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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; SPÖ</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Thesen zur Wien-Wahl 2010</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:54:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>felix</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Ausgaben]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[FPÖ]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Wien-Wahl ist ein entscheidender Gradmesser f&#252;r die politische Situation in &#214;sterreich. Wie und mit welchen inhaltlichen Schwerpunkten der Wahlkampf gef&#252;hrt wird und welche Politik die Stadt in den n&#228;chsten Jahren pr&#228;gt, ist nicht nur f&#252;r alle in Wien lebenden Menschen von gro&#223;er Bedeutung, sondern hat weit &#252;ber den lokalen Kontext hinaus Signalwirkung. In zugespitzter Form schlagen sich bei dieser Wahl die parteipolitischen Tendenzen der letzten Jahre und Jahrzehnte nieder: Aufgrund ihrer anhaltenden Krise ist die Sozialdemokratie mehr denn je vom Erhalt ihrer starken Machtposition und des Mythos Rotes Wien abh&#228;ngig.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die Wien-Wahl ist keine Wahl wie jede andere.</strong></p>
<p>Die Wien-Wahl ist ein entscheidender Gradmesser f&#252;r die politische Situation in &#214;sterreich. Wie und mit welchen inhaltlichen Schwerpunkten der Wahlkampf gef&#252;hrt wird und welche Politik die Stadt in den n&#228;chsten Jahren pr&#228;gt, ist nicht nur f&#252;r alle in Wien lebenden Menschen von gro&#223;er Bedeutung, sondern hat weit &#252;ber den lokalen Kontext hinaus Signalwirkung. In zugespitzter Form schlagen sich bei dieser Wahl die parteipolitischen Tendenzen der letzten Jahre und Jahrzehnte nieder: Aufgrund ihrer anhaltenden Krise ist die Sozialdemokratie mehr denn je vom Erhalt ihrer starken Machtposition und des Mythos Rotes Wien abh&#228;ngig. Gleichzeitig verfolgt die FP&#214; – als <em>der</em> Kristallisationspunkt der extremen Rechten in &#214;sterreich – explizit die Strategie, &#252;ber einen (Achtungs-)Erfolg in Wien die politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse in ganz &#214;sterreich weiter nach rechts zu verschieben. F&#252;r Bundes- und Landesparteiobmann Heinz-Christian Strache ist es sogar erkl&#228;rtes Ziel, das Amt des Wiener B&#252;rgermeisters zum Ausgangspunkt f&#252;r eine erfolgreiche Bundeskanzler-Kandidatur zu machen. Infolgedessen wird der von Strache ausgerufene „Kampf um Wien“ zum wichtigen Pr&#252;fstein f&#252;r die Schlagkraft linker, antifaschistischer und antirassistischer Politik.</p>
<p><strong>Die Sozialdemokratie befindet sich in einer strukturellen Krise.<span style="font-weight: normal;"> </span></strong></p>
<p>Die europaweite Neoliberalisierung sozialdemokratischer Parteien in Gestalt des so genannten Dritten Weges hat auch vor der SP&#214; nicht halt gemacht. Folglich ist sie mit dem gleichen strukturellen Widerspruch konfrontiert, der sozialdemokratische Politik in ganz Europa seit Jahren pr&#228;gt: Hier die Interessen der ArbeiterInnen und Gewerkschaftsmitglieder als soziale Basis der Sozialdemokratie; und dort neoliberale Politiken, welche die soziale Situation fortw&#228;hrend verschlechtern. Das Ergebnis ist eine tiefgreifende Legitimit&#228;ts- und Repr&#228;sentationskrise sowie ideologische Orientierungslosigkeit der Sozialdemokratie. Ihren Ausdruck findet diese Krise in ausbleibenden Wahlerfolgen, Austrittswellen und dem Fehlen personeller Alternativen. Diese Problematik offenbart sich, wenngleich in abgeschw&#228;chter Form, auch mit Blick auf die Wiener SP&#214;: In Bereichen wie Wohnen, Versorgung, Soziales, Bildung oder Stadtentwicklung verfolgt die Partei auch hier eine neoliberale Politik, die sich negativ auf die soziale Situation vieler BewohnerInnen der Stadt auswirkt. Gleichzeitig versucht sie mit Slogans wie „Wien ist anders“ oder dem st&#228;ndigen Verweis auf die Tradition des Roten Wien sich ihrer sozialen und politischen Basis zu versichern – jedoch mit m&#228;&#223;igem Erfolg.</p>
<p><strong>Die FP&#214; profitiert ma&#223;geblich von der Politisierung der sozialen Frage.</strong></p>
<p>Zwei Jahrzehnte neoliberaler Klassenkampf von oben haben die gesellschaftlichen Ungleichheiten in &#214;sterreich massiv versch&#228;rft. Da die Folgen der aktuellen Wirtschaftskrise – einer der schwersten der letzten 100 Jahre – zunehmend auf die lohnabh&#228;ngig Besch&#228;ftigen abgew&#228;lzt werden, kommt es zu einer tiefgreifenden sozialen Verunsicherung. Unter dieser Voraussetzung kann der parteif&#246;rmige Rechtsextremismus v. a. deshalb &#252;ber seinen deutschnationalen Kern hinaus Anh&#228;ngerInnen gewinnen, weil er in jene Repr&#228;sentationsl&#252;cke st&#246;&#223;t, welche die Krise der Sozialdemokratie hinterl&#228;sst. Indem die FP&#214; die soziale als nationale Frage politisiert, kann sie an den realen Erfahrungen breiter Bev&#246;lkerungsschichten anschlie&#223;en und so die massenhafte Zustimmung zu rechtsextremen Inhalten organisieren. Forderungen wie „Sozialleistungen nur f&#252;r Staatsb&#252;rger! – &#214;sterreicher zuerst“ oder „Arbeitspl&#228;tze f&#252;r unsere Wiener!“ – statt f&#252;r „Gastarbeitslose“ sind beispielhaft f&#252;r diese Strategie. Indem sie Themen wie steigende Lebenshaltungskosten (Strom, Gas, Miete etc.), Kinderbetreuungspl&#228;tze, urbane Gro&#223;projekte, sozialen Wohnbau oder den Alltag im Gr&#228;tzel offensiv thematisiert, versucht die FP&#214; sich auch stadtpolitisch als soziale Alternative zur SP&#214; zu positionieren. Dass dieser Selbstdarstellung als „soziale Partei“ de facto eine wirtschaftsliberale, wohlfahrtsstaatsfeindliche Politik gegen&#252;bersteht, zeigt unter anderem die freiheitliche, wirtschaftspolitische Ausrichtung an den Interessen von Gro&#223;unternehmen und mittelst&#228;ndischen Betrieben.</p>
<p><strong>Wo es an Abgrenzung sowie einem antirassistischen und antifaschistischen Grundkonsens mangelt, wird die extreme Rechte gest&#228;rkt.</strong></p>
<p>Der Aufstieg der FP&#214; zu einer politisch relevanten Kraft ist nicht zuletzt der fehlenden inhaltlichen und personellen Abgrenzung von Seiten anderer Parteien und gesellschaftlicher Kr&#228;fte geschuldet. Wo der Themensetzung der extremen Rechten entsprochen und rassistische Inhalte in die eigene Politik aufgenommen werden oder die FP&#214; als realer oder potentieller politischer Verb&#252;ndeter und Koalitionspartner hofiert wird, kommt es zur Normalisierung und Legitimierung von Rechtsextremismus und Rassismus. Die politischen Koordinaten verschieben sich weiter nach rechts. Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus sind auf diesem Weg ebenso (wieder) salonf&#228;hig geworden wie ein revanchistischer Sicherheitsdiskurs, in dem sich Forderungen nach mehr Polizei und st&#228;rkerer &#220;berwachung des urbanen Raums mit rassistischen Klischees von „osteurop&#228;ischen Bettelbanden“ verbinden. Das Fehlen eines antirassistischen Grundkonsenses macht sich auch dort bemerkbar, wo die allt&#228;gliche rassistische Polizeigewalt samt ihrer t&#246;dlichen Folgen unkommentiert bleibt. Wird demgegen&#252;ber von antirassistischen und antifaschistischen Initiativen und Gruppen versucht, Rassismus zu politisieren und, wie etwa beim WKR-Ball, dem selbstbewussten und offenen Auftreten rechtsextremer und nazistischer Kr&#228;fte entschlossen entgegenzutreten, wird dem mit scharfer Repression begegnet. Die notwendige, auch finanzielle und infrastrukturelle, Unterst&#252;tzung solcher Projekte und Initiativen durch die Stadt bleibt aus.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Die FP&#214; muss demaskiert, isoliert und marginalisiert werden.</strong></p>
<p>Die Aff&#228;re um die Pr&#228;sidentschaftskandidatur von Barbara Rosenkranz zeigt auf, welche M&#246;glichkeiten entstehen, wenn die FP&#214; ideologisch entlarvt und somit in Erkl&#228;rungs- und Rechtfertigungsnot gebracht wird. Die Demaskierung von Rosenkranz trug zu einer Schw&#228;chung ihres politischen Auftretens bei und machte einen offensiven Wahlkampf f&#252;r sie schwieriger. Daher ist es entscheidend, neben dem rassistischen und rechtsextremen Charakter der FP&#214; auch die historisch-ideologischen Wurzeln der Partei zu benennen. Diese zeigen sich etwa in ihrer Entstehungsgeschichte aus dem <em>Verband der Unabh&#228;ngigen</em> (VdU), der als Auffangbecken nationalsozialistischer Kader nach 1945 gilt, ihrer aktiven Verbindung zu au&#223;erparlamentarischen rechtsextremen Gruppierungen und in der engen Verkn&#252;pfung ihrer Funktion&#228;rInnen mit dem Lager der deutsch-nationalen Burschenschaften. Gleichzeitig ist es essenziell, eine breite Gegen&#246;ffentlichkeit zur FP-Ideologie und ihrer Pr&#228;senz in Politik und Gesellschaft zu mobilisieren. Ein gro&#223;es, antifaschistisches B&#252;ndnis gegen die FP&#214; und die mit ihr verbundenen rechtsextremen Kreise treibt ihre politische Isolierung voran. Dar&#252;berhinaus k&#246;nnen Mobilisierungen gegen FP&#214;-Auftritte im Kleinen (auf Bezirksebene, bei Infost&#228;nden usw.) wie im Gro&#223;en (durch Demonstrationen, Konzerte oder Blockaden) zu ihrer Demoralisierung und Marginalisierung beitragen. Der &#246;ffentliche Raum darf nicht der extremen Rechten &#252;berlassen werden!</p>
<p>Letztendlich ist es auch wichtig, den institutionell-politischen Einfluss der FP&#214;, z.B. ihren Zugang zu Parteienf&#246;rderung, zu beschneiden. Deshalb macht es auch Sinn, gegen Rechts w&#228;hlen zu gehen, um die Pr&#228;senz von Rassismus und Rechtsextremismus im Rahmen der repr&#228;sentativen Demokratie zur&#252;ckzudr&#228;ngen. <strong> </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Die soziale Frage von links stellen.</strong></p>
<p>Wenn die FP&#214; ernsthaft und nachhaltig konfrontiert werden soll, muss auch das zentrale Element ihres Erfolges ausgehebelt werden, also ihre F&#228;higkeit, die soziale Frage nationalistisch und rassistisch zu beantworten und damit Hoheit &#252;ber die Tagesthemen zu beanspruchen. Die Notwendigkeit linker Antworten auf soziale Fragen wird im Kontext der aktuellen Wirtschaftskrise und der Krise der SP&#214; noch akuter. Es bedarf eines aktiven Agendasettings von links, bei dem auch die bundesweiten Diskussionen aufgegriffen werden m&#252;ssen. Brennende Themen sind z.B. die Frage der Wirtschafts- und Finanzpolitik, und in diesem Sinne die Forderung einer Umverteilung von oben nach unten (Verm&#246;genssteuern, Refinanzierung der Universit&#228;ten, bedingungsloses Grundeinkommen, usw.). Andererseits bedarf es auch einer progressiven Thematisierung stadt- und bezirkspolitischer Fragen, wie des Anstiegs der Lebenshaltungskosten, der zunehmenden (Neo-) Liberalisierung der st&#228;dtischen Sozialpolitik oder von Gentrifizierungstendenzen.</p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>(Un-)M&#246;gliche politische Alternativen – Eine Neue Linke ist n&#246;tig.</strong></p>
<p>Es stellt sich die Frage, ob Die Gr&#252;nen angesichts des Versagens der SP&#214; als linke, soziale Kraft und des Aufstiegs der FP&#214; eine Alternative darstellen k&#246;nnen. Auch wenn Die Gr&#252;nen die einzige politisch relevante Partei in &#214;sterreich ist, die so etwas &#196;hnliches wie ein antirassistisches und antifaschistisches Profil besitzt, muss die Frage nach ihrem Potential als linke Alternative verneint werden. Ihre fehlende Verankerung in der ArbeiterInnenklasse und ihre Konzentration auf liberal-b&#252;rgerliche Forderungen sowie ihre Unf&#228;higkeit, antirassistisches Engagement mit einer Diskussion um tats&#228;chliche soziale Alternativen zu verbinden, disqualifiziert sie als ernsthafte linke Kraft, die das existierende politische Vakuum f&#252;llen k&#246;nnte.</p>
<p>Die Wien-Wahl demonstriert dementsprechend erneut die Notwendigkeit des Aufbaus einer Neuen Linken in &#214;sterreich. Diese m&#252;sste antirassistisches Engagement und Konfrontation der extremen Rechten mit der Politisierung der sozialen Frage von unten verbinden und in weiterer Konsequenz auch bei Wahlen eine reale politische Alternative zu rechter Sozialdemagogie und Klassenkampf von oben darstellen k&#246;nnen.</p>
<p><em>Gruppe Perspektiven</em></p>
<p><em> </em></p>
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		<title>Wiens Salzamt: Neoliberalismus und der Fonds Soziales Wien</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 11:11:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
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		<category><![CDATA[Sozialdemokratie]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Stadt Wien galt lange Zeit als Referenzpunkt f&#252;r soziale Politik. Ausgehend von einer Analyse wohlfahrtsstaatlicher Entwicklung seit den 1950er Jahren und am Beispiel des Fonds Soziales Wien zeigen Julia Hofmann und Florian Reiter, wie neoliberale Konzepte die Sozialpolitik in den letzten Jahren nachhaltig transformiert haben.

Die Stichw&#246;rter „Soziale Gerechtigkeit“, „Inklusion statt Exklusion“ und „Mindestsicherung“ sind im „Europ&#228;ischen Jahr zur Bek&#228;mpfung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Stadt Wien galt lange Zeit als Referenzpunkt f&#252;r soziale Politik. Ausgehend von einer Analyse wohlfahrtsstaatlicher Entwicklung seit den 1950er Jahren und am Beispiel des <em>Fonds Soziales Wien</em> zeigen <em>Julia Hofmann</em> und <em>Florian Reiter</em>, wie neoliberale Konzepte die Sozialpolitik in den letzten Jahren nachhaltig transformiert haben.<br />
<span id="more-1581"></span><br />
Die Stichw&#246;rter „Soziale Gerechtigkeit“, „Inklusion statt Exklusion“ und „Mindestsicherung“ sind im „Europ&#228;ischen Jahr zur Bek&#228;mpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung“ in aller Munde. Auch die Stadt Wien, namentlich die Wiener SP&#214;, r&#252;hmt besonders die fl&#228;chendeckende soziale Sicherheit in der Stadt. Dass Wien so lebenswert sei, ist laut Sonja Wehsely, Sozial- und Gesundheitsstadtr&#228;tin, „kein Zufall, sondern das Ergebnis langj&#228;hriger erfolgreicher sozialdemokratischer Politik.“<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Ob der Ausbau sozialer Sicherungsleistungen seit den 1950er Jahren kontinuierlich fortgeschritten ist oder ob nicht auch – speziell in Wien – relevante Sicherungsl&#252;cken und strukturelle Ungerechtigkeiten bestehen, wird im Folgenden thematisiert. Besonderes Augenmerk wird dabei auf neoliberale Entwicklungen in der Sozialpolitik gelegt. Dabei sollen Erl&#228;uterungen zum 2004 eingef&#252;hrten <em>Fonds Soziales Wien</em> (FSW) exemplarisch darstellen, was Sozialpolitik im Neoliberalismus konkret bedeutet und welche Probleme diese Art von Politik mit sich bringt. Es zeigt sich, dass das „rote“ Wien<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> nicht mehr ann&#228;hernd so sozial ist, wie es vorgibt zu sein.</p>
<p><strong>Eine kurze Geschichte des Keynesianischen Wohlfahrtsstaates</strong><br />
Mit dem Erstarken der ArbeiterInnenbewegung im 19. Jhdt. wurden erste Schritte zur Etablierung von national unterschiedlich ausgestalteten Wohlfahrtsregimen erk&#228;mpft. Einen beachtenswerten Ausbau erfuhren die Wohlfahrtsstaaten (WFS)  in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Wesentliche Voraussetzungen waren die damaligen gesellschaftlichen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse, die St&#228;rke der internationalen ArbeiterInnenbewegung, aber auch die Systemkonkurrenz zwischen Ost und West, die den Druck auf die herrschenden Klassen vergr&#246;&#223;erte Zugest&#228;ndnisse zu machen.<br />
Ab Mitte des 20.Jahrhunderts f&#252;hrte die Durchkapitalisierung der Gesellschaft zu weitreichenden Ver&#228;nderungen der sozialen Beziehungen und Lebensverh&#228;ltnisse. Der „Keynesianischen Wohlfahrtstaat“<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> etablierte sich. Eine seiner wichtigsten Funktionen bestand darin, den Massenkonsum als wichtigen Bestandteil des fordistischen Akkumulationsmodells zu stabilisieren. Die sozialen Lagen wurden dadurch gleichf&#246;rmiger und „die Eingliederung in das Lohnverh&#228;ltnis, die direkte Abh&#228;ngigkeit vom Kapitalverwertungsprozess (wurde) zum Massenschicksal (…)“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a>. Diese Ver&#228;nderungen f&#252;hrten zum Auftreten neuer sozialer Risiken, was zur Folge hatte, dass die Sicherung des Einkommens im Falle von Krankheit, Arbeitslosigkeit und Alter durch kollektive Schutzma&#223;nahmen zunehmend thematisiert wurde. Es wurde ein umfangreiches System der staatlichen Unterst&#252;tzung f&#252;r sogenannte Notlagen sowie eine staatliche Sozialversicherung entwickelt, welche verhindern sollten, dass Individuen in gro&#223;er Zahl aus dem fordistischen Produktions- und Reproduktionskreislauf herausfallen. Zugleich sollte durch ein Selektions- und Kontrollsystem die notwendige Arbeitsmotivation gew&#228;hrleistet werden. Diese  staatliche Unterst&#252;tzungs- und Schutzma&#223;nahmen k&#246;nnen allerdings nicht nur funktional interpretiert werden, sind es doch Errungenschaften, die hart erk&#228;mpft wurden.</p>
<p><strong>Hin zum Schumpeter’schen Leistungsstaat</strong><br />
Ver&#228;nderungen in der globalen &#214;konomie – wie neue Schl&#252;sseltechnologien und die wachsende Internationalisierung der &#214;konomie – f&#252;hrten ab Mitte der 1970er Jahre zu &#246;konomischen Umstrukturierungen in den Nationalstaaten und damit auch zu Umstrukturierungen in den nationalen Sozialstaaten.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Der Staatstheoretiker Bob Jessop spricht in diesem Zusammenhang vom &#220;bergang des Keynesianischen Wohlfahrtsstaates zum Schumpeter’schen Leistungsstaat.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Letzterer zeichne sich sozialpolitisch durch eine Reorientierung der Sozialpolitik auf die Erfordernisse des Arbeitsmarktes aus. Konkreter ausgedr&#252;ckt ist der Schumpeter’sche Leistungsstaat ein aktivierender Sozialstaat, dessen Kernziele es sind, die Sozialausgaben zu reduzieren und die dekommodifizierenden Elemente des Keynesianischen Wohlfahrtstaates – d.h. diejenigen Sozialleistungen, die den Zwang zur Lohnarbeit in spezifischen F&#228;llen wie z.B. Krankheit vermindern – wieder abzubauen.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> Sozialpolitik wird im Schumpeter’schen Leistungsstaat nur mehr dann als legitim erachtet, wenn sie produktivkraftsteigernd ist. Ins Zentrum der Aufmerksamkeit r&#252;ckt die bedrohte Wettbewerbsf&#228;higkeit des jeweiligen Nationalstaates. In der Folge &#228;ndern sich Zweck und Mittel wohlfahrtsstaatlicher Interventionen grundlegend: „Nicht der problemad&#228;quate Schutz vor sozialen Risiken und die Korrektur der marktvermittelten Einkommenspolarisierung, sondern der Beitrag der Sozialpolitik zur Konsolidierung der Staatshaushalte, zur Reduzierung der Personalzusatzkosten und zur Deregulierung des Arbeitsrechts- und Tarifsystems avancierten zum Erfolgskriterium einer ´modernen` Sozialpolitik“.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a></p>
<p><strong>Von <em>welfare</em> zu <em>workfare</em></strong><br />
Seinen konkreten politischen Ausdruck findet der neoliberale Sozialstaat in der Politik des <em>workfare</em>, deren zentrales Element die Bindung des Bezugs von sozialen Leistungen an Gegenleistungen darstellt.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Aktivierung als oberstes Ziel der Sozialpolitik bedeutet in erster Linie die Sicherung von Besch&#228;ftigungsf&#228;higkeit und die F&#246;rderung der Arbeitsmarktflexibilit&#228;t. Oft geht damit auch  die Aus&#252;bung von Zwang auf Leistungsempf&#228;ngerInnen und die Androhung von Sanktionen bei Nicht-Einhaltung von Vereinbarungen einher. Menschen mit schweren Behinderungen oder Langzeit-Obdachlose, die strukturell vom <em>Ersten Arbeitsmarkt</em> ferngehalten werden, trifft diese Politik besonders, da von ihnen erwartet wird, dass sie Gegenleistungen (wie beispielsweise permanente Ausweisungspflicht oder die unbedingte Teilnahme an  Arbeitstrainings) erbringen um die soziale Unterst&#252;tzung, die sie dringend ben&#246;tigen, zu erhalten. Loïc Wacquant spricht in diesem Zusammenhang vom &#220;bergang vom „f&#252;rsorgenden“ zum „strafenden“ Staat.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a>  „Keine Rechte ohne Pflichten“ oder „von nichts kommt nichts mehr“ – so k&#246;nnte die neue sozialpolitische Devise kurz und knapp zusammengefasst werden. </p>
<p><strong>Du bist arm? Selbst schuld!</strong><br />
Mit diesem Wandel von <em>welfare </em>zu <em>workfare </em>ging auch die gesellschaftliche Etablierung eines vollkommen neuen Menschenbildes einher. W&#228;hrend in Zeiten des Ausbaus wohlfahrtsstaatlicher Programme Armut oder Arbeitslosigkeit in den Kontext gesellschaftlichen Versagens gestellt wurden<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a>, so wird in Zeiten des neoliberalen Sozialstaates die Eigenverantwortung der Individuen besonders betont. Der/Die Einzelne wird von gesamtgesellschaftlichen Instanzen gel&#246;st betrachtet und seine/ihre individuelle Rolle als „sein eigenes Kapital, sein eigener Produzent und seine eigene Einkommensquelle“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> betont. Dieses neue Menschenbild hat katastrophale Auswirkungen auf die gesellschaftliche Positionierung gegen&#252;ber Personen, die soziale Hilfeleistungen ben&#246;tigen: Sie gelten entweder – gem&#228;&#223; der Ideologie einer <em>culture of povert</em>y – als unf&#228;hig ihr eigenes Leben zu meistern, oder als zu wenig qualifiziert, um den Anspr&#252;chen des Marktes gerecht zu werden. Prinzipiell werden Armut, Arbeitslosigkeit und soziale Bed&#252;rftigkeit als individuelle Defizite bezeichnet, die vom Staat kaum und wenn dann nur durch Aus- und Weiterbildungsma&#223;nahmen ver&#228;ndert werden k&#246;nnen.<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Eine Konsequenz dieses Menschenbildes ist, dass bestimmte Bev&#246;lkerungsteile – die sogenannte Neue Unterschicht oder stadtr&#228;umlich ausgegrenzte Jugendliche – als desintegriert und als „Gefahr f&#252;r die Demokratie“ erachtet werden. Die Tatsache, dass Armut und soziale Bed&#252;rftigkeit keineswegs selbst verschuldet sind, sondern im kapitalistischen System gesellschaftlich verursacht und teilweise sogar gewollt sind, wird durch diesen Diskurs vollkommen verschleiert.</p>
<p><strong>Folgen einer „Politik des Forderns und F&#246;rderns“</strong><br />
ProduzentInnen wie Empf&#228;ngerInnen sozialer Dienstleistungen sind gleicherma&#223;en von dieser „Politik des Forderns und F&#246;rderns“  betroffen: <em>Erstens </em>wird der Leistungsbezug kontinuierlich an mehr Voraussetzungen gebunden und das Leistungsgef&#252;ge zunehmend restriktiver ausgestaltet. Die Folge ist, dass immer weniger Menschen immer weniger Sozialleistungen zugesprochen werden. <em>Zweitens </em>werden soziale DienstleisterInnen permanent in Weiterbildungsprogramme gedr&#228;ngt, was einerseits zu Professionalisierung und damit verbesserter Qualit&#228;t sozialer Arbeit f&#252;hrt, oft aber auch Leistungsdruck und psychische Belastungen f&#252;r die Betroffenen mit sich bringt. <em>Drittens </em>werden die Sozialverwaltungen zunehmend nach betriebswirtschaftlichen Effizienzkriterien umgebaut, was einerseits zu einer erh&#246;hten B&#252;rokratisierung f&#252;hrt und andererseits dem Bereich der sozialen Dienstleistungen vielfach nicht angemessen ist.<br />
Seit den 1990er Jahren f&#252;hren zudem Verwaltungsreformen unter dem Schlagwort <em>New Public Management</em> dazu, „dass &#246;ffentliche Einrichtungen zwar noch &#246;ffentlich sind, sich aber zunehmend wie private verhalten: Nicht mehr gemeinn&#252;tzige Ziele stehen im Vordergrund, sondern betriebswirtschaftliche Effizienz.“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Dem Ziel der Ausgabenreduktion folgend, sollen Ressourcen effizienter gestaltet und Qualit&#228;tsverbesserung &#252;ber den „freien Markt“ erm&#246;glicht werden. &#214;ffentliche Verwaltungen und Dienstleistungen werden ausgegliedert, kommunaler Besitz verkauft, Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse dereguliert und Managementtechniken im Bereich &#246;ffentlicher Dienstleistungen eingef&#252;hrt.<br />
Im Bereich der sozialen Dienstleistungen f&#252;hrt dieser neoliberale Umbau der Verwaltungen zu weitreichenden Ver&#228;nderungen:<br />
1. KlientInnen werden zu KundInnen umdefiniert, die auf einem freien Markt das beste Angebot w&#228;hlen sollen, auch wenn sie dazu oft nicht in der Lage sind.<br />
2. Es kommt zu Einsparungen auf Kosten der Qualit&#228;t: Billigst- statt BestbieterInnen setzen sich durch.<br />
3. Damit verbunden ist die Deregulierung der Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse und der Anstieg des Anteils atypisch Besch&#228;ftigter.<br />
4. Zwischen &#246;ffentlichen Financiers und gemeinn&#252;tzigen Tr&#228;gerInnen werden Leistungsvertr&#228;ge eingef&#252;hrt, die zumeist zeitlich befristet sind und es sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen zunehmend erschweren, ihre Arbeit zu planen.<br />
5. Die Vorstellung setzt sich durch, dass soziale Dienstleistungen operationalisier- und messbar w&#228;ren<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a>. Abgesehen von der Frage, ob und wie man Fortschritt im Bereich des Sozialen eigentlich messen soll, f&#252;hrt diese Vorstellung zu einem wachsenden Zeitaufwand f&#252;r rein quantitative Leistungsdokumentation und weniger Zeit f&#252;r die eigentliche Arbeit. Dar&#252;ber hinaus werden hierdurch implizit die Kontrollmechanismen eines „strafenden Staates“ eingef&#252;hrt.</p>
<p><strong>Soziale Sicherung in &#214;sterreich</strong><br />
Die Etablierung eines relativ weitreichenden Systems der sozialen Sicherung hat sich in &#214;sterreich weniger durch aktive K&#228;mpfe der ArbeiterInnenklasse als durch sozialpartnerschaftliche Aushandlungsprozesse<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> vollzogen. Als zentrale Sozialpolitikbereiche k&#246;nnen die Systeme der sozialen Sicherung (Sozialversicherung und Sozialhilfe), die Regelung der Arbeitsbedingungen und -beziehungen, die (Mit-)Steuerung des Arbeitsmarktes und diverse familienbezogene Leistungen ausgemacht werden.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a><br />
In einer der g&#228;ngigsten Typologisierungen der international vergleichenden WFS-Forschung entspricht der &#246;sterreichische WFS dem konservativen Typ.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> Dieser ist stark lohnarbeitszentriert und baut bei der Erbringung von Versorgungsleistungen auf die (heterosexuelle) Kleinfamilie. Das hei&#223;t im Konkreten, dass in &#214;sterreich die Integration in den Erwerbsarbeitsmarkt die zentrale Voraussetzung f&#252;r den Bezug von Sozialversicherungsleistungen (im Falle von Alter, Krankheit, Unfall und Arbeitslosigkeit) ist. Aus geschlechterkritischer Perspektive bedeutet dies zweierlei: Im Gegensatz zu skandinavischen L&#228;ndern, in denen soziale Dienstleistungen vom Staat zur Verf&#252;gung gestellt werden, h&#228;ngt die Pflege und Versorgungsleistung (beispielsweise von &#196;lteren und Kinder) in &#214;sterreich an den Familien und f&#228;llt damit traditionell in den Verantwortungsbereich der Frauen. Andererseits f&#252;hrt die Tatsache, dass sich Frauen tendenziell nicht in Normalarbeitsverh&#228;ltnissen, d.h. in unbefristeter Vollbesch&#228;ftigung befinden, dazu, dass sie meist nur indirekt bei ihrem Partner mitversichert sind und dadurch strukturelle Abh&#228;ngigkeiten verst&#228;rkt werden. Klassen- und geschlechterspezifische Einkommensungleichheiten werden dar&#252;ber hinaus durch die &#196;quivalenzrelation zwischen der H&#246;he und Dauer der geleisteten Versicherungsbeitr&#228;ge und durch die H&#246;he der finanziellen Sozialleistungen (Geldleistungen in der Krankenversicherung, Arbeitslosengeld/Notstandhilfe und Alterspension) reproduziert. Generell l&#228;sst sich allerdings beobachten, dass das Normalarbeitsverh&#228;ltnis zunehmend erodiert, so dass ein immer gr&#246;&#223;er werdender Teil der Bev&#246;lkerung von eigenst&#228;ndiger sozialstaatlicher Absicherung ausgeschlossen wird. </p>
<p><strong>Sozialhilfe</strong><br />
Erg&#228;nzend zur Sozialversicherung gibt es das zweite Netz der sozialen Sicherung, welches soziale Notlagen und Gef&#228;hrdungen, wie Wohnungslosigkeit oder Einkommen unter der Armutsgrenze, mildern soll: die auf Ebene der L&#228;nder und Gemeinden organisierte Sozialhilfe<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a>. Sozialhilfe ist eine steuerfinanzierte, bedarfsgepr&#252;fte Leistung und kann nur in Anspruch genommen werden, wenn es keine anderen M&#246;glichkeiten der Sicherung des Lebensunterhalts gibt (Erwerbsarbeit, famili&#228;re materielle Ressourcen oder andere gesetzliche Leistungen). Bestehende Verm&#246;gen m&#252;ssen vor dem Bezug von Sozialhilfe verbraucht werden. Dar&#252;ber hinaus wird Sozialhilfe nie automatisch vergeben, sondern muss immer beantragt werden.<br />
Die Sozialhilfe hat sich von ihrer urspr&#252;nglichen Aufgabe weit entfernt und muss bei immer mehr Risiken einspringen. Dar&#252;ber hinaus d&#252;rfen einige strukturelle Probleme der Sozialhilfe nicht unerw&#228;hnt bleiben: Prinzipiell sind zwar Rechtsanspr&#252;che vorgesehen, aber die Realisierung ist oft schwierig – wenn Antr&#228;ge z.B. bei der Wohnsitzgemeinde gestellt werden m&#252;ssen und dort alle Details &#252;ber Einkommens- und Lebensverh&#228;ltnisse offenzulegen sind. Die Folgen dieser Stigmatisierung sind hohe <em>Non-Take-Up-Rates</em>: Viele Anspruchsberechtigte stellen keine Antr&#228;ge auf Sozialhilfe. </p>
<p><strong>Ping-Pong-Spiel zwischen Bund und L&#228;ndern</strong><br />
Die legislative Kompetenz der Sozialpolitik ist zwischen Bund (Sozialversicherung, Arbeitsrecht, Arbeitsmarktpolitik und Familienleistungen) und L&#228;ndern (Sozialhilfe, teilw. Pflegevorsorge bzw. teilweise familienrelevante Leistungen) aufgeteilt. Zurzeit existieren (zu) viele Institutionen und somit Schnittstellen, was, infolge unklarer Zust&#228;ndigkeiten, zu Einschr&#228;nkungen bei der Leistungsinanspruchnahme f&#252;hrt. Da es in vielen Bereichen hinsichtlich der Zust&#228;ndigkeit keine klare Regelung zwischen Bund und L&#228;ndern gibt (z.B. bei der Unterst&#252;tzung von Integrationsvereinen), kommt es oft zu einem „Ping-Pong-Spiel“ der Verantwortlichkeiten.<br />
Ein wichtiger Aufgabenbereich der Bundesl&#228;nder (und somit auch von Wien) ist die Bereitstellung sozialer Dienstleistungen, wie zum Beispiel Altenpflege, Betreuung von Menschen mit Behinderung und Wohnungslosenhilfe. Diese k&#246;nnen entweder durch staatliche Institutionen selbst erbracht werden oder die &#246;ffentliche Hand &#252;bernimmt eine (Teil-)Finanzierung von sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen, die dann die Leistung erbringen. Es ist jedoch eine klare Dominanz von Geldleistungen gegen&#252;ber Sach- und Dienstleistungen festzustellen. Im Jahr 2005 wurden 71% aller Sozialleistungen als Geldleistungen ausbezahlt.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Dadurch kommt es zu einem ungen&#252;genden Angebot an sozialen Dienstleistungen, z. b. dem Fehlen von Kinderbetreuungseinrichtungen, Einrichtungen zur Betreuung pflegebed&#252;rftiger &#228;lterer Menschen und Personen mit psychischen Erkrankungen sowie von Asylberatung und -betreuung oder Sozialberatung. Die Folgen sind bekannt: Einerseits m&#252;ssen die notwendigen Leistungen zu einem &#252;berwiegenden Teil vom informellen Haushaltssektor bereitgestellt werden, in dem haupts&#228;chlich Frauen unbezahlte Arbeit verrichten. Andererseits bleiben gesellschaftliche Randgruppen ihrem Schicksal &#252;berlassen oder sind auf private Vereine angewiesen (z.B. dem Verein <em>Ute Bock</em> im Fall nichtbetreuter AsylwerberInnen).</p>
<p><strong><em>Workfare</em> und Sozialdemokratie </strong><br />
In &#214;sterreich hat sich die Ausrichtung der Sozialpolitik seit den 1990er Jahren infolge ver&#228;nderter gesellschaftlicher Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse und &#246;konomischer Konstellationen gewandelt. Wurde bereits seit den 1980er Jahren von der Ausweitung sozialpolitischer Ma&#223;nahmen abgesehen, so ist seit dem EU-Beitritt 1995 ein wirklicher Wandel hin zum <em>workfare-state</em> zu auszumachen. Es gibt zwar Geld f&#252;r die prekarisierende, workfareistische Arbeitsmarktpolitik; die finanziellen Spielr&#228;ume f&#252;r sinnvolle, armutsbek&#228;mpfende und Lebensperspektiven erm&#246;glichende sozialpolitische Ma&#223;nahmen sind aber mit Hilfe der Wirtschafts- und W&#228;hrungsunion und der Maastricht-Kriterien weitgehend eingeschr&#228;nkt worden.<br />
Es ist nicht verwunderlich, dass die b&#252;rgerlichen politischen Kr&#228;fte (insbesondere die schwarzblaue Regierung 2000-2008) diese Entwicklungen in &#214;sterreich ma&#223;geblich vorantrieben haben. In diesem Prozess spielte jedoch auch die Sozialdemokratie eine sehr unr&#252;hmliche Rolle. Mit der Neuorientierung am so genannten „Dritten Weg“ ab Mitte der 1990er Jahre initiierte und unterst&#252;tzte die SP&#214; immer &#246;fter neoliberale Projekte<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a>. Die von Tony Blair und „New Labour“ vorangetriebene Politik der sozialdemokratischen Erneuerung in Europa f&#252;hrte unter anderem zu einer Neubesetzung von zentralen sozialdemokratischen Begriffen. Auch wenn das Ziel einer &#220;berwindung der Klassengesellschaft schon lange keinen Platz mehr in der SP&#214; hatte, galt lange Zeit zumindest der Vorsatz, durch die Mittel des Sozialstaats und die Umverteilung materieller G&#252;ter die „Ungleichheiten etwas gleicher werden zu lassen“<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a>. Von dieser „Verteilungsgerechtigkeit“ grenzte sich die Politik des Dritten Weges vehement ab. Nicht mehr die m&#246;glichst gerechte Verteilung sollte erreicht werden, sondern das neue Ideal der Gleichheit ersch&#246;pft sich bereits in der Beteiligung an der Erwirtschaftung des Wohlstands selbst: „Die neue Politik bestimmt Gleichheit als Inklusion und Ungleichheit als Exklusion.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Dieser Dritte Weg findet sich auch in der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie, konkret im 1998 verabschiedeten SP&#214;-Parteiprogramm: „‚Gleichheit‘ wird auch hier zu ‚Chancengleichheit‘, Gerechtigkeit zur ‚gleichberechtigten Teilhabe aller an der Gesellschaft‘, und ganz im Stile von Blair wird ein vorgeblicher ‚Mittelweg‘ gesucht, der in der Formulierung der ‚solidarischen Leistungsgesellschaft‘ seinen Ausdruck findet.“<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a><br />
