<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; USA</title>
	<atom:link href="http://www.perspektiven-online.at/tag/usa/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.perspektiven-online.at</link>
	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
	<lastBuildDate>Wed, 01 Feb 2012 08:57:15 +0000</lastBuildDate>
	<generator>http://wordpress.org/?v=2.9.2</generator>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
			<item>
		<title>Was war denn das? Der Krieg gegen den Terror</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2011/09/13/was-war-denn-das/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2011/09/13/was-war-denn-das/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 13 Sep 2011 11:53:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Imperialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=2331</guid>
		<description><![CDATA[Zehn Jahre nach dem 11. September 2001: Richard Seymour &#252;ber den Aufstieg, die Bedeutung und das Ende des Kriegs gegen den Terror.

Die Kriege gehen zwar weiter, aber der „Krieg gegen den Terror“ ist vorbei. Verlorene Freiheiten wurden zwar noch nicht wieder errungen, Geheimgef&#228;ngnisse, Entf&#252;hrungen und Folter werden auch von einer Post-Bush US-Regierung stillschweigend gebilligt. Trotzdem, der Krieg gegen den Terror [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zehn Jahre nach dem 11. September 2001: <em>Richard Seymour</em> &#252;ber den Aufstieg, die Bedeutung und das Ende des Kriegs gegen den Terror.<br />
<span id="more-2331"></span><br />
Die Kriege gehen zwar weiter, aber der „Krieg gegen den Terror“ ist vorbei. Verlorene Freiheiten wurden zwar noch nicht wieder errungen, Geheimgef&#228;ngnisse, Entf&#252;hrungen und Folter werden auch von einer Post-Bush US-Regierung stillschweigend gebilligt. Trotzdem, der Krieg gegen den Terror ist zu Ende. K&#246;nnen wir nun, da er vorbei ist, herausfinden was er war?<br />
Im Alltagsverstand der Linken wird der Krieg gegen den Terror als abenteuerliches Projekt zur Neuordnung einer strategisch und energiepolitisch wichtigen Region im Interesse der amerikanischen herrschenden Klasse verstanden. Als Nebeneffekt erlaubte er eine autorit&#228;re  Umr&#252;stung der teilnehmenden Staaten, um gegen GegnerInnen im Inneren unter den Vorzeichen der Terrorismusbek&#228;mpfung vorzugehen – aber die dominante Logik war eine geopolitische, angetrieben durch die Konkurrenz zwischen den USA und potenziellen Rivalen wie China und Russland, die sich um die Kontrolle von Energieressourcen drehte. W&#252;rden die USA die &#214;lquellen kontrollieren, k&#246;nnten sie die &#214;llieferungen an ihre Konkurrenten reduzieren und so deren Wachstum mindern. Jedoch, so das Argument: das Setzen auf milit&#228;rische Macht stellte sich als Fehler heraus, und die USA fanden sich in einer weiter geschw&#228;chten Position wieder. Die Beendigung des Kriegs gegen den Terror stellt einen Strategiewechsel dar, der von „RealistInnen“ innerhalb der Demokratischen Partei wie Zbigniew Brzezinski angezeigt wurde und auf die Festigung US-amerikanischer Hegemonie durch eine St&#228;rkung der Allianzen mit der EU und anderen setzt.</p>
<p><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/09/bush-mission1-300x164.jpg" alt="" title="bush-mission" width="300" height="164" class="alignnone size-medium wp-image-2333" /></p>
<p>Diese Analyse hat ihre St&#228;rken, doch ich m&#246;chte einen anderen Punkt herausstreichen. Wenn der Krieg gegen den Terror ein Versuch war, die US-Hegemonie international zu st&#228;rken, so kann er auch als Anstrengung verstanden werden, die Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse innerhalb des Landes zu Gunsten der Unternehmen und in Richtung  eines st&#228;rker auf Zwang setzenden Staat zu verschieben. Dieses Vorgehen wurde in zahlreichen entwickelten kapitalistischen Staaten durchgezogen, besonders in jenen, die sich mit der Bush-Regierung verb&#252;ndet hatten, um einige der sich abzeichnenden Krisen des US-gef&#252;hrten neoliberalen Kapitalismus zu abzufedern und oppositionelle Kr&#228;fte f&#252;r einen bestimmten Zeitraum entscheidend zu schw&#228;chen.</p>
<p>Zugleich beruhte die Bush-Regierung jedoch auf einer schmalen und &#228;u&#223;erst instabilen Basis, die f&#252;r die Instabilit&#228;ten, die durch die eigenen Politiken hervorgerufen wurden, hochgradig anf&#228;llig waren. 2005 hatte sich die Situation im besetzten Irak so weit verschlechtert, dass der Krieg begann, verschiedenste Ursachen der Unzufriedenheit mit der Regierung zu b&#252;ndeln, sowohl in den Eliten als auch unter den W&#228;hlerInnen. Als die Regierung 2008 abtrat, war sie bereits eine lame duck. Dennoch hatten die politischen Kr&#228;fte, die durch den Krieg gegen den Terror mobilisiert wurden, langfristige Effekte, die auch im Kontext der gegenw&#228;rtigen Rezession und der Pr&#228;sidentschaft Barack Obamas weiter wirken.</p>
<p><strong>Vor dem Fl&#228;chenbrand</strong><br />
Vor den Angriffen am 11. September war eine Reihe von inh&#228;renten Schw&#228;chen des Kapitalismus in seiner neoliberalen Phase an die Oberfl&#228;che getreten. Das System litt an einer chronischen &#220;berakkumulation von Kapital. Die Finanzialisierung hatte systemische Instabilit&#228;ten erzeugt, die sich im &#246;konomischen Zusammenbruch der s&#252;dostasiatischen „Tigerstaaten“, in Rettungsaktionen f&#252;r Hedge Funds und dem Platzen der dot.com Blase ausdr&#252;ckten. Unternehmensprofite, die sich seit der weltweiten Rezession 1979-1982 allm&#228;hlich wieder erholt hatten, begannen wieder zu fallen. Die Schw&#228;che des Systems wurde im Jahr 2001 von einer Serie von Rezessionen angezeigt, auch wenn keine der systemischen Krise nach 2007 gleichkommen sollte. Die Legitimit&#228;t des Kapitals wurde zugleich von einer Kombination aus antikapitalistischen Bewegungen und verschiedenen Buchhaltungs-Skandalen gro&#223;er Konzerne wie WorldCom angegriffen. Auch der Kampfgeist der Gewerkschaften schien sich gegen Ende der 1990er etwas zu regen, in einigen Aufsehen erregenden Streiks konnten Erfolge erzielt werden und zahlreiche Organisierungskampagnen wurden durchgef&#252;hrt. 1997 wurde ein gro&#223;er Arbeitskampf der TransportarbeiterInnen von breiter &#246;ffentlicher Unterst&#252;tzung begleitet, StreikbrecherInnen waren selten und die Solidarit&#228;t an den Streikposten mit 95 Prozent hoch. Darauf folgte eine Reihe von Streiks, darunter einer bei General Motors, und im Jahr 1998 wies die Statistik 5,1 Millionen Streiktage in den USA aus: das ist zwar in historischer Perspektive wenig, markierte aber einen beginnenden Anstieg. Die F&#228;higkeit des Staates, Dissidenz und Widerstand zu kontrollieren, wurde zunehmend in Frage gestellt. In Seattle hatten antikapitalistische DemonstrantInnen erfolgreich eine WTO-Konferenz verhindert, in der neoliberale Ma&#223;nahmen in einem B&#252;ndnis kapitalistischer Staaten weiter institutionalisiert werden h&#228;tten sollen. Zur gleichen Zeit fanden in Cincinnati die gr&#246;&#223;ten Unruhen seit den Riots in Los Angeles 1992 statt, nachdem Timothy Thomas, ein 19-j&#228;hriger schwarzer Mann, erschossen worden war. Die &#246;ffentliche Meinung bewegte sich in einer ganzen Reihe von Themen nach links.<br />
F&#252;r die Reagan-Anh&#228;ngerInnen in der F&#252;hrung der Republikanischen Partei wurde es zunehmend schwierig, ausreichende Unterst&#252;tzung aus der Bev&#246;lkerung f&#252;r ihre Programmatik zu finden, weshalb sie sich gezwungen sahen, ihre Absichten hinter dem Label des <em>compassionate conservatism</em> zu verbergen und dann bei der Wahl im Jahr 2000 das Pr&#228;sidentenamt zu stehlen. Im Angesicht einer platzenden Finanzblase aus der Clinton-&#196;ra, dem Wiedererwachen globaler anti-systemischer Bewegungen und der ablehnenden Haltung der Eliten gegen&#252;ber jeglichem politischen Abenteurertum hatte die neue Regierung jedoch ein Legitimit&#228;ts-Defizit. Die Angriffe vom 11. September vernichteten viele dieser Hindernisse in einer Reihe gigantischer Fl&#228;chenbr&#228;nde.</p>
<p><strong>Der neokonservative Moment</strong><br />
Es ist wichtig, pr&#228;zise zu bestimmen in welcher Hinsicht die Bush-Regierung die Interessen der herrschenden Klasse interpretiert und implementiert hat. Die herrschende Klasse ist niemals eine geschlossene Einheit der UnternehmerInnen. Ihre verschiedenen Fraktionen teilen manche Interessen und streiten sich &#252;ber andere, und keine einzelne Strategie kann all diese Interessen bedienen. Diese Tatsache entzieht jeder instrumentalistischen Sicht die Grundlage, nach der der Staat blo&#223; ein „Werkzeug“ zur Durchsetzung einer festgelegten Interessenlage der Herrschenden w&#228;re. Tats&#228;chlich sind der Staat und die Parteien, die um die Kontrolle &#252;ber ihn konkurrieren, Felder ideologischer Antagonismen. PolitikerInnen und Intellektuelle m&#252;ssen innerhalb der Klasse, mit der sie organisch verbunden sind, um ihre bevorzugten Strategien streiten.</p>
<p><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/09/The-War-on-Terror-boardgame1-300x204.png" alt="" title="The-War-on-Terror-boardgame" width="300" height="204" class="alignnone size-medium wp-image-2339" /></p>
<p>Es ist zweifelhaft, ob Bush jemals die Mehrheit der herrschenden Klasse in den USA hinter sich gebracht hat. Aber innerhalb der Republikanischen F&#252;hrung, existierten verdichtete Kapitalfraktionen – besonders aus den Bereichen Energie, Finanz, Verteidigungsindustrie und Bauwirtschaft – die sicherlich von der Politik profitieren konnten, die Bush als Teil des Kriegs gegen den Terror umsetzen konnte. Und in der Regierung befanden sich mehrere PolitikerInnen und Intellektuelle, die zwischen dem Privatsektor, Staatsapparaten und rechten Think Tanks zirkulierten und dadurch eine im Wesentlichen deckungsgleiche Vorstellung davon hatten, welche Aufgaben der amerikanische Kapitalismus in seiner historischen Mission zu erf&#252;llen hatte.<br />
Es gab auch abweichende Stimmen, etwa jene von Finanzminister Paul O’Neill. Doch unmittelbar nach dem 11. September wurden diese entscheidend marginalisiert. Ein Kern von neokonservativen und rechts-nationalistischen IdeologInnen (von denen einige im Project for the New American Century aktiv gewesen waren) &#252;bernahm die F&#252;hrungsrolle und versuchte, dem US-Kapitalismus eine moralische und intellektuelle F&#252;hrung zu verpassen, die auf dem Einsatz von milit&#228;rischer Macht zur Einsch&#252;chterung von Verb&#252;ndeten und Z&#252;chtigung von Gegnern basierte. Es ist unwahrscheinlich, dass dieses Projekt ohne den 11. September durchgesetzt h&#228;tte werden k&#246;nnen. Statt dessen w&#228;re wohl st&#228;rker auf neoliberale „Globalisierung“ gesetzt worden – die weitere &#214;ffnung und Liberalisierung der Weltm&#228;rkte durch IWF-Kredite und versprochenen Zugang zum US-Markt, wobei die milit&#228;rische St&#228;rke eine untergeordnete Rolle neben den anderen Zwangsmechanismen spielt, die dem imperialen Hegemon zur Verf&#252;gung stehen.<br />
Der „neokonservative Moment“ stellte jedoch den milit&#228;rischen Konflikt ins Zentrum einer neuen ideologischen Konstellation, deren Angelpunkt die Verteidigung der „westlichen Zivilisation“ gegen ihre „totalit&#228;ren“ oder „islamofaschistischen“ Feinde darstellt. Die USA, so wurde argumentiert, sollten einen Block liberal-kapitalistischer Staaten anf&#252;hren, um „Al Qaida“ und jenen, die als ihre Verb&#252;ndete gelten, einen entscheidenden Schlag zu versetzen. Der „Westen“, als Inkarnation des H&#246;hepunkts menschlicher Entwicklung, sollte zum Fortschritt beitragen, indem er seine aufgekl&#228;rten Interessen an der Durchsetzung einer liberalen Weltordnung und dem Sieg &#252;ber deren Feinde zur Geltung bringt.<br />
Diese Argumentation war nicht v&#246;llig neu. Bereits 1999 formulierte Tony Blair die grundlegenden Themen in einer Rede in Chicago, und entsprechend wurde Blair auch zu einem engen Verb&#252;ndeten von Bush. Trotzdem war die Intensit&#228;t, mit der solche Ideen reproduziert wurden, und ihre pl&#246;tzliche Resonanz sicherlich etwas Neues. Die Strategie versuchte, einen Aspekt des hegemonialen Diskurses des Kalten Kriegs aufzugreifen, in dem die offen ausgedr&#252;ckte Loyalit&#228;t und Kooperation von potenziell entgegen gesetzten politischen Kr&#228;ften eingefordert wurde, um dem Vorwurf des Verrats zu entgehen.<br />
Die Au&#223;enpolitik war die zentrale S&#228;ule der Bush-Regierung, und sie half auch bei der Reorganisierung der nationalen Klassenverh&#228;ltnisse. Sie stellte die Basis f&#252;r einen Aufschwung der Republikanischen Partei im Wahlvolk dar; sie erlaubte eine Ausweitung von &#220;berwachung und Repression, wodurch der Staat in eine bessere Position im Umgang mit Dissidenz und Widerstand gebracht wurde; sie stellte eine praktische Begr&#252;ndung f&#252;r die Unterdr&#252;ckung von Arbeitsk&#228;mpfen dar; und, indem sie ihre GegnerInnen schw&#228;chte, erm&#246;glichte sie es der Regierung, Politiken ohne Gegenwehr durchzusetzen, die Verm&#246;gen an die Reichsten umverteilten.</p>
<p><strong>Die entwaffnete Linke</strong><br />
Der wichtigste unmittelbare Nutzen, den die imperialistischen Staaten aus den Angriffen vom 11. September ziehen konnten, war ihr Vorteil gegen&#252;ber popularen Widerstandsbewegungen. Dieser entstand nicht nur aus dem aufsteigenden Patriotismus und, unter den Verb&#252;ndeten der USA, der Solidarit&#228;t mit den „Menschen wie uns“, die Gilbert Achcar das „narzistische Mitgef&#252;hl“ nannte. Er war auch darauf zur&#252;ck zu f&#252;hren, dass der „Terrorismus“ pl&#246;tzlich eine greifbare &#246;ffentliche Bedrohung darstellte, f&#252;r die nach technokratischen wie ideologischen L&#246;sungen gesucht werden musste. Die Linke hatte eine vertretbare Analyse (die ungerechte Politik der USA war mitverantwortlich f&#252;r die Ursachen der Angriffe) und eine vern&#252;nftige L&#246;sung anzubieten (wir sollten jede Handlung vermeiden, die diese Ungerechtigkeit verst&#228;rken und zuk&#252;nftige Attacken wahrscheinlicher machen w&#252;rde). Die einflussreichen Interventionen von Noam Chomsky waren wichtig, um die Linke mit dieser Art von Analyse auszur&#252;sten, die auf zunehmende Zustimmung in der Welt&#246;ffentlichkeit stie&#223;, auch wenn sie in den USA selbst nur eine Minderheit &#252;berzeugen konnte.<br />
Doch der Diskurs der „Terrorismusbek&#228;mpfung“ ist ein gef&#228;hrliches Terrain f&#252;r die Linke, ein Terrain auf dem der Staat mit seinen immensen Ressourcen einen entscheidenden Vorteil hat. „Terrorismusbek&#228;mpfung“ hat die Tendenz, sich mit „Aufstandsbek&#228;mpfung“ zu &#252;berlappen, mit gef&#228;hrlichen Konsequenzen f&#252;r linke Bewegungen. Und die Rechte bot eine „vision&#228;re“, moralistische Antwort auf 9/11 als Kontrapunkt zur vorsichtigen, pragmatischen Reaktion der Linken an. Von der Annahme der moralischen &#220;berlegenheit der „westlichen Zivilisation“ ausgehend behauptete sie – mit einer gewissen oberfl&#228;chlichen Plausibilit&#228;t – dass es um die Selbstverteidigung der freien und demokratischen L&#228;nder gegen gewaltt&#228;tige, „totalit&#228;re“ Bewegungen ginge. Die Rechte hatte ihre Verb&#252;ndeten in der Regierung und betr&#228;chtlichen Raum in den mit ihnen sympathisierenden Medien, um ihr Argument auszubreiten. Die Dynamik lag also zu Beginn bei der Rechten, die erfolgreich die &#246;ffentliche Zustimmung zu ihren Zielen organisieren konnte. Anti-Kriegs-Bewegungen, die als Reaktion auf die Invasion in Afghanistan entstanden, waren zun&#228;chst klein und konnten ohne gro&#223;en Aufwand marginalisiert und unter Illoyalit&#228;tsverdacht gestellt werden. </p>
<p><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/09/fbi-300x225.jpg" alt="" title="fbi" width="300" height="225" class="alignnone size-medium wp-image-2335" /></p>
<p>Die Intensivierung der &#220;berwachung und Repression nach dem 11. September stellte zwar keinen grundlegenden Bruch mit fr&#252;heren Normen dar – der USA PATRIOT Act (ein Akronym f&#252;r „uniting and strengthening America by providing appropriate tools required to intercept and obstruct terrorism“) legalisierte einfach Formen der &#220;berwachung, die schon lange eingesetzt wurden – sie wirkte aber beschleunigend. Die Anforderungen f&#252;r Ermittlungen gegen Gruppen wurden gesenkt, das FBI konnte weitaus einfacher Durchsuchungsbefehle erhalten und die Definition von „Terrorismus“ wurde so ausgeweitet, dass jeder Mensch, der ein Gesetz bricht um auf politische Prozesse oder die &#246;ffentliche Meinung einzuwirken, als TerroristIn verfolgt werden konnte. Nachdem die Ermittlungen der Bundespolizei gegen politische AktivistInnen und Anti-Kriegs-Gruppen eine lange Geschichte haben – von der Zerschlagung der sozialistischen und ArbeiterInnenbewegungen 1919 bis zu den illegalen Ermittlungen gegen die El Salvador-Solidarit&#228;tsgruppe CISPES in den 1980ern – wussten jene, die das Gesetz ausarbeiteten, dass sie damit eine intensivierte politische Repression autorisierten. Dies sollte sich bald bewahrheiten, als Anti-Kriegs-Gruppen wiederholt ins Visier des FBI gerieten.<br />
Auch die Gewerkschaften zogen gegen den neuen Sicherheitsstaat den K&#252;rzeren. Z.B. untersagte die Regierung einen Streik der MechanikerInnen von United Airline im Dezember 2001 mit der Begr&#252;ndung, dieser w&#252;rde die Luftsicherheit gef&#228;hrden. In einem &#228;hnlichen Fall wurde im Januar 2002 der nationale Ausnahmezustand ausgerufen, um einen Streik von HafenarbeiterInnen durch eine gerichtliche Verf&#252;gung stoppen zu lassen. Insgesamt setzte die Regierung einen robusten Kurs gegen ArbeiterInnen durch und beschr&#228;nkte ArbeiterInnenrechte in mehreren Bereichen – Arbeitsplatzssicherheit, &#220;berstundenregelungen und Gewerkschaftsrechte f&#252;r Bundesangestellte. Es war kein so massiver Schlag gegen die ArbeiterInnenbewegung wie jener unter Reagan, aber die Organisierungsdichte nahm ab, und die Kombination aus einer Rezession und den Angriffen der Bush-Regierung nach 9/11 kehrte den kurzen Aufschwung der sp&#228;ten 1990er Jahre in ihr Gegenteil um. Ein Resultat war, dass die Reall&#246;hne im folgenden Jahrzehnt langsamer anstiegen als w&#228;hrend der Gro&#223;en Depression. Dazu verschob die Regierung in den Jahren 2001 bis 2003 die Steuerlast weiter von den Reichen auf ArbeiterInnenhaushalte. Vor dem 11. September musste Bush gegen den Kongress regieren und eine teure PR-Kampagne fahren, um &#246;ffentliche Zustimmung zu seinen Steuersenkungen zu organisieren. Danach war er in einer sicheren Position; nachdem die Republikanische Partei in den Kongresswahlen 2002 eine klare Mehrheit erringen konnte, senkte er weiter Steuern auf hohe und mittlere Einkommen, Investitionen, Kapitalgewinne und Dividenden, und feuerte sogar Paul O’Neill, nachdem dieser sich einer Gruppe von 450 WirtschaftswissenschafterInnen angeschlossen hatte, die sich gegen die Steuerpolitik aussprachen.</p>
<p><strong>Krise und Niedergang</strong><br />
Global bedeutete der „Krieg gegen den Terror“ einen herben R&#252;ckschlag anti-systemischer Bewegungen, die sich in den sp&#228;ten 1990er Jahren entwickelt hatten. Den sich bis dahin stetig ausweitenden Protesten wurde sofort der Schwung genommen. Als im November 2001 die Gespr&#228;che der WTO in Doha scheiterten, lag das eher an den bestehenden Spannungen zwischen den USA und der EU als an antikapitalistischer Militanz. Trotzdem war die weltweite Mobilisierung gegen die Invasion des Irak die gr&#246;&#223;te derartige Bewegung in der Geschichte. Sie speiste sich auch aus der Ablehnung der US-Dominanz, die sich zumindest versteckt – und nicht selten ganz offen – in den Aufst&#228;nden der Zapatistas, in den bolivischen Wasserkriegen und in den Protesten gegen die WTO zeigte. Am 15. Februar 2003 gingen alleine in New York 400.000 AktivistInnen gegen den Krieg auf die Stra&#223;e. Am selben Tag demonstrierten mindestens 150.000 in San Francisco, und Zehntausende in Hollywood, Colorado Springs und Seattle. Insgesamt protestierten 50 Millionen Menschen weltweit. Das gewaltige Ausma&#223; dessen, was im Irak geplant war, machte fast den ideologischen Vorteil, den die US-Regierung genoss, zunichte. Aber selbst eine derart gro&#223;e Opposition w&#228;re beherrschbar gewesen, wenn die Invasion und Besatzung des Irak wie im „Spaziergang“-Szenario der offiziellen Propaganda abgelaufen w&#228;re. Tats&#228;chlich flachten die Proteste nach dem Beginn der Invasion ab und die US-Regierung wurde in den ersten Monaten der Besatzung vor&#252;bergehend gest&#228;rkt. Bush gewann 2004 die Pr&#228;sidentschaftswahl gegen den unaufregenden demokratische Kriegsbef&#252;rworter John Kerry mit einer Mehrheit der W&#228;hlerInnenstimmen, inklusive einer Mehrheit der wei&#223;en ArbeiterInnen, die zur Wahl gingen. Und das trotz einer Serie von durch die Besatzung ausgel&#246;sten Krisen, wie die Enth&#252;llung der Folter in Abu Ghraib, und der massenhaften Opposition, die sich bei der 800.000 Menschen starken Demonstration bei der Nationalversammlung der Republikaner zeigte. Die Unterst&#252;tzung bei der Wahl gab Bush das Selbstvertrauen, sich f&#252;r einen neuen Angriff auf die ArbeiterInnenklasse stark zu machen – die versuchte Privatisierung der Sozialversicherung. Aber schon damals waren die Anf&#228;nge der Krise offensichtlich.</p>
<p>Unter den fragmentierten nationalistischen und islamistischen Gruppen im Irak keimte seit dem Beginn der Besatzung Widerstand auf. Dieser brach 2004 richtig los und steigerte sich 2006 auf ein verheerendes Niveau. Zwischen 2004 und 2006 stiegen die Angriffe auf Koalitionstruppen und deren Verb&#252;ndeten von weniger als 400 auf &#252;ber 800 pro Woche. Indem er den Besatzern die Kontrolle &#252;ber den Irak verweigerten, trug der Widerstand zu einer ernsthafter politische Krise der Bush-Administration bei. Die &#246;ffentlichen Zustimmungswerte zum Krieg brachen Mitte 2005 ein, wobei eine Mehrheit der Meinung war, der Konflikt h&#228;tte nie begonnen werden d&#252;rfen. Zwar hatten an einem strategisch wichtigen Punkt pl&#246;tzlich auftauchende Br&#252;che innerhalb der Anti-Kriegs-Bewegung Bush fast davon kommen lassen, aber das Ansehen der Regierung wurde durch ihre Antwort auf den Hurrikan Katrina, der im Sommer 2005 Louisiana verw&#252;stete, zerst&#246;rt. Die fehlende Vorbereitung von Rettungsma&#223;nahmen, vorenthaltene Hilfsleistungen und schlie&#223;lich die Durchsetzung einer milit&#228;rischen L&#246;sung f&#252;r das Desaster f&#252;hrte zu einer tiefen ideologischen Krise der republikanischen Rechten. Die Aufmerksamkeit lag daraufhin auf der Unterdr&#252;ckung von Afro-AmerikanerInnen und die bis dahin ignorierte Klassenfrage. In beiden Punkten waren die Republikaner im Nachteil. Die Regierung diente weiterhin einer begrenzten Bandbreite kapitalistischer Klasseninteressen, denen sie sich verbunden f&#252;hlte, konnte aber nicht l&#228;nger &#246;ffentliche Unterst&#252;tzung organisieren.</p>
<p><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/09/nousa-300x200.jpg" alt="" title="nousa" width="300" height="200" class="alignnone size-medium wp-image-2344" /></p>
<p>In diesem Kontext erlebten auch soziale Bewegungen einen leichten Aufschwung. Gewerkschaften behinderten durch erfolgreiches Lobbying Bushs Privatisierungspl&#228;ne der Sozialversicherung, bis die Regierung, unter offener Ablehnung der Demokraten und einigem republikanischen Unbehagen, den Plan fallen lie&#223;. Die Renaissance der Bewegungen zeigte sich in den riesigen Demonstrationen f&#252;r ImmigrantInnenrechte im Mai 2006. Diese stellten einen hoch politisierten Generalstreik der verwundbarsten ArbeiterInnen der USA dar. Sie legten ganze Industrien still und zeigten Bereiche auf, in denen ArbeiterInnen potentiell Macht hatten. Sp&#228;ter im selben Jahr &#252;bernahmen die Demokraten die Kontrolle &#252;ber den Kongress und der „&#220;ber-Falke“ Rumsfeld sah sich gezwungen, zur&#252;ck zu treten. Er &#252;berlie&#223; es einer gebrochenen Regierung, zur Niederlage bei der Wahl 2008 weiter zu humpeln.</p>
<p><strong>Obama Nation</strong><br />
Als die Bush-Administration in ihre endg&#252;ltige Krise geriet, warf das Kapital seine Ressourcen entschieden hinter die Demokraten und besonders hinter Barack Obama. Obamas gr&#246;&#223;te Spende kam von der Wall-Street, und seine Dienste f&#252;r die Finanzwirtschaft in Form der riesigen Bankenrettungen &#252;berwogen die mickrigen Reformen, die er seiner Basis bot, bei weitem. Obama h&#228;tte die Pr&#228;sidentschaftswahl 2008 jedoch nicht gewinnen k&#246;nnen (mit fast 70 Millionen Stimmen), wenn er nicht einige &#246;ffentliche Forderungen aufgenommen h&#228;tte. Die Operationsweise der Demokraten kann vielleicht in gramscianischen Begriffen als „Transformismus“ charakterisiert werden. Das bedeutet, dass popul&#228;re Hoffnungen und Forderungen aufgenommen werden, deren spezifisch widerst&#228;ndiger und klassenantagonistischer Inhalt neutralisiert wird und sie in der Form der Politik der pro-kapitalistischen Mitte neu artikuliert werden. Obama versprach den ArbeiterInnen, Gewerkschaftsrechte mit dem Employment Free Choice Act zu unterst&#252;tzen, den Irakkrieg zu beenden und das Gesundheitssystem durch die Einf&#252;hrung eines staatlichen Versicherungsmodels zu reformieren, das mit privaten konkurrieren kann und dadurch die Preise fallen l&#228;sst. Der herrschenden Klasse versprach er, die Banken zu st&#252;tzen, die Wirtschaftskrise einzud&#228;mmen, einen w&#252;rdigen R&#252;ckzug aus dem Irak zu organisieren, in Afghanistan zu bleiben und die US-Vormacht global wiederherzustellen. Als Konsequenz gab es 2008 eine zweigleisige Mobilisierung f&#252;r Obama, mit dem h&#246;chsten Anteil an Wahlstimmen unter den sehr Reichen und der ArbeiterInnenklasse.<br />
Der „Krieg gegen den Terror“ war, wie gesagt, vorbei sobald die Republikaner 2008 unterlegen waren. Aber die politischen Kr&#228;fte, die er entfesselt hatte, legten teilweise die Grundlage f&#252;r eine sehr traditionelle, reaktion&#228;re Bewegung der Rechten in Form der Tea-Party. Wie ihre Vorg&#228;nger nach dem ersten Weltkrieg und w&#228;hrend des kalten Kriegs ist diese Bewegung wei&#223;, m&#228;nnlich und wohlhabender als der Durchschnitt der restlichen Bev&#246;lkerung. Sie erfreut sich einiger Unterst&#252;tzung  durch das Kapital und dr&#252;ckt ihren Anti-Sozialismus in einer nationalistischen und rassistischen Sprache aus. Sie unterscheidet sich von ihren Vorg&#228;ngern darin, dass ihr die Unterst&#252;tzung durch den Staat fehlt – was den traditionellen Antikommunismus f&#252;r viele seiner GegnerInnen so t&#246;dlich machte – und dass ihrem globalen Narrativ, in dem Obamas angebliche koloniale Identit&#228;t (als Kenianer oder heimlicher Muslim) im Zentrum steht, die oberfl&#228;chliche Plausibilit&#228;t fehlt, die die kommunistische Gefahr in der Hysterie des kalten Kriegs besa&#223;.<br />
Allerdings bedient sich die Tea Party der islamophoben und nationalistischen Ideologie, die w&#228;hrend des „Kriegs gegen den Terror“ – speziell w&#228;hrend der erb&#228;rmlichn republikanischen Pr&#228;sidentschaftskampagne 2008 – kultiviert wurde. Das erlaubte es ihr, ihre Ablehnung der Gesundheitsreform und anderer Einschr&#228;nkungen privater Eigentumsrechte als Teil eines authentischen Amerikanismus zu pr&#228;sentieren, der die USA gegen kulturelle Degeneration und Verfall sch&#252;tzt. Dadurch wurde es m&#246;glich, dass die Tea-Party-Anh&#228;ngerInnen eine bedeutende Minderheit der Bev&#246;lkerung hinter ihrer rechts-au&#223;en Agenda mobilisieren konnten – eine Mobilisierung die verbunden mit der Demoralisierung der W&#228;hlerInnen Obamas ausreichte, den Republikanern einen Vorteil bei den Wahlstimmen zu verschaffen.<br />
Tats&#228;chlich war ein Anstieg von Islamophobie und Nationalismus in allen Staaten wahrnehmbar, die am „Krieg gegen den Terror“ teilnahmen – mit verheerenden politischen Folgen.  W&#228;hrend die Anti-Kriegs-Stimmung einen potentiell demokratisch-radikalisierende Effekt hatte, zog der antimuslimische Rassismus viele ArbeiterInnen nach rechts. Dies zeigte sich deutlich anhand des Niedergangs der radikalen Linken in Europa in der zweiten H&#228;lfte der letzten Dekade, in der Krise der antikapitalistischen Bewegungen und dem gleichzeitigen Aufstieg der extremen Rechten.</p>
<p><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/09/wisconsin-protests-300x225.jpg" alt="" title="wisconsin protests" width="300" height="225" class="alignnone size-medium wp-image-2337" /></p>
<p>Im Jahr 2011 er&#246;ffnen sich jedoch neue M&#246;glichkeiten. Der militante, offen ausgetragene Klassenkampf gegen den Gouverneur von Wisconsin, Scott Walker – ein Apostel der Tea Party – fiel mit den elektrisierenden Revolutionen in Nordafrika und den Protestwellen im ganzen Nahen Osten zusammen. W&#228;hrend letztere die amerikanische Kontrolle &#252;ber die Region gef&#228;hrden, droht ersterer sich in den USA auszubreiten und einen linken Kontrapunkt gegen das Sparprogram zu setzen, das in Washington und anderen Hauptst&#228;dten der Bundesstaaten durchgedr&#252;ckt wird. Das ist ein Problem f&#252;r die Neokonservativen, die Anh&#228;ngerInnen Sarah Palins und der Tea-Party. Sie h&#228;tten nichts lieber als einen gro&#223;angelegten Krieg gegen Amerikas Feinde, um ihre Basis aufzustacheln und eine Antwort der Rechten auf die tiefe, organische Krise des Kapitalismus zu koordinieren. W&#228;hrend aber die Kriege weiter gehen – Obamas Angriffe auf Afghanistan und die niederschwellige Intervention in Libyen sind treffende Beispiele – k&#246;nnte so etwas wie der Krieg gegen Terror heute nicht wiederholt werden.</p>
<p>Der Artikel ist erstmals im <a href="http://web.overland.org.au/previous-issues/issue-204/feature-richard-seymour/">Overland <em>magazine</em></a> erschienen. &#220;bersetzung aus dem Englischen von <em>Benjamin Opratko</em> und <em>Philipp Probst</em>.</p>
<p><em>Richard Seymour </em>ist Journalist, <a href="http://www.versobooks.com/books/307-the-liberal-defence-of-murder">Autor</a> und Aktivist in London. Er bloggt regelm&#246;&#223;ig auf <a href="http://leninology.blogspot.com/">Lenin&#8217;s Tomb</a>.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2011/09/13/was-war-denn-das/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>N&#252;chterne Rebellion</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2011/07/19/nuechterne-rebellion/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2011/07/19/nuechterne-rebellion/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:11:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=1957</guid>
		<description><![CDATA[Straight Edge, die drogenfreie Subkultur im Hardcore-Punk, wird oft mit selbstgerechtem Moralismus, Humorlosigkeit und konservativem Puritanismus assoziiert. Dennoch war die Szene seit ihren Anf&#228;ngen in Washington DC in den fr&#252;hen 1980er Jahren immer auch Sprungbrett f&#252;r radikale Politik. Philipp Probst und Stefan Probst &#252;ber die Geschichte einer widerspr&#252;chlichen Gegenkultur.

