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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Russische Revolution</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Kapitalismus nach Plan</title>
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		<pubDate>Sat, 13 Jun 2009 12:00:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 8]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Staatskapitalismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Was war die Sowjetunion? Veronika Duma und Stefan Probst argumentieren im f&#252;nften Teil unserer Serie zum politischen Erbe der russischen Revolution, dass der „real existierende Sozialismus“ am treffendsten als b&#252;rokratischer Staatskapitalismus analysiert werden kann.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Was war die Sowjetunion? Veronika Duma und Stefan Probst argumentieren im f&#252;nften Teil unserer Serie zum politischen Erbe der russischen Revolution, dass der „real existierende Sozialismus“ am treffendsten als b&#252;rokratischer Staatskapitalismus analysiert werden kann.<br />
<span id="more-489"></span><br />
Wieso heute noch einen Artikel &#252;ber den Charakter der Sowjetunion schreiben? Die Antwort auf diese Frage besteht in erster Linie aus zwei politischen Argumenten. Erstens wird Russland nach wie vor h&#228;ufig als Beweis daf&#252;r herangezogen, dass Sozialismus keine Alternative zu einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung darstellt. Aussagen wie: „Sozialismus? – Schau doch nach Russland, das hat nicht funktioniert“ sind immer wieder und in den verschiedensten Diskussionszusammenh&#228;ngen anzutreffen. Die UdSSR und die Ostblockstaaten werden als Verk&#246;rperung „linker Ideen“ jeglicher Art dargestellt und diese damit f&#252;r alle Ewigkeit als diskreditiert erkl&#228;rt. Zweitens: wenn die Sowjetunion sowie die osteurop&#228;ischen „Volksdemokratien“ tats&#228;chlich als sozialistische Gesellschaften verstanden werden, wird automatisch impliziert, dass Sozialismus ohne einer Revolution – also ohne einer grundlegenden Umw&#228;lzung von Macht- und Herrschaftsverh&#228;ltnissen – und ohne einer Form der Selbstemanzipation und aktiven Beteiligung eines Gro&#223;teils der Bev&#246;lkerung, einfach von oben herab implementiert werden k&#246;nnte. Wird behauptet, die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten waren sozialistisch, dann h&#228;tte Stalin die proletarische Revolution verwirklicht, und das auch noch in enormem Tempo.<br />
Auch zahlreiche MarxistInnen interpretierten den Kalten Krieg als eine globale Version des Klassenkampfs zwischen Kapital und Arbeit, als einen „Kampf zwischen zwei entgegengesetzten gesellschaftlichen Systemen“. Nach 1989 gelangten sie deshalb zu einer Einsch&#228;tzung, die jener von Fukuyamas<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> „Ende der Geschichte“ bemerkenswert &#228;hnlich war: wie dieser gingen sie davon aus, dass der Kapitalismus als Sieger aus dem globalen Konkurrenzkampf hervorgegangen war, nur dass sie – anders als Fukuyama – dieses Ergebnis bedauerten.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Im Gegensatz dazu wollen wir – zwanzig Jahre nach der Wende von 1989 – argumentieren, dass es in Russland nicht zur Entfaltung einer sozialistischen Gesellschaft, sondern zur Herausbildung jener Formation kam, die am treffendsten mit dem Konzept des <em>b&#252;rokratischen Staatskapitalismus</em> gefasst werden kann.<br />
Der Begriff Staatskapitalismus selbst blickt dabei auf eine l&#228;ngere Vorgeschichte zur&#252;ck.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> S&#228;mtliche theoretische Ans&#228;tze in diese Richtung sto&#223;en jedoch auf – zum Teil sehr &#228;hnliche – begriffliche Probleme und werfen dar&#252;ber hinaus gro&#223;e Fragen auf: Was kennzeichnet eine kapitalistische Produktionsweise? Wie k&#246;nnen an Hand abstrakter theoretischer Kategorien Charakteristika einer historisch konkreten Gesellschaftsformation untersucht und diskutiert werden? Was ist unter einem b&#252;rokratischen Staatskapitalismus zu verstehen?</p>
<p><strong>Kapitalismus abstrakt und konkret</strong></p>
<p>Die kapitalistische Produktionsweise kann allgemein durch zwei zentrale Widerspruchs- und Konfliktachsen charakterisiert werden. Zum einen haben wir es mit einem System verallgemeinerter Warenproduktion zu tun, in dem die Wirtschaft in konkurrierende Produktionseinheiten gespalten ist. Arbeitsprodukte werden im Tausch aufeinander bezogen und nehmen so Warenform an. Im Tausch vollzieht sich die Reduktion konkreter Privatarbeiten auf abstrakte Arbeit (Wertform): als gesellschaftlich gilt nicht die individuell verausgabte<br />
Arbeit, sondern nur die gem&#228;&#223; der durchschnittlichen gesellschaftlichen Produktivit&#228;t notwendige Arbeit. Aus den Tauschverh&#228;ltnissen konkurrierender WarenproduzentInnen ergibt sich schlie&#223;lich die Dynamik zur Akkumulation und die Tendenz zur st&#228;ndigen Angleichung der durchschnittlichen Produktionsbedingungen.<br />
Zum zweiten ist der Kapitalismus eine Klassengesellschaft, in der die unmittelbaren ProduzentInnen den Produktionsprozess nicht kontrollieren und ihre eigene Subsistenz nicht sichern k&#246;nnen. Sie sind somit gezwungen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Als Wert der Arbeitskraft gilt die zu ihrer Reproduktion gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit.<br />
Aus diesen Widerspruchsachsen folgt die grundlegende Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise. Dennoch k&#246;nnen kapitalistische Gesellschaftsformationen auf dieser Ebene der Abstraktion nicht vollst&#228;ndig beschrieben werden. Oftmals krankte die marxistische Debatte einer ad&#228;quaten Theoretisierung der Sowjetunion genau daran, die Diskussion in den Bahnen einer sehr allgemeinen Bestimmung des Kapitalismus engzuf&#252;hren.<br />
Dem liegt zun&#228;chst ein Missverst&#228;ndnis hinsichtlich der Marxschen Methode zugrunde. Marx hat im <em>Kapital</em> Schritt f&#252;r Schritt die zentralen Bestimmungen, konstitutiven Strukturen und inh&#228;renten Tendenzen der kapitalistischen Produktionsweise in ihrem idealen Durchschnitt entwickelt – ein theoretisches Objekt, das im strengen Sinn nicht existiert, wie es der franz&#246;sische Marxist Louis Althusser formulierte. Diesen Prozess hat Marx als „Aufstieg vom Abstrakten zum Konkreten“ beschrieben. Von den Begriff en Ware, Wert, Geld n&#228;hert sich die Darstellung „schrittweis der Form, worin sie auf der Oberfl&#228;che der Gesellschaft … auftreten.“<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Die Methode ist dabei keine deduktive: die jeweiligen Schritte der Darstellung sind nicht bereits in den abstrakten Begriff en enthalten und „entwickeln“ sich nicht zu einem abgeschlossenen System, das im Sinne einer „expressiven Totalit&#228;t“ die kapitalistische Produktionsweise vollst&#228;ndig beschreibt. Das Kapital ist als „mehrstufige theoretische Struktur konzipiert, in der die aufeinanderfolgenden Stufen steigende Komplexit&#228;tsgrade darstellen.“ Die „im Verlauf des <em>Kapitals </em>entwickelten Komplexit&#228;ten [sind] nicht irgendwie bereits in den zu Beginn des Buches dargelegten Konzepten von Ware, Gebrauchswert, abstrakter und konkreter Arbeit usw. ‚enthalten‘. Vielmehr werden neue und komplexere Bestimmungen nach und nach eingef&#252;hrt, um entstehende Probleme in fr&#252;heren Phasen der Analyse zu &#252;berwinden. Diese Bestimmungen werden durch ihren Platz in der allgemeinen Argumentation begr&#252;ndet, jede besitzt aber ihre spezifischen Eigenschaften, die auf die zuvor vorausgesetzten Bestimmungen nicht reduzierbar sind.“<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Begriffe und Determinationsebenen werden eingef&#252;hrt, sobald es notwendig wird, einen Aspekt der kapitalistischen Produktionsweise zu analysieren, der bislang nicht ber&#252;cksichtigt wurde. Jede konzeptuelle Ebene zieht Problemstellungen nach sich, welche die Artikulation neuer Ebenen in einem kreativen Prozess erfordern.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> Der Kapitalismus wird so – in Marxens Worten – rekonstruiert als „reiche Totalit&#228;t von vielen Bestimmungen und Beziehungen.”<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a><br />
In diesem Konkretisierungsprozess, einer Methode „fortschreitender Verkomplizierung“, werden fr&#252;her eingef&#252;hrte allgemeine Bestimmungen im Laufe des Argumentationsgangs modifiziert.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a> So l&#228;sst Marx etwa im dritten Band die Behauptung fallen, dass Waren zu ihren Werten getauscht werden, wenn er das Konzept der Angleichung der Profitraten zu einer Durchschnittsprofitrate einf&#252;hrt.<br />
Wichtig ist nun, dass dieser Prozess der Konkretisierung nicht bei den Themen, die Marx im <em>Kapital </em>unfertig abgehandelt hat, stehen bleiben kann. Schon Marx selbst hatte in seinem urspr&#252;nglichen Entwurf weitere B&#228;nde u.a. zu Staat und Weltmarkt geplant.<br />
Umso entscheidender ist, wenn wir den Kapitalismus als sich historisch entwickelndes und ver&#228;nderndes System verstehen, und unterschiedliche Phasen und Formen kapitalistischer Gesellschaftsformationen unterscheiden wollen, die Marxsche Analyse zu erweitern, „sowohl im Hinblick auf das allgemeine theoretische Verst&#228;ndnis der kapitalistischen Produktionsweise als auch die konkretere Analyse des sich historisch ver&#228;ndernden Kapitalismus.“<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Das Kapital ist unabgeschlossen und kein fertiges „System“ und ein Marxismus, der theoretisch und politisch relevant sein will, muss die enormen Transformationen der Kapitalismen des letzten Jahrhunderts erkl&#228;ren k&#246;nnen. Die Erweiterung der Analyse im Kapital erfordert dabei notwendigerweise auch die Modifikation Marxscher Kategorien.</p>
<p><strong>Politik und &#214;konomie, Staat und Markt</strong><br />
F&#252;r unser Thema sind hierbei zwei Begriffe zentral: Staat(ensystem) und Weltmarkt.<br />
Erstens: Die Marxschen „&#246;konomischen“ Begriffe beschreiben gesellschaftliche Verh&#228;ltnisse, die nie nur &#246;konomische sind, sondern immer zugleich politisch-juridische Aspekte enthalten. Wer in den Warentausch involviert ist, muss Eigentum und Freiheit und Gleichheit im Tausch anerkennen (Vertragsverh&#228;ltnis); wenn die Teilung des Eigentums (sowohl zwischen den BesitzerInnen der Produktionsmittel als auch zwischen diesen und den Nicht-BesitzerInnen) stabil reproduziert werden soll, wird eine au&#223;er&#246;konomische Gewalt notwendig. „Kapitalien … st&#252;tzen sich f&#252;r ihre Reproduktion auf stabile physische, &#246;konomische, politische und kulturelle Infrastrukturen, sind aber … nicht in der Lage, solche Strukturen selbst zu etablieren. Tats&#228;chlich erzeugt der Akkumulationsprozess Instabilit&#228;ten und unterminiert die Grundlagen seiner eigenen Existenz. Kurz gesagt sind Warenverh&#228;ltnisse als verallgemeinerte Form, und die Kapitalakkumulation im Besonderen, von Zwangsgewalt abh&#228;ngig. Zwang und Gewalt sind in diesem analytischen Zugriff ganz grundlegend mit der kapitalistischen &#214;konomie verkn&#252;pft.”<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a><br />
Auf Grundlage solcher Argumente hat die marxistische Staatstheorie im Wesentlichen die spezifisch kapitalistische Form des Staates in seiner „relativen Autonomie“ und gleichzeitigen Pr&#228;senz in der &#214;konomie entwickelt. Ein Problem, dem sich diese Entw&#252;rfe jedoch stellen m&#252;ssen, ist, dass der moderne Staat dem Prozess der Extraktion von Mehrwert nicht als rein &#228;u&#223;erlich gedacht werden kann. Abgesehen von der Frage direkten Staatseigentums greift der Staat schlie&#223;lich als Steuerstaat auch direkt in die Prozesse der Surplus-Extraktion und -Redistribution ein.<br />
Colin Barker hat darauf hingewiesen, dass sich hieraus die &#246;konomischen Aspekte staatlicher Macht erhellen. Der Staat stellt nicht nur mittels Gewaltmonopol kapitalistische Rechtssicherheit her; er steht nicht einfach &#252;ber den Vertragsparteien, sondern beherrscht sie auch, und muss sie besteuern. „Um die Funktionen der Bev&#246;lkerungskontrolle, der Verteidigung des Privateigentums und der Rechtsprechung zu erf&#252;llen, m&#252;ssen kapitalistische Staaten Surplus aus der ‚&#246;konomischen Sph&#228;re‘ absch&#246;pfen, durch Besteuerung. Sie entwickeln ein starkes Interesse am Wert, der aus dem Eigentum seiner Subjekte (sowie seinem eigenen) erw&#228;chst; sie<br />
entwickeln zwingende eigene Interessen an der Verwaltung der Gesellschaft im Allgemeinen und an der &#246;konomischen Organisation im Besonderen.”<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Die Problematik der Ausbeutung (und Redistribution von Mehrwert) nimmt daher in kapitalistischen Gesellschaftsformationen eine komplexere Form als die einfache Gegen&#252;berstellung Kapital-Arbeit an. „Wenn wir den Begriff des Staates aus den rechtlich-politischen Anforderungen der Warenproduktion entwickeln, wird es notwendig, eine sekund&#228;re, ‚konkurrierende Logik‘ einzuf&#252;hren: jene staatlicher Abgaben und Steuern. Im Kapitalismus sind die zwei Formen der Surplus-Extraktion, durch Unternehmen und durch Regierungen, ‚nicht einfach getrennt und entgegengesetzt sondern sich jeweils gegenseitig bedingende und komplement&#228;re Eigenschaften der anderen‘.“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a><br />
Deshalb ist die s&#228;kulare Tendenz zur institutionellen Differenzierung von &#246;konomischer und politischer Macht begleitet, und teilweise durchkreuzt, von Tendenzen substantieller Involvierung des Staates in die &#214;konomie. Staaten stellen nicht nur einen legalen und politischen Rahmen f&#252;r die Funktionsweise des Marktes her, geben nicht nur W&#228;hrung aus usw., sondern errichten die physische Infrastruktur zur Steigerung der Kapitalmobilit&#228;t und Umschlagszeit, sie regulieren die Konkurrenz, beeinflussen die Re-Produktion und Zirkulation der Arbeitskraft, und greifen in politische und &#246;konomische K&#228;mpfe ein; sie setzen die Kombination oder Restrukturierung von Kapitalien durch, errichten Handelsbarrieren und unterst&#252;tzen Exporte, organisieren Forschung und Entwicklung; und sie k&#246;nnen selbst als Kapitalisten auftreten. Die Tendenz zur Trennung von Politik und &#214;konomie ist deshalb zwar real, aber „best&#228;ndig durch die Tatsache durchkreuzt, dass Staaten – ob als Ergebnis ihrer ‚formbestimmten‘ Rolle in der Aufrechterhaltung der Rahmenbedingungen kapitalistischer Akkumulation, oder den Erforderungen des <em>state-building</em> und den Anforderungen geopolitischer Konkurrenz – beharrlich auf direkte und energische Art in ‚die &#214;konomie‘ intervenieren.”<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a><br />
Es scheint deshalb sinnvoll, von einer strukturellen Interdependenz (wenn auch nicht Interessensidentit&#228;t) von Staat und Kapital auszugehen: Kapitalien brauchen aus einer Vielzahl von Gr&#252;nden staatliche Unterst&#252;tzung, w&#228;hrend die relative Macht eines jeden Staates von den Ressourcen abh&#228;ngt, die der Prozess der Kapitalakkumulation generiert.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a><br />
Zweitens: Konkurrenz entwickelt sich im Weltma&#223;stab und nimmt nicht nur die Form &#246;konomischer Konkurrenz zwischen Unternehmen, sondern auch die Form milit&#228;rischer und diplomatischer Konflikte zwischen Staaten an. Die geopolitische Konkurrenz geht dem Kapitalismus zwar historisch voraus; die Entstehung kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse verlieh aber jenen Staaten, in denen sie vorherrschten, einen Vorteil in der zwischenstaatlichen Konkurrenz. Sp&#228;testens mit der „Industrialisierung des Krieges“ im 19. Jahrhundert hatten alle Staaten ein unmittelbares Interesse an der F&#246;rderung kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse (hochtechnologische Waffen- und Transportsysteme). Zus&#228;tzlich bef&#246;rderten die Prozesse der Kapitalkonzentration im nationalen Rahmen sowie die Internationalisierung von Handel und Investitionen die Verschr&#228;nkung von Staat und Kapital.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Anhand dieser Prozesse zeigt sich die wachsende gegenseitige Abh&#228;ngigkeit von Staat und Kapital: die geopolitische Konkurrenz wurde unter die &#246;konomische Konkurrenz zwischen Kapitalien subsumiert. Beide Konkurrenzformen sind, wie auch die j&#252;ngere imperialismustheoretische Diskussion gezeigt hat, zwar nicht aufeinander reduzierbar, aber unaufl&#246;sbar ineinander verschr&#228;nkt.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Damit sind jedoch Staaten genauso wie Privatunternehmen immer auch auf die Produktivit&#228;tsniveaus im Weltma&#223;stab verwiesen. „[M]it der Verschr&#228;nkung von zwischenstaatlicher und &#246;konomischer Konkurrenz … sind Staaten gezwungen, sich immer enger an den vorherrschenden weltweiten Bedingungen zu orientieren und ihre Strategien dementsprechend auszurichten.“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a> Der Staat ist ebenso wie Unternehmen den Imperativen kompetitiver Kapitalakkumulation untergeordnet.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a></p>
<p><strong>Duale Revolution</strong><br />
Erster Ausgangspunkt jeder Untersuchung der Dynamik und Funktionsweise kapitalistischer Gesellschaftsformationen – auch der Sowjetunion – ist deshalb die Annahme, dass diese nicht allein im Hinblick auf die inneren Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse, sondern nur im Kontext des kapitalistischen Weltstaatensystems und der kapitalistischen Weltwirtschaft angemessen analysiert werden kann.<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a> F&#252;r die Entwicklung kapitalistischer Verh&#228;ltnisse in Russland bedeutet das zuallererst, die r&#228;umlichen wie zeitlichen Ungleichm&#228;&#223;igkeiten kapitalistischer Entwicklung, sowie die spezifischen M&#246;glichkeiten und Zw&#228;nge, denen sich „sp&#228;tindustrialisierende“ L&#228;nder zu stellen hatten, in den Blick zu nehmen.<br />
Gerade die „passiven Revolutionen“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> in L&#228;ndern wie Deutschland und Italien zeigen sowohl, dass es keinen „normalen“ Entwicklungspfad hin zum Kapitalismus gibt, als auch, dass der Staat in der Durchsetzung und Restrukturierung der &#246;konomischen Verh&#228;ltnisse gerade bei kapitalistischen „Sp&#228;tentwicklern“ eine entscheidende Rolle einnehmen musste. Die Grundz&#252;ge dieses Arguments haben wir bezogen auf Russland in fr&#252;heren Artikeln dieser Serie (in <em>Perspektiven</em> Nr. 2) bereits behandelt und dabei gezeigt, wie die spezifischen Verwerfungen, die die zaristische Variante autorit&#228;rer nachholender Modernisierung nach sich zog, den N&#228;hrboden der sozialen Auseinandersetzungen in Russland Anfang des 20. Jahrhunderts bereiteten. Neben den Folgewirkungen von Krieg und B&#252;rgerkrieg waren es dann gerade auch die Ungleichm&#228;&#223;igkeiten der Entwicklung des Kapitalismus in Russland, die die postrevolution&#228;re Situation &#252;berdeterminierten. In diesem Sinn haben wir die Revolution, in Anschluss an Tony Cliff , als „duale Revolution“ beschrieben, als Kombination b&#252;rgerlicher und proletarischer Dimensionen.<br />
Dass die vorrevolution&#228;ren Verh&#228;ltnisse mit der Revolution nicht einfach „abgeschafft“ werden konnten, erkl&#228;rt sich schon aus der Tatsache, dass eine proletarische Revolution zuallererst eine politische Transformation (die Zerschlagung des existierenden Staates und die Etablierung der politischen Herrschaft der ArbeiterInnenr&#228;te) bezeichnet, die die sukzessive Transformation der &#246;konomischen Verh&#228;ltnisse erst erm&#246;glicht. „Sozialismus im Sinne eines &#220;bergangszeitraums zwischen Kapitalismus und Kommunismus darf deshalb weniger im Hinblick auf irgendwelche besonderen wirtschaftlichen Ma&#223;nahmen – wie beispielsweise die Verstaatlichung der Produktionsmittel – verstanden werden, sondern als der <em>politische </em>Rahmen, basierend auf der R&#228;tedemokratie, in der die kapitalistischen Produktionsbeziehungen nach und nach beseitigt werden.“<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a> Kapitalistische Formen werden demnach auch nach einer erfolgreichen proletarischen Macht&#252;bernahme weiterexistieren. Entscheidend f&#252;r die Charakterisierung einer solchen Gesellschaftsformation (als „&#220;bergangsgesellschaft“) ist die Tendenz des Transformationsprozesses, in der Marktmechanismen zunehmend von demokratischer Planung abgel&#246;st werden.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a><br />
Die widerspr&#252;chlichen Dynamiken der 1920er, die wir in <em>Perspektiven </em>Nr. 6 beschrieben haben, m&#252;ssen hier nicht noch einmal vertieft werden. Festzuhalten bleibt, dass nach einem Prozess der sukzessiven Aush&#246;hlung proletarischer Macht Ende der 1920er Jahre die letzten &#220;berreste des ohnehin bereits „b&#252;rokratisch deformierten“ ArbeiterInnenstaats beseitigt wurden. Der politischen Macht des Proletariats, auf die sich eine sozialistische Transformation &#246;konomischer Verh&#228;ltnisse st&#252;tzen muss, wurde der endg&#252;ltige Sargnagel verpasst. Mit den Zwangskollektivierungsma&#223;nahmen (lies: Enteignungen) wurden zigtausende Menschen in Lohnarbeitsverh&#228;ltnisse gedr&#228;ngt und somit unter kapitalistische Verh&#228;ltnisse subsumiert.<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> In den Investitionspriorit&#228;ten des ersten F&#252;nf-Jahres-Plans wurde die Konsumtion der Akkumulation und insbesondere dem rapiden Aufbau der Schwerindustrie untergeordnet.<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> In den Zielsetzungen glich das stalinistische Projekt hierbei durchaus jenem Programm autorit&#228;rer Modernisierung, das der zaristische Staat vier Jahrzehnte zuvor eingeleitet hatte. Anders als in den „passiven Revolutionen“ jedoch, welche die Hindernisse zur Entfaltung kapitalistischer Verh&#228;ltnisse in anderen sich sp&#228;tentwickelnden Kapitalismen aus dem Weg ger&#228;umt hatten, wurde die staatlich forcierte Durchsetzung der Imperative der kapitalistischen Akkumulation in Russland nicht von der zaristischen Autokratie vollendet, sondern vollzog sich als aktive Konterrevolution von oben. Durch die Zuspitzung geopolitischer Konfliktlinien Ende der 1920er unter Zugzwang gesetzt, mutierte die sowjetische B&#252;rokratie zur „Personifikation des Kapitals“.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> Anders als von Trotzki und Co. erwartet, kristallisierte sich die Restauration des Kapitalismus nicht um die kleinb&#252;rgerlichen Profi teure der Neuen &#214;konomischen Politik (NEP), sondern um die <em>politische </em>Macht der Staats- und Parteib&#252;rokratie, die sich auf Grundlage verstaatlichten Eigentums als neue herrschende Klasse konsolidieren konnte.<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26sup>26</sup></a></p>
<p><strong>Entwicklungsphasen</strong><br />
Dieses staatskapitalistische Entwicklungsmodell war freilich kein russisches Spezifikum. Eingebettet in den Rahmen einer Periodisierung entlang der widerspr&#252;chlichen Tendenzen zur staatlichen Integration und zur Internationalisierung des Kapitals erscheint die sowjetische Kommandowirtschaft nicht mehr als einzigartiges „nicht-kapitalistisches Anderes“, sondern als extreme Auspr&#228;gung bestimmter Phasentendenzen des Weltkapitalismus. Im Hinblick auf die Weltwirtschaft kann historisch zwischen verschiedenen Phasen des kapitalistischen Staatensystems unterschieden werden, die eng mit den Krisenzyklen der Weltwirtschaft zusammenh&#228;ngen.<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts lassen sich schemenhaft drei verschiedene Phasen ausmachen: Eine erste Phase zwischen 1870 und 1929 war von einer Ausdehnung staatlicher Interventionen in die &#214;konomie gepr&#228;gt. Die starke Verschr&#228;nkung von Staat und &#214;konomie, im 20. Jahrhunderts besonders durch die weltweiten Monopolbildungen verdeutlicht, spielten schon in den Imperialismusdebatten dieser Zeit – etwa bei Nikolai Bucharin, Rosa Luxemburg oder Rudolf Hilfering – eine wesentliche Rolle. Staatseigentum – so der allgemeine Konsens – bedeutet, insofern es sich nicht unter demokratischer Kontrolle befindet, h&#246;chstens andere rechtliche Rahmenbedingungen f&#252;r die Produktion, nicht aber das Ende der kapitalistischen Wirtschaft. Eine zweite Phase ist ab den 1930er Jahren zu erkennen, „in der als Folge von Weltwirtschaftskrise und R&#252;stungsproduktion die Hochphase ‚staatskapitalistischer‘ Regulierung eingeleitet wurde, die jedoch in den 1970ern an ihre Grenzen stie&#223;“.<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a> Folgt man der Argumentation von Tobias ten Brink, ist diese zweite Phase als eine Reaktion der kapitalistischen Staatenauf die durch die Weltwirtschaftskrise hervorgerufenen Instabilit&#228;ten dieser Zeit zu verstehen.<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> Seit Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts, im Zuge der Krise des Fordismus und der darauf folgenden neoliberalen Wende, erfuhr das Verh&#228;ltnis zwischen Politik und &#214;konomie erneut eine Ver&#228;nderung, so dass von einer dritten Phase gesprochen werden kann. Aus dieser groben Unterscheidung dreier Stadien l&#228;sst sich entnehmen, dass die Tendenz zu staatskapitalistischen Wirtschaftsformen nicht allein spezifisch f&#252;r die Sowjetunion war, sondern ein wesentliches Phasenmerkmal des kapitalistischen Staatensystems ab den 1930er Jahren darstellte.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> Die Sowjetunion sowie die Ostblockstaaten repr&#228;sentierten in diesem Rahmen wohl die ausgepr&#228;gteste Form des Staatsinterventionismus. Nach der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre war ein allgemeiner Trend der bedeutsamen Volkswirtschaften in Richtung Abschottung vom Weltmarkt festzustellen, welcher wiederum – vor dem Hintergrund der Krise – Sicherheit bedeuten konnte. Nicht nur in der UdSSR erlaubten staatliche Interventionen und die Zentralisierung von Investitionsentscheidungen einen massiven Anstieg der Produktion.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a><br />
Die im Falle der Sowjetunion mehr oder weniger unfreiwillige – weil als Ergebnis der internationalen Isolation zu begreifende – „Politik der Autarkie“ traf also paradoxerweise zu Beginn der 1930er Jahre auf weltwirtschaftlich g&#252;nstige Bedingungen. Das oberste politische Ziel der sowjetischen Wirtschaftspolitik bestand darin, die &#246;konomische Entwicklung des Westens zuerst aufzu- und anschlie&#223;end zu &#252;berholen. Und tats&#228;chlich entwickelte sich die Sowjetunion, werden die BIP-Wachstumsraten betrachtet, ziemlich rasch.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Ein Grund hierf&#252;r lag in der kombinierten und ungleichm&#228;&#223;igen Entwicklung des Kapitalismus: f&#252;r &#246;konomisch sich sp&#228;t entwickelnde Staaten war es zum Teil m&#246;glich, Technologien und andere Mittel von st&#228;rker industrialisierten Staaten zu &#252;bernehmen, um die eigene Entwicklung anzukurbeln. Zudem verhalf dieser spezielle Umstand der Sowjetunion auch noch zu dem ideologischen Argument, Russland h&#228;tte sich als resistent gegen die gro&#223;e Wirtschaftsdepression Ende der 20er Jahre erwiesen.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> So kann festgehalten werden, dass das Bestehen bzw. die Entwicklung der Sowjetunion sowie der osteurop&#228;ischen Blockstaaten im Rahmen der sich wandelnden Weltwirtschaft erkl&#228;rt werden kann: Die Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er erlaubte einen Aufholprozess, der jedoch – nachdem eine Erholung des Weltmarktes nach 1945 stattgefunden hatte – mit etwas Verz&#246;gerung an sein Ende gelangte. War die Politik der Autarkie eine Zeit lang relativ erfolgversprechend, bedeutete die Nichtteilnahme an der zunehmenden Internationalisierung und der damit einhergehenden internationalen Arbeitsteilung eine immer ineffizientere Kapitalakkumulation. Dies galt jedoch, wenn auch in unterschiedlichen Graden, nicht blo&#223; f&#252;r die UdSSR, sondern f&#252;r die verschiedenen Spielarten des Plan- und Entwicklungsstaates, der nach einer Phase des Wiederaufbaus und Nachkriegsaufschwungs in die Krise geriet.<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a><br />
Parallel zur allgemeinen Tendenz der Abschottung verlief der Aufbau einer riesigen Kriegsindustrie. Der R&#252;stungswettbewerb stellte von Anfang an ein wesentliches Kennzeichen der geopolitischen Konkurrenz im weltweiten kapitalistischen Staatensystem dar, doch ist etwa ab Mitte der 1930er Jahre eine Intensivierung bzw. der Beginn einer mehr oder weniger weltweiten „permanenten R&#252;stungswirtschaft“ feststellbar, die im Kalten Krieg ihren vorl&#228;ufigen H&#246;hepunkt fand.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Diese geopolitisch-milit&#228;rische Konkurrenz spielte keine unwesentliche Rolle f&#252;r das Bestreben der Sowjetunion, die &#246;konomische Marktkonkurrenz zu umgehen. Gleichzeitig zeigt das Beispiel des internationalen Wettr&#252;stens am deutlichsten, dass die Sowjetunion nicht blo&#223; durch endogene, sondern auch durch exogene Bewegungsgesetze angetrieben wurde.<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a> „Tats&#228;chlich h&#228;ngt die stalinistische Planung … von Faktoren ab, die au&#223;erhalb ihrer Kontrolle liegen, n&#228;mlich von der Weltwirtschaft, der internationalen Konkurrenz“.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> Die Planung war demnach keineswegs willk&#252;rlich, sondern Investitionsentscheidungen waren wesentlich von weltpolitischen Rivalit&#228;ten gepr&#228;gt. Folglich dr&#252;ckten sich „die kapitalistischen Akkumulationszw&#228;nge … in einer ‚verschobenen‘ Form aus, in einem erbitterten Drang nach ‚Gebrauchswerten‘, genauer gesagt [in] der Schaffung von Destruktionsmitteln.<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> Kriegsmaterialien, an denen der Staat als Verbraucher interessiert war, wurden zum Ziel der Produktion erhoben. Sie sollten dem eigentlichen Bestreben, n&#228;mlich dem Sieg im milit&#228;rischen und geopolitischen Konkurrenzkampf, dienen. „Gebrauchswerte werden also zum Ziel der Produktion, bleiben aber nach wie vor [blo&#223;e] Mittel im Konkurrenzkampf.“<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a></p>
<p><strong>Wertgesetz?</strong><br />
Hier soll nun ausf&#252;hrlicher gezeigt werden, wie zum einen die Zw&#228;nge des Wertgesetzes, vermittelt durch die geopolitische Konkurrenz, die Allokationsentscheide und Investitionspriorit&#228;ten der sowjetischen Planungsb&#252;rokratie anleiteten, und wie zugleich die im Unterschied zu den westlichen Kapitalismen extrem ausgepr&#228;gte b&#252;rokratische Deformation des Wertgesetzes ganz spezifische Entwicklungsmuster der sowjetischen Kommandowirtschaft verst&#228;ndlich machen.<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> Mit dem oft &#252;berstrapazierten Begriff „Wertgesetz“ wird ganz einfach der aus der Konkurrenz entstehende Druck auf die einzelnen Produktionseinheiten bezeichnet, sich auf die Produktivit&#228;tsniveaus jeder anderen Produktionseinheit zu beziehen. Weil als gesellschaftliche und somit wertbildende Arbeit nicht die konkret verausgabte Privatarbeit, sondern abstrakte gesellschaftlich notwendige Arbeit gem&#228;&#223; durchschnittlicher Produktivit&#228;t gilt, zwingt der externe Druck der Konkurrenz die einzelnen Produktionseinheiten zur Reinvestition von Mehrwert – sich also „als Kapital zu verhalten“<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a> – und die Produktivit&#228;tsniveaus an den gesellschaftlichen Durchschnitt anzugleichen. Das Wertgesetz manifestiert sich somit als Mechanismus der Allokation gesellschaftlicher Arbeit auf die unterschiedlichen Branchen und Einheiten der Produktion.<br />
In welchem Sinn wirkten diese Mechanismen in der sowjetischen &#214;konomie? Solange wir die Sowjetunion in Isolation von Weltmarkt und Staatensystem betrachten, scheint es, als h&#228;tten wir es tats&#228;chlich mit einer nicht-kapitalistischen &#214;konomie zu tun.<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> Die Allokation von Ressourcen geschieht b&#252;rokratisch geplant und unabh&#228;ngig von Produktivit&#228;t und Profitabilit&#228;t. Die Arbeitsprodukte einzelner Produktionseinheiten werden nicht durch Marktmechanismen im Tausch aufeinander bezogen, sondern zentral koordiniert, individuelle Privatarbeit gilt unmittelbar als gesellschaftliche Arbeit. Weil zugleich die &#246;konomischen Beziehungen der sowjetischen Wirtschaft zum Weltmarkt nur schwach ausgepr&#228;gt waren, kann demnach die Marktkonkurrenz nicht als externer Druck wirken, der die Produktionseinheiten zwingt, sich als Kapital zu verhalten.<br />
Sobald jedoch der Staat und die zwischenstaatliche Konkurrenz nicht als blo&#223;er „&#220;berbau“ verhandelt werden, ver&#228;ndert sich das Bild. Prinzipiell gibt es weder theoretisch noch historisch ein stichhaltiges Argument, warum nicht auch andere als Marktmechanismen den st&#228;ndigen Vergleich und die Gleichsetzung individueller Privatarbeiten vermitteln k&#246;nnen. Wie wir gesehen haben, hat in bestimmten Entwicklungsphasen des Kapitalismus die unmittelbare Funktion des Marktes, verschiedene Produktionsprozesse zueinander in Beziehung zu setzen, stark an Bedeutung verloren. Am deutlichsten ausgepr&#228;gt in den „Kriegswirtschaften“ der 1930er und 1940er Jahre war es letztlich die geopolitische Konkurrenz, die die <em>staatlich vermittelte</em> Durchsetzung der Wertgesetzm&#228;&#223;igkeiten organisierte. Zwar konnte der Staat hier Preise fixieren, so dass Produktivit&#228;t und Profitabilit&#228;t unmittelbar keine allokative Funktion erf&#252;llten; dennoch mussten sich staatlich koordinierte Planungsentscheide auch hier notwendig an den durchschnittlichen Bedingungen <em>im Weltma&#223;stab </em>orientieren. Der Staat zwang also die Produktionseinheiten, sich so zu verhalten, als ob sie sich am Markt behaupten m&#252;ssten – er zwingt ihnen das Wertgesetz auf. Wie Chris Harman ausf&#252;hrt: „Kein moderner Staat kann zulassen, dass die Mechanismen des Marktes – des Wertgesetzes – ihre F&#228;higkeit zur Kriegsf&#252;hrung zerst&#246;ren &#8230; Das Wertgesetz, das aus der inneren Funktionsweise des Gro&#223;konzerns oder der milit&#228;rischen Planung des Staats verbannt ist, &#252;bt nichtsdestotrotz einen entscheidenden bestimmenden Druck von au&#223;en aus. Die Richtung der ‚Planung‘ ist nicht beliebig. Sie muss Unternehmen und Staaten erm&#246;glichen, langfristig mit anderen milit&#228;risch oder &#246;konomisch zu konkurrieren.”<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a> Insofern kann die sowjetische Wirtschaft als Extremfall einer „mobilisierten Kriegswirtschaft“<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> charakterisiert werden. Seit 1929 war die russische Wirtschaft Zw&#228;ngen unterworfen, die in erster Linie aus den geopolitischen Konkurrenzverh&#228;ltnissen mit dem westlichen Kapitalismus entsprangen. Der Vergleich individueller Privatarbeiten und die Reduktion auf abstrakte gesellschaftliche Arbeit vollzog sich vermittelt durch und transponiert auf die geopolitischen Konkurrenzverh&#228;ltnisse der Staaten.<br />
Somit wird deutlich, dass die (reaktiven) Planungsentscheide der sowjetischen B&#252;rokratie nicht im luftleeren Raum ausgeheckt wurden – der Fokus auf die Entwicklung der Schwerindustrie kann z.B. eben nicht psychologisch aus irgendwelchen metallischen Vorlieben der Stalinisten erkl&#228;rt werden. Die politischen Entscheidungen der B&#252;rokratie waren durch die Konkurrenz bestimmt, auch wenn diese nicht die Form im strengen Sinn &#246;konomischer Markt-Konkurrenz annahm.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a> Aber die Konkurrenzverh&#228;ltnisse waren <em>kapitalistische </em>Konkurrenzverh&#228;ltnisse, weil sie den st&#228;ndigen Vergleich der Produktivit&#228;tsniveaus im Weltma&#223;stab und die konstante Transformation des Produktionsprozesses erforderten.<br />
Der Plan repr&#228;sentierte nicht die <em>Substitution </em>der Konkurrenz, sondern gerade den Mechanismus, durch den sich die globalen Konkurrenzverh&#228;ltnisse in den Planungsentscheiden durchsetzen. Wie es der Ghostwriter von Brezhnevs Memoiren ausdr&#252;ckte: „es gab die allgemeine Erkenntnis, dass wir in unserer Planung daran gebunden waren, nicht davon auszugehen was ‚m&#246;glich‘ war, sondern davon, was n&#246;tig war.“<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> Gareth Dale betont: „das Ausma&#223; der Ressourcen, die jedem Investitionsprojekt zugeteilt wurden, [wurde] weniger dadurch bestimmt, was die &#214;konomie tragen konnte, sondern durch die Standards, die die Konkurrenten setzten.“<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a><br />
