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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Sexismus</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Definitionsmacht und sexualisierte Gewalt</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Jan 2012 12:48:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>benni</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Definitionsmacht]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Sexismus]]></category>

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		<description><![CDATA[In den letzten Wochen haben wir uns ausf&#252;hrlich mit dem Thema sexualisierte Gewalt besch&#228;ftigt. In diesem kurzen Papier halten wir erste Ergebnisse unserer Diskussionen und unser Bekenntnis zum Konzept der Definitionsmacht fest.

1. Als emanzipatorische Organisation teilt Perspektiven einen antisexistischen Grundkonsens. Das bedeutet, dass wir gegen strukturelle, geschlechtsspezifische Machtverh&#228;ltnisse sowohl gesellschaftspolitisch ank&#228;mpfen, als auch auf individueller Ebene f&#252;r eine antisexistische Praxis [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In den letzten Wochen haben wir uns ausf&#252;hrlich mit dem Thema sexualisierte Gewalt besch&#228;ftigt. In diesem kurzen Papier halten wir erste Ergebnisse unserer Diskussionen und unser Bekenntnis zum Konzept der Definitionsmacht fest.<br />
<span id="more-2446"></span></p>
<li>1. Als emanzipatorische Organisation teilt Perspektiven einen antisexistischen Grundkonsens. Das bedeutet, dass wir gegen strukturelle, geschlechtsspezifische Machtverh&#228;ltnisse sowohl gesellschaftspolitisch ank&#228;mpfen, als auch auf individueller Ebene f&#252;r eine antisexistische Praxis eintreten.</li>
<li>2. Innerhalb gegenw&#228;rtiger Gesellschaften ist die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen stark eingeschr&#228;nkt. Die bestehenden Geschlechterverh&#228;ltnisse kommen unter anderem in sexualisierter Gewalt zum Ausdruck und werden durch diese reproduziert. Dabei handelt es sich um einen politischen Akt, der nicht nur einzelne M&#228;nner* und Frauen* betrifft. Vergewaltigung ist nicht au&#223;er Kontrolle geratene Sexualit&#228;t, sondern sexualisierte Gewalt.</li>
<li>3. Das Fortbestehen eines strukturellen Macht- und Herrschaftsverh&#228;ltnisses zwischen Mann* und Frau* – auch in der Linken – macht „Definitionsmacht“ zu einem notwendigen Konzept. Hierbei geht es um die Anerkennung der Definitionsmacht &#252;ber sexualisierte Gewalt – also dar&#252;ber, welche Situationen und Erfahrungen als Grenz&#252;berschreitung zu definieren sind. Die vorherrschende, juristische Definition sexualisierter Gewalt verlangt ein sofortiges Sich-Wehren der Betroffenen, eine klare Benennung des T&#228;ters sowie (sichtbare) Beweise f&#252;r die Tat. Weil sexualisierte Gewalt zumeist im sozialen Nahbereich stattfindet, eine unmittelbare Einordnung und Reaktion im Moment des &#220;bergriffs oft kaum m&#246;glich ist und sich auch der Tatbeweis schwierig und entw&#252;rdigend gestaltet (dar&#252;ber hinaus wird ein Gro&#223;teil der F&#228;lle vor Gericht wegen mangelnden Beweisen eingestellt oder erst gar nicht verfolgt ), nimmt eine solche juristische Definition strukturell die T&#228;terperspektive ein und sch&#252;tzt diesen so.</li>
<li>4. Mit der „Definitionsmacht“ wird demgegen&#252;ber das pers&#246;nliche Empfinden einer Grenz&#252;berschreitung als Ausgangspunkt gesetzt, denn nur die Betroffene* selbst kann definieren, was sexualisierte Gewalt im je konkreten Einzelfall ist oder war; <em>diese Definition stellen wir nicht in Frage</em>. F&#252;r uns als Organisation bedeutet das Bekenntnis zur Definitionsmacht die aktive und bedingungslose Parteilichkeit mit der Betroffenen*. Ihre Definition wird vollst&#228;ndig akzeptiert und auch nicht durch „kritisches“ Nachfragen oder detektivische Beweisf&#252;hrung in Zweifel gezogen.</li>
<li>5. Perspektiven f&#252;hlen sich als feministische Organisation angerufen. Damit die Konsequenzen unseres Bekenntnisses zur Definitionsmacht von der ganzen Gruppe mitgetragen werden, muss ein transparenter Informationsprozess stattfinden. Zu diesen Konsequenzen geh&#246;rt unter anderem, dass falls es zu F&#228;llen sexualisierter Gewalt seitens eines Mitglieds kommen sollte, der T&#228;ter aus der Organisation ausgeschlossen wird und wir die Forderungen der Betroffenen* bedingungslos umsetzen. Das Bekenntnis zur Definitionsmacht bedeutet f&#252;r uns auch, nicht mit Organisationen, Initiativen etc. zusammenzuarbeiten, die T&#228;ter sch&#252;tzen. Wir m&#246;chten einen Raum darstellen, in dem Frauen* politisch aktiv sein k&#246;nnen und wollen. Definitionsmacht ist ein Erm&#228;chtigungsverh&#228;ltnis, das unter bestehenden Geschlechterverh&#228;ltnissen notwendig ist, um gemeinsame politische Praxis und gegenseitiges Vertrauen zu erm&#246;glichen.</li>
<li>6. Die Anerkennung der Definitionsmacht bedeutet keineswegs, dass antisexistische und feministische Praxis sich darin ersch&#246;pft. Vielmehr ist eine stetige Auseinandersetzung mit Antisexismus und Feminismus f&#252;r uns zentral.</li>
</ol>
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		<title>SlutWalk Bewegung</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Sep 2011 09:33:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>nico</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterverhältnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Sexismus]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;We live in a society that teaches DON’T GET RAPED instead of DON’T RAPE&#8221; &#8211; &#220;ber victim blaming, sexualisierte Gewalt und die viel diskutierte Begriffsaneignung im Zuge der SlutWalk Bewegung schreibt Fanny M&#252;ller-Uri.

Ein Blick auf die Vergewaltigungs-Gerichtsprozesse à la Strauss-Kahn der letzten Monate verdeutlicht, wie aktuell diese Feststellung ist. Das gesellschaftliche Problem der Verharmlosung, Normalisierung und Akzeptanz von Gewalttaten an [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>&#8220;<a href="http://www.peopleofcolororganize.com/analysis/slutwalk-march-march/"><em>We live in a society that teaches DON’T GET RAPED instead of DON’T RAPE</em></a>&#8221; &#8211; &#220;ber <em>victim blaming</em>, sexualisierte Gewalt und die viel diskutierte Begriffsaneignung im Zuge der SlutWalk Bewegung schreibt <em>Fanny M&#252;ller-Uri</em>.<br />
<span id="more-2305"></span><br />
Ein Blick auf die Vergewaltigungs-Gerichtsprozesse à la Strauss-Kahn der letzten Monate verdeutlicht, wie aktuell diese Feststellung ist. Das gesellschaftliche Problem der Verharmlosung, Normalisierung und Akzeptanz von Gewalttaten an Frauen ist nun Zielscheibe einer neuen, lautstarken feministischen Bewegung: der weltweiten SlutWalks. In &#252;ber <a href="http://www.slutwalktoronto.com/satellite/satellites-list-dates">f&#252;nfzig</a> St&#228;dten haben sie bereits stattgefunden, in mindestens genauso vielen, darunter auch Wien, sind sie momentan in Planung. Die Debatten in und um die SlutWalk Bewegung sind vielf&#228;ltig, einige werden auch hier zur Diskussion gestellt.</p>
<p><strong><em>Victim blaming</em>: Ein Mythos mit realen Auswirkungen</strong><br />
Minimalkonsens der Bewegung ist der Widerstand gegen einen alten Mythos, der im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Verharmlosung von Gewalt an Frauen, die juristisch legitimierte T&#228;ter-Opfer-Umkehr (engl. <em>victim blaming</em>), steht. Jener soll uns weismachen, dass M&#228;nner Opfer ihres Sexualtriebs w&#228;ren und Gewalt legitimierbar sei, wenn sie einer Frau mit Minirock begegneten.<br />
Dies war auch Z&#252;ndstoff des ersten SlutWalks in Toronto am 3. April diesen Jahres. Ausl&#246;ser war die Aussage eines Polizisten, Michael Sanguinetti, der eigentlich an einer Universit&#228;t einen Pr&#228;ventionskurs zum Thema Sicherheit am Campus machen sollte. Mit dem Satz: &#8220;<em><a href="http://slutwalk.net/?p=1">Women should avoid dressing like sluts in order not to be victimized</a></em>&#8221; bediente er anhand von <em>victim blaming</em> einen Ausschnitt dessen, was in feministischen Traditionen als <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Rape_culture"><em>rape culture</em></a> oder <em>culture of violence</em> bezeichnet wird.<br />
Die Annahme, es handle sich bei Vergewaltigungen um sexuelle Handlungen ist noch immer mehrheitsf&#228;hig. Vergewaltigungen und sexualisierte &#220;bergriffe m&#252;ssen aber als <a href="http://www.sueddeutsche.de/muenchen/schlampenmarsch-in-muenchen-ende-der-vorurteile-1.1128142-2">&#8220;eine Form der Machtaus&#252;bung mit dem Mittel der Sexualit&#228;t [verstanden werden]. (…) Es geht dabei darum, Macht &#252;ber jemanden auszu&#252;ben, jemanden zu erniedrigen &#8211; und das ist eine gesellschaftliche Sache…“</a> und Ausdruck von Gewalt und Unterdr&#252;ckung – Gewalt hat System.</p>
<p>Sanquinettis Aussage spiegelt diese gesellschaftlichen Diskurse wider und spricht damit aus, was in den K&#246;pfen vieler Menschen allzu oft auf Zustimmung trifft. Dies mag zwar immer noch breiter Konsens in der Gesellschaft sein, aber diesmal erzeugte es auch breiten Widerstand. Zu Recht und v&#246;llig emp&#246;rt gingen daraufhin tausende Menschen auf die Stra&#223;e und formierten sich zu einer dynamischen, undogmatischen und kreativen Demonstration. Denn niemand hat das Recht, Gewalt an Frauen auszu&#252;ben, egal wie sie sich verhalten (etwa Trunkenheit, Herumgeflirte oder Alleine-am-Nachhauseweg-Sein) oder sich kleiden (ob bauchfrei, Minirock oder Kartoffelsack). Obwohl es keinen Dresscode gibt, spielen viele SlutWalk-TeilnehmerInnen mit der Kleidung und rufen unmissverst&#228;ndlich: „<em>My clothes are not louder than my voice! Enough is enough!</em>“</p>
<p><strong>„<em><a href="http://www.plyrics.com/lyrics/xrayspex/ohbondageupyours.html">Oh Bondage, </a></em><a href="http://www.youtube.com/watch?v=ogypBUCb7DA">Up Yours!</a>&#8221; und der Mythos der dunklen Gassen</strong><br />
Die SlutWalk-Bewegung konzentriert sich haupts&#228;chlich auf sexualisierte Gewalt im &#246;ffentlichen Raum. Dies ist auch &#252;berf&#228;llig und stellt sich dem Sicherheitswahn, der gerne in Form repressiver Mittel wie Videokameras, privater Securities und selbsternannter B&#252;rgerwehren auftritt, entgegen. Denn der ausgelebte, machoide „Besch&#252;tzerinstinkt“ ersetzt keine Freir&#228;ume, in denen sich Frauen unbeschwert bewegen k&#246;nnen. Die SlutWalks fahren damit einen vielleicht neuen Diskurs: selbstbewusst ergreifen sie die Definitionshoheit und  beziehen damit klare Position. Gleichzeitig wird ein Faktum bisher wenig beachtet. Tats&#228;chlich finden die meisten sexualisierten &#220;bergriffe und Vergewaltigungen nicht in den dunklen Gassen, am Campus oder in Parks statt, sondern in den eigenen vier W&#228;nden bzw. im Bekannten- und Verwandtenkreis. <a href="http://www.profil.at/articles/1101/560/285909/intimsphaerenrisse-sexuelle-uebergriffe-bereich">90% der Betroffenen kennen ihre T&#228;ter</a>. H&#228;usliche Gewalt wird bisher von den wenigsten SlutWalks thematisiert, Gewalt gegen Frauen auf den „&#246;ffentlichen Raum“ reduziert.  Dies ist bis dato eine Schw&#228;che der SlutWalk Bewegung und erkl&#228;rt sich bis zu einem gewissen Grad aus der vermeintlichen Losl&#246;sung von einer breiteren anti-sexistischen Praxis und historischen Frauenbewegungen.</p>
