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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Wahlen</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>¡Todos con Cristina!&#8230; Krise, Kontinuit&#228;t und Kirchnerismo</title>
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		<pubDate>Tue, 18 Oct 2011 09:41:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Nach einem wahren Wahlmarathon in den letzten Monaten erreicht das argentinische Wahljahr 2011 mit der Pr&#228;sidentschaftswahl und den Gouverneurswahlen in 9 Provinzen – unter anderem Buenos Aires – am 23. Oktober seinen H&#246;hepunkt. Letztere scheint allerdings bereits seit Wochen entschieden, nachdem Cristina Fernández de Kirchner die zum ersten Mal auf nationaler Ebene abgehaltenen Vorwahlen, die primarias abiertas, simultáneas y obligatorias [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nach einem wahren Wahlmarathon in den letzten Monaten erreicht das argentinische Wahljahr 2011 mit der Pr&#228;sidentschaftswahl und den Gouverneurswahlen in 9 Provinzen – unter anderem Buenos Aires – am 23. Oktober seinen H&#246;hepunkt.<span id="more-1986"></span> Letztere scheint allerdings bereits seit Wochen entschieden, nachdem Cristina Fernández de Kirchner die zum ersten Mal auf nationaler Ebene abgehaltenen Vorwahlen, die <em>primarias abiertas, simultáneas y obligatorias (primarias)</em><a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> mit 50,21% der abgegebenen Stimmen f&#252;r sich entscheiden konnte. Seitdem besteht endg&#252;ltig kein Zweifel mehr daran, dass sie in der kommenden Woche wiedergew&#228;hlt werden wird. Allerdings stellt nicht der Sieg der amtierenden Pr&#228;sidentin an sich, sondern die Deutlichkeit mit der dieser ausfiel, die eigentliche &#220;berraschung der Wahlen dar: man war von 43% bis 45% ausgegangen, die mehr als 50% &#252;berraschten selbst die Anh&#228;ngerInnen des <em>kirchnerismo</em>.<br />
Neben dem eigenen Wahlergebnis tr&#228;gt aber auch die brutale Niederlage der Opposition zur aktuellen Hochstimmung auf Seiten der Regierung bei. Betrachtet man die Ergebnisse dieser wird das Ausma&#223; des Sieges noch deutlicher. Mit gerade einmal 12,20% und 12,12% teilen sich Ricardo Alfonsín – <a href="http://es.wikipedia.org/wiki/Uni%C3%B3n_para_el_Desarrollo_Social"><em>Unión para el Desarrollo Social</em></a> (UDESO), eine Wahlkoalition angef&#252;hrt durch die <em>Unión Cívica Radical</em> (UCR), der &#228;lteste Partei Argentiniens, die man als konservativ b&#252;rgerlich charakterisierten k&#246;nnte – und Eduardo Dualde – Anf&#252;hrer des <em>peronismo federal</em>, Widersacher des <em>kirchnerismo </em>innerhalb der <em>Partido Justicialista</em> (PJ) – im Endeffekt den zweiten Platz, dicht gefolgt von Hermes Binner – <em>Frente Amplio Progresista</em> (FAP), mitte-links Wahlallianz angef&#252;hrt durch die <em>Partido Socialista</em> –  mit 10,18%.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Keiner der genannten Kandidaten wird die amtierende Pr&#228;sidentin in ihrer Wiederwahl gef&#228;hrden, die einzige offene Frage ist ob Cristina Fernandez de Kirchner diese bereits in der ersten Runde gewinnen kann, oder zu Stichwahl antreten muss.</p>
<p>Dabei wiesen die Zeichen in den Monaten zuvor in eine andere Richtung. Bei der Provinzwahl in Santa Fe war der Kandidat der <em>Frente Para la Victoria</em> – so der Name des kirchneristischen „Parteifl&#252;gels“ innerhalb der <em>Partido Justicialista</em> &#8211; nicht einmal bis in die Stichwahl gekommen, so dass sich bei dieser Ende Juli der Juan Antonio Bonfatti – <em>Frente progresista, civico y social</em> – Wahlb&#252;ndnis auf Provinzebene, welches von der <em>Partido Socialista</em> angef&#252;hrt wird – gegen&#252;ber Miguel De Sel – <em>Propuesta Republicana</em> (PRO), rechtspopulistische Partei unter der F&#252;hrung Mauricio Macris – durchsetzen konnte. Bonfatti trat als Nachfolger f&#252;r den scheidenden Hermes Binner (beide Mitglied der <em>Partido Socialista</em>) an, der um die Pr&#228;sidentschaft kandieren wird. Del Sel war f&#252;r die Partei Mauricio Macris <em>Propuesta Republicana</em> (PRO) angetreten und steht in gewisser Weise paradigmatisch f&#252;r dessen „Apolitik“: er ist ein bekannter Komiker. Sein zweiter Platz wurde als weitere Schlappe f&#252;r den <em>kirchnerismo </em>und als erneuten Hinweis auf die zunehmende Ablehnung der Regierung gewertet. Macri selber ist derzeit wohl die herausragendste Figur der Opposition und der neuen Rechten. Dass er nicht f&#252;r die Pr&#228;sidentschaft, sondern wieder in der Stadt Buenos Aires kandierte, scheint wahltaktischen &#220;berlegungen geschuldet: Die Wiederwahl Cristinas galt bereits vor den <em>primarias </em>als sehr wahrscheinlich. Bei der Wahl 2015 d&#252;rfte sie jedoch nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten und es ist derzeit niemand in Sicht der das kirchneristische Projekt weiterf&#252;hren k&#246;nnte.<br />
Anfang August gewann eben jener Mauricio Macri dann die Stichwahl um die B&#252;rgermeisterschaft in Buenos Aires mit 64,25% gegen&#252;ber Daniel Filmus (35,75%), dem Kandidaten des <em>kirchnerismo</em>. Mit Sicherheit l&#228;sst sich das Ph&#228;nomen Macri nicht auf eine Erkl&#228;rung reduzieren und kann hier nicht tiefergehend diskutiert werden, eine dominante Erkl&#228;rung im Anschluss an den deutlichen Wahlerfolg – Macri konnte jeden einzelnen Wahlbezirk f&#252;r sich entscheiden – war, dass die Leute nicht f&#252;r Macri sondern gegen Cristina und den <em>kirchnerismo </em>gestimmt h&#228;tten.<br />
Bei den Provinzwahlen in Córdoba schlie&#223;lich, gewann Jose Manuel de la Sota. Die <em>Frente Para la Victoria </em>hat zwar keineN KandidatIn aufgestellt; de la Sota, selber Mitglied der peronistischen <em>Partido Justicialista</em>, gilt er jedoch als Gegner des <em>kirchnerismo </em>und z&#228;hlt zum rechten Fl&#252;gel des Peronismus.</p>
<p><strong>Die unn&#252;tze Opposition</strong><br />
Wie also l&#228;sst sich der &#252;berw&#228;ltigende Sieg Cristina Fernández de Kirchner erkl&#228;ren? Die nach den Wahlen dominierende Erkl&#228;rung verweist auf die fehlende Opposition. Im Vorfeld der Wahlen hatte es diese nicht geschafft, sich auf ein gemeinsames Projekt zu einigen. Betrachtet man die unterschiedlichen KandidatInnen erscheint keineR eine Alternative darzustellen. Ricardo Alfonsín, Sohn des ersten Pr&#228;sidenten nach der Milit&#228;rdiktatur der 70er und 80er Jahre, wird von der Bev&#246;lkerung als „Schw&#228;tzer“ ohne politisches Programm wahrgenommen. Die Kandidatur Eduardo Dualdes, mitverantwortlich f&#252;r die Abwertung des Peso 2002 und Vater der Repression gegen&#252;ber der sozialen Bewegungen jener Jahre, die schlie&#223;lich ihren traurigen H&#246;hepunkt in der Ermordung der beiden AktivistInnen Darío Santillán und Maximilian Kosteki fand, empfindet der Gro&#223;teil der Bev&#246;lkerung als Dreistigkeit die ihres gleichen sucht. Alberto Rodríguez Saá, Gouverneur der Provinz San Luis  (immerhin 8,17%), gilt als Provinzcaudillo. Seiner Familie, die von Juan Saá einem bedeutenden Milit&#228;r und Politiker des B&#252;rgerkrieges des 19. Jahrhunderts abstammt, besitzt praktisch die gesamte Provinz und reicht die Posten innerhalb der staatlichen Apparate von Generation zu Generation weiter. Elisa Carrió, bei der Wahl 2007 mit 23% noch zweite hinter Fernández de Kirchner und Hoffnung der Opposition, erreichte gerade einmal 3,24%. Sie gilt als verr&#252;ckt geworden, nicht zuletzt deshalb weil sie von Zeit zu Zeit mit den abstrusesten Verschw&#246;rungstheorien aufwartet. So behauptete sie etwa im Anschluss an den Tod Néstor Kirchner, dass die gro&#223;e Anteilnahme und Trauer der Bev&#246;lkerung w&#228;hrend dessen Beerdigung, von der Theatergruppe inszeniert worden w&#228;re, die auch schon das <a href="http://www.youtube.com/watch?v=O9pfkmMn9cA">200j&#228;hrige Jubil&#228;um Argentiniens organisiert hatte</a>. Neben der Programmlosigkeit der genannten OppositionspolitikerInnen, hatten diese es nicht geschafft Allianzen untereinander zu kn&#252;pfen und sich als eine M&#246;glichkeit des Bruchs mit dem <em>kirchnerismo </em>zu pr&#228;sentieren. Die meisten von ihnen repr&#228;sentieren hierbei die politische Elite der Krisenzeit um 2001, die im kollektiven Ged&#228;chtnis der Bev&#246;lkerung noch immer zutiefst verhasst ist. </p>
<p><a href="http://www.perspektiven-online.at/?attachment_id=2396"><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/10/Binner-en-el-Plenario-del-Partido-Socialista-en-Rosario-26-08-2011-300x200.jpg" alt="" title="Binner-en-el-Plenario-del-Partido-Socialista-en-Rosario-26-08-2011" width="300" height="200" class="aligncenter size-medium wp-image-2396" /></a></p>
<p>Die einzige Ausnahme bildet der bisherige Gobernador von Santa Fe Hermes Binner. Er gilt als gro&#223;er Gewinner der <em>primarias</em>, in dessen Vorfeld er sich stets als offener und sachlicher Diskussionspartner f&#252;r alle politischen Lager und Verfechter der demokratischen Institutionen pr&#228;sentiert hatte. So schreckte er beispielsweise auch nicht davor zur&#252;ck sich kurz vor der Wahl mit Hugo Moyano dem Chef der <em>Confederación General del Trabajo de la República Argentina</em> (CGT), der gr&#246;&#223;ten und m&#228;chtigsten Gewerkschaft Argentiniens, zu treffen. Hugo Moyano wird von der Opposition gerne als personifizierte Korruption und Machtgier aufgrund seiner Verbindungen zur Regierung dargestellt.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Trotzdem versammelte sich Binner mit Moyano unter dem Verweis darauf, dass man die demokratischen Institutionen des Landes respektieren m&#252;sse – ob einem das Gesicht des anderen nun passe oder nicht. Eine Argumentation die an den Diskurs der Regierung &#252;ber die Bedeutung der demokratischen Institutionen ankn&#252;pft (mehr dazu weiter unten). Binners Politikform scheint auch f&#252;r weite Teile der (urbanen) Mittelschichten ankn&#252;pfungsf&#228;hig, die sich mehr soziale Gerechtigkeit w&#252;nschen, die populistische Politikform des <em>kirchnerismo </em>diesbez&#252;glich jedoch befremdlich finden. Zwar haben die Entwicklungen seit den <em>primarias </em>seine aufstrebende Tendenz best&#228;tigt und aufgezeigt, dass sich um ihn herum in kommenden Jahren ein oppositionelles Potenzial entwickeln k&#246;nnte, seine politische Karriere auf nationaler Ebene ist jedoch noch relativ jung, weshalb er nicht als ernsthafter Konkurrent f&#252;r Cristina gilt.<br />
F&#252;r eine weitere kleine &#220;berraschung sorgte das Abschneiden von Jorge Altamira dem Pr&#228;sidentschaftskandidaten der <em>Frente de Izquierda y de los trabajadores</em> (FIT). Hierbei handelt es sich um ein B&#252;ndnis der drei gro&#223;en trotzkistischen Parteien <em>Partido Obrero</em> (PO), <em>Partido de los Trabajadores Socialistas</em> (PTS) und <em>Izquierda Socialist</em>a (IS) und Einzelpersonen. D<a href="http://www.ips.org.ar/?p=1743.">abei wird es von einer ganzen Reihe von bekannten Intellektuellen, wie Eduardo Gr&#252;ner unterst&#252;tzt.</a> Unter dem Titel „Asamblea de intelectuales, docentes y artistas en apoyo al Frente de Izquierda“ versammeln sich diese in Form <a href="http://www.ips.org.ar/?cat=9.">&#246;ffentlicher Diskussionsveranstaltungen</a>, um das B&#252;ndnis zu debattieren. Bei allen Vorbehalten und Kritikpunkten unterst&#252;tzen viele das B&#252;ndnis mit der Begr&#252;ndung, es sei die einzige antikapitalistische Kraft, die bei den Wahlen antreten w&#252;rde. Zudem gehe es darum einen <a href="http://www.ips.org.ar/?p=3277">Diskussionsprozess innerhalb der Linken voranzutreiben</a> und alte Vorurteile abzubauen. Die FIT hatte im Vorfeld die <em>primarias </em>an sich sowie die zu erreichende Mindeststimmzahl von 400.000 bzw. 1,5% Stimmanteil heftig kritisiert und diese als Versuch der Regierung die kleinen Parteien von den Wahlen auszuschlie&#223;en angeprangert. Viele glaubten nicht wirklich daran, dass die FIT und Altamira wirklich den genannte Stimmanteil erreichen w&#252;rde, schlie&#223;lich waren es dann sogar 2,48%. </p>
<p><strong>Narrative des <em>kirchnerismo</em></strong><br />
Auch wenn die fehlende Opposition sicherlich einen Teil zum Erfolg Cristinas beigetragen hat, so reicht diese bei weitem nicht aus, um den Wahlerfolg zu erkl&#228;ren. Wie Alfredo Serrano und Esteban de Gori in ihrer <a href="http://www.rebelion.org/noticia.php?id=134634&#038;titular=votos-sorpresas-y-reconfiguraciones- ">hervorragenden Analyse</a> feststellen, hat es die Regierung geschafft ein Narrativ zu etablieren, welches Ankn&#252;pfungspunkte f&#252;r verschiedene Sektoren bietet und einen „<em>un nuevo horizonte de expectativas</em>“ (einen neuen Erwartungshorizont) schafft. In diesem sei die Hoffnung auf einen gewissen „<em>bienstar</em>“ (Wohlstand/Wohlfahrt) f&#252;r alle eingeschrieben, welches nicht nur &#246;konomische Aspekte beinhaltet, sondern als ganzheitliche Kategorie zu verstehen sei, „die seit 2003 in der Konsolidierung eines Institutionennetzes f&#252;r Bildung, Gesundheit und sozialen Einrichtungen besteht. Ausgehend [davon] wurde eine Subjektivit&#228;t hervorgerufen […], die konfrontiert mit der Notwendigkeit &#252;ber seine Gegenwart und Zukunft zu entscheiden, es umgehend bevorzugt ein Projekt zu unterst&#252;tzen, welches eine stabile Basis besitzt.“<br />
Dieses Narrativ der Institutionen kn&#252;pft auch bei vielen W&#228;hlerInnen des (st&#228;dtischen) Kleinb&#252;rgerInnentums an und kontrastiert den <em>kirchnerismo </em>gegen das Chaos um 2001. Selbst diese Teile rechnen der Regierung trotz ideologischer Differenz an, die politischen Institutionen wieder gest&#228;rkt zu haben. Nicht zu untersch&#228;tzen ist dabei auch die Rolle des 2010 verstorbenen Ex-Pr&#228;sidenten Néstor Kirchner. Im Wahlkampf stetig pr&#228;sent, ist wird seine Mythologisierung von Seite des <em>kirchnerista </em>stetig vorangetrieben. Passend dazu ist vor kurzem eine Biographie Cristina Fernández de Kirchner erschienen, in der sie ausf&#252;hrliche intime Details &#252;ber ihren Mann erz&#228;hlt. Zudem sind j&#252;ngst mehrere Biographien und B&#252;cher &#252;ber den Ex-Pr&#228;sidenten ver&#246;ffentlicht worden. Unter anderem eine Sammlung von José Pablo Feinmann – ein bekannter Intellektueller und h&#228;ufig als Philosoph des <em>kirchnerismo </em>bezeichnet – welche Gespr&#228;che zwischen ihm und Néstor Kirchner enth&#228;lt.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>  Seine Bem&#252;hungen, das Land nach der Krise wieder auf Kurs zu bringen, dient hier als eine Art gemeinsame Geschichte, die eine Z&#228;sur markiert und ein neues nationales Projekt einleitete; dieses gelte es nun weiter zu f&#252;hren.</p>
