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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Staatstheorie</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Altes und neues der Feministischen Staatstheorie</title>
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		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:11:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Staatstheorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Ludwig, Gundula/ Sauer, Birgit/ W&#246;hl, Stefanie (Hg.): Staat und Geschlecht. Grundlagen und aktuelle Herausforderungen feministischer Staatstheorie, Baden-Baden: Nomos 2009, 217 Seiten, € 29,90

„Die Themen moderner Staatlichkeit und Staatsb&#252;rgerInnenschaft werden heute in der feministischen Politikwissenschaft so intensiv wie vielleicht noch nie diskutiert. Das ist zweifellos eine Konsequenz aus der Tatsache, dass sich trotz aller politischen Gleichstellungsbem&#252;hungen nur wenig Entscheidendes an [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Ludwig, Gundula/ Sauer, Birgit/ W&#246;hl, Stefanie (Hg.): Staat und Geschlecht. Grundlagen und aktuelle Herausforderungen feministischer Staatstheorie, Baden-Baden: Nomos 2009, 217 Seiten, € 29,90<br />
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„Die Themen moderner Staatlichkeit und Staatsb&#252;rgerInnenschaft werden heute in der feministischen Politikwissenschaft so intensiv wie vielleicht noch nie diskutiert. Das ist zweifellos eine Konsequenz aus der Tatsache, dass sich trotz aller politischen Gleichstellungsbem&#252;hungen nur wenig Entscheidendes an der Benachteiligung und Diskriminierung von Frauen ge&#228;ndert hat.“ (41) Mit diesem Statement von Gabriele Wilde im ersten Beitrag von Staat und Geschlecht ist die Notwendigkeit des Bandes schnell belegt.<br />
Die Beitr&#228;ge der zw&#246;lf Autorinnen – einleitend wird betont, dass dies der erste Band der Reihe „Staatsverst&#228;ndnisse“ ist, in dem nur Frauen publizieren, was die gegenw&#228;rtige Arbeitsteilung in der Staatstheorie abbildet, geht es doch um „Geschlecht“ und damit um eine „Frauenangelegenheit“ – bieten eine Zusammenschau zentraler Grundlagen feministischer Staatstheorie und -kritik der vergangenen 30 Jahre bis heute. Eva Kreisky und Marion L&#246;ffler erkl&#228;ren also etwa einmal mehr den Begriff des Maskulinismus im Staat, Gundula Ludwig das hegemonie- und gouvernementalit&#228;tstheoretische Staatsverst&#228;ndnis und die Folgen f&#252;r die Frage des Subjekts. Auch werden Themen wie die Debatte um den Geschlechtervertrag (Nichtregulierung des „Privaten“), Recht und Staat (Verb&#252;ndete im Bem&#252;hen um Gleichstellung?), Gewalt (Birgit Sauer pl&#228;diert f&#252;r einen „weiten Gewaltbegriff […] um die Vielf&#228;ltigkeit geschlechtsspezifischer Bedrohungs- und Unsicherheitslagen von Frauen […] in den Blick zu bekommen“ [62]) und die Transformation von Staatlichkeit diskutiert.<br />
Der zweite Teil des Buches, „Aktuelle Herausforderungen feministischer Staatstheorie“ betitelt, behandelt viele im geistes- und sozialwissenschaftlichen Kontext noch wenig ber&#252;cksichtigte Felder, und hier wird es auch f&#252;r bereits in die Materie Eingelesene spannend: Feministische &#214;konomie, europ&#228;isches Regieren, transnationale Frauenbewegungen, Entwicklungen von Wohlfahrtsstaaten, Fortpflanzungspolitik und schlie&#223;lich Staatlichkeit und Intersektionalit&#228;t bieten einen breiten Zugang, welcher die Vielschichtigkeit feministischer Staatstheorie sehr pr&#228;gnant demonstriert und konkreten Aktualit&#228;tsbezug herstellt. Die von den Herausgeberinnen getroffene Auswahl der Autorinnen verspricht nicht zuviel: G&#252;lay Caglar etwa arbeitet zu „Gender und Globalisierung“ an der Berliner Humboldt Universit&#228;t, es findet sich eine Rechtsphilosophin neben einigen Politikwissenschafterinnen, Susanne Schultz ist Redakteurin beim Gen-ethischen Netzwerk e.V. Berlin mit Schwerpunkt Humangenetik und Friederike Habermann ist politikwissenschaftliche &#214;konomin und Historikerin.<br />
Besonders positiv hervorzuheben ist der Beitrag von Susanne Schultz, „Zwischen Eugenik, Demografie und dem Management reproduktiver Biographien: spannungsreiche staatstheoretische Zug&#228;nge zu Fortpflanzungspolitik“. Darin werden K&#246;rperpolitiken einer politikwissenschaftlichen Analyse unterzogen, die bisher vernachl&#228;ssigt wurde, obwohl die Macht des Staates &#252;ber den K&#246;rper bzw. der Einfluss des Staates bis hin zum subjektiven K&#246;rper eigentlich kein g&#228;nzlich neues Terrain darstellen. Der Beitrag behandelt ein gerade wieder durch die parlamentarische Debatte um Pr&#228;implantationsdiagnostik aufflammendes Thema und stellt zugleich neue Zug&#228;nge dar, um die trotz aller Kritik an der Trennung des „privaten“ Lebens und des „&#246;ffentlichen“, sprich „politischen“ Bereiches auch in der feministischen Politikwissenschaft anzutreffende Gewichtung in traditionelle und unkonventionelle Themen zu unterlaufen. Schultz zeigt auf, dass feministische Staatskritik „mehr kann“ als die immer gleichen Kritikpunkte an der Arbeit von Frauengruppen in internationalen Institutionen darzustellen oder die oft get&#228;tigten Vergleiche von Wohlfahrtsstaaten und deren Geschlechterpolitik neu aufzurollen. „Um einerseits die Strukturiertheit staatlicher Biopolitik als Ganzes und andererseits die Offenheit und Konflikttr&#228;chtigkeit der K&#228;mpfe auf staatlichem Terrain analysieren zu k&#246;nnen“ (187), schl&#228;gt Schultz zwei staatstheoretische Optiken vor: „Eine Optik versucht, die K&#228;mpfe um Fortpflanzungspolitik in ihrem Prozess und mit den unterschiedlichen Positionen und AkteurInnen und somit deren Offenheit und Konflikttr&#228;chtigkeit in den Blick zu bekommen. Und eine erfasst […] aufs Ganze blickend [und mit hegemonie- und diskurstheoretischen Werkzeugen ausgestattet], wie SprecherInnenpositionen im Feld des Staates Sinn ergeben, konstituiert sind und sich in ein hegemoniales Projekt einf&#252;gen“ (ebd.). Mit dieser Herangehensweise beschreibt Schultz drei staatstheoretische Str&#228;nge: erstens behandelt sie die biopolitische Grundstruktur moderner Staatlichkeit, wobei sie das Verh&#228;ltnis zwischen der Verwaltung von Bev&#246;lkerungen als biopolitische Makroebene und der Politik der Beeinflussung individueller K&#246;rper und deren reproduktives Verhalten als biopolitische Mikroebene beschreibt. Letztere bedeutet etwa Politik um „das individuelle oder im heteronormativen Kleinfamilienmodell paarf&#246;rmig organisierte reproduktive Verhalten“ (186). „Der zweite Zugang besch&#228;ftigt sich mit der Analyse unterschiedlicher Regime der Fortpflanzungspolitik“ (ebd.), und in der dritten Herangehensweise stellt sich die Frage: „Welche Selbsttechnologien, in unserem Fall welches ‚reproduktive Verhalten‘, wird auf der mikrobiopolitischen Ebene staatlich gef&#246;rdert, gefordert und durchgesetzt?“ (187). Hier wird die Macht von Wissensordnungen und F&#246;rdermechanismen dargestellt, aber auch empirisch, soziologisch, ethnologisch oder kulturwissenschaftlich nach Aneignungsformen und Uminterpretationsstrategien der Individuen geforscht. Musterhaft zieht die Autorin Beispiele staatlicher Politik aus Deutschland zwischen 1995 und 2008 heran. Im Schlusssatz betont Schultz die Bedeutung von sozialen Bewegungen im Kampf um politische Verhandlungen, welche hier „schon lange vor akademischen Diskussionen &#252;ber Biopolitik die[se] komplexen Verschr&#228;nkungen der Fortpflanzungspolitik analysiert haben“ (195). Im Editorial des Buches wird der Anspruch betont, dass die Reihe „Staatsverst&#228;ndnisse“ des Nomos Verlages vor allem Studierende der Geistes- und Sozialwissenschaften ansprechen soll. Bei Staat und Geschlecht handelt es sich allerdings um Literatur f&#252;r jene, die im universit&#228;ren Umfeld noch nicht allzuviel &#252;ber feministische Staatskritik geh&#246;rt haben und wissen wollen, was diese in den vergangenen 30 Jahre geleistet hat. Wer in akademische Feminismen bereits eingelesen ist, wird zu Beginn des Buches kaum neuen Thesen begegnen – &#220;berraschung wird aber, um fair zu bleiben, auch nicht als Zielsetzung der Herausgeberinnen f&#252;r den ersten Teil genannt. Vielmehr soll hier auf zentrale „Begriffe, Theoreme und Problemstellungen feministischer Staatstheorie“ fokussiert werden (19). Der zweite Teil des Bandes stellt demgegen&#252;ber einige neue Themenkomplexe vor, die Lust auf eine tiefer gehende Besch&#228;ftigung machen. Eine solche kann Staat und Geschlecht mit den maximal sechzehnseitigen Beitr&#228;gen eindeutig nicht bieten. Es lohnt sich also, die jeweiligen Literaturlisten genauer durch zu schm&#246;kern.</p>
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		<title>Geschlecht, Arbeitseilung, Staat – Ein k&#252;hner Versuch</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 09:07:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Staatstheorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Nowak, J&#246;rg (2009): Geschlechterpolitik und Klassenherrschaft. Eine Integration marxistischer und feministischer Staatstheorien; M&#252;nster: Westf&#228;lisches Dampfboot.

J&#246;rg Nowaks Buch „Geschlechterpolitik und Klassenherrschaft. Eine Integration marxistischer und feministischer Staatstheorien“ stellt das ambitionierte und viel versprechende Projekt dar, zwei der gro&#223;en theoretischen Paradigmen der Linken, Marxismus und Feminismus, auf und &#252;ber das Feld der Staatstheorie zusammen zu f&#252;hren (11). Die Wichtigkeit seines Vorhabens [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Nowak, J&#246;rg (2009): Geschlechterpolitik und Klassenherrschaft. Eine Integration marxistischer und feministischer Staatstheorien; M&#252;nster: Westf&#228;lisches Dampfboot.<br />
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J&#246;rg Nowaks Buch „Geschlechterpolitik und Klassenherrschaft. Eine Integration marxistischer und feministischer Staatstheorien“ stellt das ambitionierte und viel versprechende Projekt dar, zwei der gro&#223;en theoretischen Paradigmen der Linken, Marxismus und Feminismus, auf und &#252;ber das Feld der Staatstheorie zusammen zu f&#252;hren (11). Die Wichtigkeit seines Vorhabens macht Nowak darin aus, dass „[i]n den kapitalistisch gepr&#228;gten Industriegesellschaften zu Beginn des 21. Jahrhunderts [...] die Verbindung von Familienpolitik, Geschlechterverh&#228;ltnissen und Ver&#228;nderungen in der Erwerbsarbeit eine der strategischen Schl&#252;sselfragen f&#252;r den Kampf um die Grundkoordinaten gesellschaftlicher Entwicklung“ sind (10).<br />
Sein Fokus gilt der Frage, wie Klasseninteressen das Verh&#228;ltnis von Staat und Geschlecht beeinflussen und wie umgekehrt Geschlechterhierarchien Arbeitsteilungen ver&#228;ndern. Die zentrale Kategorie der Klassenverh&#228;ltnisse m&#246;chte Nowak dabei nicht allein &#246;konomisch, sondern entlang dreier konstitutiver Ebenen bestimmen: die des Einkommens und der Machtressource, die der aktiven Handlungen von Gruppen und Individuen und schlie&#223;lich die diskursiv-symbolische Ebene. Damit korrespondieren Nowak zufolge f&#252;r die Geschlechterverh&#228;ltnisse die Ebenen der Arbeitsteilung zwischen M&#228;nnern und Frauen, die „gemischtgeschlechtliche“ AkteurInnenebene, auf der um unterschiedliche Formen von M&#228;nnlichkeit und Weiblichkeit gek&#228;mpft wird, und wieder die diskursiv-symbolische (13). Staatlichkeit wird dabei als Terrain ausgemacht, auf dem unterschiedliche gesellschaftliche Verh&#228;ltnisse miteinander verschr&#228;nkt werden (15). Im Hinblick auf die Klassenverh&#228;ltnisse erscheint uns diese dreigliedrige Bestimmung insofern als problematisch, weil sie der wenige Zeilen zuvor mit Jessop getroffenen Bestimmung von Klasse als „Einheit von Positionen in kapitalistischen Produktionverh&#228;ltnissen mit kontingenten Interpretationen dieser Positionen“ widerspricht. Der Klassenbegriff bleibt auch im Folgenden unbestimmt, eine Rekonstruktion des Klassenbegriffes im Anschluss an Poulantzas, wie sie angesichts der zentralen Rolle von dessen Staatstheorief&#252;r Nowak naheliegend gewesen w&#228;re, findet nicht statt.<br />
Das Buch ist im Folgenden in drei gro&#223;e Teile gegliedert: Im ersten Abschnitt <em>Arbeitsteilung, Klasse, Geschlecht</em> diskutiert Nowak zun&#228;chst unter dem Titel Die Struktur der kapitalistischen Produktionsweise vor allem Louis Althussers und Etienne Balibars Konzeption der „kapitalistischen Produktionsweise“ als „Einheit eines strukturierten Ganzen“ (23) und bestimmt die unterschiedlichen Bedeutungen, die dem Begriff der kapitalistischen Produktionsweise zukommen. Daran anschlie&#223;end werden Althussers „funktionalistische“ Annahmen &#252;ber die Beziehung von Superstrukturen und Basis kritisiert (25ff.). Dabei macht Nowak die These stark, dass es zur Reproduktion des Kapitalismus auch au&#223;er&#246;konomischer Bedingungen bed&#252;rfe (28f.) Immer noch mit Althusser werden die Begriffe Produktionsweise, Gesellschaftsformation und Produktionsverh&#228;ltnisse diskutiert sowie verschiedene Ans&#228;tze vorgestellt, die Artikulation unterschiedlicher Produktionsweisen und Produktionsverh&#228;ltnisse innerhalb einer konkreten Gesellschaftsformation zu untersuchen (30f.)<br />
