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	<title>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis &#187; (Post-)Operaismus</title>
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	<description>PERSPEKTIVEN : Magazin für linke Theorie und Praxis</description>
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		<title>Sei spontan, tr&#228;um’ den Kommunismus!</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Dec 2007 13:00:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 3]]></category>
		<category><![CDATA[(Post-)Operaismus]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Prekarisierung]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Benjamin Opratko</em> &#252;ber „Koffertr&#228;ger, T&#252;raufhalter, Unterschergen, Schwundverwalter, Stimmungshochalter, Subp&#228;chter, Unterschergen, Wachhundw&#228;chter, Liftboys, Schuhputzer, Untertanm&#228;dchen, Subunternutzer, Zugeherinnen, Wachhundhalter, Parkplatzw&#228;chter, Steig&#252;berb&#252;gelhalter“<a href="#anm0" title="anm_0" name="anm_0"><sup>*</sup></a>, Toni Negri und seine Multitude.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Benjamin Opratko</em> &#252;ber „Koffertr&#228;ger, T&#252;raufhalter, Unterschergen, Schwundverwalter, Stimmungshochalter, Subp&#228;chter, Unterschergen, Wachhundw&#228;chter, Liftboys, Schuhputzer, Untertanm&#228;dchen, Subunternutzer, Zugeherinnen, Wachhundhalter, Parkplatzw&#228;chter, Steig&#252;berb&#252;gelhalter“<a href="#anm0" title="anm_0" name="anm_0"><sup>*</sup></a>, Toni Negri und seine Multitude.</p>
<p><span id="more-10"></span></p>
<p>In dem Ma&#223;e, in dem sich die Lebens- und Arbeitsverh&#228;ltnisse immer mehr Menschen zu einer konsequent unsicheren, widerruflichen, flexiblen st&#228;ndigen Gegenwart wandeln – d. h. prekarisiert werden – steigt das Bed&#252;rfnis, sich einen theoretischen Begriff davon zu machen, was uns hier widerf&#228;hrt. Eine kritische Theorie der Prekarit&#228;t sollte dabei zweierlei leisten: eine Analyse der aktuellen Formen und Mechanismen von Ausbeutung anbieten und die damit verkn&#252;pften M&#246;glichkeiten f&#252;r eine &#220;berwindung dieser Verh&#228;ltnisse ausloten. Den wahrscheinlich meist zelebrierten Versuch, diesen Anspr&#252;chen gerecht zu werden, stellen die Thesen von Michael Hardt und Toni Negri dar, die mit ihrem 2000 erschienenen Buch „Empire“, dem 2004 als eine Art Fortsetzung und Pr&#228;zisierung „Multitude“ folgte, einer breiten &#214;ffentlichkeit vorgelegt wurden<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a>. Dass „Empire“ ein au&#223;ergew&#246;hnliches Werk ist, kann schon aus den &#252;berschw&#228;nglichen Huldigungen geschlossen werden, die aus allen Ecken und Enden dieser Welt (geographisch wie weltanschaulich) ert&#246;nten. Als „Marx und Engels des Internet-Zeitalters“<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a> h&#228;tten Hardt und Negri nicht weniger als ein „‚Kommunistisches Manifest’ f&#252;r unsere Zeit“<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a> vorgelegt.</p>
<h3>Multitude als Befreiungshoffnung</h3>
<p>Die provokanten und originellen Thesen von Hardt und Negri wurden alsbald nicht nur in Feuilletons und Seminarr&#228;umen debattiert, sondern dienen als politische Munition besonders jenen Teilen der sozialen Bewegungen, die sich der Interessen und K&#228;mpfe der Prekarisierten annehmen. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Argumenten Hardt und Negris ist also keineswegs eine rein akademische Angelegenheit; so berufen sich etwa im deutschsprachigen Raum AktivistInnen des „Euromayday“ oder in Initiativen zum bedingungslosen Grundeinkommen auf das Konzept der „Multitude“. In diesem wird, wie wir sehen werden, versucht, die zwei Anspr&#252;che an kritische Theorie – eine ad&#228;quate Analyse der ausbeuterischen Gegenwart und die Auslotung der M&#246;glichkeiten der Befreiung von ihr – auf originelle Weise zu vereinen. Darin liegt die besondere Attraktivit&#228;t des Begriffs: Als Gegenentwurf zum angestaubten „Proletariat“ und seiner Versinnbildlichung durch den wei&#223;en, m&#228;nnlichen Industriearbeiter komplett mit Helm und Blaumann, wird hier versucht, der neuen Un&#252;bersichtlichkeit der Arbeitswelt im Zeitalter der Prekarisierung die Befreiung von der flexiblen, netzwerkf&#246;rmig organisierten „Vielheit“ der Multitude und ihrer K&#228;mpfe entgegen zu stellen. Durch die Aufl&#246;sung scheinbar obsolet gewordener Unterscheidungen zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Positioniertheiten werden nun endlich (wir) alle zum Subjekt der Befreiung. So sympathisch dieser Ansatz – gerade im Gegensatz zu bornierten Varianten des Marxismus, die sich der Anerkennung realer Ver&#228;nderungen schlicht verweigern – scheinen mag, so unhaltbar ist er letzten Endes in der von Hardt und Negri vorgeschlagenen Variante. Eine zutiefst problematische Geschichtsphilosophie und fehlerhafte politische Analysen machen die Theorie der Multitude, wie im Folgenden zu zeigen ist, zu einer theoretischen wie praktischen Sackgasse.</p>
<h3>Immaterielle Arbeit und Biopolitik</h3>
<p>Mit dem Begriff Multitude versuchen Hardt und Negri zun&#228;chst, die neuen Lebens- und Arbeitsverh&#228;ltnisse auf einen Begriff zu bringen, die sich mit dem Niedergang der fordistischen, auf der industriellen Massenproduktion beruhenden Entwicklungsweise etabliert haben und eine wie sie meinen vollkommen neue Form der Herrschaft und der Gesellschaft produzieren. So schreiben sie: „In unserer Zeit wandelt sich das gesamte Szenario der Arbeit und der Produktion […] unter der Hegemonie der immateriellen Arbeit“.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a> „Hegemonie“ hat hier nichts mit dem von Antonio Gramsci entwickelten Begriff zu tun<a href="#anm5" title="anm_5" name="anm_5"><sup>5</sup></a>, sondern bezeichnet eine bestimmte Form der Arbeit, die als hegemoniale Figur<a href="#anm6" title="anm_6" name="anm_6"><sup>6</sup></a> „wie ein Strudel [wirkt], der nach und nach dazu f&#252;hrt, dass die anderen [Formen der Arbeit, Anm. B.O.] sich ver&#228;ndern und die Hauptmerkmale der vorherrschenden Form annehmen“.<a href="#anm7" title="anm_7" name="anm_7"><sup>7</sup></a> Das bedeutet nicht, dass eine hegemoniale Figur auch die quantitativ st&#228;rkste sein muss. Zu Marxens Zeiten stellte das Industrieproletariat eine vergleichsweise kleine soziale Klasse dar; er erkannte jedoch, so Hardt und Negri, eine Dynamik, die immer mehr „alte“ Formen der Arbeit der Logik des Industriekapitalismus unterwarf: „Als die Landwirtschaft im Sinne der Industrie modernisiert wurde, verwandelte sich die Farm oder der b&#228;uerliche Hof oder das Landgut zunehmend in eine Fabrik mit allen Aspekten industrieller Produktion wie Fabrikdisziplin, Lohnverh&#228;ltnis und technologischem Apparat“.<a href="#anm8" title="anm_8" name="anm_8"><sup>8</sup></a> Diese hegemoniale Stellung nimmt am Ende des 20. Jahrhunderts also eine Form von Arbeit ein, die als „immaterielle Arbeit“ bezeichnet wird und die das Paradigma der industriellen Produktion abl&#246;st. Damit ist in einem Sinne die nicht sonderlich originelle Erkenntnis gemeint, dass sich (zumindest in den hochentwickelten kapitalistischen Staaten des Nordens) der Schwerpunkt der Produktion auf den so genannten terti&#228;ren, also Dienstleistungssektor konzentriert. Dar&#252;ber hinaus identifizieren Hardt und Negri jedoch Charakteristika dieser neuen „hegemonialen“ Form der Arbeit, die weit &#252;ber diese Feststellung hinausreichen und folgenschwere Konsequenzen haben. Denn immaterielle Arbeit ist vor allem jene, „die so genannte immaterielle Produkte schafft, also etwa Wissen, Information, Kommunikation, Beziehungen oder auch Gef&#252;hlsregungen“<a href="#anm9" title="anm_9" name="anm_9"><sup>9</sup></a>. Dabei k&#246;nnen in einem ersten Schritt zwei Arten immaterieller Arbeit unterschieden werden: Erstens, Formen von Arbeit die „vor allem intellektuell und sprachlich“ sind, „also etwa das L&#246;sen von Problemen, der Umgang mit Symbolen, analytische Aufgaben und solche, die das sprachliche Ausdrucksverm&#246;gen fordern“. Die zweite Form produziert in erster Linie „Affekte wie Behagen, Befriedigung, Erregung oder Leidenschaft“ und wird daher „affektive Arbeit“ genannt.<a href="#anm10" title="anm_10" name="anm_10"><sup>10</sup></a> Dies betrifft in erster Linie Branchen der Dienstleistung, in denen „gute Manieren“, intelligente KundInnenbetreuung und „Service with a smile“ zentrale Job-anforderungen sind, aber auch Pflegeberufe, p&#228;dagogische T&#228;tigkeiten oder die Kunstproduktion. Innerhalb der ersten Kategorie wird eine weiter Unterscheidung vorgenommen zwischen st&#228;rker kreativen und „intelligenten“ T&#228;tigkeiten einer- und durch Routine (etwa bei der Dateneingabe) gepr&#228;gten andererseits.<a href="#anm11" title="anm_11" name="anm_11"><sup>11</sup></a> Dar&#252;ber hinaus &#252;berformt immaterielle Arbeit als hegemoniale Figur T&#228;tigkeiten in anderen Sektoren, wodurch die Industrieproduktion zunehmend wie ein Dienstleistungsunternehmen gehandhabt wird und „heute alle Produktion, indem sie informatisiert wird, zur Produktion, die auf Dienstleistungen beruht“ tendiert.<a href="#anm12" title="anm_12" name="anm_12"><sup>12</sup></a> Diese Transformation birgt ungeahnte Konsequenzen. Denn was immaterielle und affektive Arbeit – im Gegensatz zur Flie&#223;bandarbeit des Fordismus – ausmacht, ist der zentrale Stellenwert, den Kommunikation, zwischenmenschliche Kontakte und Kooperation in ihr einnehmen. Daraus leiten Hardt und Negri ab, dass das, was hier eigentlich produziert wird, das gesellschaftliche Leben selbst ist: Wissen, Information, soziale Netzwerke, Formen der Zusammenarbeit, kommunikative Beziehungen ebenso wie unsere Subjektivit&#228;ten, unser Wohlbefinden und selbst unsere K&#246;rper. Das ist gemeint, wenn Hardt und Negri den Begriff der Biopolitik<a href="#anm13" title="anm_13" name="anm_13"><sup>13</sup></a> verwenden und vom biopolitischen Paradigma des Empire sprechen. Dieses „umfasst als seinen eigenen Gegenstand das Leben der Bev&#246;lkerungen, der Individuen und der Gruppen, also der Gesamtheit der Singularit&#228;ten, die die Multitude ausmachen, und zwar auf globaler Ebene. Das biopolitische Kommando hat die Weltbev&#246;lkerung zum Einsatz“.<a href="#anm14" title="anm_14" name="anm_14"><sup>14</sup></a> Die Begriffe „Arbeit“ und „Produktion“ bekommen hiermit eine g&#228;nzlich neue Bedeutung, wodurch eine ganze Reihe von Unterscheidungen f&#252;r hinf&#228;llig erkl&#228;rt werden kann: Produktion und Reproduktion, produktive und nicht-produktive Arbeit, &#214;konomie, Politik und Kultur, instrumentelles Handeln und kommunikatives Handeln, ja Arbeit und Nicht-Arbeit fallen allesamt in Eins.<a href="#anm15" title="anm_15" name="anm_15"><sup>15</sup></a></p>