<p><a href="http://www.perspektiven-online.at/?attachment_id=2395"><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/10/18-G3c3p.AuSt_.55-300x199.jpg" alt="" title="18-G3c3p.AuSt.55" width="300" height="199" class="aligncenter size-medium wp-image-2395" /></a></p>
<p><strong>Die Angst vor der Krise</strong><br />
Ein weiterer wichtiger Aspekt in der Erkl&#228;rung des Wahlerfolges stellt die weltweite Krise des Kapitalismus dar. Bisher scheint diese zwar in Argentinien kaum Auswirkungen zu haben und die Regierung betont immer wieder, dass man gut ger&#252;stet sei, was denn auch kommen m&#246;ge. Wie der <a href="http://www.ips.org.ar/?p=3333">Eduardo Gr&#252;ner</a> jedoch feststellt, muss die Wahl auch als eine konservative Entscheidung verstanden werden: <a href="http://www.ips.org.ar/?p=3333">„Eine Abstimmung daf&#252;r, dass sich, w&#228;hrend der zugespitzten internationalen Krise des Kapitalismus, nichts zu sehr bewegt.“</a> Seine Interpretation wird auch durch die Wahlergebnisse in den Provinzen gest&#252;tzt, in denen ausnahmslos die bisherigen Regierungen best&#228;tigt wurden. Betrachtet man die <a href="http://www.primarias2011.gob.ar/">Wahlergebnisse </a>der <em>primarias </em>in den einzelnen Provinzen zeigt sich sogar, dass Cristina in Santa Fe gegen&#252;ber Hermes Binner durchsetzen konnte, was ebenfalls auf den Wunsch nach Kontinuit&#228;t sowohl auf Provinz- als auch nationaler Ebene hindeutet. Dass es der Regierung Kirchner bisher gelungen ist die Auswirkungen der Krise soweit wie m&#246;glich zu umschiffen, wird ihr hoch angerechnet. Nicht zuletzt deshalb, weil man mit <a href="http://www.youtube.com/watch?v=_xC3KB_UBco">Entsetzen nach Griechenland</a> schaut und feststellt, dass die dort aufoktroyierten Politiken denen gleichen, die 2001 in Argentinien angewendet wurden.</p>
<p>Neben diesem Bezug zur aktuellen Krise wird das Projekt-K allerdings auch insgesamt trotz all seiner M&#228;ngel als wirtschaftlich erfolgreich wahrgenommen. <a href="http://www.atilioboron.com/2011/08/cristina-recargada-notas-sobre-las.html">Atilio Boron</a> beschreibt die Wahrnehmung der Regierungspolitik wie folgt: „Zudem wird das wirtschaftliche Wachstum von einer starken Ausweitung des Konsums begleitet (in den Augen des Beg&#252;nstigten interessieren die Mechanismen nicht mit Hilfe derer diese bef&#246;rdert wird); die Schaffung von Jobs (egal ob angemeldet oder „schwarz“); eine bescheidene aber willkommene Verbesserung der L&#246;hne, Geh&#228;lter und der Bez&#252;ge der PensonistInnen; die enorme Ausweitung der Vorsorge f&#252;r Hausfrauen; die Implementierung einiger palliativer Ma&#223;nahmen gegen das Armutsproblem, welches im Land seit den neunziger Jahren herrscht […]. “<br />
Und tats&#228;chlich wird die Wirtschaftspolitik der Regierung von den unterschiedlichen Sektoren als erfolgreich wahrgenommen, wobei es die Regierung clever versteht, diese mit unterschiedlichen Politiken zu bedienen.<br />
Zwar sorgt steigende Inflation daf&#252;r, dass die &#228;rmeren Teile der Bev&#246;lkerung sich gerade so &#252;ber Wasser halten k&#246;nnen. Auch dass die Regierung die Inflationszahlen des INDEC manipuliert, ist ein offenes Geheimnis und wird viel kritisiert. Allerdings ist man aber doch froh wieder Arbeit zu haben und sich irgendwie durchschlagen zu k&#246;nnen. Dass die meisten Jobs <em>en negro</em> sind und viele seit Jahren darauf warten, in den Genuss von Sozialversicherungsleistungen zu kommen, ist man bereits gew&#246;hnt.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Gerade in diesen Teilen der Bev&#246;lkerung scheint man sich wenig Illusionen &#252;ber die Parteienpolitik und politischen Institutionen zu machen. Auf die Frage, wen sie w&#228;hlen – die Wahlen in Argentinien sind verpflichtend – h&#246;rt man immer wieder, dass es den Leuten wirtschaftlich gesehen relativ egal erscheint wer das Land regiert, allerdings w&#228;hle man Cristina „por lo que hace para la gente.“ (wegen dem was Cristina f&#252;r die (einfachen) Leute tut). So konnte Cristina auch die meisten Stimmen in den &#228;rmeren Provinzen des Nordens wie Santiago del Estero.<br />
Die Zustimmung beschr&#228;nkt sich jedoch nicht auf diese Bev&#246;lkerungsteile. Tats&#228;chlich gewann die amtierenden Pr&#228;sidentin &#252;berraschenderweise auch in den Regionen, in denen <a href="http://www.pagina12.com.ar/diario/elpais/1-175080-2011-08-23.html">etwa die Agrarwirtschaft angesiedelt ist</a> oder aber in Buenos Aires, wo eine Woche zuvor noch Macri mehr als deutlich siegen konnte. Neben der fehlenden Wahlalternative stellt sich die wirtschaftspolitische Kluft zwischen den beiden Lagern bei weiten nicht so gro&#223; dar, wie dies vielleicht auf ideologischer Ebene der Fall sein mag. <a href="http://www.ips.org.ar/?p=3333">Gr&#252;ner analysiert </a>in diesem Zusammenhang: „Die sogenannte rechte Opposition ist nachdem sie nebenher ungeschickt, nutzlos und dumm ist, auch vollkommen unn&#246;tig, da die Regierung sorgf&#228;ltig alle Aufgaben der Bourgeoisie (tareas burguesas) erledigt, die in dieser Etappe notwendig sind. Die unterschiedlichen Wirtschaftsfraktionen der herrschenden Klassen sind mittlerweile an einem Punkt angelangt, wo sie sich einerseits ein wenig f&#252;gen und andererseits ein wenig davon schw&#228;rmen, dass man mit dieser Regierung hervorragende Gesch&#228;fte machen kann und es keinen Grund daf&#252;r gibt bei der derzeitigen weltweiten Krise gro&#223;e Abenteuer einzugehen.“<br />
Das hei&#223;t, w&#228;hrend der populare Sektor die (prek&#228;ren) M&#246;glichkeiten des aktuellen Wirtschaftswachstums zu nutzen wei&#223; und nach der Ohnmacht der vorangegangen Jahre wieder M&#246;glichkeiten und Zukunftsperspektiven sieht (auch wenn diese darin bestehen sechs Tage die Woche in mehreren Jobs unangemeldet zw&#246;lf oder mehr Stunden zu arbeiten), hofft ein weiterer Teil der Lohnabh&#228;ngigen darauf in geregelte Arbeitsverh&#228;ltnisse &#252;berzuwechseln. Das (st&#228;dtische) Kleinb&#252;rgerInnentum wiederum setzt darauf, dass die Wirtschaft weiter w&#228;chst und stabil bleibt, da die Gesch&#228;fte derzeit gut laufen.</p>
<p>Neben diesen wirtschaftspolitischen Aspekten d&#252;rfen jedoch nicht die Regierungsma&#223;nahmen im Bereich der Menschen- und B&#252;rgerInnenrechte vergessen werden die von der Regierung h&#228;ufig medienwirksam inszeniert werden und eine starke symboltr&#228;chtige Wirkung haben. Hierzu lassen z&#228;hlen Projekte wie das <a href="http://www.lgbt.org.ar/blog/Matrimonio/matrimonio.htm">Matrimonio Igualitario (gleichgeschlechtliche Ehe)</a>, das sogenannte <a href="http://www.argentina.ar/_es/pais/nueva-ley-de-medios/C2396-nueva-ley-de-medios-punto-por-punto.php">Ley de los medios</a> (Mediengesetz) und die Menschenrechtspolitik (im Bezug auf die Milit&#228;rdiktatur).Mit Hilfe dieser unterstreicht die Regierung immer wieder ihren Anspruch auf den progressiven Charakter ihrer Politik und bedient viele gesellschaftliche Gruppen. So h&#246;rt man beispielsweise von AktivistInnen, die sich stark f&#252;r das <em>matrimonio igualtario</em> engagiert haben, dass sie die Wirtschaftspolitik der Regierung als Tropfen auf den hei&#223;en Stein empfinden, diese aber aus Mangel an ernsthaften Alternativen weiterhin unterst&#252;tzen werden, in der Hoffnung bestimmte <em>single-issues</em> so durchsetzen zu k&#246;nnen.</p>
<p><a href="http://www.perspektiven-online.at/?attachment_id=2393"><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/10/4266721301.jpg" alt="" title="4266721301" width="300" height="169" class="aligncenter size-full wp-image-2393" /></a></p>
<p><strong>Wie weiter?</strong><br />
Der sich abzeichnende Trend unmittelbar nach den <em>primarias </em>hat sich in den darauf folgenden Wochen best&#228;tigt: Die Opposition scheint noch mehr in Aufl&#246;sung begriffen als vor den primarias. Dass selbst hartgesottene Regierungsgegner wie Biolcati, der Vorsitzende der Sociedad Rural Argentina unmittelbar nach den <em>primarias</em>, den Sieg Cristinas nicht mehr anzweifelten und der Opposition ihre Programmlosigkeit vorwarfen, zeigt deren verzweifelte Lage.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Wie Biolcati bereits zu diesem Zeitpunktanklingen lie&#223;, zeigte sich in den Folgewochen, dass diese nun auf die ebenfalls am 23. Oktober stattfindenden Wahlen in einigen Provinzen zu fokussieren scheint, bei denen immerhin 130 Abgeordnete sowie 24 SenatorInnen neu bestimmt werden.<br />
Die Regierung selber scheint derzeit vor Selbstvertrauen zu strotzen. In der <a href="www.presidencia.gov.ar/informacion/actividad-oficial/25323">Pressekonferenz</a> unmittelbar nach den <em>primarias </em>k&#252;ndigte Cristina bereits an, dass sogenannte <em>ley de la tierra</em> m&#246;glichst schnell vorantreiben zu wollen. Hierbei geht es um die Beschr&#228;nkung des Erwerbs von L&#228;ndereien durch Nicht-ArgentinierInnen. Die Agraroligarchie hat sich bisher wenig erfreut &#252;ber die Versuche der Regierung in diese Richtung gezeigt. Zudem preschte der Innenminister Florencio Randazzo bei der <a href="http://www.argentina.ar/_es/pais/C8328-elecciones-primarias-abiertas-simultaneas-y-obligatorias-paso---14-de-agosto-de-2011.php">Verk&#252;ndung der endg&#252;ltigen Wahlresultate</a> wenige Tage sp&#228;ter in der stetigen Auseinandersetzung zwischen der Regierung und einigen Medienunternehmen erneut vor: Diese hatten immer wieder von Unstimmigkeiten bei den Wahlen gesprochen. Im Endeffekt mussten die Zahlen f&#252;r Cristina Fernández de Kirchner dann sogar noch oben korrigiert werden. Erneut bediente Randazzo dabei den Diskurs der demokratischen Institutionen, indem er diesen Medien – vor allem den Zeitungen Clarín und La Nación – vorwarf unverantwortlich zu handeln und diese Institutionen anzugreifen.<br />
Auch in den Ergebnissen der Provinzwahlen nach den <em>primarias</em>, konnte die Regierung ihren Siegeszug fortsetzen: Im Chaco wurde mit Jorge Capitanich ein Anh&#228;nger des <em>kirchnersimo </em>mit deutlicher Mehrheit wiedergew&#228;hlt. In Rio Negro gewann mit Carlos Soria nicht nur der Kandidat der <em>Frente para la Victoria</em>,sondern &#252;berhaupt das erste Mal seit der R&#252;ckkehr zu Demokratie ein peronistischer Kandidat.<br />
Wie es auf lange Sicht weitergeht mit dem <em>kirchnersimo </em>steht jedoch in den Sternen. Dass diese Form des Kompromisses keine langfristige L&#246;sung bringen wird, zeigt sich in der grundlegenden Ausrichtung des derzeitigen Modells, dessen Wurzeln bis in die Wirtschaftspolitik der Milit&#228;rjunta reichen: Dominanz des ausl&#228;ndischen Finanzkapitals und Unternehmen, r&#252;cksichtslose Ausbeutung der nat&#252;rlichen Ressourcen, „Sojarisierung“ die dazu f&#252;hrt, dass die Wirtschaft sich wieder vermehrt im Prim&#228;rsektor konzentriert und diesen homogenisiert, Prekarisierung der <a href="http://www.rebelion.org/noticia.php?id=134376&#038;titular=cristina-recargada-">Arbeitsverh&#228;ltnisse und Schwarzarbeit</a>.  Es ist schwer vorstellbar, dass sich diese dauerhaft mit den. trotz aller berechtigten und n&#246;tigen Kritik, zweifellos vorhandenen progressiven Aspekten des <em>kirchnerismo </em>und vor dem Hintergrund einer weltweiten kapitalistischen Krise vereinbaren lassen. Wie sich der <em>kirchnerismo</em>, konfrontiert mit den neuen Herausforderungen, verhalten wird scheint offener denn je.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Einen schnellen Einstieg und &#220;berblick bez&#252;glich der KandidatInnen, ihre nParteien und Wahlkoalitionen bietet der <a href="http://es.wikipedia.org/wiki/Elecciones_primarias_de_Argentina_de_2011">wikipedia-Eintrag</a> zu den primarias.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Die Parteienlandschaft Argentiniens ist h&#246;chtst zersplittert und stellt sich hinsichtlich B&#252;ndnispartnerInnen  etc. a auf nationaler Ebene anders dar als auf Pronvinzebene. Als zentrales Merkmal k&#246;nnten man eine Art Projektcharakter ausmachen im Zuge dessen sich vor den Wahlen die unterschiedlichen Parteistr&#246;mungen, auch &#252;ber die eigenen Parteigrenzen hinaus, um zentrale Figuren gruppieren. Weil die Darstellung der argentinischen Parteienlandschaft eines eigenen Artikels bed&#252;rfte, verzichte ich an dieser Stelle auf genauere Ausf&#252;hrungen. Statistiken nach Ministerio del Interior: http://www.primarias2011.gob.ar/ [3.09.2011]<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Hugo Moyano ist Vorsitzender der Lastwagenvereinigung. Da ein Gro&#223;teil des Warentransportes &#252;ber den Stra&#223;enverkehr abgewickelt wird besitzt diese ein enormes Machtpotenzial. In Argentinien sagt man, wenn Mayona will, dann steht das Land still.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Russo, Sandra (2011): La presidenta. Buenos Aires: Editorial Sudamericana.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Feinmann, José Pablo (2011): El Flaco. Dialogos Irreverentes con Néstor Kirchner. Buenos Aires: Editorial Planeta.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Die Schwarzarbeit liegt derzeit bei ca. 30%. Die Absurdit&#228;t in diesem Zusammenhang ist, dass es sogar f&#252;r den Staat Arbeitenden gibt, die en negro arbeiten.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Der Vorsitzende sorgt nach den <em>primarias </em>f&#252;r einen Skandal nachdem er seiner Verachtung f&#252;r die popul&#228;ren Sektoren Argentiniens freien Lauf lie&#223; und wie folgt analysierte: „Die Leute schauen Tinelli und wenn sie ihren Plasmafernseher bezahlen k&#246;nnen interessiert sie nichts mehr/schei&#223;en sie auf alles.“ Zudem gab dieser zu, dass die Repr&#228;sentantInnen des <em>campo </em>immer wieder gelogen h&#228;tten, um Stimmung gegen die Regierung zu machen und dass es der Agrarwirtschaft eigentlich sehr gut ginge.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Thesen zur Wien-Wahl 2010</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:54:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>felix</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Ausgaben]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[FPÖ]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsextremismus]]></category>
		<category><![CDATA[SPÖ]]></category>
		<category><![CDATA[Stadt]]></category>
