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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Stalinismus</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Revolution im &#8220;falschen Kommunismus&#8221;</title>
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		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2007/09/29/revolution-im-falschen-kommunismus/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 03:57:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 1]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Osteuropa]]></category>
		<category><![CDATA[Polen]]></category>
		<category><![CDATA[Stalinismus]]></category>
		<category><![CDATA[Ungarn]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Jahr 1956 war ein besonderes Krisenjahr f&#252;r die herrschenden Eliten der stalinistischen Diktaturen. In zwei L&#228;ndern manifestierten sich die Konflikte zwischen dem Staatsapparat und der Bev&#246;lkerung in besonderem Ausma&#223;, zuerst bei ArbeiterInnen-Aufst&#228;nden in Polen und schlie&#223;lich in Ungarn mit einer echten Revolution. <em>Maria Asenbaum</em> stellt die Ereignisse 1956 in die Tradition des Sozialismus von unten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Jahr 1956 war ein besonderes Krisenjahr f&#252;r die herrschenden Eliten der stalinistischen Diktaturen. In zwei L&#228;ndern manifestierten sich die Konflikte zwischen dem Staatsapparat und der Bev&#246;lkerung in besonderem Ausma&#223;, zuerst bei ArbeiterInnen-Aufst&#228;nden in Polen und schlie&#223;lich in Ungarn mit einer echten Revolution. <em>Maria Asenbaum</em> stellt die Ereignisse 1956 in die Tradition des Sozialismus von unten.<br />
<span id="more-91"></span><br />
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der imperialistischen Neuaufteilung Europas fiel Osteuropa unter russische Kontrolle. Der so genannte Kommunismus der sich in L&#228;ndern wie Polen, Tschechien, Rum&#228;nien, Bulgarien und Ungarn etablierte, war weder durch soziale noch politische Revolutionen von unten erk&#228;mpft, sondern von externen Kr&#228;ften eingef&#252;hrt worden. Die kommunistischen Parteien in diesen L&#228;ndern hatten bis dahin nicht zwangsl&#228;ufig eine wichtige Rolle gespielt.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> Sie verbreiteten ihre Macht in den Nachkriegsjahren nicht durch politischen Zuspruch aus der Bev&#246;lkerung, sondern &#252;ber den Aufbau eines b&#252;rokratischen Verwaltungs-Apparates, gest&#252;tzt durch sowjetische Milit&#228;r-Pr&#228;senz. Es entstand eine neue Klassenstruktur in Osteuropa. Die wirtschaftliche Umverteilung, die nat&#252;rlich in erster Linie russischen Interessen diente, erm&#246;glichte innerhalb der L&#228;nder eine gewisse soziale Mobilit&#228;t. ArbeiterInnen und B&#228;uerInnen konnten durch eine Mitgliedschaft in den wachsenden kommunistischen Parteien in privilegierte Stellungen aufsteigen. Die stalinistische Ideologie wurde &#252;berall verbreitet und wurde Teil des Alltagslebens der Menschen. Doch all das konnte die Tatsache nicht verschleiern, dass das wirtschaftliche und politische Schicksal dieser L&#228;nder von nun an von Moskau aus diktiert wurde, ein Umstand gegen den sich die betroffen Menschen mehr als ein Mal zur Wehr setzten.</p>
<h3>Polen – Widerstand und Repression</h3>
<p>Die polnische Bev&#246;lkerung litt in den 50er Jahren schwer unter der sowjetischen Ausbeutungspolitik. Der Lebensstandard der polnischen ArbeiterInnen fiel zwischen 1949 und 1955 um zehn Prozent. Vierzig Prozent der nationalen Produktion wurde f&#252;r die Gro&#223;industrie verwendet, anstatt den Bed&#252;rfnissen der Bev&#246;lkerung zu dienen. Auch der strategische Kurswechsel der sowjetischen Eliten im Jahr 1953 bedeutete f&#252;r die Menschen keine tats&#228;chliche Verbesserung ihrer Lebenssituation.<br />