<p><strong>It‘s a new <em>feminist</em> movement, yay</strong><br />
Inzwischen kann nicht mehr von einem punktuellen anti-sexistischen Protest gesprochen werden. Weltweit finden seitdem SlutWalks statt, dadurch dringen anti-sexistische und feministische Themen in die breite &#214;ffentlichkeit – in den Malestream. Auff&#228;llig scheint hierbei die Abwehr vieler TeilnehmerInnen, sich als feministisch zu bezeichnen. Dies mag an der negativen Konnotation des Begriffs liegen, welche in der &#214;ffentlichkeit zelebriert wird. Zweifelsohne gibt es nicht blo&#223; <em>eine</em> feministische Str&#246;mung, um es aber kurz und b&#252;ndig mit den Worten der gro&#223;en <a href="http://books.google.com/books?id=uvIQbop4cdsC&amp;lpg=PR3&amp;hl=de&amp;pg=PR11#v=onepage&amp;q&amp;f=false">bell hooks</a> auszudr&#252;cken: „<em>Feminist struggle takes place anytime anywhere any female or male resists sexism, sexist exploitation, and oppression. Feminist movement happens when groups of people come together with an organized strategy to take action to eliminate patriarchy.&#8221; </em> Fakt ist, dass die Zusammensetzung der TeilnehmerInnen eine <a href="http://www.slutwalktoronto.com/satellite/satellites-list-dates">vielf&#228;ltige</a> ist:  ob jung oder alt, ob politisch schon l&#228;nger aktiv oder nicht , aber vor allem <em>all gender</em> machen sich f&#252;r SlutWalks stark und diese k&#246;nnen nicht abseits der Tradition feministischer K&#228;mpfe betrachtet werden. Egal ob sich die TeilnehmerInnen als feministisch definieren oder nicht – feststeht: „<em>Yes means Yes! No means No! &#8211; Keine Gewalt an Frauen!</em>“.</em></p>
<p><em><strong>Slut </em>– Strategie der Begriffsaneignung</strong><br />
Klarerweise entstehen in politischen Bewegungen unterschiedliche Strategien, wie man definierte Ziele benennt oder erreichen kann. &#220;ber die Begriffsaneignung Slut beispielsweise wird seit Monaten debattiert. Der Begriff Slut wurde zun&#228;chst <a href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/politik/353239/353240.php">ironisch</a> von den OrganisatorInnen herangezogen, um auf den spezifischen Kontext des <em>victim blamings</em> zu reagieren. Auch wenn die (R&#252;ck-)Eroberung von herrschaftlicher Sprache seit jeher feministische Tradition hat, so stellt sich erneut beim Begriff Slut die Frage, inwieweit sie exkludierend wirkt bzw. welche Funktion dem Gebrauch zukommt. Ohne weiteres kann es als Eroberung des Begriffs f&#252;r eine anti-sexistische Kampagne verstanden werden. Dennoch, Slut wirkt polarisierend, ist zutiefst vergeschlechtlicht und von Machtverh&#228;ltnissen durchzogen.<br />
Der Begriff exkludiert, denn viele Menschen wollen nicht unter einem Label aktiv werden, das Frauen als Ware, Objekt und Opfer tituliert. Denn der SlutWalk transportiert auch „<a href="http://www.perspektiven-online.at/2007/11/01/sexy-sexismus/">Sex and the City“-Sexyness</a>, die auf patriarchalen Frauenbildern basiert. Auch der gro&#223;e Zuspruch in den Malestream-Medien ist wohl nicht in einem breiten anti-sexistischen Konsens begr&#252;ndet, vielmehr gilt auch hier die mediale Logik des <em>Sex sells</em>. Die Bewegung profitiert vom medialen Interesse und erh&#246;ht dieses durch das bewusste Spiel mit dieser sexualisierten Begrifflichkeit. So lange die SlutWalks jedoch nicht auf „<a href="http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-69126.html">das Recht auf sexy Kleidung</a>“ reduziert werden und die feministische Botschaft in den Mainstream durchsickert, bleibt wohl nur zu sagen: In your face! Aber mal ehrlich – wo ist denn auch schon die Insel der Gl&#252;ckseligen?</p>
<p>Dass der Begriff Slut Kontroversen mit sich bringt, liegt auf der Hand. Fest steht, auch wenn eine Frau als Slut bezeichnet wird, nackt durch die Stra&#223;en zieht oder betrunken in der Ecke liegt – Gewalt an Frauen ist omnipr&#228;sent und niemals gerechtfertigt! „<em>Frauen, h&#246;rt ihr Frauen schreien, lasst die anderen nicht allein!</em>“ – Wir sehen uns bei dem n&#228;chsten SlutWalk-Treffen.</p>
<p></em></p>
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		<title>Sexy Sexismus</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 12:21:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 2]]></category>
		<category><![CDATA[1968]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Neoliberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Sexismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Sex begegnet uns heute &#252;berall. Die letzten Tabus scheinen gebrochen. Aber ist das wirklich die sexuelle Befreiung, f&#252;r die Frauen Jahrzehnte lang gek&#228;mpft haben? <em>Maria Asenbaum</em> und <em>Kristina Botka</em> untersuchen die Kultur der Neuen Sexiness und stellen sie in den Kontext neoliberaler Machtstrukturen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sex begegnet uns heute &#252;berall. Die letzten Tabus scheinen gebrochen. Aber ist das wirklich die sexuelle Befreiung, f&#252;r die Frauen Jahrzehnte lang gek&#228;mpft haben? <em>Maria Asenbaum</em> und <em>Kristina Botka</em> untersuchen die Kultur der Neuen Sexiness und stellen sie in den Kontext neoliberaler Machtstrukturen.</p>
<p><span id="more-32"></span></p>
<h3>Starke Frauen, ein bisschen verspielt</h3>
<p>„You can bang your head against the wall and try and find a relationship or you can say <em>screw it</em> and go out and have sex like a man.“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> So bewirbt Kim Catrall alias Samantha Jones die erste Staffel von „Sex and the City“, die 1998 erstmals in den USA ausgestrahlt wurde und als „die erste Kom&#246;die &#252;ber Sex und Liebe aus der weiblichen Perspektive”<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> gefeiert wird. Bemerkensweit erscheint dabei allerdings, dass die Hauptdarstellerinnen wie Models aussehen, st&#228;ndig Modemagazine lesen und Schuhe kaufen und am Ende der Serie jede doch ihre „wahre Liebe“ findet.<br />
„Tell me what you think about me, I buy my own diamonds and I buy my own rings, Only ring your cell-y when I’m feelin lonely, When it’s all over please get up and leave…“<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a>, singen Destinys Child im Song „Independent Women“. Das Lied geh&#246;rt zum Soundtrack von „Charlie’s Angels“, einem Remake der 70er Jahren TV-Serie „Drei Engel f&#252;r Charlie“, mit Farrah Fawcett. „Der Erfolg der Serie beruhte sicherlich mehr auf der Attraktivit&#228;t ihrer drei Hauptdarstellerinnen als auf der Originalit&#228;t der Drehb&#252;cher“, behauptet Wikipedia. Auch in den 2000 und 2003 gezeigten Kinoversionen ist der Plot wenig originell, daf&#252;r sind die Engel als knapp bekleidete Geishas, Heidis und in anderen stereotypisierenden Minikleidern zu sehen. Der emanzipatorische Fortschritt im Laufe von drei&#223;ig Jahren ist hier schwer auszumachen.<br />
Die neuesten Sexsymbole der Popindustrie sind die „Pussycat Dolls“, die sowohl in den Songtexten als auch in der erotischen Optik eine neue qualitative Stufe darstellen. Auf ihrer Homepage, auf der &#252;brigens die neuen „Don’t-cha“-Tank-Tops und andere <em><span style="font-family: AGaramondPro-Italic">must-haves</span></em><span> k&#228;uflich zu erwerben sind, erkl&#228;rt Lead-S&#228;ngerin Nicole Scherzinger die Philosophie der K&#228;tzchen: „Wir sind zwar stark, aber wir wollen manchmal auch einfach nur spielen. Diese Zeile in ‚Don’t Cha’ &#8211; sie lautet ‚don’t cha wish your girlfriend was hot like me’ –, sie soll unsere Zuh&#246;rer zum Beispiel best&#228;rken. Denn es geht uns bei The Pussycat Dolls um mehr als nur um das hei&#223;e Aussehen – wir wollen auch echte Gef&#252;hle transportieren.“. Robin Antin, die Gr&#252;nderin des „Tanzensembles“ formuliert noch enthusiastischer: „Es geht darum, vor dem Spiegel zu singen und zu tanzen und einfach Spa&#223; dabei zu haben“, denn: „In jeder Frau steckt eine Pussycat Doll“.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a></span></p>
<h3>Das Spiel hat Folgen</h3>
<p>Was hier danach klingt, Spa&#223; mit dem eigenen sexuellen Experimentieren zu haben, nach frechen Frauen mit Selbstbewusstsein und „wir k&#246;nnen alles haben“ hinterl&#228;sst bei genauerer Betrachtung trotzdem ein komisches Gef&#252;hl – intuitiv zweifeln wir an den emanzipatorischen Inhalten hinter Carries Kolumne und den stets nur in schwarzer Lackunterw&#228;sche „echte Gef&#252;hle“ transportierenden Katzenp&#252;ppchen (wobei „Pussy“ bekannter Weise ja nicht ausschlie&#223;lich kleine Katzen bezeichnet).<br />
Auch von der Mainstream Wissenschaft wird erkannt, dass das so genannte Spielen mit Klischees von Sexiness im Kontext sich epidemieartig ausbreitender Essst&#246;rungen und anderer psychischer Probleme junger Frauen zum bitteren Ernst werden kann. Die „American Psychological Association“ (APA) ver&#246;ffentlichte 2007 einen Bericht der Task Force „Sexualisation of Girls“<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a>, der diesen Zusammenhang genauer untersucht. In diesem Bericht wird Sexualisierung definiert als (1) der Wert einer Person wird aus der sexuellen Ausstrahlung abgeleitet, unter Ausschlie&#223;ung anderer Merkmale (2) eine Person wird einem eng definierten Attraktivit&#228;tsstandard angepasst um sexy sein (3) eine Person wird zum sexuellen Objekt, einem Ding mit sexuellem Wert, und/oder (4) Sexualit&#228;t wird unangemessener Weise auf eine Person projiziert, besonders in Bezug auf Kinder.<br />
Zun&#228;chst wird eine Reihe wissenschaftlicher Studien aufgelistet, die Sexualisierungsmechanismen aufzeigen. Die Ergebnisse k&#246;nnen folgenderma&#223;en zusammengefasst werden. Sexualisierung von Frauen gibt es in fast allen Medien: Fernsehserien, Werbung, Magazine, Internet, Videospiele uvm. (z. B. Gow, 1996, Blauwkamp &amp; Wesselink, 2001) Frauen werden weitaus &#246;fter als M&#228;nner sexualisiert und verdinglicht (Ansager &amp; Roe, 1999). Die Sexualisierung fokussiert sich auf junge Frauen, wobei h&#228;ufig das Ph&#228;nomen verschwimmender Altersgrenzen beobachtet wurde (Cook &amp; Kaiser, 2004). Beispielsweise gibt es Tanga-Slips f&#252;r 7-10 j&#228;hrige M&#228;dchen mit der Aufschrift „wink-wink“, oder umgekehrt werden bei Unterw&#228;sche-Modenschauen erwachsene Models als kleine M&#228;dchen angezogen, usw. Die Sexualisierung manifestiert sich auch in interpersonellen Beziehungen. Eltern vermitteln ihren T&#246;chtern, dass Attraktivit&#228;t das Wichtigste f&#252;r ein M&#228;dchen ist (Nichter, 2000) und ermutigen teilweise zu Sch&#246;nheits-Operationen. Freundinnen wenden konformierende Standards von D&#252;nn-Sein und Sexy-sein aufeinander an (Thorne, 1999). Buben bel&#228;stigen und sexualisieren ihre Mitsch&#252;lerinnen (Lindberg, Grabe &amp; Hyde, 2007). Das interessanteste Ergebnis der Untersuchungen ist in diesem Zusammenhang, wie M&#228;dchen sich selbst sexualisieren. Die psychologische Forschung erkennt die Selbstverdinglichung (<em>self-objectification</em>) dabei als Schl&#252;sselprozess, d. h. M&#228;dchen behandeln ihre eigenen K&#246;rper als Objekte der Begierde Anderer (Frederikson &amp; Roberts, 1997). Die Psychologie spricht von der Internalisierung der Beobachter-Perspektive, wobei die M&#228;dchen vor allem ihr Aussehen bewerten und es mit einem eng definierten Attraktivit&#228;ts- und Sexiness-Standard vergleichen.<br />
