<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; Revolution</title>
	<atom:link href="http://www.perspektiven-online.at/tag/revolution/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.perspektiven-online.at</link>
	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
	<lastBuildDate>Mon, 10 Mar 2014 08:48:09 +0000</lastBuildDate>
	<generator>http://wordpress.org/?v=2.9.2</generator>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
			<item>
		<title>Editorial</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2011/11/24/editorial-14/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2011/11/24/editorial-14/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 24 Nov 2011 19:26:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 14]]></category>
		<category><![CDATA[Editorial]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=2407</guid>
		<description><![CDATA[„Revolution!“ haben wir uns wieder einmal gedacht… und uns zun&#228;chst einmal an ein neues Layout f&#252;r das Magazin herangemacht. Was ihr nun in den H&#228;nden haltet ist also das langersehnte Ergebnis vieler – mit, &#252;ber den Xten Entw&#252;rfen zusammengehaltenen K&#246;pfen, gef&#252;hrten – Diskussionen und nicht zuletzt unz&#228;hliger &#220;berstunden unseres Grafikers Reinhard Lang (danke daf&#252;r!). Die treue Leser_innenschaft bemerkt sofort: es [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Revolution!“ haben wir uns wieder einmal gedacht… und uns zun&#228;chst einmal an ein neues Layout f&#252;r das Magazin herangemacht. Was ihr nun in den H&#228;nden haltet ist also das langersehnte Ergebnis vieler – mit, &#252;ber den Xten Entw&#252;rfen zusammengehaltenen K&#246;pfen, gef&#252;hrten – Diskussionen und nicht zuletzt unz&#228;hliger &#220;berstunden unseres Grafikers Reinhard Lang (danke daf&#252;r!). Die treue Leser_innenschaft bemerkt sofort: es hat sich einiges ver&#228;ndert! Neben dem neuen Coverdesign sollen vor allem das aufpolierte Layout der Artikel, kleine Infoboxen oder etwa auch „bedienungsfreundlichere“ Fu&#223;noten das Lesen zu einem noch gr&#246;&#223;eren Genuss machen, als zuvor! Zudem bekommt die Bebilderung endlich den Platz, den sie sich unserer Meinung nach schon l&#228;nger verdient hat (n&#228;mlich mehr). Auch die Rezensionen wollen wir aufwerten. Schlie&#223;lich haben wir uns nach hitzigen Diskussionen daf&#252;r entschieden, die Anzahl der Artikel auf vier handverlesene St&#252;ck zu reduzieren… denn alles weitere – so unsere &#220;berlegung – findet ihr auf unserem neuen Blog unter: www.perspektiven-online.at .</p>
<p>„Revolution!“ haben wir uns dann gleich noch einmal gedacht und dem nicht nur Form, sondern auch Inhalt dieser Ausgabe gewidmet, wie Ihr unschwer auf dem Cover nachlesen k&#246;nnt. Und wer h&#228;tte sich das gedacht: war der Begriff bis vor einem Jahr – so scheint es – noch den Marketingabteilungen dieser Welt vorbehalten, wenn es um die Anpreisung neuer Handy-Modelle oder Hybrid-Motoren ging , so ist „Revolution“ pl&#246;tzlich auch wieder im politischen Diskurs pr&#228;sent. Hierf&#252;r sorgte nicht nur die Wieder-Aneignung dieses Kampfbegriffes durch die Besetzer_innen auf der Plaza Puerta del Sol und dem Syntagma-Platz oder der <em>Occupy Wallstreet-Bewegung</em>, sondern auch die Umst&#252;rze in Nordafrika. </p>
<p>Um einen dieser Umst&#252;rze geht es in <em>Von Tahrir zu Tat ’hir</em>. <em>Stefan Probst</em> und <em>Tyma Kraitt</em> zeigen, unter welchen Bedingungen sich das gesellschaftliche Potential dieser Proteste entwickelte, vergessen dabei niemals auf den Klassenkampf und f&#252;hren nebenher in revolutionstheoretische Begriffe ein.<br />
Wurde diesbez&#252;glich in &#196;gypten – bei allen Schwierigkeiten – also schon einiges erreicht, darf hierzulande noch im Konjunktiv diskutiert werden. Dazu hat <em>Perspektiven </em>mit <em>Lukas Oberndorfer</em> (Institut Solidarische Moderne) und <em>Elmer Flatschart </em>(<em>W.E.G., Theorieb&#252;ro/Schenke</em>) zwei sehr unterschiedliche linke Projekte zum Gespr&#228;ch mit <em>Benjamin Opratko</em> und <em>Katharina Hajek</em> (<em>Perspektiven</em>) geladen, um &#252;ber Handlungsm&#246;glichkeiten der Linken in der Krise, lang- und kurzfristige Ziele, Subjekte aber auch die „Orte“ von Transformation zu diskutieren. Eben darum geht es nicht zuletzt, wenn <em>Hanna Lichtenberger</em> und <em>Julia Hofmann</em> der Frage nachgehen, welche Diskurse politischer Selbsterm&#228;chtigung sich von der Pariser Commune – als einem der historisch ersten Versuche breiter demokratischer Selbstverwaltung – &#252;ber die Aufst&#228;nde in Oaxaca bis zur Bewegung M15 in<br />
Spanien ziehen. Schlie&#223;lich – und au&#223;erhalb des Schwerpunktes – sind wir Euch noch den zweiten Teil von Harry Cleavers <em>Karl Marx: &#214;konom oder Revolution&#228;r?</em> schuldig. </p>
<p>Rezensiert wird in dieser Ausgabe zu so unterschiedlichen Themen wie Okzidentalismus, antimuslimischem Rassismus und der  queeren Multitude, wobei wir mit mit einem Kommentar zur Frauenfu&#223;ball-WM diesen Jahres sowie einer Rezension zum Thema Rapid im Nationalsozialismus auch noch einen kleinen – inoffiziellen – Ballsport-Schwerpunkt untergebracht haben.</p>
<p>Und jetzt alle zusammen: „one solution:…!“ …f&#252;r all die vielen Widerspr&#252;che, </p>
<p><strong>Eure Perspektiven-Redaktion!</strong></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2011/11/24/editorial-14/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Kr&#228;ftemessen in &#196;gypten. Die Revolution zwischen nicht erf&#252;llten Hoffnungen und reaktion&#228;rem Backlash</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2011/08/16/kraeftemessen-in-aegypten-die-revolution-zwischen-nicht-erfuellten-hoffnungen-und-reaktionaerem-backlash/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2011/08/16/kraeftemessen-in-aegypten-die-revolution-zwischen-nicht-erfuellten-hoffnungen-und-reaktionaerem-backlash/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 16 Aug 2011 10:02:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Ägypten]]></category>
		<category><![CDATA[Naher und Mittlerer Osten]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=2114</guid>
		<description><![CDATA[Die &#228;gyptische Revolution steckt in einer Krise, sie ist weit davon entfernt, das erreicht zu haben wof&#252;r sie angetreten ist. Viele der alten Machtverh&#228;ltnisse wurden im besten Fall verschoben, doch lange nicht umgeworfen. Eine aktuelle Einsch&#228;tzung1 von Ramin Taghian.

Revolution&#228;re Kr&#228;fte vs. Milit&#228;r
Nach wie vor ist der Oberste Milit&#228;rrat die h&#246;chste politische Instanz des Landes. Mittlerweile hat sich deutlich gezeigt, dass [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die &#228;gyptische Revolution steckt in einer Krise, sie ist weit davon entfernt, das erreicht zu haben wof&#252;r sie angetreten ist. Viele der alten Machtverh&#228;ltnisse wurden im besten Fall verschoben, doch lange nicht umgeworfen. Eine aktuelle Einsch&#228;tzung<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> von <em>Ramin Taghian</em>.<br />
<span id="more-2114"></span><br />
<strong>Revolution&#228;re Kr&#228;fte vs. Milit&#228;r</strong><br />
Nach wie vor ist der Oberste Milit&#228;rrat die h&#246;chste politische Instanz des Landes. Mittlerweile hat sich deutlich gezeigt, dass ein fundamentaler gesellschaftlicher Wandel nicht in dessen Interesse liegt. Dementsprechend hat er vor allem bei jungen Revolution&#228;rInnen stark an Unterst&#252;tzung verloren. Die Demobilisierung der revolution&#228;ren Bewegung nach dem Sturz Hosni Mubaraks Anfang des Jahres und die Hoffnung auf graduelle Ver&#228;nderungen unter der Aufsicht des „patriotischen und revolution&#228;ren“ Milit&#228;rs wich in den letzten Monaten einem zunehmenden Misstrauen gegen&#252;ber dem Obersten Milit&#228;rrat. Die ehemals breite Front gegen Mubarak ist auseinandergebrochen, und die unterschiedlichen Vorstellungen, wie ein neues &#196;gypten auszusehen habe, prallen zunehmend direkter aufeinander. Die Ausdifferenzierung von unterschiedlichen politischen und sozialen Interessen schreitet voran und hinterl&#228;sst eine brisante gesellschaftliche Situation in &#196;gypten. Das dr&#252;ckt sich seit Juni in der Wiederaufnahme regelm&#228;&#223;iger Stra&#223;enproteste und schlie&#223;lich seit 8. Juli in der Wiederbesetzung des Tahrir-Platzes aus. Doch anstatt wie im Februar in Sprechch&#246;ren die Einheit von Armee und Volk zu feiern, wurde auf Demonstrationen zum Sturz des Vorsitzenden des Milit&#228;rrats, Feldmarschall Tantawi, aufgerufen. Unter Beteiligung vor allem linker und liberaler Organisationen wurde die rasche Umsetzung der zentralen Anliegen der Revolution eingefordert. Denn bei vielen, vor allem jungen, Revolution&#228;rInnen hat sich das Gef&#252;hl eingestellt, ihre Revolution sei ihnen gestohlen worden. Die zentralen Forderungen waren daher: eine Beschleunigung des Verfahrens gegen Mubarak, seine S&#246;hne und engen Komplizen; die Entlassung und strafrechtliche Verfolgung von Polizisten, die w&#228;hrend der Revolution an der T&#246;tung von DemonstrantInnen beteiligt waren (was vor allem von den Familien der M&#228;rtyrerInnen gefordert wird); die Abschaffung von Milit&#228;rtribunalen und die Freilassung aller seit Februar vom Milit&#228;r inhaftierten und verurteilten Personen (was mehrere Tausende betrifft). Eine prominente Forderung aus der unabh&#228;ngigen Gewerkschaftsbewegung war auch die Durchsetzung eines nationalen Mindestlohns. Linke und radikal-demokratische Kr&#228;fte forderten au&#223;erdem im Gegensatz zum Milit&#228;rrat und der Muslimbruderschaft eine Verschiebung der f&#252;r den fr&#252;hen Herbst angesagten Parlamentswahlen. Der Grund ist, dass die fr&#252;he Abhaltung der Wahlen vor allem den bereits gut organisierten Parteien Vorteile bringt, insbesondere der Muslimbruderschaft. Neue politische Bewegungen und Organisationen, die aus dem revolution&#228;ren Prozess entstanden sind, haben hingegen zu wenig Zeit um sich vorzubereiten und einen intensiven Wahlkampf zu f&#252;hren. Au&#223;erdem besagt das neue Parteiengesetz, dass jede Partei die zu Wahlen antritt mindesten 5000 eingeschriebene Mitglieder braucht, sowie in mindestens zwei nationalen Zeitungen Annoncen geschaltet haben muss. Diese Einschr&#228;nkung verunm&#246;glicht f&#252;r viele eine tats&#228;chliche Beteiligung, vor allem da die finanziellen Ressourcen kaum vorhanden sind.</p>
<p><strong>Neue Doppelstrategie</strong><br />
Zumindest die erste Forderung, n&#228;mlich dass Mubarak vor Gericht gestellt werden soll, wurde mittlerweile erf&#252;llt. Die Bilder von Mubarak, der hinter Gittern dem Richter vorgef&#252;hrt wird, gingen durch die Welt und stehen, allen Schwierigkeiten und Herausforderungen der revolution&#228;ren Bewegung zum Trotz, f&#252;r ein neues historisches Kapitel in der arabischen Welt. Selbst die am l&#228;ngsten herrschenden „Pharaonen“ m&#252;ssen damit rechnen, fr&#252;her oder sp&#228;ter f&#252;r ihre Taten zur Rechenschaft gezogen zu werden. Bezeichnend ist aber auch, dass die Erf&#252;llung dieser vielfach gestellten Forderung nur einen Tag nach der <a href="http://www.jadaliyya.com/pages/index/2325/tahrir-august-1st_masquerade-for-a-lost-legitimacy">gewaltt&#228;tigen R&#228;umung des Tahrir Platzes</a> und der Verhaftung mehrerer DemonstrantInnen am ersten Tag des Ramadan kam.</p>
<p>Dies beweist, dass die aktuellen Herrschenden eine Doppelstrategie fahren: Einerseits versuchen sie, mit aller Kraft die Z&#252;gel der Macht nicht aus der Hand zu geben und reagieren sensibel auf jegliche Herausforderung. Andererseits geben sie kleine Zugest&#228;ndnisse und bringen Bauernopfer, um die Leute zu beschwichtigen und radikale AktivistInnen mit einem Interesse an grunds&#228;tzlichen und systemischen Ver&#228;nderungen zu isolieren.</p>
<p><strong>Risse und Lagerbildungen</strong><br />
Und tats&#228;chlich gerieten die progressiven Teile der Bewegung in den letzten Wochen unter zunehmenden Druck. Dies zeigte sich einerseits am 23. Juli, als eine Demonstration, die in Richtung des Verteidigungsministeriums zog um gegen den Obersten Milit&#228;rrat und die schleppenden Entwicklungen zu demonstrieren, von Schl&#228;gern attackiert wurde. Das Milit&#228;r schaute dabei zu, wie DemonstrantInnen mit Brands&#228;tzen, Steinen und Messern angegriffen und sogar von H&#228;usern aus beworfen wurden. 300 Menschen wurden verletzt; ein Demonstrant erlag einige Tage sp&#228;ter seinen Verletzungen. Diese Ereignisse alarmierten die revolution&#228;re Bewegung, eine neue Stufe der Eskalation wurde erreicht. Au&#223;erdem wurde deutlich, dass zwar viele der AngreiferInnen zu organisierten Schl&#228;gertrupps geh&#246;rten, es hatte jedoch auch einige lokale AnwohnerInnen an der Attacke teilgenommen. Es ist ein Zeichen f&#252;r die zunehmenden Risse und die sich versch&#228;rfende Lagerbildung in der &#228;gyptischen Bev&#246;lkerung.  Gleichzeitig erh&#246;ht sich der Druck auf die revolution&#228;re Bewegung auch in der Auseinandersetzung mit islamistischen Kr&#228;ften. Besonders deutlich wurde dies am 29. Juli, als Salafiten<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a>  und Muslimbr&#252;der Zehntausende auf den Tahrir-Platz und nach Alexandria mobilisierten. </p>
<p>Die F&#252;hrung der Muslimbruderschaft hatte sich im J&#228;nner erst relativ sp&#228;t der Revolution angeschlossen. Nach der Revolution ging sie schnell dazu &#252;ber, dem Obersten Milit&#228;rrat ihre volle Unterst&#252;tzung zuzusagen, woran sich bis heute nichts ge&#228;ndert hat. Daher &#252;berraschte es nicht, dass sie nur sehr widerwillig oder gar nicht an diversen Mobilisierungen teilnahm, sondern sich auch dezidiert gegen eine radikalere Kritik und die Wiederbesetzung des Tahrir-Platzes aussprach. Es wird immer offensichtlicher, dass zwischen Muslimbruderschaft und Milit&#228;rf&#252;hrung eine neue B&#252;ndnisachse in &#196;gypten entstanden ist. Als Beispiel kann hier auch die Einigkeit in Bezug auf die Kontinuit&#228;t neoliberaler Wirtschaftspolitiken genannt werden. So sprach sich die Muslimbruderschaft Anfang Juli <a href="http://www.bloomberg.com/news/2011-07-05/egyptian-debt-spurs-islamist-call-for-austerity-arab-credit.html">f&#252;r ein staatliches Sparpogramm</a>, dem Beschneiden der &#246;ffentlichen Ausgaben und der Privatisierung der staatlichen Medien aus. Gleichzeitig gibt es ein grunds&#228;tzliches Bekenntnis zur freien Marktwirtschaft. Damit einher ging auch eine Ann&#228;herung zwischen der Muslimbruderschaft und den USA nachdem sich Au&#223;enministerin Hillary Clinton f&#252;r eine Zusammenarbeit beider aussprach und dies von der Muslimbruderschaft positiv aufgenommen wurde.</p>
<p>Diese Positionen, insbesondere das Verh&#228;ltnis zum Milit&#228;rrat, verursachen aber nicht nur Konflikte mit den linken und liberalen revolution&#228;ren Organisationen, sondern auch innerhalb der Muslimbruderschaft. Hier ziehen sich die Konfliktlinien zwischen F&#252;hrung und Basis bzw. vor allem der Jugend der Organisation. Viele Mitglieder widersetzten sich bereits mehrmals den Anordnungen der F&#252;hrung, nahmen aktiv an Protesten teil und forderten eine Demokratisierung der Organisation ein. Neben der Haltung zum Milit&#228;rrat f&#252;hrte vor allem die Gr&#252;ndung der „Freiheits- und Gerechtigkeitspartei“ durch die F&#252;hrung der Bruderschaft zu Reibereien. So forderten gro&#223;e Teile der Jugend das Recht ein, anderen Parteien beitreten zu d&#252;rfen. Die Konflikte f&#252;hrten mittlerweile zu vielfachen Austritten sowie Ende Juni zur <a href="http://cafethawra.blogspot.com/2011/07/where-are-muslim-brotherhood-in.html">Gr&#252;ndung einer neuen Partei</a> durch j&#252;ngere Mitglieder der Muslimbruderschaft.</p>
<p><strong>Die islamistische Bewegung zeigt ihre Muskeln</strong><br />
Einen nachhaltigen Schock erlebte die revolution&#228;re Bewegung, die in den Wochen zuvor mehrere Demonstrationen und die Besetzung des Tahrir-Platzes organisiert hatte, am 29. Juli. Verschiedene salafitische Str&#246;mungen hatten eine Demonstration auf dem Tahrir Platz angek&#252;ndigt, um die gr&#246;&#223;tenteils s&#228;kularen Tahrir-BesetzerInnen zu diskreditieren. Mit ihrer Mobilisierung wollten sie die „islamische Identit&#228;t“ &#196;gyptens verteidigen sowie f&#252;r die Einf&#252;hrung der Scharia demonstrieren. Zwischen den Zeilen konnte man auch die Unterst&#252;tzung f&#252;r den Obersten Milit&#228;rrat heraush&#246;ren und stark sektiererische Tendenzen vernehmen. In den Tagen vor dem 29. Juli erh&#246;hte sich die Spannung auf Seiten der Tahrir-BesetzerInnen die eine Konfrontation bef&#252;rchteten. Schlie&#223;lich kam es zu Gespr&#228;chen zwischen Repr&#228;sentanten der unterschiedlichen Lager, welche sich auf eine gemeinsame Kundgebung unter dem Motto der „nationalen Einheit“ einigten und kontroverse Forderungen wie die Einf&#252;hrung der Scharia einerseits, und die Kritik am Milit&#228;r andererseits, aus den Forderungskatalogen strichen.</p>
<p>Dennoch sollte der 29. Juli zu einem Muskelspiel der islamistischen Kr&#228;fte, vor allem der Salafiten werden. Mit Bussen wurden aus dem ganzen Land Leute nach Kairo gebracht um an der Demonstration teilzunehmen. Salafitische Satellitensender, Facebook-Seiten und Prediger riefen ihre Anh&#228;nger auf, an den Protesten teilzunehmen. Trotz vorheriger Absprachen war die Demonstration eindeutig <a href="http://www.jadaliyya.com/pages/index/2281/salafis-in-tahrir">von den IslamistInnen und deren Spr&#252;chen gepr&#228;gt</a>. Die Rufe nach einem islamischen Staat und der Implementierung der Scharia dominierten das Geschehen und richteten sich dezidiert gegen die s&#228;kularen revolution&#228;ren Kr&#228;fte. Der <a href="http://www.arabawy.org/2011/07/30/bigotry-and-reaction-salafis/">Schock &#252;ber die Ereignisse</a> sa&#223; bei vielen Revolution&#228;rInnen tief. Noch am selben Tag erkl&#228;rten 33 politische Gruppen der Liberalen und Linken ihren R&#252;ckzug vom Tahrir-Platz und kritisierten die islamistischen Gruppen f&#252;r das Nichteinhalten vorher beschlossener Richtlinien bez&#252;glich eines gemeinsamen Protests.</p>
<p><strong>Reaktion und Verunsicherung</strong><br />
Diese Erfahrung tr&#228;gt aktuell zur Verunsicherung von Teilen der revolution&#228;ren Bewegung bei. Einen Tag nach der islamistischen Mobilisierung zum Tahrir-Platz, gaben zahlreiche Organisationen bekannt, die Besetzung des Platzes w&#228;hrend des Ramadan auszusetzen. Wiederum einen Tag sp&#228;ter wurden, wie schon erw&#228;hnt, die restlichen DemonstrantInnen, inklusive einer gro&#223;en Zahl von Familien der M&#228;rtyrerInnen, vom Milit&#228;r gewaltsam und unter Einsatz von Panzern ger&#228;umt.</p>