<h3>Das B&#246;se ist immer und &#252;berall</h3>
<p>Wenn Produktion zunehmend immateriell wird, ist sie auch nicht mehr derart an Raum und Zeit gebunden, wie es noch im Paradigma des Industriekapitalismus der Fall war. Das L&#246;sen von Problemen und analytischen Aufgaben findet nicht notgedrungen in einem B&#252;ro oder gar in einer Fabrik statt. „Eine Idee oder ein Bild entsteht […] auch unter der Dusche oder in den Tr&#228;umen“;<a href="#anm16" title="anm_16" name="anm_16"><sup>16</sup></a> und die pers&#246;nlich-beruflichen Skills, die affektive Arbeit voraussetzt, werden nicht an einem Fabrikstor abgegeben, sondern sind Teil der lebenden K&#246;rper, wo sie sich auch wann befinden m&#246;gen. Das bedeutet, dass der <em>Ort</em> der Ausbeutung, den Marx am Arbeitsplatz identifiziert hat, nicht mehr greifbar wird; und auch die <em>Zeit</em> der Ausbeutung l&#228;sst sich nicht mehr in Wochenstunden bemessen: „Die spezifischen Eigenschaften der Arbeitskraft […] lassen sich nicht mehr festmachen, und in &#228;hnlicher Weise l&#228;sst sich die Ausbeutung nicht mehr lokalisieren und quantifizieren“.<a href="#anm17" title="anm_17" name="anm_17"><sup>17</sup></a> Der Ort der Ausbeutung ist &#252;berall und damit nirgendwo – er wird zum „Nicht-Ort“ – und auch die Arbeitszeit tendiert dazu, „sich &#252;ber die gesamte Lebenszeit auszudehnen“.<a href="#anm18" title="anm_18" name="anm_18"><sup>18</sup></a> Aus dieser Vorstellung von immaterieller Arbeit als „gemeinsames Substrat“<a href="#anm19" title="anm_19" name="anm_19"><sup>19</sup></a> des Kapitalismus in der Epoche des Empire ziehen Hardt und Negri zwei wichtige Konsequenzen. Wenn produktive Arbeit nicht mehr an Zeit und Ort gebunden ist, sich unendlich &#252;ber den Globus spannt und Ausbeutung selbst im Schlaf passiert, dann kann der Wert einer Ware auch nicht mehr im Marxschen Sinne an der gesellschaftlich zu ihrer Produktion notwendigen Arbeitszeit gemessen werden. „Die Einheit Arbeitszeit als Grundma&#223; des Werts“, hei&#223;t es dementsprechend, „macht heutzutage keinen Sinn mehr“.<a href="#anm20" title="anm_20" name="anm_20"><sup>20</sup></a> Der Wert, der durch die Kooperation der zur Vielheit vereinten Singularit&#228;ten produziert wird, ist ebenso ma&#223;los wie die Multitude selbst, ist „Legion“.<a href="#anm21" title="anm_21" name="anm_21"><sup>21</sup></a> Mit der Preisgabe der Marxschen Werttheorie wird de facto die gesamte Erkl&#228;rung der Dynamik des Kapitalismus, wie sie Marx im „Kapital“ entwickelt hat, ad acta gelegt. Ausbeutung im Sinne der Absch&#246;pfung von Mehrwert durch die BesitzerInnen der Produktionsmittel findet bei Hardt und Negri nicht mehr statt, denn um die in den Mehrwert geflossene Mehrarbeit zu bestimmen, m&#252;ssten sie ja die Existenz einer durchschnittlich gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit anerkennen. Stattdessen wird „Ausbeutung“ als rein politische, r&#228;uberische Aneignung umgedeutet. Hardt und Negri behaupten, dass Arbeit, die im Empire ja substanziell Kooperation ist, heute auf das Kapital gar nicht mehr angewiesen ist. Marx analysierte einen Kapitalismus, in dem die Klasse der Bourgeoisie die Produktionsmittel (die sie sich urspr&#252;nglich r&#228;uberisch angeeignet hat) zur Verf&#252;gung stellt, um den profitablen Kreislauf der Akkumulation anzuwerfen. Hardt und Negri analysieren einen Kapitalismus, in dem sich die Produktionsmittel tendenziell bereits in Besitz der Arbeitenden selbst befinden, insofern es sich dabei um Sprache, Ideen, Kooperation etc. handelt: „Die Hirne und K&#246;rper brauchen auch weiterhin die anderen, um Wert zu produzieren, doch die anderen, die sie brauchen, stellen nicht mehr notwendigerweise das Kapital und seine F&#228;higkeit, die Produktion zu orchestrieren“.<a href="#anm22" title="anm_22" name="anm_22"><sup>22</sup></a> Das Kapital ist also nicht mehr Teil eines dialektisch gedachten Produktionsverh&#228;ltnisses, sondern sch&#246;pft blo&#223; Wert von der aus sich selbst heraus kraft „Selbstverwertung“ produktiven Arbeit ab. „Mit anderen Worten: Der Mehrwert hat seinen Ort im Gemeinsamen. Ausbeutung ist die private Aneignung eines Teils oder der Gesamtheit des Werts, der als Gemeinsames geschaffen wurde“.<a href="#anm23" title="anm_23" name="anm_23"><sup>23</sup></a> Es ist also gar nicht mehr notwendig, die Produktionsverh&#228;ltnisse zu revolutionieren, sondern das Kapital muss als parasit&#228;rer, vampirischer „Beuteapparat“<a href="#anm24" title="anm_24" name="anm_24"><sup>24</sup></a> blo&#223; abgesch&#252;ttelt werden: „Im Zeitalter imperialer Souver&#228;nit&#228;t und biopolitischer Produktion hat sich das Gleichgewicht dahingehend verschoben, dass die Beherrschten weitgehend die ausschlie&#223;lichen Produzenten sozialer Organisation geworden sind“, was bedeutet, „dass die Herrschenden immer parasit&#228;rer werden und die Souver&#228;nit&#228;t zunehmend entbehrlich wird. Entsprechend werden die Beherrschten immer autonomer und k&#246;nnen die Gesellschaft immer st&#228;rker nach ihrem Vorbild gestalten“.<a href="#anm25" title="anm_25" name="anm_25"><sup>25</sup></a> In den Netzwerken der Multitude steht somit schon heute „das Potenzial f&#252;r eine Art des spontanen und elementaren Kommunismus bereit“.<a href="#anm26" title="anm_26" name="anm_26"><sup>26</sup></a></p>
<h3>Sieg durch Niederlage</h3>
<p>Wie ist diese neue Form des Lebens und Arbeitens in die Welt getreten? F&#252;r Hardt und Negri ist der postfordistische Kapitalismus, die Durchsetzung immaterieller Arbeit und der Multitude das Ergebnis der K&#228;mpfe der ArbeiterInnen selbst. Die politischen, &#246;konomischen und kulturellen Revolten der 1960er und 1970er Jahre sind nur vordergr&#252;ndig gescheitert, tats&#228;chlich fanden die darin ausgedr&#252;ckten W&#252;nsche und Hoffnungen auf ein selbstbestimmtes, freies und autonomes Leben Eingang in das Herz der kapitalistischen Produktionsweise. Dieses Argument findet sich in den letzten Jahren vielerorts in unterschiedlichen Varianten – zuletzt haben etwa Luc Boltanski und Ève Chiapello<a href="#anm27" title="anm_27" name="anm_27"><sup>27</sup></a> damit gro&#223;e Aufmerksamkeit erregt. Der Clou bei Hardt und Negri ist jedoch, dass sie die Transformation hin zum Postfordismus nicht im Sinne einer „passiven Revolution“, in der die Forderungen der sozialen Bewegungen geschluckt, halbverdaut und als neue b&#252;rgerliche Machttechniken wieder ausgespieen werden, begreifen, sondern in ihr tats&#228;chlich (wenn auch &#252;ber verworrene Wege) die Durchsetzung der Begehren zum Ausdruck gekommen sehen. So k&#246;nnen Hardt und Negri sich daran erfreuen, dass „die Sache, f&#252;r die sie [die ArbeiterInnen, B.O.] k&#228;mpften, sich trotz ihrer Niederlage durchsetzte“.<a href="#anm28" title="anm_28" name="anm_28"><sup>28</sup></a> Mit dieser These verbunden sind die grunds&#228;tzlichen Axiome der Theorie Hardts und Negris &#252;berhaupt. Negri stammt aus der italienischen Theorietradition des Operaismus, einer urspr&#252;nglich erfrischend undogmatischen marxistischen Str&#246;mung, die in den 1960er und 1970er Jahren eine radikal auf die K&#228;mpfe der ArbeiterInnenklasse ausgerichtete Theorie und Praxis entwickelte.<a href="#anm29" title="anm_29" name="anm_29"><sup>29</sup></a> Die Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise wurde von ihr als angetrieben von den K&#228;mpfen der ArbeiterInnen begriffen; die andere Seite des Verh&#228;ltnisses, das Kapital, ist gleichsam eine nachgeordnete Instanz, deren Bewegungen letztlich als Reaktionen auf die Aktionen der lebendigen Arbeit erkl&#228;rbar sind. Diese Vorstellung wird in den Arbeiten Hardts und Negris auf die Spitze getrieben, wo sich eine lebendige, aktive Vielheit einer souver&#228;nen Macht gegen&#252;ber w&#228;hnt, die als „die absurden und abgewrackten Maschinerien eines bereits abgestorbenen Zusammenhangs“ analysiert wird.<a href="#anm30" title="anm_30" name="anm_30"><sup>30</sup></a></p>
<h3>Die Gener&#228;le des Intellekts</h3>