Zur Charakterisierung bestimmter Gesellschaften als kapitalistisch hilft daher ein formalistischer Ansatz nicht weiter, der in Form einer Checkliste die Kategorien des <em>Kapital </em>den konkreten Gesellschaftsformationen entgegenh&#228;lt. Wer die Frage nach der Wirksamkeit des Wertgesetzes in der UdSSR in der Form „Gibt es Warenproduktion in der UdSSR?“ stellt, stellt sie auf k&#252;nstliche und statische Weise. Tats&#228;chlich: wenn wir die Produktion in der UdSSR <em>in Isolation</em> betrachten, dann handelt es sich nicht um die Produktion von Tauschwerten, sondern die Produktion von Gebrauchswerten als Ergebnis zentral koordinierter <em>konkreter </em>Arbeiten. Aber sobald wir die Analyse auf die Ebene der internationalen Konkurrenz heben, sehen wir, dass G&#252;ter in der UdSSR die gesellschaftliche Rolle von Waren annehmen – als Verk&#246;rperung abstrakter Arbeit. Die russische B&#252;rokratie <em>vergleicht </em>die Kosten zur Produktion von G&#252;tern in der UdSSR mit den Produktionskosten anderswo, und dieser Vergleich bezieht die konkreten Arbeiten auf abstrakte Arbeit im Weltma&#223;stab. Daher wird jede Ver&#228;nderung im Produktionsprozess im Westen auch Ver&#228;nderungen im Produktionsprozess in Russland erzwingen – und <em>vice versa</em>. Sicherlich gestaltete sich die b&#252;rokratische Durchsetzung der Wertgesetzm&#228;&#223;igkeiten als schwierig, und die durchstaatlichte Organisation der Wirtschaft bedingte spezifische Modifikationen in deren Wirkungsweise in der <em>internen </em>Funktionsweise der Sowjet&#246;konomie. Da die zentralstaatliche Administration der Wirtschaft – zumindest in der Investitionsg&#252;terindustrie (bei Marx „Abteilung I“ genannt) – den Zusammenhang von Produktion und Verkauf garantierte, konkrete Arbeit somit unmittelbar als gesellschaftliche Arbeit validierte, konnte auch Geld keine unabh&#228;ngige Funktion als allgemeines &#196;quivalent annehmen. Es blieb somit auf die Funktionen als Wertma&#223; und Zirkulationsmittel beschr&#228;nkt<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a>, und auch Profite hatten angesichts fehlender genuiner Preise den Charakter k&#252;nstlicher Konstruktionen.<br />
Begleitet war diese b&#252;rokratische Deformation des Werts durch die b&#252;rokratische Deformation des Gebrauchswerts. Wenn Produktion und Verkauf nicht auseinanderfallen konnten, so repr&#228;sentierten die produzierten G&#252;ter immer schon Gebrauchswerte <em>f&#252;r jemanden</em>. W&#228;hrend sich im Tausch am Markt erst herausstellen muss, ob ein Produkt ein gesellschaftliches Bed&#252;rfnis befriedigt, sprang hier der Staat ein. Nicht zuletzt aus diesen b&#252;rokratischen Deformationen – die h&#246;chstens quantitativ spezifisch f&#252;r die Sowjet&#246;konomie sind – erkl&#228;rt sich dann auch zu einem Gutteil das enorme Ausma&#223; ineffektiver und defektiver Produktion, das die sowjetische Wirtschaft kennzeichnete.<a title="anm_49" name="anm_49" href="#anm49"><sup>49</sup></a><br />
Dennoch haben gerade j&#252;ngere Forschungen auf die Existenz informeller horizontaler Beziehungen zwischen den einzelnen Produktionseinheiten der Sowjet-&#214;konomie hingewiesen, die halfen, jene durch die b&#252;rokratisch integrierte Organisation der Wirtschaft bedingten Ineffizienzen auszugleichen. Robert Whitesell etwa hat einen Quasi-Markt beschrieben, der nicht durch Preissignale operierte, sondern durch G&#252;tertausch als Antwort auf Engp&#228;sse der Wirtschaft. „Dieser Handelsverkehr … funktioniert auf Grundlage impliziter Tauschpreise [<em>barter prices</em>], die reale relative Produktivit&#228;ten reflektieren, und dadurch die Input-Allokation gegen&#252;ber den Planvorgaben verbessern.”<a title="anm_50" name="anm_50" href="#anm50"><sup>50</sup></a> Durch diese Mechanismen habe die Sowjetunion ein Niveau allokativer Effizienz erreicht, das sich nicht signifikant vom Westen unterschieden habe.<a title="anm_51" name="anm_51" href="#anm51"><sup>51</sup></a><br />
Auf Grundlage &#228;hnlicher Argumente haben bestimmte marxistische Theorien &#252;ber die Sowjetunion deren kapitalistischen Charakter im Wesentlichen in den internen „Konkurrenzverh&#228;ltnissen“ autonomer Produktionseinheiten (die als Konkurrenz „vieler Kapitalien“ konzeptualisiert wird) zu verorten versucht. (z.B. Paresh Chattopadhyay oder Neil Fernandez).<a title="anm_52" name="anm_52" href="#anm52"><sup>52</sup></a> Bei allen Einsichten im Detail halten wir den theoretischen Einstiegspunkt und methodischen Nationalismus dieser Ans&#228;tze dennoch f&#252;r grundfalsch. Zwar ist wichtig herauszustellen, dass der „Planungsprozess auch ein kompetitiver Prozess [war], der sich in den Auseinandersetzungen zwischen zentralem Plan und den Interessen der lokalen Manager, zwischen Managern, zwischen Managern und Arbeitern sowie zwischen Arbeitern und dem Arbeitsmarkt manifestierte.“ Der spezifisch kapitalistische Charakter der sowjetischen Wirtschaft entschl&#252;sselt sich aber nicht aus den internen Tauschverh&#228;ltnissen der einzelnen Produktionseinheiten, sondern aus den geopolitisch vermittelten und staatlich durchgesetzten Zw&#228;ngen, die staatliche Investitionspriorit&#228;ten diktierten und erforderten, die einzelnen Produktionseinheiten unter einer „&#252;berspannenden Akkumulationsstrategie“ <a title="anm_53" name="anm_53" href="#anm53"><sup>53</sup></a> zu organisieren.<a title="anm_54" name="anm_54" href="#anm54"><sup>54</sup></a></p>
<p><strong>Lohnarbeit und Arbeitsmarkt</strong><br />
Die blo&#223;e Inklusion eines Landes in eine kapitalistische Weltordnung reicht dennoch noch nicht aus, um eine soziale Formation als kapitalistisch zu bezeichnen. Zur Illustration sei hier ein Beispiel genannt: In Osteuropa, und zwar in der &#196;ra der zweiten Leibeigenschaft (1500-1800), f&#252;hrte das Aufkommen eines gesamteurop&#228;ischen Marktes f&#252;r Getreide zwischen kapitalistischen bzw. sich modernisierenden Staaten und die Integration in diesen Markt nicht zu kapitalistischen Dynamiken. Im Gegenteil blieben in Osteuropa feudale Produktionsverh&#228;ltnisse trotz massiver Getreideexporte, also trotz einer Einbindung in den Weltmarkt, bestehen.<a title="anm_55" name="anm_55" href="#anm55"><sup>55</sup></a> In Russland sahen die Verh&#228;ltnisse anders aus. In der Sowjetunion sowie in den Ostblockstaaten wurde der Mehrwert – ebenso wie in den anderen kapitalistischen L&#228;ndern auch – durch die Lohnform von den direkten ProduzentInnen abgepresst. Der offiziellen sowjetischen Theorie zufolge durfte Arbeitskraft keine Ware sein.<a title="anm_56" name="anm_56" href="#anm56"><sup>56</sup></a> Wird jedoch ein Blick auf empirische Untersuchungen zur konkreten Form der Arbeitsverh&#228;ltnisse geworfen, besteht kaum Zweifel daran, dass die Arbeitskraft in der UdSSR durchaus Warenform annahm. Dieser Ansatz ist allerdings nicht unumstritten. H&#228;ufig wurde argumentiert, dass die Tyrannei des stalinistischen Regimes die ArbeiterInnen eher als SklavInnen erscheinen lasse denn als ArbeiterInnen.<a title="anm_57" name="anm_57" href="#anm57"><sup>57</sup></a> Es ist richtig, dass die sowjetische ArbeiterInnenschaft nicht das Recht hatte, sich zu organisieren, und auch sonst kaum bis gar keine demokratischen Freiheiten genoss. Doch sind diese – auch wenn es bez&#252;glich demokratischer Mitbestimmung verschiedene Abstufungen gibt – nun gerade kein Charakteristikum, das den weltweiten Kapitalismus auszeichnen w&#252;rde. Es sind andere Kriterien, die in der Debatte um Lohnarbeit in der UdSSR ausschlaggebend sind und folglich einer Untersuchung bed&#252;rfen. Damit Arbeitskraft zur Ware wird, m&#252;ssen zwei Bedingungen gegeben sein: Erstens muss es Menschen geben, die als Eigent&#252;merInnen &#252;ber ihre Arbeitskraft verf&#252;gen, ihre Arbeitskraft also verkaufen k&#246;nnen. F&#252;r SklavInnen oder leibeigene B&#228;uerInnen w&#228;re dies nicht m&#246;glich, da sie keine rechtlich freien Personen sind. Zweitens muss es Menschen geben, die „frei“ von Produktionsmitteln und daher gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Diese „doppelte Freiheit“ &#228;u&#223;ert sich darin, dass die eigene Arbeitskraft – im Unterschied zu der eines/r SklavIn oder Leibeigenen – stets nur f&#252;r bestimmte Zeit verkauft wird. Das Problem, das sich nun f&#252;r Sowjetrussland stellt, ist folgendes: Wenn es tats&#228;chlich nur einen Unternehmer – den Staat – gab, w&#228;re ein „Wechsel des Lohnherrn“ sowie der periodische Verkauf der Arbeitskraft blo&#223;e Formalit&#228;t.<a title="anm_58" name="anm_58" href="#anm58"><sup>58</sup></a> Die Situation in der UdSSR stellte sich jedoch weitaus komplexer dar, als dass der Staat schlicht mit einer gro&#223;en Fabrik gleichgesetzt werden k&#246;nnte. Die Sowjetunion war eine National&#246;konomie, und als solche stand sie Problemen der effektiven Verteilung von Arbeitskr&#228;ften auf die verschiedenen Produktionszweige gegen&#252;ber. H&#228;tte diese Verteilung systematisch und ausschlie&#223;lich auf Zwang basiert, k&#246;nnte tats&#228;chlich nicht von LohnarbeiterInnen, sondern m&#252;sste viel eher von einer Art Staats-SklavInnen gesprochen werden.<a title="anm_59" name="anm_59" href="#anm59"><sup>59</sup></a> Dies war jedoch nicht der Fall. Es l&#228;sst sich zeigen, dass jene oben erw&#228;hnten Voraussetzungen f&#252;r das Bestehen von Arbeitskraft als einer Ware durchaus gegeben waren. Erstens ist davon auszugehen, dass die Mobilit&#228;t der Arbeitskraft in keinem hoch entwickelten, kapitalistischen Land uneingeschr&#228;nkt ist – ganz zu schweigen von den Bewegungsm&#246;glichkeiten der ArbeiterInnen zwischen den verschiedenen L&#228;ndern. Deutlich wird dies vor allem in Kriegszeiten, wenn – in kapitalistischen Staaten – die Mobilit&#228;t der Arbeitskr&#228;fte besonders streng reguliert wird.<a title="anm_60" name="anm_60" href="#anm60"><sup>60</sup></a> Zweitens besteht kein Zweifel daran, dass in der Sowjetunion Zwangsarbeit in zahlreichen Formen und Abstufungen – und in besonders hohem Ausma&#223; w&#228;hrend der Stalin-&#196;ra – existierte. Zwangsarbeit wurde jedoch nie zur dominierenden Form der Ausbeutung in der UdSSR.<a title="anm_61" name="anm_61" href="#anm61"><sup>61</sup></a><br />
Wenn Lohnarbeit existiert hat, dann muss es auch einen Arbeitsmarkt gegeben haben. Mit dem ersten F&#252;nfjahresplan nahm die zentralwirtschaftliche Planung zweifelsohne ein neues Ausma&#223; an. Doch wusste „das Zentrum nicht immer genau …, was in der mikro-&#246;konomischen Sph&#228;re getan werden muss[te], und [deshalb sollte man] einer Art Marktbeziehungen der Unternehmen untereinander und zwischen Unternehmen und Konsumenten Raum geben“.<a title="anm_62" name="anm_62" href="#anm62"><sup>62</sup></a> Tats&#228;chlich kann der Staat nicht als ein monolithischer Arbeitgeber verstanden werden. In der Praxis konkurrierten Ministerien und Unternehmen – die den Ministerien in der Regel unterstanden<a title="anm_63" name="anm_63" href="#anm63"><sup>63</sup></a> – um Arbeitskr&#228;fte. In dieser Situation wirkten Marktkr&#228;fte, also Angebot und Nachfrage bez&#252;glich unterschiedlicher konkreter Arbeitsleistungen, die sich auf die L&#246;hne auswirkten. Damit sich die Arbeitskr&#228;fte so verteilten, wie es den auszuf&#252;hrenden Planvorgaben entsprach, wurden verschiedene Anreize geschaffen. Einerseits gab es offizielle, von Seiten der Regierung vorgegebene, Ab&#228;nderungen der Lohnskalen, um das Angebot zu stimulieren. So waren z.B. angesichts des schlechten Versorgungsniveaus und anderen Unannehmlichkeiten wenige Menschen bereit, in Sibirien zu arbeiten. „Es wurde [also] notwendig, den regionalen Aufschlag und damit den Lohnfonds f&#252;r Unternehmen mit Standort in Sibirien zu erh&#246;hen“.<a title="anm_64" name="anm_64" href="#anm64"><sup>64</sup></a> Auf der anderen Seite – da offizielle &#196;nderungen doch verh&#228;ltnism&#228;&#223;ig selten vorkamen oder vielleicht schlicht und einfach und nicht dem &#246;rtlichen Bedarf entsprachen – bem&#252;hten sich einzelne Unternehmen bzw. Betriebsleiter, die offiziellen Lohnskalen zu umgehen.<a title="anm_65" name="anm_65" href="#anm65"><sup>65</sup></a> Auch wenn derartigen Unternehmungen Grenzen gesetzt waren, konnten doch zus&#228;tzliche Anreizmechanismen geschaffen werden: mit Hilfe von Neueinstufungen in h&#246;here Qualifikations- und also Gehaltsklassen, mit leicht erreichbaren Akkords&#228;tzen, Pr&#228;miensystemen, Extrazahlungen, privilegiertem Zugang zu G&#252;tern und Dienstleistungen usw. wurde versucht, die Distribution der Arbeitskr&#228;fte zu beeinflussen.<a title="anm_66name="anm_66" href="#anm66"><sup>66</sup></a> Folglich ist es nicht weiter verwunderlich, dass etliche Unregelm&#228;&#223;igkeiten in den Lohnverh&#228;ltnissen auftraten, so dass z.B. gleiche Arbeiten unterschiedlich bezahlt wurden, je nach dem Ministerium, dem der betreff ende Betrieb unterstellt war.<a title="anm_67" name="anm_67" href="#anm67"><sup>67</sup></a> Die Voraussetzung f&#252;r all dies besteht allerdings darin, dass nicht mit einer geplanten Arbeitsmobilit&#228;t zu rechnen war. Arbeitskr&#228;fte konnten in der Regel k&#252;ndigen und eine neue Besch&#228;ftigung suchen.<a title="anm_68" name="anm_68" href="#anm68"><sup>68</sup></a> „Heute entspricht es einem historiographischen Allgemeinplatz anzuerkennen, dass sowjetische ArbeiterInnen immer zwischen Betrieben umhergezogen sind und dass sogar in der Periode der schlimmsten drakonischen Arbeitsgesetzgebungen unter Stalin eine relativ hohe Fluktuation am Arbeitsplatz geherrscht hat“.<a title="anm_69" name="anm_69" href="#anm69"><sup>69</sup></a> Es gab durchaus verschiedene Ausweissysteme und Zuzugsgenehmigungen in der Sowjetunion. Sie waren dazu gedacht, unkontrollierte Einwanderung in Gro&#223;st&#228;dte sowie Landflucht zu verhindern bzw. zumindest zu regulieren. Ausf&#252;hrliche Statistiken dokumentieren jedoch, dass Millionen Menschen j&#228;hrlich ihren Arbeitsplatz wechselten.<a title="anm_70" name="anm_70" href="#anm70"><sup>70</sup></a> Auch wenn es nicht unbedingt im Einklang mit dem Plan stand, gab es demzufolge ArbeiterInnen, die von Region zu Region zogen, sowie einen steten Drift von vor allem jungen Menschen von l&#228;ndlichen Gegenden in die Stadt.<a title="anm_71" name="anm_71" href="#anm71"><sup>71</sup></a> All diese Anhaltspunkte weisen darauf hin, dass in der UdSSR ein hoch entwickelter Arbeitsmarkt und mit diesem eben auch Lohnarbeit existiert hat.<br />
Den Lohn erhielten die ArbeiterInnen in Form von Geld. Dieses fungierte tats&#228;chlich auch als solches – d.h. es handelte sich nicht etwa um Warengutscheine, die nur gegen bestimmte, vorgegebene G&#252;ter eingetauscht werden konnten. So war es m&#246;glich, L&#246;hne in Staatsl&#228;den auszugeben, in denen frei zwischen verschiedenen Produkten – auch wenn Verknappungen keine Seltenheit waren – gew&#228;hlt werden konnte. Die Preise spielten hier eine aktive Rolle und beeinflussten die Kaufentscheidungen der KonsumentInnen. Diese wirkten sich dann wiederum indirekt auf die Produktionspl&#228;ne aus.<a title="anm_72" name="anm_72" href="#anm72"><sup>72</sup></a> Selbst wenn also, wie es in diesem Abschnitt versucht wurde, die UdSSR in Isolation – sprich unter Abstraktion von der kapitalistischen Welt&#246;konomie – betrachtet wird, kommt man zu dem Ergebnis, dass es Lohnarbeit und einen entwickelten Markt f&#252;r Arbeitskraft und Konsumg&#252;ter gab.</p>
<p><strong>Krisendynamiken</strong><br />
Die beiden letzten Abschnitte haben gezeigt, dass die Sowjetunion eine Klassengesellschaft war, die von der kompetitiven Logik kapitalistischer Akkumulation bestimmt wurde. Als solche wies sie auch typisch kapitalistische Krisentendenzen und -dynamiken auf. Hierbei scheint es sinnvoll, zwischen kurzfristigen Zyklen („Planzyklen“) und langfristigen Trends zu unterscheiden, sowie die spezifischen Entwicklungsmuster aus der Interaktion interner Strukturen und sich ver&#228;ndernden externen Bedingungen zu erkl&#228;ren.<a title="anm_73" name="anm_73" href="#anm73"><sup>73</sup></a> Der Versuch, mit den entwickelten Kapitalismen zu konkurrieren, zog in den stalinistischen Kommando&#246;konomien einen permanenten Trend zur &#220;berinvestition nach sich, wobei das exzessive Investitionsniveau unweigerlich wachsende Engp&#228;sse an Rohstoffen, Halbfertigprodukten und Arbeitskr&#228;ften bedeutete. Der Nachfrage&#252;berschuss f&#252;hrte zu inflation&#228;rem Druck, der sich direkt in steigende Preise &#252;bersetzte, oder „versteckt“ als akute G&#252;terknappheit artikulierte. Ohne staatliche Intervention h&#228;tte diese Tendenz zur &#220;berinvestition schlie&#223;lich in die Stilllegung ganzer Betriebe und Sektoren umschlagen m&#252;ssen. Aber wie im Westen w&#228;hrend des langen Booms versuchte der Staat auch hier, die &#214;konomie „abzuk&#252;hlen“. Er ordnete an, bestimmte Investitionen „einzufrieren“ und Ressourcen umzulenken. Das bedeutete, dass Fabriken pl&#246;tzlich von einer Art Output auf eine andere umgestellt wurden (oder dass manche Projekte einfach auf Jahre unfertig blieben). Der Mythos der vorausschauenden Planung wurde durch die Realit&#228;t der reaktiven Allokation <em>a posteriori</em> konterkariert, die wiederholte Verlagerungen von Inputs und Outputs – mit der Begleiterscheinung hoher Verschwendungsproduktion – beinhaltete. In Reaktion auf die unberechenbaren Entscheidungen der Planungsb&#252;rokratie begannen Fabriksleitungen Ressourcen zu horten und versch&#228;rften damit die Ineffizienz der Wirtschaft noch weiter. Die kurzfristige L&#246;sung bestand ganz einfach in drastischen Angriff en auf den Lebensstandard der ArbeiterInnen oder Versuchen der Effizienzsteigerung durch Technologie-Importe von westlichen Unternehmen, die im Gegenzug freilich Handlungsr&#228;ume jenseits der b&#252;rokratisch zentralisierten Verwaltung einforderten.<br />
Langfristig unterminierte diese &#220;berinvestitionstendenz den Prozess kapitalistischer Akkumulation selbst. In der steigenden Wertzusammensetzung des Kapitals – und zunehmendem fixen Kapital – ist, so hat Marx im dritten Band des Kapital ausgef&#252;hrt, der tendenzielle Fall der Durchschnittsprofitrate angelegt.<a title="anm_74" name="anm_74" href="#anm74"><sup>74</sup></a> In „klassischen freien Marktwirtschaften“ w&#252;rden im Zuge dessen Investitionsraten fallen. Abgesehen von der Tatsache, dass in der Sowjetunion auf der Ebene einzelner Betriebe „Mehrwert“ und „Profit“ durch Verzerrungen der Preisstruktur modifiziert waren und die b&#252;rokratische Verwaltung die von Profitabilit&#228;ts&#252;berlegungen motivierte Mobilit&#228;t von Kapital zwischen Produktionssektoren (und somit die Herausbildung einer durchschnittlichen Profitrate) unterband, ist f&#252;r unsere Diskussion entscheidend, dass die sowjetische Planungsb&#252;rokratie das gesamte Surplus unabh&#228;ngig von Profitabilit&#228;ts&#252;berlegungen weiterhin investierte und somit zwar bis in die 1970er hohe Wachstumsraten garantieren konnte, langfristig jedoch die grundlegenden Probleme sowie die Durchschlagskraft zyklischer Fluktuationen versch&#228;rfte.<br />
Die Mechanismen, durch die diese Widerspr&#252;che in „freien Marktwirtschaften“ tempor&#228;r gel&#246;st werden, sind in erster Linie jene durch die Krise selbst bedingten Rationalisierungen des Systems: Bankrotte ineffizienter Unternehmen, Kapitalabwertung, Restrukturierung. Gerade diese Mechanismen k&#246;nnen jedoch in staatskapitalistischen &#214;konomien nicht greifen. Tendenziell gilt das freilich f&#252;r alle modernen Kapitalismen, wie auch die Debatten im Zuge der j&#252;ngsten Wirtschaftskrise zeigen: soll der Staat bankrotte Unternehmen auffangen, oder riskieren, dass der Kollaps von Riesenkonzernen andere mit in den Abgrund rei&#223;t?<br />
Chris Harman schreibt: „Der Staat … interveniert, um diejenigen Unternehmen &#252;ber Wasser zu halten, die durch die Marktkr&#228;fte untergehen w&#252;rden. Aber der Staat kann das nur tun, wenn er die Kosten der Rettungsaktionen beinahe bankrotter Firmen mit einem Teil des Mehrwerts bezahlt, der ansonsten unter den anderen Unternehmen verteilt w&#252;rde. Die Rationalisierung des Systems wird nicht l&#228;nger durch die Destruktion einiger Kapitalien zugunsten der anderen bezahlt, sondern durch Einschnitte in die Profitraten aller Kapitalien. Die zyklische Krise versch&#228;rft die langfristige Tendenz fallender Profitraten, statt sie abzumildern.”<a title="anm_75" name="anm_75" href="#anm75"><sup>75</sup></a> F&#252;r die b&#252;rokratischen &#214;konomien des Ostblocks ist die Situation noch schwieriger. Der Staat ist das einzige Kapital; die staatliche Industrie muss also die Kosten der Elimination ihrer eigenen ineffizienten Sektoren tragen und das zieht die Wachstumsraten noch weiter nach unten.<br />
Gleichzeitig bedeutete die enorme weltweite Produktivkraftentwicklung, dass die sowjetische &#214;konomie die Effizienz der westlichen Gro&#223;konzerne nur durch massive Investitionsprojekte erreichen konnte. Der Druck zur &#220;berinvestition steigt, und die Investitionen sind in wenigen riesigen Projekten konzentriert, die einen immer gr&#246;&#223;eren Teil des nationalen Outputs binden. Jedes Mal wenn solche Projekte „eingefroren“ werden m&#252;ssen, damit andere fertiggestellt werden k&#246;nnen, resultiert das in enormer Verschwendung. So gut wie alle Ostblockstaaten (wenn auch nicht Russland selbst) haben daher seit den sp&#228;ten 1960ern und fr&#252;hen 1970ern versucht, ihre Probleme durch eine Erh&#246;hung des Au&#223;enhandels mit dem „Westen“ und „Dritte-Welt-L&#228;ndern“, sowie durch westliche Investitionen im eigenen Land zu umgehen. „Sie hofften, dass sie die Ressourcen der Weltwirtschaft nutzen k&#246;nnten, um die Verzerrungen zu &#252;berwinden, die der weltweite kompetitive Druck auf die National&#246;konomie erzeugte.“<a title="anm_76" name="anm_76" href="#anm76"><sup>76</sup></a> Die westlichen &#214;konomien hatten diesen Weg der Internationalisierung des Handels, der Produktion und der Investitionen bereits zwei Jahrzehnte fr&#252;her beschritten, und “[s]obald diese Internationalisierungsprozesse in Gang waren, war der Druck, daran teilzunehmen, immens. Dies zu unterlassen bedeutete, von den weltweiten technologischen Fortschritten und den enormen Ressourcen des internationalen Kreditwesens abgeschnitten zu sein. Es bedeutete, dem weltweiten Wachstum der Produktivit&#228;t hinterher zu hinken.”<a title="anm_77" name="anm_77" href="#anm77"><sup>77</sup></a><br />
Die Internationalisierung der Investitionsstr&#246;me bedeutete, dass die Organisationsformen, die die Sowjetunion in eine Supermacht transformiert hatten, nicht l&#228;nger mit den globalen Entwicklungsmustern korrespondierten. Aufgrund der fehlenden Integration in den Weltmarkt war die sowjetische Wirtschaft abgeschnitten von jenen Produktivit&#228;tsfortschritten, die mit der internationalen Arbeitsteilung einhergingen. Die Abh&#228;ngigkeit von Technologieimporten konnte zwar in den 1970ern durch die hohen &#214;lpreise am Weltmarkt noch finanziert werden; aber gerade die Notwendigkeit von Rohstoffexporten machte die sowjetische Wirtschaft extrem verwundbar f&#252;r Fluktuationen am Weltmarkt.<br />
Ende der 1980er stie&#223; das Modell autorit&#228;rer Modernisierung schlie&#223;lich an seine Grenzen. Die institutionellen Strukturen, die die schnelle Industrialisierung nach 1928 erm&#246;glicht hatten, behinderten nun die weitere Entwicklung. Die Ver&#228;nderungen der globalen geopolitischen und &#246;konomischen Bedingungen, gekoppelt mit den b&#252;rokratischen H&#252;rden interner Restrukturierung, mussten schlussendlich im „regime change“ m&#252;nden; Gorbachovs Projekt autorit&#228;rer Reform wurde in den R&#228;umen, die <em>glasnost </em>er&#246;ffnet hatte, durch Mobilisierungen von unten &#252;ber sich hinaus getrieben.</p>
<p><strong>Schluss</strong><br />
Die Krisendynamik der stalinistischen Kommandowirtschaften verweist nicht allein auf die Tatsache, dass die Stabilit&#228;t des b&#252;rokratisch-staatskapitalistischen Akkumulationsregimes durch die Ver&#228;nderungen der globalen geopolitischen und &#246;konomischen Bedingungen unterlaufen wurde, sondern zugleich auf grundlegende Widerspr&#252;che der kapitalistischen Produktionsweise selbst. Die Entwicklung der Sowjetunion blieb an dieselbe Logik, dieselbe Dynamik, dieselben Imperative gekn&#252;pft wie die gesamte kapitalistische Weltwirtschaft. Wenn eine „andere Welt m&#246;glich“ werden soll, dann k&#246;nnen antikapitalistische Alternativen nicht an den vermeintlich progressiven Elementen verstaatlichter Planung ankn&#252;pfen, sondern an den Potentialen der Selbstemanzipation, die in den Revolutionen 1917 deutlich wurden.<a title="anm_78" name="anm_78" href="#anm78"><sup>78</sup></a></p>
<h3>Anmerkung</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Francis Fukuyama ist ein US-amerikanischer Politikwissenschaftler, der 1989 das Ende der Geschichte ausrief. Nicht nur der Kalte Krieg, sondern die Geschichte als solche h&#228;tte ihr Ende gefunden, wobei er den Siegeszug der „westlichen, liberalen Demokratie“ vor Augen hatte.</p>
<p><a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Callinicos, Alex: Marxist History and the Twentieth Century; in: Wickham, Chris (Hg.): Marxist History-writing for the Twenty-first Century. Oxford 2007, S. 158-179, hier S. 167.</p>
<p><a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Fundierte theoretische &#220;berlegungen wurden vor allem innerhalb der revolution&#228;ren Linken entwickelt, als Teil einer internen Kritik an der weiteren Entwicklung bzw. der Degeneration der Revolution von 1917 (vgl. Haynes, Mike: Marxism and the Russian Question in the Wake of the Soviet Collapse, in: Historical Materialism 10:4 (2002), S. 324).</p>
<p><a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> MEW 25, S. 33.</p>
<p><a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Callinicos, Alex: Ben&#246;tigt der Kapitalismus das Staatensystem?; in: Kaindl, Christina et al. (Hg.): Kapitalismus reloaded. Kontroversen zu Imperialismus, Empire und Hegemonie. Hamburg 2007, S. 11-32, hier S. 22. Vgl. Althusser: Das Marxsche Denken vollzieht sich, „ganz fern von jeder Selbst-Herstellung der Begriff e, durch die Setzung eines Begriff s und die anschlie&#223;ende Erforschung (Analyse) des durch diese Setzung zugleich erschlossenen und geschlossenen (begrenzten) Raumes, usf.: Bis hin zur Konstitution theoretischer Felder eines &#228;u&#223;ersten Komplexit&#228;tsgrades“. (Althusser, Louis: Marx‘ Denken im Kapital; in: Prokla 50 (1983), S. 130-147, hier S. 130, &#228;hnl. auch S. 139)</p>
<p><a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Vgl. Bidet, Jacques: Exploring Marx’s Capital. Philosophical, Economic and Political Dimensions. Leiden 2007.</p>
<p><a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> MEW 13, S. 631.</p>
<p><a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> „Modifikation des jeweiligen theoretischen Feldes durch das Hinzutreten eines neuen Begriff s, durch das dessen Bedeutung und Grenzen verschoben werden“. (Althusser, a.a.O., S. 141)</p>
<p><a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Callinicos, Alex: Periodizing Capitalism and Analyzing Imperialism. Classical Marxism and Capitalist Evolution; in: Albritton, Robert et al. (Hg.): Phases of Capitalist Development. Booms, Crises and Globalizations. Houndmills 2001, S. 230-245, hier, S. 231. Marx selbst hat einmal nebenbei bemerkt, dass die „Staatseinmischung … das naturgem&#228;&#223;e &#246;konomische Verh&#228;ltnis verf&#228;lscht.“ (MEW 23, S. 587)</p>
<p><a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Dale, Gareth: Between state capitalism and globalization. Oxford 2004, S. 35.</p>
<p><a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Ebd., S. 36.</p>
<p><a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Ebd., S. 36f, Zitate nach Barker, Colin: Th e Force of Value (1998, unver&#246;ffentlicht), S. 31.</p>
<p><a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Dale, a.a.O., S. 31, vgl. auch S. 51.</p>
<p><a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Auf der Ebene einzelner Staaten kann diese strukturelle Interdependenz (tempor&#228;r) auch zur beinahen Aufl&#246;sung der Ausdifferenzierung von Staat und Kapital f&#252;hren.</p>
<p><a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Vgl. schon Hilferding, sowie Bucharins „zwei Tendenzen“ der nationalstaatlichen Integration und der Internationalisierung des Kapitals.</p>
<p><a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Vgl. z.B. Harvey, David: Der neue Imperialismus. Hamburg 2005.</p>
<p><a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Dale, a.a.O., S. 37f.</p>
<p><a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Ausf&#252;hrlicher zu Weltmarkt, Staatensystem und dadurch bedingten Modifikationen des Wertgesetzes: von Braunm&#252;hl, Claudia: Weltmarktbewegung des Kapitals, Imperialismus und Staat; in: Probleme einer materialistischen Staatstheorie. Frankfurt 1973, S. 11-91.</p>
<p><a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Vgl. Haynes, Mike: Marxism and the Russian Question in the Wake of the Soviet Collapse; in: Historical Materialism 10:4, S. 335f.</p>
<p><a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Zu Gramscis Konzept der „passiven Revolution“ vgl. Morton, Adam David: Unravelling Gramsci. Hegemony and Passive Revolution in the Global Political Economy, London 2007, S. 39-75, sowie Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte Hamburg 1991ff ., S. 966 und 1043f.</p>
<p><a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Callinicos, Alex: The Revenge of History. Marxism and the East European Revolutions. London 1991, S. 120.</p>
<p><a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Dessen waren sich auch die meisten Bolschewiki in den fr&#252;hen 1920er Jahren bewusst. An einen „Sprung in den Kommunismus“ glaubte hier niemand – im Gegensatz zu den voluntaristischen Phantasien im Hochstalinismus.</p>
<p><a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> ArbeiterInnen 1928: 3.124.000; 1940: 8.290.000</p>
<p><a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Vgl. Haynes, Russia, a.a.O., S. 85: Verh&#228;ltnis Abteilung I (Investitionsg&#252;ter) vs. II (Konsumg&#252;ter): 1928: 39,5 vs. 60, 5%; 1940: 61,0 vs. 39%; 1960: 72,5 vs. 27,5%. Und die Reall&#246;hne wurden drastisch gek&#252;rzt: bis in die 1950er erreichten sie nicht mehr das Niveau von 1928.</p>
<p><a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Vgl. Stalin, Josef: &#220;ber die Aufgaben der Wirtschaftler, http://www.mlwerke.de/st/wirtscha.htm (1931): „Wir sind hinter den fortgeschrittenen L&#228;ndern um 50 bis 100 Jahre zur&#252;ckgeblieben. Wir m&#252;ssen diese Distanz in zehn Jahren durchlaufen. Entweder bringen wir das zustande, oder wir werden zermalmt.“<br />
Vgl. auch die Resolution am 15. Parteikongress 1927: „Angesichts eines m&#246;glichen Milit&#228;rschlags kapitalistischer Staaten gegen den proletarischen Staat [sic] sollte der F&#252;nf-Jahres-Plan die gr&#246;&#223;te Aufmerksamkeit auf die schnellstm&#246;gliche Entwicklung jener Sektoren der Wirtschaft im Allgemeinen, und der Industrie im Besonderen, legen, die die wichtigste Rolle in der Sicherung der Landesverteidigung und &#246;konomischer Stabilit&#228;t in Kriegszeiten spielen.” (zit. n. Ellman, Michael: Soviet Industrialization: a remarkable success?; in: Slavic Review 63:4 (2004), S. 841-849, hier S. 842) </p>
<p><a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Entscheidend sind schlie&#223;lich nicht juristische Eigentumsverh&#228;ltnisse sondern die Verf&#252;gungsgewalt &#252;ber Produktionsmittel und Arbeitsprozess. Zur NEP vgl. Duma, Veronika/ Probst, Stefan: Sowjetmacht vs. Parteidiktatur, in: Perspektiven Nr. 6, S. 48-57</p>
<p><a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Vgl. ten Brink, Tobias: Geopolitik. Geschichte und Gegenwart kapitalistischer Staatenkonkurrenz. M&#252;nster 2008, S. 184</p>
<p><a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Ebd., S. 184</p>
<p><a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Ebd.</p>
<p><a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Ebd., S. 205</p>
<p><a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Ebd., S. 205f.</p>
<p><a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Ebd., S. 206</p>
<p><a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Hobsbawm, zit. nach ten Brink, a.a.O., S. 205</p>
<p><a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Ebd., S. 207f.</p>
<p><a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Ebd., S. 196f.</p>
<p><a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> Vgl. Van der Linden, Marcel: Von der Oktoberrevolution zur Perestroika. Der westliche Marxismus und die Sowjetunion. Frankfurt 1992, S. 239</p>
<p><a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Vgl. Cliff , Tony: Staatskapitalismus in Russland. Eine marxistische Analyse. Frankfurt 1975, S. 209</p>
<p><a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> ten Brink, a.a.O., S. 197</p>
<p><a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Cliff , a.a.O., S. 210</p>
<p><a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Das hei&#223;t, dass „innere“ und „&#228;u&#223;ere“ Verh&#228;ltnisse nicht getrennt werden k&#246;nnen, wie das etwa bei Cox der Fall ist. Vgl. Cox, Robert W.: „Real Socialism“ in Historical Perspective; in: Socialist Register 1991, S. 169-193.</p>
<p><a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> MEW 23, S. 618</p>
<p><a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Vgl. Howl, Derek: The Law of Value and the USSR; in: International Socialism 49 (1990), S. 89-113, hier S. 90</p>
<p><a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Harman, Chris: Criticism which does not withstand the test of logic; in: International Socialism 49 (1990), S. 65-88, hier S. 67</p>
<p><a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Sapir, Jacques: Logik der sowjetischen &#214;konomie oder die permanente Kriegswirtschaft. M&#252;nster 1992, S. 22.</p>
<p><a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Allerdings sollte darauf hingewiesen werden, dass es sehr wohl auch direkte &#246;konomische Beziehungen zum Weltmarkt gab: v.a. &#214;l- und Rohstoffexporte im Austausch f&#252;r Technologieimporte.</p>
<p><a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> Zit. n. Haynes, Mike: Rethinking Class Power in the Russian Factory 1929-1991, University of Wolverhampton Working Paper Series 2006, S. 8</p>
<p><a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> Dale, a.a.O., S. 83</p>
<p><a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> Selbst wenn wir die Sowjetunion in Isolation betrachten stellt sich die Situation bezogen auf Abteilung II (Konsumg&#252;terproduktion) allerdings bereits anders dar. Geld/Preise fungierten sehr wohl als Mechanismus der Allokation von Konsumg&#252;tern. Vgl. die Diskussion um Warenform der Arbeitskraft und Geldlohn weiter unten.</p>
<p><a title="anm49" name="anm49" href="#anm_49">49</a> Vgl. What was the USSR? Towards a Theory of the Deformation of Value. Part IV; in: Aufheben 9 (2000), S. 29-46</p>
<p><a title="anm50" name="anm50" href="#anm_50">50</a> Whitesell, Robert S.: Why does the Soviet economy appear to be allocatively efficient?; in: Soviet Studies 42:2 (1990), S. 259-268, hier S. 262</p>
<p><a title="anm51" name="anm51" href="#anm_51">51</a> Der sowjetische Reform&#246;konom und sp&#228;tere Gorbachov-Berater Aganbegyan sprach von „eingeschr&#228;nktem und deformiertem internen Markt“.</p>
<p><a title="anm52" name="anm52" href="#anm_52">52</a> Fernandez, Neil: Capitalism and Class Struggle in the USSR. A Marxist Theory. Aldershot 1997; Chattopadhyay, Paresh: The Marxian Concept of Capital and the Soviet Experience. Essay in the Critique of Political Economy. Westport 1994. Bezeichnenderweise sprechen beide auch nicht von <em>Staats</em>kapitalismus sondern von Kapitalismus <em>tout court</em>.</p>
<p><a title="anm53" name="anm53" href="#anm_53">53</a> Flaherty, Patrick: Cycles and Crises in Statist Economies; in: Review of Radical Political Economics 24:3 (1992).</p>
<p><a title="anm54" name="anm54" href="#anm_54">54</a> Vgl. Haynes, Rethinking, a.a.O.</p>
<p><a title="anm55" name="anm55" href="#anm_55">55</a> Vgl. Callinicos, Alex: Wage Labour and State Capitalism; in: International Socialism 12 (1981), S. 98-118, hier S. 105f.</p>
<p><a title="anm56" name="anm56" href="#anm_56">56</a> Vgl. Nove, Alec: Das sowjetische Wirtschaftssystem. Baden-Baden 1980, S. 243.</p>
<p><a title="anm57" name="anm57" href="#anm_57">57</a> Howl, a.a.O., S. 101</p>
<p><a title="anm58" name="anm58" href="#anm_58">58</a> Vgl. Cliff , a.a.O., S. 207</p>
<p><a title="anm59" name="anm59" href="#anm_59">59</a> Vgl. Callinicos, Wage Labour, a.a.O., S. 113</p>
<p><a title="anm60" name="anm60" href="#anm_60">60</a> Ebd., S. 111</p>
<p><a title="anm61" name="anm61" href="#anm_61">61</a> Ebd.</p>
<p><a title="anm62" name="anm62" href="#anm_62">62</a> Nove, a.a.O., S. 25</p>
<p><a title="anm63" name="anm63" href="#anm_63">63</a> Ebd., S. 27, 245</p>
<p><a title="anm64" name="anm64" href="#anm_64">64</a> Ebd., S. 252</p>
<p><a title="anm65" name="anm65" href="#anm_65">65</a> Ebd., S. 245</p>
<p><a title="anm66" name="anm66" href="#anm_66">66</a> Vgl. ebd., S. 249</p>
<p><a title="anm67" name="anm67" href="#anm_67">67</a> Ebd., S. 246</p>
<p><a title="anm68" name="anm68" href="#anm_68">68</a> Ebd., S. 266</p>
<p><a title="anm69" name="anm69" href="#anm_69">69</a> Haynes, Mike: Marxism and the Russian Question, a.a.O., S. 340</p>
<p><a title="anm70" name="anm70" href="#anm_70">70</a> 1930 wechselten IndustriearbeiterInnen im Durchschnitt alle acht Monate den Arbeitsplatz, 1939 alle 13 Monate. (Filtzer, Donald: Soviet Workers and Stalinist Industrialization. The formation of modern soviet production relations, 1928-1941. Armonk 1986, S. 135)</p>
<p><a title="anm71" name="anm71" href="#anm_71">71</a> Nove, a.a.O., S. 244</p>
<p><a title="anm72" name="anm72" href="#anm_72">72</a> Vgl. ebd., S. 26</p>
<p><a title="anm73" name="anm73" href="#anm_73">73</a> Vgl. zum Folgenden Harman, Chris: Class Struggles in Eastern Europe 1945-83. London 1988, S. 322-339</p>
<p><a title="anm74" name="anm74" href="#anm_74">74</a> Die Debatte um das sogenannte „Gesetz“ vom tendenziellen Fall der Profitrate kann hier nicht weiter vertieft werden. F&#252;r eine sehr knappe Zusammenfassung vgl. Probst, Stefan: Zur&#252;ck zu K.u.K.?; in: Perspektiven 2, S. 12-17, hier S. 16, Anm. 4, und die dort zitierte Literatur, sowie Weeks, John: Capital and Exploitation. Princeton 1981.</p>