<p>F&#252;r die salafitische Bewegung war es ein Signal an die &#214;ffentlichkeit, dass man mit ihnen als politischem Faktor zu rechnen hat. Bisher jedoch war diese Bewegung nicht einheitlich organisiert und in sich relativ heterogen. W&#228;hrend einige Str&#246;mungen eher konservativ predigend auftreten, gibt es andere, die <a href="http://english.ahram.org.eg/~/NewsContent/1/64/17711/Egypt/Politics-/Account-of-the-Islamists’-overtake-of-Friday-demon.aspx">zunehmend politische Ambitionen</a> &#228;u&#223;ern, wie zum Beispiel die Gr&#252;ndung der salafitischen al-Nour Partei („das Licht“) zeigt.</p>
<p><strong>Aktivit&#228;t der sozialen Bewegungen</strong><br />
Trotz der angespannten Lage und der relativen R&#252;ckschl&#228;ge der progressiven Kr&#228;fte der Revolution machen die <a href="http://menasolidaritynetwork.com/2011/08/02/egypt-new-wave-of-strikes-greets-start-of-ramadan/">weiterhin starken sozialen Bewegungen</a> in &#196;gypten Hoffnung. So legten Ende Juli ArbeiterInnen von 20 Betrieben einer „Free Economic Zone“ nahe der am Suez Kanal gelegenen Stadt Ismailiyya ihre Arbeit nieder, um f&#252;r h&#246;here L&#246;hne zu streiken. Die Forderungen inkludierten die Implementierung eines Mindestlohns von 1200 &#228;gyptischen Pfund (ca. € 140,-), eine volle Gesundheitsversicherung, und bessere Arbeitsbedingungen.<br />
Gleichzeitig fanden Arbeitsk&#228;mpfe in zahlreichen anderen Betrieben statt. Erst vor wenigen Wochen gingen die EisenbahnarbeiterInnen in den Streik. Das Personal am Kairoer Flughafen konnte nach einem <a href="http://menasolidaritynetwork.com/2011/07/26/egypt-cairo-airport-workers-win-concessions-from-military-council/">entschlossenen Streik</a> und der Blockade der Hauptzufahrtsstrasse zum Flughafen unter anderem bewirken, dass zum ersten Mal seit 50 Jahren anstatt einem Milit&#228;rangeh&#246;rigen eine zivile Person zum Manager bestellt wurde. Dieser Sieg wird von der Gr&#252;ndung zahlreicher unabh&#228;ngiger Gewerkschaften in unterschiedlichen Branchen begleitet. Erst in den letzten Tagen kam es auch unter EisenbahnerInnen zur Gr&#252;ndung unabh&#228;ngiger Gewerkschaften. Laut einer k&#252;rzlich erschienen Statistik gab es seit J&#228;nner mittlerweile 956 Aktionen (Streiks, Sit-ins, Demonstrationen) von ArbeiterInnen. Diese Trend wird sich, wenn auch sicherlich nicht linear, weiter fortsetzen. Schon jetzt haben LehrerInnen in Ober&#228;gypten einen Streik mit der Forderung nach einem Mindestlohn f&#252;r Anfang des Schuljahres angedroht.</p>
<p>Als Zwischenres&#252;mee l&#228;sst sich festhalten: Nach der Revolution ist – nicht ganz – vor der Revolution. Gro&#223;e Teile der &#228;gyptischen Gesellschaft sind nach wie vor aktiviert. Zahlreiche Initiativen und Organisationen sind entstanden und organisieren zuvor unorganisierte Menschen. Trotz der harten Reaktion gegen&#252;ber der revolution&#228;ren Bewegung, wurden dennoch einige Zugest&#228;ndnisse gemacht. Der provisorische Premierminister Essam Sharaf sah sich gezwungen, die S&#228;uberung des Polizeiapparates anzuk&#252;ndigen wie auch eine Umbesetzung des Innenministeriums durchzuf&#252;hren. Die prominente Forderung nach einem nationalen Mindestlohn musste ebenfalls aufgegriffen werden, auch wenn anstatt der 1200 Pfund nur 700 zugesagt wurden. Die Bilder von Mubarak hinter Gittern zeigen nicht nur den anderen L&#228;ndern des Mittleren Osten die M&#246;glichkeit auf, Diktatoren zu st&#252;rzen. Auch in &#196;gypten selbst k&#246;nnten sie der revolution&#228;ren Bewegung neuen Mut und Enthusiasmus geben, um auch die anderen &#220;berreste des alten Regimes weiter zu bek&#228;mpfen, um diese bald neben Mubarak in einer Zelle sitzen zu sehen.</p>
<p>Eine Revolution ist kein linearer Prozess sondern gepr&#228;gt von vielen Br&#252;chen, Auf- und Abschw&#252;ngen. Nachdem der Fr&#252;hling eine relative Demobilisierung zeigte, waren die ersten Sommermonate von einem Aufschwung der revolution&#228;ren K&#228;mpfe gepr&#228;gt und es wurde &#252;ber eine „zweite Revolution“ geredet. Ob die aktuellen relativen R&#252;ckschl&#228;ge einer „dritten Revolution“ weichen werden, wird sich in den n&#228;chsten Monaten und vor allem im Kontext der kommenden Wahlen im Herbst zeigen.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
Das Foto stammt von <a href="http://www.arabawy.org/photos/">http://www.arabawy.org/photos/</a> </p>
<p><a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> F&#252;r eine fr&#252;here, ausf&#252;hrlichere Einsch&#228;tzung der &#228;gyptischen Revolution  siehe <a href="http://www.perspektiven-online.at/2011/02/27/the-revolution-was-televised-2/">http://www.perspektiven-online.at/2011/02/27/the-revolution-was-televised-2/</a></p>
<p><a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Die Salafiyya (Salafismus) ist eine konservative Str&#246;mung des Islam und ideologisch dem saudi-arabischen Wahabismus nahe. Die Salafiyya nimmt sich die urspr&#252;ngliche islamische Gemeinschaft zu Zeiten des Propheten Mohammed zum Vorbild und vertritt eine relativ wortgetreue Auslegung des Koran. In diesem Sinne m&#252;sste die Umma (die Gemeinschaft aller MuslimInnen), um aus der Krise der islamischen Gesellschaft herauszukommen, eine R&#252;ckkehr zu den urspr&#252;nglichen Werten und Praxen des Islams anstreben und eine islamische &#8220;Renaissance&#8221; einleiten.<br />
Nichtsdestotrotz ist eine Verallgemeinerung der salafitischen Bewegung schwierig, da es keine tats&#228;chlich einheitliche Bewegung darstellt, sondern sich an verschiedenen Predigern orientiert. So findet man eher apolitische Str&#246;mungen, welche eine Abkehr von der verwestlichten und dekadenten Gesellschaft anpeilen und sich auf religi&#246;se Predigt konzentrieren wollen. Andere wiederum agieren dezidiert politisch, bauen Organisationen und Parteien auf und partizipieren am &#246;ffentlichen Diskurs zur Ver&#228;nderung der Gesellschaft.<br />
Historisch muss die Salafiyya als &#8220;moderne&#8221; Erscheinung im Kontext und als Antwort auf die Auseinandersetzungen mit Kolonialismus und den Auswirkungen des Kapitalismus auf die jeweiligen Gesellschaften analysiert werden und nicht, wie oft in Medien dargestellt, als traditionalistischer oder &#8220;mittelalterlicher&#8221; &#220;berrest des Islam.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2011/08/16/kraeftemessen-in-aegypten-die-revolution-zwischen-nicht-erfuellten-hoffnungen-und-reaktionaerem-backlash/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Klassenk&#228;mpfe im Staatskapitalismus: Der Aufstieg von Solidarnosc</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2011/07/19/klassenkaempfe-im-staatskapitalismus-der-aufstieg-von-solidarnosc/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2011/07/19/klassenkaempfe-im-staatskapitalismus-der-aufstieg-von-solidarnosc/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 19 Jul 2011 17:12:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Alternativen]]></category>
		<category><![CDATA[Polen]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>
		<category><![CDATA[Staatskapitalismus]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=1955</guid>
		<description><![CDATA[Die Ereignisse rund um die Solidarnosc-Bewegung gelten als Wegbereiter f&#252;r das Jahr 1989. Colin Barker zeichnet in seinem Artikel die Ereignisse in Polen Ende der 1970er Jahre nach und analysiert die St&#228;rken, Schw&#228;chen und Widerspr&#252;che einer heterogenen Bewegung, die von unten begann und nach den Prinzipien der ArbeiterInnenr&#228;te aufgebaut war.1

Die Entstehung „Volkspolens“ geht auf das Ende des Zweiten Weltkriegs zur&#252;ck. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Ereignisse rund um die Solidarnosc-Bewegung gelten als Wegbereiter f&#252;r das Jahr 1989. Colin Barker zeichnet in seinem Artikel die Ereignisse in Polen Ende der 1970er Jahre nach und analysiert die St&#228;rken, Schw&#228;chen und Widerspr&#252;che einer heterogenen Bewegung, die von unten begann und nach den Prinzipien der ArbeiterInnenr&#228;te aufgebaut war.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a><br />
<span id="more-1955"></span><br />
Die Entstehung „Volkspolens“ geht auf das Ende des Zweiten Weltkriegs zur&#252;ck. Bis zum Ende der 1970er Jahre war aus einem wirtschaftlich r&#252;ckst&#228;ndigen, vorwiegend agrarisch gepr&#228;gten Land die zehntgr&#246;&#223;te Industriemacht der Welt geworden (mit dem weltweit achtgr&#246;&#223;ten Milit&#228;rbudget). Die schnelle, staatlich gelenkte Entwicklung hatte gro&#223;e Fabriken und Industriest&#228;dte entstehen lassen. Die ArbeiterInnenklasse bildete nun die gr&#246;&#223;te Klasse; zudem bestand sie zur Mehrheit nicht mehr aus ehemaligen Bauern, sondern aus einer gebildeten „zweiten Generation“. Diese ArbeiterInnenklasse hatte – in den Jahren 1956, 1970 und 1976 – mehrere einschneidende Erfahrungen im Kampf mit den Herrschenden gemacht und sollte zwischen Juli 1980 und Dezember 1981 die fortschrittlichste ArbeiterInnenbewegung der Nachkriegswelt hervorbringen. Ende der 1970er Jahre wurde „Volkspolen“ von einer Krise geplagt; es erlebte den bisher gr&#246;&#223;ten Zusammenbruch der Produktion aller Industriel&#228;nder der Nachkriegszeit. Als sich die &#246;konomische Krise versch&#228;rfte, versuchte das Regime unter Edward Gierek das Problem der Nahrungsmittelknappheit durch eine Verdoppelung des Rationierungssystems zu l&#246;sen: Neben den Gesch&#228;ften mit staatlich kontrollierten Preisen, bei denen das Rationierungssystem von Warteschlangen dominiert war, entstand eine zweite Gruppe von Gesch&#228;ften, bei denen die Rationierung &#252;ber freie Marktpreise erfolgte. Am 1. Juli 1980 k&#252;ndigte ein Sprecher der Regierung an, dass das qualitativ hochwertige Fleisch in Zukunft nur mehr in der zweiten Gruppe von Gesch&#228;ften erh&#228;ltlich sein w&#252;rde. Diese Ank&#252;ndigung war der Startschuss f&#252;r eine Streikwelle, die w&#228;hrend der folgenden sechs Wochen &#252;ber den Gro&#223;teil der polnischen Industrie hinweg rollte und ihren H&#246;hepunkt Mitte August in den K&#252;stenst&#228;dten Danzig, Gdingen und Stettin erreichte.</p>
<p><strong>Streiks in den 1970er Jahren</strong><br />
Die Entstehung dieser Streikwelle hatte sich abgezeichnet. In den vorangegangenen vier Jahren hatten mindestens eintausend Streiks stattgefunden, vorwiegend in den gr&#246;&#223;eren (und politisch bedeutenderen) „Flaggschiff“-Unternehmen, die den Stolz des industrialisierten Polens ausmachten. Stra&#223;enschlachten, die Inbrandsetzung von Parteigeb&#228;uden und schlie&#223;lich Fabrikbesetzungen hatten eine Senkung der Preise erzwungen. Im Juni 1976 hatte das Regime erneut versucht, die Preise zu erh&#246;hen: Streiks, Stra&#223;endemonstrationen und die Zerst&#246;rung der zentralen Eisenbahnverbindungen durch IndustriearbeiterInnen hatten neuerliche Zugest&#228;ndnisse innerhalb von 24 Stunden erzwungen. 1980 war das Regime daher mit einer ArbeiterInnenklasse konfrontiert, die bereits ein gewisses Vertrauen in ihre F&#228;higkeit erlangt hatte, Konzessionen zu erringen.<br />
Obwohl die Streikbewegung &#252;ber kein koordinierendes Zentrum verf&#252;gte, hatten die ArbeiterInnen ein Informationsnetzwerk aufgebaut, mithilfe dessen sie Neuigkeiten &#252;ber ihre K&#228;mpfe verbreiteten. Daneben spielte auch eine Gruppe von „DissidentInnen“ eine wesentliche Rolle bei der Bekanntmachung der ArbeiterInnenbewegung: Das Komitee zur Verteidigung der ArbeiterInnen (KOR), welches sich urspr&#252;nglich im Jahr 1976 mit dem Ziel gegr&#252;ndet hatte, Hilfe f&#252;r entlassene ArbeiterInnen zu organisieren, zog kleine Zirkel von Militanten aus der ArbeiterInnenklasse an. Gemeinsam produzierten und verteilten sie Bulletins mit Namen wie „ArbeiterIn“, „K&#252;stenarbeiterIn“ usw.. Das KOR und andere Zusammenh&#228;nge waren wichtige Fokuspunkte f&#252;r die Entwicklung von F&#252;hrungsfiguren an der Basis, die in den sich bald entfaltenden Ereignissen eine fundamentale Rolle spielen sollten.</p>
<p><strong>Explosion in Danzig</strong><br />
Im August 1980 wurde in Danzig eine Aktivistin der Gruppe „K&#252;stenarbeiterIn“, die 50-j&#228;hrige Kranf&#252;hrerin Anna Walentynowicz, vom Management der riesigen Lenin-Werft fristlos entlassen. Daraufhin schmuggelte die Gruppe am n&#228;chsten Morgen handgeschriebene Flugbl&#228;tter und Transparente in die Werft und in einige andere Betriebe. Die ArbeiterInnen legten in ihren Abteilungen die Arbeit nieder und marschierten durch die Werft, um den Rest der Belegschaft zum Streik aufzurufen. Am Ende des Vormittags des 14. August wurde in einer Massenversammlung mit dem Werftmanager diskutiert. Lech Walesa, ein Mitglied der Gruppe, der selber von der Werft gefeuert worden war, pr&#228;sentierte sich der Menge und rief den Beginn eines Besetzungsstreiks aus.<br />
Der Streik weitete sich rasch auf andere &#246;rtliche Betriebe aus. Delegierte dieser Betriebe, darunter jene der Pariser-Kommune-Werft im benachbarten Gdingen sowie die Stra&#223;enbahnfahrerInnen der Stadt, versammelten sich in der Lenin-Werft. Ein neues Organ wurde gebildet: das „&#220;berbetriebliche Streikkomitee“ (MKS), welches Delegierte aus allen streikenden Betrieben der Region umfasste. Das MKS formulierte die Liste der sogenannten „21 Forderungen“. Diese Liste beschr&#228;nkte sich nicht l&#228;nger auf unmittelbare, lokale Angelegenheiten, sondern beinhaltete als ersten Punkt die Forderung nach neuen, unabh&#228;ngigen Gewerkschaften. Daneben wurden auch eine Lockerung der Zensur, neue Rechte f&#252;r die Kirche, die Freilassung politischer Gefangener sowie Verbesserungen im Gesundheitswesen gefordert.<br />
Innerhalb weniger Tage waren mehr als 250 Betriebe im Danziger Komitee vertreten. Solidarnosc, ein Nachrichtenblatt, das mit Unterst&#252;tzung von Mitgliedern des KOR in der Druckerpresse der Werft produziert wurde, erreichte eine Auflage von 30.000 St&#252;ck t&#228;glich. Die Beh&#246;rden schnitten Danzig von jedem telefonischen Kontakt mit dem Rest Polens ab. Dennoch verbreiteten sich die Neuigkeiten &#252;ber die neue Danziger Organisation und die neuen Forderungen schnell. Daraufhin wurden weitere MKS gebildet, unter anderem in Stettin, das bereits 1971 Schauplatz einer Massenbesetzung der dortigen Werft gewesen war.<br />
Zu Beginn weigerte sich das Regime, die neuen Arbeiter-Innenkomitees anzuerkennen. Stattdessen verfolgte es die Strategie des Teilens und Herrschens, indem es versuchte, mit einem Betrieb nach dem anderen in jeweils getrennte Verhandlungen zu treten. Doch die &#252;berbetrieblichen Streikkomitees hielten zusammen und das Regime war gezwungen, direkten Gespr&#228;chen mit dem Danziger und Stettiner MKS zuzustimmen. Am 30. bzw. 31. August unterzeichneten Regierungsminister in Stettin und Danzig Dokumente, in denen das Regime den „21 Forderungen“ stattgab.</p>
<p><strong>Sowjets in Polen?</strong><br />
Die Bewegung basierte auf einer enormen Welle an Betriebsbesetzungen. Jeder streikende Betrieb sendete eine/n Delegierte/n an das lokale MKS. Die Delegierten w&#228;hlten ein internes Exekutivkomitee, das unter ihrer unmittelbaren Kontrolle stand. Die ma&#223;geblichen Verhandlungen mit dem Staat wurden mit Hilfe von Lautsprecheranlagen in der gesamten Werft &#252;bertragen, so dass tausende ArbeiterInnen den Verhandlungen folgen und die erzielten Fortschritte beurteilen konnten. Die Delegierten kehrten &#252;berdies mit Tonbandaufnahmen der Verhandlungen des jeweiligen Tages in ihre Betriebe zur&#252;ck, um Bericht zu erstatten und ihre Mandate zu erneuern.<br />
Das MKS war ein Streikkomitee mit Delegierten aus besetzten Betrieben, unabh&#228;ngig vom jeweiligen Gewerbe- oder Industriezweig, das sowohl politische als auch &#246;konomische Forderungen formulierte und f&#252;r diese k&#228;mpfte. Dar&#252;ber hinaus begann es, die Kontrolle &#252;ber Bereiche der Produktion und des Vertriebs zu &#252;bernehmen. Diese improvisierte Form zur Bew&#228;ltigung der konkreten Probleme im Arbeitskampf war nicht zuletzt die organisatorische Lehre der zum Teil bitteren Erfahrungen vorangegangener K&#228;mpfe und ein immenser Fortschritt gegen&#252;ber fr&#252;heren Formen der Selbstorganisation. Obwohl sie es nicht wussten, erschufen die polnischen ArbeiterInnen, aus der Logik ihrer eigenen Erfahrung heraus, damit jene Organisationsform neu, die erstmals im Jahr 1905 von russischen ArbeiterInnen angewandt worden war – den ArbeiterInnenrat.<br />
Derartige Klassenorganisationen haben das <em>Potential</em>, sich zu Organen revolution&#228;rer Macht zu entwickeln und zur Grundlage einer neuen Gesellschaftsordnung zu werden. Dieses Potential wird jedoch nicht automatisch realisiert – um sich in diese Richtung entwickeln zu k&#246;nnen, h&#228;tte es den Mitgliedern des MKS m&#246;glich sein m&#252;ssen, dieses Potential zu erkennen. In Polen existierte 1980 jedoch weder innerhalb noch au&#223;erhalb des MKS eine bedeutende Kraft, die diese Position vertreten h&#228;tte. Stattdessen schr&#228;nkte das MKS seine eigenen Anspr&#252;che von Beginn an bewusst ein. Etliche intellektuelle „BeraterInnen“ wurden in den Kreis rund um die MKS-F&#252;hrung inkorporiert. Ihre Rolle bestand vorwiegend darin, als Bef&#252;rworterInnen eines Kompromisses zu agieren. Auch von der Kirchenoberen wurde M&#228;&#223;igung gepredigt: Am H&#246;hepunkt der Streiks hielt Kardinal Wyszynski eine per Rundfunk &#252;bertragene Predigt, in der er de facto zum Ende der Besetzungen aufrief. Freilich k&#246;nnen nicht alle Tendenzen zur M&#228;&#223;igung auf den Einfluss der Warschauer Intelligenzija oder der Kirche zur&#252;ckgef&#252;hrt werden: Wenngleich die angewandte Organisationsform potentiell revolution&#228;r war, so war es der Inhalt der Forderungen nicht. Was die ArbeiterInnen anstrebten – und auch eindrucksvoll errangen –, war vor allem das Recht, ihre eigene unabh&#228;ngige Gewerkschaft zu gr&#252;nden. Das Recht dazu war in den ersten der „21 Forderungen“ enthalten, denen das Regime zustimmte; das schriftliche Abkommen bedeutete aber zugleich auch, dass die ArbeiterInnen mit der Anerkennung der „f&#252;hrenden Rolle der Partei“ das Fortbestehen und die Rechtm&#228;&#223;igkeit der Herrschenden akzeptierten.<br />
Nichtsdestotrotz lie&#223; der Sieg der ArbeiterInnen explosive Widerspr&#252;che entstehen.</p>
<p><strong>Aufstieg und Orgie</strong><br />
