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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Slums</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Faszination Elend</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Dec 2007 08:00:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 3]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
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		<category><![CDATA[Slums]]></category>
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		<description><![CDATA[<em>Stefan Probst</em> &#252;ber b&#252;rgerliche und sozialdemokratische Imaginationen gro&#223;st&#228;dtischer Armut um 1900 zwischen S&#228;uberung, Sozialreform und Solidarit&#228;t.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Stefan Probst</em> &#252;ber b&#252;rgerliche und sozialdemokratische Imaginationen gro&#223;st&#228;dtischer Armut um 1900 zwischen S&#228;uberung, Sozialreform und Solidarit&#228;t.</p>
<p><span id="more-16"></span></p>
<p>Im November 1831 erl&#228;utert die Sanit&#228;r-Kommission des Pariser <em>Jardin des Plantes</em> in den <em>Annales d’hygiène publique et de médecine légale</em> die gesundheitspolitische Situation in einigen Vierteln der franz&#246;sischen Hauptstadt. Dort w&#252;rden sich, hei&#223;t es im Bericht, Personen herumtreiben, die „in Lumpen geh&#252;llt, ohne Hemd, ohne Str&#252;mpfe, ja oft sogar ohne Schuhe bei jedem Wetter durch die Stra&#223;en ziehen und h&#228;ufig v&#246;llig durchn&#228;&#223;t nach Hause zur&#252;ckkehren …, beladen mit allerhand Produkten, die sie in den Gossen der Hauptstadt gefunden haben und deren Gestank mit ihrer Person so eins ist, dass sie selbst wandelnden Misthaufen gleichen.“ Als Schlafst&#228;tte diene ihnen ein schmutziger, stinkender Strohsack, umgeben von widerw&#228;rtigen Abf&#228;llen.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a><br />
Auff&#228;llig an diesem Bericht der Sanit&#228;r-Kommission ist nicht allein das Interesse f&#252;r die Lage der Pariser Obdachlosen, sondern die Tatsache, dass die soziale Frage hier in erster Linie als hygienisches, gesundheitspolitisches Problem gestellt wird. Explizit wird die Verbindung zwischen sozialem Elend und dem Gestank der Armen herausgestrichen, der ein Risiko f&#252;r die &#246;ffentliche Gesundheit darstellen w&#252;rde.<br />
In der zeitgen&#246;ssischen medizinischen Diskussion galt der &#252;ble Geruch der Elenden als potentielle Bedrohung, da die im Gestank nistenden Miasmen als Tr&#228;ger gef&#228;hrlicher Krankheiten begriffen wurden. Besonders seit den 1830er Jahren, der Zeit der gro&#223;en Choleraepidemien in den europ&#228;ischen Gro&#223;st&#228;dten, strukturierte die Angst der Bourgeoisie vor Ansteckung durch aus dem „sozialen Sumpf“ aufsteigende Miasmen den b&#252;rgerlichen Blick auf das Elend der Gro&#223;stadt und verfestigte so Stereotypen der Armen als mit Schmutz und Krankheit assoziierter Subjekte.</p>
<h3>Sekretionen des Elends</h3>
<p>Der Vorstellung eines Zusammenhangs von Gestank und Krankheit begegnen wir bereits im 18. Jahrhundert. Der in jener Zeit forcierte Ausbau des Kanalisationssystems, die Anlage breiter Stra&#223;en usw. k&#246;nnen als architektonische und stadtplanerische Taktiken gelesen werden, die – eingebettet in eine umfassende hygienepolitische Strategie – auf Durchl&#252;ftung, Desinfektion und Desodorisierung der Gro&#223;stadt zielten.<br />
Ab der Wende zum 19. Jahrhundert trat jedoch zunehmend der Schrecken eines bedrohlichen Menschensumpfs an die Stelle der Angst vor Aas und Jauche, in denen es von t&#246;dlichen Keimen wimmelte. In der Hierarchie der Bef&#252;rchtungen und &#196;ngste vollzog sich eine Verschiebung vom Lebenden zum Sozialen – zum Gestank der Armut, zu den „Sekretionen des Elends“.<br />
Zun&#228;chst konzentrierte sich dieser Diskurs haupts&#228;chlich auf den &#246;ffentlichen Raum, auf die Hospit&#228;ler, Gef&#228;ngnisse und andere Orte, „wo Menschen unterschiedslos zusammengepfercht, wo die undifferenzierten Ausd&#252;nstungen der fauligen Masse zu vernehmen sind.“<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Die Choleraepidemien der 1830er lenkten die Aufmerksamkeit aber zunehmend auch auf die elenden Behausungen der Armen, auf ihre Latrinen, die b&#228;uerlichen Misthaufen und den fettgetr&#228;nkten, stinkenden Schwei&#223;, den die Haut des Arbeiters absondere.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> Im Zuge der Seuchen hatten &#196;rzte und Soziologen entdeckt, dass „eine bestimmte Sorte Bev&#246;lkerung dem Ausbruch von Epidemien Vorschub leistet“, n&#228;mlich „all diejenigen, die im Gestank ihres eigenen Drecks verkommen.“<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Die Choleraepidemien schoben „die in den Jahrzehnten davor rasant angewachsenen Elendszonen der Gro&#223;st&#228;dte blitzartig in den Blickwinkel einer – freilich sozial limitierten – &#246;ffentlichen Aufmerksamkeit.“<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Die zeitgen&#246;ssischen Mediziner legten den Schwerpunkt ihrer Untersuchungen nun „mehr denn je auf die unheilvollen Wirkungen des menschlichen Gedr&#228;nges und der von Exkrementen verseuchten Umgebung; vor allem aber wiesen sie den ‚Sekretionen des Elends’ von nun an eine entscheidende Bedeutung zu.“<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a><br />