<p>Diese Radikalisierung der operaistischen Ausgangsthese entstand aus einer eigenwilligen Lesart zweier bis in die 1950er Jahre weithin unbekannten Texte von Marx. Die „Grundrisse der Kritik der politischen &#214;konomie“<a href="#anm31" title="anm_31" name="anm_31"><sup>31</sup></a> und die „Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses“<a href="#anm32" title="anm_32" name="anm_32"><sup>32</sup></a> entwickeln zwei Begriffe, die zu Angelpunkten des Konzepts der Multitude wurden: „Formelle/Reelle Subsumption der Arbeit unter das Kapital“ und der „General Intellect“. Unter der <em>formellen Subsumption</em> verstand Marx, dass in der Fr&#252;hphase des Kapitalismus nicht- bzw. vorkapitalistische Produktionsweisen in die kapitalistische integriert werden, (etwa indem vormals leibeigene Bauern/B&#228;uerinnen zu LohnarbeiterInnen gemacht werden), jedoch: „Der <em>Arbeitsprozess</em>, <em>technologisch</em> betrachtet, geht grad vor sich wie fr&#252;her, nur jetzt als dem Kapital <em>untergeordneter</em> Arbeitsprozess“.<a href="#anm33" title="anm_33" name="anm_33"><sup>33</sup></a> In der Phase der <em>reellen Subsumption</em> beschr&#228;nkt sich die Rolle des Kapitals nun nicht mehr darauf, ein blo&#223;es Geldverh&#228;ltnis herzustellen, sondern organisiert den Arbeitsprozess selbst. „Das Kapital ist nun nicht mehr nur Dirigent, sondern Organisator der Arbeit, das Verh&#228;ltnis zwischen Kapitalisten und ProletarierInnen nicht allein durch das Geld, sondern durch die direkte Anordnung der Produktion in der Fabrik vermittelt“.<a href="#anm34" title="anm_34" name="anm_34"><sup>34</sup></a> W&#228;hrend Marx mit diesen Begriffen den historischen &#220;bergang zum Industriekapitalismus zu fassen versuchte, setzen Hardt und Negri den entscheidenden Bruch in den K&#228;mpfen der 1960er und 1970er Jahre an. Im daraus entstehenden postfordistischen, postmodernen Kapitalismus zeigt sich die reelle Subsumption nicht nur der Arbeit, sondern der Gesellschaft selbst unter das Kapital. Aus operaistischer Perspektive sind die organisatorischen und technischen Innovationen, die die „reelle Subsumption“ charakterisieren, tats&#228;chlich Reaktionen auf die K&#228;mpfe der ArbeiterInnen gegen das Kapital.<a href="#anm35" title="anm_35" name="anm_35"><sup>35</sup></a> Mit dieser These verkn&#252;pft ist der Begriff des General Intellect, von Marx im so genannten „Maschinenfragment“ der Grundrisse verwendet. Hier geht es darum, das gesellschaftliche Wissen (alle „M&#228;chte der Wissenschaft und der Natur wie der gesellschaftlichen Kombination und des gesellschaftlichen Verkehrs“<a href="#anm36" title="anm_36" name="anm_36"><sup>36</sup></a>) als wichtige Produktivkraft im kapitalistischen Akkumulationsprozess zu begreifen. Werkzeuge und Maschinen, Kommunikations- und Transportmittel sind „<em>von der menschlichen Hand geschaffne Organe des menschlichen Hirns</em>; vergegenst&#228;ndlichte Wissenskraft. Die Entwicklung des capital fixe zeigt an, bis zu welchem Grade das allgemeine gesellschaftliche Wissen, knowledge, zur <em>unmittelbaren Produktivkraft</em> geworden ist, und daher die Bedingungen des gesellschaftlichen Lebensprozesses selbst unter die Kontrolle des general intellect gekommen, und ihm gem&#228;&#223; umgeschaffen sind“<a href="#anm37" title="anm_37" name="anm_37"><sup>37</sup></a>. Auch hier kommt der gleiche (post-)operaistische Kniff zur Anwendung: verortet Marx das allgemeine gesellschaftliche Wissen als Produktivkraft auf Seiten des Kapitals, stellen Hardt und Negri das Bild auf den Kopf und sehen nun den General Intellect als „Attribut der lebendigen Arbeit“, „formale und informale Kenntnisse, Einbildungskraft, ethische Haltungen, Mentalit&#228;ten, ‚Sprachspiele’“ umfassend.<a href="#anm38" title="anm_38" name="anm_38"><sup>38</sup></a> Durch die Verwissenschaftlichung des Produktionsprozesses „[ersch&#246;pft sich die] Verkettung von Wissen und Technik […] nicht im fixen Kapital, sondern verweist auch &#252;ber die technische Maschine und das in ihr objektivierte Wissen hinaus auf soziale Kooperation und Kommunikation“.<a href="#anm39" title="anm_39" name="anm_39"><sup>39</sup></a> Die oben beschriebene Transformation der Produktion hin zur immateriellen, auf Kommunikation, Kooperation und Netzwerken des Wissens beruhenden Arbeit, entspricht demnach dem Durchbruch des General Intellect zur „unmittelbaren Produktivkraft“; nicht als Teil des fixen Kapitals, sondern der K&#246;rper der Kooperierenden: „Der General Intellect braucht Fleisch und Blut, um ihn mit der Multitude verbinden zu k&#246;nnen“.<a href="#anm40" title="anm_40" name="anm_40"><sup>40</sup></a></p>
<h3>Die unabl&#228;ssige Gegenwart der Vielen</h3>
<p>Wer die Multitude als Subjekt des „postfordistischen“ Kapitalismus erkannt hat, wird sich leicht von Passagen verwirren lassen, in denen die Multitude pl&#246;tzlich im englischen B&#252;rgerkrieg des 17. Jahrhunderts auftaucht<a href="#anm41" title="anm_41" name="anm_41"><sup>41</sup></a>, in der Demokratietheorie Rousseaus<a href="#anm42" title="anm_42" name="anm_42"><sup>42</sup></a> oder in den Revolutionen in Russland und Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts<a href="#anm43" title="anm_43" name="anm_43"><sup>43</sup></a>. Diese und andere Ausf&#252;hrungen weisen auf eine Dimension des Konzepts hin, die als „ontologische Multitude“ bezeichnet werden kann und die geschichtsphilosophische Grundlage der „postmodernen Multitude“ bildet.<a href="#anm44" title="anm_44" name="anm_44"><sup>44</sup></a> Dahinter steht die &#220;berzeugung, dass die Geschichte der Menschheit als Geschichte von K&#228;mpfen zwischen einer lebendigen, kreativen und „verm&#246;genden“ (im Sinne von: Potential besitzenden) Vielheit einerseits, und der „souver&#228;nen Macht“, die diese lebendige Kraft zu b&#228;ndigen, zu disziplinieren oder zu kontrollieren sucht, andrerseits, ist. In diesem Verh&#228;ltnis herrscht ein strukturelles Ungleichgewicht: die souver&#228;ne Macht bewegt sich in Grenzen und Hindernissen. „Im Gegensatz dazu steht das Verm&#246;gen der Multitude, also der arbeitenden, agierenden und vor allem widerst&#228;ndigen und sich nicht unterordnenden Singularit&#228;ten, das in der Lage w&#228;re, das Souver&#228;nit&#228;tsverh&#228;ltnis zu beseitigen“.<a href="#anm45" title="anm_45" name="anm_45"><sup>45</sup></a> Geschichtliche Entwicklung und menschlicher Fortschritt werden so als Ergebnisse der K&#228;mpfe der produktiven Vielheit – der ontologischen Multitude – gefasst. Geschichte wird gemacht, und zwar in Ausbr&#252;chen der „potentia“, des Verm&#246;gens der Multitude gegen die Souver&#228;nit&#228;t, in Form von singul&#228;ren, schlagenden Ereignissen. Hardt und Negri w&#228;hlen daf&#252;r den griechischen Begriff „<em>Kairòs</em>“, im Gegensatz zur „lineare[n] Anh&#228;ufung des <em>Chronos</em>“.<a href="#anm46" title="anm_46" name="anm_46"><sup>46</sup></a> Wir sehen nun, dass die Bedingungen f&#252;r das Entstehen und Entwickeln der Multitude &#252;ber die konkreten Formen des gegenw&#228;rtigen Kapitalismus hinaus- oder besser dahinter zur&#252;ckgeht. Die ontologische Multitude als aus sich selbst heraus sch&#246;pferische Kraft ist „schon latent und implizit in unserem sozialen Sein vorhanden“; w&#228;re sie das nicht, „k&#246;nnten wir sie uns gar nicht als politisches Projekt vorstellen; und zugleich k&#246;nnen wir nur deshalb hoffen, sie heute zu verwirklichen, weil sie bereits als reale M&#246;glichkeit existiert.“<a href="#anm47" title="anm_47" name="anm_47"><sup>47</sup></a></p>
<h3>Politik der Zwischenr&#228;ume</h3>
<p>Damit k&#246;nnen wir uns einer dritten Dimension des Begriffes Multitude n&#228;hern: jener des politischen Projekts. Die <em>ontologische</em> Dimension erkl&#228;rt die abstrakten Bedingungen der M&#246;glichkeit, die <em>postmoderne</em> die aktuellen Bedingungen einer Formierung der Multitude. Was Hardt und Negri dar&#252;ber hinaus versuchen, ist, die Multitude als Gegen-Subjektivit&#228;t, als Tr&#228;gerin einer neuen Revolution gegen das Empire zu konzipieren. Um es vorweg zu nehmen: Nicht zuf&#228;llig ist dieser Abschnitt der k&#252;rzeste. Zwar wird immer wieder betont, dass die Multitude „nicht spontan als politische Gestalt“ entsteht und „eines politischen Projekts“ bedarf.<a href="#anm48" title="anm_48" name="anm_48"><sup>48</sup></a> Die von ihnen selbst gestellte Frage, „welche Art von politischem Projekt die Multitude ins Leben rufen kann“, k&#246;nnen sie allerdings nicht beantworten. Entscheidend ist dabei, dass, wie oben dargelegt, f&#252;r Hardt und Negri die Arbeit selbst in gewisser Weise bereits „befreit“ ist. Die Produktion des „Gemeinsamen“ im Paradigma immaterieller Arbeit erm&#246;glicht die Schaffung und Ausweitung „befreiter Zwischenr&#228;ume“, und „[m]it der Zeit wird die Multitude, hat sie erst einmal ihre produktive, auf dem Gemeinsamen beruhende Gestalt entwickelt, in der Lage sein, durch das Empire hindurchzugehen und auf der anderen Seite herauszukommen, sich selbstst&#228;ndig auszudr&#252;cken und zu regieren“.<a href="#anm49" title="anm_49" name="anm_49"><sup>49</sup></a></p>
<h3>Reality Check</h3>
<p>Inwiefern hilft uns das Konzept der Multitude, eine kritische Theorie der Prekarit&#228;t zu formulieren? Zweifellos lenken Hardt und Negri Aufmerksamkeiten auf die Wandlung hin zu prek&#228;ren Arbeits- und Lebensverh&#228;ltnissen: die „Globalisierung der Verunsicherung“<a href="#anm50" title="anm_50" name="anm_50"><sup>50</sup></a>, die Integration neuer Technologien in den Arbeitsalltag, die Verschiebung gro&#223;er Sektoren der Produktion in den Bereich der Dienstleistungen und neue Formen der Organisation am Arbeitsplatz. Doch sie tun noch viel mehr als das, wie die vorangegangene Darstellung erahnen l&#228;sst. Die wichtigste These Hardts und Negris betrifft die theoretische und politische Neubestimmung der Arbeit und, daraus abgeleitet, die Definition der Multitude als neue revolution&#228;re Klassenformation. Sie argumentieren, dass eine Form der Arbeit „hegemonial“ geworden ist (oder im Begriff ist, es zu werden), deren bestimmende Eigenschaft die gemeinsame Produktion von immateriellen Produkten ist und der „<em>Kooperativit&#228;t […] vollkommen immanent</em>“ ist.<a href="#anm51" title="anm_51" name="anm_51"><sup>51</sup></a> Schon hier ist ein erster Einwand n&#246;tig – ist es tats&#228;chlich so, dass eine allgemeine Tendenz hin zur Produktion immaterieller Produkte auf Kosten „materieller“ oder „industrieller“ Produktion existiert? Hardt und Negri halten sich in „Empire“ nicht weiter damit auf, ihre Behauptungen mit empirischen Daten zu unterf&#252;ttern, sondern ziehen sich auf die rhetorische Strategie des „wie allgemein bekannt…“ zur&#252;ck.