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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Was macht die Linke in&#8230;</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Prolet und Prophet</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:52:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rastapeace</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 4]]></category>
		<category><![CDATA[Ägypten]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsbewegung]]></category>
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		<description><![CDATA[<p class="Zwischenueberschrift" style="text-align: justify"><span lang="DE">Im Winter 2006/07 und im gesamten folgenden Jahr erlebte &#196;gypten die gr&#246;&#223;te Streikbewegung seit den 1950er Jahren, die nicht nur die &#228;gyptische Wirtschaft, sondern auch das politische System der Mubarak-Diktatur tief ersch&#252;tterte. </span><em>Ramin Taghian</em> &#252;ber Chancen und Herausforderungen einer ArbeiterInnenbewegung.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="Zwischenueberschrift" style="text-align: justify"><span lang="DE">Im Winter 2006/07 und im gesamten folgenden Jahr erlebte &#196;gypten die gr&#246;&#223;te Streikbewegung seit den 1950er Jahren, die nicht nur die &#228;gyptische Wirtschaft, sondern auch das politische System der Mubarak-Diktatur tief ersch&#252;tterte. </span><em>Ramin Taghian</em> &#252;ber Chancen und Herausforderungen einer ArbeiterInnenbewegung.<br />
<span id="more-55"></span>
</p>
<p class="MsoNormal"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Offizielle Stellungnahmen der &#228;gyptischen Regierungsbeh&#246;rden zur eskalierenden Bewegung versuchten die Verantwortung der Muslimbruderschaft und vom Ausland finanzierten </span><em>agents provocateurs</em><span lang="DE"> in die Schuhe zu schieben. Dies passt hervorragend in die bisherige Vorgehensweise der &#228;gyptischen herrschenden Klasse in der Auseinandersetzung mit jeglicher Art von Opposition. Wenn nur das Wort „Muslimbruderschaft“ f&#228;llt, gilt das seit jeher als Legitimation, um mit &#228;u&#223;erster H&#228;rte gegen Kritik am Regime vorzugehen. Tats&#228;chlich ist die Muslimbruderschaft die gr&#246;&#223;te politische Oppositionskraft in &#196;gypten. Doch ihre Rolle im „ArbeiterInnenaufstand“ des vergangenen Jahres war relativ marginal gemessen an ihrer Gr&#246;&#223;e und ihrer oppositionspolitischen St&#228;rke. Auch andere politische Gruppierungen, insbesondere der Linken, hatten bisher nur wenige Kontakte zur ArbeiterInnenbewegung etablieren k&#246;nnen. Was waren die Beweggr&#252;nde und Motive f&#252;r den Ausbruch der Streikbewegung und in welchem Verh&#228;ltnis steht sie zur politischen Opposition?<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">&#214;konomische Restrukturierung<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die &#228;gyptische Wirtschaft befindet sich seit den fr&#252;hen 1990er Jahren in einer Umbruchsphase. Infolge der Verstaatlichungspolitik unter Gamal Abdel Nasser in den 1960er Jahren war ein gro&#223;er Teil der Wirtschaft, besonders die Gro&#223;industrie, in staatlicher Hand und ArbeiterInnen genossen durch klientelistische Politik immerhin gewisse soziale Sicherheiten. In einem Interview meinten zwei der Streikf&#252;hrer der Mahalla Textilfabrik, Muhammad ‘Attar und Sayyid Habib, dass sie die niedrigen L&#246;hne bisher nur deswegen akzeptiert hatten<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a>, weil sie als ArbeiterInnen im &#246;ffentlichen Sektor zumindest eine Jobgarantie f&#252;rs Leben haben und Rente bekommen.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Doch selbst diese minimalen Sicherheiten sind nun in Gefahr.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Das Mubarak-Regime vollf&#252;hrte seit 1991 eine scharfe Trendwende hin zu einer neoliberalen Wirtschaftspolitik, nachdem ein „Economic Reform and Structural Adjustment Program“ mit IWF und Weltbank unterzeichnet wurde.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> Trotz einer Reihe von Streiks wurden hunderte Betriebe privatisiert oder geschlossen, tausende ArbeiterInnen arbeitslos gemacht und L&#246;hne seither nicht mehr angehoben oder an die Inflation angeglichen.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Die Kontrolle des Privatkapitals &#252;ber die Baumwollindustrie stieg zum Beispiel von 1992 bis 2000 von 8 auf 58 Prozent.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Gleichzeitig fand eine Verschiebung der &#246;ffentlichen Investitionen statt. Der Staat investierte nicht mehr in die Landwirtschaft, Industrie und (Aus-)Bildung, sondern nun profitierten Finanziers und besonders ImmobilienspekulantInnen von der staatlichen Wirtschaftspolitik.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Durch Korruption und die Verschmelzung von politischer und &#246;konomischer Macht profitiert &#196;gyptens „politische Klasse“<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> vom Ausverkauf. Eine kleine Minderheit wird reicher, alle anderen &#228;rmer. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Ma&#223;nahmen, die die &#228;gyptische Exportwirtschaft beleben und ausl&#228;ndisches Kapital nach &#196;gypten locken sollten, konnten jedoch die &#246;konomische Krise Ende der 90er Jahre nicht verhindern. Die Antwort der Regierung war eine noch radikalere neoliberale Offensive. Eines der wichtigsten Ziele dieser Offensive liegt in der Privatisierung des traditionell wichtigen und gr&#246;&#223;ten industriellen Sektors, der Textilindustrie. In einer Serie von Arbeitsk&#228;mpfen haben sich TextilarbeiterInnen seit 2004 gegen die Zerschlagung des staatlichen Sektors gewehrt. Diese K&#228;mpfe kamen im vergangenen Jahr zu ihrem H&#246;hepunkt, als sich die Bewegung auf andere Sektoren auszubreiten begann.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><em><span lang="DE">Year of discontent</span></em><span lang="DE"><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Ausgangspunkt des &#228;gyptischen </span><em>winter of discontent</em><span lang="DE"> waren die K&#228;mpfe der ArbeiterInnen der Textilindustrie im Nildelta, genauer gesagt in &#196;gyptens gr&#246;&#223;tem staatlichen Betrieb, der </span><em>Misr Spinning and Weaving Company</em><span lang="DE"> in Mahalla al-Kubra s&#252;dlich von Alexandria, der 27.000 ArbeiterInnen besch&#228;ftigt.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Nachdem die j&#228;hrlichen Zusch&#252;sse viel geringer ausfielen als versprochen, weigerten sich die ArbeiterInnen ihr Gehalt anzunehmen, traten am 7. Dezember in den Streik und besetzten die Fabrik.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Staatsmacht traute sich aufgrund der gro&#223;en &#220;berzahl von ArbeiterInnen nicht mit Gewalt gegen die Streikenden vorzugehen. Nach nur vier Tagen gaben die Beh&#246;rden den Forderungen der ArbeiterInnen nach. Motiviert durch diesen Sieg folgten immer mehr Belegschaften in anderen Fabriken dem Beispiel der Mahalla-ArbeiterInnen. Betroffen waren vor allem die gesamte Textilbranche, das Baugewerbe, die verarbeitende Industrie, sowie auch der Personennahverkehr in der Hauptstadt Kairo. Die Radikalit&#228;t und Streikbereitschaft nahm solche Ausma&#223;e an, dass selbst die SteuereintreiberInnen in einen mehr-w&#246;chigen landesweiten Streik traten, deren Forderungen Anfang dieses Jahres vollends erf&#252;llt wurden.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Rolle der Arbeiter</span><em>innen</em><span lang="DE"> in der Initiierung, sowie im gesamten Verlauf der Streikbewegung ist besonders zu betonen. Erst als 3.000 N&#228;herinnen von Mahalla al-Kubra am Beginn der Streikbewegung ihre Arbeit niederlegten, durch die Fabrik marschierten und riefen: „Wo sind die M&#228;nner? Hier sind die Frauen!“, wurde die Produktion komplett gestoppt. Muhammad Attar, einer der Streikf&#252;hrer von Mahalla al-Kubra meinte in Bezug auf die Militanz der Frauen: „Die Frauen nahmen fast jeden auseinander, der vom Management kam, um zu verhandeln.“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Arbeiterinnen spielten auch in den K&#228;mpfen des letzten Jahres in anderen Betrieben eine zentrale Rolle. Ein herausragendes Beispiel ist der Kampf von Hagga Aisha, der Streikf&#252;hrerin der Hennawi Tabak-Fabrik. Als Mitglied des Gewerkschaftsausschusses der Fabrik musste sie sich gegen den Ausverkauf der ArbeiterInneninteressen seitens der Gewerkschaftsf&#252;hrung wehren und f&#252;hrte einen erfolgreichen Streik, sowie eine Kampagne zur Absetzung der lokalen Gewerkschaftsf&#252;hrung an. Zwar wurde Hagga Aisha wegen ihrer Rolle im Arbeitskampf sowohl vom Fabriksmanagement als auch von der nationalen Gewerkschaft schikaniert und von ihrem Gewerkschaftsposten entlassen, f&#252;r ihr Engagement und ihre Standhaftigkeit erntete sie aber von der weiblichen wie auch der m&#228;nnlichen Belegschaft den h&#246;chsten Respekt und die Belegschaft best&#228;tigte, dass im Laufe des Streiks viele Barrieren zwischen M&#228;nnern und Frauen gefallen waren.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Strategie des Staats<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Der Umfang der Arbeitsk&#228;mpfe hat seit dem „winter of discontent“ ein enormes Ausma&#223; angenommen. Joel Beinin, Direktor des Instituts f&#252;r Middle East Studies an der Amerikanischen Universit&#228;t von Kairo, meinte, dass dies die gr&#246;&#223;te und l&#228;ngste Streikbewegung seit dem Herbst 1951 sei. Mit 386 Arbeitsk&#228;mpfen zwischen J&#228;nner und Juli 2007 im privaten und staatlichen Sektor wurden die Zahlen der letzten Jahre bei weitem &#252;bertroffen.