Im zweiten Teil des APA-Reports geht es um die Folgen dieser Sexualisierung. Eine der dramatischsten Auswirkungen ist dabei der Anstieg an diagnostizierten Essst&#246;rungen (vor allem Anorexie und Bulimie) bei M&#228;dchen zwischen 10 und 19 Jahren. Einige ForscherInnen berichten, dass es einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem &#252;ber die Medien vermittelten Sch&#246;nheitsideal und dem Verbreitungsgrad dieser Krankheiten gibt (Lucas, Beard, O´Fallon und Kurland, 1991). So zeigt z.B. eine Studie auf den Fidschi-Inseln, dass sich dort drei Jahre nachdem das westliche Fernsehen eingef&#252;hrt wurde, die Essgewohnheiten und die Einstellungen junger M&#228;dchen zu ihrem K&#246;rper dramatisch ver&#228;nderten (Becker, 2004). Eine weitere offensichtliche Auswirkung ist die Nachfrage nach Sch&#246;nheitsoperationen. Die Daten der American Society of Plastic Surgeons<sup>6</sup> belegen im Zeitraum 2000-2005 einen Anstieg der j&#228;hrliche Rate an Botox-Injektionen um 388%, der Fettabsaugungen um 115% und der Po-Liftings um 283%. Aber nicht alle Folgen der Sexualisierung sind &#228;u&#223;erlich sichtbar. So zeigen mehrere Studien Korrelationen zwischen medial vermittelter Sexualisierung und niedrigem Selbstwert, negativer Stimmung und depressiven Symptomen (z. B. Durkin &amp; Paxton, 2002). Au&#223;erdem zeigen M&#228;dchen, die h&#228;ufiger Bildern von idealisierten K&#246;rpern ausgesetzt sind, oft Anzeichen von &#196;ngstlichkeit, Scham- und Ekelgef&#252;hlen gegen&#252;ber dem eigenen K&#246;rper (z. B. Slater &amp; Tiggermann, 2002). Interessant ist auch, dass M&#228;dchen, die viele Musikvideos und Magazine konsumieren, bei denen es um ein bestimmtes Stereotyp von Sexualit&#228;t geht, von ihren eigenen sexuellen Erfahrungen h&#228;ufiger entt&#228;uscht sind und auch ihrer Gesundheit dabei weniger Beachtung schenken (Impett, Schooler und Tolman, 2006), Safe-Sex ist oft nicht mehr die erste Priorit&#228;t, was auch mit den Verschlechterungen in der Aufkl&#228;rungsarbeit an amerikanischen Schulen in Verbindung gebracht werden kann.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a><br />
Als gesellschaftliche Folgen f&#252;hrt der Bericht die Zunahme von Sexismus, sexueller Bel&#228;stigung und Gewalt, sowie von Kinderpornographie an.</p>
<p>PsychologInnen haben verschiedene Theorien entwickelt, warum Frauen und M&#228;dchen sich den Sexualisierungs-Normen anpassen. Die meisten thematisieren pers&#246;nliche oder gesellschaftliche Verst&#228;rkungsmechanismen, die bestimmte Bilder und Verhaltensweisen von M&#228;dchen belohnen bis diese internalisiert werden. Diese Bilder entstehen aber in der sozialen Auseinandersetzung. Die Darstellung von Frauenk&#246;rpern ist nicht zuletzt ein umk&#228;mpftes Feld.</p>
<h3>Der Kampf um Sexuelle Befreiung</h3>
<p>In Verbindung mit den politischen und sozialen Auseinandersetzungen rund um das Jahr 1968 entstand auch eine eigenst&#228;ndige Bewegung die sich f&#252;r Frauenrechte und Emanzipation einsetzte. Die Frauenbewegung der sp&#228;ten 60er und fr&#252;hen 70er Jahre war gepr&#228;gt vom Kampf um sexuelle Befreiung, um (sexuelle) Selbsterfahrung und Selbstbestimmung. Es ging um ein Aufbrechen des konservativ-restriktiven Zugangs zu Sexualit&#228;t. Die Darstellung nackter K&#246;rper(teile), etwa auf den Titelbl&#228;ttern linker StudentInnenzeitungen, sollte die spie&#223;b&#252;rgerliche Verklemmtheit provozieren. Sexualit&#228;t, vor allem weibliche Sexualit&#228;t wurde gefeiert. Das Nach-au&#223;en-Tragen des Sexes war Teil des Kampfes um Autonomie und Identit&#228;t.<br />
Tats&#228;chlich konnte die Frauenbewegung im Lauf der 70er und fr&#252;hen 80er Jahre einige Ziele erreichen – von &#196;nderungen in der Gesetzgebung bis zu einer gesellschaftlichen Verschiebung des Frauenbildes und der &#196;chtung frauenfeindlicher Praktiken. In der theoretischen Weiterentwicklung der Bewegung, r&#252;ckten in dieser Zeit der Zusammenhang von struktureller Gewalt und dem scheinbar individuellen Leiden vieler Frauen und M&#228;dchen in den Vordergrund. Bisher tabuisierte Aspekte der Beziehung zwischen M&#228;nnern und Frauen, wie Vergewaltigung in der Ehe, sexuelle Bel&#228;stigung und Kindesmissbrauch, standen nun im Mittelpunkt des Interesses der Frauenbewegung und trugen viel zum Verst&#228;ndnis der Machtverh&#228;ltnisse zwischen den Geschlechtern bei.<br />
Der Differenzierungsprozesse innerhalb der Frauenbewegungen spitzten sich zu, als sich die Gewalt-Debatten vermehrt auch um die Ablehnung von Pornographie drehten. Die zwei zentralen Zug&#228;nge wurden einerseits von so genannten „sexpositiven“ und andererseits von „antipornografischen“ FeministInnen vertreten. Die Ersteren bezogen sich auf die in der Gesellschaft ohnehin schon eingeschr&#228;nkte weibliche Sexualit&#228;t und auf das Bestreben der sexuellen Befreiung. Dagegen argumentierte Andere „Pornographie ist die Theorie, Vergewaltigung die Praxis“<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a>. Besonders als in Anti-Porno-Kampagnen B&#252;ndnisse mit nach Zensur lechzenden Konservativen geschlossen wurden und auch Prostituierte ins Schussfeld gerieten, befand sich dieser Teil der Bewegung f&#252;r viele Frauen im Abseits<sup>9</sup>. Diese Entwicklungen, die Spaltung der Frauenbewegung, die Konzentration der FeministInnen auf einzelne Aspekte des sexuellen Ausdrucks in den 1970er und 1980er Jahren kann nur im Kontext des allgemeinen Niedergangs der „68er-Bewegung“ verstanden werden.</p>
<h3>Post-Feminismus und <em>Raunch Culture </em></h3>
<p>Das Klischee der sexfeindlichen Birkenstock-Emanze hat sich bis heute erhalten. „Wenn wir Worte wie Emanzipation, Geschlechterkampf und Feminismus laut aussprechen, dann kommen wir uns vor, als ob wir einen dicken D&#246;ner mit ordentlich Tsatsiki gegessen h&#228;tten. Es m&#252;ffelt &#252;bel, abgestanden, unappetitlich, peinlich“, schreibt die Autorin Katja Kullmann in ihrem Bestseller „Generation Ally“<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a><br />
Heute wird oft von der &#196;ra des „Postfeminismus“ gesprochen, in der <em>scheinbar</em> auf die urspr&#252;nglichen Ideale freier Sexualit&#228;t rekurriert wird. „&#8230;Es ist die post-sexuelle-Revolution, post-Frauenbewegungs-Generation, welche jetzt in ihren Zwanzigern und fr&#252;hen Drei&#223;igern steht – es wird auch weitergehen mit den Generationen, die ihnen folgen – sie haben einfach einen erwachseneren, angenehmeren, nat&#252;rlichen Zugang zu Sex und Sexiness, der mehr in die Richtung geht, wie M&#228;nner es Generationen zuvor erlebt haben&#8230;<sup>&#8220;</sup><a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a></p>
<p>Mit einer besonders verdrehten Art des Postfeminismus, dem so genannten <em>raunch feminism</em><a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> besch&#228;ftigt sich Ariel Levi in ihrem neuen Buch „Female Chauvinist Pigs. Women and the Rise of Raunch Culture“<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a>. Diese Str&#246;mung versucht sich selbst in die Tradition des Kampfs um sexuelle Befreiung<span>  </span>zu stellen, hat aber bei n&#228;herer Betrachtung damit herzlich wenig zu tun.<br />
Ein Beispiel f&#252;r dieses Missverst&#228;ndnis ist die Frauen-Organisation CAKE<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a>, mit dem Verst&#228;ndnis, dass „die neue sexuelle Revolution dort ist, wo sich sexuelle Gleichberechtigung mit Feminismus trifft“. Auf den ber&#252;hmten CAKE-Parties in New York und London kann „weibliche Sexualit&#228;t erobert“ und „Feminismus in Aktion“ erlebt werden: Striptease von und mit Frauen f&#252;r Frauen, Pornos, Life-sex-streams, … Weibliche G&#228;ste laufen oft nur in sexy Unterw&#228;sche herum, M&#228;nner, die zwar nur in Begleitung einer CAKE-Frau Einlass finden, bleiben dabei nat&#252;rlich angezogen. Die Stripperinnen entsprechen in K&#246;rperform und Bekleidung dem &#252;blichen Klischee. Levi fragt zu Recht: Warum ist das der neue Feminismus und nicht das, wonach es aussieht, der alte Sexismus? Die CAKE-Erfinderinnen, Emily Kramer and Melinda Gallagher, fr&#252;her aktiv in der Frauenbewegungen, sehen das nat&#252;rlich ganz anders. Sie zelebrieren mit CAKE den „modernen Feminismus“. Levi meint dazu „CAKE ist ein Beispiel f&#252;r die seltsame Art und Weise, in der Leute die Widerspr&#252;che der Vergangenheit ignorieren und so tun, als ob sie nie existiert h&#228;tten. Sie mischen einfach verschiedenste und durchaus widerspr&#252;chliche Ideologien zusammen und kreieren damit die inkoh&#228;rente Marke <em>raunch feminism</em>.“<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a></p>
<p>Von der andren Seite her, gelingt es Firmen wie <em>Playboy</em> oder diversen Stripclubs ihr Image scheinbar so zu ver&#228;ndern, dass sogar ehemalige Frauenbewegungsaktivistinnen sie als fortschrittlich und emanzipatorisch bezeichnen. Einige Frauen glauben, den Spie&#223; umzudrehen, indem die Produkte der Sex-Industrie selbst konsumieren. Oft spielen bei diesem Image-Wandel weibliche F&#252;hrungskr&#228;fte eine zentrale Rolle. So erkl&#228;rt z. B.Christie Hefner, Tochter des Playboy-Erfinders Hugh Hefner und eine der Leiterinnen des Playboy-Konzerns: „Das H&#228;schensymbol stellt sexy Spa&#223; und ein bisschen Rebellion dar, so wie Bauchnabel-Piercings etwa – oder tief geschnittene Jeans… Es zeigt mehr <em>ich habe Kontrolle dar&#252;ber, wie ich aussehe und welches Statement ich mache</em> im Gegensatz zu <em>es ist mir peinlich oder ich f&#252;hle mich unwohl damit</em>…auff&#228;llig, schrill, aber nicht ganz ernst gemeint…verspielt ist wohl die beste Bezeichnung“.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a><br />