<a href="#anm52" title="anm_52" name="anm_52"><sup>52</sup></a> Auch in „Multitude“ beschr&#228;nken die Autoren sich auf verstreute Verweise auf Zahlen des US-Statistikb&#252;ros, die den Aufstieg des Dienstleistungssektors beschreiben. „Nennt mich altmodisch“, meint dazu Steve Wright, Autor des wichtigsten Buches zur Geschichte des Operaismus, in einem kritischen Kommentar, „aber in einem 400-Seiten-Buch, das dem Verst&#228;ndnis ihrer Behauptungen zur j&#252;ngsten Manifestation des Proletariats als revolution&#228;res Subjekt gewidmet ist, ist schon etwas mehr notwendig“<a href="#anm53" title="anm_53" name="anm_53"><sup>53</sup></a>. Die unkritische &#220;bernahme von tausendmal ge&#228;u&#223;erten Gemeinpl&#228;tzen &#252;ber die „Dienstleistungsgesellschaft“ verstellt schlie&#223;lich den Blick auf Widerspr&#252;chlichkeiten und Ambivalenzen in der Entwicklung der Weltwirtschaft. Mag das Argument f&#252;r Europa, Nordamerika und Japan noch stimmen, f&#228;llt die Entwicklung gigantischer Industriezonen etwa in S&#252;d- und Ostasien dadurch komplett aus dem Bild; auch unsere I-Pods wollen zusammengeschraubt und affektiv aufgeladene Hippster-Mode gen&#228;ht werden. Auf Weltebene geht die Expansion von „High-Tech-Arbeit“ (wie stark verwissenschaftlichter „immaterieller“ Arbeit) oft nicht auf Kosten von, sondern im Gleichschritt mit „Low-Tech-Arbeit“<a href="#anm54" title="anm_54" name="anm_54"><sup>54</sup></a>. Doch selbst im globalen Nordwesten ist die Sache nicht so klar, wie es scheint. Der britische Marxist Chris Harman weist in einer Polemik gegen Hardt und Negri darauf hin, dass die Klasse der traditionellen IndustriearbeiterInnen keineswegs ausstirbt, sondern im Gegenteil zumindest in absoluten Zahlen anw&#228;chst. Selbst in den am weitesten entwickelten Regionen der Welt kann von „Deindustrialisierung“ kaum gesprochen werden: im Zeitraum von 1971 bis 1998 ist die Zahl der IndustriearbeiterInnen etwa in den USA und in Japan um 20 bzw. 13 Prozent gestiegen.<a href="#anm55" title="anm_55" name="anm_55"><sup>55</sup></a> Und schlie&#223;lich kehrt Hardt und Negris Darstellung auch unter den Teppich, „dass so manche Verschiebung vom industriellen zum Dienstleistungssektor lediglich eine neue Namensgebung f&#252;r im Wesentlichen &#228;hnliche T&#228;tigkeiten darstellt“.<a href="#anm56" title="anm_56" name="anm_56"><sup>56</sup></a></p>
<h3>Intelligent und affektiv?</h3>
<p>Dem k&#246;nnte entgegengehalten werden, dass die entscheidende Neuerung nicht das quantitative Anwachsen immaterieller (Dienstleistungs-)Arbeit ist, sondern die qualitative Wandlung der gesamten „Szenerie der Arbeit und der Produktion (…) unter der Hegemonie der immateriellen Arbeit“<a href="#anm57" title="anm_57" name="anm_57"><sup>57</sup></a>, gepr&#228;gt durch Kommunikation und Affekt. Doch auch hier wird eine Behauptung nicht wahrer, wenn sie nur oft genug wiederholt wird (und das wird sie zur Gen&#252;ge). Richtig ist, dass Kommunikation in sehr vielen Bereichen der Produktion in den letzten Jahrzehnten enorm an Bedeutung gewonnen hat (wiewohl auch hier ein eurozentristischer Blick nicht von der Hand zu weisen ist). Doch wird dadurch Arbeit auch, wie Hardt und Negri behaupten, „intelligent“<a href="#anm58" title="anm_58" name="anm_58"><sup>58</sup></a>? Statt der Durchsetzung des General Intellect als Attribut der ArbeiterInnen geht die Tendenz doch eher dahin, Formen des Wissens zu privatisieren (durch Patentrechte oder die Sicherung „intellektuellen Eigentums“<a href="#anm59" title="anm_59" name="anm_59"><sup>59</sup></a>) und Bildungssysteme st&#228;rker zu hierarchisieren. Hardt und Negri verallgemeinern hier eine vergleichsweise – und vor allem im globalen Ma&#223;stab – kleine, privilegierte soziale Fraktion etwa von JournalistInnen, IT-Fachleuten, K&#252;nstlerInnen oder WissenschafterInnen, deren gesellschaftliche Reproduktion einer relativ langen und kostspieligen Ausbildung bedarf. „Intelligente“ Arbeit bleibt eher einer schmalen Elite vorbehalten, als in breite Teile der Bev&#246;lkerung zu diffundieren<a href="#anm60" title="anm_60" name="anm_60"><sup>60</sup></a>.<br />
Wie ist es darum bestellt, dass Arbeit zunehmend „affektiv“, also zu „Arbeit am k&#246;rperlichen Befinden“<a href="#anm61" title="anm_61" name="anm_61"><sup>61</sup></a> wird? Richtig ist wohl, dass „soziale Kompetenzen“ etc. in einer Gesellschaft, in der der Kampf um Arbeitspl&#228;tze immer h&#228;rter wird, von ArbeitgeberInnenseite in den Rang von Schl&#252;sselqualifikationen gehoben werden. Auch ist wohl wahr, dass im Feld des Kulturellen aktuell besonders perfide Modi der Machtaus&#252;bung bedeutsam werden, die von Untergebenen fordern, ihre eigene Unterwerfung als Akt des freien Willens zu deklarieren.<a href="#anm62" title="anm_62" name="anm_62"><sup>62</sup></a> Doch erstens trifft auch dies nur auf einen relativ kleinen Teil der Arbeitsverh&#228;ltnisse zu; und zweitens geben Hardt und Negri ihrem Argument einen h&#246;chst problematischen Twist, wenn sie affektive Arbeit vor allem als kreativen Akt und „sch&#246;pferisches Verm&#246;gen“ darstellen, in dem die Multitude „ihre eigenen sch&#246;pferischen Energien ausdr&#252;ckt“<a href="#anm63" title="anm_63" name="anm_63"><sup>63</sup></a>. Viel eher bringt die Hamburger Band <em>Die Goldenen Zitronen</em> die Sache auf den Punkt, die zwar nicht die Theorie, aber zumindest den Soundtrack zur Prekarit&#228;t bietet. Sie singen &#252;ber „die, denen sie das L&#228;cheln auf harten Warteb&#228;nken in Serviceagenturen in Gesichtsz&#252;ge renken“ und entzaubern die Affekthascherei als „Training in Unterwerfungskompetenz“<a href="#anm64" title="anm_64" name="anm_64"><sup>64</sup></a>. Was von Hardt und Negri als affektive Arbeit idealisiert wird, ist die Unterwerfung unseres Daseins unter die Verwertungslogik des Kapitals, keine Passage zum postmodernen Kommunismus.</p>
<h3>Leben ist Arbeit?</h3>
<p>Blickt man hinter die „Schwammbegriffe“<a href="#anm65" title="anm_65" name="anm_65"><sup>65</sup></a> in „Empire“ und „Multitude“, entpuppt sich so manch gro&#223;er Wurf als Mixtur aus „nicht aufschlussreicher Beobachtung, dem ungenauen Aufbauschen realer Ver&#228;nderungen in der Welt bezahlter Arbeit und unerh&#246;rten Fehlinterpretationen“<a href="#anm66" title="anm_66" name="anm_66"><sup>66</sup></a>. Dies gilt auch f&#252;r die Behauptung, Arbeit w&#252;rde sich zeitlich und r&#228;umlich derart ausdehnen, dass sie in keiner Weise mehr messbar w&#228;re und die Unterscheidung von Arbeit und Nicht-Arbeit gegenstandslos mache. Die richtige Beobachtung ist, dass im Leben vieler Prekarisierter die Lohnarbeit nicht aufh&#246;rt, wenn die B&#252;rot&#252;r hinter ihnen geschlossen wird. Projekte und die damit verbundenen Probleme die es zu l&#246;sen und Deadlines die es einzuhalten gilt, bereiten nicht wenigen von uns schlaflose N&#228;chte. „Die Arbeit sickert in dein Leben“, wie es eine interviewte Kulturproduzentin im Rahmen einer Untersuchung von Prekarisierung formulierte.<a href="#anm67" title="anm_67" name="anm_67"><sup>67</sup></a> Das „ungenaue Aufbauschen“ dieser Tendenz findet statt, wenn diese Erfahrungen holzschnittartig auf alle Arbeitsverh&#228;ltnisse verallgemeinert und alle Widerspr&#252;chlichkeiten totgeschwiegen werden. Und schlie&#223;lich wird (fehl-) interpretiert, dass Arbeit und Leben letztlich gleichzusetzen sind – womit der Arbeitsbegriff als „biopolitische Arbeit“ so umfassend definiert wird, dass damit letztlich gar nichts mehr gesagt wird. Ein entscheidendes Problem der Multitude als theoretischer Begriff ist dementsprechend, dass er im Versuch, sich von „Volk“, „Masse“ oder auch „ArbeiterInnenklasse“ abzusetzen, ein „inkludierendes Konzept“ schafft, das „all jene, die unter der Herrschaft des Kapitals arbeiten und produzieren“<a href="#anm68" title="anm_68" name="anm_68"><sup>68</sup></a> umfasst – was im Rahmen einer Konzeption, die Unterschiede zwischen „arbeiten“, „produzieren“ und „leben“ f&#252;r illegitim erkl&#228;rt, eine tats&#228;chlich <em>sehr</em> umfassende Definition darstellt. Die realen Bem&#252;hungen des Kapitals, Arbeitszeiten (auf Kosten von Nicht-Arbeit) stetig zu verl&#228;ngern und den Zugriff auf Arbeitskr&#228;fte „just in time“ zu organisieren („Flexpoitation“), verschwinden hinter einer begrifflichen Nebelwand.</p>
<h3>Die Anti-Strategie</h3>
<p>Wie haben eingangs erw&#228;hnt, dass eine kritische Theorie der Prekarit&#228;t nicht nur die &#214;dnis der Gegenwart ausmessen k&#246;nnen muss, sondern auch die M&#246;glichkeiten ihrer &#220;berwindung aufzeigen soll. Doch leidet die Multitude-These unter so vielen problematischen Vorannahmen, theoretischen Inkonsistenzen und dem Unwillen, sich auf empirische Untersuchungen einzulassen, dass auch Zweiteres nicht erf&#252;llt wird. Dabei ist der grunds&#228;tzliche Anspruch ebenso sympathisch wie richtig: Eine freie Gesellschaft muss von den aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen her gedacht werden. Die enorme Entwicklung der Produktivkr&#228;fte, die neuen Mittel der Kommunikation, Computerisierung und Informatisierung der Produktion haben den Kapitalismus ein Stadium erreichen lassen, das eine wahrhaft demokratische, effiziente und nachhaltige Gesellschaft auf einem Niveau m&#246;glich macht, wie es noch vor wenigen Jahrzehnten denkunm&#246;glich schien. Doch die mythische &#220;berh&#246;hung der Multitude bei Hardt und Negri macht den Weg dorthin zur „Nicht-Strategie, die die Ansammlung verschiedener autonomer Aktivit&#228;ten als ‚Multitude’ umtaufen m&#246;chte“<a href="#anm69" title="anm_69" name="anm_69"><sup>69</sup></a>. Das „Fleisch der Multitude“ ist demnach „reines Potenzial, eine noch ungeformte Lebenskraft“ und eine „elementare Kraft“, die sich gleich den Elementen Wind, Meer oder Erde „immer dem Zugriff entziehen“ kann. Indem neue Formen der Lohnarbeit, die dem Kapital im Zeitalter des Neoliberalismus eine Erh&#246;hung der Profitrate erm&#246;glichen, zum Ausdruck der Schaffenskraft der Multitude umgedeutet werden, bleibt v&#246;llig unklar, gegen was denn dann eigentlich noch rebelliert werden soll. Das Beharren auf dem operaistischen Dogma