Drei Wochen nach dem Danziger Abkommen trafen sich die Delegierten der verschiedenen &#252;berbetrieblichen Streikkomitees zu ihrer ersten landesweiten Versammlung. Sie nannten ihre neue Gewerkschaft NSZZ „Solidarnosc“ (Unabh&#228;ngige Selbstverwaltete Gewerkschaft „Solidarit&#228;t“). Bis zum Sp&#228;therbst waren etwa zehn Millionen Mitglieder registriert. Das waren etwa 80 Prozent der gesamten polnischen Besch&#228;ftigten. Das Herzst&#252;ck der neuen Gewerkschaft wurde von den gro&#223;en Industriebetrieben gebildet, in denen gew&#246;hnlich gelernte ArbeiterInnen die F&#252;hrungsrollen &#252;bernahmen. Aber die Anziehungskraft ging weit dar&#252;ber hinaus und erfasste unaufhaltsam auch kleine Handwerksbetriebe, Lebensmittelgesch&#228;fte, B&#252;ros, Kaffeeh&#228;user sowie einfache Staatsangestellte.<br />
Solidarnosc ver&#228;nderte auch ihre Mitglieder. Alleine die Teilnahme an einer Gr&#252;ndungsversammlung, in vielen F&#228;llen gegen den Widerstand der lokalen Bosse, beinhaltete einen Bruch mit den alten Gewohnheiten der Ehrerbietung und Unterwerfung. Neue Banden der Solidarit&#228;t wurden gekn&#252;pft und ein neues Gef&#252;hl der St&#228;rke geschaffen. Das Danziger Abkommen beendete die K&#228;mpfe zwischen den ArbeiterInnen und dem Regime keineswegs, es ebnete lediglich den Weg f&#252;r eine Flut an neuen Forderungen aus dem Volk sowie f&#252;r schwere regionale und nationale Konflikte. Die Solidarnosc-Bewegung schwoll in den sieben Monaten nach der Unterzeichnung des Abkommens im August weiter an.<br />
Als Solidarnosc immer gr&#246;&#223;er wurde, erweiterte sich nicht nur der Horizont der Mitglieder, sondern es dehnten sich auch ihre Forderungen aus. Mit der polnischen Sehnsucht nach nationaler Unabh&#228;ngigkeit traf Solidarnosc einen wunden Punkt; sie errang f&#252;r die Kirche das Recht, w&#246;chentlich Messen &#252;ber den Rundfunk auszustrahlen; sie warf die Fragen der politischen und b&#252;rgerlichen Freiheiten, der Demokratisierung der Gesellschaft und des Platzes des polnischen Staates in internationalen Milit&#228;rb&#252;ndnissen auf. So versammelte sie alle Arten von unterdr&#252;ckten und ausgebeuteten Gruppen der polnischen Gesellschaft unter ihrem Banner.<br />
Die Studierenden waren unter den Ersten, die Teil der Bewegung wurden. Im Herbst 1980 fanden Besetzungen durch Studierende statt und es kam zur Bildung – und offiziellen Anerkennung – von neuen, unabh&#228;ngigen und selbstverwalteten Studierendengewerkschaften: der „Studierenden-Solidarnosc“. Unter den Bauern trugen vorangegangene, sporadische Unruhen in Form einer Serie von Forderungen nach einer „Bauern-Solidarnosc“ Fr&#252;chte. In den meisten Gef&#228;ngnissen Polens gr&#252;ndeten Strafgefangene ihre eigenen Komitees. Sie agitierten und demonstrierten f&#252;r bessere Haftbedingungen – meist gemeinsam mit Solidarnosc-Mitgliedern, die sich au&#223;erhalb der Gef&#228;ngnismauern versammelten. Und auch zahlreiche andere Bewegungen und Organisationen wurden im Stillen durch den von Solidarnosc ausgehenden Impuls ver&#228;ndert: MieterInnen, Kleing&#228;rtnerInnen, &#214;kologInnen, BriefmarkensammlerInnen, JournalistInnen, K&#252;nstlerInnen, SchauspielerInnen, AutorInnen. &#220;berall schossen selbstverwaltete, unabh&#228;ngige Gewerkschaften aus dem Boden. Die polnische Gesellschaft feierte eine Orgie der selbstverwalteten Partizipation.</p>
<p><strong>Doppelherrschaft</strong><br />
In Wirklichkeit zeichnete sich in Polen eine Situation der „Doppelherrschaft“ ab. Auf der einen Seite stand das Regime, welches noch immer an den Hebeln der offiziellen &#246;konomischen und politischen Macht sa&#223; und den Repressionsapparat – die Sicherheitspolizei und insbesondere die Armee – fest in der Hand hatte. Doch die herk&#246;mmlichen Kontrollmechanismen &#252;ber die Bev&#246;lkerung brachen rasant zusammen. Dem gegen&#252;ber stand Solidarnosc mit einem permanent wachsenden Selbstbewusstsein und basierend auf dem riesigen, regional verankerten Delegiertenk&#246;rper, aus dem die ArbeiterInnengewerkschaft bestand.<br />
F&#252;r die herrschende Klasse war jede Art eines langfristigen &#220;bereinkommens mit Solidarnosc undenkbar. Die &#246;konomische Krise vertiefte sich st&#228;ndig und ihre L&#246;sung in akzeptablem Rahmen musste die Re-Disziplinierung und erneute Unterwerfung der ArbeiterInnenschaft beinhalten. F&#252;r Solidarnosc galt: Falls das volle Potential und die Tr&#228;ume ihrer Mitglieder realisiert werden sollten, falls das Prinzip der Selbstorganisierung, das diese expansive Bewegung antrieb, zur wirklichen Grundlage des polnischen Alltags werden sollte, so musste der existierende Staat beiseite geschoben werden. Denn zwei fundamental unterschiedliche Formen gesellschaftlicher Ordnung standen im Konflikt zueinander und wurden in zwei sich entgegengesetzten Kr&#228;ften manifestiert. Die Logik dieser Situation besagte, dass eine Seite die andere <em>zerst&#246;ren </em>musste, egal welche Mittel zur Erreichung dieses Ziels geeignet schienen.<br />
Die Situation war jedoch auch davon gepr&#228;gt, dass sich noch keine Seite in der Lage befand, sofort einen Sieg erringen zu k&#246;nnen. Die Maschinerie der Herrschenden war ernsthaft geschw&#228;cht und <em>konnte </em>daher ihre Ziele in der unmittelbaren Zukunft nicht erreichen. Auf der Seite der ArbeiterInnen war die dominante Vorstellung, dass man nicht versuchen <em>sollte</em>, den Gegner zu vernichten. Die F&#252;hrerInnen der Bewegung und ihre BeraterInnen hatten sich einer politischen Perspektive verpflichtet, deren zentrale Aussage war: Geht nicht zu weit! Die Selbstzuschreibung als Gewerkschaft war f&#252;r den wahren Charakter der Bewegung viel zu limitiert, es wurde jedoch auch kein brauchbares alternatives Konzept entwickelt. Die Bewegung befand sich nach einem halben Jahr noch immer in der Offensive und trieb die Herrschenden weiter vor sich her. Doch schon bald sollte sie ihre erste ernsthafte Krise erfahren.</p>
<p><strong>Krise in Bromberg</strong><br />
Im M&#228;rz brach in der Stadt Bromberg eine massive Krise aus. Mitglieder von Solidarnosc, die f&#252;r die Unterst&#252;tzung der Kampagne zur Legalisierung der Bauern-Solidarnosc ein B&#252;ro besetzt hielten, gingen zur Pr&#228;fektur, um mit Partei-Repr&#228;sentantInnen zu verhandeln. Einige hundert PolizistInnen st&#252;rmten den Raum und verpr&#252;gelten systematisch Solidarnosc-Mitglieder, zu denen auch Jan Rulewski, ein nationaler Gewerkschaftsf&#252;hrer, z&#228;hlte. Dies war das erste Mal, dass gegen die Gewerkschaft offene Gewalt eingesetzt wurde. Eine halbe Millionen ArbeiterInnen in der gesamten Region von Bromberg traten daraufhin in den Streik.<br />
Als am 23. M&#228;rz ein 300-k&#246;pfiges nationales Delegiertentreffen stattfand, war der Druck der Basis bereits &#252;berw&#228;ltigend. Einem &#228;u&#223;erst erfolgreichen vierst&#252;ndigen nationalen Streik folgten – f&#252;r den Fall, dass die Forderungen der Gewerkschaft nicht erf&#252;llt w&#252;rden – die Vorbereitungen zu einem unbefristeten Generalstreik am 31. M&#228;rz.<br />
Die Atmosph&#228;re in Polen war aufgeladen, als sich beide<br />
Seiten auf eine entscheidende Konfrontation vorbereiteten.<br />
In allen Regionen wurden in den gr&#246;&#223;ten Fabriken Streikhauptquartiere<br />
eingerichtet und mit Barrikaden befestigt.<br />
Der Premierminister, Jaruzelski, wandte sich um Unterst&#252;tzung an die Kirche. Kardinal Wyszynski und der Papst riefen zur Zur&#252;ckhaltung auf. Bei einem einst&#252;ndigen privaten Treffen mit dem Kardinal und, noch wichtiger, durch die „Berater“ der Kirche in der Gewerkschaftsf&#252;hrung, wurde auf Lech Walesa direkter Druck ausge&#252;bt. Noch im letzten Moment [vor dem Generalstreik, Anm. d. &#220;.] verhandelte Walesa zusammen mit einer Handvoll Mitglieder des Gewerkschaftskoordinationskomitees und einigen „BeraterInnen“ im Geheimen mit dem Regime. Schlie&#223;lich erschien er im Fernsehen, um die Absage des Streiks zu verk&#252;nden.</p>
<p><strong>Solidarnosc in der Krise</strong><br />
Die pl&#246;tzliche Absage des Generalstreiks war ein ernsthafter R&#252;ckschlag. Nach ihrem fulminanten Aufstieg war die ArbeiterInnenbewegung mit dem ersten Hindernis konfrontiert. In der Folgezeit kam es zu einer betr&#228;chtlichen Demobilisierung der Solidarnosc-Basis, so dass in den n&#228;chsten drei Monaten kein Streik in Polen stattfand. Zwar war das Bromberg-Debakel nicht die finale Krise von Solidarnosc, es markierte jedoch das Ende ihrer ersten Entwicklungsphase: Sie musste sich in eine neue Richtung bewegen. Die folgenden Monate waren von wachsender Verwirrung gepr&#228;gt. Unter den verschiedenen Str&#246;mungen und Bewegungen, die innerhalb von Solidarnosc miteinander interagierten, lassen sich grob einige Positionen identifizieren.</p>
<p><strong>M&#228;&#223;igung und B&#252;rokratisierung</strong><br />
Die dominante Orientierung der Solidarnosc-F&#252;hrung kann als „gem&#228;&#223;igt“ bezeichnet werden. Sie wollten die Vereinbarungen vom August 1980 als Grundlage einer permanenten Beziehung mit dem Regime nutzen: Solidarnosc w&#252;rde der Regierung partielle Legitimit&#228;t zusprechen und sie als „Partner“ in einem gemeinsamen Projekt zur Reform der polnischen Gesellschaft anerkennen.<br />
Die m&#228;&#223;igenden Ideen wurden unterst&#252;tzt durch einen Kreis von „BeraterInnen“, die als Transmissionsriemen fungierten. Ein Kreis der Warschauer Intelligenzija – ehemalige Parteimitglieder, katholische Intellektuellenzirkel, Mitglieder des KOR – war direkt im Entscheidungsgremium der Gewerkschaft vertreten.<br />
Der Eintritt der „BeraterInnen“ in Solidarnosc erfolgte bereits zu Beginn in Danzig.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Die Delegation der Warschauer Intelligenzija brachte zur Werft neben „Solidarit&#228;tsgr&#252;&#223;en“ auch „Ratschl&#228;ge“ bez&#252;glich der Vorgehensweise bei Verhandlungen mit. So akzeptierten die MKS-F&#252;hrerInnen den Rat der „ExpertInnen“, die Losung der „f&#252;hrenden Rolle der Partei“ anzuerkennen, so dass diese ohne eine Abstimmung der Delegierten in der endg&#252;ltigen Vereinbarung verankert wurde. Mit der st&#228;rker werdenden Rolle der „BeraterInnen“ in den Danzig-Verhandlungen war somit verbunden, dass die demokratische Arbeitsweise des MKS nachlie&#223;: Treffen zwischen der Exekutive und Basis des MKS wurden unregelm&#228;&#223;iger und grundlegende Fragen wurden den Delegierten nicht mehr zur Abstimmung gereicht.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a><br />
Mittels der „BeraterInnen“ hatte die Intelligenzija einen starken Einfluss auf die interne Politik von Solidarnosc. Sie repr&#228;sentierten, ob innerhalb oder au&#223;erhalb der Partei, eine Mischung aus Katholizismus, Nationalismus und Liberalismus. Was sie jedoch nie repr&#228;sentierten – viele standen dieser sogar mit offener Feindseligkeit entgegen – war jegliche Tradition von <em>sozialistischer </em>Politik und ArbeiterInnen-Internationalismus. Stattdessen s&#228;ten sie Illusionen der „nationalen Einheit“ und „rationalen L&#246;sungen“ und verdeckten damit Klassenantagonismen sowie die Notwendigkeit des Kampfes um die ArbeiterInnenmacht.<br />
Das Streben nach einer moderaten Strategie erforderte, dass die F&#252;hrerInnen die Bewegung zur&#252;ckhielten und Initiativen von unten vereitelten, welche die Entwicklung eines langfristigen Kompromisses gef&#228;hrdet h&#228;tten. Auch wenn alle Intellektuellen allgemein darin &#252;bereinstimmten, dass eine „Selbstbegrenzung“ notwendig war, so bedeutete dies nicht, dass sie eine homogene Gruppe bildeten. Die Mitglieder des KOR waren beispielsweise meist weit radikaler als die BeraterInnen der Kirche und offener f&#252;r radikale Impulse von der Basis. Vor allem waren sie diejenigen, die hinaus gingen, um mit den Mitgliedern zu reden.</p>
<p><strong>„Radikalere“ Str&#246;mungen</strong><br />
Die gem&#228;&#223;igte F&#252;hrung von Solidarnosc war jedoch nicht unangefochten. Vor allem nach den Ereignissen in Bromberg traten zahlreiche „radikalere“ Str&#246;mungen innerhalb der Gewerkschaft auf, die es jedoch nie schafften als organisierte Fraktionen alternative Strategien zu formulieren. Vielmehr reagierten sie h&#228;ufig unkoordiniert und moralisierend. Einige entwickelten sich als lokale Cliquen, die sich mehr auf Basis pers&#246;nlicher Vorlieben und Abneigungen denn ausgearbeiteter politischer Differenzen zusammengefunden hatten.<br />
Auch wenn die radikaleren AktivistInnen diejenigen waren, die am st&#228;rksten gegen die Rolle der „ExpertInnen“ und „BeraterInnen“ auftraten, so wurde diese Haltung h&#228;ufig in ein generelles Misstrauen gegen&#252;ber jeglicher Ideologie und Theorie &#252;bersetzt. Der franz&#246;sische Soziologe Alain Touraine verwies in seiner Studie &#252;ber die Solidarnosc-Mitglieder auf ein starkes Gef&#252;hl des Zorns und Misstrauens gegen&#252;ber der polnischen Gesellschaftsordnung und dem regierenden Regime. Wie er jedoch erg&#228;nzte, verblieb das weit verbreitete Verlangen nach radikalem Wandel in der Form einer „inneren Sprache“ und wurde nie in eine politische Strategie transformiert.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a><br />
Die Abwesenheit einer klaren oppositionellen Str&#246;mung beeinflusste einige andere potentiell erfolgversprechende Entwicklungen in Solidarnosc. Eine davon war die „Bewegung f&#252;r Selbstverwaltung“.<br />
Solidarnoscs Aufmerksamkeit richtete sich prim&#228;r auf den Kampf um Anerkennung und die Vielzahl an unmittelbaren Herausforderungen, welche sich in der Auseinandersetzung mit dem Regime stellten. Selbstverwaltung spielte somit f&#252;r die Monate nach August kaum eine Rolle.<br />
Allerdings konnte die Frage nach der „ArbeiterInnenkontrolle“ nicht einfach umgangen werden. Es wurde immer offensichtlicher, dass die Selbstlimitierung auf eine „Gewerkschaft“ nicht haltbar war. Mit jeder Schlacht trieben die Mitglieder die von ihnen mit der Bewegung verbundenen Hoffnungen weiter &#252;ber die bisherigen Grenzen hinaus. Das Ausma&#223; der &#246;konomischen Krise f&#252;hrte dazu, dass die klassischen Gewerkschaftsforderungen – h&#246;herer Lohn, k&#252;rzere Arbeitszeiten, bessere Arbeitsbedingungen – nur der Regime-Propaganda in die H&#228;nde spielten, derzufolge die Gewerkschaft &#246;konomische Reformen verhindere. Solidarnosc-Mitglieder versp&#252;rten das wachsende Bed&#252;rfnis nach Gegenargumenten und einem Forderungskatalog, mit dem man die eigene Position in den Betrieben weiter verbessern konnte.</p>
<p><strong>Wiederaufkeimende Konflikte</strong><br />
Die &#246;konomische Krise vertiefte sich im Fr&#252;hling und Sommer 1981. Die Verknappung von Rohmaterialien und Bauteilen traf die industrielle Produktion schwer, und die Versorgung mit allt&#228;glichen Waren wie Fleisch, Seife und Toilettenpapier verschlechterte sich zunehmend. Diese Situation f&#252;hrte im Sommer zu einem erneuten Ausbruch von Protesten. Diesmal jedoch handelte es sich vorwiegend um „wilde“ Aktionen, so dass die Reaktion der Solidarnosc-F&#252;hrung k&#252;hl und in einigen F&#228;llen sogar feindselig ausfiel. Als das Regime Solidarnosc vorwarf, die Wirtschaft zu sabotieren, rief die F&#252;hrung zu einem zweimonatigen Streik-Moratorium auf.<br />
Ein Charakteristikum der Streiks im Sommer und Herbst war, dass neue Teile der Solidarnosc-Mitglieder zum ersten Mal an autonomen Aktivit&#228;ten beteiligt waren: Flughafenpersonal, DruckerInnen, weibliche Arbeiterinnen, Hausfrauen und andere. Aufgrund der ausweglosen &#246;konomischen Umst&#228;nde und der wachsenden Frustration mit dem Regime versuchten zuvor „r&#252;ckschrittliche“ Teile von Solidarnosc die Bewegung weiter zu treiben. Alle m&#246;glichen Belange waren Inhalt der Streiks: Essensversorgung, der Kampf gegen die Rolle der Partei in den Betrieben, die lokale Macht von ManagerInnen, Exportpolitik, Zensur, usw. Implizit und explizit repr&#228;sentierten die Aktionen einen Aufruf an Solidarnosc, endlich zu handeln. Jedoch wurde die Verzweiflung und massive Wut ganzer Sektionen der Gewerkschaftsmitglieder von der F&#252;hrung nicht aufgegriffen.<br />
All diese Dynamiken von unten blieben fragmentiert und isoliert. Kein Teil der F&#252;hrung versuchte sie zu verbinden und aufzuzeigen, wie ein neuer vereinter Angriff gegen das Regime ausschauen k&#246;nnte. Letztendlich starb die Streikbewegung Mitte November ab: Die Mitglieder waren zunehmend ausgebrannt und wandten sich entt&#228;uscht von der Gewerkschaft ab. </p>
<p><strong>R&#252;ckgriff auf die Armee</strong><br />
Trotzdem war f&#252;r das Regime seit dem Sommer klar, dass Solidarnosc mit rein <em>politischen </em>Mitteln nicht besiegt werden konnte. Die Partei – das zentrale politische Werkzeug des Regimes – hatte bis dahin ihre Unf&#228;higkeit demonstriert. Deshalb wandten sich Polens Herrschende zu ihrer Rettung an die Armee.<br />
Um auszutesten, inwieweit die Gewerkschaft bereit war, sich zu wehren, begann das Regime offene Ma&#223;nahmen gegen Solidarnosc-AktivistInnen durchzuf&#252;hren. Einzelne Festnahmen waren nun nicht mehr Signale f&#252;r Massenstreiks, sondern f&#252;hrten nur vereinzelt zu lokalen Protestma&#223;nahmen. Kleine Armee-Einheiten wurden mit dem Argument, bei der Bew&#228;ltigung der Wirtschaftskrise zu helfen, auf das Land und in kleinere D&#246;rfer geschickt. Die Gewerkschaft reagierte auf die Vorkommnisse nicht. Im November wurden dann bereits &#228;hnliche Einheiten in die Fabriken geschickt um „die zivilen Verteidigungsvorbereitungen zu pr&#252;fen&#8230;“.</p>
<p><strong>Solidarnosc’ Hinwendung zur Politik</strong><br />
Die F&#252;hrung von Solidarnosc war gespalten und unsicher, wie auf die wachsende Gefahr zu reagieren sei. Als die Streiks Mitte November aufgrund der Ersch&#246;pfung und Entt&#228;uschung gr&#246;&#223;tenteils beendet wurden, verfielen viele ArbeiterInnen in w&#252;tende Apathie. Einige beschuldigten sogar – der Regimepropaganda folgend – die Gewerkschaft, f&#252;r das wirtschaftliche Schlamassel verantwortlich zu sein.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a><br />
Die paradoxe Selbstlimitierung der Solidarnosc sich nicht in die „Politik“ einmischen zu wollen, verleugnete die eigene Rolle bereits in der Entstehung. Mit der aufkommenden Krise und dem Gef&#252;hl einer zunehmenden L&#228;hmung begannen einige AktivistInnen, nach offenen politischen L&#246;sungen zu suchen. Ein Teil bewegte sich hin zu einer rein nationalistischen Politik, andere suchten ihr Heil in der Gr&#252;ndung politischer Parteien. Vor allem letzteres stellte einen weiteren Bruch mit der fr&#252;heren Selbstlimitierung dar. Jedoch betrachteten all diese Initiativen „Politik“ als etwas, das sich <em>au&#223;erhalb </em>von Solidarnosc befand und sich auf ein spezielles „politisches“ Handlungsfeld beschr&#228;nke. Nirgends wurde darunter die direkte Mobilisierung der St&#228;rke der polnischen ArbeiterInnen als Teil eines politischen Programms verstanden. Deshalb blieb die Hinwendung zur „Politik“ auch das Handlungsfeld einiger weniger interessierter AktivistInnen; die Basis war daran nicht beteiligt.</p>