Getragen wurde diese neoliberale Umorientierung der SP&#214; nicht nur von der Bundes-SP&#214; unter dem damaligen Bundeskanzler Viktor Klima, sondern auch von der Wiener SP&#214;, die schon damals unter F&#252;hrung des noch immer amtierenden B&#252;rgermeisters, Michael H&#228;upl, stand.</p>
<p><strong>Der Fonds Soziales Wien</strong><br />
Vor dem Hintergrund der seit 1945 bestehenden strukturellen Versorgungsl&#252;cken und den neoliberalen Verschlechterungen der letzten Jahrzehnte k&#246;nnte der Eindruck entstehen, es g&#228;be ein gro&#223;es Verbesserungspotential, um das sich ein absolut sozialdemokratisch regiertes Bundesland k&#252;mmern k&#246;nnte. Denn trotz der problematischen Kompetenzverteilung zwischen Bund und L&#228;ndern obliegt dem Land Wien der wichtige Bereich der sozialen Dienstleistungen. Doch eine dringend n&#246;tige Reform des „Sozialen Wiens“ wurde in den letzten Jahrzehnten kaum diskutiert. Die Tatsachen einer steigenden Zahl von Betroffenen, komplexerer Betreuungslagen oder der zunehmenden Belastungen von MitarbeiterInnen aufgrund von Ressourcenverknappung wurden ignoriert.<br />
Stattdessen wurde im Laufe des Jahres 2004 im Gemeinderat an einer Verwaltungsreform im Sozial- und Gesundheitsbereich gebastelt und der <em>Fonds Soziales Wien</em> (FSW) wurde als neuer zentraler Akteur eingef&#252;hrt. Dieser sollte dazu dienen, gro&#223;e Teile des kommunalen Sozialbereichs (namentlich die Altenpflege, das Behindertenwesen und die Wohnungslosenhilfe<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a>) in eine privatrechtliche Organisationsform zu &#252;berf&#252;hren. Implizites Ziel dieser Ausgliederung war es, &#246;ffentliche Auftragsvergabekriterien zu umgehen und den „freien Markt“ walten zu lassen. Bislang waren f&#252;r die drei Organisationselemente sozialer Dienstleistungen – Planung, Steuerung und Umsetzung – die MA 12 (das „Sozialamt“) und die MA 47 (das Amt f&#252;r Betreuung und Pflege) zust&#228;ndig. Nun sind diese drei Organisationselemente strikt getrennt. W&#228;hrend den Magistraten nur mehr die (Deutungs-)Hoheit &#252;ber die zuk&#252;nftigen Entwicklungen im Bereich der sozialen Dienstleistungen bleibt, ist der FSW nun f&#252;r die Steuerung, d.h. f&#252;r die Leistungsvorgaben, deren Kontrolle sowie f&#252;r die Finanzierung der Leistungen zust&#228;ndig. Privatrechtliche Tr&#228;gerInnenorganisationen f&#252;hren die Dienstleistungen aus. (Abb.1)<br />
Konkret sieht der Weg hin zu der Inanspruchnahme einer sozialen Dienstleistung in Wien nun in etwa so aus: Nach der Pflegegeldeinstufung beim Bundessozialamt, muss von der/dem potentiellen KlientIn beim FSW ein Antrag auf (beispielsweise) Pflege- oder Behindertenhilfe gestellt werden. Wenn dieser Antrag vom FSW – nach einer Bearbeitungsdauer von bis zu sechs (!) Monaten – bewilligt wird, kann sich die/der Empf&#228;ngerIn sozialer Dienstleistungen an eine – vom FSW unterst&#252;tzte – soziale Tr&#228;gerInnenorganisation wenden und die Dienstleistung in Anspruch nehmen. Der FSW steht demnach quasi &#252;ber den sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen und &#252;bt eine ungemeine Macht auf sie aus, indem er als Vermittler des „Kontingents von potentiellen KlientInnen“ wirkt.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a><br />
Prinzipiell entspricht diese Ausgliederung und Teilprivatisierung gro&#223;er Teile der &#246;ffentlichen Sozialverwaltung ganz den Techniken des <em>New Public Managements</em>. Durch die Aufteilung in klar voneinander segmentierte Verantwortungsbereiche soll, so das Argument der Stadt Wien, Transparenz geschaffen werden. Weiters wird argumentiert, dass hierdurch klarer wird, welche Person welche Dienstleistungen und welche Organisation wie viel Geld f&#252;r die Durchf&#252;hrung dieser Dienstleistung erhalte.  Dar&#252;ber hinaus sollen durch die Dreigliederung der Verwaltung Effizienzgewinne erzielt werden. Jede Organisationseinheit h&#228;tte nun klar umgrenzte Aufgaben; Doppelg¬¬leisigkeiten k&#246;nnten dadurch verhindert werden. Schlussendlich w&#252;rde eine Markt- und Wettbewerbsorientierung im Bereich der sozialen DienstleisterInnen die Gleichbehandlung aller AnbieterInnen erm&#246;glichen (keine Organisation k&#246;nne mehr bevorzugt werden) und zur Anhebung von Qualit&#228;tsstandards beitragen. Durch wachsende Transparenz und permanentes Controlling m&#252;ssten zwangsl&#228;ufig bestimmte Mindeststandards eingef&#252;hrt werden, so der Tenor.</p>
<p><strong>Die bef&#252;rchteten Folgen der Ausgliederung</strong><br />
Demgegen&#252;ber war jedoch bereits der Prozess der Ausgliederung f&#252;r viele betroffene Tr&#228;gerInnenorganisationen vollkommen unklar und diffus – vielfach wurde der FSW als „intransparente Black Box“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> beschrieben –, da sie in den Prozess der Ausgliederung nicht bzw. nur ungen&#252;gend eingebunden wurden. Zudem bef&#252;rchteten viele in diesem Bereich T&#228;tige, dass die neoliberal inspirierte Reformstrategie gravierende negative Folgen haben w&#252;rde. So argumentierten VertreterInnen der Initiative „Soziale Arbeit – gestern, heute, morgen“<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a>, dass die Implementierung des Fonds Soziales Wiens folgende Verschlechterungen mit sich bringen w&#252;rde<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a>:<br />
1. Leistungsk&#252;rzungen;<br />
2. Einschr&#228;nkungen demokratischer Mitbestimmung und Kontrolle durch den FSW;<br />
3. Konzentration von AnbieterInnen durch „Marktbereinigungsmechanismen“: Durchsetzung von Billigst- statt BestbieterInnen;<br />
4. Sinkende Kooperationsbereitschaft; zunehmende Spezialisierung der einzelnen sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen, Fokussierung auf bestimmte KlientInnengruppen (sogenanntes „creaming“, benannt nach Créme: Man sucht sich die besten Teile heraus);<br />
5. Erste Schritte in Richtung Privatisierung des Sozialbereiches mit den &#252;blichen Auswirkungen auf die Besch&#228;ftigten (Rationalisierungen, Flexibilisierung der Arbeitszeiten, Deregulierung der Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse, Intensivierung der Arbeit, K&#252;rzung der Geh&#228;lter etc.);<br />
6. Zunehmende „KundInnenorientierung“, die dazu f&#252;hrt, dass KundInnen eigenst&#228;ndig das „beste Angebot ausw&#228;hlen“ sollen, was im Bereich der sozialen Dienstleistungen hei&#223;t, dass die Betroffenen sich die Bearbeitung der eigenen Probleme selbst organisieren m&#252;ssen;</p>
<p><strong>Befunde aus der Praxis</strong><br />
Seit der Implementierung des FSW sind sechs Jahre vergangen. Ob die bef&#252;rchteten Folgen der Ausgliederung wirklich so eingetreten sind, ist aufgrund d&#252;nner Quellenlage schwierig zu beantworten. Dieses Problem ist symptomatisch f&#252;r den Prozess der Implementierung des Fonds Soziales Wien. Es gibt so gut wie keine wissenschaftlichen Arbeiten, die sich mit den Folgen von Ausgliederungen besch&#228;ftigen – als positive Ausnahme kann das bereits oben erw&#228;hnte Projekt „Fachliche Standards in der Sozialarbeit“<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> genannt werden. Aber auch die sozialen Tr&#228;gerInnenorganisationen, die sich immer wieder zu sozialpolitischen Themen in der (medialen) &#214;ffentlichkeit zu Wort melden, verhalten sich aufgrund der enormen Abh&#228;ngigkeit vom FSW derzeit vollkommen ruhig.<br />
Einige Punkte zu den Folgen der Ausgliederung lassen sich jedoch skizzieren:<br />
Durch die Gr&#252;ndung des FSW als <em>Controlling</em>-Organ konnten die Qualit&#228;tsstandards im Bereich der sozialen Dienstleistungen tats&#228;chlich angehoben und durchgesetzt werden. Folge dieser Durchsetzung von Qualit&#228;tsstandards ist, dass soziale DienstleisterInnen nur mehr in dem Bereich arbeiten k&#246;nnen, indem sie eine Ausbildung haben. Dies f&#252;hrt jedoch vor dem Hintergrund der angespannten Arbeitsmarktsituation zu Qualifizierungsdruck bei den Betroffenen. Die Angst, den eigenen Arbeitsplatz aufgrund ungen&#252;gender Qualifikation zu verlieren oder  pers&#246;nliche Probleme, Job und Ausbildung unter einen Hut zu bekommen, sind ebenfalls Folgen der Unterfinanzierung des Sozialbereichs.<br />
Die Einf&#252;hrung des Fonds Soziales Wien zog eine Monopolisierung der Leistungsvergabe mit sich. Im Grunde entscheidet nun der FSW allein dar&#252;ber, welcher/m KlientIn welche Leistungen zuerkannt werden. Das f&#252;hrt dazu, dass basale T&#228;tigkeiten, wie Haare oder N&#228;gel schneiden, h&#228;ufig nicht im Leistungskatalog enthalten sind und von dem/der KlientIn selbst bezahlt werden m&#252;ssen. Dar&#252;ber hinaus erschwert die f&#252;r &#214;sterreich so spezifische Aufteilung in Bund- und L&#228;nderkompetenzen den Zugang zu Leistungen.<br />
Der b&#252;rokratische Verwaltungsaufwand ist durch die Einf&#252;hrung des FSW konstant angestiegen. Die Leistungsvertr&#228;ge machen eine penible Dokumentation der erbrachten Leistungen notwendig. Diese macht die Arbeit sozialer Tr&#228;gerInnenorganisation einerseits zunehmend transparent und hebt damit auch deren Qualit&#228;t. Andererseits f&#252;hrt diese Praxis – wie bereits bef&#252;rchtet – aber auch dazu, dass die Sozialen DienstleisterInnen weniger Zeit f&#252;r ihre KlientInnen haben. Dar&#252;ber hinaus wird die Sinnhaftigkeit dieser Form der Dokumentation immer mehr hinterfragt. Ist eine l&#252;ckenlose Information &#252;ber soziale Dienstleistungen f&#252;r einige Forschungsbereiche durchaus sinnvoll, so zeigt sich in der Praxis, dass die standardisierten Frageb&#246;gen f&#252;r die nachvollziehbare Darstellung konkreter F&#228;lle h&#228;ufig v&#246;llig inad&#228;quat sind.<br />
Auch die implizite Annahme, die hinter diesem Dokumentations- und Quantifizierungszwang steht – die M&#246;glichkeit einer exakten Messbarkeit sozialer Dienstleistungen – wird von einigen sozialen DienstleisterInnen kritisch hinterfragt: „Sozialarbeit ist ein wechselseitiger Prozess, der Vertrauensbildung voraussetzt und in dem ein vereinbarter Ma&#223;nahmenplan immer wieder ver&#228;ndert werden muss. In der Sozialarbeit muss eine vielschichtige Problemsituation analysiert, mit der KlientIn eine Probleml&#246;sung erarbeitet und sie/er bei der Umsetzung unterst&#252;tzt werden.“<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a><br />
Durch die Aufgliederung im FSW in drei Bereiche gibt es mittlerweile Zielgruppen, die nicht klar zuordenbar sind und daher in keinen der Bereiche hineinfallen. Als Beispiel k&#246;nnen hier wohnungslose Menschen mit Suchtproblemen oder Entlassene der forensischen Psychiatrie genannt werden. Diese Personen werden vom FSW dorthin verwiesen, wo sich jemand bereiterkl&#228;rt, sie aufzunehmen, egal ob das nun die Wohnungslosen- oder Behindertenhilfe ist. Mit dieser willk&#252;rlichen Aufteilung k&#246;nnen die Probleme der KlientInnen nicht ad&#228;quat gel&#246;st werden.<br />
Auch f&#252;r &#228;ltere Leistungsempf&#228;ngerInnen hat sich durch die in der Ausgliederung enthaltene „KundInnenorientierung“ nicht viel verbessert. So ist die „unb&#252;rokratische, leicht zug&#228;ngliche Anlaufstelle f&#252;r &#228;ltere Menschen und deren Angeh&#246;rige, die bisher durch SozialarbeiterInnen und SeniorenberaterInnen nicht nur Beratung, sondern auch Unterst&#252;tzung geboten hat, zerst&#246;rt.“<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Die KlientInnen m&#252;ssen sich nun selbst (am besten im Internet) alle Wege zusammensuchen und scheitern regelm&#228;&#223;ig an diesen neuen H&#252;rden.<br />
Es gibt bislang wenig Hinweise auf allgemeine Leistungsk&#252;rzungen seit der Einf&#252;hrung des FSW. Dass Spezialprogramme allerdings zunehmend gek&#252;rzt werden, scheint offensichtlich. Beispielsweise strich der FSW 2008 erstmals seine F&#246;rderung von 40.000 Euro f&#252;r Psychotherapie von Folter&#252;berlebenden. Budgets f&#252;r Spezialprogramme werden nur mehr von Jahr zu Jahr vergeben. Dies f&#252;hrt immer h&#228;ufiger dazu, dass es weder f&#252;r KlientInnen noch f&#252;r soziale DienstleisterInnen Sicherheiten auf angemessene Basisfinanzierung gibt.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a></p>
<p><strong>Wider die Neoliberalisierung der Sozialpolitik!</strong><br />
Mit den Ver&#228;nderungen der modernen Wohlfahrtsstaaten seit den 1970er Jahren und deren &#220;bergang von einer Politik des <em>welfare </em>zu einer Politik des <em>workfare </em>ging auch ein neues Menschenbild einher. Soziale Bed&#252;rftigkeit wurde und wird zunehmend als individuelles Defizit gesehen, das von den „KundInnen sozialer Dienstleistungen“ selbst behoben werden muss. Neben dieser ideologischen Wende f&#252;hrte der neoliberale Umbau der Sozialpolitik auch materiell zu ziemlichen Einschnitten. Sozialleistungen wurden – auch im „roten“ Wien – gek&#252;rzt, w&#228;hrend Armutsraten und die Zahl der Personen, die von der Gesellschaft zunehmend ausgegrenzt sind, kontinuierlich ansteigen. Die Partei, die sich die L&#246;sung der „sozialen Frage“ quasi ins Parteiprogramm geschrieben hat – die SP&#214; – hat all diese Verschlechterungen im Sozialbereich teilweise mitgetragen, teilweise selbst forciert. Nur ein aktiver Widerstand der Betroffenen, der die Probleme thematisiert und die  im Wahljahr unter Druck stehende Wiener SP&#214; damit konfrontiert, kann dazu f&#252;hren, dass eine Abkehr von diesen Politiken vollzogen wird.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Wehsely, Sonja, unter: http://www.wien.spoe.at/mag-sonja-wehsely<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Im Gegensatz zum historischen Roten Wien beszeichnet „rot“ hier das sozialdemokratisch regierte Wien der Gegenwart.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Jessop, Bob: Kapitalismus. Regulation. Staat, Hamburg 2007, S.224<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Hirsch, Joachim: Materialistische Staatstheorie. Transformationsprozesse des kapitalistischen Staatensystems, Hamburg 2005, S.117<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Ebd., S.219ff.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Ebd.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Atzm&#252;ller, Roland: Die Entwicklungen der Arbeitsmarktpolitik in &#214;sterreich. Dimensionen von Workfare in der &#246;sterreichischen Sozialpolitik, in: Kurswechsel, 4 (2009), S.24<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Urban, Hans-J&#252;rgen: Deregulierter Standort-Kapitalismus? &#8211; Krise und Erneuerung des Sozialstaates, in: Schmitthenner, Horst (Hg.): Der „schlanke“ Staat. Zukunft des Sozialstaates – Sozialstaat der Zukunft, Hamburg 1995, S.17<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Auch wenn der Begriff workfare h&#228;ufig f&#252;r Debatten um Ver&#228;nderungen in der Arbeitswelt (Stichwort: Flexibilisierung der Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse) verwendet wird, kann er auch f&#252;r Ver&#228;nderungen sozialpolitischer Programme herangezogen werden. Vgl. Atzm&#252;ller, Roland: Die P&#228;dagogisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen und Staat, in: Perspektiven. Magazin f&#252;r linke Theorie und Praxis, Nr. 10 (2010), S. 22–28<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Wacquant, Loic: Bestrafen der Armen. Zur neuen Regierung der sozialen Unsicherheit, Opladen 2009, S.10ff.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Korpi, Walter: Welfare-State Regress in Western Europe: Politics, Institutions, Globalization and Europeanization, in: Annual Review of Sociology, No.29 (2003), S.589<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Foucault, Michel: Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalit&#228;t II, Frankfurt/Main 2006, S. 314<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> vgl. Atzm&#252;ller, Roland: Die P&#228;dagogisierung von Arbeitsverh&#228;ltnissen und Staat, a.a.O.<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> vgl. Unabh&#228;ngige GewerkschafterInnen im &#214;GB: Was bleibt vom „roten“ Wien? Fonds Soziales Wien. Die Stunde der Effizienz, unter: http://www.auge.or.at/_TCgi_Images/auge/20040930145813_alternative_extra10a_1.pdf<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Diese Operationalisierbarkeit, d.h. die Vorstellung, dass Leistungen genau benannt und aufsummierbar werden, ist betriebswirtschaftlich gewollt und aus der Perspektive einer erm&#228;chtigenden sozialen Arbeit v&#246;llig verfehlt.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Dabei handelt es sich um ein quasi informelles System, in dem L&#246;hne, Arbeitsbedingungen und staatliche Sicherungssysteme in konsensualem Einvernehmen zwischen den VertreterInnen der Spitzenb&#252;rokratie ausverhandelt statt durch offen ausgetragene Konflikte, wie zum Beispiel Streiks, errungen zu werden.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Tálos, Emmerich: Sozialpartnerschaft. Austrokorporatismus am Ende?, in: Dachs, Herbert et al. (Hg.): Politik in &#214;sterreich. Das Handbuch. Wien 2006, S. 627<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Esping-Andersen, Gøsta (1991) The three worlds of welfare capitalism. Cambridge<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Diese wird eventuell in n&#228;chster Zeit durch die bedarfsorientierte Mindestsicherung abgel&#246;st.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Heitzmann, Karin (2009) Tr&#228;gerInnen der &#246;sterreichischen Armutsbek&#228;mpfung, in: Dimmel, Nikolaus/Heitzmann, Karin/Schenk, Martin (Hg.): Handbuch Armut in &#214;sterreich, Wien 2009, S 388 &#8211; 397<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> F&#252;r eine ausf&#252;hrliche Darstellung des Dritten Weges siehe Opratko, Benjamin: Quo vadis Sozialdemokratie?, in: Perspektiven. Magazin f&#252;r linke Theorie und Praxis, Nr.2 (2007), S.6-11<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> vgl. Mahnkopf, Birgit: Formel 1 der neuen Sozialdemokratie: Gerechtigkeit durch Ungleichheit. Zur Neuinterpretation der sozialen Frage im globalen Kapitalismus, in: Prokla 121 (2000), S. 489–525<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Giddens, Anthony: Der Dritte Weg. Die Erneuerung der sozialen Demokratie, Frankfurt 1998, S. 120<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Opratko, a.a.O., S. 9<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Darunter fallen auch AsylwerberInnen ohne fixen Unterhalt.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Konkret ist der Weg hin zur Inanspruchnahme einer sozialen Dienstleistung viel komplexer und je nach Bereich verschieden. F&#252;r n&#228;here Infos siehe: http://behinderung.fsw.at/information/bz_behindertenhilfe/index.html oder http://www.fsw.at/broschueren/broschueren_ex/brosch_pflege_betreuung.html<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> vgl. Unabh&#228;ngige GewerkschafterInnen im &#214;GB, a.a.O.<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Ziel der Initiative „Soziale Arbeit – gestern, heute, morgen“ war es, „Fachliche Standards in der Sozialarbeit“ zu diskutieren und damit zur Sch&#228;rfung der fachlichen Perspektive von MitarbeiterInnen in sozialen Organisationen beizutragen und Qualit&#228;tsdebatten durch das Mitwirken der SozialarbeiterInnen inhaltlich neu zu beleben, unter: http://www.sozialearbeit.at/<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Vgl. Dieb&#228;cker, Marc/Ranftler, Judith/Strahner, Tamara/Wolfgruber, Gudrun: Neoliberale Strategien und die Regulierung sozialer Organisationen im lokalen Staat. Politisches zur Depolitisierung und Deprofessionalisierung der Sozialen Arbeit – Teil 1.Unter: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/150/213.pdf<br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> vgl. „Fachliche Standards in der Sozialarbeit“, a.a.O.<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Vgl. Augustin, 256-07/2009<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Vgl. Augustin, a.a.O.<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> vgl. derStandard.at, 12.12.2008</p>
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		<title>Sanfte Verdr&#228;ngung: Gentrifizierung in Wien</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 10:46:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Gentrifizierung gibt es in Wien nicht, meint die sozialdemokratische Stadtverwaltung. &#220;ber diese Realit&#228;tsverweigerung sprachen Katharina Hajek und Felix Wiegand mit Jakob Weingartner, der sich intensiv mit dieser Frage auseinander gesetzt hat. Er erkl&#228;rt, was das Wiener Brunnenviertel mit der New Yorker Lower East Side zu tun haben k&#246;nnte, inwiefern sich ImmobilieninvestorInnen und die Sanfte Stadterneuerung perfekt erg&#228;nzen und welche Rolle [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gentrifizierung gibt es in Wien nicht, meint die sozialdemokratische Stadtverwaltung. &#220;ber diese Realit&#228;tsverweigerung sprachen <em>Katharina Hajek</em> und <em>Felix Wiegand</em> mit <em>Jakob Weingartner</em>, der sich intensiv mit dieser Frage auseinander gesetzt hat. Er erkl&#228;rt, was das Wiener Brunnenviertel mit der New Yorker Lower East Side zu tun haben k&#246;nnte, inwiefern sich ImmobilieninvestorInnen und die Sanfte Stadterneuerung perfekt erg&#228;nzen und welche Rolle dabei K&#252;nstlerInnen, Dachterrassen und Fu&#223;ballk&#228;fige einnehmen.<br />
<span id="more-1579"></span><br />
<em>Das Thema Gentrifizierung hat es mittlerweile bis in die Mainstream-Medien geschafft. Weitl&#228;ufig wird damit der Prozess der &#246;konomischen und symbolischen Aufwertung eines Gr&#228;tzels, der Zuzug neuer, kaufkr&#228;ftigerer BewohnerInnen und die Verdr&#228;ngung der bestehenden, sozial schw&#228;cheren Bev&#246;lkerung bezeichnet. Kannst Du uns ein bisschen mehr &#252;ber den theoretischen Background des Gentrifzierungs-Begriffs erz&#228;hlen?</em></p>
<p>Den Begriff der Gentrifizierung haben sich kritische UrbanistInnen im Zuge der 1970er und -80er Jahre auf die Fahnen geschrieben, um einen Kontrapunkt zum bis dahin im urbanistischen Diskurs dominierenden neoklassischen Axiom zu setzen. In den 1970er Jahren wurde von vielen UrbanistInnen der Marxismus entdeckt. Die Koryph&#228;e war Henri Lefebvre. Er hat die Erfahrungen der Aufst&#228;nde von 1968 – gerade auch in Paris – genutzt, und darauf aufbauend versucht, die marxistische Analyse in den Raum zu &#252;bersetzen. Das war lange ein blinder Fleck im Marxismus. Es gibt die ber&#252;hmte Analyse von Engels &#252;ber die Armenquartiere in Manchester, wo er von Kapital- und Arbeitskraftkonzentration spricht und einer schlimmen Verslumung, die sich daraus ergibt; aber viel mehr…? Lefebvre hat die marxistischen Axiome und die Unterscheidung von Gebrauchs- und Tauschwert genutzt, um zu fragen: Welche Interessen hat das Kapital am Raum, welche die ArbeiterInnen? F&#252;r ArbeiterInnen hat der Raum v. a. einen Gebrauchswert: da wo ich wohne, da m&#246;chte ich mich wohlf&#252;hlen, da m&#246;chte ich mich ausruhen von der Arbeit usw. Die Kapitalseite sieht im Raum ganz etwas Anderes. Der geht es darum, Mehrwert zu erwirtschaften. Dazu muss man Raum abstrahieren und mit Nummern versehen, damit man ihn dann verkaufen oder vermieten kann. Diesen prim&#228;ren Widerspruch hat Lefebvre sehr sch&#246;n beschrieben.  Darauf haben dann andere marxistisch gepr&#228;gte UrbanistInnen aufgebaut, David Harvey war unter anderem sehr wichtig. In den 1980er Jahren, als an den Universit&#228;ten heftige ideologische Grabenk&#228;mpfe herrschten, wie Raum &#252;berhaupt zu diskutieren sei, hat Neil Smith, ankn&#252;pfend an Harvey, das erste Mal eine wirklich umfassende und schl&#252;ssige Gentrifizierungs-Theorie aufgestellt. </p>
<p><em>Worin besteht der Kern des Zugangs von Smith? Kannst Du Beispiele nennen, die das illustrieren?</em></p>
<p>Zentral ist der Blick auf die zyklische Entwicklung des Kapitalismus. In der Stadt existieren die Rahmenbedingungen f&#252;r die Produktionsbed&#252;rfnisse des Kapitalismus in physisch-materieller, r&#228;umlicher Form. Wegen der permanenten Umw&#228;lzung der Produktion werden die Produktionsst&#228;tten, die Infrastruktur etc. immer wieder unproduktiv, sie verlieren ihre Aktualit&#228;t. Es kommt zu Desinvestition. Die Container-Technologie hat z. B. dazu gef&#252;hrt, dass extrem viele Hafenstrukturen, die vorher im Zusammenhang mit Massenproduktion und Warenhandel wichtig waren, pl&#246;tzlich nicht mehr genutzt wurden, brach lagen und dem Verfall anheim fielen. Die Docklands in London oder in Brooklyn sind gute Beispiele. Wo vorher noch viel Kapital investiert wurde, damit der Hafen gut funktioniert, geriet pl&#246;tzlich der r&#228;umliche Produktionszyklus in die Krise. Das Kapital wurde im gro&#223;en Stil abgezogen, weil es dort Nichts mehr zu holen gab. Heute sind die Docklands aber genau wegen dieser Desinvestition so interessant: Es gibt diese R&#228;umlichkeiten, Lagerhallen usw., die man umbauen kann, aber das Gebiet ist v&#246;llig unterbewertet.  Das ist nat&#252;rlich der feuchte Traum jedes <em>Developers</em>. Weil der Raum extrem niedrig bewertet ist, kann er oder sie &#252;ber ein Kapitalinvestment eine riesige Gewinnspanne herausholen, d. h. der so genannte <em>rent-gap</em> ist extrem breit. Nicht umsonst sind diese Docklands heute ein sehr wichtiger Anziehungspunkt f&#252;r Kapital und Gentrifizierung. Das nennt sich dann <em>Waterfront-Development</em> und ist z. B. in der <em>Hafencity </em>in Hamburg gut zu beobachten. Dabei spielt auch der symbolische Aspekt eine gro&#223;e Rolle: Es gibt heute nichts Hei&#223;eres f&#252;r ein Architekturb&#252;ro, als in einer ehemaligen Lagerhalle mit Klinkersteinen sein B&#252;ro zu haben, mit Blick &#252;bers Wasser. Es ist faszinierend, wie eine Struktur, die in einem bestimmten kapitalistischen Zykus eine spezifische Funktion hatte, heutzutage pl&#246;tzlich eine v&#246;llige andere Benutzung erf&#228;hrt, w&#228;hrend gleichzeitig noch die Identit&#228;ten und die proletarische Authentizit&#228;t – das Schaffen, das Wirken aus der Vergangenheit – in die Gegenwart hineinwabert.<br />
Wenn man sich nicht Hafengebiete, sondern normale Stadtviertel anschaut – Neil Smith hat das f&#252;r die <em>Lower East Side</em> in New York gemacht – dann sind hier ganz &#228;hnliche Prozesse zu beobachten. Die <em>Lower East Side</em> hat ebenso &#252;ber viele Jahrzehnte eine starke Desinvestition erfahren. Es war eine heruntergekommene Gegend mit hoher Kriminalit&#228;t, aber man konnte dort billig wohnen, was vor allem f&#252;r MigrantInnen interessant war. Gleichzeitig war es auch ein Viertel, wo Dinge m&#246;glich waren, die woanders nicht m&#246;glich waren. Der Punkrock ist beispielsweise dort entstanden, es wurde mit neuen Geschlechterkonstruktionen gespielt usw., d. h. es war ein St&#252;ck weit auch ein Labor f&#252;r sp&#228;tere gesellschaftliche Entwicklungen. Gerade aufgrund der Desinvestiton konnte Gentrifizierung in der <em>Lower East Side</em> so einen Triumphzug erleben. Gentrifizierung versteht man nur, wenn man es in einem breiteren historischen Kontext verortet: Dass in St&#228;dten immer wieder Viertel eine Kapitalflucht erleben, ist notwendig, damit das Kapital danach unter m&#246;glichst gro&#223;em Triumph wieder einziehen kann. </p>
<p><em>Was verr&#228;t eine solche Perspektive denn &#252;ber Wien? Es hei&#223;t ja oft, hier w&#252;rden besondere Bedingungen herrschen und es g&#228;be deshalb gar keine Gentrifizierung.</em> </p>
<p>Zun&#228;chst darf man nicht den Fehler machen, in der Gentrifizierungs-Theorie ein Werkzeug zu sehen, das man auf alle m&#246;glichen St&#228;dte einfach anwenden kann. Man muss sich die historischen und sozialr&#228;umlichen Kontexte genau anschauen. Also: Das Besondere an Wien ist der soziale Wohnbau – Wien hat neben den so genannten realsozialistischen Staaten das weltweit h&#246;chste Budget f&#252;r sozialen Wohnbau. Warum der Stadt das so wichtig ist und sie in diesen Sektor so viel Geld hineinpumpt, kann historisch aus dem Roten Wien erkl&#228;rt werden. Bis Mitte der 1970er Jahre hat Wien im Wohnbau wirklich einen beispiellosen Aufwand betrieben. Wie auch an vielen anderen Orten in Europa wurden zu dieser Zeit in Wien v. a. riesige, fordistisch-standardisierte Wohnsilos am Stadtrand gebaut, z. B. die Per-Albin-Hansson-Siedlung. Dadurch war es m&#246;glich, dass die klientilistisch an die SP&#214; gebundene ArbeiterInnenschaft aus dem miesen innerst&#228;dtischen Wohnraum heraus gekommen ist, aus den zum Teil noch zerbombten H&#228;usern, aus den Substandardwohnungen. Das war das sozialdemokratische Entwicklungsmodell der Nachkriegszeit f&#252;r Wien, das nat&#252;rlich auch nur unter der sozialdemokratischen Hegemonie durchsetzbar war. Das Problem, das sich f&#252;r die Stadt Wien gestellt hat, war jedoch: Was passiert mit dem Wohnraum, der brach liegt, wenn Leute wegziehen und ihre alten Wohnungen zur&#252;cklassen? Es gab in Wien bis Mitte der 1970er Jahre tats&#228;chlich einen sehr hohen Leerstand. Das &#246;ffentliche Geld wurde in die Gro&#223;projekte am Stadtrand gesteckt und die Innenst&#228;dte stagnierten. Weil der Trend in Richtung Stadtrandsiedlung ging, kamen auch Privatinvestitionen v&#246;llig zum Erliegen, d. h. privates Kapital floss nicht mehr in die Innenbezirke. Der Stadtverwaltung wurde schnell klar: Da muss man gegensteuern. Deswegen haben sie dann die Werkzeuge der ber&#252;hmten Sanften Stadterneuerung geschaffen.</p>
<p><em>Kannst Du erkl&#228;ren, in welchem Kontext das Konzept der Sanften Stadterneuerung in Wien das erste Mal zu Anwendung kam und was genau dieses Instrument beinhaltet?</em></p>
<p>In den 1970er Jahren sollten die historischen Geb&#228;ude am Spittelberg im 7. Bezirk geschliffen und stattdessen riesige Wohnbauten errichtet werden. Dieser Form der technokratischen Stadtplanung hat sich eine Viertel-Bewegung von unten entgegengesetzt. Die Bewegung war eine Koalition aus durchaus linken Amerlinghaus-BesetzerInnen und b&#252;rgerlichen &#214;VP-W&#228;hlerInnen, welche sich die Planung von oben nicht mehr gefallen lassen und die historischen Strukturen retten wollten. Dieses B&#252;ndnis hat es geschafft, die Bagger zu stoppen: Der Spittelberg wurde nicht abgerissen, stattdessen wurde seine Renovierung von den damals neu geschaffenen Instrumenten der Sanften Stadterneuerung staatlich gef&#246;rdert. Das Faszinierende an diesem ganzen Prozess war, dass es der sozialdemokratischen Stadtverwaltung gelungen ist, den Widerstand dieser post-68er Bewegung aufzugreifen und etwas Neues daraus zu machen. Das ist wie stadtplanerisches Aikido: die Kraft dieser Bewegung wurde aufgenommen und daraus die Sanfte Stadterneuerung gebastelt. Ich habe das Gef&#252;hl, dass das auch eine neue soziale Formation war, die sich da gewehrt hat. Genau diese soziale Formation, die sich aus den 68ern heraus entwickelt hat und ihre Vorstellungen der Stadt-Nutzung in die Stadtplanung rein getragen haben, geh&#246;rt heute zur neuen Elite der Stadt Wien: akademisch gebildete, urspr&#252;nglich aktivistische Leute, die sp&#228;ter dann verb&#252;rgerlicht sind und den Spittelberg heute zu dem gemacht haben, was er ist: ein Freilicht-Museum, dass sich wirklich nur die reichsten Leute leisten k&#246;nnen. Diese „Spittelbergisierung“ kann als Folge der Sanften Stadterneuerung gesehen werden, es geht um eine Art „sanfte“ Gentrifizierung.<br />
Im Endeffekt ist die Idee der Sanften Stadterneuerung, dass die &#246;ffentliche Hand Anreize f&#252;r private InvestorInnen schafft, wieder in den innerst&#228;dtischen Wohnbereich, in Gr&#252;nderzeith&#228;user zu investieren und den Wohnstandard zu erhalten bzw. zu verbessern. Das beinhaltet allerdings die M&#246;glichkeit einer nachfolgenden Erh&#246;hung des Mietzinses. Konkret funktioniert das so: Du hast ein Haus, in dem es sehr viele Substandardwohnungen gibt. Jetzt kann ein privater Investor, beispielsweise eine Renovierungsgesellschaft, einen Antrag auf F&#246;rderung bei der Stadt Wien stellen. Jeder Antrag wird nach einem Punktesystem bewertet. Verschiedene Faktoren wirken sich positiv auf das F&#246;rdervolumen aus: Ma&#223;nahmen, die den Allgemeinzustand des Hauses verbessern, &#246;kologische Kriterien, das Installieren eines Aufzugs etc. Allerdings kann nur saniert werden, wenn in dem Haus Kategorie C oder D Wohnungen &#252;berwiegen. Wenn das alles gegeben ist, schie&#223;t die Stadt Wien w&#228;hrend eines Zeitraums von zehn Jahren 50 Prozent der Renovierungskosten zu. &#220;ber diesen Zeitraum hinweg wird das Ansteigen des Mietniveaus limitiert, aber nicht verhindert. Was danach passiert, ist wieder eine ganz andere Frage. Sobald privates Investitionskapital in ein ArbeiterInnenviertel gelockt wird und es zu Aufwertungen kommt, wirst du es mit einem Verdr&#228;ngungsph&#228;nomen zu tun haben.  Wo soll denn das Geld herkommen f&#252;r die aufgewerteten Wohnungen? Au&#223;erdem ist Sanfte Stadterneuerung immer auch Wohnungsbau: Es werden Zimmer zusammengelegt und gr&#246;&#223;ere Wohneinheiten geschaffen. Der Anteil an Wohnungen unter 35m2 ist zwischen 1971 und 2001 von 18,7 auf 7,8 Prozent gesunken. Das Problem ist aber: Kannst du dir die gr&#246;&#223;ere Wohnung dann auch leisten? Du musst ja pl&#246;tzlich zwei Wohnungen bezahlen, daf&#252;r musst du dann aber viel mehr verdienen.  Damit sto&#223;en wir dann schon wieder an die Grenzen der Sanften Stadterneuerung, oft geht es einfach auch um die Quadratmeter. Insgesamt wird den negativen Konsequenzen der Bestandserhaltung bzw. -verbesserung einfach zu wenig Beachtung geschenkt. </p>
<p><em>Worin bestanden denn die Auswirkungen dieses Instruments der Sanften Stadterneuerung f&#252;r den gesamten Wiener Raum?</em></p>
<p>Mit der Sanften Stadterneuerung hat es die Stadt Wien wirklich geschafft, den Negativtrend, von dem ich gesprochen habe, herumzurei&#223;en: Es begann wieder – auch privates – Investitionskapital in den Altbausektor zu flie&#223;en. Der Anteil von Substandardwohnungen mit WC und Wasser am Gang hat zwischen 1971 und 2001 von 33 auf 7,6 Prozent abgenommen. Gleichzeitig gewannen aber nat&#252;rlich auch die Widerspr&#252;che des kapitalistischen Wohnungsmarktes wieder an Bedeutung, und das ist genau die Krux der Sanften Stadterneuerung: Einerseits wird der Wohnraum mit Hilfe von Privatkapital aufgewertet. Andererseits entstehen dann auch wirklich negative Konsequenzen, denn das Privatkapital m&#246;chte aus der Aufwertung nat&#252;rlich Profit schlagen, durch h&#246;here Mieten. Gewisse Bev&#246;lkerungsschichten k&#246;nnen sich die Wohnungen einfach nicht mehr leisten und m&#252;ssen dann in andere Stadtteile ziehen.<br />