<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Bemerkenswert an der Streikbewegung ist nicht nur die Dynamik und die Breite der Beteiligung, sondern auch die Reaktion der herrschenden Klasse &#196;gyptens. Politische Demonstrationen und Auseinandersetzungen werden in &#196;gypten in der Regel bereits im Keim erstickt. Die Repression ist das wichtigste Mittel zur Verhinderung einer Machtverschiebung und zur Sicherung der politischen und &#246;konomischen Interessen der Eliten. Die Reaktion auf die j&#252;ngsten ArbeiterInnenk&#228;mpfe ist jedoch tendenziell anders. Besonders bei gro&#223;en Betrieben halten sich die Sicherheitskr&#228;fte &#252;berraschend im Hintergrund und viele der Forderungen wurden nach nur wenigen Tagen erf&#252;llt. Diese Nachgiebigkeit von seiten des Regimes reflektiert die Angst vor weiteren Unruhen. Ein Mitarbeiter des Hisham Mubarak Law Center, eine &#228;gyptische NGO zur Verteidigung von Opfern von Menschenrechtsverletztungen, meinte: „Es ist eine Sache, eine Demonstration mit 50 Intellektuellen im Stadtzentrum Kairos aufzul&#246;sen&#8230; es ist eine andere Sache, tausende ArbeiterInnen einer gro&#223;en Fabrik mitten in einer dicht besiedelten Wohngegend niederzukn&#252;ppeln. Das k&#246;nnte Probleme f&#252;r die Regierung bedeuten.“<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> Die Strategie des Staates beschr&#228;nkte sich demnach darauf ArbeiterInnen in ihren Betrieben zu isolieren und nicht heraus zu lassen. So wurden zum Beispiel ArbeiterInnendelegationen daran gehindert Demonstrationen vor den B&#252;ros des staatlichen Gewerkschaftsbunds in Kairo zu veranstalten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Gewerkschaftsb&#252;rokratie<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die aktuellen K&#228;mpfe wirken noch beeindruckender, wenn man ber&#252;cksichtigt, dass beinahe alle Streiks in &#196;gypten illegal gef&#252;hrt werden. Grund daf&#252;r ist, dass zwar Streiks an sich erlaubt sind, aber vom dominierenden allgemeinen Gewerkschaftsbund („Egyptian Trade Union Federation“ – ETUF) genehmigt werden m&#252;ssen. Dieser muss jedoch faktisch als Teil des Staatsapparats bezeichnet werden, weshalb es auch keine legalen Streiks in &#196;gypten gibt. Die Funktion der ETUF liegt prim&#228;r in der Bereitstellung von sozialen Dienstleistungen und der politischen Mobilisierung f&#252;r die regierende NDP<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a>. Unn&#246;tig zu sagen, dass die Gewerkschaft h&#246;chst undemokratisch und b&#252;rokratisch organisiert ist, sowie deren Spitze ein effektives Werkzeug in den H&#228;nden der regierenden NDP und verb&#252;ndeten Gesch&#228;ftsleuten zur Legitimierung der Privatisierungspolitik ist.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die ETUF zeichnete sich w&#228;hrend der Streikbewegung durch eine enge Kollaboration mit den lokalen Gesch&#228;ftsf&#252;hrungen gegen die streikenden ArbeiterInnen aus und argumentierte systematisch gegen die Forderungen der durch ArbeiterInnen gegr&#252;ndeten Fabrikskomitees. Durch dieses Vorgehen verlor sie die Unterst&#252;tzung selbst der eher gem&#228;&#223;igten und dem Mubarak-Regime treuen ArbeiterInnen. Die Absetzung der lokalen Gewerkschaftsf&#252;hrungen und die Wahl neuer und von unten kontrollierter Gewerkschaften wurde zentraler Bestandteil der Forderungen vieler Fabriksbelegschaften, die den Gewerkschaftsf&#252;hrerInnen berechtigerweise Korruption und Wahlf&#228;lschungen vorwarfen. Besonders radikale ArbeiterInnen wie jene der Mahalla Textilfabrik drohten mit Massenaustritten und der Gr&#252;ndung neuer „echter“ Gewerkschaften.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> Muhammad al-Attar, welcher neben seiner Funktion als Streikf&#252;hrer auch Mitglied des linken „Center for Trade Union &amp; Workers Services“ (CTUWS) ist, sagte in einem Interview nach seiner Freilassung am 27. September: “Wir wollen eine &#196;nderung in der Struktur und Hierarchie des Gewerkschaftssystems in diesem Land… So wie Gewerkschaften von oben nach unten organisiert sind, ist grundlegend falsch. Es wird so dargestellt, als ob wir unsere Repr&#228;sentantInnen selbst gew&#228;hlt h&#228;tten, obwohl sie in Wirklichkeit von der Regierung ernannt wurden.“<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Dieser Umstand k&#246;nnte nicht nur f&#252;r die Gewerkschaft, sondern f&#252;r das gesamte Regime fatale Konsequenzen haben, welches eine Beteiligung der ArbeiterInnen an der politischen Opposition kaum verkraften k&#246;nnte. Aus diesem Grund fanden seit dem Ausbruch der Streikbewegung zwar weniger repressive Ma&#223;nahmen gegen die Belegschaften selbst, daf&#252;r aber Repression gegen Organisationen, die sich f&#252;r ArbeiterInnenrechte und eine radikale ArbeiterInnenbewegung einsetzten, statt. Seit M&#228;rz wurden B&#252;ros der CTUWS in Kairo und Mahalla geschlossen und mehrere Mitglieder verhaftet. Das CTUWS wurde beschuldigt (nat&#252;rlich neben der Muslimbruderschaft) f&#252;r die Streiks verantwortlich zu sein. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Nichtsdestotrotz gibt es auch gro&#223;e Hindernisse f&#252;r die Etablierung einer unabh&#228;ngigen Gewerkschaftsbewegung. Der Kampf muss &#252;ber den &#246;konomischen Rahmen hinausgetragen werden und sich mit der politischen Oppositionsbewegung vereinen, um die Herrschenden auf mehreren Ebenen herausfordern zu k&#246;nnen. W&#228;hrend die Repression ein Zeichen der Schw&#228;che des Regimes ist, zeigt sich die Schw&#228;che der politischen Opposition in der bisherigen Unf&#228;higkeit, effektive Verbindungen zum Kampf der ArbeiterInnen aufzubauen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">ArbeiterInnenbewegung und politische Opposition<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die ArbeiterInnenbewegung des vergangenen Jahres hatte unmittelbar &#246;konomische und soziale Ursachen. Dennoch begannen sich Teile der ArbeiterInnenschaft w&#228;hrend der Streikbewegung zu politisieren und das Regime selbst f&#252;r ihre missliche Lage verantwortlich zu machen. Besonders in Mahalla al-Kubra, definitv einer der radikalsten Betriebe &#196;gyptens, mischten sich immer wieder Anti-Regime-Slogans in die Sprechch&#246;re der ArbeiterInnen. Ihr popul&#228;rster Streikf&#252;hrer, Muhammad al-Attar, sagte auf einer Versammlung w&#228;hrend der zweiten gro&#223;en Streikaktion des Betriebes in einem Jahr: „Ich m&#246;chte die ganze Regierung abtreten sehen… Ich m&#246;chte das Mubarak-Regime zu einem Ende kommen sehen. Politik und ArbeiterInnenrechte sind untrennbar. Arbeit ist selbst schon Politik. Was wir hier [im Streik] gerade erleben ist so demokratisch, wie es nur sein kann.“<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Obwohl bei der aktuellen ArbeiterInnenbewegung noch nicht von einer politischen Oppositionsbewegung gesprochen werden kann, stellt sie dennoch eine der gr&#246;&#223;ten Herausforderungen f&#252;r das Regime dar.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Frage die sich in dem Zusammenhang stellt ist: Wie verh&#228;lt sich nun die politische Opposition und insbesonders die &#228;gyptische Linke und die Muslimbruderschaft zu dieser Bewegung?<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Muslimbruderschaft<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Muslimbruderschaft gilt als die gr&#246;&#223;te Oppositionskraft &#196;gyptens (innerhalb des Paralaments mit 80 Abgeordneten als auch au&#223;erhalb) mit einem weitverzweigten Mitgliederstamm.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Ihr Aufstieg gestaltete sich jedoch beileibe nicht als lineare Erfolgsstory, sondern verlief &#252;ber Br&#252;che, Niederlagen und R&#252;ckschl&#228;ge. Unter Nasser wurde sie in den 50er Jahren aufgrund ihrer politischen St&#228;rke und ihrer Opposition zum Nasserismus in die Illegalit&#228;t getrieben und verlor in Folge fast komplett an Bedeutung. Erst in den 1970er Jahren gelang es ihr wieder an Einfluss zu gewinnen. Aufgrund ihrer Konzentration auf moralische Predigt, ihrer Ablehnung einer Konfrontationspolitik gegen den Staat, und der leisen Duldung des Sadat-Regimes konnte sie sich neu gruppieren. Dar&#252;berhinaus half die Muslimbruderschaft dem Staat gegen die linke und nasseristische Opposition, welche zu dieser Zeit am lautesten gegen die wirtschaftsliberale Wende und die pro-israelische Haltung Sadats demonstrierte.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Seit den 70er Jahren charakterisiert die Muslimbruderschaft ihre Kompromisshaltung gegen&#252;ber dem Staat und die Akzeptanz der vom Staat gesetzten Grenzen. Der Aufbau einer „islamischen Wirtschaft“ (islamische Banken, Firmen…), eines islamischen Sozialnetzwerkes f&#252;r die Armen und religi&#246;ser Einrichtungen verhalf der Muslimbruderschaft zu einer Massenverankerung in der &#228;gyptischen Gesellschaft. Dazu kommt, dass sie seit den fr&#252;hen 1990er Jahren erfolgreich in der Rekrutierung mittelst&#228;ndischer Berufsgruppen wie &#196;rzten, Juristen, Journalisten, usw. war. Dementsprechend konnte sie einen hohen Einfluss in den Vertretungen dieser Berufsgruppen aufbauen. Auch auf den Universit&#228;ten stellt sie heute die dominante Kraft in den Studierendenorganisationen dar. Eine andere Frage ist jedoch, in welchem Verh&#228;ltnis sie zur ArbeiterInnenklasse steht.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Bruderschaft hatte in ihrer Vergangenheit immer wieder Verbindungen zur &#228;gyptischen ArbeiterInnenklasse aufgenommen. Tats&#228;chlich wurde sie sogar 1928 von Hasan al-Banna in der Stadt Isma’iliyya zusammen mit Arbeitern der Suez-Kanal-Gesellschaft gegr&#252;ndet. In den 1940er Jahren weitete sie ihre Aktivit&#228;ten in den Betrieben aus. Anti-Kommunismus und die Konfrontation mit KommunistInnen, wo immer sie Einfluss hatten, war hier ein ausschlaggebender Faktor. Sie lehnten die Unabh&#228;ngigkeit der Gewerkschaften und ArbeiterInnenmilitanz ab. Klassenkampf wurde dementsprechend kritisiert, da dadurch Konflikt und sozialer Unfriede zwischen MuslimInnen geschaffen w&#252;rde.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> Nach wie vor h&#228;lt sie den sozialen Frieden und die „Sozialpartnerschaft“ zwischen den Klassen hoch. Eine islamische „moralische Wirtschaft“ (moral economy) regelt das Verh&#228;ltnis zwischen den Klassen und schreibt ihnen Rechte sowie Pflichten zu.