Das Jahr 1953 war ein Wendepunkt f&#252;r die Kommunistische Partei Russlands. Unter dem Druck der Revolten in Ostdeutschland und erm&#246;glicht durch den Tod Stalins wurde in vielen der so genannten „Volksdemokratien“ eine liberalere Politik eingef&#252;hrt. In Polen waren die wirtschaftlichen Zugest&#228;ndnisse eher halbherzig und oft erst erreicht, wenn die ArbeiterInnen selbst daf&#252;r eintraten. So gab es gegen die sinkenden L&#246;hne und die steigende Arbeitszeit immer wieder kleinere Streiks, wie in Danzig und Warschau. Politisch wurden allerdings durch die Lockerung der Zensur neue Spielr&#228;ume f&#252;r kritische Auseinandersetzung mit der Regierungspolitik er&#246;ffnet. Mitte der 50er traten Studierende, JournalistInnen und sozialistische AutorInnen<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> eine Welle der Kritik am Regime los. Im Zentrum der kritischen Debatten stand eine Gruppe, die sich als „Oktober Linke“ bezeichnete. Die studentische marxistische Wochenzeitschrift <em>Po Prostu</em>, die bis zu 90.000 LeserInnen erreichte, wurde in Polen zum wichtigsten Medium der Kritik gegen das Regime. Viele Artikel behandelten den chaotischen Zustand der Industrie und die Probleme, die offiziell nicht existierten (z.B. 300.000 Arbeitslose), aber sie portraitierten auch die unglaublichen Privilegien der herrschenden B&#252;rokraten-Klasse und kontrastierten diese mit der Lebenssituation der ArbeiterInnen.<br />
Auch in den Betrieben wurden die Unmuts&#228;u&#223;erungen immer lauter. Die Arbeitsbedingungen hatten sich zunehmend verschlechtert. Am 28. Juni 1956 entlud sich die angestaute Wut der ArbeiterInnen in Posen. 16.000 FabriksarbeiterInnen mit selbst angefertigten Bannern zogen durch die Stra&#223;en und skandierten “Wir wollen Brot!”, “Wir wollen niedrigere Preise und h&#246;here L&#246;hne!”. Leute aus den umliegenden Fabriksgeb&#228;uden und Gesch&#228;ften schlossen sich der Demonstration an. Bald hatte sich ein Drittel der gesamten Stadtbev&#246;lkerung vor dem Rathaus versammelt und forderte: “Wir wollen Freiheit!”, “Nieder mit dem falschen Kommunismus!”, “Nieder mit den Russen!”.<br />
Die spontane Massendemonstration entwickelte immer mehr Dynamik. Ein Teil der Demonstration marschierte weiter zum Stadtgef&#228;ngnis, um dort politische Gefangene zu befreien, die Waffen der W&#228;rter wurden konfisziert. Ein anderer Teil der Menge &#252;bernahm die Radiostation. Die gesamte Machtstruktur wurde pl&#246;tzlich herausgefordert.<br />
Die Regierung in Warschau antwortete mit Spezialeinheiten der Armee. Bis zum Abend &#252;bernahmen diese mit ihrer &#252;berlegenen Bewaffnung wieder die Kontrolle &#252;ber die Stadt. Der Aufstand, auch wenn teilweise am n&#228;chsten Tag noch weiter gek&#228;mpft wurde, war in den sp&#228;ten Stunden niedergerungen. Am n&#228;chsten Tag erst konnte der Rest der polnischen Bev&#246;lkerung direkt aus der offiziellen Parteizeitung erfahren was geschehen war:<br />
“Feindliche Agenten haben erfolgreich Unruhen provoziert. Die Geschehnisse gingen so weit, dass &#246;ffentliche Geb&#228;ude attackiert wurden, Todesopfer waren die Folge … Die Organisatoren dieser Aktion, eine breit und sorgf&#228;ltig vorbereitete Provokation, werden die volle H&#228;rte der Gesetze zu sp&#252;ren bekommen. … Die Provokation in Posen war von Feinden unseres Vaterlandes organisiert.”<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a></p>
<p>Doch ein wachsender Teil der herrschenden Klasse sah in Posen eine Warnung. Weitere Aufst&#228;nde w&#228;ren sicher nicht wieder so einfach niederzuschlagen. Der reformistische Fl&#252;gel innerhalb der Regierung wurde durch den Aufstand in Posen gest&#228;rkt. Der Widerspruch jedoch zwischen Reformern und jenen, die Reformen verabscheuten, spitzte sich immer weiter zu – bis im Oktober 1956 sogar ein B&#252;rgerkrieg drohte. Doch am 18. Oktober rollten russische Panzer in Polen ein um genau diesen zu verhindern und die Macht der Anti-Reformer zu st&#228;rken.</p>
