<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Wirtschaftskrise</title>
	<atom:link href="http://www.perspektiven-online.at/tag/wirtschaftskrise/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.perspektiven-online.at</link>
	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
	<lastBuildDate>Wed, 01 Feb 2012 08:57:15 +0000</lastBuildDate>
	<generator>http://wordpress.org/?v=2.9.2</generator>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
			<item>
		<title>Die Beauty Queen der Finanzm&#228;rkte</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/05/04/die-beauty-queen-der-finanzmaerkte/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2010/05/04/die-beauty-queen-der-finanzmaerkte/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 04 May 2010 17:22:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausgaben]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzkrise]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzmarkt]]></category>
		<category><![CDATA[Griechenland]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaftskrise]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=810</guid>
		<description><![CDATA[Wer ist schuld an der Krise in Griechenland? Um diese Frage findet eine hei&#223;e &#246;ffentliche Debatte statt. Fabio De Masi benennt wesentliche Ursachen der griechischen Trag&#246;die und formuliert Ideen f&#252;r eine solidarisch-demokratische Form der Krisenbearbeitung.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><span style="color: #888888;">Fabio De Masi</span></strong></p>
<p><em>Wer ist schuld an der Krise in Griechenland? Um diese Frage findet eine hei&#223;e &#246;ffentliche Debatte statt. </em>Fabio De Masi<em> benennt wesentliche Ursachen der griechischen Trag&#246;die und formuliert Ideen f&#252;r eine solidarisch-demokratische Form der Krisenbearbeitung.</em><a href="#_edn1">[1]</a></p>
<p><span id="more-810"></span></p>
<p>Wie begannen die Probleme in Griechenland? Das l&#228;sst sich relativ schnell erz&#228;hlen. Nach der Wirtschaftskrise haben zwei der drei f&#252;hrenden Rating-Agenturen die Ratings f&#252;r griechische Staatsanleihen herabgestuft. Griechische Staatsanleihen sind Papiere, die der griechische Staat verkauft und die – im Prinzip – wir alle kaufen k&#246;nnen; meistens machen das aber Banken, Hedgefonds und andere gro&#223;e InvestorInnen Diese leihen dem griechischen Staat Geld und bekommen daf&#252;r dann vom griechischen Staat Zinsen. Wenn die Rating-Agenturen diese Anleihen herabstufen, dann muss der griechische Staat den Banken, die diese Anleihen halten, h&#246;here Zinsen zahlen. Es wird also teurer f&#252;r ihn, sich neue Kredite zu besorgen. Warum haben die Rating-Agenturen nun diese Anleihen herabgestuft? Meine These ist, dass die Rating-Agenturen, wie schon w&#228;hrend der Wirtschaftskrise, nur nachvollzogen haben, was die SpekulantInnen ihnen diktiert haben. Diese haben schon vor mehreren Monaten begonnen, massiv auf einen Zahlungsausfall Griechenlands zu wetten. Sie haben mit so genannten <em>Credit Default Swaps (CDS)</em>, das sind Kreditausfallversicherungen, darauf gewettet, dass Griechenland Pleite geht und seine Schulden nicht bedienen kann. Das hei&#223;t, sie haben sich gegen den Fall, dass Griechenland Pleite geht, versichert, und diese Versicherungen dann weiterverkauft. Wenn viele der Meinung sind, dass Griechenland Pleite geht, dann werden diese <em>CDS</em> wertvoller. Und dann kann man alleine damit, dass man so eine Versicherung kauft und wieder verkauft, sehr viel Geld machen. Und schon dadurch geraten diese griechischen Staatsanleihen immer st&#228;rker unter Druck – und genau das ist passiert. Irgendwann haben das auch die schlauen Rating-Agenturen mitbekommen, dieses Signal weitergegeben und es damit noch verst&#228;rkt. Das ist sehr bedeutend, denn Griechenland muss momentan etwa 30 Milliarden Euro an neuen Krediten aufnehmen, und jeder Prozentpunkt, der mehr bezahlt werden muss, kostet 300 Millionen Euro. Der Ma&#223;stab ist hier Deutschland. Der deutsche Staat zahlt f&#252;r deutsche Staatsanleihen drei Prozent Zinsen an InvestorInnen; die griechischen Anleihen lagen zwischenzeitlich bei sieben Prozent. Wenn jeder Prozentpunkt 300 Millionen Euro ausmacht, dann kann man sich ausrechnen, was dies den griechischen Staat im Jahr kostet: Rund 1,2 Milliarden Euro, nur aufgrund der Entscheidung von InvestorInnen gegen oder f&#252;r griechische Staatsanleihen. Nun sagen manche: „Aber diese Kreditausfallversicherungen sind ja okay, weil die Besitzer griechischer Anleihen sollen ja auch dagegen abgesichert sein, dass die ihm abschmieren.“ Aber der Witz an der Sache ist, dass ein Gro&#223;teil des Handels mit diesen <em>CDS </em>von Leuten betrieben wird, die &#252;berhaupt keine griechischen Anleihen haben. Das bedeutet, dass nur ein ganz kleiner Bruchteil der an diesen Gesch&#228;ften Beteiligten tats&#228;chlich ein Interesse daran hat, sich gegen einen Zahlungsausfall Griechenlands zu versichern. Die meisten zocken einfach. Das ist vergleichbar mit jemandem, der eine Brandschutzversicherung auf das Haus seines Nachbarn abschlie&#223;t und es danach anz&#252;ndet. Denn im Prinzip wollen sich diese Eigent&#252;merInnen von <em>CDS </em>nicht versichern, sondern sie wollen diese Papiere kaufen und wieder weiterverkaufen. Und je wahrscheinlicher der Staatsbankrott von Griechenland ist, desto wertvoller werden diese Papiere f&#252;r sie.</p>