<p><strong>Die „Lublin“-Gruppe</strong><br />
In diesem Sinne waren Entwicklungen innerhalb der Bewegung f&#252;r Selbstverwaltung sehr viel erfolgversprechender. Bereits im Sommer hatten militante Gruppen ihre Unzufriedenheit mit dem moderaten „Netzwerk“<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a> ausgedr&#252;ckt und die rivalisierende „Lublin“-Gruppe gegr&#252;ndet. Diese betonte die Notwendigkeit der ArbeiterInnenkontrolle. Vor allem waren sie in Bezug auf rein legislative Mittel skeptisch und interpretierten Selbstverwaltungsorgane im aktivistischen Sinne als „Organisationen des Kampfes zur Selbstverwaltung und Instanzen zur Kontrolle &#252;ber die Produktion“. Sie begannen f&#252;r „aktive Streiks“ zu argumentieren, in welchen die Produktion unter Kontrolle der ArbeiterInnen und im Interesse popul&#228;rer Bed&#252;rfnisse weitergef&#252;hrt werden sollte.<a title="anm_7" name="anm_7" href="#anm7"><sup>7</sup></a><br />
Die „Lublin-Gruppe“ war der Beweis f&#252;r eine zunehmend radikale Str&#246;mung innerhalb der ArbeiterInnenbewegung. Jedoch steckte sie noch im Diskussionsstadium und entwickelte sich viel zu sp&#228;t, so dass sie nie die M&#246;glichkeit hatte, ihre Vorstellungen in die Praxis umzusetzen.</p>
<p><strong>Die letzten Tage</strong><br />
Ende November wurde offensichtlich, dass eine zentrale Auseinandersetzung bevorstand. Das Regime trieb eine Notstandsgesetzgebung voran und verlagerte Armee-Einheiten in die industriellen Zentren.<br />
Anfang Dezember versch&#228;rfte das Regime pl&#246;tzlich die Gangart. Generell hatten die ArbeiterInnenk&#228;mpfe abgenommen, allerdings waren beispielsweise die Studierenden in einer Reihe von Besetzungen involviert. Die Warschauer Feuerwehr-Schule – eine der besetzten Universit&#228;ten – wurde am 2. Dezember von einigen hundert BereitschaftspolizistInnen gest&#252;rmt.<br />
Diese Krise zwang die Solidarnosc-F&#252;hrung endlich, wenn auch versp&#228;tet, zur &#220;bernahme einer radikaleren Perspektive. Am 12. Dezember, inmitten der radikalsten Stimmung seit Bromberg, traf sich die nationale Kommission der Gewerkschaft in Danzig. Die Delegierten stimmten daf&#252;r, sich der Notstandsgesetzgebung mit Streiks sowie einem Generalstreik zu widersetzen. Weiters sollte ein eigenes Vertrauensvotum &#252;ber die Regierung abgehalten werden. Erneut riet die Kirche von einem solchen Schritt ab.<br />
Die linke Kehrtwende der Gewerkschaftsf&#252;hrung kam jedoch zu sp&#228;t. Als die Mitglieder der nationalen Kommission in ihrem Hotel schliefen, schlug das Regime zu. Das Hotel wurde von BereitschaftspolizistInnen gest&#252;rmt, die Delegierten verhaftet und inhaftiert. Im ganzen Land wurden tausende AktivistInnen aus ihren Betten gezerrt und abgef&#252;hrt. Premierminister Jaruzelski verk&#252;ndete um 6 Uhr fr&#252;h seinen Milit&#228;rputsch, die Aufl&#246;sung von Solidarnosc und das Kriegsrecht.<br />
Kardinal Glemp rief &#252;ber den Rundfunk die Bev&#246;lkerung dazu auf, nicht zur&#252;ck zu schlagen. Die Reaktionen der ArbeiterInnen vielen sehr unterschiedlich aus. Es gab vor allem in den gr&#246;&#223;ten Betrieben und den schlesischen Kohleminen einige hundert Streiks und Besetzungen. Doch nach wenigen Tagen war der Widerstand durch brutale Polizei- und Armeeinterventionen gebrochen.</p>
<p><strong>Konsequenzen der Niederlage</strong><br />
Die Niederlage von Solidarnosc hatte weitreichende Konsequenzen. Die Entscheidung des Regimes, sich f&#252;r die Niederschlagung von Solidarnosc der blo&#223;en milit&#228;rischen Macht zu bedienen, erwies sich f&#252;r den „Kommunismus“ als schicksalhaft. Indem Jaruzelski und seine Kollaborateure ganz auf politische Vermittlung und die Partei verzichteten, bereiteten sie den Weg in Richtung 1989. Gleichzeitig, obwohl sie nie endg&#252;ltig zerschlagen wurde, nahm die Verankerung von Solidarnosc in der ArbeiterInnenklasse immer weiter ab. Zunehmend eine Bewegung der Intelligenzija, gab sie ihre Tr&#228;ume von einer &#246;konomischen Selbstverwaltung zugunsten des Neoliberalismus auf. In diesem Sinne half sie, die „rein politische“ Revolution von 1989 in den Ostblock-L&#228;ndern mitzuformen, und bot dem liberalen Triumphalismus eines Fukuyama und anderer Sch&#252;tzenhilfe.</p>
<p><em>Colin Barker</em> ist britischer Marxist, Mitglied der Socialist Workers Party und Lehrender an der Manchester Metropolitan University.</p>
<p>&#220;bersetzung: <em>Ramin Taghian </em>und <em>Daniel Fuchs</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Dies ist eine &#252;bersetzte, gek&#252;rzte und redaktionell bearbeitete Version des Artikels „Poland 1980-81. The self-limiting revolution“, erschienen in Barker, Colin (Hg.): Revolutionary Rehearsals, London/Chicago/Melbourne 1987, S. 169-216. Der letzte Absatz der vorliegenden Version entstammt Colin Barkers Artikel „Crisis and turning points in revolutionary development: emotion, organization and strategy in Solidarnosc, 1980-81“, in Interface: a journal for and about social movements. Volume 2:1 (Mai 2010), S. 79-117<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Ludwik Hass, ein alt gedienter polnischer Trotzkist, beschrieb dies als ein „Eingreifen mit klassenstrategischem Charakter“, vgl. „Die Trag&#246;die von Solidarnosc sind die Berater!“ (Interview mit Ludwik Hass, gef&#252;hrt von Ernst Haenisch), in Klassenkampf 10, M&#228;rz-April 1982. Vielen Dank an Ian Birchall f&#252;r die &#220;bersetzung.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> F&#252;r Details siehe die zwei Denkschriften von Jadwiga Stanizkis „The evolution of forms of working-class protest in Poland: sociological reflections on the Gdansk:Szczenin case“, in Soviet Studies 33/2 (April 1981), S. 204-231 und von Tadeusz Kowalik „Experts and the Working Group“, in Kemp-Welch, Anthony (Hg.): The Birth of Solidarity: The Gdansk Negotiations, 1980, London 1983, S. 153-176<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> vgl. Touraine, Alain: Solidarity. The analysis of a social movement. Poland 1980-81, Cambridge/New York/Paris 1983, S. 72<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Zu erkennen anhand einiger der zahlreichen Meinungsumfragen in diesem gesamten Zeitraum; vgl. Mason, David S. „Solidarity , the Regime and the Public“, in Soviet Studies 35/4 (Oktober 1983), S. 533-545<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Die Gruppierung „Netzwerk“ kam 1981 auf und organisierte eine Reihe von Diskussionstreffen, um einen Forderungskatalog zu formulieren. Sie setzte sich aus einigen Militanten und interessierten Intellektuellen zusammen, das Ganze jedoch ohne eine direkte Verbindung mit der realen Praxis der ArbeiterInnenbewegung.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Die Argumente des Netzwerks wurden ziemlich schnell von der f&#252;hrenden Gruppe um Walesa als ihre eigenen aufgegriffen und entwickelten sich zu einem zentralen Bestandteil des Gewerkschaftsprogramms. Ein Hauptkritikpunkt war hierbei die staatlich-b&#252;rokratische Kontrolle &#252;ber die Wirtschaft. Stattdessen postulierte sie die Idee, dass das gesamte wirtschaftliche Leben als neutraler Raum und frei von politischer Einflussnahme behandelt werden sollte. So wie die Entstehung des Programms war auch die Vorstellung von dessen Implementierung von den Erfahrungen und Praxen der Basis abgetrennt. Als dann ab Juli 1981 eine neue Welle von ArbeiterInnenmilitanz ausbrach, wollten viele Netzwerk-AktivistInnen genauso wie die Walesa-Gruppe diese zu einem raschen Ende bringen. Anstatt die wiederbelebte Mobilisierung der ArbeiterInnenklasse als Chance anzusehen, ihre Ideen in die Praxis umzusetzen, lehnten sie die Streiks als St&#246;rung der „seri&#246;sen“ Arbeit zur Vorbereitung einer Gesetzgebung ab.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> vgl. Kowalewski, Zbigniew: „Solidarnosc on the Eve“, in Labour Focus<br />
on Eastern Europe, 5:1-2 (Fr&#252;hling 1982)</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2011/07/19/klassenkaempfe-im-staatskapitalismus-der-aufstieg-von-solidarnosc/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>&#196;gypten &#8211; The Revolution was Televised</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2011/02/27/the-revolution-was-televised-2/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2011/02/27/the-revolution-was-televised-2/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 27 Feb 2011 09:35:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 13]]></category>
		<category><![CDATA[Ägypten]]></category>
		<category><![CDATA[Islamismus]]></category>
		<category><![CDATA[Klassenkampf]]></category>
		<category><![CDATA[Naher und Mittlerer Osten]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Soziale Bewegungen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=1775</guid>
		<description><![CDATA[Mit dem Sturz der Diktatur Hosni Mubaraks hat die Welle von Revolten in Nordafrika und Westasien ihren ersten H&#246;hepunkt erreicht. In diesem Thesenpapier der Gruppe Perspektiven, das Ramin Taghian ausgearbeitet hat, wollen wir zu einer historischen Einordnung und politischen Einsch&#228;tzung der &#228;gyptischen Revolution beitragen.
Die Revolution in &#196;gypten kam &#252;berraschend. Vom erfolgreichen Sturz von Ben Ali in Tunesien Mitte Januar erwarteten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Mit dem Sturz der Diktatur Hosni Mubaraks hat die Welle von Revolten in Nordafrika und Westasien ihren ersten H&#246;hepunkt erreicht. In diesem Thesenpapier der </em>Gruppe Perspektiven, <em>das </em>Ramin Taghian a<em>usgearbeitet hat, wollen wir zu einer historischen Einordnung und politischen Einsch&#228;tzung der &#228;gyptischen Revolution beitragen.</em><span id="more-1775"></span></p>
<p>Die Revolution in &#196;gypten kam &#252;berraschend. Vom erfolgreichen Sturz von Ben Ali in Tunesien Mitte Januar erwarteten sich viele eine Signalwirkung an Bewegungen im Mittleren Osten, nun ihre eigenen langj&#228;hrigen Diktatoren verst&#228;rkt herauszufordern. Dass jedoch innerhalb weniger Wochen bereits der zweite Diktator durch eine revolution&#228;re Massenbewegung gest&#252;rzt werden w&#252;rde – und dies noch dazu im geopolitisch wichtigsten Land der Region, &#196;gypten – damit hatte niemand gerechnet. Gleichzeitig wurde sie von Millionen Menschen weltweit gebannt mitverfolgt. F&#252;r zwei Wochen war der Livestream von Al-Jazeera f&#252;r Tausende das Erste und Letzte am Tag, was ein bzw. ausgeschaltet wurde. Revolutionen sind ansteckend, und eine Revolution, die beinahe live mitverfolgt werden kann, umso mehr!<br />
Die Medien konzentrieren sich bei ihren Versuchen, eine Erkl&#228;rung f&#252;r diese Dynamik zu finden, meist auf die schon lange ausgerufene „Web 2.0-Generation“. Es seien Netzwerke wie <em>facebook</em>, die diese Revolution erm&#246;glichten. Es sei die neue, junge, ausgebildete, global vernetzte, Technologie-affine, nach Moderne und Demokratie strebende Jugend, die diese Revolte „inszenierte“. &#196;hnliche Interpretationen kennen wir aus der Berichterstattung zur „Gr&#252;nen Bewegung“ im Iran 2009 sowie zur „Unibrennt“-Bewegung 2010 in &#214;sterreich.<br />
Dass <em>facebook</em> – und allgemein das Internet – eine wichtige Rolle spiel(t)en und neue M&#246;glichkeiten der Vernetzung und Organisierung f&#252;r AktivistInnen bieten, sei hier in keinster Weise in Frage gestellt. Es soll hier aber auf die politischen Entwicklungen der letzten Jahre fokussiert werden, welche in &#196;gypten f&#252;r die Entstehung dieser Bewegung zentral waren. Revolutionen haben keine fixen Drehb&#252;cher und entstehen auch nicht aus dem Nichts! Es gibt immer AktivistInnen, die &#252;ber Jahre an K&#228;mpfen geschult wurden, &#252;ber Siege und Niederlagen Erfahrungen akkumuliert haben und dabei Zusammenh&#228;nge schufen, welche in der Lage sind, die politischen und sozialen Verh&#228;ltnisse zum Tanzen zu bringen. Dies ist in &#196;gypten nicht anders gewesen, und tats&#228;chlich ist in den letzten Jahren eine Generation von AktivistInnen entstanden, ohne die die aktuelle Situation nicht denkbar w&#228;re. Dar&#252;ber hinaus formierte sich innerhalb dieser K&#228;mpfe nicht zuletzt eine neue und junge Linke, welche im Unterschied zu fr&#252;heren Generationen vor allem durch ihre unsektiererische Haltung gegen&#252;ber anderen politischen Richtungen und insbesondere der Muslimbruderschaft gepr&#228;gt ist.</p>
<p>Im Folgenden soll auf drei Phasen von sozialen K&#228;mpfen in &#196;gypten eingegangen werden, die mit Blick auf die vergangenen zehn Jahre identifiziert werden k&#246;nnen. Denn die Radikalit&#228;t und St&#228;rke der gegenw&#228;rtigen Bewegung kann nur dann erkl&#228;rt werden, wenn diese Phasen analysiert und als zusammenh&#228;ngend und aufeinander aufbauend verstanden werden. Daran anschlie&#223;end werde ich in acht Punkten auf den Charakter der Revolution, die wichtigsten AkteurInnen und die Herausforderungen, mit denen sich die progressiven Kr&#228;fte in &#196;gypten nun konfrontiert sehen, eingehen.</p>
<p><strong>1. 2000-2003:</strong> Eine erste Welle des Protests erfasste &#196;gypten zwischen 2000 und 2003. Dies geschah erst im Rahmen der Solidarit&#228;tsbewegung mit Pal&#228;stina und danach der Antikriegsbewegung gegen die US-Invasion im Irak. Zum ersten Mal seit langer Zeit fanden wieder &#246;ffentliche Stra&#223;enproteste in &#196;gypten statt. Die Bewegung wurde insbesondere von Studierenden an den Universit&#228;ten getragen, wobei vor allem linke Studierende die Bewegung anf&#252;hrten, w&#228;hrend die gr&#246;&#223;te Oppositionskraft, die Muslimbruderschaft, eher durch Abwesenheit gl&#228;nzte.<br />
Wie auf der ganzen Welt, so fanden auch in &#196;gypten vor der Invasion der USA in den Irak Anfang 2003 Massenproteste statt. Erstmals erschienen mehrere tausende Menschen auf dem symboltr&#228;chtigen Tahrir-Platz in Kairo, um ihren Unmut auszudr&#252;cken. Was diese Proteste auszeichnete, war jedoch nicht nur einfach die Tatsache ihres Zustandekommens, sondern vielmehr der Umstand, dass die Kritik am US-Imperialismus sowie der Politik des Staates Israels gegen&#252;ber den Pal&#228;stinenserInnen erstmals mit der Kritik an den eigenen Herrschenden in &#196;gypten, insbesondere dem Pr&#228;sidenten Hosni Mubarak, verbunden wurde. W&#228;hrend die Kritik am Pr&#228;sidenten bisher eher fl&#252;sternd ge&#228;u&#223;ert wurde, hatte man pl&#246;tzlich vereinzelte Rufe gegen Mubarak auf den Demonstrationen. Doch erst in der n&#228;chsten Phase nahm diese Entwicklung eine neue Qualit&#228;t an.</p>
<p><strong>2. 2004-2005</strong>: Seit 2004 formierte sich die „Kefaya“-Bewegung (dt.: „Genug!“) aus der Antikriegsbewegung der vorhergehenden Jahre. Diese repr&#228;sentierte ein breites B&#252;ndnis von NasseristInnen, Liberalen, SozialistInnen sowie auch der Muslimbruderschaft. Obwohl die von ihr organisierten Proteste zahlenm&#228;&#223;ig meist nicht mehr als einige hundert Leute auf die Stra&#223;e brachten (jeglicher Stra&#223;enprotest in &#196;gypten wird grunds&#228;tzlich mit einem Gro&#223;aufgebot der Polizei konfrontiert und von der &#214;ffentlichkeit isoliert), war die Bedeutung von „Kefaya“ eher in ihrer politischen Radikalit&#228;t begr&#252;ndet, mit der sie auch eine gewisse &#214;ffentlichkeit erreichte. So fanden erstmals Proteste statt, in denen dezidiert der R&#252;cktritt Mubaraks und eine &#214;ffnung des rigiden politischen Systems gefordert wurde. Nach 2005 verlor die „Kefaya“-Bewegung aufgrund interner Streitigkeiten sowie einer zunehmenden Repression an Bedeutung. Nichtsdestotrotz hat sie eine neue Kultur des Protestes und der Kritik etablieren k&#246;nnen und gleichzeitig aufgezeigt, dass die Opposition bis zu einem gewissen Grad auch geschlossen gegen das Regime auftreten kann.</p>
<p><strong>3. 2006-2008</strong>: Seit dem Winter 2006 rollte eine Streikwelle durch &#196;gypten, wie sie seit den 1940er Jahren nicht mehr entstanden war. Ihr Zentrum sowie ihren Ausgangspunkt hatte diese Bewegung in der Industriestadt Mahalla al-Kubra, in der sich die gr&#246;&#223;te Textilfabrik des Mittleren Ostens und damit 27.000 ArbeiterInnen befinden. Hunderte Streiks und hunderttausende ArbeiterInnen nahmen in den darauf folgenden zwei Jahren an diversen Streikaktionen im ganzen Land teil und forderten eine Anhebung der mickrigen L&#246;hne, eine Auszahlung der Bonis bis hin zur Absetzung der korrupten, lokalen Gewerkschaftsvorsitzenden. Zum ersten Mal kamen auch Forderungen nach unabh&#228;ngigen Gewerkschaften auf, was zumindest im Falle der SteuerbeamtInnen auch zur Gr&#252;ndung der ersten unabh&#228;ngigen Gewerkschaft seit 1952 f&#252;hrte.<br />
Den H&#246;hepunkt fand die Streikbewegung am 6. April 2008 in der Stadt Mahalla al-Kubra. Ein angesetzter Streik der TextilarbeiterInnen von <em>Ghazl El-Mahalla</em> f&#252;r einen Anstieg der Mindestl&#246;hne und bessere Arbeits- und Lebensbedinungen eskalierte nach der Besetzung des Betriebes durch Polizeieinheiten in zwei Tage andauernden Stra&#223;enschlachten zwischen ArbeiterInnen und AnwohnerInnen auf der einen Seite, und einem massiven Polizeiaufgebot auf der anderen. Obwohl am Ende die Polizei die „Intifada von Mahalla“ niederschlug, war eine neue Qualit&#228;t in der Auseinandersetzung zwischen Staat und ArbeiterInnen erreicht. Bedeutend war der der Aufstand vom 6. April auch deshalb, weil er von der Oppositionsbewegung in ganz &#196;gypten aufgegriffen wurde. Wenn auch der Aufruf zum landesweiten Generalstreik ein Hirngespinst einiger <em>facebook</em>-AktivistInnen blieb und letztendlich nicht umgesetzt werden konnte, hatte der Aufstand eine enorme symbolische Bedeutung f&#252;r eine Generation von &#228;gyptischen AktivistInnen und f&#252;hrte zu einer Ann&#228;herung der Demokratiebewegung an die ArbeiterInnenbewegung. Die „Jugendbewegung des 6. April“, welche einen ma&#223;geblichen Anteil am Zustandekommen der &#228;gyptischen Revolution hatte, gab sich aufgrund dieses Aufstands ihren Namen.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a></p>
<p>Der 6. April 2008 war der letzte gro&#223;e Aufschwung der oppositionellen Bewegungen in &#196;gypten bis zu den Entwicklungen der letzten Wochen. Nichtsdestotrotz wurden diverse Kampagnen organisiert und um diese herum bauten sich weitere Netzwerke von AktivistInnen auf. Diese Kampagnen thematisierten meist die Menschenrechtssituation in &#196;gypten, Polizeirepression und Korruption. Eine dieser Kampagnen war &#8220;We are all Khaled Said&#8221;, ein Blogger welcher letzten Sommer von korrupten Polizisten in Alexandria auf offener Stra&#223;e zu Tode gepr&#252;gelt wurde. Was mit Khaled Said passiert war, wurde zu einem Symbol des politischen Zustands in &#196;gypten.<br />