Die Angst des B&#252;rgertums vor einem &#220;bergreifen der Seuche aus den Elendsvierteln auf die eigenen Wohnviertel erzwang dabei auch eine taktische Verlagerung der gesundheitspolitischen Ma&#223;nahmen vom &#246;ffentlichen zum privaten Raum. In den Wohnr&#228;umen der Armen selbst m&#252;sse &#252;ber die Gesundheit gewacht werden; die Mietsh&#228;user der Elenden wurden „zum Ziel der Jagd auf Krankheitskeime“.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> Seit den 1830ern erschien in Folge eine Flut von Er&#246;rterungen &#252;ber die Unterk&#252;nfte des gemeinen Volkes und die dort herrschende Atmosph&#228;re. Die zwanghafte Angst vor den mit der Luft verbundenen Gefahren konzentrierte sich seither auf das Elendsquartier: nicht mehr allein die Kloaken des &#246;ffentlichen Raums, sondern der „Luftsumpf des Hauses“ besch&#228;ftigte die b&#252;rgerlichen Gelehrten. Es ging nicht mehr nur um die Desodorisierung des &#246;ffentlichen Raums, sondern um die „Entst&#228;nkerung“ der Elenden selbst. Denunziert wurde nicht mehr der Gestank &#252;berhaupt, sondern derjenige einiger besonders anr&#252;chiger, mit dem Schmutz infizierter Kategorien – dem Proletariat.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a><br />
Wie sehr diese Typisierung der Armen in den folgenden Jahrzehnten wirksam blieb, zeigt ein Bericht eines franz&#246;sischen Arztes, der noch 1884 erkl&#228;rte, dass die armen Einwohner von Lille „geringer sind als die reichen, und dies nicht wegen der Arbeit, die sie verrichten, sondern wegen ihres engen und schmutzigen Obdachs …, wegen der Unsauberkeit, die sie umgibt und sie <em>durchdringt</em>, wegen ihres dauernden Kontakts zu allerhand Unrat, den zu entfernen sie weder die Zeit noch die Mittel haben, ja den zu f&#252;rchten ihre Erziehung sie nicht einmal gelehrt hat.“ Haut und Kleidung der Armen w&#252;rden den Gestank aufsaugen – und somit eine potentiell t&#246;dliche Bedrohung darstellen, die es einzud&#228;mmen und zu bek&#228;mpfen galt.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Ziel der politischen Strategien waren die Keime und deren Tr&#228;gerInnen zugleich: durch metaphorische &#220;bertragung wurden die Armen selbst zur „sozialen Infektion“.<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a></p>
<h3>Disziplinierung und &#220;berwachung</h3>
<p>Im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts nahmen die Versuche, Inspektionen in volkst&#252;mlichen Wohnungen vorzunehmen, rasant zu. Stadtteilkommissionen in franz&#246;sischen und englischen St&#228;dten sollten s&#228;mtliche H&#228;user in Augenschein nehmen, nach gesundheitsgef&#228;hrdenden Missst&#228;nden forschen und den Besitzern Auflagen im Sinne der Gesundheitspolizeivorschriften machen. Es galt, das „unbekannte Land“ der (proletarischen) Armenviertel zu erkunden und zu kartieren.<br />
Die hygienepolitischen Ma&#223;nahmen waren dabei eng mit moralisierenden Absichten, sicherheitspolitischen Zielen und Bestrebungen zur Disziplinierung der ArbeiterInnenschaft verzahnt: Bel&#252;ftung und &#220;berwachung, Sauberkeit und Ordnung waren untrennbar miteinander verkn&#252;pft. Die Strategien der Hygienepolitik zeichneten sich, wie Alain Corbin schreibt, durch eine symbolische Gleichsetzung von Desinfektion und Unterwerfung aus: es ging um die Beseitigung der „dumpfige[n] Luft der sozialen Katastrophen“ (Victor Hugo), womit Epidemien gleicherma&#223;en wie sozialer Aufruhr gemeint waren. Durch die „Desodorisierung“ des Proletariers sollte dieser auch „zu Disziplin und Arbeit“ gezwungen werden.<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> Schon 1821 erl&#228;uterte der Berichterstatter des Pariser Gesundheitsrats, Moléon, dass die Hygiene ein un&#252;bertreffliches Mittel „gegen die Laster der Seele [sei] …; ein auf Sauberkeit bedachtes Volk ist bald ein Freund der Ordnung und Disziplin“.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Zwanzig Jahre sp&#228;ter erkl&#228;rten Monfalcon und Polinière, dass der Arbeiter dadurch, dass er „in ausreichender Menge gesunde Luft atmet und &#252;ber viel Wasser f&#252;r seine t&#228;glichen Bed&#252;rfnisse verf&#252;gt“, auch „mehr Achtung f&#252;r Sauberkeit und die Gesetze“ hat und „mehr auf die Erf&#252;llung seiner Pflichten“ h&#228;lt.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> Zudem verhindere der in den Elendsquartieren herrschende Luftmangel auch eine Entfaltung der Arbeitskraft. Was oft als Faulheit gesehen w&#252;rde, sei in Wirklichkeit fast immer eine Schw&#228;chung durch die verdorbene Atmosph&#228;re ungesunder Wohnungen. Ventilation und Desodorisierung seien deshalb nicht allein gesundheitspolitische sondern auch &#246;konomische Notwendigkeiten.</p>
