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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Weltbank</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Von der Flut zum Beben</title>
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		<pubDate>Mon, 22 Nov 2010 09:12:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
		<category><![CDATA[Haiti]]></category>
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		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Weltbank]]></category>

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		<description><![CDATA[Neun Monate nach dem verheerenden Erdbeben hat die Welt Haiti fast schon wieder
vergessen. Wie Peter Hallward im Nachwort zu seinem Buch Damming the Flood: Haiti, Aristide and the Politics of Containment zeigt, ist die Situation trotz – oder gerade wegen – der internationalen Hilfe nach wie vor katastrophal: Im Schatten des Bebens erreicht die Konterrevolution gegen die armen Massen eine [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Neun Monate nach dem verheerenden Erdbeben hat die Welt Haiti fast schon wieder<br />
vergessen. Wie <em>Peter Hallward</em> im Nachwort zu seinem Buch <em>Damming the Flood: Haiti, Aristide and the Politics of Containment</em> zeigt, ist die Situation trotz – oder gerade wegen – der internationalen Hilfe nach wie vor katastrophal: Im Schatten des Bebens erreicht die Konterrevolution gegen die armen Massen eine neue Qualit&#228;t.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
<span id="more-1675"></span><br />
Am Dienstag, den 12. Januar 2010 um kurz nach 17 Uhr wurden die Hauptstadt Haitis und seine Umgebung vom schwersten jemals in den Americas gemessenen Erdbeben verw&#252;stet. Das Ausma&#223; der Zerst&#246;rung war gewaltig. Den exaktesten verf&#252;gbaren Sch&#228;tzungen zufolge fielen dem Beben etwa 250.000 Menschen zum Opfer, mehr als 300.000 erlitten schwerste Verletzungen. Ungef&#228;hr 200.000 Geb&#228;ude wurden zerst&#246;rt, darunter etwa 70% der Schulen der Stadt. An die 1,5 Millionen Menschen leben mehr als ein halbes Jahr nach der Katastrophe weiter in provisorischen Lagern mit wenig oder gar keiner grundlegenden Versorgung, ohne Arbeitsm&#246;glichkeiten und ohne Hoffnung auf eine sp&#252;rbare Besserung in der n&#228;heren Zukunft.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a><br />
Zwar hat das Erdbeben selbst in Haiti keine vergleichbaren Vorg&#228;nger, jedoch sind weder die Umst&#228;nde, die seine Wirkung vergr&#246;&#223;erten, noch die Reaktionen, die auf die Katastrophe folgten, neu oder einzigartig. Vielmehr sind beide ein wesentlicher Bestandteil jenes fundamentalen Konfliktes, der die Geschichte Haitis in den letzten 30 Jahren strukturierte: Der Konflikt zwischen pep la („das Volk“, „die Armen“) und den Mitgliedern der privilegierten Elite sowie den sie unterst&#252;tzenden Streitkr&#228;ften und ihren internationalen Verb&#252;ndeten. Waren die 1980er Jahre noch von einer beispiellosen popularen Mobilisierung gekennzeichnet, welche sich zur Lavalas-Bewegung [kreolisch: lodernde Flut] entwickelte, die Diktatur &#252;berwand und eine Perspektive f&#252;r einen bescheidenen, aber doch revolution&#228;ren sozialen Wandel aufzeigte, so l&#228;sst sich die Phase, die mit dem Milit&#228;rputsch von September 1991 begann, wohl am besten als eine der ausgedehntesten und intensivsten Konterrevolution weltweit beschreiben. In den letzten 20 Jahren haben die m&#228;chtigsten politischen und &#246;konomischen Interessensgruppen in und um Haiti eine systematische Kampagne gef&#252;hrt, um die populare Bewegung zu ersticken und sie ihrer wichtigsten Waffen, Ressourcen und Anf&#252;hrern zu berauben. Die Reaktionen auf das Erdbeben im Januar haben diesen Ma&#223;nahmen eine v&#246;llig neue Qualit&#228;t verliehen.</p>
<p><strong>Konterrevolution&#228;re Ma&#223;nahmen</strong><br />
Bislang war die fortgesetzte Konterrevolution in einem schmerzlichen Ausma&#223; erfolgreich. Selten wurden „Teile und Herrsche“-Taktiken mit derart skrupelloser Effizienz angewendet wie in Haiti zwischen 2000 und 2010. Einige wenige privilegierte Familien sind deshalb reicher und m&#228;chtiger als jemals zuvor; wenn Anfang 2011 der Wiederaufbau ernsthaft beginnt, werden sie nur noch reicher werden. Im Gegensatz dazu werden mehr als eine Millionen Obdach- und Mittellose die Jahre des Wiederaufbaus voraussichtlich in der H&#246;lle der Lager verbringen, w&#228;hrend ausl&#228;ndische TechnokratInnen, multinationale Beamten und NGO-BeraterInnen &#252;ber die Zukunft ihrer St&#228;dte entscheiden. Die Mehrheit ihrer verelendeten Landsleute wird weiterhin dazu gezwungen sein, die h&#246;chsten Ausbeutungsraten der Hemisph&#228;re hinzunehmen, wohl wissend, dass ohne grundlegende Ver&#228;nderungen ihre Kinder und Kindeskinder dasselbe Schicksal erwartet. In der momentanen Situation, in der die Reste der Lavalas-Bewegung desorganisierter und gespaltener sind als je zuvor und sich das Land im eisernen Griff der ausl&#228;ndischen „Stabilisierungstruppen“ befindet, hat die Mehrheit der haitianischen Bev&#246;lkerung wenig oder gar keine politische Macht. Zur Zeit der Verfassung dieses Textes, im Sommer 2010, sieht es so aus, als w&#228;re die Perspektive einer grundlegenden Demokratisierung Haitis in weite Ferne ger&#252;ckt.<br />
Unter diesen unhaltbaren Umst&#228;nden kann nichts anderes als eine massive populare Remobilisierung, die m&#228;chtiger, disziplinierter, geeinter und entschlossener als jemals zuvor agiert – in anderen Worten, nicht anderes als die Erneuerung wirklich revolution&#228;ren Drucks –, die Aussicht auf relevante Ver&#228;nderungen f&#252;r die Mehrheit der haitianischen Bev&#246;lkerung bieten. Nat&#252;rlich ist es gerade diese Perspektive, die jene Kr&#228;fte um jeden Preis verhindern wollen, die f&#252;r die j&#252;ngste politische Entwicklung des Landes und den bisherigen Wiederaufbau nach dem Beben verantwortlich sind. Nur wenige Tage nach dem Trauma des 12. Januar war bereits klar, dass die von der USA und den UN gef&#252;hrte Hilfsoperation den drei Hauptstrategien der Konterrevolution angepasst sein w&#252;rde, welche die j&#252;ngste Geschichte der Insel bestimmt haben: a) W&#252;rde die Beto-nung auf „Sicherheit“ und „Stabilit&#228;t“ liegen und versucht werden, diese mit milit&#228;rischen und quasi-milit&#228;rischen Mitteln zu erreichen. b) W&#252;rde man Haitis eigene F&#252;hrer und seine Regierung kaltstellen und sowohl die Bed&#252;rfnisse als auch die F&#228;higkeiten der Bev&#246;lkerungsmehrheit ignorieren. c) W&#252;rden weiterhin Mittel angewendet werden, welche den Graben zwischen den privilegierten Wenigen und den von ihnen ausgebeuteten verarmten Massen vertiefen. Selbst ein blo&#223; kursorischer R&#252;ckblick auf die ersten sechs Monate des Wiederaufbaus im Jahr 2010 sollte ausreichen, um zu zeigen, dass wir es mit einer Intensivierung jener Ma&#223;nahmen zu tun haben, welche schon in den letzten 20 Jahren die Macht und Autonomie der haitianischen Bev&#246;lkerung untergraben haben.</p>
<p><strong>„Sicherheit“ und „Stabilit&#228;t“</strong><br />
Die grundlegende politische Frage in Haiti ist von der kolonialen &#252;ber die post-koloniale bis hin zur neo-kolonialen Zeit weitgehend gleich geblieben: Wie kann eine winzige und instabile herrschende Klasse ihr Eigentum und ihre Privilegien angesichts der Armut und des Hasses der Massen sichern? In Haiti verdankt die Elite ihre Privilegien der Exklusion, Ausbeutung und Gewalt; und nur ein quasi-Gewaltmonopol kann diese aufrechterhalten. Dieses Monopol wurde w&#228;hrend der Duvalier<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a>-Diktatur bis Mitte der 1980er Jahre gro&#223;z&#252;gig und, in geringerem Ausma&#223;, auch w&#228;hrend der folgenden Milit&#228;rdiktatur (1986–90) gew&#228;hrt. Aber die Lavalas-Mobilisierung gef&#228;hrdete dieses Monopol und mit ihm auch die Privilegien. Was in Haiti geschah, seit Jean-Bertrand Aristide<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> 1990 zum ersten Mal gew&#228;hlt wurde, sollte in erster Linie als die progressive Verdeutlichung dieser grundlegenden Alternativen verstanden werden: Demokratie oder Armee. Die demokratische Mobilisierung, die in den 1980er Jahren in Opposition zu Diktatur und neoliberaler „Anpassung“ aufkam, war stark genug, die im Land gegen sie aufgestellten milit&#228;rischen Kr&#228;fte zu &#252;berwinden und sogar zu beseitigen. Es gelang ihr, zun&#228;chst Duvalier und seine Macoutes<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> hinwegzufegen (1986), und anschlie&#223;end die direkte Milit&#228;rherrschaft zu &#252;berwinden (1990). Viel von der Dynamik dieser Mobilisierung &#252;berlebte den m&#246;rderischen Putsch von 1991 und Aristide war schlussendlich 1995 unter gro&#223;en Opfern in der Lage, die Armee aufzul&#246;sen. Als Aristide dann 2000 mit &#252;berw&#228;ltigender Mehrheit f&#252;r eine zweite Legislaturperiode gew&#228;hlt wurde, er&#246;ffnete der haushohe Sieg seiner Fanmi Lavalas-Partei zum ersten Mail in der haitianischen Geschichte die Perspektive auf einen grundlegenden politischen Wandel – und dies in einem Kontext, in dem es kein au&#223;erpolitisches Mittel – keine Armee – mehr gab, um einen solchen zu unterdr&#252;cken.<br />
Um eine solche Entwicklung zu verhindern, bestand die zentrale Strategie von Haitis kleiner herrschenden Klasse im gesamten letzten Jahrzehnt darin, politische Fragen entlang der Themen „Sicherheit“ und „Stabilit&#228;t“ – f&#252;r die Reichen, ihr Eigentum und ihre Investitionen – neu zu definieren. Eine rein zahlenm&#228;&#223;ige Menge kann wohl eine Wahl gewinnen oder eine populare Bewegung am Leben erhalten, aber wie jede/r wei&#223;, kann mit „Unsicherheit“ nur eine Armee umgehen. Der bis an die Z&#228;hne bewaffnete „Freund“ Haitis, die USA, wei&#223; das besser als jede/r andere.</p>
<p><strong>Der Putsch von 2004</strong><br />
Vor diesem Hintergrund bleibt das bedeutendste Ereignis der j&#252;ngsten haitianischen Politik die Intervention zur Wiederherstellung der langfristigem „Sicherheit“ durch die endg&#252;ltige Eliminierung der Lavalas-Bewegung: Der Putsch im Jahr 2004. War die Aufl&#246;sung der Armee, die Aristides erste Regierung abgesetzt hatte, seine popul&#228;rste Amtshandlung, so bestand die wichtigste „Errungenschaft“ des Putsches 2004 darin, die politische Kontrolle de facto wieder an das Milit&#228;r zur&#252;ckzugeben. Da dieses im Land selbst nicht mehr existierte, bevollm&#228;chtigte der Putsch von 2004 eine ausl&#228;ndische Armee: erst eine US-amerikanisch-franz&#246;sisch-kanadische Eingreiftruppe, dann eine UN-Friedenstruppe. Wie vorauszusehen war, wurde Aristides Fanmi Lavalas – die Partei, die in den letzten Wahlen vor der Besetzung einen Erdrutschsieg errungen hatte – in allen darauffolgenden Wahlen von der Teilnahme ausgeschlossen (2006, 2009 und 2010). Ihre F&#252;hrungspers&#246;nlichkeiten wurden entweder isoliert oder eingesperrt, und ihr Hauptsprachrohr Aristide fristet seit 2004 sein Dasein als unfreiwilliger Exilant auf der anderen Seite der Welt. Wenn Haitis internationale AufpasserInnen dieses Muster der Exklusion aufrecht erhalten k&#246;nnen, wird die Entwicklung der haitianische Demokratie endg&#252;ltig wieder entlang jener imperialen Erwartungen verlaufen, denen die HaitianerInnen vor 20 Jahren durch die Wahl der „falschen“ Person und des „falschen“ politischen Programms einfach einen Strich durch die Rechnung machten.<br />
2004 und danach bestand die einzige M&#246;glichkeit, diese W&#228;hlerInnen zur Akzeptanz des Putsches und seiner Konsequenzen – die explizite und systematische Re-Etablierung der imperialen und Eliten-Herrschaft &#252;ber ihr Land – zu bringen, in der Aus&#252;bung von Zwang. Seit dem Putsch stand Haiti durchg&#228;ngig unter ausl&#228;ndischer Milit&#228;rbesatzung. Von 2004 bis 2010 patrollierten Jahr f&#252;r Jahr tausende ausl&#228;ndische Soldaten durch das Land und n&#246;tigten die Bev&#246;lkerung, das Ende der Lavalas-&#196;ra zu akzeptieren. W&#228;hrend dieser Jahre haben die UN-Beh&#246;rden, die f&#252;r diese au&#223;ergew&#246;hnliche „Stabilisierungs-Mission“ zust&#228;ndig sind, in einem f&#252;r UN-Eins&#228;tze beispiellosen Ausma&#223; auf gewaltsame Ma&#223;nahmen zur&#252;ckgegriffen. Unterst&#252;tzt wurden sie dabei von tausenden wiederbewaffneten und -ausgebildeten haitianischen PolizistInnen sowie von tausenden privaten Sicherheitsleuten, die angestellt worden sind sind, um die reichen Familien, deren Gesch&#228;fte sowie die ausl&#228;ndische Unternehmen und NGOs zu bewachen. Die zahlreichen Demonstrationen gegen die Besatzung, die in den letzten Jahren in den Stra&#223;en von Port-au-Prince stattfanden, hatten nur einen geringen oder gar keinen politischen Effekt.<br />
Vor einem Jahr w&#228;re der Gedanke, dass wohl nur ein Erdbeben diesen bewaffneten W&#252;rgegriff w&#252;rde lockern k&#246;nnen, noch verzeihlich gewesen.</p>
<p><strong>Das Beben</strong><br />
Zweifellos z&#228;hlte die Staatsmacht zum ersten, was am Nachmittag des 12. Januar ins Wanken geriet. Neben 27 der 28 Geb&#228;uden der Bundesregierung st&#252;rzte das UN-Hauptquartier in sich zusammen. Etwa ein F&#252;nftel der Regierungsbediensteten starben. Wenn eine Revolution der L&#228;hmung der staatlichen Kapazit&#228;ten zur Unterdr&#252;ckung popularen Protestes bedarf, kann man wie Kim Ives davon ausgehen, dass „das Beben die halbe Revolution verwirklicht hatte, indem es buchst&#228;blich den haitianischen Staat zerst&#246;rte.“ &#220;brig blieben einerseits die popularen Kr&#228;fte und andererseits die Elite, und beide brachten ihre Alternativen in Stellung, um die L&#252;cke zu f&#252;llen.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Unverz&#252;glich begann die US-Botschaft mit der Evakuierung ihres Personals und einiger Protegés. F&#252;r einen kurzen Moment hatten die haitianische Elite und ihre internationalen BewacherInnen wohl die Apokalypse vor Augen: Die Erwartung massenhaften Ungehorsams bei gleichzeitiger Abwesenheit ausreichender milit&#228;rischer Zwangsmittel. Das Ergebnis war eine beinahe sofortige milit&#228;rische Antwort von einer Gr&#246;&#223;enordnung, wie sie von einer „zivilen“ Mission zuvor noch kaum vollzogen wurde.<br />