Nach einem kurzen Rekurs auf Gramscis Begriff des „geschichtlichen Blocks“ zieht Nowak ein erstes Zwischenfazit. Darin kommt er zu dem Schluss, dass es die Begrifflichkeiten von Althusser, Balibar und Gramsci erm&#246;glichen, das Zusammenwirken von kapitalistischer &#214;konomie und Produktionsverh&#228;ltnissen in Haushalten zu denken, eine These die er sp&#228;ter weiter ausf&#252;hrt. So lie&#223;e sich die ungleichzeitige Entwicklung der verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen innerhalb der letztinstanzlichen Determination durch das &#214;konomische erkl&#228;ren, ohne nicht-&#246;konomische Ebenen als deren blo&#223;en Ausdruck oder als f&#252;r ihre Reproduktion notwendig funktional darzustellen. Diese letztinstanzliche Determination beschreibt Nowak so, „dass Mehrwertproduktion allen anderen gesellschaftlichen Entwicklungen einen gewissen Rahmen gibt und Grenzen etabliert, in denen sie kontingent verlaufen“ (34). Damit ist auch bereits angedeutet, dass die Funktionalit&#228;t von Geschlechterverh&#228;ltnissen f&#252;r die kapitalistische Produktionsweise „auf der theoretischen Ebene nicht zul&#228;ssig“ ist (ebd.) und immer konkret hergestellt werden muss.<br />
Unter dem Titel <em>Marxistische Theorien der Arbeitsteilung</em> folgt ein Wechsel der Abstraktionsebene. Anstatt den Begriff der gesellschaftlichen Arbeitsteilung von Althusser und, im Anschluss daran, von Poulantzas stark zu machen, werden – etwas unerwartet – verschiedene marxistische Ans&#228;tze zu Arbeitsmarktsegregationen entlang der Linien Geschlecht und Ethnizit&#228;t diskutiert (35ff.). So spannend diese Konzepte auch sind, leidet Nowaks Zugang doch darunter, dass nur die geschlechtsspezifische, nicht jedoch die ethnisierte Arbeitsteilung – gerade auch in ihrem Verh&#228;ltnis zum Staat – bestimmt wird.<br />
Nach der Besch&#228;ftigung mit den marxistischen Ans&#228;tzen geht Nowak zur Diskussion feministischer Theorien &#252;ber. Er kritisiert, dass konstruktivistische Ans&#228;tze zum Thema Geschlecht nicht erkl&#228;ren k&#246;nnen, welche Strategien und Motive sich &#252;berschneiden, und dass sie die Interdependenz von &#214;konomie und Geschlechterhierarchie als &#228;u&#223;erliches Verh&#228;ltnis darstellen. (54). Im Anschluss an Reinhard Kreckel stellt er die These auf, die Trennung von Erwerbsarbeit und Privathaushalt sei bereits im 19. Jahrhundert verallgemeinert worden (49). Als zentral f&#252;r die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung sind laut der von Nowak vorgestellten feministischen Literatur die Trennung von Erwerbs- und Privatleben, die damit entstehenden Institutionen des Familienern&#228;hrers und der Hausfrau, die Benachteiligung der Frau in der Erwerbsarbeit, die Abh&#228;ngigkeit nicht entlohnter Arbeit von Erwerbseinkommen, die Ehe und Familie als Ort der Verteilung des Erwerbseinkommens sowie die Rolle des Staates (53).<br />
Nowak f&#228;hrt mit einer theoretischen Rekonstruktion der Artikulation von kapitalistischer Produktionsweise und Geschlechterverh&#228;ltnissen fort (55). Er verwirft dabei Ans&#228;tze, welche eine eigenst&#228;ndige h&#228;usliche Produktionsweise behaupten, da die „h&#228;uslichen Produktionsverh&#228;ltnisse“, so Nowaks Definition, &#252;ber Raum und Zeit viel zu verschieden seien, als dass &#252;ber eine einheitliche Produktionsweise gesprochen werden k&#246;nnte (59). Dennoch besitzen diese gro&#223;e Eigendynamik, die sich nicht auf das Kapitalverh&#228;ltnis reduzieren l&#228;sst und f&#252;r dieses nicht notwendig funktional ist. Ebenso lehnt er die Behauptungen ab, dass die h&#228;uslichen Produktionsverh&#228;ltnisse, weil sie zum Mehrwert beitragen bzw. den Wert der Arbeitskraft notwendig dr&#252;cken w&#252;rden, auf der Ebene der Kapitallogik integriert werden k&#246;nnten. Nowak argumentiert hier schl&#252;ssig, dass der Einfluss von h&#228;uslichen Produktionsverh&#228;ltnissen auf den Wert der Arbeitskraft nur in den konkreten Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen bestimmt werden kann (63). Weil die Lohnform f&#252;r ihn eine zentrale Bestimmungskategorie ist, zieht er den Begriff der „nicht-entlohnten“ Arbeit gebr&#228;uchlicheren wie denen der Reproduktions- oder Hausarbeit vor (57). Das hat zwar gewisse Vorteile, allerdings w&#228;re auch eine Definition &#252;ber den Haushalt als Ort der Arbeit durchaus sinnvoll. So k&#246;nnte n&#228;mlich die Umverteilung zwischen wei&#223;en Frauen und ihren migrantischen Haushaltsarbeiterinnen diskutiert werden. Hierin deutet sich bereits eine Leerstelle an, die am Ende des Buches sichtbar wird, wenn Nowak die Behauptung aufstellt, die „informellen &#214;konomien“ m&#252;ssten nicht in sein Analyseraster der &#214;konomie  – kapitalistischer Markt, staatliche &#214;konomie und familiale Sph&#228;ren der nicht entlohnten Arbeit – aufgenommen werden, da diese in seinem Gegenstand der OECD-Staaten kein so gro&#223;es Gewicht h&#228;tten (186f.). Diese Ausblendung h&#228;ngt dabei allerdings sicher nicht nur mit den Begrifflichkeiten zu entlohnter und nicht-entlohnter Arbeit zusammen, sondern vor allem auch mit der beinahe v&#246;lligen Abwesenheit der Kategorie „Ethnizit&#228;t“. Etwas unklar bleibt, ob die Geschlechterverh&#228;ltnisse haupts&#228;chlich durch die Trennung in entlohnte und nicht-entlohnte Arbeit reproduziert und also durch diese erst konstituiert werden, oder ob die geschlechtsspezifischen Arbeitsteilungen in diesen unterschiedlichen Organisationsformen von Arbeit nur pr&#228;sent sind. Dann w&#228;re jedoch zu kl&#228;ren, wo diese dann herr&#252;hren.<br />
Als Zwischenfazit des ersten Teils h&#228;lt Nowak fest: „Mit der Verkn&#252;pfung von strukturalem Marxismus und hegemonietheoretischem Marxismus mit feministischem Konstruktivismus sind theoretische Werkzeuge verf&#252;gbar, mit denen die Ver&#228;nderung des Verh&#228;ltnisses zwischen verschiedenen Weisen gesellschaftlicher Hierarchisierung gefasst werden kann.“ (67)<br />
Im zweiten Teil wird unter dem Titel <em>Staatstheorie </em>ebendiese abermals aus marxistischer und feministischer Perspektive diskutiert. Dies ist f&#252;r Nowaks Forschungsinteresse von N&#246;ten, weil Staatstheorie „politische Macht in ihrer Eigenlogik erfasst, deren Funktionsebenen differenziert und ihre Grundlagen benennt. Der Staat stellt mit seinem Institutionengef&#252;ge selbst einen Aspekt der gesellschaftlichen Arbeitsteilung dar. Damit ist der Staat in seiner steuernden Funktion in Bezug auf Ver&#228;nderungen der Arbeitsteilung und als Aspekt dieser Arbeitsteilung in doppelter Weise f&#252;r die Ver&#228;nderung geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung relevant.“ (71)<br />
Ausf&#252;hrlich geht er auf Gramscis Staatstheorie, seine Konzeption von „politischer Gesellschaft“ und „Zivilgesellschaft“ ein (77–90). Interessant ist dabei insbesondere die von Nowak aufgeworfene Frage, ob die Familie als Teil der &#214;konomie oder als Teil der Zivilgesellschaft zu betrachten ist. Er l&#246;st dieses Problem schl&#252;ssig, indem er die „Doppelfunktion“ als Teil der &#214;konomie und der Zivilgesellschaft als spezifische Bedeutung der Familie ausmacht (89f.).<br />
Sehr spannend ist die im Anschluss daran dargestellte Debatte zwischen Althusser und der <em>il manifesto</em>-Gruppe als VertreterInnen des so genannten Eurokommunismus. Gegen Althussers Pl&#228;doyer f&#252;r eine Distanz zum Staat machen die VerteterInnen des Eurokommunismus eine Strategie auf Ebene der Hegemonieapparate stark und fordern die Verkn&#252;pfung verschiedener partikularer K&#228;mpfe in einem neuen, noch zu schaffenden geschichtlichen Block. Besonders interessant an dieser in den 1970er Jahren gef&#252;hrten Debatte ist die Voraussicht, dass feministische K&#228;mpfe, wenn sie nicht in einen gr&#246;&#223;eren geschichtlichen Block eingebettet sind, Gefahr laufen, von den herrschenden Kr&#228;ften integriert zu werden.<br />
An die staatstheoretischen &#220;berlegungen von Gramsci und Althusser schloss Nicos Poulantzas an; mit ihm, so Nowak, lasse sich das Verh&#228;ltnis von Politik und &#214;konomie und deren wechselseitige Anordnung denken (98). Kritisch gegen ihn wendet er einerseits ein, dass Poulantzas im Gegensatz zu Gramsci das Politische auf den Staat verenge (103) und sich mit dem Begriff des „Machtblocks“ – wiederum im Gegensatz zu Gramscis „geschichtlichen Block“ – die Integration der Subalternen nicht fassen l&#228;sst. Dar&#252;ber hinaus kritisiert er, dass seine Staatskonzeption keinen Platz f&#252;r eine politische Strategie in Distanz zum Staat g&#228;be (105). Nowak zeigt jedoch auch, wie sich mit Poulantzas die kontingente Verkn&#252;pfung von Klassen- und Geschlechterverh&#228;ltnissen denken l&#228;sst. Poulantzas habe bereits erkannt, dass die Geschlechterverh&#228;ltnisse nicht auf die Klassenverh&#228;ltnisse reduziert werden k&#246;nnen und ein eigenst&#228;ndiger Bestandteil politischer Macht sind. Gerade &#252;ber ihre Eigenst&#228;ndigkeit k&#246;nne deren Funktionalit&#228;t konkret hergestellt werden. Bei Poulantzas ist hierf&#252;r nur ein Ankn&#252;pfungspunkt gegeben, da er keine systematische Analyse der Verkn&#252;pfung der beiden Verh&#228;ltnisse leistet und sein Begriff von Geschlechterverh&#228;ltnissen auf die Beziehung zwischen Mann und Frau begrenzt bleibt (113ff.).<br />
Unter dem Titel <em>Feministische Staatstheorie</em> werden Ans&#228;tze des sozialistischen Feminismus als funktionalistisch kritisiert und die feministische Kritik und Forschung im Anschluss an den Wohlfahrsstaatsansatz von Gøsta Esping-Andersen dargestellt (146–158). Einen Vorteil der feministischen Staatstheorien gegen&#252;ber den marxistischen macht Nowak allerdings darin aus, dass erstere reichhaltigere empirische Analysen zu bieten haben. Er kehrt zur&#252;ck zur zweiten Phase der Wohlfahrtsstaaten-Debatte, die sich von der ersten darin unterscheidet, dass sie nicht mehr vorwiegend den Geschlechtscharakter von Klassenkompromissen, sondern zunehmend auch den Klassencharakter von Geschlechterverh&#228;ltnissen zum Thema macht, und mit den K&#228;mpfen und subalterner AkteurInnen sowie den Grenzen der Integration von Frauen in die Erwerbsarbeit neue Felder erschlie&#223;t (164).<br />
Als Ausgangspunkt einer Integration marxistischer und feministischer Theoriestr&#228;nge versteht Nowak die „historisch spezifische Artikulation von Privathaushalt, kapitalistischer &#214;konomie und staatlicher Intervention“, wobei deren Anordnung in Raum und Zeit variabel ist und den drei Instanzen keine notwendige Funktion zugewiesen werden kann (185f.) Die wechselseitigen Beziehungen erkl&#228;rt Nowak so, dass die famili&#228;re Sph&#228;re der nicht entlohnten Arbeit durch ihre Tr&#228;gheit eine wesentliche Strukturierungswirkung auf die beiden anderen Ebenen hat, w&#228;hrend die kapitalistische &#214;konomie st&#228;rkeren Ver&#228;nderungen unterworfen ist und vor allem auf der Ebene der Verteilung von Ressourcen wirkt. Der „staatlichen &#214;konomie“ kommt vor allem eine koordinierende Wirkung zu. Mit dem Begriff des Verdichtungsregimes, das „aus der Wechselwirkung der gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse mit den politischen Institutionen und den darin handelnden Akteuren“ (189) entsteht, m&#246;chte er die konkrete Ausgestaltung geschlechtsspezifischer Arbeitsteilungen analysieren. Weiter dient ihm der „geschichtliche Block“, hier verstanden „als relativ koh&#228;rente Einheit von hegemonialem Geschlechterregime, politischem Verdichtungsregime und dominanter Akkumulationsstrategie“ als Erkl&#228;rungsmodell. Unter Einbeziehung feministischer Ans&#228;tze kann vor allem gedacht werden, wie spezifische „Geschlechterleitbilder“ durch den Staat hergestellt und vermittelt werden (188)</p>
<p>Die Zusammenf&#252;hrung der marxistischen und feministischen Staatstheorien macht Nowak im dritten Teil f&#252;r seinen konkreten Analysegegenstand fruchtbar. Seine Untersuchung von Klasse und Geschlecht in der deutschen Familienpolitik von 2002 bis 2007 besch&#228;ftigt sich mit der Ver&#228;nderung des „geschlechterspezifischen Verdichtungsregime“ in Deutschland anhand dreier Ma&#223;namen des Familienministeriums: dem Kinderbetreuungsausbaugesetz, den Kinderfreibetr&#228;gen und dem Elterngeld. &#220;berzeugend zeigt Nowak hier die St&#228;rken seines Zugangs auf. Er argumentiert schl&#252;ssig, dass unter den Bedingungen dessen, was er „flexiblen Kapitalismus“ nennt, die Familienpolitik zu einem zentralen Feld hegemonialer Politik geworden ist. Dabei habe sich eine liberale feministische Fraktion innerhalb der Staatsapparate etabliert, welche unter Aufgabe klassischer Gleichstellungspolitiken einen teilweisen Bruch mit dem konservativen Familienern&#228;hrermodell erreicht hat. Dieser Bruch geht einher mit einer Integration dieses liberalen Feminismus in &#252;bergeordnete Wachstums- und Arbeitsmarkstrategien des Neoliberalismus. Das neu etablierte Modell, dass Nowak als „klassenselektives Ern&#228;hrerregime“ (245) bezeichnet, zeichnet sich dadurch aus, dass es durch Zwangsma&#223;nahmen versucht, arbeitende Frauen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. W&#228;hrend besserverdienenden Frauen nach einer Geburt Anreize f&#252;r eine rasche Wiederaufnahme der Lohnarbeit geboten werden, wird die grundlegende geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, vor allem bei der nicht entlohnten Arbeit, nicht in Frage gestellt. Dennoch kommt der Autor zum Fazit, dass es nicht zu einem koh&#228;renten Geschlechterleitbild gekommen ist. </p>