<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Das „Klassenparadox“ der MB wird heute im widerspr&#252;chlichen Verh&#228;ltnis zur ArbeiterInnenbewegung deutlich. W&#228;hrend einige AktivistInnen die ArbeiterInnenk&#228;mpfe des letzten Jahres begr&#252;&#223;t und verbal unterst&#252;tzt haben, scheint es, als ob es zwischen den wohlhabenden Gesch&#228;ftsleuten, welche den Gro&#223;teil der F&#252;hrung bilden, und den BasisaktivisInnen aus der niederen Mittel- und Unterschicht grobe Unterschiede gibt. Dies konnte in der Debatte &#252;ber die Gr&#252;ndung eines neuen Gewerkschaftsverbandes beobachtet werden. Saber Abul Fattouh, Parlamentsabgeordneter der Muslimbruderschaft und ihr Koordinator f&#252;r die Gewerkschaftswahlen 2006, drohte, dass im Falle manipulierter Wahlen die Muslimbruderschaft einen unabh&#228;ngigen Verband nach dem Vorbild der vereinten unabh&#228;ngigen Studierendenkomitees gr&#252;nden w&#252;rde. Nachdem jedoch deutlich wurde, dass die Wahlen tats&#228;chlich manipuliert waren, ruderte die Muslimbruderschaft wieder zur&#252;ck und meinte vorsichtig, dass solch ein Schritt gut vorbereitet sein wolle.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> Selbst wenn die Initiative von Fattouh ernst gemeint war, sie w&#228;re an der Weigerung der oppositionellen Nasseristen und der „mitte-links“ </span><em>Tagammu</em><span lang="DE"> Partei gescheitert, welche eine Allianz mit der Muslimbruderschaft ablehnen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Die Linke im Abseits?<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Dies kennzeichnet die Problematik des Verh&#228;ltnisses zwischen der Linken und der MB. Die Positionierung von Linken gegen&#252;ber der Bruderschaft war und ist Ursache zahlreicher Debatten und ist ausschlaggebend f&#252;r die St&#228;rke und den Erfolg linker Strategien in &#196;gypten. Einer der gr&#246;&#223;ten Fehler von gro&#223;en Teilen der Linken w&#228;hrend der 90er Jahre war der Schulterschluss mit dem Regime von Mubarak gegen die Bruderschaft. Diese Orientierung produzierte zahlreiche negative Entwicklungen: Mubaraks diktatorisches Regime erhielt einen Persilschein f&#252;r seine repressiven und neoliberalen Ma&#223;nahmen und musste einen gro&#223;en Teil der Linken nicht mehr als Opposition f&#252;rchten. Die gro&#223;e Debatte &#252;ber das Schreckgespenst „Islamismus“ lenkte die Linke von den massiven &#246;konomischen Ver&#228;nderungen in &#196;gypten und deren katastrophalen Folgen f&#252;r den Gro&#223;teil der arbeitenden und unteren Klassen ab. Ebenso &#252;bersah sie dadurch, dass der Aufstieg des militanten Islam in &#196;gypten eng mit der prek&#228;ren und in die Informalit&#228;t abgedrengten Lebensrealit&#228;t der &#228;gyptischen Unterklassen und der Unzufriedenheit der Studierenden zusammenhing. In den schwer zu &#252;berwachenden, schnell gewachsenen informellen Siedlungen von Kairo hatten militante Gruppen wie Jamaat al Islamiya ein sicheres Versteck vor Polizeirepression finden k&#246;nnen. Das Fehlen jeglicher politischer Antworten auf die harsche &#246;konomische und soziale Situation etablierte diese Gruppen, welche Teil der Gemeinden geworden waren, als ernstzunehmende Vertreterinnen der Unterprivilegierten und Armen.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Partei </span><em>Tagammu</em><span lang="DE"> („National Progressive Democratic Union Party“) ist ein Beispiel f&#252;r das Paradox linker Politik in den 90er Jahren. Sie unterst&#252;tzte in den 80er Jahren eine Reihe von Streiks materiell und produzierte Zeitungen zur Unterst&#252;tzung von k&#228;mpfenden ArbeiterInnen. W&#228;hrend der 90er Jahre verlor </span><em>Tagammu</em><span lang="DE"> jedoch alle Verbindungen zur ArbeiterInnenbewegung. Der Grund lag im generellen R&#252;ckzug von aktiver linker Politik und der strategischen Wende hin zur Unterst&#252;tzung des Staatsapparates in der Unterdr&#252;ckung der islamistischen Aufst&#228;nde im S&#252;den &#196;gyptens, sowie in den gro&#223;en Slums von Kairo und Alexandria.<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> Die illegale Kommunistische Partei, deren &#220;berreste in </span><em>Tagammu</em><span lang="DE"> aktiv blieben, spielte hierbei eine &#228;hnlich tragische Rolle und verlor zunehmends an Bedeutung. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">GenossInnen und Br&#252;der<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Seit einigen Jahren hat sich jedoch das traditionell angespannte und feindlich gepr&#228;gte Verh&#228;ltnis zwischen Teilen der Linken und der Muslimbruderschaft zu entspannen begonnen. Zwei Faktoren sind hierbei hervorzustreichen. Auf der einen Seite die Entstehung einer neuen Linken seit der Mitte der 1990er Jahre, die</span><span>  </span>prim&#228;r durch die „Revolutionary Socialist Tendency“ und einer wachsenden links-orientierten Menschenrechtsgemeinde gekennzeichnet ist. Der zweite Faktor war ein Generationswechsel in den unteren R&#228;ngen der Muslimbruderschaft sowie der Linken in Zusammenhang mit der R&#252;ckkehr von Stra&#223;enprotesten seit dem Ausbruch der zweiten Intifada und der Antikriegsbewegung gegen den Angriff auf Irak. <o></o></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Der Leitspruch der neuen Linken war „manchmal mit den Islamisten, immer gegen den Staat!“<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a> Angewendet wurde diese Richtlinie vor allem auf den Universit&#228;ten. Anstatt StudentInnen der Muslimbruderschaft einfach als „Faschisten“ zu diffamieren, wie es die stalinistische Linke sowie die Muslimbruderschaft von der Linken f&#252;r Jahrzehnte gewohnt war, k&#228;mpften sie nun zusammen mit AktivistInnen der Muslimbruderschaft in Fragen von Demokratie und gegen staatliche Repression, zum Beispiel, wenn Mitglieder der Muslimbruderschaft festgenommen oder von der Uni ausgeschlossen wurden. Dies erm&#246;glichte einen politischen Dialog der AktivistInnen beider Lager. Kamal Khalil, ein wohlbekannter politischer Aktivist und Direktor des „Centre for Socialist Studies“, sagte, dass IslamistInnen, welche noch in den 70er Jahren oft mit der Regierung zusammen gegen die Linke insbesondere auf den Universit&#228;ten vorgingen, beeindruckt waren von dem Engagement von SozialistInnen f&#252;r islamistische politische Gefangene.<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> Tats&#228;chlich fand &#252;ber die gemeinsam erfahrene Repression durch die Staatsgewalt ebenfalls eine Ann&#228;herung zwischen AktivistInnen der Linken und der Muslimbruderschaft statt. Der linke unabh&#228;ngige Aktivist Ala Sayf beschrieb in seinem Blog seine Erfahrungen, als Dutzende Muslimbr&#252;der und Linke zusammen festgenommen wurden, nachdem sie sich 2006 mit den Richtern solidarisiert hatten, welche den Wahlbetrug von 2005 anprangerten. In den gemeinsamen Zellen wurden aus Muslimbr&#252;dern pl&#246;tzlich Genossen.<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a> Gleichzeitig verteidigte die Linke die Rechte von religi&#246;sen Minderheiten und Frauen, wenn Teile der Muslimbruderschaft reaktion&#228;re Kommentare von sich gaben.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">W&#228;hrend die Linke in den 90er Jahren zu marginal war, um als ernsthafter Partner wahrgenommen zu werden, &#228;nderte sich das mit dem Ausbruch der zweiten Intifada. Die radikale Linke konnte zum ersten Mal seit Jahrzehnten das politische Feld durch die Solidarit&#228;tsbewegung mit Pal&#228;stina dominieren, zu einer Zeit wo die Muslimbruderschaft durch Abwesenheit gl&#228;nzte.<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a> Das Resultat war ein Anwachsen der radikalen Linken und ein wachsender Druck der Basis der Muslimbruderschaft auf ihre F&#252;hrung, die Zur&#252;ckhaltung in Bezug auf die Proteste aufzugeben. Mitglieder der Muslimbruderschaft begannen regelm&#228;&#223;ig auf Treffen der linken Solidarit&#228;tskomitees zu erscheinen und auch f&#252;hrende Muslimbr&#252;der sprachen auf Veranstaltungen. Der Ausbruch der Antikriegsbewegung 2003 vertiefte diesen Trend weiter. Dazu kam, dass seit 2004 die Stimmung gegen Imperialismus zusehends gegen das Mubarak Regime selbst gerichtet wurde. Direktes Resultat war die Kifaya („Genug!“) Bewegung in Opposition zum Regime und f&#252;r einen politischen Wandel. Dessen H&#246;hepunkt war 2005, als die Muslimbruderschaft in eine Anti-Mubarak Allianz einstimmte. Staatliche Repression, besonders gegen die Muslimbruderschaft, lie&#223; die Bewegung seither kaum auf der Bildfl&#228;che erscheinen, die Effekte sind jedoch noch immer sp&#252;rbar.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Im November 2005 gr&#252;ndeten die </span><em>Revolutionary Socialist Tendency</em><span lang="DE">, die Muslimbruderschaft und unorganisierten AktivistInnen auf einigen &#228;gyptischen Universit&#228;ten die </span><em>Free Student Union</em><span lang="DE"> (FSU). Ihr Ziel ist es, als Gegengewicht und Parallelorganisation zu den staatlich-dominierten Studierendengewerkschaften zu funktionieren. Dieser neue politische Rahmen erlaubt eine weitere Ann&#228;herung, basierend auf politischer Praxis zwischen den beiden Fl&#252;geln und stellt somit eine Chance sowie Herausforderung f&#252;r die Linke dar. Diese Ann&#228;herung kann gleichzeitig einen Raum f&#252;r politische Debatten er&#246;ffnen, wodurch neben dem gemeinsamen Kampf gegen Mubarak auch Fragen wie Frauenbefreiung, Umgang mit religi&#246;sen Minderheiten, Neoliberalismus und Klassenkampf thematisiert werden.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><em><span lang="DE">The battle goes on<o></o></span></em></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Auswirkungen der ArbeiterInnenbewegung des letzten Jahres auf die politischen und sozialen Verh&#228;ltnisse &#196;gyptens sind noch schwer abzusch&#228;tzen. Eine zentrale Frage bleibt, inwieweit die Vernetzung der zu gro&#223;en Teilen parallel ablaufenden politischen und &#246;konomischen K&#228;mpfe zustande gebracht wird, und welche zuk&#252;nftige Rolle die Linke darin spielen kann. Die &#246;konomischen K&#228;mpfe sind eine Chance f&#252;r die Linke, in einem Bereich Einfluss zu gewinnen, der weit weniger als die politische Oppositionsbewegung von der Bruderschaft monopolisiert ist. Die relative Schw&#228;che der &#228;gyptischen Linken in den 1990er Jahren k&#246;nnte dadurch endg&#252;ltig gebrochen werden. Die Verkn&#252;pfung von politischen und „Brot und Butter“-K&#228;mpfen ist aber bei weitem keine Selbstverst&#228;ndlichkeit. Derzeit fordern beide Bewegungen das Regime relativ unabh&#228;ngig voneinander heraus. Eine Zusammenf&#252;hrung h&#228;tte explosive Auswirkungen f&#252;r &#196;gypten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Anmerkungen<o></o></span></p>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Im Durchschnitt erh&#228;lt einE ArbeiterIn mit Familie um die 30 Dollar im Monat. Allein die staatlichen Zusch&#252;sse heben das monatliche Einkommen auf ca. 60-70 Dollar an.