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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Schule</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Eliten-Bildung</title>
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		<pubDate>Sat, 28 Aug 2010 16:28:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr.10]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
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		<category><![CDATA[Universität]]></category>

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		<description><![CDATA[Trotz gro&#223;er l&#228;nderspezifischer Unterschiede gewinnen Eliten in ganz Europa an Macht und
Einfluss. Florian Reiter sprach mit dem Soziologen Michael Hartmann &#252;ber die soziale Herkunft der Eliten und die Rolle des Bildungssektors in ihrer Reproduktion.

Wenn man &#252;ber Eliten spricht, &#252;berkommt eineN meist das unangenehme Gef&#252;hl der Machtlosigkeit. Wie gro&#223; ist der Einfluss von Eliten in der Gesellschaft &#252;berhaupt und welche kollektiven [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Trotz gro&#223;er l&#228;nderspezifischer Unterschiede gewinnen Eliten in ganz Europa an Macht und<br />
Einfluss. Florian Reiter</em> sprach mit dem Soziologen <em>Michael Hartmann</em> &#252;ber die soziale Herkunft der Eliten und die Rolle des Bildungssektors in ihrer Reproduktion.<br />
<span id="more-1599"></span><em><br />
Wenn man &#252;ber Eliten spricht, &#252;berkommt eineN meist das unangenehme Gef&#252;hl der Machtlosigkeit. Wie gro&#223; ist der Einfluss von Eliten in der Gesellschaft &#252;berhaupt und welche kollektiven oder strukturellen M&#246;glichkeiten gibt es, den Einfluss von Eliten zu vermindern?</em></p>
<p>Der Einfluss der Eliten ist sehr gro&#223;, weil sie gesellschaftlich ma&#223;gebliche Entscheidungen in einem relativ kleinen Kreis treffen k&#246;nnen. Wenn beispielsweise das h&#246;chste Gericht entscheidet, dass Studiengeb&#252;hren zul&#228;ssig sind, bedarf es schon sehr massiver Proteste von unten – die viel schwerer zu organisieren sind als die kleinen Kreise oben – um das wieder zu Fall zu bringen. Das ist in der Wirtschaft sehr &#228;hnlich. Wenn bei Daimler entschieden wird, die Mercedes C-Klasse in den USA zu produzieren, dann kommt diese Entscheidung relativ schnell zustande, weil sich da nur ein paar Leute verst&#228;ndigen m&#252;ssen. Um diese Entscheidung wieder zu kippen, m&#252;ssten sich unten etliche tausend Besch&#228;ftigte organisieren. Das ist nicht unm&#246;glich, aber sehr viel schwieriger. Eliten k&#246;nnen sehr viel schneller und unmittelbarer entscheiden, so dass das in der Realit&#228;t dann auch schnell wirksam wird. Widerstand muss immer in der Breite organisiert werden, aber es gibt Beispiele, bei denen das erfolgreich funktioniert hat. Zum Beispiel konnten in Hessen die Studiengeb&#252;hren durch massive Proteste der Studierenden wieder abgeschafft werden. Damit hat niemand gerechnet, weil Studiengeb&#252;hren ein Lieblingskind der Eliten waren. In &#214;sterreich sind die Studiengeb&#252;hren ja auch wieder abgeschafft worden. Das hei&#223;t, es ist m&#246;glich, aber es ist schwer, weil man viele Menschen um ein bestimmtes Anliegen herum organisieren muss und der Widerstand auch eine gewisse Dauer haben muss. Wenn man das nur punktuell macht, dann lassen sich Eliten davon nicht beeindrucken. Es gibt nur eine M&#246;glichkeit, Eliten etwas entgegenzusetzen: breite Teile der Bev&#246;lkerung m&#252;ssen sich organisieren. Wie die Organisierung konkret aussieht, das ist h&#246;chst unterschiedlich. Das k&#246;nnen eher locker organisierte Bewegungen wie die Antikriegs- oder die Antikernkraftbewegung sein, das k&#246;nnen Gewerkschaften sein oder partei&#228;hnliche Strukturen. Oder auch eine Bewegung wie in &#214;sterreich bei den j&#252;ngsten Studierendenprotesten. Aber ohne organisierten Widerstand gibt es keine M&#246;glichkeit, den Einfluss von Eliten zu vermindern.</p>