vom Kampf der ArbeiterInnen als alleinigen Motor der Geschichte macht es Hardt und Negri unm&#246;glich, die Entwicklungsprozesse auf Seiten des Kapitals als komplexes Zusammenspiel des Zwangs zur Ausbeutung der produktiven Arbeit sowie der Konkurrenz zwischen einzelnen Kapitalien zu begreifen. Alle &#220;berlegungen zur Marxschen Werttheorie, zum Verh&#228;ltnis von konstantem und variablem Kapital, von Kapitaleigentum und Kapitalfunktion, werden mit einer einzigen ausladenden Geste beiseite gewischt. Ausbeutung, die Abpressung von Mehrwert, findet nur noch als Zugriff von Au&#223;en, seitens des parasit&#228;ren Empires, statt und ist nicht mehr in die kapitalistischen Produktionsverh&#228;ltnisse eingeschrieben. Die Multitude kann sich, so Hardt und Negri, kraft ihrer F&#228;higkeit zur Kooperation selbst verwerten, was schlie&#223;lich zu folgender Behauptung f&#252;hrt: „Privateigentum an Produktionsmitteln ist heute, im Zeitalter der Hegemonie kooperativer und immaterieller Arbeit, nur noch eine l&#228;ngst verfaulte und tyrannische Sache von gestern“<a href="#anm70" title="anm_70" name="anm_70"><sup>70</sup></a>. Guenther Sandleben antwortet darauf, dass die Kooperation in geistiger wie k&#246;rperlicher Arbeit seit jeher Teil kapitalistischer Produktionsweise ist. „Kooperation und die Entstehung des modernen, privatrechtlichen Eigentums gingen damals [zur Zeit der Entstehung des Kapitalismus, B.O.] Hand in Hand. Weshalb sollte das ‚kooperative Verm&#246;gen der Arbeit’ das moderne Privateigentum nun pl&#246;tzlich wegzaubern?“<a href="#anm71" title="anm_71" name="anm_71"><sup>71</sup></a> Tats&#228;chlich k&#246;nnen Hardt und Negri keine angemessene Antwort auf diesen Einwand geben. Die „Verwandlung“ der Arbeit im Kapitalismus in eine kreative, sich selbst verwertende Macht wird so letztlich zu einem Hindernis f&#252;r linke Politik: Die Klassenherrschaft erh&#228;lt einen &#252;berirdischen Charakter; die herrschende Klasse entschwindet ins Metaphysische, ist unangreifbar gemacht f&#252;r diejenigen, die sich von ihr befreien wollen.<a href="#anm72" title="anm_72" name="anm_72"><sup>72</sup></a> Diese theoretischen Unzul&#228;nglichkeiten k&#246;nnen zu strategischer Ratlosigkeit f&#252;hren. In einem Interview antwortete Negri auf die Frage, was zu tun sei, um die Multitude als konstituierende Subjektivit&#228;t ins Leben rufen zu k&#246;nnen: „Abwarten und Geduld haben“, und Hardt meinte schlicht „Folgt eurem Begehren!“<a href="#anm73" title="anm_73" name="anm_73"><sup>73</sup></a>. Tats&#228;chlich sind die B&#252;cher „Empire“ und „Multitude“ gepr&#228;gt von einer eigenartigen Gleichzeitigkeit von Determinismus und Voluntarismus. Einerseits scheint es nur noch eine Frage der Zeit (oder des sich quasi-naturgesetzlich durchsetzenden General Intellect) zu sein, bis die Multitude sich der faulenden H&#252;lle des Kapitals entledigt. Die immer wieder kehrenden Verweise auf die K&#228;mpfe der lebendigen Arbeit als Ursache dieser Entwicklung reduzieren sich dabei oft auf Lippenbekenntnisse. Chantal Mouffe, selbst &#252;ber jeden Verdacht des revolution&#228;ren Marxismus erhaben, weist zu Recht darauf hin, dass der Glaube an die Multitude bei Hardt und Negri geradezu messianische Z&#252;ge annimmt.<a href="#anm74" title="anm_74" name="anm_74"><sup>74</sup></a> Gleichzeitig jedoch kann „Empire“ als „voluntaristisches Manifest“ gelesen werden: „F&#252;r radikale Metropolenlinke h&#246;rt es sich scheinbar verhei&#223;ungsvoll an: Jenseits von Widerspr&#252;chen, politischen Erfahrungs- und Organisierungsprozessen wird sie programmatisch ins Zentrum emanzipativer K&#228;mpfe gesp&#252;lt“.<a href="#anm75" title="anm_75" name="anm_75"><sup>75</sup></a></p>
<h3>Den Kommunismus einklatschen?</h3>
<p>Die hier formulierte Kritik an den Theorien Hardts und Negris soll nicht als Frontalangriff auf all jene missverstanden werden, die sich in ihrer politischen Arbeit mehr oder weniger stark auf den Begriff der Multitude berufen. So ist etwa im Rahmen des „Euromayday“ der Hinweis darauf, dass „Prekarisierung zugleich Subjektivierung und mehrfache Unterwerfung bedeutet“ und Prekarisierte nicht blo&#223; Opfer, sondern handelnde Subjekte sind, eine wichtige Intervention.<a href="#anm76" title="anm_76" name="anm_76"><sup>76</sup></a> Doch muss auf die Gefahr hingewiesen werden, dass &#252;ber dem falschen Abfeiern der eigenen „kreativen“ Existenz die weiterhin zentralen Fragen linker Politik vergessen oder f&#252;r hinterw&#228;ldlerisch erkl&#228;rt werden. In den Debatten zum bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) wird von mancher Seite etwa ein sanftes &#220;bergleiten in den Kommunismus per BGE herbeifantasiert, in dem die Frage des Eigentums an den gesellschaftlichen Produktionsmitteln zur Nebens&#228;chlichkeit wird (schlie&#223;lich sind diese ja eigentlich schon ins „unserer“ Hand). Einer richtigen und wichtigen Forderung wird so der argumentative Boden unter den F&#252;&#223;en weggezogen.<a href="#anm77" title="anm_77" name="anm_77"><sup>77</sup></a> Um Ausbeutung in prek&#228;ren Zeiten verstehen und ihr politische Positionen entgegensetzen zu k&#246;nnen, werden wir nicht darum herum kommen, uns auf die Vielfalt und Widerspr&#252;chlichkeit der aktuellen K&#228;mpfe, die M&#246;glichkeiten und Einschr&#228;nkungen der aktuellen Formen der Arbeit f&#252;r eine revolution&#228;re Perspektive einzulassen. Den unvermeidlichen Triumph der allumfassenden Multitude schon jetzt einzuklatschen, wird dabei jedoch keine gro&#223;e Hilfe sein.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<p>Vielen Dank an Felix Wiegand f&#252;r die Mitarbeit am Artikel!</p>
<p><a href="#anm_0" title="anm0" name="anm0">*</a>  Die Goldenen Zitronen: “Lied der Stimmungshochhalter”, erschienen am exzellenten Album „Lenin“ (Buback Tontr&#228;ger 2006)<br />
<a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a>  Hardt, Michael/Antonio Negri: Empire. Die neue Weltordnung, Frankfurt/Main, 2003 (2000); dies.: Multitude. Krieg und Demokratie im Empire, Frankfurt/Main, 2004<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a>  La Nouvel Observateur, zit. nach Thompson, Paul: Foundation and Empire: A critique of Hardt and Negri, in: Capital &amp; Class, Nr. 86 (2006): 73-98: 73<br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a>  Slavoj Zizek, zit. nach Buckel, Sonja/Jens Wissel: Age of Empire?, <a href="http://www.links-netz.de/K_texte/K_wissel_empire.html">http://www.links-netz.de/K_texte/K_wissel_empire.html</a>, 2001<br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a>  Hardt/Negri: Multitude, a.a.O.: 83<br />
<a href="#anm_5" title="anm5" name="anm5">5</a>  Vgl. den Artikel „Herrschaft durch Konsens. Macht und Politik bei Antonio Gramsci“ in Perspektiven Nr. 0, 34-37<br />
<a href="#anm_6" title="anm6" name="anm6">6</a>  Das Denken in idealtypischen „ArbeiterInnenfiguren“ ist ein &#220;berbleibsel der operaistischen Tradition, aus der Negri urspr&#252;nglich stammt. Demnach w&#228;re mit dem Aufstieg des Fordismus der „professionelle Arbeiter“ (operaio professionale)  durch den „Massenarbeiter“ (operaio massa) und dieser in den 1970ern durch den „gesellschaftlichen Arbeiter“ (operaio sociale) als hegemoniale Figur abgel&#246;st worden. Vgl. Birkner, Martin/Robert Foltin: (Post-) Operaismus. Von der Arbeiterautonomie zur Multitude. Geschichte und Gegenwart, Theorie und Praxis, Stuttgart 2006<br />
<a href="#anm_7" title="anm7" name="anm7">7</a>  Hardt/Negri: Multitude, a.a.O.: 125<br />
<a href="#anm_8" title="anm8" name="anm8">8</a>  Hardt, Michael: Affektive Arbeit, in: Atzert, Thomas, Jost M&#252;ller (Hg.): Immaterielle Arbeit und imperiale Souver&#228;nit&#228;t. Analysen und Diskussionen zu Empire, M&#252;nster 2004, 175-188: 176<br />
<a href="#anm_9" title="anm9" name="anm9">9</a>  Hardt/Negri: Multitude, a.a.O.: 126<br />
<a href="#anm_10" title="anm10" name="anm10">10</a>  ebd.<br />
<a href="#anm_11" title="anm11" name="anm11">11</a>  Hardt/Negri: Empire, a.a.O.: 305<br />
<a href="#anm_12" title="anm12" name="anm12">12</a>  Hardt, Michael: Affektive Arbeit, a.a.O.: 178; Hardt/Negri: Empire, a.a.O.: 297<br />
<a href="#anm_13" title="anm13" name="anm13">13</a>  Der Begriff wird bei Michel Foucault entlehnt, wenn auch dessen Konzept von „Biomacht“ nur mehr wenig mit dem „biopolitischen Paradigma“ bei Hardt und Negri zu tun hat. Vgl. zu ihrem Verh&#228;ltnis zu Foucault Hardt, Michael: Affektive Arbeit, a.a.O.:184 ff, Negri, Antonio: Foucault between Past and Future, in: ephemera, Vol. 6, Nr. 1 (2006): 75-82, sowie kritisch Lemke, Thomas: Biopolitik im Empire. Die Immanenz des Kapitalismus bei Michael Hardt und Antonio Negri, PROKLA 129, 2002: 619-631<br />
<a href="#anm_14" title="anm14" name="anm14">14</a>  Negri, Antonio: Empire und die konstituierende Macht der Multitude. Interview: Thomas Atzert und Jost M&#252;ller, in: Atzert, Thomas, Jost M&#252;ller (Hg.): Kritik der Weltordnung. Globalisierung, Imperialismus, Empire, Berlin 2003, 49-62: 50<br />
<a href="#anm_15" title="anm15" name="anm15">15</a>  Demirovic, Alex: Vermittlung und Hegemonie, in: Atzert/M&#252;ller (Hg.): Immaterielle Arbeit und imperiale Souver&#228;nit&#228;t, a.a.O.: 245ff.<br />
<a href="#anm_16" title="anm16" name="anm16">16</a>  Hardt/Negri: Multitude, a.a.O.: 130<br />
<a href="#anm_17" title="anm17" name="anm17">17</a>  Hardt/Negri: Empire, a.a.O.: 221<br />
<a href="#anm_18" title="anm18" name="anm18">18</a>  Hardt/Negri: Multitude, a.a.O.: 130<br />
<a href="#anm_19" title="anm19" name="anm19">19</a>  Hardt, Michael: Im Zwielicht der b&#228;uerlichen Welt. Zur Klassenanalyse im Empire, in: Atzert/M&#252;ller: Kritik der Weltordnung, a.a.O., ??-??: 83)<br />
<a href="#anm_20" title="anm20" name="anm20">20</a>  Hardt/Negri: Multitude, a.a.O.: 166<br />
<a href="#anm_21" title="anm21" name="anm21">21</a>  ebd.: 159<br />
<a href="#anm_22" title="anm22" name="anm22">22</a>  Hardt/Negri: Empire, a.a.O.: 305<br />