<h3>Phobie, Ekel und Faszination</h3>
<p>Obwohl die Elendsquartiere der Gro&#223;st&#228;dte von der Bourgeoisie in erster Linie als Bedrohung wahrgenommen wurden, so &#252;bte die Unterseite der prosperierenden Metropolen doch auch eine faszinierende Anziehungskraft auf die b&#252;rgerliche &#214;ffentlichkeit aus. Als Erz&#228;hlstoff gingen die missbilligenden Beschreibungen &#252;belriechender Unterk&#252;nfte in den Sozialenquetes in die volkst&#252;mlichen Romane ein, deren Autoren sich h&#228;ufig von den Berichten der Sozialforscher inspirieren lie&#223;en.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> Die Spannung zwischen Faszination und Ekel bestimmte sowohl die Haltung der Hygieniker und Sozialforscher als auch der Literaten und Journalisten sowie der breiteren b&#252;rgerlichen &#214;ffentlichkeit. Die Elendsquartiere stellten ein enormes „Reservoir von Geschichten, Bildern und moralischen Impulsen“ bereit, „das in den bislang dem Blick abgewandten Zonen der Gro&#223;st&#228;dte entdeckt wurde“<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> und in der realistischen Literatur, in Kolportage- und Fortsetzungsromanen, in Lichtbildvortr&#228;gen, in der Fotografie und schlie&#223;lich auch im Film verarbeitet wurde.<br />
Um die stinkenden Unterk&#252;nfte der Armen zu erreichen, musste man sich auf eine quasi unterirdische Forschungsreise in den „menschlichen Abgrund“ begeben. Ein symbolischer Graben mu&#223;te &#252;berwunden werden, um in die r&#228;umlich segregierten Armenviertel vorzudringen – der „unbekannte Kontinent“ eines „Afrika <em>at home</em>“<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> als Faszinosum und Projektionsraum b&#252;rgerlicher Fantasien und &#196;ngste. Als „soziale Entdeckungsreisende“ drangen seit den 1830er-Jahren Literaten, Journalisten, Maler, Zeichner und sp&#228;ter Fotografen „in ein gro&#223;st&#228;dtisches Leben vor, das sie voller unbekannter Ph&#228;nomene, starker Kontraste und schockierender Erfahrungen vorfanden. Sie bedienten das Publikum der neuen (gro&#223;st&#228;dtischen) Medien mit Sensationen, ermittelten Fakten, deckten Missst&#228;nde auf, klagten an oder bek&#228;mpften direkt die herrschende Ordnung.“<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> Die Faszination des „Anderen“ der Gro&#223;stadt – die Kehrseite der „Wunder der Civilisation“ (Engels) – finden wir in Charles Dickens’, urspr&#252;nglich als Fortsetzungsroman ver&#246;ffentlichtem, <em>Oliver Twist</em> ebenso wie bei Jack London, aber auch bei den Pionieren der Stadtforschung wie Henry Mayhew und Charles Booth oder den sozialdokumentarischen Berichten des Polizeireporters der <em>New York Tribune</em> Jacob A. Riis. Parallel zu den Reiseberichten der kolonialen Expeditionen, die die Imagination des Exotischen im b&#252;rgerlichen Europa bedienten, erfreuten sich Geschichten &#252;ber die „Wilden“, die „in unserer Mitte leben“, rei&#223;enden Absatzes. Das ethnographische Interesse galt ebenso dem „Fremden im Eigenen“ wie den milit&#228;rischen Abenteuern und wissenschaftlichen Entdeckungen in &#220;bersee.<br />
Vor allem bei AutorInnen aus dem Umfeld philanthropischer und karitativer Vereinigungen verband sich dieser kolonial-ethnographische Blick meist mit der Absicht, soziale Missst&#228;nde aufzudecken und zu korrigieren, als Teil einer „breit angelegten Therapie, die dem Pathologischen in der Gesellschaft entgegenwirken“ sollte.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> In der (religi&#246;sen) Erbauungsliteratur wurde in p&#228;dagogischer Absicht der unmoralische Lebenswandel der Elenden angeprangert, der f&#252;r deren Situation zumindest mitverantwortlich sei. Bildern verwahrloster Stra&#223;enkinder wurden Fotografien gegen&#252;bergestellt, die den zivilisierenden – und disziplinierenden – Effekt der Einrichtungen der Armenf&#252;rsorge (Armenschule, Kinderheime, Arbeitsh&#228;user usw.) verdeutlichen sollten. „Vorher/Nachher“-Aufnahmen sollten die verwandelnde Wirkung der Mildt&#228;tigkeit der Philanthropen (Anst&#228;ndigkeit, Eignung als Arbeitskraft, „Z&#228;hmung“ des „Wilden“) veranschaulichen.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> Die enge Verbindung zwischen Stadtforschung mit Programmen der zivilisatorischen „Hebung“ der unteren Klassen wird auch hier als „Wechselspiel zwischen Erkundungst&#228;tigkeit und Kolonisierungsarbeit deutlich.“<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a></p>
<h3>Sozialreformerische Strategien der Sichtbarmachung</h3>