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Joel Beinin/Hossam el-Hamalawy. “Egyptian Textile Workers Confront the New Economic Order”, in: MERIP, 25. M&#228;rz 2007, <a href="http://www.merip.org/mero/mero032507.html" target="_blank">http://www.merip.org/mero/mero032507.html</a>.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Bereits der 1981 ermordete &#228;gyptische Pr&#228;sident Anwar al-Sadat propagierte eine &#214;ffnung des Marktes und ein Ende der Subventionen f&#252;r Grundnahrungsmittel. Diese unpopul&#228;ren Ma&#223;nahmen konnten jedoch aufgrund massiver Aufst&#228;nde („bread riots“ von 1977) nicht g&#228;nzlich durchgesetzt werden.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Zwischen 1990-91 und 1995-96 fielen die Reall&#246;hne in der staatlichen Industrie um 8 Prozent. Andere L&#246;hne im &#246;ffentlichen Sektor blieben gleich, aber nur deshalb, weil sie ohnehin unter dem Existenzminimum liegen. Die &#228;gyptischen L&#246;hne liegen deswegen weit unter den regionalen Standards (die an sich schon niedrig sind). Die L&#246;hne von ArbeiterInnen in der Textilindustrie betragen 85 Prozent der L&#246;hne von ArbeiterInnen in Pakistan und 60 Prozent von ArbeiterInnen in Indien. Vgl. Timothy Mitchell: “Dreamland: The Neoliberalism of Your Desires”, in: MERIP 210 (Fr&#252;hling 1999), <a href="http://www.merip.org/mer/mer210/mer210.html" target="_blank">http://www.merip.org/mer/mer210/mer210.html</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> <a href="http://laborstrategies.blogs.com/global_labor_strategies/2007/01/egypt_and_the_p.html" target="_blank">http://laborstrategies.blogs.com/global_labor_strategies/2007/01/egypt_and_the_p.html</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Nicht nur Betriebe werden privatisiert, sondern in einem noch gr&#246;&#223;eren Ausma&#223; einst &#246;ffentliches Land sehr billig verkauft. Das verursachte in den letzten Jahren immer wieder Auseinandersetzungen zwischen der Staatsmacht und enteigneten Bauern und B&#228;uerinnen. Vgl. Timothy Mitchell: „Dreamland: The Neoliberalism of Your Desires”, a.a.O.; Ray Bush: “Politics, power and poverty: twenty years of agricultural”, in: <em>Third World Quarterly</em> 28:8 (2007), S. 1599-1615</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Vor allem Mitglieder der herrschenden NDP (Nationaldemokratische Partei), aber auch andere staatliche und halbstaatliche Beh&#246;rden und Institutionen wie die Gewerkschaftsf&#252;hrer in Absprache mit dem Kapital.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Die FabriksarbeiterInnen k&#246;nnen dabei auf eine lange und stolze Tradition des radikalen Kampfes und Widerstandes zur&#252;ckblicken. Genaueres &#252;ber die Tradition der Arbeitsk&#228;mpfe in Mahalla al-Kubra in: Joel Beinin/Hossam el-Hamalawy: „Egyptian Textile Workers Confront the New Economic Order“, a.a.O.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Anne Alexander/Farah Koubaissy: „Women were braver than a hundred men“, in: <em>Socialist Review</em> (J&#228;nner 2008), <a href="http://www.socialistreview.org.uk/article.php?articlenumber=10227" target="_blank">http://www.socialistreview.org.uk/article.php?articlenumber=10227</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> <a href="http://arabist.net/arabawy/2007/09/26/egyptian-workers-and-social-resistance-386-industrial-actions-in-6-months/" target="_blank">http://arabist.net/arabawy/2007/09/26/egyptian-workers-and-social-resistance-386-<br />
industrial-actions-in-6-months/</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Daniel Williams: “Mubarak Plan to Shed State-Run Factories Threatened by Strikes”, 21. Mai 2007, <a href="http://www.bloomberg.com/apps/news?pid=20601087&amp;sid=aCLN4coYyYlQ&amp;refer=home" target="_blank">http://www.bloomberg.com/apps/news?pid=20601087&amp;sid=aCLN4coYyYlQ&amp;refer=home</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Von 23 Mitgliedern der Gewerkschaftsspitze sind 22 NDP-Mitglieder, der &#252;brige Mitglied einer verb&#252;ndeten Partei.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Siehe dazu den Bericht &#252;ber eine ArbeiterInnendelegation der Mahalla Textilfabrik mit der Forderung zur Absetzung ihrer Fabriksgewerkschaft in:Liam Stack: “Mahalla textile workers demand union dissolved and greater independence”, in: <em>Daily News Egypt </em>(29. J&#228;nner 2007), <a href="http://www.dailystaregypt.com/printerfriendly.aspx?ArticleID=5291" target="_blank">http://www.dailystaregypt.com/printerfriendly.aspx?ArticleID=5291</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Liam Stack/Maram Mazen: „Striking Mahalla workers demand govt. fulfill broken promises“, in: <em>Daily News Egypt </em>(27. September 2007), <a href="http://www.dailystaregypt.com/article.aspx?ArticleID=9543" target="_blank">http://www.dailystaregypt.com/article.aspx?ArticleID=9543</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Zitiert in Joel Beinin: „The Militancy of Mahalla al-Kubra“, in: MERIP (29. September 2007), <a href="http://www.merip.org/mero/mero092907.html" target="_blank">http://www.merip.org/mero/mero092907.html</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Joel Beinin/Zachary Lockman: Workers on the Nile. Nationalism, Communism, Islam, and the Egyptian Working Class, 1882-1954, Cairo 1998, S. 365</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Ebd., S. 376</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> Joel Beinin/Hossam al-Hamalwy. „Strikes in Egypt Spread from Center of Gravity“, in: MERIP (9. Mai 2007), <a href="http://www.merip.org/mero/mero050907.html" target="_blank">http://www.merip.org/mero/mero050907.html</a><br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a> Anders als die Muslimbruderschaft, welche sich traditionell prim&#228;r auf die Mittelklasse bezieht, waren die militanten islamistischen Gruppen in den 1990ern erfolgreich in der Rekrutierung bei den unteren Klassen. Siehe dazu Salwa Ismail: “The Popular Movement Dimensions of Contemporary Militant Islamism: Socio-Spatial Determinants in the Cairo Urban Setting”, in: <em>Comparative Studies in Society and History </em>42:2 (2000), S. 363-393</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a> Die Repression traf militante wie dezidiert friedliche Islamisten wie die Muslimbr&#252;der. Siehe dazu Joel Beinin/Hossam el-Hamalawy. “Strikes in Egypt Spread from Center of Gravity”, a.a.O.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a> Ein gro&#223;er Teil dieses Abschnittes basiert auf dem Artikel von Hossam El-Hamalawy: “Comrades and Brothers”, in: MERIP 242 (Fr&#252;hling 2007), <a href="http://www.merip.org/mer/mer242/hamalawy.html#_edn2" target="_blank">http://www.merip.org/mer/mer242/hamalawy.html#_edn2</a>.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a> Vgl. Chris Harman: „The Prophet and the Proletariat“, <a href="http://www.marxists.de/religion/harman/index.htm" target="_blank">http://www.marxists.de/religion/harman/index.htm</a></p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a> Manal el-Jesri: „Kamal Abu Eita &amp; Kamal Khalil“, in: <em>Egypt Today. </em><em>The Magazine of Egypt </em>(Mai 2004), <a href="http://www.egypttoday.com/article.aspx?ArticleID=2553" target="_blank">http://www.egypttoday.com/article.aspx?ArticleID=2553</a><br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a> Vgl. Hossam El-Hamalawy: “Comrades and Brothers”, a.a.O.<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a> Seit dem harten Durchgreifen gegen die Muslimbruderschaft im Zuge der staatlichen Kampagne gegen die Islamisten, insbesondere gegen ihre Basis, verfolgte sie eine Politik der Nicht-Konfrontation.</p>
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		</item>
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		<title>Was macht die Linke in&#8230; Mexiko?</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 13:52:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 2]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskämpfe]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Lateinamerika]]></category>
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		<category><![CDATA[Was macht die Linke in...]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Kommune von Oaxaca ist ein inspirierendes Beispiel, wie aus Brot-und-Butter-K&#228;mpfen Strukturen politischer Selbstverwaltung und Massendemokratie entstehen k&#246;nnen. <em>Ramin Taghian</em> und <em>Michael Botka </em>erz&#228;hlen die Geschichte der Bewegung zwischen Repression und Gegenmacht.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Kommune von Oaxaca ist ein inspirierendes Beispiel, wie aus Brot-und-Butter-K&#228;mpfen Strukturen politischer Selbstverwaltung und Massendemokratie entstehen k&#246;nnen. <em>Ramin Taghian</em> und <em>Michael Botka </em>erz&#228;hlen die Geschichte der Bewegung zwischen Repression und Gegenmacht.</p>
<p><span id="more-33"></span></p>
<p>Im letzten Jahr ersch&#252;tterten zahlreiche soziale und politische Bewegungen die Gesellschaftsordnung Mexikos. Die Aufst&#228;nde stellten nicht nur korrupte und repressive Herrschaftsstrukturen in Frage, es wurden auch alternative Wege, wie eine „andere“ Gesellschaft organisiert und gestaltet sein k&#246;nnte sichtbar und sogar m&#246;glich. Der Kampf um soziale Gerechtigkeit, die Notwendigkeit partizipativer Massendemokratie und die Auseinandersetzung mit dem repressiven Staatsapparat wurden Bestandteil des allt&#228;glichen Lebens von Millionen.</p>
<p>Im April 2006 streikte die Belegschaft <em>Villaceros</em>, einem der gr&#246;&#223;ten Stahlwerke Mexikos. Zwei Arbeiter wurden w&#228;hrend der erfolgreichen Abwehr eines Polizeiangriffs ermordet. Nach vier Monaten konnten die Arbeiter einen &#252;berw&#228;ltigenden Sieg &#252;ber die Gesch&#228;ftsleitung vorweisen.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a></p>