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		<category><![CDATA[Wien]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Wien-Wahl ist ein entscheidender Gradmesser f&#252;r die politische Situation in &#214;sterreich. Wie und mit welchen inhaltlichen Schwerpunkten der Wahlkampf gef&#252;hrt wird und welche Politik die Stadt in den n&#228;chsten Jahren pr&#228;gt, ist nicht nur f&#252;r alle in Wien lebenden Menschen von gro&#223;er Bedeutung, sondern hat weit &#252;ber den lokalen Kontext hinaus Signalwirkung. In zugespitzter Form schlagen sich bei dieser Wahl die parteipolitischen Tendenzen der letzten Jahre und Jahrzehnte nieder: Aufgrund ihrer anhaltenden Krise ist die Sozialdemokratie mehr denn je vom Erhalt ihrer starken Machtposition und des Mythos Rotes Wien abh&#228;ngig.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die Wien-Wahl ist keine Wahl wie jede andere.</strong></p>
<p>Die Wien-Wahl ist ein entscheidender Gradmesser f&#252;r die politische Situation in &#214;sterreich. Wie und mit welchen inhaltlichen Schwerpunkten der Wahlkampf gef&#252;hrt wird und welche Politik die Stadt in den n&#228;chsten Jahren pr&#228;gt, ist nicht nur f&#252;r alle in Wien lebenden Menschen von gro&#223;er Bedeutung, sondern hat weit &#252;ber den lokalen Kontext hinaus Signalwirkung. In zugespitzter Form schlagen sich bei dieser Wahl die parteipolitischen Tendenzen der letzten Jahre und Jahrzehnte nieder: Aufgrund ihrer anhaltenden Krise ist die Sozialdemokratie mehr denn je vom Erhalt ihrer starken Machtposition und des Mythos Rotes Wien abh&#228;ngig. Gleichzeitig verfolgt die FP&#214; – als <em>der</em> Kristallisationspunkt der extremen Rechten in &#214;sterreich – explizit die Strategie, &#252;ber einen (Achtungs-)Erfolg in Wien die politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse in ganz &#214;sterreich weiter nach rechts zu verschieben. F&#252;r Bundes- und Landesparteiobmann Heinz-Christian Strache ist es sogar erkl&#228;rtes Ziel, das Amt des Wiener B&#252;rgermeisters zum Ausgangspunkt f&#252;r eine erfolgreiche Bundeskanzler-Kandidatur zu machen. Infolgedessen wird der von Strache ausgerufene „Kampf um Wien“ zum wichtigen Pr&#252;fstein f&#252;r die Schlagkraft linker, antifaschistischer und antirassistischer Politik.</p>
<p><strong>Die Sozialdemokratie befindet sich in einer strukturellen Krise.<span style="font-weight: normal;"> </span></strong></p>
<p>Die europaweite Neoliberalisierung sozialdemokratischer Parteien in Gestalt des so genannten Dritten Weges hat auch vor der SP&#214; nicht halt gemacht. Folglich ist sie mit dem gleichen strukturellen Widerspruch konfrontiert, der sozialdemokratische Politik in ganz Europa seit Jahren pr&#228;gt: Hier die Interessen der ArbeiterInnen und Gewerkschaftsmitglieder als soziale Basis der Sozialdemokratie; und dort neoliberale Politiken, welche die soziale Situation fortw&#228;hrend verschlechtern. Das Ergebnis ist eine tiefgreifende Legitimit&#228;ts- und Repr&#228;sentationskrise sowie ideologische Orientierungslosigkeit der Sozialdemokratie. Ihren Ausdruck findet diese Krise in ausbleibenden Wahlerfolgen, Austrittswellen und dem Fehlen personeller Alternativen. Diese Problematik offenbart sich, wenngleich in abgeschw&#228;chter Form, auch mit Blick auf die Wiener SP&#214;: In Bereichen wie Wohnen, Versorgung, Soziales, Bildung oder Stadtentwicklung verfolgt die Partei auch hier eine neoliberale Politik, die sich negativ auf die soziale Situation vieler BewohnerInnen der Stadt auswirkt. Gleichzeitig versucht sie mit Slogans wie „Wien ist anders“ oder dem st&#228;ndigen Verweis auf die Tradition des Roten Wien sich ihrer sozialen und politischen Basis zu versichern – jedoch mit m&#228;&#223;igem Erfolg.</p>
<p><strong>Die FP&#214; profitiert ma&#223;geblich von der Politisierung der sozialen Frage.</strong></p>
<p>Zwei Jahrzehnte neoliberaler Klassenkampf von oben haben die gesellschaftlichen Ungleichheiten in &#214;sterreich massiv versch&#228;rft. Da die Folgen der aktuellen Wirtschaftskrise – einer der schwersten der letzten 100 Jahre – zunehmend auf die lohnabh&#228;ngig Besch&#228;ftigen abgew&#228;lzt werden, kommt es zu einer tiefgreifenden sozialen Verunsicherung. Unter dieser Voraussetzung kann der parteif&#246;rmige Rechtsextremismus v. a. deshalb &#252;ber seinen deutschnationalen Kern hinaus Anh&#228;ngerInnen gewinnen, weil er in jene Repr&#228;sentationsl&#252;cke st&#246;&#223;t, welche die Krise der Sozialdemokratie hinterl&#228;sst. Indem die FP&#214; die soziale als nationale Frage politisiert, kann sie an den realen Erfahrungen breiter Bev&#246;lkerungsschichten anschlie&#223;en und so die massenhafte Zustimmung zu rechtsextremen Inhalten organisieren. Forderungen wie „Sozialleistungen nur f&#252;r Staatsb&#252;rger! – &#214;sterreicher zuerst“ oder „Arbeitspl&#228;tze f&#252;r unsere Wiener!“ – statt f&#252;r „Gastarbeitslose“ sind beispielhaft f&#252;r diese Strategie. Indem sie Themen wie steigende Lebenshaltungskosten (Strom, Gas, Miete etc.), Kinderbetreuungspl&#228;tze, urbane Gro&#223;projekte, sozialen Wohnbau oder den Alltag im Gr&#228;tzel offensiv thematisiert, versucht die FP&#214; sich auch stadtpolitisch als soziale Alternative zur SP&#214; zu positionieren. Dass dieser Selbstdarstellung als „soziale Partei“ de facto eine wirtschaftsliberale, wohlfahrtsstaatsfeindliche Politik gegen&#252;bersteht, zeigt unter anderem die freiheitliche, wirtschaftspolitische Ausrichtung an den Interessen von Gro&#223;unternehmen und mittelst&#228;ndischen Betrieben.</p>
<p><strong>Wo es an Abgrenzung sowie einem antirassistischen und antifaschistischen Grundkonsens mangelt, wird die extreme Rechte gest&#228;rkt.</strong></p>
<p>Der Aufstieg der FP&#214; zu einer politisch relevanten Kraft ist nicht zuletzt der fehlenden inhaltlichen und personellen Abgrenzung von Seiten anderer Parteien und gesellschaftlicher Kr&#228;fte geschuldet. Wo der Themensetzung der extremen Rechten entsprochen und rassistische Inhalte in die eigene Politik aufgenommen werden oder die FP&#214; als realer oder potentieller politischer Verb&#252;ndeter und Koalitionspartner hofiert wird, kommt es zur Normalisierung und Legitimierung von Rechtsextremismus und Rassismus. Die politischen Koordinaten verschieben sich weiter nach rechts. Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus sind auf diesem Weg ebenso (wieder) salonf&#228;hig geworden wie ein revanchistischer Sicherheitsdiskurs, in dem sich Forderungen nach mehr Polizei und st&#228;rkerer &#220;berwachung des urbanen Raums mit rassistischen Klischees von „osteurop&#228;ischen Bettelbanden“ verbinden. Das Fehlen eines antirassistischen Grundkonsenses macht sich auch dort bemerkbar, wo die allt&#228;gliche rassistische Polizeigewalt samt ihrer t&#246;dlichen Folgen unkommentiert bleibt. Wird demgegen&#252;ber von antirassistischen und antifaschistischen Initiativen und Gruppen versucht, Rassismus zu politisieren und, wie etwa beim WKR-Ball, dem selbstbewussten und offenen Auftreten rechtsextremer und nazistischer Kr&#228;fte entschlossen entgegenzutreten, wird dem mit scharfer Repression begegnet. Die notwendige, auch finanzielle und infrastrukturelle, Unterst&#252;tzung solcher Projekte und Initiativen durch die Stadt bleibt aus.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Die FP&#214; muss demaskiert, isoliert und marginalisiert werden.</strong></p>
<p>Die Aff&#228;re um die Pr&#228;sidentschaftskandidatur von Barbara Rosenkranz zeigt auf, welche M&#246;glichkeiten entstehen, wenn die FP&#214; ideologisch entlarvt und somit in Erkl&#228;rungs- und Rechtfertigungsnot gebracht wird. Die Demaskierung von Rosenkranz trug zu einer Schw&#228;chung ihres politischen Auftretens bei und machte einen offensiven Wahlkampf f&#252;r sie schwieriger. Daher ist es entscheidend, neben dem rassistischen und rechtsextremen Charakter der FP&#214; auch die historisch-ideologischen Wurzeln der Partei zu benennen. Diese zeigen sich etwa in ihrer Entstehungsgeschichte aus dem <em>Verband der Unabh&#228;ngigen</em> (VdU), der als Auffangbecken nationalsozialistischer Kader nach 1945 gilt, ihrer aktiven Verbindung zu au&#223;erparlamentarischen rechtsextremen Gruppierungen und in der engen Verkn&#252;pfung ihrer Funktion&#228;rInnen mit dem Lager der deutsch-nationalen Burschenschaften. Gleichzeitig ist es essenziell, eine breite Gegen&#246;ffentlichkeit zur FP-Ideologie und ihrer Pr&#228;senz in Politik und Gesellschaft zu mobilisieren. Ein gro&#223;es, antifaschistisches B&#252;ndnis gegen die FP&#214; und die mit ihr verbundenen rechtsextremen Kreise treibt ihre politische Isolierung voran. Dar&#252;berhinaus k&#246;nnen Mobilisierungen gegen FP&#214;-Auftritte im Kleinen (auf Bezirksebene, bei Infost&#228;nden usw.) wie im Gro&#223;en (durch Demonstrationen, Konzerte oder Blockaden) zu ihrer Demoralisierung und Marginalisierung beitragen. Der &#246;ffentliche Raum darf nicht der extremen Rechten &#252;berlassen werden!</p>
<p>Letztendlich ist es auch wichtig, den institutionell-politischen Einfluss der FP&#214;, z.B. ihren Zugang zu Parteienf&#246;rderung, zu beschneiden. Deshalb macht es auch Sinn, gegen Rechts w&#228;hlen zu gehen, um die Pr&#228;senz von Rassismus und Rechtsextremismus im Rahmen der repr&#228;sentativen Demokratie zur&#252;ckzudr&#228;ngen. <strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Die soziale Frage von links stellen.</strong></p>
<p>Wenn die FP&#214; ernsthaft und nachhaltig konfrontiert werden soll, muss auch das zentrale Element ihres Erfolges ausgehebelt werden, also ihre F&#228;higkeit, die soziale Frage nationalistisch und rassistisch zu beantworten und damit Hoheit &#252;ber die Tagesthemen zu beanspruchen. Die Notwendigkeit linker Antworten auf soziale Fragen wird im Kontext der aktuellen Wirtschaftskrise und der Krise der SP&#214; noch akuter. Es bedarf eines aktiven Agendasettings von links, bei dem auch die bundesweiten Diskussionen aufgegriffen werden m&#252;ssen. Brennende Themen sind z.B. die Frage der Wirtschafts- und Finanzpolitik, und in diesem Sinne die Forderung einer Umverteilung von oben nach unten (Verm&#246;genssteuern, Refinanzierung der Universit&#228;ten, bedingungsloses Grundeinkommen, usw.). Andererseits bedarf es auch einer progressiven Thematisierung stadt- und bezirkspolitischer Fragen, wie des Anstiegs der Lebenshaltungskosten, der zunehmenden (Neo-) Liberalisierung der st&#228;dtischen Sozialpolitik oder von Gentrifizierungstendenzen.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>(Un-)M&#246;gliche politische Alternativen – Eine Neue Linke ist n&#246;tig.</strong></p>
<p>Es stellt sich die Frage, ob Die Gr&#252;nen angesichts des Versagens der SP&#214; als linke, soziale Kraft und des Aufstiegs der FP&#214; eine Alternative darstellen k&#246;nnen. Auch wenn Die Gr&#252;nen die einzige politisch relevante Partei in &#214;sterreich ist, die so etwas &#196;hnliches wie ein antirassistisches und antifaschistisches Profil besitzt, muss die Frage nach ihrem Potential als linke Alternative verneint werden. Ihre fehlende Verankerung in der ArbeiterInnenklasse und ihre Konzentration auf liberal-b&#252;rgerliche Forderungen sowie ihre Unf&#228;higkeit, antirassistisches Engagement mit einer Diskussion um tats&#228;chliche soziale Alternativen zu verbinden, disqualifiziert sie als ernsthafte linke Kraft, die das existierende politische Vakuum f&#252;llen k&#246;nnte.</p>
<p>Die Wien-Wahl demonstriert dementsprechend erneut die Notwendigkeit des Aufbaus einer Neuen Linken in &#214;sterreich. Diese m&#252;sste antirassistisches Engagement und Konfrontation der extremen Rechten mit der Politisierung der sozialen Frage von unten verbinden und in weiterer Konsequenz auch bei Wahlen eine reale politische Alternative zu rechter Sozialdemagogie und Klassenkampf von oben darstellen k&#246;nnen.</p>
<p><em>Gruppe Perspektiven</em></p>
<p><em> </em></p>
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		<item>
		<title>Die neue Qual</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/die-neue-qual/</link>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:20:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[Wahlen]]></category>

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		<description><![CDATA[Weinend randalieren oder randalierend Weinen? Das war die Frage, die sich den MacherInnen dieses Magazins bei Bekanntgabe der ersten Hochrechnung zu den Nationalratswahlen am 28. September stellte. Mit einigen Tagen Abstand hat die <em>Gruppe Perspektiven</em> eine n&#252;chternere Analyse der Wahlen erarbeitet, die wir hier zur Diskussion stellen wollen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Weinend randalieren oder randalierend Weinen? Das war die Frage, die sich den MacherInnen dieses Magazins bei Bekanntgabe der ersten Hochrechnung zu den Nationalratswahlen am 28. September stellte. Mit einigen Tagen Abstand hat die <em>Gruppe Perspektiven</em> eine n&#252;chternere Analyse der Wahlen erarbeitet, die wir hier zur Diskussion stellen wollen.<br />
<span id="more-132"></span></p>
<p>Die Wahlen in &#214;sterreich sind geschlagen – und mit ihr die Linke im weitesten Sinne des Wortes. Das Wahlergebnis kann nicht anders denn als Desaster bezeichnet werden. Die politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse in diesem Land haben sich deutlich verschoben, knapp 30 Prozent f&#252;r die extreme Rechte sind eine auch im internationalen Vergleich beispiellose Situation. Auch f&#252;r eine Linke, die sich keinen Illusionen hingibt, was die Potentiale b&#252;rgerlicher Parlamente betrifft, ist das ein Tiefschlag.</p>
<h3>Post-Politik</h3>
<p>Wie konnte das passieren? Die Erkl&#228;rungen von JournalistInnen und selbsternannten PolitikexpertInnen, die seit dem 28. September in den allermeisten b&#252;rgerlichen Medien breitgetreten werden, sind so oberfl&#228;chlich wie unbefriedigend. Die Gro&#223;e Koalition habe zuviel gestritten und zu wenig gearbeitet, das Wahlvolk genug von dem 18 Monate w&#228;hrenden „Ehestreit“ zwischen SP&#214; und &#214;VP gehabt. Dass tats&#228;chlich sehr wohl „gearbeitet“ wurde, wird hier wohlweislich unterschlagen: Einf&#252;hrung der 60-Stunden-Woche, Abbau von ArbeiterInnenrechten oder die ASVG-Novelle, die Erwerbsarbeitslose nach Hartz-IV-Vorbild zu BittstellerInnen degradiert und zur Annahme jedes Schei&#223;-Jobs zwingt, waren im Wahlkampf kein Thema. „Genug gestritten“ war der Slogan, mit dem alle Parteien um W&#228;hlerInnen buhlten – und damit das reproduzierten, was wir als „Entpolitisierung der Politik“ bezeichnen k&#246;nnen. Die omnipr&#228;sente Forderung „Arbeitet endlich!“, von PolitikerInnen und Medien gleicherma&#223;en artikuliert, f&#252;gt sich nahtlos in diesen Diskurs der „Post-Politik“ (Zizek): Politik wird auf die technokratische L&#246;sung scheinbar „objektiver“, alle gleicherma&#223;en betreffender „Probleme“ reduziert; dass es so etwas wie gegens&#228;tzliche Interessen gibt, die es zu organisieren gilt, l&#228;sst sich in der post-politischen Konstellation kaum noch erahnen. Tats&#228;chlich m&#252;sste es hei&#223;en: „Streitet endlich!“ Was diesem Land fehlt, ist eine lebendige Streit- und Streikkultur um grunds&#228;tzliche politische Richtungsfragen – und soziale K&#228;mpfe, die auch tats&#228;chlich ausgefochten werden.</p>