<p>Zu den aufsehenerregendsten Bildern des „Spektakels der Armut“ zur Wende zum 20. Jahrhundert geh&#246;rt sicherlich der sozialdokumentarische Lichtbildervortrag des Wiener Amateurfotografen Hermann Drawe, der gemeinsam mit dem Journalisten Emil Kl&#228;ger als einer der Ersten das gro&#223;st&#228;dtische Elend in Wien dokumentierte. Drawe und Kl&#228;ger inszenierten ihre Arbeit als Expedition in die unterirdischen „Quartiere des Elends und des Verbrechens“ des Wiener Kanalisationssystems, in das sie, gekleidet ins „Kost&#252;m“ des Obdachlosen, vordrangen und das „unglaubliche“, „grauenhafte“ Dasein der Elenden festhielten. Schon der Titel des Vortrages (die Assoziation von Elend und Verbrechen) verdeutlicht freilich, dass es Drawe und Kl&#228;ger – unter dem Deckmantel der Sozialdokumentation – viel eher darum ging, dem b&#252;rgerlichen Publikum „die Lebensbedingungen der Obdachlosen als ein schauriges Schauspiel“ vorzuf&#252;hren, das genau deren klischeegeladene Vorstellungswelt bediente, zugleich aber mit dem Verweis auf die scheinbare Objektivit&#228;t der Fotografien authentifiziert wurde. Verst&#228;rkt wurde die Schockwirkung der Bilder noch durch die r&#228;umliche N&#228;he zwischen dem verborgenen, unterirdischen Wien und dem „normalen“ Wien der Oberfl&#228;che, die die Bilder nahe legten: eine bedrohliche Parallelwelt, eine „Unterwelt“, nagte am Fundament der b&#252;rgerlichen Gesellschaft. „Tats&#228;chlich d&#252;rfte nicht zuletzt durch die r&#228;umliche Metaphorik das Entsetzen der B&#252;rger nicht darauf beruht haben, die Notlage des Proletariats vor Augen gef&#252;hrt zu bekommen“, sondern es als Zeichen f&#252;r die „Br&#252;chigkeit der eigenen Existenz zu nehmen.“<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a><br />
Es &#252;berrascht daher nicht, dass die sozialdemokratische <em>Arbeiter-Zeitung</em> gegen den Einsatz der Bilder und Geschichten bei Drawe/Kl&#228;ger, aber auch in der zeitgen&#246;ssischen illustrierten Massenpresse, polemisierte. Die Kritik lautete, dass die Bilder der b&#252;rgerlichen &#214;ffentlichkeit Gelegenheit gaben, das „allt&#228;gliche“ Elend der ArbeiterInnen zu verschleiern oder sie in die N&#228;he der – ohnehin bereits verlorenen – „Jammerexistenzen“ zu r&#252;cken, und damit in die N&#228;he von Verruchtheit und Verbrechen. Zugleich hatte die Sozialdemokratie auch ein grundlegendes Problem mit isolierten Bildern, die sich einem analytischen Zugriff verweigerten. In der Tradition der „antivisuellen Rhetorik“ der Aufkl&#228;rung waren „nackte Bilder“ in der ArbeiterInnenbewegung verp&#246;nt, da sie weder die Schuldigen benannten, noch L&#246;sungen aufzeigten. Dar&#252;ber reflektierte z.B. der marxistische Fotograf Bruno Frei, der das Elend der j&#252;dischen Fl&#252;chtlinge des Ersten Weltkriegs in Wien dokumentierte. Nach Frei k&#246;nnten die Bilder zwar die erschreckenden Ausma&#223;e und Formen des Elends aufzeigen, nicht aber dessen Grund, den Kapitalismus, benennen. Erst mit den – vom fr&#252;hen Sowjetkino der 1920er inspirierten – Montagetechniken konnte „das Bild als Teil einer eindeutig an Text und Theorie orientierten Komposition zum Bestandteil sozialistischer Aufkl&#228;rung und Propaganda“ werden.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a><br />
Diese Kritik verschleiert dennoch, dass sich auch die sozialdemokratische Massenpresse durch Boulevardmedien, Fotografie und neue Darstellungstechniken herausgefordert sah – und auch darauf reagierte. Am deutlichsten wird das in den Sozialreportagen des Redakteurs der <em>Arbeiter-Zeitung</em> (seit 1902) und Armenpfleger im <em>Verein gegen Verarmung und Bettelei in Wien</em> Max Winter, der seine Unternehmungen genauso im Vokabular des Entdecker- und Abenteurertums beschrieb. „Seine Figuren entstiegen ebenfalls einer Unterwelt, aber anders als bei Drawe und Kl&#228;ger nicht einer, aus der sich die b&#252;rgerlichen Bedrohungsbilder speisten, sondern vielmehr direkt aus der Tradition der Wiener Volksschauspiele und Typen, jener also, die ihrer misslichen Lage zum Trotz dennoch Lebensklugheit, Witz und Widerst&#228;ndigkeit bewahren.“<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> Winter inszenierte seine Reportagen als „Entdeckungsreise in eine von der Moderne verdr&#228;ngte und bald zum Verschwinden gebrachte Kultur und Tradition“ – ein „romantisch-ethnographischer Zugang“ auf der Suche nach den letzten „echten Wienern“.<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a> Gezielt streute er Begrifflichkeiten der „Gaunersprache“ in seine Texte ein, was seinen „Reiseberichten“ nicht nur h&#246;here Authentizit&#228;t verleihen sollte, sondern auch „die Assoziation von Elendsmilieu und Verbrechen“ bediente, „die den Texten eine moralische Ambivalenz zwischen sozialem Appell und Exotismus“ verlieh.<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a> Der Effekt der Spektakularisierung und &#196;sthetisierung der Armut bei Max Winter war somit deren gleichzeitige Dramatisierung und Romantisierung, weniger in seinen immer noch lesenswerten Industriereportagen, sehr wohl aber in den „Expeditionsberichten“ aus dem Wiener Kanal.</p>
<h3>Objektivierung und Passivierung</h3>