<p><strong>Finanzm&#228;rkte als Preisausschreiben</strong></p>
<p>Es stellt sich aber die Frage, warum SpekulantInnen auf einmal gegen Griechenland wetten. Warum nicht gegen Deutschland, Simbabwe, Frankreich oder irgendein anderes Land? Oder Spanien, genau. Gegen Spanien wetten sie, gegen Portugal, gegen viele andere L&#228;nder. Das hat mehrere Gr&#252;nde. Erstens war die griechische Staatsverschuldung tats&#228;chlich immer relativ hoch, auch im Vergleich zu anderen L&#228;ndern der Europ&#228;ischen Union. Aktuell liegt sie bei 115 Prozent des BIP. Allerdings gibt es L&#228;nder wie Spanien oder Irland, die ihre Schuldenquote w&#228;hrend des Booms vor der Krise massiv reduzieren konnten und jetzt trotzdem Probleme haben. Und es gibt L&#228;nder mit einer viel h&#246;heren Schuldenstandsquote – etwa Japan mit 198 Prozent des BIP –, die keinen Stress mit den Finanzm&#228;rkten haben und wo die Zinsen noch sehr niedrig sind. Es muss also spezielle Gr&#252;nde daf&#252;r geben, dass InvestorInnen und SpekulantInnen gegen Griechenland wetten. Dazu geh&#246;ren sicherlich auch die Nachrichten &#252;ber Korruption und Bilanzf&#228;lschungen. Der griechische Staat wird ja – zu Recht – beschuldigt, seine Statistiken gef&#228;lscht zu haben. Solche schlechten Nachrichten sind das Beste, was SpekulantInnen passieren kann. Griechenland war die <em>Beauty Queen</em> an den Finanzm&#228;rkten, wo es abl&#228;uft wie bei einem Sch&#246;nheitswettbewerb in der Zeitung. Stellt euch vor, ihr macht bei einem Preisausschreiben mit und sollt entscheiden, wer der oder die H&#252;bscheste in der Zeitungsbeilage ist, gewinnt aber nur dann etwas, wenn ihr voraussagt, wen alle anderen LeserInnen im Durchschnitt am h&#252;bschesten finden. So &#228;hnlich arbeiten Finanzm&#228;rkte. Alle SpekulantInnen wussten, dass es schlechte Nachrichten &#252;ber Griechenland gibt und es daher ein todsicheres Gesch&#228;ft ist, gegen Griechenland zu zocken, also auf dessen Zahlungsausfall zu wetten. Daf&#252;r gibt es auch andere Beispiele. So wird aus &#228;hnlichen Gr&#252;nden momentan massiv gegen das britische Pfund spekuliert, seit eine Wahlumfrage ergeben hat, dass die Konservativen schlechter positioniert sind als gedacht. Dann &#252;berlegen sich SpekulantInnen, dass, wenn die Konservativen doch nicht so stark sind, es vielleicht weniger Sozialk&#252;rzungen geben wird, die L&#246;hne weniger gedr&#252;ckt werden, und es deswegen ganz gut ist, gegen das britische Pfund zu spekulieren. Das hei&#223;t SpekulantInnen &#252;berlegen sich immer, welche Stories es gibt, die anderen SpekulantInnen Gr&#252;nde geben k&#246;nnten, jetzt auch gegen dieses Land wetten.</p>
<p><strong>Steuerdumping</strong></p>
<p>Der zweite Punkt ist: Woher kommt diese hohe griechische Staatsverschuldung? Daf&#252;r haben die <em>Bild</em>-Zeitung, Angela Merkel und andere eine einfache Erkl&#228;rung: Sie sagen, der griechische Staat w&#228;re „zu fett“, er h&#228;tte &#252;ber seine Verh&#228;ltnisse gelebt, die Leute im &#246;ffentlichen Dienst w&#252;rden in Saus und Braus leben und so weiter. Dieses Argument l&#228;sst sich sehr einfach widerlegen: Die griechische Staatsquote, also der Anteil der Wirtschaftsleistung, den der Staat ausgibt, ist seit dem Jahr 2000 bis zur Krise radikal gesunken und war bis dahin niedriger als die deutsche. Sollte es also der Fall sein, dass der griechische Staat zu fett ist, dann m&#252;ssten wir im Vergleich dazu schon platzen. Tats&#228;chlich hat der griechische Staat eigentlich alles gemacht, was die EU und andere immer von ihm gefordert haben: Staatsausgaben runter, sparen bis es kracht! Woher kommen also diese Schulden? Der griechische Staat hat vor allem Probleme mit den Staats<em>einnahmen</em>, und auch das l&#228;sst sich sehr leicht veranschaulichen. Die durchschnittlichen Steuern auf Gewinne und Verm&#246;gen in Griechenland entsprechen etwa der H&#228;lfte von jenen des Durchschnitts in der Euro-Zone. In diesem Durchschnitt sind auch schon L&#228;nder wie die Slowakei dabei, die massives Steuerdumping betreiben. Dazu kommt, dass Griechenland eine extrem geringe „Steuermoral“ hat; es werden j&#228;hrlich alleine an Mehrwertsteuern 30 Milliarden Euro hinterzogen. Griechenland fehlt eine effektive Steuerverwaltung, und deswegen ist es geradezu ein Witz, zu verlangen, dass Griechenland Leute im &#246;ffentlichen Dienst entl&#228;sst, um seine Schulden zu senken – denn dann gibt es dort noch weniger Steuerpr&#252;ferInnen. Daher ist meine Grundthese, dass der griechische Staat nicht zu fett ist, sondern zu schwach. Das bedeutet nicht, dass es nicht auch unsinnige Staatsausgaben gibt. So hat Griechenland mit vier Prozent des BIP einen der gr&#246;&#223;ten R&#252;stungshaushalte in der Europ&#228;ischen Union, und Deutschland ist Hauptexporteur von R&#252;stungsmaterial nach Griechenland. Niemand in der deutschen Bundesregierung verlangte bisher, dass Griechenland seine R&#252;stungsausgaben reduzieren sollte, sondern sie forderten alle sehr schnell: „Streicht den Leuten im &#246;ffentlichen Dienst die L&#246;hne! Erh&#246;ht die Mehrwertsteuern f&#252;r die Bev&#246;lkerung!“ und so weiter und so fort. Daher meine zweite These: Der griechische Staat hat ein Problem bei den Steuer<em>einnahmen</em>. Er hat kein Problem bei den Ausgaben, mit Ausnahme der R&#252;stung. Nat&#252;rlich gab es auch Korruption und Privilegien, etwa f&#252;r hohe Beamte oder Millit&#228;rs. Die Eliten haben den schwachen Staat gehyjackt. Aber die h&#246;chste Form der Korruption ist das Steuerdumping der Reichen und Konzerne.</p>