<h3>Sozial und National</h3>
<p>Das Wahlergebnis zeigt schlie&#223;lich, dass soziale Themen – Schutz vor Teuerung der Lebensmittel, Absicherung der Pensionen, ein „Einkommen zum Auskommen“ – entscheidend waren. Die FP&#214; hat, im Unterschied zu den letzten Jahren, nicht nur einen „Ausl&#228;nderwahlkampf“ gef&#252;hrt, sondern sich auch als „soziale Heimatpartei“ pr&#228;sentiert. Das Bed&#252;rfnis der ArbeiterInnenklasse nach Absicherung wurde von ihr geschickt mit rassistischen Vorurteilen artikuliert, pr&#228;gnant zusammengefasst im Plakatslogan „Soziale Sicherheit f&#252;r unsere Leut’“. Auch die SP&#214; hat die „Offensive gegen die Teuerung“ in Form ihres viel diskutierten „F&#252;nf-Punkte-Programms“ vor dem totalen Absturz bewahrt, w&#228;hrend die &#214;VP mit ihrem Sparefroh-Wahlkampf nicht einmal die eigene Stammw&#228;hlerInnenschaft mobilisieren konnte. Der Ruf „Arbeitet endlich!“ war in diesem Zusammenhang nicht blo&#223; medial produzierte Ablenkung, sondern ideologischer Ausdruck realer Interessen und Bed&#252;rfnisse breiter Teile der Bev&#246;lkerung: Es muss etwas geschehen gegen die reale und im Alltag sp&#252;rbare Verschlechterung der Lebensbedingungen der Lohnabh&#228;ngigen. Die neoliberale Aufforderung zur Selbstdisziplinierung – nach dem Motto „wir alle m&#252;ssen den G&#252;rtel enger schnallen“ – geht heute ins Leere.<br />
Die gro&#223;e &#220;berraschung f&#252;r viele war das starke Abschneiden von J&#246;rg Haiders BZ&#214;. Pr&#228;sentiert als „moderate Rechte“ und mit Haider als elder statesman des Dritten Lagers konnten vor allem entt&#228;uschte &#214;VP-W&#228;hlerInnen im l&#228;ndlichen Bereich angezogen werden. Dies soll jedoch nicht dar&#252;ber hinwegt&#228;uschen, dass das BZ&#214; eindeutig dem rechtsextremen Lager zuzuordnen ist, wie die Kandidaturen (und nunmehr Parlamentssitze) von Ernest „Unsere Ehre hei&#223;t Treue“ Windholz oder dem selbsternannten Freimaurerj&#228;ger Ewald Stadler zeigen. Der wesentliche Unterschied zur FP&#214; besteht in der unterschiedlichen sozialen Basis. Jene des BZ&#214; ist wesentlich labiler, entt&#228;uschte &#214;VP-Bauern/B&#228;uerinnen und Kleingewerbetreibende werden wohl bald wieder in den Scho&#223; der personell erneuerten katholischen Mutterpartei zur&#252;ckkehren. Und dann bleibt blo&#223; die, zugegebenerma&#223;en schwer erkl&#228;rbare, BZ&#214;-Hochburg K&#228;rnten. Die FP&#214; dagegen konnte sich, wie schon zu Haiders „besten“ Zeiten, als authentische ArbeiterInnen- und Jugendpartei (sie wurde &#246;sterreichweit st&#228;rkste Partei bei den unter 30j&#228;hrigen) etablieren.</p>
<h3>Mythos Drachent&#246;ter</h3>
<p>Ein weiteres Ergebnis der Wahl ist, dass der Mythos vom „Drachent&#246;ter“ Sch&#252;ssel endg&#252;ltig als solcher entlarvt wurde. Dieser besagt ja, dass Wolfgang Sch&#252;ssel, indem er im Jahr 2000 eine Koalition mit der Haider-FP&#214; eingegangen ist, das rechtsextreme Lager „domestiziert“ habe, das in Folge an seiner eigenen Regierungsunf&#228;higkeit zerbrochen sei. Blo&#223; acht Jahre sp&#228;ter ist eben dieses Lager wieder am Stimmenstand von 1999 angekommen und die Domestizierungsstrategie gescheitert. Ihr Ergebnis war nicht die Schw&#228;chung der extremen Rechten, sondern im Gegenteil eine nachhaltige Verschiebung des nationalen politischen Koordinatensystems nach rechts und die systematische Verharmlosung rassistischer Positionen. Insbesondere in der Migrations-, Asyl- und Sicherheitspolitik gibt die radikale Rechte seit langem die Marschrichtung vor – was quer durch die Parteienlandschaft bis hin zu den Gr&#252;nen sichtbar wird. Statt einen cordon sanitaire um die FP&#214; und ihre Trabanten zu ziehen, also einen partei&#252;bergreifenden Konsens zu organisieren, der extremen Rechten keine Regierungsbeteiligung auf welcher Ebene auch immer zu erm&#246;glichen, wurde so deren Politik „normalisiert“ (erinnert sich noch jemand an Andreas Khols „Verfassungsbogen“?). Die beiden Unterschiede zur Situation 1999/2000 sind, dass nun nicht einer, sondern zwei F&#252;hrer in den Startl&#246;chern f&#252;r eine Regierungsbeteiligung stehen, und dass die moralische Entr&#252;stung aus der „Mitte der Gesellschaft“ weitgehend ausbleibt. Mit wenigen Ausnahmen wie dem „profil“-Cover nach der Wahl („Sieg …“ in Frakturschrift) wird der Wiederaufstieg der extremen Rechten, nachdem diese bei der letzten Wahl bereits am Boden war, als „Protestwahl“ verharmlost.</p>
<h3>Linkes Vakuum</h3>
<p>Dass die SP&#214; weiterhin stimmenst&#228;rkste Partei ist, darf auch kein Grund zum Jubeln sein (wiewohl die zwischen Fassungslosigkeit und Selbstgei&#223;elung changierenden Reaktionen der &#214;VP-Granden am Wahlabend f&#252;r wohlige Schadenfreude sorgten, wenn es schon sonst nichts zu freuen gab). Alle Zeichen stehen auf Gro&#223;e Koalition, sie ist Werner Faymanns erkl&#228;rte Pr&#228;ferenz und mit der Inthronisierung des erkl&#228;rten Gro&#223;koalition&#228;rs Josef Pr&#246;ll scheint auch die &#214;VP die entsprechenden Weichen gestellt zu haben. Die Fortsetzung der Politik der letzten Jahre ist jedoch die beste Garantie daf&#252;r, dass Heinz-Christian Strache seinem erkl&#228;rten Ziel, Bundeskanzler oder Innenminister zu werden, bei den n&#228;chsten Wahlen einen weiteren Schritt n&#228;her kommen wird.<br />
Auf der Linken gibt es derweil nicht viel zu vermelden, eine w&#228;hlbare linke Alternative existiert in &#214;sterreich weiterhin nicht. Das Vakuum auf der Linken konnte nicht gef&#252;llt werden – nicht von der KP&#214;, die dank inhaltsleerem Wahlkampf wieder unter die Ein-Prozent-H&#252;rde gefallen ist; und auch nicht von „Die Linke“, die sich zu Beginn des Wahlkampfs noch einiger Aufmerksamkeit erfreuen konnte, letztlich jedoch aufgrund wahnwitziger Fehleinsch&#228;tzungen der politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse und ihrer eigenen Ausstrahlungskraft unterhalb der statistischen Wahrnehmungsgrenze blieb.<br />
Der Katzenjammer ist also gro&#223; und wird einmal mehr von Stimmen begleitet, die den Aufbau einer vereinten Wahlplattform links von SP&#214; und Gr&#252;nen fordern. So richtig diese Forderung ist, so gering m&#252;ssen die Chancen f&#252;r ein solches Projekt aktuell eingesch&#228;tzt werden. Denn was die gescheiterten Kandidaturen von KP&#214; und Die Linke einmal mehr gezeigt haben – und was im Kontrast mit der erfolgreichen Linkspartei in Deutschland noch klarer erscheint – ist, dass ein solches notwendiges Projekt den Bruch eines relevanten Teils in Gewerkschaften und Sozialdemokratie mit der neoliberalisierten – und nunmehr mit der extremen Rechten mauschelnden – SP&#214; zur Voraussetzung hat. Die technische Addierung von versprengten Kleingruppen der radikalen Linken kann und wird das Vakuum im linken politischen Spektrum nicht f&#252;llen. Ein solches Projekt muss sich um politische Forderungen und gemeinsame Kampagnen formieren und wird nur aus sozialen K&#228;mpfen entstehen. Das hei&#223;t im Lichte des Wahlergebnisses auch, jetzt konsequenten Antirassismus h&#246;rbar zu machen und die „soziale Frage“ nicht der extremen Rechten zu &#252;berlassen.</p>
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		<title>Editorial: Ali G. in tha Ballhaus</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 18:00:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 2]]></category>
		<category><![CDATA[Editorial]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialdemokratie]]></category>
		<category><![CDATA[SPÖ]]></category>
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		<description><![CDATA[Die neue Ausgabe von Perspektiven erscheint in einer ver&#228;nderten politischen Landschaft: die Regierung Sch&#252;ssel ist Geschichte. Der Wahlsieg Alfred Gusenbauers, trotz Bawag-Skandal und Gewerkschaftskrise, war vor allem eine deutliche Absage an die schwarz-blau-orange Politik der vergangenen sechs Jahre. Der Wahlkampf der SP&#214; war der vielleicht „linkeste“ seit langem, mit Studiengeb&#252;hren und Eurofighter wurden zwei symboltr&#228;chtige Projekte der Rechtsregierung angegriffen. Die Hoffnungen auf einen tats&#228;chlichen Politikwechsel unter einem „roten“ Kanzler waren gro&#223; – und sie wurden bitter entt&#228;uscht. „Links blinken, rechts abbiegen“ war das Motto der SP&#214;: Praktisch alle Wahlversprechen wurden gebrochen, der Betrug an der eigenen Basis wurde durch nichts deutlicher als durch die Beibehaltung der Studiengeb&#252;hren. Deren angebliche „Abfederung“ durch die M&#246;glichkeit, sich durch „soziale“ Hilfsarbeit frei zu hackeln, wurde umgehend als Farce entlarvt. Dass man f&#252;r Geld lohnarbeiten gehen kann, um sich das Studium zu finanzieren, ist schlie&#223;lich so neu nicht. Allein, warum man dies f&#252;r ganze sechs Euro pro Stunde tun sollte, erschlie&#223;t sich wohl nur den KoalitionsverhandlerInnen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die neue Ausgabe von Perspektiven erscheint in einer ver&#228;nderten politischen Landschaft: die Regierung Sch&#252;ssel ist Geschichte. Der Wahlsieg Alfred Gusenbauers, trotz Bawag-Skandal und Gewerkschaftskrise, war vor allem eine deutliche Absage an die schwarz-blau-orange Politik der vergangenen sechs Jahre. Der Wahlkampf der SP&#214; war der vielleicht „linkeste“ seit langem, mit Studiengeb&#252;hren und Eurofighter wurden zwei symboltr&#228;chtige Projekte der Rechtsregierung angegriffen. Die Hoffnungen auf einen tats&#228;chlichen Politikwechsel unter einem „roten“ Kanzler waren gro&#223; – und sie wurden bitter entt&#228;uscht. „Links blinken, rechts abbiegen“ war das Motto der SP&#214;: Praktisch alle Wahlversprechen wurden gebrochen, der Betrug an der eigenen Basis wurde durch nichts deutlicher als durch die Beibehaltung der Studiengeb&#252;hren. Deren angebliche „Abfederung“ durch die M&#246;glichkeit, sich durch „soziale“ Hilfsarbeit frei zu hackeln, wurde umgehend als Farce entlarvt. Dass man f&#252;r Geld lohnarbeiten gehen kann, um sich das Studium zu finanzieren, ist schlie&#223;lich so neu nicht. Allein, warum man dies f&#252;r ganze sechs Euro pro Stunde tun sollte, erschlie&#223;t sich wohl nur den KoalitionsverhandlerInnen.</p>
<p><span id="more-35"></span></p>
<p>Seither bewahrheitet sich Murphy’s Law jeden Tag auf’s Neue: Wenn du glaubst, es geht nicht mehr schlimmer, kommt von irgendwo her eine sozialdemokratische Stimme: Arbeitszeitverl&#228;ngerung, Aufweichung des K&#252;ndigungsschutzes f&#252;r Lehrlinge, Abschaffung der Erbschaftssteuer, Versch&#228;rfung der Zumutbarkeitsbestimmungen f&#252;r Erwerbslose, Beibehaltung rassistischer Asylgesetze, ein Frauenministerium ohne eigenes Budget und eine „Grundsicherung“, die mehr mit „Hartz IV“ als mit Armutsbek&#228;mpfung gemein hat. Die Regierung Gusenbauer hat sich damit im Wesentlichen als Fortf&#252;hrung schwarz-blau-oranger Politik entpuppt.<br />
Die Frage ist nun, wie sich die Linke in &#214;sterreich, die sich seit sieben Jahren mit der Regierung Sch&#252;ssel und einer sozialdemokratischen Opposition auseinander zu setzen hatte, in dieser Situation positionieren soll. Um es mit dem Titel einer j&#252;ngst stattgefundenen Diskussionsveranstaltung auf der Uni Wien zu formulieren: Wie sieht „Widerstand in gro&#223;koalition&#228;ren Zeiten“ aus? Die gro&#223;e Herausforderung wird sein, ein offenes und unsektiererisches Verh&#228;ltnis zur unzufriedenen Basis in Sozialdemokratie und Gewerkschaften zu schaffen, ohne dabei Illusionen in die Politik der SP&#214; aufzusitzen. Das bedeutet, Widerstand gegen neoliberale und rassistische Politik gemeinsam mit jenen zu tragen, denen die Sozialdemokratie (noch) eine – wenn auch unbequeme – politische Heimat ist. Voraussetzung daf&#252;r ist nat&#252;rlich, dass die au&#223;erparlamentarische Linke glaubw&#252;rdige Alternativen zur neoliberalisierten Sozialdemokratie aufzeigt und die St&#228;rke entwickelt, diese auch in politische Praxis umzusetzen. Vor dem Hintergrund fortschreitender Prekarisierung von Lebens- und Arbeitsverh&#228;ltnissen wird dabei dem Kampf f&#252;r soziale Rechte eine wichtige Rolle zukommen m&#252;ssen.</p>
<p>Die Frage nach der Rolle der Sozialdemokratie steht aus diesen Gr&#252;nden im Zentrum dieses Hefts. Dass die unsoziale Politik der gro&#223;en Koalition nicht einfach auf „Umfaller“ der SP&#214; oder dem individuellen Verrat der SP&#214;-F&#252;hrung an der Basis reduziert werden kann, zeigt der Artikel von Benjamin Opratko. Er zeichnet die Geschichte des „Dritten Wegs“ nach, der die europ&#228;ischen Sozialdemokratien unter Tony Blair und Gerhard Schr&#246;der dorthin gef&#252;hrt hat, wo Alfred Gusenbauer heute steht.</p>
<p>Widerstand gegen diesen Dritten Weg innerhalb von Sozialdemokratie und Gewerkschaften orientiert sich auch heute noch allzu oft an den scheinbar goldenen Zeiten des Keynesianismus, die in &#214;sterreich vor allem vom „Mythos Kreisky“ verk&#246;rpert werden. Stefan Probst argumentiert, dass es kein Zur&#252;ck zu „K.u.K.“-Zeiten geben kann und zeigt dabei, wie der lange Nachkriegsaufschwung aus marxistischer Perspektive erkl&#228;rt werden kann.<br />
Doch es gibt nicht nur „r&#252;cksichtslose Kritik alles Bestehenden“. Der Bankrott der neoliberalisierten Sozialdemokratie stellt einmal mehr die Frage nach politischen Alternativen. David Sagner f&#252;hrte deshalb ein Interview mit Klaus Henning, Mitglied der WASG und Organisator des Gr&#252;ndungskongresses des Linken Hochschulnetzwerks in Deutschland. Dort ist man im Projekt „Neue Linke“ schon ein gutes St&#252;ck weiter, die Erfahrungen mit der neuen Linkspartei zeigen sowohl M&#246;glichkeiten als auch Probleme und Herausforderungen im Neuformierungsprozess der antineoliberalen Linken. Die Debatten rund um den Hochschulkongress zeigen dar&#252;ber hinaus, welche Rolle eine universit&#228;re Linke bei der Schaffung einer „Alternative zur Alternativlosigkeit“ spielen kann.</p>