Einer dieser anderen Stadtteile war in den 1980er Jahren Ottakring und insbesondere das Brunnenviertel. Dazu muss man wissen: &#214;sterreich und Wien haben zu der Zeit eine starke Migration erfahren, d. h. es wurden sehr viele Arbeitskr&#228;fte angeworben. Man hat angenommen, dass sie nur f&#252;r einen kurzen Zeitraum in Wien bleiben und dann wieder „nach Hause“ geschickt werden. Nur, diese Leute sind geblieben, ihre Arbeitskraft wurde gebraucht. Und sie mussten irgendwo wohnen. Weil im innerst&#228;dtischen Bereich durch die Sanierungsaktivit&#228;ten der Stadt Wien immer mehr Substandardwohnungen verloren gingen und die Gemeindebauten ihnen verschlossen waren, haben diese Leute dann eben andere R&#228;ume gesucht. Ottakring und hier insbesondere das Brunnenviertel waren so ein Auffangbecken. Da konnte man auch als MigrantIn einen Vertrag f&#252;r eine Wohnung bekommen. Gleichzeitig war es so, dass die mehrheits&#246;sterreichische ArbeiterInnenschaft aus dem Brunnenviertel in die gro&#223;en Siedlungen gezogen ist, weil sie die Schnauze voll hatte von Altbau-Wohnungen mit Klo auf dem Gang, keinem flie&#223;enden Wasser in der Wohnung, etc.. Es hat sich hier im Raum etwas niedergeschlagen, was auf einer breiten gesellschaftlichen Ebene passiert ist: der mehrheits&#246;sterreichischen ArbeiterInnenschaft gelang der Aufstieg mit Hilfe der Sozialdemokratie und der Sozialpartnerschaft. Die R&#228;ume und das Vakuum, das sich unten aufgetan hat, wurden von migrantischen Arbeitskr&#228;ften aufgef&#252;llt. Das kann man im Produktionsprozess sehen, wo die MigrantInnen die miesen Jobs &#252;bernommen haben, aber man sieht das eben auch im urbanen Prozess. Im Endeffekt haben die MigrantInnen im Brunnenviertel aber doch nicht so billig gewohnt, weil es sich schnell rumgesprochen hat, dass eine sozial verletzliche Bev&#246;lkerungsformation in diese Gebiete zieht. HausbesitzerInnen und Miethaie haben die Schw&#228;che der MigrantInen ausgenutzt, um denen f&#252;r schlechten Wohnraum hohe Mieten abzuziehen, ohne daf&#252;r irgendetwas in die H&#228;user zu investieren. Die Gegend war insofern von starker Desinvestition und Kapitalexodus gepr&#228;gt. Es kam zu einer gewissen „Verslumung“ im Brunnenviertel.<br />
Trotzdem haben es t&#252;rkische oder jugoslawische &#214;sterreicherInnen geschafft, aus dem Brunnenviertel das zu machen, was es heute ist. Es ist eben kein Ghetto: Es gibt Gr&#228;tzel, es gibt soziale Koh&#228;sion, es gibt Kommunikation. Es nervt mich wahnsinnig, wenn man das Brunnenviertel als verbrannte Erde darstellt, wo sich eh nur die „Tschuschen“ den „Sch&#228;del einschlagen“. Das ist Quatsch. Es ist ein Viertel, das &#252;ber viele Jahrzehnte in einer Krise war, aber trotz dieser Krise haben es die Leute dort geschafft, ein lebendiges Viertel zu schaffen, von dem Zuz&#252;glerInnen heute profitieren! </p>
<p><em>Wie wurde aus dem Brunnenviertel der 1970er und -80er Jahre das, was man heute sieht, wenn man den Yppenplatz betritt?</em></p>
<p>Das ist eine sehr gute Frage. Ich glaube, man muss das im Kontext der ber&#252;hmten G&#252;rtelsanierung sehen. Es gibt in Wien einen Stadtentwicklungsplan, in dem die Stadt ihre prim&#228;ren Entwicklungsgebiete definiert und festlegt, was mit der Stadt in Zukunft passieren soll. Ende der 1990er Jahre war das G&#252;rtelgebiet eine ganz wichtige Zone dieses Plans, ein sogenannter <em>Fokus-Point</em>. Der G&#252;rtel war und ist ja immer noch ein bisschen ein Rotlichtgebiet. Bis hinein in die 1990er Jahre war das die No-Go-Area von Wien. Eine Gegend, wo man mit dem Auto durchf&#228;hrt, aber nicht spazieren geht; wo die Mutter der Tochter beim Vorbeifahren die Augen zuh&#228;lt; Das war der G&#252;rtel, eine Gegend, wo der „g’schupfte Ferdl“ am Wochenende mit dem Feitl im Sack Tanzen geht.<br />
Die Stadt Wien ist angetreten, das zu &#228;ndern. Es war aber klar, dass gerade bei dieser Fama das private Kapital nie in irgendwelche Projekte am G&#252;rtel investieren w&#252;rde. Wien hat aber die neoliberalen Zeichen der Zeit erkannt: statt die soziale Situation in der Stadt durch viertel&#252;bergreifende, &#246;ffentliche Investitionen zu &#228;ndern, versucht man, <em>Public-Private-Partnerships</em> (PPP) zu schaffen. Dabei geht es darum, das &#246;ffentliche Subventionen einen privaten Kapitalzufluss vereinfachen oder erm&#246;glichen sollen. Letztlich wird versucht, den Standortwettbewerb &#252;ber &#246;ffentliche Mittel f&#252;r sich zu entscheiden. Und genau das ist am G&#252;rtel passiert. Man hat dort versucht, einen kreativen <em>Cluster </em>anzusiedeln, indem man z. B. Clubs die G&#252;rtellokale zur Verf&#252;gung gestellt hat, gratis oder sehr billig.  Dann gab es dieses IP2-Projekt [futuristisches B&#252;rogeb&#228;ude am G&#252;rtel, Anm. d. Red.], wof&#252;r Kapital von der Sparkasse angeworben wurde. Teilweise haben diese Projekte funktioniert, teilweise auch nicht: die Lokale innerhalb des G&#252;rtelbogens sind erfolgreich, das IP2-Geb&#228;ude steht auch da, wobei niemand wei&#223;, was man damit anfangen soll. In jedem Fall wurde als Nebeneffekt dieses Prozesses auch das Brunnenviertel wieder neu entdeckt. Der „MigrantInnenslum“ von Wien hat sich zu einem Fokus f&#252;r PPP und die Sanfte Stadterneuerung entwickelt. Die Gentrifizierung ist zwar noch in einem relativ fr&#252;hen Stadium, aber man kann sehr sch&#246;n beobachten, wie Kunst und Kultur eine Pionierrolle f&#252;r eine Kapitalr&#252;ckkehr &#252;bernehmen. Interessanterweise haben im Brunnenviertel historisch immer auch Mehrheits&#246;sterreicherInnen gewohnt, die sich das Wohnen in anderen Teilen der Stadt nicht leisten konnten oder die gerne dort gewohnt haben. Ein Beispiel ist Ulla Schneider, die Initiatorin des Kunst- und Kulturfestivals <em>Soho in Ottakring</em>. Die wohnt schon ewig in dem Viertel und hatte die Idee, aus den ganzen Leerst&#228;nden, die sich im Viertel ergeben haben, etwas zu machen. Mit Unterst&#252;tzung der Stadt Wien, des Gr&#228;tzel- bzw. Quartiermanagements hat sie dann <em>SoHo in Ottakring</em> aufgebaut. Was nun passierte, war faszinierend zu beobachten: Pl&#246;tzlich str&#246;mten diese Kunst-PionierInnen in das Viertel und was davor noch ein „Problem“ war, was „h&#228;sslich“ war, ein leerer oder verklebter Laden, Wettb&#252;ros usw., war pl&#246;tzlich aufregend und interessant, also kulturelles Kapital. Á la „K&#252;nstlerInnen gehen jetzt ins Ghetto und machen was draus“.<br />
Dabei wurde den <em>SoHo in Ottakring</em>-Leuten schnell klar, dass sie vielleicht auch instrumentalisiert werden, dass sie sich mit den Geistern auseinandersetzen m&#252;ssen, die sie riefen. Sie haben dann versucht, mit einer klar antirassistischen Ausrichtung gegenzusteuern. Das haben viele Leute begr&#252;&#223;t, dass <em>SoHo </em>versucht, sich zu politisieren und sagt: „Wir sind hier keine Vermittlungsagentur f&#252;r leere Ladenr&#228;ume“. Es gab dann viele Projekte und antirassistische Initiativen, die versucht haben, bei der Geschichte des Viertels anzusetzen und sich damit zu besch&#228;ftigen. Das ist auf relativ positiven Respons gesto&#223;en. Dabei ist aber eines der zentralen Dilemmata in Gentrifizierungsprozessen sichtbar geworden: Diese positiven, kleinr&#228;umlichen, antirassistischen, durchaus links oder links-liberal gepr&#228;gten Initiativen laufen nat&#252;rlich Gefahr, dass sie von jenen Makrokr&#228;ften &#252;berrollt werden, die sie eigentlich kritisieren. Ich glaube, um die Verquickung von Kunst und Gentrifizierung zu erkennen, muss man auch mal den Standpunkt eines/r Immobilieninvestors/in einnehmen.<br />
<em>Conwert </em>ist daf&#252;r ein gutes Beispiel, das ist ein wichtiger Player in der Altbaukapitalisierung in Europa. Ich habe mich im Zuge meiner Diplomarbeit mit denen besch&#228;ftigt, sie interviewt. Die haben das <em>OSEI</em>-Geb&#228;ude, wo das traditionelle Kaufhaus der j&#252;dischen Familie Seidenglanz drinnen war, gekauft und &#252;ber zwei Jahre f&#252;r tempor&#228;re Nutzung zur Verf&#252;gung gestellt, damit sich dort K&#252;nstler austoben k&#246;nnen. Danach wurde das Geb&#228;ude abgerissen. Aus der Perspektive von Conwert – und das wurde mir im Interview ganz offen gesagt – ist die Kunst nur ein <em>selling-point</em>, so kommen sie in das Viertel rein. Die Kunst hat einfach einen besseren Ruf als das Kapital und sie wurde genutzt, um das <em>Conwert</em>-Projekt an die Leute zu verkaufen. Das kostet sie nichts, der Raum wird sowieso nicht genutzt. Also setzen sie da Kunst rein, um Plus-Punkte bei der Bev&#246;lkerung zu sammeln. Weil: Irgendwann kommt der Punkt, wo die Abrissbirne da reinkracht. Und dann w&#252;rden einige Leute wahrscheinlich Probleme machen. Das ist ein potentieller Konfliktpunkt, an dem klar werden k&#246;nnte, was die mit ihrem Viertel machen wollen. Dann ist die entscheidende Frage, ob die Investmentfirma geschickt war, ob sie es geschafft hat, &#252;ber einen langen Vorlaufprozess ihr Risikokapital abzusichern. Und ob es ihr gelungen ist, sich &#252;ber die Kunst ein Gesicht zu verleihen. An und f&#252;r sich hat so eine Firma ja kein Gesicht, sie ist eine k&#252;hl kalkulierende Maschine und vor allem ihren InvestorInnen verpflichtet.<br />
Als KulturschaffendeR muss man sich schon fragen, ob man nicht vielleicht etwas ges&#228;t hat, das dann von einem/einer InvestorIn geerntet werden kann.</p>
<p><em>Warum ist es denn f&#252;r ImmobilieninvestorInnen wie Conwert &#252;berhaupt derart &#246;konomisch interessant, gerade in Wien und in Orte wie das Brunnenviertel zu investieren?<br />
</em><br />
<em>Conwert </em>ist eigentlich ber&#252;hmt daf&#252;r, in Osteuropa Zonen aufzuwerten, in denen w&#228;hrend des so genannten Realsozialismus Desinvestment stattfand, und dadurch eine riesige <em>rent-gap</em> zu erwirtschaften. Heute wenden sie ihre Taktik aber nicht mehr nur an der [ehemaligen] osteurop&#228;ischen Peripherie, also in St&#228;dten wie Warschau, Krakau oder Budapest an, sondern eben auch in der Peripherie von Wien, und dort in einem traditionellen, migrantischen ArbeiterInnenbezirk wie dem Brunnenviertel. Sie verf&#252;gen &#252;ber sehr viel Risikokapital und versuchen jetzt neue Zonen zu erschlie&#223;en. Im Brunnenviertel war die Situation besonders interessant. Zun&#228;chst kam es nicht zu einem gro&#223;en Kapitalzufluss, weil klar war, dass man aus den aufgewerteten Substandardwohnungen verh&#228;ltnism&#228;&#223;ig wenig herausholen kann. Die<em> rent-gap </em>wird durch die Sanfte Stadterneuerung ein St&#252;ck weit reduziert. Wo sie aber voll aufklafft und wo sagenhafte Renditen erzielt werden k&#246;nnen, das ist in den Dachb&#246;den der H&#228;user. Die sind nicht wirklich eingesch&#228;tzt, da k&#246;nnen von Eliten-KundInnen hohe Mieten lukriert werden. Deshalb ist der Dachausbau im Brunnenviertel und auch in allen anderen ehemaligen ArbeiterInnenvierteln in Wien f&#252;r InvestorInnen extrem attraktiv. Manche Bautr&#228;gerInnen lassen es sich gefallen, ein paar Wohnungen darunter zu renovieren, nur damit sie an das Dachgeschoss heran kommen, wo sie dann ein gro&#223;es Penthouse errichten.<br />
Oder du machst es gleich so wie es z. B. <em>Conwert </em>beim <em>OSEI </em>gemacht hat, du l&#228;sst die Abrissbirne auffahren, rei&#223;t das ganze Geb&#228;ude nieder und ziehst ohne staatliche Vorgaben vom Rei&#223;brett aus ein neues „Loft-Living-Paradies“ auf. Das sind dann nat&#252;rlich die krassesten Einschnitte, weil es optisch heraussticht und massiv in Tradition und Stadtbild des Viertels eingreift. Und es kommt eben auch zu einem 100%igen Bev&#246;lkerungsaustausch, denn in dem Geb&#228;ude ist unten ein Supermarkt und eine Polizeistation und oben wohnen keine Leute, die schon davor im Viertel gewohnt haben. </p>
<p><em>Sind solche Eingriffe in Wien nicht schwieriger umzusetzen, wegen des starken Einflusses des lokalen Staats? </em></p>
<p>Die Stadtverwaltung proklamiert bei jeder Gelegenheit „Wien ist anders“ und dass sie Wert darauf legt, dass sich Gentrifizierung bei uns nicht entfalten kann. Wir haben ein starkes MieterInnenschutzgesetz, das noch aus der ersten Republik stammt und welches das Kommodifizierungspotential massiv einschr&#228;nkt. Das stimmt auch, es gibt dieses MieterInnenschutzgesetz mit Richtzinsen usw. tats&#228;chlich und es ist auch wirklich immer noch eines der progressivsten der Welt. Das ist eine wichtige Errungenschaft aus der ersten Republik, aus dem Roten Wien, die es zu verteidigen gilt. Aber: Dieses Gesetz senkt das Kommodifizierungspotential von Raum in der Stadt. Die Innenbezirke waren durch das MieterInnenschutzgesetz streng reguliert und das Kapital hatte kein Interesse, da gro&#223; zu investieren. Das ist die Krux f&#252;r eine neoliberalisierte Sozialdemokratie, dass sie noch mit den Gesetzen aus dem Roten Wien zu k&#228;mpfen hat. Die Sanfte Stadterneuerung war auch eine Antwort auf diese Widerspr&#252;chlichkeit. Aus der Perspektive der Stadt Wien sollte sie dem Einfall von internationalem Investitionskapital, wie er f&#252;r Gentrifizierungsprozesse typisch ist, in die traditionellen und krisenhaft destabilisierten ArbeiterInnenviertel von Wien von vorne herein klare Grenzen setzen. Die Hoffnungen ruhten auf den lokalen Gebietsbetreuungen, die in diesen gr&#252;nderzeitlichen Zonen eben daf&#252;r sorgen sollten, dass es zu einem Zuzug einer mittelst&#228;ndischen sozialen Formation kommt, aber nicht zu einer Vertreibung der alten EinwohnerInnenschaft. Den Spagat, den die Stadt und die Gebietsbetreuung dort t&#228;glich versucht, ist einerseits die Rahmenbedingungen f&#252;r Kapitalzufluss zu schaffen, gleichzeitig aber auch daf&#252;r zu sorgen, dass die Leute nicht verdr&#228;ngt werden.</p>
<p><em>Was erhofft sich die sozialdemokratische Stadtregierung denn von dieser Aufwertung, warum ist sie politisch gewollt?</em></p>
<p>Wenn Du mit einem/r Repr&#228;sentanten/in der Stadtverwaltung oder so einem/r Quartiers-„ManagerIn“ im Brunnenviertel sprichst, dann werden die sagen: Dieses Viertel ist in einer Krise, wir m&#252;ssen es retten. Wir wollen, dass die besser verdienende urbane Mittelschicht, eine aufstiegsorientierte soziale Formation, in das Viertel zieht. Die Angeh&#246;rigen dieser Schicht mit ihren postfordistischen Wirtschaftsformen und ihren alternativen Lebensstilen geben auf dem Markt mehr Geld f&#252;r teurere Produkte aus. Sie gehen davon aus, das Viertel k&#246;nne ja nur besser und sch&#246;ner werden, wenn kaufkr&#228;ftiges Publikum reinkommt. Insgesamt w&#252;rde die migrantisch gepr&#228;gte, lokale Bev&#246;lkerung davon profitieren. Man k&#246;nne die „Ghettoisierung“ des Brunnenviertels – und noch mal, ich glaube nicht, dass es ein Ghetto ist, aber dieses moralische Argument wird bewusst eingesetzt – aufbrechen, indem man da eine Mittelschicht reintransplantiert. Dass soll dann &#252;ber einen <em>trickle-down</em>-Effekt auch positive Folgen f&#252;r die dort ans&#228;ssige Bev&#246;lkerung haben. Im Endeffekt sind das <em>reagonomics</em>: Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut. Das sehe ich sehr kritisch.<br />
Auch das Argument, der „Ghettoisierung“ m&#252;sse soziale Durchmischung entgegen gesetzt werden, geht meiner Ansicht nach nicht auf: Nur die Nachbarschaft alleine garantiert noch keine soziale Durchmischung. Das ist ja auch das Faszinierende am Brunnenviertel, dass sich dort eine neue soziale Formation ihren Platz nimmt und ganz andere Repr&#228;sentationsmodi einbringt. Damit kann die bestehende Bev&#246;lkerung oft nicht so viel anfangen. Es kommt zu Parallelph&#228;nomenen wie z.B. am Yppenplatz, wo der westliche Teil, wo die Fu&#223;ballk&#228;fige stehen, stark in t&#252;rkischer Hand ist, w&#228;hrend der andere Teil, der Latte-Machiato- und Bioteil, in der Hand der Zuz&#252;gler ist. Wo passiert da die Durchmischung? Die passiert h&#246;chstens mal im Konsum, wenn sich einE Falter-LeserIn einen Kebab holt, aber sonst? Die Durchmischung, die von der Stadt Wien versprochen wird, die sich aber dann nur selten erf&#252;llt, die m&#252;sste eigentlich von den neuen BewohnerInnen unter politischen Vorzeichen forciert werden. Das ist f&#252;r mich die Herausforderung, in einem Viertel zu wohnen, das die Stadtv&#228;ter f&#252;r die Gentrifizierung auserkoren haben.</p>
<p><em>Sind Argumente wie Trickle-down-Effekt oder soziale Durchmischung in Zeiten, in denen die Mehrheit der Bev&#246;lkerung mit &#246;konomischer und sozialer Prekarisierung konfrontiert ist, nicht ohnehin absurd? M&#252;ssten Aufwertungsprozesse nicht grade jetzt gestoppt und politisch eine De-Kommodifizierung von Wohnraum durchgesetzt werden?</em></p>
<p>Dass die Einkommensschere auseinandergeht, ist unter kritischen SozialwissenschaftlerInnen ein Allgemeinplatz. Wir sind mit dem Ph&#228;nomen konfrontiert, dass der Verdienst der meisten Menschen stagniert, w&#228;hrend die Mieten steigen. Sie m&#252;ssen deshalb relativ gesehen immer mehr Geld f&#252;r ihren Wohnraum aufwenden. Gerade der steigende Anteil derer, die unter prek&#228;ren Arbeitsbedingungen besch&#228;ftigt sind, die nur mehr &#252;ber wenig Lohn verf&#252;gen, ist eigentlich auf ein Angebot von Substandardwohnungen angewiesen. Dagegen argumentiert z. B. Wolfgang F&#246;rster, der Leiter des Referats Wohnbauforschung der Stadt Wien, es sei zynisch zu sagen: Wir m&#252;ssen den miesen Substandard erhalten, damit die Leute eine billige Wohnm&#246;glichkeit haben. Ich verstehe das Argument, aber das Problem ist: F&#246;rster ist Protagonist einer Stadtplanung, die den Substandard aufwertet, ohne die negativen Folgen dieser Aufwertung verhindern zu k&#246;nnen.<br />
Ich bin der Meinung, dass der Wohnraum eine Umverteilungsfunktion &#252;bernehmen muss, dass Wohnraum &#252;berhaupt aus der Kommodifizierung rausgenommen werden sollte, wie es das Rote Wien auch immer propagiert hat. Stattdessen hat gerade der &#246;ffentliche Wohnsektor seit 2000 einen Neoliberalisierungs- und Kommodifizierungsschub erhalten. 2000 gab es eine Revision der staatlichen Gesetzgebung, bei der die M&#246;glichkeit geschaffen wurde, dass Wohnbaugenossenschaften Wohnraum im Gemeindeeigentum auf dem freien Markt verkaufen k&#246;nnen. Es entstanden neue PPP-Konstellationen. Damit kehrte endg&#252;ltig die Logik des freien Marktes in den Sektor des &#246;ffentlichen Wohnbaus zur&#252;ck. Das f&#252;hrte zu einer Reduktion der &#246;ffentlichen Wohnbaut&#228;tigkeit, auch um die Mietpreise hoch zu treiben, weil das nat&#252;rlich im Interesse des Privatkapitals ist. Gleichzeitig investiert die &#246;ffentlichen Hand seit 2000 sehr viel Geld in repr&#228;sentative Gro&#223;projekte, die v. a. auf die urbane Mittelklasse ausgerichtet sind, wie z. B. der Bau von Zaha Hadid neben der Wirtschaftsuniversit&#228;t oder diese Gartenstadt in Ottakring. Die ist ein <em>Partnership </em>zwischen der Stadt Wien und der Ottakringer Brauerei und ber&#252;cksichtigt &#246;kologische und intrasoziale Faktoren. Die Wohnatmosph&#228;re ist dort sicher auch ganz toll, aber es stellt sich die Frage: F&#252;r wen wird gebaut? Sicher nicht mehr f&#252;r die Leute, die von den Gemeindebauten der 1960er, -70er und auch noch -80er Jahren profitiert h&#228;tten. Da wohnen eher kreative Leute aus dem gehobenen Dienstleistungssektor und der Mittelklasse. Dieselbe neue, urbane, gr&#252;n-rote Elite, die stark international verkn&#252;pft und sozial h&#246;chst mobil ist und &#252;ber ein hohes soziales und kulturelles Kapital verf&#252;gt, die sich mit Unterst&#252;tzung der Stadt Wien etwa auch in den sanierten Altbauten im Innerg&#252;rtel-Bereich niedergelassen hat. </p>
<p><em>Warum wehrt sich hier eigentlich niemand, wenn kaum mehr neuer Wohnraum f&#252;r untere Einkommensschichten geschaffen und gleichzeitig im Zuge von Gentrifizierungsprozessen der letzte g&#252;nstige Wohnraum zu Tode saniert wird?<br />
</em><br />
Man muss sich tats&#228;chlich wundern, wieso in Wien sowenig passiert. In Berlin brennen in den Gentrifizierungs-Hotspots seit f&#252;nf Jahren die Autos. Ich finde das nicht besonders progressiv, aber es ist doch Ausdruck der Wut &#252;ber Gentrifizierung. Dass es so etwas in Wien nicht gibt, liegt glaube ich auch daran, dass es hier eine spezifische, extrem effektive Form der <em>Governance </em>gibt: Das Gr&#228;tzel-Management. Stadterneuerungsma&#223;nahmen werden hier immer von gouvernementalen Kontrollmechanismen begleitet. Dort, wo Reibereien entstehen k&#246;nnten, steht das Gr&#228;tzel-Management bereit, um den sozialdemokratischen Schiedsrichter zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Kapital und BewohnerInnen zu spielen. Dass z. B. das Conwert-Projekt so friedlich ablief, w&#228;re ohne ein intensives Gr&#228;tzel-Mangagement nie m&#246;glich gewesen.</p>
<p><em>Abschlie&#223;end noch eine Frage, die man sich immer stellt, wenn man selbst in einem Viertel wohnt, das aufgewertet wird, und als StudentIn oder KulturschaffendeR dabei eine potentielle Pionierrolle einnimmt: Tr&#228;gt man individuelle Verantwortung f&#252;r Gentrifizierung-Prozesse?</em></p>
<p>Es ist faszinierend, dass Anti-Gentrifizierungs-Bewegungen immer von Leuten getragen werden, die selbst potentielle Pionierleistungen &#252;bernehmen. Historisch war es immer schon so, dass die K&#252;nstlerInnen oder &#228;rmere StudentInnen in der Nachbarschaft von ArbeiterInnen gewohnt haben. Die Frage ist nur: Schaust Du dich um, wo Du lebst, setzt Du dich damit auseinander, versucht du was dagegen zu tun? Weist du deine Pionier-Rolle vielleicht auch zur&#252;ck und sagst: Nein, ich m&#246;chte eigentlich kein Kartograph f&#252;r den Kapitalzufluss sein, sondern ich m&#246;chte daf&#252;r k&#228;mpfen, dass so etwas in diesem Viertel nicht passiert – und vor allem nicht wegen mir. Vielleicht kann das auch ein St&#252;ck weit eine moralische Verpflichtung sein. Ich glaube nicht, dass allein die Anwesenheit von K&#252;nstlerInnen oder StudentInnen in traditionellen ArbeiterInnenvierteln einen S&#252;ndenfall darstellt. Ich glaube, dass man sich ansehen muss, wo man lebt, und dann muss man seinen Widerstand genauso lokal leisten wie alle anderen auch.</p>
<p>Danke f&#252;r das Interview.</p>
<p>Jakob Weingartner studierte Soziologie in Wien, Paris und New York und lebt heute in Berlin. Er verfasste seine Diplomarbeit zum Ph&#228;nomen der Gentrifizierung am Beispiel des Brunnenviertels in Wien. Anschlie&#223;end absolvierte er einen Postgraduierten-Studiengang an der Universidad del Cine in Buenos Aires. Aktuell arbeitet er an einem Dokumentarfilm &#252;ber jugendliche BoxerInnen aus den Armenvierteln von Buenos Aires.</p>
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		<title>Migration – Fangfragen f&#252;r das &#8220;rote&#8221; Wien</title>
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		<pubDate>Fri, 07 May 2010 12:31:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>julia</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausgaben]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 11]]></category>
		<category><![CDATA[Migration]]></category>
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		<description><![CDATA[Wien ist eine migrantische Stadt. Die Stadtpolitik reagiert darauf in j&#252;ngerer Vergangenheit mit diversit&#228;tspolitischen Ma&#223;nahmen. Dass diese nichts Grundlegendes an der Ausgrenzung und rassistischen Diskriminierung von MigrantInnen &#228;ndern, zeigen Assimina Gouma, Petra Neuhold, Paul Scheibelhofer und Gerd Valchars von der Forschungsgruppe Kritische Migrationsforschung [KriMi].]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wien ist eine migrantische Stadt. Die Stadtpolitik reagiert darauf in j&#252;ngerer Vergangenheit mit diversit&#228;tspolitischen Ma&#223;nahmen. Dass diese nichts Grundlegendes an der Ausgrenzung und rassistischen Diskriminierung von MigrantInnen &#228;ndern, zeigen <em>Assimina Gouma</em>, <em>Petra Neuhold</em>, <em>Paul Scheibelhofer</em> und <em>Gerd Valchars</em> von der Forschungsgruppe <em>Kritische Migrationsforschung </em>[KriMi].</p>
<p>„Was meint man, wenn man vom ‚Roten Wien‘ spricht?“ ist eine der Fragen des Wiener Einb&#252;rgerungstests, den MigrantInnen seit 2005 bestehen m&#252;ssen, wenn sie die &#246;sterreichische Staatsb&#252;rgerInnenschaft annehmen wollen. Aufs Spiel gesetzt wird der &#246;sterreichische Pass, wenn nicht „Soziale Reformen und Ma&#223;nahmen im sozialistischen Wien der Zwischenkriegszeit“, sondern etwa „Die absolute Mehrheit der SP&#214; im Wiener Gemeinderat“ geantwortet wird. Die Fangfrage spielt dabei mit der M&#246;glichkeit, dass die politischen Machtverh&#228;ltnisse in Wien die Stadt auch heute als „rot“ qualifizieren k&#246;nnten. Diese Antwort ist freilich falsch.</p>
<p>Die Entscheidung der Landesregierung, diese Einb&#252;rgerungsfrage zu stellen, legt den Schluss nahe, dass das Rote Wien der Zwischenkriegszeit f&#252;r das heutige Selbstbild der Stadt weiterhin Relevanz besitzt. Fragen &#252;ber Geschichte und Aktualit&#228;t von Nationalismus und Antisemitismus, &#252;ber <em>Operation Spring</em> und die Kriminalisierung von MigrantInnen, Schwarzen Menschen und Roma werden hingegen nicht gestellt. Die Ausblendung von Wissen &#252;ber Rassismus sowie der Realit&#228;ten von MigrantInnen wird damit zur zynischen Voraussetzung f&#252;r die Erlangung der &#246;sterreichischen Staatsb&#252;rgerInnenschaft.</p>
<p>Der nostalgische Blick der Stadtregierung auf das linke Reformprojekt Rotes Wien <a href="#_edn1" name="edn1"><sup>1</sup></a> verstellt ferner den Blick auf die M&#252;hen der Gegenwart: <em>Diversity Management</em> hei&#223;t das aktuelle Konzept, das nicht nur Ordnung in Migrationsfragen herbeischaffen, sondern auch den kosmopolitischen Willen der Stadt glaubhaft machen soll. Wien will sich dabei im Netzwerk der <em>Global Cities</em><a href="#_edn2">[ii]</a> positionieren. Im Gegensatz zu fr&#252;heren (Integrations-)Konzepten wird „Differenz“ nunmehr nicht abgelehnt, sondern unternehmerisch f&#252;r den Standortvorteil im internationalen Wettbewerb genutzt.</p>
<p>Anhand von vier Themenbereichen, „sozialer Wohnbau“, „Wahlrecht“, „mediale Partizipation und Repr&#228;sentation“ sowie „Sicherheitspolitik“ soll im Folgenden die Wiener Stadtpolitik in Hinblick auf ihre soziopolitische und antirassistische „Integrationsf&#228;higkeit“ gepr&#252;ft werden. Besonderes Augenmerk wird dabei auf Kontinuit&#228;ten, Verschiebungen und Widerspr&#252;che der st&#228;dtischen Regierung von Migration gerichtet. Im Rahmen aktueller diversit&#228;tspolitischer Ma&#223;nahmen wird Migration zwar durchaus als „Wert“ propagiert, doch bleiben kulturalisierende Differenzkonstruktionen – die Unterscheidung zwischen „Wir“ und „Ihnen“, die zwischen „guten“ und „b&#246;sen“ MigrantInnen – genauso erhalten wie die politische Entrechtung der MigrantInnen. Entlang nationalstaatlich formulierter Kalk&#252;le wird bestimmten MigrantInnengruppen dabei „n&#252;tzliche Differenz“ zugeschrieben, die es auszusch&#246;pfen gilt, w&#228;hrend andere Gruppen ins Fadenkreuz kriminalisierender Sicherheitspolitiken geraten.</p>
<p>Wien – Wiege des sozialen Wohnbaus?</p>
<p>Der soziale Wohnbau ist <em>das </em>linke Prestigeprojekt der Stadt Wien. Die Stadt r&#252;hmt sich bis heute f&#252;r die nachhaltige sozialintegrative Wirkung des kommunalen Wohnbaus, durch den Wien, im Gegensatz zu anderen Gro&#223;st&#228;dten, brisanten Stadtentwicklungen wie „Ghettobildung“ entgegengewirkt h&#228;tte.</p>
<p>Wirft man jedoch aus der Perspektive der Migration einen kurzen Blick zur&#252;ck auf die Wohnungsmarktpolitik der Nachkriegszeit, so verliert die hegemoniale Glamourgeschichte des sozialen Wohnbaus schlagartig ihren Glanz. Die Anwerbephase von so genannten Gastarbeitern<a href="#_edn3">[iii]</a> in den 1970er Jahren wurde von der Vorstellung des Rotationsprinzips getragen. So sollten die angeworbenen MigrantInnen nach einigen Monaten oder Jahren – je nach &#246;sterreichischer Arbeitsmarktlage – wieder in ihre „Heimat“ zur&#252;ckkehren. Gesundheitssch&#228;dliche und &#252;berf&#252;llte Barackenhaussiedlungen in der N&#228;he des Arbeitsplatzes erf&#252;llten den Zweck der ArbeitgeberInnen und erschienen f&#252;r die „Gastarbeiter“ angemessen. Der von der Regierung und den Sozialpartnern erdachte Rotationsplan erf&#252;llte sich jedoch nicht. Viele MigrantInnen entschieden sich, in Wien zu bleiben – nicht zuletzt deshalb, weil die L&#246;hne geringer als erwartet ausfielen und f&#252;r den geplanten Aufbau einer neuen Existenz in der alten Heimat nicht ausreichten. Vom Zugang zu Gemeindebauten bis 2006 weitgehend ausgeschlossen<a href="#_edn4">[iv]</a>, waren MigrantInnen dabei auf den privaten Wohnungsmarkt angewiesen.<a href="#_edn5">[v]</a></p>
<p>Das Brunnenviertel – <em>Diversity sells</em>?</p>
<p>Die sich daraus ergebenden Dynamiken lassen sich etwa anhand der Entwicklungen des im traditionellen ArbeiterInnenbezirk Ottakring gelegenen Brunnenviertels nachzeichnen. In den 1970ern zogen besser verdienende ArbeiterInnen zunehmend an den Stadtrand oder in neue Gemeindebauten. ArbeitsmigrantInnen r&#252;ckten in die frei gewordenen, mehrheitlich renovierungsbed&#252;rftigen und bauf&#228;lligen Altbauwohnungen nach, in die – unter anderem aufgrund der Mietpreisbindung – &#252;ber Jahrzehnte nicht investiert wurde. Aus Angst vor „Verslumung“ und „Ghettobildung“ f&#252;hrte die SP&#214; Anfang der 1980er Jahre Halbjahres-Mietvertr&#228;ge ein, die auch die H&#246;he der Miete deregulierten. In der Folge kauften SpekulantInnen Kleinwohnungen auf und vermieteten diese – h&#228;ufig zu dreifachen Mietpreisen und &#252;berteuerten Abl&#246;sen – an MigrantInnen, die von diesem Wohnungssegment abh&#228;ngig waren.<a href="#_edn6">[vi]</a></p>
<p>In den 1990er Jahren sah sich die Stadtregierung aufgrund zunehmender Konflikte mit starkem &#246;ffentlichem Druck konfrontiert. Infolgedessen und einer Entspannungsphase am Wohnungsmarkt setzte sie im Rahmen so genannter sanfter Stadterneuerungen erste „Integrationsma&#223;nahmen“ mit dem Ziel der „gleichm&#228;&#223;igen Verteilung“ und „interkulturellen Vermittlung“. Der Zugang zu Genossenschaftswohnungen wurde erleichtert, alte heruntergekommene Wohnungen saniert und &#252;ber den Wiener Integrationsfonds auch an Nicht-Staatsb&#252;rgerInnen vermittelt.<a href="#_edn7">[vii]</a> Dadurch und durch die Realisierung interkultureller Wohnprojekte sollte eine „Vermischung“ der Stadtbev&#246;lkerung erzielt werden.<a href="#_edn8">[viii]</a> Dar&#252;ber hinaus investierte die Stadt Wien, mitunter in Form EU-gef&#246;rderter Projekte, in die Aufwertung so genannter Problemviertel. So wird beispielsweise „kulturelle Diversit&#228;t“ im Sinne von <em>Diversity sells</em> als „Branding“ und „Imagestrategie“ des Brunnenviertels inszeniert. Unter Einbindung von BewohnerInnen, der St&#228;rkung von Kreativwirtschaft und so genannten ethnischen &#214;konomien wird dem Stadtteil ein gepflegtes und „ungef&#228;hrliches“ Multikulti-Image verliehen und er f&#252;r TouristInnen sowie (inter-)nationale InvestorInnen attraktiv gemacht. Die F&#246;rderung erfolgreicher ethnischer &#214;konomien und die Produktion kommodifizierbarer kultureller Differenz stehen dabei einer Verdr&#228;ngung armer, zumeist migrantischer Bev&#246;lkerungsteile aus dem nunmehr symbolisch und &#246;konomisch aufgewerteten Brunnenviertel gegen&#252;ber.</p>
<p>Wien als offizielle Einwanderungsstadt</p>
<p>Die dargestellten Prozesse geschehen vor dem Hintergrund umfassender Verschiebungen in der Thematisierung von Migration und Integration, die in Wien nunmehr vor allem unter dem Schlagwort des Diversit&#228;tsmanagements stattfinden. Der im Jahr 2002 von der Stadtregierung eingeleitete Paradigmenwechsel hin zu einer integrationsorientierten Diversit&#228;tspolitik f&#252;hrte offiziell zu einer Abkehr der defizitorientierten Integrationspolitik der Vergangenheit zugunsten einer Anerkennung „kultureller Diversit&#228;t“ als „Chance“ und „Potential“. Dadurch soll die internationale Wettbewerbsf&#228;higkeit des Standortes Wien und die daf&#252;r notwendige Aufrechterhaltung des sozialen Stadtfriedens gew&#228;hrleistet werden.</p>
<p>Folgende inhaltliche Eckpunkte gelten daf&#252;r als zentral<a href="#_edn9">[ix]</a>: Ethnische und soziale Konflikte sollen <em>pr&#228;ventiv</em> durch eine bewusste Absage an das in der Vergangenheit in Bezug auf MigrantInnen dominierende Problemdenken bek&#228;mpft werden. Der neue, ganz in der neoliberalen Logik gefangene Denkansatz lautet nun, (individuelle) migrantische Potentiale zu erkennen, zu aktivieren und zu f&#246;rdern, um diese f&#252;r die Stadtentwicklung nutzbar zu machen. Neben Mehrsprachigkeit sollen so etwa auch die transnationalen Netzwerke der MigrantInnen f&#252;r bessere, innovationsorientierte Kontakte der Stadt gen&#252;tzt werden. Durch die Repr&#228;sentation von MigrantInnen in der Verwaltung sowie auf allen st&#228;dtischen Ebenen soll deren Identifikation mit der Stadt verbessert und Desintegrationsprozessen vorgebeugt werden. Die Normalit&#228;t „kultureller Vielfalt“ soll sich so auch im Selbstverst&#228;ndnis Wiens als bekennende Einwanderungsstadt widerspiegeln.</p>
<p><em>Governing through community</em></p>
<p>Dar&#252;ber hinaus gewinnt die Kooperation mit migrantischen Communities insbesondere im Zusammenhang mit der Stadtteilarbeit an Bedeutung. Das aus dem nordamerikanischen Kontext stammende Konzept des <em>governing through community<a href="#_edn10">[x]</a></em> scheint sich demnach auch hierzulande als neue Regierungstechnologie durchzusetzen. So wird von Seiten der Stadtregierung bewusst versucht, Kommunikations- und Kooperationsbeziehungen zu ExpertInnen und VertreterInnen unterschiedlicher MigrantInnenorganisationen aufzubauen, um eine besser kontrollierbare Zusammenarbeit zu erreichen. Dabei werden h&#228;ufig Klassenstrukturen perpetuiert, etwa wenn v. a. erfolgreiche migrantische UnternehmerInnen, deren Erfolgsgeschichten weitere internationale InvestorInnen und UnternehmerInnen anlocken sollen, als f&#246;rderungs- und kooperationsw&#252;rdig betrachtet werden. Indem diese Politik die als legitim erachteten, migrantischen Repr&#228;sentantInnen (die dann auch spezifische „ethnische“ Kriterien erf&#252;llen m&#252;ssen) anruft und einbezieht, st&#228;rkt sie zudem Kulturalisierungs- und (Selbst-) Ethnisierungsprozesse. In MigrantInnen-Communities werden dadurch konservative Kr&#228;fte bef&#246;rdert, w&#228;hrend etwa feministische oder radikal linke Positionen weiter marginalisiert werden.<a href="#_edn11">[xi]</a> Darin zeigt sich, dass Diversit&#228;tspolitik differenzialistische Politik ist. Sie „erschafft“ die Fremdheit, die sie regiert, und differenziert diese in „gute“ und „schlechte“ Alterit&#228;t.</p>
<p>Die neoliberalen Diversit&#228;tsma&#223;nahmen der Stadt zielen vornehmlich darauf ab, die Au&#223;enwirkung der Stadt Wien als offene, vielf&#228;ltige und innovative Weltstadt zu st&#228;rken. Durch den effizienteren Einbezug migrantischer Arbeitskr&#228;fte und die Aussch&#246;pfung des ihnen zugeschriebenen Kreativit&#228;tspotentials sollen au&#223;erst&#228;dtische und internationale Beziehungen gef&#246;rdert werden, um Wien international konkurrenzf&#228;hig zu halten.</p>