<p>Ein weiterer Aspekt ist, dass sich in einem Staat, wenn er spart und die privaten Haushalte und Unternehmen verschuldet sind, die Schulden sogar erh&#246;hen k&#246;nnen. Das nennt man in der &#214;konomie das „Sparparadoxon“: Wenn den privaten Haushalten und Unternehmen das Wasser bis zum Hals steht, Banken in der Krise sind, Kredite faul werden und die Leute verschuldet sind, gibt niemand Geld aus, Unternehmen k&#246;nnen keine Waren verkaufen, das Wachstum bricht ein und das Land treibt in die Rezession. Dann k&#246;nnen auch die Staatsschulden steigen, denn die Schuldenquote misst ja, wie hoch die Schulden im Verh&#228;ltnis zur Wirtschaftsleistung sind. Und wenn die Wirtschaftsleistung einbricht, dann steigt die Schuldenstandsquote. Daher w&#228;re eine weitere These von mir, dass wenn, wie die EU das fordert, Griechenland jetzt – in der schwersten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren – auch noch spart, die Staatsverschuldung in Griechenland sogar noch h&#246;her wird. Daher behaupte ich, dass es der deutschen Bundesregierung und den anderen L&#228;ndern in der Europ&#228;ischen Union auch gar nicht darum geht, das Schuldenproblem in Griechenland in den Griff zu bekommen. Im Gegenteil geht es ihnen darum, ein Sparprogramm zu verordnen, das dazu f&#252;hren w&#252;rde, dass die L&#246;hne und die Sozialleistungen in Griechenland weiter sinken und ein Wettbewerb um die niedrigsten L&#246;hne in Europa eingeleitet wird, wovon in erheblichem Ma&#223;e die deutsche Exportindustrie profitieren w&#252;rde. Denn die deutsche Exportindustrie kann dann billigere Vorleistungen f&#252;r ihre Exportg&#252;ter einkaufen und die Besch&#228;ftigten in Deutschland weiter zu niedrigen L&#246;hnen zwingen. Eine Lohnsenkung in Griechenland ist daher die Lohnsenkung von morgen in Deutschland.</p>
<p><strong>Standortwettbewerb</strong></p>
<p>Damit komme ich zum dritten Aspekt: Das deutsche Lohndumping hat massiv zu den Problemen in Griechenland beigetragen. Auch das l&#228;sst sich anhand einiger Zahlen illustrieren. Seit dem Jahr 2000 sind die Lohnst&#252;ckkosten in Deutschland um sieben Prozent gestiegen, im Durchschnitt der Euro-Zone ohne Deutschland um 27 Prozent und in Griechenland um 28 Prozent. Das hei&#223;t, dass Griechenland viel mehr im normalen Trend lag als Deutschland. Deutschland ist bei den L&#246;hnen massiv nach unten abgewichen. Was sind nun die Lohnst&#252;ckkosten? Sie messen die L&#246;hne im Verh&#228;ltnis zur Produktivit&#228;t. Die Produktivit&#228;t steigt bei normaler wirtschaftlicher Entwicklung jedes Jahr um etwa zwei Prozent, das hei&#223;t, dass einE ArbeitnehmerIn in der selben Zeit zwei Prozent mehr Waren und Dienstleistungen produziert – durch neue Maschinen, effizientere Verfahren und &#228;hnliches. EinE ArbeitnehmerIn wird daher aus Sicht des/der UnternehmerIn auch billiger. Die Lohnst&#252;ckkosten erkl&#228;ren nun nicht alles, aber einiges, denn L&#246;hne sind der entscheidende Schl&#252;ssel, mit dem Unternehmen auf den M&#228;rkten konkurrieren. Materialkosten sind f&#252;r alle relativ gleich, aber die L&#246;hne sind die Schraube, an der Unternehmen drehen k&#246;nnen, um ihre Waren billiger zu machen. Wenn in einem Unternehmen also die Produktivit&#228;t um zwei Prozent steigt und die L&#246;hne auch um zwei Prozent, dann &#228;ndert sich f&#252;r das Unternehmen &#252;berhaupt nichts. Denn die Kostensituation ist genau gleich geblieben. Wenn die ArbeitnehmerInnen vier Prozent mehr Lohn durchsetzen, und die Produktivit&#228;t nur um zwei Prozent gestiegen ist, dann steigen die Lohnst&#252;ckkosten um zwei Prozent. Und diese Lohnst&#252;ckkosten sind in Deutschland seit 1999 nur um sieben Prozent gestiegen, w&#228;hrend sie im Rest der Euro-Zone sehr viel st&#228;rker zugelegt haben.</p>
<p>Die deutsche Wirtschaft hat sich in dieser Zeit relativ schwach entwickelt. Denn wenn die L&#246;hne hinter der Entwicklung der Produktivit&#228;t zur&#252;ck bleiben, k&#246;nnen die Unternehmen ihre zus&#228;tzlich produzierten Waren und Dientsleistungen nicht absetzen. Wenn den Leuten das Geld in der Tasche fehlt, tragen die Unternehmer ihre Gewinne eben auf die Finanzm&#228;rkte statt mehr zu investieren. Die andere M&#246;glichkeit, und auch die wurde extrem genutzt, ist, dass die Waren und Dienstleistungen verst&#228;rkt in andere L&#228;nder verkaufen. Das nennt man dann: Deutschland hat einen Export&#252;berschuss, das hei&#223;t es exportiert mehr Waren, als es aus dem Ausland einkauft, eben weil es einen Wettbewerbsvorteil hat. Genau das ist seit 1999 massiv passiert. Fr&#252;her gab es noch eine weitere M&#246;glichkeit: Da konnte etwa Italien, wenn es Wettbewerbsprobleme hatte, einfach die Lira abwerten, um den Vorteil der g&#252;nstigen deutschen L&#246;hne wieder auszugleichen. Denn damit wurden die eigenen Waren und Dienstleistungen billiger gemacht, und f&#252;r eineN DeutscheN war es auf einmal billiger, sich einen Fiat zu kaufen, weil die italienische Lira weniger wert war. Das wurde in der Geschichte des europ&#228;ischen W&#228;hrungssystems h&#228;ufig gemacht, seit dem Euro ist das aber nicht mehr m&#246;glich. Eine v&#246;llig unterschiedliche Lohnentwicklung f&#252;hrt dann zu massiven Ungleichgewichten im Handel. Und genau das ist passiert: Deutschland hat seit dem Jahr 2000 einen Export&#252;berschuss im Wert von einer Billion Euro akkumuliert, w&#228;hrend andere L&#228;nder sich immer st&#228;rker verschulden mussten.</p>