1979/80 schrieb die Washingtoner Hardcore-Punk-Band Teen Idles den wahrscheinlich ersten Straight Edge-Song. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Straight Edge, die drogenfreie Subkultur im Hardcore-Punk, wird oft mit selbstgerechtem Moralismus, Humorlosigkeit und konservativem Puritanismus assoziiert. Dennoch war die Szene seit ihren Anf&#228;ngen in Washington DC in den fr&#252;hen 1980er Jahren immer auch Sprungbrett f&#252;r radikale Politik. <em>Philipp Probst</em> und <em>Stefan Probst</em> &#252;ber die Geschichte einer widerspr&#252;chlichen Gegenkultur.<br />
<span id="more-1957"></span><br />
1979/80 schrieb die Washingtoner Hardcore-Punk-Band <em>Teen Idles</em> den wahrscheinlich ersten Straight Edge-Song. Dessen Lyrics waren zwar offensichtlich nicht ganz bierernst gemeint, aber trotzdem nur halb als Scherz gedacht: „I drink milk / I drink milk / I drink milk / I drink milk / I don’t care what people say, I drink milk everyday!“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Ian MacKaye, Bassist und Textschreiber der Band, hat in sp&#228;teren Interviews den Hintergrund des Songs erl&#228;utert: „In den 1970er Jahren machten sich meine Mitsch&#252;lerInnen und meine FreundInnen dauernd dar&#252;ber lustig, dass ich keinen Alkohol trank. Als ich in die Punk-Szene eintauchte, war es genau dasselbe. Ich konnte immer nur denken: ‘Hey, ich bin einfach, wie ich bin!’ Schlie&#223;lich sagte ich nie zu irgendwelchen Leuten, dass sie bescheuert waren, weil sie Alkohol tranken – trotzdem wurden meine Entscheidungen dauernd in Frage gestellt.“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Zunehmend frustriert von den Erwartungshaltungen einer drogenzentrierten Kultur, die der Punk offensichtlich mit dem Mainstream teilte, schrieb MacKaye 1981 schlie&#223;lich mit der Nachfolgeband der <em>Teen Idles, Minor Threat</em>, einen Anti-Drogen-Song, in dem er seinen &#196;rger, sich st&#228;ndig f&#252;r seine Abstinenz rechtfertigen zu m&#252;ssen, aggressiver auf den Punkt brachte: <em>Straight Edge</em>. Die Lyrics lassen an Deutlichkeit nichts vermissen:<br />
„I’m a person just like you / But I’ve got better things to do/ Than sit around and fuck my head / Hang out with the living dead / Snort white shit up my nose / Pass out at the shows / I don’t even think about speed / That’s something I just don’t need / I’ve got the straight edge […]. Always gonna keep in touch / Never want to use a crutch / I’ve got the straight edge“.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a><br />
Straight Edge soll dabei zum Ausdruck bringen, mit einem n&#252;chternen, klaren, eben straighten Kopf einen Vorteil zu haben (<em>to have an edge on you</em>). Es war dieses Grundprinzip eines klaren Kopfes, das die Bewegung vereinte – jenseits der jeweils zeitlich, regional und individuell spezifischen Ausdeutungen dessen, was mit einer Straight-Edge-Identit&#228;t bezeichnet sein soll. Wieder war es ein <em>Minor Threat</em>-Song, der gemeinhin als Gr&#252;ndungsmanifest dieser Prinzipien steht: In <em>Out of Step</em> schreit Ian MacKaye: „(I) Don’t smoke / Don’t drink / Don’t fuck / At least I can fucking think.“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
W&#228;hrend diese „drei einfachen Worte“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> niemals als fixes Regelwerk f&#252;r eine Bewegung gedacht waren, wurden sie zum Startschuss f&#252;r einen Gedanken, der in den unterschiedlichsten Interpretationen Teile der Punkszene und Jugendkultur &#252;ber die n&#228;chsten Jahrzehnte pr&#228;gte.</p>
<p><strong>American Hardcore</strong><br />
Die Entwicklung der Straight Edge (sXe) Bewegung muss im Kontext der entstehenden Hardcore-Punk-Szene betrachtet werden – als dessen organischer Teil und als kritische Intervention in diese.<br />
Hardcore-Punk entwickelte sich in den sp&#228;ten 1970er Jahren als schnellere, direktere, aggressivere Variante des Punk, die diesen auf seinen harten Kern reduzierte. Die Songs waren kurz, intensiv, auf den Punkt, <em>in-your-face</em> und ohne Umschweifen; alles andere als die zu dieser Zeit dominierende Diskomusik und Stadionrock. Die Texte waren schnell, oft unverst&#228;ndlich rausgeschrien, sich gegen gesellschaftliche Normen richtend. Ganz im Sinne von „You don’t understand a word we say, You don’t listen to us anyway.”<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Ausschweifende Gitarrensolos oder &#228;hnliches waren verp&#246;nt. Entsprechend physisch und roh wie die Musik waren die Shows. Sie dr&#252;ckten die Ablehnung gegen&#252;ber einer vorgegaukelten heilen Welt und der Fassade des suburbanen Utopia aus. „Die Musik, die wir spielten, die Texte, die wir schrieben hatten nichts mit H&#228;nde-halten, L&#228;cheln und Sonnenunterg&#228;ngen zu tun.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a><br />
Wesentlich ging es f&#252;r die Jugendlichen (oft 13 bis 16 Jahre alt!) darum, in einer Gesellschaft, die nichts als Perspektivlosigkeit, Langeweile und Konformit&#228;tsdruck zu bieten hatte, Frust abzulassen. Musik von Kids f&#252;r Kids, die die ganze amerikanische Gesellschaft nur mehr anfuckte und die Zuflucht und Energie im Hardcore Punk suchten. „Die Musik mit der die meisten von uns in den 1970ern aufwuchsen, war Musik von &#228;lteren Menschen und handelte von Partys und Cruisen – alles Dinge, zu denen wir keinen Bezug hatten, alles Dinge, die wir in unserem Leben nicht f&#252;hlten.“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Etwas direkter beschrieb Keith Morris von den <em>Circle Jerks</em> das Gef&#252;hl der Ablehnung einer ganzen Gesellschaft, das den Hardcore von Beginn an pr&#228;gte; einer Gesellschaft, in der sich die Hardcoreszene zu dem Raum entwickelte, in dem Jugendliche sich ausleben konnten, sie selbst sein konnten. „Ich hasse meinen Boss, ich hasse die Menschen mit denen ich arbeite, ich hasse meine Eltern, ich hasse all diese Autorit&#228;tsfiguren, ich hasse Politiker, ich hasse Menschen in der Regierung, ich hasse die Polizei, wei&#223;t du, jeder zeigt mit dem Finger auf mich, jeder stochert in mir rum, jeder hatte etwas an mir auszusetzen, und jetzt hab ich hier eine Gruppe von Menschen, die wie ich sind, und wir haben die Chance abzugehen; und das ist es, was es im Prinzip war.“<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a><br />
Zwei wesentliche Entwicklungen scheinen f&#252;r die Herausbildung einer eigenst&#228;ndigen Hardcore-Kultur in den fr&#252;hen 1980er Jahren relevant: zum einen das gesellschaftspolitische Klima in den USA um 1980, das in den Worten des sp&#228;teren <em>Black Flag</em>-S&#228;ngers Henry Rollins von „Rezession und Repression“<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> gepr&#228;gt war; zum anderen die zunehmende Kommerzialisierung, &#196;sthetisierung und Internalisierung der Punk-Rebellion in den Mainstream. Besonders deutlich wurde das in der Dominanz des New Wave im Punk, der die Radikalit&#228;t dieses Genres als subkulturellem Ausdruck jugendlicher Rebellion zunehmend unscharf werden lie&#223;. „Mitte 1979 waren die einzigen Menschen, die noch Punkmusik spielten, diejenigen, die auch wirklich dabei sein wollten. Es gab einen gro&#223;en Bruch, der bedeutete, dass Punk in den <em>underground </em>ging, intensiver, reiner – was gut und schlecht war – und mehr hardcore wurde.“<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a></p>
<p><strong>Reagan’s In!</strong><a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a><br />
„Nichts bringt eine Musikszene so in Fahrt, wie Repression gepaart mit Rezession.“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Die Wahl des ehemaligen Hollywood-Schauspielers Ronald Reagan zum 40. Pr&#228;sidenten der Vereinigten Staaten 1981 war so etwas wie die Triebkraft hinter der Entwicklung des Hardcore. Er stellte den „Feind von Kunst, von Minderheiten, von Frauen, Schwulen, Liberalen, Obdachlosen, ArbeiterInnen, der Innenstadt, usw. dar. Jeder ‚Au&#223;enseiter’ war sich darin einig, ihn zu hassen.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a><br />
Reagans Amtszeit pr&#228;gte in paradigmatischer Weise das gesellschaftspolitische<br />
Leben der Vereinigten Staaten. Es war die Zeit des Aufstiegs der Neuen Christlichen Rechten und der &#246;konomischen Krise. Der Abbau sozialer Sicherungssysteme unter dem neoliberalen Schlagwort der <em>Reagonomics </em>und der massive Ausbau des Polizei- und &#220;berwachungsapparats traf besonders die Jugendlichen aus proletarischen und proletarisierten Mittelschichts-Haushalten, f&#252;r die Reagans Wahlkampf-Slogan „It’s Morning Again“ wie reiner Hohn klingen musste. Die Reagan-Administration versuchte, ein Gef&#252;hl der R&#252;ckkehr zu Recht und Ordnung durchzusetzen, zu einem guten, konservativen, geregelten – und wei&#223;en – Amerika. Vic Bondi, S&#228;nger der Hardcoreband <em>Articles of Faith</em> und sp&#228;ter linker Songwriter, dr&#252;ckte das Gef&#252;hl der herrschenden Schicht in den fr&#252;hen 1980er Jahre so aus: „Wei&#223;t du, dieses Weichei Jimmy Carter sprach &#252;ber Frieden und Menschenrechte und all die Schei&#223;e. Und es gab die Feministinnen und die Schwarzen, ‚die aufm&#252;pfig gegen uns wurden, deshalb werden wir die Ordnung wiederherstellen‘; Also ging das ganze Land in Richtung dieser wirklich kindlichen F&#252;nfziger Jahre-Fantasie, wo sie alle diese Strickjacken und so trugen.“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a><br />
Konservatismus und law-and-order-Kurs sollten eine auseinanderfallende Gesellschaft auf Linie bringen. Die Vorstellung eines neuen Morgens in Amerika, einer R&#252;ckkehr zum goldenen Zeitalter, spie&#223;te sich aber mit der gef&#252;hlten und realen Hoffnungslosigkeit eines gro&#223;en Teils der Bev&#246;lkerung. „Es ist schwer f&#252;r irgendjemand, vor allem f&#252;r Jugendliche, irgendetwas zu haben, an das man glauben kann. All die Dinge mit denen wir aufwuchsen: die Regierung, das Familiensystem, der amerikanische Traum, dieses ganze religi&#246;sen Ding, das Amerika so bestimmt – das alles funktioniert einfach nicht mehr. Alles f&#228;llt zusammen, wir sehen es jeden Tag, es gibt nichts, woran wir glauben k&#246;nnen.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a><br />
W&#228;hrend Hoffnungslosigkeit das Leben vieler Jugendlicher bestimmte, lie&#223;en anhaltende Wirtschaftskrise, Sparma&#223;nahmen und steigende Inflation die Kluft zwischen (neuen) Reichen und Armen weiter anwachsen. Die Antwort der Regierung lautete: steigende Repression und Polizeigewalt.<br />
Die <em>Dead Kennedys</em> thematisierten diese Situation einer in Reiche und Armen gespaltenen Gesellschaft in ihren Songs. Im satirischen <em>Kill the Poor</em> singt Jello Biafra vom fiktiven Standpunkt der Herrschenden aus: „Behold the sparkle of champagne. / The crime rates gone, feel free again. / O’ life’s a dream with you, Miss Lily White. / Jane Fonda on the screen today / Convinced the liberals it’s okay, / So let’s get dressed and dance away the night, / While they / Kill kill kill kill kill the poor / Kill kill kill kill kill the poor / Kill kill kill kill kill the poor: Tonight!“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a></p>
<p><strong>They take the rights away from all the kids<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a></strong><br />
Die Polizeibrutalit&#228;t traf Au&#223;enseiterInnen der Gesellschaft besonders hart. Vor allem in Gro&#223;st&#228;dten wie Los Angeles und New York lie&#223; die Polizei keine Gelegenheit aus, Jugendliche zu jagen und zu verpr&#252;geln. Im Gegensatz zu Gangmitgliedern stellten Hardcorekids, wie Pat Dubar von <em>Uniform Choice</em> im Buch <em>American Hardcore</em> erz&#228;hlt, perfekte, leichte Ziele dar. Oft handelte es sich um von daheim Weggelaufene, sie kamen aus kaputten Familien oder sie hatten Eltern, die sich um nichts k&#252;mmerten – und sie konnten sich nicht wehren. Daher hatte polizeiliche Gewalt in den meisten F&#228;llen keine Konsequenzen f&#252;r die Beh&#246;rden. Im Gegenteil, die Polizei setzte alles daran, die aufkommende neue jugendliche Gegenkultur im Keim zu ersticken. „Heute w&#252;rde das, was die Polizei damals gemacht hat, als Bel&#228;stigung oder <em>racial profiling</em> bezeichnet werden – sie st&#252;rmten Shows, sammelten Beweise, speicherten Akten. Die Machthaber erkannten die Gefahr, real oder eingebildet, wenn Bands wie <em>Black Flag </em>und<em> Dead Kennedys</em> spielten.“<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Nicht umsonst waren viele Hardcore-Texte gepr&#228;gt von der erlebten Repression und dem Hass auf die Polizei. Die Band <em>MDC</em>, deren Abk&#252;rzung unter anderem f&#252;r <em>Million of Dead Cops</em> stand, sang in <em>Dead Cops/America’s So Straight</em>: „Dead Cops / Watcha gonna do / The Mafia in blue / Huntin’ for queers / Niggers and you.“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a><br />
Angesichts der staatlichen &#220;bermacht und der Repression gegen die Jugendlichen, herrschte Resignation und Kampfgeist oft gleichzeitig vor. W&#228;hrend <em>Black Flag</em> in ihrem Song <em>Police Story</em> von einem Kampf sprachen, „den wir nicht gewinnen k&#246;nnen“ („They hate us / we hate them, we can’t win / no way!“)<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a>, sprach der K&#252;nstler Winston Smith davon, wie sich die Grundhaltung breit machte „k&#228;mpfend unterzugehen, wenn wir verlieren m&#252;ssen, aber sie nicht damit davonkommen zu lassen.“<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Doch nicht nur die Polizei hatte es auf die Kids abgesehen. Rocker, Rednecks und Jocks<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> verpr&#252;gelten sie in den Highschools und zogen in Banden durch die Viertel auf der Suche nach Punks.<br />
Die fast t&#228;gliche Erfahrung von Gewalt spiegelte sich in der Szene wieder. Die Shows waren gepr&#228;gt von <em>violent dancing</em>, einem Tanzstil der viel K&#246;rperkontakt mit sich bringt und bei dem der Unterschied zu handfesten Pr&#252;geleien manchmal schwer auszumachen ist. Allerdings bedeuteten diese Shows f&#252;r viele die M&#246;glichkeit, kurzzeitig die herrschenden gesellschaftlichen Normen hinter sich zu lassen und die Gewalt, mit der sie st&#228;ndig konfrontiert waren, verarbeiten zu k&#246;nnen. Die Szene wurde zugleich zur wichtigsten Verteidigung gegen die t&#228;glichen &#220;bergriffe<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> und einer Community, die Au&#223;enseiterInnen ein Ventil f&#252;r ihre Wut und Langeweile bot. Im Song <em>Fight </em>der f&#252;r die Szene in Washington DC ma&#223;geblichen Band <em>Scream </em>wird deutlich, dass <em>Fight </em>(Kampf) sowohl ein Mittel gegen Frustration war, als auch f&#252;r <em>Unity </em>(Gemeinschaft) stand. “Look at me, I look at you / What the fuck you gonna do? / I feel boxed in, well, I just wanna fight / Through the problems in the night / Fight / Hey, all ye crunchcloths, we all say / Fight for the united way / Fight together, fight as one / Fight forever till we’ve won / Fight (to unite)<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Die Community bot Platz, eigene Projekte und eigene Ideen in die Tat umzusetzen. In diesem Sinne &#252;bernahm die Hardcore Variante des Punk wesentliche Charakteristika des 1970er Jahre Punks, den eine Mischung aus Selbstorganisierung, Eigenst&#228;ndigkeit und eine „Scheissauf-Alles“-Attit&#252;de charakterisierte. In der Hardcore-Szene spiegelte sich der politische Radikalismus des Amerikas der fr&#252;hen 1980er wider.</p>
<p><strong>Do-It-Yourself and Think for Yourself!</strong><br />
Neben der radikalen Ablehnung vorherrschender Werte und Ziele der Mainstream-Gesellschaft war eine der positivsten Eigenschaften die klare <em>Do-It-Yourself</em>-Ethik (DIY). Vollkommen unabh&#228;ngig von g&#228;ngigen Distributionskan&#228;len und Kommunikationsmedien baute die Hardcore-Kultur &#252;ber Fanzines, Bandkontakte und selbst gegr&#252;ndete Labels ein subkulturelles Netzwerk auf, das bald die gesamten USA &#252;berspannte. Wichtig in diesem Kontext sind beispielsweise die Bem&#252;hungen der von Mitgliedern der Punk-Band Youth Brigade gegr&#252;ndete Better Youth Organization, die &#252;ber die DIY-Ethik versuchte, dem Punk eine positive Richtung zu geben. Mittels <em>grassroot organizing</em> konnten st&#228;ndig neue Konzertorte gefunden und Jugendzentren etabliert werden. Die eigene Community aufzubauen war eine der wesentlichen S&#228;ulen der Hardcore-Kultur. Im Gegensatz zur vorherrschenden Ideologie einer individualisierten Ellbogengesellschaft lautete das Motto „wir gemeinsam, statt alles f&#252;r mich und fuck the rest“.<br />
Diese DIY-Ethik und das Bekenntnis zu Community-Building – von Kids f&#252;r Kids – bedeutete auch, die Trennung zwischen Band und Publikum bei Shows zu &#252;berwinden. Alle konnten und sollten Musik machen. Der Sound war einfach und aggressiv, niemand musste die Instrumente wirklich beherrschen. Niemand wartete darauf, dass jemand etwas f&#252;r einen machte, sondern ging es gemeinsam mit anderen an.<br />
Ian MacKaye erz&#228;hlt in einem Interview, dass er in seiner Zeit auf einer staatlichen Highschool vor allem eins lernte: „Wenn du etwas machen willst, kannst du nach Erlaubnis fragen, doch dann wird die Antwort sicher ‚Nein‘ sein. Darum frag am besten gar nicht, sondern mach es einfach.“<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a><br />
Aus dieser DIY-Ethik entwickelte sich ein politischer Anspruch, bei dem sich der Gro&#223;teil der Bands auf<em> personal politics </em>konzentrierte, wobei es wichtig war, dass ein direkter Zusammenhang mit der Community und der Nachbarschaft bestand. Das dr&#252;ckte sich auch in der Ablehnung der etablierten Politik aus: „Wir wollten nicht eure Politik, wir waren interessiert an pers&#246;nlicher Politik; wir sind interessiert an dieser Musik, an dieser Community, an dieser Szene.“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Trotzdem fanden sich auch immer wieder die Themen Kapitalismus, schei&#223; Arbeitsbedingungen und der Zynismus der Herrschenden in den Texten wieder: „Ronald laughs as millions starve / And profits forever increase / Your stenching farts as they smile / They say they try to please / Plastic chairs and fake shakes / To help it all go down / Polluting your children with their lies / And trying to destroy your mind“<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a></p>
<p><strong>Go BOOM!</strong><br />
Sowohl im 1970er Jahre Punk als auch im HC-Punk fanden sich also auch explizit politische, gesellschaftskritische Bands. Dennoch erbte der Hardcore zum Teil auch die selbstdestruktiven <em>no-future</em>-Tendenzen des 1970er Jahre Punks: „Get fucked and fuck shit up!“. Zwar versuchten Bands wie Bad Brains mit ihrer propagierten <em>positive-mental-attitude</em> immer wieder, dieser <em>live-fast-die-young-attitude</em> in der Community positive Impulse entgegenzusetzen. Dennoch artikulierte sich bei vielen Jugendlichen die Wut auf die vorherrschenden Werte und Erwartungshaltungen der Gesellschaft in destruktiver Anti-Haltung, ohne selbst eine Vorstellung von Ver&#228;nderung zu entwerfen. <em>Black Flag</em>, eine der ersten Hardcore-Bands aus den suburbanen Gebieten Kaliforniens, hat dies 1980 in ihrem Song <em>No Values</em> auf den Punkt gebracht: „I don’t care what you think / I don’t care what you say / I’ve got nothing to give you / Why don’t you just go away? / I’ve got no values / Nothing to say / I’ve got no values / Might as well blow you away / […] Don’t you try pretendin’ / Telling me it’s all right / I might start destroyin’ / Everything in my sight! / No values“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a><br />
Die Frustbew&#228;ltigung &#252;ber Gewalt, die bei den pubertierenden m&#228;nnlichen Jugendlichen in den Suburbs an der Westk&#252;ste zumindest anfangs viel ausgepr&#228;gter war als etwa in DC, wurde zunehmend zum Problem. Die H&#228;rte der Stra&#223;e erkl&#228;rt zwar die Reaktion und macht diese verst&#228;ndlich, allerdings wurden dadurch mehr und mehr Leute angezogen, die allein wegen der Gewalt kamen. Jello Biafra beschreibt, dass HC-Punks oft „Surfer waren, Skateboarder waren, und manchmal waren sie einfach sehr gewaltt&#228;tige Surfer und Skateboarder.“<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a><br />
Dar&#252;ber hinaus ist es nur eine leichte &#220;bertreibung, wenn behauptet wird, dass sich Frust und Perspektivlosigkeit nicht zuletzt in Destruktivit&#228;t gegen sich selbst ausdr&#252;ckten. Drogen waren ein ernsthaftes Problem im fr&#252;hen Hardcore, und zwar nicht nur Alkohol, sondern vor allem Speed und Kokain, die die Stra&#223;en der USA &#252;berschwemmten.<br />
Es war dieser Kontext, in dem sich die ersten Straight Edge-Bands formierten. Frustriert von den selbst-zerst&#246;rerischen Verhaltensweisen der Punk-Szene nahmen sie eine Anti-Drogen-Haltung ein. Die Straight Edge-Bands kritisierten, dass „Punks zwar ihre Individualit&#228;t hervorhoben, aber eine eigene Art der Konformit&#228;t verst&#228;rkten, die die Fixierung der Jugendkultur auf die Einnahme von Substanzen reflektierte. Weiters f&#252;hlten Straight Edge-Kids, dass Punks ihr eigenes Potential zur Rebellion verringerten, indem sie in einem Drogen- und Alkoholdunst lebten.“ Die fr&#252;he Straight Edge-Jugend sah die hedonistische Rebellion des Punk als &#252;berhaupt nicht rebellisch, da sie in vielerlei Hinsicht „den bet&#228;ubten Lebensstil der Mainstreamkultur in einer irokesenschnittigen Lederjackenverkleidung“ reproduzierten.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a><br />
W&#228;hrend sich Menschen, die Straight Edge lebten, positiv auf die Hardcore Kultur – mit all ihren Widerspr&#252;chlichkeiten – bezogen, und vor allem den Community-Gedanken und die Rebellion gegen die Mainstreamkultur hoch hielten, propagierten sie zugleich, wie wichtig es war, daf&#252;r einen klaren Kopf zu haben. Straight Edge wurde so zu einer Gegenstr&#246;mung innerhalb der jugendlichen Gegenkultur.</p>
<p><strong>Trinitarische Formel?</strong><br />
Der f&#252;r die Entwicklung des sXe pr&#228;gendste Song war sicherlich <em>Out of Step</em> von <em>Minor Threat</em>. Es sollte bereits klar geworden sein, dass die viel zitierte Textzeile „(I) Don’t Drink / Don’t Smoke / Don’t Fuck / At least I can fucking think!“ weder als verbindliches Regelwerk, Gr&#252;ndungsmanifest einer Bewegung oder &#252;berhaupt als etwas anderes denn als pers&#246;nliche Befindlichkeitserkl&#228;rung von <em>Minor Threat</em>-S&#228;nger MacKaye gemeint war. Jene, die die Idee aufgriffen, interpretierten den Song aber zu Recht auch als positive Intervention gegen die selbstzerst&#246;rerischen Dynamiken der Szene. Sie versuchten den Grundgedanken des Punk und der DIY-Ethik wieder stark zu machen: <em>Think for yourself</em>, und das mit einem klaren Kopf. Und das sollte selbstverst&#228;ndlich auch f&#252;r die von manchen als ‚Three-Step-Formula‘ interpretierte Zeile in <em>Out of Step</em> gelten. Folglich bauten <em>Minor Threat</em> in der zweiten Aufnahme des Songs eine zus&#228;tzliche Erkl&#228;rung ein, die klarstellen sollte, dass jeder und jede f&#252;r sich selbst entscheiden m&#252;sse, was der Text f&#252;r sie bedeuten sollte: „H&#246;rt zu, dies sind keine Verhaltensregeln! Ich sage euch nicht, was ihr tun sollt!“<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a><br />
Zun&#228;chst verstanden tats&#228;chlich auch jene, die die Message des Songs postitiv f&#252;r sich selbst &#252;bersetzten konnten, Straight Edge weder als eigene Bewegung noch als Identit&#228;tsclaim, sondern in erster Linie als konstruktiven Impuls f&#252;r die HC-Szene: die Community m&#252;sse offen sein – oder offener werden – auch f&#252;r jene, die Milch statt Bier trinken wollen. Der <em>peer pressure</em> dominanter Jugendkulturen sollte im HC eben gerade keinen Platz haben. Die Szene sollte aber gleichzeitig f&#252;r jene offen sein, die zumindest legal gar keinen Alkohol konsumieren durften. Dies war insbesondere in Washington DC ein eminent praktisches Problem, insofern die meisten Shows in Clubs stattfanden, in denen Alkohol ausgeschenkt wurde. So hat sich eben auch das zentrale Symbol des (sp&#228;teren) Straight Edge, das X, aus der &#220;berzeugung heraus entwickelt, dass Hardcore-Shows f&#252;r <em>all ages</em> offen sein m&#252;ssen. Um den Problemen mit Club-Besitzern aus dem Weg zu gehen, schlugen minderj&#228;hrige Jugendliche vor, sich ein dickes schwarzes X auf den Handr&#252;cken zu malen. Damit zeigten sie, dass sie keinen Alkohol konsumieren w&#252;rden und konnten die Show besuchen. Urspr&#252;nglich stand das X also weniger f&#252;r sXe und Abstinenz, sondern f&#252;r Jugend.<br />
Besondere Aufmerksamkeit verdient schlie&#223;lich noch der so oft, auch im sXe selbst, falsch verstandene Ausdruck „Don’t Fuck“. F&#252;r viele SkeptikerInnen wird genau hier die Anschlussf&#228;higkeit des sXe an reaktion&#228;re christliche Enthaltsamkeits-Sekten deutlich. F&#252;r Ian MacKaye, der sich schon oft f&#252;r diese Formulierung rechtfertigen musste, war die ganze Aufregung trotzdem relativ unverst&#228;ndlich: „Glaubst du, dass Menschen bei ‘Don’t Drink’ jemals sagen w&#252;rden: ‚Aha, er will, dass niemand mehr irgendein Getr&#228;nk oder irgendeine Fl&#252;ssigkeit zu sich nimmt?‘ Aber wenn das Wort ‚fuck‘ ins Spiel kommt, werden sofort andere Schl&#252;sse gezogen. Ich verstand das nie. Es war doch klar, dass es um Missbrauch, Manipulation und Eroberung ging, also um die Instrumentalisierung von Sex, die auf Befindlichkeiten von Menschen keine R&#252;cksicht nimmt.“<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a></p>
<p><strong>Me, You, Youth Crew</strong><br />
Die Idee des Straight Edge wurde in den fr&#252;hen 1980er Jahren ziemlich schnell von Bands wie <em>SSD </em>und <em>DYS </em>in Boston, <em>Uniform Choice</em> in Kalifornien oder <em>7 Seconds</em> in Reno aufgegriffen. Dave Smalley von <em>DYS </em>erkl&#228;rt: „Es sprach eine ganze Generation von Kids an, die gerade die 1970er Jahre erlebt hatten, und sie haben Kids gesehen, die in den Highschools dreimal t&#228;glich kiffen und <em>wasties </em>in einem tragisch jungen Alter werden.”<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a><br />
Diese Bands sind ma&#223;geblich f&#252;r die Entwicklung einer kollektiven sXe-Identit&#228;t verantwortlich. Dennoch entwickelte sich sXe vor allem infolge einer Band zu einer im HC einflussreichen Bewegung: <em>Youth of Today</em>. Der Bewegungscharakter von sXe liegt darin, dass sXe als „allgemein w&#252;nschenswerter Lebensstil propagiert wurde“.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Ray Cappo, S&#228;nger von <em>Youth of Today</em> erl&#228;utert: „Wir wollten nicht nur drogenfrei sein, sondern auch laut, selbstbewusst und stolz.“<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a> W&#228;hrend die Betonung bei fr&#252;hen Bands wie <em>Minor Threat</em> vor allem auf der Offenheit der HC-Community und der Verteidigung einer pers&#246;nlichen Lebensentscheidung lag, verstanden diese neuen Bands sXe weniger als Intervention in die Szene, sondern selbst als Community-Projekt. Zwar blieb die positive Grundhaltung eines klaren Kopfs, sXe besch&#228;ftigte sich aber zunehmend mit sich selbst.<br />
Besonders in den Song-Texten f&#228;llt diese isolationistische Dynamik auf: man schw&#246;rt sich, „true till death“ zu sein, und exkommuniziert Leute, „who have broken the edge“, „sold out“, „stabbed us in the back“. Die ‚Don’t Drink, Don’t Smoke, Don’t Fuck‘-Formel wird zum neuen Katechismus und identit&#228;ren Grundprinzip. Besonders in den militanteren Szenen wie in Boston kommt auch ein selbstgerechter Moralismus und ein maskulinistischer Selbstentwurf der sXe-Szene als Brotherhood hinzu.<br />
W&#228;hrend Straight Edge urspr&#252;nglich organischer Teil einer offenen Hardcore-Punk-Szene sein wollte, setzte sich Straight Edge seit Mitte der 1980er Jahre zunehmend als abgrenzender Identit&#228;ts-Claim durch. Auch wenn oft die „open minds and open hearts“ betont wurden, sah die Praxis meist anders aus: sXe wurde zum neuen Konformismus. Um nicht falsch verstanden zu werden: die sogenannte Youth-Crew Zeit der sp&#228;ten 1980er Jahre hat gro&#223;artige Bands und Songs hervorgebracht. Dennoch hatten sich die HC-Szene insgesamt und der sXe im Besonderen im Vergleich zu den fr&#252;hen Jahren entscheidend ver&#228;ndert.<br />
Mitte der 1980er Jahre hatten sich die meisten Bands der ersten Hardcore-Welle aufgel&#246;st. Die Wiederwahl Ronald Reagans wurde bei vielen als herbe Entt&#228;uschung erfahren. Und schlie&#223;lich schien der Hardcore selbst musikalisch zu stagnieren, w&#228;hrend in der Szene Gewalt einen immer zentraleren Stellenwert einnahm. &#220;berspitzt, aber auch nicht vollkommen falsch, hat Stephen Blush – HC-Chronist und Autor von <em>American Hardcore</em> – deshalb behauptet, der Hardcore sei 1984 gestorben.<br />
Tats&#228;chlich gingen einige pr&#228;gende Bands der ersten Welle ab Mitte der 1980er Jahre musikalisch und/oder politisch neue Wege. In Washington DC begr&#252;ndeten Bands wie <em>Rites of Spring</em> oder <em>Embrace </em>in Reaktion auf die <em>tough-guy</em>-Mentalit&#228;t der Szene jene Musikrichtung, die heute etwas ungl&#252;cklich als Emotional Hardcore, kurz Emocore bekannt ist. In Reno gr&#252;ndete sich 1984 um Mitglieder der Band <em>7 Seconds</em> die <em>Positive Force</em> Initiative als Versuch der expliziten Politisierung der Szene. Und 1985 gilt in DC ohnehin als „Revolution Summer“<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a>.<br />
Die HC-Kultur im engeren Sinn wurde nun von einer Generation dominiert, die kaum mehr mit den Punk-Wurzeln des HC in Ber&#252;hrung gekommen war. Tonangebend war vor allem die Szene in New York – der sogenannte New York Hardcore – wo sich unter die progressiven Punk-Ideale zunehmend auch dumpfer Patriotismus, Machismo und Homophobie mischten. Ray Cappo hat die New Yorker Szene r&#252;ckblickend so beschrieben: „wei&#223;t du, in der Highschool gabs immer diesen einen Raufbold, nur einen, Psycho-Schl&#228;ger, der dich schikanieren w&#252;rde. Die Hardcore Szene in New York war als ob du jeden Raufbold in Amerika nehmen und in diese verr&#252;ckte kleine Community stecken w&#252;rdest.“<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a></p>
<p><strong>Ausdeutungen</strong><br />
Die Schwierigkeit, das Ph&#228;nomen Straight Edge auf den Punkt zu bringen, besteht nicht zuletzt darin, dass die jeweiligen Ausdeutungen dessen variieren, was mit sXe &#252;berhaupt gemeint sein soll: von einer pers&#246;nlichen Lebenseinstellung zu einer propagierten Ideologie, von puritanischem Asketismus zur Vorstellung eines klaren Kopfs als bessere Voraussetzung f&#252;r gesellschaftliche Ver&#228;nderung, von maskulinistischer Wolfpack- und Crew-Mentalit&#228;t zur Betonung einer offenen, partizipativen Community. Straight Edge ist deshalb ein weder per se fortschrittliches, noch reaktion&#228;res Ph&#228;nomen. Sicher, wer den verr&#252;ckteren Ausw&#252;chsen des sXe in den fr&#252;hen 1990er Jahren die haupts&#228;chliche Aufmerksamkeit schenkt, wird entweder die Stirn runzeln – etwa &#252;ber den mysteri&#246;sen Boom straighter Krishna-Core-Bands – oder sich von der selbstgerechten Militanz, gew&#252;rzt mit einer kr&#228;ftigen Prise Pro-Life und Ablehnung vorehelichen Sex, von 1990er-sXe-Bands wie <em>Vegan Reich</em> angewidert abwenden. Dass gleichzeitig offen kommunistische Bands wie <em>ManLiftingBanner</em> ebenfalls eine sXe-Identit&#228;t f&#252;r sich beanspruchen, macht die Sache dann aber doch kompliziert.<br />
So wie jede subkulturelle Bewegung steht n&#228;mlich auch der sXe in einem widerspr&#252;chlichen Verh&#228;ltnis zu den hegemonialen Verh&#228;ltnissen und Vorstellungen. Diese Spannung soll im Folgenden beispielhaft anhand von Sexismus und Homophobie innerhalb der sXe-Szene durch diskutiert werden.</p>
<p><strong>Machismo, Emancypunx</strong><br />
Der vom sXe propagierte Verzicht auf Alkohol und Drogen steht zum einen quer zu Erwartungshaltungen und Verhaltensweisen der Mainstream-Jugendkultur, insbesondere aber auch hegemonialen Konstruktionen jugendlicher M&#228;nnlichkeit. F&#252;r sXer sind Saufen und sexuelle Eroberung gerade keine Zeichen von St&#228;rke und Maskulinit&#228;t, sondern im Gegenteil Schw&#228;chen, die &#252;berwunden werden sollten.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> sXe ermutigte jugendliche M&#228;nner, sich maskulinistischen Anrufungen zu entziehen und Sexismus auf pers&#246;nlicher Ebene zu bek&#228;mpfen.<br />
Zudem war der sXe von Anfang an auch auf den Aufbau offener drogenfreier R&#228;ume bedacht, in dem sich Frauen, ohne sexuell bel&#228;stigt zu werden, bewegen konnten. Tats&#228;chlich wird die Szene von vielen Mitgliedern als Raum wahrgenommen, in dem sie weniger Druck versp&#252;ren, traditionellen Geschlechterkonstruktionen entsprechen zu m&#252;ssen.<br />
Dennoch werden diese propagierten Bem&#252;hungen um progressive Ver&#228;nderung der Geschlechterverh&#228;ltnisse – zumindest in der Szene – in der Praxis best&#228;ndig durchkreuzt. W&#228;hrend viele in der sXe-Bewegung betonen, Geschlecht spiele in der Szene keine Rolle, so bleibt der sXe doch, genauso wie die Hardcore-Szene &#252;berhaupt, ein &#252;berwiegend m&#228;nnlich dominierter Kontext.<br />
Offensichtlich ist das bei den Shows selbst der Fall: sowohl auf der B&#252;hne als auch im Publikum finden sich meist fast ausschlie&#223;lich Typen. Ebenso klar ist, dass die zunehmende physische Rohheit (aka Gewalt) beim Tanzen nicht gerade zu einer offenen Community beitrug. MacKaye erinnert sich: „die Sache wurde immer verr&#252;ckter, immer gewaltf&#246;rmiger. Und ich begann diese Ver&#228;nderung wahrzunehmen – Frauen, die von ganz vorne bei der B&#252;hne immer weiter nach hinten abgedr&#228;ngt wurden, und schlie&#223;lich &#252;berhaupt ganz hinaus.“<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a><br />
Ebenso sind aber die Begriffe, in denen das Bekenntnis zur Abstinenz – vor allem seit den sp&#228;ten 1980er Jahren – gerahmt wird, eindeutig solche, die traditionell als m&#228;nnlich konnotiert gelten: (Selbst-)Disziplin, St&#228;rke, Ehre. Entsprechend ist die beschworene sXe-Community eben immer auch die m&#228;nnliche <em>brotherhood</em>, in der k&#246;rperliche Fitness und <em>toughness </em>wesentlich dazugeh&#246;ren. Und dass die Netzwerke des DIY oftmals eben M&#228;nnernetzwerke mit entsprechenden Gatekeepern sind, sollte auch nicht &#252;berraschen.<br />