<p>Eine in etwas anderen Worten bereits zum Schluss des ersten Teils (70) ge&#228;u&#223;erte These die J&#246;rg Nowak am Ende des Buches aufstellt scheint uns sehr problematisch: „Das ineinander beider Makrostrukturen habe ich damit erkl&#228;rt, dass Geschlechterverh&#228;ltnisse einen h&#246;heren Grad an Verbreitung und Durchdringung haben, w&#228;hrend Klassenverh&#228;ltnisse aufgrund ihrer Schl&#252;sselrolle f&#252;r die Verteilung materieller Ressourcen den gr&#246;&#223;eren Wirkungsgrad haben. Aus diesen unterschiedlichen Wirkungsweisen l&#228;sst sich nur schwer eine Hierarchie der Wirksamkeit konstruieren, da die Wirkungsweisen sehr unterschiedlich sind. Festhalten l&#228;sst sich jedoch, dass Klassenverh&#228;ltnisse sich weitaus dynamischer ver&#228;ndern als Geschlechterverh&#228;ltnisse und damit oftmals Bedingungen etablieren f&#252;r die Ver&#228;nderung letzterer.“ (257). Zun&#228;chst einmal ist mit dieser Aussage noch gar nichts &#252;ber das „Ineinander“ der beiden Verh&#228;ltnisse, sondern lediglich &#252;ber ihre unterschiedliche Wirkungsweise gesagt. Vor allem macht aber die Aussage stutzig, dass die Klassenverh&#228;ltnisse den gr&#246;&#223;eren Wirkungsgrad haben. Sicherlich stimmt es, dass sie f&#252;r die Verteilung der materiellen Ressourcen bedeutender als die Geschlechterverh&#228;ltnisse sind, aber hier wird ja gerade damit die gr&#246;&#223;ere Wirkungsweise – aber in Bezug zu was eigentlich – begr&#252;ndet. Wobei sich der Autor dann gleich wieder selbst versichert, indem er &#8211; paradoxerweise – aus dem gr&#246;&#223;eren „Wirkungsgrad“ keine „Hierarchie“ ableiten will, nur um, wiederum relativiert mit W&#246;rtchen „oftmals“ die Ver&#228;nderungen der Geschlechterverh&#228;ltnisse de facto zu einer Funktion der Klassenverh&#228;ltnisse zu erkl&#228;ren. Ob sich das theoretisch begr&#252;nden l&#228;sst oder ob dies geschichtlich haltbar ist, halten wir doch f&#252;r sehr fraglich.</p>
<p>Nach der Lekt&#252;re des Buches scheint uns der Anspruch des Untertitels „Eine Integration marxistischer und feministischer Staatstheorie“ doch etwas zu hochgestochen gewesen zu sein. Sicherlich, der Umfang der dargestellten Debatten ist beeindruckend und auch Nowaks Thesen bieten wichtige Ankn&#252;pfungspunkte, aber es scheint uns sinnvoller die Auseinadersetzung mit und zwischen Marxismus und Feminismus als politisches Projekt zu verstehen, dass immer wieder neu formuliert werden muss. Am besten ist dem Autor die Integration am konkreten Gegenstand der deutschen Familienpolitik gelungen. J&#246;rg Nowak hat hier jedenfalls ein umfangreiches Werk vorgelegt, das zu weiteren intensiven Debatten zwischen den beiden theoretischen Paradigmen anregt. </p>
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		<title>Arbeiten am Hegemoniebegriff</title>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:38:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 5]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Globalisierung(skritik)]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Winter, Jens: Transnationale Arbeitskonflikte. Das Beispiel der hegemonialen Konstellation im NAFTA-Raum, M&#252;nster: Westf&#228;lisches Dampfboot 2007, 30,80 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Winter, Jens: Transnationale Arbeitskonflikte. Das Beispiel der hegemonialen Konstellation im NAFTA-Raum, M&#252;nster: Westf&#228;lisches Dampfboot 2007, 30,80 €<br />
<span id="more-110"></span><br />
Der gesellschaftliche Hintergrund, vor dem Jens Winter seine Arbeit entwickelt, sind die globalen Ver&#228;nderungen der Arbeitsverh&#228;ltnisse und die mannigfachen Fragen die sich daraus ergeben. Nicht nur f&#252;r die Wissenschaft, sondern auch f&#252;r politische AkteurInnen, die sich Angriffen ausgesetzt sehen, welche &#252;ber Jahrhunderte erworbene Rechte im Bereich der Arbeitsbeziehungen zunichte machen oder zumindest aush&#246;hlen, sind die Fragen heute von zentraler Bedeutung. Entlang der Ver&#228;nderungen in einer globalen Welt, die sich auszeichnen durch eine vermehrte Transnationalisierung von Herrschafts- und Ausbeutungsverh&#228;ltnissen, rekonstruiert der Autor mehrere theoretische Ans&#228;tze, die diese Dynamik zu begreifen versuchen. Generell unterteilt er hier in „problem solving“-Theorien und in kritische Theorien, wobei er sich selbst in einer wissenschaftlichen Tradition verortet, die sich aus den kritischen Arbeiten des neogramscianschen Ansatzes, der Regulationsschule und der staatstheoretischen Debatte rund um Joachim Hirsch und Bob Jessop speist.<br />
&#220;berblicksm&#228;&#223;ig l&#228;sst sich festhalten, dass er mit Bezug auf die „problem solving“-Theorien, unter die er neoinstitutionalistische und regimetheoretische Ans&#228;tze einordnet, zwei zentrale Schwachstellen erkennt. Sie schaffen es nicht, die Genese und das umfassende gesellschaftstheoretische Transformationspotential aktueller Entwicklungen, unter Ber&#252;cksichtigung sich neu konstituierender transnationaler Herrschaftsverh&#228;ltnisse, zu erfassen. Mit Bezug auf Staatlichkeit sind es auch genau diese Herrschaftsverh&#228;ltnisse, die aus dem Blickfeld geraten und deshalb zu einem verk&#252;rzten Staatsverst&#228;ndnis f&#252;hren. Trotzdem spricht er diesen Ans&#228;tzen nicht ab, auf analytischer Ebene ein sensibles methodisches Instrumentarium entwickelt zu haben, um die politischen Prozesse innerhalb analytisch fixierter Rahmenbedingungen zu erfassen. Mit Bezug auf die neogramscianisch inspirierte Forschung macht Jens Winter zwei zentrale Problembereiche aus: a) ein zu hoher Abstraktionsgrad der Analyse, der es erschwert, spezifische soziale Dynamiken und Institutionalisierungsprozesse zu erfassen und b) ein stark auf die KapitalistInnenklasse konzentriertes Erkenntnisinteresse, was zu einer Unterbelichtung der Rolle staatlicher AkteurInnen, inter- bzw. transnationalen Regimen und Subalternen f&#252;hrt. Entlang dieser Einsch&#228;tzung neogramscianischer Problemfelder spezifiziert er sein Anliegen. Dabei steht das permanente Spannungsfeld dynamischer und statischer Elemente in hegemonietheoretischen Analysen im Zentrum. Da Hegemonie immer sowohl das Umk&#228;mpfte als auch das Medium des Kampfes ist, schl&#228;gt Winter vor, die dynamische Perspektive zu favorisieren und fasst dies in einer terminologischen Erneuerung. Nicht ein pr&#228;fixierter historischer Block sollte Untersuchungsgegenstand sein, sondern der Prozess der Herausbildung einer hegemonialen Konstellation. Mit dieser prozessorientierten Konzeption von Hegemonie betont er die konstitutive Komponente sozialen Handelns, umgeht die pr&#228;judizierte Setzung wichtiger AkteurInnen in hegemonialen Auseinandersetzungen und kann die in hegemonialen Auseinandersetzungen sich neu bildenden AkteurInnen auf unterschiedlichen r&#228;umlichen Ebenen erfassen, was ein besseres r&#228;umlichfunktionales Begreifen politischer Prozesse erm&#246;glicht.<br />
Sein eigenes Vorgehen bezeichnet Jens Winter als akteursorientierten kritischhegemonietheoretischen Ansatz. „Es geht darum, verschiedene methodische Wege zu nutzen und v.a. die Ergebnisse mit der Absicht zu interpretieren, neue Erkenntnispfade innerhalb des kritisch-hegemonietheoretischen Paradigmas zu beschreiten“, deren Ergebnisse<br />
nicht schon im Vorhinein, aufgrund festgezurrter Annahmen relativ fixiert sind. (74)<br />
Als sein Untersuchungsfeld w&#228;hlt Jens Winter die hegemoniale Konstellation des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA und spezifischer das North American Agreement on Labor and Cooperation (NAALC), also einen „spezifischen transnationalen Governance Prozess im Widerspruchs und Konfliktfeld der Arbeitsregulierung“ (75).<br />
In seinem ersten empirischen Teil analysiert Winter die allgemeine hegemoniale Konstellation der NAFTA, um sich dann einem speziellen Teilbereich dieser Konstellation zuzuwenden. Die Analyse des NAALC versucht empirisch reich untermauert die Dynamiken und Resultate unterschiedlicher Auseinandersetzungen in den verschiedenen Arenen als Handlungsspielr&#228;ume verschiedenster Akteure zu interpretieren. Sein akteurszentrierter Ansatz kann zeigen, dass die Entwicklung einer hegemonialen Konstellation der NAFTA keineswegs als ein reines Elitenprojekt zu begreifen ist, sondern widerst&#228;ndige Praktiken sich insbesondere in den Nebenabkommen wie dem NAALC niederschlugen, diese dadurch aber Teil einer hegemonialen Kompromissformel wurden. Das hei&#223;t, die oft elitenfixierte Herangehensweise neogramscianischer Ans&#228;tze kann kein umfassendes Bild hegemonialer Konstellationen und deren Realit&#228;t zeichnen, wenn nicht die Rolle subalterner Akteure als Teil der Konstitutionsbedingung hegemonialer Konstellationen gefasst wird. Methodisch l&#228;sst sich sagen, dass der Versuch, unterschiedliche Formen der Untersuchung f&#252;r das Feld NAFTA und NAALC zu verbinden, gelungen ist. Trotzdem bleiben einige Fragen offen, wie der Autor zum Teil selbst anmerkt. Theoretisch f&#252;hrt uns die Arbeit zu einer zentralen Fragestellung, die nicht beantwortet wird, n&#228;mlich dem Verh&#228;ltnis zwischen Struktur und Handlung innerhalb der Analyse hegemonialer Konstellationen. Jens Winter benennt diesen Problembereich zwar, beantwortet ihn aber nicht. Dar&#252;ber hinaus stellt der Begriff des Transnationalen zwar eine zentrale theoretische Kategorie dar, bleibt allerdings unterbestimmt. Wie in dem Buch zu erkennen ist, wird transnationaler Raum analytisch nicht beschr&#228;nkt auf die Summe von Akteuren oder Prozessen, sondern erh&#228;lt einen eigenst&#228;ndigen theoretischen Status, doch bleibt dieser Status implizit im Text verschl&#252;sselt. Empirisch werden die transnationalen Prozesse zwar akribisch herausgearbeitet, doch fehlt eine theoretische Darstellung des transnationalen Raumes in seinen eigenen Logiken als Arena hegemonialer Auseinandersetzungen. Besonders f&#252;r das Erfassen transnationaler, subalterner Subjektivierung w&#228;re diese Darstellung hilfreich. Abschlie&#223;end soll festgehalten werden, dass das Buch, sowohl in methodischen Belangen als auch in seinen theoretischen Erweiterungen, als wichtige Intervention in die Debatten um neogramscianische Forschungsperspektiven zu sehen ist. Besonders die gelungene &#220;berwindung der Dichotomie zwischen theoretischen Arbeiten und empirischer Forschung ist ein Vorzeigebeispiel daf&#252;r, wie theoriegeleitete Forschung aussehen kann. Kritische Forschung kann sich entlang solcher Herangehensweisen wieder als wichtige Stichwortgeberin gesellschaftlicher K&#228;mpfe etablieren und so das gramscianische Paradigma einer „Philosophie der Praxis“ mit neuem Leben erf&#252;llen.</p>
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		<title>Die Aktualit&#228;t Gramscis</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:48:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rastapeace</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 4]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Gramsci]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Staatstheorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Merkens, Andreas/Diaz, Victor Rego (Hg.): Mit Gramsci arbeiten. Texte zur politisch-praktischen Aneignung Antonio Gramscis, Hamburg: Argument 2007, 17,00 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Merkens, Andreas/Diaz, Victor Rego (Hg.): Mit Gramsci arbeiten. Texte zur politisch-praktischen Aneignung Antonio Gramscis, Hamburg: Argument 2007, 17,00 €<br />
<span id="more-52"></span><br />
Antonio Gramsci, italienischer Marxist, engagiert in der Turiner R&#228;tebewegung, Herausgeber der Zeitschrift <em>L’Ordine Nuovo</em><span lang="DE"> und Mitbegr&#252;nder der Kommunistischen Partei Italiens, verfasste w&#228;hrend seiner Haftzeit unter Mussolini 32 Hefte mit fragmentarischen Notizen zu Philosophie, Geschichte, Kultur und Politik. Mit Abschluss der kritischen Gesamtausgabe der </span><em>Gef&#228;ngnishefte</em><span lang="DE"> in deutscher Sprache 2002, hat sich die Ausgangslage der Auseinandersetzung mit Gramsci im deutschsprachigen Raum betr&#228;chtlich ver&#228;ndert. Nicht mehr vorselektierte Ausz&#252;ge, sondern der „ganze Gramsci“ steht nun zur kritischen Relekt&#252;re zur Verf&#252;gung.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">F&#228;llt die Rede auf Antonio Gramscis Werk, werden dessen RezipientInnen nicht m&#252;de zu betonen, dass der fragmentarische Charakter dieser im Gef&#228;ngnis unter widrigen Umst&#228;nden entstandenen Schriften ihre systematische Aufarbeitung ungeheuer erschwert. Nicht zu unrecht, konfrontieren einen die </span><em>Gef&#228;ngnishefte</em><span lang="DE"> doch mit der Aufgabe, die in den von Begriffsverschiebungen, Anspielungen und Undeutlichkeiten gekennzeichneten Notizen entwickelten theoretischen Konzepte nachzuzeichnen und in koh&#228;renten Zusammenhang zueinander zu stellen, ohne zugleich die dabei auftauchenden Widerspr&#252;chlichkeiten einzuebnen. Die Herausgeber des im Argumentverlag erschienenen Sammelbandes </span><em>Mit Gramsci arbeiten</em><span lang="DE"> erkennen, dass es nicht alleine der fragmentarischen Form der Texte, sondern vielmehr Gramscis Arbeitsweise geschuldet ist, dass eine Anordnung der Begriffe zum vollst&#228;ndigen Theoriensystem unm&#246;glich ist – womit zugleich reduktionistischen Schlie&#223;ungen aller Art der Riegel vorgeschoben wird. So erarbeitet Gramsci seine theoretischen Konzeptionen stets im Kontext einer Analyse spezifischen historischen Materials, sowie in permanenter Auseinandersetzung mit der Frage nach m&#246;glichen Strategien revolution&#228;ren Kampfes unter Bedingungen einer weitgehend konsolidierten b&#252;rgerlichen Klassenherrschaft. W&#228;hrend wir manche Konzepte auf hohem theoretischen Niveau ausgearbeitet vorfinden, begegnen uns andere nur implizit, gleichsam zwischen den Zeilen. Dass diese somit ihren vollen Sinn erst durch ihre Kontextualisierung und Anwendung erhalten, mag Anlass f&#252;r einige Lekt&#252;reschwierigkeiten sein, begr&#252;ndet zugleich aber die Anschlussf&#228;higkeit Gramscis Konzepte an vielf&#228;ltige Theoriestr&#228;nge &#8211; wovon die Rede vom „Steinbruch Gramsci“ zeugt &#8211; sowie an die Versuche einer Analyse gegenw&#228;rtiger gesellschaftlicher Transformationsprozesse.