<p>Au&#223;erhalb des Schwerpunkts freuen wir uns, einen Beitrag des US-amerikanischen Umweltsoziologen John Bellamy Foster pr&#228;sentieren zu k&#246;nnen, der mit seiner innovativen Marx-Lesart eine radikale Kritik der politischen &#214;kologie pr&#228;sentiert. In seinem erstmals im US-amerikanischen Magazin „Monthly Review“ erschienenen Artikel „&#214;kologie der Zerst&#246;rung“ zeigt Foster, dass wir uns in der aktuellen Debatte um von Menschen geschaffene Erderw&#228;rmung nicht davor dr&#252;cken d&#252;rfen, auf den fundamentalen Zusammenhang zwischen einer profitgetriebenen &#214;konomie und &#246;kologischen (Klima-)Katastrophen hinzuweisen.</p>
<p>„Sex sells“ ist heute ein Gemeinplatz. Doch wo fr&#252;her die feministische Bewegung Sexismen in (Pop-)Kultur und Werbung als solche entlarvt hat, gilt heute die Zurschaustellung vorgeblich selbstbewusster weiblicher K&#246;rper oft als Beweis f&#252;r befreite Sexualit&#228;t. Wie sexy sich der neue Sexismus in Zeiten von „Sex and the City“ und „Pussycat Dolls“ pr&#228;sentiert und wie wenig er mit jener sexuellen Befreiung zu tun hat, die sich einst die feministische Bewegung auf die Fahnen geheftet hatte, zeigen Kristina Botka und Maria Asenbaum.</p>
<p>Die Serie „Was macht die Linke in&#8230;“ f&#252;hrt uns dieses Mal nach Mexiko, wo Proteste gegen Korruption und Neoliberalismus in ein Projekt der demokratischen Selbstverwaltung m&#252;ndeten: Ramin Taghian analysiert die Entstehung der „Kommune von Oaxaca“.</p>
<p>Zum Abschluss gibt es franz&#246;sische Staatstheorie, rhizomatische Multituden, feministische Trinkspiele und keynesianische Kaufkraft freigegeben in Abteilung 3 (Rezensionen) zur unproduktiven Konsumption. Freude am Lesen und Diskutieren – denn keinen Spa&#223; haben ist auch keine L&#246;sung – w&#252;nscht</p>
<p><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic">Eure Redaktion</span></em></p>
<p>P.S. Besonderer Dank geht an Reinhard Lang, der den Schwerpunkt zu Sozialdemokratie und Neuer Linke fotografisch illustriert hat und auch f&#252;r unser Coverbild verantwortlich zeichnet.</p>
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		<title>Quo vadis, Sozialdemokratie?</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 17:19:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mimi</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 2]]></category>
		<category><![CDATA[Alternativen]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialdemokratie]]></category>
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		<category><![CDATA[Wahlen]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Hoffnungen, mit einem sozialdemokratischen Kanzler ein „Ende der Wende“ herbei zu w&#228;hlen, wurden in den Koalitionsverhandlungen brutal zerschlagen. Jedoch darf die &#220;berraschung ob der unerwarteten Dreistigkeit, mit der Gusenbauer und Konsorten das Programm der Regierung Sch&#252;ssel fortsetzen, nicht dar&#252;ber hinwegt&#228;uschen, dass die SP&#214; wesentlich jenes Modell &#252;bernommen hat, das von der europ&#228;ischen Sozialdemokratie schon seit einem Jahrzehnt vorexerziert wird. „Sozialismus, der f&#228;llt nicht vom Himmel“, sangen einst die Schmetterlinge in der „Proletenpassion“. Eine neoliberale Sozialdemokratie auch nicht, schreibt <em>Benjamin Opratko</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Hoffnungen, mit einem sozialdemokratischen Kanzler ein „Ende der Wende“ herbei zu w&#228;hlen, wurden in den Koalitionsverhandlungen brutal zerschlagen. Jedoch darf die &#220;berraschung ob der unerwarteten Dreistigkeit, mit der Gusenbauer und Konsorten das Programm der Regierung Sch&#252;ssel fortsetzen, nicht dar&#252;ber hinwegt&#228;uschen, dass die SP&#214; wesentlich jenes Modell &#252;bernommen hat, das von der europ&#228;ischen Sozialdemokratie schon seit einem Jahrzehnt vorexerziert wird. „Sozialismus, der f&#228;llt nicht vom Himmel“, sangen einst die Schmetterlinge in der „Proletenpassion“. Eine neoliberale Sozialdemokratie auch nicht, schreibt <em>Benjamin Opratko</em>.</p>
<p><span id="more-23"></span></p>
<p>Die Geschichte der neoliberalen Wendung der Sozialdemokratie ist untrennbar mit dem immer-noch britischen Premierminister Tony Blair verbunden. Als er 1997 die Wahlen gegen die Konservativen gewann, tat er das mit einem runderneuerten, „modernisierten“ Parteiprojekt – es war die Stunde des „Dritten Wegs“. Seither wurde Blairs „New Labour“ zur Blaupause f&#252;r fast alle sozialdemokratischen Parteien Europas, medienwirksam besiegelt mit dem 1999 vorgestellten „Schr&#246;der-Blair-Papier“. Damals legte der soeben gew&#228;hlte deutsche „Genosse der Bosse“ gemeinsam mit Blair ein Manifest vor, dessen Lekt&#252;re einiges davon wieder erkennen l&#228;sst, was aktuell oft nur als Dilletantismus oder pers&#246;nlicher Verrat der SP&#214;-Spitze erscheinen mag. Eine intellektuelle Schl&#252;sselfigur in der Entwicklung der „modernisierten“ Sozialdemokratie ist dabei der britische Soziologe Anthony Giddens. Er war und ist der wichtigste Stichwortgeber f&#252;r Tony Blair, und sein Buch „Der Dritte Weg“ wurde zu einer Bibel f&#252;r New Labour und die Schr&#246;der-Blair-Achse in Europa. In diesem Buch will Giddens die Politik Blairs und der &#252;brigen „neuen“ sozialdemokratischen Parteien „theoretisch unterf&#252;ttern“ 1. Er tritt an, um einen neuen Weg vorzuzeichnen, der die Sozialdemokratie in eine Zukunft jenseits von Neoliberalismus und der „alten Linken“ f&#252;hren sollte. Dieser Anspruch erscheint heute absurd, ist doch die Implementierung neoliberaler Politik durch die Parteien des „Dritten Wegs“ kaum noch zu leugnen. Doch gerade deshalb kann die Besch&#228;ftigung mit der Ideologie des Dritten Wegs helfen, zwei der aktuell wichtigsten politischen Fragen zu beantworten, n&#228;mlich: Wie l&#228;sst sich das Paradoxon einer „neoliberalen ArbeiterInnenpartei“ begreifen? Und: kann die Einbindung der Parteibasis und weiter Teile der ArbeiterInnenklasse in dieses Projekt langfristig stabil bleiben?</p>
<h3>Giddens’ Welt</h3>
<p>Der Ausgangspunkt f&#252;r Giddens’ programmatisches Buch ist eine scheinbar radikale Zeitdiagnose: Alles ist neu (wie &#252;berhaupt alles am Dritten Weg), nichts ist mehr wie es war. Nat&#252;rlich ist nichts &#228;lter als die Feststellung, dass alles neu ist – doch Giddens pr&#228;sentiert seine programmatischen Vorschl&#228;ge als zwingende Konsequenzen dieser „neuen &#196;ra“. Tats&#228;chlich werden in „Der Dritte Weg“ real vorhandene Tendenzen im &#246;konomischen, politischen und kulturellen Bereich erfasst, jedoch gleichzeitig vereinfacht, &#252;berh&#246;ht, und auf eine einheitliche Bewegung hin zu einer neuen Epoche der globalisierten Welt reduziert. Die Widerspr&#252;chlichkeiten und Br&#252;che der tats&#228;chlichen Entwicklung werden ignoriert oder geleugnet, um die klaren Vorschl&#228;ge der Giddens’schen Politikberatung nicht in Gefahr zu bringen. Das beginnt bei der Diskussion um Globalisierung: Alex Callinicos weist darauf hin, dass f&#252;r jemanden, der in seiner fr&#252;heren Karriere als Sozialwissenschafter den angeblichen Klassenreduktionismus des Marxismus so scharf angegriffen hat, Giddens’ Erkl&#228;rungen der sozialen Welt erstaunlich monokausal sind, indem sie „s&#228;mtliche sozialen Ph&#228;nomene auf die Konsequenzen der Globalisierung reduzieren.“2 Trotz aller Beteuerungen, von Globalisierung d&#252;rfe nicht „wie von einem Naturereignis gesprochen“ werden, stellt Giddens sie als unaufhaltbare Kraft dar, die sich „Wege bahnt“, einen „Sog erzeugt“, die „Institutionen der Gesellschaft, in der wir leben, umformt“ etc. Globalisierung mag dementsprechend „durch eine Mischung aus politischen und &#246;konomischen Faktoren vorangetrieben“ werden – politischen Einfluss darauf zu nehmen steht bei Giddens jedoch nicht zur Debatte.3<br />
&#196;hnliches kann &#252;ber Giddens’ Beschreibung kultureller und politischer Ver&#228;nderungen gesagt werden. Auch hier werden<br />
vorhandene Ver&#228;nderungen der letzten drei&#223;ig bis vierzig Jahre verabsolutiert und in ein Schema gepresst, das notgedrungen auf Giddens’ vorweggenommene politische Conclusio, den Dritten Weg, hinausl&#228;uft. Und auch hier mischt Giddens eine holzschnittartige Analyse mit beschwichtigender Apologie: Es handle sich bei den Umw&#228;lzungen um einen „institutionellen Individualismus“, der „nicht mit Egoismus gleichzusetzen ist“ und deshalb „auch keine so gro&#223;e Gefahr f&#252;r die gesellschaftliche Solidarit&#228;t“ darstellt4. Tats&#228;chlich w&#228;re der entscheidende Unterschied gegen&#252;ber fr&#252;heren Generationen eine „Verschiebung von sogenannten ‚Knappheitswerten’ zu ‚postmaterialistischen Werten’“.<br />
„Postmaterialistisch“ bedeutet hier, dass die „Werte des wirtschaftlichen Erfolgs und Wachstums mit zunehmendem Wohlstand an Bedeutung verlieren. Selbstverwirklichung und der Wunsch nach einer sinnvollen Arbeit treten an die Stelle der Einkommensmaximierung“5. Nat&#252;rlich ver&#228;ndern sich politische Pr&#228;ferenzen &#252;ber Generationen, sind Fragen zu Umweltschutz, Menschenrechten oder sexueller Selbstbestimmung zu wichtigen Themen der Gesellschaft geworden.<br />
Doch daraus abzuleiten, materielle Bed&#252;rfnisse – Lohnh&#246;he, soziale Infrastruktur, Altersvorsorge usw. – w&#228;ren zu Nebenschaupl&#228;tzen sozialer Auseinandersetzung degradiert worden, hei&#223;t eine Giddens’sche Traumwelt zu imaginieren. In dieser h&#246;ren dann auch, weil sich Wahlverhalten nicht (mehr) klassenspezifisch zuordnen l&#228;sst, Klassen &#252;berhaupt auf zu existieren. Dass eine Klassengesellschaft mehr mit Lohnarbeit und Kapitalverwertung zu tun hat als mit Entscheidungen in der Wahlkabine, wird tapfer ignoriert. Die viel beschworene, immer weiter auseinander klaffende Schere zwischen Arm und Reich – auf globaler Ebene wie innerhalb der „Wohlstandsgesellschaften“ des Nordens – l&#228;sst sich jedenfalls schwer mit Giddens’ „postmaterieller Welt“ in Einklang bringen.</p>
<h3>Jenseits von Jedem</h3>
<p>Die Konstruktion einer widerspruchsfreien Entwicklung hin zur „neuen“, globalisierten Gesellschaft ist die Voraussetzung f&#252;r den rhetorischen Taschenspielertrick, den Giddens im „Dritten Weg“ pr&#228;sentiert. Denn auf die Zeitdiagnose folgt der Vorschlag f&#252;r die Erneuerung der Sozialdemokratie wie selbstverst&#228;ndlich, als „objektiv notwendige“ Reaktion der Politik auf „objektiv vorhandene“ Tatsachen in &#214;konomie und Kultur. Der rhetorische Kniff, den Giddens schon im Titel des Buches anwendet und erbarmungslos auf 180 Seiten durchzieht, ist wohl so alt wie die menschliche Sprache: der Weg der goldenen Mitte. In jedem Politikfeld werden die (angeblichen) Vorschl&#228;ge sowohl des Neoliberalismus als<br />
auch der so genannten „alten Sozialdemokratie“ gegeneinander gestellt, um dann den „Dritten Weg“ als widerspruchsfreie Synthese jenseits des Alten zu pr&#228;sentieren, dem Durchbruch der Vernunft im sich selbst erkennenden Weltgeiste gleich. Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass die Gegenpole „alte Sozialdemokratie“ und „Neoliberalismus“ h&#246;chst unterschiedlich bewertet werden. An ersterer wird kaum ein gutes Haar gelassen: der Glaube an die &#220;berwindung oder blo&#223;e Z&#228;hmung des Kapitalismus habe Wachstum und Fortschritt gebremst, Verstaatlichungen in Kernindustrien die Innovativkraft der M&#228;rkte behindert. Vor allem aber war der Sozialstaat und die damit verbundene „Gleichheitsorientierung der alten Linken […] gut gemeint, hat aber […] mitunter genau gegenteilige Ergebnisse gezeitigt – deutlich sichtbar an einer gesellschaftlichen Planung mit ihren &#220;berbleibseln verfallende, kriminalit&#228;tsgeplagter Siedlungen im sozialen Wohnungsbau. Der Wohlfahrtsstaat, der allgemein als das Herzst&#252;ck sozialdemokratischer Politik angesehen wird, schafft heute mit seiner L&#246;sung der Probleme st&#228;ndig neue Probleme.“6<br />
W&#228;hrend die alte Sozialdemokratie als Auslaufmodell gebrandmarkt wird, das den Aufgaben einer globalisierten Welt nicht gewachsen ist, streift Giddens im Umgang mit dem Neoliberalismus die Samthandschuhe &#252;ber. Dem von Margaret Thatcher vertretenen Programm wird in groben Z&#252;gen zugestimmt: Der (Sozial-)Staat wird als Bedrohung f&#252;r Freiheit und Selbstbestimmung dargestellt, der Markt als &#252;berlegener Distributionsmechanismus von Ressourcen und Informationen gefeiert, dessen Befreiung letztlich allen zu Gute kommen w&#252;rde. Giddens’ Kritik beschr&#228;nkt sich auf den sozialen Konservativismus der Thatcher-&#196;ra. Die „Verteidigung traditioneller Institutionen wie Familie und Nation“, teilweise verbunden mit fremdenfeindlichen Untert&#246;nen, sowie das Festhalten an einer neorealistischen Doktrin in den internationalen Beziehungen, die die Weltgesellschaft als „nach wie vor eine Gesellschaft der Nationalstaaten“ betrachtet, w&#228;ren die anachronistischen Fehlleistungen des orthodoxen Neoliberalismus.7 So l&#228;uft es letztlich darauf hinaus, den Neoliberalismus von seinem sozialkonservativen Ballast zu befreien und ihn mit einem Diskurs der Modernit&#228;t auszustatten – jenem des „Dritten Wegs“. Das ist, kurz gesagt, das Programm der „Neuen Sozialdemokratie“, theoretisch erdacht von Giddens, praktisch umgesetzt von Blair und Schr&#246;der: Die Fortf&#252;hrung des Neoliberalismus mit anderen<br />
Mitteln.</p>
<h3>Die Gleichheit, die sie meinen</h3>
<p>Neoliberale Wirtschaftsdoktrin als Politik der sozialen Gerechtigkeit zu tarnen ist das Herzst&#252;ck des Dritten Wegs. Dazu bedurfte es eines enormen Aufwands vor allem am Feld der Begriffe und Bedeutungen: eine „sch&#246;ne neue Begriffswelt“ musste ersonnen werden.8 Bei Giddens, schreibt Frigga Haug, „wird Arbeitslosigkeit umgedeutet in ‚Zeit f&#252;r Qualifikation’, Risiko in ‚Lebenselixier’, Familie in einen Hort demokratischer Erziehung, Rente als Ausschluss f&#228;higer Mitglieder aus der Gesellschaft (&#8230;). &#220;ber alledem steht die Parole, ‚n&#252;tzlich zu sein’.“9 „Rechte“ existieren in diesem Zusammenhang nicht mehr als B&#252;rgerInnen- oder gar Menschenrechte. Ein Leben in W&#252;rde und auf ausreichender materieller Grundlage wird nur noch jenen zugestanden, die sich den Spielregeln des neoliberalen Marktes unterordnen: „Keine Rechte ohne Verpflichtungen“ lautet „das zentrale Motto der neuen Politik“ bei Giddens – und um keine Missverst&#228;ndnisse aufkommen zu lassen, f&#252;gt er gleich ein Beispiel an: „Die Arbeitslosenunterst&#252;tzung sollte beispielsweise an die Verpflichtung zu aktiver Arbeitssuche gekoppelt sein; Aufgabe des Staates ist es, drauf zu achten, dass die Sozialsysteme die Motivation f&#252;r eine solche nicht d&#228;mpfen.“10<br />