Einige dieser Tendenzen begleiten die Hardcore-Szene seit ihren Anf&#228;ngen. Andere wiederum sind spezifischer f&#252;r den sXe, wobei bestimmte hypermaskulinistische sXe-Anrufungen sich erst im Kontext der allgemeinen Depolitiserung, Isolierung und relativen Abl&#246;sung der HC-Szene von ihren Punk-Wurzeln durchsetzen konnten. Bei allen eigenen Schw&#228;chen hatte der Punk n&#228;mlich immer eine androgyne Schlagseite und war oftmals spielerischer im Umgang mit Geschlecht. Initiativen wie jene um das Warschauer Label <em>Emancypunx Records</em>, die auf der Compilation<em> X The Sisterhood X</em> ausschlie&#223;lich <em>all-girl</em> Straight Edge-Bands von Argentinien bis Wei&#223;russland versammelten und versuchen, den Aufbau unabh&#228;ngiger Netzwerke von Frauen im Hardcore-Punk voranzutreiben, bleiben in der Szene leider immer noch die Ausnahme.</p>
<p><strong>Taking the Straight out of Straight Edge</strong><br />
&#196;hnliches gilt auch f&#252;r den Umgang mit Homosexualit&#228;t. Zwar gab es immer offen schwule Bands im HC, etwa <em>MDC </em>oder die gro&#223;artigen<em> Limp Wrist</em>: „Hey we’re the kids we’re here to set the score / We’re tired of fucking hiding we don’t do it no more / Come out of the closet and into the pit / Boy on boy contact, you know it’s the shit.“<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a><br />
Dennoch blieben die homophoben Aspekte der HC-Kultur im Allgemeinen – etwa bei den <em>Bad Brains</em> nach ihrem Rastafari-Turn – und im sXe im Besonderen unterthematisiert. Nach <em>Limp Wrist</em>-S&#228;nger Martin Sorrondeguy hat das nicht zuletzt mit dem Ausschluss von Fragen der Sexualit&#228;t aus der sXe-Szene zu tun, die sich auf eine fundamentalistische Interpretation des „Don’t Fuck“ zur&#252;ckgezogen habe.<br />
Das Wort Straight in Straight Edge enth&#228;lt eben auch Konnotationen, die einer exklusiv heterosexuellen Erfahrungswelt entspringen. Nick Riotfag h&#228;lt fest: „Schwule m&#228;nnliche sexuelle Kultur hei&#223;t ‚Gelegenheits-‘ oder Promiskuit&#228;tssex aus verschiedenen Gr&#252;nden gut, von denen viele problematisch und andere politisch bewusster sind, nicht aber der heterosexuellen Eroberungskultur entstammen, die MacKaye und andere sXer kritisierten.“<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a><br />
Manche haben daher einen unvers&#246;hnlichen Widerspruch zwischen einer queeren Punk-Identit&#228;t und der Straight Edge-Bewegung behauptet. Bei <em>Screeching Weasel</em> hei&#223;t es im Song<em> I Wanna Be A Homosexual</em>: „Call me a butt loving fudge packing queer / I don’t care cause it’s the straight in straight edge / that makes me wanna drink beer.“<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> Dennoch kann, wie Nick Riotfag betont, Straight Edge gerade auch als Ausgangspunkt f&#252;r eine kritische Reflexion &#252;ber spezifische Formen gesellschaftlicher Heteronormativit&#228;t dienen. Die wichtige Rolle, die Alkohol und Drogen in vielen <em>queer cultures</em> spielen, verweise n&#228;mlich nicht nur auf die Tatsache, dass „die sozialen Unterdr&#252;ckungsverh&#228;ltnisse oft Gef&#252;hle der Depression, Angst, Einsamkeit, Scham und Selbst-Hass produzieren“, die mit Alkohol und Drogen leichter bew&#228;ltigbar erscheinen. Auch zeigen sie auf, dass fast alle „Orte, an denen man sich sicher treffen kann, um Alkohol zentriert sind“.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> Straight Edge bedeute deshalb auch, „die Bedingungen der Unterdr&#252;ckung zu zerst&#246;ren, die Abstinenz f&#252;r viele Queers so schwierig machen.“<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a></p>
<p><strong>Lifestyle und/oder Politik?</strong><br />
Viele der Schattenseiten des sXe-HC haben sich seit den 80ern noch verst&#228;rkt. Im Zuge dessen ist bei vielen sXern die urspr&#252;ngliche Motivation des Straight Edge vollkommen aus dem Blick geraten: einen klaren Kopf zu haben – aber wof&#252;r? Eine Community, f&#252;r die Abstinenz als Lebensstil zum Selbstzweck geworden ist? Jenseits von vagen Affirmationen von Unity und Youth gibt es hier keine politischen Perspektiven progressiver Ver&#228;nderung mehr. Im schlimmsten Fall bleiben dann Maskulinismus, Gewalt, Intoleranz und Abstinenz-Moralismus in &#228;rgster puritanischer Tradition. Sympathischer ist da schon jene <em>lifestyle</em>-Politik, die von der Vorstellung ausgeht, die Ver&#228;nderung der eigenen Lebenspraxis sei f&#252;r sich genommen bereits ein politisches Statement: die Summe individueller Entscheidungen w&#252;rde sich zu kollektiver Ver&#228;nderung zusammenf&#252;gen, die mehr Offenheit, Toleranz und <em>positivity </em>in der Szene und in der Gesellschaft insgesamt bringe. <em>Good Clean Fun</em> singen etwa: “This is the new revolution / we’re building a brand new society / It’s about time we find a solution / and not let it slip away / It’s time that we all work together / This little thing we call unity / has the power to make it all better / And that is why / We’ll all be on the streets / Saving the scene / From the forces of evil / Side by side, living our dreams / All the positive people”<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a>.<br />
Sicherlich ist das mit einer geh&#246;rigen Portion Augenzwinkern zu genie&#223;en, als gesellschaftspolitische Strategie klingt der unersch&#252;tterliche Optimismus des Posi-Core letztlich aber reichlich naiv. Dennoch gab und gibt es, wie Gabriel Kuhn betont, immer auch eine radikalere, politisch bewusste Straight Edge-Kultur, die ihre pers&#246;nliche Entscheidung eines straighten Lebens als Ausgangspunkt grunds&#228;tzlicher gesellschaftlicher Ver&#228;nderung begreift.</p>
<p><strong>Red Edge</strong><br />
Interessanterweise etablierte sich vor allem au&#223;erhalb Nordamerikas eine viel politischere Straight Edge-Tradition, die stark mit linken Positionen verkn&#252;pft war und ist.<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Wegweisend war hier die holl&#228;ndische Band <em>L&#228;rm</em>, die den politischen <em>edge </em>in Europa, aber auch in gro&#223;en Teilen Lateinamerikas pr&#228;gte.<br />
Die Nachfolge-Band von <em>L&#228;rm</em>, <em>ManLiftingBanner</em> versuchte wenig sp&#228;ter, dezidiert einen straighten Lebensstil mit kommunistischen Ideen zu verbinden. Auf ihrem in Anspielung auf John Reeds Buch &#252;ber die russische Revolution <em>Ten Inches That Shook the World</em> genannten Album mischten sie Zitate von Lenin, Trotzki und Luxemburg und die Hoffnung auf Revolution in ihre Songtexte:<br />
“Sometimes I clench my fists / because the fight was waged / but the battle had been pitched / when I look at the past / I hold one dream / a new october 1917”<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a><br />
In Skandinavien ist es Mitte der 90er Jahre die vegane Straight Edge-Band <em>Refused</em>, die mit ihrem musikalischen Projekt politische Ziele und einen Straight Edge-Lebensstil zusammenzudenken versuchte. Die Begegnung mit der depolitisierten HC-Szene in den USA war f&#252;r <em>Refused </em>sichtlich verst&#246;rend: „Wir waren dort in einer Szene gefangen, die &#252;berhaupt nicht so war, wie unsere. Alles woran die interessiert waren, war die ‚Hardcore Szene‘ und ihre Politik ging niemals weiter als die Forderung, dass ‚alle miteinander auskommen sollen‘.“ <em>Refused </em>sahen dagegen Straight Edge als Basis f&#252;r ihre politischen Ideen, die sie so explizit wie wenig andere in ihren Texten ausdr&#252;ckten: “This union that made us powerless is talking over our heads / Claiming prosperity in a downward spiral plan / This power that made us unionless is taking out of our hands / Cheapest labour at our expensive cost, auctioned our lives away / Stuck by the deadly rhythm of the production line / We consume our lives like we are thankful / For what we are being forced into”<a title="anm_49" name="anm_49" href="#anm49"><sup>49</sup></a><br />
Auch die Betonung eines individuellen Lebensstils wurde von den politischeren sXe-Bands immer kritisch betrachtet. Frederico Freitas von den brasilianischen <em>Point of No Return</em> merkt an: „Was mir klar scheint ist, dass Gesellschaftsver&#228;nderung niemals nur eine Frage von individueller Ver&#228;nderung ist. Es gibt einige Ebenen der Gesellschaft, die auf gr&#246;&#223;eren Strukturen beruhen, und die auch nur kollektiv angegangen werden k&#246;nnen. Sonst &#228;ndert sich nichts. Eine liberale kapitalistische Gesellschaft hat ihren Platz f&#252;r individuelle Au&#223;enseiter wie uns.”<a title="anm_50" name="anm_50" href="#anm50"><sup>50</sup></a><br />
Trotz positiver Ankn&#252;pfungspunkte zu progressiven Inhalten innerhalb der Straight Edge-Tradition bleibt die Frage offen, inwieweit Politik und Straight Edge wirklich mit einander verbunden sind. Fast prototypisch sind die zwei Standpunkte von ehemaligen Mitgliedern von <em>ManLiftingBanner</em>. F&#252;r den ehemaligen S&#228;nger und derzeitigen International Socialist Michiel Bakker waren kommunistische Politik und der dem Straight Edge inh&#228;rente Moralismus fr&#252;her oder sp&#228;ter nicht mehr vereinbar. „In einer revolution&#228;ren Organisation ist es wichtig, einen klaren Kopf zu behalten, das bedeutet aber nicht, st&#228;ndig von Alkohol und Drogen Abstand nehmen zu m&#252;ssen, wenn der Wunsch danach da ist. Es ist unm&#246;glich ein reines Leben – was immer das auch hei&#223;t – innerhalb des Kapitalismus zu leben. Du bist Teil des Systems, sie hassen dich und wollen dich zerst&#246;ren, und du kannst nicht 24 Stunden, 7 Tage die Woche als Revolution&#228;r parat stehen.“ Allerdings streicht der jetzige S&#228;nger von <em>Seein‘ Red</em> Paul van der Berg die destruktive Wirkung von Drogen in so vielen proletarischen Haushalten weltweit hervor. Zudem seien nicht wenige politische Bewegungen vom Staat im ‚War Against Drugs‘ aufgerieben worden.<br />
Insofern stellt sich auch f&#252;r politische Bewegungen die Frage nach einem bewussten Umgang mit (legalen wie illegalen) Drogen. Zum einen, weil informelle Diskussionen in politischen Zusammenh&#228;ngen, die ohnehin demokratiepolitisch bedenklich sind, eben oft bei Bier und Tschick stattfinden und damit zus&#228;tzlich exkludierend sind. Zum anderen hat zum Beispiel die abendliche Degeneration der Audimax-Besetzung im letzten Jahr in eine wilde Party die Notwendigkeit aufgezeigt, die Rolle von Alkohol und Drogen in sozialen Bewegungen zu thematisieren und zu politisieren. Jedenfalls ist und bleibt ein klarer, n&#252;chterner Kopf Voraussetzung der eigenen politischen Handlungsf&#228;higkeit. Ob das die Entscheidung f&#252;r oder gegen ein drogenfreies Leben impliziert, bleibt freilich jeder und jedem selbst &#252;berlassen.<a title="anm_51" name="anm_51" href="#anm51"><sup>51</sup></a> Schlie&#223;lich sollte Straight Edge nichts mit Normierung, Kontrolle und Ma&#223;regelung individuellen Konsumverhaltens zu tun haben, sondern mit der Politisierung der sozialen Konsequenzen von Alkohol und Drogen – in der Punk/HCSzene, in Bewegungen, in der Gesellschaft.</p>
<p><strong>Conclusio</strong><br />
Wahrscheinlich bringt es Frederico Freitas am besten auf den Punkt, wenn er meint, dass das Problem mit Straight Edge irgendwann dazu wurde, dass man nichts mehr au&#223;er sXe war. Die Frage, wof&#252;r der klare Kopf denn da sein sollte au&#223;er vagen Anrufungen an einen <em>change</em>, blieb oft unbeantwortet. Ob und wie politisch Straight Edge war, hing immer von der Politisierung des Kontexts und der jeweiligen Szene ab. W&#228;hrend die fr&#252;he Hardcore-Kultur durchwegs politisch war, ging mit deren Niedergang auch eine Depolitisierung der Straight Edge-Bewegung einher. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass die politischsten HC-Bands in den USA in den 1990er Jahren eben nicht im CBGBs in New York zu finden waren, sondern in den Latino-Communities.<a title="anm_52" name="anm_52" href="#anm52"><sup>52</sup></a><br />
So war die Betonung eines drogenfreien Lebensstils nie automatisch auch politisch progressiv. Allerdings stellte die urspr&#252;ngliche &#214;ffnung der Szene einen wichtigen Schritt dar, um auch die Menschen aufnehmen zu k&#246;nnen, die sich dem allgegenw&#228;rtigen Konsumzwang entziehen wollten. Die Hardcore-Szene und die damit verbundene Straight Edge-Bewegung waren und sind in erster Linie Ausdruck einer w&#252;tenden Jugend, die versuchte, ihr Leben in die eigenen H&#228;nde zu nehmen. Die positiven Aspekte, wie Community-building, Rebellion und Ver&#228;nderungswille, aber gerade auch das im Straight Edge gef&#246;rderte Hinterfragen von eingefahrenen gesellschaftlichen wie szeneinternen Normen und Regeln, birgt dabei immer das Potential f&#252;r weitere gesellschaftsver&#228;ndernde Anspr&#252;che und Perspektiven. Das letzte Wort beh&#228;lt deshalb <em>ManLiftingBanner</em>:<br />
Commitment / Commitment / Commitment to Communism!<a title="anm_53" name="anm_53" href="#anm53"><sup>53</sup></a></p>
<p><strong>Anmerkungen:</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> „Ich trink’ Milch / Ich trink’ Milch / Ich trink’ Mich / Ich trink’ Milch / Mich k&#252;mmert’s nicht, was andere denken / Ich trink’ Milch jeden Tag!“ Teen Idles: I drink milk, auf: Flex Your Head Compilation, Dischord 1982.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Kuhn, Gabriel: Straight Edge. Geschichte und Politik einer Bewegung, M&#252;nster 2010, S. 8.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> „Ich bin so wie du / aber ich hab’ Besseres zu tun / als rumzusitzen und mich zuzudr&#246;hnen /mit lebenden Toten rumzuh&#228;ngen / Ich denk’ nicht mal an Speed / das ist, was ich einfach nicht brauch’ / ich hab‘ straight edge […] werde immer klar sein / will niemals eine Kr&#252;cke verwenden / Ich hab’ straight edge.“ Minor Threat: Straight Edge, auf: 7, Dischord 1981.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> “(Ich) rauch‘ nicht / trink nicht / fick nicht / zumindest kann ich denken.” Minor Threat: Out of Step, auf Out of Step, Dischord 1983.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Minor Threat: Straight Edge, a.a.O.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> „Du verstehst kein Wort von dem, was wir sagen, du h&#246;rst eh nicht zu!“ Big Boys: Fun, Fun, Fun, auf: Fun, Fun, Fun, Moment Productions 1982.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Keith Morris, Circle Jerks, in: American Hardcore (DVD), 2007.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Shawn Stern, Youth Brigade, in: Another State of Mind (VHS), 1984.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Keith Morris; in: American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Henry Rollins, Black Flag; in: American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Jello Biafra, in: Punk: Attitude, auf: Shout!, Factory 2005.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Titel des Debut Album von Wasted Youth, 1981 erschienen.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Henry Rollins, Black Flag, in: American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Henry Rollins, Black Flag, in: American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Vic Bondi, Articles of Faith, in: American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Shawn Stern, Youth Brigade, in: Another State of Mind (VHS).<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> „Schau das Sprudeln des Champagners / Die Kriminalit&#228;tsraten fallen, f&#252;hl’ dich wieder frei / Oh, das Leben ist ein Traum, Miss Lily White / Jane Fond ist heute wieder am Schirm / Die Liberalen &#252;berzeugt, dass es o.k. ist / Also werfen wir uns in Schale und tanzen dem Morgen entgegen / w&#228;hrend sie / die Armen t&#246;ten: Heut’ Nacht!“ Dead Kennedys: Kill the Poor, auf: Fresh Fruit For Rotting Vegetables, Alternative Tentacles 1980.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> „Sie nehmen allen kids die Rechte weg.“ Black Flag: Police Story, auf: Damaged, SST 1981.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Pat Dubar, Uniform Choice, in: Stephen Blush: American Hardcore. A Tribal History. Port Townsend 2010.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Tote Bullen / Was werdet ihr machen / Mafia in Blau / Jagt Queers / Schwarze und dich.“ MDC: Dead Cops, auf: Millions of Dead Cops, Alternative Tentacles 1982.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> „Sie hassen uns – wir hassen sie, wir k&#246;nnen nicht gewinnen – auf keinen Fall.“ Black Flag: Police Story, a.a.O.<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Winston Smith ist bekannt f&#252;r die Gestaltung der Dead Kennedy Platten.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Rednecks (deutsch: „Rotnacken“) bezeichnet in abf&#228;lliger Weise ein spezifisches wei&#223;es und reaktion&#228;res Milieu des S&#252;dstaaten-Proletariats der USA. Jocks ist ein Ausdruck f&#252;r Sportler. Meist sind damit gro&#223;e, bullige Footballtypen gemeint, die gerne Angeh&#246;rige so genannter Minderheiten verpr&#252;geln.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Ian MacKaye erz&#228;hlt wie sie seinen kleinen Bruder oft scheinbar allein durch die Stra&#223;en gehen lie&#223;en, bis er angegriffen wurde. Die in der N&#228;he lauernden Punks griffen dann dementsprechend die Angreifer an. American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> „Schau mich an, ich schau dich an / Was verdammt wirst du machen? / Ich f&#252;hl mich eingesperrt, tja, I will nur k&#228;mpfen / Durch die Probleme in der Nacht / K&#228;mpfen / Hey, all ihr crunchcloths, wir sagen es alle / K&#228;mpfen f&#252;r den gemeinsamen Weg / K&#228;mpfen zusammen, k&#228;mpfen als eins / K&#228;mpfen f&#252;r immer bis wir gewonnen haben / K&#228;mpf (zusammen).“ Scream: Fight/American Justice, auf: Still Screaming, Dischord 1982.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Ian MacKaye; in: American Hardcore (DVD).<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Ian MacKaye, zit. n. Gabriel Kuhn (Hg.): Sober Living For the Revolution. Hardcore, Punk, Straight Edge and Radical Politics, Oakland 2010, S. 27.<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> „Ronald lacht w&#228;hrend Millionen verhungern / und Profite steigen / Deine stinkenden Furze w&#228;hrend sie lachen / Sie sagen, sie versuchen zu gefallen / Plastikst&#252;hle und falsche Shakes / Damit alles zugrunde geht / Vergiften deine Kinder mit ihren L&#252;gen / Und versuchen deinen Verstand zu zerst&#246;ren.“ MDC: Corporate Deathburger, auf: Million of Dead Cops, a.a.O.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> „Mir ist egal, was du denkst / Mir ist egal, was du sagst / I hab’ dir Nichts zu geben / Warum gehst du nicht einfach weg? / Ich hab’ keine Werte / nichts zu sagen / Ich hab’ keine Werte / K&#246;nnte dich genauso gut wegblasen / … Versuch’ nicht vorzut&#228;uschen / und mir zu sagen, alles ist o.k. / Ich k&#246;nnte anfangen, alles zu zerst&#246;ren was ich sehe! / Keine Werte.“ Black Flag: No Values, auf: Jealous Again EP, SST 1980.<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Jello Biafra; in: Punk: Attitude (DVD), 2011.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Ross Haenfler: Rethinking Subcultural Resistance. Core Values of the Straight Edge Movement, in: Journal of Contemporary Ethnography 33: 4 (2004), S. 406-436, S. 409.<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Zit. n. Gabriel Kuhn: Straight Edge, a.a.O., S. 11.<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Zit. n. Gabriel Kuhn: Straight Edge, a.a.O., S. 10.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> American Hardcore (DVD)<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Gabriel Kuhn: Straight Edge, a.a.O., S. 13.<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Zit. n. Gabriel Kuhn: Straight Edge, a.a.O., S. 13.<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Revolution Summer bezeichnet den Versuch von HC-Bands aus Washington D.C., aus den typischen hardcore-Mustern auszubrechen und neue politische und musikalische Wege – melodischer, abwechslungsreicher etc. – einzuschlagen. Wichtige Bands daf&#252;r waren v.a. jene des Dischord Labels: Rites of Spring, Embrace, Dag Nasty und Gray Matter.<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Ray Cappo: A Time We’ll Remember (CD)<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Ross Haenfler: Manhood in Contradiction. The Two Faces of Straight Edge, in: Men and Masculinities 7 (2004), S. 77-99, S. 88.<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Zit. n. Beth Lahickey: All Ages. Reflections on Straight Edge, Huntington Beach 1997, S. 107f.<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> „Hey wir sind die kids / Wir sind da, um die Stimme zu erheben / Wir wir sind das verfickte Verstecken leid, wir werden es nicht mehr tun / Komm’ raus aus (comeing out of the closet ist eine Redewendung f&#252;r outing) auf die Tanzfl&#228;che / Boy an Boy Kontakt, du wei&#223;t, das ist der Schei&#223;.“ Limp Wrist: Limp Wrist, auf: The Official Discography.<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Nick Riotfag: My Edge Is Anything But Straight: Towards a Radical Queer Critique of Intoxication Culture, in: Gabriel Kuhn (Hg.): Sober Living for the Revolution, a.a.O., S. 203<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> „Nenn mich einen Arsch-liebenden Arschficker / Ist mir egal, weil es ist das straighte in Straight Edge / das mich dazu bringt, Bier trinken zu wollen“<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Ebd., S. 204.<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Ebd., S. 207.<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> „Das ist die neue Revolution / Wir bauen eine brandneue Gesellschaft / Es ist an der Zeit, dass wir eine L&#246;sung finden / und sie nicht verpassen / Es ist an der Zeit, dass wir alle zusammenarbeiten / Dieses kleine Ding, das wir Gemeinschaft nennen / hat die Kraft, alles besser zu machen / Und deswegen/ Sind wir auf der Stra&#223;e / Retten die Szene / vor den Kr&#228;ften des B&#246;sen / Unsere Tr&#228;ume Seite an Seite lebend / Alle positiven Menschen.“ Good Clean Fun: On The Streets Saving The Scene From The Forces Of Evil, auf: On The Streets Saving The Scene From The Forces Of Evil, Phyte Records, 2000.<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> Kurz erw&#228;hnen sollte man vielleicht, dass in den letzten Jahren auch eine rechtsradikale Str&#246;mung, v.a. in Deutschland entstand. Der tats&#228;chliche Einfluss dieser Bands ist allerdings umstritten.<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> „Manchmal balle ich mein F&#228;uste / Weil der Kampf gef&#252;hrt wurde / Aber die Schlacht wurde geschlagen / Wenn ich in die Vergangenheit schau / Habe ich einen Traum / Ein neuer Oktober 1917.” ManLiftingBanner: New October, auf: Ten Inches that shook the world, Crucial Response 1992.<br />
<a title="anm49" name="anm49" href="#anm_49">49</a> Diese Gewerkschaft/Einheit, die uns machtlos machte, redet &#252;ber unsere K&#246;pfe hinweg / Reichtum beanspruchend billigste Arbeit auf unsere hohen Kosten, unsere Leben versteigert / Gefangen vom t&#246;dlichen Rhythmus des Flie&#223;bands / Wir leben unser Leben als ob wir dankbar sind / Wozu wir gezwungen werden.“ Refused: Deadly Rhythm, auf: Songs to fan the flames of discontent, Victory 1994.<br />
<a title="anm50" name="anm50" href="#anm_50">50</a> Frederico Freitas, zit. n. Gabriel Kuhn (Hg.): Sober Living For the Revolution, a.a.O., S. 89.<br />
<a title="anm51" name="anm51" href="#anm_51">51</a> Selbst Lenin war, entgegen gel&#228;ufiger Behauptungen, nicht vollkommen Straight Edge. Vgl. Carter Elwood: What Lenin Ate, in: Revolutionary Russia 20:2 (2007), S. 137-149.<br />
<a title="anm52" name="anm52" href="#anm_52">52</a> Vgl. die Dokumentation von Sorrondeguy, Martin : Beyond The Screams. A US Latino Hardcore Punk Documentary, unter: http://video.google.com/videoplay?docid=5497590837696631389#<br />
<a title="anm53" name="anm53" href="#anm_53">53</a> ManLiftingBanner: Commitment, Ten Inches…, a.a.O.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2011/07/19/nuechterne-rebellion/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Rebellion in Wisconsin</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2011/03/11/rebellion-in-wisconsin/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2011/03/11/rebellion-in-wisconsin/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 10 Mar 2011 22:51:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Klassenkampf]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=1823</guid>
		<description><![CDATA[Joe Grim Feinberg berichtet von den gr&#246;&#223;ten ArbeiterInnenunruhen seit den 1930er Jahren in den USA. ArbeiterInnen und AktivistInnen k&#228;mpfen in Madison, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Wisconsin, gegen die Pl&#228;ne von Gouverneur Scott Walker, der nicht nur das Budget auf Kosten von LehrerInnen saniert, sondern gleich die gewerkschaftlichen Rechte aller Staatsbediensteten einkassiert.


FreundInnen, KollegInnen,
Ich hoffe, ihr habt inzwischen alle von der ArbeiterInnenrebellion [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Joe Grim Feinberg</em> berichtet von den gr&#246;&#223;ten ArbeiterInnenunruhen seit den 1930er Jahren in den USA. ArbeiterInnen und AktivistInnen k&#228;mpfen in Madison, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Wisconsin, gegen die Pl&#228;ne von Gouverneur Scott Walker, der nicht nur das Budget auf Kosten von LehrerInnen saniert, sondern gleich die gewerkschaftlichen Rechte aller Staatsbediensteten einkassiert.<br />
<span id="more-1823"></span><br />
<a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/03/Protests-in-Madison-Wisconsin5.jpg"><img src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2011/03/Protests-in-Madison-Wisconsin5-300x202.jpg" alt="" title="Protests-in-Madison-Wisconsin" width="300" height="202" class="alignnone size-medium wp-image-1835" /></a></p>
<p>FreundInnen, KollegInnen,</p>
<p>Ich hoffe, ihr habt inzwischen alle von der ArbeiterInnenrebellion geh&#246;rt, die seit einigen Wochen in Wisconsin abl&#228;uft. In den landesweiten Zeitungen hat sie (z.B. in Tschechien und der Slowakei) nur wenig Niederschlag gefunden, aber in den englischsprachigen Nachrichten ist sie weltweit prominent. Ich schreibe, um eure Solidarit&#228;t anzuregen.</p>
<p>Hintergr&#252;nde (falls ihr sie noch nicht kennt, ansonsten &#252;berspringt sie):<br />
Der US-Bundesstaat Wisconsin, historisch ein wichtiges Zentrum der fortschrittlichen Bewegungen und der organisierten ArbeiterInnenschaft in den USA, befand sich an der Spitze der reaktion&#228;ren Wahlen 2010. Der Staat w&#228;hlte einen neuen Gouverneur, Scott Walker, der erst damit bekannt wurde, dass er sich weigerte, Geld von der Obama-Regierung anzunehmen, das daf&#252;r gedacht war, eine Passagier-Eisenbahnlinie zwischen der Hauptstadt von Wisconsin, Madison, und der gr&#246;&#223;ten Stadt des Bundesstaates, Milwaukee zu bauen (und damit Madison an das bestehende landesweite Eisenbahnnetz anzuschlie&#223;en). Er hatte mit der Notwendigkeit von Sparma&#223;nahmen argumentiert, und ist dann auf die brillante, kostensparende Idee gekommen, das Geld f&#252;r die Eisenbahn umzuleiten in die Instandhaltung von Stra&#223;en (siehe dazu sein <a href="http://notrain.com">Video</a> &#8211; traurig, aber wahr). Danach beschloss er, die Steuern f&#252;r Unternehmen und die Reichen zu senken und danach erkl&#228;rte er &#246;ffentlich und panisch, der Staat habe kein Geld. Er schlug ein Gesetz vor, das nat&#252;rlich die Geh&#228;lter und Renten der &#246;ffentlich Besch&#228;ftigten im Staat stark gek&#252;rzt h&#228;tte; aber er f&#252;gte etwas hinzu, das er in seiner Wahlkampagne niemals erw&#228;hnt hatte: Er wollte nicht nur die Kosten senken, sondern auch die Rechte der Arbeitenden beschneiden. Das vorgeschlagene Gesetz w&#252;rde die gewerkschaftliche Organisierung ernsthaft beschneiden, beispielsweise w&#228;re es &#246;ffentlich Bediensteten nicht mehr erlaubt, kollektiv &#252;ber Arbeitsbedingungen oder Renten zu verhandeln.</p>
<p>Als der Plan &#246;ffentlich wurde (urspr&#252;nglich war er in einem kleinen &#8220;Budgetanpassungs&#8221;gesetz versteckt), organisierten die Gewerkschaften in Wisconsin den Protest, der zu einer zweiw&#246;chigen Besetzung des Kapitolgeb&#228;udes (in Madison) anwuchs. Ehe unl&#228;ngst der Zugang zum Geb&#228;ude eingeschr&#228;nkt wurde, kampierten hunderte, vielleicht tausende Menschen im Geb&#228;ude, nahmen an st&#228;ndigen Debatten &#252;ber das Gesetz teil und erhielten gespendetes, von Unterst&#252;tzerInnen aus der ganzen Welt bestelltes Fast Food. (Wegen der fortschrittlichen Geschichte von Wisconsin war das alles legal; die &#214;ffentlichkeit hatte das Recht auf freien Zugang zu den Regierungsgeb&#228;uden, ehe der Staat am letzten Wochenende dieses Gesetz &#228;nderte.) Viele LehrerInnen an &#246;ffentlichen Schulen streikten spontan. Im ganzen Land gab es Solidarit&#228;tsdemonstrationen. Und an zwei Samstagen hintereinander gab es in Madison Demonstrationen mit 70.000 – 100.000 TeilnehmerInnen, von denen die meisten Basismitglieder der Gewerkschaft der &#246;ffentlich Bediensteten von Wisconsin waren, darunter viele graduierte, bei der Universit&#228;t von Wisconsin angestellte StudentInnen (in Milwaukee und Madison), die ich als Mitglieder der American Federation of Teachers kenne, der auch meine Gewerkschaft der graduierten StudentInnen von Chicago angeh&#246;rt.</p>
<p>Aber der Kampf hat die Unterst&#252;tzung von ArbeiterInnen und AktivistInnen im ganzen Land erhalten, darunter mehrere meiner FreundInnen aus Chicago, die in Madison mitgemischt haben. Die Situation ist sowohl aufregend als auch erschreckend. Wenn das vorgeschlagene Gesetz in Kraft tritt, dann bedeutet das eine beispiellose Niederlage f&#252;r die organisierten ArbeiterInnen in den USA, und mehrere andere Bundesstaatsregierungen haben bereits &#228;hnliche Pl&#228;ne vorgeschlagen. Wenn der Plan in Wisconsin durchgeht, werden diese anderen Bundesstaaten sicher versuchen, auf dem Erfolg der Regierung Walker aufzubauen. Es liegt nahe, dass dar&#252;ber hinaus den gewerkschaftsfeindlichen Kr&#228;ften &#252;berall Hoffnung und Eingebung erwachsen w&#252;rde.</p>
<p>Aber so beispiellos das vorgeschlagene Gesetz ist, so beispiellos ist das Ausma&#223; der Opposition dagegen. Die gegenw&#228;rtige Rebellion k&#246;nnte die gr&#246;&#223;te ArbeiterInnenunruhe in den Vereinigten Staaten seit den 30er Jahren werden. Und es gibt eine gro&#223;e Wahrscheinlichkeit, dass sie anwachsen wird. Eine der wichtigsten Gewerkschaften in Wisconsin hat einstimmig einen Aufruf zu einem nationalen Generalstreik angenommen f&#252;r den Fall, dass das Gesetz durchgeht.  Es hat noch nie einen nationalen Generalstreik in den USA gegeben – unter anderem w&#228;re er illegal – aber ich habe noch keineN GewerkschaftsagitatorIn oder F&#252;hrerIn sich gegen diese Idee aussprechen geh&#246;rt, trotz ihres &#252;blicherweise moderaten, sogar konservativen Zugangs bei der Organisierung (von Streiks). Und weiter: die Polizeigewerkschaft von Wisconsin hat eine Unterst&#252;tzungserkl&#228;rung f&#252;r die Proteste ver&#246;ffentlicht und gefordert, dass das Kapitol offen bleiben muss, und sie hat ihre Mitglieder <a href="http://www.dane101.com/current/2011/02/25/wisconsin_professional_police_association_calls_for_capitol_to_be_kept_open_annou">dazu aufgerufen</a>, sich den DemonstrantInnen, die im Geb&#228;ude &#252;bernachten, anzuschlie&#223;en – und das, obwohl Walker vorgeschlagen hat, dass das Gesetz die Polizeigewerkschaften (und die der Feuerwehren) nicht betreffen soll. Das k&#246;nnte das erste Mal in der Geschichte der USA, zumindest in dieser Gr&#246;&#223;enordnung, sein, dass die Polizei offen den Anordnungen ihrer Vorgesetzten trotzt, gegen ArbeiterInnenproteste vorzugehen. Zus&#228;tzlich kam wichtige moralische <a href="http://thinkprogress.org/2011/02/15/packers-support-workers/">Unterst&#252;tzung von mehreren Mitgliedern der Green Bay Packers</a>, dem Football-Team von Wisconsin, das Ende J&#228;nner die Super Bowl gewann, und das, sowas gibt es, eine Non-Profit-Organisation ist, die ihren Fans geh&#246;rt (ich spreche &#252;ber American Football, mit Helmen und sonderbar geformten B&#228;llen; die Super Bowl ist die oberste Klasse der Meisterschaft).</p>
<p>Es gab andere, farbenfrohe Vorf&#228;lle, die zumindest gute Geschichten abgeben. Ein rechter (republikanischer) Abgeordneter von Wisconsin beging den Fehler, sich fr&#252;hzeitig dar&#252;ber zu mokieren, dass seine KollegInnen blo&#223; versucht h&#228;tten, die Regierungsfinanzen in den Griff zu bekommen, und „pl&#246;tzlich ist es, als ob Kairo nach Madison gekommen w&#228;re“. Egal ob die JournalistInnen die Idee von ihm hatten oder von selbst darauf kamen, fast jede Zeitung hat sich seither auf dieses Thema gest&#252;rzt. Es gibt zweifellos Unterschiede zwischen den beiden Situationen. Zum einen lie&#223; Mubarak Gewerkschaften der &#246;ffentlich Bediensteten zu, obwohl er versuchte, sie von oben zu kontrollieren. Zum anderen hat niemand auf die DemonstrantInnen in Wisconsin geschossen, obwohl der stellvertretende Generalstaatsanwalt von Indiana diese Idee &#246;ffentlich seinen KollegInnen in Wisconsin vorgeschlagen hat (<a href="http://www.batangastoday.com/indiana-deputy-attorney-general-fired-after-tweeting-%E2%80%98use-live-ammunition%E2%80%99-to-wisconsin-protesters/10296/">er wurde gefeuert</a>).<br />
Die Sache verdichtete sich, als die oppositionellen (demokratischen) Abgeordneten in Wisconsin beschlossen, die Bewegung der ArbeiterInnen zu unterst&#252;tzen, indem sie den Senat des Bundesstaates boykottieren, damit keine Abstimmung zustande kommt und das Gesetz somit nicht angenommen werden kann. Nachdem das Gesetz von Wisconsin die Polizei dazu erm&#228;chtigt, abwesende Abgeordnete zu suchen und sie (mit Gewalt) zum Kapitol zu bringen, flohen die Abgeordneten in das benachbarte Illinois, in dem die Polizei von Wisconsin keine Autorit&#228;t besitzt. In Erwartung einer &#228;hnlichen Situation taten die Demokraten in Indiana dasselbe und sorgten in der &#214;ffentlichkeit damit f&#252;r das un&#252;bliche Spektakel, dass angesehene PolitikerInnen vor den Polizeikr&#228;ften fl&#252;chten, die ihrerseits nicht darauf aus zu sein scheint, sie zu fangen, w&#228;hrend die Republikaner vor Wut toben, aber keine M&#246;glichkeit gefunden haben, auf rechtlicher Basis zu einer Abstimmung (&#252;ber das Gesetz) zu kommen.</p>