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><em>Mit Gramsci arbeiten</em><span lang="DE"> erhebt nicht den Anspruch, den „sekund&#228;ranalytischen Zugang zu Gramsci“ um eine weitere Aufsatzsammlung zu bereichern. Vielmehr steht die Frage nach der analytisch-begrifflichen sowie der poltisch-praktischen Aneignung Gramscis im Vordergrund. Damit ist zugleich das Problem der notwendigen &#220;bersetzungsarbeit angesprochen, die zu leisten ist, soll das theoretische Instrumentarium Gramscis f&#252;r eine Untersuchung und Bestimmung aktueller gesellschaftlicher Ph&#228;nomene fruchtbar gemacht werden. 13 Autoren und eine Autorin (die Frauenquote von 7% ist &#252;beraus bedauerlich) pr&#228;sentieren ihre Herangehensweise bei der kritischen Lekt&#252;re und Aufnahme Gramscis Analysen und die zentralen Fragestellungen ihres Arbeitens.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die ersten Beitr&#228;ge kreisen um den Begriff der „passiven Revolution“ und zeigen, welche Formen Versuche einer &#220;bertragung desselben auf die gegenw&#228;rtig zu beobachtende krisenhafte Transformation von Arbeits- und Lebensverh&#228;ltnissen annehmen k&#246;nnen. Ausgehend von einer erkl&#228;renden Darstellung der Fordismusanalysen Gramscis arbeitet Mario Candeias in </span><em>Gramscianische Konstellationen</em><span lang="DE"> Momente der Zustimmung der Subalternen bei der Durchsetzung einer neuen Produktionsweise unter neoliberaler Hegemonie heraus. Er argumentiert, dass der durch die Umstrukturierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen virulent gewordene Zwang zu Selbstvermarktung und Selbstausbeutung auch als &#220;bernahme von Eigenverantwortung, als Befreiung von gleichf&#246;rmiger Arbeit und paternalistischen Eingriffen des Wohlfahrtsstaates erlebt wird. Als Ansatzpunkt f&#252;r emanzipatorische Perspektiven identifiziert er bestehende Br&#252;che in der hegemonialen Apparatur des Neoliberalismus.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Auch Frigga Haug setzt f&#252;r ihr Vorhaben </span><em>Mit Gramsci die Geschlechterverh&#228;ltnisse begreifen</em><span lang="DE"> bei dessen &#220;berlegungen zu Fordismus und Amerikanismus an. Die Frage nach den Geschlechterverh&#228;ltnissen findet sie in die Analyse der sexuellen Verh&#228;ltnisse verschoben, welche ihren theoretischen Ort innerhalb einer Untersuchung der Entstehung der fordistischen Produktionsweise findet. Indem sie Geschlechterverh&#228;ltnisse als Produktionsverh&#228;ltnisse auffasst, ist es ihr m&#246;glich die K&#228;mpfe der Frauenbewegung der 60er und 70er Jahre als gegen fordistische Formen der Arbeitsteilung gerichtete zu verstehen. Pr&#228;zise zeichnet sie die Ver&#228;nderungen des Arbeitsbegriffs und der Familienstrukturen im Kapitalismus neoliberaler Pr&#228;gung nach. Mit ihrem Vorschlag, die Analyse von Transformationsprozessen kapitalistischer Vergesellschaftung am Zusammenhang zwischen der Regelung der Produktion und der Organisation von Geschlechterverh&#228;ltnissen auszurichten, liefert sie einen wesentlichen Beitrag zur feministisch-marxistischen Theoriebildung. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Bernd R&#246;ttger nimmt die gegenw&#228;rtigen Ver&#228;nderungen der Handlungsbedingungen von Gewerkschaften in den Blick. Anstatt die angesichts der Krise gewerkschaftlicher Repr&#228;sentationsformen und der Unterh&#246;hlung des Tarifvertragssystems oft erstellte Diagnose vom Untergang der Gewerkschaften schlicht zu unterschreiben, leuchtet er die Widerspr&#252;che aus, innerhalb derer sich diese nunmehr zu bewegen haben. In seinem Beitrag </span><em>Passive Revolutionen und Gewerkschaften</em><span lang="DE"> zeichnet er die historische Entwicklung korporativistischer Politikformen nach und fragt nach M&#246;glichkeiten der Erneuerung gewerkschaftlicher Betriebspolitik. &#220;berzeugend legt er dar, dass sich diese nur als &#220;berwindung fordistischer StellvertreterInnenpolitik gestalten und &#252;ber eine Verbindung von betrieblichen und gesellschaftlichen K&#228;mpfen vollziehen kann. Anhand eines konkreten Beispiels zeigt er, wie die Etablierung politisierender Beteiligungsstrategien und ver&#228;nderter Formen von Aktions- und B&#252;ndnispolitik das Neuentstehen einer sichtbaren lokalen ArbeiterInnenbewegung erwirken kann.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die darauf folgenden Beitr&#228;ge suchen der Bedeutung hegemonialer Auseinandersetzungen auf dem Terrain des Alltagsverstandes aus politik- und kulturwissenschaftlicher Perspektive beizukommen. Christoph Scherrer pl&#228;diert f&#252;r eine sch&#228;rfere Begriffsbestimmung sowie die empirische Operationalisierung von Hegemoniekonzepten. </span><em>Hegemonie: empirisch fassbar?</em><span lang="DE"> regt an, zur Bestimmung des Ausma&#223;es an aktivem bzw. passivem Konsens demoskopische Untersuchungen zu Hilfe zu nehmen. Ingo Lauggas stellt in </span><em>Empfindungsstrukturen und Alltagsverstand</em><span lang="DE"> die Parallelen zwischen dem marxistischen Kulturwissenschafter Raymond Williams und Gramscis Versuchen, einen materialistischen Kulturbegriff zu entwickeln, heraus. Formen der Regelung alltagskultureller Praxen im Bereich der Sozialpolitik geht Uwe Hirschfeld nach. Er will </span><em>Mit Gramsci die Politik sozialer Arbeit verstehen</em><span lang="DE"> und sucht diese als in gesellschaftlichen Konfliktfeldern situiert zu begreifen. Dabei arbeitet er die widerspr&#252;chliche Situation heraus, in der sich Sozialarbeit befindet, da sie zugleich auf eine Anpassung der KlientInnen an bestehende ideologische Verh&#228;ltnisse wie auf deren punktuelle Selbsterm&#228;chtigung abzielt. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die n&#228;chsten beiden Texte setzen den Schwerpunkt ihrer Auseinandersetzung mit Gramsci auf eine kritische Aktualisierung dessen machtpolitischer Erw&#228;gungen. Mikiya Heise und Daniel von Fromberg legen die ambivalenten Erfahrungen, die sie selbst im Zuge ihres Studiums der </span><em>Gef&#228;ngnishefte</em><span lang="DE"> machten, dar. Unter dem Schlagwort </span><em>Die Machtfrage stellen</em><span lang="DE"> bekr&#228;ftigen sie, dass in einer kritischen Auseinandersetzung nicht nur mit dem „guten Gramsci“ gearbeitet werden darf, sondern stets auch mit jenem Gramsci gerechnet werden m&#252;sse, dessen machtpolitische Orientierung an Macchiavelli, dem Jakobinismus und leninistischer Parteipolitik mitunter verst&#246;rend autorit&#228;re Z&#252;ge trage. Indem sie Gramscis &#220;berlegungen als historischen Versuch einer Antwort auf die Machtfrage lesen, fordern sie zu einer Repolitisierung der eigenen theoretischen Perspektive auf. So muss sich die gegenw&#228;rtige Linke nicht nur mit der Machtfrage konfrontieren, vor dem Hintergrund der ver&#228;nderten Ausgangslage gesellschaftlicher K&#228;mpfe hat sich ihre Politikf&#228;higkeit daran zu messen, ob sie die gegebenen strategischen Optionen zu fassen und zugleich im Bezug auf die eigenen ethisch-politischen Anspr&#252;che zu reflektieren vermag. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Mit Blick auf die Diagnose, dass die gegenw&#228;rtigen westlichen Parteien ziellos geworden sind, legt Michael J&#228;ger in </span><em>Die Partei, die ein Ziel hat</em><span lang="DE"> die Grundz&#252;ge Gramscis Parteitheorie dar.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Dass Gramsci die Frage der politischen F&#252;hrung stets auch in ihrer p&#228;dagogischen Dimension thematisiert, nehmen die n&#228;chsten beiden Artikel zum Anlass, Gramscis &#220;berlegungen zu Erziehung und politischer Bildung hegemoniestrategisch zuzuspitzen. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Armin Bernhard fragt in </span><em>P&#228;dagogische Grundverh&#228;ltnisse</em><span lang="DE"> wie Bildung als Selbstpotenzierung im Sinne gegenhegemonialer Bestrebungen wirksam werden kann. Andreas Merkens arbeitet die Implikationen der Bestimmung von</span><em> Hegemonie als p&#228;dagogischem Verh&#228;ltnis</em><span lang="DE"> heraus. Auch ihm geht es um die M&#246;glichkeit gegenhegemonialer Strategien, welche er unter der Formel </span><em>Die Regierten von den Regierenden intellektuell unabh&#228;ngig machen</em><span lang="DE"> verhandelt. Ausgehend von der Feststellung, dass emanzipative gesellschaftliche Transformation auf einen kollektiven Prozess der kritischen Bewusstseinsbildung angewiesen ist, betont er, dass sich Gegenhegemonie keinesfalls in einem Austausch der im Alltagsverstand vorherrschenden Inhalte ersch&#246;pfen darf, sodass das bestehende b&#252;rgerliche Wissensregime durch ein sozialistisches ersetzt w&#252;rde. Vielmehr muss das Verh&#228;ltnis von F&#252;hrenden und Gef&#252;hrten selbst bearbeitet werden, weshalb jede emanzipatorische Bewegung dazu angehalten ist, jene Erfahrungen, die sie in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen macht, mit Bildungsprozessen zu verkn&#252;pfen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Hierauf folgen zwei Versuche der Aktualisierung gramscianischer Denkbewegungen mit dem Ziel der Erneuerung und/oder Fortschreibung marxistischer Theoriebildung. Oliver Marcharts Beitrag </span><em>Gramsci und die diskursanalytische Hegemonietheorie</em><span lang="DE"> legt anhand der Erl&#228;uterung einiger zentraler Begrifflichkeiten der poststrukturalistischen Hegemonietheorie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe dar, wie Gramscis Thesen diskurstheoretisch weitergedacht werden k&#246;nnten. Wolfgang Fritz Haug fragt: </span><em>Marxistisch Philosophieren – aber wie? </em><span lang="DE">Jeder Mensch ist Philosoph, insofern er in seinem Streben nach intellektueller Koh&#228;renz Andere in sein Denken miteinbezieht und danach trachtet, Subalternit&#228;t zu &#252;berwinden. Diese Feststellung Gramscis wird zum Ausgangspunkt einer Rekonstruktion des axiomatischen Feldes Marxschen Denkens.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Ohne den Anspruch zu stellen, ein vollst&#228;ndiges Bild der gegenw&#228;rtigen Debatte zu pr&#228;sentieren – so findet sich etwa kein neogramscianisch orientier-ter Text, der sich an der &#220;bertragung Gramscis Begrifflichkeiten auf das Feld der internationalen Beziehungen versucht, und auch die staatstheoretische Diskussion wird nur gestreift – legt der Sammelband doch von der Vielfalt der Aneignungsweisen Gramscis Schriften Rechenschaft ab. Wer auf eine kanonisierende Lesart der </span><em>Gef&#228;ngnishefte</em><span lang="DE"> Wert legt, wird entt&#228;uscht werden, wer jedoch Anst&#246;&#223;e zur theoretischen und politischen Aktualisierung der von Gramsci entwickelten Konzepte sucht, findet in </span><em>Mit Gramsci arbeiten</em><span lang="DE"> anregende Beitr&#228;ge.<o></o></span></p>
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		<title>Braucht der Kapitalismus ein Staatensystem?</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2008/02/22/braucht-der-kapitalismus-ein-staatensystem/</link>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:46:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 4]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Geopolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Staatstheorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Teschke, Benno: Mythos 1648. Klassen, Geopolitik und die Entstehung des europ&#228;ischen Staatensystems, M&#252;nster: Westf&#228;lisches Dampfboot 2007, 41,10 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Teschke, Benno: Mythos 1648. Klassen, Geopolitik und die Entstehung des europ&#228;ischen Staatensystems, M&#252;nster: Westf&#228;lisches Dampfboot 2007, 41,10 €<br />
<span id="more-65"></span><br />