Unmittelbar nach der Katastrophe versuchten nur wenige, der &#220;bertragung der effektiven Kontrolle &#252;ber die Hilfsmission auf das „&#252;ber unvergleichliche logistische F&#228;higkeiten verf&#252;gende“ US-Milit&#228;r zu widersprechen. Wie gew&#246;hnlich wurde die haitianische Regierung angewiesen, sich f&#252;r jede Art von „Hilfe“ dankbar zu zeigen. Sobald die US-Luftwaffe am 13. Januar die Kontrolle &#252;ber den haitianischen Luftraum &#252;bernahm, wurden milit&#228;rischen gegen&#252;ber humanit&#228;ren Fl&#252;gen explizit Priorit&#228;t einger&#228;umt. Obwohl die meisten Berichte aus Port-au-Prince die Geduld und Solidarit&#228;t auf den Stra&#223;en hervorhoben, machten die US-Kommandeure die &#196;ngste vor &#246;ffentlicher Unruhe und Unsicherheit zu ihrer wichtigsten Sorge. Die oberste Priorit&#228;t lag in der Vermeidung dessen, was ein Sprecher der US-Luftwaffe einen weiteren „Somalia Einsatz“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> nannte, also wohl einer Situation, in der eine gedem&#252;tigte US-Armee neuerlich Gefahr l&#228;uft, die milit&#228;rische Kontrolle &#252;ber eine „humanit&#228;re“ Mission zu verlieren. Gerade die Entschlossenheit der US-Kommandeure, diesem Risiko durch die Privilegierung von Waffen und SoldatInnen gegen&#252;ber &#196;rztInnen und Nahrung zuvorzukommen, war es, die zum vereinzelten Ausbrechen jener Unruhen f&#252;hrte, die eigentlich verhindert werden sollten. Um gen&#252;gend SoldatInnen und Ausr&#252;stung „vor Ort“ zu haben, wurde Flugzeug um Flugzeug voll mit Hilfsg&#252;tern aus Port-au-Prince weggeleitet.</p>
<p><strong>Waffen statt Nahrung</strong><br />
W&#228;hrend die US-Kommandeure damit besch&#228;ftigt waren, die Sicherheit durch das Aufstellen einer 14.000 Marines starken Truppe zu sichern, begannen Wasser und Nahrung in einigen weniger sicheren Teilen von Port-au-Prince knapp zu werden. Am Samstag, den 17. Januar fasste der Al Jazeera-Korrespondent Sebastian Walker zusammen, was viele seiner KollegInnen bereits die ganze Woche berichteten: „Die meisten HaitianerInnen haben bisher kaum humanit&#228;re Hilfe gesehen. Was sie stattdessen gesehen haben, sind eine ganze Menge Waffen. Sch&#252;tzenpanzer befahren die Stra&#223;en […]“ und „innerhalb der gut bewachten Zone [beim Flughafen] haben die USA die Kontrolle &#252;bernommen. Es erinnert eher an die Green Zone in Bagdad als an ein Zentrum f&#252;r die Verteilung von Hilfsg&#252;tern.“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Die Entscheidung der USA, am Flughafen milit&#228;rische gegen&#252;ber humanit&#228;ren Transporten zu privilegieren, besiegelte das Schicksal von Tausenden von Menschen, die unter dem Schutt von Port-au-Prince und Léogane begraben worden waren. In L&#228;ndern &#252;berall auf der Welt waren Bergungsteams innerhalb der ersten zw&#246;lf Stunden nach der Katastrophe in der Lage, nach Haiti aufzubrechen. Nur eine handvoll schaffte die Ankunft ohne fatale Versp&#228;tung – haupts&#228;chlich Teams, die es geschafft hatten, Haiti vor der &#220;bernahme des Flughafens durch die US-Streitkr&#228;fte zu erreichen. Einige der folgenden Teams mit ihrem schweren Ger&#228;t wurden davon abgehalten, in Haiti zu landen. USAID<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> erkl&#228;rte am 19. Januar, dass im Laufe der ersten Woche nach dem Ungl&#252;ck 70 Menschen von internationalen Such- und Rettungsteams gerettet wurden.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Der Gro&#223;teil dieser Menschen wurde an ganz bestimmten Pl&#228;tzen und unter ganz bestimmten Umst&#228;nden gerettet. Die Washington Post vom 18. Januar bemerkte etwa, dass „die ,Such- und Rettungsmissionen‘ haupts&#228;chlich auf Geb&#228;ude von internationalen Hilfskr&#228;ften, wie das zerst&#246;rte UN-Geb&#228;ude, und gro&#223;e Hotels mit internationaler Klientel konzentriert wurden.“<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> So wurden kaum Hilfskr&#228;fte in den Gebieten zugeteilt, in denen es m&#246;glicherweise die h&#246;chsten Opferzahlen gab. Diese Logik war es, die immer mehr Menschen in und um die Krankenh&#228;user von Port-au-Prince zum Tode verurteilte. Wie Any Goodman von Democracy Now in einem Interview mit einem Arzt vor Ort erfuhr, war „die Frage der Sicherheit, die Ger&#252;chte &#252;ber die Sicherheit sowie der Rassismus hinter der Idee von Sicherheit eines der gr&#246;&#223;ten Hindernisse, um Hilfe vor Ort zu bekommen“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a>.</p>
<p><strong>Rassistische Bilder</strong><br />
Es schien, dass in Haiti nach dem Erdbeben alles und jedeR, der/die nicht in einer Sicherheitszone war, nicht wert war, gerettet zu werden. Bei den gelegentlichen Vorst&#246;&#223;en au&#223;erhalb dieser Zonen fanden westliche JournalistInnen gleichzeitig unz&#228;hlige Gr&#252;nde, sich wieder zur&#252;ckzuziehen. Schreckliche Geschichten von Pl&#252;nderungen und Gangs begannen bald „SicherheitsexpertInnen“ wie dem in London ans&#228;ssigen Stuart Page<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> eine Aura von augenscheinlicher Autorit&#228;t zu verleihen, als er dem gutgl&#228;ubigen BBC-„Sicherheitskorrespondenten“ Frank Gardner erkl&#228;rte, dass „all die Fortschritte in der Sicherheit, die Haiti in den letzten paar Jahren gemacht hatte, sich umkehren k&#246;nnten. […] Kriminelle Gangs, insgesamt ca. 3000, nutzen die aktuelle humanit&#228;re Krise in vollem Ma&#223; aus.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Viele HaitianerInnen und in Haiti ans&#228;ssige KorrespondentInnen waren emp&#246;rt &#252;ber solch groteske Fehleinsch&#228;tzungen. Am 17. Januar versuchte beispielsweise der Direktor des Ciné Institute, David Belle, der internationalen Verzerrung etwas entgegnen zu setzen: „Mir wurde gesagt, dass der Gro&#223;teil der US-Medien-Berichterstattung Haiti als Pulverfass kurz vor der Explosion darstellt. Mir wurde gesagt, dass es in den Meldungen der gro&#223;en Medien um Pl&#252;nderung, Gewalt und Chaos geht. Nichts k&#246;nnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Ich bin seit meiner Ankunft t&#228;glich durch die gesamte Stadt gereist. Das Ausma&#223; der Zerst&#246;rung ist absolut atemberaubend [, aber] NICHT EINMAL wurden wir Zeugen eines Akts der Aggression oder Gewalt […]. Eine kaputte Stadt mit zwei Millionen EinwohnerInnen wartet auf Hilfe, Medizin, Nahrung und Wasser. Die meisten haben nichts dergleichen erhalten. Haiti kann auf seine &#220;berlebenden stolz sein. Ihre W&#252;rde und ihr Anstand angesichts dieser Trag&#246;die sind atemberaubend.“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> JedeR konnte allerdings sehen, dass W&#252;rde und Anstand in den Augen der Herrschenden keinen Ersatz f&#252;r Sicherheit darstellen. Keine Anzahl an Waffen wird je ausreichen, die wenigen zu beruhigen, deren Reichtum sie von jenen Menschen abgrenzt, die sie ausbeuten.<br />
Soweit es die Menschen selbst betraf, war „Sicherheit nicht das Thema“, erkl&#228;rte Kim Ives kurz nach dem Erdbeben. „In ganz Haiti organisierte sich die Bev&#246;lkerung selbst in Volkskomitees, um aufzur&#228;umen, die Leichen aus dem Schutt zu befreien, Fl&#252;chtlingscamps zu errichten und das &#220;berleben dieser Fl&#252;chtlingscamps zu gew&#228;hrleisten. Die haitianische Bev&#246;lkerung ist eigenst&#228;ndig und war eigenst&#228;ndig f&#252;r viele Jahre.“ W&#228;hrend die Menschen, die das Wenige, was sie besa&#223;en, verloren hatten, ihr Bestes taten, um die Lage zu bew&#228;ltigen, waren es die zur „Wiederherstellung der Ordnung“ geschickten Soldaten, die provozierten, indem sie die Menschen als potentielle K&#228;mpfer behandelten. „Genau so reagierten sie nach Katrina. Die Opfer sind es, die gef&#252;rchtet werden.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a><br />
Um dabei zu helfen, die Menschen dort zu halten, wo sie hingeh&#246;rten, unternahm w&#228;hrenddessen das US Department of Homeland Security „beispiellose“ Notma&#223;nahmen, um das Heimland in den ersten Wochen nach dem Beben zu sch&#252;tzen. W&#228;hrend Senegals Pr&#228;sident Abdoulaye Wade „allen Haitianern [sic]“, die in ihr Ursprungsland zur&#252;ckkehren wollen, die freiwillige Heimkehr“ anbot, best&#228;tigten amerikanische Beh&#246;rden, dass die lang existierenden (und vollkommen illegalen) Richtlinien im Umgang mit haitianischen Fl&#252;chtlingen und Asylsuchenden weiter gelten w&#252;rden – automatisches Abfangen und R&#252;ckf&#252;hrung, ganz unabh&#228;ngig von den Umst&#228;nden.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Um ganz sicher zu gehen, flog die US-Luftwaffe mit einer Frachtmaschine samt Lautsprechersystem f&#252;nf Stunden pro Tag &#252;ber gro&#223;e Teile des Landes und &#252;bertrug eine Nachricht vom Botschafter Haitis in Washington: „St&#252;rmen Sie nicht die Boote, um das Land zu verlassen. Wenn Sie glauben die USA zu erreichen und Ihnen alle T&#252;ren offen stehen, ist das nicht der Fall. Die US-K&#252;stenwache wird Sie noch am Wasser abfangen und dorthin zur&#252;ckschicken, woher Sie kamen.“<br />
Mit atemberaubendem Zynismus ernannte US-Pr&#228;sident Obama seinen Vorg&#228;nger George Bush (dessen Regierung f&#252;r den Coup von 2004 in Haiti verantwortlich war und<br />
dessen „Hilfema&#223;nahmen nach dem Hurrikan Katrina 2005 in eine ethnische Vertreibung vieler schwarzer EinwohnerInnen New Orleans m&#252;ndete.“<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a>), Bill Clinton dabei zu helfen, der US Spendenkampagne f&#252;r Hilfsma&#223;nahmen vorzustehen. Als der amerikanische Botschafter in Haiti im Februar Washington einen Besuch abstattete, zeigte er sich zufrieden mit der bisherigen Arbeit. „Ich glaube, dass dies etwas ist, worauf die Menschen in der Zukunft als Vorbild zur&#252;ckblicken werden, daf&#252;r wie wir uns als SpenderInnen vor Ort erweisen und auf das Erdbeben reagieren konnten.“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a></p>
<p><strong>Ausl&#228;ndischer Wiederaufbau und der haitianische Staat</strong><br />
W&#228;hrend tausende Leichen im Schutt von Port-au-Prince zur&#252;ckgelassen wurden, wandte sich die internationale Aufmerksamkeit bald den gro&#223;angelegten Wiederaufbaupl&#228;nen zu. Scheinbar waren sich alle einig: Oberste Priorit&#228;t h&#228;tten Ma&#223;nahmen, welche die normalen Bev&#246;lkerung dazu bem&#228;chtigen sollten, etwas Kontrolle &#252;ber ihr Leben sowie den Zugang zu Bildung, ein Einkommen, einen Wohnort, eine Zukunft f&#252;r sich und ihre Familien (wieder) zu erlangen. International durchgesetzte neoliberale Regelungen, die f&#252;r Jahrzehnte den agrarischen Raum zerst&#246;rten und den Staatssektor zu einer handlungsunf&#228;higen Fassade deklassierten, m&#252;ssten fallen gelassen oder zur&#252;ckgenommen werden. Es br&#228;uchte systematische Investitionen in essentielle, &#246;ffentliche Dienstleistungen in allen Teilen des Landes. Eine wirkliche haitianische Souver&#228;nit&#228;t, sowohl &#246;konomisch als auch politisch, m&#252;sste wiederhergestellt werden.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Der tats&#228;chliche Wiederaufbauprozess passte sich allerdings genau den alten Tendenzen an, die Haiti in den letzten Jahrzehnten so verwundbar f&#252;r nat&#252;rliche, &#246;konomische und politische Katastrophen gemacht hatten. Die Mehrheit der haitianischen Bev&#246;lkerung war vollst&#228;ndig von jeglicher Partizipation in der Planung und Ausf&#252;hrung der Instandsetzungsarbeiten ausgeschlossen.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Es wurden keine entscheidenden Ma&#223;nahmen gesetzt, um die lokale Landwirtschaft anzukurbeln oder die Dezentralisierung von Menschen, Ressourcen und Investitionen zu f&#246;rdern. Einer der markantesten Bestandteile der Hilfsbem&#252;hungen war die Entscheidung der „internationalen Gemeinschaft“, &#252;ber ihre eigenen Beh&#246;rden und NGOs und nicht &#252;ber den haitianischen Staat oder dessen Basisorganisationen zu arbeiten. F&#252;r jeden Dollar US-Hilfe, den Haiti in den ersten Wochen nach dem Desaster erhielt, bekam die Regierung daher nur einen einzigen Penny.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Sechs Monate sp&#228;ter, bemerkte Paul Farmer, gingen von den 1,8 Milliarden Dollar, die als Erdbebenhilfe nach Haiti geschickt wurden, „bis jetzt weniger als 2,9 % an die Regierung.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a><br />
Der untergeordnete Status der haitianischen Bev&#246;lkerung und der Regierung wurde bei der Vorbereitung zur entscheidenden internationalen Geberkonferenz in New York Ende M&#228;rz 2010 kristallklar. Von den [zugesagten] 5,3 Milliarden belief sich die direkte Unterst&#252;tzung f&#252;r die Regierung nur auf 350 Millionen Dollar (6,6% der Gesamtsumme). Dar&#252;ber hinaus wurde eine, vorwiegend ausl&#228;ndisch besetzte, K&#246;rperschaft eingerichtet, die &#252;ber die Zuteilung der versprochenen Gelder entscheiden sollte, die Interim Haiti Recovery Commission (IHRC). Dieser Kommission sitzen Haitis Premierminister Jean-Max Belleviere und der fr&#252;here US-Pr&#228;sident Bill Clinton vor.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Ohne Zweifel ist ein gewisses Ma&#223; zentralisierter Koordination der Investitionen besser, als die hemmende Fragmentierung, die bis dahin in der Haitianischen „Republik von NGOs“ vorherrschte. Die Tatsache, dass HaitianerInnen in dieser Kommission jedoch als eine Art Juniorpartner dienen – eine Position, die keine der Geberl&#228;nder f&#252;r sich in Betracht ziehen w&#252;rde – kann trotzdem nicht verborgen werden. In den Wochen nach der UN-Konferenz hielten die gr&#246;&#223;ten SpenderInnen ihre erste Auszahlung der versprochenen Milliarden solange zur&#252;ck, bis die dem&#252;tige haitianische Regierung bereit war, ihre unterw&#252;rfige Rolle formal anzuerkennen.</p>