<p>Welche rassistischen Bilder von Differenz dieser Politik zugrunde liegen, wie dadurch Rassismen (re-)produziert werden und welche negativen soziokulturellen und politischen Folgen diese Ma&#223;nahmen f&#252;r die Mehrzahl der in Wien lebenden Menschen mit sich bringen, bleibt unber&#252;cksichtigt. Die damit in Verbindung stehende Dethematisierung der Entrechtung von MigrantInnen zeigt sich etwa in der Haltung der Wiener SP&#214; gegen&#252;ber der Forderung des Wahlrechts f&#252;r MigrantInnen.</p>
<p>Antirassistische Feigenbl&#228;tter</p>
<p>Als zentrales Argument gegen eine &#214;ffnung des sozialen Wohnbaus betonte die SP&#214; wiederholt die Bedeutung der Staatsb&#252;rgerInnenschaft, mit deren Verleihung ohnedies s&#228;mtliche Rechte erworben w&#252;rden – die M&#246;glichkeit auf eine Gemeindewohnung ebenso wie jene auf politische Mitsprache, egal auf welcher Ebene. Tats&#228;chlich galt Wien lange Zeit als vergleichsweise liberale Ausnahme im insgesamt restriktiven &#214;sterreich. Die Einb&#252;rgerungsrate lag zumeist deutlich h&#246;her als in den anderen Bundesl&#228;ndern. Auch die daf&#252;r vorgesehenen Geb&#252;hren waren vergleichsweise niedrig.<a href="#_edn12">[xii]</a> Das Argument der M&#246;glichkeit auf eine relativ fr&#252;hzeitige Einb&#252;rgerung diente der SP&#214; dabei als antirassistisches Feigenblatt, um die ihrer repressiven Politik inh&#228;renten Widerspr&#252;che zu verschleiern: Erstens f&#252;hrte ihre Wohnungspolitik nicht nur zu einer &#220;berteuerung der Mietpreise und Wohnungsnot, sondern hatte f&#252;r MigrantInnen zus&#228;tzlich bedrohliche Auswirkungen, weil diese aufenthaltsrechtlich verpflichtet sind, einen Nachweis &#252;ber eine „inl&#228;nderort&#252;bliche Unterkunft“ zu erbringen. Gerade die Stadt Wien war lange Zeit f&#252;r ihre &#228;u&#223;erst restriktive Vollzugspraxis dieser aufenthaltsrechtlichen Bestimmungen bekannt.<a href="#_edn13">[xiii]</a> Zweitens steht der vermeintlichen Offenheit in der Frage der Einb&#252;rgerung die tr&#228;ge und verhindernde Rolle der Wiener SP&#214; in Bezug auf die Durchsetzung des Wahlrechtes auf Bezirksebene gegen&#252;ber.</p>
<p>So ist zwar in den aktuellen diversit&#228;tsorientierten Papieren der Stadtregierung von Teilhabechancen und Gleichberechtigung die Rede. Diese Verlautbarungen bleiben jedoch vage und unkonkret. Verl&#228;sst man &#252;berdies die Ebene der sch&#246;nen Worte und begibt sich auf jene der Rechte und hier insbesondere der politischen, erscheint eine un&#252;bersehbare Leerstelle.</p>
<p>(K)ein Wahlrecht auf Bezirksebene</p>
<p>&#220;ber Jahre hinweg wurde das Thema der politischen Mitbestimmung von MigrantInnen in der Stadt ignoriert, darauf folgte eine Phase der politischen Pattstellung, die nach einem kurzen Moment der &#214;ffnung und des Scheiterns wiederum zur heute herrschenden Ausblendung des Themas f&#252;hrte.</p>
<p>W&#228;hrend beispielsweise in St&#228;dten in Schweden seit 1975, in D&#228;nemark und Norwegen seit Anfang der 1980er Jahre und in den Niederlanden seit 1985 Nicht-Staatsb&#252;rgerInnen aktiv und passiv wahlberechtigt waren und so die kommunale Politik mitbestimmen konnten, war die Frage migrantischer Mitbestimmung in &#214;sterreich bis Ende der 1990er Jahre politisch kein Thema. Selbst der Beitritt zur Europ&#228;ischen Union und die dadurch notwendig gewordene Verfassungs&#228;nderung und &#214;ffnung des Wahlrechts f&#252;r EU-B&#252;rgerInnen auf Gemeinde- und in Wien auf Bezirksebene wurden nicht f&#252;r eine ernsthafte Diskussion &#252;ber die Frage der politischen Mitbestimmung jenseits der Staatsangeh&#246;rigkeit genutzt.</p>
<p>Erst als Graz und Linz 1995 bzw. 1996 – 25 und mehr Jahre nach zahlreichen vergleichbaren europ&#228;ischen St&#228;dten – so genannte Ausl&#228;nderbeir&#228;te einf&#252;hrten, die – von der migrantischen Bev&#246;lkerung direkt gew&#228;hlt –, als beratende Organe f&#252;r die Kommunalpolitik fungieren sollten, erh&#246;hte sich auch der Druck auf die politischen Parteien in Wien. Ende der 1990er Jahre sprachen sich die Wiener SP&#214; und &#214;VP schlie&#223;lich ebenfalls f&#252;r eine solche Beiratsl&#246;sung und damit gegen eine tats&#228;chliche Mitbestimmung in Form eines Wahlrechts f&#252;r Drittstaatsangeh&#246;rige aus. Die Volkspartei kn&#252;pfte ihre Zustimmung jedoch an die &#214;ffnung der Gemeindewohnungen f&#252;r Nicht-Staatsangeh&#246;rige; eine Forderung, die zwar in keinem Zusammenhang mit der Einf&#252;hrung eines Beirates stand, die aber von der SP&#214; zu diesem Zeitpunkt abgelehnt wurde und so zu einer erfolgreichen gegenseitigen Blockade der damaligen Koalitionsparteien genutzt werden konnte.<a href="#_edn14">[xiv]</a></p>
<p>Unerwartete Dynamik schafften erst die Gemeinderatswahlen im Fr&#252;hling 2001, in deren Vorfeld sich die SP&#214; pl&#246;tzlich f&#252;r eine &#214;ffnung des Wahlrechts aussprach. Der Grund f&#252;r diesen Meinungsumschwung innerhalb der Wiener SP&#214; ist wohl auf Bundesebene zu finden: Die Wiener Wahlen fanden genau ein Jahr nach Bildung der rechtskonservativen Bundesregierung von FP&#214; und &#214;VP statt. W&#228;hrend zu erwarten war, dass die FP&#214; erneut einen rassistischen Wahlkampf f&#252;hren w&#252;rde, war der SP&#214; einerseits daran gelegen, sich selbst als Gegengewicht zur traditionell migrations- und migrantInnenfeindlichen FP&#214; zu inszenieren und andererseits die Stadt Wien unter ihrer F&#252;hrung als liberales Gegenkonzept zur rechtskonservativen Bundesregierung zu positionieren.<a href="#_edn15">[xv]</a> Am anderen Ende des politischen Spektrums bauten die Gr&#252;nen, die das Thema Wahlrecht erst auf die politische Agenda gesetzt hatten, Druck auf; zudem vereinigten sich einige NGOs zu einer Aktionsplattform und thematisierten den wahlrechtlichen Ausschluss &#246;ffentlichkeitswirksam im Stile einer Wahlkampagne.<a href="#_edn16">[xvi]</a></p>
<p>Das Wahlergebnis (die FP&#214; verlor, die SP&#214; konnte die absolute Mandatsmehrheit zur&#252;ckgewinnen) wurde als Absage der W&#228;hlerInnen an den politischen Rassismus gefeiert und lie&#223; der SP&#214; pl&#246;tzlich keine andere M&#246;glichkeit mehr, als die &#214;ffnung des Wahlrechts, die Teil ihres Wahlprogramms geworden war, tats&#228;chlich umzusetzen – zumal ihnen auch das Argument eines unwilligen Koaltitionspartners abhanden gekommen war.</p>
<p>Daraus resultierte jenes Gesetz, das im Dezember 2002 im Wiener Landtag mit den Stimmen von SP&#214; und Gr&#252;nen beschlossen worden war und im Juni 2004 vom Verfassungsgerichtshof nach einem Antrag von &#214;VP und FP&#214; wieder aufgehoben wurde. Neben EU-B&#252;rgerInnen sollten nach einem Aufenthalt von f&#252;nf Jahren auch Drittstaatsangeh&#246;rige in den Bezirken aktiv und passiv wahlberechtigt sein. Das H&#246;chstgericht glaubte jedoch ausgerechnet in der Ausweitung des Wahlrechts einen verfassungswidrigen Versto&#223; gegen das demokratische Grundprinzip zu erkennen und hob das Gesetz wieder auf.<a href="#_edn17">[xvii]</a></p>
<p>Der gescheiterte Versuch scheint im Nachhinein ein ausgeblendeter Moment der Wiener Politik zu sein. Weder wurde an eine Ersatzl&#246;sung durch das zuvor pr&#228;ferierte und ohnedies d&#252;rftige Beiratsmodell gedacht, noch die Einf&#252;hrung des (kommunalen) Wahlrechts f&#252;r Drittstaatsangeh&#246;rige durch eine Verfassungs&#228;nderung auf Bundesebene vorangetrieben, wo die SP&#214; seit 2007 immerhin wieder als stimmenst&#228;rkste Partei in der Regierung vertreten ist. Im Gegenteil: Das Thema verharrt wie schon in den Jahren zuvor erneut in einer Phase der Ignoranz.</p>
<p>Demzufolge bedeutet die nunmehr vorangetriebene integrationsorientierte Diversit&#228;tspolitik in diesem Bereich keinen Bruch mit der Integrationspolitik der Vergangenheit. Vielmehr setzt diese die Beibehaltung der gezielten Entrechtung und der damit verbundenen Hierarchisierung der MigrantInnen unter neoliberalen Vorzeichen fort.</p>
<p>MigrantInnen im ORF</p>
<p>Das bereits erw&#228;hnte Beispiel des Brunnenviertels zeigt aktuell, wie Diversit&#228;tspolitik st&#228;dtischen Raum nach neoliberalen Kriterien transformiert und infolge weniger leistbar f&#252;r &#228;rmere MigrantInnen macht. Sie m&#252;ssen daraufhin in Stadtteile, in denen das <em>Diversity</em>-Konzept noch nicht erfolgreich war, ausweichen. In der Medienlandschaft setzt sich das Konzept eines Multikulturalismus ohne MigrantInnen<a href="#_edn18">[xviii]</a> fort. Medien in &#214;sterreich sind vor allem dann erfolgreich, wenn sie eine nationalistische Ausrichtung haben (siehe z.B. <em>&#214;sterreich</em>, <em>Neue Kronen Zeitung</em> usw.). Das Mediensystem bleibt so gr&#246;&#223;tenteils resistent gegen&#252;ber der Sichtbarkeit von MigrantInnen als Medien-AkteurInnen. Noch l&#228;sst sich das Argument <em>Diversity sells</em> in der Medienwelt auf der Seite der AussagenproduzentInnen schwer umsetzen, weil der mehrheitlich akzeptierte, publikumswirksame Typus MigrantIn (akzentfrei, sichtbar, exotisch aber &#246;sterreichisch) noch nicht klar definiert bzw. noch nicht konstruiert wurde.</p>
<p>W&#228;hrend MigrantInnen in den Mainstream-Medien vor allem als Schlagzeilen teilhaben d&#252;rfen, beschr&#228;nkt die Stadt das Projekt mediale Diversit&#228;t auf die eigene &#214;ffentlichkeitsarbeit und die daf&#252;r produzierten Medien: „Die Medien der Stadt bilden die Zuwanderungsrealit&#228;t ab und zeigen mit ihrer Bildsprache und Themensetzung, wie sehr sich Wien durch Migration und internationale Mobilit&#228;t ge&#228;ndert hat.“<a href="#_edn19">[xix]</a> Dennoch &#228;ndert sich nichts daran, dass die Bem&#252;hungen der MigrantInnen, sicht- und h&#246;rbar zu werden, marginalisiert bleiben: zwar wurde im Sinne der Stadtpolitik etwa f&#252;r die Redaktion des popul&#228;ren ORF-Stadtmagazins <em>Wien heute</em> lange im ORF-Assessment-Center nach diversit&#228;ts-tauglichen MigrantInnen gesucht. Nach einigen Pannen stellte <em>Wien heute</em> schlie&#223;lich die Journalistin Eser Akbaba 2009 als Wettermoderatorin ein:  MigrantInnen werden auf ein Ressort verwiesen, dessen Inhalt politisch irrelevant ist. Dieses Dilemma zwischen <em>Diversity</em>-Zelebrierung und gesellschaftlichem bzw. strukturellem Rassismus spitzt sich beim ORF angesichts des &#246;ffentlich-rechtlichen Auftrages zu. Seine gesetzliche Pflicht, antirassistisch zu handeln, verlagert der ORF lieber in Aktionen abseits des eigenen Programms, z. B. den ausgerufenen „&#214;sterreichischen Integrationspreis“. Der ORF selbst ist daf&#252;r kaum ein aussichtsreicher Kandidat. Das hindert ihn aber nicht daran, die Integrationsleistung der „Anderen“ einzufordern.</p>
<p>Kreative Spielpl&#228;tze</p>
<p>Die gesellschaftliche Verantwortung, gegen rassistische Medienstrukturen vorzugehen, verlagert sich angesichts dessen immer mehr auf alternativ-partizipative Medien. Im Rahmen der lokalen Medienprojekte <em>Radio Orange </em>und <em>Okto </em>ergreift eine Reihe von MigrantInnen-Gruppen und Organisationen die Chance, Radio- und TV-Inhalte in unterschiedlichen Sprachen zu produzieren. Die Bereitschaft der Stadtregierung, <em>Radio Orange </em>und vor allem <em>Okto </em>mit F&#246;rderungen zu unterst&#252;tzen, steht im krassen Gegensatz zur Pr&#228;senz und zum Zugang der MigrantInnen in Redaktionen wie <em>Wien heute</em>. Dieser Kontrast deutet auf die Instrumentalisierung der partizipativen Medien als „kreative Spielpl&#228;tze“ seitens der Stadtregierung hin, um migrantische Anliegen au&#223;erhalb des Mainstreams zu befrieden. Integration als „living in harmony“ wurde medial outgesourced.</p>
<p>Die Bem&#252;hungen und Strategien der Stadt, Medien f&#252;r MigrantInnen attraktiv zu machen, h&#228;ngen auch mit der Notwendigkeit, migrantisches Publikum zu regieren, zusammen. Das <em>Diversity</em>-Konzept wird erst dann hegemonial, wenn die gesellschaftlichen AkteurInnen – MigrantInnen oder nicht – die „richtigen“ Differenzen im Alltag und in der &#214;ffentlichkeit produzieren und verbreiten. Um dieses Wissen zu vermitteln, m&#252;ssen MigrantInnen auch medial an die Ziele der Stadt gebunden werden. Die technologischen Mittel machen aber die mediale Unabh&#228;ngigkeit von MigrantInnen nicht nur denkbar, sondern auch sichtbar: Die Dichte der Satellitensch&#252;ssel im &#246;ffentlichen Bild wurde zum untr&#252;glichen Zeichen migrantischen Raums. Der politische Reflex auf die Zunahme der Satellitensch&#252;sseln im &#246;ffentlichen Raum bestand darin, den „ewigen Ghettodiskurs“<a href="#_edn20">[xx]</a> und damit die Metapher der „Medien-Ghettos“ als Kontrast zum <em>Global-Cities</em>-Bekenntnis auf die politische Agenda zu setzen.</p>
<p>Migrantische Gegen&#246;ffentlichkeiten</p>
<p>Der Druck zur „medialen Integration“ von MigrantInnen wurde in Wien unterschiedlich aufgegriffen. Politische Medienprojekte wie <em>STIMME von und f&#252;r Minderheiten<a href="#_edn21">[xxi]</a> </em>arbeiten abseits des Integrationsimperativs und zielen auf die Bereitstellung von alternativen Gegen&#246;ffentlichkeiten. Die Gr&#252;ndung der MigrantInnenorganisation <em>M-MEDIA<a href="#_edn22">[xxii]</a> </em>ging mit dem Anliegen einher, Mainstream-Medien und die Berichterstattung &#252;ber Migration und MigrantInnen aktiv mitzugestalten. Gegen die „moralische Integrationskeule“ stellt sich auch das Wiener Stadtmagazin <em>biber<a href="#_edn23">[xxiii]</a></em>, das sich in seinem Selbstverst&#228;ndnis der Vermittlung und Reflexion eines neuen st&#228;dtischen Lebensgef&#252;hls verschreibt. In der Berichterstattung &#252;berwiegt aber die bereichernde Funktion der MigrantInnen f&#252;r die Stadt der Zukunft.</p>
<p>Die drei hier exemplarisch angef&#252;hrten migrantischen Medienprojekte verfolgen unterschiedliche Ziele, verwerfen oder &#252;bernehmen Deutungsmuster – wie jene der <em>Diversity</em>-Stadt – der Wiener Migrationspolitik. Sie produzieren Gegen&#246;ffentlichkeiten, die von unterschiedlicher Distanz zu dominanten Konzepten gekennzeichnet sind: &#196;hnlich wie die Mediennutzung sind auch die Medien der MigrantInnen nicht „ethnisch“, sondern von der sozialen Verortung bestimmt.<a href="#_edn24">[xxiv]</a></p>
<p>Migrantische Initiativen k&#246;nnen jedoch nur eingeschr&#228;nkt die Herstellung einer egalit&#228;ren bzw. emanzipatorischen &#214;ffentlichkeit unterst&#252;tzen. Gr&#252;nde hierf&#252;r lassen sich nicht nur in den dominanten politischen Strukturen und den AkteurInnen finden, sondern auch in den Medien des Mainstreams, welche die hegemonialen gesellschaftlichen Positionen verbreiten. Im Fall der &#246;sterreichischen Medienlandschaft spitzt sich dieser Umstand aufgrund der starken Konzentration weiter zu. Der Dominanz der <em>Neuen Kronen Zeitung</em> und ihrer F&#228;higkeit, rassistische Diskurse gegen&#252;ber „Ausl&#228;nderInnen“ zu st&#252;tzen und zu vervielf&#228;ltigen, setzt die Stadt kaum etwas entgegen. Dabei geht es nicht nur um eine strukturelle Schw&#228;che, sondern auch um die politische Festlegung der Stadt auf Diversit&#228;t: Das <em>Diversity</em>-Konzept orientiert sich an den rassistischen Diskursen des Mainstreams, indem es „Differenzen“ l&#246;sungsorientiert aufarbeitet und damit nach neuen Kriterien reproduziert.</p>
<p>Struktureller Rassismus in der multikulturellen Stadt</p>
<p>So sehr es im Rahmen aktueller Diversit&#228;tsdiskurse also zur selektiven Zelebrierung von Migration als <em>Asset</em> f&#252;r die moderne, weltoffene Stadt kommt, so wenig geht damit eine umfassende Durchsetzung antirassistischer Politiken einher. W&#228;hrend „Fremdenfeindlichkeit“ und „Vorurteile“ durchaus nachdr&#252;cklich angeprangert werden (nicht zuletzt, weil dadurch wichtiges „Potential“ f&#252;r die Stadt verloren ginge), bleiben strukturelle Rassismen (im Fremdenrecht, am Arbeitsmarkt, im Schulsystem, etc.) unthematisiert und werden antirassistische Gruppen und Vereine wie etwa AFRA (<em>International Center for Black Women’s Perspectives</em>)<a href="#_edn25">[xxv]</a> oder ZARA (<em>Zivilcourage und Anti-Rassismusarbeit</em>)<a href="#_edn26">[xxvi]</a> durch mangelnde F&#246;rdergelder permanent in ihrer Existenz bedroht.</p>
<p>Die differenzialistische Diversit&#228;tspolitik unterscheidet in „gute“ und „schlechte“ Alterit&#228;t. W&#228;hrend sie Erstere f&#246;rdern will, verspricht sie eine entschlossene Gangart im Umgang mit Zweiterer. Das tut sie einerseits durch aktivierende und p&#228;dagogisierende Ma&#223;nahmen (Deutschkurse f&#252;r M&#252;tter, interkulturelle Jugendarbeit, etc.) f&#252;r jene, denen – trotz ihnen angelasteter problematischer „Eigenarten“ – ein Recht auf Teilhabe sowie die F&#228;higkeit, „sich zu entwickeln“, zugesprochen wird. Vor dem Hintergrund umfassender Kriminalisierung einzelner MigrantInnengruppen bedient man sich andererseits im Umgang mit „schlechter Fremdheit“, ganz im Einklang mit breiteren <em>law and order</em>-Politiken der autorit&#228;ren Stadt, der Mittel von &#220;berwachung und Bestrafung.</p>
<p>Rassistische Polizeistrategien</p>
<p>W&#228;hrend diesbez&#252;gliche Diskurse aktuell besonders auf muslimische MigrantInnen und das Schreckgespenst „Moschee“ als vermeintlichen Gefahrenort abzielen, zeigt sich die kriminalisierende Praxis massiv im Zusammenhang mit in Wien lebenden Menschen afrikanischer Herkunft. Diese stehen seit l&#228;ngerem im Fadenkreuz repressiver Ma&#223;nahmen, die v.a. im Namen der Drogenbek&#228;mpfung durchgef&#252;hrt und legitimiert werden. Polizeiliche Ma&#223;nahmen, wie etwa die im Mai 1999 durchgef&#252;hrte <em>Operation Spring<a href="#_edn27">[xxvii]</a></em> k&#246;nnen dabei nicht losgel&#246;st von den K&#228;mpfen der Schwarzen Communities gesehen werden. Die erstarkende Vernetzung unter den Communities manifestierte sich (kurz vor der medial gro&#223; inszenierten „Operation“) im M&#228;rz 1999 im Rahmen der Demonstration „Stoppt den Rassistischen Polizeiterror“ in Wien, auf der gegen polizeiliche Gewalt an Schwarzen Menschen, die etwa im Fall von Ahmed F. oder Marcus Omofuma t&#246;dlichen Ausgang hatte, protestiert wurde. Polizeiaktionen wie <em>Operation Spring</em> (oder die Wiener <em>SoKo Jambo</em> und die <em>Aktion Herbstblatt</em>), verfolgten immer auch die Funktion, diese politische Mobilisierung Schwarzer Communities zu unterbrechen und zu delegitimieren.<a href="#_edn28">[xxviii]</a></p>
<p>Von Seiten der Wiener Migrations- und Integrationsbeauftragten oder gar des B&#252;rgermeisters pers&#246;nlich gab es trotz mehrfacher polizeilicher &#220;bergriffe noch nie ein klares Votum gegen strukturellen Rassismus im Polizeiapparat. Zu gut funktioniert offensichtlich die Kriminalisierungsstrategie, die im Rahmen des dominanten „moralischen Antirassismus“<a href="#_edn29">[xxix]</a> dazu f&#252;hrt, dass MigrantInnen ihren Status als „legitime Opfer“, denen es zu helfen gilt, verlieren.</p>
<p>Auf Basis dieser Kriminalisierungslogik kann die sich multikulturell gebende Stadtregierung auch ohne Imageverlust weitere Regelungen umsetzen, welche die Verf&#252;gungsgewalt der Polizei &#252;ber MigrantInnen ausweiten. So wurde etwa am 26. M&#228;rz dieses Jahres auf Initiativantrag der Wiener SP&#214; (und mit den Stimmen von &#214;VP und FP&#214;) eine Versch&#228;rfung der Gesetzgebung zum Betteln auf Wiens Stra&#223;en durchgesetzt. Neben schon bestehenden Verboten (z.B. von „aggressivem und aufdringlichem“ oder „organisiertem“ Betteln) ist nunmehr auch das „gewerbsm&#228;&#223;ige Betteln“ unter Geld- bzw. Haftstrafe gestellt. Die Versch&#228;rfung steht damit in einer Reihe von st&#228;dtischen Ma&#223;nahmen (z. B. der Ausrufung so genannter Schutzzonen), die es erleichtern, unterschiedliche marginalisierte Personengruppen zu kriminalisieren und aus dem &#246;ffentlichen Raum zu verdr&#228;ngen.</p>
<p>W&#228;hrend die rassistische Logik solcher Ma&#223;nahmen durch den Sicherheitsdiskurs &#252;berdeckt werden kann, zeigt sich, dass eine v&#246;llige Verschleierung dieser, gegen MigrantInnen gerichteten Effekte gar nicht n&#246;tig (oder gewollt) ist. So wurde etwa im Rahmen der Anti-Bettel-Gesetzesnovelle von SP&#214;-Seite offen auf die Gefahr von „Bettelmafias aus dem Osten“ verwiesen, die man mit dem neuen Gesetz verst&#228;rkt bek&#228;mpfen k&#246;nne. Diese Strategie erm&#246;glicht es der SP&#214;, ein Image der toleranten Weltoffenheit zu bewahren und gleichzeitig den von der FP&#214; angef&#252;hrten rassistischen Sicherheitsdiskurs zu bedienen, um auch rechtes W&#228;hlerInnenpotential anzusprechen.</p>
<p>Migration als Fangfrage f&#252;rs „Rote Wien“</p>
<p>Die Stadt Wien proklamiert, Migration und Differenz heute nicht mehr als Problem, sondern als Potential zu verstehen. Im Sinne neoliberaler Verwertungslogiken erscheint <em>Diversity</em> als Standortfaktor im globalen Konkurrenzkampf der St&#228;dte und soll von aktivierenden Politiken gef&#246;rdert werden. Anhand der vorgestellten Bereiche zeigen sich zwar stadtpolitische Ver&#228;nderungen: Wien bekennt sich zunehmend als Einwanderungsstadt. Den MigrantInnen vormals negativ zugeschriebene „Differenzen“ werden als Motor f&#252;r die Stadt oder f&#252;r einzelne Viertel wie dem Brunnenviertel umgedeutet. Auch in den Medien setzt sich das Pochen auf eine sichtbare Pr&#228;senz der MigrantInnen als kosmopolitischer Zeitgeist und antirassistisches Aush&#228;ngeschild durch. Gleichzeitig werden anhand der Geschichte der bis heute andauernden Exklusion aus dem sozialen Wohnbau, den abgew&#252;rgten Wahlrechtsdebatten und der Kooption medialer Gegen&#246;ffentlichkeiten sowie der insbesondere gegen rassifizierte und arme Subjekte gerichteten, technisch aufger&#252;steten Sicherheitspolitik deutlich, dass Ausgrenzung und Rassismus als zentrale Aspekte von Wiener Stadtgeschichte und -politik erkannt werden m&#252;ssen. W&#228;hrend Rassismus nicht losgel&#246;st von migrantischen K&#228;mpfen gegen Rassismus, Entrechtung und Marginalisierung gesehen werden kann, erm&#246;glicht die dominante <em>Diversity</em>-Diktion eine Verschiebung der Auseinandersetzungen auf Fragen von Kultur und Anerkennung. Der Fokus wird dabei auf Fragen der Einsch&#228;tzung, Bewertung und Behandlung kultureller Differenz gerichtet. &#214;konomische Verh&#228;ltnisse sowie handfeste politische Rechte k&#246;nnen dadurch von der Agenda genommen werden. Entrechtung, &#220;berwachung und Bestrafungspolitiken k&#246;nnen als widerspruchsfrei zu Diversit&#228;tspolitiken gefasst und im Namen der Sicherheit vorangetrieben werden. Durch das Sichtbarmachen von Entrechtung und Marginalisierung der MigrantInnen werden also antirassistische Fangfragen an das heutige Rote Wien gestellt. Diese kann die dominante Diversit&#228;tspolitik nur falsch beantworten.</p>
<p>Die AutorInnen – K&#252;rzen</p>
<p>Assimina Gouma, Studium der Kommunikationswissenschaft und Kultur- und Sozialanthropologie/Neogr&#228;zistik in Wien, war Soziologie-Scholarin am Institut f&#252;r H&#246;here Studien und ist derzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin in Ausbildung im Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universit&#228;t Salzburg.</p>
<p>Petra Neuhold, Studium der Soziologie und Geschichte in Graz und Poitiers, war Assoziierte am Center for Metropolitan Studies/Transnationales Graduiertenkolleg Berlin-New York und Visiting Scholar an der University of Toronto, derzeit Doktorandin am Institut f&#252;r Soziologie an der Universit&#228;t Wien.</p>
<p>Paul Scheibelhofer, Studium der Soziologie in Wien und Amsterdam, Doktorand an der Central European University, Gender Studies Department, lehrt an den Universit&#228;ten Wien, Graz und Innsbruck. Forschungsschwerpunkte: Migrations- und Rassismusforschung, Geschlechterforschung und kritische M&#228;nnlichkeitsforschung.</p>
<p>Gerd Valchars, Studium der Politikwissenschaft in Wien und Toronto sowie Publizistik und Kommunikationswissenschaft in Wien, Doktorand an der Universit&#228;t Wien und Lehrveranstaltungsleiter am Institut f&#252;r Staatswissenschaft der Universit&#228;t Wien. Forschungsschwerpunkte: &#214;sterreichische Regimelehre, Citizenship, Migrationsforschung.</p>
<p>Die AutorInnen sind Mitglieder der Forschungsgruppe [KriMi] Kritische Migrationsforschung.</p>
<p><a name="_edn1" href="#edn1">1</a> Auch im Roten Wien der Zwischenkriegszeit war der Umgang mit Migration widerspr&#252;chlich. Die SozialdemokratInnen forderten zum Teil den freien Zugang f&#252;r ArbeitsmigrantInnen, aber das nationalistisch-protektionistische Denken setzte sich auch innerhalb der Partei gegen die internationalistische Ausrichtung durch. (vgl. John, Michael: Organisationsformen der Wanderminorit&#228;ten: &#214;sterreich 1867-1925, in: Groppo, Bruno/Schindler, Christine (Hg.): Arbeiterbewegung und Migration. Internationale Tagung der Historikerinnen und Historiker der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung, Tagungsberichte, Wien 1996) 1925 wurde dann das Inl&#228;nderbesch&#228;ftigungsgesetz beschlossen. Damit wurde ein Startpunkt f&#252;r die Illegalisierung der Migration durch den beschr&#228;nkten Zugang zu Arbeit gesetzt, der die Migrationspolitik bis heute pr&#228;gt.</p>
<p><a href="#_ednref">[ii]</a> Vgl. Sassen, Saskia: Cities in a World Economy, Thousand Oaks, London, New Delhi 1994</p>
<p><a href="#_ednref">[iii]</a> Wir verwenden hier bewusst die m&#228;nnliche Form, um auf die Vergeschlechtlichung des Diskurses &#252;ber „Gastarbeiter“ hinzuweisen.</p>
<p><a href="#_ednref">[iv]</a> Bis heute m&#252;ssen Drittstaatsangeh&#246;rige einen durchgehend legalen Aufenthalt von mehr als f&#252;nf Jahren vorweisen, um Anspruch auf eine Gemeindebauwohnung zu erhalten. Eine tats&#228;chliche &#214;ffnung des Gemeindebaus erfolgte daher trotz der Umsetzung der EU-Richtlinie 2006 nicht.</p>
<p><a href="#_ednref">[v]</a> vgl. Reeger, Ursula/Kohlbacher, Josef: Die Wohnsituation von Ausl&#228;nderInnen in &#214;sterreich, in: Fassmann, Heinz/ Stacher Irene (Hg.): &#214;sterreichischer Migrations- und Integrationsbericht. Demographische Entwicklungen – sozio&#246;konomische Strukturen – rechtliche Rahmenbedingungen, Wien 2003, S. 87–109</p>
<p><a href="#_ednref">[vi]</a> Weingartner, Jakob: Wiens Notting Hill, in: Malm&#246; 2007, Nr. 37, unter: http://www.malmoe.org/artikel/alltag/1421</p>
<p><a href="#_ednref">[vii]</a> Vgl. Reeger/Kohlbacher 2003, a.a.O., S. 104ff.</p>
<p><a href="#_ednref">[viii]</a> Ab Herbst 2000 wurde zus&#228;tzlich ein Kontingent an Gemeindebau- und gef&#246;rderten Wohnungen bereit gestellt, um diese in Notf&#228;llen an „aufenthaltsverfestigte“ (sic!) MigrantInnen zu vergeben.</p>
<p><a href="#_ednref">[ix]</a> Vgl. Struppe, Ursula: Grunds&#228;tze der Integrations- und Diversit&#228;tspolitik der Stadt Wien, in: Politics of Diversity, Dossiers, Heinrich B&#246;ll Stiftung 2008, unter: http://www.diversity-boell.de/web/diversity/48_1738.asp</p>
<p><a href="#_ednref">[x]</a> Nikolas Rose bezeichnet damit eine neoliberale Regierungstechnologie der kontrollierten Einbindung von Communities im Kontext der gleichzeitigen Aush&#246;hlung des Sozialstaates.</p>
<p><a href="#_ednref">[xi]</a> Vgl. Neuhold, Petra/Scheibelhofer, Paul: Provincializing Multiculturalism. Postkoloniale Perspektiven auf Diversit&#228;t, Multikulturalismus und Emanzipation, in: Prokla 158 (2010), S. 85-100</p>
<p><a href="#_ednref">[xii]</a> Der Bundesregierung diente ebendiese angeblich zu leichtfertige und vorzeitige Verleihungspraxis als eines der (Schein)-Argumente f&#252;r eine weitere Versch&#228;rfung des Staatsb&#252;rgerInnenschaftsrechts (vgl. Çinar, Dilek: Integration vor Einb&#252;rgerung: die Staatsb&#252;rgerschaftsrechtsnovelle 2005, in: Fassmann, Heinz (Hg.): 2. &#214;sterreichischer Migrations- und Integrationsbericht, Wien 2007, S. 41–46, hier: S. 41f). Mit der Versch&#228;rfung 2005 ist die Zahl der Einb&#252;rgerungen auch in Wien gesunken. Im Jahr 2009 (0,84%; 1981–2006: 3,95%) lag die Einb&#252;rgerungsrate sogar unter dem &#246;sterreichweiten Durchschnitt (0,92%; 1981–2006: 3%) (Statistik Austria, unter: http://www.statistik.at/web_de/statistiken/bevoelkerung/einbuergerungen/index.html; eigene Berechnung).</p>
<p><a href="#_ednref">[xiii]</a> Vgl. Reeger/Kohlbacher 2003, a.a.O., S. 107</p>
<p><a href="#_ednref">[xiv]</a> G&#246;rg koppelt Ja zu Beirat an Gemeindebau-&#214;ffnung, in: Der Standard, 24.02.1998</p>
<p><a href="#_ednref">[xv]</a> Quod omnes tangit ab omnibus approbetur?, Radiointerview mit Ljubomir Brati&#196; (ANAR), in: Radio Stimme – Die Sendung der Initiative Minderheiten, 11.03.2003, Orange 94.0</p>
<p><a href="#_ednref">[xvi]</a> Die Forderungen in einer Kampagne geb&#252;ndelt, Interview, in: <em>STIMME von und f&#252;r Minderheiten</em>, Nr. 38/2001, S. 20f.</p>
<p><a href="#_ednref">[xvii]</a> Valchars, Gerd: Defizit&#228;re Demokratie. Staatsb&#252;rgerschaft und Wahlrecht im Einwanderungsland &#214;sterreich, Wien 2006, S. 92ff.</p>
<p><a href="#_ednref">[xviii]</a> Im Rahmen der 8. <em>International Metropolis Conference </em>in Wien (15. bis 19. September 2003) sprach die Soziologin Ien Ang (University of Western Sydney) davon, dass in Sydney inzwischen ein Multikulturalismus ohne MigrantInnen existiere. Gleichzeitig sei das Wort „Integration“ in der offiziellen Sprache der Stadtverwaltung durch „living in harmony“ ersetzt worden.</p>
<p><a href="#_ednref">[xix]</a> Wiener Zuwanderungskommission: Migration – Mobilit&#228;t – Vielfalt. Bericht Wiener Zuwanderungskommission 29-01-2010, S. 44, unter: http://www.wien.gv.at/integration/zuwanderungskommission.html</p>
<p><a href="#_ednref">[xx]</a> Yildiz, Erol: Stigmatisierende Mediendiskurse in der kosmopolitanen Einwanderungsgesellschaft, in: Butterwege, Christoph/Hentges, Gudrun (Hg.): Massenmedien, Migration und Integration, Wiesbaden 2006, S. 35–52</p>
<p><a href="#_ednref">[xxi]</a> Unter: http://minderheiten.at</p>
<p><a href="#_ednref">[xxii]</a> Unter: http://www.m-media.or.at/</p>
<p><a href="#_ednref">[xxiii]</a> Unter: http://www.dasbiber.at</p>
<p><a href="#_ednref">[xxiv]</a> Aksoy, Asu/Robins, Kevin: The Enlargement of Meaning: Social Demand in a Transnational Context, in: International Communication Gazette, 65 Jg., H. 4–5 (2003), S. 365–388</p>
<p><a href="#_ednref">[xxv]</a> Unter: http://www.blackwomencenter.org</p>
<p><a href="#_ednref">[xxvi]</a> Unter: http://www.zara.or.at/</p>
<p><a href="#_ednref">[xxvii]</a> Im Rahmen der <em>Operation Spring</em> wurde erstmals von der M&#246;glichkeit des „gro&#223;en Lauschangriffs“ Gebrauch gemacht. Am 27. Mai 1999 st&#252;rmten mehr als 850 BeamtInnen Wohnungen, Pensionen und Asylheime in Wien, Graz, Linz und St. P&#246;lten. Mit Verweis auf die angebliche Existenz einer „Nigerianischen Drogenmafia“ wurden dabei 127 Menschen verhaftet und nach h&#246;chst dubiosen Gerichtsverhandlungen teilweise zu jahrelangen Haftstrafen verurteilt. Vgl. http://www.no-racism.net</p>
<p><a href="#_ednref">[xxviii]</a> Vgl. Johnston-Arthur, Araba: Nichts passiert von allein …, Interview mit Araba Johnston-Arthur, in: Fischer, Fabian/Klauser, Franziska, et al. (Hg.): Ohne Aufenthaltstitel, Wien 2009, S. 27–36</p>
<p><a href="#_ednref">[xxix]</a> Andreas G&#246;rg beschreibt „moralischen Antirassismus“ als eine in &#214;sterreich popul&#228;re und sp&#228;testens seit dem Wiener „Lichtermeer“ im Mainstream angekommene Version des Antirassismus, der sich &#252;ber krude Aussagen einer FP&#214; emp&#246;rt und sich f&#252;r den Respekt von Diversit&#228;t einsetzt. Strukturellem Rassismus setzt dieser „moralische Rassismus“ dabei genauso wenig entgegen wie der Kriminalisierung durch Sicherheitspolitiken. Viel eher findet eine &#220;bernahme von dessen Logiken statt; es wird differenziert zwischen „reinen Opfern“, die der Hilfe und des Mitleids bed&#252;rfen, und „kriminellen Ausl&#228;nderInnen“, die aus Sicht des „moralischen Antirassismus“ ihr Recht auf Rechte verspielt haben. Vgl. G&#246;rg, Andreas: Antirassistischer – Konfliktlinien und Allianzenbildung, in: Bratic, Ljubomir (Hg.): Landschaften der Tat. Vermessung, Transformationen und Ambivalenzen des Antirassismus in Europa, St. P&#246;lten 2002, S. 223–236</p>
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		<title>Editorial: Ali G. in tha Ballhaus</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 18:00:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 2]]></category>
		<category><![CDATA[Editorial]]></category>
		<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialdemokratie]]></category>
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		<description><![CDATA[Die neue Ausgabe von Perspektiven erscheint in einer ver&#228;nderten politischen Landschaft: die Regierung Sch&#252;ssel ist Geschichte. Der Wahlsieg Alfred Gusenbauers, trotz Bawag-Skandal und Gewerkschaftskrise, war vor allem eine deutliche Absage an die schwarz-blau-orange Politik der vergangenen sechs Jahre. Der Wahlkampf der SP&#214; war der vielleicht „linkeste“ seit langem, mit Studiengeb&#252;hren und Eurofighter wurden zwei symboltr&#228;chtige Projekte der Rechtsregierung angegriffen. Die Hoffnungen auf einen tats&#228;chlichen Politikwechsel unter einem „roten“ Kanzler waren gro&#223; – und sie wurden bitter entt&#228;uscht. „Links blinken, rechts abbiegen“ war das Motto der SP&#214;: Praktisch alle Wahlversprechen wurden gebrochen, der Betrug an der eigenen Basis wurde durch nichts deutlicher als durch die Beibehaltung der Studiengeb&#252;hren. Deren angebliche „Abfederung“ durch die M&#246;glichkeit, sich durch „soziale“ Hilfsarbeit frei zu hackeln, wurde umgehend als Farce entlarvt. Dass man f&#252;r Geld lohnarbeiten gehen kann, um sich das Studium zu finanzieren, ist schlie&#223;lich so neu nicht. Allein, warum man dies f&#252;r ganze sechs Euro pro Stunde tun sollte, erschlie&#223;t sich wohl nur den KoalitionsverhandlerInnen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die neue Ausgabe von Perspektiven erscheint in einer ver&#228;nderten politischen Landschaft: die Regierung Sch&#252;ssel ist Geschichte. Der Wahlsieg Alfred Gusenbauers, trotz Bawag-Skandal und Gewerkschaftskrise, war vor allem eine deutliche Absage an die schwarz-blau-orange Politik der vergangenen sechs Jahre. Der Wahlkampf der SP&#214; war der vielleicht „linkeste“ seit langem, mit Studiengeb&#252;hren und Eurofighter wurden zwei symboltr&#228;chtige Projekte der Rechtsregierung angegriffen. Die Hoffnungen auf einen tats&#228;chlichen Politikwechsel unter einem „roten“ Kanzler waren gro&#223; – und sie wurden bitter entt&#228;uscht. „Links blinken, rechts abbiegen“ war das Motto der SP&#214;: Praktisch alle Wahlversprechen wurden gebrochen, der Betrug an der eigenen Basis wurde durch nichts deutlicher als durch die Beibehaltung der Studiengeb&#252;hren. Deren angebliche „Abfederung“ durch die M&#246;glichkeit, sich durch „soziale“ Hilfsarbeit frei zu hackeln, wurde umgehend als Farce entlarvt. Dass man f&#252;r Geld lohnarbeiten gehen kann, um sich das Studium zu finanzieren, ist schlie&#223;lich so neu nicht. Allein, warum man dies f&#252;r ganze sechs Euro pro Stunde tun sollte, erschlie&#223;t sich wohl nur den KoalitionsverhandlerInnen.</p>