Die Geburtsstunde des modernen internationalen Staatensystems wird gemeinhin mit dem Ende des Drei&#223;igj&#228;hrigen Kriegs im Westf&#228;lischen Frieden 1648 datiert. Hier sei, so die Ansicht nicht nur des Mainstreams der wissenschaftlichen Disziplin der „Internationalen Beziehungen“, die internationale Staatenordnung auf der Grundlage v&#246;lkerrechtlicher Vertr&#228;ge zwischen souver&#228;nen Territorialstaaten etabliert worden. Wenn heute &#252;ber Global Governance, die Internationalisierung des Staates etc. diskutiert wird, so erscheint jene geopolitische Ordnung als negative Referenzfolie, deren Prinzipien seit dreieinhalb Jahrhunderten die internationalen Beziehungen strukturiert h&#228;tten und erst in den letzten ein, zwei Jahrzehnten unterh&#246;hlt worden seien. Unabh&#228;ngig von den spezifischen theoretischen Positionen in den aktuellen Auseinandersetzungen dient 1648 daher als „Gr&#252;ndungsmythos“ eines ganzen Forschungsfelds.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Zentrales Anliegen von Teschkes Studie ist es, diesen Mythos als eben solchen zu entlarven – eine Ansicht, die sich zwar in der historischen Forschung l&#228;ngst durchgesetzt hat (z.B. Heinz Duchhardt, Ronald Asch), in den Politikwissenschaften bislang aber noch kaum reflektiert worden ist.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Teschkes Intervention setzt sicherlich eine zumindest grobe Kenntnis der Theorien der Internationalen Beziehungen voraus. In dreifacher Frontstellung sowohl gegen die Ahistorizit&#228;t neorealistischer Theorien, die neoweberianische Historische Soziologie sowie den orthodoxen Marxismus, der bei Teschke im Wesentlichen auf jene Positionen reduziert wird, die Robert Brenner als „smithianischen“ und „neomalthusianischen“ Marxismus bezeichnet hat, zeigt Teschke, dass die internationale Staatenordnung im 17. Jahrhundert weiterhin von der vormodernen Dynamik dynastischer Konflikte gepr&#228;gt blieb. Staatliche Politiken waren immer noch in h&#246;chstem Ma&#223; von personalisierten Verh&#228;ltnissen bestimmt. Sinnvollerweise k&#246;nne erst mit der f&#252;r die kapitalistische Produktionsweise charakteristischen Trennung von Politik und &#214;konomie von einer modernen geopolitischen Ordnung gesprochen werden.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Die begrifflichen Probleme f&#252;r die Konstitutionsbedingungen moderner Staatlichkeit und des modernen Staatensystems, die sich aus dieser Kritik ergeben, entwickelt Teschke in einem ambitionierten Gro&#223;entwurf, der nicht weniger sein m&#246;chte als eine „theoriegeleitete Rekonstruktion der Genese und Entwicklung des europ&#228;ischen Staatensystems vom Karolingerreich bis zur Fr&#252;hneuzeit, verstanden als Untersuchung der Konstitution und des Strukturwandels internationaler Ordnungen.“ (12)<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Explizit st&#252;tzt sich Teschke in diesem Unternehmen auf den „politischen Marxismus“ der „Brenner-Schule“, der die gesellschaftlichen Eigentumsverh&#228;ltnisse (</span><em>social property relations</em><span>) und die mit ihnen verbundenen Klassenk&#228;mpfe ins Zentrum der theoretischen Erkl&#228;rung r&#252;ckt. Die Varianz, die ungleichzeitige Entwicklung und die Dynamik der Transformation geopolitischer Formationen und Beziehungen wurzeln, so Teschke, letztlich in Klassenverh&#228;ltnissen, die „dem Internationalen“ einen bestimmten sozialen Gehalt aufpr&#228;gen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Teschke entfaltet sein Argument, das &#252;ber weite Strecken Brenner folgt, in drei Schritten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>1. Zun&#228;chst wird der Charakter der mittelalterlichen geopolitischen Ordnung aus den spezifischen feudalen Eigentumsverh&#228;ltnissen entwickelt. Die feudale Produktionsweise sei grundlegend durch die politische und milit&#228;rische („au&#223;er&#246;konomische“) Gewalt in der Aneignung des b&#228;uerlichen Mehrprodukts durch die Grundherren charakterisiert. Die damit verbundenen widerspr&#252;chlichen Reproduktionsstrategien der Klassen bedingten strukturelle Grenzen f&#252;r die Produktivkraftentwicklung, da weder abh&#228;ngige Bauern noch Grundherren Mittel und Interesse an einer intensiven Entwicklung der Arbeitsproduktivit&#228;t aufwiesen. Vielmehr &#252;bersetzten sich die Klassengegens&#228;tze der Feudalgesellschaften in einen systematischen Drang zur Konzentration der Zwangsmittel und territorialer Expansion, einen Prozess, den Teschke im Anschluss an Brenner als „politische und geopolitische Akkumulation“ bezeichnet. Da die Kontrolle &#252;ber die Gewaltmittel unter den fragmentierten grundherrschaftlichen Adel diffundiert war, manifestierte sich die extensive Dynamik als permanente milit&#228;rische Konkurrenz zwischen den Herren, die in der Institution der Fehde als „legitime Gewalt“ rechtlich sanktioniert war. Demnach kann in diesem geopolitischen System der Rivalit&#228;t parzellierter Souver&#228;nit&#228;ten keine sinnvolle Unterscheidung zwischen innerer und „internationaler“ Sph&#228;re gezogen werden, genauso wenig wie die Form gewaltf&#246;rmiger Mehrproduktaneignung eine Trennung zwischen Politik und &#214;konomie zul&#228;sst.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>2. Die zersplitterten Grundherrschaften, die den „klassischen“ Feudalismus, so wie er sich seit dem „Umbruch im Jahr 1000“ (Guy Bois) pr&#228;sentierte, kennzeichneten, wurden seit dem 12. Jahrhundert, als Ergebnis der Tendenz zur (geo)politischen Akkumulation, in politischen Gemeinwesen zusammengefasst. Diese feudalen Staaten seien jedoch nicht als zentralisierte Monarchien zu verstehen, sondern als „Ensembles von Herrschaften“, zusammengehalten durch personale Bindungen (Lehenstreue), ihnen fehlte jede „abstrakte institutionelle Existenz jenseits der Lebenszeit individueller Herrscher“. (71) <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Seit dem Sp&#228;tmittelalters etablierte sich aus dieser Dynamik ein „politisches Pluriversum“ dynastischer K&#246;nigreiche als konstitutives Merkmal der europ&#228;ischen Geopolitik, in denen die Anf&#228;nge einer Differenzierung zwischen „dem Inneren“ und „dem Internationalen“ begr&#252;ndet sind. Die Logik der politischen und geopolitischen Akkumulation formierte so den politischen Raum Europas zu einem vormodernen Staatensystem. (144)<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>3. Anders als die Orthodoxien der Theorie der Internationalen Beziehungen begreift Teschke die Rekonfiguration politischer Herrschaft infolge der „Krise des 14. Jahrhunderts“ nicht als Beginn eines Prozesses der Herausbildung moderner Staatlichkeit, eines strukturellen Bruchs zur Moderne, sondern differenziert zwei Entwicklungspfade, die er am Beispiel Frankreichs und Englands erl&#228;utert: Frankreich steht hier f&#252;r den &#220;bergang vom Feudalismus zum Absolutismus, der einer vormodernen Dynamik verhaftet blieb, und auch nicht als widerspr&#252;chliches „&#220;bergangsph&#228;nomen“ in der Entwicklung des Kapitalismus behandelt werden d&#252;rfe, w&#228;hrend sich in England, und nur dort, als Ergebnis der au&#223;ergew&#246;hnlichen Form zentralisierter feudaler Staatlichkeit seit 1066 und der unintendierten Folgen der sp&#228;tmittelalterlichen Klassenk&#228;mpfe kapitalistische Eigentumsverh&#228;ltnisse in der Landwirtschaft und ein moderner Staat entwickeln konnten (die klassische Brenner-These).<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Aufgrund der stark fragmentierten Formen lokaler Herrengewalt in Frankreich gelang es den Bauern, sich im Zuge der sozialen Auseinandersetzungen der sp&#228;tmittelalterlichen Krise des Feudalismus weitgehend aus grundherrlichen Abh&#228;ngigkeiten zu befreien. Dennoch bedeutete die Aufl&#246;sung der Leibeigenschaft nicht die &#220;berwindung, sondern nur die Neustrukturierung „feudaler“ Verh&#228;ltnisse: einerseits die Zentralisierung parzellierter politisch-milit&#228;rischer Aneignungsgewalt im absolutistischen Staat, zugleich die Reorganisierung der Ausbeutung auf Grundlage des Steuersystems. Der absolutistische Staat blieb demnach dynastischer Patrimonialstaat, eine Form personalisierter politischer Herrschaft, wovon etwa auch die Praxis des &#196;mterkaufs zeugt, die gerade f&#252;r die Integration des aufstrebenden Manufaktur- und Handelskapitals eine entscheidende Rolle spielte. Folglich m&#252;sssen auch der fr&#252;hneuzeitliche Aufbau maritimer Imperien und die Internationalisierung der &#214;konomie im Merkantilismus weiterhin als nicht-kapitalistische Ph&#228;nomene gelten, die in die typisch vormoderne Logik (geo-)politischer Akkumulation eingebunden waren.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Demgegen&#252;ber gelang es dem Feudaladel in England, Eigentumsrechte &#252;ber einen Gro&#223;teil des durch die demographische Krise des 14. Jahrhunderts vakant gewordenen Bodens ohne st&#228;rkere staatliche Zentralisation durchzusetzen, auch wenn die Bauern nicht wieder in die Leibeigenschaft gezwungen werden konnten. Diese Konstellation, in der die Klassenk&#228;mpfe weder eindeutig zugunsten der Grundherren, noch zugunsten der Bauern entschieden wurden, beg&#252;nstigte die Herausbildung neuer, genuin kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse, die durch die Trias Grundherr – kapitalistischer Pachtbauer – freier Lohnarbeiter gekennzeichnet waren.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Die Kapitalismuskonzeption, auf die sich Teschke hier st&#252;tzt, setzt sich explizit von jenen Ans&#228;tzen ab, die diesen auf die Zirkulationssph&#228;re reduzieren, d.h. auf die Ausbreitung von Handel und M&#228;rkten, was ja nicht allein f&#252;r die englische Landwirtschaft charakteristisch gewesen w&#228;re. Kapitalismus nach Teschke bezeichnet vielmehr spezifische Verh&#228;ltnisse zwischen den von den Subsistenzmitteln getrennten und daher den Imperativen des Marktes unterworfenen unmittelbaren ProduzentInnen (freie LohnarbeiterInnen) und den Eigent&#252;merInnen der Produktionsmittel. Mit dieser Konzeption des Kapitalismus sei auch eine bestimmte Theorie des modernen Staates impliziert. Denn wenn das kapitalistische Eigentumsregime im Unterschied zum feudalen gerade durch die Abwesenheit politischer Aneignungsgewalt charakterisiert ist, so liegt genau darin die Differenzierung von Politik und &#214;konomie begr&#252;ndet. Der entpersonalisierte Staat greift nicht mehr direkt in den Produktionsprozess ein sondern beschr&#228;nkt sich darauf, das Eigentumsregime durchzusetzen und aufrechtzuerhalten. Die staatliche Institutionalisierung des privaten Eigentumsregimes in Form einer Reihe privater Rechte erscheint somit als notwendige Bedingung der „Entbettung des Marktes“ (Polanyi). Genau jene Rekonfiguration von Staatlichkeit k&#246;nne nun f&#252;r England seit dem sp&#228;ten 17. Jahrhundert (im Wesentlichen seit der Glorious Revolution 1688) konstatiert werden, womit auch die Dynamik der internationalen Beziehungen Englands grundlegend transformiert wurde, die sich aus der vormodernen Logik geopolitischer Akkumulation zu l&#246;sen begann.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Damit ist aber die Frage nach dem Verh&#228;ltnis des Kapitalismus, nicht zum modernen Staat, sondern zum internationalen System von Staaten (im Plural) noch nicht gekl&#228;rt. Wenn der moderne Staat dem Kapitalverh&#228;ltnis inh&#228;rent ist, kann selbiges auch f&#252;r die Pluralit&#228;t des Staatensystems behauptet werden? Teschke verneint das: das politische „Staatenpluriversum“ sei vielmehr kontingentes historisches Erbe der Vormoderne und k&#246;nne nicht aus dem Kapitalverh&#228;ltnis abgeleitet werden.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>In einem bis ins fr&#252;he 20. Jahrhundert andauernden, vom England des sp&#228;ten 17. Jahrhunderts ausgehenden Prozess wurden moderne Staatlichkeit und kapitalistische Produktionsverh&#228;ltnisse im vormodernen europ&#228;ischen Staatensystem in Form „gesellschaftlich uneinheitlicher aber geopolitisch kombinierter Entwicklung“ universalisiert. Endogen seien kapitalistische Eigentumsverh&#228;ltnisse und moderner Staat einzig und allein im fr&#252;hneuzeitlichen England entstanden, deren geopolitisch vermittelte Ausbreitung die Funktionsweise und Akkumulationslogik des bestehenden dynastisch-absolutistischen Systems langsam durchsetzten und in eine moderne internationale Ordnung transformierten. Der Kapitalismus trat somit „innerhalb eines vorgeformten Staatensystems in Erscheinung“ (241), das selbst keine Funktion des Kapitalismus war, jedoch mit diesem Staatensystem zu einer widerspr&#252;chlichen Einheit verwuchs. Die spezifische Art und Weise, wie Staaten auf die geopolitische Expansion des Kapitalismus reagierten, war dabei selbst Ausdruck bestimmter Klassenkonstellationen im Inneren.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Mit der Herausbildung eines globalen Weltmarkts stehen wir nun an jenem historischen Punkt, an dem sich die modernen internationalen Beziehungen tats&#228;chlich im Weltma&#223;stab durchgesetzt haben. Dadurch w&#252;rde zwar das System territorial zersplitterter Staaten nicht aufgehoben, die Eliminierung der vormodernen Logik politischer Akkumulation durch Krieg k&#246;nnte aber zumindest die M&#246;glichkeit einer internationalen Ordnung er&#246;ffnen, die sich auf „das multilaterale politische Management des Krisenpotentials des globalen Kapitals und die Regulierung der Weltwirtschaft durch die f&#252;hrenden kapitalistischen Staaten“ beschr&#228;nkt. (244) Ein vers&#246;hnlicher Gedanke zum Schluss!<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span><o> </o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Mit </span><em>Mythos 1648</em><span> hat Teschke eine empirisch detaillierte und theoretisch stringente Studie vorgelegt, die die Debatte der kritischen Internationalen Beziehungen und Internationalen Politischen &#214;konomie noch lange besch&#228;ftigen wird. Freilich ist vieles schon bei Brenner nachzulesen und bleibt in der historischen Darstellung oft schematisch und undifferenziert. In aller K&#252;rze sollen hier aber nur zwei Punkte angedeutet werden, denen sich eine kritische Auseinandersetzung zu stellen hat:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>1. Mit dem starken Bezug auf Brenners Beitrag in der Debatte zum „&#220;bergang“ vom Feudalismus zum Kapitalismus importiert Teschke auch alle Probleme, die mit Brenners Thesen verbunden sind. Am schwersten wiegt dabei Brenners Hypostasierung des Kapitalismusbegriffs.