<h3>Ungarn – die Revolution bricht aus</h3>
<p>W&#228;hrend die Unzufriedenheit in Polen 1956 dahinbrodelte, kochte sie in Ungarn &#252;ber. Um die Situation in Ungarn 1956 zu erkl&#228;ren, m&#252;ssen erst die zuvor liegenden, von Moskau gelenkten, Regierungsman&#246;ver betrachtet werden, die letztendlich zu einer Fraktionierung der politisch herrschenden Klasse Ungarns f&#252;hrten. Bis 1953 wurde der 5-Jahresplan Stalins in Ungarn unbarmherzig umgesetzt. Die Schwerindustrie wuchs um 210%, w&#228;hrend der Lebensstandard der Bev&#246;lkerung kontinuierlich sank. Exekutiert wurde diese harte Wirtschaftspolitik bis zum Jahr 1953 durch die Regierung um Mátyás Rákosi<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a>. Dann leitete Chruschtschow auch in Ungarn einen Kurswechsel ein. Die neue politische Leitfigur war Imre Nágy mit seiner Idee des „nationalen und menschlichen Sozialismus“. Er sollte Unruhen vorbeugen und so kam es zu einigen Reformen, im Sinne der arbeitenden Bev&#246;lkerung: ArbeiterInnen sollten h&#246;here Bez&#252;ge erhalten und die Wirtschaftspl&#228;ne weniger &#252;berspannt werden, den Bauern wurden die Strafen f&#252;r nicht-vollbrachte Zwangsablieferungen gestrichen und Partei und Staatsapparat sollten st&#228;rker getrennt werden. Ungarn erlebte 1953 den Beginn einer neuen Epoche – eine Epoche des „Neuen Kurs“. Die Gruppe um Imre Nágy setzte diese Reformen jedoch nicht ohne Widerstand aus der eigenen Partei um. Rákosi lehnte diese strikt ab. Auch das Zentralkomitee der KPdSU in Moskau war alles andere als ein homogener Block. Nicht einmal zwei Jahre nach der Einf&#252;hrung dieser Reformen schwang das ZK der KPdSU nach einem Besuch Rákosis in Moskau um und Rákosi wurde der R&#252;cken gest&#228;rkt.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a><br />
Mitte 1956 konzentrierte sich die Diskussion in ganz Ungarn auf die Politik der Diktatur der KP. Das Zentrum der Kritik stellte der so genannte Pet&#246;fi-Kreis<sup>6</sup> dar. Das war vorerst ein studentischer Diskussionszirkel, der sich mit Fragen marxistischer Philosophie und Realpolitik besch&#228;ftigte. Bald wurden aber immer gr&#246;&#223;ere Veranstaltungen organisiert und die Themen wurden immer brisanter: der wirtschaftspolitische Kurs Ungarns, Demokratie, Pressefreiheit, uvm. Die TeilnehmerInnen waren RegierungskritikerInnen, vor allem aus privilegierten Milieus, wie Universit&#228;t, Verwaltungsapparat oder Armee. Mit diesem Zirkel formierte sich ein zweites politisches Zentrum in Ungarn, welches die Politik des Zentralkomitees der MDP (kommunistische Partei Ungarns) herausforderte.<br />
Im Juli 1956 musste Rákosi aufgrund der immer st&#228;rkeren Opposition, nicht zuletzt bedroht durch die Entwicklungen in Polen, zur&#252;cktreten. Der ehemalige Chef der Staatsschutzbeh&#246;rde (AVH) und Mitstreiter Rákosis Ern&#246; Ger&#246; nahm seinen Posten ein. Doch die kritischen Stimmen wurden immer lauter, auch in den Betrieben begannen die ArbeiterInnen nach und nach Fragen zu stellen. Die Stimmung unter den Intellektuellen und unter den ArbeiterInnen heizte sich auf.</p>
<h3>Massenaufstand in Budapest</h3>