<p><em>In ihrem Buch „Eliten und Macht in Europa“ definieren sie drei f&#252;r Europa zentrale Elitentypen, politische und &#246;konomische Eliten sowie Eliten der Justiz und der Verwaltung. Diese zeichnen sich Ihrer Meinung nach dadurch aus, „dass sie in der Lage sind, qua Position ma&#223;geblichen Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen zu nehmen.“ Woher kommen diese Eliten? Welche gesellschaftlichen Instanzen tragen zu ihrer Herausbildung oder Reproduktion bei?</em></p>
<p>Das ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. Generell kann man sagen, dass in den meisten L&#228;ndern die Wirtschafts- und die Justizelite in ihrer gro&#223;en Mehrheit aus b&#252;rgerlichen oder gro&#223;b&#252;rgerlichen Familien stammen. Bei der Justizelite gilt das mit Abstrichen sogar f&#252;r Skandinavien. Das ist bei der Verwaltungselite und bei der politischen Elite schon sehr viel unterschiedlicher. Bei der politischen Elite kann man traditionell bspw. in Frankreich feststellen, dass sie fast genau so zusammengesetzt ist wie die wirtschaftliche Elite (d.h. ein Anteil von mindestens drei Viertel an B&#252;rger- und Gro&#223;b&#252;rgerInnenkindern). Auch in Spanien und Portugal ist die Zusammensetzung sehr &#228;hnlich. Trotz weniger starker Auspr&#228;gung trifft das auch auf Gro&#223;britannien zu. Demgegen&#252;ber hatten die meisten anderen europ&#228;ischen L&#228;nder zumindest bis Ende des letzten Jahrtausends politische Eliten, die eher aus kleinb&#252;rgerlichen Kreisen stammten. Das ist in &#214;sterreich noch immer zu beobachten und war typisch f&#252;r die Mehrzahl der europ&#228;ischen L&#228;nder. Bei der Verwaltungselite gab es eine Zweiteilung: Es gab ein paar gro&#223;e L&#228;nder, wie Frankreich oder Gro&#223;britannien, Deutschland und Spanien, in denen die Verwaltungselite auch eher b&#252;rgerlich oder gro&#223;b&#252;rgerlich gepr&#228;gt war. Es gab aber eine Mehrheit an L&#228;ndern wie Italien, &#214;sterreich, die Benelux-Staaten, Skandinavien, in denen die Verwaltungselite kleinb&#252;rgerlich gepr&#228;gt war. Das hat sich bei der politischen Elite in vielen L&#228;ndern in den letzten zehn bis 15 Jahren ge&#228;ndert. Die politische Elite, vor allem in Deutschland, ist sehr viel b&#252;rgerlicher geworden. Inzwischen ist sie fast so zusammengesetzt wie die anderen Eliten auch. Statt zu zwei Dritteln aus der Arbeiterschaft oder den Mittelschichten, wie es in den f&#252;nf Jahrzehnten seit 1949 stets der Fall war, kommen die Mitglieder der aktuellen Bundesregierung zu zwei Dritteln aus dem B&#252;rgeroder Gro&#223;b&#252;rgertum.<br />
Die Instanzen, die zur Elitenbildung beitragen, sind europaweit sehr unterschiedlich. Es gibt drei Grundtypen. Der erste Typ, und das trifft auf Frankreich und Spanien zu, zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es elit&#228;re Bildungsinstitutionen und/oder Eliteinstitutionen in der staatlichen Verwaltung gibt, von denen aus Karrieren in der Wirtschaft und in der Politik gestartet werden. Den zweiten Typ repr&#228;sentiert Gro&#223;britannien. Dort gibt es zwar Elitebildungsinstitutionen, aber keine Querverbindungen zwischen den Elitesektoren. Und der dritte Typ, das w&#228;ren alle anderen L&#228;nder. Diese kennen, bisher jedenfalls, keine Elitebildungseinrichtungen und es kommt nur in wenigen F&#228;llen zu einem Wechsel zwischen den verschiedenen Elitesektoren. Auch wenn in dieser Beziehung eine starke Zunahme festzustellen ist, vor allem in Deutschland, ist das entscheidende Kriterium f&#252;r die Homogenit&#228;t und damit auch die St&#228;rke der Eliten in diesen L&#228;ndern noch immer die soziale Herkunft.</p>