<p><span id="more-35"></span></p>
<p>Seither bewahrheitet sich Murphy’s Law jeden Tag auf’s Neue: Wenn du glaubst, es geht nicht mehr schlimmer, kommt von irgendwo her eine sozialdemokratische Stimme: Arbeitszeitverl&#228;ngerung, Aufweichung des K&#252;ndigungsschutzes f&#252;r Lehrlinge, Abschaffung der Erbschaftssteuer, Versch&#228;rfung der Zumutbarkeitsbestimmungen f&#252;r Erwerbslose, Beibehaltung rassistischer Asylgesetze, ein Frauenministerium ohne eigenes Budget und eine „Grundsicherung“, die mehr mit „Hartz IV“ als mit Armutsbek&#228;mpfung gemein hat. Die Regierung Gusenbauer hat sich damit im Wesentlichen als Fortf&#252;hrung schwarz-blau-oranger Politik entpuppt.<br />
Die Frage ist nun, wie sich die Linke in &#214;sterreich, die sich seit sieben Jahren mit der Regierung Sch&#252;ssel und einer sozialdemokratischen Opposition auseinander zu setzen hatte, in dieser Situation positionieren soll. Um es mit dem Titel einer j&#252;ngst stattgefundenen Diskussionsveranstaltung auf der Uni Wien zu formulieren: Wie sieht „Widerstand in gro&#223;koalition&#228;ren Zeiten“ aus? Die gro&#223;e Herausforderung wird sein, ein offenes und unsektiererisches Verh&#228;ltnis zur unzufriedenen Basis in Sozialdemokratie und Gewerkschaften zu schaffen, ohne dabei Illusionen in die Politik der SP&#214; aufzusitzen. Das bedeutet, Widerstand gegen neoliberale und rassistische Politik gemeinsam mit jenen zu tragen, denen die Sozialdemokratie (noch) eine – wenn auch unbequeme – politische Heimat ist. Voraussetzung daf&#252;r ist nat&#252;rlich, dass die au&#223;erparlamentarische Linke glaubw&#252;rdige Alternativen zur neoliberalisierten Sozialdemokratie aufzeigt und die St&#228;rke entwickelt, diese auch in politische Praxis umzusetzen. Vor dem Hintergrund fortschreitender Prekarisierung von Lebens- und Arbeitsverh&#228;ltnissen wird dabei dem Kampf f&#252;r soziale Rechte eine wichtige Rolle zukommen m&#252;ssen.</p>
<p>Die Frage nach der Rolle der Sozialdemokratie steht aus diesen Gr&#252;nden im Zentrum dieses Hefts. Dass die unsoziale Politik der gro&#223;en Koalition nicht einfach auf „Umfaller“ der SP&#214; oder dem individuellen Verrat der SP&#214;-F&#252;hrung an der Basis reduziert werden kann, zeigt der Artikel von Benjamin Opratko. Er zeichnet die Geschichte des „Dritten Wegs“ nach, der die europ&#228;ischen Sozialdemokratien unter Tony Blair und Gerhard Schr&#246;der dorthin gef&#252;hrt hat, wo Alfred Gusenbauer heute steht.</p>
<p>Widerstand gegen diesen Dritten Weg innerhalb von Sozialdemokratie und Gewerkschaften orientiert sich auch heute noch allzu oft an den scheinbar goldenen Zeiten des Keynesianismus, die in &#214;sterreich vor allem vom „Mythos Kreisky“ verk&#246;rpert werden. Stefan Probst argumentiert, dass es kein Zur&#252;ck zu „K.u.K.“-Zeiten geben kann und zeigt dabei, wie der lange Nachkriegsaufschwung aus marxistischer Perspektive erkl&#228;rt werden kann.<br />
Doch es gibt nicht nur „r&#252;cksichtslose Kritik alles Bestehenden“. Der Bankrott der neoliberalisierten Sozialdemokratie stellt einmal mehr die Frage nach politischen Alternativen. David Sagner f&#252;hrte deshalb ein Interview mit Klaus Henning, Mitglied der WASG und Organisator des Gr&#252;ndungskongresses des Linken Hochschulnetzwerks in Deutschland. Dort ist man im Projekt „Neue Linke“ schon ein gutes St&#252;ck weiter, die Erfahrungen mit der neuen Linkspartei zeigen sowohl M&#246;glichkeiten als auch Probleme und Herausforderungen im Neuformierungsprozess der antineoliberalen Linken. Die Debatten rund um den Hochschulkongress zeigen dar&#252;ber hinaus, welche Rolle eine universit&#228;re Linke bei der Schaffung einer „Alternative zur Alternativlosigkeit“ spielen kann.</p>
<p>Au&#223;erhalb des Schwerpunkts freuen wir uns, einen Beitrag des US-amerikanischen Umweltsoziologen John Bellamy Foster pr&#228;sentieren zu k&#246;nnen, der mit seiner innovativen Marx-Lesart eine radikale Kritik der politischen &#214;kologie pr&#228;sentiert. In seinem erstmals im US-amerikanischen Magazin „Monthly Review“ erschienenen Artikel „&#214;kologie der Zerst&#246;rung“ zeigt Foster, dass wir uns in der aktuellen Debatte um von Menschen geschaffene Erderw&#228;rmung nicht davor dr&#252;cken d&#252;rfen, auf den fundamentalen Zusammenhang zwischen einer profitgetriebenen &#214;konomie und &#246;kologischen (Klima-)Katastrophen hinzuweisen.</p>
<p>„Sex sells“ ist heute ein Gemeinplatz. Doch wo fr&#252;her die feministische Bewegung Sexismen in (Pop-)Kultur und Werbung als solche entlarvt hat, gilt heute die Zurschaustellung vorgeblich selbstbewusster weiblicher K&#246;rper oft als Beweis f&#252;r befreite Sexualit&#228;t. Wie sexy sich der neue Sexismus in Zeiten von „Sex and the City“ und „Pussycat Dolls“ pr&#228;sentiert und wie wenig er mit jener sexuellen Befreiung zu tun hat, die sich einst die feministische Bewegung auf die Fahnen geheftet hatte, zeigen Kristina Botka und Maria Asenbaum.</p>
<p>Die Serie „Was macht die Linke in&#8230;“ f&#252;hrt uns dieses Mal nach Mexiko, wo Proteste gegen Korruption und Neoliberalismus in ein Projekt der demokratischen Selbstverwaltung m&#252;ndeten: Ramin Taghian analysiert die Entstehung der „Kommune von Oaxaca“.</p>
<p>Zum Abschluss gibt es franz&#246;sische Staatstheorie, rhizomatische Multituden, feministische Trinkspiele und keynesianische Kaufkraft freigegeben in Abteilung 3 (Rezensionen) zur unproduktiven Konsumption. Freude am Lesen und Diskutieren – denn keinen Spa&#223; haben ist auch keine L&#246;sung – w&#252;nscht</p>
<p><em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic">Eure Redaktion</span></em></p>
<p>P.S. Besonderer Dank geht an Reinhard Lang, der den Schwerpunkt zu Sozialdemokratie und Neuer Linke fotografisch illustriert hat und auch f&#252;r unser Coverbild verantwortlich zeichnet.</p>
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		<title>Quo vadis, Sozialdemokratie?</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2007/11/01/virjgtpeuthz/</link>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 17:19:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mimi</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 2]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Hoffnungen, mit einem sozialdemokratischen Kanzler ein „Ende der Wende“ herbei zu w&#228;hlen, wurden in den Koalitionsverhandlungen brutal zerschlagen. Jedoch darf die &#220;berraschung ob der unerwarteten Dreistigkeit, mit der Gusenbauer und Konsorten das Programm der Regierung Sch&#252;ssel fortsetzen, nicht dar&#252;ber hinwegt&#228;uschen, dass die SP&#214; wesentlich jenes Modell &#252;bernommen hat, das von der europ&#228;ischen Sozialdemokratie schon seit einem Jahrzehnt vorexerziert wird. „Sozialismus, der f&#228;llt nicht vom Himmel“, sangen einst die Schmetterlinge in der „Proletenpassion“. Eine neoliberale Sozialdemokratie auch nicht, schreibt <em>Benjamin Opratko</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Hoffnungen, mit einem sozialdemokratischen Kanzler ein „Ende der Wende“ herbei zu w&#228;hlen, wurden in den Koalitionsverhandlungen brutal zerschlagen. Jedoch darf die &#220;berraschung ob der unerwarteten Dreistigkeit, mit der Gusenbauer und Konsorten das Programm der Regierung Sch&#252;ssel fortsetzen, nicht dar&#252;ber hinwegt&#228;uschen, dass die SP&#214; wesentlich jenes Modell &#252;bernommen hat, das von der europ&#228;ischen Sozialdemokratie schon seit einem Jahrzehnt vorexerziert wird. „Sozialismus, der f&#228;llt nicht vom Himmel“, sangen einst die Schmetterlinge in der „Proletenpassion“. Eine neoliberale Sozialdemokratie auch nicht, schreibt <em>Benjamin Opratko</em>.</p>
<p><span id="more-23"></span></p>
<p>Die Geschichte der neoliberalen Wendung der Sozialdemokratie ist untrennbar mit dem immer-noch britischen Premierminister Tony Blair verbunden. Als er 1997 die Wahlen gegen die Konservativen gewann, tat er das mit einem runderneuerten, „modernisierten“ Parteiprojekt – es war die Stunde des „Dritten Wegs“. Seither wurde Blairs „New Labour“ zur Blaupause f&#252;r fast alle sozialdemokratischen Parteien Europas, medienwirksam besiegelt mit dem 1999 vorgestellten „Schr&#246;der-Blair-Papier“. Damals legte der soeben gew&#228;hlte deutsche „Genosse der Bosse“ gemeinsam mit Blair ein Manifest vor, dessen Lekt&#252;re einiges davon wieder erkennen l&#228;sst, was aktuell oft nur als Dilletantismus oder pers&#246;nlicher Verrat der SP&#214;-Spitze erscheinen mag. Eine intellektuelle Schl&#252;sselfigur in der Entwicklung der „modernisierten“ Sozialdemokratie ist dabei der britische Soziologe Anthony Giddens. Er war und ist der wichtigste Stichwortgeber f&#252;r Tony Blair, und sein Buch „Der Dritte Weg“ wurde zu einer Bibel f&#252;r New Labour und die Schr&#246;der-Blair-Achse in Europa. In diesem Buch will Giddens die Politik Blairs und der &#252;brigen „neuen“ sozialdemokratischen Parteien „theoretisch unterf&#252;ttern“ 1. Er tritt an, um einen neuen Weg vorzuzeichnen, der die Sozialdemokratie in eine Zukunft jenseits von Neoliberalismus und der „alten Linken“ f&#252;hren sollte. Dieser Anspruch erscheint heute absurd, ist doch die Implementierung neoliberaler Politik durch die Parteien des „Dritten Wegs“ kaum noch zu leugnen. Doch gerade deshalb kann die Besch&#228;ftigung mit der Ideologie des Dritten Wegs helfen, zwei der aktuell wichtigsten politischen Fragen zu beantworten, n&#228;mlich: Wie l&#228;sst sich das Paradoxon einer „neoliberalen ArbeiterInnenpartei“ begreifen? Und: kann die Einbindung der Parteibasis und weiter Teile der ArbeiterInnenklasse in dieses Projekt langfristig stabil bleiben?</p>
<h3>Giddens’ Welt</h3>
<p>Der Ausgangspunkt f&#252;r Giddens’ programmatisches Buch ist eine scheinbar radikale Zeitdiagnose: Alles ist neu (wie &#252;berhaupt alles am Dritten Weg), nichts ist mehr wie es war. Nat&#252;rlich ist nichts &#228;lter als die Feststellung, dass alles neu ist – doch Giddens pr&#228;sentiert seine programmatischen Vorschl&#228;ge als zwingende Konsequenzen dieser „neuen &#196;ra“. Tats&#228;chlich werden in „Der Dritte Weg“ real vorhandene Tendenzen im &#246;konomischen, politischen und kulturellen Bereich erfasst, jedoch gleichzeitig vereinfacht, &#252;berh&#246;ht, und auf eine einheitliche Bewegung hin zu einer neuen Epoche der globalisierten Welt reduziert. Die Widerspr&#252;chlichkeiten und Br&#252;che der tats&#228;chlichen Entwicklung werden ignoriert oder geleugnet, um die klaren Vorschl&#228;ge der Giddens’schen Politikberatung nicht in Gefahr zu bringen. Das beginnt bei der Diskussion um Globalisierung: Alex Callinicos weist darauf hin, dass f&#252;r jemanden, der in seiner fr&#252;heren Karriere als Sozialwissenschafter den angeblichen Klassenreduktionismus des Marxismus so scharf angegriffen hat, Giddens’ Erkl&#228;rungen der sozialen Welt erstaunlich monokausal sind, indem sie „s&#228;mtliche sozialen Ph&#228;nomene auf die Konsequenzen der Globalisierung reduzieren.“2 Trotz aller Beteuerungen, von Globalisierung d&#252;rfe nicht „wie von einem Naturereignis gesprochen“ werden, stellt Giddens sie als unaufhaltbare Kraft dar, die sich „Wege bahnt“, einen „Sog erzeugt“, die „Institutionen der Gesellschaft, in der wir leben, umformt“ etc. Globalisierung mag dementsprechend „durch eine Mischung aus politischen und &#246;konomischen Faktoren vorangetrieben“ werden – politischen Einfluss darauf zu nehmen steht bei Giddens jedoch nicht zur Debatte.3<br />
&#196;hnliches kann &#252;ber Giddens’ Beschreibung kultureller und politischer Ver&#228;nderungen gesagt werden. Auch hier werden<br />
vorhandene Ver&#228;nderungen der letzten drei&#223;ig bis vierzig Jahre verabsolutiert und in ein Schema gepresst, das notgedrungen auf Giddens’ vorweggenommene politische Conclusio, den Dritten Weg, hinausl&#228;uft. Und auch hier mischt Giddens eine holzschnittartige Analyse mit beschwichtigender Apologie: Es handle sich bei den Umw&#228;lzungen um einen „institutionellen Individualismus“, der „nicht mit Egoismus gleichzusetzen ist“ und deshalb „auch keine so gro&#223;e Gefahr f&#252;r die gesellschaftliche Solidarit&#228;t“ darstellt4. Tats&#228;chlich w&#228;re der entscheidende Unterschied gegen&#252;ber fr&#252;heren Generationen eine „Verschiebung von sogenannten ‚Knappheitswerten’ zu ‚postmaterialistischen Werten’“.<br />
„Postmaterialistisch“ bedeutet hier, dass die „Werte des wirtschaftlichen Erfolgs und Wachstums mit zunehmendem Wohlstand an Bedeutung verlieren. Selbstverwirklichung und der Wunsch nach einer sinnvollen Arbeit treten an die Stelle der Einkommensmaximierung“5. Nat&#252;rlich ver&#228;ndern sich politische Pr&#228;ferenzen &#252;ber Generationen, sind Fragen zu Umweltschutz, Menschenrechten oder sexueller Selbstbestimmung zu wichtigen Themen der Gesellschaft geworden.<br />
Doch daraus abzuleiten, materielle Bed&#252;rfnisse – Lohnh&#246;he, soziale Infrastruktur, Altersvorsorge usw. – w&#228;ren zu Nebenschaupl&#228;tzen sozialer Auseinandersetzung degradiert worden, hei&#223;t eine Giddens’sche Traumwelt zu imaginieren. In dieser h&#246;ren dann auch, weil sich Wahlverhalten nicht (mehr) klassenspezifisch zuordnen l&#228;sst, Klassen &#252;berhaupt auf zu existieren. Dass eine Klassengesellschaft mehr mit Lohnarbeit und Kapitalverwertung zu tun hat als mit Entscheidungen in der Wahlkabine, wird tapfer ignoriert. Die viel beschworene, immer weiter auseinander klaffende Schere zwischen Arm und Reich – auf globaler Ebene wie innerhalb der „Wohlstandsgesellschaften“ des Nordens – l&#228;sst sich jedenfalls schwer mit Giddens’ „postmaterieller Welt“ in Einklang bringen.</p>
<h3>Jenseits von Jedem</h3>
<p>Die Konstruktion einer widerspruchsfreien Entwicklung hin zur „neuen“, globalisierten Gesellschaft ist die Voraussetzung f&#252;r den rhetorischen Taschenspielertrick, den Giddens im „Dritten Weg“ pr&#228;sentiert. Denn auf die Zeitdiagnose folgt der Vorschlag f&#252;r die Erneuerung der Sozialdemokratie wie selbstverst&#228;ndlich, als „objektiv notwendige“ Reaktion der Politik auf „objektiv vorhandene“ Tatsachen in &#214;konomie und Kultur. Der rhetorische Kniff, den Giddens schon im Titel des Buches anwendet und erbarmungslos auf 180 Seiten durchzieht, ist wohl so alt wie die menschliche Sprache: der Weg der goldenen Mitte. In jedem Politikfeld werden die (angeblichen) Vorschl&#228;ge sowohl des Neoliberalismus als<br />
auch der so genannten „alten Sozialdemokratie“ gegeneinander gestellt, um dann den „Dritten Weg“ als widerspruchsfreie Synthese jenseits des Alten zu pr&#228;sentieren, dem Durchbruch der Vernunft im sich selbst erkennenden Weltgeiste gleich. Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass die Gegenpole „alte Sozialdemokratie“ und „Neoliberalismus“ h&#246;chst unterschiedlich bewertet werden. An ersterer wird kaum ein gutes Haar gelassen: der Glaube an die &#220;berwindung oder blo&#223;e Z&#228;hmung des Kapitalismus habe Wachstum und Fortschritt gebremst, Verstaatlichungen in Kernindustrien die Innovativkraft der M&#228;rkte behindert. Vor allem aber war der Sozialstaat und die damit verbundene „Gleichheitsorientierung der alten Linken […] gut gemeint, hat aber […] mitunter genau gegenteilige Ergebnisse gezeitigt – deutlich sichtbar an einer gesellschaftlichen Planung mit ihren &#220;berbleibseln verfallende, kriminalit&#228;tsgeplagter Siedlungen im sozialen Wohnungsbau. Der Wohlfahrtsstaat, der allgemein als das Herzst&#252;ck sozialdemokratischer Politik angesehen wird, schafft heute mit seiner L&#246;sung der Probleme st&#228;ndig neue Probleme.“6<br />
W&#228;hrend die alte Sozialdemokratie als Auslaufmodell gebrandmarkt wird, das den Aufgaben einer globalisierten Welt nicht gewachsen ist, streift Giddens im Umgang mit dem Neoliberalismus die Samthandschuhe &#252;ber. Dem von Margaret Thatcher vertretenen Programm wird in groben Z&#252;gen zugestimmt: Der (Sozial-)Staat wird als Bedrohung f&#252;r Freiheit und Selbstbestimmung dargestellt, der Markt als &#252;berlegener Distributionsmechanismus von Ressourcen und Informationen gefeiert, dessen Befreiung letztlich allen zu Gute kommen w&#252;rde. Giddens’ Kritik beschr&#228;nkt sich auf den sozialen Konservativismus der Thatcher-&#196;ra. Die „Verteidigung traditioneller Institutionen wie Familie und Nation“, teilweise verbunden mit fremdenfeindlichen Untert&#246;nen, sowie das Festhalten an einer neorealistischen Doktrin in den internationalen Beziehungen, die die Weltgesellschaft als „nach wie vor eine Gesellschaft der Nationalstaaten“ betrachtet, w&#228;ren die anachronistischen Fehlleistungen des orthodoxen Neoliberalismus.7 So l&#228;uft es letztlich darauf hinaus, den Neoliberalismus von seinem sozialkonservativen Ballast zu befreien und ihn mit einem Diskurs der Modernit&#228;t auszustatten – jenem des „Dritten Wegs“. Das ist, kurz gesagt, das Programm der „Neuen Sozialdemokratie“, theoretisch erdacht von Giddens, praktisch umgesetzt von Blair und Schr&#246;der: Die Fortf&#252;hrung des Neoliberalismus mit anderen<br />
Mitteln.</p>
<h3>Die Gleichheit, die sie meinen</h3>
<p>Neoliberale Wirtschaftsdoktrin als Politik der sozialen Gerechtigkeit zu tarnen ist das Herzst&#252;ck des Dritten Wegs. Dazu bedurfte es eines enormen Aufwands vor allem am Feld der Begriffe und Bedeutungen: eine „sch&#246;ne neue Begriffswelt“ musste ersonnen werden.8 Bei Giddens, schreibt Frigga Haug, „wird Arbeitslosigkeit umgedeutet in ‚Zeit f&#252;r Qualifikation’, Risiko in ‚Lebenselixier’, Familie in einen Hort demokratischer Erziehung, Rente als Ausschluss f&#228;higer Mitglieder aus der Gesellschaft (&#8230;). &#220;ber alledem steht die Parole, ‚n&#252;tzlich zu sein’.“9 „Rechte“ existieren in diesem Zusammenhang nicht mehr als B&#252;rgerInnen- oder gar Menschenrechte. Ein Leben in W&#252;rde und auf ausreichender materieller Grundlage wird nur noch jenen zugestanden, die sich den Spielregeln des neoliberalen Marktes unterordnen: „Keine Rechte ohne Verpflichtungen“ lautet „das zentrale Motto der neuen Politik“ bei Giddens – und um keine Missverst&#228;ndnisse aufkommen zu lassen, f&#252;gt er gleich ein Beispiel an: „Die Arbeitslosenunterst&#252;tzung sollte beispielsweise an die Verpflichtung zu aktiver Arbeitssuche gekoppelt sein; Aufgabe des Staates ist es, drauf zu achten, dass die Sozialsysteme die Motivation f&#252;r eine solche nicht d&#228;mpfen.“10<br />
Die bedeutendste Begriffsarbeit wurde dabei an der Neubesetzung des Gerechtigkeitsbegriffs geleistet – schlie&#223;lich m&#252;sse, so Giddens, das „Hauptanliegen der Politik des dritten Weges […] nach wie vor die soziale Gerechtigkeit sein“.11 Doch was ist die Gerechtigkeit, die sie meinen? Nat&#252;rlich hat das Streben nach echter sozialer Gleichheit – die &#220;berwindung einer Gesellschaft, die auf der strukturellen Ungleichheit zwischen BesitzerInnen von Produktionsmitteln und Verk&#228;uferInnen von Arbeitskraft beruht – schon lange keinen Platz mehr in der Sozialdemokratie. Doch galt lange Zeit zumindest der Vorsatz, durch die Mittel des Sozialstaats und die Umverteilung materieller G&#252;ter die „Ungleichheiten etwas gleicher werden zu lassen“12. Von dieser „Verteilungsgerechtigkeit“ grenzt sich die Politik des Dritten Wegs nun vehement ab. Nicht mehr die m&#246;glichst gerechte Verteilung des von einer Gesellschaft erwirtschafteten Wohlstands soll erreicht werden, sondern in der Beteiligung an der Erwirtschaftung des Wohlstands selbst ersch&#246;pft sich bereits das neue Ideal der Gleichheit: „Die neue Politik bestimmt Gleichheit als Inklusion und Ungleichheit als Exklusion.“13<br />
Ziel der Gerechtigkeitspolitik des Dritten Wegs soll dementsprechend sein, m&#246;glichst viele Menschen in den Produktionsprozess einzugliedern. Mit dieser Umformung des Gleichheitsbegriffs l&#228;sst sich etwa die K&#252;rzung von Sozialleistungen als Steigerung der „sozialen Gerechtigkeit“ pr&#228;sentieren. Schlie&#223;lich sei Arbeitslosigkeit eine Form der Exklusion und als solche zu bek&#228;mpfen, und „hohe Arbeitslosigkeit h&#228;ngt mit gro&#223;z&#252;gigen und zeitlich unbegrenzten Sozialleistungen und mit einem schlechten Ausbildungsstand am unteren Ende des Arbeitsmarktes […] zusammen.“14 Daher m&#252;sse das leitende Prinzip der neuen Sozialpolitik lauten: „Investition in menschliches Kapital statt direkter Zahlungen. An die Stelle des Sozialstaats sollten wir den Sozialinvestitionsstaat setzen […]“.15 Investiert wird dabei vor allem in Ausbildung – etwa in Form von Weiterbildungskursen, wie sie in &#214;sterreich vom Arbeitsmarktservice verpflichtend „angeboten“ werden. Mit &#228;hnlicher Argumentation kann Giddens auch die Abschaffung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters als „soziale Forderung“ stellen – ist doch der Ruhestand eine Form der Exklusion und damit der „Ungleichheit“ im neuen Sinne. Praktisch alle Argumente des Neoliberalismus werden so in vollem Umfang &#252;bernommen und mit kaum zu &#252;berbietender Chuzpe als sozial gerechte Politik verkauft. „Der Wohlfahrtsstaat ist prinzipiell undemokratisch“, hei&#223;t es dann, „denn er beruht auf einer Umverteilung der Mittel von oben nach unten.“ Wie demokratisch die Auslieferung der arbeitenden Bev&#246;lkerung an (privatisierte) Unternehmen – und damit die Logik des Profits – ist, steht nicht zur Diskussion.</p>
<h3>Blair-Schr&#246;der-Project</h3>
<p>Die „modernisierten“ Sozialdemokratien Europas sind der Forderung Giddens’, eine „Umverteilung der Chancen“ an Stelle der Umverteilung des Wohlstands zu setzen, nachgekommen und haben erfolgreich auch die letzten Reste sozialer Politik aus ihren Programmen getilgt. Paradigmatisch lie&#223; sich dies in der Programmdiskussion der SPD nachvollziehen. Hier wurde ab Ende der 1990er Jahre von ma&#223;geblichen Parteigranden ein „umfassender Gerechtigkeitsbegriff“ eingefordert – entsprechend der Giddens’schen Rede von der „Chancengleichheit“, die die Begriffe Gleichheit und Gerechtigkeit von jeder progressiven Bedeutung befreit. So meldete sich der damalige Landesparteivorsitzende der nordrheinwestf&#228;lischen SPD mit dem Beitrag zu Wort: „Umverteilung ist leistungsfremd, und das kann keine Partei ernsthaft verfolgen“16. Dabei konnte er auf die Unterst&#252;tzung seines damaligen Parteivorsitzenden und Bundeskanzlers Gerhard Schr&#246;der z&#228;hlen. Dessen gemeinsam mit Tony Blair 1999 ver&#246;ffentlichte Papier „Der Weg nach vorne f&#252;r Europas Sozialdemokraten“ gilt als politische Geburtsurkunde der neoliberal gewendeten Sozialdemokratie.17 Hier finden sich alle wesentlichen Motive des Giddens’schen Projekts wieder: der sozialdemokratischen Vergangenheit wird abgeschworen und einer „Modernisierung“ das Wort geredet, um „sich an objektiv ver&#228;nderte Bedingungen anzupassen“. Auch hier ist die Umformulierung des Gerechtigkeitsbegriffs Ankerpunkt derTransformation der Sozialdemokratie: „In der Vergangenheit wurde die F&#246;rderung der sozialen Gerechtigkeit manchmal mit der Forderung nach Gleichheit im Ergebnis verwechselt“ – nunmehr sollten die B&#252;rgerInnen in die Pflicht genommen werden, die sich an den Werten „pers&#246;nliche Leistung und Erfolg, Unternehmergeist, Eigenverantwortung und Gemeinsinn“ zu orientieren h&#228;tten. Um die „notwendigen K&#252;rzungen der staatlichen Ausgaben“ durchzuf&#252;hren, w&#252;rde man „nicht z&#246;gern, Effizienz-, Wettbewerbs- und Leistungsdenken einzuf&#252;hren“. Ebenfalls kein Z&#246;gern gab es bei der &#246;ffentlichen Ank&#252;ndigung, Kapital steuerlich zu entlasten, wie es bisher nur konservative Kr&#228;fte gefordert hatten: K&#246;rperschaftssteuer und Unternehmensbesteuerung sollten reduziert werden, um damit „Investitionsneigung und Investitionskraft der Unternehmen“ zu st&#228;rken.18 So weit, so bekannt. Doch Schr&#246;der und Blair „verdarben das von Giddens empfohlene Konzept ein wenig“19, als sie es in die politische Praxis &#252;bersetzten. Das betrifft in erster Linie die Rolle des Wirtschaftswachstums. Giddens betont immer wieder die Bedeutung &#246;kologischer Fragen f&#252;r die „neue Politik“ und &#228;u&#223;ert sich skeptisch zu Politikvorstellungen, die auf ein unbegrenztes Wachstum der Wirtschaft abzielen. Schr&#246;der und Blair jedoch setzten auf die unbegrenzte „Stimulierung von Produktivit&#228;t und Wachstum“, vor allem indem der europ&#228;ische Wirtschaftsraum „wettbewerbsf&#228;hig“ gemacht wird – das hei&#223;t attraktiv f&#252;r weltweit operierende Konzerne. Diese ideologische Verschiebung hat wesentliche Bedeutung auch f&#252;r den „neuen Gerechtigkeitsbegriff“. Die alte neoliberale These, dass Wachstumssteigerung per se sozial ist und daher Umverteilung ersetzen soll, wird damit zum sozialdemokratischen Programm. Gesellschaftliche Ungleichheit wird dabei als Motor f&#252;r &#246;konomische Produktivit&#228;tssteigerung begriffen: „Begrenzte Ungleichheit“ wird in den Worten von Wolfgang Clement, damaliger Ministerpr&#228;sident von Nordrhein-Westfalen und sp&#228;terer SPD-Wirtschafts- und Arbeitsminister, „ein Katalysator (…) f&#252;r individuelle (und) (…) auch f&#252;r gesellschaftliche Entfaltungsm&#246;glichkeiten“.20 Der „Dritte Weg“ f&#252;hrt damit in letzter Konsequenz zu einer an Absurdit&#228;t nicht mehr zu &#252;berbietenden Logik: Sozial gerecht ist, was Wachstum schafft. Soziale Ungleichheit schafft Wachstum, ergo ist soziale Ungleichheit sozial gerecht.</p>
<h3>Made in Austria</h3>
<p>Am neoliberalen Umbau der europ&#228;ischen Sozialdemokratienwaren die &#246;sterreichischen Parteigranden mittendrin statt nur dabei. Der „Spin-Doctor“ des damaligen Bundeskanzlers und heutigen VW-S&#252;damerika-Chefs Viktor Klima, Andreas Rudas, hatte selbst an den Beratungen, die zum Schr&#246;der-Blair-Papier f&#252;hrten, teilgenommen21. Der einzige Grund, warum Klimas Unterschrift fehlte, war laut Rudas, weil Schr&#246;der und Blair „es als eindeutiges, klares deutschbritisches Projekt haben wollten“.22 Tats&#228;chlich finden sich schon im 1998 – also ein Jahr vor dem Schr&#246;der-Blair-Papier – verabschiedeten SP&#214;-Parteiprogramm die wichtigsten Begrifflichkeiten des Dritten Wegs wieder. „Gleichheit“ wird<br />
auch hier zu „Chancengleichheit“, Gerechtigkeit zur „gleichberechtigten Teilhabe aller an der Gesellschaft“, und ganz im Stile von Giddens wird ein vorgeblicher „Mittelweg“ gesucht, der in der Formulierung der „solidarischen Leistungsgesellschaft“ gipfelt.23 Dabei konnte sich die F&#252;hrung der „modernisierten“ SP&#214; auf praktische Vorarbeit st&#252;tzen: Bereits seit den 1980er Jahren sahen sich die Regierungen Sinowatz und Vranitzky „gezwungen, ‚im Interesse der Wettbewerbsf&#228;higkeit der &#246;sterreichischen Wirtschaft’ eine neoliberale Reform nach der anderen umzusetzen“24 – mit dem Ergebnis, dass die Lohnquote seit 1981 kontinuierlich sinkt.25 Doch erst unter Klima wurde das Neusprech des Dritten Wegs auch zum Vokabular der &#246;sterreichischen Sozialdemokratie. Nach dessen unr&#252;hmlichem Abgang schien es manchen BeobachterInnen zun&#228;chst, als w&#252;rde mit Alfred Gusenbauer eine Abkehr vom Schr&#246;der-Blair Modell einsetzen – so werden in einer &#214;GB/AK-Brosch&#252;re von 2002 „Anzeichen einer Distanzierung vom Konzept des ‚dritten Weges’“ ausgemacht.26 Diese Hoffnungen – zuletzt gen&#228;hrt von einer tendenziell „altlinkeren“ Rhetorik im j&#252;ngsten SP&#214;-Wahlkampf – wurden jedoch mit dem Koalitionsabkommen mit der &#214;VP vollends zunichte gemacht. Die Offenheit, mit der hier die Fortf&#252;hrung neoliberaler Politik angek&#252;ndigt wird, steht jener der „Gr&#252;nderv&#228;ter“ des Dritten Wegs in Nichts nach. Als Paradebeispiel kann daf&#252;r die so genannte „Grundsicherung“ gelten. In bester Tradition des Dritten Wegs als Ma&#223;nahme der sozialen Gerechtigkeit propagiert, l&#228;uft sie auf jene sinnentleerte „Teilhabe“ hinaus, die schon bei Giddens gefordert wird. Tats&#228;chlich handelt es sich dabei um ein Instrument zur Zwangsintegrierung von Erwerbslosen in unterbezahlte Lohnarbeit. Wie von der Wirtschaftskammer seit Jahren gefordert, werden die Zumutbarkeitsbestimmungen massiv versch&#228;rft (im Neusprech des Dritten Wegs: „gerechter und praxisn&#228;her gestaltet“27), Arbeitslosengeld, Notstandshilfe und Sozialhilfe zusammengelegt und damit daf&#252;r gesorgt, dass wer sich weigert, einen unterbezahlten Job irgendwo im Umkreis von mehreren hundert Kilometern anzunehmen, jedes Anrecht auf Unterst&#252;tzung verliert. Keine Rechte ohne Verpflichtungen hei&#223;t eben auch kein Recht auf Essen ohne Verpflichtung zur Lohnarbeit – zu (fast) jeder Bedingung. Indem der Anspruch auf Grundsicherung anhand des<br />
Haushaltseinkommens berechnet wird, werden damit dar&#252;ber hinaus insbesondere Frauen in die Abh&#228;ngigkeit des „Hauptverdieners“ getrieben – „Hausfrauenarbeit“ bleibt weiterhin unbezahlt.28 Dass der sozialpolitische Kahlschlag mit einer Fortf&#252;hrung der rigiden Politik der „inneren Sicherheit“ einhergeht, ist dabei kein Zufall: „Ein zum ‚workfare’ degenerierter Wohlfahrtsstaat bedarf der Absicherung durch ‚law and order’ – zumal in jenen innerst&#228;dtischen Zonen, in denen die ‚&#252;berfl&#252;ssige Restbev&#246;lkerung’ lebt“.29 Die im Regierungsabkommen angek&#252;ndigte Ausweitung<br />
der elektronischen &#220;berwachung &#246;ffentlicher R&#228;ume (auch durch Private!) geh&#246;rt dazu ebenso wie restriktive Zuwanderungspolitik und disziplinierende Ma&#223;nahmen des AMS zur Herstellung von „Arbeitswilligkeit“.</p>
<h3>Das sozialdemokratische Paradoxon</h3>
<p>Die Konsequenz, mit der die Politik des Dritten Wegs in den letzten zehn Jahren durchgezogen wurde, legt den Schluss nahe, dass die Sozialdemokratien Europas sich bereits v&#246;llig in „normale“ neoliberale Parteien transformiert h&#228;tten. Tats&#228;chlich ist die vergebliche Suche nach der „sozialdemokratischen Handschrift“ etwa im aktuellen &#246;sterreichischen Koalitionsabkommen nicht in erster Linie dem Verhandlungsgeschick Wolfgang Sch&#252;ssels oder dem „Verrat“ Gusenbauers zuzuschreiben, sondern Ausdruck der weitgehenden Deckungsgleichheit von sozialdemokratischen und neoliberalen Positionen. Dennoch ist die SP&#214; keine neoliberale Partei wie jede andere. Das spezifische an der Politik des Dritten Wegs ist, dass sie die neoliberale Transformation als fortschrittliches Projekt formuliert, als Politik f&#252;r ArbeitnehmerInnen und sozial Schwache. Dieser Versuch der Quadratur des Kreises ist nur mit Blick auf die Klassenbasis der Sozialdemokratien erkl&#228;rbar. Der entscheidende Unterschied zwischen SP&#214; und anderen neoliberalen Parteien liegt in der weiterhin tiefen Verwurzelung in der (vor allem traditionellen Industrie-)ArbeiterInnenklasse und den Gewerkschaften. Zwar hat die Abzweigung zum Dritten Weg auch eine Orientierung hin zu einer jungen,<br />
urban gepr&#228;gten, gebildeten, aufstrebenden „neuen Mitte“ bedeutet; um als Massenpartei (mit entsprechendem W&#228;hlerInnenzuspruch) bestehen zu bleiben, reicht diese quantitativ relativ schmale Schicht, die dazu auch von klassisch liberalen und gr&#252;nen Parteien umworben wird, jedoch nicht aus. Die Einbindung der Gewerkschaften – verbunden mit deren Umbau zu reinen Lobbying-Agenturen mit Kalmierungsfunktion f&#252;r aufbegehrende Ausgebeutete – und eines gro&#223;en Teils der ArbeitnehmerInnen ist daher weiterhin notwendig f&#252;r eine „erfolgreiche“ Sozialdemokratie. Genau hier liegt auch die besondere Gefahr der Politik des Dritten Wegs f&#252;r die anti-neoliberale Linke. Die entscheidende Frage ist schlie&#223;lich, ob neoliberale Politik, Denk- und Handlungspraxen in Europa stabil hegemonial werden, also sich als unhinterfragte und unhinterfragbare Logiken im „Alltagsverstand“ der Menschen absetzen k&#246;nnen. Dabei spielt die Sozialdemokratie eine wichtige Rolle als „Relaisstation“ neoliberaler Ideologie, schlie&#223;lich „macht es einen Unterschied, ob die gr&#246;&#223;er gewordenen sozialen Ungleichheiten von jener Partei gerechtfertigt werden, die einmal die der ‘kleinen Leute’ war oder von Vertretern konservativer und liberaler Parteien“.30 Gleichzeitig aber bietet die Sozialdemokratie – teils aus Tradition, teils wegen ihrer quasi-Monopolstellung in vielen Bereichen der ArbeitnehmerInnenvertretung, teils auf Grund von progressiver Rhetorik – auch tats&#228;chlichen GegnerInnen des neoliberalen Programms eine (wenn auch nicht sehr gem&#252;tliche) politische Heimat. Das Paradoxon einer „neoliberalen ArbeiterInnenpartei“ l&#228;uft letztlich auf die Frage hinaus, ob und wie sich der Bruch zwischen sozialdemokratischen Parteien und deren sozialer Basis politisch ausdr&#252;cken wird.</p>
<h3>Gute Aussichten?</h3>