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Gerade vorm Hintergrund, dass Teschke gro&#223;en Wert auf die Unebenheiten und Ungleichzeitigkeiten historischer Prozesse legt, erscheint Brenners Theorie nur bedingt hilfreich. Nach Brenner h&#228;tten sich genuin kapitalistische Produktionsverh&#228;ltnisse nur in England, und dort nur in der Landwirtschaft entwickelt. Ausgeblendet bleiben dabei regionale Kristallisationspunkte kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse in anderen L&#228;ndern ebenso wie „&#220;bergangsformen“ wie Handelskapital und Protoindustrie, die in widerspr&#252;chlicher Einheit mit einem System personaler Herrschaft existierten. Zwar kann hier tats&#228;chlich nicht von kapitalistischen Formen </span><em>sui generis</em><span> gesprochen werden. Teschke verbaut sich aber den Weg zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit solchen &#220;bergangsformen weil sein Kapitalismusbegriff auf der abstrakten Ebene der Produktionsweise verharrt und sich f&#252;r historisch-konkrete Kapitalismen eigentlich nicht interessiert. Das f&#252;hrt zu Schwarzwei&#223;malerei und Formalismus: entweder ganz kapitalistisch oder gar nicht. Eine historische Analyse, die das Konzept ungleicher und kombinierter Entwicklung ernst nimmt, m&#252;sste aber gerade danach fragen, inwieweit protokapitalistische &#220;bergangsformen die Matrix gesellschaftlicher Verh&#228;ltnisse durchsetzen und durch die Akkumulation &#246;konomischer und politischer Macht die alte Ordnung sukzessive untergraben konnten. Der Effekt w&#228;re sowohl die Bindung vieler Protokapitalisten an das bestehende politische Regime, zugleich aber auch die Transformation des Charakters dieses Regimes, sodass alte Formen neue, b&#252;rgerliche Verh&#228;ltnisse verdecken. Schlie&#223;lich w&#252;rde ein Punkt erreicht, der eine Ver&#228;nderung der Staatsform erfordert.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Unabh&#228;ngig vom Problem personalisierter Herrschaft m&#252;sste deshalb gefragt werden, ob absolutistische Politiken Formen der politischen Aneignungsgewalt konservierten oder kapitalistische Entwicklung bef&#246;rderten. Und es m&#252;sste die Frage gestellt werden, ob jene Ereignisse, die gemeinhin als b&#252;rgerliche Revolutionen bezeichnet werden, nicht gerade Rekonfigurationen in der Form der Staatlichkeit bedingten, die solche Entwicklungen forcierten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Bei Teschke erscheinen Feudalismus/Absolutismus aber als System, das nicht aus seinen inneren Widerspr&#252;chen heraus unterminiert werden kann. Die M&#246;glichkeit endogener kapitalistischer Entwicklung wird somit zum &#228;u&#223;erst unwahrscheinlichen Produkt konjunktureller Zuf&#228;lle. Die Impulse zu kapitalistischer Transformation und politischer Rekonfiguration werden, mit Ausnahme Englands, exogenisiert, und auf die internationale Ebene geopolitischen Modernisierungsdrucks verlagert. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Dieselbe Kritik trifft auch Teschkes Diskussion des vormodernen Charakters des Kolonialismus. Weil der strukturale Nexus zwischen Politik und &#214;konomie nicht zerst&#246;rt war sei dieser vor-kapitalistisch gewesen. Wieder die Hypostasierung </span><em>des</em><span> Kapitalismus, die den Einbruch des Politischen in die &#214;konomie nur als nicht-kapitalistisch verstehen kann, statt konkreter Analyse historischer kapitalistischer Formationen in ihrer Variabilit&#228;t. Die Trennung Politik-&#214;konomie im Kapitalismus ist aber eine st&#228;ndige neu verhandelte Tendenz, kein Strukturprinzip. In diesem Sinn k&#246;nnte dann behauptet werden, dass der merkantile Kolonialismus sowohl feudale als auch kapitalistische Imperative verfolgte.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>2. Sobald wir Ans&#228;tze kapitalistischer Entwicklung nicht auf England einengen und die absolutistischen Staaten als widerspr&#252;chliche Formationen begreifen, die nicht so einfach in das formalistische Korsett vormoderner Staatlichkeit gezw&#228;ngt werden k&#246;nnen, erscheint die Frage nach dem Charakter des neuzeitlichen Staatensystems als weit komplexeres Problem, als in Teschkes Darstellung.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Aber selbst dann, wenn Teschkes These als historisches Argument akzeptiert wird, ist damit noch nicht gezeigt, dass Staatensystem und Kapitalismus nicht logisch zusammenh&#228;ngen k&#246;nnen. Eine solche Behauptung verwechselt historische Genese mit begrifflicher Struktur.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Das entscheidende Problem scheint mir Teschkes, von Ellen Wood &#252;bernommene, </span><em>strikte</em><span> Trennung von Politik und &#214;konomie in der Charakterisierung moderner Staatlichkeit, deren Funktion sich auf die Sicherung der Bedingungen einer prinzipiell universalen &#246;konomischen Akkumulationslogik reduziert. Die Durchsetzung des Kapitalismus w&#228;re demnach von der </span><em>Trennung</em><span> von Geopolitik und &#246;konomischer Akkumulation, vom R&#252;ckzug politischen Zwangs aus der Sph&#228;re des Internationalen begleitet gewesen. Dabei wird aber ausgeblendet, dass die kapitalistische Akkumulation selbst nicht glatt verl&#228;uft, sondern ihre eigenen geographischen Konzentrationen und Unebenheiten – raum-zeitliche Fixierungen (Harvey) – erzeugt, und die Trennung von Politik und &#214;konomie im Kapitalismus nie so absolut war, wie Teschkes Modell fordert. Im Ergebnis war daher die geopolitische Machtlogik immer schon Element der modernen kapitalistischen Staatenordnung, wenn auch &#252;berformt und in widerspr&#252;chlicher Verschr&#228;nkung mit der Logik &#246;konomischer Akkumulation. Genau diesen Prozess versucht die marxistische Imperialismustheorie zu fassen, und genau in diesem Punkt werden auch die politischen Konsequenzen von Teschkes Studie deutlich: wenn geopolitische Konflikte nur historisches Erbe, &#220;berreste der vormodern Staatenordnung sind, dann landen wir bei jenem Zukunftsszenario Teschkes, das nicht zuf&#228;llig an Kautskys Ultraimperialismustheorie erinnert: Kriege haben mit dem Kapitalismus eigentlich nichts zu tun, ein befriedeter Kapitalismus, in dem sich staatliche Politik auf das harmonische Management der Bedingungen der &#246;konomischen Akkumulation beschr&#228;nkt, ist zumindest denkbar. Letztlich kann Teschkes Dichotomisierung von absolutistischer, vormoderner und moderner, kapitalistischer Staatenordnung nicht &#252;berzeugen, weder theoretisch noch politisch.<o></o></span></p>
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		<item>
		<title>Poulantzas verstehen</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 11:24:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 2]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Staatstheorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Lars Bretthauer/Alexander Gallas/John Kannankulam/ Ingo St&#252;tzle: Poulantzas lesen. Zur Aktualit&#228;t marxistischer Staatstheorie. Hamburg: VSA 2006. 21,40 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Lars Bretthauer/Alexander Gallas/John Kannankulam/ Ingo St&#252;tzle: Poulantzas lesen. Zur Aktualit&#228;t marxistischer Staatstheorie. Hamburg: VSA 2006. 21,40 €</p>
<p><span id="more-29"></span></p>
<p>Der Sammelband „Poulantzas lesen“ ist eine ausf&#252;hrliche Auseinandersetzung mit dem Werk des griechisch-franz&#246;sischen Marxisten Nicos Poulantzas. 1936 in Athen geboren und ab Anfang der 60er Jahre in Frankreich t&#228;tig, besch&#228;ftigte er sich zu Beginn seiner akademischen Laufbahn vor allem mit Fragen des Rechts. Bald jedoch, inspiriert vor allem von Louis Althusser (aber auch anderen Theoretikern – etwa Michel Foucault) entwickelte er intensive Forschungst&#228;tigkeiten zu den Fragen des Staates und der Klassen in kapitalistischen Gesellschaften, die er bis zu seinem vorzeitigen Tod 1979 fortsetzte.<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Das f&#252;r viele wichtigste Werk von Poulantzas ist das 1978 erschienene „L’Etat, Le Pouvoir, Le Socialisme“ („Der Staat, die Macht, der Sozialismus“ – auf Deutsch 2002 schlicht als „Staatstheorie“ neu aufgelegt). Marx folgend war seine wichtigste Erkenntnis, dass der Staat die materielle Verdichtung gesellschaftlicher Verh&#228;ltnisse sei. Damit stellte er sich klar gegen deterministische Verk&#252;rzungen, die den Staat in einem starren Basis-&#220;berbau-Schema zu fassen versuchten. Poulantzas verwarf diese Auffassungen und entwickelte ein Verst&#228;ndnis des Staates, das der Widerspr&#252;chlichkeit staatlicher Politik und den Gegens&#228;tzen der im Staat vertretenen Klassen und Klassenfraktionen Rechnung tr&#228;gt. <o></o></p>
<p class="MsoNormal">Poulantzas lieferte scharfsinnige marxistische Analysen zu einer Zeit, in der sich die fordistischen Gesellschaften in einer tiefen Krise befanden. „Er thematisierte die Aufl&#246;sungserscheinungen der fordistischen Entwicklungsweise, bevor es infolge des Bruchs von 1989 zu tektonischen Verschiebungen innerhalb linker Diskurse kam“ (8). Nach den dunklen Dekaden der 1980er und 1990er Jahren haben heute marxistische Debatten wieder Eingang gefunden in breitere gesellschaftliche Zusammenh&#228;nge. Im Zuge der antikapitalistischen Bewegung r&#252;cken auch die Fragen von Staat und gesellschaftlichen Herrschaftsverh&#228;ltnissen wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Der vorliegende Diskussionsband tr&#228;gt diesem neuen Interesse Rechnung. Er bietet eine hervorragende und kritische Auseinandersetzung mit Poulantzas’ Werk.<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Der erste Teil des Buches besch&#228;ftigt sich mit methodischen und erkenntnistheoretischen Fragen. Poulantzas’ Schaffen wir dabei innerhalb der marxistischen Tradition in der N&#228;he Louis Althussers verortet, es wird aber auch aufgezeigt inwiefern Poulantzas &#252;ber den klassischen marxistischen Strukturalismus hinausgeht. Clyde W. Barrow etwa zeichnet in seinem Beitrag die theoretische Entwicklung von Poulantzas nach und betont dabei seine N&#228;he zum „historischen Strukturalismus“ (32-47). In einem weiteren Beitrag dieses ersten Teils wird das Verh&#228;ltnis von Poulantzas’ Staatstheorie zur deutschen „Staatsableitungsdebatte“ n&#228;her erl&#228;utert. Dabei wird versucht, zwei marxistische Ans&#228;tze zur Fassung des kapitalistischen Staates einander n&#228;her zu bringen. W&#228;hrend Poulantzas auf Ebene der Formbestimmung laut Hirsch und Kannankulam einige L&#252;cken aufweist, die mit Hilfe der Staatsableitung geschlossen werden k&#246;nnen, kann der Ansatz von Poulantzas die hohe Abstraktionsebene der Staatsableitung relativieren (65-81).<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Im zweiten Abschnitt wird zun&#228;chst diskutiert, wie nach Poulantzas Macht und Herrschaft mit dessen Klassen- und Strukturanalysen gedacht werden k&#246;nnen (Koch, 120-136). Im Anschluss daran konfrontieren die AutorInnen Poulantzas mit anderen theoretischen Str&#246;mungen und versuchen, ihn in einer konstruktiven Auseinandersetzung etwa mit feministischen Theorien (Nowak, 137-153), Michel Foucault (Lindner, 154-170) oder den Rechtstheoretikern Franz Neumann und Eugen Paschukanis (Buckel, 171-187) zu positionieren. <o></o></p>
<p class="MsoNormal">Im dritten Teil werden die Dimensionen Raum und Zeit f&#252;r den kapitalistischen Staat behandelt. So zeigt Hans J&#252;rgen Bieling in seinem Beitrag, dass Poulantzas f&#252;r die Fassung des europ&#228;ischen Integrationsprojekts einen wichtigen Beitrag liefern kann, besonders in der Frage von Verdichtung von Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen jenseits von Nation (223-239).<o></o></p>
<p class="MsoNormal">Im letzten Teil wird ein sch&#228;rferer Blick auf die Konzeptionen von (Staatlichkeits-) Krise und Transformation sowie auf die sich daraus ableitenden politischen Strategien geworfen. Peter Thomas diskutiert in seinem Beitrag (307- 322) Poulantzas‘ Gramsci-Rezeption und dessen Kritik an Gramscis Strategiebegriff, den Poulantzas im Leninschen Konzept der „Doppelherrschaft“ gefangen sieht. Dass Poulantzas und Gramsci in Fragen der Strategie jedoch gar nicht so weit auseinander liegen, wie es scheinen mag, unterstreicht Thomas, indem er die Gemeinsamkeiten des strategisch-relationalen Denkens von Poulantzas und Gramsci in Bezug auf den Begriff des integralen Staates betont.<o></o></p>
<p class="MsoNormal">An diesem Buch Kritik zu &#252;ben ist wahrlich kein leichtes. Einerseits gibt es einen hervorragenden Einblick in das Schaffen von Nicos Poulantzas, gleichzeitig ist es f&#252;r den/die LeserIn beinahe unm&#246;glich, sich die Texte zu erschlie&#223;en, wenn nicht schon ein gewisses Vorwissen vorhanden ist. Das Buch ist dezidiert kein EinsteigerInnenbuch, und wer sich eine leicht verdauliche Einf&#252;hrung in das Werk von Poulantzas erwartet, wird sicherlich entt&#228;uscht. Des Weiteren ist klar zu erkennen, dass die meisten AutorInnen einen bundesdeutschen akademischen Hintergrund haben. Durch den gesamten Band ziehen sich immer wieder Anmerkungen und Referenzen die sehr stark von der spezifischen deutschen Debatte rund um die „Staatsableitung“ (vgl. die Rezension zu Joachim Hirsch: Materialistische Staatstheorie, in: Perspektiven Nr. 1) gepr&#228;gt sind. Dies ist sicherlich spannend, erleichtert allerdings das Lesen nicht gerade f&#252;r jemanden, der/die sich noch nicht mit der Marxschen Formanalyse besch&#228;ftigt hat. Was allerdings nicht unbedingt ein Nachteil sein muss – der Band ist ohne Zweifel eine gro&#223;e Anregung zum Weiterlesen. Nicht nur, um sich intensiver mit Nicos Poulantzas zu besch&#228;ftigen, sondern auch um in andere Bereiche marxistischer Theoriebildung vorzusto&#223;en.</p>
