidung der CEP verurteilt und die Inklusion aller politischen Parteien gefordert. Als die CEP von ihrer Ausgrenzungspolitik aber nicht abkommen wollte, gingen sowohl die USA als auch der Rest der „internationalen Gemeinschaft“ leise von ihrem Wunsch nach freien und inklusiven Wahlen ab und stimmten stattdessen zu, den Gro&#223;teil der Wahlkosten zu bezahlen. Im November 2009 hat die CEP die FL (und zahlreiche andere Parteien) wieder einmal von der Registrierung zu den Parlamentswahlen, die eigentlich f&#252;r Februar 2010 geplant waren, ausgeschlossen. [Bei den nun f&#252;r November 2010 anberaumten Wahlen werden daher] das Haitianische Parlament sowie der Pr&#228;sident wiederum ohne die Einbindung der meisten politischen Organisationen des Landes gew&#228;hlt. Ohne Zweifel werden auch diese Wahlen wieder den Zustimmungsstempel der internationalen Gemeinschaft bekommen. Die F&#252;hrungsriege der FL hat die ganze Situation durch parteiinterne Post-Aristide-K&#228;mpfe verschlimmert. 2008 wurden die Rivalit&#228;ten so stark, dass aus der Partei mehr oder weniger zwei unabh&#228;ngige Organisationen entstanden. Die Schikane durch die Regierung gekoppelt mit der fehlenden Einheit der Partei hat der Massenbewegung jegliche M&#246;glichkeit entzogen, das zu verwenden, was Samba Boukman 2006 als ihre „gr&#246;&#223;te Waffe“ bezeichnete – die F&#228;higkeit die Wahlen zu gewinnen.<br />
Es scheint daher, als ob die Pr&#228;sidentschaftswahlen im November 2010 keinerlei Aussicht auf signifikanten Wandel mit sich bringen. Die zwei Anti-Lavalas-Coups haben dazu beigetragen, dass jegliche Hoffnung, genuin sozialer Wandel sei in Haiti &#252;ber „formale“ demokratische Mittel m&#246;glich, eliminiert ist. „In allen Camps, die ich besucht habe“, schreibt Isabelle Doucet „gibt es kein Interesse an den Wahlen, geschweige denn Enthusiasmus &#252;ber einen Kandidaten.“ Das progressive Wochenmagazin Haiti Liberté verwirft die Wahlen schon jetzt als blo&#223;e „Scharade“, zurechtgebastelt von den ausl&#228;ndischen „Freunde von Haiti“, deren klares Ziel es ist, die Besetzung zu legitimieren.</p>
<p><strong>Neokolonales Protektorat oder Massenaufstand?</strong><br />
Die Lavalas-Bewegung ist heute weniger eine Organisation als eine Idee oder eine Erinnerung. Dieses Fehlen einer ad&#228;quaten Organisation und F&#252;hrung l&#228;sst die sich wieder erneuernde Massenmobilisation anf&#228;llig werden f&#252;r jegliche Formen opportunistischer Manipulation. Einige MediatorInnen zufolge sind daher viele der Personen, die an Demonstrationen f&#252;r oder gegen die Regierung teilnehmen, bezahlt. „Niemand protestiert ohne Geld in diesem Land“, erz&#228;hlte einer der MediatorInnen im Juli. „Die reichen Leute halten uns im Elend, damit wir machen, was sie wollen.“<a title="anm_59" name="anm_59" href="#anm59"><sup>59</sup></a><br />
Die wichtigste politische Frage, die sich in Haiti daher heute stellt, ist diejenige der Richtung, der Priorit&#228;ten und der Integrit&#228;t der beginnenden Protestbewegung. Einhergehend mit vielen seiner Verb&#252;ndeten ist sich Yves Pierre-Louis „sehr bewusst &#252;ber die Gefahren, die sich dadurch ergeben, dass fr&#252;heren PutschistInnen erlaubt wird, Teil dieser Allianz und Demonstrationen zu sein.“ Bei den Wahlen im November 2010 wird dementsprechend, wie bei den letzten vier Pr&#228;sidentschaftswahlen in Haiti, alles davon abh&#228;ngen, ob die Einheit und das Bewusstsein stark genug sind, damit sich diejenigen Kr&#228;fte durchsetzen, die sich den Wahlen entgegenstellen. Das Erdbeben hat die Entscheidung &#252;ber die politische Entwicklung Haitis weiter versch&#228;rft und forciert: Entweder die Erneuerung der Massenmobilisation, die Ziele wie Gleichheit und Gerechtigkeit verfolgt oder eine langandauernde Best&#228;tigung des derzeitigen Status der Insel als neokoloniales Protektorat.</p>