<p>Was hat das nun mit der griechischen Staatsverschuldung zu tun? L&#228;nder wie Spanien und Irland hatten, wie zuvor erw&#228;hnt, ihre Staatsverschuldung massiv reduziert. Trotzdem werden sie von den Finanzm&#228;rkten jetzt massiv bestraft, m&#252;ssen h&#246;here Zinsen auf ihre Staatsanleihen zahlen, und ihre Staatsverschuldung ist seit der Finanzkrise wieder nach oben geschnellt. Das hat mit einem Ph&#228;nomen zu tun, das nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist. Der spanische Staat etwa hat zwar massiv gespart, aber durch die Export&#252;bersch&#252;sse Deutschlands haben sich die spanischen Unternehmen und die spanischen Privathaushalte immer mehr verschuldet. Sie mussten ja die deutschen Waren und Dienstleistungen bezahlen, ohne dass sie selbst Waren und Dienstleistungen im selben Umfang ins Ausland verkauft haben. Sie mussten sich gegen&#252;ber der deutschen Volkswirtschaft also verschulden und genau das geschah auch in Irland und Griechenland. In der Krise muss der Staat dann f&#252;r diese Schulden haften. Denn wenn die privaten Haushalte verschuldet sind, dann kann der Staat ihnen weniger Steuern abverlangen, das hei&#223;t die Steuereinnahmen brechen ein; er muss in der Krise selbst mehr Geld ausgeben, um die Konjunktur zu stimulieren; er muss Banken retten, weil die Leute in der Krise ihren Job verlieren und Kredite nicht zur&#252;ck zahlen k&#246;nnen. Das erkl&#228;rt, warum selbst L&#228;nder wie Spanien oder Irland, die ihre &#246;ffentlichen Schulden massiv reduziert haben, auf einmal im selben Schlamassel stecken wie Griechenland.</p>
<p><strong>Finanzm&#228;rkte und Demokratie</strong></p>
<p>Diese gro&#223;en Au&#223;enhandelsdefizite, die durch das deutsche Lohndumping verursacht wurden, sind ein ganz wichtiger Faktor in der Erkl&#228;rung der Probleme Griechenlands. Die InvestorInnen und SpekulantInnen schauen auf die Lohnst&#252;ckkosten, sie schauen sich an, wie wettbewerbsf&#228;hig ein Land ist. Eine sinnvolle Reaktion der EU w&#228;re nun etwa zu versuchen, die Spekulationen zu bremsen, etwa indem man den Handel mit den <em>CDS </em>verbietet: Wer griechische Staatsanleihen besitzt, k&#246;nnte sich dann weiter gegen einen Zahlungsausfall Griechenlands versichern, aber wer keine solchen Anleihen besitzt, d&#252;rfte auch keine Versicherung darauf abschlie&#223;en. Diese Vorschl&#228;ge liegen seit langer Zeit auf dem Tisch, und sie werden nicht nur unter Linken diskutiert. Der bekannte amerikanische Investor Warren Buffett hat <em>CDS </em>als „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ bezeichnet, und Wolfgang Munchau, der konservative Kolumnist der <em>Financial Times</em> sagt seit Jahren, dass das gef&#228;hrliche Spielzeuge f&#252;r SpekulantInnen sind, mit denen sie ganze Staaten in die Knie zwingen k&#246;nnen, und dass der Handel damit verboten werden sollte. Das ist aber nicht passiert, im Gegenteil, nun wird geschrieben, die SpekulantInnen seien die wahren DemokratInnen, weil sie jetzt die korrupten, versoffenen griechischen PolitikerInnen daf&#252;r bestrafen w&#252;rden, dass sie den griechischen Staatshaushalt gegen die Wand gefahren h&#228;tten. Das ber&#252;hrt einen Konflikt, der weit &#252;ber das Thema Griechenland hinausgeht: jener zwischen der Macht der Finanzm&#228;rkte und der Demokratie. Denn es entscheiden nicht gew&#228;hlte Regierungen &#252;ber Politik, sondern einzelne SpekulantInnen &#252;ber die Lebensbedingungen der griechischen Bev&#246;lkerung. Das Verbot der CDS w&#228;re also eine kurzfristige Ma&#223;nahme gewesen.</p>
<p>Die andere Ma&#223;nahme, &#252;ber die gestritten wurde, sind Hilfen f&#252;r Griechenland. Das Problem ist, dass die Regierungen der EU-Staaten wissen, dass der griechische Staat Steuerdumping betrieben hat, dass sie aber auch wissen, dass, wenn sie Griechenland nicht helfen, der Staat fr&#252;her oder sp&#228;ter den Euro-Raum verlassen muss, um die W&#228;hrung abzuwerten. Eine andere Frage ist, wer die Hilfen f&#252;r Griechenland zahlen soll. Und klar ist, dass der Gro&#223;teil der Steuerlast von den ArbeitnehmerInnen getragen wird, dass also die ArbeitnehmerInnen in Deutschland doppelt bezahlen: Sie wurden erst von den deutschen Unternehmen wegen der niedrigen L&#246;hne abkassiert, und m&#252;ssen wegen des deutschen Lohndumpings nun selbst dem griechischen Staat helfen. Zumindest b&#252;rgen sie mit Steuergeldern f&#252;r die Kredite. Dar&#252;ber gibt es einen gewissen Unmut in der Bev&#246;lkerung, der nachvollziehbar ist. Ich denke, dass man jetzt fordern muss, dass