<p><a title="anm75" name="anm75" href="#anm_75">75</a> Harman, Class Struggles, a.a.O., S. 329</p>
<p><a title="anm76" name="anm76" href="#anm_76">76</a> Ebd., S. 330</p>
<p><a title="anm77" name="anm77" href="#anm_77">77</a> Ebd., S. 330f. Vgl. dazu auch Harman, Chris: Explaining the Crisis. A Marxist Re-Appraisal. London 1984.</p>
<p><a title="anm78" name="anm78 href="#anm_78">78</a> Vgl. Probst, Stefan: „Geht selbst ans Werk, beginnt von unten“; in: Perspektiven 4, S. 34-43</p>
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		<title>Die Revolution tr&#228;umen. Sowjetisches Kino 1924-1934</title>
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		<pubDate>Sat, 07 Feb 2009 11:09:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 7]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Revolution]]></category>

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		<description><![CDATA[Im vierten Teil unserer Serie <em>Zum politischen Erbe der Oktoberrevolution</em> geht <em>Owen Hatherley</em> mit uns ins Kino und zeigt uns den sowjetischen Avantgarde-Film zwischen Revolutionierung des Alltagslebens und Konterrevolution der B&#252;rokratie.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im vierten Teil unserer Serie <em>Zum politischen Erbe der Oktoberrevolution</em> geht <em>Owen Hatherley</em> mit uns ins Kino und zeigt uns den sowjetischen Avantgarde-Film zwischen Revolutionierung des Alltagslebens und Konterrevolution der B&#252;rokratie.<br />
<span id="more-286"></span><br />
Das Kino ist, so will es das Klischee, eine Traumfabrik. Das Publikum tritt ein, die Lichter gehen aus und der Traum beginnt. Obwohl sich Lenin in „Was tun?“ mehr Tr&#228;ume in unserer Bewegung w&#252;nschte,<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a> stellten die ersten Jahre der Sowjetunion, auf den ersten Blick, einen Moment der Filmgeschichte dar, der vom tr&#228;umerischen nicht weiter entfernt h&#228;tte sein k&#246;nnen: Agitatorische FilmemacherInnen versuchten ihr Publikum durch schnelle, aggressive Schnitte, schockierende Gegen&#252;berstellungen, durch schonungslose Geschwindigkeit und Rhythmik aufzuwecken. Den ber&#252;hmtesten sowjetischen Filmen, etwa Sergej Eisensteins <em>Panzerkreuzer Potemkin</em> mit seiner kinetischen, katastrophischen Szene an der Hafentreppe von Odessa, oder Dziga Vertovs rasante, experimentelle Dokumentation <em>Der Mann mit der Kamera</em>, geht es im Grunde immer darum, das Publikum aus jedem Anflug von Abschweifung oder Schlummer wachzur&#252;tteln, hin zum Gedanken, zur Bewegung und zur Aktion. Diese Ideen wurden am besten durch die marxistischen DenkerInnen und K&#252;nstlerInnen der LEF-Gruppe vertreten, deren gleichnamige Zeitschrift f&#252;r den Anspruch stand, nicht nur k&#252;nstlerische Prozesse zu entmystifizieren, sondern auch politische.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Der Versuch, aus einem Publikum, das sich im Wesentlichen nicht allzu sehr von jenem im Westen unterschied – m&#252;de, &#252;berarbeitet, auf der Suche nach ein paar Stunden Eskapismus – aktive PartizipantInnen zu machen war wohl wenig Erfolg versprechend, solange dieses Publikum nicht selbst an politischen Aktionen teilnahm. Nichtsdestotrotz ist die weit verbreitete Darstellung des fr&#252;hen sowjetischen Films als paternalistische Manipulation passiver ZuseherInnen eine Karikatur. Die Filme m&#246;gen versucht haben, das Publikum aufzuwecken, aber sie waren zugleich selbst Produkte von Tr&#228;umen – und anf&#228;llig f&#252;r eben solche: Tr&#228;ume von der Revolution und einer neuen Gesellschaft, oder auch von einer amerikanisierten, industriellen Moderne. Ich will im Folgenden die Filme dieser Periode vorstellen und sie als politische Instrumente und historische Artefakte untersuchen. Die Analyse kann in keiner Weise abschlie&#223;end sein, sondern behandelt den Film als politische Traumarbeit, um diese Filme zu lesen – Werke, die vielleicht die faszinierendsten, umfassenden Versuche darstellen, eine revolution&#228;re, modernistische und politische populare Kunst zu schaffen.</p>
<h3>Zwei Tr&#228;ume – <em>Die Generallinie</em> und <em>Tr&#252;mmer des Kaiserreichs</em></h3>
<p>Zwei 1929 produzierte Filme fassen die Dialektik des Tr&#228;umens im sowjetischen Film exemplarisch ein. Erstens ein Film von „Friedrich Ermler“, ein Pseudonym, das Vladimir Markovich Breslav im Kino und in der Tscheka verwendete. Er war der vielleicht einzige wichtige Regisseur der Zeit, der aus proletarischen Verh&#228;ltnissen stammte.<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> <em>Tr&#252;mmer des Kaiserreichs</em><a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> ist eine Art bolschewistischer <em>Rip van Winkle</em><a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a>-Geschichte &#252;ber das pl&#246;tzliche Erwachen in der neuen Gesellschaft. Die durch einen Schock im Russischen B&#252;rgerkrieg hervorgerufene Amnesie eines Bahnarbeiters verschwindet pl&#246;tzlich; der Protagonist sieht nun die Sowjetunion von 1928 mit den Augen eines &#220;berbleibsels aus dem Zarenreich. Mit seinem Kreuz und dem Bart eines alten Bauern wandelt er durch eine v&#246;llig fremde Welt. Der Film ist eine ungew&#246;hnliche und herausragende Fusion aus psychologischem Realismus und den extremsten filmischen Montage-Experimenten. Ermler war in den sp&#228;ten 1920ern ein enthusiastischer Leser Freuds, und seine Verwendung von Objekten als Ausl&#246;ser von Erinnerungen f&#252;hrt zu einigen spektakul&#228;ren Szenen, in denen schnell geschnittene „Intellektuelle Montage“<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> verwendet wird um das Auftauchen verborgener, schmerzhafter Erinnerungen darzustellen. So etwa wenn eine Zigarettenschachtel und der fliegende Funke einer Maschine das Ged&#228;chtnis des Arbeiters pl&#246;tzlich mit bitteren Bildern aus seiner Vergangenheit durchfluten.</p>
<p>Zeitgen&#246;ssische Architektur wird als Ma&#223; der ungeheuren Geschwindigkeit der Ver&#228;nderung genutzt. Als er bei seiner R&#252;ckkehr den Bahnhof von St. Petersburg – Leningrad – verl&#228;sst, sieht der vom Ged&#228;chtnisverlust Geplagte einen Arbeiterverein, ein paar neue Wohnh&#228;user, vor allem aber einen riesigen Komplex von T&#252;rmen und Br&#252;cken, und fragt schockiert: „Wo ist St. Petersburg? Wer hat hier das Sagen?“ Die Inszenierung der Architektur funktioniert hier &#228;hnlich wie der Gebrauch der Montage als Prozess und Indikator einer zerst&#246;rerischen, aber m&#246;glicherweise utopischen Beschleunigung. Die Ver&#228;nderung geschieht mit so hoher Geschwindigkeit, dass die Stadt innerhalb von zehn Jahren nicht wieder zu erkennen ist. Nun w&#228;re es f&#252;r Ermler am naheliegendsten gewesen, einen schulterklopfenden Propagandafilm zu produzieren, in dem die neue Welt den Protagonisten, dieses &#220;berbleibsel aus dem Kaiserreich, in eine unendlich bessere Gesellschaft assimiliert. Aus den propagandistischen Vorgaben ist hier jedoch ein weitaus dunklerer, ambivalenterer Film entstanden.</p>
<p>Dem Protagonisten wird erz&#228;hlt, es g&#228;be keine Chefs mehr und die Leute in St. Petersburg belustigen sich &#252;ber seine unterw&#252;rfigen Manieren, doch passt er sich nach und nach an. &#220;ber seinen nunmehr verarmten ehemaligen Chef bekommt er einen Job in einem Vorzeigebetrieb, er rasiert seinen Bart ab, und eine Serie kurzer, ekstatischer Montagesequenzen zeigt das schwindelerregende Tempo und das Ehrfurcht gebietende Ausma&#223; der Industrialisierung – aber irgend etwas stimmt nicht. Die Arbeiter in der auf Hochglanz polierten Fabrik trinken heimlich Wodka, und immer wieder kehren Bilder der Tyrannen des <em>ancien regime</em> in sein Ged&#228;chtnis zur&#252;ck, wenn er mit den neuen B&#252;rokraten spricht. Als er schlie&#223;lich seine Frau wieder findet, deren Andenken die ganze Assoziationskette und sein Erwachen zu Beginn ausgel&#246;st hatte, ist sie die Arbeitssklavin eines besonders unangenehmen Parteib&#252;rokraten. In diesem wie in anderen Filmen derselben Periode sind die Angriffe auf die neue Staatsmacht noch in akzeptable Formen verpackt, schlie&#223;lich stellten sich f&#252;r einige Zeit selbst die StalinistInnen als Feinde der B&#252;rokratie dar. Doch hier wird die Kritik in verst&#246;rende, qu&#228;lende Formen gegossen, wobei der Unterschied zwischen Traum und Realit&#228;t st&#228;ndig verschwimmt.</p>
<p>Der andere Traum ist in Sergej Eisensteins am seltensten gesehenen Werk zu finden, <em>Die Generallinie</em> (1929). Der Film ist eine Geschichte der Kollektivierung der Landwirtschaft, ein fr&#252;hes Essay, dessen Stil sp&#228;ter als „Junge trifft Traktor“ popul&#228;r werden sollte. Die Heldin, Marfa Lapkina – kein Filmstar, sondern eine arme B&#228;uerin, die sich selbst spielt – ist frustriert von der „R&#252;ckst&#228;ndigkeit“ ihres Dorfes, der ewigen Schinderei und dem Konservatismus des Landlebens. Sie schafft es schlie&#223;lich, die anderen DorfbewohnerInnen zu &#252;berreden eine Kooperative zur Milchproduktion zu gr&#252;nden, und tr&#228;umt von einer besseren Zukunft. Es folgt eine &#252;berw&#228;ltigend sch&#246;ne Ode an die Beherrschung der Natur, eine begeisterte Vision der Farm als Fabrik, wo in den wei&#223; get&#252;nchten Geb&#228;uden der Kooperative H&#252;hner in kleinen K&#246;rben sitzen, K&#252;he in Reihen nebeneinander stehen und Eier auf Flie&#223;b&#228;ndern transportiert werden. Diese Traumsequenz ist ebenso hell und affirmativ, wie <em>Tr&#252;mmer</em> <em>des Kaiserreichs</em> schmerzhaft und ambivalent ist. Sie dr&#252;ckt all die Versprechungen der fr&#252;hen sowjetischen Moderne aus, aus dem Land der Datschen und <em>muzhik</em>-Bauern eine technokratische, tayloristische Utopie aufzubauen. Tats&#228;chlich bedeutete das Erreichen der industriellen Moderne jedoch Nationalismus, die R&#252;ckkehr zu den Klassikern und – in Eisensteins n&#228;chstem, fast ein Jahrzehnt sp&#228;ter fertiggestellten Film, <em>Alexander Nevski</em>,– dass nicht mehr analphabetische Bauern und B&#228;uerinnen sich selbst, sondern professionelle Schauspieler mittelalterliche Helden spielten.</p>
<h3>„Oh, es war alles ein Traum…“ – Revolution am Mars</h3>
<p>Der erste bemerkenswerte Film aus der Sowjetunion, neben Dziga Vertovs „Kino-Prawda“-Wochenschauen, war ein Science-Fiction-Spektakel namens <em>Aelita</em>. Der Film erschien 1924, produziert von <em>Mezhrabpom-Russ</em>, der Filmabteilung von Willi M&#252;nzenbergs Komintern-Medienimperium. <em>Aelita </em>stellte eine schr&#228;ge Kombination des „alten“ b&#252;rgerlichen Kinos mit den von den jungen KonstruktivistInnen entwickelten neuen Techniken dar. Im Wesentlichen war er Produkt zweier anti-bolschewistischer Exilanten: Alexei Tolstoi, auf dessen Roman der Film basierte, und Jakov Protazanov, ein profilierter Macher „dekadenter“ Filme in den letzten Jahren des Zarenreichs. In Kurzfassung: Ein junger Ingenieur und ein ehemaliger Soldat der Roten Armee erhalten eine Nachricht vom Mars und befreien die MarsbewohnerInnen von einem unterdr&#252;ckerischen Regime. Daraufhin rei&#223;t die K&#246;nigin des Mars, die zu Beginn die Erdlinge gerufen hatte, die Macht an sich und wird zu einer marsianischen Bonaparte-Figur. Am Ende wacht der Ingenieur auf – es war nat&#252;rlich nur ein Traum.</p>
<p>In <em>Aelita </em>haust der marsianische Despotismus, der von den Erdlingen schlie&#223;lich gest&#252;rzt wird, in einer der ersten konstruktivistisch gebauten Landschaften. Das B&#252;hnenbild von Isaak Rabinowitsch, eine skurrile futuristische, hieratische Welt, bestehend aus scharfen, gl&#228;sernen Vielecken, ist selbst 85 Jahre sp&#228;ter noch beeindruckend. Alexandra Exners Kost&#252;me verliehen dem Geschehen eine anorganische Sexualit&#228;t und den K&#246;rpern selbst eine befremdliche Kantigkeit, die nicht ohne sexuelle Schauder blieb. Tats&#228;chlich zeigt die Vorwegnahme der <em>Schlock</em>-&#196;sthetik in der Darstellung von Robotern und Marsmenschen in <em>Aelita</em>, dass B-Movies und Cyberpunk ihre Wurzeln – anders, als es uns die Kalte- Kriegs-Interpretation des Konstruktivismus weismachen will – in der &#196;sthetik der UdSSR haben. Das gro&#223;e Budget und die Mitarbeit von fr&#252;heren „Wei&#223;en“ russischen Exilanten f&#252;hrten dazu, dass <em>Aelita </em>vom harten marxistischen Fl&#252;gel der Avantgarde verachtet wurde (besonders die LEF-Gruppe hielt den Film f&#252;r ideologisch verd&#228;chtig). Eine direkte Antwort war der 1924 produzierte Kurzfilm <em>Interplanetare Revolution</em>, in dem das Cut Out-Animationsteam um Khodataev, Komisarenko und Margolenko Regie f&#252;hrte.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> Darin wird ein Kampf zwischen Kapitalisten und Kommunisten im Weltall vorhergesagt, jedoch mit phantasierendem, surrealistischem Humor und quasi-dadaistischen Karikaturen, anstelle von <em>Aelitas </em>Langatmigkeit, den Mehrdeutigkeiten und Zweifeln ob des m&#246;glichen Verrats an der Revolution.</p>
<h3>Amerikanische Tr&#228;ume – Exzentrismus und Sozialistische Kom&#246;die</h3>
<p>Praktisch alle sowjetischen Regisseure waren tief von den krassesten Beispielen des amerikanischen Kinos beeinflusst. Als Antwort auf die Versuche, Filme durch eine st&#228;rker literarische Gestaltung zug&#228;nglicher zu machen, favorisierten sie die Montagetechniken von D. W. Griffith und die Slapstick-Kom&#246;dien von Buster Keaton, Charlie Chaplin, Mack Sennett oder Harold Lloyd. Diese „exzentristische“ Bewegung wurde von Grigorij Kozincev, Leonid Trauberg und Sergej Jutkevic und deren „Fabrik des exzentrischen Schauspielers“ (FEKS) begr&#252;ndet. Das von ihnen aus einem fahrenden Auto auf die Stra&#223;en von St. Petersburg geworfene „Manifest des exzentrischen Schauspielers“ von 1921 ist ein spielerisches Gegenst&#252;ck zum futuristischen <em>Sturm und Drang</em><a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a>: selbstreferenziell und witzig, und in all seiner Gewaltt&#228;tigkeit fast niedlich.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a></p>
<p>Das Exzentrische Manifest stellt ein wichtiges Korrektiv zur tragischerweise immer noch weit verbreiteten Charakterisierung der Avantgarde der 1920er als abgehoben und von der Popularkultur distanziert dar – ein Mythos, der in einer Parodie des Leninismus die k&#252;nstlerische „Vorhut“ als eine Art puritanische Zwangsbegl&#252;ckung sieht, die ihr Publikum zu „erziehen“ sucht. Tats&#228;chlich war der Exzentrismus ein erstes Aufflackern des Kampfes der Avantgarde gegen die „Hohe Kunst“ und f&#252;r alles, was deren VertreterInnen entsetzt. Wer zwischen den Zeilen ihrer Verk&#252;ndigungen liest, findet in ihren dumm-schlauen Preisungen des Slapstick, der Vergn&#252;gungsparks, Hollywoods und des Amerikanismus, in der &#220;berzeugung dass der Kommunismus sich die Massenproduktion und Massenkultur der USA zu eigen machen muss, jene Umdeutungen, die sp&#228;ter den Punk ausmachen sollten. Sie verk&#252;ndeten: „GESTERN – die Kultur Europas. Heute – die Technologie Amerikas. Industrie, Produktion unter<em> stars and stripes</em>. Oh, Amerikanisierung! Oh, Totengr&#228;ber!“</p>
<p>Der Exzentrismus machte zuerst Schluss mit der Konzentration des Theaters auf die Subjektivit&#228;t und auf die Darstellung der inneren Zerrissenheit der Figur und setzte an deren Stelle die Geste, die Kom&#246;die der Bewegung und der Maschinen. Das physische und politische Vorbild daf&#252;r war der Slapstick. Chaplin selbst sollte sp&#228;ter das Kompliment durch die Tribute an den Konstruktivismus in<em> Modern Times</em> zur&#252;ckgeben. Das &#228;lteste &#252;berlieferte Beispiel f&#252;r den Ausflug des Exzentrismus in das Filmgesch&#228;ft ist <em>Das Teufelsrad</em> von 1926, eine phantasmagorische Animations-Kom&#246;die &#252;ber das Lumpenproletariat von Leningrad, einen Vergn&#252;gungspark und die lasterhaften Ausschweifungen eines Rotarmisten (viele Filme der fr&#252;hen sowjetischen Avantgarde kreisen um diese Figur, die vom Ausbleiben der Ausbreitung der Revolution frustriert ist – <em>Aelita </em>l&#246;st dieses Problem, indem sein Protagonist eine Revolution auf dem Mars beginnt). Von Beginn an schafft der Film eine Spannung zwischen seinen auf sozialen Ausgleich gerichteten Zielen und der offensichtlichen Lust an der karikierenden Darstellung der kriminellen Unterwelt. Die erste Szene zeigt ein von Schutt umgebenes Wohnhaus in Leningrad mit zerschlagenen Fenstern, das sich pl&#246;tzlich mit tanzenden, k&#228;mpfenden und k&#252;ssenden Menschen f&#252;llt. Der Film pr&#228;sentiert das Allt&#228;gliche durch den Verfremdungseffekt abrupter Schnitte und billiger, aber effektiver Tricks. Nichts ist ihnen zu grob, viele der Tricks beruhen auf Offensichtlichem, wie etwa im Hintergrund gez&#252;ndeten Feuerwerken oder Spiegelkabinetten, durch die die Figuren gehen.</p>
<p>In einigen Momenten in <em>Das Teufelsrad</em> wird die im Exzentrismus vorhandene Spannung zwischen Bolschewismus und der Fixierung auf das gesellschaftlich Anr&#252;chige deutlich. In einer Szene ziehen die Ganoven, angef&#252;hrt von einem Zirkusmagier namens „Herr Frage“, los, um einen Arbeiterverein anzugreifen. Kurz ist nicht ganz klar, welche Seite Kozincev und Trauberg in diesem Kampf als Sieger sehen wollen. Es wird angedeutet, dass die Welt dieser Charaktere, die immer auf der Suche nach Thrill und Erlebnis als Selbstzweck sind, die wahre und richtige Art der Erfahrung der technologisierten Alltagswelt ist. Das Manifest selbst begr&#252;&#223;t den „Kult des Vergn&#252;gungsparks, des Riesenrads und der Achterbahn, welcher der j&#252;ngeren Generation die GRUNDGESCHWINDIGKEIT der Epoche lehrt.“ Die Hochschaubahn als Erzieherin.</p>
<p>Diese Mehrdeutigkeit setzt sich fort in <em>Das neue Babylon</em> (1929), einer Zelebrierung der Pariser Kommune, in der die Ereignisse nicht durch den maskulinistischen, muskelbepackten Archetyp des Sozialistischen Realismus gezeigt werden, sondern durch die Augen einer Verk&#228;uferin. Der Film entwirft ein verwegenes, Baudelairsches Paris der Ausbeutung und des Konsums, nur um es danach in das Feuer der Revolution zu tauchen. FEKS verweigerte sich konsequent dem Bild des heroischen Arbeiters, das die 1930er und die Filme des Sozialistischen Realismus bev&#246;lkern sollte. Ihr Marxismus war weitaus subtiler – die Adaption von Nikolai Gogols Erz&#228;hlung<em> Der Mantel</em> ist praktisch ein filmisches Essay &#252;ber das Warenfetischismus-Kapitel in Marx’ Kapital. Hier wird das allt&#228;gliche Objekt des Mantels mit solch absonderlichen Eigenschaften ausgestattet, dass es mehr Bewegung und Leben enth&#228;lt, als sein Besitzer selbst. Trotzdem wandten sich Kozincev und Trauberg in den 1930ern, nach der Aufl&#246;sung der FEKS, Filmen &#252;ber vergangene revolution&#228;re Heldentaten zu, etwa in ihrer enorm popul&#228;ren und populistischen <em>Maxim</em>-Trilogie. Doch die von ihnen zuvor angedeutete Dialektik der Affinit&#228;ten zwischen Futurismus und Technokratie, Revolution und Rummelplatz – in der der Begriff des „Festivals der Unterdr&#252;ckten“ w&#246;rtlich genommen wurde – birgt immer noch viele M&#246;glichkeiten. Die Linke ist wie immer zu gefangen in den versteinerten Gesichtsz&#252;gen eines Buster Keaton – der Exzentriker steht derweil kichernd auf den Barrikaden.</p>
<p>Der andere wichtige „amerikanistische“ Film, Lev Kulešovs <em>Die seltsamen Abenteuer des Herrn West im Lande der Bolschewiken</em>, von 1924, war das Ergebnis mehrerer Jahre dauernder Experimente des „Kollektivs gescheiteter Schauspieler“ (die Mitglieder hatten alle ihre Aufnahmepr&#252;fungen nicht geschafft), eine abendf&#252;llende Farce &#252;ber den titelgebenden amerikanischen Besucher. Dieser bereist die UdSSR und erwartet, aufgrund der Berichterstattung in westlichen Medien, auf skrupellose, blutr&#252;nstige Bolschewiken zu sto&#223;en. Als Besch&#252;tzer hat Mr. West einen mit ihm verwandten Cowboy mitgebracht, doch dieser wird bald von einer charismatischen, exzentrischen Untergrund-Bande entf&#252;hrt, &#228;hnlich jener, die zwei Jahre sp&#228;ter in <em>Das Teufelsrad</em> auftreten sollte. Die meisten der zahlreichen Tricks und Stunts im Film orientieren sich an der von Kulešov vertretenen Technik der „Amerikanischen Montage“. Mr. Wests vornehmes <em>Ivy League</em>-Auftreten und seine runden Brillengl&#228;ser erinnern sofort an Harold Lloyd. Der &#252;berw&#228;ltigende Eindruck ist jener der schieren Geschwindigkeit, von den schnellen Schnitten bis zu den immer wiederkehrenden Verfolgungsjagden. Andere Mittel wiederum wurden anscheinend ohne amerikanisches Vorbild eingesetzt. Zumindest manche der Anleihen und grellen Details sollten einen erzieherischen oder wenigstens parodistischen Effekt erzielen, wenngleich sie haupts&#228;chlich auf Kosten des Deutschen Expressionismus und nicht der Amerikanischen Comedy gingen. So etwa in den Szenen, die Parodien von <em>Caligari </em>und <em>Mabuse</em> darstellen: „In diesen Szenen wollten wir den grundlegenden, zentralen Irrtum des psychologischen Spielfilms blo&#223;stellen und wir versuchten zu zeigen, dass uns die planm&#228;&#223;ige Organisation von Schauspiel und Montagetechnik die M&#246;glichkeit gibt, jeden Produktionsstil zu &#252;berwinden, besonders die amerikanischen und deutschen Beispiele.“<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> „Planm&#228;&#223;ige Organisation“ – so sind sogar die scheinbar improvisierten Szenen, in denen die verbliebene Unterweltbande herumhampelt und Mr. Wests Empfindlichkeiten verletzt, mit mechanischer Pr&#228;zision gestaltet. Das Kollektiv rund um Kulešov drangsaliert Mr. West mit gro&#223;er Hingabe, etwa durch eine dubiose „Gr&#228;fin“, die von Aleksandra Khokhlova besonders grell und h&#228;misch gespielt wird. Auch hier ist die Unterwelt beeindruckender als die echten Bolschewiken, die Mr. West am H&#246;hepunkt des Films retten und ihm solch Wunder wie eine Parade der Roten Armee und den Schuchow-Radioturm zeigen. Doch eines der verbl&#252;ffendsten Elemente in Kulešovs Werk liegt im Zusammenhalt des filmischen Kollektivs, sowohl in der Rolle von Mr. Wests Gegnern, als auch in ihrer eigenen Arbeit. Dies erinnert daran, dass die Regisseure der Avantgarde ein bestimmtes Element des popul&#228;ren Kinos praktisch ohne Ausnahme als f&#252;r ihre Zwecke unbrauchbar ablehnten, statt es sich durch Subversion oder Assimilation zu Eigen zu machen: das Starsystem. Die SchauspielerInnen sahen zumeist recht eigenartig aus, ihr Charisma entsprang jedenfalls nicht ihrem guten Aussehen. Im Falle Aleksandra Khokhlovas rief dies sogar die verstaatlichten Filmstudios auf den Plan, die sie de facto daran hinderten, weiter aufzutreten. Olga Bulgakova schrieb in einem Artikel &#252;ber sowjetische Schauspielerinnen, dass es gerade die „exzentrische Frau“ war, die gew&#246;hnlich sowohl von den Autorit&#228;ten als auch vom Publikum verachtet wurde: „weibliche ‚Anti-Stars’ der 1920er zeichneten sich in erster Linie durch ihre fehlende Attraktivit&#228;t aus (…) sie waren den Konzepten des ‚Stars’, der ‚Sch&#246;nheit’, der ‚K&#246;nigin der Leinwand’ spinnefeind (…). W&#228;hrend alle von Greta Garbos ‚g&#246;ttlicher Sch&#246;nheit’ schw&#228;rmten, beschrieb ein Kritiker die FEKS-Schauspielerin Elena Kuzmina als ‚Monster mit Schluckauf ’.“ Bulgakova zitiert Eisenstein zu dieser Form des Anti-Stars: „(Khokhlova) ist keine sowjetische Pickford. Amerika ist mit dem Bild der Kleinbourgeoisie und des ‚badenden M&#228;dchens’ bestens vertraut. Die reine Existenz von Khokhlova zerst&#246;rt dieses Bild. Ihre gefletschten Z&#228;hne zerrei&#223;en die Schablone der ‚Frau auf der Leinwand‘ – Khokhlova ist die erste exzentrische Frau auf der Leinwand.“<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> Sie merkt an, dass dies genau in jenem Jahr 1926 geschrieben wurde, als Kulešov er&#246;ffnet wurde, er d&#252;rfe nur noch Filme machen, in denen Khokhlova keine Hauptrolle spielt.</p>
<p>Die Kom&#246;dien von Kulešovs Mitarbeitern (von denen viele – Sergej Komarov, Boris Barnet, Vsevolod Pudovkin – nach <em>Mr. West</em> selbst Regisseure wurden) schufen zwischen 1925 und 1927 eine spezifisch sowjetische Satire. In Barnets <em>Das M&#228;dchen mit der Hutschachtel</em><a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> (1927) gibt es mehrere Sticheleien gegen die Neue &#214;konomische Politik (NEP), dem Kompromiss mit dem Kapitalismus in den 1920er Jahren – und dies in einem ausgesprochen amerikanistischen Film. Mehr noch als andere Filme wirkt dieser wie eine direkte sowjetische &#220;bertragung der leichteren amerikanischen Kom&#246;dien, etwa Buster Keatons <em>Our Hospitality</em><a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a>, nur dass sie etwas realistischer und formal experimentierfreudiger ausf&#228;llt. Das Elend jener Zeit wird anhand der T&#228;uschung und Ausbeutung der Heldin dargestellt, deren Chef Teile ihrer Wohnung in Beschlag nimmt und sie st&#228;ndig mit dem Rauswurf bedroht. Falsche Namen, gemietete Wohnr&#228;ume, Obdachlosigkeit, Zweckheirat, Schikanen am Arbeitsplatz sowie das offensichtliche &#220;berleben und die anhaltende Macht des B&#252;rgertums werden allesamt als Material f&#252;r die Kom&#246;die – wenn auch nicht unbedingt zur Agitation – genutzt. Obwohl es dem Film in gewissem Sinne gelingt, eine einwandfreie Kom&#246;die mit sowjetischen Mitteln zu schaffen, ist sein <em>deus ex machina</em>-Ende – ein Lotteriegewinn – von zweifelhaftem politischem Nutzen. Und die Hauptdarstellerin Anna Sten war anders als Barents fr&#252;here KollegInnen im Kollektiv der gescheiterten Schauspieler h&#252;bsch genug um in den 1930ern von Samuel Goldwyn unter die Fittiche genommen zu werden.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a></p>
<p>Die melancholischste Kom&#246;die der NEP-Zeit ist<em> Tretja Mestchanskaja</em> (1926) von Abraham Room, die au&#223;erhalb Russlands als <em>Bett und Sofa</em> erschien. Es ist die Geschichte eines jungen Paares, das auf einem engen Dachboden wohnt: ein Facharbeiter und eine Hausfrau. Sie schl&#228;ft unter Fotografien von Stars, die sie aus Magazinen ausgeschnitten hat, ihr Ehemann hat einen Stalin-Kalender an der Wand h&#228;ngen. Sie nehmen einen Untermieter auf, der ihr die Welt au&#223;erhalb der Wohnung zeigt und zu ihrem Liebhaber wird, w&#228;hrend der Ehemann gesch&#228;ftlich unterwegs ist. Sein Versprechen, sie als gleichberechtigt zu behandeln, h&#228;lt der Liebhaber aber schon bald nicht mehr ein. Der Film bildet nicht nur die emotionalen Konsequenzen ab, die aus der von den Bolschewiki teilweise durchgesetzten „neuen Moral“ resultieren, insbesondere wenn diese sich mit dem alten Sexismus verbindet. Er stellt zugleich auch einen Blick auf die Effekte von Ikonen und das Spektakel des Alltagslebens dar: Parteif&#252;hrer und Filmstars blicken auf das Elend und die Trauer herab und der einzige Ausweg aus der klaustrophobischen Enge ist die Flucht in Tr&#228;ume am Bett oder auf dem Sofa. Die offene Darstellung einer Dreiecksbeziehung war bemerkenswert fortschrittlich f&#252;r jene Zeit und der Film wurde dementsprechend von feigen Sowjet-Beamten und amerikanischen Zensoren abgelehnt. Doch es ist ein au&#223;ergew&#246;hnlicher Film &#252;ber frustrierte Menschen und fetischisierte Objekte, der daran erinnert, dass der Alltag ein ebenso wichtiges politisches Kampffeld ist, wie die Orte der Heldenverehrung, die so viele der Filme dieser Periode zum Thema haben.</p>
<h3>Der Traum und seine B&#252;rokratie</h3>
<p>Obwohl die Filme der 1920er und 1930er Jahre versuchten, propagandistische Aufgaben mit der Produktion des Denkens und Handelns zu verbinden – „Dem Arbeiter lehren, dialektisch zu denken“, wie es Eisenstein in seinen Notizen zum „Kapital“ formulierte<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> – sind sie so stark von der chaotischen politischen Situation jener Zeit beeinflusst, dass sie nie als unproblematische Artefakte behandelt werden k&#246;nnen – weder als eindeutige Beispiele f&#252;r die Revolution im Film, noch als stalinistische Apologien, wie es heute so oft der Fall ist. Dies kann am deutlichsten anhand der Filme des „great turn“ gezeigt werden, jener Orgie der Zerst&#246;rung und des Aufbaus w&#228;hrend des ersten F&#252;nfjahresplans (1928-1932), die die &#196;ra der Diktatur endg&#252;ltig besiegelte.</p>
<p><em>Die Generallinie</em> (1929) und Dziga Vertovs <em>Entuziasm</em><a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a>(1931) lassen Erde und Metall aufeinander schmettern und treiben so den technokratischen Impuls der Utopisten zur extremen Konsequenz. Der bekannteste Teil in <em>Die Generallinie</em> ist die Szene mit der Milchentrahmungsmaschine, in der die neue Technologie eine Art kommunaler sexueller Konsumtion erf&#228;hrt: wir sehen schockierte Bauern und B&#228;uerinnen, die mit Sahne bespritzt werden, gegengeschnitten mit dem ekstatischen Gesicht der Heldin, die den warmen Strahl ber&#252;hrt, der aus der Maschine schie&#223;t. Passenderweise folgt diese Szene auf ein Bild des religi&#246;sen Obskurantismus, in dem die DorfbewohnerInnen in einer Prozession marschieren und um ein Wunder bitten. Eisenstein zeigt Kommunismus und Technologie als gleichzeitige Zur&#252;ckweisung und Erf&#252;llung der Religion – hier finden die „Wunder“ statt: in der Kathedrale des Sozialismus. Nicht, dass Ideologie hier abwesend w&#228;re. Marfas Versuch, ihr Dorf zu organisieren, wird von „den Arbeitern“ unterst&#252;tzt, in diesem Fall eine Gruppe St&#228;dter, die ihrer Forderung nach einem Traktor Nachdruck verleiht. Dies ist der Mythos des F&#252;nfjahresplans in seiner Essenz, eine spontane Reaktion der Arbeiter auf die Bed&#252;rfnisse des Landes, die blo&#223; in einigen F&#228;llen von der B&#252;rokratie behindert wird.</p>
<p>Die B&#252;rokratie stellte zwar zu jenem Zeitpunkt (1928-1932) schon recht eindeutig eine herrschende Klasse dar (und die StalinistInnen erwiesen sich als unerwartet gute HegelianerInnen, indem sie der „universellen Klasse“ eine solch prominente Rolle zugestanden), doch daf&#252;r bekommen sie in den Filmen dieser Zeit einiges ab. Im FEKS-Film <em>Allein </em>(1930) verb&#252;nden sich B&#252;rokraten mit den Kulaken, um eine in eine Dorfschule versetzte junge Lehrerin zu ermorden, und kleiden dabei ihre Klassenkollaboration in revolution&#228;re Rhetorik. &#196;hnlich in <em>Die Generallinie</em>: Marfa und ihre proletarischen Helfer besuchen ein Regierungsb&#252;ro und treffen auf elegant gekleidete, Zigarren rauchende Faulpelze. Dann wird die Konsequenz des zun&#228;chst negativen Bescheids f&#252;r die Anschaffung eines Traktors gezeigt: harte, k&#246;rperliche Schinderei bei der Ernte. Zun&#228;chst sind die B&#252;rokraten &#252;berheblich und konservativ, doch sie werden vom Arbeiter zum Handeln gezwungen, dessen emp&#246;rter Ruf „F&#252;hrt die Generallinie durch!“ von Eisenstein mit Bildern von Explosionen unterlegt wird. Schockiert springen sie auf, spr&#252;hend vor Aktivit&#228;t: eine Kettenreaktion wird ausgel&#246;st, die schlie&#223;lich – oh ja – zu einem funkelnden, neuen Traktor f&#252;hrt. Die eigenartige Halbwahrheit darin war wohl einer der Gr&#252;nde, weshalb Stalin &#252;ber den Film so besorgt war. Er befahl mehrere &#196;nderungen im Schnitt und die &#196;nderung des Titels auf „Das Alte und das Neue“, um ihn von der Parteipolitik zu entkoppeln. Doch so eindeutig ist es nicht. Die B&#252;rokratie ist eine Klasse, die ihre eigene Existenz und ihre Methoden leugnet, und Eisenstein zeigt auf, wie die B&#252;rokratie ihre eigene Politik (die Kollektivierung der Landwirtschaft) behindert – eine Politik, die ihre Macht massiv ausweitete und zu riesigen Hungersn&#246;ten und Massakern f&#252;hrte.</p>
<p>Auch in Dziga Vertovs Meisterwerk von 1929, <em>Der Mann mit der Kamera</em>, wird die B&#252;rokratie &#228;hnlich verspottet, w&#228;hrend sie in seiner sp&#228;teren „Industriellen Sinfonie“ <em>Entuziasm</em>, einer Hymne auf den F&#252;nfjahresplan, welche die Industrialisierung eines Gebiets in der Ukraine zeigt, &#252;berhaupt nicht vorkommt. Der Film ist vor allem f&#252;r seine &#228;u&#223;erst innovative Tongestaltung zu nennen. Ein anderes sch&#246;nes Beispiel hierf&#252;r sind Dimitri Schostakowitschs Collagen f&#252;r <em>Allein</em>, in denen er Funkrauschen, &#246;ffentliche Ansprachen und ein Theremin mit seinen eigenen Kompositionen zu kurzen Sequenzen verarbeitete, die dialektische Kommentare zur Handlung bilden, statt sie nur zu begleiten. Manchmal h&#246;ren wir die Charaktere sprechen, und manchmal werden Zwischentitel eingeblendet, um dem Einbruch der Stimme einen Schockeffekt zu verleihen. Vertov f&#252;hrt diese Technik in verbl&#252;ffende Extreme, indem er eine Montage erschafft, in der das Klirren der Industrie – r&#252;ckgekoppelte Kratz- und Schlagger&#228;usche – zu einer kolossalen Komposition roher Macht arrangiert wird, in der die <em>musique concrete</em><a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> und die elektronische Musik um fast 15 Jahre vorweg genommen werden. In <em>Entuziasm </em>wird jede Bewegung als Kampf, als Errungenschaft gezeigt. Die Verquickung von Mensch und Maschine ist hier schmutzig, rau und &#252;beraus sexuell, voller penetrierender Kolben und &#252;berlaufender Fl&#252;ssigkeiten: hier pulsiert der neue, lebende Organismus. Und auch hier gibt es die Ablehnung und Erneuerung der Religiosit&#228;t. Der Film beginnt mit der Zerst&#246;rung von Kirchen und den jubelnden Massen, die die Orthodoxe Kirche verspotten. Und sp&#228;ter sehen wir eine Gruppe junger Arbeiterinnen mit wundersch&#246;nen, mechanisch gespannten K&#246;rpern, die gemeinsam Bekenntnisse singen, wie viel sie produzieren werden, wie eine Art industrielle Liturgie. Stachanowisten als die Auserw&#228;hlten. Wieder und wieder h&#246;ren wir von der Entschlossenheit, den F&#252;nfjahresplan in vier Jahren zu erf&#252;llen – den Slogan „2 + 2 = 5“. Die B&#252;rokratie ist die unsichtbare Kraft hinter allem, was wir in <em>Entuziasm </em>sehen, das abwesende Zentrum, das alle dirigiert und Edikte erl&#228;sst, die sich immer weiter von der Realit&#228;t entfernen.</p>
<p>Die Fortsetzung, <em>Drei Lieder &#252;ber Lenin</em> (1934), einer der letzten in der UdSSR gedrehten Avantgarde-Filme, hat zu Beginn eine Szene, in der wei&#223; get&#252;nchte, schachtelf&#246;rmige H&#228;user in Zentralasien zu sehen sind, einige Einstellungen sp&#228;ter gefolgt von &#228;hnlich wei&#223;en, eckigen H&#228;usern in den neuen Industriest&#228;dten: diese zeigen die Handschrift von Ernst May, dem Architekten und Stadtplaner der Neues Bauen-Gruppe, der eingeladen wurde, neue St&#228;dte wie Magnitogorsk zu entwerfen. Hier, und in den Bildern von Kopftuch tragenden Frauen mit Mikroskopen, die dazwischen geschnitten sind, zeigt sich eine Konzeption &#228;sthetischer Geschichte, die nicht blo&#223; von der Barbarei zur Zivilisation verl&#228;uft. Vielmehr werden die Entlehnungen der Avantgarde aus „primitiven“ Kulturen als Beweise verwendet, dass diese Kulturen bereits f&#252;r sich selbst fortgeschritten waren. Jedoch haben wir es hier mit jenem Moment zu tun, in dem die Avantgarde sich v&#246;llig dem Stalinismus verschrieben hat, und <em>Drei Lieder &#252;ber Lenin</em> nutzt konstruktivistische Montage und Faktographie f&#252;r die Glorifizierung des neuen Nationalstaates und seines gottgleichen Herrschers.</p>
<p>Deshalb l&#228;uft durch den ganzen Film eine Spannung zwischen dem, was wir sehen und dem, von dem wir wissen, wof&#252;r es steht. Obwohl in der aktuellen Version, einer von Vertovs Frau, der Cutterin Elizaveta Svilova, umgeschnittenen Fassung von 1969, die meisten Verweise auf Stalin getilgt sind, ist dies immer noch ein zutiefst stalinistisches Werk. Im ersten „Lied“ mit dem Titel „Mein Antlitz war in Dunkelheit gefangen…“, preisen Frauen aus Zentralasien die Partei, die sie vom Schleier befreit hat. Man macht es sich zu einfach, wenn man dies blo&#223; als Glorifizierung der Unterdr&#252;ckung der Minderheiten in der UdSSR verurteilt, oder es als Befreiung der Frauen r&#252;hmt, aber man kann sich der Art und Weise kaum entziehen, wie aktiv diese starken zentralasiatischen Wissenschafterinnen, Bauarbeiterinnen und Sportlerinnen dargestellt sind, wie sehr sie als jene pr&#228;sentiert werden, die alles unter ihrer Kontrolle haben. Der Akt der „Entschleierung“, in dem das Gesicht der Kamera pr&#228;sentiert wird, wiederholt sich in regelm&#228;&#223;igen Abst&#228;nden w&#228;hrend des Films: eine immer wieder gezeigte Einstellung zeigt verschiedene Frauen im <em>niqab</em>, die ihre Schleier abwerfen und in die Kamera l&#228;cheln. Hier zeigt sich eine wiederkehrende Geste, die Parallelen zu anderen Beispielen der Praxis einer modernisierenden (stalinisierenden?) Avantgarde aufweist.</p>
<p>Ein anderes Beispiel sind die Versuche des LEF-CuttersSergej Tretjakov, den Bauern und B&#228;uerinnen der neuen, kollektivierten Landwirtschaft die Faktographie n&#228;her zu bringen, &#252;blicherweise dargestellt als Ansatz zur Demokratisierung der neuen Technologie, die in die H&#228;nde der ProduzentInnen gelegt wird um zu verhindern, dass diese – in den Worten Moholy-Nagys – die „Analphabeten der Zukunft“ werden. Ein Foto aus dieser Zeit zeigt Tretjakov mit zwei Bauern. Tretjakov versucht merklich einen der beiden dazu zu bringen, in die Kamera zu schauen und dadurch die neue faktographische Form anzuerkennen. Doch eingedenk dessen, wof&#252;r diese neue Technologie damals eingesetzt wurde, etwa f&#252;r Rodschenkos dokumentarische &#196;sthetisierung der Zwangsarbeit beim Bau des Kanals am Wei&#223;en Meer, ist das Misstrauen gegen&#252;ber der Kamera nur zu verst&#228;ndlich. So besehen hat Vertovs Insistieren, der Mann m&#246;ge sich ohne zu blinzeln der Kamera stellen, einen weit weniger befreienden Aspekt.</p>