Bereits vor der Revolution in Tunesien war aus &#196;gypten eine angespanntere Stimmung als die Jahre zuvor zu vernehmen. Die Parlamentswahlen im November 2010 zeigten erneut das jegliche Hoffnung auf eine politische Liberalisierung vergeblich waren. W&#228;hrend die Muslimbruderschaft mit 88 Abgeordneten als gr&#246;&#223;ter Oppositionsblock in den Wahlen von 2005 ins Parlament einziehen konnte, blieben er nun nur noch ein einziger Abgeordneter &#252;brig.<br />
Der Bombenangriff auf eine koptische Kirche in Alexandria und die Reaktionen darauf zeigten ebenfalls in welche Richtung der Wind zu wehen begann. Spontane Demonstrationen der koptischen Gemeinde verurteilten das Regime und die Polizei f&#252;r den fehlenden Schutz. Zahlreiche Proteste an denen auch MuslimInnen teilnahmen wurden organisiert. In dem n&#246;rdlichen Kairoer ArbeiterInnenbezirk Shubra mit einem hohen koptischen Bev&#246;lkerungsanteil fanden Massenproteste mit Beteiligung diverser Oppositionsparteien statt. Zeitweise konnte die Polizei bereits relativ erfolgreich konfrontiert werden.<br />
Die Revolution in Tunesien war in dieser Situation wie ein Z&#252;ndfunke f&#252;r ein schon volles Pulverfass. Der Sturz Ben Ali&#8217;s zeigte, dass durch die Massenproteste auch die brutalste Diktatur gest&#252;rzt werden kann und gab den AktivistInnen in &#196;gypten das Selbstbewusstsein und die &#220;berzeugung es ihren Br&#252;dern und Schwestern in Tunesien gleich zu tun.</p>
<p><strong>1. Eine wahre Revolution</strong></p>
<p>Die Ereignisse in &#196;gypten beschr&#228;nkten sich nicht nur auf eine gro&#223;e Party am Tahrir-Platz, wie es die Medien oft darstellten, sondern sie waren ein tats&#228;chlicher Aufstand im gesamten Land. Von Alexandria bis Kairo, von Suez bis zur weit im Westen liegenden Oase Kharga gingen die Leute auf die Stra&#223;e. Auch in kleinen Ortschaften brannten Polizeistationen oder wurden – insbesondere in der Bev&#246;lkerung als sadistisch bekannte – Polizisten nicht mehr als Autorit&#228;ten anerkannt und vertrieben. Betriebe im gesamten Land wurden bestreikt und Volkskommitees (<em>Popular Commitees</em>) errichtet, um nach dem Abzug der Polizei ab dem 28. J&#228;nner das &#246;ffentliche Leben selbst zu organisieren.<br />
In diesem Prozess ver&#228;nderte sich auf einen Schlag das Bewusstsein von Millionen und eine neue Generation artikulierte sich politisch. Die Angst vor dem Regime transformierte sich in Wut, politische Lethargie in das Gef&#252;hl von Solidarit&#228;t und Verantwortungsbewusstsein f&#252;r das eigene Handeln und die politische Relevanz jedes/r Einzelnen f&#252;r gesellschaftliche Ver&#228;nderung trat hervor. Genau dies machte es zu einer echten Revolution!<a title="anm2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a><br />
Die demokratische Revolution in &#196;gypten und dar&#252;ber hinaus ist auch auf einer weiteren Ebene bedeutend. Seit 9/11 trat vor allem die US-Regierung mit der Position auf, Demokratie m&#252;sse den unterentwickelten islamischen und arabischen L&#228;ndern gebracht werden, wenn n&#246;tig auch mit Bomben. Dieses L&#252;gengeb&#228;ude ist nun eingest&#252;rzt! Die Menschen selbst sind sehr wohl in der Lage f&#252;r ihre eigene Befreiung einzutreten und brauchen keine westlichen Soldaten oder neokonservative Think Tanks um ihnen Demokratie beizubringen!</p>
<p><strong>2. &#8230;doch nicht vollendet – Der national-demokratische Charakter der Revolution</strong></p>
<p>Die Revolution war jedoch bisher vor allem eine national-demokratische Revolution. Da sich die Proteste prim&#228;r gegen die autorit&#228;re Herrschaftsstruktur, gegen eine ungeheuer korrupten Elite und f&#252;r einfache B&#252;rgerrechte richteten, konnten Menschen unterschiedlichster Herkunft Bezug dazu herstellen. Mitglieder fast aller Klassen, Konfessionen und politischer Richtungen nahmen daran teil. Es wurde die &#8220;&#228;gyptische Nation&#8221; als Ganze angerufen.<br />
&#8220;National&#8221; ist die Revolution auch deshalb, weil sie sich gegen den geopolitisch untergeordneten Status &#196;gyptens als Anh&#228;ngsel des „Westens“ richtet. W&#228;hrend &#196;gypten unter dem ehemaligen Pr&#228;sidenten Nasser f&#252;r einen eigenst&#228;ndigen Kurs stand und ein selbstbewusstes Image als widerst&#228;ndiges Land der Dritten Welt besa&#223;, kann das von dem Mubarak-Regime nicht behauptet werden. Das Regime war in engster Weise mit dem „Westen“ und vor allem den USA verbunden. Mit dem Camp-David-Abkommen Ende der 1970er Jahre wurde ein Friedensvertrag mit Israel beschlossen und eine relativ enge Kooperation aufgebaut – eine Entwicklung mit der sich die Mehrheit der &#196;gypterInnen nicht identifizieren konnte.<br />
Hinzu kommt, dass sich &#196;gypterInnen international oft als Menschen zweiter Klasse verstanden. Die das Land besuchenden „westlichen“ TouristInnen hatten einen weit besseren Status als die meisten &#196;gypterInnen. Seit Jahrzehnten wurde behauptet, dass &#196;gypterInnen unf&#228;hig seien, eigenst&#228;ndige Politik zu machen. Diese Revolution hat jedoch so etwas wie einen nationalen Stolz zur&#252;ck gegeben. Putztrupps, die den Tahrir-Platz s&#228;uberten und auch jetzt noch in den Stra&#223;en f&#252;r Sauberkeit sorgen, sind ein Ausdruck dieses Gef&#252;hls.<br />
Der nationale Charakter dr&#252;ckt sich weiters in der Positionierung der Mehrheit gegen&#252;ber dem Milit&#228;r aus. Anders als der Polizeiapparat, welcher in den Augen der &#196;gypterInnen immer schon als nach innen gerichteter Repressionsapparat wahrgenommen wurde und den Hass der Gesellschaft auf sich vereinte, war das Milit&#228;r mit dem Schein nationaler Einheit und politischer Neutralit&#228;t umgeben. Dies ist vor dem Hintergrund der Rolle des Milit&#228;rs in der &#228;gyptischen Geschichte zu verstehen. Es war zentraler St&#252;tzpfeiler der nationalistisch-populistischen &#196;ra Nassers sowie Verteidiger gegen ausl&#228;ndische Aggressoren (Kriege in den Jahren 1956, 1968, 1973).</p>
<p><strong>3. Widerspr&#252;che innerhalb der Bewegung</strong></p>
<p>Bis zum R&#252;cktritt Mubaraks am 11. Februar galt innerhalb der revolution&#228;ren Bewegung Einheit im gemeinsamen Kampf gegen das Regime. Nach deren erstem Erfolg ist zu erwarten, dass sich die Bewegung ausdifferenziert. Ein gro&#223;er Teil der Bewegung argumentierte unmittelbar nach dem Abtritt des Pr&#228;sidenten und der &#220;bernahme der Staatsgesch&#228;fte durch das Milit&#228;r f&#252;r eine Demobilisierung der Bewegung, eine Beendigung der Streiks und eine „R&#252;ckkehr zur Normalit&#228;t“. Dem Milit&#228;r wurde von vielen das Vertrauen ausgesprochen, einen geregelten &#220;bergang zu einer zivilen Regierung zu garantieren. Noch vor dem Fall Mubaraks sprachen sich zum Beispiel Mohammed el-Baradei und seine Unterst&#252;tzerInnen f&#252;r ein Einschreiten des Milit&#228;rs und eine Beendigung des &#8220;Chaos&#8221; aus.  Nun sei es an der Zeit, das „neue &#196;gypten“ aufzubauen und „h&#228;rter zu arbeiten als jemals zuvor“.<br />
F&#252;hrende Figuren der „Jugendbewegung“ wie Wael Ghonim sa&#223;en bereits kurz nach dem Sturz Mubaraks zusammen mit den Milit&#228;rs an einem Tisch, um einen Dialog aufzubauen. Einige liberale Kr&#228;fte der Opposition bildeten die &#8220;Koalition der Jugend der Revolution&#8221; – darunter Repr&#228;sentantInnen der &#8220;6. April Bewegung&#8221;, j&#252;ngere Mitglieder der Muslimbruderschaft sowie der Gruppe um El-Baradei. Es wird sich noch zeigen, welche Rolle diese Zusammenh&#228;nge weiterhin spielen werden. Doch das Vertrauen in das Milit&#228;r als Garant f&#252;r einen geregelten &#220;bergang in eine Post-Mubarak &#196;ra, der Aufruf zur Demobilisierung der Bewegung sowie vor allem zur Beendigung der massenhaften Streiks im Land sind gef&#228;hrliche Schritte, da sie der revolution&#228;ren Bewegung ihr urspr&#252;ngliches Momentum nehmen k&#246;nnten. Solange keine starken und permanenten Gegenstrukturen  zum Staatsapparat gebildet werden, ist die Revolution in Gefahr gewonnenes Terrain zu verlieren.</p>
<p><strong>4. Muslimbruderschaft</strong></p>
<p>Die Muslimbruderschaft ist die gr&#246;&#223;te und am besten organisierte Oppositionskraft &#196;gyptens. Dabei spielte sie immer eine widerspr&#252;chliche Rolle. Ihre F&#252;hrung versuchte, eine eher moderate konformistische Haltung einzunehmen. Nicht der Sturz des Regimes sondern eine Beteiligung am System war ihr prim&#228;res Interesse. Ihr Verh&#228;ltnis zum Regime war ebenso ambivalent. Je nach politischer Konjunktur wurde sie, obwohl immer offiziell illegal, mal geduldet oder verst&#228;rkt verfolgt. Gleichzeitig gibt es in der Muslimbruderschaft seit einigen Jahren eine neue Generation junger aktivistischer Mitglieder, die weiter gehen will als ihre F&#252;hrung. Wenn die Organisation in der Demokratiebewegung aktiver wurde, dann meist durch den Druck dieser Basis. Diese Jugend war auch aktiv an der Bewegung beteiligt.<br />
Seit der Revolution steckt die Organisation in einer Zwickm&#252;hle. Die F&#252;hrung reagierte versp&#228;tet auf die Bewegung, w&#228;hrend viele Mitglieder von Anfang an aktiv beteiligt waren. Politisch hat sie keine f&#252;hrende Rolle gespielt, auch wenn sie nachtr&#228;glich der Bewegung ihre Infrastruktur zur Verf&#252;gung stellte.<br />
Aktuell rief die Muslimbruderschaft dazu auf, dem Milit&#228;r mit dem &#220;bergang zu einer zivilen Regierung zu vertrauen. Noch vor dem Sturz Mubaraks waren sie an Gespr&#228;chen mit dem Regime beteiligt, um einen Kompromiss auszuhandeln. Diese Zusammenarbeit zeigt sich auch in der Ernennung eines Mitglieds der Bruderschaft an einem vom Milit&#228;r eingesetzten Komitee zur &#220;berarbeitung der Verfassung.<br />
Ziel der Muslimbruderschaft ist es, eine legale politische Partei zu werden. An einer grunds&#228;tzlichen Ver&#228;nderung der sozialen Verh&#228;ltnisse &#196;gyptens hat sie kein Interesse. Ein Vergleich mit der AKP der T&#252;rkei ist hierbei angebracht.</p>
<p>W&#228;hrend viele Teile der Opposition von der R&#252;ckkehr zur Normalit&#228;t und einem &#8220;Ende&#8221; der Revolution reden, argumentieren linke Teile der Bewegung daf&#252;r, die nun verst&#228;rkt auftretenden sozialen K&#228;mpfe weiterzuf&#252;hren und den Aufbau unabh&#228;ngiger Gewerkschaften zu forcieren. So sollte die Mobilisierung zum Tahrir-Platz mit der Mobilisierung innerhalb der Betriebe erg&#228;nzt bzw. durch diese ersetzt werden. Gleichzeitig warnen diese Kr&#228;fte davor, dem Milit&#228;r als Garant f&#252;r die Kontinuit&#228;t der Revolution zu vertrauen (zur Frage des Milit&#228;rs, siehe unten).<br />
Die Revolution in &#196;gypten hat au&#223;erordentliches geschafft, etwas womit kaum jemand gerechnet hat. Jedoch sind die alten Strukturen &#196;gyptens noch weitgehend in Kraft. Der tats&#228;chliche Kampf f&#252;r strukturelle Ver&#228;nderungen f&#228;ngt somit erst an. Ein wesentlicher Faktor daf&#252;r wird die F&#228;higkeit progressiver Kr&#228;fte zur Formierung, sowie die Aktivit&#228;ten der ArbeiterInnenklasse im Aufbau einer Gegenmacht sein!</p>
<p><strong>5. Die ArbeiterInnenbewegung &#8211; </strong><em><strong>the next stage of the revolution</strong></em><strong>!</strong></p>
<p>ArbeiterInnen waren zwar seit Beginn der Proteste involviert, beteiligten sich aber zun&#228;chst nicht als ArbeiterInnen, sondern als einfache DemonstrantInnen. In der letzten Woche vor dem Sturz Mubaraks nahm die Zahl von Streiks und ArbeiterInnenk&#228;mpfen jedoch rasant zu, und ArbeiterInnen begannen sich als ArbeiterInnen in den Betrieben zu organisieren. Dies war der letzte Ansto&#223; f&#252;r den Fall Mubaraks.<br />
Die &#228;gyptische ArbeiterInnenklasse denkt nicht daran, sich mit dem Abtritt Mubaraks und der Macht&#252;bernahme durch das Milit&#228;r zu begn&#252;gen. Immer neue Teile der ArbeiterInnenklasse wurden in den letzten Wochen aktiv, um ihre soziale Lage zu thematisieren. In allen Sektoren der Wirtschaft finden Streiks statt. Von den Suezkanal-ArbeiterInnen &#252;ber TextilarbeiterInnen bis hin zu MitarbeiterInnen diverser Ministerien und des &#246;ffentlichen Sektors werden Arbeitsk&#228;mpfe organisiert und Forderungen aufgestellt. Letztere sind dabei weitreichend. Neben Lohnerh&#246;hungen und dem Wunsch nach staatlichen Sozialleistungen sind die Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn sowie der Absetzung korrupter Bosse und lokaler staatlicher Gewerkschaftsf&#252;hrer prominente Themen.<br />
Parallel zu den lokalen K&#228;mpfen gewinnt die Bewegung zur Gr&#252;ndung eines unabh&#228;ngigen Gewerkschaftsbundes an St&#228;rke. Bereits zu Beginn der Bewegung riefen die unabh&#228;ngige Gewerkschaft der SteuerbeamtInnen sowie des Krankenhauspersonals zur Formierung einer solchen auf. Seither haben sich einige weitere Betriebe und Sektoren dieser Initiative angeschlossen. Immer neue Forderungskataloge finden ihren Weg an die &#214;ffentlichkeit.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a> Diese Entwicklung wird ein wesentlicher Faktor im weiteren Verlauf der Revolution in &#196;gypten sein. Eine unabh&#228;ngige Gewerkschaftsbewegung w&#228;re in der Lage, die lokalen und bisher meist von einander isolierten K&#228;mpfe zu vereinen und die Frage einer sozialen Revolution fl&#228;chendeckend auf die Tagesordnung zu stellen.<br />
Die Streikbewegung ist jedoch mit Hindernissen konfrontiert. So hat das Milit&#228;r mehrmals zur Beendigung der Streiks aufgerufen und mit der Anwendung von Gewalt gedroht. Wie oben erw&#228;hnt haben auch Teile der Bewegung die Beendigung der sozialen K&#228;mpfe gefordert, um nun das „neue &#196;gypten“ aufzubauen. Unumstritten ist, dass mit der revolution&#228;ren Bewegung die B&#252;chse der Pandora ge&#246;ffnet wurde. ArbeiterInnen haben schon in den letzten Jahren verst&#228;rkt f&#252;r ihre sozialen und politischen Rechte gek&#228;mpft. F&#252;r sie ist die Verbindung zwischen dem autorit&#228;ren politischen System und der &#246;konomischen Ausbeutung viel offensichtlicher als f&#252;r andere Bev&#246;lkerungsteile. Die Eliten in der Politik waren die gleichen korrupten Unternehmer, die sie f&#252;r Hungerl&#246;hne schuften haben lassen.  Ein „demokratisches“ &#196;gypten w&#252;rde f&#252;r ArbeiterInnen nichts ver&#228;ndern, wenn sich nicht auch die sozialen Verh&#228;ltnisse mitver&#228;ndern w&#252;rden. Ob dies passiert oder nicht, h&#228;ngt von den sich nun formierenden militanten ArbeiterInnen und SozialistInnen ab. Die Voraussetzungen f&#252;r einen solchen Kampf sind jedoch zweifelsohne vorhanden.</p>
<p><strong>6. Rolle der Armee</strong></p>
<p>Die Milit&#228;relite ist fixer Bestandteil des Regimes, und ihr ist nicht zu trauen! Seit dem 11. Februar hat der oberste Milit&#228;rrat die Regierungsgesch&#228;fte &#252;bernommen. Verteidigungsminister Tantawi, lange Zeit enger Freund und Kollege von Mubarak, steht nun an der Spitze des Staates. Das Milit&#228;r wird von vielen als Garant f&#252;r Stabilit&#228;t und einen „geordneten“ &#220;bergang zu einer zivilen Regierung gesehen. Obwohl es den Anschein einer neutralen Institution hat, war das Milit&#228;r schon immer einer der wichtigsten St&#252;tzpfeiler des Regimes. W&#228;hrend es bis in die 1970er Jahre eine offene politische F&#252;hrungsfunktion hatte, verschwand es danach aus der politischen &#214;ffentlichkeit. Seither existiert ein Deal zwischen der zivilen Regierung und dem Milit&#228;r. Letzteres h&#228;lt sich dabei zwar bewusst im Hintergrund, sein Einfluss in Wirtschaft und Politik ist jedoch enorm:<br />
- Personell sind die Kommandoh&#246;hen des Staates von ehemaligen Offizieren besetzt. Alle  Pr&#228;sidenten seit 1952 rekrutierten sich aus dem Milit&#228;r. Hosni Mubarak selbst war, bevor er unter Sadat Vizepr&#228;sident wurde, Offizier der Luftwaffe.<br />
- Das Milit&#228;r betreibt ein weitreichendes Wirtschaftsnetz. In vielen Branchen wie  der Nahrungsmittel- und Zementproduktion, der Automobilindustrie oder der Gasf&#246;rderung mischt das Milit&#228;r an entscheidender Stelle mit. Zudem kontrolliert es einen gro&#223;en Teil des &#246;ffentlichen Grund und Bodens in &#196;gypten. Auch genie&#223;t das Milit&#228;r im Wirtschaftsbereich weitreichende Privilegien. So ist es von Steuerzahlungen befreit und muss sich mit vielen der b&#252;rokratischen H&#252;rden, denen die Privatwirtschaft unterliegt, nicht herumschlagen. Es genie&#223;t somit eine gewisse Autonomie im Staat und der Wirtschaft.<br />
- Ein stark ausgebauter Sektor von Clubs, Krankenh&#228;usern etc. soll die Loyalit&#228;t der eigenen Offiziere gew&#228;hrleisten und sie bei Stange halten.<br />
- Das Bild vom Milit&#228;r als politisch neutrale Institution und rein nach au&#223;en gerichtete Verteidigungsarmee ist tats&#228;chlich ein Mythos. In Notzeiten war es bisher immer sofort zur Stelle, um die innenpolitische Feuerwehr zu spielen: Bei der Niederschlagung der Brotaufst&#228;nde von 1977 und einer Polizeirevolte 1986 ebenso wie im Krieg gegen militante islamistische Bewegungen in den 1990er Jahren.<br />
- Au&#223;enpolitisch ist es ebenfalls das Milit&#228;r, das am engsten mit Israel und den USA zusammenarbeitet. So erh&#228;lt das &#228;gyptische Milit&#228;r mit ca. 1.3 Mrd. Dollar nach Israel die zweith&#246;chste US-Milit&#228;rhilfe.</p>
<p>Es ist gut vorstellbar, dass das Milit&#228;r den &#220;bergang zu einer zivilen Regierung tats&#228;chlich garantiert und keine weitere, offen-politische Pr&#228;senz anvisiert. Dies w&#252;rde durchaus ihrem eigenen Interesse entsprechen, konnte es doch bereits in den letzten Jahrzehnten erfolgreich im Hintergrund agieren, ohne sich dabei &#246;ffentlicher Kritik stellen zu m&#252;ssen. Voraussetzung daf&#252;r wird jedoch sein, dass die &#246;konomische Rolle und die institutionalisierten Privilegien des Milit&#228;rs unangetastet bleiben. Was passiert, wenn diese zur Diskussion gestellt werden, bleibt demgegen&#252;ber eine offene Frage. Solange dies nicht geschieht, besteht eine grunds&#228;tzliche strukturelle Kontinuit&#228;t zur Mubarak-&#196;ra.<br />
Ungekl&#228;rt bleibt auch, wie die weiteren Entwicklungen innerhalb der Armee aussehen. W&#228;hrend gro&#223;e Teile der Soldaten und mittleren Offiziersr&#228;nge mit der Bewegung sympathisierten (siehe die Bilder sich solidarisierender Soldaten und Offiziere am Tahrir-Platz), sind die oberen Generalsr&#228;nge fixer Bestandteil des &#228;gyptischen Herrschaftsapparats und, wie oben gezeigt, an einem grunds&#228;tzlichen Wandel nicht interessiert. Ein Vertrauen in das bestehende Oberkommando h&#228;tte daher f&#252;r die Perspektiven der Revolution in &#196;gypten fatale Folgen.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a></p>