<p><em>Peter Hallward</em> ist Professor f&#252;r moderne europ&#228;ische Philosophie an der Kingston Universit&#228;t in London und Autor des Buches: Damming the Flood. Haiti, Aristide and the Politics of Containment, Verso: London 2010 [2007].</p>
<p>&#220;bersetzung: <em>Julia Hofmann, Katherina Kinzel, Ako Pire</em> und <em>Philipp Probst</em>.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Dies ist eine &#252;bersetzte, gek&#252;rzte und redaktionell bearbeitete Version des Nachworts zum 2010 in der zweiten Auflage erschienen Buch von Peter Hallward: Damming the Flood: Haiti, Aristide and the Politics of Containment, Verso: London 2010 [2007].<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> vgl. The Guardian, 10.07.2010, unter: http://www.guardian.co.uk/world/2010/jul/10/haiti-earthquake-aid-survivors; zwei der n&#252;tzlichsten Quellen f&#252;r gesicherte Informationen &#252;ber Haiti nach dem Beben sind die Seiten vom Haiti Relief and Reconstruction Watch (http://www.cepr.net/index.php/relief-and-reconstruction-watch) und dem Canada Haiti Action Network (http://canadahaitiaction.ca/).<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Anm. d. &#220;bers.: Die 1957 von François „Papa Doc“ Duvalier (1907–1957) errichtete und ab 1971 von seinem Sohn Jean-Claude „Baby-Doc“ Duvalier (1951*) fortgef&#252;hrte Diktatur gilt als eine der brutalsten Milit&#228;rherrschaften der Welt. Sie wurde 1986 durch Massenproteste zu Fall gebracht.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Anm. d. &#220;bers.: Jean-Bertrand Aristide gilt als wichtigster Anf&#252;hrer der Lavalas-Bewegung. Er war von 1990 bis 1991, von 1994 bis 1996 sowie zum letzten Mal von 2001 bis 2004 Staatspr&#228;sident Haitis und lebt heute im Exil in S&#252;dafrika.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Anm. d. &#220;bers.: Die Tontons Macoutes waren eine Miliz bzw. Geheimpolizei, die w&#228;hrend und nach der Duvalier-Diktator Angst und Schrecken verbreitete.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Ives, Kim: How the Earthquake has Affected Haiti‘s National Democratic Revolution and International Geopolitics, Rede gehalten an der Universit&#228;t von Aberdeen, 12.03.2010<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> zitiert nach BBC Radio 4, Zehn-Uhr-Nachrichten, 16.01.2010<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Al Jazeera, 17.01.2010, unter: http://www.youtube.com/watch?v=0F5TwEK24sA<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Anm. d. &#220;bers.: Die USAID (United States Agency for International Development) ist eine wichtige Beh&#246;rde der US-Entwicklungszusammenarbeit und agiert als verl&#228;ngerter Arm des US-Imperialismus.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> USAID unter: http://www.usaid.gov/helphaiti/index.html<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Washington Post, 18.01.2010, unter: http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2010/01/17/AR2010011702941.html<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Democracy Now!, 20.01.2010, unter: http://www.democracynow.org/2010/1/20/devastated_port_au_prince_hospital_struggles<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Stuart Page ist Pr&#228;sident der Page Group, vgl. http://www.pagegroupltd.com/aboutus.html<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> BBC Radio 4, Sechs-Uhr-Nachrichten, 18.01.2010<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> David Belle, Ciné Institute, 