<p>Am 22. Oktober riefen einige StudentInnengruppen zu einer Demonstration in der Hauptstadt auf, um ihre Solidarit&#228;t mit “unseren polnischen Br&#252;dern” auszudr&#252;cken. Vielleicht w&#228;re es auch bei einem friedlichen Zeichen der Solidarit&#228;t geblieben, w&#228;ren die Menschen nicht gleich mit der Willk&#252;r ihrer eigenen herrschenden Klasse konfrontiert worden, die die Demonstration zun&#228;chst erlaubte und diese Erlaubnis kurz danach wieder entzog. Trotzdem, oder gerade deswegen, versammelten sich 100.000 Menschen am Platz vor der Statue von Josef Bem<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a>. In flammenden Reden wurden Reformen gefordert. Reformen, wie eine eigene, von Russland unabh&#228;ngige Politik, auf Basis sozialistischer Prinzipien. Betriebe sollten von ArbeiterInnen selbst gef&#252;hrt werden. Gewerkschaften sollten zur echten Repr&#228;sentantin der Interessen der ungarischen ArbeiterInnenklasse werden. Und nat&#252;rlich die Forderung nach freien Wahlen.<br />
Der Protestmarsch schien schon vor&#252;ber zu sein. Die Kundgebungen gehalten. Doch die Menschen wollten sicher gehen, dass ihre Forderungen tats&#228;chlich erf&#252;llt werden. Langsam bewegte sich die Menge weg vom Platz der Bem-Statue hin Richtung Parlament. Die Demonstration radikalisierte sich. “Raus mit den Russen!”, “Nieder mit Rákosi!”, “Freie und geheime Wahlen!”, “Nágy an die Macht!”. Die Demonstration schwoll immer mehr an. &#220;ber Radio sprach Ger&#246; zu den Menschen. Seine Rede machte klar, dass die Gruppe um ihn keinen Politikwechsel vorhatte.<br />
Zum Gef&#252;hl der Solidarit&#228;t und St&#228;rke kam nun auch das Gef&#252;hl der Bitterkeit, der Wut. Ein gro&#223;er Teil der Demonstration marschierte im Anschluss weiter zur Radiostation, um Ger&#246; zu antworten. Ein anderer Teil marschierte zum Stadtpark und riss die Stalin-Statue nieder. Ein weiteres verhasstes Symbol der Diktatur stellte sich den Menschen bei der Radiostation entgegen. 500 Soldaten der Staatsschutzbeh&#246;rde AVH bewachten sie. Es kam zu erbitterten Stra&#223;enschlachten zwischen der Polizei und den sich spontan bewaffnenden DemonstrantInnen. In diesem Moment begann in Ungarn die Revolution. Entgegen den Beteuerungen der Propaganda waren nicht einzelne Individuen am Werk, sondern ein gro&#223;er Teil der Budapester Bev&#246;lkerung.<br />
Ein Reporter aus Jugoslawien beschreibt die Situation folgenderma&#223;en:<br />
„Tausende Menschen eigneten sich Waffen an, indem sie Soldaten entwaffneten. Einige dieser Soldaten solidarisierten sich mit den erbittert k&#228;mpfenden Massen. Es wird berichtet, dass sie in Baracken eingebrochen und die Waffenfabrik Budapests eingenommen haben. Auf den Stra&#223;en tauchten Maschinengewehre und sogar leichte Infanterie auf. Gem&#228;&#223; den Augenzeugenberichten sind die Beh&#246;rden handlungsunf&#228;hig, es ist ihnen nicht m&#246;glich die blutigen Auseinandersetzungen zu beenden.“<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a></p>
<p>Der ungarische Staatsapparat drohte v&#246;llig zusammenzubrechen. Am 23. und 24. Oktober geriet die Budapester F&#252;hrung derma&#223;en in Panik, dass einige in die Untergrundbunker flohen, die f&#252;r die ArbeiterInnen nicht zug&#228;nglich waren. Die regul&#228;re Polizei war machtlos und in Budapest liefen 1.200 Offiziere angef&#252;hrt vom Polizeichef Sandor Kopasci zu den DemonstrantInnen &#252;ber.</p>
<h3>Doppelherrschaft</h3>
<p>Die Herrschenden mussten reagieren. Am n&#228;chsten Morgen verk&#252;ndete Ger&#246; die Bildung einer neuen Regierung mit Imre Nágy als Ministerpr&#228;sident, was einer Forderung der Aufst&#228;ndischen entsprach. Die Auseinandersetzungen gingen jedoch auch unter der neuen Regierung weiter.<br />