Die neue Trendsportart Strip-Aerobic, inklusive Poledancingstange f&#252;r zuhause<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a>, die Mode der mehr oder weniger offiziell bezeichneten „Nuttenstiefel“ oder die T-Shirts mit der Aufschrift „Porn-Star“, sollen in dieser Denkart ein Anzeichen f&#252;r die endlich erreichte sexuelle Befreiung sein. „An die Stelle des Kampfes gegen sexuelle Bel&#228;stigung ist der Kampf f&#252;r sexuelle Befriedigung getreten“<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> meint z. B. ein m&#228;nnlicher Besucher einer CAKE-Party.</p>
<p>Die ehemalige Pornodarstellerin Traci Lords bringt es gut auf den Punkt: „Als ich noch im Gesch&#228;ft war, war Porno etwas f&#252;rs dunkle Hinterzimmer. Heute ist er &#252;berall!“ <a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a>Ist damit das Ziel befreiter Sexualit&#228;t erreicht?</p>
<h3>K&#252;nstliche K&#246;rper, <em>fake sex</em></h3>
<p>Die heute omnipr&#228;senten Bilder von Sex und Sexiness wirken auf Frauen aber nicht befreiend, in Gegenteil. Der soziale Druck sich den Schablonen anzupassen, kann sich in weiterer Folge sogar pathologisch auswirken kann (siehe APA-Report). Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass es bei <em>Raunch Culture</em> weder um echte Befreiung noch um echten Sex geht. Die K&#246;rperbilder, sind nicht nur stereotypisiernde, verdinglichende Schablonen, sie sind auch schlicht weg nicht real. Die Models sind operiert und geschminkt und die Fotos werden im Nachhinein bearbeitet. Hier wird ein Ideal produziert, das so nicht existiert. Digitale Medien verst&#228;rken diesen Trend und es kommt zu &#220;berg&#228;ngen zu virtuellen Idealen. Beispielsweise hat Pro Sieben zur TV-Show „Germanys Next Topmodel 2“ ein Online Spiel herausgebracht, bei dem die Teilnehmerinnen in die Rolle eines potentiellen Topmodels (dargestellt mit den Gesichtern der Kandidatinnen aus dem Fernsehen) schl&#252;pfen und diese nach dem „Sims“-Prinzip aufbauen m&#252;ssen, d.h. ins Fitness-Center gehen, Laufsteg-Training absolvieren, sich richtig ern&#228;hren usw. Nat&#252;rlich gibt es auf der Homepage<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> auch Tipps, wie M&#228;dchen diese Dinge im realen Leben am besten machen. Aber auch mit der eisernsten Disziplin, niemand kann jemals so aussehen wie die Computer Figuren.<br />
Auch die Sexualit&#228;t, die uns gezeigt wird ist „fake sex“. So gibt es Aussagen von Poledancing-Turnerinnen, die als Nachteil dieser Form der sportlichen Ert&#252;chtigung die blauen Flecken anf&#252;hren, die das Tanzen an der Stange hinterlassen oder Berichte von Teilnehmerinnen von „Girls gone Wild“<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a> die das Herumknutschen mit ihren (heterosexuellen) Freundinnen als weniger prickelnd empfanden und damit nur klischeehafte M&#228;nnerphantasien befriedigen. Bei der neuen Sexiness geht es um das Vort&#228;uschen von Lust, eine Frau die wirklich sexuell erregt ist, macht ganz andere Gesichtsausdr&#252;cke als Christina Aguilera in ihren Videos. Das Ph&#228;nomen <em>Raunch Culture</em> bringt nicht einfach ans Tageslicht, was sich tats&#228;chlich „in den Schlafzimmern“ abspielt, es zeigt uns ein ganz bestimmtes irreales und unerreichbares Bild von Sex und K&#246;rperlichkeit. Hier gibt es keinerlei Kontinuit&#228;t zur sexuellen Befreiung der 68er Bewegung.</p>
<h3>K&#246;rperbilder und Neoliberalismus</h3>
<p>Das spezifische K&#246;rperideal, mit dem wir heute konfrontiert sind, ist also kein Abbild real existierender K&#246;rper. K&#246;rpererleben ist von der Kultur, als Teil eines herrschenden Systems, vermittelt. Es gibt kein „nat&#252;rliches“ K&#246;rperempfinden. Gesellschaftliche Machtstrukturen sind in die jeweils vorherrschenden K&#246;rperideale eingeschrieben<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a>. Der Neoliberalismus, als Rekonfiguration des Kapitalismus modifiziert auch die K&#246;rperbilder nach seinen Idealen.K&#246;rperlichkeit erf&#228;hrt im Neoliberalismus eine Aufwertung. Es geht um perfekte, um bearbeitete K&#246;rper. Diese Pr&#228;misse enth&#228;lt mehrere Aspekte.</p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span style="font-size: 9pt">Funktionalit&#228;t und Konformit&#228;t<o></o></span></p>
<p>Die K&#246;rper m&#252;ssen funktionieren. In einer Zeit steigender Arbeitslosigkeit und Unsicherheit darf der K&#246;rper keine Funktionsdefizite aufweisen. Au&#223;erdem darf er auch in der Erscheinungsform nicht von einer bestimmten Norm abweichen. In dieser Norm sind Selbstdisziplin und Eigenoptimierung verk&#246;rpert. Wer sich nicht engagiert einem K&#246;rperideal nachzueifern, ist einfach kein eifriger Mensch. Wer sich weigert, sich der Konformit&#228;t der K&#246;rperkultur unterzuordnen, kann sich nirgends unterordnen. Und wer sich bem&#252;ht und es trotzdem nicht schafft, der schafft vielleicht &#252;berhaupt nichts im Leben.</p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span style="font-size: 9pt">K&#246;rper und Sex als Kapital<o></o></span></p>
<p>„Dein K&#246;rper ist dein Kapital.“ sagt Heidi Klum, eines der erfolgreichsten Models der Welt und Autorin des Buches „Heidi Klum’s Body of Knowledge: 8 Rules of Model Behavior (to Help You Take Off on the Runway of Life)“<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a><br />
. In diesem Stadium des Kapitalismus, in dem das Erschlie&#223;en neuer M&#228;rkte die wichtigste Herausforderung geworden ist, ist einfach alles k&#228;uflich. K&#246;rper sind f&#252;r viele Frauen zur Investition geworden. Sie stecken Geld und Arbeit hinein und hoffen auf gute Ertr&#228;ge, sowohl am Arbeits-, als auch am Beziehungsmarkt. Klar ersichtlich ist dieses Prinzip bei Internet Single-B&#246;rsen. Jede hofft „einen guten Schnitt zu machen“, sich nicht „unter Wert zu verkaufen“, usw.</p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span style="font-size: 9pt">Wettbewerbslogik und K&#246;rperklassen</span><span><o></o></span></p>
<p>Nat&#252;rlich geht es auch bei den K&#246;rperlichkeiten um Superlative. Wer den sch&#246;nsten, schlanksten, sexisten K&#246;rper hat entscheidet scheinbar einzig und allein der freie Wettbewerb. Eine Reihe von TV-Formaten, à la „Germany’s Next Topmodel“ zeigen es vor. Jede kann es schaffen vom Cover der n&#228;chsten Cosmopolitan zu strahlen. Die Konkurrenz ist nat&#252;rlich. Es kann nur Eine geben. Aber wer gewinnt, entscheiden die, die schon auf der Gewinnerseite stehen. Nat&#252;rlich muss auch beachtet werden, dass das perfekte Aussehen Geld kostet. Fitness-TrainerInnen, Ern&#228;hrungsberaterInnen und Sch&#246;nheitschirurgInnen sind nicht f&#252;r jede leistbar. Menschen in diesen Berufen m&#252;ssen auch an sich arbeiten, sie machen vor dass es funktioniert (z. B. die Ern&#228;hrungsberaterin von „Du bist was du isst“ auf ATV), es braucht nur den Willen und das n&#246;tige Kapital.</p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span style="font-size: 9pt">Pseudo-Wahlfreiheit<o></o></span></p>
<p>Es gibt noch etwas, das frau wissen muss, bevor sie sich in den Kampf wirft: DU musst dich daf&#252;r entscheiden. Angeblich haben wir die Wahl, niemand zwingt dich gut auszusehen. Es gibt keine Bekleidungsvorschriften mehr, angeblich ist auch in der Mode jetzt alles erlaubt, aber warum sehen dann nicht nur die Frauen in den Modemagazinen, sondern auch die auf der Stra&#223;e alle so verdammt gleich aus? In vielen Magazinen gibt es die Dos and Don’t Seiten, wer sich auf der don’t Seite findet ist zumindest &#228;u&#223;erst peinlich ber&#252;hrt. Blo&#223;stellen statt sanktionieren. Angeblich k&#246;nnen sich Frauen heute frei entscheiden, f&#252;r Beruf, Familie, Beziehungskonstellation, Produkte die sie kaufen, usw. Aber bei genauerer Betrachtung ist die Wahlfreiheit gar nicht so gro&#223; und hinterl&#228;sst nur das Gef&#252;hl, selbst schuld zu sein, wenn der gew&#228;hlte Weg keinen Spa&#223; macht. Und keinen Spa&#223; zu haben ist auch keine Option.</p>
<h3>Kapitalismus schluckt und spuckt</h3>
<p>Wir k&#246;nnen also sagen, dass jene Fortschritte der sexuellen Befreiung, die bereits erk&#228;mpft waren zu vielen Teilen wieder von der kapitalistischen Kultur zur&#252;ckerobert wurden sind. Dabei handelt es sich aber nicht einfach um einen konservativen Backlash. Mainstream-Kultur und kritische Auseinandersetzung stehen in einem dynamischen Verh&#228;ltnis zueinander. Ein Beispiel dazu ist etwa auch die „Riot-Grrrl“-Bewegung in den 1990ern. Ausgehend von Wut gegen die Unterdr&#252;ckungsmechanismen des (patriarchalen) Systems mit seinen konservativen Werten wurde von jungen Frauen eine Bewegung gegr&#252;ndet, die sich auf ironische Weise eine eigene Weiblichkeit gr&#252;ndete. Bisherige Frauenbilder wurden &#252;bertrieben inszeniert, frauenfeindliche Ausdr&#252;cke (chicks, bitch, &#8230;) aufgenommen um den konstruierten Charakter von Weiblichkeit aufzuzeigen, indem er l&#228;cherlich gemacht wurde. Damit einhergehend entstanden neue M&#246;glichkeiten ein eigenes Weiblichkeitsbild zu finden, das sich nicht an den gesellschaftlichen Erwartungen orientierte. Der Refrain eines Punksongs lautete etwa: „Die Leute sagen, kleine M&#228;dchen soll man sehen und nicht h&#246;ren. Aber ich sag …Steckt euch die Fesseln in den Arsch!“<br />
Bald erweckte die Riot-Grrrl-Bewegung das Interesse der Medien. Das Bem&#252;hen der Aktivistinnen, nicht kommerzialisiert zu werden, blieb erfolglos. Massenmedien gelang es, aus der emanzipatorischen Protestbewegung den „Girlie-Style“ zu extrahieren, der nat&#252;rlich keine politischen Inhalte transportierte. Die von den jungen Frauen ironisch &#252;bertriebene „Weiblichkeit“ fand sich in Popkan&#228;len wie MTV als s&#252;&#223;er Modestil wieder. „Girl-Power“ konnte nun in den Gesch&#228;ften erstanden werden, Protest und Selbstfindung war nicht mehr n&#246;tig. Die „Girlies“ fanden sich einmal mehr als m&#228;nnliche Projektion im Lolita-Kleidchen wieder: klein, frech, anh&#228;nglich und vor allem sexuell anziehend.<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a><br />
Diese Aufnahme und Umdeutung fortschrittlicher Ideen ist kein auf das „Frauen-Thema“ isoliertes Ph&#228;nomen. In einem anderen Zusammenhang theoretisieren Boltanski und Chiapello (1999)<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a> die Tendenz im Kapitalismus, dass progressive Forderungen und Kritik in den herrschenden Diskurs aufgenommen werden: „Auch wenn der Kapitalismus nicht ohne eine Allgemeinwohlorientierung als Quelle von Beteiligungsmotiven auskommen kann, ist er aufgrund seiner normativen Unbestimmtheit doch nicht dazu im Stande, den kapitalistischen Geist aus sich selbst heraus zu erzeugen. Er ist auf seine Gegner angewiesen, auf diejenigen, die er gegen sich aufbringt, und die sich ihm widersetzen, um die fehlende moralische St&#252;tze zu finden und Gerechtigkeitsstrukturen in sich aufzunehmen, deren Relevanz er sonst nicht einmal erkennen w&#252;rde.“<a href="#anm26" title="anm_26" name="anm_26"><sup>26</sup></a> Erg&#228;nzend soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass es dem Kapitalismus vor allem dann gelingt sich kritische Ans&#228;tze einzuverleiben, wenn diese Kritik nicht (mehr) im Kontext realer politischer Auseinandersetzungen steht. Wenn Begriffe zu leeren Worth&#252;lsen ohne (klassen)k&#228;mpferischen R&#252;ckhalt werden, ist es umso leichter sie von der anderen Seite her zu besetzen und umzuinterpretieren.</p>