<p>Scott Walker wurde in der Zwischenzeit in weitere Verlegenheit gebracht, als ein Journalist ihn anrief und <a href="http://www.buffalobeast.com/?p=5045">vorgab, der milliardenschwere Unterst&#252;tzer seiner Kampagne, David Koch zu sein</a>. Der Anrufer konnte aufzeichnen, wie der Gouverneur dar&#252;ber sinnierte, agents provocateurs unter die Protestierenden zu bringen, und dann ein Angebot annahm, in „a good time“ gezeigt zu werden, nachdem er seine Widersacher vernichtet h&#228;tte. (Der Stab des Gouverneurs best&#228;tigte die Authentizit&#228;t der Aufnahme, dementierte aber, blo&#223;gestellt worden zu sein.)<br />
Jedenfalls ist der Ausgang der Vorf&#228;lle sehr unsicher, trotz einiger Ger&#252;chte, dass die Regierung von Wisconsin zur&#252;cktreten k&#246;nnte. Die Bewegung kann bereits den Teilsieg f&#252;r sich beanspruchen,  dass andere Regierungen z&#246;gern werden, ehe sie &#228;hnliche provokante Reaktionen zeigen. Aber innerhalb von Wisconsin hat keine der wichtigen beteiligten Parteien ihren Standpunkt ge&#228;ndert. Ich denke, es ist ein kritischer Moment, und die protestierenden ArbeiterInnen brauchen all unsere Hilfe, auch von Menschen, die das Pech haben, dass sie sich ihnen pers&#246;nlich nicht anschlie&#223;en k&#246;nnen.<br />
Deshalb wollte ich Vorschl&#228;ge machen, wie ihr sie unterst&#252;tzen k&#246;nnt: </p>
<p>*) Schreibt Solidarit&#228;tsstatements – wenn ihr Kontakt zu irgendeiner Organisation habt oder deren Mitglieder seid, dass sie ihre &#246;ffentliche Unterst&#252;tzung der protestierenden ArbeiterInnen ausdr&#252;ckt, schickt Solidarit&#228;tsadressen an defendwisconsin@gmail.com. Das kann eine gro&#223;e Hilfe f&#252;r die Moral der ArbeiterInnen und f&#252;r den Aufbau lokaler, aber auch ausl&#228;ndischer Unterst&#252;tzerInnenkomitees sein. Einige solcher Statements findet ihr am Ende dieser Seite: <a href="http://www.defendwisconsin.org.">www.defendwisconsin.org</a>.<br />
*) Spendet an <a href="http://helpdefendwisconsin.org">helpdefendwisconsin.org</a> oder <a href="http://store.iww.org/madison-donations.html">http://store.iww.org/madison-donations.html</a>. Die erste Adresse wird von der American Federation of Teachers betrieben, die eine der gr&#246;&#223;ten Gewerkschaften der &#246;ffentlich Bediensteten von Wisconsin ist. Die zweite ist mit den Industrial Workers of the World verbunden, die kleiner, aber im ArbeiterInnenaktivismus von Madison sehr aktiv sind. Jede Organisation wird das Geld gut einsetzen. Die DemonstrantInnen haben auch die folgenden Seiten vorgeschlagen, um Lebensmittel direkt an sie im Kapitol zu schicken: <a href="http://www.facebook.com/IansPizzaOnState?ref=ts&#038;sk=app_6009294086">http://www.facebook.com/IansPizzaOnState?ref=ts&#038;sk=app_6009294086</a> und <a href="http://cabellscrabble.blogspot.com/2011/02/donate-food-to-protesters-via.html">http://cabellscrabble.blogspot.com/2011/02/donate-food-to-protesters-via.html</a>. Der Zugang zum Kapitol ist jetzt beschr&#228;nkt, aber da ich noch nichts Gegenteiliges geh&#246;rt habe, nehme ich an, die Leute sind von 8:00 bis 18:00 Uhr US-Central Time dort und k&#246;nnen immer noch Lebensmittelspenden gebrauchen.<br />
*) Phone bank (d.h. ruft Leute in Wisconsin an und dr&#228;ngt sie, die protestierenden ArbeiterInnen zu unterst&#252;tzen) – Das k&#246;nnte Leuten au&#223;erhalb von Nordamerika schwer fallen. Aber mensch k&#246;nnte Skype verwenden, und ihr solltet auf die Uhrzeit achten, zu der ihr anruft. Schreibt wegen Anleitungen an volunteertodefendwisconsin@gmail.com.<br />
*) Gebt diese Nachricht weiter (oder eure eigenen Nachrichten).<br />
*) Verfolgt die Vorf&#228;lle auf <a href="http://www.defendwisconsin.org">www.defendwisconsin.org</a></p>
<p>Update, 10.3.2011: Am 9. M&#228;rz verabschiedeten die republikanischen SenatorInnen von Wisconsin eine neue Version des vorgeschlagenen Gesetzes, ohne auf die R&#252;ckkehr der DemokratInnen, die sich au&#223;erhalb des Bundesstaats befanden, zu warten. Anstatt eines Kompromisses entfernten die RepublikanerInnen die weniger kontroversiellen Budgetpunkte aus dem Gesetz, w&#228;hrend sie die schlimmsten gewerkschaftsfeindlichen Elemente beibehielten. Ohne die Budgetpunkte ben&#246;tigte das Gesetz nicht die Anwesenheit der Demokratischen SenatorInnen, und die RepublikanerInnen stimmten mit 18:1 (d.h. mit einer oppositionellen Stimme) f&#252;r das Gesetz. Das Gesetz ist noch nicht in Kraft getreten. Es ben&#246;tigt u.a. immer noch die Zustimmung durch die bundesstaatliche Legislative.</p>
<p>&#220;bersetzung: <a href="http://akkrise.wordpress.com">akkrise.wordpress.com</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2011/03/11/rebellion-in-wisconsin/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Rosinenpicken</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/08/26/rosinenpicken-3/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2010/08/26/rosinenpicken-3/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:40:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Antifaschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterverhältnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Iran]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Stadt]]></category>
		<category><![CDATA[Universität]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=1594</guid>
		<description><![CDATA[
Die „K&#228;mpfe um Bildung“, denen sich Perspektiven Nr. 10 gewidmet hat, bilden auch anderswo ein zentrales Thema. So sind im aktuellen Programm der Edition PROLLpositions in der Reihe audimarx drei feine Brosch&#252;ren erschienen, die vor allem die Frage „Wie sich (ver-)wehren?“ hochhalten: (1) Das „Kommuniqué aus einer ausbleibenden Zukunft. &#220;ber die Ausweglosigkeit des studentischen Lebens“ (Research & Destroy; audimarx #1) [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span id="more-1594"></span><br />
Die „K&#228;mpfe um Bildung“, denen sich <em>Perspektiven</em> Nr. 10 gewidmet hat, bilden auch anderswo ein zentrales Thema. So sind im aktuellen Programm der <em>Edition PROLLpositions</em> in der Reihe <em>audimarx </em>drei feine Brosch&#252;ren erschienen, die vor allem die Frage „Wie sich (ver-)wehren?“ hochhalten: (1) Das „Kommuniqué aus einer ausbleibenden Zukunft. &#220;ber die Ausweglosigkeit des studentischen Lebens“ (Research & Destroy; <em>audimarx #1</em>) wurde im Zuge der Besetzung eines Teils der Universit&#228;t von Santa Cruz verfasst und Anfang Oktober 2009 online publiziert. Neben der Thematisierung des Verh&#228;ltnisses von Studium und Arbeit im Kontext der zunehmenden Transformation von Universit&#228;ten in Fabriken der Wissens(re)produktion, dr&#252;ckt sich in der „Mitteilung“ vor allem auch das dr&#228;ngende Bed&#252;rfnis nach den verbindenden Inhalten unterschiedlicher K&#228;mpfe aus, deren gesellschaftliche Ausgangsbedingungen doch sehr verschieden sind. (2) In „Reformpause!“ (<em>audimarx #2</em>) beschreibt <em>Marion von Osten</em>, wie es nach dem zweiten Weltkrieg zu einer bildungspolitischen Wende in Westeuropa kam und reflektiert dabei diejenigen allgemein-gesellschaftlichen und konkret-kollektiven Bedingungen, die Wissensproduktion &#252;berhaupt erst erm&#246;glichen. (3) Ausk&#252;nfte &#252;ber die erfolgreiche Besetzung der Universit&#228;t in Zagreb sowie &#252;ber die Besetzungsstrategien unserer kroatischen KollegInnen gibt das „Besetzungskuchbuch. Bericht von der Besetzung der Zagreber Philosophischen Fakult&#228;t 2008“ (<em>audimarx #3</em>). Eine zu empfehlende Lekt&#252;re f&#252;r alle ProfibesetzerInnen und diejenigen, die es noch werden wollen.   </p>
<p>Nicht nur die Universit&#228;ten haben im letzten Jahr gebrannt. Auch im Iran gab es eine der gr&#246;&#223;ten Protestbewegungen seit Jahrzehnten. W&#228;hrend <em>Behrooz Rahimi</em> in <em>Perspektiven </em>Nr. 9 in erster Linie das widerspr&#252;chliche Erben der Iranischen Revolution von 1979 analysiert hat, begibt sich <em>James Buchan</em> auf eine weiter angelegte historische Spurensuche nach den Gemeinsamkeiten der verschiedenen Revolutionen im Iran. Er vergleicht nicht nur die Ereignisse vom Juli 2009 mit denen der konstitutionellen Revolution 1905, sondern zieht auch Parallelen zwischen der Pr&#228;sidentschaft Mahmud Ahmadinejads und der Herrschaft Louis-Napoleons (Napoleon III). Bezugnehmend auf Marxens „Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“ (1852), in dem Marx nachweist, dass der Staatsstreich des Louis-Napoleon 1851 in Frankreich das notwendige Ergebnis der vorhergegangenen Entwicklungen war und sich Geschichte oftmals zun&#228;chst als Tragik und dann als Farce wiederholen muss, um sie im Sinne der Befreiung weitertreiben zu k&#246;nnen, sch&#246;pft <em>Buchan </em>Hoffnung f&#252;r politische Ver&#228;nderungen im Iran.</p>
<p>Schwerpunkt von <em>Perspektiven </em>Nr. 9 war allerdings nicht der Iran, sondern die „Ge_schlechte_r_verh&#228;ltnisse im Kapitalismus“. &#196;hnlich wie <em>Katharina Hajek</em> und <em>Benjamin Opratko</em> in ihrem Artikel „Welche Wirtschaft, wessen Krise?“ besch&#228;ftigen sich auch <em>Helene Schuberth</em> und <em>Brigitte Young</em> mit dem Zusammenhang zwischen den „Geschlechtern der Krise“ und der „Krise der Geschlechter“. Die Autorinnen,  zwei der profiliertesten Forscherinnen auf dem Feld der feministischen &#214;konomie, haben mit <em>The Global Financial Meltdown and the Impact of Financial Governance on Gender</em> ein kurzes, aber sehr informatives, Fakten-und-Zahlen-lastiges Paper verfasst. Darin wird – zugespitzt formuliert – aus geschlechterkritischer Perspektive nicht nur danach gefragt, wer die Krise verursacht hat, sondern auch danach, wer davon in welcher Weise und in welchem Ausma&#223; betroffen ist, und – durch die Budgetkonsolidierungen weltweit – in Zukunft sein wird: vor allem Frauen. So reklamieren in diesem Zusammenhang auch <em>Drucilla Barker</em> und <em>Susan F. Feiner</em> im aktuellen <em>Rethinking Marxism</em> (No. 22) Geschlecht als Analysekategorie ein. Sie fokussieren dabei auf die „Feminisierung der Arbeit“ und die Rolle „hegemonialer M&#228;nnlichkeiten“. Frei nach dem Motto Lenins, nach dem jede K&#246;chin dazu in der Lage sein muss, die Staatsmacht auszu&#252;ben (was jedoch sowohl eine Ver&#228;nderung des Staates als auch der Lage der K&#246;chin impliziert), seien hier noch zwei weitere Feministinnen genannt, die sich den krisenhaften Entwicklungen der letzten Jahre vor allem unter dem Aspekt der Bedingungen und M&#246;glichkeiten feministischer K&#228;mpfe widmen. <em>Birgit Sauer</em> fragt (<em>Widerspruch </em>Nr. 57) aus einer feministisch-staatstheoretischen Perspektive nach den Bedeutungen staatlicher Transformationsprozesse f&#252;r die feministische Staatskritik, w&#228;hrend <em>Frigga Haug</em> in einem im Oktober 2009 gehaltenen Vortrag gewohnt luzide die Grenzen von „Umverteilungspolitik“ (auch bezogen auf die Reproduktionsarbeit) aufzeigt und daf&#252;r pl&#228;diert, gerade in der Krise „Geschlechterverh&#228;ltnisse als Produktionsverh&#228;ltnisse“ zu begreifen.<br />
Etwas mehr als Jahr ist vergangen, seit Barack Obama Pr&#228;sident der USA wurde – und wir dies in <em>Perspektiven </em>Nr. 6 zum Anlass nahmen, einen Schwerpunkt zum br&#252;chigen US-Imperium zu gestalten. Die darin von <em>Tobias ten Brink</em> ge&#228;u&#223;erte Skepsis, ob eine Obama-Administration auch nur das Ausma&#223; der Gewalt, das von der Geopolitik des US-Imperiums ausgeht, reduzieren w&#252;rde, hat sich seither best&#228;tigt. Dies zeigt ein Artikel von <em>Tariq Ali</em> in der aktuellen 50-Jahre-Jubil&#228;umsausgabe der <em>New Left Review</em> so deutlich wie drastisch. Seine bittere Bestandsaufnahme der US-Au&#223;enpolitik unter Obama, dargestellt anhand der Brennpunkte Israel/Pal&#228;stina, Irak, Iran, Afghanistan und Pakistan, zeichnet ein ern&#252;chterndes Bild. Er sieht keinen grunds&#228;tzlichen Bruch zwischen den Regierungen Bush I, Clinton, Bush II und Obama. Auch wenn die Analysen ob der K&#252;rze des Artikels manchmal zu vereinfachend wirken und etwa die Beurteilung der Situation im Iran von einem sch&#228;rferen Blick auf K&#228;mpfe von „unten“ profitiert h&#228;tte, ist Alis Beitrag hilfreich, um hinter die sch&#246;ne Rhetorik Obamas zu blicken.<br />
Und noch ein zweiter Beitrag im gleichen Heft l&#228;sst sich hervorragend als Zwischenbilanz des „Obama-Projekts“ lesen. <em>Teri Reynolds</em>, die in Kalifornien als Notfallmedizinerin arbeitet, sendet eine „Depesche aus Oakland“. Ihre lebhafte Beschreibung des Alltags in einem County Hospital macht deutlich, wie – im wahrsten Sinne des Wortes – &#252;berlebenswichtig eine echte Reform des Gesundheitswesens in den USA w&#228;re. Auf den Punkt gebracht: in diesem Land sterben permanent Menschen, weil sie keine Krankenversicherung haben. Die nun durchgesetzte <em>Health Care Reform</em> hat, so Reynolds, in den endlos scheinenden Debatten medizinische und soziale Realit&#228;ten ignoriert und wird daran nichts wesentliches &#228;ndern.</p>
<p>Ebenfalls in der aktuellen (Jubil&#228;ums-)Ausgabe der <em>New Left Review</em> spricht Mike Davis mit sich selbst: Sein „Pessimismus des Intellekts“ zwingt ihn, die desastr&#246;sen und scheinbar unaufhaltsamen Auswirkungen der Transformation von Landschaften und klimatischen Systemen durch die urban-industrielle Gesellschaft, die sich in den Megast&#228;dten des 21.Jahrhunderst konzentriert, zu erkennen. Dieser „analytischen Verzweiflung“ (und einem Antiurbanismus) stellt Davis jedoch einen „Optimismus der Imagination“ entgegen. Dabei argumentiert er f&#252;r eine neue radikal-urbane Vorstellungskraft, die andenkt, St&#228;dte nach &#246;kologischen und sozialen Gesichtspunkten zu organisieren. Letztlich sind es f&#252;r ihn gerade die St&#228;dte und deren typisch urbane Eigenschaften, die einen m&#246;glichen Weg aus den drohenden &#246;kologischen und sozialen Krisen bereitzustellen verm&#246;gen. </p>
<p>Sicher keinen Weg aus den multiplen Krisen der Gegenwart weist die extreme Rechte. Weil sie aber gerade in Krisenzeiten versucht, an Boden zu gewinnen, m&#252;ssen Antifaschismus und Antirassismus gegenw&#228;rtig mehr denn je auf der Agenda der (radikalen) Linken stehen. Zum ersten Mal konnte im Februar 2010 der j&#228;hrlich stattfindende Nazi-Aufmarsch in Dresden blockiert werden. Eine spannende Auswertung der antifaschistischen Mobilisierung nach Dresden liefern <em>Christine Buchholz</em> (Bundestagsabgeordnete DIE LINKE), <em>Steffi Graf</em> (aktiv in DIE LINKE.SDS), <em>Lucia Schnell</em> (DIE LINKE) und <em>Luigi Wolf </em>(DIE LINKE.SDS). Die Kombination aus einem breiten B&#252;ndnis von Parteien, Gewerkschaften, Zivilgesellschaft und antifaschistischen Kreisen sowie die Entschlossenheit der Gegen-DemonstrantInnen, die Nazis vermittels Massenblockaden nicht marschieren zu lassen, f&#252;hrte trotz Diffamierungs- und Illegalisierungskampagnen in Medien, Justiz und Politik zu einem erfolgreichen Ergebnis, so die AutorInnen. Die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der Kampagne in Dresden w&#252;rde auch der antifaschistInnen Linken in &#214;sterreich zu Gute kommen; schlie&#223;lich gibt es gerade hier die Notwendigkeit der Erarbeitung und Evaluierung antifaschistischer Strategien gegen die extreme Rechte.</p>
<p>Zum Nachlesen:</p>
<p>audimarx #1-3 erh&#228;ltlich bei Infost&#228;nden und im Anarchia-Versand (http://www.anarchia-versand.net/index.php/cat/c58_Paedagogik-und-Bildung.html), siehe auch: http://prollpositions.at/, Dezember 2009</p>
<p>Buchan, James: A Bazaari Bonaparte?, in: New Left Review Nr. 59, September-October 2009, 73¬-87</p>
<p>Young, Brigitte/Schuberth, Helene: The Global Financial Meltdown and the Impact of Financial Governance on Gender, in: Garnet Policy Brief Nr. 10, unter: http://www.garnet-eu.org/fileadmin/documents/policy_briefs/Garnet_Policy_Brief_No_10.pdf, 2010, 1-12</p>
<p>Barker, Drucilla /Feiner, Susan: As the World Turns: Globalization, Consumption, and the Feminization of Work, in: Rethinking Marxism Nr. 22, 2010, 246-252</p>
<p>Sauer, Birgit: Wirtschaftskrise, Staat und Geschlechtergerechtigkeit. Paradoxien feministischer Staatskritik, in: Widerspruch Nr. 57, 2009, 33-39</p>
<p>Haugg, Frigga: Geschlechterverh&#228;ltnisse in der Krise, Vortrag gehalten am 10. Okt. 2009 in Aachen, zum Anh&#246;ren unter: http://www.friggahaug.inkrit.de/AachenerVortrag09-10-10.mp3, 2009</p>
<p>Ali, Tariq: President of Cant, in: New Left Review Nr. 61, January-February 2010, S. 99-116</p>
<p>Reynolds, Teri: Dispatches from the Emergency Room, in: New Left Review Nr. 61, January-February 2010, S. 49-57</p>
<p>Davis, Mike: Who will build the ark?, in: New Left Review Nr. 61, January-February 2010, 29-46</p>
<p>Buchholz, Christine/Graf, Steffi/Schnell, Lucia/Wolf, Luigi: Breit und entschlossen Naziaufm&#228;rsche verhindern: Das Erfolgskonzept von Dresden, unter: http://christinebuchholz.de/2010/02/20/breit-und-entschlossen-naziaufmarsche-verhindern-das-erfolgskonzept-von-dresden/, Februar 2010</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2010/08/26/rosinenpicken-3/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
<enclosure url="http://www.friggahaug.inkrit.de/AachenerVortrag09-10-10.mp3" length="29794167" type="audio/mpeg" />
		</item>
		<item>
		<title>Welcome Back – Unless You’re Black</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/08/26/welcome-back-unless-youre-black/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2010/08/26/welcome-back-unless-youre-black/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:11:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Stadt]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=1531</guid>
		<description><![CDATA[Rezension: Jakob, Christian/ Schorb, Friedrich: Soziale S&#228;uberung. Wie New Orleans nach der Flut seine Unterschicht vertrieb. M&#252;nster: Unrast Verlag 2008, 227 Seiten, 13.80 Euro

Ende 2005 traf der Hurrikan Katrina auf die K&#252;ste von Louisiana (USA) und richtete die schwersten Sch&#228;den an, die je ein Unwetter in den USA verursacht hat. &#220;ber 1800 Menschen starben, der Sachschaden soll um die 125 [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Jakob, Christian/ Schorb, Friedrich: <em>Soziale S&#228;uberung. Wie New Orleans nach der Flut seine Unterschicht vertrieb.</em> M&#252;nster: Unrast Verlag 2008, 227 Seiten, 13.80 Euro<br />
<span id="more-1531"></span><br />
Ende 2005 traf der Hurrikan Katrina auf die K&#252;ste von Louisiana (USA) und richtete die schwersten Sch&#228;den an, die je ein Unwetter in den USA verursacht hat. &#220;ber 1800 Menschen starben, der Sachschaden soll um die 125 Mrd. Euro betragen haben. Besonders die Stadt New Orleans wurde schwer getroffen: Drei von vier BewohnerInnen mussten evakuiert werden, &#252;ber 180.000 wollten oder konnten nach dem Sturm nicht mehr in die Stadt zur&#252;ckkehren.<br />
Das Buch von Christian Jakobs und Friedrich Schorbs widmet sich insbesondere den Fragen, wer von den Sch&#228;den, die Katrina verursacht hat, am h&#228;rtesten betroffen war/ist und wie die Naturkatastrophe von politischen und &#246;konomischen AkteurInnen ausgenutzt wurde, um lange geplante, st&#228;dtebauliche Ver&#228;nderungen in Gang zu setzen. Die beiden Soziologen lassen in ihrem Buch die Betroffenen – gr&#246;&#223;tenteils vertriebene, afroamerikanische SozialmieterInnen –, B&#252;rgerrechtlerInnen sowie die politisch und &#246;konomisch Verantwortlichen (wie ManagerInnen von Immobilenfirmen oder Stadtr&#228;tInnen) sprechen und zeigen hierdurch auf, wie im Namen des „Wiederaufbaus“ eine Politik der Vertreibung und eine Unterwerfung der Wohnpolitik unter die Prinzipien des (Wohnungs-)Marktes durchgesetzt wurde.<br />
Im ersten Teil des Buches wird anhand empirischer Daten gezeigt, dass die Viertel von New Orleans, die von Armen und Minderheiten bewohnt wurden, &#252;berproportional stark von der Flut betroffen waren. Auch „die meisten der 1800 Todesopfer von Katrina waren Menschen, die kein eigenes Auto besa&#223;en und sich daher nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten“ (40). Viele Arme – und das sind in New Orleans vor allem AfroamerikanerInnen – wurden, so die beiden Autoren, auch effektiv daran gehindert die Stadt zu verlassen bzw. in sichere Gebiete von New Orleans zu fl&#252;chten: Teile der Polizei und wei&#223;e B&#252;rgerwehren „blockierten die Br&#252;cken und verhinderten mit Gewehren, dass sich die Flutopfer in Sicherheit bringen konnten“ (22). Mit dieser Feststellung richten sich Jakob und Schorb insbesondere gegen die in der Wissenschaft so popul&#228;r gewordene These einer Weltrisikogesellschaft nach Ulrich Beck. Diese besagt, dass die postmoderne, globalisierte Gesellschaft in eine Phase eingetreten ist, in der alle gleicherma&#223;en von Risiken betroffen sind, egal in welcher sozio&#246;konomischen Lage sie sich befinden oder in welcher Region sie leben. F&#252;r die beiden Autoren sind Naturkatastrophen stattdessen „unter kapitalistischen Verh&#228;ltnissen in erster Linie soziale Katastrophen“ (213), die zu einer dauerhaften Versch&#228;rfung der sozialen Ungleichheit beitragen.<br />
Doch nicht nur Katastrophen an sich sind sozial und politisch gepr&#228;gt, auch der Umgang mit ihnen offenbart die Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse einer Gesellschaft: Nach Katrina wurden die vier gr&#246;&#223;ten<em> Public Housing Projects </em>(PHPs) der Stadt – staatlich gef&#246;rderte Gro&#223;wohnanlagen f&#252;r Familen in der <em>Extremely Low Income</em>-Kategorie – von der st&#228;dtischen Wohnungsbeh&#246;rde <em>HANO </em>unter dem Vorwand der Schimmelbelastung und des Schutzes vor Pl&#252;nderungen abgeriegelt. Ohne dass die ehemaligen BewohnerInnen jemals wieder ihre Wohnungen betreten konnten, entschied die Stadtpolitik sie abzurei&#223;en und auf dem neu gewonnenen Land moderne <em>Mixed-Income</em>-Wohnbauten zu errichten. F&#252;r Jakob und Schorb sowie f&#252;r die von ihnen befragten ehemaligen BewohnerInnen der PHPs ist diese Ma&#223;nahme als gezieltes politisches Kalk&#252;l zu verstehen: „Was sie wollen, ist wertvolles Land in der Innenstadt zu nehmen, das im Moment von Armen und Schwarzen bewohnt wird. Diese wollen sie loswerden, das Land bebauen, aufwerten und darauf Wohnraum f&#252;r die Mittelklasse schaffen“ (34). New Orleans l&#228;sst sich diese Sanierung 700 Millionen Dollar kosten. Das ist weit mehr als die Renovierung der PHPs gekostet h&#228;tte. Profitieren werden von dieser Stadterneuerung insbesondere private Immobilienfirmen, doch die Stadtpolitik argumentiert, dass eben diese <em>Mixed-Income</em>-Siedlungen „f&#252;r beide Seiten befruchtend“ sein k&#246;nnen: Die Stadt k&#246;nne ihr Image aufbessern und der Kriminalit&#228;t entgegenwirken und den Armen w&#252;rden sich „neue Perspektiven“ er&#246;ffnen. Dass diese <em>Mixed-Income</em>-Siedlungen nicht genug Platz bieten f&#252;r alle ehemaligen BewohnerInnen der PHPs und viele von ihnen nun nicht mehr nach New Orleans zur&#252;ckkehren k&#246;nnen, dass sie die Verbundenheit der &#252;ber Jahrzehnte gewachsenen PHP-Gemeinschaften zerst&#246;ren und dass die „SozialmieterInnen nicht in einem Schloss, sondern in einem goldenen K&#228;fig“ (210) leben w&#252;rden, wird von den lokalen PolitikerInnen mit keinem Wort erw&#228;hnt bzw. konsequent ignoriert.<br />
Im zweiten Teil des Buches zeigen Jakob und Schorb, dass die Vertreibung der afroamerikanischen Bev&#246;lkerung nicht als eine einmalige Aktion zu sehen ist, sondern historische Tradition hat und bis an die Anfangszeit der Unterwerfung des amerikanischen Kontinentes durch die europ&#228;ischen Kolonialm&#228;chte zur&#252;ckzuverfolgen ist. Die Geschichte des Bundesstaates Louisiana (und damit die Geschichte New Orleans) ist die Geschichte einer konsequenten Diskriminierung der afroamerikanischen Bev&#246;lkerung. Die Ausbeutung der afrikanischen SklavInnen hat massiv dazu beigetragen, dass New Orleans Anfang des 19. Jahrhunderts zu einer der reichsten St&#228;dte des Kontinents aufsteigen konnte (109ff.). Einige der damaligen  Ausbeutungsmethoden, wie das sogenannten <em>convict lease system</em>, werden bis heute angewandt: „Tausende Gefangene, &#252;berwiegend AfroamerikanerInnen, &#252;bernehmen Arbeiten in der Landwirtschaft oder reinigen in sogenannten „Chain Gangs“, an den F&#252;&#223;en aneinander gekettet, die Stra&#223;en von Unrat“ (123). Von diesem „ultramobilen und v&#246;llig rechtslosen Arbeitskr&#228;ftereservoir“ (124) profitiert neben den lokalen Sheriffs besonders die lokale &#214;konomie. Katrina hat der Durchsetzung dieser rassistischen Politik „nur“ neue M&#246;glichkeiten er&#246;ffnet.<br />
Um zu zeigen, dass die Eliminierung der<em> Public Housing Projects</em> in New Orleans jedoch nicht nur eine historische Kontinuit&#228;t darstellt, sondern auch als Teil eines Paradigmenwechsels in der amerikanischen Sozialpolitik (und damit auch in der Wohnungspolitik) zu verstehen ist, widmen sich Jakob und Schorb im letzten Teil ihres Buches der Entwicklung des amerikanischen Sozialstaates seit Mitte des 20. Jahrhunderts. W&#228;hrend in den 1960er Jahren unter dem Deckmantel der „Grand Society“ der amerikanische Sozialstaat (auf paternalistische Art und Weise) massiv ausgebaut wurde, kam es im Zuge der 1970er Jahre zum &#220;bergang vom „f&#252;rsorgenden zum strafenden Staat“ (135). Die damit einhergehende ideologische Verschiebung in der Einsch&#228;tzung der Ursachen von Armut und sozialer Unsicherheit zeigte sich besonders deutlich in der Idee einer „culture of poverty“. Diese wurde durch die Arbeiten des amerikanischen Sozialanthropologen Oscar Lewis angeregt. Er beobachtete in den 1940er Jahren die „urban poor“ in Mexiko und Puerto Rico und kam zu dem Schluss, dass Armut in erster Linie selbstverschuldet und charakterbedingt sei, sowie dass die Armen eine „Parallelkultur“ aufbauen w&#252;rden, die nur marginale Verbindungen zur Mainstream-Gesellschaft aufweise. Die Gr&#252;nde f&#252;r Armut werden nicht l&#228;nger in der sich versch&#228;rfenden strukturellen und materiellen Ungleichheit, sondern in tats&#228;chlichen und zugeschriebenen Verhaltensweisen der Armutsbev&#246;lkerung gesucht“ (134). Dies &#228;nderte auch das generelle Bild auf Sozialbauten: „Die Identifikation der Sozialbauten mit Arbeitsscheu, Kriminalit&#228;t und Promiskuit&#228;t ist in den USA ‚Common Sense’“ (142). Auf Basis dieses Paradigmenwechsels wurden zahlreiche wohnpolitische Ma&#223;nahmen (wie HOPE IV) ergriffen, die dazu f&#252;hrten, dass viele Sozialbauten abgerissen wurden und durch Wohnungsanlagen mit geringeren Bebauungsdichte ersetzt wurden (und somit viele ehemalige BewohnerInnen nicht mehr in ihre Quartiere zur&#252;ckkehren konnten): „HOPE VI sei letztlich dazu benutzt worden, um die Unterschichts-Dominanz in bestimmten Innenstadtgebieten zur&#252;ck zu dr&#228;ngen. Die hierf&#252;r n&#246;tige Vertreibung sei mit dem Vorwand der Kriminalit&#228;tsbek&#228;mpfung gerechtfertigt worden“ (150).<br />
Jakob und Schorb schlie&#223;en ihr Buch mit der Analyse, dass Katrina zwar „Katalysator f&#252;r die Umwandlung der Sozialbauquartiere gewesen sei, aber nicht der Ausl&#246;ser“ (185). Was sich von Katrina jedoch lernen lasse, sei folgendes: „Naturkatastrophen fordern nicht nur die meisten Todesopfer und den gr&#246;&#223;ten Verlust an Eigentum bei den &#196;rmsten, sondern sie ver&#228;ndern auch das soziale Gef&#252;ge und sorgen f&#252;r eine dauerhafte Versch&#228;rfung sozialer Ungleichheit. In New Orleans f&#252;hrte Katrina dazu, dass die Stadt f&#252;r Arme teurer wurde und dass sich nun viele ihrer &#228;rmsten BewohnerInnen eine R&#252;ckkehr nicht leisten k&#246;nnen. Katrina hatte zur Folge, dass die Zahl der Obdachlosen in die H&#246;he geschnellt ist, die &#246;ffentliche Infrastruktur wie kommunale Schulen und Krankenh&#228;user geschlossen bleiben oder privatisiert werden“ (213).<br />
<em>Soziale S&#228;uberung</em> ist ein Buch, das beim Lesen in erster Linie w&#252;tend macht. In den Interviews mit den politisch und &#246;konomisch Verantwortlichen fallen S&#228;tze wie dieser: „We finally cleaned up public housing in New Orleans. We couldn’t do it, but God did” (50).  Oder: „Das, was in den Public Housing Projects in New Orleans stattfindet ist Teil dieses Krieges gegen die Armen. Wir k&#246;nnen die Armut nicht loswerden – also werden wir eben die Armen los“ (159). Die zahlreichen Interviews mit den Betroffenen, aber auch mit den Verantwortlichen zeigen auf, wie mit Hilfe von Klimakatastrophen konsequente (Vertreibungs-)Politik gemacht wird. Auf Basis der Analysen von Naomi Klein, Mike Davis und Loic Wacquant gelingt es Jakob und Schorb die Ereignisse in New Orleans nicht f&#252;r sich stehen zu lassen, sondern in einen gr&#246;&#223;eren Kontext einzubetten und als Teil der Geschichte der Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung der afroamerikanischen Bev&#246;lkerung in den USA sowie als Ausdruck eines Paradigmenwechsels in der amerikanischen Sozialpolitik zu fassen. Die beiden Soziologen bleiben in ihren Schlussfolgerungen allerdings weit hinter ihren Analysen zur&#252;ck, wenn sie argumentieren, dass „man &#252;ber den Abriss der Housing Projects von New Orleans keine eindeutigen Urteile f&#228;llen (kann). Die Behauptung, reiche wei&#223;e M&#228;nner w&#252;rden arme afroamerikanische Familien aus ihren Wohnungen jagen, wird den Verh&#228;ltnissen jedenfalls nicht gerecht. Die Verantwortlichen f&#252;r den Abri&#223; der Quartiere (&#8230;) sind […] Afroamerikaner.“ (210) Auch wenn einzelne Akteure nicht dem Bild des „wei&#223;en, m&#228;nnlichen, amerikanischen Kapitalisten“ entsprechen, so muss man doch die von ihnen durchgesetzte Politik als Teil eines „Projektes der sozialen S&#228;uberung“ verstehen. Trotz dieser politisch eher problematischen Schlussfolgerungen, ist <em>Soziale S&#228;uberung</em> auf alle F&#228;lle ein lesenswertes Buch, das, folgt man den Analysen in Naomi Kleins „Schockstrategie“, in den n&#228;chsten Jahren traurige Aktualit&#228;t behalten wird. </p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2010/08/26/welcome-back-unless-youre-black/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Veranstaltung: Change? Br&#252;che und Kontinuit&#228;ten der US-Geopolitik</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/12/04/veranstaltung-change-brueche-und-kontinuitaeten-der-us-geopolitik/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2008/12/04/veranstaltung-change-brueche-und-kontinuitaeten-der-us-geopolitik/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 04 Dec 2008 15:23:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>clemens</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Termine]]></category>
		<category><![CDATA[Imperialismus]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=236</guid>
		<description><![CDATA[
Termin: 16.12.2008
Uhrzeit: 20 Uhr
Ort: NIG H&#246;rsaal II (Universit&#228;tsstrasse 7, 1010 Wien)
Die Wahl Barack Obamas zum US-Pr&#228;sidenten n&#228;hrt nicht nur in den USA Hoffnung auf eine gerechtere und friedliche Politik des m&#228;chtigsten Staats der Welt. Nach acht Jahren Bush-Doktrin und „Krieg gegen Terror“ sind diese Hoffnungen nur allzu nachvollziehbar.
Doch bereits die ersten Entscheidungen Obamas, wie die &#220;bernahme des republikanischen Verteidigungsministers in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h5><a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2008/12/change_flyer-fornt_a6-2.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-237" title="change_flyer-fornt_a6-2" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2008/12/change_flyer-fornt_a6-2.jpg" alt="" width="350" height="490" /></a></h5>
<p>Termin: <strong>16.12.2008</strong><br />
Uhrzeit: <strong>20 Uhr</strong><br />
Ort: <strong>NIG H&#246;rsaal II (Universit&#228;tsstrasse 7, 1010 Wien)</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Die Wahl Barack Obamas zum US-Pr&#228;sidenten n&#228;hrt nicht nur in den USA Hoffnung auf eine gerechtere und friedliche Politik des m&#228;chtigsten Staats der Welt. Nach acht Jahren Bush-Doktrin und „Krieg gegen Terror“ sind diese Hoffnungen nur allzu nachvollziehbar.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch bereits die ersten Entscheidungen Obamas, wie die &#220;bernahme des republikanischen Verteidigungsministers in sein Kabinett, setzten ein gro&#223;es Fragezeichen hinter den vermeintlichen „Change“ in der geopolitischen Strategie der USA.</p>
<p style="text-align: justify;">Tobias ten Brink diskutiert mit uns M&#246;glichkeiten und Grenzen einer neuen US-Geopolitik im Kontext anhaltender imperialistischer Rivalit&#228;ten und br&#252;chig werdender Hegemonie des US-Imperiums.</p>
<p><span style="font-weight: normal;">Tobias ten Brink ist Politikwissenschafter am Frankfurter Institut f&#252;r Sozialforschung und Autor von </span><em><span style="font-weight: normal;">Geopolitik. Geschichte und Gegenwart kapitalistischer Staatenkonkurrenz</span></em><span style="font-weight: normal;"> (M&#252;nster: Westf&#228;lisches Dampfboot 2008) sowie </span><em><span style="font-weight: normal;">Staatenkonflikte. Zur Analyse von Geopolitik und Imperialismus</span></em><span style="font-weight: normal;"> (Stuttgart: UTB 2008).</span></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2008/12/04/veranstaltung-change-brueche-und-kontinuitaeten-der-us-geopolitik/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Veranstaltung: Filmabend &#8220;The Wobblies&#8221;</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/11/24/225/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2008/11/24/225/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 24 Nov 2008 19:11:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>clemens</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Termine]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=225</guid>
		<description><![CDATA[

 
Anl&#228;sslich der Ver&#246;ffentlichung von PERSPEKTIVEN Nr. 6 &#8220;USA – Br&#252;che im Imperium&#8221; zeigen wir im Rahmen eines Filmabends &#8220;The Wobblies. Die Geschichte der Industrial Workers of the World&#8221;.