Die bedeutendste Begriffsarbeit wurde dabei an der Neubesetzung des Gerechtigkeitsbegriffs geleistet – schlie&#223;lich m&#252;sse, so Giddens, das „Hauptanliegen der Politik des dritten Weges […] nach wie vor die soziale Gerechtigkeit sein“.11 Doch was ist die Gerechtigkeit, die sie meinen? Nat&#252;rlich hat das Streben nach echter sozialer Gleichheit – die &#220;berwindung einer Gesellschaft, die auf der strukturellen Ungleichheit zwischen BesitzerInnen von Produktionsmitteln und Verk&#228;uferInnen von Arbeitskraft beruht – schon lange keinen Platz mehr in der Sozialdemokratie. Doch galt lange Zeit zumindest der Vorsatz, durch die Mittel des Sozialstaats und die Umverteilung materieller G&#252;ter die „Ungleichheiten etwas gleicher werden zu lassen“12. Von dieser „Verteilungsgerechtigkeit“ grenzt sich die Politik des Dritten Wegs nun vehement ab. Nicht mehr die m&#246;glichst gerechte Verteilung des von einer Gesellschaft erwirtschafteten Wohlstands soll erreicht werden, sondern in der Beteiligung an der Erwirtschaftung des Wohlstands selbst ersch&#246;pft sich bereits das neue Ideal der Gleichheit: „Die neue Politik bestimmt Gleichheit als Inklusion und Ungleichheit als Exklusion.“13<br />
Ziel der Gerechtigkeitspolitik des Dritten Wegs soll dementsprechend sein, m&#246;glichst viele Menschen in den Produktionsprozess einzugliedern. Mit dieser Umformung des Gleichheitsbegriffs l&#228;sst sich etwa die K&#252;rzung von Sozialleistungen als Steigerung der „sozialen Gerechtigkeit“ pr&#228;sentieren. Schlie&#223;lich sei Arbeitslosigkeit eine Form der Exklusion und als solche zu bek&#228;mpfen, und „hohe Arbeitslosigkeit h&#228;ngt mit gro&#223;z&#252;gigen und zeitlich unbegrenzten Sozialleistungen und mit einem schlechten Ausbildungsstand am unteren Ende des Arbeitsmarktes […] zusammen.“14 Daher m&#252;sse das leitende Prinzip der neuen Sozialpolitik lauten: „Investition in menschliches Kapital statt direkter Zahlungen. An die Stelle des Sozialstaats sollten wir den Sozialinvestitionsstaat setzen […]“.15 Investiert wird dabei vor allem in Ausbildung – etwa in Form von Weiterbildungskursen, wie sie in &#214;sterreich vom Arbeitsmarktservice verpflichtend „angeboten“ werden. Mit &#228;hnlicher Argumentation kann Giddens auch die Abschaffung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters als „soziale Forderung“ stellen – ist doch der Ruhestand eine Form der Exklusion und damit der „Ungleichheit“ im neuen Sinne. Praktisch alle Argumente des Neoliberalismus werden so in vollem Umfang &#252;bernommen und mit kaum zu &#252;berbietender Chuzpe als sozial gerechte Politik verkauft. „Der Wohlfahrtsstaat ist prinzipiell undemokratisch“, hei&#223;t es dann, „denn er beruht auf einer Umverteilung der Mittel von oben nach unten.“ Wie demokratisch die Auslieferung der arbeitenden Bev&#246;lkerung an (privatisierte) Unternehmen – und damit die Logik des Profits – ist, steht nicht zur Diskussion.</p>
<h3>Blair-Schr&#246;der-Project</h3>
<p>Die „modernisierten“ Sozialdemokratien Europas sind der Forderung Giddens’, eine „Umverteilung der Chancen“ an Stelle der Umverteilung des Wohlstands zu setzen, nachgekommen und haben erfolgreich auch die letzten Reste sozialer Politik aus ihren Programmen getilgt. Paradigmatisch lie&#223; sich dies in der Programmdiskussion der SPD nachvollziehen. Hier wurde ab Ende der 1990er Jahre von ma&#223;geblichen Parteigranden ein „umfassender Gerechtigkeitsbegriff“ eingefordert – entsprechend der Giddens’schen Rede von der „Chancengleichheit“, die die Begriffe Gleichheit und Gerechtigkeit von jeder progressiven Bedeutung befreit. So meldete sich der damalige Landesparteivorsitzende der nordrheinwestf&#228;lischen SPD mit dem Beitrag zu Wort: „Umverteilung ist leistungsfremd, und das kann keine Partei ernsthaft verfolgen“16. Dabei konnte er auf die Unterst&#252;tzung seines damaligen Parteivorsitzenden und Bundeskanzlers Gerhard Schr&#246;der z&#228;hlen. Dessen gemeinsam mit Tony Blair 1999 ver&#246;ffentlichte Papier „Der Weg nach vorne f&#252;r Europas Sozialdemokraten“ gilt als politische Geburtsurkunde der neoliberal gewendeten Sozialdemokratie.17 Hier finden sich alle wesentlichen Motive des Giddens’schen Projekts wieder: der sozialdemokratischen Vergangenheit wird abgeschworen und einer „Modernisierung“ das Wort geredet, um „sich an objektiv ver&#228;nderte Bedingungen anzupassen“. Auch hier ist die Umformulierung des Gerechtigkeitsbegriffs Ankerpunkt derTransformation der Sozialdemokratie: „In der Vergangenheit wurde die F&#246;rderung der sozialen Gerechtigkeit manchmal mit der Forderung nach Gleichheit im Ergebnis verwechselt“ – nunmehr sollten die B&#252;rgerInnen in die Pflicht genommen werden, die sich an den Werten „pers&#246;nliche Leistung und Erfolg, Unternehmergeist, Eigenverantwortung und Gemeinsinn“ zu orientieren h&#228;tten. Um die „notwendigen K&#252;rzungen der staatlichen Ausgaben“ durchzuf&#252;hren, w&#252;rde man „nicht z&#246;gern, Effizienz-, Wettbewerbs- und Leistungsdenken einzuf&#252;hren“. Ebenfalls kein Z&#246;gern gab es bei der &#246;ffentlichen Ank&#252;ndigung, Kapital steuerlich zu entlasten, wie es bisher nur konservative Kr&#228;fte gefordert hatten: K&#246;rperschaftssteuer und Unternehmensbesteuerung sollten reduziert werden, um damit „Investitionsneigung und Investitionskraft der Unternehmen“ zu st&#228;rken.18 So weit, so bekannt. Doch Schr&#246;der und Blair „verdarben das von Giddens empfohlene Konzept ein wenig“19, als sie es in die politische Praxis &#252;bersetzten. Das betrifft in erster Linie die Rolle des Wirtschaftswachstums. Giddens betont immer wieder die Bedeutung &#246;kologischer Fragen f&#252;r die „neue Politik“ und &#228;u&#223;ert sich skeptisch zu Politikvorstellungen, die auf ein unbegrenztes Wachstum der Wirtschaft abzielen. Schr&#246;der und Blair jedoch setzten auf die unbegrenzte „Stimulierung von Produktivit&#228;t und Wachstum“, vor allem indem der europ&#228;ische Wirtschaftsraum „wettbewerbsf&#228;hig“ gemacht wird – das hei&#223;t attraktiv f&#252;r weltweit operierende Konzerne. Diese ideologische Verschiebung hat wesentliche Bedeutung auch f&#252;r den „neuen Gerechtigkeitsbegriff“. Die alte neoliberale These, dass Wachstumssteigerung per se sozial ist und daher Umverteilung ersetzen soll, wird damit zum sozialdemokratischen Programm. Gesellschaftliche Ungleichheit wird dabei als Motor f&#252;r &#246;konomische Produktivit&#228;tssteigerung begriffen: „Begrenzte Ungleichheit“ wird in den Worten von Wolfgang Clement, damaliger Ministerpr&#228;sident von Nordrhein-Westfalen und sp&#228;terer SPD-Wirtschafts- und Arbeitsminister, „ein Katalysator (…) f&#252;r individuelle (und) (…) auch f&#252;r gesellschaftliche Entfaltungsm&#246;glichkeiten“.20 Der „Dritte Weg“ f&#252;hrt damit in letzter Konsequenz zu einer an Absurdit&#228;t nicht mehr zu &#252;berbietenden Logik: Sozial gerecht ist, was Wachstum schafft. Soziale Ungleichheit schafft Wachstum, ergo ist soziale Ungleichheit sozial gerecht.</p>
<h3>Made in Austria</h3>
<p>Am neoliberalen Umbau der europ&#228;ischen Sozialdemokratienwaren die &#246;sterreichischen Parteigranden mittendrin statt nur dabei. Der „Spin-Doctor“ des damaligen Bundeskanzlers und heutigen VW-S&#252;damerika-Chefs Viktor Klima, Andreas Rudas, hatte selbst an den Beratungen, die zum Schr&#246;der-Blair-Papier f&#252;hrten, teilgenommen21. Der einzige Grund, warum Klimas Unterschrift fehlte, war laut Rudas, weil Schr&#246;der und Blair „es als eindeutiges, klares deutschbritisches Projekt haben wollten“.22 Tats&#228;chlich finden sich schon im 1998 – also ein Jahr vor dem Schr&#246;der-Blair-Papier – verabschiedeten SP&#214;-Parteiprogramm die wichtigsten Begrifflichkeiten des Dritten Wegs wieder. „Gleichheit“ wird<br />
auch hier zu „Chancengleichheit“, Gerechtigkeit zur „gleichberechtigten Teilhabe aller an der Gesellschaft“, und ganz im Stile von Giddens wird ein vorgeblicher „Mittelweg“ gesucht, der in der Formulierung der „solidarischen Leistungsgesellschaft“ gipfelt.23 Dabei konnte sich die F&#252;hrung der „modernisierten“ SP&#214; auf praktische Vorarbeit st&#252;tzen: Bereits seit den 1980er Jahren sahen sich die Regierungen Sinowatz und Vranitzky „gezwungen, ‚im Interesse der Wettbewerbsf&#228;higkeit der &#246;sterreichischen Wirtschaft’ eine neoliberale Reform nach der anderen umzusetzen“24 – mit dem Ergebnis, dass die Lohnquote seit 1981 kontinuierlich sinkt.25 Doch erst unter Klima wurde das Neusprech des Dritten Wegs auch zum Vokabular der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie. Nach dessen unr&#252;hmlichem Abgang schien es manchen BeobachterInnen zun&#228;chst, als w&#252;rde mit Alfred Gusenbauer eine Abkehr vom Schr&#246;der-Blair Modell einsetzen – so werden in einer &#214;GB/AK-Brosch&#252;re von 2002 „Anzeichen einer Distanzierung vom Konzept des ‚dritten Weges’“ ausgemacht.26 Diese Hoffnungen – zuletzt gen&#228;hrt von einer tendenziell „altlinkeren“ Rhetorik im j&#252;ngsten SP&#214;-Wahlkampf – wurden jedoch mit dem Koalitionsabkommen mit der &#214;VP vollends zunichte gemacht. Die Offenheit, mit der hier die Fortf&#252;hrung neoliberaler Politik angek&#252;ndigt wird, steht jener der „Gr&#252;nderv&#228;ter“ des Dritten Wegs in Nichts nach. Als Paradebeispiel kann daf&#252;r die so genannte „Grundsicherung“ gelten. In bester Tradition des Dritten Wegs als Ma&#223;nahme der sozialen Gerechtigkeit propagiert, l&#228;uft sie auf jene sinnentleerte „Teilhabe“ hinaus, die schon bei Giddens gefordert wird. Tats&#228;chlich handelt es sich dabei um ein Instrument zur Zwangsintegrierung von Erwerbslosen in unterbezahlte Lohnarbeit. Wie von der Wirtschaftskammer seit Jahren gefordert, werden die Zumutbarkeitsbestimmungen massiv versch&#228;rft (im Neusprech des Dritten Wegs: „gerechter und praxisn&#228;her gestaltet“27), Arbeitslosengeld, Notstandshilfe und Sozialhilfe zusammengelegt und damit daf&#252;r gesorgt, dass wer sich weigert, einen unterbezahlten Job irgendwo im Umkreis von mehreren hundert Kilometern anzunehmen, jedes Anrecht auf Unterst&#252;tzung verliert. Keine Rechte ohne Verpflichtungen hei&#223;t eben auch kein Recht auf Essen ohne Verpflichtung zur Lohnarbeit – zu (fast) jeder Bedingung. Indem der Anspruch auf Grundsicherung anhand des<br />
Haushaltseinkommens berechnet wird, werden damit dar&#252;ber hinaus insbesondere Frauen in die Abh&#228;ngigkeit des „Hauptverdieners“ getrieben – „Hausfrauenarbeit“ bleibt weiterhin unbezahlt.28 Dass der sozialpolitische Kahlschlag mit einer Fortf&#252;hrung der rigiden Politik der „inneren Sicherheit“ einhergeht, ist dabei kein Zufall: „Ein zum ‚workfare’ degenerierter Wohlfahrtsstaat bedarf der Absicherung durch ‚law and order’ – zumal in jenen innerst&#228;dtischen Zonen, in denen die ‚&#252;berfl&#252;ssige Restbev&#246;lkerung’ lebt“.29 Die im Regierungsabkommen angek&#252;ndigte Ausweitung<br />
der elektronischen &#220;berwachung &#246;ffentlicher R&#228;ume (auch durch Private!) geh&#246;rt dazu ebenso wie restriktive Zuwanderungspolitik und disziplinierende Ma&#223;nahmen des AMS zur Herstellung von „Arbeitswilligkeit“.</p>
<h3>Das sozialdemokratische Paradoxon</h3>
<p>Die Konsequenz, mit der die Politik des Dritten Wegs in den letzten zehn Jahren durchgezogen wurde, legt den Schluss nahe, dass die Sozialdemokratien Europas sich bereits v&#246;llig in „normale“ neoliberale Parteien transformiert h&#228;tten. Tats&#228;chlich ist die vergebliche Suche nach der „sozialdemokratischen Handschrift“ etwa im aktuellen &#246;sterreichischen Koalitionsabkommen nicht in erster Linie dem Verhandlungsgeschick Wolfgang Sch&#252;ssels oder dem „Verrat“ Gusenbauers zuzuschreiben, sondern Ausdruck der weitgehenden Deckungsgleichheit von sozialdemokratischen und neoliberalen Positionen. Dennoch ist die SP&#214; keine neoliberale Partei wie jede andere. Das spezifische an der Politik des Dritten Wegs ist, dass sie die neoliberale Transformation als fortschrittliches Projekt formuliert, als Politik f&#252;r ArbeitnehmerInnen und sozial Schwache. Dieser Versuch der Quadratur des Kreises ist nur mit Blick auf die Klassenbasis der Sozialdemokratien erkl&#228;rbar. Der entscheidende Unterschied zwischen SP&#214; und anderen neoliberalen Parteien liegt in der weiterhin tiefen Verwurzelung in der (vor allem traditionellen Industrie-)ArbeiterInnenklasse und den Gewerkschaften. Zwar hat die Abzweigung zum Dritten Weg auch eine Orientierung hin zu einer jungen,<br />
urban gepr&#228;gten, gebildeten, aufstrebenden „neuen Mitte“ bedeutet; um als Massenpartei (mit entsprechendem W&#228;hlerInnenzuspruch) bestehen zu bleiben, reicht diese quantitativ relativ schmale Schicht, die dazu auch von klassisch liberalen und gr&#252;nen Parteien umworben wird, jedoch nicht aus. Die Einbindung der Gewerkschaften – verbunden mit deren Umbau zu reinen Lobbying-Agenturen mit Kalmierungsfunktion f&#252;r aufbegehrende Ausgebeutete – und eines gro&#223;en Teils der ArbeitnehmerInnen ist daher weiterhin notwendig f&#252;r eine „erfolgreiche“ Sozialdemokratie. Genau hier liegt auch die besondere Gefahr der Politik des Dritten Wegs f&#252;r die anti-neoliberale Linke. Die entscheidende Frage ist schlie&#223;lich, ob neoliberale Politik, Denk- und Handlungspraxen in Europa stabil hegemonial werden, also sich als unhinterfragte und unhinterfragbare Logiken im „Alltagsverstand“ der Menschen absetzen k&#246;nnen. Dabei spielt die Sozialdemokratie eine wichtige Rolle als „Relaisstation“ neoliberaler Ideologie, schlie&#223;lich „macht es einen Unterschied, ob die gr&#246;&#223;er gewordenen sozialen Ungleichheiten von jener Partei gerechtfertigt werden, die einmal die der ‘kleinen Leute’ war oder von Vertretern konservativer und liberaler Parteien“.30 Gleichzeitig aber bietet die Sozialdemokratie – teils aus Tradition, teils wegen ihrer quasi-Monopolstellung in vielen Bereichen der ArbeitnehmerInnenvertretung, teils auf Grund von progressiver Rhetorik – auch tats&#228;chlichen GegnerInnen des neoliberalen Programms eine (wenn auch nicht sehr gem&#252;tliche) politische Heimat. Das Paradoxon einer „neoliberalen ArbeiterInnenpartei“ l&#228;uft letztlich auf die Frage hinaus, ob und wie sich der Bruch zwischen sozialdemokratischen Parteien und deren sozialer Basis politisch ausdr&#252;cken wird.</p>
<h3>Gute Aussichten?</h3>