<p>Die Gefahr f&#252;r den Avantgarde-Film, zu einem reinen Denkmal f&#252;r den Stalinismus zu werden, konnte letztlich abgewendet werden – 1934 lag er bereits in seinen letzten Z&#252;gen. Stalins Rivale Kirov wurde kurz nach der Ver&#246;ffentlichung von<em> Drei Lieder &#252;ber Lenin</em> ermordet, worauf die psychotische, despotische Phase des Hochstalinismus folgte. Von diesem Moment an war der historische Eklektizismus das unvermeidliche Diktat in der Architektur, und ein neuer Heroismus, die R&#252;ckkehr zu Charakteren, Subjektivit&#228;t und gefilmtem Theater wurde der sowjetischen Filmindustrie aufgezwungen. Als in den fr&#252;hen 1930er Jahren der erste F&#252;nfjahresplan endete, war die Produktion von avantgardistischen Filmen praktisch verboten, und auch Eisensteins Techno-Pastoral und Vertovs „Film-Wahrheit“ (die dokumentarisches Material verwendete) waren der mittlerweile konsolidierten B&#252;rokratie verd&#228;chtig. Stattdessen gab es hochtrabende Versuche, ein „sowjetisches Hollywood an der Krim“ zu erschaffen, und die Bandbreite der Filme aus dieser Epoche reicht von revolution&#228;rer Hagiographie bis zu den bizarr choreographierten Spektakeln der stalinistischen Musicals. Diese Filme waren zwar von einer mitrei&#223;enden, bombastischen Bejubelung des technokratischen sowjetischen Sozialismus gepr&#228;gt, aber die Sowjets selbst – in ihrer Bedeutung als „ArbeiterInnenr&#228;te“, als radikale Demokratie, die die ersten Jahre der Revolution begleitet hatte – sind fast immer v&#246;llig abwesend. Daher erscheinen die Filme oft als schr&#228;ge Selbstportraits einer neuen herrschenden Klasse. Und dennoch durchstr&#246;mt sie das Ungest&#252;me einer echten Revolution.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Lenin: Werke, Bd. 5, S. 530<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> F&#252;r mehr Informationen &#252;ber die LEF-Gruppe und das Konzept der Faktographie empfehle ich die von Devin Fore herausgegebene Ausgabe der Zeitschrift October, Nr. 118 (Herbst 2006).<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm1">3</a> Die Details &#252;ber Ermlers Leben sind Youngblood, Denise: Movies for the Masses (Cambridge 1992) entnommen.<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Der Film, im Original „Oblomok Imperii“, wurde im deutschsprachigen Raum unter verschiedenen Titeln gezeigt, darunter „Der Mann, der sein Ged&#228;chtnis verlor“ und „Der Betriebsrat“. (Anm. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> „Rip Van Winkle“ ist eine 1819 erschienene Erz&#228;hlung des amerikanischen Schriftstellers Washington Irving und gilt als eine der ersten Kurzgeschichten der amerikanischen Literatur. (Anm. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> „Intellektuelle Montage“ nannte Sergej Eisenstein sein Konzept, filmische Erz&#228;hlung durch die symbolische Gegen&#252;berstellung von Widerspr&#252;chen zu ordnen, um dadurch neue Sinnzusammenh&#228;nge zu erschlie&#223;en (Anm. d. &#220;.).<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Der Film ist, mit englischen Untertiteln, auf Youtube zu sehen: http://www.youtube.com/watch?v=aSE14cMsDtY<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Im Original deutsch (Anm. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Das Manifest ist auf Englisch reproduziert unter http://tinyurl.com/7wm937<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Kuleshov, Lev: Mr West (1924); in: Christie, Ian/ Taylor, Richard (Hg.): The Film Factory (London 1994), S. 108<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Bulgakova, Olga: The Hydra of the Soviet Cinema; in: Attwood, Lynne (Hg.): Red Women on the Silver Screen (London 1993), S. 154-156. (Mary Pickford war in den 1910er und 1920er Jahren eine der ersten weiblichen Kinostars in den USA und spielte als Little Mary zumeist junge, h&#252;bsche M&#228;dchen; sie gilt als eine der zentralen Figuren in der Durchsetzung des Schauspielstar-Systems. Anm. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Auf Deutsch auch erschienen als „Moskau wie es weint und lacht“ (Anm. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Auf Deutsch erschienen als „Verflixte Gastfreundschaft“ (Anm. d. &#220;.)<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Samuel Goldwyn war einer der einflussreichsten Produzenten Hollywoods und Mitbegr&#252;nder der Filmstudios United Artists und MGM (Anm.d. &#220;.).<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Zit. n. Tomic, Milica: Reading Capital, http://tinyurl.com/a6uq26<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Auf Deutsch auch erschienen als „Die Donba&#223;-Sinfonie“ (Anm. d.&#220;.)<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> „Musique concrete“ ist der Name f&#252;r eine in den 1940er Jahren entstandene Musikrichtung, bei der technisch fixierte Kl&#228;nge und Ger&#228;usche aus Technik und Natur das Ausgangsmaterial bilden und durch Montage und Schnitt verfremdet werden. (Anm. d. &#220;.)</p>
<p><em>Owen Hatherley</em> bloggt auf <a href="http://nastybrutalistandshort.blogspot.com">nastybrutalistandshort.blogspot.com</a> &#252;ber Architektur, auf <a href="kinofist.blogspot.com">kinofist.blogspot.com</a> &#252;ber Film und lebt in London.<br />
Sein Buch <em>Militant Modernism</em> erscheint voraussichtlich im Fr&#252;hling 2009 bei <em>zero books</em>.</p>
<p>&#220;bersetzung: Katherina Kinzel und Benjamin Opratko, mit herzlichem Dank an Nikolaus Perneczky.</p>
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		<title>Sowjetmacht vs. Parteidiktatur</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:17:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 6]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Russische Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Staatskapitalismus]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Veronika Duma</em> und <em>Stefan Probst</em> zeichnen im dritten Teil unserer Serie zum politischen Erbe der Oktoberrevolution den Prozess der B&#252;rokratisierung und Entdemokratisierung des „ArbeiterInnenstaats“ bis zur Etablierung eines staatskapitalistischen Regimes Ende der 1920er Jahre nach.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Veronika Duma</em> und <em>Stefan Probst</em> zeichnen im dritten Teil unserer Serie zum politischen Erbe der Oktoberrevolution den Prozess der B&#252;rokratisierung und Entdemokratisierung des „ArbeiterInnenstaats“ bis zur Etablierung eines staatskapitalistischen Regimes Ende der 1920er Jahre nach.<br />
<span id="more-151"></span></p>
<p>Die Oktoberrevolution 1917 war ein popularer Massenaufstand, der nicht nur die &#246;konomischen und politischen Verh&#228;ltnisse grundlegend transformierte, sondern ebenso „ethnische Identit&#228;ten, Geschlechterverh&#228;ltnisse, Moralvorstellungen, intellektuelle Kultur und letztlich das Weltsystem“ umzugestalten versuchte.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Der am zweiten Sowjetkongress im Oktober gebildete <em>Rat der Volkskommissare</em><a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> erlie&#223; bis J&#228;nner 1918 nicht weniger als 116 Dekrete: neben den wichtigsten &#252;ber Grund und Boden, einen sofortigen und bedingungslosen Frieden und &#252;ber die ArbeiterInnenkontrolle der Fabriken gab es Erl&#228;sse zur Abschaffung der Todesstrafe, zum Selbstbestimmungsrecht der Minderheiten, zum Scheidungsrecht oder zur Entkriminalisierung der Homosexualit&#228;t. Ende der 1920er Jahre war von diesen gesellschaftlichen Umw&#228;lzungen nicht mehr viel zu merken. In entscheidenden Fragen repr&#228;sentierte der Stalinismus der 1930er das genaue Gegenteil der Ambitionen von 1917. Im Laufe der 1920er hatte sich eine Schicht der Staats- und Parteib&#252;rokratie vom zentralen Ziel der Revolution entfernt: die Gesellschaft von unten neu aufzubauen. Die Macht dieser Schicht war in den 1920ern bei weitem noch nicht absolut. Sie wurde vom Widerstand der ArbeiterInnen genauso wie von innerparteilicher Opposition herausgefordert. Je mehr sich der Spalt zwischen Staat/Partei und Klasse entwickelte, desto st&#228;rker traten aber auch die materiellen Interessen dieser Schicht gegen&#252;ber dem Rest der Gesellschaft hervor. Ende der 1920er schlie&#223;lich konnte sich ein neues Regime auf Basis erzwungener Akkumulation durchsetzen. Aus einer abgehobenen Schicht war eine neue, selbstbewusste herrschende Klasse geworden.<br />
Wie konnte es dazu kommen, dass die wohl rebellischste ArbeiterInnenschaft jener Zeit sich etwas mehr als zehn Jahre nach der Revolution in einer solchen Lage befand? In der vom Kalten Krieg gepr&#228;gten Geschichtsschreibung wurde diese Frage entweder mit der starken Repression seitens des Staates oder mit einer vermeintlich breiten Zustimmung der Bev&#246;lkerung zum Stalinismus beantwortet.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Beide Ans&#228;tze, so diametral entgegengesetzt sie auch sein m&#246;gen, bef&#246;rdern die Vorstellung, dass der Stalinismus das „nat&#252;rliche“ und unvermeidbare Resultat von 1917 gewesen w&#228;re, ebenso wie die Bev&#246;lkerung in beiden Versionen als eine passive und leicht manipulierbare „Masse“ dargestellt wird. Tats&#228;chlich stellte sich der Degenerationsprozess, wie vor allem neuere Forschungen zeigen konnten, weit komplexer dar.</p>
<h3>B&#252;rgerkrieg</h3>
<p>Gemeinhin werden die Urspr&#252;nge des Stalinismus bereits in den ersten Jahren unmittelbar nach der Revolution, der Zeit des B&#252;rgerkriegs zwischen 1917 und 1920, ausgemacht. Unumstritten ist, dass das stalinistische Regime der 1930er Jahre auf Ma&#223;nahmen aufbauen konnte, die w&#228;hrend des B&#252;rgerkriegs eingef&#252;hrt worden waren. Dennoch gilt es, auch f&#252;r die Zeit des sogenannten „Kriegskommunismus“, die strukturierenden Handlungskontexte in den Blick zu nehmen, die in nicht geringem Ausma&#223; den m&#246;glichen Politiken enge Grenzen zogen. Somit sind f&#252;r diese erste Phase der Degeneration und B&#252;rokratisierung der Revolution weniger ideologische Impulse des Bolschewismus als die Zw&#228;nge einer (international isolierten) Kriegswirtschaft in Anschlag zu bringen.<br />
Russland war zwischen 1914 und 1920 ein Land im Krieg. Der erste Weltkrieg, der f&#252;r Russland mit den Separatfrieden von Brest-Litowsk im M&#228;rz 1918 endete, glitt bruchlos in die Auseinandersetzungen des B&#252;rgerkriegs &#252;ber, dessen Beginn bereits mit dem Putschversuch Lavr Kornilovs im August 1917 angesetzt werden muss.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Nach einem gescheiterten Aufstand der Kadetten<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> wenige Tage nach der Macht&#252;bernahme der Sowjets in Petrograd, und dem Putschversuch des sp&#228;teren Nazi-Kollaborateurs Petr Krasnov, sammelten sich um die Gener&#228;le Denikin, Kaledin, Kornilov und Alekseev die Kr&#228;fte der Reaktion. Was in der antikommunistischen Historiographie des Kalten Kriegs meist unterbelichtet blieb ist jedoch die Tatsache, dass trotz der anf&#228;nglichen Unorganisiertheit der „Roten Armee“ der B&#252;rgerkrieg schon im Fr&#252;hjahr 1918 im Wesentlichen entschieden schien. Optimistisch verk&#252;ndete Lenin im April 1918: „Man kann zuversichtlich sagen, da&#223; der B&#252;rgerkrieg in der Hauptsache beendet ist. … es kann nicht daran gezweifelt werden, da&#223; die Reaktion an der inneren Front … unwiderruflich vernichtet worden ist.“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a><br />
Die entscheidende Trendwende brachte erst die milit&#228;rische, finanzielle und logistische Unterst&#252;tzung der „Wei&#223;en Armee“ durch 14 alliierte Staaten: „h&#228;tte es keine Intervention gegeben, h&#228;tte die alliierte Hilfe f&#252;r die Wei&#223;en nach Ende des Weltkriegs gestoppt, w&#228;re der russische B&#252;rgerkrieg weitaus schneller mit einem eindeutigen Sieg der Sowjets beendet worden.“<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a> In den Jahren zwischen 1918 und 1920 wurde Russland zum „ersten Versuchsfeld mittlerweile g&#228;ngiger konterrevolution&#228;rer Taktiken des Westens, die vielfach auf direkter milit&#228;rischer Intervention basieren, in jedem Fall aber auf finanzieller Unterst&#252;tzung der Contras und &#246;konomischer Kriegsf&#252;hrung ‚niedriger Intensit&#228;t‘.“<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Versch&#228;rft wurde die Situation durch den Zusammenbruch der Wirtschaft und zentraler politischer Koordinations- und Autorit&#228;tsstrukturen sowie dem alliierten Wirtschaftsembargo. Die industrielle Produktion ging bis 1920 auf 31 Prozent des Vorkriegsniveaus zur&#252;ck, der Gesamtoutput auf 38 Prozent.<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a> Mit der deutschen Annexion der Ukraine wurde zus&#228;tzlich eine Region abgeschnitten, die als ehemalige Kornkammer des Landes 35 Prozent des Getreides produziert hatte. Insgesamt gingen mit den besetzten Gebieten 80 Prozent der Eisenproduktion, 90 Prozent der Kohleproduktion und ungef&#228;hr die H&#228;lfte aller russischen Industrieanlagen verloren. Zugleich bedeuteten die Zerst&#246;rungen im Schienensystem und Engp&#228;sse bei der Treibstoffversorgung, dass ein Gutteil des Getreides verschwand oder verrottete, bevor es in die urbanen Zentren gelangte, und die Aufl&#246;sung der Gro&#223;grundherrschaften bef&#246;rderte in den ruralen Gebieten die Beschr&#228;nkung auf Subsistenzwirtschaft gegen&#252;ber der Produktion zum Verkauf.<br />
Besonders in den St&#228;dten wurden die katastrophalen Auswirkungen des &#246;konomischen Zusammenbruchs sp&#252;rbar. In Moskau und Petrograd etwa deckten die Nahrungsmittelrationen im Fr&#252;hjahr 1918 gerade einmal zehn Prozent des N&#246;tigen. Das Fehlen von Treibstoff und Rohstoffen erzwang Fabriksschlie&#223;ungen, sodass die Arbeitslosigkeit in den St&#228;dten in die H&#246;he schoss – auf bis zu 80 Prozent in Petrograd.<br />
Die Bolschewiki konnten sich den politischen Konsequenzen dieser Situation nicht entziehen. Die in den ersten Dekreten der Sowjetregierung formulierten Anspr&#252;che standen in unaufhebbarer Spannung zu den &#246;konomischen und sozialen Realit&#228;ten. Gegen utopistische Unterstellungen, die Bolschewiki h&#228;tten die Ma&#223;nahmen der B&#252;rgerkriegszeit als „Sprung in den Kommunismus“ legitimiert, waren die wichtigsten Protagonisten der neuen Sowjetregierung sehr wohl von deren tempor&#228;rem Charakter &#252;berzeugt.<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a> Letztlich orientierte die Strategie auf die berechtigte Hoffnung der Internationalisierung der Revolution in industriell entwickelten L&#228;ndern Europas, insbesondere Deutschlands.<br />
Bis dahin diktierte der B&#252;rgerkrieg die unausweichliche Alternative: Kapitulation oder Verteidigung. Das bedeutete auch, dass eine Armee von Grund auf neu aufgebaut werden musste, mit allen Problemen, die einer solchen Organisation notwendig anhaften. Niemand sollte sich idealisierenden Illusionen der Roten Armee hingeben. Als sich das anf&#228;ngliche R&#228;teprinzip in der Armee als unzureichend f&#252;r gr&#246;&#223;ere und schnell koordinierte Aktionen erwies, wurden milit&#228;rische Disziplin und Autorit&#228;t wieder durchgesetzt; nachdem sich bis Ende Mai 1918 nur 360.000 Menschen freiwillig f&#252;r die Rote Armee gemeldet hatten, setzte Trotzki die Wehrpflicht wieder ein.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Zugleich wurde jedoch „eine konstante politische Kampagne aufrechterhalten, um Greueltaten zu vermeiden und das moralische und politische Bewusstsein zu heben. Es gelang nicht immer, aber das Ziel war, die Rote Armee zu einer Armee der Befreiung, nicht der Eroberung, zu machen, und Disziplinarstrafen sollten Soldaten von Vergewaltigung, Mord und Pl&#252;nderung abhalten.“<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a><br />
Der Krieg und die &#246;konomische wie soziale Katastrophe ver&#228;nderten auch politische Priorit&#228;ten und die Form der Regierung. Oberste Priorit&#228;t erhielt die Lebensmittelversorgung der Armee sowie der st&#228;dtischen ArbeiterInnen. „In den ersten Monaten hoffte die Regierung verzweifelt, dass durch Ankurbelung der Produktion von G&#252;tern wie Textilien, Salz, Zucker oder Kerosin die Bauern zum Verkauf des Getreides bewegt werden k&#246;nnten. Aber der andauernde Engpass an Konsumg&#252;tern und die Inflationsspirale machten diese Politik zunichte.“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> Im Mai 1918 sah die Regierung daher keine Alternative als den R&#252;ckgriff auf eine „Versorgungsdiktatur“, die alle Getreide&#252;bersch&#252;sse &#252;ber einer fixierten Konsumnorm – wenn notwendig mit Gewalt – konfiszierte. Das war nun kein Spezifikum <em>bolschewistischer</em> Politik. Vielmehr war nicht nur die Kriegswirtschaft des Zarismus und der Provisorischen Regierung 1917 genauso verfahren, sondern auch die kriegswirtschaftliche Struktur Deutschlands beruhte auf einem staatlichen Getreidemonopol, so wie auch die Wei&#223;e Armee Getreide requirierte.<br />
Schon im Herbst 1918 wurde diese Politik jedoch zugunsten des Systems der razverstka wieder zur&#252;ckgenommen, das &#228;hnlich einer direkten Besteuerung der B&#228;uerInnen funktionieren sollte. F&#252;r jede Region und jedes Dorf wurden Getreidequota auf Basis gesch&#228;tzter Ernte&#252;bersch&#252;sse festgelegt. Im Gegenzug sollten die B&#228;uerInnen Anspruch auf eine bestimmte Menge G&#252;ter haben, und zwar unabh&#228;ngig von den abgelieferten Getreidemengen; der Warentausch sollte dabei als Sanktionsmechanismus f&#252;r nicht erf&#252;llte Quota fungieren.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a> Freilich blieb auch hier das grundlegende Dilemma bestehen: „Ohne Wiederbelebung der Industrie war auch die Landwirtschaft verloren – und ohne dr&#252;ckende und unkompensierte Getreideabgaben konnte sich die Industrie nicht erholen. … Sowohl die Provisorische Regierung als auch die Bolschewiki hatten mit dem Erbe des [&#246;konomischen] Zusammenbruchs zu k&#228;mpfen, der zuerst zu fehlenden Anreizen zur Vermarktung des Getreides und sp&#228;ter zum Schrumpfen b&#228;uerlicher Produktionskapazit&#228;ten f&#252;hrte.“<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a> Letztlich, urteilt der Historiker Steve Smith, hatten die Bolschewiki in dieser Situation „keine andere Wahl als ‚von den Hungrigen zu nehmen und den noch Hungrigeren zu geben‘, da die Armen in den St&#228;dten und den Getreidedefizit-Regionen es sich ganz einfach nicht leisten konnten, bei Markt-Preisen Lebensmittel zu kaufen.“<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a><br />
Der Wiederaufbau der Industrie musste schon allein aus diesem Grund weit oben auf der Priorit&#228;tenliste der Regierung rangieren, und es ist diese Dimension der bolschewistischen Politik der B&#252;rgerkriegszeit, die am nachhaltigsten die Transformation des Regimes pr&#228;gen sollte.<br />
Unmittelbar nach der Oktoberrevolution war ein Gutteil der Betriebe von ArbeiterInnen selbst in „wilden“ Kollektivierungen angeeignet worden, bevor im Juni 1918 die gesamt Industrie nationalisiert wurde. Im Kontext staatlicher Desintegration und politischer Fragmentierung drohte die Wirtschaft nun allerdings in ein unkoordiniertes System autonomer Fabriken zu zersplittern. Verst&#228;rkt durch den Druck des B&#252;rgerkriegs wurden deshalb Formen der Zentralisierung der Industrie erforderlich. Ansonsten w&#228;re weder eine koordinierte Antwort auf die Bed&#252;rfnisse der Armee m&#246;glich, noch an die „Geschwindigkeit des Kriegs“ angepasste, schnelle Entscheidungen sicherzustellen gewesen. Die ersten postrevolution&#228;ren Monate k&#246;nnen daher als Versuch der „Disziplinierung“ der „spontanen“ und „planlosen“ Zerschlagung der alten Ordnung interpretiert werden. In diesem Kontext ist die Etablierung des <em>Obersten Volkswirtschaftsrats</em> im Dezember 1917 zur zentralen Wirtschaftsplanung und die am ersten Gewerkschaftskongress im J&#228;nner 1918 beschlossene Eingliederung der Fabrikskomitees als lokale Organe der Gewerkschaften (Produktionsverb&#228;nde) zu verstehen. Auch hier waren die Ma&#223;nahmen weniger ideologisch motiviert als durch „praktische Notwendigkeiten“ vorgezeichnet.<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a><br />
Freilich existierte zwischen Zentralismus und ArbeiterInnendemokratie eine offensichtliche Spannung. Schon im Fr&#252;hjahr 1918 kritisierte deshalb der linke Bolschewik Ossinski, dass „die Verstaatlichung an sich, d.h. der &#220;bergang eines Betriebs in Staatseigentum, noch keinen Sozialismus“ bedeute. Das Wichtigste sei, „in der inneren Organisation der Produktion … die Kommandogewalt des Proletariats … aufrechtzuerhalten“: „Die Organisierung der Arbeit mu&#223; der Entwicklung der Klassenselbst&#228;ndigkeit und der Aktivit&#228;t Raum gew&#228;hren.“ Ansonsten drohe „die Entstehung des Staatskapitalismus in Ru&#223;land“.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a><br />
Im Licht der sp&#228;teren Entwicklungen daraus <em>ex post</em> eine Theorie der zwangsl&#228;ufigen autorit&#228;ren Verkrustung der Revolution zu basteln ist dennoch unzul&#228;ssig. In jedem Fall gestalteten sich die betrieblichen Realit&#228;ten weit chaotischer und komplexer, als es jene Lesarten nahelegen, die nur auf die politischen Entscheidungen der Sowjetregierung fokussieren. Das etatistische, produktivit&#228;tsorientierte Modell der Produktionsorganisation deckte sich kaum mit der tats&#228;chlichen Situation in den Fabriken.<br />
W&#228;hrend etwa <em>de iure</em> die kollegiale Leitung der Betriebe durch die Ein-Mann-Leitung eingesetzter Manager (die sich entweder aus der Belegschaft selbst oder aus „b&#252;rgerlichen Spezialisten“ rekrutierten) abgel&#246;st wurde<a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a>, &#252;berschnitten sich <em>de facto</em> die Aufgabenbereiche von Management, lokaler Parteiorganisation und Fabrikskomitee weitgehend und bis Mitte der 1920er Jahre fungierten letztere als haupts&#228;chliche betriebliche Verwaltungsorgane.<br />
Wie die Historikerin Diane Koenker betont widersprachen die „chaotischen lokalen Realit&#228;ten … dem Ideal einer rationalen zentralisierten Ordnung“.<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> Vielmehr bef&#246;rderte gerade die Krise der B&#252;rgerkriegszeit (autonome) betriebszentrierte Loyalit&#228;ten und Solidarit&#228;ten, die im Kampf um knappe Ressourcen Abteilung gegen Abteilung, Fabrik gegen Fabrik, Stadt gegen Stadt stellte. Je mehr die Ausnahmesituation des Kriegs die Kollektivit&#228;t der Revolutionszeit unterh&#246;hlte und einer „Politik des pers&#246;nlichen &#220;berlebens“ (Murphy) wich, desto st&#228;rker wurde die Fabrik zum prim&#228;ren Ort der Identifikation und der Sicherung der materiellen Bed&#252;rfnisse. Koenker hat daher f&#252;r die B&#252;rgerkriegszeit von „entgegengesetzten Tendenzen zentraler Autorit&#228;t und autonomer lokaler Kontrolle“ gesprochen.<a title="anm_21" name="anm_21" href="#anm21"><sup>21</sup></a><br />
&#220;berhaupt waren die gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse im Fluss. Auf die Betriebe selbst bezogen drehten sich die Debatten um Fragen privaten und/oder gesellschaftlichen Eigentums; um Fragen lokal unabh&#228;ngiger Verwaltungsautonomie oder zentraler wirtschaftlicher Direktion; um das Ausma&#223; der Involvierung der Belegschaften in Management- und Entscheidungsstrukturen. In der wirtschaftspolitischen Debatte diskutierten Regierung und Gewerkschaften, ob monet&#228;re Anreize zur Produktivit&#228;tssteigerung moralische Appelle erg&#228;nzen sollten. Ebenso umstritten war, wie betriebliche Konflikte gel&#246;st werden sollten. Streiks wurden vielfach als unangemessen betrachtet und zentrale staatliche und gewerkschaftliche Apparate bevorzugten Formen der Vermittlung und Streitschlichtung durch (innerbetriebliche) Kommissionen.<a title="anm_22" name="anm_22" href="#anm22"><sup>22</sup></a><br />
Ebenso war die Rolle der Gewerkschaften zu definieren, sowohl im Verh&#228;ltnis zum Staat als auch in ihrem Verh&#228;ltnis zu den ArbeiterInnen in den Betrieben. Die L&#246;sungsans&#228;tze waren auch innerhalb der bolschewistischen Partei umk&#228;mpft. In der „Gewerkschaftsdebatte“ 1920/21 kristallisierten sich drei Positionen heraus: w&#228;hrend Trotzki die Eingliederung der Gewerkschaften in den staatlichen Wirtschaftsapparat favorisierte und deren Aufgabe in erster Linie in der Hebung der Produktivit&#228;t sah, verteidigte die „Arbeiteropposition“ um Shliapnikov und Kollontai vehement die Autonomie der Gewerkschaften und forcierte deren Rolle als &#252;bergeordnete proletarische Leitungsorgane der &#214;konomie, da die Volkswirtschaftsr&#228;te bereits b&#252;rokratisiert seien und die Regierung die widerspr&#252;chlichen Interessen von ArbeiterInnen, B&#228;uerInnen und „b&#252;rgerlichen Spezialisten“ ausbalancieren m&#252;sse. Durchgesetzt hat sich letztlich die dritte Position Lenins, Zinovievs, Kamenevs, Stalins und prominenter Gewerkschaftsf&#252;hrungen. Die Gewerkschaften sollten als „Schule des Kommunismus“ fungieren, als (teilautonome) Klassenorganisationen des Proletariats „die Hauptarbeit zur Organisation der Produktion &#252;bernehmen“ und „im Laufe der sozialistischen Revolution zu Organen der sozialistischen Macht werden, die als solche anderen Organisationen [lies: dem <em>Obersten Volkswirtschaftsrat</em>] bei der Verwirklichung neuer Organisationsprinzipien des Wirtschaftslebens beigeordnet sind.“<a title="anm_23" name="anm_23" href="#anm23"><sup>23</sup></a> Was das praktisch bedeutete blieb jedoch ebenso unklar, wie die Formulierung offenlie&#223;, was passieren sollte, wenn die Interessen von Staat und ArbeiterInnen kollidierten.<br />
Letztlich wurden die verschiedenen Konfliktachsen der B&#252;rgerkriegszeit (zwischen Land und Stadt, B&#228;uerInnen und ArbeiterInnen, Staat, Gewerkschaft und Betrieb etc.) dennoch von der grundlegenden Auseinandersetzung mit der Konterrevolution &#252;berspannt. Die Feindseligkeit der B&#228;uerInnen „wurde im Endeffekt durch das Wissen in Schach gehalten, dass, wenn die Kommunisten das Getreide nahmen, die Wei&#223;en drohten, nicht nur das Getreide sondern auch das Land zu nehmen.“<a title="anm_24" name="anm_24" href="#anm24"><sup>24</sup></a> Und auch unter den st&#228;dtischen ArbeiterInnen behielt die Sowjetregierung, bei aller Kritik, Massenunterst&#252;tzung. Kevin Murphy konnte in seiner Studie des gr&#246;&#223;ten Moskauer Metallbetriebs, der „Hammer und Sichel“-Werke, zeigen, dass die ArbeiterInnen trotz der schwierigen materiellen Bedingungen nicht die Revolution oder die kommunistische Partei f&#252;r ihre Probleme verantwortlich machten. In den Treffen des Fabrikskomitees und den betriebsweiten Versammlungen &#252;berwog die Diskussion praktischer Ma&#223;nahmen zur Lebensmittel- und Treibstoffversorgung und „Streiks“ waren meist nicht von politischen Forderungen begleitet. Der haupts&#228;chliche Grund, warum die Bolschewiki den B&#252;rgerkrieg gewinnen konnten war demnach nicht die Repression.<a title="anm_25" name="anm_25" href="#anm25"><sup>25</sup></a> So hei&#223;t es auch in einem Memorandum an das britische Kriegsministerium im Juli 1919: „Die Stabilit&#228;t der bolschewistischen Regierung kann nicht allein durch Terror erkl&#228;rt werden. … Wir m&#252;ssen also zugeben, dass die derzeitige russische Regierung von der &#252;berwiegenden Mehrheit der russischen Bev&#246;lkerung anerkannt wird.“<a title="anm_26" name="anm_26" href="#anm26"><sup>26</sup></a><br />
Die politischen Transformationen an der Spitze des Regimes w&#228;hrend der B&#252;rgerkriegszeit sollten sich dennoch als grundlegend f&#252;r die sp&#228;tere Entwicklung erweisen. Das Erbe des „Kriegskommunismus“ schrieb sich in den „ArbeiterInnenstaat“ ein: die militarisierte, zentralistische und maskulinistische politische Kultur der B&#252;rgerkriegszeit „zog neue Hierarchien in das egalit&#228;re sozialistische Projekt ein, die Bewaffnete gegen&#252;ber Unbewaffneten, Anf&#252;hrer gegen&#252;ber Mitl&#228;ufern, ArbeiterInnen gegen&#252;ber B&#228;uerInnen, M&#228;nner gegen&#252;ber Frauen privilegierten.“<a title="anm_27" name="anm_27" href="#anm27"><sup>27</sup></a> Die Rote Armee war mit Ende des B&#252;rgerkriegs zur gr&#246;&#223;ten Institution des Staates geworden und genoss oberste Priorit&#228;t in der Allokation der Ressourcen; zugleich wurde sie zur „Brutst&#228;tte der Kader des Staats- und Parteiapparats der 1920er Jahre.“<a title="anm_28" name="anm_28" href="#anm28"><sup>28</sup></a><br />
Ebenso ver&#228;nderte sich die soziale und politische Zusammensetzung der ArbeiterInnenklasse grundlegend. Die Bev&#246;lkerung Petrograds etwa war durch Krieg, Seuchen und Stadtflucht von 2,4 Millionen 1917 auf 574.000 1920 gefallen. Von urspr&#252;nglich 400.000 FabriksarbeiterInnen waren 1921 gerade einmal noch 50.000 in der Petrograder Industrie besch&#228;ftigt. Zudem waren die wichtigsten lokalen AktivistInnen der Revolutionszeit nun entweder an der Front oder in die Institutionen des Staats eingezogen. Der kollektive Egalitarismus und die Institutionen der ArbeiterInnenselbstverwaltung waren zusehends ausgeh&#246;hlt worden und die &#246;konomische Katastrophe f&#246;rderte individualisierte Strategien zur Sicherung der materiellen Bed&#252;rfnisse. Die Regelm&#228;&#223;igkeit der Fabrikskomitee-Treffen und der betriebsweiten Vollversammlungen ging drastisch zur&#252;ck und die &#246;konomische Krise der B&#252;rgerkriegszeit atomisierte die Klassensolidarit&#228;t in den Fabriken.<br />
Gleichzeitig zerfiel mit Ende des B&#252;rgerkriegs das B&#252;ndnis mit den B&#228;uerInnen. Die Oktoberrevolution war, wie Tony Cliff argumentiert, „die Fusion zweier Revolutionen“<a title="anm_29" name="anm_29" href="#anm29"><sup>29</sup></a> gewesen: einer proletarischen gegen den Kapitalismus, und einer antifeudalen Revolution, die auf kleinkapitalistisches Privateigentum des Landes orientierte. Sobald mit der Wei&#223;en Armee der unmittelbare Gegner besiegt war, brachen daher drastische Konflikte zwischen Sowjetregierung und Bauernschaft auf.<br />
Das alles konnte auch an der bolschewistischen Partei selbst nicht spurlos vor&#252;bergehen. Die Dezimierung und Rekomposition der ArbeiterInnenklasse im Zuge des B&#252;rgerkriegs schnitt die Organisation zunehmend von ihrer organischen Verwurzelung in den Betrieben ab.<a title="anm_30" name="anm_30" href="#anm30"><sup>30</sup></a> W&#228;hrend 1917 ArbeiterInnen 60 Prozent der Partei ausmachten, war diese Zahl 1921 auf 41 Prozent gefallen – und der Gro&#223;teil arbeitete f&#252;r den Staat oder die Armee und nicht in der Industrie. Zugleich wurde die kommunistische Partei zum Attraktionspol f&#252;r Karrieristen aller Art: zwischen M&#228;rz 1919 und Dezember 1920 wuchs die Mitgliedschaft von 313.000 auf 730.000.<a title="anm_31" name="anm_31" href="#anm31"><sup>31</sup></a><br />
Die massiven Probleme der Versorgung und des Transportwesens, die „Tr&#228;gheit“ lokaler Institutionen, die Notwendigkeit, schnelle Entscheidungen zu treffen und umzusetzen, verst&#228;rkten auch den Druck zur Konzentration der Entscheidungsprozesse an der Spitze von Staat und Partei, die zunehmend wie eine Armee operierte. Bis 1919 war das Zentralkomitee zur einflussreichsten politischen Struktur geworden, in der alle wichtigen Ma&#223;nahmen beschlossen wurden, noch bevor sie an den Rat der Volkskommissare und das Zentralexekutivkomitee des Sowjetkongresses zur Implementierung weitergeleitet wurden. In der Partei selbst betrachtete die F&#252;hrung interne Debatte und Kritik immer mehr als hemmenden Ballast.<a title="anm_32" name="anm_32" href="#anm32"><sup>32</sup></a> Obrigkeitsdenken und Funktion&#228;rskult setzten sich ebenso durch wie die b&#252;rokratische Praxis der Ernennungen.<br />
Die Tendenz zu „substitionistischer“ Politik – d.h. einer Politik, die (tempor&#228;r) die Herrschaft der ArbeiterInnen durch die Herrschaft der Partei <em>f&#252;r</em> und <em>anstatt</em> der ArbeiterInnen ersetzte, und dies mit Verweis auf die „Passivit&#228;t“ und „R&#252;ckst&#228;ndigkeit“ der Basis rechtfertigte – war in diesem Kontext der Fragmentierung kollektiver Militanz in den Betrieben und der Entdemokratisierung der Partei &#252;berdeutlich. Eines der fr&#252;hen krassen Beispiele ist sicherlich Trotzkis Versuch der „Militarisierung der Arbeit“, der auf die Errichtung eines Regimes staatlicher Zwangsarbeit hinauslief, „in der jeder Arbeiter sich als Soldat der Arbeit versteht, der nicht frei &#252;ber sich verf&#252;gen kann; wenn der Befehl kommt, da&#223; er versetzt werden soll, so mu&#223; er ihn ausf&#252;hren“.<a title="anm_33" name="anm_33" href="#anm33"><sup>33</sup></a> Zurecht bemerkte daher die Arbeiteropposition im Fr&#252;hjahr 1921, dass die Macht der proletarischen Assoziationen in der B&#252;rgerkriegszeit durch die Herrschaft der Partei- und Staatsapparate ersetzt worden sei und die ArbeiterInnenklasse „eine immer geringere Rolle in der Sowjetrepublik spielt, da&#223; sie den Ma&#223;nahmen ihrer eigenen Regierung immer weniger ihren eigenen Stempel aufdr&#252;ckt, da&#223; sie in immer geringerem Ma&#223;e die Politik bestimmt und auf die Arbeit und die Denkweise der zentralen Machtorgane immer weniger Einflu&#223; hat.“<a title="anm_34" name="anm_34" href="#anm34"><sup>34</sup></a><br />
Letztlich h&#228;tte nur die Aktivit&#228;t der ArbeiterInnenklasse selbst die Gefahr des Substitutionismus und die Verwandlung der Partei in eine konservative Kraft verhindern k&#246;nnen.<a title="anm_35" name="anm_35" href="#anm35"><sup>35</sup></a> Selbst diejenigen Bolschewiki, die sich, wie Lenin, der B&#252;rokratisierung der Revolution durchaus bewusst waren, lehnten eine solche Perspektive allerdings mit dem Argument der „Deklassierung“ der ArbeiterInnenklasse ab.<a title="anm_36" name="anm_36" href="#anm36"><sup>36</sup></a> In Lenins bekannter Formulierung konnte der Staat gegen Ende des B&#252;rgerkriegs nicht mehr aufgrund seiner sozialen Basis, sondern nur mehr aufgrund der Ziele der Partei(f&#252;hrung) als ArbeiterInnenstaat bezeichnet werden.<br />
Es sei dahingestellt, ob diese Einsch&#228;tzung f&#252;r 1920 zutrifft. In jedem Fall muss die auf dieser These aufbauende linke Historiographie relativiert werden, die deshalb in der Niederlage der „alten Garde“ der Partei gegen Stalin den Hauptgrund der Degeneration der Revolution ausmacht. Insbesondere neuere Forschungen haben ab 1921 einen Aufschwung kollektiver Militanz und im Selbstvertrauen der ArbeiterInnen, der Gewerkschaften und Fabrikskomitees nachweisen k&#246;nnen.<a title="anm_37" name="anm_37" href="#anm37"><sup>37</sup></a> Zwar legten die Ma&#223;nahmen der B&#252;rgerkriegszeit die Grundlage f&#252;r die Eliminierung proletarischer Autonomie und Initiative,<a title="anm_38" name="anm_38" href="#anm38"><sup>38</sup></a> aber unabh&#228;ngige politische Strukturen der ArbeiterInnen waren in der ersten H&#228;lfte der 1920er Jahre immer noch lebendig. Von einer politischen Desintegration der ArbeiterInnenklasse kann vielleicht in der B&#252;rgerkriegszeit gesprochen werden; die Argumentation, die diesen Prozess in die erste H&#228;lfte der 1920er projiziert, und daraus ein Argument zu stricken versucht, das bestimmte b&#252;rokratische Entscheidungen, und die Aush&#246;hlung der Institutionen proletarischer Demokratie, mit den „objektiven Umst&#228;nden“ erkl&#228;rt, ist nicht l&#228;nger haltbar.</p>
<h3>Neue &#214;konomische Politik</h3>
<p>Die 1921 beschlossene „Neue &#214;konomische Politik“ (NEP) war als tempor&#228;rer Kompromiss konzipiert, der privaten Handel f&#246;rdern sollte, insbesondere um die Tauschverh&#228;ltnisse zwischen Stadt und Land wieder zu beleben. Nur ein Ausgleich mit der Bauernschaft k&#246;nne, so das Kalk&#252;l, die Revolution bis zur Internationalisierung des Prozesses, retten. Begleitet waren diese Ma&#223;nahmen von einer partiellen R&#252;cknahme hochzentralisierter staatlicher Kontrolle der Wirtschaft der B&#252;rgerkriegszeit.<br />
Vom Standpunkt des Proletariats aus erschien die NEP allerdings als grunds&#228;tzlich widerspr&#252;chlich. Einerseits sollten die Unternehmen verlustfrei arbeiten und die L&#246;hne sollten sich an der Produktivit&#228;t orientieren; die Vorgaben f&#252;r das Fabriksmanagement bedeuteten somit, dass die staatlichen Betriebe nicht un&#228;hnlich zu privatkapitalistischen zu f&#252;hren waren. Gleichzeitig war jedoch seit 1922 gesetzlich festgeschrieben, dass L&#246;hne durch kollektive Verhandlungen mit den Gewerkschaften vereinbart und von der Belegschaft ratifiziert werden mussten; die t&#228;gliche Arbeitszeit war auf acht Stunden beschr&#228;nkt, &#220;berstunden wurden mit 150 Prozent abgegolten, und M&#252;tter hatten Anspruch auf eine 16-w&#246;chige Karenzzeit. Konflikte wurden in Kommissionen in w&#246;chentlichen Sitzungen ausgehandelt, die parit&#228;tisch aus Management und ArbeiterInnen zusammengesetzt waren. Alleine 1924 und 1925 wurden in den Moskauer „Hammer und Sichel“-Werken 13.000 Beschwerden eingereicht, die in zwei Drittel der F&#228;lle zum Vorteil der ArbeiterInnen gel&#246;st wurden.<br />