<a href="#anm_23" title="anm23" name="anm23">23</a>  Hardt/Negri: Multitude, a.a.O.: 171<br />
<a href="#anm_24" title="anm24" name="anm24">24</a>  Hardt/Negri: Empire, a.a.O.: 75; schon in einem 1994 erschienenen Buch, das wesentliche Argumente in „Empire“ und „Multitude“ vorweg nimmt, schreiben Hardt und Negri: „Mehr denn je scheinen die angemessenen Metaphern f&#252;r die Herrschaft des Kapitals aus dem Reich der Vampire zu kommen“, Negri, Antonio/Michael Hardt: Die Arbeit des Dionysos. Materialistische Staatskritik in der Postmoderne, Berlin 1997: 27<br />
<a href="#anm_25" title="anm25" name="anm25">25</a>  Hardt/Negri: Multitude, a.a.O.: 371<br />
<a href="#anm_26" title="anm26" name="anm26">26</a>  Hardt/Negri: Empire, a.a.O.: 305<br />
<a href="#anm_27" title="anm27" name="anm27">27</a>  Boltanski, Luc/Ève Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz 2006<br />
<a href="#anm_28" title="anm28" name="anm28">28</a>  Hardt/Negri: Empire, a.a.O.: 63f. Nicht von allen sich auf Hardt und Negri berufenden AutorInnen wird dieser Argumentation in ihrer Radikalit&#228;t gefolgt. Wenn Klaus Neundlinger und Gerald Raunig schreiben, „Das Streben nach ‚Freiheit’, nach ‚Autonomie’ und ‚Authentizit&#228;t’ wird von der kapitalistischen Produktion &#252;bercodiert und in die Arbeitsprozesse integriert“, klingt das schon wesentlich anders und nachvollziehbarer (wenn auch weniger „innovativ“) als der Triumphalismus, der von Hardt und Negri mancherorts verbreitet wird (Neundlinger, Klaus/Gerald Raunig: Einleitung oder: Die Sprachen der Revolution &#8211; &#214;ffentlichkeit, Intellekt und Arbeit als Lebensformen, in: Virno, Paolo: Grammatik der Multitude. Mit einem Anhang: Die Engel und der General Intellect. Mit einer Einleitung von Klaus Neundlinger und Gerald Raunig, Wien 2005, 3-22: 13).<br />
<a href="#anm_29" title="anm29" name="anm29">29</a>  Vgl. zu Geschichte und Weiterentwicklung des Operaismus: Wright, Steve: Den Himmel st&#252;rmen. Eine Theoriegeschichte des Operaismus, Berlin 2005 sowie Birkner/Foltin: (Post-) Operaismus, a.a.O.<br />
<a href="#anm_30" title="anm30" name="anm30">30</a>  Negri/Hardt: Die Arbeit des Dionysos, a.a.O.: 28<br />
<a href="#anm_31" title="anm31" name="anm31">31</a>  Marx, Karl: Grundrisse der Kritik der politischen &#214;konomie, Berlin 1953 (= MEW 42)<br />
<a href="#anm_32" title="anm32" name="anm32">32</a>  Marx, Karl: Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, Frankfurt/Main 1969<br />
<a href="#anm_33" title="anm33" name="anm33">33</a>  Marx: Resultate, a.a.O.: 50, Herv. i. O.<br />
<a href="#anm_34" title="anm34" name="anm34">34</a>  Birkner/Foltin: (Post-) Operaismus, a.a.O.: 89<br />
<a href="#anm_35" title="anm35" name="anm35">35</a>  Bowring, Finn: From the mass worker to the multitude: A theoretical contextualization of Hardt und Negri’s Empire, in: Capital &amp; Class, Nr. 83 (2003), 101-132: 104<br />
<a href="#anm_36" title="anm36" name="anm36">36</a>  Marx: Grundrisse, a.a.O.: 602<br />
<a href="#anm_37" title="anm37" name="anm37">37</a>  ebd.<br />
<a href="#anm_38" title="anm38" name="anm38">38</a>  Virno, Paolo: Grammatik der Multitude, a.a.O.: 151<br />
<a href="#anm_39" title="anm39" name="anm39">39</a>  Raunig, Gerald: Einige Fragmente &#252;ber Maschinen, in: grundrisse, Nr 17 (2006), 41-49: 43<br />
<a href="#anm_40" title="anm40" name="anm40">40</a>  Negri, Antonio: Politische Subjekte. Multitude und konstituierende Macht, in: Atzert/M&#252;ller: Immaterielle Arbeit und imperiale Souver&#228;nit&#228;t, a.a.O. 14-28: 19<br />
<a href="#anm_41" title="anm41" name="anm41">41</a>  Hardt/Negri: Multitude, a.a.O.: 266<br />
<a href="#anm_42" title="anm42" name="anm42">42</a>  ebd.: 267<br />
<a href="#anm_43" title="anm43" name="anm43">43</a>  ebd.: 279<br />
<a href="#anm_44" title="anm44" name="anm44">44</a>  ebd.: 248<br />
<a href="#anm_45" title="anm45" name="anm45">45</a>  Negri, Antonio: Eine ontologische Definiton der Multitude, in: Atzert/M&#252;ller: Kritik der Weltordnung, a.a.O.: 120<br />
<a href="#anm_46" title="anm46" name="anm46">46</a>  Hardt/Negri: Multitude, a.a.O.: 393<br />
<a href="#anm_47" title="anm47" name="anm47">47</a>  ebd.: 248<br />
<a href="#anm_48" title="anm48" name="anm48">48</a>  ebd.: 238f.<br />
<a href="#anm_49" title="anm49" name="anm49">49</a>  ebd.: 119<br />
<a href="#anm_50" title="anm50" name="anm50">50</a>  Mahnkopf, Birgit: Unsicherheit f&#252;r alle? Informalisierung und Prekarisierung von Arbeit als Ausdrucksformen der Globalisierung von Unsicherheit, in: Kulturrisse 2/2005<br />
<a href="#anm_51" title="anm51" name="anm51">51</a>  Hardt/Negri: Empire, a.a.O.: 305<br />
<a href="#anm_52" title="anm52" name="anm52">52</a>  Eine andere Strategie in den Debatten zu immaterieller Arbeit ist, auf die tendenzielle Natur des beschriebenen zu pochen. Wann immer KritikerInnen bem&#228;ngeln, dass zentrale Thesen in „Empire“ und „Multitude“ im Widerspruch zu realen Entwicklungen stehen, wird erwidert, dass wir uns eben erst auf dem Weg hin zum Empire und noch nicht im Empire selbst bef&#228;nden (vgl. Trott, Ben: Immaterial Labour and World Order: An Evaluation of a Thesis, in: ephemera, Vol. 7, Nr. 1 (2007), 203-232: 207). Theorie wird somit von Hardt, Negri und ihren Anh&#228;ngerInnen empirieabweisend impr&#228;gniert.<br />
<a href="#anm_53" title="anm53" name="anm53">53</a>  Wright, Steve: Reality Check: Are We Living In An Immaterial World?, in: Mute Vol. 2, Nr. 1 (2006), online unter <a href="http://www.metamute.org/en/html2pdf/view/5594">http://www.metamute.org/en/html2pdf/view/5594</a><br />
<a href="#anm_54" title="anm54" name="anm54">54</a>  Henninger, Max: Doing the Math: Reflections on the Alleged Obsolescence of the Law of Value under Post-Fordism, in: ephemera, Vol. 7, Nr. 1 (2007), 158-177: 163<br />
<a href="#anm_55" title="anm55" name="anm55">55</a>  Harman, Chris: Die ArbeiterInnenklasse im 21. Jahrhundert, Frankfurt am Main, 2003: 5<br />
<a href="#anm_56" title="anm56" name="anm56">56</a>  ebd.: 6. &#196;hnlich argumentieren etwa Ursula Huws (The Making of a Cybertariat: Virtual Work in a Real World, New York and Merlin: 130), David Camfield (The Multitude and the Kangaroo: A critique of Hardt and Negri’s theory of immaterial labour, in: Historical Materialism, Vol. 15 , Nr. 2 (2007), 21-52: 40f.) und auch ein ehemaliger Mitstreiter Negris, Sergio Bologna (vgl. Wright: Reality Check, a.a.O.: 3).<br />
<a href="#anm_57" title="anm57" name="anm57">57</a>  Hardt/Negri: Multitude, a.a.O.: 83<br />
<a href="#anm_58" title="anm58" name="anm58">58</a>  ebd.: 128<br />
<a href="#anm_59" title="anm59" name="anm59">59</a>  Dieser Trend ist nat&#252;rlich keine Einbahnstra&#223;e; zu den K&#228;mpfen um Eigentum  an und Aneignung von intellektuellen Ressourcen siehe z.B. Brand, Ulrich: Gegen-Hegemonie. Perspektiven globalisierungskritischer Strategien, Hamburg 2005: 80-89.<br />
<a href="#anm_60" title="anm60" name="anm60">60</a>  Diese Sichtweise kann sich auch auf empirische Untersuchungen st&#252;tzen; vgl. Camfield,: The Multitude and the Kangaroo, a.a.O.: 42f.<br />
<a href="#anm_61" title="anm61" name="anm61">61</a>  Hardt: Affektive Arbeit, a.a.O.: 182<br />
<a href="#anm_62" title="anm62" name="anm62">62</a>  Slavoj Zizek hat das in einer treffenden Anekdote zusammengefasst, in der ein altmodischer Vater sein Kind zwingt, die langweilige Gro&#223;mutter zu besuchen, w&#228;hrend der „postmoderne“ Vater sagt: „Geh nur hin, wenn du es wirklich willst!“ – und der Subtext ist: „Du musst nicht nur hingehen, du musst es auch noch m&#246;gen!“<br />
<a href="#anm_63" title="anm63" name="anm63">63</a>  Hardt/Negri: Empire, a.a.O.: 305<br />
<a href="#anm_64" title="anm64" name="anm64">64</a>  Die Goldenen Zitronen: „Lied der Stimmungshochhalter“<br />
<a href="#anm_65" title="anm65" name="anm65">65</a>  Brand, Ulrich: Die Revolution der globalisierungsfreundlichen Multitude. „Empire“ als voluntaristisches Manifest, in: Das Argument, Nr. 245 (2002), 209-220<br />
<a href="#anm_66" title="anm66" name="anm66">66</a>  Camfield: The Multitude and the Kangaroo, a.a.O.: 43<br />
<a href="#anm_67" title="anm67" name="anm67">67</a>  kpD: Prekarisierung von KulturproduzentInnen und das ausbleibende „gute Leben“, in: Arranca!, Nr. 32 (2005): 23-25: 25<br />
<a href="#anm_68" title="anm68" name="anm68">68</a>  Hardt/Negri: Multitude, a.a.O.: 125<br />
<a href="#anm_69" title="anm69" name="anm69">69</a>  Harman, Chris: Spontaneity, Strategy and Politics, in: International Socialism, Nr. 104 (2004), 3-48: 9<br />
<a href="#anm_70" title="anm70" name="anm70">70</a>  Hardt/Negri: Empire, a.a.O.: 417<br />
<a href="#anm_71" title="anm71" name="anm71">71</a>  Sandleben, Guenter: Die befreite Herrschaft. Die Verwandlungen der Arbeit durch Michael Hardt und Antonio Negri, in: Bischoff, Joachim/Christoph Lieber/Guenther Sandleben: Klassenformation Multitude? Kritik zur Zeitdiagnose von Antonio Negri und Michael Hardt, Supplement der Zeitschrift Sozialismus 12/2004, 1-17: 11<br />
<a href="#anm_72" title="anm72" name="anm72">72</a>  ebd.: 14<br />
<a href="#anm_73" title="anm73" name="anm73">73</a>  Zit. nach Mouffe, Chantal: Exodus und Stellungskrieg. Die Zukunft radikaler Politik. Mit einer Einleitung von Oliver Marchart, Wien 2005: 33<br />
<a href="#anm_74" title="anm74" name="anm74">74</a>  ebd.: 34<br />
<a href="#anm_75" title="anm75" name="anm75">75</a>  Brand: Die Revolution der globalisierungsfreundlichen Multitude, a.a.O..: 217<br />
<a href="#anm_76" title="anm76" name="anm76">76</a>  Raunig, Gerald: Monster Prekariat, in: grundrisse, Nr 21 (2007), 42-48: 43<br />
<a href="#anm_77" title="anm77" name="anm77">77</a>  Wie das BGE gefordert werden kann, ohne die Multitude bem&#252;hen zu m&#252;ssen, zeigt z.B. Probst, Stefan: Es geht auch anders!, in: Perspektiven, Nr. 1 (2006): 14-18</p>