<p><strong>Politische und soziale Folgen der Privatisierung</strong><br />
Einer der Hauptgr&#252;nde, warum die haitianische Regierung nicht in der Lage ist, &#252;ber diese Bedingungen zu verhandeln, ist, dass ihr in den letzten Jahren die direkte Kontrolle &#252;ber die meisten Ressourcen des Landes sowie die F&#228;higkeit, die Wirtschaft zu kontrollieren, entzogen wurde. Das Transportwesen, das Bauwesen, die Bildung, die Energieversorgung, das Gesundheitswesen, die Landwirtschaft und das Bankenwesen – praktisch alle wichtigen Bereiche der Wirtschaft wurden an haitianische Unternehmen und Gesch&#228;ftsleute verkauft. 1997, als Préval schon im Amt war, wurden alle staatseigenen Betriebe, welche die beiden Hauptexportg&#252;ter, Mehl und Zement, herstellten, privatisiert. Staatspr&#228;sident René Préval k&#252;ndigte im selben Jahr an, er werde Haitis wertvollsten staatseigenen Betrieb, die nationale Telefongesellschaft (Téléco), privatisieren. Bis Mitte 2007 war bereits die H&#228;lfte der MitarbeiterInnen, knapp 2.800 Personen, gek&#252;ndigt. Téléco war bis zu seiner Privatisierung eine der verl&#228;sslichsten &#246;ffentlichen Einnahmequellen. Vier Monate nach dem Erdbeben, im Mai 2010, hat die haitianische Regierung die Mehrheit an der Firma endg&#252;ltig an eine Tochtergesellschaft der vietnamischen Armee verkauft, und zwar f&#252;r blo&#223; 59 Millionen US-Dollar.<br />
Laut Patrick Elie ist Haiti mittlerweile, das „Land mit den meisten Privatisierungen der Welt. Fast alles, was privatisiert werden kann, wurde privatisiert und der einzige Grund, warum Gef&#228;ngnisse noch nicht privatisiert sind, ist, dass es sich noch nicht ausgezahlt hat, sie zu privatisieren.“<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Folge dieser Privatisierungen ist, dass die haitianische Regierung einige ihrer essentiellsten Handlungsoptionen verloren hat: die F&#228;higkeit Arbeitspl&#228;tze zu schaffen, sich das Land und die Ressourcen, die sie ben&#246;tigt, anzueignen sowie wichtige Baumaterialen und andere G&#252;ter zu produzieren. 2009 kamen bereits 65% der Einnahmen des haitianischen Budgets aus externen Quellen.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Nicht einmal im J&#228;nner 2010 wurden Schritte gesetzt, um den dominanten Privatisierungsprozess zu mildern oder abzuwenden. Auch die dringenden, aktuellen Probleme sind nicht ausreichend, um von dem „Entwicklungsmodell“ abzuweichen, das Haiti nun schon seit Jahrzehnten erfolglos verfolgt: die Orientierung der haitianischen Wirtschaft an den Interessen von Sweatshop-InhaberInnen und internationalen KonsumentInnen, die Privilegierung exportorientierter Landwirtschaft sowie die F&#246;rderung von Jobs mit niedriger Bezahlung und Tourismus.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a><br />
Die g&#228;ngigen, landwirtschaftlichen Regulierungen dr&#228;ngten immer mehr Kleinb&#228;uerInnen aus dem Sektor und f&#252;hrten in den letzten Jahren zu einer massiven Bev&#246;lkerungszunahme in Port-au-Prince. Da in den ersten Wochen nach dem Erdbeben die finanzielle Hilfe weitgehend ausblieb, versuchten viele von ihnen wieder in ihre D&#246;rfer, oder das, was von ihnen &#252;brig war, zur&#252;ckzukehren. Mit ein wenig Unterst&#252;tzung w&#228;ren sie auch dort geblieben. Aber, wie immer, erhielten die haitianischen B&#228;uerInnen wenig bis keine Unterst&#252;tzung. Nur knapp 23 Millionen US-Dollar des Hilfegesuchs an die UN waren f&#252;r die Landwirtschaft kalkuliert. Ende Februar gab die UN zu, dass nicht einmal dieses Geld angekommen sei. „Am Land“, argumentierte Reed Lindsay im M&#228;rz 2010, „gibt es keine Hinweise auf humanit&#228;re Hilfe, am wenigsten f&#252;r die Landwirtschaft.“<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> „Mit keinen Jobaussichten, keinerlei Hilfe, keiner Aussicht auf landwirtschaftliche Entwicklung, h&#228;lt die Menschen nichts am Land“, best&#228;tigt auch Mark Schuller. „Der Gro&#223;teil dieser R&#252;ckwanderung aufs Land konnte nicht gehalten werden und Port-au-Prince ist wieder zum Zentrum f&#252;r Jobsuchende geworden.“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a></p>
<p><strong>Die ProfiteurInnen der Katastrophe…</strong><br />
Sofort nach dem Erdbeben war klar, dass sich die wohlhabende Bev&#246;lkerung Haitis den L&#246;wenanteil an der internationalen Hilfe sichern w&#252;rde.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Zur selben Zeit hatten auch in den USA m&#228;chtige Think-Tanks und LobbyistInnen, wie die Heritage Foundation, das American Enterprise Institute oder die RAND Cooperation, erkannt, dass „dieses Desaster eine Chance bietet, die versp&#228;teten Reformen zu versch&#228;rfen.“ Dies inkludiere „das Aufbrechen oder zumindest die Reorganisation des staatlich kontrollierten Telefonmonopols. Das gleiche gilt f&#252;r das Bildungsministerium, die Elektrowirtschaft, das Gesundheitsministerium sowie die Gerichte.“<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a> Einige der m&#228;chtigsten Gesch&#228;ftsleute Haitis haben sich daher bereits mit multinationalen Logistik- und Wiederaufbaufirmen zusammengetan, um so den gr&#246;&#223;ten Vorteil aus den Einnahmen der Entwicklungsgelder zu ziehen. Die Vorbe Group, das gr&#246;&#223;te Bau und Logistikunternehmen in Haiti, tat sich zum Beispiel mit der in Alabama ans&#228;ssigen Wiederaufbaufirma DRC zusammen, der nach Katrina unter anderem Vertr&#228;ge im Wert von mehr als 100 Millionen Dollar zugesprochen wurden.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a><br />
Neben den ausl&#228;ndischen InvestorInnen haben bis jetzt vorwiegend aus dem Ausland finanzierte NGOs von dem Ungl&#252;ck Haitis profitiert. „Die ganzen Millionen, die gerade nach Haiti kommen, flie&#223;en in die H&#228;nde der NGOs“<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a>, beklagte Préval Anfang M&#228;rz. Nach einer Sch&#228;tzung einer erfahrenen Sozialarbeiterin kommen „von dem ganzen gesendeten Geld nur 10% vor Ort an. Der Rest wird f&#252;r ausl&#228;ndische ExpertInnen, Hotels, Autovermietung und Hotelkonferenzen ausgegeben.“<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a> Wie jedeR, der/die Port-au-Prince besucht, sicher best&#228;tigen wird, gibt es hier eine „gro&#223;e Kluft zwischen den Menschen von der UN und den NGOs und den Menschen, denen sie helfen wollen.“<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Ausl&#228;ndische Besch&#228;ftigte der NGOs „dem&#252;tigen und diskriminieren weiterhin arme, haitianische Personen“, bedauert der haitianische Journalist Wadner Pierre, „weil sie annehmen, dass diese allesamt gef&#228;hrliche, gewaltt&#228;tige, dumme oder primitive Menschen sind […].“<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a><br />
Ausl&#228;ndische InvestorInnen und NGOs tendieren dazu, ausl&#228;ndischen Schutz anzufordern, um ihre Sicherheit zu garantieren. Bald nach dem Abzug der ersten ausl&#228;ndischen Truppen begannen daher private, milit&#228;rische Sicherheitsunternehmen wie Triple Canopy (die den Xe/Blackwater-Sicherheitsvertrag im Irak 2009 &#252;bernahmen) und Overseas Security &#038; Strategic Information ihre Dienste in Haiti zu bewerben.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> Wie ein Bericht von Al Jazeera zeigt, sehen diese Firmen „neue Ungl&#252;cksgebiete als emerging markets“<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> an. Ihre ‚humanit&#228;ren‘ Gegenst&#252;cke in der UN und in USAID bem&#252;hten sich nach Kr&#228;ften, diese aufstrebenden M&#228;rkte zu f&#246;rdern. Der f&#252;r „humanit&#228;re Angelegenheiten“ verantwortliche UN-Beamte John Holmes best&#228;tigte, dass „das beste Zeichen einer kommenden Erholung in Haiti ein Aufschwung in privaten Investitionen sein w&#252;rde.“<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Laut Reginald Boulos, dem Pr&#228;sident der Handelskammer von Haiti, beinhaltet eine Agenda f&#252;r einen solchen Wandel eine Reduktion der Regierungsintervention und Korruption. Was sie allerdings auf keinen Fall beinhaltet, ist eine signifikante Verbesserung in der Bezahlung und den Lebensbedingungen der haitianischen ArbeiterInnen. Boulos war 2009 einer der prominentesten Gegner der Kampagne zur Erh&#246;hung des erb&#228;rmlichen Mindestlohns auf ein &#196;quivalent von 5 US-Dollar pro Tag.</p>
<p><strong>…und deren Verlierer</strong><br />
Es gibt zurzeit rund 25.000 TextilarbeiterInnen in Haiti,  die T-Shirts und Jeans f&#252;r Marken wie Gildan, Hanes, Gapund New Balance produzieren.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> Firmen, wie etwa Gap, die bereits rund 4.000 haitianische ArbeiterInnen anstellen, planen ihre eigene ‚made-in-Haiti‘-Bekleidungslinie und Grupo M, eine gro&#223;e Auftragsfirma, Unternehmungen Arbeiten f&#252;r Levis und Banana Republic beinhalten, plant die Gr&#246;&#223;e ihrer Anlagen in Ouanaminthe zu verdoppeln.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a> Die von den USA angesto&#223;ene Wiederaufbaustrategie f&#252;r Haiti st&#252;tzt sich auf eine Gesetzgebung (die Haiti Hemispheric Opportunity through Partnership Encouragement Act oder HOPE), die &#252;ber einen begrenzten Zeitraum eine Zollbefreiung f&#252;r in Haiti hergestellte Kleidung verspricht. Clinton und die UN hoffen, dass in den kommenden Jahren eine neue Periode der HOPE-Richtlinien dabei hilft, zehntausend neue Niedriglohnjobs zu schaffen. Diese Strategie ist die gleiche wie vor fast 40 Jahren. Damals wie heute versprachen die InvestorInnen, dass die Schaffung von schlecht bezahlten Jobs irgendwie zu mehr und besser bezahlten Jobs f&#252;hren und Haiti aus der Armut befreien w&#252;rde.<br />
Dieses Versprechen wird getr&#252;bt, da sich dieselben InvestorInnen und ihre ApologetInnen konsequent gegen bescheidene Lohnerh&#246;hungen der haitianischen ArbeiterInnen wehrten. Diese werden heute derma&#223;en ausgebeutet, dass ein Vollzeitjob nicht mehr f&#252;r das Notwendigste ausreicht. Fr&#252;here Investitionsperioden f&#252;hrten meist zu einer Verringerung der Reall&#246;hne und des Einkommens der Bev&#246;lkerung. Ohne das von besser bezahlten haitianischen ArbeiterInnen (oft gefangen in den h&#246;chst ausbeutenden Sektoren Nordamerikas und der Karibik) an ihrer Familien nach Hause geschickte Geld w&#252;rde die haitianische Wirtschaft heute &#252;ber Nacht kollabieren. Dieselben InvestorInnen und ihre BeraterInnen sind offen genug zuzugeben, dass der wichtigste „komparative Vorteil“ Haitis die Tatsache ist und bleibt, dass die Menschen so arm und verzweifelt sind. Dass sie bereit sind f&#252;r nicht mehr als ein 20stel des Geldes zu arbeiten, das sie f&#252;r eine vergleichbare Anstellung in den USA erhalten w&#252;rden.<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> Der UN-Gesandte Bill Clinton wird daher, angesichts seiner Verpflichtung gegen&#252;ber dieser altbekannten Agenda weder Ver&#228;nderung noch Hoffnung bringen, bemerkt Richard Morse. „Clinton, gemeinsam mit der USAID, der Weltbank, der Inter-American Development Bank und den Vereinten Nationen, bringen mehr desselben nach Haiti: mehr f&#252;r die Wenigen und weniger f&#252;r die Vielen.“<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a><br />
F&#252;r den Gro&#223;teil der Bev&#246;lkerung Haitis hat die Aufrechterhaltung eines profitablen “Gesch&#228;ftsklimas” einen verheerenden Preis: die Verwandlung von Armut in Elend, den R&#252;ckgang der lokalen Nahrungsmittelproduktion, und den Verlust jeglicher Kapazit&#228;ten der Regierung, auf Ver&#228;nderungen der globalen Nahrungsmittelpreise und -angebote zu reagieren. Im Fr&#252;hling 2008 stiegen die globalen Nahrungsmittelpreise und viele HaitianerInnen hungerten. Im April desselben Jahres nahm ihre Wut politische Formen an. Hunderttausende protestierten, und der Druck zwang Prévals Premierminister Jaques Edouard Alexis zur&#252;ckzutreten.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> Aber genau wie 2008 und in vorhergehenden Jahren, auch 2010 die Reaktion darin, die Abh&#228;ngigkeit von einer der Hauptursachen des Problems zu erh&#246;hen, statt zu reduzieren: die Abh&#228;ngigkeit von internationalen Nahrungsmittelhilfsleistungen. W&#228;hrenddessen ist der Gro&#223;teil der von den Erdbeben betroffenen Bev&#246;lkerung dazu gezwungen, darauf zu warten, dass die humanit&#228;ren Investoren &#252;ber den Verlauf ihrer weiteren Ausbeutung entscheiden. Es ist wahrscheinlich, dass sie sich damit Zeit lassen werden. Bis Mitte des Sommers hatten erst f&#252;nf L&#228;nder (Venezuela, Brasilien, Norwegen, Estland und Australien) zum Haiti Reconstruction Fund der UN beigetragen, und weniger als 10% der 5,3 Milliarden Dollar, die im M&#228;rz versprochen worden waren, sind tats&#228;chlich ausgezahlt worden. Bis jetzt haben die Regierungen Frankreichs und der USA so gut wie gar nichts von den versprochenen Millionen gezahlt.</p>
<p><strong>Spenden, die nicht ankommen</strong><br />