<p><em>Das Bildungssystem spielt ja eine zentrale Rolle bei der Herausbildung bzw. der Reproduktion von Eliten. Welche Aufgabe hat es hier prim&#228;r zu erf&#252;llen? Wie wichtig ist die Qualit&#228;t der Ausbildung? Wie wichtig die Herausbildung sozialer Netzwerke und das Erlernen eines klassenspezifischen Habitus?</em></p>
<p>Die zentrale Aufgabe der Bildungsinstitutionen ist die Selektion. Das hei&#223;t, wenn man den Blick auf die Eliten richtet, geht es vor allem darum, einen m&#246;glichst kleinen Teil einer Generation aus der Masse herauszufiltern. Das passiert auf sehr unterschiedliche Weise. Am effektivsten ist sicherlich Frankreich, wo an den drei f&#252;hrenden <em>grandes écoles</em><a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> nur knapp 1000 Personen aus einem Jahrgang aufgenommen werden, die dann f&#252;r jede h&#246;here Position in Frage kommen. Die Situation ist in Gro&#223;britannien durch die Eliteuniversit&#228;ten und die <em>public schools</em> &#228;hnlich, wenn auch die Gruppe, die in diese Institutionen aufgenommen wird, gr&#246;&#223;er ist als in Frankreich.<br />
In den meisten L&#228;ndern, wie in Deutschland oder in &#214;sterreich, geht es prinzipiell erstmal darum, dass diejenigen, die nicht studieren, praktisch keine Chance haben, in die Elite zu kommen. Das hei&#223;t die Entscheidung „Studium ja oder nein?“ ist eine wesentliche Selektionsentscheidung, aber es bleiben dadurch nat&#252;rlich noch immer mehr als genug Personen &#252;brig – viel mehr, als Elitepositionen zu Verf&#252;gung stehen. Daher gibt es dann weitere Selektionsmechanismen im sp&#228;teren Berufsleben. Es gibt in diesen L&#228;ndern zwar soziale Netzwerke, die unterst&#252;tzend wirken k&#246;nnen, aber die sind nicht besonders stark. In &#214;sterreich sind sie zwar etwas bedeutender als in Deutschland (v.a. weil das Land kleiner ist), aber eigentlich kann man nicht wirklich von effektiven Netzwerken reden. Die Qualit&#228;t von Netzwerken ist in der Regel daran gebunden, dass die entscheidenden Bildungsinstitutionen nicht zu gro&#223; sind. Daher gibt es sehr effektive Netzwerke in Frankreich und Gro&#223;britannien (wie bspw. die Etonians<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>). In den meisten europ&#228;ischen L&#228;ndern existieren solche effektiven Netzwerke nicht, da die Massenuniversit&#228;ten daf&#252;r zu gro&#223; geworden sind.<br />
Auch die Herausbildung eines klassenspezifischen Habitus passiert in den meisten L&#228;ndern nicht an den Bildungsinstitutionen, da sie auch daf&#252;r zu heterogen sind. Selbst an einer Eliteuniversit&#228;t wie der LMU<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> in Deutschland sind &#252;ber 40.000 Studierende. Da l&#228;sst sich kein einheitlicher Habitus herausbilden, er kann nur erg&#228;nzt oder verfeinert werden. Das ist in L&#228;ndern wie Frankreich oder Gro&#223;britannien anders. Dort haben Bildungsinstitutionen sicherlich einen gr&#246;&#223;eren Einfluss auf den Habitus. Das gilt besonders f&#252;r Gro&#223;britannien, weil dort die Kinder in sehr fr&#252;hen Jahren schon in Internate kommen. Das f&#228;ngt an den <em>preparatory schools</em> ja schon mit sieben Jahren an, sp&#228;testens aber an den <em>public schools</em> mit dreizehn. Da pr&#228;gen die Schulen die Personen schon sehr stark.<br />