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		<title>Klasse, K&#228;mpfe!</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Nov 2007 11:38:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Perspektiven Nr. 2]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
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		<category><![CDATA[Marxistische Theorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezension: Martin Birkner/ Robert Foltin: (Post-)Operaismus. Von der Arbeiterautonomie zur Multitude. Geschichte und Gegenwart, Theorie und Praxis. Stuttgart:Schmetterling 2005. 10,30 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Martin Birkner/ Robert Foltin: (Post-)Operaismus. Von der Arbeiterautonomie zur Multitude. Geschichte und Gegenwart, Theorie und Praxis. Stuttgart:Schmetterling 2005. 10,30 €</p>
<p><span id="more-30"></span></p>
<p>„In gemeinsamer Arbeit mit den Protagonisten des Kampfes der arbeitenden Klassen selbst die Ziele und die Formen suchen, mit denen der aktuell gef&#252;hrte Kampf selbst die Richtung auf die bewusste Verwirklichung eines sozialistischen Systems nehmen kann“ (18).<br />
„Das In-den-Vordergrund-R&#252;cken des Intellekts als solchen, die Tatsache, dass die allgemeinsten und abstraktesten sprachlichen Strukturen zu Instrumenten werden, die das eigene Verhalten auszurichten erlauben, stellt meines Erachtens eine der Hauptbedingungen, die die zeitgen&#246;ssische Multitude bestimmen, dar.“<a href="#anm1" title="anm_1" name="anm_1"><sup>1</sup></a><br />
Zwischen diesen beiden S&#228;tzen liegen etwas mehr als drei&#223;ig Jahre und, so scheint es, politische Welten. Dass und was sie trotzdem miteinander zu tun haben, zeigen Martin Birkner und Robert Foltin, Redakteure der in Wien erscheinenden Zeitschrift „grundrisse“, in ihrer Einf&#252;hrung in den „(Post-)Operaismus“.<br />
Aus dem Versuch, im Italien der 1960er marxistisch orientierte Theorie und Praxis aus dem t&#246;dlichen W&#252;rgegriff der stalinistischen KPI zu entwinden, entwickelte sich eine eigenst&#228;ndige, lebendige Tradition. „Operaistische“ AktivistInnen stellten die konkreten K&#228;mpfe der Lohnarbeiter (weit seltener auch jene der Arbeiterinnen) ins Zentrum ihrer Politik. Dazu wurde das Instrument der „Mituntersuchung“ („conricerca“; auch als „militante Untersuchung“ &#252;bersetzt) entwickelt: In den Fabriken selbst wurden wissenschaftliche Untersuchungen zur Lage der ArbeiterInnen durchgef&#252;hrt, die gleichzeitig als Agitation f&#252;r den Widerstand gegen Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung dienten. Erfasst werden sollte die „Klassenzusammensetzung“, d.h. jener Prozess, in dem ArbeiterInnen „ihren Zusammenhang als Arbeitskr&#228;fte als organisatorischen Ausgangspunkt ihres Kampfes nutzen“ (30). Als in den riesigen Automobilfabriken Norditaliens Anfang der 1960er zehntausende ArbeiterInnen in den Streik traten und sich Stra&#223;enschlachten mit der Polizei lieferten, fand die fr&#252;he operaistische Theorie ihr konkretes revolution&#228;res Subjekt: Der „Massenarbeiter“ („operaio massa“) war geboren: „An den Flie&#223;b&#228;ndern der norditalienischen Gro&#223;fabriken arbeitend und in den Schlafsiedlungen der Gro&#223;st&#228;dte wohnend, sollte er bald zur zentralen Figur der autonomen Klassenk&#228;mpfe werden“ (20).<br />
„Autonom“ waren die K&#228;mpfe vor allem gegen&#252;ber den etablierten Parteien der Linken – der stalinistischen KPI und der sozialdemokratischen SPI. Hier liegen auch die Wurzeln f&#252;r eines der (bis heute) wichtigsten Charakteristika operaistischer Theorie und Praxis: die radikale Ablehnung „etablierter“ Gewerkschaftsstrukturen. Die Erfahrung des Verrats der KPI-dominierten Gewerkschaftsf&#252;hrung in den K&#228;mpfen der 1960er und 1970er Jahre wurde theoretisiert verarbeitet in der f&#252;rderhin axiomatischen Vorstellung, die Gewerkschaften w&#228;ren per se die „Agenten der Bourgeoisie in den Reihen des Proletariats“.<br />
Insgesamt sah die Hochphase operaistisch inspirierter ArbeiterInnenmilitanz in den 1970ern bis zum „historischen Ort 1977/79“, als der italienische Staatsapparat den Terror der Roten Brigaden zum Vorwand nahm, mit milit&#228;rischer Gewalt und massiven Verhaftungswellen gegen die Bewegung vorzugehen<a href="#anm2" title="anm_2" name="anm_2"><sup>2</sup></a>, auch die Entstehung der innovativsten theoretischen Arbeiten des Operaismus. Die Thesen von AktivistInnen wie Mario Tronti, Sergio Bologna oder Toni Negri sowie feministische Interventionen wie jene Mariarosa Dalla Costas wurden nicht nur angeregt diskutiert, sondern waren organisch mit den K&#228;mpfen von Lohn- und Hausarbeitenden und Studierenden verkn&#252;pft. Als einende theoretische Pr&#228;misse diente den verschiedenen Str&#246;mungen des Operaismus eine Lesart der polit&#246;konomischen Werke von Marx, die der „lebendigen Arbeit“ das absolute Primat im Produktionsverh&#228;ltnis zugesteht. Die Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise wird also als angetrieben von den K&#228;mpfen der ArbeiterInnen begriffen. Die andere Seite des Verh&#228;ltnisses, das Kapital, ist gleichsam eine nachgeordnete Instanz, deren Bewegungen letztlich als Reaktionen auf die Aktionen der lebendigen Arbeit erkl&#228;rbar sind. Diese These ist es auch, die – wenn auch in unterschiedlicher Form – den Bogen spannt vom italienischen Operaismus der 1960er/70er Jahre zum „Postoperaismus“ der Jahrtausendwende.<br />
Die Lichtgestalt des Postoperaismus ist zweifellos Toni Negri, Autor des gefeierten Weltbestsellers „Empire“. Er war in den 1980er Jahren vor der italienischen Klassenjustiz ins franz&#246;sische Exil geflohen und traf dort auf eine intellektuelle Landschaft, die sich deutlich von jener der radikalen Linken Norditaliens unterschied. Die poststrukturalistischen Theorien Michel Foucaults, vor allem aber jene Gilles Deleuzes und Felix Guattaris, pr&#228;gten seine Versuche, operaistische Theorie weiter zu entwickeln. Besondere Bedeutung hatten philosophische R&#252;ckgriffe auf Nietzsche und besonders Spinoza. Negri wandte sich gegen die hegelianische Tradition im Marxismus, „gegen Humanismus, Historizismus/ Teleologie und Dialektik“ (56), und setzte ihr entgegen: das Denken von Macht und Gesellschaft als molekulare Netzwerke („Rhizome“ in der Diktion von Deleuze/Guattari); die Betonung des singularen, schlagenden Ereignisses („Kairós“ bei Hardt und Negri); sowie die „Immanenz“ als Alternative zum Begriff der Dialektik. „Immanenzdenken“ geht auf Spinoza, den radikalen Aufkl&#228;rungsphilosophen des 17. Jahrhunderts, zur&#252;ck: „Marxistisch gewendet verabschiedet spinozistisches Denken jede M&#246;glichkeit einer Trennung von &#246;konomischer Basis und politischem &#220;berbau, von Produktion und Demokratie, die ja selbst zentrale Elemente der b&#252;rgerlichen Gesellschaftskonstitution sind“ (57). Die Kontinuit&#228;t zu operaistischen Thesen liegt dabei vor allem in der radikalen Betonung des „Lebendigen“, die das Kapital letztlich auf ein („parasit&#228;res“) Anh&#228;ngsel der lebendigen Arbeit reduziert, als Teil eines immanenten Ganzen statt eines dialektischen Widerspruchs. In „Empire“ und „Multitude“ verkn&#252;pfen Negri und Hardt ihre philosophischen Thesen mit einer Zeitdiagnose der „postmodernen“ Welt und gelangen dadurch zu ihren vieldiskutierten Argumenten.<br />
Birkner und Foltin beschr&#228;nken sich jedoch nicht auf den Superstar Negri, sondern diskutieren im Abschnitt zum Postoperaismus auch die Werke zweier anderer Autoren: John Holloway und Paolo Virno. W&#228;hrend der Teil zu Virno eher knapp gehalten ist und nicht ganz schl&#252;ssig erkl&#228;rt, wie die aktuellen Thesen des italienischen Philosophen an die Theorietradition des Operaismus r&#252;ckgekoppelt werden k&#246;nnen<a href="#anm3" title="anm_3" name="anm_3"><sup>3</sup></a>, ist die Diskussion zum Theoretiker des Zapatismus Holloway ausf&#252;hrlich und interessant. Die Autoren zeigen, wie auch ein nicht-spinozistischer Ansatz wie jener Holloways am (Post-)Operaismus ankn&#252;pfen kann, indem er die Unmittelbarkeit des Widerstands und der K&#228;mpfe betont. Holloways These der „Anti-Macht“ als treibende Kraft des Kapitalismus ist daf&#252;r ein glaubw&#252;rdiger Beleg, ebenso wie sein Pl&#228;doyer f&#252;r das „Hier und Jetzt“ der Revolte, das sich fast nahtlos an Negris Versuch einer Alternative zu einem mechanisch-teleologischen Geschichtsbild f&#252;gt.<br />
Um es vorweg zu nehmen: die Rundschau ist gelungen. Der schmale Band erm&#246;glicht Nichteingeweihten ebenso einen relativ problemlosen Einstieg in die Geschichte und Weiterentwicklung des Operaismus, wie er jene LeserInnen, die sich schon durch Negri und Konsorten geackert haben, eine fundierte Diskussion zentraler Themen und Probleme bietet. Die Herausforderung, die oftmals esoterische Sprache der PostoperaistInnen in auch f&#252;r „EinsteigerInnen“ verst&#228;ndliches Deutsch zu &#252;bersetzen, wurde fast immer bravour&#246;s bew&#228;ltigt. Und bis auf wenige Ausnahmen gelingt es dem Buch auch, trotz der oftmals weiten Streifz&#252;ge durch die politische Philosophie Europas (Spinoza! Machiavelli! Heidegger!) den roten Faden des Operaismus nicht zu verlieren.<br />
Dies gesagt, m&#252;ssen jedoch zwei Kritikpunkte genannt werden. Der erste betrifft die letztlich doch recht in sich geschlossene Diskussion. Postoperaistische TheoretikerInnen werden wenn, dann meist nur von anderen PostoperaistInnen kritisiert. Der im Buch pr&#228;sentierte Teil der Debatte verbleibt damit im eigenen „Forschungsprogramm“. Kritik aus nicht-operaistischer linker Perspektive wird oftmals mit einem polemischen Nebensatz vom Tisch gefegt, um sogleich alle Aufmerksamkeit auf theorieinterne Spitzfindigkeiten zu lenken. Kritik von Autoren wie Alex Callinicos (an Negri) oder Daniel Bensaïd (an Holloway) kurzerhand als „Wiederkehr des immergleichen trotzkistischen Mantras“ (146) abzutun, ist einer fruchtbaren Debatte &#252;ber „Schulgrenzen“ hinweg jedenfalls sicherlich nicht zutr&#228;glich. Zumal beide Autoren einige wichtige Einw&#228;nde gegen die Konzepte Negris und Holloways formulieren, die in dem vorliegenden Buch schlicht ignoriert werden.<a href="#anm4" title="anm_4" name="anm_4"><sup>4</sup></a><br />