auch deutsche Banken, die griechische Staatsanleihen halten, auf einen Teil dieser Forderung verzichten, wenn Griechenland Pleite geht. Das ist dann ein klassisches Insolvenzverfahren, wie es das in der Privatwirtschaft auch gibt. Das Problem ist nur, dass viele Banken die Forderungen gegen Griechenland halten Schrottbanken wie die Hypo Real Estate (HRE) sind. Die Schrottbank HRE geh&#246;rt uns ja schon l&#228;ngst, sie wurde ja verstaatlich. Die HRE kann ihre Verluste also einfach abschreiben. Die Deutsche Bank hat auch von der Bankenrettung profitiert. Sie hatte ja Forderungen von 10 Mrd. Euro gegen&#252;ber der HRE, die ohne Bankenrettung futsch w&#228;ren. Und die Deutsche Bank hat im letzten Jahr sehr viel an der Staatsverschuldung verdient. Sie machte 5 Mrd. Euro Gewinn nach Steuern, &#252;berwiegend mit Staatsanleihen. Sie hat aber relativ wenig griechische Staatsanleihen. Daf&#252;r hat sie sich massiv mit CDS eingedeckt und wird also kassieren, wenn Griechenland einen Teil seiner Schulden nicht mehr bedient. Deswegen w&#228;re es noch besser man w&#252;rde den privaten Bankensektor zwingen eine Zwangsanleihe zur Finanzierung Griechenlands zu halten. Diese Zwangsanleihe m&#252;sste geringer verzinst sein als der Zins, zu dem sich die Deutsche bank bei der Zentralbank Geld leihen kann. Das ist echtlich m&#246;glich und ein gutes Instrument, um die privaten Banken an den Kosten der Eurorettung zu beteiligen.Und dann muss es nat&#252;rlich Hilfen f&#252;r Griechenland geben. Man sollte aber auch daf&#252;r sorgen, dass diese Ungleichgewichte, welche die Ursache f&#252;r diese Probleme sind, erst gar nicht entstehen. Es gibt &#214;konomInnen, die fordern, dass sich alle L&#228;nder auf ein au&#223;enwirtschaftliches Gleichgewicht verpflichten. Wenn also Deutschland so viel exportiert, dann m&#252;sste der deutsche Staat gezwungen werden, selbst mehr zu investieren. Wenn er mehr Geld f&#252;r Universit&#228;ten, f&#252;r die Energiewende, f&#252;r Stra&#223;en, f&#252;r Kinderg&#228;rten etc. ausgibt, dann wird dadurch die Wirtschaft belebt; es werden mehr Leute eingestellt, die dann auch in Konflikten mit den ArbeitgeberInnen h&#246;here L&#246;hne durchsetzen k&#246;nnen. Ein anderes Beispiel w&#228;ren Mindestl&#246;hne in Deutschland, um dieses massive Lohndumping zu stoppen. Ein weiteres Instrument w&#228;ren sogenannte Euro-Anleihen, dass also die Euro-Zone im Namen aller Mitgliedsstaaten eine Anleihe ausgibt. Das sind einige Bausteine, mit denen man die griechische Krise in den Griff bekommen k&#246;nnte, aber der entscheidende Faktor ist das deutsche Lohndumping.</p>
<p><strong>Solidarit&#228;t organisieren</strong></p>
<p>Meine These zum Schluss ist, dass Griechenland nicht die letzte Kandidatin war, sondern wir in den n&#228;chsten Wochen und Monaten erleben werden, dass die Finanzm&#228;rkte weiterziehen und gegen Spanien, Portugal, Italien und andere L&#228;nder wetten, die vor &#228;hnlichen Problemen stehen, was sogar einen Zerfall der Euro-Zone verursachen k&#246;nnte. Und es wird zu massiven sozialen Konflikten f&#252;hren. In Griechenland soll die Mehrwertsteuer erh&#246;ht und Menschen entlassen werden. Es werden also nicht die Steuern etwa auf Gewinne und Verm&#246;gen angehoben, sondern die Bev&#246;lkerung in Griechenland wird f&#252;r diese Krise zahlen. Unsere Perspektive sollte nat&#252;rlich sein, die Proteste in diesen L&#228;ndern zu unterst&#252;tzen und Solidarit&#228;t zu organisieren. Auch, weil wenn den griechischen ArbeitnehmerInnen und Studierenden das Genick gebrochen wird, das auch den Arbeitenden in anderen L&#228;ndern das Genick brechen wird. Denn die werden dann wiederum gezwungen sein, ihre L&#246;hne zu senken, weil sie zueinander in Konkurrenz gesetzt werden. Um das zu verhindern ist es wichtig, die Proteste in diesen L&#228;ndern zu unterst&#252;tzen.</p>
<p><em>Fabio De Masi</em> ist Volkswirt und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundestagsabgeordneten und Chefvolkswirts der Fraktion DIE LINKE, Michael Schlecht.</p>
<p>Transkription: <em>Daniel Fuchs</em> und <em>Bella Schlehaider</em></p>
<p><a name="_edn1">[1]</a> Der Artikel ist die Transkription eines Vortrags, den <em>Fabio De Masi</em> am 21. April 2001 an der Humboldt Universit&#228;t f&#252;r den <em>SDS-Berlin</em> gehalten hat. Wir danken <em>Jens Fischer</em> f&#252;r die Aufnahme.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2010/05/04/die-beauty-queen-der-finanzmaerkte/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Spekulationsblase als Abbruchbirne</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/05/05/spekulationsblase-als-abbruchbirne/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2008/05/05/spekulationsblase-als-abbruchbirne/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:40:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 5]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Politische Ökonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaftskrise]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.com/artikel/spekulationsblase-als-abbruchbirne/</guid>