Die Qualit&#228;t der Ausbildung ist kein entscheidendes Kriterium. Es muss eine durchschnittliche Hochschulausbildung gew&#228;hrleistet werden, aber die Institutionen m&#252;ssen in ihrer Qualit&#228;t nicht herausragend sein, schon gar nicht in ihrer wissenschaftlichen Qualit&#228;t. Sieht man sich Frankreich an, so zeigt sich, dass die f&#252;r die zentralen Eliten wichtigen <em>grandes écoles</em> wissenschaftlich nicht &#252;berragend gut sind, aber darauf kommt es auch nicht an. Ihre Funktion ist es prim&#228;r, Eliten herauszubilden, und da sind andere Merkmale entscheidend als eine besonders gute fachliche Ausbildung. Die lernen an den franz&#246;sischen <em>grandes écoles</em> schlicht und einfach wie man in F&#252;hrungspositionen agiert, wie man schnell Entscheidungen trifft, etc. Das hat mit fachlicher Qualit&#228;t erstmal nichts zu tun.</p>
<p><em>Wie und wann lernen sich Kinder und Jugendliche als Eliten zu begreifen?</em></p>
<p>Das ist auch von Land zu Land unterschiedlich. Wenn man in Gro&#223;britannien in relativ jungen Jahren nach Eton kommt, dann ist klar, dass man sp&#228;ter zur Elite geh&#246;rt. Einem Etonian ist das mit dreizehn Jahren schon bewusst. Das geschieht in Frankreich etwas sp&#228;ter, aber wenn man mit 18 oder 19 in eine <em>classe préparatoire</em> in einem ber&#252;hmten Pariser Gymnasium kommt, dann wei&#223; man auch, dass man es schon fast geschafft hat. Sp&#228;testens wenn sie dann an einer renommierten <em>grande école</em> aufgenommen werden. Also noch w&#228;hrend der Ausbildung. Das ist in den meisten anderen europ&#228;ischen L&#228;ndern nicht so. Da wird die Entscheidung, ob man dazugeh&#246;rt oder nicht, erst nach dem Abschluss der Ausbildung getroffen. Das hei&#223;t, dass das Bildungssystem nur eine grobe Vorentscheidung trifft. Wenn man beispielsweise in Deutschland oder &#214;sterreich das Studium der Wirtschaftswissenschaften absolviert hat, hat man eine Chance mal eine Eliteposition zu bekleiden, aber mehr auch nicht. Daf&#252;r gibt es einfach zu viele AbsolventInnen. Von daher begreifen sich Kinder und Jugendliche in L&#228;ndern mit ausgepr&#228;gten Elitebildungsinstitutionen sicherlich fr&#252;her als Elite. Was man in den letzten Jahren, unabh&#228;ngig vom Ausbildungssystem, beobachten kann, ist eine Homogenisierung von Wohnquartieren und Lebensmilieus, so dass die Kinder und Jugendlichen zunehmend nur mehr mit ihresgleichen zu tun haben, und da kann man schon feststellen, dass sie in relativ fr&#252;hen Jahren ein Gesellschaftsverst&#228;ndnis haben, welches in etwa folgenderma&#223;en aussieht: Es gibt oben die „Leistungstr&#228;ger“ (das sind die Eliten und insgesamt die oberen zehn Prozent der Bev&#246;lkerung), dann die Mitte der Bev&#246;lkerung, und unten die „Nieten, Sozialschmarotzer oder Nicht-Leister“. Das hat es in Deutschland vor zwanzig, drei&#223;ig oder vierzig Jahren nicht gegeben, aber das gibt es jetzt auch schon bei 14-, 15-j&#228;hrigen, die ein Verst&#228;ndnis von einer quasi biologischen Unterteilung der Gesellschaft haben. Sie geh&#246;ren in diesem Bild eben zu denen, die oben sind, und das finden sie auch v&#246;llig normal.</p>
<p><em>K&#246;nnen Kinder aus Mittel- oder Unterschichtshaushalten &#252;berhaupt zur Elite werden? Wie sozial geschlossen sind Eliten als Gesellschaftsschicht?</em></p>
<p>Das ist schon m&#246;glich, vor allem in der politischen Elite. Da haben Angeh&#246;rige der Mittel- und Unterschichten die Mehrheit der Elite gestellt, weil man dort hinein gew&#228;hlt werden muss. Vor allem die gro&#223;en Volksparteien konnten, solange sie noch mitgliederstark waren, durch ihre relativ stabilen Basisstrukturen daf&#252;r sorgen, dass die Parteibasis einen erheblichen Einfluss auf die KandidatInnenaufstellung hatte. Wenn da jemand zu gro&#223;b&#252;rgerlich war, dann ist er einfach nicht aufgestellt worden. Das war bei den anderen Eliten schon schwieriger. Am ehesten gab es noch soziale Durchl&#228;ssigkeit in der