<h3>Wessen K&#246;rper ist das hier?</h3>
<p>In einer Zeit, in der vieles sich schnell ver&#228;ndert, nix fix zu sein scheint und wir oft das Gef&#252;hl der Ohnmacht empfinden, liegt es nahe, den K&#246;rper als das letzte Eigene, Unber&#252;hrte und Vertraute zu verstehen. Wie in diesem Artikel aber gezeigt wurde ist K&#246;rperlichkeit in unterschiedlichen Facetten lange nicht mehr die letzte freie Bastion ohne kapitalistischen Zugriff – im Gegenteil, was wir essen und wie viel, wie wir aussehen, was wir gut und ansprechend finden und wie wir unsere Sexualit&#228;t leben ist offenbar auch Teil kapitalistischer Verwertungslogik.<br />
Als Konklusion und Ausblick schreibt Ariel Levi &#252;ber die Sexuelle Befreiung, die wir meinen: „Frauenbefreiung und Emanzipation sind Begriffe, die Feministinnen verwendeten, um Grenzen aufzubrechen und Gleichberechtigung zu fordern. Wir haben diese Begriffe pervertiert. Die Freiheit, sexuell provokativ oder promiskuitiv zu sein ist nicht genug Freiheit; es ist nicht die einzige „Frauen-Frage“ die Aufmerksamkeit verdient. Und wir sind nicht mal im sexuellen Bereich frei. Wir haben nur eine neue Norm &#252;bernommen, wir spielen die Rolle der munteren vollbusigen Exhibitionistin. <em>Wir k&#246;nnen uns anders entscheiden</em>. Wenn wir uns wirklich sexuell befreien wollen, m&#252;ssen wir Raum schaffen f&#252;r eine Bandbreite von M&#246;glichkeiten so unterschiedlich wie das menschliche Begehren selbst. Wir m&#252;ssen uns die Freiheit nehmen herauszufinden, was wir wirklich von Sex wollen, statt die Sexiness-Vorgabe der Popkultur zu imitieren. Das w&#228;re sexuelle Befreiung.“<a href="#anm27" title="anm_27" name="anm_27"><sup>27</sup></a><br />
K&#246;nnen wir das, uns einfach anders entscheiden? Oder handelt es sich dann nicht wieder nur um die weiter oben beschriebene Pseudo-Wahlfreiheit? Zentral an diesem Satz von Ariel Levi ist f&#252;r uns weniger das <em>entscheiden</em> als das <em>wir</em>. Um zu verhindern, dass der Kapitalismus unsere Kritik schluckt, m&#252;ssen wir Viele sein. Damit die neoliberalen K&#246;rperbilder nicht als das einzig Sch&#246;ne erscheinen, m&#252;ssen wir laut sein. Isoliert k&#228;mpfen f&#252;hrt in die Sackgasse. In dieser Hinsicht muss das scheinbar Private wieder politisch werden.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> „Du kannst gegen die Wand rennen, um einen Beziehungspartner zu finden, oder einfach losziehen und Sex haben wie ein Mann.“<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> http://www.sexandthecity.de/<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> „Sag mir, was du von mir h&#228;ltst, ich kauf mir meine eigenen Diamanten und meine eigenen Ringe, ruf dich nur an, wenn ich mich einsam f&#252;hle, und wenn´s dann vorbei ist, bitte steh auf und geh…“<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> http://artists.universal-music.de/pussycat_dolls/<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> American Psychological Association, Task Force on the Sexualization of Girls: Report of the APA Task Force on the Sexualization of Girls, Washington 2007, www.apa.org/pi/wpo/sexualization.html<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a>American Society of Plastic Surgeons: 2000, 2004, 2005 national plastic surgery statistics: Cosmetic and reconstructive procedure trends, 2006, www.plasticsurgery.org<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a>Die amerikanischen ForscherInnen sprechen von einer r&#252;ckl&#228;ufigen Entwicklung bei der Verwendung von Kondomen unter Jugendlichen. In &#214;sterreich ist die Quote in den letzten Jahren ungef&#228;hr gleich bleibend. N&#228;here Angaben: Kromer, Ingrid: Jugendsexualit&#228;t in der empirischen Forschung, 2002, https://www.wien.gv.at/who/jugendgb/2002/doc/jugendsexualitaet.doc<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Morgan, Robin: Going Too Far: The Personal Chronicle of a Feminist, 1974, zit. nach Levi, Ariel: Female Chauvinist Pigs. Women and the Rise of Raunch Culture, London 2005, S. 61.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a>Literatur dazu etwa McElroy, Wendy: A Woman’s Right to Pornography, New York 1995 oder MacKinnon, Catharine A.: Feminism Unmodified: Discourses on Life and Law, Cambridge 1987.<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a>Kullmann, Katja: Generation Ally – Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein, Frankfurt 2002.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Christie Hefner im Gespr&#228;ch mit Ariel Levi. Levy: a.a.O., S. 39.<o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a><em>raunchy</em> = dreckig, schl&#252;pfrig, scharf.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a>Levi: a.a.O. <o></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a>Die Gr&#252;nderinnen Emily Kramer and Melinda Gallagher nannten die Organisation so, weil es ist ein Slang Ausdruck f&#252;r das weibliche Genital sei und nach „klebrig, s&#252;&#223;, lecker und sexy“ klingt. Aus einem Interview f&#252;r 20/20 auf ABC.<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a>Levi: a.a.O., S. 74.<o></o><br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a>Ebd., S. 39.<o></o><br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a>Siehe z.B. <em>New York Times</em>: „No Longer Taboo, Pole Dancing Unleashes Suburbia’s Wild Side“, 5.M&#228;rz, 2007.<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a>http://www.neon.de/kat/fuehlen/sex/1270.html<o></o><br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a>Levy: a.a.O., S. 5.<o></o><br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a>http://www.prosieben.de/lifestyle_magazine/topmodel/index.php<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a>US-Dokumentation diverser StudentInnenparties, z. B. Spring Break, bei denen die M&#228;dchen f&#252;r ein „Girls-Gone-Wild-Tank-Top“ vor der Kamera sexuelle Handlungen zeigen. Die Videos werden dann h&#228;ufig im Internet zum Verkauf angeboten. Der rechtliche Hintergrund ist fraglich, n&#228;hre Infos dazu http://www.ftc.gov/opa/2003/12/girlsgonewild.htm<o></o><br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a>Vgl. Kreisky, Eva: Neoliberale K&#246;rpergef&#252;hle: Vom neuen Staatsk&#246;rper zu profitablen K&#246;rperm&#228;rkten. Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Br&#252;che – Geschlecht – Gesellschaft: Leibes/&#220;bungen“ des Gender-Kollegs der Universit&#228;t Wien, 15. Mai 2003.<br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a>Heidi Klum’s Body of Knowledge: 8 Rules of Model Behavior (to Help You Take Off on the Runway of Life), auf Deutsch erschienen als „Heidi Klum. Nat&#252;rlich erfolgreich“, 2005 im Kr&#252;ger Verlag. Co-Autorin ist Alexandra S. Postman, Mitautorin eines Buchs &#252;ber plastische Chirurgie.<br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a>Vgl. Hahn, Christine: Die Geschichte von Riot-Grrrl-Revolution, in: <em>Wir Frauen. Das feministische Blatt</em>, 21:4 (2002), S. 6 f.<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a>Boltanski, Luc/ Chiapello, Ève: Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz 1999.<br />
<a href="#anm_26" title="anm26" name="anm26">26</a>Ebd., S. 68.<o></o><br />
<a href="#anm_27" title="anm27" name="anm27">27</a>Levi: a.a.O., S. 200.<o></o></p>
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		<title>Reggae: Roots of Resistance</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Sep 2007 05:42:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 1]]></category>
		<category><![CDATA[Afrika]]></category>
		<category><![CDATA[Black Power]]></category>
		<category><![CDATA[Homophobie]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
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		<category><![CDATA[Soziale Kämpfe]]></category>

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		<description><![CDATA[Reggae ist heute ein fixer Bestandteil jugendlicher Subkultur und au&#223;erdem identit&#228;tsstiftendes Moment der „black community“. <em>Philipp Probst</em> beschreibt die historische Entwicklung des Reggae im Spannungsfeld von Widerstand gegen Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung, „love and peace“ und homophoben und sexistischen Tendenzen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Reggae ist heute ein fixer Bestandteil jugendlicher Subkultur und au&#223;erdem identit&#228;tsstiftendes Moment der „black community“. <em>Philipp Probst</em> beschreibt die historische Entwicklung des Reggae im Spannungsfeld von Widerstand gegen Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung, „love and peace“ und homophoben und sexistischen Tendenzen.<br />
<span id="more-90"></span><br />
Die Geschichte des Reggae ist stark mit der Geschichte Jamaikas verbunden, einer Geschichte von Sklaverei und Kolonialherrschaft, von Rassismus und Unterdr&#252;ckung, von wirtschaftlicher Abh&#228;ngigkeit und Ausbeutung. Reggae ist das Produkt „der Erfahrungen von AfrikanerInnen in der Karibik… Der Geist und Inhalt des Jazz und Blues in Afro-amerika, und des Reggae in<span>  </span>Jamaika zeigen dieselbe Botschaft – eine Reaktion auf die Unterdr&#252;ckung und Ausbeutung in der Neuen Welt“.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a></p>
<h3>„Do you remember the days of slavery“</h3>
<p>„I would rather die pon your gallows than live in slavery“ Sam Sharpe 1832</p>
<p>&#220;ber 15 Millionen AfrikanerInnen wurden w&#228;hrend der Sklaverei von Afrika in die „neue Welt“ verschleppt, w&#228;hrend zus&#228;tzlich noch mal dieselbe Zahl bei der SklavInnenjagd und der &#220;berfahrt gestorben sein d&#252;rften. Etwa eine Million SklavInnen wurden nach Jamaika deportiert, von denen am Ende der Sklaverei nur ca. 323.000 &#252;berlebt hatten. F&#252;r Europa legte der Handel mit SklavInnen als billigen Arbeitskr&#228;ften den Grundstock f&#252;r die Entwicklung des aufstrebenden Kapitalismus.<br />
Die Erinnerung an die Erfahrungen der Sklaverei brachten Bob Marley und die Wailers in dem Song „Catch a fire“ zum Ausdruck:</p>