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		<title>Herrschaft durch Konsens &#8211; Macht und Politik bei Antonio Gramsci</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 22:29:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 0]]></category>
		<category><![CDATA[Gramsci]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Staatstheorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Kapitalismus macht nicht gl&#252;cklich. Trotzdem bleibt das System unhinterfragt, erscheint Vielen als das einzig denkbare. Unterdr&#252;ckung und Ungleichheit wird von den Betroffenen nicht nur akzeptiert, sondern durch allt&#228;gliche Ideen, Vorstellungen und Praktiken aktiv aufrechterhalten, in allen Lebensbereichen. Wie funktioniert diese Form von b&#252;rgerlicher Herrschaft, die auf die Zustimmung der Beherrschten angewiesen ist – und wo ergeben sich Handlungsm&#246;glichkeiten f&#252;r Menschen, die das so nicht hinnehmen wollen?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Kapitalismus macht nicht gl&#252;cklich. Trotzdem bleibt das System unhinterfragt, erscheint Vielen als das einzig denkbare. Unterdr&#252;ckung und Ungleichheit wird von den Betroffenen nicht nur akzeptiert, sondern durch allt&#228;gliche Ideen, Vorstellungen und Praktiken aktiv aufrechterhalten, in allen Lebensbereichen. Wie funktioniert diese Form von b&#252;rgerlicher Herrschaft, die auf die Zustimmung der Beherrschten angewiesen ist – und wo ergeben sich Handlungsm&#246;glichkeiten f&#252;r Menschen, die das so nicht hinnehmen wollen?<br />
<span id="more-75"></span><br />
Fragen solcher Art dr&#228;ngten sich dem Marxisten Antonio Gramsci auf, als er in den 1930er Jahren analysierte, wie die Revolution 1917 in Russland erfolgreich sein konnte, w&#228;hrend sie in Westeuropa – etwa in Deutschland, den L&#228;ndern der zerfallenden Habsburgermonarchie oder in Gramscis Heimat Italien – scheiterte, wo doch unterdr&#252;ckerische Verh&#228;ltnisse hier wie dort gegeben waren. Im Zuge dieser Untersuchungen entdeckte er, dass im „Westen“ trotz der &#246;konomischen und politischen Krisen des etablierten Systems, nach wie vor Herrschaft sichernde Verh&#228;ltnisse vorhanden waren. Obwohl hier wie dort die repressive Macht des Staates mehr oder weniger zur&#252;ckgedr&#228;ngt werden konnte und demokratische R&#228;testrukturen entstanden, konnte der Staat mit Hilfe anderer, nicht-repressiven Mechanismen seine Macht schneller wieder erlangen. Der Schl&#252;sselbegriff hierzu war, wie Gramsci argumentiert, Hegemonie. „Ganz grob k&#246;nnen wir Hegemonie“, so der britische Marxist Terry Eagleton, „als eine ganze Reihe praktischer Strategien definieren, durch die eine herrschende Macht den von ihr Regierten Zustimmung entlockt“.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> <o></o></p>
<p>Im Unterschied zu jenen Elementen des Staates, welche durch Polizei, Armee und Justiz, also mittels Zwang, das kapitalistische System aufrecht zu erhalten trachten, sichert eine andere Ebene von Herrschaft, jene der „produzierten Zustimmung“, das System, selbst wenn die Zwangsapparate durchbrochen wurden. „Der Staat war lediglich ein vorgeschobener Sch&#252;tzengraben, hinter dem eine robuste Kette von Befestigungswerken und Kasematten lag“, schrieb Gramsci &#252;ber dieses Ph&#228;nomen.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Die robuste Kette von Befestigungswerken, die Gramsci erkannte, ist jene der Hegemonie, als deren Produktions- und Wirkungsfeld er die società civile (meist als „Zivilgesellschaft“ oder „b&#252;rgerliche Gesellschaft“ &#252;bersetzt<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a>) identifizierte. <o></o><br />
Der entscheidende Unterschied zwischen West- und Osteuropa war also die Auspr&#228;gung eines komplexen Netzwerks der Zivilgesellschaft, das im Bereich der Ideen, der Kultur, der Erziehung, des Glaubens etc. Herrschaft durch Zustimmung organisieren konnte: „Im Osten war der Staat alles, die b&#252;rgerliche Gesellschaft [=Zivilgesellschaft; Anm.] steckte in ihren Anf&#228;ngen, und ihre Konturen waren flie&#223;end. Im Westen herrschte zwischen Staat und b&#252;rgerlicher Gesellschaft ein ausgewogenes Verh&#228;ltnis, und, erzitterte der Staat, so entdeckte man sofort die kr&#228;ftige Struktur der b&#252;rgerlichen Gesellschaft.“<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> <o></o></p>
<p>Zivilgesellschaft und Staat legte Gramsci als die „zwei gro&#223;e[n] ‚Ebenen’“ des „&#220;berbaus“, also der politischen Formen kapitalistischer Ausbeutung, fest. Wobei er die Zivilgesellschaft als Gesamtheit jener „Organismen“ bezeichnete, wodurch „die herrschende Gruppe in der gesamten Gesellschaft“ Hegemonie aus&#252;bt.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Dazu z&#228;hlt er etwa b&#252;rgerliche Parteien, die Kirche, Vereine, Schulen bzw. Universit&#228;ten, Medien und sogar Gewerkschaften.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Diese „Organismen“ – wir k&#246;nnen im Anschluss an Louis Althusser, der rund 40 Jahre sp&#228;ter Gramscis &#220;berlegungen zur Hegemonie aufgriff, von hegemonialen „Apparaten“ sprechen – pr&#228;gen und strukturieren das Leben der Bev&#246;lkerung, indem durch sie Vorstellungen davon, was richtig oder falsch, m&#246;glich oder unm&#246;glich, erw&#252;nscht oder unerw&#252;nscht ist, produziert und reproduziert werden. Hegemonie bildet so das Ferment der herrschenden Ordnung, indem es ihr erlaubt, als Teil allt&#228;glicher Denk- und Handlungsweisen, zu einem Selbst- und Weltverst&#228;ndnis der Gesellschaft zu werden. Oder, wie Eagleton schreibt: „Der b&#252;rgerliche Staat greift auf Gewalt zur&#252;ck, wenn er dazu gezwungen ist, aber er riskiert damit auch einen drastischen Verlust an ideologischer Glaubw&#252;rdigkeit. F&#252;r die Macht ist es besser, unsichtbar zu sein, sich im ganzen Gewebe des sozialen Lebens auszubreiten und damit in Form von Gebr&#228;uchen, Gewohnheiten, spontanen Praxen ‚naturalisiert’ zu sein.“<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> Die Produktion und Reproduktion von b&#252;rgerlicher Hegemonie ist jedoch kein subjektloser Automatismus. Sie ist angewiesen auf „traditionelle Intellektuelle“, die organisch mit der herrschenden Klasse verbunden sind. Diese schaffen nicht nur auf „&#246;konomischem, sondern auch auf sozialem und politischem Gebiet Homogenit&#228;t.“<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a><span>  </span>Sie sind sozusagen die konkreten ProduzentInnen b&#252;rgerlicher Hegemonie.<o></o></p>
<p>Nicht zuletzt liegt eine der spannendsten politisch-theoretischen Beitr&#228;ge Gramscis darin, dass er den Begriff des Staates um die Zivilgesellschaft – also um die „Gesamtheit der gemeinhin als privat bezeichneten Organismen“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> – erweitert. (Gramsci, Die Herausbildung der Intellektuellen…) Gramsci spricht in diesem Zusammenhang vom „integralen Staat“ als Kombination von repressiven („politische Gesellschaft“) und konsensualen (Zivilgesellschaft) Elementen des Staates, zusammengefasst in der Formel „Staat = Hegemonie, gepanzert mit Zwang“. Die analytische Trennung von Hegemonieapparaten einerseits und Gewaltapparaten andrerseits, bedeutet aber nicht, dass diese auch tats&#228;chlich so scharf voneinander abgegrenzt existieren. So ist auch der Staat im engeren Sinne, mit dem wohl m&#228;chtigsten Hegemonieapparat, dem demokratisch gew&#228;hlten Parlament, f&#252;r die Hegemonieproduktion verantwortlich. Umgekehrt k&#246;nnen auch typisch „zivilgesellschaftliche“ Institutionen mit Gewalt Herrschaft sichernd eingreifen, etwa in Form von „B&#252;rgerwehren“. Wir k&#246;nnen aber zusammenfassen, dass der Staat mit seinen Gewaltapparaten in erster Linie die b&#252;rgerliche Herrschaft mittels Gewalt sichert, w&#228;hrend Hegemonieapparate in erster Linie Zustimmung zum herrschenden System produzieren.<o></o></p>
<h3>Widerspr&#252;chliches Bewusstsein und Alltagsverstand</h3>
<p>W&#252;rde das Konzept der Hegemonie nur eine besonders gefinkelte, weil allt&#228;gliche Form von Herrschaft beschreiben, w&#228;ren die Aussichten f&#252;r eine Ver&#228;nderung oder &#220;berwindung dieser Verh&#228;ltnisse eher d&#252;ster. Tats&#228;chlich sind Hegemonie und Zivilgesellschaft f&#252;r Gramsci aber keine „Einbahnstra&#223;en der Macht“, sondern im Gegenteil, Austragungsort „hegemonialer K&#228;mpfe“ zwischen unterschiedlichen, reaktion&#228;ren oder fortschrittlichen Kr&#228;ften. Damit warf er bis dahin im Marxismus vorherrschende Konzepte des „Bewusstseins“ der unterdr&#252;ckten Klasse der ArbeiterInnen um. Bisher haben MarxistInnen, die Zustimmung zum herrschenden System relativ undifferenziert betrachtet, folgend Marxens Aussage: „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d.h. die Klasse, welche die herrschende <em>materielle</em> Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende <em>geistige</em> Macht.“<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> Das Bewusstsein der ArbeiterInnen wurde demnach, weil es nicht ihr eigenes Bewusstsein war, sondern ein von der herrschenden Klasse „geborgtes“, als „falsches Bewusstsein“ bezeichnet<o></o></p>
<p>Gramscis Hegemoniebegriff beinhaltet eine v&#246;llig andere Vorstellung. Nach ihm entsteht Bewusstsein einerseits aus dem Zusammenhang von Konzepten, die sich aus der Ideologie und den Interessen der Herrschenden speisen und in den Apparaten der Zivilgesellschaft produziert werden. Diese sind kein „Fremdk&#246;rper“ im Bewusstsein der ausgebeuteten Klasse, den es blo&#223; abzusch&#252;tteln gilt, um das „richtige“ Bewusstsein zu entdecken, sondern organischer Bestandteil eines komplexen und widerspr&#252;chlichen Sets von Ideen, Vorstellungen und Handlungen, das von Gramsci als „Alltagsverstand“ („senso commune“) bezeichnet wird. Dass der Alltagsverstand ein widerspr&#252;chliches Bewusstsein ist und b&#252;rgerliche Hegemonie nicht blo&#223; gleichgeschaltete Lemminge produziert, liegt daran, dass sich im Alltagsverstand auch konkrete Erfahrungen aus den Lebensrealit&#228;ten einer ausgebeuteten Klasse ablagern. Erniedrigungen am Arbeitsplatz oder in Ausbildungsst&#228;tten, niedrige L&#246;hne bei langen Arbeitstagen oder geistige Abstumpfung durch ewig gleiche, monotone Arbeitsschritte geh&#246;ren dazu ebenso wie Erfahrungen der Solidarit&#228;t, Elementen von Selbstorganisation (und sei es nur im Freizeitverein) oder Traditionen von Gemeinschaftlichkeit. Jenen fortschrittlichen, instinktiv &#252;ber die b&#252;rgerliche Hegemonie hinausweisenden Teil des Alltagsverstands benennt Gramsci mit dem (nur schwer &#252;bersetzbaren) Begriff „buon senso“. Dieser gewinnt vor allem an Bedeutung, wenn Ausgebeutete sich als Klasse gegen das ausbeuterische System zur Wehr setzen, etwa in Streiks. Dieser Umstand “deutet darauf hin, dass die benannte soziale Gruppe wirklich ihr eigenes Konzept von der Welt besitzt, auch wenn nur embryonal entwickelt; ein Konzept, welches sich in Aktion manifestiert, aber gelegentlich und blitzartig – wenn diese Gruppe als organische Totalit&#228;t handelt.”<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a></p>
<p>Das bedeutet zusammengefasst, dass im Alltagsverstand des Proletariats zwei verschiedene Formen von Bewusstsein miteinander als ein „widerspr&#252;chliches Bewusstsein“ koexistieren. Der Alltagsverstand ist aber nicht einfach ein leerer Beh&#228;lter, in den Ideen, Konzepte, Praxen etc. von au&#223;en „eingef&#252;llt“ werden, sondern ein umk&#228;mpftes Terrain, das von den konkreten Lebenserfahrungen als Teil einer sozialen Klasse gepr&#228;gt wird. Um b&#252;rgerliche Herrschaft &#252;berwinden zu k&#246;nnen, muss der Alltagsverstand zum „buon senso“, dem fortschrittlichen Element im Alltagsverstand, ausgeweitet werden. Das in der Aktivit&#228;t der ArbeiterInnenklasse implizite praktische Bewusstsein muss die alten geerbten Elemente verdr&#228;ngen und zu einem neuen theoretischen Bewusstsein der praktischen Aktivit&#228;t werden.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a><o></o></p>
<p class="MsoNormal">Wenn wir davon ausgehen, dass Ideen nicht abgekoppelt von ihren Tr&#228;gerInnen durch die Gesellschaft schweben, stellt sich nun die Frage, wer denn nun die KombattantInnen am hegemonialen „Kampffeld“ sind. Hier spielt bei Gramsci der bereits erw&#228;hnte Begriff der „Intellektuellen“ eine entscheidende Rolle. Genauso wie die herrschende bringt auch die beherrschte Klasse Intellektuelle hervor, die mit ihr organisch verbunden sind. Diese Intellektuellen sind aber nicht solche, die von einem Elfenbeinturm aus die Interessen der ArbeiterInnenklasse herabpredigen, oder die Massen aufkl&#228;ren w&#252;rden. Im Gegenteil. Gramsci begreift alle Menschen als zumindest potenzielle Intellektuelle, denn:<o></o></p>
<p>“letzten Endes entfaltet jeder Mensch au&#223;erhalb seines Berufs irgendeine intellektuelle T&#228;tigkeit, er ist sozusagen ein ‚Philosoph’, ein K&#252;nstler, ein Mensch mit Geschmack, er vertritt eine Weltanschauung, er hat eine bewu&#223;te moralische Haltung, er tr&#228;gt also dazu bei, eine Weltanschauung zu unterst&#252;tzen oder zu ver&#228;ndern, das hei&#223;t, neuen Denkweisen zum Durchbruch zu verhelfen.”<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> <o></o></p>
<p>Aber nicht alle Menschen haben die Funktion von Intellektuellen.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> Damit die Intellektuellen der ArbeiterInnenklasse ihre Funktion aus&#252;ben k&#246;nnen, muss sie eigene Strukturen schaffen, durch die der „buon senso“ zu einem koh&#228;renten politischen Projekt weiterentwickelt werden kann. In diesem Prozess ist die revolution&#228;re Organisation von gro&#223;er Bedeutung.<o></o></p>