<p>Auch die Zapatistas lie&#223;en im letzten Jahr &#252;ber die Grenzen von Chiapas hinaus wieder von sich h&#246;ren. Schon Ende 2005 wurde eine neue politische Initiative vorgestellt – L’Otra Campana, die „Andere Kampagne“, deren Ziel die landesweite basisdemokratische Vernetzung aller au&#223;erparlamentarischen linken Kr&#228;fte Mexikos sowie die Einigung auf eine gemeinsame Vorgehensweise ist. Mit ihrer klaren Abgrenzung zum politischen Parteiensystem und den 2006 stattgefundenen Pr&#228;sidentschaftswahlen schlie&#223;t sich die Kampagne einer Entwicklung an, die sich in ganz Lateinamerika abzeichnet. Seitdem tourt eine Delegation der Zapatistas mit Subcommandante Marcos an der Spitze, unterst&#252;tzt von etlichen SympathisantInnen, durch Mexiko.<br />
Dem gegen&#252;ber stand die Wahlkampagne des linksreformistischen ehemaligen B&#252;rgermeisters von Mexiko-City Andrés Manuel López Obrador (PRD). In seinen Wahlkampf konnte sich Obrador auf die Hoffnung von Millionen der untersten Schichten Mexikos auf eine linke Trendwende und die Abwahl der neoliberalen Wirtschaftspolitik st&#252;tzen.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a><br />
Die Wahl Anfang Juli brachte ein knappes Ergebnis zugunsten Obradors Kontrahenten, Felipe Calderón von der rechts-konservativen PAN. Dieser Ausgang war aber &#228;u&#223;erst umstritten. Unz&#228;hlige Berichte von doppelt gez&#228;hlten Stimmen (f&#252;r Calderón), in Stra&#223;engr&#228;ben gefundenen versiegelten Wahlboxen aus armen Regionen und andere Formen von Wahlbetrug wurden bekannt. Die PRD reagierte mit Massenmobilisierungen, Stra&#223;enblockaden und gr&#252;ndete die <em>Convencion Nacional Democratica</em>, Nationale Demokratische Versammlung, welche in einer Massenveranstaltung, mit mehr als eine Millionen Anwesenden, Obrador am 16. September zum „echten“ Pr&#228;sidenten k&#252;rte.</p>
<p>Anfang Mai revoltierten B&#228;uerInnen in Atenco<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a>, einer Stadt nahe Mexiko-City, gegen Ma&#223;nahmen zur Unterbindung des illegalen Stra&#223;enhandels. Der Staat reagierte mit massiver Polizeirepression, im Zuge derer mindestens zwei Menschen ermordet, hunderte verletzt und verhaftet wurden.<br />
Noch im gleichen Monat streikten die LehrerInnen im Bundesstaat Oaxaca. Wieder gingen die Beh&#246;rden brutal gegen die Streikenden vor. Diesmal sollte sich die Bewegung jedoch nicht einsch&#252;chtern lassen. Ihr Kampf entwickelte sich zu einem ausgewachsenen Aufstand zur Absetzung des korrupten und illegitimen PRI-Gouverneurs Ulises Ruíz Ortíz. Das neue organisatorisches Zentrum der K&#228;mpfe, die <em>Asemblea Popular del Pueblo de Oaxaca</em> – Volksversammlung der Bev&#246;lkerung Oaxacas (APPO) wurde zu einer politischen Struktur basisdemokratischer Kontrolle und Gegenmacht, die die bestehende Gesellschaftsordnung grundlegend in Frage stellte.</p>
<h3>Avanti Zócalo</h3>
<p>Der Aufstand von Oaxaca nahm seinen Anfang Mitte Mai mit den Streiks der LehrerInnen und der Besetzung des Zócalo, dem zentralen Platz von Oaxaca-Stadt. Die traditionell militante Sektion 22 der Nationalen LehrerInnengewerkschaft (SNTE)<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> spielte dabei die f&#252;hrende Rolle. Obwohl die 70.000 LehrerInnen Oaxacas im Vergleich zum Rest der Bev&#246;lkerung relativ gut gestellt sind und zur „staatlichen Mittelklasse“ gez&#228;hlt werden k&#246;nnen, wurde ihr Kampf zum Ausdruck der sozialen Widerspr&#252;che in der Provinz Oaxaca.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a></p>
<p>Der Protest und die Besetzung des Zócalo durch die LehrerInnen ist f&#252;r sich allein genommen noch nichts Au&#223;ergew&#246;hnliches. Seit 26 Jahren kommen die LehrerInnen regelm&#228;&#223;ig im Mai zu einem „live-in“ am Zócalo zusammen, um gegen die neoliberale Bildungspolitik und f&#252;r Gehaltserh&#246;hungen zu protestieren und so ihre Position in Verhandlungen mit der Regierung zu st&#228;rken. Entgegen der neoliberalen Grunds&#228;tze des Gouverneurs Ulises Ruíz Ortíz forderten die LehrerInnen eine allgemeine Erh&#246;hung des Mindestlohns, Gehaltserh&#246;hungen, die Verbesserung der schulischen Infrastruktur sowie die Befriedigung grundlegender Bed&#252;rfnisse der Sch&#252;lerInnen.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a></p>
<p>Die LehrerInnengewerkschaft ist die einzige demokratisch organisierte Kraft mit einer fl&#228;chendeckenden kommunalen Verankerung im ganzen Bundesstaat Oaxaca. Die besondere Rolle die den LehrerInnen folglich zukam, resultierte aus ihrer organisatorischen St&#228;rke und Vernetzung. Sie identifizieren sich auch mit den prek&#228;ren sozialen Bedingungen in ihren Gemeinden und sind somit nicht nur K&#228;mpferInnen in der eigenen Gewerkschaft, sondern oft auch SprecherInnen f&#252;r die sozialen Forderungen ihrer Gemeinden.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a><br />
Anfang Juni fanden zwei Massendemonstrationen in Solidarit&#228;t mit den LehrerInnen statt, an denen sich jeweils ca. 100.000 Menschen beteiligten.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Bereits in dieser Phase schlossen sich andere Gruppen mit ihren eigenen Forderungen an.<br />
Anstatt die Verhandlungen fortzusetzen und einen Kompromiss auszuhandeln, versuchte die Regierung Oaxacas die streikenden LehrerInnen mit Polizeigewalt mundtot zu machen. In der Nacht des 14. Juni st&#252;rmten tausende Polizisten das Camp, verbrannten das Eigentum der LehrerInnen, verletzten etwa hundert Personen und schossen Tr&#228;nengas aus Polizeihelikoptern. Die Berichte &#252;ber mehrere Todesopfer wurden offiziell nie best&#228;tigt. Wie gegen die B&#228;uerInnen in Atenco versuchte der Staatsapparat mit purer Gewalt die Bewegung zu unterdr&#252;cken und ein Exempel an ihr zu statuieren. Diese Strategie zur Demobilisierung ging in Oaxaca nicht auf. Diesmal konnten sich die LehrerInnen nach stundenlangen K&#228;mpfen gegen die Polizei durchsetzen und eroberten den Platz zur&#252;ck.<br />
Die harten Auseinandersetzungen wirkten wie ein Dammbruch f&#252;r die Bewegung. Zwei Tage sp&#228;ter fand eine Demonstration mit 400.000 Menschen statt. Diesmal ging es nicht nur um Solidarit&#228;t mit den LehrerInnen, „Fuera Ulises!“ – Ulises Raus!, der Sturz des korrupten Gouverneurs war nun die zentrale Forderung.</p>
<p>Die weit verbreitete Diskreditierung der herrschenden Eliten und der massive Bruch der politischen Bewegungen mit der Regierung, liegen vor allem in der dominanten Rolle der PRI in Mexiko begr&#252;ndet. Mittels Klientelismus und Korporativismus &#252;bte die Partei seit der mexikanischen Revolution ein effizientes Kontrollsystem auf die sozialen Kr&#228;fte aus, welches jedoch nach dem neoliberalen Paradigmenwechsel der PRI in den 80er Jahren und der Orientierung auf Freihandel und Deregulierung zerbrach. Seitdem steht die ehemalige „Staatspartei“ in wachsendem Widerspruch zu den sozialen Bewegungen und den verarmten Massen.</p>
<h3>Gegenmacht</h3>
<p>In Oaxaca weiteten sich die K&#228;mpfe aus und hinter den Barrikaden wurde eine neue politische Macht geboren – <em>Asemblea Popular del Pueblo de Oaxaca</em>, APPO. Die erste Versammlung der APPO fand bereits drei Tage nach dem Sieg der LehrerInnen &#252;ber die Polizei auf dem wieder besetzten Zócalo statt und 170 Personen von 85 Organisationen nahmen daran teil.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Im weiteren Verlauf kamen 350 Gruppen zusammen und formierten sich zu einem qualitativ als auch quantitativ neuen Organ der Bewegung. Der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich die beteiligten Gruppen in der APPO geeinigt hatten war der Sturz des „illegitimen“ Gouverneurs Ulises. Die Strategie der APPO war es, den Beh&#246;rden die Unregierbarkeit Oaxacas vor Augen zu f&#252;hren. Mit gezielten Aktionen des zivilen Ungehorsams sollte die Illegitimit&#228;t des etablierten politischen Systems vorgef&#252;hrt werden. Provinzregierungsgeb&#228;ude wurden von APPO-AktivistInnen blockiert, Stra&#223;en die zum Zócalo f&#252;hren mit Barrikaden gepflastert und Radio- und Fernsehstationen besetzt und &#252;bernommen. Die APPO erkl&#228;rte sich zum einzigen rechtm&#228;&#223;igen politischen Organ in Oaxaca.<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a></p>
<p>So wurde die APPO zum Vehikel f&#252;r die angesammelte Wut jahrelanger Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung – Korruption, Wahlbetrug und teils massive Gewalt gegen Gemeinden und die politische Opposition. Fortschreitende soziale Polarisierung zwischen den ProfiteurInnen des Tourismus-Booms in Oaxaca und den VerliererInnen<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> sowie die Durchsetzung neoliberaler Projekte – der Plan Puebla Panama (PPP) ist hier als eines der gr&#246;&#223;ten transnationalen Infrastruktur- und Wirtschaftsprojekte prim&#228;r zu nennen<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> – bilden den Rahmen f&#252;r den Bruch mit der alten und der Entstehung einer neuen sozialen und politischen Ordnung.<br />
Die StudentInnen der Universit&#228;t Oaxacas spielten im Aufstand ebenfalls eine wichtige Rolle. Auf der einen Seite stellten sie viele der AktivistInnen bei der Besetzung von Blockaden, usw. auf der anderen Seite bot die Universit&#228;t eine wichtige Infrastruktur f&#252;r die Bewegung. Das <em>Radio Universidad</em> entwickelte sich zu einem offiziellen Organ der APPO und bot rund um die Uhr Informationen zum Aufstand. Die StudentInnen stehen dabei in einer, bis in die 70er Jahre reichenden Tradition der Vernetzung mit B&#228;uerInnen und ArbeiterInnen sowie der aktiven und radikalen Beteiligung an Bewegungen.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a></p>
<p>Ein wichtiger Moment im Formierungsprozess der APPO war auch der Besuch der Otra Campaña, unter Leitung Subcommandante Marcos im Februar. Hier wurde die Notwendigkeit der Zusammenarbeit der progressiven Kr&#228;fte besonders deutlich. Es galt eine gemeinsame Stimme zu finden und die Isolierung und Rivalit&#228;t der zahlreichen kleineren und gr&#246;&#223;eren Gruppen zu &#252;berwinden.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a></p>