<p class="MsoNormal"><o :p> </o></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">“Slave driver, the table is turning,<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">catch a fire so you can get burn…<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Everytime I hear the crack of the whip<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">My blood runs cold,<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">I remember on the slave ship<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">How they brutalised my very soul.<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">They say that we are free<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">The only thing that change is poverty”<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a><o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal">Um den Widerstand der Versklavten zu brechen, die Erinnerungen an das freie Leben in Afrika auszul&#246;schen, setzten die Plantagenbesitzer und die herrschende Klasse jedes Mittel ein. Gleich bei der &#220;berfahrt wurden die SklavInnen, die aus verschiedenen Teilen Afrikas kamen, so aufgeteilt, dass auf Grund von Sprachbarrieren schwer Kommunikation zustande kommen konnte und erschwerte somit einheitliche Aufst&#228;nde der SklavInnen. Afrikanische Riten wurden weitgehend verboten und das „drum-law“ verhinderte, dass sich jamaikanischen SklavInnen versammelten und trommelten.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> Doch die versklavten AfrikanerInnen fanden kreative Wege des Widerstands. Von Sabotageakten, „langsamen Arbeiten“ bis zum Vergiften des SklavInnenhalters durch den versklavten Koch reichten die Widerstandsformen. Durch das Nach&#228;ffen der wei&#223;en Herrscher konnte gemeinsam Frust und Aggression abgebaut werden. Sowohl Unzufriedenheit mit der derzeitigen Situation als auch Erfahrungen von Aufst&#228;nden flossen in Gesang, Tanz, Musik, Spottgedichten und Geschichten ein. Der kulturelle Widerstand, der sich in langsamer Art und Weise entwickelte, st&#228;rkte die Solidarit&#228;t untereinander und den Willen zur Rebellion &#8211; und explodierte in SklavInnenaufst&#228;nden. Es kam in der Zeit der Sklaverei zu mehr als vier hundert Aufst&#228;nden, und zu gr&#246;&#223;eren Zusammenst&#246;&#223;en 1729-31, 1760, 1831. Zwei der wichtigsten Widerstandsk&#228;mpfe, deren Erinnerung und Erfahrungen sich heute noch in Reggaetexten wiederfinden, waren die Aufst&#228;nde der Maroons und der Aufstand 1865 unter Paul Bogle.</p>
<p>Die Maroons waren eine Gruppe von SklavInnen, die von den Spaniern zur&#252;ckgelassen wurden, nachdem Jamaika von den Briten 1655 erobert wurde. Sie warteten nicht auf die neuen Eroberer, sondern zogen sich in die jamaikanischen H&#252;gel zur&#252;ck und gr&#252;ndeten freie Gemeinschaften. Da die Maroons entflohene SklavInnen in ihre Gemeinschaft aufnahmen, kamen sie mit der britischen Kolonialherrschaft in Konflikt. Jahrelang wurde brutal gegen die Maroons vorgegangen, doch spezialisiert auf Guerillataktiken leisteten die Maroons Widerstand. In der Nacht attackierten die sie die Plantagen, um Nahrung und anderes zu erhalten, w&#228;hrend sie sich am Tag zur&#252;ckzogen. Die Lebensweise der Maroons war gepr&#228;gt von Arbeitsteilung und gemeinschaftlichem Zusammenleben. Gr&#246;&#223;ere SklavInnenaufst&#228;nde 1673 und 1685 lie&#223; die Zahl der Maroons weiter anwachsen. 1731 begann der erste „Maroon Krieg“. Die britische Armee konnte die Maroonk&#228;mpferInnen nicht besiegen und musste einen Friedensvertrag abschlie&#223;en. Den Maroons wurden einige Zugest&#228;ndnisse gemacht, z.B. bekamen sie f&#252;nf gr&#246;&#223;ere St&#228;dte, jedoch war es der letzte Punkt des Vertrags, der den Widerstand der Maroons in Folge schw&#228;chen w&#252;rde. Sie mussten sich bereit erkl&#228;ren, keine weiteren entflohenen SklavInnen mehr aufzunehmen. Damit verloren sie die Unterst&#252;tzung der schwarzen Bev&#246;lkerung und konnten fast<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> g&#228;nzlich zur&#252;ckgedr&#228;ngt werden. Trotzdem wurden sie wegen ihrer Lebensweise und ihrem Kampf gegen die Kolonialherren zum Vorbild f&#252;r die Rastafari, die sp&#228;ter eine wichtige Kraft in Jamaika und f&#252;r die Entwicklung des Reggae werden sollten.</p>
<p>Im Jahre 1834 wurde die Sklaverei nach einem gro&#223;en SklavInnenaufstand 1831 offiziell abgeschafft. Doch die SklavInnen wurden nur formal frei. Den ehemaligen Sklavenhaltern und Plantagenbesitzern wurde von der britischen Kolonialmacht 20 Millionen an Entsch&#228;digung gezahlt, w&#228;hrend den ehemaligen SklavInnen jeder Landbesitz verwehrt wurde und sie vier weitere Jahre f&#252;r ihre ehemaligen Herren arbeiten mussten. Ohne Land und Job konnten sie sich nur entscheiden zu verhungern oder weiter f&#252;r die ehemaligen Besitzer zu arbeiten. Das bedeutete einen direkten &#220;bergang von Sklavenarbeit zu Lohnarbeit. 1860 war die Situation der schwarzen Bev&#246;lkerungsschicht kaum besser als zu Zeiten der Sklaverei. Sie trugen die Hauptlast der Steuern, waren durch hohe Entgelte praktisch von Wahlen ausgeschlossen, die L&#246;hne wurden gek&#252;rzt, es gab Hunger und Krankheit.<br />
Diese desolaten Zust&#228;nde f&#252;hrten 1865 zur Morant Bay Rebellion unter Paul Bogle. Bogle war baptistischer Priester und Anf&#252;hrer der freien Dorfgemeinschaft Stony Gut, deren Land von der baptistischen Kirche gekauft und den freien SklavInnen zur Verf&#252;gung gestellt wurde.<br />
Nach einem kleinen Aufstand sollten die Anf&#252;hrer festgenommen werden. Doch die BewohnerInnen von Stony Gut waren vorbereitet und verjagten die Polizei. Das Gerichtsgeb&#228;ude, das Symbol der Unterdr&#252;ckung, wurde zerst&#246;rt. Tausende schlossen sich Bogle an und zogen durch die umliegenden D&#246;rfer, begleitet von Trommeln und dem Slogan „Cleave to black“. Drei Tage war ein Gebiet von etwa 30 Meilen rund um Morant Bay unter Kontrolle der schwarzen Bev&#246;lkerung, bevor die britische Armee mit &#228;u&#223;erster Brutalit&#228;t gegen die Aufst&#228;ndischen und alle, die mit ihnen sympathisierten, vorging. Bogles Kampf, die Morant Bay Rebellion und der Leitspruch „Cleave to black“ legten den Grundstein f&#252;r die Entwicklung des „Black Nationalism“ in der jamaikanischen Gesellschaft.</p>
<h3>Marcus Garvey – „Africa for the Africans at home and abroad”</h3>
<p>Obwohl die Sklaverei abgeschafft war, existierte sie f&#252;r viele in einer „kultivierteren“ Form weiter. So forderte Bob Marley in seinem Redemption Song: <o :p></o></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB"><o :p> </o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">„Emancipate yourselves from mental slavery<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">None but ourselves can free our minds&#8230;”<sup>5</sup><o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB"><o :p> </o></span></p>
<p>Die Welt wurde bombardiert mit Bildern der wei&#223;en &#220;berlegenheit. Pseudowissenschaftliche und biblische Rechtfertigungen sowie Filme wie Tarzan, der Tiere und Schwarze gleicherma&#223;en z&#228;hmte, zeigten das Bild des „kultivierten“ Wei&#223;en gegen&#252;ber der/dem „zu kultivierenden“ Schwarzen. Die Ideen des Rassismus, die sich w&#228;hrend der Sklaverei gebildet hatten, wurden von den Kolonialm&#228;chten weltweit als Rechtfertigung f&#252;r ihre Herrschaft eingesetzt.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> Schwarzen wurden Grundrechte wie Versammlungsrecht, Wahlrecht, Recht auf Gewerkschaftsorganisierung verweigert. Das Bewusstsein der schwarzen Bev&#246;lkerung, der ArbeiterInnen, kleinen B&#228;uerInnen und Arbeitslosen, war gepr&#228;gt von rassistischer Unterdr&#252;ckung und der &#246;konomischen Ausbeutung. Dadurch wurde die Suche nach einer Identit&#228;t in der afrikanischen Vergangenheit gen&#228;hrt. Es ist vor diesem Hintergrund der generellen Verunglimpfung von schwarzer Kultur und Verweigerung von B&#252;rgerInnenrechten, dass Ideen des Pan-Afrikanismus an Bedeutung gewannen. Die „United Negro Improvement Association“ unter der F&#252;hrung von Marcus Garvey wurde zur gr&#246;&#223;ten pan-afrikanischen Organisation und hatte gro&#223;en Einfluss auf den „Black Nationalism“ in den US, auf Malcolm X und die Black Panthers. Garvey predigte schwarzes Selbstbewusstsein und Identifikation mit der afrikanischen Heimat. Nach Ansicht Garveys sollten alle Schwarzen die L&#228;nder des westlichen Systems, das er in Anlehnung an die Bibel Babylon nannte, verlassen und in das gelobte Land Zion zur&#252;ckkehren. Ziel Garveys war die Repatriation, die Zur&#252;ckf&#252;hrung aller Schwarzen in die Heimat Afrika, aus der sie, so wie die biblischen Israeliten, verschleppt wurden, genauer gesagt in das einzige nie kolonialisierte Land Afrikas, &#196;thiopien. </p>
<h3>Rastafari</h3>
<p>Aus den verschiedenen Einfl&#252;ssen, der Erinnerung an den Widerstand und die kommunale Lebensweise der Maroons, dem sich verbreitenden Panafrikanismus von Garvey und dem Glauben an &#196;thiopien als dem gelobten Land entwickelten sich die Rastafari. Als 1930 in &#196;thiopien Ras Tafari zum K&#246;nig Haile Selassie I gekr&#246;nt wurde, sahen viele darin die Erf&#252;llung der Prophezeiung, dass in Afrika der K&#246;nig der K&#246;nige (Ras of Ras) gekr&#246;nt werden w&#252;rde. In der l&#228;ndlichen Bev&#246;lkerung f&#252;hrte die Kr&#246;nung eines afrikanischen K&#246;nigs, der sich auf die Bibel berufen konnte und ein direkter Nachfahre von K&#246;nig Salomon sei, zu einem neuen Glauben, der den wei&#223;en K&#246;nig und den wei&#223;en Gott mit einem schwarzen K&#246;nig und Gott ersetzte. Die eigentlich religi&#246;se Bewegung wurde mit dem Angriff des faschistischen Italien auf &#196;thiopien 1936 politisiert. Der antifaschistische Widerstandskampf des &#228;thiopischen Volks wurde zur Inspiration f&#252;r Schwarze weltweit. Vor allem die unter der kolonialen Herrschaft leidenden Schwarzen der Karibik und Jamaikas identifizierten sich mit dem antikolonialen Kampf. Der Mythos des Haile Selassie als schwarzem Gott und die spirituellen, politischen, und kulturellen Verbindungen zwischen Afrika und den jamaikanischen ArbeiterInnen wurden gest&#228;rkt.</p>
<p>Die Ideologie der Rastafari war immer verwoben mit einer Kritik an der sozialen Ordnung und deshalb sind auch die Symbole der Rastafari eng mit Symbolen des Widerstands verkn&#252;pft. Die Symbole der Flagge (Rot f&#252;r das Blutvergie&#223;en der Sufferers seit den Tagen der Sklaverei, Gold f&#252;r den Reichtum der den Sufferers gestohlen wurde und gr&#252;n f&#252;r das gelobte Land in Afrika), der L&#246;we, die Trommel, die Dreadlocks, und die eigene Sprache reflektieren eine Art von Widerstand. So entstanden die Dreadlocks als sich die Rastas mit den K&#228;mpferInnen der Land and Freedom Army (Mau Mau) in Kenia<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> identifizierten, die ihre Haare nat&#252;rlich wachsen lie&#223;en und sie in „locks“ trugen.</p>