Im Gegensatz dazu haben US-B&#252;rgerInnen auf Haitis Notlage mit au&#223;ergew&#246;hnlicher Gro&#223;z&#252;gigkeit reagiert und 1,3 Milliarden Dollar f&#252;r Direkthilfe gespendet. Ungl&#252;cklicherweise haben die Hilfsorganisationen dann beschlossen, einen gro&#223;en Teil dieses Geldes f&#252;r sich selbst oder f&#252;r eine unbestimmte Zukunft zur&#252;ckzuhalten. ABC News best&#228;tigte, dass von den insgesamt 1,138 Milliarden Dollar, die an Spendengeldern an die 23 gr&#246;&#223;ten Hilfsorganisationen gingen, „mindestens 62,7%, also 714,3 Millionen Dollar f&#252;r zuk&#252;nftige Hilfsleistungen an Haiti reserviert oder gar nicht zugeteilt wurden.“ Der mangelhafte Zugang zu F&#246;rderungen &#252;bersetzt sich in einen Mangel an erkennbaren Verbesserungen vor Ort. Den gesamten Fr&#252;hling 2010 hindurch dokumentierten Pressenachrichten die Ungl&#228;ubigkeit von Einheimischen und BeobachterInnen aus dem Ausland, die dabei zusehen mussten, wie die Wiederaufbauversuche mit unwahrscheinlicher Selbstgef&#228;lligkeit und Inkompetenz durchgef&#252;hrt wurden.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a><br />
Unglaublich, dass im Sp&#228;tsommer 2010 erst 2% des Schutts von den Stra&#223;en Port-au-Prince entfernt sind.<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> Unglaublich, dass 98% der 1,5 Millionen obdachlos gewordenen Menschen weiterhin in v&#246;llig unangemessen Zeltlagern leben, abwechselnd von der tropischen Sonne gebraten und von sturzfluthaftem Regen &#252;berschwemmt. Die meisten dieser Menschen haben immer noch keine wasserdichten Zelte, geschweige denn ein vor&#252;bergehendes Obdach, das den Orkanwinden widerstehen k&#246;nnte, die Haiti in vielen Sommern und oft mit verheerenden Auswirkungen heimsuchen.<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Die Zahlen von Vergewaltigungen und Gewalt an Frauen sind rapide in die H&#246;he geschossen. In den meisten Lagern haben die BewohnerInnen keinen Zugang zu irgendeiner Form von Rechtsschutz, oder auch nur die M&#246;glichkeit, mit den ausl&#228;ndischen Truppen zu kommunizieren, die weiterhin durch ihre Stadt patrouillieren.<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a> Tausende der unwillentlichen BewohnerInnen dieser Zeltlager werden von vermeintlichen GrundbesitzerInnen vertrieben oder mit der Vertreibung bedroht und gezwungen, sich in noch prek&#228;rere und entlegenere Gebiete zur&#252;ckzuziehen.</p>
<p><strong>Klassen- statt geologischer Bruchlinien</strong><br />
Wie Kim Ives best&#228;tigt, enth&#252;llen die Ereignisse nach dem 12. Januar in dieser, wie in vielen anderen Hinsichten, dass „die wichtigste Bruchlinie in Haiti keine geologische ist, sondern eine der Klassen. Eine kleine Hand voll reicher Familien besitzen gro&#223;e Gebiete des Landes um Port-au-Prince, die ideal geeignet w&#228;ren, um die tausenden Heimatlosen anzusiedeln. Die Familien kontrollieren jedoch auch Haitis Regierung und haben dar&#252;ber hinaus bedeutenden Einfluss auf die neu formierte IHRC. […] Die IHCR hat f&#252;r die n&#228;chsten 18 Monate durch ein ,Notstandsgesetz‘ die Befugnis, Land, das sie f&#252;r passend befindet, f&#252;r den Wiederaufbau zu beschlagnahmen […], aber die Elite-Familien […], geben ihr eigenes, wohlsituiertes Land nicht frei, so dass es Haitis Heimatlosen zu Gute k&#228;me. In Konsequenz wurde nur ein einziges gro&#223;es Lager f&#252;r die Fl&#252;chtlinge gebaut: Corail-Cesselesse liegt 10 Meilen n&#246;rdlich der Hauptstadt auf einem verlassenen Streifen W&#252;stenland zwischen Titayen und Morne Cabrit – zwei desolate Zonen, in denen Todesschwadronen w&#228;hrend des Anti-Aristide Putsches ihre Opfer entsorgten.“<a title="anm_49" name="anm_49" href="#anm49"><sup>49</sup></a><br />
Dieses „Vorbildlager“ bei Corail-Cesselesse bleibt bis jetzt das Vorzeigeexemplar der Wiederaufbaubem&#252;hungen; ein wichtiger Stopp auf der Reiseroute eines/r jeden JournalistIn, der/die das Land besucht. Corails Zelte sind in symmetrischen Reihen angelegt, und es br&#252;stet sich mit Toilettenanlagen, Duschen und einem kleinen Krankenhaus. Aber sonst gibt es nichts: Es gibt keine zu Fu&#223; erreichbaren M&#228;rkte, Gesch&#228;fte oder Schulen, und es gibt keine Arbeit. „Es gibt wirklich nichts zu tun“, erz&#228;hlte der Bewohner Mark Schuller. „Du kannst nicht in deinem Zelt bleiben, wegen der Hitze. Du kannst nicht hinausgehen, wegen dem Staub. Und du kannst das Lager nicht verlassen, weil es nichts zu tun gibt.“<a title="anm_50" name="anm_50" href="#anm50"><sup>50</sup></a> Corail ist kaum mehr als ein Auffanglager und dabei ein ganz sch&#246;n instabiles: Die meisten Zelte brachen bei einem Sturm in der Nacht vom 12. Juli zusammen, sechs Menschen wurden verletzt. Zuf&#228;lligerweise liegt das Lager auch noch auf einem St&#252;ck Land, das im Besitz des Unternehmens Nabatec ist. Dieses wird davon betr&#228;chtlich profitieren: Sowohl vom Entsch&#228;digungsprogramm der Regierung, als auch von dem Industriepark, der in der neuen Nachbarschaft geplant ist.<br />
W&#228;hrenddessen haben die meisten Fl&#252;chtlinge keine andere Wahl, als weiterhin auf den erstbesten Flecken Land, die sie finden, ihre Zelte aufzuschlagen – ein Lager ist zum Beispiel auf dem zwei Meter breiten Zementstreifen angesiedelt, der die Route de Carrefour trennt. Gegen Ende Juli r&#228;umte die UN ein, dass von den ben&#246;tigten 125.000 dauerhaften Unterk&#252;nften nur 6.000 gebaut worden waren. Am H&#246;hepunkt der Misere gab Edmond Mulet, Leiter der UN Mission zu, dass „wir den Sinn f&#252;r die Dringlichkeit der Situation verloren haben.“<a title="anm_51" name="anm_51" href="#anm51"><sup>51</sup></a></p>
<p><strong>Widerstand von unten</strong><br />
Wie zu erwarten, haben die Leute, die direkt von der Katastrophe betroffen sind, diesen Sinn nicht verloren. Das vielleicht Bemerkenswerteste in der gesamten Periode nach dem Erdbeben ist die au&#223;ergew&#246;hnliche Ausdauer und Disziplin der hunderttausenden Menschen, die zwar ihre Verwandten, ihr Zuhause und ihr Eigentum verloren, aber vom ersten Tag an begonnen haben, sich in neuen Gemeinschaften zu organisieren. Sie haben ihre Ressourcen vereint, die Verteilung von Nahrung und Wasser organisiert und informelle Strukturen geschaffen. Die Zeltlager sind ein Produkt der Verzweiflung, aber die r&#228;umlichen Konzentration von Menschen in ungekanntem Ausma&#223; schafft auch beispiellose M&#246;glichkeiten f&#252;r Selbstorganisation und Versammlungen. Ein paar Wochen nach dem Erdbeben beobachtete Camille Chalmers, dass „die Leute in den Lagern viel &#252;ber Solidarit&#228;t, Br&#252;derlichkeit [sic!] und gegenseitige Hilfe [sprechen].“<a title="anm_52" name="anm_52" href="#anm52"><sup>52</sup></a> Im Angesicht gr&#246;&#223;ter Verwundbarkeit haben die BewohnerInnen der Lager sogar begonnen politischen Druck aufzubauen: „Die B&#252;rgerInnen ziehen regelm&#228;&#223;ig auf die Stra&#223;e“, schrieb Beverly Bell im Juli. „Sie fordern Unterk&#252;nfte f&#252;r die Obdachlosen, gute Bildung, und die Unterst&#252;tzung nationaler Landwirtschaft. Vor kurzem haben sie gegen Gewalt von Seiten der UN-Sicherheitsmission protestiert, gegen die Nichtauszahlung der L&#246;hne von Staatsangestellten und LehrerInnen, und gegen die Einf&#252;hrung des giftigen Mosanto Saatguts. Grassroot-Organisationen treffen sich immer noch regelm&#228;&#223;ig, um Strategien f&#252;r einen politischen Wandel zu entwickeln, wie sie es in der Geschichte Haitis immer getan haben. […] Sie entwickeln Initiativen f&#252;r Wohnrechte und Schutzma&#223;nahmen gegen Vergewaltigung f&#252;r die [Fl&#252;chtlinge] in den Lagern. Manche planen Informationskampagnen f&#252;r Sweatshop-ArbeiterInnen, andere Programme um die Jugend zu politisieren.“<a title="anm_53" name="anm_53" href="#anm53"><sup>53</sup></a><br />
Ebenso wie bei den vorhergehenden Wahlen 2000 und 1990 bleibt auch im Wahljahr 2010 der wichtigste politische Gegensatz, derjenige zwischen (a) den KritikerInnen, die lediglich eine effizientere Anwendung derWiederaufbauressourcen und „vern&#252;nftige“ Formen der Kooperation mit den Besatzungstruppen und Hilfsorganisationen fordern und (b) den AktivistInnen, die an einem Wiederaufleben der Mobilisierung von unten arbeiten und f&#252;r einen grunds&#228;tzlichen politischen Wandel als einziges Mittel zur Wiedererlangung nationaler Souver&#228;nit&#228;t und zur Etablierung sozialer Gerechtigkeit eintreten, bestehen. SprecherInnen der NGOs, der UN, der USA und anderer „Freunde“ Haitis schimpfen &#252;ber lokale Ineffizienz und Korruption, lassen aber die politischen Fragen au&#223;en vor. Die einzige Rolle, die f&#252;r die Bev&#246;lkerung Haitis verbleibt ist, die der ehrw&#252;rdigen Nutznie&#223;erInnen einerseits, und &#228;rgerlichen „Hemmnisses der Reform“ andererseits. Der humanit&#228;re Leiter der UN interessiert sich in erster Linie f&#252;r die „m&#246;glichen Konsequenzen, die gro&#223;e Demonstrationen an sensiblen Orten f&#252;r die Politik, als auch f&#252;r die Sicherheit“<a title="anm_54" name="anm_54" href="#anm54"><sup>54</sup></a> haben k&#246;nnten. Stabilit&#228;t, also F&#252;gsamkeit, bleibt die oberste Priorit&#228;t.<br />
Im Gegensatz dazu konzentrieren sich die AktivistInnen auf die Mechanismen der Exklusion, die den Gro&#223;teil der Bev&#246;lkerung Haitis an den &#228;u&#223;ersten Rand der Politik gedr&#228;ngt haben. „Was hier passiert, ist eine Art Zusammenwachsen der Fanmi Lavalas-Basisorganisationen mit ehemaligen PPN-Mitgliedern.“<a title="anm_55" name="anm_55" href="#anm55"><sup>55</sup></a> beobachtet Kim Ives. „Das ist ohne die Zustimmung und vielleicht teils zum Verdruss der F&#252;hrungen der beiden Parteien passiert. Es gab eine Anziehungskraft auf der Ebene der Basis, und ich habe den Eindruck, dass das Zentrum des anti-imperialistischen Widerstands gegen Prévals Pl&#228;ne und seine Mannschaft aus diesem Schmelztiegel kommt. Hier entsteht eine progressive und revolution&#228;re politische F&#252;hrung f&#252;r die &#196;ra nach dem Erdbeben.“<a title="anm_56" name="anm_56" href="#anm56"><sup>56</sup></a></p>
<p><strong>Die Probleme der Lavalas-Bewegung</strong><br />
Leider ist die wichtigste, legale Institution der Lavalas-Bewegung, die Fanmi Lavalas-Partei (FL) in sich gespalten und vom politischen Prozess exkludiert. 2004 wurden Aristide und viele seine MinisterInnen dazu gezwungen, das Land zu verlassen, sein Premierminister Yvon Neptune und ein Dutzend anderer, hochrangiger Parteimitglieder der FL wurden verhaftet. Im Vorfeld der Pr&#228;sidentschaftswahlen 2006 wurde der Kandidat der FL, Gérard Jean-Juste, aufgrund erfundener Anklagepunkten verhaftet und sein Antreten bei den Wahlen verhindert. Im August 2007, „verschwand“ der ber&#252;hmteste Menschenrechtsaktivist Lovinsky Pierre-Antoine (er wird mittlerweile f&#252;r tot gehalten), kurz nachdem er bekr&#228;ftigt hatte, dass er sich als Kandidat der FL f&#252;r den Senat aufstellen lassen wolle. Prévals Wahlkommission (CEP) hat bis zu den Wahlen im April 2009 die Blockaden gegen die FL-KandidatInnen weitergef&#252;hrt.<a title="anm_57" name="anm_57" href="#anm57"><sup>57</sup></a><br />
Als Reaktion auf diese Ausgrenzung organisierten die FLAktivistInnen einen Wahlboykott. Nur eine kleine Minderheit der Wahlberechtigten ging anschlie&#223;end w&#228;hlen – 11%, wenn man den offiziellen Zahlen glaubt, weniger als die H&#228;lfte davon, Oppositionellen und den meisten WahlbeobachterInnen zufolge.<a title="anm_58" name="anm_58" href="#anm58"><sup>58</sup></a> In der &#214;ffentlichkeit haben die USA und die UN die Entscheidung der CEP verurteilt und die Inklusion aller politischen Parteien gefordert. Als die CEP von ihrer Ausgrenzungspolitik aber nicht abkommen wollte, gingen sowohl die USA als auch der Rest der „internationalen Gemeinschaft“ leise von ihrem Wunsch nach freien und inklusiven Wahlen ab und stimmten stattdessen zu, den Gro&#223;teil der Wahlkosten zu bezahlen. Im November 2009 hat die CEP die FL (und zahlreiche andere Parteien) wieder einmal von der Registrierung zu den Parlamentswahlen, die eigentlich f&#252;r Februar 2010 geplant waren, ausgeschlossen. [Bei den nun f&#252;r November 2010 anberaumten Wahlen werden daher] das Haitianische Parlament sowie der Pr&#228;sident wiederum ohne die Einbindung der meisten politischen Organisationen des Landes gew&#228;hlt. Ohne Zweifel werden auch diese Wahlen wieder den Zustimmungsstempel der internationalen Gemeinschaft bekommen. Die F&#252;hrungsriege der FL hat die ganze Situation durch parteiinterne Post-Aristide-K&#228;mpfe verschlimmert. 2008 wurden die Rivalit&#228;ten so stark, dass aus der Partei mehr oder weniger zwei unabh&#228;ngige Organisationen entstanden. Die Schikane durch die Regierung gekoppelt mit der fehlenden Einheit der Partei hat der Massenbewegung jegliche M&#246;glichkeit entzogen, das zu verwenden, was Samba Boukman 2006 als ihre „gr&#246;&#223;te Waffe“ bezeichnete – die F&#228;higkeit die Wahlen zu gewinnen.<br />
Es scheint daher, als ob die Pr&#228;sidentschaftswahlen im November 2010 keinerlei Aussicht auf signifikanten Wandel mit sich bringen. Die zwei Anti-Lavalas-Coups haben dazu beigetragen, dass jegliche Hoffnung, genuin sozialer Wandel sei in Haiti &#252;ber „formale“ demokratische Mittel m&#246;glich, eliminiert ist. „In allen Camps, die ich besucht habe“, schreibt Isabelle Doucet „gibt es kein Interesse an den Wahlen, geschweige denn Enthusiasmus &#252;ber einen Kandidaten.“ Das progressive Wochenmagazin Haiti Liberté verwirft die Wahlen schon jetzt als blo&#223;e „Scharade“, zurechtgebastelt von den ausl&#228;ndischen „Freunde von Haiti“, deren klares Ziel es ist, die Besetzung zu legitimieren.</p>
<p><strong>Neokolonales Protektorat oder Massenaufstand?</strong><br />