Verwaltungselite, weil es da bis zu einem gewissen Grad formalisierte Aufstiegswege gab. Bei der Wirtschaftselite waren und sind das immer Ausnahmen geblieben, wenn man von Skandinavien absieht. In den meisten L&#228;ndern ist die Wirtschaftselite doch relativ geschlossen. Man muss jedoch dazu sagen, dass es da auch Besonderheiten gibt. In &#214;sterreich etwa mit der Raiffeisenbank: Das ist keine klassische Gro&#223;bank, sondern eine genossenschaftliche Struktur, und da gibt es auch andere Aufstiegswege. Genauso beim gesamten &#246;ffentlich-rechtlichen Sektor. Das hei&#223;t bei allen Wirtschaftsunternehmen, die sich mehrheitlich im Besitz von St&#228;dten, Bundesl&#228;ndern oder Staaten befinden, sind die Aufstiegswege anders als in der Privatwirtschaft, weil in diesen F&#228;llen politische Einfl&#252;sse eine zentrale Rolle spielen. Da haben ArbeiterInnenkinder oder Mittelschichtskinder eine gr&#246;&#223;ere Chance aufzusteigen.</p>
<p><em>Sie schreiben, dass &#214;sterreich hinsichtlich seiner politischen Eliten sozial eher durchl&#228;ssig ist und einen &#252;berproportional hohen Anteil an ArbeiterInnen an der politischen Elite hat. Was kann von ihnen tats&#228;chlich bewirkt werden? Entfernen sie sich nicht durch ihren Elitenstatus vom Bewusstsein ihrer sozialen Herkunft?</em></p>
<p>Sie m&#252;ssen sich sicherlich ein erhebliches St&#252;ck von ihrem Herkunftsmilieu entfernen. Aber das ist ein langer Prozess. Man wird ja nicht sofort Minister, sondern man entfernt sich St&#252;ck f&#252;r St&#252;ck von der eigenen Herkunft. Das beste Beispiel ist in Deutschland Gerhard Schr&#246;der. Er ist nach seinem Ausscheiden aus der Politik in ein vollkommen anderes Milieu verschwunden und wird sich wahrscheinlich nur mehr in ein paar Punkten an seine Herkunft erinnern.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Entscheidend ist, wie gro&#223; die Anzahl der Personen ist, die aus einem anderen Milieu stammen. Wenn das einzelne Personen sind, werden sie sich in der Regel sehr stark anpassen. Das ist vor allem in der Wirtschaft zu beobachten. ManagerInnen, die einen sozialen Aufstieg hinter sich haben, sind meistens im Umgang mit Besch&#228;ftigten noch h&#228;rter als die anderen ManagerInnen.<br />
Wenn ein Milieu mehrheitlich durch AufsteigerInnen gepr&#228;gt wird, dann spielen die Erfahrungen, die diese mitbringen, noch eine gro&#223;e Rolle. Man kann z.B. grob sagen: Je h&#246;her der Anteil der Mittelschicht- und ArbeiterInnenkinder in den politischen Eliten oder generell in den Eliten ist, desto ausgeglichener sind die Einkommensverh&#228;ltnisse. Das hei&#223;t umgekehrt, je st&#228;rker B&#252;rgerInnen- und Gro&#223;b&#252;rgerInnenkinder die Eliten komplett dominieren, desto st&#228;rker dominieren auch ihre Interessen die Entscheidungen. Das hei&#223;t wiederum: Auch wenn sich die Personen ver&#228;ndern und von ihrer sozialen Herkunft entfernen, bleibt ein Teil ihres Herkunftsmilieus in den K&#246;pfen, solange ein gr&#246;&#223;erer Teil der Elite sozial aufgestiegen ist.</p>
<p><em>Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Elitenreproduktion?</em></p>
<p>Ja nat&#252;rlich, auch wenn das wieder nach L&#228;ndern unterschiedlich ist. Generell sind die Wirtschaftseliten die geschlossensten, was geschlechtsspezifische Reproduktion betrifft. Da bleiben M&#228;nner am ehesten unter sich. In Deutschland hat sich in den letzten zehn, 15 Jahren f&#252;r die Frauen fast gar nichts positiv ver&#228;ndert, in Skandinavien dagegen sehr viel. Am offensten sind die politischen Eliten auch in dieser Frage, weil sie eben gew&#228;hlt werden m&#252;ssen. Wenn man sich in Deutschland nicht nur die Bundeskanzlerin, sondern das Regierungskabinett ansieht, so kann man sagen, dass der Frauenanteil in der politischen Elite zwar nicht repr&#228;sentativ ist, aber Frauen doch gut ein Drittel dieser Positionen bekleiden. &#196;hnliches gilt auch in den meisten anderen europ&#228;ischen L&#228;ndern. Das ist in S&#252;deuropa noch nicht durchg&#228;ngig, aber im spanischen Kabinett ist zum Beispiel jede zweite Position von einer Frau besetzt. Also zusammenfassend: Die politische Elite ist mittlerweile geschlechtsspezifisch relativ durchl&#228;ssig, die wirtschaftliche Elite ist noch immer relativ geschlossen.</p>