17.01.2010, vgl. http://www.cineinstitute.com/news/recovery-and-reportage<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Democracy Now!, 21.01.2010, unter: http://www.democracynow.org/2010/1/20/journalist_kim_ives_on_how_decades<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Telegraph, 19.01.2010, unter: http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/centralamericaandthecaribbean/haiti/7030237/Haiti-earthquake-US-ships-blockade-coast-to-thwart-exodus-to-America.html; BBC News, 17.01.2010, unter: http://news.bbc.co.uk/2/hi/africa/8463921.stm<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> New Statesman, 28.02.2010, unter: http://www.newstatesman.com/international-politics/2010/02/haiti-pilger-obama-venezuela<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> zitiert nach The Nation, 11.03.2010, unter: http://www.thenation.com/article/haitis-excluded <a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> vgl. z.B. Huffington Post, 05.04.2010 unter: http://www.huffingtonpost.com/mark-schuller/haitis-resurrection-promo_b_525104.html; The Root, 09.02.2010, unter: http://www.theroot.com/views/toward-new-haitian-state?page=0,0<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> vgl. Haiti Action, 03.05.2010, unter: http://www.haitiaction.net/News/AFD/5_3_10/5_3_10.html<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> vgl. AP, 27.01.2010, unter: http://www.cbsnews.com/stories/2010/01/27/world/main6146903.shtml<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Partners in Health, 27.07.2010, unter: http://www.pih.org/news/entry/focus-on-haiti-the-road-to-recovery-a-six-month-review/#farmer<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Vgl. Nacla, 31.03.2010, unter: https://nacla.org/node/6547<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Haiti Liberté, 25.08.2010, unter: http://canadahaitiaction.ca/content/drama-haitis-internally-displaced<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> vgl. MR Zine, 02.02.2010, unter: http://mrzine.monthlyreview.org/2010/boychuk020210.html<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> vgl. Socialist Worker, 08.02.2010, unter: http://socialistworker.org/2010/02/08/shock-doctrine-for-haiti<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> The Nation, 11.03.2010, unter: http://www.thenation.com/issue/march-29-2010<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Huffington Post, 21.07.2010, unter: http://www.huffingtonpost.com/mark-schuller/rained-out-opportunities_b_653672.html<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> vgl. Washington Post, 18.01.2010: http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2010/01/17/AR2010011702941.html<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> The New York Times, 17.01.2010, unter: http://www.rand.org/commentary/2010/01/17/NYT.html; The Indypendent, 29.01.2010, unter: http://www.indypendent.org/2010/01/29/plan-for-new-haiti/<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> vgl. Miami Herald, 09.03.2010, unter: http://www.miamiherald.com/2010/02/08/1470013/us-firms-want-part-in-haiti-cleanup.html<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Miami Herald, 09.03.2010, unter: http://www.miamiherald.com/2010/03/09/1521511/groups-jockey-for-role-in-haiti.html<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> The Nation, 11.03.2010, unter: http://www.thenation.com/issue/march-29-2010<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Al Jazeera English, 12.07.2010, unter: http://english.aljazeera.net/programmes/faultlines/2010/07/20107614463473317.html<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> The Dominion, 24.06.2010, unter: http://www.dominionpaper.ca/weblogs/wadner_pierre/3518<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> vgl. Miami