Die sich aus dieser Situation ergebende grundlegende Spannung zwischen der Steigerung der &#246;konomischen Effizienz und der Verteidigung der Rechte und Interessen der ArbeiterInnen sollte im Laufe der 1920er Jahre besonders deutlich werden und auch heftige Konflikte nach sich ziehen.<a title="anm_39" name="anm_39" href="#anm39"><sup>39</sup></a> Dass diese Konflikte – sei es im Arbeitskampf oder am Verhandlungstisch – auch ausgetragen wurden, zeigt aber gleichzeitig, dass die &#228;ltere These, nach der das NEP-Regime seine Ziele und Politiken repressiv durchsetzte,<a title="anm_40" name="anm_40" href="#anm40"><sup>40</sup></a> nicht mehr haltbar ist. In k&#252;rzlich ver&#246;ffentlichten Berichten der Staatspolizei GPU wurden zwischen 1922 und 1928 bei mehr als 3.000 Streiks nur sechs F&#228;lle angef&#252;hrt, bei denen streikende ArbeiterInnen verhaftet wurden.<a title="anm_41" name="anm_41" href="#anm41"><sup>41</sup></a><br />
Trotz der widerspr&#252;chlichen Situation der fr&#252;hen NEP-Zeit kontrollierten die ArbeiterInnen &#252;ber weite Strecken den Produktionsprozess. Diane Koenker hat in ihrer Studie &#252;ber die Moskauer Druckindustrie erl&#228;utert, dass die ArbeiterInnen Mitte der 1920er Jahre noch die Kontrolle in vier Schl&#252;sselbereichen aus&#252;bten: „gegen&#252;ber dem Management, in Fragen der Disziplin, Methoden der Entlohnung und der Organisation des Arbeitsprozesses.“<a title="anm_42" name="anm_42" href="#anm42"><sup>42</sup></a> Der Arbeitsprozess war hier also der kapitalistischen Verwertungslogik noch nicht untergeordnet. Auch Kevin Murphy konnte zeigen, dass „das politische Leben in den Fabriken in der NEP-Zeit immer noch sehr dynamisch, lautstark und durchsetzungsf&#228;hig war. … Trotz der vielen Schw&#228;chen war die Revolution noch lebendig und das System in den Fabriken unterschied sich grundlegend vom kapitalistischen.“<a title="anm_43" name="anm_43" href="#anm43"><sup>43</sup></a></p>
<h3>Verschiebung der Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse</h3>
<p>Etwa Mitte der 20er Jahre l&#228;sst sich eine Verschiebung des Kr&#228;fteverh&#228;ltnisses zuungunsten der ArbeiterInnen feststellen, als sich Partei- und Gewerkschaftsstrukturen zunehmend in Institutionen zur Durchsetzung produktivit&#228;tsorientierter Politik und zur Disziplinierung der ArbeiterInnen transformierten. Damit einher ging die Implementierung einer h&#228;rteren Linie des Managements in den Fabriken gegen&#252;ber der ArbeiterInnenschaft. Ein bezeichnendes Beispiel f&#252;r diese Verschiebung ist die abnehmende Intensit&#228;t der ArbeiterInnenk&#228;mpfe – waren militante Streiks zu Beginn der genannten Epoche charakteristisch f&#252;r die Artikulation von Interessen sowie f&#252;r die Austragung von Konflikten, z&#228;hlten sie in der sp&#228;ten NEP Zeit zumeist nur noch zu Ereignissen der Vergangenheit.<a title="anm_44" name="anm_44" href="#anm44"><sup>44</sup></a> Am Beispiel der Belegschaft der „Hammer und Sichel“-Werke zeigt Murphy, dass die Militanz der ArbeiterInnen bis Fr&#252;hjahr 1924 deutlich anstieg. Danach sind jedoch keine weiteren Berichte &#252;ber Streikaktivit&#228;ten f&#252;r dieses Jahr und nur einer f&#252;r 1925 bekannt. Weitgehend in die Defensive ger&#252;ckt, verstummten im Laufe der zweiten H&#228;lfte der 20er Jahre offensive Forderungen der ArbeiterInnen, etwa nach Lohnerh&#246;hungen. Stattdessen wurde in den Auseinandersetzungen am Arbeitsplatz versucht, gegen die Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsbedingungen anzuk&#228;mpfen.<br />
Wie ist diese Verschiebung zu erkl&#228;ren, wenn es keine Anzeichen verst&#228;rkter staatlicher Repression gab? Kevin Murphy hat &#252;berzeugend ausgef&#252;hrt, dass die Gewerkschaften eine wichtige Rolle bei dieser Entwicklung gespielt haben. Sie wurden h&#228;ufig bei Konflikten herangezogen und von staatlicher Seite erfolgreich zur Befriedung von Streiks eingesetzt.<a title="anm_45" name="anm_45" href="#anm45"><sup>45</sup></a> Als sich ab 1925 die &#246;konomische Situation versch&#228;rfte, konnte der Staat seine Position gegen&#252;ber der ArbeiterInnenklasse st&#228;rken. Dieser Prozess, die damit verbundene zunehmende B&#252;rokratisierung sowie der Aufstieg des stalinistischen Fl&#252;gels sind an eine Reihe von Faktoren, soziale Prozesse und K&#228;mpfe gekn&#252;pft. Das Ausbleiben der von den Bolschewiki erhofften internationalen Revolution, die damit einhergehende Frage nach milit&#228;rischer Verteidigung, die Isolierung Sowjetrusslands sowie der globale Wettbewerb spielten ebenso eine Rolle wie interne Widerspr&#252;che und Konflikte.<a title="anm_46" name="anm_46" href="#anm46"><sup>46</sup></a> Schon im B&#252;rgerkrieg bildete sich in der Sowjetunion eine gesellschaftliche Schicht heraus, die sich in ihrer Einstellung und polischen Sto&#223;richtung von den Idealen des Jahres 1917 entfernte. Zu Beginn der 1920er Jahre befand sich dieser Prozess der Entstehung einer neuen herrschenden Klasse noch in seinem Anfangsstadium. Im Laufe der NEP-Zeit traten jedoch die widerspr&#252;chlichen Beziehungen zu den ArbeiterInnen immer st&#228;rker zu Tage. In den ersten Jahren der Neuen &#214;konomischen Politik sicherten sich jene Gruppen, die sp&#228;ter der herrschenden Klasse angeh&#246;ren sollten, ihre Positionen in Staat und Gesellschaft. Im Zentrum dieses Prozesses standen Teile der Parteielite, die sich vor allem durch ihre politische Macht und durch die Kontrolle &#252;ber den Staatsapparat auszeichnete. Doch die zuk&#252;nftige herrschende Klasse setzte sich noch aus weiteren Fragmenten zusammen: „technische Spezialisten“, „kommunistische Manager“ oder Parteibeamte, die w&#228;hrend der NEP oft auch in &#228;u&#223;erst konflikthaften Beziehungen zueinander standen, reklamierten materielle Privilegien f&#252;r sich und bem&#252;hten sich darum, ihre Vorrechte zu legitimieren.<a title="anm_47" name="anm_47" href="#anm47"><sup>47</sup></a> Zu diesen Privilegien z&#228;hlten z.B. h&#246;here L&#246;hne, Wohnm&#246;glichkeiten, medizinische Versorgung oder Kinderbetreuung. Auch wenn diese Vorrechte im ersten Moment bescheiden anmuten, so bedeutete ihre Existenz dennoch einen wesentlichen Bruch mit den Zielen der Revolution. Die Tatsache, dass h&#246;here L&#246;hne und sonstige Beg&#252;nstigungen auf einmal an einen bestimmten Posten gebunden waren, signalisierte eine Unterlaufung der Prinzipien des Egalitarismus.<a title="anm_48" name="anm_48" href="#anm48"><sup>48</sup></a> Eine weitere Ver&#228;nderung, die den Abgrenzungsprozess der sich formierenden Gruppe verst&#228;rkte, war die Etablierung einer strengeren Kontrolle &#252;ber die Verteilung von Informationen, die die politische und &#246;konomische Situation betrafen, sowie die den Mitgliedern zugesprochene Immunit&#228;t.<a title="anm_49" name="anm_49" href="#anm49"><sup>49</sup></a> Parteimitglieder die versuchten, die Privilegienstruktur der Elite mit Hilfe des Klassenbegriffs zu analysieren, wurden in den Untergrund getrieben.<a title="anm_50" name="anm_50" href="#anm50"><sup>50</sup></a> Trotz all dem war diese Schicht w&#228;hrend der NEP weit davon entfernt, eine einheitliche Fraktion mit klar definierten Zielen zu sein.<a title="anm_51" name="anm_51" href="#anm51"><sup>51</sup></a><br />
Die Verschiebungen der Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse in der zweiten H&#228;lfte der NEP zeigen sich auch darin, dass das Gebot der Produktivit&#228;t st&#228;rker an Gewicht gewann.<a title="anm_52" name="anm_52" href="#anm52"><sup>52</sup></a> Die ArbeiterInnenschaft bekam die Auswirkungen der intensivierten Produktivit&#228;t deutlich zu sp&#252;ren – sie war es, die unter schlechten Lebensverh&#228;ltnissen und zu niedrigen L&#246;hnen entscheidend zur raschen Industrialisierung beitrug. Zudem nahm in der zweiten H&#228;lfte der NEP-Zeit die Arbeitslosigkeit zu. Die drohende Arbeitslosigkeit wiederum verst&#228;rkte das Aufbrechen der Solidarit&#228;t innerhalb der ArbeiterInnenschaft. Br&#252;che zwischen m&#228;nnlichen und weiblichen, jungen und alten ArbeiterInnen sowie zwischen neu in der Stadt angesiedelten B&#228;uerInnen, die in den St&#228;dten Arbeit suchten, und der urbanen ArbeiterInnenschaft entwickelten und versch&#228;rften sich,<a title="anm_53" name="anm_53" href="#anm53"><sup>53</sup></a> aber auch antisemitische Stereotype gewannen an Boden.<a title="anm_54" name="anm_54" href="#anm54"><sup>54</sup></a> Fabrikmanager versuchten mittels einer „Teile-und-herrsche-Politik“ ihre eigene Position zu st&#228;rken, indem bewusst darauf abgezielt wurde, Spaltungen innerhalb der ArbeiterInnenschaft voranzutreiben: mittels Disziplinierung der ArbeiterInnen durch Lohnpolitik, durch die Androhung von Arbeitslosigkeit oder durch Bestrafung einzelner ArbeiterInnen.<a title="anm_55" name="anm_55" href="#anm55"><sup>55</sup></a><br />
Die Konflikte reflektieren deutlich die Entwicklung der staatlichen Politik unter dem Banner der Produktivit&#228;t und den damit einhergehenden Untergang egalitaristischer Tendenzen. Die Intensivierung des Arbeitsprozesses, die Senkung der Reall&#246;hne sowie die sich verschlechternden Lebensverh&#228;ltnisse wurden zu einem integralen Bestandteil des Industrialisierungsplans.<a title="anm_56" name="anm_56" href="#anm56"><sup>56</sup></a> Der Widerspruch der NEP-Zeit zwischen Effizienzprinzipien und ArbeiterInnendemokratie spiegelt sich auch im wankelm&#252;tigen Verhalten der Gewerkschaften. Die gro&#223;e Mehrheit der ArbeiterInnen war gewerkschaftlich organisiert. Der Beitritt zu einer Gewerkschaft war freiwillig und mit einer Reihe an (Sozial-)Leistungen verbunden.<a title="anm_57" name="anm_57" href="#anm57"><sup>57</sup></a> Obwohl die Gewerkschaften in der sp&#228;ten NEP-Zeit immer st&#228;rker von den ArbeiterInnen f&#252;r ihre Politik kritisiert wurden, und sich letztere der mittlerweile h&#246;chstens nur noch defensiven Haltung ihrer gew&#228;hlten Vertretung durchaus bewusst waren, wandten sich die ArbeiterInnen mit ihren Forderungen dennoch weiterhin an die Gewerkschaften. Im Allgemeinen &#252;berwog in der ArbeiterInnenschaft die Hoffnung auf Reformen innerhalb der bestehenden Institutionen – eine Tatsache, der f&#252;r den weiteren Transformationsprozess eine wesentliche Bedeutung zukommt: dem Staat gelang es, „den Unmut der ArbeiterInnen durch offizielle Gewerkschaftsstrukturen erfolgreich zu kanalisieren.“<a title="anm_58" name="anm_58" href="#anm58"><sup>58</sup></a> Die Erwartungshaltung der ArbeiterInnen und die damit verbundenen wiederholten Versuche, sich mit Forderungen und Beschwerden an bestehende Einrichtungen zu wenden, erkl&#228;rt auch, warum keine unabh&#228;ngigen Organisationsstrukturen entstanden, die der arbeiterInnenfeindlichen Politik etwas entgegenzusetzen hatten. Dieses Verhalten kn&#252;pfte jedoch an durchaus positive Erfahrungen der ArbeiterInnen in den Betrieben an: lange Zeit hatten ihre Interessen Gewicht gehabt und ihre Forderungen waren umgesetzt worden.</p>
<h3>Konterrevolution von oben</h3>
<p>Die Jahre 1927-28 bedeuteten einen eindeutigen Bruch in der Geschichte der Sowjetunion. Gegen Ende der NEP-Zeit verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage ma&#223;geblich. Maschinenanlagen, die nicht erneuert werden konnten, verursachten immer h&#228;ufiger Betriebsausf&#228;lle in der Industrie. Nach mehreren aufeinanderfolgenden schwachen Ernten kam es zu Hungersn&#246;ten und Revolten auf dem Land. Die Krise hallte in den St&#228;dten wider, da die Nahrungsmittelengp&#228;sse Auswirkungen auf die Versorgung der StadtbewohnerInnen hatten.<a title="anm_59" name="anm_59" href="#anm59"><sup>59</sup></a> Das Regime griff erneut auf das Mittel der Getreiderequirierungen zur&#252;ck. Zu den obersten Zielvorgaben der staatlichen Wirtschaftspolitik geh&#246;rte die Steigerung der Produktion, der Vorsatz, die Sowjetunion von einem Agrar- in einen Industriestaat zu verwandeln sowie wirtschaftliche Unabh&#228;ngigkeit vom kapitalistischen Ausland sicherzustellen. Verwirklicht werden sollte dieses Programm mit Hilfe eines f&#252;nfj&#228;hrigen Entwicklungsplans. Die Umsetzung dieses F&#252;nfjahresplans brachte jedoch Umstrukturierungen und substantielle gesellschaftliche Ver&#228;nderungen mit sich. Jene &#220;berreste an demokratischen Strukturen und ArbeiterInnenkontrolle, die von der Revolution noch &#252;brig geblieben waren, fanden ein j&#228;hes Ende.<a title="anm_60" name="anm_60" href="#anm60"><sup>60</sup></a> Formelle sowie informelle Organisationsstrukturen am Arbeitsplatz wie au&#223;erhalb, die 1917 eine wesentlich Rolle gespielt hatten, waren entweder zerst&#246;rt oder transformiert.<a title="anm_61" name="anm_61" href="#anm61"><sup>61</sup></a> Mit dem ersten F&#252;nfjahresplan setzte die stalinistische F&#252;hrung ihr Programm der forcierten Industrialisierung durch, dessen Realisierung auf Kosten der ArbeiterInnen und der Landbev&#246;lkerung ging.<a title="anm_62" name="anm_62" href="#anm62"><sup>62</sup></a> Der Aufbau der Schwerindustrie wurde auf Kosten der Konsumg&#252;terindustrie vorangetrieben.<br />
Die vorrangige polit&#246;konomische Funktion dieser „stalinistischen Konterrevolution“ lag in der Produktion der Bedingungen f&#252;r die Akkumulation von Kapital. Tony Cliff argumentiert in <em>Staatskapitalismus in Russland</em>, dass zu Beginn des F&#252;nfjahresplans die wesentlichen Elemente eines kapitalistischen Systems pr&#228;sent gewesen w&#228;ren: verst&#228;rkte Kapitalakkumulation, eine die Produktionsmittel kontrollierende, herrschende Klasse und die Ausbeutung der ArbeiterInnenklasse, deren Mehrarbeit die Industrialisierung erm&#246;glichte.<a title="anm_63" name="anm_63" href="#anm63"><sup>63</sup></a> Die mit dem F&#252;nfjahresplan einhergehenden Ver&#228;nderungen in den Fabriken waren mindestens ebenso grundlegend wie jene im Jahr 1917. Die von staatlicher Seite angestrebten Umstrukturierungen zielten gerade auf jene Institutionen der Revolution ab, die um 1917 und w&#228;hrend der NEP-Zeit die Rechte der ArbeiterInnen verteidigten.<a title="anm_64" name="anm_64" href="#anm64"><sup>64</sup></a> Wie Murphy am Beispiel der Moskauer „Hammer und Sichel“-Werke zeigt, markiert der Zeitpunkt der Durchsetzung der forcierten Industrialisierung eine elementare Transformation proletarischer Organisationsstrukturen, wie etwa des Fabrikkomitees. Urspr&#252;nglich zur Vertretung der Interessen der ArbeiterInnen gegr&#252;ndet, war das Komitee Ende der 20er Jahre in sein Gegenteil verkehrt worden: in ein Werkzeug/Ausf&#252;hrungsorgan des Managements, um die Produktivit&#228;t zu steigern, die Arbeitszeit zu verl&#228;ngern und die Kosten zu senken.<a title="anm_65" name="anm_65" href="#anm65"><sup>65</sup></a><br />
Auch die Gewerkschaften waren von den Umstrukturierungen nicht ausgeschlossen. Obwohl sie in den letzten Jahren der NEP-Zeit nicht in jedem Fall im Interesse der ArbeiterInnen gehandelt hatten, regte sich in den Reihen der Gewerkschaftsf&#252;hrungen Unzufriedenheit &#252;ber das neue Industrialisierungsprogramm, das einer „Bestrafung der ArbeiterInnenklasse“ gleichk&#228;me.<a title="anm_66" name="anm_66" href="#anm66"><sup>66</sup></a> Von Seiten des stalinistischen Fl&#252;gels wurde in der Folge eine Kampagne gegen die Gewerkschaften gestartet, die diesen vorhielt, der „Produktivit&#228;t im Wege zu stehen“.<a title="anm_67" name="anm_67" href="#anm67"><sup>67</sup></a> Paradoxerweise wurde zudem ausgerechnet den Gewerkschaften „gewerkschaftliches Verhalten“ vorgeworfen. S&#228;mtliche Opponenten innerhalb der Gewerkschaft, die nicht mit den Zielsetzungen der Regierung &#252;bereinstimmten, wurden aus ihren Positionen gedr&#228;ngt. Die Aufgabe der Gewerkschaften beschr&#228;nkte sich, &#228;hnlich wie die der Fabrikkomitees, anschlie&#223;end nur mehr darauf, unter staatlicher Aufsicht die Ausbeutungsrate zu erh&#246;hen und den Arbeitsprozess zu kontrollieren. Geheimpolizei und Gef&#228;ngnislager unterst&#252;tzten diesen Prozess der „Revolution von oben“.<a title="anm_68" name="anm_68" href="#anm68"><sup>68</sup></a> Die Herausbildung des neuen Regimes war – im Unterschied zu den Entwicklungen der 20er Jahre – mit starker staatlicher Repression verbunden.<a title="anm_69" name="anm_69" href="#anm69"><sup>69</sup></a> &#214;ffentliche Kritik verstummte und politischer Protest wanderte in den Untergrund, Streiks waren nicht l&#228;nger Teil des Klassenkonflikts und politische Verhaftungen h&#228;uften sich. Trotzdem regte sich Widerstand – am st&#228;rksten an jenen Orten, an denen gewerkschaftliche Strukturen entweder nicht vorhanden oder sehr schwach waren (und sich in der NEP-Zeit unabh&#228;ngige Oppositionsnetzwerke entwickelt hatten).<a title="anm_70" name="anm_70" href="#anm70"><sup>70</sup></a> Nicht zuletzt weisen die zahlreichen, immer h&#228;ufiger durchgef&#252;hrten Verhaftungen darauf hin, dass die stalinistische Konterrevolution nicht g&#228;nzlich ohne Auflehnung und Protest vonstatten gegangen ist.</p>
<h3>Schw&#228;chen der Opposition</h3>
<p>Zweifelsohne beg&#252;nstigten die „objektiven“ gesellschaftlichen und &#246;konomischen Verh&#228;ltnisse in der Sowjetunion den Aufstieg der B&#252;rokratie. Doch, so betont John Eric Marot, trugen auch die politischen und theoretischen Fehler der Linksopposition um Trotzki, der st&#228;rksten Oppositionsstr&#246;mung in den 1920ern,<a title="anm_71" name="anm_71" href="#anm71"><sup>71</sup></a> nicht unwesentlich zur Niederlage der Revolution bei.<a title="anm_72" name="anm_72" href="#anm72"><sup>72</sup></a><br />
Nach dem B&#252;rgerkrieg gab es Bestrebungen, die volle innerparteiliche Demokratie in der bolschewistischen Partei wieder auszubauen. Tats&#228;chlich brach mit der NEP-Zeit auch eine &#196;ra hei&#223;er politischer Debatten und Kontroversen an. Doch der zuvor beschriebene Degenerationsprozess und die Entdemokratisierung auf Fabriksebene fanden ihre Entsprechung in einem eng damit verkn&#252;pften B&#252;rokratisierungsprozess innerhalb der Partei, der sich nach dem Tod Lenins weiter versch&#228;rfte.<br />
Zwischen den m&#228;chtigsten Pers&#246;nlichkeiten und potentiellen Nachfolgern Lenins traten Spannungen auf, die zu heftigen Fl&#252;gelk&#228;mpfen f&#252;hrten. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen stand vor allem die Frage nach der optimalen Strategie der Industrialisierung des Landes, dessen &#214;konomie nach wie vor angeschlagen und das international isoliert war. 1924 wurde Trotzki von der so genannten Troika, bestehend aus Kamenev, Zinoviev und Stalin aus seiner Position in der Regierung gedr&#228;ngt. Zuvor hatte er die B&#252;rokratisierung der Partei scharf kritisiert und war f&#252;r eine beschleunigte Industrialisierung, die das Proletariat st&#228;rken sollte, eingetreten. Im Jahr darauf wandten sich Zinoviev und Kamenev gegen Bucharin, ein heftiger Verteidiger der NEP, mit dem Vorwurf, Bucharin w&#252;rde eine „&#252;berm&#228;&#223;ig-bauernfreunliche Politik“<a title="anm_73" name="anm_73" href="#anm73"><sup>73</sup></a> betreiben. Doch Stalin, der zu dieser Zeit voll hinter Bucharin stand, verdr&#228;ngte beide aus ihren Positionen und bildete mit Bucharin und dem Gewerkschaftsf&#252;hrer Tomski vor&#252;bergehend die Parteispitze. Gemeinsam trat die neue Troika f&#252;r die Weiterf&#252;hrung der NEP und f&#252;r die Doktrin des „Sozialismus in einem Land“ ein. Schlie&#223;lich, 1926, bildete Trotzki gemeinsam mit Zinoviev und Kamenev die Vereinigte Opposition. Daraufhin wurden Vertreter dieser Opposition zuerst aus dem Politb&#252;ro und anschlie&#223;end aus der Partei ausgeschlossen. Als sich die Krise der Getreideversorgung versch&#228;rfte, machte die stalinistische Politik noch einen entscheidenden Schwenk und rief 1928 zu einer offensiveren Agrarpolitik und dem „entscheidenden Kampf“ gegen „rechten Opportunismus“ auf. Die „rechte Opposition“, an deren Spitze Bucharin stehen sollte und die kaum als organisierte Kraft bezeichnet werden konnte, wurde ebenfalls zerschlagen und Bucharin aus dem Politb&#252;ro vertrieben. Mit diesem „Rundumschlag“ sowie dem konsequenten Vorgehen gegen die Vereinigte Opposition wurden die letzten Reste innerparteilicher Demokratie endg&#252;ltig ausgel&#246;scht.<a title="anm_74" name="anm_74" href="#anm74"><sup>74</sup></a><br />
Die Rolle Trotzkis und der Opposition in diesen Auseinandersetzungen kann veranschaulicht werden, wenn ein Blick auf Trotzkis Analyse der politischen Situation in den 20er Jahren geworfen wird. Seiner Auffassung zufolge w&#252;rden die objektiven Interessen der ArbeiterInnen von jener Fraktion der Partei vertreten, die nach der Entwicklung der Industrie und der Kollektivierung der Landwirtschaft strebt. Diese Fraktion stelle den „Linken Fl&#252;gel“ der Partei dar – zu dem Trotzki sich selbst z&#228;hlte. Der „Rechte Fl&#252;gel“ bezeichne jene Str&#246;mung, die f&#252;r die volle Entfaltung der Marktmechanismen der NEP eintrete und an deren Spitze Bucharin st&#252;nde. Das stalinistische „Zentrum“ schlie&#223;lich w&#252;rde zwischen diesen beiden Positionen schwanken. Doch genau jenes Programm, das von Trotzki dem „Linken Fl&#252;gel“ zugeordnet wurde, das Programm der forcierten Industrialisierung und der Kollektivierung der Landwirtschaft, wurde Ende der 20er Jahre vom stalinistischen Fl&#252;gel umgesetzt.<br />
Trotzki und die Linke Opposition hatten dementsprechend keine programmatische Basis mehr, die der stalinistischen Str&#246;mung entgegenzuhalten gewesen w&#228;re. Die Opposition stellte sich nicht gegen die Politik der forcierten Industrialisierung und Kollektivierung, sondern war im Gegenteil der Meinung, die stalinistische Politik der Kollektivierung und Industrialisierung sei sozialistische Politik, zu der es keine Alternative gebe. Folglich fanden die Proteste und der Widerstand der ArbeiterInnen und B&#228;uerInnen gegen diese Politik keine Unterst&#252;tzung durch die Vereinigte Opposition.<a title="anm_75" name="anm_75" href="#anm75"><sup>75</sup></a> Marot r&#252;ckt an dieser Stelle die Kritik an Trotzkis Substitutionismus in den Mittelpunkt. Trotzki h&#228;tte die historischen Interessen der ArbeiterInnenklasse, die seiner Ansicht nach von der Partei verk&#246;rpert w&#252;rden, der tats&#228;chlich existierenden ArbeiterInnenklasse mit ihren allt&#228;glichen Bed&#252;rfnissen und materiellen Interessen gegen&#252;ber gestellt.<a title="anm_76" name="anm_76" href="#anm76"><sup>76</sup></a> Da er die russische kommunistische Partei weiterhin f&#252;r die Vertreterin der Interessen der ArbeiterInnenklasse hielt, trat Trotzki f&#252;r einen Einparteienstaat ein und stimmte 1921 auch dem (vor&#252;bergehenden) Fraktionsverbot zu.<a title="anm_77" name="anm_77" href="#anm77"><sup>77</sup></a> Marot verweist auf die schweren Konsequenzen von Trotzkis Vers&#228;umnis, ArbeiterInnendemokratie bedingungslos zu einem integralen Bestandteil seiner Konzeption des &#220;bergangs zum Sozialismus gemacht zu haben.<a title="anm_78" name="anm_78" href="#anm78"><sup>78</sup></a> ArbeiterInnen und B&#228;uerInnen w&#228;ren der Politik der Kollektivierung und Industrialisierung – w&#228;ren sie gefragt worden – wohl eher kritisch gegen&#252;ber gestanden. F&#252;r sie bedeutete &#246;konomische Entwicklung in erster Linie intensivierte Ausbeutung. Zudem h&#228;tte Trotzki, so Marot, die Sowjetunion problematischer Weise nach wie vor als einen Arbeiterstaat betrachtet – wenn auch als einen degenerierten. Er h&#228;tte hingegen nicht erkannt, dass die B&#252;rokratie eine „Klasse im Werden“ darstellte, die mit eigenen Interessen ausgestattet war – welche wiederum in einem grunds&#228;tzlichen Gegensatz zu jenen der ArbeiterInnen und der Landbev&#246;lkerung stehen w&#252;rden.<a title="anm_79" name="anm_79" href="#anm79"><sup>79</sup></a> Da die B&#252;rokratie nicht als eine eigene soziale Kraft verstanden wurde, die bereits eine Eigendynamik entwickelt hatte, wurde auch &#252;bersehen, dass die Partei, bzw. die immer dominanter werdende stalinistische Fraktion selbst zur Repr&#228;sentantin dieser B&#252;rokratie mutierte. Trotzki bewertete die Proteste der ArbeiterInnen gegen die B&#252;rokratie nicht als Manifestation eines Interessenkonflikts, sondern als ein Zeichen politischer Unreife und „Kulturlosigkeit“.<a title="anm_80" name="anm_80" href="#anm80"><sup>80</sup></a> Die Opposition um Trotzki unterst&#252;tzte zwar durchaus &#246;konomische Forderungen der ArbeiterInnen in den Fabriken, aber keine politische Kritik an Stalin.<a title="anm_81" name="anm_81" href="#anm81"><sup>81</sup></a> Die Linke Opposition lehnte die Bildung einer eigenen Partei kategorisch ab. Wie Murphy zeigt, existierte w&#228;hrend des ersten F&#252;nfjahresplans weitgehend Unzufriedenheit unter den ArbeiterInnen. Die Opposition versuchte allerdings nicht, als organisierte Kraft an diese Proteste anzukn&#252;pfen. Als Trotzki um 1933 seine Ansichten &#228;nderte und f&#252;r eine politische Revolution gegen die stalinistische B&#252;rokratie aufrief, was es bereits zu sp&#228;t: der Stalinismus und mit ihm die neue herrschende Klasse war bereits vollst&#228;ndig konsolidiert.</p>
<h3>Zusammenfassung</h3>
<p>Die von den subalternen Klassen in der Oktoberrevolution erk&#228;mpften demokratischen Selbstverwaltungsstrukturen deuteten f&#252;r kurze Zeit die M&#246;glichkeit einer postkapitalistischen Vergesellschaftungsform an. Der soziale, politische und &#246;konomische Zusammenbruch der B&#252;rgerkriegszeit jedoch, zusammen mit der Isolation der Revolution, schuf nicht nur einen Bruch zwischen ArbeiterInnen und Staat, sondern formte auch die gesellschaftlichen Bedingungen, in denen sich der Stalinismus entwickeln konnte.<br />
In der fr&#252;hen NEP-Zeit konnten die Br&#252;che – trotz der vielen Entbehrungen – tendenziell wieder gekittet werden. ArbeiterInnen wandten sich an ihre VertreterInnen in den Fabrikskomitees und die gewerkschaftlichen Institutionen; sie beteiligten sich an den Massenversammlungen; sie streikten und erwarteten dabei (realistischerweise) die Unterst&#252;tzung von Partei und Staat. Mitte der 1920er konnte ein Kompromisszustand durchgesetzt werden, in dem in (gewerkschaftlichen) Vermittlungsinstanzen die Anliegen der ArbeiterInnen ausverhandelt wurden. Der „Waffenstillstand“ zwischen Staat und Klasse konnte die Militanz der ArbeiterInnen abschw&#228;chen und die Beteiligung an und das Vertrauen in die Sowjet-Institutionen verlieh dem Fabriksregime einen entscheidenden Grad an Legitimit&#228;t.<br />
Dieser ausgehandelte Kompromiss wurde in der sp&#228;ten NEP-Zeit durch das Projekt nationaler &#246;konomischer Entwicklung – kombiniert mit der tiefen sozialen Krise – ausgeh&#246;hlt. Durch die Angst vor Arbeitslosigkeit und das schwindende Vertrauen in kollektive Aktion gerieten die ArbeiterInnen in die Defensive. Spaltungen innerhalb der Klasse nahmen zu und die Gewerkschaftsf&#252;hrer traten den „organisierten R&#252;ckzug“ an. Zunehmend wurden die betrieblichen Strukturen von Partei und Gewerkschaft in Instrumente der produktivistischen Industrialisierungsstrategie &#252;berf&#252;hrt. Dennoch blieben die meisten ArbeiterInnen gegen&#252;ber „ihren“ Organisationen loyal. Es war diese Loyalit&#228;t und das Vertrauen in die gewerkschaftliche Verhandlungsmacht, und nicht staatliche Repression, die zum Abklingen der Militanz der ArbeiterInnen f&#252;hrte. Die widerspr&#252;chliche Rolle der Gewerkschaften – einerseits als Institutionen zur Verteidigung der ArbeiterInneninteressen, andererseits als staatlich gef&#252;hrte Institutionen – brach mit der Offensive des Regimes gegen die ArbeiterInnenklasse gegen Ende der NEP voll auf. Die Rhetorik des Regimes konnte keine aktive Zustimmung mehr organisieren; der Staat verlie&#223; sich mehr und mehr auf den sozialen Druck loyaler Parteikader zur Einsch&#252;chterung ihrer KollegInnen, den gezielten Einsatz der staatlichen Kontrolle &#252;ber die Lebensmittel als Disziplinierungswaffe, und die Repression gegen Oppositionsstr&#246;mungen.<br />
Im Zuge des ersten F&#252;nf-Jahres-Plans schlie&#223;lich wurden die letzten Reste von ArbeiterInnenkontrolle beseitigt. Der Sieg des Stalinismus war deshalb weder logische Folge noch Kulminationspunkt von 1917, sondern Endpunkt einer Konterrevolution, in der sich die kapitalistische Akkumulationsdynamik gegen eine Form gesellschaftlicher Organisierung basierend auf den Bed&#252;rfnissen der Menschen durchsetzte.<br />
Dieser Degenerationsprozess kann nicht allein auf „objektive“ Umst&#228;nde zur&#252;ckgef&#252;hrt werden. Die g&#228;ngige Argumentation der sozialistischen Linken im Gefolge Trotzkis und Lenins, die behauptet, die Desintegration der ArbeiterInnenklasse im B&#252;rgerkrieg habe zur paradoxen Situation gef&#252;hrt, in der die bolschewistische Partei einen ArbeiterInnenstaat kontrollierte, dem seine soziale Basis abhanden gekommen war, ist nicht l&#228;nger haltbar. Viel eher ginge es darum, die politischen Fehler der Oppositionsstr&#246;mungen der 1920er zu benennen und sich nicht auf linke Glaubensbekenntnisse zur&#252;ckzuziehen, die mehr der eigenen Identit&#228;tsstiftung als der historischen Aufarbeitung dienen.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Koenker, Diane P.: Republic of Labor. Russian Printers and Soviet Socialism, 1918-1930, Ithaca/London 2005, 2<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Zur Regierungsbildung vgl. detailliert Rabinowitch, Alexander: The Bolsheviks in Power. The First Year of Soviet Rule in Petrograd, Bloomington/Indianapolis 2007, Kap. 1<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Murphy, Kevin: Revolution and Counterrevolution. Class Struggle in a Moscow Metal Factory, New York/Oxford 2005, 82<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Smith, Steve: The Russian Revolution. A very short introduction, Oxford 2002, 48<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Kadetten, Abk&#252;rzung f&#252;r „Konstitutionelle Demokraten“; b&#252;rgerlich-liberale Str&#246;mung.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Lenin, Wladimir I.: Rede im Moskauer Sowjet der Arbeiter-, Bauern- und Rotarmistendeputierten (23. 4. 1918), in: Werke Bd. 27, Berlin 1974, 219-224, hier 220f<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Chamberlin, W. H.: The Russian Revolution, Princeton 1987, Bd. 2, 171; vgl. Lincoln, Bruce W.: Red Victory. A History of the Russian Civil War 1918-1921, New York 1999; Foglesong, David S.: America’s Secret War against Bolshevism. US Intervention in the Russian Civil War, 1917-1920, Chapel Hill 1995.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Read, Christopher: From Tsar to Soviets. The Russian people and their revolution, 1917-21, London 1996, 292<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Haynes, Mike: Russia. Class and Power, 1917-2000, London 2002, 50<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Lenin urteilte im R&#252;ckblick: „Der ‘Kriegskommunismus’ war durch Krieg und Ruin erzwungen. Es war keine Politik, die den wirtschaftlichen Aufgaben des Proletariats entsprach, und konnte es auch nicht sein. Er war eine zeitweilige Ma&#223;nahme.“ (&#220;ber die Naturalsteuer. Die Bedeutung der neuen Politik und ihre Bedingungen, in: Werke Bd. 32, Berlin 1972, 341-380, hier 355)<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Smith, a.a.O., 49<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Haynes, a.a.O., 49<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Smith, a.a.O., 76f<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Lars Lih sieht darin mehr Kontinuit&#228;t als Bruch im Vergleich zur sp&#228;teren Neuen &#214;konomischen Politik und hinterfragt daher auch die Sinnhaftigkeit des Begriffs „Kriegskommunismus“. (Bread and Authority in Russia, 1914-1921, Berkeley 1990)<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Lih, a.a.O., 260<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Smith, a.a.O., 80<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Koenker, a.a.O., 33<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Osinskij, N.: &#220;ber den Aufbau des Sozialismus (1918), in: Kool, Frits/ Oberl&#228;nder, Erwin (Hg.): Arbeiterdemokratie oder Parteidiktatur, Freiburg i. Br. 1967, 92-126, hier 101, 103, 106, 107<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Vgl. dazu die Debatte am 9. Parteitag 1920, insbesondere die Beitr&#228;ge der Linkskommunisten gegen „b&#252;rgerliche Spezialisten“, und die Kritik der Arbeiteropposition an der Aush&#246;hlung der ArbeiterInnendemokratie.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Koenker, a.a.O., 30<br />
<a title="anm21" name="anm21" href="#anm_21">21</a> Ebd., 29<br />
<a title="anm22" name="anm22" href="#anm_22">22</a> Ebd., 35<br />
<a title="anm23" name="anm23" href="#anm_23">23</a> Diese Formulierungen sind w&#246;rtlich &#252;bernommen aus den Beschl&#252;ssen des ersten Allrussischen Gewerkschaftskongresses vom J&#228;nner 1918. Die Aufgabe der Gewerkschaften sollte sich nach Lenin und Co. nicht auf die Leitung der Wirtschaft konzentrieren sondern auf die p&#228;dagogische Aufgabe der (moralischen, politischen) „Erziehung“ der Massen beschr&#228;nken (allerdings nicht im Sinn der Opposition durch praktische Erfahrungen in der Schaffung neuer Wirtschafts- und Produktionsformen).<br />
<a title="anm24" name="anm24" href="#anm_24">24</a> Haynes, a.a.O., 51<br />
<a title="anm25" name="anm25" href="#anm_25">25</a> Neben der Verwurzelung in der Bev&#246;lkerung waren noch zwei weitere Faktoren wichtig: das Bekenntnis zum „Selbstbestimmungsrecht der V&#246;lker“ und die Meutereien in der kriegsm&#252;den alliierten Armee.<br />
<a title="anm26" name="anm26" href="#anm_26">26</a> Zit. n. Pipes, Richard: The Russian Revolution, London 1992-93, 97.<br />
<a title="anm27" name="anm27" href="#anm_27">27</a> Koenker, a.a.O., 18<br />
<a title="anm28" name="anm28" href="#anm_28">28</a> Smith, a.a.O., 54<br />
<a title="anm29" name="anm29" href="#anm_29">29</a> Cliff, Tony:  Revolution und revolution&#228;re Organisation. Das Verh&#228;ltnis von Partei und Klasse bei Trotzki (1960/1974), <a href="http://www.sozialismus-von-unten.de/is/archiv/cliff/substitutionismus.html">http://www.sozialismus-von-unten.de/is/archiv/cliff/substitutionismus.html</a><br />
<a title="anm30" name="anm30" href="#anm_30">30</a> Rabinowitch, a.a.O., 60<br />
<a title="anm31" name="anm31" href="#anm_31">31</a> Smith, a.a.O., 69<br />
<a title="anm32" name="anm32" href="#anm_32">32</a> Ebd., 67<br />
<a title="anm33" name="anm33" href="#anm_33">33</a> Zit. n. Cliff, a.a.O.<br />
<a title="anm34" name="anm34" href="#anm_34">34</a> Kollontaj, Alexandra: Die Arbeiteropposition (1921), in: Kool/Oberl&#228;nder, a.a.O., 182-240, hier 184<br />
<a title="anm35" name="anm35" href="#anm_35">35</a> Vgl. Cliff, a.a.O.<br />
<a title="anm36" name="anm36" href="#anm_36">36</a> „Wir f&#252;rchten die Eigeninitiative der Massen, wir f&#252;rchten, der sch&#246;pferischen T&#228;tigkeit der Klasse Spielraum zu geben, wir f&#252;rchten die Kritik, wir haben aufgeh&#246;rt, den Massen zu vertrauen – von da her kommt unser ganzer B&#252;rokratismus.“ (Kollontaj, a.a.O., 229f)<br />
<a title="anm37" name="anm37" href="#anm_37">37</a> Vgl. Murphy, a.a.O.<br />
<a title="anm38" name="anm38" href="#anm_38">38</a> Vgl. Koenker, a.a.O., am Beispiel der MetallarbeiterInnengewerkschaft und der Moskauer Druckindustrie.<br />
<a title="anm39" name="anm39" href="#anm_39">39</a> Murphy, a.a.O., 83<br />
<a title="anm40" name="anm40" href="#anm_40">40</a> Koenker, Diane: Labor relations in Socialist Russia. Class values and production values in the Printers’ Union, 1917-1921, in: Siegelbaum, Lewis H. et al. (Hg.): Making Workers Soviet. Power, Class, and Identity, Ithaca 1994, 159-193, hier 192<br />
<a title="anm41" name="anm41" href="#anm_41">41</a> Murphy, Kevin: Can we write the history of the Russian Revolution?, in: Historical Materialism 15:2 (2007), 3-19, hier 15. Im Kontrast dazu wurden in den USA unter Pr&#228;sident Wilson allein w&#228;hrend der acht Wochen dauernden antikommunistischen Razzien 1919-1920 mehr als 5.000 ArbeiterInnen arretiert – mehr als in Russland w&#228;hrend den acht Jahren der NEP-Zeit.<br />
<a title="anm42" name="anm42" href="#anm_42">42</a> Koenker, Republic of Labor, a.a.O., 141<br />
<a title="anm43" name="anm43" href="#anm_43">43</a> Murphy, Kevin: The light that hasn’t failed. An interview with Kevin Murphy, in: International Socialism 110 (2006), 153-166, hier 157f<br />
<a title="anm44" name="anm44" href="#anm_44">44</a> Murphy, Revolution and Counterrevolution, a.a.O., 82<br />
<a title="anm45" name="anm45" href="#anm_45">45</a> Ebd., 99<br />
<a title="anm46" name="anm46" href="#anm_46">46</a> Haynes, a.a.O., 60ff<br />
<a title="anm47" name="anm47" href="#anm_47">47</a> Pirani, Simon: The Party Elite, the Industrial Managers and the Cells. Early Stages in the Formation of the Soviet Ruling Class in Moscow, 1922-23, in: Revolutionary Russia 19:2 (2006), 197-228, hier 199, 214<br />
<a title="anm48" name="anm48" href="#anm_48">48</a> Ebd., 202<br />
<a title="anm49" name="anm49" href="#anm_49">49</a> Ebd., 200<br />
<a title="anm50" name="anm50" href="#anm_50">50</a> Ebd., 203<br />
<a title="anm51" name="anm51" href="#anm_51">51</a> Murphy, a.a.O., 114<br />
<a title="anm52" name="anm52" href="#anm_52">52</a> Ebd., 87<br />
<a title="anm53" name="anm53" href="#anm_53">53</a> Ebd., 226<br />
<a title="anm54" name="anm54" href="#anm_54">54</a> Ebd., 133<br />
<a title="anm55" name="anm55" href="#anm_55">55</a> Ebd., 102f<br />
<a title="anm56" name="anm56" href="#anm_56">56</a> Ebd., 104<br />
<a title="anm57" name="anm57" href="#anm_57">57</a> Ebd., 95<br />
<a title="anm58" name="anm58" href="#anm_58">58</a> Ebd., 99<br />
<a title="anm59" name="anm59" href="#anm_59">59</a> Ebd., 106<br />
<a title="anm60" name="anm60" href="#anm_60">60</a> Ebd., 227, 193; Haynes, a.a.O., 88<br />
<a title="anm61" name="anm61" href="#anm_61">61</a> Haynes, a.a.O., 73<br />
<a title="anm62" name="anm62" href="#anm_62">62</a> Murphy, a.a.O., 187<br />