<p>Genau dieser Punkt war bei der Etablierung der APPO eines der gr&#246;&#223;ten Anliegen: Die APPO soll eine „alternative partizipative Demokratie“ sein an der jeder und jede teilnehmen kann und keine politische Partei oder sonstige Gruppe dominieren darf. Die verschiedenen Ideologien oder politischen Visionen durften dem Funktionieren dieses Organs der Demokratie von unten nicht im Weg stehen. Trotz unterschiedlicher Vorstellungen &#252;ber die Transformation der Gesellschaft wurden alle durch den Willen zum gemeinsamen Handeln auf partizipativ-demokratischer Basis vereint. Dieses Verst&#228;ndnis hat seine Wurzeln auch in einer langen Tradition indigenen Widerstands und kommunaler Organisierung.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> So wird zum Beispiel die basisdemokratische konsensorientierte Entscheidungsfindung und die Wahl von Delegierten im Stil der Zapatista nun auch bei der APPO praktiziert. Sie basiert die APPO auf dem indigenen Prinzip des <em>mandar obedeciendo</em> („gehorchend befehlen“), in dem Entscheidungen zuerst von der Basis diskutiert und gef&#228;llt werden, um dann von Delegierten wie beschlossen umgesetzt werden. Die APPO ist somit ein Versuch der Revitalisierung einer bestimmten oaxacanesischen Tradition kommunaler Organisierung der l&#228;ndlichen Bev&#246;lkerung, die sich an den traditionellen <em>usos y costumbres</em> (Gewohnheiten und Br&#228;uche) orientiert und in der politische Parteien abgelehnt werden. Seit Jahrzehnten versucht die PRI diese Formen gewohnheitsrechtlicher Praktiken zu unterbinden.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a></p>
<p>Anfang Juli erkl&#228;rte sich die APPO zur neuen regierenden K&#246;rperschaft in Oaxaca und nahm den alten Regierungspalast am Zócalo<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> in einer symbolischen Geste f&#252;r die „alternative Regierung“ in Besitz.</p>
<p>So entwickelte sich die APPO zu einer Art Embryo einer grunds&#228;tzlich anderen Gesellschaftsordnung. Die Regierungsinstitutionen verloren immer mehr an Autorit&#228;t, w&#228;hrend die Versammlungen der APPO zu einem Instrument der basisdemokratischen Kontrolle wurde. Nach und nach &#252;bernahmen immer mehr D&#246;rfer im ganzen Bundesstaat dieses Prinzip demokratischer Selbstverwaltung. Die Gemeindeh&#228;user wurden besetzt und PRI-Funktion&#228;re entmachtet. Gemeindedelegierte kamen trotz Geld- und Transportproblemen nach Oaxaca-Stadt um an den gro&#223;en APPO-Versammlungen teilzunehmen.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a></p>
<p>Diese Entwicklungen stellten eine massive Gefahr, nicht nur f&#252;r die Eliten Oaxacas sondern ganz Mexikos dar. Dazu kam, dass zeitgleich eine weitere Bewegung den mexikanischen Herrschenden Kopfschmerzen bereitete.</p>
<h3>Parlamentarische Parallelgefechte</h3>
<p>Im Sommer organisierte die PRD Massendemonstrationen gegen den Wahlbetrug des konservativen Pr&#228;sidentschaftskandidaten Calderón (PAN). Trotz der potentiell explosiven Mischung mehrerer gleichzeitiger K&#228;mpfe kamen diese nicht zusammen. Die PRD hielt sich bei allen anderen politischen Auseinandersetzungen wie in Oaxaca, Atenco und Chiapas, weitgehend im Hintergrund, trotz ihrer Massenverankerung in den &#228;rmsten Bev&#246;lkerungsschichten des Landes.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> Die Unterst&#252;tzung blieb meistens bei verbalen Verurteilungen der polizeilichen Repression und der R&#252;cktrittsforderung an Ulises stehen.<br />
Die z&#246;gerliche Politik der PRD hat historische Wurzeln. Die PRD erlangte politische Relevanz in der zweiten H&#228;lfte der 80er Jahre, im Zuge der Neoliberalisierung der PRI. Ihre urspr&#252;ngliche Basis waren mehrere kleine Linksgruppierungen, Elemente der Kommunistischen Partei Mexikos (PCM) sowie linksreformistische DissidentInnen aus der PRI,<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> welche sich gegen die neoliberale Entwicklung der PRI wendeten und ein Zur&#252;ck zu der staatsorientierten Wirtschaftsstrategie der Vergangenheit anstrebten.<br />
Die PRD ist also ein Sammelbecken unterschiedlicher linker reformistischer Projekte und leidet daher regelm&#228;&#223;ig unter fraktionellen K&#228;mpfen. Die konstante politische Migration von ehemaligen PRI-Funktion&#228;ren zur PRD, oft aus karrieristischen Gr&#252;nden, verw&#228;sserte die politische Linie zus&#228;tzlich. Eine aktive Unterst&#252;tzung der Aufst&#228;nde in Oaxaca w&#252;rde die Spaltung zwischen den linken und rechten Fraktionen innerhalb der PRD provozieren und die Gefahr des Kontrollverlusts &#252;ber die Parteibasis mit sich bringen.<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a></p>
<p>Adolfo Gilly, radikaler mexikanischer Autor und bekanntes Mitglied der PRD, setzt mit seiner Kritik an Obrador genau hier an.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a> W&#228;hrend Hundertausende von der PRD gegen den Wahlbetrug in wochenlangen Protesten mobilisiert werden konnten, bem&#252;hte sich Obrador nicht, seiner Kritik am Vorgehen der PRI und PAN und seiner verbalen Solidarit&#228;t mit den Menschen in Oaxaca auch auf dieser Ebene einen praktischen Ausdruck zu verleihen. Die Isolation in der sich der Aufstand Oaxacas aufgrund der Passivit&#228;t der mexikanischen Massenbewegungen befand, wurde so zu einem der wesentlichen Stolpersteine f&#252;r die Bewegung.</p>
<h3>Die letzte Schlacht…</h3>
<p>Die Rechte Mexikos bereitete sich unterdessen auf den Gegenschlag vor. Bis Oktober zeichnete sich ein B&#252;ndnis zwischen der PAN-Regierung und dem in die Ecke gedr&#228;ngten PRI Gouverneur von Oaxaca ab. Beide waren aufeinander angewiesen. Ulises brauchte Bundesunterst&#252;tzung f&#252;r die Niederschlagung des Aufstands in Oaxaca und Calderón ben&#246;tigte die PRI-Unterst&#252;tzung in der Auseinandersetzung um die Pr&#228;sidentschaftswahl. Daraufhin wurden die von Ulises lange angeforderten Bundespolizeieinheiten (PFP) nach Oaxaca entsandt.<br />
Dies war aber nur der H&#246;hepunkt einer Hetz- und Repressionswelle gegen die APPO. Bereits &#252;ber den ganzen Sommer hinweg wurden zahlreiche APPO-SprecherInnen von ZivilpolizistInnen oder PRI-Anh&#228;ngerInnen ermordet. Bewaffnete M&#228;nner fuhren auf nicht gekennzeichneten Pick-Ups durch die Stadt und lie&#223;en regelm&#228;&#223;ig Mitglieder der APPO verschwinden. Die APPO beschloss daraufhin noch mehr Barrikaden zu errichten und diese<span>  </span>st&#228;rker zu besetzen. Trotzdem tappte sie nicht in die Falle, sich auf eine milit&#228;rische Auseinandersetzung einzulassen. Zwei gef&#228;hrliche Szenarien bestanden f&#252;r sie: Das erste ist, die APPO zu provozieren, den bewaffneten Kampf aufzunehmen. Damit h&#228;tte sie sich in das politische Aus katapultiert und ein milit&#228;risches Vorgehen des Staates erm&#246;glicht. Das zweite beschreibt er als den Gang durch die Institutionen, welcher die APPO zu genau dem gemacht h&#228;tte, was sie urspr&#252;nglich bek&#228;mpft hatte – einen Teil des politischen Systems. Die APPO lie&#223; sich auf beides nicht ein und das ist auch der Grund, weshalb trotz massiver Repression der Kampf in den letzten Monaten weitergef&#252;hrt werden konnte.<br />
Ende November f&#252;hlte sich der Staat stark genug, um die direkte Konfrontation mit der APPO zu suchen. Ausgangspunkt war ein friedlicher Massenprotest am 25. November, der von bewaffneten PRI-Anh&#228;ngerInnen und Polizeieinheiten angegriffen wurde. In stundenlangen Auseinandersetzungen gewann die Polizei nach und nach die Oberhand und die letzten Barrikaden fielen. Hunderte Verhaftete und Verletzte waren das Resultat. Die APPO-F&#252;hrung wurde in den Untergrund gedr&#228;ngt.<br />
Die Bev&#246;lkerung Oaxacas musste f&#252;r ihre Herausforderung der Staatsmacht mit Blut bezahlen. Doch die Erfahrungen des letzten Jahres schufen ein neues kollektives Bewusstsein, welches mit schierer Polizeirepression nicht einfach gel&#246;scht werden kann.</p>
<h3>…gewinnen wir!</h3>
<p>Die oft gezogene historische Parallele zwischen den Ereignissen in Oaxaca und der Kommune von Paris 1871 ist nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen. In beiden F&#228;llen entstanden aus den politischen und organisatorischen Notwendigkeiten einer Massenbewegung Strukturen demokratischer Selbstverwaltung, die eine tats&#228;chliche Gegenmacht zum b&#252;rgerlichen Herrschaftsapparat darstellten. Die Frage nach der Macht in der Gesellschaft musste nicht bewusst gestellt werden, sondern dr&#228;ngte sich aufgrund der Herausforderung von selbst auf. Die Alternative „die Welt zu ver&#228;ndern ohne die Macht zu ergreifen“, wurde in dieser Situation obsolet.<br />
Auch die Niederlagen der Kommunen in Paris und Oaxaca haben gemeinsame Ursachen. Die fehlende &#252;berregionale Vernetzung, zum Beispiel mit der Massenbewegung von Obrador, f&#252;hrte durch Isolation zum vorl&#228;ufigen Ende dieses Experiments einer Gesellschaft unter sozialistischen Vorzeichen. Doch der Prozess ist noch lange nicht beendet. Noch immmer sind zahlreiche Gemeinden in Oaxaca in Verbindung zur APPO selbstverwaltet. Die APPO hat sich nach einer massiven Repressionswelle und der R&#252;ckkehr des Staatsapparats Ende November wieder neu formieren k&#246;nnen und formulierte bereits ihr weiteres Vorgehen. Zentrale Herausforderung ist es nun, den Kampf auf eine nationale Ebene zu heben – das schlie&#223;t eine noch radikaler ausformulierte Kritik an den Institutionen und dem Machtgef&#252;ge der b&#252;rgerlichen Gesellschaft mit ein.</p>
<p>Der Aufstand in Oaxaca und die Formierung der APPO stehen im Kontext einer Entwicklung, die sich in ganz Lateinamerika abzeichnet. Poder popular ist der Slogan sowohl in den Bewegungen in El Alto und Cochabamba, Bolivien, als auch in der bolivarianischen Revolution in Venezuela.<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> Die Kommune von Oaxaca ist damit ein weiterer Baustein des Projekts eines Sozialismus im 21. Jahrhundert.</p>