Termin: Freitag, 28.11.2008
Uhrzeit: 20 Uhr
Ort: W23, Wipplingerstrasse 23, 1010 Wien
Obamas Sieg bei den US-Pr&#228;sidentschaftswahlen hat vielen Menschen Hoffnung gegeben. Die grundlegenden Klassenwiderspr&#252;che sind dadurch nicht verschwunden. „Wilde“ Streiks, Proteste, wie der migrantischen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-family: Georgia;"><a href="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2008/11/flyer_vorderseitea6-1.jpg"><img class="size-medium wp-image-226 alignnone" title="flyer_release_6" src="http://www.perspektiven-online.at/wp-content/uploads/2008/11/flyer_vorderseitea6-1-233x300.jpg" alt="Flyer" width="233" height="300" /></a></span></p>
<div>
<p><span style="font-size: medium; font-family: Georgia;"> </span></p>
<p style="text-align: justify;">Anl&#228;sslich der Ver&#246;ffentlichung von PERSPEKTIVEN Nr. 6 &#8220;USA – Br&#252;che im Imperium&#8221; zeigen wir im Rahmen eines Filmabends &#8220;The Wobblies. Die Geschichte der Industrial Workers of the World&#8221;.</p>
</div>
<p>Termin: <strong>Freitag, 28.11.2008</strong><br />
Uhrzeit: <strong>20 Uhr</strong><br />
Ort: <strong>W23, Wipplingerstrasse 23, 1010 Wien</strong></p>
<p>Obamas Sieg bei den US-Pr&#228;sidentschaftswahlen hat vielen Menschen Hoffnung gegeben. Die grundlegenden Klassenwiderspr&#252;che sind dadurch nicht verschwunden. „Wilde“ Streiks, Proteste, wie der migrantischen ArbeiterInnen 2006 und Organisierungsversuche neuer Gewerkschaftsbewegungen zeigen die Br&#252;che und Konflikte innerhalb der amerikanischen Gesellschaft. Dass die amerikanische ArbeiterInnenbewegung auf eine radikale Geschichte zur&#252;ckblicken kann, wird dabei oft vergessen.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Film &#8220;The Wobblies&#8221; zeigt die Geschichte der Industrial Workers Of The World, einer militanten Gewerkschaftsbewegung zu Beginn des 20.Jahrhunderts, welche mit der Organisierung &#252;berwiegend weiblicher, migrantischer, ungelernter ArbeiterInnen und ihren kreativen Kampfformen Inspiration auch f&#252;r heutige klassenk&#228;mpferische Gewerkschaftspraxis sind.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2008/11/24/225/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>US-Wahlen: Is real change coming?</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/us-wahlen-is-real-change-coming/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/us-wahlen-is-real-change-coming/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:20:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=133</guid>
		<description><![CDATA[Barack Obama ist vom idealistischen Au&#223;enseiter der Demokraten zum ersten schwarzen US-Pr&#228;sidentschaftskandidaten einer Gro&#223;partei geworden. <em>Gary Younge</em> untersucht die Bedeutung des Obama-Ph&#228;nomens sowie die Grenzen seiner politischen Agenda.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Barack Obama ist vom idealistischen Au&#223;enseiter der Demokraten zum ersten schwarzen US-Pr&#228;sidentschaftskandidaten einer Gro&#223;partei geworden. <em>Gary Younge</em> untersucht die Bedeutung des Obama-Ph&#228;nomens sowie die Grenzen seiner politischen Agenda.<br />
<span id="more-133"></span></p>
<p>Dieses Jahr war etwas anders an der Parade zum Martin Luther King Day in Charleston, South Carolina. Zu den Trommelschl&#228;gen der Marschkapellen schwarzer Schulen und den ruhigeren T&#246;nen ortsans&#228;ssiger schwarzer Pfarrer gesellten sich diesmal schwungvolle Ges&#228;nge von Vertretern lokaler schwarzer Kirchen und ein Pulk mehrheitlich wei&#223;er ehrenamtlicher WahlhelferInnen Barack Obamas: „Obama 08! We’re ready. Why wait?“ Unter ihnen war ein junger Mann, der nach Obamas Niederlage in den Vorwahlen in New Hampshire „so deprimiert“ war, dass er alles in Guatemala liegen und stehen gelassen hat, um zur&#252;ckzufliegen und mitzuhelfen. Da war auch eine &#228;ltere Dame aus Florida, die zwei Wochen zuvor sein Buch <em>Dreams From My Father</em> gelesen hatte und davon so inspiriert war, dass sie f&#252;hlte, sie m&#252;sse einfach etwas tun.<br />
Vom Gehsteig aus jubelten AfroamerikanerInnen Beifall. Ein paar Wochen zuvor hatte Obamas Sieg in Iowa (einem der wei&#223;esten Staaten der USA) bewiesen, dass die Pr&#228;sidentschaftskandidatur eines Schwarzen kein Wunschtraum mehr war. Nun war eine gr&#246;&#223;ere Zahl wei&#223;er WahlhelferInnen – die meisten von au&#223;erhalb der Stadt – zur Parade gekommen und forderte die SympathisantInnen auf, sich ihnen anzuschlie&#223;en. Hin und wieder gingen die WahlhelferInnen zum Gehsteig, teilten Flugbl&#228;tter aus, boten unbeholfen <em>High Fives</em> an oder umarmten gar einige Ortsans&#228;ssige.<br />
All das war nat&#252;rlich nicht der <em>Mississippi Freedom Summer</em>.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Aber es war immerhin etwas. Ein Moment. Ein politischer Moment, der hoffnungsvolles Engagement hervorrief. Innerhalb einer halben Stunde hatte er sich in Luft aufgel&#246;st. Die Parade war vorbei. Die wei&#223;en Ehrenamtlichen sprachen nun nicht mehr ohne Erlaubnis des Obama-Hauptquartiers mit mir, nicht einmal um ihre Begeisterung zu erkl&#228;ren. Als die Genehmigung eintraf, erz&#228;hlte der Mann aus Guatemala etwas &#252;ber das kommende „post-rassistische“<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Amerika. W&#228;hrenddessen gingen die Schwarzen zur&#252;ck in ihre H&#228;user in den &#228;rmsten Teilen der Stadt und warteten auf Ver&#228;nderung.<br />
Es ist leicht, &#252;ber den historischen Charakter Obamas Pr&#228;sidentschaftskandidatur in Zynismus zu verfallen. In einer Nation, die sich ihrer gesellschaftlichen Leistungsorientierung und ihres unerbittlichen Fortschritts r&#252;hmt – auch wenn die soziale Mobilit&#228;t unter jener Gro&#223;britanniens liegt – k&#246;nnen symbolische Fortschritte leicht &#252;berbewertet werden. Das trifft insbesondere f&#252;r die politische Kultur Amerikas zu, in der die Wirklichkeit so stark von Image &#252;berlagert wird, dass George W. Bush gleichzeitig ein ehemalig alkohols&#252;chtiger Sohn reicher und m&#228;chtiger Eltern sein kann, und als Mann des Volkes wahrgenommen wird, mit dem die W&#228;hlerInnen am liebsten einen trinken gehen w&#252;rden.<br />
Dar&#252;ber hinaus war Obamas Sieg in den Vorwahlen weder so entscheidend, noch so eindeutig, wie oft dargestellt. Sicherlich, bis M&#228;rz hatte er sich eine fast unangreifbare F&#252;hrungsposition erarbeitet, die nur von den nicht gew&#228;hlten „Superdelegierten“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> gef&#228;hrdet werden h&#228;tte k&#246;nnen. Doch seine F&#252;hrung war so best&#228;ndig wie knapp, und Hillary Clinton war stets nahe dran. Letztlich gewann er mit nur 0,4 Prozent Vorsprung bei den Stimmen und 7 Prozent bei den Delegierten. Sogar als sein Sieg praktisch sicher war, gewann Clinton sechs der letzten zehn Staaten und Wahlkreise – nicht wirklich ein Vertrauensvotum der Demokratischen Basis.<br />
Indem er sieben „wei&#223;e“ und neun „schwarze“ Bundesstaaten gewann, brach er mit den bisherigen Vorstellungen davon, was ein schwarzer Politiker in der US-Politik auf nationaler Ebene erreichen kann. Doch das neue Bild ist nicht wirklich jenes einer &#196;ra „post-rassistischer“ Politik, wie so viele behaupten. In Gegenden, in denen gen&#252;gend Schwarze leben, dass race – und Rassismus – die lokale politische Kultur pr&#228;gen, aber nicht genug, um eine ins Gewicht fallende Anzahl an Stimmen darzustellen, schw&#228;chelte Obama. Clinton gewann acht der zehn Staaten, in denen der Anteil der schwarzen Bev&#246;lkerung knapp unter dem nationalen Durchschnitt liegt. Darunter waren auch die f&#252;r die Pr&#228;sidentschaftswahl strategisch wichtigen „Swing States“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Ohio, Pennsylvania, Missouri und Nevada.</p>
<h3>Armut</h3>
<p>Doch obwohl seine Kandidatur einen wahltechnischen Fortschritt f&#252;r Afro-AmerikanerInnen bedeutet, sagt sie ungef&#228;hr so viel &#252;ber die soziale und &#246;konomische Situation schwarzer AmerikanerInnen aus, wie die Wahl der verstorbenen Benazir Bhutto &#252;ber die Lage der Frauen in Pakistan. Tats&#228;chlich steht Obamas Kandidatur nicht im Einklang mit dem sozialen Aufstieg von AfroamerikanerInnen, sondern stellt einen Ausnahmefall dar. Einem Bericht des <em>Pew Research Centre</em> vom November letzten Jahres zufolge sind schwarze AmerikanerInnen mit ihrer Lebenssituation unzufriedener als jemals in den letzen zwanzig Jahren. Eine andere, zur selben Zeit von <em>Pew </em>ver&#246;ffentlichte Erhebung zeigt, dass ann&#228;hernd die H&#228;lfte (45 Prozent) der AfroamerikanerInnen, die nach der B&#252;rgerrechts-&#196;ra als Kinder von Eltern mit mittlerem Einkommen geboren wurden, als Erwachsene in Armut oder Armutsn&#228;he abstiegen.<br />
„[Obama] wird als Verk&#246;rperung der Farbenblindheit wahrgenommen“, meinte Angela Davis, Professorin f&#252;r Ideengeschichte an der University of California, Santa Cruz, letztes Jahr zu mir. „Es ist die Idee, dass wir den Rassismus hinter uns gelassen haben, indem wir race nicht mehr ber&#252;cksichtigen. Das ist es, was ihn als Pr&#228;sidentschaftskandidaten denkbar macht. Er ist zum Modell f&#252;r Diversit&#228;t in dieser Zeit geworden… ein Modell von Diversit&#228;t als ein Unterschied, der keinen Unterschied macht. Die Ver&#228;nderung, die keine Ver&#228;nderung bedeutet.“ Letzlich hat er keine <em>multi-racial</em> Koalition gebildet, sondern eine <em>bi-racial</em> Koalition. Clintons Basis wurde f&#228;lschlicherweise als aus der wei&#223;en ArbeiterInnenklasse und &#228;lteren wei&#223;en Frauen bestehend dargestellt. Doch in Kalifornien stimmten aus Lateinamerika und Asien stammende AmerikanerInnen st&#228;rker f&#252;r Clinton als Wei&#223;e und erm&#246;glichten so ihren Sieg. Das selbe war mit Latinos und Latinas in Texas der Fall. Tats&#228;chlich war der einzige Staat, in dem Obama die Latino/a-Stimmen gewonnen hat, sein Heimatstaat Illinois. Und selbst dort mit nur einem Prozent Vorsprung.<br />
Obamas Sieg war also knapp. Der Symbolgehalt seiner Kandidatur wurde ebenso &#252;bertrieben wie seine F&#228;higkeit, die rassifizierte und ethnische Kluft zu &#252;berwinden. Dennoch war es ein Sieg. Dennoch ist seine Kandidatur historisch und symbolisch wichtig. Und er bildete tats&#228;chlich ein B&#252;ndnis, das sich &#252;ber rassistische Linien hinweg setzte. Dies ist keine geringe Leistung, und sie nicht ernst zu nehmen w&#228;re kein geringerer Fehler, als sie zu &#252;bertreiben. Damit sie wirklich bedeutsam sein kann, muss sie etwas Substantielles symbolisieren, und gelegentlich kann dieses „etwas“ ziemlich entscheidend sein. In Obamas Fall wurde sein Aufstieg durch die B&#252;rgerrechtsbewegung und deren Erben erm&#246;glicht, auch wenn sein Programm diesen gegen&#252;ber einen Paradigmenwechsel darstellt.<br />
In der Vergangenheit kam schwarze politische F&#252;hrung in erster Linie aus religi&#246;sen Institutionen. W&#228;hrend der zweiten H&#228;lfte des letzten Jahrhunderts gingen schwarze F&#252;hrungspersonen haupts&#228;chlich aus religi&#246;sen Institutionen hervor, die seit der Sklaverei einen der wenigen autonomen Bereiche schwarzen Lebens bildeten. „Die zentrale soziale Institution in jeder schwarzen community war die Kirche“, schrieb der schwarze Wissenschafter und Aktivist Manning Marable. „Als politische F&#252;hrer waren die schwarzen Kleriker gew&#246;hnlich die Wortf&#252;hrer f&#252;r die gesamte schwarze Community, besonders in Krisenzeiten. Als das politische System demokratischer wurde und Schwarze an Wahlen teilnehmen konnten, war es nur ein kleiner Schritt vom F&#252;hren einer gro&#223;en Kirche zur Kandidatur f&#252;r ein &#246;ffentliches Amt“.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Wie problematisch die Rolle der Kirche auch war, sie war trotz allem organisch mit der schwarzen Community verbunden. Doch die Erfolge des Civil Rights Movement er&#246;ffnete andere M&#246;glichkeiten f&#252;r eine neue Generation schwarzer F&#252;hrungspersonen, von denen Obama nur die prominenteste Figur ist. Ihre politischen Ausrichtungen m&#246;gen unterschiedlich sein, aber ihr Werdegang ist &#228;hnlich. Sie alle haben – wie Obama, der die Universit&#228;ten Columbia und Harvard besuchte – Lebensl&#228;ufe, f&#252;r die man sterben w&#252;rde. Unter ihnen finden sich der Gouverneur von Massachusetts, Deval Patrick (Harvard); der B&#252;rgermeister von Newark, Cory Brooker (Yale); der Vorsitzende des Democratic Leadership Council und ehemalige Krongressabgeordnete aus Tennessee, Harold Ford Jr. (University of Pennsylvania); und der Vizegouverneur von Maryland, Anthony Brow (Harvard). Solche Karrieren sind nicht die Regel, aber sie sind heute auch keine Ausnahmen mehr.<br />
In anderen Worten, die schwarzen F&#252;hrungspers&#246;nlichkeiten der Vergangenheit wurden aus den schwarzen Communities hervorgebracht. Heute ist es wahrscheinlicher, dass sie diesen pr&#228;sentiert werden. Das erkl&#228;rt die Ambivalenz, die schwarze W&#228;hlerInnen Obama gegen&#252;ber anf&#228;nglich an den Tag legten. Nach acht Jahren Colin Powell und Condoleezza Rice hatten sie keine Ahnung, wer er war und wollten wissen, woher er kam und wen er vorhatte zu vertreten. „Sind sie schwarz genug?“ war oft die Kurzfassung des allgemeinen Bedenkens der W&#228;hlerInnen: „Werden sie meine Interessen vertreten?“ Als Obamas WahlhelferInnen den Martin Luther King Day in Charleston beehrten, war diese Z&#246;gerlichkeit bereits verschwunden. Zu dem Zeitpunkt, als Bill Clinton damit aufgeh&#246;rt hatte, Obama in rassistisch kodierten Begriffen anzugreifen, hatte sich die Ambivalenz – &#252;ber eine Phase des schwarzen Selbstbewusstseins – in eine antirassistische Verteidigungshaltung verwandelt, die die schwarzen Stimmen f&#252;r die restlichen Vorwahlen sichern konnte.<br />
Doch diese Generation schwarzer Politiker hat auch Zugang zu einer weiteren Ressource, die ihnen noch vor 20 Jahren kaum zug&#228;nglich war – wei&#223;e Stimmen. 1958 gaben 53 Prozent der W&#228;hlerInnen an, sie w&#252;rden nicht f&#252;r einen schwarzen Kandidaten stimmen, 1984 waren es 16 Prozent, 2006 dann 6 Prozent. Vor 1958 dachten MeinungsforscherInnen nicht einmal daran, die Frage zu stellen. Dies ist eine der zentralen Tatsachen, welche die M&#246;glichkeiten f&#252;r schwarze PolitikerInnen heute neu gestalten – wei&#223;e AmerikanerInnen sind zu einem m&#246;glichen W&#228;hlerInnenkreis f&#252;r schwarze KandidatInnen geworden, was aus diesen wiederum ernstzunehmende MitbewerberInnen au&#223;erhalb der schwarzen Community macht.<br />
„Die Generation der B&#252;rgerrechtsbewegung sah die Politik als n&#228;chsten Schritt im Kampf um B&#252;rgerrechte“ erkl&#228;rt Salim Muwakkil, Herausgeber der Monatszeitschrift <em>In These Times</em>, „ihr Ziel war, dass ihr Programm aufgenommen w&#252;rde, wer auch immer gewinnen sollte. Doch die neue Generation versteht Politik nicht als den n&#228;chsten Schritt, sondern einfach als das, was sie ist – Politik. Ihr Ziel ist, zu gewinnen.“ Das ist eine echte Weiterentwicklung. Aber sie bringt echte Herausforderungen mit sich. Um erfolgreich zu sein, muss diese neue Generation auf eine andere Basis R&#252;cksicht nehmen und andere Interessenskoalitionen zusammenf&#252;hren, als es ihre Vorg&#228;ngerInnen taten. Das verlangt einen anderen rhetorischen Stil, andere Formen der Kampagne und macht eine Ver&#228;nderung der Strategie erforderlich. Darin liegt der zentrale Generationenkonflikt zwischen Obama und seinem ehemaligen Pfarrer, Reverend Jeremiah Wright. Wrights &#228;tzende Kommentare &#252;ber die US-Au&#223;enpolitik sind an afroamerikanischen Mittagstischen so &#252;blich wie scharfe Sauce, auch wenn sie manche Wei&#223;e schockierten. Doch in einer fr&#252;heren Generation h&#228;tte Wright keine Peinlichkeit f&#252;r den Kandidaten dargestellt.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Er w&#228;re selbst der Kandidat gewesen. Und er h&#228;tte nicht auf die Sensibilit&#228;ten von Wei&#223;en achten m&#252;ssen.<br />
Obama wei&#223; das alles nur zu gut. In <em>The Audicy of Hope</em> erinnert er sich daran, wie er im Senat von Illinois mit einem wei&#223;en Abgeordneten sa&#223;, w&#228;hrend sie einem schwarzen Kollegen zuh&#246;rten, der eine Rede &#252;ber die rassistischen Implikationen der Abschaffung eines bestimmten Programms hielt. „Wei&#223;t du was das Problem mit ihm ist“,  bemerkte der wei&#223;e Senator, „immer wenn ich ihn sprechen h&#246;re, f&#252;hle ich mich noch wei&#223;er“. Obama dachte nach: „Um meinen schwarzen Kollegen zu verteidigen, wies ich darauf hin, dass es nicht immer einfach ist, den richtigen Ton zu treffen, wenn man die enormen Belastungen anspricht, von denen die eigene W&#228;hlerschaft  betroffen ist: zu w&#252;tend? Nicht w&#252;tend genug?<br />
Trotzdem war [sein] Kommentar instruktiv. Ob zu Recht oder zu Unrecht, ‚wei&#223;e Schuld‘ [<em>white guilt</em>] hat sich in Amerika gr&#246;&#223;tenteils ersch&#246;pft.“</p>
<h3>Geouted</h3>
<p>Ob „wei&#223;e Schuld“ jemals wirklicht ausge&#252;bt, ausgetrieben oder gar aufgebraucht wurde, und ob es jemals irgendjemandem Gutes tat, wenn dies passierte, sind hypothetische Fragen. Tatsache ist, dass ein schwarzer Politiker, der die Unterst&#252;tzung von Wei&#223;en will, zuerst den „richtigen Ton“ finden muss. F&#252;r Obama war es ein Teil dieser Strategie, zu insistieren, er habe die Frage der <em>race </em>&#252;berwunden. „Es gibt kein schwarzes Amerika oder ein wei&#223;es Amerika; es gibt nur die Vereinigten Staaten von Amerika“ sagte er der Democratic National Convention in seiner Rede, die ihm 2004 erstmals zu gro&#223;er Aufmerksamkeit verhalf. In vieler Hinsicht war seine <em>race </em>sein am schlechtesten geh&#252;tetes Geheimnis. Eine seiner zentralen Aufgaben scheint es zu sein, Wei&#223;en keine Angst zu machen; also muss er einen Weg finden, Wei&#223;e dazu zu bringen, sich dabei wohl zu f&#252;hlen, wenn sie einen schwarzen Kandidaten w&#228;hlen, ohne wirklich dar&#252;ber zu sprechen.<br />
Ansonsten ist, abgesehen von ein paar Bezugnahmen auf die B&#252;rgerrechtsbewegung, <em>race</em> zwar von seiner Botschaft praktisch abwesend, aber gleichzeitig zentral f&#252;r seine Bedeutung. St&#228;ndig und sehr subtil evoziert er den historischen Charakter seiner Kandidatur. Doch in Momenten starker rassistischer Spannungen – etwa als Polizisten einen unbewaffneten schwarzen New Yorker mit f&#252;nfzig Kugeln niederstreckten, oder bei den ma&#223;losen und diskriminierenden Anklagen, die gegen sechs schwarze Jugendliche in Jena, Louisiana erhoben wurden, die angeblich in eine Schulhofpr&#252;gelei verwickelt waren – kamen seine Antworten sp&#228;t und halbherzig. K&#252;rzlich, bei einem Treffen in Detroit, hinderten WahlhelferInnen Obamas Kopftuch tragende Musliminnen daran, hinter diesem zu sitzen. Am vierzigsten Jahrestag der Ermordung von Martin Luther King schafften es McCain und Clinton nach Memphis, Obama aber blieb fern. Solche strategischen Abwesenheiten ernteten ernste Kritik von vielen AfroamerikanerInnen.<br />
Aber hin und wieder wird er geouted. Die Jeremiah Wright-Kontroverse, in der ein gro&#223;er Teil des wei&#223;en Amerikas ersch&#252;ttert schien, als es entdeckte, dass sein neuer schwarzer Freund selbst einen schwarzen Freund hatte, war bis jetzt das eklatanteste Beispiel. In letzter Zeit wurden diese outings auf seine Frau Michelle abgelenkt. Als Demokraten die Republikaner aufforderten, ihre Attacken auf Michelle Obama einzustellen, titelte Rupert Mudochs <em>Fox News</em> mit der Zeile: „Schockierte Liberale: h&#246;rt auf, auf Obamas <em>baby mama </em>herumzuhacken“. In der Nacht, in der Obama die Nominierung gewann, ballte er die Faust mit Michelle – ein &#252;blicher, banaler Gru&#223; unter AfroamerikanerInnen und Jugendlichen. <em>Fox News</em> nannte es einen „terroristischen Gru&#223;“. Offensichtlich gibt es ein wei&#223;es und ein schwarzes Amerika. Beide leben in unterschiedlichen, wenn auch sich &#252;berschneidenden, kulturellen R&#228;umen. Die Segregation, die sie trennt, ist nicht nur physisch, sondern psychisch. Bevor Obama <em>race </em>&#252;berschreiten kann, wird er seinen Teil dazu beitragen m&#252;ssen, den Rassismus abzuschaffen, der das Konzept „Rasse“ &#252;berhaupt m&#246;glich macht.<br />
Doch der symbolische Charakter seiner Kandidatur geht &#252;ber Fragen der Hautfarbe hinaus. Indem er gegen Hilary Clinton und John McCain antrat, repr&#228;sentiert er einen Generationenbruch mit den allzu bekannten Namen, welche das amerikanische politische System in den letzten zwei Jahrzehnten dominierten – zu einem Zeitpunkt, da AmerikanerInnen inst&#228;ndig einen Kurswechsel w&#252;nschen.<br />
Nur 15 Prozent glauben, dass Amerika auf dem richtigen Weg ist – ein Drittel der Zahl nach der Wahl Bushs 2004. Mittlerweile glaubt beinahe die H&#228;lfte, dass die besten Tage des Landes vor&#252;ber sind. In den letzten 18 Monaten hat fast jede Umfrage, in der AmerikanerInnen &#252;ber die F&#252;hrung ihres Landes befragt wurden, Reaktionen zu Tage gef&#246;rdert, die zu den pessimistischsten aller Zeiten z&#228;hlen – die l&#228;ngste Periode, an die man sich seit Watergate erinnern kann. Und es ist nicht schwer zu erkennen, warum. Rund zwei Drittel sind mit Bushs Vorgehen im Irak nicht einverstanden, das KonsumentInnenvertrauen ist das niedrigste seit Jahrzehnten, und drei Viertel der Bev&#246;lkerung glauben, dass die wirtschaftliche Entwicklung noch schlimmer wird. L&#246;hne stagnieren, die Kosten f&#252;r Nahrung und Benzin schie&#223;en in die H&#246;he und die Preise f&#252;r Immobilien st&#252;rzen ab.<br />
Ver&#228;nderung (<em>change</em>) mag ein Obama-Slogan sein. Aber es ist auch das tiefe Verlangen einer &#252;berw&#228;ltigenden Mehrheit der AmerikanerInnen, die in den letzten acht Jahren ZeugInnen eines rapiden Niedergangs sowohl der eigenen Lebensumst&#228;nde als auch des globalen Ansehens der USA wurden.<br />
Obamas Kandidatur bietet keine wirkliche L&#246;sung f&#252;r diese Probleme. Er ist kein Radikaler. Im Bezug auf Politikinhalte ist seine Agenda nicht progressiver als jene Clintons. Seine Antworten auf die dr&#228;ngenden Fragen, denen sich die USA im Inland wie auf internationaler Ebene stellen muss, sind inad&#228;quat und teilweise recht naiv. Am Tag nachdem er die Nominierung unter Dach und Fach hatte, deklarierte er sich vor der Pro-Israel Lobby als „wahrer Freund Israels“ und versprach: „Jerusalem wird die Hauptstadt Israels bleiben, und sie muss ungeteilt bleiben“. (Tats&#228;chlich wird Jerusalem nicht offiziell als Hauptstadt Israels anerkannt. Nur Israel selbst behauptet das.)<br />
Seine Programme sowohl f&#252;r das Gesundheitswesen, als auch die Hypothekenkrise betreffend, waren von allen HauptkandidatInnen die am wenigsten umfangreichen. Sein BeraterInnenstab ist voll von Neoliberalen und Pro-Israelis. Er hat versprochen, den Gro&#223;teil der Truppen aus dem Irak abzuziehen, aber nur unter der Bedingung, dass die Situation vor Ort dies zul&#228;sst. Das kann alles bedeuten, oder auch nichts.<br />
Dass er eine deutliche Verbesserung gegen&#252;ber McCain darstellt, einem Abtreibungsgegner, der sagte, es sei ihm egal, ob die US-Truppen f&#252;r weitere tausend Jahre im Irak bleiben w&#252;rden, ist zweifellos wahr. Allgemein mag es keine gro&#223;en Unterschiede zwischen Republikanern und Demokraten geben, aber der kleine Unterschied, den es gibt, k&#246;nnte f&#252;r viele Leute einen gro&#223;en Unterschied machen. Acht Jahre Bush setzten die Latte beklagenswert niedrig.</p>
<h3>Warum die Begeisterung?</h3>
<p>Nun, die Wirkmacht von Momenten wie jenen in Charleston am <em>Martin Luther King Day</em> – so fl&#252;chtig und illusorisch sie scheinen m&#246;gen – wird weiterhin im ganzen Land, in je eigenen Formen wiederholt. Jedes Mal kommen seine mehrere Generationen umfassenden Scharen unterschiedlicher Hautfarbe zusammen; aus Illusionen scheinen sie eine neue Wirklichkeit zu kreieren.<br />
Das Potential liegt nicht so sehr in Obama selbst, als in denen, die ihn unterst&#252;tzen. Er hat es geschafft, W&#228;hlerInnenschaften zu aktivieren, die lange f&#252;r entweder indifferent oder inaktiv gehalten wurden, und eine politische Kultur anzuregen, die seit 2004 (und ungeachtet des Triumphs der Demokraten 2006) quasi tot war – besonders unter J&#252;ngeren und Schwarzen, die ihre Beteiligung bei den Vorwahlen der Demokraten verglichen mit 2004 um 25 Prozent erh&#246;hten.<br />
Was die Wahlen betrifft, k&#246;nnte er in Bereichen erfolgreich sein, in denen Demokraten seit Jahrzehenten nicht mehr konkurrenzf&#228;hig waren. Doch es ist noch fr&#252;h, ein Sieg McCains ist absolut m&#246;glich. Die Heftigkeit der republikanischen Angriffsmaschine ist wohlbekannt, die M&#228;chtigkeit von Rassismus und Xenophobie in den USA m&#252;ssen noch auf die Probe gestellt werden. Doch bis jetzt zeigen die Umfragen, dass Obama all jene Staaten verteidigt, in denen Kerry knapp gewonnen hatte, einige gewinnt, in denen Bush knapp gewonnen hatte, und viele von jenen herausfordert, von denen Republikaner niemals dachten, dass sie sie verteidigen m&#252;ssten, wie Virgina, North Carolina und sogar Mississippi. Jene Bev&#246;lkerungsteile, die er im Kampf mit Clinton nicht gewann, scheinen ihn nun zu untst&#252;tzen. Je nachdem, welche Umfrage man ansieht, f&#252;hrt er vor McCain bei den Frauen um 13 bis 19 Prozent. Kerry hatte bei Frauen um 3 Prozent gewonnen. Unter Latinos/as schl&#228;gt er McCain mit 62 zu 28 Prozent, Bush bekam 44 Prozent. Letzten Endes scheinen W&#228;hlerInnen Krieg, Arbeitslosigkeit, Anti-Abtreibungsgesetzgebung und Pf&#228;ndungen mehr zu hassen als Schwarze. Wer wei&#223;, wie viele feurige Priester, geballte F&#228;uste und „<em>baby mama</em>“- Sager das &#228;ndern k&#246;nnen.<br />
Aber zun&#228;chst mussten Wahlregistrierungsb&#252;ros in gr&#246;&#223;tenteils schwarzen Gegenden in Louisiana neues Personal anstellen und Zw&#246;lf-Stunden-Schichten einlegen, nachdem die Demokraten dort zur W&#228;hlerInnenrergistrierung aufgerufen hatten. Kurz vor den Vorwahlen in Oregon sprach er vor 75.000 Menschen. In South Carolina erhielt er allein mehr Wahlstimmen, als alle KandidatInnen der Demokraten im Vorjahr zusammen. Meiner Tante in Houston zu Folge verwandelte er meinen Cousin von einem <em>couch potato</em> in einen Wahlbezirksleiter.<br />
Ihm wurde nachgesagt eine Grassroots-Bewegung anzuf&#252;hren. Das ist nur die halbe Wahrheit. Sicherlich sind es Grassroots. Bei &#252;ber das Internet organisierten Treffen kommen die Leute unabh&#228;ngig von der Kampagne zusammen. Auf <em>Facebook</em> hat seine Kandidatur ein Eigenleben entwickelt. Ein Grund daf&#252;r, dass er die Vorwahlen f&#252;r sich entscheiden konnte, ist darin zu suchen, dass seine Unterst&#252;tzerInnen engagierter und auf lokaler Ebene besser organisiert sind als jene Clintons. Aber es ist keine Bewegung. Bis jetzt hat die Kampagne keinen Zweck und keine Bedeutung, die &#252;ber seine Wahl hinausgeht. Seine Kandidatur wurde durch die gro&#223;e Welle an Energie, die nach der Mutlosigkeit der Bush-Jahre freigesetzt wurde, erm&#246;glicht, sie fungierte auch als Bindemittel f&#252;r diese Energie, die nirgendwo anders hin flie&#223;en konnte. Die zentrale Frage ist, wie sich das symbiotische Verh&#228;ltnis zwischen seiner gro&#223;en und hoffnungsvollen Basis und seiner Kandidatur &#252;ber die n&#228;chsten Monate entwickeln wird – ob und wie eine echte politische Basis aus dem Moment des Wahlkampfs entstehen kann. Die F&#228;higkeit und auch das Verlangen seiner Unterst&#252;tzerInnen, eine von der Kampagne unabh&#228;ngige Rolle zu spielen, wird w&#228;hrend eines Wahljahres begrenzt sein, nicht zuletzt wenn nach zwei Amtszeiten republikanischer Missregierung die Aussicht auf einen Sieg McCains realistisch ist. Das &#228;ndert nichts daran, dass sie dies tun m&#252;ssen, wollen sie ihre Erwartungen erf&#252;llt sehen.</p>
<p>Die meisten linken Kritiken an Obamas Politik sind richtig und notwendig, verfehlen f&#252;r sich allein genommen aber das Wesentliche. Jene, die wollen, dass er eine progressivere Agenda &#252;bernimmt, m&#252;ssen zuallererst eine progressive Bewegung etablieren, an die er sich wenden kann. Es ist keineswegs gesichert, dass das geschieht. Aber es ist zumindest m&#246;glich. Und nach den letzten Jahren bedeutet alleine diese M&#246;glichkeit einen bedeutenden Fortschritt.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><em>Gary Younge</em> ist Kolumnist und New York-Korrespondent der britischen Tageszeitung <em>The Guardian</em>n.<br />
Erstmals erschienen in <a href="http://www.socialistreview.org.uk/issue.php?issue=327" target="_blank"><em>Socialist Review</em></a> Juli/August 2008.<br />
&#220;bersetzt von Katherina Kinzel und Benjamin Opratko.</p>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Als Misssissippi Freedom Summer wird die 1964 vom Council of Federated Organisations (COFO) gestartete Kampagne bezeichnet, die m&#246;glichst viele Afro-AmerikanerInnen dazu motivieren sollte, sich f&#252;r die Wahlen, von denen Schwarze zuvor ausgeschlossen gewesen waren, registrieren zu lassen. Auch hier waren die ehrenamtlichen HelferInnen gr&#246;&#223;tenteils junge Wei&#223;e (Anm. d. &#220;.).<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> „post-racial“ (Anm. d. &#220;.)<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> „Superdelegierte“ ist der informelle Name f&#252;r die Partei-Elite der Demokraten: (ehemalige) Kongressabgeordnete, Senatoren, Gouverneure, Mitglieder der Parteif&#252;hrung etc., die Kraft ihres Amtes ein Stimmrecht auf dem Wahlparteitag haben, ohne an die Ergebnisse der Vorwahlen gebunden zu sein.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a>„Swing States“ sind Bundesstaaten, in denen ein knappes Ergebnis zwischen Demokraten und Republikanern erwartet wird. Aufgrund des US-amerikanischen „winner takes all“-Systems, in dem der Sieger in einem Bundesstaat die Stimmen aller „Wahlm&#228;nner“ erh&#228;lt, sind diese Staaten f&#252;r den Wahlausgang besonders entscheidend.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Marable, Manning: Black Leadership, New York 1998<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Rev. Wright war der Pfarrer und langj&#228;hrige Vertraute von Barack Obama. Im M&#228;rz 2008 wurden „unpatriotische“ und „unamerikanische“ Aussagen in Wrights Predigten publik gemacht, in denen er den USA unter anderem die Vertreibung der indigenen nordamerikanischen Bev&#246;lkerung, die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, die Unterst&#252;tzung von Staatsterrorismus in S&#252;dafrika und Pal&#228;stina und nicht zuletzt die unmenschliche Behandlung schwarzer AmerikanerInnen vorwarf. Obama distanzierte sich darauf hin von seinem langj&#228;hrigen Mentor.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/us-wahlen-is-real-change-coming/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Globale Rivalit&#228;ten. Anspruch und Realit&#228;t des amerikanischen Imperiums</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/globale-rivalitaeten-anspruch-und-realitaet-des-amerikanischen-imperiums/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/globale-rivalitaeten-anspruch-und-realitaet-des-amerikanischen-imperiums/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:19:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Imperialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=135</guid>
		<description><![CDATA[Die F&#252;hrungsf&#228;higkeiten der USA erodieren. Auch die n&#228;chste US-Regierung wird der Tatsache ins Auge sehen m&#252;ssen, dass der m&#228;chtigste Staat der Erde in einem globalen System der geopolitischen Machtrivalit&#228;ten und weltwirtschaftlichen Instabilit&#228;ten nicht unhinterfragt herrschen kann, schreibt <em>Tobias ten Brink</em>. Dabei ordnet er die Entwicklungen der letzten Jahre in imperialismustheoretische Debatten ein.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die F&#252;hrungsf&#228;higkeiten der USA erodieren. Auch die n&#228;chste US-Regierung wird der Tatsache ins Auge sehen m&#252;ssen, dass der m&#228;chtigste Staat der Erde in einem globalen System der geopolitischen Machtrivalit&#228;ten und weltwirtschaftlichen Instabilit&#228;ten nicht unhinterfragt herrschen kann, schreibt <em>Tobias ten Brink</em>. Dabei ordnet er die Entwicklungen der letzten Jahre in imperialismustheoretische Debatten ein.<br />
<span id="more-135"></span><br />
Die  weltweiten Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse nach dem Ende des Kalten Krieges wurden von den USA dominiert. Mitte der 1990er konnte sogar von einer unangefochtenen, hegemonialen Rolle gesprochen werden. Es ist aufgrund der einzigartigen Machtkapazit&#228;ten nicht allein als ideologisches Wunschdenken bzw. &#252;berh&#246;hter Ausdruck einer „Ausnahmestellung“ zu begreifen, wenn amerikanische Machteliten das Ziel eines &#252;bergreifenden „Imperiums“ formulieren.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Seit Jahrzehnten zielt die amerikanische Au&#223;enpolitik strategisch auf die Schaffung eines globalen „freien“ Marktes, der vom amerikanischen Staat reguliert wird. Dieser Anspruch scheint mit der Masse der Profite zu korrespondieren, die US-Unternehmen im Ausland realisieren: „Gem&#228;&#223; Zahlen des Jahres 2000 erscheint der Umfang von USDIA-Profiten [Profite, die von US-Unternehmen bzw. deren Tochterfirmen im Ausland erzielt wurden, Anm. TtB] &#252;berw&#228;ltigend. USDIA-Profite stellten 53 % der inl&#228;ndischen Profite“.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a><br />
Tats&#228;chlich kontrollieren die Vereinigten Staaten den internationalen Raum wie kein anderer Akteur. Aus dieser Vormachtstellung resultieren „Hegemonialrenten“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> (u.a. aufgrund der Rolle des Dollar als Weltgeld), die die Kosten der Aufwendungen f&#252;r die Herstellung dieser Ordnung (Verteidigungsausgaben etc.) &#252;bertreffen k&#246;nnen. Auf absehbare Zeit wird der amerikanische Staat die Vorz&#252;ge einer einheitlichen Volkswirtschaft mit enormen Kapazit&#228;ten und eines &#252;bergreifenden &#246;konomischen Anziehungspunktes nutzen k&#246;nnen. Auf Grundlage ihrer gewaltigen milit&#228;rischen &#220;bermacht stellen sie ein, wenn auch prek&#228;res „Gewaltmonopol“ dar, das nicht nur die amerikanischen, sondern auch andere international operierende Unternehmen sowie Staaten f&#252;r ihre Reproduktion zu nutzen versuchen.<br />