<p>Damit k&#246;nnen wir auch zur zweiten zuvor gestellten Frage zur&#252;ckkehren: Kann das Projekt des Dritten Wegs langfristig erfolgreich sein? Mit „erfolgreich“ ist dabei nicht gemeint, ob der von Giddens und seinen J&#252;ngern formulierte Anspruch einer Politik „jenseits“ des Neoliberalismus eingel&#246;st wird – diese Frage kann eindeutig negativ beantwortet werden – sondern ob die hegemoniale Einbindung von ArbeitnehmerInnen und Gewerkschaften in das neoliberale Projekt stabil funktionieren kann. Einiges spricht daf&#252;r: So kann nicht geleugnet werden, dass viele Motive neoliberaler Ideologie – Eigenverantwortung, Flexibilisierung, etc. – bereits Eingang in den Alltagsverstand auch vieler Menschen gefunden hat, die materiell unter neoliberaler Politik leiden. Damit zusammenh&#228;ngend muss auch die (teilweise resignierende) Akzeptanz vormals bek&#228;mpfter neoliberaler Transformationsprojekte durch weite Teile der sozialdemokratischen Basis erw&#228;hnt werden. Studiengeb&#252;hren k&#246;nnen hier als drastisches Beispiel dienen: Protestierten bei deren Einf&#252;hrung noch mehrere zehntausende Studierende auf den Stra&#223;en, beteiligten sich an den Demonstrationen gegen deren Beibehaltung unter einer SP&#214;-gef&#252;hrten Regierung nur noch einige Tausend. Und schlie&#223;lich gibt es aktuelle und historische Beispiele, die zumindest f&#252;r die M&#246;glichkeit der erfolgreichen langfristigen Bindung einer ArbeiterInnenbasis an eine neoliberale Partei sprechen. So zeigen die Erfahrungen der US-amerikanischen Linken mit der Demokratischen Partei – bei allen wichtigen Unterschieden zur europ&#228;ischen politischen Landschaft – dass, wenn keine glaubw&#252;rdige alternative Kraft existiert, neoliberale Politik &#252;ber sehr lange Zeitr&#228;ume hinweg mit der Unterst&#252;tzung der ArbeitnehmerInnen-Basis und der Gewerkschaftsb&#252;rokratien praktiziert werden kann.31 Andererseits weist vor allem in j&#252;ngster Zeit viel darauf hin, dass das Projekt des Dritten Wegs m&#246;glicherweise doch zum Scheitern verurteilt ist. So verlieren seit einigen Jahren „modernisierte“ sozialdemokratische Parteien an der Macht massiv an Unterst&#252;tzung – was sich in Massenaustritten ebenso manifestiert wie in ausbleibenden Wahlerfolgen.32 Den politisch bedeutsamsten Hinweis auf die Krise der Sozialdemokratie des Dritten Wegs k&#246;nnen wir in &#214;sterreich jedoch (noch?) nicht ausmachen: Die Entstehung neuer politischer Kr&#228;fte, die mit dezidiert linker Programmatik jene ansprechen, die traditionell sozialdemokratisch orientiert sind, sich von der neoliberalen Politik „ihrer“ Partei jedoch angewidert abwenden. Das bekannteste Beispiel ist sicherlich die aus der Fusion von WASG und PDS entstandene Linkspartei in Deutschland (siehe Interview mit Klaus Henning in diesem Heft), aber auch in Gro&#223;britannien („Respect“), Portugal („Linksblock“), D&#228;nemark („Rot-Gr&#252;ne Allianz“) oder Holland („Sozialistische Partei“) gibt es &#228;hnliche Projekte. Gr&#246;&#223;e und Erfolg dieser Parteien und B&#252;ndnisse der „neuen Linken“ unterscheiden sich stark – was sie eint ist die konsequente Ablehnung des Neoliberalismus, auch und besonders in seiner sozialdemokratischen Reinkarnation sowie eine unsektiererische, offene Haltung gegen&#252;ber der traditionellen Basis der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften. Ob die neoliberale Sozialdemokratie politisch scheitert, wird ma&#223;geblich davon abh&#228;ngen, ob glaubw&#252;rdige Alternativen auf der Linken entstehen, die sich den praktischen und ideologischen Herausforderungen des Dritten Wegs stellen. Das bedeutet etwa, der Logik des „Keine Rechte ohne Pflichten“ Konzepte entgegen zu stellen, die das Recht aller Menschen auf ein w&#252;rdevolles Leben unabh&#228;ngig von ihrem „Nutzen“ f&#252;r den kapitalistischen Verwertungsprozess einfordern. Gelingt dies nicht, kann eines mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden: die Lehre aus der Abl&#246;se Sch&#252;ssels durch Gusenbauer wird ihre G&#252;ltigkeit behalten – es kommt nichts Besseres nach.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p>1 Giddens, Anthony: Der Dritte Weg. Die Erneuerung der sozialen Demokratie,<br />
Frankfurt 1998, S. 12.<br />
2 Callinicos, Alex: Against the Third Way. An Anti-Capitalist Critique,<br />
Cambridge 2001, S. 17.<br />
3 Giddens: a.a.O., S. 44-46.<br />
4 Ebd., S. 49.<br />
5 Ebd., S. 32f.<br />
6 Ebd., S. 28.<br />
7 Ebd.: S. 23-25.<br />
8 Bourdieu, Pierre/ Wacquant, Luc: Sch&#246;ne neue Begriffswelt, in: Le Monde diplomatique, Mai 2000, S. 7.<br />
9 Haug, Frigga: Krise der Sozialdemokratie?, in: Das Argument 256 (2004), S. 459.<br />
10 Giddens: a.a.O., S. 81.<br />
11 Ebd.<br />
12 Mahnkopf, Birgit: Formel 1 der neuen Sozialdemokratie: Gerechtigkeit durch Ungleichheit. Zur Neuinterpretation der sozialen Frage im globalen<br />
Kapitalismus, in: Prokla 121 (2000), S. 489–525.<br />
13 Giddens: a.a.O., S. 120.<br />
14 Ebd., S. 142f., Hervorhebungen im Original.<br />
15 Ebd., S. 137, Hervorhebungen im Original.<br />
16 Zit. nach Draheim, Susanne/ Reitz, Tilman: Work Hard and Play by the Rules. Zur Neubesetzung des Gerechtigkeitsbegriffs in der SPD-Programdiskussion, in: Das Argument 256 (2004), S. 470.<br />
17 Ber&#252;chtigt geworden als „Schr&#246;der/Blair-Papier“: Blair, Tony/ Schr&#246;der, Gerhard: Der Weg nach vorne f&#252;r Europas Sozialdemokraten. Ein Vorschlag von Gerhard Schr&#246;der und Tony Blair (1999), http://www.glasnost.de/pol/schroederblair.html<br />
18 Ebd.<br />
19 Haug: a.a.O., S. 459.<br />
20 Zit. nach Mahnkopf: a.a.O.<br />
21 Selbstverst&#228;ndlich haben nicht Blair und Schr&#246;der selbst das Papier verfasst. Ma&#223;gebliche Autoren waren die jeweiligen „grauen Eminenzen“, Peter Mandelson und Bodo Hombach.<br />
22 Zit. nach Der Standard, 30. Juni 1999.<br />
23 SP&#214;: Das Grundsatzprogramm, 1998, S. 5, 6, 10, online: http://www.spoe.at/bilder/d251/spoe_partei_programm.pdf. „Teilhabe“ ist die seit der<br />
SPD-Programmdebatte gel&#228;ufige deutsche &#220;bersetzung von „Inklusion“. „Teilhabegerechtigkeit“ wird dabei als Gegenentwurf zur Verteilungsgerechtigkeit“ ins Spiel gebracht – vgl. Draheim/Reitz: a.a.O., S. 473.<br />
24 So formuliert in einer von &#214;GB und Arbeiterkammer herausgegebenen Brosch&#252;re: Eberhard, Erik: Austromarxismus und Sozialdemokratie. Politische Str&#246;mungen der Arbeiterbewegung II, Politik und Zeitgeschehen 2, 2006, S. 39.<br />
25 Zwischen 1980 und 1990 sank die Lohnquote von 78,7 auf 72,4 Prozent, bis 2000 auf 69,8 Prozent. Guger, Alois/ Marterbauer, Markus: Die<br />
langfristige Entwicklung der Einkommensverteilung in &#214;sterreich. Wien: Institut f&#252;r Wirtschaftsforschung 2004, online: http://www.armutskonferenz.at/einkommen_0304.pdf.<br />
26 Sandner, G&#252;nther: Der ‚Dritte Weg’ der Sozialdemokratie, Politik und Zeitgeschehen 10, 2002, S. 19.<br />
27 Regierungsprogramm f&#252;r die XXIII. Gesetzesgebungsperiode, 2007, S.110, online: www.bmf.gv.at/Service/Regierungsprogramm.pdf<br />
28 FrauenLesben gegen Zwangsarbeit: Wie entsteht ein gesamt&#246;sterreichisches Arbeitshaus?, in: grundrisse 21 (2007), S. 20-22.<br />
29 Mahnkopf: a.a.O.<br />
30 Ebd.<br />
31 Nat&#252;rlich hinkt dieser Vergleich: Zwei-Parteien-System, geringer gewerkschaftlicher Organisierungsgrad und extrem niedrige Wahlbeteiligung<br />
vor allem der unteren Klassen machen das Ziehen von Parallelen schwierig.<br />
32 Der Wahlsieg der SP&#214; ist hier nur auf den ersten Blick eine Ausnahme – schlie&#223;lich war der Wahlkampf gerade keiner des „Dritten Wegs“.</p>
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		<title>Zur&#252;ck zu K.u.K.?</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 16:36:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 2]]></category>
		<category><![CDATA[Keynesianismus]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialdemokratie]]></category>
		<category><![CDATA[SPÖ]]></category>

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		<description><![CDATA[Keynes und Kreisky, die S&#228;ulenheiligen der sozialdemokratischen Linken, sind auch heute noch Bezugspunkte auf der Suche nach Alternativen zum Neoliberalismus. <em>Stefan Probst</em> dekonstruiert den Mythos Kreisky und diskutiert die Grenzen keynesianischen Krisenmanagements.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Keynes und Kreisky, die S&#228;ulenheiligen der sozialdemokratischen Linken, sind auch heute noch Bezugspunkte auf der Suche nach Alternativen zum Neoliberalismus. <em>Stefan Probst</em> dekonstruiert den Mythos Kreisky und diskutiert die Grenzen keynesianischen Krisenmanagements.<br />
<span id="more-31"></span></p>
<p>Angesichts der stagnativen Entwicklung der Weltwirtschaft sowie dem fortschreitenden Abbau sozialstaatlicher Sicherungssysteme erlebt die keynesianische Krisenpolitik als Antwort und Alternative zum Neoliberalismus eine Renaissance in der sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Linken. Ein erneuerter, linker Keynesianismus verspricht Sozialreformen, Verteilungsgerechtigkeit, Vollbesch&#228;ftigung und einen Ausweg aus der wirtschaftlichen Stagnation, in erster Linie durch die „St&#228;rkung der Massenkaufkraft“, also an der Produktivit&#228;tsentwicklung orientierten Lohnniveaus. Solche Konzeptionen finden sich sowohl bei Oskar Lafontaine in Deutschland, bei Álvaro García Linera in Bolivien, als auch in der sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Linken hierzulande.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> Als zentraler Referenzpunkt linker Reformpolitik und erfolgreichen Krisenmanagements in &#214;sterreich gilt nat&#252;rlich die Regierung Kreisky in den 1970er Jahren („Austrokeynesianismus“).<br />
Dieser Artikel diskutiert M&#246;glichkeiten und Grenzen einer revitalisierten keynesianischen Krisenpolitik vorm Hintergrund der Performanz dieser Politikkonzepte in den 1970ern, und den aktuellen Problemlagen der Weltwirtschaft.</p>
<h3>Goldene Zeiten</h3>
<p>Die Kreiskysche Reformpolitik der ersten H&#228;lfte der 70er wurde durch eine &#228;u&#223;erst g&#252;nstige weltweite &#246;konomische Situation erm&#246;glicht, die weniger keynesianischer Krisenpolitik als einer in der Geschichte des Kapitalismus au&#223;ergew&#246;hnlichen &#246;konomischen und geopolitischen Konstellation geschuldet war. Der Keynesianismus mag also die bis in die 70er vorherrschende wirtschaftswissenschaftliche Ideologie gewesen sein, hatte jedoch lange Zeit nur wenig mit der wirtschaftspolitischen Praxis zu tun.<br />
Wie eng die wirtschafts- und sozialpolitischen Handlungsspielr&#228;ume mit der &#246;konomischen Konjunktur am Weltmarkt verzahnt waren, wurde dann auch deutlich, als die keynesianische Krisenfeuerwehr ab 1975 die Krisentendenzen immer weniger in den Griff bekommen konnte. F&#252;r eine Beurteilung von Erfolg und Scheitern der Kreiskyschen Politik ist deshalb eine Erkl&#228;rung der Grundlagen des langen Nachkriegsbooms und der Widerspr&#252;che, die Mitte der 1970er zur R&#252;ckkehr der Krise f&#252;hrten, unerl&#228;sslich.</p>
<h3>Permanente R&#252;stungswirtschaft</h3>
<p>G&#228;ngige Theorien der langen stabilen Boomphase zwischen Ende der 1940er und Anfang der 1970er Jahre lokalisieren die Ursache des Aufschwungs wahlweise in neuen Formen der Arbeitsorganisation, dem Aufbau des Wohlfahrtsstaats, institutionalisierten Konsumnormen, und/oder technologischen Innovationsprozessen. Auch wenn diese Faktoren sicher eine Rolle gespielt haben, so sind diese Ans&#228;tze doch weder empirisch haltbar noch theoretisch zufrieden stellend.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a><br />
Die m. E. &#252;berzeugendste Erkl&#228;rung der Nachkriegsentwicklung liefert die Theorie der Permanenten R&#252;stungswirtschaft, die von der Marxschen These ausgeht, dass mit wachsender Wertzusammensetzung des Kapitals<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> die Profitrate tendenziell f&#228;llt.<a href="#anm0" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Diesem Mechanismus wirkten in den 50er und 60er Jahren die enorm hohen R&#252;stungsausgaben entgegen. Allein 1962 – also noch lange bevor der Vietnamkrieg die amerikanischen (und sowjetischen) R&#252;stungsausgaben in die H&#246;he schnellen lie&#223; – wurden laut einer Untersuchung der UN j&#228;hrlich etwa 120 Mrd. Dollar f&#252;r milit&#228;rische Zwecke ausgegeben. Das entsprach zu dieser Zeit etwa acht bis zehn Prozent des Weltproduktionsvolumens, ungef&#228;hr hundert Prozent des j&#228;hrlichen Werts des Weltwarenexports oder der H&#228;lfte der Bruttokapitalbildung der ganzen Welt.<a href="#anm0" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a><br />
Warum wirkte dieses Level der R&#252;stungsausgaben stabilisierend auf die Weltwirtschaft?<br />
1. R&#252;stungsproduktion ist Verschwendungsproduktion. Investitionen in milit&#228;risches Equipment fallen in den Sektor der Wirtschaft, den Marx Abteilung III (unproduktive Konsumtion) genannt hat, und die er von Investitionen im Produktionsmittelsektor und jenen im Konsumg&#252;tersektor unterschieden hat. Die beiden letzteren bleiben im Akkumulationskreislauf: entweder als Maschinen usw., oder als reproduzierte Arbeitskraft. Im Unterschied dazu wird in der Abteilung III Mehrwert unproduktiv verbraucht, der ansonsten in produktivit&#228;tssteigernde Technologien investiert werden h&#228;tte k&#246;nnen. Das wirkt dem Ansteigen der Zusammensetzung des Kapitals und damit dem tendenziellen Fall der Profitrate in den Abteilungen I und II entgegen.<br />
2. Dagegen k&#246;nnte eingewendet werden, dass eine hohe Wertzusammensetzung des Kapitals im kapitalintensiven R&#252;stungssektor (und folglich niedrige Profitraten) dennoch die allgemeine Durchschnittsprofitrate herabdr&#252;ckt. Das ist jedoch nicht der Fall, wie zuerst T. N. Vance und Mike Kidron zeigen konnten.<a href="#anm0" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> „Abteilung III kann einen Markt f&#252;r die Produkte der beiden anderen Abteilungen bereitstellen, ohne die allgemeine Profitabilit&#228;t des Kapitals zu unterlaufen.“<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a><br />
Der Effekt der Permanenten R&#252;stungswirtschaft war demnach eine Verlangsamung aber langfristige Stabilisierung des Wachstums. Freilich bedeutete der enorme R&#252;stungssektor eine massive Ressourcenverschwendung. Lange Zeit schien das jedoch aufgrund der stark nationalstaatlich integrierten Staatskapitalismen im Nachkriegsaufschwung kein Problem zu sein.<br />
Genau hier liegen aber auch die Widerspr&#252;che, die letztlich zur R&#252;ckkehr der krisenhaften Entwicklung in den 70ern f&#252;hrten. Das enorme Wachstum der Produktion und damit der Kapitalien versch&#228;rfte den Druck auf die Unternehmen, die Grenzen nationalstaatlich integrierter Wirtschaften zu durchbrechen. Die Internationalisierung der Produktion bedeutete, dass sich die Staaten nun auf multinational operierendes Kapital st&#252;tzen, und den transnationalen Konzernen somit auch Verwertungsbedingungen mit ad&#228;quaten Profitraten garantieren mussten. Das alte staatskapitalistische Entwicklungsmodell, in dem Investitionen ohne R&#252;cksicht auf Rentabilit&#228;tserw&#228;gungen maximiert wurden, erwies sich dabei zunehmend als ungangbar.<br />
Versch&#228;rft wurde dieser Prozess durch den Aufstieg „nichtmilit&#228;rischer Staatskapitalismen“ (Harman). W&#228;hrend vor allem die Superm&#228;chte die Last der R&#252;stungsausgaben trugen beteiligten sich L&#228;nder wie Japan und Westdeutschland kaum am R&#252;stungswettlauf und konnten deshalb ihre gesamten Ressourcen f&#252;r den Aufbau effizienter Exportindustrien aufwenden und in die M&#228;rkte ihrer Konkurrenten (v.a. die USA) eindringen. Das f&#252;hrte zwar zu wachsender Wertzusammensetzung des Kapitals in diesen L&#228;ndern, dr&#252;ckte sich allerdings nicht unmittelbar in fallenden Profitraten aus, solange die Exporte erh&#246;ht werden konnten. Die kapitalintensiven Investitionsformen in Westdeutschland und Japan dr&#252;ckten die weltweiten Durchschnittsprofitraten, erh&#246;hten aber gleichzeitig den nationalen Anteil dieser L&#228;nder an den weltweiten Profiten.<br />
Die h&#246;here Konkurrenzf&#228;higkeit westdeutscher und japanischer Industrien am Weltmarkt verst&#228;rkte allerdings den Druck auf jene L&#228;nder mit hohen R&#252;stungsausgaben, Ressourcen weg vom R&#252;stungssektor in produktive Investitionen zu lenken. Infolge „f&#252;hrte in den sp&#228;ten 1960er und fr&#252;hen 1970er Jahren die Intensivierung der internationalen Konkurrenz … zu &#220;berkapazit&#228;t und &#220;berproduktion sowie sinkenden Profitraten in der Industrie.“<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Auf diesem Weg wurden die Stabilisierungsfaktoren der Nachkriegsentwicklung sukzessive ausgeh&#246;hlt.</p>
<h3>Kreiskys Modernisierungspolitik</h3>
<p>Die skizzierte weltwirtschaftliche Entwicklung ist der Kontext, in den die Politik der Regierung Kreisky eingebettet werden muss.<br />
Die &#246;sterreichische Wirtschaftspolitik setzte seit den fr&#252;hen 50ern auf eine Politik der Export- und Investitionsf&#246;rderung und forcierter &#246;ffentlicher Infrastrukturinvestitionen („Kamitz-Kurs“). Die Abwertung des Schillings 1953 um 18% st&#228;rkte zus&#228;tzlich die Exportwirtschaft. Trotzdem plagte die &#246;sterreichische Wirtschaft ihre strukturelle R&#252;ckst&#228;ndigkeit. Die 1970 gew&#228;hlte Regierung Kreisky versuchte deshalb, die &#246;konomische Situation zur strukturellen Modernisierung der &#246;sterreichischen (Export)Industrie zu nutzen – was die &#214;VP-Regierungen Raab und Klaus aufgrund ihrer sozialen Verwurzelung im Klein- und Mittelgewerbe nur schwer durchsetzen konnten.<br />
Die Kreiskysche Modernisierungspolitik kombinierte dabei staatliche Exportgarantien und Finanzierungshilfen f&#252;r das Privatkapital mit einer Hartw&#228;hrungspolitik, die als „Strukturpeitsche“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> die Industrie zu Modernisierungsinvestitionen zwingen sollte.<br />
Erm&#246;glicht wurden diese Ma&#223;nahmen durch die gute internationale Konjunktur, von der besonders die &#246;sterreichische Exportwirtschaft profitierte. Hinzu kam, dass die Rezession in Europa 1971/72 – die bereits die Grenzen des Nachkriegsbooms ank&#252;ndigte – nicht auf &#214;sterreich durchschlug. Das war weniger die Folge keynesianischer Krisenpolitik; vielmehr wirkte die verst&#228;rkte &#214;ffnung der EG-Staaten zur EFTA seit den sp&#228;ten 60ern, das Nicht-Mitziehen der Regierung Klaus bei der 9,3-prozentigen DM-Aufwertung 1969, sowie das immer noch niedrige Lohnniveau in &#214;sterreich positiv auf die nationale Konjunktur.<br />
In diese Modernisierungsphase der ersten H&#228;lfte der 70er fallen nun auch alle sozialpartnerschaftlich ausgehandelten Sozialreformen, die bis heute mit dem Namen Kreisky verbunden sind: etwa die Starthilfe f&#252;r junge Ehepaare, der Ausbau der Familienbeihilfen, die Einigung &#252;ber das Arbeitsverfassungsgesetz, die Einf&#252;hrung der Sch&#252;lerInnenfreifahrt, kostenlose Schulb&#252;cher und die Abschaffung der Studiengeb&#252;hren.</p>
<h3>Erfolg und Scheitern des „Austrokeynesianismus“</h3>
<p>Mit dem Durchschlagen der Weltwirtschaftskrise auf &#214;sterreich 1974/75 &#228;nderten sich die &#246;konomischen Rahmenbedingungen jedoch grundlegend. Die zweite H&#228;lfte der 70er legte nun eine antizyklische Politik keynesianischen Krisenmanagements (deficit spending) nahe, die den eigentlichen wirtschaftspolitischen Kurswechsel der sozialistischen Alleinregierung markierte.<a href="#anm0" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> Der Kreiskysche „Austrokeynesianismus“ kombinierte dabei genuin keynesianische Elemente staatlichen Nachfragemanagements mit einer Reihe angebotsseitiger Ma&#223;nahmen.<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a><br />
Keynes hatte &#246;konomische Krisen als Situationen zu geringer „effektiver Nachfrage“ als Ergebnis unzureichender Profitabilit&#228;t privater Investitionsm&#246;glichkeiten („Grenzleistungsf&#228;higkeit des Kapitals“) erkl&#228;rt. Der Staat sollte deshalb den Ausfall der Investitionen durch schuldenfinanzierte staatliche Investitionsprogramme kompensieren („Sozialisierung der Investitionen“).<br />
Dieser Theorie folgte das Anheben des Anteils der Staatsinvestitionen an den gesamten Investitionen in &#214;sterreich von 1974: 8,7% auf 1975: 12,6%.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Das Budgetdefizit stieg von einem &#220;berschuss 1970 auf 1,9% 1974 und schnellte schlie&#223;lich auf 4,5% 1975.<br />
Tats&#228;chlich konnte die keynesianische Politik des deficit spending der Regierung Kreisky die Krisentendenzen Mitte der 70er Jahre deutlich abschw&#228;chen. So sank das BIP 1975 nur um 0,4% und die Industrieproduktion nur um 6,8%. Zus&#228;tzlich gelang es, die Exporte in die Staaten des Ostblock und in die OPEC-L&#228;nder &#252;ber gezielte Exportf&#246;rderungen stark zu steigern.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> Die Arbeitslosigkeit blieb im europ&#228;ischen Vergleich durch den gezielten Abbau migrantischer Arbeitskr&#228;fte („Gastarbeiter“), die Verk&#252;rzung der Arbeitszeit auf 40 Stunden und durch die Verstaatlichte Industrie, die relativ unrentabel wirtschaften konnte, und auch in Krisenzeiten kaum Arbeitspl&#228;tze abbaute, auf geringem Niveau.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a><br />
Abgesichert wurde die autrokeynesianische Krisenpolitik durch die Hartw&#228;hrungspolitik der Nationalbank, die hohe Inflationsraten verhindern half und billige Rohstoffimporte garantierte, sowie der „einkommenspolitischen Zur&#252;ckhaltung“ der Gewerkschaften.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a><br />
Franz Vranitzky schrieb im R&#252;ckblick: „Das gro&#223;e Verdienst der Gewerkschaft bei der erfolgreichen Umsetzung des Hartw&#228;hrungskurses liegt wohl darin, erkannt zu haben, dass die g&#252;nstigen Auswirkungen der niedrigen Inflationsraten in Kombination mit gem&#228;&#223;igten Lohnabschl&#252;ssen auf die internationale Konkurrenzf&#228;higkeit die Nachteile der wechselkursbedingten Exporterschwernisse mehr als wettmachen. … [D]ie Hartw&#228;hrungspolitik [w&#228;re] ohne die einkommenspolitische Selbstbeschr&#228;nkung der Gewerkschaften undenkbar gewesen“.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a><br />
Jedoch: die Hoffnung, dass ein &#252;ber Neuverschuldung herbeigef&#252;hrter kurzfristiger Anschub der Staatsnachfrage und damit der Konjunktur sich selbst tragen w&#252;rde, erwies sich angesichts der internationalen Wachstumsschw&#228;che als tr&#252;gerisch.<br />
Dar&#252;ber hinaus schr&#228;nkte die explodierende Staatsverschuldung – haupts&#228;chlich als Ergebnis der Exportf&#246;rderungen, die die Exportnachteile der inflationsd&#228;mpfenden Hartw&#228;hrungspolitik ausgleichen mussten – die konjunkturpolitischen Handlungsr&#228;ume zunehmend ein.<br />
Schon in der Weltwirtschaftskrise 1979/80 und dann 1981/82 funktionierte die „Flucht in den Export“ nicht mehr. Die Exportsubventionen konnten die Auswirkungen der Hartw&#228;hrungspolitik nur mehr ungen&#252;gend abfangen, was sich in wachsenden au&#223;enwirtschaftlichen Ungleichgewichten ausdr&#252;ckte. Mitte der 80er versch&#228;rfte sich die Situation zus&#228;tzlich durch die Krise der Verstaatlichten (besonders der Stahlindustrie), die lange Zeit mithilfe staatlicher Subventionen mit massiven &#220;berkapazit&#228;ten operieren konnte.<br />
Die 1980er markierten dann auch das Aufgeben der nachfrageorientierten Aspekte sozialdemokratischer Wirtschaftspolitik. Die wohlfahrtsstaatlichen Ma&#223;nahmen gerieten zusehends in Widerspruch zur Konkurrenzf&#228;higkeit der &#246;sterreichischen Exportwirtschaft. Wirtschaftspolitische Ma&#223;nahmen wurden nun ausschlie&#223;lich angebotsseitig gesetzt: weitere Erh&#246;hung der staatlichen Wirtschaftsf&#246;rderungen an das Privatkapital, geringere Ausgaben im Bereich soziale Wohlfahrt und Gesundheit, Erh&#246;hung der Massensteuern und gleichzeitig Reallohnverluste.<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> Gleichzeitig sollte eine restriktive Budgetpolitik (seit 1977) die inflation&#228;ren Wirkungen der Staatsverschuldung in den Griff bekommen. Hans Seidel, 1981-83 Staatssekret&#228;r im Finanzministerium und Erfinder des Begriffs „Austrokeynesianismus“, schrieb im R&#252;ckblick, dass die keynesianische Politik „erfolgreich gewesen [w&#228;re], wenn die Weltwirtschaft nach einer mehrj&#228;hrigen Anpassungsperiode wieder auf ihren urspr&#252;nglichen Wachstumspfad zur&#252;ckgekehrt w&#228;re.“<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> Damit hat Seidel – wahrscheinlich ungewollt – das Kernproblem keynesianischer Wirtschaftspolitik treffend umschrieben: letztlich ist das Scheitern des Keynesianismus untrennbar mit der inh&#228;renten Krisenlogik des Kapitalismus verkn&#252;pft.</p>
<h3>Neokeynesianismus</h3>
<p>In den letzten Jahren ist deutlich geworden, dass auch der wirtschaftspolitische Schwenk zu neoliberalen Rezepten die Stagnationskrise nicht in den Griff bekommen konnte. Tats&#228;chlich haben die westlichen Regierungen – ohne es zuzugeben – l&#228;ngst keynesianische Nachfrageelemente wieder in ihre Politik aufgenommen. Reagan st&#252;tzte sich in den 80ern auf einen „R&#252;stungskeynesianismus“, den Bush jun. Heute zu wiederholen versucht.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> In den Euro-L&#228;ndern wird der Stabilit&#228;tspakt schrittweise aufgeweicht. Und die japanische Regierung betreibt seit mehr als einem Jahrzehnt eine Politik des deficit spending.<br />
Genau an diesem Scheitern neoliberaler Wirtschaftspolitik setzt heute die Kritik eines neuen, linken Keynesianismus an. Der Ausweg aus der Krise sei eine revitalisierte keynesianische Nachfragepolitik.<br />
Die Idee der NeokeynesianerInnen<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> lautet, dass eine „produktivit&#228;tsorientierte Lohnpolitik“ und die damit verbundene „St&#228;rkung der Massenkaufkraft“<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a> die Wirtschaft aus der Krise ziehen k&#246;nne.<br />
W&#228;hrend sich die Exportwirtschaft pr&#228;chtig entwickle w&#252;rde die Binnennachfrage „wegen der stagnierenden Reall&#246;hne und diverser Sparpakete“ zur&#252;ckbleiben und „damit das wirkliche Problemfeld“ darstellen.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a><br />
„Das Aufgehen der Schere in der Einkommensverteilung … d&#228;mpft die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und die Produktivit&#228;t der Volkswirtschaft“ und bilde daher „einen wesentlichen Grund f&#252;r das schwache Wirtschaftswachstum und die gro&#223;en Probleme auf dem Arbeitsmarkt.“<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> „Das zentrale wirtschaftliche Problem der letzten Jahre“ sei, „dass die hohen Gewinne, die im Export und bei den internationalen Investitionen erzielt werden, nicht auf die heimische Konsumnachfrage &#252;bertragen werden“ und folglich die „hohe Sparneigung der Konsumenten“ zur „wichtigsten Beschr&#228;nkungen f&#252;r die Wirtschaftsentwicklung“ werde.<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a><br />
Die Ursachen der Krise selbst werden so – in spiegelbildlicher Verkehrung der neoliberalen Argumente – am Lohnniveau festgemacht und mithilfe einer „Unterkonsumtionstheorie“ erkl&#228;rt.<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a> Anders als Keynes, der in zu niedrigen Profitraten eine wichtige Rolle f&#252;r das Aufkommen des Nachfragedefizits und der Krise sah, argumentieren die LinkskeynesianerInnen, dass zu hohe Profite zu Krisen f&#252;hren. Die Reall&#246;hne hinken der Steigerung der Arbeitsproduktivit&#228;t hinterher. Die Folge sei, dass die Konsumnachfrage nicht mehr proportional dem Wachstum der Produktionskapazit&#228;t zunehme, und so &#220;berkapazit&#228;ten und Arbeitslosigkeit entstehen.<a href="#anm26" title="anm_26" name="anm_26"><sup>26</sup></a><br />
Die Anhebung der Massenkaufkraft sei deshalb notwendig, damit das Angebot von Waren auf eine entsprechende Nachfrage trifft. H&#246;here L&#246;hne seien somit nicht nur im Interesse der Lohnabh&#228;ngigen, sondern im klassen&#252;bergreifenden „Interesse der Volkswirtschaft“.<br />
Nun hat dieses Unterkonsumtionsargument tats&#228;chlich einen „rationalen Kern“. Schon Engels betonte, „dass die gro&#223;e Industrie, die den ganzen Erdkreis nach neuen Konsumenten abjagt, zu Hause die Konsumtion der Massen auf ein Hungerminimum beschr&#228;nkt und sich damit den eignen innern Markt untergr&#228;bt.“<a href="#anm27" title="anm_27" name="anm_27"><sup>27</sup></a> Lohnk&#252;rzungen k&#246;nnen demnach Krisen verschlimmern. Umgekehrt gilt jedoch nicht, dass h&#246;here L&#246;hne Krisen verhindern k&#246;nnen. Die Nachfrage nach Investitionsg&#252;tern h&#228;ngt z.B. von der Profitrate ab – und h&#246;here Reall&#246;hne schneiden in die Profite.<br />
Der Fehler der linkskeynesianischen Theorie liegt darin, dass Krisen auf ein Distributionsproblem der Zirkulationssph&#228;re reduziert, und nicht in den Widerspr&#252;chen des Akkumulationsprozesses insgesamt verwurzelt werden, womit die prinzipielle M&#246;glichkeit der politischen Regulation kapitalistischer Krisentendenzen impliziert ist.<br />
Wenn die UnterkonsumtionstheoretikerInnen aber glauben, das Kapital „im Interesse der Volkswirtschaft“ zu ihrem Gl&#252;ck zwingen zu k&#246;nnen, so unterschlagen sie die Konkurrenzsituation zwischen den Einzelkapitalien im Kapitalismus: Was volkswirtschaftlich vern&#252;nftig klingt, wird von der betriebswirtschaftlichen Logik der einzelnen UnternehmerInnen ausgehebelt. Marx schreibt: „Das im Kapitalverh&#228;ltnis gesetzte widerspr&#252;chliche Interesse jedes Einzelkapitalisten an gr&#246;&#223;ter Konsumtionskraft aller Arbeiter mit Ausnahme der von ihm angewendeten und an m&#246;glichst niedrigen L&#246;hnen seiner eigenen Arbeiter, kann auch der Staat nicht &#252;berspringen“ – und schon gar nicht im globalisierten Kapitalismus.<br />
Tats&#228;chlich waren weder in den 70ern zu niedrige L&#246;hne die Krisenursache, noch sind sie es heute. Robert Brenner<a href="#anm28" title="anm_28" name="anm_28"><sup>28</sup></a> konnte zeigen, dass das Problem der Weltwirtschaft seit den 1970er Jahren die massive &#220;berakkumulation von Kapital und damit zusammenh&#228;ngend niedrige Profitraten, v.a. in der verarbeitenden Industrie, sind. Auch das enorme Anschwellen der Finanzm&#228;rkte ist letztlich Ausdruck der Tatsache, dass sich f&#252;r Verm&#246;gen im produktiven Sektor immer schwieriger profitable Investitionsm&#246;glichkeiten finden. Zwar wurde insbesondere in den USA in den 90er Jahren die Ausbeutungsrate erheblich erh&#246;ht, das Problem der &#220;berakkumulation ist damit allerdings nicht verschwunden.</p>
<h3>Falsche &#214;konomie</h3>
<p>Die linken NeokeynesianerInnen glauben an die &#220;berwindung der Krisen des Kapitalismus durch richtige Regierungspolitik. Anders als Keynes wollen sie zus&#228;tzliche Nachfrage weniger auf dem Weg defizit&#228;rer Haushaltspolitik des Staates schaffen, als durch die Umverteilung von oben nach unten. Selbstverst&#228;ndlich sind Forderungen nach Erhalt sozialstaatlicher Leistungen, Mindestl&#246;hne, St&#228;rkung der Massenkaufkraft etc. zu unterst&#252;tzen – nicht zuletzt, weil sie zentrale Ideologeme neoliberaler Sachzwanglogik herausfordern. Aber es w&#228;re fatal, die Illusion der NeokeynesianerInnen zu teilen, dass auf diesem Weg die Stagnationskrise &#252;berwunden werden k&#246;nne. Genauso illusorisch ist die Hoffnung, Staat und Kapital k&#246;nnten „im Allgemeininteresse“ f&#252;r eine solche Politik gewonnen werden.<br />
Die Antwort auf den Neoliberalismus ist keine R&#252;ckkehr zu Keynes sondern ein Vorw&#228;rts mit Marx. Wir sollten nicht in der keynesianischen Mottenkiste nach Konzepten kapitalistischen Krisenmanagements suchen. Das Problem liegt eben nicht in falscher Regierungspolitik, sondern in einer „falschen &#214;konomie“.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Allerdings verweist die Tatsache, dass die Positionen der sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Linken in &#214;sterreich weit weniger &#246;ffentlich Geh&#246;r finden als etwa in Deutschland, auch auf die Schw&#228;che der antineoliberalen Kr&#228;fte.<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Das gilt besonders auch f&#252;r die einflussreichen regulationstheoretischen &#220;berlegungen von Aglietta oder Lipietz. Vgl. Brenner, Robert/ Glick, Mark: The Regulation Approach. Theory and History, in: <em>New Left Review</em> 188 (1991), S. 45-119.<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Dass die Entwicklung der Profitraten in erster Linie auf die Kapitalzusammensetzung zur&#252;ckgef&#252;hrt werden muss konnte Anwar Shaikh zeigen. (Explaining the Global Economic Crisis, in: <em>Historical Materialism</em> 5 (1999), S. 103-144)<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Marx versucht im sogenannten „Gesetz“ vom tendenziellen Fall der Profitrate (TFPR) die grundlegenden Widerspr&#252;che der Kapitalakkumulation zu fassen. Marx geht es also – anders als das viele Marx-InterpretInnen behaupten – (zun&#228;chst) nicht um die empirische Voraussage notwendig fallender Profitraten, sondern um die Darstellung abstrakter, konfligierender Tendenzen des kapitalistischen Akkumulationsprozesses, die dessen immanente Krisenanf&#228;lligkeit zeigen sollen. (vgl. Fine, Ben/ Harris, Laurence: Rereading Capital, London 1979 und Fine, Ben/ Saad-Filho, Alfredo: Marx‘s Capital, London 42004) Zun&#228;chst abstrahiert Marx von allen Wertver&#228;nderungen au&#223;er jenen, die unmittelbares Ergebnis der Produktivkraftentwicklung sind. Diese Wertver&#228;nderungen, die Ausdruck ver&#228;nderter technischer Produktionsbedingungen sind, bezeichnet Marx mit dem Begriff der organischen Zusammensetzung des Kapitals. Sie ist bestimmt als das Verh&#228;ltnis von konstantem zu variablem Kapital (c/v), d.h. von Aufwendungen f&#252;r Produktionsmittel und jenen, die f&#252;r L&#246;hne vorgeschossen werden. Die Effekte einer Steigerung der Produktivit&#228;t auf die Werte von c und v werden vorerst noch ignoriert. (vgl. Saad-Filho, Alfredo: The Value of Marx. Political Economy for Contemporary Capitalism, London 2002, Kapitel 6) Da produktivit&#228;tssteigernde Technologien zu ihrer Bearbeitung meist weniger Arbeitskr&#228;fte ben&#246;tigen steigt die organische Zusammensetzung des Kapitals c/v. Die Folge der Produktivit&#228;tsentwicklung ist daher ein Fallen der Profitrate, denn diese ist bestimmt als das Verh&#228;ltnis von Mehrwert zur Summe aus konstantem und variablen Kapital: p’ = m/(c+v) = (m/v)/((c/v)+1). Das bedeutet nichts anderes, als dass die Produktivkraftentwicklung zu fallenden Profitraten f&#252;hrt, weil nur menschliche Arbeit Wert schafft. Das gilt allerdings nur, solange wir von den <em>indirekten </em>Auswirkungen einer wachsenden organischen Zusammensetzung des Kapitals, von Ver&#228;nderungen in der Ausbeutungsrate und den Effekten von Ver&#228;nderungen der Preise und L&#246;hne auf die Wertzusammensetzung des Kapitals abstrahieren. Das ist solange legitim, als wir uns nur auf die Produktionssph&#228;re konzentrieren, denn in der Produktion &#228;ndern sich die Warenwerte nicht. Sobald wir aber den Akkumulationsprozess in seiner Einheit von Produktion und Zirkulation betrachten m&#252;ssen wir diese Effekte ber&#252;cksichtigen. Erstens: Die Werte von c und v werden als Ergebnis der Produktivit&#228;tssteigerung sinken. Das bedeutet, dass auch das Verh&#228;ltnis von c/v nicht mehr dem entspricht, wie es sich bei „alten“ Werten dargestellt hat. Marx verwendet daf&#252;r den Begriff der Wertzusammensetzung des Kapitals, der sich von der organischen Zusammensetzung des Kapitals unterscheidet. Ob ein Anstieg der organischen Zusammensetzung des Kapitals auch einen Anstieg der Wertzusammensetzung des Kapitals nach sich zieht ist nun aber nicht von vornherein ausgemacht. Zweitens: Die Verbilligung der Elemente des variablen Kapitals, d.h. ein Sinken des Werts der Arbeitskraft, bedeutet eine Erh&#246;hung der Mehrwertrate bzw. Ausbeutungsrate m/v, was dem Fall der Profitrate entgegenwirkt. Diese Mechanismen bezeichnet Marx deshalb als „entgegenwirkende Tendenzen“. Zusammengenommen dr&#252;cken TFPR und die entgegenwirkenden Tendenzen die (widerspr&#252;chlichen) Effekte des Akkumulationsprozesses aus. Das „Gesetz“ sollte deshalb eigentlich besser „Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate und seiner entgegenwirkenden Tendenzen“ hei&#223;en. Geert Reuten meint &#252;berhaupt, Marxens Bezeichnung TFPR sei irref&#252;hrend und schl&#228;gt vor, von „theory of the rate of the profit cycle“ zu sprechen. (Reuten, Geert: „<em>Zirkel vicieux</em>“ or Trend Fall? The Course of the Profit Rate in Marx’s <em>Capital III</em>, in: <em>History of Political Economy</em> 36:1 (2004), S. 163-186, hier S. 175)<br />