<p><strong>7. Fraktionsk&#228;mpfe innerhalb der Eliten</strong></p>
<p>Trotz offensichtlicher Kontinuit&#228;ten hat es in den letzten Wochen mehrere strategische Man&#246;ver gegen Teile des alten Regimes gegeben. Einzelnen Ministern wurde die Ausreise verboten und ihre Konten wurden eingefroren. Manche wurden mittlerweile sogar festgenommen, gegen sie wird wegen Korruption ermittelt. Die betroffenen Kreise sind vor allem jene Unternehmer, die erst in den letzten Jahren in der Hierarchie der regierenden NDP (<em>National Demokratische Partei</em>) aufgestiegen sind. Diese Gruppe, welche eng mit Gamal Mubarak, dem Sohn des Pr&#228;sidenten und bis zur Revolution sein potentieller Nachfolger, verbunden war, stand f&#252;r eine neue Fraktion in &#196;gyptens Herrschaftsapparat. Anders als die „alte Garde“ favorisierte diese Fraktion eine Verst&#228;rkung des neoliberalen Kurses, von dem sie auch pers&#246;nlich enorm profitieren konnte. Repr&#228;sentanten dieser nachr&#252;ckenden Gruppe waren zum Beispiel  der Stahl-Tycoon Ahmad Ezz, der f&#252;r die NDP im Parlament sa&#223; und sich durch die Privatisierung von Stahlbetrieben bereichern konnte. Andere sind der ehemalige Innenminister Habib al-Adly, Tourismusminister Zoheir Garranah und der ehemalige Wohnbauminister Ahmed El-Maghraby. Alle vier wurden bereits verhaftet. Obwohl ihre Verfolgung sehr zu begr&#252;&#223;en ist – sie haben an der Neoliberalisierungsoffensive der letzten Jahre zweifellos einen gro&#223;en Anteil – m&#252;ssen diese Entwicklungen mit Vorsicht betrachtet werden. Tats&#228;chlich werden hier n&#228;mlich S&#252;ndenb&#246;cke f&#252;r das alte Regime gesucht. Zudem darf nicht &#252;bersehen werden, dass hier auch innerhalb der Herrschaftselite alte Rechnungen beglichen werden.</p>
<p><strong>8. Regionale und globale Dimension der Revolution(en) – 2011 als Jahr der Revolutionen?!</strong></p>
<p>Nach den Revolutionen in Tunesien und &#196;gypten werden die Karten geopolitisch neu gemischt werden m&#252;ssen. Der „Westen“ wei&#223; noch nicht so recht, wie er auf die Situation reagieren soll und womit er noch zu rechnen hat. Zudem wird der Widerspruch zwischen den eigenen geopolitischen Interessen, die denen der autorit&#228;ren Regime  in engster Weise verbunden waren, und der Rhetorik von Demokratie und Freiheit f&#252;r alle in dieser Situation nur zu offensichtlich.<br />
Bisher hat sich die Berichterstattung auf den arabischen Raum konzentriert. Doch die Inspiration der Revolution in Tunesien und &#196;gypten hat bereits andere Regionen erreicht. Im Iran sch&#246;pfte die Opposition, die 2009/2010 noch brutal niedergeschlagen wurde, neue Energie und Hoffnung. Aber auch in den nicht weniger autorit&#228;r regierten L&#228;ndern Afrikas finden die ersten Revolutionen des 21. Jahrhundert einen starken Widerhall.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Selbst in den USA findet die Revolution in &#196;gypten einen Widerhall. Die j&#252;ngsten gewerkschaftlichen K&#228;mpfe in Wisconsin sahen teilweise direkte Bezugsnahmen auf die Massenproteste im Mittleren Osten. Unabh&#228;ngig vom weiteren Verlauf der Ereignisse kann schon jetzt gesagt werden, dass das Jahr 2011 neben 1848, 1917, 1968 und 1989 als Jahr der Revolutionen in die Geschichte eingehen wird. Die Entwicklung, welche in Tunesien ihren Anfang nahm, hat sich in k&#252;rzester Zeit zu einem regionalen Fl&#228;chenbrand ausgebreitet. Die Erfahrung, dass auch die brutalsten und autorit&#228;rsten Regime durch Massenbewegungen gest&#252;rzt werden k&#246;nnen, hat sich weltweit in das Bewusstsein von Millionen Menschen eingebrannt. Revolutionen sind ansteckend, und es wird noch zu sehen sein, was die langfristigen Folgen der j&#252;ngsten Entwicklungen sein werden.</p>
<p><em>Gruppe Perspektiven<br />
Wien, am 27. Februar 2011</em></p>
<p><strong>weiterf&#252;hrende Links:</strong></p>
<p>Spannende Dokumentation &#252;ber die &#228;gyptische Revolution: <a href="http://www.youtube.com/watch?v=ufrRNnfM7sc&amp;feature=player_embedded">http://www.youtube.com/watch?v=ufrRNnfM7sc&amp;feature=player_embedded</a></p>
<p>Zu feministischen Positionen in der Revolution:<br />
<a href="http://www.bloomberg.com/news/2011-02-16/egypt-women-clash-over-sharia-law-after-tahrir-shows-equality-in-uprising.html">http://www.bloomberg.com/news/2011-02-16/egypt-women-clash-over-sharia-law-after-tahrir-shows-equality-in-uprising.html</a></p>
<p>Interview mit der ber&#252;hmten radikalen Feministin und Autorin Nawal el-Saadawi:<br />
<a href="http://english.aljazeera.net/programmes/rizkhan/2011/02/201121472514918558.html">http://english.aljazeera.net/programmes/rizkhan/2011/02/201121472514918558.html<br />
</a><a href="http://edition.cnn.com/2011/WORLD/meast/02/24/egypt.women.optimism.harassment/index.html"></a></p>
<p><span style="-webkit-text-decorations-in-effect: underline;">Zwei lesenswerte Artikel zur Rolle von Frauen in der Revolution: <a href="http://edition.cnn.com/2011/WORLD/meast/02/24/egypt.women.optimism.harassment/index.html">http://edition.cnn.com/2011/WORLD/meast/02/24/egypt.women.optimism.harassment/index.html</a></span></p>
<p><span style="-webkit-text-decorations-in-effect: underline;"><a href="http://edition.cnn.com/2011/WORLD/meast/02/24/egypt.women.optimism.harassment/index.html"></a></span><a href="http://www.jadaliyya.com/pages/index/694/how-egyptian-women-took-back-the-street-between-two-%E2%80%9Cblack-wednesdays%E2%80%9D_a-first-person-account_">http://www.jadaliyya.com/pages/index/694/how-egyptian-women-took-back-the-street-between-two-%E2%80%9Cblack-wednesdays%E2%80%9D_a-first-person-account_</a></p>
<p>Reiseberichts-Serie von marx21 zur &#228;gyptischen Revolution: <a href="http://marx21.de/content/view/1349/32/">http://marx21.de/content/view/1349/32/</a></p>
<p>Zur Opposition, inklusive der Muslimbruderschaft:<br />
<a href="http://marx21.de/content/view/1326/32/">http://marx21.de/content/view/1326/32/</a></p>
<p>Zum Verh&#228;ltnis zwischen der Linken und der Muslimbruderschaf:<br />
<a href="http://www.merip.org/mer/mer242/hamalawy.html#_edn2">http://www.merip.org/mer/mer242/hamalawy.html#_edn2</a></p>
<p>Ein toller Artikel zu Neoliberalismus, Korruption, Milit&#228;r und die soziale Frage in &#196;gypten: <a href="http://english.aljazeera.net/indepth/opinion/2011/02/201122414315249621.html">http://english.aljazeera.net/indepth/opinion/2011/02/201122414315249621.html</a></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Siehe zum Geburtsort der Revolution in Mahalla: <a href="http://www.foreignpolicy.com/articles/2011/02/16/egypt_s_cauldron_of_revolt?page=full">http://www.foreignpolicy.com/articles/2011/02/16/egypt_s_cauldron_of_revolt?page=full</a></p>
<p><a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Es wurden hunderte Tagebucheintr&#228;ge und Berichte zu den revolution&#228;ren Erfahrungen verfasst. Hier eine kleine Auswahl:<br />
<a href="http://www.occupiedlondon.org/cairo/?page_id=2">http://www.occupiedlondon.org/cairo/?page_id=2</a>, <a href="http://samuliegypt.blogspot.com/">http://samuliegypt.blogspot.com/</a>, <a href="http://caironotes.blogspot.com/">http://caironotes.blogspot.com/</a>, <a href="http://www.sandmonkey.org/">http://www.sandmonkey.org/</a>, <a href="http://www.arabist.net/">http://www.arabist.net/</a>, <a href="http://www.arabawy.org/blog/">http://www.arabawy.org/blog/</a>. Zur Vorbereitung des Aufstands am 25. J&#228;nner siehe: <a href="http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704132204576135882356532702.html">http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704132204576135882356532702.html</a></p>
<p><a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Siehe zur letzten Deklaration der unabh&#228;ngigen Gewerkschaft: <a href="http://www.arabawy.org/2011/02/21/jan25-egyworkers-egyptian-independent-trade-unionists%E2%80%99-declaration/">http://www.arabawy.org/2011/02/21/jan25-egyworkers-egyptian-independent-trade-unionists%E2%80%99-declaration/</a>, <a href="http://www.socialistworker.co.uk/art.php?id=24000">http://www.socialistworker.co.uk/art.php?id=24000</a></p>
<p><a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Siehe zur Rolle des Milit&#228;rs in &#196;gypten: <a href="http://www.time.com/time/world/article/0,8599,2046963,00.html">http://www.time.com/time/world/article/0,8599,2046963,00.html</a></p>
<p><a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Siehe dazu: <a href="http://english.aljazeera.net/indepth/features/2011/02/201122164254698620.html">http://english.aljazeera.net/indepth/features/2011/02/201122164254698620.html</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2011/02/27/the-revolution-was-televised-2/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Veranstaltung: Die revolution&#228;ren Bewegungen in Tunesien und &#196;gypten</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2011/02/14/veranstaltungdie-revolutionaeren-bewegungen-in-tunesien-und-aegypten/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2011/02/14/veranstaltungdie-revolutionaeren-bewegungen-in-tunesien-und-aegypten/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 14 Feb 2011 17:40:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Termine]]></category>
		<category><![CDATA[Ägypten]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Tunesien]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=1756</guid>
		<description><![CDATA[15.2.2011: Perspektiven-Autor Ramin Taghian spricht auf der Diskussionsveranstaltung Die revolution&#228;ren Bewegungen in Tunesien und &#196;gypten &#8211; Hingehen! Ausdr&#252;cklich empfohlen!
19:30, Afro-Asiatisches Institut (AAI), T&#252;rkenstr. 3, 1090 Wien.

RednerInnen:
Imed Garbaya, ehem. linker, panarabischer Uni-Aktivist aus Gafsa (Tunesien), Kaufm&#228;nnischer Angestellter in Wien.
Elisabeth Mandl, Gewerkschafterin aus dem Sozial- und Gesundheitsbereich, lebte l&#228;ngere Zeit in der Region
Ramin Taghian, Verfasste ua. folgenden Artikel zur &#228;gyptischen Linken: http://www.perspektiven-online.at/2008/02/22/prolet-und-prophet/ [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>15.2.2011: Perspektiven-Autor Ramin Taghian spricht auf der Diskussionsveranstaltung <em>Die revolution&#228;ren Bewegungen in Tunesien und &#196;gypten</em> &#8211; Hingehen! Ausdr&#252;cklich empfohlen!<br />
19:30, Afro-Asiatisches Institut (AAI), T&#252;rkenstr. 3, 1090 Wien.<br />
<span id="more-1756"></span></p>
<p><em>RednerInnen:</em><br />
Imed Garbaya, ehem. linker, panarabischer Uni-Aktivist aus Gafsa (Tunesien), Kaufm&#228;nnischer Angestellter in Wien.</p>
<p>Elisabeth Mandl, Gewerkschafterin aus dem Sozial- und Gesundheitsbereich, lebte l&#228;ngere Zeit in der Region</p>
<p>Ramin Taghian, Verfasste ua. folgenden Artikel zur &#228;gyptischen Linken:<a href=" http://www.perspektiven-online.at/2008/02/22/prolet-und-prophet/"> http://www.perspektiven-online.at/2008/02/22/prolet-und-prophet/</a> (Gruppe Perspektiven)</p>
<p>Moderation und Einleitung: Neva L&#246;w (marxist*in)</p>
<p>Eine Veranstaltung von &#8220;Funke&#8221; und &#8220;marxist*in&#8221;<br />
mit Unterst&#252;tzung von AI-Gruppe f&#252;r verfolgte GewerkschafterInnen und dem Freidenkerbund </p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2011/02/14/veranstaltungdie-revolutionaeren-bewegungen-in-tunesien-und-aegypten/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Risse in der islamischen Republik</title>
		<link>http://www.perspektiven-online.at/2010/01/11/risse-in-der-islamischen-republik/</link>
		<comments>http://www.perspektiven-online.at/2010/01/11/risse-in-der-islamischen-republik/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 11 Jan 2010 18:49:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 9]]></category>
		<category><![CDATA[Iran]]></category>
		<category><![CDATA[Naher und Mittlerer Osten]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.perspektiven-online.at/?p=658</guid>
		<description><![CDATA[Heuer j&#228;hrt sich zum 30. Mal die Iranische Revolution. Wie Behrooz Rahimi in seiner Analyse der Entwicklung der Islamischen Republik aufzeigt, ist das widerspr&#252;chliche Erbe der Revolution auch in den aktuellen Protesten gegen Ahmadinejads umstrittene Wiederwahl pr&#228;sent.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Heuer j&#228;hrt sich zum 30. Mal die Iranische Revolution. Wie Behrooz Rahimi in seiner Analyse der Entwicklung der Islamischen Republik aufzeigt, ist das widerspr&#252;chliche Erbe der Revolution auch in den aktuellen Protesten gegen Ahmadinejads umstrittene Wiederwahl pr&#228;sent.<br />
<span id="more-658"></span><br />
Im Iran finden derzeit die gr&#246;&#223;ten Massenproteste seit der Iranischen Revolution von 1979 statt. Gegen den mutma&#223;lichen Wahlbetrug bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen im Juni 2009 str&#246;mten allein in Teheran &#252;ber eine Million DemonstrantInnen auf die Stra&#223;en, um sich gegen die „Ernennung“ Mahmud Ahmadinejads zur Wehr zu setzen.<a title="anm_1" name="anm_1" href="#anm1"><sup>1</sup></a> Die protestierenden Massen bewiesen hierbei nicht zum ersten Mal in der Geschichte Irans eine ungeheure Ausdauer und Widerstandsf&#228;higkeit. Nach der Wahl vom 12. Juni gab es zwei Wochen lang t&#228;gliche Demonstrationen und Proteste. Erst nach harten repressiven Ma&#223;nahmen durch Polizei und regierungsnahe Milizen mit dutzenden Toten und tausenden Festgenommenen ebbten die Proteste langsam ab. Trotzdem hat sich die Lage alles andere als beruhigt, beweist die Bewegung ihre Hartn&#228;ckigkeit doch bis zum heutigen Tag durch regelm&#228;&#223;ige Massenmobilisierungen.<br />
Als Galionsfigur der nun als „Gr&#252;ne Bewegung“ bekannt gewordenen Opposition gilt Ahmadinejads wichtigster Herausforderer bei der Wahl, der Reformpolitiker Mir Hossein Mussawi, der in den 1980er Jahren selbst Premierminister des Iran war. Der Umstand, dass ein „Mann des Regimes“, tief verwurzelt in der Geschichte und dem Herrschaftssystem der Islamischen Republik (IR), diese pl&#246;tzlich herausfordert, erscheint auf den ersten Blick &#252;berraschend. Schlie&#223;lich wurde und wird die IR von linken wie konservativen KommentatorInnen oft als ein monolithisches Regime betrachtet, in der einige fanatisch-religi&#246;s und r&#252;ckw&#228;rtsgewandte Mullahs die Herrschaft an sich gerissen h&#228;tten. Widerspr&#252;che haben in diesem Narrativ kaum Platz.<br />
Im Folgenden werden demgegen&#252;ber die politischen und sozialen Konflikte und Widerspr&#252;che diskutiert, welche die IR seit der iranischen Revolution von 1979 gepr&#228;gt haben und auch Form und Inhalt der aktuellen Proteste ma&#223;geblich beeinflussen.</p>
<p><strong>Die Entwicklungen im Sommer 2009</strong><br />
Die Wahl im Sommer war zwar der Anlass, nicht jedoch der einzige Grund f&#252;r die massiven Proteste im Anschluss. Das Vertrauen in Wahlen ist im Iran nicht besonders gro&#223;, vor allem da KandidatInnen im voraus vom W&#228;chterrat, einem Kontrollorgan der IR, auf ihre „Integrit&#228;t“ bzw. Loyalit&#228;t bewertet und entsprechend selektiert werden. Im Zuge dieses Vorgangs wird der Gro&#223;teil der BewerberInnen ausgeschlossen. Schon dieser Umstand spricht daf&#252;r, dass auch ReformkandidatInnen zu Irans politischer Elite geh&#246;ren m&#252;ssen, um &#252;berhaupt zu den Wahlen zugelassen zu werden.<br />
Nachdem die Wahlbeteiligung in den vergangenen Jahren stetig gesunken war, hatte die Regierung dieses Mal gro&#223;es Interesse an einer regen Beteiligung: sowohl f&#252;r die anstehenden internationalen Verhandlungen um das iranische Atomprogramm als auch im Sinne Ahmadinejads populistischen Images war zumindest der Anschein breiter gesellschaftlicher Zustimmung von gro&#223;er Bedeutung. So wurden die Zensur und politische Repression gelockert und &#246;ffentliche Debatten zugelassen. Erstmals wurden Fernsehduelle zwischen den Kandidaten ausgestrahlt, bei denen insbesondere das Duell zwischen den zwei Spitzenkandidaten Ahmadinejad und Moussawi f&#252;r Aufsehen sorgte. Die hitzig gef&#252;hrte Debatte f&#252;hrte der Bev&#246;lkerung den schwelenden Konflikt innerhalb des Systems vor Augen und verlieh der Wahlentscheidung eine besondere Bedeutung. Nicht intendiert und noch weniger vorausgesehen war jedoch, dass die Menschen den kleinen Freiraum nutzten, um aktiv an den Debatten teilzunehmen und bereits w&#228;hrend des Wahlkampfs ihren Protest gegen die sozialen und politischen Missst&#228;nde zu artikulieren. Hunderttausende wurden im Wahlkampf aktiv und beteiligten sich an den Kampagnen der vier Kandidaten.<a title="anm_2" name="anm_2" href="#anm2"><sup>2</sup></a> Ein sichtbares Zeichen der gesellschaftlichen Dynamik war die starke Beteiligung vieler junger Frauen insbesondere in der Kampagne Moussawis. Die aktive Unterst&#252;tzung seiner Frau Zahra Rahnavard, welche gemeinsam mit Moussawi auftrat und sich vor allem f&#252;r Frauenrechte aussprach, hatte diesbez&#252;glich symbolische Bedeutung. Moussawi pl&#228;dierte ebenfalls f&#252;r eine Ausweitung von Frauenrechten sowie f&#252;r die Abschaffung der ungeliebten Institution der Sittenw&#228;chter.<br />
Ahmadinejad und das konservative F&#252;hrungslager sah sich durch offene Kritik immer weiter in die Enge gedr&#228;ngt, und das in einem Wahlkampf, der eigentlich ein leichtes Spiel h&#228;tte werden sollen. Zwar hatte Ahmadinejad sein Ziel einer hohen Wahlbeteiligung erreicht – 80% der Wahlberechtigten gingen zu den Urnen –, doch ob das Ergebnis tats&#228;chlich zu seinen Gunsten ausfiel, blieb insbesondere f&#252;r die gesellschaftlich aktiv gewordenen Teile der Bev&#246;lkerung unklar.<br />
Im Hinblick auf die Massenproteste, die sich als Reaktion auf das Wahlergebnis entwickelten, ist es freilich falsch, von <em>einer </em>Bewegung oder <em>der </em>Gr&#252;nen Bewegung zu sprechen. Die Proteste waren und sind mehr als alles andere durch ihre Heterogenit&#228;t gekennzeichnet, beteiligten sich doch Menschen unterschiedlichster sozialer und politischer Herkunft: ReformerInnen, die loyal zur IR stehen, Anh&#228;ngerInnen Moussawis und Karroubis, S&#228;kulare, NationalistInnen usw. Verdeutlicht wird die Vielfalt der Bewegung durch ihre diversen Protestmethoden, Slogans und Forderungen. Viele der spontan auf die Stra&#223;en str&#246;menden Menschen verwendeten die Farbe Gr&#252;n als Zeichen ihrer Zugeh&#246;rigkeit zu Moussawi und gruppierten sich um die Losung „Wo ist meine Stimme?“. Andere forderten ein „Nieder mit der Diktatur“, ein in Irans Geschichte grunds&#228;tzlich beliebter und von oppositionellen Bewegungen traditionell h&#228;ufig verwendeter Slogan. Immer lauter wurden Stimmen gegen die „Coup d‘état-Regierung“ sowie die Forderung nach deren R&#252;cktritt. Vielleicht am besten charakterisiert der Spruch „F&#252;rchtet euch nicht, wir sind alle zusammen“ die Stimmung dieser Bewegung, welche sich zunehmend auch direkt gegen die Staatsmacht richtete. Eine weitere Protestform, welche aus dem Erfahrungsschatz der Iranischen Revolution selbst entnommen wurde, waren n&#228;chtliche <em>Allahu Akbar</em>-Rufe („Gott ist Gro&#223;“) von den D&#228;chern.<a title="anm_3" name="anm_3" href="#anm3"><sup>3</sup></a><br />