Die Lavalas-Bewegung ist heute weniger eine Organisation als eine Idee oder eine Erinnerung. Dieses Fehlen einer ad&#228;quaten Organisation und F&#252;hrung l&#228;sst die sich wieder erneuernde Massenmobilisation anf&#228;llig werden f&#252;r jegliche Formen opportunistischer Manipulation. Einige MediatorInnen zufolge sind daher viele der Personen, die an Demonstrationen f&#252;r oder gegen die Regierung teilnehmen, bezahlt. „Niemand protestiert ohne Geld in diesem Land“, erz&#228;hlte einer der MediatorInnen im Juli. „Die reichen Leute halten uns im Elend, damit wir machen, was sie wollen.“<a title="anm_59" name="anm_59" href="#anm59"><sup>59</sup></a><br />
Die wichtigste politische Frage, die sich in Haiti daher heute stellt, ist diejenige der Richtung, der Priorit&#228;ten und der Integrit&#228;t der beginnenden Protestbewegung. Einhergehend mit vielen seiner Verb&#252;ndeten ist sich Yves Pierre-Louis „sehr bewusst &#252;ber die Gefahren, die sich dadurch ergeben, dass fr&#252;heren PutschistInnen erlaubt wird, Teil dieser Allianz und Demonstrationen zu sein.“ Bei den Wahlen im November 2010 wird dementsprechend, wie bei den letzten vier Pr&#228;sidentschaftswahlen in Haiti, alles davon abh&#228;ngen, ob die Einheit und das Bewusstsein stark genug sind, damit sich diejenigen Kr&#228;fte durchsetzen, die sich den Wahlen entgegenstellen. Das Erdbeben hat die Entscheidung &#252;ber die politische Entwicklung Haitis weiter versch&#228;rft und forciert: Entweder die Erneuerung der Massenmobilisation, die Ziele wie Gleichheit und Gerechtigkeit verfolgt oder eine langandauernde Best&#228;tigung des derzeitigen Status der Insel als neokoloniales Protektorat.</p>
<p><em>Peter Hallward</em> ist Professor f&#252;r moderne europ&#228;ische Philosophie an der Kingston Universit&#228;t in London und Autor des Buches: Damming the Flood. Haiti, Aristide and the Politics of Containment, Verso: London 2010 [2007].</p>
<p>&#220;bersetzung: <em>Julia Hofmann, Katherina Kinzel, Ako Pire</em> und <em>Philipp Probst</em>.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Dies ist eine &#252;bersetzte, gek&#252;rzte und redaktionell bearbeitete Version des Nachworts zum 2010 in der zweiten Auflage erschienen Buch von Peter Hallward: Damming the Flood: Haiti, Aristide and the Politics of Containment, Verso: London 2010 [2007].<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> vgl. The Guardian, 10.07.2010, unter: http://www.guardian.co.uk/world/2010/jul/10/haiti-earthquake-aid-survivors; zwei der n&#252;tzlichsten Quellen f&#252;r gesicherte Informationen &#252;ber Haiti nach dem Beben sind die Seiten vom Haiti Relief and Reconstruction Watch (http://www.cepr.net/index.php/relief-and-reconstruction-watch) und dem Canada Haiti Action Network (http://canadahaitiaction.ca/).<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Anm. d. &#220;bers.: Die 1957 von François „Papa Doc“ Duvalier (1907–1957) errichtete und ab 1971 von seinem Sohn Jean-Claude „Baby-Doc“ Duvalier (1951*) fortgef&#252;hrte Diktatur gilt als eine der brutalsten Milit&#228;rherrschaften der Welt. Sie wurde 1986 durch Massenproteste zu Fall gebracht.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Anm. d. &#220;bers.: Jean-Bertrand Aristide gilt als wichtigster Anf&#252;hrer der Lavalas-Bewegung. Er war von 1990 bis 1991, von 1994 bis 1996 sowie zum letzten Mal von 2001 bis 2004 Staatspr&#228;sident Haitis und lebt heute im Exil in S&#252;dafrika.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Anm. d. &#220;bers.: Die Tontons Macoutes waren eine Miliz bzw. Geheimpolizei, die w&#228;hrend und nach der Duvalier-Diktator Angst und Schrecken verbreitete.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Ives, Kim: How the Earthquake has Affected Haiti‘s National Democratic Revolution and International Geopolitics, Rede gehalten an der Universit&#228;t von Aberdeen, 12.03.2010<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> zitiert nach BBC Radio 4, Zehn-Uhr-Nachrichten, 16.01.2010<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Al Jazeera, 17.01.2010, unter: http://www.youtube.com/watch?v=0F5TwEK24sA<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Anm. d. &#220;bers.: Die USAID (United States Agency for International Development) ist eine wichtige Beh&#246;rde der US-Entwicklungszusammenarbeit und agiert als verl&#228;ngerter Arm des US-Imperialismus.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> USAID unter: http://www.usaid.gov/helphaiti/index.html<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Washington Post, 18.01.2010, unter: http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2010/01/17/AR2010011702941.html<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Democracy Now!, 20.01.2010, unter: http://www.democracynow.org/2010/1/20/devastated_port_au_prince_hospital_struggles<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Stuart Page ist Pr&#228;sident der Page Group, vgl. http://www.pagegroupltd.com/aboutus.html<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> BBC Radio 4, Sechs-Uhr-Nachrichten, 18.01.2010<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> David Belle, Ciné Institute, 17.01.2010, vgl. http://www.cineinstitute.com/news/recovery-and-reportage<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Democracy Now!, 21.01.2010, unter: http://www.democracynow.org/2010/1/20/journalist_kim_ives_on_how_decades<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Telegraph, 19.01.2010, unter: http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/centralamericaandthecaribbean/haiti/7030237/Haiti-earthquake-US-ships-blockade-coast-to-thwart-exodus-to-America.html; BBC News, 17.01.2010, unter: http://news.bbc.co.uk/2/hi/africa/8463921.stm<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> New Statesman, 28.02.2010, unter: http://www.newstatesman.com/international-politics/2010/02/haiti-pilger-obama-venezuela<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> zitiert nach The Nation, 11.03.2010, unter: http://www.thenation.com/article/haitis-excluded <a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> vgl. z.B. Huffington Post, 05.04.2010 unter: http://www.huffingtonpost.com/mark-schuller/haitis-resurrection-promo_b_525104.html; The Root, 09.02.2010, unter: http://www.theroot.com/views/toward-new-haitian-state?page=0,0<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> vgl. Haiti Action, 03.05.2010, unter: http://www.haitiaction.net/News/AFD/5_3_10/5_3_10.html<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> vgl. AP, 27.01.2010, unter: http://www.cbsnews.com/stories/2010/01/27/world/main6146903.shtml<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Partners in Health, 27.07.2010, unter: http://www.pih.org/news/entry/focus-on-haiti-the-road-to-recovery-a-six-month-review/#farmer<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Vgl. Nacla, 31.03.2010, unter: https://nacla.org/node/6547<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Haiti Liberté, 25.08.2010, unter: http://canadahaitiaction.ca/content/drama-haitis-internally-displaced<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> vgl. MR Zine, 02.02.2010, unter: http://mrzine.monthlyreview.org/2010/boychuk020210.html<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> vgl. Socialist Worker, 08.02.2010, unter: http://socialistworker.org/2010/02/08/shock-doctrine-for-haiti<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> The Nation, 11.03.2010, unter: http://www.thenation.com/issue/march-29-2010<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Huffington Post, 21.07.2010, unter: http://www.huffingtonpost.com/mark-schuller/rained-out-opportunities_b_653672.html<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> vgl. Washington Post, 18.01.2010: http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2010/01/17/AR2010011702941.html<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> The New York Times, 17.01.2010, unter: http://www.rand.org/commentary/2010/01/17/NYT.html; The Indypendent, 29.01.2010, unter: http://www.indypendent.org/2010/01/29/plan-for-new-haiti/<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> vgl. Miami Herald, 09.03.2010, unter: http://www.miamiherald.com/2010/02/08/1470013/us-firms-want-part-in-haiti-cleanup.html<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Miami Herald, 09.03.2010, unter: http://www.miamiherald.com/2010/03/09/1521511/groups-jockey-for-role-in-haiti.html<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> The Nation, 11.03.2010, unter: http://www.thenation.com/issue/march-29-2010<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Al Jazeera English, 12.07.2010, unter: http://english.aljazeera.net/programmes/faultlines/2010/07/20107614463473317.html<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> The Dominion, 24.06.2010, unter: http://www.dominionpaper.ca/weblogs/wadner_pierre/3518<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> vgl. Miami Herald, 10.03.2010, unter: http://www.miamiher a ld. com/2010/03/10/1521400/ha i t i &#8211; summi t -unde r -wa y.html#ixzz0xM0gbm00<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Al Jazeera, 10.03.2010, unter: http://www.youtube.com/watch?v=kkNCdy0GXyc&#038;feature=player_embedded<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> AP, 21.02.2010, unter: http://www.canadaeast.com/article/961385<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Socialist Worker, 08.02.2010, unter: http://socialistworker.org/2010/02/08/shock-doctrine-for-haiti<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Time, 03.05.2010, unter: http://www.time.com/time/magazine/article/0,9171,1983898,00.html#ixzz109rriZpq<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> „Aufgrund seiner Armut und dem relativ unregulierten Arbeitsmarkt“, schreibt Paul Collier, „hat Haiti Arbeitskosten, die vollkommen konkurrenzf&#228;hig mit denjenigen in China sind. Arbeit ist nicht nur billig, sondern auch von guter Qualit&#228;t. Da die Bekleidungsindustrie fr&#252;her viel gr&#246;&#223;er war als heutzutage, gibt es einen gro&#223;en Pool an erfahrenen ArbeiterInnen“ (vgl. Collier, Paul: Haiti. From Natural Catastrophe to Economic Security. A Report for the Secretary-General of the United Nations, Oxford 2009, unter: http://www.focal.ca/pdf/haiticollier.pdf ).<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Huffington Post, 28.03.2010, unter: http://www.huffingtonpost.com/richard-morse/haiti-stuck-in-a-trap_b_516164.html<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> vgl. Nacla, 25.04.2008, unter: http://upsidedownworld.org/main/haitiarchives-51/1248-anti-hunger-protests-rock-haiti; IPS, 04.02.2008, unter: http://ipsnews.net/news.asp?idnews=41454<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Christian Science Monitor, 20.04.2010, unter: http://www.csmonitor.com/World/Americas/2010/0420/Haiti-relief-Anger-confusion-as-authorities-relocate-homeless<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> AP, 11.09.2010, unter: http://www.huffingtonpost.com/2010/09/11/haiti-earthquake-just-2-p_n_713338.html<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> The Misoulian, 06.06.2010, unter: http://missoulian.com/news/stateand-regional/article_53238992-71ed-11df-b3ab-001cc4c002e0.html<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> IJDH, 20.07.2010, unter: http://ijdh.org/archives/13361<br />
<a title="anm49" name="anm49" href="#anm_49">49</a> Democracy Now!, 13.07.2010, unter: http://www.democracynow.org/2010/7/13/sean_penn_on_haiti_six_months<br />
<a title="anm50" name="anm50" href="#anm_50">50</a> Huffington Post, 21.07.2010, unter: http://www.huffingtonpost.com/mark-schuller/rained-out-opportunities_b_653672.html<br />
<a title="anm51" name="anm51" href="#anm_51">51</a> AL Jazeera, 12.07.2010, unter: http://english.aljazeera.net/programmes/faultlines/2010/07/20107614463473317.html<br />
<a title="anm52" name="anm52" href="#anm_52">52</a> Al Jazeera, 12.02.2010, unter: http://english.aljazeera.net/programmes/faultlines/2010/02/201021113542380300.html<br />
<a title="anm53" name="anm53" href="#anm_53">53</a> The Wip, 12.07.2010, unter: http://thewip.net/talk/2010/07/weve_lost_the_battle_but_we_ha.html<br />
<a title="anm54" name="anm54" href="#anm_54">54</a> The Nation, 30.03.2010, unter: http://www.thenation.com/article/haitis-excluded?page=full<br />
<a title="anm55" name="anm55" href="#anm_55">55</a> Anm. d. &#220;bers.: Die PPN (Parti Populaire Nationale) ist eine linksgerichtete Volkspartei in Haiti.<br />
<a title="anm56" name="anm56" href="#anm_56">56</a> Al Jazeera, 12.02.2010, unter: http://english.aljazeera.net/programmes/faultlines/2010/02/201021113542380300.html<br />
<a title="anm57" name="anm57" href="#anm_57">57</a> IPS,17.04.2009, unter: http://ipsnews.net/news.asp?idnews=46537; Miami Herald, 08.09.2010, unter: http://www.miamiherald.com/2010/09/08/1813042/unfair-and-undemocratic.html<br />
<a title="anm58" name="anm58" href="#anm_58">58</a> Haiti Analysis, 30.06.2009, unter: http://www.haitianalysis.com/2009/6/30/empty-streets-empty-boxes-haitians-reject-manipulated-election<br />
<a title="anm59" name="anm59" href="#anm_59">59</a> Al Jazeera, 12.02.2010, unter: http://english.aljazeera.net/programmes/<br />
faultlines/2010/02/201021113542380300.html</p>
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		<title>Die globale Krise und der Angriff auf die Demokratie</title>
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		<pubDate>Mon, 01 Nov 2010 17:01:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 12]]></category>
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		<description><![CDATA[Die gegenw&#228;rtige globale Krise wirkt sich nicht nur auf „die Wirtschaft“ aus, sondern geht
verst&#228;rkt auch mit – offenen und versteckten – autorit&#228;ren, antidemokratischen Tendenzen einher. Bonn Juego und Johannes Dragsbaek Schmidt zeigen dies anhand der wundersamen Wiederauferstehung von IWF und Weltbank sowie am Beispiel des „autorit&#228;ren Liberalismus“ in Ost- und S&#252;dostasien.