Festzuhalten bleibt, dass das „Gesetz“ vom TFPR nicht mehr, aber auch nicht weniger behauptet als die immanente M&#246;glichkeit kapitalistischer Krisen, die in der widerspr&#252;chlichen Einheit von „Tendenz“ und „Gegentendenzen“ angelegt sind. Ein Verst&#228;ndnis dieser Widerspr&#252;che ist f&#252;r eine marxistische Krisentheorie unabdingbar; um jedoch auf Grundlage dieses „Gesetzes“ l&#228;ngerfristige Tendenzen des Systems und die Dynamik von Krisen erkl&#228;ren zu k&#246;nnen, muss eine Menge weiterer Faktoren ber&#252;cksichtigt werden, die hier nicht im Detail diskutiert werden k&#246;nnen: etwa Zirkulationszeit, Umschlagszeit oder fixes Kapital. Nehmen wir letzteres als Beispiel. F&#252;r eine/n KapitalistIn wird die Verbilligung der Elemente des konstanten Kapitals nicht unmittelbar wirksam, denn f&#252;r sie/ihn z&#228;hlt, wie viel zum Zeitpunkt der Anschaffung der Produktionsmittel daf&#252;r bezahlt werden musste und nicht, wie viel es jetzt kosten w&#252;rde, sie zu ersetzen. Wenn der technologische Fortschritt dazu f&#252;hrt, dass diese Investitionen weniger wert sind als vorher, dann m&#252;ssen die Kosten der Abschreibung eben aus dem Bruttogewinn bezahlt werden. “Was sie auf der einen Seite gewinnen, verlieren sie somit wieder auf der anderen.“ (Harman, Chris: Where is Capitalism Going? (Part I), in: <em>International Socialism</em> 58 (1993), S. 3-58) Gr&#246;&#223;e, Alter und Effizienz fixen Kapitals spielen somit eine wichtige Rolle f&#252;r die empirische Bewegung der Profitraten. Auf noch konkreterer Ebene m&#252;ssen wir auch die (institutionellen) Spezifika historisch sich entwickelnder kapitalistischer Gesellschaftsformationen ber&#252;cksichtigen. Die Theorie der permanenten R&#252;stungswirtschaft setzt hier an: sie untersucht die besonderen Wirkungen der Nachkriegs-Konstellation auf den TFPR und begreift die R&#252;stungsausgaben als eine zu dieser Zeit wichtige wirksame „entgegenwirkende Tendenz“. (Callinicos, Alex: Capitalism, Competition and Profits: A Critique of Robert Brenner’s Theory of Crisis, in: <em>Historical Materialism</em> 4 (1999), S. 9-31, hier S. 28)<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Kidron, Michael: R&#252;stung und wirtschaftliches Wachstum. Ein Essay &#252;ber den westlichen Kapitalismus nach 1945, Frankfurt 1971, S. 58f.<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Vgl. ebd. und Harman, Chris: Explaining the Crisis. A Marxist Re-Appraisal, London 1999. Hier kann nur eine sehr vereinfachende Skizze dieses Mechanismus gegeben werden.<br />
Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass Kapitalien in Sektoren mit unterschiedlichen technischen Produktionsbedingungen, d.h. unterschiedlicher organischer Zusammensetzung des Kapitals – auch bei gleicher Mehrwertrate – bei unterschiedlichen Profitraten produzieren. Nun w&#252;rde aber in solchen Situationen Kapital aus Branchen mit niedrigerer Profitrate in solche mit h&#246;herer Profitrate abflie&#223;en. Dadurch sinkt das Warenangebot und steigen die Preise in der einen Branche und umgekehrt steigt das Warenangebot und sinken die Preise in der anderen. Als Ergebnis dieses Prozesses gleichen sich die Profitraten der einzelnen Sektoren zu einer allgemeinen Durchschnittsprofitrate an. Die Preise (modifizierten Werte), zu denen eine solche Durchschnittsprofitrate erzielt wird entsprechen nun nicht mehr den monet&#228;ren Ausdr&#252;cken der Warenwerte. Marx bezeichnet sie als Produktionspreise.<br />
Die Differenzen zwischen Werten und Produktionspreisen bedeuten allerdings nicht, dass irgendwo neuer Wert geschaffen worden w&#228;re. Unterm Strich gleichen sich die durch die Produktionspreise repr&#228;sentierten Verzerrungen der Werte aus. Was sich ver&#228;ndert sind die <em>Anteile </em>der Einzelkapitalien in den unterschiedlichen Sektoren am <em>gesamtgesellschaftlich </em>produzierten Mehrwert.<br />
Auf dieser Grundlage k&#246;nnen wir weiter fragen, welche Effekte eine Erh&#246;hung der Kapitalzusammensetzung in den einzelnen Abteilungen hat.<br />
<em>Abteilung I</em>: Ein Anstieg der organischen Zusammensetzung des Kapitals f&#252;hrt (i) tendenziell zu einer geringen Profitrate in dieser Abteilung (unter Abstraktion bestimmter entgegenwirkender Faktoren; vgl. <a href="#anm4">Anmerkung 4</a>); (ii) eine neue Durchschnittsprofitrate bildet sich heraus, die nun unter der vorherigen liegt; (iii) in diesem Prozess sind jedoch die Preise in Abteilung I um genau soviel gestiegen wie sie in den Abteilungen II und III zusammengenommen gefallen sind; (iv) da jedoch die Preissenkungen in Abteilung III in einem neuen Produktionszyklus nicht wirksam werden (unproduktive Konsumtion) wird der Preisanstieg f&#252;r Produktionsmittel (die Produkte der Abteilung I) h&#246;her sein, als der Fall der Preise f&#252;r Konsumtionsg&#252;ter (die Produkte der Abteilung II); (v) das dr&#252;ckt die Profitrate tendenziell noch weiter herab.<br />
<em>Abteilung II</em>: die Auswirkungen hier sind analog zu einem Anstieg der organischen Zusammensetzung des Kapitals in Abteilung I.<br />
<em>Abteilung III</em>: zun&#228;chst bedeutet auch ein Anstieg der organischen Zusammensetzung des Kapitals in Abteilung III eine verminderte Durchschnittsprofitrate. Dabei sind die Preise in Abteilung III um genau soviel gestiegen wie sie in den Abteilungen I und II gefallen sind. Da jedoch die Preissteigerung in Abteilung III keine weiteren Effekte in einem neuen Produktionszyklus hat sind im Ergebnis die Preise <em>sowohl </em>f&#252;r Produktionsmittel <em>als auch</em> f&#252;r Konsumtionsg&#252;ter gefallen. Demzufolge wird die Profitrate tendenziell steigen.<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Callinicos, Alex: Die revolution&#228;ren Ideen von Karl Marx, Frankfurt 1998, S. 269.<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Brenner, Robert: Die weltwirtschaftliche Rezession beginnt: Eine Diagnose, in: <em>Sozialismus </em>2/2002, S. 11-19, hier S. 13.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Unger, Brigitte: &#214;sterreichs Wirtschaftspolitik. Vom Austro-Keynesianismus zum Austro-Neoliberalismus?, in: Tálos, Emmerich (Hg.): Zukunft der Sozialpartnerschaft, Wien 1999, S. 170.<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Sandgruber, Roman: &#214;konomie und Politik. &#214;sterreichische Wirtschaftsgeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Wien 1995, S. 488.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Unger: a.a.O., S. 168.<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Ostleitner, Herbert: Die Budgetpolitik des Austro-Keynesianismus, in: Weber, Fritz/ Venus, Theodor (Hg.): Austro-Keynesianismus in Theorie und Praxis, Wien 1993, S. 105-112, hier S. 106.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Butschek, Felix: Die &#246;sterreichische Wirtschaft im 20. Jahrhundert, Stuttgart 1985, S. 147.<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Zus&#228;tzlich wirkte sich die Expansion des Dienstleistungssektors im Sinne einer „nachholenden Entwicklung“ positiv aus.<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Weber, Fritz: Vorwort, in: ders./ Venus, Theodor (Hg.): Austro-Keynesianismus in Theorie und Praxis, Wien 1993, S. 7-11, hier S. 9.<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Vranitzky, Franz: Der &#246;sterreichische Weg, in: Weber, Fritz/ Venus, Theodor (Hg.): Austro-Keynesianismus in Theorie und Praxis, Wien 1993, S. 12-14, hier S. 12.<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Dass das keine gr&#246;beren sozialen Auseinandersetzungen provozierte (wie in anderen L&#228;ndern) lag in erster Linie am sozialparterschaftlichen Konfliktmanagement.<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> Seidel, Hans: Austro-Keynesianismus – revisited, in: Weber, Fritz/ Venus, Theodor (Hg.): Austro-Keynesianismus in Theorie und Praxis, Wien 1993, S. 145-149, hier S. 149.<br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a> Allerdings werden die schwachen Wirtschaften heute kaum in der Lage sein ein &#228;hnlich hohes Niveau an R&#252;stungsausgaben tragen zu k&#246;nnen wie in den 1950er Jahren.<br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a> Wenn im Folgenden von Neo- oder Linkskeynesianismus die Rede ist, dann ist damit keine bestimmte wirtschafts<em>theoretische</em> Weiterentwicklung der Positionen von Keynes gemeint, sondern wirtschafts<em>politische</em> Konzeptionen bezeichnet, die sich aus dem Fundus der keynesianischen Diskussion bedienen.<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a> Meist kombiniert mit aus Gewinnsteuern finanzierten staatlichen Nachfrageimpulsen.<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a> Katzian, Wolfgang/ Kral-Bast, Claudia: Globalisierung: L&#228;hmung des Sozialstaates statt Z&#228;hmung des Kapitalismus?, in: Greif, Wolfgang u.a. (Hg.): Alternativen zum Neoliberalismus. Sozial ins 21. Jahrhundert, Wien 1999, S. 231-238, hier S. 234.<br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a> Marterbauer, Markus: Wem geh&#246;rt der Wohlstand? Perspektiven f&#252;r eine neue &#246;sterreichische Wirtschaftspolitik, Wien 2007, S. 112f.<br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a> Ebd., 12f.<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a> Vgl. zu Unterkonsumtionstheorien Bleaney, Michael F.: Underconsumption Theories. A History and Critical Analysis, New York 1976.<br />
<a href="#anm_26" title="anm26" name="anm26">26</a> Vgl. Deutschmann, Christoph: Der linke Keynesianismus, Frankfurt 1973, online: http://www.mxks.de/files/other/Deutschmann.LinkerKeynes.html<br />
<a href="#anm_27" title="anm27" name="anm27">27</a> MEW 20, S. 256.<br />
<a href="#anm_28" title="anm28" name="anm28">28</a> Brenner, Robert: The Economics of Global Turbulence. The Advanced Capitalist Economies from Long Boom to Long Downturn, 1945-2005, London 2006, ders.: Boom &amp; Bubble. Die USA in der Weltwirtschaft, Hamburg 2003 und ders.: New Boom or New Bubble?, in: <em>New Left Review</em> 25 (2004), S. 57-100. Vgl. aber zur Kritik an den theoretischen Grundlagen der Arbeiten Brenners das Symposium in <em>Historical Materialism</em> 4 (1999) und 5 (1999), sowie Fine, Ben/ Lapavitsas, Costas/ Milonakis, Dimitris: Adressing the World Economy: Two Steps Back, in: <em>Capital &amp; Class</em> 67 (1999), S. 47-90.</p>
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		<title>Editorial</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 10:40:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Nach unserer erfolgreichen „Nullnummer“ gibt es jetzt endlich die offizielle <em>Perspektiven</em><span> Nr. 1. Diesmal widmen wir unseren Schwerpunkt einem ebenso nahe liegenden wie herausfordernden Thema: Perspektiven gegen die Neoliberalisierung &#214;sterreichs.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nach unserer erfolgreichen „Nullnummer“ gibt es jetzt endlich die offizielle <em>Perspektiven</em><span> Nr. 1. Diesmal widmen wir unseren Schwerpunkt einem ebenso nahe liegenden wie herausfordernden Thema: Perspektiven gegen die Neoliberalisierung &#214;sterreichs.<br />
<span id="more-83"></span><br />
Ein hitziger Wahlkampf liegt hinter uns. Durch die Abwahl der Regierungsparteien wurde deutlich, dass die Menschen eine andere Politik wollen. Doch so erfreulich der Wahlsieg der SP&#214; auch ist, symbolisiert er doch keine echte Aufbruchstimmung. Die Menschen bleiben skeptisch, die Hoffnungen ged&#228;mpft. Und das aus gutem Grund. Erstens scheinen die wirtschaftlichen und ideologischen Ver&#228;nderungen der letzten sechs Jahre unter Schwarz-Blau-Orange nur schwer revidierbar. Sachzwanglogik und Standortkonkurrenz sind zum politischen Mainstream geworden. Einleitend analysiert dazu <em>Mario Becksteiner</em> die Entwicklung der <em>Neoliberalisierung &#214;sterreichs</em></span><span>. (S. 4) Zweitens agiert auch die offizielle Vertretung der ArbeitnehmerInnen &#228;u&#223;erst zaghaft. Sie sind gefangen in der Sozialpartnerschaft, und das seit der Gr&#252;ndung des &#214;GB 1945, erkl&#228;rt <em>Karin H&#228;dicke</em>. (S. 8)<o></o></span>
</p>
<p class="Fliesstext"><span>Die „no-alternative“ Haltung zu den aktuellen politischen und &#246;konomischen Verh&#228;ltnissen versucht <em>Stefan Probst</em> in </span><em>Es geht auch anders</em><span> zu durchbrechen. Er zeigt konkrete politische Alternativen f&#252;r eine notwendige Offensive der sozialen Bewegungen. (S. 14)<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span><o> </o></span></p>
<p>Unser zweiter Schwerpunkt besch&#228;ftigt sich mit dem weltpolitischen Brennpunkt Naher und Mittlerer Osten. Ausgehend von den Attacken auf den Libanon analysiert <em>Benjamin Opratko</em> die Strategien des israelischen Staates im Krieg an mehreren Fronten. (S. 20) <em>Behrouz Rahimi</em> zeichnet in <em>Der andere Iran</em><span> ein Bild der Islamischen Republik jenseits der Schreckensbilder von Atomkonflikt und Mullah-Diktatur und stellt jene sozialen Bewegungen ins Zentrum, die eine echte Chance auf Demokratie und Gerechtigkeit im Iran darstellen. (S. 26)<o></o></span></p>
<p>Da Fortschritte linker Bewegungen weltweit in den b&#252;rgerlichen Medien nur allzu gerne unter den Teppich gekehrt werden, starten wir in dieser Ausgabe unsere neue Serie <em>Was macht die Linke in…</em><span>, diesmal mit einem Bericht von <em>Kristina Botka</em> und <em>Benedict Mayrhofer</em> &#252;ber das Entstehen einer neuen Linkspartei in Brasilien, die bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen im Oktober beachtliche Erfolge verzeichnen konnte. (S. 33)<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Zum Anlass des 50. Jahrestages feiern wir unser Jubil&#228;um der Revolution in Ungarn. <em>Maria Asenbaum</em> zeigt, dass die Aufst&#228;nde im Herbst 1956 nicht die Restaurierung des Kapitalismus zum Ziel hatten, sondern in der Tradition des Sozialismus von unten stehen. (S. 42)<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span>Unser Kulturartikel besch&#228;ftigt sich diesmal mit den historischen Wurzeln und den aktuellen Tendenzen im Reggae. (S. 36)<o></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span>Spannende politische Literatur, von der iranischen Weblogszene bis Leo Trotzkis Leben und Werk, stellen wir euch im Rezensionsteil vor.</span></p>
<p>Eure <em>Perspektiven</em>-Redaktion<o></o></p>
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		<title>Die Neoliberalisierung &#214;sterreichs</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 10:20:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[In den letzten sechs Jahren haben die von Sch&#252;ssel gef&#252;hrten schwarzblauorangen Koalitionsregierungen die neoliberale Restrukturierung der &#246;sterreichischen Gesellschaft in qualitativ neuer Form vorangetrieben. <em>Mario Becksteiner </em>analysiert, wie sich in &#214;sterreich in den 1990er Jahren ein neoliberaler Grundkonsens herausbilden konnte, und wie unter den Sch&#252;ssel-Regierungen der Umbau des &#246;sterreichischen Wohlfahrts- hin zum Wettbewerbsstaat durchgesetzt wurde.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In den letzten sechs Jahren haben die von Sch&#252;ssel gef&#252;hrten schwarzblauorangen Koalitionsregierungen die neoliberale Restrukturierung der &#246;sterreichischen Gesellschaft in qualitativ neuer Form vorangetrieben. <em>Mario Becksteiner </em>analysiert, wie sich in &#214;sterreich in den 1990er Jahren ein neoliberaler Grundkonsens herausbilden konnte, und wie unter den Sch&#252;ssel-Regierungen der Umbau des &#246;sterreichischen Wohlfahrts- hin zum Wettbewerbsstaat durchgesetzt wurde.<br />
<span id="more-84"></span><br />
Der marktkonforme Umbau von Wirtschaft und Staat ist nat&#252;rlich kein auf &#214;sterreich beschr&#228;nktes Ph&#228;nomen, sondern kann nur im Zusammenhang der wirtschaftlichen Umw&#228;lzungen im Europa der letzten 30 Jahre verstanden werden. Die neoliberale Wende hat ihren Ausgangspunkt in der Stagnationskrise des kapitalistischen Systems seit Anfang der 70er Jahre. W&#228;hrend in den USA und in Gro&#223;britannien schon sehr fr&#252;h mit der wirtschaftlichen Umstrukturierung begonnen wurde, setzte sich in Kontinentaleuropa die Ideologie des Neoliberalismus langsamer durch. Institutionell abgesicherte Sozialpartnerschaftsmodelle erwiesen sich als „tr&#228;ge“ gegen&#252;ber den Versuchen, neoliberale Reformen durchzuboxen. Die VerfechterInnen einer neoliberalen Politik mussten nach anderen Wegen suchen, wie sie diese umsetzen konnten. Der europ&#228;ische Einigungsprozess setzte daf&#252;r den geeigneten Rahmen. <o></o></p>
<h3>Die EU als Rammbock</h3>
<p>Auf der einen Seite war das Projekt EG und sp&#228;ter EU immer nach den Bed&#252;rfnissen der Wirtschaft ausgerichtet. Die Kapitalfraktionen, die am vehementesten f&#252;r eine europ&#228;ische Einigung pl&#228;dierten, versprachen sich von einem neoliberal umgestalteten Wirtschaftsblock einen Ausweg aus der Stagnationskrise und eine St&#228;rkung ihrer Position im internationalen Wettbewerb. Des Weiteren war die europ&#228;ische Ebene der Politik von jeher von einem starken Demokratiedefizit gepr&#228;gt. Die Europ&#228;ische Kommission unterliegt beinahe keiner demokratischen Kontrolle durch das Volk. Sie wurde so zur idealen Adressatin, um neoliberale Umstrukturierungsprojekte, vorbei an z&#228;hen gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen, einzuleiten. <o></o><br />
Au&#223;erdem war das einhellige Bekenntnis aller gro&#223;en politischen Parteien zu Europa der Angelpunkt f&#252;r eine ideologisch Offensive. Der Glanz, den die Idee eines vereinigten Europas ausstrahlte, verdeckte f&#252;r eine lange Zeit, was hinter den Kulissen geschah. Die Europ&#228;ische Union entwickelte sich immer mehr zu einem Rammbock, mit dessen Hilfe neoliberale Konzepte durchgesetzt wurden. Dies erfolgte allerdings nicht nur von Au&#223;en. Auch innerhalb der einzelnen Nationalstaaten formierten sich gesellschaftliche Bl&#246;cke, die sich dem Neoliberalismus verschrieben. Die politischen Konstellationen, die sich hier ergaben, waren in den L&#228;ndern h&#246;chst unterschiedlich, doch fast alle gro&#223;en Parteien waren bald auf Pro-EU-Kurs und trugen die neoliberalen Implikationen der EU Politik mit oder f&#246;rderten diese aktiv.</p>
<p>&#214;sterreich war daf&#252;r ein leuchtendes Beispiel. SP&#214; und &#214;VP f&#252;hrten im Verbund mit den Sozialpartnern eine Allianz an, die eine regelrechte Propagandawelle lostrat. Durch eine Mischung aus Katastrophenszenarien bei einem Nichtbeitritt und dem Versprechen gro&#223;er materieller Gewinne f&#252;r die Bev&#246;lkerung bei einem Beitritt, erhielt diese Allianz bei der Volksabstimmung 1994 breite Unterst&#252;tzung. <o></o></p>
<h3>Die rechtskonservative Wende</h3>
<p>Die durch den EU-Beitritt ver&#228;nderten Rahmenbedingungen erh&#246;hten den Druck die bereits in den 80ern begonnen Umstrukturierungen harsch durchzusetzen. Das Wort Reform wurde zu einer Floskel f&#252;r weiteren Sozialabbau, f&#252;r Sparpakete und Privatisierung. Als Regierungspartei trug die SP&#214; diesen Reformkurs mit, unter dem in erster Linie ArbeitnehmerInnen zu leiden hatten. An der Basis verloren sie damit zusehends an Vertrauen. Bei der Nationalratswahl 1999 zeigte sich, dass viele der ArbeiterInnen dieser Partei nicht mehr zutrauten, der Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen etwas entgegenzusetzen. Entt&#228;uscht wandten sie sich ab und wechselten ins Lager der FP&#214;. <o></o><br />
Die &#214;VP ergriff die Chance und ging als drittst&#228;rkste Kraft daran, eine rechte Koalition zu schmieden. Die SP&#214;, die unter dem Druck der Forderungen ihrer Stammw&#228;hlerInnenschaft stand, war f&#252;r die Partei des Gro&#223;kapitals immer mehr zu einem Klotz am Bein geworden. Die neue Regierung, gekennzeichnet durch die explosive Kombination von konservativer Gesellschaftspolitik, einer an neoliberalen Leitbildern ausgerichteten Wirtschaftspolitik und extrem rechter Migrationspolitik, stellte einen qualitativen Bruch in der politischen Landschaft &#214;sterreichs dar. <o></o><br />
Die Neoliberalisierung &#214;sterreichs ist seither gekennzeichnet durch die Ersetzung des sozialpartnerschaftlich gepr&#228;gten Wohlfahrtsstaates durch eine am internationalen Wettbewerb orientierten staatlichen, &#246;konomischen wie ideologischen Strukturierung. Diese wird &#252;ber drei zentrale Mechanismen umgesetzt: Die Privatisierung von &#246;ffentlichen Eigentum, die Privatisierung sozialer Risiken &#252;ber Sozialabbau und Deregulierung des Arbeitsmarkts und eine Umverteilungspolitik von unten nach oben.<o></o></p>
<h3>Privat statt Staat</h3>
<p>Schon unter den Gro&#223;en Koalitionen der 90er wurden etliche Betriebe aus &#246;ffentlichem Besitz teil- oder vollprivatisiert. Die Liste beginnt bei Semperit 1985, f&#252;hrt &#252;ber Teilprivatisierungen im Energiebereich (OMV) bis hin zu Privatisierungen renommierter &#246;sterreichischer Unternehmen wie AMAG oder Mobilkom. Kennzeichnend f&#252;r die Privatisierungen in den 90iger Jahren war eine starke Beteiligung der Gewerkschaften im Ver&#228;u&#223;erungsprozess. Zum einen wurden diese dadurch eingebunden und zum anderen konnten so teilweise die schlimmsten Folgen f&#252;r die ArbeitnehmerInnen etwas gemildert werden. Dass dies bei weitem nicht immer der Fall war, zeigt zum Beispiel der Verkauf von Semperit an den deutschen Continental Konzern, der die komplette Schlie&#223;ung des &#246;sterreichischen Produktionsstandortes mit sich brachte. Diese Einbindung der Gewerkschaften bei den Privatisierungen war zum gro&#223;en Teil der politischen Konstellation geschuldet. Die SP&#214; war stark an die m&#228;chtige sozialdemokratische Gewerkschaftsfraktion gebunden. Mit dem Regierungswechsel 2000 verloren die Gewerkschaften jeglichen Einfluss auf die Gestaltung der Regierungspolitik. Nun wurden auch gewerkschaftliche Hochburgen ins Visier genommen. Gegen den Willen des &#214;GB konnten so Betriebe wie Telekom Austria, VA Tech, VOEST oder B&#246;hler Uddeholm privatisiert werden.</p>
<p>Die Privatisierungspolitik der letzten sechs Jahre macht aber nicht beim Verkauf &#246;ffentlichen Eigentums halt. Dar&#252;ber hinaus zielte die Sch&#252;ssel-Regierung auf die Privatisierung &#246;ffentlicher Dienstleistungen und sozialer Risiken ab. Damit soll die Eigenverantwortung der Einzelnen gegen&#252;ber der gesellschaftlichen Absicherung aufgewertet werden. Am augenscheinlichsten geschah dies im Bereich der Altersvorsorge.<o></o></p>
<h3>Pensionsreform</h3>
<p>2003 holte die Regierung zu einem gro&#223;en Schlag gegen ein Kernkonzept des Wohlfahrtsstaates aus. Die heilige Kuh der Pensionsleistung der gesetzlichen Sozialversicherung sollte geschlachtet werden. Als Ersatz f&#252;r die umfassende staatliche Pensionsleistung wurde ein Drei-S&#228;ulen-Modell vorgestellt. W&#228;hrend eine der drei S&#228;ulen weiterhin durch die gesetzliche Sozialversicherung finanziert wird, r&#252;cken zwei weitere tragende S&#228;ulen ins Zentrum: Die individuelle und die betriebliche Vorsorge. Leistungen die &#252;ber eine minimale Grundsicherung hinausgehen m&#252;ssen in Zukunft &#252;ber den Markt zugekauft werden. Diese Strategie erf&#252;llt langj&#228;hrigen Forderungen des European Round Table of Industrialists zur Schaffung eines Risikokapitalmarktes nach US-amerikanischem Vorbild, der ma&#223;geblich von den privaten Pensionsfonds gespeist wird. Diese Privatvorsorge wird in &#214;sterreich auch noch gef&#246;rdert, n&#228;mlich in Form einer staatlichen Pr&#228;mie von 9%. Dies l&#228;uft auf eine Entsolidarisierung und eine staatlich gef&#246;rderte Privatisierung hinaus. Damit werden im Sinne der Neoliberalen gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Das Zur&#252;ckdr&#228;ngen der sozialen Verantwortung des Staates und die Erschlie&#223;ung einer beinahe unersch&#246;pflichen Quelle an Risikokapital, dies alles staatlich gef&#246;rdert. Die „individuelle Zukunftsplanung“ entpuppt sich als Unterwerfung breiter Bev&#246;lkerungsschichten unter das Diktat des Marktes. Die Menschen unterliegen verst&#228;rkt der Disziplinierung durch die direkte Koppelung ihres zuk&#252;nftigen Einkommens oder der Pension an die Entwicklung der Finanzm&#228;rkte (Fonds) oder der Firma (Betriebsvorsorge).</p>
<h3>Umbau des Bildungssektors</h3>
<p>Auch die Bildungspolitik &#214;sterreichs wurde von der Sch&#252;sselregierung den privatwirtschaftlichen Verwertungspr&#228;missen unterworfen. Besonders deutlich wurde das im Hochschulbereich, mit dem Universit&#228;tsgesetz 2002. Dessen Kernst&#252;ck war dabei die Entlassung der Universit&#228;ten in die Schein-Autonomie, die es den Unis direkt erm&#246;glicht ihre Binnenstrukturen den Bed&#252;rfnissen des Marktes anzupassen. Verbunden damit ist das Prinzip des „Globalbudgets“, ein Finanzierungsprinzip, das sich nach einem reinen Input-Output-Modell richtet. Au&#223;erdem wurden Entscheidungsfindungsgremien in undemokratische Managementstrukturen umgewandelt, (siehe Organisationsplan der Uni Wien). Die Universit&#228;ten wurden finanziell augehungert und von privatwirtschaftlicher Finanzierung abh&#228;ngig gemacht. Mit Studiengeb&#252;hren, Zugangsbeschr&#228;nkungen und der bevorstehenden Anpassung an die Bologna-Studienarchitektur wird Hochschulbildung insgesamt elitisiert. Ein Gro&#223;teil der Studienwilligen soll hierbei m&#246;glichst bald am Arbeitsmarkt als Humankapital zur Verf&#252;gung stehen, nur eine kleine Elite den wissenschaftlichen Fortschritt im Sinne der Marktverwertbarkeit vorantreiben und auch die herrschende Ideologie des Neoliberalismus weitergeben.</p>
<h3>Deregulierung des Arbeitsmarkts</h3>
<p>Das Konzept der Privatisierung geht mit der Aush&#246;hlung von regulierten Arbeitsm&#228;rkten einher: Die Anerkennung von Gewerkschaften als ma&#223;geblichen Verhandlungspartnerinnen f&#252;r Kollektivvertr&#228;ge, der Staat als Organisator von Umverteilung und die arbeitsrechtlichen Bestimmungen werden radikal in Frage gestellt.<br />
Schon seit Mitte der 90er Jahre k&#246;nnen wir in &#214;sterreich einen Trend beobachten, der als Ausfransen der Normalarbeitsverh&#228;ltnisse und des geregelten Arbeitsmarktes bezeichnet werden kann. Schritt f&#252;r Schritt wurden in immer mehr Bereichen der Arbeitswelt so genannte atypische Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse eingef&#252;hrt. Dazu z&#228;hlen geringf&#252;gige Besch&#228;ftigung, Teilzeitarbeit, Scheinselbstst&#228;ndigkeit und Leiharbeit. Das f&#252;hrt zu einer Segmentierung des Arbeitsmarktes, die ArbeiterInnen in zwei Klassen unterteilt. Besch&#228;ftigte die in Schl&#252;sselsektoren der &#246;sterreichischen Wirtschaft arbeiten (Metallindustrie, Hochtechnologiesektoren und mittlere Verwaltungsebenen im Bereich der Finanzdienstleistungen), behalten einen relativ sicheren Status, d.h. geregelte Arbeitsverh&#228;ltnisse, gewerkschaftliche Vertretung, Kollektivvertr&#228;ge usf. Der Rest wird in prek&#228;re Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse abgedr&#228;ngt. Von UnternehmerInnenseite wird immer st&#228;rkerer Flexibilisierungsdruck ausge&#252;bt. Auch der Einstieg in die Arbeitswelt wird an privaten Aufopferungswillen, mit Aussicht auf ein fixes Dienstverh&#228;ltnis in unbestimmter Zukunft, gekoppelt. Damit versch&#228;rft sich der Trend, gesellschaftliche Problemstellungen wie Arbeitslosigkeit oder Einkommensfragen in den Bereich des Privaten abzuschieben.</p>
<p>Die Auswirkungen einer derartigen Flexibilisierung oder Privatisierung liegen auf der Hand.<br />
• Spaltung der Lohnabh&#228;ngigen in zwei Lager. Jene, die noch in besseren Arbeitsverh&#228;ltnissen stehen, sind st&#228;ndig bedroht durch Verlust ihres Arbeitsplatzes in prek&#228;re Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse abzusteigen. Dieser disziplinierende Effekt wirkt sich auch negativ auf die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften aus und erm&#246;glicht es den UnternehmerInnen verst&#228;rkt Druck auf L&#246;hne und Sozialleistungen auszu&#252;ben.<br />
• Gleichzeitig muss sich der Rest der ArbeiterInnenklasse prek&#228;ren Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse unterwerfen. In den Augen Vieler erscheint die so geschaffene Masse an billigen Arbeitskr&#228;ften als Bedrohung.<br />
• Auch die M&#246;glichkeiten einer gesamtgesellschaftlichen Opposition zur neoliberalen Politik werden so eingeschr&#228;nkt. So wird die Gestaltung des Arbeitsmarktes zu einer wichtigen Bastion der Herrschaftssicherung neoliberaler Eliten in &#214;sterreich.<o></o></p>
<h3>Internationalisierungsstrategien</h3>
<p>In den Wirtschaftsberichten des Finanzministeriums und des Ministeriums f&#252;r Wirtschaft und Arbeit wird die Internationalisierung des &#246;sterreichischen Standorts gelobt. Die Segmentierung am heimischen Arbeitsmarkt und der Strategie der Expansion &#246;sterreichischen Kapitals sind eng verzahnt.<br />
Vier S&#228;ulen sind hier ausschlaggebend:<br />
1. Etablierung von Schl&#252;sselindustrien. Durch die gezielte F&#246;rderung von technologieintensiven Wirtschaftsbereichen soll die Positionierung der &#246;sterreichischen &#214;konomie gest&#228;rkt werden. Zentral hierbei ist die F&#246;rderung der Forschungs- und Entwicklungst&#228;tigkeit von Seiten der Unternehmen durch die Bundesregierung. Von insgesamt 6,24 Milliarden Euro f&#252;r Forschung und Entwicklung wurden 2006 45,8% von der privaten Wirtschaft in &#214;sterreich bereitgestellt. Dieser Trend steigt seit 2000 kontinuierlich an. Flankiert werden diese Ma&#223;nahmen durch den Umbau des &#246;sterreichischen Hochschulwesens hin zu einer verst&#228;rkten Orientierung an wirtschaftlicher Verwertbarkeit der Forschung.<br />
2. Ausbau der Humanressourcen. Der Mensch muss mit der technologischen Entwicklung mithalten. Nicht mehr die gesellschaftliche Lenkung der &#214;konomie garantiert einen Arbeitsplatz, sondern nur noch die individuelle Anpassungsf&#228;higkeit an die ver&#228;nderten Produktionsbedingungen. Der Staat kann in dieser Sichtweise nur noch ein F&#246;rderer der Humanressourcen sein, die Verantwortlichkeit f&#252;r den Arbeitsplatz liegt aber rein beim Individuum. Lebenslanges Lernen und Aneignung von Schl&#252;sselkompetenzen sind die Imperative neoliberaler Arbeitsmarktpolitik.<br />
3. Strategische F&#246;rderung von Auslandsinvestitionen. Arbeitsintensive Bereiche der &#246;sterreichischen Wirtschaft werden von der Bundesregierung in ihrem Ansinnen, ihre Produktion ins Ausland zu verlagern, unterst&#252;tzt. Im Gegenzug sollen Auslandsdirektinvestitionen get&#228;tigt werden, die strategische Beteiligungen &#246;sterreichischen Kapitals in Hoffnungsm&#228;rkten unterst&#252;tzen.<br />
4. Head-Quater-Strategie. Durch finanzielle und infrastrukturelle Anreize wird versucht Hauptquartiere international agierender Konzerne nach &#214;sterreich zu locken. Diese sollen als Br&#252;ckenk&#246;pfe in mittel- und osteurop&#228;ische M&#228;rkte genutzt werden.</p>
<h3>Steuerpolitik</h3>
<p>Die Ausrichtung der Politik am Standortwettbewerb zeigt sich besonders deutlich in der Ausgestaltung der Steuerpolitik. Die Sch&#252;sselregierung setzte dabei auf zwei miteinander verbundene Strategien. Auf der einen Seite wurde die Steuerlast sukzessive auf Massensteuern umgew&#228;lzt. Gleichzeitig wurden Unternehmen massiv entlastet. Die Gewinne von Konzernen in &#214;sterreich stiegen zwischen 2000 und 2005 enorm. Schrieben die 33 an der Wiener B&#246;rse notierten Kapitalgesellschaften 2001 noch einen Gewinn von 1,9 Milliarden Euro, stieg dieser Wert bis 2005 auf 8,5 Milliarden Euro vor Steuern. Die Dividenden der Aktion&#228;rInnen verdoppelten sich von einer halben auf 1,1 Milliarden Euro. Dieser massive Anstieg bei den Gewinnen der Unternehmen spiegelt sich allerdings nicht in einem ad&#228;quaten Anstieg des Steueraufkommens von Unternehmensseite wider. Die Senkung der K&#246;rperschaftssteuer auf 25% (der zweitniedrigste K&#246;St-Steuersatz der 15 alten EU-Mitgliedsstaaten) kann als besonders deutliches Beispiel herangezogen werden. Die Einnahmen sanken von 3,9 im Jahr 2000 auf 3,6 Milliarden Euro im Jahr 2005. Die Lohnsteuer dagegen erh&#246;hte sich im selben Zeitraum von 14,8 auf 17 Milliarden Euro.<br />
Die unternehmerInnenfreundliche Steuerpolitik der schwarzblauorangen Regierung zeigt auch die im Rahmen der Steuerreform 2005 eingef&#252;hrte Gruppenbesteuerung – ein Liebkind der &#246;sterreichischen Industriellenvereinigung. Zweck der Gruppenbesteuerung ist es, das &#246;sterreichische Kapital f&#252;r die Internationalisierung fit zu machen. Verluste, die im Ausland gemacht wurden, k&#246;nnen nun in &#214;sterreich steuerlich abgeschrieben werden. Das bedeutet, dass Investitionsrisiken von UnternehmerInnen im Ausland auf alle SteuerzahlerInnen in &#214;sterreich abgew&#228;lzt werden k&#246;nnen.</p>
<h3>Umbau der Sozialversicherungstr&#228;ger</h3>
<p>Ein weiterer massiver Einschnitt wurde von Seiten der rechtskonservativen Regierung bei den Sozialversicherungstr&#228;gern vorgenommen. Formell standen sie immer unter der Kontrolle der BeitragszahlerInnen. Schon bald nach dem Entstehen der Sozialversicherungstr&#228;ger in der 2. Republik wurde die demokratische Kontrolle allerdings beschnitten. Mandatare wurden nicht mehr direkt gew&#228;hlt, sondern von Wirtschaftskammer und Arbeiterkammer in die Gremien bestellt. Diese erste Aush&#246;hlung einer demokratischen Grundstruktur war schon schlimm genug. Trotzdem behielten die Sozialversicherungstr&#228;ger in &#214;sterreich ihre Autonomie gegen&#252;ber der jeweiligen Bundesregierung.</p>
<p>Vorm Hintergrund der Aush&#246;hlung des Systems der solidarischen Beitragszahlungen setzte Sch&#252;ssel auch hier zu einem gro&#223;en Schlag an. Die f&#246;deralistisch oder berufsst&#228;ndisch organisierten Sozialversicherungen sind zusammengeschlossen in einem Dachverband, der relativ gro&#223;e sozialpolitische und organisatorische Handlungsspielr&#228;ume hatte. Die vormals weitgehende Autonomie wurde nun deutlich eingeschr&#228;nkt. Sch&#252;ssel &amp; Co mischten sich massiv in die Besetzung des Vorstandes dieses Dachverbandes ein. Hans Sallmutter, als Vertreter der ArbeitnehmerInnenseite, war das erste Opfer dieses schwarzblauen Postenschachers. Die Tragweite dieses Angriffs auf die Autonomie der Sozialversicherungstr&#228;ger wird besonders deutlich angesichts der Tatsache, dass diese rund die H&#228;lfte des<br />
&#246;sterreichischen Budgets verwalten.</p>
<h3>Koalition mit der extremen Rechten</h3>