Herald, 10.03.2010, unter: http://www.miamiher a ld. com/2010/03/10/1521400/ha i t i &#8211; summi t -unde r -wa y.html#ixzz0xM0gbm00<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Al Jazeera, 10.03.2010, unter: http://www.youtube.com/watch?v=kkNCdy0GXyc&#038;feature=player_embedded<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> AP, 21.02.2010, unter: http://www.canadaeast.com/article/961385<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Socialist Worker, 08.02.2010, unter: http://socialistworker.org/2010/02/08/shock-doctrine-for-haiti<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Time, 03.05.2010, unter: http://www.time.com/time/magazine/article/0,9171,1983898,00.html#ixzz109rriZpq<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> „Aufgrund seiner Armut und dem relativ unregulierten Arbeitsmarkt“, schreibt Paul Collier, „hat Haiti Arbeitskosten, die vollkommen konkurrenzf&#228;hig mit denjenigen in China sind. Arbeit ist nicht nur billig, sondern auch von guter Qualit&#228;t. Da die Bekleidungsindustrie fr&#252;her viel gr&#246;&#223;er war als heutzutage, gibt es einen gro&#223;en Pool an erfahrenen ArbeiterInnen“ (vgl. Collier, Paul: Haiti. From Natural Catastrophe to Economic Security. A Report for the Secretary-General of the United Nations, Oxford 2009, unter: http://www.focal.ca/pdf/haiticollier.pdf ).<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Huffington Post, 28.03.2010, unter: http://www.huffingtonpost.com/richard-morse/haiti-stuck-in-a-trap_b_516164.html<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> vgl. Nacla, 25.04.2008, unter: http://upsidedownworld.org/main/haitiarchives-51/1248-anti-hunger-protests-rock-haiti; IPS, 04.02.2008, unter: http://ipsnews.net/news.asp?idnews=41454<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Christian Science Monitor, 20.04.2010, unter: http://www.csmonitor.com/World/Americas/2010/0420/Haiti-relief-Anger-confusion-as-authorities-relocate-homeless<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> AP, 11.09.2010, unter: http://www.huffingtonpost.com/2010/09/11/haiti-earthquake-just-2-p_n_713338.html<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> The Misoulian, 06.06.2010, unter: http://missoulian.com/news/stateand-regional/article_53238992-71ed-11df-b3ab-001cc4c002e0.html<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> IJDH, 20.07.2010, unter: http://ijdh.org/archives/13361<br />
<a title="anm49" name="anm49" href="#anm_49">49</a> Democracy Now!, 13.07.2010, unter: http://www.democracynow.org/2010/7/13/sean_penn_on_haiti_six_months<br />
<a title="anm50" name="anm50" href="#anm_50">50</a> Huffington Post, 21.07.2010, unter: http://www.huffingtonpost.com/mark-schuller/rained-out-opportunities_b_653672.html<br />
<a title="anm51" name="anm51" href="#anm_51">51</a> AL Jazeera, 12.07.2010, unter: http://english.aljazeera.net/programmes/faultlines/2010/07/20107614463473317.html<br />
<a title="anm52" name="anm52" href="#anm_52">52</a> Al Jazeera, 12.02.2010, unter: http://english.aljazeera.net/programmes/faultlines/2010/02/201021113542380300.html<br />
<a title="anm53" name="anm53" href="#anm_53">53</a> The Wip, 12.07.2010, unter: http://thewip.net/talk/2010/07/weve_lost_the_battle_but_we_ha.html<br />
<a title="anm54" name="anm54" href="#anm_54">54</a> The Nation, 30.03.2010, unter: http://www.thenation.com/article/haitis-excluded?page=full<br />
<a title="anm55" name="anm55" href="#anm_55">55</a> Anm. d. &#220;bers.: Die PPN (Parti Populaire Nationale) ist eine linksgerichtete Volkspartei in Haiti.<br />
<a title="anm56" name="anm56" href="#anm_56">56</a> Al Jazeera, 12.02.2010, unter: http://english.aljazeera.net/programmes/faultlines/2010/02/201021113542380300.html<br />