<h3>Revolution&#228;re Organisation</h3>
<p>Die Entwicklung des Klassenbewusstseins der ArbeiterInnenklasse h&#228;ngt bei Gramsci einerseits von mehr oder minder spontan auftretenden Klassenk&#228;mpfen ab, wo der den gesellschaftlichen Verh&#228;ltnissen zugrunde liegende Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit zu Tage tritt. Durch die Erfahrungen gemeinsamer K&#228;mpfe – etwa um bessere Arbeitsbedingungen, h&#246;here L&#246;hne, aber auch um politische Forderungen – k&#246;nnen Elemente des „buon senso“ spontan an Bedeutung gewinnen. Um aber nicht immer wieder an den „Befestigungsanlagen und Kassematten“ der Zivilgesellschaft zu zerschellen, muss der kontinuierliche Kampf um die „Hearts and Minds“ der ausgebeuteten Bev&#246;lkerung gef&#252;hrt werden. Dazu bedarf es einer Organisation, die die Interessen der ArbeiterInnen artikuliert und in den Kampf um gesellschaftliche, politische, kulturelle Hegemonie eintritt. „Organische Intellektuelle“ haben die Aufgabe, theoretische Konzepte zu entwickeln und Argumente in politischen Debatten zu liefern, die die allt&#228;gliche Logik b&#252;rgerlicher Macht herausfordern. Die revolution&#228;re Organisation muss also nicht mehr „nur“ die historischen und internationalen Erfahrungen der ArbeiterInnen verallgemeinern, wie Marx es im Kommunistischen Manifest schrieb, sie muss dar&#252;ber hinaus das Ged&#228;chtnis der ArbeiterInnenklasse sein und der Ort, wo der in der Praxis implizite „buon senso“ expliziert und artikuliert wird.<br />
Diese Erweiterung des Leninschen Konzepts von der revolution&#228;ren Partei als „Avantgarde der ArbeiterInnenklasse“ bedeutet, dass diese, hergeleitet vom Doppelcharakter der b&#252;rgerlichen Herrschaft &#252;ber Hegemonie und Zwang, ebenfalls beide Elemente in sich vereinigen muss. In revolution&#228;ren Zeiten muss die ArbeiterInnenklasse in ihrer Strategie vor allem eine offensive schnelle Bewegung zur Gewinnung der Macht organisieren und die b&#252;rgerlichen Machtzentren zerschlagen. Gramsci nannte diese Strategie, &#252;bernommen aus seinen Beobachtungen des Ersten Weltkriegs, Bewegungskrieg. Gleichzeitig ist aber eine langfristige, kontinuierliche, geduldige und systematische Auseinandersetzung in Form eines „gegenhegemonialen Projekts“ n&#246;tig. Dieser „Stellungskrieg“ findet im allt&#228;glich umk&#228;mpften Feld der Hegemonie – im Kampf um Ideen – in der Zivilgesellschaft statt. Jeder und jede bezieht hier Stellung, jede und jeder macht hier einen Unterschied. In diesem Sinne appelliert Gramsci:<br />
„Lernt, denn wir werden eure ganze Intelligenz brauchen. Agitiert, denn wir werden all euren Enthusiasmus brauchen. Organisiert euch, denn wir werden eure ganze St&#228;rke brauchen!“<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a></p>
<h3><em>Gramscis Leben als Revolution&#228;r</em></h3>
<p>Antonio Gramsci wurde 1891 in Ales auf Sardinien geboren. Mit 20 Jahren zog er nach Turin, um Sprach- und Literaturwissenschaften, Geschichte, Jura und Philosophie zu studieren. Schon zu dieser Zeit war Turin das Zentrum der italienischen ArbeiterInnenbewegung. Gramsci trat 1913 der Sozialistischen Partei Italiens (PSI) bei. Rasch wurde er Redaktionsmitglied der Parteizeitung Avanti („Vorw&#228;rts“) und der Il Grido del popolo („Der Ruf des Volkes“).</p>
<p>1917/18 war er einer der wichtigsten ProtagonistInnen der Turiner R&#228;tebewegung, die, inspiriert von der russischen Oktoberrevolution, gegen die italienische Beteiligung am Ersten Weltkrieg und f&#252;r eine revolution&#228;re Umgestaltung der Gesellschaft k&#228;mpfte. Nach der blutigen Niederschlagung der Bewegung und der Unt&#228;tigkeit der PSI stand Gramsci den Positionen der PSI immer kritischer gegen&#252;ber. 1919 gr&#252;ndete er mit Mitstreitern die Tageszeitung L’Ordine Nuovo („Die neue Ordnung“). Die Gruppe um diese Zeitung spaltete sich schlie&#223;lich von der PSI ab und gr&#252;ndete die Kommunistische Partei Italiens (PCI). Nach der Macht&#252;bernahme der Faschisten 1922 wurden linke Parteien in die Illegalit&#228;t gedr&#228;ngt und Oppositionelle verhaftet. So wurde auch Gramsci 1926 zu zwanzig Jahren Gef&#228;ngnis verurteilt, an deren Folgen er 1937 starb.</p>
<p>W&#228;hrend der Zeit in Mussolinis Kerker besch&#228;ftigte er sich intensiv mit aktuellen Problemen marxistischer Theorie. Gramscis Hauptwerk sind 2848 handschriftliche Seiten, die sp&#228;ter als „Quaderni del Carcere“ – „Gef&#228;ngnishefte“ – ver&#246;ffentlicht wurden. Sie entstanden unter schwierigsten Bedingungen, Gramsci hatte kaum Zugang zu aktueller Literatur und er musste seine Analysen in einer Art Geheimsprache verfassen, um sie an den faschistischen Zensoren vorbei zu bringen. So „versteckte“ er beispielsweise seine Analyse der nachrevolution&#228;ren Situation Russlands in Aussagen zur b&#252;rgerlichen Revolution in Frankreich im 19. Jahrhundert, und „Marxismus“ umschreibt er in den Gef&#228;ngnisheften als „Philosophie der Praxis“.</p>
<p>Gramsci gilt als einer der innovativsten marxistischen Theoretiker des 20. Jahrhunderts. Die Verbindung von undogmatischer Analyse und revolution&#228;rer &#220;berzeugung machte ihn f&#252;r viele Generationen nach ihm zu einem wichtigen Ankn&#252;pfungspunkt kritischer politischer Theorie.</p>
<h3>Anmerkungen<o></o></h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Eagleton, Terry: Ideologie. Eine Einf&#252;hrung. Stuttgart: Metzler 2000. 137.<o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Gramsci, Antonio: Stellungskrieg und Bewegungskrieg oder Frontalangriff. Aufzeichnungen aus den Jahren 1930 bis 1934<o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Beide &#220;bersetzungen sind problematisch. „Zivilgesellschaft“ hat in den Debatten der letzten Jahre oft eine ausschlie&#223;lich positiv besetzte Konnotation als Ort progressiver, nicht-staatlicher Politik (NGOs etc.) erhalten. „B&#252;rgerliche Gesellschaft“ wiederum wird in marxistischer Literatur oft schlicht synonym f&#252;r die gesamte kapitalistische Gesellschaft gebraucht. Eingedenk dieser Problematiken und mangels brauchbarer Alternativen verwenden wir in Folge die gebr&#228;uchlichste Form – „Zivilgesellschaft“.<o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Gramsci: Stellungskrieg und Bewegungskrieg…<o></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Gramsci, Antonio: [Die Herausbildung der Intellektuellen]. Aufzeichnungen aus den Jahren 1930 bis 1932,<span>  </span>http://www.marxistische-bibliothek.de/gramsci5.html<o></o><br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Nicht zuletzt liegt eine der spannendsten politisch-theoretischen Beitr&#228;ge Gramscis darin, dass er den Begriff des Staates um die Zivilgesellschaft –also um die „Gesamtheit der gemeinhin als privat bezeichneten Organismen“ – erweitert. (Gramsci, Die Herausbildung der Intellektuellen…) Gramsci spricht in diesem Zusammenhang vom „integralen Staat“ als Kombination von repressiven („politische Gesellschaft“) und konsensualen (Zivilgesellschaft) Elementen des Staates.<o></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Eagleton a.aO. 137<o></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Gramsci, Die Herausbildung der Intellektuellen…<o></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Ebd.<o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> MEW 3. 46<o></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Callinicos, Alex: Making History. Agency, Structure, and Change in Social Theory. Leiden/Boston: Brill 2004. 175.<o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Vgl. Rees, John: The Algebra of Revolution. The Dialectic and the Classical Marxist Tradition. London/New York: Routledge 1998. 241.<o></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Gramsci, Antonio: Intellektuelle. Traditionelle. Aufzeichnungen aus den Jahren 1930 bis 1932, http://www.marxistische-bibliothek.de/gramsci6.html<o></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Carl Boggs, der als einer der Ersten Gramsci in die englischsprachige Debatte einf&#252;hrte, betont diese Besonderheit des Konzepts des „Intellektuellen“: „Der Begriff „Intellektueller“ bedeutete f&#252;r Gramsci keine bestimmte individuelle, sondern vielmehr eine universelle Funktion – ein Set von Aktivit&#228;ten, weitgehend „moralischen“ Inhalts, die bestimmte Weltanschauungen untergraben oder voran treiben k&#246;nnen.“ (Boggs, Carl: Gramsci’s Marxism, London: Pluto Press 1976. 75 f.<o></o><br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Motto der Ordine Nuovo. Zit. nach Vasenthien, Christian: „Die versteinerten Verh&#228;ltnisse zum Tanzen bringen“. In Linksruck: Argumente, Heft Nr. 6, Februar 2005.<o></o></p>
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		<title>Materialistische Staatstheorie</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 22:19:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezension: Joachim Hirsch: Materialiastische Staatstheorie. Transformationsprozesse des kapitalistischen Staatensystems, Hamburg: VSA-Verlag 2005, 18,30 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Joachim Hirsch: Materialiastische Staatstheorie. Transformationsprozesse des kapitalistischen Staatensystems, Hamburg: VSA-Verlag 2005, 18,30 €<br />
<span id="more-80"></span><br />
Karl Marx konnte seine Staatstheorie niemals ausf&#252;hrlich darlegen. Anmerkungen zum Staat finden sich zwar viele, doch keine systematisch ausgereifte Darlegung einer Staatstheorie.<br />
An diesem Punkt kn&#252;pft Joachim Hirsch mit seinem Buch an.<br />
Ausgehend von der Marxschen Methodik und aufbauend auf der Forschungsarbeit von mehreren Jahrzehnten, entwirft Hirsch, Professor f&#252;r Politikwissenschaft an der Goethe Universit&#228;t Frankfurt, ein Bild des Staates, das weit &#252;ber die klassischen Schemata von Basis und &#220;berbau hinausreicht. Ein ambitioniertes Vorhaben, das sicherlich auf weiten Strecken des Buches gelingt.<o></o><br />
Hirsch beginnt damit, die Aufgaben des Staates und seine “relative Autonomie“ gegen&#252;ber den Klassen zu erkl&#228;ren. Hirsch stellt die Frage, warum das Politische im Kapitalismus &#252;berhaupt eine von &#214;konomie und Gesellschaft getrennte <em>&#246;ffentliche</em> Form annimmt, und nicht als privater Zwangsapparat der herrschenden Klassen organisiert ist. Die Antwort liegt in der Besonderheit der kapitalistischen Vergesellschaftungsweise, die durch die Trennung der unmittelbaren ProduzentInnen von den Produktionsmitteln, Privatproduktion, Lohnarbeit und Warentausch charakterisiert ist. Ungehinderter Warentausch, Konkurrenz der PrivatproduzentInnen und ‚Freiheit’ der Lohnarbeit sind aber nur m&#246;glich, wenn die &#246;konomisch herrschende Klasse ihr Verh&#228;ltnis untereinander und gegen&#252;ber der ArbeiterInnenklasse nicht auf unmittelbare, individuell angewendete Gewalt gr&#252;ndet. Die Aneignung des Mehrprodukts durch die &#246;konomisch herrschende Klasse findet nicht durch Zwang, sondern „&#252;ber den scheinbar &#228;quivalenten Warentausch einschlie&#223;lich der Ware Arbeitskraft“ statt. (23) Die physischen Zwangsapparate m&#252;ssen daher eine von allen gesellschaftlichen Klassen getrennte Institutionalisierung erfahren, eben in Gestalt des Staates. Seine Hauptaufgabe ist die Sicherung des Privateigentums an Produktionsmitteln als Voraussetzung der marktvermittelten Ausbeutung.<br />
Die gleichzeitige Trennung und Verbindung zwischen Politik und &#214;konomie ist damit selbst Produkt der materiellen Vergesellschaftungsweise im Kapitalismus. Die widerspr&#252;chliche Einheit von Wertgesetz und Politik ist nach Hirsch die grundlegende Form, in der sich „der Zusammenhang und die Reproduktion der b&#252;rgerlichen Gesellschaft ausdr&#252;ckt und vollzieht.“<br />
&#220;ber diese sehr allgemein gehaltenen Analysen hinaus geht es Hirsch im Besonderen um die Transformationen des Staates in den Phasen des „Fordismus“ – des “goldenen” Nachkriegszeitalters – und des „Postfordismus“ – des Kapitalismus nach den Krisen der 1970er Jahre. Die „integrale &#214;konomie“, der Wettbewerbsstaat oder die Internationalisierung des Staates, der Imperialismus im postfordistischen Gewand oder die Probleme b&#252;rgerlich-demokratischer Verfasstheit sind Bereiche, die in dem Buch ausf&#252;hrlich behandelt werden. Marx, Gramsci, Poulantzas, Althusser, Harvey, Holloway und viele mehr sind mit ihren Theorien vertreten und flie&#223;en in die Arbeit ein.<br />
Manchmal kann man den Eindruck bekommen, dass Hirsch zu viele verschiedene Denkrichtungen zu vereinen versucht. Und leider m&#252;ndet das Buch in kaum befriedigende emanzipatorischen Strategien: Hirschs Vorschl&#228;ge laufen auf einen lauwarmen Linksreformismus hinaus. Er schwankt hier zwischen Autonomismus, radikaler Reform und der Angst, sich doch wieder nur in die F&#228;nge staatlicher Macht zu begeben.</p>
<p class="MsoNormal">Grunds&#228;tzlich r&#228;umt Hirsch in dem Buch sehr gut mit dem weitverbreiteten Mythos vom Verschwinden des Staates auf. Der Staat ist mitnichten im Verschwinden begriffen, im Gegenteil stellt er sich neu auf, wird neu geformt unter den Bedingungen des neoliberalen Kapitalismus. „Neoliberaler Konstitutionalismus“ verknotet die Macht von staatlichen, transnationalen und supranationalen Akteure.<br />
Zum Verstehen und Begreifen dieser neuen Konstellation leistet Joachim Hirsch einen unverzichtbaren Beitrag.<o></o></p>
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