<p>Die Politik der Sch&#252;ssel-Regierung ist integraler Bestandteil einer Strategie zur Erh&#246;hung der „Wettbewerbsf&#228;higkeit“ im europ&#228;ischen Rahmen. Eine Besonderheit der neoliberalen Offensive in &#214;sterreich war jedoch die Beteiligung rechtsextremer Parteien. Noch in den 90iger Jahren war es politischer Konsens, keine Zusammenarbeit mit einer Partei zu betreiben, die Ausl&#228;nderfeindlichkeit sch&#252;rt und ein mehr als gest&#246;rtes Verh&#228;ltnis zur NS-Zeit hat. Diese Isolationspolitik gegen&#252;ber der Rechten wurde von Sch&#252;ssel aufgebrochen.<br />
Viele &#246;sterreichische KommentatorInnen lobten Sch&#252;ssel f&#252;r sein mutiges Vorgehen. F&#252;r sie war es der erste Schritt zur Z&#228;hmung der extremen Rechten. Doch diese Z&#228;hmung blieb aus. Die FP&#214; und sp&#228;ter das BZ&#214; reihten sich zwar in die neoliberale Umstrukturierungspolitik ein, doch versetzten sie diese mit rechtspopulistischen Parolen. Das Ergebnis war letztlich, dass die reaktion&#228;ren Konzeptionen von FP&#214; und BZ&#214; salonf&#228;hig gemacht wurden. In der Migrationspolitik, in der Definition von Frauenpolitik als Familienpolitik und im Bereich der „inneren Sicherheit“ unterst&#252;tzte die &#214;VP nicht nur die sexistischen und rassistischen Positionen von Blau und Orange, sondern versuchte sogar, diese noch rechts zu &#252;berholen. Insgesamt verschob sich unter Sch&#252;ssel das politische Klima nach rechts. Der traurige H&#246;hepunkt war sicherlich die Zustimmung der SP&#214; im Nationalrat zu einem „Fremdenpaket“, das zu den restriktivsten in Europa z&#228;hlt. Keine der Parteien im Nationalrat konnte eine konsequente Antwort auf die rassistische Hetze formulieren.<br />
Die katastrophale Niederlage der Sch&#252;ssel-&#214;VP bei den Nationalratswahlen am 1. Oktober hat gezeigt, dass die Menschen in diesem Land einen politischen Kurswechsel wollen. Dennoch konnte die Sozialdemokratie von dieser Stimmung nicht wirklich profitieren. Vielmehr gewann die extreme Rechte weiter an Boden.<br />
Die Notwendigkeit einer glaubw&#252;rdigen antineoliberalen politischen Alternative ist heute offensichtlicher denn je.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p>1 Vgl. dazu Joachim Hirsch: Vom Sicherheitsstaat zum nationalen Wettbewerbsstaat. Berlin 1998.<o></o><br />
2 ERT: Lobby- und Elitenzirkel, der die Politik der EU-Kommission stark beeinflusst.<o></o><br />
3 Helmut Friessner: Demokratie im Fadenkreuz. Wien 2006. p288.<o></o><br />
4 Vgl. Maria Asenbaum, Barbara Brehmer: Reclaim the Brain!; in: <em>Perspektiven</em><span style="font-size: 8pt"> Nr. 0.<o></o></span><br />
5 Vgl. die „Lissabon-Strategie“, die Europa bis 2010 zum wettbewerbsf&#228;higsten auf Wissens&#246;konomie basierenden Wirtschaftsraum der Welt machen soll.<o></o></p>
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		<title>&#214;GB: Gefangen in der Sozialpartnerschaft?</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 10:00:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 1]]></category>
		<category><![CDATA[Gewerkschaftsbewegung]]></category>
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		<description><![CDATA[Die fehlende Kampfbereitschaft und die undemokratischen Strukturen des &#214;GB haben ihre historischen Wurzeln im Gr&#252;ndungsprozess des Gewerkschaftsbundes in der unmittelbaren Nachkriegszeit, schreibt <em>Karin H&#228;dicke</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die fehlende Kampfbereitschaft und die undemokratischen Strukturen des &#214;GB haben ihre historischen Wurzeln im Gr&#252;ndungsprozess des Gewerkschaftsbundes in der unmittelbaren Nachkriegszeit, schreibt <em>Karin H&#228;dicke</em>.<br />
<span id="more-85"></span><br />
Der BAWAG-Skandal hat schonungslos die Widerspr&#252;che der Gewerkschaftsf&#252;hrung offen gelegt – auf der einen Seite der offizielle Anspruch, Interessensvertreterin der ArbeiterInnen zu sein, und auf der anderen Seite die Integration in das marktwirtschaftliche System und schlie&#223;lich der Versuch, selbst an den Spekulationen auf den Finanzm&#228;rkten mitzuprofitieren. Die Ereignisse rund um die BAWAG sind Anlass zu Fragen und Diskussionen &#252;ber die Ursachen der offensichtlich gewordenen Krise des &#214;GB, als auch &#252;ber notwendige Reformen. Forderungen nach mehr Demokratie und Transparenz in den Gewerkschaftsstrukturen wurden aufgestellt und verschiedene Initiativen versuchen, Einfluss auf die Diskussionen zu nehmen.</p>
<p>Die deutlichsten Antworten auf die Krise des &#214;GB findet jedoch immer noch die Gewerkschaftsf&#252;hrung. Die<br />
Ursache f&#252;r die Krise wird am verantwortungslosen Handeln von einzelnen Managern und Spitzenfunktion&#228;ren in Bank und Gewerkschaft festgemacht. Der Ausweg aus der Krise weist deshalb seitens der Gewerkschaftsf&#252;hrung nicht in eine grunds&#228;tzlich neue Richtung: Die Sozialpartnerschaft soll aufrechterhalten werden, was nichts anderes bedeutet als die Fortf&#252;hrung der Strategie „verhandeln statt k&#228;mpfen“. Genauso wenig wird die undemokratische Konzentration der Entscheidungskompetenz bei der Gewerkschaftsb&#252;rokratie grunds&#228;tzlich in Frage gestellt.</p>
<p>Doch kam das Desaster wirklich so &#252;berraschend? Einen Teil der Antwort liefert uns die Geschichte der Gewerkschaften, insbesondere die Zeit nach 1945, als der &#214;GB neu gegr&#252;ndet wurde. Gleichzeitig k&#246;nnen uns die Erfahrungen aus der Geschichte der &#246;sterreichischen Gewerkschafts-<br />
bewegung Anhaltspunkte geben, wie aus dem &#214;GB eine wirkliche k&#228;mpferische Interessensvertretung der ArbeiterInnen werden kann.</p>
<h3>ArbeiterInnenbewegung nach 1945</h3>
<p>Die Situation nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist f&#252;r uns heute schwer vorstellbar. Inmitten von Hunger, Elend, Zerst&#246;rung musste das blo&#223;e &#220;berleben gesichert werden. Neue Strukturen, die das Zusammenleben und &#220;berleben regeln konnten, gab es nicht oder waren nicht gefestigt. Viele Entscheidungen wurden zun&#228;chst aus der Not heraus und spontan getroffen. Menschen machten die Erfahrung, dass sie sich ihre Strukturen selbst schaffen k&#246;nnen. Dr. Kurt Steyrer erinnert sich an die Anf&#228;nge im Rudolfspital in Wien: „Es herrschte Teamgeist im besten Sinne des Wortes, und jeder packte in gleicher Weise zu, ob nun Klinikvorstand, Gastarzt, Krankenpflegerin oder Reinigungspersonal … R&#252;ckblickend wird mir bewusst, dass wir damals – ohne daran zu denken und ohne dass dar&#252;ber viel geredet worden w&#228;re – eine wahrhaft demokratisch-menschliche Gesellschaft gebildet haben: ohne schriftliche Satzung oder Festlegung. Das war damals gar nicht notwendig, sondern selbstverst&#228;ndlich.“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a></p>
<p>Weiters waren die vom deutschen Kapital errichteten Betriebe und Unternehmen 1945 sozusagen herrenlos. Die Produktion wurde von den ArbeiterInnen selbst in Gang gebracht und den Umst&#228;nden entsprechend koordiniert. Allein im Mai 1945 wurden in 6.000 Betrieben &#246;ffentliche Verwalter eingesetzt, da Manager und Betriebsdirektoren geflohen waren.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Diese Verwalter stie&#223;en dabei auf von ArbeiterInnen selbst geschaffene Strukturen (Betriebsr&#228;te u.&#228;.) und mussten zun&#228;chst „notgedrungen“ mit ihnen zusammenarbeiten. Gerade in diesen Betrieben lebten<br />
Ans&#228;tze lebendiger ArbeiterInnenbewegung auf – einschlie&#223;lich Protesten und Streikaktionen.</p>
<p>Dieser Teil der Geschichte der ArbeiterInnenbewegung &#214;sterreichs wird oft ausgeklammert, denn die politisch und wirtschaftlich M&#228;chtigen hatten in der unmittelbaren Nachkriegszeit kein Interesse an der Neuformierung einer k&#228;mpferischen ArbeiterInnenbewegung. Im Gegenteil: der &#214;GB sollte die Lohnabh&#228;ngigen f&#252;r den Aufbau eines<br />
marktwirtschaftlichen Systems in &#214;sterreich gewinnen.</p>
<h3>Neugr&#252;ndung des &#214;GB</h3>
<p>Die Neugr&#252;ndung des &#214;GB als &#252;berparteilicher Gewerkschaftsbund fand bereits am 15. April 1945 – also noch vor der Republiksgr&#252;ndung – statt und wurde am Rei&#223;brett, in Abstimmung mit den Parteizentralen von SP&#214;, &#214;VP und KP&#214;, nach den Vorstellungen der k&#252;nftigen F&#252;hrung entworfen. Es sollte eine &#252;berparteiliche Einheitsgewerkschaft aufgebaut werden, „die alle ArbeiterInnen und Angestellte, unbeschadet ihrer Weltanschauung, soweit sie demokratisch ist, und die sich zu &#214;sterreich bekennen, umfasst“.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a></p>
<p>Im Vordergrund stand unmittelbar nach Kriegsende der kapitalistische Wiederaufbau der &#246;sterreichischen Wirtschaft. &#214;GB-Vorsitzender Johann B&#246;hm formulierte 1949 als vorrangiges Ziel der Gewerkschaft die „Steigerung der Produktion und Produktivit&#228;t“, und dies bed&#252;rfe einer gemeinsamen Anstrengung der Interessensorganisationen der ArbeiterInnen und UnternehmerInnen, die „ganz gut ein St&#252;ck Weges gemeinsam gehen“ k&#246;nnten.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Die &#214;GB-Spitze war von der „Verantwortung gegen&#252;ber der Wirtschaft als Ganzem“ &#252;berzeugt.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Im Gr&#252;ndungsaufruf des &#214;GB hei&#223;t es: „Wir wollen uns geloben, unsere ganze Kraft dem heiligen Ziele, dem Wiederaufbau unseres geliebten Vaterlandes zu widmen und unabl&#228;ssig daf&#252;r zu arbeiten, dass es in k&#252;rzester Zeit erreicht werde.“<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Der &#214;GB sollte demnach ein Instrument f&#252;r klassen&#252;bergreifende Zusammenarbeit im nationalen Interesse werden – was in letzter Konsequenz Aufgabe des Klassenkampfes bedeutete.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a><o></o></p>
<p>Es ist klar, dass sich dieses neue Selbstverst&#228;ndnis nicht ohne weiteres durchsetzen konnte und so wurden Strukturen geschaffen, die die Organisation fest im Griff haben und Initiativen von ArbeiterInnen unterdr&#252;cken k&#246;nnen, die noch nicht eingesehen haben, dass Klassenkampf jetzt nicht mehr im Ma&#223;nahmenkatalog des &#214;GB steht.</p>
<p>Die Strukturen wurden zentralisiert und als alleinige Entscheidungstr&#228;ger ausgebaut, „statt sich an den W&#252;nschen der ArbeitnehmerInnen in den Betrieben zu orientieren, breite Diskussionen innerhalb der Mitgliederschaft zu provozieren und zu f&#246;rdern“.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> &#214;GB-Vorsitzender B&#246;hm betonte 1947: „&#220;ber Gesetze kann man nicht in Massenversammlungen beraten. Die Mitglieder des &#214;GB werden durch die Ver&#246;ffentlichungen in den Fachbl&#228;ttern &#252;ber den Verlauf der Verhandlungen informiert.“ Unliebsame KritikerInnen wurden schnell in die N&#228;he der KP&#214; ger&#252;ckt. Das Auftreten der russischen Besatzungsmacht – Abbau von Produktionsanlagen, r&#252;cksichtsloses Verhalten gegen&#252;ber der Zivilbev&#246;lkerung – verst&#228;rkte noch die Vorurteile gegen&#252;ber dem so genannten „Kommunismus“, so dass die antikommunistische Propaganda leichtes Spiel hatte. Der &#214;GB war also von Anfang an nicht als eine demokratische Institution aufgebaut.</p>
<p>Wie die undemokratischen Strukturen des &#214;GB K&#228;mpfe beeinflussen und abw&#252;rgen konnten, zeigt die Reaktion auf die Proteste der ersten Nachkriegsjahre, insbesondere gegen die f&#252;nf Lohn-Preis-Abkommen (LPA) ab 1947.</p>
<p>Diese waren als erstes Ergebnis der harmonischen Klassenkooperation zwischen der F&#252;hrung der Gewerkschaftsbewegung und dem &#246;sterreichischen Kapital ausverhandelt worden und sollten die drohende Inflation eind&#228;mmen: Wenn sich die Wirtschaft zu Preissenkungen bereit erkl&#228;rte, w&#252;rde die Gewerkschaft im Gegenzug auf Lohnforderungen verzichten. Tats&#228;chlich jedoch bedeutete jedes LPA massive Reallohnverluste f&#252;r die ArbeiterInnenschaft, die ohnehin bereits am Rand des Existenzminimums lebte. Ende 1947, nach Abschluss des ersten LPA, res&#252;mierte ein Vertreter der Unternehmer triumphierend: „Es ist uns gegl&#252;ckt, ohne Streiks, ohne irgendwelche Unruhen, ohne Ausschreitungen das Preis- und Lohnabkommen, das wir im Sommer<br />
beschlossen haben, zu verl&#228;ngern. … obwohl die Lebenskosten um etwas mehr als 15 Prozent gestiegen waren … haben die Arbeiter auf Lohnerh&#246;hungen verzichtet.“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a><o></o></p>
<p>W&#228;hrend die Gewerkschaftsspitzen die Angriffe auf die<br />
ArbeiterInnenklasse mittrugen und als eiserne Notwendigkeiten verkauften, wurden in den Betrieben die K&#252;rzungen jedoch nicht kampflos akzeptiert. Gegen die ungerechte Verteilung von Lebensmitteln gab es so genannte „Kalorienstreiks“ im Herbst 1946. Im Mai 1947 demonstrierten 20.000 Menschen in Wien vor dem Bundeskanzleramt gefolgt von Streiks in Wien und Umgebung. Im Juli 1948 forderten 2.000 B&#246;hler-ArbeiterInnen in Kapfenberg eine Lohnerh&#246;hung, im August 1948 gab es Warnstreiks bei VOEST in Linz. In Donawitz streikten 3.000 ArbeiterInnen f&#252;r eine 25%ige Lohnerh&#246;hung. Am 24. August 1948 streikten wieder 4.000 ArbeiterInnen in Kapfenberg. Im gleichen Jahr streikten 4.750 SchuharbeiterInnen &#252;ber 5 Wochen, weil die UnternehmerInnen sich weigerten, die 44-Stunden-Woche anzuerkennen. Im Mai 1949 demonstrierten 200.000 in Wien gegen das dritte LPA.</p>
<p>Die Gewerkschaftsf&#252;hrung distanzierte sich von diesen Aktionen und suchte sie zu verhindern. Durch die Zentralisierung ihrer Strukturen besa&#223;en sie die Kontrolle &#252;ber die Streikgelder. Der &#214;GB gab eine Erkl&#228;rung heraus, wonach „Streiks und Demonstrationen nur auf ausdr&#252;ck-<br />
liche Anordnung des Gewerkschaftsbundes oder der zust&#228;ndigen Gewerkschaft zu erfolgen haben. … die Betriebsr&#228;te haben nur Weisungen der zust&#228;ndigen Gewerkschaft<br />
entgegenzunehmen. Leute, die unter Missbrauch des Namens des Gewerkschaftsbundes zu Aktionen aufrufen, sind zur Verantwortung zu ziehen.“<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> &#220;ber Aktionen und Proteste wurde wenn, dann nur zusammenhanglos berichtet, wodurch eine breite und koordinierte Bewegung verhindert wurde. Gewerkschaftsf&#252;hrung und SP&#214; warnten vor Ausweitung dieser Streiks und Proteste mit dem Argument, dass dann die russischen Besatzungstruppen l&#228;nger im Land verbleiben und der „Kommunismus“ unausweichlich w&#252;rde.<o></o></p>
<p>Die Ank&#252;ndigung des 4. LPA im September 1950, das weitere Reallohnverluste zwischen 10 und 15 Prozent bedeutet h&#228;tte, brachte das Fass schlie&#223;lich zum &#220;berlaufen. Ende September und Anfang Oktober streikten mehr als 200.000 ArbeiterInnen in ganz &#214;sterreich. Es war der erste landesweite Massenstreik der Zweiten Republik. Am 25. September legten zuerst die Besch&#228;ftigten der VOEST in Linz die Arbeit nieder. Betriebe in Steyr, Donawitz und Wien folgten, bis sich am H&#246;hepunkt der Auseinandersetzung 40 Prozent der IndustriearbeiterInnenschaft an Streikaktionen beteiligten.</p>
<p>Der &#214;GB verweigerte jegliche Unterst&#252;tzung und begann im Gegenteil unverz&#252;glich, die Niederschlagung des Streiks zu organisieren. W&#228;hrend Polizei und Gendarmerie Betriebe besetzten und Betriebsr&#228;te verhafteten, mobilisierte die Bau-Holz-Gewerkschaft mit finanzieller Unterst&#252;tzung der Industriellenvereinigung 2.000 Schl&#228;ger, die gewaltsam gegen die Streikenden vorgingen.</p>
<p>Dem endg&#252;ltigen Ende des Streiks am 6. Oktober folgten S&#228;uberungswellen in Betrieben und Gewerkschaft: hunderte Betriebsr&#228;te wurden entlassen und unliebsame Elemente aus dem &#214;GB entfernt. Der Gewerkschaftsbund festigte sich als undemokratischer Apparat, der seine Aufgabe in der Sicherung des „sozialen Friedens“ und der Regulation des Klassenkampfes sah.</p>
<h3><span>Gab es eine Alternative?</span></h3>
<p>Im Nachhinein ist es schwer nachvollziehbar, warum sich nicht alle an Aktionen beteiligten ArbeiterInnen zusammengetan haben, um eine andere Art von Gewerkschaft zu gr&#252;nden, die ihren Mitgliedern nicht in den R&#252;cken f&#228;llt. Fehlende Erfahrungen mit Klassenauseinandersetzungen sowie die Fragmentierung der K&#228;mpfe waren sicherlich ein Grund daf&#252;r. Mindestens genauso wichtig war jedoch die unangefochtene Hegemonie der Sozialdemokratie innerhalb der ArbeiterInnenbewegung. Das bedeutete, dass die Stimmen, die nicht Klassenkooperation und den „gemeinsamen Kraftakt Wiederaufbau im nationalen<br />
Interesse“ betonten, wenig geh&#246;rt wurden. F&#252;r viele ArbeiterInnen klang es somit zumindest auf den ersten Blick plausibel – gerade nach den Erfahrungen des Austrofaschismus und Nationalsozialismus – nun noch st&#228;rker als zuvor auf „Stabilit&#228;t“ und die Wahrung des „sozialen<br />
Friedens“ zu setzen.</p>
<p>Genau diese politische Strategie hatte jedoch schon vor 1934 fatale Konsequenzen und f&#252;hrte letztlich in die Katastrophe. Erinnert sei nur an die Politik des „Burgfriedens“ w&#228;hrend dem Ersten Weltkrieg. Sie bedeutete, dass „im Interesse des Vaterlandes“ seitens der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften der Klassenkampf aufgehoben wurde; d.h. Einstellung aller Lohnverhandlungen, Aufhebung der sozialpolitischen Gesetze, Verl&#228;ngerung der Arbeitszeit, milit&#228;rische Disziplinargewalt f&#252;r kriegswichtige Betriebe.<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a><o></o></p>
<p>In der Ersten Republik wurde dieser Kurs fortgesetzt und von den austromarxistischen TheoretikerInnen der Sozialdemokratie legitimiert. Folge der inkonsequenten Politik war fortw&#228;hrendes Stillhalten und Zur&#252;ckweichen, das den Aufstieg des Faschismus in &#214;sterreich nicht aufhalten konnte. Dass es im Februar 1934 trotzdem tagelangen bewaffneten Widerstand gegen den Austrofaschismus gegeben hat, zeigt sowohl das Potential und die St&#228;rke der ArbeiterInnenbewegung in &#214;sterreich, als auch ihre tragische Schw&#228;che, das Fehlen einer konsequenten klassenk&#228;mpferischen Kraft, die der katastrophalen Politik der sozialdemokratischen F&#252;hrung eine Alternative h&#228;tte entgegensetzen k&#246;nnen.</p>
<p>Aus der Niederlage 1934 wurden unterschiedliche Schlussfolgerungen gezogen. Ein Teil der GenossInnen versuchte einen radikalen Bruch mit der bisherigen Politik und gr&#252;ndete die Revolution&#228;ren Sozialisten. Einig waren sich die Beteiligten in ihrer Abgrenzung zu den „reformistischen Illusionen“ der Sozialdemokraten. Allerdings trugen die schwierigen Verh&#228;ltnisse – die Arbeit in der Illegalit&#228;t – dazu bei, dass die Auseinandersetzung mit der Politik der sozialdemokratischen F&#252;hrung nicht mit der n&#246;tigen Konsequenz gef&#252;hrt und gemeinsame Schlussfolgerungen gezogen werden konnten. Sie erlagen zum Teil der Illusion, dass 1945 die sozialdemokratische Partei unter radikaleren Vorzeichen als sozialistische Einheitspartei wieder aufgebaut werden k&#246;nnte und untersch&#228;tzten v&#246;llig die St&#228;rke der alten Funktion&#228;re, die ihre 1934 unterbrochene Politik des Klassen-kompromisses nach dem Krieg fortsetzen wollten. Zum Teil resignierten sie und lie&#223;en sich wieder in den Parteiapparat integrieren oder sie wurden unter dem Vorwurf, Verb&#252;ndete der Kommunisten zu sein, aus der Partei gedr&#228;ngt.</p>
<p>Der rechte Fl&#252;gel der Sozialdemokratie dagegen zog v&#246;llig kontr&#228;re Lehren. Das Problem in der Niederlage 1934 bestand ihrer Meinung nach nicht in der Inkonsequenz der Auseinandersetzung, sondern in der Auseinandersetzung selbst – also darin, dass nicht konsequent genug<br />
„kooperiert“ wurde. Die ehemals verfeindeten Lager m&#252;ssten sich nun am „runden Tisch“ zusammensetzen und gemeinsam den Aufbau b&#252;rgerlich-kapitalistischer Verh&#228;ltnisse in Angriff nehmen. Zu diesem Fl&#252;gel, der sich nach 1945 durchsetzte, geh&#246;rte auch Karl Renner, der Staatskanzler der Ersten Republik. Statt den Kampf gegen den Austrofaschismus zu organisieren, suchte er 1934 bis zum Schluss unter allen Umst&#228;nden einen Kompromiss mit den konservativen Kr&#228;ften auszuhandeln. Die Zeit des Faschismus verbrachte er in seiner Villa in Gloggnitz, w&#228;hrend seine GenossInnen emigrierten, in Konzentrationslager gebracht wurden oder in der Illegalit&#228;t weiter arbeiteten. Rechtzeitig zu Kriegsende biederte er sich Stalin an und wurde prompt Staatskanzler der ersten provisorischen Regierung – eine gute Ausgangsposition, um die politischen Verh&#228;ltnisse nach seinen Vorstellungen zu beeinflussen.</p>
<h3>Der Weg zur Sozialpartnerschaft</h3>
<p>Die Folgen der von Sozialdemokratie und Gewerkschaftsf&#252;hrung nach 1945 verfolgten Strategie des sozialpartnerschaftlich institutionalisierten Klassenkompromisses wurden mit den Lohn-Preis-Abkommen bereits angedeutet.</p>
<p>Neben den Lohn-Preis-Abkommen war auch die Verstaatlichung ein wichtiges Projekt. Seitens der SP&#214; wurden dabei radikale Argumente vorgebracht, die an die Tradition der Austromarxisten erinnern – Otto Bauer war f&#252;r die schrittweise Vergesellschaftung der Produktionsmittel – und an die aktuellen Forderungen der ArbeiterInnen ankn&#252;pften, die gerade die Industrieproduktion wiederaufbauten und die sich nat&#252;rlich fragten, auf welchem Weg die Produktion am besten im Interesse der ArbeiterInnen angeeignet werden k&#246;nnte. Der damalige Erste Sekret&#228;r der Arbeiterkammer Pittermann: „Den Weg zur &#220;berwindung des kapitalistischen Systems weist uns der marxistische Sozialismus… Wir Sozialisten machen daher die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und die planm&#228;&#223;ige Lenkung der Erzeugung zu einer Frage der Gegenwartspolitik.“<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a><br />
Diesen Aussagen konnten Betriebsr&#228;te und ArbeiterInnen nur zustimmen, allerdings wurde hier bewusst Vergesellschaftung mit Verstaatlichung verwechselt, denn wie Friedrich Engels schreibt: „Das ist ja gerade der wunde Punkt, dass, solange die besitzenden Klassen am Ruder bleiben, jede Verstaatlichung nicht eine Abschaffung, sondern nur eine Formver&#228;nderung der Ausbeutung ist.“ Der F&#252;hrung des &#214;GB war dies durchaus klar und die &#214;VP hatte im Grunde nichts gegen die Verstaatlichung von Grundstoffindustrie oder Transport- und Nachrichtenwesen, die erst aufgebaut werden mussten. Die Bourgeoisie profitierte schlie&#223;lich davon, dass die Mittel zum Wiederaufbau vom Staat aufgebracht wurden und die Produkte billig f&#252;r andere Industriezweige zur Verf&#252;gung gestellt wurden.</p>
<p>Genauso wurde der Marshallplan<sup>13</sup> vom &#214;GB begr&#252;&#223;t. Obwohl er nicht den ArbeiterInnen zugute kam – die Unterst&#252;tzung erfolgte in Sachg&#252;tern, die verkauft und deren<br />
Einnahmen f&#252;r die F&#246;rderung der Privatwirtschaft verwendet wurden – wurde er als Erfolg der Klassenzusammenarbeit gewertet.</p>
<p>Eine weitere gro&#223;e Entt&#228;uschung war das Betriebsr&#228;tegesetz, das die Mitbestimmung der ArbeiterInnen in den Betrieben regeln sollte. Die starke Position von Betriebsr&#228;ten, die sich bald nach Kriegsende gr&#252;ndeten, wurde mit dem Gesetz ausgehebelt. Z.B. wurde das Mitspracherecht bei Einstellung und Entlassung auf eine „Informationspflicht“ seitens des Unternehmers reduziert. Ebenso wurden Klauseln eingef&#252;gt, die es erm&#246;glichten, gew&#228;hlte Betriebsr&#228;te zu entlassen. Das Betriebsr&#228;tegesetz war somit ein einziges Zugest&#228;ndnis an die Unternehmer.</p>
<p>Die Gewerkschaftsf&#252;hrung hingegen verkaufte all das als Etappensiege und verteidigte die Strategie sozialpartnerschaftlichen Konfliktmanagements. Am Gewerkschaftskongress 1948 wurde betont: „Alle bisher erflossenen Gesetze wurden ausschlie&#223;lich mit den Mitteln der<br />
Verhandlungsmethode erreicht, kein einziger Streiktag musste daf&#252;r angewendet werden. Allerdings gibt es Kollegen unter uns, die gerne sehen w&#252;rden, wenn man auf den<br />
Verhandlungsweg verzichten und bei jedem Anlass zum letzten Mittel, zum Streik, greifen w&#252;rde. Dieser Forderung ist der Gewerkschaftsbund nicht nachgekommen… Er hat es verstanden, ohne die Mitglieder jede Woche in einen anderen Streik zu f&#252;hren, soziale Gesetze zu erwirken, die mindestens so gut sind wie in jenen L&#228;ndern, in denen die Streikparolen immer wieder verwirklicht wurden.“</p>
<p>Die Politik der SP&#214; wurde in den Gewerkschaften rigoros umgesetzt und daf&#252;r institutionelle Vorraussetzungen geschaffen. Der Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter geh&#246;rt jedes Gewerkschaftsmitglied an, das auch gleichzeitig SP&#214;-Mitglied ist. Diese Fraktion hatte gro&#223;es Gewicht bei den Entscheidungen und durch die Fraktionsdisziplin wurden radikale Beschl&#252;sse, die nicht im Sinne der Sozialpartnerschaft waren, verhindert.</p>
<p>Der Widerstand gegen die Sozialpartnerschaft fand mit dem Oktoberstreik 1950 ein vorl&#228;ufiges Ende. Es war das letzte gro&#223;e Aufb&#228;umen gegen die sozialpartnerschaftliche Regulierung des Klassenkampfs. Die tats&#228;chliche Institutionalisierung der „Wirtschafts- und Sozialpartnerschaft“<br />
erfolgte – nach der vor&#252;bergehenden Aufl&#246;sung der Akkordierung im Bereich der Lohn- und Preispolitik nach Abschluss der Wiederaufbauphase – zwar erst in den sp&#228;ten 50er und fr&#252;hen 60er Jahren, als die partnerschaftliche Zusammenarbeit f&#252;r die Unternehmer wegen der Verdichtung der wirtschaftlichen Probleme (Inflationstendenzen, anstehende wirtschaftliche Integration in Europa, Anzeichen einer Wachstumsschw&#228;che, Arbeitskr&#228;fteknappheit und<br />
gestiegener Lohndruck) wieder interessant wurde – die Weichen daf&#252;r wurden aber bereits in den ersten Jahren der Zweiten Republik gelegt. In den folgenden Jahr-zehnten wurden Konflikte erfolgreich „von der Stra&#223;e, den Versammlungss&#228;len, den Betrieben in die Verhandlungs-<br />
zimmer und Konferenzs&#228;le verlegt.“<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a></p>
<p>Klassenzusammenarbeit oder Sozialpartnerschaft – es ist wichtig zu erkennen, dass eine solche Partnerschaft nicht bedeutet, dass es faire „Zusammenarbeit“ gibt, wo jede Seite zufrieden ist mit den jeweiligen Zugest&#228;ndnissen. In einer solchen Partnerschaft sind die ArbeiterInnen immer die Benachteiligten.</p>
<h3><span>Wege aus der Sozialpartnerschaft</span></h3>
<p>Der &#214;GB heute hat seinen Ursprung in den Jahren nach 1945. Das Selbstverst&#228;ndnis, &#252;ber die Institutionalisierung der Sozialpartnerschaft ein geeignetes Mittel gefunden zu haben, das Vorteile f&#252;r beide Seiten – Unternehmer und ArbeiterInnen – bringt, ist bis jetzt erhalten geblieben. Das Wirtschaftswachstum mit seinen Spielr&#228;umen f&#252;r soziale Reformen in den 50er und 60er Jahren verst&#228;rkte diese Position. Bundeskanzler Kreisky meinte noch auf dem SP&#214;-Parteitag 1976, „dass vor allem durch das Wirken sozialdemokratischer Sozialminister der &#246;sterreichische Wohlfahrtsstaat in den siebziger Jahren weitgehend seiner Vollendung entgegen gef&#252;hrt worden sei“.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a></p>
<p>Mit den 80ern jedoch wuchs der &#246;konomische Druck fallender Profitraten auch in &#214;sterreich – die darauf folgenden Umstrukturierungen, st&#252;ckweise Abbau des Sozialstaates, steigende Arbeitslosigkeit und Erh&#246;hung der Armut spielten sich gr&#246;&#223;tenteils unter einer Rot-Schwarzen Koalition ab. Der &#214;GB setzte dieser Entwicklung nichts entgegen – der b&#252;rokratische Apparat war &#252;berall verankert, tr&#228;ge geworden und konnte sich immer noch auf den gut organisierten Teil der ArbeiterInnenklasse in den zum Teil immer noch verstaatlichten Gro&#223;betrieben st&#252;tzen. Die ver&#228;nderte Situation weltweit, die Durchsetzung des Neoliberalismus und damit einhergehende Ver&#228;nderungen in der Arbeitswelt (flexible Arbeitszeitmodelle, Teilzeitbesch&#228;ftigung) und der Abbau des Wohlfahrtstaates, konnte eine zeitlang systematisch ignoriert werden. Die Quittung gab es 1999 bei Nationalratswahlen, als etliche von der Rot-Schwarzen Politik Entt&#228;uschte die FP&#214; w&#228;hlten und die darauf folgenden Koalitions-<br />
verhandlungen der SP&#214; klarmachten, dass sie nicht mehr in der Regierung gebraucht wird. Die Klasseninteressen der &#246;sterreichischen Bourgeoisie waren nun mit einer rechts-<br />
konservativen Regierung wesentlich besser durchzusetzen. Heute dienen die &#220;berreste sozialpartnerschaftlichen Konfliktmanagements eigentlich nur mehr dazu, den Lebensstandard der ArbeiterInnen „geordnet“ zu senken.</p>
<p>Trotz allem, was in den letzten Jahren an offensiven K&#252;rzungen im Pensions- und Bildungsbereich durchgef&#252;hrt wurde und trotz der offensichtlichen Krise der Gewerkschaft nach dem BAWAG-Finanzskandal wird von Teilen der Gewerkschaftsf&#252;hrung immer noch die Sozialpartnerschaft herbeigeredet. Selbst die GPA, die sich noch am ehesten f&#252;r die Interessensvertretung von prek&#228;r Angestellten interessiert und versucht, neue Wege zu gehen, argumentiert f&#252;r die Sozialpartnerschaft. In der Juni-Ausgabe 2006 ihrer Zeitschrift “Kompetenz” darf sogar die Pr&#228;sidentin der Wirtschaftskammer &#214;sterreichs, Brigitte Jank, die Sozialpartnerschaft feiern.</p>
<p>Es w&#228;re aber falsch, sich resignierend abzuwenden. In den letzten Jahren gab es auch Ans&#228;tze und Versuche, innerhalb der Gewerkschaften etwas zu ver&#228;ndern. 2002 mobilisierten Gewerkschaften gemeinsam mit der globalisierungskritischen Bewegung zum ersten Europ&#228;ischen Sozialforum nach Florenz. 500 AktivistInnen aus den unterschiedlichsten Zusammenh&#228;ngen und Hintergr&#252;nden fuhren gemeinsam im Sonderzug der EisenbahngewerkschafterInnen nach<br />
Florenz – ein inspirierendes Zusammenkommen. 2003 sch&#252;rten der Streik gegen die Pensionsreform und der Streik der EisenbahnerInnen neue Hoffnung, dass es m&#246;glich ist, sich gegen die Dem&#252;tigungen und Erniedrigungen der rechtskonservativen Regierung erfolgreich zu wehren. Die Hoffnungen wurden entt&#228;uscht, denn jahrzehntelang ge&#252;bte Praxis der Sozialpartnerschaft lassen sich nicht so einfach &#252;ber Bord werfen.</p>
<p class="Fliesstext"><span>Ver&#228;nderungen in der Gewerkschaftsarbeit sind deshalb notwendig. Der einzige Ausweg aus dem Dilemma ist, sich endlich von der Illusion einer „freundschaftlichen Packelei“ zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten zu l&#246;sen – k&#228;mpfen statt verhandeln ist angesagt! Eng damit verkn&#252;pft ist die Frage der Demokratisierung der Gewerkschaften. Wohin es f&#252;hrt, wenn Entscheidungen nur in den F&#252;hrungsgremien gef&#228;llt werden &#8211; ohne Kontrollm&#246;glichkeiten &#8211; zeigt der Fall Verzetnitsch.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> Es m&#252;ssen Strukturen geschaffen werden, in denen die Gewerkschaftsmitglieder selbst Beschl&#252;sse fassen k&#246;nnen, an die die Gewerkschaftsf&#252;hrung gebunden ist und an denen ihre Arbeit gemessen werden kann.</span></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Franz Danimann, Hugo Pepper (Hg.): &#214;sterreich im April ’45. Die ersten Schritte der Zweiten Republik. Wien: Europaverlag 1985.<o></o></p>
<p><a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> T&#228;tigkeitsbericht des &#214;GB 1945-47; zit. in: Hans Prader: Die Angst der Gewerkschaften vor’m Klassenkampf. Der &#214;GB und die Weichenstellung 1945-1950. Wien 1975.<o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Klaus-Dieter Mulley: Der &#214;sterreichische Gewerkschaftsbund 1945-1959; in: Wolfgang Maderthaner (Hg.): Auf dem Weg zur Macht. Integration in den Staat, Sozialpartnerschaft und Regierungspartei. Wien: L&#246;cker Verlag 1992. pp73-105, hier: p76.<o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Emmerich Tálos: Sozialpolitik und Arbeiterschaft 1945 bis 1950; in: Michael Ludwig/ Klaus Dieter Mulley/ Robert Streibel: Der Oktoberstreik 1950. Ein Wendepunkt der Zweiten Republik. Wien: Picus <sup>2</sup>1995. pp25-40, hier: p36.<o></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Arbeit und Wirtschaft (&#214;GB/AK-Zeitschrift)<o></o><br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Zit. in: Klaus-Dieter Mulley: a.a.O. p81.<o></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> &#214;GB-Vorsitzender B&#246;hm pr&#228;gte daf&#252;r das Bild der „Astgemeinschaft“: „Der wirtschaftliche Zusammenbruch, den der Krieg mit sich gebracht hat, die so weitgehende Entg&#252;terung unseres Landes hat uns wohl beiden [Interessensvertretungen der UnternehmerInnen und der ArbeiterInnen] gezeigt, dass wir, m&#246;gen wir noch so viele Differenzen miteinander haben, zum Teil vielleicht auch eingebildete, doch auf einem Ast sitzen, von dem wir beide – wenn einer von uns ihn durchs&#228;gt – herunterfallen m&#252;ssen.“<o></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Hans Prader: Probleme kooperativer Gewerkschaftspolitik; zit. in: Klaus-Dieter Mulley: a.a.O. p74.<o></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Klaus-Dieter Mulley: Der &#214;GB und der „Oktoberstreik“ 1950. Aspekte gewerkschaftlicher Politik im Nachkriegs-&#214;sterreich; in: Michael Ludwig<span>  </span>et al.: a.a.O. pp41-52, hier: p44.<o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Solidarit&#228;t, Mai 1947, Nr. 32; zit. in: Hans Prader: Die Angst der Gewerkschaften vor’m Klassenkampf. Wien 1975.<o></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Hans Prader: Die Angst der Gewerkschaften vor’m Klassenkampf. p10.<o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Zit. in: Geschichte der &#246;sterreichischen ArbeiterInnenbewegung. p93 (Brosch&#252;re)<o></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Der Marshallplan, offiziell European Recovery Program (ERP) war das wichtigste wirtschaftliche Wiederaufbauprogramm der USA, das nach dem Zweiten Weltkrieg dem zerst&#246;rten Westeuropa zugute kam. Mit dem Marshallplan sollte der Einfluss der Sowjetunion einged&#228;mmt und Absatzm&#228;rkte f&#252;r die amerikanische &#220;berproduktion aufgebaut werden. <o></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Fritz Klenner, &#214;GB-Zentralsekret&#228;r und &#214;GB-Haus-und-Hof-Historiker.<o></o><br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Emmerich Tálos (Hg.): Der geforderte Wohlfahrtsstaat. Traditionen – Herausforderungen – Perspektiven. Wien: L&#246;cker Verlag 1992.<o></o><br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Fritz Verzetnitsch, ehemaliger Vorsitzender des &#214;GB. Musste 2006 zur&#252;cktreten, weil er den Streikfond des &#214;GB f&#252;r dubiose Finanzgesch&#228;fte verpf&#228;ndete.<o></o></p>
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