		<description><![CDATA[Der US-amerikanische Wirtschaftshistoriker <em>Robert Brenner</em> analysiert die aktuelle Banken und Immobilienkrise vor dem Hintergrund des langen Abschwungs der Weltwirtschaft seit den 1970er Jahren.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der US-amerikanische Wirtschaftshistoriker <em>Robert Brenner</em> analysiert die aktuelle Banken und Immobilienkrise vor dem Hintergrund des langen Abschwungs der Weltwirtschaft seit den 1970er Jahren.<br />
<span id="more-108"></span><br />
Die aktuelle Krise k&#246;nnte sich als die verheerendste seit der Gro&#223;en Depression herausstellen. In ihr manifestieren sich sowohl schwerwiegende ungel&#246;ste Probleme der Realwirtschaft, die &#252;ber Jahrzehnte von der Verschuldung &#252;berdeckt wurden, als auch ein eher kurzfristiger Liquidit&#228;tsengpass von seit dem Zweiten Weltkrieg ungekanntem Ausma&#223;. Die Kombination der Schw&#228;che der grundlegenden Kapitalakkumulationmit dem Zusammenbruch des Bankensystems macht diese Talfahrt f&#252;r PolitikerInnen schwer steuerbar und ihr katastrophales Potential so ernst. In Detroit und anderen St&#228;dten des Mittleren Westen breiten sich Zwangsr&#228;umungen wegen nicht bezahlter Hypotheken rasant aus und in die leerstehenden H&#228;user wird oft eingebrochen und alles inklusive der Verkabelung ausger&#228;umt. Die menschliche Katastrophe, die das f&#252;r hunderttausende Familien und ihre Communities darstellt, k&#246;nnte ein Vorgeschmack darauf sein, was eine solche kapitalistische Krise bedeutet. Die historischen Haussen in den Finanzm&#228;rkten in den 1980ern, 1990ern und um 2000 – mit ihren epochalen Umverteilungen von Einkommen und Verm&#246;gen zu dem reichsten Prozent der Bev&#246;lkerung – haben von der eigentlichen Langzeitschw&#228;chung der entwickelten kapitalistischen Wirtschaft abgelenkt. Die Wirtschaftleistung in den Vereinigten Staaten, Westeuropa und Japan hat sich, gemessen an praktisch jedem Standardindikator – Wachstum, Investitionen, Besch&#228;ftigung und L&#246;hnen – seit 1973 st&#228;ndig verschlechtert, Jahrzehnt um Jahrzehnt, Konjunkturzyklus um Konjunkturzyklus. Die Jahre seit dem Beginn des aktuellen Zyklus, der seinen Ursprung im Jahr 2001 hat, waren dabei die schlechtesten &#252;berhaupt. Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts der USA war das langsamste im Vergleich zu jeder Periode seit den 40er Jahren, w&#228;hrend der Zuwachs an neuen Betriebsst&#228;tten und Produktionsmittel ein Drittel und die Schaffung neuer Arbeitspl&#228;tze zwei Drittel unter dem Nachkriegsdurchschnitt lag. Die Reall&#246;hne in der Produktion und bei den nicht-leitenden Angestellten, also bei etwa 80% der Arbeitskr&#228;fte, sind kaum angestiegen und d&#252;mpeln etwa auf dem Niveau von 1979 dahin.<br />
Auch in Westeuropa oder Japan war das Wirtschaftswachstum nicht deutlich st&#228;rker. Die verringerte &#246;konomische Dynamik in der fortgeschrittenen kapitalistischen Welt hat ihre Wurzeln in einem starken Abfall der Profitabilit&#228;t, verursacht in erster Linie durch die dauerhafte Tendenz zu &#220;berkapazit&#228;ten im Produktionssektor seit den sp&#228;ten 1960er und fr&#252;hen 1970er Jahren. Mit der reduzierten Profitabilit&#228;t hatten die Firmen weniger Profite, die in Betriebsst&#228;tten und -ausr&#252;stung investiert werden konnten und damit auch weniger Anreiz zu expandieren. Das Anhalten der verringerten Profitabilit&#228;t f&#252;hrte in den f&#252;hrenden kapitalistischen Volkswirtschaften zu einer stetigen Abnahme an Investitionen im Verh&#228;ltnis zum BIP, sowie zu einer schrittweisen Reduktion des Wirtschaftswachstums, des Wachstums an Produktionsmittel und der Besch&#228;ftigung.<br />
Die langanhaltende Verlangsamung der Kapitalakkumulation, sowie der Druck auf die L&#246;hne durch die Konzerne, begleitet von den K&#252;rzungen im Sozialsystem, um die Profite der KapitalistInnen zu st&#252;tzen, resultierten in einem R&#252;ckgang an Investitionen und privater wie staatlicher Nachfrage. Um dieser anhaltenden Schw&#228;che der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage zu begegnen, hatten die Regierungen, angef&#252;hrt von den Vereinigten Staaten, kaum ein andere Wahl als &#252;ber verschiedene, verwinkelte Wege immer gr&#246;&#223;eren Staatsverschuldungen zuzustimmen, um die Wirtschaft in Bewegung zu halten. Anfangs, in den 1970ern und 1980ern, waren die Staaten gezwungen immer gr&#246;&#223;ere Haushaltsdefizite auf sich zu nehmen, um das Wachstum aufrechtzuerhalten. Aber w&#228;hrend die Wirtschaft relativ stabil gehalten wurde, f&#252;hrten die Defizite auch zunehmend zur Stagnation: Im Jargon dieser Zeit: „the governments were getting progressively less bang for their buck“, die Regierungen bekamen weniger Wachstum des BIP, wieviel mehr Schulden sie auch immer aufnahmen.</p>
<h3>Von Budget-K&#252;rzungen zur „Bubble-Economy“</h3>