<p><em>Werden denn auch in elit&#228;ren Familien Jungen noch immer mehr gef&#246;rdert als M&#228;dchen?</em></p>
<p>Das ist klassischerweise immer noch so. Die Familienmuster, vor allem in der wirtschaftlichen Elite, sind noch relativ traditionell gepr&#228;gt. Es gibt aber zunehmend mehr Familien, in denen die T&#246;chter dann F&#252;hrungspositionen &#252;bernehmen. So gibt es zum Beispiel mittlerweile in Deutschland immer mehr Frauen, die Unternehmen leiten. Das hat sich ver&#228;ndert gegen&#252;ber fr&#252;her, es funktioniert bisher in der Regel in der Wirtschaft aber nur dort, wo elit&#228;re Postionen &#252;ber famili&#228;re Beziehungen wie Heirat oder Erbe besetzt werden.</p>
<p><em>Inwieweit k&#246;nnen Kinder von Eliten ihre Eltern kritisch in Frage stellen und einen anderen Lebensweg w&#228;hlen? Wie viel Druck wird von Seiten den Eltern und dem sozialen Umfeld auf die Kinder ausge&#252;bt, auch Elite zu werden?</em></p>
<p>Die Wahrscheinlichkeit einer kritischen Abwendung ist gering. Es gab und gibt das zwar immer wieder, wie zum Beispiel bei den alten Klassikern Karl Marx und Friedrich Engels. Oder in der j&#252;ngeren Vergangenheit in &#214;sterreich bei Bruno Kreisky oder in Schweden bei Olaf Palme, also innerhalb der Sozialdemokratie. Es gibt immer wieder die Personen, die ihr Herkunftsmilieu kritisch betrachten, mehr oder minder stark, aber das bleiben Ausnahmen. Der Gro&#223;teil der Kinder, die in diesen Verh&#228;ltnissen aufw&#228;chst, &#252;bernimmt das Denken der Eltern. Diese Unterscheidung in Elite und Masse und die Weltsicht, die dazu geh&#246;rt – dass man f&#228;higer ist als andere Menschen und deswegen auch das Recht hat, die Entscheidung &#252;ber andere Menschen zu treffen – ist der Normalfall. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand aus diesem Muster ausbricht, liegt bei deutlich unter zehn Prozent.</p>
<p><em>Warum haben Sie sich dazu entschieden, Elitenforschung zu machen? Was ist das Ziel ihrer Arbeit? Wie viel „Elitenpotenzial“ hatten Sie selbst?</em></p>
<p>Das ist eine Mischung aus Herkunft, politischen Interessen und Zufall. Herkunft deswegen, weil ich selber aus einem gutb&#252;rgerlichen Milieu komme und diese Kreise kenne. Das hei&#223;t, ich wusste schon sehr fr&#252;h, wie diese Menschen denken. Zweitens hat mich eigentlich nicht das Thema Eliten, sondern das Thema Macht interessiert, da ich seit meinem sechzehnten Lebensjahr politisch aktiv bin. Macht in den verschiedensten Formen – in der Schule, bei der Justiz, in der Wirtschaft – und die Frage, wie Machtstrukturen funktionieren, das hat mich immer interessiert. Dadurch kommt man zur Frage der Eliten. Drittens, und das ist der Zufall, war ich f&#252;nf Jahre lang an der juristischen Fakult&#228;t t&#228;tig und habe ein Forschungsprojekt &#252;ber WirtschaftsjuristInnen durchgef&#252;hrt. Das hat mich dann wissenschaftlich auf dieses Thema gebracht. WirtschaftsjuristInnen sind ja eine klassische Gruppe der deutschen Elite und da hat sich in dem Zeitraum, als ich das untersucht habe – Ende der 1980er Jahre – relativ viel ver&#228;ndert. An dem Thema bin ich dann dran geblieben, weil sich das, was mich politisch interessiert – n&#228;mlich