Entgegen Ahmadinejads Darstellung war die breite Bewegung jedoch relativ unabh&#228;ngig von der Reformerf&#252;hrung entstanden. Sie folgte keinem Plan Moussavis oder Karroubis, nach der Wahl in jedem Fall zu demonstrieren.<a title="anm_4" name="anm_4" href="#anm4"><sup>4</sup></a> Vielmehr ist es eines der zentralen Charakteristika und zugleich eine Schw&#228;che der Bewegung, dass sie &#252;ber keine klaren Organisationsstrukturen verf&#252;gt. Die Mobilisierungen basieren meist auf dezentralen Netzwerken in Nachbarschaften, unter Freundinnen und Freunden, und auf neuen Kommunikationsmitteln wie Internet und Twitter. Die Bedeutung dieser Medien sollte zwar nicht &#252;berbewertet werden, l&#228;sst jedoch auch gewisse R&#252;ckschl&#252;sse auf die soziale Zusammensetzung der Proteste zu. Obwohl diese durch die Pr&#228;senz unterschiedlichster sozialer Schichten und Klassen charakterisiert waren, stellten junge Angeh&#246;rige der Mittelschichten die zentralen AkteurInnen dar.<a title="anm_5" name="anm_5" href="#anm5"><sup>5</sup></a> Nicht umsonst entfalteten die Proteste in den mittelst&#228;ndisch gepr&#228;gten Vierteln, im Norden sowie im Zentrum Teherans eine besondere St&#228;rke.<br />
Anstatt auf Teile der Opposition zuzugehen, versuchte das Regime diese zu &#252;bergehen. So erkannte Revolutionsf&#252;hrer Khamenei nach nur einer Woche die Wahl an und stellte sich so klar auf Ahmadinejads Seite. Daf&#252;r geriet er selbst zunehmend ins Kreuzfeuer der Kritik. Ebenso und de facto zum ersten Mal seit der Revolution wurden auch die politische Repression und die Menschenrechtsverletzungen, mit denen das Regime versuchte, die Proteste gewaltsam niederzuschlagen, von einer breiten Bewegung angesprochen und verurteilt. So ist „Freiheit f&#252;r die politischen Gefangenen“ bei den Protesten mittlerweile ein h&#228;ufig skandierter Spruch und die Bilder ermordeter DemonstrantInnen sind zu Symbolen des Widerstandes und des „M&#228;rtyrertums“ f&#252;r die Freiheit geworden.<a title="anm_6" name="anm_6" href="#anm6"><sup>6</sup></a><br />
Da im Zusammenhang mit den Protesten auch bisher loyale VertreterInnen der IR in Schauprozessen als Verr&#228;terInnen und „ausl&#228;ndische AgentInnen“ diffamiert wurden, regte sich selbst im konservativen Lager Kritik an Ahmadinejad sowie am Umgang mit der oppositionellen Bewegung. Diese Verwerfungen innerhalb des Regimes der IR sind insofern charakteristisch f&#252;r die Ereignisse der letzten Wochen und Monate, als Risse im Herrschaftsgef&#252;ge und im Verh&#228;ltnis des Regimes zur Bev&#246;lkerung eine der wichtigsten Ursachen daf&#252;r sind, dass es &#252;berhaupt zu einer derart breiten und dynamischen Bewegung kommen konnte. So ist die starke Reaktion auf der Stra&#223;e nicht allein mit der relativen politischen &#214;ffnung w&#228;hrend des Wahlkampfes zu erkl&#228;ren, sondern muss vor dem Hintergrund einer grunds&#228;tzlichen Frustration breiter Bev&#246;lkerungsschichten &#252;ber die Politik der vergangen Jahre und eines sich immer autorit&#228;rer geb&#228;rdenden Regimes gesehen werden. In diesem Sinne repr&#228;sentieren die Proteste der letzten Monate den Widerspruch zwischen dem herrschenden System der IR und dem gesellschaftlichen Bed&#252;rfnis nach Demokratisierung, politischer Liberalisierung sowie einer L&#246;sung der &#246;konomischen und sozialen Probleme des Landes. Zugleich deuten die Entwicklungen auch auf einen tiefen und st&#228;rker werdenden Riss innerhalb des Gef&#252;ges der IR sowie zwischen den einzelnen Fraktionen an der Macht hin. Diese Konflikte und Widerspr&#252;che sind indes keineswegs neu, sondern bereits seit der iranischen Revolution vorhanden und tief in die Struktur des Staates eingeschrieben.</p>
<p><strong>Zwei grundlegende Widerspr&#252;che</strong><br />
Die iranische Revolution von 1979 war eine der gr&#246;&#223;ten Massenaufst&#228;nde des 20. Jahrhunderts und entsprechend breit war das Spektrum der involvierten sozialen Akteure, Klassen und politischen Positionen. Obwohl linke und nationalistische Gruppen vom – keineswegs einheitlichen – islamischen Lager fr&#252;h ausgeschaltet wurden, pr&#228;gten diese Gruppen, ihre Visionen und Diskurse den Charakter der IR nichtsdestotrotz entscheidend mit. Im Ergebnis lassen sich mindestens zwei grundlegende Widerspr&#252;che ausmachen, die f&#252;r die IR seit ihrer Entstehung charakteristisch sind: Erstens das Verh&#228;ltnis zwischen Autoritarismus und Republikanismus bzw. zwischen republikanisch-demokratischen und autorit&#228;r-theokratischen Strukturen. Zweitens das widerspr&#252;chliche wirtschaftliche und soziale Erbe der Iranischen Revolution, d. h. das Verh&#228;ltnis zwischen sozialen Versprechungen einerseits und kapitalistischen Verwertungsinteressen andererseits.</p>
<p><strong>Autoritarismus und Republikanismus</strong><br />
Die IR wird in den Medien und vielen Analysen als „Gottesstaat“ bezeichnet. Meist wird damit auf die autorit&#228;re und theokratische Struktur verwiesen, und tats&#228;chlich sind diese Elemente in der Verfassung, den institutionellen Strukturen sowie den konkreten Politiken des Staates zur Gen&#252;ge vorhanden. Doch abgesehen davon, dass der Begriff „Gottesstaat“ kaum analytische Sch&#228;rfe bietet und prim&#228;r polemischer Natur ist, beschreibt er den Charakter der IR nur unzureichend. Die Rede vom „Gottesstaat“ ignoriert vor allem die post-revolution&#228;ren Dynamiken nach 1979 sowie die Widerspr&#252;chlichkeiten, die insbesondere die politisch-institutionelle Struktur der IR pr&#228;gen. Historisch kann vereinfachend zwischen st&#228;rker auf das Leitbild eines republikanischen Staates fokussierten Kr&#228;ften und solchen unterschieden werden, welche sich am urspr&#252;nglichen Konzept Khomeinis orientierten und einen theokratischen Islamischen Staat mit einem Revolutionsf&#252;hrer (oder klerikalen F&#252;hrungsgremium) an der Spitze favorisierten. Im Endeffekt bildete sich eine Hybridform beider Aspekte heraus, welcher g&#228;ngige Kategorisierungen von traditionell-modern oder demokratisch-despotisch nicht gerecht werden. Exemplarisch hierf&#252;r ist die 1979 entstandene Verfassung des Irans, welche, wie schon der Name „Islamische Republik“ nahelegt, zugleich republikanisch-demokratische und autorit&#228;rtheokratische Elemente beinhaltet.<a title="anm_8" name="anm_8" href="#anm8"><sup>8</sup></a><br />
Die autorit&#228;ren Elemente werden durch die Position des Revolutionsf&#252;hrers<a title="anm_9" name="anm_9" href="#anm9"><sup>9</sup></a>, der h&#246;chsten Instanz der IR mit umfassenden Befugnissen wie der Oberhoheit &#252;ber das Milit&#228;r, sowie den W&#228;chterrat repr&#228;sentiert, welcher &#252;ber die Vereinbarkeit von Gesetzen mit dem Islam bestimmt. Gleichzeitig legt die Verfassung auch demokratische Rechte und Strukturen fest. Dazu z&#228;hlt ein alle vier Jahre gew&#228;hltes Parlament sowie das Pr&#228;sidentschaftsamt, die nach dem Revolutionsf&#252;hrer zweith&#246;chste offizielle Autorit&#228;t im Staat. Neben demokratischen Strukturen auf kommunaler und regionaler Ebene beinhaltet die Verfassung dar&#252;ber hinaus Menschen- und Grundrechte. Diese Institutionen und demokratischen Rechte m&#252;ssen aus dem Kontext der Revolution verstanden werden<a title="anm_10" name="anm_10" href="#anm10"><sup>10</sup></a>. Neben dem Islam als Leitbanner waren schlie&#223;lich auch die Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit starke Motive der Massenbewegung gewesen. Und, wahrscheinlich am wichtigsten, die Revolution war auf der Grundlage massenhafter Partizipation, aktiver Auseinandersetzungen und der Bildung von kommunalen und betrieblichen Strukturen von unten zu Stande gekommen. Dieser Geist musste auf die eine oder andere Weise seinen Effekt auf den neuen Staat und dessen Strukturen haben. Trotz der formalen Garantie all dieser Rechte durch die Verfassung durften diese nicht mit „dem Islam“ in Konflikt geraten. Zu definieren, was „der Islam“ war, oblag jedoch mehr und mehr Revolutionsf&#252;hrer und W&#228;chterrat. Zwar wurden so die autorit&#228;ren zum Nachteil der republikanischen Elemente nach und nach gest&#228;rkt, ganz verschwunden sind letztere jedoch nie. Vor allem seit dem Aufkommen der Reformbewegung bilden sie einen wichtigen Bezugspunkt f&#252;r Forderungen nach mehr Demokratisierung und politischem Pluralismus. Der Aufruf einer R&#252;ckkehr zu den urspr&#252;nglichen Idealen der Revolution, wie es Moussawi mehrfach formuliert hatte, kann auch in diesem Zusammenhang verstanden werden<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a>.</p>
<p><strong>Wirtschaftliche und soziale Widerspr&#252;che</strong><br />
Neben diesen im engeren Sinne politischen Ambiguit&#228;ten hinterlie&#223; die Iranische Revolution auch auf sozial- und wirtschaftspolitischer Ebene ein widerspr&#252;chliches Erbe. Teil dieses Erbes ist zum einen der auf Verwandtschaftsverh&#228;ltnissen und Gesch&#228;ftsverbindungen fu&#223;ende Bazaar-Klerus-Komplex. Die <em>bazaaris</em> (H&#228;ndler und Kaufleute) k&#246;nnen als traditionelle kapitalistische Klasse des Irans bezeichnet werden. In der Revolution und danach galt ihr Interesse dem Schutz von Privateigentum und freiem Markt. Im Verbund mit dem konservativen Klerus waren sie die gr&#246;&#223;ten Profiteure der neuen Herrschaftsverh&#228;ltnissen nach der Revolution.<br />
Die Revolution war jedoch zugleich Ausdruck der Hoffnung der sozial niederen Klassen und der radikalisierten StudentInnen auf tiefgreifende soziale Transformationen. So wurden in der Revolution sozialistische Ideen auf verschiedenste Weise aufgegriffen und selbst gro&#223;e Teile der IslamistInnen waren stark durch solche Ideen beeinflusst.<a title="anm_11" name="anm_11" href="#anm11"><sup>11</sup></a> Auch die Rhetorik Khomeinis griff auf radikal-egalit&#228;re Interpretationen des Islam zur&#252;ck und mobilisierte die „Unterdr&#252;ckten“ (<em>mostazafin</em>; st&#228;dtische Arme) f&#252;r die Vision einer (fast) klassenlosen islamischen Gemeinschaft – nicht zuletzt auch, um die Gefahr abzuwehren, welche durch die sozialistische Linke f&#252;r seine eigene Vision entstanden war. Einige der popul&#228;ren Slogans der Revolution verdeutlichen diese sozialrevolution&#228;re Um-Interpretation des Islam: „Islam geh&#246;rt den Unterdr&#252;ckten, nicht den Unterdr&#252;ckern!“, „Islam ist f&#252;r Gleichheit und soziale Gerechtigkeit!“ oder auch „Islam repr&#228;sentiert die Slumbewohner, nicht die Palastbewohner!“. Diese Sto&#223;richtung findet sich auch in der Verfassung der IR wieder. So garantiert diese formal Pensionen f&#252;r ihre B&#252;rgerInnen, Arbeitslosunterst&#252;tzung, Invalidengeld, medizinische Versorgung und freie schulische Bildung. Dar&#252;berhinaus wurden sogar Hausbesitz, die Eliminierung von Armut und Arbeitslosigkeit sowie die Abschaffung privater Wirtschaftsmonopole versprochen und das Ziel industrieller und landwirtschaftlicher Autarkie ausgerufen. Die nationale Wirtschaft wurde in einen &#246;ffentlichen und einen privaten Sektor geteilt, wobei vor allem die zentralen Schl&#252;sselindustrien fest in staatlicher Hand blieben. Neben dem staatlichen und privaten Sektor entwickelte sich auch ein halb-staatlicher Wirtschaftssektor, der vor allem durch die religi&#246;sen Stiftungen (<em>bonyads</em>) gepr&#228;gt war. Diese sollten urspr&#252;nglich karitativen Zwecken dienen. Heute kontrollieren sie als halb-staatliche Megakonzerne gro&#223;e Teile der Wirtschaft und werden oft als m&#228;chtiger Staat im Staat bzw. als Spielwiese einiger weniger mit dem Staat eng verwobener klerikaler-Million&#228;re bezeichnet.<br />
Wenngleich in der Iranischen Revolution also eine gewisse Umverteilung propagiert und zumindest in der ersten Phase auch umgesetzt wurde, ist es wichtig zu betonen, dass dies nicht auf eine Abschaffung von Klassenverh&#228;ltnissen oder gar kapitalistischer Produktionsverh&#228;ltnisse abzielte. So wurde das Privateigentum in der Verfassung explizit gesch&#252;tzt.<a title="anm_12" name="anm_12" href="#anm12"><sup>12</sup></a> Die sozialen Strukturen sollten im Gro&#223;en und Ganzen erhalten bleiben. Die Vehemenz, mit der ArbeiterInnenr&#228;te, Hausbesetzungen und „anarchische Zust&#228;nde“ in der Produktion von der eben entstandenen IR bek&#228;mpft wurden, zeugt davon, wie wenig die neue politische Elite an einem tats&#228;chlichen sozialen Wandel interessiert war.<br />
Um trotzdem die Unterst&#252;tzung insbesondere der st&#228;dtischen Armen, als dem wichtigsten Adressaten der Versprechen von Freiheit und sozialer Gerechtigkeit, zu bewahren, erhielten vielen von diesen wichtige Funktionen in der IR: gemeinsam mit ihren l&#228;ndlichen „Cousins“<a title="anm_13" name="anm_13" href="#anm13"><sup>13</sup></a> stellten sie einen gro&#223;en Teil der in den <em>sepah-e pasdaran</em> (Revolutionsgarden) und dem weitl&#228;ufigen Netzwerk der <em>basidji</em>-Milizen organisierten neuen Sicherheitsapparate. Diese gingen als Fu&#223;soldatInnen der islamischen Revolution gegen die interne Opposition (MonarchistInnen, KommunistInnen, NationalistInnen) vor und bildeten w&#228;hrend des Krieges mit dem Irak den ideologisch hoch motivierten Kern der „Revolutionsarmee“. Durch diese Institutionen wurden soziale Hilfsleistungen und Verg&#252;nstigungen, wie z. B. ein privilegierter Zugang zu Universit&#228;ten, vermittelt. Aufgrund der so etablierten klientelistischen Verbindungen entwickelten die <em>pasdaran </em>und <em>basidji </em>ein vitales Interesse am Erhalt der politischen Herrschaft der IR. Dass sie zu einer wichtigen St&#252;tze des neuen Systems wurden und beinahe ein Gewaltmonopol besa&#223;en, &#252;bersetzte sich in ein gewisses Gewicht der Klasse der st&#228;dtischen Armen im Staatsapparat. Dies musste notwendigerweise zu einer strukturellen Spannung mit den Kapitalfraktionen der IR, vor allem den Bazaaris, f&#252;hren, sahen diese doch in den sozialen Zugest&#228;ndnissen eher ein &#220;bergangsprogramm w&#228;hrend der Revolution denn eine langfristige Strategie.<a title="anm_14" name="anm_14" href="#anm14"><sup>14</sup></a></p>
<p><strong>Nach dem Tod Khomeinis</strong><br />
Diese Widerspr&#252;che konnten unter der Herrschaft Ayatollah Khomeinis zu gro&#223;en Teilen &#252;berdeckt werden. So war die Periode von 1979 bis 1988 (dem Ende des Iran-Irak Krieges) von der Dominanz der radikal-islamischen Kr&#228;fte der Revolution und einer Schw&#228;chung marktwirtschaftlicher Elemente gepr&#228;gt. Der Staat agierte als zentraler Wirtschaftsakteur und etablierte ein relativ autarkes System, das insbesondere durch die vom Krieg auferlegten Zw&#228;nge und internationale Sanktionen erkl&#228;rt werden kann. Zugleich war dieser relativ stabile Entwicklungsweg aber auch das Resultat der Mobilisierung der radikalisierten modernen Mittelklasse, der ArbeiterInnen und <em>mostazafin</em>, die f&#252;r ihr Engagement in Revolution und Krieg gewisse Zugest&#228;ndnisse im sozialen Bereich erhielten.<a title="anm_15" name="anm_15" href="#anm15"><sup>15</sup></a><br />
Der Tod Khomeinis, die &#220;bernahme der Position des Revolutionsf&#252;hrers durch Khamenei sowie das Ende des Krieges mit dem Irak machten Ende der 1980er Jahre Ver&#228;nderungen in der Ausrichtung der IR und ihrer Strukturen notwendig. In diesen Prozessen kamen massive Fl&#252;gelk&#228;mpfe im herrschenden Lager zum Ausdruck. Khamenei besa&#223; weder das Charisma Khomeinis, noch dessen F&#252;hrungs- und Vermittlungsf&#228;higkeit. Auch verf&#252;gte er nicht &#252;ber die eigentlich n&#246;tigen religi&#246;sen Referenzen f&#252;r diese Position.<a title="anm_16" name="anm_16" href="#anm16"><sup>16</sup></a> Anders als Khomeini wurde er nicht als &#252;berfraktionell wahrgenommen, sondern dem Konservativen Lager zugerechnet.<br />
Die Ernennung Khameneis sowie die Pr&#228;sidentschaft Ali Akbar Haschemi Rafsanjanis brachte nicht nur konstitutionelle Modifikationen mit sich, sondern steht vor allem f&#252;r die &#220;berhandnahme der wirtschaftsliberal und kapitalistisch ausgerichteten Fraktion in der IR. Die Folge war eine viel st&#228;rker marktorientierte Ausrichtung der Wirtschaftspolitik. Ansari merkt diesbez&#252;glich an: „In der Abwesenheit von Khomeinis Charisma musste eine neue Regelung gefunden werden, welche die unterschiedlichen Gruppen in ein enges Netzwerk kommerzieller Eigeninteressen zusammenband. Die Konsequenz war eine Allianz der Interessen der merkantilen Bourgeoisie, konzentriert aber nicht reduziert auf den Bazaar, und der Pr&#228;sidentschaft Rafsanjanis, der mit dem Aufbau einer stark am eigenen Image orientierten loyalen B&#252;rokratie fort fuhr. Rafsanjani w&#252;rde mit den Interessen der Handels- und Kaufmannsklasse im Kopf regieren ,was sich mit seinem eigenen kommerziellen Hintergrund deckte, w&#228;hrend der Bazaar half, seine Pr&#228;sidentschaft zu finanzieren.“<a title="anm_17" name="anm_17" href="#anm17"><sup>17</sup></a><br />
In diesem Prozess wurden jene Fraktionen der IR, welche die <em>mostazafin </em>repr&#228;sentierten, politisch marginalisiert. Aber auch Teile der Staatsstruktur gewordenen milit&#228;rischen Gruppen und Milizen der <em>pasdaran </em>und <em>basidji </em>wurden relativ an den Rand gedr&#228;ngt. Schlie&#223;lich war der Krieg vorbei und man wollte zu wirtschaftlicher Prosperit&#228;t zur&#252;ckkehren und einen Ausweg aus der Wirtschaftskrise des Landes finden. Ein militarisierter Staat und eine allein an radikalen ideologischen Agenden orientierte Politik war f&#252;r dieses Projekt eher ung&#252;nstig.<br />
Auch wenn die IR ihre Herrschaft in den 1990er Jahren festigen konnte und die Kapital-orientierten und konservativen Fraktionen zun&#228;chst die Oberhand behielten, war dies keineswegs ein stabiler Zustand. Vielmehr hatten die Ende der 1980er Jahre einsetzenden strukturellen Verschiebungen in der IR die z. T. bereits zuvor bestehende Fraktionierung innerhalb des politischen Spektrums weiter an Bedeutung zugenommen und die Wahrscheinlichkeit von Rissen innerhalb des Herrschaftsverbandes erh&#246;ht. Verk&#252;rzt und etwas zugespitzt k&#246;nnen die seit den sp&#228;ten 1980ern formierten Fraktionen wie folgt dargestellt werden.</p>
<p><strong>Politische Fraktionen in den 1990ern</strong><br />