<a title="anm63" name="anm63" href="#anm_63">63</a> Cliff, Tony: Staatskapitalismus in Russland. Eine marxistische Analyse, Frankfurt 1975<br />
<a title="anm64" name="anm64" href="#anm_64">64</a> Murphy, a.a.O., 186<br />
<a title="anm65" name="anm65" href="#anm_65">65</a> Ebd., 194<br />
<a title="anm66" name="anm66" href="#anm_66">66</a> Ebd., 178<br />
<a title="anm67" name="anm67" href="#anm_67">67</a> Ebd., 178<br />
<a title="anm68" name="anm68" href="#anm_68">68</a> Haynes, a.a.O., 88f<br />
<a title="anm69" name="anm69" href="#anm_69">69</a> Ebd., 109<br />
<a title="anm70" name="anm70" href="#anm_70">70</a> Vgl. Rossman, Jeffrey J.: Worker Resistance Under Stalin. Class and Revolution on the Shop Floor, Cambridge 2005<br />
<a title="anm71" name="anm71" href="#anm_71">71</a> Es existierten mehrere kleine oppositionelle Gruppierungen – diese waren jedoch meist kurzlebig oder gingen, gar nicht selten, in der Linken Opposition auf.<br />
<a title="anm72" name="anm72" href="#anm_72">72</a> Marot, John Eric: Trotsky, the Left Opposition, and the Rise of Stalinism, in: Historical Materialism 14:3 (2006), 175-206<br />
<a title="anm73" name="anm73" href="#anm_73">73</a> Smith, a.a.O., 111<br />
<a title="anm74" name="anm74" href="#anm_74">74</a> Marot, a.a.O., 179<br />
<a title="anm75" name="anm75" href="#anm_75">75</a> Ebd., 175<br />
<a title="anm76" name="anm76" href="#anm_76">76</a> Ebd., 182<br />
<a title="anm77" name="anm77" href="#anm_77">77</a> Ebd., 181. Wenn Trotzki in Bausch und Bogen behauptete, „da&#223; jeder ernsthafte Fraktionskampf in einer Partei letztlich immer eine Widerspiegelung des Klassenkampfes ist“, so grenzt das an vulg&#228;r-materialistische Interpretationen, die politische Positionen als geradliniges Produkt der jeweiligen materiellen Bedingungen verstehen. (Cliff, a.a.O.)<br />
<a title="anm78" name="anm78" href="#anm_78">78</a> Marot, a.a.O., 178<br />
<a title="anm79" name="anm79" href="#anm_79">79</a> Ebd., 181<br />
<a title="anm80" name="anm80" href="#anm_80">80</a> Ebd., 182<br />
<a title="anm81" name="anm81" href="#anm_81">81</a> Ebd., 195</p>
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		<title>Zeit f&#252;r Lenin</title>
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		<pubDate>Mon, 05 May 2008 10:44:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 5]]></category>
		<category><![CDATA[Lenin]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
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		<description><![CDATA[<em>Benjamin Opratko</em> fragt im zweiten Teil der Serie zum politischen Erbe der russischen Revolution, was wir vom totesten aller toten Hunde der marxistischen Theorietradition heute noch lernen k&#246;nnten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Benjamin Opratko</em> fragt im zweiten Teil der Serie zum politischen Erbe der russischen Revolution, was wir vom totesten aller toten Hunde der marxistischen Theorietradition heute noch lernen k&#246;nnten.<br />
<span id="more-112"></span><br />
Wie n&#228;hert man sich Lenin, dieser &#252;bergro&#223;en Figur? Vielleicht ja &#252;ber kleine Anekdoten, zun&#228;chst. Da w&#228;re jene von einem Bekannten, den ich kurz nach dem Symposium zu Antonio Gramsci<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a>, an dessen Vorbereitung ich beteiligt war, in Wien traf. Der Bekannte, junger Trotzkist &#228;lterer Schule, freute sich mit mir ob des tollen Erfolgs, &#252;ber 300 Interessierte waren gekommen, hatten gelernt, gelehrt, diskutiert, und dann meinte er: Naja, schon sch&#246;n, aber zu einem Lenin-Symposium w&#228;r’ keiner von denen gekommen. &#196;rger stieg in mir auf: wie konnte man nur so borniert sein, wie die eigenen Polithelden so abstrakt zum Ma&#223;stab der politischen Relevanz erkl&#228;ren? Dennoch blieb der Satz im Ohr, er war ja richtig. Zu einem Lenin-Symposium w&#252;rde wohl tats&#228;chlich keineR kommen. Und dass Antonio Gramsci etwas mit Lenin zu tun haben k&#246;nnte, Gramsci sich selbst in dessen Tradition verortet hatte, scheint meist versch&#228;mt beschwiegen zu werden.<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> Auf der deutschen Wikipedia-Seite lernen wir, dass die „Denker, die Gramsci beeinflussten“ Bergson, Croce, Marx, Machiavelli, Labriola, Pareto und Sorel hei&#223;en… „Wie zum Spott auf die Idee, des Hirns beraubt, in Schneewittchenhaft gehalten, liegt da die geschrumpfte H&#252;lle eines Giganten“<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> – was die Goldenen Zitronen &#252;ber Lenins einbalsamierten K&#246;rper im Petersburger Glassarg singen, trifft auch auf die politischen Debatten der Linken zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu. Nun ist das nat&#252;rlich kein Zufall. Mit gutem Grund h&#228;lt man heute Abstand zu „Lenin“, der als Chiffre f&#252;r alles zu stehen scheint, was es an linker Tradition zu &#252;berwinden gilt – elit&#228;re Organisationsformen, Dogmengl&#228;ubigkeit, Alleinvertretungsanspr&#252;che, brutale Skrupellosigkeit und Engstirnigkeit. Jahrzehntelange Erfahrungen mit politischen Kr&#228;ften, die ihren „Leninismus“ stolz pr&#228;sentierten und „Lenins Parteikonzept“ f&#252;r die „unentbehrliche und stets aktuelle ideologische Grundlage jeder marxistisch-leninistischen Partei“<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> hielten, haben Lernprozesse nach sich gezogen. Was k&#246;nnte auch undemokratischer sein als ein Programm, das die ArbeiterInnen f&#252;r unf&#228;hig erkl&#228;rt, sich selbst zu befreien und einer straff organisierten Clique von Intellektuellen und Berufsrevolution&#228;ren die Aufgabe &#252;bertr&#228;gt, das „revolution&#228;re Bewusstsein“ in die tumben proletarischen Massen zu injizieren? Die Brosch&#252;re „Was tun?“, 1902 von Lenin geschrieben und nach dessen Tod zum Gr&#252;ndungsdokument des „Leninismus“ (selbst eine stalinistische Erfindung) erkl&#228;rt, dient stets als Beleg f&#252;r diese Zuschreibung. Hat Lenin nicht dort das Konzept der „Avantgardepartei“ entwickelt? Hat er nicht dort festgestellt, dass der Arbeiterklasse sozialistisches Bewusstsein nur „von au&#223;en“ gebracht werden k&#246;nnte?</p>
<h3>Mythos „Was tun?“</h3>
<p>Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, was mit der Entsorgung Lenins durch die Linke ebendieser verloren geht. Welche Einsichten, welche theoretischen und politischen Positionen werden voreilig f&#252;r obsolet erkl&#228;rt, wenn als Antwort auf die mechanische „&#220;bertragung“ Lenins auf heutige Verh&#228;ltnisse durch verschiedene DogmatikerInnen der Verzicht auf irgendeine Art der Auseinandersetzung mit Lenins Denken und Handeln gilt? Meine These ist, dass eine kritische Neu-Aneignung Lenins in (zumindest) dreierlei Hinsicht essentiell f&#252;r jede antikapitalistische Linke ist: (1.) In der Frage der „Autonomie der Politik“ bzw. der Politik als Strategie; (2.) f&#252;r &#220;berlegungen zur Organisation bzw. der revolution&#228;ren Wissensapparate; und (3.) f&#252;r ein Verst&#228;ndnis der gebrochenen Zeit der Politik. Daf&#252;r ist jedoch zun&#228;chst etwas Ausgrabungsarbeit vonn&#246;ten. Denn der Mythos des „Lenin’schen Parteikonzepts“, das in „Was tun?“ ausgearbeitet und in den folgenden Jahrzehnten von den Bolschewiki umgesetzt worden sei, ist weiterhin wirkm&#228;chtig, obwohl in der geschichtswissenschaftlichen Aufarbeitung l&#228;ngst enttarnt. Insbesondere seit Erscheinen des Buches „Lenin Rediscovered“ von Lars T. Lih im Jahr 2006 kann diese textbook interpretation nicht l&#228;nger aufrechterhalten werden.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a> Lih hat f&#252;r dieses monumentale Werk s&#228;mtliche publizierten Debatten der russischen und deutschen sozialistischen Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgearbeitet, „Was tun?“ fast komplett neu vom Russischen ins Englische &#252;bersetzt und die Mitte der 1950er Jahre dominant werdende „Kontinuit&#228;tsthese“, die eine mehr oder weniger ungebrochene Linie von Lenin 1902 zur stalinistischen Terrorherrschaft zieht, re- un dekonstruiert. Sein Ergebnis: Kontr&#228;r zum weit verbreiteten Irrglauben war „Was tun?“ keine Blaupause der Diktatur, sondern gepr&#228;gt von Lenins Enthusiasmus ob der spontanen K&#228;mpfe der jungen ArbeiterInnenklasse in Russland. Nicht die Bevormundung der ArbeiterInnenbewegung durch ParteikaderInnen war das Thema, sondern eine Polemik gegen jene Teile der russischen Sozialdemokratie, die argumentierten, die ArbeiterInnen sollten sich auf den Kampf in den Betrieben beschr&#228;nken und Forderungen nach politischer Freiheit, Demokratie und einem Ende der Zarenherrschaft dem B&#252;rgertum oder aufgekl&#228;rten Intellektuellen &#252;berlassen. Die „Kritik des &#214;konomismus“, die im Zentrum von „Was tun?“ steht, ist ein leidenschaftliches Pl&#228;doyer f&#252;r die Politisierung der K&#228;mpfe, f&#252;r eine Politik von unten, die alle gesellschaftlichen Bereiche umfasst.</p>
<h3>Politik als Strategie</h3>
<p>Dies f&#252;hrt uns zum ersten m&#246;glichen Ankn&#252;pfungspunkt f&#252;r eine aktuelle Lenin-Lekt&#252;re. Wie ein roter Faden zieht sich durch die kritischen Debatten politischer Theorie in den letzten Jahren und Jahrzehnten das immer wieder kehrende Thema der Politik oder „des Politischen“. Die Vorz&#252;ge des „Westlichen Marxismus“<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> wurden zu Recht in dessen Insistieren auf die eigenst&#228;ndigen Logik, die „relative Autonomie“ der Politik gesucht. Antonio Gramsci, mit seinem Begriff der Hegemonie als Modus politischer Machtaus&#252;bung, verdankt seine aktuelle Popularit&#228;t vor allem dieser Erkenntnis. Die mechanistische Metapher von der &#246;konomischen Basis, &#252;ber die sich Politik, Recht und Ideologie als &#220;berbauten erheben, wurde von ihm durchbrochen und damit der Weg freigesprengt f&#252;r eine marxistische Theorie des Politischen, die diese nicht als Reflex der Bewegungen in der &#214;konomie begreift. Es mutet fast etwas grotesk an, dass als Antagonist Gramscis immer wieder Lenin herangezogen wird, der als Strohmann f&#252;r eine dogmatischen Basis-&#220;berbau-Theorie herhalten muss. Zwar entbehrt diese Darstellung nicht jeglicher Grundlage – Lenins ber&#252;chtigtes „Widerspiegelungs-Theorem“ in „Materialismus und Empiriokritizismus“ („ein Werk, in dem man gelegentlich feststellt, dass der Autor ein wenig &#252;berfordert ist“<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a>) muss hier erw&#228;hnt werden – sie widerspricht jedoch v&#246;llig der Sto&#223;richtung der Lenin’schen Theorie und Praxis. Der US-amerikanische Kulturtheoretiker Frederic Jameson nennt als „Gef&#252;hl, das wir alle haben (…) dass Lenin immer politisch denkt. Es gibt nicht ein Wort das Lenin schreibt, nicht eine Rede, die er h&#228;lt, nicht einen Aufsatz oder Bericht den er verfasst, der nicht in dieser Form politisch ist – mehr noch, der nicht von der selben Art des politischen Impulses geleitet ist.“<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Dieser Impuls ist ein wesentlich strategischer. Eben weil f&#252;r Lenin Politik nicht von irgendwelchen „&#246;konomischen“ Verh&#228;ltnissen eindeutig determiniert ist, muss er stets darauf beharren, dass die bewusste, strategische Intervention sowohl m&#246;glich als auch n&#246;tig ist. Im Gegensatz zur deterministischen Auffassung, die sich zu jener Zeit in der von der deutschen Sozialdemokratie getragenen Zweiten Internationalen durchsetzt, wonach die inneren Bewegungsgesetze des Kapitalismus, der Widerspruch von Produktivkr&#228;ften und Produktionsverh&#228;ltnissen, das Ende des Kapitalismus notwendig verursachen, wirkt Lenin wie getrieben von der Vorstellung, die revolution&#228;re Bewegung k&#246;nnte die richtigen Gelegenheiten, die M&#246;glichkeitsfenster, die sich durch das Zusammenspiel unterschiedlichster Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse auftun, verpassen.<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> Die Perspektive Lenins einzunehmen w&#252;rde also bedeuten, die Eigenst&#228;ndigkeit und relative Autonomie der Politik „von unten“ anzuerkennen. Denn w&#228;hrend in neueren staatstheoretischen Ans&#228;tzen, die etwa an Nicos Poulantzas ankn&#252;pfen, der Begriff der „relativen Autonomie“ als unverzichtbares Analyseinstrument der b&#252;rgerlichen Staats-Herrschaft auftaucht, ist die Sprecherposition Lenins jene des politischen Strategen, der die „brennenden Fragen“ beantworten m&#246;chte. In „Was tun?“ argumentiert er: „Die Landeshauptleute und die Pr&#252;gelstrafe f&#252;r Bauern, die Bestechlichkeit der Beamten und die Behandlung des ‚gemeinen Volks’ in den St&#228;dten durch die Polizei, der Kampf gegen die Hungernden und das Kesseltreiben gegen das Streben des Volkes nach Licht und Wissen, die Zwangseintreibung der Abgaben und die Verfolgung der Sektenanh&#228;nger, das Drillen der Soldaten und die Kasernenhofmethoden bei der Behandlung der Studenten und liberalen Intellektuellen – warum sollten alle diese und tausend andere &#228;hnliche Erscheinungen der Unterdr&#252;ckung, die nicht unmittelbar mit dem ‚&#246;konomischen Kampf’ verbunden sind, weniger ‚weit anwendbare’ Mittel und Anl&#228;sse der politischen Agitation, der Einbeziehung der Massen in den politischen Kampf darstellen?“<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a><sup>11</sup> Die radikale Orientierung an einer hegemonialen Politik von unten, Politik als Strategie f&#252;r und durch jene, die von der Staatspolitik der herrschenden Klasse ausgeschlossen und abgeschnitten sind<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a>, ist was uns eine aufgeschlossene Lenin-Lekt&#252;re heute abverlangt.</p>
<h3>Revolution&#228;re Wissensapparate</h3>
<p>Wie verh&#228;lt es sich nun mit den ber&#252;chtigten Stellen in „Was tun?“, die oft als Beweise f&#252;r den elit&#228;ren und undemokratischen Charakter Lenins Avantgarde-Konzepts zitiert werden? Lenin schreibt schlie&#223;lich, „da&#223; die Arbeiter ein sozialdemokratisches Bewu&#223;tsein gar nicht haben konnten. Dieses konnte ihnen nur von au&#223;en gebracht werden. Die Geschichte aller L&#228;nder zeugt davon, da&#223; die Arbeiterklasse ausschlie&#223;lich aus eigener Kraft nur ein trade-unionistisches Bewu&#223;tsein hervorzubringen vermag (…) Die Lehre des Sozialismus ist hingegen aus den philosophischen, historischen und &#246;konomischen Theorien hervorgegangen, die von den gebildeten Vertretern der besitzenden Klassen, der Intelligenz, ausgearbeitet wurden.“<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> Und an anderer Stelle abermals: „Das politische Klassenbewu&#223;tsein kann dem Arbeiter nur von au&#223;en gebracht werden, das hei&#223;t aus einem Bereich au&#223;erhalb des &#246;konomischen Kampfes, au&#223;erhalb der Sph&#228;re der Beziehungen zwischen Arbeitern und Unternehmern.“<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> Nun kann dem Vorwurf, hier handle es sich um den antidemokratischen Angelpunkt von Lenins Parteikonzept, leicht etwas entgegengesetzt werden. Seit langem ist bekannt, dass Lenin diese Passagen bei Karl Kautsky, dem F&#252;hrer der deutschen Sozialdemokratie und damals unbestrittenen „Papst des Marxismus“, abgeschrieben hat.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a> Besonders „leninistisch“ ist an diesen Formulierungen also nichts. Auch k&#246;nnte entgegnet werden, dass Lenin nach der Revolution von 1905, in der ArbeiterInnen ohne Zutun irgendeiner Partei Organisationsformen entwickelten (ArbeiterInnenr&#228;te), die von Lenin und den Bolschewiki erst sp&#228;t als demokratische Grundlage einer zuk&#252;nftigen sozialistischen Gesellschaft erkannt wurden, seine Position &#228;nderte und die ArbeiterInnenklasse als „instinktiv, spontan sozialdemokratisch“ bezeichnete.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> Doch all das hilft uns zwar, die historischen Linien und Kontexte des Arguments zu verstehen, aber nicht bei der Frage, was an Lenins Denken heute lebendig bleibt und wert ist, aufgehoben zu werden. Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek hat dazu eine interessante Position gefunden, die in diesen Passagen mehr sieht als blo&#223;e kautskyanische &#220;berreste. Er verweist auf die kleinen, aber entscheidenden Unterschiede zwischen der Formulierung Kautskys (die von Lenin zun&#228;chst ausf&#252;hrlich und zustimmend zitiert wird) und Lenins Paraphrase davon: „W&#228;hrend Kautsky davon spricht, da&#223; die nicht der Arbeiterschicht angeh&#246;renden Intellektuellen, die au&#223;erhalb des Klassenkampfes stehen, die Arbeiterklasse mit der Wissenschaft vertraut machen, ihnen objektives Wissen der Geschichte vermitteln sollen, spricht Lenin vom Bewu&#223;tsein, das von au&#223;en durch die Intellektuellen vermittelt werden soll, die sich au&#223;erhalb des wirtschaftlichen Kampfes, nicht au&#223;erhalb des Klassenkampfes befinden.“<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> Der Unterschied ist betr&#228;chtlich. F&#252;r Kautsky wird der „wissenschaftliche Sozialismus“ von freischwebenden Intellektuellen erarbeitet, die wie NaturwissenschafterInnen die Gesetze der Geschichte studieren, um diese dann der ArbeiterInnenklasse als Waffen f&#252;r ihren Kampf darzubieten. Der Ort dieser Wissensarbeit ist die Partei, die die ArbeiterInnenbewegung als ganzes, d. h. inklusive der ihr zuarbeitenden Intellektuellen, repr&#228;sentiert. Im Gegensatz zu dieser positivistischen Vorstellung steht Lenins Verst&#228;ndnis von Wissensproduktion als Klassenkampf. Weil sich f&#252;r ihn, wie in seiner Auseinandersetzung mit dem „&#214;konomismus“ immer wieder deutlich wird, der Klassenkampf nicht auf den Kampf auf Betriebsebene reduzieren l&#228;sst, hat er auch ein Verst&#228;ndnis f&#252;r „den un&#252;bertrefflichen Konflikt der Ideologien (d. h.des ideologischen Klassenkampfes)“.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> Auch hier ist der Ort der Wissensarbeit die Partei, aber nicht als Repr&#228;sentationsorgan der ArbeiterInnenbewegung als solche, sondern als Kampfbund von um ein politisches Programm organisierten ArbeiterInnen und der organisch mit ihnen vebundenen Intellektuellen auf allen Terrains der Auseinandersetzung –&#246;konomischen, ideologischen, politischen und kulturellen. Die Rede vom Bewusstsein, das nur „von au&#223;en“, also au&#223;erhalb der K&#228;mpfe im Betrieb, kommen kann, l&#228;sst sich so interpretieren als die Notwendigkeit, eigenst&#228;ndig solche Orte zu schaffen, revolution&#228;re Wissensapparate, ohne die jede soziale Bewegung dem Schicksal Sisyphos’ geweiht ist. Abermals ist es Antonio Gramsci, der dies aufgreift und weiterdenkt. Er beschreibt die Apparate der b&#252;rgerlichen Hegemonie als „Komplex von Sch&#252;tzengr&#228;ben und Befestigungen der herrschenden Klasse“ –von der Presse &#252;ber die Kirche bis hin zu architektonischen Anordnungen oder Stra&#223;ennamen – und fragt, was sich „von seiten einer erneuernden Klasse“ diesem entgegensetzen l&#228;sst. Seine Antwort ist „ein Geist der Abspaltung, der bestrebt sein muss sich von der protagonistischen Klasse auf die potentiellen verb&#252;ndeten Klassen auszuweiten“. Dies verlange „komplexe ideologische Arbeit“, um das Feld der b&#252;rgerlichen Herrschaft zu begreifen und zu transformieren.<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> Diese Erkenntnis sagt noch nichts &#252;ber die konkrete Form der zu schaffenden revolution&#228;ren Wissensapparate aus – dies kann auch gar nicht theoretisch beantwortet werden, sondern muss den spezifischen r&#228;umlichen und zeitlichen Gegebenheiten, den Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen entsprechend stets auf Neue verhandelt werden. Die zu erf&#252;llende Bedingung ist jedoch, dass „die Autorit&#228;t der Partei [oder eines anderen revolution&#228;ren Wissensapparats, B.O.] (…) nicht die eines ein f&#252;r alle Mal feststehenden positiven Wissens (ist), sondern die der Form des Wissens, eines neuen Typus von Wissen, der mit einem kollektiven politischen Subjekt verkn&#252;pft ist.“<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> Eine solche Lesart erlaubt es auch, das Konzept der „Avantgarde“ in Begriffe der „organischen Intellektuellen“ zu &#252;bersetzen und damit abermals die Br&#252;cke zu Gramsci zu schlagen. Stefan Probst hat im ersten Teil dieser Artikelserie gezeigt, wie die Revolution 1917 weder Ausdruck spontaner Revolten, noch Ergebnis eines Putschplanes der Bolschewiki war; vielmehr wurde die Politisierung der ArbeiterInnenr&#228;te durch die geduldige, systematische Organisations- und &#220;berzeugungsarbeit zehntausender „organischer Intellektueller“, gr&#246;&#223;tenteils selbst ArbeiterInnen und als soche „Avantgarde“, erm&#246;glicht. „Die diskursive Konzeptualisierung der Streikerfahrungen wurde durch den relativ autonomen politischen Wettbewerb von Argumenten &#252;ber die weitere politische Signifikanz der Streikbewegung strukturiert – und diese Ideenkonkurrenz war ma&#223;geblich organisiert in der politischen Opposition zwischen Bolschewiki und Menschewiki.“<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a> „Intellekt“ nicht als „Status oder Herkunftsmerkmal“ zu begreifen, sondern als gesellschaftliche Funktion, organisierend in die eigenen Lebensverh&#228;ltnisse einzugreifen, l&#228;sst sich von Gramsci lernen. Der „vulg&#228;re Antileninismus“ dagegen, der behauptet, „es sei ipso facto autoritativ, jemandem zu sagen, was er tun soll, oder elit&#228;r, im Besitz einer Gewissheit zu sein, von der zur Zeit andere nichts wissen“ f&#228;llt auf einen banalen liberalen Humanismus zur&#252;ck und „betrachtet Wissen vor allem als pers&#246;nliche Ausstattung oder Hierarchie und nicht unter dem Aspekt der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, der Klassenverh&#228;ltnisse, der Spezialisierung, der gesellschaftlichen Verortung usw.“<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a></p>
<h3>Die gebrochene Zeit der Politik</h3>
<p>Die dritte, mit den ersten beiden untrennbar verbundene, Dimension einer kritischen Neuaneignung Lenins betrifft, was der franz&#246;sische Philosoph Daniel Bensaïd als „gebrochene Zeit der Politik“ bezeichnet hat. F&#252;r ihn hat Marx im „Kapital“ und in den „Grundrissen“ eine neue Form der Zeitlichkeit entdeckt und damit eine andere, neue Geschichtsschreibung begr&#252;ndet. Marx unterzieht jede Form der „sakralen Geschichte“, jede Teleologie, die die Menschheit unausweichlich einem Ziel zusteuern sieht, jeden Determinismus, der unumst&#246;&#223;liche historische Gesetze aufstellt, einer vernichtenden Kritik. Er versteht Zeit nicht als lineares Kontinuum, sondern als gesellschaftliches Verh&#228;ltnis: Zeit ist nicht nur Ma&#223;einheit, sondern muss auch selbst gemessen werden; die Kriterien daf&#252;r sind historische, Ergebnis von gesellschaftlichen K&#228;mpfen und der Entwicklung der Produktivkr&#228;fte. Mit der Durchsetzung kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse entstand daher auch ein bestimmtes Zeitregime, in dem konkrete Arbeit auf abstrakte Arbeit reduziert wird, der Wert einer Ware also in der im Durchschnitt daf&#252;r aufzuwendenden Arbeitszeit bemessen wird. Die im Verh&#228;ltnis von Lohnarbeit und Kapital angelegte Ausbeutung ist schlie&#223;lich nichts anderes als gestohlene Zeit – die Lohnarbeiterin arbeitet l&#228;nger, als es zu ihrer eigenen Reproduktion n&#246;tig w&#228;re, und der Wert, der in der zus&#228;tzlichen Arbeitszeit geschaffen wird, flie&#223;t als Mehrwert dem Kapital zu. Die variable Grenze zwischen notweniger Arbeitszeit und Mehrarbeitszeit ist Grundlage f&#252;r den Klassenkampf, einem Kampf in der linearen Zeit der Produktion (k&#252;rzere oder l&#228;ngere Arbeitszeit f&#252;r mehr oder weniger Lohn). Gleichzeitig schl&#228;gt aber auch die Zirkulationszeit der einmal produzierten Waren der Gesellschaft ihren Takt. Sie ist nicht lineare Zeit, sondern zyklischer Rhythmus, der sich in unterschiedliche Segmente teilt, je nachdem, welche Form das Kapital in seiner ewigen Metamorphose gerade annimmt: Ware, Geld, Dienstleistung, Kredit, sie alle haben unterschiedliche Geschwindigkeiten und Rhythmen des Umschlags. Schlie&#223;lich geht diese Vielzahl der Zeitmomente in der Einheit des Gesamtprozesses auf, der organischen Zeit der Reproduktion. Aus diesem un&#252;berschaubaren Zusammenspiel entwickelt Marx einen Begriff der Zeitlichkeit, „in dem Zeit nicht mehr l&#228;nger der einheitliche Referent der Physik ist, auch nicht die heilige Zeit der Theologie. Historischen und &#246;konomischen Rhythmen unterworfen, in Zyklen und Wellen, Perioden und Krisen organisiert, verkn&#252;pft die profane Zeit des Kapitals die gegens&#228;tzlichen Temporalit&#228;ten von Produktion und Zirkulation, die antagonistischen Bed&#252;rfnisse von Arbeit und Kapital, die kontrastierenden Formen von Geld und Ware. Indem sie Ma&#223; und Substanz kombiniert, ist sie ein gesellschaftliches Verh&#228;ltnis in Bewegung.<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> Dieses Verh&#228;ltnis ist jedoch keineswegs ein rein „&#246;konomisches“. Was sich hinter uns als Geschichte erstreckt, ist ein Netz unterschiedlicher Zeitlichkeiten; und „&#246;konomische Zeit bleibt verschieden von der mechanischen Zeit mit ihren Uhren, psychologischer Zeit mit ihrer Dauerhaftigkeit, und der politischen Zeit mit ihren Revolutionen und Restaurationen“.<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a> Diese politische Zeit ist es, die Lenin wie keinE andereR vor ihm verstanden hat, und die es ihm erlaubt hat, Politik als strategisches Eingreifen zu konzipieren. Denn die Zeitlichkeit der Politik ist „eine gebrochene Zeit, verknotet, und schwanger mit Ereignissen“.<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a> Dies dr&#252;ckt sich am deutlichsten in Lenins Begriff der revolution&#228;ren Krise aus, in praktische Strategie gegossen in den Aprilthesen von 1917. Doch bereits in „Was tun?“ hei&#223;t es: „Auch die eigentliche Revolution darf man sich keineswegs in der Form eines einmaligen Aktes vorstellen (…), sondern in der Form eines rasch aufeinanderfolgenden Wechsels von mehr oder weniger starken Ausbr&#252;chen und mehr oder weniger vollst&#228;ndiger Stille.“<a href="#anm26" title="anm_26" name="anm_26"><sup>26</sup></a> Darin ist das Verst&#228;ndnis verarbeitet, dass „unter bestimmten au&#223;ergew&#246;hnlichen Umst&#228;nden das Kr&#228;ftegleichgewicht einen kritischen Punkt erreicht. Jede Unterbrechung des Rhythmus produziert konflikthafte Effekte. Sie ersch&#252;ttert und verst&#246;rt. Sie kann einen Spalt in der Zeit schaffen, der mit einer Erfindung, mit einer Sch&#246;pfung gef&#252;llt werden kann.“<a href="#anm27" title="anm_27" name="anm_27"><sup>27</sup></a> Zeit ist keine lineare Abfolge von Ereignissen; und wenn eine Vielzahl von Widerspr&#252;chen, Antagonismen, Tendenzen sich verdichtet, so verdichtet auch sie sich und er&#246;ffnet den ProtagonistInnen der Geschichte M&#246;glichkeiten, die zuvor und m&#246;glicherweise f&#252;r lange Zeit danach au&#223;erhalb des Denkbaren liegen.</p>
<h3>Strukturen und Strategien</h3>
<p>Wie k&#246;nnen wir aber dieses Insistieren auf die scheinbar so wundersamen und unvorhersehbaren Br&#252;che und Verdichtungen der Geschichte zusammenbringen mit der Betonung der Notwendigkeit kollektiver Wissensapparate? Ist nicht, wenn die Ereignisse sich &#252;ber unseren K&#246;pfen und hinter unseren R&#252;cke zusammenbrauen, jede Entscheidung, jeder strategische Vorschlag ein Sprung ins Leere? Und wird nicht, indem Lenin der Politik mit ihrer eigenst&#228;ndigen Sprache, Grammatik und Syntax, das Primat &#252;ber alle anderen Bereiche des Lebens einr&#228;umt, der willk&#252;rlichen Entscheidung das Wort geredet und jedes Wissen &#252;ber die Welt auf die Frage reduziert, ob sie dieser oder jener Klasse in dieser oder jener Situation n&#252;tzt? Diese Fallstricke, denen Lenin selbst keineswegs immer aus dem Weg gegangen ist (ganz zu schweigen von jenen, die seither in seinem Namen zu handeln glaubten), sind es denen eine aktuelle, kritische Lenin-Rezeption sich bewusst sein muss. Es muss also einerseits klar sein, dass die menschliche Geschichte sich nicht vorhersagen l&#228;sst, gleichzeitig aber betont werden, dass dies nicht die Analyse der Strukturen und Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse, in denen die sozialen Kr&#228;fte verortet sind, obsolet macht. Denn diese erm&#246;glichen erst die vielf&#228;ltigen Potentiale der AkteurInnen, statten manche mit der Macht aus, zu herrschen und auszubeuten und andere mit der Macht, eben diese Verh&#228;ltnisse zu &#252;berwinden. Daf&#252;r werden die Wissensapparate der sozialen Bewegungen gebraucht: die konkrete Analyse der konkreten Verh&#228;ltnisse, die Lenin stets einfordert, soll die M&#246;glichkeiten und Grenzen des politischen Handelns in diesem bestimmten zeitlichen Moment ausloten – und sich gleichzeitig bewusst sein, dass die Kapriolen der Geschichte und die gebrochene Zeit der Politik diese M&#246;glichkeiten und Grenzen buchst&#228;blich von einem Tag auf den anderen auf den Kopf stellen k&#246;nnen. Die Einsicht in die prinzipielle Offenheit und Richtungslosigkeit der Geschichte f&#252;hrt somit bei Lenin nicht in politische Wurstigkeit, sondern wird zum schlagenden Argument f&#252;r das bestimmte, strategische Eingreifen der eigenen Politik: „Die politische Situation hat eine bestimmte Struktur, die durch Analyse entdeckt werden kann; gleichzeitig , und im Gegensatz zu fatalistischen Interpretationen des Marxismus, gibt es mehr als ein m&#246;gliches Ergebnis der Situation; und welches Ergebnis sich schlie&#223;lich durchsetzt, h&#228;ngt unter anderem von den Handlungen der revolution&#228;ren Kr&#228;fte ab“.<a href="#anm28" title="anm_28" name="anm_28"><sup>28</sup></a> Mit einer solchen Interpretation entgehen wir auch den relativistischen Abgleitfl&#228;chen, die in vielen Texten Lenins und auch in Slavoj Žižeks zuvor pr&#228;sentierten Vorschlag zu „Was tun?“ angelegt sind, und die uns auf die problematische Position schlittern lassen, dass das Kriterium f&#252;r jedes Wissen blo&#223; eine Frage des Standpunkts sei. Wissen um Strukturen und Tendenzen, in die man eingelassen ist, ist schlie&#223;lich stets Wissen &#252;ber Strukturen und Tendenzen, die auch weiter existieren und reale Auswirkungen auf das Handeln der Menschen haben, wenn kein oder falsches Wissen &#252;ber sie produziert wird. Es gilt also eine prek&#228;re Balance zu halten, sich einerseits wie Marx „auf den Standpunkt des Proletariats“ zu stellen und gleichzeitig, wie Lenin polemisch wie immer bemerkt, „stets im Auge zu behalten, da&#223; der Sozialismus, seitdem er eine Wissenschaft geworden, wie eine Wissenschaft betrieben, d. h. studiert werden will“.<a href="#anm29" title="anm_29" name="anm_29"><sup>29</sup></a> Eine parteiische Wissenschaft ohne Erkenntnisgarantie, aber mit dem Selbstbewusstsein, mehr als nur Ideologie zu produzieren, sollte das Ideal der revolution&#228;ren Wissensapparate sein.</p>
<h3>Was nun?</h3>
<p>Was kann nun linke Politik heute von dieser kritisch-kreativen Lekt&#252;re Lenins gewinnen? Entlang der hier vorgelegten Skizze vor allem drei Erkenntnisse. Erstens, den Fokus auf Politik als „Strategie von unten“. Die Thesen Antonio Gramscis sind hier unverzichtbarer Ausgangspunkt, die Auseinandersetzung um den „Alltagsverstand“, um Selbst- und Weltauffassungen, der „Kampf um Hegemonie“ ist der entscheidende Einsatzpunkt. Die R&#252;ckkoppelung Gramscis an Lenin hilft dabei, den Fokus auf die Subalternen nicht zu verlieren und die Verbindung der notwendigen Analyse der Hegemonie der Herrschenden und der strategischen Ausrichtung der sozialen Bewegungen nicht zu kappen. Zweitens bedeutet das, dass es Orte der kollektiven Wissensproduktion bedarf, in denen eben diese Verbindung produziert wird. Diese revolution&#228;ren Wissensapparate sind dabei selbst Teil der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, m&#252;ssen aber die M&#246;glichkeit bieten, relativ autonom, nach eigener Logik und in spezifischen Rhythmen Wissensarbeit zu betreiben. Dass zu Lenins Zeiten eine spezifische Form der Partei sich als effektivste und angemessene Ausarbeitung dieser Apparate herausgestellt hat, bedeutet hierf&#252;r nicht viel. Welche Form der Organisierung sich in historischen Umst&#228;nden, die nicht von einer sich gerade teilindustrialsierenden Agrargesellschaft und der allgegenw&#228;rtigen Geheimpolizei des Zaren gepr&#228;gt sind, bew&#228;hren kann, sollte Gegenstand der aktuellen politischen Debatte sein. Jedenfalls aber bedarf es einer gewissen Strukturiertheit, denn das Zelebrieren der Pluralit&#228;t ohne organisierenden Knotenpunkt macht die Ausbildung „organischer Intellektueller“ – sowohl im Sinne praktischer OrganisatorInnen als auch im engeren Sinne von spezialisierten Wissen(schaft)sproduzentInnen – sowie das gezielte und bewusste strategische Eingreifen in politische Konjunkturen unm&#246;glich. Drittens schlie&#223;lich wird die Aufmerksamkeit auf die „Politik der Zeit“ gerichtet. Dieser Punkt soll noch kurz ausgef&#252;hrt werden. Die bisher vorgestellten &#220;berlegungen zu Marx und Lenin bieten dazu einen plausiblen Ausgangspunkt, m&#252;ssen jedoch weiter konkretisiert werden. Denn die allgemeinen Feststellungen, dass die kapitalistische Zeitlichkeit durch eine sich komplex &#252;berlagernde Arhythmik sozialer Verh&#228;ltnisse und die Zeit der Politik von Br&#252;chen und Verdichtungen gekennzeichnet ist, ersetzt nicht Analysen der jeweils aktuellen „Zeitregime“. Denn die-se unterscheiden sich je nach historischer und r&#228;umlicher Entwicklungsweise des Kapitalismus betr&#228;chtlich. Die Proletarisierung der russischen Bauern und B&#228;uerinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts war nicht zuletzt eine Unterwerfung unter eine neue Anordnung der Zeit, in der nicht mehr der Lauf der Sonne und die Jahreszeiten das Leben organisierten, sondern die „Disziplin der Stechuhr“.<a href="#anm30" title="anm_30" name="anm_30"><sup>30</sup></a> Der marxistische Staatstheoretiker Nicos Poulantzas beschrieb 1978 die „kapitalistische Zeitmatrix“ als eine „segmentierte, in gleiche Momente unterteilte, kumulative und irreversible, da auf das Produkt orientierte Zeit“ und hatte dabei „Maschinerie, gro&#223;e Industrie und Flie&#223;bandarbeit“ vor Augen – also eine „fordistische“ Zeit.<a href="#anm31" title="anm_31" name="anm_31"><sup>31</sup></a> Doch was hei&#223;t es f&#252;r die Politik der Zeit, wenn zumindest in den kapitalistischen Zentren Normen prek&#228;r und das Prek&#228;re selbst zur Norm wird, d.h. regelm&#228;&#223;ige, klar abgegrenzte Arbeitszeiten und segmentierte Zeiteinheiten von „flexibilisierten“ Arbeitsverh&#228;ltnissen abgel&#246;st werden? Wenn an die Stelle der verhassten Stechuhr f&#252;r wesentliche Teile der ArbeiterInnenklasse die gef&#252;rchtete Deadline r&#252;ckt und die Arbeitszeit sich als jederzeit abrufbare Just-In-Time-Labor &#252;ber das schiebt, was man im Nachkriegskapitalismus noch recht eindeutig als Freizeit identifizieren konnte? Poulantzas f&#252;hrt uns auf eine richtige F&#228;hrte, wenn er betont, dass die Zeitmatrix nicht einfach aus der &#214;konomie ausstrahlt, sondern im Staat und seinen Apparaten, aber auch in der Formierung der Subjekte selbst materialisiert ist. Wenn wir also mit Lenin im 21. Jahrhundert die Frage nach Formen der Organisierung stellen, m&#252;ssen wir ber&#252;cksichtigen, dass die gebrochene Zeit der Politik, in die eingegriffen werden soll und muss, heute auf eine ver&#228;nderte politische &#214;konomie der Zeit aufsetzt. Dabei ist die Herausforderung nicht gering: Wie nimmt man R&#252;cksicht auf die Alltagsrhythmen und -arrythmien der Prekarisierten und integriert diese in die politische Organisierung, ohne Stress, Hektik, Versagensangst, Zwangsbegl&#252;ckung, Perspektivlosigkeit und was sonst noch alles zum Leben in der Prekarit&#228;t geh&#246;rt zu reproduzieren? Die Antwort darauf kann nur in der Praxis der Organisierung selbst gefunden werden, im Jonglieren der Zeiten: der Zeit des Kapitals, die als Herrschaftsverh&#228;ltnis das Leben strukturiert; der Zeit der Subjekte, die k&#228;mpfen, sich wehren und ver&#228;ndern k&#246;nnen; der Zeit der Politik, in die es einzugreifen gilt. Von Lenin lernen hei&#223;t somit nicht unbedingt siegen lernen, aber zu lernen, was f&#252;r eine siegreiche Revolte unabdingbar ist, n&#228;mlich die Verschr&#228;nkung von hegemonialer Alltagspolitik, die sich aller Bereiche der Gesellschaft annimmt und in sie eingreift, mit strategischen Interventionen, die in die Br&#252;che der Geschichte eingreifen k&#246;nnen.<a href="#anm32" title="anm_32" name="anm_32"><sup>32</sup></a> Diese Erkenntnisse heute wieder zu diskutieren, um Lenin aus dem stalinistischen Glassarg wie von antileninistischen Karikaturen zu beifreien, braucht wohl abermals Zeit. Zeit f&#252;r Lenin eben, die lohnt.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Das Symposium hatte den Titel „Vom Alltagsverstand zum Widerstand und fand am 14. und 15. Dezember 2007 in Wien statt. Pr&#228;sentationen und Texte vom Symposium finden sich unter www.gramsci.at.<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> F&#252;r Gramsci war Lenin nicht weniger als „der gr&#246;&#223;te moderne Theoretiker der Philosophie der Praxis“ (Gramsci, Antonio; Gef&#228;ngnishefte, Bd.6, Hamburg 1994: 1249). Eine Ausnahme zur Schweigepraxis stellt der j&#252;ngst erschienene Aufsatz von Mikiya Heise und Daniel von Fromberg dar. Darin wird zwar auf die Bedeutung des „glorreichen Halunken“ Lenin f&#252;r Gramsci hingewiesen, dieser bleibt jedoch ein „,feldwebelhafter’ Avantgardist“, der als dunkler Gegenpol zu Gramscis Konzept des „best&#228;ndig lernenden Analytiker(s) der politischen Situation“ herhalten muss. Heise, Mikiya/von Fromberg, Daniel: ‚Die Machtfrage stellen‘. Zur politischen Theorie Antonio Gramscis, in: Merkens, Andreas/Rego Diaz, Victor (Hg.): Mit Gramsci arbeiten. Texte zur politisch-praktischen Aneignung Antonio Gramscis, Hamburg, 2007: 110-125, hier: 123, 119.<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Die Goldenen Zitronen: Lenin. Vom Album „Lenin“, erschienen 2006 bei Buback Tontr&#228;ger.<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> So der Klappentext von Lenins „Was tun?“ in der Ausgabe des Dietz Verlags (Lenin: Was tun? Berlin, 1988).<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Lih, Lars T.: Lenin Rediscovered. ‚What is to be Done?’ in Context. Leiden, 2006. Auf das fast 900 Seiten starke Buch kann hier nicht genauer eingegangen werden. Zu kleineren Kritikpunkten an Lihs Thesen vgl. die wohlwollenden Rezensionen von Paul Le Blanc, Paul Blackledge und John Molineux: Le Blanc, Paul: Lenin’s Return, in: WorkingUSA Vol. 10, 2007, 273-285; Blackledge, Paul: What was done, in: International Socialism 111, 2006; Molineux, John: Lih’s Lenin – a review of Lars T. Lih’s ‚Lenin Rediscovered’, http://johnmolyneux.blogspot.com/2006/11/lihs-lenin-reviewof-lars-t-lih-lenin.html. Bereits 1964 hatte der US-amerikanische Marxist Hal Draper im Wesentlichen &#228;hnlich wie Lih argumentiert, jedoch ohne die detaillierte Aufarbeitung und umfangreiche Belegarbeit: Draper, Hal: The Myth of Lenin’s ‚Concept Of The Party’: Or What They Did To What Is To Be Done?, in: Historical Materialism 4, 1999: 187-213.<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a> Anderson, Perry: Considerations on Western Marxism, London, 1976<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Eagleton, Terry: Lenin im Zeitalter der Postmoderne, in: Sozialistische Hefte 15, 2007: 22-28, hier: 25.<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> Jameson, Frederic: Lenin and Revisionism, in: Budgen, Sebastian/Kouvelakis, Stathis/ Žižek, Slavoj (Hg.): Lenin Reloaded. Towards a Politics of Truth, Durham und London, 2007: 59-73, hier: 62.<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Vgl. Blackledge, Paul: What was done, a.a.O.<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> Lenin: Was tun, a.a.O.: 86.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd. 7, Hamburg, 1996: 1560f.<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Bensaïd, Daniel: Leaps! Leaps! Leaps!, in: Budgen, Sebastian u.a. (Hg.), a.a.O.: 148-163, hier: 149.<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Lenin: Was tun?, a.a.O.: 53.<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Ebd.: 110.<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Lars T. Lih geht sogar so weit zu argumentieren, dass Lenin in „Was tun?“ im Prinzip nichts anderes versuchte, als das Modell der SPD auf russische Verh&#228;ltnisse umzulegen. Lenin w&#228;re demnach, nach dem damals g&#252;ltigen<br />