Die zweite Kritik zielt sowohl auf das Buch, als auch auf den Postoperaismus selbst. Dessen gro&#223;es Problem seit den Tagen der „Diaspora“ in den 1980ern war die Entkopplung von Theorie und politischer Praxis. Nach der italienischen Niederlage von 1979 blieb die Weiterentwicklung der operaistischen Theorie durch Negri und andere weitgehend isoliert von K&#228;mpfen oder gar Organisationen der Linken. Dies wird jedoch im Buch nicht problematisiert, schlimmer noch: die Entkopplung von Theorie und Praxis schl&#228;gt sich teilweise auch bei den Autoren selbst nieder.<br />
Der letzte Teil des Buches, „Bewegung &amp; Organisierung“, ist nicht zuf&#228;llig der mit Abstand k&#252;rzeste. Was Fragen der konkreten K&#228;mpfe betrifft, haben sowohl Negri als auch Holloway nicht allzu viel zu sagen. Das Vorstellen von vier (post-)operaistisch inspirierten Bewegungsprojekten bleibt leider genau das: eine Vorstellung. Die Gelegenheit, die im Buch vorgestellten Theorien anhand dieser praktischen Projekte auf den Pr&#252;fstand der Praxis zu legen, wurde leider vers&#228;umt.<br />
Der Operaismus steht in der Tradition des „Sozialismus von unten“, eines undogmatischen Marxismus, der das Diktum von der Befreiung des Proletariats, die nur die Sache des Proletariats selbst sein kann, ernst nimmt. F&#252;r eine ebenso notwendige wie ernsthafte (aber nicht freudlose) Auseinandersetzung mit operaistischen Theorien ist der vorliegende Einf&#252;hrungsband Gold wert (und zu diesem Preis auch &#228;u&#223;erst wohlfeil). Der durchaus erfrischende Grundton des Buches macht die Vorbemerkung der Autoren, dass ihnen „Kampf gegen Herrschaft und Ausbeutung gleicherma&#223;en Lebensfreude und Notwendigkeit ist“, glaubw&#252;rdig. Ausf&#252;hrliche Kritik an (post-)operaistischer Theorie und Praxis sollte jedoch an anderer Stelle nachgelesen werden.</p>
<p><a href="#anm_1" title="anm1" name="anm1">1</a> Virno, Paolo: Grammatik der Multitude. Mit einem Anhang: Die Engel und der General Intellect, Wien 2005, S. 46.<br />
<a href="#anm_2" title="anm2" name="anm2">2</a> Die politische Niederlage des Operaismus kann jedoch – was im vorliegenden Band leider nicht ausreichend diskutiert wird – nicht allein aus der brutalen Repression seitens des italienischen Staatsapparats erkl&#228;rt werden. Blinder Voluntarismus, die Militarisierung der K&#228;mpfe und die Weigerung, sich auf breitere B&#252;ndnisse einzulassen, m&#252;ssen bei einer Erkl&#228;rung der Ereignisse von 1977/79 in den Blick genommen werden. F&#252;r eine ausgezeichnete (selbst-)kritische Analyse aus operaistischer Perspektive siehe Wright, Steve: Den Himmel st&#252;rmen. Eine Theoriegeschichte des Operaismus, Berlin 2005.<o></o><br />
<a href="#anm_3" title="anm3" name="anm3">3</a> Virno kommt selbst aus der Tradition des italienischen Operaismus. Seine aktuellen Arbeiten – v.a. die „Grammatik der Multitude“ – kn&#252;pfen ebenso wie Negri an Spinoza an, enthalten aber nur noch hom&#246;opathische Dosen operaistischen Denkens.<o></o><br />
<a href="#anm_4" title="anm4" name="anm4">4</a> Siehe Calliniocs, Alex: Toni Negri in Perspective, in: International Socialism 92 (2001), S. 33-61; Bensaïd, Daniel: On a recent book by John Holloway, in: Historical Materialism 13:4 (2005), S. 169-192.<o></o></p>
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		<title>St&#228;ndige Unruhe</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Sep 2007 02:38:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Philipp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Rezension: Beverly J. Silver: Forces Of Labor. Arbeiterbewegungen und Globalisierung seit 1870. Berlin/Hamburg: Assoziation A 2005. 18,00 €]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Beverly J. Silver: Forces Of Labor. Arbeiterbewegungen und Globalisierung seit 1870. Berlin/Hamburg: Assoziation A 2005. 18,00 €<br />
<span id="more-92"></span><br />
Wir befinden uns, schenken wir dem wissenschaftlichen und medialen Mainstream zum Thema Glauben, in einem v&#246;llig neuen Zeitalter. Die „Globalisierung“ hat uns ihre ehernen Naturgesetze aufgezwungen, die fortschrittliche Politik praktisch unm&#246;glich machen. Die von internationalen Konzernen ausgeh&#246;hlten Nationalstaaten, hei&#223;t es da, m&#252;ssen gegeneinander um die Gunst des Kapitals buhlen, das, einem scheuen Reh gleich, aus unwirtlichem Gebiet schneller abhaut, als man „Lohndumping“ sagen kann. Und die ArbeiterInnenbewegung? Die gibt es kaum noch, und wenn doch, so ist sie angesichts der Herausforderungen des Weltmarktes hilf- und orientierungslos.<br />
Diesem weit verbreiteten Mythos h&#228;lt Beverly Silver eine auf reichhaltigem empirischen Material und wohl&#252;berlegtem theoretischen Fundament basierte Studie entgegen. In „Forces of Labor“ untersucht sie verschiedene Formen des Widerstands von ArbeiterInnen – so genannte „Arbeiterunruhen“ – seit 1870, die in der einzigartigen Datenbank der „World Labor Group“ erfasst sind und zeigt, dass vieles, was uns heute als Eigenschaften einer v&#246;llig neuen und unvergleichlichen &#196;ra pr&#228;sentiert wird, im gro&#223;en historischen Rahmen keineswegs ungew&#246;hnlich ist.<br />
<span>Silvers recht komplexer theoretischer Rahmen orientiert sich dabei an der Tradition des Operaismus, an den Weltsystem-Analysen von Immauel Wallerstein und Giovanni Arrighi (Co-Autor anderer B&#252;cher von Silver) und an &#220;berlegungen des marxistischen Wirtschaftsgeographen David Harvey. In „Forces Of Labor“ zeigt sie, wie „Arbeiterunruhen“ zu zyklischen Krisen f&#252;hren, auf die das Kapital mit einer Reihe von Bew&#228;ltigungsstrategien reagiert. Diese Strategien nennt Silver, anschlie&#223;end an David Harvey, „fixes“. Der Begriff „fix“ ist in seiner Doppeldeutigkeit un&#252;bersetzbar: Einerseits bedeutet er, dass Kapital an eine andere Stelle verlagert, also dort „fixiert“ wird; gleichzeitig bedeutet „to fix“ auch, einen Schaden zu beheben – die „Reparatur“ bleibt jedoch nie endg&#252;ltig, da das grundlegende Problem damit nur zeitlich oder r&#228;umlich hinausgeschoben wird. Der erste von Silver behandelte „fix“ ist ein heute wohl bekannter: mit dem „r&#228;umlichen fix“ versucht das Kapital, durch geographische Verschiebungen bessere Standortbedingungen zu finden. Die Verlagerung von Produktionsst&#228;tten nach Ostasien oder in Maquiladora-Industrien sind daf&#252;r aktuelle Beispiele. Eine zweite Strategie ist der „technologische fix“, der durch technische oder arbeitsorganisatorische Innovationen Vorteile f&#252;r das Kapital bietet, wie das aktuell mit „Just-In-Time“-Produktion oder der massenhaften Schaffung von prek&#228;ren Arbeitsverh&#228;ltnissen passiert. Die Verlagerung in andere, profitablere Produktionsbereiche wird mit dem Begriff „Produkt-fix“ bezeichnet, w&#228;hrend der „finanzielle fix“ die laut Silver wichtigste Strategie der letzten Jahrzehnte bezeichnet. Hier werden gro&#223;e Teile des Kapitals ganz aus unproduktiven Sektoren in Produktion und Handel abgezogen, um sich in Finanz und Spekulation zu fl&#252;chten.<br />
Der entscheidende Punkt, den Silver macht, ist, dass all diese „fixes“ blo&#223; provisorische Behelfe sind, die letztlich trotzdem wieder die Bedingungen produzieren, vor denen man fliehen wollte. Sie beschreibt am Beispiel der Autoindustrie, wie eine Reihe von „r&#228;umlichen fixes“ seit den 1930er Jahren – von Nordamerika &#252;ber (S&#252;d-)Europa bis in sich schnell industrialisierende L&#228;nder der 1980er und 90er Jahre wie S&#252;dafrika, Brasilien oder S&#252;dkorea, dazu gef&#252;hrt hat, dass Arbeiterunruhen, Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen und soziale Bewegungen die Industrie immer wieder „einholten“: „Wohin das Kapital auch geht, die Konflikte gehen mit“ (64). Das Argument ist deshalb so wichtig, weil es der These der Ohnmacht der ArbeiterInnen angesichts eines „Wettlaufs nach unten“ in Sachen Arbeits- und Sozialstandards Wind aus den Segeln nimmt.<br />
„Forces of Labor“ analysiert Schritt f&#252;r Schritt die oben vorgestellten „fixes“ und kommt zum Schluss, dass die j&#252;ngsten Ver&#228;nderungen der Weltwirtschaft durchaus ihre historischen Entsprechungen in der Geschichte des Kapitalismus haben. Die Epizentren der „Arbeiterunruhen“ verschieben sich zwar, ihr Verschwinden ist aber bei weitem nicht in Sicht. Ob die St&#228;rke der ArbeiterInnen in den kommenden Jahren und Jahrzehnten anwachsen kann, h&#228;ngt dabei nicht nur von den strukturellen Ver&#228;nderungen des Kapitalismus ab, sondern auch und besonders davon, ob neue und angemessene Formen der Organisierung von ArbeiterInnen gefunden werden k&#246;nnen.<br />
Problematisch an „Forces Of Labor“ ist jedoch, dass oft unklar bleibt, ob und wie diese Dynamik von “Arbeiterunruhe” und “fixes” durchbrochen werden k&#246;nnte. Die Betonung der „Zyklen“ des Widerstands und das (von Polanyi &#252;bernommene) Argument, dass der Weltkapitalismus sich in Pendelbewegungen zwischen regulierten und unregulierten Formen des Marktes bewegt, l&#228;sst die Geschichte oft als ewige Wiederkehr des Gleichen erscheinen. Silvers Pl&#228;doyer f&#252;r „eine internationale Ordnung, die den Profit tats&#228;chlich der Existenzsicherung aller unterordnet“ (224) erh&#228;lt so wenig Unterf&#252;tterung. Nichtsdestotrotz: Der Wert dieses Buchs f&#252;r die Debatten um die Zukunft der ArbeiterInnenbewegung wird auch von seinen – wenigen – Schw&#228;chen nicht wirklich geschm&#228;lert.<o></o></span></p>
<p><em>Eine ausf&#252;hrliche Sammlung von Texten, Materialien und Rezensionen zu „Forces Of Labor“ gibt es unter http://www.wildcat-www.de/dossiers/forcesoflabor/fol_dossier.htm</em></p>
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