Im rechten Spektrum bildeten sich zwei wichtige Fl&#252;gel, aus denen sich die wirtschaftliche und politische Machtelite zusammensetzt. Einerseits das Lager um Rafsanjani, das f&#252;r eine moderatere gesellschaftspolitische Position und eine industriell-kapitalistische Wirtschaftsausrichtung stand. Diese Gruppe wird oft als „Moderne Rechte“ bezeichnet. Rafsanjani und seine Gruppe repr&#228;sentieren vor allem die reich gewordene Schicht der mit dem Staat verbundenen „Mullah Million&#228;re“, die den Iran heute wirtschaftlich dominiert. Wie kein anderer verk&#246;rpert Rafsanjani, dessen eigenes Verm&#246;gen betr&#228;chtlich ist, die in den letzten 30 Jahren zustande gekommene Fusion von Bazaar und Klerikern, deren religi&#246;sen Stiftungen (<em>bonyads</em>) von der Privatisierungspolitik der 1990er am meisten profitieren konnten.<a title="anm_18" name="anm_18" href="#anm18"><sup>18</sup></a> In den verarmten und von Inflation, Arbeitslosigkeit und niedrigen L&#246;hnen geplagten Teilen der Bev&#246;lkerung ist diese Fraktion der iranischen Herrschenden wegen ihres Reichtums, ihrer Vetternwirtschaft sowie der von ihr propagierten Politik der &#246;konomischen Liberalisierung und Privatisierung besonders verhasst.<br />
Eine zweite Fraktion kann als traditionelle Rechte bezeichnet werden. Diese Gruppe, die in engen Verbindungen zum Revolutionsf&#252;hrer Khamenei steht, zeichnet sich durch eine gesellschaftspolitisch konservativere Politik aus, unterst&#252;tzt aber ebenfalls eine Bazaar-orientierte, freie Marktwirtschaft.</p>
<p>Die Linken Islamisten der 1980er Jahre sind als solche nicht mehr existent bzw. haben sie ihre Ausrichtung ver&#228;ndert. Gro&#223;e Teile von ihnen geh&#246;ren heute dem Reformlager an. Folglich spielten sie vor allem in der Regierung des Reformers Khatami (1997-2005) eine wichtige Rolle. Sie sind im gesellschaftspolitischen Bereich die fortschrittlichste Gruppe. So zeichnet sie sich durch die Forderung nach einer politischen &#214;ffnung, Pressefreiheit, einer Beschr&#228;nkung der autorit&#228;ren Elemente der IR und einem Ende der harschen Moralgesetzgebung aus. Im wirtschafts- und sozialpolitischen Bereich haben sie jedoch ein schwaches Profil und tendieren diesbez&#252;glich teilweise zur liberalen Position der Modernen Rechten. Haupts&#228;chlich werden sie unterst&#252;tzt von Angeh&#246;rigen der modernen Mittelklasse, Studierenden und Frauen. Weil auch die ArbeiterInnen ein elementares Interesse an mehr demokratischen Rechten haben, finden sich auch unter diesen noch immer Anh&#228;ngerInnen der Reformer. Allerdings verhinderte deren wirtschaftspolitische Ausrichtung, ihre Privatisierungs- und Liberalisierungspolitik, eine aktive Unterst&#252;tzung durch breite Teile der ArbeiterInnenklasse und der <em>mostazafin</em>.</p>
<p><strong>Die Pr&#228;sidentschaft Ahmadinejads</strong><br />
Eine neu entstandene Fraktion kann als Neo-Islamisten bezeichnet werden und wird durch Ahmadinejad repr&#228;sentiert. Diese dominierten in den letzten vier Jahren die politische Szenerie. Der Machtantritt Ahmadinejads 2005 repr&#228;sentiert den (Wieder-)Aufstieg eines seit den 1990er Jahren marginalisierten Fl&#252;gels der IR, n&#228;mlich dem der Pasdaran und Basijis. In ihrer eigenen Wahrnehmung hatten diese im Kampf gegen die interne Opposition und im Krieg mit dem Irak ihr Blut f&#252;r „Islam“, „Vaterland“ und „Revolution“ vergossen, blieben danach aber vom Zugang zu den Machtpositionen im Staat ausgeschlossen. Mehr noch: sie mussten mit ansehen, wie hohe Kleriker ihr Verm&#246;gen vermehren, sich an den Schalthebeln der Macht festsetzten konnten, und die puritan-islamische Vorstellung von Moral der fr&#252;hen Jahre nicht gen&#252;gend beachtet wurde und so die Ideale der Revolution verraten wurden. Durch die Wahl Ahmadinejads konnten sie demgegen&#252;ber endlich „einen der ihren“ an die Macht bringen. Dieser revanchierte sich, indem er seine alten Kampfgenossen aus den Pasdaran in zentrale Machtpositionen hievte und diese auch wirtschaftlich bedachte. So wurden z.B. staatliche Auftr&#228;ge im Infrastrukturbereich vermehrt an die Pasdaran oder ihnen nahestehenden Personen vergeben und neue Ressourcen f&#252;r Streitkr&#228;fte bereitgestellt. Ahmadinejads Strategie zur Macht&#252;bernahme und deren Konsolidierung setzte da an, wo die Reformer gescheitert waren: Er pr&#228;sentierte sich als Vertreter der „kleinen Leute“, der <em>mostazafin</em>, und trat mit dem Versprechen an, „das &#214;lgeld zur&#252;ck auf die Tische der Armen“ zu bringen. Damit kn&#252;pfte er an die populistischen und sozial-egalit&#228;ren Diskurse der Iranischen Revolution an, w&#228;hrend er gleichzeitig eine gesellschaftspolitisch konservative Position einnahm. Das von ihm heraufbeschworene Feindbild war die von der Bev&#246;lkerung verhasste Elite, die „Tausend reichsten Familien“ <a title="anm_19" name="anm_19" href="#anm19"><sup>19</sup></a>.<br />
Realiter &#228;nderte Ahmadinejad nur wenig an der wirtschaftlichen und sozialen Krise des Landes. So hatten Programme wie das gro&#223; angek&#252;ndigte „Justice Shares“<a title="anm_20" name="anm_20" href="#anm20"><sup>20</sup></a> aufgrund der galoppierenden Inflation wenn &#252;berhaupt nur negative Effekte auf die Lebensverh&#228;ltnisse der meisten IranerInnen. Es ist relativ offensichtlich, dass die Regierung versuchte, &#252;ber politisch gepr&#228;gte Distributionsinstitutionen klientelistische Verbindungen zu bedienen und so einen stabilen Wahlblock f&#252;r sich zu schaffen. Dass Ahmadinejad entgegen seinen Beteuerungen nicht wirklich auf Seiten der mostazafin stand, dr&#252;ckte sich auch in den Repressionsma&#223;nahmen gegen&#252;ber ArbeiteraktivistInnen, z.B. streikenden BusfahrerInnen, w&#228;hrend seiner Pr&#228;sidentschaft aus.</p>
<p><strong>Iran von au&#223;en</strong><br />
Diese innenpolitischen Widerspr&#252;chlichkeiten werden in den internationalen Debatten indes kaum wahrgenommen. Hier ist Ahmadinejads Konfrontationskurs in der Frage der Atomwaffen sowie sein offener Antisemitismus das alles bestimmende Thema. Kaum einmal werden seine au&#223;enpolitischen Man&#246;ver im Kontext politischer Krisen und Auseinandersetzungen im Iran selbst diskutiert. Dabei ist die Strategie, innenpolitische Konflikte durch das Sch&#252;ren au&#223;enpolitischer Krisen zu neutralisieren, kein neues oder spezifisch iranisches Ph&#228;nomen. Bereits die ber&#252;hmte US-Botschaftsbesetzung 1979 in Teheran fand vor dem Hintergrund sich zuspitzender innenpolitischer Konflikte zwischen den unterschiedlichen revolution&#228;ren Gruppen statt. Die Kanalisierung der Debatten in Richtung „Antiimperialismus“ gegen den „gro&#223;en Satan USA“ erm&#246;glichte es Khomeini, die neue Verfassung des Irans rasch in einem Referendum verabschieden zu lassen. &#196;hnliches versuchte Ahamdinejad in den letzten vier Jahren. Seine j&#252;ngsten den Holocaust leugnenden Bemerkungen machte er nicht zuf&#228;llig am 18. September, als Tausende DemonstrantInnen den offiziellen staatlichen Feiertag am Al-Quds-Tag nutzten, um wieder gegen die Regierung auf die Stra&#223;e zu gehen. So versucht Ahamdinejad immer wieder, von der innenpolitischen Krise abzulenken. Und das mit Erfolg: die internationalen Medien konzentrierten sich erneut fast ausschlie&#223;lich auf seine &#196;u&#223;erungen und die gleichzeitig stattfindenden Proteste r&#252;ckten aus dem Blickfeld. Umgekehrt &#252;bt auch die Haltung der Weltm&#228;chte gegen&#252;ber dem Iran einen nicht zu untersch&#228;tzenden Einfluss auf die innenpolitische Entwicklung aus. So ist es kein Zufall, dass die iranische Opposition und Reformbewegung in der Bush-&#196;ra ein marginales und schwaches Dasein fristete. In der aufgeheizten Stimmung eines nahenden Krieges konnte Ahmadinejad zumindest auf die passive Solidarit&#228;t der IranerInnen gegen ausl&#228;ndische Interventionen vertrauen. Oppositionelle Stimmen wurden schnell als Agenten des Westens und des Imperialismus zum Schweigen gebracht. Auch wenn ein solches Vorgehen nach wie vor angewandt wird, st&#246;&#223;t es in der Bev&#246;lkerung nun – in einem durch die Neuausrichtung der US-Administration ver&#228;nderten (geo-)politischen Klima – auf weniger Zustimmung.</p>
<p><strong>Conclusio</strong><br />
Insgesamt ist die Protestbewegung vor dem Hintergrund jener Widerspr&#252;che zu betrachten, welche die Geschichte des Iran in den letzten 30 Jahre pr&#228;gen: diese verlaufen nicht nur zwischen revolution&#228;ren Idealen und kapitalistischer Entwicklung, sondern vor allem zwischen verschiedenen Interessensgruppen und Machtzirkeln innerhalb der IR. Im Zuge der daraus entstehenden gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und K&#228;mpfe werden immer wieder Fraktionen marginalisiert und von den bereits in sich ambivalent strukturierten Machtzentren ausgeschlossen bzw. in ihrem Zugang zu Ressourcen benachteiligt. Diese Entwicklung fand mit dem „Wahlputsch“, der damit signalisierten Exklusion der Reformer aus dem relativen politischen Eliten-Pluralismus der IR, und den daran anschlie&#223;enden Entwicklungen ihren vorl&#228;ufigen H&#246;hepunkt. Dies signalisiert das Ende der IR wie wir sie bisher kannten, denn zu diesem Zeitpunkt scheint eine Ann&#228;herung der unvers&#246;hnlichen Fraktionen kaum mehr m&#246;glich.<br />
Die Betroffenen dieser Machtk&#228;mpfe sind dabei nicht selten die von diesen Fraktionen angeblich repr&#228;sentierten Bev&#246;lkerungsschichten. Diese fordern dann entweder in – mehr oder minder – demokratischen parlamentarischen Wahlen ihr St&#252;ck vom Kuchen oder versuchen sich &#252;ber Proteste auf der Stra&#223;e Geh&#246;r zu verschaffen. Das Besondere an der aktuellen Bewegung ist die massenhafte Aktivierung und Partizipation breiter Teile der Bev&#246;lkerung, die aufs Neue das Schicksal der IR nicht den scheinbar unantastbaren Eliten &#252;berlassen wollen – Anleihen an die Ereignisse von 1979 scheinen in dieser Hinsicht durchaus gerechtfertigt. Gleichzeitig werden in dieser „gr&#252;nen“ Bewegung, trotz ihrer Heterogenit&#228;t, die Kontinuit&#228;ten der Reformbewegung der 1990er Jahre augenscheinlich: dass die Vehemenz der sozialen Forderungen weit hinter den gesellschaftspolitischen zur&#252;ckbleibt, ist hier wie dort charakteristisch. Diese politische Schwachstelle verhindert bisher, dass ArbeiterInnen und <em>mostazafin </em>ihren eigenen Interessen <em>innerhalb </em>einer breiten Bewegung f&#252;r Demokratie und Freiheit organisiert Ausdruck verleihen k&#246;nnen. Dass die bisher von der Reformbewegung getrennt verlaufenden, militanten Arbeitsk&#228;mpfe und Ans&#228;tze zur Organisierung unabh&#228;ngiger Arbeitskooperationen der letzten Jahre Eingang in die Bewegung finden, wird wohl ma&#223;geblich &#252;ber Erfolg sowohl der Arbeitsk&#228;mpfe als auch der Oppositionsbewegung selbst entscheiden.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong><br />
<a title="anm1" name="anm1" href="#anm_1">1</a> Ob ein Wahlbetrug stattgefunden hat oder nicht, ist nicht Gegenstand dieses Artikels. Zweifelsohne sprechen jedoch viele Anzeichen daf&#252;r. F&#252;r eine Analyse der Wahl siehe: Ali Ansari, Daniel Berman, Thomas Rintoul. Preliminary Analysis of the Voting Figures in Iran‘s 2009 Presidential Election. Ver&#246;ffentlicht durch Chatham House und Institute for Iranian Studies, University of St. Andrews, 21 Juni 2009. http://www.chathamhouse.org.uk/publications/papers/view/-/id/755/<br />
<a title="anm2" name="anm2" href="#anm_2">2</a> Die Kandidaten waren: einerseits Mohsen Rezai, ehemaliger General der Revolutionsgarden und Mitglied des Schlichtungsrates und Mahmud Ahmadinejad, amtierender Pr&#228;sident des Irans, die dem konservativen Lager zugerechnet wurden, andererseits Mehdi Karroubi, langj&#228;hriger Pr&#228;sident des Parlaments, sowie Mir Hossein Moussawi, die als Kandidaten der Reformer galten. Hunderte andere Kandidaten wurden vom W&#228;chterrat von der Wahl ausgeschlossen.<br />
<a title="anm3" name="anm3" href="#anm_3">3</a> Die Liste kreativer Aktions- und Protestformen k&#246;nnte hier lange weiter gef&#252;hrt werden. Interessant waren zum Beispiel auch die Proteste am 18. September in ganz Iran, als wieder Zehntausende auf die Stra&#223;en gingen um zu demonstrieren. Der Al-Quds Tag („Jerusalem Tag“), welcher ein nationaler Feiertag ist und immer am letzten Freitag von Ramadan stattfindet, war von Ayatollah Khomeini ausgerufen worden um die Solidarit&#228;t mit den Pal&#228;stinensern zu demonstrieren. Dieser Tag ist normalerweise eine Gelegenheit f&#252;r das Regime, um seine St&#228;rke zu demonstrieren und staatliche Demonstrationen zu organisieren. An diesem Tag jedoch unterwanderte die Opposition die staatlichen Demonstrationen und nutzte die M&#246;glichkeit, um gegen Ahmadinejad zu protestieren. Ein Spruch, der zum Beispiel versuchte, staatliche Dogmen zu dekonstruieren war „Ob in Gaza oder Iran, stoppt das t&#246;ten der Menschen!“. Siehe: http://www.youtube.com/watch?v=sqyq9p9wDkM&#038;feature=player_embedded.<br />
<a title="anm4" name="anm4" href="#anm_4">4</a> Wobei schon viele mit dem Wahlbetrug gerechnet hatten und sich wahrscheinlich vorbereiteten auf die Stra&#223;en zu gehen.<br />
<a title="anm5" name="anm5" href="#anm_5">5</a> Wobei an dem Begriff selbst auch einiges auszusetzen ist, vor allem wenn man beachtet, dass ein gro&#223;er Teil der Uniabsolventen kaum Berufsperspektiven erwarten k&#246;nnen und oft in der Arbeitslosigkeit oder im Billiglohnsektor landen. Der Umstand der Arbeitslosigkeit ist ein wesentlicher Faktor f&#252;r die Unzufriedenheit unter Jugendlichen und Studierenden.<br />
<a title="anm6" name="anm6" href="#anm_6">6</a> Die ermordeten Jugendlichen Neda Agha-Soltan und Sohrab Arabi gelten hier als Symbole, deren Bilder als zentrale Motive auf keiner Demonstration fehlen.<br />
<a title="anm7" name="anm7" href="#anm_7">7</a> Siehe zu einer interessanten Auseinandersetzung mit der Verfassung der Islamischen Republik sowie Khomeinis Konzept der „Herrschaft der Rechtsgelehrten“ (<em>velayat-e faqih</em>) in: Vanessa Martin. Creating an Islamic State: Khomeini and the Making of a New Iran. London: I. B. Tauris, 2007.<br />
<a title="anm8" name="anm8" href="#anm_8">8</a> Von 1979 bis zu seinem Tod 1989 behielt Ayatollah Khomeini diesen Posten selbst. Nach seinem Tod &#252;bernahm Ayatollah Khamenei dessen Position.<br />
<a title="anm9" name="anm9" href="#anm_9">9</a> Republikanismus und der Bezug auf Demokratie ist jedoch keineswegs erst ein Produkt der Revolution gewesen. Diese haben in der politischen Debatte eine lange Tradition welche mindestens auf die Verfassungsrevolution von 1906-1911 zur&#252;ckreicht. Diese „erste“ Revolution im Iran war und ist noch immer wichtiger Bezugspunkt f&#252;r demokratische Bewegungen.Siehe: Janet Afary. The Iranian Constitutional Revolution 1906-1911: Grassroots Democracy, Social Democracy,  and the Origins of Feminism. New York: Columbia University Press, 1996.<br />
<a title="anm10" name="anm10" href="#anm_10">10</a> Siehe dazu &#252;bersetzte Statements von Moussawi auf www.khordaad88.com.<br />
<a title="anm11" name="anm11" href="#anm_11">11</a> Einen wichtigen Beitrag leistete hierbei Ali Shari‘ati, ein von Frantz Fanons und anderen Theoretikern der so genannten „Dritten Welt“ beeinflusster iranischer Intellektueller, welcher eine radikale Interpretation des schiitischen Islam als Waffe gegen Imperialismus und Unterdr&#252;ckung zu verwenden versuchte. Seine Theorie eines „revolution&#228;ren Islam“ beeinflusste weite Kreise von vor allem Studierenden und Sch&#252;lern, welche in den 70er Jahren islamisch-revolution&#228;re Gruppen aufbauten. Viele Mitglieder der IR waren stark von ihm inspiriert und selbst Ayatollah Khomeini bediente sich Aspekte seiner Theorie (abgesehen von seiner Ablehnung des schiitischen Klerus als Institution). Siehe: Mansoor Moaddel. Class, Politics, and Ideology in the Iranian Revolution. New York: Columbia University Press (1992), 151f; Sami Zubaida. Islam, the People and the State: Political Ideas and Movements in the Middle East. London: I.B. Tauris (1993), 20-32.<br />
<a title="anm12" name="anm12" href="#anm_12">12</a> Ervand Abrahamian. A History of Modern Iran. Cambridge: Cambridge University Press (2008), 167.<br />
<a title="anm13" name="anm13" href="#anm_13">13</a> Ein gro&#223;er Teil der st&#228;dtischen Armen war erst seit kurzem vom Land in die St&#228;dte gezogen und hatten noch enge Verbindungen dorthin. Dieser Umstand pr&#228;gte unter anderem auch die sozio-kulturelle Zusammensetzung dieser Gruppe.<br />
<a title="anm14" name="anm14" href="#anm_14">14</a> Andreas Malm und Shora Esmailian. Iran on the Brink: Rising Workers &#038; Threats of War. London: Pluto Press (2007), 35.<br />
<a title="anm15" name="anm15" href="#anm_15">15</a> Peyman Jafari. After Spring comes Winter: The political economy of liberalisation and de-liberalisation in Iran, 49.<br />
<a title="anm16" name="anm16" href="#anm_16">16</a> Khamenei war vom religi&#246;sen Rang her nur Hojatoleslam und nicht wie eigentlich vorgesehen Ayatollah. Um ihm zumindest den Schein der religi&#246;sen Legitimit&#228;t zu verleihen wurde er mit Unterst&#252;tzung Rafsanjanis und anderer konservativer Kleriker zum Ayatollah „ernannt“. Dieser Vorgang war unter anderen schiitischen Geistlichen, vor allem den Gro&#223;ayatollahs sehr umstritten und ist auch heute noch Ursache daf&#252;r, dass ihn viele hohe Geistliche aufgrund seiner fehlenden theologischen Qualifikation nicht anerkennen oder zumindest absch&#228;tzig betrachten. Siehe Wilfried Buchta. Who rules Iran? The structure of power in the Islamic Republic. Washington Institute for Near East Policy and Konrad Adenauer Stiftung, 2000, 86-88.<br />
<a title="anm17" name="anm17" href="#anm_17">17</a> Ansari. Modern Iran, 243f.<br />
<a title="anm18" name="anm18" href="#anm_18">18</a> Privatisierung ist dementsprechend eine fast unzureichende Beschreibung, da die Vergabe aufgrund von Netzwerken und Verbindungen stattfindet. Korruption und Vetternwirtschaft stellen hier zwei zentrale Aspekte dar und kennzeichnet das Verh&#228;ltnis von politischer und wirtschaftlicher Macht.<br />
<a title="anm19" name="anm19" href="#anm_19">19</a> Ein Begriff der fr&#252;her auf die Elite der Pahlavi Dynastie angewandt wurde.<br />
<a title="anm20" name="anm20" href="#anm_20">20</a> Dies bedeutete, dass ca. 40% der f&#252;r die Privatisierung gedachten &#246;ffentlichen Anleihen an die &#196;rmsten und vom Staat abh&#228;ngigen Familien verteilt werden sollten.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.perspektiven-online.at/2010/01/11/risse-in-der-islamischen-republik/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