Parteiprogramm der SPD, als „Erfurtianer“ zu bezeichnen.<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Lenin: Die Reorganisation der Partei, in: Gesammelte Werke, Bd. 10: 16.<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Žižek, Slavoj: Die Revolution steht bevor. Dreizehn Versuche &#252;ber Lenin, Frankfurt/M., 2002: 34.<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> Ebd.: 35.<br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a> Gramsci, Antonio: Gef&#228;ngnishefte, Bd. 2, a.a.O.: 374.<br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a> Žižek, Slavoj: Die Revolution steht bevor, a.a.O.: 36.<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a> Probst, Stefan: „Geht selbst ans Werk, beginnt von unten.“, in: Perspektiven 4, 2008: 34-43, hier: 42.<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a> Eagleton, Terry: Lenin im Zeitalter der Postmoderne, a.a.O.: 23.<br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a> Bensaïd, Daniel: Marx For Our Times. Adventures and Misadventures of a Critique, London und New York, 2003: 72-80.<br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a> Ebd.: 73.<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a> Bensaïd, Daniel: Leaps!, a.a.O.: 151.<br />
<a href="#anm_26" title="anm26" name="anm26">26</a> Lenin: Was tun?.a.a.O.: 226.<br />
<a href="#anm_27" title="anm27" name="anm27">27</a> Ebd.: 158.<br />
<a href="#anm_28" title="anm28" name="anm28">28</a> Callinicos, Alex: Leninism in the Twenty-first Century?, in: Budgen, Sebastian u.a. (Hg.), a.a.O.:18-41, hier: 27.<br />
<a href="#anm_29" title="anm29" name="anm29">29</a> Lenin: Was tun?, a.a.O.: 49.<br />
<a href="#anm_30" title="anm30" name="anm30">30</a> Probst, Stefan: „Geht selbst ans Werk, beginnt von unten.“, a.a.O.:<br />
<a href="#anm_31" title="anm31" name="anm31">31</a> Anschaulich beschrieben wurde dieser Prozess f&#252;r die Entstehung der<br />
englischen ArbeiterInnenklasse von E.P. Thompson, in: Holloway, John/Thompson, E.P.: Blauer Montag. &#220;ber Zeit und Arbeitsdisziplin, Hamburg, 2007<br />
<a href="#anm_32" title="anm32" name="anm32">32</a> Poulantzas, Nicos: Staatstheorie. Politischer &#220;berbau, Ideologie, Autorit&#228;rer Etatismus, Hamburg, 2002: 142. Markus Wissen weist darauf hin, dass Poulantzas hier ganz offensichtlich „Gefahr (l&#228;uft), die in einer bestimmten kapitalistischen Entwicklungsphase vorherrschenden Raum- und Zeitformen zu verallgemeinern“. Wissen, Markus: Territorium und Historizit&#228;t. Raum und Zeit in der Staatstheorie von Nicos Poulantzas, in: Bretthauer, Lars/Gallas, Alexander/Kannankulam, John/St&#252;tzle, Ingo (Hg.): Poulantzas lesen. Zur Aktualit&#228;t marxistischer Staatstheorie, Hamburg, 2006: 206-222, hier: 216.</p>
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		<title>„Geht selbst ans Werk, beginnt von unten.“</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Feb 2008 22:51:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rastapeace</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><span lang="DE">In Teil eins der Serie zum politischen Erbe der russischen Revolution diskutiert <em>Stefan Probst</em> die sozialen Dynamiken und politisch-strategischen Optionen zwischen Februar und Oktober 1917.</span><br />
<span id="more-54"></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die jeweils vorherrschende Interpretation der Russischen Revolution ist seit dem fr&#252;hen 20. Jahrhundert immer von gesellschaftlichen und politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnissen abh&#228;ngig gewesen. „Oktober 1917“ war und ist umk&#228;mpftes Terrain, Arena politischer Auseinandersetzung. Selten spiegeln die Konjunkturen der Historiographie so deutlich Ver&#228;nderungen des gesamtgesellschaftlichen politischen Klimas wie im Fall der Oktoberrevolution. Etwas schematisch k&#246;nnen dreieinhalb Phasen interpretativer Paradigmen unterschieden werden.<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Konjunkturen der Historiographie<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Bis in die 1960er Jahre dominierten im Westen wie im Ostblock spiegelbildliche Versionen der „Kontinuit&#228;tsthese“, die eine bruchlose Linie von 1917 zum Stalinismus zogen. Die Oktoberrevolution erscheint hier als </span><em>coup d’etat</em><span lang="DE"> einer konspirativen Minderheit ohne organische Unterst&#252;tzung in breiteren Gesellschaftsschichten, als Ergebnis manipulativer Propagandakniffe der Bolschewiki in der Cold-War-Historiographie im Westen bzw. dem Heroismus Lenins in der sowjetischen Geschichtsschreibung im Osten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Diese Ansichten sind in den 1970ern grundlegend herausgefordert worden, als eine j&#252;ngere Generation linker HistorikerInnen im Windschatten der neuen sozialen Bewegungen eine sozialgeschichtliche Neubewertung der Revolution einforderte. W&#228;hrend bislang die ArbeiterInnen h&#246;chstens als amorphe „Massen“, meist „dunkel“ und „bedrohlich“, jedenfalls passiv in der Geschichte der Revolution thematisiert wurden, kritisierten die SozialhistorikerInnen eben diese Cold-War-Interpretation als Geschichte „nicht nur von oben, sondern die Perspektive von unten komplett ausblendend.“<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> „Im Endeffekt wurde die ArbeiterInnenbewegung als undifferenzierte, unf&#246;rmige Schafherde betrachtet, die unf&#228;hig sei, unabh&#228;ngig von f&#252;hrenden Intellektuellen zu handeln.“<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> Dem setzte die „revisionistische“ Historiographie eine minuti&#246;se Analyse der sozialen Dynamiken des Jahres 1917 entgegen, die besonders die spontanen K&#228;mpfe in den Fabriken fokussierte und die Revolution als Massenaufstand entschl&#252;sselte.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Im Klima des politischen </span><em>backlash</em><span lang="DE"> nach 1989 feierten jedoch die traditionellen Figuren der Cold-War-Historiographie erneut fr&#246;hliche Urst&#228;nd. Alte Argumente wurden, sprachlich neu verpackt, wieder aufgelegt.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> Im Pathos des liberal-kapitalistischen Triumphalismus mutierte die Oktoberrevolution zum gewaltsamen jakobinischen Staatsstreich, eine tragische Verirrung der Geschichte, die nun endg&#252;ltig erledigt sei. Der Fokus auf Eliten und die Konstruktion einer unvermittelten Determination der Ereignisse durch politische Ideologien lie&#223; wenig Raum f&#252;r die aktive Rolle, die ArbeiterInnen, B&#228;uerInnen und SoldatInnen 1917 gespielt hatten. Zugleich trat ein Gro&#223;teil der SozialhistorikerInnen den organisierten R&#252;ckzug an und versuchte, sich in den Nischen entpolitisierter Kulturgeschichtsschreibung einzurichten.<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Erst seit Mitte der 1990er, wieder im Zusammenhang mit einem Aufleben sozialer Auseinandersetzungen, wird die Oktoberrevolution erneut als historisches Ereignis rezipiert, das, wenn schon nicht Antworten gibt, dann zumindest wichtige Fragen aufwirft, die auch f&#252;r die neuen sozialen Bewegungen relevant sind. In diesem Kontext soll die Geschichte der Revolution im Sinn einer „strategischen Geschichte“ (Daniel Bensaïd) erz&#228;hlt werden, die die Dynamiken, Kontingenzen, Konflikte, politischen Lernprozesse, Br&#252;che, Entscheidungen betont.<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Ungleiche und kombinierte Entwicklung<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Revolution 1917 repr&#228;sentiert zwar einen tiefen Einschnitt in der russischen Geschichte, war aber kein mystisches Ereignis „aus dem Nichts“ (Alain Badiou). Seit den 1860er Jahren hatten rapide Industrialisierung, Binnenmigration und rasantes Bev&#246;lkerungswachstum die Klassenstruktur des zaristischen Russland grundlegend transformiert und die Fundamente des autokratischen Staates zusehends erodiert. Aufgrund staatlicher Modernisierungsprogramme war die lohnabh&#228;ngige Bev&#246;lkerung zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und dem Beginn des ersten Weltkriegs um das Sechsfache angewachsen<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> und in den Gro&#223;betrieben der wenigen Industrieregionen um die urbanen Zentren konzentriert worden: Mehr als die H&#228;lfte der ArbeiterInnen war 1910 in Betrieben mit mehr als 500 Angestellten besch&#228;ftigt, ein Anteil, der selbst im globalen Vergleich &#252;berrascht<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> und der ArbeiterInnenklasse eine &#246;konomische und politische Bedeutung verlieh, die in keinem Verh&#228;ltnis zu ihrer quantitativen St&#228;rke stand.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Zugleich &#228;u&#223;erte sich die rasche Industrialisierung nicht nur als regional ungleichm&#228;&#223;iger Konzentrationsprozess, sondern erzeugte auch innerhalb der ArbeiterInnenklasse ein betr&#228;chtliches Ma&#223; an Unebenheiten und Friktionen. Der Proletarisierungsprozess betraf insbesondere die frisch in die St&#228;dte migrierten b&#228;uerlichen Arbeitskr&#228;fte, f&#252;r die das Leben bislang wesentlich durch die Jahreszeiten gepr&#228;gt gewesen war und – „vom Holzpflug losgerissen und unmittelbar an den Fabrikkessel geworfen“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a> – die Disziplin der Stechuhr eine neue Erfahrung darstellte. Gleichzeitig transformierte die Fabrik auch die Arbeits- und Lebenswelt derer, die zwar schon l&#228;nger in Kleinbetrieben in den urbanen Zentren gearbeitet hatten, sich nun aber mit den unpers&#246;nlichen, b&#252;rokratischen Verh&#228;ltnissen des Fabriksmanagements konfrontiert sahen. Demgegen&#252;ber stand ein kleiner gut ausgebildeter, besser organisierter und politisch erfahrener Kern meist m&#228;nnlicher ArbeiterInnen, vor allem in der Metallindustrie. „Je urbanisierter, alphabetisierter und besser ausgebildet die ArbeiterInnen, desto gr&#246;&#223;er war die Kluft zwischen ihnen und den neu angekommenen B&#228;uerInnen.“<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die sozialen Umw&#228;lzungen im Zuge der forcierten Entwicklung moderner Industrie inmitten einer &#252;berwiegend agrarischen Gesellschaft – was Trotzki als Prozess der „ungleichen und kombinierten Entwicklung“ des Kapitalismus beschrieben hat<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> – erzeugten Spannungen, die sich in gro&#223;en sozialen Konflikten entluden. Die Textilregion um Moskau, die Metallindustrie in Petrograd und Riga, Metall- und Lebensmittelindustrie in der Ukraine, die Kohleindustrie im Donez-Becken, die Petroleumindustrie in Baku und der industrielle Bergbau im Ural waren Zentren sozialer K&#228;mpfe und Unruhen. Aber auch au&#223;erhalb der Gro&#223;st&#228;dte wurden jene ruralen Gebiete zu Schaupl&#228;tzen heftiger Auseinandersetzungen, in denen das staatliche Modernisierungprogramm die Ansiedlung von Industriebetrieben gef&#246;rdert hatte – immerhin lebten 1902 nur 41 Prozent der 1,9 Millionen russischen FabriksarbeiterInnen in St&#228;dten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Der Hybridit&#228;t der wirtschaftlichen Struktur Russlands entsprach jene des politischen Systems. Zwar war die Autorit&#228;t der zaristischen Monarchie durch die Entwicklung einer einheimischen Bourgeoisie untergraben worden, zugleich &#252;bersetzte sich aber die Abh&#228;ngigkeit der russischen Kapitalisten von staatlicher Protektion und ihre Angst vor der k&#228;mpferischen, hochkonzentrierten ArbeiterInnenklasse in ein fragiles B&#252;ndnis mit dem Zarismus.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Die Ungleichzeitigkeiten der &#246;konomischen Entwicklung d&#228;mpften die politischen Antagonismen zwischen Autokratie und Bourgeoisie, ein Prozess, der auch an den zunehmend konservativeren Positionen des russischen Liberalismus deutlich wird. Besonders seit 1905, als die K&#228;mpfe in der weltweit ersten von Massenstreiks getragenen Revolution kulminierten, war klar, dass politische Demokratisierung weitergehendere Fragen sozialer Reformen er&#246;ffnen w&#252;rden.<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> Insofern stellten die Klassenk&#228;mpfe der Jahre 1905-1907 und 1912-1914 eine Art Generalprobe f&#252;r jene Ereignisse dar, die im Fr&#252;hjahr 1917, nach zweieinhalb Jahren Weltkrieg, den Beginn der Revolution markierten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Februarrevolution<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Als am 23. Februar<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a>, dem Internationalen Frauentag, tausende streikende Textilarbeiterinnen in Petrograd gegen den bereits zweieinhalb Jahre dauernden Krieg, die Lebensmittelknappheit in der Hauptstadt und die zaristische Autokratie demonstrierten, wusste noch niemand, dass damit eine revolution&#228;re Dynamik in Gang gesetzt w&#252;rde, die die russische Gesellschaft in ihren Grundfesten ersch&#252;ttern sollte. Im Gegenteil bef&#252;rchteten die sozialistischen Organisationen, dass der Streik verfr&#252;ht sei und dem Regime einen Vorwand f&#252;r noch sch&#228;rfere Repression liefern k&#246;nnte.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Dennoch weitete sich die Bewegung in den folgenden Tagen aus. Ein Arbeiter bei Nobel im Bezirk Vyborg erinnert sich:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">„Wir konnten die Stimmen der Frauen auf den Stra&#223;en vor unserem Arbeitsplatz h&#246;ren. ‘Nieder mit den hohen Preisen!’ ‘Nieder mit dem Hunger!’ ‘Brot f&#252;r die ArbeiterInnen!’ Ich elite mit einigen GenossInnen ans Fenster. … Die Tore der Bol’shaia Sampsonievskaia Fabrik standen weit offen. Massen von militanten Arbeiterinnen bev&#246;lkerten die Stra&#223;e. Die, die uns sahen, winkten und riefen: ‘Kommt heraus!’ ‘Legt die Arbeit nieder!’ Schneeb&#228;lle flogen durch die Fenster. Wir beschlossen, uns der Demonstration anzuschlie&#223;en.”<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Zwei Tage sp&#228;ter streikten bereits 305.000 der 400.000 Petrograder FabriksarbeiterInnen. Als am 27. Februar SoldatInnen der Petrograder Garnison befohlen wurde, auf die DemonstrantInnen zu schie&#223;en verweigerten ganze Regimenter den Befehl und liefen zu den Aufst&#228;ndischen &#252;ber.<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Aus den Reihen des vormals machtlosen Parlaments, der Duma, die kurz zuvor noch ihre eigene Aufl&#246;sung durch den Zar widerstandslos akzeptiert hatte, formierte sich in der Nacht auf den 2. M&#228;rz eine Provisorische Regierung, die zun&#228;chst von Kadetten, urspr&#252;nglich radikale Liberale, die sich aber immer st&#228;rker einem konservativen Nationalismus ann&#228;herten, und von Oktobristen, konstitutionellen Monarchisten, gepr&#228;gt war. Als sich die Nachrichten der Petrograder Ereignisse in anderen St&#228;dten Russlands verbreiteten und auch dort die Polizei entwaffnet und neue tempor&#228;re Regierungsorgane gebildet wurden, dankte der Zar am 3. M&#228;rz ab. „1905 hat die Autokratie der revolution&#228;ren Bewegung 12 Monate lang standgehalten; im Februar 1917, ohne Unterst&#252;tzung der Armee, &#252;berlebte sie weniger als 12 Tage.“<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Februarrevolution war eine spontane Aktion tausender hungriger, w&#252;tender, kriegsm&#252;der ArbeiterInnen und SoldatInnen gewesen, Ausdruck der weitverbreiteten politischen Unzufriedenheit mit dem zaristischen Regime, zugleich Produkt eines tiefverwurzelten sozialen Antagonismus zwischen Teilen der ArbeiterInnenklasse und den besitzenden Klassen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Praktisch &#252;ber Nacht war der Ort der Politik von den Parlamenten und Pal&#228;sten in die Stra&#223;en und Wohnungen, die Betrieben und Kasernen ger&#252;ckt. Der amerikanische Journalist John Reed beschreibt die Situation: „Monatelang war jede Stra&#223;enecke in Petrograd, und in ganz Russland, eine &#246;ffentliche Trib&#252;ne. In den Z&#252;gen, Stra&#223;enbahnen, &#252;berall spontane Diskussion.”<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Der gesamtgesellschaftliche Linksruck wurde auch symbolisch deutlich. Die Schiffe der zaristischen Flotte wurden umbenannt und erhielten Namen wie „Demokratie“, „B&#252;rger“ und „Republik“. Menschen, die „Romanov“ oder „Rasputin“<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> hie&#223;en, stellten Antr&#228;ge auf Namens&#228;nderung, weil diese „monarchistisch“ und „widerlich“ seien.<a href="#anm1" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> Sogar die reaktion&#228;re Presse sah sich gen&#246;tigt, Zugest&#228;ndnisse an die Stimmung zu machen: die Wirtschaftszeitungen h&#252;llten sich ins Banner eines „realistischen Sozialismus“ und selbst die Boulevardbl&#228;tter erfanden sich als „parteilos-sozialistisch“ neu. Selbst auf den Banken, den Monumenten der Stabilit&#228;t des Systems, wehten rote Fahnen.<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Demokratisierung<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die russische Bourgeoisie und der politische Liberalismus, die nun die Regierung bildeten, hatten im Sturz des Zarismus eigentlich keine Rolle gespielt. Zwar war die Forderung eines liberal-konstitutionellen Regimes in der Vergangenheit immer wieder diskutiert worden, einig war man sich jedoch darin, dass eine soziale Revolution um jeden Preis verhindert werden m&#252;sse. Legitim sei der Sturz des Zaren nur als Akt nationaler Selbstverteidigung, insofern damit die Voraussetzungen geschaffen w&#252;rden, den Krieg zu gewinnen. Es geh&#246;rt deshalb zur Ironie der Februarrevolution, dass die Massenbewegung f&#252;r kurze Zeit die politische Glaubw&#252;rdigkeit gerade jener Kr&#228;fte wiederherstellte, die selbst panische Angst vor genau diesen „Massen“ hatten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Widerspr&#252;che wurden jedoch zun&#228;chst in der politischen Sprache der Februarrevolution verdeckt. „Demokratie“ war das zentrale Schlagwort der Zeit: „Demokratisierung wurde als universelle L&#246;sung f&#252;r jedes Problem gesehen. Nach Februar demokratisierten die Menschen die Theater, die Kirchen, die Schulen“ und selbst die Armee.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a> “B&#252;rger”, “Freiheit”, </span><em>narod</em></p>
<p><span lang="DE"> (das Volk) waren Begriffe, die im gesamten politischen Spektrum mobilisiert wurden, von den Bolschewiki bis zum F&#252;rsten Lvov, Premierminister der ersten Provisorischen Regierung. Was „Demokratie“ jeweils bedeutete – und bedeuten sollte – wurde von den politischen Akteuren indes sehr unterschiedlich definiert.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die zentralen Organe der Demokratisierung im politischen Bewusstsein der ArbeiterInnenbewegung waren die Fabrikskomitees<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a>, die vor allem in den gr&#246;&#223;eren Betrieben aus den </span><em>ad hoc</em></p>
<p><span lang="DE">-Streikstrukturen der Februarrevolution hervorgegangen waren. Sie sollten die alte „autokratische“ Verfassung des Arbeitsregimes zerschlagen und die Anliegen und Interessen der Besch&#228;ftigten gegen&#252;ber dem Management verteidigen und durchsetzen.<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a> Jede eigene Abteilung w&#228;hlte solche Komitees, die wiederum einen Ausschuss f&#252;r die gesamte Fabrik delegierten. Daneben organisierten bewaffnete Betriebsgruppen (ArbeiterInnenmilizen, „Rote Garden“) die Verteidigung der Fabriken und der proletarischen Bezirke.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">In der Armee gr&#252;ndeten SoldatInnen &#228;hnliche Komitees, die Entscheidungen unabh&#228;ngig, und gegen, die Heeresleitung f&#228;llten. Deutsche Offiziere etwa berichteten, dass russische SoldatInnen mitten in einem Angriff vor jedem einzelnen Man&#246;ver abstimmten. So unglaublich das klingt, aber die unz&#228;hligen Anekdoten &#252;ber „demokratisierte Schlachten“ sind symptomatisch.<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die wichtigsten Formen proletarischer Selbstorganisierung waren jedoch die nach dem Vorbild der Revolution von 1905 gebildeten Sowjets (R&#228;te), jene politischen Institutionen einer „revolution&#228;ren Demokratie“, die gew&#228;hlte, direkt verantwortliche und jederzeit abw&#228;hlbare Delegierte aus den Betrieben, Bezirken und Komitees, der ArbeiterInnen, SoldatInnen und B&#228;uerInnen, manchmal auch ethnischer und religi&#246;ser Minderheiten, zusammenfassten.<a href="#anm26" title="anm_26" name="anm_26"><sup>26</sup></a> Die Herausbildung eines Netzwerks von Sowjetstrukturen zeigt, dass die Bewegung nicht nur den alten Staat zerschlagen hat. „Ungeordnet und chaotisch ist von unten etwas Neues entstanden, das die alten politischen Strukturen ersetzen konnte.“<a href="#anm27" title="anm_27" name="anm_27"><sup>27</sup></a> Im Kern war der Sowjet die Organisationsform proletarischer Macht, Einheit von &#246;konomischer und politischer Demokratie.<o></o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Doppelherrschaft<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Februarrevolution hatte also zu einer Situation der „Doppelherrschaft“ gef&#252;hrt. Der Provisorischen Regierung, deren politische Legitimit&#228;t von Beginn an zweifelhaft war, da ihre Mitglieder niemals gew&#228;hlt worden waren, standen die Sowjets als politische Organe der ArbeiterInnenbewegung gegen&#252;ber.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Tats&#228;chlich waren die Sowjets im Februar die einzige Institution, die wirklich handlungsf&#228;hig war: sie organisierten die Lebensmittelversorgung, kontrollierten Transport und Kommunikation usw. Alexander Guchkov, der erste Kriegsminister der Provisorischen Regierung, erkl&#228;rte sp&#228;ter ganz offen: „Man kann unverbl&#252;mt sagen, dass die Provisorische Regierung nur so lange existiert, wie der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten es erlaubt.“<a href="#anm28" title="anm_28" name="anm_28"><sup>28</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Dennoch war das Nebeneinander von Provisorischer Regierung und Sowjets Ausdruck der politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse im Fr&#252;hjahr. ArbeiterInnen und SoldatInnen hatten zwar das zaristische Regime gest&#252;rzt, abgesehen von den militantesten ArbeiterInnen, jenen der Metallindustrie im Petrograder Bezirk Vyborg, bef&#252;rwortete jedoch kaum jemand die Machtergreifung der Sowjets. Die Mehrheit pl&#228;dierte im Februar f&#252;r die bedingte Unterst&#252;tzung der Provisorischen Regierung. In einer Resolution der Vollversammlung der ArbeiterInnen der Dinamo Werke hei&#223;t es etwa:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">„Die ArbeiterInnen und SoldatInnen sind nicht auf die Stra&#223;e gegangen, um eine Regierung durch eine andere zu ersetzen, sondern, um unsere Forderungen durchzusetzen. Diese Forderungen sind: ‚Freiheit’, ‚Gleichheit’, ‚Land’ und ‚Ein Ende des blutigen Kriegs’.”<a href="#anm29" title="anm_29" name="anm_29"><sup>29</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Eine Resolution der ArbeiterInnen der Izhora Werke verdeutlicht die allgemeine Stimmung:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">„Alle Ma&#223;nahmen der Provisorischen Regierung, die die &#220;berreste der Autokratie zerst&#246;ren und die Freiheit des Volkes st&#228;rken, m&#252;ssen von unserer Demokratie vollst&#228;ndig unterst&#252;tzt werden. Allen Ma&#223;nahmen, die auf eine Vers&#246;hnung mit dem alten Regime abzielen und gegen das Volk gerichtet sind, muss mit entschiedenem Protest und Gegenma&#223;nahmen begegnet werden.”<a href="#anm30" title="anm_30" name="anm_30"><sup>30</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">In den Betrieben selbst stellte das Konzept der „ArbeiterInnenkontrolle“ (<em>kontrol</em>) das strategische Pendant zu dieser Politik gegen&#252;ber der Regierung dar. „Kontrolle“ bedeutete hier nicht die direkte Organisation der Produktion durch die Fabrikskomitees sondern beschr&#228;nkte sich zun&#228;chst auf die &#220;berwachung des Managements durch VertreterInnen der Besch&#228;ftigten – ganz im Sinn einer „konstitutionellen Fabrik“, </span><em>kontrol</em></p>
<p><span lang="DE"> als „Doppelherrschaft im Betrieb“<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Dem entsprach, dass im Fr&#252;hjahr mehrheitlich Mitglieder der moderaten sozialistischen Parteien, der Menschewiki und der Sozialrevolution&#228;re, in die Sowjets gew&#228;hlt wurden. Ihr Standpunkt war, dass der Kapitalismus in Russland noch eine historische Funktion zu erf&#252;llen habe. Das bedeutete praktisch, auf alles zu verzichten, was die liberale Bourgeoisie (wie 1905) verschrecken k&#246;nnte. Die Revolution k&#246;nne nur erfolgreich sein, „so lange sie innerhalb der Grenzen bleibt, die von den objektiven Notwendigkeiten vorgegeben sind (dem Stand der Produktivkr&#228;fte, dem dazu passenden Bewusstseinsniveau der Volksmassen usw.). Man k&#246;nnte der Reaktion keinen besseren Dienst erweisen, als diese Grenzen zu missachten und sie umgehen zu wollen“, schrieb die menschewistische Zeitung </span><em>Rabochaia gazeta</em></p>
<p><span lang="DE">.<a href="#anm31" title="anm_31" name="anm_31"><sup>31</sup></a> Die Rolle der Sowjets sollte sich deshalb auf die „Kontrolle“ der Regierung beschr&#228;nken.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Auch die radikalste Organisation der sozialistischen Linken, die Bolschewiki, war in der Frage der Position gegen&#252;ber der Provisorischen Regierung gespalten. Erst auf der Parteikonferenz im April wurde, nach intensiven Debatten, ein Thesenpapier Lenins („Aprilthesen“) mit knapper Mehrheit angenommen, das die Eckpunkte der strategischen Orientierung f&#252;r die kommenden Monate umriss: keine Unterst&#252;tzung f&#252;r die Provisorische Regierung, Ende des imperialistischen Kriegs, alle Macht den R&#228;ten. Die Programmatik dieser Slogans war indes nicht allein Produkt der theoretischen Analyse der politischen Situation, sondern mindestens ebensosehr einem offenen Ohr f&#252;r die Forderungen der ArbeiterInnenbewegung geschuldet: „sie entsprachen den tiefsten Hoffnungen der radikalsten Teile des Petrograder Proletariats – der gelernten Metallarbeiter der Bezirke Vyborg und in geringerem Ausma&#223; auch der Insel Vasilevskii.“ So hei&#223;t es z.B. in einer Resolution der Vollversammlung der ArbeiterInnen der Puzyrev und Ekval Fabriken im April:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">“Die Regierung kann und will die Anliegen des gesamten arbeitenden Volkes nicht vertreten, deshalb fordern wir ihre sofortige Aufl&#246;sung und die Gefangennahme ihrer Mitglieder, um ihrem Angriff auf die Freiheit zu entgegnen. Wir sind der Meinung, dass die Macht allein dem Volk geh&#246;ren darf, d.h. dem Sowjet der ArbeiterInnen und SoldatInnendeputierten als einziger Institution, die das Vertrauen der Menschen genie&#223;t.”<a href="#anm32" title="anm_32" name="anm_32"><sup>32</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Im April waren solche Auffassungen freilich noch eine Minderheitenposition. Aufgabe der fortschrittlichsten Kr&#228;fte der Bewegung sei demnach, geduldig und systematisch zu erkl&#228;ren und zu &#252;berzeugen. Lenin:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">„Ich schreibe, lese vor, erkl&#228;re des langen und breiten: ‚Die Sowjets der Arbeiterdeputierten sind die </span><em>einzig m&#246;gliche </em></p>
<p><span lang="DE">Form der revolution&#228;ren Regierung, und daher kann unsere Aufgabe nur in geduldiger, systematischer, beharrlicher, besonders den praktischen Bed&#252;rfnissen der Massen angepa&#223;ter </span><em>Aufkl&#228;rung</em></p>
<p><span lang="DE"> &#252;ber die Fehler ihrer Taktik bestehen…’“<a href="#anm33" title="anm_33" name="anm_33"><sup>33</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Aprilkrise<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">In den wenigen Monaten ihrer Arbeit zeigte sich, dass die Provisorische Regierung ihre Autorit&#228;t, die sie im Februar und M&#228;rz genoss, nicht zu stabilisieren vermochte. Sie versprach, den Krieg zu beenden, brach aber nicht mit den Alliierten. Sie versprach den Bauern Land, war aber entscheidungsunf&#228;hig. Sie versprach die Einberufung einer Konstituierenden Versammlung, fixierte aber nie einen Termin, aus Angst, deren Zusammensetzung k&#246;nnte zu radikal ausfallen. „Sie konnte bei den ArbeiterInnen genausowenig Vertrauen aufbauen, wie sie ihnen Lebensmittel und Respekt verschaffen oder die Betriebe demokratisieren konnte. … Folge war, dass die aufkommende Parole ‚Brot, Frieden, Land’ stellvertretend f&#252;r all das stand, was die Provisorische Regierung nicht liefern konnte.“<a href="#anm34" title="anm_34" name="anm_34"><sup>34</sup></a><o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die erste Provisorische Regierung hielt sich dann auch nicht l&#228;nger als bis April. Unmittelbarer Ausl&#246;ser ihres Sturzes war ein geheimes Memorandum von Au&#223;enminister Miliukov an Russlands Kriegsverb&#252;ndete, das diesen versicherte, die neue Regierung w&#252;rde die Kriegsziele des Zarismus vollinhaltlich &#252;bernehmen. Als dieses am 20. April &#246;ffentlich wurde, erzwangen Massenproteste den R&#252;cktritt von Miliukov und Guchkov. An der Front abgehaltene SoldatInnenkongresse sprachen sich f&#252;r einen „demokratischen Frieden ohne Annexionen“ aus und forderten die st&#228;rkere Kontrolle der Regierung durch die Sowjets. Die Zusammensetzung eines neuen Kabinetts reflektierte diese Verschiebung der Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse: die Regierung inkludierte nun neben zehn „kapitalistischen Ministern“ sechs aus den Reihen der Menschewiki und Sozialrevolution&#228;re.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Klasse:<em> Making of<o></o></em></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Zugleich markierte die Aprilkrise den Einbruch der &#246;konomischen Situation. Akute Produktionsengp&#228;sse, die prek&#228;re Situation der Lebensmittelversorgung und dramatisch fallende Reall&#246;hne wurden noch versch&#228;rft durch die L&#228;hmung des Transportsystems. Hinzu kam die erneute Kriegsoffensive der Koalitionsregierung ab Juni.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Im M&#228;rz und Arpil schien es f&#252;r die Unternehmer noch m&#246;glich, „geordnete“ Verh&#228;ltnisse in den Betrieben durch Anerkennung von Gewerkschaften und materielle Zugest&#228;ndnisse wieder herstellen zu k&#246;nnen. Tats&#228;chlich konnten Fabrikskomitees und Sowjets in den ersten drei Monaten der Revolution Lohnerh&#246;hungen um durchschnittlich f&#252;nfzig Prozent, einen Mindestlohn sowie die Einf&#252;hrung des Acht-Stunden-Tags durchsetzen. All das waren Forderungen, die in der Vorkriegszeit bitter umk&#228;mpft gewesen waren, nun aber wurden sie „mit erstaunlicher Leichtigkeit erreicht, und die vers&#246;hnliche Haltung der Industriellen … schien weitere Zugest&#228;ndnisse zu erm&#246;glichen.“<a href="#anm35" title="anm_35" name="anm_35"><sup>35</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Sp&#228;testens seit Mai unterlief nun die wirtschaftliche Krise zunehmend die Kompromissstrategie der Unternehmer und die Bourgeoisie schwenkte auf Konfrontationskurs. Der erwartete disziplinierende Effekt von Fabriksschlie&#223;ungen und steigender Arbeitslosigkeit blieb dennoch aus.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Vielmehr waren ArbeiterInnen mehr und mehr davon &#252;berzeugt, dass die Unternehmer die Krise bewusst versch&#228;rften, um das Proletariat „zur Vernunft“ zu bringen. „Zum Beispiel, wenn das Management die Schlie&#223;ung einer Fabrik ank&#252;ndigte, weil es nicht gen&#252;gend Treibstoff gab, zog eine ArbeiterInnendelegation los und fand in den Lagerh&#228;user noch ausreichende Reserven.”<a href="#anm36" title="anm_36" name="anm_36"><sup>36</sup></a> Es waren solche spezifischen Erfahrungen, die tausenden allt&#228;glichen K&#228;mpfe, die den Prozess der Politisierung bef&#246;rderten. „Diese Muster der Mobilisierung … trugen zur Formierung einer geschlossenen ArbeiterInnenklasse in Russland bei, die sich ihrer kollektiven Position in der gesellschaftlichen Ordnung bewusst war. Jeder Streik, ob selbst erlebt, oder durch die Presse erfahren, trug zu diesem Gef&#252;hl des Zusammenhalts bei.”<a href="#anm37" title="anm_37" name="anm_37"><sup>37</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">„Im Sommer wurde der Diskurs der Demokratie, der durch die Februarrevolution angesto&#223;en wurde, durch einen Diskurs der Klasse ersetzt, eine Verschiebung, die durch die vermehrte Verwendung des Wortes ‚Genosse’ statt ‚B&#252;rger’ als beliebter Anrede symbolisiert wurde.“<a href="#anm38" title="anm_38" name="anm_38"><sup>38</sup></a> Durch unz&#228;hlige Flugbl&#228;tter, Zeitungen, Ansprachen, Streiks, Demonstrationen, lokale ParteikaderInnen verbreitet wurde „Klasse“ zum wichtigsten organisierenden Prinzip der Selbst- und Weltwahrnehmung der ArbeiterInnen und &#252;berformte zunehmend regionale, ethnische, genderspezifische, auf Berufsgruppe oder Fabrik bezogene Identit&#228;ten. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Ungleichzeitigkeiten der Radikalisierung<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die wirtschaftliche Situation erforderte auch eine Redefinition von </span><em>kontrol</em></p>