<p>Der bewaffnete Widerstand des &#228;thiopischen Volks st&#228;rkte den Willen der Schwarzen in der Karibik, sich gegen den Kolonialismus aufzulehnen und f&#252;hrte zu gewaltsamen Aufst&#228;nden in der ganzen Region, 1935 in St.Vincent und Guayana, sp&#228;ter in Trinidad und Antigua und schlie&#223;lich 1938 in Jamaika. An der Situation von Schwarzen in Jamaika hatte sich nach der formalen Abschaffung der Sklaverei nicht viel ge&#228;ndert, so wurde der Masse der Menschen hundert Jahre sp&#228;ter noch immer derselbe Lohn, ein Shilling pro Tag, f&#252;rs Zuckerrohr schneiden bezahlt. Die verarmten Menschen, die „sufferers“, nahmen diese Ausbeutung nicht mehr l&#228;nger hin. 1938 kam es zu Massenstreiks. Hafenarbeiter und Arbeitslose solidarisierten sich und &#252;bernahmen f&#252;r eine kurze Zeit die Stadt Kingston. Die Aufst&#228;nde ebbten erst ab, als es zu Verbesserungen bei den L&#246;hnen und Legalisierung der Gewerkschaften kam.</p>
<p>Die Konzentration auf die Losung „Zur&#252;ck nach Afrika“ hinderte die Rastafari daran, eine zentrale Rolle in den lokalen Aufst&#228;nden einzunehmen. Obwohl ihre Ideen unter den „sufferers“ Zustimmung erhielten, blieben sie zun&#228;chst ein kleiner religi&#246;ser Kult. Rastafari war durch ihren Widerstand gegen Ausbeutung Schwarzer eine Inspiration, doch die religi&#246;sen Aspekte der Rastafari, die Mystifizierung Haile Selassie und die Hoffnung auf Erl&#246;sung in &#196;thiopien unter einem schwarzen K&#246;nig und die Verlagerung des Kampfs um Befreiung nach Afrika schnitt sie von den in Jamaika k&#228;mpfenden „sufferers“ ab. Erst die gr&#246;&#223;ten Vertreibungen in Jamaika seit der Sklaverei f&#252;hrten dazu, dass die Rastafari in den F&#252;nfzigern regen Zulauf hatten und an Einfluss gewannen. Zwischen 1942 und 1970 wurden 560.000 l&#228;ndliche Menschen von Bauxitfirmen von ihrem Land vertrieben und flohen in die St&#228;dte, wo sie in Barackenst&#228;dten, den Shantytowns, vergeblich nach Jobs suchten. Die Vertreibungen lie&#223;en den Ruf nach R&#252;ckkehr in die Heimat Afrika lauter werden und gaben dem Garveyismus und den Rastafari Aufschwung. Diese nutzten das Medium des Rasta Songs, des Reggae, um ihre Botschaft zu verbreiten und pr&#228;gten damit die musikalische und kulturelle Landschaft Jamaikas.</p>
<h3>Sound of Resistance – „Do the Reggay“</h3>
<p>Die Entwicklung der jamaikanischen Musik – des Reggae wie auch seiner Vorg&#228;nger Ska und Rocksteady &#8211; war immer stark von den sozio&#246;konomischen Rahmenbedingungen beeinflusst. </p>
<p>Der jamaikanische Ska entstand in den Shantytowns. Die Hoffnung der jamaikanischen verarmten Bev&#246;lkerung, dass die politische Unabh&#228;ngigkeit, die Jamaika 1962 erlangte, einen radikalen Wechsel bringen w&#252;rde, spiegelte sich in dem tanzbaren Upbeat-Rhythmus des Ska wider. Weil die verarmte Bev&#246;lkerung sich keine Platten oder Plattenspieler leisten konnte, und die Radiostationen nur wei&#223;en Rock ‘n’ Roll von Elvis Presley u.a. spielten, bildeten sich die Sound Systems. DJs bauten Anlagen auf den Stra&#223;en auf und begannen jamaikanische Musik zu spielen. Die Soundsystems wurden zu Stra&#223;enfesten der ArbeiterInnenklasse und armen Bev&#246;lkerungsschicht und f&#252;llten die Stra&#223;en Jamaikas mit Tanz und Musik. Rico Rodriguez, einer der besten Posaunisten des fr&#252;hen Ska: „People who don’t suffer like us can’t perform that sound – it’s a sufferers sound; it’s a ghetto sound we play out of the instruments, real suffering ghetto sound. It is happy, yes, for it’s relief!”<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Das Toasting, der rhythmische Sprechgesang &#252;ber Musik, wurde zur Ausdrucksform vieler Jugendlichen und beeinflusste die sp&#228;tere Rapszene in den USA.<o :p></o></p>
<p>Doch die Euphorie &#252;ber die Unabg&#228;ngigkeit hielt nicht lang. Massenarbeitslosigkeit und Armut pr&#228;gten das Leben in den Shantytowns und die Unabh&#228;ngigkeit brachte nicht die erhofften Verbesserungen. US und kanadische Unternehmen hatten die schw&#228;cheren britischen ersetzt und beuteten die gro&#223;en Bauxitressourcen des Landes aus. Der Ganja und Waffenhandel wuchs und die Shantytowns wurden mit wachsender Polizeibrutalit&#228;t, Korruption und den um den Ganjahandel k&#228;mpfenden Gangs konfrontiert. Die wachsende Polizeigewalt wird in Linton Kwesi Johnson’s „Sonny’s Lettah“ beschrieben:<br />
:”&#8230; out jump tree policemen/ de whole a dem carryin baton/ dem walk straight up to me and Jim/ one adem hold on to Jim/ &#8230; Jim tell him fi leggo a him/ for him nah do nottin/ &#8230; Dem thump him in him belly and it turn to jelly&#8230;”<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a><o :p></o></p>
<p>In diesem Milieu entwickelte sich die Subkultur der Rude Boys. Die arbeitslosen Jugendlichen suchten auf der Stra&#223;e nach Selbst- und Anerkennung und sahen in Gangs und Kriminalit&#228;t den einzigen Ausweg. Desmond Dekker beschrieb in seinen Hits „007 (Shantytown)“ und „Israelites“ die Lebensumst&#228;nde der Rude Boys in den Baracken.<br />
„Them a loot, them a shoot, them a wail, at shantytown, the rude boy deh poh probation, Then rude boy a bomb up the town“ (007 Shantytown)<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a><o :p></o><br />
und<br />
„Get up in the morning, slaving for bread, sir, so that every mouth can be fed. Poor me the Israelites” (Israelites)<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a></p>
<p>Die Musik wurde langsamer, die Texte politischer und verarbeiteten die Erfahrungen der Rude Boys. Der Rocksteady war geboren. Das Leben in den Shantytowns pr&#228;gte immer mehr Individualismus und Konkurrenzdenken. Die Wailers machte in ihrem Song „Man to Man“ darauf aufmerksam:</p>
<p>“Man to trust is so unjust,<o :p></o></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">You don’t know who to trust<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Your worse enemy may be your best friend,<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Your best friend may be your worse enemy,<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Some will sit and drink with you<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Then behind dem soo soo pon you<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Only your best friend know your secret<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">And only he can reveal it<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Who the cap fits, let him wear it”<a href="#anm1" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a><o :p></o></span></p>
<p>Das Erstarken der Rastafari in dieser Zeit h&#228;ngt stark mit der wirtschaftlichen Situation Jamaikas zusammen. Die neokolonialistischen Strukturen f&#252;hrten dazu, dass der Gro&#223;teil des Reichtums ins Ausland floss, die Bauxitindustrie in die Krise schlitterte und die Arbeitslosenrate 1972 auf 23 Prozent anstieg. Die arbeitslosen Jugendlichen konnten sich immer mehr mit den Rastas identifizieren, die aus dem Konkurrenzkampf und dem Individualismus ausbrechen wollten, die die ganze kapitalistische Gesellschaft durchzogen.<br />
Der wachsende Einfluss der Rastafari machte sich in der Musik bemerkbar. Die Musik wurde nochmals verlangsamt und mehr Wert auf die Texte und die Basslinie gelegt. So wie Chuck D (Public Enemy) Hip-Hop als “ghetto CNN” bezeichnete, wurde Reggae zu der Informationsquelle der Menschen aus den Shantytowns: „If you listen to Reggae music, you don’t need to buy the paper. Reggae music tells you everything wha’ happen in Jamaica” (Roy Cousins). Polizeigewalt, Hunger, Kritik an lokalen Regierung, Erinnerungen an die Sklavenzeit, wurden &#252;ber den Reggae angesprochen. Ein Hauptthema blieb der Angriff auf das westliche System, auf Babylon:</p>
<p class="MsoNormal"><o :p> </o></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">“</span><st1 :city></st1><st1 :place><span lang="EN-GB">Babylon</span></st1><span lang="EN-GB"> system is the vampire<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Suckin’ the children day by day<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Me say: de Babylon system is the vampire, falling empire,<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Suckin’ the blood of the sufferers<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Building church and university<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Deceiving the people continually<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Me say them graduatin’ thieves and murderers;<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Look out now: they suckin’ the blood of the sufferers”<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a><o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal">(Bob Marley &#8211; Babylon system)<o :p></o></p>
<p>Die Black Power und B&#252;rgerInnenrechtsbewegung der 60er, das Aufkommen der antikapitalistischen 68er-Bewegung, die kubanische Revolution und die Antivietnamkriegsbewegung beeinflussten den Reggae und umgekehrt. Reggaek&#252;nstlerInnen wie Bob Marley und die Wailers lie&#223;en vermehrt Themen aus aktuellen K&#228;mpfen in Afrika in ihre Texte einflie&#223;en und nutzten Reggae als Mittel zur Motivation und Inspiration f&#252;r AktivistInnen weltweit. W&#228;hrend der Unabh&#228;ngigkeitsfeier in Simbabwe gab Bob Marley ein Konzert f&#252;r Zehntausende, die seinen Ruf nach Freiheit aufnahmen. „So Africa unite unite unite. You’re so right let’s do it” Bob Marley’s Unterst&#252;tzung f&#252;r die afrikanischen Befreiungsbewegungen wurde auch in seinem Lied „War“, dessen Worte aus einer Rede Haile Selassies stammen, deutlich: “Until the philosophy which hold one race superior and another inferior is finally and permanently discredited and abandoned; Until there are no longer first class and second class citizens of any nation;(…); And until the ignoble and unhappy regimes that hold our brothers in Angola, in Mozambique, and in South Africa in sub-human bondage have been toppled and destroyed; Everywhere is war, me say war”<br />
Auch au&#223;erhalb Afrikas wurde Reggae zur Musik des Widerstands. Chinesische StudentInnen sangen „Get Up Stand Up“ von den Wailers w&#228;hrend den Tienanmen Square Demonstrationen 1989. Jimmy Cliff’s „Vietnam“ war ein eindringlicher Protest gegen den Vietnamkrieg und verband Reggae mit der antiimperialistischen Bewegung. In Gro&#223;britannien wurde Ska von jugendlichen wei&#223;en ArbeiterInnen aufgenommen. Schwarze ArbeiterInnen in Europa, die selbst st&#228;ndig die Erfahrung von Rassismus, Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung machten, identifizierten sich mit Reggaetexten. </p>
<h3>„I don’t wanna be involved in politricks“</h3>
<p>Doch nachdem die Black Power Bewegung in den USA zu Ende gegangen war, die Hoffnungen in die in den 70ern regierende sozialdemokratische Partei, PNP, entt&#228;uscht wurden, die wirtschaftliche Lage Jamaikas unter dem Druck der Weltbank<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> immer katastrophaler und Haile Selassie I wegen seiner r&#252;cksichtslosen Herrschaft durch die Revolution 1974 gest&#252;rzt wurde, waren viele aus den verarmten Schichten desillusioniert und wollten nichts mehr mit Politik zu tun haben. Die Texte des neuen Reggaegenres Dancehall spiegelten immer noch die harschen Bedingungen der Ghettos wider. Im Gegensatz zu dem Reggae der 60er und 70er zeigten sie aber kaum die Hoffnung auf Verbesserung und den Willen zum Widerstand. Sie waren dominiert von der sogenannten „slackness“, von Gewalt, sexuellen Bildern, Drogen und Kriminalit&#228;t und die negativen Komponenten der Rastafari- und Reggaekultur kamen vermehrt zum Vorschein. „Dancehall-Musik ist heute selten mehr als einfacher Eskapismus und im schlimmsten Fall spiegelt sie die reaktion&#228;re Ideologie wider, die die jamaikanische Gesellschaft erstickt.“<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a><br />