<p><em>Vielen Dank an Lukas Hammer und Stephanie Deimel f&#252;r die Diskussion und die Unterst&#252;tzung bei der Recherche.</em></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Es wurden 6 Prozent Gehaltserh&#246;hung, 2 Prozent mehr Zusch&#252;sse und sogar die Nachzahlung der L&#246;hne f&#252;r die Zeit des Streiks erk&#228;mpft. Siehe dazu: http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2006-08/artikel-6883884.asp.<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Dabei wurde auf den Erfolg sozialer Bewegungen und die Wahl von linken Pr&#228;sidenten wie in Bolivien (Evo Morales) und Venezuela (Hugo Chávez) Bezug genommen.<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Atenco ist seit dem Kampf der Bev&#246;lkerung gegen ein Flughafen-Gro&#223;projekt 2001 ein Symbol f&#252;r erfolgreichen Widerstand.<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Die gro&#223;e und m&#228;chtige SNTE war in den letzten 70 Jahren stark mit der regierenden PRI verbunden. Entgegen ihrer hierarchischen Organisationsstruktur war die Sektion 22 lange Zeit die Bastion der demokratischen Fraktion in der Gewerkschaft. Siehe: Carlsen, Laura: Oaxaca Fights Back, 8. November 2006, http://www.fpif.org/fpiftxt/3688.<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a>Salzman, George: From Teachers’ Strike Towards Dual Power. The Revolutionary Surge in Oaxaca, 30. August 2006, http://www.counterpunch.org/salzman08302006.html.<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a>Ebd.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a>Navarro, Luis Hernández: Lessons from the Teachers. Repression and Resistance in Oaxaca, 21. November 2006, http://www.counterpunch.org/navarro11212006.html.<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a>Das waren die bisher gr&#246;&#223;ten Proteste in Oaxaca, die sich aber in den n&#228;chsten Monaten noch mehrmals verdoppeln sollten. Salzman: a.a.O.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Davies, Nancy: Oaxaca Teachers Organize “Popular Assembly” to Oppose the State Government. Talks with Federal Negotiators Cancelled as Teachers’ Strike Dedicates Itself to Ousting the Governor, 21. Juni 2006, http://www.narconews.com/Issue42/article1928.html.<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Salzman: a.a.O.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Der Tourismus, ein Segen f&#252;r die Kassen der Reichen und der oberen Mittelschicht Oaxacas, hat daf&#252;r gesorgt, dass die Preise in den letzten Jahren stark anstiegen w&#228;hrend die Geh&#228;lter bei weitem nicht mitziehen haben k&#246;nnen. Das sch&#246;n herausgeputzte Kolonialidyll der Stadt Oaxaca steht somit in einem krassen Gegensatz zu verfallenden Schulgeb&#228;uden und Armut insbesonders in den indigenen l&#228;ndlichen Regionen.<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Der Plan <em>Puebla Pananma</em> umfasst fast den gesamten Mittelamerikanischen Raum. Er f&#252;hrt zur Enteignung von ehemals indigenem Land f&#252;r Infrastrukturprojekte zur Verbesserung des Zugriffs der Multinationalen Konzerne und des Tourismus auf die Region. Durch den PPP wird die „Maquiladorisierung“ des S&#252;dens angestrebt, dessen dramatische soziale Auswirkungen bereits seit den 80er Jahren im Norden Mexikos an der US-Grenze zu beobachten sind.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a>1972 wurde die COCEO (<em>Coalición de Obreros, Campesions, y Estudiantes de Oaxaca</em> – Koalition der Arbeiter, Bauern und Studenten) gegr&#252;ndet. Ihr Einfluss reichte weit &#252;ber die Universit&#228;t hinaus und schuf Verbindungen zu ruralen und urbanen Gruppen. Au&#223;erdem war die Koalition an der Gr&#252;ndung unabh&#228;ngiger Gewerkschaften beteiligt. Bereits Mitte der 70er Jahre, im Zuge der oft radikalen K&#228;mpfe um Land und soziale Gerechtigkeit, wurde die korrupte Herrschaft der PRI massiv kritisiert. Letztlich wurde die Bewegung jedoch blutig niedergeschlagen. Siehe dazu: Murphy, Arthur D./ Stepick, Alex: Social Inequality in Oaxaca. A History of Resistance and Change, Philadelphia 1991, S. 120.<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Davies, Nancy: In The Wake of the Otra: Because We are all Prisoners, 7. M&#228;rz 2006, http://narcosphere.narconews.com/story/2006/3/7/115248/3372.<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> 70 Prozent der 3,5 Millionen EinwohnerInnen des Bundesstaates Oaxaca sind Indigenas. &#220;ber die H&#228;lfte von ihnen lebt in Armut mit schlechter sozialer Infrastruktur und in 46% der Haushalte gibt es mindestens eine Person die in die USA migrieren musste weil ihre Gemeinde&#246;konomien durch die neoliberalen Reformen der Regierung zerst&#246;rt oder einfach nicht mehr lebenserhaltend waren. Siehe dazu: Gause, Rochelle: Toward dual power. People’s alternatives in Oaxaca, in: <em>Left Turn</em> 23 (J&#228;nner/Februar 2007), S. 22.<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Seit den 70er Jahren findet ein Kampf um die Restoration solcher kommunaler Formen der Selbstverwaltung, kollektiver Arbeit und Identit&#228;t statt. Siehe dazu: Davies, Nancy: Oaxaca Initiates Alternative Government: Popular Assembly Reclaims Government Palace for the People, 7. Juli 2006, http://narconews.com/Issue42/article1964.html; Carlsen: a.a.O.<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a>Ulises verlegte 2005 den Regierungssitz vom Zócalo nach au&#223;erhalb der Stadt – aus Angst vor Protesten und um eine stabile Regierungst&#228;tigkeit zu erm&#246;glichen. Siehe in: Davies: Oaxaca Initiates Alternative Government, a.a.O.<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a>Ebd.<br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a>Tatsache ist, dass Obrador durch Infrastrukturprogramme, reale soziale Verbesserungen f&#252;r die &#196;rmsten und einem Schuss Populismus eine Massenverankerung in den mexikanischen Unterschichten, besonders in Mexiko-City gewinnen konnte. Schlie&#223;lich bekam Obrador in der Pr&#228;sidentschaftswahl am 2. Juli die Stimmen von (wahrscheinlich mehr als) 15 Millionen MexikanerInnen.</p>
<p><a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a>Camp, Roderic Ai: Politics in Mexico. The Democratic Consolidation, New York 2007, S. 233. Der popul&#228;rste PRI Dissident war Cuauhtémoc Cárdenas, der in der Pr&#228;sidentschaftswahl 1988 der PRD-Kandidat war und sich wahrscheinlich nur wegen Wahlmanipulation nicht gegen den PRI-Kandidaten Salinas hat durchsetzten k&#246;nnen. Siehe dazu: Giordano, Al: Mexico‘s Presidental Swindle, in: <em>New Left Review</em> 41 (2006), S. 5-27<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a>Cárdenas kritisierte Obrador bereits f&#252;r seine respektlose Haltung gegen&#252;ber den mexikanischen politischen Institutionen. Ebd.<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a>Gilly, Adolfo: Solitary in Flames, in: <em>La Jornada</em>, 1. November 2006, Englische &#220;bersetzung: http://www.narconews.com/Issue43/article2257.html.<br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a>Vgl. die Artikel zu Bolivien und Venezuela in <em>Perspektiven</em> Nr. 0.</p>
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		<title>Was macht die Linke in&#8230;Brasilien?</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 06:10:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 1]]></category>
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		<description><![CDATA[Bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen Anfang Oktober in Brasilien stand mit Heloísa Helena erstmals eine Kandidatin zur Wahl, die f&#252;r eine radikale Kritik am Neoliberalismus steht. Die Aktivistin der Partei f&#252;r Sozialismus und Freiheit (PSOL) trat gegen den Pr&#228;sidenten und ehemaligen Hoffnungstr&#228;ger der Linken Lula an und erreichte auf Anhieb 6,9 Prozent der Stimmen, berichten <em>Kristina Botka</em> und <em>Benedict Mayrhofer</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen Anfang Oktober in Brasilien stand mit Heloísa Helena erstmals eine Kandidatin zur Wahl, die f&#252;r eine radikale Kritik am Neoliberalismus steht. Die Aktivistin der Partei f&#252;r Sozialismus und Freiheit (PSOL) trat gegen den Pr&#228;sidenten und ehemaligen Hoffnungstr&#228;ger der Linken Lula an und erreichte auf Anhieb 6,9 Prozent der Stimmen, berichten <em>Kristina Botka</em> und <em>Benedict Mayrhofer</em>.<br />
<span id="more-89"></span><br />
Als Luiz Inácio da Silva, genannt Lula, am 1. J&#228;nner 2003 das Pr&#228;sidentschaftsamt antrat, galt er als gro&#223;e Hoffnung der Linken, der Armen und Ausgebeuteten Brasiliens. Schlie&#223;lich war die von ihm gef&#252;hrte ArbeiterInnenpartei PT (Partido dos Trabalhadores) 1979 von GewerkschaftsaktivistInnen, linken Intellektuellen und VertreterInnen sozialer Bewegungen gegr&#252;ndet worden, und Lula selbst hatte sich als Chef der MetallarbeiterInnengewerkschaft den Ruf als kompromissloser K&#228;mpfer erarbeitet. Als Sozialist war er bei breiten Teilen der Bev&#246;lkerung angesehen, die Rechte der Arbeitenden und der Armen standen f&#252;r ihn an oberster Stelle.</p>
<h3>Vom linken Hoffnungstr&#228;ger zum neoliberalen Vork&#228;mpfer</h3>
<p>Doch – kaum im Amt – entpuppte sich der sozialistische Hoffnungstr&#228;ger schnell als neoliberaler Handlanger des Internationalen W&#228;hrungsfonds (IWF), der ebenso kompromisslos wie fr&#252;her gegen die Konzerne nun im Interesse des Kapitals den radikalen Umbau der brasilianischen Gesellschaft vorantrieb. Bereits unmittelbar nach seiner Wahl gab Lula zu verstehen, dass er den unter Fernando Henrique Cardoso eingeleiteten neoliberalen Kurs fortsetzen werde. Insbesondere w&#252;rde er die Verpflichtungen des hochverschuldeten Landes gegen&#252;ber dem IWF, d.h. die neoliberalen „Strukturanpassungsprogramme“, anerkennen. Der politische Kurswechsel der PT hatte sich freilich bereits vor den Wahlen 2002 angek&#252;ndigt. Seit den 1990ern orientierte sich die Partei zunehmend auf die Eroberung der Macht in den Institutionen des brasilianischen Staates. Dabei entfernte sich Lulas Programm immer weiter von den radikalen Wurzeln der PT. Der Kern der neuen Strategie gr&#252;ndete auf der Zusammenarbeit mit Konservativen und Unternehmern zur Wahrung sozialer und &#246;konomischer Stabilit&#228;t.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> In Regierungsverantwortung wurde diese Tendenz weitergef&#252;hrt und versch&#228;rft, und die wirtschaftspolitischen Kernressorts sowie das Landwirtschaftsministerium wurden mit neoliberalen Vordenkern besetzt.</p>