Die Welt sieht sich derzeit mit dem ern&#252;chternden Zustand des [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die gegenw&#228;rtige globale Krise wirkt sich nicht nur auf „die Wirtschaft“ aus, sondern geht<br />
verst&#228;rkt auch mit – offenen und versteckten – autorit&#228;ren, antidemokratischen Tendenzen einher. <em>Bonn Juego</em> und <em>Johannes Dragsbaek Schmidt</em> zeigen dies anhand der wundersamen Wiederauferstehung von IWF und Weltbank sowie am Beispiel des „autorit&#228;ren Liberalismus“ in Ost- und S&#252;dostasien.<br />
<span id="more-1656"></span><br />
Die Welt sieht sich derzeit mit dem ern&#252;chternden Zustand des globalen kapitalistischen Systems konfrontiert – einer Ansammlung von miteinander verbundenen und voneinander abh&#228;ngigen Krisen. Die gegenw&#228;rtige politisch&#246;konomische Konjunktur ist nichts anderes als das Ergebnis kumulativer Effekte gleichzeitiger Krisen in den Bereichen Finanz, Produktion, Nahrung, &#214;kologie, Energie und Politik, die seit der Nachkriegszeit die Strukturen des weltweiten Kapitalismus heimsuchen. AkteurInnen unterschiedlicher ideologischer Couleur nehmen diese aktuelle Situation als willkommene Gelegenheit wahr, um die Krise ihren jeweiligen Interessen entsprechend zu n&#252;tzen.<br />
Der altgriechische Ursprung des Wortes „Krise“ bezeichnet den „entscheidenden Wendepunkt im Verlauf einer Krankheit, an dem wichtige Ver&#228;nderungen entweder zur Genesung oder zum Tod f&#252;hren“. Ob die multiplen Krisen zur Wiederherstellung oder zum Ende des hegemonialen neoliberalen Systems f&#252;hren werden, wird sich entscheiden durch die „Doppelbewegung“ der sich entfaltenden K&#228;mpfe zwischen jenen, in deren ureigensten Interessen die Aufrechterhaltung des gegenw&#228;rtigen Zustands liegt, und jenen, die f&#252;r eine Ver&#228;nderung der grundlegenden gesellschaftlichen Strukturen einstehen. Forderungen nach einer anderen, demokratischen Zukunft werden zwar „von unten“ Ausdruck verliehen, die Krise hat jedoch bis jetzt keinerlei neue Strategien oder Visionen hervorgebracht, die den marktdominierten (d.h. neoliberalen) gesellschaftlichen Verh&#228;ltnissen Einhalt gebieten k&#246;nnten.<br />
Wir wollen in diesem Artikel zeigen, dass die gegenw&#228;rtige, globale kapitalistische Krise mit einem Angriff auf die Ideale der Demokratie und auf Prozesse der Demokratisierung einhergeht. Analytisch konzentrieren wir uns auf die Politiken und Diskurse internationaler Institutionen, regionaler Organisationen und nationaler Regierungen.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Eine Untersuchung der Reaktionen auf die Krise seitens dieser Institutionen und Staaten in Europa und Asien zeigt einen Anstieg anti-demokratischer Tendenzen, namentlich in Form von Neoliberalismus, autorit&#228;rem Liberalismus und Nationalismus. Wir konzentrieren uns dabei auf zwei Aspekte. Erstens wollen wir darstellen, wie Weltbank und IWF, sowie deren Verb&#252;ndete in den G-20, versuchen, die Krise zu ihrem Vorteil zu n&#252;tzen und ihre seit langem propagierten neoliberalen Programme erneut zu bekr&#228;ftigen. Zweitens wollen wir am Beispiel Ost- und S&#252;dostasiens zeigen, wie schon im Zuge der Asienkrise von 1997 Institutionen des autorit&#228;ren Liberalismus – d.h. einer in autorit&#228;re politische Strukturen eingebetteten, liberalen Marktwirtschaft – in der Region zu neuem Leben erweckt wurden. Dies soll als Beispiel daf&#252;r dienen, dass Marktwirtschaft auch ohne Demokratie wachsen und gedeihen kann.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a></p>
<p><strong>Neoliberalismus und Krise</strong><br />
Wir verstehen Neoliberalismus als die Anwendung von Freihandels-Doktrinen auf nicht nur alle Bereiche wirtschaftlicher Aktivit&#228;t, sondern auch auf die Funktionsweisen &#246;ffentlicher Institutionen. Der Neoliberalismus ist eine bestimmte institutionelle Spielart des Kapitalismus und gekennzeichnet durch: eine spezifische Konfiguration des Kapitalismus (Liberalismus plus neue Institutionen); eine spezifische Ideologie (Marktfundamentalismus); eine spezifische Phase kapitalistischer Nachkriegs-Entwicklung, in der das aufsteigende Finanzkapital zu produktivem Kapital wird; ein spezifisches Set von wirtschaftlichen Reformpolitiken, verankert in den Strukturanpassungsprogrammen (SAPs) des Washington Consensus; eine spezifische Form des Klassenverh&#228;ltnisses (die reelle Subsumption der Arbeit unter das Kapital); und schlie&#223;lich ein spezifischer Prozess der Kapitalakkumulation (der Einsatz von Geld, um mehr Geld zu machen). Der Neoliberalismus hebt, wie David Harvey gezeigt hat, den privaten Wirtschaftssektor, Privatbesitz und die damit verbundenen kulturellen Werte in eine gesellschaftlich dominante Position.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Er widerspricht dem demokratischen Prinzip von gemeinsamer Erfahrung und kollektivem Wissen, also der Idee, dass Regierungen und Institutionen Menschen, nicht Profiten verpflichtet sind, und das Wohlergehen von Gesellschaften &#252;ber jenes der M&#228;rkte zu stellen ist.<br />
Wenn man die Geschichte des Kapitalismus als eine sich stets in Bewegung befindliche Gesamtstruktur betrachtet, erscheint sie als Kreislauf von Krisen und Aufschw&#252;ngen. In der fast vierzigj&#228;hrigen Geschichte des Neoliberalismus waren Krisen funktional f&#252;r dessen Aufrechterhaltung in Bezug auf gesellschaftliche Verh&#228;ltnisse, marktorientierte Entwicklungsstrategien und neoliberale Umstrukturierungen des Staates. Die konstitutive Rolle und der funktionale Effekt von Krisen f&#252;r seine Lebenszyklen zeigt sich daran, dass der Neoliberalismus aus den Krisen der 1970er geboren wurde, sich durch eine Reihe von Krisen im Laufe der letzten 35 Jahre entwickelt hat, und durch die multiplen Krisen, die in die gegenw&#228;rtige globale Krise kulminieren, zu sterben scheint.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> In den letzten 35 Jahren wurden mehr als einhundert Finanzkrisen in aller Welt verzeichnet (und abgesehen von diesen Statistiken ist offensichtlich, dass die Mehrheit der Bev&#246;lkerungen und Gesellschaften der Welt sich seit langem in einem Zustand der Krise befinden). Krisen waren dem Neoliberalismus also von Beginn an inh&#228;rent und haben im Laufe der Jahrzehnte zu einer Reihe von Transformationen beigetragen. Wie ihre altgriechische Bedeutung anzeigt, erzwingt die „krisis“ als „Wendepunkt“ Innovation und Transformation in der kapitalistischen Produktionsweise und tr&#228;gt so zur Sicherung ihrer Hegemonie bei.</p>
<p><strong>Phasen neoliberaler Entwicklung</strong><br />
Der Neoliberalismus wird oft in zwei unterscheidbare, aufeinander folgende Phasen eingeteilt: den <em>Washington Consensus</em> (die erste Generation von Reformen) und den post-Washington Consensus (die zweite Generation von Reformen). Der Unterschied zwischen den beiden Phasen wird oft unzul&#228;ssigerweise auf eine einfache Staat-versus-Markt Debatte reduziert, in welcher der Washington Consensus von der Unterordnung der Staaten unter die M&#228;rkte gekennzeichnet ist, w&#228;hrend der post-Washington Consensus ein Erg&#228;nzungsverh&#228;ltnis zwischen beiden darstellt. Diese Debatte, in der ein Nullsummenspiel zwischen Staat und Markt angenommen wird, f&#252;hrt allerdings auf die falsche F&#228;hrte. Der Neoliberalismus ist, wie jede Form des Kapitalismus, ein politisches Projekt – d.h. er ist auf aktive Interventionen seitens des Staates angewiesen.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> So h&#228;tte der Abbau des Wohlfahrtsstaates nicht ohne die durch staatliche Politik betriebene Schw&#228;chung der Institutionen der ArbeiterInnenbewegung durchgesetzt werden k&#246;nnen. Wenn wir die augenscheinlichen Ver&#228;nderungen des Kapitalismus f&#252;r bare M&#252;nze nehmen, verkennen wir die historische Realit&#228;t aktiver Staatsinterventionen, die seit Beginn der kapitalistischen Entwicklung daf&#252;r sorgen, dass M&#228;rkte funktionieren. Der Unterschied zwischen den beiden Entwicklungsweisen liegt nicht in der Form, sondern im Inhalt, in den Motiven, Zielen und Strategien. Der Washington Consensus zielte darauf ab, einen offenen Weltmarkt durch Strukturanpassungsprogramme, Politiken der Privatisierung, Deregulierung und Liberalisierung sowie durch Reformen des Finanzsystems zu schaffen. Der post-<em>Washington Consensus</em> ist ein Projekt, das auf die Verwirklichung einer „universalen Vereinheitlichung von Wettbewerbsf&#228;higkeit“ durch tiefgreifende institutionelle Reformen und Ver&#228;nderungen von Verhaltensweisen, auf die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts und letztlich auf Human- und Sozialkapital abzielt.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a></p>
<p><strong>Neoliberale Kriseninterventionen</strong><br />
Die Anh&#228;ngerInnen des Neoliberalismus sind sich, als Repr&#228;sentantInnen der Dominanz des Privatkapitals, der Krisenanf&#228;lligkeit und Konflikttr&#228;chtigkeit des Kapitalismus v&#246;llig bewusst. Deshalb haben sie den Neoliberalismus immer zugleich als marktbasierte Entwicklungsstrategie <em>und </em>als Blaupause f&#252;r Kriseninterventionen beworben. Sie betrachten Krisenmomente als perfekte Gelegenheiten zur Intervention, um neoliberale Institutionen und Praktiken tiefer zu verankern. Nehmen wir die aufeinander folgenden Krisen seit den 1980ern als Beispiel. Als Lateinamerika 1982 in eine Schuldenkrise geriet, kn&#252;pften der IWF und pro-kapitalistische politische Kr&#228;fte Strukturanpassungsprogramme als Bedingungen an die notwendigen Umschuldungen, was letztlich zu massiver Deindustrialisierung, steigender Arbeitslosigkeit, Armut und ungleicher Entwicklung in der gesamten Region f&#252;hrte. Seither hatten die Reaktionen auf eine Reihe von Finanzkrisen in den letzten zwanzig Jahren – namentlich Skandinavien (Anfang der 1990er), Mexiko (1994), Ost- und S&#252;dostasien (1997), Russland (1998), Argentinien (2001), T&#252;rkei (2001-2002), US-Hypothekenmarkt (2007), die Gro&#223;e Rezession (2008) – die Etablierung einer offenen „internationalen Finanzarchitektur“ zum &#252;bergeordneten Ziel, in der regulierende Institutionen die Rechte des privaten Kapitals global absichern. Obwohl in manchen F&#228;llen (z.B. in Chile und Malaysia) der Nutzen mancher Kapitalverkehrskontrollen anerkannt wurde, trieben der IWF und die mit ihm verbundenen politischen Kr&#228;fte die Politik der neoliberalen Regulierung voran, um die Anpassung an die vorgebliche Offenheit des internationalen Finanzsystems (d.h. an die &#220;berwachungsinstrumente des IWF) zu gew&#228;hrleisten. In den Worten des fr&#252;heren Chef&#246;konomen der Weltbank, Michael Bruno: „Es existiert ein zunehmender Konsens dar&#252;ber, dass der Schock einer Krise, so sie gro&#223; genug ist, widerwillige Politiker dazu bringen kann, produktivit&#228;tssteigernde Reformen anzugehen.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a></p>
<p><strong>Von der Krise von Weltbank und IWF…</strong><br />
Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts sahen sich die wichtigsten Institutionen der neoliberalen <em>Global Governance</em> – Weltbank, IWF und WTO – mit einer tiefen Glaubw&#252;rdigkeits- und Legitimit&#228;tskrise konfrontiert. Diese ist auf eine Reihe polit-&#246;konomischer Krisen in L&#228;ndern zur&#252;ckzuf&#252;hren, die diese Institutionen selbst h&#228;tten managen, restrukturieren und entwickeln sollen. Zus&#228;tzlich zu ihrer eigenen Budgetkrise, der nur wenig mediale Aufmerksamkeit geschenkt wurde, und mehreren gescheiterten Projekten, verdeutlichen die dramatischen Ereignisse und Enth&#252;llungen rund um die R&#252;cktritte von Joseph Stiglitz und Ravi Kanbur Anfang der 2000er Jahre den harten neoklassischen und neoliberalen Kurs der Weltbank. Und auch die WTO stand am Rande des Kollaps, als die Doha-Runde nach fast f&#252;nf Jahren andauernder Verhandlungen im Sommer 2006 endg&#252;ltig scheiterte. Doch im Zuge der aktuellen globalen Krise stellten sich die Voraussagen &#252;ber den bevorstehenden Untergang dieser neoliberalen multilateralen Organisationen als voreilig heraus. Sie haben sich entgegen der Erwartungen als den Herausforderungen der Krise gewachsen erwiesen und im Rahmen einer konzertierten Anstrengung ihre vorgebliche Legitimit&#228;t und Existenzberechtigung wieder hergestellt, statt die Fehler der Vergangenheit zuzugeben und zu korrigieren.<br />
Noch im Juli 2007 – knapp ein Monat bevor die Hypotheken-Krise in den USA ausbrach – sprach der Wirtschaftswissenschafter und Aktivist Walden Bello anl&#228;sslich des zehnten Jahrestags der Asienkrise vom „Untergang des IWF“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a>. Er argumentierte, dass der IWF selbst ein Opfer der Asienkrise geworden w&#228;re, da Staaten wie Thailand, Indonesien, Malaysia und die Philippinen &#246;ffentlich erkl&#228;rt hatten, sich nie wieder den Bedingungen des W&#228;hrungsfonds zu unterwerfen. Hinzu kam die schwere Legitimit&#228;ts- und Glaubw&#252;rdigkeitskrise, nachdem 2002 mit Argentinien der „Mustersch&#252;ler“ des IWF den Staatsbankrott anmelden musste. Diese Entwicklung f&#252;hrte zudem zu tiefen Einschnitten in das Budget des IWF, da gro&#223;e lateinamerikanische Geberstaaten wie Brasilien, Argentinien und Venezuela ihre Beitr&#228;ge zur&#252;ck behielten.</p>
<p><strong>…zu ihrer Wiederbelebung in der Krise</strong><br />
Doch weniger als zwei Jahre nachdem Bello dieses Untergangsszenario vorgestellt hatte, drehte sich der Wind komplett; die globale Krise hat den IWF wiederbelebt. Die vielleicht gl&#252;cklichste Person weltweit in den Zeiten der Krise ist Dominique Strauss-Kahn, der gesch&#228;ftsf&#252;hrende Direktor des IWF, der auf der Pressekonferenz w&#228;hrend des G-20-Treffens am 2. April 2009 triumphierend verk&#252;ndete:<br />
„Der IWF ist zur&#252;ck. […] Sie sehen den Beweis daf&#252;r, wenn sie das Kommuniqué lesen. Jeder Abschnitt, oder fast jeder Abschnitt – sagen wir, die wichtigen Teile – sind auf die eine oder andere Weise mit dem IWF verbunden.“<br />
Ironischerweise sind es genau jene Staaten, die &#252;ber Jahrzehnte am meisten unter seiner Politik gelitten haben – insbesondere Argentinien, Brasilien und Indonesien, die nach der Erweiterung der G-7 zu den G-20-Staaten geh&#246;ren – die dem W&#228;hrungsfonds nun neues Leben einhauchen, ihm Legitimit&#228;t und Relevanz zur&#252;ckgeben. Auf den Gipfeltreffen der G-20 in London (April 2009) und Pittsburgh (September 2009) wurde festgehalten, dass die internationalen Finanzinstitutionen „eine wichtige unterst&#252;tzende Rolle f&#252;r die Arbeit (der G-20), f&#252;r nachhaltiges Wachstum, Stabilit&#228;t, die Schaffung von Arbeitspl&#228;tzen, Entwicklung und Armutsbek&#228;mpfung spielen. Es ist daher entscheidend, dass diese weiterhin ihre Relevanz, ihre Reaktionsbereitschaft, ihre Effektivit&#228;t und ihre Legitimit&#228;t erh&#246;hen.“<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Dar&#252;ber hinaus wird das neue „G-20 Rahmenwerk f&#252;r starkes, nachhaltiges und ausgewogenes Wachstum“, das verst&#228;rkte wirtschaftliche Kooperation erm&#246;glichen soll, von IWF- und Weltbank-Analysen unterst&#252;tzt. Damit werden die G-20, ungeachtet ihrer Selbststilisierung als blo&#223;es „informelles Forum“, zu einer weiteren strategisch wichtigen Institution, durch die IWF und Weltbank ihre Ziele artikulieren und, was noch wichtiger ist, sich Legitimit&#228;t verschaffen k&#246;nnen. Doch w&#228;hrend die VertreterInnen der G-20 behaupten, sie w&#252;rden nicht nur wirtschaftliche Macht verk&#246;rpern, sondern auch Legitimit&#228;t und Glaubw&#252;rdigkeit genie&#223;en, werden hunderte schwache und marginalisierte L&#228;nder und ihre Bev&#246;lkerungen nicht von dieser Gruppe repr&#228;sentiert und somit au&#223;er Acht gelassen. Die Krise, die den IWF und die Weltbank h&#228;tte umbringen k&#246;nnen, hat diese Institutionen wieder auferstehen lassen. Und jene L&#228;nder, die guten Grund gehabt h&#228;tten, sie zugrunde gehen zu lassen, haben sie letztlich gerettet.</p>