Am dritten Tag der K&#228;mpfe, am 26. Oktober, begannen die Menschen Strukturen zu schaffen, um ihrer neuen Macht Ausdruck zu verleihen und effizienter zu agieren. Sie formierten “Revolution&#228;re R&#228;te” in den St&#228;dten und Stadtvierteln, in den D&#246;rfern, in Zeitungsb&#252;ros und in Schulen, auf Bauernh&#246;fen und in den Fabriken. Die R&#228;te organisierten die Revolution und das Alltagsleben. Sie waren die Koordinationspunkte um Kampfstrategien weiterzuentwickeln, aber sie organisierten auch die Arbeit in den Fabriken und die Verteilung von Lebensmitteln und anderen G&#252;tern. Sie waren der Ausdruck von Demokratie und Selbstverwaltung in dieser revolution&#228;ren Phase, sie zeigten das Potenzial der ArbeiterInnenklasse, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.<br />
Die R&#228;te machten klar, dass es den Menschen in der ungarischen Revolution um eine tats&#228;chliche Umstrukturierung der gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse ging, mit dem zentralen Punkt der Kontrolle der ArbeiterInnen &#252;ber die Produktion. So wurde bei einer Versammlung von 24 R&#228;ten aus Budapest eine Resolution verabschiedet, die unter anderem folgende Punkte enthielt:<br />
- Die Fabriken sind Eigentum der ArbeiterInnen.<o></o><br />
- Die Kontrolle &#252;ber ein Unternehmen wird von dem demokratisch gew&#228;hlten ArbeiterInnenrat ausge&#252;bt.<br />
- Die Rechte der ArbeiterInnenr&#228;te werden folgenderma&#223;en definiert:<br />
o Die Zustimmung und Ratifizierung aller Projekte, die das Unternehmen betreffen<br />
o Die Festlegung des Lohnniveaus<o></o><br />
o Die Entscheidungsbefugnis &#252;ber alle Vertr&#228;ge im Export-Bereich<o></o><br />
o Finanzierungsentscheidungen<o></o><br />
o Einstellungs- und Entlassungspolitik<o></o><br />
o Die Ernennung eines Leiters des Unternehmens, der dem Rat gegen&#252;ber                                 verantwortlich ist.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a></p>
<p>Das Netz der R&#228;testrukturen wurde immer gr&#246;&#223;er und ihre Forderungen radikaler. In solch einer Situation konnte die Regierung auf zwei Arten reagieren: Entweder sie versuchte, den Aufstand und die daraus entstandenen Strukturen blutig niederzuschlagen, oder durch gro&#223;e Zugest&#228;ndnisse auf die Forderungen der Masse einzugehen und damit die revolution&#228;re Krise zu entsch&#228;rfen. Die Regierung entschied sich f&#252;r zweiteres. Am 30. Oktober verk&#252;ndete Nágy: “Das Kabinett wird das Ein-Parteiensystem abschaffen und die Regierung auf die Basis demokratischer Kooperation der Parteien von 1945 stellen.”<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> Die ArbeiterInnenr&#228;te, so wurde versprochen, sollten offiziell eingebunden werden. Bis Anfang November wurden immer mehr der popul&#228;ren Figuren der Revolution in die Regierung integriert. In den R&#228;ten selbst stellte sich nun die Frage, ob man dieser neuen Regierung vertrauen, oder eine eigene, in Form eines zentralen ArbeiterInnenrats, gr&#252;nden sollte. W&#228;hrend in den Revolution&#228;ren R&#228;ten noch diskutiert wurde, wurde von Moskau aus bereits die Konter-Revolution vorbereitet.</p>
<h3>Verrat und Konterrevolution</h3>
<p>Am 4. November r&#252;ckten russische Panzer in Budapest ein. Die ungarische Regierung wollte sich den Invasoren nicht kampflos ergeben. Imre Nágy verk&#252;ndete:<br />
“Heute im Morgengrauen haben sowjetische Kr&#228;fte begonnen unsere Hauptstadt anzugreifen, um offensichtlich die legale, demokratische ungarische Regierung zu st&#252;rzen. Unsere Truppen k&#228;mpfen. Die Regierung ist im Amt.“<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a></p>
<p>Aber wenige Stunden sp&#228;ter hatte die russische Armee alle strategisch wichtigen Punkte in der Stadt eingenommen. Nágy und die anderen Minister mussten fliehen. Doch in ganz Ungarn griffen die ArbeiterInnen zu den Waffen und stellten sich der einr&#252;ckenden russischen Offensive entgegen. In Csepel, Újpest, in Pécs, in Miskolc und in Dunapentele – &#252;berall str&#246;mten Menschen auf die Stra&#223;en um die Revolution zu verteidigen.<br />