<p>Lula versuchte mehr und mehr auch bei Industriellen Sympathie zu erlangen, um f&#252;r ausl&#228;ndische InvestorInnen „seri&#246;s“ zu wirken. Dadurch konnte sich Lula bereits vor den Wahlen die Unterst&#252;tzung des IWF sichern, der auch bald riesige Kredite an Brasilien vergab. Im Gegenzug versprach Lula die Ausrichtung seiner Politik auf die Erfordernisse des Marktes. Kernprojekt war eine Steuer- und eine Pensionsreform, v.a. zu Lasten der arbeitenden Bev&#246;lkerung und der Armen Brasiliens. Nach nicht einmal einem Jahr hatte Lula damit seine Anh&#228;ngerInnenschaft zum ersten Mal verraten. 400.000 &#246;ffentlich Bedienstete sahen sich gezwungen, gegen die Pensionsreform der Regierung zu streiken.<br />
Wichtige Unterst&#252;tzerInnen der PT, wie die Landlosenbewegung Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra (MST), mussten ebenso herbe Entt&#228;uschungen erfahren. Die MST stellt in Brasilien, wo die Landkonzentration extrem polarisiert ist, eine wichtige Organisation dar. Rund 10 Prozent der Gro&#223;grundbesitzenden geh&#246;rt etwa 80 Prozent des gesamten Landes, w&#228;hrend 4,5 Millionen Bauernfamilien kein eigenes Land besitzen. Im Wahlkampf 2002 hatte Lula noch versprochen, an eine Million dieser Familien Land zu verteilen. Bei Regierungsantritt war schon nur mehr von einer halben Million die Rede, seitdem wird die Zahl immer kleiner, weil der Schuldenabbau f&#252;r die Regierung h&#246;here Priorit&#228;t genie&#223;t.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Insgesamt wurde seit 2003 Land an 25.000 Familien pro Jahr verteilt – das ist gerade einmal die H&#228;lfte dessen, was selbst Lulas neoliberaler Vorg&#228;nger Cardoso umgesetzt hatte.</p>
<p>Aufgrund dieser Entwicklungen beendete die MST ihre Schonfrist f&#252;r die Regierung Lula und nahm ihre Proteste und Landbesetzungen wieder auf. Die Gro&#223;grundbesitzerInnen, denen das Land oft nur zu Spekulationszwecken dient, begannen nun ihr Land mit privaten Sicherheitsdiensten, den „Pistoleiros“, militant zu verteidigen. Dabei wurden in den letzten Jahren viele AktivistInnen der MST get&#246;tet, doch die Medien kriminalisieren die BesetzerInnen. Auch Lula verurteilte die Landbesetzungen als „illegal“, statt die ungerechten Agrarverh&#228;ltnisse zu bek&#228;mpfen: f&#252;r viele Millionen Menschen stellt in Brasilien Landbesitz eine Chance dar, dem Leben als Tagel&#246;hnerInnen oder st&#228;dtische Obdachlose zu entfliehen, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu erarbeiten. Landbesitz w&#252;rde f&#252;r sie ein menschengerechtes Leben bedeuten.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a><br />
Die Aufst&#228;nde der Landlosen sind aber nur ein Teil der Proteste gegen Lulas Politik. Auch Frauenorganisationen, Studierende und einflussreiche linkskatholische Organisationen kritisierten den Regierungskurs. KonsumentInnensch&#252;tzerInnen protestierten gegen die Erh&#246;hung von Energie- und Telefonkosten, sowie gegen die Schlie&#223;ung freier Radios. Die Linke in Brasilien musste also erfahren, dass sie im Kampf gegen Unterdr&#252;ckung und Ausbeutung nicht mehr auf die ArbeiterInnenpartei PT setzen konnte. Lulas Reaktionen auf die Forderungen der Bewegungen klangen bald nicht mehr viel anders als in konservativ regierten L&#228;ndern. Die AktivistInnen wurden verh&#246;hnt, als kriminelle Gewaltt&#228;terInnen bezeichnet und selbst als es zu politischen Morden kam, schritt er nicht ein.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a><br />
Auch die in letzter Zeit bekannt gewordenen Korruptionsvorw&#252;rfe und die in den letzten Wochen fast t&#228;glich neuen Meldungen &#252;ber Bestechungsgelder an ParlamentarierInnen verst&#228;rkten das Misstrauen gegen den Pr&#228;sidenten. So musste etwa erst am 19. September ein Sonderberater Lulas wegen dem Vorwurf der Schmiergeldzahlung in H&#246;he von 770.000 US-Dollar zur&#252;cktreten, am 24. September folgte ihm Lulas Wahlkampfleiter, er soll auch in den Fall verwickelt sein.</p>
<p>Au&#223;enpolitisch hat sich Lula ebenfalls als Handlanger des Kapitals und imperialistischer Gro&#223;m&#228;chte erwiesen. So f&#252;hren brasilianische Truppen die von der UNO autorisierte Besatzung Haitis an, wo der demokratisch gew&#228;hlte Pr&#228;sident Aristide 2004 in einem von den USA und Frankreich gest&#252;tzten Putsch gest&#252;rzt wurde.<br />
Gegen&#252;ber der linken Regierung von Evo Morales in Brasiliens Nachbarland Bolivien hat Lula in den letzten Monaten ebenfalls den Druck erh&#246;ht, die Nationalisierung des Erd&#246;l und Erdgas abzuschw&#228;chen – schlie&#223;lich w&#228;re der brasilianische &#214;lkonzern Petrobras einer der Hauptverlierer bei Morales’ Verstaatlichungsprogramm.</p>
<h3>Eine Neue Linke</h3>
<p>Der langaufgestaute Frust &#252;ber die Politik Lulas, auch und gerade innerhalb der PT, erforderte die Gr&#252;ndung einer neuen Organisation, die sich wieder den Grunds&#228;tzen verschreibt, mit denen Lula gebrochen hat.<br />
AktivistInnen und Abgeordnete aus Lulas PT wie Heloísa Helena, Mitglied der Tendenz Sozialistische Demokratie (DS), Luciana Genro von der Bewegung der sozialistischen Linken (MES) und João Batista Oliveira de Araujo, von der Sozialistischen Arbeiterstr&#246;mung (CST) konnten die neoliberalen „Reformen“ der PT nicht mehr ertragen. Und sie waren nicht die Einzigen. Wegen ihrer Kritik an Lulas Pensionsreform wurden sie 2003 aus der Partei ausgeschlossen.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Gemeinsam gr&#252;ndeten sie daraufhin die Partei f&#252;r Sozialismus und Freiheit PSOL.<br />
Die Mehrheit der PT-Linken setzte aber nach 2003 den Kampf f&#252;r einen Kurswechsel innerhalb der Partei fort. Sie traten als „regierungstreue Opposition“ f&#252;r die Erneuerung der PT und die Neuausrichtung der Regierungspolitik ein, fanden sich dadurch jedoch in der widerspr&#252;chlichen Situation, zwar anti-neoliberal zu argumentieren, sich aber gleichzeitig hinter Lula und dessen Regierung zu stellen. Dass die innerparteiliche Opposition die Regierungspolitik nicht grundlegend ver&#228;ndern konnte, zeigte sich in den Folgejahren. Seit Bekanntwerden des Korruptionsskandals im Sommer 2005 traten schlie&#223;lich immer gr&#246;&#223;ere Teile der Parteilinken aus der PT aus und schlossen sich der PSOL an.<br />
Im September letzten Jahres schaffte es die PSOL, die notwendigen 438.000 Stimmen zur Anerkennung als w&#228;hlbare Partei zu sammeln. Es schien, als h&#228;tten viele BrasilianerInnen nur darauf gewartet. Schon in den ersten Tagen nach der offiziellen Gr&#252;ndung der neuen linken Partei gab es Meldungen &#252;ber einige bis dahin sogar f&#252;hrende PT-Mitglieder oder ganze Str&#246;mungen (zum Beispiel die sozialistische Einheitsbewegung), welche bisher die PT unterst&#252;tzt hatten und nun zur PSOL wechselten.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Auch bekannte linke GewerkschafterInnen, wie aus der Beamtengewerkschaft, linke ChristInnen und viele Einzelne von der PT entt&#228;uschten AktivistInnen, entschlossen sich, die neue Partei zu unterst&#252;tzen. Es gibt unz&#228;hlbare Berichte &#252;ber regionale PT-Gruppen, die geschlossen &#252;bertraten, da sie weiterhin, aber in einer vertrauensw&#252;rdigeren Partei, f&#252;r ihre Belange k&#228;mpfen wollen. Der Bruch mit Lulas Politik hat ihnen neue Energie gegeben.<br />
Auch au&#223;erhalb Brasiliens unterst&#252;tzen soziale Bewegungen die Entwicklung einer neuen linken Alternative. So haben mehr als 350 prominente AktivistInnen der globalisierungskritischen Bewegung, wie Noam Chomsky oder Ken Loach, Anfang September diesen Jahres eine Unterst&#252;tzungserkl&#228;rung f&#252;r die Spitzenkandidatin Heloísa Helena unterzeichnet.<br />
In der Erkl&#228;rung f&#252;r die Kandidatin hei&#223;t es, Helena vertrete heute die Interessen der ArbeiterInnen und B&#228;uerInnen, der Armen und der Unterdr&#252;ckten. Die Regierung Lulas habe dagegen Millionen von Menschen entt&#228;uscht, die ihn im Jahr 2002 „in der Hoffnung auf einen sozialen Wandel und eine radikale Politik“ gew&#228;hlt hatten. Ebenso gehe es Menschen aus aller Welt, die sich von Lula einen „neuen Impuls f&#252;r den antiimperialistischen Kampf“ erhofft h&#228;tten. Im Gegensatz zu Lula seien „Heloísa Helena und ihre GenossInnen dem urspr&#252;nglichen antiimperialistischen und sozialistischen Programm der ArbeiterInnenpartei treu geblieben“.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a><br />
Deutlich wurde das in den Forderungen der PSOL im Pr&#228;sidentschaftswahlkampf. Die Kernpunkte waren: radikale Agrarreform; Suspendierung der Zahlung der Auslandsschulden; radikale Reduzierung der Arbeitszeit ohne Einkommenseinbu&#223;en; Ablehnung der Amerikanischen Freihandelszone ALCA/FTAA und Unterst&#252;tzung f&#252;r ALBA, die Bolivarianische Amerikanische Allianz (Venezuela, Bolivien, Kuba).</p>
<p>Die Wahl Anfang Oktober hat gezeigt, dass dieses Programm von mittlerweile mehr als sechs Millionen Menschen unterst&#252;tzt wird. Das ist mehr als ein Achtungserfolg, zumal die F&#252;hrung der Gewerkschaftsdachorganisation CUT, genauso wie die Sprecher der MST sich – wenn auch kritisch im Detail – f&#252;r die Wahl Lulas ausgesprochen hatten. Dass 6,9 Prozent mit der Illusion, dass die PT das „kleinere &#220;bel“ darstelle, und Lula wieder zu seinen politischen Wurzeln zur&#252;ckgef&#252;hrt werden k&#246;nne, gebrochen haben, zeigt die M&#246;glichkeiten f&#252;r den Aufbau einer konsequent anti-neoliberalen und anti-imperialistischen linken Alternative in Brasilien.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Vgl. zur Entwicklung der PT z.B. Gonzales, Mike: „Brazil in the eye of the storm“; in: International Socialism 98 (2003)<o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Vgl. Vogel, Thomas: Vorbild Brasilien. In: S&#252;dwind Magazin 03/2005, Seite 31<o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Vgl. Vogel, Thomas: Vorbild Brasilien. In: S&#252;dwind Magazin 03/2005, Seite 31<o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Vgl. Pablo Ortellado: What happened to the left? In: Znet, August 08, 2003<o></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Vgl. Wahl, Joachim: Die Regierung Lula nach ihrem ersten Jahr. In: Utopie kreativ, September 2004<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Vgl. François Sabado: Krise und Neuformierung der Linken in Brasilien. in: Inprekorr, Februar 2006<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Vgl. www.zeit.de am 05.09.06</p>
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