Zu einem gewissen Grad fungiert damit die US-amerikanische Weltordnungspolitik auch als Dienstleister der global um stabile Verwertungsm&#246;glichkeiten und Wertsch&#246;pfungsketten bem&#252;hten Unternehmen sowie von Teilen der politischen Machteliten anderer Industriestaaten. Die in den Staaten des „Westens“ in Ans&#228;tzen geteilte kulturalistische Vorstellung eines neuen Konflikts zwischen der „zivilisierten Welt“ und der „barbarisierten Welt“ – der „Kampf der Kulturen“ – deutet auf diesen Sachverhalt hin, auch wenn unterschiedliche Taktiken debattiert werden, wie diesem Konflikt entgegenzutreten sei (was aber auch f&#252;r die Diskussionen in den USA selbst zutrifft).</p>
<h3>Grenzen der amerikanischen Macht</h3>
<p>Doch dies ist nur ein Teil des Gesamtbilds. Die <em>Umsetzung </em>der Ziele gelingt n&#228;mlich nur partiell – im „alten“ Europa schlechter als im „neuen“, in Japan besser als in China, in Indien besser als in Russland, in Lateinamerika schlechter als in S&#252;dostasien, im Nahen und Mittleren Osten schlechter als in Zentralasien. Der Versuch der Bildung eines weltumspannenden Imperiums, der mit der hegemonialen Kontrolle anderer „Vasallenstaaten“ einhergeht, sowie die Strategie offener M&#228;rkte, sto&#223;en auf Widerst&#228;nde. Der Wunsch nach einem „US-Imperium“ wird von der Realit&#228;t des „Imperialismus“, d.h. der geopolitischen Machtrivalit&#228;ten im internationalen Staatensystem und der Instabilit&#228;t der Weltwirtschaft, konterkariert. Das trifft abgeschw&#228;cht auch auf die enge „transatlantische Partnerschaft“ zu: Die Vereinigten Staaten definieren Anspr&#252;che an die „Alliierten“ – etwa den deutlichen Vorrang der NATO und deren Erweiterung auch gegen&#252;ber der europ&#228;ischen Sicherheitsorganisation, die Entwicklung einer europ&#228;ischen Verteidigungspolitik im Rahmen der NATO, die Angleichung der Bedrohungswahrnehmungen –, die allerdings nicht ohne weiteres umgesetzt werden. Die Best&#228;ndigkeit des transatlantischen B&#252;ndnisses in den 1990ern war keine zwangsl&#228;ufige, sondern eine unter gr&#246;&#223;eren Anstrengungen seitens der USA politisch erk&#228;mpfte Entwicklung, wie das amerikanische Engagement in den Balkankriegen, die NATO-Osterweiterung, die Einflussnahme auf die EU-Osterweiterung oder, zuvor, die Etablierung des marktliberalen „Washington Consensus“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> anzeigt.<br />
Auch die Entwicklung der Weltwirtschaft fordert den amerikanischen Staat heraus. Seit den 1970ern konnten die USA die weltwirtschaftlichen Turbulenzen bis zu einem gewissen Grad abfedern bzw. Kriseneffekte anderen Regionen aufb&#252;rden. Die hegemoniale Position der USA in der Weltwirtschaft war niemals ernsthaft gef&#228;hrdet. Gegenw&#228;rtig erscheint es allerdings zumindest als fragw&#252;rdig, ob die aktuelle &#246;konomische Krise und ihre noch schwer absehbaren Folgen in &#228;hnlicher Weise unter Kontrolle gehalten werden k&#246;nnen.  Die Tiefe der Krise – f&#252;r gew&#246;hnlich resultiert die Bankenkrise aus einer allgemeinen Krise, diesmal geht sie ihr voraus, d.h. das Bankensystem ist bereits geschw&#228;cht, bevor die Belastungen aus der allgemeinen Krise kommen – und der auch aufgrund des Aufstiegs Chinas und anderer neuer „Global Player“ relativ betrachtet reduzierte amerikanische Anteil an der Weltproduktion machen dieses Unterfangen zum schwer zu bew&#228;ltigenden Mammutprojekt. &#214;konomen diskutieren die M&#246;glichkeit eines ernsthaften Vertrauensverlustes in den Dollar und selbst in die amerikanische Zentralbank.<br />
Die Differenz zwischen den hegemonialen Zielen der amerikanischen Weltordnungspolitik und ihrer Umsetzung kann – etwas weniger spekulativ als in der Frage der Bew&#228;ltigung der aktuellen Finanzkrise – am Fall der <em>Kontrolle der Welt&#246;lressourcen </em>exemplifiziert werden. Auf der einen Seite steht hier der Anspruch, als hegemonialer Ordnungsgarant die &#214;lnachfrage zu regulieren, indem auch die Interessen anderer ber&#252;cksichtigt werden: „Mit ihrer milit&#228;rischen Macht gestalteten die Vereinigten Staaten eine geopolitische Ordnung, die das von ihnen bevorzugte Modell der Weltwirtschaft politisch st&#252;tzt: also eine immer offenere internationale liberale Ordnung. Die US-Politik zielte darauf ab, eine offene internationale &#214;lwirtschaft zu gestalten, wo von gro&#223;en multinationalen Firmen beherrschte M&#228;rkte Kapital und Waren zuteilen. Die Macht des US-Staates wird nicht einfach nur eingesetzt, um die Konsumbed&#252;rfnisse der Vereinigten Staaten und der US-Firmen zu sch&#252;tzen. Es geht f&#252;r die USA, in der zuversichtlichen Erwartung, als die f&#252;hrende Volkswirtschaft der Welt alle ihre Bed&#252;rfnisse durch Handel befriedigen zu k&#246;nnen, vielmehr darum, die allgemeinen Voraussetzungen f&#252;r einen Welt&#246;lmarkt zu schaffen“.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Diese Zielsetzung trifft allerdings in der Realit&#228;t auf strategische Pr&#228;ferenzen anderer Akteure, die mitunter mit den US-amerikanischen kollidieren.<br />
Im Nahen und Mittleren Osten etwa interagieren mehrere starke Staaten und weitere inter-gesellschaftliche Akteure in einem Raum hoher geostrategischer Bedeutung. Auch die lokalen Staaten treten mit eigenen au&#223;enpolitischen Bestrebungen der Kontrolle von R&#228;umen in Erscheinung. Einige OPEC-Staaten haben seit den 1970ern vor dem Hintergrund der steigenden weltweiten Abh&#228;ngigkeit gegen&#252;ber den Erd&#246;lressourcen an Relevanz gewonnen. Des Weiteren haben innerhalb der Region bis in die 1970er nationalistische, seitdem vor allem politisierte religi&#246;s-nationale Bewegungen Einfluss auf die Politik von Einzelstaaten gewonnen. Zwischen den Staaten bzw. den Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen, die sie repr&#228;sentieren, finden oft Auseinandersetzungen statt, die selten zugunsten aller beteiligten Interessen gel&#246;st werden k&#246;nnen. Zugleich spielen sich in dieser Region indirekte geopolitische Konflikte zwischen den gr&#246;&#223;ten Staaten der Welt ab: Die europ&#228;ischen und ostasiatischen M&#228;chte sind beispielsweise erheblich abh&#228;ngiger von den &#214;l- und Gasressourcen des Nahen und Mittleren Ostens als die Vereinigten Staaten. Weil die Regierungen der Vereinigten Staaten um die <em>strategische Bedeutung</em> der Ware &#214;l wissen, reagieren sie mit ihrem Ringen um den Nahen und Mittleren Osten nicht in erster Linie auf das Interesse einiger einheimischer &#214;lkonzerne (und damit zusammenh&#228;ngender Industriezweige), sondern m&#246;chten als vorherrschende Kraft die Bedingungen und Regeln der Aneignung der Energieressourcen bestimmen, auch wenn daf&#252;r wie im Fall des Irakkriegs 2003 und der daran anschlie&#223;enden Besatzung Aktionen n&#246;tig sind, die sich &#252;berhaupt nicht &#246;konomisch „rechnen“. Eine Vormacht in dieser Frage, so die (riskante) Annahme, bef&#246;rdere die Vorherrschaft in anderen Bereichen, etwa die Kontrolle der Weltleitw&#228;hrung.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a><br />
De facto stellen sich die ausgekl&#252;gelten au&#223;enpolitischen Strategien der USA als ein mehr oder minder effektives Krisenmanagement dar und nicht als eine hegemoniale F&#252;hrung.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Bereits diese Sachverhalte verweisen darauf, dass die USA weder eine hegemoniale F&#252;hrungsmacht noch ein Imperium, sondern lediglich der vorherrschende Akteur der Weltpolitik sind. „Imperien bestimmen die Spielregeln. Sie haben es nicht n&#246;tig, umst&#228;ndliche und nicht einleuchtende Ausnahmen f&#252;r sich einzufordern, die fast von der ganzen Welt abgelehnt werden. Ein Staat, der nicht in der Lage ist, die von ihm bevorzugten internationalen Normen durchzusetzen, ist kein Imperium. Ein Staat, der nicht wenigstens z&#228;hneknirschende Zustimmung seiner wichtigsten ‚Verb&#252;ndeten’ erhalten kann, &#252;bt nicht einmal eine Hegemonie aus“.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Der „Krieg gegen den Terror“ wurde mit dem Ziel gef&#252;hrt, die globale Vorherrschaft der Vereinigten Staaten zu festigen oder gar auszubauen. Faktisch wurde sie geschw&#228;cht. Im Vergleich zur Mitte der 1990er Jahre hat sich die USA vom Ziel der hegemonialen politischen F&#252;hrung entfernt, wiewohl ihre F&#252;hrungsf&#228;higkeit in verschiedenen Bereichen variiert.</p>
<h3>Eind&#228;mmung potentieller Konkurrenten</h3>
<p>Mit dem systematischen Ausstieg aus internationalen Vertr&#228;gen (z.B. Atomteststopvertrag, Vertrag &#252;ber biologische und toxische Waffen, ABM-Vertrag<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a>, Ratifizierung des Internationalen Strafgerichtshofs) gewinnt die USA zwar auf der einen Seite an Entscheidungsfreiheit, verliert aber zugleich an F&#228;higkeit, seine B&#252;ndnispartner im Konsens zu f&#252;hren. Vielmehr scheinen die Vereinigten Staaten mit ihren milit&#228;rischen Aktionen darauf zu setzen, ihre B&#252;ndnispartner einsch&#252;chtern zu wollen. Der gewagte Versuch, &#252;ber den Einsatz milit&#228;rischer Kapazit&#228;ten die eigene Vorherrschaft zu befestigen oder gar auszubauen, bringt jedoch nicht den erwarteten Erfolg. Der amerikanische Hegemonismus hat zu einer Reaktion gef&#252;hrt, die man als „Soft-Balancing“ bezeichnet: „Frankreich und Deutschland haben n&#228;mlich versucht, amerikanische Initiativen politisch zu blockieren, oder sie haben ihre Mitarbeit verweigert, als sie darum ersucht wurden. Desgleichen haben die asiatischen L&#228;nder sich aktiv darum bem&#252;ht, regionale multilaterale Organisationen zu bilden, da Washington bei ihnen den Eindruck erweckt, es interessiere sich nicht besonders f&#252;r ihre Bed&#252;rfnisse. Hugo Chavez in Venezuela hat die &#214;leink&#252;nfte des Landes daf&#252;r eingesetzt, L&#228;nder in den Anden und in der Karibik aus der amerikanischen Einflusssph&#228;re herauszul&#246;sen, w&#228;hrend Russland und China zusammenarbeiten, um die Vereinigten Staaten nach und nach aus Zentralasien hinauszudr&#228;ngen“.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a><br />
Als m&#246;glicherweise folgenreichster Grund f&#252;r die Erosion der amerikanischen Vormachtstellung kann der Trend zu einer Rezentrierung der Weltwirtschaft in Ostasien gelten. Der asiatische Anteil am weltweiten Bruttosozialprodukt ist zwischen 1960 und heute von 13 % auf etwa 30 % gestiegen. Besonders die Entwicklungsstrategien Chinas stellen relativ stabile globale Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse und abgesteckte Interessenssph&#228;ren „alter“ Gro&#223;m&#228;chte in Frage und bergen damit mittelfristig eine Reihe von Konkurrenz- und m&#246;glicherweise folgenreicher Konfliktverh&#228;ltnisse in sich. Einige AutorInnen sehen diesen Prozess als eine „hidden agenda“ hinter der hegemonialen Krise Washingtons.<br />
In diesem Zusammenhang wird plausibel, warum Teile der amerikanischen Machteliten im Rahmen ihrer Globalstrategien nicht nur die Einbindung, sondern auch die <em>Eind&#228;mmung </em>m&#246;glicher Konkurrenten um die globale Vorherrschaft diskutieren.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Dabei gelten besonders Russland und China als m&#246;gliche Wettbewerber um die Rolle der F&#252;hrungsmacht. Virulent werden die Konkurrenzen um Einfluss- und Interessenssph&#228;ren zwischen den USA sowie China und Russland im Hinblick auf den „Eurasian Continental Rim“. Dieser sich von Osteuropa &#252;ber den Kaukasus bis nach Zentralasien erstreckende Staateng&#252;rtel befindet sich seit der Aufl&#246;sung der Sowjetunion in einem Prozess der geopolitischen Restrukturierung. Bis 1991 waren 14 der heutigen Staaten Republiken der Sowjetunion. Um den Einfluss in diesem „Schwarzen Loch“ ringen seitdem die Gro&#223;m&#228;chte. Beim Krieg zwischen dem k&#252;nftigen Nato-Mitgliedstaat Georgien und Russland um S&#252;dossetien und Abchasien handelte es sich nicht nur um einen lokalen Konflikt – es ging auch um das internationale Kr&#228;fteverh&#228;ltnis.</p>
<h3>Renaissance der Imperialismusanalyse</h3>
<p>Das Zeitalter der „Globalisierung“ sollte eigentlich das Ende der Machtpolitik und zwischenstaatlicher Konflikte mit sich bringen. Heerscharen an JournalistInnen und WissenschafterInnen posaunten das in den 1990ern hinaus. Diese optimistische liberale Erkl&#228;rung geht langfristig von einem Versiegen der Quellen internationaler, mit Gewalt verbundener Konflikte aus. Geopolitik und Krieg r&#252;hren dem zufolge aus vormodernen Quellen. Je mehr sich marktwirtschaftliche Prinzipien global durchsetzen und die wirtschaftliche Interdependenz zunimmt, desto mehr werden zwischenstaatliche Konflikte an Bedeutung verlieren. Die Politik der Bush-Regierung wird auf ein nicht mehr zeitgem&#228;&#223;es, „irrationales“ Machtstreben reduziert.<br />
Im wissenschaftlichen „Mainstream“ wird diese These in der Regel nur von konservativen Argumentationen herausgefordert. Eine &#252;bergeschichtliche Konstante der ungleichen Machtverteilung begr&#252;ndet dem zufolge eine anhaltende Tendenz zur milit&#228;rischen Absicherung einzelstaatlicher Interessen. Jeder Staat, der auf Machtpolitik verzichtet, droht letztlich zum Opfer der Machtpolitik anderer Staaten zu werden, was zu einer Unterordnung staatlicher Handlungen unter das Interesse des Machterhalts f&#252;hrt. Nach der Devise „Das ist halt so“ werden die politischen Eliten dazu angeregt, sich den „Umst&#228;nden“ gem&#228;&#223; zu verhalten – und gegebenenfalls mit Gewaltmitteln f&#252;r die Sicherheit und die Interessen eines Landes zu sorgen.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Amerikas Rolle als „Weltpolizist“ wird folgerichtig akzeptiert.<br />
An den kritischen R&#228;ndern des Wissenschaftsbetriebs und in sozialen Bewegungen werden der „alte“ wie „neue“ Imperialismus und die amerikanische Au&#223;enpolitik im Zusammenhang mit dem globalen Kapitalismus und den mit ihm zusammenh&#228;ngenden Konkurrenzverh&#228;ltnissen, Machthierarchien und Unterdr&#252;ckungsmechanismen erforscht. Im Gegensatz zu konservativen TheoretikerInnen halten die linken TheoretikerInnen diese Struktur jedoch prinzipiell f&#252;r &#252;berwindbar.<br />
In den letzten Jahren ist es zu einer Wiederbelebung imperialismustheoretischer Debatten gekommen. Die daf&#252;r verwendeten theoretischen Ans&#228;tze unterscheiden sich freilich. Nachdem die so genannte <em>Empire</em>-These von Michael Hardt und Antonio Negri<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> in den letzten Jahren an Strahlkraft verloren hat – die Annahme einer Transformation des Kapitalismus und der fragmentierten Staatenwelt in einen „glatten Raum“ der Machtaus&#252;bung, einer Herrschaft des „Gesamtkapitals“ – haben zwei andere Ans&#228;tze an Bedeutung gewonnen: Die These eines amerikanischen <em>Superimperialismus</em> und die Annahme <em>neuer globaler Rivalit&#228;ten</em>.<br />
Die These des US-Superimperialismus wird von kritischen WissenschafterInnen wie Leo Panitch vertreten. F&#252;r ihn sind die Staaten, insbesondere der amerikanische Staat, Urheber der Globalisierung und nicht deren Opfer. Nach 1945 hat sich eine historisch neuartige Konstellation ergeben. Die USA konnten die anderen kapitalistischen M&#228;chte in ein funktionsf&#228;higes Netzwerk integrieren. Es ist zur „Verkn&#252;pfung“ des amerikanischen Staates mit den Exekutivapparaten Europas und Japans sowie mit deren Zentralbanken gekommen. Vertiefte wirtschaftliche Verflechtungen innerhalb der Triade, die internationalen politischen Institutionen, die die USA um sich herum schufen, vervollkommnet durch die Sicherheitsstrukturen der NATO, f&#252;hrten so zu einer „Ver&#228;nderung des Wesens des kapitalistischen Zentrums“ im Sinne einer Abnahme inner-imperialistischer Konflikte.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Spannungen und B&#252;ndnisse nationaler herrschender Klassen k&#246;nnen heute nicht mehr in rein „nationalen“ Begriffen verstanden werden. Unter Bezugnahme auf den Marxisten Nicos Poulantzas wird von „inneren“ Bourgeoisien in Europa gesprochen, die im Gegensatz zur alten „nationalen“ Machtelite gegen&#252;ber den USA ihre Unabh&#228;ngigkeit verloren haben. Die EU passt in den Rahmen der amerikanisch gef&#252;hrten Globalisierung, wiewohl es weiterhin zu Meinungsverschiedenheiten kommen kann. Die Krise der 1970er Jahre und die darauf folgende Stagnation konnte der amerikanische Staat relativ erfolgreich &#252;berwinden, obwohl dieser Prozess die wirtschaftliche Konkurrenz zwischen regionalen Wirtschaftsbl&#246;cken forcierte. Der amerikanische Staat sorgt weiterhin als „prototypischer Globalstaat“ f&#252;r eine globale Regulation. Andere potentielle Konkurrenten sind noch lange nicht dazu in der Lage, das amerikanische Imperium herauszufordern.<br />
Panitch kann f&#252;r sich reklamieren, den fortw&#228;hrenden Einfluss einzelstaatlicher Instanzen belegt zu haben. Auch der Akzent auf die Notwendigkeit der Historisierung imperialistischer Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse ist ein Fortschritt. Leider f&#252;hrt eine Fixierung auf die Politik Washingtons dazu, das Durchsetzungsverm&#246;gen der amerikanischen Weltordnungspolitik zu &#252;bersch&#228;tzen, weshalb auch die hieraus abgeleiteten theoretischen Verallgemeinerungen fragw&#252;rdig erscheinen. Die Annahme, der zufolge die &#220;bermacht der amerikanischen Unternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg die europ&#228;ischen Kapitalien „zersetzt“ und das Ende „koh&#228;renter Bourgeoisien“ eingeleitet habe, erscheint vorschnell. Sie untersch&#228;tzt die relative Unabh&#228;ngigkeit der europ&#228;ischen (und anderer) Machteliten genauso wie m&#246;gliche Quellen der Entstehung von zwischenstaatlichen Rivalit&#228;ten, auch wenn diese andere Formen als vor 1945 annehmen.</p>
<h3>Kapitalismus und Geopolitik</h3>
<p>Die Ereignisse der letzten Jahre scheinen denjenigen Autor-Innen Recht zu geben, die von einer fortw&#228;hrenden Relevanz zwischenstaatlicher Konflikte ausgehen. Sie verstehen unter kapitalistischer Geopolitik den Versuch der Kontrolle von und die Einflussnahme in R&#228;umen auch und gerade, wenn keine direkte territoriale Kontrolle &#252;ber diese vorliegt. Einige AutorInnen (u.a. David Harvey, Alex Callinicos oder Joachim Hirsch) versuchen im Rahmen einer Kapitalismusanalyse und der Annahme der relativen Autonomie geopolitischer Konkurrenzlogik imperialismustheoretische Konzepte weiterzuentwickeln.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Einem instrumentellen Staatsverst&#228;ndnis wird dadurch entgegenzutreten versucht, indem zwischen &#246;konomischen und geopolitischen Machtlogiken unterschieden wird. Sie m&#246;chten die Analyse von Staatenkonkurrenz in einem weltwirtschaftlichen Zusammenhang erm&#246;glichen, ohne dass erstere auf letzteren reduziert wird. Der amerikanische Imperialismus steht demzufolge in einem umk&#228;mpften Verh&#228;ltnis zu anderen Imperialismen.<br />
Um an diese Thesen ankn&#252;pfen zu k&#246;nnen, muss mit einer Analyse des Kapitalismus in r&#228;umlicher wie auch in zeitlicher Hinsicht begonnen werden.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Das globale System der „verallgemeinerten Warenproduktion“ ist grundlegend dadurch gekennzeichnet, dass es den sozialen Akteuren &#228;u&#223;erliche Handlungszw&#228;nge aufherrscht. Der Kapitalismus ist zwar ein von Menschen geschaffenes System, es produziert jedoch Verh&#228;ltnisse, die sich gegen&#252;ber dem bewussten Handeln und Wollen der Subjekte verselbst&#228;ndigen – und die, &#252;ber Kontinente und Kulturen hinweg, sowohl Wahrnehmungen als auch Handlungen der Akteure pr&#228;gen.<br />
Verschiedene Merkmale des Kapitalismus – genau genommen der „vielen“ Kapitalismen – tendieren in einer historischen Perspektive betrachtet, d.h. auch unter Ber&#252;cksichtigung erheblicher Modifikationen im Aufbau verschiedener Spielarten des Kapitalismus seit Ende des 19. Jahrhunderts, dazu, geopolitische Konflikte und internationale Abh&#228;ngigkeiten zu bef&#246;rdern:<br />
1.	Geopolitik steht in einem Zusammenhang mit den Klassenverh&#228;ltnissen moderner Gesellschaften. Interne gesellschaftliche Konflikte und Legitimationsdefizite werden h&#228;ufig von Machteliten dadurch zu l&#246;sen versucht, dass ein externes, feindliches „Anderes“ konstruiert wird. Ein innenpolitischer Konsens soll &#252;ber eine Abgrenzung nach „au&#223;en“ hergestellt werden. Die jeweilige nationale Au&#223;enpolitik l&#228;sst sich daher nicht ohne eine Analyse der nationalen Gesellschaften und der Ph&#228;nomene moderner „Massenpolitik“ verstehen (z.B. gesellschaftliche Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse, nationalistische Bewegungen, Auseinandersetzungen im herrschenden Machtblock). Hieraus ergibt sich wiederum eine Unterscheidung zwischen vielf&#228;ltigen <em>Varianten </em>des kapitalistischen Imperialismus.<br />
2.	Die Konflikthaftigkeit kapitalistischer Gesellschaften ersch&#246;pft sich nicht in den „vertikalen“ Klassenauseinandersetzungen. Diese werden von einer anderen Konfliktachse &#252;berlagert, den „horizontalen“ Konkurrenzverh&#228;ltnissen zwischen den Unternehmen. Die systematische Notwendigkeit zur Akkumulation des Kapitals setzt sich vermittelt durch die Konkurrenz durch. Diese wirkt als sozialer Sanktions¬mechanismus, der jedem Einzelkapital den Zwang zur Akkumulation bei Strafe der Existenzgef&#228;hrdung unterwirft. Wettbewerbsverh&#228;ltnisse zwischen Unternehmen generieren eine permanente Unsicherheit und Krisenhaftigkeit. Kapitalistische M&#228;rkte existieren daher immer in einer anarchischen, dezentralen Weise. Die ma&#223;- und endlose Kapitalakkumulation sowie der Sanktionsmechanismus der Konkurrenz verweisen auf die Grenzen der Steuerung des Systems, auch und gerade auf internationaler Ebene.<br />
3.	In welcher Weise ist die &#246;konomische Konkurrenz und Krisenhaftigkeit mit der Politik von Staaten verbunden? Das Kapital dr&#252;ckt schlie&#223;lich in erster Linie ein soziales Verh&#228;ltnis aus, dessen „Motor“ nicht das „nationale Interesse“, sondern das „Eigeninteresse“ an einer m&#246;glichst hohen Profitrate ist. Zur Beantwortung dieser Frage m&#252;ssen die Ursachen f&#252;r die Existenz vieler konkurrierender kapitalistischer Einzelstaaten bzw. gegenw&#228;rtig auch makro-regionaler Zusammenschl&#252;sse beachtet werden. Erst einmal gilt es dabei festzuhalten, dass ohne eine „besonderte“, d.h. relativ autonome politische Instanz, die das Gewaltmonopol innehat, eine gelingende Kapitalakkumulation nicht vorstellbar ist. Der Staat schafft eine Reihe von sozialen, rechtlichen und infrastrukturellen Integrations- und Anpassungsleistungen, die die Aufrechterhaltung kapitalistischer Vergesellschaftung zu garantieren versuchen.<br />
Dass der „Bedarf“ des Kapitals nach einem Staat nicht in einem Weltstaat m&#252;ndet, sondern im Kapitalismus grunds&#228;tzlich viele Staaten koexistieren, hat wenigstens zwei zentrale Ursachen: <em>Erstens </em>macht die Notwendigkeit der Schaffung klassen&#252;bergreifender Koalitionen (gegenw&#228;rtig zwecks Sicherung des „Standortes“) zur Herstellung innergesellschaftlicher Stabilit&#228;t die Integrationsleistungen der Einzelstaaten erforderlich. Am ehesten sind hierzu staatliche Machtapparate in der Lage. Ohne die Existenz vieler Einzelstaaten w&#228;ren grundlegende Mechanismen der Ausbalancierung von Konflikten sowohl innerhalb als auch zwischen den Klassen nicht mehr gew&#228;hrleistet. Diese Form der Abgrenzung der einzelnen Staaten untereinander setzt andere Staaten gewisserma&#223;en voraus: Ein „Anderer“ kann nur konstruiert werden, wenn es diesen Anderen auch wirklich gibt. Wie Nationalismusforscher argumentieren, gilt die nationale Form als „der am universellsten legitimierte Wert im politischen Leben unserer Zeit“.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a><br />
<em>Zweitens </em>f&#252;hrt die kombiniert-ungleiche, krisenhafte wirtschaftliche Entwicklung nicht zu einer Homogenisierung auf Weltebene. Die Welt ist kein einheitlich-glatter, sondern ein gekerbter Raum. Es haben sich fest verankerte wirtschaftliche Zentren gebildet, die in einem engen Wechselverh&#228;ltnis zu den auf dem jeweiligen Territorium herrschenden Staatsapparaten stehen. Harvey spricht von relativ immobilen „raum-zeitlichen Fixierungen“ des Kapitals, insbesondere des Produktivkapitals, die hohe Anforderungen an staatliche Regulierungsapparate stellen. Um eine gewisse Berechenbarkeit und Sicherheit zu gew&#228;hrleisten, m&#252;ssen wirtschaftliche Ver¬flechtungsr&#228;ume ein Ma&#223; an Koh&#228;renz garantieren, die von politischen Hilfestellungen abh&#228;ngt. Komplexe Produktionsstrukturen erfordern eine administrativ-ordnungssetzende Infrastruktur (wie Rechtswesen, Verwaltung, Lizenzierungsverfahren), eine wirtschaftliche Infrastruktur (etwa bei der Regelsetzung f&#252;r &#246;konomische Transaktionen) sowie weitere Regulierungen (beispielsweise im Arbeitsrecht). Ferner verlangt die Kapitalintensivierung der Produktionsprozesse eine gewisse Risiko&#252;bernahme durch den Staat mittels Subventionen, Direktbeteili¬gungen etc. Zugleich waren und sind die Staaten angehalten, f&#252;r ein Mindestma&#223; an ausgebildeten Arbeitskr&#228;ften und deren soziale Sicherheit zu sorgen. Die Globalisierung bringt also eine Gegentendenz hervor: Die globale Akkumulation ist im Zuge permanenter Ortswechsel und der Suche nach profitablen Anlagem&#246;glichkeiten gebunden an eine auch politisch produzierte „geographische“ Infrastruktur..<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a><br />
4.	Doch nicht nur die Unternehmen sind abh&#228;ngig von den jeweiligen staatlichen Instanzen, umgekehrt h&#228;ngt die Existenz des Staates von den erfolgreichen Aktivit&#228;ten der Wirtschaft ab. Sie befinden sich in einer strukturellen Abh&#228;ngigkeit gegen&#252;ber einer gelingenden Akkumulation innerhalb <em>ihres </em>Territoriums, die sich etwa in einem Interesse am Erhalt der Besteuerungsgrundlagen ausdr&#252;ckt. Der moderne, kapitalistische Staat ist immer auch „Steuerstaat“: Um handlungsf&#228;hig zu bleiben, m&#252;ssen die politischen Eliten der Tatsache Rechnung tragen, dass ihre Eink&#252;nfte und damit die Mittel, staatliche Politik zu gestalten, letztlich von einer einigerma&#223;en reibungslosen Kapitalakkumulation abh&#228;ngen. Auch wenn Firmen mehr und mehr „global“ denken und agieren (und sich teilweise auf die infrastrukturellen Voraussetzungen mehrerer Staaten gleichzeitig beziehen), werden die Staaten k&#252;nftig von international wettbewerbsf&#228;higen „nationalen“ bzw. „einheimischen“ Unternehmen ausgehen m&#252;ssen und ein Interesse an dauerhaften Beziehungen zu ihnen haben.<br />
Parallel hierzu bildet der kapitalistische Einzelstaat in einer nicht unmittelbar &#246;konomisch ableitbaren, sondern auch auf seine Selbsterhaltung bezogenen Weise grundlegende Interessen an der Attraktivit&#228;t der von ihm gesicherten und angebotenen Standortvorteile aus.<br />
5.	Auf dieser Basis l&#228;sst sich ein weiteres Merkmal des Kapitalismus benennen, das internationale Konflikte bef&#246;rdert: die Geld- und W&#228;hrungsverh&#228;ltnisse. Geld ist immer bezogen auf konkrete einzelstaatliche (im Falle des Euro, supranationale) <em>W&#228;hrungsr&#228;ume</em>. Die Geldpolitik grenzt mit dem G&#252;ltigkeitsbereich einer W&#228;hrung etwa Binnen- und Au&#223;enwirtschaft gegeneinander ab. Geld ist somit immer ein politisch reguliertes Medium, was insbesondere f&#252;r die Ausgabe des Geldes zutrifft. In den Geldverh&#228;ltnissen kommt &#228;hnlich wie in anderen Strukturmerkmalen des Kapitalismus die konstitutive Pr&#228;senz des Politischen zum Ausdruck. Mangels eines Weltstaates gibt es kein internationales Geld – eine Grundlage f&#252;r die W&#228;hrungskonkurrenz.</p>
<h3>&#214;konomische und geopolitische Konkurrenz</h3>
<p>Aus den vielgestaltigen Artikulationen von Kooperations- und Konkurrenzverh&#228;ltnissen zwischen staatlichen Machtstrategien in einer instabilen Weltwirtschaft geht kein glatter, sondern ein durch viele Akteure konflikthaft strukturierter internationaler Raum hervor. Als ein anarchisches, quer zu anderen sozialr&#228;umlichen Dimensionen verlaufendes Geflecht bef&#246;rdert der Raum des Inter- und Transnationalen nicht intendierte bzw. nicht antizipierte Formen des gewaltf&#246;rmigen Handelns.<br />
Auf Weltebene k&#246;nnen zwei grundlegende, relativ unabh&#228;ngig voneinander existierende und nicht aufeinander zu reduzierende, jedoch sich zeitweise verschr&#228;nkende Muster der Konkurrenz beobachtet werden: die sozio-&#246;konomische sowie die geopolitische Konkurrenz zwischen Einzelkapitalien bzw. Einzelstaaten.<br />
Kapitalbewegungen und kapitalistische Einzelstaaten orientieren sich an verschiedenartigen <em>Kriterien der Reproduktion</em> und bilden daher untereinander ein Spannungsverh&#228;ltnis aus, das regelm&#228;&#223;ig divergierende Handlungsstrategien zur Folge hat, so dass &#246;konomische Interessen sich nicht unvermittelt in Staatshandeln niederschlagen m&#252;ssen. Der Einzelkapitalist operiert „im Raum-Zeit-Kontinuum, w&#228;hrend der Politiker innerhalb der Grenzen seines Hoheitsgebiets operiert und, zumin¬dest in Demokratien, in einer vom Wahlzyklus diktierten Zeitlich¬keit. Andererseits kommen und gehen kapitalistische Firmen, sie ver¬schieben ihren Standort, fusionieren oder schlie&#223;en, wohingegen Staa¬ten langlebige Einheiten sind, nicht abwandern k&#246;nnen und, au&#223;er unter au&#223;ergew&#246;hnlichen Umst&#228;nden geographischer Eroberung, auf Territorien mit festen Grenzen beschr&#228;nkt sind“.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> Das wesentliche &#246;konomische Kriterium der Reproduktion besteht in der Behauptung der relativen Kapitalst&#228;rke (und damit der Profitabilit&#228;t); sollten Einzelkapitalien dieses Ziel verfehlen, drohen der Bankrott oder die &#220;bernahme. Das wesentliche Kriterium der geopolitischen Reproduktion zielt dagegen darauf, die Herrschaft gegen&#252;ber der jeweiligen Bev&#246;lkerung und gegen&#252;ber anderen Staaten sowie „&#228;u&#223;eren“ sozialen Kr&#228;ften zu behaupten.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a><br />
Die wechselseitige strukturelle Abh&#228;ngigkeit beider Akteursebenen f&#252;hrt aber immer wieder auch zu kongruenten Handlungsstrategien, die sich unter anderem in der geopolitischen Hilfestellung bei der globalen Restrukturierung der Kapitalverwertung (in der Produktions-, Zirkulations- und Konsumtionssph&#228;re) und dem Versuch des Managements der internationalen &#246;ffentlichen Sph&#228;ren ausdr&#252;cken. Solche Dienste lassen sich zugleich nicht hinreichend aus einzelnen Profitinteressen erkl&#228;ren, sondern m&#252;ssen immer auch die Interessen einzelstaatlicher Instanzen in Betracht ziehen, die damit etwa auf die Aufrechterhaltung bzw. Erweiterung ihrer Souver&#228;nit&#228;t und damit ihrer Machtbasis zielen.<br />
Wenn die Akkumulationsprozesse die Grenzen eines Gebietes &#252;berschreiten, ist die Frage, wie sich dies auf die Handlungen des urspr&#252;nglichen Standortes (des Staates) auswirkt. Ist es f&#252;r den Staat absehbar, dass dieser Prozess der Kapitalakkumulation seine Macht potentiell unterminieren k&#246;nnte, ringt er mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit darum, Investitionsstr&#246;me mit viel „M&#252;he und Besonnenheit“ zu seinem eigenen Vorteil zu lenken: „Und was den externen Bereich angeht, wird er typischerweise gro&#223;e Aufmerksamkeit auf die Asymmetrien legen, die immer aus dem Handel zwischen R&#228;umen entstehen, und versuchen, die Tr&#252;mpfe der monopolistischen Kontrolle so stark zu machen, wie er kann. Er wird sich, kurz gesagt, notwendig am geopolitischen Kampf beteiligen und wo er kann auf imperialistische Praktiken zur&#252;ckgreifen“.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Die gew&#246;hnlichen Formen der <em>Konkurrenz </em>w&#252;rden sich in letzterem Fall in einen <em>Konflikt</em> steigern. Letztere sind vielgestaltig und liegen in der Regel unterhalb der Schwelle der offenen Gewaltanwendung bzw. dem zwischenstaatlichen Krieg.<br />
Die jeweilige Struktur der internationalen Konkurrenzverh&#228;ltnisse variiert. Die gegenw&#228;rtige Weltordnung unterscheidet sich erheblich von fr&#252;heren Weltordnungsphasen. Das Verh&#228;ltnis zwischen Kooperation und Konflikt im Kontext des amerikanischen Hegemonismus erscheint gegenw&#228;rtig, etwas vereinfacht ausgedr&#252;ckt, wie folgt: In relativer &#220;bereinstimmung wird auf den internationalen Wirtschafts- und Politikgipfeln versucht, die „Agenda“ zu setzen und marktliberale Handlungs- und Deutungsmuster zu festigen. Doch bereits bei den Sondierungsgespr&#228;chen &#252;ber Fragen der Wirtschafts-, Sicherheits- und Energiepolitik k&#246;nnen mitunter erhebliche Meinungsverschiedenheiten auftreten, die dann in den internationalen Organisationen wie der UN, der NATO oder der WTO m&#246;glicherweise bis zur Handlungsunf&#228;higkeit f&#252;hren. Die Machteliten sind sich mehr oder wenig einig darin, die Herstellung von weltweiter Ordnung und einer gelingenden Kapitalakkumulation (auch mittels Gewalt) gegen&#252;ber den Bev&#246;lkerungen herzustellen, streiten aber untereinander um die <em>Rangordnung </em>in der Herstellung dieser Ordnung.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a><br />