<p><strong>Neoliberale Antworten auf die Krise</strong><br />
W&#228;hrend die Welt im April 2009 gespannt nach London blickte und sich manche vom dortigen G-20-Treffen eine Ver&#228;nderung der globalen Wirtschaftsordnung erhofften, war es nicht schwer, die Reaktionen auf die Krise seitens der G-20-Mitgliedsstaaten sowie von IWF und Weltbank voraus zu sehen. Eine aufmerksame Lekt&#252;re der Dokumente, die IWF und Weltbank im Vorfeld des Londoner Gipfels erstellt hatten, lie&#223; bereits erahnen, welche Antworten auf die globale Krise vorgeschlagen werden w&#252;rden. Die Krise sollte nicht als M&#246;glichkeit zur Schw&#228;chung des neoliberalen Projekts wahrgenommen werden, sondern im Gegenteil als Gelegenheit, eine wirklich offene, weltweite Finanzarchitektur und wettbewerbsf&#228;hige M&#228;rkte zu schaffen, die auf globaler Ebene von IWF und Weltbank selbst eingesetzt, koordiniert und reguliert wird. Der <em>Global Monitoring Report</em> 2009 der Weltbank wiederholt das exakt selbe neoliberale Programm und Projekt, das seit den fr&#252;hen 1990er Jahren verfolgt wurde.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Konkret identifiziert die Weltbank sechs Priorit&#228;tsfelder<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a>: (1.) fiskalpolitische Ma&#223;nahmen zur Sicherung makro&#246;konomischer Stabilit&#228;t; (2.) St&#228;rkung des privaten Sektors in den Bereichen Kapitalanlage, Handel, Gewerbe und Finanzen, um die Stabilit&#228;t des Finanzsystems zu erh&#246;hen; (3.) „verst&#228;rkter Einsatz des privaten Sektors im Bereich der Finanzierung und Durchf&#252;hrung von Dienstleistungen“; (4.) Einwirken auf nationalstaatliche Regierungen, gegen verst&#228;rkten Druck in Richtung Protektionismus einzustehen und ein „offenes internationales Handels- und Finanzsystem aufrecht zu erhalten“; (5.) beschleunigter Abschluss der Doha-Verhandlungen; und (6.) &#220;bernahme einer „Schl&#252;sselposition“ durch Weltbank und IWF in der &#220;berbr&#252;ckung finanzieller Engp&#228;sse, die Entwicklungsl&#228;nder durch den R&#252;ckgang privater Kapitalfl&#252;sse zu erleiden haben. Dies wird verbunden mit dem Aufruf, den beiden Institutionen „den Auftrag, die Ressourcen und die notwendigen Instrumente zu verleihen, um eine effektive Reaktion auf die globale Krise zu unterst&#252;tzen“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a>. Einige Tage vor dem Gipfeltreffen in London wiederholte Robert Zoellick, Pr&#228;sident der Weltbank, diese Ideen und schlug eine Strategie zur Wiederbelebung multilateraler Abkommen vor, konkret „ein WTO-basiertes Monitoring-System“, das die Doha-Verhandlungen komplettieren soll; eine &#220;berwachungsrolle des IWF zur Bewertung von Konjunkturpaketen; und eine „Revision des Finanzregulierungs- und -aufsichtssystems“, in der nationalen Regierungen die Autorit&#228;t im Rahmen eines erweiterten Finanzstabilit&#228;tsforums &#252;bertragen wird, wobei letzteres „mit dem IWF und der Weltbankgruppe“ zusammen arbeiten soll.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Auch das vom IWF im Februar 2009 herausgegebene Papier <em>Initial Lessons of the Crisis for the Global Architecture and the IMF</em> sieht die Krise als „einmalige Gelegenheit […] Fortschritte in scheinbar unl&#246;sbaren Fragen zu erreichen.“ Diese Gelegenheit gilt es laut IWF zu nutzen. Zwar wird eingestanden, dass „die Krise Schw&#228;chen an zentralen Punkten der Finanzarchitektur offengelegt hat“, die Quintessenz lautet jedoch, die alten Prinzipien und Politikvorschl&#228;ge wieder und wieder neu aufzuw&#228;rmen. Der IWF fordert (1.) &#220;berwachungsmechanismen, die schon nach der Asienkrise 1997 und dem Platzen der dot-com-Blase 2001 Schw&#228;chen und Risiken fr&#252;hzeitig aufsp&#252;ren h&#228;tten sollen; (2.) eine St&#228;rkung ihrer eigenen Institution und das Mandat, „F&#252;hrung zu &#252;bernehmen, wo es um die systemischen Aspekte der Weltwirtschaft geht“; (3.) Regeln f&#252;r grenz&#252;berschreitende Finanztransaktionen und (4.) ausreichende und jederzeit verf&#252;gbare Ressourcen „zum Ausgleich von Liquidit&#228;tsengp&#228;ssen und zur Abschw&#228;chung von W&#228;hrungsschwankungen“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a>.<br />
In Summe kann festgehalten werden, dass trotz der verheerenden Folgen und dem gewaltigen Ausma&#223; der Krise die Institutionen der <em>Global Governance</em> an den Grundpfeilern des Neoliberalismus festhalten. Ihr Ziel ist es nicht, die Doktrin des freien Marktes aufzugeben, sondern sie in st&#228;rkere und bessere Institutionen einzubetten und dadurch noch weiter zu treiben. Doch dies l&#228;sst die Frage offen: st&#228;rkere und bessere Institutionen <em>f&#252;r wen?</em> Ihre Antwort ist eindeutig: f&#252;r den Markt, nicht f&#252;r die Menschen.</p>
<p><strong>Autorit&#228;rer Liberalismus in Asien</strong><br />
Die Best&#228;rkung des Neoliberalismus im Moment seiner eigenen Krise durch internationale Organisationen kennt man auch aus Asien. Anders, als es der beliebte Begriff der „Entwicklungsstaaten“ nahe legt, wurde in Ost- und S&#252;dostasien, seitdem die Region in die Kreisl&#228;ufe der neoliberalen Globalisierung eingebunden ist, eine spezifische Staatsform institutionalisiert. Diese kann als „autorit&#228;rer Liberalismus“ bezeichnet werden: eine liberale Marktwirtschaft, die in ein autorit&#228;res politisches Institutionengef&#252;ge eingebettet ist. Dieses Gef&#252;ge stellt den Rahmen dar, in dem die Region auf die globale Krise reagiert. Erfahrungen, die w&#228;hrend der Asienkrise 1997 und nach den Anschl&#228;gen vom 11. September 2001 gemacht wurden, und die Reaktionen auf die Krise seitens der Asiatischen Entwicklungsbank (AsEB) sowie der ASEAN (Association of Southeast Asian Nations) k&#246;nnen herangezogen werden, um m&#246;gliche – und wahrscheinliche – Auswirkungen der gegenw&#228;rtigen Krise besser zu verstehen.<br />
Die zwei prominentesten Thesen des politik- und wirtschaftswissenschaftlichen Mainstreams k&#246;nnen die gegenw&#228;rtige politische &#214;konomie Ost- und S&#252;dostasiens nur unzureichend erkl&#228;ren. Das erste, modernisierungstheoretische Argument besagt, dass &#246;konomische Globalisierung notwendigerweise die Ausbreitung liberaler Demokratien mit sich bringt; die zweite These, jene des „Demokratischen Friedens“, behauptet, dass zwischen demokratischen Staaten keine Kriege stattfinden. Die Restrukturierung der Staaten in Ost- und S&#252;dostasien als Prozess in Richtung eines autorit&#228;ren Liberalismus zu begreifen, kann dagegen eine tragf&#228;higere „Lesart“ dieser Entwicklung anbieten. Ein Blick auf die beiden gro&#223;en Krisen, die Asien in den letzten Jahrzehnten heimgesucht haben – die Asienkrise 1997 und die Anschl&#228;ge vom 11. September 2001 – zeigt, dass und wie Krisen funktional f&#252;r die Institutionalisierung des autorit&#228;ren Liberalismus waren.</p>
<p><strong>„Demokratische Momente“?</strong><br />
Der Umst&#252;rze zweier Milit&#228;rdiktaturen – der von Ferdinand Marcos auf den Philippinen 1986 und jener Suhartos in Indonesien 1998 – wurden oft als „demokratische Momente“ wahrgenommen, die den Fortschritt des Demokratisierungsprozesses in der ganzen Region anzeigen sollten. Der dominante Diskurs sowohl in den Sozialwissenschaften als auch unter PolitikerInnen prophezeite zu jener Zeit, dass die Liberalisierung der Wirtschaft die Entwicklung liberaler und demokratischer Regierungsformen antreiben w&#252;rde. Ebenso wurde behauptet, dass die Befreiung einer mit neuem Selbstvertrauen ausgestatteten, progressiven Mittelschicht von autorit&#228;ren Regimen ein funktionales Erfordernis f&#252;r florierende M&#228;rkte sei. Heute klingen solche Behauptungen hohl. In theoretischer Hinsicht waren die Modelle, die vom Mainstream der „&#220;bergangsdebatte“ angeboten wurden, schon immer wenig &#252;berzeugend. Sie entleerten den Begriff der Demokratie von jeder gesellschaftlichen Bedeutung im Sinne popularer Macht und reduzierten ihn auf formale und prozedurale Kriterien, symbolisiert v.a. durch das Abhalten von Wahlen und die „Effektivit&#228;t“ politischer Institutionen. Die Prinzipien und damit verbundenen Praktiken der Souver&#228;nit&#228;t des Volkes, etwa die Verantwortung und Rechenschaftspflicht der Regierungen, die M&#246;glichkeit der freien politischen Meinungs&#228;u&#223;erung oder Partizipationsm&#246;glichkeiten f&#252;r B&#252;rgerInnen, kamen in den Forschungsprogrammen praktisch nicht vor. Der empirische Befund legt f&#252;r Asien jedoch eine deutlich andere Diagnose nahe, als es der dominante Diskurs suggeriert. Er verweist auf die Begrenztheit der Rechenschaftspflicht der Regierungen, die Beschr&#228;nkung politischer und ziviler Rechte, die Einschr&#228;nkung der Vereinigungsfreiheit sowie auf unfreie und unfaire Wahlen. Tats&#228;chlich bringen neoliberale Globalisierung und die damit verbundene krisenanf&#228;llige Wirtschaftsordnung nicht den Triumph der liberalen Demokratie mit sich, sondern ihren Untergang. Wenn die vergangenen zwei Jahrzehnte uns etwas &#252;ber das Verh&#228;ltnis von Demokratie und polit&#246;konomischer Ordnung gelehrt haben, dann dass die Marktwirtschaft auch ohne Demokratie wachsen und gedeihen kann.15 Die Eliten Asiens werden nicht notwendigerweise zu Kr&#228;ften des politischen Liberalismus und der Demokratie; wenn es ihren Interessen dient, k&#246;nnen sie auch offen antiliberale und antidemokratische Haltungen annehmen.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a></p>
<p><strong>Asienkrise 1997</strong><br />
Die Asienkrise von 1997 beschleunigte einen Prozess der Reorganisation staatlicher Autorit&#228;ten in Ost- und S&#252;dostasien, der schon lange zuvor in Gang gesetzt worden war. Zentral f&#252;r diese neuen polit-&#246;konomischen Formen war „das Entstehen eines neuen regulierenden Staates, der direkt auf die Herstellung &#246;konomischer und gesellschaftlicher Ordnung innerhalb der globalisierten Wirtschaft abzielt“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a>. Das dahinterstehende Prinzip war klar: Durch die Einsetzung neuer Regelwerke versuchte der Staat, eine Reihe wichtiger &#246;konomischer Institutionen vom Einfluss demokratischer Willensbildung abzuschotten, um dadurch die Marktordnung zu sch&#252;tzen. Das Ergebnis ist die Verschmelzung autorit&#228;rer Politikformen mit regelbasierten <em>Governance</em>-Strukturen in unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Feldern.<br />
Ein Blick zur&#252;ck auf die Erfahrungen von 1997 zeigt, dass die politischen Strategien und Ma&#223;nahmen, die in Reaktion auf die Asienkrise durchgef&#252;hrt wurden, auf Kosten der Demokratisierung, der Menschenrechte und letztlich der armen Bev&#246;lkerung gingen. Erstens bot die Krise den Eliten in Asien den politischen, wirtschaftlichen und intellektuellen Vorwand f&#252;r autorit&#228;re Ma&#223;nahmen – rhetorisch verpackt als „asiatische Werte“ – etwa in Malaysia, Singapur, China und Thailand. Diese Eliten waren die selben, die behauptet hatten, das System der europ&#228;ischen Wohlfahrtsstaaten w&#252;rde nicht zu den asiatischen Gegebenheiten passen. Zweitens wurden durch die Krise Menschenrechtsthemen an den Rand gedr&#228;ngt, B&#252;rgerrechte im Namen der inneren Sicherheit (z.B. in Malaysia und Singapur) und soziale Rechte zu Sparzwecken eingeschr&#228;nkt (z.B. in Indonesien, Thailand und auf den Philippinen). Und drittens zielten die politischen Reaktionen auf die Krise darauf ab, M&#228;rkte und Unternehmen zu retten. So wurde am zweiten Asien-Europa-Treffen (ASEM-2), das 1998 in London stattfand, der <em>ASEM Trust Fund</em> eingerichtet, der aus Mangel an politischem Willen ohne angemessene institutionelle Mechanismen ausgestattet wurde und deshalb das Ziel, die Armen und ArbeiterInnen als die am st&#228;rksten von der Krise Betroffenen zu unterst&#252;tzen, verfehlen musste. Kurz gesagt zeigte sich, dass in Zeiten der Krise die M&#246;glichkeit besteht, Demokratisierungsprozesse hintan zu stellen, Menschenrechte zu ignorieren und die arme Bev&#246;lkerung zu vernachl&#228;ssigen.</p>
<p><strong>Der Sicherheitskomplex Asien nach 9/11</strong><br />
Auch die Krise in Folge der Anschl&#228;ge vom 11. September 2001 konnte nicht am autorit&#228;ren Liberalismus in Asien r&#252;tteln. Im Gegenteil bot der US-gef&#252;hrte „Krieg gegen den Terror“ asiatischen Regierungen die Gelegenheit, staatliche &#220;berwachungs- und Internierungspolitiken auszubauen. Staaten in Asien mit semiautorit&#228;ren Regimen wurden zu strategisch wichtigen Einsatzpunkten im Kampf gegen den Terrorismus. Die Menschenrechtssituation hat sich in der Region seit 9/11 drastisch verschlechtert, wobei eine Reihe von F&#228;llen – von Morden an MenschenrechtsaktivistInnen und JournalistInnen auf den Philippinen bis zu Angriffen auf M&#246;nche und deren SympathisantInnen in Burma – Schlagzeilen machte.<br />
Das Post-9/11-Asien ist also eine Art Sicherheitskomplex, der aus verschiedenen autorit&#228;ren Systemen zusammengesetzt ist.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Die Stabilit&#228;t der Region scheint eher auf einer „friedlichen Koexistenz der Autoritarismen“ und einer Politik der wechselseitigen Nichteinmischung zu beruhen statt auf einem „demokratischen Frieden“. Wir beobachten eine Wiederauferstehung oder Versch&#228;rfung des Autoritarismus: Semiautorit&#228;re Regime in Malaysia und Singapur; eine Milit&#228;rregierung in Burma/Myanmar; die prominente Rolle von Milit&#228;r und Monarchie in Thailand; Ein-Parteien-Systeme in China, Laos, Kambodscha und Vietnam; eine Kultur der Straffreiheit und anhaltende Militarisierung in den indonesischen Regionen Aceh und Papua; und eine f&#252;r<br />
autorit&#228;re Vorschl&#228;ge zumindest empf&#228;ngliche philippinische Regierung.</p>
<p><strong>Die <em>Asian Development Bank</em> (ADB) und ASEAN</strong><br />