Macht – mit meiner wissenschaftlichen T&#228;tigkeit verbinden lie&#223;. Was ich damit erreichen will, ist eigentlich das, was auch Bourdieu immer als generelle Aufgabe von kritischer Wissenschaft bezeichnet hat: Mechanismen aufdecken, die oberfl&#228;chlich nicht erkennbar sind, und das sind die Mechanismen der Macht. Zu zeigen, wie die heutigen Gesellschaften funktionieren, wie diejenigen, die Macht haben, ihre Macht reproduzieren und diese Macht benutzen, um gesellschaftliche Entwicklungen zu steuern. Es geht darum, diese Mechanismen aufzudecken und dar&#252;ber hinaus auch zu zeigen, wo es m&#246;glich ist, von unten Einfluss auf die Dinge zu nehmen. Das alles ist ja nicht naturgesetzlich. Es sind Menschen, die Geschichte machen, und solange Menschen Geschichte machen, kann man von Seite der Masse der Menschen auch Einfluss darauf nehmen.</p>
<p><em>Wie reagieren denn die Eliten selbst auf Ihre Forschung?</em></p>
<p>Das ist uneinheitlich. Die konservativen Medien und die Mehrzahl der Elitenangeh&#246;rigen stehen dem eher skeptisch bis ablehnend gegen&#252;ber. Bei der <em>FAZ </em>oder bei der <em>Welt </em>bekomme ich z.B. recht selten ein Interview. In der <em>FAZ </em>gab<br />
es sogar ein Portrait &#252;ber mich, das einen massiven pers&#246;nlichen Angriff beinhaltete, was meines Erachtens damit zusammenh&#228;ngt, dass Konservativen nicht gef&#228;llt, dass dieses f&#252;r sie selbst so wichtige Thema von einem Linken dominiert wird. Es gibt aber auch dort Kreise, die sich f&#252;r meine Forschungsergebnisse interessieren, entweder aus reiner Neugier oder aber weil sie sich davon erhoffen, ihre eigenen Kreise analytisch genauer kennenzulernen. Das ist aber eine Minderheit. Bei manchen Veranstaltungen bin ich einfach ein interessanter Gespr&#228;chspartner, den man sich mal anh&#246;rt, ohne dass das nennenswerte Konsequenzen f&#252;r das eigene Denken hat. Wenn es um wirklichen politischen Einfluss geht, z.B. beim Thema der Studiengeb&#252;hren, dann ist klar: da sto&#223;en Positionen aufeinander und dann wird auch versucht, meine Position m&#246;glichst weit am Rand zu halten, damit sie politisch keinen Einfluss gewinnt.</p>
<p><em>Danke f&#252;r das Interview!</em></p>
<p><em>Michael Hartmann</em> ist Professor f&#252;r Soziologie an der Technischen Universit&#228;t Darmstadt und der bekannteste Elitenforscher im deutschsprachigen Raum. 2002 ver&#246;ffentlichte er im Campus-Verlag <em>Der Mythos von den Leistungseliten</em>, 2007 ebendort <em>Eliten und Macht in Europa: Ein internationaler Vergleich.</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Die <em>grandes écoles</em> (dt.: gro&#223;e Schulen) sind auf einzelne F&#228;cher oder F&#228;chergruppen spezialisierte Hochschulen, an denen die Elite der franz&#246;sischen Politik und Wirtschaft ausgeblidet wird (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Etonians nennen sich die Absolventen (M&#228;dchen werden nicht zugelassen) der Eliteschule Eton College in England (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Die Ludwig-Maximilians-Universit&#228;t M&#252;nchen wird im Rahmen der deutschen „Exzellenzinititative“ zur „St&#228;rkung der universit&#228;ren Spitzenforschung“ besonders gef&#246;rdert (Anm. d. Red.).<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Gerhard Schr&#246;der wuchs in &#228;rmlichen Verh&#228;ltnissen auf. Nach seiner Abwahl als deutscher Bundeskanzler ging er in die Privatwirtschaft und ist heute u.a. als Aufsichtsrat eines russischen Gaspipeline-Konsortiums, als Mitglied des Europa-Beirats der Rothschild-Investmentbank und als Berater f&#252;r das chinesische Au&#223;enministerium t&#228;tig (Anm. d. Red.).</p>
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