Insofern steht die heutige Forschung vor der Herausforderung, die Bedingungskonstellationen potentieller &#246;konomischer und geopolitischer Konflikte zwischen den entwickelten Industriegesellschaften vor dem Hintergrund der nur relativen Zusammenfassung derselben unter amerikanischer Vorherrschaft zu untersuchen. Auch wenn verschiedene kapitalistische Staaten ein im Kern &#228;hnliches marktliberales „policy regime“ durchsetzen, bedeutet das im Umkehrschluss nicht, dass unter ihnen keine ernsthaften Interessengegens&#228;tze bestehen oder entstehen k&#246;nnen. Die „Triadezentren“ bleiben in eine „st&#228;ndige Auseinandersetzung um die Kontrolle von M&#228;rkten, Investitionsgebieten und Rohstoffquellen verwickelt. Interventionskriege wie auf dem Balkan, in Afghanistan oder im Irak liegen einerseits im Interesse der kapitalistischen Metropolen an der Erhaltung der von ihnen bestimmten &#246;konomischen, milit&#228;rischen und politischen Weltordnung. Zugleich sind sie auch ein Mittel der Auseinandersetzung zwischen ihnen um Rohstoffvorkommen, Marktzug&#228;nge und Investitionsgebiete“.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Unter der Regierung Bush ist diese Dynamik besonders deutlich geworden. Auf der obersten F&#252;hrungsebene der amerikanischen Politik hatte bereits in den 1990ern eine ideologische Verschiebung stattgefunden. In den letzten Jahren der Clinton-Regierung sowie in der nachfolgenden, „neokonservativen“ Bush-Administration wurde wieder verst&#228;rkt nach Ma&#223;gabe geopolitischer Strategien agiert, denen zufolge die <em>geo-&#246;konomische</em> Vorherrschaft eine <em>geopolitische </em>(Macht-)Grundlage zur Voraussetzung hat.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a></p>
<h3>Hoffnung Obama?</h3>
<p>Insgesamt lassen diese Sachverhalte die Hoffnungen auf einen grunds&#228;tzlichen Wandel der Au&#223;enpolitik innerhalb global-kapitalistischer Sozialbeziehungen schwinden. Gegenw&#228;rtig steht Barack Obama weltweit f&#252;r die Hoffnung auf eine friedlichere Au&#223;enpolitik. Doch auch er w&#252;rde im Rahmen eines Weltsystems regieren m&#252;ssen, das von erheblichen Verwerfungen, zwischenstaatlichen Konflikten und Gewalt zusehends dominiert ist. Obama steht (bislang) f&#252;r eine Au&#223;enpolitik, die mehr als sein Vorg&#228;nger Bush auf die „multilaterale“ Absprache mit den „B&#252;ndnispartnern“ setzt. Daher wird etwa die NATO in den n&#228;chsten Jahren wom&#246;glich eine wichtigere Rolle im globalen Spiel um Macht und Einfluss erhalten. In einem Aufsatz f&#252;r die renommierte Zeitschrift <em>Foreign Affairs</em> informiert er dar&#252;ber, dass seine au&#223;enpolitischen Zielsetzungen lediglich taktische &#196;nderungen darstellen. „Ich werde nicht z&#246;gern, Gewalt einzusetzen, wenn notwendig auch unilateral, um das amerikanische Volk oder unsere grundlegenden Interessen zu sch&#252;tzen … Wir m&#252;ssen auch erw&#228;gen, milit&#228;rische Macht unter Umst&#228;nden einzusetzen, die &#252;ber die Selbstverteidigung hinausgehen, um f&#252;r die gemeinsame Sicherheit zu sorgen, die die globale Stabilit&#228;t untermauert.“<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a>In einer Stellungnahme w&#228;hrend des Kaukasus-Kriegs im August 2008 sprach sich Obama f&#252;r eine beschleunigte Aufnahme Georgiens in die NATO aus – und goss damit &#214;l ins Feuer. Zwar votiert er f&#252;r einen allm&#228;hlichen Truppenabzug aus dem Irak (stellt dies allerdings unter den Vorbehalt der Expertise seiner Milit&#228;rs), fordert aber im n&#228;chsten Satz eine Verst&#228;rkung der Truppenpr&#228;senz in Afghanistan.<br />
Obamas st&#228;rker b&#252;ndnisorientierte Vorstellungen haben Tradition. Durch die beiden gro&#223;en Parteien des politischen Systems der USA hindurch wurde das gesamte 20. Jahrhundert &#252;ber die richtige au&#223;enpolitische Taktik gestritten. Auch unter den Liberalen Wilson, Roosevelt oder Clinton wurden imperiale Ziele angestrebt. Der immer wieder auf den „Multilateralismus“ Bezug nehmende amerikanische Liberalismus agierte immer als national orientierter „Internationalismus“, der nie, wie konservative Kr&#228;fte kritisieren, einfach nur einem idealistischen Politikansatz Rechnung trug, sondern immer auch geopolitische Ambitionen durchzusetzen suchte.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a> Das Desaster im Irak und die aufgebrachte &#214;ffentlichkeit dr&#228;ngen derzeit dazu, das Ruder wieder in eine st&#228;rker multilaterale Richtung zu rei&#223;en. Bereits Bush hat in seiner zweiten Amtsperiode auf diesen Druck reagieren m&#252;ssen.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a><br />
Die Vereinigten Staaten sind der einzige Staat, der in der Lage ist, ein weltweites hegemoniales Projekt zu verfechten. Doch dieser Versuch st&#246;&#223;t auf Widerst&#228;nde. Der Wunsch nach einem „US-Imperium“ wird von der Realit&#228;t der geopolitischen Machtrivalit&#228;ten im internationalen Staatensystem, der Instabilit&#228;t der Weltwirtschaft und den Konkurrenzen im Bereich der W&#228;hrungsverh&#228;ltnisse untergraben. Ob dies durch eine ver&#228;nderte Taktik r&#252;ckg&#228;ngig gemacht werden kann, erscheint fraglich. Ebenso die vage Hoffnung, der Multilateralismus k&#246;nne wenigstens das Ausma&#223; der Gewalt reduzieren.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><em>Tobias ten Brink</em> ist Politikwissenschafter und arbeitet am Frankfurter <em>Institut f&#252;r Sozialforschung</em>.<br />
Zuletzt sind von ihm erschienen:<br />
<em>Staatenkonflikte</em>. Stuttgart: Lucius &amp; Lucius 2008<br />
und<br />
<em>Geopolitik</em>. Geschichte und Gegenwart kapitalistischer Staatenkonkurrenz. M&#252;nster: Westf&#228;lisches Dampfboot 2008.</p>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Vgl. Bacevich, Andrew J.: American Empire. The Realities and Consequences of U.S. Diplomacy, Cambridge/London 2002, 3, 79-116, 215 ff.<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Duménil, Gérard/ Lévy, Dominique: The economics of US imperialism at the turn of the 21st century, in: Review of International Political Economy, Vol. 11, 4/2004, 662<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> „Hegemonialrenten” sind Gewinne, die die US-amerikanische Wirtschaft aufgrund der politischen und milit&#228;rischen Vormachtstellung der USA im Weltsystem absch&#246;pfen kann. Vgl. Massarat, Mohsen: Amerikas Hegemonialsystem und seine Grenzen. Europas Beitrag f&#252;r eine multilaterale Weltordnung, in: Sozialismus Supplement 3/2004, 1-33, online unter <a href="http://www.home.uni-osnabrueck.de/mohmass/USAHEM.pdf" target="_blank">http://www.home.uni-osnabrueck.de/mohmass/USAHEM.pdf</a> (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Als „Washington Consensus” wird die neoliberale wirtschaftspolitische Doktrin bezeichnet, die insbesondere von den in Washington ans&#228;ssigen Institutionen IWF (Internationaler W&#228;hrungsfonds) und Weltbank in aller Welt durchgesetzt wird (Anm. d. Red.)<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Bromley, Simon: The United States and the Control of World Oil, in: Government and Opposition, Vol. 40, 2/2005, 254<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Vgl. Altvater, Elmar: Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen. Eine radikale Kapitalismuskritik, M&#252;nster 2005, 163 ff.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Dies h&#228;ngt nicht zuletzt mit den innergesellschaftlichen Verh&#228;ltnissen der Staaten der Region zusammen, weshalb beispielsweise auch freundschaftliche Beziehungen zu den Machteliten Saudi-Arabiens keine Garantie daf&#252;r darstellen, dass sich interne politische Machtverh&#228;ltnisse nicht zu Ungunsten Washingtons ver&#228;ndern k&#246;nnen. Zus&#228;tzlich spielte in den letzten Jahren die Wahrnehmung ver&#228;nderter inter-gesellschaftlicher Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse eine Rolle in der Geopolitik der Vereinigten Staaten: „Der Krieg ab 2003 ging um mehr als um &#214;l, so sehr &#214;l auch ein zentraler Punkt der Berechnungen war. Ebenso bedrohte eine Interessenkoalition im Mittleren Osten aus Irak, Saudi-Arabien und islamistischen Bewegungen die Hoffnung auf die Vision der US-zentrierten Globalisierung erheblich.“ Vgl. Smith, Neil: The Endgame of Globalization, London/New York 2005, 190<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Donnelly, Jack: Sovereign Inequalities and Hierarchy in Anarchy: American Power and International Society, in: European Journal of International Relations, Vol. 12, 2/2006, 160<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Der 1972 zwischen den USA und der Sowjetunion geschlossene ABM-Vertrag begrenzt den Einsatz von Raketenabwehrsystemen („Anti-Ballistic Missiles“) (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Fukuyama, Francis: Scheitert Amerika? Supermacht am Scheideweg, Berlin 2006, 192<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Vgl. Layne, Christopher: The Peace of Illusions: American Grand Strategy from 1940 to the Present, Ithaka/London 2006; Mearsheimer, John J.: The Tragedy of Great Power Politics, New York 2003; f&#252;r eine Diskussion aus der Perspektive der Partei der Demokraten: Brzezinski, Zbigniew: Second Chance: Three Presidents and the Crisis of American Superpower, New York 2007<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> In der Disziplin der Internationalen Beziehungen firmiert dieser Ansatz unter dem Namen Realismus bzw. Neo-Realismus. Einer der bekanntesten Realisten, John J. Mearsheimer (2003), erwartet erhebliche Konflikte zwischen den Gro&#223;m&#228;chten und h&#228;lt sogar Kriege zwischen ihnen f&#252;r m&#246;glich. Er sieht die st&#228;ndige Suche nach &#220;berlegenheit als einzige Garantie des &#220;berlebens von Staaten an. Ihre „Sicherheit“ werden Staaten nur erreichen, wenn sie verstehen, dass sie am ehesten dann &#252;berleben, wenn sie der m&#228;chtigste Staat sind. Eine zentrale Konfliktlinie bis hin zum Krieg sieht Mearsheimer im Verh&#228;ltnis zwischen den USA und China. Eine Konfrontation wird unvermeidlich werden, wenn das chinesische Wirtschaftswachstum anh&#228;lt und China eine schlagkr&#228;ftige Streitkraft aufbaut. Um dies abzuwenden, ist eine notfalls auch aggressive Eind&#228;mmung n&#246;tig. Auch in Europa erwartet er eine R&#252;ckkehr zur alten Gro&#223;m&#228;chterivalit&#228;t. Noch ist Deutschland abh&#228;ngig von den USA. Dies kann sich &#228;ndern – wenn die BRD beispielsweise ein eigenes Nukleararsenal errichtet und auf diese Weise noch mehr Kontrolle &#252;ber Mittel- und Osteuropa aus&#252;bt (was wiederum Russland auf den Plan rufen wird). Milit&#228;rische Konflikte sind dann nicht mehr auszuschlie&#223;en. Zur Begr&#252;ndung seiner Vorstellungen nimmt dieser Ansatz jedoch eine Vereinfachung der Wirklichkeit vor, weshalb er an dieser Stelle nicht weiter behandelt wird. Es wird i.d.R. mit nur einer Variablen, der Machtverteilung im internationalen Staatensystem, das Verhalten von Staaten bzw. Hegemonen erkl&#228;rt. Die Perspektive tendiert dazu, sozio-&#246;konomische Prozesse genauso wie die Rolle von sozialen Akteuren au&#223;erhalb des Staatsapparats zu vernachl&#228;ssigen. Der Blick wird lediglich auf die Staaten gerichtet, aber nicht in sie hinein. Vgl. f&#252;r den deutschen bzw. europ&#228;ischen Kontext: M&#252;nkler, Herfried: Imperien. Die Logik der Weltherrschaft – vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten, Berlin 2005<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Hardt, Michael/ Negri, Antonio: Empire. Die neue Weltordnung, Frankfurt/M. 2003. In einem neuen Buch relativieren Hardt/Negri ihre Annahmen. Nachdem in Empire „Big Government is over“ erkl&#228;rt wurde, rekurrieren sie nun wieder mehr auf den starken Staat – „Big Government is back“. Die Krise nach dem 11.9.2001 verdeutlicht, wie sehr „Nationalstaaten f&#252;r die Weltordnung und die Sicherheit absolut unerl&#228;sslich“ sind. Das „Empire“ sei durch scharfe Widerspr&#252;che gekennzeichnet. Negri, Antonio / Hardt, Michael: Multitude – Krieg und Demokratie im Empire, Frankfurt/New York 2004, 39, 200<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Panitch, Leo / Gindin, Sam: Globaler Kapitalismus und amerikanisches Imperium, Hamburg 2004<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Harvey, David: Der neue Imperialismus, Hamburg 2005; Callinicos, Alex: Ben&#246;tigt der Kapitalismus das Staatensystem?, in: Arrighi, Giovanni u.a.: Kapitalismus Reloaded. Kontroversen zu Imperialismus, Empire und Hegemonie, Hamburg 2007; Hirsch, Joachim: Materialistische Staatstheorie. Transformationsprozesse des kapitalistischen Staatensystems, Hamburg 2005<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Folgende Ausf&#252;hrungen bleiben aufgrund des Platzmangels fragmentarisch. Vgl. f&#252;r eine ausf&#252;hrliche Darstellung: ten Brink, Tobias: Geopolitik. Geschichte und Gegenwart kapitalistischer Staatenkonkurrenz, M&#252;nster 2008<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Anderson, Benedict: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, Frankfurt/New York 1996, 12 f.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Neuere Tendenzen der Transnationalisierung &#246;konomischer Prozesse haben die Entstehung makro-regionaler Wirtschaftseinheiten mit partieller politischer Integration (EU) bef&#246;rdert.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Harvey, Der neue Imperialismus, a.a.O, 34<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Bestimmte weltweit ausgerichtete Unternehmensgruppen sind aus diesem Grund von den weniger mobilen politischen Eliten zu unterscheiden. Im Raum der EU sowie im transatlantischen Raum hat dies zu einem h&#246;heren Grad der Homogenisierung der Interessenlagen gef&#252;hrt als dies au&#223;erhalb dieser R&#228;ume der Fall ist.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Harvey, Der neue Imperialismus, a.a.O., 108. Gegenw&#228;rtig agiert die Mehrheit der Unternehmen immer noch vorwiegend in nationalen und/oder makro-regionalen R&#228;umen. Es ist voreilig, von den hohen Transnationalisierungsgraden der gr&#246;&#223;ten Konzerne auf die gesamte Struktur der Weltwirtschaft zu schlie&#223;en. Auf der einzelstaatlichen Ebene kann dies zur Entstehung nationaler &#246;konomischer Interessen f&#252;hren (und im makro-regionalen Raum dementsprechend zu „europ&#228;ischen“ Interessen), wie an den nationalen Leistungsbilanzen und dem Interesse an einer W&#228;hrungssouver&#228;nit&#228;t abzulesen ist. In dieser Weise werden „nationale Volkswirtschaften“ immer wieder rekonstruiert und reproduziert, was zugleich der &#220;berlagerung der inneren Sozialkonflikte dient (vgl. ten Brink, Geopolitik, a.a.O., S. 147-180).<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Dabei gilt es zwischen der St&#228;rke der Einzelstaaten zu differenzieren. Innerhalb der Gruppe der starken Staaten lassen sich vier Typen unterscheiden: erstens der global vorherrschende amerikanische Staat; zweitens makro-regional f&#252;hrende Staaten mit globalem Wirkungsradius wie Deutschland und Frankreich (zunehmend im Rahmen der EU), Japan, mehr und mehr auch China; drittens weitere makro-regionale M&#228;chte mit weniger gro&#223;er Wirkungsmacht wie Russland, Brasilien oder Indien; viertens starke Staaten mit geringerem Aktionsradius wie S&#252;dkorea, T&#252;rkei, Israel, &#196;gypten oder S&#252;dafrika. Letztere Staaten k&#246;nnen, sofern sie sich imperialistischer Praktiken bedienen, als subimperialistische M&#228;chte bezeichnet werden.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Hirsch, Materialistische Staatstheorie, a.a.O., 165<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Im Aufstieg des Neokonservativismus b&#252;ndelte sich schlie&#223;lich eine Kritik der liberalen Lesart der Moderne mit dem Versuch der Re-Moralisierung der Politik.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Obama, Barack: Renewing American Leadership, in: Foreign Affairs, 7/8-2007, hier: <a href="http://www.foreignaffairs.org/20070701faessay86401/barack-obama/renewing-american-leadership.html" target="_blank">http://www.foreignaffairs.org/20070701faessay86401/barack-obama/renewing-american-leadership.html</a><br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Smith, The Endgame of Globalization, a.a.O., 44-52<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> De facto basieren die Au&#223;enbeziehungen zwischen den st&#228;rksten Staaten jenseits der politisch-diplomatischen Konfrontation „Multilateralismus“ versus „Unilateralismus“ auf einem komplexen Ineinandergreifen uni- und multilateraler Politikformen. Auch die Clinton-Regierung &#252;berging die UNO und ergriff einseitig Ma&#223;nahmen, wenn sie es f&#252;r notwendig hielt. Ihre Betonung multilateraler Weltpolitik war in Wirklichkeit ein instrumenteller Multilateralismus, der nach der Ma&#223;gabe erfolgte, mit der Zustimmung und Unterst&#252;tzung anderer L&#228;nder zu handeln, wenn es als sinnvoll erachtet wurde – zugleich sich aber die M&#246;glichkeit vorzubehalten, alleine zu handeln, wenn dies als zweckm&#228;&#223;ig angesehen wurde. Uni- und Multilateralismus schlie&#223;en einander nicht aus.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/globale-rivalitaeten-anspruch-und-realitaet-des-amerikanischen-imperiums/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Stars and Strikes</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/stars-and-strikes/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/stars-and-strikes/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:19:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=136</guid>
		<description><![CDATA[<em>Philipp Probst</em> ruft die militanten und kreativen K&#228;mpfe der revolution&#228;ren Gewerkschaft der <em>Industrial Workers of the World</em> zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Erinnerung. Die Organisierung &#252;berwiegend weiblicher, migrantischer, ungelernter ArbeiterInnen ist heute noch ein inspirierendes Beispiel klassenk&#228;mpferischer Gewerkschaftspraxis.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Philipp Probst</em> ruft die militanten und kreativen K&#228;mpfe der revolution&#228;ren Gewerkschaft der <em>Industrial Workers of the World</em> zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Erinnerung. Die Organisierung &#252;berwiegend weiblicher, migrantischer, ungelernter ArbeiterInnen ist heute noch ein inspirierendes Beispiel klassenk&#228;mpferischer Gewerkschaftspraxis.<br />
<span id="more-136"></span></p>
<p>Amerika scheint ein Land ohne Klassenauseinandersetzungen und k&#228;mpfende Arbeiterinnen und Arbeiter zu sein; das Klischee des amerikanischen Arbeiters als wei&#223;, m&#228;nnlich, patriotisch, zumindest ein bisschen christlich-fundamental und im Grunde reaktion&#228;r h&#228;lt sich hartn&#228;ckig. Die Proteste migrantischer ArbeiterInnen 2006, <em>worker centers</em>, die Organizing-Versuche neuer Gewerkschaftsbewegungen und „wilde“ Streiks zeichnen hingegen ein anderes Bild der amerikanischen ArbeiterInnenklasse.<br />
Dass viele dieser Entwicklungen nicht v&#246;llig neuartig sind, ist allerdings in der Geschichte der US-amerikanischen ArbeiterInnenbewegung versch&#252;ttet worden. Bereits die revolution&#228;re Gewerkschaft der <em>Industrial Workers of the World</em> (IWW), eine der herausstechendsten Organisationen der K&#228;mpfe Anfang des 20. Jahrhunderts, versuchte, Kampf- und Organisationsformen ungelernter, &#252;berwiegend weiblicher und migrantischer ArbeiterInnen aufzugreifen. Von der Sensibilit&#228;t der „Wobblies“ f&#252;r Ver&#228;nderungen in der Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse und ihrer klassenk&#228;mpferischen Einstellung kann auch die heutige Debatte zur Neuausrichtung der Gewerkschaftsbewegung lernen.<br />
In der Phase der industriellen Umstrukturierung der amerikanischen Wirtschaft war die IWW die erste gewerkschaftliche Organisation, die die Auswirkungen des Taylorismus auf die ArbeiterInnenklasse erkannte. Ihr Anspruch, die Spaltungen zwischen den ArbeiterInnen zu &#252;berwinden und alle in einer gro&#223;en Gewerkschaft zu organisieren, war wegweisend f&#252;r die sp&#228;tere amerikanische Gewerkschaftsbewegung. Das Ziel der IWW war eine neue, bessere Gesellschaft und der Massenstreiks das entscheidende Mittel, diese zu erreichen.</p>
<h3>Die „Industrial Workers of the World”</h3>
<p>Am 27. Juni 1905 er&#246;ffnete „Big Bill“ Haywood in Chicago den Gr&#252;ndungskonvent der IWW unter gro&#223;em Beifall: „Dies ist der kontinentale Kongress der ArbeiterInnenklasse. Wir sind hier, um die ArbeiterInnen dieses Landes zu einer ArbeiterInnenbewegung zusammenzuschlie&#223;en, deren Ziel die Befreiung der ArbeiterInnenklasse von der kapitalistischen Sklaverei ist“.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Der Saal war voll mit Delegierten aus dem ganzen Land: AnarchistInnen und SozialistInnen, der linke Fl&#252;gel der <em>Socialist Party</em>, Frauen und M&#228;nner, Schwarze und Wei&#223;e, die k&#228;mpferischen Bergleute der <em>Western Federation of Miners</em>, „Radikale, RebellInnen und Revolution&#228;rInnen, die ‚stiff-necked irreconcilables’ im Krieg mit der kapitalistischen Gesellschaft“.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Sie sahen die Organisation als Mittel, den Kapitalismus zu st&#252;rzen und durch „eine neue soziale Ordnung“ zu ersetzen, als eine Organisation, die „geformt, basiert und gegr&#252;ndet ist im Klassenkampf“ und kompromisslos gegen die von anderen Gewerkschaften betonte Klassenkooperation stand. „Die Idee des Klassenkonflikts war … die Ausgangsbasis der IWW“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> und anstelle des „konservativen Mottos ‚Ein fairer Tageslohn f&#252;r einen fairen Arbeitstag‘“ stand die Forderung nach der Abschaffung des ganzen Lohnsystems.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
Der Slogan „One Big Union“ brachte auf den Punkt, was die IWW sein wollte. Entgegen der ausgrenzenden Politik etablierter Gewerkschaften wie der <em>American Federation of Labor</em> (AFL), die nur wei&#223;e, gelernte Arbeiter aufnahmen, sollte die IWW nicht nur gelernte und ungelernte (<em>skilled and unskilled labor</em>) umfassen, sondern auch Frauen und die gro&#223;e Zahl migrantischer Arbeiter und Arbeiterinnen. „Was wir diesmal aufbauen wollen, ist eine ArbeiterInnenorganisation, die ihre T&#252;ren weit f&#252;r alle &#246;ffnen wird, die ihren Unterhalt entweder durch ihre Muskeln oder ihr Gehirn verdienen.“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a></p>
<h3>Vorgeschichte: Pullman 1894</h3>
<p>Der Streik der <em>American Railway Union</em> in Pullman unter F&#252;hrung des Sozialisten Eugene V. Debs war ein entscheidender Moment in der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung und die Gr&#252;nde f&#252;r dessen Niederlage pr&#228;gten die nachfolgenden Jahre und die Politik der IWW grundlegend.<br />
Ende des 19. Jahrhunderts war Amerika Schauplatz rasanter Industrialisierung und Mechanisierung der Produktionstechniken und heftiger Streikbewegungen. 1892 konnte in Homestead der Streik der damals st&#228;rksten Teilgewerkschaft, der <em>Amalgamated Association of Iron and Steel Workers</em>, gegen das Carnegie Unternehmen nur durch die Gewalt von Privatarmee und Regierungstruppen gebrochen werden. Der Arbeitskampf endete mit der Zerschlagung der <em>Amalgamated Association</em>. Die Zerschlagung „der m&#228;chtigsten Gewerkschaft der Vereinigten Staaten durch eine Privatarmee, die Staatsmiliz und die Carnegie-Gesellschaft zwang die Arbeiter zum Umdenken. Es galt, neue L&#246;sungen auf dem Boden einer weitreichenden Solidarit&#228;t der Lohnabh&#228;ngigen zu finden.“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a><br />
&#196;hnliche Erfahrungen machten im gleichen Jahr die ArbeiterInnen von New Orleans, die einen Generalstreik ausgerufen hatten, in dem sich schwarze und wei&#223;e ArbeiterInnen solidarisierten. Kurzfristig wurde die rassistische Segregation unter den ArbeiterInnen &#252;berwunden und das Potential gemeinsamer K&#228;mpfe aufgezeigt. Aufgrund der Gefahr einer Solidarisierung schwarzer und wei&#223;er ArbeiterInnen versch&#228;rften Unternehmer und Regierung rassistische Segregationsstrategien sowie die Durchsetzung der<em> Jim Crow</em>-Gesetze.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a><br />
Die Streikwelle des Jahres 1894 – es streikten 750.000 ArbeiterInnen, mehr als jemals zuvor – gipfelte schlie&#223;lich in den Auseinandersetzungen in Pullman. George Pullman, Besitzer des Waggonherstellerunternehmens <em>Pullman Palace Car Company</em>, geh&#246;rte im Grunde die ganze Stadt: H&#228;user, Wohnungen und Stra&#223;en. Der Frust &#252;ber fallende L&#246;hne bei gleich bleibenden Mieten, die direkt vom Lohn abgezogen wurden, f&#252;hrte zum Streik. Ein Arbeiter fasste die Stimmung zusammen: „Wir bekommen zu wenig Geld zum Leben, warum sollten wir also arbeiten?“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> In diesen Auseinandersetzungen war die <em>American Railway Union </em>(ARU, eine Teilgewerkschaft der AFL), in der Eugene Debs eine f&#252;hrende Rolle innehatte, entscheidend. Der Streik in den Pullmanwerken weitete sich rasch aus. Solidarit&#228;tsstreiks und ein Boykott der Weichensteller f&#252;hrten dazu, dass bald alle Linien nach Chicago brach lagen.<br />
Die Solidarit&#228;tsstreiks wurden vor allem durch eine Strategie der ARU m&#246;glich, die im Gegensatz zur AFL-Dachgewerkschaft, die die Facharbeiter nach „Z&#252;nften“ oder „Handwerk“, d.h. einer Teilgewerkschaft f&#252;r Weichensteller, einer f&#252;r Drucker, etc.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> organisierte, darauf abzielte, m&#246;glichst allumfassend die ArbeiterInnen der Industrien zu organisieren.<br />
Die ARU nahm damit schon in Ans&#228;tzen vorweg, was die IWW sp&#228;ter unter <em>Industrial Unionism</em> verstand. Debs fasste zusammen: „Die Arbeiter m&#252;ssen sich vereinigen. Die Trennungslinien m&#252;ssen nach und nach &#252;berwunden werden und alle unter dem siegreichen Banner der Arbeit zusammenkommen, zusammen marschieren, zusammen w&#228;hlen und zusammen k&#228;mpfen. Dann ist die Zeit nicht mehr fern, in der die Arbeiter die Fr&#252;chte ihrer Arbeit selbst besitzen und genie&#223;en werden.“<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a><br />
Der Kampf gegen die Eisenbahnergesellschaften war erfolgreich. Diese standen trotz medialer Hetze gegen die Streikenden und Privatarmee mit dem R&#252;cken zur Wand und sahen die letzte M&#246;glichkeit darin, die Regierungstruppen einzuschalten, damit sich der Streik nicht &#252;ber das ganze Land ausbreitet. Der bis dahin bewusst friedliche Streik<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> eskalierte und es kam zu gewaltsamen Ausbr&#252;chen und b&#252;rgerkriegs&#228;hnlichen Zust&#228;nden von Sacramento bis New Mexico. An der Spitze der Gegenwehr der ArbeiterInnen standen vor allem „Emigranten, Arbeitslose und unqualifizierte Arbeiter – also die am brutalsten ausgebeutete Klasse des Proletariats.“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Debs wurde verhaftet und der Streik stand an der Kippe. Die Gewerkschaft der ZigarrendreherInnen forderte einen Generalstreik. Die AFL sprach sich jedoch gegen Solidarit&#228;tsstreiks aus und stellte sich grunds&#228;tzlich gegen das umfassende gewerkschaftliche Konzept der ARU. Sie beschloss eine symbolische 1000-Dollar Spende f&#252;r Debs’ Verteidigung, ordnete den lokalen AFL-Zweigen an, wieder zur Arbeit zur&#252;ckzukehren, und nahm damit dem Streik den Wind aus den Segeln. Die Eisenbahner zogen ihre Lehren aus dem Verlauf des Streiks: „Er hat gezeigt, dass die Arbeiter gemeinsam k&#228;mpfen m&#252;ssen, dass keine Einzelgewerkschaft Erfolg haben kann … Die gesamte Presse war gegen uns, die Richter, die &#246;ffentlichen Vertreter des Staates, der Staat selber – ja sogar die alten Arbeitervereine“.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a><br />
Die alten Gewerkschaften hatten jedoch weder die Auswirkungen der Umstrukturierungen im Zuge der Industrialisierung auf die ArbeiterInnenklasse begriffen, noch waren sie gewillt, eine ernsthafte Konfrontation mit der kapitalistischen Klasse einzugehen. Laut Eugene Debs musste deshalb eine „revolution&#228;re ArbeiterInnenorganisation“ aufgebaut werden, die „den Klassenkampf ausdr&#252;cken muss. Sie muss die Klassenlinien sehen. Sie muss, selbstverst&#228;ndlich, klassenbewusst sein. Sie muss vollst&#228;ndig kompromisslos sein. Sie muss eine Organisation der ArbeiterInnen an der Basis selbst sein.“<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Der alte Gewerkschaftstyp der AFL habe „nicht nur seinen Nutzen verloren …, sondern ist reaktion&#228;r geworden, nichts als ein Hilfsmittel der kapitalistischen Klasse“.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a><br />
Die Lehren der K&#228;mpfe des sp&#228;ten 19. Jahrhunderts wurden von der IWW aufgenommen. Diese machte es sich sowohl zur Aufgabe, die neue Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse, wie auch die Umstrukturierung der kapitalistischen Wirtschaft im Zuge der Industrialisierung und der von Taylor eingef&#252;hrten ‚wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung’ zu analysieren. Diese neue Klassenzusammensetzung, die sowohl Ergebnis der technischen Umstrukturierung wie auch des Widerstands dagegen war, stand im Zentrum der theoretischen und praktischen Aktivit&#228;ten der IWW.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a></p>
<h3>Wissenschaftliche Betriebsf&#252;hrung</h3>
<p>Im Zuge der Industrialisierung des amerikanischen Kapitalismus verschwanden die alten Formen der Produktion, die Formen der individuellen Produktion durch gelernte Arbeiter. Neue Technologien und die Einf&#252;hrung der „wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung“ gaben den Unternehmern mehr Kontrolle &#252;ber den Arbeitsprozess. Mit dieser technischen Umstrukturierung schwand auch die Macht der Fachgewerkschaft der AFL.<br />
Diese lag vor allem darin, dass sie das Produktionsausma&#223;, also die produzierte St&#252;ckzahl und das Arbeitstempo mitbestimmen konnte. Die „wissenschaftliche Betriebsf&#252;hrung“ des Taylorismus zielte darauf ab, die Kontrolle &#252;ber den Arbeitsprozess beim Management zu konzentrieren. Ziel war es die Zeit herauszufinden, die tats&#228;chlich f&#252;r die Produktion gebraucht wird und damit gegen das „systematische Bremsen“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> vorzugehen.<br />
Ein Gewerkschaftsf&#252;hrer beschrieb 1887 die Auswirkungen: „Die Glocke, die den m&#252;den, unterbezahlten Arbeiter aus seiner bitter n&#246;tigen Ruhe rei&#223;t, verh&#246;hnt ihn mit jedem Schlag. Die Maschinerie, die seine F&#228;higkeiten und seine Zeit f&#252;r ihn selbst wertloser macht, wertvoller aber f&#252;r seinen Herrn, wird zum verhassten Folterinstrument; ihr monotones Ger&#228;usch summt im Takt mit seinem St&#246;hnen und Fluchen. Die Fabrik, das Bergwerk, die Gie&#223;erei und der Lokomotivschuppen stehen da wie Giganten, bereit, sein Innerstes zu verschlingen.“<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Die erworbenen F&#228;higkeiten und das Wissen der Facharbeiter wurden in der mechanisierten Massenproduktion auf die Ebene des Managements verlagert. Arbeit wurde damit zur rein ausf&#252;hrenden T&#228;tigkeit ohne Einsicht in die Zusammenh&#228;nge des Arbeitsprozesses. Das Ergebnis war eine radikale Trennung von Denken und Tun, Hand- und Kopfarbeit, Kontrolle und Ausf&#252;hrung. Zus&#228;tzlich h&#246;hlte die Entwertung der Facharbeit die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften gegen&#252;ber den Unternehmern weitgehend aus. Hatten diese bis dahin Ausbildungswege reguliert und damit das Angebot an Facharbeitskr&#228;ften monopolisiert, reduzierte die tayloristische Betriebsorganisation die Nachfrage nach Facharbeitern auf ein Mindestma&#223;. Das Projekt der wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung zielte damit auf drei Punkte ab: „die Brechung der Macht und faktischen Kontrolle der organisierten Facharbeiter &#252;ber den Produktionsprozess, die Enteignung ihrer Kenntnisse und deren Einverleibung in neue Planungs- und Kontrollinstanzen des Management, und schlie&#223;lich die Atomisierung der Arbeitsverrichtungen in kalkulierbare Segmente“, die die „Poren der Arbeitszeit“ eliminieren sollte.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a><br />
In Folge ihres Machtverlustes konzentrierte sich die AFL auf die Bedrohung des Lohn- und Leistungsniveaus und die Forderung eines gerechten Lohns f&#252;r eine gerechte Arbeit. Die Ursache der Lohnsenkungen wurde aber nicht in den Umstrukturierungen der Produktionsprozesse verortet, sondern im vermeintlichen Lohndruck durch eingewanderte billige Arbeitskr&#228;fte. Damit war der Weg geebnet f&#252;r eine rassistische Politik der AFL.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Tats&#228;chlich dienten ImmigrantInnen aus vielen Teilen der Welt den Unternehmen als ungelernte Arbeitskr&#228;fte<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a>; das Vorhandensein eines „doppelten Arbeitsmarktes“ lie&#223; sie jedoch erst gar nicht in Konkurrenz zu gelernten Facharbeitern treten. Die Konzentration der AFL auf die Facharbeiter und der Versuch, deren privilegierte Position innerhalb der ArbeiterInnenklasse zu sch&#252;tzen, verstellte ihnen nicht nur den Blick auf die Ver&#228;nderungen der Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse, sondern f&#252;hrte auch dazu, dass die wachsende Gruppe ungelernter, migrantischer ArbeiterInnen als Bedrohung ihrer eigenen Stellung betrachtet wurde. Die Aussagen des AFL-F&#252;hrers Samuel Gompers &#252;ber die IWW als „Schimmelpilz auf der Arbeiterbewegung“ und die ungelernten und angelernten ArbeiterInnen als „P&#246;bel“ zeugten von der Verachtung f&#252;r diese neuen Schichten.</p>
<h3>Neuzusammensetzung der ArbeiterInnenklasse</h3>
<p>Die Politik des <em>Industrial Unionism</em> und der <em>One Big Union</em> waren Antwortversuche der IWW auf die Auswirkungen des Taylorismus. Die IWW sah ihre Aufgabe darin, aus der ver&#228;nderten Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse und den neuen Bedingungen f&#252;r Widerstand Schl&#252;sse zu ziehen, sowohl die Art der Organisierung als auch der Kampfformen betreffend. Denn die ArbeiterInnenklasse bestand nicht nur aus wei&#223;en, gelernten Arbeitern, sondern auch aus ungelernten ArbeiterInnen, Frauen, WanderarbeiterInnen, Schwarzen, ImmigrantInnen aus Irland, Polen, Schweden und vielen weiteren L&#228;ndern Europas. Die Wobblies erkannten dies: „Das Industriesystem bezieht alle Faktoren ein: die Arbeiterin, der Ungelernte, der Wanderarbeiter, der Handlanger sind alle integraler Bestandteil der Industrie, in der sie jeweils besch&#228;ftigt sind. Sie sind keineswegs lumpenproletarische Wracks, sondern sie sind reale und notwendige Elemente in der Zusammensetzung der Arbeiterklasse“.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a> Der steigende Anteil ungelernter Arbeitskr&#228;fte f&#252;hrte nicht nur zur Entwertung der Facharbeit, sondern erm&#246;glichte es den Unternehmern auch, Arbeitssuchende, die in Massen in die Industrien dr&#228;ngten, gegeneinander auszuspielen und Streikbrecher gegen streikende ArbeiterInnen einzusetzen. Durch unterschiedliche Lohnniveaus und interne Disziplinierung konnte die Konkurrenz zwischen den ArbeiterInnen ausgenutzt werden, die zus&#228;tzlich entlang geschlechtsspezifischer Trennlinien als auch nach Hautfarbe oder Herkunft gespalten waren. Die Einbeziehung eines Teils der gelernten Facharbeiter als Vorarbeiter oder in Managementstrukturen spaltete diese wiederum untereinander.<br />