<p>In den fr&#252;hen 90er Jahren versuchten deshalb rechtsgerichtete und neoliberale Regierungen, angef&#252;hrt von Bill Clinton, Robert Rubin und Alan Greenspan, sowohl in den USA als auch in Europa, die Stagnation zu &#252;berwinden, indem sie ausgeglichene Staatshaushalte anstrebten. Diese radikale Verschiebung der Priorit&#228;ten war es, die letztlich ordentlich nach hinten losging. Weil sich die Profitabilit&#228;t noch nicht erholt hatte, resultiert die Defizitreduktion, herbeigef&#252;hrt durch den Haushaltsausgleich, in einem gewaltigen Schlag gegen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage, mit dem Ergebnis, dass w&#228;hrend der ersten H&#228;lfte der 1990er sowohl Europa als auch Japan von verheerenden Rezessionen betroffen waren, den schlimmsten seit 1945, w&#228;hrend in den USA die sogenannte „jobless recovery“, d. h. steigendes Wirtschaftswachstum ohne Besch&#228;ftigungswachstum, stattfand. Seit Mitte der 1990er sind die Vereinigten Staaten gezwungen sich in wirkungsvollere und riskantere Formen der Wirtschaftsstimulation zu fl&#252;chten, um der Stagnation zu begegnen. Vor allem ersetzten sie das &#246;ffentliche Defizit des traditionellen Keynsianismus durch private Verschuldung und die Inflation des Anlagekapitals, also einer Art Anlagekapitalkeynesianismus, oder einfacher: „Bubblenomics“.<br />
In dem gro&#223;en Ansturm auf die B&#246;rsen w&#228;hrend der 1990er Jahren sahen die Konzerne und wohlhabenden Haushalte, wie sich ihr Verm&#246;gen auf dem Papier massiv vermehrte. So wurde ihnen erm&#246;glicht in den rekordverd&#228;chtigen Anstieg der Darlehensaufnahme einzusteigen und auf dieser Basis eine m&#228;chtige Expansion von Investition und Konsum aufrechtzuerhalten. Der sogenannte New Economy-Boom war ein direkter Ausdruck dieser Spekulationsblase der Jahre 1995 bis 2000. Aber nachdem die Aktienkurse im Widerspruch zu den fallenden Profitraten gestiegen sind und die neuen Investitionen die &#220;berkapazit&#228;ten der Industrie noch verschlimmerten, folgte darauf schnell der B&#246;rsencrash und die Rezession 2000-2001, die die Profitabilit&#228;t im Nicht-Finanzsektor auf das niedrigste Niveau seit 1980 dr&#252;ckten. Unerschrocken bek&#228;mpften Greenspan und die US-Notenbank, unterst&#252;tzt von den anderen wichtigen Zentralbanken, den zyklischen Abschwung mit einer weiteren Inflation der Anlagewerte, und das hat uns letztlich dorthin gebracht, wo wir heute stehen. Durch die kurzfristige Senkung der Realzinss&#228;tze auf Null f&#252;r drei Jahre wurde eine historisch einmalige Explosion der privaten Darlehensaufnahme erm&#246;glicht, was wiederum zu den in die H&#246;he schie&#223;enden Immobilienpreisen und Haushaltsverm&#246;gen f&#252;hrte. Laut Economist ist die zwischen 2000 und 2005 entstandene Immobilien-Blase die gr&#246;&#223;te Spekulationsblase aller Zeiten und schl&#228;gt sogar jene von 1929. Sie erm&#246;glichte einen stetigen Anstieg der Konsumausgaben und der Investitionen in Eigenheime, die gemeinsam die Expansion antreiben. Im laufenden Konjunkturzyklus machen pers&#246;nliche Konsumption plus Wohnungsbau 90 bis 100 Prozent des BIP-Wachstums in den USA aus. Im selben Intervall war laut Moody’s Economy.com der Immobiliensektor allein daf&#252;r verantwortlich, dass das Wachstum des BIP 2,3% statt 1,6% betrug – eine Steigerung um fast 50 Prozent. Zusammen mit George W. Bushs Reagan-esken Budgetdefiziten ist es so gelungen, zu verschleiern, wie schwach der dahinterstehende Wirtschaftsaufschwung in Wirklichkeit war. Der Anstieg der schuldengest&#252;tzten Konsumnachfrage, sowie die extrem billigen Kredite im allgemeinen, hat nicht nur die amerikanische Wirtschaft belebt, sondern vor allem durch den Importanstieg und das gestiegene Handelsbilanzdefizit einen scheinbar beeindruckenden globalen Wirtschaftsaufschwung angesto&#223;en.</p>
<h3>Offensive der Konzerne</h3>
<p>Doch w&#228;hrend die KonsumentInnen ihren Teil beigetragen haben, kann man das gleiche nicht &#252;ber die Privatunternehmen sagen, trotz der wirtschaftlichen Rekordanreize. Greenspan und die Zentralbank hatten die Immobilienblase aufgeblasen, um den Konzernen Zeit zu verschaffen ihre Kapitalr&#252;cklagen aufzuarbeiten und wieder zu investieren. Aber stattdessen konzentrierten sich die Konzerne auf die Wiederherstellung ihrer Profitrate und starteten einen brutalen Angriff auf die ArbeitnehmerInnen. Sie erh&#246;hten das Produktivit&#228;tswachstum, weniger indem sie in hoch entwickelte Betriebsst&#228;tten und -ausr&#252;stung investierten, sondern eher durch radikale K&#252;rzungen der Arbeitspl&#228;tze und der Aufforderung an die verbleibenden Arbeitskr&#228;fte, den G&#252;rtel enger zu schnallen. Die L&#246;hne wurden unten gehalten, der Output pro Person erh&#246;ht und die UnternehmerInnen eigneten sich einen in dieser H&#246;he historisch einmaligen Anteil am Wirtschaftswachstum des Nicht-Finanzsektors an.<br />
Die Konzerne au&#223;erhalb des Finanzsektors erh&#246;hten ihre Profitraten zwar signifikant, erreichten aber nicht mehr das – ohnehin schon reduzierte – Level der 1990er Jahre.Au&#223;erdem gab es Bedenken, angesichts der Tatsache, dass das Ansteigen der Profitrate schlicht durch eine Erh&#246;hung der Ausbeutungsrate erreicht wurde, – ArbeiterInnen m&#252;ssen mehr arbeiten und bekommen weniger Lohn – wie lange das noch so weiter gehen k&#246;nne. Vor allem aber zog sich die US-Wirtschaft, da sie die Profitabilit&#228;t steigerte, indem sie Besch&#228;ftigung, Investitionen und L&#246;hne niedrig hielt, den Boden unter den eigenen F&#252;&#223;en weg.<br />