<p>Gemein war den Repr&#228;sentationen gro&#223;st&#228;dtischen Elends jedenfalls eine meist objektivierende und passivierende Darstellungsform. Nicht allein Ursachen und L&#246;sungen des sozialen Elends blieben unbenannt; auch f&#252;r konkretere sozialpolitische Ma&#223;nahmen ist kaum belegt, ob die Elendsbilder jemals dabei halfen, soziale Missst&#228;nde zu mindern. „In jedem Fall aber wirkten sie regelm&#228;&#223;ig auf jene zur&#252;ck, die entdeckt oder deren Lebensbedingungen aufgedeckt wurden, indem sie zu Objekten von Mitleid, Anklage oder politischem Kalk&#252;l wurden.“<a href="#anm26" title="anm_26" name="anm_26"><sup>26</sup></a><br />
Als k&#228;mpfende, handlungsf&#228;hige Subjekte werden die Armen der Gro&#223;stadt nicht wahrgenommen. Sie kommen nicht selbst (oder allenfalls als Typen) zu Wort, man spricht &#252;ber sie und mobilisiert sie f&#252;r die jeweils eigenen Ziele. Und auch f&#252;r Max Winter sind die „krankhaft veranlagten unter ihnen“ ohnehin bereits „rettungslos verloren“.<a href="#anm27" title="anm_27" name="anm_27"><sup>27</sup></a><br />
Die f&#252;r die Politik der Armenf&#252;rsorge charakteristischen Hierarchien zwischen barmherzigen GeberInnen und dem&#252;tigen Empf&#228;ngerInnenn, zwischen „Entdeckern“ und „Entdeckten“ – in der b&#252;rgerlichen Philanthropie und Charity ebenso wie in der christlichen Caritas –, schrieben sich somit auch in die Narrative der sozialdemokratischen Sozialreportage ein. Das Subproletariat der Gro&#223;stadt wird zur Projektionsfl&#228;che; die sozialkritische Dimension der Sozialreportage tritt in den Hintergrund.<br />
Je mehr seit der Jahrhundertwende die staatlichen Versicherungssysteme gegen Unf&#228;lle, Krankheit, Arbeitslosigkeit usw. durchgesetzt werden konnten – „im Tausch gegen ein berechenbares Verhalten“ des Proletariats<a href="#anm28" title="anm_28" name="anm_28"><sup>28</sup></a> –, desto st&#228;rker gewannen die „verlorenen Seelen“ der sozial Marginalisierten, der von der sozialstaatlichen Risikogemeinschaft Ausgeschlossenen an Faszination: als Objekte von Ekel und Neugier, Mitleid und Barmherzigkeit, jedenfalls aber nicht als k&#228;mpfende Subjekte politischer Ver&#228;nderung.<br />
Dies ist umso tragischer, als sich gerade der zentrale Kampfbegriff der ArbeiterInnenbewegung, die Solidarit&#228;t, in expliziter Abgrenzung zu hierarchisierenden Vorstellungen der Armenf&#252;rsorge entwickelt hat: als „Herstellung einer Kampfgemeinschaft im Wissen um die gleichartige Betroffenheit durch die soziale Konfiguration des Industriekapitalismus.“<a href="#anm29" title="anm_29" name="anm_29"><sup>29</sup></a> Selbstgestellte Aufgabe der ArbeiterInnenbewegung ist demnach die Formierung von dem, was Antonio Gramsci als „historischen Block“ bezeichnet hat, d.h. von politischen Kollektiven, die – unter F&#252;hrung des Proletariats – auch die anderen Fraktionen der Subalternen im Kampf miteinbeziehen. Dabei steht nicht so sehr im Vordergrund, welches Gewicht die Marginalisierten und Deklassierten, in der marxistischen Diskussion oft absch&#228;tzig als „Lumpenproletariat“ Bezeichneten, in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen spielen k&#246;nnen, sondern sie als potentielle MitstreiterInnen ernstzunehmen und auf deren spezifische Interessenslagen einzugehen.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a>  Corbin, Alain: Pesthauch und Bl&#252;tenduft. Eine Geschichte des Geruchs, Berlin 2005, S. 194f.<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">2</a>  Ebd., S. 189<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">3</a>  Ebd., S. 300<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">4</a>  Ebd., S. 191<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">5</a>  Schwarz, Werner M./ Szeless, Margarethe/ W&#246;genstein, Lisa: Bilder des Elends in der Gro&#223;stadt (1830-1930), in: dies. (Hg.): Ganz unten. Die Entdeckung des Elends, Wien 2007, S. 9-17, hier S. 12<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">6</a>  Corbin: a.a.O., S. 191<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">7</a>  Ebd., S. 189<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">8</a>  Ebd., S. 196<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">9</a>  Ebd., S. 197f<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">10</a>  Vgl. zur politischen Metaphorik der entstehenden Bakteriologie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts z.B. Sarasin, Philip: „Anthrax“. Bioterror als Phantasma, Frankfurt/M. 2004, S. 137ff.