Rastafari als Religion unterliegt immer verschiedenen Interpretationen und zeigt die Widerspr&#252;chlichkeit religi&#246;ser Bewegungen. W&#228;hrend einerseits Widerstand und starke Militanz Teil der Rastakultur sind und der Glaube ein wichtiger Faktor in der Entwicklung des Selbstbewusstseins der schwarzen Bev&#246;lkerung war, wurden auch reaktion&#228;re oder die Passivit&#228;t f&#246;rdernde Aspekte aufgenommen. Die Befreiung des unter der schwarzen Bev&#246;lkerung weit verbreiteten christlichen Glaubens von einem wei&#223;en Gott, war ein wichtiger Schritt f&#252;r die Emanzipation der Schwarzen von der wei&#223;en Vorherrschaft. Doch brachte die Verkn&#252;pfung mit dem Christentum auch deren reaktion&#228;re Ansichten mit sich. Sowohl Homophobie als auch Diskriminierung von Frauen wird von vielen Rastafari, durch Bezug auf die Bibel, gerechtfertigt. Diese Inhalte flossen in den Reggae ein und sind bis heute ein Bestandteil der Musik und Kultur. So rufen Reggaes&#228;nger wie TOK oder Capelton in ihren Texten dazu auf, gewaltt&#228;tig gegen Homosexuelle vorzugehen. Frauen werden bei den Rastafari h&#228;ufig nur &#252;ber den Mann definiert und mit „Rastaman’s woman“ angesprochen. Sie gelten w&#228;hrend ihrer Periode als unrein und ihnen ist verboten, an vielen Ritualen der Rastas teilzunehmen oder obere R&#228;nge in den Gemeinden zu erhalten. Diese Diskriminierungen sind Teil eines gr&#246;&#223;eren Problems der Unterdr&#252;ckung von Frauen und Homosexuellen in der jamaikanischen Gesellschaft. Homosexualit&#228;t ist seit der Kolonialzeit per Gesetz verboten. Die Arbeitslosenrate von Frauen ist doppelt so hoch wie die von M&#228;nnern und Frauen werden als Hausfrau und Mutter in die Familienstrukturen gedr&#228;ngt. Viele Dancehallartists spiegeln in ihren Texten diese Diskriminierungen wider und reproduzieren sie aktiv.<br />
Die Widerspr&#252;chlichkeit der Reggaekultur, zwischen reaktion&#228;rer Ideologie und Kampf gegen Unterdr&#252;ckung, wird bei Artists wie Buju Banton deutlich. W&#228;hrend Buju Banton in seinem Lied „Boom Bye Bye“ davon singt, homosexuelle M&#228;nner umzubringen, ist sein Song „Murderer“ ein Aufruf, die Gewalt in den Stra&#223;en zu beenden.</p>
<p>Im Reggae dr&#252;cken Artists Ideen und Vorstellungen aus, die von emanzipatorisch &#252;ber„love and peace“ bis zu reaktion&#228;r reichen. Wichtig ist zu betonen, dass es auch im heutigen Reggae K&#252;nstlerInnen gibt, die sich den diskriminierenden Tendenzen entgegenstellen, wie beispielweise Rita Marley, Judy Mowatt oder Sister Caroll .</p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">„Why treat us inhuman<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">just because we’re only woman?<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Don’t treat us inhuman<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Just because we’re only woman<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">We’re not weak; We are strong<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">We’ve held back; Far too long…”<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a><o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal">(Judy Mowatt &#8211; Only Woman)<o :p></o></p>
<p>Die Entpolitisierung des Reggae nach den Siebziger Jahren wurde noch verst&#228;rkt durch die gr&#246;&#223;ere werdende Kommerzialisierung. W&#228;hrend K&#252;nstler, wie die Wailers, trotz weltweiter Vermarktung nichts an den politischen Inhalten in ihren Texten ge&#228;ndert hatten, zeigte sich in nachfolgenden Jahren ein Wandel in den Lyrics. Die gro&#223;e Popularit&#228;t des Reggae &#246;ffnete einen neuen Markt und das Bild des sonnigen Urlaubsparadieses Jamaika und des „sunshine“ Reggae wurde verkauft. Die Kommerzialisierung bewirkte ein Abkoppeln von Teilen der Reggaekultur von ihren politischen Wurzeln und den realen Lebensumst&#228;nden in Jamaika. Reggaek&#252;nstlern, wie Shaggy oder Sean Paul, wurden weltber&#252;hmt ohne den widerst&#228;ndischen Charakter der Texte von Bob Marley oder auch nur einen Bezug auf die sozialen Probleme Jamaikas.<br />
Trotz aller Widerspr&#252;che bleibt Reggae f&#252;r viele ein Mittel des Widerstands und ein Weg, um auf die Zust&#228;nde in den jamaikanischen Ghettos aufmerksam zu machen. So singt Damian Marley im 2005 erschienenen „Welcome to jamrock“:</p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">„Welcome to Jamrock, poor<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">people dead at random<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Political violence can be done<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Old men to pickney, so wave<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">one hand if you with me<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">To see the sufferation sicken me”<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a><o :p></o></span></p>
<p>Reggae ist nicht nur Sprachrohr der verarmten Bev&#246;lkerung Jamaikas, sondern auch Inspiration f&#252;r AktivistInnen, die weltweit gegen Rassismus, Krieg und Ausbeutung k&#228;mpfen.<br />
Mit den Worten von Linton Kwesi Johnson: </p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">„Now tell mi something, mista govahment man…how long yu really feel yu coulda keep wi andah heel..? <o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Now tell mi something, mista police spokesman…how long yu really tink we woodah tek you batn lick..?<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">Now tell mi something, mista ritewing man … how long yu really feel we woodah grovel an squeal..?<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">It is noh mistri, <o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">we mekin histri, <o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">it is noh mistri,<o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB">we winnin victri”<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a><o :p></o></span></p>
<p class="MsoNormal"><span lang="EN-GB"><o :p> </o></span></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Patrick Hylton, in: Horace Campbell: Rasta and Resistance. From Marcus Garvey to Walter Rodney. Africa World Press 1987.<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> „Sklaventreiber, das Blatt wendet sich, fang Feuer um zu brennen…Jedesmal wenn ich den Schlag der Peitsche h&#246;r, gefriert mir das Blut in den Adern, ich erinnere mich, wie sie meine Seele folterten am Sklavenschiff. Sie sagen wir sind frei, doch das einzige das sich &#228;nderte ist die Armut.“<o :p></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Durch die unterschiedlichen Sprachen war das Trommeln ein wichtiger Teil in der Kommunikation und der Bildung einer Gemeinschaft unter den SklavInnen.<o :p></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Kleine Maroon-Gemeinden existieren bis heute, haben aber wenig Einfluss auf das gesellschaftliche Leben in Jamaika<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> “Befreie dich von der geistigen Sklaverei; Nur wir selbst k&#246;nnen unser Denken befreien.“<o :p></o><br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Horace Campbell: Rasta and Resistance.<o :p></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Die „Mau Mau“ k&#228;mpften gegen die britische Kolonialherrschaft in Kenia <o :p></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> „Menschen die nicht leiden k&#246;nnen diese Musik nicht spielen. Es ist die Musik der sufferers. es ist Ghettosound, den wir mit unseren Instr. spielen, echter leidender Ghettosound; Er ist unbeschwert, ja, weil er befreit!“<o :p></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> “…drei Polizisten springen hervor, alle tragen sie Kn&#252;ppel, kommen direkt auf mich und Jim zu, einer von ihnen h&#228;lt Jim fest, Jim sagt sie sollen ihn gehen lassen, er hat nichts gemacht,…sie schlagen ihn in den Bauch und er wird zu Brei…“<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> „Sie pl&#252;ndern, sie schie&#223;en, sie klagen, in Shantytown, der „rude boy“ auf Bew&#228;hrung l&#228;sst die Stadt hochgehen.“<o :p></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> „Steh auf in der Fr&#252;h, schufte f&#252;r Brot, damit jeder satt wird. Wir arme Israeliten.“<o :p></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> „Jmd. trauen ist ungerechtfertigt, wei&#223;t nicht wem du vertrauen kannst, dein schlimmster Feind k&#246;nnte dein bester Freund, dein bester Freund dein schlimmster Feind sein. Manche sitzen und trinken mit dir und &#252;berfallen dich dann von hinten; nur dein bester Freund wei&#223; dein Geheimnis und nur er kann es verraten.<o :p></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> „Das Babylonsystem ist der Vampir, saugt die Kinder aus, Tag f&#252;r Tag. Das Babylonsystem ist der Vampir, fallendes Imperium, saugt das Blut der sufferers, baut Kirchen und Universit&#228;ten, um uns zu t&#228;uschen, bilden Diebe und M&#246;rder aus. Pass auf: Sie saugen das Blut der sufferers.“<o :p></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Jamaika musste mehrere Kredite aufnehmen. Die Auswirkungen sind in dem Film Life and Debt zu sehen.<o :p></o><br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Brian Richardson, Bob Marley: Roots Revolutionary, aus Socialist Review, J&#228;nner 2005<o :p></o><br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> „Warum behandelt ihr uns unmenschlich, nur weil wir Frauen sind? Behandelt uns nicht unmenschlich nur weil wir Frauen sind. Wir sind nicht schwach, wir sind stark; Wir haben uns viel zu lang zur&#252;ckgehalten…“<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> „Willkommen zum Jamrock, arme Menschen sterben durch Willk&#252;r, politische Gewalt, deshalb Alte und Junge, erhebt eure H&#228;nde wenn ihr mit mir seid und euch das Leid krank macht“<o :p></o><br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> „Sag mir Minister…wie lang hast du geglaubt, kannst du uns unterdr&#252;cken? sag mir Polizeisprecher…wie lang hast du gedacht, nehmen wir deinen Schlagstock hin? Sag mir Rechtsradikaler, wie lang hast du geglaubt werden wir kriechen und schreien? Es ist kein Geheimnis, wir machen Geschichte, es ist kein Geheimnis wir werden siegen.“</p>
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