<p>Damit k&#246;nnen wir auch zur zweiten zuvor gestellten Frage zur&#252;ckkehren: Kann das Projekt des Dritten Wegs langfristig erfolgreich sein? Mit „erfolgreich“ ist dabei nicht gemeint, ob der von Giddens und seinen J&#252;ngern formulierte Anspruch einer Politik „jenseits“ des Neoliberalismus eingel&#246;st wird – diese Frage kann eindeutig negativ beantwortet werden – sondern ob die hegemoniale Einbindung von ArbeitnehmerInnen und Gewerkschaften in das neoliberale Projekt stabil funktionieren kann. Einiges spricht daf&#252;r: So kann nicht geleugnet werden, dass viele Motive neoliberaler Ideologie – Eigenverantwortung, Flexibilisierung, etc. – bereits Eingang in den Alltagsverstand auch vieler Menschen gefunden hat, die materiell unter neoliberaler Politik leiden. Damit zusammenh&#228;ngend muss auch die (teilweise resignierende) Akzeptanz vormals bek&#228;mpfter neoliberaler Transformationsprojekte durch weite Teile der sozialdemokratischen Basis erw&#228;hnt werden. Studiengeb&#252;hren k&#246;nnen hier als drastisches Beispiel dienen: Protestierten bei deren Einf&#252;hrung noch mehrere zehntausende Studierende auf den Stra&#223;en, beteiligten sich an den Demonstrationen gegen deren Beibehaltung unter einer SP&#214;-gef&#252;hrten Regierung nur noch einige Tausend. Und schlie&#223;lich gibt es aktuelle und historische Beispiele, die zumindest f&#252;r die M&#246;glichkeit der erfolgreichen langfristigen Bindung einer ArbeiterInnenbasis an eine neoliberale Partei sprechen. So zeigen die Erfahrungen der US-amerikanischen Linken mit der Demokratischen Partei – bei allen wichtigen Unterschieden zur europ&#228;ischen politischen Landschaft – dass, wenn keine glaubw&#252;rdige alternative Kraft existiert, neoliberale Politik &#252;ber sehr lange Zeitr&#228;ume hinweg mit der Unterst&#252;tzung der ArbeitnehmerInnen-Basis und der Gewerkschaftsb&#252;rokratien praktiziert werden kann.31 Andererseits weist vor allem in j&#252;ngster Zeit viel darauf hin, dass das Projekt des Dritten Wegs m&#246;glicherweise doch zum Scheitern verurteilt ist. So verlieren seit einigen Jahren „modernisierte“ sozialdemokratische Parteien an der Macht massiv an Unterst&#252;tzung – was sich in Massenaustritten ebenso manifestiert wie in ausbleibenden Wahlerfolgen.32 Den politisch bedeutsamsten Hinweis auf die Krise der Sozialdemokratie des Dritten Wegs k&#246;nnen wir in &#214;sterreich jedoch (noch?) nicht ausmachen: Die Entstehung neuer politischer Kr&#228;fte, die mit dezidiert linker Programmatik jene ansprechen, die traditionell sozialdemokratisch orientiert sind, sich von der neoliberalen Politik „ihrer“ Partei jedoch angewidert abwenden. Das bekannteste Beispiel ist sicherlich die aus der Fusion von WASG und PDS entstandene Linkspartei in Deutschland (siehe Interview mit Klaus Henning in diesem Heft), aber auch in Gro&#223;britannien („Respect“), Portugal („Linksblock“), D&#228;nemark („Rot-Gr&#252;ne Allianz“) oder Holland („Sozialistische Partei“) gibt es &#228;hnliche Projekte. Gr&#246;&#223;e und Erfolg dieser Parteien und B&#252;ndnisse der „neuen Linken“ unterscheiden sich stark – was sie eint ist die konsequente Ablehnung des Neoliberalismus, auch und besonders in seiner sozialdemokratischen Reinkarnation sowie eine unsektiererische, offene Haltung gegen&#252;ber der traditionellen Basis der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften. Ob die neoliberale Sozialdemokratie politisch scheitert, wird ma&#223;geblich davon abh&#228;ngen, ob glaubw&#252;rdige Alternativen auf der Linken entstehen, die sich den praktischen und ideologischen Herausforderungen des Dritten Wegs stellen. Das bedeutet etwa, der Logik des „Keine Rechte ohne Pflichten“ Konzepte entgegen zu stellen, die das Recht aller Menschen auf ein w&#252;rdevolles Leben unabh&#228;ngig von ihrem „Nutzen“ f&#252;r den kapitalistischen Verwertungsprozess einfordern. Gelingt dies nicht, kann eines mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden: die Lehre aus der Abl&#246;se Sch&#252;ssels durch Gusenbauer wird ihre G&#252;ltigkeit behalten – es kommt nichts Besseres nach.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p>1 Giddens, Anthony: Der Dritte Weg. Die Erneuerung der sozialen Demokratie,<br />
Frankfurt 1998, S. 12.<br />
2 Callinicos, Alex: Against the Third Way. An Anti-Capitalist Critique,<br />
Cambridge 2001, S. 17.<br />
3 Giddens: a.a.O., S. 44-46.<br />
4 Ebd., S. 49.<br />
5 Ebd., S. 32f.<br />
6 Ebd., S. 28.<br />
7 Ebd.: S. 23-25.<br />
8 Bourdieu, Pierre/ Wacquant, Luc: Sch&#246;ne neue Begriffswelt, in: Le Monde diplomatique, Mai 2000, S. 7.<br />
9 Haug, Frigga: Krise der Sozialdemokratie?, in: Das Argument 256 (2004), S. 459.<br />
10 Giddens: a.a.O., S. 81.<br />
11 Ebd.<br />
12 Mahnkopf, Birgit: Formel 1 der neuen Sozialdemokratie: Gerechtigkeit durch Ungleichheit. Zur Neuinterpretation der sozialen Frage im globalen<br />
Kapitalismus, in: Prokla 121 (2000), S. 489–525.<br />
13 Giddens: a.a.O., S. 120.<br />
14 Ebd., S. 142f., Hervorhebungen im Original.<br />
15 Ebd., S. 137, Hervorhebungen im Original.<br />
16 Zit. nach Draheim, Susanne/ Reitz, Tilman: Work Hard and Play by the Rules. Zur Neubesetzung des Gerechtigkeitsbegriffs in der SPD-Programdiskussion, in: Das Argument 256 (2004), S. 470.<br />
17 Ber&#252;chtigt geworden als „Schr&#246;der/Blair-Papier“: Blair, Tony/ Schr&#246;der, Gerhard: Der Weg nach vorne f&#252;r Europas Sozialdemokraten. Ein Vorschlag von Gerhard Schr&#246;der und Tony Blair (1999), http://www.glasnost.de/pol/schroederblair.html<br />
18 Ebd.<br />
19 Haug: a.a.O., S. 459.<br />
20 Zit. nach Mahnkopf: a.a.O.<br />
21 Selbstverst&#228;ndlich haben nicht Blair und Schr&#246;der selbst das Papier verfasst. Ma&#223;gebliche Autoren waren die jeweiligen „grauen Eminenzen“, Peter Mandelson und Bodo Hombach.<br />
22 Zit. nach Der Standard, 30. Juni 1999.<br />
23 SP&#214;: Das Grundsatzprogramm, 1998, S. 5, 6, 10, online: http://www.spoe.at/bilder/d251/spoe_partei_programm.pdf. „Teilhabe“ ist die seit der<br />
SPD-Programmdebatte gel&#228;ufige deutsche &#220;bersetzung von „Inklusion“. „Teilhabegerechtigkeit“ wird dabei als Gegenentwurf zur Verteilungsgerechtigkeit“ ins Spiel gebracht – vgl. Draheim/Reitz: a.a.O., S. 473.<br />
24 So formuliert in einer von &#214;GB und Arbeiterkammer herausgegebenen Brosch&#252;re: Eberhard, Erik: Austromarxismus und Sozialdemokratie. Politische Str&#246;mungen der Arbeiterbewegung II, Politik und Zeitgeschehen 2, 2006, S. 39.<br />
25 Zwischen 1980 und 1990 sank die Lohnquote von 78,7 auf 72,4 Prozent, bis 2000 auf 69,8 Prozent. Guger, Alois/ Marterbauer, Markus: Die<br />
langfristige Entwicklung der Einkommensverteilung in &#214;sterreich. Wien: Institut f&#252;r Wirtschaftsforschung 2004, online: http://www.armutskonferenz.at/einkommen_0304.pdf.<br />
26 Sandner, G&#252;nther: Der ‚Dritte Weg’ der Sozialdemokratie, Politik und Zeitgeschehen 10, 2002, S. 19.<br />
27 Regierungsprogramm f&#252;r die XXIII. Gesetzesgebungsperiode, 2007, S.110, online: www.bmf.gv.at/Service/Regierungsprogramm.pdf<br />
28 FrauenLesben gegen Zwangsarbeit: Wie entsteht ein gesamt&#246;sterreichisches Arbeitshaus?, in: grundrisse 21 (2007), S. 20-22.<br />
29 Mahnkopf: a.a.O.<br />
30 Ebd.<br />
31 Nat&#252;rlich hinkt dieser Vergleich: Zwei-Parteien-System, geringer gewerkschaftlicher Organisierungsgrad und extrem niedrige Wahlbeteiligung<br />
vor allem der unteren Klassen machen das Ziehen von Parallelen schwierig.<br />
32 Der Wahlsieg der SP&#214; ist hier nur auf den ersten Blick eine Ausnahme – schlie&#223;lich war der Wahlkampf gerade keiner des „Dritten Wegs“.</p>
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		<title>Alternativen zur Alternativlosigkeit, Die neue Linke in Deutschland</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 15:50:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Anfang des Jahres fand in Frankfurt ein Studierendenkongress zur Gr&#252;ndung des bundesweiten Hochschulverbands der Neuen Linken in Deutschland statt. Das Hochschulnetzwerk soll den Kampf gegen Studiengeb&#252;hren und den neoliberalen Umbau der Universit&#228;ten unterst&#252;tzen und dabei in Anbindung an die neue Linkspartei stehen. Das Projekt Linkspartei, ein Zusammenschluss der PDS und WASG, stellt seit den letzten Bundestagswahlen eine linke Alternative zur Dritten-Weg-Sozialdemokratie dar. Wie das Projekt entstanden ist, welche neuen Herausforderungen seit der Wahl hinzugekommen sind und wie der Prozess der Verankerung auf den Universit&#228;ten voran geht, brachte <em>David Sagner</em> in Erfahrung, der <em>Klaus Henning</em>, Mitorganisator des Kongresses, Mitglied der WASG und aktiv bei Linksruck, am Rande der Veranstaltung f&#252;r Perspektiven interviewt hat.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Anfang des Jahres fand in Frankfurt ein Studierendenkongress zur Gr&#252;ndung des bundesweiten Hochschulverbands der Neuen Linken in Deutschland statt. Das Hochschulnetzwerk soll den Kampf gegen Studiengeb&#252;hren und den neoliberalen Umbau der Universit&#228;ten unterst&#252;tzen und dabei in Anbindung an die neue Linkspartei stehen. Das Projekt Linkspartei, ein Zusammenschluss der PDS und WASG, stellt seit den letzten Bundestagswahlen eine linke Alternative zur Dritten-Weg-Sozialdemokratie dar. Wie das Projekt entstanden ist, welche neuen Herausforderungen seit der Wahl hinzugekommen sind und wie der Prozess der Verankerung auf den Universit&#228;ten voran geht, brachte <em>David Sagner</em> in Erfahrung, der <em>Klaus Henning</em>, Mitorganisator des Kongresses, Mitglied der WASG und aktiv bei Linksruck, am Rande der Veranstaltung f&#252;r Perspektiven interviewt hat.</p>
<p><span id="more-36"></span></p>
<p><em>Perspektiven: Wann war der Moment, als Mitglieder der SPD gesagt haben „Das ist nicht mehr unsere Partei“, vor allem auch langj&#228;hrige Mitglieder, die nach drei&#223;ig oder mehr Jahren mit ihrer politischen Heimat gebrochen haben?</em></p>
<p>Klaus Henning: Der Bruch in den unteren Ebenen der Gewerkschaftsb&#252;rokratie hat mit der Ank&#252;ndigung und dann der Durchf&#252;hrung der Hartz-IV-Reformen begonnen. Diese Ma&#223;nahme betrifft die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe und deren Ersetzung durch eine F&#252;rsorgeleistung oder Sozialhilfe und hat damit Massen von arbeitslosen Menschen in die Armut gest&#252;rzt. Alle Statistiken verweisen darauf, dass die Hartz-IV-Reformen zu einer Verelendung gef&#252;hrt haben, zu Massenverelendung. Hinzu kommt, dass die Sozialdemokratie das durchgesetzt hat und nicht, wie man vielleicht erwartet, konservative Parteien wie beispielsweise in Gro&#223;britannien. Das hei&#223;t, dass die Sozialdemokratie in Deutschland den gr&#246;&#223;ten Angriff auf den Sozialstaat seit dem Faschismus gefahren hat. Die Sozialdemokratie hat damit die Wegsprengung des Sozialstaates &#252;bernommen. Und weil der Angriff so scharf war, waren die Reaktionen auch so klar: Entscheidende Teile der unteren Gewerkschaftsb&#252;rokratie sagten „Das k&#246;nnen wir nicht mehr mittragen“. Sie haben damit gedroht, dass sie auch den Weg gehen w&#252;rden eine eigene Partei zu gr&#252;nden, wenn die Hartz-IV-Reformen nicht zur&#252;ckgenommen werden. Aber am Anfang war das alles nur auf der Ebene der Drohung, mit der Illusion und der Hoffnung, die SPD wieder nach links zu ziehen. Das waren Leute wie zum Beispiel Thomas H&#228;ndel oder Klaus Ernst, heute der Vorsitzende der WASG [Wahlalternative f&#252;r Arbeit und soziale Gerechtigkeit], die langj&#228;hrige SPD-Mitglieder und Gewerkschaftsfunktion&#228;re waren. Sie versandten im M&#228;rz 2004 einen Aufruf per E-Mail zur Gr&#252;ndung der Initiative „Arbeit und Soziale Gerechtigkeit.“ Das Problem war, es kam zu keiner Kurs&#228;nderung der Sozialdemokratie, sondern eher zu einer Versch&#228;rfung. Thomas H&#228;ndel, Klaus Ernst und andere mit ihnen wurden ohne Anh&#246;rung aus der SPD ausgeschlossen. So hat dann eigentlich der Druck der Ereignisse dazu gef&#252;hrt, dass sich diese Leute selbst radikalisiert haben. Das f&#252;hrte dazu, dass aus der Drohung, einen neuen Wahlverein zu gr&#252;nden, Realit&#228;t werden musste.</p>
<p><em>Welche Konsequenzen haben die Mitglieder der SPD, die unzufrieden waren, gezogen? Kann man sagen, dass eine Mehrheit der unzufriedenen Mitglieder diesen Schritt mitgegangen ist? Oder gab es anfangs noch andere Konsequenzen in der SPD-Basis?</em></p>
<p>Die erste Reaktion war nat&#252;rlich oft, sich absolut aus der Politik zur&#252;ckzuziehen. Die SPD hat seit Jahren kontinuierlichen Mitgliederschwund erlebt, hat zehntausende Mitglieder verloren und allein schon die Ank&#252;ndigung der Hartz-IV-Reformen hat diesen Prozess noch mal extrem beschleunigt. Die erste Reaktion war, &#252;berhaupt nichts mehr zu machen und auch nicht mehr zur Wahl zu gehen. Ein einschneidendes Ereignis war die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 2005, ein Bundesland im Westen Deutschlands, das immer sozialdemokratisch gepr&#228;gt war durch das ArbeiterInnenmilieu im Ruhrgebiet. Dort hat die SPD im Mai 2005 bei den Landtagswahlen so massiv an Stimmen verloren, dass die CDU – obwohl die auch Stimmen verloren hat, weil sie auch als eine Sozialabbau-Partei gesehen wurde – trotzdem gegen&#252;ber der SPD haushoch gewonnen hat, mit einer absoluten Mehrheit. Passivit&#228;t war die erste Reaktion der sozialdemokratischen W&#228;hlerInnenschaft.<br />
Wichtig ist, dass es davor schon Demonstrationen von Arbeitslosen gegen die Hartz-IV-Reformen gegeben hat und die hatten ihren Schwerpunkt in Ostdeutschland. Im Sommer 2004 war der H&#246;hepunkt der Demonstrationen, haupts&#228;chlich getragen von Arbeitslosenverb&#228;nden, die in Ankn&#252;pfung an die Montagsdemonstrationen 1989 in der DDR die Proteste ebenfalls „Montagsdemos“ genannt haben. Es ist zu einer spontanen Massenbewegung in Ostdeutschland gekommen, mit bis zu 200.000 TeilnehmerInnen. Das Problem war, dass die Gewerkschaften diese Proteste nicht aktiv mitgetragen haben. So ist die Bewegung dann auch im Sand verlaufen und konnte keine Kraft entwickeln. Das hat man sehr gut daran gesehen, dass die Bewegung ihren Schwerpunkt im Osten hatte, aber in den industriellen Zentren im Westen nichts gelaufen ist. Hier in Frankfurt zum Beispiel gab es zwar Solidarisierungsversuche von linken Gruppen, aber da waren maximal tausend Leute auf der Stra&#223;e. Es gab keine aktive Unterst&#252;tzung seitens der Gewerkschaften und das lag daran, dass diese nat&#252;rlich immer noch unter dem Einfluss der Sozialdemokratie standen und stehen. Es gibt da einen guten Film, „Die neue Wut“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a>. Da wird der DGB-Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Michael Sommer, zitiert, der das auch so sagt: „W&#228;re das gleiche [Hartz-IV-Reformen] unter einer CDU-gef&#252;hrten Koalition gelaufen, w&#228;ren die Proteste anders gewesen…Wenn wir mit der Macht, mit der wir den 3. April [2004] organisiert haben [eine halbe Million Menschen folgte dem Aufruf der Gewerkschaften und protestierte gegen Sozialabbau], die Montagsdemonstrationen begleitet h&#228;tten, dann w&#252;rden wir jetzt in einem anderen Land leben. Ob wir gewonnen h&#228;tten, das wage ich nach wie vor zu bezweifeln. Aber das h&#228;tte eine andere soziale Dimension gehabt…“</p>