<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">11</a>  Ebd., S. 191<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">12</a>  Ebd., S. 209<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">13</a>  Ebd., S. 209<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">14</a>  Ebd., S. 201<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">15</a>  Schwarz et al.: a.a.O., S. 12<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">16</a>  Lindner, Rolf: Ganz unten. Ein Kapitel aus der Geschichte der Stadtforschung, in: Schwarz et al. (Hg.): a.a.O., S. 19-25, hier S. 20<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">17</a>  Schwarz et al.: a.a.O., S. 12<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">18</a>  Corbin: a.a.O., S. 209<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">19</a>  Koven, Seth: Gustave Doré und Dr. Barnardo. Zur Darstellung der Armut im viktorianischen London, in: Schwarz et al. (Hg.): a.a.O., S. 35-39, hier S. 38<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">20</a>  Lindner: a.a.O., S. 21<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">21</a>  Schwarz et al.: a.a.O., S. 10<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">22</a>  Ebd., S. 16<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">23</a>  Ebd., S. 10<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">24</a>  Ebd., S. 10<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">25</a>  Mattl, Siegfried: Das wirkliche Leben. Elend als Stimulationskraft der Sicherheitsgesellschaft. &#220;berlegungen zu den Werken Max Winters und Emil Kl&#228;gers, in: Schwarz et al. (Hg.): a.a.O., S. 111-117, hier S. 113<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">26</a>  Schwarz et al.: a.a.O., S. 17<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">27</a>  Zit. n. Mattl: a.a.O., S. 114<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">28</a>  Ebd., S. 116<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">29</a>  Tenfelde, Klaus: Arbeiterschaft, Solidarit&#228;t und Arbeiterbewegung, in: Bayertz, Kurt (Hg.): Solidarit&#228;t. Begriff und Problem, Frankfurt/M. 1998, S. 195-201, hier S. 197</p>
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		<title>In den Dreck gezogen</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Dec 2007 07:30:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 3]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
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		<description><![CDATA[Rezension: Mike Davis: Planet der Slums. Berlin: Assoziation a 2007. 20,60 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Mike Davis: Planet der Slums. Berlin: Assoziation a 2007. 20,60 €</p>
<p><span id="more-17"></span></p>
<p>Fr&#252;he Urbanisten stellten sich die St&#228;dte der Zukunft als „hoch zum Himmel strebende Lichterst&#228;dte“ aus „Glas- und Stahlkonstruktionen“ vor, getrieben durch die Verbindung aus „Kunst und Technologie“ – Zentren f&#252;r Kultur, Wissenschaft und Wohlstand. Die Realit&#228;t, beschreibt Mike Davis, sieht am Anfang des 21. Jahrhunderts anders aus. Statt Glas und Stahlgebilden lebt die Mehrzahl der st&#228;dtischen Bev&#246;lkerung in Geb&#228;uden aus „grobem Backstein, Stroh, recyceltem Plastik, Zementb&#246;den und Abfallholz“ „inmitten von Umweltverschmutzung, Exkrementen und Abfall“.<br />
Als <em>Planet der Slums</em> 2006 erschien, war die Welt an einem Wendepunkt angelangt. Erstmals in der Geschichte der Menschheit lebten mehr Menschen in St&#228;dten als in l&#228;ndlichen Gebieten. F&#252;r Mike Davis ist diese grundlegende Ver&#228;nderung vergleichbar mit dem neolithischen &#220;bergang oder der industriellen Revolution. „Es leben [heute] mehr Menschen in den St&#228;dten – 3,2 Milliarden – als 1960, in dem Jahr als John F. Kennedy Pr&#228;sident wurde, auf der Welt gelebt haben.“ Der Gro&#223;teil der in die St&#228;dte gezogenen Massen endete in Slums, sei es an der Peripherie oder inmitten von Metropolen. Mike Davis, Soziologe und marxistischer Politaktivist, st&#252;tzt sich in seiner Beschreibung der St&#228;dte und Slums vor allem auf den Bericht <em>The Challenge of Slums</em>, der 2003 von U.N. HABITAT ver&#246;ffentlicht wurde. Ein Bericht, den er als „so bahnbrechend, wie die gro&#223;en Forschungen, die Engels, Mayhew, Charles Booth oder – in den USA – Jacob Riis im 19. Jahrhundert zu st&#228;dtischer Armut gemacht haben“, beschreibt. Zwei Fragen stehen dabei f&#252;r Mike Davis im Vordergrund. Wie ist diese enorme Urbanisierung abgelaufen und wie kam es dazu, dass mehr und mehr Menschen in die St&#228;dte str&#246;mten und in Slums endeten?<br />
Im Vergleich zur Urbanisierung des viktorianischen Europas des 19. Jahrhunderts im Zuge der industriellen Revolution schreitet diese Entwicklung heute mit ungekannter Geschwindigkeit voran. W&#228;hrend es „1950 weltweit 86 St&#228;dte mit einer Bev&#246;lkerung von &#252;ber einer Million [gab]“, ist diese Zahl heute auf 400 angewachsen und bis 2015 werden es mindestens 550 sein. „Seit 1950 haben die St&#228;dte fast zwei Drittel der weltweiten Bev&#246;lkerungsexplosion absorbiert und wachsen gegenw&#228;rtig jede Woche um eine Million Neugeborene und Zuwanderer.“ Dieser Zuwachs an st&#228;dtischer Bev&#246;lkerung f&#252;hrte zur Entstehung von Megast&#228;dten mit mehr als acht Millionen EinwohnerInnen, also ca. der aktuellen Bev&#246;lkerungszahl &#214;sterreichs. In extremen F&#228;llen entwickelten sich sogar Hyperst&#228;dte, die mit mehr als 20 Millionen ungef&#228;hr die Weltbev&#246;lkerung zur Zeit der franz&#246;sischen Revolution beherbergen. Mumbai wird sogar ein Bev&#246;lkerungsanstieg auf 33 Millionen Menschen in den n&#228;chsten Jahrzehnten prognostiziert, wobei niemand vorhersagen kann, ob eine solche Stadt &#252;berhaupt &#246;kologisch lebensf&#228;hig w&#228;re. Die st&#228;ndig wachsenden urbanen Gebiete der Entwicklungsl&#228;nder umfassen dabei oft nicht nur eine gro&#223;e Metropole, sondern schlie&#223;en viele mittelgro&#223;e bis kleinere St&#228;dte mit ein, deren Grenzen mit der Zeit verschwimmen und die „v&#246;llig neue urbane Netzwerke, Korridore und Hierarchien [bilden]“, so genannte peri-urbanen R&#228;ume.<br />