Die russische Armee setzte ihren Angriff ohne Gnade fort. In ihrer Verzweiflung baten die Aufst&#228;ndischen den Westen um Hilfe. Doch sie hatten keine Unterst&#252;tzung zu erwarten. Der westlichen herrschenden Klasse war klar, dass diese Revolution, auch wenn gegen ihren Feind den Stalinismus gerichtet, nicht in ihrem Interesse war. Au&#223;erdem h&#228;tten sie damit eine Eskalation des Konflikts zwischen den gro&#223;en imperialistischen Bl&#246;cken riskiert.<br />
Als Russland die Kontrolle nach schweren K&#228;mpfen und mehr als 20.000 Toten wieder erlangte, &#252;bergaben sie sie an die neue ungarische Regierung unter Ministerpr&#228;sident János Kádár. Trotzdem war der Widerstand noch nicht gebrochen. Die Industrieproduktion war gestoppt, es gab keine Elektrizit&#228;t, die Nahrungsvorr&#228;te neigten sich dem Ende zu und das Telefonnetz und die Post funktionierten nur dann, wenn die ArbeiterInnen es wollten. Auch wenn sie milit&#228;risch geschlagen waren, ihre m&#228;chtigste Waffe gaben die ArbeiterInnen Ungarns nicht so schnell aus der Hand. Sie organisierten einen Generalstreik. Die Organisation des Streiks war weitaus schwieriger in dieser Situation. Viele der ArbeiterInnen hatten die Hoffnung auf einen Sieg l&#228;ngst aufgegeben. Nun war es wichtig die Kr&#228;fte zu b&#252;ndeln, wenn doch noch etwas erreicht werden sollte. Am 8. November fand ein Koordinationstreffen der Budapester ArbeiterInnenr&#228;te statt und ein Zentraler ArbeiterInnenrat wurde gegr&#252;ndet. Man einigte sich auf die folgenden Forderungen: Die Betriebe sollten Eigentum der ArbeiterInnen unter der Kontrolle der R&#228;te werden, die Macht der R&#228;te sich auch auf die wirtschaftlich, soziale und kulturelle Sph&#228;re ausweiten, eine eigene Miliz sollte geschaffen werden und ein Mehr-Parteien System auf sozialistischer Basis etabliert werden.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Allerdings war zu diesem Zeitpunkt bereits klar, dass diese Forderungen nicht zur G&#228;nze umgesetzt werden k&#246;nnten. Das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis hatte sich aufgrund ihrer milit&#228;rische &#220;berlegenheit schon weit zugunsten der herrschenden Klasse verschoben. So begannen nun die Verhandlungen zwischen der Kádár-Regierung und VertreterInnen des Zentralen ArbeiterInnenrates. R&#252;ckblickend erscheint das Verhalten der ehemaligen Revolutionsf&#252;hrerInnen etwas naiv. Denn w&#228;hrend noch &#252;ber die formale Annerkennung der R&#228;te verhandelt wurde, wurden mehr und mehr ihrer Mitglieder verhaftet, verschleppt und wie sich sp&#228;ter herausstellte, exekutiert. Die Regierung wollte und konnte die Macht der R&#228;te niemals akzeptieren. So wurde am 11. Dezember 1956 – 30 Tage seit seinem Bestehen – der Zentrale ArbeiterInnenrat von Gro&#223;budapest zur G&#228;nze verhaftet. Am 15. Dezember wurde die Todesstrafe f&#252;r wilde Streiks eingef&#252;hrt. Die ehemaligen Anf&#252;hrer der R&#228;te, wie Janoz Soltezs oder Josef Dudas wurden verhaftet und ermordet. Gleichzeitig wurden Lohnerh&#246;hungen f&#252;r die Mehrheit der ArbeiterInnen eingef&#252;hrt. Es wurde alles daran gesetzt den Arbeitsalltag wieder herzustellen. Am 6. J&#228;nner l&#246;ste sich der letzte ArbeiterInnenrat selbst auf.</p>
<h3>Sozialismus von unten</h3>
<p>Es stellt sich die Frage, warum ein System, das sich „Kommunismus“ oder „ArbeiterInnenstaat“ nennt, von ArbeiterInnen derart herausgefordert werden kann. In dieser Geschichte wird deutlich, dass der “real existierende Sozialismus” seit dem Stalinismus nichts mit Sozialismus zu tun hatte. Es wurden weder Produktion noch Verteilung unter der demokratischen Kontrolle von ArbeiterInnen organisiert. Die Kontrolle wurde durch einen repressiven b&#252;rokratischen Staatsapparat ausge&#252;bt.<br />