<p><span lang="DE">. Je prek&#228;rer die Lage, je deutlicher die Sabotagestrategie der Unternehmer erfahren wurde, desto st&#228;rker &#252;bersetzte sich das Misstrauen der ArbeiterInnen gegen&#252;ber dem Fabriksmanagement in K&#228;mpfe um die Ausweitung proletarischer Kontrolle in den Betrieben. W&#228;hrend bislang die allermeisten Streiks Lohnk&#228;mpfe gewesen waren h&#228;uften sich nun Streiks um ArbeiterInnenkontrolle. Diese Verschiebung ist von entscheidender Bedeutung: Streiks um Lohn u.&#228;. k&#246;nnen als Teil eines normalen Verhandlungsprozesses zwischen Kapital und Arbeit verstanden werden; Konflikte &#252;ber die Kontrolle der Bedingungen des Produktionsprozesses ber&#252;hren grundlegendere Fragen der Macht. Die Abnahme von Streiks im Herbst kann demnach als Ausdruck davon gelesen werden, dass signifikante Teile der ArbeiterInnenklasse verstanden hatten, dass dieser Kampf nicht in den einzelnen Betrieben gewonnen werden konnte, sondern allein in der politischen Arena.<a href="#anm39" title="anm_39" name="anm_39"><sup>39</sup></a> Die Macht&#252;bernahme der Sowjets erschien als notwendige Voraussetzung, um dauerhaft Formen proletarischer Selbstverwaltung in den Betrieben sichern zu k&#246;nnen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">In diesem Sinn ist es bezeichnend, dass gerade jene Betriebe, die am fr&#252;hesten f&#252;r die Macht&#252;bernehme der Sowjets stimmten, auch jene waren, in denen die Ausweitung der Formen der ArbeiterInnenkontrolle am konsequentesten vorangetrieben wurde. Die ungleichm&#228;&#223;ige Entwicklung des Proletariats findet hier ihren Ausdruck in den Ungleichzeitigkeiten der politischen Radikalisierung. Die ersten, die sich f&#252;r eine Macht&#252;bernahme der Sowjets aussprachen waren meist die ArbeiterInnen der Metallindustrie, etwa im Petrograder Bezirk Vyborg, der schon seit langem eine bolschewistische Bastion gewesen war. Allgemein waren jene Abteilungen die politisch radikalsten, in denen gut ausgebildete, stark organisierte und bereits vor 1917 politisch aktive ArbeiterInnen besch&#228;ftigt waren, w&#228;hrend jene Abteilungen mit &#252;berwiegend frisch zugezogenen b&#228;uerlichen ArbeiterInnen radikaler in &#246;konomischen Forderungen auftraten<a href="#anm40" title="anm_40" name="anm_40"><sup>40</sup></a>, in politischen Fragen jedoch meist moderater waren.<a href="#anm41" title="anm_41" name="anm_41"><sup>41</sup></a> Selbiges gilt auch f&#252;r die ungelernten Arbeiterinnen der Textilindustrie, die etwa in der Moskauer Region dominierten.</span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Ungleichzeitigkeiten der politischen Entwicklung k&#246;nnen auch an der Zusammensetzung der Sowjets abgelesen werden. W&#228;hrend sich etwa die erste Konferenz der Petrograder Fabrikskomitees Ende Mai und der Petrograder Sowjet bereits im Juni f&#252;r die proletarische Macht&#252;bernahme aussprachen, stellten beim ersten Gesamtrussischen Kongress der Sowjets im selben Monat die moderaten sozialistischen Parteien, die an der Koalitionsregierung festhielten, 71,5 Prozent der Delegierten, die Bolschewiki nur 13 Prozent. Die ArbeiterInnenversammlung der Petrograder Maschinenfabrik Optico hatte bereits Ende April eine Resolution verabschiedet, die festhielt:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">“Die Provisorische Regierung vertritt nicht die Bev&#246;lkerung Russlands. Als Repr&#228;sentanten eines Haufens Kapitalisten und Grundbesitzer …, die die durch das Volk gewonnene Macht an sich gerissen haben, haben Miliukov und Co. sich selbst entlarvt. Wir erkl&#228;ren, dass wir kein Blut f&#252;r Miliukov und Co. vergie&#223;en wollen. … Deshalb halten wir fest, dass Miliukov, Gutchkov und Co. nicht ihrem Auftrag entsprechen und erkennen die Sowjets als einzige Macht im Land an, die wir mit unseren Leben verteidigen werden.”<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Zugleich beschloss eine Versammlung der Leont’ev Textilfabrik:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">“Wir unterst&#252;tzen vollinhaltlich die Taktik der Sowjets, die die Einheit der Revolution bewahren m&#246;chte und sich jedem Versuch, die revolution&#228;ren Kr&#228;fte zu spalten, widersetzt. Die Versammlung lehnt die anarchistischen Aufrufe Lenins, die Staatsmacht zu &#252;bernehmen, die nur zum B&#252;rgerkrieg f&#252;hren k&#246;nnen, ab.”<a href="#anm1" title="anm_42" name="anm_42"><sup>42</sup></a></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Paradox der Julitage<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Explosivit&#228;t der sozialen und politischen Polarisierung in Petrograd entlud sich erstmals in den Sommermonaten. Nachdem bereits am 18. Juni mehrere hunderttausend DemonstrantInnen den R&#252;cktritt der „zehn kapitalistischen Minister“ aus der Provisorischen Regierung gefordert hatten, probten Anfang Juli ArbeiterInnen und SoldatInnen den bewaffneten Aufstand, der die Macht&#252;bernahme der Sowjets erzwingen sollte. Alexander Rabinowitch schildert jene vielzitierte Szene der Julitage, als Matrosen Landwirtschaftsminister Chernov (Sozialrevolution&#228;r) umzingelten und aufforderten: „Nimm die Macht, du Hundesohn, wenn man sie dir gibt!“<a href="#anm43" title="anm_43" name="anm_43"><sup>43</sup></a> Dieser freilich dachte nicht im Entferntesten daran.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die politische Ambivalenz, die hier zum Ausdruck kommt, wird besonders deutlich in einer Rede von vier ArbeiterInnen, die als Delegierte von 54 Fabriken beim Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitee der Sowjets vorsprachen:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">„Es ist eigenartig, im Aufruf des Zentralen Exekutivkomitees zu lessen: ArbeiterInnen und SoldatInnen werden Konterrevlution&#228;rInnen genannt. Unsere Forderung – die allgemeine Forderung der ArbeiterInnen – ist ‚Alle Macht den Sowjets der ArbeiterInnen- und SoldatInnendeputierten’. … Wir fordern den R&#252;cktritt der zehn kapitalistischen Minister. </span><em>Wir vertrauen dem Sowjet, aber nicht jenen, den der Sowjet vertraut.</em></p>
<p><span lang="DE"> Unsere Genossen, die sozialistischen Minister, sind eine Vereinbarung mit den Kapitalisten eingegangen, doch diese Kapitalisten sind unsere Todfeinde. … Das Land muss sofort den Bauern gegeben werden! Die Kontrolle der Produktion muss sofort eingesetzt werden! Wir fordern einen Kampf gegen die Hungersnot, die uns bedroht!”<a href="#anm44" title="anm_44" name="anm_44"><sup>44</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Der kursivierte Satz fasst jenen Widerspruch zusammen, den David Mandel das „Paradox der Julitage“ genannt hat: die demonstrierenden ArbeiterInnen glaubten, das Exekutivkomitee k&#246;nne von der Macht&#252;bernahme &#252;berzeugt werden, aber die moderaten sozialistischen Parteien, die das Exekutivkomitee dominierten, waren eher bereit, populare Unterst&#252;tzung zu verlieren, als die Zusammenarbeit mit der Bourgeoisie in der Provisorischen Regierung aufzugeben.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Polarisierung<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Julikrise endete nicht mit der Macht&#252;bernahme der Sowjets, sondern mit der milit&#228;rischen Niederschlagung der Bewegung und einem scharfen Rechtsruck der Regierung. Die Instabilit&#228;t der Doppelherrschaft war jedoch f&#252;r alle nur allzu deutlich geworden. Die politischen Optionen schienen sich mehr und mehr auf die Alternative proletarischer Umsturz oder rechter Milit&#228;rputsch einzuengen. Die Kadetten hatten unterdessen l&#228;ngst komplett auf B&#252;rgerkriegsmentalit&#228;t geschaltet:<a href="#anm45" title="anm_45" name="anm_45"><sup>45</sup></a> „Lenin oder Kornilov“, formulierte Miliukov.<a href="#anm46" title="anm_46" name="anm_46"><sup>46</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Kornilov war jener General, der von der Provisorischen Regierung zum Oberkommandanten der Armee ernannt worden war, und Hoffnung der B&#252;rgerlichen, die „Ordnung“ in Armee und Fabriken wiederherzustellen. Als sein Versuch, Ende August gewaltsam eine Entscheidung herbeizuf&#252;hren nicht nur an der schlechten Vorbereitung des </span><em>coups</em></p>
<p><span lang="DE">, sondern auch am bewaffneten Widerstand der ArbeiterInnen und SoldatInnen scheiterte, verlor die Regierung endg&#252;ltig den letzten Rest politischer Glaubw&#252;rdigkeit. Dennoch hatte der Kornilov-Putsch allen vor Augen gef&#252;hrt, welches Szenario drohte, wenn nicht bald gehandelt w&#252;rde: ein erfolgreicher Milit&#228;rputsch der Rechten h&#228;tte mit Sicherheit auch alle Fortschritte der Februarrevolution zunichte gemacht.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Kunst revolution&#228;rer Politik besteht darin, den kritischen Moment zu erkennen, in dem sich Widerspr&#252;che verdichten und strategische M&#246;glichkeiten er&#246;ffnen. Der Herbst 1917 bezeichnet eine solche &#214;ffnung. “Die Geschichte wird uns nicht vergeben, wenn wir jetzt nicht die Macht ergreifen“, wiederholte Lenin.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Am 31. August verabschiedete der Petrograder Sowjet die von den bolschewistischen Delegierten eingebrachte Resolution „zur Machtfrage“, die Moskauer Sowjets folgten am 5. September, und bis Mitte des Monats hatten achtzig weitere Sowjets in gr&#246;&#223;eren St&#228;dten den Aufruf unterst&#252;tzt.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Revolution<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Oktoberrevolution selbst verlief dann eigentlich relativ unspektakul&#228;r. Am 6. Oktober k&#252;ndigte die Regierung an, die halbe Petrograder Garnison aus der Hauptstadt abzuziehen. Der Sowjet interpretierte das zurecht als Versuch, eine der radikalsten Kr&#228;fte aus der Stadt zu entfernen und gr&#252;ndete am 9. Oktober ein Milit&#228;risches Revolutionskomitee (MRK), das diesen Transfer verhindern sollte. Gleichzeitig hatte das am ersten Gesamtrussischen Sowjetkongress gew&#228;hlte, mehrheitlich aus Menschewiki und Sozialrevolution&#228;ren zusammengesetzte Exekutivkomitee den f&#252;r 20. Oktober angesetzten zweiten Kongress auf 25. Oktober verschoben, „offensichtlich um Kerenskii [dem Regierungschef] Zeit zu geben, einen Pr&#228;ventivschlag gegen die Bolschewiki vorzubereiten.“<a href="#anm47" title="anm_47" name="anm_47"><sup>47</sup></a> Als die Regierung am 20. Oktober die Truppenverlegung durchzusetzen versuchte, ordnete das MRK an, sich dem Befehl zu widersetzen. Kerenskiis Versuch, in der Nacht vom 23. auf den 24. Oktober die bolschewistische Druckerei zu schlie&#223;en war schlie&#223;lich der Z&#252;ndfunke f&#252;r den Aufstand. SoldatInnen und Rotgardisten besetzten die strategisch wichtigsten Punkte der Stadt, milit&#228;rischen Widerstand gab es nur vereinzelt. Der allergr&#246;&#223;te Teil der Truppen stand auf der richtigen Seite der Barrikaden.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die entscheidende Rolle im Aufstand hatten die betrieblichen ArbeiterInnenmilizen gespielt, die bereits im August bei der Verteidigung Petrograds gegen Kornilov wichtig gewesen waren. Auch wenn die Tatsache schlecht ins vorherrschende Bild der Oktoberrevolution passt, die die proletarische Macht&#252;bernahme gemeinhin als sorgf&#228;ltig geplantes Man&#246;ver des MRK pr&#228;sentiert, muss auch f&#252;r den Umsturz selbst die spontane Dimension st&#228;rker als bisher hervorgehoben werden. „die Mobilisierung der Roten Garden und ihr Anteil am verworrenen Kampf um die Kontrolle der Schl&#252;sselstellen der Stadt am 24.-25. Oktober schien gr&#246;&#223;tenteils direkt aus lokaler Initiative zu kommen, von einzelnen Einheiten in den Fabriken oder Bezirken, die auf die neuesten Nachrichten und Ereignisse reagierten. Es gibt kaum Hinweise darauf, dass das Milit&#228;rische Revolutionskomitee oder der Generalstab der Roten Garden eine signifikante Rolle in der Mobilisierung oder F&#252;hrung der Aktionen der Roten Garden spielte, obwohl diese eine zentrale, vielleicht entscheidende Rolle im Kampf um Sowjetmacht und den Erfolg dessen, was heute als ‚Oktoberrevolution’ bekannt ist, innehatten.“<a href="#anm48" title="anm_48" name="anm_48"><sup>48</sup></a> Die „Befreiung der ArbeiterInnenklasse“ war tats&#228;chlich, wie Marx gefordert hatte, das „Werk der ArbeiterInnenklasse selbst“ gewesen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Zukunft lag nun in den H&#228;nden der Sowjets der ArbeiterInnen, B&#228;uerInnen und SoldatInnen. Lenin:<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">„Genossen! Werkt&#228;tige! Denkt daran, dass </span><em>ihr selber</em></p>
<p><span lang="DE"> jetzt den Staat verwaltet. Niemand wird euch helfen, wenn ihr euch nicht selber vereinigt und nicht </span><em>alle Angelegenheiten</em></p>
<p><span lang="DE"> des Staates in </span><em>eure</em></p>
<p><span lang="DE"> H&#228;nde nehmt. </span><em>Eure</em></p>
<p><span lang="DE"> Sowjets sind von nun an die Organe der Staatsgewalt, bevollm&#228;chtigte, beschlie&#223;ende Organe.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Schlie&#223;t euch um eure Sowjets zusammen. St&#228;rkt sie. Ohne auf jemand zu warten, geht selbst ans Werk, beginnt von unten.“<a href="#anm49" title="anm_49" name="anm_49"><sup>49</sup></a></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Soziale und politische Determinanten<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Als zentrale Problemstellung einer „strategischen Geschichte“ der Russischen Revolution bleibt die Frage, wie das Verh&#228;ltnis von sozialer Dynamik und organisierter politischer Intervention zwischen Februar und Oktober 1917 gedacht werden kann.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die sozialgeschichtliche Interpretation der 1970er und 1980er hatte die K&#228;mpfe der ArbeiterInnen in den Betrieben ins Zentrum ger&#252;ckt. Die „Logik“ der K&#228;mpfe um materielle Bed&#252;rfnisse und praktische Interessen habe, im Kontext der &#246;konomischen Krise, einen Prozess politischer Organisierung und Radikalisierung bef&#246;rdert, der in der Ann&#228;herung der Mehrheit an bolschewistische Positionen kulminierte. Diese Interpretation hat die davor vertretene politik- und ideengeschichtliche Ansicht (die neu verpackt auch von aktuellen diskursgeschichtlichen Ans&#228;tzen vertreten wird) vom Thron gesto&#223;en, die behauptete, dass den ArbeiterInnen Organisationsformen und revolution&#228;re Ideen nur von au&#223;en, durch autonom organisierte Parteiintellektuelle, zugeflossen w&#228;ren.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Das Hauptverdienst der sozialgeschichtlichen Interpretation liegt darin, aufgezeigt zu haben, dass die „&#246;konomischen“ betrieblichen K&#228;mpfe selbst weitreichendere politische Fragen aufgeworfen haben und politisierend wirkten. Problematisch wird diese Erz&#228;hlung jedoch, wenn behauptet wird, dass sich die spontane Dynamik der Arbeitsk&#228;mpfe 1917 automatisch in angemessene politische Antworten &#252;bersetzt h&#228;tte.<a href="#anm50" title="anm_50" name="anm_50"><sup>50</sup></a> Indem die sozialgeschichtliche Interpretation das Politische auf eine den betrieblichen K&#228;mpfen inh&#228;rente Dynamik reduziert, wird die relative Autonomie organisierter politischer Konkurrenz um angemessene Antworten auf die in den K&#228;mpfen aufgeworfenen Probleme eingeebnet, geraten politische </span><em>Alternativen</em></p>
<p><span lang="DE"> aus dem Blick. Die politisch-ideologische Heterogenit&#228;t l&#246;st sich durch die „Logik der K&#228;mpfe“ selbst in einer Quasi-Teleologie eines „Bolschewismus von unten“ auf. Wenn die Erfahrungen des Klassenkampfs aus sich heraus schon selbstevidente politische L&#246;sungen nahelegten, so verschwindet die Komplexit&#228;t und Widerspr&#252;chlichkeit des politischen Radikalisierungsprozesses hinter der angeblichen Unilinearit&#228;t kumulativer Entwicklung. Politische Parteien und Programme, die „hohe Politik“, erscheinen hier als Sph&#228;re, die den unmittelbaren materiellen Anliegen der ArbeiterInnenbewegung rein &#228;u&#223;erlich gegen&#252;bersteht, sodass sich die Ann&#228;herung der Mehrheit der ArbeiterInnen an die bolschewistische Forderung der Machtergreifung der Sowjets auf ein zuf&#228;lliges Produkt einer tempor&#228;ren Interessenskonvergenz reduziert. Der paradoxe Effekt dieser Methode ist, wie John Eric Marot bemerkt, “eine Ann&#228;herung an die politikgeschichtliche Tradition, die sie eigentlich &#252;berwinden wollten.”<a href="#anm51" title="anm_51" name="anm_51"><sup>51</sup></a> W&#228;hrend die alte Politikgeschichte das politische Moment der K&#228;mpfe </span><em>au&#223;erhalb</em><span lang="DE"> der ArbeiterInnenbewegung verortete (die „Intelligenz“), hebt die Sozialgeschichtsschreibung die </span><em>relative Autonomie</em><span lang="DE"> des Politischen in den betrieblichen K&#228;mpfen selbst auf, wird die mediatisierende Funktion organisierter politischer Intervention im Klassenkampf ignoriert. Die Zeit des Klassenkampfs erscheint so als lineare Zeit, bereinigt von Br&#252;chen, Kontingenzen, Entscheidungen und Alternativen.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Tats&#228;chlich entwickelten sich die K&#228;mpfe in den Fabriken zun&#228;chst relativ unabh&#228;ngig von Parteien und innerhalb der bestehenden Eigentumsverh&#228;ltnisse. Die Frage ist, wie der Prozess interpretiert wird, in dem sich die ArbeiterInnenbewegung &#252;ber diese begrenzten Perspektiven hinausbewegte. <o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">ArbeiterInnen wurden sich ihrer unmittelbaren Interessen und ihrer Klassenidentit&#228;t in den unz&#228;hligen spontanen K&#228;mpfen in den Betrieben bewusst. Es waren die den Klassenverh&#228;ltnissen am Arbeitsplatz inh&#228;renten K&#228;mpfe um Lohn, Arbeitszeit, Arbeitsbedingungen, die Klassensolidarit&#228;t bef&#246;rderten, nicht parteipolitische Slogans und Programme. Dennoch: „Die Signifikanz weitreichenderer und komplexerer politischer Ideen … kann nicht auf diesem Abstraktionsniveau verstanden werden.“<a href="#anm52" title="anm_52" name="anm_52"><sup>52</sup></a> Die Tatsache, dass sich die Fabrikskomitees nicht zu Institutionen eines korporatistischen Arbeitsregimes entwickelten, kann nicht allein auf die Zuspitzung der &#246;konomischen Situation reduziert werden kann. Die unmittelbaren Erfahrungen der K&#228;mpfe waren nicht die </span><em>alleinige</em><span lang="DE"> Quelle eines politischen Lernprozesses, denn „Erfahrung“ ist nicht selbst-transparent und selbst-evident – schon Gramsci betonte die spontane Widerspr&#252;chlichkeit des Alltagsverstands.<a href="#anm53" title="anm_53" name="anm_53"><sup>53</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Spezifizierung unterschiedlicher L&#246;sungsstrategien verweist jedoch auf die Arena ideologischer Auseinandersetzung, die von konkurrierenden Parteiprogrammen gepr&#228;gt war. Wenn Politik, in Lenins Formulierung, als „konzentrierte &#214;konomie“ begriffen wird, so bedeutet diese Konzentration eine qualitative Ver&#228;nderung, in der politische Optionen nicht einfach aus der &#214;konomie abgeleitet werden k&#246;nnen. Die diskursive Konzeptualisierung der Streikerfahrungen wurde durch den relativ autonomen politischen Wettbewerb von Argumenten &#252;ber die weitere politische Signifikanz der Streikbewegung strukturiert – und diese Ideenkonkurrenz war ma&#223;geblich organisiert in der politischen Opposition zwischen Bolschewiki und Menschewiki.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Beide Parteien waren sich darin einig, dass die ArbeiterInnen ihre Probleme nicht allein durch betriebliche K&#228;mpfe l&#246;sen k&#246;nnten, was durch das Versagen enger, betrieblicher, „syndikalistischer“ Taktiken deutlich geworden war. Dar&#252;ber hinaus gab es aber keine strategischen Ber&#252;hrungspunkte, weder in der Erkl&#228;rung der Ursachen, noch in der Formulierung politischer Ziele.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Menschewiki reagierten auf die Probleme der Streikbewegung mit dem Appell, weitere Streikaktionen ein- und „unverantwortliche, unrealistische“ Forderungen zur&#252;ckzustellen. In wichtigen Bereichen sollten die Fabrikskomitees auf Einflussnahme verzichten, um die Investitionsbereitschaft der Unternehmer wiederherzustellen.<a href="#anm54" title="anm_54" name="anm_54"><sup>54</sup></a></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Die Bolschewiki hingegen argumentierten, dass die Forderungen der ArbeiterInnen sehr wohl berechtigt waren. „Das Versagen des Managements, die Anspr&#252;che der ArbeiterInnen in entscheidenden Punkten zu erf&#252;llen, war f&#252;r sie Grund genug, dass die ArbeiterInnen selbst ihre Interessen durch eine Macht&#252;bernahme der Sowjets als legitime Methode zur Verhinderung des wirtschaftlichen Zusammenbruches, realisieren sollten.“<a href="#anm55" title="anm_55" name="anm_55"><sup>55</sup></a> Da die meisten ArbeiterInnen die Forderung nach Sowjetmacht zun&#228;chst nicht mit ihren (materiellen) Bed&#252;rfnissen und Interessen verkn&#252;pften konzentrierten sich die bolschewistischen ArbeiterInnen darauf, geduldig und systematisch zu erkl&#228;ren: in den Streiks, Fabriksversammlungen, Fabrikskomitees, Gewerkschaften, Sowjets.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Der politische Diskussionsprozess war den betrieblichen Auseinandersetzungen demnach nicht &#228;u&#223;erlich, sondern organisch in den K&#228;mpfen verwurzelt. Dementsprechend war auch die bolschewistische Partei keine Organisation autonomer Intellektueller, die den ArbeiterInnen „von au&#223;en“ „Bewusstsein“ einfl&#246;&#223;ten (Lukács), sondern ein Netzwerk „organischer Intellektueller“ (Gramsci), die als organisierte politische Str&#246;mung in diese Debatten intervenierten. Der Mythos der bolschewistischen Partei als Organisation der von der Klasse getrennten </span><em>Intelligentsia</em></p>
<p><span lang="DE"> ist l&#228;ngst auch durch quantitative Studien widerlegt.<a href="#anm56" title="anm_56" name="anm_56"><sup>56</sup></a> William Chase und Arch Getty haben in ihrer prosopographischen Studie der Mitglieder der Moskauer Bolschewiki festgetellt, dass die Partei, auch wenn sie bis 1905 &#252;berwiegend von der </span><em>Intelligentsia</em></p>
<p><span lang="DE"> dominiert war, „ihre soziale Zusammensetzung [nach 1905] so radikal ver&#228;nderte, dass die Bolschewiki 1917 ehrlicherweise behaupten konnten, einen Gro&#223;teil der arbeitenden Bev&#246;lkerung zu repr&#228;sentieren.“<a href="#anm57" title="anm_57" name="anm_57"><sup>57</sup></a> Das rasante Wachstum der Organisation<a href="#anm58" title="anm_58" name="anm_58"><sup>58</sup></a> bedingte nat&#252;rlich auch innerhalb der bolschewistischen Partei intensive strategische Debatten. Aber weil die Bolschewiki organisch in der Bewegung verankert waren und eine Tradition scharfer innerer Auseinandersetzung hatten, konnten sie im Herbst klare Positionen formulieren.<a href="#anm59" title="anm_59" name="anm_59"><sup>59</sup></a></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Degeneration<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE">Freilich markiert der Umsturz in Petrograd am 25. Oktober erst den Beginn und nicht das Ende der Revolution. Die Durchsetzung der revolution&#228;ren Transformation in anderen russischen St&#228;dten zog sich teilweise noch bis ins Fr&#252;hjahr 1918 und glitt nahtlos in den B&#252;rgerkrieg &#252;ber, der eigentlich bereits mit dem Kornilov-Putsch im August er&#246;ffnet war. Der Prozess der B&#252;rokratisierung im Laufe der 1920er Jahre, der schlie&#223;lich in der Etablierung einer staatskapitalistischen Diktatur im ersten F&#252;nf-Jahres-Plans kulminierte, kann hier nicht weiter diskutiert werden. Diese Geschichte bleibt einem Aufsatz in einer der n&#228;chsten Ausgaben von </span><em>Perspektiven</em></p>
<p><span lang="DE"> vorbehalten.<o></o></span></p>
<p class="Fliesstext"><span lang="DE"><o> </o></span></p>
<p class="Zwischenueberschrift"><span lang="DE">Anmerkungen<o></o></span></p>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Vgl. Edward Acton: The Revolution and its Historians, in: ders. u.a. (Hg.): Critical companion to the Russian Revolution 1914-1921, Bloomington 1997, S. 3-17</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Ronald Grigor Suny: Revising the old story. The 1917 revolution in light of new sources, in: Daniel H. Kaiser (Hg.): The Workers’ Revolution in Russia, 1917. The View from Below, Cambridge 1987, S. 1-19, hier S. 3</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Diane P. Koenker: Moscow in 1917. The view from below, in: Kaiser, a.a.O., S. 81-97, hier S. 86</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Vgl. Richard Pipes, nicht zuf&#228;llig ehemaliges Mitglied im Nationalen Sicherheitsrat der US-Regierung, oder Martin Malia.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a> Am deutlichsten bei Orlando Figes oder Robert Service. Der R&#252;ckzug vieler SozialhistorikerInnen hat auch mit der Inkonsequenz ihrer Ablehnung der Kontinuit&#228;tsthese zu tun, da sie die stalinisierte UdSSR immer noch als, wenn auch b&#252;rokratisierte, Erbin der Revolution von 1917 begriffen. (vgl. Mike Haynes: Social history and the Russian Revolution, in: John Rees (Hg.): Essays on Historical Materialism, London 1998, S. 57-80)</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a> Mike Haynes (Russia. Class and Power 1917-2000, London 2002, S. 22) sch&#228;tzt die ArbeiterInnenklasse im weitesten Sinn 1914 auf 15-20 Prozent der Bev&#246;lkerung.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a> In den USA ca. ein Drittel, in Europa noch weniger. 1914 waren in den Putilov-Werken, dem gr&#246;&#223;ten Metallbetrieb Petrograds, 13.000, 1917 sogar 30.000 Menschen besch&#228;ftigt. Die starke Konzentration der ArbeiterInnenklasse mag mit den niedrigen L&#246;hnen russischer ArbeiterInnen erkl&#228;rt werden, die die arbeitsintensive Substitution teurer Maschinen beg&#252;nstigte, ebenso wie mit der Knappheit von gut ausgebildetem technischen und Verwaltungspersonal.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a> Leo Trotzki: Geschichte der russischen Revolution. Bd. 1. Februarrevolution, Frankfurt am Main 1973, S. 390</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a> James H. Bater: St. Petersburg and Moscow on the eve of revolution, in: Kaiser, a.a.O., S. 20-57</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a> Trotzkis Konzept geht davon aus, dass die wirtschaftliche Entwicklung in Ru&#223;land nicht als autonomer Prozess verstanden werden kann, sondern sich im Kontext der Integration der russischen Wirtschaft in die globale kapitalistische &#214;konomie vollzog. Daraus erkl&#228;ren sich die charakteristischen Ungleichzeitigkeiten der &#246;konomischen Entwicklung, sowohl geographisch, sektoral als auch sozial: unterschiedliche Regionen des Landes, Wirtschaftsbereiche und Klassen(fraktionen) entwickelten sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Zugleich interagierten moderne und traditionale, dynamische und statische Entwicklungsformen und kombinierten sich, in Trotzkis Worten, zu einem „Amalgam archaischer und neuzeitlicher Formen“ (Trotzki, a.a.O, S. 19). Beispiel: der geringe Kapitalisierungsgrad der russischen Landwirtschaft beschr&#228;nkte die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Maschinen und chemischen D&#252;ngemitteln. Vorm Hintergrund der Konkurrenz ausl&#228;ndischen Kapitals forcierten die russischen Industriellen in diesen Sektoren eine Politik der Schutzz&#246;lle und monopolistischen Praktiken, die Preise hoch hielt und so die R&#252;ckst&#228;ndigkeit der Landwirtschaft noch verst&#228;rkte.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a> Leopold H. Haimson: “The Problem of Political and Social Stability in Urban Russia on the Eve of War and Revolution” Revisited, in: <em>Slavic Review</em> 59 (2000), S. 848-875</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a> Zum russischen Liberalismus vgl. Mike Haynes: Was there a parliamentary alternative in Russia in 1917?, in: <em>International Socialism</em> 76 (1997), S. 3-66; Mike Haynes: Liberals, Jacobins and Grey Masses in 1917, in: ders./Jim Wolfreys (Hg.): History and Revolution. Refuting Revisionism, London, New York 2007, S. 93-117. Zur Revolution 1905 vgl. z.B. die Beitr&#228;ge in <em>Revolutionary History</em> 9:1 (2005)</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a> Nach dem julianischen Kalender, der 13 Tage hinter dem westlichen gregorianischen Kalender lag und bis Anfang 1918 in Russland galt.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a> Zit. n. Steve A. Smith: Petrograd in 1917. The view from below, in: Kaiser, a.a.O., S. 59-79, hier S. 61</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a> Haynes: Russia, a.a.O., S. 16</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a> Steve A. Smith: The Russian Revolution. A very short introduction, Oxford 2002, S. 6</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a> Reed, John: Ten Days that Shook the World, S. 40</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a> Romanov war der Name der Zaren-Dynastie, Rasputin ein einflussreicher Prediger, „Wunderheiler“ und Berater am Hof des Zaren.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a> Boris Ivanovich Kolonitskii: “Democracy” in the Political Consciousness of the February Revolution, in: <em>Slavic Review</em> 57 (1998), S. 95-106, hier S. 96. Ein verwundeter russischer Soldat stellte etwa den Antrag, seinen Namen von „Romanov“ in „Demokratov“ zu &#228;ndern.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a> Haynes: Alternative, a.a.O.<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a> Kolonitskii, a.a.O., S. 95</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a> Insgesamt entstanden 1917 in ganz Russland 2.151 Fabrikskomitees, 687 davon in Betrieben mit mehr als 200 ArbeiterInnen. (Haynes: Russia, a.a.O., S. 24)</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a> Dar&#252;ber hinaus organisierten die Fabrikskomitees auch die Lebensmittelversorgung in den Bezirken, Bildungs- und Kulturaktivit&#228;ten, Kampagnen gegen Alkoholmissbrauch usw.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a> Kolonitskii, a.a.O., S. 95 Anm. 2</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_26" title="anm26" name="anm26">26</a> Insgesamt gab es im April ca. 700, im Oktober 1.429 Sowjets (455 davon B&#228;uerInnensowjets). (Smith: Russian Revolution, a.a.O., S. 17) Der Petrograder Sowjet alleine umfasste 3.000 Delegierte.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_27" title="anm27" name="anm27">27</a> Haynes: Russia, a.a.O., S. 25</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_28" title="anm28" name="anm28">28</a> Zit. n. ebd., S. 27. Auf der anderen Seite schrieb Steklov, Redakteur der Zeitung des Petrograder Sowjets und Mitglied in der „Kontaktkommission“, die zwischen Sowjet und Regierung vermittelte: „Denkt daran, dass ihr, wenn wir es wollen, schlagartig nicht mehr existiert, da ihr keine unabh&#228;ngige Bedeutung und Autorit&#228;t besitzt.“ (zit. n. Haynes: Alternative, a.a.O., S. 14) Au&#223;erhalb Petrograds war die Situation noch deutlicher: die lokalen Regierungsorgane, die „Komitees f&#252;r &#246;ffentliche Sicherheit“, waren von Beginn an von den Sowjets kontrolliert, teilweise sogar von diesen ins Leben gerufen worden. Ronald Suny kommt daher in seiner Studie &#252;ber die Revolution in Tiflis und Baku zum Schluss: „soviet power existed except in name“. (zit. n. Donald J. Raleigh: Political power in the Russian revolution. A case study of Saratov, in: Edith Rogovin Frankel u.a. (Hg.): Revolution in Russia. Reassessments of 1917, Cambridge 1992, S. 34-53, hier S. 43) In vielen Provinzst&#228;dten betrafen die eigentlichen Fragen politischer Macht daher weniger die Macht&#252;bernahme der Sowjets als die Debatten zwischen den politischen Kr&#228;ften innerhalb der Sowjets um deren Funktion und Aufgaben: als Kontrollorgane der b&#252;rgerlichen Regierung oder als institutionelle Form proletarischer Macht. (Ebd., S. 40)</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_29" title="anm29" name="anm29">29</a> Zit. n. Smith: Petrograd, S. 62<br />
<a href="#anm_30" title="anm30" name="anm30">30</a> Zit. n. ebd.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_31" title="anm31" name="anm31">31</a> Zit. n. Haynes: Russia, a.a.O., S. 28. Nach 1989 haben einige Linke diese Argumentation, die im Wesentlichen schon von Kautsky und Plechanow formuliert worden waren, wieder aufgegriffen. (z.B. Eric Hobsbawm) Zur Kritik vgl. schon Trotzki: Ergebnisse und Perspektiven (1906)</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_32" title="anm32" name="anm32">32</a> Zit. n. Smith: Petrograd, a.a.O., S. 66</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_33" title="anm33" name="anm33">33</a> Wladimir I. Lenin: &#220;ber die Aufgaben des Proletariats in der gegenw&#228;rtigen Revolution, in: Werke. Bd. 24, Berlin <sup>4</sup>1974, S. 1-8, hier S. 7</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_34" title="anm34" name="anm34">34</a> Haynes: Russia, a.a.O., S. 29<br />
<a href="#anm_35" title="anm35" name="anm35">35</a> Suny: Revising, a.a.O., S. 7</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_36" title="anm36" name="anm36">36</a> Koenker: Moscow, a.a.O., S. 91</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_37" title="anm37" name="anm37">37</a> Diane P. Koenker/William G. Rosenberg: Strikes and Revolution in Russia, 1917, Princeton 1989, S. 328</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_38" title="anm38" name="anm38">38</a> Smith: Revolution, a.a.O., S. 31<br />
<a href="#anm_39" title="anm39" name="anm39">39</a> Koenker: Moscow, a.a.O., S. 94</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_40" title="anm40" name="anm40">40</a> Das mag auch damit zu tun haben, dass diese ArbeiterInnen von der ersten Runde der Lohnerh&#246;hungen im M&#228;rz und April nicht oder nur wenig profitiert hatten. Als sie nun im Sommer ihre Forderungen aufstellten waren die Fronten bereits verh&#228;rteter und der Widerstand der Industriellen sch&#228;rfer.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_41" title="anm41" name="anm41">41</a> Steve A. Smith: Craft Consciousness, Class Consciousness: Petrograd 1917, in: <em>History Workshop Journal</em> 11 (1981), S. 33-58</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_42" title="anm42" name="anm42">42</a> Zit. nach Derek Howl: The Russian Revolution, in: <em>International Socialism</em> 62 (1994), S. 129-146</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_43" title="anm43" name="anm43">43</a> Zit. n. Alexander Rabinowitch: Prelude to Revolution. The Petrograd Bolsheviks and the July 1917 Uprising, Bloomington 1991, S. 188</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_44" title="anm44" name="anm44">44</a> Zit. n. Smith: Petrograd, a.a.O., S. 69; m. Hv.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_45" title="anm45" name="anm45">45</a> William G. Rosenberg: Liberals in the Russian Revolution. The Constitutional Democratic Party, 1917-1921, Princeton 1974, S. 250</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_46" title="anm46" name="anm46">46</a> Zit. n. Haynes: Alternative, a.a.O., S. 30</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_47" title="anm47" name="anm47">47</a> Smith: Russian Revolution, a.a.O., S. 35f</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_48" title="anm48" name="anm48">48</a> Rex A. Wade: The Red Guards. Spontaneity and the October Revolution, in: Frankel, a.a.O., S. 54-75, hier S. 66f</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_49" title="anm49" name="anm49">49</a> Wladimir I. Lenin: An die Bev&#246;lkerung, in: Werke. Bd. 26, Berlin 1961, S. 293-295, hier S. 294</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_50" title="anm50" name="anm50">50</a> Zum Folgenden vgl. John Eric Marot: Class Conflict, Political Competition and Social Transformation. Critical Perspectives on the Social History of the Russian Revolution, in: <em>Revolutionary Russia</em> 7 (1994), S. 111-163. Vgl. auch die Repliken von Smith und Rosenberg auf Marots Aufsatz in <em>Revolutionary Russia</em> 8:1 (1995) und 9:1 (1996).<br />
<a href="#anm_51" title="anm51" name="anm51">51</a> Ebd., S. 113<br />
<a href="#anm_52" title="anm52" name="anm52">52</a> Ebd., S. 117</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_53" title="anm53" name="anm53">53</a> Vgl. den Artikel zu Gramsci in <em>Perspektiven</em> Nr. 0.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_54" title="anm54" name="anm54">54</a> Deutlich formuliert etwa in den Rundbriefen des menschewistischen Arbeitsministers Skobelev.<br />
<a href="#anm_55" title="anm55" name="anm55">55</a> Marot, a.a.O., S. 120</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_56" title="anm56" name="anm56">56</a> Alexander Rabinowitch hat in The Bolsheviks Come to Power, The Revolution of 1917 in Petrograd (London 2004 [1976]) auch &#252;berzeugend herausgearbeitet, dass die bolschewistische Partei 1917 eine lose strukturierte Organisation gewesen ist, in der das Zentralkomitee erstaunlich wenig Einfluss auf die Parteiorganisationen in der Provinz und in anderen St&#228;dten hatte. Dar&#252;berhinaus sei auch die vielbeschworene Parteidisziplin ein Mythos: in jeder entscheidenden Frage gab es scharfe Widerspr&#252;che und Auseinandersetzungen. „Die Partei war 1917 durch lebhafte Debatten, interne Demokratie und erhebliche Flexibilit&#228;t in ihrem Verh&#228;ltnis zu den Massen charakterisiert.” (Smith: Petrograd, a.a.O., S. 78)</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_57" title="anm57" name="anm57">57</a> William J. Chase/J. Arch Getty: The Moscow Bolshevik Cadres of 1917. A Prosopographic Analysis, in: <em>Russian History</em> 5 (1978), S. 84-105, hier 95</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_58" title="anm58" name="anm58">58</a> Die Petrograder Parteiorganisation z&#228;hlte im Februar 2.000 Mitglieder, im April 16.000 und 32.000 Ende Juni: insgesamt waren in der bolschewistischen Partei in ganz Ru&#223;land im M&#228;rz 10.000 ArbeiterInnen organisiert, 400.000 im Oktober.</p>
<p><o></o><br />
<a href="#anm_59" title="anm59" name="anm59">59</a> Der Kontrast zu den Menschewiki ist in diesem Zusammenhang instruktiv. Die moderaten sozialistischen Parteien erwiesen sich als unf&#228;hig, eigenst&#228;ndige theoretische und strategische Position zu formulieren, die die Dynamik der Ereignisse und den Charakter der Krise reflektierten. „Stattdessen blieben sie in einer Argumentation stecken, die sich nicht &#252;ber die Vorkriegszeit hinausbewegte.“ (Haynes: Alternative, a.a.O., S. 40) Die substitutionistische Konzeption, die b&#252;rgerlich-demokratische Revolution <em>anstatt</em> der Bourgeoisie vollenden zu m&#252;ssen, erwies sich sp&#228;testens in der polarisierten Situation im August als ungangbar und erzeugte enorme Spannungen innerhalb der Partei.</p>
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