Mit seiner bildreichen Sprache beschreibt Mike Davis, wie „die riesige Am&#246;be Mexiko-Stadt, die sich schon die Stadt Toluca einverleibt hat, ihre Pseudopodien ausstreckt, um sich letztendlich fast ganz Zentralmexiko mit den St&#228;dten Cuernavaca, Puebla, Cuautla, Pachuca und Querétaro einzuverleiben – zu einer einzigen Megalopolis, die bis in die Mitte des 21. Jhdt ungef&#228;hr 50 Millionen Menschen z&#228;hlen wird – nahezu 40 Prozent der mexikanischen Gesamtbev&#246;lkerung.“ Diese Einverleibung bleibt nicht ohne Folgen f&#252;r die umliegende Bev&#246;lkerung. Der Journalist Jermey Seabrock beschreibt die Situation malaysischer Fischer aus Penang, die „von der Urbanisierung verschlungen wurden, ohne dass sie migriert w&#228;ren, und deren Leben v&#246;llig umgekrempelt wurde, obwohl sie an dem Ort blieben, an dem sie geboren wurden.“ „Nachdem ihnen der Zugang zum Meer durch die Schnellstra&#223;e abgeschnitten, ihre Fischgr&#252;nde durch st&#228;dtischen M&#252;ll vergiftet und die benachbarten Bergh&#228;nge f&#252;r den Bau neuer Wohnungen abgeholzt worden waren“, blieb den Fischern, ihrer Existenzgrundlage beraubt, nichts anderes &#252;brig, als Arbeit in Niedriglohnfabriken oder in Teilzeitjobs zu suchen.<br />
Das st&#228;dtische Wachstum findet dabei weltweit, mit den wenigen Ausnahmen China, Korea und Taiwan, ohne industrielle Entwicklung und wirtschaftliches Wachstum statt. Die Hoffnungen und Versprechen, die fr&#252;her (zumindest f&#252;r einen Teil der in die Stadt Gezogenen) an st&#228;dtisches Wachstum gekn&#252;pft waren, Arbeitspl&#228;tze, Kultur, Chancen f&#252;r pers&#246;nliche und soziale Entwicklung, sind nicht mehr existent. Das Besondere am Ph&#228;nomen der „&#220;berurbanisierung“, schreibt Mike Davis, ist, dass die treibende Kraft der Land-Stadt-Migration nicht die Aussicht auf Jobs ist, sondern eher die Reproduktion von Armut. Wie die Afrikanistin Deborah Bryceson schreibt: „Des R&#228;tsels L&#246;sung liegt zum Teil an den durch IWF und Weltbank aufgezwungenen Ma&#223;nahmen zur landwirtschaftlichen Deregulierung und Sparpolitik, die den Exodus &#252;bersch&#252;ssiger landwirtschaftlicher Arbeitskr&#228;fte in die urbanen Slums selbst dann noch vorantrieben, als die St&#228;dte l&#228;ngst aufgeh&#246;rt hatten als Jobmaschinen zu wirken.“ Die durch diese „Push-Faktoren“ in die Stadt Gedr&#228;ngten landen meist in den Slums der Metropolen. In Kenia zum Beispiel wurden zwischen 1989 und 1999 85 Prozent des Bev&#246;lkerungswachstums „von den &#252;bel riechenden, dicht bev&#246;lkerten Slums Nairobis und Mombasas aufgesogen“. Mit einer Bev&#246;lkerungszahl zwischen 10 und 12 Millionen ist Mumbai die „globale Hauptstadt der Slums“ und es wird erwartet, dass die weltweite Zahl der SlumbewohnerInnen 2030 oder 2040 zwei Milliarden Menschen erreichen wird. Sie leben in &#252;berf&#252;llten, &#228;rmlichen bzw. informellen Unterk&#252;nften, meist ohne angemessenen Trinkwasseranschluss oder sanit&#228;re Anlagen und mit einer „ungesicherten Verf&#252;gungsgewalt &#252;ber Grund und Boden“. Weil sie an einer „Schnittstelle zwischen Unterentwicklung und Industrialisierung“ leben, leiden sie an f&#252;r beide Seiten typischen Krankheitsbildern. Sowohl an durch Verschmutzung hervorgerufene Infektionen, als auch an chronischen und sozial bedingten Krankheiten.<br />
Eine Ursache f&#252;r die &#220;berurbanisierung und die schlechte Situation der SlumbewohnerInnen ist der Verrat des Staates. So schreibt Davis, dass „die Idee eines interventionistischen Staates, der sich dem sozialen Wohnungsbau ernsthaft verpflichtet f&#252;hlt … entweder eine Wahnvorstellung oder ein schlechter Scherz [ist].“ Der Staat hat l&#228;ngst aufgegeben grunds&#228;tzliche Verbesserungen, wie Wasserversorgung, Kanalisation, Stra&#223;en, oder gar Schulen und Krankenh&#228;user, f&#252;r die marginalisierte Masse in den Slums einzuf&#252;hren. Ganz im Gegenteil: der Staat schien immer schon schneller in der Beseitigung von Slums als im Bereitstellen von Grundversorgung.<br />
Die Schl&#252;sselrolle f&#228;llt aber der Politik des IWF und der Weltbank zu. „Die minimalistische Rolle, die nationale Regierungen beim Wohnungsbau spielen, wurde und wird durch die von IWF und Weltbank bestimmte neoliberale Wirtschaftsdoktrin noch weiter reduziert.“<br />