Demgegen&#252;ber strebten die Unternehmer eine koordinierte Politik gegen&#252;ber den ArbeiterInnen an. Seien es offene Konfrontation oder subtilere Methoden, ihr Erfolg hing „von der Blindheit und den inneren Zwistigkeiten der Arbeiterklasse“ ab.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Gerade wegen ihres Ziels der <em>One Big Union</em> war es f&#252;r die Wobblies essentiell, „das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis zwischen Kapital und Arbeit aus der Perspektive einer gespaltenen in sich selbst konkurrierenden und st&#228;ndig neu zusammengesetzten Arbeiterschaft zu sehen“ und die Kampf- und Organisationsformen der spezifischen Situation anzupassen. Es ging dabei nicht darum dem „Arbeiter [zu] sagen was richtig und was falsch [ist], sondern die aktuellen Bedingungen zu analysieren.“<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a><br />
Der Streik in McKees Rock verdeutlicht die Strategie der IWW, nicht nur auf die Kernbelegschaft zu setzen, sondern, Frauen, Arbeitslose und ArbeiterInnen anderer Industriezweige in die Streiks mit einzubeziehen. &#220;ber den Massenstreik sollten die inneren Spaltungen &#252;berwunden werden. Zugleich zeigt das Beispiel, wie von Unternehmern versucht wurde, die Spaltungen auszunutzen, und die privilegierten Facharbeiter erfolgreich auf deren Seite gezogen werden konnten.</p>
<h3>McKees Rock</h3>
<p>Der Streik begann, als am 12. Juli 1909 ausl&#228;ndische ArbeiterInnen aus Protest gegen Lohnk&#252;rzungen im Konzern <em>Pressed Steel</em> die Arbeit niederlegten und daraufhin entlassen wurden.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Drei Tage sp&#228;ter hatten alle ausl&#228;ndischen ArbeiterInnen die Arbeit niedergelegt und sich einige der einheimischen ArbeiterInnen angeschlossen, sodass die gesamte Fabrik geschlossen werden musste. Ein Streikkomitee amerikanischer Facharbeiter, genannt die <em>Big Six</em>, setzte sich an die Spitze des Streiks, organisierte Spenden und Lebensmittel, setzte sich aber nicht aktiv f&#252;r den Streik ein. Von den Unternehmern wurden alle Mittel aufgeboten. Nach Polizei und Nationalgarde wurden die „Pennsylvania Cossacks“ geholt, eine ber&#252;chtigte Spezialtruppe, die die Aufgabe hatte, Streikbrecher (scabs) einzuschleusen und die Fabrikwohnungen zu r&#228;umen. Mit der Konfrontation wurde auch die Frage von gewaltsamen Gegenma&#223;nahmen akut. Sowohl der Widerstand gegen die Wohnungsr&#228;umungen, der haupts&#228;chlich von Frauen getragen wurde, als auch dringender Handlungsbedarf gegen scabs, machten schnelle und militante Entscheidungen notwenig. Die Big Six jedoch setzten auf Geduld. Sie sprachen sich strikt gegen alle Widerstandsma&#223;nahmen und f&#252;r freiwillige R&#228;umungen und Verhandlungen mit dem Management aus. Die Passivit&#228;t der Big Six veranlasste die Streikenden, sich neu zu organisieren, und Kontakt zu den IWW aufzunehmen. Unter der F&#252;hrung der IWW wurde ein neues Komitee gegr&#252;ndet und regelm&#228;&#223;ig Versammlungen organisiert, auf denen Forderungen formuliert, Streiktaktiken beschlossen und &#220;bersetzungen besorgt wurden. Die Gefahr durch scabs wurde durch Truppen von ArbeiterInnen, die Streikbrecher aufsp&#252;rten und aus den Fabriken warfen, abzuwehren versucht. Als viel wichtiger erwies sich aber die Solidarit&#228;tsarbeit und der Versuch der IWW, Frauen, Kinder und Arbeitslose in die Streikaktivit&#228;ten mit einzubeziehen. Die Solidarit&#228;tsarbeit zeigte bald Wirkung und Eisenbahner weigerten sich, Streikbrecher nach McKees Rock zu transportieren. W&#228;hrend sich 2.000 bis 3.000 Arbeitslose dem Streik anschlossen und damit den Druck der „industriellen Reservearmee“ minderten, verteidigten Frauen die Werkwohnungen.<br />
Nach gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Streikenden versuchten die Big Six und die Regierung, die Kontrolle wieder zu &#252;bernehmen. Ein Kompromiss wurde verhandelt, die Zugest&#228;ndnisse aber nie eingel&#246;st. Die militante Stimmung blieb aufrecht und am n&#228;chsten Tag streikten 2.500 ArbeiterInnen, ohne den Arbeitsplatz zu verlassen. Mit dieser neuen Methode des sit in wurden substantielle Lohnerh&#246;hungen erk&#228;mpft. Ein weiterer Streikversuch von 4.500 ArbeiterInnen wurde jedoch durch die Facharbeitergewerkschaft, mit der das Unternehmen bereitwillig in Verhandlungen trat, verhindert, indem sie unter Polizeischutz mit tausend Streikbrechern in die Fabrik einzog.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a><br />
Die Unternehmen reagierten mit Vorbeugungsma&#223;nahmen gegen erneute „Ausl&#228;nderaufst&#228;nde“. Eine „Amerikanisierungskampagne“ mit einem Abendschulprogramm f&#252;r Unterricht in englischer Sprache und in amerikanischer Staatsb&#252;rgerkunde wurde eingerichtet. „Was hier unterrichtet wurde, erf&#228;hrt man aus einem zeitgen&#246;ssischen Textbuch: ‚Ich h&#246;re die F&#252;nf-Minuten Sirene. Es ist Zeit, in die Fabrik zu gehen. Ich nehme am Eingang meine Stempelkarte und stecke sie in meiner Abteilung ein. Ich ziehe mich um und mache mich zum Arbeiten fertig. Die Startsirene bl&#228;st. Ich esse mein Mittagessen. Es ist verboten, vorher zu essen. Die Sirene bl&#228;st f&#252;nf Minuten vor Arbeitsbeginn. Ich mache mich f&#252;r die Arbeit fertig. Ich arbeite, bis die Sirene wieder bl&#228;st. Ich lasse meinen Arbeitsplatz sauber zur&#252;ck. Ich lege alle meine Sachen in mein Schlie&#223;fach. Ich gehe nach Hause.’“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a><br />
Da die Strategie der Unternehmer auf die Integration von Facharbeitern in Managementstrukturen abzielte, war f&#252;r die IWW klar, dass es vergeblich war, auf eine selbstverst&#228;ndliche oder durch moralische Appelle bewirkte Klasseneinheit im Sinne einer <em>One Big Union</em> zu hoffen. Sie konzentrierte sich deshalb noch st&#228;rker auf die ungelernten ArbeiterInnen. Das bedeutete nicht, dass das Projekt der <em>One Big Union</em> aufgegeben wurde; durch die Organisierung der Masse der ungelernten ArbeiterInnen sollten die Facharbeiter in Massenbewegungen und Massenstreiks mitgerissen werden.</p>
<h3>K&#228;mpfende und singende ArbeiterInnen</h3>
<p>Trotz der Niederlage war der Streik bei McKees Rock der Startschuss f&#252;r eine Phase von K&#228;mpfen, die „zu den gewaltsamsten der nordamerikanischen Arbeitergeschichte geh&#246;rt.“<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> Dem Streik von McKees Rock folgten Aufst&#228;nde in der Waffenfabrik <em>Bethlehem Steel</em> 1910, bei dem 7.000 haupts&#228;chlich ungarische und polnische ArbeiterInnen f&#252;r den acht-Stunden-Tag k&#228;mpften. Trotz des Versuchs der AFL die herbeigerufene IWW fernzuhalten, breitete sich der Streik auf die angrenzenden Kohleabbaugebiete aus. In Philadelphia kam es 1909 zu gewaltsamen Aktionen gegen Streikbrecher und 1910 zu einem Generalstreik von &#252;ber 146.000 ArbeiterInnen, ausgel&#246;st durch einen Streik von Textilarbeiterinnen. Inspiriert vom Internationalen Frauentag brachen 1909 zehntausende N&#228;herinnen in New York einen Aufstand los, der sich gegen „sweatshop“-Bedingungen und die regelm&#228;&#223;igen sexuellen Bel&#228;stigungen durch Vorarbeiter richtete. „Wo immer Arbeiter sich versammelten, wurde heftig &#252;ber den Generalstreik diskutiert“. Streiks slawischer Stahlarbeiter in Hammond, j&#252;discher und italienischer N&#228;herinnen in New York und slawischer Bergarbeiter in Avelia waren alle Teil der Streikwelle, getragen haupts&#228;chlich von unorganisierten und ungelernten, h&#228;ufig weiblichen ArbeiterInnen in und au&#223;erhalb der Fabrik. „[Ihre] Militanz, der unmittelbare Angriff auf die neue Organisation der Arbeit und die ‚direkte Aktion’ – Widerstands- und Organisationsformen ohne oder gegen die Gewerkschaften – wurden zu Charakteristika der K&#228;mpfe in den Jahren seit 1909 bis hin zu ihrem H&#246;hepunkt in der Nachkriegszeit.“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Die etablierten AFL-Teilgewerkschaften konnten den Massen an ungelernten ArbeiterInnen keine Perspektive bieten. Ein alter AFL-Gewerkschafter schreibt &#252;ber die Ungelernten ver&#228;chtlich, dass sie „heute in die Gewerkschaft eintreten und morgen schon streiken wollen“.3<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Tats&#228;chlich entsprach die kompromisslerische Politik der AFL nicht der Lebensrealit&#228;t und den Interessen dieses Teils der ArbeiterInnenklasse. Durch den st&#228;ndigen Wechsel von Arbeitspl&#228;tzen war es f&#252;r die Ungelernten und WanderarbeiterInnen wenig verlockend, auf lange Verhandlungen zu setzen. In manchen Branchen bewegten sich MigrantInnen durch die Unternehmen „wie durch Dreht&#252;ren.“<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a><br />
Die Konzentration auf die Masse der un- oder angelernten ArbeiterInnen lie&#223; die IWW auch auf neue Widerstands- und Organisationsformen setzen. So entsprangen die<em> free speech fights</em> dem Protest der ArbeiterInnen gegen die Praxis des „Jobkaufs“, bei dem sie sich die Arbeitspl&#228;tze um ca. f&#252;nf Dollar kaufen mussten. Die free speech fights fingen dort an, wo sich die Massen versammelten: nicht am Arbeitsplatz, sondern in den St&#228;dten. Die IWW organisierten Stra&#223;enversammlungen, um die ArbeiterInnen aufzurufen das Betteln um Arbeit zu verweigern. „Don’t buy Jobs! Read the <em>Industrial Worker</em>!“ Die <em>soapboxer</em>, Menschen die sich auf Seifenkisten stellten um Reden zu halten, versuchten die WanderarbeiterInnen davon zu &#252;berzeugen, sich zu organisieren. Dabei hatten die Wobblies die Heilsarmee und andere religi&#246;se Sekten gegen sich, die den ArbeiterInnen Geduld und die Verhei&#223;ungen des Paradieses predigten, wenn sie nur brav w&#228;ren. Die Wobblies nutzten die Melodien der Heilsarmeekapellen und sangen ihre eigenen Texte dar&#252;ber. So hei&#223;t es in einem Lied des ber&#252;hmten Wobbly und S&#228;nger Joe Hill, dass sie den versprochenen „pie in the sky“ schon auf Erden haben wollen.<br />
Nachdem die Unternehmer 1909 ein Rede- und Versammlungsverbot durchgesetzt hatten, ging die Polizei hart gegen die <em>soapboxer </em>vor. Dem Verbot folgten Aufrufe in den Zeitungen der IWW, die tausende Menschen mobilisierten, bis die Beh&#246;rden gezwungen waren, das Verbot aufzuheben. Als Kommunikationsnetz zwischen den MigrantInnen wurden die<em> free speech fights</em> zu einem wichtigen Widerstandsmittel. So konnte die Rezession von 1910-12 zwar die erste Streikwelle d&#228;mpfen aber nicht die <em>free speech fights</em>, da diese zur Kampfform der Arbeitslosen, zum Widerstandsmittel der WanderarbeiterInnen und zum Mittel der Solidarisierung zwischen Arbeitslosen und ArbeiterInnen wurden. Die Slogans und Lieder der Wobblies waren weithin bekannt und Tausende nannten das rote IWW-Liederbuch ihr Eigen.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a><br />
Ein weiterer Versuch, die WanderabeiterInnen zu organisieren, waren die job delegates, mobile WanderarbeiterInnen-Wobblies, die MigrantInnen am Arbeitsplatz organisierten. Der Kern der m&#228;chtigen <em>Agricultural Workers Organizaion</em> der IWW entstand aus diesen Bem&#252;hungen.<br />
Die <em>free speech fights</em> zeigen besonders deutlich, wie die IWW ihre Organisierungsmethoden an die spezifische Situation unterschiedlicher Gruppen von ArbeiterInnen anzupassen vermochte. WanderarbeiterInnen, die ohne festen Wohnsitz und l&#228;ngeres Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnis schwer organisierbar waren, wurden dort angesprochen, wo sie sich versammelten. Mit Hilfe der <em>job delegates</em> gelang es der IWW, die besonderen Probleme der WanderarbeiterInnen – etwa Polizeikontrollen, Diebe in den von ihnen ben&#252;tzten Z&#252;gen oder die Willk&#252;r der Arbeitgeber – nicht nur anzusprechen, sondern L&#246;sungen zu finden, wie die militante, kollektive Abwehr von Dieben und Polizei.<br />
Die Taktiken der IWW wurden immer vielf&#228;ltiger: Neben Generalstreiks wurde der quickie eingef&#252;hrt, bei dem direkt am Arbeitsplatz f&#252;r kurze Zeit gestreikt wurde. Ein Wobbly erkl&#228;rte: „Die Arbeit niederlegen und hungern ist verr&#252;ckt, wenn man am Arbeitsplatz streiken kann und essen.“<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Das Kampfmittel der Sabotage richtete sich gegen die Rationalisierungs- und Effizienzwelle im Zuge der „wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung“ und wurde ein immer wichtigerer Teil der IWW-Strategie. Dabei ging es um „den bewussten Entzug von Effizienz“, den Versuch, zumindest teilweise die Kontrolle &#252;ber das Arbeitstempo zur&#252;ckzugewinnen. So pries „Big Bill“ Haywood die Sabotage in Betrieben: „Ich kenne nichts was euch so viel Befriedigung bringen wird und dem Boss so viel &#196;rger wie ein bisschen Sabotage am richtigen Ort und zur richtigen Zeit. Findet heraus, was es bedeutet. Es wird euch nicht schaden, aber sehr wohl dem Boss.“<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a><br />
Die IWW zeigte, „dass die Wanderarbeiter, Frauen, Schwarzen und Ausl&#228;nder keineswegs unorganisierbar und unterw&#252;rfig, passiv oder zur&#252;ckgeblieben waren, was vielfach als Rechfertigung ihrer Diskriminierung innerhalb der offiziellen Arbeiterbewegung behauptet wurde, und dass im Gegenteil der Zusammenhalt und Massencharakter ihrer K&#228;mpfe die entscheidende Bedrohung f&#252;r das kapitalistische Projekt darstellte“.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a></p>
<h3><em>Bread and Roses</em></h3>
<p>Die Solidarisierung zwischen ArbeiterInnen und Arbeitslosen war bedeutend f&#252;r einen erneuten Aufschwung von Arbeitsk&#228;mpfen, der 1912 begann. Die Arbeiterinnen in den Textilfabriken in den USA waren derselben Umstrukturierung unterworfen, wie in anderen Industriezweigen. Die Arbeiterinnen mussten mehrere Webst&#252;hle – auch <em>devils</em> genannt – gleichzeitig bedienen, viele waren entlassen und die L&#246;hne gesenkt worden.<br />
Schon 1909 war es deshalb in New York zum „Aufstand der 20.000“ gekommen. Die Stimmung brachte eine junge Arbeiterin auf einer Versammlung auf den Punkt: „Ich bin eine Arbeiterin, eine von denen, die gegen unertr&#228;gliche Bedingungen streiken. Ich bin es m&#252;de, Sprechern zuzuh&#246;ren, die allgemeine Reden halten. Wir sind hier, um zu entscheiden, ob wir streiken sollen oder nicht. Ich beantrage, dass ein Generalstreik erkl&#228;rt wird – sofort.“<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a><br />
Im Jahr 1912 kam es schlie&#223;lich in Lawrence zum Generalstreik. Die IWW hatte in den Monaten davor „Organizers“ in die Textilfabriken geschickt, um die Arbeiterinnen gegen die „speed ups“ und untragbaren Arbeitsbedingungen zu organisieren. Ein Organizer meinte: „Wir sprachen Marxismus, wie wir ihn verstanden – Klassenkampf, Ausbeutung der ArbeiterInnen, der Staat und die Streitkr&#228;fte der Regierung, die gegen die ArbeiterInnen waren.“<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> An einem Zahltag im J&#228;nner kam es dann zum Aufstand. Polnische Arbeiterinnen hatten nach Lohnk&#252;rzungen die Arbeit niedergelegt. Gruppen italienischer ArbeiterInnen verbreiteten die Aktion in anderen Abteilungen und Betrieben, und am n&#228;chsten Tag waren die wichtigsten Textilfabriken in der Stadt stillgelegt.<br />
Die Basisarbeit der IWW hatte ihnen das Vertrauen der Streikenden gesichert und OrganisatorInnen des McKees-Streiks wurden zus&#228;tzlich herbeigerufen. Man hatte aus dessen partieller Niederlage gelernt und so wurde von Beginn an ein eigenes Streikkomitee der Wobblies eingesetzt und die AFL herausgehalten. Am H&#246;hepunkt des Streiks hatten 250.000 ArbeiterInnen aus 24 unterschiedlichen Nationen die Arbeit niedergelegt. Frauen nahmen eine f&#252;hrende Rolle in den Streiks ein. Gurley Finn, Streikf&#252;hrerin und Wobbly, erkl&#228;rte, dass „der IWW vorgeworfen wird, dass sie Frauen an die Front schickt. Die Wahrheit ist, die IWW h&#228;lt die Frauen nicht zur&#252;ck, und sie kommen von selbst nach vorn.“<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> Das getragene Banner „We want bread and roses too“ gab dem Streik seinen Namen. Der Slogan stand f&#252;r eine Radikalisierung der Forderungen, die sich nicht mehr nur auf ein Subsistenzminimum beschr&#228;nkten, sondern ein Leben in W&#252;rde beanspruchten. „Der Streik war ber&#252;hmt f&#252;r die Anwendung erprobter und neuer Taktiken: Streikpostenketten, massenhafte und mobile Streikposten, die den gesamten Wohnbezirk um die Fabrik erfassten.“<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Von der <em>United Textile Workers</em> Gewerkschaft, die der F&#252;hrung der AFL angeh&#246;rte, wurde der Streik als „anarchistisch“ und „revolution&#228;r“ bezeichnet, doch wie ein Reporter die Situation beschrieb, war es „der Geist der ArbeiterInnen, der gef&#228;hrlich war. Sie marschierten und sangen immer.“<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> Es war kein gew&#246;hnlicher Streik, schrieb ein Zeitgenosse sieben Jahre sp&#228;ter, „sondern eine soziale Revolution im Kleinen.“<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a><br />
Die Unternehmer gaben den meisten Forderungen der Streikenden nach und die „Lawrence Revolution“ war Ausgangspunkt einer gro&#223;en Streikwelle. Von der „1000 Meilen langen Streikkette“, die von der <em>Agricultural Workers Organization</em> (AWO) der IWW organisiert wurde, und den erfolgreichen Abwehrschlachten der AWO gegen Schl&#228;ger und Polizei, &#252;ber die Streiks 1915 in den Raffinerien Rockefellers und den Aufst&#228;nden schwarzer ArbeiterInnen im S&#252;den, bis zum gro&#223;en Streik der Holzf&#228;ller und S&#228;gewerkarbeiter, der die Einf&#252;hrung des Acht-Stunden-Tags erzwang, war die IWW in einer f&#252;hrenden Rolle. Der Arbeitskr&#228;ftem&#228;ngel auf Grund des Wirtschaftsaufschwungs im Ersten Weltkrieg st&#228;rkte die Position der ArbeiterInnen gegen&#252;ber den Unternehmern zus&#228;tzlich. Das veranlasste Unternehmen und Regierung, ihre bis dahin gewerkschaftsfeindliche Politik zu &#228;ndern. Sie versuchten, <em>company unions</em> einzuf&#252;hren, oder mit Hilfe von kleinen Zugest&#228;ndnissen an die AFL und die Anerkennung von schon existierenden Teilgewerkschaften ArbeiterInnen von Streiks abzuhalten.</p>
<h3>Streikjahr 1919</h3>
<p>Die hohe Inflation und die seit 1914 massiv angestiegenen Lebenserhaltungskosten bei halbierten Reall&#246;hnen sorgten f&#252;r Unruhe unter den ArbeiterInnen, die bald in Wut und Militanz umschlug. In Seattle l&#246;ste ein Aufstand von Hafenarbeitern einen Generalstreik von 60.000 ArbeiterInnen aus, als &#252;ber 116 lokale Gewerkschaften in Solidarit&#228;tsstreiks traten. Ganz Seattle war in der Hand der ArbeiterInnen. Die IWW organisierte zusammen mit dem <em>Metal Trades Council</em> (Metallarbeiterverein, der formal der AFL angeschlossen war) nach dem Modell der russischen Revolution einen Soldaten-, Matrosen-, und ArbeiterInnenrat, der daf&#252;r verantwortlich sein sollte, dass unverzichtbare Dienstleistungen aufrecht erhalten werden. So organisierten die M&#252;llarbeiterInnen die Reinigung der Stadt, w&#228;hrend sich Brot- und MilchlieferantInnen um die Lebensmittelversorgung k&#252;mmerten. Polizei und Armee gingen gegen die Streikenden vor. Dabei konnten sie auf die R&#252;ckendeckung der nationalen AFL-F&#252;hrung z&#228;hlen, die Druck auf die lokalen Verb&#228;nde aus&#252;bte – gerade zu der Zeit, als die Dauer des Streiks und die Abgeschnittenheit der Stadt enorm auf den ArbeiterInnen lastete. Schlie&#223;lich musste der Streik abgebrochen werden. Trotzdem war die Stimmung im Land k&#228;mpferisch, nicht zuletzt aufgrund der internationalen Ereignisse: <em>The Nation</em> schrieb im Oktober 1919, dass „[d]ie bedeutendste Tatsache der Gegenwart die beispiellose Revolte der Massen [ist]. Ihre Folgen sind unberechenbar und f&#252;r den Augenblick bedrohlich; doch gleichzeitig hat sie eine ungeheure Hoffnung in die Welt gesetzt. Es ist eine weltweite Bewegung, die durch den Krieg beschleunigt wurde. In Russland wurde der Zar entthront. Seit zwei Jahren steht Lenin an der Spitze des Volkes. Korea, Indien, &#196;gypten und Irland befinden sich in entschlossenem Widerstand gegen die politische Tyrannei. England erlebt einen Eisenbahnerstreik, der gegen den Widerstand der Gewerkschaftsf&#252;hrung durchgesetzt wurde. In Seattle und San Francisco weigern sich die Schauerleute [Hafenarbeiter], Waffen oder Nachschub zu bef&#246;rdern, die gegen die sowjetische Regierung eingesetzt werden sollen. Streikende Kumpels in Illinois haben in einer einstimmig verabschiedeten Resolution ihre Staatsregierung dazu aufgefordert, ‚zur H&#246;lle zu gehen‘“.<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a><br />
Der H&#246;hepunkt und gleichzeitige Wendepunkt war ein Streik der StahlarbeiterInnen im September 1919. Nachdem das Unternehmen US Steel die Anerkennung der Gewerkschaft verweigerte, legten 400.000 ArbeiterInnen in 50 St&#228;dten die Arbeit nieder und hielten drei Monate den Angriffen stand. Die Niederlage dieses Streiks war ein Schlag gegen die gesamte ArbeiterInnenbewegung. Die noch immer stattfindenden wilden Streiks wurden mit immer h&#228;rteren Mitteln bek&#228;mpft und die Repression richtete sich besonders gegen Radikale, wie IWW-Mitglieder. Im Kampf gegen die „rote Gefahr“ (red scare) wurden Revolution&#228;rInnen aller Gruppierungen verfolgt, in den Untergrund getrieben und hingerichtet. Die Repressionswelle war gekoppelt an die politische Integration etablierter Gewerkschaften. Der Wirtschaftsaufschwung in den 1920ern erm&#246;glichte im Zuge des <em>American Plan</em> Wohlfahrts- und Sozialprogramme, die mit patriotischer Propaganda einhergingen. So gelang es der Regierung, sich die Loyalit&#228;t der ArbeiterInnenklasse zu sichern. Die Einf&#252;hrung von <em>employee representation</em> (ArbeitnehmerInnenrepr&#228;sentation), welche die Form „gelber Gewerkschaften“ oder betriebsrats&#228;hnliche Formen annehmen konnte, sollte selbstst&#228;ndige Organisierung und Radikalit&#228;t innerhalb der ArbeiterInnenklasse verhindern.<br />
Sowohl die Niederlagen der gro&#223;en Streiks als auch die „Sozialstaatspolitik“ waren also daf&#252;r verantwortlich, dass nur mehr K&#228;mpfe von isolierten Gruppen von ArbeiterInnen stattfanden. „&#220;ber eine Dekade“, so Mike Davis, „mussten die Unternehmen keine militante Gewerkschaftsarbeit f&#252;rchten“.<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a></p>
<h3>Die endg&#252;ltige Wende</h3>
<p>Erst in den drei&#223;iger Jahren kam es wieder zu einem Aufschwung der K&#228;mpfe. Der H&#246;hepunkt der IWW war zu diesem Zeitpunkt schon vorbei. Der Verlust vieler AktivistInnen w&#228;hrend der Repressionswelle und eine Spaltung zwischen AnarchistInnen und KommunistInnen schw&#228;chte die Organisation zus&#228;tzlich. Ein gro&#223;er Teil der Wobblies ging zur Communist Party und bildete den Kern der ArbeiterInnenk&#228;mpfe der 1930er. Der neu gegr&#252;ndete <em>Congress of Industrial Organizations</em> (CIO) &#252;bernahm einige inhaltliche Forderungen der IWW. So propagierte der CIO das Programm des <em>Industrial Unionism</em> und war in seiner Gr&#252;ndungsphase an zahlreichen „wilden Sitzstreiks“ beteiligt. Doch im Gegensatz zur revolution&#228;ren IWW war die Politik des CIO von Beginn an auf Klassenkooperation ausgerichtet und von dem Widerspruch gekennzeichnet, einerseits unter Druck der streikwilligen ArbeiterInnen und militanten BasisgewerkschafterInnen Streiks zu initiieren, andererseits „wurden die ArbeiterInnen vieler m&#246;glicher Errungenschaften beraubt, weil die Regierung der Demokraten unter R&#252;ckendeckung der CIO-F&#252;hrung intervenierte.“ Die meisten Streiks endeten in der Anerkennung der Gewerkschaften, die meistens im Paket mit einer Streikverbotsklausel kam. So betonte ein CIO-Gewerkschaftsf&#252;hrer, dass zum Erreichen der gewerkschaftlichen Anerkennung Streiks n&#252;tzlich sind; sobald diese aber erreicht w&#228;re, sollte die Konzentration des CIO auf Verhandlungen liegen, um so das Beste f&#252;r den/die ArbeiterIn herauszuholen. „Ein Kontrakt mit der C.I.O.“ ist dann, laut CIO-Gr&#252;nder John L. Lewis, „ein ad&#228;quater Schutz vor Sitzstreiks oder jeder anderen Streikaktion.“<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a><br />
Die Niederlagen der Streikbewegung und die Integration der Gewerkschaftsb&#252;rokratie in Klassenkooperation m&#252;ssen als Wendepunkt in der US-amerikanischen Gewerkschaftsgeschichte gesehen werden. Obwohl „wilde“ Streiks noch einige Jahre lang &#252;blich waren, war das Projekt einer die K&#228;mpfe verbindenden Gewerkschaft langfristig gescheitert.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a><br />
Niedergang<br />
Die Gr&#252;nde f&#252;r den Niedergang der IWW sind vielf&#228;ltig: Einerseits hatte die brutale Repression im Zuge der Kampagne gegen die „rote Gefahr“ und zus&#228;tzlich Spaltungen im Laufe ihrer Geschichte die Organisation geschw&#228;cht und die IWW viele ihrer wichtigsten AktivistInnen verloren. Doch es war nicht die Repression alleine. Der Versuch beides zu sein, Gewerkschaft f&#252;r alle ArbeiterInnen und revolution&#228;re Organisation, scheiterte am Widerspruch, als Gewerkschaft rein <em>&#246;konomische </em>Verbesserung f&#252;r alle ArbeiterInnen innerhalb des Systems zu erk&#228;mpfen und gleichzeitig als revolution&#228;re Organisation einen <em>politischen </em>Kampf um weitreichende gesellschaftliche Ver&#228;nderungen zu f&#252;hren.<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> Dies bedingte, dass es die IWW selten schaffte, l&#228;ngerfristige Strukturen aufzubauen und ihre Mitgliederzahl zu erh&#246;hen, obwohl sie so eine wichtige Rolle im Vorw&#228;rtstreiben vieler Streikaktionen und Bewegungen gespielt hatte.<br />
Die Integration der etablierten Gewerkschaften, die Bindung von ArbeiterInnen an Unternehmen durch bessere Gesundheitsversorgung, niedrigere Lebensmittelpreise, Erholungszentren, Urlaub etc., und die im Zuge des Wirtschaftsaufschwungs m&#246;glichen Zugest&#228;ndnisse der Regierungsparteien, schafften es letztlich, die ArbeiterInnenklasse in das kapitalistische Projekt der Effizienzsteigerung und „wissenschaftlichen Betriebsf&#252;hrung“ einzubinden. Die Konzentration der IWW auf &#246;konomische K&#228;mpfe und ihre Ablehnung politischer K&#228;mpfe, der Auseinandersetzung mit politischen Ideologien oder Wahlen, hatten sie &#252;bersehen lassen, wie Teile der ArbeiterInnenklasse zumindest bis zur Krise der drei&#223;iger Jahre ins Boot geholt wurden.</p>
<h3>Inspiration</h3>
<p>Trotzdem, die Politik und Geschichte der IWW ist heute noch Inspiration f&#252;r militante AktivistInnen. Ihr Blick auf die Heterogenit&#228;t der ArbeiterInnenklasse, auf jene Teile der Klasse, die nicht Kernbelegschaft und Facharbeiter waren, hatte es ihr erm&#246;glicht, jene zu organisieren, die als unorganisierbar galten. Zentral war dabei immer, die besondere Situation und die Bedingungen, unter denen die ArbeiterInnen streikten oder Widerstand leisten mussten, zu analysieren und angemessene Kampf- und Organisationsformen daraus abzuleiten: &#252;ber die <em>free speech fights</em> und das <em>soapboxing</em>, bis zu neuen Streikmethoden, wie den sit ins und dem quickie. Durch die genaue Analyse der Klassenzusammensetzung, der inneren Spaltungen und unterschiedlichen Interessen, schafften sie es, Strategien zu entwickeln, die diese Spaltungen aufhoben. Heutige Entwicklungen, wie Prekarisierung und unsichere Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse, machen es notwendig, an diesem Punkt an die Politik und Widerstandskultur der IWW anzuschlie&#223;en.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Zitiert in Davis, Mike: Happy Birthday Bill, in Socialist Review 2006<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Cannon, James P.: The IWW, 1955. Online: <a href="http://www.marxists.org/archive/cannon/works/1955/iww.htm" target="_blank">http://www.marxists.org/archive/cannon/works/1955/iww.htm</a><br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Cannon, James P.: a.a.O.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> , William: One Big Union. 1911 online: <a href="http://www.marxists.org/history/usa/unions/iww/1911/trautmannobu.htm" target="_blank">http://www.marxists.org/history/usa/unions/iww/1911/trautmannobu.htm</a><br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Ebd.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Brecher, Jeremy: Streiks und Arbeiterrevolten. Amerikanische Arbeiterbewegung 1877-1970, Frankkfurt/M. 1975: 65.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Mit Jim Crow bezeichnet man in der Umgangssprache die Gesetze, auf denen zwischen 1876 und 1964 das System der „Rassentrennung“ in den USA beruhte.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Brecher, Jeremy: a.a.O.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Die Teilgewerkschaften sollten in ihrer jeweiligen “Zunft” ein Arbeitsmonopol aufrechterhalten und damit das Angebot an Facharbeitskr&#228;ften niedrig halten. Dadurch konnten sie eine Verhandlungsmacht gegen&#252;ber den Unternehmern aufbauen. Mit Entstehung der Massenproduktion ging diese aber verloren (siehe sp&#228;ter)<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Brecher, Jeremy: a.a.O: 83-93<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Debs hatte die Streikenden aufgefordert die Gesetze nicht zu brechen, um der Repression zu entgehen.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Brecher, Jeremy: a.a.O.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Ebd.: 92.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Debs, Eugene: Revolutionary Unionism. Speech at Chicago, November 25, 1905 online: <a href="http://www.marxists.org/archive/debs/works/1905/revunion.htm" target="_blank">http://www.marxists.org/archive/debs/works/1905/revunion.htm</a><br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Vgl. Bock, Gisela: Die andere Arbeiterbewegung in den USA von 1909 – 1922. Die I.W.W. The Industrial Workers of the World, M&#252;nchen, 1976.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Taylor zitiert in Bock, Gisela, a.a.O.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Bock, Gisela: a.a.O.: 18.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Bock, Gisela: a.a.O.:18-23.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Es muss gesagt werden, dass sich die Politik der AFL nicht automatisch in eine konservative Richtung entwickelte. Innerhalb der AFL k&#228;mpften Teile f&#252;r radikalere Politik, wie die Forderung nach „collective ownership“ der Produktionsmittel. Die Heterogenit&#228;t innerhalb der AFL zeigte sich auch in einigen k&#228;mpferischen Teilgewerkschafte, wie zum Beispiel den United Mine Workers of Armerica, die sich gegen die rassistische Politik der AFL stellte und viele Tendenzen in Richtung „industrial unionism“ aufwiesen. Schlussendlich setzte sich aber der konservative Fl&#252;gel rund um Samuel Gompers durch.<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Zwischen 1840 und 1924 kamen 35 Millionen ImmigrantInnen nach Amerika und ver&#228;nderten damit auch das Gesicht der ArbeiterInnenklasse in Amerika<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Bock, Gisela: a.a.O.<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Ebd.<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Ebd.<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> „Die Mehrzahl der Arbeiter, deren Anlernzeit bei Pressed Steel im Durchschnitt unter einem Monat lag, musste nicht nur ihre Arbeitskraft gegen einen elenden Lohn von 8-12 Dollar pro Woche verkaufen, sondern der Arbeitsplatz selbst und das Recht ihn zu behalten, mussten st&#228;ndig durch Zahlungen an Vermittlungsagenten und Aufseher erkauft werden – eine Praxis, die in vielen Wirtschaftsbereichen der U.S.A &#252;blich war.“ Bock, Gisela, a.a.O.: 8.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Bock, Gisela: 7- 17.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Ebd.: 13.<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Ebd.: 7.<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Ebd.: 13-14.<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Ebd.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Ebd.<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Ebd.<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Bock, Gisela: a.a.O.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Ebd.<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Ebd.<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Ebd.: 42<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Sharon: Subterranean Fire. A History of Working-Class Radicalism in the United States. Chicago, 2006.<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Ebd.<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Bock, Gisela: a.a.O.: 53<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Cannon, James P.: a.a.O<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Bock, Gisela: a.a.O., 52<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Brecher, Jeremy: a.a.O.: 95<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Zit. in Trudell, Megan: The Hidden History of US radicalism. In International Socialist Journal 111, 2006<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Brecher, Jeremy: 183<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Es kann in diesem Artikel nicht genauer auf die Situation in den 1930ern eingegangen werden, aber siehe Sharon, Smith: a.a.O. und &#252;ber die Streikbewegungen bis in die 70er Jahre Brenner, Jeremy, a.a.O.<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> Smith, Sharon: a.a.O.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2008/10/30/stars-and-strikes/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>