Die ADB reagierte auf die Krise und die damit verbundenen Fiskalprobleme ihrer Mitgliedsstaaten im Zeitraum 2009-2010 mit Hilfestellungen im Wert von 32 Milliarden USDollar.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> F&#252;r die ADB ist das <em>banking as usual</em> – es handelt sich um Kredite mit einer Laufzeit von zwischen f&#252;nf und 15 Jahren, vergeben an „bed&#252;rftige“ asiatische Staaten, mit fixen oder flexiblen Zinss&#228;tzen, die von der <em>London Interbank Offered Rate</em> (LIBOR) festgelegt werden.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Das Vorgehen ist typisch f&#252;r die Ziele und Priorit&#228;ten der ADB: 44 Prozent der Kredite flie&#223;en in Programme, die das Wirtschaftswachstum stimulieren und das Vertrauen des privatwirtschaftlichen Sektors wieder herstellen sollen; 35 Prozent sind f&#252;r Strukturreformen im Rahmen der <em>„Countercyclical Support Facility“</em> vorgesehen, die das Investmentklima verbessern sollen; 12 Prozent f&#252;r Handelserleichterungen, um den Privatsektor zu entlasten; aber nur sechs Prozent f&#252;r Infrastrukturma&#223;nahmen und mickrige 3 Prozent f&#252;r soziale Sicherung.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Selbstverst&#228;ndlich m&#252;ssen die Schuldnerstaaten – sprich: die Bev&#246;lkerungen und SteuerzahlerInnen – f&#252;r die R&#252;ckzahlung der Kredite einstehen, &#252;bernehmen alle damit verbundenen Risiken und k&#246;nnen somit selbst dann haftbar gemacht werden, wenn die Privatwirtschaft gegen die Wand f&#228;hrt und f&#252;r die Krise verantwortlich ist.<br />
Einen Monat vor dem G-20-Gipfel in London traten die Staats- und Regierungschefs der ASEAN in Chaam Hua Hin, Thailand, zu ihrem 14. Treffen zusammen und diskutierten, welche Punkte Indonesien (als einziges G-20-Mitglied) auf die Tagesordnung der G-20 setzen sollte. In ihrer Abschlusserkl&#228;rung &#252;bernehmen sie die Argumente – und teilweise die wortw&#246;rtlichen Formulierungen – die zuvor von Weltbank, IWF und ADB in ihren jeweiligen Statements ausgearbeitet worden waren. Sie entspricht v&#246;llig dem bisherigen Bekenntnis der ASEAN zu den neoliberalen Idealen von Freihandel, Wettbewerbsf&#228;higkeit und offenen M&#228;rkten, die w&#228;hrend der letzten Dekade institutionalisiert worden waren und in den kommenden Jahren wohl weiter verfolgt werden. Mit der Annahme der ASEAN-Charter verpflichteten sich die Mitgliedsstaaten Ende 2008 zu einer verst&#228;rkten asiatischen Integration, die nach dem Vorbild der EU die Schaffung eines gemeinsamen Binnenmarktes und eines gemeinsamen Wirtschaftsraums bis 2015 vorsieht.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Anstatt angesichts der gegenw&#228;rtigen Krise den Versprechen des Freihandels etwas mehr Misstrauen entgegen zu bringen, schloss die ASEAN dar&#252;ber hinaus zwischen Februar und August 2009 fast jeden Monat ein Investitionsund Freihandelsabkommen im asiatisch-pazifischen Raum (Australien und Neuseeland), im Osten (S&#252;dkorea und China) und im S&#252;den (Indien) Asiens ab.</p>
<p><strong>Das Projekt ASEAN 2015</strong><br />
Die gegenw&#228;rtigen Reaktionen der ost- und s&#252;dostasiatischen Staaten auf die globale Krise zeigen deutlich, dass es keine Zur&#252;cknahme des autorit&#228;ren Liberalismus gibt. Sowohl die milliardenschweren Konjunkturpakete als auch die riesigen ADB-Kredite zielen eindeutig auf die Wiederherstellung von Wirtschaftswachstum, die Unterst&#252;tzung der Privatwirtschaft und eine offene, freie Marktwirtschaft ab, und ignorieren weitgehend die soziale Absicherung der Armen.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Hinzu kommt, dass in der gegenw&#228;rtigen, instabilen polit-&#246;konomischen Situation das Risiko besteht, dass die Dollar-Milliarden enorme Budgetdefizite nach sich ziehen und dadurch eine weitere Schuldenkrise ausgel&#246;st wird.<br />
Tats&#228;chlich wurde erst im Kontext dreier aufeinander folgender &#246;konomischer Krisen w&#228;hrend der letzten zehn Jahre das ehrgeizige Projekt eines gemeinsamen ASEAN-Marktes durchgesetzt. Mit diesem haben sich die zehn Mitgliedsl&#228;nder kategorisch auf die Vertiefung von Freihandel, Wettbewerbsorientierung und eine offene Marktwirtschaft – also die Fortf&#252;hrung des neoliberalen Kurses – festgelegt. Jedoch existiert diese Festlegung zun&#228;chst nur auf dem Papier. Die Umsetzung geschieht auf Ebene der einzelnen Nationalstaaten, und die Durchf&#252;hrbarkeit der Vision eines gemeinsamen Marktes bis 2015 ger&#228;t durchaus mit der Realpolitik asiatischer Eliten in Konflikt – denn es sind deren Interessen, keine Ideologien, die letztlich z&#228;hlen. Die Eliten Asiens k&#246;nnen zutiefst anti-marktwirtschaftlich und wettbewerbshemmend agieren, wenn dies ihren Interessen entspricht.</p>
<p><strong>Fazit</strong><br />
Die globale Krise ist nicht die einzige Ursache f&#252;r die anti-demokratischen Tendenzen, die wir identifiziert haben, aber sie hat den schon l&#228;nger existierenden diskursiven und institutionellen Angriff auf die Demokratie versch&#228;rft und beschleunigt. Die hegemonialen neoliberalen AkteurInnen haben die Krise als Chance wahrgenommen, diese zu ihrem Vorteil zu nutzen und neoliberale Politiken zu erneuern und zu st&#228;rken. W&#228;hrend Weltbank, IWF und ihre G-20-Verb&#252;ndeten von Reformen sprechen, l&#228;uft ihre Strategie auf eine Restrukturierung der gesellschaftlichen Klassenverh&#228;ltnisse hinaus, welche die Hegemonie des Kapitals und die Macht der Eliten sichern, Entwicklungsstrategien (von Staaten wie von internationalen Organisationen) in Richtung Marktorientierung festschreiben und das Institutionengef&#252;ge in Staat und Gesellschaft entsprechend der Logiken, Anforderungen und Imperative des Neoliberalismus umgestalten soll. Die grundlegenden Regeln und Werte der politischen &#214;konomie sollen den Marktkr&#228;ften unterworfen werden, nicht der Demokratie.<br />
Die Staaten Ost- und S&#252;dostasiens reagieren auf die Krise im Rahmen eines polit-&#246;konomischen Regimes, das wir als autorit&#228;ren Liberalismus bezeichnen. Die Erfahrungen aus den Krisen von 1997 und nach dem 11. September 2001 sind eindeutig; die <em>banking as usual</em>-Politik der ADB bevorzugt weiterhin den privatwirtschaftlichen Sektor; und das ASEAN-2015-Projekt eines gemeinsamen Binnenmarkts verweist auf die weitere Verankerung des autorit&#228;ren Liberalismus als Staatsform im Prozess der neoliberalen Reproduktion der R&#228;ume des Kapitalismus in Zeiten der multiplen Krise.<br />
Eine dritte Tendenz<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> ist das Erstarken des Nationalismus in den USA und Europa. Das reicht von protektionistischer Wirtschaftspolitik bis zu Rassismus, Islamophobie, (neo-) kolonialistischen Entwicklungsstrategien und einer restriktiven, ausgrenzenden Migrationspolitik. Diese Praxen sind ausschlie&#223;end und grundlegend undemokratisch.<br />
Diese Krise zeigt deutlich die Schwachstellen des globalen Kapitalismus im Allgemeinen und des Neoliberalismus im Speziellen. Doch in einer Situation, in der die politische und &#246;konomische Machtkonstellation weiterhin die hegemonialen Akteure und Strukturen massiv bevorzugt, bef&#246;rdert der „zeit-r&#228;umliche fix“<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> der gegenw&#228;rtigen globalen Krise die Reproduktion des Neoliberalismus und anti-demokratische Projekte. Die sich versch&#228;rfenden Angriffe auf die Demokratie zeigen, wo, warum und wie Widerstand geleistet und K&#228;mpfe gef&#252;hrt werden k&#246;nnen und sollen.</p>
<p><em>Bonn Juego</em> hat Politikwissenschaft auf den Philippinen und in Malaysia studiert und ist aktuell PhD Fellow an der Universit&#228;t Aalborg.</p>
<p><em>Johannes Dragsbaek Schmidt</em> ist au&#223;erordentlicher Professor an der Universit&#228;t Aalborg. Zuletzt hat er auf Deutsch ver&#246;ffentlicht: Finanzkrise, Sozialkrise und ungleiche Entwicklung in S&#252;dkorea und Thailand, in: K&#252;blb&#246;ck, Karin/Staritz, Cornelia (Hg.): Asienkrise: Lektionen gelernt? Finanzm&#228;rkte und Entwicklung, Hamburg 2008, S. 143-158</p>
<p>&#220;bersetzung: <em>Benjamin Opratko</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Wenn die Analyseebene „von unten“ gew&#228;hlt – d. h. auf Zivilgesellschaft und soziale Bewegungen fokussiert – wird, l&#228;sst sich nat&#252;rlich argumentieren, dass die blo&#223;e Tatsache, dass Oppositionspolitik und Widerstand existiert, als Anzeichen f&#252;r Demokratisierung gewertet werden kann.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Anm. d. Red.:In einer l&#228;ngeren Version dieses Artikels gehen die Autoren auf eine dritte globale Tendenz ein, die sie in diesem Zusammenhang f&#252;r wichtig halten: das Erstarken von Nationalismus, Rassismus und (neo-)kolonialen Entwicklungsstrategien in Europa und den USA. Aus Platzgr&#252;nden kann dieser Aspekt hier nicht n&#228;her behandelt werden, eine ausf&#252;hrliche Auseinandersetzung damit l&#228;sst sich aber in der Originalversion nachlesen: Juego, Bonn/Schmidt, Johannes Dragsbaek: The Global Crisis and the Assault on Democracy. Paper presented at the Conference ‘After the Gold Rush: Economic Crisis and Consequences’, University of Iceland, Reykjavik, unter: http://vbn.aau.dk/files/32589147/Juego&#038;Schmidt%20(2010),%20The%20Global%20Crisis%20and%20the%20Assault%20<br />
on%20Democracy.pdf<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Harvey, David: Kleine Geschichte des Neoliberalismus, Z&#252;rich 2007<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Zwar ist die neoliberale Form des Kapitalismus gestorben (d.h. der Marktfundamentalismus oder das Fehlen direkter staatlicher Intervention in den Markt), aber nicht der Kapitalismus als Prozess der Kapitalakkumulation und als Verh&#228;ltnis, in dem Arbeit unter Kapital subsumiert wird. (vgl. Juego, Bonn/Schmidt, Johannes Dragsbaek: Unpacking the Global Crisis: Neo-liberalism, Financial Crises, and Authoritarian Liberalism, Paper presented at the Sixth Historical Materialism Conference: ‚Another World is Necessary: Crisis, Struggle and Political Alternatives’, London, 2009).<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Polanyi, Karl: The Great Transformation. Politische und &#246;konomische Urspr&#252;nge von Gesellschaften und Wirtschaftssystem, Frankfurt/M. 1978; vgl. Bugra Ayse/Agartan, Kaan (Hg.): Market Economy as a Political Project: Reading Karl Polanyi for the 21st Century, Basingstoke 2007<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Cammack, Paul: The Evolving Agenda of „Poverty Reduction“: from Structural Adjustment to Universal Competitiveness, Paper presented at the ISA Annual Convention, New York 2009, unter: http://www.allacademic.<br />
com//meta/p_mla_apa_research_citation/3/1/0/3/7/pages310370/p310370-1.php<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Bruno, Michael: Deep Crises and Reform: What Have We Learned?, Washington D.C. 1996, S. 4; vgl. auch Klein, Naomi: Die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus, Frankfurt 2007<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Bello, Walden: All Fall Down, unter: http://www.fpif.org/articles/all_fall_down<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> G-20: Communiqué, Meeting of Finance Ministers and Central Bank Governors, 7 (2009), Abschnitt 5<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Cammack, Paul: The Governance of Global Capitalism, in: Historical Materialism 11(2) 2003, S. 37–59; ders.: „All Power to Global Capital!“, Papers in the Politics of Global Competitiveness 10, Institute for Global Studies, Manchester Metropolitan University, unter: http://e-space.openrepository.com/e-space/bitstream/2173/6190/3/The%20Politics%20of%20Global%20Competitiveness.pdf<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> vgl. World Bank: Global Monitoring Report 2009: A Development Emergency, Washington 2009<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> ebd., S. xii<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Zoellick, Robert: Seizing Opportunity from Crisis; Making Multilateralism Work, The World Bank, 31 March 2009, unter: http://web.worldbank.org/WBSITE/EXTERNAL/NEWS/0,,contentMDK:22121476~pagePK:34370~piPK:42770~theSitePK:4607,00.html<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> IMF: Initial Lessons of the Crisis for the Global Architecture and the IMF, Washington 2009, S. 13<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Juego, Bonn: Constitutionalizing „Authoritarian Liberalism“ in the Philippines: A Critique of the Political Economy of Charter Change, in: Global Development Studies Research Series, 1 (2008), unter: http://vbn.aau.dk/files/14000082/1_GDS_wp.pdf<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Rodan, Gary/Hewiso, Kevin/Robison, Richard (Hg.): Political Economy of South-East Asia: Markets, Power and Contestation, Sydney 2006<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Jayasuriya, Kanishka: Beyond Institutional Fetishism: From the Developmental to the Regulatory State, in: New Political Economy, 10(2005), S. 381–387; vgl. ders.: Authoritarian Liberalism, Governance<br />
and the Emergence of the Regulatory State in Post-Crisis East Asia, in: Robison, Richard et al. (Hg.): Politics and Markets in the Wake of the Asian Crisis, London 2000, S. 315-329 sowie ders.: Governance, Post Washington Consensus and the New Anti Politics, in: Working Papers Series No. 2 Southeast Asia Research Centre, City University of Hong Kong 2001, unter: http://www6.cityu.edu.hk/searc/Data/FileUpload/189/WP2_01_Jayasuriya.pdf<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Juego, Bonn: Securitization against Democratization: War on Terrorism, Authoritarian Liberalism, and Neoliberalism in Post-9/11 Southeast Asia, in: Brockmann, Katrin/Hauck, Hand Bastian/Reigeluth, Stuart (Hg.): From Conflict to Regional Stability: Linking Security and Development, Berlin 2008, S. 71–81<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> ADB: ADB’s Response to the Global Economic Crisis: An Update, 2009<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> vgl. ADB: ADB Financial Products, 2008<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> ADB 2009, a.a.O.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> ebd.; ASEAN: Annual Report 2008-2009: Implementing the Roadmap for an ASEAN Community 2015, Jakarta 2009<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> vgl. ASEAN: Economic Stimulus: Thailand, Malaysia spend billions to boost economy, ASEANAffairs.com 2008; ADB 2009, a.a.O.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> siehe Fu&#223;note 2<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Anm. d. &#220;bers.: Der marxistische Wirtschaftsgeograph David Harvey bezeichnet als „raum-zeitlichen fix“ Strategien, in denen &#252;berakkumuliertes Kapital dem Kapitalkreislauf entzogen wird, indem es an bestimmten Orten investiert und dadurch auf bestimmte Zeit gebunden („fixiert“) wird. Solche „fixes“ k&#246;nnen als tempor&#228;re L&#246;sung von durch &#220;berakkumulation verursachten Krisen dienen, (engl. „to fix“ kann auch „reparieren“ hei&#223;en), schieben diese aber zugleich immer nur zeitlich hinaus (vgl. Harvey, David: Der neue Imperialismus, Hamburg 2005; sowie die Einleitung der &#220;bersetzerInnen in Silver, Beverly: Forces of Labor. Arbeiterbewegungen und Globalisierung seit 1870, Berlin 2005).</p>
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