<a title="anm57" name="anm57" href="#anm_57">57</a> IPS,17.04.2009, unter: http://ipsnews.net/news.asp?idnews=46537; Miami Herald, 08.09.2010, unter: http://www.miamiherald.com/2010/09/08/1813042/unfair-and-undemocratic.html<br />
<a title="anm58" name="anm58" href="#anm_58">58</a> Haiti Analysis, 30.06.2009, unter: http://www.haitianalysis.com/2009/6/30/empty-streets-empty-boxes-haitians-reject-manipulated-election<br />
<a title="anm59" name="anm59" href="#anm_59">59</a> Al Jazeera, 12.02.2010, unter: http://english.aljazeera.net/programmes/<br />
faultlines/2010/02/201021113542380300.html</p>
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		<title>Workshop: Hinter dem Faschismus steht…?</title>
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		<pubDate>Wed, 03 Nov 2010 17:53:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Termine]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Workshop]]></category>

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		<description><![CDATA[Zur Aktualit&#228;t von Faschismustheorien
So 28.11. 13.00 &#8211; 16.00, Amerlinghaus
„Nazi, Faschist, faschistisch, faschistoid,…“ sind bedeutungsvolle Begriffe, die h&#228;ufig verwendet werden, &#252;ber Definitionen und Hintergr&#252;nde wird aber leider selten gesprochen. W&#228;hrend in b&#252;rgerlichen Diskursen &#252;ber eine potentielle faschistische Gefahr lieber geschwiegen wird, weiten andere den Faschismusbegriff auf ein zu weites Spektrum autorit&#228;rer und rechter Politiken aus.

Die aktuellen Umtriebe (neo-)faschistischer Parteien in Europa [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Zur Aktualit&#228;t von Faschismustheorien</strong><br />
<strong>So 28.11. 13.00 &#8211; 16.00, Amerlinghaus</strong></p>
<p>„Nazi, Faschist, faschistisch, faschistoid,…“ sind bedeutungsvolle Begriffe, die h&#228;ufig verwendet werden, &#252;ber Definitionen und Hintergr&#252;nde wird aber leider selten gesprochen. W&#228;hrend in b&#252;rgerlichen Diskursen &#252;ber eine potentielle faschistische Gefahr lieber geschwiegen wird, weiten andere den Faschismusbegriff auf ein zu weites Spektrum autorit&#228;rer und rechter Politiken aus.<br />
<span id="more-1664"></span></p>
<p>Die aktuellen Umtriebe (neo-)faschistischer Parteien in Europa erinnern daran, dass es sich leider keineswegs nur um ein l&#228;ngst &#252;berwundenes Ph&#228;nomen der Vergangenheit handelt. Stimmen f&#252;r eine faschistische Ordnung der Gesellschaft sind auch aktuell immer wieder offen oder versteckt zu vernehmen und sto&#223;en weiterhin durchaus auf Zustimmung. Auch hierzulande k&#246;nnen sich FP&#214;-PolitikerInnen wie Rosenkranz, Graf und Gudenus trotz ihrer N&#228;he zum Nationalsozialismus immer wieder in aller &#214;ffentlichkeit darstellen.</p>
<p>Eine Auseinandersetzung mit dem Begriff Faschismus, jenseits von Verharmlosung oder inflation&#228;rem Gebrauch, bleibt deshalb eine Notwendigkeit. Wir wollen in diesem Workshop die Geschichte faschistischer Bewegungen, die Bedingungen ihres Aufstiegs und ihre konflikthafte Zusammensetzung erl&#228;utern. Auf dieser Basis k&#246;nnen im zweiten Teil der Veranstaltung Ph&#228;nomene und Parteien des rechtsextremen Rands in &#214;sterreich diskutiert werden. </p>
<p><strong>Komm hin und diskutier mit!</strong></p>
<p>Zur Vorbereitung empfehlen wir unseren Artikel zu Faschismustheorien in Perspektiven Nr.12: <a href="http://www.perspektiven-online.at/2010/11/03/hinter-dem-faschismus-steht/">Hinter dem Faschismus steht&#8230;?</a></p>
<p>Um Anmeldung wird gebeten, unter perspektiven.veranstaltung@gmail.com</p>
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