F&#252;r Davis sind die so genannten „Strukturanpassungsprogramme“ (SAPs) des IWF hauptverantwortlich, sowohl f&#252;r den Exodus der l&#228;ndlichen Bev&#246;lkerung in die St&#228;dte als auch den extremen Anstieg an st&#228;dtischer Armut. Er zitiert den nigerianischen Autor Fildelis Balogun, der „die Ankunft des vom IWF angeordneten SAP“ in seiner Heimat in den 80ern beschreibt: „Die verquere Logik dieses Wirtschaftsprogramms schien darin zu liegen, der sterbenden Wirtschaft neues Leben einzuhauchen, indem aus der unterprivilegierten Mehrheit der B&#252;rger zun&#228;chst aller Lebenssaft ausgepresst wurde. Die Mittelklasse verschwand schnell und die Abfallhaufen der reicher werdenden Minderheit wurden die Tafel der immer gr&#246;&#223;er werdenden Menge der hoffnungslos Verarmten. Der Braindrain in die reichen arabischen &#214;lstaaten und die westliche Welt schwoll gewaltig an.“<br />
Die vom IWF geforderten Ausgabenk&#252;rzungen im Gesundheits- und Sozialbereich, die Privatisierungen &#246;ffentlicher G&#252;ter, Streichung von Agrarunterst&#252;tzungen und eine generelle &#214;ffnung und Liberalisierung des Marktes, f&#252;hrten laut Davis zur gleichen Zeit zur Zerst&#246;rung l&#228;ndlicher &#214;konomie und zur Verringerung der Aufnahmef&#228;higkeit der St&#228;dte. Wie zynisch diese Privatisierungen ablaufen, zeigt die Umwandlung von &#246;ffentlichen Toiletten in geb&#252;hrenpflichtige. W&#228;hrend die SlumbewohnerInnen „in der Schei&#223;e leben“, muss eine Familie in Kumsai f&#252;r eine Stuhlentleerung etwa zehn Prozent ihres Grundlohns ausgeben.<br />
Zus&#228;tzlich f&#252;hrten die SAPs zu einem enormen Anstieg informeller Besch&#228;ftigung und einer „generellen Umstrukturierung von formeller Arbeit in prek&#228;re Besch&#228;ftigungsverh&#228;ltnisse“. So auch die Schlussfolgerung von <em>The Challenge of Slums</em>: „Statt sich zu einem Zentrum f&#252;r Wachstum und Wohlstand zu entwickeln, sind die St&#228;dte zum M&#252;llabladeplatz f&#252;r eine &#252;bersch&#252;ssige Bev&#246;lkerung ungelernter, unterbezahlter und entgarantierter Arbeitskr&#228;fte … geworden … Der Aufschwung [dieses] informellen Sektors ist eine direkte Folge der Liberalisierung.“<br />
Ein besonderes Augenmerk legt Davis auf die „L&#246;sungsstrategien“ des neoliberalen Theoretikers Hernando de Soto. De Soto spricht von den Slums nicht als Problem, sondern als L&#246;sung der st&#228;dtischen Armut: die St&#228;dte der Dritten Welt leiden nicht so sehr unter fehlenden Investitionen und Arbeitspl&#228;tzen, sondern an einer k&#252;nstlichen Verknappung von Besitzrechten. Die Armen sind seiner Argumentation nach eigentlich reich, sie haben nur keinen Zugang zu ihrem Reichtum (Immobilien im informellen Sektor) oder k&#246;nnen ihn nicht in fl&#252;ssiges Kapital verwandeln, weil sie keine Grundbucheintragungen oder Besitztitel vorweisen k&#246;nnen. Besitztitel w&#252;rden sofort sehr viel Eigenkapital schaffen und das zu geringen oder gar keinen Kosten f&#252;r die Regierung. Doch sind es gerade die Mechanismen des Immobilienmarktes und der Immobilienspekulation, die eine gro&#223;e Mehrheit noch weiter in die Armut f&#252;hren. Zus&#228;tzlich f&#252;hrt die Aufteilung der SlumbewohnerInnen in Grundst&#252;cksbesitzerInnen und MieterInnen dazu, dass jegliche Solidarit&#228;t zwischen den SlumbewohnerInnen abhanden geht. Individualisiert, jede/r, ein/e einzelne/r MikrounternehmerIn, (obwohl die meisten „Selbstst&#228;ndigen“ als DienstbotInnen oder Verk&#228;uferInnen eher als Angestellte betrachtet werden m&#252;ssten), k&#228;mpft f&#252;r sich, wobei niemand wirklich aus dem Sumpf des Slums emporsteigen kann. Im st&#228;rker werdenden Konkurrenzkampf wird nur die Armut anders verteilt. „Im Gegensatz zu den Mietshausbewohnern des 20. Jahrhunderts in Berlin oder New York, die zusammenhielten und sich gegen ihre Hausbesitzer, die Slumlords, solidarisierten, fehlt den heutigen Mietern in Slums bezeichnenderweise die Macht, Mieterorganisationen aufzubauen oder Mietstreiks zu organisieren.“<br />
<em>Planet der Slums</em> ist ein d&#252;steres Buch, das kaum M&#246;glichkeiten f&#252;r L&#246;sungen aufzeigt. Davis gelingt es sehr gut, die Verkn&#252;pfung der Situation in und dem st&#228;ndigen Anwachsen der Slums mit der internationalen und lokalen Politik im Zuge des Neoliberalismus darzustellen. Die Frage, wie diese „vereinzelte Masse“ sich gegen diese Zust&#228;nde auflehnen kann, bleibt offen. Davis gibt nur selten Hinweise auf Hungerstreiks oder „Widerstand durch Verweigerung“. Auch w&#228;re es interessant, mehr &#252;ber die innere Struktur und Politik der Slums selber zu erfahren. Mike Davis selbst hat in einem Interview 2006 angemerkt, dass er eigentlich ein viel l&#228;ngeres Buch schreiben wollte, in dem er auch auf diese Punkte eingegangen w&#228;re. Das soll jetzt in Kollaboration mit Forrest Hylton, Aktivist in Kolumbien und Bolivien, folgen. Hoffentlich wird es ein ebenso aufschlussreiches und interessantes Buch wie <em>Planet der Slums</em>.<br />
(Philipp Probst)</p>
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