Worin liegt dann in diesem Zusammenhang die Bedeutung der ArbeiterInnenr&#228;te: Die Tatsache, dass sie gegen einen so genannten sozialistischen ArbeiterInnenstaat aufgebaut und von demselben wieder zerst&#246;rt wurden, zeigt, dass Ungarn weder vor noch nach 1956 in irgendeiner Weise sozialistisch war. Dass die R&#228;te die Kontrolle &#252;ber die Produktionsmittel &#252;bernahmen, zeigt auch, dass das Problem nicht die politische Degeneration an der Spitze war, sondern ein System, das ArbeiterInnen politisch und &#246;konomisch unterdr&#252;ckt. „Die Kommunisten verstaatlichten alle Fabriken und &#228;hnliche Unternehmen mit dem Slogan: Das sind eure Fabriken – ihr arbeitet f&#252;r euch selbst. Aber das genaue Gegenteil war der Fall“, betonte ein Arbeiter aus Csepel.</p>
<p>Aus diesem Grund wird der “real existierende Sozialismus” von uns als „b&#252;rokratischer Staatskapitalismus“ analysiert. Was die ArbeiterInnenr&#228;te dagegen geschaffen haben, n&#228;mlich der Ansatz einer demokratischen selbstverwalteten Gesellschaft, steht f&#252;r uns in der Tradition des “Sozialismus von unten”.<br />
„Der Kern der Vorstellung von einem Sozialismus von unten ist, dass der Sozialismus nur durch die Selbstbefreiung der in Bewegung geratenen Massen verwirklicht werden kann, die die Freiheit mit eigenen H&#228;nden ergreifen, die sich “von unten” in einen Kampf werfen, um die Kontrolle &#252;ber ihr Schicksal zu &#252;bernehmen, als Handelnde (nicht nur Unterworfene) auf der B&#252;hne der Geschichte.“<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> In Ungarn, Polen und Rum&#228;nien waren die kommunistischen Parteien vor und w&#228;hrend dem Krieg verschwindend klein nur in Tschechien hatten sie etwas mehr Bedeutung mit 240.00 Mitgliedern.<o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Z. B. Adam Wazyk, der bereits vor dem Krieg Anh&#228;nger der Kommunistischen Partei war und dann bekannter Vertreter „sozialistischen Realismus“ wurde<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> zit. nach Harman, Chris: Class Struggles in Eastern Europe 1945-1983. London: Bookmarks 1988. p98.<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Mátyás Rákosi war bereits vor dem 2. Weltkrieg, den er gro&#223;teils im russischen Exil verbrachte, Mitglied der Kommunistischen Partei. Ihm wird die „Sowjetisierung“ Ungarns zugeschrieben, er baute die AVH auf und bezeichnete sich selbst als „Stalins bester Sch&#252;ler“.<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Vgl. Varga, Gy&#246;rgy T.: Zur Vorgeschichte der ungarischen Revolution 1956. p73.<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Die Pet&#246;fi-Zirkeln entstanden aus einer Untergruppe der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei Ungarns.<br />
Benannt wurden sie nach dem Dichter und Held des ungarischen Freiheitskampfs 1848 Sándor Pet&#246;fi.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Josef Bem, urspr&#252;nglich aus Polen stammenden Helden im ungarischen Aufstand von 1848.<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Zit. n. Harman: Class Struggles in Eastern Europe. p131.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Nagy, Balász: Budapest 1956: The Central Workers Council. http://www.marxists.de/statecap/nagy/budapest.htm<o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Zit. n. Harman: Class Struggles in Eastern Europe. p138.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Zit. n. ebd.: p159.<o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Nagy, Balász: Budapest 1956: The Central Workers Council.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Draper, Hal: Die zwei Seelen des Sozialismus. http://www.anu.edu.au/polsci/marx/intros/2seelen.htm<o></o></p>
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