Gleichzeitig haben Firmen, statt mehr zu investieren und damit Produktivit&#228;t und Besch&#228;ftigung zu st&#228;rken, versucht die extrem niedrigen Zinss&#228;tze auszunutzen und ihre eigene und die Position ihrer TeilhaberInnen durch Finanzmanipulationen zu verbessern – Schulden bezahlen, Dividenden auszahlen, eigene Aktien kaufen, um den Wert in die H&#246;he zu treiben, vor allem in Form einer enormen Welle von &#220;bernahmen und Fusionen. In den USA haben in den letzten vier, f&#252;nf Jahren Dividenden und Aktienr&#252;ckk&#228;ufe als Teil der Gewinnr&#252;cklagen ihr h&#246;chstes Level der Nachkriegszeit erreicht. Dieselbe Art von Vorg&#228;ngen gab es in der gesamten Weltwirtschaft – in Europa, Japan und Korea.</p>
<h3>Die Blasen platzen</h3>
<p>Letzten Endes beobachten wir in den USA und &#252;berall in den entwickelten kapitalistischen Staaten seit 2000 das langsamste Wirtschaftswachstum in der Realwirtschaft seit dem Zweiten Weltkrieg und die gr&#246;&#223;te Expansion der Finanz&#246;konomie der amerikanischen Geschichte. Man braucht keineN MarxistIn, um zu erkl&#228;ren, dass das so nicht weiter gehen kann. Nat&#252;rlich platzte die Immobilienblase, genau wie die Spekulationsblase am Aktienmarkt der 1990er. Als Konsequenz l&#228;uft der Film &#252;ber den immobiliengetriebenen Aufschwung r&#252;ckw&#228;rts ab. Heute sind die Immobilienpreise im Vergleich zu 2005 bereits um f&#252;nf Prozent gefallen, doch das ist erst der Anfang. Moody’s sch&#228;tzt, dass Anfang 2009, wenn die Immobilienkrise vollkommen abgeklungen ist, der Nominalwert der Immobilienpreise um zwanzig Prozent gesunken sein wird – und mehr noch in Realwerten. Das ist bei weitem der gr&#246;&#223;te R&#252;ckgang der amerikanischen Nachkriegsgeschichte. Genau wie der positive Verm&#246;genseffekt der Immobilienblase die Wirtschaft vorangetrieben hat, treibt der negative Effekt des Immobilien-Crashs sie zur&#252;ck. Nachdem der Wert ihrer Eigenheime f&#228;llt, k&#246;nnen Familien ihre H&#228;user nicht mehr als Bankomaten verwenden, die private Kreditaufnahme bricht zusammen und diese Familien sind gezwungen, weniger zu konsumieren. Die Gefahr dahinter ist, dass die Menschen nicht mehr durch den steigenden Wert ihrer Eigenheime „sparen“ k&#246;nnen, daher richtig sparen m&#252;ssen und die private Sparquote, die derzeit auf dem niedrigsten Niveau der Geschichte liegt, damit hochgetrieben und der Konsum verringert wird. Nachdem die Firmen den Effekt der Immobilienkrise auf das Kaufverhalten verstehen, stellen sie weniger Personal ein, mit dem Ergebnis, dass die Besch&#228;ftigungsrate seit Anfang 2007 signifikant gesunken ist. Dank der bereits im zweiten Viertel des Jahres 2007 aufziehenden Immobilienkrise und dem R&#252;ckgang der Besch&#228;ftigung, sind die realen Gesamteinkommen der Haushalte, die in den Jahren 2005 und 2006 um etwa 4,4 Prozent gestiegen sind, auf nahezu Nullwachstum gefallen. In anderen Worten, z&#228;hlt man das verf&#252;gbare Einkommen eines Haushalts, plus die Home-Equity-Abz&#252;ge (Differenz vom Marktwert des Eigenheims und der ausst&#228;ndigen Hypothek, Anm. d. &#220;.), plus die Konsumkreditraten, plus die realisierten Ertr&#228;ge aus Kapitalanlagen zusammen, stellt sich heraus, dass das Geld, das Haushalten zum Ausgaben zur Verf&#252;gung steht, nicht mehr w&#228;chst. Schon bevor die Finanzkrise letzten Sommer zugeschlagen hat, ist das Wachstum auf sehr wackligen Beinen gestanden.<br />
Bei weitem komplizierter und gef&#228;hrlicher wird dieser Abschwung durch die Subprime-Krise (Bankenkrise, verursacht durch die Hypothekenvergabe an Personen mit niedriger Kreditw&#252;rdigkeit), die als direkte Erweiterung der Immobilienkrise zu verstehen ist. Die Mechanismen die die skrupellose Hypothekenvergabe in gigantischem Ausma&#223;, die Massenzwangsr&#228;umungen wegen nicht bezahlter Hypotheken, den Zusammenbruch des Subprime-Markts und die Krise der gro&#223;en Banken, die eben diese Subprime-Werte als Sicherheiten in gro&#223;en Mengen besitzen, verbinden, ben&#246;tigen eine eigene Analyse.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass, weil die Verluste der Banken so real und riesig sind und wahrscheinlich noch gr&#246;&#223;er werden, w&#228;hrend sich der Abschwung verschlimmert, die Wirtschaft mit Aussichten konfrontiert ist, die es in der Nachkriegszeit so nie gegeben hat: dass die Kreditvergabe just in jenem Moment eingefroren wird, in dem die Wirtschaft in die Rezession rutscht – und die Regierungen dieser Dynamik nur sehr schwer etwas entgegensetzen k&#246;nnen.</p>
<h3>Anmerkung</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Einen Versuch, diesen Zusammenhang zu analysieren, unternimmt der &#214;konom Costas Lapavistas: Lapavitsas, Costas: The credit crunch, in: International Socialism Journal 117, 2007, http://www.isj.org.uk/index.php4?id=395&amp;issue=117 (Anm. d. &#220;.).</p>
<p>&#220;bersetzt von Maria Asenbaum.<br />
Erstmals erschienen in <em>Against The Current</em> 132, 2008. Mit frreundlicher Genehmigung von Robert Brenner und <em>Against the Current</em>.</p>
<p>Robert Brenner ist Professor f&#252;r Geschichte an der University of California, Los Angeles. Von ihm ist zuletzt erschienen: <em>Boom und Bubble</em>. <em>Die USA in der Weltwirtschaft</em>, Hamburg 2005.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2008/05/05/spekulationsblase-als-abbruchbirne/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>