<p><em>Welche Kr&#228;fte und AkteurInnen waren an der Entstehung der Wahlalternative f&#252;r Arbeit und soziale Gerechtigkeit, WASG, beteiligt? Das hei&#223;t, haben auch andere Kr&#228;fte au&#223;erhalb der Sozialdemokratie die Wahlalternative mit aufgebaut?</em></p>
<p>Na klar, die Bewegungen auf der Stra&#223;e, stellen den politischen Rahmen. Eine wichtige Quelle waren die Montagsdemonstrationen, die haupts&#228;chlich von Arbeitslosen getragen wurden. Aber die dynamischste Kraft bzw. die Kraft, die sich dann auch am weitesten radikalisiert hat, waren vor allem die gewerkschaftlich orientierten Kr&#228;fte aus S&#252;ddeutschland, vor allem der Gewerkschaft IG Metall, dort vor allem der gewerkschaftliche Mittelbau. Es gab sicher noch andere Kr&#228;fte. Nur, diese Bewegung h&#228;tte niemals so eine Dynamik entfalten und auch in die SPD hinein wirken k&#246;nnen, wenn die GewerkschafterInnen nicht mit dabei gewesen w&#228;ren. Das war entscheidend. Und dann gab es nat&#252;rlich auch linke Kr&#228;fte, die das Projekt von Anfang an mit unterst&#252;tzt haben, wie zum Beispiel Linksruck. Wir sind schon mit Schildern „F&#252;r eine neue Linkspartei“ aufgetreten, als die M&#246;glichkeit einer Wahlalternative noch in der Hartz-IV-Bewegung diskutiert wurde. Das war vor allem wichtig, als die PDS mit aufgesprungen ist und sich auch den Namen „Linkspartei“ gegeben hat. F&#252;r uns war es ganz praktisch, weil wir so Plakate und Schilder weiterhin verwenden konnten…(lacht). Die PDS ist eine aus der SED [ehem. Staatspartei der DDR] hervorgegangene Partei, die allerdings, gerade hier im Westen, nie die Funktion einer Alternative zur Sozialdemokratie &#252;bernehmen konnte. Ich denke, es ist auch ganz wichtig, darauf hinzuweisen, dass die GewerkschafterInnen, von denen ich vorhin gesprochen habe, sich bewusst entschieden haben, sich nicht nur der Linkspartei anzuschlie&#223;en, sondern gesagt haben, wir brauchen ein neues Parteiprojekt „WASG“. Dann kam die Ank&#252;ndigung nach den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen 2005, dass es vorgezogene Bundestagswahlen geben sollte, weil die Schr&#246;der-Regierung in der Krise war. Das f&#252;hrte zum Prozess der Vereinigung. Dieser Prozess wurde uns praktisch von der Regierung aufgezwungen. Oskar Lafontaine k&#252;ndigte an, die WASG im Falle eines gemeinsamen Antritts mit der PDS zu den vorgezogenen Bundestagswahlen zu unterst&#252;tzen. Zur Wahl mussten sich nun unterschiedliche linke Kr&#228;fte zusammenfinden. Die „WASG“ musste sich mit der „Linkspartei“ zusammentun und unter diesem Druck ist dann das Wahlprojekt entstanden. Das erfolgreiche Abschneiden bei den Bundestagswahlen hat dann auch dazu gef&#252;hrt, dass das ganze Projekt mehr Aufwind bekommen hat.</p>
<p><em>Die WASG gibt es mittlerweile schon zwei Jahre. Wie hat die Wahlalternative, abgesehen davon, dass es eine w&#228;hlbare Alternative gibt, die politische Landschaft in Deutschland ver&#228;ndert?</em></p>
<p>Das Entscheidende ist, dass das Projekt mit dem Verst&#228;ndnis initiiert wurde, wirklich etwas ver&#228;ndern zu wollen. Es geht nicht nur darum, eine parlamentarische Partei zu gr&#252;nden, das oberste Ziel ist es, die Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse zu ver&#228;ndern. Es wird auch immer wieder betont, dass das nicht alleine &#252;ber das Parlament erfolgen kann. Dass eine enge Verbindung mit sozialen Bewegungen, vor allem mit gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen angestrebt werden muss, wird immer klarer. Ich glaube, der gr&#246;&#223;te Verdienst dieser Formierung ist, dass sie eine Wirkung auf die Klassenk&#228;mpfe hat. In den letzten Streikbewegungen wurde das sehr deutlich. Die Streiks im &#246;ffentlichen Dienst in Baden-W&#252;rttemberg letztes Jahr haben einen sehr radikalen Charakter angenommen. Die Wahlalternative hat eine entscheidende Rolle in diesen Auseinandersetzungen gespielt. Bernd Riexinger von der WASG war Streikf&#252;hrer in Stuttgart, der wichtigsten industriellen Region im S&#252;den Deutschlands. Er hat dort, in seiner Funktion als Gewerkschaftssekret&#228;r, die Streiks im &#246;ffentlichen Dienst gef&#252;hrt und gleichzeitig, in seiner Funktion als Vertreter der Wahlalternative, politisch in diese Auseinandersetzung interveniert. Die Politisierung dieser Streikbewegung ist viel weiter gegangen als bisher in vergleichbaren Situationen. In den letzten Jahren wurden Streiks immer wieder fr&#252;hzeitig abgew&#252;rgt, ehe die Auswirkungen voll zum Tragen gekommen sind.<br />
Die politische Landschaft ver&#228;nderte sich auch durch den Wahlerfolg bei den Bundestagswahlen 2005 [die Linkspartei erhielt 8,7% der Stimmen], mit dem dieses Projekt nat&#252;rlich an Anziehungskraft gewonnen hat. Es war dann in den Medien pr&#228;sent. Die jetzigen Entwicklungen finden aber eher versteckt statt. Betrachtet man genau was in den letzten zwei Jahren passiert ist, so kann eine langsame Erodierung des Einflusses der Sozialdemokratie in den Gewerkschaften ausgemacht werden. Der Mittelbau in den Gewerkschaften orientiert sich zunehmend an der Neue Linken und wartet jetzt darauf, dass sich die Linkspartei und die Wahlalternative zusammenschlie&#223;en. Wir sind jetzt im Parteienfusionsprozess und es ist entscheidend, dass wir das schaffen und zusammen wachsen. Es gibt nat&#252;rlich auch Probleme in diesem Prozess. Es gab einen wichtigen Kampf gegen Sektierertum; also den Versuch jener Kr&#228;fte, die sich lieber eine klar sozialistische und damit kleinere Organisation w&#252;nschen, das Projekt Neue Linke zum Scheitern zu bringen. Nat&#252;rlich hat die Neue Linke einen widerspr&#252;chlichen Charakter und ist nicht per se sozialistisch oder antikapitalistisch, sondern es wirken verschiedene Kr&#228;fte mit. Um gegen die Gewaltt&#228;tigkeit der Angriffe auch vorgehen zu k&#246;nnen, ist dieses breite B&#252;ndnis n&#246;tig. Das war ein wichtiger Kampf, den wir gef&#252;hrt haben. Nur so konnte und nur so kann die Neue Linke die Funktion erf&#252;llen, die wir brauchen, n&#228;mlich den sozialdemokratischen Einfluss in den Gewerkschaften zur&#252;ckzudr&#228;ngen. Ganz wichtig dabei war der Gewerkschaftstag letztes Jahr. Dort wurde der SPD-Bundesminister f&#252;r Arbeit und Soziales, Franz M&#252;ntefering, ausgepfiffen und Oskar Lafontaine, der dort die Neue Linke vorgestellt hat, bekam <em>standing ovations</em>. Ich denke, das war ein wichtiges Signal.</p>
<p><em>Die gro&#223;e Herausforderung ist jetzt der Fusionsprozess. Gibt es dar&#252;ber hinaus noch andere politische Herausforderungen f&#252;r die WASG, die zu gr&#246;&#223;eren Diskussionen innerhalb der Wahlalternative f&#252;hren?</em></p>
<p>Dieser Fusionsprozess hat nat&#252;rlich viele Facetten, es gibt viele inhaltliche Diskussionen. Was soll die Neue Linke f&#252;r ein Programm haben, wie soll sie ausgerichtet sein? Die wichtigste Frage ist f&#252;r mich nicht, wie das Programm aussieht, ob es ein knallhart sozialistisches Programm ist, sondern, welche Praxis die Neue Linke entwickelt. Ich denke, die gr&#246;&#223;te Herausforderung ist diese Vereinigung jetzt zustande zu bringen und darin f&#252;r eine aktivistische, klassenk&#228;mpferische Ausrichtung zu streiten. Danach wird jedoch die wichtigste Frage sein: welche Politik macht die Neue Linke?<br />
So stehen wir jetzt hier in Hessen vor einer Herausforderung: der Positionierung zu den Landtagswahlen 2008. Wir sind konfrontiert mit der Koch-Regierung [Roland Koch, CDU], eine konservative Regierung, die die absolute Mehrheit hat, hier mit absolut undemokratischen Mitteln regiert, Studiengeb&#252;hren eingef&#252;hrt hat usw. Die SPD versucht jetzt, eine Art Lagerwahlkampf zu starten, zwischen dem konservativen Koch und einer linken Form der SPD. Eigentlich haben wir jetzt eine Situation, in der die SPD in der Opposition ist und einen linken Wahlkampf macht und die Linke muss versuchen, eine nicht ausgrenzende Position dazu zu finden um eine Bewegung daraus zu machen die auch die linken Teile der Sozialdemokratie erfasst. Wir wollen das jetzt &#252;ber die Verfassungsklage gegen die Studiengeb&#252;hren, die wir mit den SozialdemokratInnen zusammen einbringen in die Wege leiten. Nat&#252;rlich sollte man keine Illusionen haben. Aber die Linke muss sich positionieren und sich auf die Seite der Linken in der SPD stellen. Ansonsten w&#252;rde sich die Neue Linke aus der politischen Landschaft rauskatapultieren und keinen Einfluss mehr auf den Prozess nehmen k&#246;nnen.<br />
Gleichzeitig sitzt die PDS im Osten Deutschlands in den L&#228;nderparlamenten. Dort ist die gro&#223;e Frage die Regierungsbeteiligung um jeden Preis. Die stellt sich ganz extrem am Beispiel von Berlin, wo die Linkspartei in der Regierung sitzt und dort Sparma&#223;nahmen mit tr&#228;gt. Das prominenteste Beispiel sind die Laden&#246;ffnungszeiten. Das Gesetz, das den Ladenschluss regelte, wurde dort als erstes gekippt und durch ein extrem frauenfeindliches und extrem arbeiternehmerInnenfeindliches Gesetz ersetzt. Das ist eine scharfe Auseinandersetzung, die nat&#252;rlich auch die Gefahr in sich birgt, dass dieses Projekt der Vereinigung der Neuen Linken scheitert.</p>
<p><em>Wir sind hier auf dem Hochschulkongress der Neuen Linken. Vielleicht kannst du noch dar&#252;ber erz&#228;hlen, welche Rolle die Linke auf den Hochschulen spielt und auf die Idee des Hochschulverbandes eingehen, wie und warum der Verband entstehen soll?</em></p>
<p>Das ist eigentlich die spannendste Frage. Studierende spielen eine ganz entscheidende Rolle in den Auseinandersetzungen. Die StudentInnen haben, einfach weil sie mehr politischen Freiraum haben als ArbeiterInnen, die M&#246;glichkeit in Aktion zu treten. Und auch schneller in Aktion zu treten. Es ist kein Wunder, dass in Frankreich dieser gro&#223;e Massenaufstand gegen das CPE [Flexibilisierung des K&#252;ndigungsschutzes f&#252;r junge ArbeitnehmerInnen] ma&#223;geblich von den Studierenden ausging, als Stra&#223;enprotest. Ich glaube, dass StudentInnen die Rolle eines Z&#252;ndfunkens gesellschaftlicher Auseinandersetzungen spielen k&#246;nnen, und dass sie diese Funktion auch immer mehr bekommen, weil der Charakter des heutigen Studierendendaseins immer st&#228;rker an das Arbeitsleben und damit an gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen angebunden ist. Siebzig Prozent der Studierenden m&#252;ssen neben dem Studium arbeiten um studieren zu k&#246;nnen, immer mehr StudentInnen aus ArbeiterInnenfamilien kommen an die Unis und die aktuelle Hochschulreform treibt das noch voran. Mit der Einf&#252;hrung von Bachelor- und Master-Studien wird zwar das Ziel verfolgt die Hochschulbildung zu entqualifizieren, aber es werden auch mehr Leute an die Unis geholt. Da gibt es mehr Potential. Die Neue Linke muss die Hochschulen ernst nehmen und braucht deshalb einen Hochschulverband, der in den politischen Auseinandersetzungen an Einfluss gewinnt. Wir hatten hier in Hessen eine starke StudentInnenbewegung gegen Studiengeb&#252;hren, die uns vor die Aufgabe stellt, einen handlungsf&#228;higen Verband zu gr&#252;nden, der sich auch in die Auseinandersetzungen einmischen kann. Die f&#246;derale Struktur des Bildungswesens in Deutschland ist ein gro&#223;es Problem. Studiengeb&#252;hren werden nur landesweit eingef&#252;hrt und daher nur auf Landesebene bek&#228;mpft. Die Proteste sind kaum vernetzt. Da ist es eine entscheidende Frage, wie eine bundesweite Perspektive geschaffen werden kann. Deswegen ist so ein Bundesverband wichtig. Die andere Frage ist eine politische Frage. Innerhalb der StudentInnenbewegung werden vor allem zwei Standpunkte vertreten. Einerseits gibt es Illusionen in sozialdemokratischen Reformismus, die Hoffnung durch Wahlen die Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse zu ver&#228;ndern und Studiengeb&#252;hren zu verhindern. Das ist die Position, die am st&#228;rksten vertreten ist. Andererseits haben einige Studierenden diese Illusion nicht mehr. Sie lehnen dagegen Parteien grunds&#228;tzlich ab und haben grunds&#228;tzlich die Hoffnung verloren, Mehrheiten f&#252;r eine anti-neoliberale Politik zu gewinnen. Sie stehen dem Parteiprojekt der Neuen Linken skeptisch gegen&#252;berstehen und setzen lieber auf radikale Aktionen. Wir haben das gestern in dem Film gesehen [„Kick it like Frankreich“<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a>]. Das sind nicht nur langj&#228;hrige AktivistInnen der autonomen Szene, sondern auch neue Leute, die eher eine Art voluntaristisches Herangehen haben und sagen, wir m&#252;ssen erst mal das Uni-Pr&#228;sidium oder das Wissenschaftsministerium besetzen, wenn auch nur mit f&#252;nf Leuten und wir rei&#223;en dadurch die Massen hinterher. Das hat aber nicht geklappt, das zeigt die Bewegung auch praktisch. Die Bewegung in Hessen hat sich nicht durch solche Aktionen einer Minderheit ausgeweitet, sondern es muss ein Weg gefunden werden, wie die Mehrheiten erreicht werden k&#246;nnen. Und das ist die Chance mit so einem Hochschulverband der Linken, der auch angebunden ist an das Parteiprojekt der Neuen Linken, die wiederum in Gewerkschaften und in die sozialen Bewegungen einwirkt. Das kann die Studierendenbewegung st&#228;rken, um da mehr Muskeln und mehr Einfluss &#252;ber die Universit&#228;t hinaus zu entwickeln.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a>„neueWUT – Vereinzelte Proteste oder neue soziale Bewegungen“, Dokumentarfilm von Martin Ke&#223;ler, 90 Min. Mehr Infos und Bestell-M&#246;glichkeit auf http://www.neuewut.de/neuewut/index.html<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a>„Kick it like Frankreich: Der Aufstand der Studenten“, ebenfalls von Martin Ke&#223;ler, Infos http://www.neuewut.de/kickit/index.html</p>
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